
        
                          Teodor Gottlieb von Hippel
                      Lebensläufe nach aufsteigender Linie
                            nebst Beilagen A, B, C.
                                  Erster Teil.
 Ich - Halt! - Ein Schlagbaum - Gut - wohl - recht wohl - Ein wachhabender
Officier! - wieder einer mit einem Achselbande zu Pferde - zu Fuss - von der
Leibgarde - von der Garde der gelehrten Republik - ich ehr' Ihre Uniform, meine
Herren, und damit ich Sie der Mühe überhebe, mir die üblichen Fragstücke
vorzulegen, mögen Sie wissen, dass ich, wie der Pass oder Taufschein es ausweiset,
ein Schriftsteller in aufsteigender Linie bin. In den folgenden zwei Bändchen,
welche ich, wenn Gott Leben und Gesundheit und Lust und Liebe zum Dinge
verleihet, künftige Messe zu liefern willens bin, wird mein Lebenslauf, bis zu
einer sächsischen Frist vor der Messe, fortgesetzt werden. Im vierten Bändchen
werde ich den Lebenslauf meines Vaters, und im fünften den Lebenslauf meines
Grossvaters erzählen, auch alles nach Gestalt und Gelegenheit der Umstände mit
unumstösslichen Urkunden belegen. Dieser Plan soll darum noch mehr Eigenes haben,
weil ich den Lebenslauf meines Vaters und Grossvaters Berg ab erzählen will, da
wir jetzo nur Berg auf zu gehen gewohnt sind. Ich werde von der Zeit, da mein
Vater Pastor in Curland war, anfangen und bei seiner Wiege aufhören, und so
soll's auch mit meinem Grossvater werden, der in meiner Geschichte eher sterben
als geboren werden soll. Wurzeln, Zweige und Blätter haben einerlei Struktur.
Begrabe die Zweige in die Erde, und lass die Wurzel in die freie Luft gen Himmel
sehen: es wird ein Baum.
    Vorderhand sei es meinen Lesern genug in Beziehung auf mich von dem vierten
und fünften Bändchen, wobei ich die Beilagen nicht ausschliessen will, zu wissen
                                      HVIC
                                   MONVMENTO
                                    VSTRINVM
                                   APPLICARI
                                   NON LICET
Ich rate zu keiner Justinianischen Uebersetzung dieser Stelle 1. 2. §. 27. Cod.
de vet. jur. enucl. kata poda, und da Vorrede die Nachrede hindert, mögen sich
meine Leser wohlbedächtig merken:
                   O dynamenos telein, dynatai kai mh telein
welche Stelle sie nach Herzenslust verdolmetschen können.
    Es ist die höchste Zeit, dass ich wieder auf mich selbst und auf den Daumen,
Zeige- und Mittelfinger dieses Werks zurückkehre. Gibt es nicht, wie es am Tage
ist, sogar der heiligen Schrift Spötter? Wie sollt' ich also wohl nach Art jenes
Pharisäers mit den Worten an den Altar treten:
                 OydA an o Momos (eph) toge toioyton mempaito.
Uebrigens gestehe ich herzlich gern denen Erzählern ein vorzüglicheres
Verdienst, sowohl in Absicht des Ellenmasses als der Würde zu, welche bei jedem
merkwürdigen Vorfall ausserhalb ihren Grenzen einen Wegweiser aufrichten und ihre
Leser zur Nutzanwendung auf Lehre und Trost bringen. Ich werde mich so nehmen,
wie ich mich finde. Wer auf eine Schüssel mehr oder Salat, Sardellen, Caviar,
Austern und andere Zusätze Leckerbissen und Noten lüstern ist, lasse sich
anrichten, was ihm gefällig ist, und tue, was er nicht lassen kann. So lange
meine Leser gehen können, will ich ihnen keine Krücke geben; wenn sie selbst
eine Dose haben, warum soll ich ihnen mit meinem St. Omer an die Hand gehen (es
braucht vielleicht mancher Espagnol, Tonka, Havanna-Rapee), und wenn sie selbst
wissen, dass sie Menschen sind, wie sollt' ich sie wohl all' Augenblick mit einem
Stehe Wanderer oder Leser pfänden, und ihnen wiederholen, dass sie sterben
müssen, auf dass sie klug werden.
    Mein Wahlspruch ist: I licet.
    So wie aber die Grabmäler der Alten, wo man seit einiger Zeit (einige setzen
hinzu »Gott sei gelobt,« andere »Gott sei's geklagt«) auch in Gott ruhet,
nachdem man sich vor diesem scheute der selige L. Annaeus Florus, der wohlselige
C. Plinius Caec. Sec., der hochselige M. Tullius Cicero und der höchstselige
Marcus Aurelius Antoninus, Armenicus, Particus, Maximus zu sagen.
    So wie die Grabstätten der Alten mit den allgemeinen Landstrassen verbunden
waren, um den Reisenden anzuhalten, so ist es zwar Regel für mich, den geneigten
Leser sich selbst zu überlassen,
                      coelo tegitur, qui non habet urnam.
Doch wo ist Regel ohne Aber? Was sich ein paar handelnde Personen auf dem
Teater unter vier Augen sagen, gehört ohnehin mit zur Handlung, und mir stand
es wohl am wenigsten zu, in einer wahren Geschichte Leuten das Wort aus dem
Munde zu nehmen und ihnen ein Stillschweigen aufzulegen.
    Gott mit Ihnen, meine Herren, und auch mit meinem kleinen Leopold, der mir
eine Sündflut mit dem Tintefass gemacht hat.
    Die Mutter will dich -
    Lass mich hier, lieber Vater -
    So lass das Tintefass -
    Ich will auf deine Schulter -
    Nur nicht ins Buch -
Der kleine Junge hätte vielleicht Ursach, es übel zu nehmen, dass ich die erste
Stufe überschreite und nicht von ihm anhebe. Ich könnte freilich bemerken, dass
er kein Sanguinolentus gewesen, sondern fast wie Clodius Albinus ganz sauber und
schön zur Welt gekommen, wenn er sich nicht eben jetzo mit Tinte besudelt hätte.
Wenigstens bist du, lieber Junge -
    (Fall nicht,
»ich werd' nicht«) beim Publikum nicht präscribirt, ich habe dich einschreiben
lassen, und ein grösseres Pflicht- oder Kinderteil gebührte dir in diesem Werke
nicht. Der arme Junge! gestern war er zwei Jahr und heute zwei Jahr und einen
Tag; bisher war er gesund wie ein Fisch und auch beinahe ein so grosser Liebhaber
von kaltem Wasser wie ein Fisch! heute! -
    »Was schreibst du« -
dass du ungeduldig auf die Zähne bist, die sich melden lassen und nicht kommen
wollen!
    Dass ihr nur, wenn ihr kommt einem Pfirsichkern zu seiner Zeit zeigen könnet,
wer ihr seid; und dass eine Kraft von achtzehn bis neunzehnhundert Pfund in euren
Grenzen wohne. Der Himmel helfe meinem Leopold und mir! und uns allen!
    Ha! eine andere Art dienstbarer Geister, ungebetner Gäste, unlieblich
anzusehen - zu dienen - damit es die Herren Besucher und Versucher,
Torschreiber, Acciseeinnehmer, Cassirer, Rendanten und überhaupt alle Zöllner
und Sündergesellen nur auf einmal wissen, ich, und kein anderer hat dieses Buch
geschrieben. Wer von den Herren sich aufs Würdigen versteht, wird es schwerlich
auch selbst auf den ersten Blick für Contrebande und auswärtiges Gut, sondern
für das, was es ist, deutsche Fabrik halten. Hiesige Wolle, ich bitte Hand aus
Werk zu legen (den Puls dieses Buchs anzufühlen, kann ich nicht sagen, so sehr
ich ihnen auch Quacksalberehre zu erzeigen Lust habe), hiesiger Stuhl, hiesige
Zeichnung, alles hiesig - die Herren selbst aber scheinen nicht von hier zu
sein, und sich auf Blick und Griff, Auge und Hand nicht verlassen zu können -
Nun so verlassen Sie sich auf mich, und wenn's wider Ihre teure Amtspflicht
ist, sich auf ehrliche Leute zu verlassen, schreiben Sie in Ihre Kladde, in Ihr
Hauptbuch, Diarium und Exercitienbuch - was die Feder will. Diese Worte werden
wohl, wie ich glaube, an Ort und Stelle sein. Von Aristarch hat keiner einen
Zug, wohl aber vom bankerottirten Kaufmanne, Sprachmeister, Zeichendeuter,
Altflicker u.s.w. Von asteriskois und obeliskois hab' ich also nicht reden
können, womit der Homer plombirt wurde; denn, da wett' ich, Homer ist Ihnen eben
so unbekannt, als es, meine insbesondere Hochzuehrende Herren, meine Wenigkeit
bis heute wird sein, der - - gewesen. Berge und Täler kommen nicht zusammen!
wir aber sind leider! so nahe bei einander, dass wir uns mit der Hand reichen und
eins versetzen können. Ich weiss, Sie verschonen nicht Säuglinge, nicht
Ungeborne, wie sollte also mein Leopold auf der Schulter ohne Kopf- ober
Magensteuer (wie man's nennt) abkommen! Wenn's einmal Sitte in Deutschland ist,
so sei's. Du sollst dem O-, der da drischet, nicht das Maul verbinden. Item, ein
Arbeiter ist seines Lohnes wert, schreibt Dr. Martin Luter in seiner Haustafel
etlicher Sprüche für allerlei heilige Orden und Stände, dadurch dieselben, als
durch ihre eigene Lektion ihres Amts und Diensts zu ermahnen. Die
Rechnungsableger lassen oft mit gutem Bedacht Fehler stehen, um den Abnehmern zu
Noten Zeit und Raum zu lassen. »Sonst,« sagen die klugen Haushalter, »fangen
diese Notenkünstler es bei der Person an, da sie doch nur bei den Zahlen bleiben
sollten.« Das hatte ich noch auf dem Herzen, eh' ich mich empfehlen konnte.
    Plus cautionis in re est quam in persona, heisst auf deutsch: beschliessen
Sie, was Sie wollen über mein Buch, meine Herren, nur meine Person lassen Sie in
Ruhe.
    Sei mir tausendmal willkommen süsses, oder besser angenehmes Wort. (Man sagt
angenehme Ruhe.) Schlafen Sie wohl, oder eigentlich gesund, meine Herren.
Claudatur Parentesis würde ich sagen, wenn ich nicht den wahren Antipoden von
einer Parentese gebraucht und eben hiedurch ein neues epochemachendes
Interpunktionszeichen erfunden hätte.
    Was meint  ihr Herren majorum gentium, soll ich mit einem grossen I anfangen,
oder mit einem kleinen?
    Den Schlagbaum auf!
    Ich bin in Curland auf dem Kirchdorfe *** geboren, wo mein Vater Prediger
oder, nach der deutschen Landessprache, Pastor, nach der curischen Basinzas
Kungs oder Basingkungs, wie die Letten der geliebten Kürze wegen sprechen, war.
Zu seinem Zeichen, würde ich hinzusetzen, wenn dieser Ausdruck nicht so viel
Devalvation gelitten, dass ich meinem Vater dadurch keine sonderliche Ehre
einbringen würde. Es war seine Kirche eine Kirchspielskirche oder eine solche,
wobei wegen des Compatronat-Rechts des Adels manche Pistole, wiewohl nur nach
väterlicher Weise in die freie Luft, losgeschossen worden, bis solches endlich
unter einigen Daumschrauben dem Kirchspielsadel (ich glaube von Herzog Friedrich
Casimir) zugestanden worden. Ich kann nicht sagen, dass mein Vater eine
vorzügliche Neigung gegen mein Vaterland hatte; und wenn ich einem
Erdbeschreiber hiedurch irgend einen Gefallen zu erzeigen wüsste, was könnt' ich
nicht für ein Breites und Langes über die drei Namen Curland, Lettland und
Semgallen an ihn endossiren? welches aber alles zu keiner Lobrede auf Curland
dienen würde. So viel ist gewiss, dass mein Vater niemals zugeben wollte, dass
Curland vom Flusse Chronus herkäme, wodurch die Memel angedeutet würde; obgleich
ihm solches sehr wahrscheinlich vorbuchstabirt wurde. Die Curländer, sagte man,
wohnten um den Chronus, sie wollten ihr Land von Preussen unterscheiden, und
bearbeiteten und drechselten so lange die Buchstaben und Sylben, bis endlich, so
wie in der heiligen Schrift, herauskam, was zu suchen war. Es ist viel von
Gottes Wort zu sagen, sagte mein Vater. Ein guter Freund von Curland und von
meinem Vater spielte eine andere Karte aus, »so stammt es von Cur oder Cursemme,
welches so viel als ein Land, das an der See liegt, andeutet,« allein er gewann
sein Spiel nicht. Nichts sagte mein Vater. Der gute Freund fuhr fort: »vom
kleinen Könige Curo? von den Curaten oder von den Curiaten? oder« - »Nichts,
alles nichts - Es würde nicht verlohnen, diese Fibel über den Namen von Curland
weitläuftiger zu machen, und sie wegen Lettland und Semgallen, über welche Namen
mein Vater eben so wenig nachgebend war, mit Anhang und Zugabe zu verstärken.
Mein Vater hatte, nach dem Ausdrucke eines Weisen des Altertums, zwei
Vaterlande, eines, wo er geboren war, und eines, wo er lebte, eines der Natur
und eines des Schicksals, und man traf bei ihm, was man gewöhnlich zu treffen
pflegt, dass man das Vaterland der Geburt dem andern, oder die Mutter dem Vater
vorziehet. Wenn der gute Freund am Ende zum Unwillen überging, wurde mein Vater
ein Philosoph. Zum Curländer konnten ihn weder gute noch böse Gerüchte bringen.
    So wollen Sie denn, fing der Freund an, nachdem mein Vater mit vieler
Gelehrsamkeit die Geburt und Abkunft der Namen Curland, Lettland und Semgallen
bestritten hatte, so wollen Sie denn den Herzogtümern Curland und Semgallen die
ehrlichen Namen absprechen?
    Lieber curischer Freund, antwortete mein Vater, unbiegsam wie der curische
Käse, doch auch so dicht und fest wie er. Niemand kommt aus seinem Vaterlande.
Seitdem die neue Welt entdeckt worden, ist sie ein Teil von unserm Geburtsorte.
Bin ich im Gefängnisse, beim Gastmahl, am Hofe, in der Stadt, auf dem Lande, in
Mitau, im - - Pastorat, ich bin beständig zu Hause. Ein Tor sagt, dass er
vertrieben sei, ein Weiser hat nur eine Reise unternommen, wenn er im Exilium
ist. Oft ist man in seinem Vaterlande ein Sklave und im Exilio in Freiheit. Kann
man denn mehr als leben und sterben, man sei in Rom oder in Tunis! Tristia und
Briefe aus Ponto sind Räusche eines Dichters. Ein Weiser kann selbst Ach nur
halb aussprechen, wenn er leidet; obschon das Wort nur drittalb Buchstaben, und
wenn man ganz ehrlich sein will, kaum eine ordentliche Sylbe im Vermögen hat.
Wer sich angewöhnt hat, bloss zu essen was sättiget, und bloss zu trinken was den
Durst stillet, findet überall eine offene Tafel. Wo mir wohl ist, da ist mein
Vaterland, und der Gerechte ist auch im Tode getrost. Wer aus Aten ist, weiss
nicht, von wannen er kommt, und wohin er fährt. Der Weise ist aus der Welt -«
    Auf die Frage: Was für ein Landsmann? antwortet Diogenes für mich:
kosmopolits; die Sonne, Freund! ist die Fahne, der wir geschworen haben. Die
Erde ist unser aller Mutter. Saure Grütze und Bierkäse, ein paar curische
Original-Essen, sind, wie Pfirsichen und Melonen, eine Gabe Gottes. Wer's mit
Danksagung empfähet, ist ein Weiser. Auch in Curland gibts Knochen, die Mark
haben. Gott ist überall, er, der nicht Lust hat an Cavallerie oder Stärke des
Rosses, noch Wohlgefallen an Infanterie und jemandes Beinen, sieht nur auf die,
die seinen Namen fürchten und auf seine Güte hoffen. Heute ist ein Land frei und
morgen liegt's einem Tyrannen zu Füssen, der seine Hand ins warme Blut des
Erstgebornen, eines Verteidigers seines freien Vaterlandes, eintaucht, um das
schreckliche Jahr, da die Freiheit unterging, am aristokratischen Altar, am
Ratstisch anzuzeichnen. Freund! was meinen Sie, wenn wir je solche Blutzahlen
sehen sollten? Lassen Sie alles ruhig im Vaterlands sein; ein Prophet gilt doch
nicht, wo er geboren ist. Wie ging's dem Aristides, dem Epaminondas? In der
Fremde sein, heisst in die Hand Gottes fallen; in seinem Vaterlande ist man,
wenn's hoch kommt, in der Hand der Menschen, gemeinhin in der Hand seiner
Feinde. Und wie soll man sich gegen sein undankbares Vaterland führen? Wie gegen
einen Vater, der eine Mutter ohne Ursach verstösst, wie gegen eine Mutter, die
zum zweitenmale heiratet? Diese bleibt Mutter, jener Vater. Bei diesen Sprüchen
war's dem Freunde so, als wär' er selbst nicht mehr in Curland, als hätte er der
Sonne geschworen. Es schien ihm, mein Vater hätte das Feld behalten; der kleine
König Curo aber und die Curaten oder Curiaten wären in die Flucht geschlagen.
Mein Vater befestigte, was er erobert hatte, mit ein paar griechischen Sprüchen,
die seinen Feind um so mehr abhielten, weil er kein Wort griechisch verstand.
Andri sopo, fing mein Vater an, pasa gh bat,
pyxhs gar agats patris o xympas kosmos.
Und gleich darauf:
epei ti dei brotoisi, plhn dyoin monon,
Dhmhtros akts, pomatos dA ydrhxooy.
aper paresti, kai pepyxAhmas trepein.
    Es pflegte der gute ehrwürdige Mann von Curland zuweilen als von einer
Herberge zu reden, wo man sich oft länger als man wünscht, weil der Reisewagen
gebrochen ist, aufzuhalten gezwungen sieht. Bei mir zu Hause essen wir um diese
Zeit Spargel, pflegte er zu sagen; bei mir zu Hause raucht man um diese
Jahreszeit eine Pfeife Tabak in der freien Luft, bei mir zu Hause hat man
Trauben und den Wein bei der Quelle. So ungern er also auch im Herzen in Curland
zu sein schien, und so oft er im Stillen durchs Fenster gesehen haben mag, ob
der Reisewagen noch nicht in Ordnung wäre, so hielt er dennoch mit seiner
Abneigung zurück. Der Freund, mit dem sich mein Vater auf der vorigen Seite
duellirte, und noch ein Secundant waren die Hauptsiegel-Bewahrer dieses
Geheimnisses und auch die einzigen, mit denen er griechisch sprach, ohne dass die
guten Leute es verstanden. Wer ihn aber nach seiner Heimat fragte (sein Weib
und Kind und seine zwei griechischen Freunde nicht ausgenommen), setzte ihn und
sich selbst einer grossen Verlegenheit aus.
    Bei mir zu Hause fing er, wie gewöhnlich, an - und ich war noch im zartesten
Alter, als ich ihn fragte, lieber Vater, wo ist dein Haus! wir wollen hin, du,
die Mutter und ich! Ist es wohl so schön als dieses hier? Ich zeigte ihm meines
von Blättern. Nimm mich ja mit, wenn du nach Hause gehst, oder lass mich, wenn
ich grösser werde, allein - Wo? Wo? - rief er ganz ängstlich. Meine Mutter,
welche eben seinen Kragen zurecht legte, liess diesen heiligen Halsband fallen,
sprang schnell auf und ging davon, als ob sie auf allen Anteil von meiner Frage
und der künftigen Antwort Verzicht täte. Sie war indessen, wie ich es offenbar
merkte, nach der Weiberweise, nur bloss dem Auge meines Vaters entgangen. Ob's
mein Vater gemerkt habe, zweifle ich, denn er hatte sich auf dem Wege nach
seinem Hause so sehr verirrt, dass er nicht aus noch ein wusste. Vielleicht sagt
er es dem unschuldigen Kinde, dachte meine Mutter ohne Zweifel, da sie sich in
der besten Ordnung zurückzog, wovon er dir allemal ein Geheimnis gemacht hat.
Lieber Sohn, fing mein Vater an, als ob er von einem Vorbeigehenden wegen seiner
Reise eine Auskunft erhalten, oder in eine Reisekarte gesehen hätte - und meine
Mutter machte die Kammertüre, hinter welche sie sich weislich gestellt hatte,
drei Zoll weiter auf - im Himmel ist unser wahres Vaterland, hier unten sind wir
Fremdlinge und suchen das, was droben ist. Wir sind in Hinsicht unseres Körpers
Gottes Pilger, in Hinsicht unserer Seele Gottes Bürger. Als die Pilgrime! heisst
es, darum führet einen guten Wandel -
    Zu Hause nimmt man sich vieles so übel nicht. Man vernachlässigt sich; tun
Sie doch, als ob Sie zu Hause wären, sagt man. Auf der Reise sind wir auf uns
aufmerksamer. Die Welt ist für einen klugen Reisenden höchstens eine Hauptstadt.
Er lässt sich das Merkwürdige zeigen; für einen Gelehrten eine öffentliche
Bibliotek, er sieht die Titel. Beide bestellen Postpferde. Plus ultra.
    Hiebei sah mein Vater so gerührt aus, dass, wenn ich nicht seinen Worten
geglaubt hätte, ich jedennoch jedem ehrwürdigen Zuge seines Gesichts hätte
beipflichten müssen, auch wenn ich noch einmal so alt gewesen wäre, als ich's
nicht war. Wie böse meine Mutter über den Himmel geworden, weiss ich nicht,
allein ich hörte, und mein Vater, der nun wieder an Ort und Stelle war, musste es
auch hören, dass sie die Türe zuzog, als ob sie nicht die mindeste Lust zum
Himmel hätte. Ohne Zweifel hat sie dieses unvermerkt tun wollen, um ihre
Neugierde zu verbergen; indessen machte das plauderhafte Schloss ein unzeitiges
Geräusch und wurde dafür den folgenden Tag, da mein Vater eine Beichtandacht
besorgte, ausgebessert. So viel ist gewiss, dass der liebe Mann durch diese
Antwort, die zwar mich, nicht aber meine Mutter befriedigen konnte, mich,
wiewohl ohne daran Schuld zu sein, auf den Gedanken brachte, dass man im Himmel
früher als in Curland Spargel ässe, gleich früher in der freien Luft eine Pfeife
rauche, Trauben hätte, und den Wein aus der Quelle schöpfen könnte. Tausend
andere Dinge, die er nachher meiner Mutter erzählte, wie es bei ihm zu Hause
wäre, kamen alle bei mir auf die Rechnung des Himmels, und ich war zuletzt dort
eben so bekannt als auf unserm lieben Dörflein, wo ich über jedes Huhn hätte
urteln können, wenn über dessen Eigentum ein Streit gewesen wäre. Manches kam
mir freilich sehr bedenklich vor, worunter zum Exempel war, dass man bei ihm zu
Hause ohne Nacht- oder Unterhemde ginge und zu seiner Zeit lange Manschetten
(die meine Mutter Handblätter nannte) getragen hätte. Eines Tages, da ein
Literatus (welches in Curland eben keinen Gelehrten, sondern ein unselig
Mittelding von Edelmann und Bauer bedeutet) mit ungewöhnlich langen Manschetten
bei uns des Mittags ass, musste ich glauben, dass er ein Himmelsbürger und
Landsmann meines Vaters wäre, und wegen des ganz ungewöhnlichen Masses seiner
Handblätter schon etwas mehr als ein andrer im Himmel gelten müsste. Kaum hatte
er nach meiner Meinung das Jammertal unseres Pastorats mit den seligen
Wohnungen der Gerechten verwechselt, kaum, sag' ich, war er fort, so fragt' ich
meinen Vater, was ihm der gute Freund für Nachrichten aus dem Himmel gebracht
hätte, und mein Vater nahm Gelegenheit, mir die wahren Begriffe von jener Welt
beizubringen, denen mein Herz und Seele auf dem halben Weg entgegen kam oder
beide Glaubenshände zureichte, so dass mitin dieser Literatus, der des Mittags
bei uns einen vortrefflichen Kalekutschen Hahn verzehren geholfen, meinen
falschen Himmel zu reiten mitnahm.
    Mein Vatter war, wenn ich so sagen soll, geboren, von der andern Welt zu
reden. Seine Seele, man fühlte es, war im Buche des Lebens eingeschrieben und
einer Veredlung durch den Tod so gewiss, dass, wenn er davon sprach, man glauben
musste: er würde verklärt. Drei Vierteil war er dort und nur ein Vierteil hier.
Gott schenke mir, wenn mein Stündlein vorhanden ist, die Empfindungen, die
damals in meiner Seele hervorschossen, als er mir den Himmel zeigte. Mir fielen
die Worte aufs Herz: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen - Mein Vater
war ein Kind, um mit einem Kinde zu reden, und ich fand an mir erfüllet, was von
den Kindern geschrieben steht: ihrer ist das Reich Gottes.
    Aber wo muss denn das Haus meines Vaters sein, dachte ich; allein ich
unterstund mir nicht, darnach zu fragen, denn, so jung ich war, so merkt' ich
doch, dass er seine Ursachen haben müsse, es zu verschweigen.
    Meine Mutter, wie ich sowohl diesesmal als bei andrer Gelegenheit sehen
konnte, hatte mein Vater gleichfalls keinen Daumenbreit über fünfzig Meilen in
die Länge, und zehn, zwanzig bis dreissig in die Breite, als so viel die Grenzen
von Curland ausmachen, mitgenommen, daher sie eben so wenig als ich den Ort
seiner Geburt wusste. Die neue Welt, pflegte sie zu sagen, ist entdeckt, deines
Vaters Vaterland würde dem Columbus mehr Schwierigkeiten gemacht haben.
    Was bei dieser väterlichen Verschwiegenheit einem jeden besonders vorkam,
war die Gewohnheit meines Vaters, alle Augenblicke zu erwähnen, wie es bei ihm
zu Hause sei. Er kam darüber bei Leuten in Verlegenheit, die er nicht wie mich
mit dem Himmel abfertigen konnte; allein ehe man sich's versah, war er nicht
mehr in Curland.
    Ich bemerkte auch, nachdem ich grösser war, dass die Leute über diesen Punkt
mit dem guten Manne ein förmliches Mitleiden zu haben schienen, so dass sie dabei
die Achseln in die Höhe zogen, als über einen Menschen, der so lange vernünftig
wäre, bis er auf sein Vaterland käme, und alsdann scheu würde. Es war daher zum
Sprichwort bei vielen geworden »das ist so unbekannt als des Pastors -
Vaterland.«
    Oft traf es sich, dass die ganze Tischgesellschaft still ward, so bald er nur
die Anfangsworte: bei mir aussprach, und dieses ist die natürliche Folge, wenn
jemand rot zu werden Ursach gefunden. Ein einziger hat nur die Elektrisirstange
angefasst, allein sie fühlen alle den Schlag. Es herrscht eine feierliche.
Stille, jedes spielt mit Messer und Gabel, oder dreht sich Pillen von Brod. Nach
einer Weile putzt der, welcher zu den wenigsten Empfindungen aufgelegt ist, das
Licht, wenn es Abend ist, oder hustet, wenn zu Mittage gegessen wird; ist's
ausser Tisch, so spricht er »besondere Witterung,« oder bittet um Tabak, »der
meinige,« setzt er hinzu, »ist so dürr wie Sand;« dieses alles tat gewöhnlich
meine liebe Mutter, wenn mein Vater einen Kreuzzug über Land unternommen hatte,
allein gewiss nicht, weil sie dabei unempfindlicher, sondern weil sie's gewohnter
war wie alle übrige, und weil sie die beklommene Gesellschaft gern wieder ins
Freie in die frische Luft bringen wollte. Oft stand ich mit dem Gedanken auf,
und schlief mit dem Gedanken ein, warum sagt er denn nicht wenigstens seiner
Familie, wo man um diese Jahrszeit Spargel isst, wo man um diese Zeit eine Pfeife
in der freien Luft raucht, wo man Trauben hat, den Wein bei seiner Quelle
geniesst und (welches mich am meisten interessirte) lange Manschetten trägt.
    So geheim mein Vater mit seinem Vaterlande und seiner Familie war, so
freigebig war meine Mutter, so oft sie von ihrer Familie etwas zu erzählen
Gelegenheit hatte. Sie wusste sich sehr viel damit, dass sie, wie sie sagte, aus
dem Stamme Levi wäre, und zählte fünf Priester- oder (damit die in Curland
herrschende luterische Kirche kein Ärgernis nehme) Prediger-Ahnen von Vater-
und vier von mütterlicher Seite. Einer ihrer Ahnherren war Superintendent, und
zwei waren Präpositi gewesen. Sie rechnete sich, wiewohl von der Seitenlinie, zu
den Verwandten des Superintendenten Paul Einhorn, dessen Vater Alexander Einhorn
, der zweite curländische Superintendent gewesen war, und wenn sie an den Eifer
dachte, mit welchem der Ehren Paul Einhorn sich der Annehmung des
gregorianischen Calenders widersetzte, so schien es, dass sie der nämliche
Einhornsche Eifer beseelte. Es hat dieser würdige Eiferer sich die
Calendermärtyrerkrone errungen, indem er im Jahr nach Christi Geburt 1655
Dominica XI. post Trinitatis auf der Kanzel mitten in einer Calenderpredigt
blieb und sein ruhmvolles Leben mit den Worten: »verflucht sei der Calend« -
sanft und selig endigte. Mein Vater schien beständig besorgt zu sein, es würde
meine Mutter eine Märtyrerkrone in ihrem Bluträchereifer überraschen, wesshalb er
sie bei der Hand zu nehmen und zu sagen pflegte: »fasse dich, mein Kind, die
Sache ist beigelegt, wir schreiben heute den - VI -.« Meine Mutter hielt
indessen bis an ihren Tod den gregorianischen Calender für ein ketzerisches
Buch, und liess sich nie Ader, wenn im Calender das Zeichen zum Gutaderlassen
stand. Es musste kein Haar im Pastorat verschnitten werden, wenn der Calender
hiezu anriet, und alles, was sie nur erreichen konnte, mahnte sie ab, Holz zu
fällen, Kinder zu entwöhnen, oder sonst eine Medicin zu brauchen, wenn der
Calender es gut fand. Es war ein Glück für sie, dass diese ungestempelten Tage
die meiste Zeit für sie und die lieben Ihrigen gut ausfielen; es war aber ein
Unglück für den gregorianischen Calender, denn sie nahm eben hiedurch einen
Grund mehr, dawider zu reden und dem Herrn Superintendenten Einhorn zu
parentiren.
    Ich würde mich um alles in der Welt nicht unterstehen, in Absicht der Ahnen
meiner Mutter ein Schriftsteller in aufsteigender Linie zu werden, und meine
Leser verlieren auch durch die Erzählung der rühmlichen Taten, Schlachten und
Siege nichts, wodurch sich meine Vorfahren mütterlicher Seits, von der geraden
und Seitenlinie, um die Kirche verdient gemacht. Sie nannte sie oft
Kirchensteine, um alles zusammen zu fassen. Dieser hatte lettische Lieder, wie
sie sagte, aus freier Faust gesungen, jener einige übersetzt, ein anderer hatte
sich dem Superintendenten Daniel Hofstein, welcher den Exorcismus bei der Taufe
der fürstlichen Kinder weggelassen, mit Hand und Fuss (ich brauche ihre eigenen
Ausdrücke) widersetzt und ihn dem Teufel übergeben, der nach seiner
wohlehrwürdigen Meinung die Complimente nicht erwiedern würde, die ihm der Herr
Superintendent machte; ein anderer hatte die Ostereier in seiner Gemeine
abgestellt, welches, wie meine Mutter behauptete, ein aus andern Ländern nach
Curland gebrachter, nicht allgemein im Schwange gehender, unchristlicher
Gebrauch wäre, und dieser gute Mann war in Kupfer gestochen. Ich weiss bis diesen
Augenblick nicht, wie er zu dieser Ehre gekommen war. Meine Mutter hatte diesen
Kupferstich lange verwahrt, ohne davon einen andern Gebrauch zu machen, als dass
sie, wie sie sagte, dieses Bild alle heilige Abende vor Ostern eine Stunde
angesehen. Sie behauptete, dass ich etwas ähnliches in der Gegend um die Augen
von diesem so ehrwürdigen als beherzten Manne hätte, obgleich ich davon nicht
die mindeste Spur zu entdecken im Stande war.
    Es sei nun dieses oder etwas anderes die Ursache, genug, meiner Mutter
wandelte auf einmal der Einfall an, diesen Kupferstich unter Glas zu setzen und
unter den Spiegel zu hängen, der im Prunkzimmer des Pastorats gegen Morgen hing.
    Mein Vater widersprach diesem Gedanken, da ein Glaser unsere Strasse zog, und
ist also dieser gute Mann, obgleich er die Ostereier abgebracht, nicht der Ehre
gewürdigt worden, im Prunkzimmer des Pastorats gegen Morgen unter dem Spiegel
zur Schau gestellt zu werden. Sie war etwas ungehalten über meinen Vater,
obgleich sie sich solches nicht weiter merken liess; indessen war es nicht das
erstemal, dass sie sein Conto mit einer Schuld belastete. Sie fasste dieses und
beinahe alles, was sie sonst noch auf ihrem Herzen und Gewissen hatte, die Not
des ganzen Pastorats zusammen, und schrieb's flugs unter die Rubrik: nicht aus
dem Stamme Levi. Ihrem Zorne brachte sie ein Opfer, das sie nachher sehr
bereuete. Sie schickte eben so flugs den Rahmen abzusagen, den sie für den
Kupferstich bestellt hatte, und war verbunden, obgleich der Nahmen noch nicht
zur Hälfte fertig war (und dieses gab zu neuem Ärgernis Gelegenheit), ihn ganz
zu bezahlen. Nachdem sie ihre zu Paaren getriebene Ideen wieder zu Hauf gebracht
hatte, entwarf sie einen neuen Operationsplan, der ihr auch glücklich einschlug,
nämlich diesen verdienstvollen Mann in der Speisekammer aufzuhängen. Hier, sagte
sie, kann er sich ohne Rahmen behelfen und niemand wird zu ihm sagen: Freund!
wie bist du hereinkommen und hast doch kein hochzeitlich Kleid an?
    Ich kann es nicht schicklicher anbringen, dass meine Mutter bei aller
Gelegenheit feierlich war. Es ward im Pastorat mit nichts anderm als mit
Weihrauch geräuchert; alles, was meine Mutter vornahm, ward besungen. Dieses ist
der eigentliche Ausdruck. Die Natur hatte sie mit einer sehr melodischen Stimme
ausgestattet. Das Bewusstsein dieser Mitgabe der Natur war indessen nicht die
Ursache ihres treufleissigen Gesangs. Meine Mutter wird die Ursache hievon
gelegentlich selbst angeben. Sie fing, sobald ihr etwas zu Herzen ging, einen
Vers eines geistlichen Liedes in bekannter Melodie aus freier Faust (um ihren
Einhornschen Ausdruck nicht zu verfälschen) zu singen an, den alles, was zu
ihrem Departement gehörte, mit anzustimmen verbunden war. Sie sang mit Kind und
Rind. Es war daher natürlich, dass jedes, so bei ihr in Diensten war, Probe
singen musste, weil ausser dem Hausdienst auch eine Art von Küsterstelle durch
jedes Hausmädchen vergeben wurde. Vor diesem hatte meine Mutter, nach ihrer
selbst eigenen Relation, die Gewohnheit gehabt, einen jeden herzlichen Vorfall
mit einem ganzen Liede zu bezeichnen; mein Vater indessen, der anfänglich bemüht
gewesen, diese Gewohnheit völlig abzuschaffen, hatte sie doch am Ende nachlassen
müssen. Sie ward aber von ihm bis auf einen Vers eingeschränkt, den meine Mutter
nicht um die Herzogtümer Curland und Semgallen gelassen hätte.
    Ich hab' es oft erfahren, dass mein Vater zuweilen den zweiten Diskant
extemporirte und meiner Mutter zum Munde sang, so dass er mitin von seiner
vorigen Meinung a posteriori abgegangen war. Meine Mutter rechnete ihm diese
Bekehrung im Conto sehr hoch an, und je lauter er mitgesungen hatte, je mehr
wurde ihm zu gut geschrieben. Sie wusste sogar den Zeitpunkt anzugeben, wenn mein
Vater, der, wie die Folge zeigen wird, keine Anlage zum Geistlichen besass,
aufgehört hätte ein Liederstürmer zu sein, und diesen Zeitpunkt werden wir
übermorgen (ich rechne nach mir und bitte meine Leser dessfalls um Verzeihung)
erreichen. Meine Mutter wusste den Rückfall meines Vaters, den sie des zweiten
Diskantes unerachtet noch immer befürchtete, so sehr zu verhindern, dass sie
seine Lieblingslieder den ihrigen vorzog, obgleich sie es auch mit ihren
Lieblingen nicht verdarb, unter denen einige waren, bei denen mein Vater
unmöglich den andern Diskant singen konnte.
    Das Lied: Ich bin ein Gast auf Erden, schien für meinen Vater gemacht zu
sein, und fast ward kein Glas gebrochen, ohne dass meine Mutter nicht anstimmte:
Die Herberg' ist zu böse,
Der Trübsal ist zu viel;
Ach, komm mein Gott und löse
Mein Herz, wenn dein Herz will;
Komm, mach ein sel'ges Ende
Mit meiner Wanderschaft,
Und was mich kränkt, das wende
Durch deinen Arm und Kraft.
Ich wette, wenn meine Mutter mit diesem Liede meinen Vater gleich zu Anfang
bestochen hätte, sie würde nicht auf einen Vers begrenzt worden sein. Kaum hatte
einer der zwei Streiter über die Namen von Curland, Lettland und Semgallen
Abschied genommen, und gleich sang ihm meine Mutter nach:
Wo ich bisher gesessen,
Ist nicht mein rechtes Haus;
Wenn mein Ziel ausgemessen,
So tret' ich frei heraus.
Und was ich hier gebrauchet,
Das leg' ich alles ab;
Und wenn ich ausgehauchet,
So scharrt man mich ins Grab.
Gern, das weiss ich, hätte sie unter der Predigt: vom Vaterlande, wie an hohen
Festen diesen Vers angestimmt, wenn sie geglaubt hätte, meinem Vater hiemit
einen Liebesdienst zu erweisen. Seine Singzeit indessen war noch nicht gekommen,
und ausserdem hatte er den Grundsatz: die Andacht gehör' ins Kämmerlein. Der
Gesang blieb also bloss unter den Hausgenossen.
    Wer keine Einbildungskraft hat, sagte mein Vater, hat auch kein Gedächtnis.
Ein grosses Gedächtnis kann die Urteilskraft schwächen, allein auch stärken. Wer
sich durch hundert Meinungen, die er weiss, nicht stören lässt und noch eine für
sich besitzt, hat viel Gedächtnis und viel Urteilskraft. Die besten Köpfe
klagen am meisten über Gedächtnis. Sie sehen ein, wie viel noch zurückbleibt,
was sie nicht wissen, und wollen sich auf eine Art, die ihnen am wenigsten zu
stehen kommt, bei Ehren erhalten. Ein Mann von starker Beurteilungskraft macht
sich nur Merkzeichen durch die Vernunft, die Imagination ist bei ihm bloss
Köchin. Was sollte ihn also zurückhalten, ohne rot zu werden, über schwaches
Gedächtnis zu klagen? Manche, um auch für tiefe Denker gehalten zu werden,
machen es nach, obgleich die guten Leute weit eher über schlechten Verstand
klagen könnten.
    Zum recht guten Gedächtnis gehört, etwas ins Gedächtnis fassen, behalten und
sich wieder erinnern. Sieh bei der Sache auf Ursach und Wirkung, inoculire alles
auf dein Lieblingsstudium, und es ist dir auch im spätesten Alter, als hättest
du es vorm dreissigsten Jahre, bis zu welcher Zeit beim Menschen alles in der
Blüte steht, gelernt. Witzige Leute haben schreckliche Gedächtnisse. Ueberall
finden sie eine Aehnlichkeit - weil diese aber oft zu schwach ist, oder weil sie
mit einem Blick zehn Aehnlichkeiten finden, vergessen sie alles; das Bewusstsein,
fassen zu können was man will, tut bei einem Genie oft grössere Dinge, als
wenn's schon ein gerüttelt, geschüttelt und überflüssiges Mass im Kopfe hätte.
Ich habe noch keinen Dichter gekannt, der nicht schnell gefasst hätte, was er
gelesen. Beim mündlichen Vortrage gelingts nicht allen. Prosa behalten sie
leichter als Verse. Bei andern Leuten ist es umgekehrt. Man würde behaupten
können, ein Original müsste wenig Gedächtnis haben, wenn es nicht Leute gäbe, die
im Vergessen eben so stark als im Fassen sind. Fassen und Behalten wird im
gemeinen Leben für eins genommen, allein ganz unrichtig. Ein jeder Originalkopf
muss schnell fassen und schnell vergessen. Etwas bleibt zurück, und nur eben so
viel, als nötig ist, um nicht bloss Abschreiber (Copist) zu sein. Ein Grossmaul
hat ein behaltendes, ein Kopf ein fassendes Gedächtnis. Wer viel plaudert, kann
auch viel behalten; ein guter Kopf kann nur viel erzählen, wenn er trunken oder
verliebt ist; er darf sich indessen beides nur einbilden zu sein. Wenn ein Poet
nicht gut fasst, kommts oft daher, weil er sehen und hören kann und zwar mit
Augen und Ohren des Genies, und auch dieser Umstand trägt sein Teil bei, dass er
so leicht vergisst. Er kann nichts lesen und hören, was er nicht sogleich mit dem
Seinigen bereichert. Er verzinset oft einen Gedanken mit fünfzig Procent, oft
mit mehr. Er weiss beständig viel, nur nicht immer was andere wissen. Wer
Jahreszahlen und Geschlechtsregister behalten kann, ist kein Dichter.
    Lieber Vater, hier macht die liebe Mutter eine Ausnahme. Anlage zur
Hauspoesie ist ihr nicht abzusprechen, und wer ihr ein gutes, massives
Gedächtnis zugestehen wollte, dem vergässe sie diese Beschuldigung selbst im
Himmel nicht, und wenns auch nur bloss darum wäre, um ihr Gedächtnis zu beweisen.
- Was sie behält, ist eisern. Meine Mutter wusste nicht nur alle mögliche Lieder
aus- und inwendig, sondern besass auch eine so genaue Lebensbeschreibung von
vielen Liederdichtern, dass sie beinahe den Schöpfungstag von jeder Strophe
wusste. Es war ihr von vielen Jahr und Tag bekannt, und was das allermeiste war,
sie konnte sagen, was jede ihrer Herzensstrophen bei diesem oder jenem für eine
Wunderkur gemacht hatte.
    Mein Vater, der von dergleichen Dingen nicht das mindeste wusste, hörte ihr
(ohne Zweifel von dem Zeitpunkte, da er den zweiten Diskant zu singen anfing)
andächtig zu, und schien an ihrer Zufriedenheit über dieses geneigte Gehör
teilzunehmen.
    Die singende christliche Hausgemeine war noch an den Worten:
Und was mich kränkt, das wende
Durch deinen Arm und Kraft,
und frisch fing meine Mutter an, als wenn sie festen Fuss fassen und occupiren
wollte:
                              »von Paul Gerhard.«
War mein Vater nicht unter ihren Zuhörern, pflegte die Leichenpredigt länger und
erbaulicher zu sein, und beständig fand sie alsdann auf ihrem Wege Umstände, die
mit Umständen, so Leuten aus ihrer Familie begegnet waren, eine Aehnlichkeit
hatten. Reiste mein Vater mit, war der Weg wie auf der Diele, und nie sprach sie
bei einem Anverwandten auf der Landstrasse an, es wäre denn zuweilen bei ihrem
sel'gen Herrn Vater oder Grossvater, um ihnen aus Kindespflicht die Hände zu
küssen.
    Paul Gerhard hatte Berlin wegen des Streits der Luteraner mit den
Reformirten verlassen, nachdem er aus Lüben (denkt an Liebau, sagte sie, wenn
euch der Name zu schwer fällt) nach Berlin gekommen, und ihr seliger Herr Vetter
war, um allen allerlei zu werden, vom Landpastorat nach Mitau als Stadtpastor
gegangen und hat in Mitau ein Bein gebrochen. Doch warum nicht sie selbst? Damit
meinen Lesern die Zeit nicht zu lang werde, soll mein Vater ab- und zugehen.
    »Es ist ganz besonders, dass Herr Paul Gerhard - sein Sohn, Paul Friedrich
Gerhard, war Magister; auch gut! allein, so viel ich weiss, kein Liederdichter.
Schade!) Es ist ganz besonders, sag' ich, dass Herr Paul Gerhard, welcher als
Ober- oder Primarpastor 1676 den siebenzehnten, und nicht den
siebenundzwanzigsten Mai, im siebenzigsten Jahre seines reifen Alters unter die
himmlischen Sänger aufgenommen ward, kein Lied gemacht hat, das mit C anfängt,
obgleich wir sonst viele vortreffliche Lieder haben, die mit diesem Buchstaben
anheben. Ich lass jeden Buchstaben in seiner Ehr' und Würde, allein unter den
Consonanten ist C mein Liebling. Hat dein Vater je sich des Unterdrückten, des
Notleidenden (sie wandte sich zu mir) angenommen, so war's, indem er
behauptete, der Buchstabe C sei so gut deutscher Bürger im ABC als irgend einer,
und indem er den Candidaten - ohne C widerlegte. Da die Letten ohne C sind, so
könnte man den Herrn Oberpastor Paul Gerhard einen curischen, einen lettischen
Sänger nennen, wenn er anders damit zufrieden wäre, woran ich zweifle. Wer
Gerhards Lebensgeschichte mit leichter Mühe und ohne Kopfschmerz zu behalten
Lust hat, merke sich vier Sieben.«
    »Im Jahre sechzehn hundert sechs und siebenzig, den siebenzehnten Mai, im
siebenzigsten Jahre, und in Hinsicht des Zweifels wegen seines Sterbetages
sieben und zwanzig. Dieser Zweifel hat, wie mich dünkt, einen Druckfehler, eine
Schwachheitssünde zum Grunde. Wer kann wissen, muss jeder, der ein Buch schreibt,
bekennen, wie oft er fehle.«
    Da hast du ganz recht, liebe Mutter; und ich, der ich zweihundert Meilen vom
Druckorte entfernt bin, setze bei dieser Gelegenheit mit einer Verbeugung an
alle Recensenten hinzu: Verzeihet die verborgenen Fehler. (Meine Mutter fährt
fort:)
    »Gott weiss, wie die Worte in der Ausgabe des Herrn Feistking lauten. Es ist
diese Ausgabe für mich ein Licht unter einem Scheffel. Das Manuscript hat Herr
Johann Heinrich Feistking vom Herrn Magister Paul Friedrich Gerhard erhalten.«
    Meine Mutter bedauerte, dass sie nicht selbst der Herr Johann Heinrich
Feistking bei dieser Gelegenheit gewesen, und wär's auch nur, setzte sie hinzu,
der grünen, roten und blauen Grenzzeichen und Fähnchen halber. Die Autorzeichen
brachten sie auf die Tintarten, welche sie alle so wie eine Mehl- und
Milchspeise oder Grütze anrichten zu können vorgab. Mein seliger Grossvater,
sagte sie, konnte ohne alle diese Tinten kein Concept zur Predigt vollenden.
Mein seliger Vater brauchte nur die rote, und jetzt bin ich bis auf die
schwarze, und auch die (mein Vater war die ganze Zeit abwesend) wird wenig
gebraucht, ausser Uebung.
    Der holdselige Mann, Paul Gerhard, hat das Feistking'sche Exemplar mit allem
Fleiss revidirt. Sein letzter Federstrich war in dieses Buch, und eben schrieb
ein Erzengel
seinen Namen auf's beste
in's Buch des Lebens ein.
    Ich habe die Vorrede des Herrn Feistking nicht gelesen, sondern nur in ein
anderes Buch eingebrockt gefunden; indessen gehört es eben nicht zum Stern und
Kern dieser Vorrede, dass Paul Gerhard daselbst mit dem Dr. Martin Luter
proclamirt und gepaart worden, und dass man sogar (unter uns gesagt) den Wunsch
äussert, dass Gerhard dem Dr. Martin Luter beim Reformationswerk geholfen hätte.
Ich tue Einspruch, Herr Feistking, nicht des Buchstabens C, sondern des
auserwählten Rüstzeugs Dr. Luters wegen, der auch wusste, was Sang und Klang
war. - - Hier eine Lobrede auf Lutern, der darum, wie meine Mutter sagte, zu
Eisleben geboren, weil ihn Gott das Eis zu brechen erkoren. Wir! wir! (sie sang
diese Worte in der Melodie: wir glauben all' an einen Gott) wir, - setzte sie
ohne Sang fort, - die wir aus Bescheidenheit den Zunamen Luteraner angenommen,
sollten mit dem Vornamen Reformatoren heissen; gewisse andere Leute aber, die
nicht paulisch oder kephisch sein wollen, können beim Namen Reformirte bleiben.
Nach dem Luter (mein Vater kommt) muss ich gestehen, keinen bessern
Liederdichter als Gerharden zu kennen. Er und Rist und Dach sind ein Kleeblatt,
das auserwählte Rüstzeug Luter aber die Wurzel. Gerhard dichtete während dem
Kirchengeläute, könnte man sagen. Ein gewisser Druck, eine gewisse
Beklommenheit, eine Engbrüstigkeit war ihm eigen. Er war ein Gast auf Erden, und
überall in seinen hundert und zwanzig Liedern - ich wünschte wohl, es wären ein
hundert und siebenzig wegen der sieben - ist Sonnenwende gesäet. Diese Blume
drehet sich beständig nach der Sonne und Gerhard nach der seligen Ewigkeit.
Schwermütig -
    Recht, sagte mein Vater; allein weisst du auch warum?
    »Warum?« meine Mutter, »weil er nach dem vorgesteckten Kleinod blickte.«
    Weil er ein böses Weib hatte. - Sobald ihn Gott von dieser bösen Sieben
erlöste, war keine Sonnenwende mehr in seinem poetischen Gärtchen. Er sang;
allein es sang kein Gerhard mehr. Was die Xantippe dem Sokrates war -
    Dieser Blitz traf das Wort auf der Zunge meiner Mutter; es bebte noch eine
Minute auf der bläulichen Oberlippe, allein es war so matt, dass es in der Geburt
seinen Geist aufgab. Meine Mutter, die sich ihres Geschlechts überhaupt
anzunehmen gewohnt war, musste von meinem unlevitischen, unpoetischen Vater, der
zum zweiten Diskant nur par bricole gekommen war, erfahren, dass er die Asche
einer Oberpastorin enteiligte und ein Sacrilegium beging. Das war mehr als sie
tragen konnte! - Sie verstummte vor ihrem Scherer, und nach einer guten
Viertelstunde allererst, nachdem das Herzgespann nachgelassen, sang sie, ohne zu
sagen, von wem das Lied gedichtet war:
Wenn böse Zungen stechen,
Mir Glimpf und Namen brechen,
Will ich bezähmen mich;
Das Unrecht will ich dulden,
Dem Nächsten
(meine Mutter sang dieses Wort mit einem tiefen Seufzer)
seine Schulden
Verzeihen gern und williglich.
    Dieses war für heute genug am Gemälde meiner Mutter. Dass sie Gedächtnis und,
wo nicht ein poetische Puls-, so doch Blutader, wo nicht prasselndes Odenfeuer,
so doch eine glühende Kohle vom Altar gehabt, werden meine Leser selbst gefunden
haben. Noch einen Zug um die Nase herum, der sich eben bei mir meldet, und es
übel nehmen könnte, wenn ich ihn nicht, so spät es auch ist, beherbergen sollte.
Meine kreuzbare Mutter war eine so grosse Verehrerin der Reime, dass sie sogar ein
Gelübde abgelegt hatte, gewisse Worte nie zu trennen. Kern und Stern, Rat und
Tat, Kind und Rind. Hack und Pack, Dach und Fach, Knall und Fall u.s.w. waren
nach ihrer Meinung Zwillinge, Doppelbrüder. Ausser diesem behauptete sie, dass
gewisse Reime für einander geboren, im Himmel geschlossen wären und durchaus ins
Eheband treten müssten, als da sind Stank und Dank, Mund und Pfund, Glimpf und
Schimpf, Not und Tod, Kleider und Schneider, Student und Recensent, Schelm und
Helm. - »Was Gott zusammenfügt,« pflegte sie zu sagen, »soll der Mensch nicht
scheiden. Wer solche Reime trennt, scheidet eine Ehe; und wer einen andern Reim
in diese Stelle aufnimmt, heiratet im verbotenen Grade.« Sie behauptete, die
Reime wären gleichsam die Riemen, durch welche das Gedicht verbunden würde, und
muss ich ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass sie bei ihrem poetischen
Trichter, oder dem in sechs Stunden einzugiessenden Unterricht zur deutschen
Dicht- und Reimkunst1 die Regel gab: trachtet am ersten nach dem Reime der
zweiten Reihe, der erste wird euch zufallen, und es wird der Vers wie gegossen
sein. -
    Jetzt in die Speisekammer auf ein Gericht Eier.
    Der Himmel helfe uns ad mala. Es wird für meine Leser und für mich, glaub'
ich, das Beste sein. Sollte indessen meinen Lesern das Schälchen, das ich aus
gutem Herzen nach nordischer Art zum Willkommen herumreichen lasse, Appetit
machen und Promulsis (der erste Gang) nicht missfallen, so hoff' ich, caput
coenae (die Hauptschüssel) dieses Teils wird auf ein gleiches Glück Hoffnung
machen können. Ein Taliarchus, ein Credenzer, Disponent, ein Gläserzähler, ein
Taktschläger ist mir bei der Mahlzeit eine unausstehliche Kreatur.
    Meine Mutter lässt zur Canonisation läuten, die einen ihrer Vorfahren treffen
soll. Die Reliquien dieses Candidaten zur Standeserhöhung bestehen in einem
Kupferstiche, und obgleich, wenn er nach den neuesten päpstlichen Grundsätzen
behandelt werden sollte, ihm rechtlich entgegenstände, dass er noch nicht hundert
Jahre gestorben, so wird doch bei dieser protestantischen Ceremonie dieser
Einwand keine Bedenklichkeit abgeben.
    Es war ein Sonnabend - denn dieses war ein Tag, den meine Mutter unter den
Tagen, so wie die C unter den Consonanten (alles Widerspruchs des Kandidaten
ohne C unerachtet), schätzte. Die C, um aufrichtig zu sein, weil die Letten
diesen Buchstaben nicht haben; den Sonnabend, den heiligen Abend, weil sie
selbst, im Fall ich mich so ausdrücken darf, ein heiliger Abend - wenn man nur
hinzusetzt, welches einem Sohne nicht zusteht, so haben sie meine Leser in einem
Zuge ganz - also nur ein heiliger Abend war. Meiner Mutter gebührte allerdings
eine Glorie, allein nur vom Mondschein. - Wegen des Sonnabends muss ich noch
bemerken, dass sie von meinem Vater alsdann wegen der Beichtvesper am wenigsten
einen Einbruch zu befürchten hatte, und dass der Sonnabend bei allen
Priesterweibern dies festus, ein hervorragender Tag ist.
    Es war ein Sonnabend, da mich meine Mutter mit dem ersten Verse des Liedes:
Freu dich sehr, o meine Seele,
Und vergiss all' Angst und Qual -
aufsang und nach dessen Vollendung mich also anredete: »Ich weiss, dass dieses
Lied einem armen Sünder zugeschrieben wird, der in Hamburg wegen begangener
Notzüchtigung eines neunjährigen Mädchens entauptet worden. Allein ausserdem,
dass dieser arme Sünder Doctor in der Medicin gewesen, so glaub' ich auch die
ganze Armensündergeschichte nicht. Es ist vielmehr dieses Lied eine Messerspitze
von den geistlichen Liedern des Simon Graf, die er unter dem schönen Titel:
Geistliches edles Herzpulver, in drei Teilen herausgegeben hat,2 und dann am
Ende, liebes Kind, sind wir alle arme Sünder, - allein wir haben nicht alle ein
neunjähriges Mädchen genotzüchtigt, sind aber alle in Sünden empfangen und
geboren.«
    »Was ist Notzucht, liebe Mutter?«
    »Notzucht, mein Kind!« sagte meine Mutter, und ich war voll Erwartung der
Dinge, die da kommen sollten, - »ist Notzucht. Leg dein Feierkleid an, streu
Puder auf dein Haupt, und wenn keiner vorhanden ist, Weizenmehl, und sieh heute
wie man dem tut, den deine Mutter ehren will aus dem Buche Ester, im sechsten
Capitel und sechsten Verse.« Nach einer langen Deliberation, wie die feierliche
Handlung vollzogen werden sollte, ging dieser Triumph, oder Oration, oder
Leichenconduct an. Io Triumphe! der Triumphator, welchem diese Ehre in effigie
erwiesen wurde, lag auf zwei Folianten, und auch dieses kam von ungefähr, sonst
würde selbst diese Spur von Triumphwagen nicht gewesen sein. Bei meiner
Uebermessung, die mit einer curischen Elle geschah, fand es sich, dass kein Stuhl
hoch genug für mich war, den Kupferstich dem Himmel nahe genug zu bringen, wie
meine Mutter sich ausdrückte, welches Ziel aber durch Beihülfe dieser Folianten
erreicht werden konnte. Da die Folianten inzwischen einmal im Spiele waren,
legte sie selbige kreuzweise so, dass also nicht einer auf dem andern lag. Sie
spreitete endlich ein weisses Tuch über sie. - Man kann, sagte sie, auch dabei
seine erbaulichen Gedanken haben. Noch gehörten zu diesem Ehrenwerk vier
flimmernde Nägelchen und vier Streifen schwarzes Papier. Eine Leichenrede wurde
deshalb entkleidet, die auf einen reformirten Geistlichen gefertigt war. Die
Nägelchen und die vier Streifen legte meine Mutter wie Ehrenzeichen neben den
Kupferstich. Auf dem Wege von dem Ort, wo ihm der Platz unterm Spiegel gegen
Morgen war abgeschlagen worden, wurden Tannenreiser bis in die Speisekammer
gestreut. Unterweges war meine Mutter, wie man in der Affektitze zu sein
pflegt, still. Der Fall war zu gross, um Sang und Klang zu verstatten. Stille
Begräbnisse kommen überhaupt der Natur am nächsten, wenn anders der Verstorbene
keine lachende Erben nachlässt. Meine Mutter trug die Füsse, ich das Haupt, und so
kamen wir ins Delubrum, ins Sacrum, ins Gewölbe. Es kam mir unterwegs besonders
wegen des weissen Tuches, welches bei meinen Lesern noch im frischen Andenken
flaggen wird, so vor, als ob ich eine Leiche trug, und meiner Mutter muss es eben
so vorgekommen sein, denn sie sagte (dies war alles, was geredet wurde): den
Weg, mein Sohn, müssen wir alle, und konnte wohl unmöglich die Speisekammer
darunter verstehen. Ich merkte aus allem, dass meine Mutter eine Rede an mich
halten wollte, und kann vielleicht dieser Umstand mit das Seinige zur Stille
beigetragen haben, wodurch diese Handlung geweihet wurde. »Er hat gelitten und
hat gesiegt,« fing sie an, »er ist gestorben und sieh! er lebt.
Schau't, die Sonne geht zur Ruh',
Kommt doch morgen wieder;
aus dem Liede: einen guten Kampf hab' ich auf der Welt gekämpfet.« Diese
Citation oder eine Wehmut, die uns Beide anwandelte, lenkte sie vom rechten
Wege.
    »Dein Ebenbild,« sagte sie, »mein Sohn, wie ein Ei dem andern; - sei ihm an
reiner Lehre und reinem Windel gleich, auch« (hier fehlt ohne Zweifel viel)
»nimm dich vor harten Eiern in Acht, sie sind schwer zu verdauen.«
    »Erinnere dich an die Leiter Jakobs,« sagte sie, nachdem sie sich vom
Stickfluss erholet hatte, und die Folianten wurden abgedeckt und das Leichlaken
sein säuberlich zusammengelegt. »Zu niedrig,« sagte sie, indem ich die Höhe
erstiegen hatte und zu hämmern anfing. »Es stockt in der Speisekammer,« »zu
hoch,« gleich darauf: »denn ich kann weiter nichts als vier Sterne sehen.«
    Sterne dacht' ich, liebe Mutter. - Sechs für einen Vierding.
    Endlich traf ich die rechte Stelle, und nachdem das Monument fertig war,
welches diesem Ehrenmanne um so angemessener schien, als es gerad' über einem
Eierbehältniss stand, stieg ich herab und meine Mutter umfing und küsste mich. Es
war dieses eine feierliche Umhalsung, eine Accolade und nun? - Meine Leser
werden es mir verzeihen, dass ich sie so lange im Finstern gelassen, ohne zu
bemerken, dass meine Mutter vier Lichter auf dem Tische angezündet hatte, auf
welches Castrum Doloris der Wohlselige, nachdem wir ihn von den Folianten
abgehoben, eine ganz kurze Zeit zur Ausruhe hingestellt wurde. Drei von diesen
Lichtern löschte meine Mutter so aus, wie andere Leute ihre Lichter auslöschen.
Das vierte, ein abgebrannter Stumpf, war während dieser Zeit dem Verlöschen
nahe.
                        »Komm! sieh und lerne sterben!«
sagte sie zu mir. Ich sah ein ausgehendes Licht, und meine Mutter betete mit
einer Inbrunst, die mir durch die Seele ging:
- Und wenn mir die Gedanken
Vergehen wie ein Licht,
Das hin und her tut wanken,
Bis ihm die Flamm' gebricht;
Alsdann fein sanft und stille
Lass mich, Herr! schlafen ein
Nach deinem Rat und Willen.
Wann kommt mein Stündelein.
Ich sah, was meine Mutter sagte, und oft! oft! hab' ich mein Licht so ausbrennen
lassen, um dieses Fest zu wiederholen.
    Meine Mutter legte die Hände, sobald alles aus war, auf mich, um mich
priesterlich zu segnen. Wir weinten beide. - Nach einer Weile fing sie an (ich
glaube, es sind alles dieses Brosamen, die von ihrem reich besetzten Tische
fielen, Stücke von der verunglückten Rede): »die lobwürdigste Fürstin Henriette
Louise, Markgräfin zu Brandenburg, liess sich dies Lied vorsingen, und obgleich
alles um sie herum weinte, starb sie doch ohne Ach und Weh sanft und selig zu
Onolzbach im Jahre Christi 1650, ihres Alters sieben und zwanzig Jahr. Gott! lass
es nur ein Stündlein und nicht eine ganze Stunde sein, wenn wir heimfahren aus
diesem Elend!« Wir brachten die Folianten zu Hause und meine Mutter sang, ohne
zu bestimmen, ob's auf Folianten, oder auf Kupferstich, oder auf alle papierne
Monumente und Denkzettel gezielt wäre:
Man trägt ein's nach dem andern hin,
Wohl aus den Augen und aus dem Sinn,
Die Welt vergisset unser bald,
Sei jung oder alt,
Auch unsrer Ehren mannigfalt.
Seid getrost, verdienstvolle Männer (ich will meiner verstummten Mutter
aushelfen). Habt ihr nicht das Glück, am Spiegel zu hängen, so ist noch die
Speisekammer übrig. Stockt es hier gleich, es schadet nicht, das Bild kann hoch
geschlagen werden. Beschert euch nur der Himmel Augen, die vier kleine Nägel für
Sterne ansehen, habt ihr gewonnen Spiel.
    Nach dieser vollbrachten Arbeit verlangte meine Mutter, dass ich diesen Tag
in einem feinen, guten Herzen behalten, und ihn jeden heiligen Abend vor Ostern
durch eine Wallfahrt in die Speisekammer (wie sie sich ausdrückte) feiern und
erneuern sollte; dieses ist, sagte sie, die Aussaat; vor Ostern, den heiligen
Abend, sollst du ernten. Der Geber aller guten und vollkommenen Gaben verleihe
dir gutes Wetter oder ein Herz nach seinem Herzen zur Ernte.
    Dass aber der ausgesäete Weizen nie zur Reife gekommen und aus dieser
Wallfahrt nie etwas geworden, ist einer von uns beiden Schuld, der fromme
Schweppermann oder ich. Meine Mutter zog mich wegen eines Epitaphiums zu Rate,
und mir musste zum Unglücke einfallen:
Dem Mann ein Ei,
Dem frommen Schweppermann zwei;
weil Schweppermann nicht Superintendent in Curland, sondern
Ein Ritter, keck und fest,
Der zu Gnadersdorf im Streit' tat das Best',
gewesen, so bekam der Vorschlag meiner Mutter eine andere Wendung. Der bestimmte
heilige Tag fiel aus, allein nicht zu meinem Nachteil, denn wenn ich nach der
Zelt ein Stück Geräuchertes zu ernten Lust hatte, wallfahrtete ich Hand in Hand
mit meiner Mutter nach dem Mausoleum (oder nach einer ehrlichen deutschen
Uebersetzung) in die Speisekammer. Es hing der Tag unseres Eierheiligen von der
Angabe meines Magens ab, und war, so oft mich ausser der Mahlzeit hungerte. Je
nachdem ich Appetit hatte, ward auch die Feierlichkeit zur Ehre eines Mannes
zugeschnitten, der nach der Bemerkung meiner Mutter, die sie mehr als einmal
anbrachte, »so wie die Speckseiten und Würste, seine Nachbarn, gekommen wäre aus
der Rauchkammer dieses Lebens.«
    Zur Steuer der Wahrheit steh' es hier wie eine Ehrensäule, dass meine Mutter,
wider die Gewohnheit aller Weiber, nicht geizig war. Sie wollte nicht die Eier
abschaffen und Hühner dafür einführen, sondern die Rechtgläubigkeit, wie sie
sagte, lag ihr hiebei bloss am Herzen.
    Mein Vater (damit ich sobald als möglich die vacante Stelle besetze), den
meine Mutter durch diesen an seinen Ort gestellten Kupferstich ohne Zweifel auf
den Gedanken brachte, dass im Prunkzimmer, zur rechten Hand unter dem Spiegel,
kein unrühmlicher Ort im Pastorat wäre, vocirte den Kupferstich des Eugen an
diesen ledigen Platz. Er liess meine Mutter vorderhand bei ihrer voreilig
gefassten Meinung, dass dieser Kupferstich der Herzog Gottard wäre, welchen sie
für den grössten Helden hielt, der je in der Welt gelebt hätte, und dem allein
sie den Rang über den Superintendenten gestattete, obgleich sich die Herzoge von
Curland wir von Gottes Gnaden schrieben und Landeshoheit haben. Es war mein
Vater sich als ein Deutscher diese Huldigung schuldig, und nie hat er es
verfehlt, dem Namen eines Deutschen Ehre zu machen. Das erste Wort, was er mich
aussprechen lehrte, war, aller seiner Kenntnis in fremdem Sprachen unerachtet,
ein schweres deutsches. Deutsch eben darum, warum Eugen im Pastorat zur rechten
Hand unterm Spiegel des Prunkzimmers hing, schwer, weil mein Vater in allen
Dingen die Gewohnheit hatte, mit dem Homer anzufangen.
    Damit aber meine Leser ja nicht Realinjurien begehen und an den Gedanken
grenzen, als ob mein Vater auch nur stillschweigend eine Unwahrheit verübt, so
muss ich ihn bei dieser massgebenden Gelegenheit rechtfertigen und ihn über jenen
Heiden herausbringen, dem man zur Steuer der Wahrheit nachsagt, dass er auch
nicht im Scherze unrichtig geworden, welches in unserer galanten Mundart
ungefähr heissen würde, dass er keine einzige Equivoke gesagt habe. Wer weiss es
nicht, dass eine stillschweigende Lüge eine himmelschreiende stumme Sünde sei,
der feinste Meuchelmord, und eben darum der gewöhnlichste. Was meint  ihr,
lieben Leser! misst mein Vater nicht einen Zoll und einen Strich mehr?
    Gottard, sagte meine Mutter, der Held der Helden. Nicht also, fiel mein
Vater ein. Eugen! ein Deutscher, der in seiner Jugend Teologie studirte und
schon wirklich Candidatus teologiae war, ein rundes Perückchen trug und
gepredigt hatte. Dies brachte meine Mutter zur Andacht. Warum, sagte sie, ging
er von der engen Strasse, die zum Leben führt? Um der Religion bessere Dienste zu
tun, erwiederte mein Vater; um sein Schwert wider die zu ziehen, welche jetzo
die Wache zum heiligen Grabe geben und das Schlafgemach unseres Herrn und
Meisters usurpiren. Eugen hiess der kleine Abt in Frankreich, und ward ein grosser
Mann in Deutschland. Die mittelmässige Statur ist die Gestalt der Helden. - Unser
Sohn wird, Gottlob! gross werden, sagte meine Mutter. - Gottlob! er wird es nicht
werden, erwiederte mein Vater. Die Titel des Eugen sind, fuhr er fort, Herzog
von Savoyen und Piemont, Markgraf zu Saluzzo, Ritter des goldenen Vliesses, der
römisch kaiserlichen und königlich katolischen Majestät wirklicher Geheimer-
und Conferenz-Rat, Hofkriegsrats-Präsident, General-Lieutenant, und des
heiligen römischen Reichs Feldmarschall, General-Vicarius der sämmtlichen
italienischen Erbkönigreiche und Lande.
    Meine Mutter machte, da mein Vater sich bei jedem neuen Ehrenworte beugte,
eine Gegenverbeugung, - ohne dass man eigentlich bestimmen konnte, ob's meinem
Vater oder dem Eugen galt, und da die Heldengeschichte eben kein Studium für
meine Mutter war, so kam manches vor, was sie zum erstenmale hörte. Bei meines
Vaters Bemerkung, Eugens Mutter wäre des bekannten Cardinals Mazarini Nichte
gewesen, konnte meine Mutter anfänglich nicht begreifen, wie ein Cardinal eine
Nichte haben könnte? - Es fühlte Eugen (fuhr mein Vater fort und sah meine
Mutter lieblich an) im Gemüte und Geblüte väterliche Regungen, und dieses
Gefühl war unfehlbar die Hauptursache, warum er das Brevier mit dem Degen
vertauschte. Ob nun gleich meine Mutter, was den Punkt der heiligen Ehe betraf,
sehr protestantisch dachte, so schüttelte sie dennoch wegen dieses Tausches das
Haupt. Bei dem eingeweihten Degen, den Papst Clemens der XI. dem Eugen schickte,
und beim Anfange seines Anschreibens: Unsern Gruss und apostolischen Segen zuvor,
geliebter Sohn, edler Mann! - warf sie die Frage auf: wie doch wohl der curische
General-Superintendent an den Eugen geschrieben haben würde?
    Mein Vater schloss die Standrede über Eugen, um sich meine Mutter, die nicht
ohne Neid den Eugen unterm Spiegel sah, zu verpflichten: dass dieser
unüberwundene Held den ein und zwanzigsten April zum ewigen Jubilate
eingegangen.
    So waren also die beiden Monumente für Eugen, der nie geschlagen worden, und
meiner Mutter Ahnherrn, der durch Abschaffung der Ostereier sich unsterblich
gemacht, errichtet! Der liebe Gott schenke beiden (dies sagte meine Mutter, da
mein Vater den Rücken gekehrt hatte) in der Erde eine sanfte Ruhe und am
jüngsten Tage eine fröhliche Auferstehung, wo es sich ausweisen wird, ob Eugen
oder der gute Pastor eher verdient, unter dem Spiegel gegen Morgen im
Prunkzimmer zu hängen, wenn gleich auch unser Anverwandter sich über sein
Plätzchen in der Speisekammer nicht beschweren darf.
    Ich habe zwar von meinem Vater, da ich nicht capitelfest bin, nur wenig und
das im Beilauf gesagt, meine Leser aber werden schon hieraus die verschiedenen
Denkungsarten meines Vaters und meiner Mutter einsehen und ohne Note sich
vorstellen, dass ihre Erziehungsart gleichmässig nicht übereinstimmen konnte.
Meine Mutter wollte mich zu einem Geistlichen machen, und wenn man kein Edelmann
und doch ein Mensch in Curland ist, kann man keinen andern als diesen Stand
wählen, einige weltliche Stellen ausgenommen, deren aber zu wenig sind, als dass
viele darauf rechnen könnten, und die, bis auf die Advokatenstellen bei dem
Land-Obergerichtshofe in Mitau, noch obenein adeliche Posten sind, und also als
in Verfall geratene Familien angesehen werden, welche ihren Adel mit leichter
Mühe erneuern können. Mein Vater schien mich zu etwas anderm bestimmt zu haben.
Meine Leser mögen raten, wozu? denn, in Wahrheit, ich selbst muss mich bei
diesem Umstande mit Raten behelfen, obgleich ich es nicht läugne, mehr Data als
meine Leser zur Auflösung meines Rätsels in der Hand zu haben. Er sah es sehr
gern, wenn ich Ball schlug, und erlegte selbst mit mir Kegel. Ich hatte zu
Anfang Mühe, die Kugeln zu heben; indessen fand sich mit der Zeit eine Stärke in
meine Arme, dass das Spiel zwischen meinem Vater und mir ungewiss und eine Wette
wurde, und wir abwechselnd gewannen und verloren. Er hatte es gern, dass ich mich
herumbalgte, und hierin tat ich mich mit dem Benjamin, dem Sohne des alten
Herrn, hervor. Sowohl von Vater als Sohn wird sogleich gehandelt werden! Meine
Mutter ermahnte mich, so oft ich gerungen hatte, und fügte hinzu, dass jedes Haar
auf meinem Haupte gezählt sei.
    Ich arbeitete beständig, allein ich wusste es nicht, ich hätte eben so gut
glauben können, dass ich beständig spielte. Mein Vater konnte sich über nichts so
sehr ärgern, als dass über der Seele der Leib vergessen würde, und dass man das
eine bei Hochwohlgebornen Kindern lernen, und das andere spielen hiesse. Es ist
alles Spiel oder alles Arbeit, pflegte er zu sagen. Die Unvermögenheiten des
Leibes hielt er alle für ansteckend in Absicht der Seele. Es ist ein schlechter
Wirt, sagt' er, der sein Zimmer mit Seide ausschlägt und von oben einregnen
lässt. Vom Kleide auf den Mann, setzte er hinzu, vom Hause auf den Herrn, vom
Leibe auf die Seele schliessen, ist kein unrichtiger Schluss. Wenn man seinen
Körper, den man sieht, vernachlässigt, wie will man an seine Seele denken, die
man nicht sieht. Mark macht's aus, setzte er, um sich zu erklären, hinzu, nicht
Lange und Breite, Dicke und Höhe. Ein jeder Erfinder ist wenigstens an dem Tage,
da er erfand, ein Mann gewesen, und hätte eben so gut ein gesundes Kind in die
Welt setzen als erfinden können, und alles, was in der gelehrten Welt
Metusalems Alter erreichen und noch älter werden soll, alles, was eigentlich
auf die Nachwelt bleibt, hat ein Gesunder gedacht und geschrieben. Die
Helden-und Staatsaktionen des Herkules leisteten meinem Vater auf diesem Wege
gute Dienste, und er konnte sich sehr freuen, wenn ich Unwillen zeigte, dass ich
nicht auch Gelegenheit gehabt, zweien Schlangen in der Wiege das Lebenslicht
auszudrücken. Die Geschichte vom Antäus, dem Riesen, war mir ein Brand im Busen;
mein Vater goss Oel dazu, und mass mir seine Länge vor. Ich stieg auf den Tisch,
um sie recht zu sehen, und so wie ich mich über die Art des Antäus freuete, sich
einen Löwen zum Braten zu fangen, so gratulirte ich dem Herkules, dass er diesen
Löwenjäger todt zu drücken die Ehre gehabt. Meine Mutter war so wenig mit der
Geschichte vom Riesen Antäus, als mit der von der Schlange zufrieden. Bei der
Schlange fiel ihr beständig die im Paradiese ein, wobei sie es dem Noa etwas
übel nahm, dass er für sie eine recht holländische Toleranz in seinem Kasten
gehabt. Sie äusserte bei dieser Gelegenheit die Meinung, dass das Auszischen sich
aus dem Paradiese herschriebe, wo der Teufel unsern ersten Eltern auf diese Art
übel begegnet hätte, nachdem die armen Betrogenen den letzten Bissen Apfel
genossen. Was den todtgedrückten Riesen betraf, fand sie's anstössig, dass er
nicht Goliat hiesse. Ich war sehr fürs Todtdrücken des Riesen, aber mein Vater
zeigte mir das Erhabene, das Göttliche bei der Geschichte des David, und ich
lernte nebenher, wie unrecht es sei, mehr Mittel, und wär's auch nur ein
Gränlein, anzuwenden, als man Zweck hat.
    Wenn meine liebe Mutter den Eifer bemerkte, der mir bei Erzählung vom
Herkules unter die Arme griff, so dass ich vor ihren sichtlichen Augen am Tisch
und Stühlen ein Exempel statuiren wollte, pflegte sie mich zu ermahnen, meine
Arme zum Kanzelschlage zu schonen und sie nicht an unschuldigen Stühlen und
Tischen zu entweihen.
    Erziehen, sagte mein Vater, heisst aufwecken vom Schlafe, mit Schnee reiben,
wo's erfroren ist, abkühlen, wo's brennt. Wer nie ein Kind unterrichtet hat,
wird nie über das Mittelmässige hervorragen. Docendo discimus ist ein grosses und
wahres Wort! In gewisser Art lernen wir mehr von den Kindern, als die Kinder von
uns. Wer ein Auge hat, lernt hier den Menschen. Wenn die Sonne aufgeht, kann sie
der Blick umfassen. Wer kann in sie sehen, wenn's Hochmittag ist? -
    Wenn ich auf etwas durchaus und durchall bestand, überliess mich mein Vater
meinem Eigensinn, und ich sah aus den natürlichen Folgen, wie töricht ich
gehandelt, dass ich seinen Fingerzeig aus der Obacht gelassen. Er behauptete, dass
keine natürliche Strafe gleich einer Todesstrafe wäre, und so liess er nach
dieser grossen Vorschrift auch mich nur durch Busse bekehren und leben. Ich
verbrannte mich am Licht, ich verdarb mir den Magen unterm Pflaumenbaum. Wie der
himmlische Vater es mit uns macht, pflegte er zu sagen, so sollten es auch
leibliche Väter machen. Welch einen Einfluss diese Lehrart auf mich gehabt, ist
unaussprechlich. - Ich lernte Natur, die wir leider bei dem allgemeinen Fall
oder Verfall der Menschen lernen müssen. Ich lernte sie im Kleinen und im
Grossen. Wenn ein Genie allein auf dem Lande geht, pflegte mein Vater zu sagen,
bleibt es nicht lange allein, die Natur geht ihm an die Hand. Sie fasst es an,
und es versteht die Blume, wenn sie sich neigt, und den liebevollen Hopfen, der
sich hinaufranket. Es bewundert den Regenbogen, das Ordensband, das Gott der
Erde als ein Gnadenzeichen umhing. Da sehen dann Genies einen gewissen
Zusammenhang zwischen Gott und dem Menschen, und sind Seher, von Gott
Angehauchte. Dies ist unendlich mehr, als ein Autodidaktos, ein Selbstgelehrter.
Dieser lernt aus Büchern, ein Seher lernt von Gott und aus seiner für ihn
aufgeschlagenen Welt.
    Mein Vater liess es nie zu Tätlichkeiten bei seinen Strafgerichten kommen,
denn ich verurteilte mich selbst, und er bewirkte eben hierdurch eine grosse
Absicht. Er erzog nicht einen Sohn, sondern einen Menschen.
    Meine Mutter hielt einen Gnadenstoss für notwendig, und wenn sie mir mit
ihrer teuren Rechten einen Ritterschlag versetzte, pflegte sie zu sagen: Besser
so als anders! - eine freie Uebersetzung von: besser Ritter als Knecht - und
dann sagte sie wieder: Wer seinen Eltern nicht folgt, folgt dem Kalbfelle. - In
der Hauptsache stimmte sie mit meinem Vater, sie zog nur durch einen andern Weg
in eben dasselbe Land. - Regen, der ihr kam, wenn sie die grosse Wäsche vorhatte,
die mein Vater scherzweise Fegefeuer nannte, das war ihr Gottesschlag, und immer
wusste sie, mit welcher Sünde sie diesen Regen beim lieben Gott verschuldet
hatte.
    Ich entsinne mich, als wär's heute, dass sie meinetwegen einen Stock ergriff,
- feierlich wie einen an einer Kreuzfahne, allein sie besann sich, wie Diogenes,
der einen armen Jungen mit der Hand Wasser schöpfen sah, - sie murmelte: »wer
das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen,« und ich habe also nie unterm
Gefreitenstock gestanden, sondern nach Prinzenart, da doch niemand ohne Schläge
gross wird, bloss Weiberhänden diesen Tribut bezahlt. Meine Mutter nannte diese
Zucht Licht und Recht, und hatte eine sehr feine Distinktion zwischen dem Stabe
Sanft und dem Stabe Wehe, womit meinen Lesern aber wenig gedient sein kann.
    Die Sprachen rechnete mein Vater zum Departement des Leibes und der Seele.
Man muss, pflegte er zu sagen, nur Eine vollkommen besitzen, das ist reden,
schreiben und in ihr denken können. Ein Gott, Eine Taufe, Eine Sonne, Ein Weib,
Ein Geist, Ein Leib, Ein Freund, Eine Sprache.
    Es gibt, sagte er, keine nackte Wahrheit. Worte finden, heisst denken. Worte
sind was Körperliches, was Sinnliches, sie sind die Kleider der Gedanken -
Beiwörter der Besatz, Worte der eigentliche Anzug. Wer deutsch gedacht und
lateinisch geschrieben hat, ist, wenn er gleich der beste Lateiner wäre, doch
ein Deutscher. Cicero würde ihn für keinen Landsmann halten. Um französisch zu
schreiben, muss man Franzose sein, um englisch, Engländer. Wer fremde Sprachen zu
etwas mehr braucht, als sich andern Leuten, die nicht unsere Mutter kennen,
verständlich zu machen, ist allemal ein schwacher Kopf. Es fehlt ihm wo, es
sitze das Uebel, wo es wolle.
    Mein Vater war bei alle dem so wenig wider viele Sprachen, dass er sie
vielmehr nach dem Turm zu Babel so notwendig, als vielerlei Essen nach dem
höchstbetrübten Sündenfalle hielt. Viele Sprachen, bemerkte er, sind viele
Creditbriefe. Zeige sie vor, du bist überall willkommen. Kein Türke schlägt
einen Christen todt, wenn der Christ türkisch kann, und wenn es noch so viel
Religionsverdienst wäre. Die Sprache ist eine Herzensschlinge. Man ist
bestrickt, man weiss nicht wie. Doch, warum soll ich alles wiedersagen, was mein
Vater sagte? Seine Behauptungen waren ausser der Weise. Er glaubte, es müsste zu
kennen sein, was bei Licht oder am Tage, was des Morgens und was des Abends
gedacht wäre, wenn's nämlich aufgeschrieben worden. Morgengedanken waren bei ihm
wie die Erstgeburt heilig. Da ich mehr mit Credit, als mit eignem Vermögen in
der Welt handeln sollte, führte mich mein Vater fleissig zu fremden Sprachen an,
und ich musste beinahe alle diese Sprachen zu gleicher Zeit lernen. Alles ohne
Donat und Grammatik. Zum Schulmässigen gewöhnte er mich allererst im vierzehnten
Jahre, und konnte ich's folglich als Proben ansehen, die man in der Rechenkunst
erfunden, um zu sehen, ob richtig gerechnet sei. Mein Vater hielt viel auf
wörtliche Uebersetzungen in Sprachen, die noch leben. Hieraus, pflegte er zu
sagen, lernt man eine Nation auf ein Haar kennen, und die feinste Politik und
Weltkenntnis ist hier verborgen. Dies ist der Chiffer zu den Geheimnissen der
Völker. Auch sieht man aus der Sprache, ob's im Lande kalt oder warm, neblicht
oder klar sei. - Er ging hier noch weiter, ich befürchte aber, meine Leser
werden nicht weiter gehen wollen. Bei abgeschiedenen Sprachen, fuhr er fort,
tödtet der Buchstabe, der Geist aber macht lebendig. Die Griechen nannte er
Kirchenväter der Natur und ihre Sprache den Grundtext des Geschmacks. Wenn man
uns zugehört hätte, würde man uns für ein paar Maurergesellen vom Turm zu Babel
gehalten haben. Alles durch einander und doch alles in einander. Mein Vater
nahm, wenn er fremde Sprachen mit mir redete, auch fremde Arten an, und das war
mir mehr als ein Lexikon! Ich hatte für jede Sprache ein ander Gesicht, eine
andere Zunge, eine andere Hand, einen andern Fuss, und besonders eine andere
Nase. Worte musste ich lernen, und er war nicht mit der Lehrart zufrieden, bei
Worten das Gedächtnis zu stützen und sich Merkzeichen zu machen. Man hat, sagte
er, alsdann Bild und Wort zu behalten. Ein Stammvater von Worten aber diente mir
zum Leitfaden bei tausend, zum Nagel im Kleiderschrank, wo man zehnerlei
aufhängt. Ich lernte den Stammvater, und wusste Sohn, Enkel, Urenkel, und
Ururenkel und Ur Ur, so viel man will.
    Die lettische, curische oder undeutsche Sprache lernte ich von meiner Mutter
und dem Herrn Jachnis (Johann), dem Aufseher über die Pastoratsbauern oder den
Gottes-Berat. Das Pastoratshaus nannte ihn Herr Jachnis und sein Weib Frau
Masche (Margarete), er aber meinen Vater, wenn er gleich deutsch mit ihm
sprach, Zeenigs machzitajs (wohlgelahrter und hochzuehrender Lehrer), und aus
diesen Namen, die er gab und die ihm gegeben wurden, werden meine Leser ersehen,
dass man diesen Menschen halb lettisch, halb deutsch nahm. Es hatte Herr Jachnis
den semgallischen Dialekt, der um Mitau herum residirt, und ausser diesem
semgallischen Dialekte, nach welchem die Bibel ins Lettische gedolmetscht
worden, hatte er noch ein Flick von einem Brusttuch, welches einer seiner
Vorfahren aus der eigenen Hand des Herzogs Gottard erhalten, da er ihm das
Evangelium am Sonntage Palmarum in undeutscher Sprache aufsagen können.
    Mein Vater unterstützte die hohe Idee, die Herr Jachnis, der sich auch wohl
von den Pastoratsbauern Amtmann nennen liess, von dieser Reliquie hatte. Er liess
es sich zuweilen zeigen und ermahnte ihn, sein geistliches Ordensband wohl zu
bewahren. Hiezu brauchte Herr Amtmann Jachnis keine Aufmunterung, denn er machte
kein Geheimnis draus, dass dieses Ritterflick bis an den lieben jüngsten Tag beim
Aeltesten in der Familie bleiben sollte.
    Meine Mutter ärgerte sich, so oft davon geredet wurde, und versicherte auf
Ehre, Pflicht und Gewissen, dass dieses Stück Gewand fünf und mehrere Male
verwechselt wäre, und hierin schien sie auch um so mehr Recht zu haben, als es
noch ziemlich ungebraucht war. Sie legte es ihm zur Last, dass seine Vorfahren
nicht lieber ein Stück von dem Psalmbuche zurückgelassen, welches der gottselige
Herzog Gottard zum Druck befördert, allein gewiss bloss darum, weil einer ihrer
poetischen Vorfahren sich darin ein Gedächtnis gestiftet hatte. Mein Vater
widerlegte meine Mutter nicht, allein er klopfte dem Herrn Jachnis auf die
Schulter und sagte: gut ist gut, besser ist besser. Dieses legten beide, meine
Mutter und Herr Jachnis, für sich zum Vorteil aus, so dass sich beide durch ein
freundliches Lächeln bei meinem Vater bedankten.
    Es lebte meine Mutter überhaupt mit dem Herrn Amtmann in beständigem
Streite, obschon sie im Grunde gute Freunde waren. Sie gab ihm an Stärke in der
undeutschen Sprache nicht einen kleinen Finger breit nach, allein sie sah diese
Sprache aus dem nämlichen Standpunkte, wie ein Deutscher einen Letten. Weil Herr
Jachnis auch ein Deutscher war, sprach er zuweilen von ABC, und gleich brachte
ihn meine Mutter in eine solche Enge, dass er nicht aus noch ein wusste. Erzen Er
pflegte sie ihm nachzuspotten (denn, das H fehlet der lettischen Sprache, so wie
das C) sagt ABD, sonst würde man euch wegen Dieberei in Anspruch nehmen.
    Die Letten haben einen unüberwindlichen Hang zur Poesie, und ob ich gleich
gewiss glaube, dieser Umstand habe den poetischen Samen in meiner Mutter
ausgestreut, welche schon in ihren Vorfahren mit diesem Volke zusammen Früchte
eines Feldes gegessen und Wasser eines Flusses getrunken, war sie doch in diesem
Stücke unerkenntlich. Sie bestritt indessen nicht, dass die lettische Sprache
schon halb Poesie wäre. Sie klingt, sagte sie, wie ein Tischglöckchen, die
deutsche aber wie eine Kirchenglocke. Sie konnte nicht läugnen, dass die
gemeinsten Letten, wenn sie froh sind, weissagen oder in Versen reden, und wenn
sie das Gegenteil hätte behaupten wollen, würde Herr Jachnis mit den lieben
Pastorats-Angehörigen den Gegenbeweis geführet haben. Herr Jachnis und seine
Untergebenen liessen keine Ernte, keine Hochzeit, keine Leichenwache vorüber, wo
nicht geweissagt wurde. Bei allen Talcken oder Tagesarbeiten, wo die Leute im
Schweisse ihres Angesichts herrlich nach lettischer Art bewirtet wurden,
bewiesen sie, dass sie poetischen Geistes Kinder wären. Meine Mutter fand, dem
Herrn Jachnis zum Hauskreuz, an dieser poetischen Blumenlese, die ihr zugeeignet
wurde, beständig etwas zu rügen, und wenn's auch nur das I und U gewesen wäre,
welches die Nothelfer der Letten sind, so oft es an einer Sylbe gebricht.
    Es sind viele, welche behaupten, die Letten hätten noch Spuren von
Heldenliedern, allein diesen vielen widerspricht mein Vater: »Das Genie der
Sprache, das Genie der Nation ist ein Schäfergenie. Wenn sie gekrönt werden
sollen, ist's ein Heu- oder höchstens ein Kornkranz, der ihnen zustehet. Ich
glaube, Helden gehören in Norden zu Hause, wo man härter ist und fast täglich
wider das Klima kämpfen muss: die Letten könnten also hierzu Anlage haben, wo ist
aber ein Zug davon? - Würden sie wohl sein und bleiben, was sie sind, wenn nur
wenigstens Boden zur Freiheit und zum Ruhme in ihnen wäre? In Curland ist
Freiheit und Sklaverei zu Hause.«
    Mein Vater war eben kein grosser lettischer Sprachkünstler; wer aber eine
Sprache in ihrer ganzen Länge und Breite versteht, kann über alle Recht
sprechen. Er versicherte, nie Fussstapfen von Heldenliedern aufgefunden zu haben,
wohl aber Beweise, dass schon ihre weitesten Vorfahren gesungen hätten: und wo
ist ein Volk, fragte er, das nicht gesungen hat? Er hatte (wie er's nannte) eine
Garbe zärtlicher Liedlein gesammelt, wovon ich seine Uebersetzung besitze, die
ich vielleicht mitteilen kann, und wodurch dem undeutschen Opitz des Herrn
Pastors Johann Wischmann kein Abbruch geschehen soll. Wenn ich nicht diese Garbe
in Händen hätte, würde ich doch vom Urteil meines Vaters, der kein Curländer
war, die Appellation einzulegen anraten. In diesen Liederchen herrscht
bäuerisch-zärtliche Natur und etwas dem Volke eigenes. Die Uebersetzung ist noch
meines Vaters Manier.
    Weil wir bei den Sprachen sind, muss ich noch bemerken, dass mein Vater nur
blutwenig hebräisch, arabisch und chaldäisch u.s.w. aber gar nicht wusste. Er
hatte sich wegen des Hebräischen im Anfange vielen Nachreden ausgesetzt, da er
so ehrlich gewesen, die Grenzen seiner Kenntnisse nicht zu verbergen. Nach der
zehnten Hauptverfolgung, die mein Vater dieserhalb in Curland erlitten, zog ein
sehr geschickter Conversus (jüdischer Christ oder getaufter Jude) unsere Strasse,
und dieser brachte meinem Vater das Jüdisch-deutsche in wenigen Stunden bei. Er
hatte den Einfall, auf diese Art an einen seiner Herren Amtsbrüder, der über ihn
den grössten Stock gebrochen hatte, zu schreiben, und da es dem guten Manne
unmöglich fiel, diese Schrift aufzulösen, kam mein Vater in einen so grossen Ruf
wegen der Grundsprache, dass dieser böse Herr Amtsbruder mit dem grossen Stocke
meinen Vater für einen getauften Rabbiner gehalten haben würde, wenn meinem
Vater damit gedient gewesen wäre. Ob nun gleich dieser Conversus meinen Vater
wie einen Brand aus dem Feuer zog, und meine Mutter die Aufmerksamkeit bemerken
konnte, die mein Vater für diesen seinen Retter fasste, war sie doch anfänglich
sehr wenig mit diesem Hieronymo a sancta fide zufrieden. Sie probirte seinen
Glauben täglich mit Schweinefleisch, und da mein Vater ihr diese Mode verwies,
andere Gerichte anordnete und den ehrlichen Sprachmeister von dieser Tortur und
christlichen Daumenstöcken befreiete, war sie der Gesinnung jenes Königs von
Spanien, welcher gesagt hat: drei Wasser verdürben; das süsse Wasser im salzigen
Meer, das Wasser im Weine, das Taufwasser auf dem jüdischen Kopfe. - »Das Wasser
im Weine,« sagte mein Vater, »mit Erlaubnis Sr. katolischen Majestät: der Wein
im Wasser.« - Meine Mutter gab nicht sogleich die Allianz mit dem Könige von
Spanien auf; indessen wurde am Ende alles beigelegt, und die liebe Frau ging
einen für ihren Gast sehr vorteilhaften Frieden ein. Sie fand sogar ein
rührendes Vorbild in dieser Einigkeit von der Bekehrung der Juden vor dem
jüngsten Tage, welche der Conversus steif und fest nach seiner Versicherung
glaubte, und worüber mancherlei und manches geredet wurde. Meine Mutter war sehr
für schriftliche Aufsätze, mein Vater, wie alle Leute seiner Art, fürs
Mündliche. Die gute Frau war entschlossen, dem Converso eine schriftlich
abgefasste Instruction mitzugeben, da er fröhlich seine Strasse zog; indessen
blieb es doch bei einer mündlichen.
    »Wanken Sie weder zur Rechten noch zur Linken. Wer beharrt bis ans Ende, der
wird selig. Die Beständigkeit sei um Sie wie ein Kleid, das Sie anhaben, und wie
ein Gürtel, womit Sie sich gürten. Wie ein frisches Hemde am schwülen Tage sei
Ihnen der Trost des christlichen Gewissens. Vater und Mutter haben Sie
verlassen, aber der Herr hat Sie angenommen. - Sie werden nicht bloss ein
Grasbürger, ein Einwohner der Vorstädte in der Stadt Gottes sein, sondern mit
Ehren und Schmuck werden Sie in die Hauptstadt eingehen: Ihr Kern und Stern
bleibe das Lied:
Keinen hat Gott verlassen,«
setzte sie hinzu, »Sie sind ihm diese Dankbarkeit schuldig.«
    Der Conversus hatte ihr erzählt, dass für ihn dies Lied der Wecker zur
christlichen Religion gewesen, und ohne Zweifel war diese Erzählung der Eckstein
zur Aufsage des guten Vernehmens mit Sr. katolischen Majestät. Sie gab ihrem
Freunde den Hauptschlüssel zu allen Versen dieses Leibliedes, aus welchen, wie
sie sagte, summa summarum Catarina herauskäme. Das Wort Akrostichon musste ihr
mein Vater vorschiessen, sie hatte es nicht im Vermögen, und da sie selbst
Catarina hiess, so wird man desto leichter einsehen, warum Se. katolische
Majestät nunmehr keine Bundesgenossin mehr an meiner Mutter hatte.
    Mein Vater wünschte schlechtin eine glückliche Reise und gab seinem
Sprachmeister, statt des Schatzkästleins von Stosssprüchen, einen Zehrpfennig.
Eigentlich war's, in Hinsicht des mit ihm getroffenen Contrakts, ein
Gottespfennig, denn er bat, nicht zu vergessen, was er mit einer Handlobung
versprochen hätte. Unfehlbar hat dieser Contrakt darin bestanden, gewissen
Geistlichen in Curland keine Lection zu geben, oder wenigstens die ihm gegebene
zu verschweigen.
    Das Einträglichste bei dieser Sache war, dass die benachbarte Clerisei ihre
Verfolgungen einstellte, und da zuvor das dritte Wort beständig eins aus der
Grundsprache war, verstummten, von Stund des jüdischdeutschen Briefes an, die
Orakel. Mein Vater hatte andere Ursachen, seinen Herren Amtsbrüdern kein Rappier
anzubieten oder sie kämpflich zu grüssen, und wusste sich so vortrefflich, ohne
die geringste Unrichtigkeit sich zu Schulden kommen zu lassen, bei Ehren zu
erhalten, dass, so oft er irgend einen Confrater zum Zuhörer hatte, er den
Grundtext tapfer citirte und oft zwei bis drei Verse aushob. Wenn es gleich auf
Treue und Glauben eines Andern, wo nicht Dritten, geschah, und sein Grundzeugniss
beständig von Hörensagen war, so hatte er doch seine Leute viel zu gut kennen
gelernt, und war bei dieser Proclamation kein Einspruch zu fürchten, so dass er
sich zuletzt ganz dreist ein Beholzungsrecht, oder die Befugnis, in des andern
Walde Holz zu fällen, zueignete. Die griechische Sprache, wovon die Herren
Amtsbrüder nicht vielmehr als die beiden griechischen Freunde wussten, war nicht
hinreichend, meinem Vater Ruhe zu schaffen. Sie hielten es mit dem alten
Testament bis zur Ankunft des Conversus, und nun war jeder furchtsam, in meines
Vaters Gegenwart an die heilige Schrift zu denken, und jeder wunderte sich,
warum er mit seiner hebräischen Sprachkenntniss so lange hinter dem Berge
geblieben.
                                   Personen:
                        Mein Vater;
                        Meine Mutter;
                        Der Ritter Jachnis;
                        Conversus putzt Licht;
                        Der alte Herr;
                        Minchen, seine Tochter;
                        Benjamin, sein Sohn.
    Ich habe gestern Abend meinen Lesern den Auftritt des alten Herrn und seines
Benjamins versprochen. Den alten Herrn habe ich in meinem Leben nie unter einem
andern Namen, als dem des alten Herrn, kennen gelernt. Wer mich also nach seinem
Vor- und Zunamen fragt, erhält eine abschlägige Antwort. Seine Lebensgeschichte
kann von keinem besondern Belang sein, indem sein ganzes Wesen allem, was man
Belang heissen kann, geradezu entgegen war. Er selbst behauptete von sich, so oft
man's ihm so nahe legte, dass es ihm an den Fingern brannte: er sei ein
Literatus. Meine Mutter, die sich nicht stark genug dünkte, ihm diese Ehre
abwendig zu machen, liess ihn zwar Literatus sein, indessen pflegte sie ihn in
Rücksicht dieser Würde eine geschwächte, eine zu Fall gekommene Person zu
heissen. Es ging die Rede, dass er das Schneiderhandwerk gelernt hätte; wenigstens
übte er dieses Handwerk aus, und alle meine Schlafröcke und täglichen Kleider
sind durch seine gelehrte Hand gegangen. Was die Feierkleider betraf, konnten
sie freilich keinem Literato anvertraut werden; der Umstand indessen, dass er
Schneiderarbeit verrichtete, schien nicht hinreichend, das Gerede, dass er ein
Schneider wäre, ausser allen Zweifel zu setzen, denn er war im Grunde genommen
ein Tausendkünstler.
    Er hatte sich bei einigen hochwohlgeborenen Herren zum Hofnarren, zum
Kammerherrn, zum Forst-und Jägermeister brauchen lassen, und nachdem er am Ende
einsah, dass es besser sei, ein Schneider als ein Hofnarr zu sein, zog er sich in
bester Ordnung zurück, nahm seine letzten Kräfte der Hofkunst zusammen und war
so glücklich, seine Herren Principale dahin zu überschwatzen, dass ihm zeitlebens
ein standesmässiger, das heisst ein höchst notdürftiger Unterhalt angewiesen
wurde. Die Alten starben und die Jüngeren liessen ihn im Besitz, ohne den Canon
von Witz einzufordern, den sich ihre Antecessoren jährlich hatten bezahlen
lassen. Es legte sich der alte Herr auf den Unterricht der Kinder, stand mit den
Pastoren der Gegend in gutem Vernehmen, und verrichtete, sogar einige heilige
Handlungen, wobei die Herren Geistlichen substituiren können, zuweilen rührte er
das Positiv, welches in einer unserer benachbarten Kirchen stand. Dieses aber
musste wenigstens vierzehn Tage zuvor bestellt werden, und dann war es doch nur
ein Gastpräludium.
    Er behauptete, dass man sich auf ein Präludium eben so sehr, als auf eine
Predigt vorbereiten müsse, und wie der Klang der Worte - wenn er mit der
auszudrückenden Sache wie ungefähr der erste und zweite Diskant harmonire - die
Originalsubstanz der Sprache bewiese, so verriete es einen grossen Musikus, wenn
man das Evangelium so zu sagen ins Präludium setzen und es so deutlich in Noten
ausdrücken könnte, dass wer das Präludium hört, auch zugleich das Evangelium
wissen müsste.
    Hierüber wurden dem alten Herrn von meiner Mutter verschiedene Einwendungen
gemacht; allein er behauptete, er hätte nur neulich das Vater Abraham erbarme
dich mein so natürlich auszudrücken gewusst, dass der ganzen Gemeinde darüber
Furcht und Schrecken angekommen wäre; und da ihm meine Mutter das Evangelium von
der Beschneidung, von den viertausend Mann und vom steinichten Acker entgegen
setzte, und ihn befragte, wie er Weizen und Kornland, fünf Gerstenbrode und ein
wenig Fischlein in der Musik ausdrücken könnte, wollte er zwar im Anfange
behaupten, dass alles dies in die Musik zu übersetzen wäre, nachher aber schämte
er sich über sich selbst. Sie warf ihm sehr oft den steinichten Acker, die
viertausend Mann, die fünf Gerstenbrode und ein wenig Fischlein vor, obgleich
sie an die Beschneidung, ich weiss nicht warum, weiter nicht dachte. Bei dieser
Gelegenheit kann ich nicht umhin, zu bemerken, dass meine Mutter sich vor der
satyrischen Ader des alten Herrn gar nicht fürchtete, so furchtbar ihn auch in
der ganzen Gegend seine Einfälle gemacht hatten.
    »Eine Schneidernadel,« pflegte sie zu sagen, wenn er einen Einfall wider sie
hatte, und wenn sie ihn recht ärgern wollte, nannte sie ihn Tonkünstler, welchen
Ausdruck er weniger als alles leiden konnte, indem er sich hierdurch zu einem
Töpfer erniedrigt zu sein dünkte, und sich hierbei um so mehr getroffen fand,
als er dieses Handwerk in den langen Abenden, wie er versicherte, bloss seine
Augen zu schonen, die freilich durch Noten und Fäden gelitten haben können,
trieb. Er verstand auch etwas vom Schuhmachen, allein nicht das mindeste von der
Poesie. Meine Mutter pflegte daher von ihm zu sagen: er hätte den kalten Brand.
Es war ihm zur Gewohnheit geworden, wenn er etwas suchte, auf den Tisch zu
klopfen, welche Mode die Schneider haben, wenn sie die Scheere suchen; auch
wackelte er beständig mit dem Fusse, welches den Töpfern eigen sein soll. Vom
Schuster hatte er das weite Ausholen mit den Händen, vom Spielmann aber einen
taktmässigen Schritt. Da er für die poetische Gelehrsamkeit meiner Mutter Respekt
hatte, unterstand er sich nicht, aus seinem alten Kramladen ihr zum Nachteil
eine witzige Antwort herauszusuchen. Er sass vielmehr, wenn sie ihn böse gemacht,
ganz still, und wie meine Mutter sagte, so gerade, als wenn er sich barbiren
liess. Obgleich er als Organist, welches in Curland ein seltener Vogel ist, oder
als Schullehrer ankommen können, so hatte er jedennoch alles verbeten, indem er
glaubte, dass er sich hierbei aus den Augen setzen und zugleich allen
Universitäten einen Brandmark geben würde.
    Die Kinder, so er erzog, nahm er nicht anders als bittweise an. Zwar tat er
sehr unzufrieden, wenn er seine Zahl nicht vollständig und seinen Lehrsaal nicht
ganz besetzt hatte, inzwischen schien er nicht darum böse, weil ihm keine Kinder
in die Schule gebracht wurden, sondern weil er nicht gebeten war, sein täglich
Brod zu verdienen.
    Er brachte freilich seinen ihm vertrauten Kindern nicht viel bei; da er
indessen mit für körperliche Uebungen war, konnte ihn mein Vater leiden,
obgleich er mich seinem Unterrichte so wenig, als meine Feierkleider seiner
Nadel anvertraute.
    Da der alte Herr übrigens podagraische Zufälle hatte, welche nach meiner
Mutter Meinung nur ein Edelmann und Literatus haben könnte; da ferner der
ehrliche Nicolaus Herrmann vom Zipperlein geplaget gewesen, welches aus dem
letzten Verse des Liedes: »Wenn mein Stündlein vorhanden ist,« erhellet.
Wer ist, der uns das Liedlein sang?
Ist alt und wohl betaget;
Diessmal kommt er nicht aus der Statt,
Das Zipperlein ihn plaget.
Oft seufzt er und hat Gott im Sinn;
Herr, hol' den kranken Herrmann hin,
Wo jetzt Elias lebet.
    Da auch noch ferner der alte kranke Herrmann viele gute Chorale gemacht und
ein bewährter Tonkünstler und Cantor gewesen, so beehrte meine Mutter zuweilen
den alten Herrn mit dem Namen Nicolaus Herrmann, obgleich ihm die
Haupteigenschaft des Nicolaus Herrmann fehlte und der alte Herr den kalten Brand
hatte. Oft sang sie ihm:
Wer ist, der uns das Liedlein sang -
vor, und so wie sie es dem wirklichen Nicolaus Herrmann übel nahm, dass ihm nicht
für
»Diessmal kommt er nicht aus der Statt«
die Schulbank eingefallen und er gesungen:
Diessmal kommt er nicht von der Bank,
als wodurch ohnehin der Reim »sang« sein bescheiden Teil erhalten hätte, so
empfahl sie dem alten Herrn auch anstatt der letzten Reihe
»Herr, hol' den alten Herrmann hin,
Dort wo es ewig taget.«
Die Verbesserungsfreiheit nahm sie sich indessen sehr selten heraus, denn sie
war keine Liebhaberin von Liederänderungen, und mochte nicht, wie sie sagte, den
Saft und Kraft des Alten wässern und entkräften.
    Die Zuschrift, so der ehrliche Herrmann seinen Liedern vorgesetzt, parodirte
meine Mutter auf den alten Herrn. Ich muss sie hersetzen. Sie verdient's. Die
Herrmannsche Dedication ist nur in zwei Reihen geändert:
»Ihr allerliebste Kinderlein,
Seht, das Choralbüchlein
Soll eu'r und keines andern sein.
Es ist fein albern und fein schlecht,
Drum ist es für euch Kinder recht;
Alt' und g'lehrt' Leut' bedürfen's nicht,
Und die zuvor sind wohl bericht't.
Gott will durch der Säuglinge Mund
Gepreiset werden alle Stund';
Drum o ihr Christenkinderlein!
Durch euch will Gott gelobet sein:
So g'wöhnt euch nun mit allem Fleiss,
Dass ihr Gott singt Lob, Ehr' und Preis,
Und hebt bald in der Jugend an;
Was ich euch dazu dienen kann,
Das will ich tun bis an mein Grab,
Und weil ich geh'n kann an ein'm Stab;
Ob ich gleich wenig bring' davon,
Und Kinderarbeit gibt Kinderlohn,
So wird's doch alles machen gleich
Der liebe Gott im Himmelreich,
Dem sagt allzeit Lob, Ehr' und Preis
Niclas Herrmann, der alte Greis.«
    Der alte Herr war indessen nicht der Herr C.F., wie er in den lettischen
Gesangbüchern bezeichnet ist, welches Christoph Fürecker heisst, denn dieser der
Gottesgelehrteit Beflissener war ein unbezweifelter Literatus und Poet, der aus
Liebe zu den lettischen Declinationen und Conjugationen, wie ich unlängst
gelesen, ein Märtyrer ward, und eine wiewohl bemittelte und freie lettische
Bauerwittwe (hübsch wird sie ohne Zweifel auch gewesen sein) heiratete, um
recht unter das Lettische zu kommen. Ihm hat die lettische Grammatik den
Eckstein, die Kirche aber sehr schöne Gesänge zu danken. Ehre, dem Ehre
gebühret! sagte der alte Herr; und so wenig ich es zugeben würde, dass dem alten
Herrn was abginge, eben so wenig will ich auch meine Leser bei einem Irrtum
lassen, der sich sehr leicht bei ihnen hätte zur Miete anbieten können.
    
    Ehe ich vom alten Herrn zum jungen übergehe, noch ein Wort an den herzlich
geliebten Leser, den wider mein Verschulden der Gedanke befallen, dass die
Charaktere in dieser Geschichte so ziemlich übereinstimmend wären:
    Da mein Vater sein Vaterland und der alte Herr seinen Namen verschwiegen;
    Da meine Mutter sich eben sowohl über den Ritter Jachnis, als den Cantor und
respective Schneider, Töpfer und Schuster, Nicolaus Herrmann genannt, aufhielt;
da - - -
    Allein hierauf dienet dem geneigten Leser zur dienstlichen Antwort, dass ich
die Sache erzähle, wie sie war, und nicht, wie man sie wünschen könnte. Wenn ich
einen Roman schriebe, wäre es was anders. - Haben nicht sogar Völkerschaften
gewisse ähnliche Züge? und jede Stadt und jedes Dorf durch die ganze Welt halten
unter einander wieder ihr Abzeichen. Würde es mir zuzuschreiben sein, wenn die
Unergründlichkeit wirklich der Hauptcharakter unseres Kirchspiels gewesen wäre?
und wäre dieses nicht um so begreiflicher, da mein Vater hierzu den Ton angeben
können? wo hab' ichs indessen je gesagt, dass der alte Herr seines Namens wegen
in Anfechtung gewesen? oder dass er ihn verschwiegen? Ist denn alter Herr zu
heissen nicht eben so gut, als Caspar und Melchior? und ist's einerlei, lettische
Verse machen, welches in Curland was allgemeines ist, und ein Positiv schlagen,
welches selten vorkommt? - Wenn ich ganz aufrichtig sein soll, hast du dich
gewaltig geirrt, lieber Leser, denn du kennest den alten Herrmann nicht weiter,
als wo er von meiner Mutter überflügelt war. Dieser Uebergriff entscheidet
nichts - und was ist's am Ende für Kunst, Physiognomien zu beurteilen, wo der
eine eine Habichts- und der andere eine Mopsnase hat, - wo der eine ein
Verschwender und der andere ein Harpagon ist. Sieh aber leibliche Brüder, sieh
Natur- und Staatsbrüder - find'st du noch Bedenklichkeiten; bist du ein
Recensent, und da verlohnt's nicht, zu streiten, dass du nur nicht hingegeben im
verkehrten Sinn, zu schreiben, was nicht taugt, mir, um dein vorgeschriebenes
Recensionsmass voll zu machen, ein gegebenes Ärgernis andichtest. - Ich
verfluche jedes Wort, das der Religion und ihrer Mutter, der Tugend, nachteilig
sein könnte; allein ich glaube, die Religion in der Kirche verschliessen und sie
nicht ins gemeine Leben bringen, heisst alle Wärme, alle Empfindung des Herzens
aus der Welt verbannen, und Tugend an einen Ort verlegen, wo denen, die nicht
Geistliche sind, weiter keine Handlung übrig bleibt, als öffentlich in den
Seckel zu legen, und kein anderes Verdienst, als still zu sitzen. Ich wette, die
mich auf diese Art zeihen, vergessen, dass wir nur aus der Kirche eine glühende
Kohle vom Altare heimholen sollen, um im gemeinen Leben Gott Opfer der
Gerechtigkeit und der Menschlichkeit zu bringen, die allein ein süsser Geruch vor
dem Herrn sind und wert geachtet in seinen Augen. Auch seine Heiligen sind
nicht rein vor ihm, und warum soll ich also meine Mutter anders darstellen, als?
- Ich bin zu bewegt, als dass ich heute mehr könnte als die Sonne untergehen, und
wenn ich ins Bett' mich lege, nach meiner Mutter Weise ein Licht ausbrennen -
sehen.
                                                    Geschrieben an einem schönen
                                                                Abend den - 17 -
    Benjamin gefiel mir unter allen Jungen unseres Kirchspiels am besten, und da
ich vollkommen entschlossen war, aus ihm den Darius (den kleinen oder letzten)
zu machen, so muss ich gestehen, dass ich viel Mühe befürchtete, durchzukommen.
Zum Glück fiel mir die Tronerhöhung eines seiner Vorfahren ein. Wie kann
Benjamin Darius werden? sagte das Heer. Hier sind acht Jungen, die gerade Beine
haben, und ausserdem, dass dem Herrn Benjamin (so nannten sie ihn schon, weil er
Candidat des Trons war) das Bein nicht an der rechten Stelle sitzt, hat er den
Fehler, dass er link ist. Nehmt sieben, sagt' ich, nach Anzahl der sieben
Fürsten, welche den König Smerdis mit seinem Anhange ausrotteten, und der,
dessen Pferd, wenn ihr beim Spital angeritten kommt, am ersten beim Aufgange der
Sonne wiehern wird, sei Darius. Gut, sagten die sieben Candidaten zur
königlichen Würde; allein sie wussten nicht, dass der königliche Candidat es so
einrichten liess, wie es Darius, des Hystaspis Sohn, oder vielmehr dessen
Stallmeister einrichtete, und wie man es noch bis auf den heutigen Tag bei allen
Wahlen, man wähle einen König, einen Landesdeputirten, einen Priester, einen
Küster einrichtet. Es wird überall gewiehert. Kurz Benjamins Pferd wieherte
zuerst, und die Krone war sein, damit ich sie ihm durchs Recht der Waffen,
welches das besonderste Recht von allen ist, nehmen könnte. Er nahm die
Glückwünsche an, und da ich bei dergleichen Dingen erschrecklich gelehrt war,
brachte ich noch so viel Umstände aus der Geschichte bei, dass ich nunmehr,
wiewohl zu spät, aus der Bewunderung des Volks einsah, wie ich um eines Darius
wegen eben kein Pferd hätte wiehern lassen, sondern bloss meine Zunge tapfer
brauchen dürfen. Einen Alexander durften wir nicht suchen, denn die heilige
Taufe hatte mir dazu ein Recht gegeben. - (Das Glück ist nicht viel auseinander,
einen Freund oder einen Feind zu haben, der uns Ehre macht, und wenn ich also
den Benjamin zu meinem Feinde anzunehmen kein Bedenken trage, was wollten denn
die Jungen?) - Fast schäme ich mich, da ich meinen Lesern so spät eröffne, dass
ich Alexander heisse. Um indessen diese Verspätung gut zu machen, will ich dabei
bemerken, dass meine Mutter mit diesem Namen den Alexander Einhorn, zweiten
Superintendenten in Curland, mein Vater aber den wirklichen Alexander, oder den
Alexander Magnus, den Alexander, gegen den alle andere Alexander es nicht sind,
zu verstehen schienen. Meine Mutter hielt sogar das Wort Einhorn für eine freie
Uebersetzung des Namens Alexander, und rief mich daher sehr oft Einhörnchen,
obgleich mein Vater nicht sonderlich damit zufrieden war. Sie hätte um alles in
der Welt willen nicht Olympias sein wollen. Es war ihr sehr unangenehm, dass wir
heidnische Historien aufführten, daher sie, sobald sie Kriegsgeschrei im Dorfe
hörte, uns die Historie vom Joseph in Vorschlag brachte, wozu sie unter andern
den Grund hernahm, weil ich einen bunten Rock hatte. Indessen bestärkte mein
Vater meinen Entschluss, Alexander zu werden, und war dabei so zufrieden, dass ich
den guten Mann als Feldpropst hätte mitnehmen können, wenn Alexander einen
Feldpropst gehabt hätte.
    Zum Aristander war mein Vater nicht als ein christlicher Geistlicher zu
brauchen, eine so wichtige geistliche Rolle auch Aristander zu seiner Zeit in
der Geschichte Alexanders spielte. Gelegenheiten machen Diebe, Gelegenheiten
machen Helden, und es ist nicht zu läugnen, dass auch Alexander Gelegenheit
gefunden. Aristander indessen, das wett' ich, hat eben so viel getan als
Alexander, obgleich der erste eigentlich nur ein Gelegenheitsmacher war. Von der
Auslegung des Traums des Philippus an, welchem vorkam, dass er den Leib seiner
königlichen Gemahlin Olympias mit einem Wappen, worauf ein Löwe gegraben war,
versiegelt, als welchen Traum Aristander auf einen Sohn, der ein Löwe sein
würde, auspunktirte, bahnte er durch alle seine Auslegungen unerhörte Wege. Es
ging wie beim Religionskriege zu Aristander gab dem Alexander, seinem
Generalfeldmarschall Bucephalus und der ganzen Armee den Sporn. Die Auslegung,
als man ihm meldete, dass eine Bildsäule des Orpheus geschwitzt hätte, gefiel
seinem christlichen Herrn Collegen, meinem Vater sehr übel. Es sollte dieses
nach des Aristanders Deutung anzeigen, wie die Poeten bei der Alexandriade
schwitzen würden. »Dass dich,« - sagt mein Vater, »Aristander hat bei dieser
Auslegung selbst geschwitzt.« Ich kann es jetzt zwar meinen Lesern nicht ohne
Lachen erzählen, durch den Umstand sehr aufgefordert zu sein:
    Dass in der Nacht, da ich geboren, ein Backhaus durch einen Brand zerstört
        worden.
Indessen brauchte mein Vater diesen Vorfall sehr zu meinem Vorteil. Es war das
Gerüste, auf das ich stieg, um gut dazu zu kommen, die Leiter, mich, so jung und
klein ich war, doch künstlich gross zu machen. Der Vorfall diente ihm meine
Lebenskarte zu illuminiren, und es half mir diese Fiction bei Sprachen und bei
Schlachten. Wenn gleich ich mir nicht einbilden konnte, dass die Diana nicht Zeit
gehabt, das Backhaus in Protection zu nehmen, da sie bei meiner Mutter
Hebammendienste verrichtete, schien's mir doch was Denkwürdiges. Das Feuer vom
Backofen war mir eine Leuchte auf manchem sauern Vocabelnwege, und nimmermehr
würd' ich dieses alles so herzlich erzählt haben, wenn nicht bei tausend
Merkwürdigkeiten, die in der Welt geschehen, ein abgebranntes Backhaus der
Entstehungsgrund wäre. Eine Art Bucephalusgeschichte veranstaltete mein Vater,
da er einem Pferde diesen Namen verehrte, das wie alle andere Pferde war, das
seines Schattens wegen nicht in Unordnung kam, und das eben nicht wert war, im
besondern Verstande von der Sonne beschienen zu werden. Meinem Tempel der Diana
indessen war der Gaul sehr angemessen. Ich sah verschiedenes, was man beim
Bucephalus sah, allein ich konnte es nicht ändern, dass ich nicht auch
verschiedentlich etwas anders sah. Mein lieber Vater sah alles mit.
    Was der Herr von Voltaire in seiner Geschichte »Alexander Magnus« vom
Bucephalus unter andern im sechsten Buch und fünften Kapitel sagt, dass nämlich
Alexander denselben non eodem quo caeteras pecudes animo aestimabat, das traf
bei mir auf das genaueste ein; wenn ich ihn abrichten wollte, dass, wenn ich
aufstieg, er die Knie beugen und empfinden sollte, wer ihn zu besteigen ihm die
Ehre erwiese, war er doch zum Kniebeugen nicht gelehrig, und wenn ich die
aufrichtige Wahrheit sagen soll, viel zu steif; wie ich denn auch blind sein
müssen, falls ich behaupten sollen, dass ers empfunden, wenn ich oben war, wen er
trüge, wie Herr von Voltaire in dem angezogenen Roman vom Bucephalus des
Alexanders berichtet, et regem, quum vellet ascendere, sponte sua genua
submittens excipiebat, credebaturque sentire, quem veheret.
    Ueberhaupt war es ein sehr alltägliches Pastoratspferd, und darf ich's also
nicht bemerken, dass mit der Reiterei bei meinen Feldzügen es nur sehr schlecht
bestellt gewesen. Dies ist ein unverlöschlicher Beweis, dass ich zu keinem Roman,
wo beständig ein merkwürdiges Pferd nötig ist, wohl aber zur Geschichte, wo man
mehr zu Fusse ist, (wie's am Tage und an mir erfüllt wird) Stoff abgeben könne.
Für Talente war mein Bucephalus nicht gekauft; mein Vater konnte auch nicht
sagen, da ich ihn zum erstenmale unter meine Füsse gebracht, dass sein Pastorat zu
klein für mich wäre; indessen hatte ich das Unglück, dieses Pferd, wiewohl
Alters wegen, während dem Kriege zu verlieren. Es starb nicht den rühmlichen,
den schönen Tod fürs Vaterland; indessen heisst der Ort, wo es mit andern seines
gleichen, welche aber nicht den grossen Namen Bucephalus geführt, begraben ist,
Bucephalia bis auf den heutigen Tag. Das ist alles, was ich mich unterstehe, in
einer wahren Geschichte von einem Pferde zu erzählen.
    Der gordianische Knoten war für mich ein wahrer Knoten, denn ausserdem, dass
ich zuweilen meiner Mutter, wegen meiner kleinen Hände, beim Stricken, wenn
etwas verknüpft war, kindliche Dienste geleistet, war mir kein gordianischer
Knoten vorgekommen, obgleich ich mich schon in dieser Erwartung im Knotenlösen
so geübt hatte, dass mir so leicht nichts zu sehr verknüpft war. Ich hatte den
Stolz, den Knoten nicht symbolisch, nicht witzig, sondern künstlich lösen zu
wollen. Da ich indessen eine geraume Zeit vergebens auf einen gordianischen
Knoten gewartet hatte, führte mich die Knotensucht auf das Geistige. Ich legte
diesen Umstand in der Geschichte des Alexander so aus, wie man vieles auszulegen
gewohnt ist. Ich deutete es auf schwere Stellen in den Autoren, die man durchaus
witzig lösen muss. Mein Kopf war hiebei so fertig, als meine Hand beim
Strickzeug; und wie Alexander, nach dem Berichte des oberwähnten
Romanenstellers, sagt: nihil interest quomodo solvatur: so konnte man auch, was
loco citato hinzugefügt wird, von meinen meisten kritischen Erzählungen sagen:
oraculi sortem vel elusit vel implevit.
    Es würde ferner eine Unwahrheit sein, wenn ich meinen Lesern erzählen
sollte, dass ich meinen Vater beneidet und mit Tränen bedauert, dass er mir keine
Sünder zu bekehren übrig liesse.
    Mein Vater legt' es auch nicht an, einen Alexander den Grossen aus mir zu
ziehen, ich sollte nur Alexander werden.
    Unter dem Orden Gross, sagte er, liegt etwas Seelenverderbendes, es trage
diesen Orden ein Monarch unterm oder überm Kleide, oder ein Privatmann am
Knopfloche. Hüte dich vor dem, den Gott gezeichnet hat.
    Regenten, die sich so peinlich, wie Alexander der Grosse, bemühen, Gross zu
heissen, leben nicht der lieben Unsterblichkeit wegen. Sie tragen Fesseln, die
ihnen die Dichter und Redner anlegen. Wenn es gleich das Ansehen hat, als ob die
Dichtkunst und Geschichtskunde auch den Huldigungseid abgeleistet hätte, wissen
sie doch, dass einer von diesen Zünften sie bei einer Lampe in einer Stunde um
eines ganzen Lebens Ruhm bringen könne. Sie zittern vor einem jeden, der Reime
kommandiren, oder: es war einmal ein Mann etc. schreiben kann.
    Wie Alexander des Homers Schriften verehret, weiss jeder, welcher weiss, dass
Homer und Alexander in der Welt gewesen. Homers Schriften waren sein Gesangbuch,
das er auf Reisen mitnahm, und da er ein güldenes Kästchen erbeutet, antwortete
er denen, die ihn fragten: »wozu?« den Homer hinein zu legen. Das waren mehr als
silberne Clausuren.
    Den Nachkommen des Pindars liess er Salvegarden anschlagen, und beehrte auf
diese Art das Haus dieses Dichters, und damit der Maler Apelles selbst das
Äussere eines Alexanders nicht verunstalten möchte, schenkte Alexander, wie man
erzählet, ihm eine seiner vorzüglichsten Inclinationen. Des Malers wegen tat
er's nicht. Der gute Apelles sollte diese Schönheit nackt in forma probante
vidimiren, und konnte nicht der Liebe widerstehen. Alexander merkte diese
Neigung und befriedigte sie.
    Die Gewalt, die sich die Grossen des Nachruhms wegen antun, die sie zu
Knechten ihres ganzen Lebens macht, ist von der Hofmanier ungefähr wie ein
Tänzer vom Fechter unterschieden. Alles ist solch eines Grossen wegen da, bis auf
den lieben Gott, den er aber auch nur der Curialien halber in Ehren hält. Tut
er was Gutes, plaudert es nicht nur seine Rechte der Linken aus, sondern es wird
ausgetrommelt, als wenn man in einer Glücksbude oder Lotterie was gewonnen hat.
Bei ihrem Gutstun sieht's so wie beim stolzen Geiz aus, der aus Not gedrungen
ist ein Mahl auszurichten. Es soll was sein! sagen die Leute. Ein grosser
Privatmann ist noch unerträglicher. Riegelt die Türen eurer Herzen zu, wenn er
sich melden lässt, und lasst ihn höchstens ein Visitenblatt einreichen. Ich wollte
mit ihm nicht unter einem Dache wohnen, wenn gleich er mir den rechten Flügel
seines Schlosses aufräumen würde. Lieber will ich beim Lot auf dem Boden
schlafen. Jonatan Wild ist noch der leidlichste unter Grossen dieser Art.
    Warum war ich denn Alexander? Respondetur eben darum, weil Eugen unterm
Spiegel hing, und weil man bei meinem Vater zu Hause eher als in Curland Spargel
isst, in der freien Luft eine Pfeife raucht, Wein braut und lange Manschetten
trägt. Ich sollte zwar nicht gross werden, allein ich sollte auch nicht klein
bleiben. Hier hatte er eine feine Distinktion, die ich mir nicht getraue
wiederholen zu können. Sie würde mir untern Händen bleiben.
    Mein Vater war - wie ich schon meinen Lesern bei einer andern Gelegenheit
reinen Wein aus seinem Geburtsorte, wo man ihn bei der Quelle trinkt,
eingeschenkt - sehr für mannhafte tapfere Leute, mitin lag ihm der
Soldatenstand nicht aus dem Wege. Alles war bei ihm nach Soldatenart. Er hatte
zum Exempel die Gewohnheit, alle Jahre seinen Büchervorrat, den er Armee oder
seine Macht nannte, auszustäuben. Dies hiess, in seiner Sprache, sie mustern und
Revue halten. Alle acht Tage (nach russischer Art) zogen zehn Bücher auf die
Wache. Es war ein besonderer Ort, wo sie aufgestellt wurden. Seine Absicht war,
diese zehn zu durchlaufen. Meine Mutter fand hiebei viel Anstössiges, weil auch
geistliche Bücher sich diesen Kriegsdienst gefallen lassen mussten. Vielleicht
liegt der Umstand, den ich noch anführen will, nicht sehr aus dem Wege.
    Mein Vater mochte gern wilde Tiere zähmen. Er sagte zwar: »wir sind auf die
Art Menschen geworden; Gott weiss, was aus ihnen wird.« Indessen warf er hierbei
einen Seitenblick auf den monarchischen Staat und den Soldatenstand, wofür er im
Grunde des Herzens war.
    Das sind die Data, die ich meinen Lesern, in Hinsicht seines Entwurfs zu
meiner künftigen Bestimmung, bis hierher mit dem Mantel der Liebe und mit dem
Pelz der Verschwiegenheit bedeckt habe.
    Warum aber, wenn ich zu mir selbst komme, diese Hüllen? Meine Leser werden,
das weiss ich, von meiner Ehrlichkeit keinen bösen Gebrauch machen, da sie
nunmehr wissen, was ich weiss.
    Für einen Mann aber wie du, lieber Vater! ein unerwarteter Plan, dass ich aus
dem Stahl und Stein deines Feuerzeuges keinen einzigen Funken mehr
herausschlagen kann.
    Zwar weiss ich, dass die Bürger zu viel Zeit brauchen, Zeitungen zu lesen, um
selbst zu Zeitungen Gelegenheit zu geben, dass sie zu weichlich sind, um sich das
Auge und den Rücken frei zu halten. Indessen, lieber Vater, sieh an die Tiere,
von denen wir durch die Kunst verdorbene Menschen leider die Natur absehen
müssen, haben sie einen Obersten? einen Hauptmann? einen Lieutenant, einen
Fähndrich? und ausser dem Zank unter sich und mit andern Tieren ist der Mensch
ohnehin ihr Türke, ihr Erbfeind. Ein jedes Tier wehrt sich seiner Haut; und
wenn wir uns zusammenarmen, wir! die wir durch Boden und Sonne vereinigt sind,
um das nämliche zu tun, würden wir dann nicht vernünftige Tiere sein? Ein
jeder wäre Soldat und Bürger, jeder hätte Leib und Seele. Der Gelehrte würde
abgehärteter, der Soldat vernünftiger sein, und allen wäre geholfen.
    Meine Leser werden, das sehe ich im Geiste, die Köpfe schütteln, wenn sie
den dritten Teil meiner Geschichte mit dieser Stelle in einem Gliede marschiren
sehen werden. Sie können mir indessen nicht verargen, dass ich ihnen den
Schlüssel vom fünften Akt verhalte, denn warum sollten sie einem Feuerwerk des
Mittags um zwölf Uhr zusehen, das erst um zwölf Uhr in der Nacht abgebrannt
werden soll?
    Die Kriege wurden griechisch geführt, die Reden respective lateinisch, und
wegen des Ekels des Benjamin gegen diese Sprache, lettisch gehalten. Recht wurde
nach Leonhart Fronspergers kaiserlichen Kriegsrechten gepfleget. Rechne, lieber
Leser! alles dieses zusammen, schwerlich ist Summa Summarum: Soldat, wenigstens
bleibt der Zweifel, was für ein miles? (Soldat) togatus oder sagatus, ein Soldat
mit dem Haarzopfe oder mit der Alongenperücke. Die Behauptung meines Vaters, dass
man aus den römischen Gesetzen, und was ihnen anhängt, lateinisch, und aus den
alten deutschen Gesetzen und ihren Verwandten deutsch lernen könnte, stützt den
gegebenen Zweifel; allein meines Vaters Bibel wird den Ausschlag geben.
    Mein Vater hatte alle Schriftstellen, wo von Soldaten geredet wird,
gezeichnet. Im zweiten Buche der Maccabäer, im dreizehnten Kapitel und
fünfzehnten Verse, sagt' er, wird die Parole ausgegeben. »Und er lagerte sich
bei Modin und gab diese Worte ihnen zur Losung«: »Gott gibt Sieg!« Jetzt, sagt'
er, hat sich die Parole, recht als ob sie ihm selbst war gegeben worden, von
dieser Art sehr gändert, indessen könnte diese Manier im Kriege mit Nutzen
gebraucht werden, um das sinkende Rohr aufzurichten und den flimmenden Docht
aufzufrischen. - Von Feldgeschrei wird im Buche der Richter im siebenten Kapitel
vom achtzehnten bis zwanzigsten Verse geredet: hier lag ein grosses Zeichen:
»Wenn ich die Posaune blase, und alle, die mit mir sind, so sollt ihr auch die
Posaunen blasen um's ganze Heer, und sprechen: hie Herr und Gideon! Also kam
Gideon und hundert Mann mit ihm an den Ort des Heeres, an die ersten Wächter,
die da verordnet waren, und weckten sie auf, und bliesen mit den Posaunen und
zerschlugen die Krüge in ihren Händen. Also bliesen alle drei Haufen mit
Posaunen und zerbrachen die Krüge. Sie hielten aber die Fackeln in ihrer linken
Hand, und die Posaunen in ihrer rechten Hand, dass sie bliesen und riefen: hie
Schwert des Herrn und Gideon!«
    Es fand mein Vater im zweiten Buch der Chronik im dreizehnten Kapitel im
vierzehnten Verse ein Bataillon quarré:
    »Da sich Juda umwandte, siehe, da war vorn und hinten Streit. Da schrien sie
    zum Herrn und die Priester trommeteten mit Trommeten«,
wie er denn auch mit dieser Spruchstelle bewies, dass die Priester ehemals
Hautboistendienste verrichtet; diesen Spruch führte er beständig an, wenn er vom
geistlichen Priestertume redete, und legte ihn von dem Mute aus, den ein
Christ dem andern bei den Feldzügen und Scharmützeln dieses Lebens zuzublasen
verbunden wäre, um ihn wenigstens zu betäuben. Ueber die Werbung, Handgeld und
Musterung hatte er im zweiten Buche der Chronik im fünfundzwanzigsten Kapitel
den fünften und sechsten Vers gezeichnet:
    »Und Amazia brachte zuhauf Juda, und stellete sie nach der Väter Häusern,
nach den Obersten über tausend und über hundert unter ganz Juda und Benjamin,
und zählete sie von zwanzig Jahren und drüber, und fand ihrer dreihunderttausend
auserlesen, die ins Heer ziehen mochten, und Spiesse und Schilde führen konnten.
Dazu nahm er aus Israel hunderttausend starke Kriegsleute um hundert Centner
Silbers.«
    Jetro, sagte er, hat die ersten Patente als Oberster und Kapitän gegeben,
und von ihm schreiben sich die Herren Stabs- und andere Officiere her, im
zweiten Buche Mosis im achtzehnten Kapitel vom neunzehnten bis zum
siebenundzwanzigsten Verse heisst es also:
    »Aber gehorche meiner Stimme, ich will dir raten und Gott wird mit dir
sein. Pflege du des Volks vor Gott, und bringe die Geschäfte vor Gott, und
stelle ihnen Rechte und Gesetze, dass du sie lehrest den Weg, darin sie wandeln,
und die Werke, die sie tun sollen. Siehe dich aber um unter allem Volke nach
redlichen Leuten, die Gott fürchten wahrhaftig, und dem Geiz feind sind, die
setze über sie, etliche über tausend, über hundert, über fünfzig und über zehn,
dass sie das Volk allezeit richten. Wo aber eine grosse Sache ist, dass sie
dieselbe an dich bringen, und sie alle geringe Sachen richten. So wird dir's
leichter werden, und sie mit dir tragen. Wirst du das tun, so kannst du
ausrichten, was dir Gott gebeut, und alle dies Volk kann mit Frieden an seinen
Ort kommen. Mose gehorchte seines Schwähers Worten und tat alles, was er sagte.
Und er wählete redliche Leute aus ganz Israel und machte sie zu Häuptern über
das Volk, etliche über tausend, über hundert, über fünfzig und über zehn. Dass
sie das Volk allezeit richteten, was aber schwere Sachen wären, zu Moses
brächten, und die kleinen Sachen sie richteten. Also liess Mose seinen Schwäher
in sein Land ziehen.«
    Das Exerciren bewies er aus dem andern Buche der Könige im fünf und
zwanzigsten Kapitel im neunzehnten Verse:
    »Und einen Kämmerer aus der Stadt, der gesetzet war über die Kriegsmänner,
und fünf Männer, die stets vor dem Könige waren, die in der Stadt funden wurden,
und Sopher, den Feldhauptmann, der das Volk im Lande kriegen lehrte, und sechzig
Mann vom Volk auf dem Lande, die in der Stadt funden wurden - -«
    Gern hätte ihm meine Mutter diese Zeichen insgesammt wie Spreu in die Luft
zerstreuet; allein sie schien diese Schriftstellen selbst als bewaffnet
anzusehen,
    und nun sollen sie so lange wie Fahnen in der Kirche hängen. Da liegt sie
    vor mir, diese väterliche Bibel, wo Stunde, Tag und Jahr meiner Geburt von
    meinem Vater eingeschrieben ist. Sei mir gesegnet, göttliches Buch!
    Bei meinem Namen steht: eine schwere Geburt! der Name des Herrn sei gelobt!
Feierlich bete ich Amen dazu! Teure Bibel, jedes Zeichen in dir, ob's gleich
eine Menschensatzung ist, bleibt mir doch unschätzbar. Es entält für mich einen
Zug vom Bilde meines Vaters, der überwunden hat. Lasst mich einen Augenblick,
damit ich meine Hände zu den Bergen hebe, von welchen uns Hülfe kommt. Unsere
Hülfe kommt im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat! - -
    Ich finde Örter mit einer solchen papiernen Schildwache versehen, wo
                    vom Schwerte,
                    von Pfeilen,
                    Bogen,
                    Lanzen,
                    Panier,
                    Trompeten, geredet wird;
                    wo ein Fähnlein wehet,
                    ein Gezelt im Lager stehet,
                    Gold ausgeteilt wird,
und wo das Wort ausziehen, welches nach seiner Erinnerung marschiren und nicht
laufen bedeutet, gebraucht ist.
    Ferner liegen Zeichen bei den Worten: Kriege, Kriegsknechte, Streiter,
Streitgenossen oder Kriegskameraden;
    bei List, Hinterhalt, Schlagen, Fechten, Streiten, Wagenburg, Sturm und
Beute;
    beim Hauptmann von Capernaum und bei drei Obersten.
    Ihr sollt unversehrt bleiben, ihr! nur lieben Zeichen, und so oft ich dich,
teure Epistel am einundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis, die erschrecklich
begriffen ist, im Haupt-Exemplare sehe, und sonst lese und höre, seh' ich und
les' und hör' ich meinen Vater.
    Hierauf wollen meine christlichen Leser mit teilnehmender Herzensandacht
verlesen hören: die Epistel am einundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis, wie
sie beschrieben stehet in der Epistel an die Epheser im sechsten Kapitel und
zehnten Verse, und wie sie in unserer deutschen Uebersetzung lautet:
    »Zuletzt, meine Brüder, seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner
Stärke. Ziehet an den Harnisch Gottes, dass ihr bestehen könnet gegen die
listigen Anläufe des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu
kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt,
die in der Finsternis dieser Welt herrschen mit den bösen Geistern unter dem
Himmel. Um desswillen so ergreifet den Harnisch Gottes, auf dass ihr, wenn das
böse Stündlein kommt, Widerstand tun und alles wohl ausrichten und das Feld
behalten möget. So stehet nun, umgürtet eure Lenden mit Wahrheit, und angezogen
mit dem Krebs der Gerechtigkeit, und an Beinen gestiefelt, als fertig zu treiben
das Evangelium des Friedens, damit ihr bereitet seid. Vor allen Dingen aber
ergreifet den Schild des Glaubens, mit welchem ihr auslöschen könnet alle
feurige Pfeile des Bösewichts, und nehmet den Helm des Heils und das Schwert des
Geistes, welches ist das Wort Gottes.«
    Wenn ich mir die Seelenfreude vorstelle, mit welcher mein Vater über diese
Epistel predigte, empfind' ich ein gross Stück dieser Seelenfreude. Meine Mutter
sagte zwar: »Heute geht er gestiefelt und gespornt, wie ein geistlicher Ritter,
auf die Kanzel.« Lass ihn, liebe Mutter! den hochwürdigen und gestrengen Herrn.
Es ist ein Mann, mein Vater! Wenn es gleich aus der heiligen Schrift ziemlich
deutlich hervorgeht, dass er für den Soldatenstand sei, bin ich denn darum schon
in Reih' und Gliedern? - Warte, wenn ich bitten darf, den dritten Teil meiner
Geschichte ab - und am Ende, liebe Mutter! heisst es: Gebet dem Kaiser was des
Kaisers, und Gott was Gottes ist! Sind wir nicht geistliche Soldaten, die sich
zum Himmel durchschlagen müssen? Die klugen Israeliten mussten mit dem Könige
vorn Willen nehmen, da die Pluralität einen begehrte. Gott gab allen einen
König. Sapienti sat.
    Clitus, damit es meine Leser nur ja wissen, ist auch nicht in unserm
Kirchdorfe erstochen, vielmehr ist er noch jetzt am Leben und sitzt auf dem
väterlichen Acker. Er hat mir nicht das Leben gerettet, auch ist seine Schwester
nicht meine Amme gewesen. Dies Trauerspiel ward also als ein Lustspiel
vorgestellt, wie man es mit den meisten Trauerspielen machen kann. I nunc ad
Philippum et Parmenionem et Attalum, wurde nüchtern gesagt, und blieben daher
die Busstage aus, vielmehr wurde ein allgemeines Gelächter, weil Clitus so frisch
und gesund seiner Wege ging, wie unsere Schauspieler, wenn sie erstochen,
erschossen und mit Gift vergeben sind. Seneca, das fällt mir eben ein, hätte
sich die Todesart wählen sollen, im Trauerspiele am fünften Akt zu sterben. Es
wäre seinem Leben und seinen Schriften angemessener gewesen, und leichter muss es
auch sein, als wenn man sich alle Adern öffnen lässt.
    Die schönen Redeübungen, doch nur von Alexanders Seite, womit der beredte
Curtius seine Leute ausstaffirt, konnte ich auf ein Haar. Benjamin hielt alles,
was er hielt, aus oben angezeigten wichtigen Gründen in curischer Sprache; ich
habe dem Q. Curtius Rufus eben den christlichen Namen Voltaire beigelegt, um
diesem letzten mit Ehren grau gewordenen Dichter und Geschichtschreiber,
Comödien- und Tragödiensteller, den ich von Person kenne, vorzüglich wegen
seiner Geschichte bei dieser Gelegenheit ein Compliment zu machen.
    Dieser grosse Mann trägt's auch am Knopfloche, und wenn er als
Geschichtschreiber auftischen lässt, fehlt's an gesundem, unverfäschtem Weine.
Gebackenes die Menge. Da heut eben sein Geburtstag ist, hoffe ich von ihm, wegen
dieses kleinen Andenkens, Toleranz, und von meinen Lesern Verzeihung!
    Es ist schon gesagt, dass die Nüchternheit bei unserm Alexanderspiel
beobachtet wurde; indessen tranken wir Wasser aus dem Hute, wenn's in der Rolle
vorkam, dass getrunken werden sollte; und der Hut stellte des Herkules Becher
sehr gut vor. Ich konnte also nicht durch das Gift des Weins ums Leben kommen,
sondern lebte den Curtius einigemale durch und durch.
    Ich zog mit wenigen Jungen oder Pfefferkörnern dem Benjamin Darius und
seinem Mohnsamen auf den Hals.
    Wir lieferten alle Schlachten, die Alexander geliefert hat.
    Bei Issus in Cilicien, welches über Feld lag, verlor Benjamin Darius eine
Menge Volks, und ich bekam seine Frau Mutter Majestät, seine Frau Gemahlin
Majestät und seine Kinder königliche Hoheiten zu Kriegsgefangenen. Die
königliche Frau Mutter stellte, auf Befehl meines Vaters, unsere alte Köchin
vor, und meine Mutter sagte: »kann sie nicht lieber die Potiphar machen?«
Benjamins Schwester war die älteste Prinzessin Tochter, und des Ritter Jachnis
Frau und Tochter stellten die königliche Frau Gemahlin und Tochter vor. Wegen
des Prinzen waren wir nicht verlegen, denn hierzu hatten wir viele Jungen im
Dorfe. Mit der Schlacht bei Arbela hatte die persische Monarchie ein Ende.
    Der Tod des Darius ward nicht vorgestellt, weil Benjamin über den Tod nicht
spassen wollte, und aus Todesangst sehr leicht untern Händen bleiben können. Es
fehlte uns auch eine Kleinigkeit, die goldnen Ketten. Wenn alle Schlachten zu
Ende waren, fingen wir sie von Anfang an, obgleich, wenn wir an die
Gefangennehmung der königlichen Familie kamen, wegen der königlichen Frau Mutter
der Verdruss unvermeidlich war. Meine Mutter beklagte sich über die Köchin, dass
sie wenigstens drei Tage bei dieser königlichen Gelegenheit den Gehorsam
aufsagte und vorzüglich alles versalze. Desto besser, sagte ich, sie macht ihrer
Stelle Ehre. Die Frau Potiphar würde sie besser machen, antwortete sie, und ich
brachte ihr das Salzfass, ging mit ihr in die Speisekammer, ass unterm
Eier-Monument ein Stück Schinken, und die Köchin blieb die königliche Frau
Mutter.
    Die Jungen im Dorfe nannten diese feierlichen Tage Talken, allein ich
brachte diesen unheiligen Namen ab und pflanzte so viel Griechisch im ganzen
Dorfe, dass derjenige, welcher der lettischen Sprache die Ehre tat, sie aus
meiner Welt zu beurteilen, die griechische Sprache für Mutter, Schwester,
Tochter oder was weiss ich für was für eine nahe Blutsverwandtin von der
lettischen halten musste.
    Die königlichen Gefangenen waren bei mir so gut als beim Alexander
aufbewahrt. Ich war eben so wie Er justus hostis und misericors victor. Die
königliche Frau Gemahlin würde auch schwerlich jemanden, wenn gleich er sie
nicht so gut als Alexander und ich besessen, in Versuchung geführt haben, da sie
bei den Blattern um ein königliches Auge gekommen war.
    Nach dieser Anzeige darf ich auch nicht bemerken, dass die dreihundert
sechzig Pellices (Kebsweiber) nicht angebracht werden konnten; wie denn auch
deshalb nicht zu behaupten war, Pellices CCC et LV totidem quod Darii fuerant,
regiam implebant. Denn Benjamin wusste in diesem Stücke eben so wenig wie ich,
was gut oder böse sei. Ich vermied mitin den Vorwurf des Lagers: dass ich mehr
verloren als gewonnen hätte, und dass, obgleich ich den Darius überwunden, ich
doch von ihm in diesem Stücke wäre überwunden worden (ex Macedoniae Imperatore
Darii satrapem factum).
    Bei dieser Gelegenheit indessen, und vorzüglich weil Darius seine Gemahlin
so sehr, wie Hans seine Grete geliebt, sah ich seine und des Alexander und des
Königs Salomo Kebsweiber für Lexika an, die man, um ein Wort nachzuschlagen,
nötig hat.
    Ausser den Soldat- und Sprachabsichten hatte mein Vater auch eine moralische,
woran ihn sein Priesterkleid auch bei einer heidnischen Geschichte erinnerte. Es
ward oft mitten in der Schlacht ein Porisma ober ein Komma gemacht, womit ich
aber meine Leser nicht belästigen, mir selbst aber nicht in die Rede fallen
will.
    Die Geschwindigkeit, z.E. in der Ausführung, ist für jeden Alexander eine
Haupteigenschaft. Ist's möglich, nimm Postpferde, sagte er, wenn du tust -
allein denk erst! Kannst du Courierpferde haben, desto besser! Was geschwind
geschieht, vergeht geschwind, kann nur von Planen verstanden werden, oder über
die ganze Regel, wie über viele, ein Schwamm! Wer bald gibt, gibt doppelt, und
wer schnell tut, ahmt Gott nach, der sprach und es ward.
    Unter anderem behauptete er auch, dass Aristoteles durch den Alexander und
Alexander durch den Aristoteles so gross geworden, als sie's wirklich waren. Mali
corvi malum ovum! Einer war stolz auf den andern; wie er denn auch der Meinung
war, dass solche ausserordentliche Leute, wie Alexander, an dem nichts mittelmässig
als seine Gestalt war, und der unter den Grossen der Flügelmann ist, nicht
vierzig Jahre alt würden, und dass grosse Eigenschaften auch grosse Laster, oder
wenigstens grosse Fehler zu ihren Waffenträgern hätten.
    Alexander, sagte er, täte alles der ateniensischen Avisen wegen, allein er
nehme mir nicht übel, dass ich ihm nicht beitreten kann. Er, welcher die ganze
Welt für eine Festung ansah, wo ihm nur verstattet worden, auf den Wällen
herumzugehen, sollte des Wandsbecker Boten wegen in Aten? - - - Nein, die
späteste Nachwelt war sein Ziel; unser Dorf, wo Er gespielt wurde, war seine
Aussicht, und wahrlich, wir sind nicht die ersten Kinder, und werden auch nicht
die letzten sein, die den Alexander spielen. Diese Geschichte hat viel Unheil in
der Welt angerichtet, vom Brudermörder Caracalla an bis auf den heutigen Tag
wird sie ins Grosse und ins Kleine gespielt, allein es geht, leider! dabei nicht
so ruhig zu, wie in - und in unserm Dorfe, wo Gottlob! kein Blut vergossen wird.
    Und ich? warum vergiess' ich Tinte, warum ergreif' ich die Feder? warum bin
ich Alexander und Q. Curtius Rufus in einer Person? Das ist ein gordianischer
Knoten im ganz besondern Sinne! Einer wird sagen, um in der - gelobt oder (wie
ich vorlaut bin!) recensirt zu werden, ein anderer, um über tausend Jahre den
Jungen im Dorfe zum Marionettenspiele zu dienen, ein anderer - die Zeit wird's
lehren.
    Schon vor vierzehn Tagen sagte ich übermorgen! und legte also eine
schriftliche Zusage ab, an diesem Uebermorgen meinen Lesern den Zeitpunkt zu
bestimmen, wenn mein Vater den zweiten Diskant rühmlichst mitzusingen
angefangen, um sie in diesem Sinne nicht länger absque die et consule zu lassen.
Ich hätte keine Stundung ober Tagung vonnöten gehabt, wenn nicht ein guter
Freund, der nach Gastrecht zu behandeln war, diesen Aufschub veranlasst. Heute
will ich meine Schuld abtragen, wenn ich zuvor meinem guten Freunde eine
glückliche Reise gewünscht habe.
    Damit ich alles siguire, war's in meinem vierzehnten Jahre, da ich ohne
Hoffnung krank darnieder lag. Mein Vater konnte nicht begreifen wie's zuging.
Bei einer solchen Bewegung an Leib und Seele, sagte er, wo kommt das Uebel her?
    Vom betrübten Sündenfalle, half ihm meine Mutter aus, denn alles Böse war
bei ihr ahnenreich und vielschildig.
    Vom betrübten Sündenfalle, seufzte mein Vater, und meine Mutter sang aus
vollen Seelen- und Leibeskräften:
Heut' sind wir frisch, gesund und stark,
Sieh, morgen liegen wir im Sarg;
Heut' blüh'n wir wie die Rosen rot,
Bald krank und todt,
Ist allentalben Müh und Not.
    Mein Vater, der diesen Vers mit vieler Andacht gehört, doch aber noch nicht
mitgesungen hatte, verfolgte seine Zweifel. Seine Meinung, um sie zu filtriren,
war, dass ein Mensch, der der Natur getreu wäre, und ihrem Fingerzeige folge -
denn es ist Gottes Finger, setzte er hinzu - dass ein solcher Mensch, der seiner
Seele und seinem Körper nicht zu viel, nicht zu wenig täte, nicht krank werden,
und ehe er achtzig erreicht hätte und das Gewicht abgelaufen wäre, auch nicht
sterben könne.
    Allein die Tiere, sagte meine Mutter, sind krank, ehe ihre Stunde schlägt.
    Tut alles nichts zur Sache; Haustiere sind wie Menschen am Hofe. Sie sind
verwöhnt. Wilde Tiere, das wäre ein Einwand, allein nur ein scheinbarer, denn
der Mensch hat Verstand.
    »Nur nicht in seiner Kindheit; selbst wenn er älter wird, verdirbt er sich
den Magen.«
    Dafür hat ein Kind Vater und Mutter. Der Eltern Verstand ist der seinige.
Ist er erwachsen und übertritt sein bescheiden Teil, trifft's meine Regel
nicht.
    »Aber wenn Vater und Mutter schon krank sind, ehe sie ein Kind in diese
Hütten Kedars setzen; ich sag's nicht von uns beiden.«
    Du hast Recht. Gottlob! aber wir sind frisch, gesund und stark, wie du
gesungen hast.
    »Indessen etwas fehlt einem jeden, und wenn er ein Gesicht wie ein
Stettiner-Apfel hätte. Wir haben alle einen Schaden und der kommt von Adam her,
du magst sagen was du willst. Siehst du, wie ich durch die offene Türe beim
betrübten Sündenfalle bin. Hast du nicht selbst gesagt, Toren! sie wollen das
Fleischessen auf einmal abbringen! das Kind kommt schon mit Fleischhunger und
Bischofsdurst auf die Welt. Allmählig und durch fünf Generationen (wars nicht
so?) muss es erst zur Natur reducirt werden. Da siehst du, wie ich deine Prose
behalte. Ich habe noch in meinem Leben nicht so geistlich mit dir gesprochen,
wie jetzt. Gott Lob für diesen Tag!«
    Wenn du so den Fall Adams nimmst, hast du Recht; kann aber der liebe Junge
nicht aufstehen? Arbeit ist die beste Arznei wider den Tod. Auch ein Kranker
sollte arbeiten, wenn's nur so viel ist, als er zu seiner Beköstigung braucht.
Das ist wenig! Die Natur hat ihm nicht mehr auferlegt, als er ertragen kann. So
allmählig, als ein Kranker Appetit bekommt, fängt er auch an besser zu werden.
    Ich. Vater, ich kann nicht mehr auf, kann auch nicht mehr essen.
    Mein Vater. Armer Junge! (Geht ab. Ich wollte versuchen aufzustehen.)
    Meine Mutter. Bleib, bleib! Es ist immer besser, die Krankheit trifft uns
auf dem Bette, als auf dem Felde. Davon weiss ich auch ein Lied zu singen!
Gewisse Krankheiten wollen wie vornehme Leute behandelt werden; man muss ihnen
entgegen - ein Flussfieber nimmt's so genau nicht.
    Mein Vater kam wieder, fasste mich an die Stirn und Hände, und ich konnte an
seinen Augen in Frakturschrift lesen, was er, sobald er merkte, dass ich
hereinsah, vor mir verbarg.
    So sehr mein lieber Vater wider die Aerzte war, die er wie die Beichtväter
und Gewissensräte für etwas hielt was uns und unsern Gott und die Natur, sein
Werk, von einander schiede, so gab er doch dem Verlangen meiner Mutter nach, die
sich ihr Votum nicht nehmen liess.
    Oft habe ich ihn sagen gehört, ohne Arzt stirbt man leicht und schnell. Mit
einem Arzte stirbt man täglich. Wer bis in seinen letzten Augenblick lebt, wer
beharrt bis aus Ende, stirbt nicht - er wird lebendig gen Himmel geholt, und
dies alles kann man nur ohne Arzt. Dies und noch mehr sagte er sehr oft, allein
jetzt blieben diese schönen Sprüche weg, er schrieb an den Doctor Saft, der
sechs Meilen von meinem Puls entfernt war, und machte ein Gesicht als ein
Referent, der von seiner Meinung durch die Mehrheit abgestimmt ist.
    Die Antwort des Doctor Saft traf ihm das Herz. Er war nicht mehr. Er
bestätigte mit seinem Beispiele, dass uns die Aerzte feig machen, indem sie
Gefahren aufdecken, die vor uns verborgen sind.
    Meine Mutter hingegen war so sanft wie ein Lied. Er nahm sie an der Hand,
zeigte ihr den saftischen Brief, und sie, ohne Schrei ohne Ach, stimmte an, ihre
Augen gen Himmel:
Da wird uns der Tod nicht scheiden,
Der uns jetzt geschieden hat;
Gott der Herr wird selbst uns weiden
Und erfreu'n in seiner Stadt.
Ewig, ewig für und für,
Ewig, ewig werden wir
Mit einander jubiliren
Und ein englisch Leben führen.
Noch sang mein Vater nicht mit. Seine Seele war versunken in Schmerz. Meine
Hoffnung, sagte er, die der Herr bei meinem stummen Gram mir in einem fremden
Lande aufgehen liess: ein Nachtfrost, und siehe da -
    Er hat grosse Hitze, sagte meine Mutter.
    Gütiger Gott! lass ihn mir, lass ihn einem Unglücklichen, der für sich lange
die Wünsche aufgegeben, zu dem Staube seiner Väter versammelt zu werden.
    Herr Superintendent Alexander Einhorn, fiel meine Mutter ein, liegt in
Curland begraben, -
    O mein Sohn! sagte mein Vater;
    und meine Mutter: er hat die Kirchenordnung im Jahre ein tausend fünf
hundert und siebenzig verfertigt; -
    O mein Sohn! sagte mein Vater;
    und nach ihm blieb die Superintendenten-Stelle vierzehn Jahre unbesetzt.
    O mein Sohn! beschloss mein Vater, der sich in seinem Gebete nicht hätte
stören lassen, wenn's eingeschlagen hätte. O mein Sohn, mein Sohn! wollte Gott,
ich könnte für dich sterben!
    Hierauf sagte meine Mutter kein Wort.
    Ich sah bei dieser Gelegenheit, was ich oft gesehen, dass das schlecht und
rechte Christentum eine edle Gleichgültigkeit, einen gewissen Liederton im
Leben wirkt, der uns bei allem in der Welt, wär's auch ein Alexander-Verlust,
Ruhe ins Herz weht. Mein Vater schlug wie Petrus mit dem Schwerte drein. Seine
Religion war ein höheres Halleluja, welches aber für die Vollendeten gehört, und
das für die Zeitlichkeit nicht zu sein scheint. Bald sind wir zwar, wenn wir uns
in diesem höhern Chor befinden, entzückt bis in den dritten Himmel, bald aber
schreien wir: Herr hilf uns, wir verderben!
    Lange stand mein Vater mit gelähmter Seele, allein meine Mutter brach diesen
Seelenschlaf durch einen freundlichen guten Morgen.
    Eins, sagte sie, lieber Mann, bedaur' ich.
    Ich mehr als Eins, sagte mein Vater; und was ist dieses Eine? mein Kind!
fuhr er mit einer bedeutenden Miene fort.
    Meine Mutter nahm ihn (ohne ihm zu antworten) bei der Hand, und drückte ihm
ein wiederholtes liebliches: Was denn? heraus.
    »Dass ich ihn predigen gehört.«
    Mein Vater seufzte laut, ohne ein Wort zu sagen.
    Nach ihrer Meinung hätte mir eine Predigt einen gewissen Rang im Himmel
zuteilen müssen. Ob ich nun gleich nicht die Kanzel bestiegen, so versicherte
mich jedennoch meine Mutter, da mein Vater mit gekreuzten Händen hinausgegangen
war, dass sie mir ebenfalls ein Monument in der Speisekammer errichten würde. Der
alte Herr, sagte sie, soll deinen Namen in Mitau zum Druck befördern, und da du
von deinem lieben Vetter eine schreckliche Aehnlichkeit hast, ist euch beiden
geholfen.
    Von den sechs Nägeln für einen Vierding sind noch zwei übrig. Verlass dich
auf deine Mutter!
    Dieser an sich unbeträchtliche Umstand von den zwei übriggebliebenen Nägeln
fiel mir so auf, dass ich von dieser Minute an den letzten Rest meiner Hoffnungen
einbüsste, und meinen ungezweifelten Tod in den zwei Nägeln sah. Wären wohl zwei
Nägel übrig geblieben, wenn es nicht darum gewesen wäre, deine Grabschrift zu
befestigen, dacht' ich, und warum würden wohl sechs Nägel für einen Vierding zu
haben sein, wenn ich nicht diesmal sterben sollte? Ich war kein Alexander mehr,
und ich fühlte es, dass die Medicin mit der Einbildungskraft stritte und dieses
letztere überwand. Es schlug nichts an.
    Wenn er nur ein einzigesmal gepredigt hätte, wiederholte meine Mutter; und
mein Vater, der bei dergleichen Irrtümern sonst ein sehr heftiger Widerleger
war, tat nichts weiter als seufzen. Eine totale Sonnenfinsterniss lag auf seiner
Seele, sein Herz konnte nicht ins Geleise gebracht werden. So vergingen drei bis
vier Tage. Werde ich sterben? fragt' ich. Gott kann dir helfen! sagte er; und
meine Mutter, wie Gott will! und beide, Amen!
    Nach einer Weile zog ich meine Mutter fest an mich: »Ei, die zwei Nägel?«
Sie glänzten mir so schrecklich, als die Kometen dem gemeinen Manne. Wie
verstellt die Verzagteit, die Mutter der Hypochondrie, die Geberden eines jeden
Dinges?
    Meine Mutter, ohne die Frage in ihrem Umfange zu denken, antwortete: Sie
sollen dein!
    Ach! war meine Antwort;
    Und hilft dir Gott, fuhr sie fort, hänge ich deine Lieblingswürste dran.
    Die, sagte ich, Liebe, die - ich konnte sie vor Freuden nicht bestimmen.
    Eben die, erwiederte sie.
    Das war Medicin. Ich sammelte mich. Die Kometen verloren ihren Schein. Ich
sah, anstatt meines Namens im Druck, zwei kleine Würste. Ich bekam Appetit und
hätte gewiss alle beide aus freier Faust aufgegessen, wenn nicht alsdann die
beiden Nägel wieder vacant geworden wären. Ich schlief die Nacht, und wenn mein
Vater nicht noch ganz verfinstert gewesen wäre, würd' er aus meinen Augen eben
so viel gelesen haben, als ich zuvor aus den seinigen las.
    Ehe noch das Fatale interponendae und introducendae abgelaufen und mein
Leben ober Tod res judicata (eine rechtskräftige Sache) war, bekam mein Vater
einen Brief, für den er viel Postgeld bezahlen musste, und dieser Brief brachte
ihm den zweiten Diskant mit, den meine Leser ihn sogleich singen hören werden.
    Er las diesen Brief, las ihn wieder, und da er ihn zum drittenmale anfing,
rief er mit wehmütiger Stimme: Licht! Es ist aus! - Gott! - schrie ich - aus!
und meine Mutter: aus!
    Wenn er lieber auf die Würmer curirt hätte? fragte meine Mutter meinen
Vater; nicht wahr? lieber auf die Würmer?
    »Es ist aus!« sagte mein Vater. Der Stärkste in seiner Kunst ist Saft nicht,
fuhr meine Mutter fort. Ich wette, er ist da Doctor geworden, wo der alte Herr
Literatus gewesen ist. »Gottes Wege sind nicht unsere Wege!« sagte mein Vater.
»Im fünf und vierzigsten Jahre seines Alters im Herrn entschlafen!« Wer? fiel
meine Mutter ein, Doctor Saft? ist er todt, der geschickte Mann? Curland
verliert viel an ihm!
    Mein Vater. Die letzte Stütze des Hauses!
    Meine Mutter. Er hat noch einen Bruder!
    Mein Vater. Licht! Licht! Licht! Licht!
    Meine Mutter. Wie! todt? am Schlagfluss?
    Mein Vater. Alles todt! alles todt!
    Meine Mutter. Mit Weib und Kind?
    Mein Vater. Licht! Licht!
    Man brachte ein Licht.
    Noch eins! sagte er, und nachdem er beide Lichter (es war heller Tag)
hingestellt hatte, nahm er eine Handvoll Papiere, die sich mit dem neuen Briefe,
für den er eben so viel Postgeld bezahlt hatte, begrüssten, und nachdem er diese
Papiere allzusammen gen Himmel gehalten, sagte er: »wie du willst,
unbegreiflicher Gott!«
    Er steckte an, und noch hör' ich die wehmütige Stimme! Wir sind Staub, und
unsere Hoffnungen Staub und alles Staub! Hier verbrannte er sich die Finger,
indem er das eine Papier nicht zeitig genug fallen lassen. Heilige Asche, diese
Träne sei Weihwasser für dich. Mit dir, geweihter Staub! will ich den Sarg
meines Sohnes begrüssen. Du bist Erde und sollst zur Erde werden.
    Cleopatra, die eine Perle austrank, sagt' er nach einer Weile, hat nicht
mehr verzehrt, als ich heute, und kein Lucius Plaucius hat die andere Perle
gerettet.
    Die Nägel fingen wieder an zu blinken, ich sah meinen Tod vor Augen, und
empfand, wie es einem jungen Menschen von vierzehn Jahren zu Mute ist, wenn er
sterben soll.
    Freilich hätte mir einfallen können, dass ein Brief vom Doctor Saft und so
viel Postgeld nicht im Verhältnis wären; doch fiel es meiner Mutter so wenig wie
mir ein.
    Mein Vater zog mit dem Doctor Saft über mein Leben schriftlich Schach. Mein
Vater schrieb ihm seinen Zug, der Doctor den seinen, und die Verwirrung, die
mein Vater durch das Wort aus, welches ein schreckliches Wort ist, und durch die
zwei Lichter am hellen Tage, welche zum Worte aus eben so schrecklich abstechen,
erregt hatte, brachten meine Mutter und mich auf den Gedanken, Doctor Saft hätte
Schachmatt gesagt. Das Feuer ist ein vernichtendes Element! Noch schaudert mir
die Haut, da ich diese Papiere brennen und in Asche, ohne Leben und Bestand und
Saft, verwandeln sehe; solch einen Eindruck machte dieses Feuer auf mich. Ich
würde meinen Leib um alles nicht verbrennen lassen, und viele meiner Leser,
welche bedenken, dass die Verwesung zugleich eine Geburt sei, werden mir
beitreten.
    Die Art, wie mein Vater anfänglich die Sache betrieb, liess mich vermuten,
Doctor Saft hätte unbedachtsam gezogen, und was mich noch freut, ist dies, dass
ich dem Doctor Saft nicht fluchte.
    Gott verzeihe ihm, sagte ich, und meine Mutter setzte hinzu: aus
Barmherzigkeit!
    Nachdem wir beide, meine Mutter und ich, aus den abgebrochenen Reden einen
andern Schluss zogen, Doctor Saft wäre nämlich vorausgegangen, wünschten wir ihm
beide aus gutem Herzen eine glückliche Reise; ich will ihm abbitten, sagte ich,
wenn ich ihn im Himmel sehe, dass ich ihn unrecht verdacht habe. Nach
vollbrachtem Opfer sah ich eine Träne nach der andern die Wangen meines Vaters
herabfliessen und die Papierasche, die sonst verflogen wäre, anleimen.
    Es sei nun das weinende Auge meines Vaters, oder das unrichtig vermutete
Schachmatt des Doctors, oder sein selbsteigener tödtlicher Hintritt die Ursache,
die meine Mutter zum Singen brachte, sie fing an:
Gott eilet mit den Seinen -
und bei der zweiten Strophe fiel mein Vater im zweiten Diskant ein (zum
erstenmale hören ihn also meine Leser mitsingen):
Lässt sie nicht lange weinen
In diesem Jammertal.
    Wenn ich jetzt die Sache überlege, finde ich, dass ich eigentlich damals nur
einen Sterbenden vorstellte; ich starb schön, ich starb poetisch, denn mein
Körper hatte sich von den zwei kleinen Würsten erholt. Mein Herz war aber aller
der Vorgänge wegen im fünften Akte des Trauerspiels. Ich war bewegt - ich sah
alles mit mir sterben; bis auf die Lichtputzerin zu weinte alles (ich weiss
nicht, ob es die königliche Frau Mutter oder ein anderes Geschöpf war).
    Eine Bitte habe ich an Vater und Mutter, fing ich nach einer langen Stille
an.
    Meine Mutter, die unfehlbar sich vorstellte, dass es wegen des Monumentes in
der Speisekammer wäre, fragte leise: »an beide?« Ja, liebe Mutter, und gleich,
lieber Vater, sagte ich laut. Sprich, sagten sie beide. Verlasset - hier weinte
ich zärtlich - Minchen, des alten Herrn Tochter, nicht. Gut, sagte mein Vater;
warum? fiel meine Mutter ein. Weil ich sterbe und mich ihrer in dieser Welt
nicht annehmen kann, liebe Mutter. Schade, dass ich es nicht kann! Wie ich
Alexander und sie die Tochter des Darius war - denke nicht mehr daran, sagte
meine Mutter; wollte Gott, du wärest Joseph und die alte Babbe (Barbara)
Potiphars Weib gewesen - hab' ich gefunden, dass sie verdiente, Königin zu sein.
Ich habe ihr nie gesagt, dass ich ihretwegen des Amtmanns - - Christoph zwei
Finger gelähmt - Gott stärke sie, wenn es dem Christoph nützlich und selig ist.
Ich meine seine beiden Finger. Christoph behauptete, Minchen sei verwachsen; das
ist sie nicht, sagt selbst, liebe Eltern! Das ist sie nicht! versicherten beide,
und ich fügte noch einmal hinzu: das ist sie nicht. Nach meinem Tode, fuhr ich
fort, entdecke ihr, liebe Mutter, meinen Streit mit Christoph und dass ich ihr
gut gewesen bis in den Tod; denn ich möchte gern, dass sie mich nicht vergässe und
mir auch gut wäre bis in den Tod. Meinen Benjamin grüsst von mir, auch den
Christoph. Die Sonne ging nicht unter während unserm Zorn. Grüsst das ganze Heer!
- Nicht wahr, mein Vater, jetzt kann kein anderer als Benjamin im Dorfe
Alexander werden? (Joseph, willst du sagen, sagte meine Mutter, und drückte mir
die Hand.)
    Alexander, erwiederte ich, will ich sagen. Meine Mutter sah meinen Vater an,
mein Vater sah auf die Erde. Benjamin, fuhr ich fort, hat zwar die rechte Hand
nicht in seiner Gewalt, allein sonst ist's ein guter Junge. Ehrlich und treu wie
der Wiederhall. Das Bein verwächst sich vortrefflich; und fallen gleich die
lateinischen Reden weg, im Lettischen ist er Alexander. Minchen, Benjamin und
ich waren Castor, Pollux und Helena. Ein Drittel dieses Dreiblatts welkt, Gott
segne die Zurückgebliebenen mit dem Tau seiner Gnade. Wenn Minchen heiratet,
ich möcht' es nicht gern, wenn aber - sehet zu, liebe Eltern, dass sie einem
ehrlichen Kerl ihre Hand gibt, und nun - und nun - hier stockt' ich - lebt wohl,
meine teuren, lieben, gütigen Eltern, lebt wohl! lebt wohl! Hier nahm ich alle
ihre Hände zusammen und küsste sie und sagte: Gott vergelte euch alles Gute. Dir,
liebe Mutter, das Geräucherte unterm Kupferstich. Seid Minchen und Benjamin gut,
liebe Eltern, und wenn es sein kann, lasst mich hinter der Kirche an dem grossen
schwarzen Kreuze begraben, wo mein liebstes Lager war. Lieber Vater, du weisst
den Platz so gut wie ich. Minchen wird, das weiss ich, sich gern auch da begraben
lassen - wenn anders ihr Mann es zugibt; und auch ihr, meine lieben Eltern, wenn
ihr so gütig sein wollet, ruhet zusammen mit mir bis an den Morgen des jüngsten
Tages. - Dann gehe ich mit Minchen, wie ein Bräutigam mit seiner Braut, aus der
Schlafkammer. Eine lange Brautnacht. - Mein Herz bebt vor dem Worte lange
zurück! Gott schenke uns allen eine angenehme Ruhe! - Wir weinten alle. Die
Tränen meiner Mutter flossen sanft, so sanft als ein warmer Mairegen. Mein
Vater war heftig. Stirb, sagte er, im Namen Gottes, der Himmel und Erde gemacht
hat! und meine Mutter: Amen! und ich: Gott mit euch in alle Ewigkeit! und wir
alle drei zusammen: Amen! Amen!
    Nach einer kleinen Weile fragte mich mein Vater, ob ich noch Minchen, oder
Benjamin, oder beide zusammen sehen wollte? - Minchen? sagt' ich heiter,
Minchen? Nein - Minchen nicht, lieber Vater, sie würde sich zu sehr grämen, wenn
sie ihren Gemahl Alexander sterben sehen sollte. Sie hat mich bloss als
Ueberwinder gesehen. Benjamin? auch nicht, er würd's ihr vorwimmern, was er
gesehen, gehört und empfunden hat; Benjamin ist ein guter Junge, nicht wahr,
lieber Vater? Er muss Alexander werden! Lange genug ist er Darius gewesen - und,
in Wahrheit, es ist nicht viel, Darius zu sein. Er und ich waren gute Feinde
zusammen, eine Seele in zwei Leibern.
    Dieses alles brachte mich auf ein Codicill. Ich änderte mein Testament und
bat meine Eltern, Minchen nichts, auch nichts vom Christoph, auch nichts vom
grossen Kreuze zu eröffnen, wenigstens die Publication des Testaments noch viele
Jahre auszusetzen. Meine Mutter, die mit der Anfrage meines Vaters, die zwei
Lieblinge meines Herzens noch in dieser Welt zu grüssen, unzufrieden geworden,
freute sich, dass alles so vortrefflich beigelegt und der vorige Druckfehler
verbessert war. Er ist schon ein Engel, sagte sie, und es war völlig klar in
ihrem Gesichte. Werden wird er's, sagte mein Vater. Bei ihm sah es noch sehr
finster aus. Der Platzregen hatte aufgehört, allein eine Gewitterwolke hielt ihn
zurück, und man hörte von ferne ein Donnerwetter murmeln. Ich bin ruhig, sagte
er, und das ist immer der grösste Beweis, dass man's nicht ist. Nichts ist so
leicht anzusehen, als Ruhe. Ein Hofmann selbst könnte sie nicht verbergen, wenn
er die Ruhe je zu kennen die Gnade gehabt. Im Grunde war er so ruhig als ein
Mann, dem Haus und Scheuern abgebrannt sind, und dem ein gutgesinnter Nachbar
ein Kämmerlein mit einer Klinke eingeräumt hat.
    Mein Feierabend bricht heran, willst du nicht, sagt' ich, Licht bringen,
liebe Mutter! das hin und her tut wanken, bis ihm die Flamm' gebricht, alsdann
fein sanft und stille lass, Herr, mich schlafen ein!
    Meine Mutter setzte hinzu: Nach seinem Rat und Willen, wann kömmt dein
Stündelein!
    Mein Vater wurde von dieser letzten Oelung unterrichtet, ohne dass man dabei
des Eierheiligen dachte, und seine Seele war gerührt. Es fielen grosse Tropfen.
    Noch nicht, sagte meine Mutter zu mir, dein Auge ist noch zu hell. Dies soll
das Letzte sein, damit du die letzten Worte noch im Himmel singen kannst.
    Mein Vater ermannte sich nach einer Weile, um mich mit der Stadt Gottes
bekannt zu machen. Er hatte einen andern Himmel für ein Kind, einen andern für
meine Jahre. Wir sprachen viel. Ich fragte ihn so, als ob er schon dagewesen,
und er antwortete mir so. Ich will nur etwas anführen:
    Seine Meinung war, dass die Verwandlung eben so gross nicht sein würde. Wir
können, sagte er, nichts mehr durch ein Seherohr sehen, was wir nicht schon
durch's Auge gesehen haben.
    In dieser Welt sehen wir in der Ferne eine Menge Menschen wie Dünste aus der
Erde steigen, wie Gesträuch - im Himmel kommen wir diesem Menschenklumpen näher,
wir kennen sie, wir geben ihnen die Hand; indessen blieb uns wohl auch in der
Welt ein Haar auf ihrem Haupte verborgen? In der Welt ist alles gezeichnet, dort
ist's ausgemalt. Was wir hier im Kleinen sahen, geht uns dort im Grossen auf. Was
ist in der Welt für eine Wissenschaft, die nicht schon in unserer Seele läge?
Nur Licht hereingebracht und alles ist aufgedeckt - der gemeinste Mensch
begreift alles, noch mehr, er weiss alles, was du ihm sagest. Gib ihm den ersten
Buchstaben, er gibt dir den zweiten. Wir lernen nichts, was eigentliche
Wissenschaft, bleibende Kenntnis, himmlische Wahrheit ist. Die Seele ist ein
gestimmtes Instrument, das nur gespielt werden darf; und wenn du die Kunstwörter
von der Sache abnimmst, diese Rüstung, die einem kleinen Körper das Ansehen
eines Riesen gibt, find'st du nichts Unerwartetes. Wenn du die Tressen vom
Kleide absonderst, ist's dem gemeinsten Mann, als hätte er sein eigen Kleid an.
Quantum est in rebus inane! Die Gelehrten bemühen sich weislich, dieses ihr
Kunststück nicht zu verraten, weil sie damit auf die Märkte ziehen, und grosse
bunte Zettel drucken lassen, um sich für Geld zu zeigen.
    Ist's denn Wunder, wenn der Gelehrte dem Ungelehrten in der andern Welt
nichts nachgeben wird! O ihr Toren, die ihr glauben konntet, ein Gelehrter
würde dort schon eine höhere Klasse der himmlischen Glückseligkeit betreten, als
ein Bauer. Der letzte wird in Wahrheit nur ein kleines nötig haben, um dem
Gelehrtesten gleich zu sein. Der einzige Unterschied zwischen einem Gelehrten
und Ungelehrten in der andern Welt wird sein, dass der erstere mehr vergessen muss
als der letztere, um himmlisch zu wissen, was er weiss; und was ist schwerer?
vergessen, was man nicht halb, nicht ganz wusste, oder gleich die Sache beim
rechten Ende fassen? Der Literatus (welches in Curland gemeinhin ein gekaufter
Titel ist), wenn ihm auch dieses Diplom seiner Geschicklichkeit wegen ohne Geld
und gute Worte zugestanden werden kann, hat nicht Ursache stolz zu sein, denn
der Unwissende unterscheidet sich von dem Wissenden bloss dann, dass dieser sagen,
aussprechen kann, was beide wissen, und das erste Capitel von dem, was sie beide
nicht wissen. Ein schönes Buch, das wirklich schön ist, das vom Herzen kommt und
zu Herzen geht, was meinst du? Hast du das nicht alles gedacht, was drin steht?
Du hast nur - eine Kleinigkeit - nicht das Buch selbst geschrieben. Du hast
nichts gelernt, sondern nur mit diesem Buch Feuer in deiner Seele angefacht.
    Mein Vater nahm Gelegenheit diese Sätze auf Vernunft und Religion
anzuwenden.
    Aber die Sprachen, sagte ich, lieber Vater?
    Nur eine ist da, und keinem wird ein Wort fehlen. Sieh! wie fein und
lieblich ist's, wenn Brüder einträchtlich bei einander wohnen, wird's von
Gedanken und von Worten heissen. Es werden Zwillinge sein, wie Nachbarskinder
werden sie zusammenhalten.
    Hier, fuhr er fort, lernen wir Sprachen, um mit der Natur umgehen zu können.
Wir wollen uns ihr gern bequemen, und da ihre Hofsprache unbekannt ist, halten
wir viele Sprachen in Bereitschaft, und kommen, da kein Mensch mehr als Eine
Sprache recht wissen kann, mit einem Frachtwagen voll Grammatiken und
Wörterbüchern, um bei der Königin Natur, mit Beihülfe dieser Dolmetscher,
Audienz zu haben!
    Die Natur versteht, wie Gott der Herr, eben so gut deutsch, als griechisch
und lateinisch; auch sie will nicht mit Worten, sondern im Geiste und in der
Wahrheit verehrt sein. Eine Sprache ist der Hauptstuhl, das eigentliche Capital,
die andern sind die Zinsen.
    In dieser Welt sprachst du mit Gott deutsch. Jachnis spricht lettisch mit
ihm. Wenn ein Deutscher französisch betet, lässt er sich vom lieben Gott
französische Vocabeln überhören. Die letzten Worte sind alle in der
Muttersprache, auch die letzten Seufzer so. Da kommt gemeinhin alles an Stell'
und Ort. Man sagt sogar, dass sich das ganze Gesicht im Sterben verändere und der
Hofmann wie ein anderer Mensch aussehe, und der Cain ohne Zeichen da läge, alles
in Gottes Gewalt.
    Zu jeder Sprache, das weisst du, lieber Junge, denn du hast ausser der
commandirenden deutschen mehr als eine, gehört eine andere Zunge und ein anderer
Mensch. Von der in der andern Welt lässt sich, glaube ich, kein einzig Wort, auch
nicht einmal lieber Gott, mit einer Menschenzunge aussprechen. Da fehlt's am R,
am H, am L, und an jedem Buchstaben. Eine Engelzunge ist uns vonnöten.
    Meine Mutter sang mitten unter dieser Predigt, da mein Vater Atem holte:
Wie herrlich ist die neue Welt,
Die Gott den Frommen vorbehält!
Kein Mensch kann sie erwerben.
Doch ist zu jener Herrlichkeit
Auch ihm die Stätte zubereit,
Herr! hilf sie ihm ererben.
Einen
Kleinen
Schall von jenen
Freudentönen
Schenk dem Schwachen,
Ihm den Abschied leicht zu machen.
    Mein Vater lehrte mich nachdrücklich das Irdische, das Hinfällige, das
Hektische in dem grössten Teile der menschlichen Kenntnis, und da er nur ein
wenig anhielt, fing meine Mutter wieder an:
Herr! wir wallen sämmtlich hier,
Da der Leib uns hält verschlossen,
Brüder! Menschen! was sind wir?
Fremd' und Reichsgenossen.
Unsers kurzen Wandels Lauf
Geht hinauf,
Da wir her entsprossen.
    Historie, fuhr mein Vater fort, ist darum gut, damit sich nicht die
Kaufleute freuen, wenn Kinder und Narren zu Markte kommen; und Erdbeschreibungen
und Reisen zu Wasser und zu Lande und Weltentdeckungen, damit wir uns selbst
entdecken und kennen lernen.
    Ich lese, das weisst du, sehr gern Reisen, um in mich selbst zu kehren; ich
freue mich über jede neue Völkerentdeckung, weil ich hierdurch den Schlüssel zu
mir selbst und zu meinem Nachbarn finde. Vom Anbeginn ist's so nicht gewesen,
wie es jetzt in der Welt ist.
    Meine Mutter hatte vieles in dieser Predigt gefunden, was ihr zu prosaisch
war. Ihr Himmel bestand aus einer Schaar heiliger Sänger und Sängerinnen. Da,
pflegte sie sonst zu mir zu sagen, werden wir nicht reden, sondern alles wird
Musik sein. Lauter Duettos und Terzetten, Recitative und - sie wandte indessen
jetzt nur bloss mit dem Kopfe ein, den sie zuweilen von der Linken zur Rechten,
wie die meisten Menschen ihre Köpfe zu schütteln gewohnt sind, schüttelte.
    Wenn mein Vater nur etwas still hielt, wollte sie anstimmen, indessen konnte
sie keinen Takt zu Ende kommen, mein Vater griff beständig plötzlich an.
    Es ist ein Gott! deine Seele ist sein Hauch, er ist! er war! er wird sein!
Sein Bevollmächtigter ist das Gewissen. Du fühlst diesen Machtaber, wenn du ihn
gleich nicht siehest, als einen gegenwärtigen Zeugen, wenn du im Stillen Gutes
oder Böses tust. Er ist mit dir, er geleitet dich, um dich dort als Bürger in
der Stadt Gottes einschreiben zu lassen mit einem neuen Namen, der über alle
Namen in der Welt ist.
    Gottes Güte, seine Gerechtigkeit ist's, dass wir im Tode nicht gar aus sind,
seine Barmherzigkeit hat kein Ende! Neu ist sie am Morgen der Ewigkeit! Welch
eine Sonne, die dann aufgeht! Welch ein Wort, Ewigkeit! Etwas ohne Ufer und ohne
Grund.
    Dort haben wir nicht nötig, uns um einander zu bekümmern. Die Eltern
brauchen keine Pflege, die Kinder keine Stütze: Ganze wird unser Gegenstand
sein.
    Gott, der in uns angefangen hat das gute Werk, wird's vollenden in Ewigkeit.
Wir werden ihn sehen von Angesicht zu Angesicht, jetzt sehen wir ihn im Spiegel,
der seine Welt ist, den er uns vorhalten liess, und da unser Standort dunkel war,
sahen wir nur wenig, nur dass er war! Dort werden wir sehen, was er ist!
    Selig sind die Todten, die im Herrn sterben! Sie stärken sich durch einen
sanften Schlaf zu himmlischen Beschäftigungen, um zu erwachen nach Gottes Bilde.
Muss der Mensch nicht hier immer im Streite leben? Seine Tage sind wie eines
Tagelöhners. Man legt ihn in die Erde, und wenn man ihn morgen sucht, beschämt
ihn der Stuhl, wo er sass, das Buch, das er eben gelesen hat, denn er ist dahin;
den Sucher ergreift ein Schauder. Heil dem, der in der Jugend vollendet wird! Er
kommt froh zum Grabe, wie Garben mit Jauchzen eingeführt werden zu ihrer Zeit -
du wirst liegen und schlafen ganz mit Frieden, denn allein der Herr hilft dir,
dass du sicher wohnest - -
    Zu allem diesem sprach meine Mutter den Segen. Empfange, sagte sie mit
gerührtem Herzen, hierauf den Segen des Herrn:
    Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über euch und sei euch gnädig! - und
da kein Chor antwortet, setze ich, sagte sie, selbst hinzu: Der Herr erhebe sein
Antlitz auf uns und gebe uns seinen Frieden, Amen!
    Sie sprach diese Worte mit einer so zuversichtlichen Segensstimme, dass meine
Seele das Licht sah, das mir leuchten sollte bei dem schrecklichen Todesgange,
und die Hülfe empfand, die mir helfen würde bei dem allerletzten letzten
Todesstoss.
    Kaum hatte sie ihn aber mit Herzen, Augen, Mund und Händen ausgesprochen,
ihr Auge war gen Himmel gerichtet, ihre Hände hatte sie auf mich gelegt - kaum
hatte sie Amen gesagt, so ward sie des Segens wegen verfolgt, weil der Candidat
mit den langen Manschetten, der vor vieler Zeit, wie meine Leser sich erinnern
werden, einen kalekutischen Hahn verzehren geholfen, während des Segensspruchs
ins Zimmer getreten war. Es war dieser gute Mann in der Bauskeschen Präpositur,
welche, so wie die Seelburgsche, den dreigliedrigen Segen angenommen hatte.
    Der Herr Superintendent Alexander Gräven, unter dessen Regierung, wie meine
Mutter zu sagen pflegte, ich leider! das Licht der Welt erblickt, hatte im Jahr
eintausend siebenhundert und achtzehn den dreigliedrigen Segen eingeführt;
indessen blieb meine Mutter, so wie beim alten Kalender, so auch beim alten
Segen, wenn er gleich ein Glied weniger hatte.
    Meine Mutter, die, wie Brutus, nicht mehr auf den Sohn ihres Leibes, sondern
auf's Unsichtbare und Allgemeine, und was noch mehr war, die Ehre der Kirche und
ihre Ordnung sah, geriet in Paul Einhornschen Eifer, sprach wider die
Regierung, nicht des Herzogs Ferdinand, sondern des Gräven, ärgerte sich, dass
ich und er Alexander hiessen.
    Er, weil ein würdiger Einhorn so geheissen.
    Ich, weil man ausser vielen andern Bedenklichkeiten, die sie hatte, auf den,
wie sie sagte, unseligen Gedanken kommen könnte, dass ich von diesem
dreigliedrigen Alexander Gräven den Namen empfangen haben könnte.
    Dem Herrn M. Adolph Grot, Pastor in Windau, der sich des alten Gebrauchs
angenommen, setzte sie eine Märtyrerkrone auf, und dem Herrn Pastor Christoph
Sennert, der des dreigliedrigen Segens wegen Kreuzzüge tun musste, und in
gewisser Art Fähnchenführer war, hatte sie keinen Segen auf den Weg gewünscht,
wenigstens sollten seine Gebeine nicht im Vaterlande verwesen, welches auch nur,
wie sie sagte, zweigliedrig wäre: Curland und Semgallen.
    Ich will nicht hoffen, dass eben wegen dieses Unsegens (Fluch war es nicht)
dieser Grävensche Adjutant unstät und flüchtig geworden, und auch wirklich in
der preussischen Grenzstadt Memel sein unruhiges Leben, wiewohl schlüsslich, wie
Paul Einhorn, sanft und ruhig geendigt hat.
    Es würde kein Segen für meine Leser sein, wenn ich ihnen den Streit meiner
Mutter und des Herrn Candidaten auseinander setzen sollte.
    So viel zur Nachricht, dass dieser Segensstreit in Curland durch den
landtäglichen Schluss vom einunddreissigsten Julius eintausend siebenhundert und
dreiunddreissig, und durch die Verordnung vom neunzehnten August eintausend
siebenhundert und dreiunddreissig, in der Art beigelegt worden, dass meine Mutter
zwar nach der Zeit einsah, es sollte in Curland nicht mehr zweigliedrig gesegnet
werden, indessen was sind Edikte und landtägliche Schlüsse dem Gewissen? Sie
lebte und starb nach dem alten Kalender und nach dem alten Segen, und wenn sie
gleich oft und viel nicht wider den Strom schwimmen konnte, hoffte sie doch, es
werde alles ein Ende gewinnen, dass wir's könnten ertragen.
    Den Ungläubigen, die vielleicht auf den Gedanken kommen könnten, dass ich ein
Mährlein erzählet, zur Beschämung, will ich wörtlich die segensreiche Verordnung
unter die Augen setzen, welche den neunzehnten August eintausend siebenhundert
und dreiunddreissig in der Residenz Mitau gegeben worden:
    »Von Gottes Gnaden Wir Ferdinand, in Liefland, zu Curland und Semgallen
Herzog, geben allen Einsassen dieser Herzogtümer zu vernehmen, dass in diesem
letzten landtäglichen Schluss vom einunddreissigsten Julius jetztlaufenden Jahres
wohlbedächtig, und alle bisherige Discrepance und angewachsene Streitschriften
unter den Geistlichen in diesen Herzogtümern einmal zu heben, den dreifachen
Segen beizubehalten und durch Publicationes festzusetzen, beschlossen worden.
Dahero Wir denn, kraft dieses unsers Patents, sowohl dem wohlehrwürdigen und
hochgelahrten Herrn Alexander Gräven, Superintendenti und pastori primario zu
Mitau, als allen ehrwürdigen und hochgelahrten Präpositis dieser Herzogtümer,
auch sämmtlichen übrigen würdigen und wohlgelahrten Pastoribus in Gnaden
befehlen, dass sie solchen dreifachen Segen, der in verschiedenen Kirchen allhier
bereits angenommen, sofort, wo es noch nötig, gleichfalls einführen und den
zweifachen künftighin nachlassen mögen. Gewärtigen auch ein Gleiches von den
Priestern der adeligen Kirchen, und wollen gnädigst, dass zu aller Wissenschaft
dieses Patent drei Sonntage nach einander in deutscher und undeutscher Sprache
von den Kanzeln verlesen, auch nachgehends ad valvas templi affigiret werden
soll. Urkundlich unter dem fürstlichen Insiegel und unserer Unterschrift.
Gegeben in der Residenz Mitau den neunzehnten August eintausend siebenhundert
und dreiunddreissig.«
    Mein Vater, der es beständig mit dem weltlichen und nicht mit dem
geistlichen Arme hielt, mischte sich gar nicht in diesen Segensstreit des Herrn
Candidaten und meiner Mutter, obschon ich aus anderweitigen Äusserungen weiss,
dass er's dem Herrn Superintendenten nicht verzeihen konnte, dass derselbe
eigenmächtige Veränderungen zu machen sich unterfangen hätte. Er war so
gleichstimmig mit der wohlgebornen Ritter- und Landschaft, dass man glauben
sollen, er selbst hätte den landtäglichen Schluss vom einunddreissigsten Julius
eintausend siebenhundert und dreiunddreissig entworfen, den ich meinen Lesern
aber nicht vor die Augen stellen will.
    Jetzt war mein Vater während dem Segensrauch ganz still und blickte zuweilen
auf mich, seinen zweigliedrig eingesegneten Sohn. Da es sich zum
Waffenstillstande anliess, der dem Herrn Candidaten um so ratsamer war, als er
während dem Streite fallen lassen, dass er heisshungrig sei, indem invita Minerva
wohl schwerlich ein kalekutischer Hahn wieder sein Teil geworden wäre.
    Da, sag' ich, der Herr Candidat ins Winterquartier zog, nahm mein Vater das
Präsidium bei diesem Disputationsactu und sagte etwas, was weder den Opponenten
noch Respondenten traf.
    Von Gott, fing er an, kommt aller Segen. Meine Mutter nahm dies Wort; wollte
Gott, sagte sie, Sie hätten Segen für meinen Sohn mitgebracht!
    »Hier ist ein Brief von Doktor Saft und er selbst wird auch noch heute hier
sein.«
    Er lebt? sagte meine Mutter.
    Und ich zu gleicher Zeit: er lebt! indessen setzte ich noch das Wort also
hinzu. Wir hätten auch fragweise: lebt er? die Sache nehmen können, und ich
hätte das also alsdann vielleicht gespart; indessen, wollten wir ohne Zweifel
den Accent auf Er legen, und es war ein Frag- und Verwunderungszeichen bei den
Worten: er lebt! an Ort und Stelle.
    Der Candidat, der nicht zu wissen schien, ob vom geistlichen oder leiblichen
Leben die Rede wäre, zog seine Handblätter weiter heraus, denn diese Frage war
ihm in alle Wege so besonders, dass er die Antwort hervorziehen musste.
    Meine Mutter kam ihm entgegen und setzte die Frage durch eine andere ins
Licht.
    Ist er nicht todt? und nun waren die Manschetten heraus und die Antwort:
    »Ich habe ihn frisch und gesund gelassen -«
    Und woher todt? fragte mein Vater.
    Diese Frage befremdete meine Mutter noch mehr, als ihre und meine Frage den
Herrn Candidaten. Sie wollte indessen meinen Vater keiner Lüge beschuldigen und
ihn öffentlich beschämen.
    Mein Vater las den Brief und sagte mit einer Stimme: ausser Gefahr, dass es
mir auffiel, mein Leben sei ihm nach den verbrannten Papieren gleichgültiger
geworden. Es war ihm so, als wenn ein Sterbender eine Pension bekäme, auf die er
zwanzig Jahre gehungert, oder wenn jemand, dem alle sein jetziges und künftiges
Habe und Gut heut confiscirt ist, morgen hundert tausend Dukaten durch einen
Rechtsspruch gewinnt.
    Ich habe es oft erlebt, dass der beste Freund, wenn er seinen sterbenden
Jonatan beweint hat, im Anfange gleichgültig ist, wenn er hört, dein Freund
Jonatan lebt. Er schliesst nach seinem erlittenen, nach seinem überwundenen
Schmerze auf den, der ihm noch bevorsteht. Bei meinem Vater wie oben.
    Welch eine Veränderung bei ihm! welch eine bei mir! Meine Mutter blieb, wie
sie war; ich fühlte mich die Minute besser, da diese Worte ausgesprochen wurden.
Es war Schlag auf Schlag. Die Krankheit hatte mich schon vorher verlassen, nur
ich nicht die Krankheit. Ich getraute es mir nicht zu glauben, dass ich gesund
wäre. Lieber Herr Candidat, Sie hätten, unter uns gesagt, den Segen zuletzt
lassen sollen, wie es Sitte in der Christenheit ist.
    Warum soll ich's läugnen, dass mir jetzt mein letzter Wille zusammt dem
Codicill, in Absicht Minchens, herzlich leid zu tun anfing; ich möchte wissen,
was die Ursache war? Ich wurde Mal auf Mal im Bette blutrot, als wenn mir das
Gewissen ins Gesicht sähe. Um alles in der Welt willen hätte ich das Testamentum
nuncupativum zurück gehabt.
    So gern meine Mutter es wissen mochte, wie das ganze Briefmissverständniss
entstanden wäre, unterfing sie's doch nicht, die Auflösung in des Candidaten
Gegenwart abzufragen. Die verfluchten Briefe! überall, wo sie sind, sind Falten
und Verwicklungen! Spitzet nicht eure Federn, Kunstrichter, wenn sie in Romanen
und auf dem Teater grosse Rollen spielen. Es ist wahr, sie sind der faule Knecht
für unsere Teaterdichter, denn wo würden sie ohne Briefe einen gordischen
Knoten hernehmen? Und wie würden sie die Knoten so alexandrisch, als durch eine
Antwort auf diesen Brief entzweihauen? Allein, siehe da! wie die Natur spielt,
auch in einer wahren Geschichte ein Brief! und gewiss nicht der letzte.
    Die blanken Nägel waren mir nicht mehr im Wege, ich bekam Appetit, eine von
den Würsten zu essen, die meine Stelle vertreten sollten.
    Aus dem Bette, sagte mein Vater, wenn du essen willst! Kein Mensch muss im
Bette essen und trinken. Es ist schon zuviel, dass man darin schläft oder stirbt.
Wer auf der Erbe stirbt, stirbt auf dem Bette der Ehren. Er nimmt's mit der
Krankheit auf.
    Da stand ich, wie mich Gott geschaffen hat, bis auf's Hemde -
    Obgleich meine Mutter es gern gesehen, wenn ich der Krankheit standeshalber
das Geleite gegeben, übersah sie dennoch diese Sünde wider die Etikette, um
vielleicht meinen Vater zur Erkenntlichkeit in Beschlag zu nehmen, welche darin
bestehen sollte, dass er ihr zu seiner Zeit das Geheimnis des Briefes und der
Feuersbrunst entdecken möchte. Ich glaub's schwerlich, liebe Mutter, wenn du
nicht durch die Künste der Palingenesie - -
    Der Doktor fand mich beim Geräucherten, und das war meinem Vater gewonnen
Spiel. So, sagte er, sollte der Doktor jeden treffen; gelt! wir würden weniger
Patienten und - mit Erlaubnis Herr Doktor - weniger Doktores haben. Der ehrliche
Saft schämte sich, dem Puls die Hand zu geben. Nach einem Bedenken nahm er sein
ganzes Doktoransehen zu Hülfe, fühlte wirklich Schande halber nach dem Pulse,
indessen tat er's verstohlen und so ungefähr, als ein hochwohlgeborner Herr,
wenn er eines ehrlichen Bürgers Tochter geheiratet, seinem Herrn Schwiegervater
die Hand gibt. - Ich riss mir die Hand los, um das abgeschnittene Stück an seinen
Ort zu stellen. - Der Herr Schwiegervater sollt's auch so machen.
    Warum aber Geräuchertes? fragte der Doktor. »Weil er's gewollt« (mein Vater
und meine Mutter). Hierin war meine Mutter mit meinem Vater gleichlautend, denn
sie hatte Beispiele, dass viele Leute mit Sauerkraut von hitzigen Fiebern, und
kalten Fiebern, und faulen Fiebern, und Flussfiebern, und Seitenstechen, und
Entzündung der Lunge, und Entzündung der Leber, und Entzündung des Gekröses, und
Frieseln und Schlagflüssen, und Herzgespann und vielen Suchten und Gichten
kurirt wären. Die Stimme des Magens war ihr eine heilige Stimme.
    Der Doktor Saft und sein Freund, der Herr Candidat, fanden für gut, drei
Tage bei uns zu bleiben. Ich will nicht hoffen, Herr Candidat, um auch hierin
dreigliederig zu sein! Meiner sonst gastfreien Mutter waren sie unausstehlich,
denn sie ward wegen des Briefstaubes durch die Gegenwart entsetzlich gemartert.
Es zog der Doktor Saft während dieser drei Tage mit andern Leuten in der
Nachbarschaft Schach, und war fröhlich und guter Dinge, als ob er immer gewönne.
    Schon ehe der Doktor angekommen war, hatte mein Vater den Staub, der mich am
allerersten als seines Gleichen bewillkommen sollte, in weisses Papier
eingesargt; ich glaube, es war ein grosser Bogen Postpapier, weil, wenn gleich
die Tränen nicht alles zurückhalten können, und vieles in die Luft gesprengt
war, doch immer von einer Handvoll Papier ziemlich viel geweihete Asche
zurückbleiben musste.
    Es schien mir indessen, da ich zusah, dass mein Vater diese Asche nur
vorderhand in sein Nussbaumschränkchen beisetzte, weil der Paradesarg noch nicht
fertig war.
    Kaum hatte der Doktor, der unvermutet nach drei Tagen zum Uhrwerk eines
andern Pulses zu reisen notwendig fand (sonst wär' er länger geblieben), mit
seiner Hand meinem Vater und Mutter zum letztenmale einen Kuss zugeworfen und
sich tief herausgebogen, kaum war er ihrem Auge entfahren (der Candidat, sein
Freund, war eine Stunde früher ohne eine solche feierliche Begleitung und ohne
einen Kusswurf abgereiset), fing meine Mutter an:
    Der Brief - - - Um Verzeihung, liebe Mutter! warum? Schach dem Könige! warum
gleich mit dem Hauptworte? Eine Hauptschlacht ist bei einer solchen Gelegenheit
nicht immer das ratsamste. Warum so geradezu und nicht durch ein Strategem? Für
Helden, die in einem Jahre die Geographie so unbrauchbar machen können, wie den
vorjährigen Kalender, ist freilich kein Strategem; eine liebe Frau Pastorin
aber, die keinen Beruf zur Amazonin hat, kann den Vogel im Neste greifen.
    Was für ein Brief? erwiederte mein Vater. Mich dünkt eine schlechte Deckung
auf Schach dem Könige. Meine Mutter war auf diese Frage unvorbereitet, indessen
verlor sie noch nicht den Mut; sie hatte Hülfsvölker in Bereitschaft.
    Den du eingeäschert hast, sagte sie, und setzte in einem Tone: mein Kind,
dazu, dass man wohl einsah, wie sie, wenn es nicht anders wäre, auch zum edeln
Frieden bereit sei. Noch streckte sie indessen nicht das Gewehr. Ich hielt ihn,
sagte sie, für einen Brief vom Herrn Doktor Saft (sie nannte ihn Herr, welches
sie mit Anwesenden selten tat, es wäre denn, dass sie vom Herrn Superintendenten
gesprochen hätte; auch die Herren Praepositi hatten schon diesen Vorzug, nur der
Bauske'sche und Seelburg'sche ausgenommen, die Dichter hatten alle Herr).
    Dieser Brief hat uns alle in Unordnung und Verwirrung gebracht. Ich dachte,
Saft sei todt.
    Du hast unrecht gedacht, mein Kind.
    Aber der Brief, sagte meine Mutter. Sie war einmal in Unordnung, und wie
eine Uhr, die unrichtig ist, so lang von eins bis zwölf immerfort schlägt, bis
das Gewicht abgelaufen ist, war auch sie mit ihrem: der Brief.
    Glaube mir, mein Kind, erwiederte mein Vater, es gibt nicht Aerzte,
Wundärzte gibt's hier und da einen. Hier folgte ein langes Kapitel für und wider
die Aerzte, wodurch meine Mutter in eine solche Enge gebracht wurde, dass sie
nicht aus noch ein wusste. Ehre den Arzt, sagte sie in der Verwirrung; allein
welch eine allgemeine Ursache? erwiederte mein Vater; denn der Herr hat ihn
gemacht. Wenn dem Arzte keine andere Ehre zukommt, so sind sie eben nicht
hochgeehrt! Was tun sie auch? Sie sind unsere Peiniger. Sie suchen eine Ehre
darin, dass wir durch ihre und nicht durch die Hand der Natur sterben. Sie sind
privilegirte Giftmischer und subtile Todtschläger, die ein Recht promovirt
haben, tödten zu können; und wenn's ihnen glückt, wenn sie einen Menschen auf
ein halb Jahr befristen, ist's ein Mensch? eine Missgeburt ist's, ein im Reich
der Todten Angeworbener. Wer einen Arzt annimmt, hat vom Tode Handgeld genommen.
Aerzte sind seine Werber! Mein Vater sprach den Recepten Ehre und Redlichkeit
ab. Hätte die Natur nicht gemischt, wenn die Mischung nötig gewesen? Er wollte,
dass man den Aerzten den Proviant abschneiden und die Apoteken zerstören sollte.
Den Arzeneien aus dem Pflanzenreiche liess er Gerechtigkeit widerfahren. Wenn ein
Arzt, fuhr er fort, krank wird, kurirt er sich nicht selbst, sondern ersucht
seine Herren Kollegen, Standrecht über ihn zu halten. Er selbst weiss wohl, dass
er nichts weiss; indessen mit der Kunst geht's ihm wie einem Lügner mit der Lüge,
die er oft und viel für Wahrheit ausgegeben - wie einem Schwarzkünstler. - Der
Arzt hält die Kunst am Ende selbst für Wahrheit, und denkt, die Unwissenheit
hab' an ihm gelegen. Ein kranker Arzt schickt also zu andern Aerzten, und diese,
wenn gleich sie den Kranken wegen seiner zeiter geleisteten vielen Wunderkuren,
wodurch er sie bei weitem übertroffen, von Herzen beneiden, denken doch, heute
mir, morgen dir! und würden dem Herrn Kollegen gern helfen - wenn sie nur
könnten. Wenn die Natur sich selbst nicht mehr helfen kann, ich möchte den Arzt
sehen, der Naturstelle vertreten könnte? - Wie kann er den Weg wissen, den die
Natur will? Geht sie zur Rechten, so will er zur Linken. Geht sie zur Linken,
will er zur Rechten, und am Ende - da sie sieht, man traue ihr nicht, man haue
sich Brunnen, wo kein Wasser ist, wird sie der Neckerei überdrüssig, und dies
ist das Gericht der Verstockung im leiblichen Sinn. - Am Ende weiss er, was nicht
alle wissen wollen, die Signa mortis, obgleich auch selbst hiebei viele
Ungewissheiten vorfallen.
    Wie meiner Mutter bei allem diesem zu Mute gewesen, kann ich mir sehr
klärlich vorstellen.
    Sie wollte indessen noch einmal eine Schwenkung mit der Fahne versuchen; wer
weiss, dachte sie, ob sich die zerstreuten Leute nicht sammeln. Sie sagte, was
sie schon oft gesagt hatte, und was ich meinen Lesern nicht mehr sagen mag;
weiter nichts, als - der Brief - und mein Vater machte ihr ein Gesicht, das ich
einem jeden Ehemann als ein probates Hausmittel empfehlen würde, wenn seine Frau
zu oft der Brief sagt, und wie eine verdorbene Uhr in einem Zuge von eins bis
zwölf schlägt, wär's auch das beste Weib in der Welt und eine liebe - - Ein
Gesicht dieser Art hat seinen guten Nutzen. Eigentlich sollte ich nur sagen das
linke Auge, denn über das ganze Gesicht darf es sich nicht verbreiten, auch das
rechte Auge kann frei bleiben, oder darf diese feindliche Einquartierung nicht
einnehmen. Dies ist das einzigste, was ich einem Manne von seiner Herrschaft
zugestehen kann. Es ist dies Gesicht so sehr von Zorn entfernt, dass der Ehemann
hiebei seiner Frau die eine Wange küssen kann.
    So oft mein Vater dieses Gesicht machte, blieb meine Mutter plötzlich still,
und das geschah oft mitten im Wort, so dass sie zuweilen a - anfing, das ber
indessen hatte das linke Auge meines Vaters getroffen. Arme Mutter! wenn du nur
besser angefangen hättest. Warum eben »der Brief!«
    Kurz, meine Mutter erfuhr nicht, wo der Brief herkäme, und wie's mir vorkam,
konnte sie auch nicht einmal auf Spuren kommen; so total war sie aufs Haupt
geschlagen. Sie zog ohne Ehrenzeichen aus ihrer Festung, ohne Unter- und
Obergewehr, ohne klingendes Spiel, ohne fliegende Fahne, brennende Lunten, Kugel
im Munde, und ohne zwölf Schüsse für ihr Gewehr, grosses und kleines -
    Ich aber war völlig bei mir überzeugt, dass dieser Brief daher käme, wo man
die Spargel früher als in Curland isst, gleich früher in der freien Luft eine
Pfeife raucht, den Wein mit der Hand aus der Quelle trinkt, und lange
Manschetten trägt.
    Wenn man die Augen zuhält, kann man genauer und richtiger überlegen. Zum
Erfinden muss man sehen, zum Anordnen kann man blind sein. Ein grosser Kopf, der
sehen und blind sein könnte, wenn's die Umstände erfordern, müsste grösser als
Homer werden.
    Die Umstände, die mein Vater mit dem feierlich verbrannten Briefe machte,
und andere während meiner Krankheit von ihm verstreuten Worte, brachten mich auf
den Gedanken, dass er von seiner Familie schlechte, unerwartete Nachrichten
erfahren haben müsste. Mehr unbekannte Zahlen konnt' ich aus den gegebenen nicht
heraus bringen, und gewiss, ich war weiter als meine arme Mutter, die noch nicht
einen Finger breit näher vorrücken konnte, als sie ausgezogen. Meine Besserung
indessen vergnügte sie so sehr, als sie meinem Vater gleichgültig schien.
    Kaum war ich gesund geworden, so ermahnte mich mein Vater, dass ich mich auf
die Teologie legen und mehr Fleiss als zeiter darauf verwenden möchte. Ein
Geistlicher, fing er an, ist der glücklichste Mensch in der Welt. In seiner
Seele ist beständig Frühling, wo es weder zu kalt noch zu warm ist. Die
Leidenschaften kommen nie bei ihm in gewaltige Bewegung. Dinge der Zukunft sind
seine Beschäftigung, und ein Mensch, der nicht von Stande ist, kann keine
bessere Lebensart als diese ergreifen, wobei er hoffen lernt. Er beklagte, dass
er keine Gelegenheit gehabt, die Grundsprache ex professo, wie er sagte, zu
erlernen, segnete das Andenken des Conversus, der ihn jüdischdeutsch gelehrt
hatte. Wenn's auch nur wäre, weil der Herr und Meister unserer Religion die
hebräische Sprache geredet hätte, sollten wirs tun (nämlich hebräisch lernen)
zu seinem Gedächtnis.
    Wie vergnügt meine Mutter über diese teologischen Anstalten war, kann man
sich sehr leicht vorstellen. Sie dachte nicht weiter an meines Vaters Vaterland,
noch an den eingeäscherten Brief.
Lobt Gott mit Herz und Munde
sang sie, und mein Vater sang den andern Diskant:
Für das er euch geschenkt;
Das ist ein' sel'ge Stunde,
Darin man sein gedenkt,
Sonst verdirbt alle Zeit,
Die wir zubring'n auf Erden,
Wir sollen selig werden
Und bleib'n in Ewigkeit.
    Wie sehr sich alles im Pastorat nach diesem änderte, kann ich nicht
beschreiben. Gegen die vorige Zeit war kein Stein auf dem andern. Alexander und
Darius ward nicht mehr gespielt.
    Mein Vater, der sehr für die Quellen war, lehrte mich die christliche
Religion aus der Bibel, die wenigsten lernen sie draus, pflegte er zu sagen.
Das, was dir abgeht, fuhr er fort, werden dir die Schriftgelehrten beibringen.
Er schien selbst nichts mehr zu wissen, als was die Fülle seines Herzens und
eine andächtige Lesung der heiligen Schrift in ihm gewirkt hatte.
    Von seinen vorigen Heldentaten blieb ihm noch ein gewisser Ausdruck; er
nannte ihn adelich - er war feierlich dem Gedanken treu und nicht jedermanns
Ding. Dem Adel und dem weltlichen Arm blieb mein Vater getreu bis in den Tod.
Ich nahm täglich in Kenntnissen der Schrift zu, wenigstens war mein Herz ein
Schriftbefolger. Meiner Mutter zu gefallen, musste ich meines Vaters Kragen
anlegen, und ein andermal seinen Mantel, und dann wieder ein anderes geistliches
Kleidungsstück anpassen, damit sie sähe, wie es mir liesse. Eines Tages, da mein
Vater viel Beichtkinder hatte, und ich meiner Mutter zu Ehren bis auf die neue
Perücke meines Vaters zum Geistlichen investirt war, fing der Gedanke, der schon
oft wie die Sonne auf- und untergegangen war, hell zu scheinen an. Ist es denn
nicht möglich, sagte sie, dass ich dich, ehe du auf Universitäten ziehest,
predigen hören kann?
    Die Brodstudien haben mit den Handwerkern alles nur mögliche gemein, und
meine Mutter hatte nicht ganz Unrecht, dass sie auf ein Gesellenstück bestand,
ehe ich losgesprochen werden sollte. Es war ausgemacht, dass ich über einige Zeit
als Geselle auf meine Künste und Wissenschaften reisen, oder, wie man es in
Curland nennt, ausreisen und das Haus meines Vaters verlassen sollte. Mein Vater
war einen Sonntag gegen Abend recht vergnügt, und überhaupt pflegte er nach
abgelegter Sonntagsarbeit, wie ein Taglöhner alle Abend ist, zu sein. »Das,«
sagt' er selbst, »hat ein Taglöhner vor mir voraus, dass er so alle Abend ist;
allein meine Freude ist eine Sabbatsfreude.«
    Dieser Sonntagsfreude bediente sich meine Mutter, die ihm um diese Zeit die
Gesichtsbewegungen seiner Zuhörer zu erzählen pflegte, die sie bei dieser oder
jener Stelle seiner Predigt bemerkt hatte.
    Was denkst du, mein Lieber! fing sie an, wär' es nicht gut, dass unser Sohn
Alexander Einhorn (Alexander sagte mein Vater), ehe er uns verlässt, eine Predigt
hielte? Eine Predigt? sagte mein Vater, und schwieg stille, nicht aber, als ob
er abbrechen wollte, sondern weil er sich nicht so geschwinde auf eine Antwort
besinnen konnte. Da nun meine Mutter sein Stillschweigen eben so verstand,
klopfte sie zum andernmal an, und balgte sich mit allen Zweifeln meines Vaters,
die ohnedem alle sehr leicht nachgaben, weil er selbst keine Lust zu zweifeln
hatte. Der alte Herr beging hiebei einen tückischen Streich, denn da ihn meine
Mutter über diese Sache ebenfalls zum Vertrauten gemacht hatte, schlug er ihr
den fünften Vers aus dem zehnten Kapitel des zweiten Buchs Samuelis zum Text
vor. »Ich will's vortragen, Herr Cantor Herrmann,« sagte sie. Sie hielt Wort,
und da man nachschlug, fanden sich die Worte: »bleibet zu Jericho bis euch der
Bart gewachsen ist, so kommet dann wieder;« das war gewiss mehr als eine
Schneidernadel! Dominica III. post Epiphanias ward beschlossen, dass ich Dominica
Judica meine erste Predigt in unserer Dorfkirche ablegen, oder, wie es meine
Mutter in der Sprache ihrer Ahnherren nannte, mich hören lassen sollte. Ich
entwarf die Predigt selbst, mein Vater gab das Imprimatur, nachdem er sie
befeilt hatte. Meine Mutter sonderte mir die Lieder aus. Dieses macht' ihr viele
Mühe. Ein Lied war um einen Vers zu lang, ein anderes war wieder um einen zu
kurz; bei manchem war die Melodie nicht der ersten Predigt angemessen, bei noch
einem war noch was anderes zu bedenken: endlich getroffen. Ich habe den sehr
bescheidenen Autorausdruck: befeilen, gebraucht, die Wahrheit aber zu gestehen,
tat mein Vater mehr. Ich hatte den Styl so sehr von den Feldreden beibehalten,
dass alles Trommel und Trompete war, und zum Kammerton herabgestimmt werden
musste.
    Bei der Nutzanwendung z.E. gab ich Kanonenfeuer auf die Sünder, ich
versicherte sie, dass sie im Pfuhl, der mit Pech und Schwefel brennt, o Solon!
Solon! rufen würden. Den Pech und Schwefel strich mein Vater, und setzte: in den
Flammen des Gewissens. Den Solon, Solon liess er stehen.
    Die ersten vierzehn Tage erzählte meine Mutter mir vielerlei Begebenheiten,
die ihren verstorbenen Hochwohlehrwürdigen Ahnherren begegnet, und durch die
Tradition bis auf den heutigen Tag unverloschen bei der Familie geblieben wären.
Ein Literatus hätte nämlich sehr patetisch seine heilige Rede angefangen,
allein er wäre gleich beim ersten Teile in die Irre geraten. Mein seliger
Aelter- oder Grossvater hätte ihm lateinisch zugerufen: ab initio (von vorn) und
der Literatus wäre wieder nur bis auf diese unglückliche Stelle, wo er schon
einmal den Faden verloren, gekommen. Noch einmal hörte der nun Trostbange die
Stimme ab initio, und da er wieder diese unglückliche Stelle berührte, fiel
(meine Mutter sagte dies mit vieler Teilnehmung) ihm das Amen zu rechter Zeit
ein. Das Dorf, welches das ab initio für bravo! gehalten, hatte dem Herrn
Candidaten, der aus Angst gewaltig geschwitzt, das Zeugnis beigelegt, lange
keine so gute Predigt gehört zu haben.
    Ein andrer Candidat hätte aus Angst die Kanzel verfehlt, und anstatt beim
letzten Wir glauben all' auf die Kanzel zu steigen, wär' er geradezu aus der
Kirche gegangen. Mein lieber Herr Grossvater hätte also ex tempore seine Gemeine
bewirten müssen. Ein dritter hätte die vierte Bitte zweimal gebetet, woraus man
geschlossen, dass er zwei Magen hätte. Noch ein dritter hätte, und dies schien
ihr die traurigste Begebenheit zu sein, das Vater Unser nach der Predigt zu
beten vergessen. Der arme Mann! Er hat keine Kanzel weiter bestiegen. Dein
lieber seliger Grossvater riet ihm zu einer andern ehrlichen Hantierung, indem
derjenige, der vergässe das Vater Unser auf der Kanzel zu beten, mit
Zuverlässigkeit es als ein Omen ansehen müsste, dass er nie mit Ruhm in den
Priesterorden aufgenommen werden könnte.
    Endlich wär' es einem in der Predigt vorgekommen, der Herr Pastor, der mit
ihm in die Kirche gekommen, sei in ein Bildnis, wie Lots Weib in eine
Salzsäule, verwandelt. Die Geschichte verdient gelesen zu werden, obgleich sie
nicht in der Familie meiner Mutter sich begeben hat. Der Herr Pastor hatte sich
bei lebendigem Leibe in Lebensgrösse malen lassen, und dieses Bild war so
getroffen als die Trauben des Zeuxis, welche die Vögel lüstern machten. Der Herr
Pastor war da mit Leib und Seel.
    Damit ich meinen Lesern die Bemerkung meiner Mutter nicht verhalte, so kam
die Ehre der Aehnlichkeit nicht dem Künstler, sondern dem Herrn Pastor zu. Er
hatte etwas im Gesicht von Karl XII. und Martin Luter, die jeder Töpfer trifft,
wenn er sie auf den Teller hinwirft, und die der liebe Gott mit einem besondern
Gesicht ausgerüstet hat. Ich, sagte sie, möchte sie treffen, obgleich ich nicht
weiss, was ein i-strich in der Malerei ist.
    Beim zweiten Teil fällt dieses Bild dem armen Candidaten ins Auge. Wer eine
Predigt im Kopfe hat, und zum erstenmal pro candidatura sich hören lässt, kann
nicht alle Ideen in ihre rechte Fächer bringen. Ein Duodezbändchen kommt dann
wohl zum Folianten zu stehen. Dem armen Mann kommt's vor, er sähe ein Gesicht,
er wird bleich, und mit den Worten: Herr Pastor, Herr Pastor, Herr Pastor, die
immer schwächer nach dem Grade der Ohnmacht werden, fällt er rückwärts von der
Kanzel. Doch Gottlob! setzte sie hinzu, ohne sich weiter am Leibe Schaden zu
tun.
    Die Woche vor der letzten liess meine Mutter nach, ihre Gespensterhistörchen
zu erzählen.
    Ich wusste die Predigt ganz fertig und war gezwungen, aus kindlicher Liebe,
wiewohl gegen ein schönes Stück geräucherten rohen Schinken pro honorario,
gerad' unter dem schon genug gepriesenen Bildnis, das ich mit Ehren dem Himmel
zugebracht, Probe zu halten.
    Dieser Ort war Kebla für meine Mutter. Nach meiner Meinung war dieses eine
Goldprobe. Bin ich hier bewährt und komm' ich in der Speisekammer nicht aus dem
Concept, wo mich der Geruch auf allerlei Dinge führt, wird es in der Kirche noch
besser zum Amen kommen. Es ging in der Speisekammer alles bis in den dritten
Teil gut. Da warf der Wagen um. Meine Mutter fiel nicht mit ab initio ein;
allein nach glücklich erreichtem Ende sagte sie mir im Vertrauen, dass mein Vater
weit besser getan haben würde, es bei drei Teilen bewenden zu lassen. Er hat
ja selbst, setzte sie hinzu, im vorigen ganzen Kirchenjahre nur ein einzigesmal
vier Schüsseln oder Teile aufgetragen. Indessen war der vierte Teil so wenig
Schuld daran, als ich mein Schnupftuch zu Hülfe nehmen und husten musste, dass
mich vielmehr der angenehme Rauchgeruch aus der Fassung brachte. Ich besann mich
bald wieder, und meine Predigt kam in der Speisekammer mit vielem Beifall zum
Ende. Meine Mutter hatte herzlich geweint. Wie ich die Sünder anredete, musste
ich das Gesicht gegen die weissen Erbsen wenden (sie waren dieses Jahr sehr
wurmstichig). Sobald ich aber von diesen auf die Frommen kam, die ich in meiner
Predigt meine Brüder nannte, musst' ich das Gesicht meiner Mutter zukehren,
welche anfänglich durchaus verlangte, ich sollte auch meine Schwestern dazu
setzen, bis ich sie durch die heilige Schrift selbst auf andere Gedanken
brachte. Sie umarmte und segnete mich, wiewohl wieder zweigliedrig mit beiden
Händen, so dass jede Hand ein Segensstück sich zueignete. Die Zeit der Ernte ist
vorhanden! sagte sie, weisst du noch, was ich dir hier an dieser heiligen Stätte
gewünscht habe? Meine Ermahnungen sind auf ein gut Land gefallen. - -
    Ueber diese Zurückerinnerungen bei diesem Erntefest vergass ich das Stück
rohen Schinken, welches mir meine Mutter für diese Cabinetspredigt versprochen
hatte. Sie selbst hatte bei der in der Speisekammer genossenen Seelenspeise den
Leib ganz und gar vergessen. Ich habe indessen diese Schuldpost mit Zinsen usque
ad ultimum solutionis momentum zurückerhalten. Die ganze letzte Woche vor der
Predigt wurde von meiner lieben Mutter so wie der heilige Abend vor einem der
drei hohen Feste angesehen. Sie feierte Weihnachten, Ostern, Pfingsten
meinetwegen auf einmal, und alles ging auf Zehen. Am Freitage führte mich mein
Vater zwischen zehn und eilf des Abends in die Kirche, und setzte mich mit
meiner Mutter, die eine kleine Laterne in der Hand hielt, in seinen Beichtstuhl.
Ich wurde durch diesen Schein der Lampe in ein so heiliges Feuer gesetzt, dass
ich meine Predigt mit einer solchen Rührung ablegte, als ich bei der
ordentlichen Ablegung nicht empfand, bei welcher ich nur auf die Gesichtszüge
dieses oder jenes merkte, und insbesondere nicht vergass auf Nr. 5 zu sehen, wo
mein liebes Minchen sass.
    Im Vorbeigehen will ich bemerken, dass wenn gleich Minchen aufgehört hatte
die königliche Prinzessin und ich Alexander zu sein diese alte Liebe, wiewohl
unter anderm Namen, fortgelodert habe.
    Mein Vater war ausserordentlich mit dieser Predigtprobe zufrieden. Predige,
so lange du lebst, mit einer solchen Rührung, mit einem solchen Gott ergebenen
Herzen, sagte er, so wirst du dir und denen nützlich werden, die dich hören.
    Diese Probe in der Kirche war inzwischen, so spät sie auch anfing, einem
Paar Leuten aus unserm Dorfe nicht entgangen. Die Laterne in der Hand meiner
Mutter hatte einen solchen Wiederschein geworfen, dass in der ganzen Gemeine das
Gerede ging, es würde sich ein bedeutender Todesfall ereignen, welches auch nach
einer geraumen Zeit durch das Ableben eines Cavaliers unsers Kirchspiels und der
Frau des alten Herrn in Erfüllung ging.
    Am Sonnabende vor der ersten Predigt war im Pastorat alles so feierlich
still, als es noch nie gewesen; meine Mutter sagte selbst, »wie vor der
Erschaffung der Welt.« Meine Mutter hatte die Lieblingsschüsseln auf den andern
Tag für mich bestellt, und entdeckte mir wohlbedächtig schon Sonnabends am
Hühner-oder Polterabend, womit sie mich Sonntags erfreuen würde. Auch der liebe
Gott, setzte sie hinzu, erfreut seine Kinder in dieser Welt mit leiblichen
Gaben. Wer am ersten nach seinem Reiche trachtet, erhält diese Zugaben und
empfähet sie mit Danksagung und Wohlgefallen.
    Bald hätte ich einen Zug vergessen, der mir sehr rührend und eben so
lächerrlich vorkam. Ungefähr um eilf Uhr in der Nacht auf den Sonntag, da meine
Mutter in der festen Meinung war, ich sei schon eingeschlafen, kam sie in meine
Kammer, und nachdem sie das Concept zu meiner Predigt sehr andächtig aus der
Bibel genommen, legte sie's mir unters Kopfkissen, murmelte einige mir
unverständliche Worte und ging davon. Schon war ich im Griff nach der Hand
dieser lieben Mutter, um sie zu drücken und zu küssen. Ich konnte diese - ich
will sie Brautnacht nennen, nicht schlafen, und war also ein Augenzeuge von
diesem Vorgange, wenn ich gleich meine Augen bis auf ein kleines Ritzchen
verriegelt hatte.
    Des Morgens erfuhr ich den Aufschluss dieser Ceremonie, die sich von der
Schwester der Mutter meiner Mutter herschrieb, welche behauptet hatte, dass das
Concept unterm Kissen sehr das Gedächtnis stärke. Ich glaub's nicht, fügte meine
Mutter hinzu, indessen ist's in der Familie beibehalten bis auf die vorige
Nacht.
    Ich hielt meine Predigt mit erwünschtem Glücke, allein ohne Rührung, indem,
wie ich schon bemerkt habe, mein Auge herum wankte und bei Nr. 5 sich lagerte.
    Ich sah ein, was mein Vater oft zu behaupten pflegte. Ein Geistlicher muss
wie ein Vater zu seinen Kindern reden. Wenn er sich's aufschreibt, muss er's
nicht der Gemeine, sondern seines Gedächtnisses wegen tun. Auch ein Vater macht
sich wohl ein Promemoria, wenn er viel mit seinem Sohne zu sprechen hat.
    Meine Predigt nannte er eine Kirchenchrie, ein Exercitium, und sehr richtig.
    Wer, pflegte er zu sagen, sich ein Gebet auswendig lernt, spottet Gott des
Herrn. Entweder muss man gar nicht auf der Kanzel beten, oder man bete nach der
göttlichen Vorschrift: »ihr sollt nicht viel plappern.« Sonst war mein Vater der
Meinung, dass junge Leute nicht eher die mindeste Ausarbeitung machen sollten,
als bis sich ihre Seele entfalten könne. In jedem Menschen, sagte er, liegen
Zurüstungen und Triebfedern zu allen Charakteren. Die erste Schrift die ein
junger Mensch entwirft, muss der Kupferstich seiner Seele sein. Notabene der
Kupferstich. - Wer die Tropen und Figuren erfand, erfand Masken für Diebe,
Verräter, Mörder und Ehebrecher. Man schreibt sich jetzt nicht aus, wenn man
schreibt, sondern man hat eine Vorschrift. - Auf die erste Predigt ist wenig von
dem, was ich gesagt habe, zu deuten. Schwerlich, wenn sie auch ohne Lineal
gemacht wird, kann daraus mehr erhellen, als ob der junge Mensch zum Gesetz-oder
zum Evangelienprediger gedeihen werde.
    Meine Mutter hätte gern gesehen, wenn ich ein Paar Verse nach mütterlicher
Weise eingewirkt hätte, allein es ging ihre Meinung nicht durch. Warum predigt
man denn nicht mitten im Liede? fragte mein Vater. Meine Mutter konnte nichts
dagegen singen.
    Alles, was man wünschen konnte, wünschte mir Glück, nur Minchen nicht, diese
ging aus Nr. 5, als ob sie nichts gehört hätte. Ihr Scherflein, ein verstohlener
Blick, galt aber mehr, als alle übrige klingende Münze. Sie hatte mich nach
dieser Predigt noch lieber als ehemals, ohne dass ich einsehen konnte, was eine
Predigt auf die Liebe für einen Einfluss haben könne.
    Nach der Zeit erklärte ich mir dieses Rätsel. Das Frauenzimmer liebt Leute,
die öffentlich reden und Geschäfte treiben; vielleicht weil es Herzhaftigkeit
verrät, vielleicht weil die Ehre, die auf den Verehrten fällt, auf sie
zurückprallt. Kurz ich gewann bei Minchen. Ich hatte sie in der Predigt
angesehen, ich hatte Gott in der Kirche (so kam es ihr vielleicht vor) hierdurch
zum Zeugen unsrer Liebe angerufen. Wir waren nur eine Seele vor der Predigt,
nach der Predigt war ich der Mann ihrer Seele und sie das Weib der meinigen. Im
Küssen kamen wir uns nach dieser Predigt oft auf dem halben Wege entgegen, an
mehr dachten wir beide nicht.
    Der alte Herr wollte wieder mit einem Spruch bei meiner Mutter gut machen,
was er mit einem Spruch verdorben hatte. Man kann vom jungen Herrn, versicherte
er, nicht sagen, was man vom Herrn Pastor in - sagte, der die Gemeinde von
seinem Herrn Vater erbte, und mit ihr des Vaters Concepte. »Alles, was der Vater
hat, ist sein, und von dem Seinen wird er's nehmen, und euch verkündigen.«
    Meine Mutter sprach gleich nach eingenommenem Mittagsmahl von Universitäten,
allein mir schienen Universitäten ein sehr unnötig Ding zu sein. Ich
wiederholte ihr das, was mein Vater darüber verkündigt hatte.
    Müssen denn alle Bäume, die ihr Haupt emporheben sollen, ehe sie an Stelle
und Ort kommen, in einer Baumschule ihre Jahre stehen? Wo Gott und die Natur
ist, da ist eine hohe Schule. Gott wohnet nicht in Tempeln, mit Menschenhänden
gemacht, nicht in Jerusalem, sondern in ihm leben, weben und sind wir.
    Wer läugnet, dass auf Universitäten geschickte Männer sind; allein ich
glaube, dass ein geschickter Mann sein Licht nicht bloss auf der Universität
leuchten lassen, sondern schreiben werde. Professor Sokrates schrieb nicht;
allein, es schrieben andere für ihn, und sobald ein Professor schreibt, warum
sollen wir hin, ihn zu sehen? - Warum soll ich einen Geistlichen bitten, die
Predigt zu halten, die gedruckt ist? Ist's wo, damit ich reden höre, kann ich
denn nicht laut lesen?
    Da griff mich meine Mutter. Dein Vater und sein Wort in Ehren, nur in diesem
Stücke hat er Grundsätze, dass man beinahe glauben sollte, er wäre auf keiner
Universität gewesen.
    »Wollte Gott, er wär's nicht, denn in Wahrheit, er verdient so sehr Pastor
zu sein, als die auf zehn gewesen sind.«
    Alles gut, allein beim Hebräischen stehen die Ochsen am Berge.
    »Ein Conversus.«
    Sag mir nichts vom Conversus, Gott leite den unsrigen auf meinen
Instruktionswegen! Besser wär's für ihn gewesen, wenn ich ihn schriftlich
instruirt hätte. Was kann (um auf deinen Vater zurück zu kommen), was kann, im
Grund genommen und aus der Tiefe geschöpft, was kann ein Conversus? Muss man
nicht in die Kirche, obgleich Predigtbücher feil sind?
    »Doch nicht jeder?«
    Nicht jeder?
    »Nein.«
    Nicht?
    »Der Prediger.« -
    Hätt' ich meiner Mutter einen Augenblick Zeit bei dieser Antwort gelassen,
wär' ich verloren gewesen, allein ich erklärte mich, dass ein Prediger nicht
hörte, sondern redete, und mitin eigentlich nicht in der Kirche wäre.
    Diese Erklärung öffnete ihr viele Gelegenheit, mich zu überzeugen, dass er
erst sich und dann andere zu bekehren zur Pflicht hätte, wie er denn sich auch
selbst hörte, im Fall er nämlich nicht taub wäre. Ich oder eigentlich mein Vater
fuhr fort:
    »Es ist unmöglich in drei Jahren alles zu lernen, was fünfzehn Professores
wissen.«
    Wer sagt's, antwortete sie, du sollst nur erfahren, wo du weiter
nachschlagen kannst.
    »Das sagt mir aber jedes Register.«
    Das liest du in jedem Register, willst du sagen.
    »Und liebe Mutter! unsere jungen Herren, die von Universitäten kommen? - -«
    Alles recht, allein du sollst ein Vorbild werden der Heerde - du hast
Talente, die müssen auf einer privilegirten Wage gewogen und das Gewicht durch
ein beglaubtes Testimonium bezeichnet werden. Es wird in schönem Latein gegeben.
    Die Talente brachten mich auf ein weites Feld, ich sagte zwar nichts, was
nicht mein Vater schon öfters gesagt hatte; ich sagte aber, wovon ich überzeugt
war. Man klagt überall über Unterdrückung der Talente, und dass so viele Lichte
unterm Scheffel bleiben. - »Glaubt's nicht,« pflegte der gute Mann zu sagen.
»Wer ein recht Talent hat, brennt sich durch den Scheffel durch, dessen Flamme
so weit nicht reicht, bleib' unterm Scheffel, oder bleib im Lande und nähre sich
redlich.« Muss denn, wer ein Talent hat, gleich ein Buch schreiben? Kann man
nicht ein Talent haben und den Pflug führen? Ein Talent ist Hefen. - Er macht,
dass sich der Teig hebt, wenn er herein gelegt wird.
    Protagoras, der Taglöhner, legte und band sein Holz so künstlich, dass er dem
Demokritus ins Auge fiel, der ihn die Wissenschaften so legen und binden lehrte,
und so findet jeder Protagoras seinen Demokritus, obgleich noch die Frage
bleibt, hat Demokritus dem Protagoras eine Last abgenommen oder aufgelegt?
    Niemand als Minchen machte mich so beredt, und da endlich meine Mutter mir
entgegensetzte, dass, wenn ich nicht auf Universitäten gewesen, ich nicht Pastor
werden könnte, kam ich auf andere Gedanken, und das (wie zuvor) auch Minchens
wegen. Ich sah, wie ein Erleuchteter, auf einmal alle Gründe meiner Mutter ein,
und hatte keinen Zweifel mehr als den: Muss denn jeder in der Fremde als Gesell
arbeiten und wandern, eh' er Pastor wird? Diesen Zweifel löste mein Vater.
    Was er wider die Universitäten gesagt hatte, war vorm Brande geschehen.
Jetzt war er zwar eben kein Apologist der hohen Schulen, denn so sehr konnt' er
nicht seinen Grundsätzen untreu werden; allein er war der Meinung meiner Mutter,
die ihn sehr bat, mir andere Gedanken einzuäugen, die aber schon wirklich, ohne
dass es meine Mutter gemerkt hatte, bei mir in Blüte standen.
    Kinder, sagte mein Vater, sollte man keinem Menschen anvertrauen, der nicht
auch Kinder hat oder gehabt hat, so wie man keine Hebamme anzunehmen pflegt, die
nicht weiss, wie es einer Gesegneten zu Mute sei. Wenn ich ja einem Arzt ein Ohr
zuneigen sollte, ich sage mit Fleiss ein Ohr - obgleich ich Gottlob beide
brauchen kann - müsste er selbst die Krankheit haben, die er curiren will. In
diesem Fall wird mir ein Hufschmied und eine entzahnte Matrone eben so
willkommen, als ein roter Mantel sein.
    Seht da! warum ich dem alten Herrn, der Schuster, Schneider und Töpfer ist,
alle diese Handwerke auf Herz und Seele der ihm anvertrauten Jugend anzuwenden
gestatte. Sein Sohn Benjamin und seine Tochter Wilhelmine haben ihn examinirt
und tüchtig befunden. Es sind gut gezogene Kinder.
    Bei dem Worte Wilhelmine zog ich mein Schnupftuch aus der Tasche, ohne sonst
zu wissen warum, als des Namens Wilhelmine wegen.
    Man muss alles von sich anfangen. Selbst wenn die Schulgelehrten die Existenz
Gottes beweisen wollen - Schande ist's zu sagen, dass sie's wollen - fangen sie
von sich an: ich bin, sagen sie, also ist auch Gott der Herr. Es sind gewisse
Geheimnisse, welche die Natur, obschon der Kunst viel verraten worden, doch für
sich behält, und dahin gehört die Kinderzucht. Man wird in dieses Geheimnis
allein durch die Vaterschaft initiiret. Ich glaub' es steif und fest, dass jeder
Vater, wär's gleich ein Bürstenbinder, und jede Mutter, wär's gleich eine
Bürstenbinderin, ihre Kinder erziehen können, und es also nicht nötig haben,
andern Unterricht für die kleinen Bürstenbinderchen in einem öffentlichen Laden
zu kaufen. Wie sollte wohl die Natur so ungerecht sein, das Grössere zu geben und
das Kleinere zu versagen? Du weisst, Alexander, was dein Vetter, der grosse Summus
Alexander (an diese Vetterschaft hatte er lange nicht gedacht) seinem Lehrer,
dem Summus Aristoteles für ein Compliment machte, im rechten Sinne ein
Compliment: er hätte ihm mehr als seinem Vater Philipp zu danken. Sobald
Alexander bleiben wollte, was sein Vater war, hatte er Unrecht. Wollte er aber
die Grenzen seines Reichs erweitern, und nicht Bürstenbinder bleiben, setzte
meine Mutter hinzu, hatte er Recht. Da liegt der Grund von dem Leben der
Erziehung. Der Vater, der aus seinem Sohne mehr machen will, als er selbst ist,
muss freilich einen andern Weg einschlagen. Indessen sollte dieser andere Weg
keinem Vater verstattet sein, der nicht Alexanders zu Kindern und Aristoteles zu
Lehrern aufweisen könnte. In diesem Falle müsste, aller Beispiele vom Gegenteile
ungeachtet, die Jugend, die Gnadenzeit, der Morgen nicht versäumt werden.
    Der Staat braucht viel Hände, aber wenig Köpfe. Ein politischer Kannengiesser
ist ein schlechter Kannengiesser und ein schlechter Bürgermeister; die Kenntnisse
des gemeinen Mannes müssen bei der Hand bleiben und nicht bis zum Kopfe kommen.
Wer dem Menschen das Denken nehmen will, setzt ihn herab. Denken kannst du, du
kannst denken, das Grübeln, das Weiterhinausdenken als vier und zwanzig Stunden,
zwölf in die Länge und zwölf in die Breite, ist dem Menschen schädlich, und
Tinte und Feder, Papier und Presse sind eben solche Verheerer des menschlichen
Geschlechts, als Bomben, Kartätschen und Pulver und Schrot und Büchsen und
Säbel.
    Mein lieber Vater war über diesen Gegenstand ein Verschwender, er gab
ungezählt - ich will bedachtsamer zu Werke schreiten und mit geiziger Kürze nur
etwas von seinen Grundsätzen ausgeben. Der Himmel gebe, dass es lauter seltene
Schaustücke wären, ich würde sie meinen Lesern herzlich gönnen.
    Dass jeder Kinderlehrer verheiratet sein müsse, wissen wir schon. Man hat,
sagt' er, lange auf Verbesserung der niedern Schulen gedacht, und freilich
müssen diese eher verbessert werden, als hohe, wo du, mein Sohn, dein Heil
versuchen sollst; allein man sollte noch eine Stufe heruntertreten und mit der
Verbesserung der Mütter dieses gute Werk anheben. Man sollte Töchter ziehen, ehe
man noch an Söhne kommt. Jetzt ist die Erziehung, wenn man an die Männer
appellirt, gemeinhin schon in der ersten Instanz von unwissenden und
ungeschickten Sachwaltern verdorben, und die Kur einer von der Mutter
verfälschten Seele. - Was in so vielen Generationen verdorben ist, muss wieder
allmählig verbessert und zu seinem anfänglichen Wesen gebracht werden. Desperate
Mittel sind eben so viel gewisse Morde. Bliebe der Mensch bloss Mensch, er müsste
sehr alt werden und beinahe unsterblich sein. Jetzt aber, da ihn die Vernunft
verleitet, von der Landstrasse bald zur Rechten, bald zur Linken abzuweichen, und
teils seinem Leibe, teils seiner Seele zu viel zu tun, fällt er eher wie ein
wurmstichiger Apfel ab. Er hat einen Wurm, der ihn zehrt.
    Den rechten Weg abzustecken und auf dessen Erhaltung zu sehen, wäre die
Pflicht der Gelehrten. Sie sollten Wegcommissärs für das menschliche Geschlecht
sein. Wer einmal den rechten Weg verschlägt, kommt immer weiter vom Ziele.
    Ein Vater kann mehr als ein Kind haben und ein Lehrer mehr als einen
Schüler; allein seht euch nur um. Der von zehn Jahren ist eben so weit als der
von fünfen.
    Man kann den Privatunterricht nicht verachten. Schulen haben ihr Gutes; der
Privatunterricht, der der Natur näher verwandt zu sein scheint, auch.
    Elementarbücher sind sehr gut, allein ein Elementarlehrer ist noch besser.
Für wen sollen Elementarbücher geschrieben werden? für Genies, oder für
Mittelmässige, oder für Marode? Will man sie für Mittelmässige schreiben, um die
Mittelstrasse nicht zu verfehlen, auf der viele wandeln, leiden andere, die den
schmalen Weg anzutreten Herz haben und die enge Pforte nicht scheuen weil sie
zum Leben führt. Die Bibel ist das einzige Buch, das für alle Menschen passt, ein
göttliches Elementarbuch.
    Ein poetischer Kopf darf nur vieles durchblättern, von allem nimmt er Zoll.
In der ganzen Natur schreibt er Schatzung aus. Er befindet sich in den
Wissenschaften auf Reisen, wo ihn oft etwas aufhält, worauf der Eingeborene, das
Landeskind, der Philosoph nicht kommt. Ein denkender Kopf weiss weniger, allein
seine Aecker kennt er auf ein Haar. Er tut, wenn ich so sagen darf, was der
Dichter weiss. Ein grosser Kopf ist eine Mischung von beiden. Selig sind, die
wissen! Seliger die tun! Und am seligsten die wissen und tun! So viel Köpfe,
so viel Sinne; so viel Alexander, so viel Welten; so viel Planeten, so viel
Bahnen; so viel Genies, so viel Metoden.
    Es ist unerhört, dass unsere Schulhalter lauter Geistliche sind. Sehr klug
für die Geistlichen, besonders in der monarchischen Kirche. - Unsere Knaben
werden alle erzogen, als ob sie Schulmänner werden sollten, unsere Töchter,
wenn's köstlich gewesen, als Mamsells (als französische Hofmeisterinnen).
    Jedes Mitglied des Staats muss sein Votum haben, wenn eine allgemeine
Schulanstalt im Staate erbaut werden soll. Bei Töchtern dürfen nur drei ganz
gewöhnliche Weiber votiren. Diese Weiber müssen gesund sein, jede einen Sohn und
eine Tochter haben, auch NB. jede nur einen Mann. Jünglinge haben viele Zwecke;
Mädchen nur den, Weiber und Mütter zu werden. Ein gutes Weib ist auch immer eine
gute Mutter.
    Schule und Welt ist jetzt zweierlei. Schulbegriffe sind mit einem Worte
solche, denen die Erfahrung widerspricht. In der Schule sind Worte. Sachen,
Nadel und Zwirn sind ein Kleid, Mittel ist der Endzweck.
    Schullehrer! bleibt nicht auf der Bank mit euren Schülern, sondern zieht mit
ihnen in die freie Luft der Natur, werdet Peripatetiker. Lehrt sie im Angesicht
Gottes - oder lasst sie nur herumgehen; die Natur selbst wird sie besser
unterweisen als ihr, wenn ihr Gottes Wetter nicht ertragen könnt.
    Die Gabe zu unterrichten (donum docendi) hat jeder Mensch. Wer durch die
rechte Tür gekommen ist, wird auch wieder durch die rechte Tür herausfinden.
Wer eine Treppe in die Höhe steigen kann, wird sie auch herabsteigen. Bergab ist
immer leichter. Wer eine Sache halb weiss, kann nur ein Vierteil beibringen. Wer
nur ein Vierteil weiss, ist ein Mietling. - Je länger ich studire, je kürzer
ist die Predigt. Bedenkt den Haufen Holz, und Stein, und Ziegel, und
Dachpfannen, und Glas, und Kalk und tausenderlei, eh' es ein Haus wird. Steht
das Haus; alles hat sechzig Fuss in die Länge und dreissig Fuss in die Breite Raum.
    Je schöner aber die Rede, desto weniger behältst du. Das Gedächtnis hat
keine Zeit, anzuhalten, keine Ruhe. So was Schönes kann nur die Kunst machen, wo
kein Punkt, kein Komma, kein Semikolon ist. In der Natur hat die Sonne selbst
Flecken. Ein Dichter hat das kleinste Donum docendi, setze ihn auf einen
Lehrstuhl, auf welchen du willst. Er wirst Strahlen, allein die meiste Zeit ist
er umwölkt. Aratus hat ein berühmtes Gedicht über die Astronomie geschrieben,
ohne dass er sie verstand. Er würde kein Gedicht, wenigstens kein berühmtes
darüber geschrieben haben, wenn er sie verstanden hätte. So nachlässig der Anzug
eines Dichters ist, so sieht's auch mit seinem Wissen aus. Da fehlt ein
Hemdknöpfchen, da hat das Kleid einen Kaffeeflecken und an den Beinkleidern
fehlt vorzüglich bei jedem Dichter was. Bitt' ihn, sein Stubenfenster
zuzumachen, er riegelt nichts zu, er zieht nur an. Es ist kein gemeines, sondern
ein heiliges Dunkel, so den Dichter umgibt. Eine schöne Dämmerung, und nach
Bewandtnis der Umstände Morgen oder Abend.
    Wer vielerlei weiss, ist biegsam, wer einerlei weiss, ist stolz. Jener steht
ein, wie viel ihm fehlt, dieser ist ein Hahn auf dem Miste.
    Haben wir mehr Wege zur Seele als Empfindung und Reflexion? Wer dies die
hohe und jenes die untere Schule nennt, hat sich übel erklärt.
    Das Wohlfeile, das Schlechte dieser Erziehungsanstalten meines Vaters ist,
mich dünkt, sehr auffallend; es sind alles Hausmittel (simplicia).
    Allein bei alledem, lieber Vater, ist dies nichts mehr als eine gute
Unterlage. Noch bist du nicht immatriculirt, und meine Leser haben von
Mutterleibe ausgehen müssen, um endlich auf die Börse der Gelehrsamkeit zu
kommen, wo der Cours vls. bestimmt und Dukaten und harte Taler nach der Zahl
der Liebhaber gewürdigt werden. Die Herren Geistlichen machen sich in jeder
Predigt eine kleine Bewegung vom Paradiese aus, und keuchen daher gemeinhin,
wenn sie an die Herzen ihrer lieben Gemeinde anklopfen. Wenn mein Vater nur
nicht keucht, anstatt dass er von der Leber wegreden sollte. Den Stand der
Unschuld, den Stand der Sünden, den Stand der Gnaden und den Stand der
Herrlichkeit wollen wir ihm verzeihen.
    Die Akademien, mein Sohn (Gottlob, Land!), sind gut und nicht gut, so wie
alles in der Welt. Niemand ist gut als der alleinige Gott.
    Die Akademie ist das, was bei den Zünften und Handwerkern die Fremde ist.
    Ich habe nie, das weisst du, der Akademie gejubelt und Lobopfer gebracht,
allein auch nie habe ich mich wider sie durch eine niedergelegte Akte verwahrt.
Die Wahrheit zu gestehen, wollt' ich mit dir anfänglich zum andern Tore hinaus.
Es hat grosse Leute auf Akademien gegeben, obgleich Newton ein Münzmeister,
Copernikus ein Domherr und Leibnitz ein Hofmann war.
    Mein Vater warf die Frage auf, wer auf der Universität den Kürzern zieht,
der Lehrling oder der Lehrer? Allein wenn er gleich über den Lehrer länger als
über den Schüler den Kopf schüttelte, so sah er doch auf den Schüler in Seelen-
und in Leibesgefahr. Professores sind, damit ihn meine Leser wieder selbst
hören, Sklaven, die an Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre gebunden sind. Es sind
Körper in der gelehrten Welt, die nicht ihr eigenes Licht haben, sondern die
vielmehr ihr Licht gemeinhin von dem Vivat junger, roher Leute erhalten; Körper,
die ihren Lauf alle halbe Jahre unselig vollenden, Uhren, die zu Ostern und
Michael ausgestäubt werden. Professores sind stehende Wasser, die faul werden.
Ich will es, wie ich schon oft getan, kürzen, wenn auch der Zusammenhang dabei
ein paar Grane einbüsst. Ein akademischer Lehrer muss, wenn er seine Kenntnisse
gut verzinsen will, marktschreien und durch eine Universalpille die Leute an
seine Bude locken. Die meisten haben ein Arcanum, ein Mysterium, das sie
empfiehlt, wovon sie zwei Dritteile alle halbe Jahre für sechs bis acht Taler
schwer Geld verhandeln, ein Dritteil behalten sie noch zurück. Man erfährt also
das Ganze nicht eher, als bis es im Druck erscheint, und siehe da! kein Mensch
findet das, was der Professor fand. Es ist ein gewöhnliches Compendium.
    Weiss ein Professor nur einerlei, ist er ein Pedant. Seine Wissenschaft ist
der Despot, der über ihn herrscht. Weiss er (und dies ist gemeinhin der Fall,
weil er mit seinen Herren Amtsbrüdern oft eine Lanze brechen muss) mehr, ist's
bloss so so. Das wenigste ist Wissenschaft, was wir haben, das meiste ist
Mutmassung, Weg, den man gehen muss, um zur Wissenschaft zu gelangen. Es geht mit
den Wissenschaften wie mit der Liebe: die verstohlne ist die angenehmste. Das
Handwerk wird einem jeden so geläufig, dass er auf keine Erfindung kommen kann?
Per aspera ad astra. Würden die Professores bloss von regierenden Herren bezahlt
werden, so dürften die Wissenschaften zwar gewinnen, allein die Lehrlinge würden
alles verlieren. Wie die Nonne den Psalter singt, würde gelesen werden. Die
Lehrer würden nur auf das denken, was gedruckt werden soll. Jetzt aber die
Metaphysik für wenige Taler kaufen, ist unschicklich. Ein Professor, der ein
Autor ist, - und wer ist nicht beides? - hält es nicht der Mühe wert, junge
Leute zu unterrichten. Die Welt ist sein Auditorium, und da sitzen Kaiser,
Könige, Fürsten u.s.w. auf den Bänken. Ein Autor ist ein so stolzes Ding, dass er
mit dem ganzen menschlichen Geschlechte spricht.
    Ein Professor spickt (lardirt) seinen Vortrag. Er ist oft gezwungen, über
gesunde Speisen ungesunde und unschmackhafte Brühen zu giessen.
    Und dem akademischen Jüngling! was legt sich nicht in den Weg, ihn zu
stören! Da ist ein Ständchen zu bringen; da kommt ein Landsmann; da hat er sich
zu schlagen; da dem Professor, der die Privilegien schmälern will, die Fenster
einzuschlagen. - Die Freiheit ist ihm der Weg zur Ungezogenheit. Seine Mitbrüder
ersticken bei ihm den Trieb, sich empor zu arbeiten. Will er ein ehrlicher
Landsmann sein, muss er, wie der Haufen, nichts lernen. Es sind kleine Höfe auf
den deutschen hohen Schulen errichtet; der Prinz, der Reichsgraf halten sich
Kammerherren, Stallmeister, Hofmarschälle u.s.w.
    Auf Universitäten sagt dir jeder Lehrer, nicht was du zu wissen nötig hast,
sondern was er weiss. Da lernst du den Wert der Wissenschaft nicht von dem, der
sie vorträgt, sondern von seinem Nachbar, einem andern Professor, der sie
verachtet.
    Erinnerst du dich, was der Herr Candidat von einem benachbarten Könige
erzählte, der seinen Professor der Moral selbst prüfte. Herr, sagte er,
moralisir' er mir was vor, damit ich seh', ob er was weiss. Ich fand hier viel
richtiges gesagt, und noch eins auf den Weg von einem Professor der Moral, der
durch seinen Wandel seine Lehren mit Gift hinrichtete. Was hör' ich von ihm?
sagte der dirigirende Minister dieser hohen Schule. »Verzeihen Ew. Excellenz,
ich bin nur Extraordinarius.«
    Diese Rede widerrief nun zwar, mein Vater nicht, indessen lenkte er jetzt
alles zum Besten, da er, wie er sich ausdrückte, durch ein anderes Tor mit mir
hinaus wollte. Es muss, sagte er, eine Zeit sein, wo man einsehen lernt, was man
nicht weiss, und kein besserer Ort dazu ist, als eine hohe Schule. Ein Professor
kann, wenn er seine Wissenschaft nicht bis zum Handwerk treibt und sie zuweilen
ein Jahr ruhen lässt, unendlich weit kommen. Diese Wissenschaft ist eine liebe
Frau, die man nach einem Jahre Entfernung wieder in seine Arme schliesst; da
ist's, als würde man auf's neue kopulirt. Ein Professor sieht, ob seine Saat gut
sei, vor sich, er lernt eine Bewirtschaftung guter Köpfe, und wird ein
Financier in der Gelehrsamkeit. Wer hat mehr Gelegenheit, Proben zu machen, als
er? und seine Begriffe bis zum Anschauen deutlich, wer seine Wissenschaften mehr
unüberwindlich zu machen, als er? Durch alle fünf Species der Rechenkunst
rechnet er seine Wissenschaft durch. Der Glaube kommt durch die Predigt. Steht
der Professor hoch im Cours, so bringt er auch seine Wissenschaft in den
nämlichen Wert. Er erleuchtet eine ganze Provinz, und macht, dass man seinen
Namen annimmt, z.E. Wolfianer. Ein würdiger Professor hört sich in
wohlgeratenen Schülern von der Kanzel, liest sich im Urteil, sindet sich am
Krankenbette.
    Er ist in einer beständigen Wärme, wenn andere Gelehrte durch ihren Beruf
sich erkälten und Mühe haben, wieder in gelehrte Transspiration zu kommen.
    Auch die Alten hatten ihre Schulen, und so wie Kirchen gut sind, obgleich
Gott überall ist, so sind Akademien nicht zu verwerfen. Wo habt ihr's denn her,
dass ihr so gelehrt auf Akademien schelten könnt, wie ihr's tut. Beinahe könnte
man sagen: die Deutschen wären Universitäts- oder akademische Köpfe. Warum wollt
ihr eure Mutter verachten, weil sie nicht so gut gekleidet geht, als eure junge
Frau?
    Ist denn der Wetteifer nichts, wozu man auf Akademien Gelegenheit hat?
    In der Schule locirt der Herr Präceptor, auf der Akademie locirt ihr euch
selbst.
    Es gibt auf Universitäten Gelegenheit, ohne ein beschwerliches Lexikon in
die Hand zu nehmen und den Buchstaben und Zahlen nachzuschlagen, gleich zu
lernen, was man nicht weiss. Ein Wort, das oft ein Lehrer im heiligen Entusiasm
verlor, das heisst, das er sagte, ohne es beinahe zu wissen - gewiss aber ohne es
zu behalten; ein solches Wort fällt nicht auf die Erde. Der Jüngling fasst es;
aus dem Meeresschaum wird eine Venus.
    Eine Universität ist ein gewisses Ganzes der Gelehrsamkeit, eine Messe, wo
man nicht an den Stadtkrämer gebunden ist, wiewohl es auch hier oft heisst: Wenn
die Narren zu Markte kommen, freuen sich die Kaufleute.
    Freilich kann man Meister werden, ohne gereist zu sein; allein wer achtet
einen Meister, der nicht Certificate von fremden Ländern aufweisen kann? Die
bekannte Autentica habita Cod. ne filius pro patre, welche sich vom römischen
Kaiser Friedrich herschreibt, sagt ausdrücklich: Omnibus, qui causa studiorum
peregrinantur, scholaribus et maxime divinarum atque sacrarum legum
professoribus, hoc nostrae pietatis beneficium indulgemus. Was ist das? fragte
meine Mutter auf Luters Art, und mein Vater antwortete: Dies Privilegium kommt
nur gelehrten Wandersburschen zu. Gott geleite sie, sagte meine Mutter, und
bringe sie gesund zu den lieben Ihrigen.
    Man hat daher auch den gelehrten Zweifel aufgeworfen, fuhr mein Vater fort,
ob diejenigen, welche auf einer Universität geboren werden, sich dieses
Privilegiums zu erfreuen hätten? und ob auch Lehrer hierunter zu begreifen, die
nicht divinarum atque sacrarum legum professores wären? Allein man ist der
gelehrten Meinung ad eins gewesen, dass alsdann die Reise aus Mutterleibe unter
den Worten: qui causa studiorum peregrinantur, zu verstehen sei, wenn man auf
einer hohen Schule geboren würde, wie denn ein Professor aller Fakultäten, wenn
gleich er haussässig ist, jedennoch schon darum unter dem Privilegio Raum hat,
weil er mit seinen Gedanken in die Kreuz und in die Quer verreist, und immer, er
sei auch Doktor aller Fakultäten, ein scholaris bleibt. Das Wort maxime
entscheidet ad zwei die gegebene akademische Frage so deutlich als möglich.
    Alles dieses, mein Kind, sind akademische Gedanken, und kann ich dir einen
Commentarius Auctore Helfrico Ulrico HUNNIO, doctore et in inclyta Academia
Giessena Juris Professore publico et ordinario, in die Hand spielen, woraus du
dir eine Reisekarte zu zeichnen im Stande sein wirst.
    Hier ist eine grosse Lücke. Meine Leser werden die andere von selbst bemerkt
haben. So viel noch hinzu. Meine Mutter traute dem Panegyrikus meines Vaters auf
den Universitäten in usum Delphini nicht ganz. Sie merkte es ihm ab, dass er
seine Zweifel nicht völlig los werden konnte.
    Plato hat, wie erzählt wird, die Schriften des Comödienschreibers
Aristophanes geliebt, und da er gestorben war, fand man noch im Bette die
Schriften dieses gekrönten Comödienschreibers, der sich mit Sokrates wie ein
paar Professores und ein paar bekannte Haustiere vertrug. Dies ist genug zur
Verteidigung meines Vaters bei seinen Seitenblicken.
    Akademie (mein Vater lässt sich vernehmen) hiess der Ort, wo Plato seine
Philosophie lehrte, die so schön war als der arkadische Garten dieses
Unsterblichen. Wär's auch nur seinet- und des alten Herkommens halber, müsste man
Universitäten besuchen.
    Sollte nicht, sagte meine Mutter, die mit dem alten Herkommen und dem Plato
noch bei weitem nicht zufrieden war, sollte nicht, da Adam und Eva doch wirklich
relegirt wurden, schon das Paradies die erste Akademie -?
    Und die Schlange und der Seraph mit dem blossen Schwerte: fragte ich, liebe
Mutter?
    Wenigstens versetzte sie, war doch Eli Samuels Professor und Gamaliel des
Paulus und die Prophetenkinder Studenten. - Und Stephanus, fiel mein Vater ein,
voll Glaubens und Kräfte, tat Wunder und grosse Zeichen unter dem Volk. Da
stunden etliche auf von der Schule, die da heisst der Libertiner und der Cyrener
und der Alexandrier und derer, die aus Cilicia und Asia waren, und befragten
sich mit Stephano, und sie vermochten nicht bei dieser Inauguraldisputation zu
widerstehen der Weisheit und dem Geiste des, der es redete.
    Meine Mutter war ausser sich über diesen Text, nur die Alexandrier hätten sie
gerne relegirt. Die gute Mutter! Sei ein Stephanier, sagte sie, lieber Sohn, ein
Stephanier.
    Mein Vater kettete seine Stammtafel der hohen Schule, von den Griechen und
Römern an bis auf die gegenwärtige Zeit, zusammen, und ward diese akademische
Stunde von Seiten meiner Mutter mit der Bemerkung beschlossen, dass ihres Wissens
kein Doctor teologiae kurisches Brod gegessen, es müsste denn einer von den
Herren Einhorns diese Würde incognito gehabt und aus heiliger Demut sie
verschwiegen gehalten haben. Mein Vater erklärte beiläufig nach seiner Weise die
adelichen Rechte, welche den Doctoribus zustünden -
    So wie den Literatis (meine Mutter verstand ihren Casum), sagte meine
Mutter, in Curland. Sie behauptete, es sei gleichviel, adelich behandelt werden
und adelich sein. Allein ich sagte: königlich essen, liebe Mutter, und König
sein, ist zweierlei. Und mein Vater war, zum Bedruck meiner Mutter,
unerschöpflich über die Ehre des Adels. Er erklärte, was vierschildig sei, und
liess so viel auf der Ritterbank und an der Ehrentafel sitzen und in den
deutschen, Marianischen, Johannis- und Malterserorden, und in hoch-und andere
adeliche Stifte aufnehmen, und die Grandes vor dem Könige von Spanien den Hut
aufsetzen, bis meine Mutter zu Curlands Ehren behauptete, dass der Herzog beim
Lehen sich auch einige Augenblicke bedecken könnte, wenn er wollte.
    Lass den Braunen satteln, sagte mein Vater, um nach - zu reiten. Es sind zehn
Jahre, dass ich den Herrn v. G. - nicht gesprochen habe. Meine Schuld ist es
nicht, und die seinige, das hoff' ich, auch nicht. Die Zeit wird an's Licht
bringen, was noch im Finstern verborgen ist. Herr von G - - will, dass du mit
seinem Sohne, der auch reisefertig und universitätsreif ist, diese Reise
unternehmen sollst. Der alte Herr ist der Mäkler in dieser Sache gewesen.
    In acht Tagen bist du vielleicht nicht mehr in dieser Hütte -
    Pastorat, sagte meine Mutter. Deine Wäsche ist bereitet, setzte sie hinzu.
Sechs Dutzend Oberhemden, sechs Dutzend Unterhemden, zwei Dutzend für den
Sonntag, ein halbes Dutzend für hohe Feste. Meine Mutter registrirte noch
mancherlei, was für mich bereitet wäre, allein mein Vater blieb bei den Hemden
stehen, auf die meine Mutter gleichfalls einen besondern Accent legte. Sie
dachte sich die weissen Kleider unter dieser Hieroglyphe, womit wir im Himmel
angetan sein würden. Was meinen Vater zum Stillstand vermochte, war etwas
Irdisches. So viel Hemden, sagte er, haben zwölf Prinzen vom Hause nicht. Je
vornehmer der Mann, je schlechter die Hemden, fuhr er fort, im monarchischen
Staate, wo man nur auf das, was vor Augen ist, sieht. In der Schweiz, in
Holland, in England feine Wäsche, und je vornehmer der Mann, je feiner. Wo ein
Tyrann, ein Despot herrscht, will ich das Hemde nicht sehen. Die Menschen achten
ihren Leib nicht, der ihnen nicht zugehört. Je näher auf den Leib in
monarchischen Staaten, je schlechter der Anzug. Für einen Despoten ist ein
grobes Isabellenhemde gut genug.
    Also Sonntags- und Montagshemden, liebe Mutter, und wie Gott will!
Sterbehemden und Prophetenkinderhemden; nur eins (das wett' ich) nicht - ein
Brautemde.
    Da bin ich eben, wo ich sein muss, um meinen Lesern den Schlüssel zur
akademischen Ehrenpforte und zum Stall des Braunen getreulich einzuhändigen. Ein
Schlüssel öffnet alles - die Eltern eilen gemeinhin mit ihren Söhnen aus dem
Hause, sobald die Natur die Fabel vom Storch widerlegt. Ich will es nicht
ausmitteln, in wie weit es gut sei, Kinder der Natur in diesem Stücke an Heim zu
geben, um die Frage unbeantwortet zur rechten Hand liegen zu lassen, ob es
Kinder ins Treibeis bringen hiesse, wenn man ihnen im zartesten Alter dies
Storchgeheimniss erklärt, und sie so altklug macht, dass sie selbst die Natur,
wenn sie sich zum Belehren meldet, belehren und mit ihr disputiren können? Vom
Blatterninoculiren haben wir guten Erfolg. Hier müsste auch Erfahrung
entscheiden.
    So viel dient nur hier zur Sache, dass Eltern, sobald sie den Sohn vaterfähig
halten, ihm eine glückliche Reise anwünschen, recht als ob sie eine Befugnis zur
besondern Oekonomie in optima juris forma bewilligten. Sie besorgen, die Söhne
wollen sich an ihrem Hause einen Flügel anbauen lassen, und sehen es gern, wenn
der Sohn reich heiratet, dieses letzte eben darum, warum viele Leute kein
Testament machen. Hier ist der Beleg zu diesem Eingange.
    Meine Mutter war nach meiner Krankheit zuweilen die dritte Person, wenn ich
mit Minchen allein zu sein Lust hatte. Die Liebenden, wenn sie lieben, glauben
insgemein, es wüsste niemand, dass geliebt würde, und oft sieht's alle Welt. Sie
bilden sich ein, ihre Liebe sei die einzige in ihrer Art, da aber jeder die
nämliche Metode hat, und Adam selbst mit den Augen die erste Anwerbung getan
hat, so schläft der Verräter nicht. - Meine Mutter merkte, mein Vater merkte. -
Beide sagten mir aber kein Wort. Meine Mutter, weil sie es für unmöglich hielt,
dass die Liebe des Sohnes eines Literatus, des Anverwandten Paul Einhorns und
Alexander Einhorns, des zweiten curischen Superintendenten, Wurzel fassen könne,
wenn er die Tochter eines Töpfers, der zugleich Schuster und Schneider ist,
liebt. Mein Vater, weil er wegzusehen sich verpflichtet hielt. Er verlangte von
mir ein gänzliches kindliches Vertrauen; Minchen nahm er aus. Wie richtig ist
Regel und Ausnahme? Kann man nicht das Recht lernen, ehe man Recht spricht?
Lehrt, Eltern, eure Kinder wählen, ehe die Natur sie lieben lehrt. Es ist eine
unüberdachte Behauptung, dass Söhne kein Geheimnis (die Liebe nicht ausgenommen)
vor ihren Eltern haben sollten; Irrtum - wer Liebe nicht ausnimmt, gibt seinen
Söhnen im Lügen Unterricht. Der Sohn, der fühlt er könne Vater werden, ist von
der Natur emancipirt, er hat in diesem Stücke keinen Vater mehr. Töchter
behalten Vater und Mutter, bis sie einem zu Teil werden, dem sie als ein
heiliges Depot überliefert werden müssen.
    Ich hatte die Gewohnheit, zuweilen mit Minchen in ein benachbartes Wäldchen
spazieren zu gehen, und nichts war mir angenehmer, als wenn ihre natürlich
schöne Stimme die Nachtigallen zum Concert aufforderte und wenn sie von den
Vögeln des Himmels accompagnirt wurde. Hätte sie bei einem Italiener Stunden
genommen, keine Nachtigall hätte sich mit ihr eingelassen. Jetzt sang die ganze
Natur mit, weil sich gleich und gleich gesellte, und ihr Gesang Natur war. Ich
hatte Minchen umgefasst, sie war mein. Mein Auge sagte laut: Ewig mein! und das
ihrige antwortete: Ewig dein! - In dieser Stellung und während diesem
Augengespräch und dem Concert, das die Natur dirigirte, traf uns mein Vater wie
ein Blitz. Ich hatt' ihm sonst nie in diesem Wäldchen begegnet. Mich zu
belauschen hatt' ers nicht angelegt, dass weiss ich. Da standen wir und sahen uns
an. Lange hielt ich meinen Arm wie um ihren Hals geschlungen. Sie zog sich aus
der Schlinge; allein ich hielt meinen Arm noch immer in der Höhe, als ob er
ihren Hals hätte, und sie - die der liebe Gott so himmelan gebildet hatte,
stand, wie mich dünkt, noch immer so von der Seite, so übergebogen, so
angeschmiegt, als ob sie noch nicht auf freiem Fusse wäre, oder als ob sie sich
nach mir geformt hätte. - Wie ich endlich meinen Arm fallen liess, war's mir, als
wenn die Welt fiel, so angst war mir. Wie ihr gewesen, da sie wieder ins gerade
Geleise kam, konnte sie nie angeben. Wir armen Kinder der Natur! Ich sehe ein,
wie es dem Adam zu Mute gewesen, da er zum erstenmale inne geworden, er sei
nackt. Wer nicht empfinden kann, was Minchen und ich empfunden, tue mir den
Gefallen und lese nicht weiter. - Ich glaube, ich werde den Eindruck nie
verlieren, und hab' ich ihn gleich nach der Zeit nicht so stark empfunden, war
es mir doch, so oft ich daran dachte, als ständ' ich mit Minchen im Wäldchen. -
Ich empfand's, die Nachtigallen schwiegen und alles, was eben wachsen wollte,
machte Stillstand und sah uns an. - Mein Vater war in der nämlichen Verlegenheit
und hielt mit uns völlig das Gleichgewicht. Entweder wollte er sich
heraushelfen, oder er wusste nicht, was er sagte. »Ist der Herr Vater nicht
hier?« wendete er sich zu Minchen, und sie: »Nein, er ist auch nicht hier
gewesen.« Kann wohl was Unschuldigeres auf die Frage: Ist der Herr Vater nicht
hier? geantwortet werden, als: nein, er ist auch nicht hier gewesen. Das war
kein Feigenblatt zur Schürze! O Minchen! Minchen! welch eine Süssigkeit ist's,
dich zu lieben! Für dein: »Nein, er ist auch nicht hier gewesen,« verdientest du
schon den Lohn der Unschuld, und könnte ich den Ton hinschreiben, in dem du
dieses sagtest - du verdientest bis ans Ende der Welt gemalt und gezeichnet zu
werden, mit der Umschrift: »Nein, er ist auch nicht hier gewesen.«
    Wenn ich diese Naturscene, sowie sie ringsherum empfunden worden, getroffen
hätte - (Was kann aber der Vater dafür, wenn ihm sein Kind nicht ähnlich ist?)
Chodowiecki! es wäre dir mit Minchen gegangen, wie Adam mit Eva, Adam sah sie -
Bein von seinem Bein, Fleisch von seinem Fleisch - sah sie wieder, küsste sie und
- Du hättest diese Seite durch und durch gehüpft, sie gelesen und ihr Handgeld
zur doppelten Unsterblichkeit gegeben.
    Minchen, wie sie allmählig gen Himmel wächst - nicht weil sie Gewitterwolken
sah, weil sie aus Furcht dem Himmel auswich, weil sie Trost bei der Erde suchte,
die, wenn der Vater im Himmel schilt, wie eine wahre Unser aller Mutter keinen
Blick verschmäht, womit Schuld und Unschuld sich zu ihr wenden, nicht darum,
sondern -
    Chodowiecki! Schwestersohn der Natur, deutscher Mann! Du weisst dies sondern
so gut als ich. Zeichne diese Scene eben um des sondern willen, das dir dein
Herz in Aug' und Hand dictiren wird - und dann liest man nicht Minchen bloss, man
sieht - Da steht sie! und ich, froh darüber, fliege über Jahrhunderte zu
Jahrtausenden, und juble und sage zu meinem Buche: fürchte dich nicht vor denen,
die den Leib tödten und die Seele nicht tödten mögen. - Auch wenn der Leib
Jahrhunderte lang zerstreut, und, wenn's hoch kommt, in Anleitungen zur Dicht-
und Redekunst in wahre Gebeinhäuser gesammelt wird, wo man nicht kennt den
Gerechten und Ungerechten. Ich bin's gewiss, es kommt die Stunde, in welcher eine
Posaune des Geschmacks die Barbarei wegscheucht und dies Buch zur Auferstehung
und Leben aufhaucht, dann sei dies Blatt, um Minchens wegen, das erste, das
wieder lebendig wird!
    Wir gingen alle zusammen nach Hause, und unterwegs erzählte uns der gute
Mann wider seine Weise, was er künftigen Sonntag, geliebt's Gott! seiner lieben
Gemeine vorsetzen würde. Das Ende dieser Geschichte war den folgenden Tag die
Predigt von den Universitäten und die Nutzanwendung:
                           »Lass den Braunen satteln.«
Ich ging zu Minchen, der ich einen grossen Teil von dem Werte der Universitäten
vorsagte, um sie zu meiner Abreise vorzubereiten. Ich erklärte ihr die
Autentica habita Cod. ne filius pro patre. Omnibus, sagt ich, qui causa
studiorum peregrinantur. Sie sah ein, was sie schon zuvor eingesehen hatte, dass
es gut sei, dass ich hingehe. Um Pastor zu sein, ziehst du von hinnen, sagte sie.
Zieh hin in Frieden.
    Ich weiss, dass sich mancher den Kopf hart an dem Latein stossen wird, das ich
Minchen vorsagte, allein um Verzeihung! dieser Mancher versteht nicht, was Liebe
ist, und ich hätte nicht ein Wort Latein von der Autentica habita Cod. ne
filius pro patre auf dem Herzen behalten können - die Liebe erträgt keinen
Rückhalt, sie will alles, was man hat, alles, was man kann, es sei lateinisch
oder deutsch. Dass ich indessen mit einer Uebersetzung, so treu als unsere Liebe,
Minchen unterm Arm gefasst, muss ich um des Schwächern willen anführen. Keine
Manche, die geliebt hat, wird sich am Latein den Kopf stossen oder das Aermchen
streifen.
    Der alte Herr, der mir ein tiefuntertänigstes Kompliment an Se.
Hochwohlgeboren mitgab, tat, was Mäkler tun, wenn sie den Käufer und Verkäufer
angeführt: er wünschte mir Glück und Segen, wobei er aber nicht bloss meine Reise
nach -, sondern auch die auf Universitäten verstand. Die Frau des alten Herrn,
ein gutes Weib, zwar nicht aus dem Stamme Levi, doch aus dem Stamme der
christlichen Einfalt und Ehrlichkeit, gab mir die Hand, da ich wegging. Gott
geleite Sie, sagte sie, und segne Sie, und geleite Sie und segne sie immerdar,
jetzt und in alle Ewigkeit!
    Da ich noch auf eine längere Zeit nach - reisen werde, will ich mich, in
Rücksicht meiner Leser, nicht lange in - aufhalten, obgleich ich drei Tage zu
bleiben gezwungen war. Ich lernte den jungen Herrn mit Flinte, Jagdtasche und
Hirschfänger kennen, sein Vater - ein rechter echter heller klarer Mann. Wie hat
der Mann zehn Jahre meinem Vater den Rücken kehren können? Seine Gemahlin, eine
gnädige Frau -
    Ich will nicht vorfassen -
    Die Frau v. G. - - brachte mich auf den Wunsch, wenn Minchen so ein gewisses
Etwas hätte, das man in der grossen Welt in zwei Stunden lernt, wenn man in
Purpur und köstlicher Leinwand geht, einen Gönner am Hofe und Geld auf Zinsen
hat, und wozu man längere Zeit braucht, wenn eins von diesen Stücken gebricht. -
Eine Viertelmeile von der gnädigen Frau war ich von diesem Etwas und meinem
voreiligen Wunsche zurückgebracht. Ich überrechnete die Eigenschaften, die bei
Minchen hierdurch leiden könnten, und was dacht' ich, da ich das Schöne der
Natur rings um mich sah. Was ist diese künstliche Dreistigkeit - gegen die der
Natur! Was ein Garten gegen Wald und Feld! Ein Junge, der ehemals unterm Phalanx
gedient hatte und in Gnaden verabschiedet war, liess mich wegen der Nachricht,
dass Minchens Mutter gestorben, nicht ausdenken. Plötzlich sagte er, niemand
konnte sich's vorstellen. Eben ist sie kalt geworden. Die Worte: »Gott geleite
Sie und segne Sie, und geleite Sie und segne Sie immerdar, jetzt und in alle
Ewigkeit!« fingen mir so lebhaft an zu werden, dass ich diese alte gute Mutter
sah - und Minchen, sagt' ich? Ihro Königliche Hoheit, antwortete er, befindet
sich wohl, ausser dass sie halb todt wegen des Todes der Alten ist.
    Mein ehrlicher Helm (er hiess eigentlich Wilhelm, seiner Tapferkeit wegen war
ihm indessen die erste Sylbe allergnädigst erlassen) sagte dies mit so viel
Subordination (diese und nicht Ehrfurcht verlangte ich von den Meinen), dass er
in jedem Wort Takt hielt. Er bemerkte unmassgeblich, dass dieser Todesfall vor
einiger Zeit durch ein Licht in der Kirche zwischen eilf und zwölf sehr richtig
vorher verkündiget wäre, allein ich belehrte ihn, dass dieses Licht meiner Mutter
Handlaternchen gewesen; ich, fuhr er fort, habe diesem An- und Vorzeichen nicht
geglaubt. Desto besser, erwiederte ich. Untertänigsten Dank, beschloss Helm, für
die Parole »Handlaternchen«, ich werde sie weiter geben. - Gut! sagt' ich. Soll
ich mit, fragte Helm, und zeigte Briefe, die er wegschnellen sollte; ich winkte
ihm ab, und mein Pferd, als ob es den Helm verstanden hätte, hielt am
Trauerhaus. Ich fand Minchen die Hände ringen und laut, laut wimmern; meine
Mutter! meine Mutter! Meine liebe Mutter!
    Sobald ich ins Zimmer trat, artete ihr Schmerz in Kunst aus. Sie veredelte
ihre ersten natürlichen Aufwallungen; sie schrie nicht aus, sie seufzte nur ein
sanftes Ach! Sie weinte zwar, allein sie schluchzte nicht. Sie goss nicht
Tränen, sie taute sie nur; sie rang nicht mehr die Hände, sie faltete sie. Sie
bedauerte ihre Mutter, allein sie war bemüht, dabei auch ihrem Vielgetreuen zu
gefallen. Im allerersten Affekt hätte ich dieses vielleicht nicht über sie
erreicht, jetzt aber opferte sie mir ihren Schmerz auf. Sie verliess ihre Mutter,
um an mir zu hangen. Alle poetischen Uebel geben der Liebe Zuwachs. Ein Mädchen,
das einen Bräutigam hat, kann unmöglich über den Tod ihrer Mutter anders als
dichterisch betrübt sein. Ihr Schmerz ist ein schöner Schmerz. Sie übersetzt den
Schmerz, wenn ich so sagen soll, in wohlklingende Verse: Alles was sie tat,
gehörte der Seligen und mir zur Hälfte.
    Hätten Sie sie sterben gesehen! Einen Gruss über den andern an sie. Sie ging
so schön wie die Sonne unter; ich hätte was drum gegeben, wenn sie diese
untergehende Sonne noch beschienen hätte. Gewiss sind Sie ihrem Geist begegnet.
    Ich bin ihm begegnet, ich hab' sie gesehen, ich hab' sie gehört. Gott
geleite sie und segne sie, und geleite sie und segne sie jetzt und in Ewigkeit!
Ich hör's noch.
    Da sah und hörte mich mein Vater. Alexander! rief er, und ich war kein
Sonntagskind mehr, ich kam von meiner Mondsucht zurück. Mein Vater! antwortete
ich -. Er hatte der Seele dieser frommen Alten mit einem andächtigen Zuspruch
das Geleite gegeben, und selbst so etwas von Vollendung, von Himmel im Gesicht.
- Er sah selbst selig aus. Seine Erzählung war mir neu, ob er gleich erzählte,
was ich wusste, was ich sah. Nach dieser Entzückung in den dritten Himmel kamen
wir aufs Irdische, und ich erzählte ihm, dass ich erst in fünf Monaten abreisen
würde. Willst du, sagte er noch zu guter Letzt, eine Leichenrede - darf ich
bitten, sagte der alte Herr. - Minchen bat mich nicht, ich entschuldigte mich,
und gewiss hätt' ich beim Sommergetreide eingebüsst, was ich beim Wintergetreide,
bei der Predigt, eingenommen und eingeerntet, wenn ich bei dem Grabe Minchens
und meiner Mutter eine Leichenrede übernommen. Dies war wohl der grösste Beweis,
dass mein Vater nicht wusste, wie es mit Minchen und mir stünde. Er hielt's ohne
Zweifel für Alexander- und Dariusspiel. Mein Vater ging zu Hause, ich blieb noch
einen Augenblick zurück und ging mit Minchen ans Bett ihrer Mutter. Nie sah' ich
die Aehnlichkeit, die diese Verklärte mit Minchen hatte, so klar als jetzt. Zwar
ein Schattenriss, doch Minchen! und mir sollte grauen? - Ich nahm die mütterliche
kalte Hand und rief sie zum Zeugen über mich, dass ich Minchen liebe und lieben
würde. - Sie fahre über mich, sagte Minchen, so kalt sie da ist, wenn ich einen
andern liebe, und tödte mich, wenn ich nicht Minchen liebe, jetzt und bis vor
Gottes Tron, setzte ich hinzu.
    Wir schieden diesmal von einander, als wenn wir Probe stürben! So gerührt!
so -
    Mein Vater, der gute Mann, der mich bei meiner Mutter angemeldet hatte, war
so gütig gewesen, ihr zu verschweigen, wo er mich und den Braunen getroffen.
Sonst war sie von den fünf Monaten und dass ich die Redeübung ausgeschlagen,
unterrichtet und über beides erbaut. Die fünf Monate gaben ihr noch zu einer
Rubrik unter den mitzugebenden Hemden Gelegenheit, und meine abschlägige
Antwort? - ich erzähl' es ungern, dass meine Muttter hieraus meine
Gleichgültigkeit gegen Minchen, wie aus einmal eins eins heraus brachte. Liebe
Mutter! die Liebe hält keine Reden!
    Die fromme Alte wurde in aller Stille beerdigt, und ihr Grabmal war das
heilige Kabinet, wo Minchen und ich in Liebesangelegenheiten zusammenkamen. Ein
Engel mehr, sagten wir, der uns hört, ein uns so verwandter Engel.
    Um meine Leser wegen der Rede schadlos zu halten, bin ich bereit, einem
jeden, der hören will, eine von anderer Art vorzufechten. Liebe und Tod grenzen
überall zusammen, im Roman und in der Geschichte.
    Ich bin der festen Meinung, dass jedes, was schreiben kann, wenn's liebt,
auch Liebesbriefe schreibe, geschrieben habe, auch schreiben werde. Die Liebe
ist eine völlige Opferung, eine Universalsocietät. Man gibt alles, was man hat,
man tut alles, was man kann. Man sagt alles, was man weiss, die Autentica
habita Cod. ne filius pro patre nicht ausgenommen. Ein Bauer kritzelt den Namen
seiner Grete in den Sand. Die Harke ist seine beste Feder. Schrammt er ihn in
Kürbiss, schmeckt ihm dieser am süssesten. Schnitzelt er ihn in eine Linde,
schmatzt er den Saft aus, der aus den Buchstaben quillt. Grete steht überall,
wenn er's bis zu fünf Buchstaben gebracht hat; wenn nicht, ist der erste
Buchstabe des Vornamens sein. Er pflügt ein G, er springt ein G, er geht ein G -
und Grete? nennt ihn zwar Hans, allein sie näht den ersten Buchstaben seines
Zunamens ins Tuch, das sie ihm schenkt. Hans Ficht heisst ihr Adonis, und sie
streut ihre Tannen ins F, und kommt sie an die Blumen der Venus, von der sie
aber Gottlob! nichts weiss, an Rosen und Myrten, legt sie sie ins F. Selten weiss
sie mehr als den ersten Buchstaben, allein den näht und streut sie - wie
gedruckt. Sie sticht ihn mit Nadeln ins Eichenblatt, in alle Blätter. Die Rinde
kommt dem Hansen zu; im Kürbisskabinet aber leben sie in Gemeinschaft der Güter.
Hier steht F und dort G. Das kleine gnädige Junkerchen macht Greten für die
erste Handvoll Kuhblumen oder ein Eichhörnchen zum F die Vorschrift, oder Sr.
Wohlehrwürden kleiner Benjamin, und dieser letzte gegen einen Maikäfer oder
jungen Häufling.
    Wenn nur eins schreiben, beide aber lesen können, ist das, was bloss liest,
weit verliebter, wenn's zum Klappen kommt, als das, was lesen und auch schreiben
kann. Das Schreiben zeigt von Bedachtsamkeit und Beständigkeit. Ein Philosoph
will immer schreiben, allein selten kommt er dazu. Ein Dichter kann sich zur
Not, wo Gott für sei! auch ohne Schreiben behelfen. Dahero kommt's, dass oft
grosse Dichter unrichtig buchstabiren. Der grösste Philosoph schämt sich nicht und
hat's auch wahrlich nicht Ursache, buchstabiren zu können. Er setzt die Worte,
der Dichter wirft sie hin.
    Man kann nur füglich im Stehen oder Sitzen schreiben, und es setzt eine
gewisse Bedachtsamkeit zum voraus, welche die Liebe sehr bei der geliebten
Person vergrössert, die nur geglaubt hatte, es wäre ein Ueberfall. Die Natur
schlägt in der Liebe eine beliebte Kürze und Einfalt vor. Sie fasst die Frucht
an, reif isst sie sie vom Baum. - Die Kunst hat diesen Weg erweitert, und bald
hätt' ich gesagt, verschönert ; es kommt auf den Geschmack an. Die schönsten
Früchte von der Spitze des Baumes (welche die Hand nicht ohne
Verlängerungsstange reichen konnte; der Mund kann gar nicht heran), die
schönsten Früchte werden ausgewählt, auf porcellanene Teller gelegt, mit Blumen
und Blättern, die, wenn man lang am Tische sitzt, vor unsern Augen den Geist
aufgeben und welken, geschmückt, und so auf eine mit Spiegelglas und Puppen
gezierte Tafel gesetzt. - Hier tanzt man, dort ging man. Die gnädige Frau, die
das Obst aus der Hand des lieben Gottes nicht vertragen kann, der's Blähungen
macht, lässt's verzuckern und candisiren, und Mumien im ägyptischen Sinn daraus
sieden. Pfefferkuchen ist ihr besser als Honig. Da man indessen sich heut zu
Tage leider! fein sauber wäscht, anstatt dass man sich baden sollte, und wir
unmöglich bis auf die erste Natur zurückgestimmt werden können, wo wir tausend
und abermal tausend Dinge vergessen müssten, die wir jetzt wissen, dient das
Schreiben zur Verfeinerung. Fühlt ihr also einen Ekel, die Früchte unterm Baum
im Garten zu essen; schreibt Liebesbriefe, nur schreibt sie nicht aus dem
Talander, und wenn er auch nur seit vierzehn Tagen in Paris gedruckt wäre,
sondern aus dem Herzen. - Hier haben Sie den Schlüssel zu den folgenden vier
oder sechs Seiten - ich weiss nicht, wie viel es, wenn's gedruckt wird, betragen
werde - wenn Ihnen, Durchlauchtigste Prinzessin! gnädigste Gräfin! - diese
Hausmannskost Blähungen macht, es sind, glaub' ich, auch eingemachte Sächelchen
da. Finden Sie nichts - ich rate zum Talander, es tut nichts zur Sache, ob's
französisch oder deutsch ist, ob's 1697 oder 1776 gedruckt ist, was Ihnen das
Herz verdirbt - ihr aber, meine Lieben! die ihr schmecket und sehet, wie
freundlich Mutter Natur ist, denkt von meinem Vorbericht, was ihr am Ende von
allen Liebesbriefen denkt, die man nicht selbst geschrieben hat. Und hiermit
fünf Briefe von meinem Minchen, nach der Anzahl der Feierhemden, die mir meine
Mutter bereitet hat, wenn sie mir nicht jetzt, wegen der Fünfmonatfrist, wider
Vermuten noch eins dazu legen sollte.
                                     * * *
                                  Sie an Ihn.
    O du lieber, lieber Junge! - Was hast du für eine gute Art zu schelten! Es
ist so was Herzliches drin, dass ich es mit Fleiss auf ein Scheltwort von dir
anlegen werde. Du bist ein ganzer Junge! ein Gott und sein Weib liebender Junge.
Mein All, All, All, Alles bist du. Ich lese deinen Brief und schreib' an dich
beinahe alles zusammen. - Was kann aber die Liebe nicht! du schiltst, dass ich
durch Nähen und Stricken mir den Finger wund gemacht. Soll ich denn die Hände in
den Schoss legen? da würd' eine Närrin aus mir werden, obgleich ich jetzt dein
Weib bin. - Was Klügeres kann kein Mädchen in der ganzen weit und breiten Welt
sein, als dein Weib. Der Finger ist auch wohl behalten und heil, und sieht aus
wie - neu hätt' ich bald geschrieben - wie zuvor. Er hat keinen schwarzen Band
mehr. Die Trauer ist schon gestern abgelegt. Was willst du mehr? - Fast wünscht'
ich, du möchtest noch mehr wollen, damit du schelten könntest. Schilt doch,
lieber herzlieber Junge, schilt doch was rechts auf. - Die Musik war bei der
Fingertrauer nicht verboten. Soll ich meine Doris missen, kann ich dir so
herzbrechend singen und spielen: du sollst's hören. Mein Vater wunderte sich
über den schnellen Gang in der Musik. Der gute Mann weiss nicht, dass ich
eigentlich in der Schule der Liebe bin, und von ihr Klavierspielen lerne. - Gott
im Himmel und dich in der Welt! Wie kann ich Gott lieben, den ich nicht sehe,
wenn ich dich nicht lieben sollte, den ich sehe. Ich liebe Gott in dir. Es ist
unaussprechlich, wie ich dich liebe. Du bist Gottesbote an mich. Gott gab mir
dich. Meine Seele ist dein, und unsere beide Seelen sind Gottes. Heut sehen wir
uns; allein nicht ganz, wir sprechen uns allein schwerlich drei Vierteil. Du
müsst' es denn machen wie neulich. Deine Mutter braucht aber nicht alle Tage
Pfefferkraut. Was ist doch die Liebe für eine Lehrerin? Wir sonderten uns vor
aller Leute Augen ab, die mit uns gingen, und kein Mensch dachte Arges in seinem
Herzen. Es fehlte nicht viel, deine Mutter selbst hätte darum gebeten, und das
Beste war, wir fanden gleich so viel Kraut, dass wir Zeit genug hatten, uns viel,
viel zu sagen. Findst du aber, dass es weniger wird, was noch rückständig ist,
und was wir uns noch zu sagen haben? ich nicht. - Wir zahlen nicht einmal alle
Zinsen ab; diese werden noch Capital. Wann wird uns Gott in Stand setzen,
Capital und Zinsen richtig zu machen. Wenn du Pastor bist und ich Pastorin. Dein
Weib bin ich lang. Gott und alle seine heiligen Engel waren auf unserer
Hochzeit, und die sind ständig beinahe sichtbar um uns, wenn wir allein sind. Es
kann nur wenig, sehr wenig daran fehlen, um sie von Angesicht zu Angesicht zu
sehen. - Da kann man wohl mit Recht über den betrübten Sündenfall klagen. Ist's
denn Sünde, so zu lieben, als wir? und liebt nicht Gott unsere Liebe? Seine
heiligen Engel sind ja unsere guten Männer gewesen, und wir sind nicht so
verbunden - (ich wollte nicht verheiratet schreiben, allein ich ärgere mich
über den Anstand, den ich drüber genommen, und schreib's zweimal hin) so
verheiratet, wie die verkehrte Welt, sondern wie Adam und Eva. Gott selbst hat
uns getraut, und sag': hat je ein böser Gedanke dein Herz verfälscht? mir ist
keiner vorgekommen. Je frömmer ich bin, je inbrünstiger denk' ich an dich. In
der Kirche höre ich deine Stimme unter hundert, und ich singe schnell mit, damit
wir beide zusammen zu Gott kommen. Aus der ganzen Fülle meines Herzens bin ich
dir gut. Bin ich nicht dein Weib, dein treues Weib, du Einziger, du Eva's Adam!
Sag es mir tausendmal und wieder tausendmal, dass du mein Mann und ich dein Weib
sei. Das lernt man immer schöner aussprechen, je öfter man es ausspricht. Wenn
du es sagst, ist's mir himmlische Musik, Kirchengesang. - Jetzt sind wir nur
beim lieben Gott bekannt. Ueber ein Kleines oder über ein Grosses - mir ist's
gleich, wird Gott uns auch unter die Leute helfen. Ich liebe deine Seele, und du
die meinige. Du bist der Mann meiner Seele, und ich das Weib deiner Seele, sonst
könnten die Engel mit uns nichts mehr zu schaffen haben. Leb wohl! - Zu Mann und
Weib hat uns der liebe Gott gemacht, zum Herrn Pastor und Frau Pastorin müssen
es die Menschen tun. Da ist das ganze Rätsel.
    N.S. Zur rechten Hand. Das Pfefferkraut würd' ich zum Kraut der Liebe
machen, so gut bin ich ihm.
    N.S. Zur linken Hand. Warum hast du deinen letzten Brief so weitläufig
geschrieben? Wenn du mir so gut nicht wärst, als ich weiss, dass du es bist, würd'
ich mir Gedanken machen. Hab' ich es nicht von dir: »je kälter, je weitläufiger,
wenn man Briefe schreibt.« »Wer liebt, läuft immer über. Er kennt nicht Mass und
Gewicht.« Aber so bist du! auf deine Finger siehst du nicht, allein die meinigen
sollen nicht trauern. Könnt' ich dann nicht dich und du mich lieben, wenn auch
alle unsere zwanzig Finger in tiefer Trauer wären. Ich komme wieder aufs Vorige.
Wer war es denn, der sagte, die Natur liebt eben die Finger nicht weiss. Rote
Wangen, starke Hände, wo gesundes Blut durchscheint, ist Naturuniform: wer war
es? Ich muss noch ein Stück Papier mit der Nadel anheften. - Lieber Mann, ein
Naturmensch, wie du, sollte nicht auf weisse Finger sehen. Das nenn' ich! ich!
ich! nenn' das schelten! Grüsse alle deine Finger von mir - sie sind meine
Finger. Du bist ganz mein, ich ganz dein. Wir sind eins, ich habe deine Briefe
unter meine Bibel gelegt. Erst Gott, und dann mein Mann. So gehört und gebührt
es sich. - Ihr Männer, dünkt mich, seid zum Reden und zum Schreiben. Wir
Weibchen zum Tun, und wenn's hoch kommt, zum Lesen. Das wirft du wohl finden,
ohne das ich's nötig gehabt habe zu schreiben.
                                  Sie an Ihn.
    Wie du vom Alexander zum lieben Jungen erniedrigt, oder besser, erhöht bist!
Unsere Liebe hat sehr gewonnen, jetzt da dein Vater den zweiten Diskant singt.
Ich wette, er hat mit dir zuvor etwas Grosses im Schilde geführt. Gottlob! dass du
jetzt Pastor wirst. So sind wir doch so sehr nicht auseinander. Lieber, lieber,
lieber Junge! was meinst du? Die Regenten müssen sich doch auch zuweilen so
nennen, wie wir, oder sie wissen nicht, was Liebe heisst, und dann sind sie
ärmer, als wir, und ärmer, als alle Bettler in unserm Dorfe. Ich weiss doch auch,
wie es einer Prinzessin zu Mute ist; allein ich tausche nicht mit der Königin
Elisabet, da ich dich habe - und du nicht mit Alexander, da du mich hast. Wir
würden jetzt schlecht Alexanderchen spielen! die alte Babbe würde die königliche
Frau Mutter besser machen, als wir Alexander und Frau Alexander. Ausser der
Liebe, das fühl' ich, ist alles Possen und Unwesen in der Welt. Du hast recht,
ganz recht, »die Liebe macht gleichgültig gegen Ruhm und Glanz, allein gegen die
Menschlichkeit nicht. Sie schränkt das Herz ein, allein sie erweitert es auch.
Eins liebt nur eins, wie Mann und Weib, alle Menschen aber, wie Schwester und
Bruder. Einen Verliebten, glaub' ich, kann jeder Mann betrügen, er hält alles
für ehrlich, was ihm begegnet, die Liebe ist stark Getränk für die Seele. Sie
betrinkt sich in ihr, und Verliebten geht's kein Haar besser, als Leuten die ein
Gläschen über'n Durst getrunken haben. Es ist ihnen alles besser, wie zuvor. Sie
sehen alles in den besten Jahreszeiten, alles im Junius.« So weit du. Eine
schöne Antwort auf deinen Brief. Ich schreibe ab, was du geschrieben hast. Mich
dünkt aber - das ist die rechte Art für ein Weib. Sie ist eine Kopistin des
Mannes, wenn sie schreibt. Denn dies ist ihr Fach nicht. Das war wieder eine
Abschrift von dir, und überhaupt bin ich ganz nur eine Abschrift von dir. Du
hast mir gestern geschrieben, dass ich deine Buchstaben nachmache, und dass sie
mit der Zeit wie deine sein würden. Lieber Junge! ich leg' es nicht dazu an, ich
mache sie nicht nach. Es kommt von selbst, ungebeten. - Ich lese deine Briefe
mir ins Herz und in die Hand. Wenn du morgen zu mir kommen willst, komm um vier;
von vier bis sieben sind nur drei Stunden. Ich habe dir viel von der Liebe zu
sagen, worauf mich dein Brief gebracht hat. So was muss man sich sagen; schreibt
man, ist's so, als wenn man Schlagwasser aufs Schnupftuch giesst. Ich denke, die
Liebe ist noch das Einzige, was in der Welt von ihrem Stande der Unschuld, und
von der Zeit, da sie aus der lieben Gottes Hand kam, übrig ist. Und du lieber
Gott! bei dem allen glaub' ich, dass nicht drei Paar in ganz Curland sich lieben,
wie man recht liebt, sich lieben wie wir. - Du wirst über vieles lachen, was ich
mir im Kopf gezeichnet, über vieles wirst du mich aber küssen. - Im Lande,
schreibst du, wo man sich in der Landessprache nicht auf gute Weise dutzen kann,
liebt man nur so so - - recht! ganz recht, lieber Junge, und wann hättest du
nicht bei mir Recht? Das Dutzen ist so was zum Herzen, dass ich's nicht sagen
kann. Was das hübsch ist, dass du deinen Vater und deine Mutter du zu nennen das
Herz hast. Meinem Vater dürft' ich so nicht kommen, der Muttter wohl - darum
liebst du auch deinen Vater mehr, als ich den meinigen. Unsere Mütter lieben
wir, glaub' ich, gleich. - Den kleinen Finger von der Liebe, womit wir uns
lieben, auch der nicht! - Ich habe schon gedacht, ihr Männer könnt nimmer so
zärtlich sein, als wir. Hörst du? als wir. Wo ich alles vernehme, was ich
schreibe, musst du besser wissen, als ich - denn in Wahrheit, wenn ich mich an
das Papier setze, weiss ich kein Wort. Morgen von vier bis sieben! Ich würde
nicht eine Sylbe an dich schreiben, wenn du es nicht so wolltest, aber du
müsstest ohne Ende und ohne Ziel an mich schreiben, sonst wüsste ich nicht, was
ich anfinge. Ich finde in keinem Buche das, was ich in deinen Briefen finde. -
Was du aber in meinen findest, kann nicht viel sein.
    N.S. Komm ja um vier; mich ärgert, dass ich alles so voll geschrieben habe,
ich möchte dich gern noch einmal, und noch einmal drum bitten: um vier.
                                  Sie an Ihn.
    Sie an ihn! diese Erfindung macht dir Ehre. Du und ich, ich und du. Mehr ist
für uns nichts in der Welt. Mir kommt's wenigstens so vor. Es geht dir mit
meinen Sachen, wie mir mit den deinen. Ich könnte nicht leben, wenn ich nicht
was von dir bei mir trüge. Ich sehe dies als ein Pfand an, das du mit einem
Kusse auslösen musst. Den letzten Brief trage ich immer im Busen, bis ihn der
folgende ablöst. Dein Tuch aber kann ich in der Hand halten und küssen, und mich
damit vor aller Welt Augen erfreuen. - Mein Tuch und meine Feder, und mein Buch
und das Band auf meinem Kopfe, das du nicht berührt hast, ist mir als ein
ungetaufter Heide. Was du angefasst hast, ist mir eingesegnet und geweiht. Die
Stadtleute, die nicht wissen, wie schön es ist, Blumen an der Wurzel zu sehen -
geben sich einander Blumen. Ihr Blumengeschenk - das habe ich von dir - ist ein
Bild ihrer Liebe, die auch bald dahin stirbt. Ich möchte nicht in der Stadt
wohnen um vieles! Die Leute, glaub' ich, haben da den lieben Gott nur in der
Kirche, wir - der Name des Herrn sei gelobt! - haben ihn überall. - In Mitau
werde ja nicht Pastor. Werd' es auf dem Lande. Da hast du halb predigen, und wir
leben doppelt. In der Stadt ist man, wie's in der Bibel steht, lebendig todt.
Man lebt sich da, wie du sagst, krank und todt. Dass du mir ja keine neue Feder
mehr schickst. Ich will keine, mit der du nicht schon geschrieben, und die du
nicht schon in Gang gebracht hast. Und was ich noch mehr will, das hätt' ich bei
einem Haar vergessen. - Der alte Herr geht morgen aufs Land und bleibt drei
Tage. -
    N.S. Um acht Uhr des Morgens kommt der Wagen nach ihm; um neun ist er gewiss
nicht mehr hier.
                                  Sie an Ihn.
    Gestern, lieber Mann meiner Seele! Einziger! habe ich den Geburtstag unserer
Liebe gefeiert. Im Buche der Lebenden, das vor dem Trone Gottes liegt, sind wir
gewiss von Anbeginn in einer Reihe zusammengeschrieben. Ich zittere und freue
mich. Es schaudert mich und ich bin entzückt, da ich an das zurückdenke, was
gestern neu geboren ward. Der erste Kuss und mit ihm der Schwur: »Ewig mein!« ich
habe meinen Schutzengel sehr gebeten, es dir einzuflössen, was ich gestern
empfunden habe, es ist unausschreiblich! Denkst du auch noch zurück? Unsere
Augen waren die ersten Bekannten; sie waren immer zusammen, wenn sie sich
erreichen konnten. Eh man sich liebt, ist das Auge, wie du sagst, als eine Sonne
mit Wolken belagert. Die Liebe steckt das Auge an, zuvor ist es eine
unangezündete Kerze. Kaum brennt's, so ist auch der ganze Mensch hell. - Alles
stufenweise in der Liebe! Nach dem Blick eine Berührung. Ich denke noch oft
daran, wenn sich unsere Finger berührten, da du mir was reichtest, oder ich dir
- die Funken spritzten mir bis in die Seele, so oft wir so Feuer anschlugen, und
da ich dein Glas wie aus Versehen nahm, und du das meinige, und da ich mit gutem
Bedacht an eben der Stelle trank, wo du getrunken hattest. Himmel, was trank
ich! ich trank dich, ich war von dir betrunken, und mein ganzes Blut ward davon
entzündet. Endlich das hohe Fest, dessen Jahrestag gestern war! Sprachen wir
oder sprachen wir nicht? Ich glaube: Nein. Sprache und Liebe bestehen nicht
sonderlich, das habe ich oft erfahren. Die Sprache ist ein ungetreuer
Dienstbote. Gott, wie du mich küsstest und drei Blüten vom Baume herabfielen, um
diesen Ort zu heiligen, und die Nachtigall schlug, und wir dies alles nur halb
sahen, nur halb hörten, bis wir uns von diesem Kusse erholt hatten! O Mann, o
lieber Mann! welch ein Fest! Wie hab' ich gebetet, dass Gott mit unserer Liebe
sei! Er, der die Liebe ist, sei mit unserer Liebe! Er weiss das Ja, das wir
stammelnd vor seinem Angesichte ablegten, die Sonne beschien es, der Altar war
mit Vergissmeinnicht bordirt und mit Blumen geschmückt, die so schön
zusammenstanden, als ob sie auch untereinander vermählt und zusammen getraut
wären. An diesem Tage, lieber Mann! müssen wir auch einmal, wenn Zeit und Stunde
ist, vor der Welt zusammengegeben werden. Dieser unser Weltochzeittag sei uns
ein untergeordnetes Fest, und also am nämlichen Tage! - Man muss Gott mehr lieben
als die Menschen - ich habe sehr, sehr für dich gebetet. Ich bin deinetwegen
beim lieben Gott Sturm gelaufen. Laut, laut schrie ich: Gott sei mit ihm, mit
ihm! Ich nenn' dich immer zum lieben Gott Er. Gott weiss ja alle Dinge. Einmal -
das muss ich dir ohrbeichten - kam mir der Alexander in den Mund, und ich ward so
zurückgesetzt - ich schämte mich so vorm lieben Gott, dass ich in zwei Tagen kein
Wort hervorbeten konnte. Ich denke, es kommt daher, weil wir Alexander gespielt
haben, und weil der liebe Gott das Herz und kein Spiel haben will. Weisst du
woher anders? schreib's mir. Es war doch nicht ein Schelmenstück, dass du den
Alexander machtest, und mein Bruder Benjamin den Darius. Du heisst ja leider
Alexander. Da bin ich wie deine Mutter! Ich gäbe was drum, wenn du Johann oder
Gottlieb hiessest. - Ich vergess' es nicht, was der Herr Candidat * sagte, der
als Volontair nur einem der Feldzüge zusah, den dein Vater mitmachte: »Gut
wär's, wenn überhaupt König nur gespielt würde!« Dein Vater schüttelte Nein!
warum nein? - Ich bin des Herrn Volontairs Meinung.
    Es hat doch bei unsern Schlachten kein Junge ein Bein gebrochen, und die
Jungens sind alle so vollkommen, so stark. Benjamins Fuss ist obenein gerader
geworden; was fällt aber nicht, wie man hört und liest, im Kriege? Im Anfange
glaubte ich, dass in der Geschichte die Zahlen verdruckt wären, ich fand's aber
oft ganz ausgedruckt. Die Leute sollten's nicht so deutlich machen, damit man
wenigstens denken könnte, es wäre eine Null zu viel. Da seh' ich, was ich
zusammen geschrieben habe. Wenn du oder ein anderer Alexander das, was ich
geschrieben, schreiben, oder besser zusammenlegen sollten, wär's ordentlicher
und kürzer, glaube ich, aber nicht herzlicher. Ich streiche nichts. - Mögt ihr
doch streichen, wenn ihr nur nicht das Herz herausstreicht, wie ich glaube, dass
es die meisten von euch tun. Da fiel's mir neulich beim Pilatus ein: »was ich
geschrieben habe, habe ich geschrieben.« Gott verzeihe mir's. Ich dachte - das
Weib - er, als Landpfleger, hätte ja streichen können. Wie ich froh bin, lieber
Junge, das wird dir dein Schutzgeist sagen. Der meinige hat ihn heute gewiss mehr
als einmal besucht und es ihm erzählt. Wenn wir sie kennen lernen werden, das
wird eine Lust sein. Mir ist's sehr, sehr angenehm, an den Tod zu denken. Ei wie
denn dir? Gott segne dich und behüte dich in alle, alle Ewigkeit! Amen! Amen!
    (An der einen Seite:)
Heute gewiss einen Brief von dir. Es ist Geburtstag. Die Briefe werden sich
begegnen. Ist er noch nicht abgeschickt, lass ihn den meinigen küssen; ich werd's
empfinden; und eh' die Briefchen einmal, wenn wir zusammen sind, auch zusammen
kommen und sich paaren, wird's noch eine Zeit dauern. An unserm Weltochzeittage
wollen wir sie zusammen legen. Eben denk' ich dran, wie furchtsam unser erster
Kuss war, um dir zugleich eine gute Lehre zu geben. Jetzt ist's so, als wenn du
mir das Aug' austrinken wolltest, wenn du es küssest. - -
                                  Sie an Ihn.
    Ich habe zum erstenmale einen Menschen sterben gesehen! und gleich zum
erstenmale eine Mutter. Nun würde folgen, selbst zu sterben, und das
Entsetzlichste - von deinem Tode zu hören. Denn dich sterben sehen, wär'
unmöglich. Lieber Junge, alles auf einmal! Du wirst weg - meine Mutter ist schon
weg. - Du kommst zwar wieder, allein meine Mutter nicht mehr. Du weisst, wie ich
sie geliebt habe, und wie sehr ich Ursach dazu gehabt. Wenn wir zu einem
Briefträger einen Vertrauten nötig gehabt, wäre sie es gewesen. Du hast mir's
gesagt und geschrieben: Ein Mädchen kann zur Vertrauten in der Liebe niemand
anders als eine Mutter nehmen - höchstens einen Bruder. Wie wird's jetzt werden,
da du dem Benjamin unsere Liebe nicht entdecken willst? - Du schreibst, ein
guter, sehr guter Junge, nur ist er gewohnt in die Flucht geschlagen zu werden.
Wer Geheimnisse bewahren will, muss des Siegens gewohnt sein. Wir armen Leutchen!
jetzt schreiben wir einander und tragen die Briefe selbst an Ort und Stelle.
Wenn du aber nicht mehr dreissig Schritte für Männer, und sechzig Schritte für
Weiber, und fünf und vierzig Schritte, wenn wir beide zusammen gehen, von mir
entfernt sein wirst, wie werd' ich dir meine Briefe im Buche reichen oder in die
Hand drücken, oder auf diese oder jene Stätte legen, welche der liebe Gott bloss
unserer Briefe wegen so dick mit Gras bewachsen liess, um unser Geheimnis zu
decken. O Gott! wenn ich an deine Abreise denke, ist's mir so, als wenn ich
meine Mutter sterben sähe, und doch wirst du wieder kommen, und dein Weib
bekennen vor den Menschen. Gott helf' uns dieses Bekenntnis vor dem Altare
ablegen, wo wir ehemals unser Glaubensbekenntnis gen Himmel ablegten! Du musst
auf eine Universität, das hast du mir bewiesen, also gehe hin. - Ich werde dir
noch viel, viel mitgeben, dass du dich meiner erinnern kannst! - Du armer Junge!
ich behalte doch mehr zurück. Dein Vater hat deine Finger, als wenn ich sie
sehe. Wie werd' ich darnach blicken, selbst wenn er mir die Hand beim
Beichtstuhle auflegen wird, selbst da werd' ich an deine Hand denken. Das ist
keine neue Sünde! Was behalt' ich nicht noch mehr! Alle die Örter, wo du
gingst, wo du kamst. Wo Alexander siegte, wo ich deine Gefangene war, wo unsere
Augen einen Bund machten; den Altar, wo wir getraut wurden; den Ort, wo wir
Concert hielten; wo du oft, oft mich zusammennahmst und küsstest, und wo ich dir
durch einen bescheidenen Kuss für deinen heftigen dankte; wo wir uns freueten,
dass es Frühling war, und das erste Veilchen, die erste gelbe Blume, den ersten
Schmetterling bewillkommten. Der Ort, wo dein Vater uns überfiel, lieber Junge!
- ich glaube noch immer, du magst mir so viel sagen als du willst, der hat viel
zu deiner Abreise beigetragen. - Der Tod sucht Ursach. Gott sei Dank! noch fünf
Monat. - Was wimm're ich Törin! du gehst hin, um beständig bei mir zu sein, um
Stroh zum Nestlein für uns zu holen. - Flieg denn aus, find bald dein Stroh, und
denk, dass deine Sie auf dich wie eine von den klugen Jungfrauen wartet. Schick'
mir dann und wann eine Taube mit einem Oelzweig. Wir müssen noch verabreden, wie
wir's mit den Briefen halten wollen! - ich kann dir nicht sagen, wie mir ist! -
So sind wir Menschen! Wer stirbt gern, wenn er gleich weiss, dass er dadurch zum
ewigen Leben kommen soll? - Das Letzte ist gewiss. Leute, die recht sehr fromm
sind, müssten hier schon wie dort sein. Sie studiren die himmlische Geographie,
und sind im Himmel so, wie ich in Gedanken auf all' den Universitäten sein
werde, wo du wirklich sein wirst. - Wer stirbt aber gern? Wer? Warum ich
eigentlich an dich schreibe, hab' ich dir noch nicht gesagt. Ich habe meine
Mutter vor dir nicht sehen können; ich will sie unsere Mutter nennen, meinen
Vater aber nie, nie unsern Vater. Der meinige ist er, weil's Gott hat haben
wollen; warum sollst du dich aber mit ihm beschweren? Gott verzeihe mir's! wenn
ich hiedurch dem vierten Gebote zu nahe trete - du hast mich als Mann darüber
losgesprochen und die Grenzen abgemessen: »Bis dahin und weiter nicht.« Als
Pastor musst du diesen Losspruch noch bestätigen und vollführen, Amen! Wieder von
unserer Mutter ab - ich hab' dir noch etwas Schriftliches von ihrem Abschiede
versprochen, weil ich's dir mündlich nicht sagen konnte.
    Wisse also, mein lieber Junge, dass ich ihr, kurz eh' sie starb, unser
Liebesgeheimniss entdeckt habe - ich habe vor der Minute gezittert, da es hiesse:
Vollbracht - nachdem ich ihr aber unser Geheimnis gesagt hatte, zitterte ich
auch für ihre Besserung. - Ist's nicht gut, dass ich's ihr gesagt habe? - Sie
hätt's doch im Himmel erfahren, und dann hätte sie Ursache gehabt, es mir zu
verdenken, wenn dies Wort im Himmel nicht verboten ist. - Was weiss ich - ich
dachte, es wäre unrecht, sie ohne dies Geheimnis sterben zu lassen. - O lieber
Junge, welchen Segen hat sie über uns ausgesprochen. Sie war schon lange wie
todt, hatte lange sprachlos gelegen, da ich ihr aber unsere Liebe erzählte,
bekam sie ihre Sprache wieder. Zacharias fiel mir ein mit seinem - »er soll
Johannes heissen.« Sie nannte dich Sohn. Das hätte sie in dieser Welt nicht das
Herz gehabt, wenn ich gleich wirklich die Frau Pastorin gewesen wäre. Sie fühlte
aber, wer sie war! Sie fühlte ihre Beförderung zum Engel. Sohn! Sohn! Sohn!
sprach sie, als ob sie sich dabei was zu gut täte, und blieb im Segnen. - -
Gewiss hat sie's mit himmlischen Worten fortgesetzt, was sie mit irdischen
angefangen; und was sie in Schwachheit begann, geendigt mit Kraft. Gott schenk'
ihr die himmlische Seligkeit, die sanfte, ewige Ruhe der Auserwählten! Auf ihrem
Grabe will ich oft Rat holen, wenn ich in deiner Abwesenheit Rat bedarf - du
musst noch oft, oft, - so schwarz, so nackt, so unbegrast, so unbeblümt es gleich
da ist - (wer wird sich aber vor Staub, vor seinesgleichen fürchten?) oft musst
du noch an ihr Grab mit mir wallfahrten. O Lieber! mir ist so - so - rings ums
Herz, als wenn ich meiner Mutter bald folgen werde - und hätt' ich dich nicht -
wie gern! wie gern! ich hätte diese letzten Zeilen gern weg! Aengstige dich
nicht. Du kennst mich so gut, wie ich mich selbst kenne!
    Du schreibst mir: »Schone dich! ich weiss, du bist in dein Leben nicht
verliebt - schone dich meinetwegen!«
    Junge! deinetwegen, deinetwegen, deinetwegen will ich leben, leiden und
sterben! -
    Da hab' ich ihn mit einem Griffe deinen lieben Brief, den ich aufsuchen
wollte.
    »O Mine, wenn doch unsere Väter alle Nächte den Himmel observiren möchten. -
Was war das für eine Nacht! Mine - was für eine Nacht! Mine, was für eine Nacht!
Wie feierlich, zwischen eilf und zwölf auf dem Kirchhofe zu sein! mit dir! mit
dir allein auf dem Kirchhofe.« - - Ich vergesse dieses zwischen eilf und zwölf
in meinem ganzen Leben nicht. - Die Alten sahen auf der andern Seite des
Kirchhofs nach den Sternen, und ich? »sah dich - dich - dich - doch warst es du?
Sag, warst du entzückt, oder warst du wie sonst? Ein Mondstrahl umleuchtete dich
- ich stand im Dunkeln und sah ein Gesicht im prophetischen Sinne. - Nie hab'
ich so was gesehen! du warst verklärt, und dein Gesicht war wie eines Engels
Angesicht: so - so - wie ich dich nach der Auferstehung der Todten sehen werde
in alle Ewigkeit!«
    Wozu diese Abschrift? - gleich, lieber Junge.
    Gestern standst du in der Sonne! Sie beschien dein edles Angesicht - sanft
und zurückhaltend war ihr Strahl, so als wenn Gott mit Menschen spricht. - Die
Sonne blitzte nicht, sie hatte einen Augenschirm vor, und ich! kurz lieber
Junge, wie es dir mit dem Monde ging, ging es mir mit der Sonne; ich sah dich,
ich kannte dich, allein du warst wie Moses, indem er vom Berge kam und mit Gott
gesprochen hatte, und ein Gesicht voll Sonnenglanz mitbrachte - da dacht' ich:
Sonne und Mond ist Mann und Weib. - Da sah ich uns beide im Himmel, dich in die
Sonne, mich in den Mond gekleidet - ich weiss nicht, wie mir war! mir kam es so
vor, dass ich bald stürbe, und dass meine Mutter ein Mondgewand in der Hand hielt,
mir das Sterbehemde auszog und mich himmlisch einkleidete. Ich war in Wahrheit
ausser mir! - das hab' ich noch behalten, dass es selig wäre, selig, selig wäre zu
sterben - wenn du mit stürbest. - Gottes heiliger Wille geschehe!
    Oben wo sie angefangen hatte (das andere ist so voll geschrieben, dass kein
Wort mehr Raum hat): Was haben wir nicht noch abzureden, ehe du gehst. Fünf
Monate sind zu kurz, wenn wir von vier des Morgens anfingen und um neun
aufhörten. Wie kommt's, dass wir nicht zum Worte kommen, wenn wir zusammen sind.
                                     Dixi!
Und wenn gleich meine Mutter drei Hemde-Rubriken mehr während der Zeit erfunden
hätte. Dixi!
    Euch, gute Seelen, die ihr den Hänfling, den ein Bube aus dem Neste stahl,
um ihn mit aufgeweichtem Brode zum Sklaven zu füttern, versteht, wenn er, seinem
Kerker entflohen, auf dem benachbarten Kastanienbaume seinem Tyrannen Hohn
singt;
    Euch, gute Herzen, die ihr einer Pflanze die Wollust ansehen könnt, wenn der
Gärtner sie aus dem Blumentopf in die weite Erde bringt, oder einen Feigenbaum,
wenn der Besitzer in nördlichen Gegenden ihn vom Fenster in den schönen sanften
Regen setzt; Euch wenigen Edeln! die ihr, wenn die Bohne in eurem Garten eine
schwere Geburt hat, ihr nachhelft und die Schlauben abstreift, um ihr Luft zu
machen, und die Blume, die der Sturm wie eine Wittwe beugt, mit tröstender Hand
aufrichtet, damit sie, so wie ihr selbst, gen Himmel sähe, euch, die mein Vater
Seher, von Gott Angehauchte, nennen würde; Euch, die ihr höret und sehet, was
Viele mit offnen Augen nicht sehen, mit offenen Ohren nicht hören, schreib' ich
diese Briefe zu. Schützt sie wider Hof- und Stadtleute, die Ach und Weh über sie
kreischen, wider die Schwätzer und Trunkenbolde in der Liebe, die, gewöhnt an
italienische Musik, die kein Schäfchen blöken, keine Nachtigall schlagen, keine
Biene schwärmen, keinen Käfer brausen hören können.
                                     * * *
    Es war eines Sonnabends - wie hätt' es wohl ein anderer Tag sein können? -
da mich meine Mutter bei der rechten Hand nahm, welche sie die Auserwählte zu
nennen pflegte, und sich folgendergestalt verlauten liess: Mein Sohn, heute
König, morgen todt. Es ist leicht möglich, dass, wenn deine Noviciatsjahre
geendigt sind, und du dich, zu Ablegung der heiligen Gelübde, nach Curland zu
den Altären deiner Väter mütterlicher Seits einfindest (mein Vater hätte gesagt:
wenn du deine Jahre der Wanderschaft zurückgelegt und ans Meisterrecht denkst),
du mich nicht mehr in dieser irdischen Hütte siehst. - Dort sehen wir uns gewiss
und wahrhaftig; indessen hab' ich noch viel auf meinem Herzen für diese Welt,
das ich nicht gern wie einen Haufen Reiser zusammenraffeln, sondern mit
Zuckererbsen zur Saat lesen und sondern und dir ins Ohr säen, oder, nach dem ein
und vierzigsten Psalm im achten Verse, raunen möchte.
    Ich glaubte, dass dieser aufgespannte Pfeil Minchens Geschichte treffen
würde, allein ich betrog mich am Ende, obgleich ich meine Mutter, um ein anderes
tödtliches Gewehr anzuführen, Pulver auf die Pfanne streuen und zielen sah, da
sie von den Vorzügen eines guten, ehrlichen Herkommens sprach. Sie lenkte auf
meinen Vater, ihren vielgeliebten Eheherrn, und legte es mir so nahe als
möglich, dass ich sie fragen möchte, was sie wohl von seiner Abkunft dächte? Wir
bogen beide zur Rechten und kamen nicht zusammen. Freilich hätt' ich auch gern
gewusst, was meine liebe Mutter, bass als ich, von dieser Sache wusste. Ich
befürchtete aber Aufträge zu gewissen Fragen an meinen Vater, und wie hätt' ich
einen Mann foltern, oder wie meine Mutter sprach, stöcken sollen, der so
väterlich war, mir wegen Minchen keine Frage ans Herz zu legen? Sie musste also
durch einen andern Weg in ihr Land. Ueber deinen Vater, sagte sie, habe ich
tausend und abermal tausend Tränen vergossen. Selten wird ein Frauenzimmer das
Wort Tränen trocken aussprechen, und ohne es anschauend zu machen, was Tränen
sind.
    Ich weiss zwar nicht, wo er her ist, und wer seine Eltern gewesen, bald hätt'
ich liebe Eltern gesagt; Gott weiss aber, ob sie's verdient hätten und ob's nicht
unschlachtig Volk gewesen. - Ich vermute, dass sie ihm eben keine Ehre machen
können, denn sonst wüsste ich nicht, warum er so zurückhaltend über diesen Punkt
zu sein Ursach hätte. Hier fing sie so bitterlich an zu zeigen, was Tränen
sind, dass ich sie herzlich tröstete. Sie jammerte mich von ganzer Seele.
    Was ich weiss, will ich dir sagen; wollte Gott, dass es ohne die grösste
Bewegung meines Herzens geschehen könnte.
    Ich verbat ihre Erzählung, da ich sah, wie sehr es sie angriff.
    Nein, um des Himmels willen, nein, aber nein, rief sie aus, und wenn mir
drüber das Herz brechen, wenn ich gleich sterben sollte, musst du alles erfahren,
was ich gewiss weiss, was ich hoffe, was ich glaube, was ich fürchte, und noch
manches was mehr.
Nichts war es spät und frühe
sang sie -
Um alle meine Mühe;
Mein Sorgen war umsonst. -
Und nach Vollendung dieser Herzstärkung fing sie an: Du weisst, wie sich die
Lebensläufe unserer in Gott ruhenden Vorfahren anfangen: »Was nun anlangt« - ich
kann diesen Anfang nie, ohne Lust aufgelöst zu werden. - beten -
    »Was nun anlangt die ehrliche Geburt, den Tauftag, den geführten
christlichen Lebenswandel und die selige Sterbestunde unserer in Gott ruhenden
Glaubensschwester, der weiland viel ehr- und tugendsamen Frauen, Frauen - - so
ist selbige - - von christlichen Eltern geboren. Ihr Herr Vater war der weiland
Wohlerwürdige, und ihre Mutter die weiland - - leibliche Tochter des weiland
Wohlehrwürdigen - ihr Herr Grossvater war der weiland Wohlehrwürdige - so viel
Weilands Wohlehrwürden ohne Ende und Ziel.« Bei deinem lieben Vater ist ehrliche
Geburt und alle Wohlehrwürden in die Rappuse gegeben. Gott gebe, dass dieser
Gedanke ihm sein Sterbelager nicht schwer mache.
    Es war im Jahr nach Christi Geburt 17 - den - da er zu deinem lieben,
seligen Grossvater gegen Abend um sieben Uhr ankam. Es schlug eben unsere
Stubenuhr, die so katerhaft brummte, eh' sie eins, zwei, drei, vier, fünf,
sechs, sieben herauswürgte, dass ich kein Wort von den Erstlingen deines Vaters
zu vernehmen im Stande war. Er schien mir mehr mit dem Rücken als mit dem Munde
zu sprechen. - Es war der kälteste Winter, den ich je erlebt habe. Ich sehe
noch, wie dein Vater tat, als wüsch' er sich die Hände. Drei Aepfelbäume rührte
der Frost in unserm Gärtchen, auch den letzten Zahn, wie es deine Grossmutter
nannte, oder den letzten Pflaumenbaum. Dein seliger Grossvater pflegte im Scherz
zu sagen, so viel wäre wohl ausser Zweifel, dass das Paradies nicht in Curland
gestanden hätte - im Scherz sag' ich, denn er war sonst, wie sich's eignet und
gebühret, mit Haut und Haar, mit Herzen, Mund und Händen, Curländer.
    Deine liebe Grossmutter, so gastfrei wie ich, bat abzulegen. Dein Vater
tat's nicht eher, als bis er die Anwerbung angebracht hatte - nicht um mich, so
weit sind wir noch nicht, sondern um die Informatorstelle, die im Kirchspiele
offen war - Hofmeisterstelle, sagte dein Grossvater, und belehrte zugleich deinen
Vater, dass ein Prediger Pastor hiesse, und dess bin ich herzinniglich froh, und
verehre im Staube die wunderbare Schickung Gottes in Curland; denn kein Titel
hat solche Verkürzungen erlitten, als Pastor auf deutsch. Erst hiess es
Pfarrherr, mitin Herr von vorn und Herr von hinten, wie's billig ist: Herr
Pfarrherr. Nachher Pfarrer und jetzt Pfarr. Dass sich Gott erbarme! wer nicht
buchstabiren kann, schreibt Farr, und das ist ein einjähriger Ochse. In der
Aussprache ist so kein Unterschied, wenn man auch drei Ohren hätte. Mein Vater
war bei Sr. Hochwohlgeboren, der für seinen Sohn einen Hofmeister suchte,
Hähnchen im Korbe. Sehr gern, sagte mein Vater, wenn wir einig werden. - Jetzt
spannte dein Vater sich aus, rauchte sein Pfeifchen und tat eine Mahlzeit, dass
meine Mutter nachher zu mir (auch im Scherze, denn sie hungerte vor Freuden,
wenns ihrem Gaste schmeckte) sagte: wäre der Candidat unter den vier tausend
Mann gewesen, so viel Körbe wären nicht übrig geblieben.
    Dein Vater muss es selbst gemerkt haben, denn er bewies sehr gelehrt, dass man
im Winter bessern Appetit, als im Sommer hätte, so wie eine übermässige Kälte
auch schläferig mache. Das eine hatte er weidlich bewiesen, das andere war er im
Begriff zu tun.
    Mir strahlte dein Vater, ich muss es frei gestehen, gleich ins Herz, obgleich
eine übermässige Kälte, so wie eine übermässige Hitze, schläfrig macht. Ich sah
nicht mehr gerad aus, sondern sehr oft von der Rechten zur Linken, und war dein
Vater, der uns oft besuchte, gegenwärtig, so konnte mich das mindeste rot
machen. Ein gestohlenes Schaf machte mich über und über rot, wenn man den Dieb
nicht wusste und die Frage aufwarf: wer kann es wohl gestohlen haben? Wenn mich
dein Vater fragte: ob ich wohl geruhet hätte? war Feu'r im Dach - und ich konnte
wohl aus dem schönen Liede:
Ich Erde, was erkühn' ich mich,
bei jeder Sylbe, die er sprach, mit Recht singen: Sie sang -
Ganz feurig wirb mir mein Gesicht,
Und das, was meine Zunge spricht,
Kann kaum mein Ohr vernehmen!
Ich bin voll Angst und Schämen. -
Ich weiss nicht, ob ich schon an- und ausgeführt habe, dass dein lieber Vater
Hofmeister wurde. Man hatte es ihm sehr nahe gelegt, ein Frauenzimmer, das der
Frau vom Hause Gesellschaft leistete, schön zu finden; allein er fand weder sie,
noch irgend eine Dirne also. Einige glaubten, dass er die seltene Gabe der
Entaltsamkeit hätte, davon war ich durch sein dringendes, feuriges Auge eines
bessern belehrt. Er blieb nicht lange Hofmeister; sondern in kurzem starb sein
seliger Antecessor, und er bekam das Pastorat, wo er noch bis diese Stunde
Gottes Wort rein und lauter (das muss man ihm lassen) verkündigt.
    Kaum hatte er diese Stelle, kam er wieder einen Abend und wusch sich
abermals die Hände. Diessmal konnt' es schwerlich aus Frost sein, denn es war
Sommertag. Die drei Aepfel- und der letzte Pflaumenbaum haben sich nie wieder
erholt und den Kuckuk nicht mehr schreien gehört, denn der Garten war ohne
Windkenntniss angelegt, wie dein lieber Grossvater zu sagen pflegte. Meine Mutter
hätte noch nie gebeten abzulegen, da er mit der Anwerbung um mich anfing. - »So
viel Neigung als Dankbarkeit« - Gut, sagte meine Mutter, Herr Pastor! allein,
ehe man Ja sagt, muss man sich bedenken. Beim Nein kann man eher fertig werden.
Sie sehen, wie sehr ich zum Ja mich neige. Sie verlangte zu wissen - und das
konnt' ich ihr nicht verdenken - wo er her wäre? wer seine Eltern wären? ob sie
noch am Leben? ob er Geschwister hätte? - und auf tausend antwortete der Herr
Bräutigam nicht eins. Er liebte weder die seltenen noch gemeinen Fragen meiner
Mutter, und wollte nicht mit der Sprache heraus, und da die Sache weiter
getrieben wurde, erklärte er mit Ja und Amen: eher unglücklich zu sein, und
weder Teil noch Anfall auf mich zu haben, als diesen Vorhang aufzuziehen.
    Deine selige Grossmutter war das im ganzen Hause, was ich in der Küche bin,
und wollte dein seliger Grossvater wohl oder übel, er musste den Kopf schütteln.
Zum deutlichen Nein konnte sie es nicht bringen. - Das war ein Fersenstich für
deinen Vater. Er war gekommen, einen Salz-einen ewigen Bund zu machen, und nun
zerriss er alles aufs schierste. Starken Laufs, ohne Schnauben oder Drehen, ohne
den Staub von seinen Füssen zu schütteln, ohne das Wasser glum zu machen, zu
reden aus Ezechiel zweiunddreissig Vers zwei, ging er verstummt von seiner
Scheererin von dannen. Man sah, was er litt, und gern hätt' ich ihm hülfreiche
Hand geleistet. Der Abschied war kalt und warm, sauer süss, und weg war er.
    Dein seliger Grossvater hielt gross von deinem Vater und liebte ihn zu sehr,
als er so ganz gelassen dabei bleiben sollen. Es war dein Grossvater ein
grundgelehrter Mann, der aber ausser der Kirche nur bloss in seinem Studirstübchen
Potentat war, und es auch nur hier sein wollte, obgleich deine selige Grossmutter
auch hier zuweilen ihr Licht leuchten liess, wowider er selbst nichts hatte. Was
ich von seltnen Fragen und Antworten weiss, ist von ihr. Sie hatte hiervon ein
Naturalienkabinet, das nicht gemein war. Ich hab' oft gedacht, sie gäbe ihrem
Manne manche Nuss aufzubeissen, darum ihre gelehrten Fragen! ich im Druck! und
darum mein Gesang! Sie wusste, was für eine Farbe das Kleid gehabt, das der liebe
Gott dem Adam gemacht, und behauptete, es wäre grün gewesen. Sie wusste die
Apfelart, die Adam und Eva gegessen; wo das Paradies gestanden, und empfahl die
Birnen als eine unschuldige Frucht, die auch allen Menschen besser täte. Wenn
ich's aufrichtig sagen soll, so geberdete sie sich bei Aepfeln und Birnen so,
als ob diese ohne Erbsünde, jene mit Erbsünde behaftet wären - ich finde hiebei,
wenn man's dazu anlegt, viel Erbauung. - Sie wusste, ob Rahel weiss oder braun
gewesen; was für Federn Gabriel in seinen Flügeln gehabt; ob Adam mit einem
Nabel versehen gewesen; ob David ein Adagio oder ein Allegro vor Saul gespielt;
ob die Schriftgelehrten Doctores in der Teologie oder der Rechte gewesen, und
ob Pilatus sich mit Seife gewaschen; wie vielmal Sela in der heiligen Schrift
vorkäme.
    Meinem Vater fehlt es weder an Seel' noch Leib, um meine Mutter so zu
umzäunen, als ich es bin, allein, warum er nachgab, war um sich selbst ein Kreuz
aufzulegen. Er behauptete, er hätte sein Lebtag keine Niete gezogen, sondern
wär' allstets glücklich gewesen; und da man durch viel Trübsal zum Reiche Gottes
eingehen müsste, so litt er gern diese Ungemächlichkeit, beklagte sich nur gegen
mich, nachdem ich mein neunzehntes Jahr erreicht, und gegen einen einzigen guten
Freund - ohne Trost anzunehmen, wohl wissend, es werde seiner lieben Frau jedes
unnütze Wort noch vor Sonnenuntergang gereuen, was sie geredet hatte. Dies
geschah auch anfänglich; allein nach der Zeit weiss ich mich zu besinnen, dass es
in wichtigen Fällen bis zweimal vier und zwanzig Stunden währte, alsdann aber
war auch draussen schlecht Wetter, und die Sonne blieb im Bette, ohne einmal
aufzustehen und zu sehen, was für Wetter es sei. Hier ist der Schlüssel zu
deines Grossvaters Charakter.
    Polykrates. Erbherr auf Samos, tödtete seinen jüngsten Herrn Bruder, und den
Bruder schickte er nach Sibirien, um allein auf Samos zu wohnen. Polykrates war
der älteste. Alles, was er wollte, ward.
    Ich versicherte meine Mutter, die sonst Stationes liebte, dass ich diese
Geschichte zur Noch wüsste, allein sie hatte, wie meine Leser es ohne Fingerzeig,
so gut wie ich, merken werden, auf ihren Vortrag studirt. Bring mich nicht aus
der Melodie, antwortete sie, dein Vater hat meinen Styl ohnedem ins Bockshorn
gejagt. Sonst pflegten hahn und lahn und stahn meine Busenwörter zu sein - jetzt
aber muss ich genau auf die Noten sehen, um nicht aus der Weise zu kommen.
    Sein guter Freund - des Polykrates nämlich - den das Glück seines Freundes
nicht eifersüchtig, sondern besorgt machte, bat ihn sehr, er möchte doch
Brunnenkresse zum Rehbraten essen, und nur etwas weniges sein Leben verbittern.
Polykrates wirft seinen Ring ins Meer. Nach wenigen Tagen fäht ein Fischer einen
ungewöhnlich grossen Fisch, verehrt ihn dem Hofe und der Koch findet den Ring.
Der gute Freund, der ihm geraten, sich unglücklich zu machen, kündigt ihm nach
diesem Vorfalle seine Freundschaft auf, weil er keinen so glücklichen Freund
haben wollte, indem er ein so grosses Unglück für ihn befürchtete, dass er ihm
nicht würde beistehen können. So gesagt, so geschehen. Er fängt Krieg an. Seine
Tochter warnte ihn, weil sie seinetwegen einen Traum gehabt. Es kam ihr nämlich
vor, dass ihr Herr Vater vom Gott Jupiter gebadet und von der Sonne gesalbet
worden. Er verwarf diesen Wink und lachte über den Finger seiner wahrsagenden
Tochter. Allein siehe! Er zog nach Magnesiam, wo er von den Einwohnern
jämmerlich getödtet und hernach aus Kreuz geschlagen worden. So ward er, wenn's
regnete, gebadet, und wenn die Sonne schien, gesalbet. - Diese Geschichte ist
uns zur Lehre geschrieben, dachte dein seliger Herr Grossvater. Er hatte in
seinem Sinne die Hülle und Fülle und hielt sich so glücklich wie Polykrates,
obgleich er nie einen Ring ins Meer geworfen und, wenn das Jahr um war, keinen
Dreier übrig hatte.
    Ich fand, sagt' er, von jeher die erste Rose, das erste Veilchen, die erste
reife Pflaume; ging ich zu Bett, schlief ich; stand ich auf, war ich munter. Die
bösesten Hunde kamen, mir die Hände zu küssen, um mir zu huldigen. Mein seliger
Vorfahr hat den Pastoratsgarten bloss angelegt, um dem Winde ein Spielwerk zu
machen; doch glaub' ich, wenn ich ihn so, wie er da ist, bepflanzen sollte, die
curischen Stürme würden sich mit ihm vertragen; darum pflanze ich nicht wieder,
was ausstirbt. Einen neuen Garten leg' ich nicht an, um dem Boden nicht, meiner
glücklichen Hand wegen, Frohndienste aufzulegen. - Was ich in meiner Jugend
setzte, ging alles auf. Eine Bohne, wenn sie gleich hektisch aussah, wuchs und
trug gesunde Kinder. Schiess' ich, treff' ich! schiesst ein anderer, weiss ich
beinahe mit Gewissheit am Schuss, ob's Niete oder Gewinnst ist. Komm' ich nach
Mitau, grüsst mich ein jeder, der mir begegnet, und ein jedes eher als ich. Bei
allen meinen Examens ward ich über das gefragt, was ich den Abend vorher gelesen
hatte. Ich schlage mit einer Klatsche wenigstens zwei Fliegen. Oft bemühe ich
mich recht geflissentlich nur einer aufs Haupt zu schlagen, allein, indem ich
den Streich vollführen will, kommen Freiwillige dazu; dies macht mich
aufmerksam. Erst dreissig fette Jahre, dreissig Jahre ununterbrochenes Glück, und
drei Jahre darauf mager wie Pharao's Kühe. Wer nimmt sie? Dreissig magere Jahre
aber voraus, und drei fette hernach, dürfen nicht öffentlich licitirt werden,
man nimmt mit beiden Händen. Ich wollte nicht in der letzten Zeit meines Lebens
ausstreichen, was ich die vorigen Jahre geschrieben, und wie sollt' ich meinem
Glücke Zaum und Gebiss in den Mund legen. Ich bin gesund, habe Nahrung und
Kleider, und was noch mehr ist, habe mich von jeher damit begnügen lassen. - In
Gottes Hände konnt' ich also nicht fallen, ich mocht's machen, wie ich wollte.
Was war zu tun? ich gab selbst Gelegenheit, in Menschenhände zu kommen. Meine
Ehegenossin muss schweigen in der Gemeinde, und ich schweige in meinem Hause.
    Es war also, lieber Leser, mein Grossvater mütterlicher Seits, wie es
scheint, ein christlicher Sokrates; meine Grossmutter aber keine Xantippe, und
übrigens eine so ächte Pastorin als meine Mutter, nur jede von anderer Art.
    Ein Mann soll meine Tochter heiraten, der nicht Schuster und Rademacher
werden kann, sagte deine Grossmutter, - der aber (sagte dein Vater im sanften
Tone, als wenn er auf der Kanzel zu den Bussfertigen redete), der aber Pastor
ist. Schlecht genug, schrie sie aus, dass er durch deinen Vorschuss es geworden.
Ich weiss sehr wohl, dass er keinen Dreier hebräisch besitzt. Hierin hatte sie
Recht. Ein Pastor, ohne die Sprache Gottes zu wissen! Da mein Vater wohl aus dem
Tone hörte, dass es Zeit wäre entweder seines Leidens ein Ende zu machen oder
sich zurückzuziehen, ging er gelassen aus dem Zimmer in sein Studirstübchen, wo
er auch drei Stunden eingeschlossen blieb. Während dieser Zeit fing meine Mutter
Bürgerkriege mit mir an. Bald war mein Kopf ein Wetterhahn, bald hatte ich
läppische Angewohnheiten, und andere sieben Sachen mehr. - Der Zorn wider deinen
Vater hatte sich gelegt, und sie schien es mir sehr deutlich zu verstehen zu
geben, dass, wenn ich nur den Kopf gerade gehalten, mein Bräutigam wohl gesagt
haben würde, wer sein Vater wäre. Endlich sprang ihr Zorn, so wie das Fieber,
wenn's nicht mehr so heftig ist, das von deinem Vater auf deinen Grossvater, und
von deinem Grossvater auf mich gekommen war, von mir auf die Katrine. So fuhr
der Satan, meiner Mutter nicht zu nahe geredet, in die Säue. Katrine hatte ihr,
statt des Salzfasses, Pfeffer gereicht, woran sie freilich nicht gut reichte,
denn meine Mutter schüttete so viel Pfeffer in die Fische, als sie Salz
gebraucht haben würde. Pratz! eine Ohrfeige, und nun war der Zorn gelöscht. Zwar
zischt' es noch, als wenn Wasser auf den glühenden Herd gegossen wird, indessen
ward es zuletzt ganz, ganz mausestille.
    Dies Pratz war eben keine Christenpflicht; indessen was denkst du vom Pratz
der Fr. v. ***, welche bei ganz kaltem Blute jedes neue Dienstmädchen, wenn es
zum erstenmale Hand aus Porcellan legt, mit einem Pratz bewillkommt. Warum,
gnädige Frau? »Damit ihr ein Andenken habt, so oft ihr das Porcellan zur Hand
nehmt.«
    Meine Mutter mochte dieser Blutreinigung wegen gern das alte Gesinde
behalten, und ich bin ihrer Meinung. - Es muss doch wo einschlagen, und ersticken
würd' ich! ich! Kreuzträgerin! wenn ich mich nicht ausschelten könnte. - Babbe
wäre den andern Tag abgestellt, nachdem sie die königliche Frau Mutter gemacht
hatte, wenn man mit neuem Gesinde so herumspringen könnte, als mit altem. - Ich
weiss nicht, gegen das gemeinste Volk hab' ich, bis ich bekannt bin, rückhaltende
Achtung; ich glaube, das macht das Bild Gottes, das es trägt.
    Das Gebet vor Tische, welches dreimal so lang war, als leider das unsrige
ist, betete meine Mutter ungewöhnlich laut mit, und das war schon immer ein
gutes Zeichen, denn wenn sie das ganze Haus beinahe in einander geworfen hatte,
betete sie am lautesten und inbrünstigsten, als wenn sie hiemit den Himmel
versöhnen wollte, und alsdann war es alles wie abgeschnitten. Dieser ihrer
Gemütsruhe bediente sich mein Vater, deinem Vater eine Lobrede zu halten; sie
gab kein Wort darauf.
    Auf einmal fing sie von selbst an: Er liebt zu sehr, als dass er sie
verlassen sollte, und man sehe sie, wer kann dreissig sein, ohne stehen zu
bleiben und sie zu lieben (Gott hatte mich schön gebildet, wie es noch am Tage
ist). Wie gerade sie sich hält, fuhr deine selige Grossmutter fort, welche feine
Arten! Er wird sich besinnen und sagen, von wannen er kommt. Es ist ein sehr
geschickter, feiner Mann. Man kann mit Wahrheit sagen, das Hebräische
ausgenommen, dein Geist, lieber Mann, ruhe zwiefach auf ihm. Du Elias, er Elisa.
Ich hatte diesen Gedanken gleich, da du ihm deinen alten Mantel verkauftest.
    Denk das nicht, mein Kind! sagte dein seliger Grossvater, der über den Namen
Elias sich vergnügte, ich habe wenig Aussicht, denn er hätte gewiss, da er in die
freie Luft kam, ein freundlich Wort fallen lassen; allein - meine Mutter blieb,
der freien Luft unbeschadet, bei ihrer Hoffnung, und tat unwillig, dass dein
Grossvater mir nicht einen Vater gönnte, dem dieser Unwillen hinreichend war,
auch Hoffnung zu fassen.
    Das Gespräch wurde auf die hebräische Sprache gerichtet, von welcher dein
lieber seliger Grossvater behauptete, dass sie eben nicht so nötig für einen
Diener des göttlichen Worts an einer christliebenden Gemeinde sei, und dass er
selbst nicht einen Punkt zu verborgen, sondern nur zur höchsten Noch hätte.
Dieser letzte Umstand beruhigte meine Mutter, und mich machte er noch betrübter
als ich schon war, denn das einzige was mich bei dem Vorfall, wenn dein Vater
mich verlassen, getröstet hätte, war der Umstand, dass er nicht hebräisch konnte,
und also nicht alle gesunde Gliedmassen als Geistlicher hätte.
    Hier hielt meine Mutter an, und nachdem sie mich befragt, ob ich wozu
Appetit hätte, und ich für alles gedankt, wandte sie sich nach dieser
Vorbereitung ganz zärtlich zu mir, und bat mich dringend, dieser Umstände
ungeachtet, alle nur mögliche Sorge auf die hebräische Sprache zu verwenden,
welches ich ihr auch feierlich versicherte. Es ist alle Vermutung, dass dies die
Sprache der andern Welt ist, und dann darf ich meinen Sprachmeister nicht weit
suchen. Ich war jetzt neugierig geworden, ihre Helden-, Staats- und
Liebesgeschichte zu Ende zu hören, und hatte nicht Ursache, hierum zu bitten.
    Wir gingen ein jeglicher seinen Weg ins Bette; allein, welche Vigilien für
mich! So wie das Bild der Sonne im Auge fortdauert, wenn man die Augen gleich
zuschliesst, so sah ich auch, was ich, um zu schlafen, nicht sehen sollte. Eine
arme Sündernacht war diese Nacht -
In welcher Nacht ich lag so hart,
Mit Finsternis umfangen;
Von all'n meinen Sünden geplaget ward,
Die ich mein Tag begangen.
Gottlob, dacht' ich, die Sonne! Allein sie war mir nicht zum Glück aufgegangen.
    Noch muss ich dir bei dieser erwünschten Gelegenheit vertrauen, dass eben
dieser Zeitpunkt der war, da ich die geistlichen Lieder als das probatste
Mittel, mein aufgewiegeltes Herz zu beruhigen, kennen lernte. Befiehl du deine
Wege - Was Gott tut, das ist wohl getan - Keinen hat Gott verlassen: das
löschte meinen Durst bei meiner Angst. Wenn die Zunge an meinen Gaumen klebte,
und ich zwischen der hebräischen Sprache, meiner Mutter und deinem Vater
geteilt war, fing ich an zu singen. Fühlt' ich gleich nicht die Wahrheit in
ihrem ganzen Umfange:
Wenn ich ein Lied von Herzen sing,
So wird mein Herz recht guter Ding,
so ward ich doch gottergebener und weicher, und da mein ganzes übriges Leben
zwischen Tür und Angel ist, und ich nie aus diesem Drang gekommen - sing' ich
weiter, bis ich kommen werde zum hohen Halleluja vor dem Trone Gottes:
                                                                    (Sie sang's)
Da, da,
Da ist Freude,
Da ist Weide,
Da ist Manna,
Halleluja! Hosianna!
Den andern Morgen ein Brief!
    Ein Brief, sagte meine Mutter. - Hab' ich's nicht gesagt? Sie wog ihn - das
Geschlechtsregister liegt drin. - Meine Mutter irrte; es war ein Brief an meinen
Vater, und einer an mich.
    Auch gut, sagte meine Mutter, lass hören.
    Der Brief an meinen Vater entielt eine Danksagung für alle Freundschaft.
Das Herz redete darin. Dem wohlehrwürdigen Mann flossen Tränen die Wangen
herab. Jede von diesen sanftabschleichenden Zähren verdiente in eine Perle
verwandelt zu werden. Wenn er gestorben wäre, setzte mein Grossvater hinzu, würd'
ich nicht weinen; ich habe noch nie über einen Todten geweint, denn er ruhet in
Gottes Hand; allein ich weine über ihn, weil er nicht todt ist.
    Es ist ein sehr rührender Anblick, einen glücklichen Mann weinen zu sehen! -
Ich glaube, wenn er je gewünscht, ein Kreuzträger anderer Art zu sein, so war es
jetzt. An deine Grossmutter hatte dein Vater einen kostbaren Ring beigelegt, den
er, wie er schrieb, für seine Braut bestimmt gehabt, und den er jetzt nicht
besser, als auf diese Art anzuwenden wüsste. Mein Vater behauptete, dieses wäre
das letzte Lebewohl; meine Mutter, es sei ein frischer Wurm zum Hamen. Mein
Vater und meine Mutter behaupteten jedes seine Meinung, und ich ärgerte mich
übern Wurm, wie Jonas über den, der ihm den Kürbiss stach.
    Würde er wohl, sagte meine Mutter mit entscheidendem Tone, solchen Ring
beigelegt haben, wennn er nicht unter der Wildschur ein anderes Kleid hätte. -
Ich weiss nicht, warum mir dieser Grund gleichfalls sehr wahrscheinlich auffiel;
allein desto heftiger war mein Entsetzen, da ich vernahm, dass er den Pastor L -
fleissig besuchte, und dass er die jüngste von seinen Töchtern, welche ein sehr
lustiges und hübsches Mädchen war, heiraten würde. Diese Zeitung blitzte und
traf; ich fiel, so lang ich war, zu Boden, und ward herzlich, jawohl herzlich
krank. Die ganze Gegend wusste jetzt, dass dein Vater die Gabe der Entaltsamkeit
nicht hatte, desto besorgter war ich; denn so unangenehm es wir war, dass dein
Vater nicht hebräisch konnte, wovon leider! manches geredet ward, so sehr lieb
war es mir dagegen, dass man ihm die seltene Gabe der Entaltsamkeit andichtete.
Ich stand entsetzlich viel aus. Zu dem Gerüchte wegen der jüngsten Tochter des
Pastors L - kam ein Traum, dessen ich mich jetzt erinnerte, und den ich, von der
Stunde der Erinnerung an, Tag und Nacht in eins weg träumte. Die Nacht auf den
Abend, da dein Vater die erste Mahlzeit bei uns aus allen Kräften tat, und da
er zu seiner Entschuldigung behauptete, dass man im Winter besseren Appetit hätte
als im Sommer, die Nacht auf diesen Abend träumte mir, dass die jüngst Tochter
des Pastors L - mir Gift eingäbe, und da es wirkte, billigte ihr Vater dieses
Verfahren, und wollte mir noch eine vergiftete Pille von derselben Art im
Säftchen beibringen, um, wie er sich grossmütig ausdrückte, mich nicht lange
quälen zu lassen; allein seine Tochter ward des Landes verwiesen, und er ward
Präpositus - wie besonders doch ein Traum ist. - Er Präpositus! Sie des Landes
verwiesen! Dass ich das Säftchen des Herrn Pastor L - verbat, weiss ich! allein ob
ich von dem Gifte seiner Tochter gestorben, oder nicht! konnt' ich mich nicht
besinnen. Ich hatte bis dahin keine andere als biblische, oder solche Träume
gehabt, die in der heiligen Schrift vorkommen. Die sieben fetten und die sieben
magern Kühe des Pharao zum Exempel, und die Sonne, Mond und Sterne des Josephs
waren oft vorgefallen, und kein ehrliches Mädchen muss, ehe sie Braut wird,
anders als biblisch träumen. Dieser Gifttraum richtete mich völlig hin. Zwar
erzählte dein lieber Vater eben diesen ersten Abend, dass er den Pastor L - und
sein Haus kenne, und hätte sich freilich alles natürlich erklären lassen;
indessen ist und bleibt dieser Traum immer was besonderes. Man sage von den
Kometen, was man will, sie sind und bleiben doch Kometen. Mein Blut siedete auf.
- Ich hört' es kochen, wie das Wasser in einer Teemaschine, allein deine
Grossmutter hörte nicht sieden, nicht kochen. Sie nahm die ganze Sache auf die
leichte Schulter, bis sie zu ihrem Erstaunen sah, dass mir das Herz zu brechen
anfing. Jetzt dachte sie auf eine Kur, und diese glaubte sie mit dem Ringe
auszurichten, allein sie goss Oel ins Feuer. Ich lag in einer Ungewitterhitze. Es
kam ihr vor, es hätte sie etwas abgekühlt, und nun glaubte meine Mutter, wäre es
Zeit, die Medicin einzunehmen. Sie schenkte mir den Ring und ich musste ihn
anlegen; allein sie goss Oel, siedend Oel zum Feuer. Bon dem Spitzchen, wo der
Ring seinen Lauf angetreten, gings durch alle Adern - wellenschlagend! und ich
schien ausser Hoffnung. Man nahm mir den Ring ab, allein das Feuer, das er
angezündet hatte, wütete fort. Das Feuer ist ein schreckliches Element! In der
Hitze wollte ich durchaus hebräisch lernen, und um mich zu beruhigen, musste dein
seliger Grossvater mich darin unterrichten. Wenn ich zu mir selbst kam, seufzte
ich nicht über meine Mutter, sondern über des Pastors L - jüngste Tochter. Der
liebe Doktor Saft, dessen Sohn dir nächst Gott geholfen, half mir. Sein Recept
war dein lieber Vater, und eine Mixtur von seiner eigenen Erfindung. Er war in
der Medicin, so wie in Liebesangelegenheiten gleich stark und brauchbar. Sein
Herr Sohn ist ihm in der letzten Kunst nie gleich gekommen. Der alte Doktor Saft
hat Wunderkuren durch Heiraten getan.
    Er verhiess es feierlich, deinen lieben Vater zurück an Ort und Stelle zu
bringen. Ich sah zwar noch nicht, allein ich fühlte die Farben wie Blinde. - Wie
viel hätte ich darum gegeben, wenn meine Mutter den Doktor Saft sogleich seine
Strasse ziehen lassen.
    (Ich will meine Mutter, ihrer Lunge und der Geduld meiner Leser halber,
ablösen, und das in Kurzem sagen, was sie im Langen gab.) Allein meine
Grossmutter und Doktor Saft gaben sich noch schwere Fragen auf: vom Kleide Adams
und von seinem Nabel, vom Apfel, den er gegessen, von der Gesichtsfarbe der
Rahel, und über den Punkt, ob Pilatus sich mit Seife gewaschen, obgleich meiner
Mutter in ihrer Verfassung mit nichts weniger als schweren Fragen gedient war.
    Mein Vater kehrte um und erhielt Ja von Mutter und Tochter, ohne dass er
sagen durfte, von wannen er käme. Wer am wenigsten damit zufrieden war, ist
keine kritische Frage. Der Doktor Saft sagte, indem er fortging:
Wär' dieser Trost nicht kommen,
So hätt' es grosse Not.
    Diese Spötterei hätt' ich ihm vergeben, versicherte meine Mutter, wenn sie
bloss mich und nicht zugleich ein geistliches Lied betroffen hätte. Pastor L -
war bitterböse, obgleich seine Tochter ohne hitziges Fieber davonkam und ihr
Vater das Hebräische in der Fieberhitze nicht prostituiren durfte. Er hielt als
Beichtvater die Traurede bei dem Myrtenfeste meines Vaters, wobei er die
Vorzüge der ehelichen Geburt abhandelte. Hierbei fielen so viele Satyren auf
meinen Vater, dass der arme Mann zum allgemeinen Gelächter wurde. Eine gewisse
Frau v. - warf den ersten Stein und nahm Gelegenheit, in öffentlichen
Gesellschaften zu behaupten, er sei, wie sie sich ausdrückte, vom Kanapee und
nicht aus dem Ehebette. Sie schadete sich indessen mit diesem Steinwurf. Sie
warf ihn so unglücklich, dass er auf Ihro Gnaden zurückfiel.
    Denn es kam bei dieser Stammgelegenheit aus, dass ihr Herr Vater seliger
nicht wirklich Vater gewesen, sondern einer seiner Leute, den Hofmeister, Jäger,
die Bedienten, Vorreiter ausgenommen, Vaterstelle vertreten - und so ging's bei
dieser Gelegenheit sehr vielen, an deren ehelicher Abkunft vorher niemand
gezweifelt hatte, in deren Augen, Nase, Mund und andern Gesichtsstellen man aber
jetzt einen andern Vater lesen wollte.
    Ein Ausdruck des Pastor L - war meinem Vater am gefährlichsten geworden:
Nach der Weise Melchisedech. Meine Mutter sagte ihn mir ins Ohr. Mein Kind,
setzte sie hinzu, dieser Name hat mir tausend und abermal tausend Tränen
gekostet, und unter uns gesagt, wär' es kein Vorbild, ich hätte gewünscht, es
wär' an Melchisedech nicht in der heiligen Schrift gedacht. Mein Vater wusste,
dass ihn die ganze Gegend mit diesem Beinamen bezeichnete, und das ging ihm so
nahe, dass er, wie meine Mutter versicherte, darüber seines Lebens müde ward.
    (Hier muss ich wieder meiner Mutter den Lauf lassen.)
    Melchisedech war ein König zu Salem, sagte sie ganz leise und auf Zehen, ein
Priester des Allerhöchsten, oder Herzog und Superintendent von Curland in einer
Person. Da dein Vater kein König ist, passt der Name von dieser Seite nicht,
allein sonst passt viel: kein Mensch weiss, wo Melchisedech geboren, wer sein
Vater gewesen, sein Geschlecht, sein Tod, alles geheim. - Als Abraham von der
Verfolgung der vier vereinigten Könige, welche die Könige zu Sodom und Gomorra
überwunden, und den Lot, seinen Vetter, mit sich als Kriegsgefangenen geführt,
heim kam, ging ihm Se. Hochwürdigste Majestät Melchisedech bis ins Tal Sare
entgegen (dieses Tal ward Königstal benannt), liess dem Abraham eine schöne
Tafel decken und sprach folgenden Segen über ihn: Gesegnet seist du, Abraham,
dem höchsten Gott, der Himmel und Erde besitzt, und gelobt sei Gott der Höchste,
der deine Feinde in deine Hand beschlossen hat. Abraham gab dem Segnenden den
Zehnten von allem, und mehr wissen wir von Melchisedechs Geschichte nicht. Wohl
aber spricht der Psalmist im einhundert und zehnten Psalm und dessen vierten
Vers: »du bist ein Priester ewiglich, nach der Weise Melchisedech.« Im Briefe an
die Hebräer im fünften Kapitel und dessen sechsten und zehnten Vers, und im
sechsten Kapitel und zwanzigsten, im siebenten und dessen ersten, zweiten und
dritten Vers entwickelt sich dieses näher, welches du, wenn dein Vater nicht
dabei ist, weiter nachlesen kannst.
    Ich fand die Bemerkung meiner Mutter sehr bewährt, dass mein Vater weder
öffentlich noch häuslich diesen Namen ausgesprochen. Die Nachrede vom Kanapee,
welche die Frau Schwiegermutter ihrem Herrn Schwiegersohn getreulich, und oft
wohl mit bittern Salzen, wie meine Mutter sagte, vorsetzte, hätten meinen Vater
unfehlbar auf den Kirchhof gebracht, so dass sein Tod gewiss kein Melchisedechs
Tod gewesen wäre, wenn er sich nicht plötzlich ermannt und über die Worte:
Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet, eine Predigt gehalten hätte.
In dieser Predigt, sagte meine Mutter, war so viel Salz und Schmalz, dass alles
wie Schnecken, wenn sich ein Blättchen rührt, die Hörner einzog. Sein
blutübertragenes Herz bekam Luft, und er genas. Nach der Predigt ward das Lied:
In dich hab' ich gehoffet, Herr, gesungen, welchem M. Jakob Daniel Ernst in der
historischen Confecttafel die rührende Befreiung des Herrn Andreas Steinberg,
wohlverdienten Pfarrers zu Budin in Böhmen, zuschreibt, und wider welches ich
kein Wort habe, ausser dass mir der dritte Vers zu kriegerisch vorkommt.
Mein Gott und Schirmer steh' mir bei,
Sei meine Burg, darin ich frei
Und ritterlich mag streiten.
            (Sie sang die drei letzten Strophen, die sich anfangen:)
Mir hat die Welt trüglich gericht't
Mit Lügen und mit falschem Gedicht -
Viel Netz und heimlich Stricke; - -
    Hätte es deinem lieben Vater gefallen, mich bei dieser Liederwahl zu Rate
zu ziehen, so würden die Lieder einen ebenso allgemeinen Beifall gefunden haben,
als die fanden welche ich bei deiner Predigt erkor. Jedes sprach von deines
Vaters Predigt, niemand aber dachte an die Lieder, und doch gehört zur
Seelenmahlzeit Essen und Trinken, Predigt und Gesang. Geschehene Dinge waren
nicht zu ändern. Ich konnte nichts mehr tun, als zu Hause, um feurige Kohlen
auf deines Vaters Haupt zu sammeln, einige treffendere Strophen singen. Ich
sang:
                             (sie sang auch jetzt)
Woher wollt' ich den Aufentalt
In dieser Welt erlangen?
Ich wäre längst schon todt und kalt,
Wo mich nicht Gott umfangen
Mit seinem Arm,
Der alles warm,
Gesund und fröhlich machet;
Was er nicht hält,
Das bricht und fällt,
Was er erfreut, das lachet.
Und gleich darauf stimmte sie an:
Er weiss viel tausend Weisen,
Zu retten aus der Not,
Er nähret und gibt Speisen
Zur Zeit der Hungersnot;
Macht schöne, rote Wangen
Oft bei geringem Mahl,
Und die da sind gefangen,
Entreisst er dieser Qual.
    Das Lied: mein Dankopfer, Herr! ich bringe, ist wie auf diese Predigt
gemacht.
    Dich Lied sang indessen meine Mutter nicht, sondern empfahl es mir zum
Nachlesen. Was es heisse, fuhr sie fort, er predigte gewaltiglich, hab' ich in
dieser Predigt gelernt. Dein Vater trieb seine Feinde zu Paaren, zu Einzeln
trieb er sie, ihre Stätte war nicht mehr. Melchisedech und Kanapee waren nun
wieder Melchisedech und Kanapee. Gott sei dafür gelobt und gebenedeit! Meine
Mutter versicherte mich hierbei mit Tränen, dass sie in der kritischen Zeit
keinen Menschen aufs Kanapee zu nötigen das Herz gehabt, wie sie denn auch auf
die Rechnung Melchisedechs schrieb, dass ich erst im dritten Jahre nach ihrer
Verheiratung das Licht der Welt erblickt (in parentesi: ich war die erste und
letzte Geburt).
    Es werden nicht viele sein, welche die eheleibliche jüngste Jungfer Tochter
des Herrn Pastor L -, die ein Komet in dieser Geschichte ist, weiter
interessirt, als dass sie ohne hitziges und hebräisches Sprachfieber abgekommen;
indessen um alle Gerechtigkeit zu erfüllen, mag der geneigte Leser observiren,
dass mein Vater ihretwegen auch nicht ein Wort beiher fallen lassen. Es war auch
in diesem Pastorat erschollen, dass mein Vater die Gabe der Entaltsamkeit nicht
hätte, und dies bewog den Pastor L - und die Pastorin (ob die Töchter daran
Anteil gehabt, wusste meine Mutter nicht), meinen Vater zum Gastmahl einzuladen.
Er kam und begrüsste die jüngste Tochter des Pastor L - eher als ihre ältern
Schwestern, und auf diesen Umstand gaben ihre Eltern die Einwilligung. Sie
gefiel nach der Zeit dem - v. -, und da sich dieser mit seinen Lippen schon oft
und viel zu ihr genaht, obschon sehn Herz fern von der heiligen Ehe war, geschah
es, dass er sich einstmals noch mehr nähern wollte, und sie - gab ihm mit
tugendhafter Hand eine Ohr -. Die Sache ward ruchbar und machte in Curland
grosses Aufsehen. Einige von den alten Häusern votirten, dass der jüngsten L - die
Hand abgehauen werden sollte; andere Häuser, wo eben die Söhne von Universitäten
gekommen waren (denen vielleicht dergleichen Ohrfeigen nichts Ungewöhnliches
waren), votirten, dass die Hand eines artigen Mädchens keinen Cavalier entehren
könnte. Die Stimmen waren sehr geteilt. Die Sache indessen ward zum Vergleich
ausgesetzt, und schloss, wie sich die Komödien alle schliessen, mit der Heirat.
Der Herr v. - heiratete, o Wunder über Wunder! die jüngste Tochter des Pastor L
-. So kann man auch zum Ehemanne und nicht bloss zum Ritter geschlagen werden! In
Curl- konnte aber dieser Gräuel von Seiten des - v. - nicht von der Sonne
beschienen werden. Der Pastor gab Geld und die Tochter - der Geschlagene nichts
als Ja - weil er nichts weiter hatte und ein Krippenritter war. Das Paar reiste
ab. Glückliche Reise! Mein Gifttraum, sagte meine Mutter, war wenigstens von
Seiten der jüngsten Tochter des Pastors L - pünktlich erfüllt, obgleich der
Pastor L - niemals Präpositus geworden ist und es auch schwerlich werden wird.
Sein Säftchen war der Melchisedech, welches du ohne Auslegung verstehen wirst.
Meine Mutter nahm mich beim fünften Westenknopf, von oben gezählt, und hielt mir
wegen des Namens Alexander eine sehr lange Rede, die mir zugleich aufklärte,
warum sie mich, wie es meine Leser selbst gehört, statt Alexander Einhörnchen
genannt. Diese Aufklärung bin ich meinen Lesern zu ihrer gleichmässigen
Aufklärung schuldig. Meine Mutter war im Grunde auch nicht zufrieden, dass der
Ehren Einhorn, weiland zweiter Superintendent in Curland, Alexander geheissen,
vielmehr sagte sie, welches mich erschrecklich befremdete, Herr Superintendent
Einhorn hätte besser getan, wenn er bei der heiligen Schrift geblieben wäre.
Ich kann's nicht bergen, fuhr sie fort, dass ich dem Namen Habakuk vorzüglich
zugetan bin, und wenn du so hiessest, ich würde den silbernen Becher missen, der
noch von meinem Grossvater ist. Wenn ich's ändern könnte, Habakuk sollte mir
gewiss nicht unter den kleinen Propheten sein. War aber der Name Habakuk Sr.
Hochwürden dem sel'gen Herrn Superintendenten nicht genehm, warum nicht einer
von den grossen Propheten, Jesaias, Jeremias, Klagelieder Jeremiä, Ezechiel oder
Daniel? Warum denn Alexander? ein Name, der in der heiligen Schrift nicht
sonderlich angeschrieben ist, und von dem es in der zweiten Epistel an den
Timoteum, im vierten Kapitel und vierzehnten Vers, etwas misslich heisst:
Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses beweiset, der Herr bezahle ihm nach
seinen Werken; vor welchem hüte du dich auch, denn er hat unsern Worten sehr
widerstanden.
    Ich sah deinen Namen nicht anders als einen Höcker an. Damit ich mich
indessen über diesen Auswuchs einigermassen beruhigen möchte, nannte ich dich
Einhörnchen, und dachte, geschieht dies am grünen Holz, am Ehren Einhorn,
weiland zweiten Superintendenten in Curland, was will am dürren, deinem lieben
Vater, werden, von dem man ausser, dass er in seiner Jugend früher Spargel
gegessen als in Curland, nicht viel mehr weiss, was hierher gehören könnte.
    Wie unzufrieden meine Mutter mit dem Alexanderspiel, wobei ihre Köchin Babbe
die königliche Frau Mutter vorstellte, gewesen, hab' ich nie so deutlich als
jetzt erfahren. Sie bezeugte ihren Todhass gegen den Herkules, den mir mein
Vater, wie sie sagte, so süss vorgepfiffen, dass ich's bedauert, nicht auch
Schlangen in der Wiege erdrückt zu haben. Herkules ist am Ende, sagte sie, ein
blinder Heide, und Alexander auch. Ich freue mich, dass dein lieber Vater selbst
in diesem Stücke seine Voreilung einsieht, und dich nicht mehr Alexander,
sondern mein Sohn heisst. Du bist, Gott sei gedankt, schier ein guter
Prophetenknabe, zierlich, manierlich! allein noch besser würdest du sein, und
nicht so oft in Gedanken, Geberden, Worten und Werken trommeln und querpfeifen,
du würdest deine Meinung ohne Schäumchen aufgiessen, wenn dein lieber Vater dich
gleich mein Sohn, und nicht Alexander aufgerufen. Sobald ich dir anriet, Särge
zu schnitzeln, und Leichen zu begraben, lehrt' er dich Spiesse und Bogen machen,
und noch ganz klein stellte er türkische Bohnen wie Soldaten, von denen du
Gottlob! damals keinen Begriff hattest. Wenn dich Leute küssen wollten, stiess er
sie von dir. Brecht die Rose nicht, damit sie nicht welk werde. Er schien zu
meinen, dass dir durch Küsse das Fett abgeschöpft würde. Wenn er lieben wird,
setzte er hinzu, kann er küssen. Ich gab dir die wohlgemeinte Lehre, wenn eine
grosse und kleine Pforte zu einem Wege führt, gehe durch die kleine, und hab'
auch hiebei erbauliche Gedanken - Dein Vater sagte durch die grosse -
    Ich: wenn du gähnst, schlag ein Kreuz und halt' die Hand vor.
    Dein Vater: schlag kein Kreuz und lass jedem deinen Mund sehen (in diesem
einzigen Stück hab' ich ihm nach der Zeit Recht eingeräumt).
    Ich: wenn dir Brod oder Bibel, Gesangbuch und Luters Katechismus, aus den
Händen fällt, küss Brod, Bibel, Gesangbuch und Luters Katechismum.
    Dein Vater: küss weder Brod, Bibel, Gesangbuch noch Luters Katechismus; heb
auf, was fällt und Aufhebens wert ist, was Erd ist, lass zur Erde werden.
    Ich gratulir' am ersten Adventssonntag zum neuen Jahre; denn es ist der
erste Tag im Kirchenjahre, und wünsche nicht nur dieses, sondern noch viele neue
Kirchenjahre in Seelen- und Leibeswohlergehen anzufangen und zu beschliessen. Ihm
ist der erste Advent, wie der erste Sonntag nach Trinitatis - mir nichts, dir
nichts. Kaum dass er am Laien-Neujahrstage, das ist den ersten Januar, Glück
wünscht. Was ich eine Nickel und unehrlich nenne, heisst er unehelich. Bei dem
letzten Umstande denk' ich mehr, als ich sagen kann.
    Aus dem schnaubenden Saul ward ein frommer Apostel Paul, und auch du, mein
Lieber! kann gleich aus keinem Alexander ein Habakuk werden: fleissige dich
dennoch bei Leibesleben Superintendent in Curland zu werden. Der Name selbst
würde, da schon zwei Alexanders Superintendenten geworden, wohl etwas von seiner
Härte verlieren, wie Senf durch Zucker. - Hier sah man meiner Mutter eine
gewisse Sohnsfreude an, die bei Müttern die einzige ihrer Art ist. Wo ist ein
Maler, der die Marienfreude ausgedrückt hat? Sie hätte keinen heiligen Schein
nötig, wenn dies ein Maler treffen könnte! Man rechne, so genau man will, sagte
meine Mutter schlüsslich, ein kleiner Bruch bleibt bei einem jeden Menschen
übrig. - Er aber, der in dir angefangen hat das gute Werk, woll' es durch seinen
heiligen Geist in dir bestätigen und vollführen, und dich kräftigen und gründen;
ihm sei Ehre und Lob und Preis! Amen, Amen.
    Was mich betrifft -
    Sie sang:
Ich bin's gewiss und sterbe drauf,
In meines Gottes Händen:
Mein Kreuz und ganzer Lebenslauf
Wird sich noch fröhlich enden.
und nach dieser Strophe:
Tu wie ein Kind und lege dich
In Gottes Vaterarme,
Und lass nicht nach, bis dass er sich
Dein väterlich erbarme;
So wird er dich durch seinen Geist,
Auf Wegen, die du jetzt nicht weisst,
Nach wohlgehaltnem Singen
Aus allen Sorgen bringen.
Im Liede steht Ringen anstatt Singen. Wer wird indessen meiner Mutter diese
Aenderung verdenken? Lieber hätte sie, das weiss ich, nach wohlgehaltenem Takte
gesungen, sie musst' aber den Reim bedenken.
    Sie schloss in Prosa mit wiederholentlichem Amen, Amen.
    Nach dieser Erzählung und diesen mütterlichen Wünschen las sie mir einen
Aufsatz vor, den zum grössten Teil ihr Vater für ihren Bruder aufgesetzt hatte,
welcher aber in der Kinderlehre geblieben, wie sie sich ausdrückte. Vieles,
sagte sie, ist deines Vaters, das meiste gehört mir. Ich will es meinen Lesern
zum Besten von mächtiger zu mächtiger Stätte, von treuen zu treuen Händen
mitteilen.
    Noch nie war mir die Geschichte meines Vaters so sehr aufgefallen, als jetzo
, wo mir die kleinsten Umstände nicht Adiaphora mehr waren, obgleich ich Summa
Summarum nicht viel mehr erfahren, als ich schon wusste. Zu dem Spargel und der
Pfeife in der freien Luft und den langen Manschetten war nur ein Kanapee und der
königliche Priester Melchisedech gekommen. Ein Name, den ich noch nicht ohne
Bangigkeit, man möcht' ihn übel deuten, ausspreche, und den ich meinen Lesern,
so oft er vorgekommen, ins Ohr geschrieben habe.
    Denkzettel an den, der unter meinem Herzen und an meiner Brust lag, welche
niemand ausser seinem Vater (und der nur beiläufig) vor und nach ihm gesehen hat,
der den - - - 17 - in einem kalten Winter meinen Leib öffnete und schloss, den
ich die Hände falten und Gott aussprechen lehrte, und den ich in diesem
Jammertal, wo man auch bei frühem Spargel nicht an Ort und Stelle ist, nicht
mehr sehen werde, aber - dort bei dem Herrn! allezeit.
                                     * * *
    Siehe zu, dass deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei, nicht ein Kranz, der
Firne-Wein anmeldet wo doch nur Heerlingssaft ist, und suche nicht Ruhm bei
Leuten durchs Weisse in deinem Auge, und durch ein Aussehen, als wenn du den Tag
zuvor Medicin genommen. Die ganze Natur ist fröhlich und guter Dinge. Ehre Vater
und Mutter mit der Tat, mit Worten und Geduld, auf dass ihr Segen über dich
komme; denn des Vaters Segen baut den Kindern Häuser, aber der Mutter Fluch
reisst sie nieder. Ihr Unwillen beschädigt das Dach, und es regnet ein ewiglich.
Wie kann der Gott lieben, den himmlischen Vater, der nicht die liebt, die das
wohlgetroffenste Bild vom Schöpfer und Erhalter an sich tragen; ehre Vater und
Mutter, damit dir's wohlgehe und du lange lebest auf Erden. Sprich, wenn du
Melchisedech sagen willst, der königliche Priester, so wie man den David den
königlichen Propheten heisst, obgleich er auch in der Apostelgeschichte, im
zweiten Kapitel, im neunundzwanzigsten Vers, Erzvater genannt wird. Gedenke,
wenn du Spargel isst, oder eine Pfeife in freier Luft rauchest und lange
Manschetten siehst, oder Wein an der Quelle trinkest: deinen Vater ehren ist
deine eigene Ehre, und deine Mutter verachten, heisst einen stinkenden Odem
haben. Ein gutes Gewissen ist besser als zwei Zeugen. Es verzehrt deinen Kummer,
wie die Sonne das Eis. Eis ist ein Brunnen, wenn dich durstet, ein Stab, wenn du
sinkest, ein Schirm, ein Riga'scher Pastorhut, wenn dich die Sonne sticht, ein
Kopfkissen im Tode. - Der Herr, unser Gott, ist der Allerhöchste, und er schuf
Löwen und Frösche, Adler und Mücken, und alles was auf Erden kreucht. Kein
Sperling fällt ohne seinen Willen, und in ihm leben, weben und sind wir. Gleiche
Brüder, gleiche Kappen. Gleichheit, sagt dein Vater, ist das Winkelmass der
Menschheit. Wer nicht über andere wegsieht, und am Tisch sich oben ansetzt, und
nach der Hechtleber langt, erregt keinen Neid, und niemand spricht zu ihm:
weiche diesem. Der grösste Hümpler, die meisten Späne. Keine Antwort ist auch
eine Antwort. So wie das Wasser Feuer löscht, so überwältigt die Bescheidenheit
den Stolzen. Sie ist der Ring, den man dem Bären durch die Nase zieht. Gut macht
Blut, Blut macht Mut, Mut macht Übermut. Es ist eine schwere Sache um die
ächte Schamröte. Bei vielen ist sie Schminke, und Pfui über die viele. Wenn sie
aber auch gesundes, unverfälschtes Blut ist, kann man sich schämen, dass man
Sünde daran tut, und kann sich schämen, dass man Gnade und Ehre daran hat, vor
Gott und Menschen. Wer A sagt, muss B sagen. Aus Scham sterben heisst eben so
viel, als aus Furcht sterben. Die Schamröte bleichet nach einer Weile aus, wie
eine sechsstündige Provinzrose. Kirchenbusse ist kein Staupenschlag. Wasch mir
den Pelz, und mach ihn nicht nass. Wer ein Tiger in seinem Hause ist, pflegt ein
Schaf ausser demselben zu sein. Sei langsam zu reden, schnell zu hören und
langsam zum Zorn, denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist.
Kaltes Blut hat mehr Unheil gestiftet als der Zorn! Tue nichts Böses, so
widerfährt dir nichts Böses. Halte dich vom Unrecht, so trifft dich kein
Unglück. Was bös' ist, bleibt böse, wenn's gleich viele tun. Wie das Bett, so
der Schlaf Ringe nicht nach Gewalt bei Fürsten, denn sie sind Menschen und
können nicht, wenn sie auch wollten. Sei fröhlich mit den Fröhlichen, und weine
mit denen, die zerschlagenen Herzens sind; denn Gott schuf uns all aus einem
Erdenkloss, und blies uns einen lebendigen Odem in die Nase, und da ward eine
lebendige Seele. Verzweifle nicht, wenn die Glocken um deinen Freund gezogen
werden, und wenn es von ihm heisst: er ist versammelt zu seinen Vätern. Freue
dich nicht, wenn dein Feind stirbt, gedenke, dass wir alle sterben werden,
Müss'n all' davon,
Gelehrt, jung, reich, alt, oder schön.
Willst du den Frevler kennen, steh ihn, wenn sein Feind den Arm bricht. Artet
sein Herz zum Jubel aus, und raucht sein Haupt wie eine Flasche alter Wein, wenn
man die Pfropfe herausgezogen, so hast du ihn auf ein Haar, wie dein Vetter
getroffen ist im Kupferstich. - Wenn gleich der Gottlose in einem Palaste
wohnet, irre dich nicht. Sein Palast ist wie das Haus der Spinne und wankender,
wie ein Schauer, das der Wächter sich gemacht hat. - Es kommt die Stunde, da
Schrecken ihn treffen, wie Wasser! Ein Platzregen kommt über ihn, wenn er ein
seidnes Kleid anhat. Ohne Ordnung fällt man über ihn her, wie durch ein
gesprengtes Tor; wie eine eingenommene Feste wird man ihn umzingeln. Ist nicht
Tag und Nacht, Sommer und Winter, kalt und warm? Es liegt alles fingerdick in
der Welt, das Gute und das Böse. Harre auf den Herrn, deine Seele hoffe auf ihn,
er wird's wohl machen. Gott zerschmeisset und seine Hand heilet. Aus sechs
Trübsalen wird er dich erretten, und in der siebenten wird dich kein Uebel
rühren. Er wird deine lassen Hände stärken, damit du zu deiner Predigt den Takt
schlagen könnest zur rechten Zeit, und wenn deiner Seele widert, den dunkeln Weg
zu gehen, den kein Vogel entdeckt, und keines Geiers Auge gesehen; wenn es
stockfinster ist, sei Gottes Wort deine Leuchte und das Licht auf deinem Wege!
Er! der den Winden den Weg wies, führet seine Heiligen zwar wunderlich, doch
selig. Unsere Kraft ist nicht steinern, unser Fleisch nicht ehern, das weiss der
uns schuf, und wird unser Lager leichtern und dir einen Dr. Saft senden, wenn du
krank bist, und einen Tröster, wenn deine Seele wimmert. Nichts kann uns mehr
verstimmen, als das Geschrei kleiner Kinder! Die leiblichen Eltern finden es
unerträglich, denn die Erbsünde ist's, die aus dem Kinde schreit, und sein
Weinen verrät Unverstand und Eigensinn. So ist unser Weinen und Heulen dem
lieben Gott - Kindergeschrei!
    Wer am Wege baut, hat viele Meister. Leihe nicht einem Gewaltigern denn du
bist; leihest du aber, so acht' es gestreut auf einen undankbaren Acker. Brich
den Hungrigen dein Brod, und so du einen nackt siehst, glaube, dass ein Loch in
deinem Strumpfe sei. Nackend bist du von deiner Mutter Leibe gekommen, und
nackend wirst du auch heimfahren aus diesem Elend. Der Herr hat's gegeben, der
Herr hat's genommen. Halleluja! Ein neuer Freund ist ein neuer Wein, lass ihn alt
werden, und dann koste ihn und siehe da, solch ein Wein erfreut des Menschen
Herz, dass er jung wird wie ein Adler. Wer Pech angreift, besudelt sich, wer mit
Leidenschaft spielt, hat Lust zu betrügen, und wer oft tanzt, will heiraten.
Sei züchtig, wenn von Dingen die Red' ist, die die Natur selbst mit
Feigenblättern verhangen hat. Gewöhne dich nicht zur Sängerin, dass sie dich
nicht mit einem Triller in die Flucht schlage, und dich zum schimpflichen
Gefangenen mache für und für. Höre lieber eine Nachtigall, eine Lerche, oder so
etwas, und dein Gemüt wird gesund zu derselben Stund. Mit Ringen zu spielen ist
nur dem Doge zu Venedig am Himmelfahrtstage erlaubt, wenn er sich mit der
adriatischen See verlobet. Ich halte selbst dies Spiel für sündlich und
anstössig, wenn's gleich der heilige Dreifuss oder Sorgstuhl, auf dem dein
Namensvetter, Papst Alexander der Dritte sass, im Jahr 1174 verordnete. Man muss
sich nicht verloben, wenn man nicht heiraten will; man muss keiner adriatschen
See einen Ring geben, die nicht unsere Frau werden kann. Du verstehst, was du
hörest und liesest, mein Sohn! Merke wohl, was ich sage!
    (Die adriatische See war ohne Zweifel Minchen.)
    Wehe dem Jüngling, der einer Dirne verspricht, was er nicht erfüllt, der mit
ihr handgemein wird, wenn er nicht herzgemein mit ihr zu werden in den Umständen
ist. Leute dieser Art meiden das Land wie die jüngste L - an der mein Traum
erfüllt ist, und ihr Krippenritter, von dem mir nie etwas geträumt hat. Falsche
Jünglinge bauen ein Gerüste von Schmeicheleien, und wenn ihr Gebäude fertig ist,
zerstören sie das Gerüste, und seine Stätte ist nicht mehr. Du nicht also!
Wenn dich der böse Feind anficht
Zur linken und zur rechten Hand,
empfehl' ich dir das Tintenfass, nicht wie unser Glaubensvater, ihm damit den
Kopf zu bläuen, obgleich diese Tintenflecken an der Wand die schönste Malerei
sind, die ein Christenauge in der Welt sehen kann. Der Teufel, da er schon an
sich tintenschwarz ist, hatte keinen Flecken davon. Nicht des Wurfes wegen,
sondern um eine Predigt oder geistliche Betrachtung daraus abzufeuern. Tinte sei
dein Pulver, die Feder Flinte, die Sandbüchse Schrot. Vom Weihrauch tut dem
Teufel der Kopf weh; es ist nicht fein, wenn ein Geistlicher mit etwas anderm
räuchert. Um die Tinte gut zu kochen oder Teufelspulver zuzubereiten, werd' ich
dir ein Recept zu deiner Wäsche packen. Es hat Kranke gegeben, auf die der
Anblick des Recepts die nämliche Wirkung gemacht hat, als die Medicin, die
darauf charakterisirt war. Sie schwitzten, sie gingen zu Stuhl. Der Teufel müsste
sein Spiel haben, wenn dies Recept in deine Wäsche Tintenflecken machen sollte.
Stecke die Manschetten unter, wenn du schreibst, denn es steht nur einem alten
wohlerfahrenen Gelehrten an, mit Tintenftecken zu prangen. Leute, die die Sünde
aus ihrem Fleische, wie den Staub aus ihren Kleidern herausklopfen und sich
casteien, kennen den inwendigen Menschen nicht. Verse zu machen, mein Kind! ist
ein probates Mittel wider die Erbsünde und die bösen Fleischeslüste, die man
bloss durch Seelenmotion dämpfen kann. Es müssen die Verse aber gereimt, im
Schweiss des Angesichts erarbeitet oder erjagt sein. Dein Vater sagt, im
Reimwörterbuch nachschlagen, heisst hetzen. Weg mit den Hunden; allein wo ist ein
Jäger ohne Hunde? Ein Mensch, der die schmutzigsten Verse schreibt, wenn sie ihm
wohlgeraten, läuft ihnen wie den unkeuschen Dirnen nach, die er besungen hat.
Jammer und Schade um die Poesie! Sonst aber für jedes eine Reihe, für den
Verstand eine, und für den Reim auch eine. Gib dem Verstande, was des
Verstandes, und dem Reim, was des Reimes ist. Dichter probirt man wie irdenes
Zeug durch's Klingen. Kein grosser Sänger singt, wenn er in Gedanken ist, wie es
die meisten tun, die nicht grosse Sänger und grosse Philosophen sind. Die
letzteren reden mit sich selbst, und machen mit der rechten Hand eine Bewegung.
Dichter pfeifen. Dein Vater. Nationen, die singend reden, und deren Sprache so
ist, als wenn die Orgel gestimmt wird, singen schlecht. Alles dein Vater. Auch
hab' ich von ihm die deutsche Sprache, sei nicht also. Der selige Herr Dr.
Martin Luter sagt, der Teufel ist ein Trauergeist und macht traurige Leute;
daher flieht er die Musica, und bleibt nicht, wenn man singt. Das Loblied Moses,
der Prophetin Debora und Barak, als Sissera geschlagen ward, der gottseligen
Hanna, das Loblied Hiskia, als er wieder gesund geworden, und des Jonas, da er
aus dem Wallsische angelandet war, beweisen, dass nicht nur Männer, sondern auch
Weiber heilige Lieder gesungen, und im neuen Testament singt der Priester
Zachariä und auch die heilige Jungfrau. Durch die Instrumentalmusik spricht ein
Stummer. Der Kranke geneset, das Alter verjüngt sich. Durch die Stimmmusik
zerteilen wir die Wolken und dringen zum Herrn. Nur die Engelstimmen gehen über
Menschenstimmen. Wenn Barbaren, die kein Wort deutsch können, uns überfielen:
singt! Wenn man eine Wagenburg schlägt, und euch an allen Orten ängstigt: singt!
sag' ich, und abermals sag' ich's, singt! Gesang ist ein niederschlagendes
Pulver, Cremor Tartari für die Seele. Mein Sohn, wenn auch ein anderer über dies
Schatzkästlein käme, er wüsste von jedem Worte, wessen Geistes Kind es sei, ob
mein oder deines Vaters und deines Grossvaters. Bei vielen hab' ich gesagt: dein
Vater, bei vielen hab' ich's gedacht. Dein Grossvater und Vater haben gepflanzt,
ich habe begossen, Gott gebe das Gedeihen!
    Plato und Pytagoras waren zwar blinde Heiden; indessen glaubten sie, dass
der Lauf der Sterne ein Concert spiele. Lobe den, der sie in Melodie setzte.
Alles was Odem hat, lobe den Herrn! Dein Vater sagt, wer dieses Sphärenconcert
nicht hört, wenn er ein Loblied singt, ist ärger denn ein Heide. Die Traurigkeit
macht feig; ein Lobgesang macht lustig. Durch den Gesang redet der Leib der
Seele zu: Sei gutes Muts, kleine Närrin! Siehe die Lilien auf dem Felde, sie
säen nicht, sie spinnen nicht, Gott nährt sie doch; sind sie denn mehr wie du?
Ich sing', indem ich schreibe, und will, dass du singest, indem du liesest.
Was den Odem holet,
Jauchze, preise, singe!
Blick herauf und blicke nieder!
Er ist Gott,
Zebaot!
Er ist hoch zu loben,
Hier und ewig droben!
Wer Gott dankt, um ihn zu bestechen, der dankt sich selbst. Mit dem Gebet kann
man Gott nicht so schänden, als mit Lobopfer. Bete wie ein klein Kind: Abba,
mein Vater! dank auch so. Ich grüsse euch, ihr englischen Sänger in der Stadt
Gottes, wo alles lieblich zusammenstimmt! ich segne dich zweigliedrig, du Pforte
des Himmels! du hast mir mein Herz genommen, himmlisches Jerusalem, mit deiner
Süssigkeit, und die Lieblichkeit der Stimme des Vollendeten hat mich gefangen.
Ich habe Lust zu singen ein Lied im höhern Chor, und den andern Diskant beim
heilig, heilig, heilig! zu versuchen. Böse Gesellschaften verderben gute Sitten,
und Buhlerblicke sind Pfeile, die die Seele verwunden, und da hilft nicht Kraut
noch Pflaster. Hüte dich! die Buhlerin spielt dir dein Herz aus der Tasche. Hier
steht sie, dort liebäugelt sie. Betrug ist ihr Gespinnst und Gewinnsucht ihr
Zeitvertreib. Sieh nicht an eine Dirne, die betrübt ist, und ihr Auge
niedergeschlagen hat. Wie die Gelehrten ihr Auge von der Sonne nicht wenden,
wenn sie verfinstert ist, so zieht auch eine verfinsterte Schönheit die Jugend
an. Jugend hat keine Tugend, und gleich und gleich gesellt sich gern. Das Werk
lobt den Meister. Wie der Regent ist, so sind auch seine Amtleute; wie der Rat,
so die Bürger. Ein wüster König verdirbt Land und Leute, wenn aber die
Gewaltigen klug sind, gedeiht die Stadt. So wie unser Herr und Meister mit
Zöllnern und Sündergesellen zu Tische sass, vermeide es auch nicht, mit Grossen
der Erde umzugehen. Ziele nach diesen Leuten, sonst trifft man sie nicht, und
fleissige dich, den rechten Fleck zu treffen. Bücke dich, allein zerbrich nicht
das Bein; sei höflich, allein nicht beschwerlich. Wende dich an die Frau, wenn
du an den Mann ein Gesuch hast. Krieche nicht, denn du hast gesunde Füsse. Bete
nicht an güldene Kälber der Erde.
Du bist ja ein Hauch aus Gott,
Und aus seinem Geist geboren:
Darum liege nicht in Kot;
Bist du nicht zum Reich erkoren?
Sprichst du mit einem König, denke, du bist ein geistlicher König; sprichst du
mit einem grossen Gelehrten, du bist ein geistlicher Prophet, und mit dem
Superintendenten in Curland, du bist ein geistlicher Priester. Dränge dich nicht
nach oben, oder zur Rechten; allein verrichte auch nicht Lakaiendienste. Hüte
dich, dass dein Fuss nicht einschläft, wenn du beim Vornehmen sitzst, und zerbrich
keinen Teller, wenn du ihn dem Nachbarn aufdringst. Höre mein Kind auf eine
Geschichte, die ich nicht erzählen kann, ohne dass Feuer in meinem Gesichte
auskommt. Ein Literatus wollte bei seinem Gönner um eine Stelle anklopfen. Da
der Herr verzog, glaubte der gute Candidat Zeit und Raum zu haben, seine
Strümpfe zu spannen, die nachgelassen hatten; und siehe! eben nun kommt sein
Gönner und erblickt das entblösste Knie und das Strumpfband, das zum Unglück ein
Bindfaden war, in des Literatus Rechten. Das Amt ging vor ihm vorüber, als
Wolken vom Winde getrieben, und der Gönner sprach, da er mit seinen Freunden zu
Tische sass: in der Jugend eine Hure, im Alter eine Hexe. Aus einem Funken wird
ein gross Feuer, und ein Lügner und Mörder sind Nachbars Kinder. Iss keine Rüben,
wenn du zu Sr. Excellenz gehst, und lege deinem Magen ein Gebiss an den Mund,
sonst sieht es aus, als ob du zum Essen kömmst. Eine alte Weste und neuer Rock
sind wie eine alte Tresse und ein neues Kleid, zusammengebrachte Kinder.
Schlucke nicht, und wenn's auch Wasser wäre, dass es aussieht, als wolltest du
den Jordan austrinken. Willst du einen beständigen Gönner haben, mache, dass er
dir eine Wohltat erweist, die bekannt wird im Volke. Dies bindet wie Kitt. Er
lässt dich nicht, als ob er von seinem Vorschuss Zinsen haben wollte. Leihe dem
Armen ohne Zinsen, dann bezahlt's Gott. Lern ein Glas leeren, nur mit Maassen,
damit du dich nicht aufreibst. Männer, die an einer grossen Tafel keinen Tropfen
trinken können, sehen aus wie Verschnittene am Hochzeitstage. Sich am Wein warm
trinken, heisst menschlich werden. Wenn ich mir zuweilen ein Schälchen nehme,
ist's mir, als ob ich Menschenliebe getrunken hätte. Ein böses Gewissen ist ein
Ofen, der immer raucht, ein Gewitter ohne Regen; es ist Kläger, Richter, Henker,
in einer Person. Die Nachtigall singt dir: du bist ein Dieb; die Lerche: du hast
gestohlen. Eine Krähe beisst der andern die Augen nicht aus, und wo der
Bürgermeister ein Bäcker ist, backt man das Brod klein. Wenn ich streiten
sollte, es gäbe im Stamme Levi keine zerbrochene Töpfe, die laufen lassen, würd'
ich Krebse angeln. Was sich im grünen Kleide mit Gold schickt, schickt sich
nicht in der Reverende, und auf der Kanzel muss man anders reden, als wenn man
seine Füsse unter einem gedeckten Tische beherbergt, und seiner Nachbarin eine
Gesundheit zubringt, welches die Tischreden unseres Glaubensvaters sehr lebhaft
bestätigen. Sei allen allerei, wie eine Citrone, die man von innen und aussen
brauchen kann. Leute, die sich völlig vor der Welt verschliessen, die nur mit
ungefallenen und in der Wahrheit gebliebenen Geistern Umgang haben, sehen oft,
wo andere nichts sehen, und hören noch öfter, wo andere nichts hören; denn das
Ohr ist leichtgläubiger als das Auge. Ein Pastor dieser Art hatte seiner
Gemeinde das Nasenschneuzen und Husten abgewöhnt. Ich erzähle dir diese
Geschichte mit den nämlichen Worten, wie mein seliger Vater sie mir erzählt hat.
Es war in der Kirche dieses Pastors eine besondere Mannszucht, eine so heilige
Stille, wie des Morgens bei schönem Wetter um vier Uhr. Ehe er zur Nutzanwendung
überging, war es, wie ein Commando: präsentirt's Gewehr! Der Herr Pastor gab mit
seiner Nase ein Zeichen, und alle Nasen folgten ihm, auch die, so es nicht
nötig hatten, aus Provision, oder weil's der Nachbar und der Herr Pastor tat.
Es begab sich, dass ein Fremder, der diese Strasse zog und nichts von dem
Uebergange zur Nutzanwendung wusste, und die Sitten und Naseart dieser
christlichen Gemeine nicht kannte, den natürlichen Wink seiner Nase befolgte.
Der Pastor beschlug die Contrebande mit den Worten: wer grunzt in der Gemeine?
allein der gute Pastor musste, weil der Gast von Adel war, diesen Beschlag sehr
teuer büssen, und schriftlich versichern, das Wort Grunzen nicht im bösen Sinne
genommen, sondern vielleicht selbst gegrunzt zu haben, und vor's künftige ward
der Herr Pastor angewiesen, seine Nase in die Bibel zu stecken. Der Mensch ist
gut, die Welt böse. Gehe fleissig in die Kirche und siehe zu Menschen beerdigen.
Gedenke, wie er gestorben ist, musst du auch sterben. Heute mir, morgen dir. Zeit
liegt von Ewigkeit einen Sabaterweg, eine Viertelmeile, die den Kranken im
alten Bunde zu reisen erlaubt war. Wenn du einen Kirchhof offen findest, gehe
herüber, wenn du auch einige Schritte Umweg machst. Sieh die offene Türe als
eine Erinnerung an, dass auch du dem Kirchhofe, dem Zollhause der Ewigkeit geben
wirst, was ihm gebührt. Wenn die Glocken gezogen werden, sprich: Gott schenke
mir eine selige Stunde! Huste nicht im Vorzimmer des Grossen, um dich hören zu
lassen. Der Wein ist die Wage des Menschen; lege deinen Freund drauf, und prüfe,
wie viellötig er ist. Denke an den Tod des Tycho Brahe, der leider! unter
seinem Stande heiratete, und verdamme nicht die Natur: sie leidets nicht.
Plaudere nicht bei der Musik, denn predigen und singen hat seine Zeit. Die
behagliche Genügsamkeit ist reich ohne Mühe. Den Edelstein fasse in Gold, und
beim Wein singe. Gib fröhlich, was du gibst. Ein Geber, der nachdenkt über das,
was er geben soll, gibt's nicht von Herzen, sondern vom Verstand. Wenn du den
Weg nicht kennst, nimm einen Wegweiser. Ehre im Menschen das Bild Gottes. Diene
mit Rat und Tat. Ehrliche Einfalt ist besser als spitzbübischer Witz. Man sagt
von Geistlichen: Kinder und Bücher. Dein Vater und ich haben einen Sohn, wie
Abraham den Isaac, und der sei dem Herrn geopfert! Ein junger Mensch muss sich so
in Gesellschaft der Alten führen, als einer, dem Geld zugezählt wird. Gehe nicht
um mit Uebermütigen. Was soll dir der irdene Topf bei dem ehernen? denn wo sie
an einander stossen, zerbricht jener. Wächst wohl Schilf, wo es nicht feucht ist?
und wer hat gegen einen Grossen einen Zeugen? Ein Wolf und ein Schaf ist wie der
Reiche und der Arme. Ein Gottloser, wenn er arm ist, redet viel Böses; ein
Frommer hat immer Schätze. Schicke keinen Hund nach Fleisch, und verpfände nicht
das Lamm beim Wolfe; der Mensch verschiesst wie ein Kleid, und wenn man alt ist,
kann man nicht geniessen, was man gesammelt hat. Darum freue dich in dem Herrn,
und abermal sag' ich dir, freue dich! Denk an den Armen, wenn du deinen
Geburtstag feierst, und lass ihm seine Wunden von deinem Barbier verbinden.
Sprich nicht zum Goldklumpen: mein Trost, und zum sechslötigen Silber: meine
Hülfe. Ein Armer geniesst selbst dieses Leben mehr als ein Reicher; denn ein
Glücklicher und ein Reicher lebt bloss des Gedankens wegen nicht: Mensch, du musst
sterben. Wer täglich stirbt, hat den Tod lieb gewonnen, wie man ein hässliches
Gesicht mit der Zeit gewohnt wird. Der Reiche zieht seine Zinsen in dieser Welt,
und die meiste Zeit mehr, als die landüblichen. Der Arme hebt in diesem Leben
die Zinsen nicht, sondern lässt sie beim lieben Gott stehen, der ihm sicher ist,
und der ihm seine Zinsen fein zum Capital schlägt, für die andere Welt. Jeder
Reiche fühlt, dass der Arme, wenn er stirbt, reich wird, es stehen ihm die Haare
hiebei zu Berge, und wenn es so anginge, würd' er dem Armen wohl zehntausend
Taler Albertus leihen, um einen Wechsel auf ihn im Himmel zu haben. Allein
bedenke, Reicher! dein Tod ist ein Bankerott. - Mein Sohn! teile in dieser
Gnadenzeit den Leckerbissen mit dem Dürftigen. Das beste Mittel, gut zu
verdauen, ist einen Armen essen sehen! Wirf deine Magentropfen zum Fenster
hinaus, und brauche dieses Mittel. Dein Vater. Wenn dir ein Unglück begegnet,
greift die Seele nach einem Geländer, wie der Körper nach einem Stab. Schilt im
Podagra auf den Wein, beim üblen Wetter auf's schlechte Steinpflaster, im Tode
auf's Leben. Was ist der Mensch, wenn er nicht unsterblich ist? Unser Leben
währt siebenzig Jahr, wenn's hoch kommt, sind's achtzig Jahr, wenn's köstlich
gewesen, ist's Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen
wir davon. Wir bringen unsere Jahre zu, wie ein Geschwätz. Hüte dich,
Hiobsposten zu bringen; man hasst den Verräter, und liebt die Verräterei. Wer
heut ein Spiel gewinnt, verliert morgen siebenfältig, und mancher gibt mit einem
Auge, und mit sieben sieht er, was er wieder erhalte. Wem das Glück wohl will,
den macht's zum Narren. Die Narren haben ihr Herz im Munde; aber die Weisen
haben ihren Mund im Herzen. Wer mit einem Narren redet, redet mit einem
Mondsüchtigen. Hüte dich vor dem, der sich selbst gezeichnet hat. Ueber einen
Todten trauert man, denn er hat das Licht nicht mehr; aber über einen Narren
sollte man trauern, weil ihm das Lämpchen im Verstände, wie den fünf törichten
Jungfrauen, ausgegangen. Der Schweiss eines Aussätzigen ist besser, als der Ambra
eines Narren. Gin gelehrter Mann ist in Gesellschaft wie der Mond, bald voll,
bald halb, bald ein Vierteil; in seinem Hause ist er immer eine Sonne. Lerne
selbst, ehe du lehrst, und ahme nicht die Aerzte nach, die wie Schneider den
Schnitt am fremden Tuch lernen. Kühle dein Mütlein nicht, wie deine liebe
Grossmutter, an Vater, Tochter oder Köchin, sondern lerne von deiner Mutter, auch
ohne Schläge, dem Zorn ein Opfer bringen. Diene wieder deinem Knecht, der dir
dient. Die Biene ist ein klein Vögelein, und gibt doch die allersüsseste Frucht.
Wenn dir's wohl geht, denke, dass dir's übel gehen könne, und wenn dir's übel
geht, denke, dass dir's wieder wohl gehen könne.
Auf Regen folget klare Zeit;
Auf Leid die frohe Ewigkeit.
                                     * * *
Ich weiss, wen Gott will herrlich zieren,
Und über Sonn' und Sterne führen,
Den führet er zuvor herab.
Das Lied:
Warum betrübst du dich, mein Herz,
Bekümmerst dich und trägest Schmerz,
hat viele von übler Laune, von der Unzufriedenheit und der Schwermut geheilt,
und wenn dein Herz nicht verdorben ist, wenn du kein böses Gewissen hast, wirst
du auch geheilt werden. Hast du ein böses Gewissen, so schlägt keine
Seelenmedicin, kein Lied an. Beim siebenten Vers erinnere dich der Leiden, die
deine Mutter des Namens Alexander wegen erduldet hat.
                                     V. 7.
Des Daniels Gott nicht vergass,
Da er unter den Löwen sass.
Seinen Engel sandt' er ihm,
Und liess ihm Speise bringen gut,
Durch seinen Diener Habakuk.
Der zwölfte Vers aus diesem Herzensliede ist ein Universalmittel.
                                     V. 12.
Alles was ist auf dieser Welt,
Das Seel' und Leib gefesselt hält;
Reichtum und zeitlich Gut,
Das währt nur eine kleine Zeit
Und hilft doch nichts zur Seligkeit.
Traue deinem Feinde, wenn er sich gleich mit dir versöhnt, so wenig, als ein
Leiter seinem Bären. Leide keinen Schmeichler, wie der Cypressenbaum keine
Würmer leidet. Ein frommes Kind ist besser denn hundert, die den Herrn nicht
fürchten, und es ist besser ohne Kinder sterben, als gottlose Kinder haben. Wer
satt ist, wird wieder hungrig, wer des Morgens ausgeschnarcht hat, geht des
Abends wieder zu Bette. Ein Reicher kann arm werden. Des Ungerechten Söhne
wurzeln nicht, und seine Töchter sind Feigenbäume ohne Frucht. Kinder ziehen
heisst gerade oder ungerade spielen. Erziehen heisst ein Fundament legen, wo unter
der Erde gearbeitet wird und nichts zu sehen ist. Ein gut gezogenes Kind ist
eine Rechnung ohne Probe. Der Jüngling muss beweisen wie die Zucht war. Lege dein
Almosen nicht besonders, denn es segnet dein anderes Geld, dass es dir gedeihe
für und für. Kleiner Topf, kleine Stürze; grosser Vogel, grosses Nest. Gesunder
Leib ist besser denn eine Tonne Goldes. Die Sonne geht auf mit Hitze, und das
Gras welkt und die Blume fällt ab: so verwüstet ein Reicher, wenn er
verschwendet, sich, seinen armen Nachbar und desgleichen. Sausen und Brausen
macht siech, und was hilft ein güldener Galgen, wenn man hängen soll. Was ist
ein schön Gericht für einen Kranken, dem schon der Geruch Blähungen macht? Der
Tod ist besser als ein sieches Leben. Ein fröhlich Herz ist besser als
Magenelixir, und eine Mahlzeit mit Wohlgefallen ist die sicherste Blutreinigung.
So lange du selbst Töpfe und Schüsseln hast, untergib dich nicht dem Tische
eines andern. Ziehe dich nicht eher aus, als bis du zu Bett gehst. Das Hemde ist
dir näher als der Rock. Eigener Herd ist Goldes wert. Raten macht Schuld, und
du stellst Wechsel aus, wenn du Rat gibst. Die Naseweisheit ist, wenn man die
Nase höher hält, als sie gewachsen. Nimm dieses zu Ohren und Herzen, denn du
hast eine Nase, die was gilt unter den Leuten. Die Nase ist der Text zum
Menschen, die Stirne der erste Eingang, die Lippen das Tema, worüber in
gegenwärtiger Stunde soll gepredigt werden. Wein und Weiber betören die Weisen.
Männerlist ist behend, Weiberlist ohn' End. Kleider, Scharrfuss, Lachen und Gang
melden den Menschen an. Kluge Leute wissen schon, was am Jüngling ist, wenn sie
ihn sehen die Nase schneuzen. Ein Tor ist schwerer als Blei. Krebs ist kein
Essen auf der Post. Hilf dir selber, ehe du andere arzneiest. Was niemand wissen
soll, sage keinem. Wer einen übeln Rausch hat, verscheucht seine Freunde, wie
ein Schuss die Vögel. Erst Rauch, dann Feuer; so Scheltworte, dann Schläge. Der
Arzt ist der Sünde Scharfrichter, ehre ihn, denn der Herr hat ihn geschaffen,
und er trägt das Schwert nicht umsonst. Hüte dich vor böser Nachrede, denn die
Welt liegt im Argen. Wenn man des Morgens von da herausgeht, wo man des Abends
hinein gegangen, sagen die Leute, man sei die ganze Nacht da gewesen. Der
Schlund der Welt ist ein offenes Grab; mit der Zunge handeln sie trüglich.
Ottergift ist unter den Lippen, der Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit. Die
Obrigkeit ist des lieben Gottes Soldatenstand, die Priester sind sein
Civilstand. Es ist traun! ein Weib aus dem Stamme Levi eine helle Lampe auf dem
heiligen Leuchter. Mein! heirate keine andere, denn sie hat ein gut Muster
gehabt. Schone dein Auge für die hebräischen Punkte, und gaffe nicht nach Dirnen
der Stadt. Denk nicht eher an eine Hausfrau, bis du ein Haus hast. Wo kein Zaun,
isst jeder das Obst, eh es reif ist; so auch bei einem Pastor ohne Pastorin. Leib
und Seele können nicht zu gleicher Zeit essen und verdauen. Wer mit der Seele
arbeitet, kann den Pflug nicht führen. Du sollst dem Ochsen, der da drischt,
nicht das Maul verbinden. Item, ein Lehrer ist seiner Calende wert. Wer säet,
erntet in zwölf Monaten. Wer Gottes Wort verkündigt, erntet in Ewigkeit. Heil
dir! du hast beim lieben Gott offene Tafel, du wirst einst vom Altar leben, und
hier gedeihen, wie' 's am Tage ist. Brosamen sind besser als Leckerbissen an den
Tafeln der Abgötter, deren Bauch ihr Gott ist. Du bedarfst keines Teils in
Israel; der Herr ist dein Teil und Erbe! Das Land Gottes trägt mehr als du
bedarfst. Brich aber dem Hungrigen dein Brod, so wird es dir gehen wie der
Oelwittwe. Wer den Armen segnet, spottet sein, wenn er diesen Segen nicht selbst
in Erfüllung zu setzen anfängt. Dieser Unmensch will Gott Lehren geben. Erinnere
dich, was man vor kurzem vom Herrn v. - erzählt, und erzähl' es deinen
Kindeskindern, auf deinem Schoss, damit sie segnen lernen, wie Gott sein Volk
segnet, der seine Fenster öffnet, und Früh-und Spatregen gibt, und in dem wir
leben, weben und sind. Es strandete ein Holländer (wäre es nicht ein Holländer
gewesen, wie viel mehr leid würd' es mir getan haben; Holland ist der Strand
von Europa), und der Herr v. -, der das Recht der Seestrassenräuberei hat, nahm
ihm alles, was er hatte, bis auf einen holländischen Käse (der Herr v. - hatte
oft Steinschmerzen) und liess den geplünderten Holländer ziehen seine Strasse, wie
Hr. v. - sich ausdrückte, fröhlich; denn er schrieb ihm folgendes Certificat,
das er einen christlichen offenen Wechsel nannte: »Da der Clas - - das Unglück
gehabt zu stranden, und alles werte Seinige einzubüssen, so wird ihm nicht nur
Gottessegen zu seinem künftigen Fortkommen von mir herzlich gegönnt, sondern
auch jeder, dem dieser offene Brief vorgezeigt wird, ersucht, ihm christlich
fortzuhelfen und ihm, so viel er kann, unter die Arme zu greifen, wohl
bedenkend, dass, wer dem Armen hilft, dem Herrn leihe, der es ihm zu Wasser oder
Lande verdoppeln kann und wird, als welches ich dem armen Clas - aus
christlicher Liebe anwünsche.« Den Herrn v. - möcht' ich fluchen hören, sagte
Clas - und sah seinen Käse an. Der Holländer hatte keinen Steinschmerz. - Wer
sich als abgebrannt und beraubt angibt, um Leute warmherzig zu machen, und sie
zum Mitleiden zu betrügen, ist ärger als ein Räuber und Brandstifter! Wehe dem,
der auf diese Art Brandschatzung ausschreibt. Er bestiehlt nicht den Menschen,
sondern die Menschheit. Sorge nicht für den andern Morgen, es ist genug, dass ein
jeder Tag seine eigne Plage habe. Mache des Geldes wegen auf der Kanzel keine
Gans zum Schwan, keinen Häring zur Sardelle, und keinen Hasen zum Löwen; denn
die Lehrer werden leuchten, wie des Himmels Glanz, wie die Sonne immer und
ewiglich. Gott ehrte Aaron, und gab ihm alle Erstlinge. Seine Nachkommen assen
des Herrn Opfer, und wurden gespeiset an seinem Tisch. Gott war ihr Teil und
Erbe, und darum hatten sie kein Teil am Lande. Wenn Kaffee aufs Kleid gegossen
wird, ist's kein Kaffee mehr, sondern Schmutz. Es kommt viel auf Zeit, Ort und
Gelegenheit an. Wenn du einem Edelmann Heil wünschest, sprich nicht: Gott, der
den Wurm unterm Felsen erhält, sondern: der Allmächtige, der die Welt aufrief;
wenn er in Diensten gewesen, und es bis zum Hauptmann gebracht, setze hinzu: und
Helden in seinem Volke erwecket.
    Ein Mensch, der keine Stimme hat, muss nicht den Adler und den Löwen auf die
Kanzel bringen, er wird schon Tiere für sein Stimmchen in der Bibel finden. Ich
selbst habe einen Diskantisten über die Worte: Sieh, es hat überwunden der Löwe
aus dem Stamme Juda, predigen gehört. Es gibt Diskant-, es gibt Basspredigten.
Ein Geistlicher muss Gedächtnis haben. Wenn er liest, steht's aus, als ob er die
Predigt auf drei Viertelstunden geliehen hätte. Auch Gras muss ein Pastor wachsen
hören.
    Ein Geistlicher sprach, da er zum zweiten Teil überging, indem er die
Kanzelsanduhr, welche mehr als andere Sanduhren ein Sinnbild unsers Lebens ist,
umkehrte: Noch ein Gläschen, meine Geliebten! und man nannte ihn, wie einen
faulen Käse: Bierbruder.
    Man kann zwar auch hiebei erbauliche Gedanken haben; indessen hatte der
Pastor L - nicht Gras wachsen gehört, da er die Frau v. - auf ihrem Krieg und
Siegbette besuchte, und ihr die Worte Mattäi im einundzwanzigsten Capitel, im
zweiten Vers, ins Herz schob: löse sie auf und führe sie zu mir. Noch grösser
ist's Uebel, wenn der Geistliche satyrisch auf der Kanzel sein will; er verliert
alsdann den Stachel, wie die Biene, wenn sie sticht.
    Wenn du einen Umstand lange suchen müssen, fang ihn an: Wem ist's nicht
bekannt; dadurch bestrafst du den Umstand, dass er sich versteckt hatte, und kein
Mensch glaubt, dass du so lange gesucht hast. Dein Vater würde sagen:
Windbeutelei, faul Holz statt Licht; allein klimpern gehört zum Handwerk. Einem
Geistlichen steht's am wenigsten an, zu sagen, ich will dies und das tun. Er
steht in Gottes Dienst. Sage also, zu reden aus Jakobi im vierten Capitel und
fünfzehnten Vers: So der Herr will und ich lebe, will ich dies oder jenes tun.
Fliehe die vergängliche Lust der Welt; denn nur hiedurch wirst du teilhaftig
werden der göttlichen Natur. Um eines faulen Astes willen reiss nicht Stamm und
Wurzel aus. Jeder Mensch hat was Gutes. Lege auf die Fingerspitze, wo der
verdorbene Saft aus der Hand sich hingezogen, und wo er schwärt, Kraut und
Pflaster, so behältst du die Hand. Brich hervor wie ein Feuer, und dein Wort
brenne wie ein Kirchenlicht (ein Wachsstock ist nur eine Pfeife zu entzünden).
Tröste den Bussfertigen, und lass über ihn aufgehen den Regenbogen mit seinen
schönen Farben. Wenn dich eine Kälte im Ausdruck überfällt, wärme dich an ein
paar Psalmen in der heiligen Schrift, und wenn böse Buben auf die Bibel lästern,
denk daran, dass es Gottes Schulbuch sei, woraus gross und klein, arm und reich,
vornehm und gering, alt und jung, unterrichtet werden sollen, und dann lass den
Lästerer ein Buch nennen, das so wie dies zu diesem Zweck eingerichtet, und für
all zusammen und für jeden einzelnen ist. Gott lass dich nie vor Narren zum Spott
werden, noch deinen Rücken zur Brücke, worüber jeder geht. Wachse wie ein
Palmbaum am Wasser, und dein Geruch sei süss vor dem Herrn, wie der Weihrauch im
Studirstübchen deines Vaters. Er, der die Erde mit Schnee und Reif salzet,
bereite dich zu seinem Knechte in seinem Weinberge: wenn aber das Salz dumm oder
unkräftig wird, womit wird man salzen? Verrichte deine Andacht vor Gott und
nicht vor Menschen. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Himmlische
Glorie umstrahle dein Haupt, wenn du auf der Kanzel bist, damit man's fühle, dass
du nicht von dir selber redest. Ein roh Ei (wenns angeht ein Kibitzei) hilft
viel zur guten Predigt; wer wie ein Engel spräche und nicht verständlich wäre,
fruchtet weniger als ein ausgelernter Staar, oder das Getöse der Glocken, das
ich nie ohne Herzensschlag und Erbauung hören kann. Ich wünschte wohl, die
Glocken, wenn ich begraben würde, hören zu können. Alte Kirchen haben dunkle
Fenster, indessen weiss jeder seinen Stand. Ein Prediger dem die Zähne
ausgefallen, muss sich nicht von einer andern Gemeinde vociren lassen. Man hat
mir erzählt, dass Demostenes und Cicero von Natur schlechte Stimmen gehabt;
durch Kunst haben sie schön reden gelernt. Ich hätte sie nicht hören wollen.
Mancher Pastor kann sich hören, mancher sich lesen lassen. Es kann also auch
Redner geben, die stumm sind. Deine erste Predigt schlürftest du bei der Probe
in der Speisekammer, als wenn du weiche Eier ässest. In der Kirche ging's besser.
Lerne deine Gemeinde so kennen, wie ein Gelehrter die Sprache, der bei jedem
Worte das warum und darum weiss. Ein Pastor, der seine Gemeinde nicht kennt, und
sich nicht wie der gemeine Mann ausdrücken kann, ist ein Mietling. Brauen und
Backen gerät nicht immer. Allemal kanns nicht was Neues vom Jahr sein. Schneid
an eine alte Predigt ein Zwiebelchen, lege Butter dazu, es ist eine frische
Schüssel. Hunger ist der beste Koch. Ein Eierkuchen macht Appetit allen, die
vorübergehen. Ein einzig faules Ei verdirbt die ganze Pastete. Wenn es mit
deiner Predigt nicht fort will, und von drei bis in die Dämmerung gefischt und
nichts gefangen ist, lass Licht anzünden, und es wird dir auch ein Licht
aufgehen. Wenn du übern Tod predigst, mache deine Predigten nie am Tage, sondern
des Abends. Predigst du vom Lobe Gottes, steh Morgens um vier auf. Wenn gleich
das Andenken deiner Trübsal verwächst, suche eine Narbe zu behalten, damit du an
Gottes Hülfe denken, und ihn in deinem Kämmerlein und in der Gemeinde des Herrn
preisen könnest. Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott dem Vater ist
der, die Waisen und Wittwen in ihrem Trübsal besuchen, und sich von der Welt
unbefleckt behalten. In deinen Predigten lehre Himmel und Hölle; sei nicht bloss
Brenn-, sondern auch Bauholz. Halte dir selbst Wort, mein Lieber! so wirst du
auch andern es halten. Narren ins Fegfeuer, Gottlose in die Hölle. Weide die
Heerde und siehe wohl zu, nicht gezwungen, sondern williglich, nicht um
schändlichen Gewinnes willen, sondern von Herzensgrund; nicht, als die über das
Volk herrschen, sondern werd' ein Vorbild der Heerde, so wirst du, wenn
erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Ehren empfahen. -
Siehe das übrige Taufwasser nicht als bloss gemeines Wasser an, sondern mache die
Verfügung, dass es auf einen besondern oder heiligen Platz gegossen werde. Du
wirst das Gras darauf sehen! im Paradiese könnt' es kaum grüner sein! der
Kirchturm ist ein Finger, der gen Himmel zeigt, denk, so oft du einen siehst,
an den Finger Gottes, ohne den nichts geschieht, was geschieht, und durch den
ist, was ist. Am Martinstage iss eine Gans; es ist ein alter wohlhergebrachter
Gebrauch, und denk an den unglücklichen Bischof Martin, der durch eine Gans
verraten ward. Der Hahn ist der richtigste Kalender, und was die Sonnenuhr im
Zeigen ist, das ist ein Hahn im Schlagen: das richtige Zeitmass. - Der Hahn, der
zuerst kräht, ist Superintendent unter den Hähnen. Alles, was krähen kann, kräht
ihm nach, so lahm und candidatenmässig es auch zuletzt herauskommt. Ein Hahn
hilft oft zu Tränen. Dein seliger Grossvater hat eine Hu - auf diese Art zur
Reue gebracht. Alle seine Ermahnungen waren vergebens; zum Glück krähte ein
Hahn; diesen Umstand griff dein seliger Grossvater, und sie weinte bitterlich.
Findest du mühlsteinerne Herzen, verzweifle nicht - Gott kann dir aus Steinen
Kinder erwecken. Rufe getrost! schone nicht! Lerne recht fürchterlich: wer da?
schreien, wenn der Teufel herumgeht wie ein brüllender Löwe, und suchet, welchen
er verschlinge. Wer bösen Leumund macht, vergeht am Ende wie das Unrecht.
Die Welt kann doch nichts geben,
Was wahre Ruhe gibt;
Wer hier und dort will leben,
Ist! Vater! der dich liebt!
Wenn du im Consistorio sitzst, rede niemand mehr nach deinen Worten, ausser dass
gesagt werde: du habest wohl gesprochen. Die Alten müssen sich freuen über deine
Weisheit, und die Jungen müssen auf dich warten wie auf den Regen, und ihren
Mund aufsperren, als auf den Abendregen. Sei des Blinden Auge, des Lahmen Fuss,
des Verzagten Arm. Wenn du einen Brief schreibest, vergiss nicht A und O auf
griechisch obenan zu setzen, das ist der geistliche Stempel. Aergere dich nur
deiner Gesundheit wegen, und eben darum, warum man Gift in Arzeneien mischt.
Dein Vater lernt alle fünf Jahre eine Sprache, um dem Gedächtnis eine Bewegung
zu machen. Versuch, ob's deinem Gedächtnis gesund ist. Denk nicht zu scharf über
einen Namen, und spiel nicht blinde Kuh mit ihm. Ich hab' gehört, dass jemand
darüber den Verstand verloren, und ihn eher nicht wieder bekommen, als bis ein
andrer diesen Namen von ungefähr ausgesprochen. Es ist die Frage, ob sich ein
solcher Andere so leicht findet? Wenn du betest, falte die Hände, denn dies
hilft, auch die Gebauten zusammen halten. Bist du betrübt, bete; bist du
vergnügt, singe. Der Arbeiter ist seines Lohnes wert, und der Arbeiter Lohn,
die euer Land eingeerntet haben, und von euch abgebrochen ist, schreiet, und das
Rufen der Ernter ist kommen vor die Ohren des Herrn Zebaot. Richte nicht, so
wirst du nicht gerichtet; vergib, o wird dir vergeben; gib, so wird dir gegeben.
Alles, was du willst, das dir die Leute tun sollen, tu ihnen auch. Wer selbst
Fenster hat, schlage sie nicht dem Nachbar ein. Die Zunge ist ein klein Glied
und richtet grosse Dinge an. Sieh ein kleiner Funken, welch einen Wald verwüstet
er! Die Zunge singt Gott Lob und Preis, und die Zunge kann von der Hölle
entzündet werden. Aus einem Munde blasen wir kalt und warm; aus einem Munde geht
Loben und Fluchen. Wir loben Gott den Vater, und fluchen den Menschen nach
Gottes Bilde gemacht.
    Kann auch ein Feigenbaum Oel oder ein Weinstock Feigen tragen? Klügle nicht
über deine Reverende, sondern trage sie wie deine Vorfahren mütterlicher Seits
sie getragen haben. Die Banise in schwarz Corduan mit goldenem Schnitt sieht wie
ein Gesangbuch aus. Wer Possen in geistlichen Melodien singt, zieht diesen eine
Reverende an. Wehe dem, der diese Maske erfindet. Ein Geistlicher in seinem
Geschmeide kann von einem Engel ungefähr unterschieden sein, als ein Küster vom
Priester. Der Küster muss aber entweder die Altarlichte anstecken, oder sie mit
einem Löschnäpfe bedecken und auslöschen. Dinge, die oft im Munde am
angenehmsten, sind am schwersten zu verdauen. Wenn du viel Austern gegessen, iss
Käse darauf. Warum aber sinnenarme Austern? Wenn du etwas mit Umschweif zu sagen
hast, fang's an mit dem Worte: Kurzum, oder endlich, das befördert die Andacht.
Wer nicht Tabak schnaubt und raucht, ist ein Republikaner, ein Curländer, ein
freier Mensch. Wer kann den Hunger durchs Andenken an ein vorjähriges Gastmahl
befriedigen? Denke am kürzesten und längsten Tage im Jahre an Zeit und Ewigkeit.
Sei mausestill, wenn dich Jungen mit Kot bewerfen. Wer eine Ehrenstelle erhält,
hat ein neu Kleid angezogen, und überall ist steife Leinwand. Zieh nie Sonntags
ein neu Kleid an, denn dieser Tag ist verloren. Halt dir aber dein Alltags- und
dein Feierkleid; ein Mensch, der Sonntags nicht ein ander Kleid anlegt, ist auf
dem Wege, ein Freidenker zu werden. Gott wird alle Werke vor Gericht bringen,
auch die im Verborgenen geschehen sind, und den geheimsten Rat des Herzens
offenbaren, dann wird einem jeglichen von Gott Lob widerfahren. Die Hühner- und
Elsteraugen schneide aus, doch so, dass du dabei vorsichtig zu Werke gehst; es
sieht sonst so aus, als wäre man gichtbrüchig; und so sehr gut die Gicht einen
alten Mann kleidet, so hässlich ist's, wenn ein Jüngling gichtbrüchig wandelt.
Geizige Leute erhenken sich, um das Pulver zu sparen, und den Strick andern
guten Freunden, und vor allen Dingen ihren lieben Erben, zurück zu lassen. Ein
Geizhals ist leicht zur Bürgschaft zu bringen. Er will Gutes tun, ohne dass es
ihn einen Heller kostet; allein der Geiz ist auch hier die Wurzel alles Uebels.
Verbürge dich nicht, bezahle lieber für den Dürftigen; so hast du einen freien
Kopf und ein freies Herz. Schreib deinen Vornamen nicht aus, damit die Leute das
A für Adam, Abraham und andere biblische Namen halten. Streue nicht auf fremden
Acker, wenn du willst ernten siebenfältig. Ich habe noch nie gesehen den
Gerechten verlassen und seine Kinder nach Brod gehen. Wenn du Obst gegessen,
nimm ein wenig Brod, ehe du trinkest. Man sagt, es sei Wahn, allein es hilft.
Wenn du des Nachts reitest, nimm einen Schimmel, er dient dir zur Laterne.
Neckereien machen gewjetzt, Erfahrungen klug, Not lehrt beten. Sieh nicht aufs
Handgeld, sondern auf den Herrn. Der Teufel gibt Silberlinge, allein das Ende
ist Verzweiflung. Hüte dich vor Prozessen in Curland. Gott weiss! wie es anderswo
ist, denn am Ende heisst's, Esaias im achtundzwanzigsten Kapitel, im zehnten
Vers: gebeut hin, gebeut her, gebeut hin, gebeut her, harre hie, harre da, harre
hie, harre da, hie ein wenig, da ein wenig. Wer Gewalt übet bei Gericht,
schändet sein Mündel, das er bewahren soll. Die Sachwalter machen's wie die
Fischer; sie trüben das Wasser, eh sie angeln: bei hell und klarem Wetter ist
nichts zu fangen. Sei gerecht gegen jedermann, gib auch, wenn du geschwinde
schreibst, dem u seinen Strich, dem i seinen Punkt. Ich habe kein u um das
Seinige betrogen, und mich ärgert, wenn man gewissen Worten den grossen
Buchstaben nehmen will, als bei Stubenuhr schreib ich S und U mit grossen
Buchstaben. Ehre, dem Ehre gebührt. Uebe dich auch mündlich abzuschlagen, was du
nicht leisten kannst: schriftlich kann's jeder Narr. Bist du unentschlossen, ich
setze zum voraus, dass dies oder jenes nichts böses ist, worüber du geteilt
bist! zerbrich dir nicht den Kopf, recipe zwei Loose: in eins schreib flugs Ja,
ins andere flugs Nein. Mache sie sich einander gleich, greif eins, und tue, was
du gegriffen hast, dies ist eben so gut, als wenn du lange gedacht, und Ja und
Nein auf einer Goldwage abgewogen hättest. Es ist eine Art von göttlichem
Regiment, von Teokratie. Heisst es nicht so? Auch der Weiseste greift in einen
Glückstopf. Glück und Glas, wie bald bricht das. In der Demut stolz sein, heisst
falsch spielen. Wenn die Menschen Metusalems Alter erreichen könnten, würde man
mit Gewissheit sehr früh behaupten können, wer gewiss hängen würde. Kluge Leute
lesen ihre Briefe von hinten. Singe an deinem Geburtstage Neujahrslieder; sie
haben was Tröstliches in sich. So wie der Geiz seinen eigenen Händen nicht
traut, so traut auch der Kluge seiner Vernunft nicht. Ein Bettler gab einem
andern die Lehre: sprich keinen an, der allein geht; gehen zwei, geben beide;
wäre jeder allein gegangen, hätte keiner gegeben. Die ungefärbte Menschenliebe
ist erkaltet, und Stolz führt bei der Gabe die Hand. Der Weg zum Himmel ist mit
lauter gutem Willen gepflastert. Guter Wille gilt bei Gott und allen ehrlichen
Leuten so viel als die Tat. Zwinge dich nicht ohne Geld auszugehen, das heisst,
aus einem guten ein schlechter Mensch werden wollen. Gib mit der Rechten, ohne
dass es die Linke weiss, und sieh nicht, wie man's nimmt. Es ist schwer, gut zu
geben, noch schwerer aber, gut zu nehmen. Tausche gegen einen Pfeifenkopf
nichts, was Leben und Odem hat. Tiere, sagt dein Vater, sind unsere
Gränznachbaren. Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehes. Pflanze keinen
Baum, wo er ausgehen muss. Heirate keine Mondsüchtige, wenn sie auch
Superintendentens Tochter wäre. Schneide keine Blume ab, wie kämst du zum
Köpfen? und die Blume, geköpft zu werden? sondern pflücke sie, wenn's nicht
anders sein kann, sonst aber lass sie ihren reisen Samen ausstreuen, und den Tod
der Guten sterben, die ihr Ziel nicht verrücken, und ihr Leben durch Unmässigkeit
verkürzen. Ein Fleischer ist immer grausam; Blut ist ihm am Ende Blut. Gewisse
Haare werden nie grau, und Alter schützt vor Torheit nicht, decke aber die
Schande des Alten. Ueber ein Wort muss man sich nicht den Hals brechen. Wort um
Wort, Zahn um Zahn, Hals um Hals. Ein Arzt, der sein Latein falsch spricht,
kurirt auch falsch; warum sagt er nicht lieber, ich weiss es nicht? und ein
Geistlicher, der nicht die Grundsprachen versteht - - (dass sich Gott erbarm!) -
- Einfältig heisst von einer Falte: So sei dein Herz gegen Gott und gegen deinen
Nächsten; nicht wie ein Fächer, der vielfältig ist, und nicht wie eine
Reisekarte, die man in ein Beinkleidertaschenformat legt, und wenn sie
ausgekramt ist, deckt sie einen Tisch auf vier Personen. Edle Einfalt war beim
Anfang der Welt, und wird, wie ich nach der Liebe hoffe, bei der Welt Ende sein.
Eine Heerde und ein Hirte. Lobe nicht Leute, die nicht lobenswürdig sind. Ein
Tor denkt nie beim unverdienten Lobe: »weisst du nicht, dass dich Gottes Güte zur
Busse leite.« Falsche Freunde sind Schwalben, die nur des Sommers da sind;
Sonnenuhren, die nur brauchbar sind, so lange die Sonne scheint. Der Mensch geht
in dieser Welt in die Schule beim lieben Gott. Der Tod befördert ihn zur
Akademie. So wie du gewartet hast, ehe dir das Licht angezündet ward; so wart
auch, bis es ausbrennt, oder ausgelöscht wird, und denk an die Sonne der
Gerechtigkeit, die nach der Zeit über deinem Haupt aufgeht, ohne unterzugehen in
Ewigkeit. Der Herr wird uns erlösen von allem Uebel, und aushelfen zu seinem
ewigen himmlischen Reich; denn sein ist das Reich, und die Kraft, und die
Herrlichkeit, von Ewigkeit, zu Ewigkeit, Amen. Wir sterben lieber in jeder
Stunde, als dass wir die Hoffnung aufgeben sollten, wir halten täglich mehr aus,
als den Tod, um der Hoffnung willen, noch länger zu leben, und müssen doch
einmal recht aus dem Grunde sterben. Nimm dir recht vor zu sterben, so stirbst
du am wenigsten und hältst beinahe die Stunde. Stirb als hättest du deinen Tod
auswendig gelernt, und sieh nicht ins Concept; stirb von ganzem Herzen, so
stirbst du den Tod der Gerechten, und deine Seele ist in Gottes Hand, und keine
Qual rühret sie an. Wer so stirbt, der stirbt wohl! Sieh die du liebst zuweilen
schlafen, damit du nicht trauerst um deinen Todten. Denke dir deinen ärgsten
Feind im Himmel, damit du ihm verzeihest. Wem es so und nicht anders ist, ob
sein Freund stirbt, und ob seine Pfeife ausgeht, ist nicht wert, einen Freund,
wohl aber eine Pfeife zu haben. Diese Welt ist nicht ein Klima für den Frommen.
Geht's ihm gut, so hört er's auf zu sein; geht's ihm übel, so ringt er sich die
Hände wund. Ist's dann nichts:
Aller Engel Schaar,
Und die lieben Seinen,
Sprechen immerdar,
Nirgend über Weinen,
Ohn' Gefahr und Pein,
Und im Himmel sein.
Dein Vater sagt: Stirb, als wenn du den Tod observiren wolltest; so stirbst du
nicht, sondern machst Observationen - ich nicht also. Sei getreu bis in den Tod,
so wird dir die Krone des Lebens gegeben, und es wird heissen: Ei du frommer und
getreuer Knecht, du bist über wenig treu gewesen, ich will dich über viel
setzen, gehe ein zu deines Herrn Freude! Wähle nie ein Amt, das grösser ist als
du, damit du hervorragest, und kannst du in eine Stelle kommen, die vor dir ein
unbedeutenderes Männchen, als du, bekleidet, hast du gewonnen Spiel. Brauch'
griechische, hebräische, arabische, chaldäische, lateinische Worte in deiner
Predigt, die vertragen sich; um des Himmels willen aber kein einziges
französisches, das ist in einer deutschen Predigt wie Katz und Hund. Die
französische Sprache ist die zweite Erbsünde. Der geringste Uebelstand auf der
Kanzel ist ein Flecken auf deinem weissen Kragen. Es scheint überhaupt die
französische Sprache nicht für den Himmel und den schmalen Weg eingerichtet zu
sein. Wohl dem unter diesem Volke, der noch eine andere Sprache weiss! Diene
deiner Gemeinde mit allen fünf Sinnen. Man meint, der Geschmack sei so ein
Geizhals, dass ein anderer nichts davon hat; allein wer den andern mit Geschmack
essen sieht, bekommt auch Lust. Willst du deine Gemeinde zu Abtragung der
Calende bewegen, brauch Worte, diese rühren plötzlich. Willst du sie in den
Himmel bringen, trag Sachen vor; diese wirken langsam, aber sie bleiben. Eine
gute Predigt muss nicht zu breite Tressen haben, das Tuch muss zu sehen sein. Wer
eine gute Predigt drucken lässt, die er gehalten hat, hat geschaffen und erhalten
. Bestimme, was deine Kinder werden sollen, und wenn's sein kann, die Erstgeburt
der Kirche! Eltern, die ihren Kindern die Wahl lassen zu bestimmen, was sie
werden wollen, irren; du wärst Alexander geworden, und jetzt gehst du auf dem
Wege zur Superintendentur. Was süsse schmeckt, hat einen übeln Nachgeschmack, und
schleimt obenein; was herb zu Anfang ist, wird lieblich am Ende. Das gilt von
der Tugend und vom Rheinwein. Pflanze nicht im Garten, ehe dein Feld bestellt
ist, und mach dir keinen Schatten, bis du ein zinsbares Kapital haft. Beständige
Ruhe ist keine Ruhe. Wenn's geregnet hat, ist's in freier Luft am schönsten.
Wenn der Regen gerade herunterfällt, ist er am fruchtbarsten; man könnte sagen,
die Natur hab' eine gute Geburt; so müssen auch deine Worte fallen. Kreise
nicht, sprich aber gerade herunter. Ein junger Geistlicher muss seine Predigt
blöd' anfangen, und dreist vollenden, dann hat er alles, was ihn hört, wie eine
Klette am Kleide. Der Geruch hat seine Moden, die ein Pastor nicht mitmachen
darf. Bisam und allerlei wohlriechende Wasser sind nicht für ein schwarzes
Kleid. Willst du wohl riechen, so sei's nach Himmelschlüsseln, Rosen und
Nägelchen (nicht Nelken, wie etliche wähnen). Diese Gerüche bekommen wie täglich
Brod alle Menschen, und keine schwangere Frau wird darüber ohnmächtig am
Beichtstuhle werden. Sei stark am inwendigen Menschen. Deine Seele sei wacker,
dein Herz ohne Falsch, so wird auch der auswendige Mensch blühen und Früchte
ansetzen. Die Seele ist der Gärtner, der Leib ist die Pflanze, die gezogen wird.
Sprich zuweilen laut, sonst glauben die Leute nicht, dass es Ernst ist. Ich habe
dir in deiner Jugend angeraten, das Skelett von den Butterblumen auf einmal
wegzuhauchen. Es stärkt die Lunge. So wird Gott, der gerechte Richter, die Welt
weghauchen! Ein jeder Lehrer muss mehr sagen, als im Concept ist. Was aus dem
Herzen kommt, geht wieder zum Herzen; was aus dem Munde kommt, geht wieder in
den Mund; was aus dem Concept kommt, geht ins Concept, und was aus dem Buche,
ins Buch. Ende gut, alles gut! Ich werde dir nicht erscheinen, mein Kind! wenn
ich heimgehe - es würde dir und mir beschwerlich sein; allein ich komme dir
gewiss entgegen. Der Herr sei mit dir im Leben, und wenn du leidest, und wenn du
stirbst. Geht's mit dir zu Ende, sei es mit dem Schluss deines Lebens, wie mit
dem Jahresschluss, wo die Tage kurz sind! - Des Abends muss man einen schönen Tag
loben. Amen, das heisst: Ja, ja, es soll also geschehen! Amen ist des lieben
Gottes grosses Siegel und der Frommen Zuversicht. Ich beschwöre dich beim Amen,
dass du diese Regeln aufbehältst und sie befolgest, und sie alle Vierteljahre
liesest, und vor der Lesung singst:
                            O Gott, du frommer Gott,
und nach der Lesung:
                       Gross ist, Herr, deine Güte. Amen!
    Dies war der Abschied, den meine Mutter von mir schriftlich nahm, wie sie
ihn auch gern vom Conversus genommen hätte, und den sie, eben so wie den Tod,
nicht auf die letzte Stunde ausgesetzt. Von meiner Mutter hab' ich, und auch
meine Leser, in diesem Teil Abschied genommen.
    Gute Nacht also, liebes Weib! Lebe wohl, liebe, teure Mutter. Deine heilige
Harfe soll mein Herz in eine heilige Ruhe spielen, wenn es trotzig' oder
verzagt' Ding sein will, wenn es sich bäumt und wenn's sinkt. Ruhe der Religion
der Vollendeten, du bist die Diät für Leib und Seele! Bin ich bestimmt, sechs
Tage meines Lebens Last und Hitze zu tragen, lass mich wenigstens am siebenten
ruhen von dieser Arbeit, und eine Seelen- und Leibeserlösung kosten. An diesem
Sabbat soll dein heiliges Bild, liebe Mutter! vor meinen Augen schweben! Ich
will dich hören, wie du das erste der drei grossen Feste, als die Lerche den
Frühling, mit dem:
»Dir, dir und deiner Güte,
Dir, dir, mein Gott, allein,
Dir, dir soll mein Gemüte«
begrüsstest.
    Wie du am heiligen Abend vor Weihnachten die Hirten des ganzen Kirchspiels
vor das Pastorat versammeltest, und »Vom Himmel hoch, da komm' ich her etc.«
anstimmen liessest - wie du dies arme Volk, das seiner Sommergesellschaft am Ende
ähnlich wird, zu christlichen Schäfern verschönertest, und in ihnen vor der
ganzen Gemeinde ein Licht anzündetest, so dass jedes, auch im Weihnachten,
Achtung für den Hirten hatte, da er nach dem Laufe der Natur am wenigsten gilt.
    Deine Wörter: hahn, stahn, lahn, sollen mir besser klingen, als die
weichlichen Worte der schwelgenden Poesie. Dein Titel: Weib Lobesan , den du dir
selbst beigelegt hast, ist köstlicher als alle Welttitel. Ich will weit eher in
den Vorhöfen des Herrn in der Halle wohnen, wozu dir dein Schutzgeist den
Schlüssel für dich und deine Nachkommen gab, als in den Palästen der Gottlosen!
Deine alten Worte: Wohlgemut, fürbass, und pflag, und traun! und schier!
bezeichnen mir die Einfalt der Alten der güldenen Zeit, da die Menschen Gottes
Nachbarn vorstellten, ihm über'n Zaun in seinen Himmel sahen, vor ihm wandelten
und fromm waren, und wie sollt' ich diesen Kern gegen den Prunk dieses
versilbert blechernen Jahrhunderts vertauschen? - Am Ende, wenn mir die Gedanken
vergehen, wie ein Licht, das hin und her tut wanken, bis ihm die Flamm'
gebricht, soll der Tod mir ein sanfter Schlaf sein! Amen, das heisst: ja, ja, es
soll also geschehen!
    Dies war ungefähr das Gefühl, auf Worte herabgesetzt, das in mir brannte, da
diese Anrede von meiner Mutter zum erstenmal verlesen ward. Beim eigentlichen
Abschiede bezog sie sich auf die schriftliche Haustafel, wie sie's nannte. Diese
Hand, sie gab mir ihre Rechte, reich' ich dir nicht wieder, als in der Ewigkeit,
nicht mehr beim Abschiede. - Dies ist der Abschied, mein Sohn, das eigentliche
Begräbnis. Wenn du wirklich von hinnen ziehst, wird nur der Paradesarg
beigesetzt.
    Von Minchen nahm ich Abschied, wie der Sommer vom Frühlinge; man merkt's
nicht. Zehnmal dachten wir, es sei das letzte Lebewohl; allein es kam noch ein
Lebewohl - und dann noch eins, bis eins, ohne dass wir's beide wussten, das
allerletzte war. Wir hatten schon vorher verabredet, dass nicht Sie an Ihn,
sondern Er an Sie den ersten Brief schreiben sollte. Dieser erste Brief sollte
an den guten Benjamin, um aus der Noch eine Tugend zu machen, zur Beförderung
gerichtet werden, und der Brief an Benjamin sollt' eine Einlage eines Briefs an
den Herrn Hermann sein. Wie sehr wir über diesen Plan gedacht, kann ich nicht
beschreiben. Er ist das Resultat von vielen Stunden. In diesem ersten Briefe
sollt' ich meiner lieben Mine den Weg zeigen, an mich zu schreiben, denn da noch
nicht ausgemacht war, welcher Universität wir anvertraut werden sollten, so
konnte der Plan füglich nicht anders eingerichtet werden.
    Die ehrlichen Jungens, die tapfern Griechen, hatten sich bei meiner Abreise
versammelt, hielten sich gerade, Helm ragte vor, und alle sahen ihrem Könige
nach, der avanciren und Student werden sollte.
    Wir kamen gegen Abend in *** an, und für ein paar Leute, die sich in zehn
Jahren nicht besucht, wohl aber, so oft sie sich nur reichen können, mit
Gedanken, Geberden, Worten und Werken (wiewohl alles in Ehren, und wie es ein
paar so klugen und so rechtschaffenen Leuten ansteht) gepfändet hatten, war der
Empfang sehr freundschaftlich. - Wo bleiben Sie so lang, lieber Herr Pastor? ich
hab' schon zehn Jahre auf Sie gewartet, sagte der Herr v. G - und mein Vater wie
aus der Pistole: eben so lange, einen halben Tag, den ich zur Reise nötig
hatte, abgerechnet, habe ich Ew. Hochwohlgeboren Briefe entgegengesehen. Hier
eine Umarmung, und von der Frau v. G - ein tiefer Knix, vom jungen Herrn ein
russischer, und von seinem Hofmeister ein französischer Bückling - und zwar so
durcheinander, dass niemand wusste, wem eigentlich die Verbeugung oder der
Scharrfuss gelten sollte. Nach diesem Zeichen der Wiedergeburt einer seit zehn
Jahren verfallenen Freundschaft hätte man glauben sollen, es wäre zwischen Sr.
Hochwohlgeboren und Sr. Wohlehrwürden alles berichtigt; allein es ging diesen
beiden Leuten so wie Richtern, die sich zwar geeinigt haben, wer von beiden
Kläger oder Beklagter, gewinnen oder verlieren soll? nachher aber über die
Entscheidungsgründe, und die Gegengründe die Köpfe schütteln, und zuweilen an
einander stossen, um ein Urteil zu formen. Alle Augenblick war ein Knoten, den
keiner von beiden lösen konnte, den aber auch keiner von beiden so geradezu
spalten wollte. Ich muss gestehen, dass ich nicht viel von dem beherzigt, was
diese beiden streitführenden Mächte mit einander ausgefochten. Ich weiss kein
Wort weiter, als dass wegen Hut und Trift kein Wort weiter vorfallen sollte, und
dass eine Koppelweide brüderlich verabredet wurde. Man ging Hand in Hand zur
Tafel. Der Vergleich war zugesäet, wurde mit einem ächten Glase Wein aus einem
Schäuer begossen, und trug noch den nämlichen Abend tausendfältige Früchte.
Morgen, denn heute seh' ich alles über Bausch und Bogen, will ich meine Leser
mit den Charakteren dieses hochwohlgebornen curischen Hauses und seiner Art
bekannter machen, oder wie es mir eben einfällt, sie sich selbst bekannt machen
lassen. Ich will versuchen, diesen Tag nachzuschreiben; wenn ich gleich nicht
ein Verballexikon, einen Wörterkram, über das, was damals geredet ward, besitze,
so habe ich doch ein sehr richtiges Reallexikon, und hier darf ich nur klopfen,
und es wird aufgetan. Hausrat ist bald angeschafft, wenn man liegende Gründe
hat. Wäre dieser Lebenslauf kein Lebenslauf, hätt' ich von der Kanzlei des Sir
Karl Grandison einen Kanzlisten auf zwölf Stunden zum Anlehen erbeten; allein
einem Lebensläufe schlägt er's ab. Wo hätte ich aber, wenn Sir Grandison fiat
wie gebeten gesagt hätte, wo hätte, ich dem Ehrenmann Ort und Stelle anweisen
sollen? Im ganzen Hause des Herrn v. G - war zur Ehre des Hauses keine spanische
Wand und keine Vorhänge, als vor den Fenstern, auch die nur gegen Mittag. Die
Gespräche sind originalisirt. Wer's versteht, was ein Eid de credulitate ist,
wird wissen, was ich sagen will, wenn ich behaupte nach bestem Wissen und
Gewissen meine Leser behandelt zu haben.
                                 Der Schauplatz
                            in unserm Schlafzimmer.
    Dieses Zimmer ging gerade auf eine Wildnis, einen Hauptteil des - Gartens,
wo sich ein Blumenbeet, welches wie ein verschönertes Wiesenstück aussah, an
einer alten Eiche zu halten schien, um die kleines Gesträuch rings herum stand,
als wenn's in die Schule ginge, und lernen wollte auch so gross zu werden. Es war
alles wie Wiese und Wald, was man sehen konnte, und doch war's nicht Wiese und
Wald. Die Blumen anders, und wenn sie gleich nicht in Reih' und Gliedern
standen, waren sie doch in einer entzückenden unordentlichen Ordnung. Bäume
hinderten das Auge nicht, den Wald zu sehen, und es fiel von oben ein reines
Wasser, wie ein starker Regen, und schlenkerte durchs Blumenstück, und aus ihm
heraus, wie ein Betrunkener.
                                   Personen.
                                  Vater. Ich.
ICH. Guten Morgen, Vater.
VATER. Dank, Alexander. Wie im Edelhofe geschlafen?
ICH. Nicht wie im Pastorate. Blinde Kuh gespielt. Zugegriffen, nichts erhascht.
Die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. - Gewollt und nicht gekonnt.
VATER. Die erste Nacht am fremden Orte ist immer eine Brautnacht. Niemand
schläft sie aus.
ICH. Wie kommt das?
VATER. Betten und Nester müssen nicht kalt werden. Ein neuer Bezug kostet mir zu
Hause zwei schlaflose Stunden, ein neues Bett andertalb Nächte.
ICH. Ich habe den neuen Bezug mit einer halben Stunde bezahlt, vom neuen Bette
weiss ich erst seit sechs Stunden mitzureden.
VATER. Hätten wir keine Betten, würden wir nicht diesen Schlafzoll bezahlen. Es
ist viel davon zu sagen. Wenn ja der Mensch nicht in sich selbst Wärme hätte,
sollt' er nach Vorschrift der Natur auf Haarbetten ruhen.
ICH. Ich will's versuchen.
VATER. Wenn's nur nicht zu spät ist. Deine Mutter trägt die Schuld, dass dein
Blut Federn kennt. Mich freut's, dass du diese Nacht so wenig mit dem Schlaf
gezankt. - Wir haben beide getan, als schliefen wir. Wer sich mit dem Schlafe
überwirft, zieht immer den kürzern.
ICH. Aber mit einmal Aufstand machen, und dem Schlaf zeigen, dass man sein Sklave
nicht sei. Was meinst du, Vater?
VATER. Recht! in allen Fällen; nur nicht, wenn ein neues Bett daran schuld ist.
Der Schlaf kann nicht büssen, was unsere Weichlichkeit verschuldet hat. - Wer,
wenn er schnell aufwacht, nicht gleich herausspringt, versteht nicht Winke der
Natur. Der zweite Schlaf ist ein Postscript, das keinem Manne ansteht.
Mittagsschlaf ist ein brennend Licht am Tage. Achtung, Alexander! Schlag an,
Feuer! bist du heraus?
ICH. Wie Blitz!
VATER. Merk's dir ewig. Wer einen Fuss aus dem Bette setzt, und den andern
nachholt, arbeitet auch nur mit halbem Kopf.
ICH. Wie kann's anders? Ich hätte mögen den Dr. Luter hören und sehen das Walt
sprechen, und aus dem Bette fahren.
VATER. Er fuhr gewiss mit sechs.
ICH. Aber das Kreuz, das er schlug, wäre nicht nötig gewesen.
VATER. Wer's vertragen kann, des Morgens und des Abends, kann's nicht schaden.
Deine Mutter hatte die Gewohnheit zu kreuzen, wenn sie gähnte und den Mund
hielt. Diese Kreuzschläge habe ich ihr so aus dem Grunde abgewöhnt, dass sie's
nach der Zeit für Sünde zu halten schien, und den Schlagbaum des Mundes, um die
vorigen Kreuze zu verbüssen, noch weiter aufriss, als es nötig war. Das Kreuz war
die gemeinste Strafe, womit man bei den Syrern, Aegyptern, Römern und andern
Völkern einen Missetäter von der Welt brachte. Aus Schande ist Ehre geworden.
Deine Mutter nannte dies einen Triumph der christlichen Religion. Ein Kreuz ist
ein Ritter- und Ehrenzeichen; es hat so was Edles in und an sich, als die liebe
Sonne, die alles glänzend macht, was sie bestrahlt. Häng' es um ein schlecht'
Gewand: es übertrifft Purpur und köstliche Leinwand. Die Wappenkunst gehört zwar
nicht zu Kanzelgaben; indessen rat' ich dir dies Studium an, und da wirst du
ein Andreaskreuz, ein Schächerkreuz, ein Ankerkreuz, ein Kleekreuz, ein
Krückenkreuz, ein Lilienkreuz, ein Patriarchenkreuz und noch viele Kreuze kennen
zu lernen die Ehre haben.
    Eine Stille! Wir sahen beide zum Fenster, und jeder stiess eins wie auf's
                           Kommando auf; - noch eine
                                   Stille! -
VATER. Hast du gebetet?
ICH. Zweimal angesetzt, einmal vollendet. Aber keinen Morgensegen, denn ich habe
nicht geschlafen. Ich kann dem lieben Gott für nichts danken, was ich nicht auch
empfangen habe. Die sagen können: Wir danken Gott für seine Gaben, die wir von
ihm empfangen haben, wenn sie vor Hunger sterben möchten, sind, denk' ich,
Schmeichler, Heuchler, Schriftgelehrte und Pharisäer.
VATER. Zum Dank hat der Mensch, wie zum Trost, immer Gelegenheit. Auch das
grösste Unglück ist nicht so gross, dass man sich nicht noch ein Stockwerk drüber
denken könnte. Der Armbruch ist nicht so arg als der Halsbruch. Viele Leute aber
glauben freilich, so mit dem lieben Gott umzuspringen, als mit ihres Gleichen.
Herz, Ehrlichkeit ist das, was Gott angenehm ist; ich denk', er verzeiht hundert
Flüche eher, als ein Gebet und Lob von dieser Weise. Er will eigentlich nur die
freudige Empfindung über das Gute, das wir getan haben. Versöhne dich mit
deinem Bruder, und dann komm und opfere. Tue was Gutes, und du betest - die
ganze Natur betet und singt und die Raben selbst nicht ausgenommen. Siehst du
einen schönen Abend, einen schönen Morgen, so fehlen nur Worte zum Gebete, und
die sind nicht nötig. Leute, die es auf blosse Worte anlegen, zaubern im
eigentlichen Sinne; sie betrügen die Umstehenden, und erwerben sich Almosen, das
nicht immer ein Stück Brod und ein Vierting ist, sondern auch ein Bückling, ein
Ehrenwort sein kann, »das ist ein frommer Mann.« Es hat weise Heiden gegeben,
die dafür hielten, man sollte laut beten, damit Gott nicht mit unklugen Bitten
belästigt würde; allein die Herren mögen es mir verzeihen. Gott ist unser Vater,
und wir können ihm alles sagen. Wir bleiben gegen ihn bis an's Ende kleine
Kinder. Wir sollen Gott lieben! Liebe ohne Aufopferung von der geliebten Seite
ist schwer zu denken. Gott opfert sich, wenn er uns Gutes tut, nicht auf. Es
kostet ihn keine Mühe, wenn er Früh- und Spätregen und fruchtbare Zeiten gibt,
wenn er uns die Hand reicht. Es wäre also nur Ehrfurcht, was wir gegen ihn
hätten, wenn wir nicht beten dürften. Das Gebet hilft uns zu einer Liebe, die
anders ist, als alle Lieben in der Welt. Christus hat die Lehre vom Gebet so
vortrefflich abgehandelt. - Betet im Glauben; bestimmt nicht; lasst's Gott über.
Plappert nicht; betet im Kämmerlein.
 Mein Vater betete das Vater unser und sah zum Fenster, und ich betete mit; wir
                               beteten sehr laut.
ICH. Das war gebetet.
VATER. Amen.
ICH. Viele Leute schämen sich, den lieben Gott auszusprechen. Sie sagen: der
Himmel. Ich sag' ja nicht Mitau, wenn ich den Herzog meine. Einige sagen: die
Vorsicht, das sind mir schon die rechten, nicht wahr, Vater?
VATER. Nicht immer wahr. Da muss man sehr duldend sein. Ich sage gern, herzlich
gern heraus: Gott, mein Gott, und freu' mich, dass ich nach meiner Religion darf.
Andere Leute mögen andere Weisen haben. Man nennt oft nach der Hauptstadt den
Hof, der Wiener Hof - ich werde bei meiner Weise bleiben.
ICH. Und ich auch in Ewigkeit.
VATER. Eine Nacht gewach macht munter. Wir werden beid' einen herrlichen Tag
haben.
ICH. Ich dacht', es wäre des ersten Ausflugs wegen. Der erste Ausflug aus dem
Neste muss Alten und Jungen was Angenehmes sein. Du verstehst mich - nach dem
lieben Gott bist du mein Vater.
VATER. Sei gut, Alexander, und das wirst du sein, wenn du Gott von Herzen Vater
nennst.
                            Vater. Tafeldecker. Ich.
TAFELD. Wünsch' untertänigen Morgen.
VATER. Guten Morgen, guter Freund.
TAFELD. Gnädiger Herr und gnädige Frau und gnädiger Junker bitten zum Tee.
VATER. Gleich - aber, lieber Freund, das Wasser hier ist von gestern. Nur Tee
fehlt, so ist's Teewasser. Können wir nicht kaltes, frisches Wasser -
ICH. Mit Eis, wenn's angeht, ich hab' vom Eiskeller gehört.
TAFELD. Wird nicht gut tun.
ICH. Ich bin's gewohnt, Eis im Wasser, Speck im Kohl, Ehr im Leibe, Gewissen im
Herzen.
TAFELD. Das sind vier gute Schüsseln, wollt' ich sagen, ja, ich weiss nicht was?
bin der Tafeldecker.
ICH. Herr Tafeldecker, ich bin sehr hitzig auf's Eis.
TAFELD. Sollen haben. Geht ab.
VATER. So oft ich taufe, ärgre ich mich, dass wir nicht untertauchen. Das wäre
was für Leib und Seele.
ICH. Wenn wir so mit dem Feu'r umspringen könnten, Vater! wenn wir so die Sonne
wie ein Kaminfeu'r ansehen, und, wär' sie näher, herantreten könnten, ohne von
der Flamme ergriffen zu werden -
VATER. Die offenbare See -
ICH. Ich möcht' mich doch da eher baden, als die Hände dicht am Sonnenkamin
wärmen. Was auf der Erde ist, gehört uns, hast du mich gelehrt -
VATER. Das erste Feuer auf der Erde muss eine schreckliche Wirkung auf Menschen
und Vieh gemacht haben. Ein Blitz schlug's vielleicht an, und die Menschen
unterhielten ein heiliges Feuer, dess; sich jedes bediente, bis sich's jedes
selbst anschlagen lernte. Der Mensch hat sich ohne Zweifel vorgestellt, die
Sonne wäre herabgekommen und wandle unter uns.
ICH. Eine grosse Vorstellung!
VATER. Ich vergebe den Heiden, dass sie die Sonne angebetet. Sie ist eins von den
grossen Lichtern, die im Saal Gottes brennen. Wir haben sie noch so ziemlich aus
der ersten Hand; in wenig Minuten ist der Strahl auf der Erde.
ICH. Ich wünscht', ich hätt' das erste Feuer auf Erden gesehen.
VATER. Auch ich; ich denk', der erste Feuerlärm ist die Ursache, warum wir noch
immer ins Feuer sehen, wo wirs finden. Wir feiern das Fest des ersten Feuers.
Kaminfeuer verdirbt das Auge, sagt man, und was tut denn der Rauch der Oefen?
das Unwürdigste, was je die Menschen erdacht haben, höchstens für schwangere
Weiber gut. Der Kreissstuhl steht am Ofen. Ich bin kein Republikaner, allein ich
bin ein Mensch. Kein Mensch, der sich frei fühlt, sollte einheizen und sich die
Haare stecken oder sie kleben. Wer nicht mit der Hand in die Haare kann, und mit
unverwandten Augen ins Feuer sieht, und sich Feuer zu machen versteht, ist
wenigstens kein Engländer. Ich bin für den monarchischen Staat, das weisst du,
allein auch da gibt's Freiheit. Du weisst die Fabel vom Prometeus?
ICH. Dem Feuerdieb, ja!
VATER. Man lässt es nicht, ins Feuer zu sehen, und wenn man seinen Augen drüber
einen Bund macht, so sieht man nicht, man schielt, man stiehlt - die Tiere
selbst machen grosse Augen und staunen das Feuer an. - Wie ich mich freue, wenn
ich Spuren der Natur finde, das ist unbeschreiblich; ich denk' immer Gottes
Finger zu sehen, wenn ich Natur sehe.
ICH. Ich sehe Gottes ganze Hand.
VATER. Junge! Tausendmal hab' ich gedacht, mein Ebenbild! nur etwas rauher,
dünkt mich. - Schadet nichts, du bist in Curland geboren und ich in einer
bessern Gegend. Du jung, ich - alt. Söhne, die der Mutter ähnlich sind, bekommen
ihre Fähigkeiten und Neigungen, allein in höherm Masse. Sie sind Birnäpfel, ich
würde sie alle zu Geistlichen bestimmen. Sie haben bis zum Papst Anlage, nur
keinen Schuss vertragen sie. Hättest du etwas, Alexander, von diesen Wachsjungen,
ich gäbe was drum.
ICH. Und warum, Vater?
VATER. Das eine Frage! du sollst nicht mit Feuer, sondern mit Wasser taufen.
ICH. Gott braucht auch Luters im Dienst, nicht bloss Melanchtons, Vater! Ich
wette, Luter sah seinem Vater ähnlich, wie ich dir, und Luter, das wett' ich
auch, wär' ein so guter Generalfeldmarschall geworden, als er jetzt
Glaubensvater ist, und hätt' so gut Sieg' erfochten, als einen Katechismus
geschrieben.
VATER. Es würde manchmal gut sein, wenn sich ein Geistlicher mit einem Narren
von Freigeist herumschiessen könnte. Gewiss würd' er mehr durchs Pulver als durch
Gründe frommen, besonders in Curland, wo alles nach Pulver riecht - allein wer
das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen -
ICH. Mit Dreien nehm' ichs auf - ich meine mit Freigeistern, sonst weiss ich
auch, wer Herz hat.
VATER. Feigheit fällt in alle fünf Sinne, man steht sie im Finstern. Einen
mutigen Mann kennt man nicht so leicht. Er trägt nicht Spiess und Lanze.
Gemeinhin sieht er blöde aus. Seine Miene ist sanft und edel; wenn er spricht,
ist's, als spräche man mit einem Frauenzimmer.
ICH. Wer hat, darf nicht borgen.
VATER. Ein mutiger Mann ist ein vermögender Mann, und darum braucht er kein
Creditkleid, keinen Empfehlungsbrief. - Er ist überzeugt, dass es ihm nicht
fehlen könne. Mut ist ein edles Bewusstsein, von dem einige Leute sehr einfältig
sagen, er sei anzusehen. Stolz ist anzusehen, allein kein edles Bewusstsein -
ICH. Wie kommt's aber, Vater! dass auch den Herzhaftesten der Mut zuweilen
verlässt, und dass er nach einer Zeit wieder mutig wird?
VATER. Weil er krank war und wieder gesund wurde! das ist aber eine Krankheit
ohne Namen, etwas Kolik ist immer dabei. - Ost kommt's, weil der Held mit einer
Schlafmütze sein Haupt bedeckt hat, da er eben angegriffen wird. Er sollte
selbst im Hute schlafen.
ICH. Im Hut oder im blossen Kopf. - Vater, ich will dein Sohn nicht sein, wenn
ich je anders zu Bette gehe.
VATER. Du warst Alexander! jetzt bist du es nicht mehr, kannst es nicht mehr
sein, musst es nicht sein! Ich dacht' anders und Gott dacht' anders. Setze immer
eine Schlafmütze auf und bekämpfe dich selbst, dann hast du Mut, auch ohne den
Degen in der Faust und im Schlafrock und Pantoffeln. Mut braucht man, wie Salz,
zu allem, und beim Kammertod mehr als auf dem Bette der Ehre, wo Wut und
Verzweiflung oft die Herzhaftigkeit einfeuert. Dies ist ein eingeheizter Mut.
Ist der Ofen kalt, ist alles kalt.
ICH. Ich weiss, Vater, wie ich das Loch hier am Kopf kriegte, was es heisse, auf
dem Bette der Ehre ein Loch kriegen, und wie ich krank war, was ein kalter Ofen
heisse. Das Loch war mir weniger, als wenn ich mir das Hemde vorbei ins Fleisch
gestochen. Ich wollt' drüber was Schriftliches aufsetzen, so weiss ich's. Sich
selbst bekämpfen, Vater, und eine Hopfenstange sein, ist doch zweierlei.
VATER. Sich in wagerechten Stand setzen und immer im Gleichgewicht halten, ist
unmöglich. Wer nicht Leidenschaften hat, ist kein Mensch. Unser Herr und Meister
jagte Käufer und Verkäufer aus Gottes Tempel. Wer im Sitzen schelten, und wenn
er sich stösst beten kann, ist ein Mensch, mit dem ich nichts zu teilen haben
will. Ich werd' gewiss betrogen. Ich hab' mich als Pastor zu dem »dass dich der
Tausend« bequemen müssen, »dass dich der Teufel« sagt man, soll gesunder sein. Es
soll wie ein Glas Wasser abkühlen. Die Natur kühlt sich auch durch Donner und
Blitz. Um dem Teufel nicht so viel Ehre anzutun, sollte man ein ander Wort
erfinden. Es kommt alles auf Begriffe an. Augustinus und Lactanz konnten sich
nicht überreden, dass die Erde rund sei, weil sie die Schwere der Körper nicht
kannten und -
ICH. Vater, was du mir sagst, ist mir, Augustinus und Lactanz ausgenommen, so
bekannt, als ob ich's gewusst hätte, und doch lernte ich's erst.
VATER. Das ist der grösste Beweis der Wahrheit. Der Vers ist gut, den man auf
einmal behält, und eine Sache, die, wenn wir sie gehört, uns so dünkt als hätten
wir sie schon zuvor gewusst, ist gewiss wahr.
ICH. Du bist mir Philippus und Aristoteles in einer Person.
VATER. Wenn man den Kindern auf alle ihre Fragen antwortet, kurirt man sie durch
Aderlassen. Man macht sie schwach. Wenn du A frugst, antwortete ich B, und
hierdurch gewöhnt' ich dir ab, zu fragen, und an, selbst zu denken. Wer immer in
seiner Jugend gefragt hat, fragt auch, wenn er alt wird. Hättest du noch einen
Bruder gehabt, hätt' ich ihn negativisch erzogen, und ihm nicht gesagt: hier
geht der Weg, sondern: hier geht er nicht. - Wenigstens, Alexander, hast du
einen mündigen Ausdruck. Du bist ein Mensch, der bei der Natur in die Schule
gegangen, ein Stück vom Seher! - Wer bloss die Alten liest, ist ein Gläubiger; du
kannst sie auch zur Noch lesen, diese erste Version der Natur. Lass uns jetzt
gehen - der Tee ist schon erwünscht kalt.
ICH. Vater, ich möcht noch zehn Stunden hören.
VATER. Und ich bin lang' nicht so ein Vielwisser gewesen wie heut, und auch du
umfassest alles, du sprichst so behend, und jedes Wort ist Schach dem König. Das
machen die neuen Betten und die Nacht ohne Schlaf.
ICH. Noch eins, Vater: ha, Wasser!
VATER. Ströme! desto besser, für dich einen und für mich auch einen - -
                                     * * *
ICH. Das noch eins hab' ich nicht ersäuft; die gnädige Frau ruft mich Monsieur.
VATER. Besonders dass Monsieur bei den Deutschen zwei Pfund weniger als Herr, und
Mamsell zwei Pfund mehr wiegt als Jungfer.
ICH. Immerhin, Vater! Ein Franzose mag ein Monsieur sein, aber nicht ich. Zwei
Pfund weniger oder mehr, ich ehre das Wort Jungfer.
VATER. Ich auch, Alexander, und auch darum mit, weil es sich rein hält und mit
keinem Reim in Gemeinschaft tritt. Das sind für mich königliche Wörter; sie
geben sich nicht mit erst was ab.
ICH. Wer meine Schwester -
VATER. Wenn du eine hättest!
ICH. Mamsell hiesse, der sollte eine Ohrfeige mit dieser Hand haben, oder ich
will Monsieur sein. - Und immer in der dritten Person spricht die gnädige Frau.
Wird Monsieur nicht haben wollen, will Monsieur nicht ein Glas Bier? Bin ich
denn kein Du oder Sie wert! Kann sie mir nicht grad' ins Gesicht sehen, wenn
sie mir zuspricht. Warum stösst sie denn nicht das Glas mit mir an. Sie schielt
nur von der Seite herab. Gottlob, dass sie nicht mit Er herumwirft, ich wüsste
nicht - Vater! - Wenn fängt man denn an, Literatus zu sein?
VATER. Es ist nicht überall gleich. Im Mitauschen Kreise früher, im Bauskeschen
Kreise später, im Seelburgschen Kreise noch später, im Doblehnschen Kreise
früher als im Mitauschen, und so weiter durch alle Kreise.
ICH. Ihr Mann, Vater, hätte verdient den linken Flügel meiner Phalanx zu
commandiren. Zum Parmenio. Vater, nicht wahr? Er weiss doch, was einem seligen
Alexander zustehet. Von ihr, dünkt mich, kann's heissen: ihr Wurm wird nicht
sterben, und von ihm: sein Feuer nicht verlöschen.
                                   Im Garten.
                     Die Frau v. G. Die Vorigen. Herr v. G.
FRAU v. G. Sehr erfreut, Herr Pastor - Wohl geruht? Ich bitte Platz zu nehmen.
Herr v. G. hat einem Sperling das Leben abgesprochen, und ist unten, ihm das
Wort zu halten. Monsieur, bitte zu sitzen - Ohne Umstände. Gartenfreiheit! da
sind wir alle gleich.
ICH. Vom Paradiese her.
                Mein Vater bückte sich bis ans Wort halten, ich
                                von Monsieur an.
FRAU v. G. Kaffee?
VATER und ICH. Untertänigen Dank.
FRAU v. G. Tee?
VATER UND ICH. Gehorsamst.
FRAU v. G. Niemals?
VATER. Niemals, gnädige Frau.
FRAU v. G. Und warum?
VATER. Jedes Volk hat, was es bedarf, gnädige Frau, kann Original sein, darf
nicht Tee und Kaffee trinken.
FRAU v. G. Aber Wein?
VATER. Der ist vom lieben Gott fürs ganze menschliche Geschlecht eingesetzt, und
dann, gnädige Frau! wächts nicht Wein in Curland?
FRAU v. G. Vielleicht würd' auch Tee und Kaffee wachsen.
VATER. Nimmer; und wenn es wäre: wie kann wohl die Natur mit Bohnen und Strauch
die Absicht verbunden haben, die man jetzt damit verbindet?
FRAU v. G. Aber angenehm ist wenigstens Kaffee im Grünen?.
VATER. Warum nicht eine Mahlzeit aus natürlichen gesunden Speisen?
FRAU v. G. Es ist zu warm.
VATER. Des Abends. In Curland geht's mit dem Frühstück beinah wie in England,
und das hat, ich muss gestehen, sehr viel Verführerisches. Alles kommt ungeputzt
zusammen, wie bei einer Brunnenkur, und mit einem so freien unverfäschten Kopf,
dass es eine Lust ist, gute Leute frühstücken zu sehen. Die Seel' ist so wie der
Leib im Negligé, und wenn's früh ist, ist der Tag selbst so. Sein Schleier ist
ein liebenswürdiger wonnevoller Anzug - nicht immer aber, gnädige Frau! können
wir in Pyrmont sein, und den Brunnen trinken, und unsrer Seele und dem Tage bei
der Toilette aufwarten. Wir haben Geschäfte: die Morgenstunde -
FRAU v. G. Ich halte Kaffee und Tee nicht für gesund.
VATER. Ich auch nicht.
FRAU v. G. Die Aerzte sind indessen geteilt -
VATER. So wie in allem, was die Diät betrifft, die ein jeder Arzt nach dem
Schnitt seines Magens beurteilt.
                         Ein Schuss; gehört und gesehen.
FRAU v. G. VATER. ICH. Der Sperling.
HERR v. G. einen todten Sperling in der Hand. Ha, willkommen im Grünen! Herr
alter und Herr junger Pastor.
FRAU v. G. Gelt! Monsieur ist erschrocken.
ICH. Ueber einen Schuss?
HERR v. G. Er erschrickt über dich, und ich auch, gnädige Frau. Für erst bitt'
ich Herr statt Monsieur! Wer nicht vor einem Schuss erschrickt, ist kein
Monsieur. Sieh ihm ins Gesicht. Ist er erschrocken?
FRAU v. G zu mir. Sie haben gepredigt?
HERR v. G. Das heisst ein Seelenschuss. Ich habe Sie weit und breit rühmen gehört.
ICH. Ohne Verdienst und Würdigkeit.
VATER. Ew. Hochwohlgeboren -
HERR v. G. Herr Pastor, lassen Sie mir den Hochwohlgebornen weg oder -
FRAU v. G. Wenn der Herr Pastor sich's aber angewöhnt hat.
HERR v. G. So muss er's sich abgewöhnen.
FRAU v. G. Falls es ohne Mühe geschehen kann.
HERR v. G. Wenn's auch Mühe macht.
FRAU v. G. Das nenn' ich Zwang.
HERR v. G. Es hängt von Ew. Gnaden ab. Herr Pastor! Sie wollten von der Predigt
sagen.
VATER. Wenn Sie sie gehört hätten, würden Ew. -
HERR v. G. Herr Pastor, ich bitt' - ich nehm's für ein heimliches Verständnis
mit meiner Frau, wenn Sie nicht tun, was ich bitte, was ich will. - Wenn ich
sie gehört hätte, würde ich -
VATER. Eine gute Suppe und einen guten Nachtisch gefunden haben. Ein paar schöne
Lieder, die seine Mutter ausgesucht hatte. Die Predigt war nur, um zu versuchen,
ob Stimme und Anstand - nur des Leibes Nahrung und Notdurft wegen, wenn ich so
sagen darf.
FRAU v. G. Ich würde bitten, sie im Grünen zu wiederholen.
HERR v. G. Warum nicht gar? Eine Predigt in die Kirche, eine Pfeife Tabak im
Grünen.
ICH. Ich glaub' auch, ich würd' im Grünen von der Natur überschrien werden.
HERR v. G. Recht! - schon warm Wasser getrunken?
VATER. Wir haben gedankt, wir trinken nur kalt Wasser ohne Gewürz, wie's Gott
bescheert.
HERR v. G. Das ist brav! ich auch so - da siehst du, Frau! was brave Kerls sind
Indem er den Sperling wegwirft. Ein Dieb weniger in der Welt.
VATER. Ein wahrer Dieb. Unstet und flüchtig, wie das böse Gewissen.
HERR v. G. Indessen kommt's auf Erziehung an, und der Sperling singt, wie einer
der schönsten Sänger unter den Vögeln, Dieb würd' er freilich auch bei einer
Sirenenstimme bleiben. Ich selbst habe Proben, und der Schluss ist richtig. Kein
Vogel hat eine eigentümliche ihm von Gott verliehene Singstimme, sondern nur
Flöt'traversansatz, Fähigkeit zu allem vögelmöglichen Gesang. Es kommt auf den
Cantor an: wie die Alten sungen, so zwitschern nach die Jungen! - Wo ist Fritz
mit seinem halbehrwürdigen Hofmeister geblieben?
FRAU v. G. Der Junker Der Aceent auf Junker. kleidet sich an. Der Hofmeister
leistet ihm Gesellschaft. Sie haben sich das Längste -
HERR v. G. Der Jung' ist gut, nur nicht viel Herz, und das hast du Schuld.
FRAU v. G. Besser kein Herz, als keinen Verstand.
HERR v. G. Nichts geredet. Verstand ist des Herzens Spürhund. Ich kenne noch
keinen beherzten Mann, der nicht mindestens fürs Haus Verstand hätte; aber
verständige kluge Schurken kenn' ich dir so gut, als meine Kugel, Schrot, Wind-,
Bürschbüchsen. Gewehr auf ein Haar. Ich weiss den Unterschied zwischen beherzt
und guterzig; allein Herz ist hol' mich - Herz. Es kommt alles auf eins. Du
wirst dein Lebtag nicht einen beherzten Mann kennen, der nicht mitleidig,
grossmütig, guttätig ist, und sein paar Tropfen weinen kann. Verstand! Sieh
doch! was ihr Weiber dies Wort in den kleinen Mund nehmt. Dies Wort ist mit Ew.
Gnaden Erlaubnis generis masculini, oder wenn du es im Deutschen haben willst:
Es hat Haar um den Bart.
FRAU v. G. Wird aber oft kahl geschoren.
HERR v. G. Einfall! Euretwegen aber wächst wieder. Ha, gnädige Frau, wie gefällt
Ihnen meine Predigt in der freien Luft? Die Anwendung werden Sie selbst machen.
FRAU v. G. Sie ist gemacht.
HERR v. G. Darf ich wissen?
FRAU v. G. Mich dünkt, es zeigt wenig Verstand, Böses von seinen Kindern zu
sprechen. Monsieur - der Herr - wollt' ich sagen, wird sich einen schönen
Begriff vom Junker machen.
HERR v. G. Böses? sagt' ich nicht guter Junge -
FRAU v. G. Junge! Schon dies Wort in gewisser Gegenwart, Auf die Bedienten
weisend. ich denk' doch, er hiesse so gut Herr v. - als Ew. Hochwohlgeboren?
HERR v. G. Es scheint, Ew. Gnaden wollen mein Schiff entern. Gehorsamer Diener,
so nah sind wir noch nicht. Weisst du, was entern ist? frag's nach in Liban!
FRAU v. G. Entern hier, entern da, es schickt sich wenig -
HERR v. G. Albern! es muss sich schicken. Er ist Edelmann, weil ich einer bin,
dabei ist wenig auf seiner Seite.
FRAU v. G. Der Adler ist darum Adler, weil sein Herr Vater einer war.
HERR v. G. Warum Adler; warum nicht Gans? so bleibst du in der Landsmannschaft -
Adler! ha! ha! ha! Engel haben keinen Zunamen; Teufel auch nicht. Wenn nicht
Zunamen wären, würden mehr Menschen sein. Weisst du wohl, wie lang es ist, dass
Zunamen sind. Der Teufel hol' den Schlingel, der sie zuerst aufbrachte. Man tut
darum selbst nichts, und sieht vor oder hinter sich. Hat doch dieser und wird
doch jener - In Curland besonders, in Curland ist ein Edelmann ein Erdschollen,
glebae adscriptus, nicht wahr, Herr Pastor?
VATER. Ich hab's oft gesagt, da ist aber nicht der Edelmann, Curland und
Semgallen sind Schuld. In diesem Fall hat ein Literatus den Vorzug, dass er, wie
die Apostel, in alle Welt geht. Befällt ihn ja das Heimweh, er stirbt wenigstens
nicht auf der Stelle, wo er geboren ist. Mit ihm ist's Komma, Kolon, Semikolon,
mit dem Adel Punktum.
HERR v. G. Recht, Punktum, ein gross Punktum, man kann es einen Klecks nennen; da
wo ich geboren bin und sterben werde, sind schon sieben geboren und gestorben,
und mein Jung' wird den Punkt nicht verrücken.
FRAU v. G. Warum denn nicht?
HERR v. G. Will er nicht kann, und kein Curländer es kann. - Für ihr Vaterland
Korn und Weizen säen, das ist alles, was in ihrer Macht ist. Darum Punktum!
Punktum! Punktum!
FRAU v. G. Der Himmel gebe, du machtest Punktum, und wir singen was anders an.
HERR v. G. Mit dir, wenns Ew. Gnaden gefällt. Aber, Herr Pastor, wie kommt's,
dass es mit gelehrten Leuten in gewisser Art nicht besser geht?
   Die gnädige Frau ging beim Wort: gelehrten Leuten, sehr freundlich ab. Ihr
   Compliment für mich zeigte, dass ich Herr und nicht mehr Monsieur in ihren
                                 Gedanken war.
VATER. Sie haben Recht. Ein Gelehrter hat selten einen Sohn, der seinem Bilde
ähnlich ist. Mit ihm fängt's an, mit ihm hört's auf; allein dies gilt nur von
Gelehrten majorum gentium, von halb Engeln; ganz Engel gibt's nicht unter
Menschen, die Fleisch und Bein haben; Copernikus, Newton, Kepler, Leibnitz - -
HERR v. G. Das waren Kerls! dem Copernikus bin ich am gutsten, Gott weiss warum.
Seinetwegen wünscht' ich ein Preusse zu sein.
VATER. Es ist wahr, Copernikus schloss den Himmel auf. Es war ein Petrus, zu dem
Gottes Stimme erscholl: ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben. - Newton
aber war chargé d'affaires des menschlichen Geschlechts, im Himmel und auf
Erden, und unter der Erden. Licht war sein Blick, und was er machte, das geriet
wohl. Kepler, ein Haushalter über Gottes Geheimnisse, Siegelbewahrer der Natur;
und Leibnitz, ein Kammerherr unter ihnen, ein Mann, der allen allerlei war, der
erfinden konnte, ohne Bleifeder und Schreibtafel in der Hand zu haben, der, wie
man von Newton erzählt, keinen Damenfinger, so viel ich weiss, verbrannt hat.
HERR v. G. Kein Mensch weiss von dieser Leute Kinder, und doch ist Nachruhm
entweder gar nichts, oder Erbgut. Wer keine Kinder hat, tut töricht, sich von
fremden Leuten nachrühmen zu lassen: »Er hatte Verstand, er hatte Geld.«
VATER. Geld wirst keinen Nachruhm ab. Es trägt nur Zinsen, so lang man lebt. Ein
Reicher ist, so lang er lebt, Souverain in diesem Jammertale. Er kann sich
alles kaufen, vielleicht gar ruhiges Gewissen und Gesundheit. Ist er geizig -
und wo ist ein Reicher, der es nicht wäre? - wird er wenigstens seltener krank,
wie ein andrer. - Kein epischer Dichter hat solch eine Einbildungskraft, wie er.
Er geniesst alles in der Einbildung. Kein Wunder, dass er sich nie den Magen
verdirbt. Er sieht seinen Geldkasten an, und da steht er Wagen und Pferde, da
steht er seinen Tisch mit allem Neuen vom Jahr besetzt - Leckerbissen und seine
Weine! Das sieht man in keinem optischen Kasten, was der Geizhals alles steht.
Hier ist der Hals übel gepaart, der Geizige müsste denn am fremden Orte sein, wo
es ihm nichts kostet. Geld sollte das Mittel sein, um zu geniessen; allein der
Reiche hat gemeinhin Mittel, um sich neue Mittel zu erwerben, und am Ende Mittel
über Mittel; allein keinen Zweck. - Im Tode heissts: »Sohn, du hast dein Gutes
empfangen in deinem Leben,« es tut nichts, ob in Prosa oder im Gedicht, ob
wirklich oder in Einbildung. Das Geld bleibt zurück, und wenn man ja an den
seligen Herrn denkt, so heisst's der Geck! so schönes Geld! und ein so schlechter
Keller! Mit dem Nachruhm des Gelehrten ist's eine andre Sache. Verstand trägt
Zinsen bis an der Welt Ende. Newton hat keine Kinder nötig. Jeden Gelehrten hat
er über die Taufe gehalten, ist's ein Jude, hat er ihn beschnitten. Jeder seiner
Schüler ist sein Sohn. - Ein Gelehrter dieser Art hat das Glück, lauter
wohlgeratene Kinder zu haben, es sind Seelenerben, die er mit Geist und
Wahrheit nährt - Er darf weder Gastwirt, noch Schwertfeger, noch Fechtmeister,
noch Wäscherin für sie bezahlen.
HERR v. G. Alles gut, lieber Pastor, was hat aber Newton und alle von seinem
Gelichter davon?
VATER. Ein doppeltes ewiges Leben - in jener Welt eins, in dieser Welt eins. Ein
Gelehrter, der sich seiner Unsterblichkeit bewusst ist, hat einen Beweis mehr in
sich, dass er nicht aufhören werde. Diese Unsterblichkeit und jene
Unsterblichkeit sind verwandt - und rechnen Sie dies Bewusstsein für nichts, ehe
solch ein doppelt Unsterblicher den Weg geht, den alle gehen? Er lebt doppelt -
schmeckt sterbend doppelte Kräfte der künftigen Welt.
HERR v. G. Pastor, es ist mir nicht anders, als wenn ich losdrücken will, und
der Vogel stiegt davon - ich bin so nahe an der Ueberzeugung; allein weg ist der
Vogel.
VATER. Ich bitte, lassen Sie ihn nicht stiegen.
ICH. Ich hab' ihn im Fluge getroffen, Vater!
VATER. Die Sache ist geistig, und will geistig gerichtet sein.
HERR v. G. Bei gelehrten Familien lass ich den Nachruhm gelten.
VATER. Allein, in Wahrheit, er ist nicht andenkenswert. Die Historie wird mit
der Zeit ein Familienstück werden, und es wird heissen: dort linker Hand wohnt
die Historie in sechs Häusern - die gelehrten Familien aber aus dem Fuss, wie wir
sie bis jetzt kennen - vielleicht viel Vorruhm: allein desto weniger Nachruhm.
Die meisten Menschen halten den Nachruhm für Nachhall: allein gefehlt! sehr
gefehlt! Aufrichtig, ich kenn' bis jetzt keinen stiftsfähigen Familiengelehrten.
Der Sohn lernt beim Vater das Handwerk aus, und hat Vorzüge beim Meisterwerden.
Der Sohn behält des Vaters Leisten, und alles ist nach väterlicher Weise. - Man
nennt dies Wissen: Familiengelehrsamkeit.
HERR v. G. Gelt! die ist nicht viel über eine Elle besser als Familienwitz.
VATER. In die Länge oder Breite.
HERR v. G. Wie ist das?
VATER. Gelehrsamkeit halt' ich breit, Witz lang.
HERR v. G. Dank für gute Nachricht.
VATER. Witz erfindet, Urteilskraft behandelt. Wer Witz hat, kauft den Acker.
Wer Urteilskraft besitzt, teilt die Felder ein, säet und umzäunt. Der Witzige
vergleicht, der philosophische Richter verknüpft oder trennt. Der Witzige macht
allem, was schön ist, die Aufwartung. Der Philosoph ist für Verlobung und
Beilager, und was er zusammengefügt hat, soll der Witz nicht scheiden. Der
Mensch ist stumpf, heisst: er hat nicht Witz. Der Mensch ist dumm, heisst: er hat
nicht Urteil.
HERR v. G. Setzt man nicht Kopf dazu, Dummkopf, Stumpfkopf?
VATER. Ja! allein sehr unrichtig. Man entweiht den Namen Kopf, denn er deutet
Scharfsinn an. Das ist ein Kopf, heisst: er ist scharfsinnig. Er ist kein Kopf,
heisst: er ist es nicht.
ICH. Aber, Vater, wenn man von einem Kinde sagt: es hat einen Kopf?
VATER. Ein Kopf sein, und einen Kopf haben, ist zweierlei. Beim Kopf sein,
fingirt man sich, der Mann sei lauter Kopf, a potiori fit denominatio. Einen
Kopf hat jeder.
ICH. Aber, Vater! in welchem Jahr stellt sich denn der Scharfsinn ein, und wenn
kann man von einem, der einen Kopf hat, sagen: er sei ein Kopf?
VATER. Nicht an der Mutter Brust, allein oft früh, oft später.
ICH. Also, Gottlob! kann auch Kind und Jüngling Kopf sein?
VATER. Allerdings! in Hoffnung! man sieht, was die junge Seele werden wird, so
wie im Frühling die Ernte, des Morgens den Tag! Die meisten Knospen haben den
Geschmack der künftigen Frucht.
 Hier machten wir uns alle drei Complimente, und stiessen die Köpfe im Guten an
 einander. Der geneigte Leser wird mir diese Stösse gern erlassen. Es würde auch
    unartig gewesen sein, wenn einer dem andern den Kopf abgesprochen hätte.
VATER. Gedächtnis, Schärfe der Sinnen, sind beim Witz und Urteilskraft
Gesellschaftskavaliere, Sekretärs, Haushofmeister u.s.w. Verstand hat das Votum
decisivum.
HERR v. G. Gott ehr' mir den Witz, weil er zu lachen macht; das Klügste, was die
Menschen können.
VATER. Ueber Witz lacht man. Die Urteilskraft aber macht seelenfroh. - Die
Seelenfreude ist eine ganz besondere Freude. Man kann hiebei auf seine eigene
Hand, wie ein König, vergnügt sein. Dies ist der einzige Fall, da man sich auch
ganz allein einen geistigen Rausch antrinken kann. Der Witz liebt Gesellschaft.
Bei der Urteilskraft erfreut man sich über die zurückgelegten Schwierigkeiten,
wenn wirklich die Sache uns schwer gewesen. War sie uns leicht, so freut man
sich der Leichtigkeit wegen, und macht sich selbst ein Compliment.
HERR v. G. Beim Witz muss alles wie von ungefähr kommen.
ICH. Alles ex tempore und pro tempore aus dem Ermel. Es blitzt, ohne bass man
vorher Wolken sieht.
HERR v. G. Wenn ich vier Köche und Jungens ohne Zahl mit weissen Schürzen
herumlaufen sehe, ehe die Flügeltüren zur Tafel geöffnet werden, sag' ich schon
vor Tische: prosit. Mir schmeckt es nicht. Auf Hochzeiten ess' ich am wenigsten;
ich könnt' immer Medicin einnehmen, eh' ich zur Hochzeit führe. Ich denk', Herr
Pastor! Witz und Vergnügen ist wie Vater und Sohn, und Vergnügen, wenn's gleich
noch so viel kostet, muss so aussehen, als wenn es Geschenk wäre.
VATER. Jeder Einfall hat die Natur, dass er uns in der Erwartung betrügt; im
gemeinen Leben gehört ein Gesicht dazu, Einfälle zu sagen. Es gibt Witz, der im
Anfang nicht ausfällt, allein in der Folge wird man überrascht, und das ist der
regelmässigste, der beste. Er gefällt im Nachgeschmack; wir wussten nicht, wohin
man uns führte; allein auf einmal ein schöner Platz. - Mancher Witz kommt von
vorn, mancher von hinten, dieser ist englisch, jener französisch. - Wie die
Seidenzeuge in England und Frankreich, so auch englischer und französischer
Witz. - Der Engländer hat Bass-, der Franzose Diskantsaiten. Aus einem englischen
Gedanken macht der Franzos ein halb Dutzend.
HERR v. G. Und der deutsche Witz?
VATER. Noch ist nicht viel von ihm zu sagen. Er soll aber, wenn uns Gott leben
und gesund lässt, die Tenorstimme haben, halb französisch, halb englisch. Witz
müsste des Deutschen Erholungsstunde werden; Gründlichkeit, Ordnung, sein
eigentliches Kopfwerk. Zwischen Einfall und Einsicht ist ein so grosser
Unterschied, als zwischen nachtun und nachmachen, zwischen Form und Materie,
zwischen Ursache und Folgen. Ein Genie - stösst mich fort, ein Philosoph leitet
mich. Unsere Kinder werden sehen und hören, was wir in Deutschland noch nicht
sahen, noch nicht hörten.
ICH. Der liebe Gott verleih' uns Aug' und Ohr an Leib und Seele.
HERR v. G. Und bescher' uns auch was zu hören und zu sehen, mit Leib und Seele.
VATER. Wüsst' ich, dass meine Erwartungen mich nicht trügen, ich würde wie Simeon
sagen: Herr, nun lassest du deinen Diener in Frieden fahren!
HERR v. G. Ich auch, obgleich ich eigentlich kein Diener Gottes, sondern des
lieben Gottes Fröhner bin. - Wissen Sie, Pastor, was ich mir für Begriffe von
Verstand mache? Vernunft ist major, Verstand ist minor, bei der Conclusio gehen
Verstand und Vernunft paarweise.
VATER. Ich habe nichts dawider. Verstand urteilt, Vernunft schliesst. Vernunft
ist Urteil a priori, Verstand a posteriori.
ICH. Auf die Art ist Vernunft grob Geld, Verstand klein Geld.
HERR v. G. Was ist das aber für ein Ding, wodurch man heilige und unheilige
Scribenten auslegt? - kann man's Witz nennen?
VATER. Witz, Herr v. -, allerdings Witz; allein Witz den man im Schlafrock
sitzend, ein Knie übers andere gelegt, haben muss. - Eine Federmütze kann nichts
dabei verderben. Witz, bei dem man so langsam geht, als wenn man einer Leiche
folgt, und in Wahrheit folgt man einer Leiche.
HERR v. G. Lassen Sie uns aufräumen, Pastor, Sie sind ein Mann, der zum Menschen
menschlich redet. Viele der Herren Philosophen haben da erst so einen
Wörterkram, dass mir der Kopf darüber bricht, und was sollt' ich mir den Kopf
über Worte brechen! Ueber Sachen mit Freuden. Man muss erst drei Jahre schweigen,
ehe man ein Wort mitreden kann. Sie sind immer bis an die Zähne verschanzt. Sie
sind die Priester, die lateinisch zu Werke gehen. Wir armen Leute wissen nur
Amen und Gospodipomila. Sollte denn nicht alles, was gelehrt ausgedrückt wird,
auch in der gemeinen Sprache Raum haben? Es kommt nur, dünkt mich, darauf an,
dass die Herren Philosophen sich den Kopf zerbrechen, anstatt dass sie ihn uns
brechen lassen. Was ich sagen wollte, betrifft ein paar Worte: Naiv und Laune,
meine Frau und mich. Sie braucht das Wort Naiv, ich Laune; allein was beides
eigentlich sagen will, wissen wir, hol' mich der - beide nicht; ob wir es gleich
gewiss so wissen, wie man das meiste weiss. So viel aber glaub' ich, dass man nur
von einer Frau sagen kann, sie wäre naiv: von unser einem aber, wir hätten
Laune.
VATER. Um Sie beim Wort zu halten, wenn man etwas Philosophisches, etwas
Richtiges in der gemeinen Sprache sagt, ist man, dünkt mich, naiv. In Einfalt
richtig denken und tun, heisst naiv sein. Philosophie ohne Kunstwörter würde ich
eine naive Philosophie nennen. Launig ist man, wenn man, ohne auf sich Acht zu
haben, oder wenigstens diese Achtsamkeit merken zu lassen, spricht und handelt.
Man kann auch durch seinen Anzug, durch die Farbe im Kleid Laune verraten. Man
könnte sagen, man wäre launig, wenn sich die Seele ohne Spiegel angezogen hat.
HERR v. G. Von der Laune auf die beste Welt. Wenn man dem Worte das Menschliche
nimmt: könnte man sagen, Gott habe die Welt bei Laune gemacht. - Was will man
eigentlich mit der besten Welt? Leibnitz hat keiner Dame den Finger verbrannt,
sagten Sie, und ich sage, er selbst hat sich auch nicht die Finger verbrannt. -
Ich wünschte von Herzensgrund, die Welt wäre die beste! Zu sehen ist's nicht.
VATER. Mit dem sterblichen Auge nicht, wohl aber mit dem unsterblichen. Leibnitz
hat mit diesem Gedanken kein Licht anzünden wollen, er hat nur ein schon
brennendes geschneutzt, oder höchstens ihm den Räuber genommen. Es brannte
dieses Licht im Auditorio, wo vom Ursprünge des Bösen disputirt wurde, und dies
Zimmer wollte er helle machen. Mit diesem Schuss musst' er das Ziel erreichen. Die
Sache also war da, er wandte sie nur an. Das Kleid war fertig, er setzte nur
Knöpfe darauf, und zwar Knöpfe mit Gold besponnen.
HERR v. G. Aber konnte Gott nicht machen, was er wollte?
VATER. Warum sollt' er aber wollen, das Schlechtere dem Bessern vorziehen? So
will kein lieber Gott. Es ist gewiss, dass der liebe Gott in seinem Verstande sich
Risse von allen möglichen Welten machen könne; denn sonst würde man seine
Erkenntnis verschränken.
HERR v. G. Concedo.
VATER. Ergebenster Diener.
HERR v. G. Ich kann ja über jedes einzelne Ding poetisch oder schön denken, ich
meine, es von der Spreu reinigen, es sichten wie den Weizen, und das muss auch in
der Summe angehen. - Ich kann mir vorstellen, wenn der liebe Gott dem Blitz und
Donner keine Macht und Gewalt beigelegt, und Blitz und Donner bloss Gottes
Feuerwerk wäre, dass ich's mit Wonne sehen würde, über die nichts ist. Ich liebe
Blitz und Knall.
VATER. Ergebenster Diener. Also kann Welt über Welt gedacht werden.
HERR v. G. Aber gelt! Ein Gedanke, wie aus der Pistole. Können nicht zwei gleich
gut sein? So wäre nicht die beste, nur eine gleich gute da. - Können sie nicht
al pari sein, wie die Kaufleute reden?
VATER. Das will sagen, eine so vollkommen als die andere.
HERR v. G. Vollkommen! der Henker, Herr Pastor, nein, das will was anders sagen,
wenn ich nicht irre. Ich bin nicht so roh, als mir das Haar auf die Stirn
gewachsen, ich hab's gehegt; was soll mir eine höhere Stirn, als der liebe Gott
wollte? Ich denke aber, vollkommen ist, wenn alles auf eins herausläuft, wenn
viele Mannigfaltigkeiten unter Eine Regel sich wenden, diese mag sein, welche
sie will, Peter oder Paul. Es ist mir so als ein monarchischer Staat: dass sich
Gott erbarm; alles zu Einem. Ein Dieb ist, mit der Herren Philosophen Erlaubnis,
vollkommen; ein Betrug ist mit der Herren Philosophen Bewilligung vollkommen. Es
hat mir nie, unter uns gesagt, von den guten Herren gefallen, dass sie so was
vollkommen heissen, indessen ist dem nicht also, Herr Pastor?
VATER. Im respektiven, nicht aber im absoluten Verstande. In diesem letzten
Sinne stimmen die Philosophen mit Ihnen. Sie nennen etwas nur vollkommen, in
sofern das Mannigfaltige den Grund einer Realität in sich entält. Je grösser
diese, je grösser die Vollkommenheit. Wie wollen Sie aber Realität von Realität
als Realität unterscheiden?
HERR v. G. Wie ich alles unterscheide, durch zehn Dinge, die in jener nicht
sind, und in dieser sind.
VATER. Schon ein Ding würde den Unterschied machen.
HERR v. G. Ganz recht.
VATER. In einer Realität setzen Sie Etwas.
HERR v. G. Eine Realität ist eine Eins, das Gegenteil eine Null.
VATER. Wenn Sie also zwei Welten von einander unterscheiden wollten, müssten Sie
in einer etwas annehmen, was in der andern nicht wäre. In dieser wär' eine Null,
eine Verneinung; in jener ein Eins. Realitäten unterscheidet man durch den Grad
derselben, durch Grösse und Schranken.
HERR v. G. Können denn nicht zwei Raritäten, oder Realitäten - ich wünschte, ich
könnte bei der Eins bleiben - allein es lässt sich nicht - können nicht zwei
Realitäten von gleichem Grade in ihrer Beschaffenheit sich von einander
unterscheiden?
VATER. Nein, denn eben hierdurch würd' in einer etwas sein, was in der andern
nicht ist; hier eine Eins, dort eine Null. Da haben Sie den Mangel, den Zaun,
die Verneinung, und die Probe des Unterschiedes von Seiten des Grades.
HERR v. G. Ich verstehe so halb und halb; um es ganz und gar, durch und durch,
oder das Netto provenü zu verstehen, würd' ich ohne Kopfschmerz nicht abkommen.
In der besten Welt, der besten Welt wegen Kopfweh, das würd' ich der besten
Welt, und die beste Welt es mir übel nehmen, ich könnte schon was drüber reden,
schreiben aber nicht - das ist in meiner Sprache, zwar losschiessen, nicht aber
gut treffen. Nach meiner Art denk' ich, und mich dünkt, ich fasse die Sache wie
den Stock, das ist beim Knopf: Gott ist das gütigste, das weiseste Wesen, und
kann also nicht werden heissen, was diesen Eigenschaften nicht ähnlich ist. Ueber
die Möglichkeit und Unmöglichkeit, denk' ich, ist keine Frage, denn die Welt ist
da - ich sehe Sonne. Mond und Sterne, Fische im Meer, Vögel in der Luft, und den
Menschen.
VATER. Recht! ganz recht! Sie fassen die Sache beim rechten Ende, und ich - ich
weiss selbst nicht wo. Sie reden von der Leber, und ich plaudre aus der Schule.
Wider Sie ist kein Zweifel, wider mich aber noch ein Berg. - Ein Philosoph des
Altertums meinte, ehe die Leiber waren, existirten die Seelen. Gott liess die
Seelen loosen, und was kann er dafür, wenn dieses oder jenes eine Niete zog.
Indessen das Ende vom Liebe. Wenn ich unter Irrtum wählen soll, will ich lieber
eine gütige Notwendigkeit, als eine Freiheit, die das Beste verwirft.
HERR v. G. Herr Pastor, nur nicht auf den monarchischen Staat angespielt! Da
haben wir gestern Halt gemacht, und ich möchte nicht gern meiner Liebe zur
Freiheit durch einen monarchischen Tron zu nahe kommen lassen. Noch etwas
Philosophisches, Herr Pastor! Wir wollen aber englisch Dame ziehen, und hin und
zurückschlagen - ich will mich schon anstrengen. - Auf Ehre, manches Wort von
Ihnen, lieber Pastor, ist mir eine Nominaldefinition. - - Heisst es nicht so?
VATER. Gehorsamer Diener, Herr v. -
HERR v. G. Aber, Pastor, sagen Sie, sind wir nicht ein Paar Verneinungen, ein
Paar Nullen, ein Paar Narren gewesen, dass wir uns und so manchen Realitäten
sieben Jahre, wenn's nicht mehr ist, den Rücken gekehrt? Ich glaube, wir hätten
schon ein neu System, einen neuen Kalender in der gelehrten Welt während dieser
Nullenzeit eingeführt. Ein immerwährender ist unter euch hochgelahrten Herren
nicht möglich. - Lassen Sie uns einmal von uns selbst eins plaudern. Wir
verdienen, dass wir uns eins versetzen, wir wollen aber das ganze Geschlecht zur
Gesellschaft mitnehmen. Ich hab' es, glaub' ich, von Ihnen, wer gen Himmel
fahren will, muss erst Höllenfahrt halten. Wer Gott erkennen will, erkenne sich
erst selbst. Nosce the ipsum. Das ist die Lehre von Busse und Glauben.
VATER. Das Wörtchen ich ist ein Gemälde der Seelen! Es will mehr sagen, als
Singularis. Es ist der Singularis im Superlativo. Ich ist natürlicher Wert, du,
er, wir, ihr, sie, nur in so weit ich voraussieht. So lange es heisst ich, ist's
recht, sagt man aber ich selbst, so ist man krank, und recipe: den Menschen von
sich selbst abzuziehen. Bei der Not meines Nachbars denk' ich an meine
Sicherheit; wenn man den Nachbar wegen seines Eheprocesses beklagt, denkt man an
seine Frau. Dem Reichen immer den ersten Stuhl; man könnte ihn, denkt man, doch
wohl nötig haben. Die Gegend aus meinem Fenster ist die schönste, das Landgut
meines Freundes das schattenreichste. Ein Gereister lobt in seinem Vaterlande
die Fremde, in der Fremde sein Vaterland. Die Faulheit ist oft der Sporn des
Fleisses: die künftige Gemächlichkeit, nicht das Edle der Arbeit, treibt. Kein
Sohn lässt den Vater begraben, ohne vorher die Nachlassbalance zu ziehen, und die
Bücher zu schliessen, und wenn auch der Verstand zuweilen Recht sprechen will,
das Seihst vertritt ihm den Weg Rechtens. Je mehr man dieses ich versteckt, je
mehr Welt hat man. Die Selbstschätzung besteht nur darin, dass uns andere nicht
gering schätzen. Sogar, wenn man in Gesellschaften sich selbst tadelt, ist's
verdriesslich; man will lieber mit einem Tubus nach Sternen sehen, und aus einem
indifferenten Standpunkt die Welt betrachten, als andere Leute ich aussprechen
hören. Man glaubt, dieses ich spotte uns nach, und mache uns Männchen. Der
Mensch ist zum Tausch geboren, er möchte seinen Stand, seine Seele, seinen Leib,
nur nicht sein ich vertauschen. - Wenn man ein Buch schreibt, kann man ich
brauchen, ohne dass es so übel genommen wird, denn die grössten Dinge sind durch
Selbstbilligung entstanden. Diese wirst ein Licht auf alle Gegenstände, die uns
beschäftigen. Wir haben einen heitern guten Tag durch dieses Licht. Es ist
schade, dass die deutsche Sprache drei Buchstaben beim ich hat. Man kann aber,
wie meine Frau zu sagen pflegt, bei allem erbauliche Betrachtungen haben. Beim
Schmerz leidet das ch, ist man betrübt, leidet das i.
HERR v. G. Herr Pastor, ich habe noch nie vom ich so viel sprechen gehört, ohne
dass man sich meint, als Sie. Ihr ich ist bloss Bild aller Menschen; das Selbst
ist das Ziel, wornach wir alle schiessen, mancher trifft in's Schwarze, mancher
dicht bei, mancher weit davon. Aber darüber eine Erklärung: warum gehört zur
Beobachtung sein Selbst Anleitung! Warum Kunst, sein eigener Zuschauer zu sein?
obgleich man sich vor der Nase hat.
VATER. Warum muss man die Alten lesen, um zur Natur zu kommen? Warum brauchen wir
Dolmetscher, da die Natur doch Deutsch versteht?
ICH. Warum studirt man Medicin?
HERR v. G. Um kuriren zu können.
ICH. Und wenn wir nicht kuriren wollen, sollten wir Medicin studiren, um dem
Arzte zu sagen, was uns fehlt.
HERR v. G. Fast dächt' ich, es wäre nötig, und darum so viel Gräber, weil sich
beide nicht verstehen. Der Doktor spricht aus dem Buch, der Kranke spricht aus
dem Leben - jener Latein, dieser Deutsch.
VATER. Die Aerzte müssen entweder Menschen, oder alle Menschen müssen Aerzte
werden.
ICH. Viele Menschen, denk' ich, Vater, besehen sich bloss, wie man sagt, er hat
die Welt gesehen oder besehen.
VATER. Sie sind in einem Naturaliencabinet, in einer Bibliotek ohne Kenntnisse.
Sie lassen sich alles zeigen; sobald sie heraus sind, weiss kein Mensch ein
lebendig Wort, höchstens todte, wie ein Reise- Journal geschrieben.
HERR v. G. Ueberhaupt, denk' ich, ist das Reisen nicht die Art, Menschen zu
kennen. Zu den meisten Reisenden könnte man sagen: bindet ihm Hände und Füsse,
und werft ihn in sein Vaterland. Der Mensch versteckt sich, so wie das Wild. -
Kein Bild ist ihm ähnlicher, als das in der heiligen Schrift: »Adam versteckte
sich unter die Bäume im Garten,« machte sich grüne Vorhänge. Er ward aus einem
Freunde Gottes ein Wilder.
VATER. Ich glaube keinem Gereisten, wenn er von den Menschen spricht. Unsere
meisten Reisebeschreiber zeichnen das Zimmer, wo sie abgetreten, die Wirtin
oder ihre Tochter, den Herrn Wirt oder seinen Wildfang von Sohn. Eher wollt'
ich aus dem Hervorgeruch der Apoteken, wenn ich vorbeigehe, schliessen, was für
Krankheiten in Stadt und Land gang und gäbe sind. Aus einem Wirtshause geht der
Weg in die Welt, allein nicht in die Nation. Reisende, selbst Entdecker neuer
Völker, sollten nur erzählen, was sie gesehen und gehört, was ihnen vorgekommen
und vorgefallen, ohne Vor- und Nachklang; denn was tut man nicht einem guten
Einfall, einer Wendung, einem Lieblingsgedanken zu Gefallen. Dem Beschreiber
sind keine Glocken zu gestatten; er muss nie läuten lassen.
ICH. So wär's wohl am besten, dass jemand aus dem Volke selbst das Volk
beschriebe.
VATER. Ja, wenn er gereist ist, ohne an eine Reisebeschreibung fremder Länder
gedacht zu haben, wenn er kein Amt und doch zu leben hat, wenn - und noch viele
Wenns.
HERR v. G. Aber, lieber Pastor, um wieder an Ort und Stelle zu kommen, sind denn
nicht alle Menschen Menschen, und hat man nicht alle, wenn man sich hat?
VATER. Wahr, gewisse äussere Dinge, Verzierungen, Schnitzwerk, Ein- und Ausgänge
ausgenommen.
HERR v. G. Wer hat sich aber?
VATER. Jeder, der je die Menschen getroffen, hat in seinen Busen gegriffen.
HERR v. G. Indessen, denk' ich, ist's gut, zuweilen zu phantasiren, im
musikalischen Verstande, und das liebe ich an den Nagel zu hängen; es versteht
sich, an einen festen, der nicht reisst; bei sich nicht Feuer zu machen, sondern
beim Nachbar essen zu gehen. Bete und arbeite, das heisst: lerne dich und andere
kennen.
VATER. In einer sehr freien Uebersetzung. Alle Merkzeichen, wodurch man an den
Tag legt, man gebe auf sich selbst Acht, man sei auf dem Observatorio, geben
unsern Handlungen ein linkes, steifes, gebrechliches, bucklichtes Ansehen.
HERR v. G. Und der vornehme Mann will ohne dies, dass man auf ihn, und nicht auf
sich selbst Acht geben soll. Da denk' ich an das Irrlicht, von dem die gemeinen
Leute erzählen, es liesse sich dabei eine Stimme hören: hier her, hier her! und
wenn man sie befolgt, bumbs! liegt man im Sumpfe. Wie kommt's, lieber Pastor,
wer mit Frauenzimmern umgehen kann, versteht es auch mit Fürsten und Gewaltigen,
und mit den Herren der Welt? - alle Welt sagt von ihm: er hat Lebensart.
VATER. Vornehme und Frauenzimmer haben sehr viel Aehnliches; sie wollen
geschmeichelt sein, und wir tun's gern, weil wir sie übersehen. Männer sehen
auf das, was man von ihnen denkt; Weiber, was man von ihnen sagt. Wir huldigen
dem Geschlecht, nicht der Dame; wir huldigen dem Amt, nicht Sr. Durchl.
Lebensart ist Geschick schwere Sachen leicht vorzutragen, durch treffende
Beispiele sie zu erleichtern, sie fasslich zu machen, ein Buch, anstatt es zu
lesen, es zu durchbildern. Die Franzosen sind diejenigen unter Europens
Nationen, welche Lebensart haben. Ihre Schriftsteller haben in der Philosophie
nur die Bilder gesehen. Schönheit und Farben setzen eine Substanz voraus, worauf
sie angebracht werden sollen. Schöne Wissenschaften ohne Philosophie ist Farbe
ohne Leinwand und Pinsel. Der Verstand muss der Sinnlichkeit, und nicht diese
jenem untergeordnet sein. Er ist der Compass, der die Weltgegend zeigt, das
Schiff commandirt und ihm die Richtung gibt. Weltkenntnis heisst
Menschenkenntnis, wie das Haus nach dem Herrn, und nicht nach Weib und Kind.
HERR v. G. Was meinen Sie, Pastor? - Man führt die Weiber bei der Rechten, um
sie obenan zu lassen. Unding! ich denke, Se. Durchl. zur Rechten, allein ein
Weib müsst' uns zur Linken gehen, zum Beweis, dass sie Schutz bedarf, und dass wir
sie begleiten oder beschützen. Es ist ein unnatürliches Compliment, sie an der
rechten Hand zu führen. Bei der Trauung ist's, glaub' ich, nicht so!
ICH. Das Herz liegt ohnedies zur Linken (ich dacht' an Minchen).
HERR v. G. Zum ich, lieber Pastor, gehört auch Lachen und Weinen; das
eigentliche Lachen, das Lachen mit Leib und Seele, ist bloss dem Menschen eigen -
ich halte viel aufs Lachen, und sind's fürs beste Digestiv.
VATER. Jammer und Schade dass wir gleicher Meinung sind, denn sonst würd' es doch
noch was zu lachen geben. Ueber Wahrheiten muss man mit fröhlichem Munde, mit dem
Munde der Wahrheit streiten. Alle Menschen, wenn sie sich malen lassen sehen
freundlich aus, zum Beweise, dass dies die beste Miene sei. Einem von
Leidenschaften gefesselten Menschen vorpredigen, heisst: einen Galeerensklaven
Glück greifen lassen. Ich hasse einen tapfern offenen Feind; ich verachte, was
an sich keinen Wert hat. Die Art, Laster verachtungswert vorzustellen, ist die
beste. Wer es hassenswürdig macht, tut oft der Menschheit Schaden, und zieht
Menschenfeinde. Der Mensch ist durch Hang zum Scherz geboren. Er hat viele,
viele Torheiten; allein die grösste ist, wenn er sie zu wichtigen Dingen macht.
HERR v. G. Es steht nicht geschrieben, dass Christus gelacht habe; allein er
nannte den Herodes einen Fuchs, und das setzt ein Lächeln zum voraus. Die
Schrift spricht: der Herr lacht ihrer, ich glaube gar Pastor, es wäre nicht
übel, auf der Kanzel selbst so ein Fuchswörtchen zu verlieren.
VATER. Dazu gehört mehr Geschicklichkeit, als ich praktisch glaube.
HERR v. G. Freilich muss es nicht der Herr Pastor G - sein - die verdammte
Traurede!
Als Adam hackt' und Eva spann,
Ei, wo war da der Edelmann?
Meine Frau kann, ohne Lebensbalsam in der Hand, daran nicht denken. - Ist's also
nicht auf der Kanzel, so doch, wenn man herunter kommt - die ganze Natur lacht.
VATER. Nur nicht laut.
HERR v. G. Das kann doch aber zuweilen der Lehnsherr der Natur, um sich hören zu
lassen.
VATER. Ich glaub' es selbst - und gute Menschen finden, dass, wenn sie fröhlich
sind, alles um sie herum froh ist. Der Mensch lacht, wenn andere lachen, und oft
noch lauter, als der, so den Ton angab. Die Traurigkeit des andern rührt; allein
mit Schluchzen und grossen oder Platztränen können wir nicht dienen. Die
Mitfreude, das Mitleid beweist, dass wir alle einen Gott und Vater haben, und
alles, was Augen hat, kann sympatisieren.
HERR v. G. Jeden Menschen aber, lieber Pastor, kleidet das Lachen nicht; ich
glaub', es gehört dazu, wie zu allem, Uniform, was ordentlich sein soll. Einem
kleinen dicken Mann steht's herrlich - das sollten sich die Luftspieler merken,
und keinen langen, gross gewachsenen Menschen Possen reissen lassen.
VATER. Man freut sich, dass der kleine dicke Mann eben wegen seines lustigen
Wesens so dick und fett geworden. Ein gross gewachsener Mann ist schon zum
Beschatten, zum Anlehnen geboren; es ist eine Stange, an die sich der Feigenbaum
und die Bohne schmiegt und ranket.
HERR v. G. Vernünftig lachen ist schwer.
VATER. Mich dünkt, vernünftig weinen noch schwerer. Vielleicht kann es jeder
Mensch, wenn er gleich seine siebenzig erreicht, nur zweimal in seinem ganzen
Leben; wenigstens hat der fürs menschliche Geschlecht ein grösser Verdienst, der
es zu lachen macht, als der Tränen presst; indessen ist viel beim Lachen zu
erinnern. Es entsteht aus einem Widerspruch. Man lacht, wenn jemand fällt, und
sich nicht Schaden tut; besonders lachen dann gemeine Leute, die nicht feinere
Widersprüche begreifen können. Man lacht über Kleidung, wenn Eitelkeit und nicht
Armseligkeit zu sehen ist. Wenn jemand, der aufziehen will, wieder aufgezogen
wird, und den Kürzern zieht, so, dass ihm zum Nachteil der Vorhang fällt,
klatscht alles in die Hände. Ist's aber nicht Eitelkeit und armseliger Stolz,
über armselige Ungereimteiten sich zu ergötzen? Sollte man wohl darüber lachen,
weil man klüger als ein anderer ist? Hier gibt's so viele Feinheiten, dass ich
gewiss glaube, das Lachen sei die Probe vom Menschen; - wie und wenn er lacht,
zeigt was er ist, obschon das Gesicht das Protokoll vom Charakter, und die
andern Teile das Protokoll vom Temperament sind. - Scheint es Ihnen nicht auch,
der menschlichste Mensch, der beste Lacher, begeht einen Widerspruch, wenn er
über einen Widerspruch sich freut, das ist, wenn er lacht. - Jemanden mit
weinenden Augen lachen sehen, ist ein schöner Anblick. - Ein Regenbogen ist's. -
Schriftsteller, die Tränen mit dem Lachen kämpfen lassen, so, dass keines die
Oberherrschaft erhält, treffen das Leben eines Weisen.
HERR v. G. Citronensaft mit Zucker. Ich für meinen Teil liebe nichts
Sauersüsses. Es lebe das fröhliche Herz. Ist das Lachen gleich Widerspruch, auch
da ist das Leben getroffen, wenn gleich nicht das weise Leben. Was ist in der
Welt ohne Widerspruch? Sind doch bei uns im Sommer oft kalte Tage, regnet es
doch, wenn wir ernten wollen, und doch ist diese Welt die beste! Wer mir selbst
die heiligsten Sachen mit finsterer Stirne sagt, wird mein Herz nicht
aufschliessen, und hat's nie aufgeschlossen. Daher denk' ich, mit Ew.
Hochwohlehrwürden Erlaubnis, richten die Herren Geistlichen so wenig aus. Der
Pater von Sancta Clara hat mehr Gutes gestiftet, als zehn Kopfhänger.
VATER. Er lächelte noch seinem Todesengel entgegen, der ihn zum Demokrit
abholte.
HERR v. G. Eine glückliche, glückliche Reise!
VATER. Betrübnis kommt gemeinhin aus dem hohen Begriff, den sich der Mensch vom
Leben macht. Beim Schmerz leidet der Leib, bei der Betrübnis die Seele, und wenn
die Herrschaft trauert, trauert der Bediente mit, nicht aber umgekehrt.
HERR v. G. Ich denk' die Traurigkeit oder Betrübnis, oder was weiss ich, wie es
recht heisst, kommt aus der gar zu grossen Ordnung, die man sich vorschreibt.
VATER. Beide recht! Warum sagt man aber sein Geheimnis lieber einem
unordentlichen guten Jungen, als einem abgemesseneren nach Mass und Gewicht, oder
nach Grundsätzen, gut Handelnden?
HERR v. G. Weil jedes Geheimnis etwas Unordentliches, etwas Unregelmässiges an
sich hat. Ich hab' immer gedacht, Geheimnis und Wunder sind mit einander
verwandt.
VATER. Warum wählt man den unordentlichen guten Jungen lieber zum Freunde?
HERR v. G. Weil er ein Freund fürs Geheimnis ist.
VATER. Und warum eine Mutter just den wildesten, aufgewecktesten unter ihren
Buben zum Liebling, der Vater den gesetztesten?
HERR v. G. Die Weiber brauchen Leute, die sich balgen; die Männer Leute, die
vernünftig eine Pfeife rauchen.
VATER. Ich wollte fragen und antworten; allein meine Fragen haben ihren Mann
gefunden.
HERR v. G. Nun geb' ich Karten? was denken Sie von dem monarchischen Staat? -
(dass dich! wie komm' ich auf den monarchischen Staat?) ich wollte sagen vom
Despotismus der Empfindung?
VATER. Wir empfinden nichts, was nicht sinnlich ist - wer es sich gemächlich als
Philosoph machen will, nennt dunkle Vorstellungen: Empfindungen, und anstatt sie
zu entwickeln, tut er seine Augen nicht auf, sondern schlägt an seine Brust,
und spricht: ich empfinde!
ICH. Gott sei dem Sünder gnädig -
HERR v. G. Und barmherzig.
VATER. Amen!
HERR v. G. Solch ein Empfinder kann doch nicht mit Recht behaupten, ich soll ihm
nachempfinden.
VATER. Durch die Evidenz und öftere Wiederholung der Vernunftideen werden diese
geläufiger, so, dass sie uns von selbst anwandeln. Wir kennen sie im Dunkeln.
Diese Kette dunkler, hurtigfolgender Ideen nennen wir Empfindungen.
HERR v. G. Das lass ich gelten - und Ordnung, lieber Pastor?
VATER. Ordnung ist nur Mittel, an sich hat sie keinen Wert. Es ist das
Schweisstuch, worin man das vergräbt, was man erhalten hat. Es ist ein
Bücherschrank mit Glastüren. Weiber müssen ordentlich sein. Reinlichkeit und
Ordnung, oder die Entfernung des Fremdartigen sind ihre Fächer. Die
Weiberordnung muss aussehen wie gesucht, die Männerordnung wie in der Lotterie
gewonnen, von selbst zugefallen. Ordnung ist übrigens bloss das Formale; daher
kann man den grössten Teil der Wissenschaften, ich hätte bald gesagt die ganze
Philosophie, das Formale nennen.
HERR v. G. Wie kommt's aber, dass die Menschen die Formen höher schätzen als die
Materialien?
VATER. Die Form gibt die Kunst, das Geschick, die Materialien die Natur. Jedes
Kind schätzt den Vater höher als die Mutter, und den, der regiert, höher als
den, der ernährt. Den Verstand hält man höher als die Sinnlichkeit, ohne die
doch der Verstand untätig wäre.
HERR v. G. Aber das Genie? wer schätzt es nicht höher als den Fleiss?
VATER. Fleiss und Kunst ist zweierlei.
HERR v. G. Zur Kunst gehört Fleiss.
VATER. Und Genie. Ein Verstand, der seine Erkenntnisse sinnlich zu machen weiss,
ist für mich vorzüglicher Verstand; wenn er Sinnlichkeit den Verstandesbegriffen
erteilt, macht er sie anschauend, und ein solcher Verstand heisst ein gesunder
Verstand.
HERR v. G. Und steht aus, wie alles, was frisch und gesund ist. Nicht wahr, er
kennt keine Terminologie?
VATER. Er kocht freilich nicht aus der philosophischen Speisekammer, sondern
nimmt's aus der Welt. Er gibt nichts Geräuchertes; Früchte, Geküche trägt er
auf.
HERR v. G. Sinne sind die Bauern. Sie stehen zwar unter der Obrigkeit, indessen,
wenn sie nicht wären? Ich ärgere mich, wenn man die Sinne wie das liebe Vieh
nimmt und herabsetzt - bald hätt' ich mich verredet und gesagt: sie sind ja auch
Menschen - Sie verstehen mich schon, Pastor.
PASTOR. Vollständig!
HERR v. G. Warum sind wir unerkenntlich gegen die Sinne?
PASTOR. Ich habe schon einen Grund angegeben; hiezu kommt, weil wir alles
hassen, was uns unsere Freiheit raubt, und sie einschränkt. Gelt! das ist ein
Grund für einen Monarchenfeind. Beinahe eben darum würd' ich allen Herren
Moralisten, wess Standes, Alters und Ehren sie sein mögen, anrätig sein, die
Tugend nicht in ihrer erhabenen Hoheit, im hohen Lichte zu zeigen, sondern
liebenswürdig. Nicht als einen König im Diadem, sondern als ein hübsches
Mädchen; denn selbst wofür wir Respekt zu haben verbunden, wird uns
beschwerlich. Lieber bei Freunden, als Gönnern.
HERR v. G. Ich wenigstens kann auch das Laster nicht martern sehen, aber wie wir
erst abvotirten - in der Narenkappe.
PASTOR. Das ist der wahre Standpunkt; denn der Mensch kann nichts weniger
ausstehen als Spott. So denkt jeder, der gut erzogen ist, oder eigentlich, der
sich selbst erzogen hat. Wir sind beinahe wieder, wo wir ausgingen; fröhlich
zogen wir unsere Strassen, fröhlich sind wir wieder zurück.
HERR v. G. Wo ich »Vivat das Lachen hoch!« rief. Es lebe! - Hoch! hoch! aber
sagen Sie mir die Lustigkeit.
PASTOR. Die Lustigkeit ist die Fertigkeit im Lautlachen. Das Ueberlautlachen -
ICH. Ein Vivat höher als hoch, das höchste.
PASTOR. Sie ist mehr als Zufriedenheit; allein wer mehr Mittel, als nötig sind,
zur Glückseligkeit anwendet, ist der glücklicher? Ueber seine Bedürfnisse etwas
haben, macht das reich? In der Sparsamkeit liegt so viel Stoff zur
Glückseligkeit, dass es unaussprechlich ist. Ein Verschwender verzählt sich alle
Augenblick in seinem Vergnügen; er wird in seiner Lust betrogen. Die Sparsamkeit
hat Vor- und Nachgeschmack und Genuss - der Verschwender höchstens Genuss,
höchstens Wollust für einen gegenwärtigen Augenblick. Die Lustigkeit ist was
Convulsivisches, was Erschöpfendes. Ein Lustigmacher ist ein Mensch, der zu
tausend Gerichten ohne Hunger und bei verdorbenem Magen verdammt ist. Da will
ich lieber bei Wasser und Brod sitzen.
HERR v. G. Ich denk' aber, Pastor! wir leiden darum einen Lustigmacher nicht,
weil wir ihn beneiden; wenn er sich zum Narren macht, stehen wir ihn aus, denn
wir verlangen nicht, uns mit ihm zu vertauschen.
ICH. Ich glaube, weil wir ihn verächtlich finden, weil er unser Bild verächtlich
macht, weil wir uns den Grad seiner Verzagteit vorstellen, wenn es ihm übel
ginge, weil seine Lustigkeit keinen Wiederhall abgibt. Schmerz und Freude sind
gesellig; allein wenn sie das Mittelmass überschreiten, werden sie uns
unnatürlich. Wir wollen uns nicht betrinken, sondern nur trinken.
HERR v. G. Aber, Pastor, wie kommt's, dass die liebe Jugend so sehr auf Tragödien
hält, das Alter auf Comödien?
PASTOR. Die Alten lassen der Jugend nicht die Maschinen sehen, durch welche die
Oper der Welt gespielt wird. Um sich selbst bei ihr im Ansehen zu erhalten,
müssen sie vieles bei Ehren halten. Ein jedes Mädchen ist dem jungen Menschen
eine verwünschte Prinzessin, und er glaubt sie vom feuerspeienden Drachen zu
erlösen, sie zu entzaubern, wenn er sie heiratet. Er sieht Vorfälle in der
Welt, allein er sieht sie nicht in Verbindung.
HERR v. G. Wie ich jung war, dacht' ich, wie schwer muss es fallen, Herzog zu
sein; allein jetzt: man mache mich heute zum Kaiser, und ich wette, ich will
Kaiser sein wie irgend einer. Sie haben Recht, Pastor! Die Jugend fliegt, macht
sich tausend Chimären. Sie kennt die Menschen zu wenig, drum setzt sie alles in
Feuer und Flammen.
PASTOR. Wer bloss zusieht, findet Gaukeleien unerträglich; wer mit agirt, dem ist
der Hanswurst ein allergnädigst privilegirter Witzling, eine bedeutende
Staatsperson, und wo ist ein grosses Haus, wo ein Hof ohn' ihn? - Man schafft hie
und da Titel vom Hofnarren ab; allein die Hofwürde bleibt, und ich verdenk' es
keinem grossen und kleinen Herrn, der gut verdauen will, dass er sich ein Lachen
bereiten lässt. Lachen ist das beste Desert. Am Ende kommt heraus, dass die
Tränen ein Beweis von unsrer eingeschränkten Weltkenntnis sind. Wo die Jugend
Schicksal sieht, schimmert dem Alter eigene Schuld hervor.
HERR v. G. Aber machen wir diesen Jüngling Auf mich zeigend. nicht zu klug?
Geben wir ihm nicht die Waffen wider uns in die Hand?
PASTOR. Ich befürchte nichts. Talent und Verdienst des Verstandes ist so
unterschieden wie Wissen und Tun. Insoweit der Verstand den allgemeinen und
verhältnissmässigen Wert der Dinge schätzt und hiernach wandelt, heisst's:
Verstand kommt nicht vor Jahren. So was muss Erfahrung lehren.
ICH. Oder bestätigen, Vater! Ich habe keinen Beruf zur Altklugheit. Ich denke,
das heisst Klugheit ohne Erfahrung. Wie es mir vorkommt, muss man alt, wie ein
Mann sein, um einen Mann beurteilen zu können - ich wollt' auch nicht meine
Jugend verklügeln, um wie viel.
HERR v. G. Sie kommt freilich nicht wieder.
PASTOR. Der Frühling ist das beste Stück im Jahr.
HERR v. G. Und was ist's am Ende! Es ist ein elend, jämmerlich, kränklich Ding
mit aller Menschen Leben, von Mutterleibe an, bis sie in die Erde begraben
werden. Das Alter und die Jugend sind krank. Das Alter ist hektisch, die Jugend
hat das hitzige Fieber. - Die Lunge hat keine Nerven.
PASTOR. Besonders aber ist's, dass Leute, die vorzüglich im Trauerspiel weinen
können, es selten bei Vorfällen des gemeinen Lebens tun. Sie haben sich
verwöhnt; sie sehen im gemeinen Leben keinen König, keinen Kaiser leiden, und
wer leidet so schön, als im Trauerspiel, wer so grossmütig! In der Tragödie
sieht man eine Sonne unter Wolken; drei Ungewitter begrüssen sich um sie herum,
und machen Allianz und verschwören sich. - Die Sonne aber, ihrer Grösse bewusst,
ruht, und dann und wann blickt sie auf, um die verwaisete, um ihre Königin
bekümmerte Erde zu trösten. - Da ist ja schon ein Trauerspielsanfang. - Wer in
der Comödie lacht, lacht auch im gemeinen Leben; denn wahrlich, wenn sie gut
ist, trifft sie die Welt bis auf Coloritskleinigkeiten. Wenn man sich sehen
lassen will, zieht man ein Feierkleid an. Wer will aber das Kleid, und nicht den
Mann?
HERR v. G. Und endlich, Pastor, da wir einmal im Schauspielhaus sind, hab' ich
gefunden, dass eine Tragödie im Lesen, eine Comödie in der Vorstellung gewinne.
PASTOR. Weil man zwar für sich tragisch und betrübt, nicht aber anders komisch
vergnügt sein kann, als in Gesellschaft. Eigentlich sollt' ein Lustspiel ein
Spiel sein, wo das Ende nach meinen Wünschen ausfällt, und so würd' auch manches
Trauerspiel ein Lustspiel werden.
HERR v. G. Liebster Pastor, Dank für Ihren Unterricht. Nun was aus dem
Roquelaurärmel.
PASTOR. Mannigfaltigkeit ist Reichtum.
HERR v. G. Ich glaube, der liebe Gott hat manches bloss der Mannigfaltigkeit
wegen gemacht.
PASTOR. Schwerlich, obgleich wir bei vielem keine andere Summe ziehen. Ich liebe
die Abwechselung, die Mannigfaltigkeit durch verschiedene Zeiten. Wer im Bett
immer auf einer Stelle liegt, schwitzt ohne Bezoarpulver.
HERR v. G. Wenn man immer auf einerlei bleibt, wird man stehend Wasser. - Das
glaub' ich sind, mit Ehren zu melden, alle Einsiedler und Weltflieher gewesen,
und sind es noch.
PASTOR. In der Welt ausserhalb der Welt sein, das ist Weisheit. Ein Diogenesfass
in der Vorstadt und nicht in der Wüste verdient den Namen Auditorium. Ein
beständiger Hunger nach Neuem ist eine Zeitungskrankheit, ein verdorbener,
verzärtelter Appetit. Eine Kriegslist gilt nur einmal, eine Medaille bezeichnet
einen Tag. Kann man aber nicht denselben Gegenstand von einer andern, und wieder
von einer andern Seite, und von tausend andern Seiten sehen, ihn durch und durch
ganz und gar sehen, und zeigt dies nicht mehr Scharfsinn, als immer einen neuen
haschen? Ein Gedanke, der an sich leicht und natürlich ist, den man endlich so
oft sagt, dass ihn der gemeine Mann gefasst hat, verliert von seinem Ansehen. -
Feine Irrtümer sind ein Reiz für die Eigenliebe, man will nicht offenbare
Wahrheiten, weil sie auf allen Strassen feil sind, man will Erkenntnisse; sind
sie gleich ungesund, wenn sie nur was kosten, und nicht gar zu gut Kauf sind. -
Darum von einem aufs andere.
HERR v. G. Darum die Liebe zum Seltenen.
PASTOR. Mit der Seltenheit ist's, wie mit dem Magnet, was mit ihm bestrichen
wird, zieht auch an. Ein Mensch, der viele Seltenheiten gesehen hat, wird auch
für selten gehalten.
HERR v. G. Man sieht ihn indessen bloss wie Meerwunder an, man will nichts weiter
als ihn sehen.
PASTOR. Man glaubt, er sei nur für Seltenheiten, und traut ihm nicht. - Noch
mehr! Je mehr Bekannte man hat, je weniger Freunde findet man. Leute, die sich
öffentlich zeigen, haben selten Busenfreunde. Wer das Publikum zum Freunde hat,
hat wenige oder keinen Privatfreund.
HERR v. G. Man glaubt, dass die Herzensflügeltüren eines solchen Menschen schon
zu oft auf- und zugemacht sind, als dass sie noch zusammenhalten könnten.
PASTOR. Bei Feierlichkeiten gehen die Menschen paarweise. Ich denk' Ein Weib und
Ein Freund - das übrige dient nur zur Folie.
HERR v. G. Ich glaube, Pastor, das weibliche Auge, das einen jungen Menschen zum
erstenmal electrisirt, ist sein Ideal der Schönheit, seine Venus, denn jeder hat
seine. Die Liebe kommt auf einmal, sie wohnt parterre. Die Freundschaft steigt
Treppen, und es gehören Jahre dazu, ehe ein Freund ein Freund wird. Ein Zorniger
und ein rasend Verliebter sind stumm, keiner kann erzählen, was ihm fehlt. Sehen
Sie, Pastor! ob ich nicht auch was weiss; über Freundschaft und Liebe könnt' ich
schon zur Not mitreden. Nun sind wir für mich an Ort und Stelle. Ich bin
Ehemann und Freund, beides wie es sich eignet und gebühret.
PASTOR. Die Liebe ist Natur, die Freundschaft Kunst. Nase und Augen sind Natur,
Stirn und Mund, und Hand und Fuss sind zu Kunst geworden. Gott hat den Menschen
aufrichtig gemacht; allein er sucht viele Künste. Wir sehen einem Menschen, den
wir wollen, ins Gesicht, vorzüglich in die Augen. Seine Affekte liegen auch im
Naturteil, und rings herum. Wer sich sehr verstellen kann, treibt sie nach
unten, und immer zugleich in Hand und Fuss. Fuss und Hand sind wie Mann und Weib
ein Leib; Fuss der Mann, Hand das Weib. Das Gesicht ist das Bild und die
Ueberschrift der Seele. Um den Mund herum liegt die Mienensprache, zu fordern
und abzuschlagen, um die Augen herum, zu bejahen und zu verneinen. Dies ist die
verehrungswürdigste Sprache, die alle Welt versteht, die auch ein guter Teil
Tiere fasst. Mein Gott! Warum lernt man sie nicht mehr?
HERR v. G. Sie würd' uns das Herz abstossen. Das ABC, was wir haben, ist schon so
herzbrechend.
PASTOR. Es würde aber viele Kunst dazu gehören, um diese Natur auszuspähen. Ihre
Probe wäre, dass sie von aller Welt gleich verstanden würde.
HERR v. G. So hat sie ja eine gleiche Probe mit dem Guten, nicht wahr? Da muss
auch das Urteil allgemein sein? beim Schönen nicht. Was die Sonne am Himmel,
das ist das Auge dem Menschen; indessen hab' ich gefunden, dass die Grösse nicht
immer gleich ist; ich selbst hab's bald gross, bald klein - oft Augenfinsterniss.
PASTOR. Wenn die Augenlider weiter aufgetan sind als gewöhnlich, ist der Mensch
heiter - froh. Wenn er einen grossen Gedanken fasst, sind die Augen nur halb
offen, zum Zeichen, dass dieser Gedanke von innen komme, und dass man ihn da gern
sehen möchte, wenn's möglich wäre.
HERR v. G. Aber wieder was von der Liebe, Pastor, mir zur Ehre, denn da habe ich
Sitz und Stimme. Was ist hübsch?
PASTOR. Was ohne Reiz gefällt. Viele Mädchen haben Reize, die nicht hübsch sind
- bei einem hübschen Mädchen ersetzt die Natur, die Geschlechterneigung, das
Fehlende. Reiz gehört zur Liebe. Rührung zur Furcht, zur Achtung.
HERR v. G. Ich glaube, das andere Geschlecht ist nie so hässlich als das unsrige:
wer die Hässlichkeit nicht verzeichnen will, muss eine Mannsperson wählen, und
doch flieht alles ein altes Weib. Einem alten Mann gibt man eher die Hand; wie
kommt das?
PASTOR. Man vergleicht ein Weib mit Weibern, kein Wunder, wenn es verliert. Man
lasse aber einen alten Kerl Weibskleider anziehen, wir bleiben länger bei Odem.
Es geht uns länger nach der Männerweise, als ihnen nach der Weiberweise. Der
Mann ist in einem Stück ganz gemacht, das Weib ist zusammengesetzt. - Es ist mit
Deckel und Schraube.
HERR v. G. Kein Wunder also, dass es ein starkes und schwaches Werkzeug ist.
PASTOR. Sie haben Recht, in der Ehe ist der Mann gegen das Weib stark und
schwach, wie man's nimmt. Dass er physisch stark gegen sie ist, zeigt der
Augenschein; allein wer gibt nach?
HERR v. G. Ein gemeiner Mann schickt seine Frau, so oft es zu reden gibt.
PASTOR. Weil die Weiber eine natürliche, zum Herzen gehende Beredsamkeit
besitzen, und an wen schickt er sein Weib ab? an Männer. Gewiss kommt aber der
Mann selbst, wenn z.B. die gnädige Frau eine Wittwe ist, und den Gütern
vorsteht. Eine gesunde gute Saat ist nicht hinreichend, es muss auch ein gutes
Land sein, wohin sie gestreut wird.
HERR v. G. Das lässt sich hören. Die Geschlechterneigung kömmt also mit in die
Erklärung, und in tausend Fällen ist sie die Feder, die das Werk regiert. Warum
aber, Pastor, sind die Weiber stolzer wie die Männer? Meine ist es auf eine
übertriebene Weise, aber im Grunde sind sie es alle.
PASTOR. Weil ihr Rang sehr zweideutig ist. Der Fürst ist gegen einen Grafen
stolzer als gegen einen Edelmann. Ist des Mannes Rang dazu auch zweideutig, ist
er z.B. ein neuer Edelmann, so ist ihr Stolz gränzenlos.
HERR v. G. Warum putzen sich die Weiber, wenn sie gleich schon an sich gefallen?
PASTOR. Nicht unsertwegen. Gegen Männer brauchen sie ihre natürlichen Waffen;
andere ihres Geschlechts zu verdunkeln, andere zu überglänzen, darum der Putz.
HERR v. G. Pastor! das nenn' ich fragen und antworten wie gedruckt! wie
abgeredt! und eben so als ein Buch, das frag- und antwortweise abgefasst ist. Was
ich über die Liebe gelesen und gedacht habe, ist viel; was ich getan habe, ist
wenig. Man denkt und liest von dieser Art das meiste in blanko (ich bin ein
halber Kaufmann, das hören Sie wohl, ich handle und wandle wie wir eurische
Cavaliere alle handeln und wandeln -). In blanko, wahrlich in blanko, denn wie
es zum Ausfüllen kam, fand sich's, dass meine gnädige Hausehre eben nicht erdacht
und erlesen war! Sie könnte besser sein, - Pastor! dafür steh' ich del credere
(da ist wieder der Libauer Kaufmann), dass man ohne Teorie heiraten müsse. Nur
um des Himmels willen kein dummes Weib, denn wie die Mutter, so die Söhne, wie
der Vater, so die Töchter.
PASTOR. Nicht allemal.
HERR v. G. Mutatis mutandis. Etwas ist immer da.
PASTOR. Eher haben die Grosseltern auf den Geist der Grosskinder Einfluss, auch der
Leib ist mehr der Grosseltern Abdruck. Hierüber habe ich Bemerkungen von
besonderer Art gemacht. Oft ist der Körper auf ein Haar die Mutter, die Seele
aber der Vater und umgekehrt.
HERR v. G. Mein Sohn - Zu mir. - den ich Ihnen empfehle, er selbst wird es
schwerlich - ist die Mutter in meinem Jagdrock. - Der Jung' ist nicht ich. Was
ist zu machen? Die Welt ist nicht die beste.
PASTOR. Die beste -
HERR v. G. Noch eine Frage, Pastor! warum ist meine Frau geizig?
PASTOR rückhaltend. Gehorsamer Diener!
HERR v. G. Warum sind die Weiber allzumal geizig?
PASTOR. Weil sie selbst nichts erwerben, und von Zinsen leben. Jedes Zinsenleben
ist vom Geiz begleitet.
HERR v. G. Die Schlussfrage Wir hörten die Kommenden. warum sprechen Sie nicht Zu
mir. mit?
ICH. Weil ein junger Mensch in Gesellschaft der Alten nicht anders als Secretär
ist, der aufschreibt.
  Da sehen meine Leser, wie es zugegangen, dass ich so viel behalten habe. Erst
Sekretär! dann Rat! So geht es in allen gesitteten freien Reichsstädten. Jetzt
   wird es grosse Lücken geben. Ich kann nur wieder sagen, was ich gehört, und
wiederholen, was ich selbst dazu beigetragen habe, also je nachdem ich gegangen,
               je nachdem ich gestanden, je nachdem ich gesessen.
Da ist der Herr v. W., seine Frau, ein kleines Fräulein. Mein Herr
Schwiegervater, reitend beim Wagen, den Hut alle Augenblicke unterm Arm. - Herr
v. G - und sein Haus, ihnen entgegen. Mein künftiger Herr Reisegefährte und sein
Herr Hofmeister, die sich nicht lang mehr haben werden, schliessen sich an. -
Noch eine Ladung, und noch eine! noch eine! - ich armer Schreiber! wenn es
anginge, wünschte ich Diensterlassung. Für ein so grosses Kollegium hat mich die
Natur mit zehn Fingern zu wenig ausgerüstet. - Meine Leser (ich werde mich
protestando verwahren), werden finden, dass ich getan, was ich gekonnt.
                                   Im Zimmer.
HERR v. W. Um Verzeihung, Herr Bruder, dass ich dem Herrn Bruder noch einen Gast
mitbringe.
HERR v. G. zum HERRN v. W. Bei mir hat gebetener und ungebetener denselben Platz
- Zum Literatus. ich gratulire zum Hermann! Herr, alter Herr!
HERMANN. (So will ich von Stund an meinen vielbenannten oder namenlosen
Schwiegervater nennen.) Ich dank' untertänigst.
HERR v. G. Wie aber zum Hermann. Wie Saul unter die Propheten?
HERMANN. Des Zipperleins wegen -
HERR v. G. Das lass' ich gelten.
HERMANN. Der edeln Musica halber.
HERR v. G. Das lässt sich hören. Sonst war der rechte Hermann ein frommer stiller
Mann, aber der alte Herr ist ein geborner Hofschranze von Kindesbeinen an
gewesen.
HERMANN. Ich bitte untertänigst um Vergebung, ich habe oft zu sehr die Wahrheit
geliebt, ich habe sogar die Ehre gehabt, Märtyrer der Wahrheit zu werden.
HERR v. G. Hier! Herr Hermann, hier ist Pulver auf die Pfanne - ich weiss, Sie
mussten zum Beispiel drei Tage und drei Nächte wachen.
HERMANN. Der reinen Wahrheit wegen. Ew. Hochwohlgeboren haben die Gnade, mich
recht zu gelegener Zeit daran zu erinnern, oder wie Sie es zu nennen geruhen,
mir Pulver auf die Pfanne zu reichen. Ich setzte dem Herrn v. - eine
Grabschrift: Hier schläft ein Mann, der nie gewacht hat; höchstens tat er, als
wacht' er. Genau genommen sprach er im Traum. Wanderer, bete für ihn, sonst
verschläft er den jüngsten Tag.
HERR v. G. Wahr, allein warum wahr? weil der Todfeind des Herrn v. - dem
Grabschriftsteller wohltat. Wie oft, lieber alter Herr, haben Sie sich auf den
Mund geklopft, und sich eine Palinodie recantatio und Widerruf gefallen lassen
müssen, so was geschieht nicht salva fama. Herr! Sie waren klug genug, die
Lebendigen leben zu lassen, Sie trieben nur Mutwillen an den Todten! indessen
fand sich doch noch hie und da ein Grabrächer, und Ew. Hochedeln mussten, ihrer
Grabschriften ohne Censur wegen, den selig Verstorbenen ehrenerklären. - Ei,
denken Sie noch an Ihre selbsteigene Grabschrift: Das nenn' ich Retorsion und
Beleg zu der güldenen deutschen Regel: Auf eine Lüge eine Maulschelle.
                        »Hier wacht der lebendig Todte.«
HERMANN. Die Zeiten sind gottlob! vorbei.
HERR v. G. Zu Grabschriften freilich, allein Sie waren, wie ich merke, erst mehr
ein Fechter, jetzt mehr ein Tänzer. Wenn ich wie mein Schwager v. W - wäre, ich
würd' Ihnen die Bücklinge abgewöhnen - und dann würden Sie ein brauchbarer Mann
sein! allein mein Schwager liebt die Höflichkeit - die Schmeichelei - wie soll
es heissen?
HERR v. W. Höflichkeit und Schmeichelei sind zwei unterschiedene Dinge.
HERR v. G. Herr Bruder! da kommen wir in zehn Jahren nicht von einander. Ich
weiss, bei dir macht die Seele mit dem Leibe, und der Leib mit der Seele
Umstände. - Du sagst zu dir selbst, wenn du allein im Walde bist und niesest,
Gott helf! und wenn das Echo nachsagt: Gott helf! sprichst du, ich bin ergebenst
verbunden; wenn du dich am Baum stössest, bückst du dich mit den Worten: ich
bitte tausendmal um Vergebung. - Das ist einmal deine Weise: Gott helf dir mit
dem Petrus an der Himmelstür aus einander! Was darf aber Herr Hermann
accompagniren? und sich wie eine Klinge biegen, die man probirt?
HERMANN. Ich bitte untertänigst um Verzeihung.
HERR v. W. Ich nicht - ich fordere dich auf deine eigene Klinge heraus. Klingen,
die sich biegen, springen die wohl? Herr Hermann, richten Sie sich nach der
Jahreszeit. - Beim Herrn v. G. - ist alle Mühe vergebens. Glaub mir, Herr
Bruder, du verfehlst deinen Zweck - du willst ein Deutscher sein; die deutsche
Sprache ist dir eine Fundgrube, und du erniedrigst sie. Wo ist eine, in der mehr
Samen zur Höflichkeit keimt?
HERR v. G. In meiner deutschen Sprache nicht.
HERR v. W. So sprichst du die curländisch-deutsche, das ist, eine Sprache, die
man so gut, wie die curische, undeutsch nennen könnte.
HERR v. G. Wenn du behauptest, die deutsche Sprache sei höflich, so behaupt'
ich, sie sei grob, wenigstens ist sie beides in gleichem Grade. So lange das
verdammte Wort Dero drin ist, hat das Genie einen Todfeind in der Sprache.
Entweder alles Sie, oder alles Du, sonst - dass Euch der Teufel mit Ew.
Hochwohlgeboren -
HERR v. W. Herr Bruder, das ist noch der einzigste Beweis, dass wir der Deutschen
Nachbaren sind - sonst wären wir Barbaren, in diesem verfluchten Du-Lande.
HERR v. G. Wir sollten hier in Norden kurz sein. Die Worte frieren sonst im
Munde.
HERR v. W. Und ich denk', in Süden hat man nicht Lust, den Mund zu bewegen.
Reden ist eine Bewegung.
HERR v. G. Es kann sein; indessen ist die Bewegung, die Ew. Hochwohlgeboren sich
dabei machen, höchstens stubenlang. - Du bleibst immer auf einer Stelle. Man
sagt von den Seeleuten, wenn sie sich gleich Landgüter von vielen Meilen kaufen,
dass sie nur so weit spazieren gingen, als ihr Schiff lang war. - Du sprichst,
wie die Seeleute gehen.
PASTOR. Indessen ist die Bewegung dieselbe. Der Mensch nimmt zwar gern einen
entfernten Ort, wohin er gehen will; dieses Ziel leistet ihm Gesellschaft. - Er
unterhält sich mit ihm, er fragt es: werd' ich bald da sein? - Geht er mit
Freunden und Freundinnen, geht er wie der Schiffsmann; denn die Gesellschaft ist
Seelenbewegung, die geht über die körperliche. Sonst aber glaub' ich, je weiter
das Ziel, desto entschlossener der Kopf. Auch bei Erholungen will man Zweck.
HERR v. W. Da siehst du, Herr Bruder -
HERR v. G. Dass Ew. Hochwohlgeboren keinen entschlossenen Kopf verraten.
HERR v. W. Einen Admiralskopf -
HERR v. G. Der sein Schnupftuch vorhält, und sich Segel macht, wenn er zu Pferde
steigt.
HERR v. W. Das allgemeine Du in Curland ist und bleibt mir unerträglich; alles
ist Bruderherz und Du.
HERR v. G. Das Menschlichste, was ich weiss.
HERMANN. Ich mache mir Bedenken, den Hund eines alten Edelmanns zu dutzen.
HERR v. G. Und der Hund eines alten Edelmanns ist erkenntlich, und dutzt auch
nicht. - Herr! um Ihnen ganz deutsch zu sagen, Sie sind -
                                     * * *
Schade! - der junge Herr von G - nahm mich, und wir gingen im Garten eine grüne
                 Strasse auf und ab, wie ein Paar Schiffsleute.
                                   Im Garten.
DER JÜNGERE HERR v. G. Jagen Sie?
ICH. Nein.
DER JÜNGERE HERR v. G. Was werden Sie denn auf der Universität machen?
ICH. Studiren.
HERR v. G. Ich, jagen und studiren. Man wird doch wohl einen akademischen Jäger,
einen Nimrod treffen, der Jagdcollegia liest. Fechten und Jagen ist gut, Jagen
ist der Mittelpunkt. Ich wünschte, der Vater gäbe mir den Satan mit.
ICH. Den Satan?
HERR v. G. Den grossen Jagdhund. Ich hab' ihn so benannt.
ICH. Ich bin kein Jagdfreund, ich werd' es nie sein. Man lernt da auf Unschuld
anlegen und zielen, und meuchelmorden.
HERR v. G. Essen Sie kein Wild?
ICH. Gern - ich lass' aber das Jagen, wie das Schlachten und Kochen, andern
über. - Mein Vater sagt, jede Köchin sei grausam. Das Kochhandwerk ist ein
Handwerk für Männer, die sich auch, sobald es ins Grosse geht, nicht von ihrem
angebornen, ihnen angestammten Recht abbegeben. Jagen und Kochen, denk' ich,
sind sehr nahe verwandt.
HERR v. G. So weich, und haben Krieg geführt?
ICH. Um meinen Arm auszuarbeiten. Hätt' ich einen göttlichen Beruf gehabt,
Soldat zu werden, zum ersten Schlage würd' ich nicht sein, allein zum zweiten
Herr v. - wie der Donner auf den Blitz. Hätte mein Vaterland den ersten Schlag
erhalten, wär' ich verbunden gewesen, es zu freien - und zu Kopf, zu Händen und
zu Füssen hätte der Mut heraus gewollt. - Im gemeinen Leben muss man oft
erweichende Mittel brauchen; im Kriege würde man uns darüber als Narren
auskrähen, wenn wir die Segel streichen liessen. Der Feind heisst Legion; ihrer
sind viele.
HERR v. G. Ich schiesse nichts, was nicht vor den Schuss läuft.
ICH. Das sind Jägergrundsätze; ein laufender Feind ist keinen Schuss Pulver
wert. Im Kriege muss man schiessen, was steht.
HERR v. G. Das liess' ich brav bleiben! ich würde das Spiel durchsehen, fänd' ich
es zweifelhaft, was ist natürlicher, als die Karten zusammen zu legen.
ICH. Das heisst laufen.
HERR v. G. Mag es doch.
ICH. Ich würde kein Menschenjäger, sondern Soldat, Held, wenn Sie wollen, würd'
ich sein. In der Hölle muss man nicht Waffenstillstand machen, sondern auf den
letzten Mann steuern und wehren. Wäre noch ein Mittel, den Teufel zu bekehren,
wär' es dies; ich habe Krieg gespielt, aber nach dem Leben.
HERR v. G. Und ich bin wirklich auf der Jagd gewesen, und habe manchen
Wildbraten bereitet. - Lasst uns Brüderschaft machen!
ICH. Wir dienen nicht Einer Fahne - unsere Herzen schlagen nicht einerlei
Wirbel; indes auf's näher kennen, Bruder! -
HERR v. G. Bruder!
ICH. Die Hand!
HERR v. G. Die Hand! - Mich dünkt, ich werde Soldat,
ICH. Ich nicht Jäger.
HERR v. G. Ich fühl' Herz! Mich sollte wer anheulen.
ICH. Du red'st vom Wolf, Bruder!
HERR v. G. Beleidigen, wollt' ich sagen! ich wollt' ihn! - Herr Bruder, du wirst
mich nicht verlassen.
ICH. Ich merk's, noch hab' ich dir nicht Mut genug in die Hand geschlagen.
HERR v. G. Auf einmal kann's nicht kommen.
ICH. Das Herz immer auf einmal. Das weiss ich, Bruder! - Ich hab' zwar nicht von
unten auf gedient; allein ich hab' mich von unten auf gedacht, und als Alexander
oft gemeine Dienste getan. Wenn ein Feldherr nicht gemeiner Kerl sein kann, ist
er nicht des Ordens wert. - Er wird nicht wie ein Ruderknecht schreien, nicht
betäuben; allem er wird ein gemeiner Kerl zum Malen werden. Er wird ihn
allerliebst machen; es sein, darf er nicht.
HERR v. G. Ich hab' gehört, dass ein General, der schon im Felde gewesen, nicht
mehr so viel Herz habe. - Junge sollen die besten sein.
ICH. Junge kennen vielleicht die Gefahr nicht, und da sie schon
Heldenphysiognomien kennen, so verzagen sie, sobald sie Züge davon entdecken.
Blindhereinhauen ist ein Kunstwort, und ein wahres Wort.
HERR v. G. Eine Jagd, Herr Bruder, müssen wir noch zusammen machen, lieber heut'
wie morgen! Es wird dir gefallen.
ICH. Ich zweifle. Mir gefällt zweierlei: Kühe und Rinder auf einer Wiese. Das
ist der edle Friede, und eine Wiese voll wiehernder Pferde, das ist der edle
Krieg.
HERR v. G. Zur Probe, Herr Bruder!
ICH. Meinetwegen. Herr lass weg - bei Bruder schickt es sich nicht. Ich werde
dich so nicht nennen; Bruder ist kein Herr; Herr Bruder ist halb Bruder. Pfui!
über halb! -
Die Gesellschaft hatte sich während dieser Zeit in den Garten verfügt, und ging
                            an uns paarweise vorbei.
                         Der Herr v. W. und mein Vater.
                          Der Herr v. G. und Hermann.
   Ich kann also nur wieder erzählen, was ich beigehend vernommen. Mein Vater
 pflegte zu sagen: Man hört im Sitzen besser, man sieht im Stehen schärfer, im
                   Gehen ist Ohr und Auge nicht zuverlässig.
DER JÜNGERE HERR v. G. Wann, Bruder?
ICH. Auch heute Nachmittag. - Du kommandirst bei der Jagd.
DER JÜNGERE HERR v. G. Du bist Gast.
HERR v. W. Ehre dem Ehre gebührt.
PASTOR. Wenn man nur nicht am Ende glaubt, ein verbindliches Wort sei die Tat
selbst. Wünsche müssen kommen, wenn unser Vermögen zu helfen aufhört. - Todten
muss man wünschen.
HERR v. W. Warum soll man aber nicht Canel auf die Grütze streuen, und seine
helfende Hand mit einem weissen Handschuhe bekleiden, den Wein mit Zucker und
Pomeranzen veredeln, und Butter aufs Brod streichen.
ICH. Wo ist denn dein Hofmeister?
DER JÜNGERE HERR v. G. Unbeschwert, sag' gewesener.
ICH. Vater bleibt Vater.
DER JÜNGERE HERR v. G. Bruder, du würdest doch nicht leiden, dass dein
Fibelrektor dich bis an dein Lebensende meistern sollte?
ICH. Das tut auch kein Vater einem Sohne, der in gewissen Jahren ist.
HERMANN. Und stellte in aller Einfalt und Kürze, »Gott gebe,« setzt' er hinzu,
»zu aller Seelen Erbauung und Besserung,« vor:
                          »Die beste Kur des Podagra.«
    Im ersten Teil: Der Patient muss, wie der Gichtbrüchige im unserm Evangelio,
        einsehen, dass er aus sündlichem Samen erzeugt sei; er muss zweitens
        Vergebung suchen, und drittens aufstehen und wandeln.
HERR v. G. Ich hatte nicht Kirchenpatron sein sollen.
HERMANN. Witz ist wie ein Aal, er windet sich heraus.
HERR v. G. Ich hätt' ihn schon gehalten. Man wird doch wohl in der Gemeinde mit
Ehren die Gicht haben können?
DER JÜNGERE HERR v. G. Auf den ersten Gegenschlag kommt viel an.
ICH. Alles, Bruder. Eine Hauptregel beim Kampf. Gib zuerst den guten Wein, und
wenn dein Gegner trunken, den geringern. Der erste Schlag ist die erste Frage
beim Examen. Die erste Antwort entscheidet.
DER JÜNGERE HERR v. G. Ich denk' immer, Bruder, ein Armer ist allein herzhaft.
ICH. Hat er denn weniger zu verlieren als ein Reicher? Leben ist Leben! - Zu
viel Herz macht kühn, zu wenig Herz macht desperat. Der Kampf ist in beiden
Fällen blutig.
DER JÜNGERE HERR v. G. Ein General hat das beste Teil erwählt. Er ficht nicht
allein; er weiss, wer ihn umgibt. Das möcht' ich sein!
ICH. Ein Adler fliegt allein, Bruder. Küh' und Schafe gehen zusammen. Ein
General ist der Hahn, der die Veränderung des Wetters zuerst merkt, der den Ton
angibt. Meine Mutter meint, der Hahn, der zuerst kräht, sei der Superintendent
unter den Hähnen. Der Generalstitel steht dem Hahn besser an. Hiemit genug vom
Mut. Es sieht trasonisch aus, viel über den Mut zu sprechen. Der Mut hat
seine Teorie; er fängt mit der Praxis an und hört mit der Teorie auf.
DER JÜNGERE HERR v. G. Bruder, du red'st wie ein Buch. Was ist trasonisch?
ICH. Prahlhänsisch. - Kein Wort vom Mut mehr.
DER JÜNGERE HERR v. G. Meinetwegen.
HERR v. W. Die Art, Geschenke zu machen -
PASTOR. Das hab' ich nie geläugnet. Es ist der Schlüssel zum geheimsten
Herzenskämmerlein; der eine drückt in die Hand, der andere legt es unvermerkt
auf den Tisch; dieser gibt in Papier gewickelt, der in Geld, der in Geldes
Wert; dieser wird rot, der blass - der steht freundlich aus, der als ob er im
Spiel verloren, der andächtig, als wenn er etwas in den Gotteskasten legt, und
vom lieben Gott einen Wechselbrief entgegen nimmt, oder ihn bezieht, der als
wenn er die Musikanten bezahlt und von ihnen erwartet, dass sie ihm den Dank
vorgeigen möchten. Jeder Griff bei allen diesen Arten ist aus dem Herzen
genommen. Wenn ich einen Menschen gesehen ein Geschenk geben, so müsst' ich mich
sehr irren, wenn ich seinen Charakter nicht auf ein Haar treffen sollte.
HERR v. W. Also die Manier, der Anstand, die höfliche Art - Herr v. G. - würde
das Geschenk an den Kopf werfen.
PASTOR. Vielleicht edler, als es mit überdachten Worten geben, und den Nehmer
noch in mehr Schuldigkeit setzen - die höfliche Art macht es nicht.
HERR v. W. Ei! Ei! Herr Pastor - die Höflichkeit ist zu allen Dingen nütze.
PASTOR. Die Gottseligkeit, wollen Ew. Hochwohlgeboren sagen.
   Diese beiden Leute schieden sehr höflich auseinander, und so wie Wasser zu
              Wasser, so flossen Herr v. W. und Hermann zusammen.
DER JÜNGERE HERR v. G. Wirst du viel Bücher mitnehmen?
ICH. Sehr wenig. Ich bin sehr für geliehene Bücher. Hat man selbst das Buch,
glaubt man: ein andermal. Man sieht es im Schranke und denkt: wenn ich
gelegenere Zeit haben werde. Ein Bibliotaphus, ein Büchergeiziger, ist, nach
meines Vaters Ausdruck, ein Teufel, ein Seelenverderber.
DER JÜNGERE HERR v. G. Wenn man ein Buch leiht, sagt mein Hofmeister, ist es am
sichersten, sich Auszüge zu machen; ich glaub', es hilft dem Gedächtnis.
ICH. Einerlei, ob das Buch oder der Auszug sanft im Schranke ruht. Ich bin für
keinen Auszug.
DER JÜNGERE HERR v. G. Ein Rückhalt, Bruder, ist eine gute Sache. Wenn man es
vergisst -
ICH. So ist das Buch da. Auszug, wenn er ja den Namen verdient, ist eine Brühe.
Ich bin nicht für Brühen, solang ich gesund bin.
HERR v. W. Ich leide keine Uebertreibung. Einem Kinde, was todt auf die Welt
kommt, den Verstand ansehen wollen, find' ich zu hoch geflogen.
HERMANN. Wenn es indes die Züge des Vaters hat, und der Vater -
ICH. Manches Buch soll uns nur die Stirn lichten - von manchem dürfen wir nur
die Taler Alberts behalten. Ist es nötig, dass ich etwas bis auf Ort und
Vierding weiss, kauf' ich mir das Buch, um mir nachzuhelfen, um einen Stab zu
haben, an dem ich gehe.
DER JÜNGERE HERR v. G. Erst Gewehr, dann Bücher. - Leib und Seel', sagt alle
Welt, und nicht Seel' und Leib.
ICH. Beim Edelmann Leib und Seele, beim Literatus Seel' und Leib, wenn es gleich
wider den Redegebrauch ist.
HERR v. G. Je reiner und dünner die Luft, hab' ich wo gelesen, je feiner die
Köpfe.
PASTOR. Mich dünkt, zu schönen Künsten; zur Philosophie ist rauhe Witterung die
beste. Man ist an Schwierigkeiten und an Unerschrockenheit und Stärke, sie zu
überwinden, gewohnt, und Schönheit gehört unter einen sich immer gleichen
Himmel; man zieht nicht das Gesicht vor Kält' und Wärme; man kämpft nicht mit
seinen Gesichtsmuskeln. Frauenzimmer, die in Einer Luft bleiben, haben eine
schöne Haut. - Mustern Sie in Curland gemeiner Leute Köpfe, werden Sie wohl
einen Bauernkopf finden, der in ein historisches Gemälde passe? Ich kenn' ein
Volk, wo ich alle Götter und Göttinnen des Altertums in kurzem zu finden wetten
will. Haben Ew. Hochwohlgeboren in Curland auch nur einen Venuszug gesehen? Eben
so wenig ist ein Altarstück, ein Marienzug zu haben. Was ich in Curland von
Schönheit bemerkt, schränkt sich auf den Wuchs ein. Schönheiten für Bildhauer,
allein für Maler nicht.
HERR v. G. Wenn alles bei kleinen Leuten proportionirlich ist, kann man ihnen
den Ehrennamen schön nicht absprechen.
PASTOR. Kein Zweifel, und so auch mit wohlproportionirten Erkenntnisskräften -
und die Anwendung? -
             Sie bogen sich so, dass ich keine Sylbe haschen konnte.
HERR v. G. Ich will nicht vorurteilen; aber dass die Leute im demokratischen
Staate klüger sind als im monarchischen, Pastor, das müssen Sie zugeben.
PASTOR. Gern - weil sie an der Regierung teilnehmen, weil sie mitsprechen. In
England gibt es einen sehr klugen gemeinen Mann, und das machen die Zeitungen.
Dies Staatsmittel könnt' auch im monarchischen Staate probirt werden.
HERR v. G. Im monarchischen Staate gibt's keine Zeitungen. - Wenn die Regierung
Zeitungen schreiben lässt, sind es Seifenblasen, womit die Kinder in der Sonne
stehen.
                    Sie blieben eine Weile auf einer Stelle.
ICH. Bibel und Gesangbuch nimmst du doch mit?
DER JÜNGERE HERR v. G. Ja, die Bibel hab' ich vom Vater, das Gesangbuch von der
gnädigen Mutter.
ICH. Warum gnädige?
DER JÜNGERE HERR v. G. Es ist mir zur andern Natur. Meine Mutter wollte durchaus
gnädig heissen.
ICH. An gnädig erkenn' ich sie. Eine gnädige Mutter, Bruder, ist ein Unding. Bei
Bibel und Gesangbuch seh' ich deinen Vater. Bibel und Gesangbuch muss man sich
nicht kaufen, sondern von den Eltern haben, und eben so wie du, so auch ich,
Bibel vom Vater, und Gesangbuch von der Mutter.
DER JÜNGERE HERR v. G. Dein Vater und der meinige -
ICH. Sind wie Herz und Seele gegen einander.
DER JÜNGERE HERR v. G. Dem Vater Seele, der meinige Herz. Nicht wahr?
ICH. Beide Seel' und Herz.
DER JÜNGERE HERR v. G. Dieser mehr Herz, jener mehr Seele.
ICH. Sie waren vieljährige Freunde; sie schieden sich, wie mein Vater sagt, von
Tisch und Bett, allein ihre Herzen blieben gebunden.
DER JÜNGERE HERR v. G. Wir wollen uns nie von Tisch und Bett scheiden. Kommen
wir von Universitäten, wirst du mein Pastor, und dann wollen wir leben wie auf
der Universität - du studiren! ich jagen.
HERR v. W. Es ist ein Cavalier.
HERMANN. Das ist die Sache.
HERR v. W. Und mein Schwager.
HERMANN. Das ist die Hauptsache.
HERR v. W. Es scheint unhöflich. Doch wie der Ast, so der Hieb. Man muss sich
über den Herrn v. G. wegsetzen.
HERMANN. Kriechend zu mir?
HERR v. W. Ich hätte Worte mit Hänkelchen? Traget die Groben, weil ihr höflich
seid. Es sind, unter uns gesagt, manche Ausdrücke in der Bibel, die nicht auf
unserer Seite sind.
DER JÜNGERE HERR v. G. Wenn ich das Wort Schreck höre, empfinde ich es. Was
wollte dein Vater gestern Abend damit sagen, dass der Schreck der Anfang zu allen
Leidenschaften sei?
ICH. Schreck, sagt' er, ist die Vorbereitung, das Präludium zu allen heftigen
Affekten, und das ist wahr. Hast du dich je recht sehr über eine Sache erfreut,
ohne dass du vorher erschüttert warst? Alle heftigen Leidenschaften sind wie ein
kaltes Fieber, Frost, Kälte, dann Hitze.
DER JÜNGERE HERR v. G. Du hast es besser behalten wie ich.
ICH. Er führte Beispiele an, dass Leute vor Freuden gestorben wären, und dass kein
grosses Loos in der Lotterie, ohne den Gewinner auf eine kleine Zeit
zurückzusetzen, von jeher gewonnen sei. Der Mensch, sagt' er, traut sich nicht
recht die Freude in dieser Welt zu. Er besinnt sich erst, ob er ihr sein Herz
öffnen, ob er sich freuen könne. Er lässt sie von hinten und verstohlen ein.
Seine Freude scheint eine Entfernung des Schmerzes, und wer lässt einen alten
guten Freund ohne Bewegung von sich?
DER JÜNGERE HERR v. G. Du hast ein königliches Gedächtnis.
ICH. Ein gemeines, aber vortreffliches Beiwort.
DER JÜNGERE HERR v. G. Es ist von meinem Vater - Aber was dein Vater vom
Vergnügen und Schmerz anmerkte -
ICH. Weiss ich auch. Er widerlegte sich selbst. Er glaubte, Vergnügen sei die
Empfindung von Lebensbeförderung, und Schmerz Empfindung von Lebenshinderniss,
und wenn es schon so weit gekommen wäre, dass man die Lebenshindernisse nicht
überwinden und das Feld behalten könnte, meint' er, sei Vergnügen die Kunst,
sich selbst von sich zu entfernen, die grosse Kunst, nicht an sich zu denken.
DER JÜNGERE HERR v. G. Ich bin noch im Schreck, in der Vorbereitung, denn bis
jetzt fass' ich's noch nicht.
HERR v. G. Was meinen Sie, lieber Pastor! wenn wir nur negative weise und gut
sind, ist es nicht schon viel, und sollte man nicht diesen Gedanken auszuüben
suchen?
PASTOR. Ich weiss nicht. Wissenschaften, die bloss Irrtümer widerlegen, sind,
wenigstens was mich betrifft, unangenehm. Der Mensch ist von Natur träge und
negativ, durch Grundsätze wird er tätig.
HERR v. G. auf den Herrn v. W. und Hermann zeigend. Licht und Lichtknecht.
    Alles lagerte sich auf einen Rasen, und war so still, dass man sah, was ich
oft gesehen. Die Natur behauptet ihre Rechte, sobald wir ruhig sind, sobald wir
Zeit haben sie anzuhören, sobald wir uns auf's Gras, ihren Lehnstuhl, setzen.
Alles verstummt und empfindet. Gott! warum fallen wir der Natur so oft unzeitig
in's Wort!
       Für uns, den jungen Herrn v. G. und mich, war kein Raum in diesem
 Naturaudienzzimmer. Herr v. G. der Jüngere ging zur gnädigen Mutter, ich einen
grünen finstern Gang - was ich hörte (ich konnte nicht bemerkt werden) will ich
                                 aufschreiben.
FRAU v. W. Und das Geld?
KLEINE. Verschenkt, gnädige Mutter.
FRAU v. W. Wem?
KLEINE. Einem bösen, bösen Jungen.
FRAU v. W. Damit er gut würde?
KLEINE. Ja, gnädige Mutter! damit er gut würde; er hatte dem lieben Gott einen
Vogel weggestohlen, den bot er mir zum Kauf an. Der Vogel schrie zum lieben Gott
(singen könnt' er nicht mehr) sehr ängstlich, und der Junge hielt ihn in der
Hand, und wollt' ihn nicht gen Himmel schreien lassen. Der Junge muss sich wohl
gefürchtet haben, dass der liebe Gott schelten würde. Es bezog sich, wo er stand,
als wären es Gewitterwolken.
FRAU v. W. Und du?
KLEINE. Ich gab dem Jungen das Geld und den Vogel gab ich dem lieben Gott
wieder. Es wurde gleich so klar, wenigstens mir vor den Augen, ich bildete mir
ein (sie sprang dabei), dass ich den lieben Gott sähe, wie er sich darüber
freute. Der Junge mag es wohl aus Not getan haben.
FRAU v. W. Das denk' ich auch.
KLEINE zur Begleiterin. Desto besser, dass ich dem Jungen alles gab.
EIN FRAUENZIMMER, DAS DIESE LIEBE KLEINE BEGLEITETE. Wir sind im Streit, Ew.
Gnaden. Das Fräulein gab ungezählt; so denk' ich, gibt man einem Bettler, allein
keinem Dieb.
KLEINE. Wer hat nun Recht?
FRAU v. W. Du nicht völlig, meine liebe Seele! Ei, wenn gleich wieder so ein
böser Junge mit des lieben Gottes Vögelchen gekommen wäre, und du hättest kein
Geld gehabt?
KLEINE. Dann wär' ich zu Ihnen gekommen, Gnädige!
FRAU v. W. Und wenn ich auch kein Geld hätte?
KLEINE. Ja, dann hätt' der liebe Gott den Vogel strafen wollen. Setzt man doch
auch Menschen in's Gefängnis.
FRAU v. W. Mit Recht, aber auch mit Unrecht. - Man muss nicht für sich, sondern
auch für andere sparen. Um mehr Gutes zu tun, kann man dingen. Gottes Geschöpf
- wer kann das bezahlen? Hätte der Junge den Vogel nicht minder lassen wollen,
wär's ein anders. - Was war's für ein Vogel?
KLEINE. Ich habe nicht gefragt, Gnädige! Ich weiss nur, dass es ein Vogel war, und
dass er fliegen konnte. Haben Sie's mich nicht gelehrt, man muss nicht nach dem
Namen fragen, wenn man Gutes tut. Sie hätten nur sehen sollen, der Vogel konnte
vor Freuden nicht recht fliegen! Er war betrunken, aber der Junge musst's mir
versprechen, ihn nicht mehr zu haschen.
FRAU v. W. Du hast gut hausgehalten. - Hier ist wieder Geld.
KLEINE. Dank, gnädige Mama! Ich glaub' es war eine Nachtigall.
DAS FRAUENZIMMER. Ich nicht.
KLEINE. Sehen Sie nur, gnädige Mutter! Lieschen ist dem Vogel nicht gut.
DAS FRAUENZIMMER. Seit der letzten Nachtigall im Garten ist ihr jeder Vogel eine
Nachtigall. Ew. Gnaden waren so gnädig zu sagen, Mensch ist Mensch, aber Vogel
ist nicht Vogel.
KLEINE. Wie sie den Vogel verfolgt! da hören Sie selbst, gnädige Mutter!
FRAU v. W. Kind, du hast eine Seele.
KLEINE. Die Ihrige, liebe Mutter!
FRAU v. W. Gott segne dich.
KLEINE. Auch Sie! liebe Mutter, auch Sie reichlich und täglich!
FRAU v. W. Aber, was meinst du, Kleine! Des Jungen wegen sollst du Lieschen
Recht geben. Sah er dir denn so bös aus, dass er eine Nachtigall dem lieben Gott
stehlen könnte?
KLEINE. Bös' wohl! aber freilich so bös' nicht.
FRAU v. W. Ich denke, Judas der Verräter hat in seiner Jugend die erste
gefangen.
KLEINE. Lieschen hat Recht - ich Unrecht! es war keine Nachtigall.
FRAU v. W. Also hat Lieschen Recht?
KLEINE. Recht! und ich Unrecht, ein so betrübtes Vögelchen, als eine Nachtigall!
o! wer kann das drücken - ich möcht' es gern trösten, wenn ich könnte.
FRAU v. W. Es scheint zuweilen, dass es sich selbst tröstet; als wenn es
schluchzt und wieder lacht.
KLEINE. Ja, Gnädige! und dann bin ich so froh! so froh! aber wie kann man im
Augenblick weinen und lachen?
FRAU v. W. Lachen und Weinen hat einerlei Züge, mein Kind! Sei darum auf die
Nachtigall nicht böse. Es ist weit leichter, dass Einer, der weint, lacht, als
Einer, der ernstaft ist. Wenn wir einen Betrübten zum Weinen bringen, haben wir
ihn bald zum Lachen - das trifft uns Weibchen mehr, als das andere Geschlecht.
                                     * * *
    Ich konnte nicht länger verborgen bleiben, und legt' es dazu an, dass wir
                                zusammenstiessen.
FRAU v. W. Der Garten ist schön.
ICH. Gnädige Frau! ich hab' ihn nirgend schöner gesehen, als im ersten Buch
Mose.
FRAU v. W. Da haben Sie ihn auch nicht schöner gesehen, sondern schöner gelesen.
ICH. Ich bitt' um Verzeihung, gnädige Frau, wenn ich die Bibel lese, seh' ich
alles, was ich lese.
FRAU v. W. Mich dünkt, ich sehe den Herrn vom Hause, wenn ich diesen Garten
sehe. Sein Ebenbild -
ICH. Jeder Garten, gnädige Frau! glaub' ich, ist des Eigentümers Ebenbild, oder
sollt' es sein.
FRAU v. W. Sollt! allein wer legt seinen Garten nach der Natur der Gegend und
des Landes an? - Ein Garten, der die Ehre gehabt, in's Geschrei zu kommen, ist
die Vorschrift zu zehn und zehn, zu fünfzig und fünfzig, zu hundert. Durch
Gärten kann man, denk' ich, noch weit eher, als durch Haus und Hof Geschmack
zeigen. Umstände sprechen hier mit, und die Mode hat keine Stimme.
ICH. Der beste Garten indessen ist ein Gefängnis, wenn er umzäunt ist. Das
Paradies war die Welt, und die Welt das Paradies.
FRAU v. W. Sind wir aber bestanden in der Wahrheit?
ICH. Die gnädige Frau sagen da einen grossen Gedanken! Der Sündenfall war der
erste Zaun.
FRAU v. W. Jetzt können wir schwerlich uns ohne Zaun behelfen. Er kann sich aber
allmählig verlieren - und dann lasse ich ihn gelten. Hecken sind mir weit
unausstehlicher.
ICH. Ein lebendiger Zaun!
FRAU v. W. Ein schönes Leben, das unter der Scheere des Gärtners steht. Mir
kommt jede Hecke wie ein Tanzboden vor, man lehrt die armen Bäume die Beine
gerade setzen, in die Quere treten, Brust heraus, und andere Possen mehr - und
wenn man noch dazu Hecken an seine Fenster anlegt, ist's mir völlig
unerträglich. Ich habe einen Amtmann, der sich eine Fensterhecke von einem armen
Feigenbaum gemacht hat. Die Kleine da sagte, der Feigenbaum sei ans Kreuz
geschlagen.
KLEINE. War er's denn nicht, Gnädige?
FRAU v. W. Ja, mein Herz.
KLEINE. Und ganz unschuldig?
FRAU v. W. Ganz.
ICH. Gnädige Frau, das Sprichwort:
Fische fangen und Vogelstellen
Verdirbet manchen Junggesellen.
erklärt mein Vater vom Herzen.
FRAU v. W. Und sehr richtig. Wer in der Jugend Vögel in die Festung bringt und
Fische anführt - wird ein Betrüger, und wenn es hoch kommt, grausam und -
ICH. Ich weiss nicht, gnädige Frau! ob ein Amtmann, der dem Feigenbaum Daumen
schraubt und ihn torquirt, es mit den Bauern nicht so zu machen Lust hat, als
mit dem Feigenbaum? - Dem Baum fehlt nur ein lebendiger Odem.
 Die gnädige Frau ward abgerufen, und ich sah mich mit der kleinen Fräulein an,
ohne dass wir alle beide mehr taten, als lächeln. Ich weiss nicht, wie das kommt,
dass junge Mannspersonen gegen Kinder so blöde sind! Frauenzimmer sind in diesem
Stücke dreister. Sie können eher an ihre Bestimmung denken, als es uns nach der
jetzigen Einrichtung erlaubt ist. Oft, wenn ich auf diese Art mein unschuldiges
 Minchen mit kleinen Kindern sich abgeben und spielen sah, fielen mir die Worte
             ein: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht
des himmlischen Vaters. Dass ich gegen eine grosse Dame nicht blöde gewesen, siehe
 oben. Das Daumenschrauben und Torquiren hätte ich unterwegs lassen können, wie
es mir gleich, nachdem ich's gesagt hatte, einfiel. - Die Frau v. W. kam wieder.
FRAU v. W. Was ist dir?
KLEINE. Liebe Mutter, da flog es - das Mückchen hat mir viel Blut abgezogen.
FRAU v. W. Ich hoff' auf eine gute Manier.
KLEINE. Nicht völlig, noch nie hat's mich so geschmerzt.
FRAU v. W. Bist du böse?
KLEINE. Nein, liebe Mutter! ich wünsch' ihr wohl zu bekommen.
FRAU v. W. Gut, mein liebes geduldiges Kind. Sehr gut! dein Bruder hätt' es
morden können, allein wir Frauenzimmer müssen keine Mücke tödten. - Wir sind zur
Geduld geboren. Verjagen höchstens.
KLEINE. Das wollt' ich schon, ich überwand mich doch.
FRAU v. W. Bist du nicht froh drüber?
KLEINE. Sehr froh.
FRAU v. W. So ist's immer, wenn man sich selbst was abgeschlagen hat.
KLEINE. Und nun sticht's auch nicht mehr.
FRAU v. W. Alles Leiden ist kurz, Mückenstich -
KLEINE. Im Himmel werden keine Mücken sein! Meinetwegen könnten sie - stechen
werden sie da nicht.
FRAU v. W. Gewiss nicht.
KLEINE. Und wenn auch, ich bin's gewohnt. Der liebe Gott helfe nur dann meinem
Bruder, der den Mückentodtschlag in der Hand hat.
                  Wir gingen, ohne zu reden, eine lange Weile.
FRAU v. W. Das werden späte Erbsen werden.
KLEINE. Die da ging eben auf, wie ich hinsah.
FRAU v. W. Das nicht, mein Kind! man sieht nichts aufgehen. Man sagt daher, Gras
wachsen hören; zum Sehen hat's keiner gebracht.
KLEINE. Die beiden dort sind, so wie mein Bruder und ich, nach der Grösse.
FRAU v. W. Sieh nur her, wie behutsam diese Aufgehende die Erde auf ihrem
kleinen Rücken trägt. - Sie hebt sie, sie ehrt ihre Mutter.
KLEINE. Das ist ihre Schuldigkeit.
FRAU v. W. küsste ihre Tochter herzlich.
                                     * * *
KLEINE. Sehen Sie doch, Gnädige, wie hoch der Baum ist. Der babylonische Turm
war wohl weit höher?
FRAU v. W. Weit.
KLEINE. Den hätte ich sehen mögen!
FRAU v. W. Ich auch!
ICH. Mein Vater erklärt ihn so: Gott wollte, die Leute sollten nicht
zusammenbleiben, nicht in die Höhe bauen, sondern in die Länge, und die Erbe
benutzen, die Gott ihnen angewiesen hatte.
FRAU v. W. Ich hab' oft gedacht: dadurch, dass sich die Menschen verteilten,
entstand die Verschiedenheit der Sprachen.
ICH. Wollte Gott, wir sprächen alle Eine.
FRAU v. W. Dann würden viele nicht in den Himmel wollen, so schön würd' es in
der Welt sein.
KLEINE. Des Turmes wegen muss ich auch französisch lernen!
FRAU v. W. Hast du Ursach', dich zu beklagen?
KLEINE. Nein, Gnädige! ich beklage nur Sie - und doch könnt' ich öfter
herumlaufen - wäre der babylonische Turm und das Französische nicht.
 Es war Mittag und alles fand sich von selbst zusammen. Frau v. G. - hielt bei
allem Hochdünkel sich nicht zu vornehm, die Tafel zu bereiten; die Küche nicht -
           und das steht keiner Dame an; höchstens einen Ueberblick.
FRAU v. G. Darf ich bitten -
HERR v. G. Was meinen Sie Zu meinem Vater. das sagt meine Frau guterzig und
allerliebst. Ich habe sie bloss dieses darf ich bitten wegen geheiratet. Ich
hall's ihr bloss nach, darf ich bitten. - Herr Bruder, Herr Pastor, Herr Bruder,
Herr Bruder, wie ihr alle steht.
FRAU v. G. Ich bitt' -
    Man ging Hand in Hand, ich mit der Kleinen v. W. - und (ich rede von der
  Tischgegend, wo ich war) wir sassen. Der Herr v. W. - (er hatte sich herunter
genötigt), gradüber wohlbedächtig Herr Hermann. Der Herr v. G. -, die Kleine v.
W. -, mein Vater, der junge Herr v. G. -, noch allerlei vom Unterhause und Ich.
HERR v. W. Alle Feierlichkeiten, Herr Bruder, gehen zuletzt auf Schmausereien
hinaus.
HERR v. G. Beim Tisch macht alles Friede, da verliert matt das Uebel und das
Gute empfindet man lebhafter.
HERR v. W. Ich glaube, dass man nach Beschaffenheit des Gemüts auch den Tisch
einrichten müsste.
HERMANN. Und ihn mit Cypressen oder Myrten bestreuen.
HERR v. G. Ich nicht! jeder Tisch muss fröhlich sein, wir müssen mit Danksagung
empfahen und zu uns nehmen, und uns auf Gott verlassen lernen.
PASTOR. Alles, was gross ist, geschieht bei Tische. Das Paradies ging bei Tische
verloren, Monarchien und Regenten entstanden und gingen unter bei Tafel; alle
Ehen werden im Himmel und bei Tische geschlossen. Jemanden zu Tische bitten, ist
die feinste Art zu bestechen; hat man den Revisionscommissarien nur einmal zu
essen gegeben, ist das Spiel gewonnen. Bei Tische kommt der Mensch seinem
natürlichen Zustande näher. Der Vornehme sieht, dass er hier mit dem Geringern
gleichen Appetit hat; da er mit ihm aus Einer Schüssel isst, aus Einer Flasche
trinkt, fängt er an, ihn für seines Gleichen zu halten. Alle Herzenssachen, wozu
ich den grössten Teil der Religion zähle, gehören vor einen weissbedeckten und
mit Essen und Trinken besetzten Tisch. Die christliche Religion gibt uns hiezu
viele Gelegenheit.
HERR v. G. Recht, lieber Pastor! Magen und Herz sind Nachbarskinder, sowie sich
die Drüsen im Munde und Magen verwandt sind. Was jene reizt, bringt diese in
Bewegung. Bei Tisch lernt man tun, wirken, in den Schulen lernt man reden. -
Mit meinem Freunde muss ich geniessen.
PASTOR. Die herzliche Beredsamkeit, wo eine Einsylbe oft mehr gilt als ein
prahlendes: Allerseits nach Stand und Würden, ist auch bei Tisch zu Hause. Bei
Tisch wird man nicht alt. Sehr richtig. Was uns hiedurch an Zeit abgeht,
ersetzen Stärke, Gesundheit und eine lachende, alles leicht findende Stirn.
Hiedurch richten wir in einer Stunde mehr aus, als ein Kurzesser in einem halben
Tage.
HERR v. G. Es lebe Luter und seine Tischreden! - Ein schönes Stück von ihm,
eine Ehrensäule für die Menschheit. - Hätt' er die nicht nachgelassen, ich würd'
ihn lange nicht für das halten, was er war. Die Fröhlichkeit, die Freundschaft
an einem wohlbesetzten Tisch, die Gerechtigkeit, lieber Pastor, und ihre
Ausübung, an einem rotbehangenen unbesetzten Tisch.
PASTOR. Sie muss nüchtern verwaltet werden. Wer am besetzten Tische Recht
spricht, beugt das Recht. - Viele Leute sind der Meinung, man müsse nüchtern
schwören, und halten es für Missbrauch des Namens Gottes, wenn sie gefrühstückt
haben. Ein Richter muss aber keinen Wein trinken, wenn er Recht spricht. Er sieht
gleich alles anders an. Mit der Gerechtigkeit ist es eine besondere Sache, ein
einzig Gläschen macht oft einen andern Menschen; wer mitleidig ist, weicht vom
Wege ab und -
HERR v. G. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, ich glaube, dass es zu manchen
Begebenheiten auch besondere Gerichte gäbe. Unsere lieben Alten sind uns darin
rühmlichst vorgegangen.
HERMANN. Eben hierdurch wird das Essen schmackhaft. Vielleicht könnte man
trostgebende, glückwünschende Gerichte erfinden.
HERR v. W. Ich habe noch niemand frische Milch mit saurem Gesicht essen gesehen.
PASTOR. Die Natur hat zwar jedem Essen seine Jahreszeit angewiesen, alle aber
kommen am Ende darin überein, dass wir dabei fröhlich und guter Dinge sein
sollen. Nennen Sie mir eine Schüssel, die Tränen auspresst?
HERR v. W. Der Grad des Vergnügens indes könnte verschieden sein.
HERR v. G. Hiebei kommt viel auf die Einbildung an. Nachdem eine Schüssel
selten, das ist vornehm gehalten wird.
        Aber, meine Herren da unten, die Suppe wird Ihnen kalt.
HERR v. W. Freilich! bei ihr sollte nicht gesprochen werden.
PASTOR. Wer sie isst, wird sich von selbst hüten. - Man kann leicht dabei den Weg
verfehlen. - Suppe geschickt zu essen, ist sehr schwer - ich esse keine.
DREI STIMMEN, BASS, TENOR, DISCANT. Keine?
PASTOR. Alexander auch keine.
WIEDER DREI STIMMEN. Keine?
PASTOR. Suppen sind für Kranke, es sind Fleischessenzen, und für Leute, die kein
Fleisch mehr verdauen können.
HERR v. G. Ich bin nicht darauf gefallen, aber der Pastor hat Recht. - Braten
ist das natürlichste, wenn von Fleisch die Rede ist.
PASTOR. Wer Fleisch und die davon erpresste Suppe isst, isst den Kern und nachher
die Schale, geniesst den Saft und hinterher die Hülse.
HERR v. W. Wenn Sie mir gleich nicht besondere Festtagsgerichte gestatten,
Nationalspeisen werden Sie mir wenigstens zugeben?
PASTOR. Gern, und da ist beim Engländer Braten, bei dem Deutschen Mehlspeise,
beim Franzosen Kraut auf dem Felde. Die Deutschen sind Männer des Tisches. Sie
sitzen lange dabei, ihr Tisch ist der beste. Kein Wunder, dass sie am längsten
dabei weilen. Sie sind die gastfreiesten, die menschlichsten Esser und Trinker.
HERR v. G. Katoliken kochen vortrefflich Fische.
PASTOR. Noch lehrt beten. Wenn ich zu reformiren hätte, müsste das schöne
Geschlecht, wenn es ja kochen soll, mit strenger Ausschliessung alles dessen, was
Odem gehabt, sich auf Milchspeisen und Gemüse einschränken. Kein Fleisch und
Fische müssten sie kochen, sondern bloss natürliche Gerichte würden zu ihrem
Departement gehören. Obst aus Frauenzimmerhänden ist beinahe wie vom Baum.
HERR v. G. Obst, Pastor, denk' ich, sei die natürlichste Speise in der Welt.
PASTOR. Es ist ein paradiesisches Essen, ein Manna, das noch vom Himmel fällt,
wonach alle Kinder einen Erbgeschmack mit auf die Welt bringen.
HERR v. G. Obst ist die gesundeste Speise unter allen. Nach Obst Milch und
Honig.
PASTOR. Ich bin nicht von denen, die schon das liebe Brod in der Welt zu
gekünstelt finden, und sich auf die allerersten Naturelemente reduciren wollen.
Wer mir aber Obst verachtet -
HERR v. G. Ist ein verderbter unnatürlicher Mensch. Er hat seine Unschuld
verloren und trägt davon das Malzeichen an sich. Pastor, ein Glas Wein aus den
Händen eines Frauenzimmers -
PASTOR. So wie ein Glas Wasser und aller Trank aus ihren Händen. Der Trank ist
mehr der Kunst entgangen als die Speisen, und aus Gottes Händen ziemlich
unverfälscht auf uns gekommen. Ein Glas Wein bei der Quelle.
     Wie bange mir bei dem Worte Quelle ward, können sich meine Leser nicht
   vorstellen. Ich habe wenigstens ein Quartblatt, dicht geschrieben, drüber
verhört, und doch ging es glücklich ab, obgleich eine allgemeine Stille darüber
                                     ward.
HERR v. G. Säle sind gut, nach Tische hineinzugehen. Beim Speisen ein schmales
Zimmer, um nah zusammen zu sein. Man hat sich mehr.
PASTOR. Daher ein runder, ein Artustisch und eine kleine Gesellschaft. - Wir
sitzen hier an einer deutschen Tafel in allem Betracht.
HERR v. G. Was meinen Sie, Pastor, von den vielen Schüsseln? Ist nicht Eine
genug?
PASTOR. Viele Schüsseln verlängern den Tisch und mitin auch das Vergnügen. Es
ist wahr, es reizt mehr zu essen; indessen liegen in uns auch vielerlei
Appetite. Sobald es wahr ist, dass wir Fische, Fleisch, Obst, Gemüse essen
können, dass die Natur eine Schatzkammer für uns sei, so seh' ich nicht ab, warum
wir geizen sollten.
HERR v. G. Es ist auch schwer, ein einziges Gericht, das für sich selbst
besteht, zu nennen.
HERR v. W. Fleisch mit Rüben.
HERMANN. Das sind schon zwei mit Ew. Hochwohlgeboren Erlaubnis.
HERR v. W. Braten und Salat.
PASTOR. Ohne Salat wollen Ew. Hochwohlgeboren sagen.
HERR v. W. Ja, ohne Salat.
PASTOR. Ich esse auch keinen Braten mit Salat. So eine Hauptschüssel, so eine
natürliche Schüssel braucht keine Anreizung.
HERR v. G. Und warum? Beim Tanz muss Spiel sein.
PASTOR. Beim Tanz, allein beim Gange nicht.
HERR v. G. Ich hab' es von einem Beobachter, der im Vorzimmer eines vornehmen
Mannes bemerken konnte. Ein Franzose kam, ging an den grössten Spiegel im Zimmer
und schnitt Capriolen; ein Engländer setzte sich aufs Kanapee, ein Deutscher
stellte sich an den Ofen, ein Russe ging an den kleinsten Spiegel und zog sich
die Haare in Ordnung. Wär' ein Curländer gekommen, der hätte sich die Stiefeln
aufgebunden, und ein Pole den Bart gestutzt. So, lieber Pastor, sind diese Leute
auch am Hofe, an der Tafel, als Schriftsteller.
PASTOR. Um Verzeihung! ich würd' in Europa nur vier Völkern Sitz, Tisch und
Stimme erlauben: Engländern, Franzosen, Deutschen - und einem Volk in Norden. -
Vier Hauptwinde, der Engländer Ost-, der Franzose Süd-, der Deutsche Westwind,
und das Volk in Norden der Wind seines Namens.
HERR v. G. Curland würde dieses Volk wohl schwerlich heissen - aber, Pastor, der
Tischstyl ist allgemein - leicht, nicht wahr? - Man könnte den französischen zum
Muster vorschlagen.
PASTOR. Warum das? je nachdem der Mann, der spricht, je nachdem das Gastmahl, je
nachdem der Styl. Der hört die Austern wie einen russischen Fuhrmann pfeifen,
der lässt sie erst verstummen vor ihrem Scheerer, der isst sie mit Haut und Haar,
der barbiert sie erst! Fremde Gewürze verderben das Essen und das Gespräch; die
liebe Natur muss bei Tafel präsidiren.
HERR v. G. Ich bete nicht eher, als bis Salz auf dem Tische ist. - Es ist ein
Sinnbild vom Verstande, und ich denke, gewisse Art Leute müssen bei Tisch nie
anders reden, als dass es zur Not aufgeschrieben werden könnte. Der Tischstyl
und der Briefstyl sollte freilich aus der ersten Hand sein; wer kann Natur genug
predigen? Wir sind wie Affenleiter, wie Bärenleiter, die ihre Tiere schlagen,
wenn sich selbige vergessen und zur Natur kommen. Gemeine Sprache ist
Wassersuppe. Ausgesuchte Worte sind Canel, Muscatennuss; es fällt auf die Zunge;
allein es macht Hitze. - Lieber Pastor! giessen Sie Oel in meine Lampe, sonst
geht sie aus.
PASTOR. Sie brennt trefflich!
    Der junge Herr v. G. fing an, mir etwas leise zu sagen.
    Der alte Herr v. G. verlangte, dass er's laut sagen sollte und der junge Herr
v. G. verstummte.
    Eine Weisung vom Herrn v. G. dem ältern, bei Tische nicht leise zu reden. Es
sieht, sagte der alte Herr v. G., nach Verrätern aus.
    Herr v. W. setzte hinzu: und ist ein Verstoss wider die Höflichkeit.
    Obgleich eben diese ungebetene Anmerkung ein dergleichen Verstoss war.
    Wir waren bei Fischen. Herr v. G. behauptete, es gäbe Gerichte, bei denen
man nicht sprechen müsste.
    Sie leiden es nicht, sagt' er, und wollen durchaus, dass man sich mit ihnen
allein beschäftigt. Sie sollen auch besser schmecken, wenn sie still gegessen
werden. - Fische, fuhr er fort, sind von der Art.
PASTOR. Es gibt Augenblicke, wo man auch beim Fleisch, beim Brode nicht sprechen
kann. Anakreon starb, weil ihm eine Traube in die unrechte Kehle kam.
HERR v. G. Lassen Sie uns Probe essen.
HERMANN. Du bist stumm wie ein Fisch, sagt man.
HERR v. G. Dumm, wie ein Stockfisch, sagt man auch.
  Man machte eine Pause, und die Sache blieb nach einem langen Stillschweigen
 unausgemacht, obgleich beinahe jedes Gräten bekam, weil sich keins des Lachens
 entalten konnte. Ich gewinne bei diesem Cartäuser-Silentio, und meine Leser,
    furcht' ich, auch. Am Ende blieb es unausgemacht, weil ein verabredetes
     Stillschweigen keine Probe sein könnte. Herr v. G. war dieser Meinung.
PASTOR. Wer mit mehr als zweien bei Tische spricht, muss sehr lustig sein, sonst
verliert der vierte. Mit zweien muss man sprechen; denn man ist freilich bei
Tische nicht immer in den Umständen sprechen zu können. Drei wechseln sich
beständig um. Unvermerkt kommt's an jeden. Sind vier, spricht selten mehr als
einer. Zwei können nur streiten, der dritte entscheidet; dieses aber muss nicht
als gravissimus praeses, sondern als Nachbar sein.
HERR v. G. Was meinen Sie, Pastor! wie man spricht, isst man, wie man isst,
kleidet man sich.
PASTOR. Nicht immer. Ein Stolzer kleidet sich prächtig, isst schlecht, und
spricht schwülstig; ein Wollüstling -
HERR v. G. Wird zugegeben, ich mein' es anders.
PASTOR. Alles dreies zeugt von Geschmack.
HERR v. G. Das meint' ich. Was gebilligt wird ist gut, was vergnügt ist
angenehm, was gefällt ist schön. Ich glaube, wir tun dem Herrn v. W. einen
Gefallen, wenn wir von Kleidern sprechen. Er wechselt drei- bis viermal an
manchem Tage.
HERR v. W. Niemals ohne Ursache, Herr Bruder. Ich geb' jedem Tage, jeder Stunde,
was recht ist.
HERR v. G. Das ist eine gute Uebung in der Gerechtigkeit.
HERR v. W. Herr Bruder, du hast, wie Christianus der Zweite, im Mutterleibe
geweint.
PASTOR. Wie Christiernus.
HERR v. G. Und was weiss ich, wie wer im Mutterleibe gelacht.
HERR v. W. Ich schicke mich in die Zeit, und bin ein festlicher Mann, das ist:
die vergnügten und traurigen Vorfälle meines Lebens sind mir beständig im
frischen Andenken. Oft traur' ich an demselben Tage und bin fröhlich an
demselben Tage.
PASTOR. Sehr natürlich! - Selten ist ein Tag, der nicht seine Plage hat.
HERR v. W. Alles dieses drück' ich durch Kleider aus. Man hat Trauer-, warum
denn nicht Freudenkleider?
HERR v. G. Da hat der Herr Bruder einen guten Gedanken, an Freudenkleider denkt
niemand, und doch sollte man Freudenfarben und Freudenkleider erfinden, und sie
dazu privilegiren. So was hat Einfluss auf uns. Wenn ich Pleureusen, Trauersäume
-
PASTOR. Pharisäersäume!
HERR v. G. Gehe, ich bin betrübt. - Es erinnert mich an alles Trübe des Lebens -
ich fühle die Krankheit von weitem, an der ich sterben werde. Das, glaub' ich,
fühlt jedes, wenn es betrübt ist.
HERR v. W. Man teilt die Trauer in halb und ganz ein; ich teile sie in
Vierteil -
HERR v. G. Das ist, nach dem Monde - ich bin nach der Sonne, immer ganz, Herr
Bruder!
PASTOR. Nur nicht immer Mittagssonne oder Mitternacht! - - Sind Morgen- und
Abendröten nicht die schönsten Stücke am Tage? Gibt's nicht eine gewisse Ruhe,
die besser ist als Tanz und Jubel? Warum immer Adagio, oder Allegro? - Das
männliche Alter ist die Mittagssonne. Die Jugend aber hat ihren Reiz, und das
Alter hat auch sein bescheidenes Teil. Das Alter geniesst, es verweilt, wenn die
Jugend herumwankt und vom Hoffnungswinde hin und her getrieben wird.
HERR v. W. Ew. Wohlehrwürden bin ich ergebenst für diese Hülfsvölker verbunden.
HERR v. G. Ein Vierteil oder halb ergebenst - ganz ergebenst sagst du wohl nur
zum Präpositus.
HERR v. W. Getroffen! Alles sein Gewicht, und Wage!
HERR v. G. Gott erbarm! So ein Curländer! Solang das Land steht, hat es solche
höfliche Männer nicht gehabt, als dich und deinen Waffenträger, den Hermann. Wir
gehen in Stiefeln! und du, Herr Bruder, wie ein Papst, in Pantoffeln. Schuhe
sind dir schon zu schwer.
HERR v. W. Die Frage ist, wie's sich leichter geht? - Wir haben darüber schon so
oft und viel gesprochen - ich behalte meine Weise, und lass' jedem die werte
seinige.
HERR v. G. Eins indessen, Herr Bruder, mit deiner Erlaubnis. - Warum bleibst du
im Cirkel deiner Familie? Du solltest ein Pat' und Leichenbegleiter und
Hochzeitsgast von der ganzen Welt sein, und als ein Kosmopolit -
HERR v. W. Das Hemde, ob es gleich nur von Linnen ist, bleibt uns näher als das
Kleid. Wenn die Not der ganzen Christenheit mit der meinigen stimmt, und wenn
ich sie weiss, accompagnir' ich gern. So auch mit der Freude.
HERR v. G. Und wenn ich sie weiss? Geschichte, Herr Bruder, Geschichte -
HERR v. W. Aber Zeit! Geschichte ist Zeitvertreib.
HERR v. G. O! du edle Zeit! Kein Missetäter wird so behandelt, als du!
HERR v. W. Von ungefähr hab' ich manches erfahren, und ich läugne es nicht, es
gibt gewisse an sich rote Tage, im Staats- und Hof-, so wie im Hauskalender,
als da ist der einunddreissigste Julius.
HERR v. G. Darf ich -
HERR v. W. Benedictus I., der LXII. römische Papst, starb an diesem Tage, und
auch Ignatius Lojola im fünfundsechzigsten Jahre seines Alters. Mein Grossvater
ist am nämlichen Tage, gleichmässig im fünfundsechzigsten, meine Mutter am
nämlichen Tage im zweiundsechzigsten Jahre verstorben.
HERR v. G. Das ist ja ein rechter Pesttag.
HERR v. W. Nicht genug. Mein Sohn Casimir bekam am nämlichen Tage die ersten
Zahnsprossen, und starb acht Tage nach diesen Todeskeimen. Meiner Mutter Bruder
brach ein Bein, und -
HERR v. G. Spare deinen Zinnober, schon rot über rot! - Zweiundsechzig und
fünfundsechzig! Du sprachst die Zahlen so feierlich, so gross aus, dass ich
ordentlich römische Zahlen hörte - ich kondolire von Herzen. An dem Tage wohl
ganz tiefe Trauer?
HERR v. W. Du willst spotten - allein man lebt nur durch dergleichen
Kunstgriffe, sonst betrügt man sich um das Leben. Kleider sind das, was
Ceremonien in der Kirche sind.
HERR v. G. Das letzte mag sein, das erste nicht also. Du, hochzuverehrender Herr
Bruder, du! du selbst bist der grösste Lebensbetrüger, den ich kenne, du lebst
die vorige Zeit so vielmal, du wiederholst dich selbst so oft -
HERR v. W. Ich mische Wasser und Wein, Herr Bruder, das Vergangene und das
Gegenwärtige.
HERMANN. Wasser macht weise, und fröhlich der Wein.
HERR v. G. Wer weise ist, Herr! ist auch fröhlich. - Weg mit diesen
Zusammenfügungen, die die Natur nicht selbst veranstaltet, mit diesen elenden
Kupplereien. Wasser allein, Wein allein.
HERMANN. Aber mit Ew. Hochwohlgebornen Erlaubnis - -
 Hier ist wieder etwas ausserhalb der Linie. Dies Etwas gehört auf die Rechnung
der Frau v. G. Sie winkte mir, um mir einige Festfragen wegen meiner Predigt der
Frau v. W. zur Lehre und Trost vorzulegen. Meine Leser haben über diese Predigt
 schon mehr als eine Predigt gehört. Ich antwortete der Frau v. G., bückte mich
gegen die aufs Wort merkende Frau v. W., und gern hätt' ich dieses Predigtwasser
   mit dem weinreichen Gespräch des Herrn v. G. gemischt, wer hat aber Cäsars
Fähigkeit? der lesen, schreiben und seine sieben Sachen diktiren konnte. So viel
     weiss ich, dass Herr Hermann zum förmlichen Waffenträger des Herrn v. W.
installirt wurde. - Herr v. G. war Brabevta. Um in der obigen Figur zu bleiben,
 muss ich es eine Taufe nennen. Jetzt sitz' ich wieder, meinen Lesern zu dienen,
                               an Ort und Stelle.
HERR v. G. Einen Tag, Herr Bruder, will ich dir noch aus der Geschichte zum
Geschenk machen. Wenn ich nur, so wie du, römische Zahlen aussprechen könnte.
Den achtzehnten April -
ICH. Ist Alexander Magnus gestorben.
HERR v. G. Und wer mehr?
ICH. Diogenes aus Sinope, der Cyniker, dem Alexander, obgleich Alexander klein
war, doch schon zu viel Schatten machte. Diogenes ist Alexander unter den
Philosophen.
HERMANN. Und auch der Tempel zu Ephesus wurde an diesem Tage eingeäschert.
HERR v. G. Ei! Ei! Herr Hermann, das war ein Patenpfennig von der Göttin Diana,
da Alexander geboren ward.
                    Man lachte allgemein über Herrn Hermann.
HERMANN. Ich bitte tausendmal um Verzeihung.
HERR v. G. Warum das? Sie haben das Feuer nicht angelegt.
HERR v. W. und FRAU v. W. Zusammen. Der achtzehnte April! unsrer Kleinen
Geburtstag.
HERR v. G. Damit ans ihr ein Alexander stamme! Es war eine Gesundheit.
FRAU v. G. Und sie einen Alexander heirate! Ein allgemeiner Gläseranstoss.
HERR v. W. Du weisst, Herr Bruder, für wen ich sie bestimmt habe Auf den Herrn v.
G. den jünger zeigend.
FRAU v. G. zur Frau v. W. Auch ich habe es die Ehre, zu wissen.
FRAU v. W. zur Frau v. G. Warum die Ehre?
HERR v. G. Dann heiratet sie keinen Alexander, der Himmel erfülle also meine
Gesundheit.
HERR v. W. Das würde mir ein Fest sein!
HERR v. G. Das Myrten- oder das Wiegenfest?
HERR v. W. Beide! beide!
HERMANN. Ew. Hochwohlgeboren nehme mir die Erlaubnis, meine aufrichtigsten
Glückwünsche -
HERR v. G. Alle guten Dinge, nur kein Glückwunsch.
                                Eine Gesundheit.
    Zusammen: alle gute Dinge!
HERR v. W. Diesen guten Tag muss ein Kleid bezeichnen, das gefallen soll. Du
spottest über meine Kleider, Herr Bruder! Alles, was Augen hat, soll diesem
Ehrenkleide den gegenwärtigen und den künftigen Alexander ansehen, und alles -
HERR v. G. Gefallen soll, Herr Bruder? Wird, willst du sagen. Man kann nicht
sagen: es soll gefallen, sondern wenn es hoch kommt: es wird.
HERR v. W. Da hast du Recht. Mit dem Geschmack muss man complimentiren, ich
beicht' und widerrufe mich.
HERR v. G. Pastor! mit Ihrer Erlaubnis, eine kleine Wiederholung über die Farben
von gestern Abend; ein Versuch, ob ich behalten habe. Bei den Farben gibt's
heilige Zahlen. - Es sind drei Hauptfarben: rot, blau, gelb. Rot ist die
älteste Farbe in der Welt; das Chaos war ohne Zweifel rot. Blau ist die
Leibfarbe der Erde, gelb die Leibfarbe der Sonne. Die weisse Farbe ist die Seele,
das Licht zu allem. - Was denken Sie, Pastor?
PASTOR. Dass wenig oder gar nichts von diesem allem auf meine Rechnung gehöre.
HERR v. W. Teorie, meine Herren, ich bearbeite dieses Feld praktisch.
PASTOR. Mein Satz ist: folg der Natur! Sieh die Lilien auf dem Felde. Die Natur
hat nichts, was sich nicht passen sollte. Die Blüt' ist das Kleid; der Spiegel
die Weste.
HERR v. W. Schön! wahr! viel gesagt! Wenn ich ein halb trauriges, halb lustiges
Fest habe, rot und schwarz - und da kann man Feinheiten anbringen. - Ist der
Uebergang von der Trauer zur Freude, so ist das Kleid licht, die Weste dunkel;
ist's von Freude zur Trauer, umgekehrt; ist's allmählig, so auch der Uebergang,
so allmählig, dass man nichts merkt.
PASTOR. Das erste nennt man es schreit, als wenn ihm auf den Fuss getreten wäre,
das andere könnte man: es spricht, nennen, und so könnt's bis ins Ohr so leise
herunter kommen.
HERR v. G. Es geht mit den Farben der Kleider vielleicht wie mit den Festen
meines Freundes. Es widerspricht sich oft, es passt nicht alles.
PASTOR. Wenn eine Farbe der andern beinahe gleich ist, sieht es aus, als falle
sie ihr ins Wort. Es hat das Ansehen, als wenn eins so wie das andere werden
will, und nicht werden kann. Das verdriesst den Zuschauer, er sieht keinen
erwünschten Ausgang ab. Der Knoten bleibt geschürzt. Also eine solche
Farbenwahl, dass wegen ihres Unterschieds kein Zweifel bleibt.
HERR v. G. Blau und rot! Die preussische Uniform!
PASTOR. Ganz recht; allein die Weste sollte rot, das Kleid blau sein, und das
der Vermischung wegen. Diese entsteht, wo die Farben recht zusammenstossen; denn
hier wird selbst diese Vermischung eine begreifliche in rerum natura existirende
Farbe. Ist das Kleid rot, die Weste blau, gibt die Vermischung ein schmutziges,
ein ekles Rot. Es sollte jedes Land seine Uniform haben, jetzt tragen sie
höchstens die Soldaten.
HERR v. G. Jede Uniform kleidet. Wenn ein Officier seinen Dienstrock auszieht,
ist's oft so, als wenn er Anstand und Geschmack und alles mit ausgezogen hätte.
PASTOR. Uniform kleidet. - Sie haben Recht, allein warum? Die meiste Zeit, weil
sie Gesetz ist. Man nimmt's nicht so genau. Man weiss, dass man sie tragen muss.
Ist dieser Zwang vorbei, sieht man den Menschen in naturalibus.
HERR v. G. Pastor, Sie hatten gestern Abend den Einfall, dass die Worte Kleider
der Gedanken wären, und dass man sich auch hier Farben denken könnte. Wahrlich,
manches Wort ist wie ächte, manches wie unächte Farbe, manches Wort ist ein
violettes, grünes, rotes Kleid.
HERR v. W. Ich hab' indessen Leute gekannt, denen vom Roten übel ward. Es war
ihnen ein Ach und Wehgeschrei.
PASTOR. Es ist die härteste Farbe, der Stand der Natur, der Stand der Wilden.
Die Jugend scheinen helle, einfache, das Alter zweifelhafte, vermischte Farben
zu kleiden. Jene könnte man kühne, diese bedächtige Farben nennen. Den Blonden
kleiden blasse, oder ganz schwarze Farben; jenes wegen der Harmonie, dieses
wegen des Contrastes. Den Brünetten kleiden harte Farben. So gibt's auch
seidene, baumwollene Gesichter, und Gesichter von Garn. - Ich halte dafür, ein
jeder Mensch, ich sage Mensch, muss seine königliche, priesterliche und
prophetische Stunden, und auch so seine dreierlei Kleider haben. Meine Frau hat
mich darauf gebracht. So stimme ich mit dem Kleiderschmuck Sr. Hochwohlgeboren
des Herrn v. W., und so weich' ich von ihm ab. König geht eigentlich auf die
vergangene, Priester auf die gegenwärtige, Prophet auf die künftige Zeit;
indessen gibt es Zeiten, wo die Minute, wo der Augenblick den König, den
Priester, den Propheten fordert.
HERR v. G. Pastor, die Idee gefällt mir, ich glaube, jeder kluge Junge, das
heisst doch eben so viel, als jeder Mensch, ich sage Mensch - ist König, Priester
und Prophet, wenigstens weiss ich mir Zeitpunkte zu besinnen, wo ich König,
Priester und Prophet gewesen, und wäre mir das Wort König nicht so gehässig -
würd' ich nicht gern mit Cromwell: anstatt dein Reich, deine Republik komme!
beten; König wäre meine Lieblingsuniform.
PASTOR. Sie können immerhin ihre republicanischen Fasces beibehalten. Sie dürfen
kein Königscher werden, um im Geiste König zu sein - ich bin für Könige, das
heisst was anders, als froh wie ein König sein.
HERR v. W. Schicket euch in die Zeit, ich schlage Herzog, Priester und Prophet
vor.
HERR v. G. In dem Sinn, wie der Pastor es nimmt, ist Herzog von Curland viel zu
wenig für mich.
      Hier breche ich ein Politisches Gespräch ab, das wie ein Heckenfeuer
    heraussprang, und wobei mir viel entging. Wie sich dies Gespräch auf den
   Aufschlag am Kleide reducirte, weiss ich nicht. Das Ende vom Liede war, dass
Curland ein Aufschlag von Polen sei, und dass, wenn ja ein anderer Aufschlag, als
                         von dem nämlichen Tuche, sein
                         sollte, er lichter sein müsste.
HERR v. G. Das wahre Verhältnis von Polen gegen Curland.
                                     * * *
PASTOR. Geschmack ist die Bemühung, unser Urteil mit andern allgemein zu
machen. Die Deutschen werden es nie zu viel Genies bringen, welche Flügel der
Morgenröte haben; sie besitzen aber sehr grosse Anlage zum Geschmack; alles zu
berichtigen, ist ihre Sache. Man könnte den Geschmack eine Galanterie des
Verstandes nennen; er will sich bequemen. Der Mensch hat Appetit, heisst: der
Wirt isst an seiner Tafel gut; der Mensch hat Geschmack, heisst: er macht, dass
andere mit Appetit bei ihm essen. Ein Genie trägt einen roten Rock, oder so
was; ein Geschmackvoller eine sanfte Farbe. Er will alle Leute bestechen, wenn
man so sagen darf. Engländer haben Genie, Franzosen Geschmack, Deutsche beides.
Wem es in einem Stück an Geschmack fehlt, wird schwerlich irgendwo Geschmack
zeigen. Der Geschmack ist aristokratischer Staat. Geschmack ist das allgemeine
Gefallen, Gefühl ist ein Privatgefallen. Geschmack ist das Geschick, die
Fähigkeit zu wählen, was jedem gefällt. Gefühl hat man, Geschmack lernt man.
HERR v. G. Von wem aber?
PASTOR. Die Pluralität entscheidet, nicht aber die Pluralität des Volks, sondern
von Leuten, die Gelegenheit gehabt haben sich in der Welt umzusehen.
Geschmackvolle Leute wissen zu treffen, was allgemein gefällt. Man hat indessen
Geschmack bloss anderer wegen. Alles Schöne sucht und liebt man für die
Gesellschaft, und man kann es sich kaum vorstellen, was man nicht der
Gesellschaft alles zu Gefallen tut. Man wählt ein schönes Weib nicht
seinetwegen; man nimmt sie, damit sie andern auch gefalle. Der Eifersüchtige
macht hier keinen Einwand, sondern auch er wählt nicht anders.
HERR v. G. Sonderbar, aber wahr.
Oben: hi hi hi ha ha ha! Ein Gelächter in allen ganz und halben Tönen.
PASTOR. Ein Garten gefällt in Gesellschaft; Wald, wenn wir allein sind.
Ungesellige haben keinen Geschmack. Man sollte glauben, der Geschmack habe keine
Regel, allein er hat seine Regeln. Man kann indessen nur durch Erfahrung darauf
kommen.
HERR v. G. Wenn man Freunde hat, sendet man nicht zuvor Kundschafter aus, um zu
fragen, was jeder essen will; indessen müsst es doch mit dem Teufel zugehen, wenn
man nicht eine Mahlzeit anrichten sollte, die jedem gefiele.
PASTOR. Der nicht krank ist.
HERR v. G. Für den kochen die Aerzte. Der arme Schelm!
PASTOR. Griechen und Römer sind Muster des Geschmacks, und werden es bleiben in
Ewigkeit.
HERR v. G. Da bitt' ich um Vergebung.
HERR v. W. Und ich tausendmal wegen der deutschen Sprache.
PASTOR. Wenn Sie ihr das Leben absprechen, gut! so kann auch die deutsche
Sprache zu der Ehre kommen, welche der griechischen und lateinischen, eben weil
es selige und vollendete Sprachen sind, zusteht. Solang eine Sprache lebt, wird
dies Wort adelich, dies bürgerlich, dies bäuerisch, nachdem es die Mode will. Es
geht mit den Worten, wie mit den Familien: dies kommt empor, jenes fällt. Heut'
ist es am königlichen Hofe, in der Epopee, willkommen, morgen findet man es
schon bis im Schäfergedicht unausstehlich. Gedankenwendung, Denkart, alles ist
im ägyptischen Dienstause der Mode. - Gewinnsucht, Eigensinn in der Nation,
kann Worte erhöhen und erniedrigen. Alle Münzen in einer lebendigen Sprache sind
der Reduction unterworfen - und wenn dann die Tyrannei triumphirt, und
Götzengräuel die heiligen Stätten schändet, wenn von den Tempeln des Geschmacks
kein Stein auf dem andern ist, wenn Barbarei das Land deckt, sind Homer und
Pindar, Virgil und Horaz -
HERR v. G. Wenn aber der Geist der Weltweisheit in einem Volke wohnt, welcher
Tyrann kann da das Land verheeren?
PASTOR. Philosophie ist Festung, ich gesteh' es, wo ist aber eine, die
unüberwindlich wäre? Die Wissenschaften, sie mögen bloss schön oder zugleich
gründlich sein (Kolorit, Geschmack, muss jedes Buch haben, wenn es nicht
matematisch ist), sind mit einander verwandt. Hatten denn die Alten kein Licht
in der Weltweisheit? Wo bist du Sonne blieben, singt die christliche Kirche, und
meine Frau mit ihr. Die schönen Künste und Wissenschaften sind die Mobilien, die
Pretiosen. Die Hände der Not greifen sie zuerst an; allein am Ende verbreitet
sich die Tyrannei über alles - dürr ist das Land, das Volk in Ketten, der
Priester des Wüterichs Gevatter - bis ein Heerführer in der Nation hervorragt,
Feuer sieht, und nach den Schätzen der Alten gräbt - dann kommen auch tabulae
naufragae der Natur zum Vorschein.
HERR v. G. Der Himmel wende diese Gefangenschaft von Deutschland und seinen
Gränzen ab, und wenn Deutschland ja Ziegel streichen muss, und ihre Knaben in der
Geburt erstickt werden, schenk' er ihnen Mosen, und führ' sie zurück nach Kanaan
!
HERR v. W. Ohne durch eine Wüste zu gehen.
PASTOR. Noch ist Deutschland im Werden. Ein schönes Gewächs! wird man bald
sagen. Noch ist es weit vom Luxus, der wie das eigene Fleisch und Blut der
ärgste Feind ist, ein innerlicher Fresser, ein Bürgerkrieger. - Solang es
einfältig ist, schlecht und recht, wie die Natur einhergeht, wer kann es
verwüsten?
HERR v. G. Deutschland fing mit Blitz, Donner und Hagel an, und das war (so
finster es rings umher aussah, wie kann es anders bei Donner, Hagel und Wolken?)
ein deutscher Anfang. Die asiatische Banise, meiner Frau Leibroman, ist -
HERR v. W. Blitz, Donner, Hagel reinigt die Luft, und alles gedeiht wohl.
HERR v. G. Ich weide mich an der Vorstellung, dass Deutschland, das so
vortrefflich zu blühen anfängt, auch Frücht' ansetzen werde zum ewigen Leben.
PASTOR. Wir sehen den Mai, so manches Erste, so manches Neue vom Jahr.
HERR v. G. Deutschland - wie ein Feuerwerk brannt' es ab, Deutschland!
PASTOR. In deutschem Wein.
 Wer französischen Wein hatte, liess sich zu Deutschlands Ehre deutschen geben.
HERR v. G. Wird euch auch so deutsch ums Herz als mir?
Wir tranken noch einmal: Deutschland! und zum drittenmal: Deutschland!
Wir feiern, fing Herr v. W. - an, als ob er den Faden gefunden hätte, den Herr
v. G. - und mein Vater verloren, wir feiern das selige Andenken unserer in Gott
ruhenden Vorväter, die, wenn gleich sie ein Glas über Durst tranken, dies und
noch mehr in Ehren taten, und Wein und ein Kuss in Ehren, soll niemand wehren.
HERR v. G. Sie gaben Gott was Gottes, dem Kaiser was des Kaisers, dem Freunde
was des Freundes, ihren Weibern was der Weiber war.
PASTOR. Sie waren tapfer, ohne durch ein Aushängeschild ihren Mut zu
verkündigen. Frisches, unvergiftetes Blut rötete ihre Wangen, sie liebten ihre
Weiber wie Menschen, ihre Freunde wie Engel, wie starke Geister. Sie waren
beglaubt ohne Schwur. Wollte Gott, dass ihre Kinder eine solche Denkungsart nie
unter das alte Eisen legen möchten!
HERR v. G. Wir feiern die selige Zukunft, da sich die Wissenschaften zu diesen
deutschen Eigenschaften wie Weib zum Manne gesellen, und nichts soll dieses Paar
scheiden! Jeder, der in Curland deutsch spricht, empfinde, dass er ein deutscher
Nachbar, ein Mitdeutscher sei!
      Mein Vater schien einwenden zu wollen; allein es blieb beim Schein.
Dieser Gedanke sei der verborgene Hebel, der uns in Bewegung setze, deutsch zu
sein!
HERR v. W. Damit wir uns dem Genie einer Sprache bequemen, die zur
Bescheidenheit und zur Höflichkeit, zum Unterschiede zwischen Herr und Knecht
geboren ist. So rauh auch unsere Vorfahren waren, so rauh ihre Sprache auf uns
gebracht worden, die noch bis diesen Augenblick nicht über alle Botmässigkeit des
Vorwurfs erhaben ist; so sehr unterscheidet sie sich von allen Sprachen, wegen
des in ihr liegenden Originalstoffs zur Höflichkeit. Was schadet ein harter Ton,
wenn die Kraft der Sprache ihn widerlegt?
Hier entstand Krieg und Kriegsgeschrei. Endlich hatt' alle Fehd' ein Ende. Ein
Friedensartikel war, dass Herr v. W. - diesen Tag, als Fest der Deutschen, auf
Kindeskind bringen würde. Omne trinum perfectum perorirte Herr Hermann, dem es
mit diesem lateinischen Brocken besser ging, als mit dem Tempel der Diana. Fest
der Deutschen, fuhr Hermann fort, mütterlicher Geburtstag (die Mutter des Herrn
v. W. - hatte an diesem Tage das Licht der Welt erblickt), vorläufiger
Verlobungstag. - Man dachte auf feierliche Einweihung dieses Festes, und es ward
ein Schäuer gebracht, welchen der Herr v. G. - zu leeren anfing und den er die
Runde gehen liess. Herr v. W. - war ausser sich wegen dieser feierlichen
Anstalten. Ich hätte dieses wissen sollen, sagte er. An ihn kam der Schäuer
zuletzt. Sein Dank war rührend. Der gute Mann jammerte mich, und, wie ich hoffe,
wird er alle meine Leser jammern. Er liess eine Träne in den Wein fallen, die er
lange gesammelt hatte. »Diese heilige Träne,« fing er an, »Allerseits
Hochwohlgeborne, Wohlehrwürdiger und Hoch-Edler, Hoch- und Wertgeschätzte
Herren und Freunde, diese heilige Träne,« mehr erlaubte ihm die Wehmut nicht.
- Da man einsah, dass Herr v. W. - kein Wort mehr in seiner Gewalt hatte, fing
mein Vater an:
PASTOR. Wer allein trinkt, schämt sich. Wer in Gesellschaft trinkt, stärkt sein
Leben. - Wir bringen uns durch den Trunk in Norden in ein besseres wärmeres
Klima. Wir sind im Geist in dem Lande, wo der Wein gewachsen ist, den wir
trinken; Branntwein macht heimlich, Bier schwer, Wein gesellig.
HERR v. G. Im Weine ist Wahrheit.
PASTOR. Das Temperament nicht, aber die Gesinnung kann man durch den Trunk beim
Menschen erkennen - allein auch das Essen verändert den Menschen, und öffnet
verborgene Kammern. Leute, die sich im Trinken vor Spionen hüten, sind nur auf
einer Seite gedeckt. Ist der Mensch trunken, so ist er schwach, und das ist
Glück für ihn, sonst würde er seinen Phantasien nachlaufen und Schaden nehmen;
so wie ein Nachtwandler, wenn er die Augen brauchen könnte. Der Wein löst die
Zunge bei Leuten, die in sich gekehrt sind. Schwätzern, die einen witzigen
Einfall zu verbeissen für Kindermord halten, und ihre Schwangerschaft nicht
verheimlichen, sondern lachen, ehe sie noch entbunden sind, Schwätzern stopft
der Wein den Mund. Es ist diese Wirkung eine besondere Sache; indessen bestätigt
sie die Erfahrung. Jeder kluge Mann spricht, wenn er ein Glas getrunken, und
jeder Narr verstummt, und wenn er ja zu sprechen sich erkühnt, ist es so etwas
Unausstehliches, dass niemand lacht, als er selbst. - Anderer Art Narren, die
sich nur dadurch von ihm unterscheiden, dass sie nicht lustige Rollen spielen,
sondern stillnärrisch sind, selbst die achten sich zu gut, Teil an ihren
beredten Landsleuten zu nehmen. - So unterschieden, wie Bauern und Astronomen
den bestirnten Himmel ansehen, so unterschieden ist hier die Wirkung des Weins.
HERR v. G. Pastor, für dies Wort zu seiner Zeit. Das Wort zu seiner Zeit!
                               Sie tranken alle.
PASTOR. Leute, die eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die im Staat
bezeichnet sind, können sich nicht betrinken, ohne sich verächtlich zu machen -
wie zum Exempel Pastores und Juden. Alles läuft ihnen nach. - Man sieht den Noa,
wenn man einen trunkenen Pastor und Juden sieht. In England, wo ein Prediger
kein Erzvater ist, würde es weniger anstössig sein, einen kopfhängenden Pastor in
betrunkenem Mute zu sehen.
HERR v. G. Ein Schwärmer ist ein Seelentrunkener. Wenn ich schon nüchtern unter
Trunkenen sein soll, will ich lieber unter Leibes- als Seelentrunkenen sein.
Betrunkene verstehen sich unter einander; so auch Schwärmer.
PASTOR. Durch den Körper haben wir Anschauung. Wer mit der Seele sieht, ist ein
Schwärmer, ein Geisterseher. Ein Entusiast ist ein edler Phantast. Ein Phantast
glaubt etwas zu empfinden, was er sich einbildet. Insofern sein Ideal sein
Maximum, das er sich ohne Sinnen aus sich selbst denkt, einen ruhmwürdigen
Gegenstand trifft, ist's Entusiasmus. Ueber Schwärmerei und Seherei muss man
reden, wenn man, wie wir, ein paar Gesundheiten getrunken hat.
HERR v. G. Lieber Pastor, ich habe mir unter einem Schwärmer einen Menschen
vorgestellt, der tanzen will, und nicht Takt halten kann. So wie die Biene um
eine Blume herumsummt, und hie und da was herauszieht, so auch ein Schwärmer mit
seinem Gegenstande. Nicht jeder Schwärmer kommt an einen Lindenbaum. Honig macht
er gar nicht.
PASTOR. Ein Schwärmer rechnet, ohne das Einmaleins der Seele zu wissen, er baut,
ohne ein privilegirter Architekt zu sein. Die Philosophen bedenken sich oft zu
lange, ein Schwärmer oft zu kurz. Der Philosoph sieht nach der Uhr, der
Schwärmer nach der Sonne. Der Schwärmer ist eher Feldherr, als ein Philosoph;
oft zeigt der Schwärmer dem Philosophen kühne Wege; der Philosoph pflastert sie,
und dann geht sie jedermann. Der Tag gehört dem Philosophen, so wie die Nacht
dem Schwärmer.
HERR v. W. Das Gallakleid der Mannsperson, das Negligé der Dame.
HERR v. G. Hab' ich Recht, Pastor, ein Hypochondrist ist ein Mensch, der sich
selbst, wie ein Geiziger seinen Kasten, bewahrt der sein Leben lieb hat. -
PASTOR. Und es eben darum verliert.
HERR v. G. Ich würde, wenn der Mensch an der Seele krank ist, die Kur des
Leibes, und wenn er am Leibe hinfällig ist, die Seelenkur vorschlagen. Diese
sympatetischen Mittel sind nicht zu verachten.
PASTOR. Wo aber die Aerzte?
FRAU v. W. zur Frau v. G. Wollen Sie meiner Kleinen erlauben, den Salat
anzurichten?
FRAU v. G. Wenn ich meine Schwiegertochter nicht bemühe?
                  Die Kleine schritt ohne Umstände zum Werke.
FRAU v. W. Das strengste Augenmass und Händegewicht, so ich kenne, Oel, Essig,
Salz. - Jeder Blick, jeder Griff trifft. Sie schneidet alles ohne Elle. Sie misst
kein Band.
HERR v. G. Wir wollen, um sie auf die Probe zu stellen, alle Augen auf sie
richten, ich wette, sie ärgert sich, und gibt zu viel Essig.
Das Fräulein v. W. lächelte bei diesem examine rigoroso, ohne aus der Fassung zu
   gleiten. Der Salat erhielt allgemeinen Beifall. Der Braten ward hinterher
 gegessen, wie erwiesen war. Bei dieser Gelegenheit votirten wir ab (da dieses
den obigen Grundsätzen nicht entgegenstand), dass alle Speisen und Getränke, die
  öffentlich abgebrauen und angerichtet würden, durch Frauenzimmerhände gehen
                             müssten. Es ist, sagte.
HERR v. W. Feierlicher.
HERR v. G. Es schmeckt besser.
PASTOR. Die Natur ist eine Dame.
Das Fräulein v. W. mit dem vortrefflichen Augenmass und Handgewicht bat, nachdem
sie ihre Salatpflicht, die sie vielleicht noch so lange zurückgehalten, mit dem
 Salze vollendet, Erlaubnis von ihrer Mutter, frische Luft zu holen. Ihre Bitte
  tat sie sehr beredt mit dem rechten Auge. Sie erhielt, was sie wollte; ich
 drang mich auf, sie zu ihrer Aufseherin zu begleiten. Sie ging, wie aus einer
  belagerten Stadt. Der jüngere Herr v. G. würde mir diese Ehre der Begleitung
   gern ganz abgetreten haben, wenn seine gnädige Mutter ihn nicht zu seiner
 Bräutigamspflicht aufgefordert hätte. Wir gingen und kamen, ohne eine Sylbe zu
                        sagen. - Indem ich mich setzte.
HERMANN. Schön, sagte der Jude, nachdem er das Porcellan gesehen. Ich bitte,
damit Sie sich nicht mehr als einmal ärgern, einen Tag anzusetzen, an dem alles
auf einmal in Stücken gebrochen werde.
HERR v. G. Ich kann den Herrn v. -s mir vorstellen. Der witzige Jude hat
indessen Unrecht. Selbst die Art, womit man dergleichen zerbrechliche Dinge
behandelt, machen sie angenehm. Man denkt mehr daran, man geniesst sie also mehr.
Pastor, Sie sprachen gestern wider die Gleichförmigkeit bei Trink- und
Essgeschirren? -
PASTOR. Jedes meiner Hühner ist von anderer Art. Jede Tasse sollte eine andere
Malerei auszeichnen. So wie Tapeten zu einem Zimmer voll Schildereien, so mein
Vorschlag zu einem Service. Beim Service liegt eine gewisse Idee vom Geiz, der
sich aber auch hier wie allemal im Wege ist, denn wenn ein Stück aus dem Service
zerbricht, hat das Ganze keinen Wert mehr.
HERR v. G. Was auf blossen Nutzen ausgeht, muss gleichförmig sein. Die Franzosen
zeichnen alle nach einem Muster; die Engländer auch. Alles ist Service bei
ihnen, ihre Werke sind Tapeten. In Deutschland, wie verschieden ist Klima und
Regierungsform. Sie können werden, Pastor, wie Ihre Hühner. Sie können
Schildereien aufstellen.
HERR v. W. Die Gesundheit unserer lieben Frauen -
HERR v. G. In was für Wein befehlen Sie, meine Gnädigen?
FRAU v. W. Ich denk' in Rhein -
FRAU v. G. Ich in Champagner. Die übrigen Damen: in Champagner! die Frau v. W.
musste beitreten.
Es ward Champagner gebracht, und ein anderer Pokal klar wie Krystall. Mein Vater
 hatte (ich ergänze mein Protokoll) bei dem ersten Pokal die Bemerkung gemacht,
      dass nichts unstimmiger, unrichtiger wäre, als geschliffenes Glas zum
                 Trinkgeschirr. Der Wein, sagte er, ist für das
                      Auge eben so, wie für Nase und Mund.
Man trank das Wohl aller ehrlichen Weiber.
Herr v. W. hätte das Weiber gern zierlicher gegeben, und es in Damen verwandelt,
wenn er nicht besorgt hätte, wegen Diebshehlerei vom Herrn v. G. in Anspruch
genommen zu werden, der ihn sich wegen des Festes der Deutschen bis zur Träne
verpflichtet hatte. Auch das Beiwort ehrlich war dem Herrn v. W. anstössig;
indessen rügte er auch diesen Verstoss nicht, des Festes der Deutschen wegen.
Herr v. G. leerte noch einen Pokal voll Rheinwein auf die Gesundheit der Frau v.
W. rein aus, und ich bückte mich tief, als ob ich daran Teil nähme.
HERR v. W. blieb diese Höflichkeit nicht schuldig, sondern erwiederte sie, mit
allen Zeichen der Dankbarkeit, durch ein gerüttelt, geschüttelt und überflüssig
Mass Champagner, den er nicht wie Herr v. G. eingoss; sondern einsprudelte.
HERR v. G. Warum Wind, Herr Bruder?
HERR v. W. war dieser Frage wegen in Verlegenheit, antwortete keine Sylbe,
sondern bewies durch eine Nagelprobe, dass er den Pokal geizig, bis auf den
letzten Tropfen, geleert halte.
Es kam bei dem Herrn v. X. noch ein Staatsfeuer aus, welches aber gleichfalls,
durch die vortrefflichen Anstalten, sogleich in der Geburt erstickt ward, und da
die Herren v. X., Y., Z., die ausser curischen Staatsangelegenheiten nichts mehr
als höchstens von Pfeifenköpfen und Hunden zu sprechen wussten, sehr viele lange
Weile gehabt, so fing Herr v. G., um die Herren v. X., Y., Z. zu entschädigen,
an, ein Kappfenster bei der gepressten Luft, welche diese Leute umzingelt hatte,
zu öffnen.
HERR v. G. Es ist wohl kein Land in Europa, wo die Hunde so viel geachtet
werden, als in Curland und Semgallen.
Die drei Herren fielen mit Hundeshunger dieser Unterredung zu. Die
Transplantation des Gesprächs war, wie in der Heilungskunst, magnetisch, magisch
- ich müsst' indessen eine Unwahrheit begehen, wenn ich behaupten sollte, dass ich
bei dem Jagd- und Waldgeschrei der Hochwohlgebornen Jäger v. X., v. Y., v. Z.
alles in Dach und Fach hätte bringen, und mir hinter das Ohr schreiben können.
Ihr Gespräch war ein Gesammtkauf, nicht eine Klapper, sondern eine Geschreijagd.
Einer schoss dem andern das Wort von dem Munde. - Mein Vater pflegte zu sagen:
»Ein gewisser Stand in Curland am Pfropfenzieher, ein gewisser anderer am
meerschaumenen Pfeifenkopf.« Ich würde, wär' ich so ein Antagonist wider Curland
wie er gewesen, die Hunde nicht übergangen haben. Die Herren von X.Y.Z.
begnügten sich nicht mit ihren sehr gesunden Jagdkehlen. Während der Zeit, dass
Herr v. G - ihnen so liebreich entgegen gekommen, hatt' einer von ihnen einen
Ueberfall veranlasst. Es liessen sich zwei Waldhornisten, zum höchsten Verdruss des
Herrn v. W -, der nur Kammermusik liebte, hören. Herr Hermann trug die Schleppe
dieser Meinung nach, und rümpfte, wiewohl, da er nicht einmal die Hunde der
Herren von X.Y.Z. zu duzen sich unterfangen hätte, wenn er mit diesen Hunden
conversiren sollen - nur unter der Serviette die Nase.
Mein Reisegefährte war begeistert, und konnte nicht sitzen bleiben.
Die Herren v. X.Y.Z., die den Hunden, nach Landesmanier, gleich nach dem
Literatenstande den Rang anwiesen, behaupteten in corpore, dass der Hund wegen
seiner Treue ein weltberühmtes Tier sei.
PASTOR. Auch wegen seiner Gierigkeit, seines Neides, und seiner Nicken. Vater-
und Kindermördern ward er beigepackt.
                                        
                                CAVE CAVE CANEM.
X.Y.Z. Der Hund bewacht' im Kasten Noa die ganze Welt.
HERR v. G. Ei, der Archenhahn und die Gans, von welcher in gerader Linie die aus
dem Capitolio abstammte.
Bei dem Capitolio brauchten die Herren v. X.Y.Z. eine Fähre zum Ueberfahren.
X.Y.Z. Hunde sind die Auxiliartruppen vom Menschen, durch deren Allianz er die
meisten Tiere zwingt, die nach dem Fall Adam seinen Commandostab verkennen.
HERR v. G. Warum sind sie aber wider ihres Gleichen?
X.Y.Z. Was ist treuer als ein Kettenhund?
HERR v. G. Eine Treue an der Kette ist auf zweierlei Art verdächtig.
X.Y.Z. Was ist fleissiger, als ein Spürhund, behender als ein Windhund? Dies ward
von allen zugegeben. Der jüngere Herr von G - schlug an seine Brust und
beteuerte. Herr v. G - der ältere war selbst ein grosser Freund, nur kein Sklave
von der Jagd, und ich merkte zum erstenmale an meinem Vater, warum er sich
lieber des meerschaumenen Pfeifenkopfs und des Pfropfziehers als der Hunde
bedient, um gewisse Stände in Curland zu bezeichnen. Mein Vater hielt die Hunde
für wohlhergebrachte adeliche Tiere. Die Herren v. X.Y.Z. waren mit den
erschrienen Trophäen befriedigt, ihre gnädigen Frauen aber hatten noch eine
Frage: »Was ist schmeichelhafter als ein Schoss-, ein Zimmerhündchen?«
FRAU v. W. Wer wird sich schmeicheln lassen? Wer sich verwöhnen? Wir haben Engel
bei uns. - Wer wird Tiere in ihre Gesellschaft bitten - solang ich noch
Menschen zu Freunden haben kann, warum zu Tieren? Warum soll ich nicht eher des
Hirts Liese, die Gottes und mein Bild an sich trägt, erziehen, als den Fripon?
Sie sagte dieses nicht im Lehrton, wie ich's herschreibe, sondern allerliebst! -
sie trieb auch zur Freude ihres Mannes die gnädigen Damen X.Y.Z. in die Enge;
die Frau v. G - wollte die Frau v. W - ins Weite bringen, und nahm sich ihrer
verstummten Gesellschaft an, mit der sie in Absicht dieses Punktes gleich
dachte, über die sie sonst aber (sie hatt' einen G - zum Gemahl) unendlich
erhaben war. Wir, beschloss die grundgütige Frau v. W -, wir können schon in
dieser Welt Engel werden, das Tierische ganz ablegen und auferstehen.
Dieses brachte meinen Vater geraden Weges auf die Seelen der Tiere, auf die
himmlischen Sternbilder dieses Namens, und auf das Schicksal der Tiere in der
andern Welt. Die Frau v. W - fand nichts dabei einzuwenden, die andern Damen
aber, so sehr sie auch ihre Jolichens liebten, desto mehr. Sie lebten mit der
Idee in Todfeindschaft, dass sie dort mit Kammerzofen in Einem Paar gehen, und in
Gemeinschaft der Güter leben sollten, und dachten in ihrem Innersten: Stände
müssten sein. - Jetzt, da sie die Pforten der andern Welt sogar den Tieren
geöffnet sahen, die ungefähr das dort vorstellen sollten, was hier der gemeine
Mann; so waren sie über diese himmlische Toleranz so bitterböse, dass sie die
andere Welt für ein Linsengericht verkauft hätten. - Diese Unterredung würde
Schatten zu Herzenssilhouetten von diesen Damen abgeworfen haben; allein Herr v.
W - hatte schon geraume Zeit darauf gedacht, einen Tag, eine Mahlzeit, die
allein annum siderum platonicum verdiente, nicht so unangemessen zu schliessen.
Dieser Tag war ihm merkwürdiger als der achtzehnte April, an welchem Alexander
und Diogenes gestorben waren; die Herren v. X.Y.Z. schienen ihm wieder in
Schlachtordnung, und sie waren es wirklich. Herr v. W - fing daher zur
Zerstreuung von der Musik an, wozu ihm die Waldhörner Gelegenheit zubliesen.
Herr Hermann fand sich hiebei getroffen, und wünschte nichts mehr, als ein
Spinet, damit die Meinung des Herrn v. W - bestätigt würde, die darin bestand,
dass die Feldmusik bloss zu Krieg und Jagd zu verbannen wäre. Mein Vater liess den
Harfenschläger Arion auf einem Meerschweine vorreiten. Die Herren v. X.Y.Z.,
gewohnt an die Jagdfolge oder das Recht, ein bereits angeschossenes Tier,
welches auf eines andern Grund und Boden entflieht, zu verfolgen und zu erlegen,
waren eben bereit, die Waldhörner, um sie zu verteidigen, zu überschreien. Von
diesem Plan wären sie nicht abgegangen, wenn selbst das erwünschte Spinet, wie
lupus in fabula geheult hätte; allein das Meerschwein und Arion kamen ihnen so
unerwartet, als ein Wild oder Hirschkalb. - Sie waren, ausserdem dass sie
jagdgerechte Weidmänner waren, auch gute Stallmeister, und wunderten sich
höchlich über diesen Ritt. Herr v. W - machte von diesem Zeitpunkt Gebrauch, und
befragte meinen Vater, was er überhaupt von der Musik dächte?
PASTOR. Ich bin für die Musik der Seelen, so nenn' ich ie Poesie, für die
Harmonie der Sphären, die dem platonisch-philosophischen Ohre hörbar ist. - Was
die andere Musik betrifft, so fällt mir oft dabei ein, wie Dionysius einen
Musikus behandelte. Er versprach, ihn reichlich zu belohnen, und da er den Lohn
abforderte, verwies er ihn aufs Gehör, um Null mit Null aufgehen zu lassen.
Der Herr v. W - fand diese Antwort für einen Dionysius viel zu sein, und gewiss
würde er die Waldhornisten, so höflich er übrigens war, anders abgefertigt
haben. Aus Angst und Not Der natürliche Weg zum Wortspiel. kam Herr V. W - aufs
Spiel, und freute sich herzlich, da er das Interesse bemerkte, das die Herren v.
X.Y.Z. an diesem Worte nahmen.
Der Herr v. G - war über die Lage des Herrn v. W - schalkhaft still vergnügt.
PASTOR. Ein jeder Kopf lernt schwer spielen; auch das leichteste Spiel macht ihm
Mühe.
HERR v. W. Woher kommt das?
PASTOR. Es verdriesst ihn, dass er es nicht gleich mit einem Blick umzingelt, und
eben dieser Verdruss zerstreut ihn.
HERR v. G. Das Kartenspiel ist ein Krieg. Alle Leidenschaften ziehen zu Felde.
Man hat über die Moralität des Spiels gestritten, allein oft aus sehr falschen
Gesichtspunkten. Einem Mann, der von Zinsen lebt, ist das Spiel ein Amt, und so
etwas von Amt ist nötig, um die nötige Portion Galle in den Magen zu sprengen.
Herr v. W - glaubte sein Spiel hierdurch gewonnen zu haben, allein die Sache
wurde den Herren von X.Y.Z. nicht nach ihrem Sinn abgehandelt, und sie fingen
auf gut weidmännisch den Hafen zu anatomiren an. Mein Reisegefährte wusste so gut
wie sie, was Balg, Löffel und Sprünge hiesse, und was es sagen wolle, der Hase
drückt sich. - Man handelte die Hohe-, Mittel- und Niederjagd ab. Ich ärgerte
mich nicht wenig, dass Lerchen und Wachteln mit Mardern und Heistern zur
Niederjagd gehören; allein der Herr v. W - ärgerte sich noch weit mehr, dass er
aus dem Regen unter die Traufe gekommen war. - Alles war über und über. - Herr
v. W - musste also aus der Not eine Tugend machen, und bracht' eine Gesundheit
auf die glückliche Reise des jungern Herrn v. G - in Vorschlag. Ich hatte die
Ehre mit eingeschlossen zu werden, so wie unsere beiden Väter. Diese Gesundheit
wurde unter dem Vorsitz des Herrn v. W - geblasen - und zwar, nach des Herrn v.
W. - Anordnung, auf die Art, als wenn Kanonen gelöset würden. Es war ein
jämmerlicher Ton. Dem wohlmeinenden Herrn v. W - ging er durch die Seele. Er
hatte noch etwas wegen der Kuchen anzubringen. Das Resultat seiner Meinung war,
dass gewisse Signaturen dabei angebracht, und Trauer- und Freudenfeste darauf
bezeichnet werden könnten. Herr v. G - widersprach. Frau v. G - brachte das
Wappen in Vorschlag, welches sie in jeder Serviette gewebt hatte. Die Waldhörner
hörten nicht auf, und der Herr v. W - bekam Seelenkrämpfe, die ihm mein Vater,
wiewohl nur auf eine kurze Zeit, durch eine freundschaftliche Teilnehmung
linderte.
Der Name Waldhorn deutet schon an, sagte mein Vater, dass dies Instrument im
Walde zu Hause ist, wo Dissonanzen so nicht zu bemerken sind. Das war dem Herrn
v. W - Balsam; indessen griff der vorige Schmerz wieder um sich, und Herr v. W -
schien zu meinem Vater das Zutrauen zu verlieren, da mein Vater wider alle
Tafelmusik sich erklärte. Es ist ein schlechtes Compliment, das der Wirt sich
selbst und seinen Gästen macht, erinnerte mein Vater, wenn er das Gespräch an
der Tafel durch Musik unterbricht. Hr. v. G - glaubte die Tafelmusik, wenn es
eine Kammermusik, wäre bei gewissen Festen nötig, und fand also nirgend Trost.
- Das letzte. Mittel war, die Tafel aufzuheben. Herr v. W - griff so schwer
dazu, als man zum Trepan greift. Was war zu machen? Die Herren von X.Y.Z.
hatten, ohne die öffentlichen Gesundheiten abzuwarten, reichlich den Wert des
Weins bewiesen, und die Tafel musste (Herr v. W - mochte wollen oder nicht)
aufgehoben werden.
Die letzte Gesundheit und Schluss der Tafel war Luters Gesundheit:
»Dass es uns wohlgeh' auf unsre alte Tage!« Der Herr v. G - wollte noch besonders
des seligen Dr. Luters Gesundheit in Rheinwein trinken, es war aber schon alles
auf den Beinen.
Herr v. W -, dem Profit die Mahlzeit viel zu unhöflich war, wollte ganz was
besonders sagen; allein könnt' er vor den Waldhörnern? Alles ging seinen eigenen
Weg. Ich, zu meinem Vorteil, quartierte mich in ein klein Zimmerchen ein, wo
ich den heutigen Tag in Kürz' und Einfalt wiederholen wollte. Dieser Umstand
liess mich hören, was meine Leser lesen sollen.
HERR v. G. Warum lasst ihr einen so guten Alten nicht geradezu? Bediente gehen
ab.
DER ALTE griff ein. Gnädiger Herr! Sie wollten - ich aber wollte nicht.
HERR v. G. Und warum?
DER ALTE. Ich schäm' mich es zu sagen, da ich Sie sehe. Es ging mir, wie dem
ungerechten Haushalter - ich schämte mich zu betteln.
HERR v. G. Vater! - wäret Ihr mein leiblicher Vater, ich würd' mich Eurer nicht
schämen. Dies habt Ihr aber freilich nicht wissen können. Ich habe gute Freunde
bei mir, seid so gut, einer davon zu sein.
DER ALTE. Nein, Herr, wenn sie auch alle wären wie Sie, ich habe nicht Zeit.
HERR v. G. Was habt Ihr denn zu tun?
DER ALTE. Was wichtiges, Herr! zu sterben - ich will es wohl alles sagen, wenn
wir allein sind - (ich hielt den Odem zurück), ich habe nur höchstens acht Tage
zu leben.
HERR v. G. Wie wisst Ihr das?
DER ALTE. Das weiss ich so - ich kann es selbst nicht sagen - weil ich es weiss,
weil ich es fühle, weil es gewiss ist - und nun! Meine Tochter und ihr Mann haben
mich zwei Jahr ernährt.
HERR v. G. Da haben sie ihre Pflicht getan.
DER ALTE. Ich hatte mir so viel Geld gesammelt, um niemand aufs Alter
beschwerlich zu fallen. Wie ging's? Ich lehnte dies Gelb einem Cavalier; der ass
und trank und war fröhlich und guter Dinge, bis er nichts wiedergeben konnte.
Verzeihen Sie, gnädiger Herr! Sie sind ein Cavalier, allein ich sage die
Wahrheit.
HERR v. G. Und ich höre sie so gern, beträf' es mich selbst, als Ihr sie nur
sagen könnt.
DER ALTE. Klüger wär's gewesen, wenn ich mich zu Tode gearbeitet hätte. - Da
fiel ich einmal blass und bleich hin, und das hielt ich für Gottes Wink, in
dieser Welt zu schliessen. Gnädiger Herr, ich habe nicht die Arbeit gescheut; wie
ich jung war, kurirt' ich mich mit Arbeit, ich habe nie andere Medicin
gebraucht. Was einen in der Jugend stärkt, schwächt im Alter - ich konnte nicht,
Herr, ich hatte schon ein halb Jahr bloss gebetet und gesungen, da ging mein Gelb
verloren; ich versuchte meinen Arm, ich fing an zu wollen, ich wollt' im ganzen
Ernst; allein ich könnt' nicht, ich konnt' nicht - verzeihen Sie diese Tränen.
Ich habe keine betrübtere Stunde als eben diese Probestunde gehabt, wo ich so
schlecht bestand.
HERR v. G. Da gingt Ihr zu Euren Kindern?
DER ALTE. Ja, Herr, und sie kamen mir entgegen. Ich habe nur eine Tochter, ich
fand aber an ihrem Mann einen Sohn. Was sie hatten, hatt' ich. Sie pflegten
mich, obgleich ich ihnen keinen Dreier nachlassen konnte. Gott labe sie dafür an
seinem himmlischen Freitisch auch aus Gnad' und Barmherzigkeit, wie sie's hier
an mir getan.
HERR v. G. Und jetzt, Vater, sind sie gegen Euch kälter?
DER ALTE. Nein, Herr, das nicht! aber sie sind arm geworden. Das Gewitter schlug
ihr Häuschen zu Grunde. Sie hatten etwas zu meinem Begräbnis abgelegt - ich bin
so ein alter Geck auf ein ehrliches Begräbnis, und diesen Sterbepfennig, Herr,
haben sie angegriffen - darum geh' ich betteln. Wenn ich sterbe, sollen sie die
unvermutete Freude haben, mein Begräbnis bestellt zu finden. Sie hatten
geborgt, Herr, um mir nach meinem Tode zu Gefallen zu leben, das weiss ich;
allein das wollt' ich nicht. So bin ich, Herr, ein alter Mann, allein ein junger
Bettler!
HERR v. G. Wo wohnt Ihr denn?
DER ALTE. Herr, Verzeihung! das sag' ich nicht, meint - und meiner armen Lieben
wegen!
HERR v. G. Verzeihung, Alter, dass ich es gefragt habe; Gott züchtige mich, wenn
ich Euch nachsehe.
DER ALTE. Das ist brav, gnädiger Herr! In acht Tagen sehen Sie gen Himmel, dann
(Gott sei gedankt), dann ist meine Wohnung nicht mehr geheim.
HERR v. G. Aber wo glauben Euch jetzt die Eurigen?
DER ALTE. Ich sagt', ich hätt' ein Gelübde auf mir und müsste nach Gottes Welt
sehen; sie wissen, dass es mein letzter Gang ist.
HERR v. G. Nehmet, Vater, Gott sei mit Euch!
DER ALTE. Herr, so viel! Nein, Herr, so war es nicht gemeint. Ich brauche nur
noch zwei Orte, das übrige hab' ich nicht nötig. Im Himmel brauch' ich nichts.
HERR v. G. Gebt's Euren Kindern.
DER ALTE. Behüte Gott, Herr! Meine Kinder können noch arbeiten - sie selbst
brauchen nichts.
HERR v. G. Zum Haus, Alter!
DER ALTE. Es steht schon.
HERR v. G. Ihr macht mich rot, Vater!
DER ALTE. Nun dann sind wir's beide. Ich bin es auch über und über, weil ich
zwei Ort' angenommen. Sparen Sie, gnädiger Herr, das übrige für Leute, die
länger für Sie beten können als ich.
HERR v. G. Ihr bewegt mich, Vater!
DER ALTE. Ich hoff, ich hab' auch Gott bewegt, der lass' es Ihnen nicht missen!
HERR v. G. Wollt' Ihr was essen?
DER ALTE. Ich habe schon gegessen, Milch und Brod.
HERR v. G. Aber mitnehmen?
DER ALTE. Nein, Herr, ich will dem lieben Gott nicht ins Amt fallen. Alle Leute,
die mich sahen, boten mir Essen an. Ich habe mir aber den Magen nicht verdorben.
Es wär' ein schlechter Dank beim lieben Gott, wenn ich jetzt mitnehmen sollte.
Doch - ein Glas Wein, ein einziges!
HERR v. G. Mehr, Vater!
DER ALTE. Nein, Herr, nur eins. Mehr trag' ich nicht. - Sie sind es wert, dass
ich zum letztenmal vom Gewächs des Weinstocks bei Ihnen trinke. Es soll der
letzte Weintropfen sein, den ich in der Welt nehme, sonst würd' ich nicht
gefordert haben. Nun kann ich im Himmel erzählen, wo ich den letzten Labetrunk
genossen. - Lieber Gott, ein Glas kalt Wasser bleibt schon nicht unvergolten.
Der Herr v. G - holte den Wein selbst, der alte Mann hob seine Hände gen Himmel,
                         da er allein war, und sprach.
Den letzten Wein! Das Nachtmahl hab' ich schon vor acht Tagen genommen. Lieber
Gott, erquicke den Geber, wenn ihn kein Trunk mehr erquickt!
                         Der Herr v. G - brachte Wein.
HERR v. G. Hier, Vater. Ich hab' mir auch ein Glas mitgebracht, wir müssen
zusammen trinken!
DER ALTE gen Himmel. Habe Dank, lieber Gott, für alles Gute, für diese Welt habe
Dank! Er trank etwas. jetzt Zum Herrn v. G -, sie stiessen zusammen. Gott schenke
Ihnen ein sanftes Ende, wie ich's gewiss haben werde!
HERR v. G. Vater, bleibt diese Nacht hier, ich bitt' Euch. Kein Mensch soll Euch
sehen, wenn Ihr es so wollt.
DER ALTE. Nein, Herr, ich kann nicht. Meine Zeit, Sie wissen, ist edel.
HERR v. G. Gott, grosser Gott, womit kann ich Euch noch dienen?
DER ALTE. Herr, ich wünscht' Ihretwegen, dass ich noch mehr brauchte. Sie sind
ein guter Herr; allein ich hab' auf der Welt nichts mehr als - noch einen
Handschuh nötig. Ich hab' ihn verloren.
HERR v. G. Gleich.
DER ALTE allein. Zum letztenmal gelabt! dort wird es besser sein!
HERR v. G. bracht' ihm ein Paar Handschuhe. Hier, Alter!
DER ALTE. Den einen brauch' ich nicht, nur einen hab' ich gefordert.
HERR v. G. Warum den andern nicht auch?
DER ALTE. Dieser Hand fehlt nichts. Es ist bloss die Linke, so die Luft nicht
vertragen kann. - Ich werd' an Sie denken!
                 Er gab dem Herrn v. G - die rechte blosse Hand.
HERR v. G. Und ich auch an Euch! - O Alter! mir ist es schwer, mein Wort zu
halten.
DER ALTE. Desto besser, Herr, für Sie, wenn Sie's halten.
HERR v. G. Noch einmal Eure Hand, Alter. Es ist Angriff, es ist Segen Gottes
drin.
DER ALTE. Gott segne Sie!
HERR v. G. Und helf' Euch!
    Noch war ich dieses Gesprächs wegen in einer unaussprechlichen Bewegung, in
einer schwermütigen Wonne - auf einem schönen baumreichen Kirchhofe, als Herr
v. G - der jüngere mich im Namen meines Vaters aufsuchte. Ich flog, mein Vater
reichte mir die Hand entgegen und ging mit auf unser Zimmer, stiess ein Fenster
auf und fing an: »Ich dachte, Alexander, noch vierundzwanzig Stunden um dich zu
sein; mein Amt will mich. Der - ist im Letzten.«
    Dieser arme Mann war ein Bekannter von uns. Das erst' und letztemal, da er
eine Flinte losdrückte, oder vielmehr, da sie ohne sein Vorwissen und Mitwirkung
in seiner unerfahrnen Hand losging, erschoss er seinen Sohn. Er wollte seiner
Frau Bruder, der auf Vogelwild ausgegangen war, eine unerwartete Freude machen
und ihm in Jägeruniform entgegenkommen. - Das Trauerspiel geschah in dieses
Jagdverständigen Hause und also nicht in unserem Kirchspiel, wo, wie meine
Mutter zu sagen pflegte, die Erde keinen Tropfen unschuldig Blut (er wäre denn
von einem Barbier versprjetzt) getrunken hätte. - Knall und Fall! Die Gerichte
sprachen ihn frei, allein er sich selbst nicht. Er hat sich nie in der Welt ein
Lachen bereitet. Sein Weib starb aus Gram, mehr über den Gram ihres Mannes, als
über den Verlust ihres einzigen Sohns. Dieser Unglückliche war jetzt in
Seelenangst. Ich soll meinen Gerg sehen, rief er mal über mal. Er wollte, mein
Vater sollt' ihm an die Hand gehen, wie er sich gegen seinen Sohn in der andern
Welt führen sollte? Gott helf' ihm über, sagte mein Vater. Es ist schwer, wenn
ein Vater seinem Sohn im Himmel abzubitten hat.
    Ich erzählte meinem Vater den Vorgang zwischen dem Herrn v. G - und dem
Alten. Diese Vorfälle (ich will mir die Ehr' erweisen und unsere Trennung mit in
diese Summe bringen) brachten meinen Vater, der sonst, wie meine Leser wissen,
sehr beredt war, zu einer rührenden Kürze. Ich lag an seiner Brust. Ob es hier
am rechten Ort steht, kümmert mich nicht; allem ich habe nie meinem Vater die
Hand geküsst. Küsse für Weiber, pflegt' er zu sagen.
    Hier, fing er an, eine versiegelte Schrift! Oeffne sie nicht eher, als wenn
du in der grössten Not bist. Ich wollt' ihn dieser versiegelten Schrift wegen,
die zur Aufschrift anexoy kai apexoy hatte, befragen, allein er fuhr fort:
    Unser Herr und Meister sagte zu seinen Jüngern: ich hab' euch noch viel zu
sagen, aber ihr könnt es nicht tragen. Uns sind allen beiden die Tränen nahe.
Der alte Mann mit dem einen Handschuh, der in acht Tagen sterben wird, und der
Kreuzträger, der wegen des Grusses, womit er seinem Sohn im Himmel begegnen soll,
verlegen ist (ich glaube, der Herr v. W - würd' es selbst sein, wenn er in der
Stelle dieses Armen wäre) haben uns äusserst bewegt. Ein Abschied, der auf einen
nassen Boden fällt, bringt keine Früchte. Es ist ärger als der steinige Acker,
den der alte Herr in Musik gesetzt hat. Ueberhaupt redet kein Mensch ein kluges
Wort, wenn er Tränen in den Augen hat. Sei ein guter Streiter, ein Alexander,
kämpfe recht, so wirst du die Lebensessenz, das ist die Krone des Lebens, hier
und dort empfahen! Amen.
                                     * * *
    Amen! auch in Absicht des ersten Bandes. Ich hoffe die folgenden zwei, die
Ich noch zu laufen hab', in kurzem zu vollenden. Ueber diesen ontologischen
Teil hätt' ich noch viel zu sagen; vielleicht aber heisst es auch von vielen
meiner kritischen Leser, wie von meinem Vater und mir:
                          ihr könnet es nicht tragen!
Da jede Stadt, jeder Flecken zwei Tore hat, eines beim Eingang und eines beim
Ausgang, so sei es mir erlaubt, denen, die in diesem Teile zu wenig Geschichte
gehabt, schliesslich den Trost zu lassen, dass die folgenden Bände sie
entschädigen werden. Wer Romane liest, sieht die Welt im optischen Kasten, ist
in Venedig, Paris und London, je nachdem die Bilder vorgeschoben werden. Dieses
sei ein Wort ans Herz für die, welche meinen Lebenslauf zu sehr als Lebenslauf
finden, wo die Einheit der Zeit und des Ortes zu eng das Vergnügen verschränkt;
denn wenn gleich meine Leser oft nur Tal, Berg und Gesträuch gesehen haben, so
war es doch wenigstens nicht durchs Glas. Ein andermal von der gerechten Klage
über die verkehrte Welt, dass Geschichte in vielen Fällen Roman, und Roman
Geschichte geworden.
    Ich wiederhole, dass ich mich befugt glaube, auf ein forum privilegiatum
Anspruch machen zu können, und nicht verbunden zu sein, überall Recht oder
Unrecht nehmen zu müssen. Druckfehler wolle der gerechte Richter (ich habe schon
anderswo, eben da mir eine Lese- und Buchstabirrecension über ein gewisses Buch
zu Gesichte kam, gesagt, wie weit ich vom Druckorte bin, und füge diesem
Umstande noch hinzu, dass ich sehr unleserlich schreibe) nicht rügen und der
geneigte Leser selbst verbessern. - Mein Weib und Kind bitten zu grüssen.
    Es mag übrigens dieser Nachtrag, wenn er nicht als ein zierlicher
Nachbericht gelten kann, als ein Codicill, als eine donatio mortis causa, als
ein Avertissement auf Blaupapier oder eine Nachricht für den Buchbinder
angesehen werden.
 
                                    Fussnoten
1 Nürnberg, gedruckt bei Wolfgang Endter 1650.
2 Leipzig, 1632.
 
                                 Zweiter Teil.
 Die Königin ist weg; das Spiel ist verloren, sagte Herr v. G., da von der
Abreise meines Vaters geredet ward.
    Ich würde diesen Umstand meinem Vater nicht nachleichreden, wenn ich mich
nicht bei den Lesern des zweiten Teiles entschuldigen müsste, warum ich aus der
Not eine Tugend gemacht und mich in den festen Ort der Erzählung geworfen.
    Freilich ist man hiebei vor den leichten Truppen der Kritik sicherer; was
aber meine kunstrichterlichen Leser dazu sagen werden, die entweder bei der
schweren Cavallerie in Diensten stehen - oder bloss aus Lust und Liebe lesen und
gar nicht in gelehrten Kriegsdiensten sind, muss die Zeit lehren. - Aug' und Ohr
haben zwar viel Aehnlichkeit mit einander, allein alle Welt spricht von schönen
Augen; ein verzärtelter Kenner aber nur vom schönen Ohr. Das Gesicht ist
unstreitig der edelste Sinn, ohne ihn ist kein anderer Sinn vollständig. Auch
selbst wenn ich im gemeinen Leben erzählen höre, sehe ich - ich sehe den
Erzähler steif an, recht, als schien ich es zu bedauern, dass ich diese
Geschichte nicht im Original gesehen; ich verlange, der Erzähler soll sie
nachhandeln; soll, was und wie es geschehen, leibhaftig zeigen. Je mehr ein
Erzähler zu sehen ist, je mehr freue ich mich, je mehr finde ich die Kopie
getroffen. Oft habe ich gedacht, dass es eine Geschichte geben könne (ob einen
Roman, weiss ich nicht), wo man nicht höre, sondern sehe, durch und durch sehe,
wo nicht Erzählung, sondern Handlung wäre, wo man alles, oder wenigstens mehr
sehe, als höre. - Man sieht freilich den Erzähler im gemeinen Leben, allein die
Wahrheit zu sagen, man hört ihn mehr, und es würde Affektation sein, wenn er
mehr zu sehen, als zu hören wäre. Ein Erzähler, wenn er im Druck erscheint, wie
wenig ist er zu sehen! wie weit weniger, als im gemeinen Leben! - - - -
Dergleichen Geschichte, wo, wie meine Mutter sagen würde, gewandelt und
gehandelt wird, will man sie eine redende, eine Geschichte mit eigenen Worten
nennen, meinetalben! Dass eine Geschichte durchweg in Gesprächen, eine in Fragen
und Antworten ein ganz ander Ding sei, versteht sich. Wären in einer redenden
Geschichte auch nur ausgerissene Lebensblätter, wie leicht würden sie
zusammenzusetzen sein. - Man würde dem Leser noch obenein eben hiedurch
unvermerkt Gelegenheit zu mehrerer Anstrengung geben, und ihn zum Mitarbeiter an
seinem Werke machen. - - Dass ich es bei dieser Geschichte zu diesem Ziel nicht
angelegt, bescheide ich mich von selbst, und ich bin schon zufrieden, wenn mein
Lebenslauf nur hie und da Darstellung entält, und wenn sich in dem Schlusse des
ersten Bandes die Personen selbst zu erkennen und zu verstehen gegeben. Rede und
du bist, könnte das Motto zu diesen Gesprächen sein; es liegt eine besondere
Natur in der Rede.
    Zwar waren auch ohne meinen Vater noch treffliche Officiere auf dem Brette,
die noch immer redend eingeführt zu werden verdient hätten; allein der
kommandirende General war gefallen. - Wer würde meinem Vater wohl diese Ehre
streitig gemacht haben, wenn er nicht zu oft auf die Kanzel gestiegen?
    Herr v. G. hatte, um auf dem Brette zu bleiben, den Gang des Elephanten.
    Wer den Springer vorstellte, wissen wir alle.
    Vielleicht finden meine Leser noch mehr aus dem Schachspiel in der
Gesellschaft, aus der mein Vater plötzlich schied. Das Spiel ist das Bild der
Welt, wenn auch nur König und Königin in Erwägung genommen werden. - So wie sie
im Schach gehen, so gemeinhin in der Welt. - Herr v. W. hatte den Dionysius
beschämt und den Waldhornisten ein ansehnliches und fühlbares Compliment in die
Hand gedrückt. Die Art, wie er dieses Geschenk gegeben, haben wir nicht nötig
abzulauern, um ihn mehr zu wissen; denn wir wissen ihn schon inwendig und
auswendig. Er hatte Ursache, diese Schreier zum Schweigen zu bringen; denn es
gingen die Vigilien wegen eines den folgenden Tag zu feiernden Trauerfestes an.
    Der Laufer, Herr Hermann, bedeutete mehr, nachdem mein Vater weg war und
Herr v. W. ihn deckte. Herr Hermann schien sich sogar, vielleicht in Rücksicht
dieser Deckung, ein Direktorium über mich anzumassen. Ich konnt' ihm hiezu keine
Befugnis zugestehen; denn obgleich er mir zu Brusttüchern ehemals Mass genommen,
so glaub' ich doch, dieserhalb keine Pflicht zur Verehrung auf mir zu haben. Die
Feierkleider waren ihm ohnedem nicht anvertraut worden. Von meiner Seite gehörte
die Nachsicht auf Minchens Rechnung. Ihretwegen tat ich, was ich tat; indessen
vergass ich nicht, dass sie selbst mich mit dem Herrn Hermann, als Vater, nicht
beschweren wollte. Herr v. G. war durch den Alten so gerührt, dass er nicht ins
Leben zurückkehren konnte; er sah schon jetzt immer gen Himmel, obgleich noch
nicht die acht Tage um waren, wo der Alte ein Zeugnis in perpetuam rei memoriam
für ihn im Himmel einzulegen versprochen. Die Vigilien des Herrn v. W. kamen dem
Herrn v. G. so zur rechten Zeit, dass er mit festlich ward. Die Frau v. W. und
ihre kleine Tochter unterhielten sich von dem armen bedrängten Sterbenden, den
mein Vater trösten sollte. Frau v. G. selbst hatte sich zu diesem Vorfall,
obgleich der Sterbende nicht von Adel - nicht einst ein Literatus, mitin nach
Landesart ein Bauer war, hochadlich herunterzulassen geruht, und so war unsere
Gesellschaft, des alten Mannes, der in acht Tagen sterben wird, und des
unschuldigen Sohnesmörders wegen, in eine so heilige Schwermut gesunken, dass
Herr v. W., der den sanften und seligen Hintritt seines Aeltervaters zu feiern
anfing, mit Herz und Sinn dieses Fest, und, wie mir's vorkam, früher, als es
sonst geschehen wäre, begann.
    Die Herren v. X.Y.Z. und ihre Gemahlinnen gehörten nicht zur
heiligschwermütigen Gesellschaft. Sie waren zwar verstummt; allein bloss weil
die Waldhornisten verstummt waren, denen Herr v. W. das Maul gestopft hatte.
Diese Herren schienen von curischer Politik, Wein und Waldhörnern trunken, so
dass sie sich weder in Rücksicht des Leibes, noch der Seele aufrecht halten
konnten. Sie sassen nicht, sondern lagen auf ihren Stühlen; jeder hatte sich zwei
Stühle zugeeignet, den dritten Stuhl rechne ich nicht, auf dem der rechte Arm
übergeschlagen lag, denn auf diesem dritten ungerechneten sass die eine Hälfte
des Nachbars. Die Herren X.Y.Z. waren also in einander gekettet. So schwach
indessen diese gute Herren schienen, so hatten sie doch so viel Stärke, Hand an
ihre Pfeife zu legen und sich in Rauch zu hüllen. Sie schmauchten wie aus einem
Munde und hielten so genau Takt, als ihn Herr Hermann, wenn er ein Positiv
schlug, oder meine Mutter, wenn sie ihrem Hause eine neue Melodie beibringen
wollte, nur halten konnten. Aus dieser Lage zu urteilen, wären die Herren v.
X.Y.Z. so leicht nicht aus dem Schlaf zu bringen gewesen, es hätte denn an den
Herzog Jacobus gedacht werden müssen, der den Uniten, welche sich mit der
katolischen Religion vereinigt, als vertriebenen Exulanten russischer Nation,
die freie Religionsübung zugestanden - oder an den Titel Wohlgeboren, welcher
der Ritterschaft im Jahre unseres Herrn eintausend sechshundert und vier und
achtzig bewilligt wurde, obgleich sie durchaus und durchall Hochwohlgeboren
heissen wollten - oder an den Rangstreit mit der Geistlichkeit, worüber bitter
gestritten worden - oder an den Oberkammerherrn v. ** und dessen männliche
Descendenten - oder an die katolische Religion in Curland.
    Dergleichen Staatsanstösse würden vielleicht (gewiss weiss ich's nicht) die
Herren v. X.Y.Z. ermuntert und von drittalb Stühlen auf einen, oder gar auf die
Beine gebracht haben.
    Es war indessen niemand aus der heiligschwermütigen Gesellschaft, der
diesen Appell zu schlagen und den Versuch zu machen Lust hatte, ob die liegenden
Herren hierdurch aufzuwiegeln wären? Dass sie nicht still geblieben, ist
zuverlässig; ob sie aber aufgebrochen wären - daran zweifle ich. Gibt's denn
nicht Agenten von Haus aus?
    Ein Wort der Ermunterung wäre es auch gewesen, wenn man den Hunden ein
Patent als Adjutanten des Menschen ausgefertigt;
    oder einen meerschaumen Pfeifenkopfshandel aufgebracht hätte.
    Die gnädigen Frauen v. X.Y.Z. sassen, die Hände um den Magen kreuzweise
gelegt, als ob sie ihre Magen zur Verdauung einsegnen wollten. Sie sahen hierbei
die Frau v. G. steif und fest an, als ob sie sich für die empfangenen Gaben
bedanken und sich, vor wie nach, ihrer Protektion empfehlen wollten. Der Frau v.
G. Aushülfe bei Gelegenheit des Schoosshündchens war ihnen, und das mit Recht, im
frischen Andenken.
    Mein Reisegefährte war nicht Fisch, nicht Fleisch. Er hatte mit mir
Brüderschaft gemacht, und ich hatte Hoffnung, ihn zu erweichen und ihn zu einem
gut gesinnten Kirchenpatron zu bekehren, der die Jagd andern Pflichten
unterordnen muss; allein die Herren v, X.Y.Z., als jagdgerechte Jäger, hatten ihn
wieder ganz und gar - wie es schon aus den Tischreden des vorigen Bandes zum
Teil hervorstrahlt. Er war in Gedanken, Geberden, Worten und Werken, mit den
Herren v. X.Y.Z. auf Wild ausgewandert; denn selbst in der tiefen Stille, die
auf den Herren v. X.Y.Z. lag, hielten sie die Pfeifen als ein Mordgewehr,
zielten und machten Puff, Paff! und wieder Puff, Paff! Mein Reisegefährte hielt
seine Pfeife, zielte wie sie und tönte Puff, Paff! wie sie, und wieder Puff,
Paff! - Er war in ihrer Wolke auf- und angenommen.
    Doch muss ich (und das wird meinen Lesern eine erfreuliche Nachricht sein,
weil der jüngere Herr v. G. ein Sohn des ältern Herrn v. G. ist)
pflichtschuldigst bemerken, dass er seinen künftigen Pastor nicht völlig
vergessen hatte. Wenn er seine Pfeife nachstopfte und aus dem Takte kam, brach
sich sein Blick durch den Nebel zu mir, und da seine Pfeife glühte und nicht
sogleich wieder geladen werden konnte, kam er sogar zu mir, fasste mich
brüderlich an und fragte: Warum so traurig? und warum nicht auch Puff und Paff
mitgemacht? So was, fügte er hinzu, stärkt das Auge, und wenn wir morgen auf die
Jagd gehen, hast du schon eine vorläufige Teorie, die du benutzen kannst. - Ich
versicherte, heut am wenigsten zum Puff, Paff Ansatz zu haben. Ich verdenke dir
deinen Trübsinn nicht, fuhr er fort. Dein Vater - -
    Scheiden heisst sterben, hatte ich zu ihm gesagt, da mein Vater abfuhr, und
dies Wort zu seiner Zeit war so glücklich gewesen den Weg zu seinem Herzen zu
finden, der so leicht nicht zu finden war. Seine Liebesgrenze ging nicht weiter,
als bis Vater und Mutter, und zur Not Schwester und Bruder. - Weiter, glaub'
ich, geht sie auch bei keinem Jäger, Koch und Schlächter, welches
Professionsverwandte, oder höchstens von einem und demselben Handwerk
unterschieden sind, wie Frauens- und Mannsschneider. - Ausser Vater und Mutter,
und zur Not Bruder und Schwester, schien dem Herrn v. G. dem Jüngern alles Wild
- - -
    Man ging den Abend zeitig zur Tafel, weil alles die Karten verbeten hatte. -
Zur Ehre der Herren v. X.Y.Z. muss ich noch anführen, dass sie nach ihrem
Ausschlaf, um die edle Zeit auszukaufen, eine Stunde Würfel gespielt.
    Bei Tafel war alles auf den Ton des Herrn v. W. gestimmt, der mit schwarzer
Weste, schwarzen Beinkleidern und einem Flor um den linken Arm, bei der Mahlzeit
erschien. Man sprach viel von den Schicksalen der Menschen und von der
Ungewissheit der Todesstunde. Herr v. W. erzählte den Lebenslauf des Herrn v. W.,
seines Herrn Grossvaters, dem heute aufs neue parentirt ward. Herr v. G. sprach
vom Tode, wie ein Gerechter, der in seinem Tode getrost ist. Die Vernunft, sagte
er, ist ein Kissen, allein kein Kopfkissen. Die Einbildungskraft muss auch
Beschäftigung haben, wenn's zum Scheiden geht. Wohl uns indessen, dass wir nicht
wissen, wenn wir sterben; denn wir würden dann nicht leben, nicht sterben -
beides ist gut. - Doch, fuhr er fort, gibt es einige, die es wissen, die auf die
Stunde ihrer Erlösung mit Gewissheit rechnen können. - Nur heute - hier schwieg
er und stützte sich traurig auf. Ich verstand ihn ganz. Seine Frau fragte ihn:
Ist dir nicht wohl? mit einem Tone, der mich überführte, dass sie ihren Mann nach
sich am meisten liebte; und warum sollte sie es nicht? er war ja von gutem Adel.
Sehr wohl, erwiedert' er, mein Kind. - Sie stand auf und küsst' ihn; er blieb mit
aufgestemmtem Arm. Es ging alles still, wie bei einer Leichenwache zu, und
dieses brachte die Herren v. X.Y.Z. zum Aufbruch. Schon lange hatten sie nach
dem Monde gesehen und es ihm übel genommen, dass er nicht eher aufgegangen war,
denn es ward nicht getrunken wie des Mittags, nicht geschrien wie des Mittags,
nicht geblasen wie des Mittags. Das hätte freilich der Mond bedenken sollen. Sie
zogen unter einander auf die Wache, um keine Zeit zu versäumen. Der erste Strahl
war ein allgemeiner Wink zum Abschiede. Sie empfahlen sich und fuhren mit ihren
gnädigen Frauen, denen des Mittags die Zeit lang geworden war, weil viel, und
des Abends, weil wenig gesprochen worden, heim. Die Waldhörner wurden auf eine
künstliche Art in Postörner verwandelt, und man macht' einen solchen Lärmen,
als wenn dreissig blasende Postillons vorher ritten. Der Herr v. W., den dies
unversehens überfiel, brach ein Glas, das er eben in der Hand hatte, und begoss
sich seine Trauerweste, die, wie er sagte, zum Glück schwarz wäre. So bricht
unser Leben, sagt' er, um den Glasbruch geschickt bei dem gegenwärtigen Fall
anzuwenden.
    Es war der Herr v. W. wie von neuem geboren, da die Herren X.Y.Z. fort
waren, und so ging's auch dem Hermann, der zwar viel über die Herren v. X.Y.Z.
gedacht, allein wenig gesagt hatte. Mir war immer bange, die guten Herren würden
aus Freude, von den Waldhörnern und ihren Anhängern befreit zu sein, aus dem
Trauerton des Festes kommen; indessen fiel es ihnen zeitig wieder ein, dass die
heutige Freude in ihren Schranken bleiben müsste. Der arme Hermann hatte wegen
der Herren v. X.Y.Z. in ecclesia pressa gelebt. Was er, so lang sie da waren,
tun konnte, war aufs Aug' eingeschränkt. Dieses, dem Herrn v. W. gewidmet, war
oft Gelegenheitsmacher, oft Teilnehmer, nachdem Herr Hermann weniger oder mehr
von den Herren v. X.Y.Z. und ihren Damen bemerkt werden konnte. Er wusst' aus
vieljähriger Erfahrung, was der Adel in Curland zu bedeuten habe, und fühlt' es
auch noch in den Gliedern, dass er wegen einer Grabschrift drei Tage und drei
Nächte wachen müssen. Er dacht' an alle Ehrenerklärungen und Maulschläge, die er
zu übernehmen notgedrungen worden, und an seine eigene Grabschrift, die man
noch lebend auf ihn gemacht:
                        Hier wacht der lebendig Todte. -
Viele Leute pflegten dieser Grabschrift wegen mit Herrn Hermann ein Gespötte zu
treiben und zu behaupten, dass er mit lebendigem Leibe spuke.
    Ein Tag, wie der heutige, fing Herr v. G. an, nachdem er die Hände gefaltet
und sie gen Himmel gebrochen hatte, ein Tag, wie der heutige, ist eines solchen
Abends wert! Ich hab' diesen Tag gelebt, und wenn gleich viel vom Leben dieses
Tages auf die Rechnung der zehnjährigen Entfernung gehöret; ich setze zehn für
eins - zwölf Tage könnte man im Jahre von dieser Art leben. Wer wollt' aber
vergessen, dass der Tod aufs Leben folgt, fuhr Herr v. G. fort. Der Herr v. W.
wusste nicht Worte zu finden, dem Herrn v. G. seine Erkenntlichkeit zu beweisen;
denn er hielt dieses alles für Folgen seiner schwarzen Weste und Beinkleider und
des Flors um den linken Arm, obgleich die Weste begossen war. Gern hätt' er, in
der ersten Hitze seiner Erkenntlichkeit, das Gartengespräch mit Herrn Hermann
über den Herrn v. G. öffentlich widerrufen, allein dieses würde sich nicht
geschickt haben. Die Worte: »Traget die Groben, weil ihr höflich seid,« waren
ihm unerträglich geworden, so erkenntlich war er, und diese Anlage zur
Erkenntlichkeit werden sich meine Leser schon bei dem Feste der Deutschen
angezeichnet haben.
    Die Frau v. W. und die übrigen schrieben die heilige Schwermut des Herrn v.
G. auf die Rechnung des Sterbenden, dem mein Vater in die andere Welt zu
leuchten gegangen war.
    Ich hatte den Hauptschlüssel zu dem Herzen des Herrn v. G., den er bis dahin
hinterhalten hatte. Jetzt erzählt' er der Frau v. W., was mit ihm und dem alten
Manne vorgefallen war, doch so, dass es alle hören konnten. Wem hätt' er diese
Geschichte auch besser dediciren können, als der Frau v. W.? Der Herr v. G. sah
es mir an, dass mir diese Geschichte nicht neu wäre, und ich fand keine Ursache
zurückzuhalten, dass ich den alten Mann mit dem einen Handschuh selbst gehört
hätte. Ich hatte mein Bekenntnis noch nicht vollendet, als Herr v. G. aufsprang,
mir seine eingeweihte Hand reichte: Der Segen dieses Himmlischen, sagt' er,
indem er nur die Hand drückte, wird auch auf dir ruhen, du Sohn deines Vaters!
Nach mir gab er diese Hand der Frau v. W., ihrer Tochter und zuletzt seinem
Sohne, der aber nicht wusste, was ihm geschah.
    Der Herr v. W. hätte diesen Handschlag für einen Mangel der seinen Lebensart
gehalten, wenn der Herr v. G., der sich aber von selbst zu bescheiden wusste,
auch ihm ihn angeboten hätte; indessen war Herr v. W. doch sehr bewegt über
diese Geschichte, und wer weiss, wenn dieser Himmlische ein Edelmann gewesen
wäre, ob er ihn nicht mit in sein Trauerfest eingeschaltet hätte. Jetzo könnt'
er auf diese Ehre nicht Anspruch machen, und das um so weniger, da er nur einen
Handschuh getragen.
    Herr Hermann wollte bei dieser Gelegenheit dem Herrn v. G. mit Witz unter
den Arm greifen, auf den Herr v. G. sich gestützt hatte, und ihn durch einen
Einfall trösten. Der elendeste Trost von allen, der jedem klugen Mann ekelt! Um
zum witzigen Ziel zu kommen, musst' er einen langen unangenehmen Umweg machen. -
Endlich an Ort und Stelle. Er erzählte, dass der Pastor in - - einen Amtmann über
die schlechte Zeit zur Ruhe gesprochen und ihn auf den Himmel gewiesen hätte.
Der Amtmann aber in seiner Einfalt hätt' ihm zur Antwort gegeben: »Herr Pastor,
wie man hört, soll es auch da nicht mehr sein, wie zuvor.«
    Herr v. W. war gewohnt, alles, was er sprach, abzurunden, und dieses vermisst
er zuweilen am Hermann, der, eh' man es sich versah, aus der Rolle kam.
Wahrlich, er spielte zu viel Rollen. - Ob nun gleich Hermann alles tat, was er
dem Herrn v. W. an den Augen ansehen konnte, und immer Colophonium (Geigenharz)
in der Hand hielt, um den Bogen des Herrn v. W. zu stärken, so war dem Herrn v.
W., der aus Höflichkeit erkenntlich zu sein wohl verstand, jedoch dieser Gedanke
völlig unpassend und ungeschliffen. Er schüttelte sein Haupt und verwies dem
Herrn Hermann diese Geschichte, wiewohl aus Erkenntlichkeit - bloss mit einem
Winke, der sagen sollte: »Alles zu seiner Zeit.« Herr v. G. aber sprang auf. Der
Funke, fing er an, war nicht wert, dass Sie so oft darnach schlugen. Ich habe
diese Geschichte, welche nach Ihrer Aussage dem Pastor in - begegnet sein soll,
schon in meiner Jugend gehört. Der Herr v. W. nahm sich des Herrn Hermanns nicht
an, weil Herr Hermann sich nicht in die Zeit geschickt hatte, und Herr v. G.
behauptete, um den Witz desto geschwinder los zu werden, dass man sich nicht
besser des Todes erinnern könne, als wenn man schlafen ginge. Heil dem, sagt'
er, der so stirbt, als ein Bauer einschläft, der gedroschen hat. Nach
ausgestandener schwerer Arbeit in der Welt lässt sich's selig und ruhig sterben.
In der letzten Stunde des Lebens sieht man schon den Unterschied zwischen
reicher Mann und armer Lazarus.
    Man wünschte sich eine gute Nacht. Hermann beurlaubte sich. Herr v. W. liess
es bei dem Wunsch einer guten Nacht nicht bewenden, sondern wünschte noch
ergiebiger, dass die ewige Vorsicht sowohl den Herrn v. G. als die gnädige Frau
vor allen Trauerfällen bewahren und sie die höchsten Stufen des menschlichen
Lebens hinaufführen möchte. - Herr Hermann nahm Gelegenheit, dem Herrn v. W.
wegen des Ablebens seines Hochwohlgeboren Herrn Grossvaters zu condoliren. Ich
bückte mich bloss, und da er dieses gleichmässig für eine Condolenz ansah, wandt'
er sich zu jedem von uns beiden, zu mir zuerst, und wünschte jedem was
besonders, jedem aber eine lange Reihe glücklicher Jahre.
    Der Herr v. G. nahm die Frau v. W. bei der Hand, um ihr das Schlafzimmer
anzuweisen. Da die Frau v. G. durchaus sie auch begleiten wollte, gab ihr Herr
v. W., nach vielen Complimenten und Bitten, zurück zu bleiben, auch die Hand.
Dem jüngern Herrn v. G. ward das kleine Fräulein v. W. angewiesen. Mich musste
der gewesene Hofmeister, den sein gewesener Untergebener nicht mehr für voll
ansah, wiewohl in das nämliche Zimmer bringen, wo ich schon die vorige Nacht
geschlafen hatte, und das ich also ohne diese Anweisung gefunden haben würde.
Hier sollt' auch der alte Herr schlafen. Dieser letzte Umstand, obschon er von
der Frau v. G. zu meiner Erniedrigung ausgekünstelt schien und mich einen
Augenblick befremdete, war mir doch gleich nach diesem Augenblick willkommen.
Ein betrübtes Herz liebt zärtlicher, und wahre Liebe ist keine frohe
Leidenschaft. - Sie fängt mit Seufzern an, so wie wir mit Tränen geboren
werden. Mine war mit Leib und Seele vor meinen Augen; es ist doch ihr Vater,
dacht' ich, und reichte dem Herrn Hermann die Hand. So Hand in Hand kamen wir
ins Schlafzimmer. Hier legte der alte Herr sein Protektionsansehen, womit er
mich ohnehin nur nach der Abreise meines Vaters, und das sehr beiläufig,
heimgesucht hatte, zugleich mit seiner Perücke ab und tat ungemein vertraut mit
mir. Um seine heutige Hofnarrenführung zu entschuldigen, zog er auf den Adel
los. Traget die Narren, sagte er, weil ihr klug seid, und restituirte also
diesen Spruch in integrum, nachdem er von ihm und dem Herrn v. W. in der Art war
verdreht worden: Traget die Groben, weil ihr höflich seid. Ich weiss nicht, wie's
mir anwandelte, dass ich dem alten Herrn bei den Worten: traget die Narren, weil
ihr klug seid, ins Wort fiel:
                  »Allein macht euch nicht selbst zum Narren.«
    Es tat mir leid, sobald ich diesen Zusatz ausgesprochen hatte. Der alte
Herr schien es zu empfinden und setzte seine Rechtfertigungen fort. Ein
Literatus ist freilich, sagte er, ein halber Edelmann, indessen ist zwischen
halb und ganz ein Unterschied. Man lasse ihnen das von, wenn sie uns nur den
Verstand lassen. Da er herausging, sich eine Flasche Wein zu besorgen, um noch
eine Pfeife, wie er sagte, in bona pice et pace zu rauchen, nahm ich das
Testament meines Vaters heraus, welches ich die ganze Zeit über verborgen in der
Hand gehalten. Ich hatte beinahe diesen Abend nur mit einer Hand gegessen, denn
ich konnte dies Testament in der Tasche keinen Augenblick allein lassen. Die
Hand, mit der ich's hielt, war in einer solchen Transpiration, als wenn sie
nicht zu den übrigen Teilen des Körpers gehörte.
    Anexoy kai apexoy, las ich, und las wieder: anexoy kai apexoy. Oeffne sie
nicht eher, als wenn du in der grössten Not bist. Und was ist die grösste Not? -
dachte ich bei mir selbst. Ich fand, dass Geld in diesem letzten Willen lag, und
da es sich nicht tun liess, meinen Kasten aufzuschliessen und diese donationem
mortis causa zu den Denkzetteln meiner Mutter zu legen, die mir als eine donatio
inter vivos vorkam, so deponirte ich diese Schrift vorderhand ins Bett unters
Kopfkissen und dachte an meine Mutter und an den hochheiligen Abend vor der
ersten Predigt bei diesem Interimsdeposito. Ich musste eilen, denn der alte Herr
kam wieder und ein Bedienter hinterher, mit Wein und einem Teller voll
Rauchtabak. Da ist Essen und Trinken, sagte der alte Herr und tat dabei, als ob
er etwas sehr Witziges gesagt hätte, welches ich aber nicht finden konnte. Bald
darauf fing er an, sich zu beklagen, dass er einen guten Freund seines Hauses an
mir verlöre, und ich nahm Gelegenheit mich nach seinem Sohne zu erkundigen;
vielleicht, dachte ich, fängt er von selbst von seiner Tochter an - wenn er doch
anfinge!
    Ich sah es seinen Augenwimpern, seiner Nase und Stirn an, dass er sein ganzes
Gesicht umstimmen musste, eh' er herauszubringen im Stande war, dass der Sohn
eines Literatus ein Schneider geworden wäre, obgleich mein Brusttuch, wie man es
in Curland nennt, noch von der selbsteigenen gelehrten Hand des alten Herrn
edirt war. Zwei, die ich im Kasten hatte, waren sogar durch ihn geflickt - und
verbessert und vermehrt zum andernmal aufgelegt. Das ist dem Benjamin nicht,
fuhr er fort, in seiner Wiege vorgesungen, und da er Darius war, hatt' er so gut
König zu sein die Ehre als ein anderer. Manchem kommen die gebratenen Tauben
entgegen, ein anderer muss ihnen Netz und Strick legen und sie erst fangen und
braten. - Das Schneiderhandwerk, fuhr er nach einer Weile fort, da ich nicht
nötig fand ihm auf den Wiegengesang und die Dariusehre zu antworten, das
Schneiderhandwerk ist bei alle dem für den Sohn eines Literatus noch das
schicklichste. Gott der Herr setzte selbst, nach dem betrübten Sündenfall,
dieses geschenkte Handwerk ein und verfertigte die ersten Kleider. - Was zu
tun? Er sitzt bei einem sehr geschickten Schneider auf Prima und wird künftige
Ostern Student, oder Geselle, wie es die Leute nennen. (Diese Worte waren ein
Gemisch von Stolz und Satyre. Sie waren der alte Herr selbst. Wer ihn hier nicht
findet, findet ihn nirgend.) Meine selige Frau sagte mir gleich nach
überstandenen Wochen, Benjamin wird entweder Schneider oder Literatus, welches
sie der Nottaufe wegen vermeinte, die Benjamin empfing. Das, versicherte sie,
hab' ich von alten Leuten: was die Nottaufe empfängt, wird eines von beiden. -
Ich suchte sie auf den rechten Weg zu lenken und wollte durchaus nur vom
Literatus hören und wissen, allein sie blieb bei ihrem entweder und oder. Das
Bein, welches sich, als er Darius war, zu seinem Vorteil wendete, und die
rechte Hand, der er auch redlich nachgeholfen, bestärkten meine Hoffnung, und
warum sollt' er nicht? Sein Vater ist ein Literatus, und meine selige Frau war
auch von gutem Hause, wenigstens kann man ihren Vater ohne Bedenken nennen (das
war niederschlagend Pulver für mich, damit ich mich ja nicht überheben möchte),
und - hier glaubte der alte Herr, dass jemand zu uns käme, und kehrte das Blatt
bei der dritten Reihe von oben auf eine sehr komische Art um. »Das alte Weib,
sagt' er, als ob er fortführe, hatte dem Organisten einen Streich gespielt, und
er sang bei ihrer Trauung mit einem jungen Menschen, der sie des leidigen Geldes
wegen heiratete:
Was Gott tut das ist wohlgetan!
Soll ich den Kelch gleich schmecken,
Der bitter ist nach meinem Wahn,
Lass ich mich doch nicht schrecken,
Weil doch zuletzt
(nämlich wenn sie stirbt)
Ich werd' ergötzt
Mit süssem Trost im Herzen;
Da weichen alle Schmerzen.«
Der alte Herr sah seinen Irrtum ein; der Jemand, von dem er befürchtete, dass er
uns bei diesen Familienangelegenheiten überfallen würde, ging unsere Tür
vorbei. Hermann nahm also sein und auf.
    Und, fuhr er fort (als wenn er das Blatt zuvor zu rechter Zeit umgekehrt
hätte), was wollt' ich sagen? und meiner Frau Entweder, Oder ist erfüllet!
Entweder Literatus oder Schneider. - Was Gott tut, sagt' ich, das ist
wohlgetan! Diese Worte brachten ihn auf Minchen, ich weiss nicht wie.
    Minchen verdient einen Literatus, fuhr er fort. Sie verdient, sagt' ich,
einen Literatus, der ihren Bruder nicht vernachlässigt, wenn gleich er ein
Schneider ist. Dies beschämte den alten Herrn, der, sobald nur etwas unsere Tür
vorbeirauschte, seinen Sohn versteckte, um sich als Literatus zu zeigen. Ich
glaub', er wär' eher gestorben, als dass er gestern Abend über Tafel, da man sich
ungefähr nach seinen Kindern erkundigte, bemerken sollen, dass Benjamin das
Schneiderhandwerk ergriffen. »Eine Tochter und einen Sohn,« antwortete er auf
die Erkundigung nach seinen Kindern, und mehr keine Sylbe. - Ich kann mir
vorstellen, wie sorgfältig er sein eigenes Bügeleisen, Nadel und Zwirn, und
Scheere und Schusterpfriem, und Leisten und Töpferrad verborgen haben wird.
    »Minchen,« sagt' er, ohne auf meine Zurechtülfe zu achten, »ist ein
Mädchen, die der Familie keine Schande machen wird.«
    Er erzählte mir ihre Vorzüge, die ich, gottlob! besser wusste, wie ein Mann,
der seines Sohnes sich schämen konnte, bloss weil der Sohn ein Schneider war. Bei
alle dem hört' ich ihr Lob mit Vergnügen. Da er aber auf ihre Kinderjahre kam,
ward ich entzückt. Ich fühlte die Worte von ganzem Herzen: Was Gott tut, das
ist wohlgetan!
    Der alte Herr hiess mich während dieser Erzählung Herr Candidat und freute
sich, dass auch ich ihn Herr Candidat nannte. Eine Höflichkeit ist der andern
wert. Je öfter ich Herr Candidat sagte, je mehr erzählt' er mir von Minchen mit
einer gewissen väterlichen Wohlmeinung und desto öfter nannt' er auch mich
wieder Herr Candidat. Er fing an, mir diesen Titel beizulegen.
    Ein Paar lose Buben (ich erzähl' ein paar Geschichten von meiner Mine)
hatten aus einem Finkenneste zwei Eierchen gestohlen und den Inhalt derselben
herausgeblasen. Dies erzählten diese Buben dem kleinen Minchen. Sie bildete sich
ein - sie hat eine starke Einbildungskraft - dass das beraubte Paar ihr
verlassenes Nest vom benachbarten Baume ansähe und sich ihr Leid einander
klagte. - Minchen klagte mit. Das liebe Mädchen wusste, dass man der Henne die
Eier nicht wegnimmt, dass sie solche als getreues Haustier dem Menschen hinlegt.
Sie bat ihre Mutter um zwei Eier, die ihr heute und gestern die Henne mit der
schwarzen Mütze geschenkt hatte, und bat den Benjamin, ihr den Gefallen zu tun,
die Wallfahrt auf den Birkenbaum zu übernehmen und das verlassene, eiskalt
gewordene Finkennest durch die zwei Hühnereier zu entschädigen. Dieser schlug es
der Gefahr wegen aus, er war zu der Zeit noch link und lahm - und bemerkte sehr
weislich, dass die Hühnereier grösser wären, als die Finkeneier, die er selbst in
den Händen der Buben gesehen. Minchen freute sich darüber, indem sie glaubte,
den Schaden desto vollständiger zu ersetzen. Gegen kleine, grosse! Sie bat ihren
Bruder, und bat ihn wieder. Er aber blieb bei seinem Nein und seiner weisen
Bemerkung. - Endlich sah sie den Baum einigemal an, übermass sich und ihn, und da
sie ganz allein war, erstieg sie ihn und legte die beiden Eier in das verlassene
Nest, in Hoffnung, es würden sich die Eigentümer wieder zu Hause finden. Die
Vögel, die häufig auf den Aesten des Baumes sassen, den sie erstieg, wurden nicht
im mindesten verscheucht. Sie sahen sie, ungefähr wie fromme Leute einen Engel
sehen würden. - Den beiden Finken, die Minchen für die bestohlenen Eltern hielt,
sah und hörte sie die Freud' und Dankbarkeit an. Voll Entzückung über dies alles
hüpfte Minchen von dem Baum und fiel auf die Erde, so dass sie sich nicht regen
konnte. Einer von den bösen Buben sah sie liegen; allein es war ihm nicht viel
anders, als ein ausgeblasenes Finkenei. Ihre Mutter, der man ihren wirklichen
Tod angekündigt hatte, kam halb todt zu ihrer Tochter, die sich nach und nach
erholte. Der ganze Fehler, meinte Minchen (wiewohl kindlich), läge darin, dass
sie sich schon auf dem Baum gefreut hätte.
    Ich hätte sie sollen auf diesem Bette der Ehren sehen, sagt' ich, da der
alte Herr an diese Stelle kam. - Sie ist eine geborne Königin, setzt' ich hinzu.
    Der alte Herr. Ein Literatus wird ihr schon zu Teil werden.
    Ich. Benjamin tat Unrecht, dass er sich entschuldigte.
    Der alte Herr. Link und lahm.
    Ich. Wer nur ein Bein hat, wagt nur ein Bein.
    Aber, fuhr der alte Herr fort, ein Hühnerei -
    Bei Gott ist das einerlei, erwiedert' ich, nur bei den Finken nicht. - Ich
glaube, Herr Candidat, bei unsern meisten guten Handlungen ist ein Hühnerei,
anstatt eines Finkeneies.
    Lieben Leser! seht da Minchen! Ist's möglich, dass der alte Herr so was
erzählen und der alte Herr bleiben konnte?
    Minchen ging an einem schönen Morgen ins Feld und begegnet' einem Jungen,
mit beiden Händen in den Haaren und weinend bitterlich. Er hatt' einen Milchtopf
zerbrochen und befürchtete, von seiner Mutter darüber geschlagen zu werden. Sei
gutes Muts, sagte Minchen und nahm ihm die rechte Hand von den Haaren, die
linke Hand gab sich von selbst. Er liess sich trösten. Je näher er aber zum Dorfe
kam, je langsamer ging er, und da er das Haus sah, fing er von neuem an zu
weinen und wollte durchaus wieder mit der rechten Hand in die Haare - die linke
nach. - Die Mutter des Jungen kam ihnen entgegen, und ihr erstes Wort war der
Topf. Minchen trat vor und sagte: Liebe Nachbarin, ich, ich bin den Topf
schuldig! Seht, ich ging schnell zu, und da war der Topf hin. Meine Mutter hat
heute die Wasche, und da wisst Ihr, kann man nicht sagen, dass ein Topf gebrochen
ist. Wenn die Wäsche vorbei ist, will ich Euch einen andern Topf bringen. Die
Bäuerin war gegen des alten Herrn Töchterchen so galant, dass sie keinen Topf
verlangte. Minchen verbat dieses Geschenk. Der Junge indessen, sobald er merkte,
dass die Mutter sich gefunden hatte, sprach Minchen los und eignete sich, der
Wahrheit gemäss, alle Schuld zu. Nehmt keinen Topf, Mutter, sie hat ihn nicht
zerbrochen; ich sah, wie es alles so schön grün und gelb auf dem Felde war, und
da fiel der Topf mir aus der Hand. Die Bäuerin war so bewegt, dass sie Minen wie
eine Heilige verehrte und an ihrer Hand zu Hause begleitete. Ich erkundigte mich
nach dem Jungen und würd' es gern gesehen haben, dass Helm sich durch diese grosse
Tat in seiner Jugend ausgezeichnet hätte; allein der Herr Candidat versicherte,
dass dieser Edle im siebenten Jahre selig verstorben wäre. Alle Welt, fügte der
alte Herr hinzu, sagte: der Junge ist zu schad' für diese Welt, und die Wahrheit
zu sagen, ich wundre mich, dass Mine so gross geworden ist. Der liebe Gott weiss
freilich, was gut ist, Herr Candidat, erwiedert' ich, und will gern so was im
Himmel haben; indessen ist es auch auf der Erde zur Art nötig. Was würde sonst
am Ende aus uns werden?
    Der alte Herr gefiel mir so sehr bei dieser Gelegenheit, dass ich ihn bei mir
selbst wegen seiner heutigen Führung und wegen vieler andern mir bewussten
Umstände zu entschuldigen anfing. Würde nicht Minchens Zeugnis selbst wider ihn
das Wort genommen haben, ich hätt' ihn noch länger und mehr entschuldigt und
vielleicht eben so oft Vater genannt, als ich ihn jetzo Herr Candidat zu seiner
Seelenfreude nannte.
    Es fiel mir zur rechten Zeit ein, dass man mit dem Vaternamen sehr behutsam
sein müsse, da das ganze Christentum darin besteht, dass Gott unser Vater ist.
    Minchen (aus der Erzählung des alten Herrn) nahm sich in ihrer Kindheit
immer der schwächlichsten Pflanzen an. Sie begegnete ihnen wie armen Leuten. Sie
begoss sie zuerst und streichelte, liebkoste und tröstete sie. Wenn der Wind eins
beschädigte, zog sie ihm das gebrochene Bein in Ordnung und heilte den Schaden.
Ging ihr eins aus, war es ihr so, als wenn was Lebendiges gestorben wäre. Gott
hab' es selig, sagte sie, und begrub es in die Erde, die, wie sie sagte, unser
aller Mutter ist.
    Das ist die Weise aller guten Seelen, bemerkt' ich, und der Herr Candidat
führte bei dieser Gelegenheit an, dass mein Vater keinen Citronen- oder
Pomeranzenkern in die Erde gesteckt. Ich halte dies, hätt' er zu ihm gesagt, für
eine Sünde in einem Lande, wie Curland, einen Citronenbaum zu Pflanzen. Aber die
Blätter riechen schön und sind gut im Schnupftabak, sagt' ich zum Herrn Vater.
Der Blätter wegen, erwiedert' er, muss man keinen Citronenbaum in die Welt
setzen. Nichts halb, lieber Freund! und ein Blatt ist kaum ein Viertel. - Ich
sehe wohl ein, dass der Herr Candidat meinen Vater bei diesem Umstande sehr
unrichtig berechnete; indessen sah ich keine Pflicht ab, ihn auf den rechten Weg
zu lenken und hiedurch die edle Zeit zu verlieren. Wo ist eine Zeit, die edler
wäre, als die, wo ich von Minchens Kinderjahren erzählen hörte? Wer ein Mädchen
kennen will, frage nicht, wie es jetzt ist, da es Ja sagen soll, sondern wie's
als Kind war, wo noch an kein Ja gedacht werden konnte. Dies war freilich mein
Fall nicht mit Minchen. Ich hatt' ihre Kinderjahre nicht zu diesem Belang in
beweisender Form nötig; allein ich war entzückt, meine Vorstellungen von den
ersten Jahren ihres Lebens so genau getroffen zu finden; ich fand alles, wie
ich's mir gedacht hatte.
    Noch eins von Minchen unter so vielem. Ein Benachbarter von Adel hatt' einen
kleinen jüdischen Knaben, der mit Pfeifenköpfen für andere Juden herumging, in
Fesseln legen lassen, weil er eben zu der Zeit, da dieser Judenknabe ihm
Pfeifenköpfe angeboten, sein Federmesser nicht vorfinden konnte. Der Knabe ward
gleich bis auf's Hemde ausgezogen; allein man entdeckte kein Federmesser,
obgleich er noch keinen Tritt oder halben Schritt aus dem adelichen Hofe seit
der Zeit gesetzt hatte, da das Messer vermisst war. Der Edelmann behielt zu
Anfang wohlbedächtig alle Pfeifenköpfe. Da sich die zwei Eigentümer zur
rechtlichen Vindication angaben, macht' er ihnen viel Schwierigkeiten und setzt'
auf das verlorne Messer einen unerhörten Lieblingswert (Pretium affectionis).
Es würden die Vindicanten nichts dagegen ausgerichtet haben, wenn sich nicht
zwei andere benachbarte Edelleute, die zu ihren Pistolen: macht euch fertig,
sagten, dieser Juden und ihrer Pfeifenköpfe angenommen hätten. Der arme Junge
blieb also der einzige Gegenstand der Grausamkeit, die durch diesen Vorgang noch
mehr vergrössert ward. Der Unglückliche sollte verbüssen, dass sich die Juden als
Vindicanten und die zwei Edelleute als Sekundanten gemeldet hatten. Man konnte
nicht begreifen, was Herr v. ** mit diesem Arrest beabsichtigte; indessen schien
er zu glauben, dass sich einer von den Israeliten melden und den armen Jungen
lösen würde. Alles bedauerte den unglücklichen Knaben. Christ und Jude sprach
von des Edelmanns Grausamkeit. Der Christ sagt' indessen: es ist ein Judenknabe,
und der Jude: wer wird's mit dem vornehmen Christen anbinden? Die zwei
Eigentümer der Pfeifenköpfe, welche dem Unglücklichen die Commissionsgüter
anvertraut hatten, gingen auch wie der Priester und Levite vorbei und wünschten
sich, so oft an die Grausamkeit des Edelmanns gedacht wurde, Glück, dass sie ihre
Pfeifenköpfe in Sicherheit hätten. Der grausame Edelmann, dem das Brod und
Wasser mit der Zeit zu kostbar ward, welches er zu dem hohen Auslösungspreis
treufleissig geschlagen hatte, setzte diesen Preis bis auf die Hälfte herab.
Allein niemand tat einen Bot. Wegen der Pfeifenköpfe schlugen sich sogleich
zwei Edelleute ins Mittel und bedrohten ihren Mitbruder, mit ihm Kugeln zu
wechseln, oder ihm einen roten Hahn auf's Haus zu setzen. Was ist aber ein
Judenjunge gegen meerschaumene Pfeifenköpfe? Die Eigentümer hatten sich, unter
uns gesagt, mit diesen Renommisten abgefunden. Die hochwohlgebornen Schläger
drohten nicht umsonst, sondern für Geld und gute Worte.
    Der arme Judenjunge! Zu den schönen Reden, womit man ihn bedauerte und sich
über die Grausamkeit des Edelmanns beklagte, kam nun noch der Umstand, den man
hinzufügte: der Edelmann hätte den Preis des Federmessers und den des Brods und
Wassers, womit der Knabe im Gefängnisse beköstigt worden, auf die Hälfte
herabgeschlagen - hiebei blieb's. - Es war um Weihnachten, da Minchen und ihr
Bruder ihren bemittelten Verwandten mütterlicher Seits besuchten, um ein
Christgeschenk, welches in allerlei Spielzeug bestand, abzuholen. - Dieser
Verwandte wohnte dem Tyrannen noch näher. Man weiss, wie gern Kinder, und
besonders, wie gern Mädchen spielen. Es war Weihnachten, wo die Natur den
Kindern, ausser den Schneebällen, die keinem Mädchen anstehen, alles Spielzeug
versagt. - Weihnachten ist ein wahres Kinderfest, an dem das Spiel zur andern
Natur wird. Es liegt uns im christlichen Blut, und alte Leute selbst müssen sich
zwingen, wenn sie nicht selbst in Weihnachten spielen wollen. - Alles dieses
zusammengerechnet, in Summe, konnte Minchen von ihrem Entschluss nicht abwendig
machen. Ihre Verwandten waren furchtsam wie Tauben, die in der Nachbarschaft von
Raubvögeln genistet haben. Der arme Judenjunge stört' ihre heilige Christfreude.
Sie waren nicht halb so weihnachtsfroh, als sie es sonst gewesen sein würden.
Das Federmesser hatte sich nach der Zeit vorgefunden und der unschuldige Knabe
war bloss wegen des verzehrten Brods und Wassers in Ketten und Banden. - Minchen
schickte stillschweigend durch ihren Bruder Benjamin, der aber kein Stück von
dem Seinigen dazulegte, ihr Weihnachtsspielzeug dem Edelmann, um den Knaben zu
befreien. Benjamin hatte Gelegenheit, zu Schlitten hinzukommen; denn sonst wär'
ihm dieser Liebesdienst, weil er hinkte, auch etwas zu stehen gekommen, obschon
er von seinem Spielzeug kein Stück dazu gelegt hatte und obgleich es nur über
Feld war. Hätt' er nicht Gelegenheit gehabt, eine Schlittenfahrt zu gewinnen,
die bei ihm über alles ging, es wär' aus der Negotiation nichts geworden. - Zu
Benjamins Ruhme wird bemerkt, dass er seiner Schwester die Erlaubnis gegeben,
sich seines Spielzeugs, dessen Eigentum er sich aber ausdrücklich vorbehielt,
zu bedienen. Es war indessen nicht Spielzeug für Mädchen, die am liebsten eine
Wiege, eine Puppe und so etwas lieben. Benjamin ward, weil er als ein Knabe mit
Spielzeug angemeldet wurde, vorgelassen. Der ehrliche Benjamin erweckte sogleich
ein Händeklatschen, da er nur ins Zimmer trat; denn man glaubt' einen grossen
Kram, und es war nur ein Arm voll. Ursache genug, dass sogleich scrutinirt und
Benjamin bei diesem Verhör nach Landesmanier mit dem Stock hochadlich bedroht
wurde. Benjamin liess es nicht zur peinlichen Frage kommen, sondern gestand alles
haarklein. - Meine Schwester, sagte der bedrängte Benjamin, hat an allem Unheil
schuld. Kurz, es blieb kein Wort auf seinem verzagten Herzen. - Benjamin war zu
dieser Zeit noch nicht zum Darius gediehen, und wer kennt' ihn nicht vom
Finkennest?
    Der Teufel, dachte Herr v. **, wenn es nur nicht ein satyrischer Ball ist,
den der alte Herr auf mich schlägt, und hatte Lust, ihn auf den jungen Herrn
zurückzuschlagen und den armen Benjamin mit seinem christlichen Spielzeuge dem
Judenjungen zuzugesellen. Da aber Benjamin, der aus Seelen- und Leibesangst
ächzte, kniefällig bat, seinem Vater nichts von allem, was der gnädige Herr
gesehen und gehört hatte, zu entdecken, weil Herr Hermann von dieser Sache
nichts, gar nichts wusste, und ihn an einem ganz andern Ort glaubte, so fiel dem
Blutigel zu guter Zeit ein, dass der alte Herr freilich nur von hinten mit einem
Cavalier gescherzt haben würde.
    Der Teufel, dacht' er wieder (man sah es ihm ordentlich an, dass er jeden
Gedanken mit dem Teufel anhob), der alte Herr würde nicht den Sohn geschickt
haben! - Die Sonne ging wieder in seinem Angesicht für Benjamin auf. Der Teufel,
sagt' er, deine Schwester muss ein feines Mädel sehn! Die Sache gab zu vielen
satyrischen Fragen, Benjamins Schwester betreffend, Anlass. Er fragte nach ihrem
Alter und ob sie denn eine solche Neigung zu Juden hätte? Der Schluss war, dass
nur ein Stück Spielzeug zurückbehalten wurde, welches sich der Junker Fritz
sogleich zugeeignet hatte. Der Judenknabe ward losgelassen: - Benjamin aber
musste, dieser Grossmut wegen, um der hochadlichen Herrschaft zur Weihnachtszeit
ein Vergnügen zu machen, dreimal um den grossen Tisch hinken, und alles wollte
vor Lachen niedersinken. Eine natürliche Polonaise! schrie alles und lachte, was
es konnte; nur der hinkende Benjamin nicht. Der Junker Fritz gab sein Spielzeug
der gnädigen Mama zu halten und versuchte dem Benjamin nachzuspotten, da er aber
bei einem Haar ein adliches Bein gebrochen hätte, so blieb es bei einemmal, und
Benjamin sah nach dem armen Judenknaben, der blass wie eine Leiche stand. Der Tod
hätt' ihn bald befreit, wenn Benjamin dem Tode nicht zuvorgekommen wäre.
Benjamin bot dem Judenknaben, sobald sie aus der adlichen Gesellschaft im Freien
waren, von seinem, oder besser, von seiner Schwester heiligen Christ an, um sich
dafür Essen zu kaufen. Der Judenknabe verbat es aus Religionseifer und blieb
lieber hungrig und durstig, als dass er sich für dieses christliche Spielzeug
labte. Benjamin hatte sich bei dieser Gelegenheit die Schlittenfahrt so
verekelt, dass er nie ohne Herzensangst daran denken konnte. Dieses Vergnügen
hatte für ihn keinen Wert mehr. Er hinkte zu Haus' und dankte Gott, dass niemand
darüber lachte, als wie er dreimal um den grossen Tisch hinken musste.
    Obgleich Benjamin das Spielzeug bis auf ein Stück, so der Junker Fritz
behalten hatte, zurückbrachte, indem er wegen des übrigen dreimal um den Tisch
hinken müssen, so ward doch diese Begebenheit so bekannt, dass Minchen darüber
viel ausstehen und die bittersten Tränen weinen musste. (Ich habe Ursache, aus
der Erzählung des Herrn Candidaten zu vermuten, dass der Herr Vater Minchen
selbst im Literateneifer reichlich und täglich beschämt haben wird.) Man zog
Minchen unter ihres Gleichen mit dem Judenknaben auf, und sie nahm es sich
unendlich zu Herzen. Ich habe, sagte sie in ihrer Unschuld zu Benjamin, den
Judenknaben nicht gesehen, und will es auch nicht. - Der Spott zehrte sie so ab,
als das Gefängnis bei Wasser und Brod den Judenknaben. Sie fiel in ein Fieber,
und nun ging der alte Herr in sich, welcher mit Beihülfe des Doctor Saft wieder
Seel' und Leib ins Geleise brachte. - Der alte Herr bemerkte, dass sich die Liebe
zur Schlittenfahrt beim Benjamin wieder gefunden und dass Minchen noch bis auf
den heutigen Tag bleich im Gesicht wie gewässerte Milch würde, wenn man das Wort
Jude ausspräche, wie -
 (Der Herr Candidat legte seine Pfeife hin und kam mir dicht ans Ohr, da er mir
                              diese Pille eingab.)
Ihr Herr Vater über den Ausdruck Melchisedech.
    Diese Zugabe setzte mich nicht wenig in Erstaunen, und ich machte die
Bemerkung, dass jeder Mensch, der unschuldigste nicht ausgenommen, ein Wort
hätte, wobei ihm nicht wohl zu Mute würde, es sei Melchisedech - Judenjunge -
ich zum Exempel - -
    Gott, muss man denn, rief ich aus, noch ehe der Herr Candidat geendigt hatte,
Gott, muss man denn ein Fieber ausstehen, durch den Dr. Saft gerettet und mit
einem Judenjungen gepaart werden, wenn man Gutes tut? Der alte Herr setzte noch
hinzu: Und dreimal um den grossen Tisch hinken!
    O Minchen, welch eine Seele hast du (dies fühlt' ich nur!), wie glücklich
bin ich, dass sie mein ist! - Ich war ausser mir.
    Bei dem Alexanderspiel hatt' es Minchen in der ersten Zeit übel aufgenommen,
dass ihr Bruder Darius immer geschlagen wurde. Lass mich den Darius machen, sagte
sie zu Benjamin. Du wirst sehen, wir gewinnen. Benjamin aber entschuldigte sich
sehr weise mit der Geschichte, welcher er nachgeben müsste, obgleich ich auch
beim Ringen, eh' er Darius und ich Alexander war, jederzeit bei all seinem
Schweisse des Angesichts Ueberwinder war. Nachdem sie grösser war, setzte der Herr
Candidat hinzu, liess sie sich gern schlagen und gefangen nehmen. Sie sah es
unfehlbar selbst ein, dass es die Geschichte so mit sich brachte. Wie viel Mühe
hatt' ich, nicht überlaut zu rufen: Mine! Mine! liebe Mine! Der alte Herr
bemerkte, dass Minchen für ein Frauenzimmer zu viel Herz hätte, und rechnete es
ihr zum Fehler an. - Entweder, sagt' er, ist die Rolle daran schuld, die sie bei
den Kriegen als älteste Prinzessin Tochter des Darius übernahm, oder sie kennt
keine Damen vom Stande. - Mag sie sich doch, fuhr er fort, der Literatus, der
sie zur Frau macht, besser ziehen. Sie fürchtet sich vor keiner Maus und keinem
Frosch, und wenn die Spinnen den Weg verwirkt haben, zieht sie das Gewebe wie
einen Vorhang in die Höhe mit blossen Händen. - Noch bemerkte der Herr Candidat,
dass Mine in ihrer Jugend, obschon sie wegen des Finkennestes einmal rühmlichst
vom Baum gefallen, doch nicht nachgelassen, wiewohl nur auf der Erde, zu hüpfen
und zu springen. - Je grösser sie aber wurde, je ernstafter, setzt' er hinzu.
Nur sehr, sehr selten wandelt ihr jetzt, fuhr er fort, das Hüpfen und Springen
an, weit öfter aber das Weinen - welches nach dem Tode ihrer Mutter ohn' End'
und Ziel ist, und das (der alte Herr zog selbst den Mund zur Träne in Ordnung,
indessen wollt' es die Pfeife nicht zugeben) - und das, sagt' er, so schöne
Tränen, und schien nicht undeutlich zu verstehen zu geben, dass zwischen Tränen
und Tränen schön und hässlich stattfinde. - Was mich wunderte, war, dass er
selbst fühlte, Minchen sänge vortrefflich. Was das Spielen betrifft, fuhr er
fort, so hat sie ihre eigene Manier. Freilich dacht' ich, den steinigen Acker
versteht sie nicht auszudrücken, auch nicht die fünf Gerstenbrode und ein wenig
Fischlein. Da der Herr Candidat, ausser ihren ersten Jugendjahren, nichts von
Minchen zu sagen wusste, was mir nicht weit genauer und richtiger bekannt war, so
lenkt' ich ihn auf die Universitäten, allein ich fand ihn nicht bewährt. Er
sagte davon weniger, wie mein Vater von seinem Vaterlande, und dies war wohl
natürlich, da mein Vater gewiss ein Vaterland hatte, der Herr Candidat aber
schwerlich auf irgend einer Universität gewesen sein wird. - Des Herrn
Candidaten frühere Spargel, Pfeife in der freien Luft und Wein bei der Quelle
waren bei dieser Gelegenheit ein Vademecum von Studentenstreichen, womit er
meine Fragen nicht befriedigte. Ich brach also ab, ohne ihm, so schlecht er auch
beim Examen bestand, den Candidatentitel zu entziehen. Ich weiss nicht, ob ich
schon wo bemerkt habe, dass er kein Curländer von Geburt war, und dass man ihm
seine Literatenwürde aus der ersten Hand nicht widerlegen konnte.
    Ich merkte aus meiner Munterkeit, dass ich diese Nacht Minchens wegen ebenso
wenig schlafen würde, als ich die vorige Nacht des neuen Bettes halber
geschlafen; indessen sah ich dem Herrn Candidaten, meinem sehr werten Herrn
Collegen, der seine Bouteille Wein ausgetrunken und seinen Teller mit Tabak bis
auf eine halbe Pfeife ausgeraucht hatte, an, dass er schlaftrunken war. Wein und
Tabak hatten hiebei, wie es mir vorkam, nicht den mindesten Einfluss. Er fing mit
mir zu complimentiren an, in welchem Bett ich schlafen wollte, und verlangte
durchaus das Bett, wo das Depositum lag, weil das, so ich ihm bestimmt hatte,
und in welchem mein Vater geschlafen, mit einem Gesimse war. Vorhänge konnten in
dem Hause des Herrn v. G - an dem Bette nicht sein. Ich glaube, sagte der Herr
Candidat, da wir über diesen Umstand sprachen, Herr v. G - hätte, wenn er Adam
im Paradiese gewesen, sich keine Schürze von Feigenblättern gemacht. Der Herr v.
W. brachte sich, wenn er zum Herrn v. G. kam, seine seidenen Vorhänge mit.
Unfehlbar wird wohl die Farbe der Vorhänge nach Beschaffenheit des Festes
gewesen sein. Mit Zuverlässigkeit weiss ich's nicht. - Da ich den Herrn
Candidaten versicherte, dass ich in diesem Bette schon eine Nacht schlaflos
zugebracht und den Tribut bezahlt hätte, so bat er sich, wenn es, ohne mir etwas
zu entziehen, geschehen könnte, ein Kopfkissen von den meinigen aus. Das war
eine neue Verlegenheit für mich wegen des letzten Willens, den ich seinem Aug'
entziehen wollte. Er stand an meinem Bett und wollt' aus Bescheidenheit und
Dankbarkeit das Kissen selbst nehmen; ich hatte viele Kunst nötig, ihm das
unterste in die Hand zu spielen. Kaum war er im Bette, so schlief er, wovon er
durch sein Schnarchen untrügliche Beweise gab. Ich widmete Minchen diese Nacht,
und wenn ich schlummerte, sah ich den Judenjungen und das Finkennest und den
Milchtopf, alles in Lebensgrösse. - Gegen den Morgen schlief ich fester ein,
indessen sagt' ich dem Herrn Candidaten den ersten guten Morgen, weil ich ihn
aufwachen hörte, und fuhr mit sechsen aus meinem Bette. Er dankte für den guten
Morgen, allein er blieb bei dem Dank, wie's sich eignete und gebührte, im Bette.
- Nach seinem schönen guten Morgen war sein erstes Wort, dass ich zweimal Minchen
gerufen hätte. Ich weiss nicht, fügt' er sehr höflich hinzu, ob es meine Tochter
ist? Gewiss, erwiederte ich, und begriff es selbst nicht, wie's zuging; ich war
beim Wörtchen gewiss nicht im mindesten verlegen; vielleicht kam es, weil der
alte Herr noch im Bette war. - Wie hätt' ich Minchen verläugnen können! Wir
haben gestern, fuhr er fort, viel von ihr gesprochen; der Herr Candidat werden
es verzeihen, dass ich Sie so lange von meiner Tochter unterhalten. Ich konnte
kein Wort hierauf antworten - unfehlbar wollte der Herr Candidat einen völligen
Herzensaufschluss, allein wie sollt' ich den bewilligen? Der alte Herr Candidat
war noch immer im Bett, und, wie's mir vorkam, auf einem Häufchen. Er schien
nicht in Lebensgrösse zu liegen und so lang er war; er wusste sich nicht nach
seiner Decke zu strecken.
    Damit meine Leser nur ja nicht auf den Gedanken fallen, dass ich noch viele
Tage in - - geblieben und ihnen all diese Tage meines Aufentalts - - ebenso
langweilig, wie bisher, erzählen werde, so will ich nur kurz und gut bemerken,
dass der folgende Tag zu unserm Aufbruch bestimmt war. - Hoffentlich wird ihnen
diese Anzeige eine fröhliche Botschaft sein.
    Der junge Herr v. G. nahm mich wegen der Jagd in Anspruch. Ich hatt' ihm
darüber mein Wort gegeben und sogar den Commandostab hiebei anvertraut. Ohne
Murren nahm ich also seinen Antrag als eine Ordre an, Vormittags diese Jagd
anzustellen. Die Wahrheit zu sagen, ich wollt' ihn auf der Jagd womöglich von
der Jagd abbringen und diesen Jägertrieb beschränken.
    Ich war in dieser ritterlichen Uebung wenig erfahren, obgleich ich ein Auge
zum Zielschuss auf ein Haar hatte, ohne mir durch Puff, Paff und durch das
Exercitium mit der Tabakspfeife diese Geschicklichkeit erzielt, oder ihr auch
nur nachgeholfen zu haben. - Warum willst du, sagt' ich, ein so blutiges
Andenken zurücklassen, eben da du von hinnen ziehst? Mein Recht nicht zu
vergeben, erwiedert' er. Du glaubst es nicht, man muss die Bären und Wölfe im
Respect erhalten, wenn es auch nur durch einen Schuss ist; die Bestien machen
unser Einem sonst das Eigentum streitig - der Hase kennt seinen Junker.
    Wir hatten oft angelegt, und eben legte mein Reisegefährte an, da ich eine
Menschenstimme hörte: Rett'! Rett'!
    Herr v. G. kam nicht aus der Stellung; ich lief und schrie: wo? wo? Hier!
hier! Wo? wo? Hier! hier! - und dann wieder: rett! rett! und mitten drunter mit
einer erbärmlichen Stimme: Lorchen im Wasser! - Auch dies brachte den Herrn
Bräutigam in keine andere Lage; er hatt' angelegt. - - Noch viele Rett's!
Rett's! und viele Hier's! Hier's! und noch mehrere Wo? Wo? Ich rief wo? bis ich
sah - ich sah die Begleiterin der Fräulein v. W. jämmerlich die Hände ringen.
Hier! hier! rief sie noch zu guter Letzt. - O Gott! matt! matt! Die Wasser über
sie! - Ich warf meine Flinte weg und diese ging los. Luise fiel in Ohnmacht. Das
wird sich geben, dacht' ich und sprang ins Wasser und brachte das liebe kleine
Geschöpf heraus. Die Angst hatte ihre kleinen Hände gelähmt. Das Wasser war ihr
mehr an die Seele als an den Leib gegangen - jetzt war sie - frisch wie ein
Fisch worden, würde meine Mutter, des Reims wegen, gesagt haben.
    Luischen, sagte sie, da sie ihre Begleiterin wie todt liegen sah. Ich nahm
einen Hut mit Wasser, um Luischen ins Sein zurückzubringen, allein das Wort
ihrer Pflegebefohlenen: Luischen! hatte sie schon auferweckt. Ich kam mit meinem
Hut voll Wasser zu spät, und goss dies Wasser, welches zum Schlagwasser bestimmt
und eingeweiht war, so andächtig aus, als meine Mutter das Restchen vom
Taufwasser ausgegossen haben würde, welches nach ihrer Meinung ein
paradiesisches Grün befördert. - Wir wollen, sagt' ich zu Luisen, unser
Schäfchen aufs Trockne bringen. Es lief Wasser von ihr herab, wie nach einem
starken Regen von den Dächern. Luise wollte sie schelten, dass sie einem Steige
zu sehr getraut hätte, allein Luise sah wohl ein, dass das Wiedervergeltungsrecht
zu Hause nicht ausbleiben würde. Es ward also verabredet, dass sich das Fräulein
v. W. ganz sauber und schön ankleiden und darauf erst ihrer Mutter den Vorfall
erzählen sollte. Wissen, sagte sie, muss sie's. Mich, bat ich, lassen Sie aus
dieser Geschichte. Sie? antwortete die Kleine und reichte mir die Hand. Ich
wusste nicht, ob dies Sie? Ja oder Nein war. Es sprach das liebe kleine Mädchen
Sie ganz besonders aus. - Ich könnt' es ihr zur Not noch nachsprechen! -
Während der Zeit kam mein Reisegefährte, und ohne sich nach seiner Braut zu
erkundigen, macht' er mir Vorwürfe, dass ich ihn mit meinen Wo' s und Luise mit
ihren Rett's und Hier's gestört hätte. Bruder, sagt' ich, das Wort Rett' ist das
deutsche hohe Notwort. Wenn es ein Sterbender hört, muss er sich noch
aufrichten. - Nur keiner, fiel er ganz gelassen ein, der angelegt hat, und was
hast denn du getroffen? fuhr er fort. Dies edle Geschöpf, sagt' ich. Er ward von
allem unterrichtet und versicherte hoch und teuer, dass, wenn er nicht angelegt
gehabt, er gewiss ebenso wie ich, gelaufen und die Flinte weggeworfen haben
würde, so unverantwortlich es gleich wäre, Pulver und Schrot, diese Gabe Gottes,
umkommen zu lassen. Luise lachte herzlich. - Die liebe Kleine sah mich bloss
lieblich an. Beide wussten sich nicht darein zu finden, dass Pulver eine Gabe
Gottes sei. Der junge Herr v. G. konnte nicht läugnen, den Namen Lorchen gehört
zu haben, indessen hatte er angelegt, das das wollte mehr sagen als Lorchen. Es
ist wahr, durchs Ohr kommt weniger Mitleiden ins Herz, als durchs Auge. Man kann
eher seine Stimme als sein Auge verstellen, und wen siehst du, wenn du jemand
ins Auge siehst? - Dich selbst im Kleinen. Du bist in gewisser Art gegen dich
selbst mitleidig; allein hier ist nicht von mehr oder weniger die Rede, sondern
von Menschenstimme und von einem Jäger, der angelegt hat.
    Das kleine Fräulein und ihre Begleiterin schlichen sich nach Hause, recht
als ob die Frau v. W. sie hier schon beim Wasser bemerken könnte.
    Mein Reisegefährte unterrichtete mich in noch einigen Jägerkunstwörtern, und
da ihm eben ein Hase aufstiess, den er traf, war unsere Jagd zu Ende. - Ich liess
mir seinen Unterricht mit vielem Eifer gefallen, um ihn desto mehr zu meiner
Predigt vorzubereiten, die ich überdacht hatte und noch überdachte. Gewiss war
mein Reisegefährte vergnügter über seinen Hasen, als ich über die Ehre, seine
kleine Braut gerettet zu haben. Er liess mich merken, dass im Hofdorfe ein
schmuckes Mädchen wäre, sowie Fräulein v. W., wie er sich ausdrückte, in diesem
Jammertal nicht werden würde, und wenn Herr v. W. nicht ein Gut hätte, das er
ihm gleich, ohne sich selbst zu entblössen, nach ritterlich überwundenen
akademischen Jahren überlassen könnte, so würd' er, ausser dem schmucken Mädchen
im Hofdorfe, schon eine Frau finden. Ich sprach viel von der guten Gemütsart
der Kleinen und der edlen Gemütsart ihrer Mutter; allein dies schien ihm gegen
das Gut, das er nach überwundenen Universitätsjahren zu bejagen gedächte, eine
unbedeutende Kleinigkeit zu sein.
    Obgleich der Vorfall mit Lorchen mir eben keinen glücklichen Erfolg über
eine Predigt erwarten liess, die ich meinem künftigen Kirchenpatron zu halten
entschlossen war, so wollte ich doch nicht alle Hoffnung aufgeben. Meine Leser
wissen schon, dass ich während dem Anlegen auf die Bekehrung meines jetzigen
Reisegefährten und künftigen Gönners gezielt hatte, und wer hält nicht gern eine
Predigt, die er im Concept hat?
    Bruder, fing ich an, die Spinne fängt Fliegen.
    v. G. Der Mensch Bären, Wölfe, Hasen und so weiter.
    Ich. Der Mensch, Bruder - aber leider zwischen Mensch und Mensch ist
Unterschied. - Du würdest kein Scharfrichter sein, nicht wahr?
    v. G. Warum nicht? wenn dem Delinquenten die Augen verbunden sind.
    Ich. Aber Menschenblut. - Dein Blut bei kaltem Blute sehen; ich kann's
nicht, wenn Ader gelassen wird. - Mich dünkt, ich sehe den Menschen mehr als
nackt, wenn ich sein Blut sehe - das der liebe Gott zweimal verschlossen hat. -
Im Kriege hat niemand kaltes Blut als der Oberfeldprobst und seine Jünger. - Wir
haben schon über Krieg und Jagd geredet; allein es ist auf kein gut Land,
sondern auf steinigen Acker gefallen, den der alte Herr in Musik gesetzt hat. -
Du bist zu edlern Geschäften da.
    Er. Gelt! Lorchen aus dem Wasser zu ziehen?
    Ich. Und wenn's die schmucke Hofdirne gewesen wäre?
    Er. Bruder, ein ander Ding! Ich weiss auch, wenn der Mensch selbst schreit,
der in Not ist - hol' mich - Hätte Lorchen selbst geschrien und nicht schreien
lassen, ich wäre gelaufen, auch wenn ich eben angelegt hätte.
    Ich. Lorchen bei Seite.
    Er. Schön.
    Ich. Ein Jäger und Student?
    Er. Das sollt' nicht passen?
    Ich. Hast du den Plinius übersetzt?
    Er. Nein, diese Ehre habe ich nicht gehabt!- Das sollte mein künftiger
Schwiegervater, Gott hab' ihn selig! hören!
    Ich. Des Plinius Brief an seinen Cornelius Tacitus ist für dich. - Ridebis,
et licet rideas, hebt er sich an. Ego ille, quem nosti, apros tres et quidem
pulcherrimos cepi. Ipse inquis? und der Schluss: Proinde quum venabere, licebit,
auctore me, panarium et lagunculam, sic etiam pugillares, feras. Experieris, non
Dianam magis montibus quam Minervam inerrare. Vale.
    Er. In Deutsch?
    Ich. Verstehst du nicht Latein?
    Er. Hie und da erjag' ich ein Wort. Den Plinius hab' ich nicht übersetzt; es
soll den Mund zu sehr spitzen, sagt mein Vater.
    Ich. Plinius hat drei, und was noch mehr ist, recht schöne wilde Schweine
erjagt.
    Er. Das ist mein Mann! - Schoss er?
    Ich. Plinius?
    Er. Uebereilt, Bruder! freilich - das Pulver ist spätere christliche
Erfindung.
    Ich. Er jagt' und studirte.
    Er. Siehst du!
    Ich. Bei der Jagdtasche und Hirschfänger, um in unserer Mundart zu reden,
hatte er Bleifeder und Schreibtafel, und was noch mehr ist, er versicherte
seinen Freund -
    Er. Hoffentlich ein Jagdspötter, wie du.
    Ich. Dass Diana und Minerva Geschwisterkind wären und zuweilen auf Jagdbergen
sich verlören, aber!
    Er. Aber! beim Plinius ein aber? -
    Ich. Ein zu spitzer Mund. - Er fing Worte, wie er Wild fing - vielleicht
verdarb ihn die Jagd.
    Er. Mich soll sie nicht verderben, weder Herz noch Styl. - Eins bekenn' ich
- ein Hund gilt mir für zwei Bauern. Hunde sind aber auch Geschöpfe, die
wenigstens Wackers verdienten zu sein (Aufseher über die Bauern). Wir brachen
gestern zu schnell ab von den Hunden. Es gibt Hundsinseln, warum nicht festes
Land von der Art? Mein Vater hetzt nicht gerne, das hast du wohl gestern beim
Schuss gehört, wie man die Hunde losliess. Dein Vater hingegen - »Die Sternseher
haben diesen Namen in den Himmel versetzt. Die Dichter schildern uns die Diana
in Gesellschaft einer Koppel Hunde.« Das ist ein Weib! »Die griechischen Damen
hatten schon Hündchen.« Es ist nur zu wenig für die Hunde, sonst wäre der
Gedanke was wert; Gott wollte nicht, dass ein Mensch dem andern aufwarten
sollte; drum Hunde, die sind geborne Lakaien und Kammerdiener. Sie bieten sich
gleich zur Miete an, wo sie einen Menschen sehen. Ein Mensch, zu dem kleine
Kinder und Hunde kommen, ohne dass er sie lockt, ist ein guter Mensch. Siehst du,
hab' ich nicht von gestern behalten?
    Ich. Trefflich! allein warum nicht noch eins von gestern Mittag? Jener
Philosoph der alten Welt, der aus Gefälligkeit für die gnädige Frau des Hauses
ihrem Schoosshündchen Schmeicheleien vorsagte! Ei der! da er das Hündchen in die
Höhe hob, um es zu küssen, p - es ihm in den Bart und die Gesellschaft lachte,
und der Philosoph hatte nicht das Herz, seinen Bart zu trocknen.
    Er. Das erzählte dein Vater der Frau v. W. zum Munde, die gestern bitterbös
auf die Hunde war; wer weiss, ob's wahr ist?
    Ich. Zwischen wahr und wahrscheinlich, in Rücksicht der alten Welt, kein
Unterschied!
    Er. Wahr oder nicht wahr! Zu meinen zwei Flinten, einem paar Pistolen und
dem Jagdmesser wirst du mir doch ein paar Hunde erlauben? Eine Flinte, Bruder,
ist der Hunde Fahne. Es sollten viel, viel mehr als ein Paar, bei der Fahne
sein; da du aber kein Freund von Hunden bist -
    Ich. Bruder! die Wissenschaften lieben Stille, in ein weiches Herz ziehen
sie ein und machen Wohnung daselbst. Waldhörner sind nicht ihr Instrument. Ich
soll dein Pastor werden. Du, und nicht der Wacker, sondern der letzte deiner
Bauern, sind gleich vor Gott und - -
    Da sah man uns kommen. Ich ward, weil ich leer kam, ausgelacht; über Tafel
aber, da die Frau v. W. die Geschichte ihrer Tochter erzählte, bestand Herr v.
G., der jüngere, schlechter als ich. Herr v. G. beschämte seinen Sohn. Wer wird
seine Braut um einen elenden Hasen überlassen, die Erstgeburt um ein
Linsengericht? So seid ihr Jäger alle. Ich bin auch ein Jäger, das weisst du,
aber - Frau v. G. entschuldigte ihren Sohn, ich weiss nicht mehr, womit. Frau v.
W. dankte mir herzlich, und ihr Gemahl schalt aus Höflichkeit auf seine Tochter,
um dem jungen Herrn v. G. Genugtuung zu verschaffen. Meinetwegen war er in
erschrecklicher Verlegenheit; denn so sehr dieser Vorfall zu einem neuen Feste
Anlass zu geben schien, so blieb es ihm doch bedenklich, weil ich nicht von Adel
war, und wie hätt' ich mir ein ander Schicksal, als der Mann mit dem einen
Handschuh, versprechen können, der a dato nach sieben Tagen sterben wird. - Er
kämpfte indessen, weil es seine Tochter betraf, meinetwegen auf eine
unbeschreibliche Art, und endlich kam es dahin, dass er mit vielen Complimenten
sich bedankte und diese Begebenheit an den Rand zu verzeichnen sich verbindlich
machte, wie denn auch meine Gesundheit bei Tafel von ihm ausgebracht wurde. Es
war eine unaussprechliche Höflichkeit, mit der mir Herr v. W. zu verstehen gab,
dass beim: was ist geschehen? die Frage: wer tats? notwendig sei.
    Höflichkeit und Festlichkeit scheinen und sind zuweilen wirklich Antipoden;
allein unser Herr v. W. hatte diese Eigenschaften so zusammen vereinigt, dass sie
wie eins waren. Beide stammen vom Hofe: der Geringere ist höflich aus Falschheit
oder Furcht, der Vornehme aus Stolz, und dies ist auch die rechte Quelle der
Festlichkeit. So wie sich eine grosse freie Stadt zum Hofe verhält, so die
Urbanität, die Städtlichkeit zur Höflichkeit.
    Wenn diese Bemerkungen zur Erläuterung des Charakters des Herrn v. W. etwas
beizutragen im Stande wären, so würde es mir lieb sein. - Was mich bei der
Frage: wer tat's? betraf, so war ich hiebei verlegener, als bei dem Sprung ins
Wasser. Ich konnte nichts mehr, als meinen Reisegefährten entschuldigen. Der
herzliche Blick der Frau v. W. und das frohe Lächeln der Kleinen war mir mehr,
als zehn Feste des Herrn v. W. Dieser Vorfall inzwischen brachte uns eine
geraume Zeit nicht aus dem Zank. Ein Vorwurf vom Herrn v. G., dem ältern, dann
eine Entschuldigung von seiner Gemahlin und vom Herrn v. W., der es mit keinem
verderben wollte. Beiläufig oder am Rande, wiederholte er seinen Dank, wie Frau
v. W. ihren Blick und das kleine Fräulein ihr Lächeln.
    Die grosse Achtung, die Herr v. G., der ältere, gegen meinen Vater äusserte,
bewies zwar die Redlichkeit seiner Aussöhnung, allein sie machte mir ihre
zehnjährige Trennung zugleich unbegreiflicher. Es ward vieles wiederholt, was
mein Vater gesagt hatte, und alles mit einer, dem Herrn v. G. eigenen Wendung,
so, dass es wie neu aussah. Sein plein good sense, sein gesunder
Menschenverstand, wusste gleich ein Exempel, wenn eine Regel gegeben ward; und
vielleicht verhielt er sich gegen meinen Vater, um den Vergleich ins Kurze zu
ziehen, wie Regel und Erläuterungsbeispiel.
    Wir haben heut Ragout, eingeschnittenen Braten, sagte Herr v. G. Alles von
gestern. - Wir wiederholen die Predigt und fragen sie uns ab.
    Wenn je ein Ausdruck auf meinen Vater passt und der Wahrheit angemessen ist,
so ist es der von einer Predigt. Dies Kleid war wie auf den Leib gegossen,
konnte man sagen, um von der Bemerkung, dass Worte Kleider der Gedanken wären,
Gebrauch zu machen. Wer kann aber meinem Vater den Pastor, und meiner Mutter die
Pastorin verdenken? Die Predigt und den Gesang!
    Herr v. G. erklärte seiner Gemahlin, was naiv und was Laune sei, worüber sie
zuweilen eine naive und launige Unterredung gehabt. Laune, sagte er, ist der
körnige Ausdruck eines naiven Gedankens. Naivetät ist eine Satyre auf die Kunst;
es bestehe diese Satyre in Gedanken, Geberden, Worten oder Werken. - Er belehrte
sie, dass sie sich nicht ferner Laune zueignen könnte. Wer Laune hat, fügte er
hinzu, muss unterm Barte lachen, wenn von einer guten Laune die Rede ist, obwohl
bei jeder Laune wenigstens ein Zug vom Lachen unterm Barte, zur Ehre des
Lachens, sich hervorschleicht, oder durchbricht, wenn es gleich stockfinster auf
dem Gesicht ist. - Unterm Barte lachen, sagte die Frau v. G. mit einem
Veränderungszeichen.
    Naiv aber, meine gnädige Frau, sind Sie - der Herr v. G. bückte sich gegen
die Frau v. W.; sie wieder - ihr Mann aus Höflichkeit auch; die Frau v. G. hatte
heut ihren guten Tag. - Ein launiges Weib, fuhr Herr v. G. fort, würde ein Weib
mit einem Barte heissen, und also, setzte er hinzu - -
    Dass es verschiedene Arten von Laune gibt, sahen wir gestern, sagte Herr v.
G. Nachdem die Feste sind, erwiederte Herr v. W. Je nachdem, fuhr Herr v. G.
fort, je nachdem ein kluger Mensch Dinge ansieht, je nachdem sehen sie ihn
wieder an. Die Vorstellung von Glück und Unglück kommt nicht von den Dingen in
der Welt, sondern von der Gemütsart der Menschen. Der Standpunkt tut bei Seel'
und Leib viel, sehr viel! alles! - Die misantropische Laune, wollte er
fortfahren, da ihm wieder sein Sohn und das Fräulein Lorchen einfiel. - Diessmal
aber, wie mich dünkt, zum Vorteil meines Reisegefährten.
    Es ward von der Don-Quichoterie und den Windmühlen und verfluchten
Schlössern in der Liebe gesprochen. Jede Lüge ward bemerkt, hat was Richtiges in
sich, sonst würde sie kein Mensch anhören und ausstehen können. (Meine Mutter
nahm hieraus den Beweis, dass es am Ende Gespenster gäbe.) Die Feenmährchen
wurden anatomirt und die Naturteilchen abgesondert.
    Wo ist, ward gefragt, ein feuerfangender Jüngling, der nicht bis ins
einundzwanzigste Jahr wünscht, dass der Vater seiner Schönen abbrennen möchte, um
die Geliebte aus dem Feuer zu retten? Es sind ihm diese Lebensgüter (wie meine
Mutter singen würde):
Eine Hand
Blanker Sand,
Kummer der Gemüter.
    Nackt, wie die Tugend ist, will er seine Fiducia; allein ist dies der Weg
zur guten Ehe? Dies war die zweite Frage.
    Herr v. G. behauptete in dienstlicher Antwort, zum Wohlgefallen der Frau v.
W., dass man heiraten müsste, um einen getreuen Gehülfen oder Gehülfin zu haben,
und eben hiedurch entschuldigte er in gewisser Art seinen Sohn, welches ihm die
Frau v. G. auf eine naive Weise zu verstehen gab. Um sich herauszuhelfen, sagte
er, von meinem Vater gehört zu haben, dass man sich auch in die Tugend verlieben
könnte. Man muss aber, wie der Pastor bemerkte, nicht aus Neigung, sondern aus
Urteil des Verstandes tugendhaft sein, nicht, weil die Tugend hübsch ist,
sondern weil es die Tugend ist. Man muss sie lieben, wie sein Weib, und nicht wie
sein Mädchen. - Ein Tugendverliebter wird kalt, wie jeder übertriebene
Liebhaber.
    Aber, fiel die Frau v. G. ein -
    Ich weiss dein Aber, fuhr Herr v. G. fort, die Damen wollen Neigung. - Sie
glauben, dass eine unsichtbare höhere Macht ihr Band geschlungen habe. Neigung
ist ihnen der Himmel, in dem die Ehen geschlossen werden.
    Frau v. W. war auch einigermassen fürs Aber und es erinnerte sich der Herr v.
G. zu rechter Zeit, dass mein Vater behauptet hätte, wir Menschen sprächen immer
von Neigung, auch selbst da, wo Urteil des Verstandes entschieden hätte. Es
scheint, dass der Mensch seiner Vernunft nicht recht traut. Bei einem
Hauptargument hat er noch verschiedene ad hominem, setzte Herr v. G. hinzu, ohne
besonders zu bemerken, ob es sein Eigentum, oder von meinem Vater herkäme. Es
schien, als ob er vieles von meinem Vater jure antichretico besässe.
    Herr v. G. brach sich sehr den Kopf über die Extreme, von denen ihm mein
Vater besondere Dinge gesagt hätte. Zwei Extreme sind zwei Enden, wiederholte
der Herr v. G., als wenn er zu sich selbst spräche. Zwei Enden, die man den
Augenblick verbinden kann. So war der Teufel Gottes Freund. Wollust und
Notdurft sind Nachbarskinder. Schwindsucht und Wassersucht, Schlaflosigkeit und
Schlafsucht, Licht und Schatten, Leben und Sterben, himmlische erhabenste
Weisheit und Einfalt. - Die grösste Wut ist, wenn ein Mensch den andern frisst -
und geschieht das nicht? Haben nicht die Menschen mehr, als Wolfshunger? Ist es
mit ihnen nicht oft in dem Zwölften? Ist nicht oft ein leiblicher Bruder des
leiblichen Bruders Teufel, welcher die Seelen verschlingt, als schlürfe er
weiche Eier oder Austern?
    Herr v. G. kam aufs Fressen zurück, und doch, sagt er (alles wie zu sich
selbst) -
    Die grösste Liebe auszudrücken, sagt man: ich möchte dich vor Liebe
auffressen. Niemand hat mehr Blasphemien gesagt, als ein Quäker. Er und ein
Gottesläugner sind näher verwandt, als man glauben sollte.
    Ich habe nicht nötig, zu bemerken, dass Herr v. G. dieses lange vor sich so
aussprach, dass, wenn er's auch nicht so oft treulich und sonder Gefährde
angeführt, jeder doch teils aus seinem Ton, teils aus seinem Kopfschütteln
gesehen haben würde: es sei nicht sein, sondern meines Vaters.
    Dies! dies! dies! Herr v. G. sagte dreimal dies, wie meine Mutter dreimal
das Wir im Glauben sang, dies ist mir etwas am Pastor, das ich noch bei keinem
Menschen sonst, er sei Pastor oder nicht Pastor, gefunden habe. Es ist was Seel'
und Leib Eigenes, was Teosophisches, wie soll ich's nennen? Unser Freund Pastor
hat den heiligen Busch im Brande gesehen. - Rechnet man dazu, dass er die Bibel
nicht in schwarzem Saffian gebunden hat, sondern in weissem Pergament, selbst -
ohne goldnen Schnitt, dass er sie nicht als Medicin, sondern als täglich Brod
braucht, so ist der gute Pastor ein ganz besonderer Pastor. Seine andern Seiten,
dass er z.B. die Glatze nicht mit Puder bedeckt, dass er kein Jaherr ist, dass sein
Ausdruck nicht Scheidemünze, nicht Gang- und Gebemünze, oder Courant, sondern
aus der Sparbüchse genommenes Geld ist, und um, mit Erlaubnis, in eine andere
Figur zu kommen, nicht wie auf den Kauf gemacht, sondern wie bestellte Arbeit
aussieht, so, dass es von ihm heissen kann: »was er spricht, das gerät wohl!«
    Dass der Pastor nicht ein gelernter Gelehrter, nicht einer des Buchstabens,
sondern einer des Geistes und der Kraft ist;
    dass er nichts bloss teoretisch weiss, sondern alles, alles in Blut und
Lebenssaft oder Praxis bei ihm übergegangen;
    dass er die meisten Dinge aus einem oft unbeträchtlichen Gesichtspunkt nimmt,
und eben dadurch beim rechten Ende fasst;
    dass er einen königlichen, einen Revisionsblick, der immer mit einem gewissen
Glück verknüpft ist, besitzt (sein Blick trifft immer, ohne dass er zielt);
    dass - und noch viele dass gehen vor sich.
    Beim letzten dass erzählte der Herr v. G. eine Geschichte, die sich noch vor
der Scheidung vom Tisch und Bett, also vor zehn Jahren, zugetragen hätte.
    Ein Barbier schnitt mit mörderischer Hand dem - den Hals ab, nachdem er ihn
zuvörderst ganz sauber und köstlich von der Bürde seines Bartes befreit und
leicht ums Kinn gemacht hatte. Wär' ich Inquirent (hätte mein Vater nicht bloss
gesagt, sondern behauptet), würde einer meiner Hauptfragen, sowohl im
Generalverhör, als bei den Specialartikeln, sein:
    Warum der Barbier den Ermordeten zuvor sauber und köstlich von der Bürde
seines Barts befreit und leicht ums Kinn gemacht, eh' er -
    Der Bösewicht! setzte Herr v. G., ohne das Komma abzuwarten und meinen Vater
ausreden zu lassen, hinzu, das kommt vom Aderlassen heraus! Man sollte nicht
Leute an den Hals lassen, die Blut sehen können, als sehen sie süsse Milch.
    Der Mörder hätte bekannt, dass er mit Mordgedanken zum - gegangen. Alle
Umstände bestätigten diese Aussage. Der erste Strich war in seiner Seele Mord.
Warum vollbracht er ihn erst beim letzten? - Nota bene. Er fand den - allein,
und so blieben sie auch - die Tat kam nach vier Stunden erst aus.
    Ich weiss nicht, sagte meine Mutter im ersten Bande, ich weiss nicht, gegen
das gemeinste Volk hab' ich, bis ich bekannt bin, rückhaltende Achtung; ich
glaube, das macht das Bild Gottes. Wenn meine Leser den ersten Band nicht bei
der Hand haben, so war es bei Gelegenheit der Blutreinigung, deretwegen meine
Grossmutter mütterlicher Seits das alte Gesinde behielt, welcher blutigen Meinung
meine liebe Mutter, in Rücksicht der königlichen Frau Mutter Babb, beitrat.
    So ungefähr beantwortete mein Vater seine General- und Specialfrage; denn
ich muss aufrichtig gestehen, dass sich der Herr v. G. darüber ungefähr so, wie
über die beste Welt, ausdrückte.
    Unser Pastor, fuhr Herr v. G. fort, nachdem er sich von so vielen dass
losgemacht, unser Pastor besitzt etwas, was man nicht aussprechen kann, in
diesem Punkte. Er ist ein Gegenfüssler von einem Lauen, und ich kenne keinen
Menschen, der mehr Teilnehmer wär', als er!
    Obgleich der Herr v. G. diesen Zug in meines Vaters Charakter nicht in
seinem heiligen Dunkel störte, so dass er höchstens nur den heiligen, nicht aber
den letzten, den allerhöchsten Vorhang, hohepriesterlich zog und in gewisser Art
eben so unbegreiflich blieb, als mein Vater selbst, so muss ich doch bei dieser
Gelegenheit gestehen, dass mein Vater wirklich in diesem Stück was ganz besonders
Eigentümliches besass. Ich hab' ihn einen im Himmel Angeschriebenen, einen
Verklärten genannt und als einen aus dem Reiche Gottes dargestellt, von welchem
wir beten: dein Reich komme!
    Ich weiss nicht mehr, wer von ihm in seinem eigenen Pastorat, da er eben den
Rücken gekehrt hatte, das Urteil aussprach, dass er, sobald er spräche, den
Sprengwedel in der Hand hätte und die Seele mit geweihtem Wasser besprenge, und
dass er jederzeit mit gewaschenen Händen erschien, so wie man von dem alten und
neuen Gebrauch, sich, ehe man in den Tempel ging, zu besprengen und zu reinigen,
zu sagen pflegt: mit ungewaschenen Händen. Vielleicht übertrieb es mein Vater an
vielen Orten, wie jener Jünger, der anfänglich auf die Art des Herrn v. W. mit
seinem Herrn und Meister complimentirte, nachher aber auf einmal ausbrach, nicht
die Füsse allein, sondern die Hände und das Haupt.
    Der Socinianismus ist etwas Kleinstädtisches, etwas Verlahmtes, etwas
Ermüdetes, pflegte mein Vater zu sagen. Entweder Hof oder plattes Land; kalt
oder warm; alles oder nichts; aut aut -
    Eltern sehen sonst nicht, dass Kinder wachsen, und Kinder sehen nicht, dass
ihre Eltern alt werden, weil sie sich täglich und stündlich sehen; wenn es aber
ein Fremder bemerkt, dann reisst sich ihr Auge auf. - Mir werden meine Leser den
Vorwurf nicht machen, und wenn sie mit mir in Rücksicht dieses Charakters nicht
zufrieden sind, so gehört es nicht auf meine, sondern auf die Rechnung meines
Vaters. - Wer mir aber den Einwand entgegensetzt, dass ich meine Charaktere nicht
frisirt und gepudert und völlig vom Haupte bis zum Fusse geschmückt und sein
angetan präsentire, hat es in den Tod vergessen, dass ich eine Geschichte
erzähle. Schon im Roman muss man seine Leute kennen, der Natur nachfolgen und den
Menschen sich öffentlich ankleiden lassen. Man muss den Menschen im
Seelenkamisölchen, in der Federmütze, wenn er ein Gelehrter, und mit einem
seidenen Tuch, künstlich russisch um den Kopf gebunden, wenn er ein Edelmann
ist, darstellen - in naturalibus. Jeder Mensch hat seine Art sich anzukleiden
und zu erzählen, und diese beide Arten stimmen mit einander so überein, dass,
wenn ich jemanden sich ankleiden sehe, ich sagen will wie er erzählt, und
umgekehrt, wenn ich ihn erzählen höre, will ich sagen wie er sich ankleidet. Die
Art sich auszukleiden, kann den Kenner vielerlei lehren, und unter andern auch,
wie der sich Entkleidende sterben werde. Hievon ein andermal.
    Eine Erzählung, der man das Studirte, das Geflissene, das Geordnete ansieht,
ist unausstehlich. - So wie es in der Welt geht, so muss es auch in der
Geschichte gehen. - Bald so, bald so. - Der Hörer, der Leser, mag sich hieraus
ein Miniaturstückchen auf teophrastisch, brüyerisch zeichnen, wenn er will.
    Belege zu dieser Bemerkung die Menge in meinem Lebenslauf, und um meine
Leser auf der Stelle zu überzeugen -
    Herr v. G. erzählte, dass mein Vater nicht die mindesten
Wirtschaftskenntnisse besessen hätte, da er Pastor geworden.
    Jetzt weiss er so gut, wie Einer, wann Zeit zu säen und Zeit zu ernten ist,
wann man dreschen, malzen, Haus-, Acker-, Garten- und Fischergeräte bessern
muss. Er versteht sich auf die Eisfischerei, auf die Nachtfröste, Holz- und
Mistfuhren, Flachs- und Haufbrechen.
    Wie er anzog, wollte der gute Pastor, fuhr Herr v. G. fort, den
Pastoratsbauern seine Schwäche nicht verraten, und was tat er, eh' er durch
Gesicht und Ohr so weit gebracht war als er jetzt ist? Er visitirte sein
Inventarium. Das Register in der Hand, fragte er:
    Neun Braune? Ja.
    Neunzehn Schimmel? Ja.
    Acht Füchse? Ja.
    Dreissig Kühe? Ja.
    Wer hier nicht den Pastorem loci findet -
    Herr v. G. war, mit Ehren zu melden, ein grossmächtiger Wirt. Er las,
versuchte, fehlte und verstand zuletzt seinen Boden, als wenn er mit ihm
sprechen könnte. Er benutzte, im Ganzen genommen, seine Aecker auf eine Art,
welche ihm den Neid seiner hochwohlgebornen Brüder zuzog. Der gemeine Mann
sagte: er hätte den Alp. Die Frau. v. G. nannte die ökonomischen Bücher, die er
sich mit vielen Kosten verschrieb, »Wurzelbücher,« und wusste sehr genau, wann
und wo er durch Versuche verloren hatte. So war der Herr v. G., um seinen
eigenen Ausdruck zu adoptiren, eine Erdscholle, ein glebae adscriptus; allein er
war selbst auch dies als v. G. Wenn ich Ihnen mit dem Ausdruck einen Dienst
erweisen kann, gnädige Frau v. G., er war ein Wurzelmann. - Die Blätter fallen
im Herbst in der Trübsal ab.
    Obgleich wir ein Trauerfest hatten und der Herr v. W., sein Waffenträger und
Herr v. G. sehr höflich gegen einander waren, welches gemeinhin bei Trauerfesten
zu sein pflegt, so konnte doch Herr v. G. nicht umhin, wiewohl ohne ihnen diese
Saladiere anzubieten, gelegentlich anzumerken, dass derjenige, der nicht bezahlen
könnte, sehr höflich wäre, welches gestern mit alten Männern, wenn sie junge
Weiber zur Ehe hätten, bewiesen sei.
    Wie denn Herr v. G. sich wider alle Geburtstags-Glückwünsche erklärte. - Wer
wird, sagte er, gratuliren, dass man schwächer geworden? Zum Geburtstage muss man
nur bis zum dreissigsten, und da in der Weichlichkeit der Jünger immer stärker
als der Meister ist, nach unserm Weltlauf bis zum fünfundzwanzigsten,
einundzwanzigsten und wohl neunzehnten Lebensjahre Glück wünschen - es wäre
denn, dass man auf die andere Welt Rücksicht nehmen wollte, nach der aber in
gesunden Tagen wenig Nachfrage ist.
    Noch eins! Mein Vater hätte gesagt, sagte Herr v. G., wer einen Brief
schreibt, muss glauben, er schreibe ihn an die Welt, und wer ein Buch, ich sage
ein Buch, schreibt, schreibe es an einen guten Freund, wenn man nicht in beiden
Fällen alltäglich sein will.
    Ich ergreife dieses noch eins als eine erwünschte Gelegenheit, um meinen
Leser auf Ehre zu versichern, dass ich dies noch eins nicht aus den Augen
gelassen und dieses Ganze an Einen gerichtet habe. Ich habe dieses Einen in dem
ersten Bande erwähnt, und es ist eben derjenige, der mich auf der
einundzwanzigsten Seite besuchte und dem ich auf eben der Seite (ich rede von
der ersten Ausgabe, denn wer steht mir dafür, dass es zu mehreren kommt) eine
glückliche Reise gewünscht habe.
    Wie viel liegt in dem Worte Einer? Wer es fassen kann, der fass' es, und
wer's nicht kann, wird auch schwerlich begreifen, was eigentlich Einheit in
einer jeden Schrift ist, welche da sein muss, die Schrift wandle gleich im
finstern Tal, sie gehe gleich durch Dick und Dünn, durch Licht und Finsternis.
Eine Schrift, welche dieses Ziel nicht hat und nicht an Ort und Stelle kommt,
ist eine Missgeburt. - Je weiter man es gebracht hat, alles zu Einem einzulenken
und kein Rad zu viel und keines zu wenig in seinem Buche zu uhrmachen, desto
mehr Ganzes ist da. Man sagt: Ein Apostel Paulus, Ein Rat, Eine christliche
Gemeinde wolle mit gebührender Andacht verlesen hören. - - Gott schuf nur einen
Menschen! sein Bild! und wenn ihr Herren Präadamiten in die Kreuz und in die
Quere euch dagegen bäumt. In dem Gedanken: Ein Mensch und sein Weib von ihm
genommen, liegt was Göttliches, was Grosses! was - Ein System, wenn es so ganz da
liegt, so ganz, wie Tier und Mensch, ist Arbeit eines Halbgottes. Wo ist ein
System dieser Art? Wenn es ja fertig werden kann, wird es das Werk eines
Deutschen sein. - Im System geht man vom Ganzen zu den Teilen. Man sieht den
Menschen ganz. Ein Blick ist genug hiezu, und sodann anatomirt man ihn. - Sonst
geht man von den Teilen zum Ganzen. Ein System heisst nicht Compendium und ist
nicht ein auf Draht gezogenes Gerippe. Seht die Welt! Sie ist ein Mensch im
Grossen. So ganz wie ein Mensch. Gott sieht sie, wie ich meinen Haushahn, meinen
Phylax, meinen Leopold; wir aber finden sie so in Unordnung, dass es Kunstrichter
gegeben hat, die dem lieben Gott gern was ins Ohr darüber gesagt hätten.
    Wo das, was ich verstehe, gut ist, da leg' ich beide Hände auf den Mund,
wenn ich an etwas stosse, das ich nicht verstehe.
    Mein Einer, an den ich dieses Buch geschrieben, ist mein lieber getreuer - -
den ich auch getreu lieben werde bis in den Tod. Dieses ganze Buch ist eine
Dedikation, eine Zuschrift, in Rücksicht auf ihn, ein Brief mit einem cachet
volant, sub sigillo volante (unter offenem fliegendem Siegel); allein kein
Wunsch ist sehnlicher, als dass meine Leser hiebei nichts verloren, sondern
vielmehr reichlich gewonnen haben mögen.
    Mitten in diesen und andern Wiederholungen kam ein Brief von meinem Vater an
den Herrn v. G. und an mich?
    Nichts an mich, zum offenbarsten Beweise, dass mein Vater nicht fürs
Schreiben war.
    Auch der Brief an den Herrn v. G. war kurz und entielt nur eine Anweisung,
einen Fingerzeig wegen der Beilage. Unser Bekannter, der das erste- und
letztemal, da er eine Flinte losdrückte, oder vielmehr, da sie ohne sein
Vorwissen und Mitwirkung in seiner unerfahrenen Hand losging, seinen Sohn
erschoss, hatte seine Lebensumstände eigenhändig verfasst und sie seinem Tröster,
meinem Vater, in die Hände gelegt. Der Herr v. G., den der Alte mit dem einen
Handschuh aufmerksam gemacht, hatte meinen Vater beschworen, ihm den Erfolg von
dem Trostamte, welches dieser Unglückliche in seiner Seelenangst aufgefordert
hatte, zu berichten.
    Ein kurzer Brief, sagte Herr v. G., da er den Brief meines Vaters
entfaltete, der, wie ich bei Gelegenheit des Conversus bemerkt habe, fürs
Mündliche war. Dies gab Anlass, von meines Vaters Weise, kurz zu schreiben, nach
seinem Beispiel ein langes Gespräch zu halten, das Herr v. G. auf eine mir
unvergessliche Weise beschloss. Die Sprache Gottes! Gott sprach, hauchte nur auf,
und es ward. Gott ist auch Schriftsteller worden, fuhr Herr v. G. fort. Das Wort
Fleisch. - Es ist viel von Gottes Wort zu sagen. Ein Ausdruck, den alle Welt im
Munde führt, und doch ein tiefer, tiefer Ausdruck!
    Eine lange Beilage, sagte Herr v. G., nachdem er den kurzen Brief durch und
durch geblickt hatte. Er las ihn nicht, er blickt' ihn auf. Die Beilage ward
wörtlich abgelesen. Einige Stellen hatten Tränen überschwemmt, und sie schienen
wie verwüstete Wiesen, die das ausgerissene Wasser zerstört hat.
    Hier ist ein wohlgemeinter Auszug. Es war der - - der einzige Sohn eines
Amtmanns. Seine Mutter, die Tochter eines Literatus. Seine Eltern starben in
Ketten. Der ungnädige Herr Principal hatt' ihnen Defecte zugezogen, ohne sich
Zeit zu nehmen, eine Probe bei seiner Rechnung zu machen.
    Die Cavaliere, schreibt er, rechnen gemeinhin mit ihren Amtleuten ohne
Probe, und sind Kläger, Richter und Henker!
    Unser Bekannter hatte Gelegenheit gehabt, in seiner ersten Jugend schreiben
und rechnen zu lernen, ohne dass er sich unterstehen durfte, von dieser Kunst bei
der Verrechnung des Herrn v. ** in Rücksicht seines Vaters Gebrauch zu machen
und ihr durch eine Probe nachzuhelfen. Er entging mit vieler Mühe der
Schulduntertänigkeit, konnte von Glück sagen, dass er frei blieb und als
Bedienter sich in einem andern hochadelichen Hofe anzubringen die Erlaubnis
erhielt. Er versprach Charlotten die Ehe, einer freien Person, die aber weder
reich noch schön war. - Sie hatten sich von dem ersten Augenblick geliebt, da
sie sich gesehen hatten. Sie war verliebt und tugendhaft, das ist nicht viel
auseinander, und verliebt und tugendhaft war alles, was man von Charlotten sagen
konnte. Gewiss würd' unser Bekannter an ihrer Hand glücklich geworden sein. Er
hatt' ihr die Ehe einmal, da es donnerte, verheissen, und so laut, wie er
schreibt, dass er fast den Donner überschrien! - Alles, was Charlotte und unser
Bekannter sahen, alles, was sie hörten, bestätigte ihre Liebe - denn
Aufforderung hatten sie nicht mehr nötig. Unser Bekannter hatt' eine Laube
gepflanzt, welche Charlotte begoss. Sie wuchs mit ihrer Liebe um die Wette.
Charlotte hatte das Glück, wie's die Leute hiessen, den gnädigen Herrn in
verliebten Aufruhr zu setzen. Sie war die vierte, der er ein seidenes
Schnupftuch zugeworfen; allein die drei, so vor ihr gewesen, die Kammerjungfer
nicht ausgenommen, waren auf einen andern Fuss genommen. Er fing an zu seufzen
und Charlotten förmlich die Cour zu machen. Wenn niemand dabei war, küsst' er ihr
die Hände, und das Kammermädchen seiner Frau Gemahlin Gnaden hatt' ihn auf den
Knien vor Charlotten gesehen. Dies verdross das Kammermädchen beinahe mehr, als
die gnädige Frau, welch letztere die Kunst sich zu entschädigen aus dem Grunde
verstand und den Herrn Gemahl länger verloren hatte, als die Kammerzofe den
Liebhaber. Indessen fand auch die entschädigte gnädige Frau unschicklich, dass
Se. Hochwohlgeboren einem Dienstmädchen die Cour machten. Die Cour! auf den
Knien! So was hielt sie ihrer Ehre zu nahe, und das Kammermädchen setzte hinzu:
wenn Charlotte noch eine Kammerjungfer wäre!
    Charlotte hätte, wenn sie den Plan der gnädigen Frau und des Kammermädchens
befolgen und den gnädigen Herrn öffentlich lächerrlich machen wollen, ein
ziemlich grosses Spiel gewonnen, allein sie wollte nicht durch's Spiel reich
werden. Sie suchte Se. Hochwohlgeboren auf den rechten Weg zu bringen, er aber
blieb auf dem Irrwege zu ihrem Herzen. Da sie ihn nicht los werden konnte,
entfernte sie sich, wie sie stand und ging, und liess, wie Joseph, ihre Plundern
zurück, die Man ihr bei Hängen und Würgen auslieferte. Die Sache macht'
Aufsehen, und Charlotte war die einzige Person, die den Herrn v. ** vom Teater
der dortigen Gegend bringen konnte. Sie tat es, und da unser Bekannter sie
selbst darum bat, kehrte sie zurück ins Haus. Solche Herren wissen sich durch
Ableiter vor dem Ungewitter zu sichern. Sie wissen nicht, was eine
fehlgeschlagene Liebe sagen will. Der Herr v. ** hatte sich mit weniger Mühe,
ohne zu knien, versorgt, und unser Bekannter besass Charlotten nun ohne
Anfechtung. Sie war ihm jetzo teurer; denn ihre Tugend hatte gesiegt und das
Feld behalten.
    Es ist unaussprechlich, wie glücklich unsere Verliebten waren. Er pflückt'
ihr die ersten Blumen, und die Natur schien sie recht geflissentlich für ihn,
oder eigentlich für Charlotten zu verwahren. Nur ein durch Liebe geweihtes Auge
konnte die Blumen finden, die er fand. Sie hingegen bracht' ihm die ersten
Früchte. Er ass sie aus ihrer Hand und dann schmeckten sie ihm desto süsser.
    Nach dem Auftritt mit dem Herrn v. ** schien Charlotte unserem Bekannten
eine Märtyrin, und er glaubte, dass diese erhabene Idee seiner Liebe Schaden
getan haben könne. Nachdem ich sie, schreibt er, übermenschlich liebte, schien
sich ein gewisses Feuer im Herzen zu legen.
    Er gesteht mit allen Merkzeichen einer wahren Reue, die niemand gereut, dass
sein Herz vorzüglich durch die Geschenke seines Principals den ganzen Rest von
Anhänglichkeit zu Charlotten verloren. Welch ein Verlust! O Gott, welch ein
Verlust! Ich ward wie ein schwankendes Rohr, schreibt er, lange vom Winde hin
und her getrieben. Ein Flick Land und ein blanker Hut machten den Garaus mit
mir. Ich balancirte schon zuvor. Dies Flickwerk gab den Ausschlag. Der gnädige
Herr konnte Charlottens Guterzigkeit empfinden. Viel vom gnädigen Herrn! Er
hasst' und ehrte Charlotten, wie die Teufel glauben und zittern. Sie hatte seine
Beschämung oder Beschimpfung in ihrer Gewalt, allein ihre edle himmlische Seele
wusste von keiner Rache. Charlottens Herz hatte nicht seines Gleichen. Sie fragte
nicht, ehe sie Mitleiden zeigte, ob der Unglückliche Schuld an seinem Unglück
wäre? Oft dacht' ich, wenn sie weinte mit den Weinenden, und wenn es ihr genug
war, Elend zu sehen, um bewegt zu werden, sie lässt, wie Gott der Herr, regnen
über Gerechte und Ungerechte! - Diese edle Denkungsart vermochte vielleicht den
gnädigen Herrn durch sein Geschenk die gute Sache mit Charlotten ins Reine zu
bringen. Der Hut, sagt' er zu mir, ist mir zu gross. Das Land ist mir zu klein!
Es ist beides sein. - Weg war ich, ja wohl weg.
    Unser Bekannter verdarb sein Herz von Tag zu Tage. Je mehr Charlotte ihm
sagte, dass ihm der Hut schlecht stünde (sie sah dabei auf sein Herz; er war
sonst ein schöner Mann), je gleichgültiger ward er gegen sie. Er hatt' an jedem
Finger eine Schöne, die sich in dem blanken Hute spiegelte und sich nach Massgabe
desselben das Tuch um den Hals zurechtzog, bis endlich Luise ihn zur heiligen
Ehe bestimmte. Sein Hut war abgetragen und Luise war reich. Diese Luise ist das
unglückliche Weib, das nach dem unglückseligen Schuss mehr aus Gram über den Gram
ihres Mannes, als über den Verlust ihres einzigen Sohnes starb, wie ich im
ersten Bande bereits bemerkt habe. Das Stück Acker, so ihm der Herr v. **
schenkte, war zur Not eine Brodstelle, allein einen blanken Hut warf es nicht
ab. Bis auf den Zuschlag mit Luisen hatte Charlotte noch Hoffnung gefasst. Sie,
die alles zum Besten zu kehren gewohnt war, verlor nicht alle Aussicht zur
Besserung ihres ungetreuen Liebhabers. Vom Tage seiner Verlobung mit Luisen sank
sie in Schwermut! O Gott, sie sank tief! Dichte Wolken überzogen sie, und es
war so feierlich anzusehen, als wenn schwarze Wolken den Mond beziehen. - Wer
diesen Bezug nicht bemerkt hat, tue Charlotten Ehre und bemerk' ihn noch.
Während der Zeit, da sich unser Bekannter von Charlotten gedreht, bekam sie
einen Freier, der sie herzlich zu lieben vorgab. Man konnt' an der Ehrlichkeit
seiner Liebe nicht zweifeln, da er reich und sie arm war. Dies wusste sie zu
empfinden; allein sie empfand auch, dass es nicht unser Bekannter war!
    Die erste Liebe, merkte Herr v. G. bei dieser Gelegenheit an, stimmt unser
Herz auf ewig. Der Ausschweifendste könnte behaupten, er habe nur eine Einzige
geliebt, und in Wahrheit, das könnt' ihn heilen - wenn es sein Ernst wäre, heil
zu werden. Man liebt immer die erste Liebe, auch selbst wenn man am Hofe ist. In
jeder neuen Teaterprinzessin ist wenigstens ein Zug von der ersten Liebe. Sie
ist uns ins Herz geschrieben, im teologischen Sinn - und beweist, dass von
Anbeginn nur ein Weib und ein Mann gewesen. Der arme Freier! Es war seine erste
Liebe, er heiratete; allein es war keine Charlotte. Die Braut unseres Bekannten
wandte sich an Charlotten; denn sie hatte zu ihrem Bräutigam mit dem
abgetragenen blanken Hut kein absolutes Vertrauen. - Charlotte gab ihm mit
weinenden Augen das beste Zeugnis. Sie küsste die Rute, womit sie gezüchtigt
ward. Sie küsste Luisen herzlich. - Arme Charlotte! Ihrem beklommenen Herzen Luft
zu machen, heiratete sie; allein, was ist von einer Heirat aus Verzweiflung zu
erwarten? Sie machte ihren Mann unglücklich, und sie war es noch weit mehr. Sie
küsst' ihn zitternd, wie eine Taube, die den über sich hangenden Mörder sieht,
indem sie ihren Gatten schnäbelt. Charlotte sah den Habicht ganz allein, und
mitin wusst' ihr Mann nicht, was ihr war! - Sie hatte keine Kinder, und
Charlotte ward allgemein für eine Person erklärt, die schwermütig wäre.
Besonders äusserte sich dieser Trübsinn, wenn sie was Blankes sah; es müsste denn
durch die Sonne vergoldet sein, sonst konnte sie nichts Schimmerndes ohne
Tränen ansehen. Ihr Silber und Zinn musste nicht glänzend gemacht werden. Am
liebsten ass sie von Holz. - Man verschloss sogar Scheere und Messer eine
Zeitlang. Ein Schrecken war das Einzigste, was Charlotten in's Lachen bringen
konnte. Ihr Lachen hielt man für Hitze, so wie ihre Tränen für Frost, bis man
mit ihrer Art bekannter ward und Messer und Scheere wieder aufschloss.
    Charlotte konnte keine Kinder ausstehen; allein wenn sie heimlich den
einzigen Sohn unseres Bekannten habhaft werben konnte, drückte sie ihn fest an
ihr Herz. Es war rührend anzusehen. - Unser Bekannter hatte das Glück, sich zu
überreden, Charlotte sei nicht seinet-, sondern ihres einzigen Mannes wegen,
schwermütig. Es war Charlottens Mann der beste Mann in der Welt, indessen ward
er ordentlich gehasst, und wenn man ihn am Ende so böse nicht fand als man ihn
ausgab, kam es auf den gnädigen Herrn, man sagt' es sich in's Ohr, dass Charlotte
seinetwegen so trübe geworden wäre.
    Sie starb - und so froh, dass es erbaulich war, von ihrem Tode zu hören. Wer
sie sterben gesehen, war bis an die Tür des dritten Himmels entzückt worden.
Charlotte war aber gewiss weiter eingedrungen zur ewigen Freud' und Herrlichkeit.
Wer ihre letzten Worte gehört hatte, redete von ihr mit Ausgelassenheit. - Es
hatte kein Auge gesehen, es hatte kein Ohr gehört, es war in keines Menschen
Herz kommen, was die Umstehenden gesehen und gehört hatten und was ihnen ins
Herz gekommen. Ihr Ehemann hatte in Wahrheit die Freuden des Ehestandes nicht an
ihrer Hand erfahren; allein ihr Andenken liess ihn an keine zweite Verbindung
gedenken.
    Unsere Verbindung, sagt' er, war für die andere Welt, wo keine Tränen mehr
von Charlottens Augen fallen werden! Sie sind getrocknet, diese Tränen, und
Engelsfreude ist in ihren Augen. Halleluja! Charlotte bat ihm sterbend ab, und
er ihr, und alle, die Messer und Scheere verschlossen hatten, verlangten ihren
Segen.
    Vergib mir, sagte sie zu ihrem Manne, es wird dir alles im Himmel gelohnt
werden. Am Grabe endet sich alles Elend, aller Kummer. - Dort wird das Buch
meines Schicksals aufgetan, damit ich lese und verstehe, was hier kein weiser
Mann zu erklären wusste. Alle Finsternis wird dort Licht sein. O, wie froh werd'
ich sein, den Zusammenhang meines Lebens kennen zu lernen. - Ihr Mann rang die
Hände, und wenn sie ihm abbat, weint' er bitterlich. - Ehe sie ihr edles Auge
schloss, sah sie sich rund herum. Bei ihrem Manne liess sie das Auge etwas ruhen,
und nachdem sie diesen Lauf vollendet, sah sie gen Himmel und ihr Auge schloss
sich, als wenn man müd' ist, von selbst. Es durfte nicht zugedrückt werden. -
Sie entschlief. - Wahrlich! wahrlich! sie starb in einer seligen Stunde. - Ihr
Liebling, der Sohn unseres Bekannten, spielt' oft auf ihrem Grabe, das kein
Kraut des Fluchens, Dornen und Disteln, entehrte, obgleich es rund herum stand.
Es schien, als ob Dornen und Disteln Achtung für das Grab unserer Seligen
hätten. Der Sturmwind, wenn er daherfuhr und die Kirchenlinden absplitterte und
Aeste brach, schonte der Blumen auf dieser heiligen Stätte. Sie war jedem
heilig, wie die Pforte des Himmels.
    Ich glaube, meine Leser verlieren bei diesem Auszuge, denn das
weitschweifige Original hatte Stellen, die schrecklich waren.
    Unser Bekannter war durch diesen denkwürdigen Tod noch nicht auf Bussgedanken
gebracht. Er konnte Charlottens Leiche sogar folgen, ohne eine Träne fallen zu
lassen!
    Das nenn' ich, sagte Herr v. G., Gericht der Verstockung! Die Trostlosigkeit
des Mannes unserer Charlotte bestätigte das Vorurteil, dass er Charlotten
unglücklich gemacht hätte. Man hielt es für Gewissensbisse. Die Umstände ihres
Todes, die unserm Bekannten, wiewohl zum grössten Teil sehr unrichtig und nur
beiläufig, erzählt worden, bestätigten diesen unerhörten Wahn. - Da Charlotte
ihrem Ungetreuen auswich und ihn nicht anders als in ihrem Herzen sah, so
unterhielt alles die Ruhe unseres Bekannten, um mich desto unruhiger zu machen
(dies sind seine eigenen Worte).
    Der Herr v. G. bemerkte, dass ihm nichts schrecklicher, als ein ganz ruhiger
Mensch wäre. Die Ruhe der Weisen sei so sehr, bemerkte er, mit einer gewissen
seligen Unruhe, mit einer Sehnsucht verknüpft, dass man sie eine selige Unruhe
nennen könnte. Ruhe ist Dekoration, wie's eine Aufrichtigkeit von der Art gibt,
eine Aufrichtigkeit, die verkleideter Mord ist - und wodurch man sicherer
betrügt, als durch Rückhalt.
    Unsern Herrn und Meister, sagte Herr v. G., konnte nur eine gewisse Ruhe,
die Folge von einem göttlichen Ruf, kleiden - seinen Aposteln kommt sie schon
nicht zu - dem Sokrates nicht - wohl aber der Maria, des Herrn Mutter, und jedem
Weibe, das einen Sohn hat, der seiner Mutter Ehre macht. - Solch ein Weib hat es
vollendet. - Hier in der Welt sind wir in der streitenden Kirche. - Wer wird die
Hände in den Schoss legen? wer sein Auge sinken lassen? Ruhe ist der Anzug der
Seligen, der Vollendeten des Herrn! Von Gott kann man sagen: er sah an, was er
gemacht hatte, und siehe da: Es war alles sehr gut!
    Der Gang auf Vogelwild unseres Bekannten war sein letzter, ruhiger oder
verstockter Gang. Der Schuss, wodurch er seinen Sohn tödtete, sprengte sein
Gewissen auf. Knall und Fall passte nicht bloss auf seinen Sohn, sondern auch auf
seine Ruhe. Er führte an, dass er im Schuss den nämlichen Knall gehört hätte als
im Donnerschlag, den er überschrien und den er zum gerechten Zeugen für seine
ehrliche Liebe zu Charlotten aufgerufen! Die Molltöne hatten sein Herz nicht
erweichen können, so wie göttliche Wohltaten die wenigsten Menschen zu Gott
lenken. Es musste einschlagen, und nun fielen die Schuppen von seinen Augen. Der
Schuss schleifte seine ganze Festung.
    Da stand er und trauerte wie ein Baum, dem ein brausend wütender Angriff
des Sturms alle seine Blätter auf einmal raubt und ihn schnell ganz nackt
auszieht. - Nun war ihm Charlottens Grab die einzigste Zuflucht; hier sah er
Charlotten und seinen Sohn, der auf diesem Grabe oft gespielt hatte. - Was für
ein schreckliches Licht war ihm aufgebljetzt! Gott ist gerecht, schrieb er, und
alle seine Gerichte sind gerecht! Seine Ausdrücke waren brennend. Sie gingen
durch Mark und Bein. Wie gern hätte er sein verpfändetes Wort eingelöst. Sein
Weib war ihm unerträglich und er sich noch unerträglicher, weil sie's ihm war.
Sein einziger Umgang war mit dem Manne seiner Charlotte, der ihm alles haarklein
erzählen musste, was unser Bekannter, nachdem er zur Erkenntnis der Sünden
gekommen war, besser verstand als sein Freund. Die Laube, welche er gepflanzt
und Charlotte begossen, war ihm fürchterlich finster geworden; indessen ging die
Sonne keinen Tag unter, wo er sie nicht besuchte. Er suchte Charlotten drin und
weinte. Er, der ehemals mit dem Frühling um die Wette blühte, konnte, ausser dem
Herbste, keine Jahreszeit ausstehen. Abgefallenes Laub sah er lieber, als eine
Rosenknospe, und wenn er einen verdorrten Baum fand, setzte er sich unter ihn;
er war ihm der liebste.
    Gott hat mich verstossen, seufzte er zuweilen, und niemand konnte ihn seufzen
hören, ohne ihn herzlich zu bedauern - das brachte einen neuen Seufzer hervor.
Wenn er zum Nachtmahl ging, weinte er so, als wenn er unter den Kriegsknechten
gewesen wäre und jetzo öffentliche Kirchenbusse täte. Er war stets
zerschlagenen, zerrissenen Herzens. Sein ganzes Leben war eine immerwährende
Litanei, ein ewiges Kyrie eleison. Froh würde er seiner Erlösung
entgegengegangen sein, wenn nicht Charlotte und sein Sohn im Himmel gewesen. -
Seinen Sohn durfte er nur vor den Menschen bekennen; desto mehr litt er, dass er
Charlottens Namen verbeissen musste. In der Stille nannte er ihn tausendmal in
einem fort. Er zitterte vor dem Tage seines Todes und das Leben war ihm auch
unerträglich. O Gott! es muss ein schrecklicher Zustand sein, wenn man nicht
leben, nicht sterben kann. Am Ende war ihm doch das Leben das unerträglichste.
Er sehnte sich, vom Fegfeuer dieses seines Lebens und von allem Uebel befreit zu
werden - und wenn ihn eine Furcht vor dem Himmel ergriff, wo er seinen Sohn,
Charlotte und Luise finden würde, schlug er seine Hände gen Himmel: Vergib! war
alles, was er sagen konnte.
    Sein Morgen- und Abendgebet war:
Von allem Uebel mich erlös';
Es sind die Tage bitterbös;
Erlös mich von dem ew'gen Tod
Und tröst' mich in der letzten Not.
Bescheer' mir, Herr! ein sel'ges End';
Nimm meine Seel' in deine Händ'!
Und so beschloss er auch seinen Aufsatz, den meine Mutter nicht der Sache
angemessener beschliessen können.
    Charlottens Mann sollte ihm nach seinem Testament im ersten Paar folgen und
alles erben, was er nachliess. Folgen will ich ihm, sagte dieser Unglückliche,
was soll mir aber sein Gut, da ich seit Charlottens Tode nicht mehr lebe?
    Dies war der Schlüssel zu der Seelenangst unseres Bekannten. Sein Sohn war
nur der erste Eingang. Charlotte war das Tema.
    Er hatte, wie mein Vater in seinem Briefe bemerkte, sich auch darum Vorwürfe
gemacht, dass er diesen innern Gram seinem Weibe und dem Manne Charlottens und
seinem Beichtvater, meinem Vater und seiner Beichtmutter, meiner Mutter,
verheimlicht; allein mein Vater absolvirte ihn dessfalls, weil er eben durch
diese Verschwiegenheit gebüsst. Er rief nicht bloss: ich soll meinen Georg sehen,
sondern auch: ich soll Charlotten sehen; und er wollte nicht bloss von meinem
Vater eine Anleitung, sich gegen seinen Sohn, sondern auch gegen Charlotten, zu
führen. - Diese Umstände waren so verwandt in seinen Empfindungen, dass bei ihm
alles eins war, Charlotte und sein Sohn.
    Den Ehemann Charlottens überfiel eine ordentliche Art von Eifersucht, da ihm
unser Bekannter im Himmel zuvorkam; allein mein Vater heilte ihn.
    Er hatte sich feierlich erklärt, nichts von dem Nachlasse des Bekannten sich
zuzueignen, und da ihm mein Vater die Folgen hievon vorstellte, versprach er zu
nehmen und zu geben. Mit der Linken nahm er und mit der Rechten wandte er dies
Erbteil bis zum letzten Dreier den Armen des Kirchensprengels zu. »Dank für die
Anweisung,« sagte er zu meinem Vater; »das sind die rechten Erben.«
    Das letzte Wort unseres Bekannten war ein mit gefalteten, gen Himmel
gehobenen Händen, bei denen er aber sein Gesicht, als wenn er sich vor dem
Donner fürchtete, wegwandte: Gedenke mein! Er hielt sich für einen vierfachen
Mörder - seines Sohnes, seines Weibes, Charlottens und ihres Ehemannes.
    Herr v. G. war dieser Geschichte wegen äusserst bewegt, und Herr v. W. fing
den heiligen Abend zum Freudenfest diesmal später an, um das Trauerfest, das
ohnehin früher seinen Anfang genommen, hiedurch recht vollständig zu machen.
    Ich habe mich, wie meine Leser schon wissen, bei dem Auszuge kurz gefasst,
und wenn ich die Anmerkungen, welche vorfielen, hinzufügen sollte, würde die
Stütze vollends grösser als das Gebäude geworden sein.
    Die Frau v. W. hatte die Hände gefaltet, als wenn Hausgottesdienst gehalten
würde, und ihre Tränen fielen gerade herab, ohne dass sie, ihr Kleid zu schonen,
etwas untersetzte, wie man Regenwasser auffängt. - Sie flossen von ihrem Kleide
wie Tautropfen von Blumen. - Die Frau v. G. weinte in ihr einbalsamirtes
Schnupftuch.
    Es freute den Herrn v. G., diese Bewegung an ihr wahrzunehmen, da unser
Bekannter kein Edelmann war. Während dieser Vorlesung und der Nutzanwendung, die
Herr v. G. aus seinem guten Herzen schüttete, fiel mir alle Augenblicke Mine
ein. Gern hätte ich ihr gesagt, was ich bei dieser Geschichte empfunden, und
siehe da, ihr Bruder Darius Benjamin! - Mir ist es oft begegnet, dass das alles,
was mir von der Liebe ahnete, auf ein Haar eintraf, und dies bestätigte meine
Idee, dass eine unsichtbare Hand mit meiner Liebe sei, so wie sie's mit jeder
reinen Liebe ist.
    Benjamin hatte einen verstellten Auftrag an seinen Vater, der unaufhaltsam
böse war, dass sich Benjamin unterstanden, ihn hier aufzusuchen. Es fiel ihm gar
nicht ein, dass das Schneiderhandwerk für den Sohn eines Literatus noch das
allerschicklichste sei, dass Gott der Herr selbst nach dem betrübten Sündenfall
dieses geschenkte Handwerk eingesetzt und die ersten Röcke verfertigt, dass sein
Sohn auf Prima sässe und künftige Ostern Student werden würde. Noch böser würde
der alte Herr gewesen sein, wenn Benjamin nicht sein Ehrenkleid angelegt und die
Haare in Verse gezwungen hätte, so nannte meine Mutter die damalige Art in
Curland, Locken im eigentlichsten Sinn - anzunähen. Dem Benjamin war diese
Frisur die natürlichste.
    Während der Zeit, dass der alte Herr dem Benjamin seine Herausnahme, ihn hier
aufzusuchen, verwies, winkte Darius seinem Freunde Alexander, dass er aus einer
ganz andern Ursache hergekommen, die er in der Tasche hätte. Benjamin sollte
sogleich fort. Hermann stand Schildwache, damit niemand den Primaner sähe, und
befahl seinem Sohn, vom Fenster zu gehen. Der arme Junge musste sich lange kehren
und wenden, bis er ein Plätzchen fand, wo man am wenigsten entdecken konnte, dass
Benjamin, des alten Herrn Sohn, hier wäre. Ich würd' ihn nicht von dieser Wache
weggebracht haben, wenn ich nicht mit Benjamin wie du und du umgegangen. Dies
brachte den Herrn Candidaten von der Tür, und vielleicht fiel ihm zu rechter
Zeit ein, dass er selbst zu Hause Fingerhut, Bügeleisen, Nadel und Zwirn (wiewohl
unter ein Paar Schlössern verwahrt) hätte. - Er löste sich von der Schildwache
ab, und Benjamin und ich waren allein.
    Mir war von jeher angst und bange über Benjamin, wie meine Leser es selbst
wissen, weil er das Geschlagenwerden schon gewohnt war. Das Finkennest und der
Judenjunge hatten diese Angst und Bangigkeit wieder aufgefrischt, die der
Gedanke, dass Minchen Benjamins Schwester war, zum grössten Teil widerlegt hatte.
Benjamin war schon bei der väterlichen Belagerung ungewöhnlich beherzt. Er hatte
nicht Ruh' noch Rast, mich von seiner Schwester zu grüssen und mir ihren Brief,
das Handgeld, so er, als unser Vertrauter, genommen, zu überreichen. Hier ist
er. Ich hatte nicht Zeit, den Benjamin in seinen neuen Posten einzuführen. Ein
Brief von Minen! - wie könnt' ich das? Ich bespart' also das
Introductionsgeschäft auf eine gelegenere Zeit.
                                     * * *
    Gottlob! dass du noch in Curland bist, und gottlob! dass ich noch von dir
Abschied nehmen kann. Gottlob! gottlob! - Ich bin sehr darüber bekümmert, dass es
so unordentlich bei unserm letzten Gespräch herging. In Wahrheit, ich weiss kein
Wort von dem, was du mir zu guterletzt gesagt hast; oder hast du mir nichts zu
guterletzt gesagt? nichts? - Was noch ärger ist und was mich noch mehr
bekümmert, darf ich dir nicht sagen. Du wirst es leider zu sehr, zu sehr wissen
und dir darüber Gedanken machen! Ich fühl' es, dass ich selbst, dass ich dir auch
kein Sterbenswort gesagt - nichts zu guterletzt - und doch liegt's auf meinem
Herzen wie ein Berg. O, lieber Junge, verzeih' mir! - Es war alles so geschwind,
ich sah dich nicht gehen; du bist auch nicht gegangen, du bist verschwunden. -
Vielleicht hingst du schon lange, lange nicht mehr an meiner Hand, eh' ich dich
misste, eh' ich wusste, dass ich allein war. Allein! grosser Gott, ich allein! Gin
schreckliches Wort - allein! O wie betrübt bin ich! wie sehr betrübt! und am
meisten, dass wir einen so schnellen Tod sterben. Wir beten:
Für einen bösen schnellen Tod
Behüt' uns, lieber Herre Gott!
Ich habe bis hieher geglaubt, es sei gut, schnell sterben, wenn es nur nicht ein
böser Tod ist, denn du hast es mich gelehrt; allein nimm deine Lehre zurück; ein
schneller, dünkt mich jetzt, ist immer ein böser! Leib und Seele, denk' ich,
wissen nicht, wo sie geblieben, wenn es zu schnell geht, so wie ich von dir
nichts wusste. - Junge! die ganze Zeit über und noch diesen Augenblick seh' ich
mich nach dir um, allein du bist nicht mehr. - Gott segne dich und behüte dich!
Dich! Dich! Dich! Mir ist so, mein Lieber, als wenn dieser Brief der letzte sei,
den du, eh' ich sterbe, von mir lesen wirst; der letzte, dünkt mich, ohne zu
wissen, warum? Diese Ahnung fährt mir kalt durch alle Glieder und lässt ein
Zittern und Beben zurück, ein Zittern und Beben, dass ich die Feder nicht halten
kann, auch die Gedanken nicht. - Lieber Junge! wie kann mir so was ahnen? Ich
bin noch nie ohnmächtig gewesen, allein, wenn dieser ganze Brief nicht schon
eine wirkliche Ohnmacht ist - so ist mir so, als sei eine in der Nähe. - Unser
Briefplan, Lieber! wird eine Abänderung leiden. - Benjamin kann dir mündlich die
Ursache sagen. Es sind ihrer viel. Benjamin ist mein Bruder; mein Geliebter,
mach ihn, wenn er dir diesen Brief abgibt, zu dem deinigen. Weih ihn dazu ein,
damit es Eindruck bei ihm mache! - Wir haben beide, Benjamin und ich, lange,
lange überlegt und ganze Seiten in Gedanken ausgestrichen und links und rechts
versucht - das beste ist und bleibt, dass du deine Briefe nicht an Benjamin
überschreibst und - sondern - sondern - - - Benjamin kennt ihn vollständig. Es
bleibt, dass du die Briefe an - - - meinem Vater zur Abgabe empfiehlst. Die
meinigen wird Benjamin durch seine Ueberschrift an dich verkleiden, wenn er und
ich wissen, wo du zu finden bist. Du schreibst den ersten. Er an sie. So
bleibt's, so und anders nicht. Findest du diesen Plan ganz oder zum Teil
unrecht, ändere, das heisst, bessere; anders änderst du nicht, das weiss ich. Von
Benjamin erwart' ich deinen Entschluss, und da ich deine letzten Worte bis in den
Tod vergessen habe, schreib mir andere letzte, im Fall du die ersten letzten
selbst vergessen hast - und hast du keine Gelegenheit, zu schreiben, lehre sie
dem Benjamin auswendig, damit er sie mir ja unversehrt überbringe und sie mir
eine Feuersäule werden und eine Wolkensäule, je nachdem ich's bedarf. Bald
zittere ich, bald wütet ein mächtiges Feuer in mir. Sommer und Winter, dicke
Nacht und Sommermittag. Das ist wohl die Liebe, Herzensjunge, sonst wüsst' ich
nicht, was es sein könnte. O Junge! wie sehn' ich mich nach deinem: zu
guterletzt, zu guterletzt, zu guterletzt!
    Es bleibt mit der Aufschrift und mit allem. Ausser dem Briefe, den mir, wenn
das Glück gut ist, Benjamin jetzt bringt, schreibst du mir den ersten. - Alles
übrige wird dir Benjamin sagen.
    Wenn du es nicht selber endlich fürs Beste gehalten hättest, dem Benjamin
den Vorhang unserer Lliebe aufzuziehen, ich wäre vergangen in meinem Elend. Der
Brief, den Benjamin von dir mitbringt, wird nicht gerechnet. Er an sie zuerst,
wenn du an Ort und Stelle bist, wo dich Gott hingeleiten wolle durch seinen
heiligen Engel, dem ich, wie dir, eine glückliche, glückliche Reise wünsche. Ich
häng' an einem deiner Blicke, ich weiss aber nicht, ob es der letzte war. So hing
ich nie an deinem Mund, so fest nie, als an diesem Blick. Was ist aber in deinem
Auge? Schwermut, tiefe Schwermut? Um wen trauerst du, Lieber, um wen? Kannst
du um wen anders trauern, als um deine Mine? Ist sie todt, deine Mine? Hat sie
ausgekämpft den schweren Kampf, die Dulderin? Mir liegt der Spruch so tief in
der Seele: sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens
geben; dass die Krone des Lebens vor meinen Augen schimmert. - Liebe und Andacht,
pflegtest du zu sagen, sind zwei Lieder auf eine Melodie. Ist denn die Liebe
nicht, wie die Seele ewig? Wo bist du, mein Geliebter? Denke mein! denke mein! -
Geschwind, wie der Gesang des Vogels durch den Wald läuft, geschwinder bist du
entflohen. - Am Abend duftet was man pflanzt am lieblichsten, und die Seele
duftet eben so lieblich, wenn sie der Tod überfällt. Ich weiss nicht, was ich
schreibe, du wirst es aber wissen, was ich schreiben wollte. Ich bitte Gott, dass
er's dir eingebe, wenn du es nicht von selbst wissen solltest. Wir sind eins,
lieber Junge, du und ich! - Vergiss nicht, mit Benjamin einen andern Weg zu
bahnen, wenn der meinige nicht gut ist; du musst alles bis auf ein Haar abreden,
wenn du meinen Vorschlag nicht annimmst. Benjamin wird dir die Ursache zur
Abänderung sagen, ich kann es nicht, ich weiss sie nicht mehr, ich weiss nichts,
nichts mehr, als dass ich dich liebe und dich lieben werde im Glück und im
Unglück, im Leben und im Sterben, bis vor Gottes Angesicht! O, wie wohl ist mir,
da ich daran denke! wie wohl!
    Da ist er wieder, dein Blick! - Warum so finster? Ist denn der Tod so
bitter? Lebe wohl, das weiss ich noch, dass ich es dir, dass du es mir sagtest.
Aber das Letzte? - ich kann nicht mehr. Lebe glücklich und wohl, und Gott segne
dich und behüte dich, er lasse sein Antlitz leuchten über dir und sei dir
gnädig! - Ich leb' und sterbe dein.
    N.S. Am Ende hab' ich wieder nicht recht Abschied genommen. Gott segne dich
- ich bete lange für dich und werde jeden Morgen und jeden Abend, und vor Tisch
und nach Tische für dich beten. - Ich werde mir manches Gebet entziehen und es
für dich tun. - Der liebe Gott sei mit dir und gebe dir noch einen Engel zu, da
du auf Reisen gehst - und wohl ein Paar nötig hast. - Du schreibst bald! und
bald kommst du wieder, und wenn ich nicht todt bin, bist du bald ganz der
Meinige. Wie Gott will! Er, der Gnädige, sei dir gnädig, der allein Gnädige sei
es dir! Amen! Amen! Amen! Ich bin auch im Tode dein, und ewig dein! und ewig,
ewig, ewig dein, dein, dein, dein! - Ich weiss nicht, wie mir ist! Der Tod wird
uns nicht scheiden. Wir sind und bleiben eins. - Der Tod nicht? Was ich
schreibe! Sind wir nicht schon geschieden? bist du nicht fort? Und wenn ich
stürbe, wer wird mir das Auge zudrücken, das nach dir noch starr offen stehen
wird? Sonst hat es nach nichts zu sehen in diesem Jammertal, nach Vater nicht,
nach Mutter nicht, nach der ganzen Welt nicht. Du würdest es mit einem sanften
Kuss schliessen, wie die Abendluft eine Lilie, das würdest du, mein Einziger, wenn
du geblieben wärst. Dies, dies trübt mich bei deinem Abschiede; du würdest meine
Leiche mit Tränen salben, wenn du geblichen wärst. - Ich würd' in deinem Arm
sterben, wenn du geblieben wärst. - O wie mir ist! Verzeih', Geliebter! ich weiss
nicht, was ich schreibe - und werfe Blicke hin und her auf diesen Brief, und
fast möcht' ich ihn zurückhalten, wenn ich nicht schreiben müsste des guterletzt
und des neuen Vorschlags wegen. Schreib mir doch, was dir ahnt, und Gott sei mit
seiner Gnade bei und über dir! Amen, jetzt und in Ewigkeit Amen, in Ewigkeit
Amen!
                                     * * *
    Ich hatte diesen Brief nicht ohne die heissesten Tränen lesen können. Alle
Augenblicke drückt' ich ihn an meine Lippen und dann, als ob dies viel zu wenig
wär', und dann wieder an mein Herz, das ihm entgegenschlug. - Benjamin hatte des
Vaters Posten eingenommen und war auf die Wache gezogen, wie er mir nachher
erzählte; denn gesehen hatt' ichs nicht, ich wollt', ich musste schreiben. - O
wie war mir! - als schrieb' ich ein Todesurteil, als schrieb' ich mit Blut - so
angst und bang! und dann wieder so vergnügt ums Herz, dass das Blut über und über
stürzte, und dann wieder so sanft als im Junius, wenn es geregnet und jede Blume
wonnetrunken ist und sich noch auf ihrem Rücken für den schwülen Mittag des
künftigen Tages einen grossen, grossen Tropfen aufgespart hat. - Alle Jahrszeiten
in einer Viertelstunde - ich weiss nicht, was eigentlich mit mir vorging. Nur das
weiss ich, dass Benjamin einigemal zu mir kam, eilfertig, um seinen Posten nicht
kalt werden zu lassen, und mich in seine Arme nahm und mir die Arme küsste, meine
Tränen waren ihm zu heilig, um ihren Lauf zu hemmen um sie mit den seinigen zu
mischen. Kein Wasser, sagt' er, zu diesem Wein - der gute Benjamin! Und dann
fing er wieder an: Ich werd' ihr alles sagen! alles! Er schrie: alles und jedes,
bis er's merkte, dass er zu laut gewesen, und nun seufzt' er wieder: alles und
jedes! Ich brach die Hände, dass es rührend war. Das nicht, erwiedert' er. Warum
ringst du? Zwar ist's, als säh' ich den Engel und Jakob ringen! so schön ringst
du! so schön ringt nur Lieb' und Pflicht! Das nicht, sagt' ich, Benjamin! das
nicht! - Mein zu guterletzt ist Segen von Gott, dies Ringen zu dem Allmächtigen
ist Sorge für sie! Mehr sag' ihr nicht, mehr nicht von diesem zu guterletzt, als
was sie tragen kann. Ich weinte herzlich und Benjamin weint' auch. Wir waren
beide sehr bewegt - und ich wett' es, wäre gekommen wer da wollte, er hätte mich
um keine Träne gebracht, nicht um eine einzige.
    Ich billigte den Plan, ohn' ihn zu überdenken, denn wie konnt' ich das?
Benjamin wäre nicht die Nacht geblieben, um alles nicht. Warum? Das sollten
meine Leser raten. Seines durch ihn beschämten Vaters halben? Nein,
geliebtester Leser! Nein! - Minens wegen. Mehr braucht' ich nicht zum Beweise,
dass er meines Vertrauens wert sei. Ich vergass seine Rolle beim Finkenneste,
beim Judenjungen und als Darius; ich dachte nur daran, dass er Minchens, ihret-,
bloss ihretwegen, nicht die Nacht bleiben wollte. - Dein Plan ist gut, weil du
ihn gemacht hast, sagt' ich ihm, du siehst, ich kann nichts überdenken. - Es kam
mir alles übern Hals, Minens Brief, der Mann mit dem einen Handschuh und die
Geschichte unseres Bekannten. Wenn ich ein Bösewicht wäre, sagt' ich zu
Benjamin, wie könnt' ich diese Geschichte wissen und Minen untreu sein? Ich
empfahl Benjamin die Laube, welche der Ueberwundene gepflanzt hatte, die jetzt
fürchterlich finster war. So finster und zehnmal finsterer sei es um meine
Seele, wenn ich Minen vergesse! - Erinnern Sie sie, Benjamin, an die kalte Hand
ihrer Mutter! - Ich liebe Minen sehr, sehr!
    Da sank ich abgemattet nieder und erholte mich erst nach einer
Viertelstunde.
    Was ich mich freue (fing Benjamin an, hielt beide Hände gefaltet und hüpft'
auf seinem Posten immer auf einer Stelle).
    Ich. Warum?
    Benjamin. Weil Mine so glücklich ist.
    Ich. Ich bin es mehr Bruder! weit mehr!
    Benjamin. Gott gebe, dass Sie's ganz werden mögen!
    Ich. So sage du! oder -
    Benjamin. Kann ich?
    Ich. Warum nicht?
    Benjamin. Literatus und Schneider! Alexander und Darius?
    Ich. Beides Könige, beides Menschen! Wenn du keine Schwester Mine hättest,
müsstest du mich du nennen.
    Benjamin. Sehr gütig!
    Ich. Gerecht, Bruder! Wenn ich tausendmal Superintendent wäre! Was wär' es?
Nannten wir uns nicht du als Kinder im Stande der Unschuld? Wenn du nicht einen
natürlichen Ekel gegen das liebe Latein gehabt hättest, du würdest wissen, dass
man in Latein alle Welt du nennt. Duzen wir nicht Gott den Herrn, ohn' ihm mit
diesem Wort zu nahe zu kommen? Und was unter uns für Umstände? Bruder Benjamin,
das heisst, Minens Bruder.
    Benjamin. Nun du! du! du! du! ich muss es nur einigemal hinterher sagen,
damit ich in die Gewohnheit komme; ja du bist ein Mensch, ein ganzer Mensch!
    Ich. Ich hab's angefangen zu sein, und mit Gottes Hülfe will ich's
vollenden.
    Benjamin. Bleib Minen gut.
    Ich. Das bitt' ich dich! ich bin ihr näher als du!
    Benjamin. Sie ist dir schrecklich gut, schrecklich. - Es ist ihr Ausdruck.
    Ich. Ich ihr auch - schrecklich, Bruder!
    Benjamin. Schrecklich, das heisst: Euer Ziel ist noch fern.
    Ich. Das heisst, wir haben noch viele Berge zu steigen, viele! Grausam aber
soll, wie ich zu Gott hoffe, unsere Liebe nie werden, das heisst,
hocheifersüchtig. Eifersüchtig ist jede, jede Liebe.
    Benjamin. Minens wegen eifersüchtig?
    Ich. Du bist mein, Mine! ich bin dein! Mein, dein! Mein, dein! Mein, dein! O
Bruder, was ist die Liebe? Ruhm, Reichtum und andere Narrenspossen gehen alle
durch Menschenhände, ich fühl's, Bruder! Die Lieb' allein kommt aus der Hand der
Natur. Sie ist roh, sie ist Obst; denn beinah' alles andere ist gekocht und
gebraten! Bruder! Bruder! ich gehöre Minen, ganz und gar gehör' ich ihr! ihr!
und wenn sie mich zurückgeben wollte! O Gott, wie unglücklich reich würd' ich
sein! verdammt, verflucht reich; ich verlange mich nicht. - Wie gut bin ich bei
ihr aufgehoben - bei ihr wie gut versorgt!
    Benjamin. Fass' dich, Bruder, sonst sinkst du wieder.
    Ich. Lass mich! Mine ist mein! - lebend und sterbend! O wie süss, wie süss
werd' ich in ihrem Arm sterben! sterben, Bruder! hörst du, sterben! - Dann komm'
ich aus einem Engelsarm in den andern.
    Benjamin. Fass dich, Alexander! fass' dich!
    Ich. Lass' mich nicht fassen! ich bitt', ich beschwöre dich! lass es mich
nicht! Fassen ist gut, sich nicht fassen, ist auch gut. Kann sich die Liebe
fassen? Ich glaube, man liebt nicht mehr, wenn man sich fasst. - O Bruder, das
Menschengeschlecht wird nicht aussterben; allein die Liebe liegt in den letzten
Zügen, die rechte Liebe, die rechte. - O Liebe! Liebe! du bist stark! singt
meine Mutter.
    Benjamin. Die deinige ist stärker, als Alexander. - Gott helf' meiner
Schwester die ihrige tragen!
    Ich. Gott helf ihr! - aus der Höhe! - Gib du ihr auch die Hand, wenn sie sie
nötig hat. - Greift sie nach beiden, gib ihr beide. - Du bist link, ehrlicher
Junge, gib ihr deine Arme! Stütze sie! - O Jammer, dass du so weit von ihr
entfernt bist! Wenn sie so ist, wie sie war, da sie den Brief schrieb, den du
brachtest - den himmlischen Brief! O Bruder! hilf ihr! hilf ihr!
    Benjamin. Gott helfe mir, um ihr zu helfen!
    Ich. Warum bricht die Wolke? warum? weil es nicht zur rechten Zeit regnet.
Will Minens Herz brechen, bring' sie zu Tränen! zum sanften, sanften Regen! -
Warum weinst du jetzt, Benjamin?
    Benjamin. Wer kann dich duzen, und dann dich hören und nicht weinen?
    Ich. Weine nicht, Benjamin! wein' ihr aber vor, wenn sie verzweifelnd die
Hände ringt; wenn sie verzagt, sag ihr, sag ihr mit Ueberzeugung, als ob du Gott
und als ob du mich vor dir sähest, dass Gott im Himmel und ich in der Welt bin. -
Ich reise in die Nachbarschaft, es ist abvotirt, dass ich in Königsberg studire.
- Sterb' ich! - sterb' ich - o Benjamin! o Benjamin! sag ihr, dass ich als ihr
Mann gestorben! - dass ich ihr entgegenkommen werde mit einem erweiterten Arm, o
Benjamin, wenn ich sterbe!
    Benjamin. Denke nicht an den Tod!
    Ich. Du weisst, vor vielen Jahren, da ich krank war, setzt' ich dich zu
meinem Erben ein, du solltest nach meinem Tode den Alexander, ohne Abzug, so wie
ich ihn hatte, erben! Das Spiel hat aufgehört. Ich vermache dir Minen! Minen! -
ich vermache sie dem lieben Gott, der erquicke sie, wenn sie mühselig und
beladen ist. - Das ist mein letztes Gebet, mein letzter Seufzer!
                               Wir umarmten uns.
    Benjamin. Die Liebe wird dich im Studiren stören.
    Ich. Recht, Bruder! sie wird's, und ich werde kein so grosser kunsterfahrner
Gelehrter werden; allein ein herzlicher werd' ich sein, ich werd' aus jedem
Buche lieben lernen. Die Liebe schläfert Triebe ein, allein sie weckt auch
Triebe auf! - Weiss Gott, wie's zugeht; allein wer nicht liebt, sieht durchs
Glas, durchs Fenster; wer liebt, steht mit eignen Augen! durch und durch mit
Leib und Seele!
    Benjamin. Gott helfe dir! ich weiss nicht, wie ich einfädeln und das Nadelöhr
finden werde, da ich dich nur lieben gesehen und gehört habe - und du, du sollst
predigen lernen?
    Ich. Das ist bei der Liebe leichter als schneidern. Sieh, Benjamin,
heutzutag ist unsere Liebe mehr geistig geworden, und Geist mit Geist kommt in
die Verwandtschaft. Sorge nicht für mich, Bruder, sorge nur für Mine! - Sag ihr
alles, alles, und bitte sie, dass sie mir treulich ein Tagebuch halte und Auszüge
hievon alle Vierteljahre übersende. Es bleibt bei der Anordnung, es bleibt ganz
dabei! Ein Brief von meiner Mine wird mir ihr Widerschein sein. Grüsse sie
tausend-, tausend-, tausendmal!
    Ich schäme mich, das weiss Gott! es niederzuschreiben, Benjamin gefragt zu
haben, ob er Geld brauche? Seine Antwort war Nein, und ein solches Nein, dass ich
kein Wort mehr daran wagen durfte.
    Warum trägst du denn Geld in der Tasche los? fuhr er fort. Das weiss ich
selbst nicht, war meine Antwort. - Es war dieses ein Gebrauch, den ich an
Kindesstatt angenommen hatte, und noch trag' ich mein alltägliches Geld, wie ein
grosser König den Tabak, in der Tasche. Ich hab' es in der Folge gefunden, dass
sich das Geld so sehr an den Beutel gewöhnt, dass es nicht heraus will, wenn
gleich Menschen da sind, die es zu fordern befugt sind. Das Geld ist kein
seidenes Netz, kein Schlösschen wert; wer erst loswinden und aufschliessen muss,
findet gemeinhin die nämliche Schwierigkeit beim Herzen.
    Ich klagte mich bei Benjamin an, dass ich, weil er das Schlagen gewohnt
gewesen, ihn nicht zu unserm Vertrauten in Vorschlag gebracht hätte. - Ich
verwies ihm alles, was ihm in der Geschichte vom Hühnerei und Judenjungen zu
verweisen war, und nun fing ich an: Ersteige Berge und schaudre nicht vor
Tälern! Sei Mann, sei Minens Bruder und der meinige! Ich habe dir nicht
zugetraut, was ich heut in dir gefunden.
    Hiemit weiht' ich ihn zu unserm dritten Blatte ein, das bei jeder ehrlichen
Liebe vor der Hochzeit sein muss, sobald die Sache nicht eins, zwei, drei zu Ende
ist.
    Ich. Denk an Gott, an Mine und an deinen Bruder!
    
    Benjamin. Ich werd', ich werd', ich werd' an Gott denken, an Mine und an
dich!
    Wir gaben uns die Hand und sahen gen Himmel.
    Benjamin brach auf und ich gab ihm noch einen heissen Kuss für Minen mit. -
Benjamin ritt, ohne Abschied von seinem Vater zu nehmen, davon.
    Da ich ins Zimmer trat, wo die Gesellschaft war, fiel mir die Angst des
alten Herrn in alle fünf Sinne. Er schlich sich an mich und brannte zu wissen,
ob Benjamin schon weg wäre? - Obgleich sein so unbändiger Stolz, welcher dieses
Angstfeuer angesteckt hatte, eine so schleunige Löschung nicht verdiente, so
konnt' ich's doch nicht über mein Herz bringen, den Herrn Candidaten so
lichterloh brennen zu sehen. Er war der Vater meiner Mine. - Er konnte wahrlich
das Gesicht nicht so verziehen, wenn ihn das Zipperlein plagte und er dem
Nicolaus Hermann leiblich ähnlich war, als jetzt, da er befürchtete, sein Sohn
würd' ihn verdunkeln. Eben darum hatt' er auch den Benjamin aus dieser Gegend so
weit entfernt. Wie dies seine Schwester, nachdem Benjamin vollends der Vertraute
unserer heiligen Liebe geworden, bedauerte, wie sehr ichs zu bedauern fand, darf
ich nicht bemerken, da es sich, wie vieles in dieser Geschichte, von selbst
versteht.
    Um mir Zaum und Gebiss in den Mund zu legen, sprach er gestern, wie meine
Leser es sich erinnern werden, von seinem Sohn als von einem angehenden
Präpositus. Wie sehr ward sein Stolz bestraft! - Ich konnt', um aufrichtig zu
sein, mich des Lächelns nicht entalten, da ich sah, wie der Herr Candidat mit
seiner gestrigen falschen Münze angehalten ward, die ihm auf der Stelle
confiscirt wurde. - Heute hätt' ich überlaut lachen müssen, allein ich konnt' es
nicht, weit eher hätt' ich mich ärgern können.
    Ich sah und hörte den Herrn v. G. unwillig, ohne zu wissen, was ihn unwillig
gemacht; endlich erfuhr ich, dass es darum wäre, weil der Herr Candidat Hermann
mein Schlafgesell gewesen. Feuer und Wasser, Schuld und Unschuld, hört' ich ihn
sagen!
    Er ordnete an, dass ich die letzte Nacht durchaus mit seinem Sohne schlafen
sollte; auch Gottfried, der unser Begleiter war, musst' in dies Zimmer. Dies
Zimmer, sagt' er, heisst Königsberg, und ihr müsst so tun, liebe Reisende, als ob
ihr schon an Ort und Stelle wäret. Die Frau v. G. hatte verschiedene
Einwendungen wider diese Anordnung; indessen kam sie nicht zum Wort, und die
Einrichtung des Herrn v. G. ward ganz pünktlich befolgt.
    Gottfried brachte mir, sobald wir nur in Königsberg, oder in unserm
Schlafgemach waren, von meiner Mutter viele Grüsse und einen zweigliedrigen
Segen; auch versicherte er mich hoch und teuer, dass er unmöglich von hinnen
ziehen können, ohne der Frau Pastorin, der Mutter seines zweiten Herrn,
aufzuwarten. - Es kam mir vor, dass Gottfried sehr geweint hatte, und wie konnte
dies fehlen, da er von den Ermahnungen einer Pastorin kam? Eine schriftliche
Instruction schien er so wenig als der Conversus zu haben, allein man sah dem
ehrlichen Gottfried einen geheimen Auftrag an. Ich war inzwischen viel zu sehr
ein Sohn meines Vaters, um dessfalls mit Gottfried eine Untersuchung anzustellen.
- Mein Reisegefährte und ich gingen zu Bett, als wenn wir wirklich schon unsern
Stab in ein fremdes Land gesetzt hätten. Wie gefällt's dir hier? fing er an. Wie
in Curland, erwiedert' ich, es ist überall Gottes Erdboden.
    Schon mehr als ein- und zweimal ist auf den vorigen Blättern an Königsberg
gedacht, auch hab' ich bemerkt, wie dieses der Ort unserer Bestimmung war,
welches beide Väter abvotirt hatten; indessen war es nur ein Interlocut, die
Definitivsentenz sollte nachfolgen - wenn wir unsern Vätern von unserm
akademischen Leben zu Königsberg in Preussen einen getreuen Bericht würden
eingesandt haben.
    Es war unter der vorigen Regierung auf der Königsberg'schen Akademie auch
Alexander und Darius gespielt und ein grausam lächerlicher Streit zwischen
Pietisten und Ortodoxen geführt worden. Nicht bloss Teologen, sondern auch
Juristen und Mediciner hatten sich werben lassen. - Es waren Presbyterianer und
englische Kirche, Pilatus und Herodes, Whigs und Tories. - Dies veranlasste
überhaupt ein kurzweiliges Gespräch über den Pietismus und Inpietisums, und
hiebei ward eines curländischen Teologen Bedenken vom Pietismo in drei
Abschnitten betrachtet, mit einer Vorrede von Erdmann Neumeister. Hamburg, bei
Philipp Hertel, im Jahre 1737, zum Grunde gelegt. Dieser curländische Teologus
oder Bedenker soll Pastor Johann Wilhelm Weinmann seliger gewesen sein. Er hat
in Fragen und Antworten die Pietisten angegriffen, indem er nämlich selbst
fragte und selbst antwortete, und so, wie's oft sehr klüglich in dergleichen
Fällen zu geschehen pflegt, so war auch hier die Antwort eher als die Frage
fertig.
    Die sechsundsiebenzigste Antwort auf die sechsundsiebenzigste Frage des
ersten Abschnitts liess den Herrn v. G. und meinen Vater herzlich lachen.
                                     Frage.
    Hat sich denn der Pietismus auch in Curland einnisten wollen?
                                    Antwort.
    (Ich lass' einen grossen Teil dieser Antwort unangeführt, damit meine Leser
desto besser das Ende fühlen mögen.) - - de externis tantum, non autem de
occultis, judieat ecclesia.
    Als ob, sagte mein Vater.
    Ja wohl, antwortete Herr v. G.
    Eine Stelle aus der Vorrede des mehr besagten Grundtextes wider die
Pietisten, wo der Vorredner Neumeister noch am säuberlichsten mit dem Knaben
Absalon verfährt.
    »Doch auch ihre (der Pietisten) Tugenden will ich nicht verschweigen. Es
preist sich an ihnen die Gottseligkeit, wenn sie nämlich aus ihr ein Gewerbe
machen. Die Liebe zu Gottes Wort und geistlichen Büchern, denn sie lassen eine
unzählige Menge Bibeln, Arnds wahres Christentum und andere Schriften drucken,
ihren Gewinnst damit zu treiben. Die Liebe gegen den Nächsten, ihn von den
Beschwerden des Seinigen zu befreien und sich selbst damit zu belustigen. Die
brüderliche Liebe gegen ihre heiligen Schwestern. Die Selbstverläugnung, da sie
sich verläugnen lassen, wenn sie von ihren Schuldnern gemahnt werden. Die
Kreuzigung des Fleisches, sonderlich bei gebratenen Hasen, die in Form eines
Kreuzes in der Schüssel liegen. Die Mässigkeit beim ungarischen Wein. Die
Keuschheit auf dem Krankenbette. Die Freigebigkeit, sie andern zu empfehlen. Die
Guttätigkeit für ihren Bauch. Die Genügsamkeit, wenn alles bei ihnen überläuft.
Die Dienstfertigkeit, ehrliche Männer aus Amt und Dienst zu bringen. Die Demut,
zu knien, wo es nicht nötig ist. Die Vorsichtigkeit, ihre Bosheit nicht an den
Tag zu bringen. Die Geduld, wenn es mit ihren Tücken nicht recht fort will. Die
Beständigkeit in ihrer Heuchelei. Die Einträchtigkeit, da sie alle eines Sinnes
sind, diejenigen, die nicht von ihnen sind, zu verleumden, zu schänden, zu
verfolgen. Der Gehorsam, den sie ihren eigenen Lüsten leisten.«
    Es war allerliebst anzusehen, wie sich Herr v. G. und mein Vater bei dieser
Verlesung geberdeten.
    Als ob, sagte mein Vater. Ja wohl, antwortete Herr v. G. Es ward bei dieser
Gelegenheit eine Geschichte folgenden Inhalts eingeschaltet.
    Eine Person weiblichen Geschlechts, die ihrer gesegneten Umstände wegen
Gewissensschmerzen empfand, und eben darum in den andächtigen Erquickungsstunden
nach Trost liebäugelte, weil sie Pein in dieser Flamme litt, hörte in diesen
pietistischen Zusammenkünften ohne End' und Ziel vom verkehrten Herzen reden.
Sie kam nieder, und siehe da! ein Kind mit einem verkehrten Herzen.
    Es hat dieses Kind (nach dem Bericht des Candidaten, der diese verkehrte
Herzensgeschichte von Universitäten mitgebracht) nur drei Tage gelebt. Seine
Mutter folgt' ihm, und zwar ebenfalls nach drei Tagen, von diesem Todestage an
gerechnet. Sie verbat indessen sorgfältig im letzten Willen alle Besichtigung
nach ihrem Tode, um nicht durch ihr eigenes noch ein verkehrtes Herz mehr ans
Tageslicht zu bringen.
    Herr v. G. erzählte diese interimistische Geschichte. Ich konnte, fuhr er
fort, dem Candidaten nicht besser antworten, als durch eine gleichmässige
Geschichte von einem Jagdhunde, der sich die Beine abgelaufen hätt' und ein
Dachs geworden wäre.
    Und um dem Herrn Candidaten mit dieser Herzensgeschichte keinen Heller
schuldig zu bleiben, fügt' ich noch vom Paradiesgärtlein den Umstand hinzu, dass
dies Werkchen oft und viel in Feuersgefahr gewesen; allein es verbrannte nicht
nur selbst nicht, schrie ich, sondern es besprach auch das Feuer; es war ebenso
gut als ein halb Dutzend Feuerhaken und ein Dutzend Schlangenspritzen, und ist
also dies Paradiesgärtlein das wohlfeilste Recept wider Feuersgefahr. Probatum
est - -
    Der curländische Bedenker nimmt sich die Freiheit, im ersten Abschnitt
seines katechetischen Unterrichts eine historische Erzählung vorauszusenden, was
für Unruhe der Pietismus in der evangelischen Kirche von Anfang bis zur jetzigen
Zeit erweckt, und da sind viele Höfe, Städte und Flecken, wo diese Krankheit
gewütet und nicht der Kinder in der Wiege verschont. Auf dieser Reise kommt er
glücklich und wohlbehalten nach Königsberg und ruft ach und wehe!
    Was würd' er aber jetzt rufen? sagte Herr v. G.
    Der Herzenscandidat hatte versichert, der jetzige König von Preussen hätte
das ganze alte Testament durch dem Codicem Fridericianum abgeschafft und das
neue Testament durch eine Instruction verkürzt.
    Als ob, sagte mein Vater.
    Ja wohl, sagte Herr v. G.
    Und das war das letztemal, dass ich als ob und ja wohl von ihnen hörte.
    Die Gewohnheit der Pietisten, wo sie stehen oder liegen oder sitzen, die
Hände zu kreuzen und laut zu beten, brachte den Herrn v. G. und meinen Vater
aufs Gebet.
    Man kann wohl, sagt' er, wie Diogenes, überall essen, allein nicht überall
beten.
    Warum? erwiederte mein Vater. Ist Gott nicht überall?
    Herr v. G. Wenn Sie mir so kommen, Freund, so komm' ich Ihnen so. Zugegeben,
Gott ist überall, allein wir sollen an Gott glauben; durchs Gebet tun wir mehr,
wir reden ihn an. - Tun Sie das gegen irgend jemand, von dem Sie nur glauben,
dass er da ist?
    Pastor. Gott ist nicht irgend jemand.
    Herr v. G. Wenn Sie reden, müssen Sie sehen - nicht?
    Pastor. Der Blinde spricht, ohne zu sehen, und sind wir mehr in diesem
Verhältnis?
    Herr v. G. Der Blinde greift mit der Hand, eh' er spricht, und das ist ihm
anstatt des Sehens.
    Pastor. Und ist Gott nicht handgreiflich - ist er fern von uns, leben, weben
und sind wir nicht in ihm?
    Herr v. G. Gott ist ein Geist und nicht so handgreiflich, als dem Blinden
der Jemand, den er zur Rede stellt. Das Sehen ist von der Anrede unzertrennlich.
Wer uns nicht ansieht, wenn er mit uns spricht, was sagen wir von dem? Um Ihnen
mein Glaubensbekenntnis auf einmal abzulegen: wenn ich mit jemand reden soll,
muss ich ihn leibhaftig sehen; an Gott glaub' ich, und ich kann ihn also nicht
anreden.
    Pastor. Wir beten, um Gott und an Gott desto fester zu glauben. - Glaube und
Gebet sind sich so nahe verwandt.
    Herr v. G. Lieber Pastor! man nennt oft den einen Seher, der ohne zu sehen
sich einbildet, dass er sehe. Das sind Sie, mit Ihrer Erlaubnis, über diese
Lehre. Dem Glauben ist das Wünschen angemessen. Wünschen kann ich also, beten
aber nicht!
    Pastor. Wünschen Sie sich nicht, was Sie von oben herab beten, was Sie von
Gott bitten?
    Herr v. G. Recht, Pastor! allein ein Wunsch ist nicht ein Gebet. Lassen Sie
uns ins gemeine Leben gehen. Wenn ich in Gesellschaft sage, ich wünsche
herzlich, dass Gott meiner Schwester helfe; wer findet dies nicht wohlanständig,
wer nicht brüderlich? Sie wissen doch, meine arme Schwester kann sich nicht nach
dem Wochenbette erholen. Ich fürchte, ich fürchte! - Das Söhnlein christlicher
Eltern ist vorausgegangen und die Mutter wird ihm folgen!
    Pastor. Eine würdige Frau.
    Herr v. G. Ein gutes Weib, gelt! Wenn ich, sagte ich, wünsche von meinem
ganzen Herzen, dass Gott meiner Schwester helfe: Sie würden mit wünschen, Pastor.
    Pastor. Von Herzen - der liebe Gott helf' ihr!
    Herr v. G. Wenn ich aber in einer grossen Gesellschaft die Hände falte und
wie aus der Pistole anfange: lieber Gott! du hilfst, wenn nichts mehr helfen
kann; ich bitte dich, hilf meiner Schwester, der armen Kranken, die dir schon
ihren Sohn geopfert hat. Sie liegt da in deiner Gewalt! Ich wette, es steht
alles auf oder - oder - oder -
    Pastor. Woher und warum? Vielleicht, weil wir nicht gern mit dem lieben Gott
in Gesellschaft sind? Weil wir, wenn ich so sagen soll, manchmal unter uns sein
wollen? Ei in der Kirche?
    Herr v. G. Das nämliche, Pastor! Euer einer kann zwar für meine Schwester
beten, aber sollte ich's in meinem Kirchenstuhl? - Pastor, das nämliche! auf ein
Haar das nämliche! Es geschieht zuweilen, dass einer von der Gesellschaft in
Privatäusern sich auf einmal gerade stellt, ein Paar Handschuh anlegt und
allerseits anfängt, wie es bei meinem Schwager v. W. nichts neues ist; allein
wie ist Ihnen dabei? - Wenn aber dieser Redner feierlich eben hereintritt und
seine Rede fein züchtig anhebt? - Man schämt sich, wenn man eben ein Glas in der
Hand hat, man stellt es unvermerkt an einen entlegenen Ort des Zimmers, sobald
man allerseits hört, man sieht den geputzten Redner, wenn man ihn auch noch so
gut kennt, für einen Fremden an und hat nicht das Herz sich geradehin, sondern
ehrfurchtsvoll an ihn zu wenden. Dem Vater geht's so mit dem eheleiblichen Sohn.
Der Sohn wird Vater, der Vater Sohn, wenn der Sohn redet und der Vater hört. Man
sieht den Saal als eine Kirche an und den Sohn auf der Kanzel. Der Redner hat's
vollbracht, allein man trägt noch Bedenken, sogleich ein Glas Wein mit ihm zu
versuchen. Man ist im Handgriff, den Hut vors Gesicht zu halten, womit man in
unserer Zeit den Anblick eines heiligen Orts bezeichnet.
    Pastor. Also nur Anstand ins Zimmer gebracht, nur heilige Hände, und Sie
können für Ihre würdige Schwester beten, die Sie ein gutes Weib zu nennen
beliebten.
    Herr v. G. Pastor! wenn ich ganz rein heraus sagen soll, dass Euch das
öffentliche Gebet kleidet, fliesst aus dem frommen Vorurteil, dass Ihr in Gottes
Dienst seid. - Man glaubt, Ihr seht Gott den Herrn, wenn Ihr die Augen verdreht,
Ihr seht ihn, wie man sieht. - So lange wir aber Gott nicht sehen, wie man
sieht, sollten wir mehr als wünschen.
    Pastor. Redet man im Eifer nicht mit sich selbst?
    Herr v. G. Mit sich selbst zwar -
    Pastor. Auch mit andern - sogar mit leblosen Dingen.
    Herr v. G. Im Eifer, oder in Redefiguren?
    Pastor. Auch in Entzückung, in Verlegenheit. Christus verschliesst daher das
Gebet ins Kämmerlein, weil uns da niemand hört. Die Idee ist sehr natürlich,
dass, wenn uns kein Mensch hört, Gott uns höre. - Dein Vater, der ins Verborgene
sieht, spricht Christus, wird sich öffentlich an dir offenbaren. Das Gebet
bringt uns den Glauben, dass Gott sei, fast bis zum Schauen. Das Gebet ist der
Spiegel, durch welchen wir am dunkeln Ort Gott sehen! - Ihn sehen! - Wenn aber
kommt das Vollkommene, wird das Stückwerk aufhören. Wenn mein Gebet eintrifft,
ist's mir so, als war ich entzückt bis zum Unaussprechlichen. - Es ist die
Probe, dass mein Glaube an Gott richtig gerechnet und die wahre Summe
herausgebracht. Christus, der Herr, kam unserer Schwachheit zu Hülfe. Auch was
ohne unser Gebet geschehen wäre, wenn es auf unser Gebet geschieht, hilft
unserer Schwachheit auf. - Kurz, das Gebet setzt den Menschen mit Gott in
Verbindung! - Wer erzählt nicht gern, was er gesehen und gehört hat und was
geschehen ist? Wie viel hört, sieht man und lässt geschehen, bloss um es erzählen
zu können? Und wer hat nicht wenigstens etwas (mancher hat viel), so er vor
seinem vertrautesten Freunde, seinem Weibe, seinem Kinde verbirgt?
  (Der Herr v. G. lächelte, ich aber dachte an das Land, wo man früher, als in
 Curland, Spargel isst, den Wein bei der Quelle hat und lange Manschetten trägt,
                     ich dachte an den Melchisedech und -)
    Mit sich selbst kann man nur kurz sprechen. Das vor sich muss noch kürzer im
gemeinen Leben, als nach den Regeln auf dem Teater sein. Eigentlich sollte es
nur in Schreien, in Aufwallungen, in Sylben bestehen.
    Herr v. G. Gott weiss alles, warum Zeitverlust?
    Pastor. Ist es Zeitverlust, sich mit Gott bekannt machen, mit ihm umgehen,
mit ihm reden?
    Herr v. G. Ohne dass er antworte?
    Pastor. O, er antwortet! Laut schallt es in der Seele! laut -
    Herr v. G. Solch ein Hörer hört aber, was tausend andere nicht hören. Er ist
mit dem Seher von einerlei Art.
    Pastor. Die Erfüllung unseres Gebets -
    Herr v. G. Die ohn' unser Gebet gekommen wäre. - Ich habe auf meinen Gütern
einen alten Kerl, der, wenn er für seinen Fritzen betet, ihn dem lieben Gott auf
ein Haar beschreibt. Segne meinen Sohn, den Friedrich Emanuel, Goldschmied in
Mitau, nahe bei der Kirche, oben im Stübchen zur rechten Hand. - Freund, so ist
all unser Gebet! Wir sagen dem lieben Gott, was er besser weiss; wir sagen ihm
alle, dass unser Sohn ein Goldschmied in Mitau sei, dass er Friedrich Emanuel
heisse, nahe bei der Kirche oben im Stübchen zur rechten Hand wohnhaft. Mein
ehrlicher Franz macht's besser! Der kauft sich ein Gebetbuch, das er in seinen
Kasten verschliesst, und wenn er des Abends schläfrig ist, klopft er dreimal an
den Kasten und sagt Amen! »Wie das, Franz?« Ich denke, sagte er, es ist dem
lieben Gott eins, wo er es herausnimmt, ob aus dem Kästchen oder aus dem Herzen,
wenn nur das Amen dabei ist. - Lieber Pastor, Gott bedarf unseres Gebets nicht.
    Pastor. Aber wir bedürfen des Gebets, wir! Wir sollen alles mit Danksagung
empfahen, wir sollen nicht vergessen, dass alles von Gott komme!
    Herr v. G. Er ist der Herr Himmels und der Erden! Könige wollen Bitte und
Dank! Gott der Herr -
    Pastor. Gebet und Dank von anderer Art! Unser Lallen, unser Verstummen ist
ihm mehr als ein studirtes Geplärr! Solch Gebet und Dank, als wir Gott widmen,
verstehen Könige und Fürsten nicht. - Es ist mir unausstehlich, wenn meine
Amtsbrüder sich pharisäisch ein langes Gebet concipiren und es sich zehn-und
mehrmal in ihrer Studirstube vorsumsen, als ob der liebe Gott in ihrer
Studirstube nicht wäre, und als ob sie ihn bloss in der Kirche auf einen
Panegyrikus eingeladen hätten. Christus, der uns eine Vollmacht zu beten gab,
und es uns in seinem Namen zu tun nachliess, will, dass wir als Kinder zum Vater
treten. - Hier liegt die ganze Lehre vom Gebet. - Hochtrabende Gebete mit allen
göttlichen Titeln! studirte Gebete! wie sehr dieser Idee entgegen! - Der Mann
betet auf der Kanzel so vortrefflich, heisst mit andern Worten: der Mann ist ein
falscher Spieler!
    Herr v. G. Ist's aber nicht kindlicher, sich in Gottes Willen ergeben und
ihm alles anheim zu stellen?
    Pastor. Das ist Gebet. Das Vater unser ist bis auf die bescheidene Bitte:
Brod auf heute, Ergebung in den göttlichen Willen. - Es ist ein heidnischer,
allein ein überdachter, grosser Vorschlag, »wenn ein anderer betet, dass er seinen
Sohn nicht verlieren möge, so bitte du, dass du dich nicht weigern oder fürchten
mögest, ihn zu verlieren.« - Der Christ braucht nicht von Heiden zu lernen. Sein
Herr und Meister lehrt es ihn. Wer so stark ist, dass er nicht Worte braucht,
bete mit der Seele, Geist zu Geist! Schwerlich wird jemand, der von Jugend auf
sagen gelernt: Abba, mein Vater! sich ohne Worte behelfen. - Ein Wort, ein Wort,
sagt man, ein Mann, ein Mann; allein Lebens- und Sterbens wegen schreibt man's
doch auf. - Was dies Schriftliche beim Menschen ist, das ist das Gebet bei Gott,
es geschehe, wie die Teologen sagen, mit dem Herzen allein, oder mit Herz, mit
Hand und Mund!
    Herr v. G. Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen es in Geist und
in Wahrheit.
    Pastor. Luter sagt von der Taufe: Wasser tut's freilich nicht. - Worte
tun es auch beim Gebet freilich nicht. Das Gebet selbst, was ist's ohne
Handlungen, ohne gute Gesinnungen? Gehe hin und versöhne dich mit deinem Bruder,
und dann komm und bete, empfinde das innere Bewusstsein dieser guten Tat, und
dieses Bewusstsein opfere Gott dafür, dank ihm! Warum sollten wir aber auch von
einer so teuren Gabe, als die Sprache ist, Gott nicht die Erstlinge opfern? Es
gibt ein gewisses herzliches, kindliches Denken, das durchaus in Worte
ausbricht. - Wir sind und bleiben Menschen! das weiss der liebe Gott, der Engel
kennt und Menschen kennt. - Er erlaubt uns gern, ein Wörtchen mitzureden, wenn
sich unser Geist zu seinem Schöpfer, dem Geiste der Geister, emporschwingt. -
Ich habe einen Stummen gekannt, der alle Morgen und alle Abend an den lieben
Gott schrieb.
    Herr v. G. Pastor, da wollt' ich drauf wetten, das hat der liebe Gott recht
gern gesehen.
    Pastor. Weil eine kindliche Einfalt darin ist.
    Herr v. G. Jeder wird seines Glaubens leben! Vielleicht sollten wir nichts
mehr als das Vater unser beten, wenigstens ist es das allervollkommenste Gebet,
wie ihr Herren selbst sagt. Warum sollt' ich etwas, das weniger vollkommen ist,
vorziehen?
    Pastor. Das nicht; wer kann aber das Vater unser so oft beten und mit
Andacht? - So wie man Linien mit Bleifeder zieht, damit die Kinder gerade
schreiben, so Christus mit dem Vater unser. Ich spare das Vater unser, bin
darauf geizig und tue mir ordentlich damit was zu gut. - Alle Kubache haben
mehr Schaden als Nutzen gestiftet. Der gemeine Mann wird durchs Gebet aus dem
Herzen klug, er lernt sich fassen, und wenn wir Volksgebete sammeln könnten,
Herzensgebete guter Menschen, ich sage, wenn wir's könnten - wie vortrefflich
würde diese laute e Milch schmecken, wie wohl uns bekommen! - Ein solch naives
Buch wäre noch nicht in der Welt. - Es könnte nur bloss vom Himmel fallen - um
menschlich zu reden. Gott müsst' es aus seinem himmlischen Archiv herausgeben. Es
wäre das beste Lehrbuch für Priester und Leviten, die vor Gelehrsamkeit nicht zu
Gott kommen können. - In Wahrheit, man kann von den meisten Gelehrten sagen, dass
vor Rauch nicht Feuer zu sehen ist!
    Meine Wünsche werden indessen Wünsche bleiben, weil Herzensgebete durchaus
ins Kämmerlein zu Hause gehören.
    Es fielen ausser diesem piissimo desiderio noch mancherlei pia desideria vor.
Es ward stückweise von Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung gehandelt - wovon
ich aber für jetzt nachzuhandeln bedenklich finde.
 
          An den geneigten Leser und an den ungeneigten Kunstrichter.
Dies Gespräch ist über Bausch und Bogen, wie mir alles war, was bei meiner
Ankunft in - -, dem Hause des Herrn v. G., vorfiel.
    Mein Vater betete weniger, als er vom Gebet sprach, und es gefiel mir seine
Anmerkung, die er zu einer Zeit machte, dass vom Gebet reden auf gewisse Weise
beten heissen könne. - Wenn diese Anmerkung richtig ist, so wird man fast
behaupten können, es wär' ohn' Unterlass in dieser Geschichte gebetet worden. -
Dieses Gespräch hätt', ich gesteh' es, überschlagen werden können, ich wollt'
indessen ehrlich bei dieser Sache verfahren, und so wie in der ganzen Schrift
verfahren ist. Des ungeneigten Kunstrichters wegen (der geneigte Leser wird es
so genau nicht nehmen) muss ich anführen, dass dieses alles und jedes nach der
Tafel an dem Tage vorgefallen, da wir nach - zum Herrn v. G. kamen, und zwischen
Herrn v. G. und meinem Vater eine Koppelweide brüderlich verabredet ward, und da
dieser Vergleich mit einem ächten Glas Wein aus einem Schäuer begossen ward, und
wo ich, quod bene notandum, alles über Bausch und Bogen sah und hörte, wovon der
Schluss dieses Gespräches einen hinreichenden Beweis zu geben im Stande ist.
    Dies ist also das Datum
    zum Gebetsgespräch,
    zur Frage wohin?
Zur Antwort: Königsberg vorderhand - der Pietisterei des Codicis Fridericiani
    und der Instruktion unerachtet,
    Königsberg vorderhand.
    Göttingen nachderhand.
    Dies nachderhand aber sag' ich meinen Lesern ins Ohr, wie ich es mit mancher
Nachricht aus gutem Herzen gemacht habe.
    Herr v. G. wollte nicht, dass wir den andern Tag zeitig unsere Reise antreten
sollten.
    Grosse Reisen, sagt' er, immer nach Mittage. Tagereisen fangen des Morgens
an. Er war sehr kurz in den Ermahnungen an seinen Herrn Sohn.
    Er riet ihm nach Anleitung meines Vaters an, lebendige Tiere zu halten.
Sein teurer Herr Sohn hatte schon, wegen des Satans, den er gern mitgenommen
hätte, eine abschlägige Antwort erhalten, und war also seine etwas störrische
Frage sehr natürlich:
    Was für Tiere?
Der junge Herr v. G. hielt den Hund für ein Compendium aller nützlichen Tiere,
für ein lebendiges Tier katA exoxhn.
    Noch eine andere Bemerkung, eh' ich die Antwort auf die störrische Frage:
was für Tiere? mitteile. Es hatte der gute Herr v. G. der ältere viele Hühner.
Aus seinem geschmackreich gebauten Hühnerhäuslein und der Weise des Herrn v. G.,
sie selbst zu füttern, hätte man schliessen sollen, dass er das alte
Wahrsagerprincipium angenommen, und dass er aus der Begierde, womit die Hühner
frassen, so, dass die Körner auf dem Boden herum tanzten, Glück oder Unglück sagen
könnte.
    Hühner, antwortete der Herr v. G. seinem Sohne. Alles, was Odem und Leben
hat, zieht an, fing ich an. Die Sympatie hat im Odem ihren Hauptsitz. - Im Odem
ist Leben und Tod.
    Der Herr v. G. der ältere löste mich ab und wandte sich zu seinem Sohne.
    Du wirst bei deinen Hühnern bleiben, wenn du dir Hühner anschaffst und
meinen Rat befolgst, du wirst mancher Gesellschaft eine abschlägige Antwort
geben. Der Satan hätte dich zur Jagd verführt, ob er gleich auch Odem hat und
mit dir sympatisirt; - auf der Akademie keine Jagdhunde!
    In Polen halten sich einige Familien ein Paar, um die Teller zur zweiten,
dritten und vierten Schüssel stehenden Fusses rein lecken zu lassen. - Das wirst
du nicht nötig haben. Die Reinlichkeit hat man überall umsonst.
    Hast du Hühner und Tauben, fuhr er fort, und hat der Wirt ein Gärtchen beim
Hause, verdopple die Miete. - Jeder Mensch muss einen Zeitpunkt in seinem Leben
haben, wo er zu Hause bleibt. Lass dir den Vorfall mit deiner Braut, der lieben
Kleinen, zur Lehre dienen - und tue der Jagd einen Possen und schiess' und hetz'
in drei Jahren nicht. - Conversation ist dem Studiren und selbst der Lectüre
spinnefeind. - Vergesst nicht (sein Blick traf uns beide), dass ihr aus einem
freien Lande seid. - Die Monarchie hat viel Verführerisches; allein sie
versäuert das Herz, sie nimmt Seele und Gewissen in Beschlag. - Ein Monarch! ja,
was so ein Herr nicht alles tut! Wunder über Wunder! - Es ist aber auch
darnach. - Das leichteste Stückchen Brod ist es, das Gott gibt. Sie säen nicht,
sie ernten nicht, wie die Lilien auf dem Felde, und Gott nährt sie doch. - Der
Pastor, Ihr Vater (Herr v. G. der ältere wandte sich zu mir), der mich
ehegestern beten gelehrt, wird mich nie, nie dahin bringen, in dieser Rücksicht
etwas anderes zu beten, als dass Gott der Herr Curland womöglich noch
unabhängiger mache, als es jetzt, Gott sei Lob und Preis, schon ist! - Je
unabhängiger, desto mehr Gott ähnlicher. Ich hab' einen Franzosen gekannt, der
von Curland sagte, das elendeste Land, das ich kenne! Man kann im Sommer nicht
seinen Winterrock versetzen. Das Wetter wechselt wunderlich. - Du guter
Schlucker! Ich will dir dein Land und deinen allerchristlichsten König lassen. -
Gott ehre mir mein schlecht und rechtes Haus, wo manche priesterliche Schwalbe
nistet. - Du sollst so viel Freiheit haben, wie ich gutes Ding, wohlehrwürdiger
Vogel! Seht nur, Kinder! wie die mich da eben ansieht! ich kann den Schwalben
nichts nachsagen, und ausser dem Umstande, dass sie den Todtengräber Tobias blind
gemacht - weiss ich nichts Böses von ihnen!
    Preussen hat einen geborenen König, dem man nicht X vor U machen kann, der
königliche Gaben hat; allein rot, blau und grün machen schwarz, kohlschwarz. -
Gern hätt' ich den Herrn v. G. gebeten, mir dieses Rätsel zu lösen, allein er
hielt inne.
    Nach einer Weile fuhr er fort: Der Staat, dem ihr zueilt, hat - ich gesteh'
es, einen Philosophen und einen König zum Beherrscher. Er hört jeden, er sieht
jeden, er hilft, so weit seine lange Königshand es kann - jeden! und es ist mir
ordentlich bange, dass er euch die Monarchie in einem zu vorteilhaften Lichte
zeigen werde. - Prüfet alles, und das Gute behaltet. Eine Schwalbe macht keinen
Sommer!
    Die Monarchen sollten nur angeloben, zu hören, physisch zu hören; allein
tun sie es? Sie messen ihre Superiorität nicht mit ihren alleruntertänigsten
treugehorsamsten Knechten, sondern mit andern Monarchen, und da mag der Teufel
Untertan sein. Sie haben keinem Rechenschaft zu geben, als dem lieben Gott in
der andern Welt und den Poeten und Geschichtschreibern in dieser. - Die letzten
haben nicht aufs Recht geschworen und nehmen Geschenke an, und mit dem lieben
Gott hat's Zeit genug, dass sie ihm im Titel den Rang lassen! Kommt Zeit, kommt
Rat!
    Der Herr v. G. der ältere hielt diese Anrede mit einer unaussprechlichen
Wärme. Er schien im Ernst zu fürchten, wir würden uns in Preussen werben lassen
und Königische werden.
    Noch muss ich bemerken, dass er sich während der Zeit, da er Curland pries,
aufs grüne Gras geworfen hatte, als wenn er der freien Erde seinen Dank ablegen
und sie umarmen, umfassen wollte. - Es schien, da er geendigt hatte, als
besorgt' er, nicht aufstehen zu können.
    Dies bewog den alten Herrn, ihm unter den Arm zu greifen; allein Herr
Hermann kam beim Herrn v. G. jederzeit zu kurz, er mocht' es anlegen, wie er's
wollte. Es riss Herr v. G. den allezeit dienstfertigen Hermann auf Gottes
Erdboden. Da lag mein Schwiegervater so lang er war. Herr v. G. stand auf, so
frisch, als ein Jüngling von fünfzehn Jahren. - Es war bei diesem Niederriss
nicht Gewalttätigkeit, sondern nur Stärke. - Es war schön anzusehen!
    Den Abschied durchaus im Freien! Er verfliegt eher, sagte Herr v. G. Es ward
auch im Freien Abschied genommen. Wollte Gott, fuhr Herr v. G. fort, wir könnten
auch so den letzten Abschied nehmen und im Freien sterben! Und warum sollten wir
es nicht? Wo ist uns am meisten Gutes geschehen? Der Geist sucht das Freie und
wird dort nicht wohnen in einem Hause mit Menschenhänden gemacht. Der Tod würde
nur halb so schwer sein. Wahrlich, der Mensch entzieht sich zu sehr Luft und
zieht eben dadurch Leib und Seele eine Art von Stockung zu. Ward unser Geist
denn nicht, wenn er das Freie sucht, schon entzückt, obgleich ihn der Leib wie
ein Bleigewicht zur Erde zog?
    Die Frau v. G. hatte noch viel auf ihrem Herzen, indessen empfahl sie ihrem
Sohne, das Alter zu ehren, und es macht' ihr viele Mühe, die Sache endlich zu
drehen, wohin sie sie wollte. Sie sagte, dass sie für einen alten Baum, für einen
alten Mann (an eine alte Frau dachte sie nicht) und für eine alte Familie grosse
Hochachtung hätte.
    Also auch für eine alte Familie? Ein neuer Edelmann, setzte sie, um es noch
eindrücklicher zu machen, hinzu, ist ein Baum, der noch nicht die Blattern
gehabt, der noch nicht oculirt ist. - Weiter liess sie ihr Gemahl nicht; das
passt, sagt' er, wie die Faust auf's Auge, und in Wahrheit, du weisst nicht, wer
Koch oder Kellner ist.
    Von der Frau v. W. wieder einen Blick - von ihrer liebenswürdigen Tochter
ein Lächeln. Leben Sie wohl und glücklich! sagte die Frau v. W. - und glücklich!
hallte die liebe Kleine nach. - Die Worte fielen auf den jungen Herrn v. G.,
allein das Auge auf mich.
    Ich weiss nicht, wer auf den Gedanken kam, dass mein Reisegefährte seiner
kleinen Braut einen Kuss geben sollte. Ihrem Retter auch einen, sagte Herr v. G.
und die Frau v. W., als wenn sie darauf gewartet hätte; freilich, kleine
Undankbare, das solltest du von selbst tun. - Ich nahm mich sehr ungeschickt
dabei. Die arme Kleine ward rot über rot - und da ich mich zum letztenmal
gegen sie beugte, trat ihr eine Träne in ihr blaues schönes Auge, welches so
durchschimmerte, wie ein Veilchen durch ein Tautröpfchen. - Gott segne die gute
Frau v. W. und ihre Tochter, dachte ich, und den Herrn v. G., der mir zum Kuss
verhalf und zu der schönen Träne!
    Jetzt war die Reihe an dem Herrn v. W. und dem Herrn Hermann. Ich hatte
schon einigemal mich an den Herrn v. W. gewendet, allein er hatte es sehr
höflich verbeten, weil es - wie er sich auszudrücken gefälligst beliebte -
                            noch nicht an ihm wäre.
    Er umarmte meinen Reisegefährten und tat mir, wiewohl mit steifem Arm, eine
gleiche Ehre an. - Hiebei machte er (weil es eine Abschiedsumarmung war) ein
griesgrämisches Gesicht.
    Bei meiner Umarmung weniger, bei des jungen Herrn v. G. mehr.
    Der Herr v. G. der ältere sagte: Herr Bruder, du siehst ja aus, als ob du
vom verbotenen Baum gegessen hättest!
    Lass mich, sagte er, und tat so peinlich, als verlöre er ein Glied vom
Finger.
    Es ist, fing er an, es ist - er unterbrach sich wieder mit einem tiefen
Seufzer!
    Es ist mein Herr Schwiegersohn, brach er endlich heraus, und die heissesten
Wünsche, dass der grosse Gott ihn auf seinen Reisen begleiten, seine Studien zu
seiner Ehre und des Vaterlandes Nutzen segnen und ihn zu seiner Zeit in die Arme
seiner kleinen Braut gesund zurückbringen wolle! - Das, das ist ein Teil, der
kleinste, von der Empfindung.
    Zieh ein Paar weisse Handschuhe auf, sagte Herr v. G., solch eine Rede
verdient es; deine Briefe sind alle auf Postpapier mit vergoldetem Schnitt und -
    Dieser Eingriff war sehr erwünscht, um den Herrn v. W., der viel zu leiden
schien, zurechtzubringen. Ich bin ein Diener der deutschen Sprache, sagte er,
Herr Bruder! allein ein gewisses je ne sais quoi suche ich in Gedanken,
Geberden, Worten und Werken.
    Das ist auf deutsch, du suchst nichts, rein nichts, erwiederte der brave
Herr v. G.
    Mir konnte Herr v. W. nichts mehr sagen, als Dank! und tausend Dank! - Sein
Compliment war noch nicht ausgeknetet.
    Du hast mich gestört, sagte er zum Herrn v. G., wie ehegestern die
Waldhörner. - Das wundert mich, fiel Herr v. G. ein, du fährst ja sonst immer
mit fünf Rädern; auf allen Fall eins aufgebunden - du hättest ja das fünfte
abbinden können.
    Der alte Herr drängte sich vor, um mich vor aller Augen zu küssen. Ich tat
es, dieser Schwachheit unerachtet, doch, und - das ganz ehrlich, ich entzog ihm
nichts.
    Grüssen Sie, sagte ich ihm -
    Ich werde, erwiederte er.
    Ich. Tausendmal -
    Er. Tausendmal.
    Dieser Gruss gehörte nicht Vater, nicht Mutter, sondern bloss Minen, bloss ihr,
alle tausend ihr, alle ihr. - Mir kam es vor, dass der alte Herr es fühlte, wem
es galt, und für dieses Gefühl drückte ich ihm die Hand, und er schien überaus
mit mir zufrieden zu sein; ich sagte ihm ganz leise: tausendmal, tausendmal!
    Herr v. G. sah mich an, und sein Blick wollte in Beziehung auf meinen
herzlichen Abschied vom alten Herrn sagen: Junger Mensch, dir fehlt Erfahrung!
Man sieht's; sonst würdest du den Hermann so nicht herzen und küssen, den ich
nur eben körperlich zur Erde riss; mit seiner Seele mache ichs alle Augenblicke
so. Der gute Herr v. G. irrte diesmal mit dieser Geberde. - Zwar hatte er, wie
meine Leser so gut wissen als ich, einen naturfindenden umfassenden Blick, dass
er aus diesem Abschiede hätte wissen können und sollen, Hermann habe eine
Tochter, deren Freund, deren Seelenmann ich sei - allein diesmal fand er nicht
den rechten Weg.
    Die Frau v. G. konnte sich nicht des Lachens erwehren, da sie meinen
Feldkessel, den mir mein Vater mitgeben lassen und den meine Mutter nicht zu
kennen die Ehre hatte (sonst wäre er gewiss nicht mitgekommen), aufbinden sah. -
Der junge Herr v. G. hatte alles nach Jagdmanier, als ob er auf eine weite Jagd
sich begeben sollte, obgleich der Herr v. G. der ältere den Satan seinem Sohn
abgeschlagen und ihn versichert hatte, »dass jeder Mensch einen Zeitpunkt in
seinem Leben haben müsste, wo er zu Hause bleibt,« obgleich er ihm die Jagd
wohlmeinend widerraten und ihm Hühner empfohlen, um nach der Meinung meines
Vaters etwas, was Odem hat, um und neben sich zu haben.
    Obgleich - so war doch der Sohn wie ein Jäger ausstaffirt.
    Der gute Herr v. G. der ältere tat dies in seiner Unschuld. Seht da einen
Originalzug von Curland, dem Herr v. G. der ältere nicht ausweichen wollte und
konnte. - Die grüne Farbe ist Trumpf.
    Herr v. W. schlug eine Begleitung aus Höflichkeit vor, allein Herr v. G.
verbat sie nachdrücklich. - Es blieb alles so lange stehen, als man uns sehen
konnte, und da wollte ich wetten, Herr v. W. noch ein wenig länger.
    Sobald wir ihrem Nachblick entfahren waren, küsste mich mein Reisegefährte
von freien Stücken herzlich. - Wir wollen uns einander alles sein - Vater und
Mutter, sagte er - ich seufzte, denn ich dachte an Minchen.
    Wir langten in der Haupt- und Residenzstadt Mitau an, um hier mit einem
Königsbergschen Fuhrmann (man nennt dergleichen Leute Riga'sche Fuhrleute) die
Fahrt bis Königsberg zu verabreden. - Ich fand in dem Fuhrmann und seinem
Untergebenen ein Paar so gesunde und starke Menschen, dass ich wohl einsah, wie
man auch im monarchischen Staat, der Ermahnung des Herrn v. G. auf dem curischen
Grase unerachtet, seinen stattlichen Schritt haben, gerade aussehen und sich
wohlbefinden könne. - Ich konnte nicht aufhören, diese Menschen zu fragen und
sie anzusehen, so dass ich die Haupt- und Residenzstadt Mitau darüber vergass, die
am Ende auch nur zur Johanniszeit unter die sichtbaren gehört, und gewiss unter
den sichtbaren nicht die vornehmste ist. Um Johanni ist eine allgemeine
Wallfahrt nach Mitau; dann lässt der Edelmann, in Begleitung eines Teils Bauern,
die Esswaaren und sogar Möbeln an diesen Johannisort nachbringen. Dem Vorreiter
ist auf dem linken Arm ein Silberblech aufgenäht, worauf das hochadliche Wappen
steht, um Mitau Ehre zu machen.
    Ich hatte mir, die Wahrheit zu sagen, einen zu grossen Begriff von Mitau
gemacht, woran meine Mutter zum grössten Teil Schuld war. Dies bitte ich zu den
preussischen Leuten hinzuzurechnen, um das unbeträchtliche Interesse
herauszubringen, das ich an Mitau nahm. - Das vom Herzoge Ernst Johann angelegte
Schloss, wozu 1738 den vierzehnten Junius der Grundstein gelegt worden, und
welches an der Stelle des alten verwüsteten, seit 1269 gestandenen, errichtet
worden, stand da zum glänzenden Beweise, dass Plan und Ausführung, Verlobung und
Hochzeit, zweierlei sind. Diese Betrachtungen führten mich zu Minen, und was
führte mich nicht alles zu ihr?
    Meine Mutter würde es mir sehr verdacht haben, dass das anschauende
Erkenntnis meinen Begriff von Mitau so sehr herabgestimmt. Wohnet denn, würde
ohne Integralrechnung ihre Bemerkung gewesen sein, wohnet denn nicht der Herr
Superintendent hier?
    Mein Reisegefährte war im Mittelpunkt und konnte nicht aufhören zu sehen.
Mitau schien ihm
Terrarum Dea gentiumque Roma,
Cui par est nihil et nihil secundum.
    Die Hauptstadt der Welt! - obgleich es nicht Johanni war. Die Residenz ist
für jeden Edelmann das Treibhaus im kalten Klima. So wie's Arzeneien gibt, die
nur durch das heilige himmlische Feuer der Sonne gekocht, gebleicht und
getrocknet werden können, so ist auch die Residenz die Insolation in Absicht des
Edelmannes. Mein Reisegefährte empfand alle Nepos wollas, die er in seinem Leben
geben würde, und Adam hätte nicht auf die Schwangerschaft von allen Seelen, die
in ihm lagen, so stolz sein können, wenn man ihre Fortpflanzung per traducem
sich träumet, wie Herr v. G. auf alle Nepos wollas, als die Insignien eines
Edelmannes in Polen und Curland. Was ist denn, fing ich an, in Mitau? Man muss es
zu Johanni sehen! erwiederte er. Dann ist's illuminirt, erwiederte ich, und wann
die Lichter ausgebrannt sind, was ist's dann? Kennst du ein Johanniswürmchen?
fragte ich zur Wiedervergeltung; ich will es dir präsentiren. Es ist ein
Würmchen, grünlicht auf dem Bauch. - Hier hat es auch ein kleines Bläschen,
welches einen grünlichen hellen Glanz wirft; sobald dies Bläschen sich einzieht
- weg ist ihr Glanz. Die Existenz dieses Würmchens währt nur einige
Sommernächte. - Mein Reisegefährte lachte - ich mochte nun denken, dass der
Superintendent in Mitau sei oder nicht, so war es mir doch so, als ob ich nicht
in Curland, sondern da zu Hause gehöre, wo man früher Spargel isst, eine Pfeife
in der freien Luft raucht, den Wein bei der Quelle hat und lange Manschetten
trägt. Kein Wunder also, dass Mitau nicht meine Residenz war. In Curland gehörte
ich in unserm Pastorat und auf dem Gute des Herrn v. G. zu Hause. Ueberhaupt
scheinen die Curländer zu keiner Stadt Lust und Liebe zu haben. Sie gehören
auf's Land, wo sie auch Geschmack anzubringen wissen. - Sie sind gestiefelt und
gespornt, und es lässt keinem Curländer, wenn gleich er sich in Unkosten setzt
und Schuhe und Strümpfe anlegt. Sie sind geborne Cavalleristen. Wenn sie geputzt
sind, muss es ihr Pferd auch sein. Ich habe allerliebste Reit-und Jagdkleider in
Curland gesehen, die Mitgabe meines Reisegefährten kann hier zum Beleg dienen,
unerachtet sein Herr Vater durchaus keinen Jäger auf der Universität haben
wollte, seinem Sohn den Satan abschlug und unter lebendigen Tieren die Hühner
in Vorschlag brachte.
    Unsere Preussen verzögerten uns beinahe zwei Tage, ehe wir endlich die
curische Residenz verliessen. Das herzogliche Schloss hat so wenig Verhältnis zu
dem übrigen Teil der Stadt, als das Mitausche Pflaster zur Regelmässigkeit und
Ordnung. In Wahrheit, wenn man die Nation beschreiben wollte, müsste man Mitau
beschreiben. Ich fiel auf den Gedanken, indem ich dies niederschrieb, ob nicht
jede Residenz das Land im verjüngten Massstabe sei, allein ich habe mich geirrt;
es gibt so viel Ausnahmen, so viel ungeratene Söhne bei dieser Regel, dass die
Regel selbst den Mutternamen Regel nicht verdient. - Unter dem Alltäglichen, was
auf der Reise vorkommt, fielen mir die armen Menschen auf, die an Hecken sitzen
und sie den Reisenden öffnen. In Wahrheit, dachte ich, das können nicht alles
Leute von niedriger Geburt sein. Ich sah einen alten Mann in einem dergleichen
Diogeneshäuschen an der Hecke, der einen so vortrefflichen Kopf hatte. - Das war
wenigstens ein Literatus! und wo anders sah ich ein armes krankes Weib, das in
der grössten Behendigkeit aus ihrer Behausung kam und Hand ans Werk legen wollte,
allein krämpfige Zufälle lähmten ihr stehenden Fusses die Hand. - Es war rührend
anzusehen. Die Preussen wollten ihr keinen Schilling geben, weil sie ein altes
Weib war und der Krämpfe wegen die Hecke nicht öffnen konnte; ich entschädigte
sie zwar, allein ich musste die Entschädigung auf Gottes Acker, auf die Erde,
werfen. - Nicht Geld konnte sie halten. Dafür ward ich im Wagen ausgelacht - und
wer weiss, was noch der Kritikus tut?
    In Wahrheit, wenn sich jemand finden sollte, die Lebensläufe aller dieser
Unglücklichen in Diogeneshäuschen zu schreiben, auf einer Reise, die freilich
nicht durch die Welt sein dürfte, wie ohnedem noch niemand gereiset ist, gewiss,
er wäre ein vortrefflicher Schriftsteller und würde gelesen werden bis an den
lieben jüngsten Tag.
    Ich hatte, um mir eine Bewegung zu machen, den Wagen verlassen, und hiezu
kam noch dankbare Empfindung gegen mein freies Vaterland, die ich unmöglich
sitzend aushalten konnte. Ich sah die Gränzscheidung, und da ich eben einen
grünen Platz fand, beredete ich meinen Gefährten, Curland zu umarmen. Wir legten
uns hin, so lang wir waren. - Der Wagen fuhr langsam weiter, so unvermerkt, wie
aus einer Monarchie Despotismus wird, wenn sie es nicht schon an sich ist,
worüber die Gelehrten noch uneins sind.
    Lebe denn wohl, herzlich geliebtes Vaterland! Ich danke dem Himmel, dass dein
freier Boden das erste war, was mein Fuss betrat. Das fühlte ich noch! noch! dass
er frei war, und ich wünschte, meine Leser möchten es auch, wo nicht überall, so
doch wenigstens an einigen Stellen gefühlt haben. Natur und freier Staat sind
Geschwisterkind und vertragen sich wie Kinder. - Etwas reine klare Natur muss bei
jedem Werke der Kunst sein, und dies Etwas eignet sich Seelenwürde zu; es ist
Seele, es ist göttlicher Hauch, lebendiger Odem in die Nase. Die Kunst, die
Verschönerung, ist Leib. - Man kann in Wahrheit auch die Menschenseele durch den
Menschenkörper verschönern. - Nun leider heut zu Tage wird der Körper nicht
verschönert, sondern geschwächt. Ich läugne es nicht, dass dadurch, dass der
auswendige Mensch gelitten, der inwendige Mensch zum Teil zugenommen, wir haben
mehr Seele und weniger Körper bekommen; es frägt sich aber, ob wir gewonnen oder
verloren haben? Wir haben aufgehört zu geniessen und haben angefangen zu denken!
    Wer lacht, macht zu lachen, wer weint, macht zu weinen. Denn es gibt kein
gefährlicheres Tier, den Affen selbst nicht ausgenommen, als den Menschen;
allein wer darstellt, wer handelt und handeln lässt, bereitet ein Lachen von
ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen Kräften, und auch solch ein
Weinen. - Wer im gemeinen Leben keinen Blick hervorlacht, sondern nur durch sein
Handeln mit Fleiss zum Lachen Gelegenheit gibt, ist komisch im hohen Grade. Und
in Wahrheit, ein verstohlenes Ach gilt mehr, wenn man darauf vorbereitet ist,
das ist, wenn man leiden gesehen und es nicht bloss gehört, als eine Sündflut
von Tränen. Prüft nach diesen Angaben die Dichter alter und neuer Zeit. Ich für
meinen Teil wollte hier nur sagen, so wie Darsteller vom Selbstlacher und
Selbstweiner unterschieden ist, so wie Werk vom Wort, so monarchischer Staat vom
freien. Wer es fassen kann, der fass' es.
    Ich merk' es, dass ich meinem grünen Platz entlaufen bin, und will mich
gleich wieder, so lang ich bin, hinstrecken, um mein Vaterland zu Ende zu
segnen. - Der Mensch ist zum Scheiden geboren. Sterben lernen und philosophiren
ist von jeher für einerlei gehalten worden; denn in Wahrheit, diese Welt ist
entweder ein Vorbereitungsort, oder wir sind die elendesten unter allen
Geschöpfen! Drum nehme ich so gern Abschied auf die Art, wie vom Vaterlande,
wenn ich schon weg bin. - Ich empfand wahrlich mehr, als ich sagen kann, und was
noch mehr als sagen ist: schreiben kann. - Noch wo ich grün sehe, kommt mir vor,
als sähe ich Freiheit. Seht, was ich diesem Scheidewändchen zwischen Curland und
Preussen und dem grünen Fleck, auf dem Herr v. G., der ältere, uns belehrte, dass
wir Curländer wären, zu verdanken habe!
    Ich wünsche allen König'schen, wess Standes und Geburt sie sein mögen, sonder
Arglist und Gefährde, etwas Grünes, damit sie wenigstens einigermassen wissen,
was Freiheit sei. Monarchischer Staat ist wie eine Lanze, oben klingt es, unten
ist Holz, wie ein Kegelspiel, das die Kugel nicht trifft. - Was Se. Majestät
nicht allerhöchst eigenhändig fällt, das tun die fallenden Kegel, einer wirft
den andern mit. - So wie gesteiftes und ungesteiftes Kleid, so Monarchie und
freier Staat. Hier stammen wir in gerader Linie von der Mutter Natur ab, dort
höchstens von der Seitenlinie. Im monarchischen Staate wächst, was noch in die
Höhe schiesst, wie eine Bohne an der Stange. Im freien Staate, sagt man, sind die
Menschen wild, das heisst mit andern Worten: im monarchischen Staat sind die
Menschen Menschen. Warum denn alles nach der Regel de tri? Ein König'scher, ein
Untertan, ist ein zahmes Tier, das aus der Hand frisst und nicht weiss, was es
erst tun soll, ob fressen? oder die Hand küssen? Er sitzt beständig auf den Tod
und wartet nur auf den Appetit seines Allergnädigsten. Ruft nicht Pensionärs! Im
freien Staat ist wenigstens ebenso viel Sklaverei als Freiheit. Dies hat mich
Herr v. G. besser gelehrt, der meines Wissens keine Pension zog. Wo Weizen
wächst, wächst Unkraut, und je besser der Boden, desto besser schiesst beides
hervor. - Die ganze Natur ist für und wider sich; alles kreuzt sich in der Welt,
Vögel und Aeste. Was sich neckt, das liebt sich. - Seht da wieder Natur im
freien Staat, Homer'sche, Shakespeare'sche Natur! Das Lobopfer, das ihr der
Monarchie bringt, ihr Professores Poeseos! was ist's? Erbauliche Gedanken neben
einer Hecke, die eben geköpft ist, auf die Melodie: Nun sich der Tag geendet hat
und keine Sonn' mehr scheint.
    Lebe wohl, herzlich geliebtes Vaterland! Du hast mich gelehrt, die Freiheit
schätzen, obgleich du selbst bei weitem noch nicht frei bist, sondern dich zu
Polen verhältst, wie ein Aufschlag zum Kleide. - Frevelhafte Beschuldigung ist
es, dass man in deinem Schoss wie eine Flinte sei, die nicht mehr, nicht weniger
knallt, es fall' ein Sperling oder ein Mensch, nach Gottes Bilde gemacht. Es
gibt monarchische Staaten, wo man sich über den Kopf eines Mörders wenigstens
zwölf Monate bedenkt, so, dass das Publikum die Verbindung zwischen Verbrechen
und Strafe vergisst, und der Pastor loci recht gemächlich Gelegenheit nehmen
kann, den Geist und die Kraft der Religion an diesem Bösewicht ad oculum zu
demonstriren. Alle Mörder sterben alsdann wie der Schächer am Kreuze! Dagegen
fliesst in diesen Staaten das Blut von tausend Edlen im Kriege. Niemand lötet
die Wunden der Redlichen. - Es gibt Tiere, sagte mein Vater, die im Marmor,
aber nicht im Leben gefallen, und so wie der Bienenschwarm, so der freie Staat.
- Nicht also, mein Vater; ich glaube, dass das Denken im monarchischen Staat und
das Reden im freien zu Hause gehöre, oft auch das Tun - so wie ein Sklave nur
eigentlich unverschämt sein kann; im freien Staat kennt man dies Wort nicht.
    Meine Leser werden ohne Fingerzeig einsehen, dass ich dieses nicht auf dem
grünen Platz schreibe, sondern in einem Staat. - Bald hätte ich zu viel gesagt.
Ich empfand auf diesem grünen Platz, und zwischen Empfinden und Denken ist oft
so ein Unterschied, wie zwischen Wachen und Träumen. Ein schöner Traum! ich gäb'
einen Tag drum unbesehens.
    Meine Empfindungen wurden den Preussen, dem Fuhrmann und seinem Untergebenen,
zu lange - Ich schlief ihnen zu viel. Sie schrien mich heraus und gaben mir zu
verstehen, dass hier guter Weg sei, wo der Wagen ohne Not aufgehalten würde, und
dass schon Stellen vorfallen würden, wo ich Gelegenheit haben würde, mich zur
Ruhe zu begeben (eigentlich zu empfinden).
    So gründlich gleich diese Aufforderung war, so verdross mich doch dieses
Commando, und ich konnte nicht umhin, ich weiss selbst nicht, wie ich darauf
fiel, zu fragen, warum sie denn nicht Soldaten wären? Ich hätte doch gehört, dass
alles, was einen stattlichen Schritt in Preussen hätte, gerade ausseh' und sich
wohlbefände, Soldat wäre, daher auch zärtliche Mütter Gott auf Knien danken
sollten, sobald sie aus dem Wochenbette auf die Füsse kämen, wenn er sie einen
Krüppel auf die Welt zu bringen gewürdigt, weil dieser allein das Recht hätte,
eine Stütze der Familie zu werden. - Herr! sagten die Preussen, wer Ihnen das
gesagt hat, ist ein H-t. Beim höchstseligen Herrn gings zuweilen in diesem Stück
bunt über Eck - und da konnte man manches nicht spitz kriegen. Gott lass ihn
höchstselig ruhen! Unser jetziger Herr, sie zogen ihre abgekrempten Hüte ab,
braucht Fuhrleute und Generale, und es tut in Preussen nichts, ob man einen
Orden oder eine Peitsche umgehangen hat. (Sie hatten die Peitschen wirklich auf
Ordensart.) Ich lasse keinem Menschen die Mittelsteine, wenn ich nicht will. Ein
General oder Corporal geht mich mit keiner Ader an. - Ich für mich, sie für
sich. - Wer dem Herrn die Abgaben gibt, ist ihm angenehm, so wie dem lieben
Gott, wer recht tut, und wenn die Soldaten zur Revue sind, verstehen Sie mich
(der Alte sprach), junger Herr Curländer, so bin ich während der Zeit Major von
der Cavallerie, und dieser, mein Schwestersohn, ist Junker, und ich versichere
den Herrn, dass wir unsern Säbel führen (er machte Luftstreiche und der Junker
gleichfalls) wie Einer.
    Es fiel mir eben, da die preussische Glänze anfing, eine grosse Eich' ins
Auge, die sich nicht um das, was unter ihr war, bekümmerte. Sie hatte sogar
gegen unten keine Schattenäste für ihre Untertanen. - Stolz wuchs sie gen
Himmel, und selbst ich hatte Mühe, ihren Gipfel zu erreichen - Sieh da einen
Monarchen, sagte ich zum jungen Herrn v. G., und er verstand die Eiche und mich
auf ein Haar.
    Ich wünschte, dass mein Vater diese königlichen Fuhrleute gesehen hätte -
denn ich selbst war so begeistert, dass ich gern Luftstreiche mit diesen tapfern
Preussen um die Wette gewagt hätte, wenn mir nicht mein Reisegefährte heimlich
auf den Fuss getreten und eben so heimlich die rechte Hand gedrückt hätte, als
wollt' er treten und drücken - Bruder, lass den Major und Junker, den Fuhrmann
und seinen Untergebenen.
    Es war gleich alles wie abgeschnitten. - Unsere Heerführer waren so sehr von
allem Eifer zurückgebracht, dass sie uns herzlich versicherten, wie die Fuhrleute
und Studenten in Königsberg Schwäger und Freunde wären! Trotz dem grünen Platz
und dem kleinen Streit, der zuweilen vorfiel. - Sie bewiesen uns ihre
aufrichtige schwägerliche Verwandtschaft, dass sie den folgenden Tag schon um
drei Uhr Halt machten, um uns oder eigentlich mir, Zeit und Raum zu lassen, eine
Leichenbeerdigung zu hören und zu sehen.
    Wir waren eben im Begriff, in - - Mittag zu machen, da die Glocke gezogen
ward. - Ich verstand auf den ersten Anschlag, dass es Trauertöne werden sollten.
    Wer ist todt? fragte ich den Hauswirt. Fragen Sie, antwortete er, wer wird
begraben? Auch das, erwiederte ich, und wer?
    Schön, fuhr er fort, nun werd' ich Sie fragen, wer wird begraben?
    Ich sah den unwitzigen Mann ernstaft an, und wenn nicht eben eine
Sturmglocke für mein Herz zu hören gewesen wäre, es wäre schwerlich beim Anblick
geblieben. - Der Hauswirt war indessen so gefällig, mir sogleich auf meinen
ersten Augenschlag (der Herr v. G. trat und drückte mich wieder) aus dem Traume
zu helfen. Mein Herr, setzte der Hauswirt im Geschichtsstyl hinzu, es ist ein
Fremder, ein Unbekannter. Niemand weiss, wo er her ist. Unfehlbar hat er nicht
nach Hause reichen können, denn man sieht ihm sein hohes Alter an. - Er hat ein
sehr gutes Aussehen - weil man einige Gulden und eine Schreibtafel (beides hat
der Pfarrer gleich an sich genommen) bei ihm gefunden, so wird er mit einer
Leichenpredigt begraben.
    Gott, schrie ich, das ist der Alte! Alt ist er, sagte der kupfernasige
Hauswirt ganz gelassen.
    Ich konnte nicht mehr - ich will hin, ich will hin - und seine kalte starre
Hand angreifen. - Noch ist Segen Gottes darin. - Da die Gebeine jenes Mannes,
den man in Elisa's Grab warf, die Gebeine des Propheten berührten, wurden sie
lebendig - und es trat der Mann auf seine Füsse.
    Ich will hin, ich will hin - und wenn ich seinen einen Handschuh erben
könnte! - O welch eine Erbschaft hätt' ich getan!
    Der Hauswirt nahm, während dieser heiligen Entschlüsse, Tabak und zog ihn
sehr hoch in die Höhe.
    Jetzt erst wandt' ich mich zu unsern Fuhrleuten, um sie zu überreden, den
Mittag und Abend in einem weg zu halten.
    Abgemacht,
    Der Herr v. G. erkundigte sich nach Wild - und ich ging spornstreichs in die
Kirche.
    Eben hatte der Pfarrer den Text, den er zu der Leichenpredigt ausgesondert
hatte, verlesen. Den Spruch fand der Leichenprediger in der Schreibtafel des
Seligen aufgeschrieben und dreimal unterstrichen. Er steht in der zweiten
Epistel an die Corinter im sechsten Capitel, vom vierten bis zehnten Vers:
    »Sondern in allen Dingen lasset uns beweisen als die Diener Gottes, in
grosser Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Aengsten, in Schlägen, in
Gefängnissen, in Aufruhren, in Arbeit, in Wachen, in Fasten, in Keuschheit, in
Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, in dem heiligen Geiste, in
ungefärbter Liebe, in dem Worte der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Waffen
der Gerechtigkeit, zur Rechten und zur Linken, durch Ehre und Schande, durch
böse Gerüchte und gute Gerüchte, als die Verführer und doch wahrhaftig, als die
unbekannten und doch bekannt, als die Sterbenden und siehe wir leben, als die
Gezüchtigten und doch nicht getödtet, als die Traurigen, aber allezeit fröhlich,
als die Armen, aber die doch viel reich machen, als die nichts inne haben und
doch alles haben.«
    Ein Tema pflegt bei den Geistlichen ein leeres Haus zu sein, wo man
mancherlei und manches anschlagen kann, ein Nagel, an den man viel hängt; ich
weiss nicht, ob man nicht auch in diesem Sinn sehr richtig sagen würde: man muss
nicht zu viel an einen Nagel hängen.
    Das Ziel, nach dem der Pastor loci anlegte, war der Schein und das Sein des
Christen! Meine Mutter hätte, wenn sie selbst diese Leichenpredigt gehalten,
kein gereimteres Tema gefunden; ich für mein Teil hatte alle Fassung nötig,
um mich zurückzuhalten. - Ich brannte vor Begierde, den Sarg dieses Seligen
aufzusprengen und mir einen Segen abzufordern. Es war sehr zu merken, dass ich
dem Pfarrer ein Meteor war und ein unverhoffter Gast - er haspelte seine Predigt
in höchster Eile herab; indessen verzählt' er alle Augenblicke die Fäden, und
dies zwang ihn, von neuem zu zählen. - Endlich die Nutzanwendung zum Schein und
Sein.
    Meine Geliebte! der selig Verstorbene schien uns anfänglich ein Mann nach
der Weise Melchisedech. Ich fragt' ihn nach dem Namen, Geburtsort, Vaterland; ob
er noch in dieser Welt etwas zu berichtigen hätte? Auf alle diese Fragen nicht
eins zur Antwort.
    (Ich ward über und über rot, und nun erschien mir der Pfarrer als ein
Meteor und ein ungebetener Gast, und das Aergste bei dieser Verlegenheit war,
dass ich nicht haspeln konnte. Nichts ist einem Verlegenen heilsamer, als wenn er
reden kann; er fällt zwar immer tiefer darein, indessen ist es ihm Labsal, reden
zu können, wenn er auch nur stammeln und stottern sollte. Er ist wenigstens vor
einer Seelenlähmung sicher, die eben so, wie eine körperliche, oft zeitlebens
auf die Seele einen Einfluss hat. Die Zunge ist in solchen Fällen Ventilator in
einem stockigen Zimmer. - Sie bringt frische Luft herein.)
    Da ich einsah, fuhr der Leichenprediger fort, dass unser Seliger Ursachen zur
Zurückhaltung hatte, wandt' ich schnell um und klopft' an eine andere Tür, die
zum Seelenheil führt. Hier blieb er mir kein Wort schuldig. - Nach seinem
seligen Hintritt klärte sich alles auf. Er fand nicht für gut, zu erzählen, was
seine Schreibtafel entielt, er wollte sich nicht die Augenblicke entwenden, die
er himmlisch anwenden konnte. Sein Wandel war nicht von hier, sondern von
droben. - Das erste, was ich öffnete, war seine Schreibtafel, die wie ein
Communionbuch gebunden war. Seinen Geldbeutel, worinnen vierzig Gulden waren,
öffnete ich nachher.
    (Ich war im preussischen Gelde ganz unerfahren, und ich muss mich noch hüten,
um ja hiebei nicht wider das Costüm zu sündigen.)
    In seinem Communionbuch von Schreibtafel fand ich mehr als ich gefragt
hatte. Man pflegt oft in Schreibtafeln das Geheimste, das man oft seinem
geheimsten Rate nicht entdeckt, zu finden. Es ist der Männer Schoosshündchen.
    Unser Seliger heisst - - - - - -
    Ha! kunstrichterlicher Leser! da hattest du schon deine Bleifeber zum Strich
gespitzt. - Wieder einer ohne Namen, eine unbenannte Geschichte! Stecke dein
Schwert in die Scheide; denn wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert
umkommen, und damit ich bei dieser Gelegenheit auch an eine andere Tür
anklopfe, die zum Seelenheil führt, bet' ich ein Vater unser für dich! - damit
du nicht vielleicht ohne Namen dahin fährst in deinen Sünden. - Halt den Hut
vor!
Ne nos inducas in tentationem,
Sed libera nos a malo. Amen.
    Unser Seliger heisst - - - - - - wie er seinen Namen ganz mit allen Punkten
und Clauseln ausgeschrieben.
    Er fährt fort:
    Ich war reich - ich hatte so viel, dass meine grossstädtische Freunde zuweilen
zu mir kamen und sich ländlich vergnügen konnten.
    Ich ward arm, fährt er fort, der Herr hat's gegeben, der Herr hat's
genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Wie er um das Seinige gekommen, meine
Lieben, ist nicht angeführt. In seinem Wohlstande hatt' er zum Aufbau eines
Lustauses und Lustgartens für eben diese Freunde, wenn sie ihr stockendes Blut
wieder in Fluss bringen wollten, zweitausend Gulden angeliehen, schwer Geld.
    Da er arm geworden, erliessen sie ihm die Schuld und gaben ihm seinen
Schuldbrief zurück. Sie bedachten vielleicht, dass er nur ihretwegen diesen Bau
unternommen. - »Was dankt' ich Gott,« schreibt der Selige, »dass ich unter meinen
Freunden Menschen fand. So in der Nähe, dacht' ich. - Gott schlägt, Gott heilt,
Halleluja!« Unser Seliger hatte zwar nicht das Glück des Hiobs, der zwiefältig
so viel bekam, als er gehabt hatte, und ausser dem schönen Groschen und dem
güldenen Stirnband, so ihm seine Brüder und Schwestern und Bekannten verehrten,
noch vierzehntausend Schafe und sechstausend Kameele, und tausend Jochrinder und
tausend Esel - wie er denn auch nach seinem gehabten Unfall einhundert vierzig
Jahre lebte und Kinder und Kindeskinder sah, bis in das vierte Glied. Unser
Seliger konnte zwar nicht seine Freunde zum ländlichen Vergnügen mehr einladen,
sein Gärtchen und sein Lustäuschen waren in fremden Händen; allein er hatte
doch Nahrung und Kleider! - Seine Freunde hatten auch nach der Zeit sich bitter
und sauer Brunnen angewöhnt, welchen sie die nämliche Kraft, als guter frischer
Milch und einem Gartenhäuschen und einem Lustgarten, beilegten. - Der Selige
hatte sich indes so weit herausgewunden, dass er viertausend und siebenzig Gulden
nach Königsberg nehmen konnte, um seinen Verkehr durch einige neue Waaren zu
verstärken. Bei viertausend und siebenzig Gulden baar Geld konnt' ein so
ehrlicher Mann, als er, auf noch einmal so viel Credit rechnen. - Seine
Anverwandten hörten von den viertausend siebenzig Gulden und nahmen ihn allein.
    Sie fragten nach der Handschrift. Hier, sagte er, und zog sie aus der
Schreibtafel. Solang ich lebe, soll auch diese Handschrift leben; ich könnte
vielleicht aufhören dankbar zu sein, wie viele Menschen, wenn sie zu satt
werden, Gottes vergessen. - Hier, sagt' er, ohne Flecken, ohne Runzel, oder dess
etwas, so wie ich sie gestellt hatte und zurück erhielt.
    Der Senior Familiae, ein alter herzloser Mann, nahm sie entgegen, und es
ward dem Dankbaren angedeutet, dass, da man von den viertausend Gulden, ohne an
die siebenzig zu denken, gehört, er wohl ihre zweitausend Gulden, zusammt den
Verzögerungszinsen, entrichten könnte.
    Freunde, fing er an; allein man droht' ihm mit dem breiten Wege Rechtens,
der zur Verdammnis führt, und viele sind, die darauf wandeln.
    Freunde, fing der Selige wieder an; allein (und dies kränkt' am meisten) sie
machten ihm Vorwürfe, dass er noch dazu die zweitausend Gulden zu Lustaus und
Garten verwendet hätte.
    Aber - fing er wieder an, und der Senior Familiae fiel ihm ins Wort:
Freilich hatte Sie Gott damals reichlich gesegnet und Sie konnten an Lust
denken, jetzt aber bei viertausend siebenzig Gulden müssen Sie an Zahlung
denken. - Denkt, sagte der Selige. Zahlt, sagten die Verwandten, die Unseligen.
Sie hatten ohne Flecken, ohne Runzel oder dess etwas, das Document und er hatte
keinen Beweis der Schenkung, und wenn ich auch, schreibt er, Beweis der
Schenkung gehabt hätte - und wenn auch -
    Er bezahlte.
    »Nur die Zinsen!« es macht' auf jeden der Herren eine Kleinigkeit.
    Keinen Dreier! sagte Senior Familiae. Es sind die usurae morae (die
Verzögerungszinsen); er hatte diesen Bissen Latein von einem Rechtsgelehrten
erhandelt!
    Der Selige musste von Heller zu Pfennig Capital und Zinsen berichtigen, und
da einige andere von seinen unbeträchtlicheren Gläubigern, die ihm aber nichts
erlassen, sondern teils auf seine Verbesserung wegen der alten Schuld gewartet,
teils ihn mit neuem Flickvorschuss unterstützt hatten, dieses hörten, verlangten
auch sie Geld und reservirten sich quaevis juris competentia contra quem vel
quos, wenn der Arme nicht noch so viel übrig behalten hätte, dass ihr neuer
Vorschuss hinreichend berichtigt werden könnte. Es fehlten ihm dreihundert
Gulden; der Arme ging zum Senior Familiae, und dieser? Er hatte nur eben Zeit zu
einem Vorschlage, der dem Seligen bis in die Seele ging. Er schlug ihm vor,
seinen Wagen und vier Pferde zu verkaufen, um auszulangen.
    Vierzig Gulden war alles, was unser Selige erübrigte, und ein paar Füsse, die
seine schwermütige Seele mit genauer Not tragen konnten. Sein Leib wog nicht
vier Pfunde.
    »Vierzig Gulden,« sagt' er zu sich selbst und sah seinen ledig gewordenen
Geldbeutel an. Er hob ihn und fühlt' es, dass auch er noch zu schwer für seine
Füsse war. - Wenn sich doch Gott erbarmen wollte! rief er; hier in der Welt ist's
mit der Erbarmung aus! Wenn doch Gott sich erbarmen wollte! - Wenn er doch meine
Tränen so zählen wollte, wie die Schlucker mein Geld! Er hatt' auf diesen
sauern Tag eine angenehme Nacht; es träumte ihm, dass das Lustäuschen und das
Gärtchen, welches, wie er verarmte, subhastirt ward, ihm wieder zufielen, und
alles so grün, so schön, dass es ihm dünkte, als hör' er die Stimme: Ei du
frommer und getreuer Knecht, du bist über wenig getreu gewesen, ich will dich
über viel setzen; gehe ein zu deines Herrn Freude.
    Was das für eine Freud' im Traum war, schreibt er, ist unaussprechlich! So
was kann man nicht leben, so was muss man träumen. Er ging zu Fuss aus Königsberg,
und es sei, dass die Ungewohnheit, ein Fussgänger zu sein, oder dass der gerechte
Schmerz über dergleichen Verfahren ihn noch tiefer als sein hohes Alter angriff,
unser Seliger ward in - - krank. Ich fühlte, schrieb er, beim ersten Stich in
der linken Seite, dass mein Stündlein vorhanden sei und die Erfüllung des
Traumes: Geh' ein zu deines Herrn Freude.
    Diese Worte wiederholte der Sterbende unzähligemal, und allemal mit einer
Freude, die wie Kraft der zukünftigen Welt aussah.
    Er hatte in Rücksicht seiner Wohnung nichts weiter auf seinem Herzen, als
die Bitte, seinen Tod in - -, wo er zu Hause gehörte, zu melden und alle, die
sich seiner erinnern sollten, grüssen zu lassen.
    Er hatte nicht Frau, nicht Kind. Gehabt zwar beides, allein beides war
vorausgegangen, um ihm dort entgegenzukommen. Gott ruft mich, schreibt er, zu
rechter Zeit. Ich habe meine Schulden bezahlt und bin keinem weiter als dem
lieben Gott schuldig, der mit mir wahrlich, das hoff' ich, anders rechnen wird,
als meine Verwandten. - Die mir zu tragen schwergewordenen vierzig Gulden
bleiben zu meinem Begräbnis und für -
    Und für waren seine letzten Worte.
    Ich hätte diesen Bruch, fuhr der Pfarrer fort, heben und es so erklären
können: und für den Pastorem loci; denn ich hab' ihn zweimal mit Gottes Wort
besucht und den glimmenden Docht der Hoffnung, die in ihm war, so wenig
ausgelöscht, dass ich ihn vielmehr vollends anfachte; - allein ich hab' Euch auch
all' an diesem und für Teil nehmen lassen wollen. Den Organisten und die
Leichenbegleiter - und an uns allen verdient der Selige einen Gotteslohn!
    Mir fiel eine natürliche Erklärung des und für ein. Da schon des
Begräbnisses erwähnt war, so hat der Selige, dacht' ich, mit seinem und für die
Dorfarmen gemeint; denn in Wahrheit, das waren bei seinen Umständen seine
nächsten Anverwandten. - Es gehen freilich verschiedene Sterbende, die noch viel
Unrecht auf ihrem Herzen und Gewissen haben, zur Beichte, um am Himmel nicht
aufgenommen zu werden; sie lassen sich hier plombiren, um dort bei der
Himmelspforte sich keiner Revision auszusetzen, und da trägt es sich freilich
wohl zu, dass dem Geistlichen, dem Besucher, etwas in die Hand gedrückt wird. -
Unser Todter, das wett' ich, nicht also!
    Wohl dem! rief unser Pfarrer aus, wohl dem, der, solang er mit seinem Bruder
auf dem Weg ist, das heisst, so lange sie beide die Strasse dieses Lebens gehen,
ihm ersetzt, was er ihm Unrecht getan, dem abbittet, den er beleidigt, den in
integrum restituirt, den er beschädigt hat. Wohl dem, der alles mit warmer Hand
abträgt! denn wie leicht kann der Gläubiger sterben? und die Ersetzung ist
alsdann nicht möglich; wie leicht kann der Lebens' lauf des Schuldners gehemmt
werden und wie leicht kann es kommen, dass sie aufhören, einen und denselben Weg
zu wandeln? Weh' alsdann dem Schuldner! Alles ist aus! - Er kann nicht mehr
bezahlen, so gern er auch wollte. Seine Münze galt nur in dieser Welt, mit einem
ewigen Vorwurf geht er in die Ewigkeit über. Diese Stelle überwog die ganze
Predigt. Wer sie liest, der merke drauf, solang er eine warme Hand hat, solang
er noch auf dem Wege mit seinem Gläubiger ist und mit ihm lebensläuft!
    Es starb der Selige (meine Leser hören wieder den Pastorem loci), seines
Lebens müd' und satt, mit der dringenden Bitte, ihm auf unserm Gottesacker ein
Räumlein zu gönnen, bei frommer Christen Grab. So wie Abraham zu den Kindern
Het, nach dem ersten Buch Mose im dreiundzwanzigsten Capitel, im vierten Vers
sprach:
    Ich bin ein Fremder bei euch, gebet mir Begräbnis; so sprach auch unser
Seliger, und obgleich er nicht vierhundert Sekel Silbers, das im Kauf gang und
gebe war, wie Abraham zu bezahlen im Stande war, so war unser Alter doch auch
nicht der Abraham und wir nicht die Kinder Het. - Das Plätzchen, das wir ihm
verstattet, ist kein Erbbegräbniss, wer wollt' auch seine Anverwandten mit den
zweitausend Gulden Capital und den Verzögerungszinsen zur Nachbarschaft haben!
Man erzählt, dass Hände, die ihre Eltern geschlagen, nicht verwesen, sondern aus
dem Grabe herauswachsen, obgleich ich viele ungeratene Kinder, bisher aber,
leider! noch keine herausgewachsene Hand gesehen habe. - Wahrlich, wir würden
alle die Hände der Anverwandten unseres Seligen sehen, wenn diese Sage wahr wäre
- und die Hand des Senioris Familiae, hager und ungestaltet, mit langen,
unabgeschnittenen Nägeln. - Wie schrecklich! - Nein - nicht für hundert Sekel
Silbers, das im Kaufe gang und gebe ist, nicht für tausend! - Für dich aber,
Seliger, machet die Tür unseres Kirchhofs weit und die Tore hoch, damit er bei
uns einziehe! - Wenn der Fall nicht so, wie er wirklich ist, gewesen wäre, wir
hätten keinen Dreier für dieses Plätzchen genommen. - Die Kirche dankt dir,
lieber Seliger, für das, was sie durch meine Hand erhalten hat, und ich danke
dir für das, so uns allen zugewendet worden, bis auf den letzten Träger. Judas
verriet wegen dreissig Silberlingen seinen Meister. - Hier sind freilich nur
vierzig Kupferlinge, und es ist allerdings mehr Schein als Sein dran, indessen,
wie bald wird sein abgetragener Leib in einer Hand Raum haben. - Diese Handvoll
ehrliche Erde gibt er uns ohnehin als Agio von den vierzig Gulden.
    Uns allen lehre der Herr unseres Lebens bei dieser Gelegenheit unser Schein
und Sein, das heisst, er lehr' uns wohl bedenken, dass wir nicht wissen, wann der
Herr kommt. - Darum wachet! So gesund wir scheinen, so ist doch nichts gewisser,
als dass es ein Ende mit uns haben müsse, dass unser Leben ein Ziel habe und wir
davon müssen. Das ist unser Sein!
    Ihr Gebeugten im Volke, freuet euch in dem Herrn, und abermals sag' ich
euch: freuet euch, denn ihr werdet sterben! und eben dann, wenn ihr nicht aus
noch ein wisst, wird euch der Herr gen Himmel zeigen - da werdet ihr Friede haben
und nicht hören die Stimme des Steuereinnehmers, da werden getrocknet werden die
Tränen von den Wangen der Wittwen, da werden die Gottlosen aufhören mit Toben,
und sanft ruhen die des Lebens Last und Hitze getragen haben. - Fasset eure
Seelen in Geduld, und wenn euch eine Krankheit anficht, denkt, dass sich eure
Erlösung naht. Seht an den Feigenbaum und alle Bäume, wenn sie jetzt
ausschlagen, so seht ihr's und merkt, dass jetzt der Sommer nahe sei, - Bei
Menschenkindern ist es umgekehrt. - Wenn der auswendige Mensch stirbt, fängt der
inwendige zu leben an. Gern hätt' ich diese Lebensumstände, die mir, so wie sie
da sind, gewiss nicht wenig Mühe gemacht, da sehr viele Worte halb verwischt und
viel unleserlich geschrieben war; gern hätt' ich, weil mir wohl bekannt ist, dass
ihr lieber einen Lebenslauf als eine Predigt höret; gern hätt' ich diese
Lebensumstände verstärkt, wenn ich mehr im Taschenbuche gefunden hätte. Zum
Beschluss wollen wir vom einunddreissigsten Vers bis zum sechsundvierzigsten des
fünfundzwanzigsten Kapitels des Evangelii Mattäi verlesen hören und verlesen:
    Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle
heilige Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit.
Und werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und er wird sie von einander
scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Und wird die
Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird denn der
König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommet her, ihr Gesegneten meines
Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. Denn ich
bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeiset. Ich bin durstig gewesen und ihr
habt mich getränket. Ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherbergt. Ich
bin nackend gewesen und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr
habt mich besuchet. Ich bin gefangen gewesen und ihr seid zu mir kommen. Dann
werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig
gesehen und haben dich gespeiset, oder durstig und haben dich getränket? Wann
haben wir dich einen Gast gesehen und beherbergt? oder nackend und haben dich
gekleidet? Wann haben wir dich krank oder gefangen gesehen und sind zu dir
kommen? Und der König wird antworten und sagen zu ihnen: Wahrlich, ich sag'
euch, was ihr getan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt
ihr mir getan. Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Gehet hin von mir,
ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen
Engeln. Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich nicht gespeiset. Ich bin
durstig gewesen und ihr habt mich nicht getränket. Ich bin ein Gast gewesen und
ihr habt mich nicht beherberget. Ich bin nackend gewesen und ihr habt mich nicht
bekleidet. Ich bin krank und gefangen gewesen und ihr habt mich nicht besuchet.
Da werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich gesehen
hungrig oder durstig, oder einen Gast, oder nackend, oder krank, oder gefangen,
und haben dir nicht gedienet? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich,
ich sag' euch, was ihr nicht getan habt Einem unter diesen Geringsten, das habt
ihr mir auch nicht getan. Und sie werden in die ewige Pein gehen, aber die
Gerechten in das ewige Leben! - -
    Ins ewige Leben verhelf' uns alle zusammen der Herr des Lebens, Amen!
    Nach der Predigt liess der gute Pfarrer singen: Lieber Gott, wann werd' ich
sterben, und seine werten Zuhörer, welche bis auf mich lauter Bauern und
Fischer waren, sangen dies Lied mit einem so himmlisch-sehnsuchtsvollen, der
Welt abgestorbenen Herzen, dass ich sehr gerührt ward. Man hörte es ihnen genau
an, dass niemand unter ihnen vierzig Kupferlinge im Vermögen hatte, und dass sie
alle des Tages Last und Hitze dieses Lebens trügen. - Der Pfarrer sang ebenso
herzlich, nur mit dem Unterschiede, dass er mit seiner Stimme die ganze Gemeinde
commandirte.
    Meinen Lesern zu Gefallen, die kein Gesangbuch haben, will ich die Stelle,
die mir der Pfarrer vorzüglich ins Ohr und Herz sang, abschreiben:
Lieber Gott, wann werd' ich sterben?
Meine Zeit läuft schnell dahin,
Und des alten Adams Erben
(Wo ich auch ein Erbe bin)
Haben dies zum Vaterteil,
Dass sie eine kleine Weil'
Arm und elend sind auf Erden,
Und am Ende Erde werden.
Ich mit allen meinen Brüdern
Lebe eine kleine Zeit,
Trag' ich nicht in allen Gliedern
Samen zu der Sterblichkeit?
Geht nicht immer da und dort
Einer nach dem andern fort?
Und wie mancher liegt im Grabe,
Den ich hoch geehret habe.
Aber, Gott, was werd' ich denken,
Wenn es wird zum Sterben gehn!
Wo wird man den Leib versenken?
Wie wird's um die Seele stehn?
Ach, ein Kummer fällt mir ein:
Wessen wird mein Vorrat sein?
    Man hätte glauben sollen, das Gewissen hätte beim guten Pfarrer wegen seiner
Erklärung der Worte und für diese Reihe mitgesungen; allein ich versichere auf
Ehre, das Gewissen gab seine Stimme nicht dazu. - Beinahe möcht' ich das
Gewissen auf ein Haar kennen, wenn es mitsingt. - Es hält selten Melodie, singt
lahm und so, als dürft' es nicht.
    Schriebe meine Mutter dies Buch, sie hätte von diesem Liede seinen
Buchstaben ausgelassen; indessen will ich einigen meiner Leser diesen Gefallen
tun.
    Die ganze Gemeinde, o Gott! wie inbrünstig sang sie diese Zeilen:
Lieber heute noch als morgen,
Denn ich werd' einst auferstehn!
Ich verzeih' es gern der Welt,
Dass sie alles hier behält,
Und bescheide meinen Erben
Einen Gott'. - der wird nicht sterben!
    Vorzüglich fiel mir ein alter Mann bei dieser Stelle auf, der unfehlbar
nicht mehr Träger wegen seiner sehr hohen Jahre sehn konnte, und sich in einem
etwas finstern Kirchenwinkel aufgestützt hatte. - Ich hätte mich nicht entalten
können, diesem Aufgestützten etwas aus meinem anexoy kai apexoy zu geben, wenn
ich es bei mir gehabt. - Diesem alten Manne gehörte, das merkte man, noch ein
Haufen Kinder an, der um Brod schrie. Es war recht, als wenn alle diese Kleinen
mitleierten.
    Zwinge dich nicht, schreibt meine Mutter, ohne Geld auszugehen, das heisst:
aus einem guten ein schechter Mensch werden wollen. - Diessmal freut' ich mich
aber, ohne dieses versiegelte Schatzpäckchen gewesen zu sein, da ich zu Hause
kam; denn ich hätte mich in Wahrheit nicht gehalten und meines Vaters Auflage
geradezu entgegengehandelt! »In der grössten Not!« Dies brachte mich zum Gelübde
bei mir selbst, dies Schatzpäckchen nie bei mir zu tragen. Ohne Geld aber, liebe
Mutter, werd' ich nicht ausgehen.
    Bei der letzten Strophe, die ich meinen Lesern auch nicht entziehen will,
war der Ton ganz anders:
Herrscher über Tod und Leben,
Mach' einmal mein Ende gut!
Lehre mich den Geist aufgeben
Mit recht wohlgefasstem Mut!
Hilf, dass ich ein ehrlich Grab
Neben frommen Christen hab',
Und auch selber in der Erde
Nicht zu Spott und Schande werde!
    Ob nun gleich der Alte, den ich bis oben zu begraben gesehen, nicht der mit
dem einen Handschuh war, als welchen Handschuh ich mitin ebenso wenig als den
Segen dieses Himmlischen aus seiner Hand erben konnte, so war ich doch sehr
belohnt, dass Mittag und Abend in einemweg gehalten ward. - Ich dacht' an Mine,
wie beim Schloss in Mitau und bei aller Gelegenheit, und wie hätte wohl ein
Vorfall, der mich zum Stehen, zum Denken bringen konnte, nicht zugleich Mine und
ihn in einem Paar darstellen sollen? Wenn man liebt, ist überall schöne Natur
für den Liebenden.
    Mein Reisegefährte kam eben von der Jagd und hatte drei Vögel erlegt, die
wir uns braten liessen. Ich hatte noch nichts gegessen und er hatte sich
weidmännlich ermüdet.
    Indem wir uns niedersetzten und ich ihm von meinem Todten, er mir von seinen
drei Vögeln erzählte, siehe da, der Pastor loci! und mit ihm ein
Melotenpflastergeruch, so dass der Pastor die ganze Stube würzte.
    Er konnte nicht unterlassen, denjenigen, der heut ihm die Ehre getan, sein
Zuhörer zu sein, näher kennen zu lernen, und da wir aus seiner Art sich zu
führen uns überzeugten, dass er nicht abschlagen würde, mit uns vor'n Willen zu
nehmen, so baten wir ihn, seine Kapuse abzulegen. Der Herr v. G. erzählte, eben
drei Vögel geschossen zu haben. Eben drei? sagte der Pastor und fand hiebei was
Besonderes. Der Mann einen Vogel! beschloss ich, und der Pastor konnte nicht
aufhören zu wiederholen: eben drei! Der arme Pfarrer entdeckt' uns gelegentlich
seine recht schlechte Verfassung. - In Curland, sagt' er, sind meine Herren
Amtsbrüder Edelleute! Mögen sie doch. - Wenn ich nur einen bessern Fang wie
vor'm Jahr hätte!
    Diesen Wunsch klärt' er uns durch die Erzählung auf, dass er auf den
Drosselfang gewiesen wäre und dieses ein Hauptaccidenz bei der Pfarre sei. -
Unfehlbar war dies die Ursache, warum er: eben drei! so oft sagte. Wir öffneten
dem armen Pastor noch unsern Esskorb, den uns die Frau v. G. reichlich gefüllt
hatte. Unser Wein war ihm Labsal. - Ich konnte mich kaum des Lachens entalten,
da er den heut Begrabenen einen Zugvogel nannte. Da ich die Verfassung dieses
ehrlichen Drosselpfarrers hörte, fand ich die Erklärung, die er von den letzten
Worten:
    und für
    gemacht hatte, der Sache so vollkommen angemessen, dass ich überzeugt war,
das Geld hätte nicht besser angelegt werden können, wenn es ins Hospital
gekommen wäre. Die sogenannte Pastoralklugheit ist, in einer guten Uebersetzung,
eine wohlehrwürdige Bemühung, auf anderer Leute Kosten zu leben; bei unserm
Drosselpastor nicht also.
    Ich erkundigte mich noch nach verschiedenen Umständen des zur Ruhe
Gebrachten; allein ausser dem, was der gute Pfarrer in der Kirche angebracht,
wusst' er kein Wort.
    Ich gab dem Pastor loci für den Alten, der sich in einem finstern
Kirchenwinkel aufgestützt hatte und die Worte:
Und bescheide meinen Erben
Einen Gott, der wird nicht sterben!
überlaut sang, eine Kleinigkeit, um sie ihm morgen abzugeben. So hat er, sagt'
ich, zwei frohe Tage - denn wenn er gleich Alters wegen nicht getragen hat -
    Allerdings, fiel der Pfarrer ein, ich habe die Anordnung gemacht, dass sie
alle was zu essen und zu trinken haben. Der Alte ein Teil mehr, weil er noch
ausser den grossen Kindern drei kleine Kinder zu Hause hat.
    Da der Pastor hörte, dass wir auf die Akademie gingen, wünscht' er uns
tausend Glück. Mit einer besondern Freude, die ihn wohl kleidete, erzählt' er
von seinen akademischen Jahren, wo er sich alles ganz genau zu besinnen wusste,
wie alle von gewissen Jahren, die nach Art von Leuten, welche trefflich in die
Ferne sehen, schlecht aber in der Nähe sehen können, alles haarklein wissen, was
in ihrer Jugend geschah, wenig aber oder gar nichts von dem, was gestern und
ehegestern vorfiel. - Das ist die beste, beste Zeit, sagt' er, sobald man ein
lastbares Geschäftsvieh wird, ist's aus. Ich pflüge zwar Gottes Acker, indessen
fallen doch all' Augenblicke Menschensatzungen vor. Wohl dem, mein Herr v. G.,
dem die Geburt das Recht gegeben - ein Mensch zu sein für ein Amt zu halten.
»Wenn Jagden dabei sind,« fiel ihm Herr v. G. ein.
    Der ehrliche Pfarrer liess sich merken, dass er herzlich gern einen Adjunctus
hätte, und wenn es auch nur der Gesellschaft und der Maulbeerbäume wegen wäre,
welche das ehrwürdige Consistorium ihm zu pflanzen ausgegeben hätte. Endlich kam
seine Tochter Marte hinter dem Berge hervor, und man sah wohl, dass der
Adjunctus nicht bloss seiner Gesellschaft und der Maulbeerbäume halber gewünscht
ward. Noch hat er keinen gefunden, der einen so überwiegenden Drosselgeschmack
gehabt, dass er ihm andere Vorteile aufzuopfern kein Bedenken getragen hatte. -
Man sagt, setzte er hinzu, dass man darum nicht gern ein Testament mache, damit
den Erben nicht die Zeit zu lang würde; allein ich versichere auf Ehre, dass ich
bei der Anfrage meines Schwiegersohns, wie ich geruhet und wie ich mich befände?
keine Falschheit vermuten würde.
    Die Gegend war wüst und öde. Ich habe keine Biene gehört, und ich wollte was
drum geben, dass hier kein Bienengewächs im ganzen Bezirk aufzutreiben gewesen.
    Nachdem der Pastor drei bis vier Gläser Wein getrunken hatte, sang er das
Studentenliedchen:
                                Vivat Academia!
    Nach dem Liede (dacht' ich mit einem Verwunderungszeichen), nach dem Liede:
    Lieber Gott, wann werd' ich sterben?
Indessen, wenn gleich ein solcher Zugvogel nicht tagtäglich kommt, so wird ein
Prediger doch mit der Zeit mit dem Tode so bekannt, wie eine geübte Wöchnerin
mit einer Entbindung. Mut, das bin ich vollkommen überzeugt, ist nicht Stärke
der Seele, sondern Bekanntschaft mit dem Gegenstande.
    Unser alter Pfarrer war nicht ohne Empfindung; er ward sehr leicht rot,
wenn man ihn nur mit einem Blick etwas zu hart anfühlte. Gleich rot - ist ein
so sicheres Zeichen von einem empfindlichen als empfindsamen Menschen, von einem
Menschen, der sich fühlt, und der auch fühlt, was um und neben ihm ist; so wie
es was Sanftes, was Weibisches verrät, wenn man Musik liebt! - Der gute Pastor!
in Wahrheit, er brauchte keinen andern Beweis von seiner Frömmigkeit, als sein
heiteres, Gott ergebenes Auge, in dem Ruhe und Zufriedenheit lag. Ich will
nicht, sagt' er, wie Israel über die Wachteln murren, und wär' es auch der
vierzig Wüstenjahre, der vierzig Festungsjahre wegen - ich bin schon, fügt' er
seufzend hinzu, zehn Jahre bei dieser Wachtelstelle.
    Es wusst' unser Gast nicht viel von dem Zustande der Königsberger
Universität, ausser, dass er uns einen Catalogum lectionum aus den
Intelligenzzetteln vorwies und uns versicherte, dass es noch bis jetzo nicht
friedlich herginge; er war ein Inpietist, denn einen Ortodoxen kann ich ihn
nicht nennen, falls nämlich die Ortodoxie, wie ich fast vermute, eine Strenge
der Observanz ist, sich und andere an angenommene Regeln zu binden. - Ihm schien
der Pietismus so sehr nicht zu Herzen zu gehen, obgleich er nicht umhin konnte
zu bemerken, dass die Pietisten viel sähen, was kein Inpietist sähe, und viel
empfänden, was sie nicht ausdrücken könnten. Es blieb dabei, ohne die
inpietistische Partei unsers guten Pastors zu nehmen, dass Gedanken, die man
nicht ausdrücken könnte, unreifes Obst wären. Bald, sagte der Pastor, hätt' ich
gesagt, dass ein Wort ein verdauter Gedanke sei. - Er ward rot dabei.
    So wie Gärtner ihre Blumen oft so pflanzen, dass die Farbe einer in die
andere spielt, und dadurch jede einzelne verdirbt, so ist's auch auf
Universitäten.
    Bei dem zweiten Vers des:
                                Vivat Academia!
ward die Frage aufgeworfen, warum man beim Trunk so gern Lärmen mache und
vorzüglich Fenster einwürfe; welches auch solche Jünglinge täten, die bei
spätern Jahren einen stillen, innerlichen Rausch bekämen?
    Unser Pastor nahm Abschied. Sein letztes Wort war vivat Academia! Wir
verpfändeten uns schliesslich, so oft wir diese Strasse zögen, uns ihm
aufzudringen. Dies Wort bitt' ich zu streichen, fiel er ein; vielleicht gibt mir
Gott bald ein Stück Brod anstatt der Drosseln, und alsdann bitt' ich zu mir -
alles andere: Gott sei mit Euch, lebt wohl, fasst' er zusammen in das
vielbedeutende vivat Academia!
    Kaum hatten wir uns niedergelegt, so hörten wir einen schrecklichen Streit,
den unsere Fuhrleute, die von Mittag bis Abend in einem Zuge gezecht hatten,
erregten.
    Ich wollte Mittler sein, allein mein Reisegefährte verbat es dringend.
    Warum, Bruder, willst du gerad oder ungerad spielen? Deine Worte werden
nichts gegen diese Rosse und Mäuler verfangen. - Glaub' mir, ich zittere vor
einem Lande, wo ein Fuhrmann Major, sein Schwestersohn Junker und ein Pastor ein
Drosselfänger ist.
    Das Ungewitter legte sich und stieg wieder auf - ich schlief vielleicht beim
härtesten Schlag ein.
    Habt Ihr je in einer Gesellschaft, in der alles überlaut war, auf Euerm
Stuhl geschlafen? Wie süss! - Mein Reisegefährte versicherte mich des folgenden
Tages, dass er noch nach meinem Einschlaf zwei Stunden gewacht hätte.
    Ich. Aus Furcht, Bruder?
    Er. Ich kann es nicht läugnen -
    Ich. Entschliesse dich, Bruder, meinem Beispiele zu folgen. Ich fürchte mich
nur vor der Furcht; das scheint ein Wortspiel, allein es ist ein richtiges,
wahres Wort. - - Auf mein Wort gehe hin und tue desgleichen!
    Unser Major und Junker waren mit den Wirtsleuten des Hauses an diesem guten
Morgen so einig, dass man nichts anderes hört' als Bitten: bald, bald wieder
zuzusprechen, und Versprechungen: bald! bald!
    Wie schön es sich, sagte Herr v. G., nach dem gestrigen Gewitter abgekühlt
hat! - Da siehst du, Bruder, erwiedert' ich. - Der Teufel traue den Preussen,
beschloss er. - -
                                     * * *
    Und nun in Königsberg! Ein grosser, weitläufiger Ort. - Ich fragte meine
Fuhrleute, wo dieser und jener Professor wohne, die mir dem Namen nach bekannt
waren. Das weiss Gott am besten, sagten sie.
    Im Kneiphof gehört die Akademie in die Kirche; und vor diesem kam der
Magnificus mit einem Purpurmäntelchen, es war spannenlang und mit einer goldenen
Borte bebrämt, alle Michaelis und alle Ostern in diese Kirche.
    Nun nicht mehr?
    Nein, nun nicht mehr. Man erzählt, dass ein grober Kerl von Bauer, der von
ungefähr zu dieser Ceremonie zu Mass gekommen, überlaut (der Püffel! doch was
versteht ein Bauer von Safran) gesagt haben soll:
    »Wie sich doch so ein alt und wohlbetagter Herr noch zum Narren macht!«
    Nach der Zeit geht der Magnificus ohne spannenlanges Mäntelchen in die
Kirche.
    Die Kneiphofsche Kirche ist der Dom und auch die akademische Kirche. Die zur
Akademie gehörigen Gebäude sind in einer so vertrauten Nachbarschaft mit dieser
Kirche, dass alles wie Eins aussieht. - Dies ist eine Erklärung zur
Fuhrmannserzählung.
    Wir stiegen bei dem Major ab, der uns zwei Zimmer mit der Versicherung
aufräumte, dass wir sie so lange gebrauchen könnten, bis wir ein gutes Quartier
bekommen würden. Er für sein Teil schlüg' uns die Magistergasse im Kneiphofe
vor, wo die meisten Studenten logiren - und der Name selbst schien ihm sehr
angemessen. Es währte nicht drei Stunden, so waren drei Landsleute bei uns,
welche die Sorge über sich nahmen, uns ein Quartier zum Küssen, wie sie's
nannten, anzuangeln. Dies Wort war damals, so wie das Wort fidel,
Universitätsparole.
    Diese Nacht blieben wir bei unserm Fuhrmann. Den Morgen um neun Uhr kamen
schon unsere fidele Landsleute, verstärkt mit drei andern: das Quartier zum
Küssen war angeangelt - und wir Burschen (um ganz akademisch zu sprechen) zogen
vom Pferdephilister aus.
    Ist es Hecht oder Barsch? fragt' ich, was Sie uns angeangelt haben, und sie
lachten herzlich über eine so unakademische Frage.
    Wir gingen unser Quartier besehen, das uns über alle Massen gefiel. Es hatt'
es ein Curländer bewohnt, der heim reiste, um nachher in französische Dienste zu
gehen.
    Warum in französische? sagt' ich.
    Zum grössten Teil der Sprache wegen. Auch gut! Ehemals verliebte man sich,
um Französisch und das Feine der Sprache, das je ne sais quoi des Herrn v. W.,
zu lernen.
    Es ward verabredet, dass die Landsmannschaft von dem Abziehenden und den
Anziehenden bewirtet werden sollte. Jeder, sagten die Aeltesten und Vorsteher,
gibt sein Teil, und zwar der Abziehende allein so viel, als Ihr Anziehende
beide - denn er kommt bald nach Canaan.
    Um indessen diesen Schmaus mit Ehren zu geben, ward beschlossen, dass wir
zuvor immatriculirt werden sollten.
    Einer der Landsleute begleitete uns zu Sr. Spectabilität, wie man den
Decanus der Facultäten nennt, zum Examen.
    Curländer? fanden Se. Spectabilität, der Decanus der philosophischen
Facultät für gut zu fragen, als wollten Sie zugleich andeuten, dass das Examen
darnach eingerichtet werden würde. Man hat überhaupt die Gewohnheit, Fremde
entweder ganz und gar nicht, oder höchstens nur sehr wenig zu examiniren. - Es
sind, wie sich unser ehrlicher Pastor in - - ausgedrückt haben würde, Zugvögel.
    Se. Spectabilität schienen ohnedem überschwenglich lustig, und, wie wir nach
der Zeit erfuhren, waren Sie die Nacht vorher Grossvater geworden. - Sie kamen
uns mit einem Mund voll Latein entgegen und erkundigten sich in dieser Sprache
nach unserm Namen, Geburtsort und Alter. Ich antwortete sehr behende, und da das
lateinische Gespräch bloss zum Spass angehoben, von mir aber im Ernste fortgeführt
wurde, so wollten Se. Spectabilität es durchaus nicht glauben, dass ich ein
Curländer wäre. - Nachdem ich ihm dieses in lateinischer, nachher aber, um es
desto kräftiger zu machen, auch in deutscher Sprache versicherte, fand er für
gut, mich zu fragen: ob mein Vater ein Curländer wäre? Dies setzte mich aus
aller Fassung, besonders da er diesen Ausfall in reinem Deutsch tat, und meinem
Reisegefährten diese verfängliche Frage zu Ohren gekommen war. Ich ward blutrot
- und nach einer Weile (dergleichen Empfindung ist immer wie ein kaltes Fieber)
fühlte ich, dass ich wie eine bleich gewordene Rose ausgesehen haben müsste. - Der
Professor (das merkte ich auch) sah mich so an, wie man eine bleich gewordene
Rose anzusehen gewohnt ist - mit einer grossen Teilnehmung. Er trieb diese Frage
nicht weiter; allein ich war bestimmt, bei Sr. Spectabilität aus dem Regen in
die Traufe zu kommen.
    Erst einige Fragen nach Art meiner Grossmutter mütterlicher Seits, z.B. wie
sich latinum von latinitas unterschiede?
    Was der Magister Saliorum für eine Würde bekleidet? Was für ein unlauteres,
unortodoxes Wort dem Tiberius Gewissensbisse gemacht, da er Neujahrsgeschenke
verbeten und darüber ein Edict erlassen?
    Wie Attejus Capito, dem er darüber gebeichtet, ihn absolvirt?
    Was Marcus Pomponius Marcellus, als der zweite Hofprediger, ihm im
Beichtstuhl gesagt?
    (Jener meinte, das Wort könnte wohl dem Kaiser zu Gefallen auf- und
angenommen werden, dieser aber war so stockortodox, dass er dem Kaiser geradezu
sagte, er könne zwar den Menschen das Bürgerrecht erteilen, allein den Worten
nicht.)
    Was den Virgilius bewogen, wie er selbst gesagt, aurum ex Ennii stercoribus
legere, und warum er nicht, da doch Ennius ingenio maximus, arte rudis gewesen,
lieber geradezu, zur Natur oder zum Homer, gegangen, der für uns Adam der Natur
ist, ob es gleich in diesem Stück Präadamiten gegeben?
    Bei jedem grossen Werk müssen zwei Köpfe arbeiten, wenn auch der eine nur den
Kalk löschen, oder einen Grundstein legen oder abmessen sollte. Moses und Aaron
sind gemeinhin nötig. Einer erfindet, der andere sagt. Einer schafft den Leib,
der andere die Seele. Einer weiset den Weg, der andere geht. Niemand, der
sterblich ist, kann ein selbstständiges Genie sein!
    Hier ein Wort von der Natur des Dichters und von dem Lande, wo er sie
pflückt.
    Er pflückt seine Natur, denn der Ort, wo er sie nahm, ist, wenn man die
Natur wieder sucht, die der Dichter beherzigte, wie abgemäht, man sieht
höchstens die Stätte; das, was der Dichter sah, ist es wohl mehr ersichtlich?
    Des Dichters Natur ist unsterblich. Sie macht die Seele, die Monaden in
seinem Werke.
    Man sagt, und in Wahrheit, kluge Leute sind unter diesem Man sagt
inbegriffen: Ergiebiger Boden zieht nicht Genies, sondern schwieriger. - Nicht
also! Reiset nach Holland, um nur eine einzige Reise vorzuschlagen, hier hat der
Fleiss alles getan. Wie das Land, so die Köpfe. Ein schwieriger Boden zieht
Kritik, ein ergiebiger Genies.
    Wieder eine Frage.
    Was den Casimirus, den vierten König in Polen, zum Befehl bewogen, die
lateinische Sprache in Polen zu treiben?
    In wie viel Tagen Josephus Justus Scaliger, des Jul. Cäs. Scaliger Sohn, den
ganzen Homer, und also 63,000 griechische Verse, durchgelesen und zwar so, dass
die Frage wegfiel: verstehst du auch, was du liesest? Es waren, glaub' ich,
einundzwanzig. Elias, setzten Se. Spectabilität hinzu, oder, wie er sich
schreibt, Helias Putschius, der, sobald er auf die Welt kam, herzlich zu lachen
anfing, bis in sein vierzehntes Jahr kein Latein konnte und eben drum als
Grammaticus und Criticus es so weit brachte wie Einer, nennt den Joseph in
seiner Epistola dedicatoria vor den zweiunddreissig Grammatiken, die er
kommandiert,
                       illustrem et incomparabilem virum.
(Wir sollten, bemerkten Se. Spectabilität, alle später die Wissenschaften
anfangen, alle wie Putschius sein Latein. Wir wären auf Ehre weiter! -
Frühzeitige Unterrichte sind seine Ketten, die uns binden, oft so sein wie
Seidenfäden. - Bei spätern Anfängen würde der Schüler, wo nicht selbst was
erfinden, so doch den Lehrer drauf bringen.)
    Die Scaliger bildeten sich ein, aus dem Geschlecht der Fürsten de la Scala
abzustammen, sagten Ge. Spectabilität. Jammer und Schade, fuhren Sie fort,
Putschius vergass sein Latein bald, denn er starb im sechsundzwanzigsten Jahre,
so, dass er also nur etwas über zehn Jahre Latein gekonnt hat. - Se.
Spectabilität kamen wieder auf Ihre Rätselaufgaben und wandten sich zur
Auflösung Notarum und vorzüglich juridicarum, und so wie unser Grossvater sich
herzlich aufhielt, dass man Aut verkürzt durch A. Ante durch AN. Auctor durch
AVCT. Est durch E., so gab er mir vielerlei Abbreviaturknoten zu entziffern und
zu lösen. - Ich liess mich mit einer Bemerkung hören, wie man ein Volk aus der
Sprache kennen lernen und beurteilen kann; so sind, sagt' ich, in der Sprache
vorzüglich diese Abbreviaturen, sobald sie ins Allgemeine gehen, eine Findgrube.
Sie sind das Volk in compendio. Jeder Mensch hat indessen seine eigenen
Abbreviaturen, und dies ist ein Grundriss eines jeden Menschen. - Bei dem
Abbreviaturknoten bewies ich mich als Alexander, und da das meiste, so bis dahin
verhandelt war, lateinisch zwischen uns vorfiel, so konnte mein Reisegefährte
und Begleiter nicht wissen, wo ich ging und wo ich stand - mitin wussten sie
nicht, was aus dem Kindlein werden würde.
    Kann was Aehnlicheres zwischen meiner Grossmutter mütterlicher Seits und
diesem seit der vorigen Nacht gewordenen Grossvater sein? Meine Grossmutter ist
mir seit der Zeit eben so spectabilis (sichtbar) als ein Decanus. Seltene Fragen
sind seltene Fragen. Rätsel sind Rätsel. Knoten sind Knoten. Die Sprache tut
hiebei nichts.
    Ich rechne nicht bloss auf Leser, sondern auf Leserinnen, und diese guten
Kinder haben nicht nötig, mit fremden Kälbern zu pflügen und ihre Liebhaber
wegen einer Uebersetzung, die ohnehin stutzerfrei ausfallen dürfte, in Anspruch
zu nehmen; denn was der Magister Saliorum für eine Würde bekleidet, heisst mit
andern Worten, was der Engel Gabriel für Federn in seinen Flügeln gehabt? und
alles, was sie von Tiberius, Ennius, Attejus Capito und Marcus Pomponius
Marcellus gelesen, betrifft den Nabel des Adams, die Farbe Rahels, die Frage: ob
David ein Adagio oder ein Allegro vor Saul gespielt? Ob Pilatus sich mit Seife
gewaschen, und wie viel Selas in der heiligen Schrift vorkommen?
    Durch die Auflösung der Abbreviaturen, wo ich - meine Leser wissen warum?
ging und nicht am Berge stand, wetzt' ich alle gemachte Scharten aus, und Se.
Spectabilität beliebten mich wirklich auch für ein sichtbares Geschöpf zu
halten, wofür ich Sr. Spectabilität noch jetzt dienstergebenst verbunden bin.
    Nun liessen mich Se. Spectabilität einige Stellen aus den Carminibus
saliariis ins Latein künsteln, und sodann dieses Kunststück mit einigen Stellen
aus den zwölf Tafeln machen.
    Meinem Reisegefährten bot er auch einen lateinischen Rapier an; allein er
erhielt eine abschlägige Antwort, und ich nahm das Wort für ihn.
                  Os aiei ton omoion agei teos os ton omoion,
sagten Se. Spectabilität, und ich weiss nicht, ob diese Stelle, oder ein Hund,
der auf der Strasse sich hören liess, und eben dadurch den Herrn v. G. aufsprengte
und ans Fenster zog, Se. Spectabilität auf die Frage brachte: Ob auch im
Griechischen?
    Der ehrliche Noster holte seinen Homer - nicht aus einem russigen
Bücherschrank. Homer war so wenig wie die Bibel, die neben ihm lag, bestäubt.
Ich dachte, wenn ja ein Mann Grossvater zu werden verdient, ist er's. Er liess
mich eine der Lieblingsstellen meines Vaters, die ein adliches Tier anging,
übersetzen, ich wusste sie, eben weil es eine väterliche Lieblingsstelle war,
fast auswendig. Sie fängt an:
Os oi men toiayta pros allhloys agoreion,
An de kyon kepalhn the kai oyata keimenos esxen,
Argos, odysshos talasipronos, on ra potA aytos
Trepe men, oydA aponhto paros dA eis Ilion irhn
Oixeto. ton de paroiten agineskon neoi andres
Aigas epA agroteras, hde prokas, hde lagooys. - -
    Mein Vater hatte die Gewohnheit nicht angenommen, die häufig grassirt, das
Griechische zu verlateinen, ich musst' es verdeutschen, und diese Gewohnheit
behielt ich bei, und mein Reisegefährte lernte den Hund Argos kennen, der nach
zwanzig Jahren seinen Herrn Ulysses erkannte, sich von seinem Sterbelager
aufrichtete, mit dem Schwanze wedelte, indessen nicht mehr das Vermögen hatte
mit seiner Zunge seinen Herrn zu berühren, um ihm Dank zu lecken. - Dieser
weinte.
    Argos aber, der seine starren Augen noch angestrengt hatte seinen Herrn zu
sehen, starb, nachdem er ihn gesehen hatte, in Frieden. - Gott hab' ihn selig,
sagte Herr v. G., und eine Träne blinkte in seinen Augen - denn es war ein
Hund, von dem geredet war. - Herr v. G., Sie haben mich etwas sehen lassen,
sagte der Grossvater, was eben so gut ist, als griechisch verstehen. - Wollte
Gott, antwortete Herr v. G., ich könnte griechisch, des Argos wegen. - Es sind
mehr schöne Stellen im Homer, fuhr der Grossvater fort. - Herr v. G. wiederholte:
Des Argos wegen.
    Endlich singen Se. Spectabilität (auch dies, weit Sie Grossvater geworden
waren) etwas aus der lieben Weltweisheit an. Es sah so aus, als wenn wir einen
Ritt dran wagen wollten.
    Quid est -
    Wenn Ew. Spectabilität es im Deutschen erlauben?
    Der gute Mann stimmte bei, und aus unserm Examen ward ein Gespräch, ein
Piknik, wo jeder sein Schüsselchen gibt.
                                     * * *
    Die Philosophie und die deutsche Sprache - wollte Gott, dies; könnt' ein
Paar werden für und für! - Wollte Gott, unsere Philosophen möchten solche
Gewissenskoliken haben, als Tiberius über jenes Wort im Edict, und über dass Wort
Monopolium, von welchem mir bekannt ist, dass er es mit salva venia verbrämt, und
über das Wort emblhma, welches er, wie Se. Spectabilität beiläufig anzumerken
beliebten, aus einem Edict ausradiren lassen.
    Es gibt Naturphilosophie und Kunstphilosophie. Leben! Leben! Leben! und
Schulweisheit. Philosophie, die bloss weiss, und Philosophie, die weiss und tut,
gelehrten Wust und Weisheit. Aristoteles war ein Künstler, Epikur, Diogenes (mit
Fleiss zusammen) waren Naturalisten und Sokrates desgleichen. - Die künstliche
wird ganz und gar gelehrt, bei der natürlichen ist nur eine gewisse Metode, die
gezeigt wird. Das Fass des Diogenes, der Brei des Epikur, wie verehrungswert! -
Die Fenster im Auditorio, wo natürliche Weisheit gelehrt wird, gehen all' ins
gemeine Leben. - Die natürliche lehrt die Zeit gebrauchen, die künstliche sie
vertreiben. Die Naturphilosophie ist fliessend Wasser, Springwasser, die
künstliche ist Wasser, welches steht. Die Kunstphilosophie treibt
Commissionshandel, die Naturphilosophie hat bloss eigenes Product. Das Leben der
Naturphilosophie ist eine Copia vidimata ihrer Grundsätze, und zu ihren Angaben
ein solch erklärender nachhelfender Beleg, dass ohne Beilage sub Vide ihre ganze
Lehre wie gar nichts ist. Wohl dem, der von diesem Wasser des Lebens getrunken
hat! Die Idee der Weisheit liegt der Naturphilosophie zum Grunde, die nicht
gleichgültig, sondern gleichmütig macht. - Ist wohl ein passenderes Motto zur
künstlichen Philosophie, als »die Herren werden doch wohl Spass verstehen?« Will
man ein Emblem, so ist's ein optischer Kasten.
    Vom natürlichen Philosophen sagt man, er philosophirt. Ein künstlicher
Philosoph hat Philosophie. Er hat sie für Geld und gute Worte zum Verkauf und
zur Pacht. - Man muss es bei der Philosophie nicht anlegen, ein Buch, den
beliebten Autor, sondern die Sache zu verstehen. Man will sich vorzüglich selbst
verstehen und das Buch Gottes, die Welt - Diese Philosophie kann nicht auswendig
gelernt werden; es ist was Inwendiges, ein Philosoph zu sein. Denken und leben
heisst: philosophiren. Wenn man die Wissenschaften in die der Gelehrteit und die
der Einsicht einteilt, so würd' ich die künstliche Philosophie zur Gelehrteit
rechnen, und so wie man z.B. von einem Historikus sagen kann: er sei ein
Gelahrter, er habe viel gelernt, so auch von einem Kunstphilosophen. Die
natürliche Philosophie besteht nicht in Nachricht, sondern in Einsicht. Man kann
nicht vom natürlichen Philosophen sagen: er habe viel gelernt, allein er kann
viel lehren. Alle Vernunfterkenntniss aus Begriffen gehört zwar zur Philosophie,
allein der Philosoph ist eigentlich ein Führer der Vernunft, und bringt den
Menschen an Ort und Stelle. Der Mensch ist nicht bei sich, heisst oder sollte
heissen: er habe diesen eigentlichen philosophischen Weg verfehlt. Die Bestimmung
des Menschen, und die Mittel, dahin zu gelangen, das ist das Ziel, wo alle
philosophische Erkenntnis zusammentrifft. Es ist die Probe der Philosophie. Der
gemeine Mann meint und wünscht, und selbst dazu ist er ex speciali gratia
privilegirt; der Weise denkt und will. Verstand und Wille zusammen ist eine
Seele. Wer kann die Seele halbiren? Der Mann hat Geist und Leben, das heisst: der
Mann ist ein Philosoph natürlicher Art. Zwar sagt man auch, dies Buch hat Geist
und Leben, allein alsdann denkt man, der Verfasser, ein Philosoph her besagten
Art, hat es geschrieben und es sich so ähnlich gemacht, dass er ihm etwas Geist
und Leben abgegeben. Er hat es angehaucht - wie Gott den bis auf die Seele
fertigen Adam. Der Mann ist im Buche getroffen! - - - Oft hab' ich gehört, wenn
man den Mann sieht und sein Buch, sollte man sie wohl für Vater und Sohn halten?
Ja - und wenn ihr sie nicht dafür haltet, liegt es an euch. Wie der Autor, so
das Buch, per omnia saecula saeculorum. Jeder Physiognomist muss den Autor aus
dem Buche abziehen und zum Reden treffen. Das Buch hat Hand und Fuss, der Mann
hat Hand und Fuss, heisst ein Mann mit Winkelmass und Wage, der alles misst und
passt, und ein Buch von der nämlichen, richtigen, abgemessenen Weise, wo weder
Mangel noch Überfluss ist, sondern just die erforderlichen Gelenke. - Die
Naturphilosophie ist keine Feindin von reinen Vernunftsbegriffen, allein sie
bestätigt sie, wenn ich so sagen soll, auf der Stelle. - Sie schafft sich gleich
einen Abdruck - wie Gott die Welt. - Die Religion fängt heut zu Tage mit dem
Katechismus, und die Philosophie mit einem Compendio an. - Allein in Wahrheit,
man sollt' auf ein lebendiges Erkenntnis dringen, dann würde man doch einmal
einen Philosophen zu sehen bekommen.
    Rousseau, damit ich eine Bemerkung mache, die in unsern Tagen zu Hause
gehört, Rousseau (Schade, dass er todt ist!) war wirklich eine Spectabilität
unter den Philosophen. - Der blosse philosophische Künstler weiss nichts Rechtes,
nicht dass ein Gott ist; der arme Schelm! Man könnte die natürliche: Philosophie
kaiA exoxhn die künstliche: Vernünftelei nennen. Die Vernünftelei und die
Zweifelsucht sind Grenznachbaren. Ein Zweifler und ein Abergläubischer sind
Schwester und Bruder. - Ein Zweifler macht sich sein Leben nicht gemächlich. -
Nein, er hat sich mehr aufgelegt. Er hat Ja und Nein zu tragen, wenn er denkt.
Im Fall er aber bloss spasst, ist er nur ein Scheinzweifler, und ein Mann, der
alles der Nachfrage wegen hat. Man glaubt gemeinhin, ein Zweifler sei kein
Vielwisser, allein er ist es im eigentlichsten Verstande, und es kann gemeinhin
von ihm heissen: das Wissen bläset auf. Wer Dinge, die gäng und gäbe sind,
beprüft, und keinen Stein auf dem andern lässt, ist kein Zweifler, sondern ein
Prüfer, im Fall er nämlich aus pro und contra, aus links und rechts, sich etwas
auspunktirt, was Stich hält. Solch ein Mann ist nicht aufgeblasen, sondern
bescheiden. Seine Zweifel leiteten ihn auf den rechten Weg zur Ueberzeugung, zur
Wahrheit und zum Leben. - Ein Lehrer der Naturphilosophie kann von sich und
seinen Jüngern sagen: Ich leb' und ihr sollt auch leben. Wer hat je mit dem
Pietisten über die Wahrheit der christlichen Religion gestritten? Wer so lebt
als er lehrt, darf nur bitten, ihm die Ehre zu tun, bei ihm einzusprechen. Man
ist heut zu Tage von der Naturphilosophie so abgekommen, dass man den, der so
lebt als er lehrt oder glaubt, einen Schwärmer nennt. - Sehr unrichtig!
    Meine Leser werden, hoff' ich, nicht vergessen haben, dass sie zu einem
Piknik geladen sind, wo nur Se. Spectabilität und ich (meinen Vater kann ich
immer mit einrechnen) ihr Schüsselchen austrugen. Wenn ein Koch diese
Schmauserei angeordnet hätte, wär' es freilich abgemessener gewesen - ob
schmackhafter, weiss ich nicht.
    Ich bemühe mich auch hier, Lebensläufer zu sein, und diese Abschrift ist dem
Original ähnlich. - Wir fielen von einem aufs andere. Wir scheitelten die Haare
nicht. Würd' ich nicht einen Roman schreiben, wenn ich nicht auch von einem aufs
andere fallen und die Haare scheiteln sollte? Ein Roman! fern sei er von mir!
    Die Einteilung der Philosophie in die natürliche und künstliche ist die
Haupteinteilung, die philosophische Einteilung der Philosophie. Sonst gibt es
Einteilungen Gott weiss wie viel! - In Absicht der Kräfte des Menschen, in
Absicht der Principien, in Absicht der Objekte, der Erkenntnisse.
    Ein Philosoph muss das Allgemeine in concreto und das Einzelne in abstracto
erwägen, und wenn man gleich gern zugibt, dass bei jeder Wissenschaft die Idee
des Ganzen die Avantgarde macht, und dass aus der Einteilung des Ganzen die
Teile entstehen, und dass, um die Teile zu wissen, man erst das Ganze von
Personen zu kennen die Ehre haben müsse, so ist doch nicht gut, wenn ein
erschrecklicher Eingang präludirt und prologirt wird, ehe man zum Tema
schreitet, auch wenn die Präludia, wie die des Hermanns, noch so ausstudirt
sind. Wozu die Prolegomena und das erschreckliche Geschrei: da werden Sie sehen!
da werden Sie sehen! Gleich das Lied ist am besten! Wenn ich heisshungrig bin,
und der Wirt, der mich geladen hat, zeigt mir erst seine drei Porcellanservice
und sodann sein Silberzeug, und endlich seine Fayence, bis ich mich überhungert
und keine ordentliche Mahlzeit tun kann, wie wenig Ursache hab' ich, den Wunsch
einer gesegneten Mahlzeit anzunehmen und mich ergebenst zu bedanken; ich wollt'
anbeissen und nicht mit der Gabel anspiessen. Warum nicht kurz präsentirt: Herr
Gott, dich loben mir. Befiehl du deine Wege. Philosophie! Verstandes- und
Willensphilosophie, teoretische und praktische, wenn es ja nach der alten Leier
gehen soll. Vernunft-und Erfahrungsphilosophie. Empirische und rationale, und
damit die Einteilung in Rücksicht des Objekts nicht vernachlässigt werde -
Philosophie der engelreinen Vernunft und der menschlichen Sinne. Die Philosophie
der Sinne heisst die Naturlehre. Die Sinne sind zweifach, innerlich und
äusserlich. Was ich mit dem innerlichen Sinn gewahr werde, ist einzig und allein
meine Seele. Also gibt's Seelennaturlehre und Körpernaturlehre. - Empirisch und
rational kann jene und diese sein, und was kann nicht alles so sein? - - Ich
kann zwar nur mit mir selbst Seelenbetrachtungen anstellen, allein ich kann nach
dem Kennzeichen der Uebereinstimmung auf andere schliessen. Welch ein grosses
Wort: Lerne dich selbst kennen! - Mancher Philosoph, der sich auf die
Seelennaturlehre legt und viel darin philosophirt. kommt endlich zu einer Art
nota bene, zu einer Art von Geisterseherei, von Anschauung vom Platonismus und
mystischem Wesen. Es wird entzückt, und wenn man gleich mit dem Verstande nicht
sehen, sondern nur denken kann, so ist er doch in einer Verfassung, wo es heissen
könnte: Es hat kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, es ist in keines Menschen
Herz kommen, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben. Oft versehen sich
diese guten Leute so, dass sie an ihren Ort gestellt werden, der nicht der
angenehmste ist. - Biegen oder brechen ist die Losung dieser Seher. Jammer und
Schade, dass es gemeinhin bricht!
    Ist denn in den äussern Sinnen Wahrheit, ihr Sinnengläubige? Gehet die Sonne
an, geht oder steht sie? Selbst wenn unser Urteil mit der Erscheinung
übereinstimmt, und wenn man sagen kann, die Sache ist wahrscheinlich, ist sie
darum so und nicht anders?
    Gott allein kann die Gegenstände mit dem Verstand anschauen, denn sie sind
durch ihn und in ihm. - Er hat alles in originali, wir uns selbst nur so. - Was
heisst: Gott schauen und in Gott alle Dinge? - - Durch eine einzelne Vorstellung
erkennen, könnte man anschauen nennen, durch allgemeine Begriffe erkennen, würde
denken heissen. Man kann physisch und mystisch schauen, durch Körper- und
Seelenaugen. Die Seele hat, nach der Mystiker mystischem Dafürhalten, wie die
Cyclopen nur ein Auge.
    Die Logik ist Verstandesgrammatik. Die lehrt uns von keinem Gegenstande
etwas - selbst vom Verstande nichts; allein sie lehrt uns von Dingen, die wir
gar nicht kennen, viel, und was noch mehr ist, gelehrt - - reden. Von Dingen,
die man weiss, von denen man überzeugt ist, spricht man nur wenig. Man handelt
wie oben gezeigt worden. Dingen aber, von denen man nicht überzeugt ist, legt
man durch eine gewisse Hitze einen Grund bei. Man legt es recht dazu an, sich
dadurch, dass man den andern überzeugt, auch selbst zu überzeugen, und oft ist
man hiebei glücklich, so dass man in der Tat auch hier durchs Lehren lernt. Es
kann eine allgemeine Grammatik aller Sprachen geben, so auch eine des Denkens,
die nämlich allgemeine Regeln des Denkens entalten müsste. Was tun Wörter zur
Grammatik! Allgemeine Regeln der Sprachen würde eine allgemeine Grammatik sein.
Vielleicht hätte die lateinische dazu alle Anlage. Die Dialektik ist die Logik
des Scheins. Wahrheit ist der Inhalt der Erkenntnisse, mitin kann sie durch die
Dialektik nicht erkannt werden. Die Dialektik trägt die Livree des Verstandes,
sie ist die Kunst des Scheins, die Wissenschaft der Sachwalter und der
Skeptiker. - Die Römer waren nicht speculativisch in der Philosophie, sondern
gesund. Sie waren nicht Aristoteliker, sondern Menschen. Den Cicero machten die
Wissenschaften ruhig, denn er sprach wenigstens, wie Sokrates lebte, und schon
diese von der Naturphilosophie entzündeten Worte wehten ihm Ruhe zu. - Durch die
Scholastiker ist dem Summus Aristoteles ein Ehrengedächtniss gestiftet. Der
Ausleger weiss immer ein Drittel mehr, als sein Autor; so geht es immer, und so
ging es auch hier. Man findet von diesem Greuel der Verwüstung noch
Ueberbleibsel und vorzüglich sind diese Antiquitäten noch in der Logik zu sehen.
- Da gibt es Altertümer die Menge. (Einen Winckelmann bei den Antiquitäten der
Logik wünschte ich bloss der Seltenheit wegen; dieses ist ein Wunsch, der ohne
Fingerzeig weit jünger als mein Examen ist.)
    Des Aristoteles, Gott verzeih' mir meine Sünden! oder vielmehr seiner
Ausleger wegen - denn wahrlich, er für seine Person war ein Mann, der sich
gewaschen hatte - sollte man eine Feindschaft wider alle undeutsche Namen in der
Philosophie haben. - Die Ausleger! was sind sie meistenteils und was sind sie
in casu besonders? Kanäle in die Kreuz und Quer, die dem Lande die feuchte Kraft
nehmen und den Reisenden hindern.
    Viele behaupten, dass wir mit Erkenntnissen auf die Welt kommen, die man
allmählig herausspinnt, wie Garn aus Flachs, Diese halten die Seele für eine
beschriebene, andere halten sie für eine unbeschriebene Tafel. Beide für Tafeln
von Wachs, und nicht von Stein wie die Tafeln Mosis. Alle Sünden aus der
Erbsünde herleiten, heisst: eben dadurch eine wirkliche Sünde mehr begehen. Es
waren schon Weise des Altertums, die der Meinung waren, dass alles noch
Ueberbleibsel von unserer vorigen Gemeinschaft mit Gott wäre, dass alles, damit
ich mich deutlich und christlich ausdrücke, aus dem Paradiese herkäme. Was mein
Vater von angebornen Begriffen dachte, konnte ich nicht anbringen, Se.
Spectabilität überkreischten mich, und was Se. Spectabilität davon dachten,
ergibt sich ziemlich deutlich aus dem Vorigen. Sie glaubten, der Tisch sei nicht
mit Essen und Trinken besetzt; allein auf dem Tisch stände ein Beutel mit
Ducaten und Talern, gross und klein Geld, je nachdem die Fähigkeiten sind, Essen
und Trinken anzuschaffen. Die Erkenntnisse mögen nun aus den Sinnen geschöpft
werden, oder die Sinne mögen bloss Gelegenheitsmacher sein; dies sei der Weg zur
Erkenntnis.
    Es ist die Frage, ob wir alle gut, alle böse, oder bald gut, bald böse auf
die Welt kommen?
    Wenn wir in die Höhe wollen, müssen wir steigen. - Wenn der Mensch alles aus
dem lieben Gott beweiset, so will er ohne Leiter auf den Kirchturm; glückliche
Reise! So philosophiren, nenne ich einen leichtsinnigen Eid schwören. Man muss
sich nicht anders auf Gott berufen, als bis Not am Mann ist. Du sollst den
Namen deines Gottes nicht unnützlich führen! - Eure Rebe sei ja, ja, nein, nein,
was drüber ist, ist vom Uebel. So wie sich Gott durch die Werke offenbart hat,
und der Mensch von allen Geschöpfen, die wir die Ehre haben zu kennen, sein
Meisterstück ist, so will er auch keinen Sprung zu ihm hinauf, sondern will, dass
es sein in dem Geleise der Natur bleibe, die nicht springt. Die Instanzen, die
Gott angeordnet hat, müssen nicht übergangen werden. Schein ist ein Urteil, das
aus der falschen Anleitung des Verstandes entspringt, Wahrheit ist die
Uebereinstimmung der Erkenntnis mit dem Gegenstande. Wenn also gefragt wird, was
ist Wahrheit? reine gediegene Wahrheit? so kann man nicht besser drauf
antworten, als Wahrheit ist Wahrheit. Wenn mir nicht ein Gegenstand gegeben
wird, so kann ja auch keine Probe der Uebereinstimmung gezogen werden. Eine
Erklärung der Wahrheit in der Art zu geben, dass sie auf alle Objecte ohne
Unterschied passt, ist unmöglich. Jeder hat seine Uhr, jeder seine Brille, jeder
sein Pferd - und jeder seinen Hund, seinen Argos, setzte Herr v. G. hinzu. Ein
allgemeines Wahrheitsmerkzeichen, wo ist es? Eine Regel, die alle Objecte umfasst
und sie herzt und küsst, wo ist sie? Ich muss vergleichen Erkenntnis und
Gegenstand; wenn ich aber keinen Gegenstand habe, wie kann ichs? Vielleicht
könnte sie die Uebereinstimmung der Erkenntnis mit den Gesetzen des Verstandes
und der Vernunft heissen, und der Irrtum, der Widerstreit der Erkenntnis mit den
Gesetzen des Verstandes und der Vernunft - vielleicht!
    Die Seele in jeder Sache, oder dasjenige in der Erkenntnis von ihr, was in
allen Vorstellungen, die wir von der Sache haben können, gilt, ist dass Wahre
darin.
    In so weit sich eine Sache nicht widerspricht, in so weit ist eine
Seitenwand zum Wahrheitsgebäude fertig, in so weit ist eine Bedingung da, unter
der etwas wahr ist. Wer kann und will aber sagen: Alles, was sich nicht
widerspricht, ist wahr? Es kann wahr werden. Es ist in Gott wahr, jeder Gedanke
bei ihm steht da. Das Principium des Widerspruchs ist immer ein negatives
Wahrheitskennzeichen. Es ist nur eine Laterne in der Hand, allein es gehört mehr
dazu, als meiner Mutter Handlaternchen, wenn man hier sicher und unangefallen an
Stelle und Ort kommen soll.
    Die Sinne lehren das Formale eines Dinges, der Verstand das Materiale. Das,
wodurch das Mannigfaltige auf gleiche Art gedacht werden kann, heisst Regel. Der
Verstand ist das Vermögen der Vorstellungen nach Regeln. Wir haben viele
Vorstellungen, die wir nicht wahrnehmen, deren wir uns nicht bewusst sind. Man
kann mit einem Menschen sprechen, ohne dass man weiss, was er für ein Kleid hat,
und man kann denken, ohne dass man es wahrnimmt. Ein abstrakter Kopf ist, der so
denkt, dass er nur immer auf das sieht, was den Begriffen gemein ist. Das
Vermögen, sich Dinge durch Begriffe vorzustellen, heisst denken. Einen Begriff
analysiren, ihn klar machen, ist ein Hauptstück der Philosophie. Sie macht Gold;
denn wenn es aus der Erde kommt, ist es Erde, durch Läuterungen wird es Gold. -
Ein Moralphilosoph kann keinen Buchstaben mehr als dies. Läge der Begriff der
Tugend nicht in uns, wie könnten wir von ihm überzeugt werden? Wie? - Begriff,
Urteil, Schluss, major, minor, conclusio! Ein Uebergang von einem Urteil zum
andern heisst Schluss. Major entält mehr in sich, als das Subject quaestionis. Es
ist der Vater vieler Kinder, Söhne und Töchter. Ehe man sein Zimmer bezieht,
steht man den ganzen Palast. - Das Prädicat ist grösser als das Subject. - Es
behaupten einige: Empfindung wäre die grösste Wahrheit; allein sie gibt nur Stoff
zum Urteil. Die Sinne urteilen nicht, die Vernunft urteilt. Die Sinne sind
Stahl, Feuerstein und Zunder. Zum Irrtum (Heil mir und meinem Buche!) gehört so
gut als zur Wahrheit Verstand. Die Unwissenheit allein kann sich ohne ihn
behelfen. Der Verstand wird beim Irrtum anders gewendet. Beim Irrtum ist
Illusion des Verstandes. Sinne und Verstand sind Wasser und Wein. Wer hat Wein
ohne Wasser getrunken? Schon in der Traube ist Wasser.
    Jedes muss sein Mass und Gewicht haben. Die Schranken des Verstandes bringen
nicht Irrtümer hervor, sondern nur weniger Erkenntnisse. Ein engbegrenzter
Verstand irrt weniger als ein grosser! Bei Gelehrten sind mehr Irrtümer, bei
gemeinen Leuten aber mehr Vorurteile. - Wenn man den Menschen bindet, so läuft
er nicht davon. - Man sagt von grossen Genies, ihre Irrtümer, ihre Fehler wären
schön. - Schmeichelei!
    Ein Kleid hebt das Gesicht. Ein kleines Männchen kann so richtig gebaut
sein, als der grösste; es kommt nur auf das Verhältnis unter den kleinen
Teilchen an. Irrtum, wenn ihn ein Kluger begeht, ist Taschenspielerei; es
gehört ein Auge dazu, den Trug zu entdecken, und dies Auge hat nicht jeder.
Irrtum liegt oft in Sätzen, oft in der Anwendung dieser Sätze. Ein Fehler in
Absicht der Sätze heisst wirkliche, in Absicht der Anwendung Schwachheitssünde.
    Erst buchstabiren, dann lesen, sagten unsere lieben Alten. - Erst ein
Urteil über Bausch und Bogen, dann ein richtiges. Erst der Läufer, dann der
Herr. Wer in seinen vorläufigen Urteilen das rechte trifft, heisst: ein
Glückskind, oder sollte es eher heissen, als der, in dessen Familie viele alte
Tanten sind. Es wäre wohl wert, ein Buchstabirbuch in diesem Verstande, in
diesem Sinn, herauszugeben, und über die vorläufigen Urteile eine Anleitung zu
erteilen. Die Franzosen sind vorläufige Urteiler. - Der erste Gedanke ist oft
der beste, und in Wahrheit, es gibt vorläufige Urteile, die wert sind in
Rahmen gefasst zu werden.
    Vorurteile sind Urteile aus der blossen Sinnlichkeit, die man für Urteile
aus dem Verstande hält. Die Sinnlichkeit läuft dem Verstande vor. Den Grund, den
wir haben, von einer Sache zu urteilen, der aber nicht aus den Gesetzen des
Verstandes genommen ist, heisst ein Vorurteil. Die Eltern haben Vorliebe zu
ihren Kindern, hieraus entsteht eine Vorsprache, welches die Redekunst des
Vorurteils ist.
    Ein Vorurteil ist eine Lüge, nur dass sie nicht immer vom Vater, dem Teufel,
ist.
    Grosse Köpfe stiften viel Gutes, allein auch wahrlich viel Unheil, denn sie
werden verehrt, und niemand untersteht sich, weiter zu gehen. Sie sind ein Wall,
den kein Remus zu ersteigen sich unterfängt. Jeder Mensch hat seinen Hang, seine
Meinungen andern mitzuteilen, und der Gelehrteste ist nicht gleichgültig gegen
das Urteil seiner Wäscherin und seines Ofenheizers. Die Metode ist dogmatisch
über apodiktische Wahrheiten, und dies ist die Metode der Unterweisung und
Behauptung. Die Metode ist aber skeptisch, polemisch, wo man erst untersucht,
ob etwas apodiktisch heissen kann. Dies ist die Metode der Untersuchung,
Beprüfung oder Kritik. Die polemische Metode ist die Läuterung, das Sterben,
die Verwesung in der Kenntnis, ehe wir zum Licht und Leben kommen. Die
skeptische Philosophie ist hievon unterschieden, von welcher wir oben loco
congruo schon ein Wörtchen gewechselt. Zweifeln und sein Urteil aufschieben ist
so unterschieden, als vorurteilen und nachurteilen.
    Hier eine schöne Predigt über die Worte: der Glaube kommt durch die Predigt,
viva vox docet.
    Ein mündlicher Vortrag verrät die Art zu denken. Sie zeigt den Lehrer
unangekleidet. Beim Hören denkt man immer mehr als beim Lesen. Hören ist auch
natürlicher als Lesen. Zwar können auch Bücher erbauen, allein es ist hier das
nämlich Verhältnis wie zwischen Kirchen- und Hausandacht.
    Man muss beim Lesen die Seele des Buches suchen und der Idee nachspüren,
welche der Autor gehabt hat, alsdann hat man das Buch ganz. Zuweilen ist
freilich die Seele schwer zu finden, wie bei manchem Menschen sie wahrlich auch
schwer zu finden ist. Der Verfasser selbst würde Mühe haben die Seele aus seinem
Buche herauszurechnen - indessen hat jedes Buch eine Seele, etwas
Hervorstehendes wenigstens, und gemeinhin pflegt sich hiernach das übrige zu
bequemen.
    Es scheint in der Welt bei allen Sachen eine Fibel nötig zu sein, überall
ein gewisser Mechanismus, überall eine Schule, eine Akademie. - Wer nur ein Buch
liest, vergisst, dass das Jahr vier Jahreszeiten und dass jeder Tag vier
Tageszeiten habe. Man lese vier Bücher auf einmal, und man wird finden, dass dies
dem Gemüte Erholung sei. Ein einziges Buch lesen heisst im Seelenverstande den
Pflug führen oder dreschen. - Neue Beschäftigung ist wahrlich Erholung. Warum
ist die Gesellschaft Erholung? Weil ein kluger Mann hier mehr als ein Buch
liest. Der hat es weit gebracht, der Menschen lesen kann!
    (Gott weiss, dies ist ein grosses Studium! Die schönste Gegend, was ist sie
gegen einen Menschen? Und wer die Gesellschaft aus diesem Gesichtspunkt nimmt,
kann gelehrt werden ohne ein gedrucktes Buch, das ohnehin selten Leben hat.)
    Es gibt einen gewissen Lesegeiz, alles, was man liest, in seinen Nutzen zu
verwenden. - Einen Lesevielfrass, alles zu verschlingen - und da ereignen sich
oft Kopfdrücken und Verschleimungen. Sich in einem Buche betrinken heisst:
darüber Sehen und Hören vergessen und es so vorzüglich finden, dass nichts drüber
ist. - Wenig und gut lesen ist grossen Köpfen eigen. Es ist schwerer so schreiben
als so reden, dass es einen interessirt. Das beste ist, sich selbst herausdenken,
nicht bei Hand- und Lehrbüchern, sondern bei seinem Genie in die Schule gehen
und ihm Folge leisten, und die Logik dem natürlichen Gange seines selbsteignen
Geistes, sowie die Moral seinem Gewissen zu verdanken zu haben. Wohl dem, der
sich von allem entkleiden kann, was nicht er selbst (das letzte Hemde nicht
ausgenommen) ist! Wohl dem, der seine Willkür dem Gesetz der Wahrheit und der
Tugend unterwirft; wohl dem, der Wesen vom Schein, Schatten vom Licht absondert;
Menschenfurcht, Menschenehre und den ganzen unwürdigen Tross von Vorurteilen,
sie mögen gleich die höchste Stufe des menschlichen Lebens und ihre Achtzig
erreicht haben und mit dem regierenden Hause in Einverständnis leben, vom
Hauptpastor canonisirt und vom Professore Philosophiae ordinario als ein Anhang
vom Catechismus der Vernunft beigebunden sein, für das hält, was sie sind -
Menschensatzungen und Tand! - - Wohl -
    Alles Rationale zusammengenommen heisst Metaphysik. Sie ist die Seele der
Philosophie. Die Metaphysik entält Urteil des Verstandes, abgesondert von
aller Erfahrung und von allen Verhältnissen der Sinne, wenn z.B. von der
Möglichkeit, Zufälligkeit u.s.w. gehandelt wird. Hier reden, wir nicht vom
Schein, sondern vom Sein, um dem Drosselpastor nachzuahmen. Die Metaphysik hat
kein Verhältnis zu den Sinnen. Es will hier alles geistig gerichtet sein. Sie
ist ein Lexikon der reinen Vernunft, ein Versuch, die Sätze des reinen Denkens
in eine Tabelle zu bringen. Was in der Logik Urteile sind, sind in der
Ontologie Begriffe, unter die wir die Dinge setzen, Titel des Verstandes, Inhalt
der Vernunft. Die Metaphysik muss kritisiren. Ihr Gebrauch ist negativ, wenn -
    Wir waren im Begriff, uns recht viel Metaphysik ins Auge zu streuen, allein,
siehe da! die Hausmütze Sr. Spectabilität, die Grossmutter, würgte die Tür auf
und blickte durch ein Ritzchen. Man sah, dass die alte Frau noch einen Brand im
Auge hatte. Sie schlug einen Strahl ins Zimmer. Dieser Wink sollte ihren lieben
Ehegatten zum Schluss bringen, weil sie unfehlbar beim Grosssohn den Abend
versprochen waren. Man sah es Sr. Spectabilität an, dass Sie wussten, was man
einem Blick durchs Ritzchen schuldig wäre. Es ging über und über. - Ich weiss
nicht, ob ich dies über und über schriftlich werde nachmachen können.
    Die moralischen Maximen, singen Se. Spectabilität nach diesem Blick durchs
Ritzchen (ich weiss nicht warum?) an, zeigen, wie ich der Glückseligkeit würdig
werden könne, die pragmatischen zeigen, ihrer teilhaftig zu werden. Die Moral
lehrt, der Glückseligkeit würdig zu sein; ihrer teilhaftig zu werden, ist eine
Lehre der Geschicklichkeit. Es ist nicht möglich, die Regeln der Klugheit und
der Sittlichkeit zu trennen. Es ist kein natürlicher Zusammenhang zwischen dem
Wohlverhalten und der Glückseligkeit; um es zu verbinden, muss man ein göttliches
Wesen annehmen. Ohne dies kann ich keine Zwecke in der Welt finden, keine
Einheit. - Ich spiele in der Welt blinde Kuh. - Ohne Gott hab' ich keinen Punkt,
wo ich anfangen soll, nichts, was mich leitet. Gott ist gross und
unaussprechlich! - - Die Menschen bedienen sich ihrer Vernunft a priori zum
Nachteil des praktischen Gebrauchs, wenn sie nicht durch künstliche Schranken
zurückgehalten werden. Dieses ist auch die Pflicht der Metaphysik.
    (Zehnmal singen Se. Spectabilität quid est? an, und zehnmal macht' ich eine
Verbeugung, um ihn vom Fragen abzubringen.)
    Das erste, was ich bei mir gewahr werde, ist das Bewusstsein, dies ist kein
besonderes Denken, sondern die Bedingung und die Form, unter der wir denkende
Wesen sind. Wie schön bauen und wirken nicht manche Tiere, wie nah' kommen sie
uns nicht auf die Seele; allein eins, was nicht ersetzt werden kann, das
Bewusstsein, fehlt, und wahrlich, es fehlt wenig, und es fehlt viel! Mein
Reisegefährte wollte wegen der Hunde einwenden, indessen konnt' er nichts mehr
als husten.
    Alles, was da ist, ist im Raum und der Zeit. Raum und Zeit sind Formen der
Anschaunngen, sie gehen den Erscheinungen vor, wie das Formale dem Wesentlichen.
Ich muss Zeit und Raum haben, damit, wenn Erscheinungen vorfallen, ich sie
hinstellen und beherbergen könne. Die Objecte der äussern Sinne werden im Raum,
die der innern Sinne in der Zeit angeschaut. Hier ein ganz kleiner Commentarius
über den teologischen terminum technicum Zeit und Raum zur Busse, der, wie Se.
Spectabilität sich ausdrückten, nicht ausserm Wurf läge. Wie vielen Dingen mussten
wir auf der Stelle, des Blicks durch die Ritze wegen, einen Scheidebrief geben.
Wir nannten bloss ihre Namen und behalfen uns damit, dass wir diese Namen nannten
und uns einander zulächelten. - Ein wahres Examen!
    Bei reinen Verstandesbegriffen haben wir keine Begriffe von Sachen, sondern
nur Titel, worunter wie uns eine Sache denken können. Durch diese Titel können
wir nichts ausrichten, ausser wenn wir sie auf Gegenstände der Erfahrung und
Anschauung anwenden. Wer kann aber, ohne die Titel des Verstandes
vorauszusetzen, wer kann Erfahrungen anstellen? wer Fische ohne Netz oder Hamen
fangen? Die Metaphysik entält alles und entält nichts. Sie macht nichts von
den Gegenständen aus, allein ohne sie kann man nichts von Gegenständen
ausmachen. Sie ist das Zollhaus, die öffentliche Wage der philosophischen
Erkenntnis. Sie entält Titel des Denkens, allein keine Prädicata der Dinge. Nur
die Erscheinungen verleihen Begriffe von den Dingen.
    Vernünftelei (Se. Spectabilität wurden von einer Mücke verfolgt, die um sie
herumsauste und sich nicht haschen liess) ist das, was kein Object hat. Was eine
Bedingung der Vorstellung und des Begriffs vom Gegenstande ist, machen wir oft
zur Bedingung des Gegenstandes selbst, die subjective Bedingung zur objectiven.
- Die Mücke verhinderte Se. Spectabilität, dieses Tema weiter auszuführen. Im
Ernst, die Mücke hätte nicht besser ihre Sache machen können, wenn sie von der
Frau Gemahlin Sr. Spectabilität wär' auf den Hals geschickt worden.
    Der analytische Teil der Metaphysik entält Definitionen meiner Begriffe,
der syntetische Bereicherung von Erkenntnissen. Der Begriff von den Monaden muss
billig nur auf denkende Wesen gedeutet werden, singen Se. Spectabilität mit
einem frischen Atemzuge nach einer geendigten Cadenz an, und schienen noch sehr
viel Metaphysik auf Ihrem Gewissen zu haben, allein die Türe ging auf. - - Wir
sahen ein Grossmütterchen in Sterbensgrösse, denn sie war so zusammengefallen, dass
man Kegel mit ihr schieben können, wie Hr. v. G. bemerkte. Was für Feuer im
rechten Auge! Damit hatte sie durch die Ritze gebljetzt; das linke Auge war schon
aus der Welt gegangen, es war stumpf und todt, als wenn eine Blatter darauf
gefallen wäre, allein das war es nicht. Die Zeit hatte es so abgefeilt. - Die
Tochter, fing sie an, und ohne sie auszuhören, schrie die überfallene
Spectabilität - gleich, gleich! - Nur das Signum depositionis. Er schrieb uns
einen Passirzettel, einen Freibrief, womit wir uns noch bei Sr. Magnificenz zu
melden hätten.
    Während der Ausfüllung dieses gedruckten Zettels wandt' er sich zu mir:
    Sie, fing er an, werden sich wohl der Universität widmen?
    Ich? fragte ich etwas einfältig.
    Der Herr v. G. nicht, erwiedert' er.
    Ich auch nicht!
    Alles, was geschieht, hat seine Ursache, fuhr er fort, und warum?
    Es war sogar, mit Ew. Spectabilität Erlaubnis Streit, ob ich gar auf eine
Universität gehen sollte?
    Dieser Streit war wohl gewiss generis feminini, und die Frau Mutter?
    Ich. Wenn sie daran Teil nahm, so geschah es bloss, um den Akademien Ruhm,
Preis und Ehre zu geben und Stärke und Kraft, denn sie behauptete, dass das
Paradies die erste Universität gewesen, weil die ersten Eltern relegirt worden.
    Der neue Grossvater lachte herzlich über diesen Einfall und - machte mir
viele Complimente auf Rechnung meiner lieben Landsleute.
    Der eine der Landsleute, der uns zu Sr. Spectabilität begleitet hatte, war
die ganze Zeit über in Seelennot gewesen. - Es waren ihm alles böhmische
Wälder, bis aus Casimirus IV., König von Polen, welcher vom König in Schweben,
Carolo Canuto, in Danzig examinirt ward, und mit seinem ganzen Hofstaat kein
Latein verstand. Diesen König kannte er par renommée, alles übrige war ihm dicke
Finsternis. Er erzählte mir beim Weggehen, dass er gefürchtet hätte, der
Professor würd' ihn aus Höflichkeit ein Wörtchen mitfragen.
    Und wenn? sagt' sich.
    Bruder, erwiederte er, Deutsch, Latein und Griechisch - alles war mir gleich
unverständlich.
    Wegen der zwölf Tafeln fragt' er mich im Vertrauen, wie der gute Professor
auf zwölf Tafeln gefallen wäre, da ihm doch nur zwei steinerne Tafeln bekannt
wären? - und musst' ich ihm erklären, dass Se. Spectabilität nicht von den Tafeln
Mosis geredet hätten.
    Ich erinnere mich an ein Versprechen zurück. Den Regen kennen meine Leser,
allein die Traufe bin ich ihnen noch schuldig.
    Nachdem das Signum depositionis unterschrieben und besiegelt war, und wir
uns der Gewogenheit Sr. Spectabilität, als unseres Vorgesetzten, empfohlen
hatten, sagten Se. Spectabilität lächelnd zu mir:
    So wünsch' ich Ihnen denn ein Secessum, Secretum, Angulum das ist ein
Pastorat in Ihrem Vaterlande, damit Sie bald Ihre zurückgelassene Schöne
heiraten können.
    Das war die Traufe. Ich weiss nicht, was ich geantwortet, nur das weiss ich,
dass es nicht griechisch, nicht latein, nicht deutsch war, und dass ich mich gern
noch einmal lieber examiren lassen wollen, als -. Se. Spectabilität beschlossen
den ganzen Actum mit einer güldenen ABCregel: Minus est actionem habere, quam
rem.
    Unser Begleiter begegnete mir mit einer ganz vorzüglichen Achtung. Beim
Schmause sagt' er der ganzen Landsmannschaft, was ich für ein Kerl wäre, und dass
ich von zehn Tafeln mehr wüsste, als er bis heute gewusst hätte. Man versicherte
mich, dass kein Curländer bei Menschengedenken durch so viel Trübsal des Examens
in das akademische Reich eingegangen wäre, und dass besonders Se. Spectabilität
gar kein beissiger Hund wären.
    Wer Henker, setzt er hinzu, konnt' es wissen, dass er eben die Nacht vorher
Grossvater geworden. - Ich dachte bei dieser Gelegenheit an den Backofen, der bei
meiner Geburt, - wie der Tempel zu Ephesus, als Alexander geboren ward -
abbrannte, und hatt' in Verbindung mit diesem Examenvorfall, nach meiner Mutter
Anweisung, recht erbauliche Gedanken. Das Testimonium unseres Begleiters setzte
mich in eine solche Achtung bei meinen Landsleuten, dass ich dux, fax et tuba
war, und kein Duell konnte vorfallen, keine Fackel angezündet, keine Musik
gebracht werden, wo mir nicht, der zwölf Tafeln wegen, ein votum decisivum wär'
eingeräumt worden.
    Bald hätt' ich Se. Magnificenz vergessen, wohin uns Se. Spectabilität
sandten. Gott verzeih' mir meine Sünd', ich dachte, von Pilatus zu Herodes.
    Se. Magnificenz sahen den weissen Stein, den wir aus den Händen Sr.
Spectabilität mit hatten, und wollten uns anfänglich auf den Stein und Bein des
Albrechts, Stifters dieser hohen Schule, schwören lassen, allein sie besannen
sich eines andern, eines Bessern, und verwandelten den Eid in einen Handschlag -
worauf wir die akademischen Gesetze erhielten und mit grossen Siegeln zu den
lieben Unsrigen nach Hause kehrten, wo uns die Landsmannschaft mit einem
curischen Liedchen bewillkommte. Jede Strophe ward mit einem Lihgo oder
Frohlocken beschlossen. Es war mir, als wär' ich mit dem Ritter Jachins und
seinen Leuten zusammen.
    Unsere Landsleute besahen die grossen Siegel und die Schriften; als wenn sie
ihnen was neues wären, und bliesen den Sand von unsern Taufscheinen. - - Kinder,
hiess es am Ende, ihr kriegt darauf nicht einen Dreier geborgt.
    Ich muss noch einen Vorfall nachholen, der in dem Hause Sr. Magnificenz auf
mich zukam.
    Der Edelmann, sagten Sie, zahlt doppelt, und hat die Ehre, einen Degen zu
tragen, der in preussischen Staaten dem bürgerlichen Studenten wegen vieler
vorgefallenen Schlägereien verboten ist. - Die auswärtigen Familien sind uns
indessen nicht so bekannt (mit einem Fragzeichen), also beide Edelleute? Mein
Reisegefährte nahm hier das Wort, wie ich beim Latein. Beide, sagt' er. -
Verzeihung, Bruder, erwiedert' ich -
    Es verdross mich, dass ich in einem fremden Lande, wo ich mein Geld und, im
Fall der Not, mein anexoy kai apexoy auszugeben Willens war, und wo es keinen
was anging, ob ich als Edelmann oder als Bürger äss' und tränke, durchaus Adel
oder Unadel documentiren sollte - und wie? dacht ich, hat man hier zur Ruhe des
Degens, wenn ihn der Edelmann trägt, ein besseres Zutrauen, als wenn ihn ein
Bürgerlicher angelegt hat?
    Ich bezahlte wie ein Edelmann, allein ich bat sehr, mich als Bürgerlicher in
Album Studiosorum einzuführen. Dies fiel Sr. Magnificenz nicht wenig auf. Da
aber dieselben die vorige Nacht nicht Grossvater geworden waren, so gaben
dieselben weiter nichts darauf, sondern nahmen, was Ihnen gebührte, und
wünschten wohl zu leben.
    Ich konnte nicht umhin, von diesem Umstande gegen meine bürgerlichen
Landsleute Gebrauch zu machen; allein diese lachten herzlich über meine Einfalt.
- »Den Edelmann dir so nah zu legen und ihn nicht zu nehmen!« - Und eine Lüge?
»Sie wird ja bezahlt.« - Und wenn ich heim komme? »Ja, dann müssen wir freilich
Ew. Hochwohlgeboren oder mein Gönner sagen, indessen sind wir doch Literati.« -
Dass euch Gott helfe, dacht' ich, Literati, ohne von keinen Tafeln mehr als von
den zweien des Moses zu wissen!
    Der Abend ward mit Essen und Trinken und Musik zugebracht. - Einige gaben
dem Abreisenden das Geleite, und da in der ganzen Strasse, so weit nur das
Gesicht reichte, die ganze Nacht hindurch Licht brannte, so brachte mich dieses
auf die Frage: was diese Erleuchtung und nachbarliche Aufmerksamkeit zu bedeuten
hätte? Die Antwort unseres Vorfahrs war: Seht da, Kinder! so viel Lichter, so
viel Mädels, die ich euch unentgeldlich lasse; indessen will ich wohlmeinend
anrätig sein, dass sich jeder eins oder zwei aussondere und die andern fahren
lasse. Sonst geht es euch wie mir! Diese, jene, dort, hier, die, da, diesseits,
jenseits, links, rechts, kurz, in all' den Häusern, die ihr seht, sind Mädchen,
die den ganzen ausgeschlagenen Tag, von früh bis in die sinkende Nacht, im
Fenster liegen und liebäugeln, die guten Dinger! Man sieht ihnen den Verdruss an,
dass sie nicht Mittag und Abend am Fenster halten können. - Ihr könnt es nicht
glauben, wie die Mädchen unserer Landsmannschaft treu, hold und gewärtig sind.
Ein Präsentchen, und ihr habt das ganze Spiel gewonnen. - Glaubt mir, die all'
zusammen, wo ihr Licht seht, waren mein! Sie sahen mich so steif und fest an,
als ob sie mich mit den Augen fassen wollten. Die guten Dinger! Und ich sah sie
all' zusammen so (der Himmel weiss, wie mein Aug' auf diese Art ausfiel), dass
jede glaubte, ich sähe nur sie an. Ich regierte hier wie ein Sultan, hol' mich
der Teufel! nur dass jedes Fenster glaubte, es hätte mein Schnupftuch. - Die
guten Dinger! Die eine da, ein Aug' in Himmelsblau getaucht - der, den sie mit
diesem Aug' ansieht, glaubt, er sähe den Himmel in Miniatur. - Wenn ich sie
zuweilen (denn sie verdient' es) ganz allein ansah, dann, dann! fragte mich ihr
Auge so, dass es mein Innerstes hören konnte: ist's auch wahr? und wenn ihr mein
Auge vorlog: ja, es ist wahr! o wie zitterte dann süsse Verwirrung in ihrem Auge,
recht als ob wir zur Trau gehen sollten und noch weiter. - Das ist ein Mädchen,
so ich dir gönne (er wandte sich zu mir). Ihr Atem göttlich, Bruder! Wen sie
anhaucht, von dem könnt' es heissen: Also ward der Mensch eine lebendige Seele!
Sie spielt eine Laute, Bruder! Des Abends im Sommer, wenn sie am Fenster diesem
Instrumente die Zunge löst - Zephyrs, die eben der Hitze halber Mittagsruhe
gehalten - denn es ist im Sommer hier sehr heiss - flatterten ganz frisch und
munter herum und brachten mir alles, bis auf die geheimste Bebung zu. Auf Ehre,
in jedem Finger hat sie eine Seele! und wenn alle diese Seelen eine Ton
herausbrächten - Bruder, da ist die Nachtigall ein Kind! - Leb' wohl, Amalia!
leb' wohl! Ich lass dir einen braven Jungen zurück, der auch Bebungen versteht.
Schau, wie sie die Laute hält und wie sie das Ordensband sich so leicht umhängt,
als flöss' es, Bruder! - Die Laute ist an sich ein so guterziges Instrument.
Amalia trauerte jüngst, und da kam die Weisse ihres Arms aus der Dunkelheit so
abstechend hervor, dass ich sitzen blieb wie vom Schlage gerührt. Hast du
bemerkt, wenn das Hemd auf dem Busen eines Dorfmädchens sich einen Finger breit
verschiebt, und bei dem sonnenschwarzen Busen den weissen Fleck verrät? - Das,
sagte Herr v. G., hab' ich bemerkt; meine Leser wissen, wo?
    Die, sagte unser Maler zum Herrn v. G., die in diesem Hause, Bruder!
schwarzes Haar, wie Ebenholz! Ein Auge, das immer drei Schritt weiter ging als
meines, so stark auch meines zudrang. - Ein Busen, zehntausend Liebesgötter
tanzten darauf. - Pfui, sagte Herr v. G., was muss das für ein Busen sein! Unser
Reisender hatte Mühe, ihn mit dem Busen und den Liebesgöttern auszusöhnen, die
er auf zehn reducirte, wobei sich am Ende Herr v. G. zufrieden gab. Bei deiner
lebt man, bei des - - (auf mich) stirbt man. Bei deiner hält man sich gerade,
denn sie ist eine Göttin. Man sieht gen Himmel. - Bei deiner (wieder auf mich)
legt man den Kopf von einer zur andern Seite, denn sie ist eine Schäferin! O die
schönen Schäferstunden! Ich hab' noch vergessen, fuhr er zu mir fort, ihr Busen
wallt so wie eine Laute, er bebt nur herauf, und, Bruder! ihre Stimme, wenn sie
singt - sie tut es selten; sie hat eine blonde Stimme, du wirst mich verstehen;
sie stiehlt das Herz, deine Brünette (zum Herrn v. O.) nimmt es mit Gewalt! sie
raubt! - Sie kommt nicht mit vollen Segeln! Sie ist stolz und scheint sich wenig
aus einem Siege zu machen, denn sie ist sich bewusst, dass sie Herzen wie Fliegen
zu fangen im Stande ist. Jene streichelt, diese schlägt; allein wenn sich diese
Königin herablässt, ist's auch so, als wenn die Sonne aufgeht. Man hat sich
besoffen, wenn man sie liebt, und einen Jesuiterrausch, wenn es die mit der
blonden Stimme gilt. - Diese spielt kein Instrument. Die Orgel würde sie
spielen, allein wenn sie singt - das tut sie oft, Bruder, so prächtig wie ein
Donnerwetter! - Diese beiden Auserwählten empfehl' ich euch zu Gemahlinnen, die
andern - zur linken Hand und so neben an, zum Spiel. - Noch eine
Warnungsanzeige, eh' ich von hinnen gehe. - Die beiden waren freilich die
Hauptpersonen und meine Gemahlinnen, allein auch unter den andern gibt's
Dingerchen zum Rasendwerden! Sie waren gleich in den ersten acht Tagen alle
mein. Ich meine mit den Augen; und nun hielt da unten zu - ein Kaufmann
Hochzeit, der die ganze Gegend und mich mit bat. Ich kam zum erstenmal mit all'
diesen angeangelten Mädchen zusammen; jedes Auge forderte Rechenschaft. Da ward
ich, wie Cäsar, mit dreiundzwanzig Wunden erstochen. - Sah ich eine an, so waren
die andern wie Tiger auf mich und forderten Antwort über meine Untreue. O, wer
da mehr Augen gehabt hätte als zwei! Ich musste nicht aus noch ein - bis ich
endlich Mut zum Entschluss fasste und mich zu vieren bekannte, und in Rücksicht
der andern die Augenehen aufhob und dies Band trennte. Diese vier halfen mir
selbst die andern abfertigen - und diesen vieren bin ich auch so treu geblieben
als möglich. Sie haben sich bis an mein End' in meinem Gewahrsam befunden. Seht,
da ist es am hellsten! Es blieb nicht bei den Augen in Rücksicht dieser vier,
indessen dürft ihr nichts von mir fürchten.
    Mich müsste der Teufel plagen, setzte der Abschiedsredner fort, ein Mädchen
in Königsberg zu heiraten, wo Curländer gerad' über logirt haben! - Ihr werdet
Wunder sehen und glauben! - Schaut die andern selbst, von denen ich mich, nach
dem fatalen Gefechte, scheiden musste; auch die noch Licht! - Wenn es angeht,
schränke sich jeder auf zwei ein, damit kann man bestehen und bei Ehren bleiben;
einer das rechte, der andere das linke Auge!
    Wie wenig ich von dieser Uebergabe Gebrauch gemacht, darf ich nicht
bemerken. - Herr v. G. vergass zwar seine Dorfdirne, seine schmucke Trine, nicht;
indessen legt' er sich dennoch, wenn er nicht zu jagdmüde war, in's Fenster, und
dann hatt' er sie, nach seinem etwas jagdfreien Ausdruck, wie am Rosenkranz. - -
Ich habe mich nie in Liebeshändel anderer Leute gemischt, nur das konnte mir
nicht verborgen bleiben, dass er seine übrige Zeit (er hatt' indessen nicht viel
übrig) den beiden von unserem Vorgänger beschriebenen Mädchen schenkte, mit
denen er, wie er zu sagen pflegte, so ziemlich bekannt wäre. - Sie sind, sagt'
er, meine Dorfdirne in mangelhafter Copie; allein mich soll der Teufel beim
ersten Kuss, den ich ihnen zudrücke, holen, wenn ich nicht mein Dorfmädchen viel
höher schätze als sie! - Ehrlicher, und das heisst genau genommen, auch schöner.
Meine Trine, ausgewachsen wie eine Göttin, kein Missglied an ihr, keins verkrümmt
und verkratzt. - Alles reif, herausgegangen wie die Natur!
    Redet dein Vater aus dir? fiel ich ihm ein. - Getroffen, erwiedert' er, aber
meine Empfindung bestätigt seine Rede.
    Mein akademischer Wandel - ich kam nicht mit Denksucht, sondern mit
Lernsucht in die Hörsäle, nicht verwöhnt, sondern hungrig und durstig. Ich
dachte nicht meinen Lebenslauf zu schreiben, welcher Einfall mich nur seit
kurzem überfiel, sondern ich wollte leben lernen. Ich durfte nicht meine Hengste
der Einbildungskraft ausspannen, die mich zu tausend Zeitungslorbeeren führen
sollten; denn ich hatte sie nie angespannt. Ich flog nicht, ich ging und wusste,
wie es wächsernen Flügeln, wenn sie der Sonne nahe kommen, zu gehen pflegt.
Höchstens lief ich - um aus einer Stunde zeitig genug in die andere zu stürzen.
Im Hörsal dacht' ich: Er hat's gesagt; zu Hause frug ich mich: Was hat er
gesagt?
    Ich schreibe (meine Leser werden es, wie ich nach der Liebe hoffe, wissen)
Leben, nicht Schule, und was kann ich also von meinem akademischen Laufe sagen,
was ein grosser Teil meiner Leser nicht schon selbst, wie ihren Haus- und
Wirtschaftskalender, aus- und inwendig wüsste? Die Lehrer lasen, ich hörte. Ich
lernte von allem was ich schon wusste, die Grammatik, auf der Reitschule, auf dem
Tanzboden, in der Philosophie, in - allem. Ich lernte meinen Lehrern den
kürzesten Weg zum Ziel ab und war aufmerksam auf die Strasse die zu gehen, und
auf die Strasse die zu meiden war. Sollte man nicht überhaupt auf Universitäten
mehr Polemik als Tetik in allen menschmöglichen Wissenschaften lehren? Und
sollte nicht Kritik, in einem besondern Sinne, der Gegenstand der akademischen
Beschäftigungen sein? Der ist in meinen Augen der beste Professor, der am
gründlichsten seinen Schülern zu sagen weiss, was nicht verlohnt gelernt zu
werden, und die Titel von dem, was lernenswert ist. Meine Hauptbemühung in
Rücksicht der Gelehrsamkeit auf der Universität war, ein Lexikon
zusammenzutragen, wo ich die Gelehrsamkeit weiter nachschlagen könnte, wenn ich,
wie Felix, gelegenere Zeit haben würde. Gottlob! diese gelegene Zeit ist
gekommen. Die Sprachen, die ich angefangen, setzt' ich fort, in so weit es von
ihnen und mir heissen konnte: Der Schmied hat mehr als eine Zange. Ich wünsche,
dass Sie Ihre Zeit gut anwenden mögen, war damals in dem Munde eines Professors,
wenn er mit einem Studenten sprach, so viel als guten Morgen, guten Abend und
gute Nacht! - Die Pietisten setzten hinzu: Gott segne ihre Studia! und mehr als
dies weiss ich von diesen Leuten nicht zu sagen.
    Se. Spectabilität nannten mich, wo Sie mich reichen konnten, den curischen
Philosophen und empfahlen mich Ihren Herren Collegen, wo ich nicht viel
Grossväter fand; indessen wünschten alle, dass ich meine Zeit gut anwenden und dass
Gott meine Studia segnen möchte. Wenn sie zum Inpietismus gehörten, blieb der
eingliedrige Segen weg.
    Froh denk' ich noch heut (es ist eben Michaelstag) an diese akademische
Zeit, und rufe mit dem guten Drosselpastor: vivat Academia! Mir fehlte nichts
als Mine, der Kirchhof, das Wäldchen und die andern heiligen Orte, wozu noch die
gründicke Laube des Bekannten gekommen war; indessen ersetzte mir die
Einbildungskraft alles. Ich las Minens Briefe, beschäftigte mich mit den von ihr
eingeweihten Sachen und kam mir wie ein Wittwer vor, der seine Frau in seinen
von ihr zurückgelassenen Kindern sucht. Seine schönste Zeit ist, wenn er mit
ihnen spielen kann. - Meine Spaziergänge waren Kirchhöfe, Wäldchen und überhaupt
Orte, die mich desto deutlicher an Minen erinnern konnten. Sie sah ich überall.
Ich studirt' an ihrer Hand. - Sie beseelte mich mit Mut und war mir sans
comparaison das, was jedem Ritter seine Schöne ist.
    Mein lieber v. G. blieb keinem Professor einen Dreier schuldig, das ist
alles, was ihm zum Ruhm im Testimonio behauptet werden können, wenn er ein
dergleichen Ding nötig gehabt hätte. Ich studirt' in seiner Seele als sein
Sachwalter und erzählt' ihm des Abends im Zeitungston, was ich den Tag über im
eigenen Namen und vi specialis mandati gehört hatte, worüber er, wenn er
jagdmüde war, sanft einschlief. - Ich indessen setzte meine Wiederholung fort
und hatte dadurch den Vorteil, mit dem gehörten Worte bekannter zu werden. Die
Digestion der Wissenschaften wird eben hiedurch unendlich befördert, wenn man
erzählt, was man weiss. Man lernt auf diese Art mit der Wissenschaft conversiren
und sie auf einen freundschaftlichen Fuss nehmen, der Hörer sei übrigens jagdmüde
oder nicht. - Was konnte Herr v. G. dafür, dass es um Königsberg solche schöne
Jagdplätze gab und dass ihm davon viele Feldmarken, die durch zwei besondere
Tore lagen, als plus licitanti zugeschlagen wurden? - Herr v. G. hatte sich
vortreffliche Jagdbücher angelegt und war jetzo so sattelfest in der
Jagdterminologie, dass er nicht allein Hochselbst für Fund zeitlebens sicher war,
sondern er war noch obenein im Stande, andern Fund zuzuwenden, die ihre Zeit auf
der Akademie nicht so, gut wie er angewendet hatten. Mir versprach er, wenn es
nötig sein sollte, aus Not zu helfen; du hilfst mir wieder, setzt' er hinzu,
wenn etwas vom Argos vorfällt. - Am Ende, fuhr er fort, dünkt mich, dass überall
bei Eurer weltgepriesenen Gelehrsamkeit Jagdterminologie ist. - - Den
mangelhaften Copien seiner Dorfdirne entging oft zu viel durch diese
Jagdneigung, und gern hätten sie ihn davon abgebracht - allein so sehr hatten
sie ihn nicht getroffen, wie er sehr jagdmässig sich gegen mich erklärte. - Die
eine liess ihre blonde Stimme hören, die andere donnerwetterte; allein es gehörte
mehr dazu als Orgel und Laute, den Herrn v. G. auf mehr Sprünge zu bringen. Bei
alledem war er Sieger und die beiden Schönen geschlagen. Die andern Schönen in
der Strasse sah er an, wie solche Feldmarken, die ihm nicht als plus licitanti
zugeschlagen waren. Bruder, sagt' er zu mir, in Rücksicht der beiden, sie sind
abgerichtet, sie sind dressirt, sie verstehen alles auf ein Haar. - Die werten
Eltern dieser beiden setzten die Freundschaft mit uns fort, wobei ich freilich
in der Hauptsache sehr leer ausging. Diese Freundschaft war also nicht an die
Personen, die hier logirten, sondern an die Zimmer gebunden, nicht eine
Personal, sondern eine Realbekanntschaft, wie es jede nachbarliche Bekanntschaft
ist. Freilich trug es sich zuweilen zu, dass die Dirnen den Herrn v. G. in die
Enge brachten; allein er pflegte sehr richtig mir in's Ohr zu bemerken, dass die
Stadtschönen, wenn gleich sie mit Witz ausziehen, doch ohne Witz in die Flucht
geschlagen werden könnten, wenn nur - - Herr v. G. besass von diesem wenn nur
gerade so viel, um seinen Posten zu behaupten. - Der Schweiss Abels, hatt' er im
Jagdeifer gesagt, schrie zu Gott um Rache, und unsere Stadtnymphen wollten ihm
hart fallen. - Ich war Augen- und Ohrenzeuge von ihrem witzigen Ausfall - er sah
sie nur an, und sie, gleich in die Flucht.
    Unsere Bekanntschaften waren, ausser den beiden Nachbarn, das Haus eines
Kreisrichters, auf dessen Haus unser Vorfahr gleichfalls seine Assignation
zurückgelassen. Dieser Kreisrichter, der eine alte Frau des Geldes wegen
geheiratet, hatte keine Kinder. Er braucht' ein paar junge Leute zu seinen
häufigen Gesellschaften als Hausofficiere, und obgleich diese Stellen besetzt
waren, so honorirt' er doch die Assignation unseres Vorfahren, dessen Andenken
überhaupt im Segen war. Ich nahm selten an diesen Zeitverkürzungen Anteil;
indessen lernten wir einen königlichen Rat bei dem Kreisrichter kennen, der an
Leib und Seel' auffiel, und sich auch bei jedermann zu erhalten im Stande war.
Er schien gegen Vierzig und hatte sehr seine Kenntnisse. Er las die Alten und
kannte die Neuern. Er legt' es nicht dazu an, dass man ihm dies anhören und
ansehen möchte; allein wo er stand und ging, streut' er Funken. Er verdrängte
keinen. Er vernichtete nicht Sprösslinge vom Witz der Jünglinge, die mit ihm zu
Tische sassen, um den Saft den bejahrten Zweigen zuzuleiten. Witz und Verstand
war ihm Witz und Verstand - es mochte hervorsprossen, wo es wollte. - Er wusste
wohl, dass alles Obst nicht reif sei, das der Wind herabwirft. - Es war nicht
abgezogener Geist, nicht Lebenstinktur - was er sprach. Beim Kreisrichter sprach
er wie der Kreisrichter, der über nichts als Schlägereien, neue Brautschaften,
Todesfälle oder dergleichen Dinge mehr, sich verlauten liess; indessen wusst'
unser Rat über die gemeinsten Dinge besonders zu sein. Ost war er ganz still,
und alsdann sah man es ihm an, dass er wohlbedächtig mit den falschen Spielern in
der Gesellschaft nicht mitspielen wollte. - Ich fand, wenn er sprach, so viel
Eigenes, dass ich tausendmal wünschte, wenn er doch schreiben möchte, oder wenn
er doch wenigstens mehr spräche. Er verbesserte nie ein Urteil, das er in
Gesellschaft hörte, und legte sich nie das Ansehen einer Appellations- und
Revisionsinstanz bei. Wenn ich eine Rechtssache gehabt hätte, wäre mir sein
Gutachten Entscheidung gewesen. Viele hatten dies Zutrauen zu seinem Herzen und
Verstande, und sein Laudum (sein Schiedsspruch) galt ihnen mehr als ein für Geld
und gute Worte in bester Form genommenes Urteil. - Er war unverheiratet. Man
sagt', er wär' in der Liebe unglücklich gewesen. Schade! Es haben Curländer
vielleicht, bemerkte Herr v. G., seiner Schönen grad' über logirt. - Mag wohl
sein! - Dieser würdige Mann war im Stande, Menschen zu lesen, und dies schien
sein Hauptgeschäft in Gesellschaft zu sein. Durch vereinte Kraft eins sein, ist
der Zweck der grossen Staatsgesellschaften, sagt' er zu mir. So im Grossen, so im
Kleinen! Instinkt und Vernunft lehren uns, dass ein grosser Teil unserer
Glückseligkeit von Menschen abhängt, und darum seh' ich Menschen, darum geh' ich
nach ihnen aus und freue mich herzlich, wenn ich was Unerwartetes vorfinde. Im
Collegio ist alles auf einen gewissen bestimmten Horizont calculirt.
    Noch seh' ich den Mann mit seiner offenen, weit offenen Stirn, schwarzem
Haar, einem Auge, in dem man ihn im Kleinen - allein doch ganz sah. Zuweilen
hatt' er kleine Abendgesellschaften, woran er mich Teil nehmen liess. Dieses
Collegium versäumt' ich nie. Ich fand einen Officier, einen königlichen Rat,
seinen Collegen, einen Prediger und einen Professor; allein alle waren grosse
Lehrer in ihrer Art für mich. - Da war er zuweilen ausgelassen. - Er warf Münzen
aus, und ich muss aufrichtig bekennen, dass, wenn ich je in meinem Leben mit Leib
und Seele zugleich gegessen und getrunken, so war es hier; ich wundere mich noch
jetzt, dass es mir so gut bekam. Wenn er es nicht länger aussetzen konnte, gab er
eine grosse Mahlzeit. Da tat er wenig mehr als vorlegen, und hiezu braucht' er
auch alsdann den Officier, den königlichen Rat, den Prediger, den Professor und
mich.
    Ich habe schon bemerkt, dass ich das votum decisivum bei der Landsmannschaft
hatte, und so lang' ich den Präsidentenstuhl bekleidete, ist kein Stein von
einer curischen Hand gehoben, um ehrlichen Leuten die Fenster zu verwüsten. -
Mit der Zeit wär' ich weiter, bis zum Kopf meiner Landsleute gekommen. - Fürs
erste hatt' ich Ursache, mir Glück zu wünschen, dass ich über ihre Hände
disponiren konnte.
    Wenn ein Landsmann kam oder ging, ward ein Mahl gegeben, wozu ich zwar meine
Stimme, allein nicht meinen Magen gab.
    Herr v. E. war, unter vielen andern, König eines solchen Mahls. Er war von
seiner Mutter, die Wittwe geworden, aus Frankreich nach Curland gerufen. Seine
Geschäfte indessen hatten ihn noch ein halbes Jahr in und um Königsberg
zurückgehalten, ohne dass wir uns zusammen getroffen. Kein Wunder! Er ging nicht
in die Hörsäle und ging nicht auf die Jagd. Seine Geschäfte waren - wie man sich
leicht vorstellen wird - Liebesangelegenheiten. Freilich hatten die
Königsbergischen Schönen Ursache, einem Manne Complimente zu machen, der von
Paris kam und sie nicht verschmähte. - Endlich schlug seine Stunde. - Ich war,
ohne selbst zu wissen wie's zuging, bei diesem Mahl, und lernt' einen Menschen
ohne Kopf und Herz kennen, der auf den preussischen Adel loszog, weil ihm niemand
(die Sache ohne Allegorie vorzutragen), obgleich er angeklopft, aufgetan. -
Wahrlich, dies brachte mir eine sehr gute Meinung vom preussischen Adel bei, die
ich auch nie aufzugeben Ursache gefunden. Ich brachte die Nacht, da Herr v. E.
mit Extrapost abging, wider Gewohnheit schlaflos zu, und selten hab' ich einen
Menschen gefunden, in dem jeder Zug mir so entgegenarbeitete. - Dem Herrn v. G.
war er auch unausstehlich. Er sollt' ihn bis Schacken begleiten, allein er
konnte nicht. Herr v. E. kroch und war stolz; er war Franzos und Curländer. Für
und wider sich - und gewiss auch Freund und Feind eines jeden, der es mit ihm
anbinden wollte. - Sein Gesicht und er schienen zweierlei, und waren es auch
immer. - Er fragte uns, ob wir nicht an unsere Mädchen was zu bestellen hätten?
Da fuhr es mir so durch die Seele, dass ich ausser mir war! - Herr v. G. sagte,
dass er ihn am wenigsten zum Liebespostillon brauchen würde, weil er aus
Frankreich käme; und Sie? fuhr er fort, indem er sich zu mir wandte. - Ich habe,
sagt' ich, nur eben Briefe von ihr. - Er nahm es als Scherz, und ich fand
diesmal, und hab' es oft gefunden, dass selbst bei dergleichen Verlegenheiten die
Wahrheit am besten aushilft Ich hatte wirklich Briefe von Minen.
    Sie erfüllte redlich ihr Versprechen, sie hielt ein Tagebuch, und alle
Vierteljahre erhielt ich es durch den bezeichneten Weg. Das erste Päckchen kam
nach Manatsfrist; ich hoffe, niemand werde fragen, warum? Er an Sie ging vor
sich, sobald ich an Ort und Stelle war. Ich fühlte jeden Kuss in ihren Briefen,
so warm so sonnenwarm, obgleich er seine fünfzig Meilen gereiset war. In
Wahrheit, hätt' ich Minchen nicht gehabt, ich hätte nicht die Hälfte von dem auf
der Universität getan, was ich jetzt tat, nicht die Hälfte vor mich gebracht.
                                     * * *
    Da bin ich an einer schweren Stelle meines Lebens, wo ich noch zittre und
bebe! Der Himmel helfe mir auch in diesem Buch über! Er, der sie mir leben
geholfen, helfe sie mir auch schreiben! - Ein bitterer Kelch! - Gottes Wille
gescheh' auf Erden wie im Himmel!
    Ich will ihm nicht fluchen, dem Vater meiner Mine, denn diese Holdselige
verbietet es mir. - Ich will ihm nicht fluchen.
    Sie schrieb mir ehemals:
    »Ich will meinen Vater nie unsern Vater nennen. Der meinige ist er, weil's
Gott hat haben wollen, warum sollst du dich aber mit ihm beschweren?«
    O Mine, warum warst aber du mit ihm beschwert? warum? du Dulderin, du
Märtyrin! du Heilige! mit diesem Peiniger, mit diesem Tyrannen, mit diesem
Unheiligen - mit diesem -
    Ich will abbrechen, bis ich besser gefasst bin, sonst würd' ich dein heiliges
Gebot übertreten, du heiliger Engel! und ihm doch - fluchen.
    Auf heute, morgen und übermorgen nehm' ich von meinen Lesern Abschied. - Ich
will mir ordentlich Zeit nehmen, mich zu fassen - und wenn ich es in drei Tagen
nicht bin, noch einen und noch einen - zugeben und bis acht Tage zu dieser
Fassung aussetzen. In dieser stillen Woche soll meine Seele gen Himmel sich
aufrichten, und mit meiner Mutter will ich beten:
Herr, wie du willst, so schick's mit mir,
Im Leben und im Sterben.
Rede, Herr! dein Knecht höret. - Tu mit mir, wie's dir wohlgefällt. In deine
Hände befehl' ich meinen Geist.
An einem schwarz bezogenen Tage, da es Vormittags donnerte.
    Ich habe meine Leser nur drei Tage allein gelassen. - Je mehr ich mir Zeit
nehme mich zu fassen, desto mehr verlier' ich das Gleichgewicht. - Fast glaub'
ich, dass die Fassung so schnell komme als der Schreck, die Hülfe wie die
Krankheit, und wenn alle Fassung nur Betäubung wäre?
    Der Gedanke hat mich am meisten in diesen drei heiligen Tagen erfrischt, dass
es Tugenden gäbe, die es nicht geben würde, wenn nicht böse Menschen in der Welt
wären. Wahrlich, die grössten Tugenden werden hierdurch an Tageslicht gebracht. -
Durch Schatten wird das Bild erhöht. Es ist, ich gesteh' es gern, dieses eben
nicht einer von den Gedanken, die einer göttlichen Eingebung nahe kommen; allein
wenn Not am Mann ist, schmeckt Hausmannskost am besten und bekommt auch so. -
Der Unglückliche, der Furchtsame glaubt alles, wenn es nur Trost entält.
    Fluchen will ich dem Hermann nicht, allein ich will treu befunden werden.
    Von dem ersten Tag an, da meine Leser den alten Herrn kennen lernten, fanden
sie einen Mann (kaum kann das Wort Mann von jemanden gebraucht werden, der sich
nicht nach seiner Decke zu strecken versteht. - Doch Minchens -), einen Mann,
der allem, was man Belang heissen kann, gerade entgegen war. Sie fanden eine
geschwächte, eine zu Fall gekommene Person, einen Hofnarren, Kammerherrn, Forst-
und Jägermeister, einen Witzdiener, Positivschläger. - Einen, von dem man nicht
behaupten, kann, dass er seinen Namen, wie mein Vater sein Vaterland
geflissentlich verschloss (wie einer meiner Splitterrichter des ersten Bandes der
Meinung gewesen), sondern den man den alten Herrn zu nennen für gut fand, und
der, weil mit dem Wort Alt das Wort Herr verschwägert war (womit man wahrlich in
Curland nicht verschwenderisch ist), nichts mehr erwarten konnte, und mit dieser
Ehre sehr zufrieden schien; und wie hatte wohl dieser Schneider, Schuster,
Töpfer, Ton- und Tausendkünstler, und wär's auch nur des Podagra's wegen,
welches keine gemeine Krankheit ist, wider den Ehrennamen, Nicolaus Hermann,
eine Sylbe einwenden und den Kopf schütteln können? Der alte Herr war kriechend
und stolz, wie die Stolzen immer zu sein pflegen. - Obgleich er seinen Abschied
als Witzdiener in höchsten Gnaden erhalten, so sprudelte doch ein schwarzes Blut
in seiner satyrischen Ader auf, sobald es Gelegenheit gab. Die Ader war recht
schwarz und fürchterlich aufgequollen zu sehen. - Seine ganze Geberde verstellte
sich, sobald diese Ader auflief. Er pflegte sich selbst einen Invaliden des
Apoll zu nennen, und Dank sei meiner Mutter, die ihn, wie ich mich eben
erinnere, bei dieser Gelegenheit einmal fragte: wie's mit seiner Wunde am Kopfe
stünde? Die Zeiten, sagte Hermann selbst, sind gottlob vorbei, und dies waren
Zeiten, da er Gräber schändete; allein kann auch ein Mohr seine Haut bleichen
und ein Parder ein Fleckkügelchen benutzen? Erst mehr Fechter, jetzt mehr
Tänzer!
    Ich bin der Meinung, dass sich die Physiognomisten nie eher, als in der Miene
eines Pasquillanten (wär' es auch ein Recensent) und Mörders irren können. Da
muss ein sehr seiner Unterschied sein! Sie sind eines Handwerks: beide schlagen
aus Gewinnst todt - und es kommt nur auf Umstände an. Beide legen Händ' an uns,
und so wie es bloss von der Kürze der Jahre kommt, dass nicht jeder, dem der
Strick in den Lineamenten liegt, gehangen wird, so -
    Wenn ich in einer grossen Gesellschaft einen Witzling sehe, der nach
Landesmanier wie der dritte Mann zum Spiel gebeten wird, und der über Tisch und
Stühle schreit, ist mir nichts anders, als wär' ich mit dem verstockten Schächer
zusammen. Wer in einer Gesellschaft von zwölf Personen witzig sein und sich
hören und sehen lassen kann, ist ein schrecklicher Mensch. - Wo zwei und drei
versammelt sind, da ist Witz an Ort und Stelle. Niemand ist geiziger, als ein
wirklich Witziger. Er wirst seine Perlen nicht weg. Ein Witziger ohne Urteil
ist ein Witzling - und wehe dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt! Vorrede
genug.
    Hermann hatte, nach dem Tode der Mutter meiner Mine und der meinigen, noch
Lust, sich ein Hochzeitsbett anzulegen. Der Tischler, den er darüber besprach,
glaubte, es sei ein Sarg, da er sich in der Stille an ihn wandte. Der Tischler
wandte sich mit einem Warum? auch in der Stille an Hermann zurück. - Ich hab' es
von meiner Mutter, dass eben dieser Tischler in seiner Gewerksstube herzlich
geweint habe, wenn er einen Sarg für einen Redlichen im Land' erbaute. Meine
Mutter nannt' ihn oft des Todes Zimmermann, und gratulirte Curland und der
dortigen Gegend, wo hölzerne Häuser etwas Gewöhnliches sind, weil sie schon im
Leben mit ihrem letzten Hause sich bekannt gemacht. - Wir sind schon im Leben im
Sarge, pflegte sie zu sagen. Wir sterben täglich; Heil uns! Der eigentliche Sarg
wird uns kein so wildfremdes Gemach sein.
    »Lieber Freund,« fing Herr Hermann wieder in der Stille an, und der liebe
Freund liess ihn nicht zum Worte, wenigstens nicht zum Ende kommen.
    Sie sind ja, unterbrach er ihn, munter und gesund - frisch und gesund hab'
ich Sie nie gekannt.
    »Eben darum, weil ich munter und gesund bin.«
    Recht! Es sieht uns nicht vor der Stirn geschrieben.
    »Vor der Stirn?«
    Sie fochten lang' in die Luft, bemerkte mein Waffenträger Benjamin, von dem
ich dies alles hab', ehe sie zusammentrafen.
    »Ein Himmelbett,« sagte Hermann; allein da man einen Sarg eben so gut, wo
nicht besser als ein Brautbett, ein Himmelbette nennen kann, so erwiederte der
Tischler: »Schöner Ausdruck!« Der gute Tischler konnte den Sarg nicht aus dem
Sinn und Gedanken bringen, und selbst, da ihm Hermann ziemlich laut (er war
hitzig geworden) gesagt hatte: »Ein Brautbette,« schüttelte der Tischler noch
den Kopf - und dies Schütteln war dem Hermann widriger, als das vorige
Missverständnis vom Himmelbett und von der Stirn, und von munter und gesund.
    In Rücksicht der Jahre hätte freilich Hermann eher an Sarg als an Braut,
oder, wie man es gewöhnlich in Curland nennt, an ein Himmelbette denken können;
wenigstens hätte Hermann, der ein Weib wie unsere Mutter gehabt, eine andere,
der Seligen - und ihm anständigere Wahl treffen sollen. Ich will, um aller
Parteilichkeit auszuweichen, an seine Tochter nicht denken, obgleich auch
Töchter, wenn sie wie Mine sind, hiebei einen Blick verdienen.
    Seine Schöne war eine Person, die sich in der Nachbarschaft, Gott weiss, wie?
ein kleines Vermögen erworben hatte. Der Unterricht der Kinder ward dem Hermann
in der Länge zu beschwerlich, und es ist freilich eine andere Sache,
Kinderlehrer, und eine andere, Hofnarr zu sein. Dies war die Ursache, warum er
zuweilen zu sehr für die körperlichen Uebungen war, und die Kinder ohne
Unterricht ganze Wochen hinschleudern liess. Hiedurch litt sein guter Ruf. Seine
Selige wusste alles zum Besten zu kehren. Nach ihrem Tode war er sich ganz und
gar allein überlassen, und das hiess an der Hand eines schlechten Führers sein. -
Die Schuljugend trieb sich um und der Lehrer desgleichen. Kurz, Hermann war
wieder auf der schlimmen Seite und lebendig todt, ja wohl! lebendig todt!
    Ich will mir, sagte Hermann, einen ruhigen, guten Tag machen; eigentlich
wollte er sich diesen ruhigen, guten Tag für baar Geld kaufen, ohne zu bedenken,
dass Ruhe nicht feil sei. Immer noch überzeugt, dass es besser sei ein Schneider
als ein Hofnarr zu sein, blieb des Hermanns Losung zwar:
    Gottlob! die Zeiten sind vorbei; indessen war er doch fest entschlossen, aus
einem Hofnarren ein Stocknarr zu werden. Der Unterschied ist ungefähr wie
zwischen Postbote und Nachtwächter.
    Magdalene (so hiess die Schöne quaestionis) war nicht abgeneigt, mit diesem
Manne zu ziehen. Sie hatte nicht ermangelt, weit und breit herumzublicken und
ihr Augennetz auszuwerfen, allein sie hatte nichts gefangen; sie hatte, um die
Sache deutlicher zu machen, nicht abgesehen, dass sich ein anderer mit ihr in
diesem Leben einspannen würde. - Magdalene weinte herzlich, so oft sie an den
seligen gnädigen Herrn dachte, dessen gnädige, zurückgebliebene Wittwe so
herzlich nicht über diesen Verlust weinte. Dies machte Aufsehen in der ganzen
Gegend, die nur eine solche Kleinigkeit von Anlass brauchte, um laut zu sagen,
was jeder längst und schon bei Lebzeiten des seligen gnädigen Herrn, da
Magdalene noch nicht so herzlich weinen durfte, gedacht hatte. Man machte über
diese Tränen der Magdalene bittere Anmerkungen, so dass, da der grösste Teil
davon an die beiden Weinenden kam, Wohlstandes wegen Magdalene weniger als die
nachgebliebene Frau Wittwe zu weinen anfing. Der wunderbare Wohlstand!
    Es hatte der Herr Gemahl der Frau v. E. in seinem letzten Willen die
feierliche Verfügung gemacht, dass seine Gemahlin und Mamsell Dene (so ward
Magdalene im ganzen Hause und überall genannt) sich nicht von einander trennen,
sondern beisammen bleiben sollten, bis sie der Tod schiede. Das war ein neuer
Gegenstand zu Anmerkungen, welche die ganze Gegend machte, sobald das Testament
eröffnet war. Die Frau Wittwe, die vor der Eröffnung des Testaments, und
vorzüglich bei Gelegenheit der Tränen, den Plan gemacht hatte, Denen in allen
Gnaden zu verabschieden, war jetzo, wie sie sich ausdrückte, gezwungen diese
Klette am Kleide zu leiden. Sie sah es also im Herzen sehr gern, dass Herr
Hermann Denen die Aufwartung machte. Zwar hatte sie sich so fest an den Willen
ihres verstorbenen Gemahls gebunden dass sie keine Trennung von Denen möglich
glaubte; indessen glaubte sie, durch Denens Umgang mit Hermann wenigstens die
Scene zu verändern und der Nachrede eine andere Wendung zu geben. Einen
Rechtsgelehrten hatte sie nicht das Herz darüber zu Rate zu ziehen. - Es gibt
Krankheiten, die man nicht gern entdeckt. Dene fand von dieser Seite nicht die
mindeste Schwierigkeit, wohl aber war ihr bedenklich, dass sie die
Ehescheidungsstrafen, wenn sie den Aufstand anheben sollte, zu tragen würde
angewiesen werden. Wenn aber die Frau v. E. anfinge, dachte Dene, was könntest
du nicht für Bedingungen vorschreiben! - Dene sah wohl, wie überlästig sie der
Wittwe war, sie mochte mehr oder weniger weinen als sie. Wenn Dene also nach
dieser ihrer Verbindung mit dem Herrn Hermann gefragt ward, war ihre Antwort:
Sie belieben zu scherzen, oder: ich bitte tausendmal um Verzeihung, oder: mir
fehlt ohne den Herrn Hermann nichts auf der Welt. Rot zu werden hatte sie
entweder schon längst verlernt, oder hatte es nie gekonnt. Es blieb also ihre
Verbindung mit dem Herrn Hermann problematisch. Die Nachbarschaft pflegte die
gnädige Frau und Denen zu nennen: Sara und Hagar. - Sowohl Sara als Hagar
ärgerten sich über diese Beinamen, ohne gegen einander sich diese Ärgernis
merken zu lassen.
    Magdalene hatte, seit ihrer vieljährigen Praxis, alle Kniffe auf einem
Schnürchen, wodurch unser in Liebesangelegenheiten abergläubisches Geschlecht
gefesselt gehalten werden kann, so dass es noch diese Fesseln als Ordensketten
verehrt. - Sie hatte den alten Herrn erst äusserst verliebt gemacht und war ihm
in allem - wenigstens ein Viertelmeilchen (ich rede von deutschen Meilen) -
zuvorgekommen. Auf einmal eine andere Dekoration. Wer A sagt, muss auch B sagen,
war bei Denen keine Regel, und alle ausgelernte Coquetten denken so. Der alte
Herr hatte durch eine überaus gefällige Aufnahme in dem Hause der Sara sich das
Wohlleben so angewöhnt, dass, wenn auch nicht die körperlichen Uebungen seine
Schuljugend, die wie Schafe in der Irre ging, zerstreut hätten, diese guten Tage
sich mit den Schulstunden nicht länger vertragen haben würden. Was sollte der
alte Herr anfangen? Der Unterhalt, den ihm seine verstorbenen Witzprincipale
zugestanden hatten, war klein und zum Teil ungewiss. Dene hatte, nach der
Meinung des alten Herrn, mit Herzen, Mund und Händen A gesagt; allein nun war
sie nicht aus der Stelle und bei weitem nicht zum B zu bringen, vielmehr schien
sie zuweilen gar das A zurückgehen zu wollen, wenigstens ward aus dem grossen A
ein so kleines, dass man es beinahe dafür nicht ansehen konnte. - Ich habe,
dachte der alte Herr, das unreine Wasser ausgegossen, ohne reines aufgefangen zu
haben - obgleich er wirklich reines Wasser ausgegossen hatte, um unreines zu
schöpfen. - - Dies machte ihn äusserst verlegen; allein diese Scharten wetzte er
zu Hause aus, und Mine, die arme Mine, hätte nicht in Aegypten mehr ausstehen
können, als bei diesem wetzenden Vater, der reines Wasser ausgegossen hatte und
keinen Tropfen unreines auffangen konnte, seine Zunge zu kühlen; denn es ging
ihm wie dem reichen Mann in seinem Präludio. Der Frau Sara Gnaden, welche sich
auf dergleichen Wendungen (meine Mutter würde Ränke und Schwänke geschrieben
haben) wohl verstand, suchte dem alten Herrn Trost zuzuneigen und ihn wenigstens
durch guten Frass und Suff zu stärken und zu festigen, seine Last zu tragen. -
Dene blieb indessen halsstarrig beim kleinen, ganz kleinen a, und so wie kein
Unglück allein, sondern paarweise kommt, so musste es auch dem Amtmann S.
einfallen, um Denen in einem Brief, ehe ihr Trauerjahr noch um war, förmlich
anzuhalten. - Diesen Amtmann, der ohnehin in den nämlichen Jahren des Hermanns
sich befand, obgleich ihn kein Zipperlein plagte, würde Dene um alles nicht
einem Literatus (unerachtet dieser Literatus den kalten Brand hatte) vorgezogen
haben, indessen konnte ihr nichts erwünschter kommen, um den Herrn Hermann
völlig aufs Haupt zu schlagen. - Hermann litt zusehends, denn er war in das Geld
der Dene sterblich verliebt. - So wenig Herz auch der alte Herr hatte, so würde
er doch mit diesem Amtmann eins versucht haben (nämlich in Briefen), wenn nicht
die gnädige Wittwe den glimmenden Docht der Hoffnung in dem Herzen des alten
Herrn angefacht hätte. - Zwar brannte es sehr schwach, indessen brannte es doch.
- Zu keiner kleinen Freude des alten Herrn veranstaltete die Wittwe einen Besuch
beim Herrn Hermann. So viel Ehre ihm dieser Besuch war, so wusste er doch nicht,
wie er seine Gäste aufnehmen würde. - Der Frau Sara Gnaden wollten mit; wie
hätte auch die viel Ehre und Tugend belobte Jungfrau Magdalene, ohne eine solche
Bedeckung, zu einer los und ledigen Mannsperson kommen können? Die Frau Sara war
jetzt ihre feste Burg, in welche sie sich zu werfen Willens war, wenn die böse
Nachrede sie verfolgen würde. - Im Herzen konnte ihr nichts willkommener als
dieser Vorschlag sein, denn sie wollte gar zu gern ihr künftiges Bleibchen
kennen lernen, und auch ihre Stieftochter, von der so viel Gutes gesagt ward.
Uebermorgen also! - Der alte Herr beurlaubte sich sogleich und reiste mit
Freuden und mit Kummer zu seiner Wohnung.
    Mine! Mine! Mine! das arme von einem Briefe an mich verscheuchte Mädchen,
kam und erfuhr die grosse Neuigkeit von dem Heil, das diesem Hause widerfahren
sollte. Der Stolz machte ihren Vater verdriesslich; denn es war nicht nach
Herzenslust in seinem Hause eingerichtet - überall blickte Dürftigkeit hervor. -
Würde nicht die Hoffnung auf Denen dieser Leidenschaft Zaum und Gebiss angelegt
haben; die arme Mine, was hätte sie nicht noch mehr ausgestanden, als sie
ausstand! - Das arme Mädchen, das viel zu edel war, um ein einziges Wort von
ihren häuslichen Verfassungen gegen mich auch nur fallen zu lassen, das sich in
alles schicken konnte, das selbst auch ihren Bruder Benjamin, obgleich er das
Schneiderhandwerk lernte, zu dieser Denkungsart hinauf gestimmt, der um alles in
der Welt willen nichts von meinem anexoy kai apexoy angenommen hätte; dies arme
Mädchen sollte zu meinen Eltern gehen - und borgen, damit die hohen Gäste, wie
Hermann sie nannte, übermorgen, wie es sich eigne und gebühre, aufgenommen
werden könnten. Verzeihung, Vater, das kann ich nicht! sagte Mine sehr gefasst.
Hermann stampfte, wütete und tobte, bis ihm Mine endlich einen Plan vorlegte,
der, ohne dass geborgt werden dürfte, zu bestreiten wäre. - Mag es - antwortete
er, wiewohl noch unwillig - mag es - denn er konnte es Minen nicht verzeihen,
dass sie zu meinen Eltern zu gehen verweigert hatte. Er gab ihr, wiewohl unter
Hieroglyphen, zu verstehen, dass sie meinetwegen dieses Schrittes wegen die
Peinlichkeit eben so nötig nicht hätte. - Mine verstand nicht bloss, was er
sagte, sondern auch, was er dachte; indessen verschwieg Hermann meinen Namen
vorsichtig, und da Mine ihren Plan gut einzukleiden wusste, überwand ihn die
Hoffnung, Magdalenens Reichtum zu überzählen, endlich ganz. - Die Freude nahm
Oberhand, und diese verführte ihn, Minen seine Heirat rund aus zu entdecken.
Das gute Mädchen hörte keine Neuigkeit, allein sie konnte nicht umhin, ihm im
Hintergrunde des Gemäldes, das so schön in seiner Erzählung aussah, die Fehler
zu zeigen. Die Sache war indessen nach ihrer Meinung zu weit gekommen, als dass
sie sich lange bei diesen Fehlern im Hintergrunde verweilte.
    Mine hatte durch ihrer Hände Arbeit sich schon seit der Zeit, dass ihr Vater
Denens wegen die Schulanstalten aufgehoben, beinahe allein erhalten. - Jetzt
brachte sie von diesem ihrem kümmerlich ernähten Verdienst von freien Stücken
etwas in den Plan zur Aufnahme, ohne sich einst darüber ein Verdienst zuzueignen
und es dem Vater zu entdecken. Das gute Kind! - Der feierliche Tag erschien, den
Sara und Hagar zum Besuch bestimmt hatten. Der alte Herr konnte diesen Mittag
nicht essen, nicht trinken; er blies selbst den Staub ab, wo er noch Staub in
dem Zimmer entdeckte, und vergass so sehr, dass er Literatus war, dass er Holz
gespalten haben würde, wenn es auf diesen Umstand bei Minens Plan angekommen
wäre. - Er trug nicht tagtäglich Manschetten, allein er legte sie, wie die
Pastoren den Kragen, in die grosse Bibel, um die Manschetten in Züchten und Ehren
zu erhalten. Diessmal nahm er ein ganz neues Paar, allein dem unerachtet musste
Mine sie ihm noch aufbügeln, und da sie's ihm nicht zu Dank machte, vollendete
er dieses Werk selbst. So lang wie des Himmelsbürgers waren die Manschetten
Hermanns nicht; allein Hermann war auch in Wahrheit nicht wert, meines Vaters
Landsmann in dem allerentferntesten Sinne zu sein.
    Mine hatte Tannenreiser und Kalmus in die Zimmer gestreut und mit Wachholder
geräuchert, da Hermann eben mit den Augen seinen Gästen entgegengelaufen war.
Dies musste alles, bis auf das letzte Wölkchen Rauch, das sich im Zimmer herumzog
- heraus, sobald Hermann wieder kam, weil es, wie er sagte, in grossen Häusern
nicht mehr Sitte sei, Tannen, Kalmus und Wachholderrauch zu riechen. Man
spritzt, fuhr er fort, die Zimmer mit wohlriechendem Wasser aus, um den Staub
eben hiedurch niederzuschlagen. Die Nase des alten Herrn fand, nachdem schon
alles aus dem Zimmer war, noch so einen gemeinen und, wie er ihn nannte,
Coriandergeruch, dass er durchaus Modeweihwasser verlangte, um es auszusprengen.
Mine konnte ihm damit nicht dienen - sie hätte gern das Grüne im Zimmer
beibehalten.
    Es schlug die Stunde, da er seine Gäste erwartete, und da man nach
Ortsumständen sie mit Grund erwarten konnte, allein vergebens. - Hermann,
obschon er einen Boten ausgesandt hatte, um ja den hohen Gästen weit genug
entgegenkommen zu können, konnte sich nicht entbrechen, auf die Zinne des
Tempels zu steigen. Es konnte bei dieser Gelegenheit nicht fehlen, dass seine
Unter- und Oberkleider, obgleich er die letzten durch einen Mantel von
Glanzleinwand in Obhut genommen, vom Staub angegriffen wurden. - Er hatte nichts
von seinen Gästen entdeckt, und das war sehr natürlich. Wenn der gute Mann sein
höchst unzulängliches Gesicht zuvor übermessen, so hätte er diese Mühe sparen
und den Mantel von Glanzleinwand in sanfter Ruhe lassen können. - Er war von
unten bis oben zu beschäftiget sich wieder zu reinigen und zu läutern, und
zitterte an Händen und Füssen und über Leib und Leben, wenn er was rauschen
hörte. Da sind sie! schrie er, und lief und kam wieder, und lief noch einmal und
kam noch einmal wieder. Obgleich Mine, die heute wohl Marta hätte heissen
können, ihm eben so oft als er lief und wieder kam, »der Bote« nachschrie, so
war er doch in einem solchen Gedankenconcurs, dass er nicht aus noch ein wusste. -
Endlich (nachdem er schon eine halbe Stunde rein und sauber, wie aus einem
Schreinchen gezogen, dastand) der Bote! - Wie ein Blitz war er fort. »Noch eine
halbe Viertelmeile;« auch die halbe Viertelmeile hielt ihn nicht. - Er flog. -
Regine, das Hausmädchen, schrie ihn diesmal bei aller seiner Eile zurück;
unfehlbar glaubte er, dass Mine ihm noch eine Frage zu tun hätte.
    Wollen Sie, sagte sie auf lettisch, nicht den Glanzleinwandsmantel
überziehen? - Keine Furie kann wütender werden, als unser alter Herr ward, und
nun hätte ihn nichts zurückgebracht, nichts -
    Sie kamen. - Mine war höflich, ohne sich wegzuschleudern. Sie hatte mich vor
Augen und im Herzen - und der alte Herr konnte nicht aufhören, mit Geberden ihr
zu verstehen zu geben, dass sie zu wenig, viel zu wenig täte. - Er, das wissen
ja meine Leser, war ein Regenwurm.
    Die gnädige Sara hatte so viel mitgebracht, dass Minchens wohlgemeinter Plan
völlig vereitelt ward. Die hohen Gäste hätten, dünkt mich, wenn es auch nur der
guten, wohlmeinenden Hand Minchens wegen gewesen wäre, sich zu demjenigen
bequemen können, was dieses gute arme Mädchen des Hausfriedens halber zum Teil
von ihrem Nähgelde angerichtet hatte; allein Sara und Hagar waren viel zu stolz,
um sich so tief herabzulassen.
    Minchen hatte den Einfall, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und nichts von
dem Mitgebrachten anzunehmen; allein konnte sie's ihres Vaters wegen? Er winkte
so lange, bis sie nahm und ass. - Nun hätte er zu winken aufhören können und
sollen, allein er setzte es fort, und wollte durchaus, dass Mine sich den Magen
verderben sollte. Das tat sie nicht. - Es war ein unbeschreiblicher Stolz,
womit diese Antiken, Sara und Hagar, über Minen herfuhren. Dass sie nicht von den
natürlichen, wohlgemeinten Speisen nahmen, würde den beiden Damen endlich zu
verzeihen gewesen sein; allein es war unverzeihlich, dass sie sich über Gottes
Gaben herüberbogen und die Nase rümpften. - Sie massen Minen hundertmal mit ihren
Augen, und hier und da hielt sich der Blick auf, als ob er ein Plätzchen
gefunden hätte, das wert wäre ein wenig anzuhalten. Dies alles war Minen
unerträglich. Sie durfte nicht hundertmal auf- und abblicken, um dieses Paar
völlig zu übersehen und ihre Ueberlegenheit zu fühlen. - Die Wittwe Sara tat
einige Fragen an sie. Womit sie sich die Zeit vertreibe? Ob sie einen Liebhaber
hätte? Ob sie auch die Küche verstünde? Anzusehen, setzte sie hinzu, ist es
nicht. - Ihre Hände sind so küchenrein als einer Dame von Stande. - Nicht wahr,
liebe Dene? - Dene entielt sich aller Fragen, allein man konnte es deutlich
bemerken, dass sie sich solche in bester Form Rechtens vorbehielt. Ihre Stunde
hatte noch nicht geschlagen.
    Das abgebohnte Clavier brachte die hohen Gäste auf die Musik und die gnädige
Sara auf die Frage: ob Minchen musikalisch wäre? Mine beantwortete diese Frage
mit der ihr eigenen Bescheidenheit. - Obgleich die hohen Gäste keinen Beweis, in
wie weit sie musikalisch sei, begehrten, so bestand doch der alte Herr darauf,
»Mine sollte singen und spielen,« da er es seinen hohen Gästen so nahe legte,
bestanden sie auch darauf, denn eine Bitte war es noch lange nicht. - Etwas
Bekanntes, sagte er; denn er wusste wohl, dass ein Präludium, wenn es Hand und Fuss
haben sollte, bei ihm vierzehn Tage zuvor bestellt werden musste. - Mine sang und
spielte, weil sie singen und spielen musste. - Es war indessen keine Dedication
an die hohen Anwesenden. Wenn diese Damen Gefühl gehabt, hätten sie wohl den
Vogel im Bauer gehört. Indessen hatten die hohen Gäste weder so seine Ohren,
noch so seine Herzen.
    Dene hatte ein Paar Strahlen der Hoffnung auf den alten Herrn fallen lassen,
die ihn entzückten.
    Uebermorgen erwarte ich meinen Sohn, sagte die gnädige Sara zum Hermann, Sie
werden doch so gut sein und zu uns kommen? Minen fuhr es in alle Glieder. Mir
war es, wie sie schreibt, als ob Sara hinzusetzen würde: Bringen Sie Ihre
Tochter mit. - Ihre Befürchtung war vergebens. Der Stolz liess diese Bitte nicht
zu.
    Noch ein paar Blicke von oben bis unten, und dann wieder von unten bis oben,
ohne dass der Blick Minen die Ehre tat, irgendwo zu weilen, und nun - Gott
bewahre Sie, mein Kind! - Ein gewöhnliches Compliment. Mine schreibt: »Mir war
es als hätte ich gesagt: Vor solchen Leuten - ich erschrak, allein ich hatte es
nur herzlich und von ganzer Seele gedacht.« So ward hier, und so wird jederzeit
das Gesetz erfüllt: Unrecht straft seinen eigenen Herrn.
    Der alte Herr war in Seelenangst, auf welche Art, ohne sich zu viel
herauszunehmen, er die gnädige Wittwe in den Wagen bringen sollte. - Endlich
legte er Hand aus Werk. - Mit Denen ward er geschwinder fertig. Sie hatt' ihm
Mut und Leben eingeflösst. - Er wollte durchaus zu Pferd' und den hohen Gästen
vorreiten, allein sie verbaten es, der üblen Nachrede wegen, und also begnügt'
er sich, sie wieder bis auf die Stelle zu begleiten, wo er sie entgegengenommen.
    Froh kam er zu Mine, allein dies konnte die Strafpredigt nicht abwenden, die
er ihr hielt, viel zu wenig, viel zu wenig sich gebückt, gesungen, gespielt und
gegessen zu haben.
    »Und wie gefällt dir (diese Frage ausser allem Zusammenhang), wie gefällt dir
Dene?«
    Wie sie mir gefällt?
    »Wie sie dir gefällt?«
    Da sie meine Mutter werden soll - »Das ist sie schon!« unterbrach er Mine,
wegen der paar Strahlen von Hoffnung, die sie auf ihn geworfen hatte - so ist es
Pflicht - »diese Antwort erwart' ich von Minen.«
    Es ist schwer, schreibt Mine, sehr schwer, wenn man eine so gute Mutter
gehabt, einer Dene als Mutter zu huldigen, und wäre das vierte Gebot nicht -
    Der alte Herr verfehlte nicht, der Einladung der gnädigen Sara gemäss sich zu
rechter Tageszeit einzufinden, und wer hätte das gedacht? Der Herr Sohn der
Madame Sara war kein anderer als der Herr v. E., der französische Curländer,
welcher kriechend und stolz, für und wider sich, und gewiss auch Freund und Feind
eines jeden Menschen war, je nachdem es die Umstände gaben. - Der Affe mit den
Halbstiefeln! Der alte Herr fand ihn schon, da er ankam, und machte tausend
Umstände, dass er ihm nicht entgegengekommen.
    Der Teufel, Herr! wo haben Sie wissen können, dass ich kommen würde?
    Die gnädige Mama!
    Wir waren beim Herrn Hermann, ich und Dene, fing die gnädige Mama an. Dank,
Herr Hermann, für alle erzeigte Höflichkeiten! - Für den schönen Sang Ihrer
Tochter! Das ist wahr, Herr Hermann, Sie können sich was auf solch eine Tochter
einbilden. Ist es Ihre rechte Tochter? Ein hübsches Mädchen! Nur scheint sie mir
die Finger nicht in kaltes, nicht in warmes Wasser zu stecken. - Ihre Hand fasst
sich wie Atlass an.
    Da war unser Ankömmling wie ein Geier auf die Taube.
    Ich liebe schöne Hände, gnädige Mama, die nicht kalt und warm vertragen, die
sich wie Atlass anfassen lassen; wann sind Sie zu Hause, Herr Hermann?
    Wenn Ew. Hochwohlgeboren befehlen.
    Ich will meiner Mutter nicht die Ehre allein lassen, Sie besucht zu haben;
denn in Wahrheit, es kann kein Mensch ein grösserer Liebhaber von einer schönen
Hand oder von der Musik sein, das ist beinahe einerlei, als ich.
    Die Wittwe v. E. (ich habe sie lange genug und bis zum Überdruss meiner
Leser Sara genannt) machte ihrem Sohne Vorwürfe, dass er sie so lang' auf sich
hatte warten lassen. Dein Brief aus Königsberg -
    Schönste Mutter (Frau v. E. hörte dies gern), ich fand in Königsberg noch
dies und das, und Sie wissen wohl, wenn man dies und das findet, so kann man so
geschwind nicht. - Wir wissen das dies und das, wobei Herr v. E. um und in
Königsberg, vor seiner Rückkunft nach Curland, noch zum Ritter zu werden den
Beruf hatte: nicht zum irrenden, denn hiezu hat er keinen Ansatz.
    Deine Mutter aber hättest du über dein dies und das nicht vergessen sollen,
sagte die Frau v. E.
    Vergessen? Schönste! vergessen? - Noch unterwegs traf ich ein hübsches,
liebes Kind, und sagen Sie selbst, wie kann man eine schöne Gegend sehen und
nicht wenigstens darauf atmen, und sich freuen, dass man atmen kann? Die
gnädige Wittwe holte sehr tief Atem und ward durch diese und dergleichen
Unterredungen, die alle ergaben, dass Herr V.E. ein grosser Verehrer von schönen
Gegenden war, zur eigentlichen Materie gebracht. Du weisst, mein Kind, fing sie
an, was dein seliger Vater wegen des Fräuleins S. noch bei seinen Lebtagen
berichtigt. - Du weisst, dass dein Herz und deine Hand vergeben sind, und wenn du
diese Gegend, die dir bald eigentümlich zugehören soll, mehr in Erwägung
gezogen, ich wette, du hättest deine Mutter nicht so lange warten lassen. - Im
Testament denkt er an diese deine Verlobte, welche dich mehr liebt, als du dir
vorstellen kannst. Sein letzter Wille setzt fest - hier nahm sie ihren Sohn, um
sich mit ihm dieses Testamentswegen zur vertraulichen Unterredung
einzuschliessen.
    Hermann hatte Gelegenheit, mit seiner Dene eine gleiche vertrauliche
Unterredung anzustellen, bei der es beinahe bis zum B gekommen wäre. Es war
dieses im eigentlichen Sinn für Hermann ein Schäferstündchen - denn er liebte,
er liebte brennend - nicht Denen, sondern das liebe Ihrige, und davon sollt' in
dem gegenwärtigen Stündchen gehandelt werden. - Es fiel sehr auf, dass die Frau
v. E. sich mit ihrem Sohne, nicht seiner Heirat wegen, eingeschlossen. Diese
diente nur zum Vorwand und Ueberrock; Dene war die Hauptrolle. Hermann empfand
den glücklichen Vorfall, dass sich die Frau v. E. und ihr Sohn paarten; denn wo
ein vertrautes Paar sich sondert, da gibt's mehr.
    Sehen Sie nur, Herr Hermann, fing Dene an, es ist bei alle dem eine eigene
Sache mit dem Testament, ich bin mit der gnädigen Frau wie getraut, wir können
es nicht, der Tod soll uns scheiden.
    Das dächt' ich, sagte Hermann, hätte nichts zu sagen.
    Ein Testament!
    Eine Ehescheidung!
    Recht, lieber Hermann!
 (Hermanns Herz sing diesen Ball und freute sich, wie sich ein Kind freut, wenn
                           es den Ball gefangen hat.)
    Nun, meine Englische?
    Aber die Scheidungsstrafen?
    Das ist zu machen.
    Und wie?
    Und wie? Sie gibt Ihnen ein Jährliches, so lange Sie leben.
    Wenn sie will.
    Sie muss wollen.
    Wenn ich zur Scheidung Anlass gebe?
    Wenn auch! - Im Herzen, glaub' ich, steht sie nicht ungern -
    Dass ich gehe? - Dies ist auch meine Hoffnung.
    Zu der meinigen gehört mehr.
    Was mehr?
    Sie, meine Englische.
    Lieber Hermann, ich dacht' eben dran.
    O wie glücklich bin ich!
    Ich dacht' eben, wenn die Frau v. E. diese Pension nur auf meine Lebenszeit
beschränkt, so würden meine künftigen Erben -
 (Hierbei hätte dem Hermann angst und bange werden können; indessen deutet' er
  diese Erben, wie es auch wohl gemeint zu sein den Anschein hatte, auf sich.)
    O Englische, o Gütigste! Sie denken auch nach Ihrem Tode - (Er weinte, denn
das ward ihm nicht schwer. Ein Mensch wie er hätte beim Worte Tod heulen und
zähnklappen sollen; allein es waren diese Tränen wie alles an ihm war. Seine
Empfindungen waren Kunst. Sie ergossen sich nie, sie wurden nur durchs Druckwerk
getrieben. Er hatte beides, Lachen und Weinen, in einem Behältnis - wie man
wollte, wollte er mit.)
    O, den werd' ich, den werd' ich nicht überleben!
    Dene, welcher unfehlbar der selige gnädige Herr beim Ueberleben einfiel,
fing auch bitterlich zu weinen an. Hermann deutete dieses auf sich und umfasste
ihre Knie, und - da hörten diese Turteltauben die zurückkommende Frau v. E. und
ihren Sohn, das Testament in der Hand.
    Jedes, Dene und Hermann, gingen an ein ander Fenster. Es hatte sich schon
jedes etwas kalt gewordenes Teewasser aufs Schnupftuch gegossen, um desto
gründlicher alles zu verwischen.
    Herr v. E. wandte sich, da er zurückkam, das Testament noch in der Hand, zu
Denen. - Da find' ich, liebe Dene, fing er an, eine närrische Clausel. - Hat der
Teufel je so was gehört, zwei Frauenzimmer sollen sich verheiraten! - Sie haben
mir nie was Böses getan, liebe Dene, und noch bei meines Vaters Leben, wo Sie
im Hause was galten, habe ich alles Liebe und Gute, es versteht sich in allen
Ehren, von Ihnen genossen; - allein so weit geht die Erkenntlichkeit nicht, und
so nah sind wir, mit Ihrer Erlaubnis, nicht verwandt, dass meine Mutter eine
Person im Hause ertragen sollte, die ihretwegen gar nicht ins Haus kommen
sollen. Sie verstehen mich doch, Dene?
    O ja, sagte Dene.
    Sie haben also Ihren Abschied.
    Frau v. E. Ohne dass Sie sich eben übereilen dürfen.
    Herr v. E. Heute, morgen, übermorgen.
    Dene. Und wegen meiner treu geleisteten Dienste?
    Frau v. E. sah ihren Sohn an, als ob sie sagen wollte: Hab' ich es nicht
gedacht?
    Herr v. E. Es wird sich finden -
    Frau v. E., die herzlich froh war, dass sie Dene so auf gute Manier, ohne
einst einem Rechtsgelehrten dessfalls zu beichten, los war, fiel ihrem Sohne ins
Wort; Dene soll nicht drunter leiden! - Wir werden darüber eins werden!
    Dene küsste der Frau v. E. die Hand und dem Herrn v. E. desgleichen, und so
war also Herr v. E. ein trefflicher Executor testamenti.
    Hermann erzählte diese Geschichte, da er heim kam, seiner Tochter Minen. -
Denn er war ausser sich. - Kein Stein des Anstosses mehr auf dem Wege zu Denens
Herzen - aber ein grosses Aber blieb ihm im Herzen stecken, weil es noch nicht
berichtigt war, was Dene zum Abtrag haben sollte. Minen ergriff eine grosse
Angst. Sie hatte beständig Ahnungen. - In dem Augenblick, schreibt sie, da mein
Vater den v. E. aussprach, noch eh' er ihn aussprach, wusst' ich, dass Herr v. E.
zu uns kommen würde; nur wer er war, wusst' ich nicht halb, nicht ein Viertel.
    Den achten Tag, so lange hatte sich Hermann wegen kleiner podagraischer
Anfälle, die ihm sehr ungelegen kamen, zu Hause gehalten, langte Herr v. E., wie
er schwor, der Musik wegen, an, und nebenher zu sehen, wie Hermann sich befände.
Mine tat einen heftigen Schrei, da sie den Herrn v. E. sah. Er aber, nachdem er
sie durch's Glas betrachtet, fand sie allerallerliebst - und das sagt' er ihr so
ohne Rückhalt, als ob sie zum Kauf stände, wo jedem Vorbeigehenden frei stehet,
ohne Umstände allerliebst zu sagen.
    Es blieb bei diesem Allerliebst nicht. Sie war im Negligé, und da fand er
das Band am Busen so sehr der Jahreszeit angemessen, dass man es nicht besser in
Paris hätte wählen können. - Er packte seine drei Gläser (durch alle drei hatt'
er sie gesehen) ein und schien es dazu anzulegen, Minen mit seinen leiblichen
Augen zu erreichen. Er war fertig, sie in nähern Augenschein zu nehmen. Da nahm
Mine ihre ganze Gewalt im Auge zusammen, um ihn zur Erde zu sehen. - Er fühlte
diesen Blick, obgleich er ein ganzes rundes Jahr in Paris gewesen war, und er
kam wieder zurück zu seinen drei Gläsern und zum Allerliebst. Von dieser Stelle
hätt' ihm das Auge der Tugend selbst nicht wegblitzen können. - Mine hatte
nichts mehr nötig, als diesen Zwitter von Franzos und Curländer zu sehen, um
ihn unausstehlich zu finden. - Sie würd' über den ersten Sterblichen mich nicht
vergessen haben. Sie war ganz mein. Sobald sie diesen Gecken gesehen hatte, sah
sie, was sie oft gesehen, dass ihre Ahnungen nicht immer träfen. - Ein Geck
dieser Art kann nicht schwer zu entfernen sein, dachte sie, und in Wahrheit, sie
dachte sehr richtig, denn mich dünkt, nichts ist einem jeden gutdenkenden
Mädchen leichter, als einen Stutzer, der ein Jahr in Paris gewesen, auf seine
Grenze und zu seinen drei Gläsern zu bringen - ich weiss wohl, wer unverschämter
ist.
    Es ist mir unbekannt, ob meine Leser schon einen curischen Franzosen gesehen
haben. Wert zu sehen ist er! Franzos und Curländer reimen sich, als
Chapeaubashütchen und Stallmeisterstiefel, als Sonnenschirm und Jagdtasche.
    Ich habe schon die Ehre, gehabt, den Herrn v. E. als meinen Nebenbuhler zu
präsentiren, und jetzt kennen ihn meine Leser noch obenein.
    Herr v. E. konnte nicht ein Auge, oder eigentlich ein Glas, von Minen
lassen. - Er war ausser sich, steckte die drei Gläser an ihren Ort, und kam
wieder an das der Jahrszeit so angemessene Band am Busen, das man in Paris nicht
besser wählen können. - Mine warf ihn auch wieder mit einem Blick zu Gottes
Erdboden - den Elenden! der nicht wert war, dass ihn die Sonne beschien. - Dem
Kuss zum Abschiede ward ihr schwer zu entgehen; sie entging ihm zwar, indessen
singen ihre Ahnungen wieder ihr Recht zu behaupten an. - Hermann selbst schien
die Freiheiten, die sich Herr v. E. herausgenommen, zu missbilligen. Diesen
Schein dedicirt' er indessen bloss Minen hinter des Herrn v. E. Rücken. -
Uebrigens verstattete das Podagra dem Hermann nicht, so hart er sich gleich
stellte, den Herrn v. E. so weit zu begleiten, als seine Geburt es mit sich
brachte, und wegen dieses Umstandes konnt' er nicht aufhören um Verzeihung zu
bitten.
    Schon den folgenden Tag ward Hermann zur Frau v. E. gebeten; allein er
konnte von diesem Ruf erst den dritten Tag Gebrauch machen. - Hermann war noch
nie so bitterbös aufs Podagra gewesen als diesmal.
    Herr v. E. hätte beinahe, wie er sich ausdrückte, den Verstand über Minen
verloren! - Dazu, glaub' ich zwar, würde wenig erforderlich gewesen sein, weil
er gewiss keine grosse Summe zu verlieren hatte; indessen sah man aus allem, dass,
so bereist er gleich war, er selten eine so schöne Gegend als Minchen gefunden,
obgleich er ein ganzes rundes Jahr in Paris gewesen.
    Da er ohne und mit den drei Gläsern gesehen, dass Minchen kein bonum vacans
(erbloses, lediges Gut), wobei der Dieb galgenfrei stehlen kann, sondern zu
tugendhaft wäre, um sein Allerallerliebst zu beherzigen, so fand er nötig,
einen andern Weg einzuschlagen und diese Festung, nach seinem Ausdruck, die
nicht im Sturm überging, durch List einzunehmen.
    Nachdem ich das Testament, fing er an, genau erwogen, find' ich Ihre
Scheidung von Denen so leicht nicht, gnädige Mutter, als zuvor.
                        (Hermann und Dene gegenwärtig.)
    Das dacht' ich wohl, erwiederte Frau v. E. in ihrer Unschuld. Ein Testament
ist ein Testament. - Es ist der Wille eines Vaters! eines Gemahls! der letzte
Wille - und ich glaube nicht, dass Sie sich von Denen so leicht zu trennen im
Stande sind.
    Die Frau v. E. würde mehr gesagt haben, wenn nicht der Herr Sohn dieses
Drama in Gegenwart Denens und Hermanns aufgeführt. Die Mutter schrieb diesen
Umstand auf die Rechnung seines Leichtsinns, allein er gehört' auf ein
unwürdigeres Blatt, auf die Rechnung einer niedrigen List. Es war dieses Drama
Ausdünstung eines bösen Herzens. Die Mutter blinzte bald mit dem rechten, bald
mit dem linken Auge, allein der Sohn liess den Vorhang nicht fallen, das Glück
hatte seine fünf Aufzüge - Dene und Hermann hörten wie natürlich auf. Er machte
dem Hermann, auf den es bei dieser List angelegt war, so bange, dass er stehenden
Fusses Minen verraten und verkauft hätte, wenn er damit dem Testament eine
günstige Wendung geben können. Dies war das Ziel, nach welchem Herrn v. E's Rede
gerichtet war.
    Je mehr seine Mutter bei dieser Sache abbrach, desto weitschweifiger ward
er. Sein Auge lag auf der Erde und konnt' also dem Winken der Frau v. E. nicht
begegnen. - Die Mutter nahm ihn endlich bei der Hand - er küsste die Hand und
fuhr fort. - Wollen wir nicht allein? sagte sie. - Warum, schönste Mutter?
antwortet' er; es sind ja unsere Freunde.
    Seht! was ist Recht und Unrecht? Wachs in einer warmen Hand; du aber,
gerechter Gott, siehst auf alle, die auf Erden wohnen.
    Nach einem sehr ausstudirten Vortrage aller der Schwierigkeiten, warum Dene
nicht das mütterliche Haus verlassen könnte, sucht' er mit Fleiss eine
Gelegenheit, den Hermann allein zu sprechen, um ihn vollende in sein Netz zu
ziehen. Herr v. E. tat, da er diese Gelegenheit hatte, als ob sie ganz von
ungefähr gekommen oder, wie man sagt, vom Himmel gefallen wäre.
    Nötig hat er nicht, den Hermann über Denen auszufragen, denn alles war
gegendkundig; indessen fing er an, von Denen als von einer Sache zu sprechen,
bei der man wenig oder nichts verlöre. Dies wirkte. - Er brachte den Hermann
immer weiter, bis er ihn endlich so weit hatte, dass er zu allem Ja zu sagen warm
war; nur Dene musste von diesem Ja abhängen. Was meinen Sie, sagte Herr v. E.,
würd' Ihre Tochter wohl Denens Platz vertreten? - Kurz, Mine sollte Dene werden.
- Ein Engel ein Teufel. Hermann nahm nicht nur den Apfel vom verbotenen Baum und
ass, sondern riss noch einen ganzen Ast mit. Er dankt' in tiefster Untertänigkeit
für die gnädige Versorgung, und es ward auf Treu' und Glauben verabredet und
abgeschlossen, dass Mine die erledigte Stelle der Dene einnehmen sollte.
    Bösewichter! warum starrte nicht euer Kopf, da ihr diese Verräterei, diesen
Mord dachtet, und eure Zunge, da ihr ihn ausspracht! Hermann, deine Tochter, die
Gerechte, kannst du verraten und verkaufen? Minen, die dir nicht mehr zugehört,
sondern mir? Minen?
    Herr v. E. brachte den Hermann krumm und gebückt zu seiner Mutter. Er trug
die Sache öffentlich vor, das heisst, in Gegenwart seiner Mutter und Denens, die
nun wohl einsahn, warum? Sie lächelten beide, allein sie fanden die Sache an
sich sehr überdacht. - Die Frau v. E. hatte nur noch die eine Bedenklichkeit,
dass, ehe Mine Dene würde, ihr Sohn sich mit dem Fräulein S. verheiraten sollte.
Es ist nicht darum, sondern darum, sagte die gnädige Mutter. - Sie behauptete
dergleichen Dinge zu verstehen, und endlich, nach vielen Zweifeln und
Auflösungen, blieb es dabei, dass er sich, ehe Mine zur Frau v. E. zöge,
wenigstens öffentlich verlobt haben müsste. Wer die Beistimmung des Hermanns zu
diesem Morde für Uebertäubung gehalten, wird jetzt auf diese Entschuldigung
Verzicht tun und - was vom Hermann denken? Zu Anfange sollte Hermann, dem unter
dieser Bedingung sein Ja gegeben war, Minens Ja abholen. - Dene musst' unter
dieser Bedingung B sagen; allein dieser Plan ward abgeändert. Herr v. E.
entschloss sich selbst in hoher Person Minens Ja abzuholen. - Wenn gleich Minchen
nicht eher Dene wird, sagt' er, als bis ich verlobt bin, so kann ich doch mit
ihr den Contract vollziehen und ihn, um eine feste Bindung zu haben, verkitten.
Warum nicht? fragte Hermann; alles fragte ihm nach. Das Strategem, dachte Herr
v. E., kann nicht fehlschlagen, und du Hast das süsse Vergnügen, Minen Ja sagen
zu hören - »und wenn ich's auch nur durch's Glas hören soll. - Wer hört nicht
gern Mädchen-Ja's! - Ich will hin!«
    Herr v. E. machte jetzt einen ganz andern Auftritt als im ersten Akt. Der
Knoten war geschürzt. Wer den Vogel im Käfig hat, bedarf keines Vogelleims. Ohne
ihr Band am Busen der Jahreszeit angemessen zu finden, ohne die Exclamation:
aller-, allerliebst! trug er Minen, die auf diesen Antrag nicht im mindesten
vorbereitet war, das bewusste Brodstellchen an. - Vielleicht würd' ein weniger
kluges Mädchen als Mine drei Schritte zurückgetreten und Bedenkzeit nachgesucht,
oder wohl gar Ja gesagt haben, obgleich es an sich immer ein falscher, ein
Pariser Zug war, diese Anwerbung selbst, und nicht durch gute Männer auf
deutsche Weise zu tun. - Mine sagte Nein! - Ein so offenes Nein, ein so kurzes
und gutes Nein, dass Herr v. E. nicht weiter das Herz hatte, auf ein Ja bei
diesem hartschäligen Mädchen (wie er es zu nennen pflegte) zu bestehen. Hermann
war bei dieser Anwerbung nicht gegenwärtig. - Herr v. E., der von Minen Ja (dies
Wortspiel von Ja, denn sie sollte den Worten nach Ausgeberin, Gesellschafterin
werden) hören wollte, fand sie auch schön beim Nein. Er küsste ihr die Hand -
brennend.
    Ich beklage, sagt' er und wusste nicht von sich selbst, ich beklage meine
Mutter, meine liebe, liebe Mutter, meine schöne Mutter, die schönste, die ich
kenne. Es fährt mir durch Mark und Bein, wenn mein Finger noch so leise den
ihrigen tippt. Eine aller-, aller-, allerliebste Mutter. Der Saum ihres Kleides
macht mich schon glücklich! - Sein Auge redete weiter. - Es war so unverschämt,
so ungezogen als möglich. Viele Leute glauben zwar, dass man mit dem Auge nicht
ungezogen sein könnte. - Die Pariser!
    Hermann reiste mit und kam, sobald Herr v. E. zu seiner S. abging, wieder
heim. Er tat Minen eine Frage, die ihr durch die Seele ging. Wie gefällt dir
der Herr v. E., fing er an - allein Mine, die das vierte Gebot wusste und auf die
Frage: wie ihr Dene gefiel? - - »als Mutter« antworten konnte, besass keine
Fassung auf diese ausser dem Gebiete des vierten Gebots liegende Frage: wie ihr
Herr v. E. gefiel, zu antworten. Sie vergass hiebei den Vater im Kuppler und
sprach so gewaltiglich, so zudringlich, dass sie den Hermann aus aller Fassung
setzte. - »Solch einen Antrag«, fing Mine an, ihre Zunge war feurig, »solch
einen Antrag mir! War ich denn auch nicht einmal eines gefirnissten, eines
verkleideten wert? Musste mir denn dieser Entwurf ganz wie er war und nicht
einmal gekrümmelt dargelegt werden? Mir! - Zwar wäre mir die Bosheit auch in
ihrer Larve nicht entgangen, ich hätte das Gift auch im Wein erkannt, und wenn
ich zu schwach gewesen, wahrlich! Gottes Engel hätten mir den Vorhang
aufgezogen, wenn er noch so künstlich wäre gewebt worden! aber diese
Dummdreistigkeit im Laster! - Gott!« - - Sie reckte ihre Hand weit gen Himmel,
um sich durch diese Vollmacht zu der guten Sache zu berechtigen; sie sprach im
Namen der Tugend, als ihre Machtaberin, und Hermann rang die Hände, schlug an
seine Brust und versprach, sie nicht zu verraten und zu verkaufen: sie nicht zu
vertauschen, auch selbst - was konnt' er mehr versprechen? auch selbst - »wenn
ich drüber Denen verlieren soll!«
    Diese Bussandacht bewegte Minen, sie fiel ihm um den Hals, sie weinte, sie
betete, sie versprach ihn mit ihrer Hände Arbeit zu ernähren, und ihren Bruder,
der bald aus der Lehre treten würde, zur Beisteuer zu bequemen, um ohne Denen
leben zu können. »Diese Hände,« sie faltete sie und sprach so feierlich als wenn
sie einen Eid ablegte, »diese Hände sollen Tag und Nacht arbeiten!« - Hermann
war wirklich bewegt. »Ist Ihnen der Unterricht der Kinder schwer, Sie können ja
nicht bloss ein Mundwerk, sondern mehr als ein Handwerk.« - Pfui, sagte der alte
Herr, so gerührt er auch war. Mine wollte das Handwerk dieses Pfui's wegen
verreden, allein Hermann liess sie nicht vom Fleck. Handwerk fuhr er fort. Wie
kannst du mir ein Handwerk vorrücken? Was hab' ich denn für eins getrieben? Die
Schneiderei an ihren Ort gestellt, wo ich doch auch kein Kleid, keinen
Ueberrock, sondern Sachen verfertigte, die nicht ins Auge fielen. Brusttücher
und so was. - Von Stiefeln Schuhe, von Schuhen Pantoffeln künsteln, heisst das
Schustern? Und etwas aus Ton drechseln, heisst das Töpfer sein? Ich war, damit
du's einmal für allemal weisst, Freischneider, Freischuster, Freitöpfer, so wie
viele von unsern hochwohlgebornen Herren, wenn sie von Reisen kommen, Freimaurer
sind. Mine gab sich alle nur ersinnliche Mühe, ihren Vater zu beruhigen, allein
vergebens. Er konnt' ihr das Handwerk nicht verzeihen. Und die Schule? fuhr Mine
fort. Auch nicht! erwiederte Hermann, der nicht Commissbrod essen wollte, wenn er
magenverderbendes Gebackenes haben konnte. Du weisst, sagt' er ihr, dass wir die
letzte Zeit jährlich eingeschustert haben - (gern hätt' er dieses Wort
zurückgehabt) - Du weisst - - Mine weinte. - Sie leitet' ihren Vater auf Gott,
den Brunnquell aller Gnaden. Wie ein Vater sich erbarmt über seine Kinder, so
wird sich Gott erbarmen über uns, wenn wir ihn fürchten - wenn wir auf seinem
Wege wandeln, seine Rechte halten und darnach tun. Ich will Nacht und Tag zu
Gott empor rufen! Ich will eine Nähschule halten; ich will beten und arbeiten
bei Brod und Wasser. - Ich will alles, alles versuchen, was ehrlich und recht
ist, vor Gott und Menschen. - - Aller Augen warten auf den Herrn! Er gibt Speise
zu seiner Zeit, er tut seine milden Hände auf, sättigt alles was lebt, bis auf
die himmelschreienden Raben. Sind wir denn nicht so gut als sie? - Mine sagte
dies mit solcher Zuversicht, dass Hermann ihr nicht weiter den Vorschlag von
Mund-und Handwerk nachtrug.
    Hermann wiederholte sein Versprechen langsam, bedächtig, als schwör' er
einen Eid, Minen zu behalten, auch wenn er Denen drüber einbüssen möchte.
    »Wie hätt' ich,« schreibt Mine, »ihm Glauben verweigern können? - Das Blut,
das mir bei dieser Scene zu Herzen schoss, redete für ihn.« - - So weit konnt' es
Mine nicht bringen, dass er nicht mehr nach - - zur Frau v. E. reiste.
    Wer hingeht, sagte Hermann, muss zurückgehen; indessen wiederholte er mit
einem feierlichen, Gott anrufenden Blick sein Versprechen. Es war gleich den
folgenden Tag nach seinen Brustschlägen, nach seinem Blick, oder, welches
einerlei ist, nach seinen Schwüren, dass er zur Frau v. E. dringend geladen ward.
Mine nahm Gelegenheit, da sie ihren Vater auf dem rechten Wege hatte, ihm unsere
Verbindung so deutlich zu machen, dass nur noch die Worte fehlten: Ich bin mit
Alexander verlobt, wir sind Eins. - Mit Fleiss öffnete sie ihm Aussichten,
wodurch er Denens wegen entschädigt werden sollte, und glaubte sie (wie sie
schreibt) ihn im Geistlichen und im Leiblichen gewonnen zu haben. So
unbescheiden Hermann in dergleichen Fällen war, so hascht' er doch nach keiner
Sylbe mehr von mir als ihm Mine gab. Diese Bescheidenheit leistete Minen
Bürgschaft für alles. - Vergessen Sie Ihre Tochter nicht, sagte Mine, da er von
ihr Abschied nahm, Gott, wird Sie auch nicht vergessen, wenn Ihnen Hülfe, Trost,
Rat - not ist. Es bleibt, erwiederte Hermann, und schwur wieder mit einem
Blick.
    Um also zurückzugehen, ging Hermann nach - und Mine war voll guter
Hoffnungen, und diese gab sie, so sehr sie gleich das lange Ausbleiben des
Vaters befremdete, doch noch den ganzen Tag, den Abend, die Nacht, den folgenden
Mittag nicht auf.
    Da aber Hermann auch den Mittag drauf noch nicht nach Hause kam, stiegen
wieder Wolken oder Ahnungen auf. Sie wartete noch bis Mittag des folgenden
Tages, und nun war es Minen mittagsklar, dass ihr Vater so viel Zeit nicht
bedürfe, um zurückzugehen. Gegen Abend ein Brief von Hermann! - Mine wusste
schon, ehe sie ihn öffnete, was drin war, und meine Leser werden es auch wissen.
    »Ich bin krank, komm, deinen Vater zu sehen, denn vielleicht stirbt er,
damit er dich segne.«
    Das war der abscheuliche Inhalt eines Briefes, den ein Mann schreiben
konnte, in dessen Mark Gichtgift verborgen lag, das oft, eh' er sich's versah,
aufgährte; der mit feierlichen, Gott anrufenden Blicken geschworen hatte. - O
Hermann, konntest du so mit dem väterlichen Segen spotten? und so mit dem Tode?
und so mit Eiden?
    Mit diesem Brief kam ein sehr gemeines Fuhrwerk, um alles desto
glaubwürdiger zu belegen - und die Sache desto klüglicher zu machen. Man wollte
durch diesen Einfall den vorigen zu plumpen Plan ausputzen und in einem elenden
Zimmer Schildereien aufschlagen.
    Mine schrieb sehr kalt an ihren Vater, bedauerte seine Zufälle, kommen würde
sie nicht, die Ursachen müssten ihm erinnerlich sein; sie hoff', er würde sein
Versprechen erfüllen, und hiemit: leben Sie wohl!
    Dieser Brief machte dem Hermann natürlich sehr viele Mühe, um sich
herauszuwinden; denn er hatt', aller seiner Beteuerungen unerachtet, auf den
ersten gegenseitigen Angriff alles, alles aufgeopfert, alles - Das Wort von der
Hoffnung, dass Hermann sein Versprechen erfüllen würde, das Mine eingestreut
hatte, machte seiner Hermeneutik die meiste Mühe. Herr v. E. sowohl als Dene
wollten daraus herleiten, dass er zweien Herren diene. Dieser saure Schweiss bei
der Auslegung brachte den Hermann wider Minen auf eine höchst ungerechte und
unnatürliche Art auf. Nun hatt' er mit genauer Not diese Briefstelle gerettet
und die hohen Anwesenden überzeugt, dass er nur einem Herrn diene, und nun war
ihm auch nichts heilig. Der Satan fuhr in ihn. Er wollte Gift mischen und wusst'
es nur nicht anzufangen. - Er entdeckte meine Verlobung mit Minen als den
einzigen Grund ihres Neins. - Die Sache ward im ganzen Zusammenhang genommen,
und nachdem er meine Mutter, meinen Vater und mich (Herr v. E. erinnerte sich
meiner haarklein) in Lebensgrösse dargestellt, so ward beschlossen, meiner Mutter
Minens Liebesverständniss mit mir zu entdecken, ihr einen von meinen Briefen in
der Urschrift beizulegen und Minen alle Auswege abzuschneiden, den Stricken so
vieler Teufel zu entkommen.
    Arme, arme Mine!
    Hermann kam, um seine Krankheit desto wahrscheinlicher zu machen und Minen
desto sicherer ins Verderben zu stürzen, erst nach drei Tagen nach diesem
unglücklichen Brief an gerechnet, nach Hause. Was Mine während dieser Zeit
ausgehalten, ist unbeschreiblich. Die erste Beschäftigung Hermanns nach seiner
Rückkehr war, einen von meinen Briefen an Minen zu entwenden. Dieser Vorposten
macht' ihm keine Mühe, weil Mine von dieser Seite nichts befürchtete. Vielleicht
kühlt' ihn dieser Umstand, oder vielmehr die Vorstellung, dass Zorn die gute
Sache verderben könne. Seine Maske war Güte und Freundlichkeit. Eine leichte
Rolle für einen Bösewicht. Der entwandte Brief ward sogleich an die Behörde,
nämlich an meine Mutter, und zwar in Begleitung eines anonymen Briefes versandt.
    Ich weiss nicht, ob meinen Lesern mit einem Teile des anonymen Uriasbriefes
gedient sein werde, womit diese Rotte Minen bei meiner Mutter anschwärzte, um
ihr die letzte Trostquelle zu stopfen. Hermann war dabei der Fähnchenführer;
denn obenein rächt' er sich so an meiner Mutter, ohne dass sie wusste, von wannen
es kam.
                                     * * *
    »Da lesen Sie selbst, hochzuehrende Frau Pastorin. Sie kennen Bild und
Ueberschrift - wahrlich, ein unwürdiger Sohn einer so würdigen, gottesfürchtigen
Mutter, die genug für ihn gebetet und gesungen hat! So viel ist indessen gewiss,
dass er nicht der Verführer, sondern der Verführte ist. Retten Sie seine Seele,
die im Argen liegt, und machen Sie, dass er sie aus dem Argen ziehe und in seinen
Händen trage. - Die ganze Gegend, und vorzüglich die in derselben, so seine
Predigt angehört, ziehen über ihn die Achseln. Man glaubt, er habe Wilhelminen
ein lebendiges Andenken zurückgelassen. Das wolle der Himmel nicht! Indessen
war' aus den Worten: Mann und Weib, du und du, auf ein dergleichen im
Verborgenen gebildetes Andenken, dem Sie, hochzuehrende Frau Pastorin, gewiss den
Namen Grosskind entziehen würden, nicht unsicher zu schliessen. - Das beste ist,
Wilhelminen - den Kauf aufzukündigen und ihr bei Hängen und Würgen alles
Einverständnis mit dem Herrn Sohn zu untersagen, der in Königsberg nichts tut
als Wilhelminen schriftlich lieben. Man weiss aus sicherer Hand -« Genug, ich
kann nichts mehr abschreiben.
    Mein Brief an Minen, den Hermann entwendet hatte und her diesem
Schleichhandel den Schein des Rechts beilegte, war wie gewöhnlich treu und
herzlich. - Die Stelle:
    »O Mine, o Weib! du bist mir wie gegenwärtig, und alles, alles ist mir
gegenwärtig. Denkst du auch dran, wenn wir uns die Augen küssten, als tränken wir
sie aus, wenn ich deine Hand so fest an mein Herz hielt, dass du jeden und den
allergeheimsten Schlag drin fühlen konntest, den Puls der Liebe -«
    Diese Stelle klammerte meine Mutter ein und nahm sie in frommen Beschlag.
Zur Seite schrieb sie: »Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner
Uebertretungen, gedenke aber mein nach deiner grossen Barmherzigkeit!« -
Ueberall, wo Weib stand, zog sie einen Strich, als zöge sie einen Vorhang.
    Mine konnt' es nicht über ihr Herz bringen, sich nach dem Befinden ihres
Vaters zu erkundigen. Er dagegen hatt' auch kein Herz, an seine Krankheit zu
denken. Hermanns Gesicht war bei aller angenommenen Freundlichkeit so
durchsichtig, dass Mine wörtlich ihr Schicksal daraus abnehmen konnte.
    Er fing die Lobrebe auf Herrn v. E. mit dem Eingang an: Wir haben uns
geirrt, Mine. Irren ist menschlich. Wir haben uns geirrt. Herr v. E. ist nicht
der Herr v. E., den wir glaubten, sondern ein ganz anderer Herr v. E. Der Text
der Lobrede betraf seine Verlobung mit dem Fräulein S., und seine erd-, wand-,
band-, niet- und nagelfeste Liebe zu ihr.
    Ost kam die Verlobungserzählung so unzeitig, dass Mine mehr als zu deutlich
sehen konnte, was diese Wiederholung sagen wollte. - Nach einer Weile fing er
an: Du kannst nicht glauben, mein Kind, wie du dich durch deine Tugend dem Herrn
v. E. empfohlen hast; er hat zum ersten- und zum zweitenmal ein Geschenk für
dich in der Hand gehabt; allein du hast ihm so viel Achtung eingeflösst, dass er
es nicht wagen dürfen -
    Ein Geschenk, warum das?
    Beim Geschenk, liebes Kind, fragt niemand warum?
    Mine konnt' und wollte nicht ihren Vater an seine Schwüre erinnern. Sie
zitterte.
    Wenn sich zu seiner Zeit ein Candidat fände, der dich heiraten wollte, fuhr
Hermann fort, er sollte gewiss nicht lange auf ein Pastorat warten dürfen. - Hat
der Herr v. E. Pastorate zu vergeben? fragte Mine bitter. - Das nicht, allein
die Connexion der Edelleute unter einander -
    Wieder nach einer Weile: Magdalene wird meine Frau! Das war nicht der erste
Blitz, der Minen durchs Herz ging. - Meine Frank! wiederholte Hermann; ob du
aber ihre Tochter werden willst, hängt von dir ab - die alte gnädige Frau will
dich - du sollst nichts mit der jungen Herrschaft zu tun haben. Herr v. E.
heiratet, das weisst du doch?
    Ja, sagte Mine, ich weiss -
    Wieder nach einer Weile: Er will, wenn du's verlangst, noch herkommen und
sich wegen seines Antrages bei dir entschuldigen, den er dir sehr unzeitig
getan. Seiner Mutter kam dieser Antrag zu.
    Ich sollte denken, sagte Mine -
    Und dann wieder nach einer Weile: Er sieht seinen Fehler ein.
    Mit oder ohne Glas? erwiederte Mine so bitter, so todesbitter, dass das weise
Hofmännchen ganz aus dem Concept kam.
    Mine war in einer schrecklichen Situation. - Sie sagt', ihr Plan wäre, ihre
künftige Stiefmutter zu ehren, nie ginge sie in den Hof. Mein Leben, setzte sie
sehr lebhaft hinzu, und meine Ehre ist eins!
    »So?« sagte Hermann. Ja, Vater, sagte Mine.
    »Und weisst du auch -«. Er wollte zu drohen anfangen; allein eben zu rechter
Zeit fiel ihm seine Maske ein, er begnügte sich daher grossmütigst, Minen den
Bettelstab, Elend und Verachtung zu prophezeien.
    Arme Mine, edles, unglückliches Mädchen! ich empfinde, was du empfandest -
und dürft' ich doch nicht erzählen, was Mine sehr natürlich noch weit
unglücklicher, noch bedauernswürdiger machen musste.
    Dies verfolgte, unglückselige Mädchen entschloss sich, in den Armen meiner
Mutter eine Freistatt zu suchen. Sie war aufs Äusserste gebracht. Sie schrieb an
sie. Den Brief hat Mine mir nie gezeigt. Es ist deine Mutter! schrieb die
Holdselige und machte einen -
    Ehe sie aber diesen Brief abschicken konnte, stehe da! ein Brief von meiner
Mutter an Mine. Die Wirkung des Uriasbriefes und seiner Beilage. Dieser Brief
fing sich an:
    »Es will verlauten, dass Sie meinen Sohn verführt hätten und noch verführen
-« und schon dieser Anfang lehrt, dass meine Mutter dem Uriasbriefe seine
Schliche abgemerkt und den Verfasser für das, was er war - einen
Schwarzkünstler, gehalten. Sie glaubte sein Hokuspokus vom lebendigen Andenken
nicht, allein anstatt dass sie der verfolgten Mine, ihrer so wohlgeratenen
Schwiegertochter, die Hand geben und sie in Schutz nehmen sollen, was tat sie?
Sie verschwieg diesen ganzen Vorgang meinem Vater, und wenn ich ihren Brief ganz
meinen Lesern mitteilen sollte, würd' ich der Achtung zu nahe treten, die ich
meiner Mutter schuldig bin. Sie liess Mine aus besonderer Milde Vorzüge, nur den
konnte sie ihr nicht zugestehen, die Frau eines Pastors und die Schwiegertochter
einer so ahnenreichen Pastorin zu werden. Es wäre nicht das erstemal, schreibt
sie, dass ein Cavalier ein armes Mädchen geheiratet hätte; sie wünschte, dass aus
Scherz Ernst und Mine die Frau v. E. würde; denn unverhofft, setzte sie hinzu,
kommt oft.
    Ein paar Stellen muss ich ungekürzt geben:
    »Es wäre Stank für Dank, wenn Sie die Nachbarsrechte so gewissenlos aus den
Augen setzen und meine grauen Haare so mit Schimpf und Schande hinab ins Grab
bringen wollten. Ich habe etwas in originali gelesen, auf dessen Rechnung eine
grau gewordene Stelle meines Hauptes gehört. Ich weiss die Minute, da sie grau
ward. Gott verzeih' dem Urheber dieses Etwas in originali die graue Stelle auf
meinem Haupte. - Lasset alles ehrlich und ordentlich zugehen, das, dächt' ich,
hiesse wohl ziemlich klar und deutlich, die Tochter eines noch zu bezweifelnden
Literati könne meine Schnur nicht werden. - Ich habe schwarz auf weiss und
verbitt' alle Sprünge durch einen Reif, alle Kunststücke der Entschuldigung, und
kurz und gut, alles und jedes zur Antwort, die ich so warm, als ich sie erhalte,
zurücksenden werde. Ihren Zuspruch muss ich noch aus einer andern Ursache mehr
verbitten; auch selbst wenn Sie an der Hand meines Sohnes kämen, würd' ich für
beide über Feld gegangen und nicht zu Hause sein. So was kann nicht geschlichtet
, sondern muss gerichtet werden. Ungern hab' ich an Sie geschrieben; allein um
nicht Oel zum Feuer zu giessen und das allgemeine Gerede noch gemeiner zu machen,
das ohnehin schon in fliegende Blätter ausartet, wie eine Raupe in einen
Schmetterling - bloss darum dieser Brief, der erste und der letzte.
Sing', bet' und geh' auf Gottes Wegen,
Verricht' das Deine nur getreu!
Vertrau' des Himmels reichem Segen,
Und er wird jeden Morgen neu!
Denn wer nur seine Zuversicht
Auf ihn setzt, den verlässt er nicht.«
    Da war nun Mine von aller Welt verlassen, diese Gerechte! Das Schwarz und
Weiss und das allgemeine Gerede, und das Etwas in originali, auf dessen Rechnung
eine grau gewordene Stelle gehörte, die Gott dem Urheber verzeihen sollte, waren
Mine unbegreifliche Dinge, - allein die Hauptsache war desto begreiflicher. -
Mine tat ihren Mund nicht auf. - Zu meinem Vater sich zu wenden hatte sie kein
Herz. - Es fiel ihr der Ueberfall im Wäldchen ein. - Dieser hatte bei Mine etwas
zurückgelassen, was sie hielt. - Sie wollte schon, allein sie konnt' es nicht
vollenden. O liebe, liebe Mine, warum nicht?
    Als ich einem meiner Freunde aus freier Faust meinen Lebenslauf erzählte und
an diese Stelle kam, bei der ich ihn fragte: Haben Sie das von meiner Mutter
gedacht? antwortete er: Ja, Freund, denn sie konnte buchstabiren, sie setzte
ihren Casum und war fromm.
    Ob mein Freund recht gerichtet, mögen meine Leser nicht hier, sondern über
ein Kleines beurteilen.
    Herr v. E. kam jeden Sonntag in unsere Kirche. Mine sah ihn nicht an; allein
er sah sie, und wie er sah, das wissen wir schon. Er verlobte sich wirklich mit
dem Testamentsfräulein; den Sonntag darauf war er in unserer Kirche mit ihr und
trieb die Sache so weit mit Mine, dass alle das Kirchengestühl, wo Herr v. E.
sass, und Mine in einer Reihe ansahen, so dass mein Vater selbst ein paarmal ein
Wort zweimal sagen und ein anderes lang ziehen musste, um sich auf das folgende
zu besinnen, so sehr ward er gestört! Mine hörte, indem sie aus der Kirche ging:
»Der Braut im Gestühl drückt er' die Hand und von Jungfer Minchen liess er kein
Auge. Was ist besser, Hand oder Auge?«
    Hermann ward in dieser Verlobungszeit mit keiner Ladung beehrt, allein dass
er mit dem Herrn v. E. in Verbindung war, ergab sich unter anderm daraus, weil
sie häufig Briefe wechselten, weil Verschiedenes in die Küche kam, wovon aber
Mine keinen Bissen ass, und weil Hermann so gefällig gegen Mine tat, dass sie
sich vollständig überzeugte: es ging etwas vor.
    Sie hatte schon oft an ihren Bruder in diesen Herzensnöten geschrieben;
jetzt schrieb sie dringender und Benjamin kam. Seine Ankunft konnte bei Hermann
um so weniger Verdacht erwecken, da er selbst verlangt hatte, dass sein Sohn zur
Schicht und Teilung kommen sollte. Es ist unaussprechlich, wie sich Mine
freute, ihres Geliebten Bevollmächtigten, ihrer Liebe Zeugen, ihren Benjamin zu
sehen. - Sie konnte sich nicht zurückhalten, diese Freude vor den Augen des
Vates aufflammen zu lassen - schön, wie ein Opferfeuer!
    
    Mine entdeckte ihrem Bruder mehr, als sie zu schreiben im Stande gewesen,
und Benjamin kannte sie kaum wieder, so sehr hatte sie sich verändert. Arme,
arme Mine! rief er und sah sich um, ob es auch Hermann gehört hätte. - Die
ungewöhnlich starke Correspondenz ihres Vaters mit dem v. E. fiel beiden zu
deutlich auf. Zwar gingen alle Briefe:
                                     An die
                                  Hochedelgeborne ehr- und tugendbelobte Jungfer
                        Magdalene -
                                                              dienstfreundlichst
                        in -
indessen schien sie nur überhaupt das Feigenblatt zu sein. Bald, schreibt Mine,
hatt' ich Hoffnung, es würd' ein End' gewinnen, dass ichs könnt' ertragen, bald
verlor ich den letzten warmen Tropfen Mut - und ich zitterte über Leib und
Leben. - So ging es auch dem Benjamin. - Ohne dass dieser seiner Schwester etwas
davon sagte (wer weiss, ob sie's zugegeben hätte?), entschloss er sich, da Hermann
einen guten Nachbar besuchte - (noch ward er nicht zum Herrn v. E. beschieden) -
das Pult zu öffnen und eine Hand voll Briefe zu nehmen. Er rief seine Schwester,
»Lies!« sagt' er. Sie konnte nicht weit kommen; es überfiel sie eine Ohnmacht
nach wenigen Reihen. Meine Leser sollen einen Brief ganz lesen und eine Antwort
ganz.
                          Brief des v. E. an Hermann.
    Herr, Sie sollen nicht Denen haben und wenn ich Denen selbst heiraten
sollte! ich selbst! Hört der Herr? wenn ich sie selbst sollte! Ihr krummer
Buckel und Ihr Händedruck macht es nicht. Für was ist das? Ich bin Sohn und will
das väterliche Testament aufrecht erhalten. Das will ich! ich will das! Der Herr
schreibt nicht hin, nicht her! nicht gehauen, nicht gestochen. Ich muss wissen,
woran ich bin, denn ich liebe Ihre bildschöne Tochter zum Entsetzen. Unter uns
gesagt, ich denk' auch nicht, dass Sie ihr Vater sind. Minchens Mutter wird
sonder Zweifel so bildschön gewesen sein, wie die Tochter noch ist, und dessen
Gebeine mögen sanft ruhen, der den Weg mit der Mutter ging, den ich, wenn ich
lebe und gesund bleibe, mit der Tochter gehen will. Das Mädchen hat Verstand wie
ein Engel, oder besser wie ein Teufel. Gegen mich ist sie ein Teufel. Damit Sie,
lieber Hermann, sich alles zurückerinnern, worauf es bei der Sache ankommt, so
bitt' ich, ja nicht zu vergessen und zu versäumen, Minchen alle zwölf Stunden,
und wenn es auch öfter wäre, zu sagen, dass ich heirate, und zwar aus
lichterloher Liebe. Sie wissen es anders, lieber Freund, allein Mine braucht es
nicht anders zu wissen, wenn ich nicht müsste. - Es ist wenigstens ein zehnfaches
Muss, das eilfte sag' ich keinem, als Ihnen, meinem vertrautesten Freunde! Ich
habe Reiseschulden, und in kurzem werden ein halbes Dutzend a Datos eintreffen.
Sehen Sie nur, lieber Hermann, um Sie recht von meiner ehrlichen und redlichen
Absicht zu überzeugen, ich will das Testamentsfräulein und Minchen zu gleicher
Zeit, mit einer Klatsche zwei Fliegen. - Sagen Sie selbst, wie mir bei der
Trauung zu Mute sein müsste, wenn ich nicht auf den Trost Ihres Engels rechnen
könnte. Ihr gutes Herz wird mich nicht verwahrlosen. Alle Welt hat Holz zu
diesem Brande gelegt, und nun verbrenn' ich in dieser Flamme. Ich weiss alle
Fehler bei dieser Sache, denn sonst wäre Mine schon mein - ihrer stoischen
Tugend ungeachtet, die eben so wenig wie heut zu Tage irgend eine Festung Stich
hält. - Wir leben in überwindlichen Zeiten. - Ich knirsche mit den Zähnen vor
Liebe und vor Wut, dass ich so schlecht gespielt habe. Wenn meine Mutter Minen
den Antrag getan, hätt' ich gewonnen Spiel gehabt; allein alsdann könnten Sie,
Freund, Ihre Kunst nicht zeigen, alles wieder in Ordnung zu bringen. Kurz, Herr,
so wahr ein Teufel in der Hölle und ich ein Cavalier in Curland bin, das ist
viel gesagt, Dene ist nicht die Ihrige, wenn Minchen nicht die meinige ist! Eine
Hand wäscht die andere. Wird aber Mine Dene - Sie verstehen doch deutsch? - so
sollen Sie von meiner Mutter, nämlich von ihrem Wittwengehalt, von Testaments
wegen, so lange Dene lebt, und wenn Dene eher als Sie stirbt, noch so lange Sie
leben, achtzig Taler Albertus haben. Gelt, das schmeckt? Ausserdem geb' ich
Ihnen ein- für allemal noch zweihundert Taler Albertus, sobald Minchen sich zum
Ziele legt. Die Kinder sollen als deutsche Leute erzogen werden, wie mein
seliger Vater Denens Kinder erzogen hat. Um die Sache Ihnen ganz auf ein Haar
deutlich zu machen: ich verlange Minen nur her, und Sie haben die Wette zum
grössten Teil gewonnen. Es müsste mit dem feuerspeienden Drachen zugehen, wenn
ich nicht Minchen bewegen sollte. - Nur her, Herr Magister, und das übrige wird
sich finden, wie eine auswendig gelernte Predigt. Wenn Minchen sich weigert, wie
sich ein Ast weigert, wenn man Kirschen pflücken will: einhundert fünfzig Taler
Albertus; wenn sie nichts hören und wissen will und doch herkommt: hundert
Taler Albertus und bald vergessen. Muss man doch dem Herrn alles zu Häcksel
schneiden! - - Die Kruste kann der Herr Bräutigam nicht vertragen, darum Krume,
wo nicht gar Pappe. - Genug, wenn Sie sich alle Mühe, es versteht sich alle
erdenkliche, geben, Mine zu bequemen, und man dennoch Nein schreit und weint und
klagt, ist noch ein Mittel. Ich denke doch, Sie wissen, was ein Cavalier in
Curland vermag, und dass er, wie Könige, lange Hände hat? Drei verschwiegene
Kerls zu Hand- und Spanndiensten sind auf einen Wink hier, und dort und da. -
Das Beste wäre, Sie brächten Minchen her. - Schlagen Sie vor, was Sie für gut
finden, sparen Sie keinen Fleiss. Auch auf den Fall der drei handfesten Kerls
fünfzig Taler Albertus, und in allen Fällen, wo nur Mine ist, auch Dene. Sonst
aber, hol' mich der Teufel, nicht - ewig nicht! - Der Herr soll wieder seine
Klippschule halten und seine Knackwurst essen und Kofent dazu trinken. So was
von Minchen trifft man nicht so leicht. Ich bin nicht etwa in sie verliebt, ich
bin in sie verrückt, und das kommt wohl zum grössten Teil, weil ich eben
Bräutigam bin und den Verliebten spielen soll (eine verdammte Rolle!) bei einer
Braut, die mir so unerträglich ist, und die mir noch unerträglicher wäre, wenn
ich nicht eine Mine hätte, bei der ich mich erholen könnte. Mine gehört alles,
was ich der Testamentsbraut sage, und wahrlich, ich würd' ihr nichts sagen
können, ich würde vergessen, was verliebt sein und verliebt tun hiesse, wenn ich
Mine nicht zur Uebung hätte. Wer Minens Tugend? - Ist so etwas Tugend, so ist
wenig auf der Welt - hol' mich der Teufel - wenig! - Ich schwöre nur für Eva,
weil niemand als Adam da war. - In Paris und an andern Orten essen die Schäfchen
aus der Hand. Nur ganz zuletzt in Königsberg hab' ich Ihnen ein Mädchen -
Mündlich mehr! Einen so langen Brief hab' ich, seitdem ich schreiben kann, nicht
geschrieben. Wäre Minchen nicht der Inhalt, so müsste mich der Teufel plagen, so
viel zu schreiben. Das Testamentsfräulein soll, bei meiner Seele! keinen über
sechs Reihen besitzen. Haben Sie nicht was Gutes von Liebesbriefsteller, damit
ich daraus ein paar Briefe für die S. abschreiben kann? Ich hab' aus vielen
Gründen, und auch darum an sie geschrieben, weil ich dich kenne, du verzagter,
argwöhnischer Hund! Nun hast du doch was Schriftliches in der Hand und kannst
mich vor allen Gerichten knebeln. Neu ist's bei alledem, dass meine
Testamentsbraut die Courtage für Minchen bezahlt. Glaubt mir, Hermann, ich mein'
es ehrlich mit Mine. Man wird von Tag zu Tag älter und muss solid denken. - Wenn
der Pastor uns, S. und mich, traut, lass Mine dabei stehen. Dem
Testamentsfräulein geb' ich zwar die Hand, denn das bringt die Ceremonie so mit,
aber Mine will ich ein ganzes Auge voll Ja's schenken, und hol' mich der Teufel,
ich will sie selbst ansehen, wenn ich Ja zur S. sage, und dies Ja soll so leise
sein, dass es der liebe Gott selbst kaum hören soll. Mehr, glaub' ich, kann
Minchen nicht zur Gewissensberuhigung fordern, wenn sie Superintendentin wäre,
und mehr kann sie nicht fordern, wenn sie zehn Jahre Jura studirt hätte. -
Dieser Brief muss zerrissen werden, sobald er gelesen ist, oder ich stecke dem
Herrn Hermann das Haus an. Hat Magdalene nicht öfter Wochen gehalten als meine
Mutter? Und einen Mund voll Zähne abgerechnet, was fehlt ihr zur Ehre, die Frau
eines Literatus zu werden? Reinen Wein, ober ich heisse nicht
                                                                       - - v. E.
    Wenn meine Leser die saubere Antwort auf diesen curisch-französischen Brief
lesen wollen, hier ist sie:
        Hochwohlgeborner Herr und Gönner!
            Gnädiger Herr Baron und Gönner!
    Ew. Hochwohlgeboren werden gnädigst zu verzeihen geruhen, dass ich gleich
anfänglich in aller Ehrfurcht bemerke, wie ich mich wohl zu bescheiden weiss, an
Briefe von gnädigen Händen nicht gewalttätige Hand zu legen; indessen ist
dieser hohe Brief für Minen wie verbrannt, und noch ärger wie verbrannt, da sie
nicht einmal die übrig gebliebene Asche sehen soll. Es wird Ew. Hochwohlgeboren
par renommée bekannt sein, dass es mir nicht an Witz und Fähigkeit gebricht;
indessen steht mir jetzo alles still, und ich muss aufrichtigst bekennen, dass ich
bei dieser Sache keinen Einfall anzubeissen weiss, wenn's mir das Leben kosten
sollte. Die Ochsen stehen, mit Ew. Hochwohlgeboren Erlaubnis, am Berge. - Der
Auftrag, womit Ew. Hochwohlgeboren mich zu beehren geruht, zeugt von so vielem
gnädigem Zutrauen, dass ich beschämt bekennen muss, nie auf so viel Gnade
gerechnet zu haben. Minen (verzeihen Ew. Hochwohlgeboren, dass ich mit dem Namen
meiner Tochter den Punkt anhebe; es geschieht bloss in Aussicht der Ehre, die ihr
vorsteht) hab' ich alles gesagt, was ein redlich gesinnter Vater seiner ins
Verderben laufenden Tochter nur bei dieser Gelegenheit sagen kann. Sie bleibt
indessen bei dem, was Ew. Hochwohlgeboren schon wissen. Ich habe leise und laut
geredet, sauer und süss, Böses und Gutes gezeigt, Finsternis und Licht; was hat's
geholfen? Was die Tugend ohne Brod ist, weiss ich leider aus eigner Erfahrung,
und da Ew. Hochwohlgeboren entschlossen sind sich zu verheiraten, so fällt ja
alle Gelegenheit zum Verdacht weg, welches in Absicht eines Mädchens, nach
meiner wiewohl unmassgeblichen Meinung, die ganze Mädchentugend ist. Meidet den
Schein, kommt mir als die ganze Mädchenordnung des Heils vor. Es ist nichts
versäumt, sie ist gebeten, sie ist bedroht, sie ist gesegnet, ihr ist geflucht;
allein sie bleibt bei ihrem Eigensinn. Ich sag' es ohne Ende und Ziel: Herr v.
E. sind Bräutigam, und da ich es ihr schon so oft gesagt habe, tu' ich, als
sagte ich's zu mir selbst: »Der Herr von E. Bräutigam! wie's ihm doch lassen
wird?« u.s.w. Es wär' als mein Rat, über drei Wochen, so lange geruhen Ew.
Hochwohlgeboren sich gnädigst zu behelfen, zu uns zu kommen und noch Hochselbst
einen Besuch zu künsteln. Wie würd' ich mich freuen, wenn er einschlüge! Sollt'
auch dieser Vorschlag vergebens sein, so muss ich schon auf die drei
verschwiegenen Kerls votiren, und werd' ich alsdann mündlich Zeit und Ort zu
bestimmen die Gnade haben; indessen bitt' ich, ihr diese Widerspenstigkeit nicht
nachzutragen, sondern ihr sogleich zur bewussten Brodstelle zu verhelfen, und mit
der Zeit sie ihrem Seelenhirten als Pastorin zu überliefern. Ew. Hochwohlgeboren
können sich ganz sicher darauf verlassen, dass ich nicht zum erstenmal bei einer
solchen Gelegenheit, wo drei verschwiegene Kerls dabei sind, in Dienst gewesen;
nur bei einer Tochter, ich muss es zu meiner Schande bekennen, dürft' es mir
schwer werden, falsch zu weinen und die Hände zu reiben. Vielleicht kann ich
indessen so glücklich sein und mir die einhundert fünfzig Taler Albertus
verdienen, daher wiederhol' ich ganz untertänigst meine Bitte, mir und ihr
annoch drei Wochen huldreichst nachzusehen. Für die Nachricht von Magdalenens
glücklichen Niederkünften bin Ew. Hochwohlgeboren ich ganz dienstlich verbunden;
indessen wünscht' ich doch ungefähr zu wissen, wie oft sie Dero seliger Herr
Vater begnadigt, um sie desto höher schätzen zu können. Wiewohl ich ohne Stolz
glaube, dass es ihr nicht gleichgültig sein könne, dass sie einem Literatus zu
Teil werde. Ew. Hochwohlgeboren Bedienter hat sich sehr schön bei diesem Briefe
benommen. Er verdient das Geschenk, wozu Ew. Hochwohlgeboren ihm bedingliche
Hoffnung gegeben. - Meine Tochter ist auf keinen Schatten von Verdacht gefallen,
und da ich, wie ihr bekannt ist, mit der Jungfer Dene in einem Liebesverständniss
stehe, so kann es sie nicht befremden, dass ich in dieser kritischen Zeit mehr
schreibe, als ich sonst zu schreiben gewohnt gewesen. Wenn Mine an Ort und
Stelle und (was ich unter Ort und Stelle einbegreife) zu sich selbst
zurückgekommen sein wird, so wird sie's einsehen, wie redlich gut es Ew.
Hochwohlgeboren mit ihr gemeint. Ich weiss nicht, was sie bei der heftigsten
Gewissenskolik (anders kann ich die Stiche nicht nennen, welche die Mädchen über
dergleichen Dinge zuweilen, wenn ein Ungewitter aufsteigt, befallen) mehr
beruhigen könnte, als wenn sie erwägt, dass sie die Ehre gehabt, in gewisser Art
selbst mit Ew. Hochwohlgeboren getraut zu werden. Das Auge ist doch wohl mehr an
Menschen, als die Hand? obgleich mir noch wohl bekannt ist, dass. Ew.
Hochwohlgeboren eine weisse Hand nicht verachten, wie es denn auch wohl zu seiner
Zeit ein Leckerbissen sein kann. Uebrigens rechnet Ew. Hochwohlgeboren ganz
untertäniger Diener es sich zur vorzüglichsten Ehre, dass Ew. Hochwohlgeboren
ihn mit einem so langen Briefe zu beehren geruht. Von Liebesbriefen im neuen
Geschmack ist mir wohl ausser dem bewährten Talander nichts bekannt; indessen
wenn es Ew. Hochwohlgeboren gar zu viel Mühe machen sollte, so steh' ich sehr zu
Befehl, und leg' auch zu diesem Ende ein Pröbchen nach eigener Weise bei. Wenn
Ew. Hochwohlgeboren so viel Zutrauen zu mir hätten, die Uebergabe der Jungfer
Dene an mich gnädigst zu bewilligen, ehe Minchen übergeben wird, und ohne dass es
eben Zug um Zug ginge, so könnten Sie ja Denen noch obenein den Eid abnehmen,
dass Mine Ihnen allenfalls gegen einen Solawechsel, Contrakt, Revers, oder wie es
in den Rechten am besten und schnellsten gilt, abgeliefert werde. Dene würde
hiebei mehr als vier Kerls verschlagen; indessen ist dieses nur ein
unvorgreiflicher Vorschlag, über den ich nicht entrüstet zu werden ganz
untertänigst bitte.
    Ich ersterbe, nachdem ich die Hand des Gebers mit den aufrichtigsten
Wünschen, dass es ihm reichlich wiedervergolten werde, geküsst, mit der tiefsten
Ehrfurcht
                              Ew. Hochwohlgeboren,
                                 meines gnädigen Herrn Barons und hohen Gönners,
                                          ganz untertänigster Knecht und Diener
Wörtlich abgeschrieben von -
    abgeschickt den -
    Es fanden sich auch ein paar kurze Briefe, worin Montags der Termin zur
Sühne angesetzt war. Hermann wollt' alsdann mitfahren und wiederkommen, und dann
sollte der Ueberfall verabredet und Mine mit Gewalt fortgeschleppt werden. Der
alte Herr wünschte nichts sehnlicher, als dass er die hundert fünfzig Taler
Albertus verdienen möchte. Bei diesen väterlichen Wünschen blieb es, bis auf den
letzten Brief. Hier schreibt er: Ich tue jetzt auf alles Geld Verzicht, wenn
Ew. Hochwohlgeboren Minen gutwillig bereden können. Ich habe sie ehegestern
durchs Schlüsselloch beten gesehen und gehört. O! gnädiger Herr, ich würd' ein
unglücklicher Mensch zeitlebens sein, wenn diese Entführung übel für Minen
ablaufen sollte. Um alles wünscht' ich, dass Mine nicht so kräftig, so mächtig,
als ich sie durchs Schlüsselloch sah und hörte, wider mich beten möchte. Da muss
Donner und Blitz wüten, wowider sie betet. - O, gnädigster Herr, Sie werden sie
wohl gutwillig an Ort und Stelle bringen!
    Dass der Herr v. E. des Hermanns Vorschlag verworfen, ihm Denen zuvor zu
geben, und sie auf die Entehrung Minchens in Eidespflicht zu nehmen, darf ich
kaum bemerken. Herr v. E. müsste nicht in - - in - - und - - gewesen sein, wenn
er einem Eide hätte trauen sollen - und du, Bösewicht, kannst du so was auf
einen Eid aussetzen? - Kannst du deine Tochter durchs Schlüsselloch behorchen,
wenn sie mit Gott allein ist, wenn sie betet? - - Gerechter Gott!
    Nach diesem allen, was konnte für ein anderer Entschluss gefasst werden, als -
zu fliehen? - Ohne Geld, ohne Beistand? Schrecklich! Was hilft's aber dem
Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nehme Schaden an seiner Seele, oder
was kann der Mensch geben, damit er seine Seele löse? - Mine war entschlossen
und Benjamin war Alexander. - Mine, dies war das Resultat, sollte zu Fuss nach -
gehen. Da würde Benjamin Wagen und Pferde besorgen, und sie käm' alsdann zu ihm,
nicht zu seinem Meister, sondern - - und von da nach Mitau, zu einem
Anverwandten ihrer seligen, seligen Mutter. Um alles desto geheimer zu machen,
sollte Mine allein bis -. Bon - wollte Benjamin sie bis Mitau begleiten - von
Mitau Mine wieder allein mit einem Fuhrmann nach Königsberg, nicht zu mir - -
Ach, Mine! Mine! warum nicht zu mir? sondern nach L. - wieder zu einem
Verwandten ihrer seligen Mutter. Von da aus einen Brief zu seiner Zeit an mich,
dass ich käme und sie im Schoss ihrer Freunde spräche. - Dieser Plan ward bebetet
und besungen. Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke. Arme Mine! ich hätte
wissen sollen! Arme -
    Und wann? fragte Mine. - Dienstags, Schwester; Sonntags kannst du noch Gott
in seinem Hause anflehen, dass er mit uns sei, und vor uns her eine Wolken-und
Feuersäule ziehen lasse. - Gott! sagte Mine und rang ihre Hände, aus denen ein
kalter Angstschweiss drang - Gott, du weisst! - Leite mich! führe mich! verlass
mich nicht! - Ich gehe deinen Weg, den Weg der Tugend! ich hoff' auf dich! -
Vater und Mutter haben mich verlassen, aber der Herr nimmt mich an. Hier bin
ich, mach' es mit mir, wie's dir wohl gefällt. Lass meine Seele, wenn sie schwach
wird, empfinden, was geschrieben steht: Fürchte dich nicht, ich bin mit dir;
weiche nicht, denn ich bin dein Gott, ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich
erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit! Amen.
    Hermann war in Gedanken weggegangen und kam in Gedanken zurück. In Wahrheit,
er hatte Ursache zu denken!
    Mine war nachgebend gegen ihren Vater, ohne eine Lüge, auch nur mit dem
Auge, zu begehen; dies brachte ihn zu Ruhepunkten - zu Hoffnungen, hundert und
fünfzig Taler Albertus in der Lotterie zu gewinnen.
    Benjamin drang auf die Berechnung, weil er nicht Zeit hätte, sich länger
aufzuhalten. Es war dies Donnerstags Abends. - Morgen, sagte Hermann. - Sie
berechneten sich Freitags, und diese Berechnung währte keine Stunde. Sein
Erbteil war auf den Fingern abzuzählen: es war nicht viel. Da Benjamin sehr
bat, weil er der Gewerkslade Geld zu zahlen hätte, ihm den wenigen Mutterteil
baar auszuzahlen, so zeigt' ihm Hermann die Unmöglichkeit. - Ich will, wenn du
es durchaus und durchall nötig hast, an den Herrn v. E. schreiben, mir dieses
Anlehen auf Abschlag Denens zu geben. - Mine stiess ihren Bruder an, der es
sogleich ausschlug. Mit solchem Gelde, sagten sie, da sie wieder allein waren,
würden wir nicht weit kommen. - Benjamin hatte vor, dieses Geld seiner Schwester
mitzugeben. Jetzt musste der letzte Weg eingeschlagen und Minens Kleider und viel
von ihren Sachen, welche ohne Aufsehen weggenommen werden konnten, verkauft
werden. Benjamin besorgte dies mit einer unbeschreiblichen Behutsamkeit. Er
brachte zehn Taler Albertus zusammen. Mine bat ihren Bruder herzlich zu bleiben
und ihr noch Montags beim Termin zur Sühne beizustehen; allein er konnte nicht -
sondern befahl sie dem Schutze Gottes - Dein Mann, sagte er, ist Gottes
Liebling, und du bist es auch; ihr seid beide fromm! Wie kann euch Gott
verlassen? Euch, seine Kinder! - Sie weinten, da sie schieden. Zum letztenmal im
väterlichen Hause, lieber Benjamin - wo ich die erste Träne weinte, wo - sie
konnte vor Tränen nicht mehr. - Auch Benjamin weinte. - - O Schwester, fing er
an, du warst von jeher weit - weit besser als ich! Alexander und du haben mich
zum Menschen gemacht. - Du warst nie böse, Benjamin, sagte Mine, jetzt bist du
gut! gut! - Und dann wieder: Du warst nie böse! - O Gott! fing Benjamin an, wenn
ich denke, wie du dich nicht bloss des Viehes, sondern der Pflanze, der Blumen
auf dem Felde erbarmtest; wenn ich denke, wie du dich nicht satt sehen konntest
an dem grünen Grase und an den gelben Blümchen; wenn ich denke, wie du mich
batest, die Rinnen zu öffnen, wenn sie verstopft waren, damit das arme Wasser,
wie du sagtest, nicht aufgehalten würde; wenn ich bedenke, dass ich dir oft
dergleichen Bitten abschlug und dir den Rücken kehrte, wenn du mir so was
Uebermenschliches, so was Himmlischgütiges batest; wenn ich denke - Lass dies,
fiel ihm Mine ein; du warst nie böse, denke vielmehr, wo wir oft unschuldig
sassen und Salat für unsere fromme selige Mutter lasen, und wo wir mit Alexandern
herzlich froh waren, mit Alexandern! Denk, wo wir rote und weisse Johannisbeeren
pflückten, und ich euch den Saft mit Zucker zubereitete und wir uns einander
sagten, wenn es uns herzlich schmeckte: zweierlei Wein, roter und weisser! Denk
an meine Liebe zu Alexandern, und an seine zu mir! Du bleibst hier, Bruder. Lass
mich jetzt Uebergabe halten, ich will alles in deine Hände geben.
    Komm, da liegt unsere Mutter begraben! Ost habe ich hier gebetet, oft Gott
gedankt; denn hier hat er mich manche seelenfrohe Stunde leben lassen! Sie
knieten beide aufs Grab und weinten bitterlich.
    Ich nehme Abschied von dir, o du mir liebes Grab! - Sie bog ihr Haupt auf
selbiges, als ob sie's küsste. O möchte ich wie die Selige ruhen, die du
bedeckest, liebe sanfte Erde! O möchte ich - sie konnten beide nicht mehr.
    Bruder, ich beschwöre dich bei der heiligen Asche unserer Mutter, die
auferstehen wird am jüngsten Tage, dass du dies Grab ehrest. Pflege es, warte
sein. - Gott erhöre dich, wenn du hier betest. - Gehe oft hin, und wenn der
Vater Hochzeit hält, vergiss nicht, auf diesem Grabe zu weinen. - Wenn dich Gott
aus Curland ruft, es ist möglich - gib dies Grab in die Hände deines
Vertrautesten, beschwöre ihn, wie ich dich beschworen habe, dass er sein pflege
und warte. O liebe, liebe Mutter! bald, bald werde ich dich wiedersehen! Ja,
Benjamin, bald werde ich sie sehen und sie von dir herzlich grüssen. Du bist ihr
gut, unserer Mutter. - Hier wieder eine Tränenscene.
    Lebe wohl, liebes Grab, lebe wohl bis an den lieben jüngsten Tag!
    Ich übergebe dir diesen heiligen Ort, wo ich mit Alexandern getraut bin, mit
deinem Freunde! Gott gab uns zusammen, Menschen wollen uns scheiden; - allein
sie sollen es nicht! - sie sollen es nicht! - Was meinst du, Benjamin? Benjamin
schluchzte: »Sie sollen nicht!«
    Hier ist der Ort, wo er mich zum erstenmal küsste! Sieh, wie die Natur ihn
geschmückt hat. - Es sind mir heilige Örter gewesen. Du weisst, wie mich
Alexander liebte. - Ich weiss, sagte Benjamin. - So, so lag ich in seinem Arm,
wenn er mich küsste. O seine Küsse! Wahrheit und Leben waren in ihnen! Ich sein,
er mein! Wenn ich was Liebliches gegessen oder getrunken hatte, wovon der
Nachgeschmack noch auf meinen Lippen war, fand er meinen Kuss nicht halb so. O
der liebe, lieb Junge! Ich will dich, so natürlich, wie du bist, sagte er, und
ich wollte ihn auch so natürlich, wie er war. Wir liebten beide die Natur, und
wahrlich, die Natur liebte uns wieder. Sie hat viel an uns getan! Der Bach
spricht nicht, Benjamin, allein wenn wir zusammen gingen, hörten und verstanden
wir ihn aufs genaueste. Die ganze liebe, gütige Natur sprach mit uns, und alles
so zutätig, so freundlich - O Benjamin, alle diese heiligen Orte befehle ich
dir!
    Hier, Benjamin, falte deine Hände, denn die Stätte ist heilig! Hier sah
Alexander mein Gesicht, er sah mich im Mondenglanz, wie er mich nach der
Auferstehung sehen wird in alle Ewigkeit. - Dort sah ich ein Gesicht, ich sah
Alexandern im Sonnenglanz - ich sah uns beide im Himmel, ihn in Sonne, mich in
Mond gekleidet - und meine Mutter zog mir das Sterbehemde ab und kleidete mich
ein zur ewigen Seligkeit. - Diese Stätte, Bruder, ist heilig und jene Stätte ist
heilig! - Amen. Sie ist heilig, sie ist Gottes Haus, die Pforte des Himmels!
Amen.
    Die Orte, wo wir in unserer Jugend froh waren, da wir noch keinen v. E. und
keine Dene kannten, lass sie dir empfohlen sein, vergiss sie nicht! Wir haben hier
den besten Teil gelebt, glaube mir, den besten Teil! - Komm! - Paulus war der
jüngste unter den Aposteln, und doch ein auserwähltes Rüstzeug. - Sieh hier
meinen Paulus! dies ist der letzte Ort, den ich in deine Hände befehle, ich bin
zuletzt mit ihm vertraut worden, der - (unser Bekannter) pflanzte diese Laube,
seine Charlotte begoss sie. - Hier bejammerte er sie, da ihm seine Augen
aufgingen, hieher wallfahrtete er täglich; du weisst seinen Lebenslauf - seinen
stummen, seinen bohrenden Gram. - Gott hat seines Leidens ein Ende gemacht. -
Diese Laube, Bruder, sei der Ort, wo du deine Schwester beweinen kannst. - O,
hier sind schon viele, viele Tränen vergossen worden! - Gott lass es dir
wohlgehen, lieber Benjamin, wenn du heiratest. Lehre hier in dieser Laube
deinem Weib ihre Schwester kennen und sage ihr, dass sie unglücklich war. Lehre
deine Kinder hier weinen. Es ist eine schwere Sache, Gott gefällig zu weinen. -
Schreibe dir, Benjamin, alle diese Orte tief ins Herz, und Gott setz mit dir -
mit meinem Alexander und mir!
    So schieden Benjamin und Mine aus dem väterlichen Hause. - Er reiste
Freitags gegen die Nacht.
    Wörtlich von Minen:
        »Sonnabends - den - -«
    »Wie gerührt, lieber Mann meiner Seele, wie gerührt ich gestern war, weisst
du besser, als ich es dir heute sagen könnte. O Gott, wie sehr anders bin ich
heute! Felsenhart ist mein Herz, gallenbitter meine Zunge! Weisst du, von wann
an? Vom Abschied an, den mein Vater von Benjamin nahm. Nach einer so warm
empfundenen Sonne, ein kaltes: Glückliche Reise! an Benjamin, und dann
hinterher: Wenn du den Augenblick Geld zur Gewerkslade nötig hast, will ich dem
Herrn v. E. drüber schreiben. - Da fuhr all das unausstehliche Wesen, das
Unwesen, was ich noch diesen Augenblick an mir habe, fuhr in mich.«
    Liebe Mine, kalt und warm bekommt dem Herzen so wenig, als dem Magen. In den
Worten: Glückliche Reise! sahest du deinen Vater ganz. Alle Briefe des v. E.,
alle Briefe deines Vaters - und nicht bloss die ersten wenigen Reihen, die du
gelesen hast - bis auf die letzten, letzten Hefen, dachtest du diese Briefe,
alle Briefe, den ganzen höllischen Plan, alles, alles dachtest du dir, und dir
ekelte vor dieser losen Speise.
    Mine befand sich den ganzen Sonnabend in einer schrecklichen Lage. Ihr Vater
hätte ihr das sturmlaufende Herz ansehen müssen, wenn er ein Auge für seine
Tochter gehabt hätte. Sie war mehr als unruhig; ein Aufruhr in jeder Aber, das
Blut schien alle Aderdämme brechen zu wollen. Doch sie selbst:
    »Gott sei gelobt und gebenedeit! ich habe überwunden! ich bin wieder ruhig
und wieder gut! - O lieber Mann, man hat mir erzählt, dass, ehe die letzte
Todesangst eintritt, jeder Sterbende entsetzlich unruhig sei; da er nichts
weiter kann, soll er das Deckbett reissen - unsere Mutter riss es nicht. - So,
lieber Mann, war ich gestern; ich riss das Deckbett und warf mich grässlich, bald
zur Rechten, bald zur Linken. - Allein nach dieser Unruhe folgt bei Sterbenden
was - der Name des Herrn sei gelobt! Bei mir folgte - sanfte, sanfte Ergebung. -
Ich ging noch mit einem aufgewiegelten Herzen, mit siedendem Blut. - Alle Adern
schienen mir den Dienst aufzusagen und wollten springen - so ging ich in die
Kirche - zum letztenmal, dachte ich! Gewiss ein rührender Gedanke; mir war er's
nicht. - Ich fing an zu beten, ich drückte die Augen dicht zum Gebet zu; allein
konnte ich? - Die Augen rissen sich los; sie hielten nicht zusammen, und ich
musste das Kirchengestühl ansehen, wo der Verführer mich zur allgemeinen Störung
buhlerisch angesehen! - Ich musste, ich mochte wollen oder nicht, ich sah diesen
Ort, und wenn Teufel drin gewesen wären, er hätte mir nicht fürchterlicher sein
können! Ich denke. Mein Liebster, ein Unschuldiger, den falsche Zeugen vom Leben
zum Tode gebracht, sieht so den Richtplatz, wie ich diesen Ort - ich sah deiner
Mutter Stuhl. Verzeihe, lieber Mann, zwar sah ich keinen Teufel drin; allein ich
dachte doch Arges in meinem Herzen. Das eine fromme Frau! das eine heilige
Sängerin! dachte ich - da kam deine Mutter. - Sie grüsste mich, allein so
verstohlen, als ob sie diesen Gruss vor der Gemeinde bergen und ja nicht merken
lassen wollte. Das konnte wohl freilich meine Hitze nicht niederschlagen!
Gottlob, der Bösewicht blieb diesen Sonntag aus. Es verzeih mir der
allbarmherzigste Gott mein steinernes Herz, das ich in sein Haus mitnahm, das
sich noch mehr versteinerte, verfelsete!«
    Schon beim Liede vor der Predigt:
Ich hab' mein' Sach' Gott heimgestellt etc.
fing dies Herz an fleischern zu werden; und die Predigt! o Gott, welch eine
Arznei für mein Herz! Es war recht, als ob dein Vater von meinem Entschluss
wusste, als wenn er mich, mich predigte. - Bis dahin war jede Nerve gespannt;
kein Schlaf hatte die letzten zwei Nächte mein Auge gebrochen, kein Gebet brach
es - es war starr. - Mein Blut schlug Wellen. O lieber Junge, diese Predigt
bedrohte den Wind und das Meer, und es ward ganz stille - ich sah dich, da ich
deinen Vater, den Boten Gottes, sah. Er kam herein, der Gesegnete des Herrn, er
stand nicht draussen; der Name des Herrn sei gelobt! O Mein Einziger! ich
wünschte nicht, noch solch einen Abend, solch eine Nacht, solch einen Tag und
solch eine Nacht, und noch solch einen Morgen zu leben, als vom Freitag Abend
bis zur Predigt. - Eine Hitze, und keinen Tropfen Wasser in dieser Hitze, wo mir
die Zunge an dem Gaumen klebte. Warum bat ich nicht Gott in dieser Dürre um Tau
und Erquickung? Warum suchte ich nicht durch seine heilige Religion mich
abzukühlen und in die selige Fassung zu setzen, in der ich jetzt bin, wo es, wie
im Frühling, weder zu kalt noch zu warm ist? Gott ist nahe allen, die ihn
anrufen, warum nannte ich ihn nicht, im Geist und in der Wahrheit. Vater, da der
leibliche es ganz und gar aufgehört hatte zu sein? Warum betete ich nicht um
Tränen? Warum sang ich nicht mit Inbrunst:
Gott, gib einen milden Regen;
Denn mein Herz ist dürr, wie Sand!
Vater, gib vom Himmel Segen.
Tränke du dein durstig Land!
    Warum? Ei, können! Ich mache mir jetzt Vorwürfe; allein es ist, als hörte
ich eine Stimme zu meiner Lossprechung. Das Gebet ist auch eine Gabe Gottes, und
Tränen sind ein unaussprechliches Geschenk! Habe denn Dank, Allgütiger, dass ich
jetzt beten, dass ich jetzt weinen kann! Habe Dank für diese Gabe, für dies
Geschenk! Es ist das Schrecklichste, mein Lieber, das habe ich erfahren, wenn
ein Vater zum Sohn: glückliche Reise! sagt, und wenn er seine Tochter
verhandelt! Habe Mitleiden mit deiner Mine, wenn du dies liesest, und Gott wird
es mit dir haben, und dich nie solch eine Herzensdürre erleben lassen!
    Gleich die erste Strophe:
Ich hab' mein' Sach' Gott heimgestellt!
Er mach's mit mir, wie's ihm gefällt!
wie empfing sie mein Herz! Sie zogen sich ein, diese Trostworte, wie Tau auf
einer welken Pflanze.
    Bei der dritten Strophe regnete es schon:
Es ist allhier ein Jammertal,
Angst, Not und Trübsal überall;
Des Bleibens ist eine kleine Zeit,
Voll Mühseligkeit!
Was ist der Mensch! Ein Erdenkloss,
Vom Mutterleibe nackt und bloss;
Bringt nichts mit sich auf diese Welt,
Kein Gut noch Geld,
Nimmt nichts mit sich, wenn er hinfällt.
Ich hab' hier wenig guter Tag',
Mein täglich Brod ist Müh' und Klag';
Wenn mein Gott will, so will ich mit
Hinfahren in Fried'!
    O lieber Junge singe, wenn du dieses liesest! - Gott weiss, wenn du es lesen
wirst - singe dieses schöne Regenlied!
    Deines Vaters Predigt war Vollendung für mich, wie auf mich gemacht, Wort
für Wort auf mich. O lieber Junge, wie glücklich ist man, wenn man todt ist -
wie namenlos glücklich!
    Er kam ohne Gebet mit den Worten auf die Kanzel:
    »Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft, und aus deines
Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.«
    Ich zeichnete mir diese Stelle, sie steht im ersten Buch Mosis, im zwölften
Kapitel, im ersten Vers; ich zeichnete sie aber heimlich. Ein öffentliches
Zeichen, dachte ich, würde mich verraten - ich konnte in einigen Minuten nicht
aufblicken. - Wahrlich, Gott redete mit mir durch deinen Vater! Wie er die Worte
anfing: Gehe aus deinem Vaterlande, von deiner Freundschaft und aus deines
Vaters Hause, war's mir, als ob es die ganze Gemeinde nun wüsste, dass ich
weggehen würde. Der erste Aufblick, den ich wagte, war nach dem Stuhle meines
Vaters. Er war leer; kurz vor dem Geläute war ihm was vorgefallen. - Dies
stärkte mich; ich sah mich rund um. - O lieber Junge, lass mich noch mehr von der
Predigt deines Vaters predigen, die mich so erquickt hat. Gott lindere dafür
seine Todesangst, und so wie er mich gestärkt und getröstet hat, so stärke und
tröste ihn der Herr, wenn er heimfährt aus diesem Elend; und so wie er die Bande
lösete, die mein Herz und meine Augen hielten, so löse auch der Herr seine Bande
und mache ihm alles leicht, wenn seine Stunde kommt! Die Glimme Gottes an
Abraham war mir ein sicheres Geleit, ein Pass auf meiner Reise, ich war gefasst,
getrost - und so heiter, als wäre ich schon angelangt, und wo? Ich ging in
meinen Gedanken nirgend anders, als in die selige Ewigkeit, aus meines Vaters
Hause - aus meinem Vaterland und aus meiner Freundschaft! - Gern hätte ich
communicirt, wenn es so angegangen wäre - ich war recht dazu vorbereitet, recht
-
    Der Text zur Predigt war Ebräer im dreizehnten Kapitel der vierzehnte Vers:
Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir!
    Alles auf mich! - Du kannst dir deinen Vater vorstellen, der auch nicht in
Curland zu Hause ist. Er redete mitten durch's Herz. So hat er noch nie
gepredigt. Es war Seelenspeise auf den Weg. - Er predigte, als wenn er auch
schon den Abend von hinnen ziehen sollte.
    Dein Vater führte in seiner Predigt die Geschichte vom Sohne der Wittwe zu
Nain an, er erhob seine Stimme, und diese nahm sich so heraus, dass jedes
aufmerkte. Als er aber nah' an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen
Todten heraus, der ein einziger Sohn war seiner Mutter. - Lukas im siebenten
Kapitel, im eilften Vers.
    So wenig diese Worte eine Deutung auf mich zu haben schienen, so fielen doch
auch diese Worte schwer auf mich, und es war mir als sagte jemand: »Das bist du
- du bist die Person des Todes!«
    Wie kommt das, mein Lieber, wenn es einem so ist, als hörte man eine Stimme:
Das bist du!
    Nach der Predigt ward gesungen aus: Befiehl du deine Wege, die letzten
Verse.
    Der Anfang war:
Auf, auf, gib deinen Schmerzen
Und Sorgen gute Nacht!
Lass fahren, was im Herzen
Dir bangen Kummer macht!
Der letzte Vers ist schon längst mein Liebling gewesen, und nach dieser
Leichenpredigt auf mich war er's noch weit mehr.
Mach' End', o Herr, mach' Ende
Mit aller meiner Not -
Stärk' meine Füss' und Hände,
Und lass, bis in den Tod,
Mich allzeit deiner Pflege
Und Treu' befohlen sein;
So gehen meine Wege
Gewiss zum Himmel ein!
    O Lieber, das Amen, welches dein Vater sagte, war ein Amen für alle, allein
für mich besonders - für mich! Es war ein Wink für mich, in diesem Gotteshause
Abschied zu nehmen, wo wir unser Glaubensbekenntnis vor dem Altar ablegten, und
auch oft zu Gott in der Höhe schwuren: Wir werden uns lieben, bis vor deinen
Tron! - O Gott, dieser Abschied war mir rührend, und wie rührend aus Nro. 5 zu
gehen, wo ich so oft gesessen, wo ich so oft einen überzeugten Mann Gottes Wort
reden gehört, wo ich so oft inbrünstig gesungen und gebetet und erhöret worden,
wo ich dich predigen gehört, mein Lieber! - Gott sei für alles gelobet und
gebenedeiet, Halleluia! er sei mit seinem Hause! Amen. Ich betete für dich und
für mich - und riss mich endlich von Nro. 5 los. Sanft fasste ich diese Bank noch
an, recht, als wenn ich ihr die Hand drückte, und nun raffte ich mich auf, um
nach Hause zu gehen, da mir deine Mutter in's Auge kam. Was weiss ich, ob sie's
mir ansehen können, dass ich geweint hatte, oder ob etwas anderes die Ursache
war: sie grüsste mich liebreich. Zum letztenmal, dachte ich, und eine Träne
stürzte aus meinen Augen! - Deines Vaters Hand, oder die deinige, war auch das
Letzte, was ich ansah, und hiermit fielen mir die Worte ein: Der Herr behüte
deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!
    Da ich zu Hause war und die Predigt deines Vaters, und den liebreichen
letzten Gruss deiner Mutter mir wiederholte, überfiel mich der Gedanke, deinen
Eltern lieber alles zu entdecken. Wer steht dir, dachte ich, für den Erfolg? Für
deinen Vater war mir zwar seine Predigt Bürge geworden, seine Hand war mir
Bürge, du warst mir Bürge; indessen schlug der Eifer deiner Mutter für den Stamm
Levi diesen Gedanken nieder. Die feste Verabredung mit Benjamin, die Gewalt, die
sich ein curischer Cavalier beilegt - und endlich das Wäldchen, waren Beiträge
zur Entkräftung meines Mutes. - »Ich kämpfte lange, endlich siegte der
Zweifel.« - -
    Mine packte noch das Uebrige zusammen, berichtigte jeden Dreier, wo sie etwa
für Milch oder für Früchte etwas schuldig war, schenkte ihren Paten im Dorfe
viele Sächelchen, die ihr auf der Reise nichts helfen konnten.
    Nichts, schreibt sie, Montags frühe, nichts ist, mein Einziger, von den
gesegneten Sachen zurückgeblieben! Alles, alles, was ich von dir habe, alles,
was dein Mund, deine Hand eingeweiht hat, geht mit mir Regine bat mich, da sie
sah, dass ich im Austeilen begriffen war, um das Band, das dir so sehr gefallen
hatte; du hattest es oft in deiner Hand. - Nein, Regine, das nicht. - Ich gab
ihr ein anderes Band, und da ich kein schlechtes hatte, eins, das zehnmal höher
im Weltwert war.
    Du packst ja, Mine, sagte Hermann, indem er sich Sonntags an den Tisch, der
mit Schöpfenfleisch und weissem Kohl besetzt war, hinsetzte. - Mine muss es sehr
merklich gemacht haben.
    Ich räume auf, antwortete sie.
    Schön, mein Kind; es ahnt dir vielleicht ein Besuch.
    Ein Besuch?
    Es könnte sich zutragen, dass Herr v. E. käme. Wenn es sich zutrüge, liebe
Mine, wenn - Folge deinem Vater und sei gefällig.
    Sie hatte kein Wort im Vermögen; allein sie war so ruhig, dass Hermann diese
Ruhe fühlte und sie zu seinem Vorteil entgegennahm. Er klopfte ihr auf die
Wange und sagte: Du bist doch ein hübsches, gutes Mädchen, und wirst eine
Pastorin werden zum Küssen. Auch darüber entrüstete sich Mine nicht. - Sie blieb
ruhig. Hermann zählte schon die hundert fünfzig Judastaler in Gedanken.
    Montag Nachmittag kam Herr v. E., alles, wie es geschrieben stand. Die Sühne
ward eröffnet. Hermann entfernte sich, nachdem er, wie er glaubte, die Sache in
Gang gebracht. Sobald die Hauptparteien allein waren, fing Herr v. E. ohne Glas
seine Rebe mit vielem Bitten um Verzeihung an, und machte sich als Bräutigam mit
Fräulein S. bekannt. Mine gab darauf nichts als das Alltägliche. Es hatte wieder
das Ansehen, dass Herr v. E. ein Geschenk in der Nähe hätte. Er wollte wagen es
zum Vorschein zu bringen; allein es schien, als dürfte er's nicht. Nun nahm er
einen andern Weg und bemerkte, dass er mich kenne. Zwar hätte er nur einen Abend
in meiner Gesellschaft zugebracht; indessen wäre ein Abend hinreichend, wenn man
Leute, wie mich, träfe. - Mine hatte sich so sehr in ihrer Gewalt, dass sie
Fragen nach mir tat, die Herr v. E. zu meinem Vorteil beantwortete. Mine ward
dadurch aufgeräumt, und Herr v. E. ergriff diesen Zeitpunkt, im Namen seiner
Mutter seine Anwerbung zu tun. So, setzte er hinzu, hätte diese Sache gleich
gefasst werden können und gefasst werden sollen. Verzeihen Sie diesen, verzeihen
Sie alle und jede Fehler - ich bin jung; allein merken Sie es nicht selbst,
fügte er hinzu, bin ich nicht älter geworden, seitdem ich mich verlobt habe?
Meine Mutter darf also hoffen?
    Mine sagte ihm mit einem Anstande, der nicht seines Gleichen hatte, dass sie
nie gewohnt gewesen, Hoffnungen zu geben, die sie zu erfüllen ausser Stande wäre;
sie müsste es abschlagen. - Und warum? fiel Herr v. E. hitzig ein.
    Sie und mich zu schonen - und, wollen Sie noch mehr, Ihre künftige Gemahlin.
    Er widerlegte sie Schritt vor Schritt mit vielem künstlichen Zubehör. Da
Mine aber fest in ihrer Gottseligkeit blieb, und das segne Gott und stirb des
Herrn v. E. mit englischer Geduld trug, lief Herr v. E. über und stand da, ganz
wie er war. Mine erschrak, da sie die plötzliche Verwandlung der Schlange in
einen Tiger sah; indessen kam sie nicht aus der Fassung.
    Es scheint, Sie haben Ihrem Adonis zugeschworen, keine Mannsperson
anzusehen, fing Herr v. E. nach einigen Erholungsblicken spitzig und
hohnlächelnd an Seine Zähne blieben unbedeckt.
    Eben würde ich das Gegenteil bewiesen haben, wenn ich einen Adonis hätte,
erwiederte Mine.
    Du sollst nicht andere Götter haben neben mir, ist zwar, fuhr Herr v. E.
fort, das erste Gebot im Katechismus; allein die Liebe hat keinen Katechismus.
    Die meinige hat einen.
    Herr v. E. war in Anordnung gekommen und hatte tief vergessen, was in seiner
Rolle stand; er extemporirte, ward zudringlich grob, und Mine gab ihm auf eine
Art seinen Abschied, dass er mitten im Wort blieb. - Ihre Hände riss er an seine
Lippen, eine nach der andern, und brannt' ihnen Küsse auf. Mine fühlte in jedem
Handkuss das Siegel, das er auf seinen teuflischen Plan drückte, und ein
Schreckschauer ergriff sie über den andern. - Seine Handküsse brannten wie
höllisch Feuer. Auf einmal fasste sich Mine zusammen und entriss ihm beide Hände.
- Er zum Hermann, mit dem er heftig sprach. - Im Plane folgte, dass Hermann
mitfahren sollte; allein dies unterblieb - und Herr v. E. fuhr allein.
    Hermann schien nicht zu wissen, wie er gegen Minen sein sollte. - Er wollt'
und konnte nicht. - Mine sank in eine entsetzliche Angst, denn es fiel ihr ein,
dass v. E. vielleicht seinen Plan abgeändert, und der Ueberfall noch diesen Abend
erfolgen könnte. - Zwar sagte ihr Hermann, dass er morgen nach - reisen würde. Er
hätte mich heute schon mitgenommen, indessen sind zu viel Gäste. - Minchens
Befürchtungen wurden hiedurch nicht im mindesten widerlegt. Die Art, wie Hermann
sich gegen Minen betrug, bestätigte vielmehr ihre Furcht. - Masken über Masken!
dachte sie und rang die Hände, betete und war in einem unaussprechlichen
Zustande. Wende dich, Herr, zu mir nach deiner grossen Barmherzigkeit, und
verbirg dein Angesicht nicht vor mir, denn mir ist angst; erhöre mich! Ich
vergeh' in meinem Elende! - Wahrlich, sie verging.
    Was konnte sie anfangen? Wahr oder nicht wahr, ein Entschluss musste gefasst
werden. - Sie schloss kein Auge, blieb in Kleidern, und nach einem Gebet um
Rettung, um Hülfe, frug sie bei dem Herrn ihres Lebens, bei Gott, um die
Erlaubnis an (ich schaudere, da ich es schreibe), sich das Leben zu nehmen. -
Sie las Todtenlieder, singen konnte sie nicht, und fand in dem Liede: Ich bin
ja, Herr, in deiner Macht, Ruhe.
Ich bin ja, Herr, in deiner Macht,
(betete sie dreimal nach einander.)
Denn du hast mich an's Licht gebracht;
Du unterhältst mir Leib und Leben,
Du kennest meiner Monden Zahl
Und weisst, wann diesem Jammertal
Ich wieder, gute Nacht soll geben
Wo, wie und wann ich sterben soll,
Das weisst du, Lebensvater, wohl!
Und nun war sie entschlossen.
    O Gott, wohin kann die Tugend kommen! Mine war entschlossen, sich das Leben
zu nehmen, wenn man Gewalt brauchen sollte. Freilich würd' ein Casuist feiner
distinguirt und die Gränze richtiger abgemessen haben, wann und zu welcher Zeit
- allein Gott, der Herr, lässt nicht durch Casuisten Recht sprechen und - sein
Richter ist das Gewissen, sein Urteil nicht: in Sachen - - entgegen erkennen
und sprechen wir, sondern: kommt und geht! Ich will in Gottes Hände fallen; er
ist gerecht, er ist barmherzig! Sie warf sich zur Erde und betete an, den, der
gemacht hat Himmel und Erde; sie bat um Hoffnung der Seligkeit, wenn sie eine
Selbstmörderin würde, um Verzeihung, wenn sie in der Art fehle. Sie betete: So
du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer kann, wer wird bestehen? Bei dir ist
die Vergebung! - Und nach einer Weile: Erforsche mich, Herr, und prüfe, wie
ich's meine, wie ich's meine! Sieh, ob ich auf falschem Wege bin, und leite
mich, führe mich zurecht auf den Weg zum Leben! Lass, wenn ich irre, Gnade für
Recht ergehen, Gnade! Gnade! Wenn diese Hand Mörder an diesem Herzen wird und es
durchbohrt - o Gott, Gnade! Gnade! - Allbarmherziger, nimm mich an zu Gnaden und
lass mich selig sterben.
    Denkt, empfindsame Leser, wie Minen zu Mute gewesen! Sie suchte ein Messer,
und musste lange suchen. - Find ich es nicht, dachte sie, kann es Gottes Wille
nicht sein. Sie fand! sie fand! - schärfte das Messer, hielt es gen Himmel,
flehte noch einmal zu Gott, versuchte wieder zu fingen, konnte nicht, legte das
Messer, das zugeschlagen war, vor sich zur Erde und warf sich auf's Bett. Die
Unruhe ihres Herzens war gross. Sie sprang schnell auf, nahm ihre Bibel, riss das
Messer auf, und legte es auf die Spruchstelle im ersten Buch der Chronik, im
zweiundzwanzigsten Kapitel, im dreizehnten Vers:
    »Mir ist fast angst, doch ich will in die Hand des Herrn fallen, denn seine
Barmherzigkeit ist sehr gross, und will nicht in Menschenhände fallen.«
    Nach einem namenlosen Seelenschmerz, nach einer wahren Todesnot, legte sich
Mine wieder auf ihr Bett in Kleidern, wie sie war.
Soll diese Nacht die letzte sein
betete sie
In diesem Jammertal,
So führ' mich, Herr, im Himmel ein
Zur auserwählten Zahl!
Und also leb' und sterb' ich dir,
Du starker Zebaot,
Im Tod und Leben hilfst du mir
Aus aller Angst und Not!
    Sie legt' es nicht an zu schlafen, denn daran war nicht zu denken - sie
wollte nur ruhen - auch das konnte sie nicht. Alle Augenblicke sprang sie auf,
dies Isaaksopfer! je näher aber zum Morgen, desto ruhiger. Sie fing an
einzusehen, dass sie sich vergebens gefürchtet hatte. - Sie war indessen so sehr
an Furcht und Zittern gewöhnt, dass auch der helle, lichte Morgen sie nicht
völlig beruhigen konnte.
    Da kamen Pferde und Wagen nach ihrem Vater, und diese brachten ihr die
verlorene Ruhe mit. Mine dankte Gott, der Grosses an ihr getan, der bisher
geholfen und alles, alles wohl gemacht hatte. - Sie konnte weder die
aufgeschlagene Bibel, noch das aufgeschlagene Messer ansehen. - Mit Entsetzen
wandte sie ihr Gesicht weg und machte beides zu. Es kam ihr vor, als sähe sie
Menschenblut auf dem Messer. Der Ort, wo sie dies Messer gewetzt, machte sie
schwindlig, da er ihr in's Auge fiel. - Das Messer warf sie unter Dank und Gebet
fort. Gott, sagte sie, lass es nie Einen finden, der es brauchen will, als ich
wollte. Sie glaubte hiedurch diesen schrecklichen Vorsatz aus ihren Gedanken
geworfen zu haben; allein hierin fand sie sich getäuscht. - Durch Stillesein und
Hoffen, heisst es, werdet ihr stark sein! Wer kann aber, o Gott, wer kann immer
stille sein und hoffen?
    Während der Zeit war Hermann reisefertig.
    Hermann. Leb wohl, Mine.
    Mine. Leben Sie wohl, mein Vater - leben Sie wohl, mein Vater, leben Sie
wohl!
    Hermann. Was fehlt dir? du weinst ja?
    Mine. Ach Gott!
    Hermann. Mine, überdenk alles, überleg! du bist klug! Du jammerst mich! Mine
überleg! - Leb wohl!
    Mine. Leben Sie wohl!
    Mörder, wo willst du hin? Fürchtest du dich denn nicht, dass die Erde ihren
Mund öffne und dich verschlinge, und die Wolken sich trennen und Feuer und
Schwefel auf dich regnen lassen? - Du kennst Minen, wie Judas seinen Meister.
Der Abend, da du mir die Geschichte vom Judenknaben und von den Hühnereiern
erzähltest, wird wider dich zeugen, Frevler! Kuppler! Bösewicht!
    Mine nahm von ihrer Zelle Abschied, und konnte nicht umhin, noch einmal nach
ihrer Mutter Grab zu blicken. Hierbei liess sie es bewenden. Sie befahl Reginen
das Haus und sagte ihr, sie dürfe nicht warten, sondern könne nur immerhin
zeitig zu Bette gehen, womit Reginen sehr gedient war. Ich, fuhr Mine fort,
werde diese Nacht nicht zu Hause kommen; und nun ging Mine mit dem Gesang:
So gehen meine Wege
Gewiss zum Himmel ein!
aus ihrem Vaterlande, und aus ihrer Freundschaft, und aus ihres Vaters Hause, in
ein Land, das ihr der Herr, wie sie glaubte, zeigen würde. - Ihre Füsse und Hände
zitterten; indessen fand sie sich durch die Gedanken gestärkt, dass sie den
Anschlägen der Bosheit entginge. Sie fand an dem bestimmten Orte ein Wägelchen
und zwei Pferde. Ohne zu fragen, wie und wohin? setzte sie sich auf. Alles
verstand sich einander. Der Fuhrmann hatte selbst nicht nötig, die Pferde zu
ihrer Schuldigkeit aufzuschreien. Es ging alles seinen Gang. Bis hierher hat der
Herr geholfen, sagte sie, und fing an freier zu atmen. Sie hätte schlafen
können, so ruhig war sie; allein die Dankempfindungen gegen Gott verwiesen den
Schlaf aus ihren Augen. Arme Mine! du weisst nicht, was auf dich wartet - arme
Mine! Sie kam in den Flecken, wo Benjamin war. Vortrefflich! dachte sie, und
noch ein Vortrefflich dachte sie hinzu, da der Wagen nicht bei der Türe des
Meisters ihres Bruders hielt. - Alles plangemäss - nur ihr Bruder Benjamin
fehlte. Zwar fand sie eine willige Frau, die sie herzlich bewillkommte; allein
ihren Bruder Benjamin fand sie nicht. Anfangs fing sie an zu zweifeln, ob sie
Benjamin nach der Verabredung vorfinden sollte oder nicht? Ihr Kopf, das heisst
ihr Gedächtnis, hatte sehr gelitten; sie fragte sich, ob Ja oder Nein? und da
sie noch mit Ja und Nein kämpfte, fing die gute Frau an: Sie werden sich doch
nicht erschrecken? - Die gewisseste Art, uns einen Schreck beizubringen. - Sie
werden doch nicht? - Gott! rief Mine und glaubte, sie sei verraten und
verkauft.
    Nach vielen unerträglichen: Sie werden doch nicht, erfuhr die Unglückliche
erst, dass ihr Bruder in den letzten Zügen wäre. Noch ehe Benjamin sich legte,
hatte er in diesem Hause von seiner Schwester geredet, allein bloss vorläufig.
Ist es möglich! fing Mine an. Es ist erschrecklich zu lesen, was Mine hierbei
ausgestanden. - - Sie zitterte zu ihm hin, ohne an die Gefahr zu denken, der sie
sich bloss gab, und da sie an sein Bette trat und seine Hand nahm - schlug er mit
Heftigkeit auf sie zu. - Was Gewalt? Dene - wie, Gewalt? Blutund! ich werde dir
Gewalt lehren! Gegen Minen Gewalt, du Aftermutter? Er sprang aus dem Bett, und
da er sich weder im Guten noch im Bösen beruhigen liess, so musst' er gebunden
werden und - Mine davon Augenzeuge sein!
    »Der Meister, der mich ohne Bedenken bei meinem Namen nannte, und sich
einbildete, dass ich, bloss weil ich von Benjamins Krankheit gehört hätte, da
wäre, erzählte mir, dass Benjamin gleich Freitags, als er zurückgekommen, über
Kopfweh geklagt. - In der Nacht hätt' er eine grausame Hitze bekommen, und diese
hätte Sonntag Abend seinen Verstand völlig zerrüttet. - In seiner Phantasie
hätt' er: Rett' sie! rett' sie, die arme Schwester! gerufen. Seht ihr nicht
Räuber? Diebe? Rett' sie! rett' sie! und dann alle Augenblicke: Spannt an!
spannt an! sie kommt! spannt an! - Und dann wieder hätt' er die Hausfrau bei der
Hand genommen: - Ach liebe, liebe Frau, was ich auf meinem Gewissen habe. - Sind
wir auch allein? Ihnen will ich's wohl entdecken! - Ich kann keine Vergebung der
Sünden haben - ich bin ein Höllenbrand! Und wissen Sie, warum? Ich hab' meinen
Vater nicht todt geschlagen, und das hätt' ich sollen! - Es sind lauter Flicken,
liebe Jungfer, sagte der Meister, es kann kein Mensch ein Kleid daraus machen.
Sie sehen doch, wie er, leider! ist. Er kennt seine eheleibliche Jungfer
Schwester nicht.«
    Mine, die wohl einsah, wie alles dieses zusammenhing, und die noch überdem
sehr leicht herausbringen konnte, dass ihr unglückliches Schicksal ihren Bruder
so sehr angegriffen, dass er in die entsetzliche Krankheit, die einen Menschen
auf eine Zeit lang aus dem Buche der Menschen streicht, gefallen - machte sich
bittere Vorwürfe. Ich bin schuld an seinem Tode! schrie sie mal auf mal. Ich
legt' ihm mehr auf, als er tragen konnte! Mine war so von Mitleiden und Kummer
durchdrungen, dass sie nichts mehr als ein: Erbarm dich, Gott! über das andere
ausrufen konnte. - Sie fiel sich indessen selbst zur rechten Zeit ein. Stirbt
er, sagte sie zu den bewegten Leuten, die ihren Lehrling mit Tränen in den
Augen gebunden hatten, stirbt er, werd' ich ihn finden, wo man nicht: rett' sie!
rett' sie, mehr rufen darf - in den Wohnungen der Gerechten! - Bald, bald werd'
ich ihm folgen! - Hilft ihm wie ich hoff und bete, so bitt' ich ihm zu sagen,
dass ein Frauenzimmer bei ihm gewesen, die ihre Hände zu Gott aufgehoben, da man
die seinigen gebunden hätte, die Kyrie Eleison gerufen. - - Sie konnte nicht
ausreden - so bewegt war sie. - Sie ging und kam wieder, sasste ihn an und sagte:
Benjamin! - Er sah sie mit starrem Blick an, wollte sich losreissen - konnte
nicht, und sie ging, betrübt bis in den Tod!
    Benjamin hatte die Reise nach Mitau nicht bestellt. Mine dacht' aus dem:
Spannt an! spannt an! sie kommt! Ja, »allein sie fand Nein,« und sah sich
genötigt alles selbst zu berichtigen. - Wer beten kann, pflegte mein Vater
selbst auf der Kanzel zu sagen, kann auch mit Vornehmen und Geringen umgehen -
und dies fiel ihr ein, wie sie schreibt. - Sie fand die Bestätigung zu derselben
Stunde, traf Anordnungen, schloss Contract und reiste nach Mitau. - Kurz vor der
Stadt hatte Mine einen neuen Schreck, gegen den alles, was sie am Krankenbett
ihres Bruders erlitten, nach ihrem Ausdruck wie gar nichts war. Sie war
abgestiegen, weil der üble Weg diese Wagenerleichterung notwendig gemacht. Sie
suchte sich grüne, schöne Stellen aus, wo sie ging und wo sie mit den Vögeln des
Himmels den Schöpfer lobte, in dessen heilige Hände sie sich befahl. »Wenn auch
hier und da schwere Stellen auf dem Wege des Lebens sind, es gibt doch, dacht'
ich, links ober rechts grüne, blumenreiche Stellen, aus denen uns die schöne
Natur willkommen heisst. Gott, segne meinen Mann, hilf meinem Bruder! - So dacht'
ich, oder so betete, so dankt' ich Gott,« schreibt Mine, und schnell sprengte
ein Reiter auf sie zu, der sie steif ansah, und wen sollte man wohl weniger
vermuten, als den Herrn v. E.? Er war es selbst! er selbst! - Kein Erdbeben
kann so erschüttern, als dieser Anblick Minen. - »Ich verlor,« schreibt sie,
»gleich auf der Stelle alle Kraft, Stärke und Macht. Gott, wie unergründlich
sind deine Gerichte, wie unerforschlich deine Wege! Das Messer, das ich, auf den
Fall mich Räuber, Bösewichter überfallen sollten, für meinen Busen geschärft
hatte, war der Dankbarkeit gegen Gott, der Liebe zum Leben und dem Zutrauen, dass
der, welcher bisher geholfen, auch weiter helfen würde - geopfert. Da war ich
also ohne Rettung in des Mörders Händen!«
    Er war es! er, v. E. selbst!
    »Schon wollt' ich niederknien und von dem Bösewicht den Tod als die einzige
Gnade erbetteln; Mörder dieser Art sind aber so menschlich nicht, umzubringen.
Sie morden Seelen, Gewissen! Mir fielen die Worte unseres Herrn und Meisters
ein: Hebe dich weg, Satan! - Schon wollt' ich knien und Abgötterei begehen, als
ein Wagen kam.«
    In diesem Wagen sass seine Verlobte und Frauenzimmer ihrer Verwandtschaft.
Herr v. E. halte also keine Zeit, Minen näher kennen zu lernen. Allerliebste
Augen, sagte er in den Wagen! Ich kenne nur noch ein Paar der Art! Unfehlbar
eignete sich die Braut dieses Compliment zu, das aber Minen gehörte. Alles
lachte ohne End' und Ziel im Wagen über dieses Abenteuer, und Herr v. E. musste
Schande halber sich beim Wagen, der sich zur Linken wandte, halten; indessen
sandt' er unvermerkt einen seiner Getreuen Minen nach, sie zu examiniren: wohin?
und woher? Mine, welche zwar in diesem Vorfall, dass Herr v. E. mit Blindheit
geschlagen war und sie verliess, aufs neue gesehen hatte, dass sie auf Gottes
Wegen wäre, konnte sich doch von diesem Umstande nicht erholen. - Es kam alles
Schlag auf Schlag. - Da sie den Abgesandten des Satans sah, tat sie einen
Schrei, der diesen Inquirenten mit erschreckte. Sie wusste nicht seinen Auftrag,
und stellte sich nichts anderes vor, als dass er sie fortschleppen würde. Der
Abgesandte hielt Minen für keinen Bissen, der einer Jagd wert wäre. Es war
dieser Helfershelfer nie bei Hermann gewesen - noch in der Kirche zu - -, und
wie konnte man alles Wild fangen, was Herr v. E. aufjagen liess? Ermüdet von
dergleichen Aufträgen, begnügte der Abgesandte sich, als er von Minen: »Nach
Mitau, zu meiner Muhme,« heraus hatte, kehrte zurück und log seinem Befehlshaber
das übrige zu, um diesen Roman sein säuberlich zu endigen. Durch diesen Vorfall
war Mine so ausser Fassung gebracht, dass sie nicht einmal Gott danken konnte. -
Es war ihr alles wie im Traum. Gross ist, Herr, deine Güte! fing sie zuweilen an,
und dann rief sie wieder: Herr! hilf, ich verderbe! Wenn sie sich recht
gesammelt hatte, erschrak sie vor sich selbst. - Fast kannte sie sich nicht, so
sehr hatte sie sich verändert. - Kurz vor Mitau fand sie sich wieder und rang
ihre Hände zu Gott. Der dich behütet, schläft und schlummert nicht, dachte sie;
in Finsternis ist er dein Licht! Die dir nachstellen, erschrecken sehr und
werden zu Schanden plötzlich. - So dachte Mine und freute sich, dass Bibel und
Gesangbuch seit einiger Zeit ihre Hauptbücher, ihre einzigen Bücher gewesen.
Dein Wort, rief sie, ist meiner Füsse Leuchte und Licht auf meinen Wegen!
    Mine kam nach Mitau. Ihre Anverwandten, die sie bald ausfragte, waren in der
traurigsten Verfassung. Sie hatten in der Nachbarschaft einem Cavalier ein Stück
Land abgepachtet, und da an den Schaden nicht ausdrücklich im Contract gedacht
war, so mussten sie von Heller zu Pfennig bezahlen und den Schaden ersetzen,
obgleich er vom Himmel kam.
    »Der liebe Gott hat's getan,« sagten die armen Leute vor Gericht; allein
die Richter behaupteten W.R.I.V.R.W. dass dieser Contract ohne den lieben Gott
gemacht wäre. - Die Armen! In der Welt habt ihr Angst, sagt Christus zu seinen
Jüngern, und das konnte man von diesen Armen mit Wahrheit behaupten. Alles, was
sie an und um sich hatten, ward ihnen genommen. Sie behielten sich nur allein
übrig und die Erinnerung an einen Contract, der ohne den lieben Gott gemacht
war. W.R.I.V.R.W. Anstatt, dass Mine also von diesen Armen Beistand erwartete,
liess sie ihnen etwas von ihren Sachen. Sie wollt' ihnen auch durchaus von ihrem
wenigen Vorrat an Geld die Hälfte abgeben; allein diese Armen erklärten dies
für den grössten Diebstahl. Mine musst' ihnen den Sterbenslauf ihrer Mutter (die
Verwandtschaft kam von Mutter Seite her) erzählen, und die guten Leute freuten
sich über ihre Versorgung. Wer einmal oben ist, o! der ist wohl versorgt! sagten
sie beide. Wer weiss, wie nahe mir mein Ende, setzten sie hinzu; auch Mine sagte:
Wer weiss! und alle drei freuten sich.
    Die unglücklichen Leute hatten einen Sohn, der Pastor an der Gränze war, wie
sie sich ausdrückten. Wenn er lieber was anderes wäre, wünschten sie, dann
würden wir eher Hülfe von ihm erwarten können. Mine befragte sie, ob sie denn
schon Proben von seiner Härte hätten? Härte können wir es nicht nennen,
erwiederten sie. Er hat sich das Beten statt des Gebens so angewöhnt, und
freilich kommt man dabei am wohlfeilsten ab. Hol' doch, sagte er, liebe Mutter,
hol' doch den Brief vom neuen Jahr, da ist ein Gebet drin, das ein Kirchengebet
werden könnte!
    Unser Nachbar, sagte die liebe Mutter, anstatt dass sie den Brief mit dem
Gebet holte, welches ein Kirchengebet werden könnte, unser Nachbar hatte eben so
ein Pachtunglück; aber wie weit glücklicher ist der! Er hat einen Schneider zum
Sohne, der schon alles reichlich mit Zinsen ersetzt hat, was der Vater verloren.
- Sag nicht, Mutter, beschloss der Alte - du weisst noch nicht, was unsrer tun
wird! - Geben ist gut - Beten ist auch gut. - Nicht wahr, Jungfer Mühmchen?
fragte der Alte.
    Minchens ehrliche Anverwandten halfen die Sache mit einem preussischen
Fuhrmann berichtigen, und da Mine ihren Freunden von ihrer Geschichte so viel,
als ihnen zu wissen nötig war, entdeckt hatte, blieb die Hauptsache eine
geschwinde Abreise.
    Minens Verwandte gab ihr einen Brief nach L. in Preussen, neun Meilen hinter
Königsberg, mit, wo eine leibliche Schwester des ehrlichen verunglückten
Pächters wohnte, und wohin auch Minchen gleich anfangs hindachte. Es sind reiche
Leute, sagte er; vielleicht taten sie an uns etwas. - Gott wird es ihnen
bezahlen, hier zeitlich und dort ewiglich.
    Und Minens Vater? -
    Er hatte einen harten Kampf mit dem Herrn v. E., dass er Minen nicht
weichherziger, wie er sich auszudrücken beliebte, gemacht. - Dieser Kampf hatte
schon, wie sich meine Leser erinnern werden, in Hermanns Hause angefangen, und
ward noch hitziger fortgesetzt, da Hermann zum Herrn v. E. kam.
    Was will die Närrin? schrie er. Nach einer Viertelstunde raunte er dies: Was
will sie? dem Hermann ins Ohr.
    Um aus der Not eine Tugend zu machen, war Hermann es ganz untertänigst
zufrieden, dass Gewalt für Recht gehen und Mine dem Herrn v. E. als ein
Schlachtopfer gebunden zu Füssen gelegt würde. Ich hoffe doch, sagte Hermann, dass
es alles ehrlich und ordentlich mit Minen zugehen werde? - denn wahrlich,
hochwohlgeborner und gnädiger Herr Baron, es ist ein Mädchen, das sterben
könnte, ehe man sich es versähe, und ei, dann Vater sein! - Versteht sich, sagte
Herr v. E., ehrlich und ordentlich - ich werde doch, Herr! zum Teufel! wissen,
mit einem Mädel eine Comödie zu spielen! Hat der Herr schon gehört, dass die
Personen im letzten Akt des Lustspiels sterben? Und ein Lustspiel, hört der
Herr? ein Lustspiel soll es werden! Dieses Lustspiel wäre, Dienstags vollendet
worden; allein Herr v. E. musste nolens volens seine Braut zu einem ihrer
Anverwandten, der bei Mitau wohnte, begleiten. Hermann blieb, auf Geheiss des
Herrn v. E., so lange bei der Frau v. E. Gnaden und bei der Jungfer Dene
Hochedelgeboren.
    In zwei bis drei Tagen bin ich hier, schrie noch Herr v. E. dem Hermann vom
Pferde zu, und dann ohne Verzug! - Sie hatten sich in die Hände geschlagen: wenn
alles gut ginge, soll es nicht bei vierzig Taler Albertus bleiben. - Gott gebe,
dass es gut geht, sagte Hermann; das übrige werden meine Leser an seinen Ort zu
stellen und einzuschalten wissen. Würde Herr v. E. Minen nahe bei Mitau
vermutet haben, und hätte sein Abgesandter ihm hiervon auch nur die
entferntesten Spuren zurückgebracht, das Gelächter im Wagen würde ihn eben so
wenig von ihren Augen abgebracht haben, als Gottes Wort in der Kirche. Sein Herz
hing an Minen, und eben weil es an ihr hing, verfolgte er das Mädchen nicht
weiter, das nach seiner Einsicht bloss Minens Augen hätte, obgleich sie es,
gottlob! selbst war.
    Herr v. E. traf nach drei Tagen ein, fand den Hermann fröhlich und guter
Dinge, und es ward der Mord ganz pünktlich verabredet. Hermann reiste nach
Hause, um alles zu dieser Gewalttätigkeit vorzubereiten. Regine halte von
Minens Entfernung dem Hermann keine Nachricht erteilet. Zwar hatte Mine ihr nur
bloss gesagt, dass sie die Nacht nicht heimkommen würde; indessen dachte Regine:
wer weiss, was für ein Zufall sie bindet! - Hermann kam betrübt nach Hause. - Ich
glaube, es ist es jeder Nachrichter, wenn er den Streich vollführen soll, wenn
er sich bewusst ist: unschuldig Menschenblut. Hermann fand die unbesorgte Regine
und statt Minen folgende Schrift:
    Sie wissen selbst, mein Vater - Vater werde ich Sie nennen, es gehe wie es
gehe - Sie wissen selbst, dass ich nicht aus Tücke des Herzens aus meinem
Vaterlande, und aus meiner Freundschaft, und aus meines Vaters Hause gegangen,
in ein Land, das Gott mir gezeigt hat! - Sie wissen alles! Ich bin Ihre Tochter!
Mehr als dies: Sie wissen alles, darf ich mich nicht unterstehen, zu schreiben,
und sollten oder wollten Sie nicht alles wissen, so wäre es ein sehr unzeitiges
Geschäft, mehr zu schreiben. Gott verzeihe es mir, wenn ich jetzt oder jemals
die Achtung aus dem Auge verloren, die ich Ihnen schuldig bin. - Mein Weg geht,
wie ich fühle, zum Himmel ein. Ich habe zu viel Angst, zu viel Kummer erlitten,
um hoffen zu können, eher als vor Gottes Tron bei meiner seligen, ja wohl
seligen Mutter glücklich zu sein! Dann, dann wird, o wie freue ich mich dessen!
das Grab in Absicht meines hinfälligen Teils meine Behausung, Finsternis mein
Bette, die Verwesung mein Vater und die Würmer die Meinigen sein - allein mein
Geist! - dort, dort werden abgewischt werden die Tränen von meinen Augen! - Im
Himmel ist mein Teil und Erbe! - Ich bitte Gott, dass ich Sie einst auch da
finden möge, mein Vater, da, wo Ruhe ist! Sie haben mir auf volle acht Tage
Ausgabegeld gegeben; die Rechnung vom Sonntag und Montag liegt auf Ihrem
Schreibtische. Reginen habe ich Geld auf zwei bis drei Tage zurückgelassen, hier
ist das übrige vom Wochengelde. - Ich habe nichts von dem Ihrigen mir
zugeeignet, ich habe Ihnen nichts entwendet. Sie berechneten sich mit meinem
Bruder Benjamin, und wie mir es vorkam, legten Sie auch mein Teil ab. Diesen
schenke ich meinem Bruder. Ich wünschte wohl, dass Dene nichts trüge, was meine
teure Mutter getragen hat, wenn es ihr, wie ich vermute, nicht schon an sich
zu schlecht ist. - - Sollten Sie, mein Vater wider all mein Vermuten, etwas
missen, so muss Regine davon Anzeige tun können, die indessen, wie Sie wissen,
die Ehrlichkeit selbst ist. Ich gehe, und das können Sie sich leicht vorstellen,
mit schwerem Herzen, o Gott! mit schwerem Herzen von hier. An diesem Briefe habe
ich drei Tage geschrieben. Tränen beziehen mir so die Augen, dass ich auch jetzt
nicht sehe, was ich schreibe. - Gott sei mir gnädig! Ich bete auch für Sie! und
werde es nie aufhören zu tun. Haben Sie tausend Dank für alles Gute, so Sie
meiner Mutter, und so Sie mir getan! Meine Mutter lässt sich noch durch mich
bedanken. Gott vergelte es Ihnen! - Ihr Grab war mein Labsal, sonst wäre ich
vergangen in meinem Elende. Verzeihen Sie alle meine Fehler, wodurch ich Sie in
meiner Jugend betrübt habe. Seit vielen Jahren, dünkt mich, habe ich Ihnen nicht
Gelegenheit zur Unzufriedenheit gegeben. Man muss Gott mehr gehorchen, als den
Menschen. - Meine Entfernung rechnen Sie nicht unter Fehler, die ich Ihnen
abzubitten schuldig wäre - ich bitte sie Ihnen dennoch ab, weil ich weiss, dass
sie Ihnen einigen Verdruss machen wird. Der Himmel gebe, dass er so klein sei, als
nur möglich, nur möglich. - Wenn Sie nicht glauben wollen, dass mich Gott zu
gehen geheissen hat, so lassen Sie sich von dem Herrn Pastor die Predigt vom
vorigen Sonntag geben. Diese Predigt liess Gott durch ihn an mich halten - das
können Sie mir glauben, weil ich es empfunden habe, und wenn Sie die Predigt
lesen, werden Sie es auch empfinden, und mir wenigstens eine glückliche Reise
wünschen, wie Sie meinem Bruder wünschten. - Die Frau Pastorin haben Leute, das
weiss ich, wider mich aufgebracht.
    Ich bitte Sie, meine liebe Frau Pastorin, um Gottes willen, um Gottes
willen, nicht zu denken, dass ich Ihren Sohn verführt habe, und noch verführe.
Eben so wenig, als er mich verführt hat und verführen wird, eben so wenig ich
ihn. - Sie sind eine gute, verehrungswürdige Frau, meine geistliche Mutter, die
mich über die Taufe gehalten hat - ach! - - Gott, der Herr, segne Sie! Ich küsse
Ihnen und dem Herrn Pastor, dem Boten Gottes, die Hand. Gott wird ihn so in
seinem Letzten erquicken, als er mich vorigen Sonntag in meinem Letzten in -
erquicket hat.
    Lieber Vater, sagen Sie diese Stellen der Frau Pastorin vor, und danken Sie
dem Herrn Pastor tausendmal, tausendmal! Lieber Herr Pastor! Engel Gottes! ich
danke Ihnen tausendmal, tausendmal! -
    Ich wünschte sehr, mein Vater, dass diese frommen Leute gut von mir dächten,
des Gebets dieser Frommen wegen, dem ich mich empfehle. Setzen Sie mich, mein
Vater, in die Güte, in das fromme Andenken der Frau Pastorin zurück. Schlagen
Sie mir, lieber Vater, diese letzte Bitte nicht ab, und dann noch eine nicht: -
das Grab meiner Mutter in Ehren zu halten! Wenn die Erde nachlässt und das Grab
sinkt, lassen Sie, lassen Sie doch Erde, gute schwarze Erde nachschütten, damit
es nicht das Ansehen, das edle Ansehen eines Grabes, eines Hügels verliere.
Meine Mutter ist ja die Handvoll schwarzer Erde wert! - Nun leben Sie wohl! -
Wenn Sie Denen heiraten, lassen Sie sie nicht verächtlich von meiner Mutter
reden; es ist eine selige Mutter. Verdoppeln Sie Ihre Liebe gegen meinen Bruder
Benjamin. Er ist jetzt das einzige Kind, das von einer Mutter stammt, die im
Himmel ist. - Grüssen Sie ihn von mir tausendmal; so oft er zu Ihnen kommt,
grüssen Sie ihn tausendmal! - Grüssen Sie alle, die sich meiner zu erinnern die
Güte haben. Verfolgen Sie mich nicht, denn ich gehe auf Gottes Wegen. Regine ist
so unschuldig an meiner Entfernung, als die Sonne am Himmel. Grüssen Sie auch
Reginen von mir. Ich bitte Reginen ab, dass ich Sie wegen meiner Flucht getäuscht
habe. - Gott lasse es Ihnen allen, allen, allen wohl gehen zeitlich, geistlich
und ewig wohl! wohl! Wenn Herr v. E. seine Gemahlin treu lieben wird, nur dann
wird er glücklich sein. Gott sieht das Herz an und alle guten Leute, die Gottes
Bild an sich tragen, desgleichen. Ich wünsche auch ihm alles, alles Gute!
Hiermit leben Sie wohl, alle! alle! Leben Sie wohl!
                                     * * *
    Hermann war gerührt - weinen konnte er nicht. Schon wollte er den ganzen
Handel mit Denen wieder aufgeben und zu meinem Vater gehen, und seine Sünde in
den Schoss seines Beichtvaters bekennen. Er konnte sich nicht entbrechen, vor
sich zu sagen, als ob er sich auf das Compliment zu meinem Vater besönne: Vater,
ich habe gesündiget im Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht wert, dass ich
dein Beichtsohn heisse.
    Diese Bussgedanken wurden aber bald zerstreut. Nimmt Herr v. E. Denen von
mir, was hebe ich an? Graben mag ich nicht; doch schäme ich mich zu betteln.
Dies setzte er seinen Bussgedanken entgegen, und wenn sie gleich nicht völlig in
Flucht geschlagen wurden, so waren sie doch wenigstens wankend gemacht. Je
weiter er dem Vorfall nachdachte, desto mehr befestigte sich sein Entschluss,
sich unter die gewaltige Hand des Herrn v. E. zu demütigen. Sein letzter
Vorsatz war, dem Herrn v. E, der, wenn er wollte, ihn ganz und gar an den
Bettelstab bringen könnte, alles zu entdecken - und sich ihm auf Gnade und
Ungnade, auf Tod und Leben zu ergeben. Er nahm den Brief mit (die Hand zitterte
ihm, da er ihn angriff) und ritt nach - zum Herrn v. E.
    Nun, Teufel! war der Willkommen.
    Hochwohlgeborner, gnädiger Herr! hier!
    Was? (Herr v. G. nahm und las.) Blitz! Donner! Zeter! Wetter! wo ist die
Bestie?
    Gnädiger Herr, verzeihen Sie -
    Er ist toll!
    Wie Ew. Hochwohlgeboren befehlen.
    Die Bestie, wo ist sie?
    Das ist Gott bekannt!
    Nach einem langen Missverständnis; kam es heraus, dass der Abgesandte Jakob
die Bestie war. Ich bin ihr begegnet! - Gewiss und wahrhaftig, sie war es! schrie
Herr v. E.
    Ketten! - Jakob! wo ist die Bestie? Jakob kam, und nach den entsetzlichsten
Flüchen wurde Jakob in Eisen geschmiedet. Dieser Kerl, mit dem ein kurzer Prozess
gemacht ward, schien der Ableiter der Wut des Herrn v. E. zu sein. - v. E.
erholte sich. -
    So lange als ich sie nicht habe, sollst du so liegen, Bestie! das war das
Urteil.
    Es wurden Steckbriefe und Boten zu Fuss, zu Pferde und zu Wagen ausgesandt -
allein Mine kam glücklich nach - Königsberg. - Sie erschrak über diesen Ort. So
gross! sagte sie zu den Fuhrleuten. Es war der nämliche Major und der nämliche
Junker, die mich nach Königsberg gebracht hatten. - Mine schlief in Königsberg
auf der nämlichen Stelle, wo ich geschlafen hatte, und es sei, dass Ahnung es ihr
eingab, oder, was weiss ich, wie sie empfand, dass ich da gewesen. Bis dahin hatte
sie hiervon keinen Gedanken gehabt. - Jetzt kam es ihr schnell ein, wie alles
kommt, was gut ist. - Mine lenkte das Gespräch auf die hohe Schule, und immer
weiter und weiter, bis die Majorin selbst von mir anfing. Der Major hatte mich
längst vergessen. Ueberhaupt schwächt nichts so sehr das Gedächtnis, als Reisen.
Die Majorin gab so viele Umstände an, dass Mine mich vor sich sah. Hätte Kummer
und Elend, und vorzüglich der Ueberfall des Bösewichts, da Mine zu Fuss ging, und
die peinlichen Fragen des Abgesandten, der jetzt in Eisen geschmiedet war, diese
Arme nicht so sehr zurückgesetzt, ich glaube, die Liebe hätte ihre Gründe, mich
nicht zu sehen, überwunden. Jetzt überwanden die Gründe. Wer sieht gern Leute,
die man recht zärtlich liebt, wenn man so kümmerlich ist, wie Mine war? Ihre
Gründe:
    »Die Pastorin nennt mich eine Verführerin! Könnte ich es nicht werden? Und
unter welchem Namen sollte ich? unter wessen Schutz? Was würden seine Bekannten
von mir denken, von ihm sagen? Wie und wo soll er mich sehen?« Mine, die überall
auf Gottes Wegen ging, hatte schon der Majorin gesagt, dass sie keinen Verwandten
in Königsberg hätte, und dass sie nach L. wollte. Es war schon unterwegs
abgemacht, dass man sie dortin senden würde. Eine gewisse fräuliche Delikatesse,
die, wenn sie Schwäche wäre, selbst unserm Geschlecht angenehmer als Stärke ist,
gab jedem Gedanken Nachdruck.
    »Könnte man nicht denken, ich wäre seinetwegen? - Er kann und wird mich
sehen, im Schoss meiner Verwandten - und sterbe ich - in der seligen Ewigkeit!«
    Kurz, es ward beschlossen, nach L -. Der Herr Major sagte: Frau, solch ein
Frauenzimmer hast du noch nicht gesehen, und die Frau Majorin tat mir die Ehre,
Notabene, nachdem mein Andenken bei ihr aufgefrischt war, bei dieser Gelegenheit
zu bemerken, dass sie solch einen jungen Herrn, als mich, so leicht nicht gesehen
hätte. Mitte schrieb: »Dies kam mir so unerwartet, dass ich feuerrot wurde. -
Ich freute mich, mein Lieber, so sehr sich Mine freuen konnte!« - Da Mine eine
Lust bezeigte, die Stadt zu besehen, so ward den Morgen eine Kutsche angespannt.
Die Majorin machte Umstände, mit Minen zusammenzusitzen. Sie wollte gerade über
sitzen. Endlich - - Alle Augenblicke, wenn Mine einen jungen Menschen sah, fiel
sie zurück. Sie glaubte mich -
                         Den nämlichen Tag nach Tische.
                                Herr v. G. Ich.
    Er. Endlich.
    Ich. Ich bin auch heut noch zu beklommen, ich habe noch kein empfängliches
Herz für die Natur - keinen Hunger und Durst - nach ihrer Milch und Honig. Sie
nimmt es übel, Bruder, wenn man zu ihr kommt und sauer sieht.
    Er. Sie wird dich aufmuntern.
    Ich. Das tut sie nicht.
    Er. Ihren Lieblingen wohl, und du sitzest ihr im Schoss.
    Ich. Wohin denn?
    Er. Das lass mir über. Unser ehrlicher Major hat, das weisst du, Ursache, es
übel zu nehmen, dass wir nicht schon die Parole von ihm abgeholt. - Ein paar
Pferde -
    Ich. Meinetwegen! Wen senden wir?
    Er. Uns selbst.
    Ich. Desto besser.
    Er. Zum Major!
    Ich. Zum Major!
    Wir gingen, nachdem wir uns umgezogen. Schon sahen wir sein rot abgeputztes
Haus, freuten uns, unsere Kriegskameraden zu sehen, und fragten einander. - Da
begegneten uns ein paar Landleute im Wagen, die uns hineinwinkten. - Wir nahmen
diesen Wink entgegen - und fuhren ihren Weg nach Hollstein (einem Lustorte bei
Königsberg). Warum konnten wir nicht zum Major, obschon wir das rot abgeputzte
Haus sahen? Grosse Frage! warum? O Gott, warum? Eine kurze Freude für meine
Leser!
    Der Weg nach Hollstein ist einer der schönsten, den man fahren kann. Auf der
einen Seite Wasser, wo Schiffe sich kreuzen, auf der andern die anmutigsten
Wiesen. - Man könnte, sagte einer in unserm Wagen, um den Wiesen ein Compliment
zu machen, Billard darauf spielen!
    Ich war blind und taub. Wie konnte es anders? Schon sechs Wochen über das
Vierteljahr und kein Brief von Minen!
    Mine reiste den andern Tag nach L - zu ihren Verwandten. - Wie sie zum Tor
hinaus fuhr, fielen ihr wieder die Worte ein: Man trug einen Todten aus der
Stadt, der war der einzige Sohn seiner Mutter. Sie konnte diese Worte nicht los
werden.
    Mine schreibt: »Mein Weg, mein Lieber, wie du schon weisst, wie ich dir schon
tausendmal geschrieben habe, ging himmelan, überall himmelan.«
    Sie fand ihren Verwandten auf dem Brette. Seine Frau war schon längst
gestorben. Müde und matt fiel Mine bei dem Anblick ihres Verwandten in Ohnmacht.
Nachdem sie sich erholt hatte und den Todten ansah, fand sie eine Aehnlichkeit
von ihrer Mutter in allen seinen Zügen. Sie konnte ihr Auge nicht von ihm
lassen. Sie selbst:
    »Es sei, mein Lieber, dass alle Todten eine Aehnlichkeit haben, die im Herrn
sterben, ober der Selige hatte, der Verwandtschaft wegen, wirklich ähnliche Züge
von meiner Mutter. Mir war es Zug an Zug! - Lieber Gott, dachte ich, indem ich
ihn starr ansah, nun habe ich auch einen Brief in den Himmel. Du weisst doch,
mein Lieber, den Brief aus Mitau. - Gott, dein heiliger Wille geschehe! - Nur
dass du mich nicht verlässest, wenn ich diesen seligen Weg gehe - und die letzte,
letzte Reise tue.«
»Lass mich, wenn ich sterbe,
Mit der Schaar der Frommen
Aus Sturm und Wellen kommen
An den erwünschten Ort.«
    »Wieder ein Wegweiser himmelan, himmelan, mein Lieber! Ich glaube nicht, dass
ich noch weit zum Ziele habe. - Es kann, es kann nicht mehr weit sein!«
    »Ich wollte in Königsberg mich mit dem Fuhrmann und seiner Frau abfinden,
die Leute hatten mir viel, sehr viel Gutes getan; allein weder er, noch sie,
waren zu einem Dreier zu bequemen. Ich schenkte der kleinen Tochter, die nicht
von mir liess, einen Kopfputz, und mehr war den Leuten nicht aufzubringen. - Sie
hatten mir gar zu essen und zu trinken auf den Weg gegeben, ohne dass ichs wusste.
- Mein Gott, was gibt es doch für gute Menschen in der Welt! Diese Güte bewegte
mich bis zu Tränen, die, Gott sei gepriesen, sogleich da sind, und mir sehr
treue und gute Dienste tun.«
    Der Prediger in L -, wahrlich ein Mann, der nicht bloss betete, sondern auch
arbeitete, der nicht bloss lehrte, sondern auch gab, kam eben von der Erfüllung
des letzten Willens des Seligen. Es hatte der Verstorbene verordnet, da er keine
Erben hatte, dass sein ganzer Nachlass an das Hospital und die Hausarmen gegeben
werden sollte. Der gute Prediger hatte alle die frohen Züge der Armen in seinem
Gesicht, die er veranlasst hatte, und so kam er ins Trauerhaus. - Einen Tag eher,
und Mine hätte für die bewussten Armen in Mitau Anspruch auf diesen letzten
Willen machen können. Es war seit undenklichen Jahren keine Nachricht von ihnen
in L - eingelaufen, und der Selige glaubte sie schon alle da zu finden, wo er
hinging.
    »Auch die Hospitalitin,« schrieb Mine, »hätt' ein Recht an dieser
Austeilung gehabt. Ich prüfte mich vor Gott, ob ich es einem beneidete, auch
der es weniger, wie ich, nötig hätte; allein ich bestand in der Wahrheit. -
Mein Lieber, ich bin verlassen; allein Gott weiss, dieser Gedanke kostet mir
keinen bittern Augenblick. - Keinen einzigen ist der verlassen, der auf Gottes
Wegen geht! Wenn mir einfällt: wo Brod in der Wüste? bild' ich mir ein: wenn ich
kein Brod habe, werd' ich auch keinen Hunger haben, und das ist jetzt mein
unaufhörliches Denken, solang ich bei der Leiche bin - und dann noch ein grosser,
über alle Massen wichtiger Gedanke ist mein: bald wird mich gar nicht mehr
hungern und dürsten - und nicht mehr auf mich fallen Fröste des Schrecks, und
keine Flamme der Anfechtung mich mehr ergreifen. Ich fühl' es, Geliebter,
innerlich, obgleich mir äusserlich nichts anzusehen ist, es werde bald Amen mit
mir sein. - Glaub mir, ich bin mehr dort, wie hier; ich sehne mich nach meiner
rechten Behausung! denn kann ich nicht mit Wahrheit sagen: Ich habe hier keine
bleibende Statt gefunden, sondern die zukünftige such' ich? - Bald, bald wird
man einen Todten heraustragen! - Was sollt' ich mich also grämen und wider Gott
murren, der den Himmel ausbreitete und die Erde gründete, und so gross er ist,
doch auch meinen Schmerz wog? Warum sollt' ich murren und über die klagen, die
den Nachlass meiner Verwandten in Empfang genommen? Da ich den Herrn suchte,
antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht. - Er liess mein
Angesicht nicht zu Schanden werden, da mich v. E. und sein Botschafter sahen.
Ich Elende rief, und es hörte mich der Herr und half mir aus allen meinen
Nöten. Der Engel des Herrn lagerte sich um mich her und schlug mit Blindheit,
die mich greifen wollten. - Du kannst nicht glauben, Geliebter, wie froh ich
bin, froh bei einem Todten! - Er ist entgangen, ich werd' auch entgehen. - Von
ganzer Seele empfind' ich die Worte: Der Mensch lebt nicht vom Brod allein. -
Ich habe so wenig Hunger, dass ich noch drei Tage ohne Essen und Trinken bleiben
könnte. Ich schmecke und sehe, wie freundlich der Herr ist; wohl dem, der auf
ihn trauet!«
    Der Pfarrer in L - fand Minen verehrungswürdig. Er sah ihr an, was sie war.
Er war mit einem gestärkten Auge zu ihr gekommen. Mit einem Anstande, frei wie
die Tugend, erzählte ihm dies liebenswürdige, frische und muntere Mädchen einen
Teil der Geschichte ihrer Reise. Sie blüht wie eine Rose; allein sie fiel auch
so hin, wie diese. Indem sie mit dem Prediger sprach, sank sie zur Erde. - -
Vielleicht dass sie der Teil der Geschichte, den sie zurückbehielt, so angriff,
vielleicht dass die Krankheit, wie es öfters geschieht, den Ruhepunkt, den sie
abgewartet hatte, eben jetzt erreicht, um auszubrechen.
    Mine bemerkte zwar, dass die Erscheinung des Herrn v. E. und seines Gesandten
ihr ganzes Wesen bebend gemacht, und dass dieser Schreck sie mehr angegriffen,
als alles - indessen half sie sich wieder aus. Jetzt aber war ihr Stündlein
vorhanden. - Sie konnte nicht mehr. Sie sank: - o Gott, sie sank! - Es ist,
glaubt mir, lieben Freunde, mit Leben und Tod eine besondere Sache. Der Mensch
bringt zwar die Ursache seines Todes mit auf die Welt - er stirbt an seiner
Geburt - allein man könnte behaupten, dass der Tod immer, wie ein Dieb in der
Nacht, immer wie ein Blitz komme, und dass man in gewisser Art jederzeit, und
auch alsdann noch plötzlich sterbe, wenn man gleich an einer Lungenkrankheit
stirbt. Der Eintritt dieser Krankheit ist alsdann der plötzliche Tod, und sobald
diese Sterbenskrankheit eingetreten, sagt, leben wir wohl noch? - Wir hoffen
doch? - Wir zweifeln, willst du sagen, und das ist wahrlich kein so glücklicher
Zustand! Ein Hektikus, der in der Lebenshoffnung, wie man sagt, am stärksten
sein soll, ist er nicht schon immer todt? wenn gleich er dem Arzt entgegen
hustet: »Heut befind' ich mich so leidlich!« - Was er nicht weiss, ist der
Augenblick, da ihn die Welt todt nennt. - Eigentlich ist er schon verschieden. -
Was dünkt dich, frischer Jüngling, dich, blühendes Mädchen, was dünkt euch, die
ihr dieses leset? Wenn euch beim Wort: sie sank, ein Schauder durchs Herz fuhr,
denkt daran: so wird auch euer Tod kommen, so wird er eintreten. - Darum wachet,
wachet! Jeder, so dieses Blatt liest, alt und jung! Ich beschwör' euch alle bei
dem Gott, der an den Tag bringen wird, was im Dunkeln geschah, und der den Rat
der Herzen offenbaren kann; ich beschwöre jeden, so dieses Blatt liest, heute,
heute - heute - eine gute Handlung im Stillen zu tun; diese Handlung, wenn es
möglich ist, vor sich selbst zu verbergen - damit sie im Sterben euch Lust
zuwehe. Heute, Freunde, heute! folget mir - heute noch!
    Der Selige war ein grosser Liebhaber vom Vögelsang. Da er nicht mehr ausgehen
und ihn im Freien hören konnte, hatte er verschiedene von diesen Sängern im
Zimmer. - Ihr Gesang soll mich auch im Sterben nicht stören, pflegte er zu
sagen. Es ist der Ausbruch der Freude und der Unschuld, es sind glückliche
Geschöpfchen. Seine letzte Verfügung war: seine Vögel nach seinem Tode ins Freie
zu lassen. Zuweilen wünscht' ich, hatte er hinzugefügt, dass ich ihnen etwas im
Testament legiren könnte - allein was würd' ihnen ein Legat gegen die weite und
breite Welt sein, die ihnen eignet und gebührt. Mine war bei der Erfüllung
dieses letzten Willens, den der gute Pfarrer mit sehr vieler Empfindung
befolgte. Nach den ersten Begrüssungen an Minen war dies sein Geschäft. Sie
brauchen kein Legat, sagte der Prediger, diese Weltbürger. Auf jedem Aestchen
ist ihr Bette gemacht. Gott sei mit euch, fügte er hinzu, und liess die Vögel
fliegen.
    Mine sank - der gute Prediger ermunterte sie; allein er ah, dass ihr das Herz
gebrochen war - sie war nicht mehr. - Sie haben mich sterben gesehen, sagte sie
zum Pfarrer. - Das hab' ich, erwiederte er. Der Bote des Friedens liess sie nicht
von seiner Hand und bat sie, mit ihm zu kommen. - Dieses nahm sie als Gottes
Einladung an und dankte ihm herzlich für das Aestchen, das er ihr anbot. Mine
war so schwach, dass sie sich gleich ins Bette legen musste, sobald sie zum
Prediger kam.
    Lasst mich kurz sein, lieben Leser, ihr könnt fühlen, nicht wahr? Ihr könnt
es - wie mir ist; wenigstens hier und dort und da. Lasst mich abbrechen, und
leset mehr als da steht.
    Die Dulderin konnte selbst ihren Verwandten nur durchs Fenster begraben
sehen. Da man ihn einsenkte, sank sie ohnmächtig hin, und musste ms Bett getragen
werden. - Sie sagte, da sie wieder zu sich selber kam, es wär' ihr im sanften
Schlummer so vorgekommen, als trüge man sie selbst ins Grab. - Sie war zuweilen
sehr unruhig, und blieb es so lange, bis sie dem rechtschaffenen Geistlichen
ihren ganzen Lebenslauf gebeichtet und ihr schwer beladenes Herz gelichtet
hatte. - Der redliche Mann stärkte und tröstete sie. Er billigte diese so
engelreine Liebe, die lilienkeusche Liebe, wie er sie zu nennen die Güte hatte -
und was man Minen an ihren gebrochenen Augen ansehen konnte, war da.
    Die Absolution des guten Predigers machte Minen munter. Dies kann man auch
bei einer grossen Krankheit sein. Man sah, dass ihr Geist heiter war und nicht zu
sein aufhören würde, wenn gleich der Körper dahin fiel. - Er war so sehr dem
Körper überlegen, dass der Prediger mich versicherte, hiess wäre sein Beweis von
der Unsterblichkeit. Ost, sagte er, hab' ich dies gefunden, und noch öfter hätt'
ich's finden können, wenn nicht die meisten Seelen im Concurs stürben und von so
vielen Schuldnern überlaufen würden, die sie nicht befriedigt, so lange sie mit
ihnen aus dem Wege dieser Welt waren.
    Mine wollte die Communion, und zwar in der Gemeinde, empfangen. - Ich werde,
sagte sie, darin schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist, und wie wohl
denen auch dort sein wird, die auf ihn trauen, ich werd' einen Vorschmack drin
von dem himmlischen Manna finden. - Der Prediger setzte hierzu einen Tag an, und
sie empfing die Communion mit zwölf Personen in ihrem Zimmer. - Diese Zahl kam
ganz von ungefähr; indessen fiel sie Minen sehr auf. - »Gott, lass doch keinen
Verräter unter diesen Zwölfen sein!« Mine gab jedem von ihrer geistlichen
Tischgesellschaft die Hand. - Wir sehen uns wieder, sagte sie. Die Danksagung,
welche der Prediger aus der Agende nach der Communion las, sprach Mine laut und
mit Seelenwonne mit. Die Tochter des Predigers, ein Mädchen von neunzehn Jahren,
wollte durchaus sterben, da sie Minen so sterben sah. - Sie war immer um und bei
ihr. Mine bat den Prediger nicht, mit ihr zu beten. - Dazu hatte sie keinen
Geistlichen nötig, obgleich sie den Prediger sehr gern um sich hatte. Sie
sprach beständig mit ihm von Sterbenden, die er zum Tode vorbereitet hatte, und
freute sich, wenn sie von Leuten hörte, die freudig aus dieser Welt gegangen,
und deren Seelen so stark gewesen, dass man ihnen die Vollendung angesehen. - So
was, sagte der Prediger, überzeugt. Man sieht in gewisser Art Geister - und so,
wie sie sich aus dem Körper herausschlauben, so werden sie sich auch zu seiner
Zeit beim Weltgericht aus dem Staube machen. - Wenn Minchen allein war, ging sie
im besondern Sinne mit Gott um. - Von langen Gebeten hielt sie nichts - auch in
gesunden Tagen nicht. - Sie war, das sah man, das hörte man, ihrer Sache gewiss.
Sie war im Himmel bekannt. Ich habe dort eine Mutter, die mir gewiss
entgegenkommen wird, pflegte sie zu sagen, und dann wieder: Ich behalte
denselben Gott in Curland, in Preussen, im Himmel! Ich verändere nicht den
Beherrscher, sondern nur den Ort. Ich zieh' aus einer Provinz Gottes in die
andere. Hier wohn' ich zur Miete und dort werd' ich Eigentümer sein. - Es war
rührend, sie sterben zu hören, sie sterben zu sehen.
    (»O Gott, lehre mich bedenken, dass ich sterben werde, dass mein Leben ein
Ziel habe, dass ich davon müsse! Lehre es jeden, der dich liest!«)
    Auf einmal fiel es Minchen ein, mich noch zu sehen. - Da sie gewiss zu
sterben gedachte, sprach sie von unserer Verbindung mit so wenigem Rückhalt, dass
sie mich gegen den Prediger ihren Mann hiess. Der Prediger sprach auch von uns
wie von Verlobten. Gretchen, die Tochter des Predigers, wusste einen grossen Teil
von meiner Geschichte; nur gegen die Predigerin war man zurückhaltend. - Man
liess sie selbst selten zu Minen, obgleich sie sich recht nach ihr sehnte. Sie
neigte sich sehr zur Schwermut, und man musste alles entfernen, was diesem
Temperamente Nahrung gab. Bei ihren letzten Wochen war einer von den drei
Lindenbäumen, die vor dem Pastorhause standen, ausgegangen; dies hatte sie sich
so zu Gemüte gezogen, dass vorzüglich jeder Lindenbaum sie gleich zum Tiefsinn
brachte. Wenn die Linden blühten, war sie immer in Tränen. Die gemeinen Leute
nannten es eine Lindenkrankheit. - Sie fand indessen auch in andern Vorfällen
Anlässe zur Traurigkeit und Nahrung für ihre Schwermut. Die gute Pastorin hatte
sich eingebildet, dass der Lindenbaum vor dem Pastorat, da er in ihrem
Geburtsjahre gepflanzt worden, jetzo ihren Tod ankündige und ihr Vorläufer, ihr
Johannes, sein würde. Gewiss hat dieser Baum ihr Leben mitgenommen. - Sie weinte
oft am heitersten Tage. - Der arme Prediger, welcher anfangs alle Mittel
angewendet hatte diese Krankheit zu heilen, sah wohl ein, dass sie nicht heilbar
wäre.
    Oft musste er ihr sogar die Bibel wegnehmen. Sie war nicht aus den
Klageliedern Jeremiä, den sieben Busspsalmen und der Offenbarung Johannis
herauszubringen - und im Gesangbuche waren die Todten-und die Abendlieder ihre
Sache. »So komm' doch auf einen grünen Fleck!« sagte der kreuztragende Prediger;
allein sie blieb wo sie war. - Sie sah in jedem Grün die Linde vor ihrem Hause.
Es war diesem Baum sein Taufattest, sein Pflanzjahr eingeschnitten, und also
wusste sie gewiss, dass sie eines Jahres Kinder waren. - Zuweilen kam die
Schwermut der Frau Predigerin bis zu Ausbrüchen. Dann waren ihre Begriffe alle
durcheinander.
    Was meinen Sie, lieber Pastor, sagte Mine, soll ich ihn noch sehen? Ihre
Gründe hatte sie jetzt alle aufgegeben. Der Prediger war für, der Arzt wider. Es
war betrübt anzusehen. Sie wollte mit ihrem Arzt darüber sprechen; allein das
konnte sie nicht. Sie hatte kein Wort unmittelbar mit ihm gewechselt. Er war
sehr hartörig - und eines der Hauptübel, die sich bei Minen äusserten, war
kurzer Atem und Brustschwachheit. Da man dem Arzt Minens Wünsche ins Ohr
schrie, widerriet er. Nichts, setzte er hinzu, was sie angreift! Der erste
Blick ihres Freundes würde ihr letzter sein. - Die geringste Spannung würde ihre
Nerven in Stücke reissen.
    Mine war es zufrieden, oder musste es zufrieden sein, da der Prediger dem
Arzt beitrat. Sie erholte sich, allein nicht zum Leben, sondern zum Tode, wie
sie selbst bemerkte; indessen danke sie ihrem Arzt mit einem Händedruck.
Zuweilen stand sie auf, sah nach dem Grabe ihres letzten Verwandten, liess sich
von fern die Gräber der Frau dieses frisch Begrabenen und ihrer Kinder zeigen.
Sie waren alle mit einer kleinen, in die Höhe stehenden Tafel bezeichnet, worauf
ein Spruch stand. Die Tochter des Predigers musste sie lesen gehen und sie Minen
erzählen - das Auge reichte nicht so weit.
    Auf seiner Tafel standen die Worte, Daniel 12. V. 13: Du aber, Daniel, gehe
hin, bis das Ende kommt, und ruhe, dass du aufstehest in deinem Teil, am Ende
der Tage. - Er hiess Daniel.
    Auf der Tafel seiner Frau, Hiob 7. V. 2, 3: Wie der Knecht sich sehnet nach
dem Schatten, und ein Tagelöhner, dass seine Arbeit aus sei, also sind mir
elender Nächte viel worden.
    Auf dem Grabe der Tochter, Buch der Weisheit 3. V. 1: Der Gerechten Seelen
sind in Gottes Hand, und keine Qual rühret sie an.
    Auf dem Grabe des Sohnes, 2 Samuelis 12. V. 23: Ich werde wohl zu ihm
fahren. Er kommt aber nicht zu mir.
    Mine eignete sich diese Denksprüche zu. Es war ihr Stammbuch, und jedes Grab
brachte sie auf das Grab ihrer Mutter. Ost machte sie die Augen dicht zu, um,
wie sie sagte, mit ihrer Seele in nähere Bekanntschaft zu treten und zu
versuchen, wie es ihr nach dem Tode sein würde. Zuweilen sass ich schon, so fuhr
sie fort, wie ich noch lebte, wenn ich mich sehen wollte; ich machte eine
Schlafende, um desto besser über die Fragen: Wo kommst du her? Wo willst du hin?
Auskunft zu finden. Ich kehrte mein Auge in mich, und ab von der Welt und von
dem, was in der Welt ist. Da liess ich mich denn nicht aus den Augen; ich konnte
mir selbst nicht entlaufen, und welche selige Stunden habe ich auf diese Art
zugebracht! Jetzt übe ich mich, auf gleiche Weise zu sterben. - Sie pflegte zu
Gretchen, des Pfarrers Tochter, zu sagen: Da war ich über drei Stunden zur Probe
todt.
    Es war den - -, ein Tag, da sie sehr munter war, und da sie zu Gretchen sich
ausliess: Mich dünkt, liebe Freundin, es geht mir, wie dem Könige Hiskias. Ich
hörte die Stimme: Beschicke dein Haus, denn du wirst sterben und nicht leben
bleiben, und nun geht der Schatten hinter sich zurück, zehn Stufen am Zeiger
Ahas, die er war niederwärts gegangen. - Mine wollte nicht für sich, sondern für
mich leben. Mine und Grete waren diesen Morgen froh mit einander; allein
wahrlich eine kurze Freude! denn Mine und das ganze Haus hatten einen Schreck,
der Minen auch den letzten Herzensrest gab.
    Um die Sache in ihrem Zusammenhange zu zeigen, müssen wir aus diesen
Vorhöfen des Himmels in die arge, böse Welt zurück.
    Alle Boten zu Wagen, zu Pferde und zu Fuss, die Herr v. E. ausgesandt hatte,
kamen ohne Minen zurück; allein nicht ohne Spuren, welchen Weg sie genommen. Es
war völlig klar und deutlich ausgemittelt, dass sie in L - bei ihren Verwandten
sich aufhielt. Hermann, wie es sich von selbst versteht, hatte zu dieser
Klarheit und Deutlichkeit einen Familienbeitrag geliefert. Er stand als ein
Gefängnisswärter, der eine Staatsverbrecherin entfliehen lassen; indessen
begegnete ihm Herr v. E., der zu seinen Absichten noch auf Hermann mehr als
einen Anschlag in petto hatte, leidlich - das heisst, er schlug ihm nicht vor'n
Hals, er spie ihm nicht in's Gesicht, hob seinen Fuss nicht auf wider ihn.
    Was ist zu tun? frug Herr v. E. Das ganze Haus, und niemand wusste, was zu
tun wäre. Endlich fiel es ihm ein, ein Gutachten von ein Paar Rechtsgelehrten,
die ihren Schnitt verstanden, für Geld und gute Worte einzuziehen. Diesen zweien
ward noch einer zugesellt, um die Sache von allen Enden zu fassen. Herr v. E.
dirigirte. Die preussischen Staaten hat uns der Teufel zur Nachbarschaft
zugemessen, sagte Herr v. E. Aus der Hölle ist keine Erlösung, setzte einer von
den dreien hinzu.
    Das consilium juridicum eröffnete seine Session. Hermann war Beisitzer. -
Die Sache musste in höchster Eile getrieben werden. Einer der Rechtsgelehrten,
der, wie er selbst zu bemerken die Ehre hatte, sich in allen Fällen am Kopf zu
halten gewohnt sei, schlug vor, an den König selbst zu schreiben. Er ist das in
Preussen, was Ew. Hochwohlgeboren auf Ihren Gütern sind, setzte Hermann hinzu.
Herr v. E. war, für dieses Compliment in höchsten Gnaden dem Hermann wohl
beigetan. Die andern zwei Rechtsgelehrten, die sich nicht so sehr am Kopf zu
halten gewohnt waren, brachten ein Anschreiben an die Landesregierung in
Königsberg in Vorschlag, mit welcher die curische Regierung in
freundnachbarlichem Vernehmen, wie sie nach der Liebe hofften, stünde. Dieses
Votum ging durch. Der Tron bleibt uns - sagten sie alle, bis auf den Kopfhalter
. - Wenn Ew. Hochwohlgeboren, fing derselbe, oder Herr a (ich will die drei
Rechtsgelehrten mit ihrer Erlaubnis a, b, g nennen), nach einer Weile an, nur
innerhalb vierundzwanzig Stunden von ihrer Flucht Nachricht eingezogen -
    Wenn, sagte Herr b.
    Und wenn, Herr g.
    Der Edelmann hat in Curland das Recht, wenn ihm sein Untertan entlauft, ihn
innerhalb vierundzwanzig Stunden zu nehmen, wo er ihn findet, und Hand an ihn zu
legen auf jeglichem Boden. Nach der Zeit wird der Untertan gerichtlich
gefordert, doch wird stehenden Fusses obtorto collo verfahren, und geht's hiebei
eins, zwei, drei; wie denn das Recht der Wiederforderung, obschon der Menschen
Leben siebzig und, wenn's hoch kommt, achtzig währt, allererst in hundert Jahren
verjährt.
    Das hochweise Consilium sah Minen als eine Untertanin des Herrn v. E. an,
und niemand fiel ein Wort zum Widerspruch ein. Der Literatus Hermann, pro
tempore Assessor, wollte - allein konnt' er? Man disputirte in die Kreuz und die
Quere. Herr a, der sich gewöhnlich am Kopfe hielt und der sich das Ansehen gab,
als sässe er unter einem Baldachin, und einer von seinen Kollegen ihm zur
Rechten, und der andere ihm zur Linken, schüttete so viel Gelehrsamkeit über die
Rückforderung der Untertanin aus, dass die Städte bei dieser Gelegenheit übel
wegkamen, wie gewöhnlich in Curland.
    Herr b nahm sich der Städte an; indessen sah man nach vielen Streifereien in
andere, wiewohl mit den gegenwärtigen verschwägerte Materien, wie Herr a sich
ausdrückte, ein, dass die Städte in Curland gar nicht zum Gutachten gehörten,
indem von Preussen die Rede sei.
    Ich besitze eine Abschrift des bei diesem Blutgerichte geführten Protokolls.
Herr a brachte, des Kopfes wegen, in Vorschlag, dass das Pro und Contra bei
dieser Sache genau verzeichnet werden möchte, und eben dieser Vorschlag des
Herrn a würde mich in Stand setzen, eben so ganz, als ich diese Verhandlung
empfangen habe, sie meinen Lesern mitzuteilen, wenn das meiste in diesem
Protokolle nicht Dinge wären, die ganz und gar keine Beziehung auf den
gegenwärtigen Fall haben. Juristische Hobelspäne. - Wozu die kunsterfahrnen
Einschaltungen: wie es mit dem Grossherzogtum Littauen und mit Liefland ehemals
in dergleichen Angelegenheiten gehalten worden und jetzt gehalten werde? welches
der Protokollist alles getreulich und sonder Gefährde mit einverzeichnet. Der
gelehrte a hatte ihm befohlen, nichts auf die Erde fallen zu lassen, was sie
quirlen und nach Beschaffenheit kochen würden, und dies war die Ursache, warum
der Protokollist ganz fremden, zur Sache nicht zweckenden Materien das Gastrecht
in seinem Protokoll angedeihen liess. Herr - (so hiess der Protokollist) war
damals ein junger Mensch, der durch diese Proben wie Gold geläutert und bewährt
werden sollte, und ist jetzt - mein Rechtsfreund. - Ausser den Protokollen hab'
ich viel von ihm mündlich. - Aus allem nur ein Extract.
    Es ward ein Gesuch beliebt, kraft dessen Mine als eine Untertanin vindicirt
werden sollte. Auf einmal fiel es dem ganzen Concilio, wie es sagte, zum Glück
ein, dass die Sache, ob und in wie weit Mine wirklich Untertanin sei, sehr
leicht zur nähern Untersuchung in Preussen fortgesetzt werden könnte, wenn man
sie (und was ist gewisser?) in Preussen über ihren Statum befragen würde. Ei
dann, sagte Herr a, ei dann b, ei dann g, und ei dann der Beisitzer dieses
Conciliums, der sich herzlich freute, dass seine Tochter ohne sein Zutun
emancipirt war.
    Herr a wünschte, seinen Gedanken, denen er ob periculum in mora Zaum und
Gebiss anlegen musste, freien Lauf lassen zu können. In obscuro libertas
praevalet, l. 5. ff. de fideic. libert. und Favor libertatis saepe benigniores
sententias exprimit, lib. 32. in f. ff. ad L. Falcid. Er war im Begriff, noch
mehr für die Ehre der Freiheit anzuführen, wovon ein rechtskräftiges oder
rechtsgestärktes Auge auch selbst im monarchischen und seinem Gränznachbar, im
despotischen Staat schöne Ruinen finden würde; allein Herr v. E., als Präsident
dieses Collegiums, bat, weil es ein agonisirender Fall wäre, um ein geschwindes
Recept - welches Herr b und Herr g, die dem gelehrten Herrn a nicht gleich tun
konnten, auch sehr notwendig fanden. Der völlige Abschluss war folgendes Gesuch,
das in pleno bis auf die letzten Kleinigkeiten ins Unreine und ins Reine
gebracht ward:
                    Durchlauchtigster Herzog!
                    Gnädigster Fürst und Herr!
    Das Ableben meines Vaters legte meiner Mutter, der - v. E., gebornen v. R.,
die Verbindlichkeit auf, die Sorge für seine beträchtlichen Güter eine geraume
Zeit zu übernehmen, denn meine auswärtigen Verbindungen liessen mich nicht eher
als jetzt den Wünschen meines Herzens genügen, um mein Vaterland wieder zu
sehen, das ich auch selbst auf allen meinen Reisen nicht verlassen hatte. Wie
glücklich dünkte ich mich zu erfahren, dass Curland als frei und gerecht weit und
breit bekannt ist. Diese grossen Eigenschaften meines Vaterlandes nehm' ich bei
einem Vorfall in Anspruch, der, so klein er beim ersten Ueberblick erscheint,
ins Grosse übergehen könnte. Meine Mutter, ich muss es ohne Rückhalt gestehen,
hatte durch ihre Gelindigkeit die den Gütern Angehörigen von genauer Erfüllung
ihrer Pflichten abgebracht, anstatt dass diese meiner Mutter eigene Denkungsart
ihr die Herzen aller Untertanen zuziehen sollte. Besonders gab eine gewisse
Wilhelmine - - durch unerträglichen Stolz und Ungehorsam ein so schlechtes
Beispiel, dass, da meine Ermahnungen nichts bewirkten, ich ihr drohen musste.
Diese wohlgemeinte Bedrohung, die in den Gränzen der Worte blieb, und gewiss
nicht anders als im höchsten Notfall weiter herausgerückt sein würde, brachte
die besagte Person so sehr aus allen Schranken des Gehorsams und der
Verbindlichkeit, dass sie es für gut fand, flüchtigen Fuss zu setzen und ein
höchst nachteiliges Exempel zurückzulassen. Hierbei blieb es nicht, sondern es
lehrt die Anlage, dass besagte Wilhelmine noch mehr Pflichten durch eben diesen
Austritt verletzt, indem sie diebischer Weise verschiedene Sachen an sich
gebracht, welche sie teils verkauft, teils leibhaftig oder in natura
mitgenommen.
    Das Corpus delicti bei diesem Diebstahl ist wohl ganz unstreitig bewiesen,
da wegen der geschehenen Entwendung und der dabei beabsichtigten Gewinnsucht
alles entschieden ist; die künftige mit der Läuflingin zu haltende Untersuchung
wird die Grösse des Diebstahls noch genauer begränzen, indem vorderhand nur ohne
alle Nebenrücksichten die Frage sein kann, ob Wilhelmine - eine Diebin sei? Die
Flucht der besagten Person würde dem angeschlossenen Protokoll noch einen Grad
der Gewissheit erteilen, wenn noch mehr Gewissheit erforderlich wäre und die
Sache nicht schon an sich da und offen läge. Denn was ist auffallender, als dass
Wilhelmine - -, welche wenige Tage, nachdem sie die Sachen verkauft,
entsprungen, bloss aus Furcht vor der Strafe sich entfernt, zu diesem Behuf
abgelegene Strassen gesucht und den Weg nach Preussen genommen? Der Umstand, dass
ihr Begleiter sogar den Martin Jakob Kegler mörderischer Weise ums Leben bringen
wollen, erschwert ihr Verbrechen so ungemein, dass man die Tücke des Herzens
dieser Unglücklichen im ganzen hässlichen Umfang erblickt. Ein wohlgeführtes
Leben ist für die Unschuld ein alles überredender Verteidigungsgrund, und wenn
selbst nach einem viele Jahre her geführten guten Lebenswandel jemand wegen
eines Verbrechens in Anspruch genommen wird, ist und bleibt der vorige gute
Lebenswandel ein unbezweifelter Linderungsgrund.
    Ludovici de praesumt. bonitat.
    Wenn aber der Lebenslauf des Bezichtigten wider ihn das Wort nimmt und eine
Kette von schlechten Äusserungen ist, kann da ein An- und Sachwalt eine
Verteidigung, ich will nicht sagen unternehmen, sondern auch selbst wagen?
Wilhelmine - - ist eine so boshafte Person, dass sie mit der Besserungsaussicht
präcludirt zu sein scheint. Es sind selbst schwerlich, wenn ich mich hier dieses
Ausdruckes bedienen darf, gute Stunden, heitere Abwechslungen, dilucida
intervalla, von ihr zu erwarten. Damit ich indessen Ew. Durchlaucht nicht zu
beschwerlich werde, so sei es mir erlaubt, meinem eigentlichen Gesuch näher zu
treten. Es ist die mehr besagte Wilhelmine - - nach Preussen geflüchtet und hält
sich in L - im - schen bei ihren Anverwandten, Namens - -, auf. Ich ersuche also
Ew. hochfürstliche Durchlaucht untertänigst gehorsamst, die preussische
Landesregierung zur Not-und Rechtshülfe zu ersuchen: besagte Wilhelmine - -
nach Sicht dieses nachbarlichen Requisitorialausschreibens dingfest zu machen
und unter Bedeckung bis an die Gränzstadt Memel gefälligst auszuliefern, wo ich
sie entgegenzunehmen und wegen des Gewahrsams die erforderlichen Einrichtungen
zu treffen nicht ermangeln werde.
    Dieses Gesuch bedarf keiner Unterstützung in Rücksicht der preussischen
Regierung, denn obgleich, wie es die Archive nachweisen, in altern Zeiten
Bauernforderungen zwischen Preussen und Curland vorgefallen, so ist doch nach der
Zeit keine Nachfrage weiter deshalb vorgefallen. Der curische Landtagsabschied
von 1624 setzt im §. 23 fest: »Wir wollen auch alle fremden Bauern ausantworten,
welches eine edle Ritter- und Landschaft ebenmässig zu tun verbunden,
ausgenommen welche über dreissig Jahre nicht abgefordert und verjähret worden,«
und so wie ich Ew. Durchlaucht tiefuntertänigst anflehe, diese Stelle mit der
Urschrift gegeneinanderhalten und als stimmig vergewissern und attestiren zu
lassen, so werden Ew. Durchlaucht auch der königlichen Landesregierung in
Königsberg die Versicherung, wenn sie erforderlich wäre, erteilen, dass nach
diesem Abschiede verfahren und vorzüglich die preussischen Läufer ohne Anstand
ausgeliefert worden, wovon sowohl der Stadt Memel als dem königlichen Amte
Altof-Memel Beispiele bekannt sein werden. Die Seltenheit der Fälle entscheidet
nichts zu meinem und zu Curlands Nachteil, denn die preussischen Gränzen sind
besetzt und so geschlossen, dass selten ein Läufling sich durchzudringen
Gelegenheit findet.
    Wenn diese Auslieferung indessen schon bei Bauern von curischer Seite
beobachtet wird, so werd' ich um so mehr bei einer Diebin, Störerin allgemeinen
Ruhe, ja selbst einer Mordanführerin auf diese Rechtshülfe Anspruch machen
können.
    Es ist eine Sache der Menschheit, dergleichen Verbrechen zu strafen, und
ohne mich in einen Streit einzulassen, was für ein forum das vorzüglichste sei,
ob das des delicti, des domicilii oder deprehensionis, so ist wohl offenbar, dass
Preussen keines von allen dreien ist, sondern allererst durch das Angesuch Ew.
Durchlaucht bewogen wird, die Wilhelmine - - dingfest zu machen, so dass also
diese Deprehension Namens Ew. Durchlaucht geschieht; und was ist wohl
angemessener, als da das Verbrechen zu untersuchen, wo es vollbracht worden?
Hier bieten alle Umstände dem Inquirenten die Hand, und würde man nicht selbst
dem Endzweck der Strafe entgegenhandeln, wenn man an einem mit dem Verbrechen
unbekannten Orte die Strafe vollziehen wollte? Bei diesen sehr auffallenden und
in gesitteten Staaten allgemein beliebten Grundsätzen bin ich der Erhörung
meines Gesuchs gewiss und könnte mit der vollkommensten Zuversicht schliessen,
wenn ich nicht noch untertänigst gehorsamst bemerken müsste, wie ausser den
bezeichneten Lastern, die der Wilhelmine - - natürlich geworden, die Liebe zu
Unrichtigkeiten mit gehört, welche ohnehin beständig, sowie mit allen Lastern,
so vorzüglich mit der Dieberei in Gesellschaft zu treten pflegt. Wenn also ein
Verhör mit ihr veranlasst werden sollte, so würde ihre Verschlagenheit, die alle
Gestalten sich zuzueignen versteht, der Sache ganz andere Wendungen beilegen.
Dieses zwingt mich zu einer Beischrift meines untertänigen Gesuchs: die
königlich preussische Landesregierung zu requiriren, die Wilhelmine - - ohne alle
Weitläufigkeiten einzuziehen und zu transportiren.
    Der Einfluss, den dieser ins Publikum dringende Vorfall auf meine Güter hat,
ist unaussprechlich, und kann nur dadurch den Fremden, die unsere Landesart
nicht kennen, begreiflich gemacht werden, dass die Letten, so wie alle begränzte,
eingeschränkte Menschen, mehr nach Exempeln als nach Grundsätzen leben.
    Damit allendlich wegen der Person der Wilhelmine - - keine Irrung entstehe,
ist selbige in Absicht ihres Körpers das Gegenteil von dem, was man gewöhnlich
nennt, ihr Wuchs selbst ist zwei Finger breit über das Gewöhnliche, den gang und
gäben Weiberwuchs. Sie hat nichts Kleinigliches und nichts Kindisches, sondern
gränzt aus Männliche, allein es ist demungeachtet nichts männlich an ihr. - Sie
ist schlank, sehr gesund, rot und weiss, hat schwarzes Tint-, allein nicht
Zigeunerhaar, grosse, stimmige, schwarze Augen, wo aber nichts Gutes wohnt. In
der Mundgegend, die Zähne nicht ausgenommen, liegt Spott und Hohn. Ihre Sprache
ist klingend, ihr Gang kräftig und entschieden. Sie sieht mehrenteils aus, als
ob sie Kreuz trüge; allein sie ist eine Heuchlerin und Spitzbübin von Haus aus.
    Die mir durch die Willfahrung meines auf Gleich und Recht sich gründenden
Gesuchs zu erzeigende landesväterliche Huld, Gnade und Gerechtigkeit werd' ich
lebenslang verehren, und niemals aufhören, mit so viel Ehrfurcht als Treue zu
sein
                        Ew. hochfürstlichen Durchlaucht
                                                      untertänigst gehorsamster
                        v. E.
        Actum - - den - -
    Des Herrn v. E. auf - - Hochwohlgeboren erklären, wie sehr entfernt Sie
wären, gleich bei dem Antritt der väterlichen Erbgüter auch nur durch eine
anscheinende Härte sich die Zuneigung und Liebe Ihrer Untertanen zu entziehen,
und stellen den leiblichen Vater der entlaufenen Wilhelmine - - vor Gericht, um
wegen ihrer strafbaren Aufführung gewissenhafte Anzeige zu tun.
    Es wird bemerkt, dass man den Vater, der Gewohnheit gemäss, zu seiner Anfrage
rechtlich vorbereiten und mit einem Eide belegen wollen. Der Herr v. E. indessen
bittet bei dieser Gelegenheit, den so betrübten Vater, insoweit es rechtlich
bestehen könnte, zu schonen. Soviel fällt sehr auf, dass ein leiblicher Vater das
Verbrechen der Tochter nicht vergrössern werde, und würde also nur bloss zu
besorgen sein, dass er aus väterlicher Neigung vielleicht zu wenig anbringen und
der Sache einen Anstrich zuwenden dürfte. In dieser Rücksicht wird dem Publiko
sein Recht bei der künftigen nähern, hier mit der Wilhelmine - - anzustellenden
Untersuchung ausdrücklich vorbehalten und der höchst betrübte Vater vorgelassen.
    Er heisst - - -, ist achtundfünfzig Jahre alt, luterischer Religion. Der
gegenwärtige Fall drückt ihn so schwer, dass er nicht aus noch ein weiss. Seine
Tochter Wilhelmine - - hat von Jugend an einen Trieb zur Widerspenstigkeit
geäussert, und sowohl ihm als seiner verstorbenen Ehegattin viele betrübte Tage
zugezogen. Ihr Wortauffang, ihre Spitzfindigkeit, ihre Griffe und Hinterhalte
konnten einem gutgesinnten Vater freilich keine Freude machen, wozu die
Ungeratene es auch nie anlegte. Nach dem Tode seiner Ehegattin äusserte sie den
Trieb zur Unregelmässigkeit noch näher, vorzüglich empörte sie sich wider eine
Heirat, die er zu unternehmen mit Hülfe Gottes entschlossen. Diese und andere
Umstände hatten den Comparenten notgedrungen sie im Hofe zu - - anzubringen, wo
sie, anstatt sich die gnädige Zuneigung der hochwohlgeborenen Herrschaft zu
erwerben, sich auf eine strafbare Art führte. Ich habe nicht verfehlt, sie
väterlich zu ermahnen, so vielen unverdienten gnädigen Gesinnungen nicht
entgegen zu sein, bemerkte der Vater (um seine eigenen Worte beizubehalten),
allein diese Zusprache wollte nicht Platz greifen. Güte wiegelte sie noch mehr
auf, bis sie, dem zurechtbeständigen Contract zuwider, der mit der
hochwohlgeborenen Gutsherrschaft verabredet, getroffen und geschlossen ist, das
Weite suchte, nachdem sie vorher ihre Hände nach unrechtem Gute ausgestreckt und
verschiedene Sachen und Barschaft, Geld und Geldeswert diebischer Weise
mitgenommen.
    Comparent zeigt ein Verzeichnis vor und verbindet sich, solches bei der
künftig wider seine Tochter zu eröffnenden Untersuchung zu den Akten zu legen.
                                     * * *
    Es wird dem Comparenten aufgegeben abzutreten, allein vo dem Abschluss des
gegenwärtigen Verhörs sich nicht zu entfernen.
    Das Verzeichnis der entwandten Sachen bleibt in richterlichen Händen, um
davon bei diesem Verhör Gebrauch zu machen.
                                     * * *
    Ob es gleich aus dieser väterlichen Anzeige schon vollständig erhellt, dass
mehr besagte Wilhelmine
    a) als eine Dienstpflichtige, sich selbst zur wohlverdienten Strafe und
andern zum schreckenden Beispiel, dingfest zu machen, nicht minder, dass
Wilhelmine
    b) unstreitig als eine Diebin zu nehmen, die nicht als eine ausgetretene
Person etwa bloss der Dieberei bezichtigt worden, sondern deren Diebstahl völlig
am Tage ist, so sind doch, um die Sache noch mehr zu ergründen, einige Zeugen
wegen der Dienstflicht der Wilhelmine - - und ihrer Dieberei vernommen.
    Des Herrn v. E. Hochwohlgeboren benahmen eine lange Reihe von dergleichen
Zeugen, wovon aber nur einige zum Verhör vorgelassen werden. Der erste unter
diesen Ausgewählten ist: Johann Peter Beifuss, von welchem, nachdem er wohl
ermahnt worden, die reine Wahrheit zu sagen, folgendes vorschriftsmässig zum
voraus bemerkt wird: Er heisst Johann Peter Beifuss, ist ein Deutscher, und steht
in Diensten Sr. Hochwohlgeboren des Herrn v. E. Sein Alter ist siebenunddreissig
Jahre und seine Religion die luterische. Zur Sache.
    Wilhelmine - - hat ihrer Geburt nach nichts Solideres erwarten können, als
die Lage, in welche sie ihr Vater gebracht; indessen war ihr störrisches
Betragen so unausstehlich, dass wohl sonst schwerlich jemand anders, als eine so
gut denkende gnädige Herrschaft so nachgebend sein könne. Man gab, so vieler
Hintergehung unerachtet, nicht alle Hoffnung auf, sie auf den rechten Weg
zurückzulenken, dem aber die Läuferin bei aller Gelegenheit auswich. Von ihren
ersten Lebensjahren ist dem Zeugen zwar nichts Genaues bewusst, indessen war
Wilhelmine - - als eine dem Stolz und Eigensinn ergebene Person jederzeit
bekannt, die Flitterstaat und Frechheit liebte; wie denn bei dem unerwarteten
Tode ihrer Mutter die Rede gefallen, dass sie selbige ins Grab geärgert.
Comparent besinnt sich sehr genau, wie Wilhelmine - - bei dem Begräbnis ihrer
Mutter so leichtsinnig gewesen, dass sie, anstatt ihre Augen auf den Sarg zu
heften, mit selbigen herumgeschweift und flankirt, auch solche zum allgemeinen
Ärgernis einem jungen Menschen zugebracht, mit dem sie einen unanständigen
Verkehr getrieben. Comparent steht an, diesen jungen Menschen zu nennen,
obgleich die Sache an sich jedermann, Jung und Alt bekannt sein soll. Die Steine
würden schreien, fügte er hinzu, wenn nicht jedermann, Jung und Alt, in - -, wo
die Läuflingin zu Hause gehört, reden sollte. Ich selbst, fährt er fort, bin ein
Augen-und Ohrenzeuge gewesen, wie Wilhelmine - - den gnädigen Ermahnungen des
Herrn v. E. Hochwohlgeboren widerstand, die doch nichts als ihr wahres Heil
bezweckten.
    Mit ihrem leiblichen Vater lebte diese heillose Wilhelmine - - in einer
ärgerlichen Feindschaft. Der ehrliche Mann, der auch am besten weiss, wo ihn der
Schuh drückt, wollte zur zweiten Heirat schreiten, allein Mine vertrat ihm den
Weg; das machte in der ganzen Gemeinde gwaltiges Aufsehen, indessen ging es ihr
vor genossen aus, und sie kam jetzt und immer ungeschlagen davon.
    So viel weiss Zeuge gewiss, dass die Ermahnungen des Herrn v. E.
Hochwohlgeboren an die Entwichene von keiner Härte begleitet gewesen, und dass
der Zwang sie vielleicht weit eher in das Verhältnis gebracht haben würde. Sie
hätt' einem jeden als eine solche geschienen, die fühlen müsste, weil sie nicht
hören wollte. Ihr Beispiel hat sogar viele von ihrem Gelichter zu einem gleichen
Aufruhr gegen die Wohlmeinung des Herrn v. E. Hochwohlgeboren gelenkt, der nur
eben die Güter angetreten und die Liebe selbst wäre.
    Sonst sei die Flüchtlingin nicht uneben, wende aber sowohl Geistes- als
Leibesgaben nicht zum Nutzen des Nächsten an, wie aus dem Obigen sich ergeben
würde.
    Nichts sei zuverlässiger, als der Diebstahl, oder die Diebstähle, denn
schwerlich könnte die Läuflingin aus einmal so viel entwendet haben. Wer weiss es
nicht, fährt Comparent fort, dass sie im Dorfe viele gestohlene Sachen versilbert
und dass sie eine Menge Sachen in Päcken mitgenommen? Den eigentlichen Wert des
Diebstahls kann Comparent zwar nicht abwiegen, indessen glaubt er, dass, ohne
viele Stücke nach dem Lieblingswert zu würdigen, der Diebstahl wohl einhundert
Reichstaler Albertus wiegen und betragen könnte. Comparent bedient sich des
Ausdrucks, da er die Verschlagenheit der Wilhelmine - - und ihre
Verkleisterungs- und Verflechtungskunst beschreiben will, sie sei verstandflink
und versichert, dass sie sich in einen Engel des Lichts lügen und ausstaffiren
könnte, welches zur Steuer der Wahrheit mit verzeichnet wird. Auf die Frage: ob
und in wie weit Comparent Leute namhaft zu machen wüsste, denen Wilhelmine - -
Sachen verkauft? erwiederte er: Ich kann viele nennen.
    Die Amtmännin - - und die Schwester dieser Amtmännin, ein noch
unverheiratetes Mädchen, fallen ihm urplötzlich ein. Es ist so gewiss, als
irgend etwas sein kann und als meine Aussage ist, sagt Comparent, dass Wilhelmine
- - längstens Handel und Wandel getrieben; wo war' auch ihr Prunk hergekommen,
wenn es nicht unrichtig zugegangen wäre? Es wird dem Comparenten wörtlich seine
Aussage vorgehalten, welche er in allen Punkten sich zueignet. Von den Umständen
der Flucht weiss Beifuss nichts Zuverlässiges; indessen gibt er an, wie Kegler
hiervon vollständig unterrichtet sei, indem er ihr auf Hochwohlgebornen Befehl
nachgesetzt, und überlässt es der Erkenntnis, ob und in wie weit dieser Martin
Jakob Kegler noch zum Verhör zu ziehen sein werde?
    Martin Jakob Kegler wird vorgefordert, wohl ermahnt, die reine, klare
Wahrheit auszusagen und solche nicht zu lassen, um Liebe ober Leid, um
Freundschaft oder Feindschaft, um Geschenk oder Gabe und um keinerlei Ursache
willen. Vorläufig wird bemerkt, dass Comparent Martin Jakob Kegler heisse, im Hofe
wird er Jakob genannt. Er ist im Dienste Gr. Hochwohlgeboren des Herrn v. E.
Seine Religion ist die luterische. Alt ist er fünfundzwanzig Jahre. In
Rücksicht der Sache selbst stimmt er in seinen Aussagen mit dem Beifuss
pünktlich, ausser dass er wegen der Flucht der Wilhelmine - - noch folgende
Umstände nachträgt:
    Es ward ihm aufgegeben, die Flüchtlingin einzuholen, nachdem ihre Flucht und
ihr grosser Diebstahl zu jedermanns Wissenschaft drang. Nach einigen fruchtlosen
Bemühungen war er wirklich so glücklich, sie auf der Flucht zu erspüren und zu
bezirken, da indessen sein Auftrag sich nicht weiter erstreckte, als die
Läuflingin gütlich zur Rückkehr zu bequemen, blieb er bei der Verfolgung dieser
Läuflingin unbewaffnet. Sobald er sie traf, machte sie einen Schrei, welcher ihm
zwar sehr auffiel, indessen hätt' er sich eher den Tod, wie er bemerkt, als die
Folge vorgestellt, welche dieser Schrei wirklich gehabt; denn es war ein
Hülfs-und Notzeichen, und sogleich stürzte eine starke Mannsperson auf ihn zu,
mit einem Messer, mit welchem er den Comparenten nicht etwa bedrohte, sondern er
stürmte los auf ihn, und würd' ihm auch wirklich auf der Stelle das Leben
genommen haben, wenn er sich nicht zu retten gesucht hätte. Wilhelmine - -
forderte diesen Mörder mit Geberden und Worten auf, setzte Comparent hinzu, mich
zu verfolgen, indessen war mein Pferd aller dieser Bemühung überlegen. Dieser
unglückliche Vorfall brachte den Comparenten nicht ab, der Flüchtlingin
nachzusetzen, vielmehr sprengte er ins nächste Dorf, um sich zu verstärken. Er
hatte Mühe, wegen der Feldarbeit, ein paar Männer für Geld und gute Worte zu
Stande zu bringen. Er ritt mit zwei herzhaften Begleitern - wir alle drei, wie
die Bären, sagte er, allein Wilhelmine und der Mörder (anders kann ich ihn nicht
nennen) waren nicht aufzufinden - ihre Stätte war nicht mehr. - Wir ritten in
die Kreuz und Quere, bis in die sinkende Nacht hinein. Auf die Frage: in welchem
Verhältnis Comparent den Mörder gegen Wilhelminen gefunden, und was sich eins
gegen das andere angemasst? erwiederte er, um seine eigenen Worte beizubehalten:
Ich halte diesen Kerl für nichts weniger als ihren Liebhaber, wohl aber für
einen, den der Liebhaber gedungen haben könne, ihr sicher Geleit zu geben.
Unfehlbar schlief Mine, da ich sie entdeckte, und schon die Entfernung des
Mörders bei dieser Gelegenheit beweist meine Meinung.
    Ob Wilhelmine zu Wagen, zu Pferde oder zu Fusse gewesen, weiss Comparent nicht
anzugeben, der sehr bedauert, dass Se. Hochwohlgeboren ihm, dieses Vorfalls
wegen, einen grossen Teil des vorigen gnädigen Zutrauens entzogen, so dass ihm,
wenn selbst er ein Schuldgenosse, Mitgehülfe und Teilhaber von dieser
Läuflingin gewesen, nicht ungnädiger begegnet werden könnte, indem Güte und
Wohlwollen die Hauptzüge an Sr. Hochwohlgeboren waren. Seine, des Comparenten,
Wünsche, die er mit gefalteten Händen tut, gehen dahin, dass Wilhelmine - - als
eine Landstreicherin, Diebin und Mordbefehlshaberin dingfest gemacht und zur
Bestrafung eingeliefert werden möchte, und dass alsdann nicht Gnade für Recht
ginge, wie er aber, nach der Milde Gr. Hochwohlgeboren, nach vielen belebten
Datis, befürchten müsste.
    Nachdem dem Comparenten seine Aussage wörtlich vorgelesen worden und er ihr
in alle Wege beigestimmt, ward er abgelassen.
    Bei der kleinsten Nachfrage findet sich vor, dass Wilhelmine - - weit und
breit gestohlene Sachen verkauft. Um die Akten nicht ohne Noch zu häufen,
schränkt man sich auf die laudirte Amtmännin und ihre Schwester ein, welche bei
allen Anstrichen und Bemäntelungen, die sie der Sache zuwenden, jedoch so viel
unverdreht eingestehen, dass sie Wäsche und Kleider wenige Tage vorher, da
Wilhelmine entsprungen, gekauft. Sie versichern, dass sie auf keinen bösen
Gedanken verfallen, da Wilhelmine - - schon sonst Kopfputz und andere Stücke
ihnen käuflich überlassen. Diessmal, sagt die Amtmännin, war das erstemal, dass
sie nicht unmittelbar mit uns handelte, sonst geschah es nie durch die dritte
Hand, sondern vor aller Welt, Augen und Ohren und allen andern Sinnen. - Diessmal
war das erstemal, dass die Sachen unter der Vorspiegelung zu uns gebracht wurden,
die Person, welcher diese Stücke als Eigentümerin zustünden, sei in
Geldverlegenheit und notgedrungen, hiess und das auszustossen. Beide, sowohl die
Amtmännin als ihre Schwester, bekennen, aus vielen Umständen bemerkt zu haben,
dass Wilhelmine - - bei diesem Verkauf unter der Decke spiele, gewiss aber, fügen
sie hinzu, wussten wir's nicht. Sie bitten inständigst es zu vergünstigen, dass
sie diese Sachen, da sie solche nicht unter dem Wert berichtigt, behalten und
nicht auszuantworten mögen angewiesen werden.
    Nebenumstände findet man nicht nötig diesem Protokoll einzuverleiben,
welche diese beiden letzten Personen, nämlich die Amtmännin und ihre Schwester,
eingestreut.
    Alle Brödlinge des Herrn v. E. Hochwohlgeboren treten den Aussagen des
leiblichen Vaters der Läuflingin bei und bekunden, dass diese Wilhelmine - - ein
verhärtetes, verdorbenes Herz besitze, und sich durch die gnädigsten
Verheissungen der hochwohlgebornen Gutsherrschaft, sie auszustatten und den Kranz
zu bezahlen, nicht auf andere Wege lenken lassen; wie sie denn geflissentlich,
vorsätzlich und arglistig Zwistigkeiten, Irrungen und Verschiedenheiten erregt,
die klarsten Dinge verflochten und verdreht. Mit diesen Gesinnungen vereinbarte
sie auch obenein die verteufelte Schadenfreude, so dass um die Sache kurz zu
fassen, diese Person, welche schnöde zu handeln sich zur Gewohnheit gemacht und,
ihres Blendwerks von Gesicht unerachtet, den Satan im Herzen gehabt,
Untersuchung und Bestrafung verdient Es strahlt aus vielen Umständen hervor,
wenn es gleich nicht durch äussere Kundgebung an den Tag gelegt worden, dass
Wilhelmine - -, falls sie nicht anders ihre Absichten erreichen können, sich aus
einem Mordmesser kein Gewissen gemacht haben würde.
    Der Vater der Unglücklichen ward noch vor dem Abschluss dieses Protokolls
vorgelassen, welcher vor Wehmut sich nicht zu bergen weiss. Da ihm indessen von
Sr. Hochwohlgeboren, seinem gnädigen Gönner, ein Wort des Trostes verehrt wird,
so beruhigt er sich in der Hoffnung, dass, da er sehr leicht selbst in seinem
guten Ruf durch diesen Vorfall leiden könnte, allererst die künftige auszuübende
Strafe an seiner entlaufenen Wilhelmine Vater und Tochter unterscheiden, und ihn
in die Achtung des hochwohlgebornen Publikums zurücksetzen würde, die von jeher
der Gesichtspunkt seiner Handlungen gewesen. Um diesen bedrängten Vater nicht
noch mehr in die Enge zu bringen, hat man ihm viele Stellen aus diesem Verhör
verschwiegen, und dieses Protokoll, in so weit es seine Aussage entält, von ihm
in fidem unterzeichnen lassen. Actum ut supra.
                        Namen des Justizbeamten -
                        Namen des Herrn v. E.
                        Namen des Hermann -
    Ist's möglich! - Mehr als diesen Ausruf kann ich nicht. Ist's möglich!
    Nichts ist mir von jeher herzzerschneidender gewesen, als wenn die Bosheit
ihre Lügen mit ein wenig Wahrheit salzt und würzt und sie dann auftischt, und
wie war euch zu Mute, ihr edlen Leserinnen, da Johann Peter Beifuss Minen einen
Muttermord, eine Grabesschänderei anrügt? - Und wie, da er unsere engelreine
Liebe schändet und lästert, wie, edle Seelen? Eine Lüge ist schändlich, allein
sie ist es um die Hälfte weniger, wenn nichts von Wahrheit eingemischt ist. -
Das ist ein ehrlicher Lügner, der so lügt! Und fast wollt' ich behaupten, dass
solch ein rechtschaffener Lügner nicht vom Vater, dem Teufel, in gerader Linie
abstamme! Allein der Teufel selbst, der ein Schild der Wahrheit aushängt, um
desto besser Mord und Todtschlag im Hinterhalt zu verstecken - solch ein
Giftmischer, solch ein Hostienverfälscher von Lügner, welch ein Scheusal!
    Verzeiht, Leser, ich bin ein Mensch und Mine ist ein Engel! - Die Regierung
in Mitau fand nichts unbilliges in dem Gesuch des Herrn v. E., das von den
Herren a, b, g mit einem gerichtlichen Verhör ausgestattet ward, und das
Requisitorialschreiben an die preussische Landesregierung ward ohne Anstand
bewilligt. Ich könnt' es wörtlich mitteilen, allein warum? Hier ist die
treffende Stelle:
    Ew. Ew. Excellenzen werden sich aus diesen Umständen überzeugen, aus was für
Gründen wir das untertänigst gehorsamste Gesuch des hochwohlgebornen v. E.
verstattet, und da der ausführliche Vortrag der Sache, welcher durch
gerichtliche Verhöre bestärkt worden, uns der Pflicht überhebt, noch nähere
Aufschlüsse beizufügen, so begnügen wir uns, die ausdrückliche Versicherung zu
erteilen, dass von Seiten dieser Herzogtümer in gleichen Fällen eine gleiche
Gerechtigkeit bewiesen werden soll. Der Verlust dieser an sich unbedeutenden
Person kann den hochwohlgebornen v. E. freilich nicht bestimmen, die nach
Preussen verlaufene Wilhelmine - - wieder zurückzusuchen, allein die Folgen sind
zu bedeutend, die dieser Vorfall, wenn er nicht eingelenkt würde, dem
hochwohlgebornen v. E. und der ganzen Gegend zuziehen dürfte. So wie aus dem
gleichmässig in der Anlage bis zur Vollständigkeit gebrachten Gründen sich
ergeben wird, warum der hochwohlgeborne v. E. alle Untersuchung in Preussen
verbeten, so treten wir des Endes, so wie in allem, so auch in Rücksicht dieses
Teils seines Gesuchs, ihm bei, und sehen überhaupt der geneigtesten Erfüllung
dieser unserer Wünsche um so zuversichtlicher entgegen, als Ew. Ew. Excellenzen
uns jederzeit von einer so grossen Gerechtigkeitsliebe, als nachbarlichen
Gefälligkeit, beweisende Proben gegeben. Wir verharren mit vollkommener
Hochachtung
                        Ew. Ew. Excellenzen
                        ergebenste Diener
Mitau, den - - ergebenste Oberburggraf.
    17 - ergebenste Canzler.
                        ergebenste Landhofmeister.
                        ergebenste Landmarschall.
    Die Antwort der preussischen Regierung:
                                Hochwohlgeborne,
                         insonders hochgeehrte Herren!
    E. Hochfürstl. Herzogl. Curländischen Regierung erwiedern wir auf das
gefällige Anschreiben vom - - 17 -, wie wir sogleich den erforderlichen Auftrag
an die Behörde erlassen, die aus Curland entlaufene Wilhelmine - - über die im
Angesuch des Curischen von Adel v. E. entaltene Umstände, durch welche ein
gerichtliches Protokoll bekräftigt worden, vorschriftsmässig zu vernehmen und
nach diesem Verhör wegen ihres Arrestes die nötigen Verfügungen, die wir ihm
auf alle Fälle zugemessen, werktätig zu machen, weil wir, ohne ein mit dieser
Person gehaltenes Verhör, uns in der Sache entscheidend zu erklären ausser Stand
sind. Wir haben die Ehre mit vollkommener Hochachtung zu sein
                                   E. Löblichen Herzogl. Curländischen Regierung
                        freund- und dienstwillige
                        N.N.N.
    Zu gleicher Zeit ein Auftrag an das - - Collegium, Minen durch einen
Deputatus zu vernehmen und, wenn sich die Umstände protokollgemäss und nach dem
curischen Anschreiben verhielten, sie sogleich dingfest zu machen, und zu dem
Ende dem zu ernennenden Commissarius zugleich ein Gesuch an die nächste Garnison
mitzugeben, um davon, wenn die Läuflingin gefänglich eingezogen werden sollte,
einen augenblicklichen Gebrauch machen zu können. Sollt' indessen Mine
Milderungs- oder gar Aufhebungsumstände für sich anführen, oder auch nur die
wider sie angebrachte Klage zu entkräften vermögend sein, so könnte sie zwar
nicht in feste Hand genommen und in engere Verwahrung gebracht werden, indessen
schienen so viel Umstände wider sie einzutreten, dass, wenn gleich dieser Kummer
nicht nachgeblich wäre, dennoch eine genaue Aufsicht ihrer Person, oder
wenigstens eine hinreichende Kaution anzuordnen sein würde. Von allen diesen
Vorgängen sollt' ein so schleuniger als genauer Bericht erstattet werden.
    Das Rückschreiben der preussischen Regierung fand in Mitau keinen, am
wenigsten den vollwichtigen Beifall, und da es dem Hochwohlgebornen v. E. in
Abschrift zugefertigt ward, liess er sogleich, wie Pharao, da er von den sieben
fetten und sieben magern Jahren geträumt, den hohen Rat der Träume-und
Zeichendeuter a, b, g, zu sich kommen, und anstatt der ersten Frage:
    Was ist zu tun?
fragten Se. Hochwohlgeboren:
    Was nun?
und schienen nicht undeutlich zu verstehen zu geben, dass bei allen bewiesenen
Merkzeichen der Einsicht und Geschicklichkeit die Herren a, b, g kein Glück
hätten. Jeder der Herren a, b, g behauptete, dass er von Glück sagen könnte, und
schrieb alles flugs auf die Rechnung der preussischen Staaten, die der Teufel
ihnen zur Nachbarschaft zugewiesen hätte. Hab' ich nicht gesagt, fing Herr b an:
aus der Hölle ist keine Erlösung! Mit Ihrer Erlaubnis, Herr College, erwiederte
Herr a, aus der Hölle nicht, wohl aber aus dem Fegfeuer. Wenn man, fuhr dieser
Kopfhalter fort, auf meine unvorgreifliche Meinung, an den König selbst zu
gehen, stimmige Rücksicht genommen, die Sache wär' in einer andern Lage. Ich
lasse meinen Kopf in einer andern - vielleicht in einer gefährlicheren, bemerkte
Herr v. E. und jeder, selbst Herr a, trat ihm bei mit einem Vielleicht!
    Wenn ein Bollwerk erklettert werden soll, muss eins da sein, und dies suchten
die Herren a, b, g, in der grössten Geschwindigkeit zu schütten und zu häufen.
    Man tat, ohne auf die gegebene Frage! Was nun? das Auge zu richten, wie
gewöhnlich verschiedene Ausfälle, und hatte dagegen Einfälle, bis der Herr v. E.
die in der Irre gehenden Rechtsgelehrten zusammenrief und festielt. Was nun?
fragte jeder. Herr v. E. wollt' an der Abschrift des königsbergischen
Rückschreibens ein Exempel statuiren und sich daran vergreifen; indessen liess er
sich bedeuten und sah zu rechter Zeit ein, dass es nur Papier und, was noch mehr
war, eine curische Abschrift sei. - Endlich und endlich war noch ein erneuertes
und geschärftes Anschreiben nach Königsberg verabredet, geschlossen und
getroffen. Hier und da bitter und hier und da wieder süss. Ländlich, sittlich,
sagte Herr b. Es ist nicht so ganz ohne, dass man Wilhelmine - zuvor verhört.
Audiatur et altera pars, und wenn, setzte er hinzu, und wenn Preussen alle seine
Untertanen reklamiren sollte, was meinen Sie, meine Gönner und meine Herren,
wer würde mehr verlieren, Curland an Wilhelminen, oder wir an so vielen würdigen
Präpositis, Pastoren, Aerzten und Rechtsgelehrten? Bei dem letzten Worte liess er
die Stimme fallen, und man besann sich, dass Herr Collega b aus Preussen wäre -
welches so ganz dreist heraus zu behaupten, er unfehlbar ausserhalb der
Jahreszeit hielt, da Herr v. E. so sehr gerüstet schien, sich an allem, was
preussisch war, zu vergreifen und ein Exempel zu statuiren. Herr a nannte diese
Zurückhaltung, um zu zeigen, dass er durch das preussische Rückschreiben nicht
kopfscheu geworden wäre: wie eine Katze um den heissen Brei gehen. Er sah den
Herrn b steif und fest an, und man merkte, dass er seinen Einwand aus dem Grunde
widerlegen wollte. Schon recht, sagte Herr a, allein Preussen hat noch keinen
Präpositus, Pastor, Arzt und Rechtsgelehrten, unter denen ich einen guten Freund
habe, den wir alle kennen, gefordert; wir aber fordern Wilhelminen. - Was das
Fordern anbetrifft, wollte Herr b fortfahren, indessen schlug Herr a vor, das
Wiederholungsschreiben noch einmal vorzulesen und punktatim zu beprüfen. Es ward
also eine Zugabe festgesetzt, dass es nach drei Wochen allererst abgelassen und,
falls in dieser Zeit eine Definitivantwort aus Preussen käme, nach Bewandtnis
derselben mit diesem Entwurf verfahren werden sollte.
    Diese Erzählung ist wieder ein Auszug aus genau geführten Protokollen und
den mündlichen Zusätzen des Herrn - -, der eben jetzo bei mir ist, und nie, wie
er sagt, an diese Erstlinge seiner rechtlichen Arbeiten zurückdenken kann, ohne
dass ihn ein Herzensfieber, Kälte und Hitze ergreift; es ist ein guter Mann und
kein a, b und g, obgleich er beim a das Handwerk erlernt hat.
    Eine Einschaltung, die freilich zu diesem Rechtskram wunderlich abstechen
wird. - Eine Eule unter den Krähen.
    Herr v. E., das zeigt freilich sein Krieg und Kriegsgeschrei - fand für gut,
Minen zu lieben, und alles, was ich tue, wie er es dem Vater Hermann (bald
hätt' ich: dem Vater, dem Teufel geschrieben) sagte, geschieht aus lichterloher
Liebe. Dieser Bösewicht sprach das Wort Liebe, so wie die Teufel den lieben Gott
aus, und fand für gut, Minen zu lieben - ein Teufel einen Engel!
    Sie, nur sie! Alles, was ich bisher geliebt habe, ist Staub, Erde und Asche!
schrie er. Ich vergass alles, was ich je von Mutterleib an geliebt habe, seitdem
ich sie sah, sie hörte und ihre Hand drückte; so sehr liebt' ich sie, so rein! -
Sie schwebt mir vor Seel' und Sinn! Sie, nur sie! nur sie! rief er einmal über
das andere und küsste den Hermann, der nicht wusste, wie geschwind er die
hochwohlgeborne Hand erhaschen sollte, um ihr diesen Kuss ganz warm wieder
abzugeben - - bald jagte er den Hermann zu allen Teufeln und sah ihn als den
Räuber dieses Kleinods an.
    Dann wieder wie in Gedanken, wie vor sich. Wenn ich denke: sie in Preussen,
im Soldatenlande! o dann ist mir, als wenn ich Gift eingenommen hätte, und hab'
ich's nicht? Es wütet in meinem Eingeweide, es schneidet in mir! Ist denn kein
Gegengift? Da lieg' ich, ein abgerissener Ast, der von seinem Baum getrennt ist
und welkt; wahrlich, ich welke! Herr, schrie er auf zu Herrmann, nicht wahr, ich
welke?
    Hermann, jubelfroh, dass er auf keine kategorische Antwort bestand, bückte
sich bis auf die Erde.
    Sie hätte was aus mir gemacht! Sie hätte gemacht, dass ich den
Testamentsnickel geliebt hätte. Minen zu Gefallen hätt' ich es, und was hätt'
ich nicht alles, ihr zu Gefallen - ihrer Liebe zu Gefallen! Hin ist sie - hin!
hin! und Satanas weiss, welch ein Glücklicher auf mein Fundament baut. (Ich fiel
dem Herrn v. E. ein.) Ich bin eifersüchtig, schrie er wieder, zum Rasendwerden!
Die blaue Farbe, wo ich sie sehe, martert mich, denn - - war blau gekleidet. -
Auf die Art, Hut und Haarlocken und Stiefel zu tragen, und auf alles, was sein
war, bin ich gallenbitterböse!
    Was ich geschrieben habe, das hab' ich geschrieben, was ich habe schreiben
lassen, das hab' ich schreiben lassen. - Bin ich nicht mehr, viel mehr gefangen,
wie sie? Ich, ich sitz' im Käfig! - lasst mir die Freude, in die Stangen des
Käfigs zu beissen. - Wenn jedwede ein und einzige Liebe, Adam- und Evasliebe,
solche Leiden macht, so sind es Einfälle von Milzsüchtigen, eine einzige Liebe.
Wer kann so lieben und leben?
    Sonst war mein Stolz, in der Liebe wetterwendisch zu sein. Diese Grundsätze
haben sich verlaufen, und das erschreckliche Gericht der Beständigkeit ist über
mich eröffnet. Weh' mir, dass ich beständig bin! weh', weh' mir, dass ich es bin!
- Vergib mir diese Weh's, liebe Mine, vergib sie mir; wohl mir, dass ich
beständig bin, wohl! - Wahrlich, eine ganz nagelneue Empfindung für mich! -
Hätt' ich ihr nur einen Kuss gegeben, so wüsst' ich doch wie's wäre wenn man einen
Engel küsst. - Ihren Odem hab' ich von fern geschmeckt und wie Veilchen und
Rosenduft eingesogen. - Meint ihr denn, lieben Freunde, dass ich sie hasse, ihr
aus Wut mit Rüge und Bezichtigung nachsetze, meint ihr? Ich kann nicht Oh's und
Ach's rufen, allein hier liegen sie fingerdick im Herzen. Ich liebe sie. - Ich
hasse sie, weil ich sie liebe; ich liebe sie unendlich. - Ein Schwanenbett soll
ihr Gefängnis sein, Liebe, die liebste Liebe, ihre Ketten, sobald die Nachricht
eingeht: Mine ist eingeschlossen. - Entzückt will ich schon über diese unbetagte
Schuld sein, entzückt, noch ehe der Verfalltag kommt - all ihr Leiden sei wie
abgeschnitten! Bis Memel soll sie zwar zum Schein leiden - der Teufel trau' den
preussischen Staaten - aber dann im Triumph. - Mine, du bist mein, meine Gemahlin
bist du; dir gehört mein Herz! Mit deinem Auge will ich getraut werden, mit dir
Hochzeit halten, dir will ich das Ja zusagen und es halten so lange ein Stück
von mir ist. - Wenn gleich nicht vor der grossen Welt, so doch im Stillen. - Im
Stillen, wo sich's am besten liebt. - Mine, Liebe gehört in die Stille zu Hause.
- Mine, die verbotene Frucht schmeckt am süssesten. Wär' alles Gebot und kein
Verbot, so möchte der Teufel ein Mensch sein! - Nur einen Versuch, Mine. Komm,
Mine! komm - komm! komm doch! Wird sie kommen?
    Was meinen Sie, rechtsgelehrter lieber Achselträger? (zum Protokollisten,
den Herr v. E. nicht von sich liess, um ohne Aufhören zu fragen:) Wird sie? wird
sie?
    Dieser junge Mann, der den Herrn v. E. von Universitäten her kannte, war
über dies und jenes bei der Sache im Irrgarten, aus dem er sich endlich
herausgefunden haben würde (obschon v. E. auf die Art noch nie geliebt hatte,
oder eigentlicher, verliebt gewesen war), wenn nicht Minens leiblicher Vater
eine Rolle in diesem Stücke gehabt.
    Herr v. E. litt wirklich, allein so wie jeder Sünder leidet. - Kann man so
etwas leiden nennen? Zuweilen war er stummtoll. - Man hatte Ursache, seinetwegen
zu fürchten. - Der Protokollist hatte wirklich Mitleiden mit ihm; so nahe wusst'
er's ihm zu legen. Könnt' ich doch weinen, sagte er eines Abends zu ihm,
Herzensfreund, weinen! Wer kann es aber in der Hölle? Hätt' es der reiche Mann
gekonnt, würd' er nicht nötig gehabt haben, einen Tropfen Wasser zu betteln. -
Und dann wieder: »Freund, wenn die Hölle ärger sein kann, ist kein Gott im
Himmel!« - Würde Mine auch nur in Mitteldingen (wenn es dergleichen gibt)
ergiebiger gewesen sein, Herr v. E. würde sie geliebt haben, wie er sonst zu
lieben gewohnt war. - Ihr edler Rückhalt, ihre heroische Flucht bracht' ihn mit
zu diesem, ihm sonst wildfremden Schwung.
    Der Justizrat - - (wir sind wieder in Preussen) ward vom Direktor, als das A
und O im Collegio, zu diesem Geschäft ausersehen, und eben weil er ausersehen
war, wollt' er ein Meisterstück liefern. Er lernte fast das Gesuch des Herrn v.
E. an die curische Regierung und das Protokoll auswendig, um ja keine Sylbe
ungetroffen zu lassen. Folgender Entwurf zu den Fragen an die engelreine,
unschuldige Mine kann von seinem Diensteifer ein Pröbchen abgeben. Es konnte
sich der Deputatus nichts Gewisseres denken, als dass Mine alles und jedes wäre,
wozu sie das seine curische Protokoll und dessen Ueberrock, das verkleisterte,
gekünstelte Gesuch des Herrn v. E., machen wollte. Dieses blinde Zutrauen zu
einem gerichtlichen Protokoll bestimmte ihn, den Requisitorialbrief an die
Garnison noch eher abzusenden, als er Minen gesehen und gehört hatte. Eine Meile
vor L- sandte er, nachdem er nochmals alles überlesen und das Vollwort des
Protokolls ihn überschienen hatte, den Requisitorialbrief ab. Den Erfolg dieser
Absendung wollt' er eben hier und eine Meile vor L- abwarten. Es kann sein, dass
auch etwas Furcht vor dem starken Kerl, der dem Martin Jakob Kegler so schwer
gefallen, zu den Ingredienzen dieser Eilfertigkeit und dieses Vorlauts gehört. -
Zwar erfolgte keine schriftliche Antwort; allein es erfolgten ein Unterofficier
und zwei Mann, die sich Verhaltungsanordnungen ausbaten. Einen Augenblick, sagte
unser Scharfrichter, denn er übersah noch seine Fragstücke, und fand sie hie und
da nicht bandfest. Einen einzigen Augenblick, sagte unser Justizrat; allein es
währte eine Stunde.
    Ein Pröbchen von unserm Justizrat.
                                   Promemoria
in Untersuchungssachen wider die aus Curland entlaufene Dienstbotin und Diebin,
    Wilhelmine - -, ihre vorläufige Abhörung und Haft betreffend.
        Nach den gewöhnlichen Fragen:
    Namen?
    Geburtsort?
    Vaterland?
    Eltern?
    Wer ihr Vater sei? (Es ergibt sich nicht aus den Akten untertänig ist sie
nicht.)
    Bei der Mutter ein Wort zu seiner Zeit.
    Wie alt?
    Religion?
    Wozu noch ausserhalb der Linie kommen könnte: ob sie vom vierten Gebot
unterrichtet und mit den Pflichten bekannt sei, die sie allen denen, die Gottes
Bild an sich tragen, welches im gegenwärtigen Fall Herr v. E. wäre, schuldig?
    Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser.
    Stoff zur dreifachen Ermahnung. -
    Bleib im Lande und nähre dich redlich.
    Ob sie das siebente Gebot Gottes wisse?
    Geschärfte Ermahnung.
    Ob das fünfte Gebot Gottes?
    Wer lügt, stiehlt auch, und wer stiehlt, mordet. -
    Eine Erschütterung!!!!
    Wer Menschenblut vergisst, dessen Blut soll wieder vergossen werden.
    Ob sie nicht alle zehn Gebote Gottes übertreten und ob, wenn noch mehr als
zehn wären, sie nicht auch die mehreren mit Füssen gestossen?
    Es gibt nur ein Laster, nur eine Tugend. Einmal eins ist eins.
    Das gegebene böse Exempel ist wie eine Brandstiftung; wenn man auch gern die
Flamme hemmen wollte, kann man?
    Donner und Blitz! -
    Vogel friss oder stirb!
    Nach diesen Vorbereitungsfragen:
    Ihr stehet vor Gott und der Obrigkeit, die von ihm geordnet ist, prüft Euch,
ob Ihr mit dem Vorsatz hergekommen, Gott die Ehre zu geben und die reine,
ungeschminkte Wahrheit zu bekennen? Ist es nicht Euer Vorsatz gewesen, sondern
habt Ihr geflissentlich Sünden mit Sünden häufen wollen, so verstockt wenigstens
auf dies Wort Euer Felsenherz nicht.
    Das Wenigste, was Ihr tun könnt, ist Bekenntnis und eine geduldige
Unterwerfung in Rücksicht der zeitlichen Strafe, die gegen die ewige leicht ist.
Antwortet ohne Gleissnerei und Kunststück, aus dem Innersten Eures Herzens und
so, wie Ihr es einst vor dem letzten strengen Richterstuhl Gottes zu
verantworten gedenkt, wohin, so jung Ihr seid, Ihr über ein Kleines citirt
werden könnt. Wollt Ihr? -
    Ehe noch Mund und Hand ans Werk gelegt wird, die Recognition der Person,
nach denen, wiewohl im besondern Styl, übersandten Angaben:
    Wuchs.
    Sie gränzt ans Männliche.
    Schlank.
    Gesund.
    Rot und weiss.
    Wann? (Ungewissheit.)
    Wen sie bestohlen? (Finsternis.)
    Ob sie noch von den gestohlnen Sachen etwas bei sich hätte? Wo sie die
andern Sachen angebracht?
    Das Geld?
    Wider die Amtmännin und ihre Schwester ist aller Verdacht der
Mitwissenschaft. Das Verhör mit ihnen ist voller Mängel. Da Inculpatin erst
geraden Weges mit diesen beiden feinen Zeisigen gehandelt, hätte der Nebenweg,
den Inculpatin jetzt einschlug, sie zum Nachdenken bringen sollen, wenn sie
anders nachdenken können.
    Es frägt sich:
    Ob Inculpatin der Amtmännin und ihrer Schwester angezeigt, dass es gestohlene
Sachen?
    Ob der Kopfputz, den Inculpatin der Amtmännin und ihrer Schwester verkauft,
auch gestohlen Gut?
    Was es für andere Stücke gewesen, welche Inculpatin der Amtmännin und ihrer
Schwester verhandelt?
    (Andere Stücke, wie unbestimmt!)
    Sie hat flüchtigen Fuss gesetzt.
    Wer ihr behülflich gewesen?
    Wer der junge Mensch sei, mit dem sie im unregelmässigen Verkehr gestanden?
    (Ein tiefes Schweigen im Protokoll.)
    Wie sie geflohen, ob zu Fuss oder wie sonst?
    Sie hat zum Morde aufgefordert.
    Gott sei ihrer Seele gnädig!
    (Beim ersten Ueberblick nahm ich schon die Sache der Inculpatin; allein,
alles genau genommen, ist sie nicht zu retten, um alles nicht.)
    Die starke Mannsperson.
    Schwarzes Haar.
    Grosse Augen von der nämlichen Farbe.
    Spott und Hohn.
    Kräftiger Gang.
    Heuchlerin und Spitzbübin von Hause aus.
                                  Hauptpunkte:
    Sie hat ihre Mutter ins Grab gebracht.
    Ungehorsam, verstockt gegen ihren Vater.
    Sie hat sich wider seine Heirat empört.
    Warum?
    Kinder müssen auch wunderlichen Eltern gehorchen; ihr Vater hat zu ihrem
wahren Heil an eine zweite Heirat gedacht. Vielleicht weniger um eine Frau für
sich, als eine Mutter für sie zu haben. Er ist achtundfünfzig Jahre. Ein schönes
Alter!
    Der Vater hat sie im Hofe angebracht; sie ist aus dem Contrakt gelaufen.
    In welcher Qualität und Gestalt sie im Hofe angebracht worden.
 (Es ist hiervon in der Schrift mit keinem Jota gedacht, und sollte doch. Ohne
             Zweifel als Kammerjungfer, Ausgeberin oder so etwas.)
    Warum sie diese guten Absichten vereitelt und dem Herrn v. E. in seiner
Wohlmeinung widerstanden, der doch die Liebe selbst sei und der, wenn sie
ausgedient, sie gewiss zu seiner Zeit unter die Haube gebracht haben würde?
    Sie hat andere aufgewiegelt? (Dunkelheit.)
    Sie hat Verschiedenheiten und Zwist im Hause erregt. (Auch dunkel. Die
Brödlinge sagen es zwar aus, Gott weiss aber, wer und warum?)
    Sie hat gestohlen?
    Was sie gestohlen? (Unzulänglichkeit.)
    Der Schrei, als ein Notzeichen.
    Warum Inculpatin sogar diesen Bösewicht, obgleich Martin Jakob Kegler sie
bleiben lassen musste, welches sie sah, aufgefordert, diesen Kegler (im Hofe
Jakob genannt) zu verfolgen?
    Ob dieser starke Kerl allein sie begleitet?
    Ob noch sonst jemand?
    Wer ihn zu diesem Mordgeschäft gedungen?
    Noch vor dem Verhör das Haus besetzen.
    Den Wirt des Hauses an seinen des Königs Majestät geleisteten teueren Eid
erinnern.
    Alles im Hause zu erinnern, ohne Erlaubnis mit der Inculpatin keine
Gemeinschaft zu haben.
    Die Inculpatin mit einer kurzen Anrede der Wache zu überliefern:
    Da seht Ihr nun die traurigen Folgen Eures Ungehorsams! Diese königlichen
Soldaten, nicht wie die Engel bereit, zum Dienst derer, die ererben sollen die
Seligkeit, sondern fertig, Bosheit zu bestrafen und Frevler zu bewachen, sollen
Euch vorerst an Händen und Füssen geschlossen in feste Hand nehmen und in engere
Verwahrung bringen, damit Ihr, nach eingezogenen nähern Verhaltungsbefehlen,
nach Memel gebracht und von dort aus den Abgeschickten Eures so gnädigen
Brodherrn, des v. E., überreicht werden könnet. Wollte der Himmel, dass Euch Eure
so groben Verbrechen das Herz durchbohren und Ihr, noch ehe Ihr dort, dort Eure
Mutter vor Gottes Richterstuhl erblickt, Euch mit ihrem Schatten aussöhnen
möchtet! Wollte der Himmel, dass Eure verfälschte, unlautere Seele noch gerettet
und Ihr wenigstens die Hoffnungen auf die andere Welt nicht aufgeben dürftet, da
in dieser für Euch kein Ort abzusehen, wo Ihr vor Vorwürfen Eures Gewissens und
anderer ehrlichen Leute werdet sicher sein können. Eure Flucht nach Preussen ist
Euch geglückt; allein Euch selbst und den Augen der Rechtschaffenen könnet Ihr
nicht entfliehen! - Geht hin zu Eurem gnädigen Herrn, werfet Euch vor ihm auf
die Knie. Ein gutes Wort findet ein gutes Herz! Vielleicht, dass er Euch seine
gnädige, alles verzeihende Hand zureicht und Eure Strafe nicht ganz genau mit
Eurem Frevel abmisst. Geht zu Eurem leiblichen Vater. Ob verlorner Sohn oder
verlorne Tochter, gleich viel! Wenn Ihr von ganzem Herzen sagt: Ich habe
gesündigt im Himmel und vor dir, und bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein
Kind und des Herrn v. E. Magd heisse! so wird er vielleicht so sehr durch Reue,
durch Eure ganze Buss- und Beichtandacht erweicht, als ihn testantibus actis Eure
Bosheit und Gottesvergessenheit erweicht hat. Sein Fürwort wird den Herrn v. E.,
der die Liebe selbst sein soll, völlig aussöhnen. Eure Jugend redet Euch das
Wort, und wenn Euch Gott, nach ausgestandener Strafe, noch Leben und Gesundheit
fristet, habt Ihr noch Zeit und Raum, Gutes zu tun, die Leute, die ihr
bestohlen habt, zu entschädigen und da Friede und Ruhe zu stiften, wo Ihr Zank
und Zwist verbreitet habt. Seht, wie nahe liegt der Mord, das letzte
schrecklichste Cainsverbrechen in dieser Welt, dem ersten Schritt vom rechten
Wege! wie nahe! - Wir werden uns schwerlich in dieser Welt mehr sehen, wie sehr
aber würde ich mich freuen, wenn wir uns da zusammenfinden würden, wo wir beide
Parteien sind und wo ich auch mein Richteramt dem, der mich damit belehnt hat,
abzugeben verbunden bin. Tut eure Pflicht, brave, tapfere Soldaten! nehmt diese
Frevlerin hin. - Vorderhand kann sie nach - - ins Gefängnis abgeliefert werden,
bis ihres weitern Transports wegen von höherem Ort Verhaltungsbefehl erfolgt.
                          Gott bekehre die Frevlerin!
                                Salvis omnibus.
    Dieses Promemoria's wegen mussten der Unterofficier und die zwei Mann eine
Meile vor L- einen sogenannten Augenblick, der aber eine Stunde war, verziehen,
indem der Deputatus noch hier und da ein Wort nahm und gab; und nun nach L-.
    Das erste, was Deputatus vornahm, war die Belagerung des - - Hauses des
verstorbenen - -, und da er damit fertig war, ging er geradezu ins Haus und
redete den Wirt, ohne ihn zu sehen, an:
    »Er möchte wohl bedenken, was er nächst Gott Sr. Majestät schuldig wäre,
nämlich treu, hold und gewärtig zu sein, das Beste Sr. Majestät überall zu
befördern, Schaden und Nachteil aber zu verhindern,« und nachdem er ziemlich
weit in dieser Anrede gediehen, ward er erst gewahr, dass niemand als ein altes
Weib vor ihm gestanden. Sie war, ausser einer Katze, welche ihr selbst zugehörte,
die einzige lebendige Seele im ganzen Hause. Er war also, nachdem er sich mit
diesem Phänomen bekannter gemacht, verbunden, sein Protokoll wie folgt
anzuheben:
        Actum L- 17-.
    Dem höchsten Befehl der königlichen Regierung von - - zur untertänigsten
Folge, begibt sich Endesunterschriebener, nachdem er die ihm zugefertigten Akten
genau gelesen, beprüft und sich den erforderlichen Plan entworfen, nach L- in
die Behausung des - -, wo der Angabe nach Inculpatin, Wilhelmine - -, sich
aufhalten soll. Das Haus ist indessen völlig wüst und bis auf eine alte Person
leer, welche sogleich vernommen wird.
    Sie heisst Catarina - - ist achtundsiebzig Jahr alt, luterischer Religion,
nährt sich von Kinder- und Krankenwartungen, und ist nicht eher, als nach dem
seligen Ableben des - - in dieses Haus gekommen. Der Pfarrer des Orts hat sie
dazu berufen, damit, so lange das Haus nicht verkauft sei, welches nicht anders
als nach öffentlicher Feilbietung und mittelst gewöhnlichen Anschlages geschehen
könnte, es nicht ledig stehen und am Wert einbüssen möchte. Der selige Mann ist
seit fünf Wochen, wie es ihr dünkt, begraben, und zwar kinder- und erbenlos.
Sein Hab und Gut ist, nach seinem letzten Willen, den Ortsarmen zu Teil
geworden. Die Comparentin sagt: Ich selbst hatte Ursache, seine kalte Hand zu
küssen. Der Prediger ist Testamentswärter und Vollstrecker gewesen, und, um
ihren eigenen Ausdruck beizubehalten, »es ist viel davon zu sagen.« Zur Sache
führt sie an, dass ein Frauenzimmer, wohlgebildet wie Milch und Blut, gleich nach
dem Ableben des - - angelangt. Sie kam ohne alle Begleitung und ganz allein an,
sagt Comparentin, und wie ich nicht anders weiss, in einem gemeinen Wagen mit
vier Pferden bespannt. Ihr Besuch, der auf diese Art zu spät gekommen, hat,
wie's der Comparentin dünkt, keine andere Absicht gehabt, als ihren Verwandten
zu besuchen und ihn vielleicht, wenn es Gottes heiliger Wille so genehmigt, zu
beerben.
    Auf die Frage: ob sich keine starke Mannsperson zu dieser Zeit, oder vor und
hernach, blicken lassen? erwiederte sie: ja, es hätte einige Tage vorher sich
jemand blicken lassen. Nachdem aber diesem Umstande genauer nachgespürt wird, so
kommt endlich heraus, dass dieses ein Luftspringer sei, der sich im Dorfe zur
Schau gestellt. In wie weit dieser Luftspringer mit der Inculpatin in Verbindung
gewesen sei, noch sei und sein werde? ist der Catarine - - ganz und gar
unbekannt.
    
    Damit alle Gerechtigkeit erfüllt und bei dieser Gelegenheit der Umstand
eingetrieben und eingemahnt werde:
    ob dieser Gaukler die starke Mannsperson mit dem gezogenen Messer sei? und
    in wie weit dieser Gaukler ein allerhöchst privilegirter sei, wird dem
Amtswachtmeister aufgegeben, diesen Luftspringer vorzubescheiden. Dieser stellt
sich mit seiner Bestallung, die allerhöchst eigenhändig vollzogen ist, dar und
will durch einige Proben dem Deputatus ad oculum seine Geschicklichkeit
demonstriren, welches verbeten wird. Ausser dieser Notdurft bringt er bei, wie
der Prediger die Kirchspielskinder von ihm abgepredigt und ganz offenbar zu
verstehen gegeben, dass sie besser täten, wenn sie was anderes machten, als
einen allerhöchst privilegirten Gaukler sähen, und dass ein Gaukler ein Gaukler
bleibe, wenn er auch ein königliches Patent hätte, und dass dergleichen Gaukler
mit königlichen Patenten viel wären, obgleich sie nicht alle sprängen - und dass
- Deputatus kann und mag diese Sache nicht angreifen und begnügt sich zu
bemerken, dass der Gaukler auch nicht den mindesten Verdacht abschatte, dass er
die starke Mannsperson sei, daher er abgelassen wird. Es ist aller Mühe
unerachtet nichts, rein nichts von der starken Mannsperson mit dem gezogenen
Messer herauszubringen, und behält Deputatus wider ihn dem preussischen,
curischen und dem Weltpublico seine Rechte vor. Ob (um wieder auf Inculpatin
einzulenken) die fehlgeschlagene Hoffnung, ihren Verwandten zu beerben, oder der
Umstand, dass der verstorbene Verwandte ihren Besuch nicht mehr annehmen können,
oder sonst was anderes Schuld daran gewesen, weiss Comparentin nicht anzugeben,
wohl aber, dass Inculpatin, nachdem sie frisch und gesund angekommen, in
Gegenwart des Pfarrers, der als Testamentsvollstrecker (wie der Selige es
angeordnet) einige Vögel ins Freie gelassen, in Ohnmacht gesunken. Der Pfarrer
erschrak nicht wenig, sie erholte sich aber wieder und der Pfarrer nahm sie zu
sich. Nach der Zeit hörte und sah man nichts von ihr. Es hiess: »sie ist krank,
sie ist immer krank,« aber zuweilen sieht man sie am Fenster, nach der Kirche
zu, stehen oder sitzen. Wer sie zurück haben will, darf nur stehen bleiben, weg
ist sie. Es kommt zwar ein Doktor zum Pfarrer, aber man weiss nicht, ob zu ihr
oder zu jemand anders? Seitdem sie ins Haus gekommen, ist alles beim Prediger
wie umgekehrt. Man sagt sogar, es sei eine Verlobung zwischen dieser Unbekannten
und Gottbekannten und noch jemandem vorgefallen - wenigstens sind zwölf Personen
beim Pfarrer eingeschlossen gewesen, und heisst es, Gott verzeih mir meine
Sünden, sie hätten alle communicirt! Auf die Frage: ob der Pfarrer verheiratet
sei? erfolgte die Antwort: er ist verheiratet, er ist auch nicht verheiratet -
seine Frau ist melancholisch, Gott weiss, wovon; er lebt nicht so recht zusammen
mit ihr. Jetzt soll alles über und über sein. Es ist viel zu sagen.
Melancholisch ist die Pfarrerin zwar schon zum Teil vorher gewesen, aber, aber
-
    Deputatus trägt Bedenken, aus diesen, dem exemplarischen Lebenswandel des
Pfarrers sehr entgegen arbeitenden Umständen Schlüsse zu ziehen und der
Comparentin ihren Seelsorger durch einige nähere Fragstücke über die Aufnahme
der Inculpatin Wilhelmine - -, deren Verlobung und die Schwermut der Pfarrerin
verdächtig zu machen, oder falls Comparentin schon von selbst, wie es fast das
Ansehen hat, auf diesen Verdacht gefallen, ihn nicht zu bestärken und diesen
Funken anzufachen. In der Hauptsache ist kein anderer Weg, als Inculpatin beim
Pfarrer aufzusuchen, dies Protokoll dort fortzusetzen und vorschriftsmässig
überall zu verfahren v.s.
                                                                            N.N.
    Während der Zeit, dass Deputatus sein Verhör schloss und seinen Mutmassungen
freien Lauf liess, ging Catarine - - spornstreichs zum Pfarrer, drängte sich bei
Minen vor und sagte der Aufgestandenen geradezu unter die Augen, dass ein Herr
mit Soldaten da wäre, um sie zur Haft zu ziehen.
    Wie wusste dies Catarine?
    Und wie wusste der Deputatus, dass die Pfarrerin, die doch die Lindenkrankheit
hatte, Minchens wegen noch tiefer in Schwermut gesunken? Sorget nicht für den
andern Morgen, ein jeder Tag wird für das Seine sorgen, und es ist genug, dass
ein jeglicher seine eigene Plage habe, findet auf den Verdacht und das Misstrauen
Anwendung, zu dem die Rechtsgelehrten oft aus Amtspflicht verbunden sind,
obgleich sie den Grundsatz debitiren: Jeder ist gut, bis das Gegenteil erprobt
und W.R.J. erwiesen ist. Es ist kein misstrauischer Volk, als das rechtsgelehrte.
- Tausendmal hab' ich gefunden, dass sich die Menschen überhaupt hierdurch
geflissentlich ihr Leben trüben und sich vor dem Teufel und seinen Engeln
fürchten, wenn gleich keine da sind.
    Ob Catarine die Gabe der Feinheit gehabt, weiss ich nicht; allein das weiss
ich, dass Mine nur einen Hauch nötig hatte, um, o Gott! wieder - zu sinken. Eine
geknickte Lilie kann ein Zephyr niederwerfen. Ein Hauch ist Sieger über sie. -
Catarinens Zudringlichkeit und der Vorfall, dass Mine eben am Fenster stand, da
die Soldaten anrückten, schlug sie ganz und gar nieder, und nie hat sie sich
weiter aufgerichtet - nie! - - Für sie war keine Quelle mehr, die den müden,
abgetragenen Wanderer am schwülen Tag ergötzt. Kein Trunk mehr kühlte sie! - Sie
hatte ausgelebt! Den letzten Lebenstropfen kostete ihr dieser Vorfall. Gott,
rief sie, in deine Hände, in deine Hände! nicht, Herr, in die Hände meiner,
deiner Feinde! - Dir, dir, Herr! leb' ich, dir, dir sterb' ich! - Der Pfarrer
hatte genug mit dem Justizrat - zu tun und konnte nach der kränklichen Pflanze
nicht sehen, die er bisher mit so vieler Sorgfalt jedem Sturm, jedem sengenden
Sonnenstrahl entzogen, die er gepflegt, wie ein Vater eine kranke Tochter
pflegt, die seinem seligen Weibe ähnlich ist.
    Das Pastorat, oder, wie man in Preussen spricht, die Widdem, war von Soldaten
umzingelt. - Mine war ohne Trost, ohne Leben. Das ganze Haus war in Aufruhr und
die arme Predigerin über diesen Vorfall so weg, dass sie völlig aus ihrem Geleise
trat und Zeter rief, Zeter! rettet - und Hülfe! Hülfe! Der Wachtmeister, dessen
Stimme ins Haus einschlug, hatte sie völlig erschüttert. - Ihre Nerven waren
sein, das Gewebe einer Spinne, würd' ich sagen, wenn Spinnen gut wären. Kein
Wunder, dass sie aller Fassung und Besinnung entwich. - Erbarmung! Erbarmung! -
Weh! weh! kreischte sie und flog wie Espenlaub. Jedes Glied war in Bewegung. -
Sie hauen die Linden! schrie sie, die letzten! - Meine Kinder geraubt -! meine
Tochter! Bete doch, bete doch, Gretchen! - Ha! wie er sie entführt, der
Bösewicht! Mein Mann in Ketten und Banden! was hat er getan? - Die arme
Tochter, wenn sie nur gewusst hätte, wonach sie greifen wollte, wäre sie
glücklich gewesen. Es lag ihr hart an, ob sie Mutter oder Minen trösten, stärken
und in die Arme schliessen sollte. - Catarine, wenn sie zu ihrem Beichtvater
gegangen wäre, würd' all diesem Jammer vorgebeugt haben; allein jetzt alles,
alles aus! Der gute Prediger war der letzte, der dieses Erdbeben merkte, und da
sah er auch schon den Schlund weit, weit offen. Herr, hilf! schrie er, es lag zu
viel auf ihm, wir verderben! Er wollte sich dagegen bäumen, allein konnt' er?
Ueberall Jammer. - Der Justizrat hielt alles dies für Gewissensaufgährung und
wollt' eben tun, was seines Amtes war, da ihn der Prediger bat, so viel
Menschlichkeit zu haben und ihm nur eine Viertelstunde Fassungszeit zu
bewilligen, und ehe diese abgelaufen, keine Gewalttätigkeit in einem
Kirchenhause zu beginnen. Der Justizrat fand Bedenklichkeiten. - Gott, sagte
der Prediger, wird Ihnen die Viertelstunde in Ihrem Letzten, in Ihrem Letzten
vergelten - ich bin ein geschlagener, ein unglückseliger Mann!
    Der Justizrat gab ihm dieses Sterbviertelstündchen mit dem Beding nach, dass
der Wachtmeister vor Minens Tür sich lagern könnte. Es war ein erschrecklicher
Kerl. Wenn er nur nicht donnert, sagte der Prediger. Das soll er nicht,
erwiederte der Deputatus; allein er bedachte nicht, dass ein Segen in dem Munde
dieses Menschen Fluch wäre. Es konnte dieser Henkerhandlanger nichts als Zeter
rufen und Stäbe brechen, und Mörder schliessen und Leitern zum Galgen ansetzen.
    Ein Märtyrer würde hier die Standhaftigkeit verloren haben. Seine Geduld
würd' ausgerissen sein. - Da stand der Wachtmeister, wie eine Katze vor'm
Käficht, und die Soldaten, als wenn hungrige Tiger vor der Türe witterten. Des
Justizrats Augen glänzten vor Wonne, als hätt' er Gott einen Dienst getan. Er
ging auf und nieder, in Erwartung der Dinge, die kommen sollten.
    Der Prediger blieb eine kleine Weile im Lehnstuhl, schlug die Hände in
einander, sprang auf und wandte sich zu seiner Frau. Gretchen, seine Tochter,
hatte ihm diese Sorge anheimgestellt. Fasse dich, Seele! beruhige dich, willst
du mit Gott rechten? sagte der arme Prediger. Harr' auf den Herrn. Die Linden
sollen bleiben und deine Tochter soll grünen, wie die Weiden am Kirchengraben.
Ich bin nicht in Ketten und Banden. Gretchen ist nicht entführt, sie soll nicht
einen Bösewicht, sondern, wenn Zeit und Rat kommt, ihren Hansen haben. Hör' auf
mit Zeter und Weh. - Man sucht hier jemanden, der nicht hier ist.
    Diese herzlichen Trostworte hätten den Justizrat freilich auf andere
Gedanken bringen können und sollen; allein er liess nicht von Catarinens Hand,
die ihn leitete und führte auf unebener Bahn, und von der er jedes Wort als baar
annahm. Die Sprache des Herzens ist nicht jedermanns Ding. Sie findet sich
nicht, wie das Griechische, nach einem bewährten Sprichwort, und wenn ich mich
recht besinne, kann ich nur diese Herzlichkeit den Verliebten zugestehen - wie
käme sie an einen königlich preussischen Justizrat, der gemeinhin ein
rechtlicher Dominikaner von Haus aus ist? Der gute Mann hatte Mühe, die
verstattete Frist unverletzt und unbefleckt zu halten. Welche Frechheit, dacht'
er, man sucht hier jemanden, der nicht hier ist! Er dacht' es, bei allem
treufleissigen Rückhalt, doch so laut, so laut, eben so überlaut, als es sein
marktschreiender Wachtmeister gesagt haben würde. Wie konnt' er bei diesem
Gedanken sitzen bleiben? Diese Worte: Man sucht jemanden, der nicht hier ist -
brachten ihn auf die Füsse, nachdem er bis dahin Platz genommen. »Armes, armes
Weib, du sollst glauben! Solch einen Glauben hab' ich in Israel nicht funden.
Glauben, was sie anders mit ihren sichtlichen Augen gesehen hat! - Ein feiner
Glaube!« Die Ungeduld des Justizrats war unbeschreiblich, sie hatte nicht in
der Widdem Raum, er ging in Gottes weite Welt mit den Vorstellungen: Mein Haus
ist ein Betaus, ihr aber habt's gemacht zu einer Mördergrube! Es war das Beste,
dass er ging - indessen liess er die Widdem nicht aus den Augen, um zu bemerken,
wer zu ihrer Tür aus- oder einging. - Der plötzliche Aufbruch des Justizrats
beruhigte die arme Predigerin mehr, als der Zuspruch ihres Mannes. Sinnlichkeit
gegen Sinnlichkeit. - Sie ward still, das war ein gutes Zeichen; der Prediger
benutzte diese Stille und liess seine Tochter rufen, die das Werk vollenden
musste. Er löste sie bei Minen ab, die er stärker fand, als er glaubte. O Mann
Gottes, fing sie an, ich soll? oder soll ich nicht in die Hände der Menschen?
Nein, Sie sollen nicht! antwortete der Prediger; allein sie blieb bei ihrem
entsetzlichen: ich soll, und konnte sich davon nicht abgewöhnen. - Es ging dem
Prediger durch die Seele, sie so leiden, ohne Hoffnung, ohne Zutrauen leiden zu
sehen. Er kniete nieder und betete kurz, stark, himmelstürmend. Und nun auf dies
Gebet versprech' ich Ihnen, sagte er zu Minen, Sie sollen nicht. - Sie blieb
still. - Nach der Zeit gestand sie, dass es ihr wieder eingefallen sei, sich
selbst das Leben zu nehmen, um nicht ein schreckliches Schauspiel der Bosheit zu
werden. - Ihre starke Einbildungskraft hatte ihr den v. E. in der Nähe gezeigt,
frohlockend über seine geglückte Rache - alle seine Helfer und Helfershelfer,
die ihr nach der Seele standen, waren ihr erschienen, und diese Erscheinungen
waren ihr schwer zu ertragen. - Mine litt gewaltig; indessen liess Gott sie nicht
versucht werden über Vermögen. Er, der sie aus sechs Trübsalen erlöst, liess sie
auch jetzt nicht verzweifeln. Sie unterdrückte die aufsteigenden
Selbstmordgedanken beim ersten Anfang. - Das weggeworfene Messer und auf ihm die
Tropfen Menschenblut fielen ihr ein. - (Sie sah alles, was ihr einfiel.) Das
Gebet des Predigers hatte eine Nachwirkung - sie fand sich - sie schmeckte Trost
in dem Kelche der Leiden, und diese Prüfungsstunde kühlte sie etwas ab; indessen
blieb sie noch ängstlich wegen der Dinge, die kommen sollten.
    Der Prediger ging zum Justizrat.
    Eben recht, fing dieser an.
    Der Prediger. Und wenn ich jetzt fragen darf?
    Deputatus. An mir ist zu fragen.
    Prediger. So erbitte ich mir die Erlaubnis zu antworten.
    Deput. Schrecklich, wenn ein Prediger selbst -
    Pred. Unglückliche aufnimmt?
    Deput. Und eben dadurch Unglückliche macht. Herr Prediger - ich wünschte,
ich wäre zu diesem Auftrage nicht -
    Pred. Und dieser Auftrag?
    Deput. Nicht mehr und nicht weniger, als die Diebin, die Läuferin, ja, ich
kann Mörderin hinzusetzen, das kann ich, der Sie in Ihrem Hause Obdach gegeben,
zur gefänglichen Haft zu bringen, damit sie an Ort und Stelle leide, was ihre
Taten wert sind.
    Pred. Ach Gott, vor dir ist kein Lebendiger gerecht! Du weisst es -
    Deput. Er weiss, allein, leider! auch Menschen wissen -
    Pred. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib tödten und die Seele nicht
tödten mögen, spricht mein Herr und Meister, der mit Zöllnern und Sündern
umging.
    Deput. Aber es nicht selbst ward.
    Pred. Das hoffe ich auch nicht -
    Deput. Er war Herr und Meister, und Sie Prediger in L-. Von ihm, dem
Heiligen, konnte es nicht heissen: gleich und gleich -
    Pred. Wenn Sie selbst wüssten -
    Deput. Ich weiss alles.
    Pred. Desto besser!
    Deput. Und vorzüglich, dass Sie den Namen der Communion entweihen, dass Sie
den Ihren Herrn und Meister nennen -
    Pred. Der es in seinem Leben, Leiden und Sterben ist.
    Deput. Das können Sie sagen?
    Pred. Das kann ich!
    Deput. Mir?
    Pred. Und dem ganzen Justizcollegio.
    Deput. Und Ihrer Frau: man sucht hier jemanden, der nicht hier ist?
    Pred. Sie ist zuweilen nicht bei Troste.
    Deput. Und wer hat sie trostlos gemacht? wer ihr den Kopf verdreht? wer?
    Pred. Der Lindenbaum, der so alt wie sie war und in ihren letzten Wochen
ausging.
    Deput. Herr, meinen Kopf sollen Sie nicht verdrehen. Irret euch nicht, Gott
lässt sich nicht spotten, und ich auch nicht. Meine Geduld ist wie die
viertelstündige Frist zum Ende. - Kurz und gut, der königliche allerhöchste
Auftrag ans Collegium:
    »Wir Friedrich von Gottes Gnaden, König in Preussen, Markgraf zu Brandenburg,
des heiligen römischen Reichs Erzkämmerer und Kurfürst etc. Unsern gnädigen Gruss
zuvor. Edle, hochgelahrte Räte -«
    Pred. Dass sich Gott erbarme!
    Deput. »Liebe Getreue, aus der Anlage werdet Ihr ersehen, was die
curländische Regierung wegen einer aus dem Dienst entlaufenen Diebin, Wilhelmine
- -, bei Uns angesucht und zu verfügen gebeten.«
    Pred. Und ich bitte um Gotteswillen -
    Deput. »Ob nun gleich so viel Umstände wider sie aus dem gerichtlich
abgehaltenen Protokoll und der, in Curland von dem v. E. -«
    Pred. Gott, erbarme dich und bekehre, was zu bekehren ist!
    Deput. - »eingereichten Vorstellung hervorgehen, dass die besagte Person
nicht allen Rügen zu entwachsen im Stande ist, so befehlen Wir Euch jedoch,
diese Wilhelmine - - zuerst durch einen zu ernennenden Deputatum abhören zu
lassen. Finden sich bei diesem Verhör Umstände, welche die curischen Angaben
entkräften, und als Milderungs- oder wohl gar Aufhebungsumstände in den Rechten
geltend zu machen wären, so ist es des Deputati Pflicht, die ihm hiermit
auferlegt wird, wegen ihrer Person eine leidliche, doch genaue Aufsicht
anzuordnen, oder die etwa einzulegende rechtsgültige Caution anzunehmen und in
Rechtsform einzulenken.«
    Pred. Ich cavire mit Leib und Seele, mit Leib und Leben!
    Deput. Das glaube ich. »Im Fall sich aber alles den eingesandten Schriften
gemäss verhält und angerügte Wilhelmine - - nicht das mindeste von sich
abzulehnen in den Umständen ist, was als Rechtfertigung, Entschuldigung,
Verteidigung vor den Ding-und Rechtsstühlen zu gebrauchen wäre, so muss
Wilhelmine - - - - sogleich dingfest gemacht werden. Zu dem Ende habt Ihr die
nächste Garnison von L- zu ersuchen, Euch hinlängliche Mannschaft zu bewilligen,
und dieses Requisitorialschreiben Eurem Deputato anzuvertrauen, um davon beim
Befinden der Sache, ohne aufhaltende Rückschrift an Euch, augenblicklichen
Gebrauch machen zu können. In allen Fällen liegt dem von Euch zu bestimmenden
Deputato ob, so genau als schleunig an Uns Bericht zu erstatten, damit in dieser
Sache, entweder den Wünschen der curländischen Regierung gemäss, oder anders wie,
in alle Wege aber rechtlich, die Verfahrungsart eröffnet werden könne. Das ist
unser eigentlicher Wille. Sind Euch mit Gnaden gewogen. Gegeben Königsberg, den
- - 17-.«
    Pred. Tausend Dank für diese Eröffnung! Und nun?
    Deput. Und nun werde ich Wilhelminen verhören, sie dingfest machen und nach
- - ins Gefängnis bringen lassen.
    Pred. Wenn sie aber unschuldig ist? wenn ich Caution einlege? wenn -
    Deput. Kein Wenn weiter - Sie verdienen nicht, dass man ein einziges von
Ihnen hört, damit ich Ihnen gerade aus mein Herz ausschütte und alle Wenns auf
einmal benehme.
    Pred. Wenn Sie aber erlauben wollen -
    Deput. Wieder Wenn?
    Pred. Die königliche Landesregierung (um geradezu und ohne Wenn meinem
Herzen Luft zu machen) hat nur bedingungsweise die gefängliche Haft verfügt, und
dem Collegio nicht überhaupt nachgelassen, die Garnison um Beihülfe anzutreten.
Ich weiss also nicht, warum mein Haus belagert ist und ich, wie Jerusalem, an
allen Orten geängstiget werde, ehe noch Minchen verhört worden. Sie ist die Ehre
ihres Geschlechts.
    Deput. Und Sie, Herr Prediger, nicht wahr, die Ehre Ihres Standes?
    Hier lösten sich die Rätsel, denn der gute Prediger konnte die
wohlgemeinten Grobheiten des Deputatus länger nicht tragen. Er duldete, da ihm
die Grenzen des Auftrages dieses feuerspeienden Rechtsgelehrten und seiner
Spiessgesellen unbekannt waren. Jetzt sah er keine Verbindlichkeit ein, den
Deputatus im verkehrten Sinn reden zu lassen, was nicht taugt; und da ihm der
Justizrat seine Zweifel entdeckt und der redliche Prediger ihm den Unsinn von
diesem Vorurteil gewiesen hatte, ging Deputatus in sich und hatte nichts weiter
in petto. - - Wenn man sich eine geraume Zeit im Cirkel herumgedreht, scheinen
die äussern Gegenstände eben dergleichen Bewegung zu bekommen; auch wenn man
aufgehört hat, sich herum zu drehen, bleiben die Objecte noch immer in einer
cirkelrunden Bewegung in unserm Auge. - So ging es dem Justizrat, bis ihm das
Verständnis ganz geöffnet war; und nun? Heftige Leute, Leute über Hals und Kopf,
kennen nicht die Mittelstrasse, und unser Deputatus war nun wieder so auf das
Haupt geschlagen, dass er nicht aus noch ein wusste. Der Prediger gab seiner
Gewissensregung, Minen mit eigenen Augen zu sehen, nach. Sie sollen, sagte der
Prediger, wie Tomas, alles handgreiflich haben, und ging hin, Minen zu diesem
Besuch vorzubereiten. Da der Deputatus sie sah, fiel er zurück. - So hatte er
sie sich nicht vorgestellt.
    Gott sei mir Sünder gnädig! fing er aus dem Innersten an, sah die
abgezehrten Hände, die eingefallenen Augen und die langsam und selig Sterbende.
- Mit einem Blick hatte er alles. Er konnte nach diesem Blick seine Augen nicht
mehr auftun. Das erste war, dass er die Soldaten abgehen hiess, die nicht sehr
mit dieser Commission zufrieden waren; auch der Amtswachtmeister musste mit
Schanden unten an sitzen und im Wirtshause seine Diäten verzehren. Dies geschah
gleichfalls nicht ohne Kopfschütteln. Man sah es dem Peiniger an, dass er gern
Ketten und Bande angelegt hätte.
    Da stand der Justizrat, wie von Gott verlassen.
    Mine wünschte, nachdem er lange vor ihr als Inculpatus gestanden, allein zu
sein; er schwur, er könne nicht von dannen, bis sie ihm verziehen hätte. Mein
Gott, was ist der Mensch? Ein trotzig und verzagt Ding. Wer kann ihn ergründen?
    Der Deputatus weinte bitterlich.
    Mine hob ihre halb abgestorbenen Hände auf und blickte den Bussfertigen sanft
lächelnd an. Ihr Blick sagte: Sie wussten nicht, was Sie taten.
    Er hatte sich vorgenommen, ihr einige Fragen, wiewohl ausserhalb der Grenzen
seines Promemoria's, zu tun, allein er konnte nicht.
    Kommen Sie, sagte der Prediger, damit wir uns nach langem Missverständnis mit
Herz und Seele verstehen. Der Prediger erzählte ihm den letzten Teil von Minens
Lebenslauf, um dem Deputatus die curischen Papiere in einem andern Lichte und
überall verborgene Schlangen zu zeigen. Der gute Rechtsgelehrte konnte sich
nicht beruhigen, und wenn der Prediger ihm nicht grossmütigst die Folgen
verschwiegen hätte, welche dieser Vorfall auf Minens Gesundheitsverfassung
gehabt, er wäre nicht gesund aus dem Kirchenhause gekommen, welches schon
ohnehin in aller Form ein Lazaret war. Er ass den Mittag beim Prediger. Gretchen
wollte nicht mitessen; der Prediger musste es verlangen. Sie kam, allein sie
konnte den Deputatus nicht ansehen. - Die Predigerin hatte sich über alle
Erwartung ziemlich erholt. Der arme Rechtsgelehrte konnte nicht essen, nicht
trinken. Er war unlängst an das Collegium wegen seines bekannten Diensteifers,
der ein anderes Ding als Dienstverstand ist, gekommen, um die Schwachen und
Kranken und zum Teil entschlafenen Mitglieder dieses Collegiums wieder
herzustellen. - Seine Unbekanntschaft mit seinem Kreise trug viel zu dieser
Uebereilung bei. Bei Tische überfiel den Bussfertigen und Zerschlagenen der
Gedanke, sein Amt in die Hände der Obern zu legen. Er hatte zu leben. Aus Not
durfte er nicht ein Zelote sein und sich vom Diensteifer fressen lassen.
    Nachdem ich so übel gerichtet, kann ich, frug er, kann ich wohl hinfort mehr
Haushalter sein? Bei dem Blicke der Unschuld: Sie wussten nicht, was Sie taten,
wie ward mir, Gott, kalt unter den Füssen.
    Der Prediger suchte ihn von diesem Gedanken zu entfernen, allein er blieb.
Wie kann ein Mensch, fing er an, seines Bruders Richter sein? - Bin ich darum
gerecht, wenn ich nicht über Dinge strauchle und falle, über die andere
straucheln und fallen? Jeder Mensch hat seine besondere Welt, seine besondere
Klippe, sein ihm eigenes Fleisch und Blut. - Ja und Nein sei mir genug. Ich will
nicht richten, damit ich nicht auch gerichtet werde!
    Gott, schrie er, stand auf und brach die Hände, der du aller Welt Richter
bist, dir stehen wir, dir fallen wir! - Gehe nicht ins Gericht mit deinem
Knecht, vor dir ist kein Lebendiger gerecht! Wer kann vor dir bestehen? wer?
    Der Prediger versicherte ihn, nachdem er ihn ganz um und um kennen gelernt,
dass, wenn je ein Mann den Namen Natanael verdiente, er es wäre. Der heutige
Fall sei in gewisser Art Natanaels Geschichte. Er sagte in Beziehung auf meinen
Herrn und Meister, fügte der Prediger hinzu, wie kann aus Nazaret etwas Gutes
kommen? Allein Christus nennt ihn demunerachtet einen Israeliten, in dem kein
Falsch ist.
    Dies richtete den armen Rechtsgelehrten ziemlich auf, wozu der Umstand einen
beträchtlichen Beitrag lieferte, dass Natanael einer seiner Vornamen war.
    Seine Heiterkeit war indessen nicht dauerhaft. Er konnte nicht aufhören,
sich Zweifel vorzuwerfen. Wenn ich schwiege, fuhr er fort, würden die Steine
schreien. Mine's Geschichte ging ihm gerade durch die Seele, und doch bat er
ohne End' und Ziel, sie ihm zu erzählen und das Erzählte zu wiederholen. Mein
tägliches Gebet soll sein, sagte der Bussfertige: Schaff' in mir, Gott, ein
reines Herz und gib mir einen neuen gewissen Geist.
    Er ersuchte den Prediger so oft und viel, sein Freund zu bleiben, dass der
gute Prediger herzlich bewegt war. Wahrlich, wer immer mit schand- und
lasterhaften Menschen im Gemenge ist, bekommt am Ende ein Inquirentengesicht. Er
findet überall arme Sünder und Sünderinnen, Diebe, Räuber und Mörder. - So unser
Natanael, der den Menschenblick eingebüsst und nur bloss diesen Blick übrig
behalten hatte, den man den Richterblick nennen kann. Dieser Fahnenschwung ist
eine defensio ex officio, die ich dem Natanael schuldig bin. - Der Prediger
(von dem ich dieses alles haarklein habe) und Natanael sprachen viel von
Menschenkenntnis. Ihr Endurteil war, der Mensch soll offen sein; allein er ist
unzugangbar. Wer die Menschen leicht findet, hat nicht sie, sondern sich gesucht
und gefunden; wer andere richtet, bestraft seine Unart in andern, und glaubt
sich eben dadurch weissgebrannt zu haben, wie die liebe Unschuld. - Wer hinter
dem Fenster in seinem einsamen Zimmer steht, kann alles ganz deutlich
wahrnehmen, was auf der Strasse vorgeht, unerachtet er von den Leuten auf der
Strasse entweder gar nicht, oder doch nicht deutlich gesehen wird. Es kommt mehr
Licht aus der Strasse ins Zimmer, als aus dem Zimmer in die Strasse.
    Alle diese Vorstellungen lösten sich jetzt beim Natanael auf (und damit ich
mit der Erlaubnis meiner Leser vorgreife), er legte wirklich sein Amt über ein
Kleines nieder und ist nicht mehr Richter im Volke. Dies Geschäft war sein
letztes. - Ich muss eine Stelle aus dem Briefe des Natanael an den Prediger in
L-, in dem er ihm seinen Erlass eröffnete, pränumerationsweise hersetzen, ich mag
wollen oder nicht.
    »Ich lege mein Amt nieder, um dem Herrn zu dienen und auf ebner Bahn zu
wandeln. Es muss eine Zeit der Heiligung sein, eine Reinigungsperiode - ein
Fegfeuer - ein Selbstgericht, ehe wir vor Gottes Richterstuhl treten. Diese
meine Stunde ist gekommen - ich will mich selbst richten und den Krieg Rechtens
mit mir selbst anstellen. Ein schön Stück Arbeit! - Nur bloss auf diese Weise
sollen fortan meine Vermutungen, wenn sie nicht zu Gunsten meines Herzens
ausfallen, zu Tagefahrten und Protokollen Gelegenheit geben.«
    »In diesem einzigen Fall kann niemand zu streng sein; allein um andere zu
richten wahrlich niemand gelind genug. - Ich besitze nicht Richterkälte, nicht
Entscheidungsfähigkeit.«
    Wenn ihn der Prediger nicht an den Bericht und an den Amtswachtmeister
erinnert hätte, er hätte weder Bericht erstattet, noch den Amtswachtmeister
mitgenommen, der schon über seine Diäten getrunken hatte und den Natanael ins
Geheim, doch wegen seiner durchfahrenden Stimme so, dass es jedermann hören
konnte, um Lösegeld ansprach. - Natanael liess dem Prediger alle Acten, und bat,
zur Probe seiner Vergebung und zum Siegel der ihm zugestandenen Freundschaft,
diesen Bericht aufzusetzen. Das Promemoria konnt' er so wenig ansehen als
Gretchen ihn. Die Predigerin lief noch vor ihm.
    Hier ist der Bericht oder vielmehr sein Inhalt, denn meine Leser haben, wie
ich selbst zu befürchten anfange, schon zu viel Curialien gelesen.
    Es wird die schlechte Denkungsart des Herrn v. E. und Hermanns aufgedeckt
und der Gesichtspunkt eröffnet, aus dem dieser ganze Vorgang zu nehmen ist.
    »Die letzten Worte der Sterbenden entfernen schon den Begriff des
unterlaufenden Betrugs und der Falschheit, und was sollte diese Sterbende, die
vielleicht nur noch sehr wenige Stunden in dieser jammervollen Welt zu leben und
keinen Transport nach Curland oder sonst eine üble Begegnung zu befürchten hat,
was sollte diese Sterbende, welche der Tod gegen alles in Schutz genommen, was
sollte sie wohl bewegen, mit Gewissensbissen sich auf der Reise zur Ewigkeit zu
beladen und sich eben dadurch ihre Sterbestunde zu erschweren? Dagegen decken
die angegebenen Mängel des Protokolls und der Vorstellung, die v. E.
eingebracht, überall und besonders an den untertänigst bezeichneten Stellen
eine schlechte Absicht auf. Ew. Königliche Majestät kann ich auf meinen Amtseid
und bei meinem Seelenheil versichern, dass ich den Eindruck, den der Anblick
dieser Sterbenden auf mich gemacht, nie verlieren werde, und wie kann eine
Person, die mit so erhabener Fassung und der Seelenruhe einer Märtyrerin diese
Welt verlässt, sich solcher Laster, als ihr angedichtet worden, schuldig wissen?
Der Prediger - hat sich verbindlich gemacht, sogleich, wenn diese Unschuldige im
Herrn entschläft, ihren Tod Ew. Königlichen Majestät einzuberichten.«
    »Ich ersterbe in tiefster Treue
                Ew. Königlichen Majestät
                                                     alleruntertänigster Knecht
                        Natanael -.«
    Meine Leser wissen schon, dass Mine diesen Vorfall zu überleben ausser Stande
war. Vielleicht wäre sie mit der Zeit so stark geworden, mich noch in dieser
Welt zu sehen; o wäre sie's doch! Gott, wäre sie's doch! Jetzt war hierzu keine
Aussicht. - Sie selbst sagte zum Prediger, ehe dieser Vorfall sie vollends zu
Grunde richtete: Was meinen Sie, werd' ich nicht bald stark genug sein,
Alexander zu sehen, nur ihn zu sehen - in dieser Welt - und dann, dann lass mich
in Frieden fahren, ich habe genug! Nimm, Herr, meine Seele! - Der Prediger trug
Bedenken, ihr die ganze Anlage des Herrn v. E. zu entdecken, und besonders war
er bemüht, einen Vorhang über den Anteil, den Mine's Vater an dieser
Mordgeschichte genommen, zu ziehen. - Sie drang nicht weiter - sie war zu
schwach, um ihre Bitte zu wiederholen. Wiederholungen derselben Sache kosten
allen schwächlichen Personen unglaublich viel. Sie sah des Predigers
Bedenklichkeit und tat ihren Mund nicht auf. - Ihr ganzes, ganzes Leben war
Duldung. Sie war nur ein Zögling für eine andere Welt. Dies empfand sie, wie mir
der Prediger auf das heiligste versichert hat, so sehr, dass sie diese Welt nur
wie die erste Erde ansah, aus der sie versetzt würde. »Sie war froh in Gott« -
des Predigers eigene Worte - »und sich selbst bis auf Fälle von der Art, wie der
Tod ihres letzten Verwandten und die Veranstaltung zur Haft, immer gleich - das
heisst, Gott ergeben. Solche ausserordentliche Fälle schienen ihren Geist in der
Hoffnung der Künftigkeit zu verstärken, allein ihren schwachen Körper führten
sie im Triumph. Ihr Geist war willig, das Fleisch schwach. Die Gottesfreude ist
von Dauer, sie ist sich gleich, sie jauchzt, sie lärmt und kreischt nicht, wie
die Weltfreude, die mit aller ihrer Lust oft nach vierundzwanzig Stunden vergeht
. Wer den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit. - Fast möcht' ich sagen, dass
die Gottesfreude niemals im Gesicht läge, sie liegt tiefer und im Herzen.
Zuweilen erhebt sie sich bis zum Auge, und das sieht dann erst gen Himmel, eh'
es um sich herumsieht. So eine Gottesfrohe war Ihre Mine. Sie dankte dem Herrn,
denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich. - Freuen und fröhlich
müssen sein in Gott, die nach ihm fragen, und die sein Heil lieben, immer sagen:
Hochgelobt sei Gott!«
    Der Prediger setzte zu diesem allem etwas hinzu, worauf ihn Mine gebracht
hatte: »Die viel beten, sind nicht froh, sie verklagen den lieben Gott bei ihm
selbst. Sie sind schwach. Allein Freude am Herrn ist unsere Stärke. Nehemia im
achten Kapitel, im zehnten Vers.«
    »Mine betete wenig, ihr ganzes Herz war Gottes.«
    Nach einiger Erholung, die Minen sogar erlaubte wieder aufzustehen,
erschlich sie den Ort, welcher der Catarine mit zum Verdacht Gelegenheit
gegeben, um nach den Gebeinen ihrer Verwandten zu sehen. Es war ihr eine
Aussicht zum Himmel. Eben kam der Prediger, da sie so voll guter Zuversicht, so
voll Seelenwonne hinsah, und freute sich über ihren heitern Blick. - Sollt' ich
nicht? sagte Mine und erzählte dem Prediger das, was er ihr verschweigen wollte
und die ganze Absicht des Natanaels - mit sammt dem Einfluss, den ihr Vater
dabei gehabt - fast wörtlich wie er da stand.
    Sterbende, sagt der Pastor, indem er mir dieses erzählte, haben den Geist
der Weissagung. Ich habe in meiner lieben Gemeinde Vorfälle gehabt. - Mine
schien schon lange die Gabe der Ahnungen zu besitzen, fuhr der Prediger fort,
und sie hatte wirklich diese Salbung, die nicht jedermanns Ding ist.
    Hier ein Auszug eines weitläufigen Gesprächs, das zwischen dem Prediger und
mir bei dieser Gelegenheit vorfiel. Valeat, in quantum valere potest.
    Ein grosser Bösewicht ist allemal ein tüchtiger, starker, gesunder Mensch -
ein Himmels- und Höllenstürmer. - Es gibt auch schwächliche, feige,
hinterlistige Buben; allein diese erreichen nie den Grad der Bosheitsstärke, zu
dem jene fähig sind. Diese morden von hinten, jene von vorn. Den Beelzebub würde
ich so fest benervt, bruststark, als den Herkules malen, nur -
    Wenn aber tüchtige, starke, gesunde Leute Menschen Gottes werden, welch ein
Vergnügen, diese starken Geister, diese Engel (die auch stark sind) zu sehen!
Die Tugend und ihre Tochter, die Religion, braucht auch in ihrem Dienste Leute
für den Riss und Feldherrn. Einen Petrus mit dem Schwert, einen Luter mit dem
Tintenfass - solchen Leuten ahnt wenig oder gar nichts; und wenn die Welt voll
Teufel wäre und wollten sie verschlingen, wenn tausend zu ihrer Rechten fallen
und zehntausend zu ihrer Linken, sind sie gefasst; sie gehen auf Löwen und Ottern
und treten auf junge Löwen und Drachen. Sie glauben nicht an Träume und fühlen
kein Ungewitter, wenn es gleich schwer in der Luft liegt. Wer das Ungewitter
vorempfindet, kommt schon in die Klasse dieser frommen Riesen nicht. - Diese
Unbesorgte sind stark genug, allem, was ihnen entgegen will, auf der Stelle
stattlichen Widerstand zu tun und überall das Feld zu behaupten. Den frommen,
guten Seelen aber, welche ein plötzlicher Ueberfall gleich zu Boden reissen
würde, ist eine Warnung vor einem kommenden Unglück notwendig. Die Ahnungen
sind ihnen Wecker zur Fassung, zur Geduld, zur Gottergebung; sie sind
Sturmglöckchen, die sie zum Oelkruge bringen, ihr verlöschendes Lämpchen
aufzufrischen. - Diese Seelen sind fast zu schwächlich für diese Welt, wo so
viel Streit, Jammer und Elend ist. - Ich bin schon in dergleichen Fällen
gewiegt, sagte der Prediger, der selbst die Ahnungsgabe zu besitzen glaubte; ich
konnte mich, fuhr er fort, in diese pünktlich treffende Erzählung Minchens
finden; da sie alles wusste, warum sollte ich länger zurückhalten? Dergleichen
Ahnungsbegabte pflegen sich die Sachen nicht leichter zu machen, und selbst der
Zweifel, der sie, sie mögen noch so weit in der Selbstweissagung, in der Ahnung
gediehen sein, bekämpft, ist ein Kampf, und Kämpfen macht Mühe.
    Kurz, der Prediger las Minen alles und jedes und auch das vor, was ich
meinen Lesern verkürzt habe. - Gott Lob und Dank, sagte Mine, dass ich sterbe!
Bei der Aussage des Kegler, dass sie zum Mord angeführt, und den Worten: dass sie
sich aus einem Mordmesser kein Gewissen gemacht haben würde, sagte sie:
Soll's ja so sein,
Dass Straf' und Pein
Auf Sünden folgen müssen,
Herr, fahr' hier fort,
Nur schone dort!
    Ich muss Ihnen gestehen, lieber Beichtvater, fuhr sie zum Prediger fort, dass
der Vorsatz, mir selbst das Leben zu nehmen, der wieder, wie ich die Gewaffneten
sah und Catarinen hörte, in mir Feuer fasste - dass dieser Vorsatz mir oft, oft
als etwas vorgekommen, das mir meine letzte Stunde erschweren könnte. - Nun sind
diese Stiche hin - ich habe nichts, nichts mehr, was mich drückt, und ich fühle
es: ich werde selig und ruhig sterben und, wie Alexanders Mutter singt, wenn mir
die Gedanken, wie ein Licht, das hin und her wankt, bis ihm die Flamme gebricht,
vergehen, werde ich sanft und still einschlafen - ich werde ausgehen wie ein
Licht. Sagt man nicht: Er ist ausgegangen wie ein Licht?
    Gott, so war ihr Ende auch wirklich! Ihre Ahnung liess sie nicht zu Schanden
werden, pünktlich traf sie ein. - Allein Mine blieb nicht fest bei diesen
beruhigenden Vermutungen. Zuweilen schien es ihr schrecklich - zu sterben; sie
nannte dies Leben einen hellen Tag zwischen zwei dunkeln Nächten. Nur des Leibes
wegen, setzte sie hinzu, nenne ich es so, meines Lebens besserer Teil, mein
eigentliches Leben, geht nicht aus, stirbt nicht. - Wenn diese Anfechtungen
Minen überfielen, wie es der Prediger nannte, kam es Minen vor, dass ihr letztes,
letztes Ende vielleicht schreckhaft werden könnte, vielleicht ein Märtyrertod,
so wie ihr Leben ein Märtyrerleben war.
Herr, fahr' hier fort,
Nur schone dort!
rief sie dann zu Gott empor, und ihr Busen hob die Decke, so schlug ihr das
Herz.
    Geschieht das am grünen Holz, was will am dürren werden? sagte der Prediger
bei dieser Erzählung und bemerkte, dass er Minen auf diese Strophe aus dem Liebe
gebracht, die er in einer Unterredung mit ihr verloren, im eigentlichen
Verstande, fügte er hinzu, verloren; denn sie, das weiss Gott, hatte nur mein
Trostamt nötig. Ich durfte nicht zu ihr sagen: wache auf, die du schläfst, und
stehe auf, um noch so viel in dieser Welt gut zu machen, als du kannst. - - Sie
war die Unschuld selbst.
    Minens Trost bei dem Gedanken, dass ihr Ende nicht sanft sein und dass sie
nicht wie ein Licht ausgehen würde, war, dass auch dies sein Gutes haben könnte.
Das Sterbebette ist weit mehr, als das Grab, die Schule der Weisheit, bemerkte
der Prediger. Man erlangt ein anschauendes Erkenntnis, wenn man den Todten da
sieht. Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch.
    Sie nahm ein feierliches Versprechen vom Prediger, mir ihren Tod auf das
aller-, aller genaueste zu erzählen. Ist er schrecklich, ist er sanft, wie er
war. Alles, alles ihm! Er braucht Lebenslehren; wenn ich sie ihm zurücklasse, so
werden sie ihm, das weiss ich, desto werter sein.
    Eines Morgens - die Sonne ging unbewölkt auf - war Mine schwächer als je.
Alle Fäserchen verloren ihre zusammenziehende Kraft. Mine empfand diese
Schwäche, und dies bewog sie, Gretchen sehr zeitig zu sich bitten zu lassen. Sie
bat sie um Licht, damit sie ihre Briefe zusiegeln könnte. Es war das Tagebuch.
Sie befahl Gretchen Gott und seiner Huld und Gnade und bat, mich tausendmal zu
grüssen - tausendmal, und mir dieses Pack (sie gab es ihr) und noch andere Sachen
zu behändigen. In seine eigenen Hände! sagte sie, und eine Zähre floss sanft ihre
Wangen herab. - Minens Auge und Herz brach zu gleicher Zeit. Grete konnte nie an
diesen Herz-, an diesen Augenbruch denken, ohne bitterlich zu weinen. - Mine
erholte sich indessen mit dem Tage, der sich auch erholte. Was sie nach der Zeit
schrieb, konnte sie nicht mehr versiegeln. Sie nahm die Verabredung mit
Gretchen, diese Postscripte gleich nach ihrem letzten Hauch an sich zu nehmen
und sie mir zu geben.
    Von ihrem Begräbnisse sprach sie wenig oder nichts. Zuweilen äusserte sie den
Wunsch, und auch dies nur beiläufig, unter ihren Verwandten begraben zu werden.
Mitten unter ihnen - da hat man doch gleich Bekannte bei der Auferstehung um
sich herum, sagte sie.
    Ich, das bat sie sehr, und es ward ihr heilig versprochen, sollte bei ihrem
Begräbnis sein. Vielleicht wünschte er mich noch zu sehen. Der Arme! trösten Sie
ihn; ich sterbe dem Herrn, unserm Gott, ich sterbe als Alexanders Freundin. Er
hat mir geschrieben, dass er gern eine Haarlocke von mir hätte. Wenn er nicht vor
dem Haar einer Todten zurückbebt, kann er sie nehmen. Gott sei ihm gnädig!
    Der Tod grub jede Stunde näher, um Minen ans Herz zu kommen. Sie lebte zwar
nach dem dunkeln Morgen noch einige Tage, allein es waren nur noch wenige
Tropfen im Kelch. - Sie klagte wenig über Schmerzen: Was ich dulde, dulde ich
Gott. Kopfweh, Brustschmerz und ein schleichendes Fieber waren die Zerstörer
ihres Lebens.
    An einem sehr schönen Morgen kam der Prediger zu ihr. Gretchen war schon da.
Sie nahm den Prediger und Gretchen bei der Hand. Dank, Dank für alles Gute! Gott
lohne Sie, sprach sie sehr leise - für alles, für alles! - Sie sprach noch
schwächer, stammelte, schwieg, blickte sehr schnell auf, sah Gretchen, sah den
Prediger an, hob ihr Haupt, fiel zurück, schloss ihre Augen und (Gott, mein Ende
sei wie ihr Ende!) starb. - -
                                     * * *
    So war die Ahnung der Seligen erfüllt, dass sie des Morgens sterben würde.
Der Tag, der letzte Tag für Minen unter der Sonne ging schön auf, und blieb wie
er anfing. Gretchen war ausser sich, sie war nicht von der Seligen zu bringen. O,
der letzte Tropfen Todesschweiss, schrie sie, wie er da starr steht! Und der
Prediger: Gott hat abgewaschen die Tränen von ihren Augen; sie ist eingegangen
zu ihres Herrn Freude! - Mir fielen, sagte er, da er mir diesen Sterbenslauf und
den Umstand, dass sie ihr Haupt gehoben, erzählte, die Worte ein:
    Wenn dieses anfäht zu geschehen, so seht auf und hebt eure Häupter auf,
darum, dass sich eure Erlösung naht. Die Predigerin, als ob es ihr jemand gesagt
hätte, empfand, dass ein Todter in ihrem Hause wäre, und ward so unruhig, dass der
gute Prediger Mühe hatte, ihr alles auf eine für sie erträgliche Art
beizubringen. Er und seine Tochter konnten nicht von der Leiche kommen.
    Gretchen nahm, um den letzten Willen der Seligen zu erfüllen, ihre Briefe an
sich, die sie neben ihr fand. Sie küsste sie und bat ihren Vater, sie zu
versiegeln. - Sie lasen beide keine Sylbe.
    Der Prediger schrieb an seinen Bruder in Königsberg, mich zu erfragen und
mich zu allem vorzubereiten. Er bat ihn, Sorge zu tragen, dass ich wohlbehalten
nach L- käme. Wagen, Pferde und Vorlegpferde, alles war von dem
Testamentsvollstrecker besorgt. Den Bruder bat er nur halb, mitzukommen; denn er
wusste nicht, dass ich ihn kannte und dass er in Königsberg mein Beichtvater wäre,
so wie er es in L- von Minen gewesen.
    Ich darf, nach diesem Umstande, es meinen Lesern nicht näher legen, dass
dieser Bruder eben der königliche Rat, der Menschenleser, war, mit einer
offenen, weit offenen Stirn, schwarzem Haar und einem Auge, in dem man ihn zwar
im Kleinen, allein doch ganz sah, und dessen Abendgesellschaften aus einem
Officier, einem Collegen, einem Prediger, einem Professor und mir bestanden.
    Der königliche Rat hat nicht nötig, mich zu erfragen. Er liess mir sagen,
dass er gern den Abend mit mir teilen möchte. Ich kam und fand nicht den
Collegen, den Prediger und Professor, sondern bloss ihn. - Mit einer Klugheit,
die ihres Gleichen nicht hat, bracht' er mich auf meine Liebe, wovon sein Bruder
ihm wiewohl nur gerade so viel, als ihm höchst nötig zu seinem Auftrage war,
entdeckt hatte. Ich wusste, wo ich war. - Deutlich vermutete ich aus einigen
Stellen unseres Gesprächs, dass der königliche Rat von meiner Geschichte
unterrichtet war. Das Vierteljahr, und noch viele Wochen darüber, waren längst
überschritten, ohne dass ich das Tagebuch erhalten. Da ich auf alle meine
Erinnerungen und Briefe keine Sylbe erhielt, schlug die Ahnung wie ein Blitz bei
mir ein, ohne dass ich mir diese Ahnungsgabe je zugeeignet habe, noch jetzt
zueignen darf: »Mine ist - - - hier!« Wo ist sie, teuerster Herr Rat, fragte
ich, wo? Das Feuer, womit ich sprach und womit ich ihm mein Herz völlig
aufschloss, erlaubte diesem feinen, sehr feinen Menschenkenner und eben so grossen
Menschenfreunde nicht, mir alles zu entdecken. Ich erfuhr nur, dass Mine in L-
bei seinem Bruder wäre, dass sie krank gewesen, und dass sie sehr krank gewesen.
Ich würde mit - obgleich mein Bruder mich nur so, als wollt' er mich nicht,
gebeten - sagte der Rat - allein der königliche Dienst -
    Wie mir war, kann ich nicht schreiben, ich hab' es selbst nie aussprechen
können. - Gleich so, wie ich stand und ging, wollt' ich in den Wagen. - Er
versicherte mich, dass ich nicht nötig hätte, mich zu übereilen, und dass es
schon besser mit ihr wäre. Tausendmal wollt' es mir einfallen sie ist todt;
allein es wollte nur, ich liess es nicht dazu. Ich stiess diesen Einfall mit allen
Kräften fort und bäumte mich so dagegen, dass ich auch wirklich nur kurz vor L-
mich davon überzeugte. Wenn ich auf die Gegenstände Acht gehabt, welche mein
Lehrer abhandelte, würd' ich freilich nicht bis kurz vor L- ungewiss geblieben
sein - ich hatte, die Wahrheit zu sagen, nicht das Herz, auf diese Gegenstände
Acht zu haben. Es waren alles Trostgründe unter fremden Namen; unter ihrem
eigenen taugen Trostgründe ohnedem nichts, sie müssen alle incognito kommen. -
Ich hatte nicht das Herz, den Fuhrmann eher als kurz vor L- nach Minen zu
fragen. Hundertmal wollt' ich und hundertmal konnt' ich nicht. Da griff ich
Herz, und der gute Fuhrmann, dem freilich verboten war mit der Tür ins Haus zu
stürzen, sagte mir eben alles, da er mir nichts sagte, oder nichts sagen wollte.
    Gott! mehr konnt' ich nicht. Der Fuhrmann bot mir ein Glas Wasser an, um die
Sache gut zu machen, allein ich hatt' es nicht nötig. - Ist's Betäubung, oder
was ist eine solche Stärke?
    Auf dem Kirchhofe, kurz vor dem Pastorat, ergriffen mich Schauer auf
Schauer, und ich fing an zu zittern und zu zagen.
    Der Pfarrer und seine Tochter kamen mir entgegen. Ich hatte kein Wort, ich
glaub', auch keinen Ausdruck im Vermögen, wenn es mir das Leben gekostet hätte.
Der Pfarrer, der, wie er mich versicherte, selten einen so an Seel' und Leib
gesunden Jüngling gesehen hatte, sah mir alles, alles an. - Gretchen wusste
nicht, was sie denken sollte. Todt! fing ich nach einer schrecklichen, stummen
Scene an, und todt! war alles, was ich konnte. - Der Pfarrer wusste auch nicht,
nachdem er mich sah, womit er anfangen sollte. Alles, worauf er sich vorbereitet
hatte, war nicht anwendbar. Er hatte sich ein anderes Bild, wie er mir nachher
entdeckte, von mir gemacht.
    Todt, alles todt! sagte ich und hielt mir den Kopf mit der rechten Hand. Der
Pfarrer ergriff meine linke. Fassung! sagte er so furchtsam, als wenn er zu
fehlen glaubte, als wenn er selbst nicht wüsste, was er sagen sollte, als wenn er
selbst nicht gefasst wäre. Er war es wirklich nicht, der gute Mann, Gott, der
dieser Zeit Leiden so einrichtet, dass wir's können ertragen, liess mich nicht
lange in dieser schrecklichen, erschrecklichen Lage, in diesem: Mein Gott, mein
Gott, warum hast du mich verlassen?
    Sie liess Sie tausendmal grüssen, sagte Gretchen, und dies Wort wirkte auf
meine Empfindung, die Spannung liess nach. - Mein Auge bezog sich. - O Mine!
sagt' ich mit einem Ton, der Gretchen durch Mark und Bein ging; auch den
Prediger traf er. Sie weinten beide - auch ich fing an zu weinen, allein heftig.
Das Donnerwetter hatte sich noch nicht völlig verzogen; es donnerte und blitzte
während dem heftigen Regen.
    Oft hab' ich darüber gedacht, wie es zugegangen, dass ich nicht sogleich
gerungen, sie zu sehen. - Nun fiel es mir auf einmal ein: Wo ist sie? wo? fing
ich an, und da war sie auch schon in meinen Armen, an meinen Lippen.
    Gott, welche Scene! - - O Mine! Mine! Mine! Mine! Mehr konnt' ich nicht, ich
fiel zurück - eine Seelenohnmacht ergriff mich. - Der gute Prediger und seine
Tochter sagten abwechselnd: Sie ist bei Gott! mehr konnten sie auch nicht. Wir
waren alle drei so lebensmüde und satt, dass wir gern, gern all' zusammen da
gestorben wären: gern, um in Minens Gesellschaft zu sein. Gott, ist sie denn
nicht wert, dass man ihretwegen stirbt? Sie war mir alles, fing ich an und
weinte; Welt, Leben, alles! sagt' ich und weinte bitterlich.
    Geliebten Leser und Leserinnen, habt Mitleiden mit mir; auch jetzt, da ich
dieses schreibe, weint' ich und weine bitterlich.
    Nach einer langen Weile, da ich mit starrem Blick sie angesehen, sprang ich
auf und schrie: Sie lebt! Noch diese Minute weiss ich nicht, wie ich zu diesem:
Sie lebt! kam. - Ich drückte sie fest an mich, und stehe da - - ich fühlt einen
warmen Odem. - Der Prediger kam, Gretchen kam, alles mir nach: Sie lebt! -
Minchen, rief ich, du lebst! du lebst! Steh auf von den Todten! Erwach! erwach!
du schläfst nur! Mine, Weib meiner Seele! sieh auf! sieh nur noch einmal auf!
Nur noch ein Wort, Mine, nur ein einziges! Der Prediger machte Proben mit dem
Odem, wie es schien, und das nicht ohne die Fassung, die eine jede Probe
erfordert. - Sie lebt! schrie er mit einer erprüften Gewissheit, dass ich vor
Freude ausser mir war. Es ging so weit, dass wir lebendiges Blut in ihrem Gesicht
bemerkten und froh und fröhlich waren. Wir haben einen Gott, sagte der Prediger,
der da hilft, und einen Herrn, der vom Tode errettet.
                                     * * *
    Sie lebt nicht! hin ist hin! - Wir haben einen Gott, der da hilft, und einen
Herrn, der vom Tode errettet. Dort lebt sie, dort wird sie leben, dort! Ich
werde sie eher nicht wiederfinden, als unter den Vollendeten Gottes, die zu
seinem Reiche gekommen sind. - Heil denen, die gekommen sind aus grossem Trübsal
und die dort rühmen können, dass der Zeit Leiden nicht wert sind der
Herrlichkeit, die an ihnen offenbar werde.
    O Gott, dieser Lebensstunde, wie viel bin ich ihr nicht schuldig? Dies war
der Engel, der mich stärkte. Es war so, als ob die Selige mir Trost eingehaucht
und einen himmlischen Odem verliehen hätte. Ich fühlte mich kräftig. Bald, bald
werd' ich sein, wo sie ist, bald bei ihr sein!
    Durch das eingebildete Leben ward ich lebendig. Sind wir Menschen nicht
besondere Geschöpfe? Oft tröstet uns, was uns mehr niederschlagen sollte.
    Wir blieben ein paar Stunden bei der Leiche. Der Prediger machte nun wieder
Entgegenproben. - Nachdem wir die Leiche verliessen und der Prediger mich, nach
seinem selbsteigenen Ausdruck, wie umgekehrt fand, nahm er mir ein Versprechen
ab, ihre Hülle, ihr Erdenkleid nicht mehr als noch einmal zu sehen. - Er machte
dies zur Sache Gottes, und ich versprach - und hielt. Gott weiss, wie schwer es
mir ward.
    Ich ass wenig, trank noch weniger. Der Prediger glaubte, dass ich nach so
entsetzlichen, sprachlosen Stunden Ruhe nötig hätte. Gott schenke sie Ihnen!
setzt' er hinzu. - Wir gingen ein jeglicher in sein Kämmerlein, wie über ein
Kleines jeglicher in sein Grab gehen wird am Ende seiner Tage - allein welch
eine Nacht! - Mein Herz schlug ein anderes Kapitel auf. - Die Verklärte hätte
mich ihres Ablebens wegen zuvor mit verklärt; allein jetzt fiel es mir ein: wie
kam Mine nach Preussen? Ich Unglücklicher! so nahe bei ihr. Diese Sandkörner
wurden mir zu Bergen, ich drückte die Augen zu, um diese Vorstellungen zu
erdrücken, allein dies war eben der Weg, noch mehr zu sehen. - Ich sah im
eigentlichen Sinne Gespenster. Anfangs fuhr ich auf und nachher wimmert' ich -
ich wusste von nichts, was ich tat. Im Bette hatt' ich nicht Raum mit allen
diesen Dingen.
    Der redliche Prediger hatte sein Kämmerlein neben mir genommen. Anstatt
schlafen zu gehen, zog er also eigentlich auf die Wache, um, wenn es nötig
wäre, bei der Hand zu sein. - Der Schlaf floh auch ihn, und es war mir
besonders, dass wir alle im Hause nicht eher eine ruhige Schlafstunde hatten, so
müd' und matt wir auch waren, als bis Mine begraben war. Der Prediger meinte,
dass es ein unempfindliches Herz verraten würde, in einem Hause schlafen zu
können, wo ein noch uneingesargter Mensch läge. Er wenigstens hätt' es, wie er
sagte, nie können.
    Man bildet sich ein, dünkt mich, zu sterben, wenn man so nahe bei einem
Todten einschlafen sollte, und fürchtet sich vor dem Schlafe - daher die
Leichenwachen; oder aus einem andern Gesichtspunkte: man sieht sich selbst todt,
wenn ich so sagen soll, bei einem mit Händen zu greifenden Leichnam. Die
Aegyptier würden nicht bei einer Leiche haben essen und trinken können, dafür
steh' ich.
    Wir blieben zusammen. Der Prediger hielt für's dienlichste, mir die ganze
Sache so, wie sie war, darzustellen, und in Wahrheit, das ist das einzige Mittel
zur Beruhigung. Wenn ein Unglücklicher die Grenzen seines Unglücks wissen will,
messt sie ihm gleich ganz und gar zu - keinen Strich weniger, ihr macht ihn sonst
bei jedem neuen Zuge unglücklicher - ihr lasst ihn einen so vielfachen Tod
sterben, als ihr Absätze, Rückhalte und Punkte macht; ich selbst kann zum Belege
in Rücksicht dieser Bemerkung dienen. Was der lebendige Odem Minens gestern
Abends war, das war die Geschichte des Predigers heute Morgens. - Gretchen kam,
hörte was vorging, und holte mir das Depositum. Da hatt' ich nun Minens Geist in
allen Händen. Ewig wert sind mir diese Papiere; wenn ich sterbe, sollen sie
mein Kopfkissen im Sarge sein. - Das, so der Prediger besiegelt hatte, war das
erste, welches ich las. Aus dem versiegelten Pack wissen meine Leser schon, was
mir schien, als könnt' es ihnen wissenswürdig sein. Vielleicht ist ihnen vieles
nicht also? Verzeihung in diesem Fall geneigter Leser. Ich hab' es oft, nie aber
so sehr als hier gefühlt, wie schwer es sei, mit ich anzufangen. Pilatus und
Herr v. E. sagen: Was ich geschrieben habe, das hab' ich geschrieben. Schade,
sonst würd' ich's auch auf mich anwenden.
                            Minchens letzte Schrift
                              aus Gretens Händen.
    Das letzte, was ich in dieser Welt schreibe, sei dein. Gott, der Herr, der
Herr! sei mit dir! Wenn ich sagen würde, ich ging' ohne Wunsch aus der Welt,
noch länger hier zu sein, würd' ich einen falschen Eid vor Gottes Gericht zu
verantworten haben. Eng ist die Pforte, durch die ich mich dränge - allein wenn
ich durchgebrochen - ich fühl's, was für Erquickung mir entgegenwehen wird.
Meine Seele sehnt sich nach Ruhe, nach dem Sabbat! - Der Gerechten Seelen sind
in Gottes Hand und keine Qual rührt sie an. Ich liebe dich, ich liebe dich!
Gern' hätt' ich dich noch in der Welt gesehen und gesprochen - geküsst - jetzt
nicht mehr, so gern ich dich sonst geküsst habe. - Deine Hand hättest du mir aber
reichen müssen. Ich war immer stark an ihr - und nun hätt' ich die Stärke aus
ihr herausgenommen. - Ich sterbe darum getrost, weil ich unserer Liebe wegen
Gott geopfert werde und ihm und seinem Gebot sterbe. Ich sterb' einen
Märtyrertod und fühl' es, wie weit leichter es sein muss, so und nicht anders zu
sterben. Zwischen Tod und Tod muss ein grosser Unterschied sein, das kann ich
besser wissen, wie du. - Wir werden uns wieder sehen, Lieber! Lieber! Lieber!
Mit diesen Augen werd' ich dich sehen, mit diesem Herzen dich lieben, mit diesem
Herzen - wie schwach ist's, sehr schwach! Ich will die letzte Kraft abwarten,
das letzte Aufflackern meiner Seele. - Ich habe meinen Geist in die Hände Gottes
befohlen; so lange ich mich noch ganz besass. Jetzt sterb' ich allmählig! Bald
vollbracht! Ihm, dem Vater aller Barmherzigkeit und alles Trostes, sei Lob und
Preis für alles, für alles! Er schlägt und heilt, er verwundet und lässt genesen.
Oft dacht' ich, er hätte sich von mir gewendet; ich rief und er antwortete
nicht, allein er erlöste mich gewaltiglich aus aller Not. Bald vollbracht,
bald! Ich dachte schon nicht mehr in dieser Welt zu schreiben, denn es überfiel
mich sehr plötzlich, allein ich habe noch viel zu schreiben; würde mich der Tod
übereilt haben, hätt' ich's mündlich zurücklassen müssen. Wie oft ich gewünscht
und mich gesehnt habe dich noch zu sehen, weiss Gott, der Herr! Der Arzt
widerriet es, und der liebe Prediger auch. Gottes heiliger Wille ist geschehen.
Ich hatte mich schon ziemlich erholt - nicht zum Leben - nein, dich zu sehen,
und diese Hoffnung, eben diese, diese Hoffnung frischte mich zusehends auf. -
Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken, seine Wege sind nicht unsere. Bald
hätt' ich dir wieder erzählt, was du schon weisst - mein Kopf ist schwach, sehr
schwach. - Dass es keine Sünde ist, dich zu lieben, kann ich am besten jetzt
entscheiden - jetzt, wo über das ganze Leben entschieden wird. Es entgeht mir
nicht das mindeste von allem, allem! allem! was ich von Jugend an gedacht und
getan - über alles hält das Gewissen Gericht! - Verzeihe mir, Herr, alle meine
Fehler, dein harret meine Seele, meine müde Seele! Du allein, Herr, schenkst den
Beladenen Ruhe, Seelenruhe. Dein Joch ist sanft, deine Last ist leicht, schon
hier sanft und leicht, allein noch mehr sanft und leicht, wenn man auf die
Zukunft sieht. Vor Gott ist kein Lebendiger gerecht; allein glaub' mir, mein
Lieber, ich bin ruhig - und ich bin der festen, festen Zuversicht, dass, der hier
in mir angefangen hat das gute Werk, es bestätigen und vollführen werde bis an
den letzten Gerichtstag. Ich liebe dich, mein Lieber, Gott weiss es; er weiss auch
wie. Es ist eine andere Liebe, wie in - - auf dem Kirchhofe, mit der ich dich
jetzt sterbend liebe. Ueber all' unsere Liebe hat mich das Gewissen gleich
losgesprochen, gleich ohne Umstände. - Das kann ich dir zum Trost schreiben. O
Gott, wär' doch dies zureichend, dich zu trösten! Wenn ich wüsst' und glauben
könnte, dass es dir zum grössern Trost gereicht, wenn du mich gesehen und mich
gesprochen, was würd' ich mir für Vorwürfe machen! Wahrlich, dann hätt' ich mich
sehr an dir versündigt. - Ich glaube nicht, dass es dir tröstlicher gewesen wäre
- ich glaub' es nicht - und dieser Gedanke beruhigt mich.
    Ich will, ich werd' an dich denken, mein Geliebter, auch in meinem Letzten,
Allerletzten! - Verlass dich drauf und sei nicht unruhig, dass du mich und ich
dich nicht noch gesehen. - Wir werden uns doch kennen, wie ich hoffe, dass Leib
und Seele, wenn sie gleich lange durch den Tod und Grab getrennt worden, sich
gleich wieder kennen werden. Das wird eine Freude sein! All' diese Freuden
stehen mir vor und auch dir. O, selig sind die Todten, die im Herrn sterben! -
Deinen Namen, mein Geliebter, will ich tausendmal aussprechen und dir die kalte
Hand zureichen, wenn du auch nicht da bist. Deinen Namen will ich mir auch beim
Scheiden vorstammeln, so dass ich noch mit der letzten Sylbe bis in den Himmel,
bis in die andere Welt lange. Ich werd', ich kann ihn nicht vergessen, auch wenn
ich deinen himmlischen Namen erfahre, will ich deinen irdischen nicht vergessen!
Ich habe dich sehr, sehr geliebt! mehr als du gedacht, mehr als ich dir gesagt
habe und sagen konnte. Meine Mutter will ich dort von dir grüssen und ihr sagen,
welch ein guter, edler Junge du gewesen bist bis in meinen Tod. - Gott sei mit
seiner Gnade, mit seinem Segen über dir, hier zeitlich und dort ewiglich. Das
fühl' ich im Sterben, im Sterben! bei der letzten Probe von dem, was gut ist und
was es nicht ist. Das fühl' ich, dass eine Liebe, wie die unsrige, eine
himmlische Liebe sei. Sie war nicht für diese Welt, sie war nicht von dieser
Welt. - Ich empfehle dich Gott und seiner Gnade, der walte über dich. - Wieder
schwach - ich lege die Feder noch nicht weg - ich hoffe Stärke. Nein - schwach
noch immer, sehr, sehr schwach!
                                     * * *
    Noch schwach, allein so sehr nicht, wie gestern. - Gegen Abend bin ich immer
matter, so geht's allen Kranken. Der Prediger sagt, dass die meisten mit dem Tage
sterben, sie gehen des Abends zur Ruhe. Mir ahnet, dass ich des Morgens sterben
und zu meiner Ruhe eingehen werde. - Wie Gott es beschlossen hat. Nicht was ich
will, sondern was Gott will. Die Stunde des Todes ist Gottes Sache - ihm sei
alles anheimgestellt! Lass mich nur selig sterben! Gott, meine Zuversicht, lass
mich vor dir Barmherzigkeit finden, im Tode! So wie das Leben ist, so ist das
Sterben - bald schwach, bald etwas besser. Ganz gut ist's doch nicht hier,
sondern dort. Der liebe Pastor, seine Frau und Gretchen sind gute Seelen. O
lieber Gott, wie wird's in deinem Himmel sein, wo dir alles nachmacht und so gut
sein will, wie du's bist! Da kommt Gretchen mit ihrer Mutter - ich soll zu Bette
gehen. - Gott sei mit dir! - Ich denk' immer, wenn ich zu Bette gehe: wie wird's
sein, wenn ich begraben werde? wie? Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und
keine Qual rührt sie an - das tröstet mich. Dieser Trost bleibt auch im Tod
unüberwunden. Ich lebe dem Herrn, ich sterbe dem Herrn, im Leben und Sterben bin
ich des Herrn!
                                     * * *
    Ich habe lange mit mir gestritten, ob ich dir das letzte Stück von meinem
Tagebuch, das mit einem grossen Kreuze bezeichnet ist, zurücklassen, oder ob
ich's mit ins Grab nehmen sollte? Du weisst's, dass ich dir bis an das grosse Kreuz
keine Klage über meinen Vater geführt habe, ich wollt's auch jetzo nicht. - Ich
stritt lange mit mir, endlich und endlich hielt ich mich verbunden, dir, für den
ich kein Geheimnis gehabt und haben kann, Rechenschaft von meinem Tode zu geben.
Im Himmel hätt' ich dir ohnedem so was nicht erzählen können, und niemand weiss
es, was ich weiss und was dir dieses Tagebuch sagen kann, ausser Benjamin, und den
hoff' ich auch dort zu finden. - Lies und fluche meinem Vater nicht, ich hab'
ihm nächst Gott mein Leben zu danken. Würd' ich nicht in dieser Prüfung gelebt
haben, könnt' ich nicht Gottes Angesicht sehen und ewig genesen. Dort ist mein
unbeflecktes Erbe mir aufbehalten im Himmel! Fluch ihm nicht, meinem Vater.
Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen. Grausamkeit ist
meine Beförderung zur ewigen Ruhe. Mein Leib stirbt je länger, je mehr, und der
Geist, sein Freund, nimmt oft mehr hieran Teil, als ich's gern sehe. Doch
gibt's Stunden, wo ich fühle, dass meine Seele unsterblich sei, wo ich nicht sehe
auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare; denn was sichtbar ist, ist
zeitlich, was aber unsichtbar ist (o Gott, hilf mir!), ist ewig, ist ewig! Es
ist meiner Seele oft so, als wenn man den Kirchturm von dem Orte sieht, wo man
hin will. Man denkt, man sei schon da. Ich habe heute mit meinem lieben Pastor
wegen des Tagebuchs mit dem Zeichen des Kreuzes noch einmal gesprochen. Er nimmt
es auf sich, dich zu allem vorzubereiten. - Fluche meinem Vater nicht, fluch'
ihm nicht!
    Darf ich hier eine Einschaltung machen? Dies Kreuztagebuch lag im grossen
Pack. Nach einem grossen Kreuze fängt es an:
    Ob du je dies Blatt und die Folge dieser Geschichte lesen wirst, weiss Gott,
der alles weiss. Ich zittere, dass meine Ahnungen so haarklein eingetroffen sind.
Wenn noch eine andere eintrifft, sehen wir uns nicht eher, als in der ewigen
Freud' und Seligkeit. Wärst du nicht, lieber Junge, in dieser kummervollen Welt,
wie gern, wie herzlich gern! - Im Leben und im Sterben bin ich dein, und ewig
dein! dein! dein!
                                     * * *
    Wieder Minchens Schrift aus Gretchens Händen:
    Ein Testament, lieber Junge, ist mir von jeher was Feierliches, eine
Herzenslust, eine Seelenwonne gewesen. Schon längst hab' ich darauf gedacht, dir
eins zurückzulassen. Wo ich nur dazu kommen konnte, las ich Testamente, und wie
sehr freut' ich mich, wenn ich eins gelesen hatte, dass die Leute oft in ganz
gesunden Tagen bedenken, dass ihr Leben ein Ziel hat und dass sie davon müssen.
Heute will ich mein Testament machen. Ein Testament in meinem neunzehnten Jahre!
- So winkt Gott manchem am trüben Abend seines Lebens, manchem am heitern
Morgen. - Komm, Herr, ich bin bereit!
                                Im Namen Gottes.
    In deine Hände befehl' ich meinen Geist, treuer Gott und Herr! Wenn mein
Haupt sich neigt, wenn mich nichts mehr erwärmt, wenn die Hände saftlos
dahinsinken und der Puls, statt zu schlagen, zittert, als ob er selbst vor dem
Tod erschrecke, sei nicht fern von mir, Gott, meine Hülfe! Sei mir nicht
schrecklich, mein Gott, in meiner letzten Not! Ich harre dein. Längst hab' ich
den Tod kennen gelernt, denn ich bin schon viel und oft gestorben, wenn ich aber
zum letztenmal sterbe, o Gott, hilf mir! Wenn ich heimfahre aus diesem Elend,
sei mein Herr und mein Gott. Amen! Amen!
    Dich, herzlich Geliebter, bekenn' ich sterbend als den meinigen! - Ich
beschwöre dich, dass du über meinen Tod nicht trauerst, wie die, so nicht glauben
eine Zusammenkunft der Auserwählten zu Gottes Rechten, und dann Freud' und Wonne
in Ewigkeit vor dem Angesicht des Herrn aller Welt! - Ich setze dich zum Erben
ein alles dessen, was ich habe. Es sind Sachen, die du in deinen Händen gehabt;
eben hierdurch hast du sie für mich geweiht. Nach unserer Trennung hab' ich auf
nichts neues gedacht. Mache mit diesen Sachen, was dich gut dünkt. Ein Stück gib
meinem Vater zum Andenken, wenn er's will; ich glaub', er wird wollen, und ein
Stück behalte deiner Mine zum Andenken. Wenn eine Träne auf dies, dein
Lieblingsgewand hinfällt (Gott lass sie sanft wie Tau fallen!), hast du genug
Leid getragen um deinen Todten - und hiermit nehm' ich von dir, als meinem Mann,
Abschied. - Ich danke dir für deine eheliche Treue, du hast mich herzlich
geliebt. - Habe Dank, mein Seelenmann, für alles Gute, das du an mir getan; für
deinen treuen Unterricht, für dein Beispiel, für alle, alle Proben deiner Liebe!
- Gott lohne dir für alles zeitlich, geistlich und ewig! Meine Sinne sind
ausgetrocknet. Fast hab' ich keine Tränen mehr, um diese Wünsche zu begleiten.
- Da quillt eine empor! sie sei dir zum Segen geweint, Amen! Nun meine
feierlichste Bitte, mein Beschwur. - Ich bitte dich vor Gott und nach Gott, ich
beschwöre dich bei allem, was heilig ist im Himmel und auf Erden, und nach
diesem hohen Schwur - bei meinem letzten, letzten Seufzer, bei meinem letzten
Todesstoss, bei meinem letzten warmen Hauch - dich zu seiner Zeit ehelich zu
verbinden! Gott segne dein Weib und die Kinder, die sie dir schenken wird! Wir
sind geschieden, Gott hat uns verbunden und geschieden, der Tod bringt uns den
Scheidebrief. Von diesem Augenblick an, da ich dieses schreibe, bist du nicht
mehr mein Mann. Das letztemal nenn' ich dich meinen Mann, o Gott, das letztemal!
- Und von diesem Letztenmal bist du nicht der meinige, sondern der Mann deines
künftigen Weibes. Wenn dir ein Sohn stirbt, schreckliche Ahnung! sei er mein in
der andern Welt - ich will mich mit ihm verbinden, wie sich Engel Gottes
verbinden, und deine himmlische Schwiegertochter werden. Da kommen dir dann und
deinem künftigen Weibe entgegen ich, meine Mutter, dein Sohn - und lehren dich
in der Stadt Gottes die Häuser kennen. Halleluja! Halleluja! Amen!
    Ich bat Gott um einen Engel mit Stärkung aus seiner Höhe; er sandte mir
seinen Knecht auf Erden, die auch des Herrn ist. Er liess mich essen aus seiner
Hand und trinken aus seinem Becher. Es ist bei weitem nicht dein Vater, allein
er ist auch ein treuer Diener seines Herrn, nach der Gabe, die er empfangen hat.
Seine Tochter Gretchen drückte mir den Kopf zusammen, wenn er auseinander fallen
wollte, eh' es Zeit war - und seine Frau, man sagt, sie sei schwermütig, allein
ich sage, sie ist entzückt, sie hört und sagt Worte, die übermenschlich sind. -
Sie war mir als eine Gereisete, die zu erzählen wusste, wie's dort zugeht. - Der
Mann sanft, wie Johannes, den der Herr lieb hatte - sie eine Hanna.
    Er hat mich getröstet, da nichts mehr Mark und Bein erquickte, da kein Trunk
mich labte, und das Wasser selbst, wie's der liebe Gott gibt, mir schal
schmeckte - ich durstete nach dem Wasser des Lebens. Bald, bald! - Zehn- und
mehrmal war mir der Puls abgelaufen, sein Trost zog ihn, so dass ich's recht
merken konnte, auf - freilich nur auf wenige Stunden; allein glaub mir, je näher
am Tode, desto köstlicher die Zeit. Wenn du dich diesem Priesterhause verbinden
kannst, tu' es. - Es sind all' zusammen gute, genügsame Leute, die nicht aufs
Sichtbare sehen, sondern auf die Erscheinung des Herrn warten.
    Schon oft hab' ich gebeten, und ich wiederhol' es noch einmal in diesem
meinem letzten Willen, meinem Vater nichts zuzurechnen. Vergib ihm, o Lieber,
vergib ihm! so wie du willst, dass mir und dir Gott vergebe. Kannst du ihm
helfen, hilf ihm. Meine Flucht kann ihn vielleicht in noch schlechtere
Verfassung bringen, als er schon war, da er die Schule aufgegeben hatte. -
Vergib ihm und dem v. E. - - so wie ich beiden vergebe. - O es ist eine schöne
Sache, zu vergeben. Vergib ihnen alle Leiden, die sie mir gemacht und auch dir.
- Du kannst in deiner eigenen Sache nicht Richter sein. Mein Leiden und Tod
trifft dich zu nahe; vergib allen alles - den Essig und Galle am Kreuze - sie
wissen nicht, was sie tun! Oft denk' ich an den Tod des grössten Todten, der uns
ein Vorbild liess, nachzufolgen seinen Fussstapfen, und dann bin ich froh über die
Kriegsknechte, welche die Widdem besetzten, und über so manchen Pilatus, der nur
den Leib tödten kann und die Seele nicht, worunter ich aber den ehrlichen
Natanael nicht rechne; denn wahrlich, er tat mehr, als sich die Hände waschen.
- Sag ihm, wenn du ihn in dieser Welt sprichst, dass ich ihm von Herzen vergeben
habe. Seit der Zeit, da er mich schreckte, war es vollbracht, alles vollbracht!
Wenn mein Bruder lebt, gib ihm den Brief, den ich deinem grossen, von mir
versiegelten Pack beigelegt. Meinem Vater gib auch den seinigen. Kannst du
meinen Verwandten in Mitau förderlich und dienstlich sein, sei es. - Gott wird
dich lohnen; er segne dich mit reichlichem Segen, mit mehr als einem Segen.
Amen! Ueber ein Kleines werden wir uns nicht sehen, und über ein Kleines werden
wir uns sehen; ich gehe zum Vater. Diese Worte hat mir der liebe Pastor in L. so
eindrücklich gemacht, dass sie mich stärken für und für. Grüsse deinen Vater und
Mutter - ich küsse beiden die Hände. Gott lass es ihnen wohl gehen, ewig, ewig
wohl! - Ich bin matt, sehr matt! - Wenn mein Bruder mir im Himmel zuvorgekommen
ist, denk an das Grab meiner Mutter, damit es nicht verfalle, sondern ein Grab
bleibe; denk an alle heiligen Orte, von denen ich meinem Bruder geschrieben
habe. Ich bin - -, nahe am Kirchhofe, in die Welt gekommen, in L. nah' am
Kirchhofe geh' ich aus der Welt. Ich verbiete dir nicht, an mich zu denken,
allein tu es nie, wenn du allein bist, sondern im Beisein der Deinigen, damit
du stark bleibest. Amen!
    Dies ist mein letzter Wille, den du in allen Stücken und besonders wegen
meiner feierlichsten Bitte vor Gott und nach Gott erfüllen musst, so wahr dir
mein Andenken lieb ist. Nun zum letztenmal Amen! Angefangen früh Morgens,
geendigt um sieben Abends den - - 17 -.
                                     * * *
    Nach diesem Testament, das sie den Tag vor ihrem Tode gemacht hatte, schrieb
sie nur noch folgende Zeilen:
    Sei gut - ich kann nicht mehr. - Nach diesem Elend ist uns bereitet ein
Leben in Ewigkeit, - Heilig, heilig, heilig, ist Gott, der Herr! - Hinauf!
hinauf! ich kann nicht mehr! - aber denken, beten, segnen noch - noch - noch! -
Lebe wohl, wohl! wohl!
    Noch sehr unleserlich und immer in die Höhe standen die Worte: Ich bin
bereit - komm, Herr! - Schmerz - Angst, keine - im Himmel - Lieber.
    Wie sehr mich diese Zugabe gerührt hat, ist unaussprechlich - alles
himmelan! Sie ist entgangen! Gott helfe auch mir und allen, die seine
Erscheinung lieb haben, kämpfen den guten Kampf des Glaubens und den Lebenslauf
vollenden. Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!
                                     * * *
Den Brief an ihren Vater, dessen sie erwähnt:
        Mein Vater!
    Wenn Sie diesen Brief lesen, hat Ihre Tochter alles geendigt, alles! - Sie
hat ausgerungen, ausgekämpft - überwunden. Ihr ist wohl, ewig wohl! Sie ist bei
ihrer Mutter in der ewigen Freude und Seligkeit, verklärt und herrlich!
Halleluja! - Ich mache dem Herrn v. E. keine Vorwürfe, und habe meinen Geliebten
gebeten, auch keine zu machen, sondern ihm alles zu verzeihen, so wie ich alles
dem Herrn v. E. verziehen habe und jetzt mit sterbender Hand verzeihe. Wenn ihn
mein Tod auf den Gedanken bringt, dass die verfolgte, unterdrückte Tugend den
grossen Vorzug habe, sterben zu können (wahrlich, ein grosser Vorzug!), so wird er
einsehen, dass sie über alle Gewalt erhaben sei, und sie eben darum vielleicht
hochschätzen lernen. Möchte er es doch!
    Ihnen, mein Vater, wünsche ich Gottes Gnade und Segen. Es gehe Ihnen wohl,
sehr wohl! Unser Leben ist kurz; Sie sind älter als ich. - Was ist doch die
ganze, ganze Welt, wenn's zum Sterben geht? - Sollte es Ihnen in dieser Welt
noch fehlen, sehen Sie meinen Geliebten als Ihren Freund an, der Sie nicht
verlassen, noch versäumen wird. Ich empfehle mich Ihrem Andenken. Meine Mutter
werde ich von Ihnen grüssen, und wie froh werde ich sein, Sie, mein Vater, einst
dort wieder zu finden und meiner Mutter diese feste Hoffnung zu geben. Es wird
ihr, das weiss ich, eine grosse Freude sein. Leben Sie wohl, leben Sie wohl! - -
ewig wohl!
    Der Brief an ihren Bruder Benjamin ist eine Wiederholung ihres von ihm
genommenen Abschieds, da sie in - - sich schieden, und der Uebergabe und
Einweisung in Rücksicht aller heiligen Orte, unter denen das Grab ihrer Mutter
das vornehmste war. Sodann die Eröffnung, dass sie mich auf seinen Todesfall in
dieser Aufsicht substituirt hätte; und auch im Leben, schreibt sie, wird er dich
unterstützen. Er liest diesen Brief, den ich ihm offen lasse.
    Ich lernte die Predigerin den Tag nach meiner Ankunft kennen; ihn, glaube
ich, kennen meine Leser ohne meine Nachhülfe. Er war ein ehrlicher Mann und
wollte nichts mehr, allein auch nicht weniger, als ein Prediger sein. Seine
Stelle war nicht die vorzüglichste, indessen warf sie so viel ab, dass er leben
konnte. Mehr, sagte er, bedarf ich nicht. Er hatte zwei Söhne, welche der
königliche Rat als die seinigen in Königsberg erzog. Gretchens Brüder gingen in
eine der besten Schulen, sie sollten beide Geistliche werden. Unser Prediger war
kein Kipper und Wipper. Er verfälschte und beschnitt nichts, sondern liess alles,
wie es war, unumgeschmolzen beim alten Schrot und Korn. - Die Bibel, sagte er,
ist an sich schon eine lautere und vernünftige Milch. Wer die Bibel anders, als
aus der Bibel erklärt, ist ein Mietling. - Schon seit fünf Jahren hat er an
einem Werke über die Sünde wider den heiligen Geist gearbeitet, woran er mich
nach Minens Begräbnis nähern Teil nehmen liess. Er wollte seinem Bruder eine
unvermutete Freude machen und ihm diese Schrift zueignen. So weit ich den
Bruder kenne, konnte ihm mit einer Zuschrift über ein Werk von der Sünde wider
den heiligen Geist nicht sonderlich gedient sein.
    Seine Frau? Bei ihrer Einbildungskraft war der Zaun gebrochen, sagte der
Prediger, und traf sie vollständig. Sie hatte viel Gutes, viel Herzliches an
sich. Sie sah jeden starr an und kam dem, mit welchem sie sprach, ungewöhnlich
nahe; sie griff ihn mit ihren grossen, etwas verwilderten Augen. Es liess die
Prophetin gleich beim erstenmale so viel Zutrauen gegen mich aus ihren Augen
schiessen, dass sich der Prediger und alle, die sie kannten, darüber wunderten.
Sie blieb sich die ganze Zeit über gleich, ohne tiefer in ihre Lindenkrankheit
zu fallen, die sie indessen nie ganz verliess. Sie hatte eine schleichende
Lindenkrankheit, sagte Gretchen, wie man dergleichen Fieber hat, das auch
zuweilen in Heftigkeit ausbricht und nicht immer schleicht.
    Gretchen, ein rein und unschuldiges Mädchen, das aus Liebe zu Minen mit dem
Deputatus nicht essen wollte. Sie hatte Verstand, allein ihr Verstand lag in
ihrem Herzen, oder wenigstens nicht weit davon. Alles, was Gretchen sagte und
tat, sagte und tat sie von ganzem Herzen.
    Ich habe mit Fleiss meine Leser und mich von Minchens Leiche abgezogen;
allein konnte ich sie lassen? Wenn meine Leser scheel über diesen Abzug gesehen,
dann, dann erst könnte ich von Glück sagen!
    Mine hatte sich mit Gretchen am meisten unterhalten und Gedanken mit ihr
gewechselt. Gretchen nahm Stunden bei Minen. Ich weiss nicht, ob ich meinen
Lesern einen Gefallen erweise, wenn ich ihnen etwas aus einem Aufsatz ausziehe,
den Gretchen, wie sie sagte, Minen nachgeschrieben. Nur etwas:
    »Ich habe mich sehr mit mir selbst gestritten, ob ich das Leben verliere;
allein in Wahrheit, ich verliere nichts, nichts, wenn ich auch einen Strich
zwischen dieser und jener Welt ziehe. Denn hatte ich dies Leben? Höchstens hätte
ich es haben können. Hatte ich Alexandern, den Pastor? war ich Frau Alexander,
die Pastorin? Ich habe nur Hoffnung, nicht Leben eingebüsst - und (wenn ich den
Strich wieder lösche) diese Hoffnung mit jener Hoffnung abgewogen: Sterben ist
mein Gewinn und schadet mir nicht.«
    Wie wahr in jedem Munde, und wie rührend wahr in einem sterbenden! - Wer
neunzig Jahre gelebt hat, ist im siebenten gestorben und hat sich hin- und
zurückgelebt. Wer sich nicht mit Leben überhäuft und zu viel auf einmal gelebt
hat, ist im sechzigsten Jahr stark, wie ein Jüngling, und kann selbst noch Vater
werden, wie es oft geschehen ist. Im siebenzigsten Jahre ist man Kind, oder
fängt es an zu werden. Niemand sagt daher sein Alter gern, wenn er in diese
Jahre kommt, auch wenn er, in keiner einzigen Rücksicht, Nachteile davon für
sich absieht. Der Mensch will durchaus und durchall nicht gern ein Kind sein.
Alles, was um ihn lebt und schwebt, kommt so schnell zur Reise, nur er allein
ist der Spätling; er ist ohne Ende und Ziel auf Tertia, dann rückt er freilich
schnell fort, allein bald sind die Classen aus. Wer zwanzig Jahre gelebt hat,
ist hundert alt worden; das künftige Jahrhundert, sagt man. Tor! wie viel sind
nicht schon gewesen, was brachte das neue Neues, recht Neues vom Gott deiner
Seele und der andern Welt?
    »Es muss doch bei den Menschen grössere Uebel geben, als der Tod, weil sich
viele den Tod wünschen, um diesem und jenem Uebel zu entkommen. Die Menschen
wünschen selbst ihren Lieblingen den Tod, und freuen sich, dass sie durch ihn oft
einer kleinen Schmach und Schande entkommen: Gottlob, dass er, dass sie todt ist
und dass er und dass sie nicht dieses, nicht jenes erlebt haben! Ist wohl eine
Frage, was Alexander lieber gewünscht hätte, mich todt oder mich in buhlerischen
Armen? Wie der Arbeiter am schwülen Tag sich sehnt nach Schatten und ein
Taglöhner, dass seine Arbeit aus sei (Hiob das siebente Kapitel, der zweite und
dritte Vers), so habe ich mich auch gesehnt Tag und Nacht, um zu kommen aus
grossem Trübsal. In dieser Rücksicht, in dieser Aussicht, wie gut ist der Tod -
und was ist er? Ein Weg über Feld.« - - - Dies Leben ist wahrlich ein
Jammertal. - Vielleicht wickelt sich diese Welt noch anders aus, wenn sie älter
wird. Vielleicht kommt noch Gottes Reich in diesem Leben! Vielleicht dass die
Menschen durch so viel Torheit kommen werden zur Wahrheit, durch so viel
Abweichungen zum Gesetz des Herrn. Ein Mensch beherrscht den andern. Schrecklich
-
    »Der Haupttitel, den man der Seele beilegt, ist arm; alle Welt spricht, die
arme Seele! und woher? Ist sie nicht reicher als der Leib? Der Leib ist, ohne
sie, eine Handvoll Staub, und sie ist, ohne Leib, eben das, was sie mit ihm
ist.«
    Arme Seele! warum arm? Weil man nicht weiss, wo sie ist? wie sie ist? Doch
dieses steht mit der Armut in keinem Verhältnis; genug, dass sie ist. - Sie ist
ungefähr das im Körper, was Gott, der Herr, im All ist - ungefähr - sie ist
Gottes Bild. Sie ist in allem, und durch alles und mit allem, und in ihr leben,
weben und sind wir. Vorzüglich nennen wir sie arm, wenn der Mensch stirbt und
die Seele den Leib verloren hat. Leute, die sich einmal an Körpern die Augen
verdorben, halten sie für arm, für bettelarm, wie man in der Welt aus dem Kleide
Armut und Reichtum beurteilt. Man gibt der Seele ein Körperchen mit, damit
sie nur nicht ganz und gar nackt und bloss erscheine. Dann ist sie doch, denkt
man, wenigstens im Hemde; allein warum diese Umstände? Bleibt die Seele nicht in
Gottes Welt, in Gottes Hand, wo nichts arm ist, als was sich dafür hält?
    »Gott, der Herr, arbeitet ins Grosse und ins Kleine. In ihm lebt, webt und
ist alles! Wer nicht in seinem Leben einen Zusammenhang findet, auch selbst,
wenn er es nicht dazu anlegt, hat nicht an Gott und nicht an sich gedacht. - -
Wir können nicht den Vorhang vor der Zukunft zerreissen. Bei unserm Tode zerreisst
er, wie beim Tode Christi der Vorhang vor dem Allerheiligsten. Wahrlich, die
Zukunft ist das Allerheiligste! Wer kann das Triebwerk der Schöpfung leiten? Auf
Gott aber können wir uns verlassen.«
    Eine selige Empfindung! - Der Meister drückt seinem Werke seinen Namen ein,
nicht ohne Schamröte, wenn er ein ehrlicher Kerl ist, und wenn er auf die
kleineren Gelegenheiten zurückdenkt, die ihn zu dem Meisterstücke brachten.
Darum, und nicht aus Affektation, sollten grosse Künstler auch ihren Namen nur so
hin - werfen und Gott die Ehre geben, ihrem Obermeister ihre Arbeit weihen und
zueignen. Wer gab ihnen Handwerkzeug und Materie? wer Zeit, Ort und Umstände?
Selbst das Formale gehört dem Obermeister. Ist es denn Wunder, wenn das Werk so
sehr über den Stand des Künstlers ist, dass es länger lebt, wie er, und dass jeder
eher darnach greift, als nach ihm? Des Künstlers Verdienst in dieser Welt ist
ein Kunstgriff, ein Griff nach gutem Stoff zu seiner Arbeit, nach einem guten
Reissbrett in der Werkstube Gottes, nach guten Zeichnungen, die ihm die Natur
darreicht. - - Doch, wo gerate ich hin? Ich sollte mich begnügen zu sagen:
Gesegnet ist der Mann, der sich auf den Herrn verlässt!
    Eben habe ich einem Freunde im Ganzen Minchens Gedanken, in Gretchens
Abschrift, vorgelesen. Seine Aufforderung, diesen Aufsatz entweder ganz oder gar
nicht mitzuteilen, hemmt Text und Noten. Es ist ein besonderer Gedankengang in
diesem Aufsatz. Die Stellen, die ich herausnahm, sind nicht genommen, weil sie
charakteristisch waren, sondern weil sie eben meinen Empfindungen, da ich dieses
schrieb, accompagnirten.
    Zur Beilage A. habe ich meinen Lesern diejenigen Stücke bestimmt, die mein
Engel in einer ziemlich angewachsenen Sammlung gezeichnet hatte. Diese Sammlung
war entstanden, wie alle Sammlungen entstehen sollten, ohne dass man zu sammeln
dachte. Je nachdem Minen dieses oder jenes Stück gefiel, schrieb ich es ihr auf
- ihr. - Viele Stücke sind aus der lettischen Garbe meines Vaters, die aus
lauter curischen zärtlichen Liedlein besteht, die ich halb und halb öffentlich
mitzuteilen verheissen habe. Viele sind Uebersetzungen aus andern nordischen
Zungen und Sprachen. Mein Vater, der gewiss Naturkenner war, pflegte zu sagen,
dass die meisten dieser Stücke (er hat sie alle gelesen) erneuert und geheiliget
wären. Zwar gab er sich viele Mühe, alles roh, unerneuert und ungeheiliget zu
haben, allein dahin war es nicht zu bringen. Manche Stücke sind offenbar Kinder
neuerer Zeit; alles und jedes aber ist Uebersetzung. Mein Vater (dies trifft die
Stücke aus der Garbe) war, wie wir alle wissen, vor dem Brande nicht
musikalisch. Die Uebersetzung seiner bäurisch zärtlichen Liederchen ist, wie ich
schon im ersten Teil angemerkt, nach meines Vaters Manier. Eine freie
Uebersetzung, pflegte er zu sagen, ist nicht hin, nicht her, ist Wein und
Wasser, wo oft das Wasser die Kraft des Weins ersäuft; und doch, setzte er
hinzu, muss die Uebersetzung frei sein, in Absicht der Sprache, in die man
überträgt. - Ueberhaupt sind alle Uebersetzungen, die ich hier überliefere, mit
Haut und Haar deutsch und ehrlich, oder, wie ich mich an einem andern Orte
heilsamer ausgedrückt, kata poda. Wer mir aber des Inhalts selbst wegen etwas
anhaben will und sich geberdet, als tue er der Kunst einen Dienst daran, mag
wohl bedenken, dass Gott die Menschen aufrichtig gemacht; allein sie suchen, wie
es heisst, viele Künste. Sie vergessen, dass die Lerche früh aufstehe und die
Nachtigall lange aufsitze (schon wollte ich lucubrire schreiben): dass die See
brause und sause, wie meine Mutter sich ausdrücken würde, und der Bach sparsam
und wohl gar geizig wandle und handle; dass der Nord, so wie die helle Sonne, das
Gesicht rot mache, als wäre es feurig, und ein Abendlüftchen sich bloss mit den
ungebundenen Haaren necke. - - Da verschlage ich wieder in das Feld der
Anmerkungen. Mit den lieben Anmerkungen! Macht sie nur, so viel ihr wollt,
Schriftsteller! auch selbst ihr vom göttlichen Geschlecht, vom heiligen Volke,
vom königlichen Priestertum, vom Volke des Eigentums; darum seid ihr nicht
geborgen. Der Kunstrichter findet doch seinen Zaun, von dem er brechen kann, das
weiss ich aus sicherer Hand, und wenn es auch nur eine Anmerkung über eure
Anmerkung wäre.
    Gern würde meine Wenigkeit Anmerker dieser Art beim Brode lassen; allein
euch, die ihr nicht im Vorgemach bleibet, sondern weiter dringt, euch, Pfeifer
und Geiger, die ihr diese unschuldige Haut- und Haargesängchen mit eurem
Accompagnement haben und gross- und kleinmeistern wollt - wie gern, wie herzlich
gern hätte ich euch mit sammt euren gestimmten Instrumenten aus meinem
Philomelenwäldchen, so wie ihr damals heraus musstet, als Jairi Töchterlein zu
sich selbst kommen sollte. Gerade seid ihr in meiner Schrift, was ehemals die
Käufer und Verkäufer im Tempel waren.
    Da eben ein Brief von einem Redlichen im Lande! Er schreibt mir (er schreibe
es auch meinen Lesern), dass man sich an vielen Orten den Kopf zerbreche, um die
Namen in diesem Buche zu ergänzen. Dieser Redliche befürchtet, man würde sich an
noch mehr als vielen Orten die Beine brechen, weil man dem Lebensläufer
spornstreichs nachliefe, um ihn einzuholen. - Ich für mein Teil bedaure
vorzüglich die Beine der Steckbriefträger oder Nachläufer; an den Köpfen der
andern, die sie sich meinetwegen zu brechen belieben, wird hoffentlich weniger
gelegen sein. Warum lauft ihr, ehe ihr gejagt werdet, und ihr Kopfbrecher, warum
brecht ihr? Doch wollt ihr nicht hören, so mögt ihr fühlen; wollt ihr nicht den
dritten Teil abwarten, in dem ich ganz klar und deutlich sagen werde, wo?
    Wie werde ich wieder auf Beilage A. kommen? Ich habe bemerkt, dass Minchen
die folgenden Stücke in einer Sammlung gezeichnet hatte, viele selbst in ihrer
Krankheit. - Gretchen versicherte, diese Stücke hätten Minchen auf ihrem Lager
abgekühlt, wie Früchte, wenn es heiss ist. Die nämliche Freude, die mich bei den
Schriftstellen überfiel, welche in meines Vaters Hand- und Hausbibel gezeichnet
waren, die nämliche Freude belebte mich hier. Auch bin ich der guten Zuversicht,
dass diese gezeichneten Stücke meinen Lesern nicht missfallen werden, wäre es auch
nur Minchens Zeichen wegen.
 
                                   Beilage A.
 Du bist mir treu, Hans, treu bist du mir! Ich weiss es, du bist mir treu, aber
ach! das arme Kornblümchen, das mir diese gute Zeitung brachte, wie schlecht
belohnt! Ich legte mir an ein Kornblümchen, so blau als deine Adern, wenn du das
Hemd an deinem nervigten Arm aufgeschoben hast, so blau als der Himmel, wenn der
liebe Gott freundlich aussieht. - Was mich das freut, dass ich's noch an der
Wurzel liess, das arme Kornblümchen! Ich wollt' es abreissen und da wär' es noch
ärger. Sieh, Hans, ich muss es nur beichten: ich riss ein Blättchen und sagte: »er
ist mir treu,« und das andere: »er ist mir nicht treu,« und wieder eins: »treu«
und das andere: »nicht treu.« Das letzte war: »treu, treu!« Du bist mir treu,
das hat mir das Kornblümchen zugeschworen. Jammer und Schade, dass die Blätter
abgerissen sind! Schade, dass es da im blossen Kopfe steht! Schön, dass der Stengel
noch an der Wurzel blieb! Schön, über alles schön, dass Hans mir treu ist!
                                     * * *
    Gottlob, der Junker hat gefreit und Grete ist mein! Gottlob, der Herzog ist
über Land gezogen! Grete ist mein! O Herzog, o Junker! o Junker! o Herzog!
Herzog fahr' wohl und Junker fahr' wohl! Du im fremden Land und du im Brautbett.
Nun möcht' ich sehen, wer mich überprunken kann, den Hans bei Greten! Hört's
weit und breit, den möcht' ich sehen, wer dieses kann, wer denken kann: »Ich
könnt' es wohl;« auch den möcht' ich sehen, auch den noch, dem es nur geträumt
hat: »er könnt' es.« Wie Gras will ich sie all' zusammen wegmähen, und wenn's
Bäume sind, will ich einhauen, bis sie fallen. Grete ist mein! Gottlob der
Junker hat gefreit! Grete ist mein! Gottlob, der Herzog ist über Land gezogen.
                                     * * *
Ach, dass sich Gott erbarm'!
Nun bin, nun bin ich bettelarm!
Nicht, wie mich im ersten festen Schlaf ein Blitzstrahl erweckte; er schoss mir
dicht vorbei, als wenn er sich bei mir, dem Hausvater, melden wollte. Schnell
sprang ich auf, und siehe da! mein Strohdach in Flammen! Ich armer, alter Mann!
was konnt' ich, was mehr, als meine Freunde und Bekannte aufschreien, die so
fest schliefen als ich geschlafen hatte. Ich tat Schrei auf Schrei, und seht!
nicht bloss meine Freunde und Bekannten, nein
Jedes, jung und alt,
Von Ehren mannigfalt,
sprangen so schnell auf, als wenn sie der Blitz erweckt hätte, so als wenn es
ihnen überm Kopf brennte, und kamen und löschten das brennende Strohdach meines
Hauses. Der Blitz war so gut, zu bedenken, dass ich alt sei und nicht Dächer mehr
steigen könne. Er liess sich gern löschen, das dank' ich ihm und noch mehr dem
lieben Gott, der den Faden in seiner Hand behält, wenn er den Blitzknäuel auf
seinen Erdboden schiessen lässt. Der liebe Gott kennt den alten Peter und wollte
von seinem Hause nicht mehr als eine Handvoll Stroh treffen lassen. Das folgende
Jahr war das Gras mannhoch. - War es nicht recht anzusehen, dass der liebe Gott
es gut mit dem Peter meinte?
Ach, dass sich Gott erbarm!
Nun bin, nun bin ich bettelarm!
nicht, wie die Hagelkugeln mein schönes Korn niederschossen, das aller meiner
Nachbarn Felder übersah. Die Leute waren neidisch auf mich, und mancher mag mir
den Tod gewünscht haben dieses schönen Korns halber; und der Tod, dacht' ich zu
der Frist, wird von selbst kommen, ungewünscht. Jetzt komme der Tod, wann er
will; damals hatt' ich noch Lust zu leben, damals hatt' ich noch Weib und Kind,
und das ist Lust zu leben. Erst beneidete jedes mein wohlgewachsenes Korn, und
nun beklagte mich jedes an Ort und Stelle des vorigen Neides. Jedes wünschte mir
langes Leben, und das so rechtschaffen, dass mir hundertmal Tränen das Auge
überschwemmten. Man schüttelte mir so ehrlich die Hand, dass sie mir altem Manne
wehe tat. Am Ende fand ich, dass ich so viel behalten, als die, so der Hagel
nicht betroffen hatte.
Ach, dass sich Gott erbarm!
Nun bin, nun bin ich bettelarm!
nicht, wie mir mein Weib starb, die hart an der Kirche liegt, wo ich
Weihnachten, Ostern, Pfingsten feiere, indem ich auf ihrem Grabe den ersten
heiligen Tag kniee und bete. Es wird mir schwer, mir altem Manne! Zum Glück ist
das Grab hoch, und je älter ich werde, desto höher wird das Grab. Sie starb, und
ich dachte, ich wäre mitten entzwei geschnitten; doch waren noch da Tochter,
Schwiegersohn und mein und ihr Lieschen. Noch schlaf' ich in dem grossen Bette,
wo ich mit der Seligen schlief, und wenn ich nicht alle Wochen dreimal von ihr
träume, denk' ich, ich sei undankbar und bitte Gott und ihr ab. Ich dacht' ewig
zu weinen. Dumm war es von mir, dass ich's dachte, wie bald muss ich bei Maschen
sein! Drei Jahre älter als sie, wie bald muss ich bei ihr sein! O, wär' ich
gestorben vor dir, liebe Masche - vor dir! O wär' ich vor dir gestorben und du
gleich nach mir; denn wenn ich wünschen sollte, dass du erlebt hättest, was ich
erlebe, würd' ich ein Bösewicht sein und nie zu dir in den Himmel kommen.
Ach, dass sich Gott erbarm'!
Nun bin, nun bin ich bettelarm!
nicht, wie mir meine Tochter starb, die einzige, die mir mein Weib gleich das
erste Jahr nach der Hochzeit schenkte. Das nenn' ich ein Heiratsgut! Masche
brachte nicht Geld, nicht Gut; allein sie brachte mir mehr als Geld und Gut,
mehr als ein Herzogtum: reines Herz und reinen Mund, und nach weniger als einem
Jahre ein Töchterlein - das nenn' ich Heiratsgut! So was kann nur der liebe
Gott mitgeben. Es war ein hübsches Kind, ihr Töchterlein, mein Töchterlein,
unser Töchterlein! Wahrlich, unser Töchterlein! Man durfte sie nur sehen, halb
meine Seele, halb Maschens, halb mein Leib, halb Maschens. Es war ein Drittes
von uns Zweien. Als dies Mädchen geboren ward, war sie weiss wie Schnee und hatte
Aederchen wie Vergissmeinnicht; aber sie scheute nicht Gottes Wetter, so strich
es sie braun an. Weisse Scherung und brauner Einschlag, allerliebst! Geschwind
wie der Wind lief Lottchen bei Sonne und Mond; nicht Hitze, nicht Kälte scheute
sie. Am liebsten brachte sie den Leuten Essen aufs Feld, und die Leute, so
hungrig sie waren, wussten nicht, ob sie essen oder das Kind ansehen sollten. Sie
assen ohne Augen, die Augen brauchten sie, Lottchen anzusehen. Es lag nicht an
Maschen und mir, dass wir nicht mehr Kinder hatten; am lieben Gott lag es, der am
besten weiss, was jedem dient. O du lieber Gott! Lotte starb im ersten Kindbett.
Alles weinte, nur ich konnte nicht weinen; so ging's mir ans Herz. Lotte starb,
doch zum Trost liess sie mir ein anderes Lottchen, ihr Wesen.
Ach, dass sich Gott erbarm'!
Nun bin, nun bin ich bettelarm!
nicht, wie mein Schwiegersohn starb, der brave Junge! Er ward mit Lottchen
erzogen, und sie waren im fünften Jahre schon Mann und Weib. Gern sah ich's, dass
sie Greger nahm, obschon er nichts hatte. Er war gut, und das ist mehr als
alles, wenn man bei allem nicht gut ist. Schön war es zu sehen, wie sich die
jungen Leute liebten. Hätten sie sich nicht so abgezehrt, würd' ich sie so bald
noch nicht haben Hochzeit machen lassen. So was Gieriges im Auge, als die
Leutchen zeigten, hab' ich noch nie gesehen - man bekam Appetit, wenn man ihren
Hunger und Durst nach einander sah. Er starb vier Wochen nach ihr. Wer ihn
kannte, weinte über seinen Tod; ich aber freute mich, da er starb, und lobte
Gott; denn er starb zu seinem Glück. Ohne sie hätt' er nur getan, als lebte er.
Er konnte nichts mehr anfassen; seine Hände zitterten und über seine Füsse fiel
er; drum tröstete ich mich darob und sagte wie der Pastor: »Der Herr hat's
gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobet! Sie schlafen
zusammen in einem Grabe, und es kostete mir was, es dahin zu bringen, dass sie in
seinen Sarg gelegt ward. Es war ein Bett auf zwei Personen. Die Leute, die sie
handhabten, sagten alle, sie hätte gelächelt und ihre Hand wär' um ihn
herumgefallen, als wenn sie gelebt hätte. - Schlaft gesund, liebe Kinderchen,
und liebt euch im Himmel!«
Ach, dass sich Gott erbarm'!
Nun bin, nun bin ich bettelarm!
Das Töchterlein meiner Kinder, das sie mir liessen, mein Lottchen, ist todt, ist
todt! lieber Gott, ist todt! O ich Bettler! Lottchen ist todt und ich bin es bei
lebendigem Leibe; das ist mehr als todt. Alles todt - alles todt - nur ich nicht
todt! Sie ist bei ihrer Mutter, sie ist bei ihrem Vater, sie ist bei meinem
Weibe; allein die hatten an einander genug. Was hab' denn ich? was? Seit
Lottchen todt ist, oder seit sie begraben ist (bis dahin dacht' ich noch immer,
ich hätte sie), seitdem sie begraben und ganz todt ist, ist alles todt für mich,
alles bis auf mich! Ich, leider, lebe! O ich armer Mann! Ich, wie Brod ohne
Kruste so weich, so kraftlos, so, recht so bin ich - ich armer, alter Mann! Es
stirbt nur, wer leben will. Habt Mitleiden mit mir im Himmel, ihr Seligen, und
bittet den lieben Gott, dass er mich zu sich nehme. Mein Haus und Hof kommt doch
in fremde Hände, ich will es jemanden vermachen, der Lottchen ähnlich sieht;
denn wo soll ich's sonst lassen? Oft freut' ich mich darauf, euch, meine
Seligen, von Lotten neue Zeitung zu bringen, wenn ich zu euch käme, zu euch, ihr
mir verwandte Seligen! Sie ist mir vorgelaufen. O! wie gut ist's, wie sehr gut,
einen von den Seinen auf dieser Welt zu haben! Ist es denn nicht auch Gottes
Welt? Diese Welt der Leib, der Himmel die Seele; beides gut. Wer wird nun vor
Tisch, wer wird beten, damit mir das Essen gedeihe, da Lotte todt ist? Wer wird
mir so schön, so laut vorbeten? wer? wer? Wer wird mir Weib, Tochter,
Schwiegersohn, wer Lotte selbst sein? Lotte selbst? Wer wird mir die Augen
zudrücken? O ich armer Mann! o ich blutarmer Mann! ich Bettler, ich!
                                     * * *
    Komm, Schwesterchen, komm auf den grünen Kirchhof, da liegt mein Mutterchen,
dein Mutterchen; wir wollen sie besuchen beim Mondenlicht, wenn gute Geister
nachtwandeln und wenn sie in den Mond sehen, in des lieben Gottes Nachtlämpchen.
Vielleicht erscheint sie uns - o möchte sie! - vielleicht frägt sie: Was wollt
ihr, mein Pärchen, was hier? Dich, ach dich, dich wollen wir! Dann kommt sie
wohl mit - und wenn sie nicht vom Kirchhof kann, wenn sie nicht vom grasgrünen
Kirchhof will, lass uns bei ihr bleiben, Schwesterchen, bei ihr! Hier? O, wenn
wir nur bei dir sind, liebes Mutterchen! »Was werdet ihr essen?« Grünes Kraut,
das steht auf dem Kirchhof über und über. »Was trinken? seht, kein Wasser des
Lebens ist hier!« Den Tau des Morgens, den Tau des Abends wollen wir trinken,
und wenn der Tau sich des Morgens verspätet, wollen wir unsere Tränen trinken,
die wir so lange weinen werden, bis das Auge uns bricht, wie das deine brach. O,
wenn wir nur bei dir sind, nur bei dir, liebes Mutterchen, wir, dein Pärchen,
deine zwei kleine Töchterchen, die Treuen!
                                     * * *
    Ha! du, du, die Baumschänderin! Sprich, nein, schrei, schrei, damit der
hartörige Wiederhall es vernehme und der Gegend ausposaune; schrei: Warum
ziehest du stellenweis den Bäumen die Kleider, das Hemd aus und die Haut ab? Die
Haut! Weisst du nicht, dass die Bäume dann in drei Jahren (wenn's hoch kommt)
ausgehen an der Schwindsucht - und so langsam sterben, so langsam, als die Leute
an der stillen Ärgernis? Sieh her, du hast den Baum geärgert, zu Tode geärgert!
Und warum die Haut? Zur Farbe! Zur Farbe? Schäme dich, Baummörderin! schäme dich
von unten bis an den Hals, und dann ganz voll; schäme dich so, dass du von Stund'
an verstummest! Solch eine Entschuldigung! ist die wert, dass sie die Gegend
durch's wahrhaft ehrliche Echo erfahre? Trägt dein Vater, du Ungeratene, trägt
er nicht einen weissen Schafpelz? Der unschuldige Mann, der jeden Baum bei Haut
und Hemd und Kleid lässt, wenn er ihn nicht in Züchten und Ehren braucht zum Bau
oder Brand. Er weiss, was dem Stamm gebührt, der himmelan mit seinem Wuchse
stürmt und grösser ist, als ein Mensch es werden kann. Schäme dich, du
Baummörderin, schäme dich, Färberin! die Natur versteht das Färberhandwerk
besser als du; sie weiss, was angemalt werden muss, die liebe Malerin! Zu
Handschuhen? Sind denn deine Hände nicht weiss? Warum deine Handschuhe anders?
Streich die Butter im Sommer weiss und im Winter gelb an. Schäme dich, du
Naturbeschämerin, schäme dich bis in deinen Hals! - Bitte den Vater, dass er
diesen Baum bald erlöse von all seinem Elende, und dann bleib beim weissen Schaf.
Lass dem Wacker die sprenglichten und dem Amtmann die schwarzen. Es sind viele
Felle von Böcken sprenglicht und schwarz. Bleib, wie dein Vater, beim weissen
ehrlichen Schaf, und das gnädige Volk lass tragen Marder, Wölfe, Bären, den
Herzog Löwen, so trägt alles sein eigenes Haar.1
    Fritzchen, mein Bruder, starb. O wenn er noch lebte! o wenn! o wenn! wenn!
Welch Lieschen hat nicht ein Fritzchen nötig, ein Bruder Fritzchen? Für ein
anderes Fritzchen dank' ich. Seliges Fritzchen, warum nahmst du mich nicht mit?
Warum die Nachtigall? warum? - Das Vögelchen verschied in Fritzens Hand. Sie
hatten sich sehr lieb - das Vögelchen und Fritzchen. Ich sah sie beide sterben.
Der Vogel lauerte recht auf Fritzens Seelchen, um sich ihm anzudrängen, wie das
Vögelchen sich hier an ihn anschloss. Sie liessen nicht von einander. Fritz sieht
mich an. Was siehst du, Fritzchen? Was - ich weinte - sollte ich nicht? »Still,
Lieschen,« - ich höre es ihn noch sagen - »still, Lieschen, bleib bei Vater und
Mutterchen, ich finde dort auch ein Lieschen, unser Schwesterchen, dort, wo der
liebe Gott seinen Himmel hat, der besser als seine Erde ist, auch wenn Felder
und Wiesen voll sind. Hilf ihn bitten, sehr bitten, den lieben Gott, dass er mich
in den Himmel nimmt, und auch mein Vögelchen hinein lässt - uns beide für einen.
Du bist ein gutes Mädchen, der liebe Gott tut dir's gewiss zu Gefallen.«
    Fritz sah gen Himmel, das Nachtigallchen auch; Fritz seufzte, das Vögelchen
sang noch auf, und jedes neigte sein Köpfchen auf die Brust und jedes starb. O
wenn sie noch lebten! wenn Bruder Fritzchen noch lebte! Dort leben sie beide,
Fritzchen und sein Nachtigallchen. Was kommt's dem lieben Gott auf ein Plätzchen
für ein Nachtigallchen an?
                                     * * *
    In das kleine Gesträuch jenseits des Flusses kam ein Sturmwind aus dem
Flusse. Der Fluss erschrak und lief was er konnte. Der Sturmwind fuhr durch's
Gesträuch rasselnd, wie ein vornehmer Prinz, und riss mir meinen Blumenkranz vom
geflochtenen Haartürmchen; ich griff - weg war das Kränzchen! ich lief nach -
weg, weg! - Wer ist so geschwind, wie der Wind? Da kam Hans, mein Herzlieber,
und Peter, der was beim Junker gilt - bei mir gilt Peter nichts. Sie sahen mich
im Blossen und liefen suchen alle beide. Findet Hänschen den Blumenkranz, gern
nehme ich ihn und setze ihn auf und trage ihn, solange noch ein Blumenblättchen
lebt, und freue mich, dass mich der Wind im Blossen gelassen. Wenn er doch fände.
Aus Peters Hand nichts, rein nichts, auch nicht einen Kranz, der mir gehört und
den ich mir zusammengepflückt; nichts, nichts, wenn er auch gleich beim Junker
gilt, und viel gilt.
                                     * * *
    Da bin ich über'm Wasser und Mutterchen ist jenseits. Es ging schwer ab, wie
wir Abschied nahmen, und nun ist's mir noch schwerer, da du jenseits des Wassers
bist, am schwersten wird's sein, wenn ich dich nicht mehr sehen kann, o du
liebe, liebe Mutter! - Noch - noch - noch - stehe doch - stehe doch nur noch
einen Augenblick. Weg ist sie! und ich? - O gutes Mutterchen, ich in der weiten,
lang und breiten Welt, erst bei dir, nun in der weiten, pfadlosen Welt. - Es muss
geschieden sein. - - Nun höre ich dich nicht mehr beten, nun sehe ich dich nicht
mehr weinen; nun rufst du nicht mehr: Lieschen! wenn der Tisch raucht, Lieschen!
wenn du reife Beeren findest, Lieschen! wenn du eine Quelle am schwülen Mittag
entdecktest, die von der Sonne nicht gefunden war. Ich armes Lieschen! Dies
Wellchen kommt von mir, liebes Mutterchen, und bringt ein Tränchen mit von mir
- von mir. Siehe es an, es wallt zu dir; sei ihm gut, dem Wellchen, es kommt von
mir. Da bin ich, arme Waise, allein, ganz allein! Mutterchen weg, alles weg,
alles! - Das Sternchen dort oben - wie es mich anbljetzt! Willkommen! dich habe
ich auch in unserm Dörfchen gesehen, du sollst Muttersternchen heissen. Es war
das erste, was ich wieder aus unserm Dorfe sah. Ewig sollst du, ewig Mutterchen
heissen, solange ich sehen kann, soll es Mutterchen heissen - dies Sternchen, eine
Spanne lang vom Monde. Nenne auch du ein Sternchen: Lieschen, nenne es
Töchterchen, o du gute Mutter jenseits des Flusses! - Gottlob, wieder ein
Bekannter, der Kukuk, und eine gute Freundin, die Nachtigall. Mutterchen, lebe
wohl jenseits des Wassers! Dich habe ich nicht, kein Mutterchen habe ich, doch
bin ich nicht mehr in der Fremde. Ich habe ein Sternchen dort oben, den Nachbar
Kukuk und die liebe Freundin, die allerliebste Nachtigall.
                                     * * *
    Schilt nicht, strenger Vater, dass ich bei Hannchen gewesen; schilt nicht,
Vaterchen, ich bitte dich. Sieh in den Stall, deinen Liebling, den Schwarzen,
habe ich gefüttert. Sieh, das habe ich schon so viele Jahre getan und das werde
ich auch so viele Jahre tun, als dich Gott leben lässt und den Schwarzen. Ich
streue mit glücklicher Hand die Saat und schlage das Getreide wie ein
Gewappneter. Warum schiltst du? Du hast vergessen, was lieben heisst, sonst
würdest du wissen, wie mir wäre, wenn ich zu Hause bliebe. Immer wünsche ich,
wenn ich hinreite und wenn ich wieder komme: Wenn es doch Nebel wäre, dass er
nicht sähe, der strenge Vater; und wenn auch Nebel ist und wenn ich's auch noch
so leise mache, was kann ich dafür, dass der Braune wiehert und sich laut freut,
wenn er geht und wenn er kommt? Alterchen, nur Sonntags reite ich. Gehört denn
der Sonntag dir, Vaterchen? Nur Sonntags reite ich zu meinem Mädchen, nicht mit
deinem Schwarzen, den schone ich, wie mein Auge im Kopfe. Ich reite geschwind zu
Hannchen, und du willst, dein Liebling, der Schwarze, soll so gehen wie du,
Alterchen, ob er gleich nur sechsjährig ist. Lass mich reiten und schilt nicht,
ich reite nur Sonntags, ich reite zum lieben Gott, und auf diesem Wege treffe
ich Hannchen und ihre Mutter.
                                     * * *
    Mein Vaterchen, mein Trostchen, bist du vor'm Tore gewesen? Da ist's glatt
und schlüpfrig; wer da geht, fällt schneller, als auf dem blanken Spiegeleise.
So ist's den ganzen Sommer auch, wenn die Erde ringsumher brennt, wie ein
Backofen. Immer glatt und schlüpfrig, wie Lehm, wenn er zum Haus angeknetet
wird. Weisst du auch, wie es glatt und schlüpfrig ward, Vaterchen, mein
Vaterchen? Eben da, da, wo es jetzt glatt und schlüpfrig ist, gab mir Peter den
Silberring bei Mondenschein - so schön Silber, wie der Mond; ich hielt beide
zusammen und prahlte mich gegen den Mond. Silber ist Silber. Da, eben da verlor
ich mich selbst, meine Unschuld, mein Leben, es ist alles eins. - Der Bösewicht
schwur und fluchte, als er verführte, Phylax, nimm kein Brod von ihm, und wenn
er mit frischer Maibutter es auch salbt, nimm nichts vom Bösewicht, der spotten
konnte nach der Tat. Du weisst, er spottete auch dein, Vater, und deiner
gesprenkelten Haare. Den Ring hab' ich an der schlüpfrigen Stelle vor'm Tore
verworfen, verworfen vor'm Tore, wo es jetzt glatt und schlüpfrig ist. Alles
war da schön, grün und gelb, wie der Bösewicht mich verführte; aber ich weinte,
Vater, ich weinte, und weinte von Herzen sehr, ach, sehr! - Gleich, Vater, ist
das grüne Plätzchen morastig worden, seitdem ich die erste Träne darauf fallen
liess, und so glatt und schlüpfrig, dass alles fällt, was drauf geht.
                                     * * *
    Wo bleibst du, mein Liebchen? wo? Schreien darf ich nicht, sonst möcht' es
meine Mutter hören, die mich zu Greten zwingen will, weil ihre Eltern Acker
haben und du nur gesunde Hände. Nur? das sei Gott geklagt, nur zu sagen, wenn
man von gesunden Händen spricht. Schreien darf ich nicht - allein ich rufe:
Liebchen! Liebchen! so wie ein Zeisig: Liebchen, Liebchen! wo bleibst du, mein
Liebchen? wo bleibst du? wo? Schreien darf ich nicht, aber der schöne Abend,
lispelt er's dir nicht ins Ohr, dass ich warte, dass ich nach dir seh' und nach
dir laufe? - Ha! da kommt sie! Nein, ein Stieglitzchen, leicht - leicht wie du,
mein Liebchen. - Wo bleibst du? wo bleibst du, Hannchen? Hast du ihn
abgeschickt? Vögelchen - weg ist er. - Er kam nicht von dir, wär' er nicht sonst
geblieben? Schreien darf ich nicht, aber - hörst du nicht, hörst du nicht,
Liebchen, hörst du nicht die Nachtigall? sie ruft ihr Siechen und ruft dich mit.
Die Nachtigall kann lauter sein als ich, denn sie hat keine Mutter zu fürchten
und keine Grete. Ich darf nicht schreien, aber du wirst doch wohl so eine
deutliche Ausrede, als die nachtigallische, verstehen? Wo bleibst du, mein
Hannchen? wo? Alle Augenblicke denk' ich, da, da ist sie! und immer ist's ein
Vögelchen, eines schöner als das andere - keins so schön wie du. Wenn du nicht
mich, nicht den Abend, nicht die Nachtigall hören kannst, o, wenn du taub über
taub bist, höre den lieben Gott; du hast mir versprochen zu kommen und kommst
nicht. Weisst du auch, dass wir auf die Nacht Ungewitter haben? Wo bleibst du? wo?
Hanne, wo?
                                     * * *
    Warum weinst du, Schwägerin? Du hast einen Mann verloren, allein er hat dir
drei zurückgelassen; drei Söhne, drei gesunde, starke Jungen, die dich auf ihren
Händen tragen, drei brave Jungen, die was tragen können. Gönn' ihm die Ruhe,
seine Krankheit liess ihn nicht viel schlafen, da er älter war, und in der Jugend
liess es die Arbeit nicht. Er hat in dieser Welt nicht viel geschlafen. Gönn' ihm
den tiefen, süssen Schlaf; du hast drei Söhne, lass ihn schlafen, Schwägerin,
weine nicht.
    Was weint ihr, Kinder? ihr habt nur einen Teil verloren, und einen Teil
habt ihr noch: eine gute Mutter - wischt ihr die Tränen; pflegt sie, damit sie
nicht auch krank werde, wie er war, und ihr es nicht am Ende selbst von Gott
bitten müsst: Ach, wenn sie doch nur stürbe! wer kann sie ringen sehen? wer? wer
kann sie wimmern hören? Ach, wenn sie doch nur stürbe! Dann müsstet ihr weinen,
wenn ihr daran Schuld hättet, dass ihr so beten müsstet; jetzt weint nicht.
    Mich, mich lasst weinen, lieben Leutlein! lasst mich, mich lasst weinen! Ich
hab' meinen Bruder verloren, den einzigen, den ich hatte; und was hab' ich von
ihm behalten? Zwar auch was, aber was? Einen Baum am väterlichen Hause, den
unser guter Vater an dem Tage pflanzte, da unsere Mutter zu ihm sagte: Es geht
unter meinem Herzen auf. Der Vater pflanzte den Baum, und Caspar und der Baum
waren Jahreskinder. Der Vater nannte sie beide Caspar, den Sohn Caspar, den Baum
Caspar. Der Baum steht und blüht und ist immer kerngesund. Sein Milchbruder
todt! das ist nicht tröstlich, ärgerlich ist's. Der Baum Caspar steht, der
Bruder Caspar stirbt; aber auch ich finde mich drein, und sollt' ich nicht? Der
Baum lebte nur im Sommer, und Bruder Caspar lebte auch im Winter. Zwar schläft
der Mensch, doch lebt er drum nicht? Ich möcht' einen Traum nicht um drei Tage
hingeben, und der Baum, schläft er nicht auch? lässt er seine Flügel nicht
fallen? Seine Blätter geniessen die süsse, sanfte Ruhe und werden durch den
Sonnenstrahl erweckt früher wie wir. Wären die Bäume im Winter, wo die Störche
sind, würden sie inwärts ausschlagen und blühen; o, dann wär' es was anderes!
Ist aber im Winter der Wald nicht eine Einöde bis auf die Tannen, die nicht aus
den Kleidern kommen? Da stehen sie, wie Trabanten, in voller Pracht und
Herrlichkeit, wie eine grüne russische Wache um den Regenten, so stehen die
Tannen um die Eiche herum - und Bruder Caspar, war er nicht ein Mensch? Das ist
viel mehr, als ein ganzer Wald voll Eichen und Tannen. Der Baum ist Baum und
bleibt Baum. Bruder Caspar ist ein Engel worden, Baum Caspar ist Baum und bleibt
Baum. Sei ruhig, lieber Baum, ich werde dich nicht tödten. Ihr, die ihr die Hand
nach ihm ausreckt, lasst ihn, wenn er auch noch so alt und wohlbetagt ist, oben
eine Glatze bekommt und blätterlos wird - lasst ihn, er ist mit mir verwandt; er
heisst Caspar. Und wenn ich mit dem rechten Caspar im Himmel zusammenkomme, will
ich es seinem Milchbruder erzählen, dass der Baum noch vor dem väterlichen Hause
stehe. Ich weine nicht mehr.2
                                     * * *
    Der Krieger ist gefallen, doch fiel er? Nein, er sank. Wer fällt, hat das
Herz verloren, und man braucht das Herz bis auf den letzten Lebenshauch. Er
sank, allmählig kam er zur Erde. Hört es, Krieger, die ihr mit ihm lebtet und
nach ihm leben werdet: nicht der Feind, nicht der Feind, sondern der Tod hat ihn
übermannt. Unser Held hatte den letzten Schlag; den Krieger schlug er, der ihm
den Todesschlag gab, und der fiel, aber unser Held nicht, unser - - sank. Die
Sonne geht allmählig unter; seht ihn, wie langsam er sich zum Staube neigt, zum
Staube, ein Held. Kommt, kommt, lasst uns unter sein schwindelndes Haupt einen
bemoosten Stein legen; solch ein Kopfkissen geziemt ihm. Kommt, lasst uns seinen
Leib auf eine schöne Wiese tragen und den Blutstropfen nicht auswaschen, der auf
unser Kleid fällt. Es ist edles Blut; der Staub soll sich nicht drin betrinken.
Du, grasreiche Wiese, Lager für Helden, du verstehst diesen Trank, du trägst
Blumen für Helden, womit sie bekränzt werden, wenn sie den Frieden auf schwarz
gewordenen Händen heimtragen. - Er richtet sich auf - kein Ach, das kann kein
Held aussprechen. Was ist's denn, was? Seine Zunge ist gelähmt, er kann nicht
mehr, er wollte - - Sieg; Krieger, die Deinen haben gesiegt! Ha, wie er lächelt!
Seht ihn, den Grossen! eh' euch Engel verdrängen, denn die müssen zu solch einem
Anblick herabstürzen; sie haben solcher nicht viel. Sieg, Held, Sieg! Gott, so
ein leichtes Wort kann er nicht mehr aussprechen; gern wollt' er's. Aber hören
kann er's; schreit, Brüder: Sieg! Sieg! Er lächelt wieder und - stirbt. O
glücklicher Halm! o glücklichster, auf den der letzte Tropfen fiel, auf den er
noch warmes Blut taute! Wie schnell wirst du wachsen und alles übersehen, was
rings um dich steht und grösser zu werden droht! - O glückliche Männer, auf die
noch der letzte Strahl aus seinen Augen schoss! wir hätten die Altarlichter dran
anzünden können, so feurig. Er stirbt - ich wollte weiter singen; kann ich? kann
ich mehr? Er stirbt, er stirbt! ist alles, was ich sagen werde, bis auch ich
sterbe. Das erste und letzte vom Menschen ist das beste. Ich habe viel gesehen,
sah ihn, wie er geboren ward, sah, wie er starb; ich hab' ihn ganz! Er lächelte,
wie er zur Welt kam; allein er lag so schön nicht, als jetzt, da er starb. Wie
schön er da todt ist! So todt sind nur wenige; denn sonst würde es nicht schwer
sein, zu sterben.
    Du hast gesiegt, Held, du hast den Feind überwunden, und zwei Tode, zwei
Tode starbst du, ohne zu sterben, dem dritten musstest du nachgeben. Du warst
matt. - Ist's Wunder?
    Gönnt der heiligen Stelle die Ehre, dass er noch länger darauf liege. Sie ist
warm durch ihn worden, lasst sie auch kalt durch ihn werden. Der warme Tag ist
schön, der kühle Abend auch. Und dann scharrt ihn nicht ins Tal; auf jenen
steilen Berg, wo wenige hinauf können, keiner, der einen kurzen Odem hat, da
scharrt ihn auf die Spitze, damit er den Berg noch grösser mache. Er war Berg im
Leben und nicht Tal, und muss bei seines Gleichen im Tode.
    Wie, du willst ihm die Augen zudrücken? Lass sie starr, wie sie sind, lass
sie, Freund. Die Sonne bleibt Sonne, wenn sie gleich verfinstert ist, und auch
ein Viertel vom Mond ist Mond. Lass sie so starr, wie sie da sind. Ihre Seele ist
weg, allein sie haben noch was, das viele Augen mit Seelen nicht haben. Es
wohnte eine grosse Seele in ihnen, und das sieht man jedem Hause an, wenn schon
der, welcher es baute, lange todt ist. Aendere nichts - was die Natur will, sei
auch dein Wille. Willst du was tun, setze oben über sein Grab ein Kreuz, das
ist das grösste Zeichen, was mir bekannt ist; ein Krone hat auch ein Pfau. Mache
dies Kreuz gross, damit es in der See gesehen werde, und Schiffe, die sich
verirren, dies Kreuz als Wegweiser ehren und sich freuen, wenn sie es sehen.
    Lebe wohl, Streiter! Erzähle den Geistern des Himmels, die nie gestorben
sind, dass es auch gut sei zu sterben, damit sie den Sterblichen nicht verachten,
weil er sterblich ist. Die Engel, die dich todt gesehen haben, kannst du auf
mein Wort zu Zeugen rufen. Erhabener Todter, man achtet das Leben nicht, wenn
man dich sieht! O möchtest du nicht verwesen! du solltest ewig dazu dienen, den
Furchtsamen zu steifen und jeden zu lehren, dass nicht jeder auf gleiche Weise
todt sei. Dir sieht man es an, dass du nicht aufhören kannst, dass du nicht
aufgehört hast. Es stirbt nicht jeder auf gleiche Weise, es lebt nicht jeder auf
gleiche Art. Stiller Mond, dies grosse Grab empfehle ich dir; du siehst viel, was
die Sonne nicht sieht, du bist ein Sonntagskind und kannst Gesichter sehen, die
sonst niemand zu sehen versteht. Du siehst fromme Geister, wenn sie um die
Gräber der Ihrigen wanken, die sie noch nicht in dem weiten Himmel aufgefunden
haben; du siehst, wenn sie sich von ungefähr treffen und wenn sie den
himmlischen Bund machen: »Wir lassen uns nicht in Ewigkeit.« - Du siehst
erkenntliche Geister, die ihren Ueberrest, ihren verwesenden Körper, besuchen,
die Stück vor Stück von ihm Abschied nehmen und ihn bedauern, dass er Körper war
und dass er gestorben ist. Rührend muss es dir sein, lieber Mond, rührend, so was
zu sehen, wenn Geist und Leib sich zusammen finden und sich nicht mit einander
besprechen können; wenn die Seele erkenntlich sein will gegen ihren guten
Freund, den Leib, und es nicht sein kann. Oft habe ich einen Freund auf dem
Brette gesehen, mit dem es mir fast so ging, als dem Geist mit dem Erde
werdenden Körper, - Da wankt der Betrüger, der der armen Wittwe den Acker
abgränzte. Gern möchte er sie mit einem dreimal grössern Stück entschädigen; kann
er? will sie? Noch haben sie sich nicht begegnet, allein wenn auch; hat sie denn
jetzt nicht mehr als er?
    Hier wankt ein Geist, der als roher Jüngling ein warmblütiges, zu
leichtgläubiges Mädchen ins Verderben zog. Bald war ihr Jammer vollendet; sie
starb, ohne dem Verräter Vorwürfe zu machen, die Abgezehrte! Ihr Auge durfte
nicht zugedrückt werden, es war so tief gesunken, dass man es nicht mehr sehen
konnte; es war ein eingefallenes Grab. Sterbend rang sie ihre verwelkten Hände
und bat um Gnade bei Gott und den Menschen. Die Menschen erhörten sie nicht. Mit
Spott und Schande ward sie begraben; aber jetzt hat sie ausgerungen, ihre Leiden
sind geendigt. - Wann werden die deinigen geendigt sein, Unglückseliger? wann? -
Im Traume sieht man alles grösser und näher, und so sehen Geister auch. Desto
besser für den Guten, desto schlechter für den Bösen und für dich, Mörder!
Unglückseliger!
    Das alles, Mond, Seelenfreund, das alles siehst du als Sonntagskind; und was
siehst du nicht unter den Lebendigen? Doch du bist verschwiegen, ich will es
auch sein.
    Wenn der von seinen ungeratenen Kindern verstossene Greis die Hände gen
Himmel über sein Haupt zusammenschlägt und sich nach einem seligen Ende sehnt,
wenn er laut betet: »Es ist genug, Herr, lass mich ruhen, ich kann nicht mehr!«
dann bestrahle das Kreuz auf diesem Grabe, mache es ringsumher hell und klar,
denn in des Greises Augen ist Abend worden. Es war nicht Raum in der Herberge
für mich Unterdrückten in der Welt. Gott, nimm mich in den Himmel, wo für mich
Raum ist. So bete er, wenn er dies Kreuz sieht, und sanft und selig gehe er dann
zur Ruhe. Mond, den frommen Pilger, der nicht mehr die Kirchentürme der
benachbarten Stadt erreichen kann, den der Tod auf dem Felde überrascht, Mond,
diesem Pilger leuchte nach Hause, diesem Pilger sei dies Kreuz ein Kirchturm
des Himmels. Mond, lass es dies jedem Kreuzträger sein und jedem Bösewicht ein
Schreckbild, damit er an seine Brust stark klopfe und umkehre und gut werde, und
endlich, Mond, wenn unser Land Helden braucht, lass sie von diesem Grabe
ausziehen, und wenn blutdürstige Feinde wie Heuschrecken uns überfallen, dann
verhülle dein Haupt und dreimal blitze es um dies Grab. Da sage dann ein
Ehrenmann im Volke: So wie dieser Blitz, so blinkte mit dem Schwerte, der da
oben begraben liegt, da oben, nahe am Himmel; und wie ein kaltes Fieber im
Frühling in die Glieder fährt, ehe man es merkt, so fahre Furcht und Schrecken
in die Feinde, wenn sie das Grab und das Kreuz darüber im Blitze sehen! Das ist
anders als ein Mondschein! Du bist derselbe, wo man steht und geht, weit
aussehender Mond! Sei den Freunden des Helden, uns, den edlen Todtengräbern, sei
ein Spiegel, in dem wir das Grab und das Ehrenzeichen darüber immer sehen, wir
mögen stehen und gehen, wo wir wollen, und auch in deinem letzten Viertel. -
Bitte ich zu viel, so denke, wie nahe wir diesem Grabe verwandt sind. - Auch in
deinem letzten Viertel sei dies Grab bis zur Hälfte zu sehen, bis zur Hälfte! -
Genug, Freunde; Mond, Kreuz, Grab! das sei unsere Losung, bis auch wir begraben
werden im stillen Tal, wie es uns geziemet. Ein kleines Gräblein, das sich
nichts über das Tal herausnehmen und kein Hügel sein darf, sei unser Haus. Ein
Orden, ein Kreuz gebühret nur Helden. Wenn der Geisterseher, der seelenvertraute
Mond, wenn er mit den Gräbern der Helden fertig ist und noch einen Blick übrig
hat, er wird ungebeten mit ein paar holden Strahlen unsere Gräber beehren, damit
ein Minnesänger unser Ruhetal bemerke und, auf unser Grab durch heilige Ahnung
gebracht, ein Grablied auf seine Geliebte singe und auf sich selbst eins, weil
jene ihm starb.
    Dank sei euch, ihr Treuen, ihr Lieben des Helden, die er beschützt hat! Wir
haben eine heilige Pflicht erfüllet und Ehre gegeben, dem Ehre gebühret, und
einen Helden und einen Berg verbunden. - Gleich mit gleich. - Lasst uns froh
heimkehren; denn es lässt nicht, wenn Helden weinen, und wer kann einen Berg mit
Tränen im Auge ansehen? wer? Er hat überwunden und ist mit Ehren vom dritten
Tod überwunden. Noch eine Pflicht liegt uns ob, dies Grab zu verhehlen seiner
Vielgetreuen. Was wir können, kann sie nicht. Sie ist so sehr ein Weib, als er
ein Mann war. Kommt, Freunde, sie könnte uns überraschen; kommt! Warum seht ihr
euch um, Freunde? Kein Held sieht sich um; kommt! Wir nehmen den Mond mit.
    Weh! weh! Ist es nicht ihr Silberton? Versteckt euch - doch nein, es ist
eine Nachtigall, die auch den Geliebten verloren hat. Solch ein paar Stimmen,
Luisens und der Nachtigall, sind leicht zu verwechseln. Schluchze nicht, kleine
Betrübte, dein Geliebter ist nicht im Felde gewesen, da fällt nur, was
vortrefflich und ehrlich unter den Menschen ist; du wirst ihn wiederfinden,
allein Luise nicht ihren Geliebten.
    
    Was für ein Geschrei? Ist es eine Taube, die nach ihrem Gatten girrt? Ist es
ein Käuzlein, das erbärmlich sich hören lässt? Ist es beides? Ist es keines? Ha,
Freunde, sie ist es, es ist Luise! Gott, wie verändert! Aus einer Nachtigall,
was ist sie worden? Kommt, lasst uns fliehen - fliehen - fliehen! - Unsern Freund
haben wir sterben sehen, Luisen werden wir nicht leben hören können. Kommt,
Freunde! Auch du, Alter! Nimm dich zusammen, gib deinem Sohn die Hand, damit er
ein Stück von dir übertrage. Kommt, kommt alle! Du starrst, Geliebter, du
starrst! du vor allen Getreuer! Was ist mein Gesang gegen dein Gesicht? Lass es
mich abschreiben, ich bitte dich, lass! Dann haben Kinder und Kindeskinder ein
Muster von edlem Schmerz. Doch seht, es bricht sich Tod und Leben auf deinem
Gesicht, mein Geliebter, mein Freund! Gottlob, die Herzensblutschleusse ist nicht
mehr gehemmt, sie ist wieder aufgezogen und es fliesst Blut in dein Gesicht. -
Ach, Geliebter, soll ich, soll ich weiter singen? Es ist Luise, Freund, sie ist
es! Kann ich? soll ich? Flieht, Freunde, sie ist uns nahe! Verbergt euch in das
Gesträuch tief - tiefer! - Freunde eines Helden fliehen? verbergen? Doch, einem
Weibe zum Besten, dem Weibe eines Helden zum Besten? Solch ein Weib können nur
Memmen aushalten, Männer nicht. Wir sind Helden, Freunde, weil wir fliehen, weil
wir uns verbergen tief im Gesträuch. Je tiefer, desto heldenmütiger!
    Ist Luise nicht eine Heldin, weil sie betrübt ist bis in den Tod, weil sie
ihre Stimme verloren hat? Und was weiss sie? Weiss sie mehr, als dass ihr Geliebter
im Felde ist? Weiss sie seinen Tod? Weiss sie die Losung: Kreuz, Grab, Tod!
    Luise! sie ist es, Freunde. O wäre es ihr Geist, dann wären Franz und Luise
doch bei einander! Wie hat ihr Gesang sich verändert! Hätte ich sie nicht
gesehen, durch das Gehör hätte sie niemand gekannt, der singen kann, niemand,
der nur singen hören kann. Luise! Luise! Seufzt ihren Namen, Freunde, seufzt
inwärts; so wie der Seufzer aus dem Herzen kommt, stosst ihn ins Herz - sie
könnte uns sonst merken und wir wären verloren. - Auf unserer Stirn würde sie
lesen, was sie nicht wissen soll. Wir wären ihre Mörder. Die geheimen Worte:
Kreuz, Grab, Tod sind uns angeschrieben an der Stirn einmal, zweimal, dreimal,
überall. - Stecket die Köpfe ins Gebüsch! Jüngling, du hast noch zu wenig Kreuz
gehabt, du verstehst nicht Seufzer zu dämpfen, lerne es von uns, du wirst es
benutzen. Freunde, wenn euch die Hände zittern und die Füsse auch, schlagt sie
ins Kreuz, damit einer den andern halte und Luise nichts merke! - Ins Kreuz,
Freunde!
    Wo bist du, Franz? Wo bist du hin, Falscher? Du liebst den Krieg mehr als
mich, den Tod mehr als das Leben! Wo bist du? - Du hast deine Geliebte
verlassen, die nach dir zielte, wie ein Jäger nach Wild - nach dir sang, wie die
Vögel im Frühling nach einander singen, bis sie sich gefunden haben. Wo sind
deine Schwüre, deine Verwünschungen, Unglücklicher? Was hat der Krieg, das dich
reizen konnte, da du mich hattest? Dein Leben gehört Gott, dir und mir, oder
besser, Gott, mir und dir, und keinem von uns dreien gibst du es; du bringst es
dem Vaterland! Kennst du dies Ungeheuer? Ich kenne es nicht, ich mag es nicht,
ich will es nicht kennen, dieses blutdürstige Tier, das seinen Weg mit
Menschenleichen pflastert, um weich zu treten, und an verwüsteten Feldern und an
ausgebrannten Wäldern seine Luft sieht, das jedes Grab hasst, weil es lebt. -
Vaterland, wie hässlich bist du! - Auch meinen Geliebten hast du auf deiner
Seele, wenn du eine Seele hast. Vaterland, du wohnst in einer Mördergrube!
Franz, wie konntest du dich verleiten lassen? Ehre? Was ist Ehre? Weisst du es?
Ich weiss es nicht. - - Wer uns in die Augen ehrt, ehrt uns der? Und wer's tut,
wenn wir nicht dabei sind, ehrt uns der? Weiss dieser Fels, wenn ich sage: ein
schöner Fels, und richtet sich die abgehauene Tanne in die Höhe, wenn ich sage:
ein trefflicher Baum? Hören wir, wenn wir gestorben sind? Und was ist die Ehre,
wenn wir nicht hören können? Du hast falsch Geld eingewechselt, Franz; schäme
dich, dass du gestorben bist! Doch bist du todt, Franz? Rede doch, ich ringe
meine Hände, ich halte sie gen Himmel, ich - was weiss ich, was ich tue. - So
rede doch, Franz, bist du todt? lebst du? Verzeihe einem Weibe, dass sie nicht
männlich denkt. Du hattest zwei Hände, eine für mich, eine für deine Pflicht. Es
war Pflicht, dass du in den Krieg gingst; du hattest dein Wort eher der Fahne als
mir gegeben. Verzeihe mir, Franz. Ich sah dein linkes Auge in Tränen, da du
Abschied nahmst; im rechten war Mut. Eine Hand war stark, die andere sank. O
Franz, Franz! wenn wir uns doch eher gekannt hätten! - Vielleicht hättest du
dich mit keiner andern Pflicht vermählt, als mit der, mich zu lieben. - Die
schöne Pflicht! - Ist sie nicht schön? Traurig schön! O wenn du leben möchtest,
doch - du lebst nicht, du bist todt! todt! todt! Ich sah dich kämpfen, du edler
Kämpfer, ich sah dich mit vielen zugleich anbinden. Ich sah dich kriegen, edler
Krieger, ich sah dich den ganz treffen, der dich halb traf, den stürzen, der
nach dir schlug - ich sah Blut und Schweiss, beides edel zusammenrinnen und vor
deiner Stirn stehen, und da der Zufluss zu stark war, es von deinen Wangen
herabtauen - ich sah, o Gott! ich sah dich die Knie steifen, die schon zu
sinken anfingen! Wie bleich, welche Blutdürre auf deinen Wangen! wie welk! Tod,
da liegt er! Das dachte ich wohl, ich dachte es, Geliebter, dass du sterben
würdest. - Schreckliche Ahnung! doch war es bloss Ahnung? Es war ein Zeichen vom
Himmel; denn es starb ein Edler! Wenn ein solcher stirbt, macht man im Himmel
Platz. O ein Trefflicher ist gefallen! Klagt, ihr Jungfrauen, der edelste unter
allen Jünglingen ist gestorben, ohne seinen Stamm fortzupflanzen und ohne einen
Sohn zurückzulassen, der seinem Bilde ähnlich. Klagt, ihr Feigen, ein Held ist
todt. Klagt, ihr Helden, euer Bruder ist dahin. Es sterben tausend und abermal
tausend mit ihm, mich ungerechnet. - Ich kühlte jeden Herzensstich, den er
ausstand, den er überwand, und den letzten, letzten Todesstich, der ihm das
Leben nahm. Ach, noch dehnt sich dieser Stich in meinem Busen - Franz ist todt!
todt! todt! todt! Rufe laut, überlaut, alles, was rufen kann: todt! - und was
nicht Sprache hat, halle nach: todt! - Für mich alles todt, die ganze Welt todt
- mein Geliebter hin, alles hin! - Leben hin, Tod hin, ach selbst der Tod hin.
Luise soll nicht in Franzens Arm sterben - o des schönen Todes in seinem Arm! So
trefflich soll Luise nicht sterben, so lebendig nicht gen Himmel kommen! Ha,
schreckliche Nacht, die ich überstand! Ich fühle es, keine werde ich mehr
überstehen - ich träumte, was ich sang. Ahnungsvoll sprang ich auf im Traum, und
Ahnung bestätigt diesen Todestraum: Franz ist todt! - Ich rief im Walde, wo das
Echo so oft Franz nachgerufen, ich rief in den Wald: Franz! - Keine Antwort;
nichts auf mein Franz, auf mein wiederholtes Franz! Echo, bist du verstummt? Du
rufst alles, nur Franz nicht - kannst du den süssen, leichten Namen Franz nicht
mehr nachsprechen, oder liegt es an mir, dass ich mir nicht getraue, ihn laut
vorzusprechen? Ich könnte Franzen, dünkt mich, im Sterben stören - ihn stören,
wenn ich schrie: Franz! und nun endlich wie aus einer Kluft hohl: Franz! Schnell
lief ein Schauder mir durch alle Glieder, durch das geheimste Mark. Der schönste
Name in der Welt, wie schrecklich ward er mir! Wie ist's, Echo? Ich weiss alles!
Heult nicht, Hunde! rufe nicht, Eule! lasst mich rufen, lasst mich heulen! ich
weiss alles! Schrecklich! Wie traurig das Licht brannte, als auf einer
Leichenwache; vergebens munterte ich's durch eine Nadel auf, womit mein Busen
befestigt war, vergebens sachte ich es an, es wollte nicht, es konnte nicht.
Franz, auch du hast ausgebrannt! Umsonst wälzen dich Freunde, umsonst schütteln
sie deine Hände, umsonst - du bist todt! todt! todt! Doch sind es Freunde, die
dich umgeben. Vielleicht Feinde - deine Mörder - Mörder, die deinen Heldenwert
verkennen und sich nicht einmal rühmen ihrer Mordtat. - Vielleicht rinnt dein
Blut, dein edles Blut in eine Pfütze voll unreinen, dicken Bluts der gemeinsten
Krieger. - O Franz, wüsste ich, dass du wie ein Held begraben wärst, wie du gelebt
hast und wie du gewiss gestorben bist, ich würde mich beruhigen; denn bald, bald
werde ich bei dir sein. Wenn aber dein Leib als Scheusal aufgestellt ist, dein
schöner Leib, das Meisterstück der Natur, Franz, was hebe ich an? Engel,
Menschen, wen rühren meine Klagen zuerst? Wer ist am menschlichsten unter allen
Geschöpfen? wer? Franz ist tobt, todt! Wer zeigt mir den Weg zu dem einzigen
Trost, dass ich weiss, dass ich sehe, wie er todt ist, wo seine matten Hände ruhen
und seine kühne Brust? Wer ist der Holde, der mir den Schlüssel zu seinem Grabe
gibt? O wäre sein Kämmerlein verschlossen, wäre seine Gruft heilig, wie ruhig!!
    Auf, Freunde, tretet hervor, folgt mir, verdoppelt euren Schritt, damit wir
Luisen das Grab des Helden zeigen! - Luise, wenn du hältst, was du versprochen
hast, wenn du ruhig sein willst, wenn du es kannst! Sie tat einen Schwur mit
ihren Augen, die sie gen Himmel anstrengte. - Diese Hände trugen ihn in die
Höhe, sagte der Aelteste, sie trugen ihn in den Vorhof des Himmels, wo Lohn nach
Arbeit auf ihn wartet! Mache dein Auge gross, Luise, du sollst sein Grab sehen
und ein Ehrenzeichen oben drauf. Gönne ihm die Ruhe, gönne sie dir selbst. -
Sein Andenken sei uns ewig heilig! - Bist du vorbereitet? Hast du den letzten
Tropfen Tränen in deinem Auge verwischt? Hast du Stärke hinauf zu blicken?
Wohlan, dort oben schläft Franz!
    Sie sah mit einem umfassenden Blick. Ach! seufzte Luise, schlug ein Kreuz
vor ihrer Brust und sank todt zur Erde.
                                     * * *
    Heute habe ich einen Leichenschmaus, alle meine Kinder sind bei mir; komm
auch, Nachbar. - Damit alles paarweise gehe, habe ich die Wittwe Marte
eingeladen. Du wirst Gelegenheit haben, an deine selige Frau zu denken, wenn du
die Wittwe Marte, deiner Seligen leibliche Schwester, siehst, und wenn du auf
meinem Leichenschmause bist. - Ich habe einen Enkel verloren, einen Kernjungen.
Der Tod hatte lange mit ihm zu tun, ehe er ihn zu Boden riss; Jakob wehrte sich,
so klein er war, mit Jünglingsstärke. Jakob, der Erstgeborne meines Aeltesten,
der im väterlichen Hause bleiben wird, weil er der Aelteste ist, Jakob führte
meinen Namen und war mir so augengreiflich ähnlich, als mir keiner von allen
meinen Kindern und Grosskindern ist, die mir alle ähnlicher sind, als jene. Alle
Leute nannten den Seligen: Grossvater, und der kleine Junge freute sich drüber
und tat so alt, als wenn er's wäre. Er ist ein Teil von mir, ein Ast vom
Stamm, und soll da begraben werden, wo ich einst begraben zu werden den Meinigen
anbefohlen habe. Nachbar, wir wollen betrübt und froh sein, so wie man in der
Abenddämmerung sieht und nicht steht. - O Greger, es ist ein köstlich Ding, wie
unser Pastor sagt, zu sterben, ehe man stirbt! Was meinst du, wenn man sich
begraben sieht? Du bist gestorben, Greger, ehe du starbst, du hast dich begraben
sehen und lebst, denn dein Weib, Wittwer, warst du selbst! Sieh, ich habe noch
alle die Meinigen, nur Jakob, den Hauptenkel, habe ich verloren, den begrabe ich
heute. Da liegt er schon auf einem weissen Laken; du wirst ihm folgen mit deiner
seligen Frau Schwester in einem Paar. Ich werde mir selbst folgen mit meinem
Weibe Hand in Hand. Gott gebe, ich stürbe mit ihr paarweise. Zwar hat mich Gott
gesegnet mit Kindern und Kindeskindern, die noch grünen und blühen und Früchte
ansetzen werden zu seiner Zeit. Hast du aber nicht bemerkt, Greger, die Blätter
sträuben sich lange und trotzen dem Herbste, fällt aber das erste gelbe Blatt,
fallen ihm mehrere nach, bis der Baum nackt und bloss steht. - Ich bin bereit,
mein Weib ist bereit. O wären wir die ersten, die nach diesem gelben Blatte
fielen! Ruhe wohl, Jakob, du bist, so klein du warest, eines christlichen
Begräbnisses wert und eines Leichenschmauses. Fromm wollen wir reden, Nachbar,
und das letzte Glas wollen wir trinken auf ein seliges Ende.
                                     * * *
    Tanne, warum so stolz unter deines Gleichen? Warum Meuterei wider die
königliche Familie der Eiche? Ich, dein Landsmann, aus Norden gebürtig, wie du,
finde keine Hoheit an dir von Fuss bis zur Scheitel. Wenn sanfte Winde dich und
alles, was um dich ist, mit einer verstehbaren Sprache beleben, rausche mir zu,
was dein Vorzug ist, damit ich's durch den Wiederhall deinen Nachbaren, wer sie
auch sind, verkündige, auf dass sie dich ehren, wie die königliche Eiche geehrt
wird, und wenn du es verdienst, noch mehr. Sieh an die majestätische,
dreihundertjährige Eiche, die die Geschichte des ganzen Waldes weiss, da steht
sie unerschüttert, trotzt den Stürmen aller Weltgegenden, trotzt allem - nur
Gottes Donner nicht; wenn du dich vor jedem Winde bückest und dich windest,
kriechst und wie ein Hofmann schmeichelst, damit jeder Wind dich nicht aushebe
und deine Wurzel aufdecke allen, die vorübergehen. Grün bist du im Winter, wenn
die Eiche, von ihrem königlichen Schmuck entkleidet, nach Art wahrer Grösse sich
nichts vor ihren Untertanen herausnimmt. Ist aber das Kleid wahre Hoheit? Wo
ist dein Wert, wenn auf einem einzigen Eichenblatte sich ganze Geschlechter
niederlassen, und du Nadeln statt Blätter zählest? Sieh nicht verächtlich,
Tanne, auf die tief unten grünende Waldblume, die, wenn sie im Frühling aufgeht
und ringsumher im nackten Walde alles öde und leer findet, sich erst im Tau
badet, um desto Heller und klarer zu dir hinauf zu blicken und das erste
Baumgrün zu sehen. Neige dich zu dieser aufgehenden Waldblume, Tanne, die du
dich vor jedem nur rauschenden Winde so tief beugest, blicke her auf die Eiche,
die keinem Untertan, der zu ihr flieht, Schutz und Schirm versagt, und wenn der
in die Höhe strebende Baum von Buben gebrochen wird und sich zu ihr wendet, ihm
einen Ast reicht, damit er den Streich verwachse, den der Bube an ihm
vollführte.
                                     * * *
    Schmetterling, Schmetterling, setze dich! - Sieh den Sperling, der auf dich
lauert und seinen Schnabel wetzt, um dich als einen Braten zu essen und Salat
von dem Blättchen, wo du sitzest, dazu zu picken. Schmetterling, Schmetterling,
setze dich! Ich will dir nicht einen Flügel ausreissen oder einen Fuss, oder dich
ängstigen, Närrchen; nein, du bist klein wie ich. Gerg, mein grösserer Bruder,
fängt sich grössere Vögel, und er geht nicht mit ihnen um, wie ich mit dir
umgehen werde. - Weisst du, was ich will? Ich will dich ein wenig ansehen,
schönes Jungferchen, nicht lange. - Ich weiss, du lebst nur kurz, armes
Vögelchen, künftigen Sommer bist du nicht mehr, und ich bin schon sieben Sommer
alt. - Ich will dich nicht vom Leben aufhalten, armes Vögelchen, aber besehen
will ich dich, dein niedliches Köpfchen und dem schlankes Leibchen, und deine
Spitzenflügelchen, das will ich besehen, und damit du keine Zeit verlierst,
werde ich dir ein Blättchen vorhalten, damit du während der Zeit essen kannst.
Schmetterling, Schmetterling, setze dich! Närrchen, ich meine es gut mit dir!
Schmetterling, Schmetterling, setze dich!
                                     * * *
    Es war einmal ein Edelmann, der ritt stets einen Fuchs; der Edelmann war so
falsch wie der Fuchs, und der Fuchs wie der Edelmann. Ein schändlich Paar! Zwar
war der Fuchs ein schönes Tier, der Edelmann nicht minder, doch einer schlug so
aus wie der andere, und beide waren beschlagen, der eine mit Bosheit, der andere
mit Eisen; beide schlugen und trafen Menschen. Der Fuchs hatte einen seltenen
Kopf, einen Hals zum Malen, und einen Fuss, gewiss einen niedlichen Fuss! Sein
Schweif hing herrlich herab, zum Schrecken aller Bremsen und Fliegen, die er
nicht verjagte, sondern auf der Stelle todtschlug. Auf seinem Rücken war ein
Bremsenkirchhof. O des prächtigen Schweifs! Der Edelmann, gewachsen wie eine
Birke, hoch und gerade, sein Gesicht braun wie eine Eichel, wenn sie rein und
reif ist, und seine Hand noch brauner; nichts an ihm verunglückt, kein Fleck,
nichts Schiefes an ihm, wie ein ausgewachsener Halm im Kleinen, war er im Grossen
gerad bis auf sein Seitenhaar, das kraus lag in natürlichen Locken. Man glaubte,
die liebe Natur hätt' es mit ihnen zu einem Knoten angelegt und sie wären im
Zuziehen gestört worden.
Sein Auge meld'the jedem an,
Es sei der Mann ein Edelmann.
    Nur die Augenbraunen waren wild gewachsen, sehr wild! Da lag das Böse vom
Edelmann; denn wenn er gleich schön von aussen war, so hatte er doch einen
innerlichen Schaden. Sein Herz war eine Mördergrube, und von aussen stand ein
schöner, adelicher Hof. O hört, ihr tugendsamen Jungfrauen, was sich zutrug im
Jahr nach Christi Geburt eintausend siebenhundert und sieben; hört es und weint
um eure Schwester! Es war einmal ein ehrlicher Bürgersmann, der hatte eine
schöne Tochter. Der Pastor sah sie an, wenn er die Schönheit des Engels
beschrieb, der auf Gottes Geheiss einen menschlichen Leib auf eine kurze Zeit
angezogen. Er sah nicht seine Frau an, denn die war alt, obgleich sie sich beide
nichts vorzurücken hatten und er auch alt war. Annens Leib war ein Engelskleid,
so passend gemacht, dass der Engel nichts abschneiden durfte, wenn er ein
Menschengewand auf Gottes Befehl nötig gehabt. Freilich sah sie so
schwindsüchtig nicht aus, wie das vornehme Ding in unserer Nachbarschaft, von
der alles sagt, sie sei die schönste im Lande. Dass sich Gott erbarm'! wer Annen
sah, wusste sicher, was Schönheit sei; wer sie nicht gesehen hatte, war
zweifelhaft. Man verglich die andern Gesichter nicht mehr mit der Natur, sondern
mit Annen, nicht mit der weissen Lilie den Busen, nicht mit dem Himmelsblau das
Auge, nicht mit einer aufbrechenden Rose das Frische im Gesicht - man verglich
es mit Annen. Sie hat das von Annen und jenes von Annen, so sprach jeder, wer
Annen gesehen. Man hatte nicht nötig, sich herumzutun und hier und da was in
der Natur zusammenzusuchen - Anne war alles zusammen. - Sie war weiss, allein wer
auch eine Braune liebte, blieb stehen, wenn er sie sah, und sagte laut: schön!
Sie hatte so was Gesundweisses im Gesicht, dass man das Blut rinnen sehen konnte.
O ein schönes Blut! Der ganze Himmel lag auf ihrem Gesicht, weiss, rot, blau.
Wenn man ihn im Kleinen wollte, sah man Annen an - und ihre Seele? wer eine
Seele sehen wollte, sah ihr ins Auge, da hatte sie sich einquartiert. Wen sie
damit ansah, hatte Gottes Bild gesehen, und ein Strahl von diesem Bilde liess so
viel Ehrfurcht zurück, dass man Annen liebte und ehrte. Ihr Auge war die Sonne am
Himmel. Man dankte Gott, dass er so schöne Menschen auf seiner Welt gemacht - und
wär' es erlaubt, dass ein Engel, wenn er auf Gottes Extrapost fährt und der
Erdenluft wegen ein Menschengewand angezogen hat, wär' es erlaubt, dass ein Engel
ohne Gottes Trauschein sich verheiraten könnte, er nähme sie. - Sie wäre
Fleisch von seinem Fleisch, Geist von seinem Geist. - O ihr Jungfrauen, hört,
was sich mit Annen zutrug und mit dem Edelmann, der stets einen Fuchs ritt. Er
stellte sich, als liebte er sie; allein er liebte sie nicht, denn die Liebe
macht tugendhaft, wenn man einen Engel wie Annen liebt. Er liebte sie, doch war
seine Liebe Leckerei. - Der Bösewicht meinte nicht sie, sondern sich. - Hast du
ihr nicht ins Auge gesehen - und recht ins Gesicht, oder fürchtest du dich nicht
vor Gott und vor dem Himmel, Bösewicht! vor was fürchtest du dich denn? Sie
waren beide schön - schön! allein welch ein Unterschied in der Schönheit! Sie
schön wie ein Engel, er schön wie ein Teufel, wenn er sich in einen Engel des
Lichts verkleidet hat. Er schwur, Annen zu lieben bis in den Tod, und wie leicht
können wir betrogen werden, wenn es jemand zum Betrug anlegt, der so schön ist
wie der Edelmann? Wer sieht immer auf die Augenbraunen? Anne sagte auf sein
Zudringen: Ich will, wenn meine Mutter will. - Ihr Vater war während der Zeit
gestorben, und der Edelmann, der ihn zur Gruft begleitete, hatte sich so betrübt
gestellt, dass Anne ihres Vaters und ihres Liebhabers wegen gleich betrübt war.
Die arme Unglückliche! Bis jetzt hatte er noch nicht das väterliche Haus
betreten. Sein erster Schritt war ins Trauerhaus. Eine schreckliche
Vorbedeutung! - Nun kam er, wenn er wollte, und Anne blieb zwar bei ihrem: Ich
will, wenn meine Mutter will; allein sie sprach es immer schwächer. Der
Bösewicht grüsste die Mutter nicht mit den süssen Worten: Gib mir deine Tochter. -
Er suchte die Tochter ihrer Mutter allmählig zu entwöhnen. Die Mutter merkte. -
Wie ist's, fragte sie den Edelmann, Ernst oder Scherz, Spiel oder Ehe? - O Anne,
warum sahest du ihm nicht in sein verruchtes Gesicht bei dieser mütterlichen
Frage - recht ins Gesicht? du hättest den Bösewicht entdeckt in Lebensgrösse. Er
raffte sich bald zusammen. Ernst, sprach er, Ehe. Wie, sagte die Tochter, da der
Bösewicht diesen Abend das Haus der Unschuld verliess, wie wär' es anders zu
denken? Die Mutter ward ruhig nach diesem Abend. Mehr hatte dem Edelmann nicht
gefehlt, seiner Gottlosigkeit vollen Lauf zu lassen und die Unschuld zu
vergiften, als diese Ruhe der Mutter. - - O ihr Jungfrauen, weint um eure
Schwester, die durch einen Bösewicht von der strengen Bahn der Unschuld und
Tugend verführt ward. Nur Mutter und Tochter und drei aus ihrer Verwandtschaft
wussten ihren Fall. Der Tod entriss ihn dem Ottergift der Stadtlippen. Ihre Mutter
rang die Hände, Anne konnte sie nicht ringen - der Tod war ihr Leben. - Sie
konnte, sie wollte nichts weiter, als sterben; kniend bat sie ihre Mutter, für
sie zu beten. Ja, Tochter, ich will für dich beten, ich will beten, dass dich
Gott beruhige. - Nein, Mutter, dass ich sterbe, dass ich sterbe, dass ich sterbe,
alles andere Gebet widerruf' ich - der Tod, das ist mein Alles!
    Anne sprach dies gelassener als ich, so gelassen, dass man wohl sah, der Tod
sei ihr Alles. - Sie knieten beide, Mutter und Tochter, dicht zusammen und
hielten die Hände gen Himmel, als wär' es nur eine. - Sehnlichst beteten sie um
den Tod, und das ist eine grosse Gabe Gottes, die der liebe Gott nicht erst
jemandem gibt, sondern nur denen er gut ist. Wir sterben zwar alle, allein es
kommt beim Tod aufs Wann an, auf eine erwünschte, das ist, auf eine selige
Stunde. Da nimmt man nicht zehn Leben um einen Tod. - Die Tochter starb so
ruhig, dass man ihr die ewige Seligkeit ansehen konnte. Die Mutter musste noch
acht Tage jammern; sie hatte keinen Schmerz, allein sie jammerte: - Mein Mann
todt - meine Tochter todt - und ich, ich hab' ein heimtückisches, hartes Leben!
Schon lange bei Lebenszeit ihres Mannes war sie siech; der Tod ihrer Tochter
hatte ihr vollends das Herz gebrochen. Nun ging es gegen den achten Tag, dass die
Leiche ihrer Tochter auf sie wartete, unbegraben. Auf einen Tag, sagte die
Mutter zu ihrer sterbenden Tochter, auf einen Tag, sagte die Tochter. Auf einen
Tag, sagten sie sich hundertmal, und auf einen Tag waren auch ihre letzten
Worte. Sie starb - o Gott! fast wie ihre Tochter. Fast, ganz nicht, denn die
Tochter starb noch leichter. Die Mutter war älter, das Leben hatte sich mehr
angeklammert und der Tod musste reissen; eh' er seinen Zweck erriss. Der Mutter
Sarg stand schon längst bei dem Sarge ihrer Tochter, noch eh' die Mutter selbst
drin war. Was das für ein Leichenzug war! Sie wollten still begraben sein,
allein alles im Städtchen, was gehen konnte, ging den Särgen nach. Sie waren
allen und jeden Wegweiser zur ewigen Ruhe. Die Taglöhner verdungen sich nur auf
den halben Tag, um dieses Begräbnis zu sehen. Der Pastor weinte, er war ausser
den dreien der vierte, der Annens Fall wusste. Die Engel fielen und wurden
Teufel; allein Anne blieb, was sie war, im priesterlichen Auge. Der Pastor
weinte, denn er hatte kein Engelsbild mehr in seiner Gemeinde; er wusste nicht,
wie er die Engelsgestalt deutlich machen würde, da er Annen nicht mehr sehen
konnte. - Ich werde sie bald sehen, fing er prophetisch an mit entzücktem Mute,
drückte sich den Hut in die Augen und ging so, als ob er den Tod ausfordern
wollte. Der gute Pastor! Er wollte ein Erbauungswort bei dem Grabe dieser beiden
Seligen verbreiten, doch das konnt' er nicht. Annens Gesicht, das ihm noch zu
lebhaft vor den Augen schwebte, störte ihn; er verstummte selbst in der Collecte
und schluchzte laut. Der Schuster Veit, der so gut singt als einer, half ihm
aus, ohne dass es viel zu merken war. Dieser war bekannt, dass er Melodie hielt
und nicht weinen konnte. Sie hatten eben die Todten begraben und wollten
heimgehen, da kam der Edelmann auf sie zugesprengt: er ritt keinen Fuchs,
sondern einen Schwarzen.
    Ha! dachte der Pastor, da er den Edelmann, den er wohl kannte, auf einem
Rappen und nicht mehr auf dem Fuchs sah - ha, das Gewissen! das Gewissen! Es war
ihm Vergnügen, den Judas hängen zu sehen, und wahrlich, wenn ein Bösewicht von
der Welt Verzeihung haben will, muss er unstät und flüchtig - verzweifelnd
aussehen.
    Der Bösewicht hätte ungefragt wissen können, was und wie und wer? denn
unsere Todten kamen in eine Reihe mit Mann, mit Vater. An dieser Stelle,
Bösewicht, hast du geweint. Er fragte aber ein blosses kaltblütiges Wer?
    Anne, sagte der Pastor und zog seinen Hut ab, und die Tränen stürzten
herunter, als gösse er seine Augen aus - Anne, sagte er, und die ganze
Versammlung wimmerte Anne, und lange hernach sagte alles: »Ihre Mutter auch.« Da
hätte man doch denken sollen, würde er sich an die Brust schlagen und
verzweifeln. Eins sagte dem andern: Das ist er, und mancher, der Herz hatte,
setzte, wiewohl ins Ohr, hinzu: der Mörder! Alles wusste von seiner Falschheit
gegen Annen, allein nur drei, ausser dem Pastor, von ihrer Leichtgläubigkeit. Der
Bösewicht schien mir nichts, dir nichts. Sie hat Ihnen - ver - ziehen, gnädiger
Herr, sagte der Pastor, und konnte das Wort verziehen lange nicht herausbringen.
Der alte Mann war zu bewegt. - Sie hat Ihnen verziehen, wiederholte er mit
blossem Haupte. Und ich, versetzte der Frevler trotzig, verzeih' ihr auch, dass
sie gestorben ist! O Jungfrauen, denkt ans Jahr nach Christi Geburt eintausend
siebenhundert und sieben und an die Verzeihung, dass sie gestorben ist. Traut
nicht den gnädigen Herren, wenn sie gleich bei den Gräbern eurer Väter weinen.
    Es ward dem Pastor und seiner Gemeinde, als ob die Erde bebte, da der Mörder
siegprankte und trotzte. Der Pastor setzte seinen Hut auf und die Begleiter und
Begleiterinnen falteten die Hände. Der Edelmann mir nichts, dir nichts, sprengte
davon; denn er hatte seit vielen Wochen ein anderes Annchen, drum verzieh er
unserem, dass es gestorben war.
    Diese schrecklichen Worte hatten dem Pastor schnell die Tränen gestauet.
Beim heftigen Ungewitter regnet es nicht. - Da, fing der Pastor an, da habt ihr,
meine Lieben, den Teufel gesehen! - Sie war ein Engel, er ein Teufel, und alle,
die solche Augenbraunen sahen, fürchteten sich nach der Zeit, als sähen sie den
bösen Geist. - Einige von den Stadtfrauen, welche das selige, gute, unschuldige
Annchen gekannt hatten und unter denen die bewussten drei am meisten, wunderten
sich und sprachen: Warum erscheint nicht Annchens Geist dem Bösewicht? Warum
fährt nicht ihre kalte Hand über sein Gesicht, bis Todesschweiss vor seiner Stirn
steht? Warum heulen nicht des Abends zwischen eilf und zwölf Hunde, damit ihm
die Ohren gellen? Warum kreiselt nicht ein Sturmwind sich um ihn herum, damit
ihm Hören und Sehen vergehe? Warum pfeift ihm nicht der Nord zu: Du bist der
Mann des Todes? Warum rasseln nicht, wenn er mit seiner Buhlerin ins Bett
steigt, unter seinem Bette Ketten? Warum fahren nicht kalte Schauer kreuzweis
durch seine Seele? Warum schreien nicht Eulen, wenn er des Abends nach frischer
Luft schnappt? Und warum verscheucht sich nicht sein Pferd vor einer Erscheinung
und wirst ihn herab auf ebenem Wege? Warum schlägt es nicht an sein Fenster mit
Fäusten an, damit, wenn er: wer da? ruft, er nichts als einen Schatten von der
Seite sich wegziehen sähe? Warum klirrt und knarrt, knistert und knastert es
nicht in seinem Zimmer, obgleich alles ringsherum altes, reif ausgetrocknetes
Holz ist, als wollte es in die Worte ausbrechen: Mörder, Mörder! - Wundert euch
dessen nicht, meine Lieben, sagte der Pastor gar eben, dass das alles nicht
geschieht; Anne hat ihm verziehen, eben weil sie ein Engel ist. - Wenn sich die
Menschen dem Teufel ergeben, lässt der Teufel sie seine Knechtsjahre ungestört. -
Des Teufels Knechte sind fast immer vornehme Herren - allein wenn die
Contractsjahre aus sind -
    Die Gemeinde schlug sich ein Kreuz und alles betete:
»Für dem Teufel uns bewahr'!«
                                     * * *
    Zwar eine Aehrenleserin, und doch reich! Wie ich noch arbeiten konnte, band
ich Garben und beschämte oft junge Mädchen in der Schnelligkeit. Man sagte von
mir, ich griff Glück, wenn ich unter der blinkenden Sichel Getreide griff. Im
Alter lese ich Aehren und freue mich, dass ich's kann. Lieber würde ich's sehen,
wenn ich mich nicht bücken dürfte. Doch bückt man sich nicht auch, wenn man
stirbt? Und mir ist immer so wohl, wenn ich eine Aehre finde, als fände ich
meinen seligen Tod. - Auch der wird kommen, wenn Zeit und Stunde sein wird, so
wie der liebreiche Gott mir meine Schürze voll Aehren beschert, wenn es Zeit
ist. - Da sagen mir oft Leute, die jung sind und Aehren lesen kommen: Mutter,
dort steht das Korn, was leset Ihr? Schneidet mit einem Messer Aehren, so habt
Ihr in einer halben Stunde mehr, als Ihr tragen könnt. Seht, wie wir es machen.
Schämt euch, Kinder, antworte ich, dass ihr euch mit Aehrenlesen abgebt, und
schämt euch doppelt, dass ihr Gott und Menschen mit dem Messer betrügt. Der liebe
Gott, der unser Haar zählt, zählt auch jedes Erdenhaar, jeden Halm. - Glaubt
mir, jede Aehre, die ihr abgeschnitten habt, wird euch über kurz oder lang im
Gewissen schneiden. - Wie kann euch Brod anschlagen, das ihr stehlt? - Brod
stehlen, dass heisst so viel, wenn es nicht noch mehr heisst, als vom Altar Gottes
nehmen, ungeachtet die liebe Sonne hell brennt. Ehe Hungers gestorben, als solch
gestohlenes Brod gegessen! Seht, wenn ein Halm dem Stahl des Schnitters
entkommen und wie verwaist allein unter Stoppeln da steht - ich nehme ihn nicht.
Stehe, sage ich zu ihm, bis dich der Nord knickt, wie mich das Alter. - Wenn ihr
ehrlich Aehren lesen würdet, ihr Aehrendiebe, wäre es Schande und Sünde; denn
könnt ihr nicht noch arbeiten und Glück greifen, wie ich's gegriffen habe, ohne
Aehren zu lesen oder bei Gottes Türe zu betteln? Ich werde euch nicht lange
mehr im Wege sein. Alle Jahre finde ich weniger Aehren, und immer habe ich denn
auch weniger nötig. - Je älter, desto weniger Hunger, je weniger Zähne, desto
weniger Magen. - Dies Jahr nur wenige Hände voll Aehren; so wenig hab' ich noch
kein Jahr gehabt. - Ich glaube, ich habe dies Jahr zum letztenmal gelesen. O wie
gern, wie gern möchte ich aus dieser argen, bösen, bösen Welt herausscheiden, wo
man sogar Gottes Altar beim hellbrennenden Lichte bestiehlt. Lebt wohl, wenn ich
euch nicht mehr wiedersehen soll, gütige Felder! Tragt siebenfältig und
mehrfältig, so vielfältig, als es eurem Eigentümer nützlich und selig ist. -
Gott vergelte jedem die Aehren, die mir sein Acker verliehen hat! Lebt wohl,
alle ihr mitleidigen Örter, wo ich mich ausruhte, wenn ich mich nicht mehr
bücken konnte, und du vor allen, gütigster Ort, wo mir ein sanfter,
spannenbreiter Bach Kühlung gab und mich in süssen Schlaf rauschte, lebe wohl! Da
sah ich, wie das neugierige Feldblümchen, welches am Ufer blühte, sich recht
mühsam herüberbog, als wollte es das Ohr ans kleine Wellchen legen und es
behorchen. Da sah ich - bis ich sanft einschlief - sanft. O so sanft komme mir
auch der Tod, so sanft! - Dann bin ich reicher, als wenn mir alle diese Felder
gehörten und der spannenbreite Bach, den die neugierige Feldblume belauschte,
und die mitleidigen Örter, wo ich mich so sanft ausruhte - so sanft! -
                             (Ende der Beilage A.)
Dass mir Minens Nachlass kostbar gewesen, darf ich nicht bemerken. Ich bat
Gretchen, durch geschworne Leute die Sachen würdigen zu lassen, um dem Hermann
nicht zu entziehen, was ihm die Rechte als Erbe seiner Tochter zuwendeten. Ich
konnte bei dieser Würdigung nicht gegenwärtig sein.
    Gretchen und ich teilten uns diesen unschätzbaren Nachlass. Sie lehnte
meinen Antrag nicht im mindesten, auch nicht durch eine Verbeugung ab; sie
dankte auch nicht, sondern eignete sich ihren Teil zu, als etwas, das ihr
eignete und gebührte. Für den Hermann ward auf alle Fälle, oder eigentlicher auf
den Fall, ein Stück abgelegt, wenn er wollen würde, und für den ehrlichen
Benjamin unter dem einen Beding - wenn er noch lebte. - An die Teilung ward
nicht eher als den siebenten Tag nach Minens Beerdigung gedacht.
    Ueber Minens Begräbnis werde ich kurz sein. Den ganzen Tag vor dem
Begräbnisstage brachten wir in Gesellschaft der Leiche zu. Nur bis dahin war ich
an mein Versprechen, Minen nicht zu sehen, gebunden. Jetzt ging das noch einmal
an, das ich mir vorbehalten hatte, und dies noch einmal währte einen ganzen Tag.
- Gretchen hatte mir den mündlichen Bescheid abgegeben: »Wenn er nicht vor dem
Haar einer Todten zurückbebt, kann er eine Haarlocke nehmen.« Die Empfindung,
mit der ich mir dies Geschenk nahm, ist unbeschreiblich. - O du mir teures und
wertes Geschenk, wie noch angenehmer wärst du mir aus Minchens Hand gewesen,
die kalt ist und kalt bleibt, obgleich sie dein Freund, dein Mann an brennenden
Lippen anzünden will. Alle ihre Sachen nannte ich mittelbar, diese Haarlocke war
was Unmittelbares; sie war ein Stück von Minen selbst, das einzige, was Menschen
unmittelbar mit Anstand von einander nehmen können. - Dies war mit ein
Hauptstück für mich, ins Grab - -
    Der Tag, den wir mit Minen, eigentlich mit ihrer Hälfte, mit weniger als
ihrer Hälfte, zusammen waren, wie kurz war er! Eh' er sich neigte, schien es mit
meiner Fassung auch zum Ende zu gehen; bis dahin hatt' ich mich gut gehalten,
wie der Prediger sagte. Er legte es nach verschiedenen Metoden mit mir an,
allein keine einzige hielt Stich. - Wir hatten ein Tiefes und ein Hohes über die
Gleichmütigkeit gesprochen. - Der gute Pastor sagte mir als etwas ganz Neues,
dass die Gleichmütigkeit zum Charakter gehöre, die Gleichmütigkeit zum
Temperament. - Ich wusste so gut und besser wie der Prediger, dass, wenn die
Gleichmütigkeit aus der Selbstbeherrschung entsteht, sie bei allen Vorfällen
des Lebens das Kleid des Weisen und so sehr von der Fühllosigkeit unterschieden
sei, als lieben und verliebt sein. - Was helfen aber alle diese
Vortrefflichkeiten, die nicht zum Herzen gehen? Minchens Leichnam machte alle
Kunst zu Schanden. Mit Freuden taten wir alle auf das Kleid des Weisen
Verzicht, und suchten eine Wonne darin, bloss Menschen zu sein, wie die liebe
Mutter Natur sie am liebsten hat. Und am Ende, Freunde, geht's der abgehärteten
Seele und dem abgehärteten Körper wie dem Stahl - dies und das springt. Ihr, die
ihr den Menschen an Leib und Seele verhärten wollt, bedenkt, was wir sind. Ich
bin ein Mensch, heisst das nicht, ich bin schwach?
    Der letzte Abschied, den wir von Minens zurückgelassenem Teil nahmen, war
rührend. Wir sprachen mit ihm, als könnt' er hören; wir verstummten, da er nicht
antwortete. Wie sehr es mir zur Beruhigung gereichte, dass alles meinen Schmerz
mit empfand, kann ich nicht aussprechen. Er verteilte sich, doch blieb für mich
so viel zurück, dass mir das Leben wie gar nichts war. Diese Empfindung hätt' ich
um alles nicht weggegeben.
    Da wir hinausgingen und ich Minen noch zum letztenmal ansehen wollte, konnt'
ich es nicht. - Ich war mit Blindheit geschlagen; allein mein Ohr und Herz
hörten die Worte, welche der Prediger, der sich an den Sarg stellte, mit
gerührter Seele aussprach: Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang, von nun
an bis in Ewigkeit! Und nun kamen zwei Leute, die den Sarg fest zusammendrückten
und nach diesem schrecklichen Zusammendrucke sich zu uns mit den Worten
wendeten: Gott bescher' uns allen eine selige Nachfahrt! Sie hielten ihre Mützen
vor und beteten, und wir beteten alle.
    Minens Sarg war sehr einfach, ohne alle Verzierung. Sie hatte es nicht
ausdrücklich so angeordnet; allein sie bezeugte ihr Missfallen, dass der Sarg
ihres Verwandten zu gekünstelt gewesen. - Schon lange zuvor ward ich vom guten
Prediger befragt, ob Mine nach curischer oder preussischer Art begraben werden
sollte? Sie selbst hatte weder im Testament, noch im Codicill, weder
schriftlich, noch mündlich darüber Verfügungen getroffen, ausser dass sie gern bei
ihren Verwandten begraben werden wollte, um sie am lieben jüngsten Tage gleich
bei der Hand zu haben. Ich bat ihn sehr, es, wie es Sitte im Lande wäre, zu
halten; und nun noch ein Umstand.
    Zu den ausgezeichneten Eingepfarrten gehörte der Graf v. - -, ein besonderer
Mann. Seine Hauptbeschäftigung war, Leute sterben zu sehen. Er nahm, wo er von
Kranken hörte, sie bei sich auf, und wenigstens waren sieben, die bei ihm
starben, man mochte zu ihm kommen, wenn man wollte. Oft waren mehr. Unter den
Kranken zog er Verlassene und solche Leute vor, deren Schicksal ungemein war,
und die meiste Zeit war die Zahl ausserordentlich und über sieben. Seine
Sterbezimmer waren immer besetzt. Der Graf hatte sehr traurige Schicksale
überlebt. Seine sieben Kinder, alle in voller Blüte, unter denen zwei Töchter
als Bräute und ein Sohn als Bräutigam, starben in Zeit von drei Jahren. Die
Bräutigame der Töchter, die Braut des Sohnes folgten und seine Gemahlin auch.
Ein einziger Bedienter war von seiner Jugend, oder, wie er sich ausdrückte, von
seiner Frühlingsbekanntschaft übrig, alle übrigen hatten ihn im Stich gelassen.
Mit diesem alten Bedienten hielt er Haus, das hiess in seiner Sprache, bestellte
er sein Haus, in dem biblischen Sinn: bestelle dein Haus, denn du wirst sterben.
Der Graf ging mit diesem alten Bedienten als Freund, als Mensch um. Nicht war es
Herablassung; denn wahrlich, die ist oft ärgerlicher als Stolz und Hoffart,
sondern Menschengefühl war es. Spötter nannten sein Schloss ein Gebeinhaus;
allein er setzte sich über dieses und mehr hinaus. Ich lerne sterben, sagte er,
und lass es mir von andern vormachen; ich lasse mir vorsterben - und bin mit
allen letzten Dingen in genaue Bekanntschaft getreten. Seine Gedanken, die er
mir bei der Leichenfolge weitläuftiger eröffnete, sind im Kurzen: Ein Arzt und
Prediger sehen sterben; allein ausserdem, dass sie selten zu Masse kommen, so haben
sie zu wenig Zeit, den Tod abzuwarten. Der eine sieht auf den Leib und der
andere auf die Seele; keiner von beiden steht auf den Menschen. So befremdend es
scheint, so hat es mir doch die Erfahrung bestätigt, dass der Arzt, wenn er
gleich das Pulver erfunden hat, das er eingibt, doch eben so selten, wo nicht
seltener, den Leib des Kranken treffe, als der Prediger die Seele. Beide gehen
aus ihrem Compendio und nicht aus der Sterbestube aus - und so und nicht anders
werden sie auch von Seelen- und Leibespatienten behandelt. - Ich habe nicht
sagen gelernt: der Tod mag mir so oder so kommen, ich will ihm die Spitze bieten
, wohl aber: ich sterbe täglich. - Wahrlich, man macht zu wenig Erfahrungen über
den Eingang des Menschen in und den Ausgang des Menschen aus der Welt. - Wir
lernen den Menschen kennen, wenn er nicht mehr zu kennen ist, wenn Leib und
Seele sich nolens volens so in einander geworfen, dass man in die Schule gehen
und sich beglaubigen lassen muss, dass man eine Seele und auch einen Leib habe. -
Freund, wer zehn Menschen sterben gesehen, weiss, was ein Mensch ist. Ein anderer
weiss es gar nicht, oder hat es Mühe zu wissen.
    Dieser Graf, dieser besondere Mann ward zur Leichenfolge gebeten. Es ist das
einzige Mittel, sagte der Prediger, um mich mit ihm auszusöhnen; denn in
Wahrheit, er würd' es für eine Todsünde halten, dass ich ihm Minchen entzogen,
wenn ich nicht die Sache auf diese Art wenigstens einigermassen in's Reine
bringen sollte. - Er kommt gewiss, fuhr der Prediger fort, ohne dass ihm jemand
darüber Zweifel entgegensetzte. Er kommt gewiss, wenn ihn nicht was Sterbendes
abhält, um, nach seiner Sprache, der Entseelten das Bette machen zu helfen.
    Ich war sehr entfernt, mich dem Prediger in den Weg zu legen. Ein Mann, wie
dieser Graf, stört nicht, wenn man auch eine Mine begraben lässt, und eben so
wenig hatt' ich dagegen, da der gute Prediger mir seine Absicht eröffnete, Minen
einen Leichensermon zu halten, wie er, nach seinem Ausdruck, in dem Herrn
entschlossen wäre. Auch dieser gehörte vorzüglich auf die Rechnung des Grafen.
Die Einladung beantwortete der Graf wirklich mit Ja, weil er eben nichts
versäume. Auf alle Fälle wird mein Bruder (der alte Bediente) die nötige
Sorgfalt übernehmen, schrieb er zurück. Seit sechs Wochen haben sich drei von
meinen Sterbenden gebessert, oder soll ich nicht lieber verschlimmert sagen? Sie
sind gesund geworden.
    Minens Begräbnisstag war so schön wie ihr Sterbetag, als wenn sich diese Tage
beredet hätten, gleich schön zu sein und sich einander nichts nachzugeben. Schon
des Morgens ward geläutet, Nachmittags gegen fünf Uhr wieder; und dies war ein
Wink, dass sich ein grosser Teil aus dem Dorfe, Weiber und Männer, versammelten.
Die meisten, nicht alle, waren schwarz gekleidet. Unter diesen zu Hauf
Geläuteten war auch der Organist und einige wenige Kinder.
    Diese letzten stellten sich paarweise vor's Haus und fingen das Lied an:
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
welches die versammelte Gemeinde inbrünstig mitsang.
    Die Knaben und ihr Lehrer gingen darauf voraus mit dem Liede:
Ich hab' mein' Sach' Gott heimgestellt.
    In der Kirche fanden sich alle Mädchen um Minchens Sarg zusammen, nicht mit
Blumenkränzen, daran dachte niemand, der Fall war zu rührend, um ihn mit Blumen
zu verderben. Sie sangen aus der Tiefe ihres Herzens; so beteten sie auch. Es
hatten sich von freien Stücken zwölf Mädchen gemeldet, Minchens Leiche zu tragen
und zu versenken; allein der Prediger liebte keine Neuerungen, und es blieb bei
der Sitte in diesem Kirchspiel, dass die Aeltesten im Dorfe sie trugen. An andern
Orten, bemerkte der Pfarrer, sind die Jüngsten Träger. Ich will es so lassen,
wie ich es gefunden habe. Diese verliessen den Sarg, nachdem sie ihn vor den
Altar gesetzt hatten, und mehr als zwanzig junge Mädchen traten in ihre Stelle.
    Während der letzten Strophe des Liedes:
Amen, mein lieber frommer Gott,
Bescher' uns all'n ein'n sel'gen Tod.
Hilf, dass wir mögen allzugleich
Bald in dein Reich
Kommen und bleiben ewiglich
trat der Prediger auf den Altar. Er hielt nach diesem Gesang eine Rede über die
Worte aus der Offenbarung Johannis des dritten Kapitels eilften Vers: »Siehe,
ich komme bald; halt was du hast, dass niemand deine Krone nehme.«
    Die herzliche Art, mit welcher der Prediger den Text behandelte, war alles,
was ich von dieser Rede hörte oder eigentlich behielt. Ich war an Minens offenem
Grabe.
    »Schwer und leer,« pflegte meine Mutter zu sagen, »was schwer ist, ist
mehrenteils leer. In den alten Liedern ist immer die ganze weit und breite
Brust, und in den Melodien die ganze Lunge. Wenn auch hier und da ein paar
Sylben überlaufen - was mehr? Wenn du dazu weinst, Sänger, Sängerin, so läufst
du auch über.« Wer, wenn er singt, Triller schlagen und Cadenzen springen kann,
bringt dem lieben Gott ein Ständchen, ehret ihn mit seiner Zunge und naht sich
zu ihm mit seinen Lippen; allein sein Herz ist fern von ihm. - Dies
Lieblingslied Minens, das sie sang, da sie aus ihres Vaters Hause und aus ihrer
Freundschaft ausging in ein Land, das Gott ihr zeigte, dies Lied, das sie mir so
herzlich empfahl, kann keinen bessern Verteidiger, als meine Mutter haben. Es
konnte kein angemesseneres bei dieser Leiche gesungen werden, und wie das Lied,
so die Rede. Der Prediger hatte wenig oder nichts aufsetzen können. Dies hätte
ich, wie es mir eben einfällt, nicht nötig gehabt, zu bemerken, nicht wahr? Es
versteht sich.
    Der Pastor wusste meiner Mutter Grundsätze, zu denen mein Vater den zweiten
Discant sang. Mine hatte diese Grundsätze auf- und angenommen; schon in den
Tagen, von denen es hiess: Sie gefielen ihr, noch mehr aber in den Tagen, von
denen es hiess: Sie gefielen ihr nicht. Einem Leidenden scheint die Prosa zu
hart, zu angreifend; er sehnt sich nach etwas Milderem, sagte meine Mutter, wenn
sie von dem Drucke sprach, in dem sie lebte.
    In dieser Rücksicht hatte der gute Prediger mehrere Liederstellen in seinem
Sermon angebracht, den er mit einer Strophe aus einem alten Kirchenliede schloss:
Darum, du milde Erd',
Halt' dieses Pfand in Wert.
Was Gott zu Ehr'n erbaut,
Das wird dir jetzt vertraut.
Gott wird sein schön Bild in Lenzen
Des jüngsten Tags ergänzen;
Mit Ehren wird es glänzen!
    Es war ziemlich dunkel in der Kirche geworden, und dies war ein freiwilliger
Beitrag zur Feierlichkeit. Dieses heilige Dunkel, noch liegt es vor meinen Augen
und vor meiner Seele! - -
    Nach der Rede ward eine Stille. Dies wirkte fast mehr auf mich, als alles. -
Zu selten bedient man sich dieses Rührungsmittels.
    Auf einmal fing ein Mädchen, das ganz weiss gekleidet war und das ich noch
nicht gesehen hatte, allein zu singen an. Sie stand dicht am Sarge:
Gehabt euch wohl, ihr meine Freund',
Die ihr aus Liebe um mich weint. - -
Die ganze Gemeinde antwortete mit dem Liede:
Nun lasst uns den Leib begraben.
und so ging es durchs ganze Lied hindurch. Es waren zwei Gehabt euch wohl Sänger
und zwei Gehabt euch wohl Sängerinnen in der L - Gemeinde, die bei dieser
Ceremonie weiss gekleidet waren, ein Alter, eine Alte, ein Jüngling, ein Mädchen.
    Ich will sehr gern zugeben, dass nicht alle, sagte mir der Prediger, nachdem
wir Minen in ihre Schlafkammer begleitet hatten, die Art billigen werden, einen
Todten redend einzuführen und ihm Abschiedsworte in den Mund zu legen; wenn wir
aber hoffen, dass die Seele in Gottes Hand sei und lebe, warum nicht?
    So viel weiss ich, dass mich dieser Ueberfall anfangs erschüttert, nachher
sanft bewegt hat.
    Die Strophe:
Mein Elend, wie auch mein Beschwerd',
Wird nun verscharrt mit kühler Erd'.
was für Tränen hat sie mir gekostet! - Am meisten rührten mich folgende
Stellen:
In dieser Welt war Angst und Not,
Bekümmernis, zuletzt der Tod.
Nun aber schwindet alles Leid,
Und folget drauf die Ewigkeit.
So lasset mich in stolzer Ruh',
Und geht nach eurer Wohnung zu.
Bedenkt, wie bald euch Gottes Hand
Versetzen kann in diesen Stand.
Und dann die letzten Worte:
Ich scheide, lebet alle wohl,
Seid hoffnungs-, liebe-, glaubensvoll;
Ein jeder sterb' der Sünden ab,
So kommt er selig in das Grab.
    Was mich, versunken in Empfindungen, bei der Hand nahm und herauszog, war
das Lied: Nun danket alle Gott! das gleich darauf angestimmt ward.
    Es war die Gewohnheit in L -, dass die Kirche nie anders als nach einem
Lobgesang geschlossen wurde. Haben wir nicht Ursache, sagte der Prediger, da ich
ihn darüber in seinem Hause befragte, haben wir nicht Ursache, Gott für alles zu
danken? Können wir aber? würde mein Vater entgegen gefragt haben. Die zweite
Strophe, die meines Vaters Lieblingsstrophe und mehr Gebet als Dank entält, sei
uns allen heilig:
Der ewig reiche Gott
Woll' nun bei unserm Leben
Ein immer fröhlich Herz
Und edlen Frieden geben,
Und uns in seiner Gnad'
Erhalten fort und fort,
Und uns aus aller Not
Erlösen hier und dort. Amen! Amen!
    Die Leiche ward ohne Gesang von den Alten hinausgetragen und versenkt. - Die
erste Schaufel Erde, die auf den Sarg fiel - noch überfällt mich ein Schauer,
wenn ich mir diesen dumpfen Ton zurückdenke! wenn ich ihn zurückhöre! Mensch, du
bist Erde und wirst zu Erde werden! Das lag darin.
    Der Pastor sprach die Kollekte nach der ersten Schaufel Erde, und den
Beschluss machte das Lied:
O wie selig seid ihr doch, ihr Frommen,
Die ihr durch den Tod zu Gott gekommen.
Ihr seid entgangen
Aller Not, die uns noch hält gefangen.
Und nach diesem Liede gingen wir unserer Wohnung zu. Der Graf und ich waren beim
Hingang ein Paar, beim Rückwege schloss sich der Prediger uns an. Ich bückte mich
tief gegen den Haufen Begleiter und Begleiterinnen. - Jedes, das mich ansah,
bedauerte meinen Verlust und schien es zu empfinden, was ich verloren hatte,
ohne dass es jemand, ausser dem Pfarrhause, eigentlich wusste.
    Der Graf wollte mir seine Einrichtung (wie er bemerkte, mich zu zerstreuen)
noch näher eröffnen, und fing schon an, dass sein Bette wie ein Gewölbe gestaltet
und dass in den Zimmern, die er selbst unmittelbar inne hätte, Urnen und Särge
der Zierrat wären; allein ich weiss selbst nicht, wie er auf einmal auf die
unverbrennliche Lampe, das ewige Grabesfeuer, fiel. Er versicherte mich, dass er
schon sehr lange auf diese Art Lampen gedacht hätte, welche man zuweilen in den
alten Gräbern angetroffen haben will, die ohne Oelzuguss eine so lange Zeit
gebrannt hätten. Der gute Graf hatte noch manches von diesem ewigen Grabesfeuer,
wie er es nannte, zu sagen. Wie es mir vorkam, hatte der Graf Lust, die Sache zu
Künsten zu rechnen, die durch die Zeit verloren gegangen (si fabula vera). - Und
siehe da! ein keuchender Bote mit einem Briefe von seinem Bruder. Der Brief
hatte einen breiten schwarzen Rand. Nach meiner Meinung war es ein
Eröffnungsschreiben eines Todesfalls aus der gräflichen Familie - oder
wenigstens unter den Sieben; allein es ward nicht anders als auf dergleichen
Papier im gräflichen Hause geschrieben. Die Sache kam dem Grafen eilig vor. Eine
Sterbende aus Curland, von ihrem Manne verlassen, ward angemeldet, und da sie,
nach der Bemerkung des Herrn Bruders, sehr viel auf ihrem Herzen und Gewissen
hätte, bat er den Grafen, keine Zeit zu versäumen, sie abzuhören.
    Ich kann es nicht läugnen, dass mir der Umstand aus Curland sehr auffiel. Der
Graf nahm von diesem Umstande bloss Gelegenheit, seine Bitte zu wiederholen, dass
ich ja nicht von hinnen ziehen möchte, ohne seinen Kirchhof, wie er es nannte,
mit allen Anhängen und Beistöcken zu besuchen. Ich habe, setzte er hinzu, noch
über mancherlei von Seiten Ihrer Seligen Sie zum Verhör zu ziehen. Er stieg mit
den Worten in seinen Wagen: Heute mir, morgen dir.
    Nach unserm Hingange hatte der Organist eine Rede aus dem Hute gelesen; ich
habe nichts verloren, dass ich sie nicht aus seinem Munde empfangen, denn ich war
an diesem Tage nicht zum Hören aufgelegt. So wie ich sie meinen Lesern
mitteile, erhielt ich sie vom Verfasser noch den nämlichen Abend. Er ass den
Abend mit uns beim Prediger, und wir wurden, der bittern Stellen unerachtet, wie
er selbst sagte, Herzensfreunde. Aus Erkenntlichkeit will ich diese Abdankung
zur Beilage B. erheben.
 
                                   Beilage B.
                         Abdankung des Organisten in L -.
Ich möchte was drum geben,
So wenig es auch ist,
Denn dass ich blutwenig habe, ist euch bekannt.
                     Allerseits nach Tugend und Alter lieb
                             und werte Nachbaren!
    Und wenn man mir noch obenein die Leichenabdankungen entzieht, wie es heute
(unter uns gesagt) schier den Anfang genommen, so werd' ich wohl am Ende gar
nichts drum geben können.
    Und doch möcht' ich was drum geben, wenn ich fein der Erste gewesen, welcher
das menschliche Leben mit einer Mahlzeit verglichen hätte.
    Gelt, es ist ein schmackhafter Vergleich?
    Indessen haben ausser mir schon andere kluge Leute diesen gesunden Einfall
gehabt und wohl gewusst, was gut schmecke; denn in Wahrheit, es ist der
natürlichste Gedanke, den ein Mensch, wenn er nämlich einen gesunden Magen im
Leibe hat, nur haben kann. Wir essen und trinken, das heisst: wir leben, und wir
leben, das heisst: wir essen und trinken. - Die liebe Seele ist beim Leben nur,
so zu sagen, zu Gaste - in der andern, oder in der Seelenwelt - soll der Leib
der Seele Kostgänger werden; denn wie man liest, so wird unser Leib was
Extrafeines sein. So ein Unterschied, wie zwischen Hirt's Lise und der Gräfin
Friederikchen - ihr kennt beide, meine Lieben. Mir ist bange, wenn ich die
Gräfin Friederikchen ansehe, dass mein Blick ihr einen Fleck machen wird, so fein
ist sie; man hat nicht das Herz sie anzusehen.
    Wenn wir auf diese Welt kommen, heisst es, wie vor Tische:
    »Aller Augen warten auf dich, Herr, du gibst ihnen ihre Speise zu seiner
Zeit, du tust deine milde Hand auf und sättigest alles, was lebet, mit
Wohlgefallen.«
    Die jungen Raben sperren den Mund gen Himmel auf, als hochgähnten sie, und
schreien den lieben Gott an, wie unverschämte Bettler uns. Kleine Kinder, das
hab' ich an meinem Caspar gesehen, der sich wieder erholt hat und dick und fett
ist - ja, ich wollte von kleinen Kindern sagen - die sehen nicht gen Himmel -
ich dachte schon, das käme wegen der Erbsünde und weil wir uns dem lieben Gott
entwöhnt haben; allein ich besinne mich wieder - denn nicht wahr? alles was
saugt, sieht auf die Mutter, und sein Blick kommt erst durch Umwege zum lieben
Gott. - Wer in die Höhe steht, ist gleich ein paar Zoll grösser. Das wissen die
Werber wohl, die uns Angst und Furcht genug einjagen. - Ist aber je ein Rabe,
wenn ihn gleich seine Eltern nach Rabenart behandeln, Hungers gestorben? Habt
ihr je so was von der kleinsten Mücke gehört? Ich nicht. Und doch sagt man von
Menschen, dass sie im eigentlichen Brodverstande Hungers gestorben sind. Dass sich
Gott über solche Bengel erbarme, die nicht wert waren junge Raben zu sein! -
Seid ihr nicht mehr, denn sie? hätte man auf das Grab dieser Verhungerten
schreiben und ein Nest voll junger Raben, eben im Gebet begriffen, aushauen
sollen. Sterben wir, liebe getreue Nachbaren und desgleichen, sterben wir, so
heisst es, als wenn wir vom Tisch aufstehen und das Tischtuch, bald hätt' ich
Leichentuch gesagt, zusammenlegen:
Wir danken Gott für seine Gaben,
Die wir von ihm empfangen haben,
Und bitten Gott, unsern lieben Herrn,
Er woll' uns allzeit mehr bescher'n.
Er speis' uns stets mit seinem Wort,
Damit wir satt werden hier und dort.
Ach lieber Gott, du wollst uns geben
Nach dieser Welt das ewige Leben.
Kann ein besseres Todten- oder Begräbnisslied sein?
    Aber zur Sache zu kommen. Der Student der im ersten Paar mit dem
hochgebornen Herrn ging, mag wohl wissen, wie's in Curland bei Begräbnissen
gehalten wird; von unserer Manier weiss er keinen Teelöffel aufzuwaschen, das
ist ein Löffelchen wie mein kleiner Finger. - Der Jüngling würde mich sonst
ersucht haben, ein Wort aufs Grab zu sprechen, das mir immer zusteht, wenn die
Leiche nicht ins Gewölbe kommt, sondern in die Kirchhofserde. - - Ich sag' es
nicht des Gewinnstes wegen, denn seine Schöne (Ende gut, alles gut, sonst wäre
noch mancherlei und manches davon zu sagen, dass er sich ihr und sie sich ihm
verpfändet hatten; mein Sohn sollt' es nicht versuchen! doch sie ist todt),
seine Schöne, seine verstorbene Wilhelmine ist eines Geistlichen Tochter und er
Predigers Sohn; wie ich, wiewohl alles nur durchs Schlüsselloch, gehört habe.
Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus. Ich hätte keinen Dreier
genommen, ob ich gleich es eben jetzt zum Fuder Holz nötig habe. - Doch wenn
ihr Nahrung und Kleider habt (an Holz ist nicht gedacht, wie es denn auch unser
Glaubensvater Luter bei der vierten Bitte, Gott weiss, warum, ausgelassen hat),
so lasset euch begnügen.
    Was ich also heute rede, das red' ich von Herzen; denn ich hab' es oft und
viel bemerkt, dass meine Grabreden oder Leichenabdankungen nicht ohne Segen
geblieben.
    Gott verzeih' mir die Sünde! Manchmal dacht' ich, wenn ihr alle aufs Grab
weintet, so, dass die Tränen ordentlich drauf zu kennen waren, der selige Mensch
werde bald aufgehen - und ich hätte die Ehre gehabt, diese Pflanze Gottes auf
seinem (nämlich Gottes) Acker zu begrüssen.
    Wenn man recht herzlich weint, hat man nicht Zeit, an einen Schwamm zu
denken; und es ist wahrlich ein schöner Anblick, so natürlich weg weinen zu
sehen. - Aber wieder auf das Leben und die Mahlzeit zu kommen.
    Kennt ihr, lieben getreuen Nachbaren und desgleichen, kennt ihr was
Angenehmeres als eine gute Mahlzeit? - Ich glaube, es tut den Engelchen leid,
wenn sie uns essen sehen, dass sie es nicht auch können. - Der liebe Gott hat uns
alle, nach dieser Welt, mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tisch bitten lassen -
das wird schmecken! Freilich werden nur bloss geistliche Gerichte aufgetragen
werden, aber man sieht doch daraus, dass der liebe Gott selbst an Essen und
Trinken denkt und wohl weiss, dass uns der Mund alsdann eher nach dem Himmel
wässern werde, als wenn er gesagt hätte, wir sollten mit Abraham, Isaak und
Jakob dort eine lange Predigt anhören. Wenn ihr so mit euern gesunden Kinderchen
um den Tisch euch lagert und bei Sommerszeit Milch und bei Winterszeit Erbsen
und Speck esst: o Nachbarn, mich hungert, wenn ich daran denke, und ich würde
mich bei einem von euch gleich heut Abend auf frischer Tat zu Gast bitten, um
meinen heutigen Vortrag recht lebhaft zu machen, wenn ich nicht bei dem Herrn
Pfarrer gebeten wäre. Der Herr Pfarrer weiss schon, was einem Handlanger am
göttlichen Wort zukommt, und ich versichere euch, dass ich dem Studenten begegnen
werde wie meinem eigenen Kinde, obgleich er die Landesmanier nicht weiss und mir
nicht die Ehre angetan hat, eine Leichenabdankung bei mir zu bestellen.
    Seht, liebe Nachbaren, wie die Mahlzeit, so das Leben. Es ist, unter uns
gesagt, recht gut zu leben. - Wenn ihr nicht arbeiten möchtet, würd' es euch
wohl schmecken? Die wenigsten Vornehmen essen und trinken, sie tun nur so, als
ässen und tränken sie; und dann am Sonntage - denkt nur noch an jenen Sonntag, wo
wir des Morgens um vier Uhr ein Werk der Liebe und der Not verrichteten und dem
Herrn Pfarrer sein Getreide wegen des bezogenen Himmels in die Scheuer
sammelten, und hernach, wiewohl nach der Predigt, unterm Schauer sassen und
regnen sahen, und unser guter Seelenhirte mitten unter uns. Das ging: Prosit,
Gevatter! und ich glaube, solcher Prosittage habt ihr viel gehabt.
    Niemand ist schläfrig zum Todesschlaf. Jedes hat noch Luft ein Stündchen
aufzubleiben. Alles will gern leben. Die lahme Trine im Hospital hätte gern noch
einige Jahre gehinkt, und es ist gewiss und wahrhaftig so viel Hübsches,
besonders im Sommer, in der Welt zu sehen und zu hören, dass man recht gern lebt.
- Ich liebe darum vorzüglich den Sommer, weil so viel Leben drin ist. - Alles
lebt im Sommer. Die ausgewachsenen Bäume sind für Vögel und Gewürme grosse
Städte, so wie das Gras schlechte Dörfer und Gesträuch Kirchdörfer sind. -
Manche Eiche könnte man wohl ein Schloss nennen; alles, wie man es nehmen will. -
Mir hat noch keine Fliege einen Gedanken weggesummt, und es ist mir gleich nicht
recht, wenn nicht ein paar in meiner Stube sind. Kann sie ein so grosser Herr,
als der liebe Gott ist, in seiner Welt leiden, so können sie doch wohl in meiner
Stube sein? Ich hab' es von einem sehr vornehmen Herrn, der bei einem Feste auch
für seine Fliegen und Mücken Wein eingiessen lässt, um alles, was um ihn lebt und
schwebt, zu sättigen und zu tränken mit Wohlgefallen. Seine Haustiere müssen
alle ein Spitzgläschen Wein haben; allein das halt' ich, unter uns gesagt,
unrecht, wenn man die Tiere zu menschlich macht. - Man wird schon einen Lazarus
finden, warum also Fliegen und Mücken? Der Gevatter Briese sprach mir gestern
von der Grösse des lieben Gottes, und ich hatte den Einfall, dass der liebe Gott
jeden Sperling, jeden Stieglitz, jeden Hänfling, jede Milbe, jede Mücke mit
Namen zu nennen wüsste, so wie ihr die Leute im Dorfe: Schmied's Greger, Brisen's
Peter, Heifried's Hans - Denkt nur, wenn der liebe Gott so jede Mücke ruft, die
sich einander so ähnlich sehen, dass man schwören sollte, sie wären alle
Schwestern und Brüder; denkt nur!
    Kurz, lieben Freunde, der liebe Gott ist ein guter Herr, bei dem ihr dient,
und seid ihr gleich auf Taglohn bei ihm, und ist die Welt gleich nicht verdungen
Werk, hat gleich jeder Tag das Seine, und wird gleich nicht fürs Leben im ganzen
Stück, sondern für jede Tagesabteilung Rechenschaft gegeben, was schadet es? Je
kürzer die Rechnung, desto leichter alles übersehen. Wir sind wahrlich nicht in
Egypten, wenn wir dem lieben Gott dienen. - Seid ehrlich. - Habt ihr wohl über
eure weltliche Herrschaft zu klagen, ob es gleich oft adeliche Egyptier gibt und
unter den königlichen Beamten manchen pharaonischen Frohnvogt? - Der liebe Gott
lässt jedem, was er hat. - Er nimmt nicht Zoll und Accise, nicht Hufenschoss und
Vorspann, er will nur das Herz, das heisst, dass ihr das Eurige gut anwendet und
euch all' zusammen für Schwester und Bruder haltet. Er gönnt uns Würden und
Ehren und lässt den beim Schulzenamt, den einen Landgeschwornen, den einen
Hausvater sein und mich einen Mitdiener am göttlichen Worte. Er will nur das
Herz, das heisst: dass wir uns einander Gevatter nennen und nicht einer über den
andern erheben und alle einander die Hand geben und wohl bedenken, dass nicht
wir, sondern er durch uns regiert; daher werden auch die Schulzen und
Landgeschwornen, wie die liebe Obrigkeit all' zusammen, Götter der Erde genannt.
- Der liebe Gott hat's nicht verboten, in den Krug zu gehen und ein Gläschen zu
trinken und Hannchen herumzudrehen, wenn es nur des Sonntags ist, nichts dabei
versäumt wird und alles in Züchten und Ehren bleibt. Pfui, wer wollte sich
betrinken, um vergnügt zu sein, wer sich die Augen verbinden, um desto besser zu
sehen!
    Seht, lieben Freunde, so ist das Leben eine Mahlzeit.
    Es gibt aber auch bei jeder Mahlzeit mancherlei und manches, was unangenehm
ist. Wo Weizen ist, da schleicht sich auch Unkraut herein, wie in unseres Herrn
Pfarrers Weizenland. Gott wolle geben, dass in seiner Gemeinde weniger Unkraut
sei, als dies Jahr auf seinem Acker. - Sonst würden die lieben Engelein zu jäten
kriegen, und es würden nicht viele in Frieden und Jauchzen eingeführt werden in
die Scheuern - das ist auf den Kirchhof, den ich für des lieben Gottes Scheuer
ansehe.
    Wir essen im Schweisse des Angesichts, wir essen, was wir sauer verdient
haben. - Ich kann zuweilen das Brod nicht ansehen, ohne dass mir der Angstschweiss
ausbricht; denn ich weiss, was es mir gekostet hat. Wenn man nur bedenkt, was der
liebe Gott erst mit dem Brode für Wege geht, eh' es Brod wird. Wer kann es ohne
Sorgen essen? Und mit dem Hemde, eh' es ein Hemd wird. Wer kann es ohne Seufzer
anziehen? Gott weiss, wie es kommt, man sorgt am liebsten am Tische und sieht auf
die Erde, obgleich man dankvoll gen Himmel sehen sollte. - Man sieht alle um
sich herum, die Nahrung und Kleider haben wollen, und das bringt uns in einen
Gedankenwald. - Oder man glaubt vielleicht, sich das Sorgen leichter zu machen,
wenn man bei Tische sorgt; allein man macht es sich schwerer, denn man wird
dadurch untätig, und anstatt dass man die verlorenen Kräfte ersetzen sollte,
verliert man ihrer noch mehr. - Es ist so, wie ein unruhiger Schlaf, der mehr
schadet als nützt, man ist nach ihm noch schläfriger. - Wenn man einmal ins
Sorgen hinein kommt, findet man sobald nicht heraus. - Mein College in B-, der
in seiner Jugend Barbier gewesen, ist bis zur Verzweiflung betrübt, dass er nicht
so viel Bücher hat, als sein Pfarrer. Und ich sag' oft und viel zu meiner Frau,
dass ich Gott für dreierlei besonders danke, nämlich, dass sie ein treues,
fleissiges Weib ist, die ihre Finger ins Kalte und ins Warme steckt, wie ihr sie
alle kennt; dass mein Acker nicht der schlechteste ist und seinen Organisten
schon nährt, und dass ich nicht viel Bücher habe; denn wahrlich, Bücher stehlen
einem das Leben unter den Händen weg. Freilich muss man der Bibel Gesellschaft
machen, ausser dem Gesangbuch, das in Absicht der Bibel wie Mann und Frau, Bein
von der Bibel Bein, Fleisch von der Bibel Fleisch ist, von dem man sagen kann:
Man wird es Männin heissen, weil es vom Mann genommen ist. - Ausser der Bibel und
dem Gesangbuch hab' ich acht bis neun Bücher. Was will aber der liebe Herr
Amtsbruder mit mehr? Mit Bibel, Gesangbuch und Luters Katechismus kann man
schon haushalten. - Wenn ich lese, dann leb' ich nicht, sondern der, so das Buch
geschrieben, lebet in mir. - So ist es aber mit dem verdammten Neide. Da lob'
ich mir doch noch Sünden, bei denen man seine Lust hat und die man mit lachendem
Munde tut, denn da ist doch noch etwas dabei. Aber der Neid, der Zorn und
desgleichen sind so traurige, so milzige Laster, dass man gar nicht begreifen
kann, wie man zornig und neidisch und dergleichen ist. Bei jenen ist man auf der
Hochzeit und Kindtaufe, bei diesen auf Begräbnissen. Man nennt daher diese
letzten schwarze Laster, und das von Rechtswegen, wie's in den Urteilen steht,
dass Gott erbarme!
    Für solche Sorgen, wie mein College, der gewesene Barbier, sich aufbindet,
bin ich zwar sicher; allein ich hab' andere - und meine neun Kinder alle mit
Magen wie Kornsäcke. - So was will gefüllt sein. - Ich mag mein Aemtchen
berechnen, wie ich will, über zweihundert Gulden dresch' ich nicht heraus. Wenn
noch so eine gute Ernte gewesen und ich noch so viel Leichenabdankungen
gehalten, ist doch am Ende nicht ein Bund Stroh mehr, als zweihundert Gulden.
Was das kostet, einen Sohn auf der Universität zu haben, das könnt ihr nicht
glauben, liebe Nachbaren; indessen ist auch Waare dafür, und wenn Gott uns leben
lasst, wird er künftige Pfingsten seine erste Predigt auf unserer Kanzel tun,
wozu ich Jung und Alt hiermit zum voraus dienstlich eingeladen haben will. - Da
wird man doch sehen, ob er weiss, wo er zu Hause gehört. Da ich an diesen
hoffnungsvollen Jüngling denke, werd' ich Mühe haben, die Mahlzeit dieses Lebens
unschmackhaft zu finden. - Findet ihr nicht etwas Aehnliches zwischen ihm und
dem tiefgebeugten Curländer? Ich glaube, am Ende sehen sich die Studenten alle
gleich, und doch -
    Herzlich geliebte Nachbarn! wenn man auch einen hoffnungsvollen Jüngling zum
Sohn hat, der auf Pfingsten predigen wird, ist's doch ein elend jämmerlich Ding
um aller Menschen Leben. Auch die Vornehmen haben nicht alle Tage Rebhühner. Ich
ass ehegestern ein halbes beim gnädigen Herrn v. - - auf dem Gebetsverhör;
allein, unter uns gesagt, es war ein wenig alt. So ist's mit dem Leben, wenn
auch Rebhühner aufgetragen werden. Wer eine Wittwe mit Geld heiratet, isst ein
altes Rebhuhn, und wer zu Ehren kommt, isst ein altes Rebhuhn, und gesetzt, die
Rebhühner sind frisch, und gesetzt, sie wären auch ein Alltagsgericht, was
hilft's? Die Kinder Israel wurden des Manna's überdrüssig, wie es Leute gibt,
die des preussischen Manna's, der Schwadengrütze, müde werden können. Das Manna,
es sei das israelitische oder das preussische, in Ehren - allein wer es dazu hat,
dass er alle Tage Haselhühner essen kann, dem müssen sie wie unser einem die
grauen Erbsen werden.
    Man sagt, wenn es am besten schmeckt, soll man aufhören, und wahrlich, so
ist's mit dem Leben. Beim Leibgericht verdirbt man sich am ersten den Magen. -
Die Leibgerichte der Vornehmen könnte man am füglichsten nennen: der Tod in
Töpfen, und von den ausgewachsenen Bäuchen der Landpfleger heisst es: übertünchte
Gräber. Habt ihr schon, meine Lieben, einen dicken Bauer, einen dicken
Organisten und einen dicken Schneider gesehen? In unserm und den drei uns
benachbarten Kirchspielen ist keiner aufzutreiben, und überhaupt ist so was ein
seltener Vogel - allein bei uns, die zu Pharaonis magern Kühen gehören, sitzt
das Uebel wo anders. - Wo sitzt es immer bei Reichen oder Armen, Vornehmen oder
Geringen? - Wir füttern alle durch die Bank den Tod, wenn wir essen und trinken
- wir mögen dick oder dünn sein. - Wie oft kommt uns was in die Quere bei Tische
und wär' es auch nur eine Gräte. Da verbrennt sich der Kleine den Mund und
Trinchen kriegt's in die unrechte Kehle.
    Selten ist eine Hochzeit, wo nicht was Trauriges sich zuträgt; ihr wisst es
wohl, wie es des Hiobs Kindern ging, da sie recht fröhlich und guter Dinge
waren. Wenn man lustig ist, hat der Teufel immer sein Spiel; er streicht die
Violine beim Tanz. Wo getrunken wird, werden Gläser zerbrochen, und man kann
ordentlich zu viel auf einmal leben, wie man zu viel auf einmal essen und
trinken kann. Wie viele überleben sich daher selbst? - Und dies alles
zusammengenommen, was meint ihr? Das Leben ist zwar eine Mahlzeit, allein es ist
darauf nicht eben einzuladen. So für's Haus, so aus der Hand in den Mund.
    Wenn es nicht schmeckt, sieht man gern ein Viertelstündchen früher auf und
sieht sich im Freien um, wenn es Mittag, und in den lieben Mond, wenn es Abend
ist. Man hat alsdann dem lieben Gott eben soviel Ursache zu danken, dass man
aufgestanden ist, als dass man sich niedergesetzt hat. Das heisst mit andern
Worten: im Fall wir uns nicht das Leben gar zu süss gemacht, sterben wir gern und
danken dem lieben Gott für den Tod so wie für's Leben. Wahrlich, es kann nicht
schlimm mit dem Tode sein; frische Luft und ein Blick in den Mond ist das
wenigste. - Wer recht müd' ist, liebe Nachbarn, legt sich lieber, als dass er
essen und trinken sollte. Der hört die Kugel nicht, den sie trifft, der sieht
den Blitz nicht, den er erschiesst. Ich glaube, es hat noch kein Mensch recht
gewusst, wenn er stürbe. - Weg sind wir! Der Tod ist, die Sache beim Licht
genommen, eben so ein Werk der lieben, gütigen Natur, als das Leben, und der
Schlaf eben so gut als das Essen. - Wer nicht schlafen kann, kann auch nicht
essen; allein wenn es möglich wäre, dass jemand immer schlafen könnte, so würd'
er nicht essen dürfen.
    Wollt ihr die Sache ins Feine haben, denkt euch die Jugend als Frühstück,
die Jünglingsjahre als Mittags-, bis männlichen als Vesperkost, das Alter als
Abendbrod. - Da liesse sich viel, besonders beim Mittag, anbringen; allein denkt
der Sache selber nach - und fasse jeder in seinen Busen, allwo ich das meiste,
was ich gesagt, herausgenommen.
    Lasst uns, lieben Freunde, nicht zu viel essen, damit wir sanft schlafen
können. Man sitzt höchstens eine Stunde am Tische; wer schläft aber nicht gern
seine sieben Stunden?
    Manche Blüte, die schon angesetzt hat, fällt ab, weil ein böser Junge,
indem er nach einem Vogel wirft, die kernfrische Blüte trifft. Viele vergeuden
ihre Jugendkräfte und sind Lebensdurchbringer. - - Wie der Baum fällt, so bleibt
er auch liegen. Sorgt nicht für den andern Morgen, sonst verliert ihr den
heutigen und den folgenden Tag, und wer weiss, ist nicht der Tag, da ihr am
meisten für den folgenden sorgtet, euer jüngster, euer letzter Tag!
    Hiermit verlassen wir dieses Grab. Gewiss, Freunde, ein denkwürdiges Grab! -
Fliege vorbei, du Geier und Habicht, und wenn du in diese kalte Gegend (wo der
Dr. Luter gewiss an Holz in der vierten Bitte gedacht hätte, wenn er in L -
Organist gewesen), wenn, sag' ich, du in diese kalte Gegend dich verirren
solltest, auch du, Adler - und all' ihr unheiligen Vögel - allein ihr heiligen,
Nachtigall, Lerche und Schwalbe, setzt euch auf dies Grab, wär's auch nur, weil
Christenleute Minen das Geleit gegeben und an ihre Brust geschlagen und gebetet:
Was ich gelebt hab', decke zu,
Was ich noch leben soll, regiere du.
    Man fängt die Grabschriften mit Wanderer an, warum aber nicht mit Reiter? -
Reiter so gut als Wanderer, und auch du selbst, der du mit Sechsen fährst - hier
ruht ein Mädchen aus fremden Landen, sie fand hier den Tod, auch du wirst ihm
nicht entwandern, entreiten, entfahren. - Ihr habt alle einen Weg - alle zum
Grabe!
    Genug auf heute, liebe Nachbarn. Da ich dies Wesen (eine Abdankung kann
ich's nicht mit gutem Gewissen nennen) bis beinahe ans Ende fertig hatte, fiel
es mir ein, dass ich auch das Leben mit einer Reise hätte vergleichen können,
weil unsere Seligtodte nicht von hier war und ein reisendes Mädchen was Seltenes
ist; allein da ich eben zu Hause war und den nämlichen Abend, als ich dies Wesen
aufsetzte, eine sehr mässige Mahlzeit tat, schien mir das erste besser, und so
wünsch' ich euch denn, und die Selige, wenn sie reden könnte, würd' ausser dem
herzlichen Dank, dass ihr ihr auf eurem Kirchhof ein Plätzchen gegönnt und sie
dahin fein sauber angezogen in Communionskleidern begleitet habt, und die
Selige, sag' ich, würd' euch ausser diesem Dank ein Gleiches wünschen, das ist:
    eine gesegnete Mahlzeit.
    Schliesslich lasst uns allerseits auf unsere Knie fallen, um ein gläubiges und
andächtiges Vater unser zu beten. Ihr wisst wohl, wie ich mich ärgre, wenn ihr
Leutchen erst eure Beine anseht, ehe ihr hinkniet, als wenn ihr von ihnen
Erlaubnis bätet. - Wozu die Umstände? Ich habe doch auch ein Ehrenröckchen an,
aber ich falle mir nichts, dir nichts nieder wie ein Stück Holz, und meine
Marte auch so, wenn auch am Kleid oder Schürze ein Fleck bleibt. - Kinderchen,
ist's doch kein Fettfleck. Er bleibe, dieses Grabeszeichen. Eine schöne
Erinnerung: Mensch, du bist Erde, bedenke das Ende! Betet also, als betet ihr
zum letztenmale:
        Vater unser etc.
                             (Ende der Beilage B.)
    Der Prediger erinnerte sich an seine Pflicht, der Regierung nach Königsberg
von dem erfolgten Tode unserer Seligen Nachricht zu erteilen. Ich schrieb an
meine Mutter und an meinen Vater, an Benjamin und an Hermann. Ich läugne es
nicht, dass der Brief an meine Mutter mit Bitterkeit gewürzt war; der an Hermann
war gewissensrührig. Ich bestätigte alles, was Mine in meinem Namen versprochen
hatte; ich forderte nicht ihr Blut von seinen und des v. E. Händen, allein ich
forderte den Hermann auf, zu bedenken zu dieser seiner Zeit, was zu seinem
Frieden diene. Bald würd' es vor seinen Augen verborgen sein, wenn der Richter
der Lebendigen und der Todten sein Gericht eröffnen würde.
    Um Minens Grab ward ein viereckiges Bollwerk geschlagen, welches man in L -
einen Kranz nannte. Es war nichts weiter darauf geschrieben, als:
                                Wilhelmine - -,
                            geboren zu - in Curland,
                          gestorben zu L - in Preussen.
                        Wer so stirbt, der stirbt wohl!
    Acht Tage blieben wir so versammelt, so einmütig, so bei verschlossenen
Türen, wie die Jünger, da ihr Herr und Meister sich ihren sichtlichen Augen
entzogen hatte. Wir sprachen von Minen und gingen Hand in Hand zu ihrem Grabe.
Mine war der Mittelpunkt aller unserer Unterredungen, bis auf die Abhandlung von
der Sünde wider den heiligen Geist, worin sich weder Gretchen noch ihre Mutter
mischte. So oft ich allein zu Minens Grab wallfahrtete, begegnete ich Gretchen,
die mir nie im Wege war.
 
                                    Fussnoten
1 Bei dieser Stelle finde ich angemerkt: unwörtlich. Die Feinheit des Originals
kann nicht erreicht werden.
2 Dieses Stück war Gretchens, des Predigers Tochter in L-, Liebling. Sie besass
es, wie sie sich zu mir ausdrückte, schriftlich und mündlich; sie hatte es
abgeschrieben und wusste es auswendig. - Das gute Mädchen fand etwas Aehnliches
von der mütterlichen Linde darin.
 
                                 Dritter Teil.
                                   Erster Band
Wir sprachen kein lebendiges Wort; - als ob's todte gebe? nach der Weise von
todten und lebendigen Sprachen? - Wenn man lebendige Worte tätige, mit
Handlungen verbundene nennen wollte, würden freilich auch todte Worte sein. O
den Todten! Gott ehre mir Leute, die Hand und Mund zugleich bewegen, pflegte
mein Vater zu sagen. Freilich deutete er diesen Ausspruch auf Güte des Herzens
und Mildtätigkeit; allein er ehrte auch das Symbol und hatte die Gewohnheit,
die Hand mitsprechen zu lassen.
    Seufzer, halb erdrückte Achs nennt nicht todte Worte, ihr Wortkrämer! denn
die gelten mir mehr als eure Klagelieder und Condolenzen. Wenn es auf Achs
kommt, löst der Geist den verstummten Leib ab, drängt sich vor, vertritt ihn und
lässt sich allein hören. Es gibt unaussprechliche Achs! - Abba, mein Vater! - die
Cartäuserparole: bedenke das Ende! war gewöhnlich unsere ganze Unterhaltung.
Gretchen und ich hatten das meiste eingebüsst; war es Wunder, dass unser Schmerz
zuweilen bis aufs memento mori die Sprache verlor? dass der Geist das Wort nehmen
musste? In wenigen Tagen sahen wir etwas Grünes auf Minens Grabe das Haupt
emporheben, und das war uns so willkommen, als wenn Minens Leib, diese
Gottessaat, schon aufginge. Gretchen küsste dies erste Grün und betaute es mit
ihren Tränen. Sie war neidisch auf Tau und Regen, und wollte diese Erstlinge
durchaus nur mit Tränen auferziehen. - - Mich hatte die Empfindung beim Anblick
dieses ersten Grüns gelähmt. Es war mir, als säh' ich ein Stück von Minen. Am
Kopfende schoss dieses erste Grün hervor. Den Noah konnte der Oelzweig nicht so
entzücken, als uns dieser Aufschlag aus einem Gebeinhause. Entweder war der gute
Prediger so voll von seiner Abhandlung, oder er legt' es geflissentlich dazu an,
mich zu zerstreuen; denn eh' ich's mich versah, liess sich der Schriftsteller
hören. Ja wohl, er liess sich hören.
    Vor dem Begräbnisse war dem guten Prediger selbst Minens Andenken, ebenso
wie uns, Ein und Alles. Nach der Beerdigung trat er zwar auch die meiste Zeit
unsern Empfindungen bei; indessen konnt' er zuweilen nicht umhin eine Störung zu
machen, wenn wir uns Minens letzte Lebenstage ins Herz hineinmalten,
einbildhauten. Da galt es denn den Stuhl, auf dem Mine am liebsten gesessen;
jeden Ort, wo sie an mich gedacht, wo sie voll Hoffnung, mich zu sprechen,
gewesen - wo ihr diese Hoffnung den Dienst aufgesagt, wo sie die Schwäche
empfunden, mit dem rechten Arm ihren Kopf gestützt, und sich Gott ergeben, wo -
    Eben öffneten mir diese Erinnerungen Tür und Tor. - Nur ein Wort, nur ein
Sterbenswort von Minen, fing ich an, wie glücklich hätt' es mich gemacht! und
der Prediger, »was den Druck betrifft,« er tat, als ob es eine Antwort auf
unser Seelenringen wäre; »was den Druck betrifft: er sei nicht kostbar, allein
rein, so wie jeder Anzug. Eine gute Wäsche ist bei mir mehr als Gold- und
Silberbesatz. In dem Stück bin ich sehr für die Engländer und Holländer. Fast
scheint es, saubere Wäsche und gut Papier wären nicht so weit auseinander. Beide
Nationen, saubere Wäsche und sauber Papier. Ist das Papier gut, ist viel gut.«
    Dergleichen Eingriffe waren was Gewöhnliches, und damit meine Leser den
Haupteingriff überstehen und einmal wissen, woran sie sind: der Eingang des
Werks war ein Sündenverzeichniss von Saul und David. Dieser raubte dem Urias das
Leben, weil er eine schöne Frau hatte; jener war gegen die Feinde Israels mehr
schonend, als er sollte. Heutzutage würde man sagen, er war menschlicher - und
Saul empfand den Bind-, David den Löseschlüssel. -
    Meine Leser werden den Uebergang zum Tema ohne meine Handleitung finden.
Die Sünde in oder wider den heiligen Geist ward wie gewöhnlich in der Art
behandelt, dass der erste Teil die unrechten Begriffe entielt, welche man sich
gewöhnlich von der Sünde wider den heiligen Geist mache. Unter diesen unrechten
Begriffen kamen freilich einige vor, auf die kein Mensch eher als unser guter
Schriftsteller gekommen. Er brachte darauf, weil er recht auf Irrwege studirt
hatte. Der zweite Teil war der rechte Weg, oder eigentlich der, der ihm gefiel.
Ueberall auf Weg' und Abwegen eine Belesenheit, die sich nicht bloss auf die
russigen Bücherschränke der Gegend erstreckte, wie der gute Prediger sagte - sie
ging weiter. - Ich würde zwar (Gott wend' es aber in Gnaden ab) nicht die Sünde
quaestionis, allein doch eine wirkliche Sünde begehen, wenn ich meinen Lesern
von diesem gewiss bewanderten Werke eine weitläufige Erzählung auslieferte. So
viel ist gewiss, dass ich den guten Prediger mit seiner Ausarbeitung ziemlich
zweifelhaft machte, indem ich ihm, in beliebter Kürze und Einfalt, meines Vaters
Meinung über diesen heiligen Gegenstand eröffnete, der die Sünde wider den
heiligen Geist eine Bemühung nannte, das ins Herz geschriebene natürliche
Gesetz, die Regel, das göttliche Alphabet auszulöschen. Das Kind mit dem Bade
ausgiessen, sagte der Prediger, und legte die drei Finger seiner rechten Hand an
seine Stirn und sodann ans Herz, als ob er an beiden Orten anklopfen wollte.
Endlich ward ihm aufgetan. Ich würde, fing er an, meine citationseisenschwer
beschlagene Abhandlung gern Ihrem Herrn Vater auf eine freundschaftliche
Bleifeder übersenden; allein ich fürchte, dass nach diesen Grundsätzen wenig von
diesem gelehrten Stück zurückkommen möchte. Ich versicherte den guten Prediger,
ohne, wie ich bemerkte, ihm ein Compliment zu machen, dass mein Vater keine
Bleifeder hätte.
    Selten, pflegt' er zu sagen, ist das beständig, was durch ihre Vermittlung
an Tageslicht kommt. Schwarze Wäsche und Tafelgedecke verzeichnete meine liebe
Mutter mit der Bleifeder, wie es sich eignet und gebührt. Wenn schwarze Wäsche
(meine Mutter nannte es schwarzes Zeug) und Tafelgedecke wieder durch Wasser
gereinigt waren, weg waren auch die Bleifederworte. Das mit Bleifeder
beschriebene Papier reibt sich an allem, was ihm nahe kommt, sagte meine Mutter,
und sehnt sich recht geflissentlich, von einer solchen Unzierde befreit zu
werden, wie ein stolzes Pferd von einem schwachen Reiter. Nennt es Bleistift und
nicht Feder - Feder ist zu schade, fuhr sie fort. - Da also mein Vater, sagt'
ich, keine Bleifeder hat, und schwerlich eine von meiner Mutter leihen wird, so
bin ich fest überzeugt, dass er Ihre Schrift von der Sünde wider den heiligen
Geist ohne Bleifeder lesen werde. Vortrefflich, sagte der gute Schriftsteller;
wollte Gott! es wären keine Bleifedern in der Welt, und unsere Kritikaster
bedächten: wer die Bleifeder nimmt, wird durch die Bleifeder umkommen; richtet
nicht, so werdet ihr nicht gerichtet. Kommt denn, fragte der Prediger, kommt
denn alles bei Ihrem lieben Vater ungeschlagen davon, was er hört und liest?
Seine Art ist, erwiederte ich, ohne Bleifederstrich, ohne Beziehung auf es sei
gehörtes oder gelesenes Wort, ein Wort zu seiner Zeit nicht schriftlich, auch
nicht einst mündlich, anzubringen, sondern mündlich, zu verlieren. Zuweilen
scheint es, fuhr ich fort, dass das, was er sagt, so passe, wie die Faust aufs
Auge; indessen war mir oft ein solch verlornes Wort ein Wort des Lebens zum
Leben. - Dem Prediger gab das verlorne Wort Gelegenheit, von der verlornen
Schildwache zu reden, und da liess ich ihn sobald nicht los. - Er war ein kleiner
Politikus, las die Zeitungen, wusste alle preussische Regimenter namentlich und
ihre Uniform; das war aber auch alles! An mir fand er einen andern Mann; ich
sprach vom grossen und kleinen Dienst, und hielt den Ehrenmann fest. Was eine
vorlorne Schildwache nicht machen kann! Hier fand mich der Prediger gewiegter
als bei seiner Abhandlung. Er wollte heim; ich war in meinem Element. Endlich
jammerte mich sein, ich löste die Schildwache ab.
    Anlangend den Druck, fing der Prediger, sobald er Luft hatte, an, und dankte
dem Himmel, dass er aus den Händen des Kriegsknechts war, der ihm Werbegeld
aufdringen wollen, anlangend den Druck, wiederholte er, ohne weiter eine
Begierde zu äussern, die Bleifeder meines Vaters auszufordern, so sei er nicht
kostbar, allein rein. - Ein gutes Wort muss eine gute Stätte finden. - Der gute
Prediger, der sich aus so manchem von mir verlornen Wort überzeugt hatte, dass
mein Vater mit seiner Abhandlung nicht zufrieden sein würde, ging ganz betrübt
von meinem Vater, wie der Jüngling von Christo, der alles gehalten hatte von
seiner Jugend an; denn wahrlich! der Prediger war so wenig entschlossen seine
Noten zu streichen und den gelehrten Wust, wie dieser Jüngling sein Hab und Gut
zu verkaufen und es den Armen preiszugeben. So wirst du einen Schatz im Himmel
haben, sagte Christus zum Jüngling. Wer opfert ihm aber eisenschwere
Gelehrsamkeit, welche doch Motten und Rost fressen, darnach Diebe graben und sie
stehlen?
    Vom Kriegsdienst ist vorderhand zwischen uns beiden, nach diesem Ritt, keine
Sylbe weiter vorgefallen.
    Wir fingen nach einer geraumen Zeit sehr regelmässig, weil die Sünde wider
den heiligen Geist uns darauf gebracht hatte im Gespräch, von der heiligen Regel
an, die man in Ehren halten müsste, wenn sonst gleich alles über und über ginge.
    Alles in der Natur sucht sich an etwas zu halten. Der Verstand an der Regel,
die er als Gottes Bild ehrt, und wahrlich sie ist Gottes Bild. Sie ist nicht
Buchstab, sie ist Geist von Geist. Meine Mutter würde sagen: Diese Regel
streichen, heisst: wider besser Wissen und Gewissen handeln und wandeln. Wehe dem
Menschen, durch welchen Ärgernis wider diesen heiligen Geist kommt! es wäre
besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer,
wo es am tiefsten ist. Dies ist das eigentliche Verbrechen der beleidigten
göttlichen Majestät, nicht aber das, was Stadt-, Land- und Kaiserrecht so nennt.
    Wollte Gott! setzt' ich hinzu, Ihr Werk würde diesem Ärgernis steuern und
wehren! Man kann nicht wissen, antwortete der Prediger.
    Was würd' aus uns werden ohne Regel? Da würd' all' Augenblick einer seinen
Zauberstock aufheben, und das Volk würd' ihm dienen. Warum überzeugen wir uns
jetzt nicht von Zaubereien? Weil wir der Regel den Boden ausstossen würden, da
würde sie denn liegen in ihren Ruinen. Regeln sind das Salz der Erden, wenn aber
das Salz dumm wird, womit will man salzen? Erzähl' ein Wunder von heut und
gestern oder ehegestern, wo findest du Glauben, und warum dieser Unglaube? Hat
denn Treu' und Glauben aufgehört auf Erden? Nicht also, wohlmeinender
Zeterrufer! Die Natur nahm ihren Anfang durch ein Wunder. Wunder genug! Jetzt
ist alles ohne Sprung. Die Sphärenmusik ist ein einfaches Lied und keine Ode. Es
geht natürlich zu, heisst: es versteht sich alles von selbst, die
allerortodoxesten, wundervollsten Geistlichen selbst haben den Wundern Ziel und
Mass setzen müssen. Bis dahin, und weiter nicht, sollten die Ausnahmen von der
Regel stattfinden und die Wundergaben im Schwange gehen. - Die alten Propheten
sind todt; die neueren haben kein Creditiv vorzeigen können; obgleich meine
Mutter jederzeit über die wenige Aufmunterung für die jungen Propheten die
Achseln zog. Wenn wir keine jungen Propheten leiden, werden wir auch keine alten
ziehen. Jung gewohnt, setzt sie hinzu, alt getan.
    Sie verstand indessen durch einen Propheten nur einen Superintendenten, der
ein paar Zoll höher wäre (im Kunstwort; mehr hatte), als der regierende Herr in
Curland.
    Wie kommt's aber, dass alles die Ohren spitzt, wenn vom Wunderbaren die Red'
ist? Das kommt, weil der Verstand steif und fest auf seine Regel hält und den
Feind kennen lernen will, der diese seine Beste einzunehmen droht. Das kommt,
weil der Verstand sein Richteramt beweisen und Urtel und Recht eröffnen will
wider den, der die Grenzen zu verletzen droht. Das kommt auch, würde meine
Mutter sagen, »durch Adams Fall und Missetat.« Wahrlich! der Mensch ist sehr
zum Fall geneigt; wer steht, mag wohl zusehen, dass er nicht falle. Wir nähren
all' eine paradiesische Schlange im Busen. Der Mensch hat zuweilen einen
schrecklichen Hang zum Aufruhr.
    Alles dies, und noch mehr von der nämlichen Manier, brachte den Prediger
nicht weiter auf meines Vaters Bleifeder, wiewohl er noch öfter als zuvor an
reinen Druck und an weisses Papier dachte. Kostbar sei er nicht, nur rein.
    So viel weiss ich, dass ich meine Zeit in L - nach den akademischen Wünschen
gut angewendet habe. Gott segnete auch meine Studia, Teorie und Praxis! Ich
habe viel, viel an dem Grabe meiner Mine gelernt, wo am Kopfende Grün
hervorschoss. Wir werden wiederkommen, rief ich zuweilen aus, und Gretchen
faltete die Hände, wir werden wieder kommen gen Zion mit Jauchzen, ewige Freude
wird über unserm Haupte sein, Freude und Wonne wird uns ergreifen und Seufzen
wird weg müssen! Gott wird uns wiedergeboren werden lassen zu einem
unvergänglichen, unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das im Himmel ist.
    Das erste Grün war uns eine Hieroglyphe ihrer Auferstehung. Es kam uns vor,
als richtete Mine sich auf, und nie ist das erste Grün so bewillkommt worden als
dieses! - Es kam von Minen! - Sie war handgreiflich - so kam es uns vor. Wir
hatten ihre Grabeserde so gelockert und bearbeitet, dass sie wie ein Gartenacker
aussah. Sie lebt, rief ich eben so entzückt, als wie ich sie fest an mein Herz
drückte und ein warmer, lebendiger Odem sich aus ihren Lippen drängte. Sie lebt!
rief ich, und Gretchen rief auch: Sie lebt! - Wahrlich, lieben Leser! dies alles
war mehr als arkadische Gärtnerei. - Es lag ein Sinn in dieser Hieroglyphe.
    Wenn man sich acht Tage so auf dem Dach ist, als ich dem guten Prediger, hat
man sich weg. - Die Bücher sind Lexika, nach Beschaffenheit der Umstände Real
oder Verbal. Mehr kann ich ihnen nicht zugestehen. Mensch, lerne dich! Welch ein
grosses Wort, sagten wir beide, der Dekanus, der die vorige Nacht Grossvater
geworden war, und ich, der ich nicht viel weniger - Student werden sollte.
Wahrlich! ein grosses Wort! - allein, welch ein schweres Wort zugleich! Der Vater
lernt sich erst in seinem Sohne kennen. Niemand will in sich hinein; ausser sich
herumzuschweifen, hat der Mensch eine so eingefleischte Lust, dass er gern unstät
und flüchtig ist. Sein eignes Haus brennt dem Menschen überm Kopf, er fürchtet,
in sich hineinzublicken, wie Kinder, in einem Zimmer allein zu schlafen. Darum
die Geselligkeit. - Wenn ich an diese güldene Regel komme: Mensch, lerne dich,
bin ich in meiner Heimat. Die Teologen nennen das Selbstverläugnung, was
wirklich ein grosser Teil von Selbstkenntniss ist. Man muss sich absterben, um
sich aus den Todten hervorgehen zu sehen, und solch ein Erstandener, das bist
du, Selbstkenner!
    
    Es kam zwar in unsern Lektionen der Herr Graf sehr oft und viel vor;
indessen dachten wir nicht anders an ihn, als exempli gratia (zum Beispiel).
Freilich hätten wir auch auf einen Besuch, den wir ihm schuldig waren, fallen
sollen, und des Predigers Pflicht wär' es vorzüglich gewesen, sich und mich
daran zu erinnern, da der Graf ein Stück von seinem Kirchenpatron und sein
Wohltäter war. Auf einmal ein Brief mit Pleureusen vom Hochgebornen Nachbar.
Eine Einladung auf morgen, sagt' ich. - Das nicht, erwiederte der Pastor und
bemerkte zugleich, dass der Graf niemals jemanden auf einen gewissen bestimmten
Tag zu sich bäte. Er lebt in diesem Stück, setzte der Prediger hinzu, wie man
stirbt. Es muss ihm alles unvermutet kommen. Wer kann, soll er sagen, einen über
zwei, drei Tage, auch wohl mehr, zur Mahlzeit einladen? Diese Nacht kann man
deinen Appetit von dir fordern! Sehet zu, wachet, denn ihr wisset nicht, wann es
Zeit ist. Wer sterben lernt, muss so und nicht anders leben, sei des Grafen
Losung, die er übte, wo es sich nur irgend üben liesse.
    Wie gesagt, der Brief war nur eine Erinnerung an unser Versprechen. Wenn
bewirten so viel heisst, als den Gast zu dieser Aufnahme durch eine Einladung
vorbereiten, so hat der Graf noch in seinem Leben keinen aufgenommen und
bewirtet. Es ward beschlossen, den folgenden Tag dem Grafen zu widmen, und
damit mir alles desto unerwarteter sein möchte, liess mich der Prediger in
Absicht der Einrichtung des gräflichen Gebeinhauses in wohlgemeinter
Unwissenheit. - Die Predigerin wollte mit, es gefiel ihr dort unaussprechlich,
und gern hätte sie es in ihrem Hause ins Kleine gebracht, was dort im Grossen
war. Der Prediger und Gretchen konnten nicht aufhören zu steuern und zu wehren,
damit dieses Miniaturstück unausgeführt bliebe. - Der Prediger schlug seiner
Frau eben darum auch ab mitzufahren. Der Prediger und ich fuhren früh aus, um
zeitig in - - zu sein. Gretchen blieb bei ihrer Mutter. - Wie sehr freu' ich
mich, diesen Grafen besucht zu haben! - Der Prediger aus L-, der schon im
gräflichen Hause bekannt war, führte mich sogleich in ein Zimmer, wo Särge
gearbeitet wurden. Es war das Bedientenzimmer; denn niemand als ein
Sargtischler, wie der Graf mich selbst nachher versicherte, wurde in seinen
Dienst auf- und angenommen. Es wurden beständig Särge gearbeitet. Der Graf
diente armen Leuten aus seiner Sargfabrik. Jetzt war kein Provisionssarg in
Arbeit. Der Sargtischler hatte Tränen in den Augen, wie der in Curland, den
meine Mutter des Todes Zimmermann nannte, und der in seiner Gewerksstube
herzlich weinte, wenn er einen Sarg für einen Redlichen im Lande erbaute. Gott,
sagte der Weinende und wandte sich zu seinem Beichtvater, meinem Reisegefährten:
Ach Gott! lieber Herr Pfarrer, der künftige Einwohner dieses Hauses hatte ein
schönes Ende! Das letztemal, dass ich für jemand einen Sarg mache, den ich
sterben gesehen! Mag es tun, wer's kann - ich nicht - ich hoble mir das Herz
ab.
    Dieser Ausdruck, der ihm, wie man deutlich sah - entfuhr, schlug ihn nieder.
Er verlor Spannung und Kraft. Das Handwerkzeug entfiel ihm. - Das Rührendste war
immer, dass er sein Gesicht in ein Stück seiner Schürze verhüllte. Dies ist ein
wohlhergebrachtes Zeichen der Traurigkeit. Wir verhüllen uns, als ob wir der
Welt entsagen und uns auf uns selbst einschränken wollten, als ob der Fall zu
schwer wäre, um ihn fassen - selbst um ihn sehen zu können. Wahrlich dieser
Vorgang hobelte nicht nur dem Sargtischler das Herz ab - ich war, wie er, hin!
Er schluchzte unter der Schürze! - Freund! fing der Prediger an, man sieht und
hört es ihm an, dass er beim Herrn Grafen das Sarghandwerk noch nicht ausgelernt.
- Es wird sich geben - ist er denn nicht auch sterblich? - Seine Mitarbeiter,
die sich bis dahin nicht einen Augenblick abhalten lassen, kamen jetzt zusammen,
als kämen sie zur Kirche. Einer nahm ihn an die Hand, ein anderer streichelt'
ihm den Arm, ein dritter legte seinen Kopf auf seine Schulter, als ob er ihm
Trost ins Ohr sagen wollte; der vierte, der unempfindlichste, wollt' ihm den
Vorhang wegreissen. Unser Betrübter hielt die Schürze fest vors Gesicht. Dieser
vierte schien es eben so gut zu meinen, wie die drei andern; allein wer den
Menschen kennt, wird es finden, was für eine grausame Beschämung es für unsern
Weinenden gewesen wäre, wenn er uns alle ins Gesicht bekommen hätte. Der Mensch
scheint sich in dergleichen Fällen zu schämen, dass so viele Leute gefasst sind,
nur er nicht. - Ueberhaupt sieht man selten den Tröster an, es wäre denn, dass
viele Trostbedürftige zusammen sind; dann überträgt einer den andern in
Rücksicht dieser Beschämung. - Der vierte riss wirklich endlich die Schürze herab
- wie konnte der Traurige lange widerstehen? Schmerz macht schwach. - Unser
Weinender machte indessen die Augen ganz dicht zu, und da stand er jämmerlich.
Der erste nahm dem vierten die Schürze aus der Hand und gab sie dem Weinenden
wieder. - In dieser Handlung traf uns der Graf, dem des Predigers und meine
Ankunft gemeldet war! - Alles blieb, wie es da stand. Niemand kam dieses
Ueberfalls wegen aus seiner Stellung. Niemand schlich sich an seine Werkstätte,
alles schien an Ort und Stelle, selbst unser Betrübter nicht ausgenommen, der
Mittelpunkt dieser Scene. Was da? fragte der Graf, nachdem er den Prediger und
mich mit einem guten Morgen begrüsst oder beherzigt hatte. - Der Prediger nahm
das Wort: - Ferdinand hat den Einwohner des Hauses sterben gesehen, das er baut!
Nun, sagte der Graf, Fassung, Ferdinand! Begrab' ich denn nicht alle, die ich
sterben sehe? Leim' ich nicht hier und da selbst ein Leistchen an den Sarg? Der
junge Mensch, der hier einziehen soll, hatte ein frommes, gutes, edles, warmes
Mädchen, das ihm starb. Sie starb und er - ihr nach. Gott, in deine Hände
befehl' ich meinen Geist, dacht' ich tief im Herzen. Der junge Mensch hatte eine
Mine, fuhr ich fort im Herzen zu denken, und war froh, dass Gram und Kummer wegen
verunglückter Liebe so lang' am Herzen nagten, bis es durch und durch ist, bis
man nachstirbt. Mein Auge sah gen Himmel starr. Ha, sagte der Graf, der mich bei
der Hand nahm, da haben wir's. Gelt! wenn Sie einen Sarg für diesen Jüngling
machen sollten? Gern, griff ich ein, sehr gern. Das glaub' ich, erwiederte der
Graf. Sie würden nicht weinen und heulen. Nein, sagt' ich, ich würd' es nicht -
nicht einen einzigen Tränentropfen, nicht einen. - Das glaub' ich, erwiederte
der Graf, der stirbt gern, sehr gern, den diese Welt nicht entschädigen kann, es
sei in Wirklichkeit oder in Einbildung. So hab' ich einen jungen Menschen
gekannt, der mit Freuden dem Tode entgegenging, weil er die Zierde seines
Haupts, seine Haare verlor. Er hatte sie so schön wie Absalon; allein eben so
leicht, wenn er's bedacht hätte, eben so leicht wie Absalon, hätt' er an einer
Eiche hängen bleiben können. - Eine Krankheit raubte ihm diese Zierde, gegen die
ihm der Tod wie gar nichts schien. Er erholte sich zusehends. Kein vernünftiger
Arzt entdeckt dem Patienten die erste Erholungsspur. Dies würde heissen, auf dem
Richtplatze Pardon erteilen. Alle Affekte sind schon an sich dem Menschen
schädlich, Freude so gut als Leid. Ein Stück von Fieber ist immer dabei, und wer
ist wohl zu solchen plötzlichen Uebergängen aufgelegt? Nun war unser Absalon so
weit in der Besserung gediehen, dass er sich nicht mehr auf dem Richtplatze
befand, und nun kam der Arzt mit der frohen Nachricht, dass er und der Tod
geschiedene Leute wären. Leben ist ein frohes Wort! ich setze ewig dazu, wenn
ich mich freuen soll. Bei den meisten Leuten ist das Wort leben schon genug.
    Froh blickte unser Kranker auf, und sein Hauptaar war das erste, mit dem er
sich befreuen wollte. Er war mit ihm am mehrsten verwandt - allein es war dahin,
und siehe da, er wollte nicht leben. Man hatte ihn zu voreilig versichert, dass
seine Haare entweder nie wieder, oder wenigstens sehr spät, aufgehen würden, und
wie konnt' er leben? Er hatte, wie Simson, seine Stärke in den Haaren. Man
nannte ihm Völker alter und neuer Zeit, die sich zur Zierde der Haare
entäusserten; allein nichts - er ward krank und starb so ruhig, als wenn ihm im
Tode die Haare wieder wachsen würden! - Du armer Absalon! Bist du denn in keinem
Gebeinhaus gewesen? Hast du denn keinen gebleichten Schädel gesehen? Ich nenne
so etwas auf Gottes Bleiche liegen, sagte der Graf im vertraulichen Lehrton, in
den er oft fiel! und wahrlich! wir werden durch den Tod ausgewaschen. Wenn ich
einen alten Mann, ich sage mit Fleiss alten Mann, mit einer Glatze, mit einem
Todtenkopf sehe, denk' ich, der Mann ist schon dem Himmel näher als ich. - Wie
gefällt ihnen die Geschichte von Absalon, der wahrlich an den Haaren starb? - O
Freunde! Nicht wahr, von vielen, von vielen Sterbenden kann man sagen, sie
bleiben an einer Eiche hangen? Nicht wahr, Gevatter Prediger?
    Bis dahin hört' ich den Grafen mit Vergnügen; da er aber zur Nutzanwendung
überging und mir ganz zu verstehen gab, dass Minens Verlust von der nämlichen Art
wäre, ward ich über diese Kälte, über diese Todeskälte des Grafen, wegen meines
unersetzlichen Verlustes ungehalten. - Es schicken sich wenig Leute, dacht' ich,
zur Nutzanwendung. - Ich wandte mich zu unserm Weinenden und Heulenden, und
verlangte den Uebergang von der Geschichte des eben Verstorbenen zu dem Herzen
des Sargtischlers - Dieser Weg, dacht' ich, muss sehr gerade gehen. Der junge
Mensch, fiel der Graf ein, hat ein Mädchen, die ihm seine Eltern verweigern,
weil sie reich sind. Ihre Eltern sind reicher als wir alle - - sie sind todt. -
Er hat nicht nötig in meiner Werkstube zu sein; allein er arbeitet für
Protektion, er glaubt, mein Fürwort könnte hinreichend sein, seine Eltern zu
bequemen. - Und wenn das nicht, fuhr ich fort, so haben der Herr Graf Mittel und
Wege, das arme Mädchen zu bereichern, und hier gleich und gleich zu machen. Ha,
dacht' ich, das ist für deine Kälte, Hochgeborner Herr. Anwendung für Anwendung.
Schon recht, junger Mann, erwiederte der Graf; allein wenn ich die Vorurteile
der Eltern befriedigen sollte, hätt' ich dann für die Ewigkeit gesäet? Wahrlich,
ich hätt' auf Fleisch und nicht auf den Geist gesäet - und am Ende, wenn ich
jedes Mädchen bereichern sollte? - Ich ärgerte mich, und vorzüglich, weil der
Mann bei seiner Todeskälte wieder Recht hatte. So ist, glaub' ich, das Recht
überall. Man fasst Eis, man fasst den Tod an, nicht das rechte Recht ist so kalt,
sondern das Weltrecht, mit dem man so selten zufrieden ist, dass man fast lieber
Unrecht wünscht, um wenigstens laut schelten zu können. Das Weltrecht ist aus
dem Codice genommen, der todt an ihm selber ist. Das rechte Recht aus dem
lebendigen Specialfall, der eben vorliegt. - Ein haarkleiner Unterschied aus der
Ursache, nicht aus der Wirkung, wie ändert er die Sache! Casus in terminis.
Welch ein dummdreistes Kunstwort! Ist euch, ihr hochverordneten Rechtskauer, das
Principium indiscernibilium denn ganz und gar unbekannt, und, um euren Collegen
ein lehrreiches Exempel darzustellen, einen wirklichen casum in terminis, tut
der Arzt nicht wenigstens, als ob er dem lebendigen Specialfall, der eben
vorliegt, nach dem Leben, nach dem Puls fasst, obgleich auch er nach dem Corpore
Juris Hippocratesiano sein Urteil formt?
    Der Graf setzte diese Unterredung, ohne dass ich es ihm nahe legte, fort. Ich
hoffe, sagte er, die Eltern des Weinenden und Heulenden weichherzig zu machen,
und dann hab' ich alles aus der ersten Hand; wenn ich sie ausstatten sollte,
hätt' ich's aus der zweiten, wo nicht gar dritten. Die erste Hand ist mir immer
die beste und sicherste. Ich liebe, fuhr der Graf fort, Heiraten zu stiften;
denn wo würd' ich sonst Gelegenheit zu Särgen vorfinden? Dieser Sonnenschein,
den der Graf auf unsern Weinenden (ein Heulender zu sein, hatt' er ohnedem schon
aufgehört) schiessen liess, trocknete seine Tränen, er hobelte weiter, ohne
seinem Herzen mit seinem Hobel zu nahe zu kommen, und ihm einen Gnadenstoss
beizubringen.
    Der Graf bat näher zu treten, und ich weiss auf Ehre nicht, ob es meinen
Leser und Leserinnen angenehm sein werde, näher zu kommen. Sie kennen den Grafen
so gut, wie ich, und wissen so gut wie ich, dass ich sie nicht nach Arkadien
begleiten werde. Der Graf würde in Egypten zu der Zeit recht an Stell' und Ort
gewesen sein, da in jedem Hause ein Todter war, und was noch mehr ist, die
kernfrische Erstgeburt. - Der Graf schien in seinen Todes-, Hör- und Sehsälen
sehr tolerant. Es sterben Christen und gottgläubige Deisten bei mir, sagt' er.
Wenn gleich ich, mit Gottes Hülfe, wie ein Christ zu sterben der festen
Zuversicht lebe, so will ich doch mein Haus zum Sterbehaus und nicht zur
Mördergrube machen, das heisst: ich will nicht Christen werben, und ehrlichen
Heiden in meinem Obdach zum erbaulich-christlichen Ende Handgeld beibringen.
Kein Jude hat mir noch das Vergnügen gemacht, in meinem Hause zu sterben. Mein
Haus ist ihm unrein, obgleich er selbst so unsauber ist, dass ich ihn für einen
Cyniker halten würde, wenn er nicht ein Jude wäre. Ich habe zwar nach Anzahl der
fünf Bücher Mosis fünf Juden sterben gesehen; allein bis auf einen nur sterben
gehört, vier starben hebräisch, sie hatten den Tod auswendig gelernt, und
beteten ihn so her, wie die Nonne den Psalter. Beim Amen - weg waren sie. Den
fünften hab' ich observirt, dessen Äußeres zwar jüdisch schien, sein Inwendiges
aber war gottgläubig deistisch, und also gehört er eigentlich nicht in die
Judengasse. Barba non facit Philosophum. Der Bart macht keinen Juden.
    Wir kamen einen Sabbaterweg von unserer eigentlichen Strasse ab, und ich
hatte Gelegenheit, von dem jüdischen Volke die Meinung meines Vaters
anzubringen. Hat der göttliche Judenbekehrer dies Volk nicht einlenken können,
musste er seinen Stab Sanft zu den Heiden übersetzen; warum wollen wir bei einem
so schlechten Beispiel, das wir den Juden in den meisten Christen darstellen,
mehr erwarten? Des Herrn Reich wird kommen, der Tag, den Gott allein machen
kann, einbrechen, da trotz des bärtigen und unbärtigen Gottesdienstes, eine
Heerde und ein Hirte sein wird. - Der gute Prediger aus L - hatte viel
überhaupt, besonders aber wegen der Sünde wider den heiligen Geist dagegen,
welche sich im eigentlichsten Originalverstande das stockblinde jüdische Volk,
wie er versicherte, zu Schulden kommen lassen; indessen musste er die Juden für
Archivarii, für Siegelbewahrer der christlichen Religion, anerkennen, und der
Graf lenkte mit dem Umstande ein, dass er die vier hebräisch gestorbenen
umgekehrt in das Buch der Sterbensläufe eingetragen. Der fünfte stand in einer
Reihe mit den Gottgläubigen. Ich habe, sagte der Graf, alles nach Ortsumständen
und Gelegenheit eingerichtet, und zwei Klassen gemacht. Hier zu meiner Rechten
Christen, zu meiner Linken Gottgläubige. Muhamedaner gehen diese Strasse nicht;
warum also? - Hier ist noch ein Simultanstübchen, wo Socinianer, Pelagianer,
Semipelagianer, Berliner und Semiberliner (wie der Prediger - - in - - die
neueste Ketzerei nennet) bleiben können. Es sind indessen nur zwei Socinianer
hier unsanft entschlafen; die meisten haben sich zu einer der grössten Klassen
ohne meine Mitwirkung bekehret und sind auf Prima oder Sekunda, ober zur Rechten
oder Linken gestorben. Ich selbst bin ein Christ, mache mir eine Ehre daraus,
und alle rechtschaffene Primaner erkennen mich dafür.
    Ha, fing der Graf wie aus einer frischen Champagner-Bouteille an: meine Mode
ist vielen ein Geruch des Todes zum Tode. Sie spotten mein und belegen mich mit
apokryphischen Schandnamen. Es sei also, ich achte alles für Schaden gegen diese
überschwengliche Erkenntnis; Sterben ist mein Gewinn; ich schätze mich selbst
noch nicht, dass ich's ergriffen hätte. Eins aber sag' ich, ich vergesse, was
dahinten ist, und strecke mich zu dem, was da vornen ist, und jage nach dem
vorgesteckten Ziele, nach dem Kleinod. - Zwar läugne ich nicht, dass die Kranken-
und Todeswärter auch Träger von je her eben nicht in grossem Ansehen gestanden,
und dass schwerlich, so lange die Welt steht, ein des heiligen Römischen Reichs
Graf und Herr sich damit beschäftigt haben dürfte, aber dafür hab' ich auch die
Ehre, der erste in dieser Art zu sein. Es ist wahrlich ein Stück von Adam in
seiner paradiesischen Pracht und Herrlichkeit, wenn man auf einem Wege der erste
ist! Es liegt etwas Göttliches darin. Zwar wenn vom Stammbaum die Rede wäre,
fing der Graf in einem hochgebornen Ton an, möcht' ich sehen, wer einen
entferntern erstern hätte, als unser Haus. Ich nehm' aber meinen ersten im
andern Sinn. Auch der letzte ist mir ehrenwert. Der letzte zu sein ist zwei
Drittel weniger köstlich, indessen besser als alle, die vor sind, bis auf den
hohen ersten. - Adam und Eva wurden nicht geboren, und die den jüngsten Tag
erleben, werden nicht sterben. Ich möcht' ihn schon nicht erleben, den jüngsten
Tag, denn ich habe Lust abzuscheiden. Ich habe die Ehre den Tod zu kennen, und
kann wohl sagen, dass ich ihn lieb habe, so lieb wie mein Leben und mehr.
    Der Graf sprach dieses nicht im Ausforderungstone, sondern so kalt wie der
Tod. Er hatte schon die Weise des Todes angenommen. Ich hatte, ihm seine obige
Anwendung längst verziehen und war froh, einen solchen Sterbensmann kennen zu
lernen. Ich möchte bei dem allen wissen, fing der Graf von frischem an, wie es
zugehe, dass Leute, welche alsdann, wenn uns oft die besten Freunde untreu
werden, uns zu Diensten stehen, so wenig geachtet wurden und noch werden. Die
natürlichste Ursache, erwiederte ich, da der Graf wirklich inne hielt, weil der
Mensch ohne Seele nicht viel ist. Es hinkt und stinkt mit ihm, pflegte meine
Mutter zu sagen. Da es nun endlich mit uns allzusammen auch einmal hinken und
stinken wird, so scheint das Leichenbegängnis, woran alles ohne Anstoss, ohne
capitis diminutio Teil nimmt, eingeführt zu sein, welches bei allen gesitteten
Personen von jeher üblich gewesen. - Hierdurch wollen wir unsere Entfernung von
der Leiche, unsere Verachtung selbst gegen die, so ihr nahe blieben,
rechtfertigen. Wir treten der Leiche näher. Man nennt dies die letzte Ehre, den
letzten Liebesdienst, weil die Seele nicht mehr gegenwärtig ist, da der
Erdenkloss zum letztenmal nach seinem in der Welt behaupteten Menschenwert und
Rang behandelt wird. Ich will mich hier nicht anführen, denn wäre es möglich
gewesen, mit Minen auch ohne lebendigen Otem zu leben und zu sein - gern! - Der
Graf, dem dieser Seufzer unangenehm schien, half mir wieder in die Rede, wie
folgt:
    Ich läugne es nicht, dass wir Menschen vielleicht bei dieser Gelegenheit eine
Dosis Grossmut räuchern wollen. Der Erbe zeigt, er habe, unerachtet der
Erblasser nicht mehr da ist, noch Liebe für ihn und mehr als für den Nachlass. -
Der Sohn will die Pflicht der Erkenntlichkeit erfüllen gegen den, der ihm sein
Bild anhing, das auch noch im Tode nicht ohne übereinstimmende Aehnlichkeit ist.
Die Tochter will beweisen, dass sie eine tugendhafte Mutter gehabt, das heisst mit
andern Worten, dass sie selbst tugendhaft sei. Mine weinte bei dem Grabe ihrer
Mutter meint - und ihrer Mutter wegen. Dem Grafen war dieser Eingriff wieder
nicht am rechten Orte, denn ich konnte den Namen Mine, der mir mehr als alle
Namen ist, nicht aussprechen, ich kann es noch nicht, ohne aus dem Concept zu
kommen. Diessmal half der Graf mir ein. - Das alles läugne ich nicht, indessen
bin ich der lebendigen Zuversicht, dass, weil alle Nationen so einstimmig in
puncto puncti sind, es sei die Nachexistenz der Seele die Ursache dieses Hebens
und Tragens, das man mit ihrer Hülle vornimmt. Man ehrt sie im Körper, so wie
den Mann im Bilde, und will das, was ein Geist getragen hat, in einer
Ehrenrüftkammer aufhängen, so wie man Harnische in der Kirche aufhängt, obgleich
sie nicht alle wider die Türken gebraucht worden. Man will das an andern tun,
was man selbst an sich zu seiner Zeit getan wissen will. Man fürchtet ein
schlechtes Compliment in der andern Welt, wenn man gegen den Entseelten diese
Pflichten versäumt hat. Wahrlich, es liegt sehr was Menschliches in dem
Begräbnis, und ich bin ihm sehr gut - sehr. Der Graf konnte nicht umhin mich
herzlich zu umarmen, mehr konnte er nicht.
    Die Flüche, womit man in alten Zeiten diejenigen bedrohte, die Hand an die
Todtenhäuser legen würden, wie sehr beweisen sie den Wert, den man auf Staub,
Erde und Asche legt! Wer dies Grabmal stört, soll die Seinigen all' überleben.
Schrecklicher Fluch! Er ruhet auf mir, sagte der Graf. Ich lenkte ab und sagte
einen Fluch anderer Art: den sollen die Manes sauer ansehen! - Ist das nicht
schrecklicher als wenn es an den Wegen heisst: wer hier Tabak raucht, soll sechs
Jahr in die Festung! denn dies heisst mutatis mutandis, soll ihn sechs Jahr in
der Festung rauchen. Dies Wort, zu seiner Zeit oder Unzeit, munterte den Grafen
auf, der wider Denken und Vermuten eine Empfindung über den Umstand merken
liess, dass er auf dem Staube aller Seinigen stünde.
    Man hatte zu aller Zeit Familienbegräbnisse, Familiengewölbe, Hypogäa, wo
jeder sein Kämmerlein besass, jeder Topf sein Plätzchen und seine
Apoteker-Etikette!
    Recht, sagte der Graf, die Urnen und Grabhäuser verraten indessen viel
Geschmack. Man findet in diesen galanten Zeiten Tassen, fügte er hinzu,
Potpourris, was weiss ich mehr, auf diese Weise, und manches Weibsbild sollte nur
wissen, woraus es trinkt, woraus es Geruch ziehet, sie würde -
    Dass ich, fuhr der Graf fort, meine Tassen in der Art habe, ist kein Wunder;
da ich indessen ein Christ bin, habe ich was Christliches dabei angebracht, ein
Kreuz. Ich bin kein Heide, sehender oder blinder! Heide ist Heide! Nicht wahr,
Gevatter Prediger?
    Der Gevatter Prediger, der des Grafen Toleranz kannte, obgleich er auch
wusste, wie ächtchristlich der Graf sei, gab kein Wort darauf, sondern liess sich
bei dieser Gelegenheit mit der Anmerkung hören, dass Seefahrer, wenn sie in
Lebensgefahr gewesen, sich Kostbarkeiten um den Leib gebunden, und ein Gesuch,
sie, wenn das Meer die Gnade haben würde, sie auszuspeien, zur Erde zu bringen;
denn der Mensch ist Erde und muss zur Erde werden, setzte er hinzu. Hier sagte
der Graf: Recht! Gevatter Prediger.
    Ich führte meinen Cornelius Nepos an, wegen des Cimons, dessen Leib der Herr
Sohn Miltiades auslösen musste. Es macht Menschen Ehr' und Schande, dass sie einen
menschlichen Leib für ein Unterpfand ansehen können, sagte der Graf, und setzte
wieder hinzu: Nicht wahr, Gevatter Prediger?
    Wir konnten von der letzten Ehr' und letzten Schande nicht abkommen, die wir
den Verstorbenen erwiesen. Die letzte Schande, sagten wir einstimmig, finge von
dem Augenblick an, da alles sagt: Kalt, und daure bis zur Collocation, bis zur
Ausstellung; hier finge sich die letzte Ehr' an, und gehe bis sich Gleich und
Gleich gesellt hat, und Erde zu Erde gekommen. Bei uns zu Lande, bemerkte
Gevatter Prediger, heben Träger von einiger Bedeutung die Bahre nicht auf,
sondern schlechte Leute. Sie setzen sie auch nicht nieder. Da wieder Schand' und
Ehre. Wer wird, fragte der Graf, der Albernheit das Wort nehmen, die sich beim
Anputz der Leiche und bei dem Begräbnis-Luxus zu offenbaren pflegt? Da begraben
die Todten die Todten! Wir fielen auf die Todten- und Begräbnisslieder der Alten,
die nicht so erbaulich waren, als: Ich hab' mein' Sach' Gott heimgestellt; Ich
bin ja Herr in deiner Macht, und das neue Todtenlied vom Jahr des Organisten in
L -
Wir danken Gott für seine Gaben etc.
    Die Todtenlieder der Alten waren weinerliche Lustgesänge, sagte der Graf.
Ernst und Scherz, wie ist es zu erklären (das war das Wort, so der Graf suchte),
wie ist's zu erklären, dass so kluge Völker in diesem Stücke so unklug sein
konnten? Diese Gesänge, diese Nänien, die Hanswürste und Gaukler, diese
Klageweiber, die so lachen konnten, dass alle Welt es für Weinen hielt, wie ist's
in rerum natura, wie ist's erklärbar? Wie Lachen und Weinen zusammen!
    Nachbild der Welt, sagt' ich, oder mein Vater.
    Doch ich will bloss den Inhalt eines langen Gesprächs geben, sonst würd' ich
zu weitläufig werden.
    Dieses Leben, fing ich an, ist Lachen und Weinen. In einem Sack, setzte der
Graf hinzu. Warum der Anstoss bei einem Universalwort, das fast in allen Sprachen
ein und dasselbe bedeutet? Sack, sagt' ich dem Grafen nach, Dramas, weinerliche
Lustspiele, würden wahre natürlich-warme Lebensdarstellung sein, wenn das Ende
nicht lustig und der Anfang traurig wäre. Links und rechts, bald so, bald anders
müsste es sein, das wär' ein Leben! - Lust- und Trauerspiele wären dann Kunst-,
jene Naturstücke; nicht wahr? fragte der Graf den Gevatter Prediger; allein
dieser schüttelte bloss mit dem Kopfe, weil von Lust- und Trauerspielen die Rede
war, auf die sich der Gevatter so wenig, als auf die weinerlichen Lustspiele,
kunstgerecht verstand. - Die Alten agirten beim Begräbnis das Leben, so wie sie
bei allem, was ihnen gross, erbaulich, göttlich war - agirten. Es lag vielleicht
ein hoher Sinn in ihrer Begräbnissmetode, wo Lust und Unlust zusammen waren und
wechselten, wunderlich. Sie lasen den wahren Lebenslauf des Verstorbenen ohne
Tropen und Figuren. Ihre Begräbnisse waren Leichenpredigt, Leichengesang für die
so umher gingen. Seht da das Leben! seht! seht! fasst euch, wenn der Tod es
fordert. Lasst Leben und Tod aus einem Stück sein, und soll Leben und Tod als
etwas verschiedenes angesehen werden, macht, dass der Deckel zum Gefäss passe. Das
beste ist, so sterben, als man lebt. Der wirklich Traurige, wenn ja ein
Pickelhäring ihn aus der Fassung bringt und ihm ein Lachen bereitet, welch ein
bitterer Vorwurf folgt darauf! Die Freude der Welt wirket den Tod! - Das Leben
ist so etwas Niedrigkomisches, dass es jedem klugen Mann ekelt zu leben. - Alle
Todte haben Ernst in ihren Gesichtszügen. In der andern Welt wird vielleicht das
Lachen kein solch' Hauptstück des Lebens sein; da wird das Lachen werden teu'r!
Dies und das könnte vielleicht ein Teil von dem hohen Sinn sein, der in den
Begräbnissen der Alten entalten ist. Wir läugneten, dass dieser Sinn eben so
hoch läge, indem jeder ziemlich leicht, und ohne auf Zehen dazu kommen könnte.
                                     * * *
    Wir ehren sehr Leute, die sich durch den Tod nicht aus dem Concept bringen
lassen; freilich trifft ein gewisses gesetztes Wesen, das dem Tod entgegen
kommt, mehr das Herz, wir schätzen auch Leute von dieser windstillen Art im
Leben am meisten. Genau genommen ist nur der Umstand verehrungswert, dass wir
nicht stecken bleiben - dass es so aussieht, als lebten wir in eins weg. - Des
Tomas Morus letzte Worte sahen wie Tischreden aus, und wahrlich, er starb wie
ein Mann. Sobald, sagte der Graf, ich einen leichtsinnig sterben sehe, der so
lebte - sage man mir nichts über den Leichtsinn; ich nehme dieses Wort im guten
Sinn. Man könnte diesen Sinn, um ihn zu verstehen, auch Leichtsinn nennen. -
Noch hab' ich dergleichen Sterbende nicht gefunden. Denn Witz und Sinne sind in
einem besondern geheimen Einverständnis. - Bevor die Frage: wie wir starben?
beantwortet wird, sagte Epaminondas, kann man nicht sagen, wer von uns die
meiste Achtung verdient. - Niemand ist vor seinem Tode glücklich, niemand bei
seinem Leben gross. - Mensch, bedenke das Ende! Aber, fing der Graf an und wandte
sich an mich, warum so viel Leid um unsere Todten? Sie gehen keinen Schritt
vorwärts und werden vom Schmerz angehalten, sobald der Name Mine vorkommt. Ich
habe viel äussere Trauer an mir, als da sind z.B. die Pleureusen an meinen
Briefen - und mich hält nichts an, und was eigentlich hieher gehört, hat nichts
angehalten. Ist denn der Tod nicht bloss vorausgezogen? Er hast Extrapost
genommen, wir gehen mit eigenen Pferden. Werden wir denn nicht zu ihm kommen? Je
stiller der Durchgang, je besser! Ich für meinen Teil liebe sehr die Reisen
incognito, ohne Geräusch. Warum wollen wir denn nicht die lieben Unsrigen
incognito sterben lassen? Wir sehen uns wieder. Ist in der Welt eine Lücke durch
unsern Freund, durch unsere Geliebte worden? Fehlt denn ein anderer? Ist
Alexander selbst in der Welt vermisst, der doch wohl unstreitig ein Weltmann war?
Haben Sie, mein Kind, in Curland gewusst, dass ich Frau und Kinder verloren? Lasst
uns doch nicht vergessen, dass wir in der Welt und nicht in der Familie sind. -
Das war ungefähr, was der Graf und der Prediger mir ans Herz legten. Hier ist
der Extrakt meiner Exception.
    Der Zeit kann und muss nichts vorgreifen; nicht Religion, nicht Weisheit. Sie
leidet es nicht, und nur sie kann den Schmerz, den allergerechtesten Schmerz,
lindern. Zeit und Ewigkeit liegen nicht so von einander wie Königsberg von
Paris, wo ich Extrapost und langsam fahren kann. Die Idee, den Freund, die
Geliebte siehst du nicht mehr, so ganz erdenganz, wie sie da waren; die Idee,
der Leib, den du geliebt hast, dem du so gut gewesen bist, ist Asche! ist Staub!
O liebster Graf! das brennt wie Nesseln an die Seele. Wir betrauern nicht die
Seele, sondern den Leib, weil er Fleisch von unserm Fleisch ist.
    Wenn noch ja eine künstliche Störung im Schmerz angenehm wäre, würd' es die
sein, wenn man hohe Achtung für jemand hat, und sich gerade halten muss. Der
Schmerz geht krumm und sehr gebückt. Durch diesen Zwang kommt man zuweilen der
Zeit vor; allein oft ruht sie sich. Es kommen Recidive! - Sich Gott, das ist,
sich der Zeit überlassen, das, hoff' ich, wird meine Wunde heilen. - Es kann
Linderung geben, wenn man aus Schmerz die Binde wegreisst; allein die Wunde wird
gefährlicher durch diesen Aufriss. Man lasse der Natur ihren Lauf; sonst ist's
Unnatur. Die Alten erzürnten sich zuweilen mit den Göttern über einen Todesfall.
Sie schimpften, sie warfen die Bilder der Hausgötter auf die Strasse und wollten
nicht mehr so unerkenntlichen Göttern ein Obdach verstatten. Es ist
Schmerzensnatur, so etwas auslaufen lassen - und nichts bringt so sehr zu sich,
als dergleichen Exzess. Ein ganz stiller Schmerz ist der gefährlichste. Wenn er
poltert, schlägt und stösst, legt sich der Sturm und es wird bald stille. Strenge
Herren regieren nicht lange!
    Der gute Prediger, der oft zurückgeblieben, wollte bei dieser Gelegenheit
voraus, und eilte uns mit der Anzeige nach, dass Alexander der Grosse, als ihm
sein Jonatan Hephästion starb, sogar die Stadtmauern kurz und klein gemacht, um
eben hierdurch Trauer zu tragen um seinen Todten.
    Dass man sich die Haare abschnitt, um seine Trauer an den Tag zu legen, find'
ich nicht unrecht, sagte der Graf. Man will auch was von sich verlieren, man
will dem Verstorbenen etwas mitgeben. - Ich dacht' an Minens Locke, die ich an
meinem Busen befestigt hatte, und gern hätt' ich jetzt eine von mir Minen ins
Grab gegeben, wenn es nicht zu spät gewesen. - Wie viel Sterbensart kann man von
einem Mann wie der Graf lernen!
    Ich komme wieder ins vorige Extractsgeleise. - Die Haare ausraufen, ist von
jeher als ein Zeichen der Traurigkeit angenommen worden. Wer gen Himmel betrübt
sehen kann, fordert der nicht fast Gott heraus, tut der nicht mehr, als die
Hausgötter ausfegen? und doch halt' ich ihn für einen bessern Menschen als den,
der dem lieben Gott was vorliebäugelt, und im Herzen gallenbitter auf ihn ist.
Der Pharisäer! Ich glaube, der liebe Gott sieht's recht gern, dass wir Menschen
sind, dass wir das Herz haben, es zu sein! Es ist ein lieber, guter Gott!
    Dem Grafen war es eine Besonderheit, dass man zu alten und neuen Zeiten
Menschen zur Gruft von andern Menschen tragen lassen und lässt, und dass auch
hierbei, nach Bewandtnis der Leiche, bald viel, bald wenig Träger genommen
werden, obgleich dies mit zur letzten Ehre gereicht, von der oben gehandelt
worden. Leitet man nicht den, der nicht gehen kann? sagt' ich, und um auf die
letzte Ehre einzulenken: Träger sind die Livreebedienten des Todten. Sollte man
nicht beim Begräbnis Ewigkeit spielen, und dies Verwesliche nach dem
Unverweslichen stimmen? erwiederte der Graf. Und der Hammer? fragt' ich. Sollte,
fuhr der Graf fort, und nun waren wir im
                                     Saale.
    Was seiter vorfiel, war gehenden Fusses, war auf der Treppe. Man sieht ihm
die Stufen an. - Erschrecken, pflegte mein Vater zu sagen, ist die Goldwage für
Männer. Wir können erhaben und pöbelhaft erschrecken. Die Weiber erschrecken
bald, und, was noch mehr ist, nach einer und zwar bekannten Melodie. - Sie
erschrecken schön, wenn man will. - Um alles in der Welt wünscht' ich mir keine
Frau, die nicht leicht erschräke. Schamröte und Erschrecken liegt bei ihnen in
einem Bezirk. Eins borgt vom andern; beides kleidet das schöne Geschlecht. - Es
ist extra fein Postpapier, wo alles durchschlägt.
    Könnt' ich meine Leser und Leserinnen doch in den Saal selbst und weiter
einführen! Könnt' ich's doch! Todespracht überall! Wahrlich Todespracht. - Mir
war's oft, als hört' ich einen dumpfen Ton: Mensch, du musst sterben! Wäre mir
diese Botschaft weniger fremd in meiner damaligen Lage gewesen; ich wäre mehr
zurückgefallen. - Ich weiss nicht, ob meinen Lesern die Geschichte des Belsazars
beiwohnt, der eine Hand an der Wand schreiben sah. - Solch eine Hand an die Wand
schreiben zu sehen - -
    Was ich erzählen kann und werde, o! wie gar nichts gegen das, was ich sah -
nichts -
    Den Saal, fing der Graf an, haben die Weltlichen, so nenn' ich die
Gottgläubigen, in Beziehung der Christen, die ich in dieser schnurgeraden Linie
Geistliche heisse. Verzeihung, Gevatter, sagte der Graf, indem er zum Prediger
sich wandte, der tief in Gedanken darniederlag und unfehlbar mit dem Verleger
wegen der zweiten Auflage im Streit war. - Gern, erwiederte der Prediger. Das
Wort gern war immer seine Antwort, wenn Verzeihung die Frage war, er mochte
wachen oder träumen. Christen, fuhr der Graf fort, sind allzumal geistliche
Priester! Ja wohl, erwiederte der Prediger. Der Geistliche konnte den Verleger
nicht los werden. Der Graf fuhr weiter fort -
    Ob nun gleich Christus, der Erzpriester, kein Altarredner und Kanzelprediger
war, sondern statt auf die Kanzel auf einen Berg stieg, wo er eine Predigt
hielt, die er drucken lassen; - der Prediger, wie aus der Pistole: Von der Sünde
wider den heiligen Geist. Ei, Freund! fiel der Graf ein: in der Bergpredigt
keine Sylbe von der Sünde wider den heiligen Geist. Matt. Kap. 5. versetzte der
Prediger. Recht! endigte der Graf, der während der Zeit das Ob nun gleich
verloren hatte, so dass diese Periode ungerundet blieb. Christen, hub er von
frischem an, verwandelten ihre Höhlen in Kapellen, bis Tempel daraus wurden; und
warum nicht? Wohnt gleich Gott der Herr hier nicht ausschlussweise, wohnet er
doch auch hier. Christus ging in den Tempel und nannt' ihn ein Betaus, das man
zur Mördergrube gemacht hätte. - Christen in die Kirche - Gottgläubige in den
Saal.
    Wir billigten alle die Gewissenhaftigkeit, die Peinlichkeit des Grafen, der
Christentum von Heidentum, selbst bis auf die Mobilien, trennte. Werden, fing
ich wieder an, doch unsere christliche Helden in römischen Ornat gesteckt, wenn
man sie aufhängen, aufstellen und also der Ewigkeit zubringen und, wenn ich so
frei sein darf, schon für die Ewigkeit über die Taufe halten will. Scheint es
gleich überhaupt, dass der Kleiderschnitt, den wir angenommen haben, nur ein
Schlafrock wäre, und dass, sobald wir zu Ehren gebeten werden, es römisch sein
müsste, so ist es doch nicht recht und löblich!
    Ich stelle, sagte der Graf, alles an seinen Ort. Wahrlich, dann würde wenig
zu lehren und zu lernen sein, wenn alles so gestellt wäre. Jetzt ist der Haufe
bloss darum so hoch, weil alles, Gross und Klein, durcheinander geworfen ist. -
Wenn indessen, fing der Prediger in einer abzurundenden Periode, der gewiss
nicht, wie des Grafen sein: Ob es nun gleich, in Stocken geraten wird, an -
wenn indessen der Christ allen allerlei werden soll, und wenn Christus, der
Herr, selbst sich beschneiden lassen und das Osterlamm gegessen; die Jünger
auch, obgleich sie Juden waren, am Sabbat Aehren zu lesen und Esel aus dem
Brunnen zu ziehen von ihrem Meister die Erlaubnis erhielten; so darf doch der
Christ kein so grosser Ceremonienmeister sein. Ceremonialgesetz ist bei allen,
selbst den geistigen Dingen; indessen sind wir in der christlichen Freiheit, wie
es selbst bei unsern christlichen Ceremonien am Tag ist, denen ich indessen von
Herzen gut bin. Der Christ hat den Geist von allen Religionen, das unsterbliche
Wesen, so Christus durchs Evangelium ans Licht gebracht hat. Lasst uns also
tolerant sein, wie unser teurer Graf, der es ist, wenn er gleich - Saal und
Kirche unterscheidet. Und in allem, fuhr ich fort, dem Geist, dem Wesen
nachspüren, bis ein Hirt und eine Heerde wird. - Hosianna, gelobet sei diese
Zeit, die da kommt im Namen des Herrn! Hosianna ihr in der Höhe! Das
Christentum, sagt' ich, ist die einfachste Religion auf Gottes weitem Erdboden,
so wie der Geist einfach ist. Sie kann Körper annehmen, wie in der Schrift Engel
Körper angenommen haben, und wie man von sehr guten Menschen, die gut wie Seelen
sind, sagen könnte: sie hätten Körper angenommen. Freilich adoptirten Engel
keine andere, als menschliche, als solche Körper, die sie im Griff hatten, die
ihnen die nächsten waren. - Die christliche Religion hat keinen Tempel, kein
Haus, kein Obdach nötig, sondern überall, wo Luft und Sonne ist, wo wir sind
und weben, ist Gottes Stuhl, und die ihn anrufen, dürfen nicht das Gesicht
drehen und wenden. Gott ist überall. Im Morgen und in Mitternacht. Wer recht
tut, ist ihm angenehm. Dies war (obgleich es hohe mystische, nur wenigen
verstehliche Toleranz ist) dem bloss gewöhnlichen und für's Haus toleranten
Prediger so gefunden, dass er mit einer Dreistigkeit schloss, die dem Grafen ein
wenig zu hart auffiel.
    Ceremonien, sagt' er, sind des Herzens Härtigkeit wegen, und da, nach
Ortsumständen, die ersten, die besten!
    Nicht also, lieber Gevatter, versetzte der Graf, etwas untolerant.
Ceremonien, lieber Gevatter, sind Kleider der Sache. Kleiden denn alle Farben
alle Gesichter? Es ist ein Aufputz, das Colorit - das wahrlich seinen Meister
erfordert. - Wenn es also recht wäre, müssten Christen christliche Ceremonien
haben. Wie stimmet Christus mit Belial? hätt' ich bei einem Haar gesagt; allein
Belial und ein Heide ist zweierlei. Die Folge dieses Spruchs passt besser. Was
hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?
    Ich gestehe es gern, dass mein Auge dem Ohre viel abgewonnen; indessen kam
die Sache endlich so zu stehen:
    Es gibt ein blindheidnisches und ein gottesverehrendes, ein sehendes
Heidentum. Auch diese Sehenden sind von Christen unterschieden, so wie Saal von
Kirche. Findet man Antiken, wo man einen unbekannten Gott drin sieht, einen
Künstler, der bei dieser Arbeit nicht auf's Sichtbare, sondern auf's Unsichtbare
sah: Heil dem Künstler! Und findet man einen Samariter mit Oel und Wein - er sei
uns ehrenwert - und findet man - genug.
    Zu beiden Seiten der grossen Türe standen zwei Genien, deren jeder seine
Fackel umgekehrt hatte und ins Kreuz auf eine Urne hielt. Zwei Sphinxe von
beiden Seiten sahen zu.
    In einem Felde waren zwei reissende Tiere, die nach einem Schmetterling
haschten, der über einer prächtigen Urne flog. Sie haschten; allein er entfloh.
    In einem andern die Artemisia, mit einem Trank, köstlicher als die Perle der
Cleopatra! Mannsasche. Zu einer Seite ein Künstler mit dem Riss vom Mausoleum in
der Hand, zur andern ein Dichter, der mit den Augen sang. Wie kann er anders auf
der Wand?
    Sodann allerlei Arten von Pyramiden, Mausoleen, Grabmälern, Urnen,
Tränenflaschen. Ein Feld mit drei Parzen! Zu beiden Seiten solch Feld.
    Endlich Himmel und Hölle, der Alten drei Furien, der Tantalus, der
heidnische reiche Mann, der mitten im Wasser steht und doch Gefahr läuft zu
verdursten. Ein Rad, mit dem ein Verdammter ewig herumgetrieben wird. Das nenn'
ich rädern, sagte der Graf! Leidenschaft heisst dies Rad.
    Ferner ein Leichenbrand, von Leuten angezündet, die ihre Gesichter abgewandt
hatten. Eine Gebeinlese von Verwandten - und die Collekte: S.T.T.L. sit tibi
terra levis. Leicht sei dir die Erde - drei, vier, fünfmal angeschrieben.
    Sodann ein Feld. Elysisch. Frühling. Paradies. Ein Körper, diesem Klima
gleich - drei Grazien.
    Endlich eine Art von Altar, oben ein Spiegel. Um den Spiegel die Aufschrift:
dem unbekannten Gott!
    Dies, sagte der Graf, ist der Erbauungssaal derer, welche nur eine
Offenbarung durch die Vernunft kennen, nur ein Licht, das den Tag regiert, ohne
an das Licht, das die Nacht regiert, und die Sternenflur zu denken. Die Vernunft
wird durch den Spiegel angedeutet, den man nur auf Zehen erreichen kann. Es muss
ein Flügelmann sein, der einen Blick hineinstehlen soll; und was sieht er? Ein
klein Stückchen Kopf! Er sieht sich, wenn er Gott sehen will. Bei allem dem bin
ich kein Feind dieser Gottesverehrer, ich habe Kerls darunter sterben gesehen,
besser wie Sokrates, ohne Hahn, ohne Todesangst. - Kein Wunder, sie hatten das
neue Testament unsers Herrn gelesen. - Sie sollen einige sehen unter meinen
Todtenköpfen, wo ich Christ- und Gottverehrer zusammen, wie es in allen
Gebeinhäusern Sitte ist, gestellt habe. - - Da ist nicht mehr Tempel und Saal.
    Paulus kann unmöglich brünstiger den unbekannten Gottesaltar angesehen
haben, als ich den des Grafen, geweiht den Menschen, die Gott nicht als Vater,
sondern als Herrn, als Alleinherrscher, anschauen. Ist denn, dacht' ich, Gott
den Christen bekannter? Wohnt er nicht in einem Lichte, wozu niemand kommen
kann? Ist er nicht ein Wesen, das niemand gesehen hat und sehen kann? Der
Gottverehrer indessen sieht sich selbst im Spiegel, der Christ sieht Christum,
wenn beide Gott sehen wollen. Ihm, dem Vater aller Dinge, sei Ehre von Ewigkeit
zu Ewigkeit, Amen!
    Wir gingen durch mancherlei Zimmer zur Kapelle; durch viel Trübsal, sagte
der Graf, zum Reiche Gottes. Es waren ihrer dreimal sieben. Der Graf liebte
diese Zahl sehr, er nannte sie eine Offenbarung-Johanniszahl, eine biblische
Zahl, und hatte gewiss ein paar Zimmer (da wollt' ich drauf wetten) eingehen
lassen oder mehr angebaut, um nur die Zahl sieben herauszubringen! Man lasse ihm
doch die siebente Zahl! Meine Mutter pflegte zu sagen, jeder habe seine Zahl,
die ihm am Herzen liege. - Es war kein einziges unter allen siebenmal sieben
Zimmern (so viel waren im Hause), in dem nicht Ende, Tod und Verwesung
angeschrieben war! Alles mit grossen Buchstaben. Er war ein heiliger Vater, der
die Bilder die Schrift der Einfalt nannte. Sie sind es; allein für den Klugen
sind sie Poesie. In dem Saal und sechs andern Zimmern gemeine Liebe, in den
siebenmal sieben Zimmern weniger sieben die christliche. Särge in den
christlichen Zimmern ohne End' und Zahl. - Wenn ich bei jedem dieser Särge eine
christliche Leichenpredigt halten und die Todeszimmer alle zusammen be- und
umschreiben sollte, würd' ich zu langweilig werden. Ein guter schneller Tod, ist
er nicht der beste? Ich behalte mir vor, auf drei (auch eine heilige Zahl, eben
so gut wie die sieben, vielleicht eine, die mir nach dem Ausdruck meiner Mutter
am Herzen liegt, so wie meinem Vater die Zahl neun) Zimmer einen Accent zu legen
und eile zur Kapelle. - Es führte ein finsterer Gang dahin; so wie oft ein
schlechtes Geläute zu einer schön gebauten Kirche einladet, sagte der Graf. Es
konnten nur zwei gehen, so eng war der Gang, um den schmalen Weg zu parodiren.
Von beiden Seiten kamen Aerme heraus, auf welchen, obgleich es hoch Tag war,
dennoch Lichter brannten oder brennen mussten; denn hier war es ewig Nacht. Die
Aerme schienen (so besonders waren sie) schnell herauszuwachsen, um den
Wanderern auf dem finstern Wege zu leuchten! - Auf einer Seite waren sechs
Lichter, auf der andern fünfe. Warum das? Dafür konnte der Graf nicht, dass die
eine Abteilung der Spruchstelle: Dein Wort ist meiner Füsse Leuchte, sechs, und
die andere: Ein Licht auf meinem Wege, ganz richtig berechnet, fünf und nicht
weniger Wörter hatte. Ueber jedem Lichte stand ein Wort, schön wie eine
Dedication. Würd' er mit dem Worte Und auch einen Arm verehrt haben, so wären
beide Seiten gleich gewesen. Das arme Wörtlein Und, ich hätt' es nicht
verstossen, wenn ich der Graf gewesen wäre. Es ist gemeinhin ein menschliches,
liebes, guterziges Wort, und ist seinen Arm wert. Der Graf aber sprach ihm die
Göttlichkeit ab; wenn Gott spricht, ist's ohne Und. In der Kapelle selbst hing
ein Kruzifix und der Schächer, den Christus ins Paradies mitnahm. Der sterbende
Simeon, mit einer Friedensmiene im Gesicht, die entgegenrief: Herr, nun lässest
du deinen Diener in Frieden fahren. Einige Apostel als Märtyrer sterbend. In
ihren Gesichtern lagen die Worte: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben
wir, so sterben wir dem Herrn; ob wir leben oder sterben, sind wir des Herrn.
Hier stand auch in einem Behältnis, von einem eisernen Gegitter eingeschlossen,
des Grafen Sarg. Rührend war es mir anzuhören, dass er alle Vierteljahr einmal
drin schlief. Ich habe mich mit meinem Hause, sagt' er, so bekannt gemacht, dass
ich alles im Griff habe. - Die erste Zeit schwitzt' ich, als hätt' ich
Bezoarpulver eingenommen; jetzt schlaf' ich, ohne einen einzigen Schweisstropfen,
ruhig und sanft. Der Tod wird mir, das hoff' ich, nicht unbereitet kommen. Der
Wappenzierrat war mir bei diesem Sarge unausstehlich. Es waren drei bemalte
Pfeiler in der Kapelle, Weisheit, Stärke, Schönheit, Glaube, Liebe, Hoffnung!
drei Grazien - drei Frauenzimmer, sagte der Graf und ich: »Die Tugend selbst ist
ein Frauenzimmer, das Laster ist eine Mannsperson.« Ei! schrie der Graf, ei! der
Prediger. Ich hatte Mühe die guten Herren zu überzeugen, dass mein Vater wohl
wüsste, was er spräche. Man muss nur alles nehmen, wie es von Gott und Rechtswegen
zu nehmen ist. Der Buchstab' ist todt, allein der Sinn ist lebendig. Ich blieb
bei Würden und Ehren, und das Ei war vertilgt bis auf den letzten Buchstaben,
welches um so leichter geschehen konnte, da es nur aus zweien besteht. Sonst
versteht jeder, was Glaube, Liebe, Hoffnung sei, oder eigentlicher, wie sie
gemalt werden; indessen hatte der Graf seinen eigenen Glauben, seine eigene
Liebe, seine eigene Hoffnung.
    Der Glaube war ein Mädchen, das mit der rechten Hand gen Himmel mit einem
Kruzifix den Weg wies, in der linken Hand einen Kelch hatte, woraus es trank;
mit dem einen Auge liess es die Bitterkeit des Tranks merken, mit dem andern aber
himmelan, als säh' es den himmlischen Vater - auf dem Haupte eine Krone mit
Lorbeeren durchflochten. Es lag auf den Knien, das gute Kind. Oben standen die
Worte: Ich glaube, Herr! hilf meinem Unglauben! Glaube war gross geschrieben und
es war auch nötig, denn wer hätte sonst wohl wissen können, dass dies der Glaube
sei? Es tut mir ordentlich leid, dass ich vergessen habe, mit welchem Auge der
Glaube gen Himmel und mit welchem er in den Kelch der Bitterkeit sah, als wollt'
er die Tropfen auszählen. Kannst du sie zählen, hiess es zu Abraham, da ihm die
Milchstrasse am Himmel gewiesen und die Versicherung in forma probante behändigt
ward: also soll auch dein Same sein.
    Die Liebe war eine junge, liebenswürdige Mutter (das schönste in der Natur),
ein Kind an ihrer Brust, eins lag ihr auf der Schulter und küsste sie mit
Inbrunst. Noch war ein Kind, dem sie drohend ihre rechte Hand reichte. O wie
drohte sie! Allerliebst. Oben stand:
                              Stärker als der Tod!
    Die Liebe ist sehr beschäftigt! sagte der Graf. Sie hat alle Hände voll, die
wird wohl jeder kennen!
    Die Hoffnung war eine Gesegnete, eine der Entbindung nahe. Das Kind sprang
ihr im Leibe, wie der Elisabet, und doch sah man ihr einigen Kummer an. Sie
zählte die Monden. Sie hatte sich auf einen Anker gelehnt. Sie lag fast ganz
darauf. - In der einen Hand hatte sie ein postfliegendes Noatäubchen. Den Kopf
hielt sie in die Höhe, als ob sie wissen wollte, wie weit von ihr zur Erfüllung
wäre, vom Ja zum Amen. Die Augen, das merkte man, konnte sie nicht in die Höhe
bringen, sie wollte -
    Es standen die Worte herum: Hoffnung lässt nicht zu Schanden werden! Hoffnung
gross.
    Der Prediger war ein Musikus, und da ihm der Graf das kleine Positivchen
zuwies, zog er den Tremulanten, den Hauptzug an diesem Werklein und spielte: Was
willst du, armes Leben?
    Beim Herausgehen wurde mir ein Buch in die Hand gegeben, das die Aufschrift
führte:
    »Namen derer, die in dieser Kapelle gewesen, die, da sie schrieben, waren,
    und eh' sich das Blatt umkehrt, nicht mehr sind. Ihre Namen mögen
    geschrieben sein ins Buch des Lebens! Amen.«
    Herzlich freut' ich mich, dass ich meinen Namen beinahe am Ende schrieb, so
dass das Blatt bald umgekehrt werden musste - bald! Es ergriff mich ein Schauer
und es war, als hört' ich Minen säuseln: bald!
    Der Graf bewohnte sieben Zimmer, wo er und sein Bruder Feuer und Herd
hatten. Des Grafen Bette war ein förmliches Gewölbe. Lazarus, unser Freund,
schläft, sagt' er zu mir, da er es mir zeigte. Sein Bruder gab ihm nichts nach,
nur dass auch hier das gräfliche Wappen eine Scheidewand machte. Der Graf, der
sehr in die Urnenfaçons verliebt war, hatte in seinen sieben Leibzimmern
christliche Urnen, wo er wirklich christliche Todtenknochen unter wohlriechende
Dinge gelegt und aufbewahrte.
    Bei Gelegenheit, dass uns der Graf in seinen sieben Leibzimmern herumführte,
war er nicht etwa stumm, sondern so beredt, als nur irgend jemand sein kann. Wir
setzten unsere Gespräche, des Sehens unerachtet, ohne Zeitverlust fort. Man
sieht noch einmal so gut, wenn man drein spricht, wenn man sagt, was man sieht.
Das Hören leidet Abbruch, wenn man recht von Herzen sieht. Wir sprachen über
das, was wir sahen - und über vieles, was wir nicht sahen. Meine Leser werden
keine Mühe haben zu wissen, was jedem aus unserm Kleeblatt, aus diesem Spiritus
- oder wie es sonst heisst, eignet, zugehört und gebührt. Die Griechen, sagte der
Graf, hatten die Gewohnheit, einen Zweig an die Tür zu stecken, wo ein
Todringer lag, wie ungefähr hier, wo Bier feil ist. Ich behalte diese Gewohnheit
auch bei. Ueber jede Tür in meinem Sterbehause, wo gestorben wird, ist ein Reis
als ein Siegeszeichen angesteckt; warum ich aber an einem Sterbenden nicht genug
habe, geschieht nicht sowohl meint - als der Sterbenden wegen. Man hat sich
gewaltiglich über den Gebrauch der Alten gewundert, dass man bei der Leiche
anderer viele Leichen machte, um dem Gott des Todes den Mund zu stopfen und den
Charon auf einen Tag in solchen Schweiss zu setzen, dass er fast selbst gestorben
wäre. Man hat, dünkt mich, Ursache sich zu wundern. Soviel ist aber gewiss, dass
es weit angenehmer ist, in Gesellschaft zu sterben als in Gesellschaft zu leben.
Der grösste Teil der Menschen stirbt eben darum so schwer, weil er alles
verlassen muss und weil ihn alles verlässt, weil er so sehr allein bleibt. Ein
schweres Wort allein. Der Mensch ist ein geselliges Tier. Der Sterbende hat
selbst so oft und viel in seinem Leben derer, die starben, vergessen, als dass er
auf die Ehre eines längern Andenkens rechnen sollte. Wenn er aber mit dem
Cirkel, in dem er leibte und lebte, in einem stirbt, wie tröstet dies? Auch wenn
ihm die andere Welt und die Wiederkunft der Guten und Bösen ein unauflösliches
Rätsel bleibt, gibt ihm dieser Gedanke einige Ruhe - und welch eine Seelenruhe,
wenn er mit ihnen, sowie er hier lebte, dort wieder lebt! Da denkt denn der
Reiche, er werde unter seinen mit ihm zusammen gestorbenen Schuldnern noch immer
der Gläubiger bleiben. Die Leute werden sich doch schämen, ihn auf einen andern
Fuss zu nehmen, da sie ihm die Zinsen ohnedem acht Tage nach der Verfallstunde
berichtigt, welches aufs Jahr schon etwas beträgt. Da denkt der Herr, wenn er
mit seinen Bedienten zusammen stirbt, die Menschen werden doch Lebensart
verstehen. Ich, sagte der Graf, ich selbst möchte mich nicht gern von meinem
Bruder trennen. Darum, fuhr er fort, sind uns neue Freundschaften so verhasst,
wenn wir in gewissen Jahren sind, im Fall die Freundschaftsparteien nicht
jahregleich sind. - Auf Ehre, liebe Sterbenscandidaten und Candidatinnen! wenn
die Hohen und Reichen, die Augenlustigen und die vom hoffärtigen Leben wüssten,
wie wohl es in dieser Rücksicht sich im Hospital sterben liesse, stürben viel
drin, die sich jetzo wohlbedächtig genügen, Geld unter diese Armen auszuwerfen.
Diese Armen besitzen oft mehr als alle Schätze der Welt; denn das Himmelreich
ist ihrer! Darum vorzüglich glaub' ich, sagte der Graf, durch gute Gesellschaft
meinen Sterbenden ihr Ende zu erleichtern und ihnen einen Dienst daran zu tun.
Sie können jetzt die Zeit nicht abwarten, sie keuchen recht nach dem
vorgesteckten Ziel und oft hab' ich gehört: Willst du mit? Ich bin bereit. So
komm - ich geh - Gern! So komm doch! Gern! Nun? Hol' mich nach. So gern ich
wollte, kann ich?
    Wenn die grausame Gewohnheit der Alten, Leichen bei Leichen zu machen, in
diese Ideen zum Teil einschlüge? sagten wir alle drei, und taten so als frügen
wir's. Wir machten es wie die Redner und Schriftsteller, bei denen das
Fragezeichen nicht ein Menschenhaar mehr bedeutet als gehorsamer Diener,
untertäniger Knecht und dergleichen siebenmal sieben Sachen mehr.
    Selbst der Selbstmord würde beim offenen Grabe noch am ersten aus der Natur
des Menschen zu erklären sein, und es gehört ein eben so grosser Grad Lebensliebe
dazu, als der grosse Menschentöpfer uns mit eingeblasen, um diesen Grillen bei
den offenen Gräbern der lieben Unsrigen zu entkommen. Man dünkt sich ohne die
Seinen verwaist in der weiten Welt, und ist man es nicht an diesem
unempfindlichen, grossen Orte? Was wäre das Leben, wenn man nicht noch den Cirkel
der Seinen hätte, wo man noch das süsse Echo seines Schmerzes, seiner Freude hört
und eine Teilnehmung sieht, Liebe und Gegenliebe empfindet? - Wer sich auf
einem andern Wege als am offenen Grabe das Lebenslicht ausbläst, bedenkt nicht,
von wannen er kommt und wohin er fährt. So ehrbar es manchem lässt, er ist doch
mit seinem Kopf über Bord. Ei, wenn es der Mensch in einem entsetzlichen,
übermenschlichen Schmerz täte? Gibt's übermenschlichen? Exempel zwar, dass
Menschen sich des Schmerzes halber umgebracht, ob's aber übermenschlicher
Schmerz war, bleibt Frage. So viel ist auffallend, dass der Leib, der, wenn er
todt ist, da liegt wie ein Stück abgehauenes Holz, unmöglich dem Schmerz
ausgesetzt sein könne, den er im Leben empfand, und wenn also ein Leidender
seine Seele Gott befiehlt und seinem ihn plagenden Leibe einen Streich spielt
oder dem armen Schelm eine Wohltat erweist, so liesse sich darüber reden, mehr
aber auch schwerlich; denn ein solcher Selbstmörder kommt aus dem Text der
Natur. - Wie selten sind indessen Exempel von Leuten, die aus Schmerz sich ins
Leben greifen, in ein zweischneidendes Schwert fassen; denn Leute, die dem Tode
recht ehrlich trotzen können, o, die trotzen auch dem Leben.
    Ei, wenn der Mensch alles vollendet hätte? Wenn ihm die Zeit mit Recht lang
würde? Alles vollendet, Lieber, alles! Wenn wir getan haben, was wir zu tun
schuldig waren, sind wir dann mehr als unnütze Knechte? Wer hat aber alles
vollbracht? Wem wird die Zeit auf eine weise Art zu lange?
    Jener Freigelassene der Agrippina, der sich bei dem Scheiterhaufen seiner
Gönnerin (um ihr Ehrenbette nicht zu beflecken) erwach. Viel Erkenntlichkeit,
wenn sie ihm bloss Schutzgöttin war! - Doch solche Erkenntlichkeit haben noch
mehr bewiesen. Weiber, Freigewordene, selbst Hunde und andere Tiere, die sonst
nicht so treu befunden werden.
    Sehen und Hören, ich habe es, glaub' ich, schon sonst wo gesagt, vertragen
sich mit einander wie Halbgeschwister. Ich gestehe es sehr gern, viel, sehr viel
von dem Gerede des Grafen verloren zu haben, und das ist Schade! Der Graf, der
in andern Fächern eben keine grosse Kenntnisse bewies, war unerschöpflich in den
Sterbenswissenschaften. Da hatte er gedacht und gelesen. Da konnte er mit dem
Gelehrtesten schon eins anbinden. Ich wundere mich noch, dass er bis auf die
Terminologien, die eben seine Sache nicht waren, den Tod in allen Zeiten, in
allen Zungen und Sprachen verstand. Sogar aus fremden Sprachen, die er nicht
kannte, wusste er gewisse Worte, den Tod betreffend. Der Prediger konnte ihm in
dieser Kunst auf sechs kaum das siebente antworten; indessen examinirte er
nicht, wie es denn auch niemand tut, der dem andern sehr überlegen ist. Wer
wirklich weniger weiss, als der Initiandus, ist ein Inquisitor im Examen. - Der
Ueberlegene lehret nur, das heisst, er legt es alles zum Greifen nahe.
    Ich erinnere mich meines Versprechens, meine Leser in drei Zimmer zu führen.
                                     * * *
    Das erste Zimmer soll das sein, wo der Graf seine verstorbene nächste
Familie hatte.
    Es wird meinen Lesern noch im frischen Andenken sein, dass ich bei dem
seligen Ende des zweiten Teils der Lebensläufe, da ich den besondern Mann, den
Herrn Grafen, am dritten Ort zu präsentiren die Ehre hatte, zugleich anbrachte,
wie er sehr traurige Schicksale überlebt. Sieben Kinder, alle im Lenze des
Lebens, waren ihm gestorben. Dieses Zimmer hiess Familienkabinet, und war den
Schatten dieser sieben Seligen, dieser sieben Engel, die Gottes Angesicht sahen,
gewidmet. Lange stand der Graf an, ob er diese heilige Seelenzahl verrücken und
ihnen noch die beiden Bräutigams der beiden als Bräute gestorbenen Töchter, und
die Braut des als Bräutigam gestorbenen Sohnes, zugesellen sollte? Endlich Ja!
weil seine Gemahlin schon über sieben war. Die Zahl war also schon verdorben.
Dies Familienkabinet entielt diese lieben Todten, wie der Graf sie nannte, von
denen immer eins dem andern die Hand gab und eins nach dem andern an den Reihen
kam. Eines fordert das andere zum Todtentanz, zum Grabesgang auf. Viel Einheit
der Zeit, alles starb in Zeit von drei Jahren. - Ich kann eben nicht sagen, dass
in diesem Trauerspiel griechischer Geschmack herrschte, indessen war viel Manns-
und Vaterwärme da, viel Empfindung. Es waren zwei Türstücke, das eine stellte
Genesin, das andere Apocalypsin vor. Genesis war in Gestalt eines Menschen,
Apocalypsis wie ein Engel gekleidet. In jenem sah man die Worte: Es ward - in
diesem das Offenbarungs-Johannis-Wort: Amen!
    Die Seligen waren alle wie Geister gekleidet. Sie hatten weisse Kleider. Sie
waren mit Körperchen umschlagen, mit einem leichten Gewande, mit dem
Sterbehemde. Die Gesichter kenntlich, aber himmlisch. Wenn die jungen Grafen und
der Bräutigam nicht Hutkränze von weissen Federn auf ihren fliegenden Haaren
gehabt, und ganz unvermerkt das gräfliche Wappen nebst der Perlenkrone an ihrer
Seite hervorgeschimmert hätte, so würden die Geister mehr Geister gewesen sein.
Jetzt waren es gräfliche Geister. Andere Welt! wenn du Fürsten, Grafen,
Freiherren, Ritter, Bürger und Bauern hast! sind sie auch nur durch ein Wappen
unterschieden, wie wenig bist du dann, andere Welt! wie wenig! - Alles handelte
in diesem Familienstück. - O, der unseligen Wappen und der weissen Federbüsche!
und der gräflichen Krone!
    Die Gräfin Mutter hatte sieben Weinreben in der Hand, die alle sieben
weinten, so dass die Tränen zusehends herabträufelten; drunter gingen
Vergissmeinnicht auf.
    Zwei Söhne hatten Grabschaufeln in der Rechten, standen an einem
aufgemachten Bette, wie der Graf es nannte, an einem fertigen Grabe, und besahen
die Erde und sich, als wenn man sein Porträt und sich collationirt, um
beizuzeichnen: concordare cum suo originali testor. Man sah, dass sie sich
sagten: Staub von unserm Staub! Zwei Gräfinnen, unschuldig wie Engel, bis auf
die verfluchten Wappen. Wozu doch die Wappen? Zwei Gräfinnen, wirkliche Engel,
gossen jede eine Schale auf die aufgeworfene, zur Saat Gottes vorbereitete Erde.
    Meine Mutter hatte das Taufwasser nicht feierlicher ausgiessen können, als
diese Engel die Schalen.
    Die beiden Bräute mit herabhängenden, halbverwelkten Kränzen, Hand in Hand.
Der eine Bräutigam den rechten Arm in der linken Hand - so aufgestützt sieht er
starr auf einen Fleck im blossen Kopf, wie der Graf sagte, das ist, auf nackte
Erde. Wohin der Blick nur reichen kann, ist die Stelle kahl, ohne grün und gelb.
- Der andere neigte sich sanft zur Erde, die er küsst. Die Bewegung jenes Römers,
da er seinem Vaterlande einen Kuss gab, ist nichts dagegen.
    Der Sohn und seine Braut, oder Federn und Wappen, hielten eine mit Blumen
durchflochtene Schnur. Sie zogen jedes sein Ende mit Macht, und siehe da, sie
reisst und beide sind im Sinken. - Zwei Tauben fliegen mit Oelzweigen über der
ganzen Gesellschaft. Und nun noch ein Engel ohne Sterbehemde, ohne
schlafrocksmässig um den Geist hängendes, fliegendes Körperchen, ein Engel in
einer noch angemessenern Uniform, in einem so Original-Engelgewande - alles
englisch an ihm; wie schön er in die Höhe sieht! wie schön! Es war der jüngste,
der Benjamin unter seinen Brüdern. Wenn ich doch diese Uniform beschreiben
könnte! - - - Schade! er hat ein Ordensbändchen, worauf das luterische Wort
sieht: Vivit. Freilich mehr als pro gloria et patria.
    Allein ein Ordensengel! O des Ordens, der Wappen, der Federbüsche!
    Das zweite Zimmer,
mit dem Accent; ich gesteh' es, ich hätt' es für mein Leben gern.
    Lauter sterbende Köpfe! Noch ist's Zeit zurückzutreten, gnädige Frau -
allein die letzte Zeit war diese heilige Schwelle betreten - ich stehe nicht für
ihn. - Man sieht es Ew. Gnaden an - Sie erliegen! ohne Umstände ein polnischer
Abschied, ober ein deutscher, wie Sie befehlen!
    Ha! das war ein Odemzug! Das Beharren bis ans Ende ist nicht jedermanns
Ding. - Viel Vergnügen auf der Redonte. - Da sind freilich andere Gesichter!
Narrenkappen wie man sie will. Als Schäferin also? - - - Und diese Köpfe? O
Freunde, wie wert, wie wert zu sehen! Es sind Gestorbene, die eben kalt
geworden, eben. - Alle ganz pünktlich, richtig nach dem Leben - nach dem Tode,
würd' ich sagen, nach ihrem Sonnenuntergang! - Selig, selig, selig, sagte der
Graf, sind die Todten, die im Herrn sterben. Sie ruhen von ihrer Arbeit, ihre
Werke folgen ihnen nach. - Wir falteten alle drei die Hände! Es war erwecklich
anzusehen. - Sie sind, fing der Graf etwas zu gesucht an, diese Todten hier,
sind nach dem Ausgang der Seele durchs rote Meer, wie diese schon Canaans
Turmspitzen sah, gemalt. Wenn die Seele, fuhr er fort, von ihrem vieljährigen
Freunde Abschied nimmt, verehrt sie ihm noch ein kleines Andenken. Eine goldne
Tabatiere mit ihrem Bilde. Sie wirst noch Strahlen auf ihn, die so aus den
Gesichtszügen des Gestorbenen herausleuchten, wie das Antlitz des Moses,
obgleich er schon vom Donner- und Blitzberge war. Der Mensch dort, der, so lange
die Seele in ihm lebte, schwebte und war, sich so oft hinter ihr versteckte, und
vom Verstande Feigenblätter, Vorhänge borgte, kaufte, wie es die Not wollte,
ist da auf ein Haar zu sehen, als wenn er lebt, als wenn die Seele nur über Feld
gegangen wäre, um frische Luft zu schöpfen, um ins Freie zu gehen, als wenn die
Seele gleich wieder kommen würde. Ihr Hauptsessel ist noch nicht kalt. -
Spassvogel Diogenes, lösche deine Laterne aus! Hier sind Menschen, recht wie sie
sind. - Da ist das aufgegebene Rätsel und die Lösung, das Exempel und die
Probe! Jeder fürchtet sich vor dem natürlichen, vor dem Kammertode, vor dem
kalten, vernünftigen Tode. Der Heldentod, der Feldtod ist nicht kalt, nicht
vernünftig. Es ist ein künstlicher Tod, man weiss nicht wo man bleibt; und ich,
sagte der Graf, ich, der ich dem Tode seine Künste ablaure, ich, der ich ihm
nachschreibe, wollte in Fällen dieser Art nicht Observationen anstellen, um
alles nicht, in Fällen nämlich, wo der Mensch so recht in seinen Sünden, ohne
Zeit und Raum sich in Ordnung zu legen, dahin stirbt, dahin. - Zwar, fuhr der
Graf fort, zwar hab' ich selbst zwei Brüder, die auf dem sogenannten Bette der
Ehren geblieben sind, und ich hoffe sie gewiss in der seligen Ewigkeit zu
treffen; indessen ist nichts richtiger, als dass der Baum wie er fällt, liegen
bleibe. Da liegt der Grund von meinem Grundsatz. Wahrlich, lieber Leser, das war
das Motto zu dem Zimmer, in das ich euch ein- und die gnädige Frau v. -, die
eben jetzo schon ein englisch Tänzchen macht, ausgeführt habe, obgleich die gute
Frau, unter uns gesagt, über ein Kleines auch ein Todtenkopf werden wird, und
ins Ohr gesagt, schon jetzt halb einer ist. - Und diese Köpfe? So hab' ich schon
einmal gefragt, und so werd' ich noch oft fragen und immer darauf antworten: o
Freunde, wie wert zu sehen, wie wert! Wer kann sie aber ohne Verlust
beschreiben? Wer? Ein Gemälde von andern Gemälden ist Copie, ist todt an ihm
selbst, ist kalt von kalt - wie - der eine Kopf als früg' er: wo kam ich hin? so
bescheiden gefragt, dass es ihm gleich war, wohin es ginge. Die Augen so
geschlossen, als ob er sich alles willig gefallen liesse, und gern unter Gottes
Regiment blind wäre, ohne alle Capitulation. Wer wird auch mit dem guten, mit
dem lieben Gott capituliren.
    Tiresias tödtete die Frau Drachen und ward aus einem Manne ein Weib. Nach
sieben Jahren tödtete sie oder er den Herrn Drachen und ward ein Mann. Seiner
Offenherzigkeit halber, da Jupiter und Juno über die Süssigkeiten des Ehestandes
stritten, und er dem weiblichen Geschlechte den Apfel reichte, ward Juno
aufgebracht; denn welche Dame, wäre sie auch eine Göttin, tut nicht so, als sei
ihr nichts um die Liebkosung der Männer zu tun, und sei es auch Herr Jupiter,
der ihr liebkose. Der Zorn der Juno machte den Tiresias blind. Jupiter aber
verlieh ihm in höchsten Gnaden das Privilegium personale, wiewohl in casu
onerosum, wahrzusagen, zur Erkenntlichkeit. Die Anwendung dieser Fabel: Tiresias
hatte so die Augen zu, wie unser Verstorbener - er war so zufrieden, wie
Tiresias. Das Schicksal wollt' es, dass er die Augen schliessen sollte, und er
schloss sie. So auch unser Kopf. Tiresias war blind und sah mehr, als Leute, die
ihre zwei Augen im Kopfe hatten. Unser Gestorbener schien auch beim Verlust
seiner Augen eines andern Heils gewiss zu sein. Das war Aussicht. Die Rücksicht?
Sich selbst von Jugendsünden zugezogener Sterbensschmerz schien auf der Stirn zu
runzeln: allein kein Bewusstsein, seinen Nächsten um fünfzig Procent gebracht zu
haben, kein Betrug, kein Bubenstück. Die Unterlippe biss die obere ein, doch
verwundete sie solche nicht. - Paete, non dolet. Oberlippe, es tut nicht weh,
schien die Unterlippe der Oberlippe aufbeissen zu wollen. Just dann schmerzt es
aber, wenn man sagt, es schmerzt nicht. Man bespricht den Schmerz, wenn man
spricht, indem es weh tut, wenigstens glaubt man ihn zu besprechen.
    Sollten Sie denken, meine Herren, sagte der Graf, es ist ein blosser
Gottverehrer - der, wie er mir bekannt hat, den lieben Gott bloss in seiner
lieben gütigen Natur gesehen, gekannt und sich drob gefreut hat. Denn Gott ist
nicht ferne von einem jeglichen. Den feurigen Busch der Religion hat er nicht
gesehen. Er blieb seinem Naturglauben und Vernunft-Catechismus, der nur einen
Artikel hat, treu! Ich kann nicht, sagt' er, wenn ich gleich wollte, allein ich
habe keinen in seinen drei Artikeln gestört, keinem seinen Catechismus im Spiel
abgenommen, keinem geschwindes Witz- ober langsam wirkendes Verstandesgift
eingegeben, keinem in seinem Tun und Lassen einen Stein des Anstosses in den Weg
gelegt. Ich hielt viel für Gotteslästerung, was andere für Gottesverehrung
hielten - ich - besonders war es, bemerkte der Graf, dass er das Ich unendlich
oft und viel aussprach, und mit seinem Ich hinten und vorn war. Er blieb auch im
Ich. - Er stiess sich das Herz daran ab. Mit dem lieben Ich! - Die Herren
Naturalisten im guten Sinne, dabei bleib' ich, fuhr der Graf fort, halten sich
selbst für kein Kleines. Ihre Seele wenigstens ist ihnen ein Stücklein lieber
Gott, wie wir Christen denn auch darin nicht ganz in Abrede sind, allein wie? -
Man könnte die Deisten Seelenverehrer nennen, bald hätt' ich Seelenabgötter
gesagt; allein seht nur die Miene des Gestorbenen! Ist da wohl Abgötterei drin?
- Ich mag keinen Stein aufheben wider ihn, weder einen grossen, wie wider den
Stephanus, noch einen kleinen, wie wider Goliat - ich nicht. Noch ein Deist mit
mehr Stirnunbeladenheit, allein mehr Lebensmühseligkeit über den geschlossenen
Augen, die er eigentlich nicht geschlossen, sondern zugedrückt hatte. Es schien
so, als wäre der Schlüssel abgedreht. Eine Auferstehung gehörte dazu, um diese
verschlossenen Augentüren zu öffnen. Alles war dicht zu auf beiden Wangen. Von
der Mitte der Nase an bis ganz herunter lag ein Strick von Runzel, der sich
unten zusammen gab. Er ist sehr verfolgt, der arme Schelm - sagte der Graf. Sein
Tod war sanft, das sah man - kein Gewissensbiss, auch nicht einmal in einer
Lippe. Ruhe lag über und über und so viel Ergebung, dass er, wenn Gott gesagt
hätte: hör' auf, erwiedert haben würde, dein Wille geschehe! Wahrlich das könnt'
ich nicht, bemerkte der Graf; ich würde dem lieben Gott wenn nicht mehr
antworten, so doch: aber lieber Gott. - Ich konnte nicht weg von diesem Kopfe.
Herr, wie du willst, so hiess er. Der Graf erzählte mir viele Verfolgungsscenen
von Geistlichen, und besonders von einem gewissen Consistorial-Präsidenten
Caiphas - der selbst weder Gott noch Teufel glaubte, der aber von Amtswegen und
aus ledigem Präsidentenstolz ortodox schien bis zur Raserei, die überhaupt mit
ihm sehr nahe verwandt war. Gott lasse dich ruhig hängen, sagt' ich, da ich ihn
sah - du ruhiger Mensch! Könnte seine Seele wohl in der Hölle und Qual sein, und
sein bestes Leibstück, sein Kopf, so aussehen? Es wär' ihm, sollt' ich denken,
auf dem Hölle- und Qualfall gewiss etwas vom Durst anzusehen, den seine andere
Hälfte dort litte. Mein Vater pflegte zu sagen: alles Paarweise, Seele Mann,
Körper Weib. W.Z.E.W. Meine Mutter würde gesagt haben: Leib Weib - ohne W.Z.E.W.
Dies fiel mir ein, und schnell dacht' ich: ein gutes Weib! Sollte wohl da oben
über den Augen etwas Menschenhass liegen, und der Gerntodt eben daher sein
schönes Feierkleid her haben, und die Entschlossenheit, auch ganz zur Erde zu
werden, daher kommen, um nur mit Menschen nicht mehr zusammen zu sein? - Seht
ihn recht an, ich finde keine Schuld an ihm, und wenn etwas Bitterkeit wider
Priester und Leviten, wie Unkraut unterm Weizen, stünde, war nicht vielleicht
Verfolgung wider diesen Samariter Schuld daran? Es liegt auf jedem
lebensausgegangenen Gesicht Rücksicht und Hinsicht, sagte her Graf. Ich fand
keines von beiden auf unserem Ruhigen. Er neigte nicht sein Haupt, das tat auch
sein Bruder nicht; sie hatten den Kopf rückwärts gebogen, und doch in die Höhe!
- Schlaf gesund, du Verfolgter, und geniesse der stolzen Ruhe derer, die in
Gottes Hand sind und von denen es heisst: keine Qual (auch nicht einst vom
Consistorialpräsidenten Caiphas, dem Schwiegersohn des Hannas) rühret sie an. -
Das waren die beiden Deisten, denen der Graf hier ein Räumlein bei seinen
Christenköpfen gegönnet hatte, so dass diese Todtenkopfgallerie eben hierdurch
ein Simultangewölbe worden war.
    Der Deist, da er wohl einsieht, er komme nicht aus, er habe eine Rechnung
ohne Wirt gemacht, nimmt sich eine Handlung aus seinem Leben heraus, stellt sie
auf und sieht sie so mit unverwandten starren Augen an, dass er drauf lebt und
stirbt, dass er sich einbildet, der liebe Gott werde auch sein ganzes Leben so
vergessen als er, bis auf das Pröbchen, das er zur Schau aufgestellt. Moses ward
begraben, ohne dass jemand wusste, wo? Doch! ich wollte vom Lykurgus reden. Dieser
grosse spartanische Gesetzgeber eröffnete dem Volke seine in Delphos confirmirten
und göttlich erklärten Gesetze, und da Sparta unter seinen Gesetztafeln blühte,
wie ein Weidenbaum an den Wasserbächen, nahm er von seinen Bürgern einen Eid,
die Gesetze so lange in Ehren und Würden zu lassen bis er heim käme; denn er
müsste wieder nach Delphos, und nun reiste er nach Cirra und bestätigte mit
seinem Tode seine Gesetze. - Eine Parentese. Ist Lykurgus ein Selbstmörder, und
jener Patriot, der für sein Vaterland in ein warmes Todesbad ging? Nein, sie
sind Märtyrer und haben den nämlichen Zug im Gesicht als die, so aus Liebe zu
einer Sache, damit sie, die Sache, nicht stürbe, gestorben sind. Ich komme ab.
Ich wollte sagen, Lykurgus habe so ausgesehen, wie jeder Deist, der sich ein
Lebensbild aufschlägt, und dies ohne Aufhören ansieht. - Die Seele selbst
gewöhnt ihr Auge dran.
    Ueber die Christenköpfe überhaupt die Anmerkung: die Augen alle nicht ganz
zu. Sie wollten sehen, wo ihre durch Christum geheiligten Leichname blieben. Sie
wollten lauschen (das tut man nur mit niedergeschlagenen Augen), wohin die
erlöste Seele citirt worden, und also die Augen etwas offen. Die Augen waren von
andern zugedrückt; allein die Türen wollten nicht zuhalten, sie waren
eingetrocknet. Die Christen hatten alle das Haupt geneigt. Sie hatten, das sah
man ihnen an, schon das Seelentestament deponirt: Vater, ich befehle meinen
Geist in deine Hände, nimm meinen Geist auf! und nach diesem Testamente neigten
sie ihr Haupt und verschieden. Die Erde ist des Herrn! Nimm, liebe Mutter,
diesen Leib, den du neu gebären sollst - ich fürchte nicht deinen verschlossenen
Leib - ich weiss, an welchen ich glaube, und bin gewiss, dass er diese Beilage
bewahren werde, bis zu meinem Geburtstage, bis an jenen Tag -
                                     * * *
    Der eine Mann da, sollt' ich mich irren, wenn ich behaupte, dass etwas
Zweifel in ihm läge? Eine edle Unruhe - - bald hätt' ich sokratische gesagt;
allein sie war lange noch nicht sokratisch. Es war eine christliche. - Baal,
erhöre uns, hätte dieser Mann nimmer und in Ewigkeit gerufen! - Heute im
Paradiese - heute noch? Wo liegt es? Gott von Angesicht zu Angesicht sehen? Ein
Geist den andern? Ewige Seligkeit! ewige! in einem weg, ohne dass uns die Zeit,
hätt' ich bald gesagt, ohne dass uns die Ewigkeit (das, glaub' ich, kann ich auch
nicht sagen) lang wird. - Auferstehung der Todten, des in alle Welt zerstreuten
Leibes? Dergleichen Fragzeichen schien der Mann auf dem Gesichte zu haben, und
auch sein Nachbar, auch der hier, auch jener dort, o! der an der Tür am
deutlichsten: das ganze Gesicht ein Fragzeichen! allein bei alle dem, mit einer
Art von Vertraulichkeit gegen Gott. Nicht Dummdreistigkeit, nicht Christenstolz,
wie die Feinde der christlichen Religion es zu benennen belieben, sondern
kindliche Zudringlichkeit, höchstens Vorschnelligkeit, höchstens Kinderfrage.
Sind Kinderfragen Zweifel? Sind es Knoten, die der Deist heroisch, statt zu
lösen, entzwei haut? Werdet wie die Kinder! Wer kann das genug lehren und
lernen, und beim Kapitel der Rücksicht, o! mein Gott, welche richtige Rechnung!
Wie stimmig die Balance! keine Schuld im Rückstande, nichts zum Uebertragen,
alles tut wie oben. Alles rein abgeschlossen! ohne Bruch, ohne -
    Der Kalte da! die wenigsten Zweifel! im linken Auge ein halbes Aber, kaum
halb, das rechte glaubt - beide christlich neugierig; ist das Wunder? Aber wie
ruhig wegen des vollbrachten Lebens! Der Deist, wenn er's recht, wenn er's genau
nimmt, bankerottirt, und sein Tod ist ein Prangertod, ein Spektakeltod, als
Christ? Alles bezahlt! Sollte denn der Christ stärker in seinen Tugenden, fester
in seinen Gesinnungen sein? Sollte! Halt! gelehrter Frager, der Christ ist
überall kindlicher. Er tut nichts aus Stolz oder eitler Ehre. Gott ist Vater,
er ist ein kleines Kind, das wo einmal in's Licht greift und sich verbrennt, das
- -
    Wer, Freunde, ist der Engelreine, der nichts auf seinem Herzen und Gewissen
hätte? Solch ein Paar Gottes-Menschen, als wir beim Grafen erblickt, finden
sich, glaub' ich, nicht in vielen Jahren. Wir haben sie aber rühmlichst
abgehandelt; indessen haben auch sie gewiss ein Pröbchen ausgehangen. Der Mensch,
wenn er alles getan hat, hat er alles gedacht? Und bleibt er nicht ein unnützer
Knecht? Und wer macht das Blutrote schneeweiss und das Rosinfarbne wie Wolle?
Ich glaube nicht, dass Gott der Herr unmittelbar beleidigt werden könne! Und die
crimina laesae majestatis divinae sind, wie schon bemerkt worden, so was
Menschlichgesagtes, als Gottes Hand, Gottes Fuss, Gottes Auge. Wer von Gottes
Mund spricht, tut etwas sehr Gewöhnliches; wer aber nur die Hälfte von Gottes
Nase spräche, und von seiner Stirn und von seinen Beinen, würde Gott danken
können, wenn man ihn nicht für eine Art von Gotteslästerer hielte. Warum das?
    Gott, der nicht zu sehen ist, wird nur in unsern Brüdern beleidigt, die zu
sehen sind, und in uns selbst, die wir auch sein Odem sind. Hier indessen, welch
ein Feld zu Verbrechen! - Wir wollen annehmen, dass Selbstsünden auch
Selbststrafen nach sich zögen (Sünde, den Tod); ists aber darum gut gemacht?
Wäre dies, so wäre jeder Selbstmörder selig, ohne Streitschrift, weil er das
Leben eingebüsst hat; nicht also? Wer sich zum Arbeiter im göttlichen Weinberge,
zur Weltarbeit untauglich macht, wer nicht treu und fleissig mit den Gaben
umgeht, die er empfangen hat, verdient nicht allein keinen Taglohn und Armut
und Mangel, sondern er hat auch mit seinen Sünden noch andere Strafen verdient.
- Und wer ist so unschuldig, dass er seinen Bruder nicht mit Gedanken, Geberden,
Worten und Werken beleidigt hätte?
    Schön, Freunde! wenn ihr das Seine dem gebt, dem ihr's genommen, dem Nachbar
sein Weizenland, und der armen Priesterwittwe ihren Kohlgarten. Schön, wenn ihr
dem die landüblichen Zinsen wegen des entbehrten Niessbrauchs ersetzet, dem ihr
den Niessbrauch seines Ackers entzogen. Habt ihr aber auch die drei Lebensjahre
erstattet, welche ihr diesem Armen durch eure Kränkungen entzoget? Die Sonne,
die auf dieses Land sah? Den Regen, der darauf fiel? - Habt ihr dadurch schon
den in integrum restituirt, den ihr für einen Weinsäufer, beissig, harterzig
ausgabt, wenn ihr über viele Zeit, da er schon dieses eures Todtschlags halber
in die Verwesung übergegangen, eine Palinodie sanget und behauptetet, er sei ein
Wassermann, habe keine Zornzähne, sei warmherzig; und wie mancher ist gar nicht
mehr mit euch auf dem Wege, den ihr beleidigt habt! Wird der Mord, den ihr an
der Mutter verübtet, etwa nicht gestraft, wenn ihr ihrem Säuglinge eine Amme
gebt? oder wenn ihr den Altar bekleidet oder dem Oberpastor einen Anteil vom
Besten spendiret? Hat Christus, der Mund der Wahrheit, etwa die Unwahrheit unter
die Christenleute gebracht, wenn er über jedes unnütze Wort Rechenschaft
einfordert? Ist was wahrer, was richtiger? Herr! wenn du willst Sünden
zurechnen, wer kann bestehen? So gut ich mein Buch gemeint, können nicht Stellen
sein, die nicht da sein sollten? Und was alsdann? So ruhig wie die zwei
Gottes-Menschen oben gestorben! Wer es kann. Wer nach Orts-Ellen gestempelt,
durch den Land- und Stadtphilosophen Gottes Eigenschaften abmisst, und
Gerechtigkeit und Barmherzigkeit nach dem Einmaleins berechnet; was meint ihr,
kann er wohl bei ganz gesundem Nachdenken sein Haupt so rückwerfen, wie die
beiden, die wir nahebei gesehen haben? Und seht sie doch nur recht an. Recht!
Ist denn die Ruhe der beiden guten Leute die rechte Ruhe? Wer steht uns dafür?
Der Phlegmatische ist ruhig, weil er phlegmatisch ist. Wenn aber ein
Betriebsamer seine Geschäfte richtig durchkalkulirt, Debet und Credit abzieht
und Summa Summarum Ruhe abzieht. - Was meint ihr? Ist das nicht eine andere
Ruhe? Eine Ruhe, ohne vorherige Unruhe, was ist sie? Reue, die niemand gereut,
wirkt Leben, und wenn denn ein Deist traurig wird, was kann diese Trauigkeit der
Welt anders wirken als den Tod? - Seht da den Christen, die Augen offen (im
Leben heisst es, Nase und Mund offen) wegen der Hinsicht; allein wie ruhig wegen
der Rücksicht! Selig! selig wer wie Mine stirbt! so kindlich gross! so schön! So
sterben zu sehen, ist das nicht Wonne? Wer so stirbt, der stirbt wohl, wohl,
wohl! Und verdenkst du, unberufener Kunstlichter, dem Grafen, dass -
    Seht nun, wie ausdrücklich berechnet ist die Ruhe der Christen auf ihren
Gesichtern! Gilt es denn hier etwa nur eine taube Nuss, oder gilt es eine
Ewigkeit?
    Nach diesem Präludio, ich wünscht' es wär' in der Wirklichkeit so stark im
Ausdruck, als das des alten Herrn in der Einbildung! Seht euch mit mir um,
lieben Leser!
    Auf den Christen-Todtenköpfen eine vollständige Quittung, Brief und Siegel
zum Losspruch. Kein Zweifelglaube, ohne alle Einwendung in der Rücksicht. - Die
Kinderfrage in der Hinsicht tut nichts zur Sache. Seht jenes Weibsbild! wie
unbefleckt, wie frohruhig, wie zweifelsfrei! Nicht Hoffnung, sondern der Himmel
selbst in hoher Person, hätt' ich bald gesagt, liegt auf ihrem edlen Gesichte!
Ich kann hier selbst keine Neugierde, keine Kinderfrage finden. Solch ein Weib,
wie schön selbst im Tode! Alles ist neues Testament, alles ist Erfüllung in
ihrem glänzenden Angesicht! Nichts Prophezeiung, nichts Vorbild, nichts
Verheissung. Jener alte Mannskopf ihr gleich! O Gott! wär' ich doch einst auch so
todt, wie die beiden! Da ist auch nicht ein einziger Zug, der nicht
wünschenswert wäre! Nicht einer! So schöne Köpfe würde man Mühe haben, im Leben
zu finden. - Der Graf erzählte uns beider Sterbensläufe. Sie wären gern, wie er
sagte, herzlich gern gestorben, und hätten die Kräfte der zukünftigen Welt so
gewaltig gefühlt, dass sie mehr dort als hier gewesen. Überdruss der Welt ist
Vortodt, bemerkte der Graf. Es ist ein gut Hausmittel, die Bitterkeit des Todes
zu vertreiben. Wer aber so gleich gerade stirbt, so einen klaren reinen Tod ohne
alle Ingredienzen! O schön! rief der Graf aus. - Ein auszehrendes Fieber lösete
die beide Köpfe auf. Ihr Geist lag nicht an der Auszehrung; feierlich, sagte der
Graf, so mit Verstand und allen fünf Sinnen, gingen sie aus der Welt, so dass nur
ein Tor, wie der Graf sich etwas zu hart ausdrückte, sagen könnte: Sie wären
gestorben. Freunde! auf Ehre, sie zogen nur über Land. Wer einfach, wer im
Naturstande, im Stande der Unschuld lebt, stirbt der? Nein, er wird lebendig gen
Himmel geholt und solcher Uebergänger, solcher Himmelsfahrer gibt's viel,
obgleich das Paradies nicht mehr ist. Es ist mit der Unschuld zusammen
verschwunden.
    Wir sprachen bei dieser Gelegenheit ein Hohes und Tiefes über den Einfluss,
den die Krankheit auf die Gestorbenen behauptet; allein der Graf versicherte,
wenig oder gar nichts. Auf den Agonisirenden zwar; allein auf den eigentlich
Sterbenden, auf den Gestorbenen nicht. Sobald der Mensch todt ist, fuhr der Graf
belehrend fort, zieht sich alles, wenn ich so sagen soll, nach der Seele, die
grössten, eindrücklichsten Krankheiten verlieren ihre Spuren. Das Wort: komm oder
geh, welches die Seele, die ihr voriges Leben dem Gewissen vorreferirt, schon in
den letzten Augenblicken vor dem infallibeln, unappellabeln Richterstuhl des
Gewissens, vor dem Baum der Erkenntnis Gutes und Böses, als eine rechtskräftige
Sentenz erschallen hört, geht in den ganzen Körper über, in die ewigen Elemente
desselben, wie ein Blitz oder Sonnenstrahl, nach dem es komm oder geh heisst und
bleibt.
    Wenn ich, sagte der Graf, dessen Einbildungskraft im Adlerfluge war, den
Augenblick hinmalen lassen könnte, wenn ein Mensch stirbt, was würd' ich drum
geben! Diesen Augenblick zu observiren, kostet Mühe und Erfahrung, und doch
glaub' ich am Ende, hab' ich nur fünf im eigentlichsten Sinne sterben gesehen;
ich hoff's zu sieben zu bringen. Ein heftiger Ruck - bei allen Fünfen; bei einem
unter den Fünfen war der Tod ein wirklicher Einschlaf. Diese Fünfe hängen wir,
nicht wahr, etwas zu sehr im Dunklen? Ich liebe einen gewissen Schatten auf
diesen Gesichtern, den ich zum Teil erkünsteln muss. Die Fensterladen auf! - -
Da der, der ist's, von dem ich sprach! Wahr! ich fand es, ich fand noch Seele,
aber eben abschiednehmend, und so lieblich, als sagte sie: Leb wohl, lieber
Junge, Leib! leb wohl! Ich werde dich noch oft auf dem Kirchhofe besuchen, wo
man dich hinbringt; wenn es angeht, will ich sehen, wo du bleibst, auch wenn
sich Staub von Staub losreisst. - Sei gutes Muts! Gott vermag alles! So lange du
in seiner Welt bist, sind wir zusammen! Weine doch nicht! Armer Junge, könnt'
ich dich doch trösten! Armer lieber, geliebter Erdenkloss, könnt' ich doch! O
könnt' ich! Beten kann ich, will ich. Lass ihn, o du Seele aller Seelen, Geist
aller Geister, lass ihn nicht versinken in des Todes letzter Not, erbarm dich
sein! - Ein Teil Leben, wenn es ginge, wie gern gäb' ich es hin für dich,
lieber Getreuer! - und ihr, Elemente! ihr ewigen Stücke am Körperteil des
Menschen, ihr Vorsteher des Körpers, nehmt euch der unedlen Stücke an, wenn sie
gleich nicht von Familie sind, schämt euch ihrer nicht. - O der guten
abschiednehmenden Seele!
    Gott, was für Schmerz auf zwei Gesichtern!
    Warum verstellest du deine Geberde? könnte man zu allen beiden sagen. Der
zur Linken scheint sich zu fassen, oder fassen zu wollen. Es ist Alexander, da
er krank war und den Arzneibecher von General-Feldmedico Philippus entgegennahm.
Eben ein Brief von Parmenio. Er nahm den Becher und trank, und gab dem Doktor
Philipp den Brief, der ihn las. Fast so, sagte der Graf. Nicht völlig, sagt'
ich, denn ich kannte den Alexander auf ein Haar, und besser als unser
Hochgeborner Herr, obgleich er Graf war. Aber da! mein Gott, welche
Verzogenheit, Carrikatur, als wär's kein Menschenkopf. Der Graf erzählte mir zu
meiner allergrössten Verwunderung, dass dies ein Plötzlichgestorbener sei. Mein
Gott! rief ich aus, wie sehnlich hab' ich mir, bis ich diese Verzerrung sah,
einen guten schnellen Tod gewünscht! Vielleicht, fuhr ich fort, war dies ein
böser, schneller Tod, von dem es in unserer Litanei heisst:
Für einen bösen schnellen Tod
Behüt' uns, lieber Herr Gott.
Ich glaub' es nicht, erwiederte der Graf, allein über den schnellen Tod, mein
Freund, wie viel zu sagen! Ich habe Ursache zu denken, fuhr der Graf fort, dass
jeder Mensch gleich viel Todesnot ausstehe. Todesangst und Not ist zweierlei.
Die Angst ist zufällig; nachdem der Mann, nachdem die Angst. Die Not ist
wesentlich. - Aber, wandt' ich ein, sollte Mine so wie dieser gestorben sein,
mit so viel Not? Ihre Mutter ist wahrlich so nicht gestorben! Recht, sagte der
Graf, sie hat die Todesnot, mit einem Stoff Wasser gemischt, getrunken. Dieser
auf einmal! Aesop nahm den grössten Korb zu tragen; allein es waren Lebensmittel
darin, und eben dadurch war der Korb ihm am Ende am leichtesten. Mein Gott, was
gibts für schmerzhafte Krankheiten und Vorfälle in dieser bösgewordenen
gefallenen Welt! Alles Todte, die Schrift nennt sie todt, und sie sind es im
eigentlichen Sinne; wenn aber der Mensch, der nie gestorben, auf einmal recht
und eigentlich stirbt, auf einmal weg soll, im Augenblick, aus dem Lande der
Lebendigen; - Seele und Leib so bekannt mit einander; er eben in der Ausführung
von vier Planen, wovon immer einer den andern deckt: o Freund! so was pflegt in
einen Schrei - auszuarten! Und dieser hier ist eben im Schrei! Ich hab' ihn
nicht observirt. Es ist ein grosses Präsent von einem Freunde, der mir aber auf
Treu und Glauben dies Stück gegeben hat, und mich dünkt, es sei ein Stück auf
Treu und Glauben. - - - Und dieser verhangene Kopf? (Es war einer aus den
Fünfen.) Freund, sagte der Graf, der Maler Timant malte Iphigeniens, der
Tochter Agamemnons, Aufopferung und teilnehmende Personen, die jeden rührten,
der sie sah. Timant brachte alles zum Vorschein, alles, alles vom Schmerz, was
auf der Stirn dem Trone des Schmerzes, im Aug' und im Gesichte nur Raum hat,
was man nur vom Schmerze weiss. Niemand konnt' in die Höhe sehen, wer Iphigeniens
Aufopferung von Timant sah; alles stand betrübt, gebeugt zur Erde; nur
Iphigeniens Vater, und wie der? eine schwarze Trauerdecke um sein Angesicht.
Warum also? Darum also, weil es der Vater ist. Hier, sagte der Graf, hier unter
diesem entsetzlichen Leichentuche ist auch ein Schmerz, grösser, tiefer als jeder
Ausdruck. Etwas ist davon am Tuche zu sehen, und nur eben so viel etwas, als
hinreichend ist, uns das Herz zu durchbohren. Sehen Sie hier nicht mehr als
überall? Und doch ist hier nur ein Strich, ein Punkt! - Dies Stück ist auch der
Vater!
    Ich kann es nicht aussprechen, was ich empfand! Ich unterlag.
    Der Prediger machte dem Grafen bei Gelegenheit der Todesangst und Todesnot
einen Einwand. Es hat, sagte der Prediger, Leute gegeben die aus Freude
gestorben sind. Was tut's? sagte der Graf.
    Viel!
    Nichts!
    Wo da die Todesnot?
    Freund! erwiederte der Graf, die heftige Freude kann eher, wie heftige
Traurigkeit tödten. Die heftige Freude hat sehr was Widerliches an sich. Fast
wollt' ich behaupten, es ist noch niemand aus Traurigkeit gestorben, wohl aber
aus Freude. Nicht weil die Traurigkeit dem Menschen eigner als die Freude ist,
obgleich dieser Umstand uns eben nicht aus dem Wege liegen würde; sondern weil
der Mensch bei der Traurigkeit auf seiner Hut ist, die ganze Wache ins Gewehr
ruft, alle Macht und Kraft aufbietet, und: macht euch fertig! schreit. Bei der
Freude überlässt sich der Mensch sich selbst, es geht mit ihm rips raps, holter
polter, über und über, und dies Freudenwirrwarr, wie leicht kann es dem Menschen
eins versetzen! Ein aus sich versetzter Mensch ist todt. - Grosse Lustigkeit und
tiefster, schmerzhafter Unwille sind so nah, dass sie sich in die Fenster sehen
können. Fast wollt' ich sagen, ein heftig lustiger sei eben so gefährlich
unwillig im Sinn, wie man gefährlich Kranke hat, die sehr gesund aussehen.
    Diagoras freute sich über seine drei Söhne, weil sie alle drei den Preis der
Akademie der Wissenschaften erhalten, fing ich an. - Lassen sie den Diagoras,
sagte der Graf, er hat mehr seines Gleichen. Ein grosses Glück ist eine Posaune
der Ewigkeit, und sollte jeden Menschen aufmerksam machen. Wenn man schnell dick
und fett wird, ist dies eben kein Beweis der Gesundheit. Hat man Schmerz, Kummer
und Gram, und der Körper ist nur aus gesundem Schrot und Korn, Freunde! das sind
Leute, die ihr Leben bis auf den Gipfel treiben, das sind Leute aus dem vierten
Gebot! Ein lachend Sterbender fühlt Not über Not. Er macht nur zum schlechten
Spiel ein gut Gesicht, und gelt! das ist schwer Ding! Stirbt er schnell und
lacht er überlaut, ist's ärger, als der Schrei dieses Mannes hier! Wer so lachen
gehört hätte, würde nie mehr lachen. Stirbt man langsam und lächelt, kann ein so
freundlich Aussehender auch ein leichtes Ende haben; denn er ist schon lange
zuvor gestorben, eh' er dies Ueberwinderlächeln aufschlug. - Ich halt' es,
beschloss der Graf indessen mit Ernst, im Sterben mit einer gewissen Fassung, und
die kennt weder Lachen noch Weinen. Eine gewisse Grazie liegt zwar in jedem
ernsten Gesicht, und ein gewisses Seelenlächeln, wenn Ernst edler,
unangenommener, nachdrücklicher Ernst. - Ein Ernstspieler, ein Einfallsernst, o
das kennt man auf ein Haar! -
    Noch ein Wort zu seiner Unzeit.
    Meine Leser werden es von selbst gemerkt haben, dass dies alles nicht in
wenigen Stunden verhandelt ward. Wir assen und tranken, wenn die Zeit und ihr
Zeiger, die Sonne, es wollte; da war der Graf wie ein anderer Mensch. Und ich
kann versichern, dass es hier nicht heissen konnte: der Tod in Töpfen; inzwischen
war auch bei Tafel alles wie beim Leichenessen. Eine unsichtbare Stimme rief,
statt des Benedicite und Gratias, nach Art des Philippus: Gedenke an den Tod!
Bei Tafel war geredet, und zwar viel. Wir waren nicht Papageien, die nur Memento
mori bei schicklicher und unschicklicher Gelegenheit anbrachten, doch war alles
so, als bei einer Leichenwache. Mein Vater liebte eine frohe Mahlzeit, eine mit
Sonnenschein. Beim Essen wird man nicht alt, sagte er. Der Graf ass, wenn ich so
sagen soll, bei Mondenlicht. Er schien beim Essen alt werden zu wollen. Die
Zimmer waren alle am Tage verfinstert; der Schatten ist bei mir die Probe vom
Dinge, das ihn wirft, sagte der Graf. - Das Sonnenlicht war überhaupt nicht für
ihn. - Wie ehrwürdig, wenn sich das Sonnenlicht hier und da durchschlängelte!
Der Graf sagte: Wer kann Gott und die Sonne in dieser Welt sichtbarlich
vertragen? Gott wohnt in einem Lichte, wozu niemand kommen kann. Nur durch den
Tod zu ihm! Durch Finsternis zum Licht. Wie schön die Sonne da durchstrahlt -
ich verhänge mir die Welt und was in der Welt ist. Wer kann mit der Welt in
dulci jubilo leben und auf die Sterbensastronomie ausgehen? Stellatim, sagte der
Prediger, gehen, wie man zu meiner Zeit auf der Akademie sprach.
    Nun mit der Erlaubnis meiner Leser in
                               das dritte Zimmer,
auf welchem ein langer Accent liegt.
    Ehe ich sie hineinführe, wieder ein Wort der Vorbereitung.
    Bei den Sterbenden war der Graf mit Tubus und Ferngläsern auf dem
Observatorio. Ich sterbe täglich, das war seine Losung; das wissen wir schon.
Als etwas Neues und Besonderes muss ich bemerken, dass der Graf fast immer Zeit
und Stunde wusste, wenn es mit dem Patienten aus sein würde, allein er sagte es
nie dem Sterbenden. Er? nie? obgleich er den Tod so hochschätzte, und eigentlich
lebte, um zu sterben, oder eigentlich starb, und nicht lebte. Der Graf hatte zu
diesem Rückhalt sehr grosse Ursachen. Man muss, sagte er, keinem Menschen das
Sterben verderben. Der Arzt, der es durch die Signa Mortis vielleicht eben so
gut weiss als ich (ich sage vielleicht, denn er weiss es vom Körper, ich von der
Seele), ist mein Mann nicht mehr, sobald er es seinem Patienten ins Ohr rannt,
oder Leuten entdeckt, die der Patient an den Arzt abgesandt. Eine schreckliche
Gesandtschaft! Meine Aerzte müssen sich dergleichen Kunstverrätereien nicht zu
Schulden kommen lassen. Mir können sie zunicken, was sie hoffen - was sie
fürchten. - Das erste, fuhr der Graf fort, was die Patienten gefragt wird, ist:
ob sie schon ihren letzten Willen entworfen, ihr Haus bestellt und ihren Geist
in die Hand Gottes einschreiben lassen? Diese peinliche Frage, dieses Verhör
entält den grössten Teil des Lebenslaufs, den der Graf gern, herzlich gern,
vor'n Willen nahm, indessen ihn, wie er auf Ehre versicherte, nie erpresst hätte.
Viele Leute fürchten den letzten Willen, bloss des Worts letzt wegen, obgleich
die Postscripte, Codicille und alles, so lange die Zunge nur lallen kann,
aufzuheben und zuzugeben, von den Gesetzen berechtigt werden. Die Lehre von den
Testamenten, wie gefällt sie Ihnen? fragte der Graf. Indessen kamen wir von dem
letzten Willen an sich ab. Wer wird, rief der Graf aus, solch eine unverdiente
Güte, als die Lehre von den Testamenten, nicht vor'n Willen nehmen, und so etwas
bis auf den letzten Abdruck aussetzen? Ist denn schon jemand am letzten Willen
gestorben? Hat sich der Patient leiblich wohl bereitet, denn auch dies ist eine
feine äussere Zucht, so geht das Geistliche an, und der Patient wird eingeläutet,
und sodann Gott und meinen Anstalten überlassen. - Ich hätte gern, das läugne
ich nicht, dies Glöcklein gehört, indessen ward's abgeschlagen. Man hört' es
nie, als wenn eins zur geistlichen Vorbereitung schritt und ins Sterbekloster
auf- und angenommen ward. Ist aber, da dies Glöckchen nur bei Einläuten eines
Sterbenden zu hören, dieser Klang nicht schon die letzte Oelung, ist er nicht
die Entdeckung, dass man ins Todestal eintrete? Ins Noviziat, Freund! versetzte
der Graf, wo man, wie bekannt, auch heraus kann, wenn Gott will. Viele ahnen die
Sterbestunde selbst, und das ist ein ander Ding, sagte der Graf, denen hat es
Gott offenbart. Wie viel ich für solche Leute Achtung habe, ist unaussprechlich;
ich denke immer, der liebe Gott habe mit ihnen geredet, und sie wären getrieben
vom heiligen Geist. Wer sie nicht ahnt, sterbe, ohne Zeit und Stunde zu wissen,
welche Gott seiner Macht vorbehalten hat. Daher auch alle Sterbenszeichendeuter,
ich selbst nicht ausgenommen, oft irren und fehlen. Meine Aerzte haben aus
diesem Grunde ihre Instruktion, in ihrer Kur der lieben Natur zu folgen, ihr
nicht in den Weg zu treten, sondern sie bloss zu begleiten. Will sie nicht mit
solch einem elenden Geschöpf, als ein Doktor ist, zusammen gehen, so lasse sie
der hochgelahrte Herr allein. Auch gut. - Bei mir stirbt niemand durch den Arzt,
versicherte der Graf, sondern natürlichen, nicht medicinischen Todes. Das
Stundensandührchen muss sanft abnehmen, ohne dass ihm nachgeholfen wird. Meine
Mutter würde sagen: ohne dass es gerüttelt und geschüttelt wird. Man hat so viel
von der Abstellung der Todesstrafen in die Kreuz und Quere geredet und
geschrieben, dass wirklich einige Staaten die C.C.C. wo ohn' Ende und Ziel
getödtet wird, ins Galante, ins Feine gebracht. Ich würde, sagte der Graf, die
Todesstrafe darum abstellen, weil niemand weiss, ob er nicht durch die Hand des
Arztes schmerzhafter, als durch die des Henkers, stirbt, und weil eine Seele,
die noch kernfrisch ist, sich auf tausenderlei Art, durch Anstrengung auf einen
Punkt, des Todes Bitterkeit vertreiben kann. - Das einzige, was einen Henkerstod
schrecklicher, als einen Kammertod macht, ist die Gewissheit der Stunde; wer also
die weiss, wenn er auf seinem Bettlein dahinfährt aus diesem Elend, stirbt ganz
und gar wie ein Delinquent, wie ein armer Sünder - ganz und gar.
    Ich könnte noch viel, viel erzählen, wenn ich alle Bemerkungen wiederholen
wollte, die mir reichlich und täglich in Wurf kamen.
    Ein Paar, und damit genug.
    Das Händefalten hielt der Graf für ein schmerzlinderndes Mittel - und sprach
sehr von der guten Wirkung, die er von diesem Hausmittel ersichtlich erfochten.
    Die Art, wie er Kranke behandelte, war wirklich Erfahrungsweise. Alles hatt'
er aus dem Leben, nichts, rein nichts aus Büchern.
    Kurz, ehe es zum Sterben kam, trank er mit den Sterbenden Brüder- und
Schwesterschaft. Eine solche Sterbensschwester konnte von ihrem Lager aufstehen,
und wenn es ihre Natur so wollte, gesund werden; allein sie blieb, was sie
einmal war - Schwester, obgleich ihr Vater Organist, Fabrikant, Nadler war.
    Der Graf nannte diese Ceremonien: Becherreichung. Ich freue mich, sagte er,
schon hier in dieser Welt im Himmel zu sein, wo wir alle, bis auf den lieben
Gott, der der Hausvater ist, Brüder und Schwestern sind. Solch ein Trank ist
wirklicher Himmelstrank, wirklicher Nektar, von dem viele Menschen sich keine
Idee machen können.
    Der Prediger aus L - hatte anfänglich dieser Becherreichung wegen viel zu
erinnern gehabt; indessen ward alles fein ordentlich und ehrlich beigelegt.
    Es herrschte im ganzen Hause des Grafen ein Krankentritt; langsam und auf
den Spitzen der Füsse ging alles. Kein Wunder, sagte der Graf, wenn hie und da
etwas steif in meinem Hause ist und nach diesen Einrichtungen aussieht. Wenn's
nur der Staat nicht ist, fuhr er fort, der auf den Zehen geht. - Im Privatause
hat's wenig oder nichts zu sagen. Ich kenn' einen Staat, der schon lange auf den
Zehen geht. (Meine Mutter würde »geht und steht« gesagt haben.) Der Himmel helf'
ihm auf die Beine, wenn es ihm nützlich und selig ist! fügte der Prediger hinzu.
Ich liebe den Privattod wie mein Leben, fuhr der Graf fort, nur den publiken,
den Nationtod nicht. Da stirbt nichts und alles. Der Graf konnte sich nicht
erholen, um die Krankensprache zu reden, so voll war er über den publiken Tod,
und freilich ist's eine Todesart, die mit in sein Fach einschlägt. So im
Todtentritt kamen wir in eine der Sterbezellen. Der Graf nannte diesen Zehengang
den Todtentanz und hatte wunderliche, steifbenutzte Regeln darüber und eine ganz
peinliche Teorie. Ich konnt' es in so kurzer Zeit freilich nicht weit in dieser
Kunst bringen, wie ich denn überhaupt kein grosser Tänzer in meinem Leben
gewesen. Fürs Haus und so war ich auch ein Todtentänzer.
    Der älteste unter den Sterbenden hiess Pater, die älteste Mater. Diese
Aeltesten veranstalteten entweder eine Versammlung in einem Zimmer zum Gebet und
Gesang und Krankheitserzählung, oder es wurden, wenn es die Krankheit nicht
zuliess, alle Zellentüren geöffnet und jedes sang und betete auf seinem
Sterbebettlein. Alle Zimmer waren in Gemeinschaft. Jede Sterbezelle war auf zwei
Personen eingerichtet. In Littera O (alle Buchstaben kommen nicht zu dieser
Bezeichnungsehre, der Graf hatte einige, denen er diesen Vorzug erwies), wo ich
eben die Türe zu öffnen mir die Erlaubnis nehmen werde, um einen Accent darauf
zu legen, war kurz zuvor eine Sterbenscandidatin gesund geworden, und nun war
nur
                                die Curländerin
in Littera O. Ich bitte, sagte der Graf, und kaum hatte er's ausgesagt, da ich
eine Stimme hörte: der Pastor - aus Curland, der Pastor - - aus Curland! Sein
Sohn, erwiederte der Graf. Bei aller Lebenslaufsneugierde und Verhörslust, wovon
der Graf schon in L - ein Pröbchen zurückliess, war er, wie wir schon wissen,
nichts weniger als zudringlich. Der Ausruf: der Pastor - - aus Curland, den der
Graf verbesserte und stehenden Fusses ins Reine brachte, hatte meine Neugierde
ebenso wie die des Grafen in Bewegung gebracht. Die Curländerin hatte so was
Liebevolles im Auge, da sie rief, dass sie Strahlen aus ihren Augen warf; die
Augenbraunen gingen so schnell in die Höhe, als wenn man Fenstervorhänge durch
Schnellfedern zieht. Ein Romanheld würde die Neugierde seiner Leser und
Leserinnen noch wenigstens ein paar Seiten erhitzen und ihnen alsdann einen
Labetrank geben, so ungesund es gleich ist, in voller Hitze zu trinken. Ich sage
geradezu: die Krippenritterin, verstossen, verworfen von ihrem Ehemann und im
Begriff irgendwo den Tod zu suchen. Gottlob, setzte sie hinzu, da sie diesen
Umstand erzählte, dass der Tod mich ohne mein Verdienst und Würdigkeit bei Ew.
Hochgeboren in Empfang nehmen will. Ich bitte, fiel der Graf ein, Hochgeboren
weg. - - Hier zu Lande sind wir nur schriftlich Hochgeborne. Ich dachte bei
dieser Gelegenheit an den Ordensengel und die Wappen und die Federbüsche. Dieser
Eingriff setzte die Curländerin in eine kleine Unordnung; nach einigem
Stillstande fuhr sie fort: so ein schönes Rendezvous war ich vom Tode nicht
erwartend. Sie dankte dem Grafen mit einem Blick, dass ich völlig einsah, wieviel
sie mit ihrem Auge vermochte.
    Ich will ihre Geschichte in tertia persona geben, ohne zu bemerken, ob ich
die Umstände von ihr selbst oder vom Grafen empfangen Ihre Schicksale waren
höchst traurig. Der Ritter hatte wirklich Neigung zur jüngsten Tochter des
Pastors L -. Die Ohrfeige gab den Ausschlag. Er hatte in Curland nichts zu
verlieren als mensam ambulatoriam, zu deutsch Krippenritt, und da Pastor L - von
jeher seine Geberde so zu verstellen wusste, dass man ihn reich hielt, kostete es
dem Krippenritter wenig Mühe, seinen Freunden Tisch und Krippe aufzusagen. Ihre
Anzüglichkeiten gegen ihn, somit sie ihm alles versalzten, was er genoss, nachdem
er geschlagen war, bestimmten ihn völlig. Der Weinstock seiner Gönner war ihm
des Weinstocks zu Sodom und von dem Acker Gomorra. Ihre Trauben waren ihm Galle,
sie hatten bittere Beeren. Ihr Wein war ihm Drachengift und wütige Otterngalle.
Worte, über welche der Casuist Pastor L - seinem Schwiegersohne eine
Abschiedspredigt hielt, und sich wegen zeiter genossener Höflichkeiten im Namen
desselben bei seinen Tischfreunden bedankte, obgleich in Curland Weinstock und
Trauben etwas Wildfremdes ist. Zu lesen im 5. Buch Moses im 13. Capitel im 32.
und 33. Vers, sagte der Prediger aus L - und freute sich, dass er, so alt er
wäre, noch so gut treffen könne.
    Der alte Herr spielte im figürlichen Verstande zu der Predigt des Casuisten.
Er gab dem neuen Ehepaar durch einige Reimlein das Geleite. Die Curländerin
brauchte den Ausdruck: er bestreute diesen Weg mit einem Pasquill und da sie
alle Beilagen zu ihrem Lebenslauf aufgeblättert hatte, fand sie diese Beilage A.
mit einem Griff, womit ich meine Leser aber nicht belästigen will.
    Ein Reimschmied war gewöhnlich die andere Hand des Hermanns. Aus Höflichkeit
nannte er ihn seine rechte Hand. Selten war er ohne eine solche andere oder
rechte Hand. Ein paar Strophen:
Was hat in dieser letzten Zeit
Ein Pastor über Fingerbreit?
Den Beichtstuhl, arme Sünder,
Und, wenn zu Haus es wohl gedeiht,
Ein ganzes Häuflein Kinder!
Wie aber Sie? - Halt! us hat e
Achtbarer Herr Präposite
Zu Mosen und Propheten?1
Und bei der Zeiten Ach und Weh
Zu Pauken und Trompeten?
                                     * * *
Ein Jüngferchen wird gnäd'ge Frau;
Des Pastors Trinchen kommt zum V.
Auf ungebahntem Wege.
O Wunderworte! braun und blau,
Schlag über alle Schläge!
                                     * * *
Ist Ende gut, ist alles gut!
Das neue Paar zieht wohlgemut
Mit Bibel und mit Degen.
Der Herr Gemahl hat adlich Blut,
Und Sie des Vaters Segen.
    O des Hermanns und seiner andern Hand! Meine Mutter, wie wir alle wissen,
war keine Freundin ihrer Nebenbuhlerin, und alle Reimlein fein waren ihr ein
süsser Geruch. Was würde sie indessen zu diesem Auswuchs gesagt haben? »So wie
Christus der Herr unter Mörder kam, so auch oft die Dichtkunst, diese edle Gabe
Gottes. Die Sonne geht auf über Fromme und Gottlose, und der Regen fällt über
Gerechte und Ungerechte.« Sie nannte sonst die Poesie etwas, was der liebe Gott
seinen Lieblingen in die Hand stecke, ohne dass es andere merken. - Was kann der
Geber dafür, setzte sie aber hinzu, wenn der Schlingel in der nächsten Schenke
seine Gabe versäuft? - Doch von allem dem ist schon sonst gepredigt worden.
    Hermann - - warum vorderhand von ihm auch nur ein einziges Wort?
    Der Ritter erhielt vom Pastor L - so viel als das Haus vermochte. Ein Schelm
gibt mehr als er hat. Der Pastor L - tat sich wehe seines hochwohlgebornen
Schwiegersohns halber, seine andere Tochter litt Not dabei; sie starb im
Hospital. Unser Ritter hatte nie Gelegenheit gehabt, Debet und Credit in seiner
eigenen Angelegenheit abzuschliessen, indessen verstand er doch zu übersehen, dass
die Mitgabe nicht hochadelich zugeschnitten wäre. Er entschloss sich also zum
Incognito, wo es, wenn nur eine reiche Weste hervorsticht, aufs Kleid nicht
ankommt. Der Ritter beschonte seinen adelichen Namen und legte sich
wohlbedächtig einen unadelichen bei. Das junge Paar lebt' also in bürgerlichen
Ueberkleidern in - - einem preussischen Städtchen, und verzehrte bei einer
friedlichen Ehe alles, was es hatte. Die Ritterin fand Ursache, ihren Gemahl für
ein gut Spiel in der Hand zu halten, wobei es zwar noch immer auf den Spieler
ankommt; da sie indessen des Dafürhaltens war, dass sie sich schon in die Zeit zu
schicken im Stande sein würde, so lebte sie sorgenlos froh, das heisst seliglich.
- In dieser glücklichen Periode hatte sie keine Kinder. Die Anzeige, dass ihr
Vorrat zum Ende ginge, bracht' ein Nordwind zuwege, der lange anhielt, wie die
Nordwinde gewöhnlich zu tun pflegen. Was war zu tun? Unser Ehepaar entschloss
sich zur Hauptstadt, und nach mancherlei Hin- und Her- und Ueberlegen wollte der
Ritter französischer Sprach- oder Tanz- oder Fechtmeister werden, obgleich er
sich schliesslich als Sprach- und Tanzmeister bei der Universität Königsberg für
Geld und gute Worte eintragen liess. Es waren ihm Kleinigkeiten, dass er so wenig
tanzen konnte als parliren. Im Fechten war er zwar in naturalibus; indessen
hätt' er doch eher als Fechtmeister als wie ein andrer Meister die Zunft
gewinnen können. Er war indessen wegen einer natürlichen Herzlosigkeit auf diese
edle Kunst gar nicht fundirt. Der Teufel, glaubt' er, könnte sein Spiel haben,
wie er's oft hat. - Da unser Krippenritter ein Mann war, der sich in allem,
selbst bei einer Ohrfeige, wie uns bekannt ist, zu finden wusste, so half er sich
aus und brachte es dahin, dass er in beiden schönen Wissenschaften, denen er den
Eid der Treue abgelegt, das Gewöhnliche leistete. Vom Französischen haben meine
Leser am Wörtchen rendez-vous eine Probe, das er sogar auf seine Frau
fortgepflanzt hatte.
    Unser Meister zweier brodgebenden Künste hatte ein Gedächtnis, das er auf
curische Manier ein Pferdsgedächtniss hiess, und was brauchte er mehr, als ein
Lexikon, wozu er in kurzem Rat schaffte. Nun war er fürs Haus ausstaffirt. Die
Kunst verrät den Meister nicht. Er hatte gelehrt und gelernt, den Acker
cultivirt und sogleich Samen auf den Boden gestreut. Doppelte Schnur reisst
nicht. Diese Metode erforderte Fleiss und Häuslichkeit, und das ist der Grund
und Boden einer glücklichen Ehe, worüber unsere Ritterin, nachdem sich der Nord
gelegt hatte, nicht klagen konnte. »Jetzt, da ich weniger Brod hatte, erhielt
ich mehr Zähne und mehr Magen. Ich schenkte meinem Manne einen Sohn und eine
Tochter.« Unser Meister musste bei seinem sauren Wein der Sprach- und Tanzkunst
verschiedene Kränze aushängen. Er zog die studirende Jugend mit Rat und Tat an
sich. Die Tat bestand in Cautionen, die er für seine Leute, vom Professor an
bis zur Wäscherin, einlegte. Man nahm ihn überall, seiner Frau und Kindes
halber, als Bürgen an. Der Hauptkranz, den er aushing, war sein Incognito. Er
zeigte zuweilen den Schimmer seiner Weste und bedeckte sogleich wieder diesen
Sonnenglanz durch die Verfinsterung seines Bürgerrocks. Man wird selten einen
Sprach- und Tanzmeister finden, der nicht Menschenblut auf sich sitzen hat, und
so hatte auch unser Sprach- und Tanzmeister einen Gewissen im Duell erstochen,
um mit Blut seine Frau zu lösen. Für einen Mann, der Sprach- und Tanzmeister
zusammen in einer Person war, ist es sehr bescheiden, dass er nur einen, und
nicht für jede Kunst wenigstens einen, ums Leben gebracht; obgleich dieser Eine
gewiss sich gottlob besser befand, wie er. Leute, die den Pfiff verstanden,
schätzten die Schonung des unschuldigen Menschenbluts und die Bescheidenheit
unseres Tanzbären und Deutsch-Franzosen. Die es aufs Wort glaubten, sahen die
mit kostbarem Menschenblute gelöste Krippenritterin so steif an, dass sie rot
werden musste. Ich bin als Gast in ein paar französischen Stunden des
Krippenritters gewesen, und muss nach einem L.B.S. ihm ein Zeugnis mit Obgleich
geben. Ob er gleich durchs Lehren wirklich gelernt hatte, so wollte mir doch
verschiedenes nicht in Augen und Ohren, Vernunft und alle Sinne.
    Unser Ritter fing an warm zu werden; ich glaube das wird kein Deutscher,
wenn er nicht französisch kann. Er liess es seinem Weibe empfinden, dass sie ihn
bis zu Trebern erniedrigt hatte, wie er sich, weil sie Pastors Tochter war,
biblisch ausdrückte. Du hast ja gottlob ein gutes Lexikon, erwiederte sie in
edler Unschuld; allein der Krippenritter hatte aufgehört Unschuld zu fühlen. Es
war nicht zu läugnen, dass es nicht immer Füchse gab, die Füchse hatten (ein paar
akademische Ausdrücke, die ich so frei, wie die Curländerin sie brauchte, meinen
Lesern abgebe; Füchse heissen Dukaten und einjährige Studenten), allein dies war
nicht der Hauptgrund seiner Ausgelassenheit. Es hatte sich ein Liebeshandel
zwischen ihm und der Mutter und Tochter eines wohlachtbaren Mannes auf dem
Tanzboden angesponnen; dies setzt' ihn zurück, und war die Hauptursache von
allem. Unser Ritter legt' es seinem armen Weibe nahe, dass sie den Weg des
Fleisches gehen sollte, den er ritterlich ging; es ist, setzt' er hinzu, der Weg
alles Fleisches. Nicht also, erwiederte die Curländerin. - Also, also, rief er.
Ein unmenschliches Also! Der Tyrann entzog seinem Weibe alles, was zur
Leibesnahrung und Notdurft gehört; den letzten Bissen Brod. Seine Kinder, die
nach Speise jammerten, störten ihn nicht in seinem Lustschlossbau, wo er mit
seinen Prinzessinnen in Gedanken sich weidete. - Ich will heute, sagte der
Kleine eines Abends, aufbleiben, um dem Vater die Füsse zu küssen und ihn zu
bitten. Was denn? fiel die Mutter ein. - Das könnt Ihr wohl raten (es war alles
Ihr und Ihr). Die Mutter weinte; denn sie wusste wohl, dass der arme Jacques gern
noch eine Semmel gehabt hätte. Jackchen schlug sich mit dem Schlafe und hatte
einen desto schwereren Stand; denn ihn hungerte, weil er den Schlaf überwunden
hatte. Der Vater kam um Mitternacht und, wie es aus seiner Art Gepolter den
Anschein hatte, fröhlich und guter Dinge heim. Der liebe kleine Junge kroch im
Finstern (zu Licht war kein Dreier im Hause) zu seinen Füssen. Was da für ein
Hund? rief der Unvater. Dein Hündchen, lieber Vater, sagte Jackchen. Er: »Fort!«
Der Kleine: »Gleich, lieber Vater.« Warum lässt dich die Mutter herumkriechen?
Auf diese Aufforderung gab das arme Weib, das sich schon längst in ihr
Schlafkämmerlein zurückgezogen hatte, keine Sylbe. Der liebe Junge erzählte mit
einer himmlischen Leichtigkeit, dass er sich des Schlafs erwehrt, und dass er
seinen Vater etwas zu bitten hätte, was seine Mutter nicht hören dürfte.
Vielleicht wacht sie noch, fuhr der Kleine fort, hebt mich an Euer Ohr, oder
neigt Euch zu mir. Der arme Junge bat den Vater ganz leise, seiner Mutter zwei
Semmeln zurückzulassen. Wir beide, setzt' er hinzu, meine Schwester und ich,
werden, wie ich hoffe, satt werden, wenn wir Mutterchen essen sehen. Diese
fussfällige Bitte beantwortete der Vater mit einem Stoss und dem Ausschrei:
Comödie! Vortrefflich! Madam hat nicht einmal nötig zu souffliren, brummte er
hinterdrein. Das arme Weib verlor über diese Geschichte den letzten warmen
Tropfen Fassung, und unserm Jackchen (ich will ihn lieber Jakob nennen) spielte
der Schlaf den Streich, dass er kein Auge schliessen konnte. Die Mutter schluchzte
und der kleine Junge weinte so bitterlich, so, dass er bis Morgens um fünf
darüber vergass, dass er hungrig war. - Die Curländerin lebte mit ihren Kindern
von ihrer Hände Arbeit. Das Mädchen musste spinnen und Jakobchen die Wolle
auseinander ziehen. Sie wollte eher ihren Ismael und seine Schwester Hungers
sterben sehen, als auf unrechtem Wege Nahrung und Kleider suchen. Sie erfuhr in
Wahrheit, dass der Mensch nicht vom Brod allein lebe, sondern vom Worte aus dem
Munde Gottes, vom Bewusstsein, recht und richtig zu wandeln. Ich war nie böse,
sagte sie, allein mein trauriges Schicksal brachte mich weiter; ich ward fromm,
gut, so wie es Menschen sehn können. Ein gewesener Sprachschüler hatte schon zur
Zeit des genommenen Unterrichts ein Auge auf sie geworfen, ohne dass sie dieses
Auge auf ihren Wangen, geschweige an ihrem Herzen empfunden. Jetzt glaubte der
gewesene Sprachschüler beide Augen auf sie werfen zu können. Um indessen desto
sicherer zu gehen (er kannte ihre Denkungsart), musste seine Base, die in der
Familie kuppelte, es mit der Ritterin freundschaftlich anbinden. Diese Base war
in einen Engel des Lichts gekleidet, und wenn auch vielleicht zuweilen ein
schwarzes Fleckchen hervorkam, wie hätte es wohl unsere Curländerin sehen
können? Verliebte haben mit guten Seelen eine gewisse Denkungsart gemein; jene
lieben alles, diese halten alles für ihres Gleichen. Die Geschenke, womit die
Base der Notleidenden auf eine so gute Art zuvorkam, machten sie blind, wie
doch Geschenke sogar die Weisen blind machen und die Sachen der Gerechten
verkehren. Der Knoten war geschürzt, und der Buhler fand sich eines Tages bei
Frau Basen ein, und von Stund' an, so oft die Curländerin zur Base ging. In
geraumer Zeit sah sie das Netz nicht, das zu ihrem Fang ausgebreitet war. Einst
aber küsste dieser Buhler die Kinder der Curländerin so verliebt, dass die Wangen
der Mutter aus Scham glühten. Vielleicht wär' es ihr weniger bedenklich
vorgekommen, wenn er nicht noch obenein die Kinder diesmal, da er küsste, so
reichlich beschenkt hätte, dass die Curländerin ganz deutlich sah, worauf es
herausging. Die Sache kam dem fünften Akt immer näher, und Frau Base deckte
jetzt so wenig ihre schwarzen Flecken, dass sie über und über kohlschwarz
erschien. Sie brachte, um recht ordentlich und bedächtig zu Werke zu schreiten,
ein Pakt in Vorschlag. Die Curländerin, die ihr Herz ehemals in ihren Händen
getragen, schloss und verriegelte es jetzt, brach mit Frau Basen, sandte die
Geschenke zurück, welche die Kinder erhalten. Die mit buhlerischen Küssen
befleckten Kinder wusch die Mutter mit frischem Wasser aus dem Brunnen vor ihrem
Fenster. Die Kleinen weinten über ihren Verlust, allein ihre Mutter tröstete sie
mit süssen Worten. Das arme Weib wusste nicht, was man vorhatte. Man drohte, da
Bitte nicht helfen wollte. Es enträtselte sich, dass Frau Base nur die Geschenke
spedirt hätte, die jetzt zurückgefordert wurden. In welcher Seelennot sah sich
die Curländerin. Sie rang die Hände, entdeckte sich ihrem Manne, der zum
erstenmal im Jahr (es war im November) lachte; allein er lachte so, dass noch nie
so schrecklich gelacht ist, seitdem der Teufel lachte, da Adam und Eva so
dummköpfig fielen. Der Satan war lichterloh in ihn gefahren. Sie sprach Leute
an, allein vergebens. Sie hatte von einem reichen Manne gehört, von dem man
sagte, dass er zuweilen einen guten Augenblick hätte. Sie ging, fand ihn
beschäftigt; er nahm sich Zeit, sie anzuhören. Sie musste ihm ihre ganze
Geschichte erzählen. Da sie am Ende war, fragte er sie mit einer Gelassenheit,
die mit dem Lachen ihres Mannes sehr nahe verwandt war, ob sie hypotekarische
Sicherheit hätte? Nein, antwortete sie. Nun, jede Not findet ihren Trost, fuhr
der reiche Mann fort, so werden Sie einen Biedermann finden, der Bürgschaft für
Sie leistet. Die Curländerin bat ihn, dieser Biedermann selbst zu werden; allein
er erklärte ihr nach Rechtsgrundsätzen, wie er bei sich selbst nicht Bürge sehn
könnte. Ich führte die grosse Bürgschaft an, sagte die Curländerin, die Gott sich
selbst geleistet hatte - allein er meinte, diese Sache wäre zu heilig, um sie
auf irdisches Geld und Gut zu deuten. - Schliesslich gab er ihr das Geleite bis
zur letzten Stufe und befahl sie Gott. Eben dacht' ich, fuhr die Curländerin
fort, wenn Gott die Menschen auch nach Hypotek fragen, wenn er mit ihnen
verfahren sollte, wie sie unter sich - als ich ohnmächtig hinsank, und noch
jetzt nicht weiss, wie ich in ein Haus in der heiligen Geiststrasse gebracht
worden. Sie fand sich, da sie erwachte, in den Händen einer alten Frau und eines
jungen Mannes. Dies brachte sie zum Schrei, denn sie stellte sich die Base und
ihren Vetter vor; allein sie erfuhr, dass es Schwiegermutter und Schwiegersohn
waren. Sie war in ihrer Erzählung noch nicht bei der Hypotek, als diese Mutter
und Sohn sich ansahen und den Blick schnell abbrachen. Ein Blick, sagte die
Curländerin, der mir wie ein Sonnenstrahl tief in die Seele schien. - Die
Tochter der Alten, die Güte selbst. - Die guten Leute liessen die Kinder der
Curländerin holen und gaben ihnen zwei Tage zu essen und zwei Nächte Betten zu
schlafen. Dieser Schlaf war mir ein Vorschmack des Todesschlafs, so süss, sagte
die Curländerin. Nun kam sie in ihr häusliches Elend, allein sie fand ihren Mann
nicht mehr; sein Auszug hatte keine Stunde erfordert. Ein jämmerliches Bett,
mehr war nichts nehmenswert, und eben dies fehlende Bett zeigte seine
Entfernung an. Sie warf sich auf die wüste Stätte, wo sein Bett gestanden,
nieder und wollte beten, da ihre Tür aufging und eine weibliche Gestalt
erschien. So trug der Engel dem Elisa Essen, wie diese Gestalt ein im weissen
Tuche verknüpftes - Wer? Wie? Wo? Weg war die Trägerin. Die Beterin lösete auf,
fand das Geld für den Bösewicht und noch darüber. - Da blinkerte der Blick vor
ihren Augen, der ihr in der heiligen Geiststrasse in die Seele strahlte. - Diesen
Abend dankte sie Gott, den folgenden wollte sie ihren Errettern in der heiligen
Geiststrasse danken, allein sie fand niemand im Hause. Die Nachbarn versicherten,
dass die gewesenen Einwohner über Land gezogen, wohin, wüssten sie nicht. Sie
haben's im Himmel zu gut, liebe Freundin. (Bald hätte der Graf Schwester gesagt,
das war sie noch nicht.) Wehe der Stadt, die solche Leute verlassen! Ich dachte
an Lot und seine Familie, fuhr die Curländerin fort. - - - Doch warum diese
Weitläuftigkeit in wörtlicher Nacherzählung? Der Vetter und seine Base wurden
von Heller zu Pfennig befriedigt, das übrige im Bündel war kein Oelkrüglein,
allein es war Spargeld in den Tagen der Krankheit, womit Gott unsere Curländerin
heimsuchte. Ihr Töchterlein starb an den Blattern, Jakob aber, ein rüstiger
Junge, der es selbst mit dem Schlaf anzubinden sich getraute und den Sieg
erhielt, unterlag nicht der Krankheit, sondern starb im eigentlichen Sinn an der
Gesundheit, die mehr als die Krankheit forderte. Er überstand die Blattern,
allein Mangel der Pflege war die Ursache seines seligen Todes. Er kam mit dem
Tode wie mit dem Schlafe zurecht. Eine benachbarte Wittwe brach in dem grössten
Elend mit unserer Unglücklichen das Brod. Sie hatte einen Sohn, den sie den
Bräutigam der kleinen Julie (so hiess die Tochter der Ritterin) nannte. Da aber
ihr Sohn mit der Tochter zu gleicher Zeit die Blattern bekam und auch zu
gleicher Zeit ein kurzes Leben endete, ward die Wittwe so bitter unwillig, dass
sie die Curländerin mit einem Tropfen Wasser vergeben hätte. Ist das der Dank,
schrie die Wittwe ohne Aufhören, dass sie mein Kind würgt? Sie begegnete der
Curländerin als der Mörderin ihres Sohnes, und wollte nichts weiter von ihr
sehen noch hören. Der Schmerz tut mehr als dergleichen Dinge, und auch seltener
als der Zorn, was recht ist.
    Noch eine Anekdote muss ich einholen, die mich sehr bewegte. Zur Zeit, da ihr
Ungetreuer sein Bette noch nicht aufgehoben und sie verlassen hatte, war die
Krippenritterin wegen Quartiermiete sehr verlegen Ostern und Michael war
Zinstag und Jammertag, wie sie sagte. Nie konnte sie Zeit und Stunde einhalten.
Habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen, war alle Jahre zweimal ihre
Bitte. Der Vermieter hatte Geduld: es war ein Leineweber. Einstmals ward ihm
die Zeit zu lange; die Weihnachten waren vor der Tür und mit dem Michaeliszins
noch kein Anfang gemacht. Der Krippenritter hatte den Leineweber, der ihn in
Züchten und Ehren mahnte, ziemlich deutsch abgefertigt, obgleich er
französischer Sprachmeister war. Mit einer Frau und einem Leineweber getraute
er's sich schon anzubinden. Der Hausherr ward zornig. - Sie kam, und eine
spiegelblanke Träne stand ihr im Auge. Der zornige Hausherr sah sich in dieser
Träne und fand seine Geberden verstellt; denn er hatte es auch mit ihr zum
Scheltworte angelegt. Plötzlich ward aus dem Saulus ein Paulus Liebe, gute
Madam, ich bedauere Sie. Freilich, Sie sind unschuldig, aber er - ein böser
Mann. Sie seufzte in die Höhe; die Träne blinkerte. Nach ein paar Worten fing
er an: Lass gut sein! So lange ich lebe, hören Sie? so lange ich lebe, sollen Sie
in meinem Hause wohnen und sich Ostern und Michael (ein paar schöne Feste!)
nicht mehr durch die Frage verderben, wo die Miete? frank und frei! Der
Leineweber konnte die Worte: frank und frei, vor Bewegung nicht laut
herausbringen, er sprach sie gebrochen, das heisst, die meiste Zeit, herzlich.
Sie wusste nicht, wie ihr geschah. Die diessjährige Michaelismiete, fuhr er fort,
zum heiligen Christ für ihr Jüngstes; das war Jakobchen. - Gott! mehr konnte sie
nicht; sie wollte den Geber anfassen und ihm danken - man fasst gern an, wenn man
dankt - allein noch ehe sie dazu kam, legte der Wohltäter beide Hände auf den
Tisch, eine auf die andere, den Kopf langsam darauf und - wer hätt' es denken
sollen? - starb. - O glücklicher Leineweber, dein Lebensfaden, wie schön ist er
zerrissen! Du bist lebendig gen Himmel geholt. Solch ein Tod! - Das nenn' ich
sterben! sagte der Graf, der Todesangst und Not unerachtet, wovon ich unsern
Seligen nicht loszählen kann.
    O du, der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder,
Menschenkinder! Ich bin zu geringe, wie jener Märtyrer den Himmel offen zu
sehen; lass mich, lass mich nur mit einer solchen Tat, wie dieser, dahinscheiden!
Konnte Gott diesen grossen Täter mehr belohnen? Nicht wahr, der starb in einer
seligen Stunde? Gott schenke sie mir und allen, die solch eine Träne verstehen.
Amen!
    Hiermit wäre diese Leinewebergeschichte für den Himmel zu Ende, allein für
die Erde bei weitem nicht. Die frohen Erben verstanden sich so auf Tränen
nicht, als unser Leineweber. Das Versprechen: So lange ich lebe, war mit seinem
Tode abgelaufen, das verstand sich von selbst; allein der Michaeliszins? Auch
den musste die Curländerin einbüssen, oder ihr Jüngstes -
    »Denn es ist mit nichts bescheinigt, dass eine dergleichen Schenkung
vorgefallen, vielmehr sind alle Umstände dawider. Defunctus hat zu
verschiedenenmalen den Zins im Guten und Bösen verlangt, und ist nicht
abzusehen, warum er so schnell seine Gesinnungen ändern sollen. Es ist unter dem
vorschriftsmässig schriftlich errichteten Mietskontrakt diese Schenkung mit
keiner Sylbe bemerkt, vielmehr findet sich weder hinter dem Mietskontrakt, noch
sonst wo, eine Quittung wegen des angeblich verschenkten Zinses. Niemand hat die
Schenkung entgegengenommen, und können die vorgeschützten Worte: Die
diessjährigen Michaeliszinsen zum heiligen Christ für ihr Jüngstes, wenn sie
wirklich vorgefallen, auf verschiedene andere Weise gelenkt und ausgelegt
werden, zu geschweigen, dass kein deutlicher Sinn herauszubringen und dass das
Hauptwort: Schenkung, gänzlich fehlt. Der so plötzlich darauf erfolgte Tod lässt
vielmehr vermuten, dass, wenn Defunctus sich ja wirklich (welches doch an sich
zu bezweifeln) dieser Worte bedient, er schon ohne Bewusstsein gewesen. Defunctus
hat, wie es zugestanden ist, sich jederzeit und auch nur kurz vor seinem Ableben
gegen den Mann bitter ausgelassen; und würde es wohl der Ehegattin Ehre machen,
wenn sie sich mit eben demselben Mann so gut gestanden? Auffallend ist's, dass
sie durch diese Schenkung ihre eigene Schande veroffenbaret. Dergleichen
Personen versagen die Rechte allen Glauben, sowohl nach den gemeinen als den
statuarischen Rechten.«
    Das war ungefähr der Inhalt zu einer Sentenz, die uns die Curländerin sub B.
in copia autentica vorzeigte. Ich mag nicht weiter abschreiben, mir ekelt vor
dieser losen Speise.
    O der feinen, spinnwebfeinen, nadelspitzen Gerechtigkeit! sagte der Graf.
Wie oft hab' ich mich in meiner Jugend der heiligen Justiz angenommen und den
Kopf geschüttelt, wenn Priester und Küster, Präsident und Notarius in
öffentlichen Lust- und Trauerspielen dem Volke zum Spektakel aufgezäumt wurden;
nach der Zeit sah ich ein, und wer sieht's nicht, dass man ihr nicht zu viel,
sondern zu wenig tue. Der Fehler ist, man behandelt sie bei ihrer Feinheit zu
handgreiflich. - Mit demselben Masse, womit sie misset. - Doch weh', weh' ihr,
wenn der Richter aller Welt sie messen wird! - Die Curländerin behielt die
Sentenz zum Sterbekissen, und wahrlich, auf solch ein Urteil den Kopf gelegt,
muss sich leicht sterben, fast so leicht, wie der Leineweber auf seiner eigenen
Hand. Wie aber, der solch eine Sentenz formte? - Richtet nicht! - Eine von des
Leinewebers Erben war ein niedliches Mädchen, das ein Rat aus dem Ober-Collegio
nicht sauer ansah. Ich weiss nicht, ob und in wie weit dieser Umstand auf die
gemeinen und statuarischen Rechte einen Einfluss gehabt. O der wächfernen Nase!
rief der Prediger, und dachte an das Promemoria des Justizrats. Der Graf
beschloss: Wenn die Christen zur heiligen Christzeit solche Sentenzen machen! Der
Judenjunge und Benjamin fielen mir ein, jener in Ketten, dieser wie er dreimal
um den Tisch hinkt.
    Dieses Sterbekopfkissen war nicht das einzige, das unsere Curländerin sich
unterzulegen im Stande war; sie konnte noch weicher liegen. Ihr Ehemann war
entschlossen, die Tochter quaestionis zu heiraten. Die Mutter quaestionis
glaubte, bloss ihret-, der Mutter halber, die Tochter bildete sich ein, es besser
zu wissen. Der Ritter gewann zusehends bei diesem Spiel und liess die Mutter
glauben und die Tochter sich einbilden, was jedes wollte. Er musste, ehe aus ihm
und der Tochter ein Paar, und die Mutter zugerechnet, ein Dreiblatt werden
konnte, von seiner vorigen Frau, nach der Sitte im Lande, geschieden werden. Es
ist ein Gräuel in Preussen zwei Weiber zu gleicher Zeit haben, allein ich habe
einen Mann gekannt, der zwei Frauen, von denen er geschieden war, bei sich
hatte, die dritte ungerechnet, mit der er aber priesterlich verbunden war. Es
kommt alles auf die Form an. - Gott, der du Mann und Weib, Adam und Eva schufst!
    Der Bräutigam schrieb an seine Frau einen schrecklichen Brief, er
beschuldigte sie der schwärzesten Laster und trug es ihr als eine Grossmut an,
dass er sich aller Beahndung in bester Rechtsform begeben wollte, wenn sie
gutwillig, unter dem Vorwande, dass eine Todfeindschaft sich zwischen sie ins
Ehebett gelegt, in die Trennung willigen würde. Das arme Weib, die sich ihrer
Unschuld bewusst war, antwortete ihm, wie er's mit seinen Sünden verdient hatte,
und nun der Weg Rechtens! Ein kleiner, schielender Bube, der Rat des
Ehegerichts (ein Verwandter von dem Hause, mit dem der Ritter ehelich und
unehelich verbunden war und werden sollte), war Kläger, Richter, Henker. Er
entwarf die Eingaben, referirte, erkannte und trieb sein Werk, wie die feinsten
Bösewichter, so öffentlich, dass er mit dem Ritter vor aller Welt Augen ging und
stand, ass und trank. Unserer Beklagten ward ein Anwalt ex officio zugeordnet,
dem sie den Schaden Josephs entdeckte; indessen tat dies Männchen nichts weiter
als die Achseln ziehen. Mit einem Steuermann des Collegii, eines Armenparts
wegen, einen Speer brechen, verlohnte der Mühe nicht. Der Kläger nahm aus der
Beilage sub B Gelegenheit, die Beklagtin eines verdächtigen Umgangs mit dem
Leineweber zu beschuldigen. Die Base ward zur Zeugin laudirt, dass sie Geschenke
von ihrem Vetter angenommen, die sie wieder zu erstatten wäre gezwungen worden.
Ihr Lebenswandel, behauptet der Bösewicht, sei schon vor der Ehe verdächtig
gewesen, und eben dieses Verdachts halber hätte sie mein Vater (wie unschuldig
man in Akten prangen kann) recusirt. Die zwei Tage und Nächte, die sie bei den
Engeln in der heiligen Geistgasse gewohnt hatte, wurden als eine bösliche
Verlassung (malitiosa desertio) ausgegeben. Sie ward als eine Verschwenderin
dargestellt, und wenn alle diese Stricke reissen sollten, ward eins (ein
Galgenstrick) angebunden, das über alles ging, die liebe Todfeindschaft.
Wohlbedächtig verschwieg der Herr Ehekläger die Ohr -, die er vor der Ehe aus
guter Hand erhalten, allein er erwähnte, wie oft er notgedrungen gewesen, Hand
an sein Weib zu legen und sie sich von Leib und Seele zu halten, wenn sie als
eine Furie Feuer gespien. - Er hatte wirklich, unfehlbar dem Beirat des
Klägers, Richters und Henkers zur gehorsamsten Folge, ihr das erste Liebesband,
die Ohrfeige, mit vielen wucherrlichen Zinsen erstattet. Die Sentenz war in den
besten Händen. Der schielende Bube setzte sich auf den Richtstuhl an der Stätte,
die da heisset Hochpflaster, ja wohl Hochpflaster, auf hebräisch aber Gabbata.
Sie wurden geschieden, und da es keiner Auseinandersetzung sowohl wegen Kinder
als Vermögens bedurfte, weil nichts von beidem da war, so wurden der Beklagten
in der Sentenz ihre Bosheiten und Herzenstücke aufs nachdrücklichste verwiesen
und sie zwar für diesesmal und, wie es hiess, vorzüglich um den Namen ihres
gewesenen Mannes zu schonen, von einer öffentlichen Gefängnissstrafe befreit,
indessen fürs künftige angewiesen, sich eines christlichen, eingezogenen
Lebenswandels zu befleissigen. - - O du sanftes Kopfkissen im Sterben! - Soll ich
appelliren? fragte der Advokat, und eine Träne fiel ihm auf die Abschrift, die
er in Händen hielt. (Er war nur im ersten Jahr in der Praxis.) Nein, sagte sie,
Sie nicht, ich werde appelliren, ich, und sah gen Himmel. Wenn der arme Schelm
von Advokaten doch ein anderes Handwerk gewählt hätte! Ich habe nichts, sagte
die Curländerin, was ich Ihnen anbieten kann, als hier diese Bibel von meinem
Vater (sie hatte silberne Clausuren -). Wäre sie nicht in Silber, wie willkommen
sollte sie mir aus Ihren Händen sein, erwiederte der Advokat. Nun hatte die
Curländerin nichts, was einen Rückblick nach Sodom veranlassen können, wenn sie
auch Madam Lot gewesen wäre. Sie war sicher, dass sie keine Salzsäule werden
würde. Der Weg nach der heiligen Geistgasse, den sie dreimal auf- und abging,
war ihr letzter in Königsberg. Sie weinte bei diesem Auf- und Abgang dankbare
Tränen, die besten, die man weinen kann, und nun? wohin Gott wollte! Mine ging
in ein Land, das Gott ihr zeigen würde. - Die Curländerin hatte, wie sie sagte,
zum Glück etwas aus dem guttätigen Wörterbuch gelernt und wollte mit ihrer
Wissenschaft wuchern. Nicht auf die Saat, sondern aufs Gedeihen kommt's an. Ich
für mein Teil, sagte der Graf, würde meine Kinder eher von Ihnen als von einer
Französin, die nur eben geraden Weges von Paris kommt, im Französischen
unterrichten lassen, wenn ich Kinder hätte, fügte er nach einer Weile hinzu, und
das so gerührt, dass - Er selbst weinte nicht. Indessen war der Geist bei unserer
Curländerin willig, das Fleisch aber schwach; sie erreichte mit genauer Not ein
Wirtshaus, wo man sich bloss des Lagers wegen das letzte Bischen Sachen
zueignete, das sie mittrug. Man nahm sogar ein Bündel französischer Vocabeln,
die sie sich als ein Viaticum ausgeschrieben hatte, weil sie in Goldpapier
genäht waren, in Zahlung. Die Sentenzen und andere Papiere ohne Goldpapier liess
man ihr. O die Unglückliche! Sie verlor mit den Vocabeln auch die
Herzhaftigkeit, in der Sprache Unterricht zu geben. Hand an sich zu legen, wer
kann das? Die Hungersnot, dachte ich, wird ohne dein Zutun dich erlösen, und
ärgerte mich, dass mich nicht hungerte. - Solch ein Hungerswunsch ist das
schrecklichste, was man sich denken kann. Die Todesfurcht ist natürlich, und
mich dünkt, man sei immer übler dran, wenn man den Tod wünscht als wenn man ihn
fürchtet. Da traf sie einen Menschen, der nicht Oel, nicht Wein in ihre Wunden
goss, sondern sie zum Grafen brachte, und da der Graf auf eine Kleinigkeit zur
Erkenntlichkeit es nicht ansah, wenn die Todescandidaten, wie er sich
auszudrücken pflegte, des Sterbens wert waren, so machte dieser Priester und
Levite (ein Samariter war er nicht) keine unrichtige Speculation. Nun sind wir
an Ort und Stelle.
    Das war in kurzem der Lebenslauf der Antagonistin meiner Mutter. Ich konnte
dem Grafen noch verschiedene Auskünfte zu diesen Erzählungen zureichen, und das
war ihm ein Fund, den er zu schätzen wusste. Die Curländerin bat mich, nach
Curland zu schreiben, wenn sie gestorben sein würde.
    Gott kann Ihnen helfen, fiel ich ein.
    Durch Tod oder Leben! fuhr der Graf fort; denn wenn er gleich keinem die
Sterbestunde anzeigte, so war er doch sehr entfernt, bei seinen Patienten den
Worten Tod und Grab auszuweichen. Man muss, wenn man frisch, gesund und stark
ist, auf Tod und Leben gefasst sein, fuhr er fort, und wenn man krank darnieder
liegt, allein auf den Tod. Wenn die alten hochadelichen Häuser die schon
gestorbene, verschiedene Hand der Curländerin jetzt gesehen, die sie ihr zu
einer Zeit rund abvotirten, obgleich andere mehr bewanderte hochadeliche
Herrschaften sie ihr gnädigst liessen, wahrlich, sie hätten ihr Urteil revocirt.
Mit den Urteilen!
    Die arme Unglückliche konnt' ihr Gesicht nicht von mir wenden. Gewiss, sagte
der Graf zu mir, ist sie Ihrem Vater, dem Sie sehr ähnlich sein müssen, guter
gewesen, als er ihr. Auf diese Art scheint wohl die jüngste Tochter des Pastor L
- (der nicht Präpositus ward, obgleich er sich auf den Kopf setzte) Teil am
Gastmahl zu haben, wozu mein Vater eingeladen ward, nachdem im Pastorat des
verunglückten Präpositus L. in Curland erscholl: mein Vater hätte die Gabe der
Entaltsamkeit nicht. Ob das Ave Maria, der Gruss, den mein Vater dieser Ritterin
eher als ihren ältesten Schwestern zuwandte, ober wirklich allmählige Neigung
die Ursache gewesen, und viele Ob's und viele Oder's mehr, leg' ich bei Seite.
Was konnte das arme Trinchen (diesen Namen erseh' ich aus dem Hermann'schen
Pasquill) dafür, dass ihr Vater nach der Weise Melchisedech zum Sprichwort
aufbrachte? was?
    Um die Observationen über diesen Kometen in der gegenwärtigen Geschichte zu
schliessen, sei mir erlaubt zu bemerken, dass diese Arme, nachdem sie eingeläutet
war und nachdem sie geohrbeichtet, sich erholte. Der Graf hatte den grössten
Teil dieser Ohrbeichte bis auf meine Anwesenheit gespart. Nach der Zeit fiel
sie wieder ein und starb als Schwester des Grafen und seines Jonatans, des
alten Bedienten (denn wahrlich, sie hatte den Kelch der Todesnot allmählig
ausgetrunken) sanft, willig und selig, ihres Alters fünfundvierzig Jahre.
    Meine Mutter, an die ich diesen Vorfall, sobald der gute Prediger in L - mir
ihn meldete, weiter brachte, antwortete mir wie nachfolgt:
    Herr, der du sprichst, es geschieht, der du gebeutst, es stehet da, der du
Gehet und Kommet in deiner Gewalt hast, gelobet sei dein Name! In Curland und
Preussen, für die Wege und Stege, die du mit dieser Geendeten und Vollendeten
eingeschlagen! Durch gute und böse Gerüchte, durch mancherlei Kummer und Leiden
ist sie zu deinen Freuden eingegangen. - In Unfrieden ging sie aus ihrem
Vaterlande, in Frieden fuhr sie zu deiner Herrlichkeit, wo sie ihr französisches
Bündel nicht mehr nötig hat, den Bettelsack. Sie hat mich vielleicht nur im
Traume beleidigt, und hätte sie es auch im Wachen getan, hätt' ich den Schlag
bekommen, den ihr Ritter bekam, was nun mehr? Wir sind hier nicht zu schlagen,
sondern geschlagen zu werden. Verzeih mir, lieber Gott, wenn ich im Wachen den
Traum ihr übel nahm. Ihrer Seele sei wohl unter denen, die gekommen sind aus
grosser Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und sie helle gemacht. Heil ihr,
wenn sie im Namen dessen starb, dessen, der unschuldig lebte auf Erden und auch
ein Fremdling war und in Gottes Hand im Himmel seine Wohnung bestellte! Nimm
auch ihren Geist in deine Hände, du allgemeiner Vater, du, Preussens und Curlands
Vater! Ihrem Leibe Ruhe, er bedarf ihrer! - Ein weiches, ungestärktes Sterbetuch
für ihr tränendes Auge - ein stilles Grab! Vollbracht - Uns alle lehre bedenken
wohl, dass auch wir des Bleibens nicht haben, müssen alle davon, gelehrt, jung,
reich, alt oder schön! Du aber, mein Sohn, schone dich in Preussen, es scheint
eine Grube zu sein, wo alles fällt, was aus Curland ist.
    Wenn es nicht mehr leben kann, liebe Mutter! Aus dieser Stelle sollte man
nicht schliessen, dass meine Mutter ihren Casum setzt und fromm ist - in dem Sinn,
wo fromm sein etwas geistliche Aufgeblasenheit, geistliche Stärke durch
Kraftmehl ist, die hart und ansehnlich macht. - Vergib mir, Mutter, wenn ich dir
im zweiten Teil zu viel tat. Ich tat's im Traum, wie Pastors L - Trinchen.
Wenn ein einziges empfindliches Herz eine Träne bei diesem Grabe
gemeinschaftlich mit mir weint, so hat die Arme ein schönes Leichenbegängnis.
Meine Träne hat eine schwere Geburt, fast nimmt sie mir das Auge mit. Die
deinige, liebe Leserin, falle sanft auf dieses Blatt und diene deiner Tochter
zum Zeichen, diese Stelle wieder zu finden, wenn sie ihr nötig ist.
    Alle diese Auftritte, welche uns andertalb Tage beschäftigten, hatten mich
so mitgenommen, dass ich bei einem Haar zum zweitenmal in diesem Buche krank
geworden wäre. Doch Krankheit kann ich's nicht nennen, was mich niederriss. Was
es war, weiss ich nicht; der Pastor - - in L - meinte, dass dieses Uebel gerades
Weges vom inwendigen Menschen, von der Seele, herkäme, welche kein Arzt tödten,
allein auch nicht heilen könnte. Er rechnete diese Krankheit zu den
Lindenkrankheiten, die oft gefährlicher, oft leichter als die Leibesgebrechen
sind. Recepte, Schlagwasserdöschen, meinte er, wären hierbei nicht anzuwenden. -
Hier ist Gott allein der Arzt, und sein heiliges Wort Medicin. - Zur Bewegung
wäre am Frühlingsmorgen eine sanfte Flur vorzuschlagen; der Waldgeruch sei schon
zu stark und greife solch einen Kopf an. Das, sagte der Prediger, ist die Art
der Seelenkrankheiten. - Unsere Aerzte curiren oft den Körper, wenn die Seele
leidet. - Körperkrankheiten pflegen nicht den Kopf vorbeizugehen, sondern ihm
die Ehre zu tun, von ihm auszuziehen in den ganzen Körper weit und breit.
    Der gute Pastor! Ich seh' ihn noch, wie bekümmert er war. Es überfiel mich
mit einer Ohnmacht. Der Graf schien froh zu sein, dass es mich so überfiel -
natürlich, um einen Sterbecandidaten mehr zu haben; er gab dem Prediger nicht
undeutlich zu verstehen, dass, wenn er sich nicht länger aufhalten könne oder
wolle, er ihm keine Bitte in den Weg legen würde. Jeder, setzte der Graf hinzu,
hat sein Päckchen.
    Ich - sagte der Prediger, und konnte nicht mehr.
    Beim Ich Punktum? fragte der Graf.
    Ich werde diesen Jüngling nicht verlassen.
    Auch ich, sagte der Graf, nicht verlassen, noch versäumen.
    Gott, wenn er stürbe!
    Nun, wenn er stürbe?
    Er kann nicht sterben -
    Wenn er unsterblich ist.
    Gott!
    Gevatter, entweder glaubt ihr Herren nicht, was ihr lehrt, oder was ist das
Sichtbare gegen das Unsichtbare, das Gegenwärtige gegen das Zukünftige, Zeit
gegen Ewigkeit? Ist's denn nicht eine schöne Sache um die Hoffnung? Und der
Genuss?
    Freilich, der Himmel wird anders genossen als Dinge der Erde. Der Erdengenuss
gebiert den Tod, den Ekel.
    Der Himmel ist Himmel, ist Genuss ohne Ekel, ohne Tod. Tod und Ekel sind
gleichbedeutende Wörter. Gleich und gleich gesellt sich gern. Ein Jüngling wie
dieser soll nicht glücklich werden?
    Ach, ich habe Kinder, er Eltern, und die zeugten einen Sohn, der ihrem Bilde
ähnlich war.
    Warum mehr von den frommen Anzüglichkeiten, welche diese beiden Leute, der
Graf und der Prediger, aus gleich gutem Herzen auswechselten? Sie schlugen Ball.
Der Prediger wollte nicht von meinem Stuhl - und war für mich auf eine so
rührende Art bekümmert, dass er seine Abhandlung ganz und gar darüber vergessen
zu haben schien. Die Bekümmernis gefällt am meisten, wenn sie unzeitig, wenn sie
nicht an Ort und Stelle ist; daher die Sorgfalt der Weiber, so kindisch sie
ausfällt, wie schön! - Auch bei den Männern muss sie weiblich ausfallen, sonst
ist sie Furchtsamkeit. - Der gute Vater Gretchens! Er erhielt auf vieles Bitten
die Versicherung vom Grafen, dass ich noch nicht eingeläutet werden sollte. Auch
(dies hab' ich alles nach der Zeit vom Prediger) war diese Fürbitte Schuld
daran, dass ich nicht in die Todtenliste eingetragen ward, welche der Graf das
Himmelsbürgerbuch nannte. So kam ich wieder um's Geläute, wonach ich doch so
lüstern war.
    Herr, lass ihm noch diese Nacht, diesen Tag, noch drei Tage! sagte der
Prediger mit andern Worten zum Grafen, die sich der Graf oft wiederholen liess,
ehe er diese Frist bewilligte. Herr, lass ihn noch! war der Morgengruss des
Predigers; denn ich hatte eine elende, lange, lange Nacht gehabt, und der Tag
war wie sie.
    Der Graf deklamirte für, der Prediger wider den Tod, jener mit erhabener
Stimme, dieser mit leiser, schmerzteilnehmender. Nie vergesse ich die
gräflichen Worte: Stirbt man denn an der Krankheit, Freund? Vom Leben stirbt
man, und wenn unser Liebling (ich liebe ihn wie Sie), wenn er gesund wird,
entfloh er dem Tode? Nein, nur der Krankheit. Allen? Nein, dieser. - Eine grosse
Sache!
    Der Graf hielt drei Safts bei seinen Kranken, die Untersafts, die Aderbinder
und Pulsbeschleicher ungerechnet. Der Arzt, der mich besuchte, wusste, dass er dem
Grafen mit einem heimlichen Kopfschütteln einen Gefallen erwies, und schüttelte
also, es mochte Gefahr sein oder nicht. Bei einem Manne wie der Graf, und bei
Krankenlagern, die von lachenden Erben umgeben sind, haben die Herren Safts
immer gewonnen Spiel, es stehe oder falle.
    Der Prediger aus L -, der die Lindenkrankheiten aus Erfahrungen kannte,
hatte völlig Recht, dass diesen Ober- und Untersafts meine Krankheit zu hoch
wäre. Freilich steckt eine kranke Seele den gesündesten Leib an, alle
Seelenkrankheiten sind ansteckend; allein es war Lebensekel, Lebenskummer -
Überdruss, was mich ergriffen hatte. All' die Gebeinhäuser, in die ich
herumgeleitet worden, hatten meine Einbildungskraft so erhitzt, dass ich wirklich
nicht todtkrank war, nicht gefährlich krank - aber beides zu sein herzinniglich
wünschte. O Gott, wie sehnte ich mich nach einem seligen Ende! wie nach Minen!
Sie war der Mittelpunkt von allem. Ich suchte meinen Tod überall, auf allen und
jeden Gesichtern, und wo ich ein Todeswort fand, wie sehr drückte ich's an's
Herz! Ich war eigentlich nicht krank, allein ich wünschte es zu werden. Eine der
gefährlichsten Gemütskrankheiten, wenn es nicht im Apostelsinn heisst: Ich habe
Luft abzuscheiden. - Gern wollte ich bei Minen sein, und sollte ich nicht
wollen? Nach des Grafen Meinung nicht. In dieser Aussicht sterben, heisst: sich
den Tod verderben, ihn mit allem Fleiss verunstalten, ihm den gesunden,
natürlichen Geschmack nehmen, englisches Gewürz, Galgant, Pfeffer, Kreidnelken
daran legen. Man muss sterben, um zu sterben. Der Graf hatte hierüber mit dem
Prediger eine sehr gelehrte Unterredung. Ich vernahm die Worte nicht, allein der
Geist von allem wirkte auf mich. Mein Vater pflegte dies Wirken Wanken zu
heissen, wie man von Gespenstern sagt: sie wanken. Ich wankte; es war mir, als
hörte ich in der Ferne läuten. Der Hauptinhalt der gelehrten Unterredung war: ob
man nicht auch durch künstliche Mittel berechtigt wäre, sich den Tod zu
erleichtern? Der Graf behauptete Nein, und nannte diese Kunst Betrug. Wenn Sie
wollen, frommen Betrug. Ich will aber nicht fromm betrogen werden.
    Es sei nun aber wie ihm wolle, Mine war mein Schutzengel bei meinem
Seelenzufall, sie stärkte mich; ich holte alles nach, was ich bei ihrem Grabe
durch Betäubung übersprungen hatte. O wie gern wollte ich bei ihr sein! Die vier
Nägel, wovon meine Mutter sechs für einen Vierding kaufte, glänzten mir
schrecklich in meinem vierzehnten Jahre. Das Blatt aber, wo ich in der Kapelle
eben am Ende meinen Namen verzeichnete, wie trostreich für mich! Es war eine
sichere Verschreibung, bald, bald, bald bei Minen zu sein. In meinem vierzehnten
Jahre liess ich sie zurück; hier sah ich das vorgesteckte Kleinod. Es war mir ein
Licht aufgegangen; ich empfand den ganzen heiligen Busch einer gottgefälligen,
gottgeheiligten, himmelklaren, engelreinen Liebe - ich hatte Lust abzuscheiden.
Ein paar Schauer, womit dieser Leib und dies Gebein seine Rechte sich vorbehält,
abgerechnet. Ist's Wunder, dachte ich, eine so hoch geadelte Erde soll wieder
zurückkommen, wovon sie genommen ist? Ein solch Gefäss zu Ehren zum Wurmgehecke?
Doch schnell gab ich meinem Seelengefährten den Segen: Gehe hin in Frieden, es
soll dir alles wohl belohnt werden; du sollst auferstehen in Kraft, und Minens
Leib und ihr Gebein, und dieser Leib und dies Gebein. - - Halleluja blieb mein
Hauptwort, in meinem vierzehnten Jahre war es das Amen fein, Amen, das ich
meiner Mutter nachbetete, Freunde, wohl dem, der eine Mine im Himmel hat! Die
fühllosen Saducäer müssen keine Minen gehabt haben. Mein Herz hing an Minen, und
sollte dieser Sitz des Lebens an etwas wirklich Todtem, auf Ernst Todtem hangen?
Gott ist nicht ein Gott der Todten, sondern der Lebendigen, und meine Seele,
sein Aushauch, ist hier sein Ebenbild. - Mine lebt, ich werde auch leben! Junge
Leute sterben leichter, sagte der Graf, weil sie keinen Anhang und Zugabe haben,
weil - eine lange Reihe Weils - ich glaube kurz und gut, weil sie gewöhnlich
nach der jetzigen Weltmanier unglücklich lieben. Die Liebe hoffet alles, sie
duldet alles, sie macht ein ruhiges Leben und einen sanften Tod.
    Das erstemal, wie ich aus zum Ende gehende Blatt dachte, war's so, als ein
aus dem Feuer gerissener Brand ins Herz. - Das war ein Hauptreservat des Leibes,
eins in optima forma. Es ist einem so warm auf einem Fleck, und kommt
dergleichen Brand dem von der Schamröte so nahe wie möglich. - Beide verbreiten
ihre Flamme zum Angesicht, die Stirn kalt. - Dergleichen Vorbehalte, dergleichen
Erdbebungen, hätt' ich bald gesagt, Erschütterungen wollt' ich sagen, das war
alles, was ich von Todesangst bei dieser für den Grafen, wie es anschien, so
erwünschten Gelegenheit empfand. Es war indessen alles so, dass ichs ertragen
konnte. Der Tod selbst, sagte der Graf, ist das allerwenigste; da springt das
Band, das man so lange zog und riss und neckte, weg sind wir. Tod als Tod hat
weniger Schreckliches als das Leben, er hat nichts Schreckliches. Ich fürchte
mich nicht vor Gespenstern, wohl aber vor Dieben und Mördern. Wer wird sich vor
etwas fürchten, was er nicht kennt, und wer kennt den Tod? Das Leben aber kennen
wir. Wenn auf Regen die Sonne scheint, auf Mühe Lohn folgt, wohl uns, dass wir
sterben, wohl, wenn wir todt sind, wenn unser Glaube an die Unsterblichkeit auch
nur wie ein Senftkorn ist. Der Tod gibt Trost über Trost, Wonne über Wonne, und
sollte der Gang zu diesem Aufschlusse des Menschengeheimnisses (wahrlich, wir
sind ein Rätsel, der Tod ist unsere Auflösung) schrecklich sein? Ende gut,
alles gut. Der Tod ist das Ende vom Klagelied, von allem Elend. Canaan im
Kleinen, in Miniatur, im Auge; was schadet ein Fuss in der Wüste? In einer
unseligen Stunde sterben, heisst in den Henkerhänden der Krankheit sterben; das
kann schrecklich sein. - Dem besten Kämpfer aber das Kleinod, dem stärksten
Ringer der Preis. Wie wohl ruht es sich nach der Arbeit, wie wohl! - Lasst uns
nur des Sterbensleidens, ehe das letzte Stündlein kommt, viel haben, wenn es
Gottes Wille ist; dann verdienen wir im Tode getrost zu sein und wie der selige
Leineweber gen Himmel geholt zu werden. Wer wollte sich aber das Sterben, aus
Furcht des letzten Augenblicks, ohne Not bitter machen, wer das Leben dadurch
verleiden? Es gibt Leute, die sich das Leben auf diese Art versterben; warum
das? Ich kann von mir sagen, ich sterbe täglich, allein dies will nicht viel
mehr sagen, als: ich sehe täglich andere sterben, obgleich es auch Stunden gibt,
wo es mehr sagen will. Der heilige, geplagte Apostel starb täglich anders als
ich. Paulus trank täglich einen Tropfen aus dem Todesbecher; es war nicht
Todesfurcht, die er trank - solch ein Mann wusste schon, was im Kelche war - es
war wirklicher Tod; er starb allmählig. Wer es höret, der merke darauf. Sich
sein ganzes Leben vor dem Tode fürchten, heisst zwar, ein Knecht, ein ägyptischer
Sklave des Todes sein, allein noch lange nicht, sterben lernen, den Tod
studiren. Mensch, bei allem, was du tust, gedenke ans Ende, so wirft du
nimmermehr übel tun! das heisst: Mensch, lebe gut, um gut zu sterben! Ich für
mein Teil (der Graf fiel in einen andern Ton) habe den Tod herzlich lieb, sehr
gern seh' ich sterben. Sterben allein, das ist mein Leben; jeder muss wissen, was
ihm Leben ist. Ich habe nichts wider das Leben, wie der Herr Gevatter meint. Da
der Prediger sich bloss auf dies Wort bückte, brach der Graf ab und versicherte,
der festen Hoffnung zu leben, dass er sanft sterben würde. Du weisst, Bruder,
sagte er zum Bedienten, ich hoffe zu sterben, wie der Leineweber. War es nicht,
lieber Gott, fragte er zuversichtlich, inbrünstig, war es nicht Todesangst,
Todesnot, was ich aus dem Kelche trank, den du, mein Vater, mir gabst? Hab' ich
noch diesen ganzen Kelch zu leeren, oder wird meine Zunge, wenn es ans Letzte
geht, nur noch die letzten wenigen Tropfen aufziehen? Dein Wille, nicht wie ich
will, sondern wie du willst.
    Der Graf hätte so ohne End' und Ziel reden können. Es war Zephyr, den er mir
zuwehte - wirklicher Zephyr, sanfte Empfindung, womit er mich anfächelte. Es
gibt Stunden, wo wir keinen Sturm ertragen können. Der Bruder des Grafen neigte
sich, als schien er sagen zu wollen: Ich werde eher sterben, als du, gräflicher
Bruder; allein es schien auch gleich darauf, dass er sich bedächte, wie es ihm
gebühre zu folgen. Ehre, dem Ehre gebühret. Und Sie (fing der Graf zu mir an),
ausblühender Jüngling - schnell hielt er sich auf, als bedächte er sich bei dem
Worte: ausblühender - Sie haben auch nach Ihrer Art gelitten - vielleicht sind
nur noch wenige Tropfen Todesangst übrig. Ich, fuhr er nach einer Weile fort,
habe bei der bittersten Arzenei nichts nachgetrunken. Ich auch nicht, erwiederte
ich; allein ich muss gestehen, nur blutwenig Arzenei gegessen und getrunken zu
haben, setzt' ich hinzu. Bravo! schrie der Graf. Er wollte bemerkt haben, dass
Leute, die sanft einschliefen, auch Anlage zum sanften Tode hätten, und befragte
mich, zum innerlichen Verdruss des Predigers, wie es mit meinem Einschlafen wäre?
Bei Leuten, die schnarchen, fuhr er fort, hab' ich bemerkt, dass sie zu ihrer
Zeit röcheln, und die unruhig schlafen, sterben gemeinhin auch unruhig, wenn
nämlich der unruhige Schlaf keine Folge des vorigen Abends ist.
    Wie ich verschlage! - Desto besser, so sehen meine Leser am deutlichsten,
wie ich zu dieser Frist gestimmt war.
    Der Prediger musste des Sonntags wegen, der vor der Türe war und anklopfte,
von dannen; jeder hat sein Päckchen. Das Wort: ausblühender Jüngling, so dem
Grafen selbst auffiel, war dem Prediger aufs Herz gefallen, der gute,
teilnehmende Mann! Sagt selbst, lieben Leser, verdient nicht seine Abhandlung
von der Sünde wider den heiligen Geist bloss darum deutlichen Druck, gutes Papier
und so weiter? Meine Seelenkrankheit kehrte das Blatt den Abend noch, und kurz,
ehe der Prediger aufbrach; er nahm noch den ersten Besserungsstrahl mit. Mein
Gruss an Gretchen, den er so gern in die Hand sich drücken liess, heiterte mich
sichtbarlich auf. Gern hätte der Prediger dem Grafen wiederholt: Lass ihn noch;
durft' er aber? Man widerrät den Schwermühigen die Einsamkeit, und in vielen
Fällen mit gutem Grunde; bei dem allen glaub' ich, dass, wenn ja ein Kraut und
Pflaster sie heilen könne, es die Einsamkeit, die Selbstgelassenheit sei, wenn
diese Einsiedelei nur gleich beim Anfange gebraucht wird. Die Einsamkeit ist dem
Ungewohnten wie ein kaltes Bad, das anfangs widerlich ist, allein es stärkt die
Nerven. - Gesellschaft ängstigt schwermütige Personen, das heisst, sie macht sie
kränker. O ihr gütigen Tränen, was für ein sicheres Recept seid ihr in dieser
Krankheit, und in Gesellschaft weinen, welch ein Mann kann das? Der Graf
wünschte mir Glück zu meiner Genesung. Jetzt sah er selbst ein, was für ein
Zufall es gewesen. Das Phänomenon bei dieser Sache war, dass ich, so froh ich war
zu sterben, es auch zufrieden war wieder zu leben. Nicht wahr, ein wahres
Phänomen? Ich, der ich meine Hände nach dem Tode ausstreckte, nach dem
Freiwerber, den Mine zu mir gesandt, ich, der ich mit diesem Manne ziehen
wollte, der ich nach der Zeit tausend- und abermals tausendmal bei ihr zu sein
mich herzlich sehnte. Der Graf versicherte mich, dass er kein Sterbenszeichen um
und an mir entdeckt. Saft hat also unzeitig sein Haupt geschüttelt; dem Grafen
zum Munde würde ich in Rücksicht des Gesprächs mit dem Prediger in L - sagen.
Wie kam es aber, dass der Graf Glück wünschte? Und wie kam es, dass ich den
Glückwunsch als Glückwunsch entgegennahm? Wir Menschen sind wunderbare
Geschöpfe! - Es war mir so, als ob ich Minens wegen schon wirklich gestorben
gewesen und nun, nachdem ich ihr mein Gelübde bezahlt, wieder auferstehen
könnte. - Ach, diese Seelenkrankheit, so hat sie nicht mehr mich übermannt;
allein wie oft hiess es von mir: Siehe, um Trost war mir bange! Wie oft blüheten
die Linden für mich! - Ach heute, da ich dieses schreibe, war ich in meiner
Kammer, hatte die Türe nach mir zugeschlossen und mich verborgen, um -
    Wenn ich wüsste, dass einer von meinen Lesern über das, was Sitte beim Grafen
war, seelenkrank werden könnte, wie bei mir dieser Fall eintrat, obgleich sie
nicht sehen, sondern nur lesen, ich würde hier schliessen, ohne ein einziges Wort
weiter zu verlieren - nicht wahr, verlieren? Kommen meine respektiven Leser und
Leserinnen aber mit einem einsamen Stündchen, mit einem kalten Badestündchen ab
- was hat's zu sagen? Wir haben doch alle ein langes, kaltes Bad im Grabe vor,
und wahrlich, das wird eine rechte Nervenstärkung sein! Sieht noch obenein unter
meinen Lesern ein Alexander seine Mine, und unter meinen Leserinnen eine Mine
ihren Alexander in dieser Geschichte im Bilde, trägt er oder sie Leid um seinen,
um ihren leiblichen oder geistlichen Todten, o dann ist's kein böses, dann ist's
ein gutes Stündlein, das ich euch beschert habe. Wo hatte er denn so viel Zeit?
fragte ein kluger Mann, da er hörte, dass ein Held im Felde an einer Krankheit
gestorben wäre. Diese Frage würde bei unserm Grafen, der nichts mehr in der Welt
zu versäumen hatte, der im Fegefeuer sich befand, ohne dass ihm, wie den drei
Männern im Feuerofen, ein Haar gekrümmet ward, die überflüssigste von allen
sein.
    Zum Schluss ein paar Reden, die mir der Graf zu Ehren am Sonntage halten
liess. Das Evangelium, wie es mir vorkam, war nicht so ganz nach seinem Sinn, es
war zu viel Leben darin. Der Graf war wegen seiner Sterbenden zum
Hausgottesdienst gewöhnt, und hielt sich wegen einiger lebendigen Evangelien
einige Reden, von einem Christen und blossen Gottesverehrer bearbeitet, über
seinen Lieblingstext. Das Geläute zu diesen Reden - hier ist's.
    Ein Gespräch zwischen dem Grafen und mir. Meine Leser mögen es als eine
captationem benevolentiae ansehen.
    Alles, was keine Sprache besitzet, was sogar keinen Laut vermag, ist todt an
sich selbst. Alles, was nicht mit vernehmlichen Tönen von der Natur ausgerüstet
ist, ringt fast nach Gelegenheit, dass ihm die Zunge gelöset werde. Sprache,
Ausdruck ist Leben. Die schwerste Schrift wird biegsam, gefälliger, gelenkiger,
geschliffener in unserm Munde. Die Zunge ist ein klein Stücklein Fleisch, und
fast könnte man von ihr sagen, sie wäre das Lustschloss der Seele. - Der Mensch
ist der Gott alles Leblosen; wenn er ihm gleich nicht einen lebendigen Odem
einhauchen und es beseelen kann, ist's doch fast so, als ob alles spräche, wenn
der Mensch ihm zuspricht, als wenn es antwortete, wenn der Mensch es frägt. Die
Figur, dass man leblose Dinge anredet, wenn nur die Kunst nicht zu merklich ist,
wäre so unnatürlich eben nicht, als sie jetzt auffällt. Es scheint, als mache
der Mensch den Versuch, ob es nicht anginge? Gott sprach, und es ward; der
Mensch spricht, und es scheint zu werden. Sprich, damit ich dich sehe. In der
Sprache liegt die Gewalt, welche der Mensch über alles hat, was lebt, schwebt
und ist, der Binde- und Löseschlüssel. Mein Vater pflegte zu sagen: Noch sind
jene Töne nicht cultivirt, wodurch wir vielleicht mit allem auf der Erde so
umspringen würden, als der Hauptmann von Kapernaum mit seinen Knechten: Komm,
geh, tue das! Vielleicht waren diese Töne schon und gingen verloren, wie viel
verloren ging.
    Mein Redner, fing der Graf an.
    Redner? erwiedert' ich. Nicht anders, sagte der Graf. Beleben die? Sich im
Leben angreifen, sich überleben, zu viel leben, ist Tod, überall Tod, fuhr ich
fort. Es gibt Redner, die nicht bloss schlechtin beleben, sondern beseelen,
begeistern; allein das sind nicht ausgelernte Papageien und Raben, die auch
zuweilen zu rechter Zeit oleum et operam perdidi krächzen, sondern Leute mit
feurigen Zungen, nachdem ihnen ihr Geist gab auszusprechen. Aus dem Herzen aufs
Papier, Schwarz auf Weiss, vom Papier ins Gedächtnis, aus dem Gedächtnis in Hand,
Mund und Fuss. - O der ermattenden Umwege! Und wie selten geht's gerade aus dem
Herzen aus.
    Der Graf fühlte, was ich sagen wollte, obgleich nur ein Funke auf meiner
Zunge blinkerte. Feuer war nicht drauf, die Lindenkrankheit hatte gedämpft,
gelöscht. Eine Rede, sie sei auch die beste, ist ein Gipsabguss der Gedanken. -
Gemeinhin verschlingen hier die sieben mageren Kühe die sieben fetten, wie in
Josephs Traum; indessen ist nicht zu läugnen, dass eben dieselbe Sonne, wie ein
witziger Schriftsteller sagt, die das Wachs schmilzt, die Erde versteinert; und
es gibt Leute, die gern reden, und andere, die auch nur durch Reden gewonnen
werden. Leidet aber jeder, dass auf ihn Jagd gemacht, dass auf ihn angelegt wird?
Und tut der Redner mehr, als seinen Bogen spannen und auf die Herzen seiner
allerseits nach Stand und Würden höchst und hochzuehrenden Zuhörer zielen?
Freilich, erwiederte der Graf, wo Feuer ist, da raucht es auch. Meine Prediger,
fuhr er fort, hab' ich so ziemlich ins Geleise bei Leichenpredigten gebracht,
indessen raucht es doch noch. Conferatur: Siehe, ich komme bald, behalte was du
hast, dass niemand deine Krone nehme. Da war noch viel zu sagen, und doch war es
aus dem Herzen. Wenn er aber empfängt, wenn er concipirt, o dann beisst der Rauch
in die Augen! Willst du denn was Besseres sagen, als du kannst? Das war eine
weise Lehre eines weisen Mannes, die er einem Jünglinge gab, der sich über den
Eingang seiner Rede den Kopf zerbrach. Ein Redner, sagte mein Vater, ist ein
Mann, der mehr von einer Sache sagen will, als er von ihr weiss; ein Avantürier,
der sich über seinen Stand kleidet, ein Petitmaitre, der zum verschimmelten Brod
frische Butter gibt. - Er machte einen Unterschied zwischen Redner und Prediger.
Mit Feierlichkeit von einer Sache sprechen, nannt' er predigen, und in diesem
Sinn war er Prediger überall. Aber die Redner, sie machen einen grossen Schuh auf
einen kleinen Fuss. Schuster nicht übern Leisten, sagte der Maler zum
Recensenten, der sich, wie gewöhnlich, mehr herausnahm und herausliess, als er
verstand. Dem Redner könnte man zurufen: Redner, nicht übern Fuss! - - Durch
Reden sind mehr Länder erobert, Festungen eingenommen, als durch Waffen; allein
wie gewonnen, so zerronnen, würde meine Mutter sagen.
    Der Graf teilte mir sein System über die Leichenandachten, wie er sie
nannte, mit. Die Worte: Leichenpredigt und Leichenrede, gefielen ihm nicht. Bei
den Aegyptern konnte man nicht alle Todten ohne Unterschied loben, es musste per
judicata feststehen; der Todtenfiscus trat auf und ward gehört. Man erkannte auf
Beweis salva reprobatione, und ehrliches Begräbnis und Leichenpredigt hing von
diesem Urteil ab. Der König hatte vor dem geringsten seiner Kammerlakaien
keinen Vorzug; im Leben sah man ihn durch die Finger an, um den Staat zu
schonen, nach seinem Tode, fiat citatio. Er so gut Staub, Erd' und Asche als ein
anderer, und warum jetzt eine andere Procedur? Wie oft würd' es jetzt von
bepredigten und beredeten Leichen heissen: Lasst die Todten die Todten begraben. -
    Ich höre gern Leichenpredigten, setzte der Graf hinzu; allein in meinem
Sinne sind es nicht Leichenpredigten, wenn es nämlich nicht Lügenpredigten sein
sollen. (O wenn meine Mutter doch diesen letzten Gedanken von Lügen- und
Leichenpredigten gehört hätte!) Kupfernes Geld, kupferne Seelmessen, fuhr der
Graf fort. Weh' über diese Aergernisse! Da heisst es denn: Er hatte nichts
Menschliches an sich, als dass er starb, oder wie von jener Madam: Sie betrübte
ihren Herrn nur ein einzigmal, nämlich da sie starb! Wer ist da mehr todt,
fragte der Graf, die Leiche oder der Redner? Rauch über Rauch! Etwas Rauch
schadet nicht. Opferrauch, fiel ich ein, Blumenrauch, der gen Himmel steigt,
wenn es hübsch warm ist. Und das ist eine inwendige Wärme, die alles Lebendige
hat; Kälte ist Tod, Wärme Leben, innerliche Hitze ist Krankheit oder Anfang
dazu. Wer anstecken will, muss selbst feurig sein. Ein Redner will sein
Auditorium anstecken, mitin muss er im Feuer sein. Ein Brand raucht zu sehr;
allein eine durch und durch glühende Kohle, das ist das Bild eines Redners! - Da
war es ausgeläutet. Wir waren feuerempfänglich, das heisst: warm. Noch einen
Klöppelanschlag. Vom gottgläubigen zum wahren Christen ist es kaum ein
Sabbaterweg weit, hab' ich sehr viele Leute (versteht sich, christliche) sagen
gehört.
    Plato würde zuverlässig Superintendent geworden sein, wenn er das Glück
gehabt, in christlichen Zeiten geboren zu werden, und Sokrates irgendwo Rector
an einer Domschule.
    Der Graf sagte zu mir: Freund, von unten auf. Ein feiner Knabe; Oelzweige um
sein Haupt - freie Stellung. Nichts, auch kein paar Handschuh in den Händen;
allein um ihn ein weisses, weites Gewand, bald hätt' ich's Chorhemde genannt,
wenn ich hier ein christliches Wort fliegen lassen könnte.
    Das Jahr hat Monate, der Monat Wochen, die Woche Tage, der Tag Tageszeiten;
Morgen und Abend ist überall. Was Anfang hat, muss sich auch enden; der Mensch
wird geboren und stirbt, beides, wenn sein Stündlein vorhanden ist; er wächst
hin und zurück, er sinkt, wird hinfällig mit dem ersten Tage, da er zu wachsen
aufhörte. Seht die Tage, wie sie ab-und zunehmen, so habt ihr euer Leben. Ein
Jubeljahr, ein Hundertjähriger, ist ausserhalb des gemeinen, und am Ende, was ist
der ganze Jubel? - Weiber, schwächliche Mannspersonen bringen es im Leben am
längsten, sie lebten am langsamsten in die Höhe und in die Breite und sterben
also auch so langsam wieder ab. - Mässigkeit in Absicht des Leibes, Mässigung in
Absicht der Begierden können uns zwar zum ruhigen Leben, zum ungestörten Genuss
desselben bringen, ob sie aber das Leben verlängern, ist noch die Frage. Der
Mensch hat seine bestimmte Zeit. Wenn es Ausnahmen gibt, so ist die
Lebensökonomie - wenigstens nicht immer - Schuld daran. Wär' es durchaus nötig
gewesen, dass wir nicht mehr, nicht weniger essen und trinken sollten, hätte die
Natur eine Türe angebracht, die von selbst zugefallen wäre: erreichten denn nur
gute Lebensökonomen, oder erreichten nicht gemeinhin auch Verschwender dieses
ausgerückte Ziel? Sie scheinen zu Ausschweifern bestimmt zu sein, im Tod und
Leben; sie leben, wenn man so sagen soll, auf Tod und Leben, sie empfangen ihr
Gutes in diesem Leben. Lasst sie doch, lasst sie doch leben! Ich wette drauf, es
sind wenige, die solch ein Leben nehmen für halbes Geld. Die meisten Menschen
haben nur Jahre, nicht Leben zurückgelegt; sie reden vom Leben, als von einer
Sache, die man vom Hörensagen kennt. Wie viel gehört zum Leben! Man nehme den
Zufällen des Lebens ihre Wichtigkeit; wer kann das? Man bedenke, dass nur das
Wohlverhalten den Wert des Menschen und seines Seins ausmache. Wer versteht
diese Kunst? Und besteht die Glückseligkeit in etwas anderem, als in der
Befriedigung der Sinne, aller Neigungen? Beim Lustigen tritt der Nervensaft über
seine Ufer, und diese Ueberschwemmung, diese Sündflut richtet Unheil an. Das
Leben ist eine Last, und warum sollten wir uns den Rückgrat brechen und darüber
froh sein? An der Länge liegt's nicht, an der Würde liegt's. Unsere Brüder aus
zweiter Ehe haben von den Juden gelernt, dass langes Leben als Lohn für den
kindlichen Gehorsam anzusehen; allein auch sie behaupten, dass Gott mit den
Seinen eile. Und so wahr es ist, dass Jünglinge, die das Alter ehren, sich alt zu
werden vor Menschen berechtigen, so ist doch dies Menschenrecht nicht auch
Gottes Recht. - Dein Wille, Gott, dein Wille geschehe! Das männliche Alter
schürzt den Knoten, der Tod löst ihn. Wer Gott gelebt hat und nicht sich selbst,
wird auch Gott im Tode preisen und den verherrlichen, der das Weizenkorn, wenn
es gleich dahingestorben und in Fäulnis übergegangen, zum Aufleben bringen kann;
den, der Seelen wegzuhauchen Macht hat, alles, wie er will. Was er will, das
geschieht, was er gebeut, das steht da. Sein Blick ist Sonne, sein Wort
Erdenball. - Sein Wille, und es ist nicht mehr, was es war. Wer sich auf alle
Fälle bereitet, ist weise; wer sich einen einzigen Weg erzielt, wird oft durch
eine Kleinigkeit so zurückgesetzt, dass er nicht aus noch ein weiss. Richtet sich
der Lauf der Welt nach uns, und ist es darum schönes Wetter, weil wir nach Aten
fahren wollen, oder weil es im Kalender steht: klarer Himmel, oder weil wir ein
Weib nehmen, oder einem Freunde das Geleite geben und eine Ausfahrt machen
wollen, um dicht am Flusse ein Gericht Fische zu essen?
    Das Denken allein hat wenig Trost in sich; wer es aber versteht, was für
Kraft in der Rede liegt, wird auch wissen, sich alles aus dem Sinne zu reden,
was ihn niederschlagen kann, und sich selbst Mut zuzureden, wie es unsere in
Gott ruhenden Vorväter getan, die den nämlichen ungewissen Weg ohne Wegweiser,
ohne Grenzenmal gingen, der vor uns liegt. Der Herr, der Herrscher des Lebens,
der ihnen an Ort und Stelle geholfen, wird uns auch an seinen Ort stellen. Der
Tor klagt über das, so nicht zu ändern ist, der Weise sucht Bewegungsgründe, es
zu tragen. Das Ende liegt immer im Anfang, so wie der Anfang im Ende. Wir
werden, das heisst wir hören auf zu sein; wir sind, das heisst wir sterben. Wenn
wir gegessen haben, stehen wir auf, und wenn wir gewacht haben, gehen wir, wie
alles, was lebt und webt, zur Ruhe. Die Sonne geht auf und unter und der Mensch
ihr nach. Sich grämen, dass wir sterben müssen, heisst: sich grämen, dass wir sind.
Durch Philosophie, der man durch Ton und Geberde nachzuhelfen verbunden ist,
kann man den Tod besiegen. So kann man des Todes Bitterkeit vertreiben, und wenn
Not an Mann ist, selbst für Ehre und Vaterland sein Haupt hingeben, wie
Johannes sein Haupt zum Schauessen. Eine grässliche Melone auf der Tafel eines
Tyrannen! Nicht wer überwindet, sondern wer so viel tut, als er weiss und kann,
ist Held. Wohlan denn, lasst uns alle Kräfte zusammenraffen und uns anspannen, um
dem Tode, dem Fürsten der Finsternis, stattlichen Widerstand zu tun und das
Feld zu behalten. Unser Leben ist ein Quodlibet von Abwechselungen, ein
Apriltag, und wenn Toren es gleich für Mangel der Lebensart halten, an den Tod
zu denken, so haben doch von jeher kluge Leute Todesbetrachtungen als richtige
Proben eines gutgerechneten Lebens angesehen. Mensch, weisst du, ob du diese
Nacht schlafen, ob du je schlafen, ob du Lust zum Essen haben, fröhlich und
guter Dinge sein, Söhne oder Töchter zeugen wirft? Dass du aber sterben wirft,
dass dein Leben ein Ziel hat und du davon musst, weisst du gewiss oder kannst es so
wissen, als dass zweimal zwei vier ist. Aber selbst der Schnee auf dem Haupte
erinnert den Greis nicht an den Winter seines Lebens; es ist Hagel und
check, denkt er, so was fällt auch mitten im Sommer; der Himmel lasse nur
das Getreide ohne Schaden! Die Menschen denken vielleicht darum nicht an den
Tod, weil er das einzige Gewisse ist, und weil er sich von selbst versteht, das
andere alles aber mit auf ihrer Sorgfalt beruht. Nicht also, Freund! ein
hitziges Fieber, ein plötzlicher Tod kann zwar deine Vorbereitung stören, dein
mit Fleiss besäetes Feld in Unordnung bringen, allein auch beim Misswachs bleibt
dir Grund und Boden. Du kannst heute sterben, also lern es heute. Ein Seefahrer,
der dem Weltmeer entging, findet seinen Tod im Brunnen, aus dem er sich einen
Labetrunk schöpfen will. Den Riesen Goliat schleudert der Hirtenknabe David zu
Gottes Erdboden; jenen römischen Sieger trifft auf dem Wege zum Capitol ein
Dachziegel und er stirbt; Heliogabalus wollte so sterben als er gegessen hatte,
es ward ihm ein gewaltsamer Tod prophezeit und er liess sich köstliche Stricke
bereiten, goldene Becher zum Gift und einen prächtigen Turm zum Herabsturz;
allein siehe, seine Anstalten zum kaiserlichen Ende waren vergebens, sein
eigenes Blut war sein Leichentuch und die Tiber sein Grab.
    Der Tod hat eine Sanduhr in der Hand, die er verdeckt hält, wir sehen nur
die Sense, die er in der andern führt. Wenn wir gefasst sind, warum einen Blick
auf Sand in unserer Lebensuhr? Es fallen uns Tausend zur Rechten und Zehntausend
zur Linken, lasst uns also bereit sein und eine Nachtlampe anzünden, wenn wir
schlafen. Wir stehen auf Rechnung, lasst uns also in unserm Wirtschaftsbuche
alles unsträflich addiren, subtrahiren, multipliciren und dividiren, damit wenn
der Herr kommt, wir Credit und Debet sein haushälterisch vorlegen und auf das
Testimonium von ihm Anspruch machen können: Ei, du frommer und getreuer Knecht!
Wer mit Beständigkeit und Geduld in guten Werken trachtet nach dem ewigen Leben,
hat vom Herrn selbst sterben gelernt, und bedenkt dass es ein Ende mit ihm habe
und er davon müsse, dass das Leben einem Faden gleich sei, der in der Hand des
Webers so leicht abgerissen wird. Seht euch um, Lilien knicken, Eichen stürzen.
Ein kleiner Wurm sticht die schönste Blume, und manche wird, wie Cäsar, mit
dreiundzwanzig Wunden erstochen durch und durch. Ein Nebel fällt uns auf die
Brust und unsere Stätte ist nicht mehr. Wir müssen wirken, ehe die Nacht kommt;
wir müssen, wie alle Weisen es taten, sterben, ehe wir sterben; wir müssen uns
absondern und aus der Welt gehen, um unsere Seele zu retten; wir müssen uns
selbst auflösen, ehe wir aufgelöst werden, und so wenig den Körper, Fleisch und
Blut aufkommen lassen, dass wir je mehr und mehr geistig werden. Lasst uns,
Freunde, beim Tode uns nicht verwahrlosen. Wer bemüht sich nicht, sein Kind
gesund und unverwahrlost aus Mutterleibe zu ziehen? Wisst, unsere Seele wird
geboren, wenn wir sterben. Der Tod ist eine Niederkunft, eine Geburt zum andern
Leben, und es ist gut, auch auf diese Geburtsstunde und diese grossen sechs
Wochen zum voraus zu denken. Werden wir darum eher sterben, weil wir den Tod in
Erwägung nehmen, eher begraben werden, weil wir diese Gewichte, die uns zur Erde
ziehen, abschneiden? Willst du den Redlichen, der nach Gott frägt und nach sich
selbst, von der Welt entfernen, gib ihm den Rat, sich mit ihr zu verwickeln.
Gibt's eine grössere Aufforderung zum Memento mori-Orden als eben diese? Habt
nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wer sich selbst ein Vergnügen
entzieht, gewinnt; nur wenn andere es uns entziehen, verlieren wir. Der ist der
Glücklichste, der am wenigsten zu verlieren hat. Besitzen wir das, was wir über
ein Kleines zurücklassen müssen? Gott gibt alles und behält nichts; seid wie
Gott. - Jedweder geht den rechten Weg, der recht tut. Der Christ glaubt an
Christum, der göttlich auf Erden gewandelt hat, dergleichen Erscheinungen
glaubten auch unsere Väter. Sind nicht noch der Erde die göttlichen Spuren
anzusehen von diesem heiligen, göttlichen Menschen? Ueberall Gottes Fussstapfen.
Wenn Gott auf Erden kommt, was kann er anders als Mensch sein? Er begibt sich
ins Fleisch, in den Menschen. Der Mensch ist das beste Stück Zeug, wovon der
Allerhöchste sich ein Kleid machen lassen kann. Diogenes sah einen Knaben mit
der Hand Wasser schöpfen und warf den Rest seines Mobiliarvermögens, seiner
fahrenden Habe und Güter, seine Wasserschale dahin. Wer die Knie aufeinander
legt, kann ohne Tisch schreiben. Der Christ glaubt an Christum, wir an Gott, der
da ist und der da war und der da sein wird in Zeit und Ewigkeit. Sollte Gott
nicht verzeihen, wofür mein Fleisch und Blut, das ich von meinem Vater seligen
und meiner Mutter seliger geerbt habe, allein kann und nicht ich? Wenn ich nur
rechtschaffenes Wollen habe, das Vollbringen, steht es wohl in meinen Kräften?
Meine Seele kommt mit einer Bittschrift ein; der Körper, der sich nun einmal,
weil er in die Höhe geschossen und grossmächtig ist, auf den Tron geschwungen,
schlägt das Gesuch ab. Wenn ich das Supplikat nur recht von Herzensgrund
eingerichtet und weder am Formale noch am Materiale was versehen, der Herr König
Leib aber dem unerachtet den Kopf schüttelt, was kann das arme Seelchen dafür,
was kann es wider Tyrannei? Wenn ich wie ein Engel von der Toleranz spräche und
hätte der Liebe nicht, meinen christlichen Bruder gehen und stehen zu lassen, wo
und wie er Luft hat, und ihm sein Trostkämmerlein nicht ungestört zu vergönnen,
wär' ich nicht ein Mörder von Anfang und würd' ich wohl bestanden sein in der
Wahrheit? Ich bin Demokrit, der Christ Heraklit. Könige und Ketzermacher haben
beide lange Hände, selten ist mit dem Kopf bei beiden zu prahlen. Uebers Grab
weg, jenseits des Grabes ins Schwarze (dunkel ist zu wenig) reicht keiner mit
einem Finger, auch nicht mit dem Mittelfinger, obgleich er der längste ist.
    Unsere Sache ist leben und sterben, was drüber ist, ist vom Uebel, so wie
alles, was über Ja, Ja, Nein, Nein ist. Die christliche Religion und unsere
Religion hat durch die heilige Schrift ein Herz und eine Seele. Wer läugnet, dass
ohne Bibel wir, die wir alle an einen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden
glauben, lange nicht so weit wären als wir jetzt sind, wenn nicht Christi Lehre
so mancherlei in der Vernunftmoral aufgeräumt hätte, allein wer? - Doch warum
dieser Maulaffe von verfänglicher Frage? Göttlich ist, was von Gott kommt und
ewig bleibt, menschlich ist, was so fingerlang als das menschliche Leben ist,
eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind vorüberfährt, ist der Mensch nicht da
und seine Stätte kennt man kaum mehr. Worte haben dem Menschengeschlechte einen
unersetzlichen Schaden getan; am Ende sind Kriege, wo Blut fliesst, als wär' es
schlecht Wasser so gut Wortgezänke, als die Dispute der Gelehrten, die sich kein
Komma vergeben, wie die Monarchen keine Provinz, und wenn's auch nur der Name
davon in ihrem Vongottesgnadentitel wäre. - O sagt mir, Menschen, sagt mir,
damit ich einlenke, warum ihr so zittert und zagt, wenn's aus Sterben geht, wenn
man nur das Wort Tod ausspricht? Warum ihr im eigentlichen Sinn am Worte Tod
sterbet? Ist es das Leben wert, dass ihr darum siebenzig, und wenn's hoch kommt,
achtzig Jahre Leid traget? Wahrlich, die meisten Menschen leben nicht, sondern
betrauern das Leben. Wenn wir todt sind, leben wir nicht, warum sollten wir also
nicht bemüht sein, wenn wir leben, den Tod zu entfernen? Wie braucht ihr das
Leben, das euch so köstlich dünkt? Lebt ihr denn wirklich auch, wenn ihr das
Trauerkleid abgelegt habt? Die meisten Menschen wachen, damit andere schlafen
mögen; ihr lebt für andere, und so kurz und kostbar euer Leben auch ist, so
verkauft ihr es doch gern für wenige Gran Gold und Silber, die Erstgeburt für
ein schnödes Linsengericht. Warum also die Klage: kurz ist die Zeit, kurz sind
die Jahre? Hättet ihr Oekonomie studirt, ihr Lebensdurchbringer, ihr verlornen
Söhne, wahrlich, ihr würdet das Leben nicht zu kurz finden! Tiere werden älter
als wir, Bäume, die wir pflanzen, überleben uns und wir sind im Stande, uns ein
Grabmal aufzurichten, das stumm wie es da ist, zu seiner Zeit mehr von uns
anzeigen kann als wir selbst. Wie lange währt es nicht, bis der Eichbaum so
dicht wird, dass kein Nahrungssaft mehr durch kann, dass die Feuchtigkeit keine
Circulation mehr hat, die Adern zu Knochen werden und die Lebenssäfte
austrocknen? Beim Menschen geht's geschwinder, geschwinder werden seine Häute
Knorpel, seine Knorpel Knochen, seine Knochen Steine, wahrlich Leichensteine. -
Ich läugne nicht, dass aller Menschen Leben nur ein Tag sei. Dieser lebt einen
Winter-, jener einen Sommertag, dieser ein Aequinoctium, jener den längsten Tag.
Am Ende hat der, so in den Zeitungen steht, als habe er des Moses
Lebensschlagbaum aufgemacht und noch zehn Jahre drüber gelebt, und das kleinste
Kind einen Tag gelebt. Metusalem, da er starb, kam nicht in die Zeitungen,
darum steht er auch in der Bibel. Was wimmerst du, Unvernünftiger? Lebt auch
was, das nicht Vernunft hat? Du abbrevirst dein Leben wie Geschwindschreiber und
machst es so unleserlich, so ungestaltet, dass du über ein Kleines selbst nicht
klug daraus werden kannst. Die Natur ist nicht karg gewesen, allein du bist ein
Prasser. Wer kann dir das Maul stopfen, wer dich bereichern? Ein grosser
Lebensdurchbringer, dass dich Gott mit seiner milden Rechten selbst nicht reich
machen kann! Du dienst dem Publikum und vernachlässigst dich selbst; du sinnst
Tag und Nacht, um das Geld, das dein Nachbar hat, dir zuzuwenden, es sei durch
Handel und Wandel oder Diebstahl, das heisst durch grobes und subtiles Stehlen.
Und wenn du Meere durchkreuzt und gute und falsche Wechsel unter die Leute
gebracht und endlich alles in deine Scheuern gehäuft hast, was ist deine
Sammlung? Leben ist's nicht, das ist nicht feil in der Welt, du allein haft es
zu verkaufen. Bleibe im Lande. Fasse in deinen eigenen Busen. Nähre dich
redlich. Sieh, deinem leiblichen Bruder wird die Zeit lang. Der Tor, sagst du,
ohne zu bedenken, dass jener es in der Schlafmütze und du in Reisekleidern bist.
- Die meisten Menschen sehen ein, dass sie sich ums Leben betrügen, drum setzt
sich jeder sein Ziel. Wenn ich dahin komme, will ich Halt machen! Allein, du
Kornjude, heute wird man deine Seele von dir fordern und wer wird das Korn
mahlen, das du aufgemessen hast? Er ist in der Lehre geblieben, sagt man von
einem Menschen, der als Hauptmann stirbt und Feldherr werden sollte. Sind wir
nicht alle nur Hauptleute, wenn gleich nicht von Capernaum? Wie kannst du mit
deinem Leben so schalten? wie einen geliehenen Ring verschenken? Dem Staate, das
heisst, dem fürstlichen Schatz und deinem grünen Netze von Beutel, die Erstlinge
geben und Spreu für dich behalten? Kann man denn, wenn man alt ist, wieder in
Mutterleib gehen und geboren werden? Jeder Tag beim Menschen könnte ein Ganzes
sein, ein Leben in compendio. Wer nie solche ganz ausgeschlagene Tage, solche
Lebenstage gehabt, ist ein elender Mensch; wer wird ihn erlösen von dem Leibe
dieses Todes? Wir legen uns unter drei und vier Schlösser. Die Perlen für die
Säue, die Diamanten in ein Kästchen. Du lebst kurz, Mensch; allein ist ein
kleiner Mensch nicht ein ganzer Mensch? Wer an die Weisheit kommt, hat seinen
Lauf vollendet; wer tugendhaft ist, ist alt, ohne graue Haare. Unser Leben währt
siebenzig Jahre; wenn's hoch kommt, sind's achzig Jahre; der Tugendhafte lebt
drüber. Ein Tag ist bei Gott tausend Jahr und beim klugen Menschen wenigstens
ein Monat; je klüger, desto zeitsparsamer. Zwischen Pflanzen-, Tier-und
Menschenleben, welch ein Unterschied! Dieser hat sein ganzes Leben verspielt,
jener hat zwölf Procent in gutem, gangbarem, kassenmässigem und auf keinem
Abschlage stehendem Gelde gezogen; der hat den Homer gelesen, dieser da weiss die
Kometen auf Secunden zu berechnen, die Gottlob! mit der Erde jetzt gute Freunde
sind und so freundlich zu uns kommen, als kämen sie zum Gevatterstande. Nur
wenige haben zu dieser ihrer Zeit bedacht, was zu ihrem Frieden dient, und sich
die Fragen woher? und wohin? aufgeworfen. Das Leben ist eine Geschichte, wobei
man nicht nach der Länge, sondern nur frägt: wie sie ausgefallen? Wie lange wir
leben, steht nicht in unsern Kräften, wohl aber, ob wir gut leben. Mensch, klage
nicht über Lebenskürze, schicke dich in die Zeit, mache Pläne über deine Tage,
und wenn du dein Leben zu Ende gelebt hast, wahrlich, so kannst du ruhig
sterben. Und warum wünschest du denn länger zu leben? Sei weise, das heisst,
halte deine Zeit fest; ist sie indes mehr als eine ungetreue Schöne? Sie drückt
dir die Hand und lächelt dem Nachbar zu. Der Tod nimmt von jeder Minute die
Hälfte, von jedem Atemzug zieht er seinen Teil; wir werden jeden Augenblick
schwächer. Jede Minute geht ein Teil von dir; diesen Augenblick, sieh, wie das
Leben in einem tiefen Seufzer davon geht! Greifst du nach, was ist's? Schatten,
weiter nichts. Der grösste Lebensschoner kommt hier nicht ungeschlagen davon. Der
Genuss, wie schmeckt er? hast du ihn schon gekostet? Zum wahren, innerlichen
Zeugen, dass es mit diesem Leben nicht aus sein könne, ist noch etwas da, das auf
die Zunge beisst, das sie kitzelt und das wirklich Geschmack hat: die Hoffnung;
und die sollte zu Schanden werden lassen? Glücksgüter sind Zeitverlust, je
weniger wir besitzen, desto mehr Zeit haben wir. Jener Weise lachte, und jener
Weise weinte; das beste ist, weder lachen noch weinen, den Richtsteig halten und
mit ernster Heiterkeit wandeln. Gern leben und gern sterben, heisst: Gott
gefallen, denn unser Leben und Tod ist in seiner Hand. Wer nichts mehr zu hoffen
hat, stirbt gern, und es käm' auf die Probe an, dass uns der Arzt allen
Hoffnungsfaden abschnitte, vielleicht würden wir leichter sterben als jetzt, wo
sich alles unserer Lebensart oder Lebensgrille bequemt und uns mit Hoffnungen
schmeichelt. Wer hat Lust, die Probe auszuhalten? Die Aerzte machen feig; wenn
sie nichts täten, als Todesurteile publiciren: du stirbst, du, auch du, auch
du, wir würden Helden haben, in jedem Flecken mehr, als Tage im Jahre. Ein
Blindgeborner denkt noch sehend zu werden, und welch ein Unglücklicher hofft
nicht auf Glück? Wir bringen eine richtige Summe heraus, der Fehler steckt nur
in der Rubrik dieses und jenes Lebens; so was allgemeines ist von Gottes Finger
in uns hineingeschrieben, wir verstehen nur diese göttliche Schrift nicht recht
zu lesen. Ist es ein so gross Wunder über Wunder, dass sich die andächtigen
Zuhörer das Leben nahmen, da Hegesias die Mühseligkeiten dieses Lebens
beschrieb? Die Freude des Lebens, ist sie mehr, als leidlicher Schmerz, als
weinerliche Luft? Wir begrüssen die Welt mit Tränen, und wahrlich: Lachen, du
bist toll! Hegesias, du hattest halbe Arbeit, deine Zuhörer waren schon vor
deiner Rede überzeugt; weit mehr ist's bedenklich, dass sich eine lebendige Seele
über ein Buch, das ein Christ von der andern Welt geschrieben hatte, das
Lebenslicht ausblies. War es Neugier? Die Neugier ist's, wenn ich nicht irre,
von dieser Welt. Die Vernunft zeigt den Tod als was wünschenswürdiges, die
Sinnlichkeit als einen König der Schrecken. Nicht die viel denken, sondern die
viel tun, verpflichten sich mit dem Leben. Der Mensch lebt die meiste Zeit wie
das liebe Vieh, und noch öfter stirbt er so. Warum? Die Vernunft ist dem
Menschen gegeben, um Tod und Leben zu würzen und jedem von beiden seinen
Jahreszeitgeschmack beizulegen; sie besitzt die einfachen Hausmittel, die uns im
Leben und Sterben, wo nicht froh, so doch getrost zu sein lehren. Die Röte, so
sehr sie einnimmt, was ist sie? Tod oder Leben? Wer, wenn er sein Urteil über
das Leben abgeben soll, nicht hier und da eine schöne Stelle auswählt, sondern
über das Ganze urteilt, ist weise. - Was ist aber alsdann das Leben? Wenn es
köstlich gewesen ist's ein Lebensanfang. Der hat am schönsten gelebt, der am
meisten gedacht, wie er leben wollte. Jener Weise, welcher behauptete, dass Tod
und Leben eins und eben dasselbe wären, war nicht in der Lage, da man ihm den
Einwand machte: Warum stirbst du denn nicht auf der Stelle? Darum eben,
erwiederte er, weil Leben und Sterben einerlei ist. - Es stirbt sich, wenn man's
nur dazu anlegt, leichter, als es sich lebt. Lasst uns ehrlich sein; ist die Zahl
unserer Freuden nicht auf augenblickliche Intervalle eingeschränkt? Der rechten
Freuden, sag' ich. Dass wir so herzlich gern hoffen, beweist, dass an der grössten
Lust nicht viel sein könne. Die Menschen wünschen sich ohne End' und Ziel, weil
der Wunsch ein Keim der Hoffnung ist. Schon der Mechanismus tröpfelt Tränen in
den Wein unserer Freuden. Was ist der Mensch? Nackt kommen wir auf die Welt;
seht, andere Tiere kommen eingekleidet und bedürfen des Schneiders nicht; wir
Könige von Gottes Gnaden aber müssen die Tiere bestehlen, unsere Untertanen
mit Abgaben bedrücken, um Notdürftigkeiten zu bestreiten, die schwer auf uns
liegen. Vernunft, wozu braucht sie der Mensch? Dem Tiere das Fell über die
Ohren zu ziehen und sich zu bedecken, sich selbst und andern das Leben
abzugewinnen. Das Ziel der Vernunft ist, wenn sie einsieht, dass sie uns nicht
glücklich mache, dass wir überall damit anstossen, wie ein junger Mensch, der in
die grosse Welt eintritt. Je vernünftiger der Mensch ist, desto mehr zweifelt er.
Die Kinderjahre sind die schönsten, weil wir mit der Vernunft in ihren Schranken
bleiben. Gott, was ist der Mensch?
    Diese Welt ist ein Gefängnis, in das wir vielleicht wegen voriger Verbrechen
verbannt sind, ein Exilium, ein wahres Sibirien. Der Tod hebt diese
lebenswierige Festungsstrafe auf und lässt uns wieder auf freien Fuss. Freuden,
wenn sie nahe sind, erschöpfen sie nicht mehr, als der Schmerz? Bei der Hektik
kann man alt werden; ein dicker, vollblütiger Körper, wie schnell dahin!
Krankheit und Schmerzen kommen unverdient, selbst wenn wir ihnen recht mühsam
auszuweichen gesucht. Wer sein Leben lieb hat, verliert es; wer das Leben
genossen hat, stirbt gern, das heisst: wer dies Leben kennt, kauft es nicht. Ist
der Tod ein Uebel, ist er ein notwendiges Uebel? Ist es nicht eben so töricht,
sich zu grämen, dass man nur zwei Augen und zehn Finger hat, als dass man sterben
muss? Was nicht in unserer Gewalt ist, sollte dies uns wohl beunruhigen? Man kann
es uns nicht leichter machen, als wenn uns gleich zu Anfang, ehe wir noch Hand
ans Werk legen, gesagt wird: Das ist über euch.
    Der Tod ist bitter? Vielleicht den Umstehenden, dem Sterbenden nicht. - Bist
du denn schon gestorben, dass du die Bitterkeit des Todes auspunktirt hast? Ich
habe es an Sterbenden gesehen, sagst du, ich habe es von Scheidenden gehört. Von
fremden Leuten deinen Tod? Und war es der Tod, von dem sie dich unterrichten
konnten? War es nicht das Leben, über das sie wehklagten? Man tut dem Tode
Unrecht, dass man ihn bitter beschreibt; wer hat die Ehre, ihn zu kennen? Ein
Cholerischer will schnell fort, ein Phlegmatischer will absterben und nicht
sterben; allein in allen Fällen hat nicht der Tod, sondern das Leben die Hektik,
Schlagfluss, Krämpfe, Gichte, Beklemmungen. Der Tod hebt diese Uebel und schlägt
diese Lebensfeinde in die Flucht. Der Held! Wenn dir keine böse Handlung in der
Brust sticht, sei unbekümmert; warum willst du fürchten, was so und anders sein
kann? Die Braminen sehen auf die Nase und weissagen. Wenn man lange auf einen
Punkt sieht, ists einem so, als sähe man nichts. Seht auf das Unrecht, das man
euch in der Welt tut, auf den Acker, den euch der reiche Nachbar abgrenzte, auf
eine Batseba, um die euch ein Wollüstling betrog, auf die Zwanzig, die euch ein
Verschwender von eurem Hundert in seinem Concurs darreichte. - Braucht ihr mehr,
um gern zu sterben?
    Suche, Freund, ein gut Gewissen zu behalten, beides gegen Gott und den
Menschen, und wahrlich, ich sage dir, du wirft selig sterben, auch ruhig, wenn
dir das Leben es zulässt; es wird wohl so gut sein. - Ein gut Gewissen ist ein
probates, schlafbeförderndes Mittel. Das Gegenwärtige hat seinen unläugbaren
Reiz, denn es ist etwas Gewisses. Da aber das unsichere Gegenwärtige kaum der
Rede wert ist, was tut denn die Gewissheit dazu? Die Alten brauchten den Tod
zur Aufmunterung. Es sollte noch auf allen Grabmälern stehen: Sei getrost,
Wanderer, geniesse das Leben, denn es ist kurz! Wer den Tod zuerst als ein
hässliches Gerippe vorstellte, war gewiss ein junger Maler, der seine Geliebte
verloren hatte. Die Griechen malten ihn als einen Engel, und wahrlich, er ist
ein Engel, ein Bote Gottes zur Ablösung. Der Tod ist die grösste Gabe des
Höchsten; den Seinen schenkt er den Tod. Jene fromme Mutter, die ihre beiden
Söhne, vor einen Wagen gespannt, in den Tempel zogen, bat die Götter, diese
fromme Handlung mit der besten Gabe zu lohnen; den Morgen fand man beide im
Bette in den Tod eingeschlafen. Tod und Schlaf sind Kinder von zwei Vätern und
einer guten Mutter. Ist es nicht gut, dass die Fesseln sich abnutzen und wir
endlich aufhören, Rudersklaven zu sein? Der Tod ist der letzte Auftritt in der
Reihe der Stufen; wir sind schon bis auf den letzten Tritt todt, ehe wir
sterben.
    Die Liebe duldet alles, allein sie hofft auch alles. Wie wohl wird uns sein,
wenn wir unter dem Lindenschatten des Tages Last und Hitze vergessen und uns von
der Arbeit erholen werden; wie wohl, wenn wir von den Ungerechtigkeiten der Welt
noch ans Tal Josaphat die Appellation einlegen und sie geltend machen! Was der
Tod dir rät, ist wohlgeraten. Der Leichenstein ist der wahre Stein des Weisen.
Auch die Sehnsucht nach dem ewigen Leben wird befriedigt werden. Unser
Heisshunger nach Existenz ist Gottes Hauch - sei getrost. Ja, wenn die Ursachen
keine Wirkungen und die Wirkungen keine Folgen hätten, ja, wenn! Ja, wenn das
Leben dir nicht so viel Vordersätze darreichte, aus denen du den unläugbaren
Schluss zu ziehen im Stande wärest von einem unsterblichen Leben, das dort dein
sein wird, ja, wenn!
    Wir werden leben, wir werden wiederkommen und zum Tode sagen: Tod, wo ist
dein Stachel? Das Principium des Lebens, ist es nicht die Seele? Der Körper, die
Materie, ist todt, und sollte dies Lebensprincipium nicht ohne die Materie
besser, gemächlicher, als mit ihr sein und leben können? Was ist Gott, was seine
Welt; was sind wir, was das Gewissen in uns, wenn die Zeit Summa Summarum
unseres Seins ist? Wer will nicht mehr, als er kann? Wer wünscht nicht, wer
hofft nicht? Die Essenz des Lebens ist Wunsch und Hoffnung. Wir ehren jeden
Mann, der so wenig Bedürfnisse hat, und halten den Genuss, die ganze Sinnlichkeit
für etwas, das unschicklich ist. Unsere Talente selbst, was lässt sich nicht von
ihnen erwarten? Was ist nicht schon erfunden, und das Reich der Möglichkeit, wer
kennt seine Grenzen? Ich erstaune, wenn ich die Geschichte mir über tausend
Jahre denke. Sollte uns Gott geschaffen haben, um unserer zu spotten? Monarchen,
und auch Salomons unter ihnen, brauchen lustige Räte. Wie? das höchste Wesen
sollte Menschen zu solch einer Absicht - oder im Zorn sollte Gott den Menschen
gemacht haben, wie einige Gottschänder gewähnt? Und was ist selbst leichter zu
denken, dass wir bleiben oder dass wir aufhören werden? Wer ist, der sich nicht
nach Unsterblichkeit sehnt? Und diese Sehnsucht sollte wie Spreu zerstreut
werden? Die meisten unserer Brüder sterben gemeinhin in Fragezeichen, einige in
Verwunderungszeichen, viele in Komma; wer stirbt im Punktum? Und sollte der
Mensch seinem Oberherrn trotzen können, sollte er, wenn es ihn gut dünkt, in der
Welt Brand stiften, alle Kinder, die jährig und drunter sind, in Betlehem
morden lassen und sodann flüchtigen Fuss setzen können, ohne dass ihm Steckbriefe
nachgesandt werden können, ohne dass er einzuholen und zu bestrafen ist? Ist
Tugend und Laster ein und dasselbe Ding, und soll die Tat im Stillen, die Gott
nachahmt, unerkannt und unbelohnt bleiben? Wo dann die Bewegungsgründe zu diesen
göttlichen Taten? Und wann würde ich aufhören zu fragen, wenn der Tod ewiger
Tod, ewige Verdammnis zur Vernichtung wäre? Zwar, wenn wir erwägen, wie der
Mensch auf die Welt kommt, sieht es doch fast so aus, als ob man Menschen säen
könnte. Wie der Hausvater sich Federvieh schafft, so der Monarch Untertanen;
jener legt Eier unter die Henne, dieser schliesst seine Wolken auf, lässt Freiheit
und Überfluss in seinen Staaten regnen, und siehe da, es wird! Ist aber dieser
Gang der Natur, so unbedeutend er anscheinet, nicht eben darum göttlich? Der
Mensch kann alles und kann nichts. Die Natur sängt im Kleinen an, allein wie
weit ins Grosse geht sie! sie springt nicht, sie geht mit bedächtigem Schritte.
Was sind wir, wenn wir auf die Welt kommen, und was, wenn wir hinausgehen, und
zu was sind wir dann nicht aufgelegt? Wir sind geprüft, geläutert und bewährt.
Es gibt Tugenden, die nicht anders als in einem niedrigen, schattigen Tal auf
dürrem Boden wachsen können; darum die Welt, und darum auch die andere. Es kann
alles aus uns werden, was Gott will; zwar wissen wir's nicht, wir glauben es
nur. Die Vorsicht hat weise, grosse Absichten in diesen Schleier der Ungewissheit
gehüllt; allein brauchen wir mehr als Wahrscheinlichkeit? Wir sollen nicht in
der Welt die Hände in den Schoss legen. Welch eine andere Wendung würde die Welt
gewinnen, wenn wir auf einmal wüssten, was wir hoffen? Würden wir noch einen
freien Willen behalten, und würden wir nicht nur bloss so fromm und gut sein, als
wir jetzt uns gerade halten? Die Christen wissen es gewiss, wie sie sagen, dass
sie bleiben werden; allein leben sie wohl so, als wüssten sie mehr davon als wir?
So etwas muss das Leben ausweisen. Wenn die Lehrer des Volks selbst
Erscheinungsgeschichten, die sich nicht aus den Wochenstuben herschreiben,
hören, wie fahren sie in einander, wie erschrecken sie! Ich will den ehrlichen
Kerlen unter ihnen keinen Vorwurf machen; wenn sie es aber so gewiss wüssten, als
selbst ihre hiesige Existenz, würden sie nicht anders leben, weben und sein?
Würde man aus diesem Leben wohl so viel auf den Kanzeln machen? Wer untersteht
sich, an heiliger Stätte einem Fürsten, einem Kirchenpatron etwas anderes, als
aus dem alten Testament und der vierten Bitte, zu wünschen? Arme Leute werden in
der Nutzanwendung mit dem Himmel getröstet, überhaupt ist die andere Welt, auch
bei unsern herzlich geliebten christlichen Brüdern, bloss Trost, dieses Leben
aber - o was ist es nicht alles? Zuweilen kann man sich nicht entbrechen, an die
himmlische Freudenkrone zu denken; allein man setzt wohlbedächtig hinzu: nach
späten, urspäten Jahren.
    Hören wir auf, was haben wir zu fürchten? Zwar auch nichts zu hoffen, allein
wenigstens doch kein Klagelied. Wo warft du, ehe dir zum Menschen die Vokation
ins Haus geschickt ward? Ein nicht Geborner und Gestorbener, sind die weit
auseinander? Wie viel Gründe aber zur Wiederkunft! Das Laster allein fürchtet,
die Tugend sitzt der Hoffnung im Schoss.
    Das Grab, Freunde, ist eine heilige Werkstätte der Natur, ein Formzimmer;
Tod und Leben wohnen hier beisammen, wie Mann und Weib; ein Leib sind sie, Eins
sind sie, Gott hat sie zusammengefügt, und was Gott zusammenfügt, soll der
Mensch nicht scheiden. Eine Handvoll Erde ist eine Handvoll Welt. Schaudere
nicht vor der Verwesung. Das Weizenkorn fault und wird ein hundertfältiger Halm;
alles muss sterben, was zum Licht und Leben herausbrechen soll. Dies Erdenall,
dieser Erdenball hat alles, was schön und gut ist, erzeugt und ernährt; er ist
das Herz, unter dem jedes gelegen, die Brust, die jedes gesogen. - Die Erde ist
des Herrn; fast sollte man glauben, dass es des lieben Gottes Lustschloss, sein
Sanssouci sei, so gut ist's auf ihr, oder so gut könnte es auf ihr sein. - Nimm
doch diesen Staub in die Hand, vor dem du bebst; es ist Bein von deinem Bein.
Aus Erde sind unsere Windeln und unser Leichentuch. Wir werden, was wir waren.
Die Goldkörner, die letzten Körperteilchen, das eigentliche Saatgetreide, ist
aufgespeichert und wird zu seiner Zeit schon vom lieben Gott wieder ausgestreut
werden auf einen schönen Acker. Die Natur ist das perpetuum mobile, sie steht
nicht still, sie wirkt Leben im Tode, Tod im Leben schön durcheinander, dass es
eine Lust ist anzusehen, dem, der ein Auge dazu hat. - Der Geist ist in Gott, in
dem er lebt, webt und ist. - Das Schlechtere vom Körper, das sich die Würmer so
gierig zueignen - Mensch, trauere nicht - es wird nur abgezogen, vom Felde in
den Garten verpflanzt, wo es so lange verpflanzt und gepflanzt wird, bis -
    Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Du, mein Geist, der du
dein bewusst bist, du, der du dich selbst anredest, du Funke Gottes in dieser
stockfinstern Erde, du Funke, an dem sich jeder das Licht anzündet, das in
seinem Hause brennt, was warst du, ehe dir dieses Kleid zugeschnitten, ehe es
dir umgehangen ward, und was wirst du sein, wenn du dieses Regenkleid, diesen
Schlafrock, wenn's köstlich gewesen, ausziehest, oder wenn er, aus Alter
unbrauchbar, wie ein zerrissenes Gewand abgeschüttelt wird? Von wannen kommst
du? Wohin fährst du? Woher? Wohin? finster vor und hinter dir. - O ihr
entkleideten, ihr nackten Geister, die ihr vielleicht dies Selbst-, dies
Seelengespräch angehört, redet drein: sagt, wo seid ihr? Wisst ihr, dass ihr seid,
dass ihr waret, dass ihr sein werdet, und sein so oder anders in Ewigkeit? Seid
ihr es, die in uns wirken, wenn uns ein heiliger Schauer durchbljetzt? Nicht von
Hautschauer, sondern von Seelenschauer rede ich. Wollt ihr etwa den Geist
warnen, wenn ihr der Seele, des Geistes Busenfreunde, winkt, da ihr an seinem
Körper anpocht? - Nur herein, ihr guten Geister, herein! Näher - weg seid ihr!
Diese Ebbe und Flut des Bluts, was will sie? Solch ein Seelenschauder,
Todesvorschmack, wozu? Es ist wahr, es geht durchaus und durchall; allein ich,
hoffe ich, werd's vollenden. Was ist der Tod? Selige Geister unserer Vorfahren,
die ihr vor uns waret und mit eben der Neugierde, wie wir, euch nach Nachrichten
aus der andern Welt sehntet, sagt uns, gebt uns ein Zeichen: was ist der Tod?
Hebt euer Incognito, bittet Gott um diese Erlaubnis. Wir haben nicht Mosen und
die Propheten, die wir hören können; wir wünschten, dass einer von den Todten
aufstände. O du, mein eben entschlafener Freund, wache auf, der du schläfst,
stehe auf von den Todten, entdecke mir, wie dir war, wie dir ist, womit du dich
beschäftigst. Der Christ ist musikalisch in der andern Welt, der Muselmann
wollüstig lüstern, wir sind drüben so einfältig, als man nur einfältig sein
kann. Wie? frage ich, nicht: ob? ist meine Frage; doch auch diese Frage und alle
meine heiligen Fragstücke sind wilde Reben der Wissbegierde, sind vorschnelle
Sprösslinge meiner Einbildungskraft, welche die Vernunft, wo nicht gänzlich
wegzuschneiden, so doch zu verkürzen verbunden ist. Freunde, lasst uns in die
Hände Gottes fallen! Warum sorgt ihr für euer künftiges Schicksal? Gott, euer
himmlischer Vater weiss, was ihr bedürfet. Ob Leben oder Tod, ob Tag oder Nacht,
sorget nicht. Ist es nicht genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe? Es wird
alles gut werden. Leben ist eure Sache, Sterben gleichfalls, was drüber ist,
bleibt über euch, Freunde. Was euch nicht angeht, davon lasst euren Vorwitz.
Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, das ist
das Grundgesetz in Gottes Staat, und das andere wird euch von selbst zufallen.
Lasst alles gehen, wie Gott will, lasst die vier Winde über euern Staub sich in
Anspruch nehmen, lasst die vier Gegenden darum streiten, lasst den eichenen Sarg
euer Fleisch an Dauer übertreffen, was kümmern euch solche Kleinigkeiten. Wir,
die wir nicht in die Sonne sehen können, wollen Gott sehen; wir, die wir den
Mond nicht bespannen können, wollen Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit
behügeln und begrenzen, wir, die wir die Fixsterne nicht zu zählen verstehen
(Mensch, kannst du sie zählen?), wollen die Ewigkeit messen und eine Schlaguhr
für sie meistern!
    Wer kennt den morgenden Tag? Und doch will man einen Kalender über
Ewigkeiten schreiben? Der Anfang und das Ende dieser Welt sind uns Geheimnisse
und wir glauben einen Massstab für die Himmel der Himmel zu besitzen. Hat der
Christ einen nähern Weg als wir? Gut für ihn! Unsere Bahn ist die Landstrasse,
diese Bahn ist plan und natürlich. Im Glauben kommen wir mit dem Christen
überein, als wenn wir unter einem Mutterherzen gelegen hätten, nur sein Glaube
hat ein ander Feld, als der werte unsrige. Wir wollen so leben, als könnten wir
eine andere Welt sinnlich machen, so fingersinnlich, als dass zweimal zwei vier
ist, als wären wir wie die Christen bis in den Himmel entzückt gewesen. Denn
fragt euch selbst, Freunde, wenn auch euer Mut an der andern Welt zweifelt, um
eure Kunst in Zweifeln zu zeigen; als ob's Kunst zu zweifeln wäre? Was sagt euch
euer Herz? - Will ich denn, dass ihr einen Riss von der Stadt Gottes, vom
himmlischen Jerusalem entwerfen sollt? Es ist mir genug, wenn ihr nur alle
menschenmögliche Wahrscheinlichkeit für die andere Welt findet.
    So gut leben, dass, wenn eine andere Welt, schön wie die Sonne, aufgeht,
unser Bürgerrecht in derselben gewisser, wie Brief und Siegel ist, das heisst mit
andern Worten: der andern Welt würdig sein. - Je besser der Acker, desto mehr
Unkraut. - Vorwitz ist unechtes Kind des menschlichen Verstandes, eine Anlage
zur Vorschnelligkeit, eine Krankheit des Scharfsinns, ein helles Glöckchen in
der Torheitskappe. Wir wollen uns entschliessen, wie einer unserer Vorfahren, zu
bekennen, dass wir nichts wissen, dass wir hier und da Wahrscheinlichkeiten haben;
allein im Tun komm' uns niemand zuvor. Weder Wagehälse, noch Wageköpfe taugen
viel.
    Der Ausdruck: seine Seele in Händen tragen, heisst, wenn ihn die Philosophen
brauchen, so viel, als gute Gestus machen. Wir wollen uns weniger um das Für und
Wider, diese oder jene Meinung bekümmern, als bereit sein, es komme, was nur
wolle, dass Oel in unserer Lampe sei. Gott wird uns richten, nicht nach unserm
Wissen, sondern nach unserm Tun, je nachdem wir die Winke befolgt, die uns zum
Guten aufforderten, je nachdem wir die Keime gepflegt, die er in uns gepflanzt
hat, je nachdem wir nicht, wider unser Gewissen, die Leute mit allerlei
Schwindelei der Lehre hinter das Licht geführt. - Weg mit Sophisterei, weg aber
auch mit dem Dichterlaub, das höchstens vor dem brennenden Sonnenstrahl und
einem Regenschauer sichert. Ein starkzweigiger Stamm soll aus uns werden, der
dem auswurzelnden Organ stattlichen Widerstand leistet, dessen zur Erde sich
neigende Aeste Wurzel fassen und der ein Abraham, ein Stammvater eines ganzen
heiligen Hains wird. - Wissen macht schwach, Tun stärkt, festigt und gründet.
Tätige Menschenliebe ist eine Silhouette von Gott, dem Herrn. Der Anblick des
Glücklichen macht froh, das Bewusstsein, einen glücklich gemacht zu haben, macht
selig. Tat ist das Mass der Zeit; Tod und Sünde ist eins. Die personificirte
Bosheitssünde ist der Tod, das, was wir gemeinhin Tod nennen, ist nicht der Tod.
Ich bin der festen Hoffnung, es sei Geburtsschmerz, was wir Tod nennen, und
gebären nicht die schwächlichsten Werkzeuge unter den Menschen?
    Gutes tun, heisst Leben. Auch der Niedrigste hat seinen Geburtsbrief (seinen
Taufschein würde ein Christ sagen) von Gott. Lasst uns die Mutterhand der Natur
küssen, welche uns einige unserer Brüder und Schwestern, so voll Zutrauens, zur
Aufsicht und Pflege überlässt, die uns die ihr zustehende natürliche
Vormundschaft abtritt; lasst uns dieser so gütigen Mutter nachahmen, Gutes zu
tun nicht müde werden und durch so unzählige mittlere Zwecke hindurch zu einem
einzigen, letzten, grossen Endzweck arbeiten, das heisst, die höchste nur mögliche
Wohlfahrt des ganzen menschlichen Geschlechts befördern. Vorwärts ist Bahn! -
Gesetzt, wir erreichten nicht das Ziel; ihm nahekommen heisst: es erreichen. Das
Aergste, was wir zu fürchten haben, ist, dass wir im Tun bleiben; das ist besser
als in der Lehre. Man sollte allen Subtilitätenkrämern das Handwerk legen, es
sind die ärgsten Zeitverderber in der Welt; sie gewinnen uns die Zeit ab, wie
die falschen Spieler das Geld.
    Strebt der Sonne entgegen, Freunde, damit das Heil des menschlichen
Geschlechts bald reif werde! Was wollen die hindernden Blätter, was die Aeste? -
Schlagt euch durch zur Sonne, und ermüdet ihr, auch gut, desto besser lässt sich
schlafen.
    Eine wohlgesetzte Rede ist nie zum Behalten eingerichtet, man will sie ganz,
und hat nichts; es ist ein regelmässiger Garten, wo es recht hübsch und fein
aussieht, allein was kannst zu heimführen? Blumen? Blumen in der Hand, von der
Wurzel gerissen, was sollen die? Nimm den ganzen Garten mit, was hast du? Ein
ganz richtig gerechnetes Exempel zusammt der Probe. Wildnis, Berg und Tal, aus
dem Vollen gehauene Gänge, Parke, die machen Eindruck und lassen ihn auch. So
vortrefflich unordentlich war diese Rede. Es war kein Kunst-, sondern ein
Naturstück, und was ist, pflegte mein Vater zu sagen, was ist es denn, das die
künstlich gezogene Wortschleusse und die daherrauschenden Fluten des Redners,
die alle an seinen Text schlagen, erzeugen? Schaum, und wenn auch eine Venus
daraus würde; nicht jedem ist mit dieser Schaumgöttin gedient. - Was ich meinen
Lesern von der Wildnissrede gegeben, sollte eine Nachfolge des Originals sein;
ich wollte nicht den Hauch der Natur von der Pflaume wegwischen, sondern so wie
sie da ist, mit diesem Naturatem, der mir wie ein Heiligenschein vorkommt,
wollt' ich sie - da ist die rotbackige Birne ungeschält, die Baumwolle auf der
Pfirsich, der Sammt auf der Aprikose, Blatt und Stengel obenein. - Was meint
ihr, Freunde, hätt' ich besser getan, alles in Ordnung zu stellen und zu nehmen
und zu geben, mit Allerseits anzuheben, mit Dixi zu schliessen? - Ich mag nicht,
sagte mein Vater, freie Gedanken in die Festung bringen, obgleich er ein
Königscher, ein Monarchenfreund war. - Doch ich bin ausser dieser Rede noch eine
reine Lehre schuldig. Und freilich hätt' ich diesen Pfirsichen-, Aprikosen-und
rotbackigen Birnennachtisch weit füglicher bis ans Ende versparen und da erst
zum Besten geben können und sollen; wer kann sich aber helfen? Dafür werd' ich
auch nichts nach diesem christlichen Exercitio exploratorio abkanzeln, noch eine
Kinderlehre für die Kunstrichter anstellen.
    Es trat ein Mädchen auf. Allerliebst! Nicht mit fliegendem Haar, als ständen
sie ihr zu Berge, nicht mit einem Gewande, als wär' es vor dem Winde nicht
sicher, nicht mit einer hin- und herfahrenden, vorspiegelnden Hand, mit Augen,
als wollte sie einfädeln, um uns nur etwas aufzuheften - sondern mit einem fest
an den Leib gegossenen weissen Kleide, einem schwarzen Kranze vor der Brust - ihr
Haupt mit einem Schleier bedeckt, zwar auch fest, doch liess er zuweilen nach.
Das Auge schweifte nicht aus, allein es blickte inbrünstig gen Himmel und
zufrieden auf Gottes Erde. Die Hände, die meiste Zeit gefalten, oft aus Herz
gelegt, das aus Empfindung in die Höhe kam und sich zu Gott wölbte.
    Das Ende krönet das Werk und zeigt den Unterschied dessen, der Christum
angezogen hat, und dessen, der im Blossen geblieben und höchstens einen
Regenschirm für allerlei Wind und Wetter in seine Rechte genommen, welcher aber
zur Zeit der Trübsale gemeinhin die Flügel sinken lässt und abfällt. Nur Christus
hat Leben und unsterbliches Wesen an das Licht gebracht, die Dunkelheiten der
Weisen zerstreut und selbst die finstere Nacht des Grabes ins helle Licht des
Evangeliums gesetzt. In ihm war das Leben und das Licht der Menschen. Der Tod
ist für den christlichen David der Riese Goliat; er geht ihm nicht mit Schwert,
Spiess und Stange, mit weltweisem Panzer und blank geputzter glänzender Rüstung,
mit spitzigen Sentenzen und kriegslistigen Fragen, sondern mit kleinen Steinen
entgegen, und, wenn er ihn glücklich geschleudert hat, nimmt er sein Haupt
gefangen, und es heisst von ihm: Wenn Sokrates tausend geschlagen, der Christ
habe zehntausend überwunden und das Feld behalten. Halleluja! Tod, wo dein
Stachel? Hölle, wo dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat
durch unsern Herrn Jesum Christum! Wer vor Gott wandelt, wer seine Seele und
seinen Leib unbefleckt bewahret, nach dem vorgesteckten Ziele läuft, wer heilig
lebt, weil Gott heilig ist, der stirbt selig; wer dem Herrn lebt, stirbt ihm
auch.
    Die ersten Christen versammelten sich, aus Furcht vor den Verfolgern, auf
Gräbern zum Gottesdienste; und wie schön klingen Todesglocken dem, der zu
sterben versteht. Kein Deist hört gern läuten. Zwar hat der liebe, grundgütige
Gott für alle Menschen gesorgt, für Christen sowohl als für Nichtchristen. Die
Unchristen und Antichristen sollten, wenn sie Gelegenheit haben, sich dem
Christentume einzuverleiben und einzuverseelen, die Einladungen nicht
verwerfen, sondern sich den Kopf waschen lassen, wodurch das Herz mit rein wird.
Was hilft die reine Vernunft, wenn das Herz nicht rein ist? Nur die, so reines
Herzens sind, werden Gott schauen. Mensch und Christ sterben; allein der Christ
ist eigentlich der Lehnsträger, der Gutserbe, der eigentliche Sterbliche; man
kann nur von ihm sagen, dass er geboren werde und dass er sterbe. Der Unchrist ist
ein Mensch, als wollt' er Mensch sein; der Christ ist alles wirklich, was er
ist.
    Sankt Paulus spricht zu den Ephesern, im vierten Kapitel, im siebzehnten und
achtzehnten Verse: So sage ich nun und zeuge in dem Herrn, dass ihr nicht mehr
wandelt wie die andern Heiden wandeln, in der Eitelkeit ihres Sinnes, welcher
Verstand verfinstert ist, und sind entfremdet von dem Leben, das aus Gott ist,
durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, und durch die Blindheit ihres Herzens.
Der Körper war da, noch ehe Christus kam, das heisst: es fehlte nicht an
prächtigen Worten, allein der Geist fehlte; da blies uns Christus an und sprach:
Nehmet hin den heiligen Geist! Der Christ ist das Geschöpf, das Gott, wenn ich
so sagen soll, am sechsten Tage schuf, um die Lehren der Heiden und Juden und
alle Schriften, geschrieben von auserwählten Menschen, zu benutzen und den
todten Buchstaben zu beleben, und aus einem Gebeinhause eine Himmelswohnstube zu
machen. Der Christ hat den Schlüssel zu den fünf ersten Tagen und ist ein Herr
des unvernünftigen Viehes, das auf dem Bauche oder auf Vieren geht, oder fliegt
oder - Der Heiden Tugenden sind, nach dem Ausspruch des heiligen Augustinus,
glänzende Sünden, und ihr Tod ist ein Armessünderende, wo immer viel geredet
wird. Christus hielt keine Reden, wie Sokrates, da er starb; ihm schrieb kein
Plato die Predigt nach - der Herr der Natur starb natürlich. Alles zusammen, mit
sammt dem Testamente, bestand in sieben Worten. Eine schöne Zahl! Lasst uns die
Sache beim rechten Ende fassen. Der Mensch mag es machen wie er will, es finden
sich Lebensstellen, wo er offenbar zu kurz kommt; er kommt nicht aus und macht
einen Concurs, wo Gott, er und sein Mitmensch classificirt werden, wo es überall
heisst: Soll haben, hat nicht; soll bezahlen, kann nicht. Wir können uns zwar vor
den Blicken der Welt verbergen; allein der Furcht, verraten und verkauft zu
werden, wer kann der auf Flügeln der Morgenröte entfliehen? Und wenn wir der
Welt entkommen, sind wir uns selbst entflohen? Der Hauszeuge ist in den
Gerichtshöfen verdächtig; allein das Gewissen ist unbestechbar und so erhaben,
dass man ihm auch nichts einmal anzubieten wagt. Verschliesse dich wie du willst,
das Gewissen begleitet dich; es schläft und schlummert nicht, es geht nicht über
Feld, und was das ärgste ist - es hat ein göttliches Gedächtnis. Das Gewissen
ist Gottes Unterrichter, es eröffnet dir in jeder dir selbst gelassenen Stunde,
du seist ein ungerechter Haushalter; du hättest mehr tun sollen, weil du mehr
tun können; du hättest gesündigt im Himmel und vor ihm und wärest nicht wert
der göttlichen Natur, nicht wert ein Mensch zu sein. Schäme dich, sagt es dann,
und sammelt feurige Kohlen auf dein Haupt. Wohl dem, der diese Kohlen zum
Fegefeuer anfacht! Wohl dem, der zu dieser seiner Zeit bedenket, was zu seinem
Frieden dient, und dass er in eine Gegend gehe, wo er nicht mehr mit seinem
Bruder auf dem Wege ist und wo es angeschrieben steht: Du kannst hinfort nicht
mehr Haushalter sein. Was nun?
    Die meisten Handlungen, Freunde, sind darum gut, weil man sie sich viel
böser denken kann. So wird das Spiel als eine erlaubte Sache gepriesen, weil es
besser als Schmähsucht und Zungentodtschlag ist. Priester und Leviten der
Vernunstreligion stehen mit Lebensbalsam, mit Gewissenskühlungen, mit
Herzstärkungen aus; allein wenn's zum Sterben geht, hilft kein Seelenkraut und
Pflaster, das Wort Gottes allein heilet. - Jeder unrichtige Gedanke, jedes
unnütze Wort ist verantwortlich. Wie schrecklich wahr ist dies Gesetz der sich
selbst gelassenen Vernunft! Wo fliehet sie hin in diesen Seelennöten?
    Wohl mir, dass ich ein Christ bin! Wenn ich alles getan habe, was ich zu
tun schuldig war und was ich nur tun konnte, bin ich zwar noch immer ein
unnützer Knecht, dem noch viel fehlt; allein welch ein Trost für mich im Leben
und Sterben, dass Christus lebte und starb! Er hat Gott, dem Schöpfer der
Menschen, im Leben und im Sterben den ganzen Wert der Menschheit in hoher
Person gezeigt; er hat ihn uns dargestellt, und wenn, nach dem äussersten
Bestreben, zu werden, wie Jesus Christus auch war, Unvollkommenheiten vorfallen,
bitten wir Gott, dass er nicht uns, sondern die Essenz der Menschheit, das Ideal
menschlicher Tugenden, anschaue, und in ihm, in diesem grossen Muster, uns
sündige Geschöpfe; und dass er uns gnädig sei und barmherzig und von grosser Güte
und Treue.
    Der Mensch ist göttlichen Herkommens, göttlichen Geschlechts. Aller dieser
Verwandtschaft, wie unwürdig sind wir ihr im Fleisch durch die Sünde! Heil uns,
dass unsere Natur einen Repräsentanten hat, in welchem Gott uns und wir Gott
sehen. Christus ist der Erste in der Menschenfamilie, der Chef des menschlichen
Geschlechts, der zweite Adam, der uns den Weg wies, eine verlorne Festung
einzunehmen und wieder ins Paradies zu kommen, wo keine Schildwache mehr steht.
Er ist der Erstgeborne, denn Adam aus dem Paradiese war nicht geboren, sondern
aufgehaucht. Ausser diesem Verdienstlichen, welch ein Muster im Tod ist sein Tod?
Sein Leben sei mein Leben, sein Tod der meinige. Wer starb so, als dieser Fürst
des Lebens? Das Muss des Weisen ist so wenig trostaltig, dass er sich vielmehr
wieder frägt: Warum muss ich? Wenn ich den Schmerz verbeisse, leid' ich nicht, ich
stosse zurück, was heraus will. - Und da der Nichtchrist ungewiss ist, ob sein
Lebensziel nicht auch sogleich sein ganzes Ziel sei, wie sehr ist er ein Knecht
seines ganzen Lebens, ein Knecht von der Stunde des Todes! Alle Pulsschläge
schlägt sich der Gedanke auf: nicht etwa diese Nacht, sondern diese Stunde,
diesen Augenblick kann man, nicht etwa bloss deine Seele, sondern dich ganz von
dir fordern, und was wird sein, das du gesammelt hast? Elender Nachruhm! Du
Unsterblichkeitsanalogon des Nichtchristen, du wirst die zitternden Nerven nicht
halten und dem Herzen nicht Luft zuwehen.
    Zwar auch Christus war von Gott verlassen, allein mit Ehren und Schmuck ward
er gekrönt, selbst da er noch am Kreuz hing. Sein göttlicher Tod lösete dem
Hauptmann die Zunge zu der Stunde: »Wahrlich, es ist ein frommer Mensch und
Gottes Sohn gewesen!« Der Christ, wenn er im bösen Stündlein auf den Gedanken
fällt, sein Geistfaden wird mitreissen, wenn der Lebensfaden reisst, Gott sei von
seinem Geist gewichen und dieser sein Geist werde verrauchen, so wie sein
Fleischteil aufgelöst wird, dann erscheint ein Engel und stärkt ihn. Wenn das
was gedichtet wird, keine Möglichkeit in sich entält, ists Hirngespinnst, je
mehr Wahrscheinlichkeit aber, desto vollkommener das Gedicht. Wenn der
Nichtchrist uns vorwirft, wir stürben poetisch - so lass er uns diese heilige
Poesie, diesen Schwung. - Trifft dieser Schwung nicht näher, als ein
geschliffenes Kunstsystem von Hoffnung? Ist die ganze Hoffnung mehr oder weniger
als Dichtkunst?
    Der Christ, entzückt in den Himmel, hört unaussprechliche Worte. Wann haben
wir nicht unaussprechliche Selbstlaute gehört, wenn uns eine schöne
Frühlingsmorgenröte ins Freie einlud und wir einsam der Sonne entgegengingen?
Und das Gefühl der Kräfte der zukünftigen Welt, welche Begeisterung im Sterben!
    Die Offenbarung ist eine erhöhte Vernunft, die Vernunft in heiliger Poesie,
ein Vernunftkörper; sie stellt dar, sie macht anschaulich, es ist ein Höchstes
der Vernunft, ein vernünftiges Ideal, und doch eine solche lautere Milch, dass
sie ein Kind fassen kann. Wo die Vernunft Zahlen hat, besitzt der Christ
lebendiges Wesen. Der Weise denkt, der Christ sieht. Wie sehr weg setzt ihn
diese Fassung über alles was in der Welt ist! Er isst Aehren am Sonntage, wenn
ihn hungert, und wenn selbst der Hohepriester, auf dessen Brust Licht und Recht
strahlen sollte, diesen göttlichen Orden verkennt, und den Pöbel zum kreuzige
ihn auffordert und sein Mütchen an ihm kühlt, wenn der Sadducäismus und der
Pharisäismus es mit ihm anbinden will, wenn die Welt ihn auspfeift, überwindet
er weit. - Christus hat am meisten von Gelehrten gelitten. - Seht die Sünde, wie
sie wollte und nicht konnte! Wo ist ihr Sieg? Und wenn der Zweifelkopf der
Vernunft, und wenn das eigene Herz schüttelt und spricht lauter Nein! Er weiss. -
Zwar ehrt er den Namen Gottes unter dem Patent, das die Vernunft vorzeigt, er
lässt ihr ein freies Votum, allein er verlangt auch eins. Was weiss die Vernunft
von der Zusammennehmung dieses und jenes Lebens, dem ersten und zweiten Teil
des Menschen, von unsern Schicksalen, vom ersten Menschen? Von der Sprache, dem
göttlichen Unterricht bis auf die Kleider zu?
    Nicht so, nicht so ist die Vernunft im Leben und im Tode. Der Christ weiss,
sein Tod sei nur Verwandlung, Verklärung, melior compositio ohne
grammatikalische Fehler, ohne Flecken, ohne Runzeln oder dess Etwas. Alles schön
gegeben, vortrefflich ausgedrückt. Die zweite Auflage und auch die, so mit ihm
aus einem Gesangbuch sangen, in einer Bibel lasen, auch die wie er. Was trauerst
du, arme Wittwe, um den einzigen Sohn? Mein Meister spricht: weine nicht! Zwar
erweckt er nicht mehr einzeln die Todten, denn auch die Erweckten sind wieder
gestorben, oder was sind sie? Wahrlich, doppelter Tod wäre eine Ungerechtigkeit.
Wittwe, warum die tiefen Tränen? Zwar wird er nicht zu dir kommen, aber du zu
ihm. Weine nicht, ruft dir der Herr zu, dessen Herz auf den Grund bewegt war,
und auch vor Schmerz, vor Mitleid überging. So können nur trauern, die keine
Hoffnungen haben. Ist's nicht gut, dass ein Weltknoten nach dem andern gelöset
wird, und dass ihr Bekannte in der Stadt Gottes habt, welches euch gut und
wahrlich besser, als ein Freund am Hofe ist? Die Zeit tröstet den Weisen.
Beweise, christliches Weib, dass du auf die Zeit nicht warten darfst und auf die
Stunde, wenn es ihr gelegen ist. Die Ewigkeit sei dein Trost, die auf der Stelle
lindert, verbindet, heilt! Es gibt ein allgemeines Ziel, spricht Sirach, hundert
Jahre; allein dies ist ein apokryphisches Ziel. Moses verkündigt fein canonisch:
Unser Leben währet siebzig Jahre, wenn's hoch kommt sind's achtzig, wenn es
köstlich gewesen ist's Mühe und Arbeit gewesen, denn es fähret schnell dahin,
als flögen wir davon. Der Christ sucht dieses Ziel nicht zu verrücken, er wälzt
den Grabes-Grenzstein nicht weiter, übt sich, indem er den Lüsten und Begierden
abstirbt, im Sterben, und was kann ihn scheiden von der Liebe Gottes?
    Was braucht aber der Christ von den göttlichen Absichten zu erklügeln? Er
weiss, dass der Herr alles wohl mache, und das ist genug.
    Wenn andere leben, um nach dem Tode einen Leichenstein zu verdienen, auf dem
Leben und Taten eingeätzet sind, welchen ein gedungener Haufen Leichenbegleiter
für Geld und gute Worte mit feilen Tränen taufte, hat der Christ nicht lieb die
Welt, noch was in der Welt ist. - Sein Name und Wappen, wenn er sie aushauen
lässt, sollen nur bloss, auch nach seinem Tode, ein gutes Beispiel stiften.
    (Bei dieser Stelle sagte mir der Graf ins Ohr: Wenn ich meine Krone im
Wappen sehe, denke ich an die himmlische und an die Perlen, deren auch in der
hohen Offenbarung gedacht wird.) Der Mensch ist ein Hieroglyph der ganzen Natur;
wer es zu erklären und aufzulösen versteht, hat den Schlüssel zur Natur. Der
Leib gehört hiezu eben so, wie die Seele. Glaubt mir, Freunde, er muss was zu
verbeissen haben, wenn die Seele im Fluge ist, und wenn es uns recht gut bekommen
soll, muss unsere Mahlzeit geistig gewürzt sein. Den Menschen ganz zu erklären,
dazu gehört mehr, als wir diesseits des Grabes vermögen. Der Christ kommt bei
dieser Auslegung noch am nächsten. - Er versteht das Menschenhieroglyph, so wie
die Kinder ein Buch aus den Bildern. Das Grab hat nur auf die Schlacken
Anspruch. Das Feine des Körpers wird auferstehen; das ist eine Wahrheit zum
Wärmen, wenn alles an uns kalt wird. Gottes Weisheit handelt überall im
Verborgenen: in Gräbern nur wird sie gerechtfertigt. In dies Auge, das im Tode
verlöscht, wird wieder Licht geschlagen werden. Heilig, selig ist der
elektrische Funke, der in diese Finsternis gesprüht werden wird! Dies Leben ohne
den Herrn ist ein Fischzug Petri, der die ganze Nacht arbeitete und nichts fing,
und nur, wie er auf seines Meisters Befehl das Netz auswarf, mehr zog, als das
Netz halten konnte. Wenn auch beim Christen zuweilen das Netz reisst, was ist's
gegen den Segen, der von Fischen gezogen wird? Heil dem Christen! Sein Leib ist
im Dienste der Seele, die Seele im Dienste des Geistes, der Geist im Dienste
Gottes.
    Heil dem Christen, denn er hat über sich einen gnädigen Gott, in sich ein
stilles Gewissen, unter sich einen ihn befriedigenden Erdboden - wenn gleich die
Aepfelbäume nicht so gut wie im Paradiese fortgehen - hinter sich eine glücklich
zurückgelegte Bahn, den Trostspruch: Sohn, Tochter, dir sind deine Sünden
vergeben, stehe auf und wandle!
    Vor sich einen seligen Tod und eine fröhliche Auferstehung, einen Richter,
der wohl weiss, wie es einem Menschen zu Mute ist, der auch lebte und starb!
    Das verlohnte also wohl, dass Engel der Erde gratulirten: Ehre sei Gott in
der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!
    Wollt ihr mehr? O ihr Kleingläubigen? Wohlan, ich will euch die Furcht des
Herrn lehren, den eigentlichen Anfang der Weisheit. Lasst uns von den letzten
Dingen anheben. Letzt und Erst ist nur, nachdem man es nimmt.
    Was du säest, Freund, wird nicht lebendig, es sterbe denn. Ist dein Leib
nicht ein blosses Saatkorn, das ausgesäet ist? Ist der Mensch hier mehr, als
Fayence, und soll er dort nicht sein ein Gefäss zu Ehren? - Gott weckt alle
Frühjahre Todte auf, und jeder Augenblick ist eine Auferstehung. In jedem Felde
sind Schaaren Evangelisten, die uns die Lehre der Wiedergeburt, des Wiederlebens
alles Fleisches, das wie Heu ist, verkündigen. Wir ziehen aus diesem Leibe, um
in eine andere himmlische Wohnung einzuziehen, wie aus der Pacht ins Eigentum.
So verwandeln sich vor unsern Augen unzählige Dinge. - Der Geist ist der
eigentliche Mensch; dieser Jünger Christi stirbt nicht. Der Pfeil des Todes
trifft nur den Leib. Sobald es zum Sterben geht, beruht alles auf der Einbildung
derer, so nicht sterben und sterben sehen. Seht ihr denn den Geist, ihr
Händeringer? Er ist in Gottes Hand, und keine Qual rührt ihn an, und warum
sollte der Geist um diesen Leib und dies Gebein zittern und zagen? Warum sollte
er beim Leichenbegängnis im ersten Paar, wie ein leidtragender Wittwer, gehen.
Wie vielmal soll ich den Trost des Christen wiederholen? Auch sein Leib wird
nicht untergehen. Pflanze und Tier fordern das zurück, was ihnen zugehört, und
was ist denn, was wir ihnen zurückgeben? Ist es nicht Etwas, das uns oft so
lästig war? - In der Natur ist ein immerwährender Wechsel; allein eine
Allwissenheit regiert ihn! Und kommt denn Etwas aus unserem eigentümlichen
Hause? - Ist die Erde nicht unser Haus? Ob dieses oder jenes Stück von unserem
beweglichen Hab und Gut in diesem oder jenem Zimmer steht? Ob unterm Spiegel
oder am Kamin? Ob im Saal oder im Nebenzimmer? Und warum sollte ich nicht etwas
Abgetragenes gegen etwas Neues hingeben? Eine andere Klarheit hat die Sonne,
eine andere Klarheit hat der Mond. Es wird gesäet verweslich und wird
auferstehen unverweslich; es wird gesäet in Unehre und wird auferstehen in
Herrlichkeit; es wird gesäet in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft; es
wird gesäet ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistiger Leib.
    Ist es nun begreiflicher, dass auch der Leib nicht untergehe? Alles, was
stirbt, steht auf. Nennen wir nicht vielleicht öfters todt, was wir in seiner
Entwicklung nicht übersehen? Jene tausendmal tausend Vollendete sehen vielleicht
unserer Geburt, unserem Durchdrange durch Tod zum Leben zu und freuen sich, die
Taufzeugen bei dem Namen zu sein, der dem Ueberwinder, dem Geprüften, des
Heiligsten würdig Befundenen, beigelegt wird.
    Geschöpfe, die Gott erkennen, in denen Christus wohnt, können unmöglich auf
der ersten Stufe bleiben, auf der Stufe der Kindheit. Dieses Leben ist ein
Kinderstand; diese Leiber sind Windeln. Aus Kindern werden Leute. Unsere Seele
ist in dieser Welt ein Licht unterm Scheffel. Wir steigen die Stufen, die Jakob
im Traume sah, wo die Engel hoch und niedrig standen, und wenn ich gleich nach
meinem Abschiede aus dieser Welt ein Engel werde, kann es denn nicht auch hier
Klassen der Seligkeit geben. Der Türhüterposten ist hier aber schon eine über
alle Massen wichtige Herrlichkeit, weil weder Neid noch Eigendünkel mehr ist. In
Gottes Hause sind viele Wohnungen. Unser Haus ist die Erde; Gottes Haus ist die
Welt. Das feste prophetische Wort zeigt uns die andere Welt in Kupferstichen,
hie und da illuminirt. Wie kann ein vernünftiger Lehrer anders mit Kindern
verfahren? Gastmahl, Paradies, himmlisches Jerusalem, eine schöne Erbschaft,
eine Ehrenkrone, ein Siegerkranz, ein Ruhesitz Gottes, eine Festfeier; so wird
uns die andere Welt vorgestellt, und wenn wir annehmen, dass wir Gott in seinen
Werken näher schauen, dass wir tugendhafter und also auch glücklicher sein
werden, was wollen wir denn mehr? Der christliche Himmel besteht in reiner
Wahrheit und vollkommener Tugend. Sehen wir gleich hier nur durch einen Spiegel
in einen dunkeln Ort, so ist es doch genug zu wissen, dass, wenn gleich unser
äusserlicher Mensch verwest, der innerliche jedoch von Tag zu Tage erneuert und
stärker wird. Ist denn das nicht Gewährleistung für die andere Welt? Ein ächter
Christ ist hier schon im Himmel! Er sieht sich ab- und zunehmen; das Sichtbare,
das Zeitliche fällt, das Unsichtbare, das Ewige hebt sich. - Er hat das andere
Leben in der Hand - es ist ihm so nahe, als der Leib der Seele. - Warum sollten
wir uns bemühen, zu bestimmen, ob aus Steinen Pflanzen, aus Pflanzen Tiere, aus
Tieren Menschen, aus Menschen Engel werden? Ob wir in eine Sonne oder in einen
Planeten, ob wir in ein Winter- oder Sommerzimmer unseres lieben Gottes dereinst
einziehen? Ob wir in unser Sonnensystem oder wo anders hinkommen? Beides, Leben
und Tod, ist dem, der alles recht bedenkt, wünschenswert. Gott hat uns in
dieser Welt den Weg gebahnt, zu werden, was wir geworden, und in jener wird er,
der Herr und Vater über alles, was Kinder heisst im Himmel und auf Erden, uns
nicht verlassen!
    Dies ist die Zuversicht, die ich durch den habe, der dem Tode die Macht
genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durchs
Evangelium. Wir besitzen des Himmelreichs Schlüssel, zu binden und zu lösen, wo
der Philosoph Lücken findet und nicht aus, nicht ein weiss. Ueberhaupt weiss er
nichts. Einer ist unter ihnen wider den andern. Der ist ein Plato, der ein
Aristoteles, der ein Redner, der ein Sophist. Sophisten sind Taschenspieler und
Redner sind Schmeichler. Wahre Weisheit wohnt nicht in geschmückten Gärten von
Kunstworten, sondern in dem friedlichen Tale der kindlichen Aufrichtigkeit. -
Darum schilt ein Weiser den andern. Sie haben unter sich Katoliken,
Protestanten, Muselmänner und Gott weiss, was mehr. Je nachdem jedem der Kopf
steht, je nachdem will er es auch vom Auditorio. Dieser spricht von der Mutter
Gottes, der Jungfrau Maria, der grundgütigen Natur und von guten Werken, predigt
viel Gesetz, allein kein Evangelium. Jener ist der Meinung, der Mensch könne
sich nicht besser machen, als er ist. Seine Neigungen sind nicht Vorschriften,
die er sich selbst gegeben, sondern steinerne Gesetztafeln, die man zwar
zerbrechen kann; wer aber, fragen diese guten Herren, wer kann ein Gebot der
Neigung ausradiren? Es ist ja ein Stein. Dieser ist sinnlich, Jener geistig;
Dieser ein Kopfhänger, Jener fröhlich und guter Dinge; Der zweifelt über alles,
auch selbst, dass er zweifelt, Dieser tut so grundgelehrt auf seine Worte, dass
man wirklich glauben sollte, er wüsste Etwas. Ein Einfall, sagt er, ist ein
einziger Fall, den auch ein blosser Witzling haben kann. Mir stehen Principien,
das heisst, eine Sammlung aller Fälle zu. - Gut, aber wo sind denn deine
Principien, in so weit sie wirklich weise und selig machen? Die Philosophen sind
Rätselaufgeber, sie lehren Rätsel und lehren sie rätselhaft. Eine
Volksphilosophie müsste so kurz ausfallen, wie Luters kleiner Catechismus. Ist
denn die Wahrheit nicht nackt, und wenn einige der Alten für Dunkelheiten waren,
mussten sie es nicht wegen der Unvernunft des Volks sein? Jetzt aber, ihr Weisen,
da ihr selbst nicht läugnen könnet, Weisheit aus dem Volk und aus dem Volksbuch,
aus der Bibel, geschöpft zu haben, warum gebt ihr nicht verständlich wieder, was
ihr verständlich empfinget, und was ist's denn, was euch selbst zusteht? Der
Christ weiss, an wen er glaubt. Von diesem Glauben des Christen hat der
Nichtchrist keine Vorstellung. Es ist ein lebendiger, ein wissender Glaube. Gott
sandte uns nicht ein Buch herab, voll Worte und Meinungen, fein sauber
geschrieben. Unsere Vorfahren waren Geisterseher, allein wir? wir sahen
Christum, den Anfänger und Vollender unsers Glaubens. Hier ist Sache, Tat,
Begebenheit, Wahrheit. Er war zwar Mensch, allein Gottmensch; man sah ihn, und
wir sehen ihn noch in Begebenheiten mancherlei Art; sein Geist blieb bei uns. -
Christus liess sich nicht malen, denn da hätte man nur eine Stellung von ihm
gehabt, sondern er ward geboren, lebte, lehrte, starb. - Er lehrte durch Taten,
er lebte durch Lehren. - Was von seinem Leben geschrieben worden, ist auch
Leben. Einfalt ist die Art, womit alles behandelt wird; allein Einfalt ist die
ächte Tochter alles Guten, alles Wahren, alles Vollkommenen. - Wo ich göttlichen
Finger sehe, warum will ich denn da noch meine Hand auch in die Nägelmale legen
um sagen zu können: Mein Herr und mein Gott! Empfindest du nicht in jedem deiner
Schicksale (o Mensch, gib auf dich Acht!) Gottes Wege? Fühlst du nicht, dass, so
wie Gott Einer ist, er dich auch so leite und führe, als ob du der einzige
wärest, den er zu leiten und zu führen hätte; und warum willst du denn ein
Zeichen am Himmel, um zum Dank, zum Lob, Lob sei Gott! ohn' Ende aufgefordert zu
werden? Lasst uns Hand ans Werk legen, und wir werden finden, ob die christliche
Lehre von Gott sei, oder ob die Bibel so von ihr selbst rede? Von dem Weltweisen
heisst es, wie vom reichen Manne: Er starb und ward begraben. Die Herren
Recensenten hielten ihm Reden und Predigten, die Dichter fangen, und doch ward
er begraben. Vom Christen kann man wie vom Lazarus sagen: Er starb und ward
getragen von den Engeln in Abrahams Schoss!
    Was habt ihr denn für einen Beweis? rufen uns die Weisen zu. Verzeiht, ihr
Herren, Gott allein ist weise! Was aber unsern Beweis betrifft, so führen wir
ihn menschlich. Unser Beweis ist vernünftige, lautere Milch und Erfahrung.
    Wie ist der Mensch auf Gott, Geist und Ewigkeit gekommen, wenn sie nicht
wären? Der Mensch ist gross und klein; er zähmt Löwen, verkauft Wallfische und
wird von einer Schlange getödtet.
    Zweifler! ich soll beweisen, dass ein Gott sei? Beweise mir erst, dass er
nicht ist. Wie kann man Tatsachen beweisen? Wie kann ein Sohn beweisen, dass
Dieser oder Jener sein Vater ist?
    Es geht in der Welt über und über, und wie könnte das, wenn Gott, der Herr
derselben, König wäre? Ei, Lieber, wenn Gott sein Bild dem Menschen anhing, wenn
er ihm Verstand und Willen gab, wer hat Schuld an dieser Unordnung?
    Jeder Mensch hat so etwas bei sich, was Ja oder Nein bei allen Dingen sagt,
sie mögen Wissen oder Tun, Rat oder Tat betreffen. Es gibt so gut ein
Verstandes- als ein Willensgewissen. Ist euch das zu hoch? euch zu hoch, die ihr
den Gang Gottes in der Natur, das Kommen einer jeden Pflanze in ihrem sanften
Tritt beschleicht? Ihr solltet euer eigenes Erdreich nicht kennen?
    Es gibt baare Kenntnisse und Kenntnisse auf Verfalltage. Das Christentum
hat von beiden sein Teil. Die wichtigsten Artikel können durchs Leben bewiesen
werden. - Ich lebe, sagt Christus, und ihr sollt auch leben.
    Ich weiss eure Einwendungen, ihr Weisen der Welt.
    Das Christentum, sagt ihr, habe den Mut gehemmt, froh zu leben und froh zu
sterben; es lehre, dass nur wenig Auserwählte sein werden. Allein was ist besser,
seine Seligkeit schaffen mit Furcht und Zittern, oder wider besser Wissen und
Gewissen handeln? Es ist ein Aufwaschen, bringt ihr Leichtsinnige bei; allein
seid ihr schon von euerm Gewissen je in Anspruch genommen? Seid ihr schon in der
Tinte gewesen? Glaubt ihr denn, dass das Auge, welches seinem Nächsten nach Leib
und Leben stand, mit einer Träne der Reue abgewaschen werden könne?
    Wenn die reine Vernunft lehrt, sich so zu führen, dass, wenn ein Gott und
eine Ewigkeit wäre, wir seine Kinder und die Erben des Himmels zu sein das Recht
hätten, so lehrt sie uns etwas Uebermenschliches. - Sobald wir zweifeln,
Freunde, so bricht die Sinnlichkeit Tür und Tor, schlägt alle Schlösser auf
und findet im Zweifel so viel Unterstützung, dass alles über und über geht. Ja,
wenn der Mensch fünfzig Jahre alt und des Tages Last und Hitze der Sinnlichkeit
getragen hat, dann, Freunde, könnte diese Lehre weniger gefährlich sein.
    Und doch ist sie gerade zuwider der lautern Milch Christi, des Herrn, der
ein herzliches Zutrauen von seinen Nachfolgern will. Zweifel, Freunde, ist das
Schrecklichste, was man sich denken kann! Wo Zweifel ist, wie kann da Zutrauen
sein? Man will sich in den Schatten legen, eh' noch die Bäume ausgeschlagen
sind. Man brennt sein Haus aus eitler Baulust ab; man ist nicht kalt, nicht
warm; man hinkt auf beiden Seiten. Gelehrte Zweifler, gute Freunde, ihr dringt
aufs Tun, und wenn ich euch sage: Ihr könnt, ohne zu wissen, ohne den Glauben,
ohne die Lehre Christi nichts tun. Eine Gott ehrende Menschenliebe ist unsere
Tugend. Wir leihen dem Herrn, wenn wir den Armen geben. Wir geben nicht mit dem
Munde, sondern mit dem Herzen, im Geist und in der Wahrheit; wir entäussern uns
unser selbst, wenn wir Gutes tun.
    Euer ganzes System beruht auf Furcht, die aber nicht die Furcht des Herrn
ist. Lebt so, als wenn wirklich ein Gott, wenn wirklich eine Unsterblichkeit
wäre. Schön gesagt, aber auch getan? - Liebe, Liebe, Liebe ist die Quelle alles
Guten, der Brunnen des Lebens! Die Liebe treibt die Furcht aus.
    Niemand hat Gott je gesehen, niemand besitzt eine Demonstration von seiner
Existenz; allein braucht's einer Demonstration, dass ihr seid?
    Du glaubst, Freund, dass sich die Welt selbst erhalte, dass, wer erhalten
könne, auch zu schaffen vermögend sei, dass, wer B zu sagen verstünde, auch A zu
sagen im Stande sei? Ich weiss, dass ein Haus sich nicht selbst bauen könne, weil
es ein Kunststück ist, dass aber die Natur täglich, stündlich, augenblicklich
baue und niederreisse, bessere und fördere; allein, Lieber, was ist die Natur?
Lass mich mit deinen Wörterchikanen; die Wahrheit hat, wie die Sonne, ihr eigen
Licht.
    Vorwitz ist freilich Untugend, allein kindliches Zutrauen und
Zudringlichkeit, wie sehr unterschieden!
    Ich weiss, was ich glaube, heisst das viel weniger, als: ich weiss?
    Guten, lieben Freunde, wenn eure Lehre unter den Haufen käme, was würde da
aus der Welt werden? Gott schlägt euch mit Wortsblindheit, sonst müssten wir
unsere Kirchen brechen und Gefängnisse daraus machen. - Und doch, lieben Leute,
glaubt ihr die Wohlfahrt des ganzen menschlichen Geschlechts durch eure Lehre zu
befördern, ihr, durch solche Lehren, die nichts denn Menschengebot sind?
Freunde, das lasst dem Christentum über, oder der ganze Plan ist platonisch. Uns
sollt' es gleich sein, wie das Reich Gottes käme, wenn es nur käme! Nur eure
Fahne scheint es nicht dazu anzulegen, das Verirrte zu sammeln - damit eine
Heerde und ein Hirte werde. - Doch, warum sollten wir mit euch rechten? Richtet
nicht, sagt unser Herr und Meister, und es wird die Zeit kommen, da wir alle
werden gerichtet werden. Wohl uns, wenn wir bestehen in der Wahrheit! Als gute
Streiter im Reiche der Vorurteile, nicht, die suchten das Ihre, sondern das,
was der Wahrheit und Tugend ist; nicht, die über die Menschen herrschen, sondern
die sie glücklich machen wollten. Wie oft kann es hier heissen: Grosse Schulden
erhalten bei Credit, kleine schwächen ihn. Der Christ will keinen verführen; er
gibt jedem die Bibel in die Hand, und da liest sich jeder heraus, was seinem
Verstande gemäss ist. Es finden sich Sprüche für Gelehrte und Ungelehrte, Reiche
und Arme. Hier ist harte Kost, hier ist Milch, starker Wein und Labetränke. Die
Bibel ist allen allerlei; sie ist für Leben und Tod; sie lehrt uns, Cisternen
auszusetzen, um himmlisches Wasser aufzufangen. Der Geist der heiligen Schrift
ist so kurz, als das Vaterunser. Glaubt, lieben Nichtchristen, im Sterben sieht
man Gott, sich und die Welt aus einem andern Gesichtspunkte, als im Leben.
    Lasst mich an Ort und Stelle, lasst mich zurück, wo ich ausging!
    Was Johannes sagt, ist jeden Augenblick wahr: Kinder, es ist die letzte
Stunde! - Wohl uns allen, wenn wir bereit sind zu stehen vor des Menschen Sohn!
wenn wir ihm unter Augen treten und sagen können: Wie du gewandelt hast, haben
auch wir gewandelt; so ehrlich, wie du gelehrt hast, haben auch wir gelehrt.
Gestern haben wir überwunden, heute lass uns mit dir im Paradiese sein!
    Komm, Tod, heute, morgen! Mein Freund ist mein, ich bin sein. Ich habe Luft
abzuscheiden und bei ihm zu sein; welches auch besser wäre. Amen, ich komme
bald, Amen! Ja komm, Amen! Vater, in deine Hände befehl' ich meinen Geist!
                                         
                                        
    Lieber Graf, bis zum Wiedersehen, hier oder dort!
    Von einem Manne, wie der Graf, wer kann Abschied nehmen? oder besser, den
Abschied mitteilen? Ich nicht.
    Der Prediger aus L - kam und war so inniglich froh, mich wieder besser zu
finden, dass er bei einem Haar mit dem Grafen wieder freundschaftlich zerfallen
wäre. Der gute Prediger! Er hatte für mich, unter dem Namen eines Leidenden aus
einer andern Gemeinde, auf der Kanzel gebetet, und eignete den grössten Teil
meiner Besserung dieser ernstlichen Fürbitte zu. Die ganze Gemeinde, fügte er
hinzu, wusste beim ersten Wort, dass Sie der Leidende aus einer andern Gemeinde
waren. Der junge Ehemann, sagten sie unter einander, dessen Frau wir jüngst
begruben.
    Ich bin sonst sehr fürs Abschiednehmen, wovon ich in diesem Buche manches
Pröbchen gegeben; allein hier, kann ich?
    Das ganze Leben des Grafen war eigentlich ein feierliches Abschiednehmen,
nicht bestehend in: Leben Sie wohl, Dank für alle erzeigte Güte! - Wünsche so
glücklich zu sein, vom Wohlbefinden die besten Nachrichten einzuziehen! Solch
elend jämmerlich Zeug hat das Abschiednehmen, so wie das Gesundheitstrinken,
bürgerlich gemacht - und doch liegt in einem Leben, im andern Sterben. Ich
trinke Gesundheit und nehme Abschied.
    Wahrlich, ich kann es nicht beschreiben, mit welcher Bewegung ich diesen
hochgebornen Todtengräber verliess. Auf meinen wohlehrwürdigen Reisegefährten
konnten diese Dinge natürlicherweise keinen so starken Eindruck machen. Der
Prediger kannte das Erdreich auf diesem Gottesacker und hatte hier zuweilen
selbst die Hand an den Pflug legen müssen. Anfang, Mitte und Ende meines
Aufentalts auf dem gräflichen Gute lag auf meiner Seele; allein sanft war mir
dieses Joch, leicht diese Last. Hier oder dort! Ich dachte nicht das Hier. Hier
galt bei mir wenig, das Dort verschlang es bei mir. Nicht hier, dort! bald!
dort! dort! wo Mine ist, wo sie ewig sein wird, dort! dort! dort! Ich komme
bald, Amen! hiess es beim Schluss der christlichen Rede. Ja komm! Amen!
    Der gute Prediger stiess mich mit der Frage an, wie mir die Reden gefallen,
von denen er gehört, dass sie gehalten worden? - Herzbrechend, sagt' ich. Dort,
lieber Herr Prediger, dort sehen wir uns wieder! Der gute Prediger fasste mich
bei der Hand und drückte sie, und sagte mir so sanft: Gretchen lässt Sie grüssen!
dass mir ward, ich weiss nicht wie? - Jungen Leuten ist Leben und Sterben wie
Wachen und Schlafen; alles an einem Rosenkränzchen. - Auch hier ist gut sein,
sagte der Prediger. Nur nicht zum Hüttenbauen, versetzt' ich, wenn man eine Mine
verloren hat. Auch die Erde ist des Herrn, fuhr der Prediger fort, so wie es der
Himmel ist.
    Der Prediger fand viel eigenes in Absicht des Styls in den Reden. Es ist,
sagte er, so was Beängstigendes, so was von Todesnot darin. Eben das, sagt'
ich, hat mich entzückt bis zur Halle des Himmels. Dies in der Rede zu treffen,
zu copiren, war unmöglich. - Ich liebe, fuhr der Prediger fort, eine genaue
Bindung der Perioden, eine gewisse Baukunst im Vortrage, und so viel Fenster wie
möglich in jedem Stock. Zwar halte ich es für keine Sünde wider den heiligen
Geist -
    Da waren wir wieder, wo mich der gute Prediger hin haben wollte. Er
wiederholte mir Plan und Ausführung, Geist und Ausdruck, versicherte, alles
Eckige in den Perioden, was nicht schon gerundet und abgeschliffen wäre, noch
runden und abschleifen zu wollen. Was meinen Sie, fragt' er mich, ob ich das
Register lasse? und zur Nutzanwendung noch ein ob? noch die kritische Frage: ob
sein Bruder, der königliche Rat, sich nicht über die Zuschrift kreuzen und
segnen würde? Ohne Vorrede, sagte der Pastor, lass' ich's nicht. Es ist nicht
gut, dass das Buch allein sei. - Die Vorrede, sagte mein Vater, ist der erste
Eingang, wo Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung vorkommt, damit der Autor ein
geruhiges und stilles Leben führen möge, in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit.
    Zur Erkenntlichkeit versah mich der Prediger mit einigen Zügen vom Grafen -
aus seiner Vorratskammer, womit ich meine Leser versehen will. Die letzte Hand
-
    Der Graf rechnete mit seinen Pächtern und Verwaltern jedesmal die Woche vom
neunten bis zehnten Sonntag nach Trinitatis. Am neunten Sonntage nach Trinitatis
wird von dem ungerechten Haushalter gepredigt, am zehnten von Jerusalems
Zerstörung. Der Graf ist nie von seinen Haushaltern betrogen.
    Wenn er in die Kirche kommt, wird er mit Geläute eingeholt. So wird's
klingen, sagte der Graf, wenn Sie mich werden heimführen aus diesem Elend. Kyrie
eleison.
    Zu seinen Kirchenabgaben, wozu auch das Predigtamt gehört, hält er seine
besondere Sonn- und Festtage. Er berichtigte sie doppelt, nur nicht wenn
Quatember rot im Kalender steht, sondern z.B. am sechzehnten Sonntage nach
Trinitatis, wo man der Wittwe Sohn aus Nain trägt; am ersten Sonntage nach
Trinitatis, wo vom reichen Mann und armen Lazarus gepredigt wird. Solche
Evangelien muss man eindrücklich machen, sagte der Graf.
    Am siebenundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis, wo, wie er sagt, die
christliche Illumination vorkommt (das Evangelium handelt von den fünf klugen
und fünf törichten Jungfrauen), schenkt der Graf zehn Kirchenlichter, die bei
der Communion (nach der Gewohnheit in Preussen) brennen.
    An seinem Geburtstage legt' er sich zwei Stunden in seinen Sarg, welcher,
wie meinen geneigten Lesern bekannt ist, in der Hauscapelle steht - und zwar im
Sterbehemde.
    Geduld, Standhaftigkeit, sagt' er einstmals zum Prediger, der von der
Standhaftigkeit und Geduld gepredigt hatte, das sind die einträglichsten
Tugenden, und worin bestehen sie? In der Fertigkeit, sich auf einen Punkt
einzuschränken, den man mit unverwandter Seele ansieht; in der Geschicklichkeit,
immer in diesen schwarzen Fleck zu treffen. Mein Vater schlug Observationen vor;
allein der Graf schien sich auf einen einzigen Punkt anzustrengen. Wer hat
Recht?
    Der Graf war sehr glücklich im Raten. Er setzte sich nicht auf den Dreifuss,
wenn er zum voraus Dinge bestimmte. Er schüttelte dies aus dem Ermel. Er hielt
sehr auf Träume, und glaubte mit meiner Mutter, dass andere Geister alsdann die
Türe offen fänden, um sich mit ihres Gleichen zu unterhalten.
    Die Welt, sagte der Graf, ist ein Garten in Norden, wo nur wenig reif wird.
Er ass gern Brunnenkresse und Raute.
    Nichts konnt' ihn mehr ärgern, als wenn sich der Mensch den Schlaf aus
Lebensgeiz entzog. Es ist gleich viel, auf dem Ball, oder in der Studirstube,
überm Leben den Tod vergessen.
    Der Graf sah entweder gen Himmel oder auf die Erde. Leute, die den Kopf von
einer Seite zur andern werfen, sind nicht so, nicht so, sind Zweifler, sind
aufgeschossenes Rohr, das der Wind hin und her treibt. Herauf oder herab.
    Patengeschenke gab er nicht eher, als bis der Pate zum erstenmal zur
Communion ging. Ein schwarzes Kleid war das geweihte Geschenk.
    Seine Bücher waren schwarz eingebunden. Silberne Griffe, sagt' er, das
heisst: der Titel war mit versilberten Buchstaben eingestochen.
    Wenn man fällt, besieht man die Stelle, wo man gefallen ist. Der Geist wird
sich gewiss von seinem Lebensreisegefährten nicht sogleich trennen. Er wird
sehen, wo er gefallen ist. Wer mit den Seinigen noch länger zusammen zu bleiben
Luft und Liebe hat, gehe auf die Kirchhöfe, wo sie hingelegt sind. Ich habe den
Einfluss der Meinigen lang in meiner Seele empfunden, und noch empfind' ich ihn.
    Wenn man erzählt: die und der ist todt, frägt der Hörer: Ist sie? ist er
todt? Warum frägt der Hörer also?
    Wenn der Graf communicirte, hatt' er einen roten Mantel über das schwarze
Kleid. In seinen Tischtüchern, Servietten war Name und Wappen schwarz eingenäht.
    Ich kann, sagte der Graf, im dreissigsten und vierzigsten Jahre mit vieler
Zuverlässigkeit wissen, ob man siebenzig oder achtzig Jahre alt werden soll. Ein
Glücks- oder Unglücksfall ist schuld daran, wenn man es nicht wird.
    Melancholische Leute (diese Anmerkung machten wir beide, der Prediger und
ich) sind sehr zur Dichtkunst aufgelegt. Vielleicht besteht die Melancholie im
Dichten.
    Am neuen Jahrstage würd' es schwer sein angemessen zu predigen, wenn nicht
die Worte drin vorkämen: da acht Tage um waren. Also von der Zeit. - O du liebe
Zeit! exklamiren einige Leute im Sprüchwort. In der Entfernung ist sonst alles
klein, nur die Zeit nicht.
    Der Graf setzte einem seiner Paten, der nur sieben Wochen gelebt hatte,
selbst eigenhändig die Grabschrift: Aus einem Mutterschooss in den andern.
    Der Schlaf war eher in der Welt, als der Tod. Das Vorbild eher, als die
Erfüllung.
    Auch du wirst sterben, das war des Grafen Condolenz, wenn man wirklich
trauerte um einen Todten.
    Gehst du aus der Welt, wenn du stirbst? Deine Seele entschwebt nur den
Dünsten dieser Erde! Ewiger Geist der Liebe weht im Atem der Natur; wo der
webt, ist Leben!
    Was mir der Prediger vom Leichenanzuge im Namen des Grafen sagte, gefiel mir
nicht. Ich stimme mit ihm nicht ein. Warum bekleiden wir denn einen nackten
Körper selbst im Grabe? Wollen wir etwa den Würmern etwas zu verbeissen geben,
ehe sie an uns kommen? Dem Menschen gefällt nichts, was ein Bedürfnis verrät.
Wir sind in Gesellschaft gewohnt, unsere Bedürfnisse zu verhehlen. Wir verehren
Leute, die sich mit Wenigem behelfen, wenn nicht Geldgeiz die Wage hält. - Man
glaubt, sie sind schon gestorben und auferstanden. Sie sind schon Vollendete.
    Wer in einer grossen Stube schläft, sagte der Graf, bedenkt nicht, wie klein
der Sarg ist.
    Von unserem Körper heisst's im Tode: Lazarus, unser Freund, schläft, und es
wird besser mit ihm!
    Wer viel Leib hat, von dem könnte man eben so gut »entleiben« sagen, als nur
von dem, der viele Seele hat, »entseelen« gesagt werden sollte.
    Es ging alles schwarz beim Grafen. Herr v. W - würde mit seinen
Freudenfesten eben so wenig, als mit seiner drei Viertel-, Halb- und
Viertel-Trauer, bei ihm Glück gemacht haben. Der Graf kam nicht aus der
Verwunderung heraus, dass ich nur einen schwarzen Flor um den Arm trug.
    Seine Bettdecken waren alle schwarz.
    Es ist ein falsches Mitleid, was die Menschen von den Todtenbetten
zurückhält, sagte der Graf. Böhmische Steine, anstatt Diamanten - Glanzgold.
    Der Graf liebte viel Lichter. Er schlief gerade auf dem Rücken, nie lag er
auf einer Seite. Im Sarge, sagt' er, liegt alles auf dem Rücken.
    Die Jugend ist witzig wegen der Plane, die sie sich macht, um die Frage zu
beantworten: Was werden wir essen? was werden wir trinken? womit werden wir uns
kleiden? Dem Alter schmeckt das Leben am besten. Je weniger Wein im Keller,
desto besser schmeckt er.
    Der Tod hat grosse Leute bei Büchern getroffen. Man wollte vielleicht des
Todes Bitterkeit mit papierner Unsterblichkeit verjagen. - Vielleicht liegt eine
Fassung darin, sich nicht in seinen Cirkeln stören zu lassen. - Ich, sagte der
Graf, halt' es für Furchtsamkeit.
    Oft dachte der Graf an einen seiner besten Untertanen, der beim Ungewitter
unter einen Baum geflohen und hier erschlagen worden. Auch der Baum war zu Boden
geschlagen! Da ist ja Michel schon eingesargt, sagte der Graf, als er diesen
Fall hörte, und ordnete an, dass dieser Baum zum Sarge gebraucht werden sollte.
    Bis zum letzten Seufzer, sagt man. Warum nicht bis zum letzten Lächeln? Weil
das Leben ein Jammertal ist; und doch kommt der letzte Augenblick, die letzte
Stunde, sehr oft, wie der Geist des Herrn, im sanften Winde. - Da sieht
vielleicht die Seele den Engel, der sie aus Sodom führen will. Stehe auf, hebe
dein Bett auf, und gehe heim!
    Ein böser schneller Tod ist ein guter Mann, und ein böses Weib.
    Der Tod ist nicht Gottes peinliche Halsgerichtsordnung. Gemeinhin sprechen
wir uns selbst das Todesurtel. Die Art des Todes gründet sich auf die Art
unseres Lebens, wenn diese Todesart nicht schon eine Erbsünde ist. Der stirbt an
Zangenrissen, an Stichen; der wird verbrannt und stirbt am hitzigen Fieber; der
wird gehangen und stirbt am Schlagfluss. Wir sitzen alle auf den Tod.
    Wo die Praxis nicht der Teorie vorgeht, da verdient sie kaum den Namen.
    Jeder Schwindsüchtige, der unter meiner Aufsicht gestorben, hat den Wunsch
geäussert, einen hohen Sarg zu haben! So sind die Menschen!
    Der Graf hielt Ahnungen für Warnungen guter uns verwandter Geister, für
Orangenblüten, die wir noch aus dem Paradiese gebracht.
    Sein Trost war der Tod! Ich, sagt er, bin nicht für leidige Tröster.
Gemeinhin ist der Trost ein beglaubtes Zeugnis, dass wir mit leiden. Wir wollen
uns überreden, der Tröster nehme einen Teil Leiden auf sich. Wir wollen gewiss
sein, dass niemand froh und glücklich in der Welt sein könne.
    Kunstrichter, die ihr diesen hochgebornen Mann angreifen wollt, lasst ihn,
wenn ich bitten darf - und ist es möglich, erlaubt mir die Frage: ob euch
vindicta Lycurgi bekannt sei? Ein Studiosus wie ihr, hatte dem Lykurgus ein
Fenster eingeschlagen, oder, weil euch vielleicht die Lykurgische Geschichte
nicht beiwohnen dürfte, es war das Auge selbst, das er ihm ausschlug. Das
Criminalgericht beschloss in diesem besondern Casualvorfalle, den Jüngling dem
Lykurgus zur Strafe zu übergeben. Was eröffnete Lykurgus für eine Sentenz?
Schickt' er ihn in die Festung, oder ins Irrenhaus? Nein, die Hand, sagt' er zum
Augenräuber! Studiosus gab sie, wie natürlich, Sr. Magnificenz mit Zittern und
mit Beben, und Lykurgus? gab ihm die seinige und so gingen sie Hand in Hand - in
Lykurgus Haus, wo er ihn unterrichtete, nicht, wie arme Sünder, ehe sie
hingerichtet werden, den schlachtcalecutschen Hähnen gleich, mit
Katechismuslehren gefüttert und gemästet werden, sondern in Lebensregeln, und da
der junge Mensch Candidat worden war, stellte er ihn vor das Criminalgericht und
fragte dienstlich an: ob sie mit diesem in Rechtskraft übergegangenen Urtel
zufrieden wären? Kunstrichter, der Graf bietet dir auch die Hand dar, um dich
sterben zu lehren. Bedenke das Ende, so wirst du dem Grafen kein Aug
ausschlagen.
    Gretchen empfing mich so froh, so guttätig, dass wir uns beide Hände
reichten. Zwar weiss ich es nicht mit vollständiger Gewissheit; indessen kommt es
mir so vor, dass wir uns auch herzlich geküsst haben! Ein unschuldiger Kuss! Wär'
er wiederholt worden, hätt' ich ihn vielleicht nicht vergessen; alsdann wär er
aber auch schon vom verbotenen Baume gewesen.
    Auf Gretchens Gesicht lag noch viel Schmerz; indessen waren es bloss Narben,
welche nur bei Veränderung des Wetters die vorige Wunde ins Gedächtnis bringen.
    Ich fing an mein Haus in L - zu bestellen: ich hatte viel zu bestellen! So
gern ich gleich noch bei Minchens Grab geblieben wäre, so wollt' und konnt' ich
doch nicht füglich länger weilen. - Ein ganzes Tagewerk war, die Abhandlung von
der Sünde wider den heiligen Geist von Anfang bis ans selige Ende zu hören; das
Register bloss ausgeschlossen. Der Prediger hielt Komma, Kolon, Semikolon,
Ausrufungszeichen (deren viel vorkamen), Fragzeichen, und wie sie weiter lauten,
diese himmlischen Zeichen, wie meine Mutter sie benamt. Ich werde mir
vorstellen, fuhr der Prediger fort, als ob Sie mein Bruder wären, und nun brach
er mit der Zueignungsschrift los, und tat wörtlich so, als ob ich der
königliche Rat wäre. Ich wollt' Ihnen, sagt' er beim Anfang der Vorlesung,
keinen unbeseelten Odem mitgeben, keinen todten Körper, sondern ihm vielmehr
einen lebendigen Odem einblasen und sie Ihnen empatisch vorlesen. Er hielt
Wort. Ausdruck, nicht Eindruck, machte diese Abhandlung. Man konnte drüber
sprechen. Zum Weiternachdenken war sie nicht eingerichtet. Ein Unterschied, der
gewiss weit her ist. Das Schlusswortregister war das Amen dieser Taufhandlung. Der
Vater übergab mir dieses sein wohlbestalltes Kindlein so feierlichst, wie man
einem Paten nur die Frucht seines Leibes übergeben kann.
    Mit der Abhandlung sind wir also fertig. - Noch mehr aber lag mir in L - ob.
    Meine Schuld drückte mich zu Boden. Der Prediger in L - war nicht in der
besten Vermögensverfassung. Er hatte (dies und jenes erfuhr ich von ungefähr)
verschiedene Auslagen bei Minens Begräbnis gehabt: Glocken, Erde, Träger und
desgleichen. Dem Organisten musst' ich auch eine gesegnete Mahlzeit wünschen;
denn, wenn gleich eine Krähe der andern nicht die Augen aushackt, so hat doch
unser Glaubensvater, Dr. Luter, in der vierten Bitte das Holz ausgelassen,
welches nicht geschehen wäre, falls Dr. Luter Organist in L - gewesen, und wenn
gleich der gute Organist schon den Abend beim Prediger sich's wohlschmecken
liess, so kostet es doch viel und mancherlei, einen Sohn auf der Universität zu
haben, der künftige Pfingsten predigen und zeigen soll, ob er wüsste, wo er zu
Hause gehöre? Ost hatt' ich schon dies alles überdacht; allein meine
Verlegenheit war bis jetzt noch nicht herrschend worden. Das Ende trug die Last.
Wie ich stand und ging, trat ich meine Reise nach L - an, und wenn ich auch mehr
Zeit gehabt, oder mir mehr Zeit genommen, was hätt' ich mitnehmen können? Eben
erwartet' ich mein Ausgeding von Hause. Wo Brod in der Wüste? Ohn' einer
Bedenklichkeit Rede oder nur Gedanken zu stehen, ging ich hin, brach und las.
    »Weisst du was anexoy kai apexoy sagen will? Dein Griechisch hast du nicht
vergessen, das weiss ich. - Sollte der Geist dieser Worte von dir gewichen sein?
Das wolle Gott nicht! und die deutsche Note nebenher: In der grössten Not! - Ist
sie dir entfallen? Prüfe dich, ehe du weiter brichst. Es gibt nicht bloss
Geldnot, sondern auch viele von anderer Art, z.B. Melchisedechs-Not! anexoy
kai apexoy in der grössten Not! -«
    Ich fand in dem Zimmer meines Amulets, das ich erbrochen hatte, Schaustücke.
Ich zählte sie nicht, sondern nahm ihrer drei; zwei für den Prediger, eins für
den Organisten. Dem letzten schickt' ich eins hin. Herr Prediger, sagt' ich dem
ersten, wegen der gehabten Auslagen. Ich zog den beiden Goldstücken kein weisses
Hemd an; denn eben dadurch würd' es ein Geschenk, eine Verehrung geworden sein,
und schenken, welch ein grässliches Wort ist es unter Leuten, die empfinden
können! Der Prediger kam mir mit einem gleich kalten: Wofür? entgegen, und nach
einem kleinen Wortwechsel blieb's dabei, dass ich ihm die baaren Auslagen
ersetzen sollte. Als Unterpfand, fuhr ich zwar eben so kalt und ehrlich, allein
lange nicht so treffend und anständig fort; ich habe kein ander Geld. - Ich
brauche kein Unterpfand, erwiederte der Prediger, und um der Sache ein Ende zu
machen, geben Sie die Auslagen, die sich auf 2 Rtlr. betragen, meinem Bruder.
Dem, das wusste der Prediger, durft' ich mit einem Schaustück gewiss nicht
ankommen.
    Dass man doch nicht umsonst sterben kann, sagte der Prediger. Wir sollen
nicht sorgen für den andern Morgen; unser Arme muss weiter hinaus, und für sein
Begräbnis sorgen - - wie der Mann mit dem einen Handschuh.
    Der Organist erliess ein grosses Danksagungsschreiben an mich, und bat höflich
sich's dagegen aus, die Stellen in seiner Abdankung zu streichen, worin er mir
zu nahe gekommen, oder gar zu viel getan. Ich würde kein Geld um alles in der
Welt willen nehmen, setzte er mündlich hinzu: allein ein ander Ding Geld, ein
ander Ding solch Schauessen. Ass doch David von den Schaubroden, rief er einmal
über das andere aus. - Noch drang er mir eine ausgearbeitetere Abdankung auf,
die ich aber nicht als Beilage C. ausstatten werde, eben weil sie ausgearbeitet
war. Leute, die bloss Mutter Natur, und nicht Vater Kunst, haben, müssen werfen,
nicht legen, Glück greifen, nicht sortiren.
    Freilich hätt' ich bedächtiger mit meinem Amulet zu Werke gehen, und, wie
meine Mutter, Ja und Nein in zwei Zettelchen schreiben, und eins von beiden
ziehen können - indessen -
    Was meint ihr Herren Kunstrichter, wenn ich die übrigen Goldstücke (es waren
ihrer zwanzig) unter euch verteilen sollte, wie es wohl Sitte in Deutschland
war, und noch ist, wenn der Verfasser sich einen Titel, oder Amt, oder dess
etwas, an den Hals schreiben will?
    Noch war ich mit meinen letzten Dingen nicht fertig. Ich liess mir die Taxe
von den Sachen meiner Mine metodisch extradiren, gab Gretchen eine Abschrift
des letzten Willens meines seligen Weibes, weil Gretchen mich darum bat. Grete
erhielt dies Andenken auf Minens Grabe. Wir weinten beide bei dieser
Gelegenheit. Freunde, wenn alle Contrakte, alle Verabredungen auf Gräbern, an
diesem Altar der Natur, geschlossen würden, was meint ihr? Ich liebte Gretchen
nicht, allein ich liebte ihren Schmerz um Minen, und fand, dass es tief in
unserer Natur läge, wenn man was Liebes verloren, sich sogleich mit was Liebem
zu verehelichen. Einer Wittwe, einem Wittwer, ist vielleicht die zweite Ehe in
den ersten sechs Wochen noch am ersten zu vergeben. Gretchens Mutter wollte, das
sah man deutlich, dass Gretchen meine Mine würde. Gretchen selbst verlangte
feierlichst von mir, dass ich wenigstens (auf dies wenigstens der Ton) noch
einmal (auf noch einmal wieder) nach L - kommen möchte, ehe ich von hinnen zöge.
Des Grabes wegen, setzte sie mit einem Seufzer hinzu, der mir durch die Seele
ging. Der Prediger dachte an weiter nichts, als an seine Abhandlung von der
Sünde wider den heiligen Geist.
    Lieben Leser! Kann ich dafür, dass ich so oft dran denken muss? Die
Autorschaft könnte wirklich solch ein Punkt, solch ein schwarzer Fleck sein, auf
den man im Leben und im Sterben starr hinsieht, um alles andere weit zu
überwinden. - Oft ist sie's wirklich! Gretchen sagte mir gerade heraus, dass sie
einen gefährlichen Eindruck befürchtete, den meine Abreise auf ihre unglückliche
Mutter machen würde. Sie ist Ihnen gut, setzte sie hinzu (und ward rot, nachdem
die Worte weg waren), als wären Sie ihr Sohn.
    Wenn sie nur nicht glaubt, sagte Gretchen: es sei eine Linde ausgegangen,
wenn Sie abreisen.
    Diese Befürchtungen machten eine allmählige Entfernung von ihr vor meiner
Abreise notwendig. Vergessen Sie uns alle und Gretchen nicht - sagte die
Lindenkranke, da ich Abschied von ihr nahm. Gretchen küsst' ich nicht; allein
beide Hände reichten wir uns. Ein paar Stunden vor meiner Abreise liess sich der
Justizrat Natanael anmelden. Wenn ich nicht mehr da wäre, liess er sagen, um
meinen Schmerz nicht aufzubringen, nicht zu erneuern. Ich bat Gretchen, ihn zu
grüssen. Mich? fragte sie. Sagen Sie ihm, ich wendete mich zum Prediger, dass Mine
ihm von Herzen vergeben habe. - Gretchen hat das Testament.
    Und so kam ich mit dem künstlich gewindelten mir auf die Seele gebundenen
Werklein von der Sünde wider den heiligen Geist nach Königsberg. Mein Gefährte
sprang mir um den Hals, da er mich sah, und herzte und küsste mich. Zu Hause,
fing ich an. Seit ehegestern, erwiederte er, hause ich; ich habe es der Blonden
in einem schwachen Stündlein versprochen, weil eben heute ein Lautenconcert, dem
Vater zu Ehren, aufgeführt wird. Gestern war die Probe. Es ward bei der Probe
alles durchs Fenster gespielt. Heute bin ich in bester Form gebeten - aber du
kommst mit, wenn nicht, so soll auch heute die wirkliche Aufführung durchs
Fenster geschehen. Aber, fing ich an, ohne aufs Mitkommen ein Wort zu geben, und
sah einen Stoss Bücher und Schriften. Beim Scherz muss Ernst sein, beim
Zeitvertreib Arbeit; dic, cur hic? Schön, dacht' ich, und v. G. (er hiess
Gottard mit dem Vornamen) fuhr fort, da hab' ich mir einige Bücher über
Jagdgerechtigkeit und Jagdungerechtigkeit, über fas und nefas in dieser freien
Kunst, nicht minder die kunterbunten preussischen Jagdverordnungen geben lassen.
Bruder, ein Studium, um den Tod zu haben! Freilich mehr als Jagdterminologie,
wodurch man für Fund zeitlebens sicher ist, und noch dazu Fund andern zuwenden
kann. Indessen sag mir, du bist doch ein kluger Kerl, wie kommen die regierenden
Herren dazu, die Jagden zu Herrlichkeiten und Gestrengigkeiten zu rechnen, und
sich darüber solche Rechte anzumassen, als ob ihnen das liebe Wild näher wäre,
als Schafe, Ochsen allzumal? Da hab' ich schon gedacht, dass sie ihre
alleruntertänigst treugehorsamste Sklaven nicht zu genau mit dem Wilde bekannt
machen wollen, um sie nicht auf wildgrosse Gedanken zu bringen, aus dem
Schafstall ins Freie.
    v. G - brachte mich durch einige Betrachtungen, die nicht aus dem Stalle
waren, zum Ausruf. Bruder, exclamirt' ich, du entzückst mich; du bist, ohne die
Concertprobezeit abzurechnen, die du am Fenster verhört hast, noch nicht
vierundzwanzig Stunden zu Hause, und sprichst so wahr! Und wenn ich immer zu
Hause bliebe, fiel er mir jagdeifrig ein, gelt! dann wär' ich Sklave über
Sklave. Nicht also, sagt' ich, wenn je die Freiheit noch einst in ihrer edlen
einfältigen Gestalt auf Erden erscheinen soll, wenn je - so kann sie jetzt nur
aus der Studirstube ausziehen. Der Heerführer Moses war unterrichtet in aller
ägyptischen Weisheit.
    Da kam eben ein Bote, der mich mit zum Concert einlud. Man hatte mich kommen
sehen und hoffte gewiss -
    Ich war so wenig gestimmt, eine solche Dissonanz anzuhören, dass ich geradezu
abschlug. Junker Gottard, dem ein Menschenstimmhammer ohnedem nicht eigen war,
und der keine meiner Herzenssaiten in Harmonie ziehen konnte, nahm indessen das
Wort, sagte dem Boten: Ich werde ihn mitbringen. Dieser ging, und ich mochte
wollen, oder nicht, ich musste. Freilich, sagte Junker Gottard, wirst du heute
nur die Hochzeit sehen; die Verlobung ist vorbei, wie du zu sagen pflegest! Wer
kommt indes in der Welt immer zur Probe?
    Herr v. G - hatte nicht die mindeste Neugierde, Geheimnisse zu hetzen oder
zu schiessen. Ich reisete, ich kam, ohne dass er was, und wie, und wo wusste. Mein
Herz brach mir über den guten wilden Jungen. Ich wusste wohl, dass Teilnehmung
ein Wunder in seinen Augen setz, und doch sagte ich ihm alles. Ohngesagt
verstand er nicht, das wusst' ich, einen Herzensbruch, die schreckliche Ohnmacht
eines beklemmten Herzens, den Wortstod auf der Zunge, das Beben auf der Lippe,
wo man sonst mit sichtlichen Augen den Geist sieht, der den allerfeinsten Körper
von Wort (wär' es auch ein blosses Ach!) zu schwerfällig für sich findet. Ich
sagt' ihm alles, und musste mich wahrlich zwingen, zu reden; denn wer kann in
solchen Herzensnöten, wer kann mehr, als abgebrochen sein? Ich war diesmal so
glücklich, solche Worte zu ertappen, dass ich den Junker Gottard in Bewegung
setzte. Bruder, sagte er, du jammerst mich! Das war viel!
    Nach einer Weile: wenn ich das gewusst hätte, ich hätte dich zu Hause
gelassen und wäre selbst zu Hause geblieben. Hiebei stand er auf; denn er sass
bei seinen Jagdschriften. Hätte v. G - diese Periode nicht mit wenn angefangen,
was hätte ich mehr erwarten können? Was, meine Leser? Was fehlte denn zum
tätigsten Beweis einer lebendigen, leibhaften Teilnehmung? O wär' es dabei
geblieben! Si tacuisses!
    Schon war ich entschlossen, nach einem so guten Anfang meinem lieben v. G -
Empfindung beizubringen, die Jagdwerke unvermerkt zuzumachen, um ihn zur Absage
des Lautenconcerts zu bequemen, da er wieder, um seinen Ausdruck zu adoptiren,
ins Zeug gesetzt war. Urplötzlich war er wieder da mit Flinte und Tasche und dem
Satanas.
    Hättest du denn, fing er von freien Stücken an und setzte sich wieder,
hättest du denn nur eine schmucke Mine? Bruder, erwiederte ich und wollte was
anders sagen, Bruder, wir gehen aufs Concert.
    Junker Gottard wollte zwar seine Frage durch eine andere wieder gut machen
und schwur mir hoch und teuer, dass ich wie eine Wassersuppe aussähe, so
verzweifelt wie ein gejagter Hirsch; allein unsere Empfindungsstunde war vorbei.
Ich schloss die Sünde wider den heiligen Geist in den nämlichen Kasten, wo mein
                               anexoy kai apexoy,
dessen Vorhang bis zum Allerheiligsten, wie mich dünkt, gezogen war, an einen
Ort, doch so, dass sie nicht zusammen kamen. Zweimal schloss ich den Kasten auf
und legte sie jedesmal noch mehr auseinander, recht als ob ich besorgte, sie
könnten sich doch wohl zu nahe kommen und Schaden tun, und nun ging es an eine
städtische Läuterung, die ich nicht nötig gehabt hätte, wenn Grete die Heldin,
prima donna, dieses Concerts gewesen.
    Was ein ander Kleid, ein gewisses städtisches Wesen, eine gewisse
Körpertracht, aus der der Tanzmeister alles schlichte, natürlich gute Wesen
herausgegeigt und herausgebrochen, machen kann, wird jeder wissen, der in Rom
und auf dem Tusculan gewesen.
    Ich ging mit meinem guten v. G - zum Concert, wo ich Lichter und Kleider von
Gold und Silberstück über alle Mass und Gewicht fand.
    Was mir seit einiger Zeit dergleichen Pracht und Herrlichkeit widerlich ist!
Ein wahres Teater! Da ging ich leise hin und her, ohne dass ich hörte. Ein paar
Töne kamen mir so vor, als hätten sie was ähnliches von den Glocken aus L -, und
dann ein paar Adagiosstellen als wären sie aus dem Liede: Nun lasst uns den Leib
begraben, und das rührte mich so, dass mir alles nicht etwa verkümmert war, nein,
sondern so, als wär' es gar nicht. Der Herr des Festes sollte durch diese
Solennität überrascht werden, mitin hätte er tun müssen als wüsst' er nicht,
was Trumpf wäre. Er wollte es auch, wie mich dünkt; indessen zeigte seine
lichterloh brennende goldene Weste das Gegenteil. Alle sein Dichten und
Trachten fiel zusehends dahin aus, dass ihm diese Feierlichkeit, die im Finstern
geschlichen, nicht unbekannt geblieben. Er sah leibhaftig wie das Ziel aus, nach
dem geschossen ward.
    Ich merkte bei aller meiner Zerstreuung, dass Amalia der schmucken Trine des
guten Junker Gottards Abbruch getan, und obgleich er gewiss mehr als eine in
dieser Gegend (wieder sein Ausdruck) auf dem Korn hatte, so schien doch Amalia
das Schnupftuch empfangen zu haben. Jene mit schwarzem Haar, wie Ebenholz, wobei
eigentlich Junker Gottard titulo institutionis honorabili zum Erben eingesetzt
war, hatte es wegen der zehntausend Liebesgötter auf dem Busen, die bis auf zehn
reducirt wurden, verdorben. Amalia hatte sehr wohlbedächtig diesen Abend alles,
was ihr nachteilig sein konnte, entfernt; sie allein wollte mit ihrer blonden
Stirne siegen und mit ihrem wallenden, herauf bebenden Busen und mit ihrem
dahinfliessenden Ordensbande und mit allem, was der Testator so pünktlich von ihr
angegeben hatte.
    Ich hörte es Amalien in der Kopie an (das Original, die Probe war wie
bekannt vorbei), dass sie von ganzem Herzen dem Junker Gottard zuspielte, dass
ihr Herz alle seine Gedanken und Begierden der Laute anvertraut hatte, die alles
wieder raunte, was sie wusste! Nur Schade, dass es eine Laute war! Wenn's ein
Waldhorn gewesen wäre, würde v. G - es eher verstanden haben. Den Lautenzug
verstand er nicht. Amaliens Auge, das wahrlich nicht ins Ohr sprach, sondern
vernehmlich sich ausliess, dies redende Auge verstand v. G -, wie's schien,
stellenweise. - Er war eine lebendige Seele worden.
    Vater und Mutter, obgleich beide auch bei dieser Gelegenheit so taten, als
der Hausvater beim heutigen Namenstage, konnten doch eine gewisse Freude von
lichterloh brennender goldener Weste nicht bergen, welche sie über diese
Augenvertraulichkeit (es war mehr als Augenumgang) verspürten.
    Wenn ich den Junker Gottard nicht als einen so jagdgerechten Jäger und
einen, der mehr als eine schmucke Trine und schmucke Amalia zu lieben verstünde,
gekannt, würde ich ihn stehenden Fusses gewarnt haben; allein jetzt, dachte ich,
wird sich alles geben.
    Da fand ich ein Glas voll Rosen, zwar ausserhalb der Jahreszeit, wie alles am
Hof und in der Stadt ist, doch anziehend. Vier Rosen waren aufgeblüht und eine
Knospe. Gott verzeih mir meine schweren Sünden, dass mir in einem Musikzimmer,
bei so viel Glanz und Lichtern nur Mine einfiel. - Der gräfliche Todtengräber
liebt auch viele Lichter, und man sage, was man will, Lichter (die Menge tut
nichts dagegen) haben etwas Melancholisches, etwas von Mondschein bei sich. -
Eine heilige! - meine heilige! - mein Schutzgeist - wie in diesem Saal der
Eitelkeit? - Wie stimmt Himml und Erde, Seligkeit und Weltfreude! Doch, war es
nicht bei einer Rosenknospe, ihrem Ebenbild?
    Da war dies Knöspchen unter ihren aufgeblühtern Schwestern. Es schien
gerungen zu haben, sich herauszuhelfen, allein vergebens. Bleich, abgezehrt
begab es sich in die liebe Geduld; es spürte wohl, dass es nie zum Aufbruch
kommen würde. Gott, dachte ich und sah gen Himmel! Eine Platzträne fiel aus
meinem zum Himmel andringenden Auge, das ich über diesen Rosenbusch hielt. -
Diese Träne entblätterte die Knospe. - Ob so oder anders. Die Blätter fielen
auseinander und ich - - Wer so stirbt, der stirbt wohl.
                                     * * *
    Ich ging oder lief wie es kam wieder in die Stunden. Meine Abwesenheit war
mir nicht nachteilig - ich half mir selbst nach, und da ich mit dem besten
meiner Beigänger oder Beiläufer collationirte, fand ich hier und da eine andere
Ader! Auch gut, dachte ich. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Man
muss dass Pfund, das uns der Herr anvertraut hat, nicht ins Schweisstuch vergraben,
sondern es anlegen, damit es Früchte bringe zu seiner Zeit.
    Mein Vater pflegte zu sagen: alle Philosophie will den Menschen still
machen. Erinnerst du dich nicht an schöne Abende, wo sich kein Blättchen am
Baume bewegt, wo die ganze Natur, wenn ich so sagen soll, beim lieben Gott in
der Kirche ist und Ihn, nur Ihn anhört und die Sphärenorgel, wo auch ein Lied:
Freu dich sehr, o meine Seele, und vergiss all' Angst und Qual gespielt wird;
allein wahrlich von anderm Inhalt und wahrlich auch in andrer Melodie als es
deine Mutter singt. Wahrlich, die Philosophie will uns in Stille bringen! Es
soll sich kein Blättchen an uns bewegen, kein Vergnügen, kein Schmerz soll bis
zu unserer Seele eindringen, es sei denn der Schmerz, der Seligkeit wirkt, der
Schmerz wegen verletzter Pflicht. Nicht jeder Schmerz ist Traurigkeit; nur
alsdann wird er's, wenn er bis zum Gemüte kommt. Nicht jede Ruh' ist
Fröhlichkeit; sie wird es nur, wenn wir das Vermögen besitzen, alle Vorfälle
unseres Lebens aus dem Gesichtspunkte zu betrachten, der uns auf irgend eine Art
an dem unangenehmen Vorfall ein Vergnügen verschafft, eine sonnbeschienene
Stelle zeigt. - Wir sind leidend bei Affekten, schickt sich das für uns? Schickt
sich passiv zu sein für Männer? Man verachtet jeden Menschen, wenn er in Affekt
ist, Weiber weniger, denn sie sind zum Leiden gemacht. Woher die Verachtung?
Weil die Menschheit herabgesetzt ist und die Tierheit auf dem Trone sitzt und
tyrannisirt. Wohl, recht tyrannisirt. Beim Affekt tritt die dumme Figur ein:
Pars pro toto. Der Teil ist so gross als das Ganze. Ein Teil der Bedürfnisse
überwiegt Summa Summarum aller Bedürfnisse. Eine Neigung überwiegt die Sammlung
aller Neigungen. Es ist ein Monstrum, ein Mannskopf und Kindsfuss oder umgekehrt.
Neigung ist schon Schwachheit; indessen behält sie noch immer eine Klarheit,
allein im Affekt, wo bist du Sonne geblieben? Der Tag ist schier dahin.
    Alle Tiere sind des Vergnügens und Schmerzes, nicht aber der Freude und
Traurigkeit fähig; denn diese entstehen nur alsdann, wenn wir von dem Hügel
unseres jetzigen Zustandes unsern ganzen Zustand überschauen. So weit reicht das
Auge des Tieres nicht, wär's auch ein Elephant. Der Mensch ist Tier, wenn er
ergötzt wird, wenn er Schmerz empfindet, kann es ihm wohl verdacht werden? Nur
ausserordentlich freudig, ausserordentlich traurig zu sein, ist ihm unanständig.
    Der Eifer für des Herrn Haus, der edle Zorn für die Rechte der Weisheit, die
Entzückung über das Glück der Menschheit kleiden einen Menschen, weil sie den
Menschen dahin leiten, wo kein Affekt mehr sein wird. Dies Reich Gottes (mein
Vater nannte Reich Gottes was zwar hinein gehört, allein es eben nicht ist, pars
pro toto) wird schon in dieser Welt kommen, kann kommen; allein dort ist's
gewiss, darum ewige Ruhe! Die Sünde ist der Menschen Verderben, und das Verderben
ist die Quelle aller das Gleichgewicht habenden Leidenschaften, sie mögen
übrigens sein, welche sie wollen, angenehm oder unangenehm. - Am Ende sind sie
alle unangenehm, glaubt mir!
    Diese Predigt, welche meinen Lesern keinen Dreier in den Seckel gekostet
hat, diese Wiederholung einer paränetischen Stunde, wie wandte ich sie an? So
wie man gemeinhin alle Predigten ohne und mit dem Seckel anzufangen pflegt. Fast
könnte ich sagen, dass ich dies alles angesehen, wie die Henne ihre Ausbrut
junger Enten, womit sie die Hausmutter betrogen hat, wenn sie schwimmen. Es ist
noch lange nicht alles gesagt in der Welt, was gesagt werden kann, weit weniger
ist alles getan. Was tat ich aber? Was konnte ich tun? Da Mine lebte, sah ich
sie überall. Ich studirte an ihrer Hand. Jetzt, da sie im Himmel ist, ruhte ihr
Geist auf dem meinigen. Ich konnte nicht so glücklich sein, in L -, wo ihre
Gebeine ruhten, körperlich mit ihr zusammen zu sein, und eben dadurch, nach der
Meinung des Grafen, länger sie zu haben, länger sie zu besitzen. Es war mitin
alles im Geist. Wahrlich, unsere Liebe war Geist zu Geist, war himmlisch, war
auserwählt. - Ich wallfahrtete, so oft ich konnte, auf alle Kirchhöfe,
christliche und unchristliche, und las mir einen aus, wo ich Minens Andenken
stiften wollte. Diesen fand ich an einer Kirche, die man die Rossgärtsche nennt.
    Der Tod, Freunde, ist natürlich fürchterlich! Der Denker, der sein eigen
Licht hat, und der gemeine Geist, der sein Licht von der Sonne borgt, müssen
gleicher Weise ihre Zuflucht zur Kunst nehmen, um den Tod sich leidlich
vorzustellen, und da kommt es mit auf die Örter an, wo man uns hinbringt.
    Gewölbe, sind das nicht Örter, wo einem angst und bange wird? Der Moder,
der Todtengeruch, womit wir unsere Kirchen verpesten, wie schrecklich zieht er
dahin und daher, wenn er eingemauert wird? Bringt den Todten in die freie Luft,
er ist lebendig. - Schliesst den Gesundesten ein, er verweset.
    Meine Kirchhofsidee fand ich auf dem Rossgärtschen Kirchhofe am gründlichsten
in ganz Königsberg ausgeführt.
    Ein vortrefflicher grüner Platz, mit Bäumen unordentlich besetzt, zuweilen
viere nicht weit von einander, und unter ihnen ein Grab, das sie bedecken,
zuweilen ganze Stellen als ein Wald, und dann ein Monument, wie verloren, nicht
nach Regeln der Kunst, sondern schlechtweg gearbeitet. - Ein lebendiger Zaun
unterscheidet einen kleinern Kirchhofsteil vom grössern. - So vortreffliches
Grasgrün auf diesem eingeschlossenen Platze, dass man sich das Auge daran stärken
kann. Vielleicht wird hier das Taufwasser ausgegossen. Die andere Seite dieser
Kirchhofsparentese geht nach dem Wasser. Dieser Einschluss, dieser Kirchhof im
Kirchhof, dieser Status in Statu nimmt die Gebeine der verstorbenen Herrnhuter
an Kindesstatt an, die nach dem sehr präcisen herrnhutischen Kunstworte, das
auch dem Grafen v. - eigen war, nicht sterben, sondern heimgehen. Da ich nach
meines Vaters Weise bei allen dergleichen Dingen durch die grosse Pforte zu gehen
gewohnt war, so blieb ich auch mit meiner Mine auf dem unverzäunten
Hauptkirchhofe. O hier ist gut sein! Man kann sich auf diesem Kirchhofe kaum des
Gedankens erwehren, dass die Abgeschiedenen hier im Mondenschein sich regen und
bewegen, wie meine Mutter sich ausdrücken würde.
    Der Todtengräber dieses Sprengels wohnt unweit dem Kirchhofe, sein
Hauptfenster geht hinein. Da er mich unfehlbar mit einem Gesichte, worauf Tod
und Begräbnis deutlich zu lesen war, herumwanken und Stelle und Ort suchen sah,
kam er mit einer eisernen Stange zum Vorschein und fragte mich, was mein
Begehren sei? Die eiserne Stange diente ihm beim Grabmachen, um zu versuchen, ob
auch tief genug, ohne einem frischen Sarge zu nahe zu kommen, gegraben werden
konnte. »Ich kann den Kirchhof empfehlen, wenn es was zu begraben gibt, fing er
zu mir an. Wie sehr überraschte mich der Todtengräber mit seiner Stange und
seiner Frage! Ich erwiederte ihm mit schwerem Herzen, dass ich ein Liebhaber von
Kirchhöfen wäre, und eben einen getroffen hätte, der mir sehr gefiel. Sie sind
nicht der erste, der diesen Kirchhof schön findet. Der Graf v. - besuchte ihn,
so oft er nach Königsberg kam. Ich bin bei ihm einige Jahre im Dienst gewesen,
setzte er hinzu. - So, dacht' ich, bist du ein wirklich ausgelernter zünftiger
Todtengräber, bei solch einem Meister!«
    Nach diesen Umständen fand ich es nicht länger schwierig, diesen
ausgelernten Todtengräber in mein Herz tiefer hineinsehen zu lassen. Ich habe,
sagte ich, eine Schwester verloren, die ich sehr liebte, und an die ich gern
hier auf diesem Kirchhofe denken will. Ich gehe darauf aus, mir einzubilden, dass
sie hier begraben sei, um mich mit dem Andenken an sie desto fester zu binden,
das dauern soll, bis dass auch ich begraben werde. Sterbe ich in Königsberg,
versteht sich, ist hier mein Grab. Der Todtengräber, dem mit dergleichen
idealischen Gräbern, bei denen er seine Stange nicht brauchen konnte, nicht im
mindesten gedient war, widerriet mir, obgleich er einige Jahre beim Grafen v. -
gedient, diese Imaginationen, die keinem Menschen was einbrächten, wohl aber
dem, der sich mit ihnen in Vertraulichkeit einlässt, an Leib und Seele schaden
könnten. Ich glaubte zu merken, worauf es bei diesem Ehrenmann ankäme, und
nachdem ich mich seiner Gebühren halber erkundigt, und ihm noch einmal so viel
in die Hand gesteckt hatte, als ein wirkliches Grab galt, weil ich ein
idealisches Grab bei ihm bestellte, so fand er weniger Bedenklichkeit bei meiner
Sache, und liess es mir selbst über, ein Plätzchen für meine Phantasie
auszusuchen. Er fragte mich zum Beschluss, wie alt ich wäre, und schüttelte, da
ich ihm antwortete, den Kopf. Ich fragte ihn zur Wiedervergeltung, wie lange er
beim Grafen v. - gedient hätte, und schüttelte, da er mir antwortete: sieben
Jahr! auch den Kopf.
    Wir hatten, glaub' ich, beide gleich Ursache zum Schütteln.
    Ich suchte hin und her eine Stelle für mich zum Monument und sah endlich
einen Baum, den ein anderer nicht bloss angefasst hatte; er hatte sich
hinangewunden. Der Todtengräber, der seine Amtspflicht vollbracht hatte, und mit
seiner Stange nach Hause zu gehen im Begriff war, sah sich zum Glück noch einmal
um. Ich winkte ihm nicht, allein er sah die Frage im Auge und kam.
    Ich. Diese Bäume -
    Er. Von selbst zusammen.
    Ich. Selbst?
    Er. Ohne Menschenhände.
    Ich. Und begraben?
    Er. Ein junges Paar.
    Ich. Paar?
    Er. Wie ich sage. Schade, dass Ihr Verlust eine Schwester ist, sonst eine
Stelle für Sie, wie gewonnen.
    Ich. Wer zuerst?
    Er. Sie.
    Ich. Gott!
    Er. Es war ein Mädchen, das Liebe hatte bei Jung und Alt. Die Eltern, wie's
doch immer so geht, wollten sie zwingen, und sie wollte sich nicht zwingen
lassen. Sie liebte einen jungen Menschen, dessen Vater das ist, was ihr Vater
ist. Kein Fingerbreit mehr oder weniger. Die Eltern wollten höher mit ihr
hinaus; endlich sahen sie, es ginge nicht, denn das Mädchen grämte sich
zusehends. In der Gemeinde kenne ich meine Kundleute auf's Haar. Da sollten wohl
zehn eingeschnürte verheimlichte Schwangerschaften der Hebamme des Kreises eher
entgehen, als mir eines, das an Grabes Bord ist, obgleich ich auch mich auf die
gesegneten Umstände und Leibeserlösung, wiewohl nur nach Augenmass, verstehe. Ein
Auge ist bei unser einem die andere Hand. - Diessmal glaubte ich schon, mich zu
irren. Ich irrte mich wirklich; die Eltern sagten endlich ja zur Heirat und
alles sagte ja. Das Mädchen erholte sich zusehends. Verlobungen kommen unser
einem selten zu Ohren. Die Leute halten mich für ein Stück vom Tode, für einen
Verwandten des Todes, und wollen mit dem Tode bei dergleichen Gelegenheit nichts
zu tun haben, obgleich der Tod immer hinterm Stuhle steht, es sei bei einer
Verlobung oder sonst. Es ist, dünkt mich, zu sehen, dass ich so gut lebendig bin,
wie einer, und wenn der Tod bedenkt, dass unser einer ihm gewiss ist, und dass er
ihn aus der ersten Hand hat, so geht er lieber auf die Jagd, als dass er nach dem
Haushahn greift.
    Ich. Das Mädchen, Freund, das Mädchen erholte sich -
    Er. Ja wohl erholte es sich. Ist die Verlobung nicht vorgefallen, so hatte
sie doch vorfallen sollen. Es war alles: Ja und Amen, und da starb es wie eine
Knospe Rosenrot, und nun ging's ans Heulen und Zähnklappen.
    Ich. Und er? er?
    Er. Er? weiss Gott wie's war, er ist am Tode gestorben. Es hat ihm so wenig
gefehlt, wie Ihnen und mir. Sie starben einander so nach, wie Blitz und Donner.
So was hat man bei Menschen Gedenken nicht erfahren! Die Nachbaren und
desgleichen sagten nun freilich wohl, dass der liebe Gott an ihnen ein Exempel
statuirt, weil sie doch vom verbotenen Baum essen und den lieben Eltern der
Braut ungehorsam werden wollten. Sie meinten es gut mit ihr und dachten höher
mit ihr hinaus.
    Ich. Ach Freund! Sie ist höher hinaus, wie wir alle!
    Er. Ja, wenn Sie's so nehmen, habe ich nichts dawider. Sonst pflegt's zu
heissen: wer den Eltern nicht folgt, der folgt dem Kalbfell. Hier ging sie einen
andern Weg und er folgte.
    (Das Sprüchwort: wer den Eltern nicht folgt, folgt der Trommel, fiel mir so
auf, dass ich aus der Weise kam; indessen erholte ich mich nach einer kleinen
Weile und lenkte das Gespräch zurück auf ihn und sie.)
    Ich. Aber diese Bäume?
    Er. Ein lebendiger Leichenstein, zum Zeichen der fröhlichen Auferstehung
gesetzt. Ihr setzten seine Eltern diesen lebendigen Leichenstein, ihm die Mutter
der Seligen, mit Zuziehung der Kirchhofsobrigkeit.
    Ich. Mit bebender Hand.
    Er. Kann nicht sagen; was man setzt, muss mit Herz und Hand gesetzt werden,
sonst geht's auch so fort. - - Ohne mich kann kein Grab gegraben und kein Baum
gepflanzt werden. Auf diesem Acker bin ich, ohne Ruhm zu melden, Gottes
Gärtnierer, so wie der Herr Pfarrer sein Diener ist in der Kirche. - Die Mutter
der Seligen hatte den Glauben, dass dies Pärchen dort Hochzeit machen würde,
obgleich ich's ihr ohne Ende und Ziel sagte, sie werden dort weder freien noch
freien lassen. Noch kann sie niemand von dem Gedanken abwendig machen; ich
wenigstens gebe meine Kunst auf, denn sehen Sie, die Bäume wurden mit Herz und
Hand so hingesetzt, mir nichts, dir nichts. Wahrlich ein stark Stück! Dieser
Baum da, auf Ehre und Redlichkeit, schlang sich um den andern so herum, dass es
nun freilich so aussieht, als wären sie um einander gewunden.
    Wie mich diese Zugabe des Todtengräbers gerührt, mag jeder meiner Leser
selbst empfinden, der sich dies in einander geschlungene Paar Bäume so lebhaft
vorstellen kann, als ich! Da lag ich, und Mine im Geist in meinem Arm! Die Bäume
- waren Linden.
    Bis hieher hat der Herr geholfen, sagte Samuel, da er einen Stein zum Altar
hinlegte, und auch ich; ihr wisst es, ihr heiligen Gräber und ihr Bäume, die ihr
mit ihnen so nahe verwandt seid, ihr wisst es, wie ich bei diesem Altar bewegt
war, den ich nächst Gott Minen setzte. Der Todtengräber war weg. Ich allein. -
Ein heiliger Schauder nach dem andern nahm mich, als wenn diese oder jene
abgeschiedene Seele auf und in mich wirkte, und nun, da ich mir selbst zu schwer
war, fiel ich auf Gottes Gartenacker, von wo ich beide Hände offen gen Himmel
hob, als wenn mir Gott einen sanften, seligen Tod hineinlegen sollte. O
wahrlich! ich bettelte darum. Siehe, da fiel ein welkes Blatt auf meine Rechte;
dies nahm ich und ging gesegnet in mein Haus. Noch liegt dies Blatt in der
Bibel, die mir mein Vater auf den Weg gab. Wie mir diesen Einweihungsabend war,
vermag ich nicht auszudrücken. Oft hab' ich ihn wiederholt, den vortrefflichen
Abend, ohne dass mich der Todtengräber weiter mit seinem Spiess störte. - So oft
wir uns überfielen, berichtigte ich ihm meinen Canon.
    Einen schönen Abend, da der Mond die Nacht regierte, ging ich tief andächtig
zu meinem Altar, und stehe da, der königliche Rat kam, stellte sich vor ein
Grab, sah in den Mond und aufs Grab, wie's mir vorkam, so lange, bis die Tränen
ihm nicht mehr erlaubten, in den Mond und aufs Grab zu sehen. Ich glaube nicht,
dass er mich bemerkt hat; allein ich habe ihn weinen sehen, weinen, und das beim
Mondenschein. O! wie schön die Tränen da aussehen! Er war mir von jeher
schätzbar; seit diesem Abend aber war er es mir unendlich mehr. Es kamen und
gingen viele Leute dieses Weges, und dies war das einzige, was mir auf diesem
Kirchhofe missfiel und meine Andacht unterbrach. Denn wahrlich die wenigsten
sahen, wie der königliche Rat, in den Mond und auf ein Grab, bis die Tränen es
nicht mehr verstatteten. Die wenigsten wallfahrteten einer Mine wegen an diese
heilige Stätte. Ich hab' ihn auch nie mehr an diesem Grabe weiter gefunden;
allein nie bin ich seine Tränenstelle vorbeigegangen, ohne daran zu denken, dass
dieser in der Welt so gefasste Mann hier weinte.
    Bei dieser Gelegenheit freue ich mich, auf den königlichen Rat zu kommen,
der, wie alle Obersten im Volke, nur des Nachts, nur beim Mondschein, weinen
konnte.
    Die Abhandlung überlieferte ich sogleich nach meiner Ankunft dem Verleger,
ohne, nach der dem guten Prediger gegebenen Verheissung, seinem Bruder hievon
einen Strahl leuchten zu lassen. Ich indessen stellte auf meine eigene Hand dies
Werk und den königlichen Rat zusammen und überzeugte mich je länger je mehr,
dass ihm mit der Zuschrift nicht sonderlich gedient sein würde. Ich erzählte dem
königlichen Rat meine Geschichte mit aller Treue, und hatte Gelegenheit zu
bemerken, dass er, auch ohne in den Mond zu sehen, empfinden und teilnehmen
konnte. Es war hoch am Tage. - Weinen nur konnt' er ohne den Mond nicht. So
lieb, als in meine Stunden, und wären sie auch beim Professor Grossvater
gehalten, ging ich in seine kleine Abendgesellschaften, wo ein königlicher Rat,
sein College, ein Officier, ein Prediger und ich mit Leib und Seele waren.
Selbst, wenn er es nicht länger aussetzen konnte, und er ein Mittagsmahl gab, wo
mehr gegessen und getrunken und weniger gesprochen ward, und wo der königliche
Rat, sein College, der Officier, der Prediger und ich, nichts mehr taten als
vorlegen, selbst da hielten mich manche Anmerkungen schadlos, die der königliche
Rat zuweilen zum Besten gab. - Es ist viel, einen Mann von seinem Stand zu
finden, der zu Gott, der Natur und zu sich selbst zu kommen verstand, wie sein
College Nicodemus zu Christo. Der College des königlichen Rats, mein Mitgast,
ein Mann von anderm Schrot und Korn, hätte nicht geweint, wenn sich der Mond
gleich seinetwegen alle Mühe gegeben. Man nannt' ihn ein juristisches Genie, das
heisst, er fing seine Sentenzen nicht mit Alldieweilen, sondern mit Alldieweil
an; schrieb nicht: Wie Recht ist von Rechtswegen, sondern von Rechtswegen; liess
den Buchstaben h bei vielen Worten weg.
    Das letztemal, da ich diesen Altar besuchte, liess ich es darauf nicht
ankommen, ob ich dem ehemaligen siebenjährigen Bedienten des Grafen v. - und
jetzigen wohlbestallten Todtengräber des Rossgärtschen Kirchhofs, oder Gottes
Gärtnierer, in dem Sinn, wie der Prediger des Orts Gottes Diener ist, begegnen
würde. Ich war verbunden, ihm Minens Grabmal zurück zu treuen Händen zu liefern,
und mich mit ihm, neben dem Dank für dieses Begräbnis der Einbildung, auf eine
wirklich fühlbare Art abzufinden, des Canons ungerechnet, den ich ihm, so oft
ich ihm begegnet, abzutragen für Pflicht gehalten. Ich klopfte an sein Fenster.
Gleich, war seine Antwort, und da stand er auch mit seinem Spiess in der Hand,
den er lächelnd ansah, nachdem er mich gewahr ward. Er war es nicht gewohnt, dass
ich ihn auf diese Art aufrief; sich zu begegnen war eingeführt. Hier, fing ich
an, lieber Freund, gebe ich dies Grab, frei von aller Einbildung, die bis jetzt
darauf haftete, zurück. Die Gebeine des guten Paares, das in dieser Welt, des Ja
und Amens unerachtet, nicht zusammenkommen konnte, das an der Liebe starb -
mögen wohl ruhen! Ich ziehe mit meiner Todten von dannen, die dies Grab, so
lange ich sie hier beigesetzt, nicht beunruhigt hat. Mein Begräbnis war geistig
gerichtet. Da wollt' ich wetten, sagte der Todtengräber und stützte sich auf
seinen Spiess, diesem Paar wird es ein Vergnügen gewesen sein, ein ander Paar
guter Freunde bei sich zu sehen! Die Gesellschaft kann auch den Todten nicht
unangenehm sein. Von jeher sind Kirchhöfe gewesen. Hier fiel mir die
Sterbensmetode des Grafen ein, die auch auf Gesellschaft hinausging. Von der
Erde, womit der liebe Gott von Anfang, da er Himmel und Erde schuf, diese Kugel
bestreute, so wie meine Hausmutter alle Sonntage unsere Prunkstube, wird wohl
schwerlich viel mehr übrig sein. In dieser Anfangsrede war freilich kein
pulverisirtes Gebein; allein unsere jetzige sind wir selbst, bis auf die Seele!
- - Nach diesen Betrachtungen, welche der Todtengräber in beliebter Kürze und
Einfalt, auf seinen Spiess gelehnt, nicht ohne Bewegung der Hände, bald zur
Rechten, bald zur Linken, hielt, und worin ich seinen hochgebornen Meister in
Lebensgrösse fand, berichtigte ich ihm meine Schuld, und er kam zur Nutzanwendung
seiner angefangenen heiligen Rede, die zwar seinem Text nicht angemessen war,
die indessen aus gutem Herzen quoll. Vor allen Dingen, fing er an, schenke Ihnen
der liebe Gott Glück und Segen und ein langes Leben! Bei Ihnen verliert der
Todtengräber nichts bei lebendigem Leibe; wenn ich aber bitten darf, begraben
Sie Ihre Einbildung auf diesem schönen Kirchhofe, wo es Ihnen gefallen hat.
Jeder Platz soll Ihnen gehören, den herrnhutschen grünen Einschluss nicht
ausgeschlossen. Es ist keine Schwester, der Sie hier im Geist ein Grabmal
errichtet! Ich weiss, was Schwester sagen will. Die begräbt man ohne Einbildung,
und, wenn ich's selbst nicht wüsste, mein Weib weiss mehr als das. Da stirbt keins
vom königlichen Hause, was ihr nicht voraus gemeldet wird. Wunderbar verkehrt
sie im Schlaf mit den Geistern. Das Paar, das unter den zusammengewachsenen
Bäumen schläft, ist hier mit dem Herzen zusammengewachsen. Sie lässt auf dies
Paar nichts kommen. Sie, mein Herr, haben eine Braut verloren. Ja, sagt' ich,
meine Mine! - Den Namen wusst' ich nicht, erwiederte er. - Geister haben keinen.
Minens Geist, Freund, heisst Mine, fiel ich ein. - Einbildung, und diese
Einbildung, wenn ich bitten darf, begraben Sie sie. Es ist Raum in der Herberge.
Das Grab haben Sie reichlich bezahlt! Ich will es eigenhändig machen. Sie sind
jung, und wissen nicht, was solch eingebildetes Wesen für Folgen hat. Seit
einiger Zeit war mein Vorsatz, Sie aufzusuchen und Ihnen diese Lehre zu
wiederholen, die ich Ihnen beim Mietskontrakt nicht verhielt. Konnt' ich aber
so grob sein, und Sie aus der Miete setzen, ehe Sie sie mir selbst
aufzukündigen genehm finden würden? Heute alles, wie gerufen. - Der Todtengräber
belegte seine Ermahnung mit einer Geschichte, die vor kurzem ihre Endschaft
erreicht hatte. Es verdross mich, dass so etwas auf dem Rossgärtschen Kirchhofe
geblieben, ohne dass ich in meinem Quartier der Stadt davon eine Todtenglocke
gehört.
    Was liegt nicht alles auf den Kirchhöfen begraben! In grossen Städten ist
Vergnügen der Inhalt. Das Wort Tod ist hier so contreband, als das unhallische
Salz in Preussen. Hier ist diese Geschichte, womit ich diesen Kirchhof schliesse,
so wie ich ihn mit einer Geschichte meinen Lesern öffnete. Zuvor eine
Todtengräberbemerkung, die meinen Lesern nichts neues ist, dass mehr Leute an der
Liebe sterben, als an den Blattern. Die Schuld hiervon gehört auf die Rechnung
des Zwangs, den man den Menschen auflegt. Man hat so viel über die Klöster
geschrien; allein wahrlich jeder Staat macht recht geflissentlich ein grosses
Kloster aus sich! -
                                Die Geschichte.
    Ein Eigentümer von einigen Hufen Acker und einem kleinen artigen Häuschen,
hatte einen Sohn und eine Tochter. Eltern und Kinder lebten in so glücklicher
Ruhe, dass der Pastor loci selbst zu sagen pflegte, es wäre ein patriarchalisches
Leben, das sie führten. Der Sohn kam ins Jahr, in dem sein Vater geheiratet
hatte. Dies fiel dem Alten an seines Sohnes Geburtstage ein, und er forderte ihn
selbst auf, an dies heilige Werk der Natur zu denken. Der Sohn hatte schon daran
gedacht, und entdeckte dem Vater seine Absichten. Anwerbung, Verlobung und
Hochzeit waren so nahe zusammen, dass alles wie Eins war. So sollt' es auch immer
sein. Gretchen, so will ich die Tochter des Hauses nennen (ohne Pastors Gretchen
in L - im mindesten zu nahe zu treten), hatte das grösste Recht von der Welt, zu
erwarten, dass ihre Mutter sie eben so auffordern würde, als es der Vater in
Rücksicht ihres Bruders nicht ermangeln lassen. Sie war einundzwanzig; ihre
Mutter hatte im zwanzigsten geheiratet. Diese Aufforderung blieb aus. Böse war
es hiebei nicht gemeint; die Mütter haben gemeinhin die Rücksichten nicht in
diesem Punkte für ihre Töchter, die die Väter für ihre Söhne haben. Gretchen
machte diese verfehlte Aufmerksamkeit ihrer sonst lieben Mutter nicht die
mindeste Sorge. Sie fiel ihr nicht einmal ein. Wann werden denn wir, sagte Hans,
ihr Geliebter, es so machen, wie dein Bruder mit seinem Gretchen? Hans war nicht
mit seiner Liebe in der Festung; allein völlig im Freien war er auch nicht. Er
war nicht bloss auf die Wälle eingeschränkt, sondern konnte Sonntags und Festtags
Gretchens Eltern besuchen, Gretchen sehen, ihr verstohlen die Hand drücken, und
beim Weggehen ihr geradeswegs die Hand geben; bei welcher Gelegenheit ihm aber
die Hand so zitterte und bebte, dass er sie kaum hinlangen konnte. War niemand
dabei als Gretchen und er, war sie ihm fest in allen Gelenken. Er war ein
starker Hans an Leib und Seel. Gedacht mögen die Eltern über Hansens Liebe viel
haben; allein gesagt hatte sich Vater und Mutter kein Wort. Unser Paar liebte
sich so inbrünstig, als man nur lieben kann, und doch so unschuldig, so rein. -
Gretchen hatte ihrem Hans viel von dem schönen Meiergute erzählt, das ihr Bruder
mit bekäme, und Hansen, obgleich er kein anderes Eigentum, als eine unbefangene
Seele, und ein Paar gesunde Hände, besass, wäre es nicht eingefallen, dass das
Gütchen, worauf Gretchens Eltern waren, ihm mit Gretchen zufallen würde, wenn
Gretchen ihn nicht selbst darauf gebracht hätte. Der Sohn, der sonst das nächste
Recht gehabt, war jetzo wohl versorgt. Das liebe Eigentum; es hat mehr Unheil,
als dies, angerichtet. Hans machte sich den Kopf so warm mit allerlei Entwürfen,
die er, wenn Gott will, auf diesem Gütchen ausführen würde, dass sein Paar
gesunde Hände am Wert verloren. Gretchen merkte, dass Hans mit etwas umging;
indessen wusste sie nicht, was es war. Einst sagte sie ihm: Du hast da etwas im
Kopf, und sollst doch nur etwas im Herzen haben. Hans indessen hatte Gretchen
bei seinen Entwürfen nicht vergessen. Alles macht' er an ihrer Hand. Ein Stück
uncultivirtes Land wollt' er erziehen, und es sollte Gretchenfeld heissen. Dort
sollte ein Gang angelegt werden, und der sollte Gretchenhall genannt werden. Der
arme Hans! Was ihm sein Gütchen, das er nur in Gedanken besass, schon für
Gedanken machte! Gretchen hatte ihm so viel von der Anwerbung und Verlobung und
Hochzeit ihres Bruders erzählt, dass nichts darüber war; nur einen Umstand hatte
sie verschwiegen, dass nämlich ihre Schwägerin einen Bruder hätte. Die Meierei,
welche das neue Ehepaar bezogen, lag zwei Meilen von dem Gütchen, das Hans in
Gedanken, und sein künftiger Schwiegervater wirklich besass. Nach einiger Zeit
kamen das neue Paar und die Seinigen, Gretchens Eltern zu besuchen. Der erste
Stoss, den Hans ans Herz erhielt, war die Nachricht, dass Gretchens Schwägerin
einen Bruder hätte. Auf diesen Umstand war Hans nicht gefasst. Und warum? fragte
er sich selbst, warum hat sie mir das getan, und kein Wort darüber verloren?
Sich so in Acht nehmen, wer kann das ohne böses Gewissen? - Hans hatte nicht so
ganz unrecht, so zu fragen, allein Grete war unschuldig, wie die Sonne am
Himmel. Es blieb nicht bei dieser Unruhe. Hans ward zu den unschuldigen
einfachen Gastmählern, welche in dem Hause seiner Schwiegereltern angestellt
wurden, nicht gebeten. Zwar hätt' er diese Tage für Festtage ansehen und von
selbst gehen sollen; allein dieser Entschluss, wenn er gleich zuweilen wollte,
konnte nicht aufkommen. Gretchens Bruder, der voll von seinem Weibe war, und der
seinen leiblichen Bruder darüber in den Tod vergessen hätte, besuchte zwar
Hansen, seinen alten guten Freund; indessen war es nur so beiläufig. Hans, der
einmal ins Auslegen gekommen war, deutete alles zu seinem Nachteil. Das schöne
Wetter schien ihm als von Gretchen bestellt, um mit ihrer Schwägerin Bruder
spazieren zu gehen, und auch der Regen gehörte auf ihre Rechnung; damit sie
ungestörter mit ihm lieben konnte, regnete es. Sieh! dacht' er, auch selbst von
der Natur will sich die Ungetreue und ihr Liebling nicht einmal stören lassen.
In diesen Vorstellungen vergingen einige Tage, die Hansen in der Hölle und Qual
nicht hätten wärmer sein können. Nun sehnte er sich nach Gretchen, nicht, um von
ihr diese Rätsel lösen zu lassen, sondern ihr Vorwürfe zu machen, und ihr das
Gütchen wieder zurückzugeben, das er von ihr erhalten, und eben nun begegnete
ihm Gretchens Vater, der ihn bei der Hand nahm und zum Abend einlud. Wo so lang
gewesen? fragte der Alte. Hans antwortete nur bloss durch eine Pantomime, indem
er den Hut abzog und wieder aufsetzte. Hans ging mit dem Alten, und alles kam
ihm verändert vor. Es war ein Kälberbraten aufgetischt, und Gretchens Mutter
fing an: Da kommt ja Hans recht zum Verlornensohn-Braten. Das Verlorne fiel ihm
sehr auf. Gretchen war zwar freundlich gegen Hansen; allein eben, weil sie
freundlich war, fand er Nahrung für seinen Argwohn, und was weiss ich, was er aus
ihrer Unfreundlichkeit geschlossen. Nach dem Abendessen ging man in die Luft,
und da Gretchen den Fremden in dem Gütchen herumführte und ihn alles Schöne
desselben mit Aug' und Händen greifen liess, kam es Hansen nicht anders, als eine
Schlange vor, die in Gestalt eines Junkers den Herrn Christum auf der Zinne
herum führte, und ihm das alles anbot, wenn er niederfallen und ihn anbeten
würde. Der Fremde fand alles so allerliebst, dass er mehr als einmal den Wunsch
fallen liess, wie ihm dies Gütchen viel besser als der väterliche Meierhof
gefiele, der ihm bestimmt war. Nun war Hans bis zur letzten Stufe der
Verzweiflung gebracht. Gretchen, die seine Unruhe merkte, wollte sich mit ihm
eine Luft machen, und schien den Fremden aufzumuntern. Sie war froh und
lächelte, weil sie sah, dass Hans sie so liebte, und Hans tat froh und lachte
auf eine recht schreckliche Art. Dies war der letzte Abend, den die Gäste bei
Gretchens Eltern zubrachten. Hans hörte unaufhörlich bitten, wenn es ihnen
allerseits gefallen, doch bald wieder zu kommen. Auch Gretchen bat. Hansen kam
es vor, dass es bloss seinem Nebenbuhler galt. Sah sie ihn nicht an? fragt' er
sich. Hans ging voller Verzweiflung von hinnen. Er lachte, da er ging. Den
andern Morgen, als er alles zusammen rechnete (bis dahin lag alles ungezählt,
unberechnet), was er gesehen und gehört, war sein Entschluss gefasst, wozu
Gretchen ihm die Hand bot. Es jammerte sie sein. Sie wollte ihren Vielgetreuen
beruhigen, und legte es recht geflissentlich an, mit ihm ins Feld zu gehen. Er,
gleich da. Was ist dir aber? fuhr Grete fort. Es wird sich, erwiederte er, im
Freien geben, sollte ich denken. - Gretchen wollt' es anfänglich heimlich
machen, endlich entschloss sie sich, von ihren Eltern die Erlaubnis zu diesem
Gange zu erbitten. Dies kleine Opfer, dachte sie, bin ich Hansen wegen des
Kummers schuldig, den ich ihm gemacht habe. Mit Hansen? sagte der Vater und
lächelte. Die Mutter sagte: So? und lächelte desgleichen. Gretchen hätte zu
keiner erwünschtern Stunde diese Erlaubnis bitten können. Vater und Mutter
hielten in Gegenwart Gretchens einen Rat über sie und das Ende war: Grete
sollte Hansen zum ehelichen Gemahl haben. Ja doch, sagte der Vater, ich muss
jemand haben, der mir zur Hand geht; allein halt' ich's nicht mehr aus. Ja doch,
sagte die Mutter, der es jetzt einfiel, was ihr längst hätte einfallen können,
dass sie schon ein Jahr früher geheiratet hätte. Grete stand da, so froh, dass
sie ihren Eltern vor Freude nicht danken konnte. Das, dünkt mich, ist der beste
Dank, für Erkenntlichkeit nicht zum Dank kommen können. Dieses Gespräch hielt
Greten über die Zeit auf, die verabredet war. Hans war schon unruhig. So fand
sie ihn. Du wirst schon ruhig werden, dachte sie; hiebei zielte sie auf den
Rat, den ihre Eltern gepflogen hatten, allein sie liess sich nichts merken.
Anfänglich wollte sie ihr Lustspiel fortsetzen. Hans war ihr aber zu ernstaft.
Sie besann sich bald, und zog ein ander Kleid an; das natürlichste, das beste.
Ihre Eltern hatten sogar ihr nicht verboten, Hansen zu sagen, was geschehen war,
und wär' es ihr verboten gewesen, wie hätte sie sich helfen können? Lieber Hans,
fing sie an, und nahm ihn bei der Hand. Ha, dacht' er, Mitleiden! Wie es mit
solchem Mitleiden ist, wissen wir alle. Solch Mitleiden ist das empfindlichste,
was ich kenne. Nichts tut so weh, als dies. Mitleiden kann zuweilen der Liebe
Anfang sein, noch öfter aber ist es das Ende der Liebe und ein schreckliches
Ende! Du bist böse, dass ich so spät gekommen, fing Gretchen an. Betrügerin,
dachte Hans, ohne mehr zu sagen und zu tun, als sich den Hut tiefer zu setzen.
Jetzt waren sie so weit, dass sie von dem väterlichen Gütchen völlig entfernt
waren. Nur zwei Stiere, die sich von der Heerde verlaufen hatten, waren ihnen
nachgekommen, worüber sich Gretchen wunderte, Hans aber nicht. Eben wollte
Gretchen ihrem Hans erzählen, was vorgefallen war, und wozu sich ihre Eltern von
freien Stücken entschlossen hätten, als Hans sie fasste, sein Mordmesser zog und
ihr zehn Wunden beibrachte. Seine Hand zitterte und bebte nicht, als wie vorhin,
wenn er aus ihres Vaters Hause ging und Gretchen öffentlich die Hand reichte.
Gott! schrie sie, Gott! nimm meinen Geist auf! Sie war über und über mit Blut
bedeckt und schwamm in ihrem Blute. Die Stiere brüllten auf eine so schreckliche
Art, dass dem Mörder ihrentwegen das erste Grausen ankam. Sie kamen
hinzugelaufen, als ob sie diese Tat verhindern wollten, sie liefen davon, als
ob ihnen der Anblick zu schwer würde. Nun fragte Hans lächelnd (es war das
letztemal, dass er lachte): Wen willst du jetzt lieben, Ungetreue? Dich,
antwortete Grete, und Blut schoss aus ihrem Herzen. Dich, wiederholte sie und
drückte Hansen auf eine Art die Hand, dass er seinen ganzen entsetzlichen Irrtum
einsah. Jetzt hatte er der Stiere nicht mehr nötig; das Grausen kam von selbst.
Er warf sich auf die Erde, schrie nach Rettung, sprang auf, eilte selbst, Hülfe
zu suchen, in ein benachbartes Städtchen - und fand den Wundarzt nicht an Ort
und Stelle. Alles hatte er Gretchen zur Hülfe aufgeboten. Nun kam er, wie ein
Verdammter, der um einen Tropfen Wasser bettelt und ihn nicht erhält, und fand
den Wundarzt, den Gretchens Eltern aufgefunden, fand die Eltern selbst, die ihm
mit offenen Armen entgegen kamen. Einem Tochtermörder! Grete hatte diese Tat
auf einen andern ausgesagt, der sie überfallen, und hiebei hatte sie Hansens
starke Hand gepriesen, die sie zu retten unermüdet gewesen. Gott, diese
Unwahrheit, betete sie im Herzen, vergib sie mir! Die Eltern hatten ihr
zugeschworen, Hansen das Gütchen zu lassen, und nun, voll des Danks und der
Erkenntlichkeit, kamen sie ihm entgegen, fielen auf die Blutflecken, die sie an
seinem Kleide gewahr wurden, als so viel Beweise seines Edelmuts. Für jede
Wunde, die Grete erhalten, umarmten sie ihn! - Es kostete Hansen kaum so viel
Mühe zu morden, als die Eltern zu überreden, dass er Mörder sei. Sie glaubten, er
hätt' aus zu grosser Liebe den Verstand verloren. Je gütiger Gretchens Eltern
gegen ihn taten, je schrecklicher klagte Hans sich an. Wenn er Gott und alles,
was heilig, zu Zeugen aufgerufen: er sei der Täter; so sahen ihn Gretchens
Eltern so mühselig, so beladen an, als wollten sie sagen: der arme Junge, wie
ihn Gretens Schicksal übernommen hat! Und wenn er ihnen das Mordmesser zeigte,
drückten sie ihm die Hände, weil sie Gretchen so mächtig beschützet. Wenn er es
gen Himmel hielt und schwur, bogen sie sanft seine Hände zur Erde. Niemand
wusste, woran es mit Hansen war. Lieber Sohn, fingen die Eltern an, du bist mehr
todt als sie! Endlich ging allen ein Licht auf. Hans ward eingezogen. Er sah die
Gerichtsdiener, die ihn fesselten, als seine Wohltäter an, die ihm den Tod, das
einzige Verband für seinen Schmerz, mitbrachten! Der Abschied war rührend. Er
bat Gretchen um Vergebung; sie versicherte, dass sie ihm nichts zu vergeben
hätte, und da sie endlich einsah, dass alle ihre Bemühungen, Hansen zu retten,
vergebens waren, rang sie die Hände, und weinte so herzlich, dass selbst die
Gerichtsdiener zu weinen anfingen. Hansen ward der Prozess gemacht. Er konnte die
Zeit nicht abwarten, sein Todesurtel zu hören. Wenn ich doch an einem Tage mit
ihr sterben könnte, das war der einzige Wunsch, den er noch in dieser Welt
hatte. Eben an dem Tage, da sich die Richter einigten, dass Hansen, als einem
Unmenschen, der den Vorsatz gehabt, auf der Landstrasse zu morden, sein Leben auf
eine schreckliche Art, vor aller Welt Augen, genommen werden sollte, war es
ausgemacht, dass Grete ausser Gefahr sei. Sie erholte sich nach diesem Tage
zusehends, und es war die Frage: ob es gut sei, Gretchen Hansens und Hansen
Gretchens Schicksal zu entdecken? Die Frage wurde noch bei herzensguten Leuten
problematisch abgehandelt, da schon weniger herzensgute Menschen der
Beantwortung zuvorgekommen waren. Hans wusste um Greten, und Grete um Hansen. Im
ersten Augenblick war es Hansen anzusehen, dass ihm über Gretens Aufkommen der
Kopf herum ging. Da er sich aber besann und noch dazu hörte, dass Grete durchaus
nicht leben wollte, schrieb er an sie wie folgt:
    Es ist genug, Du lebst, und ich will fröhlich sterben! Dein Blut wird mir
nicht vor den Augen fliessen, wenn ich für meine Tat bluten werde. Nun darf ich
an meiner Seligkeit nicht verzweifeln und an meinem ewigen Leben. Meine Hand ist
mir von den Ketten nicht so schwer, als vom Herzen. Vergib Deinem Mörder und
bete für Hansen. Dank dem, der mich verhört hat. Mit dem edlen Mann hat Tod und
Leben, Gesetz und Menschlichkeit gekämpft. Wünsch ihm in meinem Namen ein langes
glückliches Leben, und geh nicht heraus, wenn ich ausgeführt werde. Reise, wenn
es Deine Gesundheit erlaubt, dahin, wo ich Dich erschlug, und schreie ein Vater
unser für mich.
    Dieser Brief, anstatt dass er Kraut und Pflaster zur Beruhigung für Greten
sein sollte, nährte ihren Gram. Er brachte ihr empfindlichere Wunden bei, als
Hansens Mordmesser. Niemand hatte Hansens Tod erwartet. Hans nahm sein Urtel als
Gottes Ausspruch an. Grete war ausser sich. Sie wollte für ihn sterben. Die
Geistlichen lösten die Wundärzte ab, um ihr Ruhe zuzusprechen; allein vergebens.
Das Wollen, schrie sie, nicht das Vollbringen. Wenn Gott strafen sollte, was wir
wollen, wer könnte vor ihm bestehen? Sie sprach wie alle Leute, die ausser sich
sind, so weise, so vernünftig, dass sich jedes wunderte, wo sie alles dieses her
hatte, was wirklich über ihr war. Es war kläglich anzusehen, dass diese beiden
Menschen ohne einander nicht leben, nicht sterben konnten. Grete trat, ohne dass
Hans es wusste, den König an. Sie sind ein Mensch, schrieb sie, Monarch, und
machen sich eine Ehre daraus, es zu sein! Schenken Sie Hansen das Leben, oder
nehmen Sie es mir, so und nicht anders ist uns beiden geholfen. - Der König
verwandelte die Todesstrafe in eine einjährige Festungsstrafe, und alle Welt
sagte, dass dieses ein Salomonisches Urteil wäre. Um solch ein Urtel zu
sprechen, wer wünschte nicht König zu sein! Hans wäre gar nicht in der Festung
gewesen, wenn nicht Grete seine Strafe mit ihm geteilt hätte. Dies war das
einzige, was ihm schwer zu tragen war. Seine Ketten waren ihm nicht lästig. Nach
so viel Kummer und Not, ging endlich die Sonne über dieses treue Paar auf. An
das Gütchen, in welchem Hans so viele Veranstaltungen in Gedanken getroffen, war
nun nicht mehr zu denken. Sie wollten beide weder Land noch Leute dieser Gegend
sehen, und entschlossen sich, um sich recht zu verbergen, nach Königsberg zu
ziehen. Sie waren eben zum drittenmal aufgeboten, da Hans in ein hitziges Fieber
fiel und starb. So entscheidet Gott, der Herr, wenn gleich Könige anders
entscheiden. Seine Wege sind nicht unsere Wege, seine Gedanken sind nicht unsere
Gedanken. Grete fiel an Hansens Begräbnisstage in eine solche Schwermut, dass sie
jetzt im Irrenhause, wiewohl in einem bessern, als den gewöhnlichen Zimmern,
gehalten wird. Gott, was hat Grete verbrochen, dass sie gelacht hat? Sara lachte
auch und Gott segnete sie mit dem Sohne Isaak; und Grete? im Irrenhause. Ihre
zerrüttete Einbildungskraft lässt sie glauben, Hans sei auf dem Richtplatze aus
der Welt gegangen. Sie macht beständig eine Bewegung mit der Hand, als köpfe
sie! - Hans liegt auf dem Rossgärtschen Kirchhose zur linken Hand, am kleinen
Ausgange, begraben.
    Diese Geschichte hab' ich aus einem Aufsatz genommen, den ein armer
Candidatus Teologiae zu einem Jahrmarktsliede entworfen, zu singen von einem
lahmen Bettler, auf die bekannte Melodie: Es ist gewisslich an der Zeit. Der
Todtengräber, der nun sehr unvollständig diese Geschichte erzählte, behändigte
mir diesen Entwurf, den ich ausgezogen habe.
    Wahrlich, Freund Todtengräber, wer seine Einbildungskraft begraben kann, hat
sich leicht gemacht! Wie könnt' ich aber Minens Andenken zurücklassen?
    Schlüsslich stiess ich auf drei ausgegangene Bäume, und mein Lehrmeister
versicherte mich, dass, nachdem die Familie, die hier ihr Erbbegräbniss gehabt,
ausgestorben, sie in einem Herbst alle drei ausgegangen wären. Das ist nichts
Neues, setzte der Todtengräber hinzu. Es haben sich viele Hunde um ihren Herrn
zu Tode gegrämt, und die Stiere, die in dieser Geschichte vorkommen, sind ein
neuer Beweis, dass die Bäume gewusst, wenn es Zeit zum Ausgehen war. Ich bat den
Todtengräber, diese Mordgeschichte dem Grafen zu übersenden, welches er mir aber
abschlug. »Ich muss so etwas aufbewahren, um es ihm hier vorzusetzen.«
    Ich schliesse den Kirchhof, ehe das Stadttor für mich geschlossen wird. Wer
mir aber dergleichen Vorgriffe übel nimmt, kann mir mehr übel nehmen, wenn es
ihm so beliebt. - So sehr mir diese Geschichte auffiel, so war ich doch nicht im
Stande, Greten im Irrenhause zu besuchen, um ihren schrecklichen
Scharfrichterhandgriff zu sehen!
    Wenn es ausgemacht ist (und nichts ist gewisser als dies), dass die wahre
Philosophie eine Sterbekunft sei, so legt' ich mich mehr auf die Philosophie,
als auf irgend etwas. Um reich zu sein, braucht man nicht Geld, nicht Gut,
sondern Mässigkeit. Gute Führung beehrt uns, nicht Würde. Wer lang und glücklich
leben will, sei sein eigner Herr, im philosophischen Sinn! Wer die Welt
verachten will, hab' eine Mine im Himmel! - Mine war der philosophische Text,
über den ich studirte. Ueberall war sie. Je mehr ich studirte, je mehr fand ich:
Gesunder Verstand sei täglich Brod. Wörterkram, Schnirkelei aber,
kopfverderbendes Gebackenes. Wenn mein Vater redete (docirte, wenn man will,
denn ich läugn' es nicht, dass der Lehrton ihm wie eine Klett' am Kleide hing),
hatt' er jederzeit etwas in der Hand, Messer, Scheere, ein Buch, einen dem
Wachslicht abgenommenen Bart, einen Zahnstocher, kurz, ohne was Körperliches war
er nicht. Er schwur immer einen körperlichen Eid, wenn ich mit Verzeihung der
juristischen Genies mich so erklären darf. So was hilft die Sache sinnlich
machen. - Er knetete die deutlich zu machende Sache durch, würd' ein anderer
gesagt haben; er nicht - ich auch nicht. - Gott der Herr hatte ein Chaos, aus
dem er die Welt allmählich herausrief, und wenn ich's recht bedenke, ist was
Körperliches vielleicht darum in der Hand gut, um für den Gedanken ein Kleid,
für den Geist einen Körper zu finden. Gott ehre mir Leute, die Hand und Mund
zugleich bewegen, war, wie wir wissen, meines Vaters Losung. - - Der Kirchhof in
L -, der Rossgärtsche Kirchhof in Königsberg, das waren meine Messer, Buch,
Scheere, Wachsbart, Zahnstocher.
    Die Alten brauchten den Tod, als ein Mittel der Aufmunterung. Ich ahmt'
ihnen nach, wiewohl auf andre Weise, die aber nichts zur Sache selbst tut.
Hätt' ich, einsam in mich verschlossen, der Welt das Rauhe zugekehrt: da wäre
freilich nichts Kluges herausgekommen. In Gesellschaft gefällt das Wundersame;
in der Einsamkeit schadet es.
    Ich habe schon meinen Lesern meinen Studirplan ad unguem vorgerissen. Ich
war darum auf der Akademie, um mich vor Irrtümern protestando zu verwahren.
Mein Vater stand keinem Menschen das Recht zu, ohne Rand zu schreiben, und auch,
wie er sich uneigentlich auszudrücken pflegte, ohne Rand zu sprechen. Wir sind
Menschen, setzte er hinzu. Man muss sich mit keiner Schrift so einverstehen, dass
man es dabei lässt: Es steht geschrieben. Was mündlich vorfällt, ist
Scheidemünze. Was ist Ihre Meinung, lieber Professor Grossvater? Was? Ist's
genug, dass die erste Erziehung negativ sei? oder muss jeder Unterricht cum
reservatione reservandorum negativ sein? Ich denke ad Zwei, Ja. Willst du ein
collegium charitativum anordnen, willst du causa cognita rechtliches Erkenntnis
eröffnen? In allen Stücken will ich hören! - denn dazu bin ich und du zum Lesen
(Gott helf' dir!) berufen. Würde mein vorgeschlagener Weg gewandelt, wahrlich
wir wären selbst im speculativen Fache ein wenig weiter, nicht eben in Rücksicht
von Sonne, Mond und Sternen, sondern unserer selbst, der Welt in nuce, in
compendio. - Wahrlich das sind wir. Der Mensch hat einen innerlichen Sporn zur
Tätigkeit. Er will durchaus, dass die Leute selbst mehr von ihm sagen sollen als
an ihm ist. (Obgleich der Philosoph durch sich selbst und nicht durch sein
Äußeres sich vom Haufen unterscheidet, obgleich alle Affektation ein Mangel
wahrer Vollkommenheit, ein Mangel menschlicher Vollständigkeit ist.) Woher dies?
Der Mensch dringt durchaus zum Positiven. Glaube mir, hohe Schule! Wenn jeder
positive Jüngling, nach rühmlichst zurückgelegter akademischen negativen Bahn,
weiter ginge, was würde da nicht zum Vorschein kommen? Mehr als in vielen
überdachten Beantwortungen gleich überdachter Preisaufgaben! Wie selten ist der
Mensch Mensch, wie selten kann, wie selten darf er's sein! O! wenn er's doch
immer wäre. - Tausendmal um Vergebung, sagte Herr v. W - und Hermann: Tausendmal
untertänigst um Vergebung, wenn von jemanden, wo ein Schnack mit andern
Umständen erzählt ward, als Herr v. W - oder der schnackreiche alte Herr ihn zu
wissen das Vergnügen hatten. Es hat ehegestern gefroren, sagte Herr v. G -.
Tausendmal um Vergebung, fällt Herr v. W - ein, und der alte Herr nimmt sich die
Erlaubnis, tausendmal untertänigst um Vergebung zu bitten. Warum tausendmal?
erwiederte Herr v. G -, ich sag's einmal, und warum um Vergebung? Hat's nicht
gefroren, so sagen Ew. Hochwohlgeborcn und Hochedlen: es hat nicht gefroren. Hat
es aber gefroren, so haltet beide das Maul! Mit der Vergebung bleibt mir in alle
Wege vom Leibe. - Vergebt eurem Schuldiger, wie Gott euch vergeben soll. So der
brave v. G -. Mein Vater würde diesen Auftritt auf philosophische Noten setzen
und sich also verlauten lassen: der Mensch fühlt sich berufen zur Tätigkeit,
wenn ihm jemand in die Quere kommt, schlägt er aus, mit dem Munde nämlich. Beim
Einwurf wird er aufgehalten, dieser Renner nach dem Preise, und das ist freilich
unangenehm. Daher Pardonnez - Verzeihung! Weg mit diesem französischen
unphilosophischen höflichen Halt! Lasst den Herrn v. G - den altern erzählen, was
ihn gut dünkt, lasst jeden seine Meinung sagen. Wer hindert euch dagegen geraden
Wegs und ohne Bückling einzuwenden? Jeder Mensch hat in der Welt gleiche Rechte.
Das ist so und das ist nicht also, kann jeder sagen. Auf diese Art würde sich
von wahr und nicht wahr alles fein abgezogen der Überschuss schon finden, den
diese Behauptung vor jener hat und jene vor dieser! - So käme das Positive ohne
unser Gebet allmählig zum Vorschein, wenn wir erst recht negativ gewesen. Nach
langem Regen die Sonne. Und bliebe dann so manches, aller Mühe unerachtet,
unentschieden, mir schon recht. Man wüsste denn doch, woran man mit solchen
unzuentscheidenden Dingen wäre, die jetzt so oft ungebührlich auf Wetten
ausgesetzt werden, obgleich hier nichts zu wetten ist.
    Was meint ihr Herren Gelehrten, wären Universitäten nicht die Plätze, wo
dergleichen Streit geführt werden könnte? Es versteht sich nicht über den
Umstand, ob es ehegestern gefroren oder nicht? Und über diesen und jenen
Schnack, den Herr v. W - anders und Hermann anders gehört haben.
    Bei unsern jetzigen Verfassungen sieht man offenbar ein, wie nützlich und
selig es sei, gewissen Dingen ein Ansehen beizulegen, sie zu Würden und Ehren zu
bringen und sie dabei zu erhalten. Ebenso sieht man auch ein, wie wenig die
Sache sich von selbst zur Strenge, zum Ernst berechtige, und was ist zu tun?
Man würzt gesundes Essen, man hängt sich einen langen schwarzseidenen oder
wollenen Mantel, eine Reverende um die Schultern, man teilt Stock und Degen
aus. Der Mensch ist von seiner Unwichtigkeit, sobald er sich ins rechte Licht
stellt, vollständig überzeugt, und dies bringt ihn zum Luftigen, obgleich es
noch eine zum Streit auszusetzende Frage wäre: ob der Mensch zur Lustigkeit
geboren sei? Das Klügste, was ein unwichtiger Mensch anfangen kann, ist lustig
sein. Das sehen wir an unsern Alltagseinfälligsten. Die einzige Rolle, die der
Mittelmässigkeit angemessen ist, ist fröhlich und guter Dinge sein. Seht euch um!
Alle mittelmässige Leute sind es von Herzensgrunde. Sie haben nicht umsonst
Verstand. Wer kann nicht Vögel leiden, die lustigen Tierchen auf Gottes
Erdboden? Der Professor Grossvater erzählte, einen Tauben gekannt zu haben, der
sich Vögel gehalten bloss des Springens wegen!
    - Meine Mutter würde freilich das Singen vom Springen nicht scheiden, da es
die Natur zusammengefügt hat; was konnte aber der Taube dafür, dass seine Ohren
verschlossen waren?
    Man lasse die Menschen bei ihrer Lustigkeit, der ersten Tränen unbeschadet,
womit wir alle das Taufwasser verstärkt haben und des ältesten biblischen Buchs
unerachtet, welches ein Trauerspiel ist. - Liessen sich doch die Stoiker selbst
zu öffentlichen Bedienungen brauchen, da gibt's genug zu lachen. Und Epikur! war
er nicht ein allerliebster Weiser? Warum sollten wir den Menschen nicht
zugestehen zu hüpfen, wenn sie nur nicht luftspringen; und ihr grundgelehrte
Herren selbst, die ihr darauf bedacht seid, alles trocken zu sagen, allem ein
Ansehen beizulegen, ein gewisses Ceremoniel einzuführen, wobei sich jeder gerade
halten, ein steifes Kleid anlegen und im blossen Kopfe gehen muss - wenn ihr doch
den Versuch machen möchtet, auf alle diese steife Etikette Verzicht zu tun.
Sagt eure Wahrheiten immerhin trocken, gebt uns kalte Küche, nur schreibt uns
die Bratenkur nicht vor, wenn wir gesund sind. Tut nicht so ernstaft, wo zu
lachen ist. Hängt euch nicht eine Reverende von Worten um, wo es auf Sachen
ankommt. Ich weiss, Kleider machen Leute, allein nicht unter Männern, denen das
Denken obliegt. Warum das ermüdende Ceremoniel, das, sobald es aus eurem Tempel
ins Freie gebracht wird, lächerrlich ist? Gehört denn dazu soviel Kunst zu sagen:
wir wissen nichts! und das ist doch das Ende aller eurer Kunst. Wahrlich eine
menschliche Kunst, die aber natürlich vorgetragen werden muss, wenn sie Frucht
bringen soll in Geduld. Was ist denn positiv, so wie ihr es nehmt, hochgelahrte
Herren? Das Format des Positiven ist Duodez. Warum doch alle die Formalien, wo
es auf Ja und Nein ankommt? So sei eure Rede! Was darüber ist, sagt, ist es
nicht vom Uebel? Wir leben nicht mehr im alten Bunde, sondern in der
christlichen Freiheit, wo das Ceremonialgesetz, Gott sei gedankt! abgestellt
ist; warum wollt ihr solch einen Kopfzwang, solche Daumenschrauben einführen?
Gesteht aufrichtig, legt ihr es nicht recht geflissentlich darauf an, das
Allerleichteste schwer zu machen, das Lichte zu verfinstern und euch vom Leben
zu entfernen? Hat denn diese Welt nicht Mühseligkeiten genug und ihr wollt sie
noch mit mehr Drangsalen belästigen? Seht! Ich vergelte nicht Böses mit Bösem,
nicht Kunstwort mit Kunstwort, ich begegne nicht trocknen Wahrheiten mit
trocknen Einfällen, obgleich trockne Wahrheiten und trockne Einfälle
Gevattersleute sind und in canonischer Verbindung stehen. Wie kann ich euch aber
retten, wenn sich dergleichen trockne Einfällisten wirklich fänden, die euch
über kurz oder lang darstellten, wie ihr seid? - Um des armen
Menschengeschlechts willen bitt' ich euch, lasst ab vom Ziegelstreichen und von
egyptischer Dienstbarkeit und vom Morde der geistvollen Knäblein, und wollt und
könnt ihr nicht? Es wird ein Moses kommen, der uns nach Canaan führt, wo Milch
und Honig fleusst.
                                     * * *
    Dass das Studiren tröste, hab' ich erfahren. Der einzige Trost in der Welt,
wenn ja die Welt Trost hat, liegt in den Wissenschaften. Selbst die
Unvollkommenheit unseres Wissens ist tröstlich; die edle Art uns zu zerstreuen,
die den Wissenschaften eigen ist, hat weder die Welt noch etwas, das in der Welt
ist! - Die Wissenschaften allein können zerstreuen! - In ihnen liegt Lehr- und
Trostamt eines guten, eines heiligen Geistes, den der Vater in unsern letzten
Tagen gesendet hat, denen zur Stärke, welche ob dem Jammer, ob dem Elend dieser
im Argen liegenden Welt darnieder liegen! Wir haben die Natur, die Freiheit
verlassen und uns selbst in die Festung gebracht. Die Wissenschaften sind da, um
uns wenigstens in der Festung eine gute Aussicht zu verschaffen, um uns die Zeit
zu vertreiben.
    Studiren ist eine Art von Geisterseherei, eine Empfindung höherer Kräfte,
ein Vorschmack des Himmels! - Die Alten, welche die Ideen der andern Welt nur
für schöne Träume hielten, wussten nicht, wie dieser Trost eigentlich mit den
Wissenschaften verbunden war, wo er eigentlich zu Hause gehöre?
    Uebrigens hängt dies Leben an einem seidenen Faden. Wir leben nur einmal,
wir haben nur eine Seele zu verlieren. Ein Mensch, der im Himmel, das heisst
überall, nur im Planeten Erde nicht zu Hause gehört, sollte aus Paris, London,
Rom, Aten sein? Unser Wandel ist im Himmel. Wir wollen Herzhaftigkeit haben aus
Gottes Welt, aus uns selbst zu sein.
    Den Menschen kennen lernen heisst: den besten Teil der Wissenschaften
gewählt haben. Das soll nicht von uns genommen werden! Wenn uns alles verlässt,
behalten wir uns doch!
    Ich werde noch Gelegenheit haben, von meinem akademischen Lebenslauf ein
Wörtchen zu geben. Will man dies Wörtchen in Rücksicht, dass das Studiren eine
Art von Geisterseherei ist, so übersetzen: ich werde einen Geist erscheinen
lassen! Auch gut! Einen guten Geist, versteht sich. Alle gute Geister loben Gott
den Herrn!
                                     * * *
    Ich verliess, wie es meinen Lesern nicht unbekannt sein kann, Gretchen eben
zu einer Zeit, da sich der Justizrat Natanael zwei Stunden zuvor in dem Widdem
(Pastorat) anmelden liess. Meine Leser wissen, dass ich Gretchen bat, ihn zu
grüssen, und dass sie dagegen fragte; mich? - Ich küsste Gretchen nicht, da ich von
hinnen zog, wohl aber, da ich vom besonderen Grafen kam; wenigstens glaub' ich
es so. - Nichts war mehr zu vermuten, als dass sich der Justizrat seiner
Anmeldung gemäss einfinden würde. - Auf die Verlobung folgt die Hochzeit, wenn
kein Einspruch geschieht, wenn nicht wo der Wagen bricht, oder andere
Hindernisse sich in den Weg legen. Natanael kam wohlbehalten in das Wirtshaus
in L -, aus welchem er zuvor Kundschafter sandte, ob ich auch wirklich schon
abgereist wäre? Und da er Ja zurück empfing, kam er mit einer ganz frisch
aufgepuderten Perücke, und so stattlich ausgeziert, dass der Prediger sehr um
Verzeihung bat, dass er ihn so alltäglich fände. Meine Leser wissen zwar schon,
dass er seinen Erlass erhalten, allein dies war ein Wort aus gutem Herzen, das
auch oft zur Unzeit fällt. Natanael war jetzt, da er seine Aufwartung in L -
machte, auf das alleruntertänigste Gesuch um seinen Erlass noch nicht beschieden
und konnt' auch noch nicht beschieden sein. Das erste und letzte Wort des
Natanael war Mine! Und dies schien die einzige Ursache, warum Gretchen auf alle
seine Fragen antwortete. Er liess sich das Grab zeigen, und weinte herzlich, wie
Petrus, da er seinen Meister verraten hatte Da ihm Gretchen die Stelle in
Minens Testament, auf die Erinnerung des Predigers (von selbst tat sie es
nicht) zeigte: »Sag ihm, wenn du ihn in dieser Welt sprichst, dass ich ihm von
Herzen vergeben habe,« weint' er so heftig, dass er die Hände brach und sich an
die Stirn schlug, ohne seine aufgepuderte Perücke und die stattliche Verzierung
zu bedenken, womit er ausgerüstet war. Der Prediger hatte sein ganzes Trostamt
nötig, um ihn wieder ins Geleise zu bringen. Mein Gruss, den ihm Gretchen warm
bestellte, kostete ihm neue Tränen; allein er tröstete ihn auch. Die Predigerin
selbst lief nicht mehr vor ihm. Seine Tränen hatten sie aus dem andern Zimmer
herbeigelockt. Natanael konnte nicht aus L - kommen. Jetzt bedauerte er, dass er
zwei Stunden vor meiner Abreise sich melden lassen und nach vieren vor derselben
gekommen wäre. Dies alles machte den Natanael bei den Frauenzimmern erträglich,
ohne dass hiebei auf seine mühsame Dekoration gesehen ward, die der Schmerz, nach
seiner Gewohnheit, ziemlich in Unordnung gebracht hatte. Man bat den Natanael
sogar, noch länger zu weilen, um von Minen und mir erzählen zu können. Natanael
blieb in Mitbetracht des Mondscheins. - Seine Bitte war die Erlaubnis, Minens
Andenken in L - öfters feiern zu dürfen, die ihm selbst von der Predigerin
bewilligt ward. Ohne Tränen aber nicht, fügte diese gute Hanna hinzu. Zu
befehlen, beschloss Natanael, und fuhr seine Strasse weinerlich. Der Prediger,
Hanna und Gretchen begleiteten ihn bis - an den Mond, hätt' ich bald geschrieben
- bis ins Freie. Alle sahen auf Minens Grab, und es kam jedem so vor, als wenn
der Mond hier ganz besonders sich hingewandt und es beblitzet. - Was meinst du,
Einzelner! es ist doch gut, wenn man Freunde nachlässt, die beim Mondschein nach
unserem Grabe sehen. - Natanael, der, ohne dass Gretchen es empfunden, so oft es
die Tränen nachgeben, sein Auge nicht von ihr gelassen, war so erbaut von allen
diesen Vorgängen, dass er - weg war. Am Heck sang ein Bauernmädchen ein bekanntes
Volkslied in gleich bekannter Melodie, indem sie das Heck öffnete:
Der Mond scheint hell,
Der Tod reit't schnell!
Feins Liebchen, graut dir auch?
    Das fehlte noch dem Natanael, um von ganzer Seele seinen Abschied zu
wünschen und einem Plan nachzuspüren, in den Gretchen mitgehörte. Natanael
wiederholte seinen Besuch, ohne sich weiter melden zu lassen. Gretchen blieb,
wie sie stand und ging. Vater und Mutter bedachten die erneute Perücke des
Natanael und sein sonstiges Schnitzwerk, und halfen sich nach. Gretchens
Nachlässigkeit machte Natanael noch verliebter. Mine und ich blieben die
Hauptmaterien. Natanael kam auch der Ermahnung der Hanna, nie ohne Tränen,
nach; indessen wusst' er je länger je mehr es so einzurichten, dass er Gretchen
einen begehrenden Blick zuwandte, den Gretchen nie auffasste. Sein Funke zündete
nicht. Jetzt war die Erlassung gekommen, die keinem in Preussen schwer wird, und
wäre Natanael das A und O in Staatssachen gewesen, da er es doch jetzt nur im
Justiz-Collegio war. Der König von Preussen hält keinen. - »Wenn der Tod ihn
will, muss ich nicht auch wollen?« ist sein königlicher Grundsatz. - Ein König
muss sich zu allem gewöhnen lernen, so wie sich alles zu ihm gewöhnt.
    Mit einer Freude, die ihres Gleichen nicht hatte, kam Natanael nach L -,
entdeckte dem Prediger, sein Vermögen zu einem kleinen Gütchen ohnweit L -
angelegt zu haben, und hatte ohne Promemoria Herz genug, dem Prediger sein
Anliegen näher zu legen. Natanael war diesmal noch geputzter, wie je, obgleich
ihm schon zuvor nichts abging. Der Prediger erwiederte, diesen Antrag in
Erwägung zu nehmen, und Natanael trat ab, wie alle Parteien, wenn die Richter
in ihren Sachen erkennen wollen. Der Prediger trug Frau und Tochter mit einer
kleinen Anrede die Sache vor und kleidete alles in eine wohlgemeinte Rede über
die Worte ein: Willst du mit diesem Manne ziehen? Da ging Gretchen über manchen
unverständlich gebliebenen Blick ein Licht auf. Hanna hatte tausend
Bedenklichkeiten, die aber alle tausend in den Umstand zusammen kamen, dass ich -
Gretchen ward rot. - Nun, sagte der Prediger, wenn das ist, desto besser; ich
bin ihm wegen meiner Sünde wider den heiligen Geist tausend Verbindlichkeiten
schuldig. Er hatte schon längstens den Erfolg seines Auftrags in Händen. - Wenn
er mit dir so umgeht, wie mit dieser Abhandlung, hast du gewonnen Spiel Fein
Papier. Der schönste Druck. - Die Recensenten werden wider diese Verbindung kein
Wort haben. Der Beschluss war, dem Justizrat Nein zu schreiben, weil Gretchen
mit mir eins wäre. - Natanael hatte gebeten, ihm sein Urtel schriftlich
zuzusenden, welches er als publicirt ansehen würde, und war voll Erwartung der
Dinge, die kommen sollten, heim gereiset. Den andern Morgen fiel dem Prediger
die Frage ein: ob ich denn wirklich mit Gretchen eins wäre? Und da man alles
zusammenhielt, fand man mich in weitem Felde - im weitesten. - Es gibt nicht
alle Tage Natanaels, sagte der Prediger, der diesen ganzen Vorfall seinem
Bruder zu referiren und die Sache seinem Schiedsspruch zu überlassen antrug.
Hanna trat bei, und bat nur, das Testament in dieser Relation abschriftlich
beizufügen, als ein Dokument, woraus ganz deutlich hervorginge, dass ich Gretchen
heiraten müsse.
    Der Haupteinwand, den Gretchen aber für sich behielt, war, dass, obgleich sie
mit zwei Accenten verlangt, dass ich wenigstens noch einmal nach L - kommen
sollte, ich doch in so langer Zeit nicht gekommen. - - Zwar hatt' ich
geschrieben, allein, da war auch keine Spur, die dieses Obgleich heben oder nur
mindern können.
    Ein Brief von mir an Gretchen, der meine Reise nach Göttingen eröffnete, gab
allem eine andere Wendung. Der Prediger sah diesen Brief als eine göttliche
Schickung an. Die Predigerin selbst war der Meinung, dass die Relation nicht
abgehen dürfe. Er hat doch keinen Amtswachtmeister mehr, setzte Hanna hinzu, und
Gretchen? Sie hätte freilich bedenken können, dass ihre Eltern arm wären und ihre
Mutter noch obenein lindenkrank, allein dies war ihr wenigster Kummer. Es ist
nicht die einzige und sichere Art, Mädchen durch Schmeicheleien zu fahen. Man
sollte kaum glauben, was in einem unbefangenen Weibsbilde Raum hat. Eine
Grossmut, die über allen Ausdruck ist. Ich getraue mir zu behaupten, dass man ein
Mädchen durch Beleidigungen eben so weit bringen kann, als durch Liebkosungen.
Wenn nicht Curländer geradeüber gewohnt und ihr Herz durch buhlerische Blicke
verdorben haben, was kann sie nicht? Wisst ihr, Freunde, wer die grössten
Menschenfeinde sind? Die, denen die Menschen am meisten Gutes getan. Diese
Beglückten empfinden ihren Unwert, sie wissen am besten, durch was für Wege sie
sich dies und jenes erschleichen, und eben dies macht sie zu Menschenfeinden. -
Unglück, Freunde, das man duldet, leitet uns oft zur genauesten Menschenliebe. -
Daher Freud und Leid, Sarg und Hochzeitbette so nahe verwandt! Nichts ist
natürlicher, als dass Gretchen Ja sagte. Sie hätt' es gesagt, wenn gleich
Natanael nicht so geweint, als er getan, wenn er gleich den Abschied nicht
genommen. Gut ist gut, allein besser ist besser. Einer, der Busse tut, ist
besser, als neunzig, die der Busse nicht bedürfen. - Ehe es sich noch schickte,
die Bedenkzeit zu schliessen, wiewohl alles schon bedacht war, erschienen Se.
Hochgeboren, der hohe Eingepfarrte, mit einer Anwerbung - auch für Natanael.
Das Natanaelsche Gütchen stiess an eines des Grafen. Wer viel im Himmel haben
will, muss sorgen, dass die Welt fruchtbar sei und sich mehre. Man gab, um alles
fein und schön zu machen, dem Grafen die Einwilligung mit, und siehe da!
Natanael und Gretchen ein Paar! - Eins hätte Gretchen sich gern ausbedungen,
wenn es sich geschickt hätte. Sie wünschte, dass Natanael, der sonst eben nicht
unleidlich war, seine Haare wachsen oder sie wenigstens mit seiner Perücke so
verheiraten möchte, dass man nicht wüsste ob's Natur oder Kunst, eigen Haar oder
Perücke wäre. Die Natur trägt ihr eigen Haar. Solche Wünsche heben in der Ehe
sich von selbst. Das Weinen liess dem Natanael, wie Hanna versicherte, nicht
übel. Die erweinte Röte, welche sich von einer andern ungefähr wie das
Taufwassergrün vom andern unterscheidet, gefiel Greten selbst. Ueber das Weinen
liess sich Hanna aus: »Es kleidet wenigen Leuten, Lachen steht fast allen gut;
darum lassen sich die Menschen fast alle im Lächeln malen.« - Wer war
glücklicher, als Natanael? Dass du es noch immer seist, gutes Paar, ich wünsch'
es von Herzen! Gretchen bestand darauf, dass die Verlobung auf Minens Grabe
geschehe. Man bat mich schriftlich um diese Erlaubnis, und ich bewilligte sie
mit einem Seufzer, der aber bloss Minen zugehörte. Gretchen schrieb: »damit auch
ein Engel des Herrn dieser Verlobung beiwohne!« Der Graf fand dieses so
originell, dass er sehr bedauerte, nicht auch auf diesen Fuss sich verlobt zu
haben. Der Prediger schenkte seinem Schwiegersohne zwei Autorexemplare von der
Abhandlung, die auf extrafein Papier gedruckt waren, und fragt' ihn, was für
Bände in seiner Bibliotek hervorstächen? »Lieblingswerke broschirt ohne Glas
und Rahmen, am wenigsten goldnen;« indessen schien der Prediger zu wünschen, dass
er mit diesem Werklein eine Ausnahme von der Regel machen und ihm eine
schwarzcorduane Uniform anziehen mögen. - Natanael hätte das Werk auswendig
gelernt, so lieb hatt' er Gretchen. Ein schwarzcorduanes Kleid war das wenigste,
was er daran wenden konnte.
    Nachdem alles von Seiten der Verlobten Ja und von Seiten des Predigers und
seiner Hanna Amen war, und man sich, wie doch im Brautstande gewöhnlich, das
Herz ausschüttete, erschien auch ein Teil von der geheimen Abschiedsgeschichte
des Justizrats. Er entschloss sich freilich auf frischer Tat, nicht mehr zu
richten, damit er nicht auch gerichtet würde; allein bei alle dem würde
wenigstens der Abschied nicht so schnell gesucht und erfolgt sein, wenn nicht
noch ein Umstand dazu gekommen wäre.
    Der Justizrat fand wegen verschiedener unrichtigen Beschwerden, die man
wider das Collegium höheren Orts, das heisst in Königsberg, angebracht, bei
seiner Rückkunft einen Revisor, bald hätt' ich Sequester gesagt, das ist, ein
Männchen aus einem Collegio, das den königlichen Titel hat, wenn es beisammen
ist, ein Männchen, das den Tag seine drei Reichstaler aus dem Seckel der
Justiz, aus der Sportelkasse, sich zueignet und jedes einladet, seine
Beschwerden über die Ortsobrigkeit anzubringen. Besonders, dass der König von
Preussen den Militärpersonen, wenn gleich sie excellent sind (das ist hier zu
Lande der Feldherr vom Generallieutenant an), sein Bild nicht anhängt und ihnen
den königlichen Titel verleiht, dagegen im Civildienst oft an einem Ort vier
Stück Könige regieren, oder Collegia, die den Namen ihres Königs unnützlich
führen. Ein König über den andern. - Ein Revisor ist ein einzelnes Mitglied aus
einem dergleichen mit dem königlichen Namen begabten Collegio. Ein Postillon
ohne Horn. Solch ein Postillon ist indessen im Collegio zu sehr gewohnt, alle
Augenblick ins Horn zu stossen und durch: Wir Friedrich von Gottes Gnaden etc.
sich Platz zu machen, als dass er nicht auch ohne diesen Ordensfaden sich
einbilden sollte, er sei etwas. Mutwillige Knaben machen mit der Hand das
Postorn so nach, dass man glauben sollte, die Post käme. Jeder Mann denkt sich
unter einem Richter einen Aeltesten im Volke, und es ist nicht zu läugnen, dass
es auf zehn Jahre, in oder ausser dem Wege, sehr viel beim Richter ankommt. Von
dem Geburtsbrief, vom Taufschein unseres Revisors, war der blanke Streusand noch
nicht abgerieben. Er konnte ungefähr dreiundzwanzig Jahre haben und war also
sehr zeitig zur Landesregierung gekommen. Dieser Jüngling hatte die juristischen
Collegia durchlaufen, wie ungefähr ein Hofmann ein Puderstübchen, damit nur ein
feiner Septemberreif kleben bleibe. - So viel war dem Revisor auch kleben
geblieben. Stolz, feurig indessen in Gedanken, Geberden, Worten und Werken! Er
rühmte sich, einen glücklichen Aktenblick zu haben. Das hiess: Er las die Akten
nicht ganz, sondern schweifte nur umher, hüpfte sie nur durch, und doch, sagt'
er, find' ich die rechten Stellen, die verba probantia, den physiognomischen
Fleck. - Gott erbarm' sich dessen, der sein Wohl und Weh so aufs Spiel setzen
muss! Ein Schurk' anderer Art war er obenein, nach der Weise des
Ehegerichtsrats, der den Ritter und die Curländerin schied, und Kläger,
Richter, Henker in einer Person war. Er liess sich so klar und offenbar
bestechen, dass kein Mensch es gröber machen konnte, und eben diese Grobheit war
Feinheit. Er borgte nämlich von allen Menschen Geld und gab es nicht wieder,
oder besser, man fordert' es nicht. Das nenn' ich einen Bock zum Gärtner setzen!
Unser juristisches Genie war dem A und O im Collegio wie auf den Leib gebannt.
An keinem kleinern, als ihm, wollte der Knabe zum Ritter werden.
    Wo gewesen?
    Auf königlicher Commission?
    Und die Akten?
    Beim Prediger in L -.
    Als Mitcommissarius?
    Nein.
    Warum denn?
    Damit er der Regierung Bericht erstatte.
    Desto besser!
    Natanael erzählte dem Postillon ohne Horn sehr gerade den Vorfall und
zeigte ihm das Promemoria, das er allein zurückbehalten. Der Revisor bestand
darauf, dass er wieder zurück nach L - sollte. Er selbst wollte mit, um diese
Sache zu ergründen. Mine kam ihm als die feinste Betrügerin vor. Sterbend hin,
sterbend her, sagte der Revisor. An diesem Herodes, an diesem Zaunkönig, hatte
es auch noch gefehlt! - Einige dringende Beschwerden derer, die von den Strassen
und Zäunen geladen waren, hielten diese Reise auf, und eben da er hin wollte,
kam die Nachricht und der Bericht zur Unterschrift, dass Mine im Herrn
entschlafen sei. - Der Revisor behauptete, Mine hätte Gift genommen, da er die
unzulänglichen Aktenstücke las. Solch einen trefflichen Ueberblick hatte er! -
Zwar liess er auf die Vorstellung des Natanaels die Obduction, die er anfänglich
durchaus veranstalten wollte, nach; indessen konnte Natanael es nicht hindern,
dass der Revisor auf zehn Bogen Papier diesen Vorfall auseinander setzte, um
denen, die ihn gesandt hatten, zu zeigen, was geschehen wäre, und was nicht
geschehen wäre, und was geschehen können, und was geschehen sollen.
    Da kam eine Wittwe, die sich beschwerte, man hätte zu viel Stempelgebühren
von ihr genommen. - Akten! schrie der Revisor, und setzte auseinander, was bei
dieser Sache versehen wäre. Nun fand er zwar, dass nach der Verordnung mehr
Stempelgebühren genommen werden sollen, die auch das arme Weib nachbezahlen
musste; allein nebenher setzte er die Fehler ins Licht, welche bei dieser Sache
vorgefallen. Akten waren nicht gehörig geheftet, nicht gebührend foliirt, das
Rubrum war falsch und hätte auch grösser geschrieben werden müssen. Lateinische
Worte, die man schon besser als die deutschen verstand, verdeutschte er, und das
mit einer Randweisung: in Zukunft, des gemeinen Mannes wegen, sich so viel als
möglich der deutschen Sprache zu bedienen. Wo er Termin fand, setzte er
Tagfahrt, wo Concurs, Brodel u.s.w. Die tausend Kleinigkeiten, welche der
Revisor zu moniren fand, zeigten eben so, wie der blanke Streusand auf dem
Geburtsbriefe, ziemlich deutlich, dass er nicht sehr lange aus dem ABC heraus
wäre.
    Der Wittwe wurden alle diese Erinnerungen und Weisungen, wiewohl ohne
Stempelpapier, gegen Bezahlung der Copialien zugefertigt, und anstatt, dass sie
herausbekommen sollte, musste sie V.R.W. noch das zu wenig genommene
Stempelpapier und die Copialien für den Revisionsbescheid zuzahlen. Schwerlich
wird sie, mehr klagen! Ich wollte, sagte sie, für meine Tochter, die eben
heiratet, zu einem silbernen Speiselöffel aus den Akten heraus haben, und muss
in die Akten einen silbernen Vorlegelöffel dazu geben.
    Das war fürs Promemoria, dacht' unser guter Natanael. Wen Gott lieb hat,
den züchtigt er auf frischer Tat, wie jeder gute Vater seinen Sohn! Wenn ich
meine Rüben pflanze, wie angenehm wird es mir sein, gebüsst zu haben! - - und
beim vermissten Früh-oder Spätregen nicht denken zu dürfen: fürs Promemoria!
Wahrlich, Natanael war hiebei auf keinem unrichtigen Wege. Mein Vater pflegte
zu sagen: es muss jedem klugen Menschen (und auch der kann ein Sünder sein) eben
so angenehm sein zu büssen, als zu sündigen. - Die bittersten Erniedrigungen, in
Gegenwart der andern Mitglieder des Collegii und der Subalternen, kränkten den
Natanael, das A und O, am meisten. Selten ist ein Unglück allein. Der Director
des Justizcollegii starb, aus Furcht unfehlbar. Furcht ist eine Krankheit,
welche den grössten Teil der Menschen, nach der Liebe, dahinrafft. Es ist die
Seelengicht. Unser Revisor hatte einen adlichen Referendarius, Auscultator, was
weiss ich, wie solch ein Zögling recht heisst, mit. Man kann sich vorstellen, wie
alt dieser gewesen, da er an der Brust des Revisor lag. Nach dem Vorschlage, den
der Revisor denen, die ihn gesandt hatten, tat, und der durchaus genehmigt
ward, sollte dieser Säugling von unserm Revisor als Interimsdirector eingeführt
werden. Natanael hatte wider diesen Director den Spruch »aus dem Munde der
jungen Kinder« und die Stelle Jesaia drei, der zwölfte Vers: »Kinder sind
Treiber meines Volks, und Weiber herrschen über sie,« gemissbraucht. Die Folge
war grüne Galle bei der Introductionsrede und ausser ihr noch ein Anhang mehr,
als Galle. Der Interimsjustizdirector machte den Revisor mit den Benachbarten
vom Adel bekannt. - Das war ein Leckerbissen für seinen Stolz, ein Kitzel für
seinen Gaumen; der Revisor war nicht von Adel. Jedem seiner adlichen Wirte
sagte der Revisor die Spöttereien über das Justizcollegium vor, die er in seiner
Einführungsrede angebracht, und zum Schluss, der adliche Wirt mochte lateinisch
verstehen oder nicht,
cognovit bos et asinus,
quod puer erat dominus.
Der Justizrat hat ihn aus der Bibel beleidigt; der Revisor schlug ihn aus dem
Gesangbuche. Diese Strophe ist aus dem Liede: Ein Kind geboren zu Betlehem:
Puer natus in Betlehem, und heisst nicht, wie wir singen, das Oechslein und das
Eselein, sondern der Ochs und Esel erkannten, dass der Knabe Herr war. Ob nun
gleich Natanael nicht wusste, wie er und sein College (aus zwei Räten bestand
das Justizcollegium) sich diese beide Prädicate verteilen sollten, so waren
doch beide Ehrentitel nicht viel auseinander. Beide Leute hörten ganz laut
diesen Zusatz erzählen, obschon der Revisor ihn nur jederzeit ins Ohr gesagt
hatte. Wieder ein Genieblick von unserm Revisor. Der Adel nimmt Recht beim
Justizcollegio.
    Der Mensch besteht aus Leib und Seel, äusserlichem und innerlichem Sinn, und
bedarf also immer etwas von innen, und etwas von aussen, wenn er zum Ziel kommen
soll; ohne einen Schlag ans Herz, etwas ad hominem, bleibt die speculativische
Demonstration ein Luftschloss. Fast sollte man glauben, dass die Sinnen, die
anfangen, auch vollenden, Allerseits und Amen sagen! Selbst zu Entschlüssen,
wenn nichts ans Herz kommt, wie schwer die Geburt! Wen Gott lieb hat, dem gibt
er, ausser dem schweren Buche, noch ein Handbuch, ausser der Bibel einen
Katechismus, ausser den höhern geistigen Gründen, einen mit Fleisch und Bein -
ausser tiefer Wissenschaft - Dichtkunst.
    So mit unserm Justizrat. Minens Geschichte erregte den Entschluss: Du kannst
hinfort nicht mehr Haushalter sein! Der Revisor macht ihn lebendig!
    Bei diesen Umständen verdachte der Prediger in L - selbst nicht dem
Natanael, dass er sein Amt niedergelegt, und eine Zeit der Ruhe, der Heiligung
angefangen. Lieber Natanael, wenden Sie Ihre Zeit gut an, und Gott segne Ihre
Studia! Der königliche Rat, dem ich gelegentlich diesen Vorfall erzählte, war
so wenig über diesen Vorgang ausser sich, dass er vielmehr, obgleich er selbst ein
Stücklein König war, nichts mehr tat, als die Achseln ziehen. - Der Entschluss
des Natanaels war so nach seinem Sinn, dass auch er sich, wie man deutlich sah,
nach dieser Erlösung sehnte.
    Gretchens Hochzeit ward meinetalber zeitiger veranstaltet, als es wohl
sonst nach der Sitt' im Lande hätte geschehen können, wofür mir, glaub' ich,
Braut und Bräutigam, wiewohl mit dem Unterschiede verbunden waren, dass der
Bräutigam allein sich dies Verbunden sein merken liess. - Ich kam ein paar Tage
vor dem Hochzeitstage. Gretchen, sobald sie mich sah, küsste mich so aus
Herzensgrund, und ich sie wieder, dass Natanael auffuhr. - Sie liess ihn, und kam
zu mir. Dem Natanael war hierbei eben so übel, als bei der Revision, zu Mute,
und was das ärgste war, so durfte er sich dies nicht einmal merken lassen. -
Jeder, das sah er ein, würd' ihn wegen seiner Eifersucht ausgelacht haben. An
einen Abschied war hier ohnedem nicht zu denken. Er liebte Gretchen unendlich.
Anfänglich affectirt er dabei so eine Heiterkeit, dass man gar nicht wusste, wie
ihm geworden. Bald darauf ward er unruhig. Er schien nicht aus noch ein zu
wissen. Wenn ich mit ihm allein war, fragt' er mich ohn' Ende und Ziel: wenn ich
denn gedächte Preussen zu verlassen? Und, ohne mich zu nötigen, auch nur einen
Tag länger zu bleiben, war wieder ein Wenn da. Sobald mir über diese Eifersucht,
die sich jetzt in eine ungewöhnliche Höflichkeit gegen Gretchen auflösete, nur
das erste Licht aufging, dacht' ich auf Mittel, den armen Natanael zu heilen. -
Ist's nicht eigen, dass man den Eifersüchtigen allein durch Affectation beruhigen
kann? Ich fing an, gegen Gretchen mich zu zwingen, und da sie sich darüber
beschwerte, sucht' ich für den Justizrat auf eine so gute Art alles zum Besten
zu kehren, dass er von Stund an anders zu werden anfing. Ganz kam er nicht ins
Geleise; obgleich er nicht mehr wenn fragte.
    Der Graf konnte so wenig, wie sein an Brudersstatt angenommener Bedienter,
auf die Hochzeit kommen. Etwas Sterbendes hielt ihn ab. Gern hätt' ich ihn zu
Cana in Galiläa gesehen. - Und der königliche Rat? Auch er nicht. Er hatte
einen Revisionsauftrag erhalten. So viel weiss ich, dass er keiner Wittwe, ausser
dem eingebildeten Gewinnst eines silbernen Esslöffels, einen Vorlegelöffel von
der Seele revidirt haben wird.
    Gretchen hatte von jeher auf ein stilles, kleines Hochzeitmahl bestanden.
Ihre Mutter war zu diesen Wünschen eine Mitursache. Wir sind in Trauer, sagte
sie zum Justizrat, und sah mich an. Einige der Eingepfarrten indessen mussten
geladen werden, und hiezu war der 14te - angeordnet. Den 13ten - des Morgens
gingen wir alle zusammen ins nahe Wäldchen, und kamen so heiter zurück, dass wir,
Gretchen, Natanael und ich, auf den Gedanken fielen, heute stehenden Fusses den
geschürzten Knoten zuzuziehen. Der Prediger hatte Bedenklichkeiten; unfehlbar
war er mit der Hochzeitrede noch nicht fertig. Er gab indessen nach, da er
unsere vereinigten Wünsche merkte. Gretchen und ich gingen zur Mutter; was
konnte die uns beiden abschlagen? Während der Zeit, dass der Prediger sich in
seine Reverende setzte, und an seine Traurede dachte, ward nach dem Organisten
und ein paar Dorfältesten gesandt, wozu noch ein Verwandter des Justizrats, der
schon den 12ten - angelangt war, stiess. Es war ein königlicher Amtmann (Pächter
eines Domänenguts). Gretchen fragte den Natanael: ob sie ihren Brautschmuck
anlegen sollte? - Den können Sie nie ablegen, erwiederte der galante Bräutigam.
Wir baten alle, Gretchen möchte bleiben, wie sie wäre, und diese Bitte machte
uns wenig Mühe, weil sie selbst dazu geneigt war. Sie blieb, und die Natur
selbst hätte sie nicht besser putzen können, als sie's war. Sehet die Lilien auf
dem Felde! Und Salomo war nicht gekleidet, wie derselben eine! - Wahrlich,
Gretchen war eine schöne Feldblume! - Wie schön sie da stand! Natanael konnt'
es ohne Puder nicht lassen, sonst konnt' er seiner Galanterie keine Elle mehr
zusetzen; er war wie aus einem Putzkästchen gezogen. - Der Amtmann war nicht im
Stande, sich aus seinem Erstaunen heraus zu finden. Er hatte sein Kleid mit den
goldbesponnenen Knöpfen noch nicht herausgepackt, und nun war es zu spät. Der
Organist bat um Verzeihung, dass er kein hochzeitliches Kleid anhatte, und
während aller dieser Dinge kamen die Begleiter zu Hauf. Gretchen bat mich um
Blumen, die ich ihr zitternd brachte; ich hätt' ihr gewiss keine gepflückt, wenn
sie's nicht selbst verlangt hätte. Sie nahm diese Blumen mit einem Blick
entgegen, der mir durchs Herz ging, und steckte sie sich, warm von meiner Hand,
an den Busen. Natanael war zu andächtig, um darüber eifersüchtig zu werden, und
der Blumen halber zur Frage: wenn? Gelegenheit zu nehmen. - Natanael ging mit
seiner Braut, ich mit der Predigerin, der Prediger mit dem Amtmann ohne die
goldbesponnenen Knöpfe; dann Gretchens beide Brüder, ein paar Primaner, die
beiden Dorfältesten machten das letzte Paar. Der Organist war voraus gelaufen,
um uns mit einigen seiner Schüler zu bewillkommnen. An Minens Grabe standen wir
einige Minuten still, als wenn wir uns ausruheten. In der Kirche trafen wir eine
ungebetene Versammlung, der man es ansah, dass sie mit dieser Eilfertigkeit nicht
völlig zufrieden war. Vielen sah man an, dass sie auf die erste Nachricht sich zu
putzen angefangen, und in diesem gutgemeinten Bestreben, zu Gretchens Ehrentage
etwas beizutragen, gestöret worden. Es war nicht halb, nicht ganz. Die Töchter
der Dorfältesten stachen durch grünes Band hervor; indessen waren auch selbst
sie nicht fertig. Der goldbesponnene Knopf fehlte ihnen so gut, wie dem Amtmann.
Die Töchter der Dorfgeschwornen hielten einen Kranz, den sie Gretchen, eben da
sie in die Kirche trat, aufsetzten. Der Organist, der entweder auf ein Präludium
nicht denken können, oder der dem Gesang durchs Präludium nicht zu nahe treten
wollte, fing bei unserm Eintritt singend und spielend an:
Was Gott tut, das ist wohlgetan.
Es bleibt gerecht sein Wille.
Eben so begann Minens Begräbnis - und diese Erinnerung, wie bewegte sie mich!
    Der Prediger war gerades Weges auf den Altar gegangen. - Wir andern standen
rund herum. - Nach den Worten:
    Darum lass' ich ihn nur walten, als den letzten des Gesanges, fing er so zu
reden an, als ob er sich mit uns unterhalten wollte:
    »Hätten Sie sich's wohl vorgestellt, lieber Freund!« so ungefähr war sein
Anfang, »dass Sie, was Gott tut, das ist wohlgetan, in unserm lieben L - bei
einer Hochzeit singen würden?« Eben wollte ich antworten: nimmermehr, lieber
Pastor, da er feierlicher fortfuhr: »Und doch lag dieses: Was Gott tut, das ist
wohl getan, in jenem: Was Gott tut, das ist wohl getan.«
    Der gute Mann hatte sich, das merkte man, vorgesetzt, über Minchens
Leichentext: siehe ich komme bald, halt was du hast, dass niemand deine Krone
nehme, auch seine Hochzeitsrede zu halten, allein es fehlte ihm just so viel
Zeit, um seiner Rede die goldbesponnenen Knöpfe anzusetzen. Sonst war sie
fertig, in sechs Stunden wäre alles angeheftet gewesen, und wir hätten gesehen,
wie dieser Text eben so gut für Minens Tod, als für Gretchens Hochzeit, in der
Offenbarung Johannis des dritten Capitels eilften Vers stünde.
    So gut es indessen dem Amtmann und den beiden Töchtern der Dorfältesten
liess, eben so gut stand es auch dem guten Pastor. Was ihm an gerundeten Perioden
abging, ersetzte er durchs Herz, und ich hätte um vieles nicht diese
Hochzeitrede mit der grundgelehrten Abhandlung von der Sünde wider den heiligen
Geist vertauscht, obgleich diese Abhandlung beseilt und beschliffen war und in
zwei gleichlautenden und gleichgebundenen Exemplaren in der Bibliotek des
Bräutigams stand. Zehnmal schien es mir so, dass es der Prediger dazu anlegte,
mit diesem oder jenem unter uns ein Wort zu wechseln. Es lief indessen allemal
so ab, wie mit mir beim Anfange. Zuletzt hatte er sich zu tief in seinen Spruch,
ich komme bald, verwickelt, oder war es väterliche Rührung? Kurz, ohne Uebergang
nahm er seine Agende und las:
        »Lieben Freunde in dem Herrn!
    Gegenwärtige beide Personen wollen sich in den Stand der Ehe begeben« - und
so weiter.
    Dies Formular, alt und wohlgemeint, war mir darum so rührend, weil ich mich
all' Augenblicke befragte: wenn du da so mit Minen stündest?
    Der Prediger erzählte uns nach der Trauung, dass bei Hauscopulationen, die in
Preussen sehr häufig wären, gemeinhin das Formular verbeten würde, und zwar wegen
des Fluchs und Segens des heiligen Ehestandes, der in diesem Formular so ehrlich
als nur immer möglich vorgetragen wird.
    Ist's Wunder, dass Gott denen den Ehesegen entzieht, deren zu feine Ohren die
Ehestandsbeschwerden nicht einmal in der Kirchenagende ertragen können? Leute,
denen die Bibel zu herb ist, Gottes Wort was für einen schwachen Kopf und Herz
müssen die haben!
    »Und Gott der Herr sprach: es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.«
    Das ist ein Wort in allem Verstand anwendbar. Es ist nicht gut, dass der
Mensch allein sei. - Selbst im Sterben, würde der Graf wiederholen, ist's nicht
gut, dass er allein sei. Selbst auf dem Kirchhofe, würde der Todtengräber
hinzufügen.
    Der Prediger machte in seiner Rede die Anmerkung, dass die Copulation vor dem
betrübten Sündenfall ganz anders gewesen wäre, und manche, setzte er hinzu, die
vielleicht den betrübten Sündenfall am deutlichsten an sich tragen, wollen
durchaus eine paradiesische Copulation und kein Wort aus dem dritten Capitel des
ersten Buchs Mose, sondern alles hübsch und fein, alles aus dem zweiten Capitel.
Wie kann das aber? - Freilich erschrak das aus dem Paradiese getriebene Paar
über das dritte Capitel so sehr, dass, da Gott ihnen Kleider von Fellen machte,
sie solche in der Verwirrung nicht einmal anzuziehen verstanden: er zog sie
ihnen an, heisst es. Die meisten unserer angehenden Eheleute hätten weniger
Ursache, diesem Capitel durch eine Hauscopulation und Weglassung der Agende
auszuweichen, da sie vom Stande der Unschuld keinen Begriff haben.
    Meine Leser sind in der Kirche zu L - schon so bekannt, wie ich selbst, und
wissen, dass die Kirche nie anders als nach einem Lobgesang geschlossen wird. Wie
beim Begräbnis ward nach der Copulation gesungen: »Nun danket alle Gott!«
    Nach diesem Gesang betete alles vor dem Altare. Die Braut hatte, wie es
sonst wohl etwas ungewöhnliches ist, keine einzige Träne geweint. - Nach dem
Gebet traten die beiden Töchter der Dorfältesten hinzu, und wünschten Gretchen
alles aus dem zweiten Capitel. - Die edle Einfalt dieser Wünschenden war
rührend, so wie es alles Edeleinfältige ist. Gretchen und die Mädchen waren
Jahreskinder, Milchschwestern, zusammen in die Kinderlehre gegangen und zusammen
confirmirt, oder, wie es in Preussen heisst: eingesegnet. Gretchen wünschte, dass
sie auch bald Gelegenheit haben möge, ihnen beiden so Glück zu wünschen. - Die
Mädchen hatten Tränen in den Augen, und man sah es ihnen an, dass es Tränen der
Liebe waren. Gretchen küsste sie beide, und nun gingen sie zum grössern Haufen
zurück, der in der Entferung geblieben war.
    Es ging alles wieder paarweise so, wie es gekommen war. An Minens Grabe
streute Gretchen die von mir erhaltenen Blumen hin. - Sie warf sich nieder
(schwerlich hätte sie dies tun können, wenn sie in hochzeitlichem Schmuck
gewesen wäre) und weinte, als ob sie bis hieher ihre Tränen aufgespart hätte.
Der schwerfällige Justizrat setzte sich - ich kniete. - Der Prediger und seine
Frau hatten sich umfasst. - Die beiden Dorfältesten standen von ferne. Wir
weinten alle. Das neue Paar weinte mit, aus dem dritten Capitel. Es war rührend!
Ihr sah man die Worte an: »Ich will dir viel Schmerzen machen, wenn du schwanger
wirst, du sollst mit Schmerzen Kinder gebären, und dein Wille soll deinem Manne
unterworfen sein, und er soll dein Herr sein.« Ihm, die folgenden Verse:
»Dieweil du hast gehorchet der Stimme deines Weibes und gessen von dem Baum,
davon ich dir gebot und sprach: du sollst nicht davon essen; verflucht sei der
Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Lebenlang.
Dornen und Disteln soll er dir tragen und sollst das Kraut auf dem Felde essen.
Im Schweiss deines Angesichts sollst du dein Brod essen, bis dass du wieder zur
Erde werdest, davon du genommen bist: denn du bist Erde und sollst zur Erde
werden.«
    Mir war nur Minchen in Herz und Sinn.
    Die ungebetene Versammlung hatte noch das Postludium des Organisten gehört,
der sich, weil wir nicht mehr darin waren, mit Manual und Pedal hören lassen. -
Jetzt kam der ganze Haufen und blieb stehen. Allen und jeden sah man auf den
Gesichtern: Du bist Erde und sollst zur Erde werden.
    Genau genommen, lieben Freunde, ist's all' eins, taufen, sterben, heiraten.
Mensch, du bist Erde und sollst zur Erde werden! Nach dieser Scene kamen wir in
die Widdem. Das neue Paar fiel sich in die Arme! - Man sah, wie es sich liebte.
Von Stund an liess Gretchen nicht mehr ihren Natanael. Sie nahm mich nicht
weiter. Er war der Ihrige. - Pflicht, Freunde! ist sie nicht besser, als
Neigung? Sicherer, stärker, wahrlich! Sie überwindet den Tod oft weit leichter
als die Liebe; allein auch sie wird von der Pflicht überwunden. Der Justizrat
fragte so wenig wenn? dass er mich jetzt zu bitten anfing, doch ja zur
Heimführung zu bleiben. Da Gretchen fortfuhr, sich ihm ganz zu weihen, gab er in
seiner Bitte immer mehr zu. - Zuletzt bat er mich im ganzen Ernst, gar nicht aus
Preussen zu gehen. - Haben Sie nicht hier Minens Grab? setzte er hinzu, und
konnte keinen grössern Bewegungsgrund anführen. - Doch warum vorgreifend? Wir
setzten uns zu einem Mahl, so natürlich eingerichtet, wie Gretchen gekleidet
war. - Wir alle, könnt' ich fast sagen, waren so gekleidet, bis auf den
Justizrat, der wie ein sauber geschriebenes Urtel in beweisender Form aussah. -
Der Prediger bringt mich auf diesen Ausdruck. Er hatte den Einfall, dass wir
alle, wie ein Concept, ein Entwurf aussähen. - Wie die Probe, sagt' ich, indem
mir das Lautenconcert einfiel. - Der Organist, obleich er kein hochzeitlich
Kleid anhatte, blieb zum Mahl; nur die Dorfgeschwornen nicht, obgleich man sie
sehr darum ersuchte. Ich erzählte dem Prediger und dem Justizrat, was ich bei
dem Glückwunsch der beiden Kranzträgerinnen bemerkt hatte, und bat sie
beiderseits, sich der Herzen dieser guten Mädchen anzunehmen. Dies geschah
unverzüglich. - Da kam es denn bald zum Vorschein, dass der eine Vater seine
Tochter einem kleinen dicken Pachter, und nicht dem raschen Martin, der die
Tochter liebte, bestimmt hatte; der andere wollte sie seiner Schwester Sohn,
einem weit schönern reichern Burschen, als Caspar war, zuwenden; das Mädchen
aber wollte Casparn oder keinen. Dergleichen Wahleigensinn, sollte man ihn wohl
unter Leuten dieser Art vermuten? Kunst ist er. Von Anbeginn ist es nicht so
gewesen. Adam konnte nicht wählen, und doch hatt' er ein allerliebstes Weib. -
Caspar war indessen ein guter Junge, der dem Mädchen mehr zur Hand ging, als der
Schwestersohn, der seiner Sache sich gewiss glaubte. Natanael und der Prediger
brachten es in kurzer Zeit zum Vergleich. Martin und Caspar waren an dem Tage,
da Gretchen Hochzeit hielt, die glücklichen Bräutigame. Wir werden schon
nacheilen, sagten die vergnügten Bursche, und Gretchen ward rot, was weiss ich
warum? Natanael sah in den Spiegel. Ich glaube nicht, dass es eben so angenehm
sei, in Gesellschaft zu heiraten als zu sterben, obgleich ich nicht vom Grafen
zu diesem Glauben aufgefordert bin. Ein verliebtes Paar ist Adam und Eva in der
ganzen weiten Welt; sie dünken sich die einzigsten Menschen in der Welt zu sein
und sich selbst genug.
    Eine Gesellschaft wie diese indessen, muss auch bei den Verliebtesten ein
Beitrag des Vergnügens sein. Das Dorf kam unserer Hochzeitfreude eben dadurch
näher. Es war alles Paar und Paar. Die Dorfältesten hatten sich schon längst vor
der Hochzeit festgesetzt, dem Natanael-Gret'schen Myrtenfeste zu Ehren eine
Beifreude zu bezeigen. Ein Reihentanz konnt' es nicht sein; denn sie war aus dem
Stamme Levi und des Seelenhirten eheleibliche einzige Jungfer Tochter. Nach
vielem Hin- und Herdenken waren sie endlich auf einen ländlichen Gesang
gefallen, den zwölf der schönsten Mädchen in weissen Kleidern kurz vor
Schlafengehen absingen sollten. Ein junger Bursche hatte diesen Gesang
entworfen, der Herr Organist aber, wie es hiess, hatt' ihn stylisirt oder die
Natur verkünstelt. Die beiden Kranzträgerinnen hatten grosse Rollen bei dieser
singenden Mitfreude, wobei sich alle zwölf die Hände geben und eine Freudenkette
machen wollten. - Hätten die Mitfreudigen und selbst der Censor von den neun
Musen gewusst, es wären nicht nach Zahl der Monate zwölf gewesen! Unfehlbar aus
denen mehr als zwanzig jungen Mädchen, die in die Stelle der Leichenbegleiter
traten, nachdem Minens Sarg vor den Altar gesetzt war.
    So ward es beschlossen; jetzt aber kam alles in Unordnung. Die beiden
Kranzträgerinnen, welche die grossen Rollen hatten, waren aus Text und Melodie
gekommen. Niemand wusste, ob das Ständchen heut oder morgen gebracht werden
sollte, und doch wollte jedermann es so gut als möglich machen. Kurz, das Dorf
war in Unordnung. Diese Unordnung selbst indessen bot Hand zur Freude. Die
Freude ist die unordentlichste von allen Leidenschaften. Unser Pfarrhaus war
während der Zeit das glücklichste Haus in der Welt. Gretchen so ganz und gar des
Natanael, dass sie auch nicht einmal einen Blick für mich übrig hatte. Neigung
ist so pünktlich nicht. Pflicht aber ist das pünktlichste, was ich weiss. Der
gute Pastor liess sich an diesem Tage die Verlagsgeschichte seiner Sünde wider
den heiligen Geist erzählen, und war so froh, dass er sein Seelenkind so gut, wie
Gretchen, angebracht! Ein wahrer Natanael von Verleger, sagte der Prediger, und
feierte ein doppeltes Hochzeitfest. Gretchen und ihre Mutter nahmen wie
gewöhnlich keinen Teil an diesem Seelenkinde. Natanael indessen musste wegen
der in schwarz Corduan eingebundenen Exemplare sein Ohr zu dieser Unterredung
neigen. Da er Gretchen hatte, war ihm schon vieles von diesem Ehrenwerk
entfallen, das er, als angehender Bräutigam, fast wörtlich wusste. Gretchens
Mutter war selbst so heiter, als wäre sie gar nicht lindenkrank, als wäre der
Lindenbaum, der so alt wie sie war, und der in ihren letzten Wochen ausging,
wieder zu Kräften gekommen; der Organist, so erkenntlich gegen mich, wegen des
Schaustücks, dass er nicht aus dem Bücken herauskam, und so ehrerbietig gegen den
hochedelgebornen Herrn Justizrat, dass ich immer besorgte, er würde wieder etwas
aus dem Hute lesen, obschon er nur auf Begräbnissreden fundirt war; der Amtmann
so ins Vergnügen verstrickt, dass er den goldbesponnenen Knopf vergessen hatte.
Wahrlich, man kann auch ohne goldbesponnenen Knopf vergnügt sein! Und Gretchens
beide Brüder, welche der königliche Rat als die Seinigen in Königsberg erzog,
die in eine der besten Schulen gingen, wo sie gerades Wegs auf einen
Superintendenten losstudirten - die guten Primaner, hatten ein Gedicht zusammen
getragen, das sie beim Braten übergaben. Freilich hätten sie bis zum Kuchen
warten können, indessen war es ihre erste Autorschaft, die selten den Kuchen
abwartet. Der Vater kritisirte die armen Jungens sehr scharf, und nannte ihr
Mascopiewerklein ein ährengelesenes Stück! - Guter Pastor, hast du denn schon
aller kritischen Tage Abend erlebt? - Die beiden Knaben taten in alle Wege so
altklug, dass man ihnen ihre Aaronsbestimmung ohne Fingerzeig ansah. - Es gebrach
bei diesem Feste nicht an Wein. - Se. Hochgeboren hatten dem guten Prediger ein
gutes Fässchen Rheinwein verehrt, welches wir nicht feierlicher begrüssen konnten.
Wein hätte heute getrunken werden müssen. Der Communion wegen wird an allen
christlichen Orten Wein gehalten. Da aber die Andacht keinen Geschmack am
Körperlichen hat, so ist der Communionwein gemeinhin schlecht, sagte der
Prediger. Ich, fuhr er fort, habe noch nie bei dieser heiligen Handlung den Wein
geschmeckt. Viele der Herren von Adel schicken den Tag zuvor ein Fläschchen aus
ihrem Keller; unser Graf nicht also, obgleich sein Rheinwein sich nicht
gewaschen hat. Wir sassen länger als gewöhnlich bei Tisch. Heut, sagte der
Prediger, fröhlich mit den Fröhlichen! Wir waren traurig mit den Traurigen; wir
sind es noch, sagte Gretchen, und dachte so rührend an Minen, ohne sie zu
nennen, dass alles an sie dachte. Der Prediger belebte diesen Gedanken durch ein
paar rührende Worte. Wer seiner Todten nicht denkt, wenn er vergnügt ist,
bedenkt nicht, dass auch sie lebten und dass auch er sterben wird. Das war das
Gerippe, das er auf gut ägyptisch aufstellte! Wahrlich, es war nicht
fürchterlich. Sie hat ihren Myrtentag nicht erlebt, sagte Gretchen, und liess
eine Träne fallen. Natanael küsste sie herzlich. Wer es weiss, wie schön es sei,
ein Mädchen in solchen Tränen zu küssen, denke sich die Wonne dieses Paares.
Ohne Tränen gibt es keine Trunkenheit der Liebe. Diese Ehe, sagte die
Predigerin, hat der Tod geraten; was er rät, ist wohl geraten. - Die
Dorfältesten schlossen diese wahre hochzeitliche Scene, sie kamen und fragten im
Namen der jungen Dorfleute an, ob es wohl erlaubt wäre, die vier Dorfflinten dem
Tage zu Ehren abzufeuern, wie es wohl sonst bei dergleichen Gelegenheiten
geschehen wäre? - Das wäre so recht für Junker Gottarden gewesen! Wir alle aber
verbaten dies Feuerwerk. Die Anfrager mussten ein Glas Wein dem Brautpaar zu
Ehren leeren. Das ist besser als ein Flintenschuss, sagte der Amtmann ohne
goldbesponnene Knöpfe; und dann noch eins, und dann das dritte. Aller guten
Dinge sind drei, sagte der Prediger, und ich stimmt' ihm, meiner heiligen Zahl
wegen, herzlich bei. Im Paradiese, was braucht' Adam mehr als Eva, um froh zu
sein? sagte Natanael. Nach dem Falle haben wir auch Rheinwein nötig, um uns
ins Paradies zu bringen Man muss sich hinein trinken. Er fing sich aus
lichterloher Galanterie zu wundern an, dass Adam nicht beim Blick seines Weibes
aus Entzücken, aus Übermass des Sehens, blind geworden! Der Prediger half ihm
zurecht. Es war im Paradiese, sagt' er, wo Adams Auge so gut, wie seine andern
Gliedmassen, unsterblich waren. - Der Organist, damit ich sein nicht vergesse,
hatte den gesunden Gedanken, da sich das Brautpaar küsste: Lassen Sie uns ihm mit
den Gläsern nachküssen! Wir stiessen an, und zur Ehre dieses Einfalls zweimal. -
Der heiligen Zahl war er nicht wert. Wir standen auf. Der Prediger schlug einen
Spaziergang in das nämliche Wäldchen vor, das uns zu diesem Tage anrätig
gewesen, und beschlossen wir also, wie angefangen war. Wahrlich, ein schöner
Tag! - Wir kamen in der Dämmerung heim, und eben wollten wir ins Pastorat, da
uns der Musenchor überfiel. Der Organist hatte sich der Not angenommen und die
Zahl zwölf noch mit zwölf andern vermehrt. Ein wahrer Minnegesang! - Gretchen
ging nach vollendetem Ständchen unter diesen schönen Haufen, nannte alles
Schwester, und dankte so schön, dass jedes Mädchen glaubte, Gretchen hätte nur
ihm gedankt.
    Der Prediger konnte sich ohne Abendessen nicht behelfen. Natanael
declamirte wider das Abendessen, er ward aber überstimmt: den Alten, sagt' ich,
wäre das Abendessen freilich das vorzüglichste, und den Christen, bemerkt' er,
sollt' es noch weit mehr sein. Man setzte sich an ein Milchmahl. Die Sängerinnen
hatten uns musikalisch gemacht. Alles sang und sprang, hätt' ich beinahe
mütterlich hinzugereimt. Es war aber wahrscheinlich kein Springen, es war eine
stille Freude, eine Milchfreude! O Gott, was liegt in der Unschuld, in der
lautern Milch der Unschuld! - Unter tausend andern Dingen liegt auch Vernunft
darin. Es heisst vernünftige lautere Milch, und nichts ist einpassender als diese
Beiworte zur Unschuld. Es liegt in ihr Vernunft, höchste oder tiefste, wie soll
ich sie nennen?
    Nun ging das neue Paar ins Schlafgemach. - Es verschwand und das ist das
natürlichste Ceremoniel, wenn ein neues Paar zu Bette geht. Die Auskleidung der
Braut ist ebenso unwürdig als eine laute Hochzeit. Geht in Frieden, lieben
Leute! Es geleite euch der, welcher dem Menschen sein Schöpferbild anhing, mit
seinem himmlischen Segen! Das ist mein Hochzeitgeschenk. Auch jedes der
Hochzeitgäste ging in sein Kämmerlein, nur ich nicht. Ich schlich mich an Minens
Grab und hatt' eine Scene über alle Scenen. - Eine himmlische Hochzeit! Wer war
glücklicher, ich oder Natanael? Spät kam ich in mein Kämmerlein und fand, dass
der Amtmann, mit dem ich gepaart war, auf mich gewartet. Ich konnte nichts
sprechen, nicht einmal ein Wort zum Dank. Auf solch einen Tag, wie schön schläft
es sich! - Mein Schlaf war eine Entzückung in den dritten Himmel. Es fiel keine
Schäkerei den andern Morgen vor, keine Strohkranzrede. Die Frau Natanael
schlich sich aus der Schlafkammer und ich merkte, sie ward rot auf ihre eigene
Hand; sie hätte nicht schleichen dürfen, auch nicht rot werden das gute
Gretchen! Natanael und Gretchen waren jetzt so ganz Eins, ein Leib, eine Seele!
    Wie sich das Paar benachbarter Freunde kreuzt' und segnete, das zur Hochzeit
gebeten war und, wie der Prediger sagte, post festum (nach dem Fest) kam, kann
man sich leicht vorstellen. Hätte der Graf et Compagnie zusagen lassen, dann
hätten wir den Tag zuvor diese Freude nicht haben können. Mit dem Paar
benachbarter Freunde hatte es nichts zu bedeuten. Dieser Nachtag, dies Agio von
Hochzeitfest hatt' drei Umstände, die ich ausserdem, dass dreimal mehr Essen und
dreimal weniger Vergnügen herrschte, der Bemerkung wert halte. Die erste
Denkwürdigkeit. Der Amtmann brachte sein Kleid mit den goldbesponnenen Knöpfen
nicht zum Vorschein. Warum sollt' ich? sagt' er; Möstrich nach der Mahlzeit.
    So gern ich also auch meinen Lesern des Kleides Farbe, Form und nähere
Nachricht von den Knöpfen und ihrer Zahl mitteilen möchte, kann ich?
    Die zweite Denkwürdigkeit. Die post festum gekommenen Freunde hiessen die
neuen Eheleute nicht anders als Brautpaar, und wenn sie's ausgesprochen hatten,
schämten sie sich dieser Uebereilung, die sie doch gleich darauf wieder begingen
und dann noch einmal. - So fest hatten sie es sich eingeprägt, es ginge zur
Hochzeit.
    Vielen wird dieser Mittelumstand nicht denkwürdig scheinen. Mag's doch.
    Die dritte. Der Graf kam ohne seinen Bruder nach Mittage. Alles voll Freude!
Auch zu Ihnen komm' ich, sagt' er, um Sie noch einmal zu sehen und noch einmal
zu sagen - hier oder dort. - Was er sich freute, dass die Hochzeit vor der
Hochzeit gewesen! Das kommt aus dem Bitten heraus. Das Feine des Vergnügens geht
verloren. Die Natur lässt sich nicht melden, es wäre denn bei Krankheiten. - Wir
mussten dem Grafen den gestrigen ganzen Tag referiren, und wahrlich unsere ganze
Freude dieses Tages war, dass wir den vorigen Tag froh gewesen.
    Mit den lieben, grossen Hochzeiten, sagte der Graf. - So was nenn' ich nicht
leben, wenigstens will ich das Leben bei dieser Gelegenheit so wenig observiren,
als auf dem Schaffot den Tod! - Allzuviel ist ungesund. Zu Warnungsanzeigen
findet sich zwar in beiden Fällen Stoff die Menge, nur zu Lebens- und
Sterbensobservationen nicht.
    Der Graf konnte nicht lange bleiben. Er hatte, wie er sagte, einen rechten
Segen Sterbender bei sich. Obgleich, fügt' er hinzu, ich wenig Heil in meiner
Ehe erlebt, ist's mir doch lieb, geheiratet zu haben, um dort einst sagen zu
können: hier bin ich und hier sind, die du mir gegeben hast! Kann das ein
Eheloser? So rührend mir diese Empfindung war, so schwächte sie doch die
Erinnerung an die Grafenkrone, an die weissen Federn und den Orden. - Füllt die
Erde! heisst: füllt den Himmel! Wenn Menschen sich nicht Leid klagen könnten, wie
unglücklich würden sie sein! Die Ehe ist ein Band, wo sich Mann und Weib auf
Lebenslang verbinden sich Leid zu klagen.
    Der Organist, der auch diesen Abend herrlich und in Freuden beim Prediger
lebte, hielt sich während der Zeit, da der Graf gegenwärtig war, so demütig,
dass er nicht vom Ofen kam. Wieviel sind diesen Monat im Kirchspiel gestorben?
fragte ihn der Graf, und er: ich habe nicht geglaubt, die Ehre zu haben, Ew.
Gnaden zu sehen. Zwei Reden hab' ich gehalten, aus diesem Dorf also zwei. Der
Prediger musste das Buch holen und wir fanden abermal, dass die Erinnerung des
Todes keine Hochzeitfreude verderbe. Die Hochzeitgeschenke, welche der Graf
unvermerkt in die Brautkammer setzen lassen, waren Sinnbilder vom Tod und
Verwesung. Sie hatten einen ausgemachten Wert. Eine Urne von Porcellan gefiel
mir am besten.
    Ich blieb noch einen Tag in L - und diesen einen Tag waren wir wieder ganz
unter uns. Den Amtmann hatten wir unter uns aufgenommen. Es war ein recht guter,
biederer Mann! Wie lang er am Hochzeittage meinetalben seine Ruhe abgebrochen!
Mittelmässig war er in allem; allein warum sagen wir: die Mittelstrasse die beste
und wanken doch so gern? Warum?
    Bei dem Mittelmässigen fällt es mir ein, dass wir den dritten Tag viel von der
Schönheit sprachen. Natanael tat sich bei dieser Unterredung recht sichtlich
hervor. Er setzte die grösste Schönheit in die Mitte zwischen Feistigkeit und
Magerheit, obgleich er selbst mehr fett als mager war. Gretchen aber diente ihm
zum Exempel, seine Regel zu beweisen und ausser ihr alle Statuen der Alten. Ich
muss es doch wohl wissen, sagte Natanael. Der Amtmann, der seinem Bauche nichts
vergeben wollte, fand indessen dies letzte Argument unwiderlegbar, schlug sich
auf seine Bauchbürde, sah Gretchen an und schwieg.
    Natanael liess nicht ab, mich zur Heimführung einzuladen; allein meine
Stunde war gekommen. Ans wenn? war gar nicht weiter beim Justizrat zu denken.
Diesen Abend weihte ich noch Minens Grab, nahm von Natanael und Gretchen das
feierliche Versprechen, dieses Grabes Beschützer zu sein, und nun wollte ich L -
(allem Vermuten nach auf ewig) gute Nacht sagen. Die Predigerin machte es mir
zur Pflicht, dass ich, wenn ich bei der Heimführung nicht gegenwärtig sein
könnte, wenigstens bis zu Gretchens Abreise bleiben möchte. Der Prediger und
seine lindenkranke Frau blieben auch zurück. Der Amtmann allein und Gretchens
beide Brüder begleiteten das junge Ehepaar. Der Abschied? Bei Beschreibungen der
ganzen Natur kann man malen oder pinseln nach der Gabe, die jeder empfangen hat.
Ist von Menschen die Rede, wer kann ohne lästig zu werden Leidenschaften in
Worte ausbrechen lassen?
    Gretchen war im Reisekleide ausgegangen und kam mit verweinten Augen zurück.
Wo sie gewesen? werden meine Leser nicht fragen. An Minens Grabe. - Ihre Mutter
stand am Fenster, sah unverwandt den Reisewagen an und hatte sich betrübt
aufgestützt. Gretchen ging zu ihr, fasste sie zärtlich an und Hanna küsste sie
herzlich. Gretchen fiel ihr zu Knien und bat um Segen! Sei gesegnet, sagte Hanna
und legte beide Hände auf sie, und sei eine so gute Mutter, als du eine gute
Tochter gewesen. Nie geh' ein Lindenbaum vor deiner Türe aus! - Hier hemmten
die Tränen der Mutter und Tochter diese Segenshandlung. Nach einer Weile setzte
sie hinzu, deine Töchter werden wie Mine und deine Söhne wie Minens Mann. Gott
bewahre die Söhne, im Fall sie Justizräte werden, vor Treibern, vor Revisoren,
die Knaben sind, und die Töchter vor Nachstellern der Unschuld, vor v. E - s. -
Und nun legte der Prediger den Segen, womit Gott sein Volk zu segnen befohlen,
auf beide: der Herr segne dich u.s.w., ohne dass er von einem Candidaten mit
langen Manschetten aus der Bauskeschen Präpositur unterbrochen ward.
    Die beiden Aeltesten der Gemeinde kamen gemeinschaftlich das Aufgebot für
ihre Töchter nachzusuchen, welches den nächstfolgenden Sonntag zum erstenmal
geschehen sollte. - Nebenher wollten sie sich erkundigen, wenn heimgefahren
werden sollte, und da sie sahen, dass es hier so rasch als mit dem Hochzeittage
ging, setzten sich einige junge Ehemänner zu Pferde, um dem neuen Paar bis zur
Grenze das Geleit zu geben. Einige junge Frauen, worunter drei gesegnet waren,
begleiteten das Paar bis aus dem Dorfe. So weit ging auch Vater, Mutter und ich.
- Der Genius des mir unvergesslichen Kirchdorfs ging weiter mit Gretchen, mit
seinem Liebling. - Es gehe dir wohl, liebe Seele, vergiss Minen und ihr Grab
nicht!
    Ich reiste denselben Tag nach Königsberg und fand bei meiner Ankunft einen
Brief nebst hundert Pistolen. Ich brach den Brief und fand weiter nichts als
folgende Devise:
                      »Für Minchens Verwandten in Mitau.«
Ein Zug, an dem ich den Grafen erkannte, obgleich er incognito war und blieb.
Aller Mühe, die ich mir gab, unerachtet konnte ich ihn nicht herausbringen.
Wahrlich dieser Zug ähnelt ihm! Der Graf, dachte ich, der den Sargtischler nicht
in Stand setzen wollte, ein Mädchen zu heiraten, das keinen andern Fehler hatte
als den, dass es arm war; der Graf, der diesen Jüngling für Protektion arbeiten
und sich das Herz abhobeln liess - da fiel mir wieder seine strenge Gerechtigkeit
ein. Er war Patron der Kirche und des Hospitals, dem Minchens Anverwandter in L
- den Halbscheid seines Vermögens zugewendet hatte. Also - gedankt hätt' ich dem
Grafen nicht, wenn gleich ich seines Namens gewiss gewesen wäre. Gott dank' ihm!
- Der dankt nicht mit Worten, sondern mit Tat und Wahrheit. Zwar hatte ich
meiner Mutter die Worte aus Minchens Testamente bestens empfohlen:
    »Kannst du meinen Verwandten in Mitau förderlich und dienstlich sein, sei
    es. Gott wird dich lohnen!«
indessen kam mir dies anexoy kai apexoy, diese Lotteriedevise mit einem Gewinnst
sehr willkommen. Willkommner kann es den Anverwandten in Mitau nicht sein!
Schwer war es mir, zu diesem allen nichts mehr als ein Franko beitragen zu
können - ein Scherflein in den Gotteskasten.
    Das Schwere bei einem mässigen und zugemessenen Auskommen ist bloss, dass wir
nichts mehr als höchstens die Gabe der Reichen frankiren können! Darf ich wohl
bemerken, dass ich gegen den Grafen kein Wort von Minchens armen Verwandten in
Mitau verloren? Es wird nicht jeder so neugierig sein zu fragen, ob die Post
auch richtig das Haus der Armen gefunden, die in der Welt Angst hatten. Um ihnen
keine Minute zu entziehen sandte ich das Geld geraden Wegs und nicht durch
meinen Vater, auch nicht einmal durch Wechsel; allein ich bat meine Mutter, sich
nach der Aufnahme dieses Geldes zu erkundigen, da ich hierüber dem lieben Gott
unmittelbare Rechnung abzulegen hätte. Er, der ehrliche Alte, war schon seit
drei Wochen zur Ruhe eingegangen in jene seligen Wohnungen, wo ihn kein
Pachtunglück und kein Contrakt, der ohne den lieben Gott gemacht ward, und kein
W.R.I.V.R.W. mehr drücken konnte. Seine Frau lebte noch, zählte bis zehn. Noch
mehr? sagte sie, als ob das Geld unter ihren Händen sich mehrte. Sie sprach für
den Geber Segen, gab das ungezählte Geld und die gezählten zehn einem ihrer
Nachbaren zum Aufheben und starb. - - Der Tod war ihr lieber als hundert
Pistolen. Der Sohn, der Amtsgeschäfte halber seinem Vater nicht das letzte
Geleite geben konnte, kam zum mütterlichen Begräbnis. Sollten ihn wohl die
hundert Pistolen dazu vermocht haben? Meine Mutter versicherte mich, dass der
leidtragende Herr Sohn nicht aufhören können, Gottes wunderbare Führung zu
verherrlichen! - Das dacht' ich wohl und meine Leser mit mir, dass er diese
hundert Pistolen nicht ohn' ein Kirchengebet einstreichen würde. Ich wünsche
wohl zu bekommen, lieber Herr Prediger an der Grenze.
                                     * * *
    Ein Wort zur Rettung der Ehre meiner Mutter, die ich vielleicht hier und da
auf zu frischer Tat beurteilt haben kann. Darf ich bitten, lieber Freund! zu
diesem Rettungswort? Auch du urteiltest auf frischer Tat, da ich dir meinen
Lebenslauf aus freier Faust erzählte und an den Brief kam, den meine Mutter an
Minen schrieb, sich anhebend:
            »Es will verlauten.«
    Hermann machte meine Mutter mit dem Abschiedsbriefe bekannt, den Mine ihrem
Vater zurückliess, als sie aus ihrem Vaterlande und aus ihres Vaters Hause in ein
Land ging, das ihr der Herr zeigte.
    Hier ist die Antwort meiner Mutter und meines Vaters. Was jenes Weib vom
Petrus am Kamin sagte, gilt auch von diesen Briefen. Die Sprache verrät sie.
                                     * * *
    Fasse dich! bedenke das Ende, so wirst du auch in deinem Schmerz nicht übel
tun. Gott ist die Liebe! Das grösste Ueberbleibsel des göttlichen Ebenbildes ist
die Liebe. Liebe ist der Funke, den Gott anschlug, da er die Welt schuf. Du
weisst das Sinnbild Feuer, Liebe, Wasser, Hass! Wo Feuer ist, ist Licht - wo Licht
ist, ist Wahrheit. Das Licht der Vernunft ist Liebe, die Luft der Geister ist
Liebe. Suche deinen Trost in der Liebe! - Du sollst Gott lieben, den du nicht
gesehen hast und nicht siehest. Sieh! ein Hülfs-, ein Hausmittel, dich zu dieser
Gottesliebe hinauf zu schwingen, da du Minen liebst, die du gesehen hast und
nicht siehest. Um diese Welt gleichgültiger zu finden, ist's gut, einen
geliebten Gegenstand in der andern Welt zu haben. Wahrlich! es warten noch
Stunden auf dich, wo es dir in dieser Welt nicht gefallen wird. - Du liebst
Minen und wünschest sie nicht glücklicher, als du bist? - Ist die Liebe nicht
stärker, als der Tod? Sind wir nicht am geneigtesten, allentalben eine
Aehnlichkeit von Menschen zu entdecken? Ein Baum in der Entfernung dünkt uns ein
Mensch. Wir geben ihm alle Gliedmassen, und alles dünkt uns so. An der Wand, im
Dunkeln, überall Menschengestalten! Nichts ist uns wichtiger, als der Mensch,
nichts natürlicher, als er; und dir sollt' es schwer werden, Minen darzustellen?
- Wer sich selbst nicht liebt, liebt auch andere nicht. In der Schule der
Nächstenliebe wird mit der Selbstliebe der Anfang gemacht. Ein Verschwender kann
dem Dürftigen sein Brod nicht brechen, weil er selbst nichts zu beissen, nichts
zu brechen hat.
                                     * * *
    Warum aber so kabinetsverschwiegen? Waren wir denn Vater und Sohn? oder
waren wir du und du, und gute Freunde zusammen? Ich find' in diesen Fragstücken
Trost; allein du wirst ihn hier schwerlich finden. Auch für mich selbst ist hier
Unkraut zwischen dem Weizen. Friede mit Minens Seele, Friede mit der deinigen!
Friede mit deiner Mutter, die unaussprechlich leidet. Fällt dir ein, dass ich es
euch im Wäldchen wohlfeilern Kaufs lassen können, so wisse, dass dieser Umstand
mich oft ergriffen, dass er mich noch ergreift, und mehr, als es Christen
geziemt. Gott helf' unserer Schwachheit! Dieser Brief wird mir saurer, als je
ein Brief mir worden, obgleich mir jede Schrift schwer wird, und ich meinen
Schreibtisch, der aber kaum diesen Herrnnamen verdient, die meiste Zeit
widerwillig ansehe. - Trost zusprechen, sagt man; wer kann ihn schreiben? und
wenn es viele könnten, würde diese Kunst doch nicht mein sein! Denke! mein Sohn!
- das heisst: sei mit Minen zusammen. Du hast nur Minens Form verloren! Mine
lebt! und wir werden auch leben! - Besorgt sein und sorgen, ist zweierlei. Hier
ist so viel von der Predigt über den Text: Wir haben hier keine bleibende Stätte
, als ich selbst besitze. Du kennst meine Weise zu concipiren. Hie und da ein
Wecker. Betrügen mag ich nicht. So schick ihm doch das Concept, wie es steht und
geht, sagt deine Mutter. Da ist es, wie es steht und geht.
                                     * * *
    Herzlich geliebter und nach dem Willen Gottes schmerzlich betrübter und nach
kurzer Freude viel Leid tragender, einziger lieber Sohn!
    Da sitz' ich und lese diese Ueberschrift zehnmal: Herzlich geliebter und
nach dem Willen Gottes schmerzlich betrübter und nach kurzer Freude viel Leid
tragender, einziger lieber Sohn, und kann keinen Anfang finden, ich, die ihr
Lebtage nicht des Anfangs halber eine verlegene Minute gehabt, und auch noch
hab' ich den Anfang nicht, denn das ist erst der Anfang zum Anfang. Beim Ende,
mein Kind, war ich oft verlegen. Dein Vater pflegte zu sagen, ich könnte das
Ende nicht finden, obgleich mit seinen Anfängen, wenn er was schreibt, wahrlich
nicht zu prahlen ist. - Bis jetzt hab' ich, Gott sei Dank, noch immer das Ende
gefunden, freilich oft in Winkeln, wo es nicht jeder zu suchen gewohnt ist. - O
mein Sohn, wenn du wüsstest, wie schwer es mir wird, den Anfang dieses Briefes zu
finden, du würdest deine Mutter bedauern, und sie in deinen Schmerz
einschliessen, wie ich dich immer in mein Gebet eingeschlossen habe und jetzt in
mein Gebet einschliesse. Ich will sie nur nennen - so gern ich diesem Namen
auswiche: Mine da ist der Anfang, Mine! o mein Sohn! wie wird mir, da ich diesen
Namen, diesen seligen Namen schreibe und spreche. Zacharias schrieb und sprach:
Er soll Johannes heissen, und war ein so glücklicher Vater, als ich eine
unglückliche Mutter bin, obgleich mein Johannes nicht daran Schuld ist, sondern
ich selbst, ich allein selbst. Mine! Mine! Mine! Da ist der Anfang. Ihr Name
wird auch das Ende sein! Meine Seele ist betrübt bis in den Tod!
Wohl ihr, dem Kind der Treue!
Sie hat und trägt davon
Mit Ruhm und Dankgeschreie
Den Sieg, die Ehrenkron'!
Gott gibt ihr selbst die Palmen
In ihre rechte Hand,
Und sie singt Freudenpsalmen
Dem, der ihr Leid gewandt.
    Aus dem Liede: Befiehl du deine Wege, woraus, wie ein Ausgebäube, die
schönen Worte: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoff' auf ihn, er wird's wohl
machen, herausspringen. Dieser Vers heisst Wohl! Der Spruch steht im
siebenunddreissigsten Psalm, der fünfte Vers. Fast kann ich sagen, ich fiel zu
Grunde, wie ein Stein. Nichts, nichts in dem ganzen Laufe meines Lebens hat mich
so ergriffen, als dieser Fall. So wie den Egyptern ging's mir. Sie sassen in der
Nacht, während dass bei den Israeliten Tag war. - Das Licht war nicht bei mir. Zu
Gott rief ich: Die Angst meines Herzens ist gross, führe mich aus meinen Nöten!
Siehe an meinen Jammer und Elend und vergib mir meine Sünde! Der Herr sei
gelobt? Ich habe Gnade gefunden in seinen Augen, so wie den Anfang zu diesem
Briefe. Meine Brust schwoll so in die Höhe, dass alle Bande zu reissen schienen.
Jetzt legen sich diese Blutwogen - obgleich ich noch lange nicht sagen kann: es
ist stille. Vielleicht wird es nie ganz stille. Du warst kein Kind mehr, als du
schwach und krank darnieder lagest und wieder gesund wurdest, ich weiss indes
nicht wie? Der Dr. Saft hat wenig oder nichts dabei getan, der, wenn gleich er
seinem Vater selig eben nicht in Wunderkuren durch Heiraten gleich kommt,
jedoch in der Apoteke zu Hause gehört und seine Kunst versieht trotz einem. Du
weisst wie gottergeben ich damals war. Wärst du gestorben, ich hätte keine
Träne, wie ich nach der Liebe hoffe, sinken lassen. Seit der Minute, da ich
fühlte, dass ich dich hatte, bis jetzt, da du dich zum Dienst des Herrn weihst
und heiligest - wusste ich, dass mein Sohn sterblich war. Sterblich von sterblich,
und wärst du gestorben! Wohl dir, du Kind der Treue!
Du sängest Freudenpsalmen,
Dem, der dein Leid gewandt.
Aus der Strophe Wohl!
    Du wärest wohl versorgt. Ein himmlischer Superintendent und Oberpastor! Das
ist mehr als in Mitau, wohin dir der liebe, gütige Gott, wenn es seinem heiligen
und allezeit guten Willen nicht zuwider ist, verhelfen wolle zu seiner Zeit! -
Da ist er wieder in Herz und Feder der Name: Mine! Mine! O der namenlosen Angst
bei diesem Namen, den Gott in Gnaden von mir wende, wenn der letzte Kampf
anbricht. O wende ihn, wende am Lebensende das Schreckliche dieses Namens, du
der du alles lenkst wie Wasserbäche.
    Wie hiess der Barbar, der zwei römische Ratköpfe (nicht Glieder) jämmerlich
hinrichten liess, und, da ihm nach kurzer Zeit bei einem Abendmahl unter vielen
andern Speisen ein gekochter Fischkopf aufgetragen ward, ihn für das Haupt des
einen Erwürgten ansah? Er sprang auf, denn der Fischkopf drohte ihm in seiner
Einbildung. Er floh, der Fischkopf verfolgte ihn, und unter diesen Aengsten, da
beide Ermordete ihr Blut von seinen Händen forderten, starb er. Man kann leicht
denken wie? Ich meines Orts behaupte Stein und Bein von dergleichen Leuten, dass
sie lebendig in die Hölle gefahren! Da sagen denn die Gewissenslosen: der Barbar
hatte Hitze! Freilich hatte er Hitze, allein Höllenhitze! Er setzte sich hin, um
fröhlich und guter Dinge zu sein, bis der Ermordete ihm erschien. Der Fischkopf
war ihm ein magischer Spiegel, und so ist's immerdar mit dem Gewissen.
Einbildung? Recht. Allein das ist des Gewissens Art und Weise. Es hält uns immer
einen Spiegel vor, dieser sei ein Fischkopf oder was anderes - und am Ende will
ich lieber wirklich leiden, als einen solchen Fischkopf sehen. Was mich mit
Wasser in meiner Minenhitze besprengte, war der Umstand, welcher andere
vielleicht unmutiger gemacht haben würde. Du hast, dachte ich, meinen grausamen
Brief an Minen! Du weisst alles; das Bekenntnis der Sünde ist eine halbe Reue,
eine halbe Besserung. Die Beichte könnte eine sehr vernünftige Sache sein; jetzt
freilich ist sie nichts weniger wie das. Sei mein Richter. O hier ist mehr als
ein Fischkopf! Es ist immer ein und dieselbe Saite, die in mir sumset. - O ein
schrecklicher Ton! Auch die Hörner des Altars selbst kann ich nicht ergreifen.
So oft ich in Gottes Hause bin, seh' ich hier Nummer 5, und da Nummer 5. An
Nummer 5 hängt mein Gewissensspiegel. Da seh' ich das stille gute Mädchen und
fühl' es, dass ich ihr mit Ungestüm begegnete, den letzten Sonntag, da schon ihre
Seele alles eingepackt hatte. Sie grüsste mich und dich. O Nummer 5! Nummer 5! O
wenn diese Zahl nicht wäre! Einfältiger Wunsch, da eben fallen mir die fünf
Finger ein. Sie bleibe, diese Zahl, und die Erinnerung bleibe, dass ich Minen auf
der Seele habe! Wie lebhaft ich mir alles zurückerinnere! Ich besann mich, indem
ich dankte, ob ich wohl danken sollte, und solch ein Dank ist ärger, als Undank.
Jetzt danke ich, so oft ich die Bank sehe - und niemand ist, der mir diesen Dank
abnimmt. O wenn doch Minchens Geist diese meine Bücklinge sehen könnte und mich
bedauerte! O wenn doch ihr Geist nur ein einzigmal noch in unsere Kirche käme!
Wenn ich diesen Fischkopf: Sonntag, zurück hätte, was gäbe ich darum! Nur den
Vormittag, nur die Predigtstunde. Ich sah Minen deines Vaters Predigt hören
über: wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige suchen wir!
welche dir dein Vater auf mein Zudringen, wie sie da geht und steht, senden
wird. O Gott, wie hörte Mine diese Predigt, und ich, wie sah ich sie hören!
Gleich, dachte ich, ein Mädchen, das so hören kann, kann das böse sein? Es kann
nicht. Ich sah Minen manches Predigtwort befeuchten mit ihren Tränen. Ein
warmer, fruchtbarer Regen zur Seligkeit! Ich sah sie Abschied von Nummer 5
nehmen, einen sanften, seligen Abschied! O möchte ich doch auch, wenn ich zum
letztenmal in das Gotteshaus gehe, von Nummer 1 so Abschied nehmen, und wenn es
auch zu mir heisst: wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige
suchen wir! so von hinnen gehen, wie sie aus Nummer 5. O hätte ich doch nur
einen Buchstaben von diesem Abschiede gemerkt, da Minchen ihn nahm, nur ein
Uhütchen, ein Ipünktchen! Welch ein schreckliches Licht ist mir jetzt
aufgegangen. Vorigen Sonnabend ging ich allein ins Gotteshaus und wollte
versuchen, ob ich mich vielleicht in der Stille mit Minens Bank versöhnen
könnte. Langsam ging ich zu ihr, als zu meinem Richterstuhl. Ungefähr kam ich an
die Stelle, der sie die Hand gedrückt, und siehe, es waren feurige Kohlen, die
da brannten. - Noch jetzt bin ich mit Nummer 5 nicht in Ordnung. Gott sei gelobt
und gebenedeit, dass ich Minchen anders grüsste, da sie herausging. Gott! Gott!
Grosser Gott, ihre Tränen! Ihr Ringen im Auge, ehe die Tränen flossen, die
bangen Tränen und die letzte, die Abschieds-Träne, die sie weinte, da sie
ging, die ihr mein letzter Gruss erregte. - O sie komme zur Linderung über mich,
zum Erquickungstropfen in meiner brennenden Todeshitze, in meiner Todesnot!
Vater, vergib! Ich wusste so wenig, als Natanael, was ich tat! Dieser Wehrwolf
-
Doch warum klag' ich andre an,
Ich habe alles selbst getan.
    Der Stank für Dankbrief! O hätt' ich nie schreiben gelernt! Die Zunge hat
viel Unheil angerichtet; allein es geht mit ihr, wie mit dem Brod beim Bäcker.
Den andern Tag wird frisch gebacken. - Nie, mein Sohn, das schwör' ich
schriftlich vor Gott, der über mir ist, ich schwöre, nie werd' ich Lebenslang
einen Brief, ein Promemoria, einen Waschzettel schreiben, wo ich nicht an Minen
schriftlich denke, und ihren Namen, wär' es auch nur der erst' und letzte
Buchstabe M.e. mit hinein schreibe, um meine schriftliche Sünde, meinen Stank
für Dank zu büssen. Sei mit dieser Busse zufrieden, lieber gütiger Gott, und sieh
mich so nicht an, wie ich Minen, vor der letzten Predigt in unserer Kirche! Wie
könnt' ich sonst vor dir bestehen! - Straf mich nicht nach meinen Sünden,
vergilt mir nicht nach meinen Missetaten! - So du willst, Herr, Sünde zurechnen
hier, in der ersten Instanz, vor dem Gewissen, und dort in der letzten, wer kann
bestehen?
Gott, du kennst vorhin
Alles, was mich kränket,
Und woran mein Sinn
Tag und Nacht gedenket.
Niemand weiss um mich,
Als nur du und ich.
    Das! das! mein Sohn, ist mein täglich, mein stündlich Gebet zu Gott, das ich
aus der Tiefe herauswinde, wie ein müder Wanderer einen Labetrunk aus einem
Brunnen, der dem Reisebecher Tropfen auspresst. Wie gern ich sehe, wenn das Glas
beschlägt, kann ich dir nicht sagen. Es ist mir so, mein lieber Sohn, als
erquicke sich das Glas selbst.
    Du hast mir, es ist nicht zu läugnen, einen stark gewürzten Brief
geschrieben; Muskatennuss, Englischgewürz, Pfeffer und Ingwer war darin. Zu sehr
indessen zeigt der Brief noch, dass du mein Sohn bist, und ich deine Mutter; zu
sehr, dass du unter meinem Herzen und an meiner Brust gelegen, die niemand, als
dein Vater, und der nur beiläufig, gesehen hat. O warum, warum vergisst du denn
dies nicht alles? Das konntest du leider nicht. Warum denn nicht? Griff ich dir
nicht ins Herz hinein? Riss ich dir nicht ein Aug' aus? Sohn! zu guter Sohn! -
Wisse, dass ich mir selbst, wie jener Gesetzgeber, dessen Sohn ein Gesetz
übertrat, worauf zwei Augen standen, auch ein Aug' ausgerissen, und zwar das
linke, das ich das Herzensauge nenne, so wie das rechte das Verstandesaug' ist.
Jetzt, ich weiss selbst nicht, wie's zugeht, da ich dies alles aus der Fülle
meines Herzens herausschreibe, fühl' ich mich einigermassen getröstet. Mich soll
verlangen, ob es von Bestand sein wird. - - Wundershalber brech' ich auf einen
Tag ab.
    Gelobt sei der, dessen Aufsehen unsern Odem bewacht! Ich bin zufriedener.
Ich bitte dem lieben Gott wegen des Fluchs ab, den ich über's Schreiben
aussprach! - Es ist grundfalsch, dass das Schreiben nicht auch sein Gutes habe.
Freilich hätt' ich an Minen nicht schreiben sollen. Was kann aber das Wasser
dafür, dass es nicht Taufwasser wird, welches so schönes Grün hervorbringt, dass
das Auge fühlbar gestärkt wird? Denke doch weiter über das Schreiben, und
schreibe mir mit nächstem, was du gedacht hast. Bei deinem Vater kann ich mir
deshalb nicht Rats erholen. Das Schreiben kommt mir als ein vernünftiger
Monolog vor, die beste Manier, wie man zu sich selbst kommen, und sich ein
Wörtchen ins Herz und Seele hineinbringen kann. Wenn man mit sich selbst
spricht, läuft jeder für uns: und mit den lieben Gedanken - wer zäunt sie gern
ein? und unverzäunt, wie selten halten sie Stich? - Ich weiss, an welchen ich
glaube - und bin gewiss, dass er mir meine Beilage bewahren werde bis an jenen
Tag, dass der, so meinen Nelkensamen gestreuet, auch die Nelken ablegen, und in
ein ander Beet versetzen werde; dass der, so in mir angefangen das gute Werk
seiner Verherrlichung, es auch durch seinen heiligen Geist bestätigen und
vollführen werde, bis an den lieben jüngsten Tag. O wie es mich entzückt hat,
dass die Selige Mosen und die Propheten, Bibel und Gesangbuch, zu ihrem Ein und
Alles gemacht, und dass sie besonders in geistlichen und himmlischen Liedern ihre
Wonne gefunden! O du mir sonst teures und wertes Lied:
Ich hab' mein Sach' Gott heimgestellt,
wie weit teurer und werter bist du mir jetzo, du, Minens Reiselied auf ihrer
Wanderschaft zur seligen Ewigkeit! Weisst du auch noch, mein Erst- und
Letztgeborner! wie wir unterwegs, da wir die Folianten, die uns kreuzweise zur
Verewigung des vetterlichen Kupferstichs dienten, zu Hause brachten, wie wir
sangen:
Man trägt eines nach dem andern hin,
Wohl aus den Augen und aus dem Sinn.
    Behüte Gott, dass ich dich an diese preiswürdige Stelle darum erinnern
sollte, damit auch die hingetragene Mine dir wohl aus den Augen und aus dem Sinn
kommen möge! Nein, ewig sollst du an sie denken, aber denk' an sie, als Christ!
Sieh! die Natur gibt dir die Vorschrift, deinen Schmerz nicht zu verewigen.
Allmählig, wie Spiritus, duftet er aus. Man merkt wohl, es ist Spiritus gewesen,
allein die Hauptkräfte sind in den Wind geschlagen. - Dein Vater pflegte zu
sagen, dass er jeder Hand ansehen könnte, auch dann, wenn jetzt kein Ring daran
hing, dass einer daran gewesen. Ein gewisser Zwang, ein gewisser Stolz, bleibt
darin, und der kleine Finger will mit aller Gewalt der Daumen oder Mittelfinger
sein. Das kleine Närrchen! So nicht mit Christenleuten. Sie sind einen Zoll über
die Natur! grösser, stärker, als sie. - Was die Natur nicht kann, vermag die
Gnade, die mächtig macht! Dieser Gnade befehl' ich deinen Geist, Seel und Leib,
alles müsse unsträflich behalten werden bis zum allgemeinen Concilio, wenn
offenbar wird, der Gott dient, und der ihm nicht dient. - Wenn du das schöne
Werk: Ehre und Lehre der Augsburgischen Confession, von Johann Weidner, Ulm,
1732, habhaft werden kannst, lass es nicht aus der Hand und dem Auge! Dein Vater
hat es nicht! Ueber das Reiselied: Ich hab' mein Sach' Gott heimgestellt, hab'
ich nicht ohne die äusserste Rührung meines Herzens nachgeschlagen, dass ein
siebenundsiebenzigjähriger Greis, da er sich diesen Kern- und Sterngesang
vorsingen liess, und an die Worte kam:
Es wird nicht eins vom Leibe mein,
Sei gross oder klein,
Umkommen, noch verloren sein,
sich so angegriffen, dass sein erstorbener Körper sich verjüngte, wie ein junger
Adler. Man sah ihn ordentlich auferstehen. Nicht eins, nicht eins, nicht eins,
schrie er, vom Leibe mein, umkommen und verloren sein! und starb ruhig und
selig! - Würdest du es wohl gern sehen, wenn du von Minen in der andern Welt nur
ein Gemälde, nur einen Kupferstich sehen solltest? Nicht eins, nicht eins, hör'
ich dich auffahrend rufen, wie den siebenundsiebenzigjährigen Greis. Nun, du
sollst sie wieder haben, ganz und gar! Es gibt plätze in unsern Liedern, wo man
in der grössten Sonnenhitze vor dem Sonnenstich sicher ist, wo kein Sonnenfunke
hineinbljetzt, kein Strahl hineinschleudert und wo es einem so wohl ist, so
herzlich wohl! - Ich weiss nicht (mein Gedächtnis fängt mir an so schlecht zu
werden, und ich merke selbst bei Liederstellen, dass sie mir wie die Zähne
ausfallen), ich weiss nicht, wo ich es gelesen habe, dass ein braver Mann sich
alle liebe Morgen, wenn er aus dem Bette gefahren, einen frischen Erdenkloss
bringen lassen, daran er eine Weile gerochen. Er behauptete, dass er Gesundheit
und Lebensverlängerung daraus röche! Mein Sohn! gibt's einen originalern
Menschengeruch? Ein Erdenkloss war noch vor dem Adam, und er ward aus ihm
gemacht. Zwar ist die Erde jetzt sehr mit Todten versetzt, denn wer weiss, ob ein
Stellchen ist, das nicht ein Kirchhof, eine Urne wäre? Und wer kann es läugnen,
dass so ein Erdenkoss, aus dem Gott der Herr den ersten Menschen machte, sich
ungefähr gegen unsere jetzige Erde verhalten haben könne, als gekochtes Gemüse
und rohes Obst. - Indes erfrischt auch das gekochte Gemüse das Blut und auch
noch, glaub' mir, auch noch muss man von der Erde was Originales riechen können,
wenn man sich nicht an sogenannten wohlriechendem Wasser die Nase von Grund aus
bis auf die Wurzel verdorben hat, welches aber nicht, wie dir erinnerlich sein
wird, durch Himmelsschlüsselchen, wozu auch Krausemünze zu zählen, geschieht.
Den Erdenkloss, aus dem Adam ward, nicht wahr, den hättest du riechen mögen? Ich
auch, mein Sohn! - Noch eine Anekdote schwebt mir in Gedanken über: ich hab'
mein' Sach'; allein ich kann sie nicht zum Stehen bringen. So geht's, je älter,
je kälter! und bald wird mich der Papagei jenes spanischen Gesandten
übertreffen, welcher, wie ein bewährter Schriftsteller versichert, die ganze
Litanei singen können. Das wäre ein Casus für mich! Was ist Nachtigall und
Lerche! und alle Finkenarten gegen solch einen Litaneipapagei? - Zum erstenmal
merke ich, dass sich Litanei und Papagei reimt! Schön! - Es gibt Lasten des
Lebens, mein lieber Sohn, die auch dem Christen zu schwer zu heben sind; allein
er vermag alles durch den, der ihn mächtig macht; er probirt und probirt so
lange, bis er hebt und trägt. Es kommt viel darauf an, wie man's angreift und
sich auflegt. Die Gelehrten lassen sich gemeinhin mit einem Buch in der Hand
malen und darüber wegsehend! Nicht also! mein Sohn, wie diese Verkehrten! Ins
Buch, sag' ich, ins Buch das Auge! Glaubt ihr Herren Gelehrte, Verkehrte, etwa,
dass das Auge dem, der euch sieht, verloren gehe? Eben dieser Blick ins Buch ist
das Auge eines Gelehrten, wenn er nicht ein Verkehrter sein will, und nun, mein
Sohn, lass dich nicht bloss so malen, sondern sieh wirklich ins Buch des Lebens!
Die Bibel ist davon die erste Ausgabe, die zweite vermehrte wird dir in der
andern Welt aufgetan!
    Dein Grossvater seliger, der Glückliche, machte, wenn er nachsann, kleine
Augen, recht als ob er keinem Gegenstand mehr Platz lassen wollte; dein Vater
macht sie gross, wenn er nachdenkt, wenn er mit der Seele wohin sieht, und da
fallen denn Sonnenkörner, kleine Sterne, wie die Sternschnuppen, aus seinen
Augen. Manche machen die Augen dicht zu, als ob sie nicht sähen auf das
Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare, denn was sichtbar ist, das ist zeitlich,
was aber unsichtbar ist, das ist ewig.
    Was steht in der ersten Ausgabe des Lebensbuchs? Denen, die Gott lieben,
müssen alle Dinge zum Besten dienen. Kann der Ton sprechen zum Töpfer: warum
machst du mich also?
    Der Mensch sieht immer scheel über den lieben Gott, weil er so gütig ist,
nicht nur in Absicht seines Groschens, sondern anderer. Dies Evangelium vom
Groschen ist vortrefflich; es ist nicht mit Gold zu bezahlen. Was kannst du,
Mensch, mehr als einen Groschen verlangen? Am Ende hat niemand mehr. Nur dass es
anscheint, als hätte dieser oder jener darüber. Was willst du mehr, Mensch! wenn
du deinen Groschen bekommst? Was mehr? Du willst die ganze Natur verschlingen.
Untier! Wie viel Arten von Speisen in einer Mahlzeit? Fast alle sechs Tagewerke
werden aufgetragen. Dafür musst du aber auch leider! den Dr. Saft in Ehren haben.
Selbst das Sterben muss dir dafür schwer werden. Du bringst dich selbst um,
Israel! Wahrlich, in allem Betracht dich selber! - Das ist ein teuer wertes
Wort, dass sich der Mensch mit dem lieben Gott in Verbindung denkt, dass er weiss,
wie ohne den Vater über alles kein Sperling fällt, wenn gleich dieser den
Kirschen nachstellt. Kein Haar auf deinem Haupte ist, das Gott der Herr nicht
gezählt hätte. Alles ist in Verbindung mit einander und alles zu Gott. So drehen
sich grosse Weltkörper um ihre Achse und wandeln, sagt dein Vater. Ich stelle die
grossen Weltkörper an ihren Ort, genügsam mit der Bemerkung, dass göttliche
Heimsuchungen, dergleichen du jetzt erfahren, dergleichen ich auch oft erlebt,
besonders da dein Vater mir lieblos den Rücken kehrte und ich im hitzigen Fieber
hebräisch lernte, da mir deine Grossmutter den Ring aufdrückte, und da dein Vater
dich Alexander hiess, und da er selbst M - l - ch genannt ward, was wollt' ich
sagen? Dergleichen Heimsuchungen sind Wecker, sind Haltrufer! Steh doch, Seele,
steh doch stille! Gott sucht den Menschen heim, wenn es dem Menschen wohlgeht.
So sieh dich doch um, wie schön dein Feld steht; dein Weib fürchtet den Herrn
und deine Kinder stehen wie Palmen am Wasser; du hast, was dein Herz wünscht und
deinen Augen gefällt. Gott sucht den Menschen heim, wenn er ihm mit unerwartetem
Unglück in die Quere kommt. Glück kommt in die Länge. Gott kommt, so zu sagen,
bis ins Menschen Haus, um ihm Gutes im Glück und Unglück zuzufügen. Was liegt
nicht alles in dem Worte heimsuchen! Gott sucht den Menschen heimzuziehen, von
der Welt ab und in sich selbst, in seinen eigenen Busen, um durch eben diese
Selbsterkenntnis ihn dahin zu bringen, wo wir ewig sein werden! Kreuz und
Leiden, mein Kind, sind der Zaum und Gebiss, so der liebe Gott uns, seinen
Rossen, ins Maul legt, wenn wir nicht zu ihm wollen; und wer ist ohne Kreuz und
Leiden? Willst du mit Gott rechten, du toll und töricht Volk, das wahrlich
nicht an seine Brust schlagen und sagen kann: mein Gewissen beisst mich nicht
meines ganzen Lebens halber. Das Gewissen, wie du selbst wissen wirst, geht von
unten, ungefähr um den Magen herum, in die Höhe. Oben hält es sein richterliches
Amt, unten ist sein Schlafstübchen. Wenn es aufwacht zum harten Criminalurtel,
wie brennend sind seine Tritte! Wie glühend Eisen geht's in die Höhe. - Was
schreien wir denn? Dass wir nicht dies und dass wir nicht jenes haben? Wenn wir
auch das nicht hätten, was wir haben? Wenn du z.B. nicht Pastors Sohn wärst und
Mine die Tochter eines Literati, obgleich über seine Literatur noch ein Streit
ist. Waren wir nicht Ton, aus dem der Weltmeister machen konnte, was er wollte!
Warum sollten wir der Erde noch mehr Dornen und Disteln auf den Hals wünschen
und ihr fluchen? - Glaub mir, am Ende hat der Generalsuperintendent und der
Herzog, der Präpositus, der Pastor, der Literatus, schlecht und recht, fast
möcht' ich sagen, der Wacker selbst, nichts vor dem andern darüber und darunter.
Jeder hat seinen Groschen. Staub ist Staub, er sitze im Sammetrock oder im
Kittel. Schmerz ist ein Präludium zur Freude, Freude ein Präludium zum Schmerz.
Es geht in der Welt alles aus einem Ton, aus B - dur. Freilich leiden wir oft
des Ganzen wegen, so wie der Gerechte durchs Gesetz, das eigentlich nur dem
Ungerechten gegeben ist; allein leiden nicht auch viele für uns? Es geht immer
mit einander auf. Wie viel Hände sind nicht unsertwegen, eben da ich dies
schreibe, in Bewegung. Die Menschen haben schon einen angebornen Trieb zur
Hülfsamkeit, sich einander förderlich und dienstlich zu sein. Du empfindest die
Sonne, weisst du aber ihre Natur und Wesen, weisst du, ob darin gegessen oder
getrunken wird? Das sei dir eine Warnung! Ueber Gott und seine Wege meistere
nicht! Dein Standort ist dir nicht recht; weisst du aber auch, wo du stehst? und
wenn du es weisst, stehe wohl zu, dass du nicht fällst. Willst du gerechter,
gütiger sein, als der Allgütige, der Allgerechte? Die Natur des Menschen hilft
sich durch die Krankheit, so wie die grosse Hauptnatur durch Donner und Blitz,
Hagel und Stürme. Wenn sie sich den Magen verdorben hat, muss es heraus. So lange
dir der liebe Gott die zwei Brünnlein deiner Augen gibt, in denen Wasser des
Lebens, des Trostes rinnen, und so lange der Mensch manche schwere Stunde
verweinen kann, was will er denn? Zwar
Die Fromme stirbt, die recht und richtig handelt,
Die Böse lebt, die wider Gott misshandelt;
allein ist's nicht besser, dass eine Wohlvorbereitete unter die Engel kommt, als
eine die es nicht ist. Würden die Engel sonst nicht alle Liebe zu den
Menschenkindern verlieren, würden sie sich nicht des Menschen schämen, obgleich
er wie sie Gottes Geschöpf ist? Wenn der v. E - mit seinen habsüchtigen Augen
dahingerafft wäre, wahrlich ganz Curland hätt' im Himmel darum verloren. Es wäre
Curland gegangen, wie es den Deutschen dadurch geht, dass sie lauter Grützköpfe
nach Paris geschickt, das Land zu besehen, worüber dein Vater nicht genug seinen
deutschen Kopf schütteln kann. Lies dir da Trostgründe aus, wie wir Zuckererbsen
zur Saat auszulesen pflegen. Was wurmstichig ist, wirf davon. Nicht alle meine
Trostgründe sind Saatzuckererbsen. Du weisst doch, man muss sie erst aufweichen,
wenn sie aufgehen sollen. Weine, herzlich geliebter und nach dem Willen Gottes
schmerzlich betrübter und leidtragender Sohn! und erweiche die Saaterbsen von
Trostgründen durch deine Tränen; dann wirst du alles ganz anders finden. Weine
für Freuden, dass wir weinen können, und erhole dich, wie die angebrannte Pflanze
nach dem Abendtau. Verstopfe die Quelle, aus der Leben abfliesst, nicht durch
bittere Härte. Murre nicht wider Gott! Nicht alle können alles: nicht jeder kann
einen Wald voll Waldgreise alter und wohlbetagter Eichen, nicht jeder kann
einsame Gegenden aushalten, wo Schauer aus allen Winkeln zusammenkommen, und den
Ankömmling ängstigen, als käm' er in ein verfluchtes Schloss. Da wird er denn in
die Enge getrieben, und kommt so im Kleinen zu stehen, dass er wie in sich selbst
verkrochen ist. Ich konnte den dicksten Wald aushalten, als säh' ich
Johannisbeerenstrauch, und selbst in der alten Rummelei eines vernachlässigten
Waldes, in einer zerstörten Stätte, wo ein Käuzlein keinen Laut wagt, konnt' ich
froh sein. Da fing ich dann ein Morgen- oder Abendlied an, und freute mich, dass
der Wiederhall so gut Melodie hielt. Da sah ich dann manchen Baum, dem die Erde
an der Wurzel ungetreu worden. Sie wollte von ihm abfallen; allein er befasste
sie mit seiner Klaue - und sie blieb. Da war ich wie zu Hause, und fühlt' es
tief in der Seele, dass im Stillen wirken göttlich sei. Die Natur (Gottes
Sprachzimmer) sieh, wie still sie ist! - Eine Waldblume, obgleich sie nie eine
Eiche wird, bekommt etwas von der Stärke ihrer Kameraden. Sie steht länger als
die auf dem Felde; denn wenn ich gleich nur ein Lied bin, geht doch manche Ode
auf meine Melodie - ich hörte den Donner nicht, als hört' ich Gottes Scheltwort.
Schelten konnte nur meine selige Mutter - überall, und ich - in der Kirche. Ich
hab' es selbst gesehen und gehört, dass mitten im Gesange deine Grossmutter
selige, war es Katarinen oder einer andern, einen Schlag ans Ohr gab - mitten
darin. Dergleichen Taktschläge sind mir nicht eigen. Wer ein gut Gewissen hat,
hält den Donner für eine Instrumentalmusik der Natur. Tut Busse, tönt er dem
Verbrecher, denn das Himmelreich ist nahe herbeikommen. - Und der Blitz? Gott
verzeih mir meine Sünden, oft ist es mir vorgekommen, als schlüge sich der liebe
Gott Licht an, und auch im dicksten Walde, wo ich denn wohl einsah, dass die
stolze Eiche, die gern ein Wörtchen mitspricht, und die, wenn der Wind
daherfährt, Scheltwort auf Scheltwort gibt, stockstill war; im Walde, wo der
Blitz sich so recht herumschlängeln kann, war mir ehemals nichts schrecklich! -
Wie still es hier war, wie vor dem Worte: es werde Licht! Da bewegte sich kein
Blatt. Mir war ehemals diese Stille erwecklich, himmlisch! - Nach Minens Tode,
ich kann es nicht läugnen, ist mir beim Donner und Blitz nicht mehr so zu Mute!
Jetzt ist auch was von tut Busse darin, und im Blitz: bedenke das Ende! Ich
schaudre vor dicker Finsternis, und alles scheint Mine im Munde zu haben und
wider mich ausbrechen zu wollen. Vor diesem, selbst wenn eins vom Blitze
getroffen war, kam es mir vor, als wär' es im feurigen Ross und Wagen gen Himmel
geholt; vorzüglich dacht' ich dies bei dem Bljetztode des alten Peters, denn er
war ein so guter, frommer alter Mann, dass nichts wider ihn zu sagen war. Man
suchte nach seinem Tode; allein kein blauer Fleck an ihm! - Es war kein Schmerz
in seinen Falten; sie schienen wie ausgeglättet. Im Leben hatte Peter auch
keinen Fleck, ausser dass er zuweilen ein Gläschen über den Durst trank. Eins nur.
Jetzt ist alles mit mir gar anders! - Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz
ist matt, von den Fusssohlen an bis zum Scheitel ist nichts Gesundes, nichts
Festes an mir.
    Charlottens Laube selbst, wie schrecklich sie mir da ist! Hier, wo so viele
Tränen vergossen sind, hab' ich Mühe, die meinigen in Gang zu bringen. Sieh,
mein Sohn! Du bist zu Superintendenten-Leiden und zu Superintendenten-Freuden
geboren und erkoren, zur hohen Würde, zur schweren Bürde. Zum höheren Halleluja,
zum tieferen Kyrie Eleison. Du bist, das weiss ich, nicht unbehülflich in diesem
Kummer. - Der Gram ist durstig, wenn er aus verunglückter Liebe, aus Todesliebe,
kommt, hungrig, wenn er Verachtung, Verspottung zur Triebfeder hat. Trink ein
wenig Weins, deines schwachen Magens halber, und wisse, dass deine Mine wohl
versorgt sei; aber warum schein' ich es selbst nicht zu wissen?
    Ach! wer doch einmal droben wäre! Wenn du gelegentlich, mein Kind, ein Buch:
Die grosse Diana der Epheser, oder ein Traktätchen von den Accidentien der
Prediger, Danzig 1693, lesen kannst, lies es und schreib mir den Inhalt. Selbst
lesen mag ich es nicht, wohl aber die Ehre und Lehre der Augsburgischen
Confession von Johann Weidner, Ulm 1732. Wenn es dir begegnet, kauf' es. Mit
Freuden ersetz' ich Kosten und Porto. - Glaube mir, mein hiesiger Aufentalt
wird nicht langwierig sein, und ich freue mich darüber, bald, bald ausgespannt
zu sein und ausser dem Leibe zu wallen. Meine Seele, ein Strahl aus dem
göttlichen Lichte, sehnet sich, zurückprallen zu können und mit dem lieben Gott
ins nähere Verkehr zu kommen! Der Tod wahrlich ist das wahre Universale wider
alle Leiden dieser Zeit. Würden wir wohl Lust haben einzupacken, wenn nicht
heute hier, morgen da einer von unsern Lieblingen und Gespielen das Zeitliche
segnen und aus unserem Kränzchen wie eine Rose, die am besten riecht und am
ersten bricht, ausfallen würde? Und was hat sie denn, die Welt, im Palast und in
der Wächterhütte? Was hat sie denn,
So uns nicht naget und plaget?
In der Natur ist Tag und Nacht, Sommer und Winter, Leben und Tod. Wäre nicht
Abend, wäre auch kein Morgen, wäre nicht der Tod, wäre wohl Leben? Hier ist der
erste Eingang bei den meisten Menschen bis ans Vaterunser. Bei den andern das
Tema, die Partition, bei den meisten ein Gerippe zur Ausführung, die mein
seliger Vater, wenn der Edelmann communicirte, vorn in die Bibel zu legen
pflegte, um keine Division und Subdivision zu verlieren.
    Die rechte Ausführung, vorzüglich die Applikation, ist der Zukunft
vorbehalten. Zum Amen kommt es bei keinem Menschen. Gott allein ist Amen. Alle
Verheissungen sind Ja in Ihm, und Amen in Ihm! Gott zu Lobe durch uns! Darum
lieb' ich auch dies Wort, das Amen fein, Amen, bis zum Herzandruck, bis zum
Küssen - Gott der Herr ist überschwenglich; er tut mehr, als wir wissen oder
verstehen. Wir fragen zwar alle Augenblick, wie Maria, wie soll das zugehen? und
lachen wie Sara, weil ihr Herr alt war und es ihr nicht mehr nach der
Weiberweise ging; allein Zeit bringt Rosen, und Hoffnung lässt die nicht zu
Schanden werden, die im Dienst der Wahrheit und des Lebens stehen, und nicht auf
den Wirrwarr dieses Lebens, sondern auf die Harmonie des Zukünftigen sehen;
daher auch der Himmel musikalisch vorgestellt wird.
    In Parentesi merk' ich an, dass ich am Sterbetage deiner Mine faste und
fasten werde, bis mich nicht mehr hungert, noch durstet, und auf mich fällt
irgend eine Hitze der Angst. - Aber wie fast' ich? Nicht, dass ich mich
verschlösse, sondern dass ich meine Lieblingsschüsseln selbst mit eigener Hand
koche und mit eigener Nase rieche. Dann ist's keine Kunst zu fasten, wenn uns
Feuer und Wasser im Exilio versagt werden. Sei getrost, mein Sohn! Der Trieb des
Lebens hört nicht auf, sondern mehrt sich mit den Jahren; nur durch die Religion
wird er eingeschränkt und zur rechten Ader gelenkt. Ich kann es dir versichern,
dass meine Lust zum Leben so ziemlich versiegt ist. Wie sollte das zugehen, wenn
nicht noch was dahinter wäre? Darauf verlass dich! Es ist noch was dahinter.
Deiner Güte will ich trauen,
Bis ich fröhlich werde schauen -
    Weiter kann mein centnerschwer beladenes Herz weder schreiben noch singen.
Wieder ein Absatz! - Meine Lippen sind gedörrt, so, dass die Triller nicht aus
der Stelle wollen, eben so wenig, als die Feder. Ich will morgen wieder eins
versuchen. - Alte, mein Sohn, müssen aufs Vergangene, Junge aufs Zukünftige
denken. Wer die Ursachen der gegenwärtigen Dinge und ihre Verbindung mit den
zukünftigen übersehen kann, das ist ein weiser, das ist ein göttlicher Mann. Der
hat Verstand, dem etwas leicht wird, was andern Menschen schwer ist; der hat
Verdienst, der es seinen Nebenmenschen leicht machen kann. Ich wünsche dir wohl
zu ruhen!
                                     * * *
Mein Gott, nun ist es wieder Morgen!
Die Nacht vollendet ihren Lauf;
Nun wachen alle meine Sorgen,
Die mit mir schlafen gingen, auf!
Die Ruhe, wie der Schlaf, ist hin,
Ich sehe wieder, wo ich bin.
Ich bin noch immer auf der Erde,
Wo jeder Tag sein Elend hat,
Hier, wo ich immer älter werde,
Und häufe Sünd' und Missetat.
O Gott, von dessen Brod ich zehr',
Wenn ich dir doch auch nütze wär'!
    Diese beiden Reihen hört' ich einmal von einer Bettlerin singen, und dieser
Gesang ist mir in der Erinnerung noch so rührend, dass ich keine Zeile mehr weder
abschreiben noch singen kann.
    Wie hast denn du geschlafen? - Wenn man auch nicht gut wacht, wenn man nur
gut schläft, so findet sich auch das Wachen.
    Der Candidat erzählte jüngst ein Vorfällchen, das kürzer als seine
Manschette, allein recht artig ist. Ein Bauer kommt nach Mitau, um den Brief an
seinen Sohn ja recht gut anzubringen. Er gibt ihn ab, und wartet bis der
Postillon blaset, und nun bittet er ihn recht freundlich, doch ja den Brief gut
zu bestellen. Lieber Sohn! Wir Menschen, denk' ich, machen es eben so, und auch
du bist, mit deiner Erlaubnis, nichts mehr, nichts weniger, als dieser Bauer mit
dem Briefe. Wir alle bitten den Postillon, den Brief, den er zwei Meilen trägt,
gut zu bestellen. Wer erreicht seine Schicksale, nur über eine Handvoll Jahre,
das sind fünf nach der Zahl der Finger? Wer bis an Stell' und Ort? Auch in
Absicht deiner Mine bist du nach Mitau gereiset, und hast so lang gewartet, bis
geblasen ward, und hast recht freundlich gebeten, doch ja den Brief zu
bestellen. Sag am Ende, um nur mit einem Blick, mit einem einzigen, auf die
nächstfolgende Station zu kommen, hätte wohl Mine füglich Superintendentin
werden können? Wenn ich schwach bin, bin ich stark, sagt ein Apostel, der doch
entzückt ward bis in den dritten Himmel, ins Paradies, wo er unaussprechliche
Worte hörte, die kein Mensch ausdrücken kann. In Parentesi, mein Sohn! Betrüge
den Petrus und den Paulus nicht um ihr us. Scheer ihnen den Bart nicht, der
ihnen so trefflich fleht. Recht Mass, rechte Elle, recht Gewicht. Sei nicht solch
ein Ehrenschänder, als ein junger Candidat, der vor acht Tagen bei uns war,
welcherlei es viel gibt unter den Deutschgelehrten. Der heilige Paul, der
heilige Peter! O du hölzerner Peter du! Peter und Paul ohne us ist nicht Petrus
und Paulus. Dein Vater selbst, der in solchen Dingen, wie du weisst, kein Zelot
ist, und seinen Schlagbaum manchem öffnet, wobei ich halt rufe, ärgerte sich
dieses Candidaten mit hinten gesteckten Locken. Du in dich selbst verliebter
Narciss, der du der Kirche nicht einmal die Tonsur deiner Haare leistest, und
dein Härlein mehr liebest, denn Sitte im Lande ist. - Doch ich mag keine Delila
sein, die Simsons Haupt perückendürftig machte, obgleich unser Candidat so wenig
Simson ist, als ich Delila. - Was wollte ich aber von Paulus sagen? Dass er im
zweiten Briefe an die Korinter sich Gerechtigkeit widerfahren lässt: und dies
Wörtchen zu seiner Zeit, wer verdenkt es ihm? Ich bin nicht wider Selbstgefühl.
Wer nicht im Geist und Wahrheit sagen kann ich, wie kann der du, er, ihr, wir,
ihr, sie sagen? Jede Woche hat ihren Sonntag, und so hat auch der Herr unser
Gott Stände eingerichtet. Wer wird dem Stolz das Wort reden? allein ich soll
meinen Nächsten lieben, als mich selbst. Ich bin also das Original, mein
Nächster die Copie. Ich enterbe meinen Bruder nicht, gebe meinem Nächsten sein
Pflichtteil, behalte aber für mich, was Recht ist. So auch Sanct Paulus zu den
Korintern, der seine Lobrede anfangt, wie ich nie eine angefangen. Ihr
vertraget die Narren, weil ihr klug seid. Solch einen Eingang lasse ich wohl
bleiben. Meine Korinter sind aber auch darnach.
    »Ich habe mehr gearbeitet, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin öfter
gefangen, oft in Todesnot gewesen. Von den Juden habe ich fünfmal empfangen
vierzig Streiche, weniger eins. Ich bin dreimal gestaupet, einmal gesteiniget,
dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, Tag und Nacht habe ich zugebracht in der
Tiefe des Meeres. Ich habe oft gereiset, ich bin in Fährlichkeit gewesen zu
Wasser, in Fährlichkeit unter den Mördern, in Fährlichkeit unter den Juden, in
Fährlichkeit unter den Heiden, in Fährlichkeit in Städten, in Fährlichkeit in
der Wüsten, in Fährlichkeit auf dem Meer, in Fährlichkeit unter den falschen
Brüdern. In Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel
Fasten, in Frost und Blösse. Ohne was sich sonst zutraget, nämlich dass ich
täglich werde angelaufen, und trage Sorge für alle Gemeinen.«
    O des vortrefflichen Paulus! O des teuren auserwählten Rüstzeuges, des
Superintendenten unter den Aposteln! Da bin ich eben, wo ich hin wollte. Kann
sich, lieber Sohn, Sanct Paulus rühmen seiner Superintendentur, warum sollten
wir vergessen, dass wir aus dem Stamme Levi sind, und dass ich fünf Pastorahnen
von Vater- und vier von mütterlicher Seite zählen kann; dass einer meiner
Ahnherren Superintendent und zwei Präpositi gewesen; dass Ehren Paul Einhorn mit
uns von der Seitenlinie verwandt ist? Ist's denn nichts, Menschen vom Irrtum
und Torheit bringen zu der Wahrheit? Ist's denn nichts, Superintendent sein?
Der Herzog regiert über den Leib, der Superintendent über die Seele. Dein
seliger Grossvater sagte, wer ein kluges Buch schreibt, hat ein Edict
ausgeschrieben, das nicht ein spannenlanges Ländchen, sondern die Welt
beobachtet. Er ist mehr von Gottes Gnaden, was er ist, als diese Durchlauchtigen
Häupter. Wenn ich die Wahl hätte, so wollte ich lieber Newton, als Czar Peter
sein, sagte unser Hauptcandidat. Dein Vater schüttelte den Kopf, was ist aber da
zu schütteln? Und wenn nicht ein Dichter, ein Historicus dazu kommt, fuhr der
Candidat fort (es ist immer derselbe mit den langen Manschetten), was ist denn
des Helden grösste Tat? Ein Held, ein Monarch braucht einen Dichter, einen
Redner; aber diese können sich ohne ihn behelfen. - Dein Vater nahm den
Candidaten bei der Hand, damit aber war die Sache nicht ausgemacht. Es ist kein
Kleines, Gottes Diener zu sein. Was ist der kaltbrandige alte Herr dagegen? Und
doch ist er Minens Vater. Sein Flick von Literatur macht es nicht aus. Wie, sage
selbst, wie hätte sich Hermann zum Schwiegervater eines Ehren Superintendenten
geschickt, wenn auch Mine seine Tochter zur Superintendentin zu erkiesen
gewesen? Wenn auch? O vergib mir dieses wenn auch, und oben die Frage: Hätte
wohl Mine füglich Superintendentin werden können? Ein bösartiges füglich. Ja sie
hätte füglich können. Ja, sie hätte können!
    Du weisst wohl, wie dein Vater sich zu ärgern pflegte, wenn jemand Papier im
Garten vierteilte, wenn Papierstücke auf der Erde lagen. »Papier,« pflegt' er
zu sagen, »gehört so wenig in den Garten, dass es das Auge beleidigt, so was im
Freien zu sehen. Weisst du was künstlicheres, ausser deinem Hemde, als Papier? Und
doch muss erst dein Hemde alt werden, wenn Papier daraus werden soll.« In der
Studirstube deines Vaters war freilich mehr zerrissen, als ganz. Da liegt der
Mensch, sagt' er! - wenn ich ausfegen wollte, hiess es: lass ihn! Ich meines Orts,
das weiss Gott, habe kein Blättchen entzweiet, und oft, wenn ich gern was
vertilgt hätte, konnt ich's? Ich kann nicht zusehen des Knaben Sterben, hiess es
von mir, wie von Hagar und Ismael! Obgleich Ismael ein Spötter war, ich aber
kein Wort geschrieben habe, was ismaelitisch wäre. Die Frage: hätte Mine füglich
Superintendentin werden können? und die Stelle: wenn auch - das wäre so etwas,
das ich Lust zu vernichten hätte! Und der Brief an sie ist wahrlich des Feuers
schuldig. - Selten, mein Sohn, ist ein Herz, das nicht mit dem Kopf über den Fuss
gespannt wäre; oft wenig oft viel. Selten ist's, dass Kopf und Herz sich mit
einander einverstehen, und dann spotten sie sich nach. Da spielt denn das Herz
den Kopf, und der Kopf das Herz, und die beiden Gecken sehen sich als ein Paar
Affen an! - Ja, sie hätte! - Mine hätte können! Wenn ein Hechtkopf aufgetragen
wird, suche des Kopfs habhaft zu werden. Zwar ist's auch ein Fischkopf, der
jedem Tyrannen schrecklich sein würde; dich aber wird er erbauen: da fehlt nicht
ein Stück von dem, was bei der Kreuzigung vorgefallen - Speer, Kreuz. - Wie
steht's, wie geht's auf der Akademie? Lass dich nicht durch Minens Tod von deinem
Fleiss abwendig machen. Sie studirt dort, du hier, beide Teologiam! Vergiss nie,
mein Sohn, dass du im Dienste der Wahrheit und in keines Menschen Dienst stehest.
Die Wahrheit ist Gottes. Professor Grossvater, so gut ich ihm gleich bin, ist
doch ein Mensch. Von den kopfhängenden Pietisten, dergleichen es in Königsberg
an allen Ecken der Strassen geben soll, lass dich nicht verführen. Die Hurer und
Ehebrecher wird Gott richten. Ein Mensch, wie du, muss so seelenkrank in der Welt
sein! - Ist das nicht Jammer und Schade! Doch du wirst alles gewohnt werden, und
Gewohnheit ist die andere Natur. - Minchens Anverwandte in Mitau sind
Anverwandte meines Herzens durch Minens letzten Willen worden. So lang' ich Brod
habe, soll's ihnen gebrochen werden. Die guten Alten! Warum sollt' ich ihnen
sogleich sagen lassen, dass Minchen todt wäre? Was die Minchen gesegnet haben! -
Sie braucht euren Segen nicht mehr. Jetzt wissen sie ihren seligen Tod; denn die
Wahrheit zu sagen, ich wollte mir diese Pension von Segen selbst zuwenden; da
hab' ich einen Geiz, der seines Gleichen nicht hat. Sieh! das ist ein
Capitälchen, das in der himmlischen Bank aussteht, wo die Zinsen auf den Tag
fallen. Eile mit Weile. Ein Arzt, der einem Schaden vorbeugt, ist teurer und
werter, als einer, der ihn heilt. Ich weiss nicht, ob du Minens wegen ein
Schwarzröckler werden wirst? Ich vermute es und bin drob fröhlich, weil du dich
schon zeitig an diese Farbe gewöhnst, die deine einzige, deine Leibfarbe, werden
wird; wenigstens würd' ich dir zu schwarzen Knopflöchern und Knöpfen nämlicher
Farbe anrätig sein. Was Gutes kann man nie zeitig genug anfangen. Schwarz
kleidet jeden Menschen. Hier wird Minens Geschichte sehr geheim gehalten. Alles
schleicht incognito. Du kannst sehr leicht raten, warum? Der Herr v. G. kam
jüngst, bloss dieser traurigen Geschichte wegen, zu uns, und so was muss man
sehen, wie sie ihm nahe ging. Die Frau v. G. soll gesagt haben: Da sieht man,
was nicht adelich, nicht - Wie wenig beneid' ich ihr diesen Adel! Und wie wenig
hab' ich es Ursache, wenn dich Gott zur Superintendentur aufgehen lässt. - Ich
werde es freilich nicht erleben, in diesem Jammertal; allein solch eine
Nachricht kommt sehr schleunig und durch einen himmlischen Courier gen Himmel! -
und da werd' ich mich freuen, wenn mir meine englischen Gesellschafter oder
Gesellschafterinnen (wie soll ich sagen? es wird da, glaub' ich, kein Männchen,
kein Weibchen, sondern alles wird Engel sein) Glück wünschen werden. Habt Dank,
ihr lieben guten Engelein wegen eurer Glückwünsche! Schon da ich mit ihm
gesegnet ging, schon im Mutterleibe war er Superintendent und ihr werdet hören
und sehen, in wie viel Abgewichenen er das glimmende Docht anfachen, wie viel
Fromme er befestigen, wie viel unschuldige junge Seelen er gründen werde! - Wir
werden so ein Plus im Himmel haben, dass man darüber erstaunen wird, und kommst
du selbst einmal, lieber Sohn, wenn dein Stündlein vorhanden ist, zur ewigen
Freud' und Herrlichkeit, wie wonnereich wird es mir sein, die Stimme zu hören:
ei du frommer und getreuer Erzknecht! Das ist eine andere Ehre als die
Canonisation, die wir einem unserer Vorfahren erwiesen, der dir so ähnlich sieht
wie ein Ei dem andern, als dessen Kupferstich wir dem Himmel nahe brachten,
indem wir es in der Speisekammer aufhingen! Du wirst es nicht bei Ostereiern
bewenden lassen, lieber Sohn, welche dieser unser Vorfahr in seiner Gemeine
rühmlichst abstellte, sondern mit offenbaren im Schwange gehenden Sünden so
umspringen, wie er mit den Ostereiern. Mache mir, geliebtester Sohn, die Freude,
dass ich von dir im Himmel höre und bei dem: gehe ein zu deines Herrn Freude!
ich, als des Triumphators Mutter mit triumphiren und jubiliren könne in
Ewigkeit. Gern werd' ich dich dort in Pontificalibus sehen, das heisst nicht in
Mantel und Kragen, sondern als himmlischer Superintendent. Ohne dir den Tod zu
wünschen, wenn du hier zu leben Lust hast, stell' dir vor, wie es dich selbst
ergötzen wird, wenn der und die kommt, dieser und jene, und dir dankt, dass du
das glimmende Docht angefacht, dass du es befestigt, dass du es gegründet hast! Da
wirst du manche Tat emporgeschossen finden, die du aus einem Wortkern gezogen
hast! O, der unnennbaren Wonne! - Ist dies schon so schön in der Prophezeiung,
was wird die Erfüllung sein! Guter Oberhirte
Gibst du schon so viel auf Erden,
Ei was will im Himmel werden!
Du weisst, mein Lieber, wie ich zuweilen mich von Grund aus recht von Herzen
freuen kann in dem biblischen Sinn: freuet euch in dem Herrn und abermal sag'
ich euch, freuet euch! Dein Vater pflegte zu sagen: bei der rechten Freude sind
alle Fenster beim Menschen offen, und da hat er ganz recht. Man fühlt solch eine
Freude durch alle Organe. Ich fliege zwar nicht an allen meinen Gliedern,
wiewohl diese Freudenflügel bei einigen im Gebrauch sind; allein alles ist in
Bewegung an mir. Wo ist aber diese Freudensonne geblieben? Sie ist hin - ihre
Stätte ist nicht mehr. Eben war es bei mir so schön Maigrün an der Erde und
Maiweiss auf den Bäumen, und siehe da die Botschaft: Mine ist todt, zertrat jedes
Gras, das sein Haupt heben wollte, und zog den Bäumen das weisse Hemd aus, so dass
alles wüst und leer steht! - Alles ward so eilig in einem Nu, in einem einzigen,
alles so kurz und klein, so verheert und zerstört, alles so bettelarm
entkleidet, dass es auch den Kalterzigen jammerte. Deinem Vater, das sah ich,
geh' ich so nah', dass ich ihn drob liebe, als könnt' er hebräisch wie Wasser. -
Der gute Mann seines Weibes, der gute Vater seines Sohnes! Alles übrige, was ein
jeder Christ und jede Christin auf seinem und ihrem Herzen und Gewissen hat, die
Not der ganzen Christenheit, besonders das gegenwärtige und zukünftige Gewitter
fasse ich zusammen in die schönen Worte: Leben wir, so leben wir dem Herrn,
sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum wir leben oder sterben, so sind wir
des Herrn! - Sonst, mein lieber Sohn, muss wohl das Lichtere den kleinern Teil
ausmachen. Rote Weste, blauer Rock. Wer kann die stets lustigen Leute
ausstehen? Der kleinste Teil des Lebens kann nur dem Vergnügen gewidmet sein! -
Dem allen unerachtet will ich dir doch wegen der noch blühenden Jahre das meiste
Licht erlauben, wenn nur das kleinste, Knopf und Knopflöcher schwarz sind.
Heller Futter als die Farbe des Kleides pflegt dein Vater zu sagen, allein er
verzeihe mir. Dies würde heissen: sie glänzen schön von aussen oder der
hochwürdige Herr weiss sich nicht zu regieren und zu führen. Also lass dein Licht
leuchten vor den Leuten, trag' ein lichtes Oberkleid und beweise, dass du auch
mit Pharisäern und Obersten im Volke zu Tische zu sitzen verstehst - ohne deinem
Innerlichen, dem inwendigen Menschen, dem schwarzen Unterfutter zu nahe zu
treten. Ich beharre deine treue Mutter und Fürbitterin bei Gott!
    Deines Vaters Brief, der ihm durchweg so viel Schweiss gekostet, als mir der
Anfang, leg' ich diesem Sendschreiben bei!
                                     * * *
Der Vater Amaliens und ich nach meiner Zurückkunft von dem Natanael Gretenschen
Myrtentage.
    Er. Wenn das Ehegeld in Curland nicht höher ist.
    Ich. Schwerlich - es gibt Fälle, sie sind aber selten.
    Er. So ist die Sache richtig. Meine Frau, um mit der Tür ins Haus zu
fallen, wünscht den Herrn v. G. zum Schwiegersohn. Er hat ihr sein Ja so
deutlich gemacht, nicht etwa zu verstehen gegeben, so deutlich gemacht, dass es
jedem Menschen sichtbar ist, nur hörbar noch nicht. Die Aussprache des Worts
fehlt. Angeschrieben steht's in seinen Augen, Mund, Händen, Füssen.
    Ich. Sie sagen mir da etwas -
    Er. Was Sie selbst wissen.
    Ich. Ich?
    Er. Hätten Sie es denn nicht gelesen? Doch stand es so leserlich, so
fraktur-gross.
    Ich. Von wem geschrieben?
    Er. Ich sehe wohl, dass Sie in dergleichen Schrift nicht gelehrt sind; das
hab' ich von jeher Ihretwegen behauptet. Gelt! Sie sind ein Abstemius, obgleich
das Gerede im Weibercirkel ging, Sie hätten wirklich ein Mädchen unter die Haube
gebracht, das heisst bei uns: Sie wären verheiratet. Bald darauf ging es: Sie
wären Wittwer! - So oder anders, ich kann in Sachen meiner Tochter -
    Ich. So oder anders sind Sie mir lieb.
    Er. Hören Sie nur, auf Betrügerei steht ein böses Gewissen, auf Wind steht
Verachtung. - Warum der Streit zwischen Geist und Fleisch, zwischen Fleisch und
Blut? Gerade aus ist am nächsten. Sie kennen mich einesteils und hätten mich
andernteils noch näher kennen lernen können, wenn Sie öfter bedacht, dass wir
uns in die Fenster sehen können und so nahe Nachbaren sind. Mit Ehren zu melden
bin ich so offenbar wie mein Laden. - Am Ende was wäre denn, wenn meine Tochter
Frau v, G. würde?
    Ich. Frau v. G.?
    Er. Nicht anders.
    Ich. Soll ich ohne offnen Laden so offen sein wie Sie? - Herr v. G.
    Er. Ich bitte -
    Ich. Herr v. G.
    Er. Zu dienen.
    Ich. Ist Studirens halber in Königsberg, und gewiss nicht, um sich eine
Lebensgehülfin zu suchen.
    Er. Und wenn er was ungesucht findet?
    Ich. Ist ein Edelmann.
    Er. Ha, da liegt der Hund begraben - wohl recht, der Hund! Edelmann! Er
Edelmann, ich Kaufmann. Mann ist Mann. Herr v. G. wäre nicht der erste und wird
der letzte nicht sein, der es so macht, ob es gleich freilich nicht al corso,
nach laufendem Preis ist, ich finde nichts in den zehn Geboten -
    Ich. Gott und Natur haben nichts dagegen, allein der Lauf der Welt -
    Er. Lasst die Welt einmal gehen und nicht laufen.
    Ich. Lauf oder Gang -
    Er. Wenn die Welt geht und nicht läuft und sich nicht übereilt, kann meine
Tochter so gut Ja sagen als ein Fräulein -
    Ich. Und kommt so gut von Adam und Eva als ein Fräulein -
    Er. Nicht anders.
    Ich. Aber wir sind nicht bestanden in der Wahrheit, und eben darum Stände,
Königreiche, Fürstentümer, Grafen, Freiherren, Herren und desgleichen. Ehe die
Welt wieder ins Paradies kommt, und das möchte wohl eine Zeitlang dauern. - Noch
ist an diese Gleichheit nicht zu denken. Meinen Sie wohl, dass wir's erleben
werden?
    Er. Curland ist doch aber ein freier Staat.
    Ich. Das heisst: der Edelmann geht in Stiefeln zur Kur, wenn es ihm so
einfällt.
    Er. So! das ist alles?
    Ich. So ziemlich! Ein Cavalier wenigstens heiratet ein Fräulein und ein
Fräulein einen Kavalier, des freien Staats unerachtet.
    Er. Und das ist ein freier Staat?
    Ich. Wie es heisst!
    Er. Basta! Das Weiberzeug! Ich hab' es gleich gedacht, Herr v. G. könnte
mein Kundmann nicht sein; aber da wollen die Weiber immer hoch hinaus. Der
Henker mag wissen, was am Ende wird. Ein Schustermädel will einen Kaufmann,
eines Kaufmanns Tochter einen Geheimenrat, die Tochter des Geheimenrats, die
wenigstens Emilia Philippina Polyxena Alexandria heisst, übrigens kein Hemd,
wenigstens keines von holländischer Leinwand, auf dem Leibe hat, will gar einen
Fähndrich, ein Fräulein schlechtweg einen Grafen u.s.w. Das ist schon Preis
courant; aber da bleibt denn auch manches Mädel ein Ladenhüter, wenn sie nicht
klein beigibt.
    Ich. Sie sind ein vernünftiger Mann.
    Er. Decourtiren Sie immer etwas von diesem Lobe. Ich liebe meine Frau, und
da passirt denn zuweilen unrichtig Mass, Gewicht und Elle.
    Ich. Ihre Tochter selbst -
    Er. Sagen Sie nicht! Der Jäger hat ihr das Herz getroffen.
    Ich. Das bedaur' ich!
    Er. Ländlich, sittlich! Costi, das heisst: hier auf dem Platz ist es so was
ungewöhnliches nicht, dass ein Edelmann Hans und eine Bürgerliche Grete ist.
    Der ehrliche Nachbar bat mich dringend, das Wort: ich liebe auszulöschen,
das auf dem Gesichte des Junker Gottards mit so blendenden, goldenen Buchstaben
angeschrieben wäre, und ich versprach es dem Biedermann. Der Vater hatte einen
Collegen, einen Krämer bei der Hand, der den Junker Gottard ersetzen sollte.
Das Mädchen wollt' um alle Welt nicht. Sie hatte, wie es sich von selbst
versteht, ihr gebranntes Herzeleid vom Vater, Rückhalt aber von der Frau Mama,
die durchaus ihr Blut, wie sie sagte, ins Reine bringen wollte. Ihr Vater
seliger war Sekretär und hatte des Jahrs praeter propter hundert Reichstaler
jährliche Einkünfte gehabt, womit ihr Ehemann gewiss kaum vierzehn Tage
haushielt, aber des Blutes wegen -
    Eine Ermahnung an Herrn v. G., der von der Jagd kam und sich noch ein
Viertelstündchen vom Schlaf losbitten musste.
    Es kostete ihm doch einige Mühe, die Frakturbuchstaben für die Blondine
auszustreichen, eigentlich auszukratzen. Die Reise kam ihr sehr zu statten.
Wären wir länger in Königsberg geblieben, würd' er sich vorzüglich an die
Brunette gewendet haben, die ihm der Testator eigentlich beschied und die, so
stolz sie war, mit keiner Sylbe an die heilige Ehe dachte. Sie wollte nur
siegen, bloss siegen, aus der Beute machte sie nichts. Sie teilte sie andern
aus. Mit den lieben Blondinen, sie wollen gleich heiraten, sagte Junker
Gottard. - Ich hab' es schon irgendwo bemerkt, dass Junker Gottard beide, die
Brunette und Blondine liebte. Die Blondine hatte indessen, wie das mitgeteilte
Gespräch es ausweist, nach der Zeit die Oberhand erfochten - unfehlbar weil sie
mir legirt ward (wer isst nicht gern vom verbotenen Baum), obgleich auch die
zehntausend Liebesgötter, die auf dem Busen der Brunette tanzten, einen Beitrag
zum Siege für Amalien das Ihrige geliefert haben können. - Das Nein, welches
Amalia dem Collegen ihres Vaters, dem Krämer halsstarrig sagte, so eine blonde
sanfte Stimme sie auch sonst hatte, tat mir Amaliens halber leid. - Mich dünkt,
sie hätte Ja sagen sollen, wenigstens kein so halsstarriges Nein, welches keiner
Blondine eignet und gebührt.
    Ich kann nicht sagen, dass der Zeitpunkt des Herrn v. G. gekommen wäre, zu
Hause zu bleiben. Stossweise kam es ihm so. Er war oft auf der Jagd, wozu ihn,
ausser den wohlfeilen ihm als plus licitanti zugeschlagenen Feldmarken, die
Homerischen Hunde, Argos genannt, verleiteten, die ihm ganz vortrefflich
einschlugen. Er wusste durch den Ton, durch die Aussprache des Namens, die
Argosse so von einander zu unterscheiden; dass ich anfange zu glauben, man könne
sechs Söhne Johann taufen lassen, und der von ihnen gerufen wird, könne wissen,
dass just er es sei, der unter den sechsen aufgefordert worden.
    Lass uns, sagte ich dem Junker Gottard einen Abend, sobald als möglich von
hinnen gehen. Amalie wird sich bedenken, und dem Collegen ihres Vaters, dem
Krämer, nicht mehr halsstarrig, sondern blond begegnen, und dann gehst du mit
dem Gedanken aus Königsberg, Amalien in ihrem Lebenslauf keinen Stein der
Ärgernis, über den sie leicht fallen können, in den Weg gewälzt zu haben! Wehe
dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt! Junker Gottard sträubte sich wegen
der Abreise, und dies nahm ich als einen Beweis seiner Liebe zu Amalien. Ich
sann auf Mittel und Wege, ihn abzubringen, bis es, ehe ich mich versah,
herauskam, dass die Feldmarken den eigentlichen Grund des Widerstandes entalten.
Er hatte sie auf vier Jahre sich zuschlagen lassen, wie wenig sagte er, habe ich
sie benutzt. Alle Augenblick Setzzeit! - Eben dieser Setzzeit halber komm,
Bruder, ich bin fertig!
    Unser Lebewohl war kurz und gut. Amalia nahm auf eine Art vom Junker
Gottard Abschied, dass wenig Hoffnung für den ehrlichen Krämer blieb. Er
beklagte sich gegen sie wegen der entbehrten Jagdnutzung, dass es mir so schien,
als wollte er die noch künftige Pachtzeit ihr zum Andenken überlassen. Ich
mischte mich in die Unterredung, und sie ward beigelegt. Der Professor Grossvater
wünschte mir so altklug Heil und Segen, dass, wenn ich ihn nicht schon so
herzlich geliebt hätte, ich es jetzt angefangen haben würde. Ich konnte nicht
weg von ihm. Es ist, wie mich dünkt, kein unangenehmer Anblick, wenn ein alter
Mann und ein Jüngling sich so zusammenpassen, wie der Professor Grossvater und
ich. Den Grossvätern ist eine solche Art eigen; sie gewöhnen es sich bei ihren
Enkeln an! Die Grossmutter in Sterbensgrösse schlug diesmal kein Feuer aus ihrem
rechten Auge. Sie liess sich nicht sehen. Mir kam es vor, dass sie zu ihrer
Tochter gegangen.
    Freund, sagte der Alte, ich halte nicht viel von Leuten, die Länder und
keine Karte gesehen haben. Sie gehen, das weiss ich, von dem Ganzen auf die
Teile, und das ist der Weg zur Deutlichkeit. Eine Erkenntnis, die ohne einen
überdachten Zusammenhang derselben mit andern Erkenntnissen entspringt, heisst
bei mir ein Einfall. Wer hat nicht alles Einfälle? Schade, dass der gute
Grossvater so wenig gesellig war. Ich glaube, seine Schlafmütze war schuld daran.
Ein grosser Kopf ist indessen gewöhnlich ungesellig. Geselligkeit hat nur was
Gemeines, was Unvollständiges. Man ist sich nicht selbst genug. Diese Grösse
hatte unser Grossvater nicht. Man sah es ihm an, dass Umgang sein Bedürfnis sei.
Er war fröhlich und guter Dinge, wenn seine Hausmütze ihm die Erlaubnis
erteilte, in Gesellschaft zu gehen. Beim königlichen Rat hätte er in alle Wege
ein ordentliches Mitglied werden sollen. - - - Das Schreien, sagt man, befreit
den Augenblick von Schreck. Es treibt das zusammengezogene Blut auseinander, und
die Natur selbst hat dieses Hausmittel dem schönen Geschlechte verliehen. Das
war ein Glück, sagte der Professor Grossvater, dass ich schrie, nun ist's über. Er
hatte die Büste des Homer auf einem seiner Repositorien, die herabstürzte, da er
zu heftig aufstand; ich fing sie auf und dünkte mich gross, diesen Kopf in meiner
Hand zu haben. Schnell fasste ich ihn auch mit der andern an, und wahrlich, solch
ein Kopf verdient beide Hände. Der Grossvater freute sich über meine Freude, und
wir brachten den Kopf wieder dem Himmel näher, wohin er, der blinden
Heidenschaft unerachtet, eher hin gehört, als der Kopf des Eierheiligen, dessen
Kupferstich in der Speisekammer hängt. Bei allem was fällt, bemerkte der
Grossvater, ist uns so, als fiel es uns auf den Kopf. Wer glaubt nicht, jede
Rakete steige gerade auf uns herab? Fast schien es, dass wir das Examen bis auf
den Homer, den ich aber diesmal nicht übersetzte, sondern der mir auf den Kopf
fiel, wiederholten. Dem Kunstrichter zu dienen noch die Glosse, dass die Büste
von Holz war. Ei, sagte der Grossvater, ich habe gehört, Sie wären Wittwer
geworden. Beim Examen hiess ich diesen Seitenblick auf Minen Traufe, und wusste
ich nicht, was ich geantwortet, nur das wusste ich, dass es nicht griechisch,
nicht lateinisch, nicht deutsch war, und dass ich mich lieber noch einmal
examiniren, als diese Frage an mich ergehen lassen wollte. Jetzt war ich gefasst
und sagte dem Grossvater, dass ich Minen verloren. - Schade, sagte er. Der
Todesfall wird Sie in Ihrem Studienlauf gestört haben. Nicht im mindesten,
antwortete ich; er ist mir sogar förderlich und dienstlich gewesen. Wie das?
Schönheit gefällt unmittelbar; die Wissenschaften mittelbar. - Ich hatte des
Weges nichts zu bestellen. Der Professor merkte es mir ab und umarmte mich! -
Wir nahmen sehr rührend Abschied. Allem Vermuten nach, sagte er, werde ich so
wenig einen neuen Beweis meiner Grossvaterschaft erleben, als Ihre Zurückkunft.
(Seine Tochter war hektisch) - Mir schon recht, setzte er hinzu, ich habe
gelehrt, und will gern lernen; der Schatten des Todes entält, wenn er sich
entüllt, Klarheit des Lebens - die grösste Unvollkommenheit der Natur den Weg
zum ewigen Leben. Der Professor empfahl mir Aufmunterungen, weil es auch in
Wüsten Versuchungen gebe, und nahm so Abschied, als wenn er unter Minens
Leichenbegleitern gewesen. - Schliesslich bat der Grossvater, dem Junker Gottard
für die richtige Zahlung zu danken, wenn er nicht die Ehre haben sollte, diesen
Dank selbst zu sagen. Das baten alle akademischen Lehrer, denen ich mich
empfahl. Man bemerkte, dass selten ein Curländer so richtig Zahlungstermin
gehalten wie Junker Gottard. Gern, das weiss ich, hätte Gottard den Professor
Grossvater gesprochen, und wär' es nur gewesen, um ihm des Argos halber
verbindlichst zu danken, wenn er sich nicht des Dankes wegen richtig bezahlter
Collegiorum geschämt hätte.
    Der Kreisrichter wollt' uns durchaus den Abend ein Mahl geben, welches wir
aber ausschlugen. Gottard war in die Stelle eines Hausofficiers wirklich
gerückt, die ein anderer ihm überlassen, und sah sich also, dieses Verhältnisses
wegen, gedrungen, seinen Erlass nachzusuchen, den er mit vielen höflichen
Ausdrücken erhielt. Mit eins fing der Kreisrichter an: Sie reisen ab, eben da in
Ihrer Gegend ein lustiger Sprung vorfällt: Dies sollte Amalia und der unerhörte
Krämer sein. Gottard hatte Amalien in des Kreisrichters Haus eingeführt. Junker
Gottard versicherte, diese Neuigkeit wäre kaum reitergahr, und da er merkte,
dass man ihm auf den Zahn zu fühlen anlegte, so macht' er ein Rechts um kehrt
euch, und der Kreisrichter war so klug als zuvor. - Die alte und wohlbetagte
Frau hatte ihr Gehör, diesen Sinn der Geselligkeit, verloren, und war eben
dadurch argwöhnisch und verdriesslich worden. Gesicht, pflegte mein Vater zu
sagen, ist im Dienst des Verstandes, Gehör im Dienst der Vernunft. Was diesen
Dienst betraf, so hatte die gute Frau ihn wahrlich nicht übertrieben. - Wenn
Gott ihr nicht hilft, sagte der Kreisrichter, so geht meine Brust verloren, die
ich zu meinem Amte wahrlich notwendig habe. Diese Hülfe, das sah man dem
engbrüstigen Manne an, war nach seiner Meinung ein baldiger Tod, der nach
menschlichen Berechnungen auch nicht lange mehr ausbleiben konnte. Sie liess,
obgleich wir beide keinen Lungenfehler hatten, uns nicht vor. - Was meinst du,
sagte Gottard, da wir gingen, wenn er Wittwer wird, und wieder heiratet, ob er
die Hausofficiere behält, oder die Stellen eingehen lässt?
    Bei unserm königlichen Rat mussten wir die letzte Mahlzeit halten. Junker
Gottard hatte überhaupt keine Collegia gehört, und war auch nur, wenn der
königliche Rat es nicht länger aussetzen konnte, und eine grosse Mahlzeit gab,
unter diesen Gästen. Es gefiel Gottarden dieser Cirkel, bestehend aus einem
Officier, einem andern königlichen Rat, einem Prediger und Professor, ungemein,
und wenn eben dieser Professor ihm nicht wegen richtiger Bezahlung seines
Collegiums gedankt, und ihn dieses Danks halber auf eine Viertelstunde in
Verlegenheit gesetzt hätte, Gottard wäre noch weit vergnügter gewesen. Bruder,
sagt' er, wie wir weggingen, Gesellschaften solcher Art machen weit klüger als
Collegia. Die Erkenntnis aus Büchern ist todt, die aus Gesellschaften lebendig.
Sie hat eine öffentliche Probe ausgehalten, sie ist abvotirt.
                                Nach Göttingen.
                                                            Berlin, den - - 17 -
    Den König, den König, nicht einen König, den König hab' ich gesehen? Gern
möcht' ich sagen König, wenn's nicht undeutsch wäre. Von Angesicht zu Angesicht,
lieber Vater, gesehen! Das nenne ich sehen; wenn man so hörte, würd' ich sagen:
er predigt gewaltiglich. Dich, mein Vater, hab' ich so gehört, wie den König
gesehen! Solch ein Auge! - Hat er Augen? Sterne hat er, Sonnen, die ihr eigen
Licht haben und Strahlen werfen. Er ist die Experimentalphysik zu deinen
Grundsätzen über den monarchischen Staat. Herr v. G. der ältere, das wett' ich,
würde huldigen, wo nicht mit den beiden Schwurfingern, so doch innerlich. - Bis
recht zum Herzen bringt, glaub' ich, keine Huldigung, sie geschehe dem König,
oder sonst wem. Mein Reisegefährte ist in Beziehung der Monarchie dem Bilde
seines Vaters ähnlich. Ich behalte mit Fleiss deine Distinction bei, nicht ihm,
sondern seinem Bilde ähnlich - nicht die andere Welt empfinden, heisst es,
sondern die Kräfte der andern Welt. - Der dem Bilde seines Vaters ähnliche Sohn
stand, sah und war weg - weg war er! - Er hätte nicht angelegt, wenn das Wild
ihm zu Fuss gefallen und gehuldigt hätte. - Was wahr ist, ist wahr, sagte der
gute Wildfänger zu Hause, nachdem er sich von der königlichen lieben Sonne Licht
und Pracht im Schatten erholt hatte. Was wahr ist, ist wahr! Ein besonderes
Ding, König zu sein! Was wahr ist, ist wahr! Dieser da! Gross, sehr gross, wie ein
Löwe! (um beim Wild zu bleiben) und wenn er Liebhaber von der Jagd wäre - - »und
wenn er aufhören möchte, der König zu sein!« Ob ich ihn recht beim Worte gefasst,
ob ich recht eingegriffen, stelle ich deiner reifern Entscheidung anheim. Vater!
die Augen! die Augen! Die Nase, Stirn, Hand, Gang, alles königlich. - Wenn er
sie doch schonen möchte, die grossen Königsaugen, und sie nicht so hin- und
herwerfen, oft und auf Leute, die des Blickes nicht wert sind - wahrlich nicht.
Nach allem Menschenmöglichen hab' ich mich erkundigt. Der kleinste Zug hat einen
König. - Man isst bei ihm; er isst bei keinem seiner Untertanen. Keiner würd'
ihn, wenn der Legitimationspunkt zum Regiment je zur Frage kommen sollte, seiner
Vollmacht wegen in Anspruch nehmen. Er trägt sie unterschrieben und besiegelt in
Gedanken, Geberden, Worten und Werken. So viel Siegel, dass der Lack ordentlich
verschwendet ist. Feiner Lack, Vater! - Gleich wie ich ihn sah, dacht' ich,
warum reisen denn nicht Dichter, Maler, Bildhauer nach diesem Ideal eines
königlichen Aussehens, nach diesem Bilde des Königs? Er herrscht und regiert.
Regenten gibt's auch in der Schule. Mein Rector magnificus, den ich das letzte
halbe Jahr hatte, regiert' im rechten wahren Sinn; allein herrschen kann nur
König Friederich! - Beim Regieren wird's schwer! Du hättest hören sollen, wie
Se. Magnificenz Krone und Scepter niederlegten, als wenn Sie sich gebadet
hätten, so leicht, so wie neugeboren. Herrschen sieht immer leicht aus, so
leicht als einschlafen. Eins, Vater, mit Sr. Majestät Erlaubnis, gefällt mir
nicht. - Was ich mich geärgert habe, dass Er die Flöte spielt, das soll er dem
Apoll überlassen, wenn er in der Schäfermaske ist. Sage, Vater, gibt's ein
königliches Instrument? Ich kenne keines. Die Flöte? Freilich, da der König sie
bläst scheint es, es könne etwas aus ihr werden. - Einige glauben gar, sie wäre
gekönigt, in den Königsstand erhoben. O, ihr Kleingläubigen! Ich find' es nicht.
Blasen? Kann man denn nicht den Odem zum Worte sparen, den Odem, den göttlichen
Spiritus, den Geist oder das Bild von ihm! - Aber der König lässt sich nie hören,
er bläst die Flöte eben so, als er sich im Schlafgewand, wenn man es so nennen
soll, sehen lässt. Eine Schlafmütze hat er nie auf seinem königlichen Haupte
gehabt. Sie sticht überhaupt schlecht mit der Krone ab. Sein Hut steht ihm, als
eine Krone! So trägt keiner seinen Hut. Der Hut ist überhaupt ein
Hauptkleidungsstück am Könige. Der König von Polen mit einer Mütze, der Sultan
mit einem Bund machen keinen Einwand. Den Bischöfen ihr Insul! Wenn der König
grüsst, du solltest sehen, Vater, wie er den Hut fasst! - Seine Kleidung? Nichts
was neu anschiene. Ein neues Kleid ist nicht königlich! Am Hut, der gewiss nicht
neu war, keine Verzierung! Vater, durchweg ein König! Alles so natürlich. -
Täten wir es, wär' es die äusserste Affektation.
    Aber wieder von der Flöte. Nur die haben seine Triller, seine Läufe gehört,
die ihn nicht als König ansehen dürfen. Freunde! Fremde! - Tonkünstler! Ein
König, Freunde? König Friedrich soll einen haben oder ein Paar, und das ist
viel! - Ich hätte nicht das Herz, es zu sein; auch du, Vater, so sehr du
Monarchenfreund in abstracto bist, hättest du wohl göttlichen Ruf, es in
concreto zu sein? Immer gerade, wer kann sich halten? - Nur die so geschnürt
sind, und dann tun es nicht sie, sondern das Eisen.
    Die Verse, die er macht? Auch das könnt' er bleiben lassen und es dem
Voltaire anheim stellen. Französische, Notabene gereimte, Verse! hättest du das
gedacht, Vater? Gott der Herr hat nie in Versen geredet; Könige tragen sein
Bild. Es sind Götter der Erden. - Das schwerste Stück Arbeit eines Dichters ist,
wie mich dünkt, Gott den Herrn redend einzuführen. Wenn Gott zu Menschen
spricht, ist es Prosa. Den Donner selbst ist wahre Prosa. - Wir Menschen, wenn
wir zu Gott sprechen, poetisiren, und das ist nicht ohne -
    Du pflegtest zu sagen, Vater, jeder grosse Mann hat einen Vers gemacht, es
sei im Wachen oder im Schlaf. - Newton so gut wie Rousseau, und ich glaub' es
dir aufs Wort, dir, dem einzigen, dem ich aufs Wort glaube und als Sohn zu
glauben von Gott und der Natur angewiesen bin, wofür ich dem lieben Gott Dank
sage für und für. Da, dünkt mich, hab' ich die ganze Pflicht des Sohnes zum
Vater gesagt. Christus verlangt selbst nichts mehr, da er uns zu Kindern Gottes
berief, erleuchtete und heiligte.
    Des Königs Poesie.2 Gern, lieber Vater, hätt' ich mir den König abmalen
lassen, allein da ist er so eigen, wie Alexander, mein Vetter.
                                     * * *
    Du hast mir oft und viel, lieber Vater, den Schlüssel zu deiner
Monarchenliebe behändigt, und wie viel hab' ich nicht, wie sehr viel, was ich
noch weglege, weil du dieses Depositum mit der Ermahnung zu übergeben pflegtest:
Wintersaat - kommt Zeit kommt Rat! Wenn ich gleich, wie du weisst, das erste
Siegel von anexoy kai apexoy gebrochen; dies Siegel soll mir heilig sein. Es
gibt Dinge, die durchaus Jahre erfordern. Leibnitz war zwar im fünfzehnten Jahre
Magister; allein als Magister war er nicht Leibnitz, und da er schon Leibnitz
war, wie oft fiel er in den Magister! - Ich bescheide mich von selbst, dass ich
gewisse Dinge, die du für mich eingepackt hast, noch so anzusehen verpflichtet
bin, wie die meisten Menschen einen Folianten. Wenn ich gelegene Zeit habe -
oder wenn ich volljährig bin; denn wahrlich, ein Foliant in der Hand eines
Knaben ist nicht gleich und gleich, das doch allein sich gesellen, sich paaren
sollte. Zwar hab' ich oft in meinem Leben Folianten getragen, und stellenweise,
durch deine Güte, aus Folianten, die einige Leute, ich weiss nicht warum,
geradeweg Quellen heissen, geschöpft. Quellen im gemeinen Leben sind im
Verhältnis mit andern Gewässern nicht Folianten.
    Verzeih, Vater, meine Altklugheit, die in diesem Briefe hie und da
hervorflicht. - Der König von Preussen, oder sein Blick, gab mir Veniam aetatis.
Ist man doch heiter am heitern Tage. Ich müsste mich sehr irren, wenn ich nicht
des Dafürhaltens sein sollte, du wärest darum ein Monarchenfreund, weil du ein
Menschenfreund bist; der Monarchen wegen ist's nicht. Da dem Herrn Christo,
deinem Herrn, eine Münze vorgezeigt ward, was sagt' er? Gebet dem Kaiser, was
des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Die Monarchen sind unseres Herzens
Härtigkeit halber von Gott gegeben, und da nur ein Gott ist, so ist nach deiner
Meinung die Monarchie die klügste, die natürlichste Staatsform. Sie ist die
Teokratie in höchst fehlerhafter Uebersetzung. O Gott, wenn sie doch einmal Dr.
Martin Luter übersetzen wollte, so ins ehrliche Deutsch! Monarchie ist der
Freiheit halber da, die dem menschlichen Geschlecht ins Herz geschrieben ist.
Der Monarch soll so lange grünen und blühen und leben und hoch leben, bis die
Untertanen zu ihm kommen und ihm sagen: nun sind wir alle so, dass, wenn uns
Gott der Herr ins Paradies setzen wollte, wir nicht essen würden von der
verbotenen Frucht, Jetzt ist kein Mein und kein Dein mehr zu verzäunen nötig,
wir brauchen keine Besatz- und Hypotekenbücher und keinen rotbeschlagenen
Richterstuhl weiter. Sei, lieber Herr König, wie unser einer. Sei mit uns, wie
Engel Gottes im Himmel, wie Adam vor dem Fall! - -
    Hab' ich dich nur von weitem verstanden, so schreibe mir ja, Vater, sonst
hilf mir zurecht mit einer autentischen Interpretation.
    Die meisten Menschen reden wider den Staat, wider den König. Dergleichen
gibt's in Preussen, so wie überall; indessen hilft der König sich mit seinen
Augen. Sein Auge ist sein Miniatur. Wenn die Berliner, seine nächsten Nachbarn,
politisch kannegiessen - sieht er, und sieht alles rings umher treu und hold,
folgsam und gehorsam. - Er hat ein Gesicht, das man sehen muss,. so oft es zu
sehen ist. Er komme, wenn er wolle, jedes lässt liegen, was er treibt, sieht,
oder will sehen. Es ist, als wenn heraus gerufen würde. Die Mutter hebt ihr
Kleines in die Höhe und der Junge bleibt starr! Das Mädchen lächelt! Er ist
selten in Berlin. In Potsdam ist er König; in Sanssouci Mensch. Aber, Vater!
warum redet alles wider die Obern? Es ist die natürliche Freiheit, welche sich
vordrängt, welche das Wort nimmt, pflegtest du zu sagen, und Herr v. G. ist dein
unumstösslicher Beleg. Ich hab' indessen Missvergnügte gefunden, die es bloss sind,
weil sie den Tyrannen in Kopf und Herz haben. Sie selbst wollen auf den Tron. O
der Tyrannen! mit ihrem Freiheitsgeplärr! O der Sünder wider den heiligen Geist!
Einige der Missvergnügten sind es, weil sie es sind. Sie wissen nicht, was sie
tun. - Das Wort Freiheit ist ihnen nicht ein Deckel der Bosheit, wohl aber ein
Deckel des Unverstandes.
    In Curland, pflegtest du zu sagen, ist Sklaverei und Freiheit zu Hause.
Jeder Adelhof ist ein Tron, jeder Turm Sibirien, jeder Stock Scepter. Der
Edelmann ist Despot, Tyrann, seine Einwohner, bis auf den Pastor loci und den
Hofmeister, welche altioris indaginis sind - Sklaven!
    Solch ein König auch König Friedrich ist, getraue ich mir doch (und das ist
wieder ein Wunder in seinem Auge) zu ihm zu kommen, und ihm den Antrag zu tun,
zu sein, wie unser Einer; es versteht sich, wenn dies Stündlein vorhanden ist.
Das Menschengeschlecht sucht alles auf dem unrechten Wege, und das kommt, weil
es nicht zusammenhält. Da es nicht Gott treu ist, wie kann es Menschen treu
sein? Gott hat alles dabei getan, und den Menschen den Trieb der Geselligkeit
so gar tief ins Herz gelegt; allein noch stossen sie sich von einander. Wie sehr
in weitem Felde liegt nicht alles, und wie nahe könnte es liegen, wenn Gottes
Wille geschähe!
    Nimm, lieber Vater, mit diesem specimine academico vor den Willen, das ich
dir loco testimonii schuldig bin. Ich habe die Kosten dabei gespart, und bin bei
einem Manne, wie du, eben so weit, wo nicht weiter.
                                     * * *
    Meine Leser werden freilich aus diesem Briefstück des mehreren ersehen, dass
eine gewisse mir angeborne Königsfreude mich begeistert habe, und eben darum
dieses Er an Ihn verzeihen, dafür sind auch so viele Sie's an Ihn (Briefe meiner
Mutter an mich) weggefallen, und mit keinem einzigen ich an Sie, mit keinem
einzigen von meinen Briefen an meine Mutter sind meine Leser belästigt. - Ich
habe meinen Brief an meinen Vater so gelassen, wie er war; warum sollt' ichs
nicht?
    Im letzten Kriege, nicht in dem Prozess, die Succession von Bayern
betreffend, sondern im letzten Kriege, sagte Madame Pompadour, da ihr einer aus
dem Volke vorwindbeutelte: man würde den König gefangen nach Paris führen, da
wird man doch einen König zu sehen bekommen! Dies, was freilich nur eine
Maitresse sagen konnte, so wie das erste nur ein Franzose, ist so schön, als
wahr gesagt! - Einem Kreuzzug der Königin aus Saba zum König Salomo sieht es
freilich nicht ähnlich, dafür ist auch Pompadour nicht Königin aus Saba, und
Friedrich, ist er Salomo, der durch eine Lilie auf dem Felde in seiner
Herrlichkeit beschämt ward? König Friedrich lässt sich mit keiner Feldlilie in
Wettstreit ein.
    Der König lacht nur mit seinen Freunden, denn er ist König. Ernst liegt in
ihm, und wenns hoch kommt, Beifall. Er straft durch seine Collegia; den Lohn hat
er sich vorbehalten. Danken kann er nicht; durch Taten dankt er. In seinem
Danke liegt: ihr seid ein unnützer Knecht, ihr habt getan, was ihr zu tun
schuldig waret! Das sagt er, nicht in seinem, sondern im Namen des Staats. Er
wechselt nicht mit Leuten, auf die er einen königlichen Accent gelegt; allein er
hat auch keinen Liebling, ohne den es ihm schwer wäre zu sein.
    Bei seiner Liebe zu Hunden ist mir eingefallen: er sähe selbst als König
ein, dass, wenn der Mensch sich dienen lassen sollte, es durch Hunde geschehen
müsste. Sie scheint die Natur dazu bestimmt zu haben. Vielleicht würden die Hunde
und noch andere Tiere besser, wenn ihre angebornen Herren besser wären. Wenn
ein Mensch Mensch ist, bedarf er wahrlich keine andere Bedienung, als im Fall
der Not einen Hund. Diogenes konnte sich ohne ihn behelfen.
    Der König, hält viel von glücklichen Menschen. Der Mensch hat Glück, sagte
er. Glück und Welt ist in diesem königlichen Sinn nicht viel auseinander, und so
könnte man auch sagen, der König habe Glück!
    Der König liess in seinen Feldzügen die Kugeln um sich herum pfeifen und
heulen; so wie Mücken sah' er sie an, die um seinen Kopf sich lustig machten.
Man sollte fast glauben, für einen unverwandten Blick auf einen Fleck, für einen
festen Gang zum Ziel, für ein Bewusstsein, das ist der rechte Weg! haben die
Kugeln selbst Respekt. - Im Willen des Menschen liegt eine menschliche Allmacht.
- Alle beherzte Leute verlieren das Gleichgewicht, wenn sie einen Unsinnigen
sehen. Ists Wunder, da die Beherzten die Mitleidigsten sind? Feigheit allein ist
grausam.
    Was ist der Mensch ohne Vernunft? so sehen Tiere nicht aus, welchen es doch
allen am Besten, an der Vernunft, fehlt - als ein unsinniger Mensch. Er ist
weniger als ein Tier geworden. - Die menschliche Gestalt ohne Vernunft ist das
Schrecklichste, was man in der Natur sehen kann. Kains Zeichen ist ein
Gnadenkreuz dagegen. Der König kann keinen Unsinnigen aushalten. Er sieht, wie
tief der Mensch sinken könne, obgleich er seines Gleichen ist. Ein proskynein
dünkt ihn daher wie ein Bruch der Vernunft. - Er zieht sich vor jedem zurück,
der vor ihm die Knie beugt. Alles aus einer und der nämlichen Quelle. - Das
Haupt regiert, und nicht die Füsse, sagte der nämliche Kaiser, da man ihm zu
Füssen fiel, der, da man ihm sein teures Leben landesväterlich vor dem Geschütze
zu decken anriet, erwiederte: es ist noch kein Kaiser erschossen!
    Gott der Herr ist überall. Der Himmel, heisst es zwar, ist sein Stuhl und die
Erde seiner Füsse Schemel; allein das ist Poesie, und ein Selbsterrscher, ein
Monarch, der im eigentlichen Sinne Gottes Bild trägt, sollte auch keinen
beständigen Aufentalt haben. Er, der überall sein sollte, müsste wenigstens
überall zu Hause sein. Das Hoflager, kann es denn nicht wandelbar sein, um die
Allgegenwart zu spielen? Die deutschen Kaiser waren ehemals an keiner Stelle und
Ort zu Hause. Die Könige von Polen zogen auch umher, und was ist natürlicher,
als dass Residenzen, Königsstädte, durch den Vorzug, den ihnen das Schlafzimmer
des regierenden Herrn beilegt, das Haupt, die andern Provinzen aber die Glieder
werden! Würde es nicht gut sein, wenn die hohen Collegia des Landes an den
kleinsten, unbedeutendsten Oertern wären? Gott regiert im Verborgenen. - Der
König von Preussen visitirt wenigstens jährlich seine Provinzen. Er braucht
keinen Wardein seiner Diener. Sein Auge ist Schwert und Wage, und da blickt er
umher, und wenn er einen Ueberhang von Aesten eines Untertans über des andern
Boden findet, der diesen stört, heisst's: haue sie ab, was hindern sie das Land?
- Er besitzt ein moralisches Menstruum universale, alle seine Untertanen
aufzuschliessen. - Bei Freunden irrt er öfters. Er hat einmal Berlin, und es
verlohnt's, dass er es hat. Wer es behauptet, dass die Residenz der Extrakt, das
Extrafeine, die Punktation aller Provinzen sei, mag so unrecht nicht haben. Ich
glaube fast, dass man aus der Residenz den ganzen Staat in unsern Zeiten am
sichersten übersehen könne; es kommt nur hier, wie überall, auf den Standpunkt
an.
    Tiergarten, rief Junker Gottard, und lief spornstreichs hin. -
Glockenspiel! schrie Gottfried, und vergass darüber Danzig, wo Glockenspiel und
kein Ende ist. Gott ehre mir, fuhr Junker Gottard fort, meinen Tiergarten in -
-, der natürlich ist, ich will den Berlinern gern den künstlichen lassen, und
den Sand obenein, der, wie er bemerkte, der grünen Farbe am schädlichsten ist.
Sieh nur, sagte er, eine Blume, deren Laub vollgestäubt ist! - Darf man doch im
Tiergarten nicht einmal eine Flinte losknallen! Auf die Parade zu gehen, hätte
ich ihn um eine Obristenstelle nicht überreden können. Man muss den Teufel nicht
an die Wand malen, war seine Meinung. Ich war auf der Parade in meinem Element.
Zuweilen war mir das Comandowort so nahe, dass ich's mit Gewalt unterdrücken
musste. Der Alexander wollte durchaus zum Vorschein. Wie viel Helms sah ich da,
tapfere Helms! Alles wäre dem Junker Gottard erträglicher gewesen, wenn nur die
Fragen: woher? wohin? wer? wie? was? an den Toren ihn nicht mit Vorurteil
eingenommen hätten. Muss man sich doch, sagte er, hier durchdecliniren und
durchconjugiren lassen. Da hatte ich's ja beim Professor Grossvater noch
leichter, wo ich dich für mich antworten liess und den Argos kennen lernte,
welches der beste Hund in der ganzen Welt ist. Einen seiner königsbergschen
Argos, von dem er glaubte, dass er vom Homerschen abstammen müsste, hatte er mit.
Die andern wurden verschenkt. Amalia hatte einen (dies erfuhr ich erst
unterwegs). Es war wahrlich kein Schoosshund! Was tut die Liebe nicht! Gottfried
sagte, da auch er am Tor examinirt war: Muss man sich doch hier an die Glocke
schreiben. Da, wo der König selbst ist, gilt kein Revisor, wie der
Natanaelsche, kein Knabe, der mit der Hand das Postorn so nachmacht, dass man
glauben sollte, die Post käme. Natanael würde hier seinen Abschied nicht
genommen haben. Wo solche Revisors, wie unser Natanaelscher, den König selbst
vor Augen haben, können sie unmöglich: Wir Friedrich, ohne Furcht der Rute,
missbrauchen. Ich würde kein Kind zum Treiber des Volks machen. Wahrlich!
Richterverstand kommt nicht vor Jahren!
    Einem seinen Engländer lief ich in Berlin nach und machte ihn mit vieler
Mühe zu meinem - Bekannten; Freund war er noch nicht. Ein Mensch von
ausnehmendem Kopf. - Seine Nation war in ihm getroffen, wie aus dem Auge
gerissen. Er kam von Russland und wollte noch weiter in die Welt. Hier, sagte er,
in eurem Staat (ich bin ein Curländer, mein Herr Engländer) überall eine
Saladiere zu wenig, ein Friedrichsd'or erspart. In Russland zehn Rubel, ein paar
Schüsseln zu viel. Immer Epakten, immer Überschuss! Das, fuhr er fort, liegt im
geheimsten Mark des Staats. In Petersburg ist zu viel, in Berlin zu wenig Platz,
das sehe ich an Gebäuden, die sich sehen lassen. - Man weiss, wie die Engländer
sind! Für den König war er wie ich. Ganz gewiss hat er an seinen Vater auch so
geschrieben wie ich. - Der Starrkopf! Die Franzosen waren seine Freunde nicht,
wie gewöhnlich. Der König von Preussen, sagte mein Engländer, liebt den
französischen Verstand, aber nicht den französischen Willen. Wir und ihr (Wir
voraus, das hiess: England und Deutsche) bleiben bei der Angel, wenn gleich in
einigen Stunden kein Fisch kommt. Der Franzose schiesst während der Zeit einen
Vogel. Er trägt Gold auf dem Hut; wir ein seines Hemde. Viele in Berlin, fuhr er
fort, welche den Unterschied von Verstand und Willen nicht so gut wie der König
einsehen, sind ganz und gar Franzosen. Man könnte diese, unterbrach ich meinen
Engländer, weit eher als die Letten in Curland Undeutsche nennen. Dies war ihm
was Neues vom Jahr. Undeutsch! wiederholte er und lächelte. Das Frauenzimmer,
bemerkte er, ist in Berlin zum grössten Teil vom Haupt bis zu den Füssen
französisch. Zum grössten Teil, fiel ihm Junker Gottard ein, und der kleinere
Teil? ist englisch! - Deutsch! wie Sie wollen, erwiederte der Engländer. Ich
dächte, beschloss Junker Gottard, das Frauenzimmer stamme durch die ganze Welt
von den Franzosen, oder die Franzosen vom Frauenzimmer. Wir, der Engländer und
ich, vereinigten uns wider den Junker Gottard und bewiesen ihm, dass es noch
Frauenzimmer deutscher oder englischer Art gebe, und zeigten ihm davon etliche
in Berlin! Ihr kennt sie nur von Ansehen, fuhr Junker Gottard fort. Darf man
mehr, wenn vom Frauenzimmer die Rede ist? Da ich dem Junker Gottard die
Gewissensfrage tat, ob denn seine Trine von französischer Abkunft sei? war er
verlegen. Ich richte meine Frage nicht auf Amalien, die einen Argos von dir zum
Geschenke zurückbehielt, nicht auf die Brunette mit dem trefflichen Busen, wo
ein Ball gegeben wird, und wo zehntausend Liebesgötter schweben! - von Trinen,
frage ich. - - Gottard trat uns bei.
    Der gute Junker Gottard hatte es von seinem Vater, und dieser von dem
meinigen, dass man das Volk in der Sprache suchen müsste, und da er sich viel
darauf zu gute tat, ein halber Landsmann von Grossbritannien zu sein, so neckte
er sich mit dem Engländer, dem es sichtbarlich Vergnügen machte. Schade nur, dass
Junker Gottard nicht viel Englisch wusste. Englisch Mann, fing er an, England!
Curland, warum denn nicht: curisch Mann? - Und dann wieder: Was solch ein
englisch Mann vom Kopfe macht! Da haben wir doch, Gottlob! Stirne und Scheitel,
und er Kopfkron und Vorkopf! - Bruder! erwiederte ich, das Volk kann ein Wort
vom Kopf mitreden. Und dann immer ich selbst, fuhr Gottard fort, das Selbst
doch ja nicht zu vergessen! Sieh! sagte ich ihm, Bruder! da ist doch jeder was
selbst, im monarchischen Staat ist man alles par Bricole. Dies vom Billard
geliehene Kunstwort fiel ihm so auf, dass er als Curländer auch von selbst zu
sagen sich berechtiget glaubte - obgleich ein Curländer mehr als zwei Herren
dient, und niemand kann zwei Herren dienen!
    Dass sich die Englischmänner auch in Abwesenheit beehren und dem Namen ein
ehrerbietiges Herr vorsetzen, wenn gleich der Herr nicht da ist, und es auch so
mit ihren Weibern halten, gehört auf das nämliche Conto! - In der Monarchie ist
man Augendiener, fing ich an. Wenn man mit dem Herrn spricht, bückt man sich
dazu, und ist er nicht da, heisst er schlechtweg Peter Paul Pompei. Heuchelei ist
der Erbfehler der Monarchien. In Curland, wo doch Freiheit herrschen soll, fuhr
ich fort, sehen die Leute ein, wie wenig sie bedeuten. - Doch warum eine
Donatsche Stunde! - Ich will sie mit dem Worte Königreich schliessen, auf welches
mein Vater aus dem englischen Vater unser den Accent legte, und zwar nicht, wie
man beim ersten Blick glauben sollte, weil mein Vater ein Königscher war,
sondern weil er den seligen Zeitpunkt wünschte, das Fest aller Heiligen, wie
er's zu nennen pflegte, da wir allzusammen eine Heerde sein werden, und Gott
unser König, ein königlicher Vater. Ist's Wunder, dass wir uns in einer Residenz,
wo unstreitig der erste König regiert, an dies Fest aller Heiligen erinnerten,
wo eitel Güte und Wahrheit herrschen wird, wo nicht steinerne Herzen und
steinerne Gesetztafeln, sondern fleischerne Herzen sein werden, und Leben für
und für? Gott verhelf' uns allen dahin, wo Freude die Fülle und liebliches Wesen
ist immerdar! - So lang aber dies göttlich-väterliche Königreich nicht kommt,
ist's wahrlich das beste, einen König zu haben, der es im Geist und in der
Wahrheit ist.
    Der König von Preussen hat viele Räte; allein er ziehet keinen zu Rat.
    Noch mehr vom Könige. Gern! Sowohl der Engländer, als ich, sind zu mehr
bereit. Junker Gottard wird sehen, wie es fällt.
    Der König schreibt, trotz allen Wörterbüchern, Federic, obgleich Friederich
Frederic heisst.
    Ich habe schon bemerkt, dass er sich nur angekleidet sehen lässt. Ein Held ist
wie eine Uhr; sie muss aufgezogen sein, wenn sie gehen soll. Sollte man dies
nicht auch von einem Könige sagen können?
    Der Engländer sagte: Finden Sie es nicht auch, dass Preussen so lange gross
bleiben werde, als es immer Schach bietet?
    Alexander der Grosse fürchtete sich bekanntlich vor dem ateniensischen Czar
Peter, vor den holländischen Zeitungen. Aretin machte sich alle europäische Höfe
zinsbar; König Friedrich ist darüber weg. Man sagt: er habe bei Gelegenheit, dass
eine unschickliche Schrift, die wider ihn gerichtet war, sehr hoch hing, bloss
verfüget, sie sollte etwas tiefer geschlagen werden.
    Was ich gern Prinzen sehe! sagte mein Engländer; ich sehe in ihnen ein
ganzes Land. Hunderttausend in Einem. -
    Der König sieht jeden an; allein er will nicht, dass man ihn wieder so dreist
ansehe. Wer kann in die Sonne sehen?
    Man sagt: der König habe blöde Augen, und eben daher sein Blick, sein grosses
Auge! Kann sein! Seinem Blick ist es nicht anzusehen. Er hat alles an sich, was
ein vollgültiger Blick haben kann. - König und ein Perspectiv sind fast
unzertrennlich.
    Der König hält den Soldaten für seinen Freund, den Civilisten für seinen
Untertan. Ist das recht? fragte der Engländer. Junker Gottard schrie: Nein!
Der Engländer gab ihm die Hand. Der Soldat, fing ich an, ist des Staats
Wundarzt; der Civilist sein Medicus; allein ich kam nicht weiter. - Mit dem
Civilisten spricht der König über sein beschieden Teil; mit dem Soldaten über
alles. Ob der Soldat antworten kann, ist des Königs wenigster Kummer! Alle
Staaten, wenn sie gross werden, sind kriegerisch. Sind sie gross, und wollen sie's
bleiben, bedürfen sie Staatsmänner.
    Der König will einen gewissen Esprit de corps in sein Heer einführen,
welches das ganze Geheimnis der Phalanx war, so im ersten Paragraph der
phalanxischen Kriegsartikel stand. Das ganze preussische Heer soll eine Phalanx
sein. Was einem begegnet, soll allen begegnet sein. So denkt jeder Edelmann in
Curland, fiel Gottard ein. Nicht wahr, Alexander? Ja doch, lieber Junker
Gottard, jeder Edelmann in Curland.
    Wie kommt's, fragte der Engländer, dass beim Exerciren niemand hustet? Hat
kein preussischer Soldat den Husten? Er hält sich gerade, erwiederte ich; - das
hilft für alle Krankheiten, selbst des Todes Bitterkeit ist damit zu vertreiben.
- Es ist eine monarchische Kur, sagte der Engländer, und Gottard trat bei. Ich
weiss, dass viele Krankheiten hiedurch curirt sind! - Man verbeisst sie!
    Bei allem, was der König öffentlich tut, ist die Uhr aufgezogen. Tun die
Menschen, sagte der Engländer, denen der König die Parole gibt, doch so, als
wenn sie den König Salomo urteln gehört!
    Der König hat in gewissen Dingen keine Proportion. »Da geb' Er doch den
beiden Mädchen drei Friedrichsd'or.« Es sind viere, Ew. Majestät, die gesungen
haben! »So geb' Er dreihundert,« das heisst: geb' Er ihnen eine Kammer oder ein
Schloss!
    Der König (wahrlich das ist gross) wird so wenig im Krieg als im Frieden
bewacht. Man sieht offenbar ein, er sei unbesorgt, er sei ruhig! - Wenn das ein
König sein kann, so hat er's weit gebracht!
    Noch etwas, das dem Engländer das Herz stahl! Alles ist gleich weit vom
Trone. Der Bediente des Königs ist ein Bedienter.
    Warum beschreibt er nur eine Seite? Und warum muss alles was an ihn gebracht
wird, auf einer Seite Platz haben?
    Er liebt nicht Registraturen und Canzleien. Herzog Friedrich der Weise,
Kurfürst zu Sachsen, nannte die Canzlei der Fürsten Herz! - Wie sie doch der
König nennen mag? Wir waren alle der Meinung des Herzogs Friedrich des Weisen,
Kurfürsten zu Sachsen.
    Alexander der Grosse ärgerte sich, da Aristoteles eines seiner Werke -
drucken liess, hätt' ich bald gesagt, und einen entsetzlichen Druckfehler
begangen - ausgab. Alexander wollte in allem besonders sein und etwas bloss für
sich haben, was jetzt auch andere hatten. Wie muss er es doch gemeint haben, dass
er lieber alles an Gelehrsamkeit als an Macht übertreffen wollte?
    Was ist besser: wenn die Fürsten philosophiren und die Philosophen regieren,
oder wenn die Regenten bloss tun, was die Weisen lehren? Der König von Preussen
ist ein schöner Geist - - -
                                     * * *
und mein Engländer ist ein Engländer. - Gern hätt' ich mir diesen lieben Jungen
zum Freunde gemacht. Wer weiss aber, wie lang er den im Noviciat behält, der zum
Freunde eingeweiht wird! - Wir waren wirklich so nahe, als man es mit einem
Engländer sein kann, der noch nicht Freund ist. Seine Ungeselligkeit blieb mir
kein Geheimnis, das ist der einzige Umstand, wo die Engländer ohne Rückhalt
sind. Wir waren immer, willst du zur Rechten, will ich zur Linken, obgleich er
den Deutschen die Ehre tat, sich mit ihnen wider die Franzosen in Bündnis
einzulassen. Ich liess es mir merken (bitten hätt' ich ihn um vieles nicht
können; kein Engländer lässt sich bitten), dass ich es gern sehen würde, wenn er
noch acht Tage bliebe, wie ich. - Den andern Morgen war er weg und, um ganz
englisch zu sein, ohne Abschied. Unfehlbar, stand in seinem Reisekalender: Geh'
ich ab, und da hätt' ihn keine Observation der Venus durch die Sonne gehalten.
Gott geleit' ihn, den guten Jungen! Ich wünschte wohl, wenn er seinen Lebenslauf
schriebe, dass er an mich dächte. In dieser Welt glaub' ich, werd' ich ihn so
wenig wiedersehen, als den Alten mit dem einen Handschuh, der auf ein sanftes
Ende mit dem Herrn v. G. trank, und der nur höchstens noch acht Tage zu leben
hatte, da er zum Herrn v. G. kam und dessen Zeit edel war. O da werden wir so
manche gute Seele finden, die wir in diesem Buche verloren haben! Junker
Gottard würde hinzufügen, auch so manchen Argos. Die Fortsetzung also von
unserm Engländer folgt künftig.
    Ich habe viel in Berlin verloren, da mein Engländer mit seinem zu viel und
zu wenig nicht mehr da war. Junker Gottard munterte mich wahrlich nicht auf. -
Gottfried glaubt' auch noch andere Örter zu finden, wo Glockenspiel wäre.
    Auch ohne Engländer, wie vortrefflich Berlin! - Ausser meinem Elemente, dem
Paradeplatze, was für Nahrung für Geist und Herz! Berlin könnte Deutschlands
Aten sein, wenn der König es wollte und so mancher Undeutsche, der um ihn ist!
    Den Tag vor unserer Abreise kam Junker Gottard so ausser Atem nach Hause,
dass ich befürchtete, es wäre ihm ein Ehrenhandel aufgestossen. Was ist dir? fing
ich an. Und siehe da, man hatte sich über sein grünes Kleid lustig gemacht, und
wusst' er nicht, wie er damit daran war. Wal um, fing ich an, hast du nicht was
daran spendirt und dem Witzling, dem eine derbe Antwort not tat, Wehr und
Harnisch genommen? Warum waghalsen, sagt' er, Bruder? Wir reisen heute. Morgen,
erwiederte ich. - Damit ich mich räche, fiel er ein, heute! Ich hatte Mühe, ihm
zu beweisen, dass man sich darum an einem Verräter der grünen Farbe nicht rächt,
wenn man einen Tag früher aus Berlin reist. Wir blieben die vollen acht Tage.
 
                                    Fussnoten
1 Hiess zu der Zeit in Curland Geld und Gut, oder, wie einige wollen, Gold- und
Silbergeld, oder im Provinzialausdruck, grob und fein, gross und klein Geld, dies
will sagen, Albertstaler und Vierdings.
2 Ich mag nicht mehr darüber abschreiben, sondern begnüge mich, ehe ich weiter
komme, die Anmerkung hinzuzufügen, dass Se. Majestät und ich einen und den
nämlichen Verleger haben. Ein Compliment für uns alle drei! Das hätte noch mein
Vater erleben sollen!
 
                                 Zweiter Band.
In Berlin, das haben meine Leser, hoff ich, sehr deutlich eingesehen, gehörte
mein Feldkessel zu Hause, den meine Mutter zu kennen nicht die Ehre hatte, und
worüber die Frau v. G. hohnlachte, der aber meines Vaters Mitgabe war.
    Nach Königsberg brachte uns ein Major und sein Schwestersohn, der als Junker
beim Fuhrwerk stand, die uns beinahe zwei Tage in Mitau ohne Not verzögerten,
die Mittag und Abend in einsweg zu halten, weil eine Leichenpredigt vorfiel,
sich nicht lange bedachten, und die, wenn gleich sie nicht erlaubten, sich an
grünen Plätzen zu verweilen, doch alle Augenblicke einen Platz hatten, wo sie
entweder einen guten Labetrank wussten, oder wo der Wirt eine gute Prise Tabak
hielt, die Wirtin etwa selbst hübsch war oder eine hübsche Tochter im Vermögen
hatte. Jetzt Extrapost, und wenn es meinen Lesern gefällig ist, so bis ans Ende.
- Ob wir einen Drosselpastor und sein Schein und Sein kennen oder nicht, und den
siebenmal sieben besondern Grafen; die lindenkranke Predigerin und ihren Mann
mit der Sünde wider den heiligen Geist; Gretchen, die mit mir Ostern auf
Minchens Grabe feierte, und Pastors Trinchen, welche die heilige Geiststrasse
dreimal auf und ab ging, und so viel andere grüne Stellen mehr. Was tut's?
Extrapost, nicht wahr? wenn sie gleich mehr kostet als ein Riga'scher Fuhrmann;
ich mache mir nichts daraus.
                 Von Göttingen. Parnass und Musen, wie es fällt.
    Vortrefflich für jeden, der Luft und Liebe zum Dinge hat, und doch so
ziemlich ohne Jammer und Schaden für den, der es nicht hat. Diese Akademie hat
bei der Letztgeburt den Segen, wie Jakob vom Isaak, ohne ihn durch rauch
gemachte Hände zu erlisten, ohne ihn durch ein schnödes Linsengericht zu
beschönigen. - So viel ist gewiss, Göttingen ist so wenig die kleinste unter den
deutschen Universitäten, dass sie vielmehr auf dem Wege ist, die grösste zu
werden, oder dass sie es schon wirklich ist, den Grossvater in Königsberg in
Ehren; allein gibt's in Göttingen nicht auch Grossväter? Und wenn gar zum
Aelter-Vater Hoffnung wäre? Ich kann den Gedanken nicht bergen, ohne mich zum
competenten Richter aufzuwerfen: ob und in wie weit eben der Umstand, weil
Göttingen jung von Jahren, vieles zu diesem Fortschritte beitrage? Die Musen
werden im ewigen Frühlinge der Jahre dargestellt. - Zwischen Majoraten, Lehen,
Stiftern und Universitäten ein Unterschied! Damit ich noch ein Kappfensterchen
aufstosse: wär' es nicht gut, wenn sich die Universitäten in Züchten und Ehren
einverstanden, was sie eigentlich erziehen wollten? Da könnt' eine erkoren
werden, Professores, akademische Lehrer zu bilden. Lasst uns Professores machen,
Bilder, die uns gleich sind! Den andern Stief- und rechten Schwestern wäre zu
überlassen, mit der übrigen studirenden Jugend umzuspringen, oder zu tun und zu
lassen, was jetzt getan und gelassen wird. Kommen denn alle auf die
Universitäten zu lernen, um wieder zu lehren? Da sind ihrer viel, die nur selbst
wissen wollen. Zwischen einem Wisser schlechtweg, zwischen einem Vielwisser und
zwischen einem Lehrer, welch ein Unterschied! Und dann unter der Rubrik Lehrer,
was steht da nicht alles? Schullehrer, Kirchenlehrer, ist zwar der bekannteste
Lehrunterschied; allein auch gewiss der unbedeutendste. O der unaussprechlichen
Unterschiede! Wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Diese Welt ist
eine Schule, wo Lehren und Lernen abwechselt, und fast beständig so, dass man zu
gleicher Zeit lehrt und lernt, Docendo discimus; sonst würd' auch die edle Zeit
verloren gehen, die oft die besten Köpfe aufs Lehren verwenden. Es ist indessen
wahrlich weit schwerer zu lehren, als zu lernen. Der Mensch hat was sehr
Gelehriges; allein wenn er unterrichten soll, zeigt er überall, dass Gott sein
Lehrer gewesen, und dass er, in Rücksicht des Lehramts, das Bild Gottes verloren.
Wahrlich, dass es mit dem menschlichen Geschlechte so wenig fort will, dass es
nicht von einer Stelle kommt, liegt am Lehrstande. Das arme Menschengeschlecht,
wie es da noch immer in seinem Blute liegt! Und was tun unsere Gross- und
Kleinsprecher? Sie bestellen einen schönen eichenen Sarg mit im Feuer
vergoldeten Griffen, um für ein standesmässiges Begräbnis Sorge zu tragen. Die
meisten Lehrer sind Curatores funeris, Leichenbesorger. Gott, wann erschallt die
Stimme; sie komme aus Osten, Süden, Westen, Norden, wenn sie nur erschallt: du
sollst leben!
    Ist's also Gotteswerk zu unterrichten, so gehorcht euren Lehrern und folgt
ihnen, denn sie wachen über eure Seele, so lange sie nicht Irrlehrer sind! Ich
glaube mit meinem Vater, dass der, welcher zur rechten Türe in den Schafstall
gekommen, fein metodisch seine Lektion gelernt und kein Mietling ist, auch
andern die rechte Tür zeigen und ein guter Hirte sein könne, der bekannt ist
den Seinen und die Seinen kennt. Dies findet vorzüglich bei Universitätslehrern
statt, so wie sie jetzt im Schwange gehen. Da hat jeder seine Lektion, die er ad
unguem, bis auf den Nagel selbst, weiss, und also auch lehren kann; indessen
sollte man es bei der Mannigfaltigkeit der Lernenden und des Unterrichts, nicht
bei einem - Leisten, ja wohl Leisten, lassen. Würd' es nicht Früchte bringen in
Geduld, wenn man die Saat nach der erwünschten Ernte, den Unterricht nach der
künftigen Anwendung, einrichten möchte? Jetzt stehen die Studirenden nicht viel
ordentlicher, als die Bücher in den meisten Biblioteken, nach der Grösse, nach
den Bänden, nach dem Schnitt, nach der Anwerbung. Es fehlt nur noch, nach dem
Verleger und dem Druckorte. Das Druckjahr, worauf am wenigsten gesehen wird,
würde vielleicht ein Umstand sein, der nicht zu verwerfen wäre.
    Der Professor hängt jetzt den Brodkorb bald zu hoch, bald zu niedrig, und
wie oft vergessen nicht die Speisemeister auf Universitäten über der Seele den
Leib! Zankt nicht auf dem Wege, sagte Joseph zu seinen lieben Brüdern, da er
ihnen den Zehrpfennig gab; und wahrlich, dies sollte die Losung aller
Universitäten sein. Durchs Zanken wird zwar die Schale polirt; der Kern aber
trocknet ein in diesem sein geschliffenen Gehäuse.
    Kann ich doch auf keine Universität kommen, ohne mir ihren Ton eigen zu
machen. Ein guter Ton! wenn die Angeber weniger quid est fragen, und alle
Wissenschaften zu Experimental-Wissenschaften zu bringen bemüht sind, wie es
jetzt am Tage ist.
    In einigen Dingen kann man Universitätsgebrauch lassen. Da man einsieht, wie
wenig man weiss, will man lieber irren, als untätig sein. Wir ehren einen
paradoxen Mann und blössen unser Haupt nicht vor gemeiner Erkenntnis. Wir kleiden
uns prächtig und sollen nur rein einhergehen. Ein Sünder, der Busse tut, ist
besser als neunundneunzig, die der Busse nicht bedürfen. Ein fähiger Unwissender,
er sei wirklich unwissend, oder er könne seine so genannte Vernunft gefangen
nehmen, so oft sie die Fenster einwerfen will, ist ein so schönes Naturstück,
als man nur, nachdem das Paradies eingegangen, sehen kann.
    Kein Examen in Göttingen. Wozu der Unrat, wenn gleich ein Grossvater dabei
am Ruder war, wie erwünscht fiel der Blitz durch die Ritze! - Gute Hausmütze, du
konntest nicht gelegener, wie ein Eid, das Ende alles Haders machen!
    Den Fechtboden und das Reitaus nicht zu vergessen; wahrlich ein paar
Vergissmeinnicht in Göttingen! Wir sind hier geborne Fechter und Reiter, sagte
mir der königliche Rat beim Kreisrichter in Königsberg, da der letzte eben eine
denkwürdige Schlägerei mit allen ihren Punkten und Klauseln referirt hatte. Kein
Wunder, dass ich in Königsberg so schöne Vergissmeinnicht nicht fand!
    In Göttingen spielt' ich auf Fechtboden und Reitaus Alexander, wiewohl ohne
an jene jugendliche Ritterspiele zu denken, deren vorgestecktes Kleinod Mine
war. Berlin aber sah ich vor mir; den Paradeplatz nämlich in Berlin und Potsdam,
wo der König, wie die Sonn' auf ein Geländer Pfirsichen, wirkt; dann schien es,
dass sich ein Gedanke in mir hob, der wollte und noch nicht konnte. Man muss ihm
seine neun Monden Zeit lassen! - Getauft soll er werden, wenn er zur Welt kommt.
    Ich studirte die Matematik. Sie, dacht' ich, ist zu allen Dingen nütze. Sie
ist das Lineal und lehrt, sich bei allen Wissenschaften gerade halten. Selbst
Cicero mass - - Doch hatte er nicht zu viel Matematik in seinen Reden?
    Zu viel Matematik im Felde taugt nicht. Was meinen meine Leser vom
ciceronianischen Kriege?
    Mein Vater war mit dem ganzen Gange meiner Studien, den ich ihm getreulich
und sonder Gefährde vorlegte, zufrieden. Meine Mutter empfahl mir, grosse Männer
zu hören, die sich hören liessen, um ihren Ausdruck beizubehalten, und ich lernte
hier einen kennen, der weder Hand noch Auge brauchte. Das Auge, pflegte mein
Vater zu sagen, hat Christus selbst bei seiner Bergpredigt angewandt. Es gehört
dem Prediger; die Hand aber dem Handwerker. Dieser Redner ohne Aug' und Hand
fachte in mir keinen göttlichen Ruf zum Geistlichen auf, der sich völlig gelegt
hatte, da ich keine Mine mehr hatte. Bei meiner ersten Predigt galt mir ihr
verstohlener Blick und Nummer fünf mehr, als alle übrige klingende Münze von
grosser Anlage, von unvergleichlichen Kanzelgaben, von kirchenväterlichem
Anstande. Minchen liebte mich nach der ersten Predigt mehr als ehedem. Ich hatte
mich zum Manne ihrer Seele gepredigt, und war vom Alexander bis zum lieben
Jungen erniedrigt oder erhöht worden.
    Vergeblich erinnerte ich mich, dass mein Vater, wiewohl nach dem Brande, mich
versichert hatte, dass ein Geistlicher der glücklichste Mensch in der Welt wäre,
und dass seine Seele in beständigem Frühling sei, wo es nicht zu kalt, noch zu
warm ist. »Frühling ist das Klima des Himmels; in der Hölle ist Winter und
Sommer! - Herbst würde alsdann das Fegfeuer sein!« Beständiger Frühling, guter
Vater? Wenn es aber ein nordischer wäre, wo man den Frühling bloss im Kalender
und in einer lebhaften Einbildung hat? Zwar in deinem Lande, wo man zeitig eine
Pfeife in der freien Luft raucht, den Wein bei der Quelle trinkt und lange
Manschetten trägt - aber wo gehörst du zu Hause? wo? »Im Himmel!« Guter Vater,
da ist aller Menschen Vaterland. »Dinge der Zukunft sind der Geistlichen
Beschäftigung.« Das wäre ja ein gefundenes Essen für mich, der ich jagdmüde bin,
und wahrlich kein Linsengericht, das eine Erstgeburt zu stehen kommt! Wie aber,
wenn der Geistliche über der andern Welt diese vergässe, nur an den Lohn dächte,
ohne des Tages Last und Hitze zu übernehmen? Wenn er, den Purpur und die
köstliche Leinwand selbst nicht abgerechnet, hier, wie einer der sieben Brüder
des reichen Mannes, herrlich und in Freuden lebte; wenn er's mit der Ewigkeit so
machte wie geizige Leute, die aus Furcht, in ihrem Lande das Ihrige durch Handel
und Wandel zu verlieren, die überflüssigen Capitalien in auswärtige Banken
senden, oder sie auf sichere Hypoteken eintabuliren lassen, um ein recht
gemächliches Zinsenleben führen zu können? Man sehe sich doch um; lässt sich denn
der Geistliche nicht weit lieber bei seinem Lehnspatron als bei Abraham, Isaak
und Jakob zu Tische bitten? Sich zerstreuen, heisst denn das leben? Es heisst,
recht geflissentlich nicht leben; es heisst, das Leben fliehen, das ohnehin nicht
leiden kann, dass man es sauer ansieht. Zwar gibt's Männer, die wie mein Vater,
ein Rad gebrochen und im Wirtshause weilen, die, wie der Pastor in -,
Drosselfänger, und wie der in L -, Ehemänner von Weibern sind, die eine
Lindenkrankheit haben, aber -
    Ich will es meinen Lesern nicht länger vorhalten. Soldat, dachte ich, um
mein Leben in die Schanze zu schlagen, um so zu stehen, wie Urias wiewohl wider
Wissen und Willen, stand, als der König David sein Weib zur Wittwe machen
wollte. Welch eine Kluft indessen war zwischen diesem Gedanken und der
Ausführung! welch eine Beste war einzunehmen! Ich versteckte mich, wie meine
Leser es selbst wissen, mit diesem Gedanken unter die Bäume im Garten, und
stellte mich geflissentlich so, damit meine Mutter mich am wenigsten sehen
möchte, deren Losung es war: »Wer seinen Eltern nicht folgt, folgt dem
Kalbfell.«
    Ich studirte in Göttingen Kriegskunst. Kriegskunst? - Das war ein Wort für
manchen. Die Kriegskunst und Urias? Aber du guter Mancher! Lernt man denn die
Kriegskunst für sich oder für andere, und stehe ich denn mit dem Urias eben in
einem Gliede? Wagen kann der Mensch sich selbst; umbringen muss er sich nicht.
    Die hoch- und wohlgeordnete und eben so auch verordnete Bibliotek in
Göttingen ist nicht ein Schatz für Motten und Rost, wonach höchstens die Diebe
graben und stehlen; sie ist ein öffentliches Haus, wo jeder einen Zutritt hat.
Die Bemerkung meines Vaters, wie wahr! Eine Universität und keine Bibliotek ist
ein Weinhaus ohne Keller. - Da gehe ich doch hundertmal lieber in einen Keller,
so finster es auch drin aussieht, und so schwer hinabzusteigen er auch ist, und
trinke die Gabe Gottes frisch und kräftig, fast wie an der Quelle; lieber, sage
ich, als dass ich in manchem prächtigen Auditorio lange gestandenen,
warmgewordenen Wein aus einem begriffenen Geschirr trinken sollte. Das Geschirr
mag patriarchalisch, griechisch, gotisch oder modisch gearbeitet sein. Eine
Universität und eine Bibliotek sind sich so nahe verwandt, dass ich behaupten
könnte, eine Akademie sei nichts weiter als eine Bibliotek, wo es oft genug
ist, zu wissen, im Schranke linker Hand, da und da! Mit diesem Entschlusse kam
ich in Königsberg an, und ging nach Göttingen. Ich tat nichts weiter, als
Register machen, welches ein ander Ding ist als Kalender, pflegte mein Vater zu
sagen. - Das Motto über eine Bibliotek dieses Mannes, der meinen Lesern bei
seiner Büchermusterung bekannt zu sein die Ehre hat, wie richtig! »Macht euch
Freunde mit dem ungerechten Mammon, auf dass, wenn ihr nun darbet, sie euch
aufnehmen in die ewigen Hütten.«
    Ich kann nicht aufhören, zu sagen, was mein Vater gesagt hat. Mich wunderts,
pflegte er vor dem Brande zu bemerken, dass man nicht das Vater unser und seinen
Namen vergisst, und mancher Professor sein Collegium.
    Ausser der Matematik studirte ich mich selbst. Wenn Newton entdeckt hätte,
wie es mit der Welt von Anfang gewesen, und was es mit ihr, oder mit ihrem
Ebenbilde, dem Menschen, für ein Ende haben werde; so wäre es doch noch ein
Erfinder gewesen; allein so gehts! Wenn die Menschen sich zeigen, kehren sie
wohl vor ihrer eignen Tür?
    Seht, wie die Natur es zur Menschenkenntnis recht geflissentlich angelegt
hat! Die Menschen sind gesellig, wie man sagt. Wenn wir nach Menschen auslaufen,
wollen wir die meiste Zeit nicht den Menschen, sondern diese oder jene Tat. Nur
wenn man was Grosses von jemandem gehört, ist man begierig, ihn zu sehen, und
wenn man ihn sieht, sieht man dann wohl den Menschen? - Fast nicht, sondern
seinen Geist (sein Gespenst), die Tat, die ihn vergrösserte. Es ist eine
Erscheinung, ein Gesicht! Schurken drängen sich vielleicht, grosse Leute zu
sehen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es solche Menschen gebe. Der
Edle sieht in den Spiegel.
    Auch den Bösartigsten will man sehen; vielleicht um seine Pfosten zu
sichern, dass der Würgengel vorüber gehe! Akademien sind selbst, um zu sehen. Das
Gehör ist ein Stück vom Gesicht. Im Odem liegt die Liebe, in der Rede die Probe
von Weisheit und Torheit. Rede und du bist, habe ich schon sonstwo behauptet;
allein selten trauen wir der Rede, wenn wir Temperament und Gemütscharakter
kennen lernen wollen. Man hält die Zunge für bestochen, für gedungen. Sie ist
höchstens ein Hauszeuge. Eben darum der natürliche Hang zur Physiognomik. Man
will in den Augen sehen, wie dem Menschen ums Herz ist. Freilich ist's schwer,
von dem auswendigen Menschen auf den inwendigen zu schliessen. Ich würde weit
eher aus dem Kleide, aus dem Pferde den Menschen beurteilen, als aus seinen
Gesichtszügen und andern Schilden, die er vielleicht mit gutem Vorbedacht
aushängt, und vom besten Stadtmaler zeichnen lässt. Wäre hier zur Gewissheit zu
kommen, würden die Folgen nicht eben so gefährlich sein, als es die von der
Gewissheit unserer Todesstunde sind? Ich gebe selbst zu, Gottes Finger habe ins
Gesicht dem Menschen sein Testimonium geschrieben; wer kann aber Gottes Hand
lesen? Da sie auf Cains Stirn leserlich werden sollte, musste sie verständlich
gemacht und mit roter Tinte unterstrichen werden. In der nämlichen Rücksicht
sind wir so für Handlungen, fürs Entstehensehen vor unsern Augen, fürs göttliche
Sprechen, wo Donner und Blitz eins ist! - »Eher hätte ich das bedenken sollen?«
- Und wenn ichs bedacht hätte, gestrenger Herr, bin ich denn nicht auf der
Akademie? Und sollte man, sobald man der Sache näher tritt, nicht finden, dass
ich auch hier handle, und nicht erzähle? Hier ist Vivat und Pereat, hoch und
tief! - eine Serenade und eine Stunde im Auditorio.
    Wollen Ew. Gestrengigkeit alles mit Einem von hohen Schulen? Wir haben ihnen
die Absonderung der Wissenschaften, die Bevölkerung derselben zu danken, und ein
gewisses Stellen in Reihe und Glieder. Zwar weiss ich den Einwand dagegen; allein
wird dieser Mauerbrecher unserm System Schaden zufügen? Freilich ist alles in
der Welt in der Gemeinheit, und freilich ist noch die Frage: ob es denn so gut
sei, dass alles und jedes aus der Gemeinheit gesetzt werde? Freilich kann man
auch seine Lieblingswissenschaft nicht ganz aus aller Gemeinheit bringen, da
selbst Leib und Seele in einander wirken; indessen ist doch ein Tausendkünstler
gemeinhin ein schlechter Künstler! - Der Schuster kann dem Maler nicht verbieten
einen Schuh zu treffen, und der Schneider nicht, wenn der Maler ein Kleid
fertigt; allein gemalt ist nicht gemacht! - Das Gemenge könnte vielleicht dem
symbolischen Erkenntnis förderlich und dienstlich sein, wo man am Leitfaden der
Aehnlichkeit zur Wahrheit kommt; allein bleibt denn auf dem gelehrten Marktplatz
der Universität nicht noch eine Gelegenheit zu Symbolen übrig, wenn gleich
verschiedene Abteilungen vorhanden sind? Muss ich denn gehen in dem Garten, um
ihn zu beurteilen, und ist hier nicht ein Ueberblick oft nützlicher als ein
Gang? - Alles ist Symbol; Zahlen selbst, wer sollte das denken, sind Symbole der
Grösse! - Der Mensch ist's von Gott. Darum sind wir so grosse Bilderliebhaber! -
Den Kindern bringt man alles durch Bilder bei, weil Bilder kleiner als die Natur
in Lebensgrösse sind. Mit dem Bilde spielt man; allein wer kann es mit der Natur,
ohne sich die Finger zu verbrennen? - Je mehr der Begriff in die Sinne fällt,
oder in dem Sinne liegt, je weniger Mühe machen die Worte. Je abstrakter aber
der Begriff, je schwieriger der Wortfang. Auf Universitäten, wo auf allen
Strassen abstrahirt wird, scheint diese Gewohnheit zur andern Natur zu werden! -
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Die Probe bei der Abstraktion ist
geistisch. Zwar ist auch hier die Anschauung die Probe; allein sie bleibt so
schwer als das zu probirende Exempel selbst, und noch schwerer. Leichter ist's,
die Sphärenmusik zu hören, oder ein Dichter zu sein, als abstrakte Sachen
anzuschauen und anschauend zu machen: - Nur Sonntagskinder können Geister sehen,
so wie Leibnitz, zum Beispiel, auf einem Baume das Principium indiscernibilium.
Zwar geben sich auch etliche mit Geisterbeschwörungen ab; allein ich halte
nichts von der Clavicula Salomonis, und wer weiss es nicht, wie es dem Dr. Faust
gegangen?
    Der Fuss schläft zuweilen ein, und wer kann alsdann von hinnen? Man nennt
dies Besterben; wer sagt aber, dass der Kopf bestirbt, und doch bestirbt er eben
so und aus eben der Ursache wie der Fuss. Wir merken nicht so stark auf das, was
den Organenbeweger trifft, als auf die Organe. Ungern lassen wir etwas auf den
Kopf kommen, den wir zur Schau tragen für jeden, der Lust und Liebe zu sehen
hat. Wir tun gegen alle Welt gross damit. Dem Manne der Hut, dem Weibe die
Kinder. Den Hut können wir mit leichter Mühe abnehmen, sonst würden wir ihm die
Würde eines Ehrenzeichens nicht einräumen. Es gibt Völker, die das Haupt blössen,
wenn sie mit Gott reden, und Völker, die es decken. Die es blössen, tun es bei
Leibe nicht, um dem Kopf gegen Gott nichts zu vergeben; sie wollen vielmehr
zeigen, dass auch der Kopf ein armer grosser Sünder sei. Völker, die ihr Haupt
decken, schöpfen aus der nämlichen Quelle. Sie schämen sich, vor Gott ihr Licht
leuchten zu lassen, und kriechen unter die Bäume im Garten. - - -
    Sollte hie und da ein Kunstrichter von meinem Kopf zu behaupten für bequem
finden, dass er zuweilen besterbe - so mag er wissen, wie man der Erde nicht
ansehe, dass sie spornstreichs laufe. - Sieh da! - Ich reise Extrapost, und
scheine nicht von der Stelle zu kommen! - Fürs Kleinkauen bin ich nicht, guter
Freund, so gesund es übrigens deinem schwachen Magen sein mag!
    Alles, was ist, hat Geist und Leib. - Ich liebe von allem nur den Geist, vom
Buch, vom Trank, vom Essen.
    Wie weit, sagte mir einstmals ein feiner Jüngling vor der Stunde, wie weit
sind noch unsere hohen Schulen vom Ziele! wie weit! - Alles ist noch zu tapfer,
anstatt dass es verfeinert sein sollte. Je roher die Nation, je tapferer der
Bürger! - Je mehr Renommist, je weniger Fleiss!
    Aber, fing ein anderer an, wissen Sie auch, dass ein Knäbchen, Milch und Blut
im Gesicht (schon wollte ich Angesicht sagen, das gebührt keinem Knäbchen),
wissen Sie auch, dass ein solches Bürschchen mit aller seiner Wissenschaft kein
Kerl ist? Ich nahm mich diesmal des andern an. Der Nutzen ist beim Geschmack nur
nebenher, sagte ich. Sobald der Nutzendurst, eigentlich Hunger, zu merken ist,
leb wohl, Geschmack! Fein ist der, der in der Anschauung Vergnügen findet; fest,
steif, klug, wer auf Nutzen, wenn der Nutzen gleich nicht zu den sichtbaren
Geschöpfen gehört, bedacht ist. Nutzen ist ein Gegenstand des Nachdenkens,
Feinheit ist ein Dienst der Sinne. Wenn aber gleich eine silberne Dose weniger
gefällt, als eine von zerbrechlichem Porcellan, es sei berlinisch oder aus
Dresden; was meinen Sie, hat man denn immer Zeit, eine Dose zu warten? und ist's
nicht unangenehm, wenn sie bricht? Hat man denn nicht mehr in der Welt zu tun,
als Geschmack und extrafeinen Geschmack zu zeigen? Ein Bauer, der seine
milchgebende Kuh verkauft, um sich eine Alonge zu kaufen, oder eine Brabanter
Kante, oder einen Rubens (ein Stück von ihm), was meinen Sie?
    Wer recht viel vor sich gebracht hat, kann an Verfeinerungen denken; wer
sein Feld gebaut, an den Garten, und wer sein Haus in Dach und Fach berichtigt,
an Verzierung in seinen Zimmern. Das Menschengeschlecht, in Wahrheit, hat so
wenig mehr zu verlieren, dass, wenn es noch lange mit zerbrechlichem Porcellan
spielen wird, wenn es nicht bald anfängt sich zu besinnen und eine silberne
Dose, die was aushält, zu kaufen, wenn es nicht wieder auf Dauer, Stärke des
Leibes und der Seele zu sehen sich entschliesst, nicht viel drum zu geben ist.
Wäre das menschliche Geschlecht mehr Renommist, mehr stark, mehr deutsch, man
könnte eher was mit anheben.
    Ja wohl, sagte Herr v. G., der diesmal in der Stunde war, wer nicht seine
drei Tage und Nächte auf der Jagd sein und dem Hirsch den Fänger entgegensetzen
kann, ist weder zum Groben noch zum Subtilen aufgelegt. Mehr wollte er nicht
anbringen, um es mit dem Jüngling, der, so fein er war, doch wohl Herz haben
konnte, nicht zur Jagd anzulegen.
    Ein Haus, pflegte mein Vater zu sagen, das lange niemand bewohnt hat,
verliert ein gewisses Leben! - Was nur bewohnt ist, lebt, oder ist belebt. Es
ist ihm ein Leben eingehaucht. - So geht's mit den Wissenschaften, sagte Herr v.
G., da ich bei einer Gelegenheit die väterliche Bemerkung mitteilte. Ich freue
mich, dass ich auf ihn komme, um noch anführen zu können, dass ich auch in
Göttingen in seiner Seele studirte. Unser Wirt hatte keinen Taubenschlag, am
wenigsten ein geschmackreich gebautes Hühnerhäuschen, keinen Garten; und wie
konnte sich Herr v. G. anders helfen, als dass er sich drei Hunde zulegte, die er
Argos hiess? Sie hatten andere Namen, er aber firmelte sie. Ich will nichts vom
christlichen Namen Satan sagen, fing er an, wie kann aber ein Hund Packan
heissen, wenn man in Königsberg vom Grossvater examinirt ist? Homer! ich kann dich
anreden, denn du lebst, du bist unsterblich! - Wie ist's möglich, dir ein
besseres Opfer, selbst in christlichen Zeiten, zu bringen? Die dir angrenzende
Nachwelt schlug sich deines Geburtsorts halber; ein curischer Edelmann nennt
seine Hunde Argos! Wer es empfinden kann, wie schön es sei, dass ein Buch aufs
Leben wirkt, was kehrt sich der an die Packans seiner Zeit!
    In einem kleinen Garten kann füglich nicht Natur sein. Der Geschmack liebt
Miniatur! - Er besteht in der Kunst, etwas aus dem Grossen ins Kleine zu bringen,
um es übersehbar zu machen. Er ist so etwas Menschliches, als die Natur
Göttliches ist! - Und hiemit, löbliche Universitäten, lebt wohl, lebt wohl! Wir
scheiden so, wie in diesem Teil oft geschieden werden wird! - Ihr habt keine
Autentica habita Cod. ne filius pro patre etc. nötig, keinen Kranz, kein
Gnadenzeichen - die ganze Fülle der Gelehrsamkeit wohnt in euch leibhaftig!
    In seinem ganzen Leben hatte mein Vater keinen längern Brief geschrieben,
als den ich auf meinen berlinischen von ihm erhielt. Ein gross Compliment für
König Friedrich, wenn er deutsch könnte. Mein Vater suchte Rinnen, um
abzulaufen, so voll war er - stellenweis.
    Ich habe zwar die Melodie noch behalten; allein den Text habe ich in diesem
sogenannten freien Lande, dass sich Gott erbarm! vergessen. Ein Hutmacher macht
Cardinäle; allein kein Juwelier ein König! - Ich will es nicht sagen, dass es dir
wie manchen Malern gegangen, die das Pferd besser als den Reiter treffen; allein
wie ungern fand ich hie und da einen Abbruch zur Unzeit! Reden kömmt vom Reden;
Tun vom Tun. Weiber essen sich trunken; Männer müssen Pokale haben, wenn sie
warm an der Stirne werden sollen!
                    Auszug aus einem Briefe nach Königsberg.
    Gern seh' ich, dass du den König sehen wirst! - Wenn er dich mit seinem Aug'
elektrisirt, fühl es, dass es ein königlicher Funke sei. Grüss den König von mir.
Das heisst, sieh ihn für dich und für mich! Man glaubt gleich alles im Menschen
zu finden, was der andere sagt. So kann man für gross und klein, klug und unklug
gehalten werden, je nachdem man im Ruf ist. - Es ist gut, dass sich die Könige
nur selten, und dann zu Pferde zeigen. Sie sind geborene Reiter. Wandelten sie
unter uns, wie oft würde der alleruntertänigst treugehorsamste Knecht sein
Uebergewicht empfinden!
         Fortsetzung des vorigen Briefes auf meine Epistel von Berlin.
    Es gibt olympischen Neid oder Eifersucht; der steht einem Könige nicht übel,
vielleicht ist er uns allen nützlich. Dieser Neid schadet dem andern nicht,
sondern ist nur bemüht, sich nicht vorkommen zu lassen. Wir sind alle faul von
Natur und brauchen Leidenschaftenvorspann, um weiter zu kommen!
    König! Wo kommt's her? Von können? Kung, wie du weisst, heisst im Lettischen
Herr. Nicht, als ob meine Achtung für Könige eine Folge von der Meinung wäre,
die ich für die Person selbst habe. Meine Achtung ist so rein nicht, als ein
matematisches Problem; du kannst es nicht vergessen haben, dass ich von jeher
des Dafürhaltens gewesen, der monarchische Staat würde uns in mancherlei
Hinsicht zum Reiche Gottes führen. Wilde Bäume haben Stacheln, Ungezähmte Tiere
fallen den Menschen, ihren Herrn an. Und lehrt's nicht die tägliche Erfahrung,
dass sich ein freier Staat sehr bald in kleine, fingerlange Königreiche
zergliedert? Hier und dort und da fängt sich ein Mensch zu verbreiten an! Da
geht's ihm denn freilich wie dem menschlichen Körper, der, wenn er in gewisse
Jahre kommt, an Grösse, in der Breite, mit dem Verlust der Kräfte und
Wirksamkeit, zunimmt. Das Ganze leidet bei solchen Kleinkönigen; die Beilage
hiezu ist Curland und Semgallen. Man lobsingt dem Alten, weil man im Wahn steht:
die Natur brauche sich ab, werde alt! - Nicht also; noch heute kann Eden werden,
im Gedicht und im Original.
    Ich nehme dem Könige Friedrich seine Schatzkammer nicht übel. Wo eine
Qualität ist, da lass ich auch eine Quantität gelten. Das Geld ist beim
Privatmann ein schönes Piedestal, und ein König, der so wie er denkt, muss
entweder alle Augenblicke Schätzungen ausschreiben, oder es machen, wie
Friedrich - was ist besser?
    Die Farbe des Verdienstes ist die Farbe der Schamröte, so, dass auch alle
rote Farbe von ihr ein fast allgemeines Ansehen erhalten hat. Sie ist von ihr
ins Geschrei gebracht. Purpur ist die Schamröte auf einer braunen Wange! -
Unser guter Hermann reisst beim letzten Vers des Liedes alle Züge seines
Positives auf, und die gewöhnlichen Redner und Schreiber suchen mit einem
epigrammatischen Gedanken zu schliessen. Mich schmerzt so was. Stich ist Stich. -
Dein Brief schliesst B.R.W. mit dem alten Vale! Vale!
    Ueber das Spiel hättest du mehr schreiben sollen. Es scheint mir
wechselseitige Abmachung, interessirt sein zu können. Eigennutz und alles und
jedes, wo das Wort eigen vorkommt, ist aus dem Stammhause Eigenliebe. Wer kann
indessen in einer guten Gesellschaft einen Menschen ausstehen, der ohne End und
Ziel von sich selbst spricht; es wäre denn, dass er sein überstandenes Unglück
erzählt. Eben so ist ein Eigennütziger ein Gräuel im Umgange. Das Spiel scheint
erfunden zu sehn, den menschlichen Neigungen, die man durch Lebensart zu
unterdrücken verbunden ist, zu Hülfe zu kommen. Wir würden es sehr übel nehmen,
wenn der andere uns geflissentlich gewinnen liesse. Der Gewinner muss indessen
eben so viel Glück als Spielverstand zeigen, wenn wir ihm das Recht zu gewinnen
zuerkennen sollen; obgleich es auch gewiss ist, dass Spieler diesen gern, jenen
höchst ungern gewinnen lassen, es besitze jener gleich Glück und Verstand in der
besten Proportion. Du verstehst mich von ferne. Unter dem Worte Spieler versteh'
ich keinen, der auf's Spiel ausgeht, oder vielmehr ausläuft. Keinen Virtuoso,
sondern einen Dilettante, um es dir deutlicher (das heisst oft uneigentlicher) zu
geben. Bei Leuten, die keine Bewegung haben, ersetzt das Spiel diesen Mangel. Es
ist Seelenbewegung, die nötiger ist als die körperliche, es ist eine
Abwechselung aller Leidenschaften, aller Jahreszeiten hätt' ich bald gesagt; und
zur Gesundheit gehört diese Abwechselung.
    Der König spielt nicht; kein König sollte spielen. Spiel ist Zeitvertreib,
und wer kann des Morgens Karten mischen, ohne das Unschickliche zu fühlen? Ich
kenne noch keinen Violonisten, der nicht selbst einem treuen Kenner oder
Liebhaber lästig geworden, wenn er vor Mittage gespielt!
    König Friedrich hat gern Leute, die Glück haben. Wo Verstand ist, muss auch
Wille sein. Ein Entwurf will Ausführung, ein Anfang Vollendung. - - - Man glaubt
selbst glücklich zu werden, wenn man Glücklichen so nahe ist, und wer
beschäftigt sich nicht am liebsten mit Dingen, wo Glück dabei ist. Darum spielt
man Karten, darum setzt man in die Lotterie, darum geht man auf die Jagd, wenn
man kein König ist, darum führt man Krieg, wenn man König ist. - - Herr v. G.
sagt, alle Könige sind Spieler.
    Leb wohl, gib dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist. Fürchte
Gott, ehre den König. Lebe wohl!
                      Aus einem andern väterlichen Briefe:
    Deine Mutter schreibt dir viel, und unfehlbar auch von mir. Ich bin nicht
mehr, der ich war. Wenn man einmal in gewissen Jahren ist, so hat man sich so
ausprobirt, dass man lange vor Krankheit sicher ist. Da weiss man den verstimmten
Clavis überzuspringen, da hält man eine Rede ohne R, wenn man das r nicht
aussprechen kann. So gings mir; aber die Jahre traten ein, von denen es heisst:
sie gefallen uns nicht. Das erstemal, dass ich klage. Stöhnen erleichtert den
Schmerz, so wie der Aufschrei von Schrecken. Was hilft es, dass du früh
aufstehst, und lange sitzest, und dein Brod issest mit Sorgen? Seinen Freunden
gibt er's im Schlafe, im Tode. - Wer nach einer frohen Stunde den Tod schön
finden kann, das ist ein Mann. Leben und Tod liegt im Gemenge. Was tun wir im
Tode? Wir legen bloss das Kleid ab, das jedem zu enge ist. Wir glauben vom Tode,
so wie die Jünger von ihrem Herrn und Meister, er sei ein Gespenst.
    Ueber vierzig Jahre, wer wird von denen sein, die jetzt sind? - Diesen
Augenblick kann man deine Seel' abfordern, und was wird es sein, das du an Zeit
gesammelt hast? - Ich habe mich lange umgesehen, um von hinnen zu ziehen ins
Vaterland! anexoy kai apexoy. »Lebe wohl!«
    Das letzte Lebewohl! Der Herr setze ihn über viel, diesen lieben Getreuen
über wenig. - Er ist eingegangen zu seines Herrn Freude! Amen! Amen!
    Ich kann nicht mehr, als Amen schreiben, obgleich es schon so lange her ist,
dass er mir dies letzte Lebewohl schrieb. - Um es autentisch meinen Lesern
mitzuteilen, schrieb ich es aus dem Original aus, das noch da vor mir liegt.
Ich weiss es, dass einige meiner Leser dem Herrn v. G. nachsagen werden, die
Königin ist weg, das Spiel ist verloren! Der Trefflichste in diesem ist
gefallen! - Meine Leser haben ihn gehört und ich! ich hab' ihn gesehen! - Noch
seh' ich diesen Mann. Jede Falte in seinem Antlitz zeigte, wie gut er war!
Wahrlich, die beste Probe eines guten Alten! - Ist's nicht wahr, dass die Falten
sich nach den Lieblingsmienen formen? Ist's nicht wahr, dass sie da reifen, wo
jene blüheten? O könnt' ich ihn darstellen!
    Ruhe sanft, seltener Mann! Dein Segen war die Wolken- und Feuersäule, die
mich geleitete auf meinen Wegen. Deinen Tod feiern heisst: Deinem Beispiel
folgen.
    Er ging mit der Sonn' unter! Es blieb unentschieden, wer schöner
untergegangen! - In Abendrot gekleidet war die Wolke, die ihn zum Himmel nahm,
schrieb meine Mutter.
    Er starb den 24. Junius des Abends um 9 Uhr, in seiner Lieblingsstunde.
Jeder hat seine Zahl, die ihm am Herzen liegt, versichert meine Mutter. So war
dem hochwohlgebornen Todtengräber sieben ins Herz geritzt, die Zahl der Ruhe,
die Sabbatszahl, die Zahl der Vollendung. Meines Vaters Liebling war die Zahl
neun! Sie ist neun, pflegt er zu sagen und bleibt neun. Zweimal neun ist
achtzehn, acht und eins ist neun; dreimal neun ist siebenundzwanzig, sieben und
zwei ist neun; viermal neun ist sechsunddreissig; sechs und drei ist neun. Es ist
die Zahl der Beständigkeit! Es kann sein, dass die im ewigen Frühlinge sich
befindenden neun Jungfern den ersten Probirer auf diese Berechnung gebracht,
oder die Berechnung auf die neun Musen. Wer kennt nicht, wie mein Vater, die
liebe, treue neunte Zahl? - Meine Mutter schreibt, diese selbstbeständige Zahl
blieb ihm auch treu bis in den Tod. Er starb um neun Uhr Abends, ward
neunundfünfzig Jahr alt, neun Monate und neun Tage!
    Doch der Tod meines Vaters gehört zum vierten Bande, der seinen Lebenslauf
entalten soll, den ich bergab zu erzählen versprochen habe.
    So viel noch vorläufig! Er starb, wie er lebte, sprach bis in den letzten
Augenblick seines Lebens, wie Sokrates, sein Freund!
    Meine Mutter, beschloss ihren Brief! Curland war sein Zoar, wo dieser fromme
Lot Gnade fand vor Gottes Augen. Sein Vaterland hab' ich auch in seinem letzten
Augenblick nicht erfahren, so herzlich gern ich es auch, die frühen Spargel und
die Pfeife in der freien Luft, und die langen Manschetten an seinen Ort
gestellt, - in dieser Welt gewusst hätte. Er, hat überwunden so manchen Hohn, der
ärger ist als andere Leiden dieser Zeit, bei welchen wir in die Hände Gottes
fallen! - Je mehr Pfand, je mehr Wucher! Seine Melchisedechspredigt, wo Salz und
Schmalz war, und so manche andere gewaltige Predigten, zeigen, dass er nicht von
sich selbst geredet, und so sang er auch nicht von sich selbst, da er bei der
zweiten Strophe im zweiten Discant einfiel:
Lässt sie nicht lange weinen
In diesem Jammertal! -
    Er wird nicht in dem hin himmlischen: Heilig, heilig, heilig! einen falschen
Ton angeben oder den Takt verlieren, dafür steh' ich! - Er wird mir aber danken,
dass ich ihm Sang und Klang empfahl, um dort bei der Probe zu bestehen. Das
Wissen bläset auf, aber die Liebe bessert!
    Auch sie singt schon im höhern Chor ein himmlisches Halleluja! ein Heilig,
Heilig, Heilig! desgleichen kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz kommen,
und Gott bereitet hat denen, die ihn lieben! - Hier war sie ein Lied, dort ist
sie ein Psalm Davids; hier ein Sonnabend, dort ein Sonntag, ein Sabbat; hier
ward sie gesät in Schwachheit, dort geht sie auf in Kraft! Wohl dem, der so
stirbt, wie sie! Sie wartete auf ihren Tod, wie Simeon auf den Trost Israels.
Sie starb wie Simeon: »Herr! nun lässest du deine Magd in Frieden fahren!«
Mein Leib und Seel' befehl' ich dir,
O Herr, ein selig End' gib mir!
    Das war nach Minens Tod ihr immerwährender Seufzer! Ach! wann werd' ich
dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue! Ich habe Lust abzuscheiden! Sie
war getreu bis in den Tod, und wahrlich, wahrlich! sie hat das Ende des
Glaubens, der Seelen Seligkeit, die Kröne des Lebens davongetragen. - Solch ein
Weib stirbt nicht alle Tage! Wenn der hochgräfliche Todtengräber sie hätt'
observiren können, was hätte er darum gegeben! Elias sprach zu Elisa: Bitte, was
ich dir tun soll, ehe ich von dir genommen werde. Elisa sprach: Dass dein Geist
bei mir sei zweifältig. - Sollt' ich mich trügen, wenn ich behauptete, dass viele
diesen Wunsch hinauf getan? - Nun so mögen die Prophetenkinder allen diesen
guten sanften Biederseelen das Zeugnis geben, das sie Elisen gaben? Der Geist
Eliä ruhet auf Elisa, ruhet auf diesen Wünschenden! Er ruhe wohl!
    Meine Leser werden sich mit leichter Mühe erinnern, dass mein Vater in seiner
Bibel beim Hauptmann zu Capernaum und bei drei Obersten Zeichen eingelegt, nicht
minder überall wo das Schwert schlägt, das Fähnlein weht, Trompeten schallen,
und wo Sold ausgeteilt wird. Eben so erinnerlich wird ihnen die Epistel am
einundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis sein, die in der väterlichen Bibel
erschrecklich begriffen war, und die ich meinen Lesern im ersten Teile, so wie
sie im luterischen Altdeutschen lautet, wörtlich vorgelesen. Sollte hie und da
einem Capitellosen dies in Vergessen geraten sein, so sei es mir erlaubt, ihn
an meine Mutter zu erinnern, die, wenn sie meinen Vater, mit dieser Epistel
angetan, zur Kanzel steigen sah, zu sagen die Gewohnheit hatte: Heute geht er
gestiefelt und gespornt, wie ein geistlicher Ritter, auf die Kanzel. Indessen
war auch sie, das gute Weib, von einer Prädilection wegen gewisser Spruchstellen
nicht frei. Jeder Mensch hat nicht bloss seine Lieblingszahl, sondern auch seinen
Spruch. Der Liebling meiner Mutter war: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's
genommen.« Wenn der Kelch noch nicht da war, mochte sie vielleicht gewünscht
haben, er gehe vorüber; allein wahrlich, sie hat auch herzlich hinzugefügt:
Nicht wie ich will, sondern wie du willt! Meine Mutter fand im diesseitigen
Leben zwar Dornen und Disteln, allein auch Veilchen, Himmelschlüsselchen und
Krausemünze. Sie hatte mit Schmerzen ein Kind geboren; allein dafür hatte sie
auch einen Sohn. Dieser hiess zwar Alexander; allein er studirte Teologie. Ihr
Ehemann sagte zwar nicht, wo sein Vaterland wäre; indessen war er doch rein und
lauter in Lehr' und Leben. Zwar konnte sie eine Zeitlang keinen Menschen aufs
Kanapee nötigen, der Name Melchisedech ward nicht anders als bei gedeckten
Türen ausgesprochen, und selbst alsdann noch nur ins Ohr; indessen schlug mein
Vater doch durch eine einzige Predigt so viele Blutgierige und Falsche, und
befreite das Kanapee, das, wie ein verfluchtes Schloss, wüste war, vom Fluch. -
Ein Weib, wie meine Mutter, war mit allen Wegen Gottes kindlich zufrieden. -
Wenn sie unter den Israeliten gewesen, so hätte sie nach keinen Wachteln
verlangt, obgleich sie ein Priesterweib und aus dem Stamme Levi war. Mit Manna
hätte sie sich begnügt, so dass ihr nie ein Fleischtopf eingefallen wäre. Sie war
nicht wachtellüstern. Viel für eine Pastorin! Da ich in meinem vierzehnten Jahr
ohne Hoffnung krank darnieder lag, und mein Vater Licht! Licht! Licht! rief,
sang sie mit einer Seelenfassung:
Gott eilet mit den Seinen,
dass sie sogar meinen ungestimmten, unmusikalischen Vater dahin sang, dass er
selbst bei der zweiten Strophe im zweiten Discant einfiel, wie oben und unten
erwähnt worden!
    Da mein Vater nach dem Brande versicherte, dass, da Cleopatra die eine Perle
auftrank, sie nicht mehr verzehrt hätte, als er, und dass kein Lucius Plancius
die andere Perle gerettet, war meine Mutter so Gott ergeben, dass sie mitten in
der Predigt sang, mitten im Gewitter sanft regnen liess, und nur eins lag ihr auf
dem Herzen, dass ich nicht gepredigt hätte, ehe ich stürbe!! - Wie sehr ich meine
Mutter geliebt, ist am Tage; und wenn selbst mein Tod sie nicht aus dem
Lebensconcept bringen konnte, ich wüsste nicht, was sonst sie zu unterbrechen im
Stande gewesen - Nichts, nichts konnte sie scheiden von ihrer Fassung, nicht
Trübsal, nicht Angst, nicht Tod, nicht Leben! Wahrlich, sie kam nie aus der
Melodie, sie hielt Takt, und konnte selbst ihre Hausgenossen, ihre Corinter,
wie sie sie in ihrem Condolenzschreiben nannte, in Takt und Melodie setzen. -
Minens Tod indessen brachte sie so sehr vom Leben ab, dass sie gern sterben
wollte.
    »O des schönen Baums im Garten Gottes!« schreibt sie noch in ihrem
vorletzten Briefe. »Nach ihrem Ableben fühle ich keinen Schlag mehr der
herrlichen Natur, wovon sonst meine Seele genas! Sie electrisirt mich nicht
weiter. Sie ist mir nicht greiflich. Sie sitzt mir nicht mehr, dass ich sie malen
kann! Keine Tulpe öffnet mir ihren keuschen Busen, den sie zuschnürt, wenn der
Abend sich Freiheiten herausnehmen will. Die Rose lockt mich nicht wonniglich in
die Abendkühle. Wenn ich sonst in den Wind sah, war mir, als hätte ich mich mit
kaltem Wasser erfrischt, jetzt wird mir warm um's Herz, wenn ich ihn sehe! Er
macht mir Hitze. Da sehe ich die Saat, die sich krümmet, wie das Alter, und sage
nicht: Sei gesegnet im Namen des Herrn! Und dem Baume wünsche ich nicht Glück
zur Erziehung seiner neugebornen Frühlings-Sprösslinge, die ich sonst so gern mit
einer Handvoll Wasser zu taufen pflegte! - Ich verstehe die Linde nicht mehr,
wenn sie in der Gegend den Priester vorstellet, wenn sie sich ehrfurchtsvoll
neiget, das kleine Gesträuch segnet und für selbiges betet. Es rührt mich nicht
mehr, wenn dieses kleine Gesträuch so rings um die brüderliche Linde steht, und
mit deinem Geiste lispelt, oder wenn es vielmehr, nach russischer Art, mit einem
Gospobi pumilu sich bückt.
    Wie schwer atme ich den Balsam des schönen Morgens ein! Ist es mir doch
nicht anders, als wenn ich Arzenei einnähme! Wie pflegte mich die Natur lieb zu
haben! Wie fest an sich zu drücken! - Lieb hatte ich sie wieder! ich weinte oft
vor Freuden in ihren mütterlichen Armen! O ich habe eine liebe, gute Mutter
verloren! - Wenn ich jetzt etwas sehe, ist es alles ungeraten, eitel! Da ärgert
mich der Baum, der gerade wachsen könnte, und aus Eitelkeit schief wird, um sich
in dem kleinen Gewässer zu bespiegeln, das in einiger Entfernung blinket - und
dort verdriesst mich das elende Kraut, das sich auf der stolz herausgewachsenen
Wurzel der Eiche niederlässt und diesen edlen Baum chikanirt, wie oft der Pöbel
grosse Männer.
    Zwar liebe ich mich abzusondern; allein ich kann nicht ganz allein sein; das
heisst im Finstern. Licht ist Gesellschaft, pflegte unser Seliger zu sagen, und
ich brenne selbst Licht in der Nacht, als ob ich es besser wüsste, wie der liebe
Gott, der gewiss mehr Licht am ersten Tage hätte schaffen können, wenn es gut
gewesen wäre. Bei weitem bin ich nicht, was ich war. Eine Scheelsüchtige bin
ich!
    Das Kind muss einen Namen haben! Warum Winkelzüge? Freude an der Natur ist
das Probatum est eines guten Gewissens. Eine feurige Kohlensammlerin, eine
Aufhetzerin ist die Natur dem, der es mit dem Gewissen verdorben hat. Den Zorn
kann man besprechen; allein den Schmerz nicht.
    Das tränenschwere Veilchen gefällt meinem Auge am meisten, weil sich gleich
und gleich gern gesellen, und wenn uns beiden der Tropfen entblinkt, sehen wir
gen Himmel, der am besten weiss, was uns nützet. Da zitterte gestern ein Tropfen
auf einem Vergissmeinnicht, und der in meinem Auge bebte eben so lange, bis mein
Auge zugleich mit diesem blauen Blümchen entbunden war, und beide Tropfen
zusammenflossen zu den Füssen des schönen Vergissmeinnicht. Mine, Mine, Mine! Ich
vergesse dich nicht, ich vergesse dich nicht!
    Welke, gelbe Blätter, das ist meine Wonne, wenn sie abfallen, ich lese und
höre Gottes Wort; allein ich lege keine Sylbe bei! Und je mehr ich mich fassen
will, je ärger ist es. So geht's mit den Leidenschaften, sagte dein Vater, je
mehr man drückt, je elastischer sind sie! - Ich, die ich keine Fliege auf dem
Rücken liegen sehen konnte, wenn sie an's Fenster prallte und sich den Kopf
stiess; ich, die ich ihr aufhalf, obschon sie mich oft aus der Melodie sumsete,
habe unschuldig Blut verraten. O Mine! Ist es Wunder, dass mir der Blütenschnee
wie ein Leichentuch vorkommt? O, wann wird es von mir heissen: Ich liege und
schlafe ohne Kummer! Wie lange soll ich noch fragen: Hüter, ist die Nacht schier
hin? Wann ruft Gott der Herr in mein Chaos: Es werde Licht, und es wird Licht?
Wann singe ich im höhern Chor: Der Tag vertreibt die finstere Nacht?«
    Das war die anhaltende traurige Lage meiner Mutter um Minens willen! -
Geschieht das am grünen Holz - Die gute Bussfertige! In ihrem Trostschreiben, das
ich in seiner Länge und Breite mitgeteilt, so wie sie es in verschiedenen
Absätzen, die sonst ihre Weise nicht waren, an mich erlassen, war nichts in der
ersten Hitze geschrieben. Sie blieb so, bis in ihren Tod! - »Wer lebt so, wie er
glaubt?« pflegte sie zu fragen, und darauf: »Das taten nur die Apostel,« zu
antworten. Wahrlich! sie lebte, wie sie glaubte. Sie tat, was sie sagte. Sie
redete lebendig, sie handelte, wenn sie sprach. Jetzt war sie nicht mehr die
Sanftfliessende! - Alle Augenblick schlug sie Wellen. Sie lag nicht still auf
einer Seite. Sie riss das Deckbette.
                            Etwas über das Gewissen.
    Man sei noch so fromm, noch so gut, wer hat nicht ein Wort, dem er nicht
auswiche, wie meine Mutter, wiewohl meines Vaters halber: Melchisedech. - Wer
hat nicht eine Handlung, an die er ungern denkt, und wer kann auch bei der
sorgfältigsten Bemühung, ein unbeflecktes Gewissen zu behalten, beides vor Gott
und den Menschen, vor allem Schaden stehen? Zwei Dinge sind uns not, Gewissen
und Ruf. Dieser des Nächsten, jenes unsertwegen. Das Gewissen aber verdient,
nach der Meinung eines Weisen des Altertums, mehr Rücksicht als der Ruf. Dieser
kann trügen; jenes nie. Beim Ruf fällst du in der Menschen Hände; beim Gewissen
in die Hand Gottes. Ich halte dafür, dass es zweierlei Gewissensarten gebe, ohne
dem neuen gewissen Geist, den wir als eine Frucht eines guten Gewissens von Gott
erwarten können, ohne dem göttlichen Diplom des Gewissens zu nahe zu treten, und
auch ohne auf der andern Seite die Distinctionen von Vor- und Nachgewissen
u.s.w. ungültig zu machen. Es ist ein Lebens- und Sterbens-Gewissen. Auch der
redlichste Richter findet, ehe er von seinem Obern untersucht werden soll, noch
Mängel, ohne auf ABC-Schnitzer, die nur ein Revisionsknäbchen rügen kann,
Rücksicht zu nehmen. Auf die Frage, was ist die Freiheit? antwortete jener
Weise: Ein gut Gewissen. Wer ist aber, der sich nicht zuweilen, wie ich mit
meinen Soldatengedanken meiner Mutter halben, unter die Bäume im Garten
versteckt und von Feigenblättern sich Schürzen macht? Auch Julius Drusus, der in
einem durchlöcherten Hause wohnte, und welcher das Anerbieten eines Künstlers,
für fünf Talente diesen Flickbau zu übernehmen, mit den Worten ablehnte: dass er
zehn geben wolle, um sein ganzes Haus aller Augen darzustellen; auch er wird
doch bei allen guten Zeugnissen seines Lebensgewissens ein dunkles Kämmerchen
gehabt haben, wo ihm ein hereingeschlagener Funke ein ungebetener Gast gewesen
wäre!
    Am Sonnabend überdenkt jeder gute Haushalter die Woche; am letzten Tage im
Jahr das Jahr; im Sterben das Leben! Es ist gleichviel, ob ich es hier oder wo
anders erzähle. Ich habe einen Deserteur - in - - erschiessen sehen, der, seiner
angebornen Freiheit halber, sich nicht überzeugen konnte, von Rechtswegen ein
Mann des Todes zu sein. Selbst die spitzfindigsten Rechtslehrer entschuldigen
hiermit die Flucht aus dem Gefängnisse, und in einem gelehrten teologischen
Werklein, das ich gelesen, wird von einem Casuisten behauptet, dass ein
Missetäter, der auf den Tod sässe, mit gutem Gewissen, wenn er dazu Gelegenheit
hätte, entfliehen könnte. Es liegt wirklich etwas Menschliches drin, dass die
Flucht aus dem Gefängnisse die Strafe nicht vergrössert , die auf den Missetäter
wartete, wenn er nicht geflohen wäre. Mit der Desertion ist's so eine Sache. Es
kömmt alles auf den Contract an, den der Soldat eingeht. Unserm waren von den
Capitulationspunkten nicht ein einziger gehalten, und doch sollt' er des Todes
sterben. Bitter und gesetzt, wie ein Märtyrer, ging er zum Richtplatz. Die
Märtyrer haben alle den Todesgang, als wäre nichts, Welt auf, Welt ab, ihrer
wert. - Die Geistlichen hatten sich müde und matt bemüht, unserm Verurtelten zu
beweisen, dass er alle zehn Gebote, und des Dr. Luters Auslegung obenein, bis
auf jedes Komma und Punkt übertreten hätte; allein er blieb dabei, er sterbe
unschuldig. Nun sagte einer der vornehmsten unter den ehrwürdigen Herren, so
wäre seine Behauptung, unschuldig zu sein, eine Todsünde; denn, setzte er hinzu,
wenn wir alles und jedes getan haben, was wir zu tun schuldig sind, bleiben
wir doch unnütze Knechte und des Galgens wert. Da der Deserteur aber diesem
Manne, der die Sache beim rechten Ende angegriffen zu haben glaubte, seinen
Platz anbot, hiess es, dass sie so nicht gewettet hätten. - Kurz, weder Kaiphas
noch Pilatus, weder das geistliche noch das weltliche Gericht konnten ihn von
seiner Märtyrer-Denkungsart abbringen. Der Tag des Todes erschien, und auch der
ging ihm auf wie alle andern, ausser dass er, der Lust wegen, die er, wie er
sagte, lange nicht genossen, ein Glas Wein frühstückte. Es ward zum Todesgang
getrommelt. Fürchterlich! - Er ging ihn, da er sich bloss wegen der Lust
präcaviren zu dürfen glaubte, getrost. Unterwegs fiel ihm ein Bettler ins Auge!
Halt! schrie er - ich habe gesündigt! Gott erbarme sich mein, nach seiner grossen
Barmherzigkeit! Sagt' ich nicht, fing der Geistliche an, der ihm das Geleite
gab, kommt Zeit, kommt Rat. - Der Märtyrer kam so aus der Fassung, dass er kaum
weiter konnte. Der kommandirende Officier, der an der armen Seele des Deserteurs
wahren Teil nahm, bewilligte ihm Zeit und Raum zur Busse, und war eben im
Begriff, ihm den Soldateneid vorlesen zu lassen; der Geistliche, die zehn Gebote
mit ihm nochmals kürzlich durchzugehen, und, wo es die Zeit zuliesse, auch noch
die übrigen Hauptstücke des christlichen Glaubens: als es sich ergab, dass der
verstockte Sünder über sein Kapitalverbrechen noch eben so, wie zuvor, dachte.
Der Bettler hatt' ihn an eine Schuld erinnert, die er mitnahm! Zwar, fing er an
war ich in Not; allein musst' ich darum dem armen alten Kerl das Brod nehmen? Er
hatte vor fünf Jahren einem alten Bettler ein Brod genommen; (um meine Leser
nicht aufzuhalten) der Bettler, dem unser Läufer begegnete, mochte nun entweder
eine Aehnlichkeit haben mit dem, welchem er das Brod genommen, wie denn alle
Bettler sich gleich sind, oder es mochte das Gewissen, welches, wie man sagt,
auch seine fünf Sinne hat, bei dieser Gelegenheit auf die alten, schon
reponirten und bestaubten Acta gefallen sein; kurz, dieser kleine Vorfall
brachte ihm zum Bekenntnis, ein grosser armer Sünder zu sein, und das Leben
verwirkt zu haben. Nicht immer machen dem Menschen die schädlichsten,
gefährlichsten Dinge den grössten Schmerz. Wer ist am Zahnweh gestorben, und wer
kann diesen Schmerz, ohne zu murren, ertragen? Einer der Kameraden, den dieser
Vorfall rührte, bot dem grossen armen Sünder einen Teil von seinem Solde an, um
dass Gewissen zu stillen; er nannt' es aus gutem Herzen: dem Gewissen was zu
verbeissen geben; allein der Läufer verbat's: Gib es, wenn du, ohne selbst zu
betteln, es missen kannst, in deinem eigenen Namen. Ich will nicht prahlen! -
Das Gewissen eines Sterbenden ist nicht so leicht befriedigt - sagt' er nach
einiger Zeit. Der arme Kamerad gab es, und hatte, acht ganzer Tage Buss-und
Bettage, das heisst: er konnte in acht Tagen keinen Tropfen Bier trinken; es war
von seinem Solde. Der Prediger hatte kein Geld bei sich; der Stabsofficier hatte
Familie, und die Subalternen waren noch Billardpartien schuldig.
    Das Gebet des Bussfertigen war kurz, herzbrechend! Er hatte ein Weib und zwei
Kinder in den Staaten eines andern Herrn, und hatte im besoffenen, oder welches
gleich viel ist, im zu guten Mut, Handgeld genommen. Seine Capitulationsjahre
waren abgelaufen. Weib und Kind wollten seine Schwiegereltern nicht ziehen
lassen, und also - Solch einen Schuss, der diesem Armen das Herz bohrte, Gott lass
ihn mich nie mehr hören! - Seinem Weibe liess er noch durchs seinen Freund der
ihm den Becher kalten Wassers auf dem Richtplatz reichte, zur Pflicht machen
alten Bettlern, die so aussäen, wie der, der ihm begegnet und dem der Kamerad
seinen Sold, sein täglich Brod gebrochen, ein ganzes Brod zu geben; auch wollte
er, dass seine Kinder und Kindeskinder es täten immerdar. - - Das ist mein
letzter Wille, sagte er, und hiemit gab er seinem Kameraden die Hand, her den
Bettler, der Wittwe zur Regel, abzeichnete und ihn traf. - Leb wohl! Du warst
ein ehrlicher Junge, und so stirbst du auch. - Der Kamerad durfte, des grausamen
Herrn Fähnrichs wegen, nicht weinen, desto mehr hielt er aus. Es war ein
Ausländer! -
                               Die Nutzanwendung.
    Mine war das Alles meiner Mutter! was der Bettler dem Läufer. Sie war älter,
als der Läufer. Es fiel ihr also manches genommene Brod ein! - Der
Hauptdiebstahl war Mine. Not hin, Not her. - Das Sterbensgewissen ist nicht so
leicht zu befriedigen. Bis auf die Curländerin lag alles schwer auf ihr. Eine
verstimmte Pfeife, schreibt sie, verdirbt die ganze Orgel. Bei mir ist mehr als
eine in Unordnung. Was bei manchem Rat ist, ist bei mir Unrat.
    Meine Mutter ging in Gedanken in ein Cartäuserkloster und sah es ein, dass
der Mensch, auch bei den besten Gesinnungen, unmöglich mir nichts dir nichts
sterben könne. Wer kann wissen, wie oft er fehle?
    Der Stamm Levi vermehrte bei dieser Selbstprüfung ihre Seelenleiden. Es war
die Kohle auf ihrem Haupte, welche die andern noch mehr aufglühte. Wer viel
empfing, von dem wird viel gefordert. So viel Mund, so viel Pfund! sagte sie. -
Zwar empfand sie leibhaftig, dass sie ihrem Nächsten nicht Wasser und Luft
verkauft, dass sie kein verirrtes Schaf in ihren Stall getrieben und dem Nabot
keine Spanne Acker abgegrenzt, dass sie keine Taubenkrämerin, keine Käuferin im
Tempel gewesen. Geben war ihr seliger als nehmen; indessen heulte doch die ganze
Orgel.
    Jacobs Ausruf: »Er lebt, ich will hin, ihn zu sehen,« hatte ein grosses
Zeichen, und so auch alle Stellen, wo Tod und Todtengebeine vorkamen. Die
Lebenszeichen wurden zwar nicht verworfen, dazu war sie zu sanft; allein sie
wurden so in die Bibel gesteckt, dass ihr Haupt nicht zu sehen war. Er hatte sich
geneigt.
    Mein Vater sagte, es sind alte verdiente Officiere, die man zu Commandanten
macht. Ein dergleichen Commandantenpöstchen hatte auch ihr ehemaliger Liebling:
»Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen.« Der Inhalt der liebsten, ja
einzigen Gespräche waren die vier letzten Dinge: Tod, Auferstehung der Todten,
jüngstes Gericht, Ende der Welt. Alle, die sie sonst gekannt hatten, fanden
jetzt bei ihr eine so grosse Veränderung, als zwischen Tod und Leben, zwischen
Wachen und Schlafen, und sie verbarg sie auch nicht, wie ehemals den Namen
Melchisedech. Tür' und Tor standen offen bei ihr. Jeder sah den Unterschied,
wie Tag und Nacht. Ich weiss nicht, wie es zugegangen; allein alle Augenblicke
hatte sie einen schweren Namen im Munde. Mein Vater wollt' ihr aushelfen; allein
sie verbat's. Der Tod ist weit schwerer, als diese kauderwelschen Namen, sagte
sie, und mein Vater schwieg bedenklich.
    Tertullianus und Teophylactus in Ehren, fing sie an, welche die Paradoxie
gehabt, dass die Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus eine blosse
Parabel sei: die guten Herren haben gewiss keine Mine in ihrem Dorfe gehabt, und
keinen Sohn, der Minen liebte und keinen Gewissensscrupel Minens Todes halber,
sonst wären sie gewiss so ortodox gewesen, die Erzählung vom reichen Mann und
dem armen Lazarus für das zu halten, was sie ist, für reine, gediegene Wahrheit.
Hat denn Adrichomius sich nicht anheischig gemacht, des reichen Mannes Haus in
Jerusalem zu zeigen jedem, wer es sehen will? Ich tue drum keinen Schritt,
fügte meine Mutter hinzu, und eben so wenig mag ich das Husten Christi sehen,
das man irgendwo vorzeigt.
    Das heilige Grab aber, das Grab Christi, o! wie gern hätte dies meine Mutter
gesehen! Sie nannt' es ein geistliches Bad, einen geistlichen Gesundbrunnen, und
wunderte sich nicht, dass so viele Seelenkranke, so viele Pilgrime dahin
wallfahrteten! Mein Vater, der hiebei indessen seinen ritterlichen Gesinnungen
ihren Lauf liess, hatte so wenig wider diese Reise etwas einzuwenden, dass meine
Mutter wegen seiner Reisefertigkeit zuweilen fast auf den Gedanken gefallen
wäre, ob nicht im heiligen Lande sein Vaterland sei, wenn die langen Manschetten
ihr nicht im Wege gestanden. Vater und Mutter reisten also die Woche ein- bis
zweimal ans heilige Grab, und legten sich, so oft sie sich auf diesen Weg
machten, so pilgermüde, so gottselig nieder, dass ich wetten wollte, kein frommer
Grabeswanderer hat eine bessere Nacht gehabt, als sie. Des Morgens waren sie
zwar immer in -, ohne dass sie einen Türken gesehen; was tut aber der Türke zur
Sache?
    Wie ich mich verirre, ohne dass ich diese Reise nach dem gelobten Lande
mitmache! Da bin ich wieder bei den vier letzten Dingen!
    Wer meiner Mutter einen Liebesdienst erweisen wollte, musste von diesen vier
letzten Dingen mit ihr sprechen. Wenn es auf sie angekommen wäre, hätte sie noch
gern wenigstens ein letztes Ding darüber gewünscht, um noch mehr darüber reden
zu können, wenn nicht die Fünf, eine herzbrechende Zahl, darauf gefolgt. Mein
Vater sagte ihr, von den vier Teilen Europens, von den vier Weltgegenden, von
den vier Jahreszeiten, von den vier Altern des Menschen, von den vier
Temperamenten und vier Elementen, lässt sich leichter reden, als von den vier
letzten Dingen; allein meine Mutter liess sich nicht abwendig machen. Die vierte
Zahl war ihr Liebling geworden. Es hat zwar, sagte sie, kein Auge gesehen, kein
Ohr gehört, und ist in keines Menschen Herz kommen, was Gott bereitet hat denen,
die ihn lieben; wenn es aber gleich schwer ist, von einer Sache zu sprechen, die
kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, und die in keines Menschen Herz kommen: so
haben wir doch Mosen und die Propheten, und im neuen Testamente bis Geschichte
vom reichen Mann und armen Lazarus, wo man, des Tertullianus und des
Teophylactus unerachtet, mehr von den hauptletzten Dingen hört, als uns
Vernunft und alle fünf Sinne zu lehren im Stande sind. Die Meinung der
Psychopannychiten, als ob die Seelen noch in der Welt herum wanken, und andere
dergleichen Meinungen, wie abgeschnitten! Luc. 16. stand der Text meiner Mutter,
der keinen Commandantenposten, sondern ein hervorstehendes Zeichen hatte; und
sollt' er nicht? - Eine Cocarde am Hute, sagte ein Einfallist, ein neumodischer
Candidat, den meine Mutter auf diese Zeichen aufmerksam machen wollte; allein
dieses Bürschchen ward gerupft, obgleich er noch mit seiner teologischen
Schärpe und Ringkragen, so wie er eben gepredigt oder auf der Wache gewesen war,
da stand. Unmöglich hätt' er übler wegkommen können, wenn er einer der fünf
Gemüts- oder Geblüts-Brüder des reichen Mannes gewesen wäre!
    Der Tod ist Prosa, sagte meine Mutter, der Himmel Poesie. Darf ich weiter in
dem Text? - Kürzen heisst nicht veruntreuen. Ich will mit Fleiss bei der Extrapost
bleiben, damit niemand meiner Mutter den Vorwurf mache: sie hätte ins Gelag
hinein geredet. Meine Leser kennen sie noch nicht in der Todeslaune, die auch
prosaisch war, wie der Tod. Ueber Luc. 16.
    Es kommt, fing sie zu ihren Korintern an, alles von Gott, Glück und
Unglück, Leben und Tod, wie Sirach im eilften Capitel und dessen vierzehnten
Vers schreibt. Abraham war ein reicher Mann. Er würde gewiss mit keinem Curischen
von Adel getauscht haben, und der König Salomo, dem der Reichtum im Postscript
zufiel, wie reich war er nicht! Was ist vom ehrbaren Ratsherrn Joseph von
Arimatia zu sagen, der, so reich er war, doch auf das Reich Gottes wartete, und
der vornehmste Todtengräber gewesen, der je gelebt hat! Wie leicht fällt aber
beim Reichen die Frage vor: wer ist der Herr? Wer lässt sich durch Gottes Güte
zur Busse leiten? Wer sagt nicht zu seinem Palast wie Nebucadnezar: dies ist die
grosse Babel, die ich erbauet habe zum königlichen Hause, zu Ehren meiner
Herrlichkeit; und bei Gelegenheit seiner vollen Scheuern: du hast nun einen
guten Vorrat auf viele Jahre, liebe Seele, habe nun Ruhe, iss, trink und habe
guten Mut. - Wie leicht kleidet man sich in Purpur und köstliche Leinwand. -
Des dreigliedrigen Candidaten - Manschetten könnten, unter uns, kleiner und
feiner sein.
    Was wird sein, du Prasser, du Vielfrass, du Saufaus, was wird sein, dass du
alle Tage herrlich und in Freuden gelebt hast? O ihr, die ihr euch weit vom
letzten Tage achtet, die ihr auf elfenbeinernen Lagern schlaft und Überfluss
treibt mit euren Betten, die ihr die Lämmer aus der Heerde esst und die
gemästeten Kälber, die ihr Wein aus den - Schalen trinkt und salbt euch mit
Balsam und bekümmert euch nichts um den Schaden Josephs, was ists, was ihr
gelebt habt? Wir wollen uns mit dem besten Wein und Salben füllen; lasset uns
die Maienblumen nicht versäumen! Weisheit im zweiten Kapitel, der sechste und
siebente Vers: euer Morgensegen, euer: das Walt, ist: wohl her! Lasset uns wohl
leben, weil es da ist, und unseres Leibes brauchen, weil er jung ist! Euer
Benedicite! Euer: Aller Augen: Kommt her, lasst uns Wein holen und voll saufen,
und soll morgen sein wie heute, und noch viel mehr. Wehe! wehe! es wird nicht
lange so sein! Der Reiche starb und ward begraben, und als er nun in der Hölle
und in der Qual war, hob er seine Augen auf und sah Abraham von ferne und
Lazarum in seinem Schoss - die Engel waren seine Seelenträger! Seiner Seele war
es nicht anzusehen, dass der Leib voll Schwären und dass die Hunde seine Wundärzte
gewesen. Gerades Weges, ohne allen Umweg, kam er an seinen Ort, so wie der
reiche Mann an den seinigen! Was der Tod nicht machen kann! Welche Kluft ist
zwischen beiden befestigt! Lange war der diesseitige Wall so gross nicht.
                  Die Sterbensgeschichte meiner Mutter selbst.
    Das Ableben meines Vaters war Oel für diese Lampe, die für die Ewigkeit
brannte. Auch der Tod des Herrn v. G. lieferte einen Oelbeitrag. Dieser starb
plötzlich in unserer Kirche, und kann ich, wenn es verlangt wird, noch Red' und
Antwort von seinem Hintritt erteilen! - Der hochgeborne Todtengräber hat so
viel Leichenbegängnis in diese Lebensläufe gebracht, dass ich fast vermute,
mancher Kunstrichter werde sich auch eine Spruchstelle merken, und ihr kein
Commandantenzeichen beilegen. Lasst die Todten die Todten begraben! - Kann sein;
hab' ich aber nicht Minens Tod zu feiern?
    Nach meines Vaters Tode lagen meiner Mutter ein grosser Teil Amtsgeschäfte
auf, womit sie den benachbarten Herrn Confrater nicht beschweren wollte, welcher
sich sonst der heiligen Notdurft der verwaisten Gemeinde annahm. Oeffentlichen
Amtsverrichtungen konnte sie sich freilich nicht unterziehen, weil die Weiber,
wie sie sich von selbst beschied, schweigen müssen in der Gemeinde; dagegen war
sie, wo ein Christ nur irgend ein geistlicher Priester sein kann, dieser
Priester mit Leib und Seele. Sie setzte den Unterricht mit den Katechumenen
fort, sie zeichnete die Beichtkinder an, ermahnte und tröstete sie, nachdem es
der Seelenzustand wollte. Die vier letzten Dinge wussten die Kinder wie das
Vaterunser. Vorzüglich besuchte meine Mutter die Kranken. Ehre den Arzt, sagte
sie, da mein Vater auf ihr beständiges: der Brief, gab, sondern wider die Aerzte
declamirte; in Wahrheit, sie ehrte die Aerzte; es sind Leibessorger, pflegte sie
zu sagen. Obgleich sie die Aerzte, und unter ihnen den Dr. Saft, ehrte, spendete
sie dennoch, wenn es die Gelegenheit gab, Hausmittel aus, denen sie indessen,
wider die Meinung meines Vaters, bei weitem nicht so viel als einem Saftschen
Recept zutraute. Sie war sehr für alles Geschriebene, und stand jedem Saftschen
Schwarz auf Weiss den Rang zu. Die Seelencur ging bei ihr über alles. Heiraten
rechnete sie in gewisser Hinsicht auch zu Seelenmitteln. In allen Seelencuren
war sie so glücklich, dass das ganze Kirchspiel zu ihr ein so unumschränktes
Zutrauen hatte, dass die Gemeinde (den Adel nehm' ich aus, der zum Teil sein
Gespötte mit ihr trieb) sie sehr gern in die Stelle ihres Mannes zum Predigtamt
berufen hätte, wenn nicht das Geschlecht ihr entgegen gewesen wäre. Selbst von
der Nottaufe hatte sie ihre besondern Meinungen, wobei die Herren Diaconi,
Pastores, Präpositi und Superintendenten gewiss nicht den Kürzern zogen.
    Was jene weise Frau zum Feldhauptmann Joab sagte, da er Abel bestürmte! »Vor
Zeiten sprach man: wer fragen will, der frage zu Abel, und so ging's wohl aus,«
das galt von meiner Mutter und ihrem Rate, den sie keinem entzog, der ihn
begehrte. Das Pastorat blieb wie gewöhnlich lange erledigt, und meine Mutter
hatte also Gelegenheit, ihre Gaben in mancherlei Art unter die Kirchspielsleute
zu bringen. Da zersprang ein Felsenherz, welches vieljährige Bosheit gehärtet
hatte; da taute der Frost wie vom Märzschein auf, wenn sie ermahnte, wenn sie
lehrte. Zwar hatte ein Benachbarter von Adel sich über sie gar lustig
ausgelassen, dass sie ihm wie ein flügellahmer Storch vorkäme, der den Winter
zurückgeblieben; allein dies war ihr kein Stein des Anstosses, kein Fels der
Ärgernis. Rache war nie ihre Sache, wie sie sagte. Man fand das kunstlose
Altertum, wenn man sie sah. Ihre sehr treuherzige Art zog ihr alle Herzen zu.
Sie war keine Blendlaterne, die von allen Seiten zugezogen ist, sondern eine
gläserne Lampe, die überall Licht zeigt, wo man sieht. - Eine Fackel war sie
nicht und wollt' es auch nicht sein. Ein Dorfmädchen, das eine Hauptdichterin
der Gegend war, sagte, dass ihre Worte die Herzen, wie die Morgensonne die
Blumen, öffneten, dass sie dastünden wie die Blumenkelche. - Seht, so hat die
Natur selbst ihre Kunst. Es ist ein sehr bekanntes Sprichwort: »Wie die Natur
spielt!«
    Einst träumte meine Mutter, dass Minchen sie auf ein himmlisches Vocalconcert
einladen liess, bei welchem mein Vater, der wahrlich diesseitig, auch selbst nach
dem Brande, nicht sehr musikalisch war und nur den zweiten Discant versucht
hatte, eine Hauptstimme übernehmen würde. Ehe sie antworten konnte, war das
Gesicht verschwunden. Diese Einladung blieb sehr lebhaft in ihrer Seele. Des
Tags auf diesen Traum ging meine Mutter, die Seelenbesorgerin, zu einer Kranken
(es war die Mutter des armen kleinen Jungen, der seinen Milchtopf zerbrochen
hatte und dem Minchen aus der Not half, indem sie behauptete, dass sie schnell
zugegangen und da wäre der Topf hin gewesen). Sie hatte eine hitzige Krankheit;
ein ländlicher Universalname aller Krankheiten. O meine Lehrerin, schrie ihr die
Hitzigkranke zu, ich bin diese Nacht zu Gaste bei Minchen gebeten auf ein
Gericht Manna, wo ich mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen werde. Gewiss
werd' ich auch meinen Siebenjährigen finden, der den Milchtopf zerbrach. Der
Liebe wird himmlisch gross geworden und schön ausgewachsen sein! Meinen Sie
nicht, liebe Frau Pastorin? Meine Mutter hatte die Einladung auf Manna so
getroffen, dass sie nicht antworten konnte. Nach ihrer Erholung entdeckte sie der
Kranken ihre Einladung auf Gesang. - Ich habe aber nicht zugesagt, sagte meine
Mutter. Und warum? die Kranke. Weil das Gesicht die Antwort nicht abwartete.
Gut, fuhr die Kranke fort, so werd' ich die Antwort mitnehmen. Amen! sagte meine
Mutter, um ein himmlisches Wort zu gebrauchen; Halleluja! die Kranke, und nun
ward eine Todesstille, als ob beide sich zu dieser Einladung vorbereiteten. Nach
einer Weile kamen sie wieder, wo sie stehen geblieben, und die Kranke konnte
sich nicht drein finden, dass meine Mutter auf Gesang, sie aber auf Manna geladen
sei, wobei meine Mutter ihr ins Geleis half. Seht nur, gute Nachbarin, da kann
ja während dem Singen, sagte sie, auf Blättern vom Baum des Erkenntnisses Gutes
und Böses und vom Baum des Lebens Manna herumgetragen werden. Wenn die Blätter
gross sind, sagte die Kranke - Messer und Gabel und Teller, fuhr die Kranke fort.
- Weg damit, versetzte meine Mutter. In der Auferstehung werden sie weder freien
noch sich freien lassen, sondern sie sind gleichwie die Engel Gottes im Himmel.
Die Kranke reichte meiner Mutter die Hand und mit ihr den Tod. Mit einem Schauer
trat er ihr in alle Glieder. Sie wusst' es, dass er eingetreten war und ging heim.
Die Nachbarin starb in wenigen Stunden, um bei Minen Gesang und Manna nicht zu
versäumen. Meine Mutter ward krank, ohne dass sie und Dr. Saft wussten, was ihr
fehle. Sie starb an der Einbildung, wenn ich mich nicht irre, an der mehr Leute
sterben, als man glauben sollte. Dass viele daran krank sind, ist eine ohnedem
bekannte Sache. Sie hatte, wie der Graf - in Preussen, das himmlische Heimweh,
nur mit dem Unterschiede, dass es beim Grafen eine lange zehrende, bei meiner
Mutter eine hitzige Krankheit war. Ein Lied war ein Springwasser, das ihr
zuweilen Kühlung bot, und mit welcher Inbrunst sang sie! Ihr Trost war ohne
allen Aufwand - sie sah nicht in die Sonne. Der Mond war ihr Planet, der Planet
eines Planeten. Wer kann in die Sonne sehen! sagte sie. Der Mond hat so was
Menschliches. Lass sie, die hochweisen Herren, nur immerhin behaupten, fuhr sie
fort, den Baum des Erkenntnisses Gutes und Böses schon in dieser Welt gefunden
zu haben; es ist wahrlich eine Schlange, die sie verleitete. Die Regeln können
zwar schlechte Dichter vom Parnass, oder besser vom Sinai zurückhalten, haben sie
aber je einen gemacht? Die Weisheit dieser Welt, was ist sie beim Licht der
reinen Wahrheit? Werdet wie die Kinder. Wenn andere lehren: Zieht die
Kinderschuhe aus, lehrt uns wahre Weisheit: Zieht sie an - und noch bis jetzt,
fuhr meine Mutter fort, hab' ich mich beim lieben Mond und bei den Kinderschuhen
wohl befunden. Was sie über ihr Herz bringen konnte, das konnte sie auch mit der
Vernunft reimen. Das Herz spielt auch wirklich weniger Streiche als die
Vernunft. Die Vernunft ist eine Gemeinuhr, jeder schiebt ihren Zeiger; das Herz
trag' ich bei mir. Je weniger der Mensch der Vernunft und dem Schicksal Blössen
über sich gibt, je unüberwindlicher, je stärker ist er. Wenn ich schwach bin,
bin ich stark, konnte meine Mutter sagen. Ihr Porträt war weibliche Schwachheit
im Arm männlicher Stärke. Vater und Sohn können an einem Tage taufen lassen. Ein
Pomeranzenbaum hat Blüten und Früchte.
    In Betreff ihrer Krankheit, so verstellte sie nicht ihre Geberde. Schon bei
meines Vaters Leben hatte sie eine alte Priesterwittwe, anstatt einer Diakonin,
zu sich genommen, und von ihr hab' ich empfangen, was ich meinen Lesern erzähle,
und zwar so, als wär' ich Augenzeuge gewesen. Auf meine Sünde wider Mine steht
Gewissensbiss in der vorletzten Stunde, pflegte meine Mutter oft zu sagen; die
letzte aber, setzte sie hinzu, wird heiter sein. Es nagte und plagte sie noch
heftig, wenn gleich sie bis auf die vorletzte Stunde überwunden zu haben
glaubte. Sie sagte in einer schweren Stunde der Anfechtung, in Rücksicht der
schon erkämpften und sie jetzt wieder fliehenden Ruhe, auf eine schreckliche
Weise: wie gewonnen, so zerronnen; indessen wurden ihre Hände bald, bald wieder
gestärkt, die strauchelnden Kniee erquickt und der zerbrochene Rohrstab geleimt
- ihre blutrote Schuld war dann wieder schneeweiss. Geschieht das am grünen
Holz, geschieht das an Minen, die auch noch vor ihrem Ende manchen
Gewissensknoten zu lösen hatte, ehe sie überwand; geschieht das an meiner
Mutter, die Gewissensängste ergriffen; was will am dürren werden! Wer kann dies
zu oft wiederholen? Wer es liest, der merke drauf! - Die Krankheit meiner Mutter
behinderte sie ausserhalb ihres Hauses Amtsverrichtungen vorzunehmen. Sie kam
seit dem Handschlage nicht mehr aus dem Pastorat; indessen liess sie ihre
geistlichen Priesterhände nicht völlig sinken. Freilich mussten sie zuweilen
gestützt werden, wie jenes Priesters, wenn er das Volk segnen sollte; indessen
ward sie nicht lass, zu strafen, zu lehren und zu trösten. Jedes, das einen Stein
auf dem Herzen hatte, kam zu ihr; jedes, das sich nicht finden konnte, suchte
Rat, im Geistlichen und im Leiblichen.
    Eine Besonderheit, noch denkwürdiger, als die schweren Worte, womit sie sich
belastete! Sie hatte das Glück, dass sie einige verborgene Dinge, als z.B.
Diebstähle, ans Licht brachte, die wie eine Pest im Verborgenen schlichen. - Sie
sagt' es dem Schuldigen auf den Kopf zu. Wo sie anklopfte, da ward aufgetan. -
Ich weiss nicht, schreibt die Priesterwittwe, ob die verschiedenen denkwürdigen
Träume die Ursache waren, woher sie die ihr verliehene Gabe der Prophezeiung
inne ward; nur das weiss ich, dass sie viel Aufsehen gemacht haben würde, wenn sie
diese Begeisterung eher verspürt hätte. Sie sagte der Frau v. -, sie würde einen
Sohn zur Welt bringen, und doch ging die Frau v. - nur im fünften Monat. Sie
wusste, wer Pastor werden würde, und sagte diesem und jenem Dinge, worüber dieser
und jener erstaunte. Selbst von den fetten und magern Kühen der künftigen Jahre
liess sie Worte fallen, die manchen Kornjuden hätten bereichern können, wenn
dergleichen ihren Worten getrauet. Wenn sie sich eine Wünschelrute gebrochen,
würde sie alles Metall in ganz Curland und Semgallen auspunktirt haben. -
Zuweilen kam ich auf den Gedanken, dass es ein Erbstück von ihrer seligen Mutter
gewesen. Eine Blitzfrau! Die verknüpftesten Rätsel, die intrikatesten
französischen Schlösser, ohne Dietrich gleich offen. - Sie hätte einem
Superintendenten was zu raten aufgeben können, von Rahels Gesichtsfarbe zum
Beispiel, und von der Seifenkugel des Pontius Pilatus.
    Unten noch ein Rätsel, das ich lösen zu können wünschen würde. Hier noch
die Anmerkung, dass der Candidat mit den langen Manschetten meines Vaters Platz
erhalten. - Ich glaube, meine Leser haben, unerachtet des dreigliedrigen Segens
und der langen Manschetten, die eherhin nicht von köstlicher Leinwand waren,
nichts dagegen.
    Nicht eins aus dem Kirchspiele konnte sich behelfen, ohne von meiner Mutter
Abschied zu nehmen, und keines ging von ihr ohne Andachtsröte (wie die
Priesterwittwe sich ausdrückt) auf den Wangen. Man brachte die Kinder zu ihr,
damit sie sie einsegnen möchte, und gesegnete Weiber befragten sie: ob's ein
Sohn oder Tochter wäre? Ueber mich, sagte sie, wollte sie nicht den
prophetischen Zügel schiessen lassen, so gern ich eine Probe ihrer Kunst aus der
ersten Hand gehabt hätte.
    Ausser der Lehre von den vier letzten Dingen war sie jetzt über die Lehre von
den Engeln unerschöpflich geworden. Der Spruch, erste Korinter im eilften
Kapitel der zehnte Vers: Das Weib soll eine Macht auf dem Haupte haben, um der
Engel willen, war ein Text, worüber sie sich ausliess, wiewohl ohne ihn zu
zeichnen. Sie zeichnete jetzt überhaupt keine Spruchstellen mehr. Da sie
indessen, auch selbst als Prophetin, ortodox blieb, und die Kinder, so man zu
ihr brachte, nur zweigliedrig segnete: so blieb es bei der gewöhnlichen
Erklärung, nach welcher Haube das Gegenteil von Hut anzeigt. Dieser deutet
Freiheit an, jener Unterwerfung unter den Willen des Mannes, und sollen also die
Weiber Schleierhauben tragen, um die Engel durch Gelegenheit zur Untreue nicht
zu betrüben. Die gute Predigerwittwe fand diese Erklärung so überschwenglich,
dass ich ihr zum Andenken sie hier einrücke! Wie mag diese Spruchstelle doch ihr
Ehegatte seliger erklärt haben? Vermutlich legte er sie durch heidnische
Aufpasser in den Versammlungen der Christen aus.
    Die Engel sind die treuesten Geschöpfe, die Gott geschaffen hat, sie sind
rein und selig.
    Die Auslegung, dass die Weiber darum Hauben zu tragen angewiesen worden,
damit sie die Engel nicht ansehen möchten, um sie zu begehren, war meiner Mutter
ein Stein des Anstosses. - - Sie überlegte alles mit ihrem Schutzengel, und war
so sehr der Meinung, dass jedem Menschen ein Gefährte zugeordnet wäre, der ihn in
der Jugend und im Alter begleite, dass sie nichts davon abwenden konnte. In den
Jahren, sagte sie, wenn der Mensch im eigentlichen Sinne Mensch ist, wie selten
ist er da eines Engels wert? Die Engel sind nicht unsere Diener, wiewohl
etliche des Dafürhaltens gewesen, sondern unsere Vormünder, unsere Curatores.
Wie muss es sie verdriessen, dass eine Gestalt, die der erste Adam und der zweite
Adam getragen, so vernachlässigt wird! Aus der göttlichen Uniform, o! was ist
aus ihr worden! Die Engel lernen von uns die Auswicklung eines Geistes, den
Einfluss des Geistes auf den Körper, und dieses auf jenen! Sie sehen, was es mit
einem sublunarischen Körper für eine Bewandtnis habe, und wie er einem Geiste
steht. Sie sehen die Ungemächlichkeiten, die ein Eigentum vor einer Miete, die
ein eigenes Haus vor einem geheuerten hatte. - O was ist vom Menschen zu lernen!
Vielleicht ist in ihm aus jedem Hauptweltstück etwas! - Er ist die Welt im
Register! Man kann sie bei ihm nachschlagen - und wenn er stirbt, welcher neue
Unterricht! Die Trennung, das Ueberbleibsel ausser der Seele, das Hemde vom
Menschen, von köstlicher Leinwand. - Wir sind also, ihrer Vormundschaft
unbeschadet, ihre Lehrer! Hier sind wir Engel und Menschen in einer Person! Wer
sagt, dass wir sterben, drückt sich uneigentlich aus. Wir sind unsterblich.
    Kindlich-grosse Mutter! Du schlecht und rechtes Weib! Selig bist du, selig,
dreimal selig ist dein Kind, das Christus unter seine Jünger zum Muster stellte.
Jesus rief ein Kind, und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich ich
sage euch, es sei denn, dass ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet
ihr nicht in das Himmelreich kommen. Wer sich nun selbst erniedrigt, wie dies
Kind, der ist der Grösste im Himmelreich! Selig ist, der ein Kind wird, um dieses
Kinderfreundes willen!
    Gern hätte ich meinen Lesern ein Engelgespräch meiner Mutter mitgeteilt,
welches wir andern Leute ein Selbstgespräch zu nennen gewohnt sind, das auf dem
Teater ein Staatsfehler ist - indessen besprach sie sich mit ihrem Schutzengel
in der Stille. Unsere Seele kennen wir nicht, und wollen die Engelnatur
begründen? sagte ein Schriftgelehrter in der Gegend. Wir wissen in unserm eignen
Hause nicht, wer Koch oder Kellner ist, und wollen alle Einwohner jener Sterne
zu Gevattern bitten? Allein meine Mutter widerlegte ihn nicht. Oft brach sie,
schreibt die Pastorwittwe, mitten drein ab: was ich weiss, das weiss ich, und gab
nicht undeutlich zu verstehen, dass sie mit ihrem Schutzgeist bekannt zu werden
Gelegenheit gehabt. Sonst wüsste ich auch nicht, wo sie alles her hätte von den
sieben fetten und sieben magern Kühen künftiger Jahre; ob Söhnchen oder
Töchterchen, und wer Pastor werden würde.
    Es war in der Gegend eine Frau v. B - von sehr bekannter Einsicht. Sie hatte
nie Kinder gehabt. Man sagt, viele Kinder schwächen die Weiber an Leib und
Seele, und wenn man manche alte Jungfer darüber zu Rate zieht, sie sei
Durchlauchten, hochgebornen, hochwohlgebornen oder bürgerlichen Standes, findet
man zu dieser Anmerkung Bestätigung. - Ihre Neider behaupteten sie wäre keine
Frau, sondern ein Mann, obgleich ihr verstorbener Gemahl nie darüber Klage
geführt. Diese Frau war eine Jüngerin vom seligen Herrn v. G -, ohne dass er es
dazu anlegte. Sie hatte wider manches Scrupel, und trat dem Herrn v. G - in
allen seinen Meinungen bei, ohne zu bedenken, ob ihre Scrupel dadurch gehoben
wären oder nicht. Nach der Zeit fing sie selbst an aus Büchern zu schöpfen. Das
sind nie Quellen für Weiber! Bei ihnen kommt aller Glaube durch die Predigt, und
siehe da! sie hatte von der Existenz der Seele nach dem Tode solche
Hirngespinnste zur Welt gebracht, dass es ihr besser gewesen wäre, wenn sie
Kinder gehabt hätte, wenn sie ihr gleich nicht geraten wären. Hirngespinnste
sind oft schädlicher als ungeratene Kinder. Hiezu kam, dass sie keinem diese
Meinungen mitteilte, sondern alles mit sich selbst berichtigte. Sie hatte eine
grobe Stimme, sonst aber war sie fein, ausgenommen Nase und Augen, die
ungewöhnlich gross waren - und doch war etwas Fräuliches in beiden Stücken. Dass
sie nicht zu unserm Kirchspiel gehörte, muss ich noch bemerken. Der Prediger, der
ihr angewiesener Seelenhirte war, schien keine Seelenweide zu verstehen, am
wenigsten die Gabe zu haben Scrupel zu heben und alles wieder auf gut Weideland
zu treiben. Diese Frau v. B. - hatte für meinen Vater viel Achtung gehabt;
obgleich er durch das zehnjährige Interregnum von der für ihn gefassten guten
Meinung viel verlor. Wo sie nur von einem Zeichen hörte, erschien sie, und immer
im Amazonenhabit. Sie war eine geborne Amazonin. An Swedenborg, den
Geisterseher, hat sie öfters Briefe erlassen, auch an einige - - Jetzt hörte sie
vom benachbarten Phänomen. »Liebe Frau Pastorin! ich komme zu sehen, wie Sie
sich befinden.« - Besser als je! »Das höre ich!« und nun alles einsylbig: Je
nun, mag, nun denn! Acht Siehe doch! und dergleichen. Die Frau v. B - hatte
meine Mutter für eine einfältige gute Frau gehalten. Sie war wegen ihres Singens
weit und breit bekannt. Die Frau v. B - sang gar nicht. Sie war für keine Musik.
Meine Mutter kannte die Frau v. B - wegen ihrer Heterodoxie, und merkte
sogleich, dass es auf ein Zeichen würde abgesehen sein. Sie fertigte sie indessen
so kurz und gut, als Vater Abraham den reichen Mann, ab, da er seiner fünf
Brüder halber eine Erscheinung begehrte. »Hören sie Mosen und die Propheten
nicht, so werden sie auch nicht glauben, wenn jemand von den Todten
auferstünde.« Mit der Nachricht, wer Pastor werden würde, war der Frau v. B - am
wenigsten gedient, und da sie aus zwei bekannten Dingen ein drittes unbekanntes
herauszubringen gar wohl verstand, nicht minder gar wohl wusste, dass das Glück
allem Ausserordentlichen zur Seite ginge, so ward sie so wenig überzeugt, als die
Pharisäer und Sadducäer und Schriftgelehrten. Meine Mutter hatte indessen etwas
im Gesicht, was der Frau v. B - auffiel. Die Festigkeit, mit der meine Mutter
alles behandelte, machte die Frau v. B - auch ohne erhaltenes Zeichen
aufmerksam. - Sie nahm die Assignation auf Mosen und die Propheten an, und bat
sich die Erlaubnis aus, künftigen Sonntag wieder zu kommen. Wenn man den Löwen
vorgeworfen werden soll, stirbt der grösser und ist mehr als Märtyrer, der sich
ihnen gelassen anbietet, als der sie reizt. - Die Frau v. B - zog ihre Strasse,
und da sie wohl einsah, dass meine Mutter nicht mehr lange hier wallen würde,
entschloss sie sich etwas auszuführen, wofür sie bis dahin zurückgebebt. - Sie
kam. - Noch ein klein Geläute zuvor, wegen des Sonntags. Seit der Zeit, dass
meine Mutter eine Prophetin geworden, war sie des Sonntags mehr als sonst in
diesem Prophetenelement; obgleich sie sonst so sehr für den Sonnabend war. - Sie
kam, habe ich schon gesagt. Beide sahen es sich an, dass sie heute
ausserordentlich wären. Es war bei beiden Sonntag - ich will die Pastorwittwe
sich selbst überlassen.
    Ich wünschte wohl mit Ihnen ganz allein zu sehn, sing die Frau v. B - an.
»Kann nicht sein,« antwortete meine Mutter. »Gott ist bei uns, und meinen
Schutzengel kann ich nicht gehen heissen. - Bleib, Lieber!« Dieses kurze: Bleib,
Lieber! zu etwas, das die Frau v. B - nicht sah, würde sie sonst zum Lachen
gebracht haben; jetzt wandelte sie kein Lachen an. »Auch diese, meine Collegin,«
fuhr die Selige fort, »darf nicht von mir. Sie hat mein Herz und weiss meine
ganze Sterbensgeschichte.« Nach einigen Erholungsaugenblicken versicherte die
Frau v. B -, dass sie eine Bitte an die Selige hätte, die sie wohl überdacht. -
»Im Namen Gottes,« erwiederte die Selige. Ich glaube, fuhr die Frau v. B - fort,
an Gott den Vater, allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden, und ehre in
tiefster Demut alle die Wege, die er mit den armen Menschen, seinen Geschöpfen,
eingeschlagen, um sie zur Erkenntnis der Wahrheit zu bringen - ich glaube -
doch, unterbrach sie sich selbst, Sie wissen was ich glaube. »Ich weiss,« sagte
die Selige mit aller Ueberzeugung, und legte eben hiedurch ein Zeichen von ihrer
Uebernatur ab; denn mir kam es vor, dass die Frau v. B - selbst nicht recht
wusste, was sie glaubte. Gern, ich läugne es nicht, hätte ich sie den zweiten und
dritten Artikel des Glaubens beten gehört. - So beschwöre ich denn, rief die
Frau v. B - mit einer Mark- und Beinstimme, so beschwöre ich deinen Geist bei
dem ewigen Anschauen Gottes und bei allen Hoffnungen der Seligkeit, dass, wenn es
zur Ehre des Geistes der Geister und mit Bewilligung deines Geleitengels sein
kann, der hier ist, ohne dass ich ihn sehe, dass du mir drei Tage nach deiner
Auflösung erscheinest - ich werde in meinem Hause rechter Hand im weissen Cabinet
deiner warten. Alle guten Geister loben Gott den Herrn! - Die Selige antwortete
auf so viel Kreuzblitze mit einer Gelassenheit, die man nicht beschreiben kann:
»Eure Rede sei: Ja, ja, nein, nein, was darüber ist, ist vom Uebel! Lasst mich!«
- Sie winkte uns ab! - Ich (das heisst, die alte Pastorwittwe) zitterte von
dannen: denn ich fühlte, dass ein unsichtbares Geschöpf in der Nähe sei, das mit
der Seligen conferiren wollte; die Wahrheit zu sagen, ich hörte ein Rauschen,
als eines sanften Windes, als einer atlassenen Schleppe. Die Frau v. B - ging
mit der ehrfurchtsvollsten Geberde von dannen! Samuel konnte nicht
ehrfurchtsvoller sagen: Rede, Herr, dein Knecht höret! Wir kamen ins blaue
Stübchen, das ich tausendmal gesehen, und jetzt war mir so, als ob ich es zum
erstenmal sähe. Es kam mir vor, als sähe ich überall Kreuze! Mich umgesehen
hätte ich nicht um Tausende. Die Frau v. B - sah mich mit ihren grossen Augen
starr an - und eigentlich bemerkte ich, wie sie eine Todesangst fasste. Die
Aengste hoben sie; was schweben heisst, konnte man an ihr sehen. Dies nahm
zusehends zu; auch sie konnte sich nicht mehr umsehen. Wie es zuging, weiss ich
nicht; allein ein plötzlicher Sturm riss die Fensterladen von ihren Eisen; alles
bebte im Zimmer. Alles, was einen Klang im Zimmer hatte, gab einen Laut.
Schrecklich. - Weh! war es nicht; allein nicht viel auseinander. - Die Hähne
krähten auf eine Art, als wenn eins verraten und verkauft werden sollte! - Im
Sturm waren Worte zu hören. - Wer konnte sie vernehmen? Die hochgelahrte Frau v.
B - rang die Hände und konnte sich auf den Knien nicht halten. Was! Wie ist mir!
- Damals, und auch nach der Zeit, glaubte die zeichenbegierige Frau v. B -, dass
die Unterredung der Prophetin mit ihrem Schutzgeist auf den Geist der Frau v. B
- gewirkt hätte. Etwas ging in Wahrheit vor; was es aber war, mag Gott wissen
und der Prophetin Schutzgeist. Die Prophetin klingelte. So was von Klingeln habe
ich nie gehört. Die hochgelahrte Frau v. B - hatte so wenig Herz hinein zu
gehen, dass sie mich bat, ich möchte hören, was sie wollte; und da ich vorging,
hielt sie mich zurück, weil sie nicht bleiben, nicht gehen wollte. Da eben
gingen die Glocken unserer Kirche, und der Sturm, der noch nicht nachliess,
brachte sie uns so nahe, dass sie uns recht ins Ohr schrien: »Bedenke, Mensch,
das Ende!« Es war eben ein blühendes, junges Mädchen, das nur seit drei Tagen
krank gewesen, verschieden. Gott habe sie selig! Die Frau v. B - tat, ehe wir
noch zu der Seligen gingen, eben so feierlich, als ihre Beschwörung war,
Verzicht auf die Erscheinung der Prophetin, als Eines von den Todten, und da wir
voll von diesem Verzicht zur Seligen kamen, so habe ich nie erfahren, wie die
Conferenz abgelaufen und wie sie sich mit dem Schutzgeist beraten. Gern wüsste
ich es jetzt. Zu der Zeit hätte ich es nicht tragen können. Das bin ich
überzeugt, hätte sie versprochen, sie wäre gewiss gekommen, und wenn sie vom
lieben Gott selbst Urlaub bitten sollen! - Es wäre ja ohnedem nicht auf lange
gewesen! »Rechter Hand in's weisse Cabinet;« Jammer und Schade!
    Die Prophetin entdeckte uns bei so bewandten Sachen nichts von ihrer
Conferenz, und so blieb auch die Frage: Ob es angeht, dass man erscheinen könne?
unentschieden.
    Nach einigen, das Ableben der Dirne betreffenden Umständen erzählte die
Prophetin uns eine zur Stiftung des Cartäuserordens gehörige Geschichte (die
Sie besser wissen werden, als ich). Es war ein von der ganzen Welt fromm
geglaubter Mann; dieser starb und sollte begraben werden. Unfehlbar hatte man
über seinen rühmlich geführten Lebenswandel und sein seliges Ende eine Standrede
gehalten, und da richtete er sich auf und sagte (die Prophetin richtete sich im
Bett in die Höhe): Ich bin vor das strenge Gericht Gottes vorgeladen. Alles
ging, der Neuheit der Sache wegen, von dannen, wiewohl unbesorgt wegen des
Urteils. - Des folgenden Tages, da man das Leichenbegängnis fortsetzen wollte,
richtete sich der fromme Mann wieder auf und rief: Das Verhör ist vor dem
Richterstuhl geschlossen! - Die Leichenbegleiter und das Volk verliessen diesmal
bänger die Leiche. - Ein Verhör, dachte man, doch vielleicht um dem frommen Mann
desto gründlicher zu lohnen! - Den dritten Tag, wie begierig war alles, den
Spruch der Gnade zu hören, das: »Ei, du Frommer!« Allein Weh! Weh! rief die
Prophetin; sie richtete sich so in die Höhe, dass sie mir ungewöhnlich gross
vorkam; der für fromm Gehaltene sprach mit einem Tone, mit einem Tone: »Ich bin
verdammt!« Die Amazonin fiel in Ohnmacht. - Ein Weib, auch im Amazonenkleide,
ist doch nur ein unausgebackener Mann! - Die Prophetin ermunterte sie durch das
schöne Lied: »Du stehest, Mensch, wie fort und fort.« Dies Lied half zusehends.
- Sie drückte meiner Mutter die Hand. Nicht eher, als dort, wünsche ich Sie zu
sehen, rief sie laut, recht als ob sie es dazu anlegte, dass auch die
Unsichtbaren es hören möchten. - Sie nahm noch ausser ihrer Kammerjungfer einen
ihrer Bedienten in den Wagen, und hat keinen Scrupel mehr, und geht nicht weiter
im Amazonenkleide. - Den dritten Tag nach Ihrer heiligen Mutter. Hintritt fiel
Frau v. B - in heiler Haut in eine dreistündige Ohnmacht - und erwachte wieder
so, als wenn man ausgeschlafen hat. Sie hat wirklich etwas, man weiss nicht was
erfahren, wovon sie aber bis in ihren Tod, der kurze Zeit darauf folgte, keine
Sylbe entdeckt hat. Ich habe diesem Vorfall eine Pension von fünfzig
Reichstaler Alb. zu danken, die sie mir mit der Bitte legirt hat: diesen
Sonntag, ihr zum Andenken, nicht zu vergessen; und das will und werde ich
erfüllen, bis auch ich wissen werde, wie es in der Geisterwelt stehet. Wie mir
vorkommt, werde ich Sonntags sterben, am Pensionstage. Fr. v. B - ist sehr sanft
gestorben. Ich konnte wegen Selbstkrankheit bei ihrem Ende nicht sein.
                                     * * *
    Des alten Herrn muss ich bei dieser Gelegenheit auch gedenken, sowohl meiner
Mutter, als der Frau v. B - wegen, die nach Geistern ausging, und am Ende doch
zu den Seligen gehörte, welche nicht sehen und doch glauben.
    Meine Mutter hatte ihn sogleich, nachdem sie von Minens Geschichte
unterrichtet war, citirt, und nachdem sie ihm Himmel und Hölle vorgestellt,
seinem Herzen die Wahl überlassen - ob Himmel? oder Hölle?
    Herr v. E - hatte, um sich aus der Schlinge zu ziehen, den Hermann völlig
verlassen. Magdalena aber schien, um einen Literatus zu heiraten, ihn nicht
aufgeben zu wollen. Er schien wirklich Minens Andenken und der Zurückerinnerung
an ihre Mutter den Gedanken dieser Heirat völlig geopfert zu haben. Not, sagte
meine Mutter, hält kein Gebot; wenn ich Ihnen aber Nahrung und Kleider
verspreche, so lange ich lebe! versteht sich. Hermann machte Busse und Glauben
durch das gute Werk tätig, Denen zu entsagen. - Nach der Zeit tröstete sie den
Hermann; darf ich mehr bemerken, um an den Tag zu legen, dass der tochterlose
Hermann wirklich Reue und Leid über seine Sünden getragen? Sie hatte ihm alles
aufgedeckt, auch was er an der Curländerin verschuldet. Er ging krumm und sehr
gebückt; den ganzen Tag war er traurig. - Der Tremulant war sein Hauptzug. Seine
grösste Strafe, wie meine Mutter bemerkte, war die Furcht vor dem Tode; nicht
weil es ihm in der Welt gefiel, sondern weil er sich fürchtete, seinem Weibe und
Tochter unter die Augen zu kommen. So war unser Bekannter voll Angst, seinen
Sohn und Charlotten zu sehen.
    Eines Tages, da meine Mutter ihn in tiefster Schwermut fand, welches sie
zwischen eilf und zwölf in der Nacht nannte, nahm sie ihn bei der Hand: Getrost!
sagte sie. Luter liess sich zu seiner Zeit gegen einen traurigen Organisten so
aus: Lieber Matia, wenn Ihr traurig seid, und es will überhand nehmen, so
sprecht: Auf, ich muss ein Liedlein schlagen auf dem Regal, das Te Deum oder
Benedictus. - Gehe hin, tue desgleichen! Hermann, so betrübt er war, konnte
nicht umhin, anzumerken, dass er nie Organist gewesen, sondern nur ein Post- und
Präludium hie und da gehalten, wenn es vierzehn Tage zuvor bestellt worden,
womit es meine Mutter bewenden liess, die um alles in der Welt willen ihm nichts
vom kalten Brande gesagt hätte. Sie kränkte seine Literatusehre nach Minens Tode
nicht weiter. Diese Welt, lieber Hermann! sagte sie, ist ein Präludium; die
künftige das Textlied! - Ja wohl, erwiederte er mit einem tiefen Seufzer. So
lebte Hermann nicht viel anders als ein Cartäuser, hatte nicht Lust und Liebe
mehr, seitdem er den Kinderunterricht aufgegeben, seine Handwerke zu treiben;
obgleich er noch vom Schneider die Gewohnheit beibehalten, auf den Tisch zu
klopfen, vom Schuster das weite Ausholen mit den Händen, und vom Töpfer das
beständige Wackeln mit dem Fusse. - Die Frau v. B. hatte ausser der Pastorwittwe
auch an ihn im Testamente gedacht. Sie hatte sich, nach ihrer Wallfahrt zu
meiner Mutter, um alle Umstände, die Minen und mich betrafen, erkundigt. »Auch
Hermann jährlich fünfzig Taler Alb.,« hiess es in ihrem mildtätigen Testamente.
Mir hatte sie ein schwarzes Kleid nebst Kragen und Mantel legirt, wenn ich
Prediger werden würde, welches ich, so unbeträchtlich der Umstand ist, hier
anzumerken nicht ermangeln kann!
    Meine Mutter ward von Tage zu Tage schwächer; der Geist immer noch willig,
tätig, kräftig, das Fleisch schwach. Ihre Einbildungskraft nahm so zu, dass sie
hier schon wie ein Geist aussah. Aus der Geschichte mit der Frau v. B. ergibt
sich, dass sie zu Bette gewesen. Sie war wirklich so, dass sie sich nicht auf den
Füssen halten konnte. Seht nur, meine Lieben, sagte sie, wie sehr ich beweise,
dass mein Geist unsterblich ist! Da bin ich durch den, der mich mächtig macht,
stärker als Socrates, von dem so viel gemacht wird, und der doch, wie man mir
erzählt hat, einen Hahn opfern liess, um seine Religionsgrundsätze zu läugnen. So
muss ein Hahn immer bei der Verläugnung sein! Ich lebe auf, indem ich sterbe.
Mein Geist fliegt, indem mein Körper sinkt! -
    Besonders war es, dass meine Mutter über mich, wie bereits bemerkt worden,
auch keinen einzigen Laut prophezeite! Nach ihrem letzten Briefe, den ich
extractsweise meinen Lesern mitgeteilt, war alles still über mich. Zuweilen
dachte sie meiner im Fluge; wer kann aber im Fluge treffen? Die Pastorwittwe
konnte es nicht. Sieben Tage vor ihrem Ende, wie diese Krankenwärterin mit den
fünfzig Taler Alb. Pension mir berichtet, war der Geist, wie soll ich's nennen?
noch stärker. Kann es nicht heissen, als je? Sie war in einer wirklichen Ekstase,
wo zuweilen Funken fielen; allein sie fielen auf kein gut Land, schreibt die
Pastorwittwe, sie zündeten nirgend. Es war alles so in die Luft. Die gute Frau
hat mir davon eine Probe mitgeteilt, die ich so wiedergebe, als ich sie
empfangen habe. Meine Leser wissen, wie sehr ich für eigene Worte bin!
    Alles, was Odem hat, liebt, und was keinen hat, möchte gern lieben. Es
sehnet sich nach Liebe. Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch. Habt
ihr nicht gemerkt, wie sich manches Gewächs an einander schlingt, so fest als
ein junges Weib an ihren Gatten, und was sich nicht umschlingen kann, berührt
sich, wenn ein sanfter Wind es bewegt? Wie es sich küsst! Wonniglich ist der Kuss,
den der Zephyr der Rose stiehlt. Ist er der Rose treu, ist er der Herr v. E.,
der barbarische Stutzer? Ist's ein Stutzer, der zerschmilzt, der wie ein
Flötenton vergeht? Wie Zucker in der Tasse? Was ist die Liebe? Der Atem Gottes!
- Fasst ihn doch auf, so warm er da kommt aus seinem Munde! Heilig, heilig,
heilig ist Gott, der Herr Zebaot, und alle Lande sind seiner Ehre, seiner Liebe
voll! Entweder wirklich lieben oder lieben wollen, nach Liebe sich sehnen; sonst
verlohnt's nicht, dass ein Hund ein Stück Brod von uns nimmt. Die Hunde nehmen's
auch nicht vom Lieblosen und Falschen. Wenn ich mit Menschen- und mit
Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wär' ich ein tönend Erz und
eine klingende Schelle. Wenn man dem Huhn nicht ein Nest bereitet, legt es in
die Nesseln. Auch Wasser wird Lauge, wenn es durch Asche geseihet wird. Seht!
seine Einfalt erhebt den Witz, wie Schatten das Licht. Wenn die Natur ein
Chorhemde anzieht, ist sie das Christentum. Zergliedere, und du findest an der
schönsten Tat Flecken oder Runzeln oder dess etwas. Sie hat Sommersprossen, eine
Blatternarbe; allein im Ganzen schön! So geht's auch mit aller diesseitigen
Heiligkeit! - Die Liebe ist kein Porträtmaler. Sie malt die Seele! Sie malt den
ganzen Menschen! Das Gute ist zu hören, das Schöne ist zu sehen! Das Schöne
erscheint von vorn, das Gute von hinten. Mine ist zu sehen und zu hören; mein
Schutzengel desgleichen, wie er da um mich wallt, unsichtbar dem Werktagsauge!
Der Mond scheint hell, der Tod reitet schnell, ihr lieben Leutlein graut euch
auch? - Singst du, Holde? Apfelblüten vom Baum des Erkenntnisses Gutes und
Böses waren auf ihrer Wange; jetzt Blüten vom Baum des Lebens. Mine singst du?
- Hört sie singen, sie ist des alten Herrn Tochter nicht mehr, sie ist meines
Mannes Tochter und ihrer Mutter Tochter! Wie schön sie singt! »Es ist das Heil
uns kommen her!« - Wie eine Lerche wölbt sich ihr Gesang, wie eine Wachtel fällt
er! Da steht sie! - Wie ein Stern über meinem Haupte! O des schönen
Morgensterns!
Also werd' ich auch stehen,
Wenn mich wird heissen gehen
Mein Gott aus diesem Jammertal!
    Nun ruhen alle Wälder, von Paul Gerhard. Nun wachen alle Wälder, von Feustel
und Riedner, die beide in Maskopie die Wälder aufgeweckt. - Zur Unzeit, wie
gewöhnlich! Sie hätten sie ruhen lassen können! Seinen Freunden gibt er's im
Schlafe! Gott lässt uns sinken, aber nicht ertrinken. Wenn der Klügste beichten
sollte, was er in seinem Leben für Einfälle und Ausfälle gehabt, wäre er des
Irrenhauses schuldig! Grüne Ostern, weisse Pfingsten. Viel können zwar zusammen
singen, aber nicht zusammen reden. Der Gesang ist gesellig, die Prosa ist
leuteschen, einsiedlerisch, tückisch - bei alle dem ernstaft. Träume! ihr
sollet nichts sein, und wenn die Ursache vom Zukünftigen schon in mir liegt?
Auch dann nichts, wenn das Seelenauge schon sieht, was das Körperauge noch nicht
zu sehen im Stande ist? Die Kalendermacher machen den Kalender, der liebe Gott
das Wetter! Stecke ein Licht an, wenn die Sonne scheint; kannst du das Licht
sehen? Greife auf der Laute, wenn die Glocken tönen; kannst du hören? Wenn's gut
schmeckt, verdaut man auch gut! Jede Empfindung, die das Leben unterbricht, ist
Schmerz; die Leben ins Leben bringt, ist Freude! Der Tod ist Beförderung des
Lebens! Der Tod hat auch sein Sonntagskleid. Alte Leute in Doktorhänden, wären
sie auch des Dr. Saft seine, sind Maien, die abgerissen sind von der Natur und
im Wasser stehen! - Es geht eine Zeitlang: allein nicht lange. Viel Köche
verderben den Brei. Bei sieben Künsten geht man betteln, bei einer kann man
Altmeister werden. Gott der Herr hat in jedem Dichter sein Feuer und Herd! O
Jerusalem! Jerusalem! die du tödtest die Propheten und steinigest die zu dir
gesandt sind, wie oft hab' ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne
versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt. Und es
werden Zeichen geschehen an der Sonne, Mond und Sternen, und auf Erden wird den
Menschen bange sein und werden zagen, und das Meer und die Wasserwogen werden
brausen, und die Menschen werden verschmachten vor Furcht und Warten der Dinge,
die kommen sollen auf Erden; denn auch der Himmel Kräfte sich bewegen werden. So
seid nun wacker allezeit, und betet, dass ihr würdig werden möget zu entfliehen
diesem allen, das geschehen soll, und zu stehen vor des Menschen Sohn. Sollte
Gott nicht retten seine Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte
Geduld darüber haben? Ich sage euch: er wird sie erretten in einer Kürze! In der
Welt verschlingen die sieben fetten Kühe die sieben magern; in des Träumers
Pharaonis Traum umgekehrt! - Wo ist deine Schöne, du heilige Stadt, wo dein
Glanz, du Gotteshaus, wo dein Allerheiligstes, die Lade des Bundes? Wehe, wehe,
wehe deinen Toren! Wehe deiner Feste! Wehe dem Tempel! Wehe über dies Wehe!
Dies letzte Wehe! Wehe auch mir! Mine traf mich, wie jenen Weherufer auf
Jerusalems Mauern ein römischer Pfeil, in Schlangengift getaucht. - Wehe auch
mir! - Wie es zischt in meinem kochenden Busen! Labung! Labung! - Meine Zunge
verdorrt in dieser Qual! Essig und Galle! O Gräuel der Verwüstung an heiliger
Stätte! Fliehe auf den Berg, der du im Tal bist! Stürze in den Abgrund, du, der
du dich vor den Wolken bückst! Wer auf dem Felde ist, kehre nicht um, seine
Kleider zu holen. Wer auf dem Dache ist, in blossen Füssen, stürze nicht herab, um
einer Verkältung zu entweichen! Wehe, wehe der Schwangern, die eine Tochter
trägt! Wehe der Säugenden! Sie sterben dahin in fremden Landen! und keine
Milchschwester singt ihnen das: Gehabt euch wohl. Keine Gespielin streut Blumen
auf ihr Gebein. Minens Stätte ist in Curland nicht mehr! Der Mond, seht ihr denn
nicht! Scharlach! Zeter! Der Komet, Gottes angebrannter Wachsstock! Er kommt! er
kommt, uns anzuzünden! Ha! da brennt die Erde, und der sie anzündet, verbrennt
sich die Finger, wie mein Seliger, da er Licht! Licht! Licht! rief, und todt!
todt! alles todt! - Was ist der Tod? Die Saite platzt an der Harfe, die ist
leicht bezogen und gestimmt. Der Würgengel mit seinem letzten Wehe! Ich bin vor
dem gestrengen Richterstuhl verklagt, citirt vor - Nein, da kommt ein heiliger
Engel, der Gnade bringt, Gnade für Recht! Und Minens Mutter! Und sie singen eine
Terz tiefer: Gnade! Gnade!
    Drei Tage vor ihrer Auflösung, oder ihrem Auflösungsanfang, verliess sie die
Gabe der Weissagung, der Geist der Kraft und Macht. - Die Flügel der Morgenröte
sanken. - Sie kam auf die Beine. Der Sabbat hatte sich geneigt, und sie war
wieder ein anderer Tag in der Woche; indessen doch kein Sonnabend mehr! - Diese
Gemütsfassung verlor sich so allmählig, so weich. - Merklich ward dieser
Verlust durch den Umstand, dass meine Mutter sehr gelassen anstimmte:
»Was willst du, armes Leben!«
    Ja wohl, armes Leben, auch bei der Gabe der Prophezeiung, und bei dem Geiste
der Kraft und Macht! Es war dieser Tag Minens Sterbetag. Auch an diesem Tage
beobachtete meine Mutter ihre Fasten so streng, als ob sie den Tag vorher bei
einer Hochzeit auf den Fasttag pränumerirt hätte. - Sie fühlte, wie sie selbst
sagte, dass sie zu weit gegangen. - Wahrlich, es war mehr, als ein Gang. Ein Kind
geht. - Jetzt war sie wieder in diesem Kindergleise - im Gange. - Das erste, was
sie in demselben tat, war ein Brief an den Herrn Amtsbruder, der in der Vacanz
ab- und zureiste. Sie bat ihn, ihr die Communion zu reichen, als welches sie in
ihrer Ekstase, wie sie selbst sagte, nicht gebeten haben würde. Sie wusste alles,
was in dieser Entzückungszeit vorgefallen war, aufs genaueste. Der Amtsbruder
versprach zu kommen und kam. Kurz vor seiner Ankunft hatte meine Mutter Tinte
und Feder gefordert und eine Viertelstunde geschrieben. Sie versiegelte diese
Schrift dreimal!
    Von jeher hatte meine Mutter die Gewohnheit gehabt, sich den Morgen vorher,
ehe sie zur Communion ging, die Füsse zu waschen. Das war ihr ein so notwendiger
Vorhergang, als ein Präludium vor dem Liede. Auch jetzo hatte sie zu diesem Ende
ein Fussbad veranstaltet. Ohne alle Specerei! Sie ersuchte ihre Gesellschafterin,
die Pastorwittwe, dieses Fusswaschen zu übernehmen, und bat sie, aus dem fünften
Capitel des ersten Briefes an den Timoteus, den neunten und zehnten Vers
aufzuschlagen und laut zu lesen:
    »Lass keine Wittwe erwählet werden unter sechzig Jahren, und die da gewesen,
sei eines Mannes Weib, und die ein Zeugnis habe guter Werke: so sie Kinder
aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Füsse gewaschen
hat, so sie den Trübseligen Handreichung getan hat, so sie allem guten Werk
nachkommen ist.«
    Die Pastorwittwe, die nur einmal verheiratet gewesen, freute sich herzlich
über diese Worte, die wie auf sie zeugend waren, und war bereit, diese
ehrwürdige Ceremonie zu verrichten, da meine Mutter sie die Einsetzungsworte
laut verlesen hiess. Sie fing also, nachdem sie sich mit dem weissen Schurz, den
ihr meine Mutter in die Hände gegeben, bekleidet, zu lesen an, wie folgt:
    »Stund er vom Abendmahl auf, legte seine Kleider ab, und nahm einen Schurz
und umgürtete sich. Darnach goss er Wasser in ein Becken, hub an den Jüngern die
Füsse zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, damit er umgürtet war. Da kam
er zu Simon Petro, und derselbige sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füsse
waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das weissest du jetzt
nicht; du wirst's aber hernach erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr
sollt du mir die Füsse waschen. Jesus antwortete ihm: Werde ich dich nicht
waschen, so hast du kein Teil mit mir. Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht
die Füsse allein, sondern auch die Hände und das Haupt. Spricht Jesus zu ihm: Wer
gewaschen ist, darf nicht denn die Füsse waschen, sondern er ist ganz rein, und
ihr seid rein, aber nicht alle. Denn er wusste seinen Verräter wohl; darum
sprach er: Ihr seid nicht alle rein. Da er nun ihre Füsse gewaschen hatte, nahm
er seine Kleider und setzte sich wieder nieder, und sprach abermal zu ihnen:
Wisset ihr, was ich euch getan habe? Ihr heisset mich Meister und Herr, und sagt
recht daran, denn ich bin's auch. So nun ich, euer Herr und Meister, euch die
Füsse gewaschen habe; so sollt ihr auch euch unter einander die Füsse waschen. Ein
Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich euch getan habe.
Wahrlich, wahrlich! ich sage euch: Der Knecht ist nicht grösser, denn sein Herr,
noch der Apostel grösser, denn der ihn gesandt hat. So ihr solches wisset, selig
seid ihr, so ihr's tut.«
    Diese Ceremonie ward so rührend vollzogen, dass die Pastorwittwe mit Tränen
das Fusswasser verstärkte, welches nach vollbrachter Ceremonie, unweit dem grünen
Taufwasserplatz, ausgegossen ward. Es ist kein Taufwasser, sagte meine Mutter.
Da dieses alles der Pastorwittwe als etwas sehr neues schien, verhehlte ihr
meine Mutter nicht, dass die Wiedertäufer mehr heiliges Wasser in ihrem Glauben
hätten als wir, indessen es später zu gebrauchen anfingen. Behüte Gott, dass wir
das Fusswaschen, nach Meinung mancher Irrchristen, für etwas mehr, als einen
Nachtmahlsvorklang, ein reines Hemde zum Fest erklären wollen, als eine Sache,
die sein und nicht sein kann; warum sollten wir aber dieses Zeichen der
Erniedrigung weglassen, und nicht vielmehr, bei diesem Fussbad, an die Reinigung
der Seelen denken, ohne welche niemand Gottes Angesicht schauen wird! - Meine
Mutter, wie die Pastorwittwe, eines Mannes Weib, bemerkt, war hier nachgebender,
als sie es wohl in gesunden Tagen gewesen. Die Mennonisten kamen besser weg, als
man denken sollen. Sie nannte sie sonst Fusswäscher und behauptete, dass sie wegen
ihrer Agapen oder Liebesmähler sich den christlichen Magen verdorben hätten.
Jetzt gar anders. Wenn gleich sie ihnen nicht den Beinamen der Honigbienen des
Staats bewilligte, womit man sie wegen ihres Fleisses und ihrer Sparsamkeit zu
beehren pflegte, vielmehr es sich ziemlich deutlich merken liess, dass sie
ungelehrte, oder, wie sie's nannte, plattdeutsche Socinianer wären; so richtete
sie dennoch nicht, um auch nicht gerichtet zu werden. - Fasten und leiblich sich
bereiten, sagte sie, bleibt beim Nachtmahl eine feine äusserliche Zucht; aber der
ist recht würdig und wohlgeschickt, der die Worte für euch versteht! - Für euch!
Nach dem vollendeten Fussbade faltete die Gewaschene die Hände, und sprach: Das
Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden und leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen,
und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Offenbarung Johannis das
neunzehnte Kapitel, vom siebenten bis zum neunten Vers. Lasset uns freuen und
fröhlich sein, und ihm die Ehre geben, denn die Hochzeit des Lammes ist kommen,
und sein Weib hat sich bereitet, und es ward ihr gegeben sich anzutun mit
reiner und schöner Seiden (die Seide aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen).
Und er sprach zu mir: Schreibe: selig sind, die zum Abendmahl der Hochzeit des
Lammes berufen sind.
    In dieser fussgereinigten, geduldigen, nachgebenden Lage traf sie der Pastor,
der sie noch in der vorigen Verfassung zu finden glaubte. Er musste also seine
Anrede, die er auf den entzückten Zustand zugeschnitten, kurz und gut abändern.
Sein unstudirter Vortrag fiel indessen so erbaulich aus, dass alle, die ihn
hörten, gerührt wurden. Seine Hauptworte waren: Selig sind, die zum Abendmahl
der Hochzeit des Lammes berufen sind. Meine Mutter hielt eine Beichte, die sie
aus dem Innersten des Herzens nahm. Mine war Anfang und Ende. - Nach mancherlei
Herzensnöten schloss meine Mutter mit den Worten: »Gott helfe meiner
Schwachheit, Amen!« Alles andere war im Verhältnis gegen Minen, wie Worte gegen
Sachen, wie das Haupt gegen seine Glieder. - Mine war oben drauf.
    Wenn ich diese Beichte, die meine Mutter nicht ins Ohr, sondern laut
ablegte, mit allen ihren Punkten und Klauseln erhalten, wie gern gäb' ich sie
meinen Lesern! - Mit welcher Inbrunst empfing sie die Communion! Sie ass und
trank Trost und Beruhigung. Von der Minute, da sie das Nachtmahl empfangen,
klagte sie nicht mehr über Angst, als in den vorletzten Augenblicken ihres
Lebens. Die Worte Christi beim Lukas im zweiundzwanzigsten Kapitel, die er kurz
vor dem Abendmahl sprach, wie rührend sagte sie ihm meine Mutter nach: Mich hat
herzlich verlanget, dies Osterlamm mit euch zu essen, ehe denn ich leide; denn
ich sage euch, dass ich hinfort nicht mehr davon essen werde. - Man sah, dass sie
mit der Seele ass. - Den Hermann hatte sie zu dieser heiligen Handlung bitten
lassen, der aber nicht den Judas beim ersten Abendmahl machte, sondern den
Petrus, welcher, nachdem er beim Kaminfeuer in Caiphas Hause seinen Meister
verraten, hinausging und bitterlich weinte. - Meine Mutter pflegte den Apostel
Paulus einen Notarius des letzten Testaments zu heissen. Ich habe es von dem
Herrn empfangen, das ich euch gegeben habe; denn der Herr Jesus in der Nacht da
er verraten ward, nahm er das Brod - - Kann was Rührenderes sein, als dieses
Gedächtnissmahl? - Verachtet man doch eines Menschen Testament nicht, sagt Paulus
den Galatern, pflegte meine Mutter zu bemerken und schüttelte sonst das Haupt,
weil im Credo nichts vom Sakrament des Altars steht. Jetzt dachte sie zwar, da
sie sich selbst mit den Mennonisten vertragen, hieran nicht; indessen konnte die
Rührung nicht höher sein, als die meine Mutter zeigte. Johannes der Jünger, den
Christus liebte, communicirte so an seinem Busen. Gott tut was
Ueberschwengliches im Nachtmahl an seinen Gästen, pflegte meine Mutter zu sagen,
und wie sehr war es an ihr sichtbar, dass sie auf den Geist gesäet. Wer auf sein
Fleisch säet, der wird von dem Fleische das Verderben ernten, wer auf den Geist
säet, der wird von dem Geiste das ewige Leben ernten, und wie viel nach dieser
Regel einhergehen, über die sei Friede und Barmherzigkeit und über den Israel
Gottes! Wahrlich, schreibt die Wittwe, das Weib eines Mannes: Sie hatte ein
hochzeitliches Kleid an! Nach diesem Mahl sprach sie mit dem Pastor über
verschiedene, die Gemeinde treffende Dinge. Sie trat ihm die letzten Sorgen über
die Gemeinde, welche sie noch behalten, in rührender Form ab. Ich sterbe, fing
sie an, und Gott wird mit euch sein! Obgleich sie angeordnet, dass nach dem
Weissagungszufall niemand zu ihr gelassen werden sollte, als den sie selbst zu
sehen verlangen würde; so konnte sie es doch nicht verhindern, dass jetzt in
ihrer wiederhergestellten Fassung das Volk sich zudrängte. Ich sterbe, sagte
sie, und Gott wird mit euch sein!
    Ermahnet euch unter einander und bauet einer den andern; dem fehlt ein
Fenster, dem eine Tür, dem ein Stück am Strohdach; helfet ihm, so wie ihr
wollt, dass euch der Herr helfen soll, im Leben und im Sterben, und vor seinem
Richterstuhl! So lieb einem jeden sein ewiges Wohl ist, vermahnet die
Ungezogenen, tröstet die Kleinmütigen, traget den Schwachen, seid geduldig
gegen jedermann! Sehet zu, dass niemand Böses mit Bösem vergelte, sondern
allezeit jaget dem Guten nach, beides unter einander und gegen jedermann. Seid
allezeit fröhlich. Betet ohne Unterlass. Seid dankbar in allen Dingen; denn das
ist der Wille Gottes in Christo Jesu an euch. Den Geist dämpfet nicht, die
Weissagung verachtet nicht; prüfet aber alles, und das Gute behaltet. Meidet
allen bösen Schein. Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und
durch, und euer Geist ganz, sammt Seel und Leib, müsse behalten weiden
unsträflich auf die Zukunft unsres Herrn Jesu Christi. Getreu ist er, der euch
ruft, welcher wird's auch tun. Lieben Freunde, betet für uns! Die Gnade sei mit
euch! Gehorchet euren Lehrern und folget ihnen; denn sie wachen über eure
Seelen, als die da Rechenschaft dafür geben sollen, auf dass sie das mit Freuden
tun und nicht mit Seufzen, das ist euch nicht gut! nicht gut. - Gedenket an
eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben, welcher Ende schaut an, und
folget ihrem Glauben nach. Wir sind alle mit Fehlern versetzt, der aber ist der
Fehlerhafteste, der seinen Bruder, seine Schwester darben lässt. Bedenkt, dass die
Welt Gottes Speise-, Gottes Vorratskammer sei. Sehr gross, werdet ihr sagen,
aber bedenket auch, was der liebe Gott für Kostgänger hat. Wer mehr nimmt, als
er verzehren kann, tut seinem Nächsten unrecht. Wenn dieser zu klein war, zum
Fach zu reichen, tut ihr es für ihn. Wer wird aber des Handgriffs wegen
glauben, dass man an der genommenen Habe und Gut allein ein Recht besitze? Seht,
alle guten Menschen geben von dem, was sie drüber haben. - Gott geb's wieder,
sagte jener Arme, allein der Geber noch weit besser: Er hat's schon gegeben!
Almosen geben armt nicht,
Kirchengehen säumt nicht.
    Beneidet euch nicht unter einander, wie die wilden Tiere. Seht die
Sternlein, wie still sie da des Abends bei Mondschein zusammen sind. Keines
kommt dem andern zu nahe, und doch find ihrer mehr zusammen, als wenn die ganze
Gemeinde bei einander ist. Kannst du sie zählen? sagte Gott zu Abraham. - Ein
Vogel singt, ein anderer fängt Fliegen. Jedes Ding nach seiner Art. Lasst euern
künftigen Lehrer nicht von euch sagen, wenn er euch eine Busspredigt gehalten,
dass er in ein Wespennest gestochen; lasst es ihn nicht an seiner Calende
empfinden. Er trägt die Bibel nicht umsonst! - Es ist die Laterne zum Himmel!
Die Manschetten wird er ablegen. Gott segne euch! Herzoge gelten nicht viel nach
dem Tode, Gelehrte nicht viel beim Leben. Und hiermit dank' ich euch, ihr meine
Lieben! für alle eure Liebe und euer Zutrauen, das ihr meinem seligen Mann und
mir erwiesen. Dafür kann kein Säemann, dass nicht jedes Korn aufgeht, und wenn
hie und da ein Pulver, das ich für den Leib, und ein Trostwort, das ich euch für
die Seele eingab, nicht anschlug - ich bin unschuldig an eurem Blute! - Liebet
euch! das ist mein letztes, allerletztes Wort. Hab' ich euch beleidigt, es sei
mit zu heftiger Ermahnung, oder mit unterlassenem Trost, es sei Tat- oder
Unterlassungssünde, vergebt! Vergebt mir um Gottes willen! Ich muss es Gott
klagen und euch; ihr wisst, was mir auf dem Herzen gelegen. Wer wälzt diesen
Stein von mir, war mein Gebet! Ich war traurig, wie Esra und Nehemia. Ihr
wisset, dass mich der gerechte Gott gezüchtigt hat durch des alten Herrn Tochter,
der ich hart begegnet. Ihr wisst, was in diesen Tagen geschehen ist. Alle
Züchtigung aber, wenn sie da ist, dünkt sie uns nicht Freude, sondern
Traurigkeit zu sein; aber darnach wird sie geben eine friedsame, Frucht der
Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind. - Ich scheide und übergebe eure
Seelen diesem treuen Hirten seines Herrn, der so segnet, wie meine Väter
gesegnet haben; er leite und führe euch auf ebener Bahn, damit er euch dereinst
dem Nachfolger meines Lebensgefährten, als eine geschmückte Braut dem Bräutigam,
übergeben könne, den Gott lehren wolle, sein Volk zu segnen. Dich, o lieber
Altar! wo ich so oft das Nachtmahl meines Herrn empfangen, o könnt' ich diesen
rotbeschlagenen Tisch noch einmal sehen! Der Herr mit euch! wenn ihr dazu
tretet, und wenn in Pfingsten Maien bis zu den Hörnern des Altars gesetzt sind,
die gern ihren Geist im Tempel aufgeben und doppelt so angenehm wie im Walde
duften, die in der Kirche begraben werden; so tröste der grundgütige Gott den,
der Trost bedarf, und erhöre das stille Gebet, das aus dem Innersten eures
Herzens quillet, das Gott allein weiss; das, das erhöre Gott! Ja! Amen! Ich will
nicht in der Kirche begraben werden, wie die Pfingstmaien. Auch im Grabe will
ich meinem Seligen die Hand geben und da liegen, wo Er, Minens Mutter und
Charlotte liegt. Wenn ihr diese Gräber vorbei geht, denkt: Selig sind die
Todten, die im Herrn sterben! Auf die Kanzel, wo mein Lebensgeleitsmann und
unser Sohn stand, trete nie ein Mietling, nicht einer, den Fleisch und Blut,
sondern den Geist und Kraft zum Diener des Herrn erkoren! Zweigliedrig sei sein
Segen, den er dem Zerknirschten gibt, und zweischneidig das Schwert seines
Mundes, wenn er dem Sünder das Ohr abhaut. Es wird sich das dritte Segensglied
von selbst geben, wenn die Manschetten wegfallen werden. No. 5, die Bank, wo
Mine gesessen, sei euch mehr, als No. 1. Die fünfte Zahl ist eine Wundenzahl.
Ich kann nicht mehr! - Sie hielt inne, sie hatte sich sehr ermüdet. Nach einer
Weile sah sie alle an! Lebt, sagte sie, dass wir uns alle, alle dort wieder
zusammenfinden, wie wir hier von einander schieden, damit ich sagen könne: Herr!
hier bin ich und die, so du mir gegeben hast! - Lieb wird es mir sein, herzlich
lieb, euer Angesicht zu sehen mit Freuden in der seligen Ewigkeit! - Gott aber
des Friedens, der von den Todten ausgeführt hat den grossen Hirten der Schafe,
durch das Blut des ewigen Testaments, unsern Herrn Jesum, der mache euch fertig
in allen guten Werken, zu tun seinen Willen, und schaffe in euch, was vor ihm
gefällig ist, durch Jesum Christ, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit,
Amen!
    Es war ein gesegneter Einfall, dass meine Mutter dem Pastor, der selbst sehr
gerührt war, das Lied: »Es woll' uns Gott gnädig sein und seinen Segen geben;«
zuwinkte, um den Ausbruch der Rührung der Gemeinde zu hemmen. Jetzt kam alles in
sanfte Tränen, und alles wünschte, dass Gott meine Mutter geleiten möge, und an
Ort und Stelle bringen, in den Himmel. Amen! Sie versprachen, die Gräber in
Ehren zu halten, und es ihren Kindern und Kindeskindern auf ihrem Sterbebette
anzubefehlen, so dass der jüngste Tag sie noch finden sollte!
    Die Wittwe bricht hier ab, und auch ich muss abbrechen.
    Dem Pastor gab meine Mutter die Schrift mit drei Siegeln, mit dem
ausdrücklichen Beding, sie nicht eher, als sieben Tage nach ihrem Begräbnis, zu
öffnen! Ja, sagte sie; Er: Amen! Er legte sie in die Agende. Sie fing ihm noch
einmal zu danken an. Es ist sehr rührend, wenn ein Sterbender dankt. Gemeinhin
ist sonst der Dank eigennützig. - Der Pastor liess sie nicht ausdanken, sondern
drückte ihr die Hand und ging mit den Worten von dannen. - In Ewigkeit! - Sie,
noch ein: Amen!
    Man hat nie erfahren, was in dieser Schrift mit den drei Siegeln gewesen. So
viel ist gewiss, dass sie mehr entalten, als die Zeitungsnachricht, wer Pastor
werden würde. Der gute Vikar ist nach dem siebenten Tage, von dem Begräbnisse an
gerechnet, ein ganz anderer Mann in Gedanken, Geberden, Worten und Werken
worden. Es schien, als hätt' er einen Pränumerationsschein auf einige künftige
Fälle erhalten. An die Frau v. B - war in dieser Schrift gedacht. Warum denn
nicht an mich? Warum für mich' nicht auch eine anexoy kai apexoy mit drei
Siegeln, sieben Tage nach dem mütterlichen Begräbnisse zu eröffnen? - Meine
Mutter hatte herzlich gewünscht, dass das heilige Abendmahl ihre letzte Speise
sein möchte auf dieser Welt, und ihr Wunsch ward erfüllt. Sie ward von Stunde zu
Stunde schwächer, und bat die Pastorin, ihr die Leidensgeschichte Christi und
seinen Tod vorzulesen aus allen Evangelisten! Wir sollen, sagte sie, des Herrn
Tod verkündigen, bis dass er kommt.
    Während dem Lesen sagte sie zuweilen Strophen aus Liedern. Beim Begräbnis
Christi sang sie mit dumpfen Tönen. (Dies war ihr letzter Gesang. Sie selbst
sagte: Meine Stimme ist schon begraben! Sie wird wieder auferstehen im ewigen
Leben! Man kann länger reden, als singen.)
Die Welt ist mir, ich ihr nicht gut,
Mir ekelt alles, was sie tut;
Was kann sie mehr als Fromme schmähen?
O! nimm mich! nimm mich hin ins Grab,
So sterb' ich meinen Sünden ab,
Und werde sauber auferstehen!
Komm so, mein Tod, und sei gegrüsst,
Der mehr als tausend Leben ist!
    Dr. Saft, der, ohne dass sie ihn verlangt, zu ihr gekommen war, sagte der
Pastorin, dass eine Entzündung da wäre. Den Gang der Krankheit konnte er nicht
bezeichnen. Jetzt war freilich mehr als Einbildung. Aus dem Schein war das Sein
worden. Sie selbst sagte der Pastorin ins Ohr, dass sie des folgenden Tages
sterben würde. Früher als einen Tag zuvor schien sie ihren Todestag nicht zu
wissen; vielleicht wusst' es ihr Schutzgeist nur eine Stunde früher. Auf
Seelenkrankheiten verstehen sich die Engel, sagte sie, auf Leibeszufälle wenig
oder gar nicht. Gott weiss alles. Sie hatte verlangt, dass niemand zu ihr gelassen
werden sollte. Saft drängte sich noch den letzten Tag früh Morgens vor. Ich
weiss, sagte sie ihm - Sie verweigerte ihm die Hand, da er sie beprüfen wollte,
und zeigte mit vieler Mühe gen Himmel. Sie blühete im Gesicht wie eine Rose. Den
Tag wusste sie, die Stunde nicht. Sie war, wie wir wissen, aus Sonnabend, Sonntag
geworden. Starb den - - Sonntag - -
    Wie er von ihr ging, neigte sie ihr Haupt und dankte ihm! - Die vorige Nacht
hatte sie noch die entsetzlichsten Schmerzen. Um vier Uhr Nachmittags war alles
vorbei! Zuweilen fiel sie in eine Phantasie und sprach wieder mit ihrem Engel.
Da sie ihn zum erstenmal wieder inne ward, redete sie ihn mit einer Heftigkeit
an, die durch die Seele ging:
    »Alle guten Geister loben den Herrn.«
    Die Pastorin versicherte, dass sie bei einem Geisterrauschen eine holde
Stimme vernommen: »Ich auch!« Je näher zum Tode, je mehr sprach sie mit diesem
guten Geiste, der sich Ich auch genannt hatte, wie die Pastorin versichert. Sie
sprach mit ihm, wie mit ihrem Seelenträger, mit ihrem Reisegefährten, und war so
froh, an seiner Hand in Abrahams Schoss zu kommen und die Krone der
Gerechtigkeit zu empfahen, dass sie den glühenden Fegofen, die Löwengrube der
Trübsale, nicht achtete. »Aber der Engel Gottes,« sagte sie zur Pastorin, »führt
mich zu einem Wasserbrunnen, dass ich beim Leben erhalten werde. Er lagert sich
um die her, so den Herrn fürchten, und hilft ihnen aus.«
    Der Schmerz ist weg, fing sie zu der Pastorin nach einer Weile an, aber die
Seele, die Seele, tut mir sehr, sehr wehe! Sie hat sich an die Melodie des
Körpers sehr gewöhnt.
    Die Wittwe musste hier Verschiedenes aus der Bibel lesen und aus dem
Gesangbuch singen. Die selbst sprach sehr unvernehmlich! Die Angst, bis sie
stossweise ausstand, war gross! Das letzte Lied war:
Herr Gott, dich loben wir.
    Die letzte Strophe musste die Pastorin viermal singen, nach Zahl der letzten
Dinge -
Behüt' uns heut, o treuer Gott,
Für aller Sünd' und Missetat.
Sei uns gnädig, o Herre Gott!
Sei uns gnädig in aller Not!
Zeig' uns deine Barmherzigkeit,
Wie unsre Hoffnung zu dir steht.
Auf dich hoffen wir, o lieber Herr,
In Schanden lass uns nimmermehr! Amen!
    Auch im Grabe, sagte sie, nicht zu Schanden!
    Trinken können die Kranken länger als essen. Die letzte Zeit konnte sie, wie
wir wissen, keinen Ton angeben. Zuweilen schien es, sie wollte; allein sie sah
sich verbunden, ihre Seele in Geduld zu fassen und sich mit Prosa zu behelfen.
    Die Pastorin musste den Vorhang am Fenster, wo sie lag, mitten entzwei
reissen! So, so, sagte sie, so reisst's hier, hier! Licht! rief sie. Der Vorhang
ward weggezogen; sie sah Licht. Grün, grün, fing sie an, Frühling! so schönes
Grün als das Taufwassergrün, und noch schöner! Kein Fusswasserplatz daneben!
Alles gleich schön! Oft reckte sie beide Hände aus. Paradies! rief sie. Sie ward
wieder still, liess sich ein Kruzifix dahin setzen, wo der Vorhang zerrissen war.
Sie sah es starr an, verlangte es näher, drückt' es an ihr Herz mit den Worten,
die sie ungewöhnlich vernehmlich aussprach:
Wenn ich einmal soll scheiden,
O scheide nicht von mir!
Soll Todesangst ich leiden,
O scheide nicht von mir!
Und wenn am allerbängsten
Mir rings ums Herz wird sein,
Reiss du mich aus den Aengsten,
Kraft deiner Angst und Pein!
    Sie fiel wieder ohnmächtig ein. - Was ist die Uhr? fragte sie die Pastorin,
und diese versicherte, dass ihr keine Frage empfindlicher gewesen. Vier? Bald! -
Sie hielt sich fest am Kruzifix, das sie sich hatte reichen lassen.
    Ihre letzten Worte, nicht völlig vernehmlich, waren:
Komm so, mein Tod, und sei gegrüsst,
Der mehr als tausend Leben ist.
    Ihre gewaschenen Füsse lagen im Kreuz; so im Kreuz mit Händen und Füssen
wollte sie auch begraben werden. Ihr Gesicht war nicht im mindesten im Tode
entstellt.
    Kein Hund heulte, schreibt die Pastorin, weder vor noch nach ihrem Ableben;
der Storch nur, der in der Gegend des Pastorats sein Sommerhaus hatte, ist
verzogen.
    Von ihrem Begräbnis will ich nur wenig anführen.
    Sie hatte nur bloss über den Ort, wo sie ruhen wollte, über ihre Begleiter
und einige Austeilungen an die Armen der Gegend Einrichtungen getroffen, alles
andere aber den Zurückbleibenden überlassen. Sie wollte nicht in der Kirche
ruhen, sondern unter ihren lieben Todten; indessen hatte sie verfügt, dass sie in
die Kirche gebracht und rund herum getragen werden sollte. Bei Nr. 5 bitt' ich
anzuhalten, sagte sie. Mein Gott, schreibt die Wittwe, wie bange war mir, sie
würde sich aufrichten: Ich bin vor dem strengen Richterstuhl Gottes verklagt! -
Fürs Urteil war mir nicht bange. Eine Selige ist sie wahrlich!
    Der Vicarius hielt ihr eine Rede über die Worte Mattäi im fünften Kapitel
der achte Vers: »Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott
schauen!«
    Eine Stelle aus dieser Rede:
    »Unsere Glaubensschwester führte ein verborgenes Leben in Gott. Man sah an
ihr die Worte erfüllt: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in
den Schwachen mächtig. Die Trübsal hatte in ihr gewirkt Geduld, die Geduld
Erfahrung, die Erfahrung Hoffnung, und diese lässt nicht zu Schanden werden. Ihre
Seele war genesen, da sie aus meinen Händen das Mahl des Herrn empfing! Gott war
mit ihr! - Wahrlich, Freunde, diese Gegend hat eine Beterin, eine
Himmlischgesinnte, eine Gottverlobte verloren.«
    Vor der Rede ward gesungen:
Wenn Gott von allem Bösen etc.
    Die Pastorin schreibt, dass sie den zweiten Vers dieses Liedes auch mit
heiligem Schauer gesungen, nicht mit Bangigkeit, wie beim Herumtragen bei Nro.
5. Sie wird den Sargdeckel heben, dacht' ich (ihre eigenen Worte) und mitsingen:
Mein Mund wird nichts als lachen,
Und meiner Zungen Klang
Wird lauter Lieder machen,
Gott, unserm Heil, zu Dank!
    Nach der Rede ward gesungen:
Es ist gewiss ein' grosse Gnad' etc.
    Bei der vierten Strophe, schreibt die Pastorin, empfand ich, wie wohl
gewählt dies Lied war:
Da wird Gott all's in allem sein;
Da wird dann recht erklingen
Der Sang der heil'gen Engelein,
Die Gott ein Loblied singen
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
    Sie ward, wie sie angeordnet, in die Erde gelegt, bei meinem Vater. Hier
werden sie Hand in Hand ihren schönen Morgen erwarten, wenn das Verwesliche wird
anziehen das Unverwesliche, und das Sterbliche die Unsterblichkeit! Ausser den
Begleitern, die sie erbeten hatte, war die ganze Gemeinde jung und alt
gegenwärtig. Man hatte keine Schaufel nötig, sie zu bedecken. Jedes warf eine
Handvoll Erde sanft auf ihren Sarg. Der Greis flehte um einen seligen Tod; der
Mann um die glückliche Entbindung seines Weibes; das Weib, dass ihr Erstgeborner
ihr wohl gedeihe; der Jüngling für seine Geliebte; die Braut um die treue Liebe
ihres künftigen Gatten; das Kind um das Leben seiner Eltern! Was jedem das
Liebste und Beste war, das erflehte er sich bei diesem Grabe, und jedes warf
eine Handvoll Erde!
    Freunde, schaudert ihr vor dem kalten Arm der Erde? Seid getrost, ihr werdet
in ihm von der Last eurer Pilgrimschaft ausruhen, und auch der hier nicht viel
schlafen konnte, wie sanft wird er hier sich legen! Was weiss ich, schreibt die
Pastorin, ob das Laken gerissen oder die Wehmut derer, die einsenkten, daran
Schuld gewesen (die Wehmut ist schwach wie ein Kind) - der Sarg riss sich los,
recht als ob er die Zeit nicht abwarten konnte! Wie er nahe an meines Vaters
Sarg kam, wankte der Deckel. Dies vermochte die Träger, um die Erlaubnis zu
bitten, beide Särge noch zu öffnen und beider Hände in einander zu legen. Diese
einfältige, fromme Bitte ward von den Leichenbegleitern bewilligt, und sie
copulirten dieses Paar, weinten die bittersten Tränen auf die Hände, deckten
jeden Sarg zu, und alles empfand bei diesem ungekünstelten, unbereiteten
Vorgange, dass er ungekünstelt, unvorbereitet war.
    Noch einen dergleichen muss ich nachholen. Den Abend vor dem Begräbnis
versammelten sich die besten Sänger und Sängerinnen im Dorfe und sangen vor dem
Trauerhause das Todtenlied, so ich meinen Lesern in einer Uebersetzung
mitzuteilen nicht anstehen kann.
                                     * * *
    Todtenglocken, klagt, klagt laut und wimmert nicht so dumpfig, so innerlich,
dass es Mark und Bein durchtönt! Ruft es aus, damit jedes, Klein und Gross, wisse,
woran es sei: Vater todt! Mutter todt! Unsere Kirche eine vater- und mutterlose
Waise.
    Armes Weib, die doch gern gebären wollte, damit unsere Kirchenmutter ihre
Hand auf das Knäbchen lege und es einsegne, du kamst zu spät! Ihre Hand ist
eiskalt! Nicht ein Tropfen warmer Segen ist drin. Sie hat ihn keinem entzogen,
der seinen Kopf darreichte! - Wir fühlen noch alle die Stelle, wo ihre milde
Hand lag!
    Wer wird nun unsern Kleinen Honigbrod geben, wenn sie den Glauben beten? Wer
wird sie bei der Hand nehmen, wenn sie Abba, mein Vater! an einem Nest voll
junger Vögel, die ihren Mund gen Himmel aufreissen, beten lehren? Wer nach dem
Ungewitter, wenn die Luft sich erholt hat, ein Loblied singen mit den Finken um
die Wette?
    Kommt, lasst uns gehen, wo es wiederhallt, und Mutter rufen, Mutter!
Vielleicht erfährt sie dadurch, dass wir ihrer denken. Uns spottet das Echo nach;
mit Geistern spricht es wie wir mit einander. Kommt in den Wald, wo es
wiederhallt! Fast hochnot ist, dass wir Zweige brechen, den Weg zu bestreuen zu
diesem Grabe. Ihr Grab wird von selbst grünen und blühen. Nicht von Aesten,
diese sich jeglicher Reisende brechen kann, um sich auf seinem Wagen eine Bude
zu bauen, die ihn vor der Sonne schirmt. In die Höhe wollen wir klimmen und aus
den Gipfeln Aeste nehmen und brechen. Sie ist's wert, dass man hoch steigt und
dass man bricht und nicht schneidet. Sie ist von der Seele gerissen wie diese
Aeste vom Stamme. Sie welkt, wie dieses Laub auf dem Wege zu ihrem Grabe. - Wem
dienen die Tauben, die sie im Schlage zurückliess? Auch sie sind arme Waisen wie
wir alle. Sie fressen nicht mit Wohlgefallen, seit sie todt ist. Lasst uns
Teilung halten, jedes Haus ein Paar. Ihre Jungen und die Jungen ihrer Jungen,
die sie brüten, sollen das Andenken eines Pastorpaares erneuern, das wie ein
paar Tauben war, und wenn wir von diesen Tauben unsern Kindern ein Paar
zurücklassen, sei es mit der Ermahnung, an die Gräber dieser Frommen zu denken
und ihnen kein Leid zu tun! Ist es euch nicht so, als wenn die Tauben selbst
drum bäten, ohne unser Zutun? Gar fromme Tiere! Unser Pastorpaar wird sich der
liebe Gott so halten, wie jeder von uns das Taubenpaar!
    Seht ihr nichts im Monde? Seht! Sie ist's! Im weissen Kleide, weisser, heller
noch als der Mond; sonst könnten wir sie nicht sehen. Das Tuch um ihr Haupt, so
wie sie da lag, ehe sie eingesargt ward. Wie sie uns zublickt! Seht! Seht! Welch
ein Abglanz auf uns! Nicht um das Auge zu blenden, nein, um es zu stärken. Nicht
Mittag, Abendkühle liegt drin! Heilige! Dank für deinen Blick! Dank für alles!
Sieh auf dein Grab; ist es nicht aus Erkenntlichkeit gut aufgeklopft? Da soll
dein Gebein ruhen, sicher vor jedem Sturmwind, der sich mit unbedeckten Gebeinen
neckt, als könnt' er sie lebendig machen, und die frommen Tauben mögen Habichte
werden und unsere jungen Küchlein aufhacken, wenn wir dein Gebein nicht ehren,
du fromme Mutter, um deinetwillen!
    Am Begräbnisstage, und noch zwei Tage nachher, ward in der nämlichen
Procession dies Lied abgesungen, und jedesmal mit einer Rührung, die ihres
Gleichen nicht hatte. Immer als zum erstenmal.
    Der nämliche lettische gelehrte Sänger hat auch auf meinen Vater einen Sang
herausgegeben; indessen finde ich die gegenwärtige fromme Sonnabends-Empfindung
bei weitem nicht drin. Naive Tändelei ist dem Volke eigen; indessen ist, was
drüber ist, nicht immer vom Uebel.
    Eine Stelle verdient Mitteilung. Man merkt leicht, dass das Lied aus höherem
Chor ist, und dass überhaupt unser Meistersänger das Kunstlose des Volksliedes
öfters verfehlt! Wie das zugeht, weiss ich nicht. Mein Vater pflegte zu
behaupten: Meine Mutter sei Schuld daran! Nicht doch, erwiederte meine Mutter,
das kommt weil er ein Christ ist. Das Christentum ist göttliche, himmlische
Kunst.
    Die Stelle:
    Er starb zu einer seligen Stunde, eben da wir den Weizen einstreuten. Sein
Leib, dies Weizenkorn Gottes, wird so leicht verwesen, als eine Rose verbleicht,
so sanft, als Leib und Seel' von einander gingen und sich zum letztenmal
herzten.
    Die Erde ist nicht so kalt, als sie zu dieser Jahreszeit zu sein pflegt!
Schaud're nicht, ehrwürdige Pastorleiche! Die Sonne schlug so warm, ringsum warm
herum, als wenn sie es auswärmen wollte, und was war's für ein Rauch, den ihre
Strahlen herauszogen? Weihrauch, den sein Engel, der auf dem Sonnenblick
herabfuhr, anzündete, um dies Grab zur Schlafkammer auszulüften.
    Ist es erlaubt, zu der Standrede des Herrn Vikars über die Seligkeit der
reinen Herzen, die Gott schauen werden, etwas zum Lebenslauf meiner Mutter zu
liefern? Prose, wie ihr Tod war. Den Gesang hab' ich dem Letten überlassen, dem
der Vikar, ein grosser Lette, nachgeholfen zu haben scheint.
    Sie war von mittelmässiger Grösse, hatte braunes Haar, eine sanftgebogene Nase
und grosse Augen, die am Blitz jenem Grossmutterauge durch die Ritze, wenig oder
gar nichts gewichen hätten. Aus beiden Augen liess sie dies Licht leuchten. Die
Nase ist der Zeiger am Menschen. Sie sah gerade zu, und trug die Nase, wie sie
selbst bemerkte, weder gen Himmel, noch hatte sie ein Schatzgräberaussehen. Sie
war sehr verhältnissmässig gebildet. Man sah ihren Händen an, dass sie solche nur
selten in Handschuhen verschlossen gehalten, und doch waren ihnen die
Priesterahnen und eine gewisse bewährte Feinheit anzusehen. Sie hatte die
folgsamste Zunge, die je im Dienste des Herzens gestanden. Ihre Hände lebten mit
der Zunge in Gemeinschaft; sie schrieben sich: & Compagnie. Aergert dich
dein Auge, reiss es aus, ärgert dich deine Hand, haue sie ab, konnte keinem
Zuhörer meiner Mutter einfallen, wenn sie sich hören liess! Alles war im besten
Zusammenhange und liess auf ein gleich übereinstimmendes Herz schliessen. - Sie
bezog nicht Leben und Taten der hochwohlgeborenen Herren mit Firnis, Messing,
Blech, Gold; sie war selbst keine Freundin von englischem Lack. Papilloten
konnte sie nicht leiden; ich habe nie in meinem Haare Papilloten getragen; Vater
und Mutter waren dagegen. Papier im Garten und in den Haaren war meinem Vater
gleich unnatürlich, und meine Mutter sagte, wenn sie einen falschen Menschen
beschreiben wollte: Es ist ein Mensch, der sich in Papilloten zu legen versteht.
Eine Ordnung war ihr eigen, die mein Vater ein Schnürchen Perlen zu nennen
pflegte. Sehr war sie für Leute, die von Natur lockigt Haar hatten. Geborene
Pastores, pflegte sie zu sagen! Im Tanzen hatte sie nicht Unterricht genommen,
das sah man ihr an. Sie hielt sich nicht rohrgerade; allein sie fiel auch nicht
zusammen; ein kunstloser, völlig natürlicher Anstand war ihr eigen. Sie schnürte
sich nie, ging etwas schnell und ein wenig mit dem Kopfe vorgebogen. Eine
Lieblingsart von Andachtsbezeugung war es, die Schultern in die Höhe zu ziehen.
Die Hände faltete sie auf eine so vortreffliche Weise, dass man Ausdruck drin
sah. Sonst hemmt das Händefalten alle Handaction; es scheint die tiefste
Ehrfurcht zu verraten, die immer unbeweglich ist. Man will sich selbst halten,
sich selbst binden. Die Hände meiner Mutter bewegten sich indessen auch
gefaltet, und zwar der Ehrfurcht unbeschadet. Sie hatte keine Menschenfurcht;
indessen war sie auch eben so weit entfernt sich zu erdreisten.
    Ihr seid ein Narr, sagte ein bekannter Landesvater zu einem seiner Höflinge!
Wer ist's nicht? allergnädigster Herr! erwiederte der Höfling. Dies: wer ist's
nicht? sieht meiner Mutter ähnlich; obgleich sie gewiss in einem andern Tone, als
der Hofnarr, es gesagt haben würde. Da sie alles nahm, wie es kam, fiel nichts
bei ihr vor, das wie gesucht anscheinen könnte! Sie pflegte zu sagen: Man muss
keinem Gedanken die Türe verschliessen. - Sie war im höchsten Grade gastfrei.
    Trau, schau, wem! war ihr ein Sprüchwort, das sie nicht liebte; obgleich
wider den Reim nichts zu sagen ist.
    Sie hielt keine Wirtschaftsbücher, und liebte sehr, ohne Etat zu leben.
Wenn der liebe Gott mit uns alles zu Buch bringen sollte, pflegte sie zu sagen,
ei denn! - Sie dachte überhaupt alles ohne Zahlen.
    Mein Vater bemerkte: sie dachte alles poetisch. Ein neues Haus ohne
Baukosten; indessen bot sie ihm die Spitze durch einen hohen Geistlichen, den
Papst Sixtus den Fünften, welcher behauptet hätte, dass man auch einem Esel die
Aritmetik beibringen könnte.
    Der Mond war ihr Liebling. Das Profil und das Geradezu, pflegte sie zu
sagen, wie schön!
    Sieh einen Geizigen, sagte meine Mutter, Treppen steigen; wo er nur kann,
nimmt er zwei Stufen auf einmal! Man lasse doch dem Reichen seine vollen
Scheuern, ihm, der gemeinhin arm an Leib und Seele ist!
    Wer Worte aufmutzt, war ihr ein Hahn, der den Auskehricht nachkehrt. Gern
hätte sie gesehen, dass der Hahn die üble Gewohnheit nicht hätte. Er war ihr ein
bedeutendes Tier. Sie selbst war sehr grammatikalisch und setzte ihren Casum.
    Die Hölle nannte sie oft brennende Kälte!
    Ich meines Orts, pflegte sie zu sagen, habe nichts wider die Herren
Philosophen; allein sie sind alle, wie mein Hausphilosoph, im Herzen für den
monarchischen Staat. Freiheit ist Himmel!
    Der Dichter ist für gleich und recht aus der goldenen Zeit her. Er hebt
alles Ansehen auf. Den Grossen lässt er einen Kittel anziehen, den Unbedeutenden
einen blanken Rock! Das beste ist, es kostet ihn nichts. Er ebnet und gleicht
alles, und da sieht man sonnenklar, dass kein Ansehen in der Welt ist! Er ahmt
Gott nach; denn auch vom Dichter kann es heissen:
Es ist dem Dichter alles gleich,
Den Grossen klein und arm zu machen,
Den Armen aber gross und reich!
Er ist der rechte Wundermann. -
    Da liegt die Ursache, warum nur gewöhnlich arme Leute dichten!
    Das Pfingstfest nannte sie Geniefest, und hielt es für notwendig, dass in
diesen heiligen Tagen Wein getrunken würde; selbst Champagner, wenn nicht
anders. In Ostern ass sie ein Lamm mit Brunnenkresse. Ueberhaupt verwahrte sie
alle Erstgeburt, so die Mutter gebrochen, auf Festtage. Die Erstgeburt war ihr
heilig. Auch selbst das erste Glas aus einer Flasche war ihr wie Erstgeburt
wert. Sie gab es dem, den sie lieb hatte.
    Sehr war sie für ihr Geschlecht; indessen war Adam doch die Erstgeburt, das
konnte sie nicht läugnen, und sagte, dass ein Weib eine 0 sei, der eine 1
vorstehen müsste, wenn die Null was bedeuten sollte. Die Mädchen, sagte sie zu
mir, sind wie Hopfen, sie müssen sich von klein auf rankeln. Du nicht also,
setzte sie hinzu.
    So lasst, ich bitte euch, das Doch aus dem Vaterunser - und wenn Bitte nicht
helfen wollte, frass sie ein heiliger Eifer. Ist denn, fuhr sie fort, das
vollkommenste Gebet auch nicht vollkommen? O ihr Kleingläubigen, dass ihr's mit
einem Doch verstärkt! Führ' uns (doch) nicht in Versuchung. Erlös uns (doch) von
allem Uebel.
    Mein Vater nahm sich des Flickwörtchens Doch weniger, als der armen Leute
an, die, wenn sie beteten, nicht ans Vaterunser, sondern ans Doch und an meiner
Mutter Scheltwort dachten! - Lass sie! Lässt Gott der Herr nicht manches Doch an
uns? - Meine Mutter liess demungeachtet nicht nach, das Unkraut aus dem
Vaterunserweizen, wie sie sagte, zu jäten.
    Das Gedächtnis meiner Mutter war ausserordentlich; es war eisern. Kein
Wunder, wenn sie zu Sprachen aufgelegt war. Sie behauptete, dass man bei der
Poesie das Gedächtnis schone. Sie ist dem Gedächtnis eben das, pflegte sie zu
sagen, was die grüne Farbe den Augen ist. Bei Sprachen hingegen, fuhr sie fort,
greift man das Gedächtnis an. - Was ich sagen wollte, betraf eigentlich
Sprachen.
    Meine Mutter war keine Freundin von Wörterbüchern. Wenn auch, sagte sie, dir
das oder jenes Wort fehlt; die Sprache verlässt keinen, der sie nicht verlässt.
Sie hat nicht unrecht. Wer eine Sprache nicht ex professo weiss, kann sich doch
drin trefflich ausdrücken, wenn er nur sonst ein Kopf ist. Wagen gewinnt, wagen
verliert, heissts hier! Was ich ein Genie gern eine Sprache reden höre, deren es
nicht völlig mächtig ist! und wo ist ein Genie, das seine Sprache pünktlich
weiss? Da sehe ich denn, wie dem vollen Ausbruch der Flamme nur ein Mund voll
Luft gebricht. - Ein Genie ist ein Kopf, der nicht aufs Wort merkt, und doch
fehlts ihm nie an irgend einem Guten. Kraft und Macht sind hier verschieden;
obgleich sie sonst ein Paar sind.
    Mein Vater las nie ohne Wörterbuch eine Sprache, in der er nicht Meister
war. Er musste alles aus dem Grund haben und jedes Wort aus der Wurzel ziehen. -
Mein Vater war ein Prosaist; meine Mutter eine Dichterin.
    Wenn ein Hahn krähte, dachte meine Mutter an den Hochverrat des Petrus und
an ihren eigenen, den sie sich wegen Minen zu Schulden kommen lassen. Der
Präpositus unter ihren Hähnen, der alle andern überschrie, war ihr ein
ehrwürdiges Tier! In den Denkzetteln tat sie ihm sogar die Ehre, ihn
Superintendent zu nennen. Schade, sagte sie, dass auch er den Auskehricht noch
einmal auskehrt! - Nichts konnte es ihr näher legen; wer steht, mag wohl
zusehen, dass er nicht falle, als ein Hahn.
    Sie konnte keine Uhr schlagen hören, ohne dass sie auffuhr. Kauft die Zeit
aus! sagte sie. Wenn sie wo war, stand sie mit dem Schlage auf, wenn sie wo
hinging, geschah es mit dem Schlage, und dies nicht etwa der Pünktlichkeit
wegen, sondern des Vollschlagens halber. Sie tat, als wüsste sie, dass sie mit
dem Schlage sterben würde. Ich wollte auch nicht im ersten oder dritten Viertel,
oder wenn es halb ist; kalt oder warm, sagte sie, da du aber lau bist, will ich
dich ausspeien.
    Wäre es nicht gut, fragte sie, lieber Mann! wenn man lieber spräche, wie
Mattäus, Marcus, Lucas sagt, und nicht, wie sie schreiben? Sagen ist lebendiger
Glaube, schreiben todter. Jenes Geist, dies Leib. Mein Vater lächelte.
    Meine Mutter, die gegen jedermann gerecht war, und die mir in ihrer
Textsammlung, in ihren Denkzetteln die Lehre gab, die u bei ihrem Strich und die
i bei ihrem Punkt (privilegio reali) zu lassen, war eben so gerecht gegen alte
Wörter und ihre wohlhergebrachten Privilegia. Der Wurmstich tut zu ihrer
Gültigkeit nichts ab, nichts zu. Luter war ihr Autor classicus.
    Sie liebte sehr Realworte, solche, welche die Sache selbst wären, wie sie
sich ausdrückte. Donner! - Blitz! - Sturm! - In dieser Hinsicht war sie mit
einigen nicht zufrieden, z.B. mit Geschwind. Es wird kalt, ehe man das Wort zu
Ende spricht. Schwind wie der Wind, wäre besser. Du sollt' nicht stehlen, setzte
sie hinzu, und wich dem Worte Geschwind aus, um ihren Grundsätzen nach auf der
einen und auf der andern Seite dem Worte keinen Schaden noch Leides zu tun,
sondern allen, wärs auch einer Sylbe, förderlich und dienstlich zu sein.
    Sie gab allen Bäumen zu viel Wasser, die sie selbst pflanzte. Ueberaus gern
sah und hörte sie regnen.
    Ihren Unterricht pflegte sie eine Schöpfe zu nennen. Wollte Gott, setzte sie
hinzu, aus einem Gesundbrunnen, aus einem Brunnen des Lebens! Nicht jeder kann,
so lange wie er ist, sich in den Betesda stürzen.
    Seht doch jenen Baum, dem die Aeste brechen. Er hat mehr Kinder, als er
tragen kann! So fromm, wie jene Wittwe das Scherflein einlegte, so fromm stützte
sie diesen Baum!
    Ein Pastor aus der Gegend, dessen Geiz gränzenlos war, hatte einem dürftigen
Eingepfarrten 10 Tlr. Alb. geliehen. Wo sind denn die neune? sagte er zu seinem
Schuldner, da er ihm einen Reichstaler zum Anfang abtrug. Das neune ich, sagte
meine Mutter, eine Spruchspötterei, dergleichen sich zehn Freigeister nicht zu
Schulden kommen lassen; wiewohl sie ob der Bibelsprache hielt.
    Die Juden sah meine Mutter, wie Winckelmann die Antiquitäten an. Von
getauften Juden war sie vielleicht bloss darum keine Freundin. Nie hatte sie bei
einer Judentaufe Gevatter gestanden, obgleich sie gern bei Christenkindern
dieses Patenamt übernahm. Sie drängte sich recht zu Gevatterständen. Lasst die
Kindlein zu mir kommen, sagte sie, und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das
Reich Gottes!
    Wer beim ersten Gericht von Religionssachen spricht, ist ein Heuchler! - da
denkt man an den Leib. Beim letzten Gericht vorzüglich beim Kuchen, wird in
allen Gesellschaften von Religion des Mittags, von Erscheinungen des Abends
gesprochen.
    Das Gewissen, sagte sie, ist eine Saite, die nie ausgespielt wird.
    Sie schrieb Christ mit einem X und Christentum Xtum, und war eine so grosse
Verehrerin vom Kreuz, dass, wenn gleich sie nicht mehr ein Kreuz schlug, wenn sie
gähnte, sie doch alles und jedes ins X legte Z.B. Messer und Gabel. Die
Eckartschen Kamine waren ein Greuel in ihren Augen, weil das Holz hier nicht
kreuzweise brannte. Sonst war Kaminfeuer ihr Leben. Mein Vater war auch dafür.
    Zu früh, sagte meine Mutter, ist eben so zur Unzeit, als zu spät. Wer etwas
zu geschwind sagt, weiss es, und weiss es auch nicht. Sie ging zwar etwas schnell;
allein sie sprach so, wie man muss, nicht zu früh, nicht zu spät. Sie hatte sehr
was Vernehmliches in der Sprache, eine klingende Stimme!
    Sie war sehr für rasche Pferde, und da mein Vater gleicher Meinung war, so
pflegte sie oft, wenn sie mit ihren vier Braunen fuhren, zu sagen: Feurige Rosse
und Wagen. Es kann sein, dass sie, bloss weil sie Dichterin war, rasche Pferde
geliebt; indessen erwähnte sie nie des Pegasus.
    Wer wird, sagte sie, einen Erzengel Gottes wirklich geheimen Staats- und
Kriegsminister nennen? Kindliche Weisheit mit Scholastik verkaufen? Wisset ihr
nicht, dass ein wenig Sauerteig das ganze Gebäcke versäuret?
    Sie glaubte sich, als Pastorin, wirklich im göttlichen Dienste. Die
Schauspielerin arbeitet so gut als er. Eine Sängerin erhält oft ihren Mann. Eine
Pastorin besorgt den kleinen Dienst, sagte sie, um meinem Vater zum Munde zu
reden!
    Ein Berg ist die eigentliche Kanzel Gottes! Christus der Herr, bestieg
selbst eine dergleichen Kanzel, und predigte gewaltiglich.
    Vernunft nannte sie Unterfutter! Oberzeug, sagte sie, muss Dichtkunst sein,
wenn es kleiden soll.
    Sie konnte nichts Uebertriebenes leiden, und übertrieb selbst, wenn sie
dergleichen Leute auf den rechten Weg leiten wollte. »Tut sie doch so keusch,
dass sie Bedenken trägt, ein Söhnlein christlicher Eltern über die Taufe zu
halten.«
    Einen Unbeständigen bezahlte sie mit gleicher Münze. Im Mutterleibe, sagte
sie, ist er am längsten gewesen. Wer hat aber seine Mutter darüber befragt, ob
sie nicht Beschwerde zu führen gehabt, dass er den Zaun brechen wollen, ehe es
Zeit war?
    Für die Augsburgische Confession war sie über alle Massen. Herzlich konnte
sie sich über einen curischen Candidaten freuen, der auf die Frage: woher sie
Confessio Augustana hiesse? antwortete, weil sie vom Augustino herkäme; warum
nicht gar vom Kaiser Augusto, der eine Schatzung ausschrieb? Der Conversus war
aus Augsburg, kein Wunder, dass, des Königs von Spanien unerachtet, alles mit dem
Hieronymo a sancta fide so gut beigelegt, und ein für den Conversus so
vorteilhafter Friede eingegangen ward.
    Wenn meine Mutter zuweilen im heiligen Eifer war, sprach sie, wie sie selbst
bemerkte, nach Prophetenart, die es auch, wie sie glaubte, so böse nicht gemeint
hätten. Den folgenden Fluch hatte sie aus den Propheten ausgezogen; nie hat sie,
ein Glied davon gebraucht. - »In der Stadt soll keine Mühle mehr gehen; keine
Braut soll sich ihres Lieblings freuen; kein Richter soll einen Mord rügen; jede
Erstgeburt verunglücken. Nie werde gesungen und gesprungen. Hülle und Fülle sei
nirgend, weder im Tempel, noch beim Schmause. Lang werde den Tischgästen die
Zeit, wie den Taglöhnern, und kein Mark sei auf ihrem Tische; in ihren Häusern
rieche es nach eitel todten Leichnamen, die den Weihrauch nicht aufkommen
lassen, wenn gleich ihn Aarons Hand wölbt. Wenn es donnert, ergreife den
Einwohner eine Angst, wie eine Gebärerin, und niemand finde hier volle Genüge.
Keine Kreatur freue sich hier ihres Seins. Der Vogel sitze länger, um seine
Jungen zu brüten, und verlasse das Nest, ehe seine Nachwelt einen Flug getan.
Ein Schwindelgeist sei unter ihre Jugend ausgegossen, dass sie wie Trunkenbolde
laufen, wie aufgeraffte Mittagsschläfer. Ihr Alter sei wie Rohr, das der Wind
hin und her beugt! - Verzagteit wohne in ihren Städten, und bei dem kleinsten
Uebel recke jeder seine Hand wie ein Ertrinkender, wenn er sie zum letztenmal
reckt.« - Die Propheten, behauptete sie, fluchten schön und - wer lese nicht
gern solche Flüche?
    Eine feine Flucherin! Ich schreibe mir nichts hinter's Ohr, sagte sie, und
tat auch also. Ich habe mit keinem Menschen ein Hühnchen zu pflücken. Wahrlich!
sie war ein schöner nordischer Maitag. Sie war nicht eine Fläche, die dem Auge
nicht hinreichend Nahrung gibt! Ein Berg, eine Kanzel Gottes, grenzte an ihr
Tal.
    Einen Plan machen konnte sie nicht. Sie schlug nicht Alleen im Walde,
sondern, nachdem es die Gelegenheit gab, hier und da einen Stamm. Zum ersten,
besten Bahnbruch war sie nicht aufgelegt. Sie selbst aber wusste ein und aus.
    Mein Vater war gleich mit einem Riss fertig. Meine Leser werden selbst so
manche Abschnitzel von Entwürfen bemerkt haben. Gern aber mochte meine Mutter
Plane hören, z.B. die Disposition meines Vaters von der Sonntagspredigt schon
Sonnabends zu wissen, war ihr Leben. Mein Vater nannte es den Küchenzettel der
Predigt. Meine Mutter war mit diesem Ausdruck höchst unzufrieden.
    Sie sah sehr ungern, wenn irgend ein gemeiner Mensch ein Instrument spielte.
Singen, sagte sie, muss jeder können; allein spielen nur der, wer Geld und Zeit
hat. Sie glaubte, ein Reicher hätte unendlich mehr Zeit, als ein Armer, und man
könne wirklich Zeit kaufen.
    Sehet die Vögel unter dem Himmel, sie säen nicht, sie spinnen nicht, und
darum singen sie doch, pflegte sie zu sagen.
    Das Schreiben hielt sie in Absicht des gemeinen Haufens unnötig, sogar
schädlich, dagegen behauptete sie, müsse jeder Mensch sein Augenmass excoliren,
das heisst, setzte sie hinzu, zeichnen lernen, wenn nicht anders, so mit den
Augen allein.
    Weder Hefen, noch Schaum. - Der alte Herr ist oft beides. - Sie goss alles
ohne Schäumchen auf.
    Ein Becher war ihr liebstes Geschirr; ein Halbbruder vom Kelch, sagte sie.
Mein Vater war für Gläser.
    Der Champagner war ein Stutzer unter den Weinen! Windbeutel nannte sie ihn.
- In Pfingsten hiess er Geniewein.
    Sie ass gern Honigseim, wie sie es nannte, zu deutsch Honigkuchen.
    Sie hatte eine Weise, der Mode nicht ungetreu zu sein; indessen brachte sie
dabei etwas an, wodurch sie ihre curische Freiheit sich reservirte. Mein Vater,
der Monarchenfreund, versicherte, dass sie eben diese Abweichung am
vorteilhaftesten gekleidet hätte, und in Wahrheit, eine bloss modische Frau ist
geputzt, eine, die, wenn es nötig, sich selbst etwas vorbehält, hat Geschmack.
Sie ging sehr reinlich. Wenn sie sich ungewöhnlich ankleidete, pflegte sie zu
sagen: Wir brauchen Brod alle Tage; Geld aber nur alle Jahr.
    Walt', ewiger Gott! Wie viel Vorliebe hat der Mensch doch fürs Sinnliche!
Lässt er wohl das Kippen und Wippen? Und doch ist er schon hier im Stande,
verklärt zu werden. Es gibt Seelen von Menschen! Geister von Menschen, sagt man
nicht. Es gibt Gemüter, von denen man behaupten könnte, sie hätten keine
Erbsünde; allein den meisten Menschen ist nicht um Sachen, sondern um Worte zu
tun! Welch eine Torheit! singt dein Vater, und das mit Recht! Nach dieser Fahr
und Not will ich dir lobsingen, Gott, meine Zuversicht, in deinem Heiligtum!
Als ob Gott, dem Herrn, mit einer Handvoll Worte, mit einem Panegyrikus gedient
wäre! Handlungen, das ist die eigentliche Art, mit Gott zu reden; das heisst, ihn
im Geist und Wahrheit anbeten!
    Das sind mir die rechten Pastores, die böse Hunde halten, und die Leute bloss
ins Gebet einschliessen! Sie hielt die Hunde für eine Beleidigung der
Gastfreiheit.
    Mein Sohn! schreibt sie mir gleich nach meiner Abreise, bald hätte ich mein
Kind geschrieben, und das ist nicht Jüngchen, nicht Mädchen. Dieser Ausdruck
schickt sich für keinen, als den Johannes, den Evangelisten, den Christus lieb
hatte, mit dem er spielte. - Das war ein Kind, ein liebes Kind, im erhabenen
Sinne. Wie ich den Johannes lieb habe! Was ich dir sagen wollte: Saul suchte die
Eselin seines Vaters, und fand ein Königreich. Joseph träumte sich zum Herrn
über ganz Aegyptenland, der nicht ein Kornjude, wie etliche wollen, sondern ein
feiner Finanzminister ward. Es ist sehr gut, dass es dem Menschen nicht immer
nach seinen Wünschen geht. Gott behält sich ein Votum bei ihm vor, und anstatt,
dass ein Mensch betrübt sein sollte, dass ihm ein Posten abgeschlagen wird, sollte
er sich freuen, dass Gott der Herr sich in die Sache eingemischt. Wenn man die
Zeit abwarten kann, wird Wasser in Wein verwandelt. Wer weiss, ob Horeb oder
Getsemane der beste Berg ist? Du willst in die Ratsstube, und weisst nicht, dass
du in die Mördergrube geraten würdest; du willst Geld, und bedenkst nicht, dass
Geiz die Wurzel alles Uebels ist; du klagst über öftern Anfall von Kolik, und
weisst nicht, dass, wenn der Stöhner nicht lange lebt, der Prahlhans gewiss nicht.
Ich zittere vor einem grossen Glück, wie dein Grossvater selig. Wenn es recht warm
gewesen, donnert und blitzt es. Da erzählt mir jüngst der Candidat mit den
langen Manschetten, dass eine Glocke, die nicht fest genug hing, auf ein Mädchen
von sieben Jahren gefallen, die unten spielte, und zwar so, dass sie sie
bedeckte. Von solchem Glücke konnte dein Grossvater nicht sagen: Das heisst Glück.
Da hätte auch der Himmel fallen können, und nicht bloss eine Glocke. Dies Mädchen
wäre keine Frau für dich geworden. Mag sie doch der Herzog heiraten, wenn er
Lust und Liebe zum Dinge hat!
    Bücher und Kinder kosten am meisten, und es ist unrecht, dem geistlichen
Stande den Credit darüber zu benehmen. Die alten Prediger liessen etwas Bart zur
Art stehen, und diese Weise, gar eben wäre so etwas in meinem Kram. Vielen
unserer Candidaten würde es Mühe kosten, diesen Aufwand zu machen. Der Bart wird
sich zeitig bei dir einfinden! Es ist kein ungebetener Gast, er sei willkommen!
    Sobald du den Kopf auf einer Seite und nicht geradezu trugst, merkte ich
gleich, du wärest verliebt. So trägt ihn der Verliebte. Du fingest an, in Tenor
zu fallen. Gut, dachte ich, er hat das Weltbürgerrecht gewonnen. Ich wusste, mein
Blick könne nicht fehlschlagen, und du wärest nicht gleichgültig gegen Minen.
Mein Gott! aber wer konnte auch gleichgültig sein! Wenn ich ihr kaum einen guten
Morgen bot, da sie kam, musste ich sie doch küssen, wenn sie ging. Viele Menschen
lassen die Natur nicht zum Worte. Mine stand so mit der Kunst. Wahrlich, die
Natur hat euch die Liebe gelehrt! - Lass sie nur Pfefferkraut sammeln, dachte
ich! Was hat es zu sagen, wenn es beim Pfefferkraut bleibt? Ich Törin! konnte
ich denn nicht bedenken, zu dieser meiner Zeit, dass du die erste und letzte
Geburt einer Dichterin wärest, und dass deine Einbildungskraft kein Stück Kleid
bei dem, was es ist, lassen, sondern es in ein himmlisches Gewand umschaffen
würde? Ich, die ich deines Vaters halber hebräisch lernte, ich konnte dies alles
nicht bedenken?
    Meine Mutter, obgleich kein Wort ihr Kopfschmerzen machte, und sie Genie im
Ausdruck war, trat doch der u und i Gerechtigkeit halber meinem Vater in Absicht
der Stammworte bei. Diese waren ihr so ehrwürdig als ihre Ahnherren, die
Superintendenten und Präpositi. Sie riet, sich daran zu halten, um jedem Worte
seine Würde und Ehre zu geben. Ohne das ist alles nicht Fleisch, nicht Fisch,
nicht gekocht, nicht gebraten. Soldat ist zusammengesetzt von Sold und Tat,
sagte sie. Wer ums Lohn Dinge tut, tut sie der? fragte sie; denn sie hielt
nicht viel auf Soldaten. Sie hiess sie gewöhnlich mit der heiligen Schrift
Kriegsknecht. Die Bauern nannte sie lächelnd Bauherren.
    Wenn gleich in Curland bloss der Bauern- und Ritterstand obwaltet, und der
Literator der Rinnstein zwischen beiden ist, doch so, dass er sich mehr zur
bäuerlichen Seite wendet, so meinte sie doch, das Mittelstück sei das beste.
    Wie heisst das vierte Gebot?
    Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dirs wohl gehe und du
lange lebest auf Erden!
    Was ist das?
    Ob denn nicht ein Autor auch ein geistlicher Vater sei? Gern sehe ich es, um
den verlornen Sohn von Kunstrichter bei Gelegenheit, dass ich meiner Mutter die
kindliche Pflicht erstattet, zur ähnlichen Schuldigkeit anzuweisen. - Mag er
doch bei seinen Trebern bleiben!
    Du aber, ruhe wohl, meine gute, liebe Mutter! bis der liebe jüngste Tag
anbricht, bis zur Stunde, da es heisst: Steht auf! Du warst zur Wiedergeburt
gewöhnt, wahrlich, du wirst wiederkommen! Ei, du Fromme und Getreue! du bist
über wenig treu gewesen! Du wirst zu vielem kommen! Du warst reines Herzens, du
wirst Gott schauen, du preisest Gott mit deinem Leibe und deinem Geiste, welche
sind Gottes. - Was gesäet war in Schwachheit, wird auferstehen in Kraft! Eva ass
und gab ihrem Manne auch davon, und er ass, und doch war Eva das Weib aller
Weiber, die Mutter aller Lebendigen. Gute, einfältige, fromme Seele! Gott segne
dich! Vergesse ich dein, so vergesse mein Herz meiner! Mein Vertrauter, der aus
einem Becher mit mir trinkt, sei ein Judas, der Gift unter meinen Kuss mische! In
meiner Rechtssache spreche ein schielender, kleiner Bube aus einem Obergericht!
Der in der Curländerin Sache sprach, richte auch meine Sache, wenn von Ehre und
gutem Namen die Rede ist! Mit Tränen will ich ernten, was ich mit Freuden
säete! Dein Mann, mein Vater, versplitterte oft das beste Stück Bauholz, woraus
ein anderer eine Kirchenstütze gekannt hätte, wenn ers im gemeinen Leben
brauchte. Er wechselte ein Schaustück eines Dürftigen halber, und auch du gabst,
was du unterm Herzen hattest! - Wahrlich du warst kein Gras, das unter Steinen
wächst, das keinen rührt, und wozu niemand sagt: Gott grüss dich! Eine grüne
Taufwiese warst du, ein holdes Tal, das einen Berg zum Nachbar hat. Ein Lied im
höhern Chor, ein Sonnabend, auf den der Sonntag folgt. Eine Glorie vom hellen
Mondschein war hier dein Teil; dort bist du gekleidet in Sonne der
Gerechtigkeit. Gerechtigkeit war deine Aussaat und wird deine Ernte sein. Keinem
Worte hast du einen Zahn ausgestossen, keinem einen bleiernen oder silbernen
eingesetzt! Jedem Buchstaben, gross und klein, gabst du, was sein war. Sümpfe zu
verurbaren, gemeine Seelen zu adeln, in den Schwachen mächtig zu sein, so wie es
Gott in dir war, das hieltest du für deinen Beruf. Du hattest richtige Läufe.
Ruhe wohl! - Du hast deine Quarantaine vor der Ewigkeit richtig gehalten; - du
bist eingegangen! Gott webe seine Hand über deinen Staub! Lebe wohl!
    Dass Herr v. G. der ältere noch vor meinem Vater den Weg gegangen, den wir
alle gehen werden, hat meine selige Mutter anzuzeigen nicht ermangelt. Freilich
gehört Herr v. G. nicht so unmittelbar in diese Geschichte, und wäre es wohl
Zeit, dass ich an mich selbst mehr dächte: soll man denn aber seinen Nächsten
nicht lieben als sich selbst, und ist denn Herr v. G. der ältere nicht wahrlich
unser aller Nächster? Je weniger man andere aus den Augen setzt, je mehr sagt
man von sich selbst - und damit ich mein Schwert in die Scheide stecke und
meinen Lesern reinen Wein einschenke, so verlangt der nämliche Freund, der mich
schon mehrmals in dieser Geschichte besuchte, den Herrn v. G. in Lebensgrösse. So
werd' ich ihn nicht darstellen können, weil ich Extrapost genommen; indessen
doch hie und da ein Zug von diesem Naturmanne, der auch die Kunst nicht zum
Worte kommen liess, wie meine Mutter es Minen nachrühmt. Es ärgert mich
jederzeit, wenn ich eine Vor- oder Nachrebe vollbracht habe, und doch kann ichs
nicht lassen! Wer kann sich ohne guten Morgen und gute Nacht behelfen? In allen
Sprachen wird es der lernenden Jugend zuerst beigebracht, und wer sich überhaupt
ohne Vor- und Nachreden behelfen, oder wenn sie schon da sind, sie mir nichts
dir nichts streichen kann, kann mehr als ich! Es ist so etwas von Erst-und
Letztgeburt darin.
    Damit meine Leser indessen gleich wissen, woran sie sich zu halten, so sei
mir erlaubt, den Text zu verlesen, worüber gepredigt werden soll. Wahrlich, dies
ist auch der einzige Gesichtspunkt, aus welchem Herr v. G. zu nehmen ist.
    Er und mein Vater hatten sich in zehn Jahren nicht besucht, wohl aber, so
oft sie sich nur reichen konnten, mit Gedanken, Geberden, Worten und Werken
(wiewohl alles in Ehren) gepfändet. Sie empfingen sich, da Junker Gottard und
ich zusammen gegeben werden sollten, wie die beiderseitigen Schwiegereltern
gemeinhin am Hochzeitlager, so freundlich, dass nichts darüber war. Aber Pastor!
sagte Herr v. G., nachdem sie in der freien Luft so manches gute Wort
gewechselt, sind wir nicht ein Paar Verneinungen, ein Paar Nullen gewesen, dass
wir uns und so manchen Realitäten sieben Jahre, wenns nicht mehr ist (es waren,
wie ich nicht anders weiss, zehn, die vollkommene Zahl), den Rücken gekehrt?
                        Aus einem Briefe meiner Mutter.
    Ich habe, das weisst du, je und in alle Wege viel aus den Predigten deines
Vaters gemacht, obgleich er nicht viel aus meinem Gesang, bis er mit Brand
heimgesucht ward. Am liebsten hör' ich ihn, wenn er eine Casualpredigt hält. So
ist mir die Predigt: Richtet nicht, noch immer in den Ohren ein süsser Schall,
und hätt' er's bei den Liedern nicht versehen, dieser Sonntag wäre wert, in
Gold gefasst zu werden und Edelstein. - Ueber den Herrn v. G. hielt er eine
Predigt trotz der: Richtet nicht; indessen war sie nicht für jedermann. Sein
Text war aus dem einhundert neununddreissigsten Psalm und dessen
dreiundzwanzigstem und vierundzwanzigstem Vers: »Erforsche mich, Gott, und
erfahre mein Herz, prüfe mich und erfahre, wie ich's meine, und stehe, ob ich
auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege!« Seine Predigt handelte vom
Verstande und Herzen eines Christen, nicht, wie alles ist, sondern wie man's
glaubt, dass es so recht, dass es so gut, so recht gut ist. - Auf den Glauben
kommt's allein an. Mancher, der nicht Herr, Herr! gesagt hat, wird dort die
beschämen, die Herr, Herr! des Morgens, des Abends und vor und nach Tische
sangen und beteten. Nicht die Vater unsers, nicht die das Walt's machens aus,
sondern die den Willen tun des Vaters Jesu Christi im Himmel, sind hier auf
gutem, auf ewigem Wege. Da bekamen in die Länge und in die Quere, die sich über
den Herrn v. G. aufgehalten, weil er lange nicht communicirt, und kein
Kirchengänger gewesen. Es war deinem Vater nicht anzusehen, dass er sein ganzes
Hebräisch vom Conversus hatte, und das heisst, eben nicht weit her. Er sagte uns
Christenleuten so manches teure, werte Wort, und wahrlich, mein Sohn, er hatte
nicht Unrecht. Die Ortodoxie des Herrn v. G. will ich an seinen Ort stellen.
Gott gebe, wenn es nicht zur Rechten ist, es wenigstens nicht ganz zur Linken,
sondern von der Seite sei. Der Herr v. G. bekannte und läugnete nicht. Ich bin
keiner, sagt' er rein heraus, und ohne Sprichwort. Wenn man aber die jetzige
neue Mode, Christen zu sein, erwägt, die unsere jungen Herrn (Gott nehme dich in
seinen Schutz!) von einigen Akademien, mitbringen; (Heil mit Königsberg und
Göttingen für und für!) so könnt' es wohl heissen: dein Silber - zu reden aus
Jesaias dem ersten Kapitel und dessen zweiundzwanzigstem Vers: »O Christentum!
dein Silber ist Schaum worden, und dein Getränke mit Wasser gemischt,« und aus
dem drittem Kapitel, der siebenzehnte und vierundzwanzigste Vers: »Der Herr wird
den Scheitel der Töchter Zion kahl, machen, und der Herr wird ihr Geschmeide
wegnehmen.« Das heisst, er wird den Leuchter von der heiligen Stätte stossen, und
statt der feierlichen, hellbrennenden Kerze prasselt dann ein elendes Talglicht,
zwar in einer gläsernen Form gegossen, schön von aussen, allein doch Talglicht;
dann wird Stank für Gutgeruch sein, und ein loses Band für einen Gürtel, und
eine Glatze für krauses Haar, und für einen weiten Mantel ein enger Sack; für
Bibel und Gesangbuch allerlei Naschwerk und Marcipan, das süss auffällt, allein
den Magen verdirbt.
    In dieser Verstandes- und Herzenspredigt dachte dein Vater an den Herrn v.
G. Es war wie vom Himmel gefallen. Ha! vermutete man, da wird er die
zehnjährige Entfernung aufdecken; da wird man erfahren, ob Rahel weiss oder braun
gewesen; was für Federn Gabriel in seinen Flügeln gehabt; ob Adam mit einem
Nabel versehen gewesen - wenn gleich der Text darnach nicht war! - Es war eine
Stille, wo man das Wort fast in der Seele hören konnte. Die Frau v., die so tief
zu seufzen gewohnt ist, dass die Wände es hören und wiederhallen, als wunderten
sie sich drob! - still! ganz still! O mein Sohn! dein Vater ist ein
feuerschlagender, geistreicher Mann! Schade! dass er sein Hebräisch nicht aus der
ersten Hand hat! und abermals Schade, dass man nicht weiss, wo er her ist! Sein
Text ist Stahl und Feuerstein. Er schlägt, und es fallen Funken, des
Küchenzettels unerachtet, den er über jede Predigt macht. Ich habe geweint
bitterlich, und die ganze Kirchen- oder Trauerversammlung weinte so. Er schalt
nicht, er drohte nicht. Er stellte dem es heim, der da recht richtet. Wenn ich
doch schreiben könnte, was er sagte! Es war alles wie in Versen, so leicht, so
schön!
    »Lasst uns ungebeten an ein Mitglied einer benachbarten Gemeinde denken,
dessen Erforschungs-, dessen Prüfungsjahre selig zu Ende gegangen, und der den
ewigen Weg der Wahrheit und des Lebens angetreten! - Er kam nicht zu mir, so wie
er's seit einiger Zeit öfters zu tun die gütige Gewohnheit hatte, sondern zu
unserm Gotteshause! Er wollte unsern frommen Uebungen beiwohnen, ohne dass ich's
zuvor wusste. Ich sprach ihn nicht, ich begrüsste ihn, allein von weitem, und
siehe da! noch ehe ich meine Predigt anfing, hatte er seinen Lauf vollendet.
Noch ehe ich Ja sagte, war er beim Amen. Er starb, wie ihr alle wisset, in den
letzten Worten des christlichen Glaubens:
Nach diesem Elend
ist uns bereit
dort ein Leben in Ewigkeit.
Unvergesslich wird mir jedes Wort dieses Umstandes sein, so wie dieser Mann es
einem jeden sein muss, der ihn gekannt hat! - Er besuchte selten die Kirchen, und
musste in einer Kirche sterben! Ich sah den Aufstand, der unseres Vollendeten
halber entstand; allein ich hielt seinen Zufall für einen solchen, der bei
weitem nicht der letzte wäre.«
    »Welch, eine Kluft zwischen Gottes und unsern Gedanken! Dein Wille, unser
Vater! dein Wille ist geschehen. -«
    »Er war - ich sage das Wort war, anstatt ist, zum erstenmal und ich fühle
es, es ist das erstemal, - er war mein Freund! Er war, ich, will mich an dies
Wort gewöhnen, er war ein Freund der Wahrheit, und ich kann hinzusetzen, ein
Freund Gottes und der Menschen, nach seinem Bilde gemacht. - Gemeint hat er es
gut, das wissen wir alle, mit Gott und Menschen. Was können leichte Wolken der
Sonne schaden? Sie darf sich nicht vordringen, sie leuchtet ungesucht hervor,
und jeder sagt: die liebe Sonne! Er dachte nicht, so wie wir, Freunde! Ihr
wisset, dass er und ich uns darob wie Lot und Abraham trennten, und fiel etwas
vor, was nicht ganz wie Lot und Abraham war, verzeihe es Gott! bei dem viel
Verzeihung ist. Ich bekenne es frei, ich war bei dieser Trennung der Eiferer,
und der Eifer tut nicht jederzeit, was recht ist. - Mein Trost ist, dass auch
ich es gut meinte! O Gott, wie oft ringt meine Seele zu dir! Wie oft bete ich in
meiner Einsamkeit, nur allein von dir gehört: Erforsche mich, Gott, und erfahre
mein Herz, prüfe mich und erfahre, wie ich es meine, und siehe, ob ich auf
bösen, auch nur auf Irrwegen, bin, und leite mich auf ewigem Wege! Ich habe
getan, was meines Amtes ist. Tut, Freunde, auch, was das eurige ist. Ich
wünsche ihm die Ruhe der Gerechten! Ihr desgleichen. Gedenke an mich, wie ich
gestorben bin; so wirst auch du sterben. Gestern war es an mir, heute an dir,
das sei unser Geleitsspruch, wenn wir dieses Gotteshaus verlassen!«
    Dieser Auszug bedarf keines Zusatzes. Kurz und gut war der Tod unseres
teuren v. G. Eben so kurz soll auch meine Leichenrede sein; ob so gut, kann ich
nicht bestimmen.
    Herr v. G. war ein sehr natürlicher Mann; alles, was er sagte, war mit der
Hand geschöpfte Natur. Diogenes sah einen Knaben Wasser mit der Hand schöpfen,
so wie unsere es mit dem Hute zu tun gewohnt sind, und setzte sich aus dem
Besitz, seines Mobiliarvermögens, ohne solches publica legis auctione dem
Meistbietenden zu überlassen. Wenn die Natur Lehrer und Propheten sendet, sind
es alle solche Wasserschöpfer! - Herr v. G. hatte eben da seine eigentlichen
Collegia gehört. Er war aus Curland. Da, wo er geboren, waren schon sieben
Herren v. G. geboren und gestorben; allein wahrlich kein v. G. seiner Art.
Curland hat einen solchen Mann schwerlich aus seinen Mitteln gehabt. Mein Vater
konnte sich nicht überzeugen, dass seine Vorfahren Curländer gewesen. Er ist, wie
die Curländer sein könnten, und wo sind v. G-s? Wie aber, wenn die Natur in
einem Lande, wo Keckheit, Rauhigkeit, Trotz und Tyrannei unter dem Namen von
Freiheit gang und gäbe ist, einen Mann, der ihrem edeln Bilde ähnlich wäre,
recht mit Fleiss schaffen wollen? Wenn sie gedacht, lasst mich einen Curländer
machen, ein Ideal?
    Herr v. G. hatte, wie jeder Junker, seinen Hofmeister. Dieses war zum
Unglück ein so ausgelernter Künstler, dass er wider die Landesgewohnheit viel
todte Kenntnis besass, die in der curischen Dunkelheit hell schien, so wie faules
Holz gewöhnlich im Finstern. Unser Jüngling war seinem Führer am Verstande
unendlich überlegen, dieser aber jenem an Sprüchen; und da der gute Goliat an
dem Herrn Vater unseres kleinen Davids einen Verehrer gefunden, so war der junge
Herr gezwungen, den Kürzern zu ziehen, seine Schleuder ungebraucht zu lassen,
und sich höchstens mit einem verstohlenen Blick des Beifalls von seiner guten
Mutter zu begnügen. Dieses edle Weib hatte die gerechtesten Klagen wider ihren
Mann, besonders in puncto puncti. Auch ausser dem puncto puncti nahm sich der
alte Herr v. G. so manche schreiende Härte nicht übel, und befand sich dabei
recht wohl. Fiel ja ein Gewissensbiss vor, so hatte der Hausarzt ein Recept von
Sprüchen, die ihn auf der Stelle beruhigten. Arzt und Patient waren gleich
kurzsichtig. Aus seines Vaters Hause ging unser seliger Mitbruder in die
akademische Welt, liess seiner Denkungsart, die bisher Ziegel gestrichen, den
freien Lauf und ward - Dreistdenker. Anfänglich war es nur, um das Grossmaul, den
teologischen Goliat, zu Gottes Erdboden zu bringen. Obgleich dieser
Ausforderer in dem väterlichen Hause zurückgeblieben war und mit keinem kleinen
Stein erreicht werden konnte, so war er doch unserm David so lebhaft, dass er mit
einem kleinen Steinchen nach dem andern seine Stirn probirte. Dieser Steinwurf
ward ihm eigen. Jung gewohnt, alt getan. Die Gewohnheit ist eine andere Natur,
hätte ich bald gesagt; allein in Wahrheit nicht die andere, sondern die erste,
die eigentliche, die Natur selbst. Unser Seliger studirte Lebens- und nicht
Schulweisheit, von der er immer der Nachfrage halber eine Kiste erhandeln
können! Freilich, sagte er, hätte ich, und es tut mir oft leid, dass ich's nicht
habe; allein wenn es mir wieder einfällt, dass alle die Raritäten so sehr der
Mode unterworfen sind, als es kein Kopfputz meiner Frau ist, warum sollte ich? -
Wahrlich! Gelehrsamkeit ist Weiberkopfputz; der erste unter den Gelehrten geht
frisirt! - Pfui! da ehre mir Gott mein eigen Haar, wenn's gleich nicht kraus
ist, wie die gute Pastorin es gerne sieht. Nicht war er in sich selbst verliebt;
ist denn das die Natur? Lässt sie nicht die Kunst in ihre geheimsten Zimmer? -
Hilft ihr nicht die galante Kunst beim Anziehen, bald hätte ich gesagt, reicht
sie ihr nicht oft das Hemde; allein ist sie darum eine Buhlschwester? Mit
nichten.
    Alles, was Herr v. G. aus der zweiten und dritten Hand hatte, war ihm nur
insoweit teuer und wert, als ein gutes Stück Natur darunter war. So konnte er
sich über naiv und Laune nicht zufrieden geben, obgleich diese ganze Lehre viel
Kopfputz entält! Ich habe die Schule durchgelaufen, pflegte er zu sagen,
spornstreichs, setzte er hinzu. Was tut's? Er hatte mehr beim Fenstereinwerfen
und beim Ständchen, bei einer Professor-Cour, und was weiss ich, wo mehr,
gelernt, als hundert seiner Gesellen in den Collegien, die sich ärgerten, wenn
jemand dem natürlichen Wink seiner Nase folgte, und sie mit dem Schnupftuch in
der Hand störte. Da sehe ich noch so manchen Nachschreiber lebhaft, der gern dem
guten Pastor nachgefragt hätte: Wer grunzt in der Gemeinde? wenn dies
Milchknäbchen nicht befürchten müssen, es würde ihn ein Spiessgeselle angewiesen
haben, seine weise Nase ins Heft zu stecken.
    Herr v. G. behauptete, Gelehrsamkeit sei nur, um nachzuschlagen, und wenn
man ein so gutes Lexikon in der Nähe hätte, wie mein Vater, so wäre nichts
überflüssiger, als sich den Kopf mit Worten zu überladen, oder mit der Schale zu
schöpfen!
    Es gibt Schrift- und Redgelehrte, Sokrate und Platone, so wie es gehende und
sitzende gibt. Ich mag deren keines. Zum Erfinden, sagt der Pastor, gehört
Einfalt, kindische Einfalt! Selten ist ein Erfinder ein Gelehrter. - Wenn ich
doch ja was sein sollte, wollte ich ein Erfinder sein. Da gibt's freilich
Professoren, die sich auf ein Definitionchen so viel einbilden, als auf eine
eingenommene Festung mit Sturm oder List! Die Toren! Was hilft's, in schönem
Porcellan jämmerliche Kost, ohne Geruch und ohne Geschmack? Was im krystallenen
Pokal verschalter Wein? - Ein Definitionskrämer wird wahrlich kein Newton
werden, obgleich auch dieser über die Offenbarung Johannis schrieb.
    Herr v. G. las blutwenig! Wenn ich ein Buch lese, sagte er, lassen mich
meine Gedanken nicht zum Worte kommen! Böse Gesellschaften verderben gute
Sitten. Die Natur wollte ihn nicht verführen lassen! Die gute Mutter Natur! Bald
hätte ich geschrieben, die gute Frau v. W. Ich habe mir immer eingebildet, so
würde die Natur aussehen, wenn sie Menschenkindern zu Ehren sich in unsre
Gestalt verlieben sollte. Sie wird es nicht.
    Las Herr v. G. ja etwas, so musste es leserlich geschrieben sein. Der Autor
musste, wie er sagte, ihn nicht breitschlagen oder zum Besten haben wollen. Mein
Vater hatte ihm einige Stellen aus den Alten verdeutscht, und Herr v. G. war so
gütig, sie ein Brennglas zu nennen, wodurch wir die Sonne an die Pfeife zögen.
Er liebte nicht, mit Schriftstellern umzugehen. Die sich frisch und gesund lesen
lassen, sagte er, sind, wie ich gehört habe, stockstill in Gesellschaft. - Man
sagt ein Hephata nach dem andern, die Zunge wird nicht los. Herr v. G. selbst
war, ehe er schrieb, noch schwieriger wie mein Vater; hatte er indessen die
Feder einmal ergriffen, gings, seinem eigenen Ausdruck zufolge, wie aus der
Pistole. Er strich so wenig, wie meine Mutter, und nie hatte er ein Blatt
zerrissen, um es besser zu schreiben. Warum soll ich mich mit mir selbst
schlagen? warum mich selbst herausfordern? Ich bin sehr für den Hausfrieden, das
ist, für den mit mir selbst. Nie machte er ein Couvert; am liebsten schrieb er
auf unbeschnittenem Papier. Gemeinhin schrieb er mit umgekehrter Feder; kehrt
man denn nicht, sagte er, den Hut um, wenn die Sonne scheint? Die Ursache war,
weil er nicht gern Federn schneiden machte, und da meinte ers denn so ehrlich
mit jeder neuen Feder, dass sie bald unbrauchbar ward. Hermann schnitt ihm
zuweilen Federn; allein gemeinhin waren sie ihm zu spitzig.
    Plane, pflegte er zu sagen, kann man erzählen; Ausführungen reden von sich
selbst.
    Nie zog er seine Stiefeln um, wie andere ehrliche Leute. Schuhe hat er so
wenig getragen, wie der König von Preussen.
    Das Brod schnitt er sehr gerade. Schade! pflegte er zu sagen, dass es
geschnitten werden muss! Was nur möglich war, ass er ohne Gabel und Messer. Hatte
er zuweilen eine Mahlzeit, die er durchweg ohne dergleichen Mordgewehr, wie ers
nannte, vollbringen konnte, so war sein Gratias an Gott desto inbrünstiger.
    Er war hitzig; da möchte ich, sagte er selbst, gleich das Haus zum Fenster
hinauswerfen; allein wenn ich näher komme, sehe ich, dass das Fenster zu klein
ist!
    Die Feder gilt nichts, wenn sie zertreten ist, war sein Sprüchwort; warum er
dies Sprüchwort eben von der Feder entlehnt, weiss ich selbst nicht.
    Jeden seiner Herrn Brüder hielt er drei Schritte vom Leibe. Nie liess er sich
zu nahe kommen; allein auch er kam keinem zu nahe.
    Mit dem Künstler, Meister Hermann, sprach er wie Naturmann. Er fragte sich
nie: was werden andere Leute sagen? allein er lebte wahrlich so, dass niemand von
ihm auch nicht einmal etwas Böses denken konnte; darauf, fügte er hinzu, muss man
es anlegen. Der Schmähsucht entgeht niemand. Selten wird ein Mann sein, der so
gleichgültig gegen das Urteil anderer ist, als er war. Um von gewissen Leuten
nicht gelobt zu werden, hätte er sogar etwas tun können, das er sonst nicht
würde getan haben!
    Es gibt Krippenreiter in Curland, die es recht geflissentlich dazu anlegen,
ihre Brüder in Versuchung zu führen, ihnen auf die Zähne zu fühlen; indessen nur
alsdann, wenn die Zähne los sind, stossen sie sie ihnen aus. Da hatte einer eine
Ohrfeige erhalten und nichts dagegen vorgenommen, als gefragt: wie er diese
Zweideutigkeit verstehen sollte? Das war sehr natürlich unserm v. G. ein Stachel
im Auge. Der Tor! sagte er. Sieh den andern, der dich ansieht, wieder an, und
sein Auge sinkt. Ziele nur, der andere wird wanken, wenn er Herz hat, und sich
zurückziehen, wenn er keines hat. Umgekehrt, so wird ein Vers draus. Auf den
Hohn: das Pulver scheint der Herr Bruder nicht erfunden zu haben, gleich den
Trumpf: aber zu gebrauchen weiss ichs! Ich wette drauf, der Pulvererfinder wird
sich in bester Ordnung zurückziehen!
    Herr v. G., der standhafte Mann, blieb indessen gefällig. Seine
Lieblingstiere waren Hühner, und nur nach ihnen folgten Hunde! Er überrumpelte
niemanden; jeden liess er zum Wort und beim Worte. - Keine Dissonanz in seinem
Umgange; er war immer gestimmt - immer heiter.
    In seinen Zimmern war ein eigener Geschmack, kein fournirter Tisch, keine
Falschheit. - Keine Weste, wo hinten Leinwand war, wäre sie auch von Gold und
Silberstück gewesen, ist je an seinen Leib gekommen. Von allem, was ihm gefiel,
sagte er, es schmecke ihm: So schmeckte ihm ein Zimmer, dieser oder jener
Freund. - Er behauptete, auch ein Zimmer habe seine Physiognomie, und aus der
Schlafstube, oder vielmehr aus einer solchen, wo kein Fremder so leicht einen
Zutritt hat, müsste man den Hausherrn beurteilen.
    Vom Trinken machte er mehr als vom Essen. Kalt ass und trank er am liebsten.
    Das natürlichste, pflegte er zu sagen, ist, wie Diogenes zu essen, wenn man
Hunger hat, ohne sich an Morgen und Abend zu binden. Gesünder würde man dabei
sein, auch älter werden; allein wir würden mehr einbüssen, als gewinnen. Das
Essen und Trinken mit Wohlgefallen, weg wäre es. Löffel sind im Hospital
erfunden. Alle flüssigen Sachen schwächen. - Für Kinder Milch, für Männer Käse.
    An seine Gemahlin war er gekommen, wie man an vieles kommt. Sie soll ausser
der Weise schön gewesen sein. - Wieder Natur am Herrn v. G. Des darf ich bitten
wegen, hätte er sie geheiratet, sagte Herr v. G., da er in - zu Tische bat. Sie
konnte, wenn sie wollte, allerliebst sein, und guterzig scheinen. Ist man es
wirklich, wenn man so stolz, wie die Frau v. G. ist? Unser Freund hatte die
beste Ehe von der Welt. Wenns zu arg kam, sagte er Punktum, und die gnädige Frau
ging sehr freundlich ab, wovon wir alle einer Probe beigewohnt haben. Von ihm,
und nicht von ihr, hing es ab, ob einem in seinem Hause wie Herr oder Monsieur
begegnet werden sollte. - Seine Liebkosungen waren immer mit Ungestüm. Frau v.
G. befürchtete zuweilen, dass es ihr wie den russischen Weibern, wiewohl ohne ihr
Zutun, gehen würde, die aus Liebe von ihren Männern geschlagen werden. Wo der
Herr v. G. geküsst hatte, war gewiss ein roter Fleck.
    Sie pflegte von ihrem Manne, den sie im Herzen sehr hoch hielt, zu sagen: Er
hätte Einfälle wie ein altes Haus; und wahrlich, er hatte Einfälle, nicht wie
der lebendig todte Hermann, an dem man immer den Bocksfuss sah, sondern wie ein
Mann, der alles gern beim rechten Namen nennt. »Er hat zwar,« sagte er von einem
alten Geistlichen, der sich sehr viel zu gut tat, »einen kahlen Kopf, wie
Elisa; allein den Mantel hat er nicht von Elias geerbt.« Pastor! sagte er zu
einem andern Seelsorger, Sie schlagen mit Moses um die Wette: jener auf den
Fels, Sie auf die Kanzel; hier und dort kommt Wasser. Man hielt ihn für einen
Feind der Geistlichen, und die Wahrheit zu sagen, seine alten Hauseinfälle
trafen diese Herrn am meisten. Dies war vielleicht eine geheime Ursache, warum
mein Vater sich zehn Jahre von ihm entfernte.
    Mein Vater hatte ihm seiner Hitze halber im Scherze angeraten, ich, du, er,
wir, ihr, sie zu sagen, so wie er sich selbst vorgenommen hatte, panis, piscis,
crinis, ignis, finis, glis in dergleichen Fällen zu brauchen; allein Herr v. G.
konnte sich nicht ohne den Teufel behelfen. Es lüftet das Herz, so wie eine
Prise ächter Curländer die Nase. Sein Argos hiess Satan. So wie meine Mutter kein
i um seinen Punkt betrog, so sagte Herr v. G. nie, dass dich! So was, fügte er
lächelnd hinzu, heisst den Teufel betrügen!
    Er barbirte sich so, wie mein Vater, mit kaltem Wasser, oft mit Schnee, um
etwas Seifähnliches zu brauchen. Wer warmes Wasser an seinen Leib kommen lässt,
ist aus Furcht des Todes ein elender Knecht seines Lebens. Herr v. G. war viel
zu sehr ein freier Curländer, um beim Leben in Dienst zu treten.
    Herr v. G. hatte sein Lebtag keine gewisse Essstunde. Wenn gleich er leider!
Mittag und Abend hielt, so wollte er wenigstens sich doch nicht auf Stunden
einschränken lassen. Hierin mindestens wollte er frei sein, wenn es nicht
vollständiger angehen könnte. Dergleichen Regeln, und fast alle, pflegte er zu
sagen, sind der Gemächlichkeit wegen da; wer Verstand und Willen hat, braucht
keine dergleichen Kinderregeln. Grundfalsch war nie etwas, das er behauptete. Er
hatte einen so treffenden Blick in Seele und Leib, dass man glauben musste, es
wäre alles regelrecht, was er sagte. Er war, wie wir wissen, ein Wurzelmann. Die
Frau Gemahlin, die bei ihrem hohen Sinn nicht allemal einen hohen Ausdruck
hatte, pflegte dies zu übersetzen: er merke Mäuse. Jeder Mensch hat seine
Manier, seine Natur im Sprechen. Herr v. G. besass, wenn gleich nicht den
treffenden Ausdruck meines Vaters, so doch einen wohlgemeinten, einen
verständlichen. Gnade dem Gott, wer ihm mit Punkten und Clauseln kam, die man so
und anders nehmen konnte; so was mochte er versäufen im Meere, wo es am tiefsten
ist. Auf die Juristen war er übel zu sprechen; die besten, behauptete er,
bemühten sich dem Kinde einen Namen zu geben; der Name ist ein Zaun, ein
Schranken, bis dahin und weiter nicht. Gott hat keinen Namen.
    Das natürlichste, was noch in der Welt ist, sagte Herr v. G., ist der Schlaf
und Wasser. In Rücksicht des Wachens und Essens sind so viele Verstümmlungen
vorgefallen, dass die eigentliche Natur zu finden ein Rätsel ist. Der Schlaf, in
so weit die Träume von des Tages Last und Hitze abhängen, ist auch schon
verfälscht, wenn man's genau nimmt. Wasser also ist allein aus dem Paradiese
übrig geblieben; Wasser ist das einzige unter allem Flüssigen was reinigt,
setzte er hinzu.
    Die vier Elemente, Feuer, Luft, Wasser, Erde, nannte er die vier
Temperamente der Natur; - die fünf Sinne die Poststrassen zur Seele; ein
Liebhaber der fünften Zahl hat darum fünf angenommen, mag sein nach Anzahl der
fünf Finger.
    Unsere Sinne sind nicht gleichen Ursprungs, einige haben ihre Privilegia
erschlichen. Geruch und Geschmack sind gekaufte Titel; kein Kind hat Geruch und
Geschmack. - Freilich lernt es auch sehen, allein diese Lehre bekommt es aus der
ersten Hand; durch wie viel Hände erhalten wir dagegen Geruch und Geschmack! -
Kann es je heissen: Gott hat die Menschen aufrichtig gemacht, aber sie suchen
viele Künste; so hier.
    Das Herz war das Gesetz unseres teuren v. G., und wahrlich ein trefflicher
Gesetzgeber, wenn es wie das v. G-sche ist!
    Empfindsamkeit, pflegte er zu sagen, schützt vor Zügellosigkeit; allein was
ist besser, zügellos oder weibisch?
    Er glaubte, dass es Hand-, Mund- und Herzensworte gebe. Die Augen sind
Filiale, pflegte er zu sagen, vom Herzen; die Füsse von den Händen; der Mund hat
keinen so nahen Bundesgenossen.
    Sobald über Natur die Rede ging, war er unüberwindlich; in der Kunst war er
gern Schüler! Selbst im Wortwechsel überrumpelte er keinen. Seinen Grundsätzen
war er treu wie Gold; er war kein Prävaricator, kein zweier Herren Diener.
    Die Hauptsache, worüber mein Vater und der Herr v. G. uneins geworden, waren
freilich die drei Artikel des christlichen Glaubens; indessen stand der
monarchische Staat hiemit in Verbindung, ohne an manche geheime Ursache zu
denken, die nie ausbleibt. Herr v. G. glaubte, die christliche Religion und die
monarchische Regierungsform arbeiteten sich in die Hand, und mochte ihn wohl der
Umstand, dass mein Vater beides, Christ- und Monarchenfreund war, zu diesen
Gedanken gebracht haben. Ueberhaupt paarte er zuweilen Dinge, die, wenn man es
genau erwog, wirklich ein Herz und eine Seele waren, wenn gleich niemand sie
dafür gehalten. Ob nun zwar die christliche Religion dem Kaiser was des Kaisers
ist und Gott was Gottes ist zu geben anordnet, so ist sie doch so wenig für die
Monarchie, dass sie vielmehr das Reich Gottes einführen will.
    Lasst euch mit den Menschen ein, sagte Herr v. G., sie klagen immer! Woher
kommt's? Warum die Klagen über schwere Zeiten, die, seitdem der Cherub mit dem
gezogenen Schwerte vor der Türe des Paradieses auf die Wache gezogen,
entstanden? Weil der Mensch sich frei fühlt und es nicht ist. - Recht, sagte
mein Vater, Gottes Reich ist noch nicht kommen. Der Monarch ist einer! er trägt
Gottes Bild in diesem besondern Sinne, und ist mehr als in einer Rücksicht, wenn
er will, im Stande, sein Volk dem Reich Gottes näher zu bringen. Wenn er will,
sagte Herr v. G.; wird er aber wollen? Wird er Gott dem Herrn seinen Stuhl
abtreten und sein wie unser Einer?
    Wir sollten immer einfacher werden und uns in den Stand setzen, wenig zu
brauchen; dadurch würden wir der Härte unserer Obern trotzen, gegen Mein und
Dein gleichgültiger werden und allmählich zum Reiche Gottes kommen, welches
nicht besteht in Essen und Trinken, sondern in Liebe.
    In dem Gesetz: was du nicht willst, dass dir andere tun, tue ihnen auch
nicht, liegt das ganze Criminal-und der grösste Teil des bürgerlichen Rechts.
Gott ehre mir unsere curischen Gesetztafeln! sie sind ziemlich im Kurzen! allein
die Hülfsvölker - dass sich Gott erbarm! Wahrlich auch hier sollte das Reich
Gottes näher kommen und der Mensch sich aufs Einfache zurückstimmen, denn in
Wahrheit, überall ist nur Eins not!
    Wenn's so fiel, war alles trefflich. Sobald aber Herr v. G. anfing, er
wünsche, dass heute alle Könige Herzoge von Curland würden, und dass alle Armeen
anstatt des Degens eine Sichel, und statt der Flinte einen Spaten zur Hand
nehmen möchten, so fragte mein Vater: heute? und wenn Herr v. G. beim heute
blieb und es sich nicht ausreden lassen wollte, so war Feuer in den Dächern. Wer
hat etwas grösseres gesagt als jener Primas: dem König ist die Krone nicht an den
Kopf gewachsen, fing der Herr v. G. an, und mein Vater bat den Herrn v. G.,
Polen in Augenschein zu nehmen und zu bedenken, was Polen sei, und was es aller
Wahrscheinlichkeit nach werden würde. Mag! ist doch Freiheit da, kann doch hier
jeder Edelmann dem Regenten ins Gesicht sagen. Der Bucephalus liess zwar den
Alexander aufsitzen, allein ohne Zaum, den litt Bucephalus nicht! Wenn ich
Edelmann wäre, erwiederte mein Vater, ich weiss nicht, ob ich gern Bucephalus
heissen würde. Nicht? sagte Herr v. G., und doch war Bucephalus ein Curländer. -
Bei weitem nicht, erwiederte mein Vater.
    Mein Vater war ein Bienenfreund und Herr v. G. trieb seine
Monarchenfeindseligkeit so weit, dass er sogar keine Bienen hielt, weil sie einen
monarchischen Staat machten; dagegen liebte er Ameisen, von denen er behauptete,
dass sie in der Freiheit lebten. Ist denn der Honig nicht süss? sagte mein Vater.
Kostet er denn nicht den besten Saft den Blumen? erwiederte Herr v. G. Ist es
nicht gesammelter Zoll und Accise, und wird nicht Zoll und Accise noch obenein
mit einem widerlichen Gesumse genommen? Mich dünkt immer, ich höre die Bienen
sumsen: Wir von Gottes Gnaden. Freilich ist die Biene militärisch, hat ihr
Schwert bei sich, sticht; - allein wenn sie gestochen, wenn sie Krieg geführt
hat, ist sie auch so matt und elend. - Und wenn uns die Ameisen bekriechen? fiel
mein Vater ein. So schüttelt man sie ab. - Die hässlichen Tiere! - Sind
Curländer, sagte Herr v. G. Könnte sein, mein Vater.
    Staat ist ein so notdringliches Mittel, den Menschen glücklich zu machen,
dass man ohne dies Mittel zu keinem Zweck kommen kann. Alles führt zum Staat,
untere und obere Seelenkräfte, Seele und Leib, Bedürfnis und Leidenschaft,
Hospital und Schauspielhaus. Die bürgerliche Gesellschaft ist auch eben darum
sogar für Naturzweck von etlichen gehalten. Staat ist freilich Kunst, allein
diese Kunst besteht aus zusammengesetzter Natur - und muss denn der Staat eben
Monarchie sein?
    Ist nicht nur ein Gott? und wird nicht eher lieber Ein Gott der Erden dem
Original weichen, sobald das Volk sich ans Unsichtbare gewöhnen lernt, als an so
viele Götter?
    Doch warum in spitzfindigen Reden und Antworten; ich will versuchen, meinen
Vater in Eins zu bringen, und was stückweise über den monarchischen Staat
vorfiel, in einen Ausbund vom Ganzen zu ziehen.
    In der Vernunft, womit der Mensch ausgestattet ist, liegt Freiheit und
Regel. Der Mensch ist frei, das heisst: der Mensch kann tun und lassen, kann
wollen; der Mensch ist an eine Regel gebunden, das heisst: seine Willkür hängt
vom Gesetz ab. Er hat Verstand; Verstand und Wille zusammengenommen könnte man
die Vernunft heissen. Alle die Unterschiede, welche die Philosophen und Juristen
(ehemals Nachbarn, jetzt fast völlig aus der Gemeinschaft gesetzt) unter
Gesetzen machen, können sehr einfach werden, wenn nur nicht das Leichteste in
der Welt dem Menschen so überschwenglich schwer würde. Es gibt eigentlich nur
Naturgesetze, oder solche, welche aus der menschlichen Natur fasslich sind. Zwar
haben auch Gesellschaften, Völker, Staaten Gesetze, die ausser dieser Grenze zu
liegen scheinen; allein wenn diese Gesetze anders, als aus der Natur des
Menschen erklärt werden, so sind es nicht Gesetze, sondern Unmenschlichkeiten,
es sind Landplagen, ärger als Frösche, Heuschrecken. - Und auch ärger, als wenn
die menschliche Erstgeburt unter die Soldaten genommen wird, fiel Herr v. G. bei
dieser Gelegenheit ein.
    Mein Vater hielt ein wenig an, und fuhr fort, ohne zu antworten: Der Mensch
ist ein geselliges Tier, es ist nicht gut, dass er allein sei. Die Menschen
werden nur Menschen, und können sich als Menschen zeigen, wenn sie in
Gesellschaft treten. »Einer ist keiner, ein Mensch ist kein Mensch,« würde meine
Frau sagen; Ein Mensch aber ist kein guter Mensch. Nicht der Müssiggang, sondern
die Einsamkeit ist die Mutter alles Bösen. Es ist indessen Grund und Folge;
allein sein und müssig sein, ist ziemlich einerlei. Grosse Erfindungen selbst sind
in Gesellschaft gemacht; alle Künstelei in der Einsamkeit. Gott allein ist
Einer; hier gilt nicht, Eins ist keins. Der Verstand und der Wille eines
einzelnen Menschen scheinen nicht zuzureichen, ein vollständiges menschliches
Sein auszudrücken; der Pluralis vom Verstand und Willen ist erforderlich, wenn
der Mensch was auszurichten im Stande sein soll. Der Staat ist der Mensch im
Plurali; im Plurali indessen gilt eben das, was im Singulari gilt. Der Staat ist
der vollkommenste, der die meisten Menschen hat, die wie Einer scheinen. Je
volkreicher ein Land ist, je mehr scheint es sich dieser Probe eines
wohleingerichteten Staates zu nähern. In Staaten, hab' ich gesagt, müssen auch
die Gesetze aus der Natur erklärt werden, falls sie nicht ägyptische Plagen sein
sollen, und wenn ich hinzufüge, dass es Natur aus der ersten und Natur aus der
zweiten Hand gäbe, so hab' ich mich näher bestimmt. Im Naturzustande, wo sich
der Mensch ganz allein denkt, im Paradiese, ist er zwar ein Gott der Erde;
allein so lange er so denkt, wie Adam und die zeitigen Adamskinder, wird er
gewiss vom verbotenen Baume essen, und bei der Mühe und Arbeit und dem Schweiss
seines Angesichts, mit dem er sein Brod isst, sich weniger bedauern, als in der
Einsamkeit, wo der Müssiggang ihm eigen ist, wo er vielleicht länger lebt, und
ohne viel Schmerz einschlummert, wo indessen gegen eine einzige Stunde jetzigen
Lebens Tage und Wochen dieser Einsamkeit wie gar nichts sind. Was ist ihm solch
ein Baum des Lebens? Er lebt hier auch im Singulari. Im Staate lebt der Mensch
im Plurali. Zwar kann man sich einen Stand der Natur denken, und der erste
bekannte Schriftsteller entwirft uns ein Bild im paradiesischen Adam von dem
Naturstande, so wie der Stifter der christlichen Religion, der zweite Adam, ein
Urbild des vollkommensten Menschen im Staate ist.
    Wenn Feinde seines Namens behaupten wollen, Christus habe ein weltliches
Reich stiften wollen, so ist's aus zwei Drittel Ursachen eher unglaublich, als
glaublich; allein gesetzt, er wollt' es, so war es bloss, um die Menschen auf
diesem Wege zu dem Ende des Vaterunsers, zu dem zu bringen, dessen allein das
Reich, die Kraft und die Herrlichkeit ist! Dahin ging er auf dieser Welt! und
wenn die Menschen so stockblind waren, dass sie das Licht nicht sahen, das er
ihnen anzünden wollte; wenn er in sein Eigentum kam, und die Seinen ihn nicht
aufnahmen, so liess er uns wenigstens ein Vorbild, nachzufolgen seinen
Fussstapfen. Es gibt eine doppelte Teokratie; die eine würde körperlich, die
andere geistig zu nehmen sein. Was ist glaublicher, als dass die Menschen über
kurz oder lang zu allgemeinen Weltgesetzen kommen werden, wo jedem Staate sein
bescheiden Teil angewiesen ist, und wo, wenn der eine weiter gehen will, er
alle übrigen vereinigten Staaten wider sich hat? Dies verbesserte Völkerrecht,
möcht' es doch bald kommen! Wie weit näher wären wir alsdann schon dem Ende des
Vaterunsers, als jetzo! Man könnte von dieser körperlichen Teokratie, von
dieser Welt-Regierungsform sagen: es ist eine Heerde und ein Hirte; allein auch
selbst alsdann ist noch alles leiblich! Geistlich wird es sein, wenn wir selbst
diese allgemeineren Weltgesetze nicht mehr brauchen, wenn der göttliche Codex
eintritt, wenn der Glaube an Gott schon alles in allem ist! - Um sich die Sache
noch begreiflicher zu machen, kann man den Redegebrauch der Teologen
beibehalten. So wie die Welt jetzt ist, könnte man sie das Reich der Allmacht
nennen. Das Reich der Gnaden wäre die körperliche Teokratie, wenn die Menschen
anfingen allgemeine Weltgesetze zu machen, wohin es gewiss kommen müsste, wenn der
gemeine Mann zu mehreren Kenntnissen käme, als er jetzt hat. Das Reich der
Herrlichkeit wäre jenes Reich der Möglichkeit, wo wir alles um Gottes willen
täten, - wo -
    War es Wunder, um wieder auf den ersten Adam zu kommen, war es Wunder, dass
die Natur ihm so wohl anstand? Adam kam aus den Händen des Schöpfers, er war die
Blüte des Naturstandes, zu Früchten kam es mit ihm nicht, er fiel als Blüte
ab. Schade! Er war allein und durfte sich vor keinem fürchten, und konnte jede
Kreatur durch Vernunft beherrschen.
    Man kann sich einzelne Menschen denken ohne Gesetze, ohne Zäune, wie Götter
auf Erden unter einander herumwandeln. Die Welt ist gross für alle; niemand darf
dem andern vorbauen, zu solch einem Stande hat Gott den Menschen angelegt;
allein dem Menschen fiel das Mein und Dein ein, wovon er erst nicht wusste; jetzt
wird sein Stand ein wahrer Stand der Sünden, wissentlicher und unwissentlicher
Schwachheits- und Bosheitssünden. Diese Erde, diese Menschenwelt, das läugnet
niemand, ist jetzt noch in der Kindheit, hie und da ein Kopf. Eine Schwalbe aber
macht keinen Sommer. Ich kann mir aber denken, dass der Mensch wieder
zurückkommen werde, und zwar aus Grundsätzen zurückkommen werde, wo er ausging,
dass zuletzt wieder die Welt ein Paradies sein und jeder Mann Adam, und jedes
Weib seine Rippe sein werde. Das tausendjährige Reich, wovon so viele träumen,
liegt sehr verworren in diesem Gedanken, sehr verworren! kein Stein auf dem
andern. Meine Beruhigung ist, dass alles, was möglich ist, auch wirklich sei oder
werde. Warum wär' es sonst möglich? Die Gelehrten haben sich oft gestritten, ob
der Mensch gesellig oder ungesellig sei? So oft die Gelehrten sich gleich
vergebens gestritten, so ist doch diese Frage keine vergebliche. Jeder Mensch
sucht selbst im Staat sich zu befreien; es ist seine Herzenslust, wenn er sich
nur einigermassen in Freiheit setzen kann. Jeder kluge Gesetzgeber muss gewisse
Fälle dem Menschen anheimstellen, wo er frei sein kann; sonst würde er
zuverlässig auch den menschenfreundlichsten Landesherrn Tyrann heissen, und sich
sein Joch abschütteln, so sanft, so wohlmeinend es ist. Dagegen würde der Mensch
den grössten Tyrannen ertragen, wenn er ihn nur hie und da im Freien liesse.
Monarchen, die Religionsfreiheit einführen, können immer Zoll und Accise höher
stellen. Der Geiz, der Sammlungstrieb, gehört auf diese Rechnung. Man ist ein
Sklave, um einst frei zu werden; man dient als Soldat, um nicht als Bürger zu
gehorchen; man ist Ehemann, man ist ein Sklave, um zu glauben, man sei frei.
Selbst dieser so ausgeartete Trieb führt, oder könnte uns auf den Punkt führen,
den Christus angab: er sei bei uns alle Tage bis an der Welt Ende; zu einer
Teokratie, wo jeder dem andern lässt, was er hat, wo im erhabensten Sinn jeder
für sich und Gott für uns alle ist; wo wir nicht messen und wägen, wo alles in
den Tag hinein lebt. - Diese güldene Zeit, dieses mannbare Weltalter, wann wird
es kommen? Wann die leibliche Teokratie, wann die geistliche das Reich der
Gnaden und der Herrlichkeit? Amen! Komm du schöne Freudenkrone! singt meine
Frau.
    Dies ist das Paradies aus Grundsätzen, das sich der Mensch selbst bauen
kann.
    Denkt man sich aber einen verwilderten Naturmenschen, der gewiss in keinem
Paradiese sein wird, wenn es ihm nicht ein anderer gebauet hat, so kann er
freilich Herr der Tiere sein; allein wenn er seines Gleichen sieht, denen er
die nämliche Vernunft, die nämliche Quelle zu Zwangsmitteln ansieht, so flieht
er. Hobbes hat dem ungeachtet Recht, wenn er behauptet, dass der natürliche
Mensch den Begriff von Botmässigkeit und Herrschsucht in sich trägt.
Herrschsucht, Tyrannei und Furcht sind sich so nahe verwandt, als möglich. Ein
Grad mehr Furcht am andern zu erblicken, macht den Wilden nachdenkend. Jener
läuft, dieser verfolgt ihn; jener verkriecht sich, dieser spürt ihm nach.
Freilich, wenn sich jener umsehen, nur umsehen, nur hervorblicken möchte, würde
dieser umkehren; allein da jener sich nicht umsieht, da er nicht hervorblickt,
so wird dieser sein Meister. Aus Furcht wird er ihn beherrschen, damit er sich
nicht mehr vor ihm fürchten dürfe. Im wilden Naturstande müsste man also den
Herrn bloss als ganzen Menschen, die Untertanen aber als verstümmelt, blind,
krumm und lahm sehen. Mit der Zeit würde sich der Mensch besser kennen lernen;
es würde dem herrschenden Scharfrichter leid tun, dass er diesem die Hand, jenem
das Bein gelähmt, und man würde sich in Verbindungen mit einander setzen. Wenn
sich gleich beim Anfange ein paar Warmherzige begegnen, sollte nicht, ohne den
Weg durchs Hospital zu gehen, eine Gesellschaft zu Stande kommen? - - Der Stand
der Natur ist ein Stand des Kriegs; allein der polizirte Staat ist es auch, bis
wir zum Stande der Gnaden, zu allgemeinen Weltgesetzen kommen, welches der
Vorhof zum Reiche Gottes im eigentlichsten Sinne ist. (Ich habe so manches
Lobopfer ausgelassen, welches bei dieser Gelegenheit dem monarchischen Staate
gebracht ward; indessen fand auch Hr. v. G -, der Freund und Feind meines
Vaters, seine Rechnung bei dieser Deduktion.) Die Hauptfrage blieb mir: bringt
die Monarchie oder die Freiheit am nächsten zum Reiche, oder, wie Herr v. G - es
wollte, zum Stande der Gnaden? - Im Naturstande denkt der Mensch darum nicht an
Gesetze, weil er gar nichts denkt. Sich zu erhalten, sich fortzupflanzen, das
würde das einzige sein, was ihm auffallen und was ihn beschäftigen könnte. Es
liegt alles in uns! Allein dieser Nähe unerachtet, wer würde es finden, wer es
nur suchen? Tausend und abermal tausend Menschen im Naturstande würden auf
keinen Buchstaben von natürlicher Religion und natürlichem Rechte fallen, wenn
nicht die Gotteit es ihnen noch näher gelegt hätte. Die Gotteit kann sich
Menschen nicht anders als durch Menschen offenbaren, und die bleiben Menschen,
wenn gleich sie Gottes Menschen sind, getrieben vom heiligen Geist. Niemand hat
Gott je gesehen; erhabene, grosse Menschen sendet Gott zu Menschen, um ihnen zu
sagen, was sie gleich alle wissen, wenn es ihnen nur gesagt wird. Wir sind Alles
und Nichts. Das Licht der Vernunft, das in uns ist, muss angezündet werden, sonst
bleiben wir beständig Kinder der Finsternis. Das natürliche Recht ist, so lange
der Mensch nicht göttlich unterrichtet wird, das, was das römische Recht sehr
treffend von ihm sagt: was die Natur allen Tieren lehrt. Die Kräfte, die der
Mensch noch darüber hat, unterscheiden ihn vom Tiere. Selbst die Gesellschaft,
die Vereinigung, die die Natur dem Menschen so sichtlich beibringt, indem seine
Jungen weit später zu sich selbst kommen, als andere Jungen, fordert ihn zur
Gesellschaft auf; allein wenn es auf einen Streit ankäme, würde ich denen eher
beitreten, welche glauben, dass ein Ungefähr die Menschen zusammengebracht, und
nicht die Vernunft. Selbst jetzt regiert wohl die Vernunft im Grossen. Sie lebt
so in bedrückter Kirche, dass man von ihr behaupten könnte, sie wohne in Höhlen,
in Klüften, und doch darf man von ihr nicht fürchten, dass sie so ausarten würde,
als die christliche Kirche, da sie ins Grosse ging, ausgeartet ist. Die Ausartung
der Vernunft wäre Unvernunft.
    Fast könnte man behaupten, dass die Menschen, nachdem sie vielleicht durch
ein Ungefähr zusammengebracht waren, auf die Vernunft gekommen, so wie man auf
etwas kommt. Gott hat es ihnen offenbart. Es waren vielleicht erst positive
Gesetze, ehe man an natürliche dachte. Der Grund der positiven Gesetze, wenn sie
anders den Namen von Gesetzen verdienen sollen, ist so gut die Vernunft, als sie
der Grund der natürlichen ist. Die Rechtslehrer machen einen Unterschied
zwischen positiven, natürlichen und gemischten Gesetzen. Jedes Gesetz muss
natürlich, oder, welches fast dasselbe ist, vernünftig sein, so auch jede
Offenbarung. Das Christentum ist eine vernünftige, lautere Milch. Was
vernünftigen Menschen Regeln vorzeichnen will, muss, dünkt mich, selbst
vernünftig sein; es muss sie überzeugen. Zwar läugne ich nicht, dass der Staat
Anordnungen treffen könne, die sich nur aus dem Staat erklären lassen, und
alsdann ist die Vernunft, auf den Staat angewendet, der Grund des Gesetzes. Wenn
man die positiven Gesetze aus diesem Gesichtspunkte nimmt, wie ehrwürdig sind
siel Sind sie nicht der moralische Katechismus des Volks? Wo ist solch ein
Codex? Ich habe noch keinen von dieser Art gesehen.
    Ich will mich nicht über die positiven göttlichen Gesetze auslassen. Die
Frage: ob es allgemeine göttliche positive Gesetze geben könne? kann wohl keinem
Streit unterworfen sein, da es bei dieser Frage auf die Frage ankommt: ob es
Gesetze gibt, die aus der Natur nicht zu erkennen, und die Gott ausserdem dem
menschlichen Geschlecht eröffnet hat? Gibts solche? Diese Frage ist streitig.
Herr v. G. nahm das Wort: Streitig? sagte er. Unstreitig ists, dass es keine
dergleichen gibt und gegeben hat und geben kann. Mein Vater fuhr fort:
    Jeder Staat ist eine Teokratie. Gott ist nicht fern von einem jeglichen
unter uns. In ihm leben, weben und sind wir. Das jüdische Volk behauptet, dass es
im besondern Sinne Gottes Volk wäre, obgleich es sich am wenigsten als ein Volk
Gottes unter allen Völkern aufgeführt hat, und doch ist aus ihm allen Völkern
Heil widerfahren.
    Menschliche positive Gesetze heissen auch, und das mit Recht, bürgerliche.
Das Volk selbst, oder der oder die, dem oder denen es das Volk überträgt, geben
Gesetze. Hier gibts gemeine und Provincialgesetze. Ich wünschte, es wären keine
Provincialgesetze. Was sollen sie, wenn sie nicht Polizei- und solche sind, wozu
Boden und Sonne Gelegenheit gibt, und die aufs Mein und Dein wenig oder gar
keinen Einfluss haben? Wir sind alle Kinder Gottes; alle Söhne der Mutter E de.
Wir haben eine Sonne; wir sind alle Brüder. Alle Augenblicke der Wunsch: o wenn
doch Gottes Reich leiblich und geistlich, das Reich der Gnaden und der
Herrlichkeit, käme!
    Es gibt Provinzen, die einem Herrn unterworfen sind, und in jeder Provinz
sind andere Gesetztafeln. Ein Staat scheint kein Ganzes zu sein, wenn er seine
Gesetzbücher nach Provinzen zählt. Man sieht ihm Nabel und Zwirn an, womit er
zusammengenäht worden. Er scheint nicht für sich zusammengeboren; die
Vereinigung scheint nicht im Himmel geschlossen zu sein. Wer liebt nicht selbst
in seinem eigenen Hause eine Uebereinstimmung seiner fahrenden Habe? Wer hält
nicht lieber Auction wenn er erbt, als dass er fremdes Gut und das seinige
unschicklich zusammenbringt? Excipe! Wenn es Sachen sind, auf die man einen
Accent legt, die einen Lieblingswert haben.
    Natürlich sind in einem so unübereinstimmenden, so zusammengerafften Staate
die Bürger sich auch fremd; sie machen einen Staat im Staate; es kommt unter
ihnen zu Anfeindungen, und am Ende wird dieser Staat wüste; keine Provinz, kein
Stein bleibt bei einander. So gewonnen, so zerronnen!
    Aber sagte Herr v. G. (das passende Wort zum aber wird freilich schwer zu
finden sein, ich für meinen Teil mag es nicht suchen); aber sind denn die
Fürsten von der Art, dass man glauben kann, sie werden die Welt zum Gnadenreiche
bringen? Noch scheint es nicht, erwiederte mein Vaters.
    Je länger, je weniger! Herr v. G.
    Ich zweifle.
    Sie sind Tyrannen!
    Desto besser!
    Was zu hoch gezogen wird, reisst.
    Nicht anders!
    Und wenn es reisst, sind wenigstens zwei Enden!
    Die man verbinden kann.
    Durch einen Knoten!
    Mein Vater setzte diese Allegorie nicht weiter fort. Herr v. G. fiel auf die
Bemerkung meines Vaters.
    Freilich, Pastor! fing er an, wenn uns die Vernunft wieder ins Paradies
bringt, werden wir solche Narren nicht sein, als unsere ersten Eltern! - Die
Fürsten, fuhr Herr v. G. fort, taten ehemals alles mit Bewilligung der Stände,
darum Wir von Gottes Gnaden. Jetzt ist von allem dem nur der Pluralis übrig, der
sogar gebraucht wird, wenn sie sich vermählen. Wir haben uns entschlossen, unser
Beilager auf den und den - geliebt's Gott, zu halten. Wir sind durch die
Entbindung unserer Gemahlin eines Tronerben wegen höchlich erfreut. - Als ob?
fragte Herr v. G. so wie mein Vater bei einer andern Gelegenheit; allein mein
Vater antwortete nicht:
    »Ja wohl!«
    Vielmehr war mein Vater der Meinung, dies käme daher, weil sie den Menschen
im Plurali, den Staat, vorstellten. Herr v. G. blieb bei seinem: als ob?
    Teurer Naturmann, sagte mein Vater, die Wahrheit ist nackt.
    Wir anders?
    Allein man gibt ihr ein Gewand.
    Die Fabel tut's.
    Niemand kann einen nackten Menschen aushalten. Das Nacktsein hat so etwas
Wildes, Anstössiges an sich, dass ich fast die Wahrheit selbst nicht nackt sehen
möchte.
    Zwar hatten die beiden guten Männer, Herr v. G. und mein Vater, bei der
feierlichen Aussöhnung den Friedenspunkt mit berührt, dass des monarchischen
Staates weder im Guten noch im Bösen gedacht, sondern er vielmehr in seinen
Würden und Unwürden gelassen werden sollte; indessen war Herr v. G., dem zum
Vorteil dieser Punkt verzeichnet war, der Erste, der ihn brach.
    Die drei Hauptartikel des christlichen Glaubens indessen waren die
Hauptsteine des Anstosses!
    Mein Vater verkündigte (wie meine Mutter versichert) das Wort Gottes rein
und lauter, und ich muss noch hinzufügen (ich weiss nicht, ob es meinen Lesern von
ihm gefallen wird?), dass er Lehrer und Prediger als Zunftverwandte ansah, die
alles zu tun und zu lassen verbunden sind, was die Innung mit sich bringt.
Unser Schild, pflegte er zu sagen, ist die Bibel. Wenn wir ein ander Buch
aushängen, und eine andere Arbeit treiben, oder die uns angewiesenen Geschäfte
nicht nach dem Zunftprivilegio einrichten, sind wir Pfuscher, Betrüger. Zwar gab
mein Vater im Streite mit Herrn v. G. zu, dass, wenn jemand mit der Bibel
eingeschlossen werden sollte, um daraus ein System herauszubringen, er nie das
unsrige herausbringen würde, im Fall er nämlich nicht das mindeste von einem
Katechismus gehört, und darin gegängelt worden. Was aus dem System des alten
Testaments werden würde, wär' ich begierig zu sehen, sagte Herr v. G.; und was
das System aus dem neuen betrifft, fuhr er fort, und mein Vater griff ein: so
könnte es natürlicher, kindlicher und herzlicher ausfallen; ob aber in
Hauptsachen von dem unsrigen abweichend, weiss ich nicht. - Meines Vaters Losung
war aut, aut; er war in keinem Stücke lahm, und da Herr v. G. nicht aufhören
konnte zu spötteln und zu lächeln, und da nicht beten und dort nicht das
Nachtmahl nehmen wollte; da er die Beichte für eine Art von Tortur schalt und
die Geistlichen beschuldigte, sie wären Usurpateurs des Gewissens, und das
Christentum sei monarchischer Staat, eingeteilt in drei Provinzen: Papsttum,
Lutertum und Calvinismus; so konnte unter diesen beiden Männern kein Reich der
Gnaden vorerst zu Stande kommen! Zwar, fuhr Herr v. G. fort, hätte die
selbsteigene Schwere dieser den obersten Gipfel erstiegenen Monarchie und
Tyrannei sie wieder zur Erde gezogen, wovon sie genommen war; allein - mein
Vater liess ihn nicht ausreden.
    Alle solche Zwars und Alleins, solche Abweichungen zur Rechten und Linken
konnte mein Vater nicht ertragen. Hören und Sehen verging ihm. Ein einzelner
Mann (seinen sehr gesunden, natürlich edlen Verstand und Willen bei Seite), will
sich wider die Kirche auflehnen; was würde man von mir denken, wenn ich fünf
gerade sein liesse, und einen Mann nicht miede, dem man sonst die Wahrheit zu
sagen nicht füglich meiden kann? Er ist Lot in Curland. Ein Gerechter. Seine
Gemahlin sei was sie wolle, hier kommt sie nicht in Anrechnung; allein er sei
Lot in Beziehung auf Curland, nur nicht in Rücksicht auf mich, wenn ich den
Abraham vorstelle. Willst du zur Rechten, so will ich zur Linken, willst du zur
Linken, so will ich zur Rechten, könne zwischen dem Herrn v. G. und mir nicht
statt finden, wenn von der lautern Milch unserer Religion die Rede ist. Zwar
will ich nicht richten; allein man muss doch hier, wie überall, auf einen Ausgang
denken. Die Pluralität selbst, wenn ich dem Herrn v. G., diesem Naturmanne,
einen Gefallen tun wollte, es drauf auszusetzen, würde für mich entscheiden.
Zwar ist die Religion nicht mehr so ganz die Religion Christi, sondern die
christliche Religion; allein wenn gleich das Paradies verloren gegangen, so
gibt's doch noch ein Reich der Gnaden und eines der Herrlichkeit in der
christlichen Kirche.
    Die Pfändungen, welche testantibus actis Vol. I. vorfielen, waren, wie aus
allem diesem zu ersehen, lauter Religionskriege.
    Der Brief, dem mein Vater zehn Jahre weniger einen Tag entgegengesehen, was
könnt' er anders, als ein Glaubensbekenntnis in sich halten, das, wenn es gleich
nicht aus Augsburg, wie der Conversus, war, jedoch Mit dem Versprechen begleitet
ward, nicht von Religionssachen sprechen zu wollen, es sei denn der Belehrung
halber, als wobei, wie es von selbst sich verstünde, Herr v. G. Schüler und mein
Vater Lehrer wäre. Dies waren die Vorteile, die meinem Vater schon in den
Präliminarpunkten eingeräumt waren, wogegen sich Herr v. G. alle Anzüglichkeiten
gegen den freien, und Lobreden auf den monarchischen Staat, verbat.
    Die Punkte kosteten, bis die Sache abgeschlossen war, noch so manchen
Kopfstoss. Der Vergleich kam allerliebst zu Stande. Diesen Brief, dessen l.c.
Erwähnung geschehen, will mein Freund - - Kein Wunder, weil er auf den Herrn v.
G. in Lebensgrösse besteht. Gern, lieber Getreuer l Du weisst, dies ganze Buch ist
ein langer Brief an dich; allein du findest hier Vorhänge, die ich im Hause des
Herrn v. G. nicht fand. Wer diese Vorhänge zugeschnitten und angebracht, weiss
ich nicht. Vermutlich liess Herr v. G. nach der Zeit sich näher durch meinen
Vater belehren, und strich, was er anders einsah.
    Die ganze Vorrede gestrichen.
                             Gott allein die Ehre.
    Den historischen Wahrheiten geht es, wie den alten Leuten, je älter, je
schwächer. Ich verdamme keinen, wenn er daran zweifelt, was er nicht selbst
gesehen; wenigstens kann ihm ein Zweifel dieser Art keinen Schaden noch Leides
tun. Da es der Vernunft erlaubt ist, jede historische Wahrheit durchzuprobiren,
so ist nichts gewisser, als dass die Sache, wenn nicht vor meinen sichtlichen
Augen, so doch vor dem Auge meiner Vernunft noch einmal vorgehen muss, wenn ich
sie gläubig annehmen soll.
    Es gibt notwendige Hypotesen, wahrscheinliche Gewissheiten. Nichts ist ohne
Praxis. Bei der Teorie kommt man nicht weit. Sie ist der Buchstabe; die Praxis
ist das Leben!
    Wollte Gott! es wäre ein Katechismus möglich, den ich sokratisch nennen
würde, wo die Beantwortung und Frage, wenn man so sagen soll, in der Sache,
nicht in der Person liegen, wo beide, der Frager und der Gefragte, an der Quelle
wären und selbst schöpften! Solch ein Buch wäre freilich nicht zum Lesen, zum
Auswendiglernen; allein es müsste ins Herz gebracht werden. Man frage nicht, wie?
Gehen und reden ist schon eine halbe Tat. Ein Leser ist ein Tagedieb. Wir
wollen den gemeinen Mann nicht an eine Studirstube gewöhnen, da käme er aus dem
Regen in die Traufe.
                                     * * *
    Ich glaube an Gott den Vater, allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erben.
Zwar ist Gott der Herr mir unbegreiflich; allein er ist (damit ich mich kurz
fasse, und doch so, dass ich mir wirklich etwas denke und nicht bloss einbilde,
was gedacht zu haben) er ist der Inbegriff aller Moral, mit der zugefügten
Gewalt, der Herr der Sonne und des Blitzes und Donners. Pastor! da kann kein
Mensch was dawider sagen; dieses unendlich moralische Wesen nehme ich an. Mein
Herz sagt es mir: Er ist, ich sehe ihn, ich höre ihn in allem.
    Ich glaube an Gott, und glaube, dass man an einen Gott in drei Artikeln
glauben könne; ich glaube aber auch, dass ein einziger Artikel genug sei. Ich
glaube, dass sich der Glaube ändern könne. Der Mensch besteht, wie man sagt, aus
Geist, Seele und Leib, und Gott den Herrn kann man sich als Vater, Sohn und
heiliger Geist vorstellen. Vielleicht ist der Geist die Vorstellung, die Gott
sich von sich macht, vielleicht - -
                                     * * *
    Ich glaube an Gott, das heisst: ich bin ein Kind im Verhältnis gegen ihn, ein
Bruder im Verhältnis mit meines Gleichen, ein Mensch im Verhältnis alles dessen,
was ich ausser mir sehen oder nur empfinden kann, alles, was lebt und nicht lebt,
im Grossen und im Kleinen, was weniger schätzbar angenommen wird, und was zur
höheren Schätzbarkeit in der Welt, ich weiss nicht warum, gekommen ist. Ich
gebrauche, was sichtbar und unsichtbar lebt (alles lebt), zur Speise, zum
Getränk und zum mässigen Vergnügen. Was drüber ist, halte ich strafbar. Ein Hauch
Gottes, und so hat alles Leblose eine lebendige Seele. Was weiss ich, was ich war
und was ich sein werde. Die ganze Welt ist mit mir verwandt. Erbe bin ich und
Erde werde ich, wovon ich genommen bin; denn der Mensch ist Erde, und soll
wieder zur Erde werden.
    Ich bin in der Welt Kind, Bruder, Mensch oder Herr; doch bin ich in meines
Vaters Hause, wo viel Wohnungen sind, und wo mir nur das Mutterteil abgetreten
ist, wo ich viele Brüder habe, und unter dem Auge des gütigsten, allein auch
gerechtesten Vaters stehe, der mir das Vaterteil noch vorbehalten hat.
    Ich glaube, das heisst, wenn tausend Schwarz- und Weisskünstler und
Klugheitsgaukler auch kämen und sprächen: es ist kein Gott! so müssten und
könnten mich doch diese Sprünge durch den Reif aus diesen Verhältnissen nicht
herauslügen und trügen, da schon die Wahrscheinlichkeit, selbst die Möglichkeit,
dass er sei, und der eben hieraus fliessende Glaube an ihn hinreichend ist, mich
in den Verhältnissen als Kind, als Bruder, als Herr zu erhalten und zur
strengsten Erfüllung der hiermit verbundenen Pflichten zu bringen.
    So erkläre ich mir den Glauben, von welchem vielfältig in der Bibel geredet
wird. Eine vollständige demonstrirte Gewissheit von dem Dasein des Unvollkommenen
würde mehr schaben als nützen, so wie die Gewissheit von meinem Tode; wenigstens
ist mir die Demonstration von der Existenz Gottes nicht notwendig, und ein
lebendiger Glaube ist, die Sache genau genommen, mehr als eine Demonstration.
Einen lebendigen Glauben nenne ich, der durchs Leben tätig ist; denn der
Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist er todt an ihm selbst, wie die meisten
Bücher, die nicht Gottesmenschen geschrieben haben, todt an ihnen selbst sind.
Die Menschen müssen nie von Gott reden, ohne dass sie an ihre Pflichten gegen
ihre Mitmenschen denken. Gott ist in allem und durch alles. In ihm leben, weben
und sind wir. Er, der Originalgeist, der Geist im Ganzen. Die Natur ist die
Seele.
    Von Gott, dem unendlich moralischen Wesen, kommt alles her. Er ist, wie oben
gemeldet, die Moral in origine. Die Schöpfung ist ein hingestellter göttlicher
Gedanke, ein Buch Gottes! Bei uns sind die Gedanken Wasserblasen; beim lieben
Gott eine Welt! - Dies All verkündigt das Dasein Gottes, und es gehört nicht
Schulweisheit dazu, sondern bloss menschliches Gefühl, die Macht und Güte Gottes
wahrzunehmen: und dies: Er ist, zu verstehen. Würde der Verstand selbst den Kopf
schütteln, das Herz spräche doch Ja. Der Gedanke, es ist ein Gott, ist der
Anfänger aller bildlichen Poesie! Was schadet es also, ihr Herren Sophisten, dass
man Flügel der Morgenröte nimmt, wenn man von Gott spricht!
    Alles versteht sich in der Natur, und diese Uebereinstimmung, diese
Mitwirkung aller moralischen und physikalischen Kräfte, dieses Sichtbaren und
Unsichtbaren in der Natur, sind die unbescholtensten Zeugen der göttlichen
Weisheit. Was schadet die anscheinende Unregelmässigkeit? Ist sie es? Und wenn
sie es in meinem Wirkungskreise ist, kann dieser Misslaut nicht ein feiner
Triller im Ganzen sein? - Der Pastor redet so von der Harmonie der Sphären, als
hätte er diese Geistermusik gelernt, die anders klingt, als das Waldhorn. Ich
habe seinem feinen Gehör viel zu danken; nichts lernt man leichter, als hören.
    Ich hänge von Gott ab, und dränge mich recht, von ihm abzuhängen. Mein
Gefühl überzeugt mich, dass ich als ein Mitwesen in der Reihe der erschaffenen
Dinge, und zwar unter ihm stehe. Da darf der Pastor nicht gleich kreischen, er
hätte als Monarchenfreund die Schlacht gewonnen! Der liebe Gott lässt einem jeden
so seine Freiheit, als man sie nur in Curland haben kann. Ich bleibe in diesem
Abhange noch immer ein curischer Edelmann, kann tun und lassen, was ich will;
allein da Gott ein lieber, guter Gott ist, so ist mein Gefühl der Abhängigkeit
die Mutter der Ehrfurcht, der Liebe für ihn, den Schöpfer, und des Gehorsams für
seinen heiligen und allezeit guten Willen und dessen Gesetze; dies heisst mit
andern Worten, ich kann von Herzen sagen: Abba, mein Vater, dein Wille geschehe
auf Erden, wie im Himmel! - Ich tue ihn gerne, dein Gesetz hab' ich in meinem
Herzen! Gottes Willen gern tun, heisst: Gott dienen!
                                     * * *
    Ich schwöre nicht beim Himmel, dass dich der Donner erschlüge! nicht bei der
Erde, dass du den Hals brächest! Der Himmel ist Gottes Stuhl, die Erde sein
Fussschemel.
    Ich liebe Gott mit einer besondern Liebe, über alles und in allem; meinen
Nächsten liebe ich, wie meine ehrliche Haut.
                                     * * *
    So denken hab' ich gelernt. Nicht unmittelbar von Gott, sondern mittelbar
von Gottesmenschen, von solchen, die sein Bild an sich tragen, im besondern
Sinn. Diese Gottesverkündiger, getrieben vom heiligen Geist, dürfen nur den
Wachsstock in mir anzünden, der schon da ist. Jeder hat seinen fertigen
Wachsstock bei sich. Wie er gleich lichterloh brennt!
    Wenn ich nicht einmal weiss, wie ich im Mutterleibe zum Menschen geronnen,
wie ich Ich geworden, wie kann ich wissen, wie die Welt, wie Himmel und Erde
entstanden und zum Stehen und Gehen gebracht sind?
    Vom Pastor - in - hab' ich viel gelernt. Es ist zuweilen höchst notwendig,
nicht übereinstimmend zu denken. Die Wahrheit hat keinen grössern Feind und
keinen grössern Freund, als die Uebereinstimmung. Es kommt nur auf Umstände an.
Der älteste von den Gottesmenschen, von den Gefühlanzündern, hat uns die
Erschaffung der Welt gemalt. Ein schönes Stück! Die neuen Maler sind Klecker
gegen ihn. Es hängt vor meinen Augen zum ewigen Andenken das Bild eines Mannes,
der ausser göttlicher Kraft viel Menschenkenntnis besass und sein Voll von Grund
aus kannte. So wie aber die Maler ihren Namen in einer Schattenstelle gewöhnlich
anbringen, so auch er bei dieser Schilderei! - Das kann man ihm lassen. Ich
wenigstens stosse mich an diese Schattenstelle nicht. Wissen, wie die Welt
gemacht ist, heisst: Gott sein. Wie kann ein Endlicher hiess wissen, dies fassen?
Und würd' es ihm nützlich und selig sein, zu wissen und zu fassen, wenn er es
wissen und fassen könnte? Wir sehen dies so leicht an, und es scheint wirklich
so; allein alles, was recht schwer ist, sieht leicht aus. -
    Warum aber so weit hinaus? Gott weiss, ob der Mensch länger als zehntausend
Jahr in seinem Kopf, in seinen Büchern tragen und beherbergen kann? Er wirb
schwerlich selbst mehr Geschäfte fassen können. Wenn alsdann nicht ein seliger
Kelch der Vergessenheit dem menschlichen Geschlechte gereicht wird, wie wird es
aussehen? Die zehnte Zahl ist die Zahl mit beiden Händen, die vollkommenste,
sagt der Pastor, mit welchem Friede sei jetzt und in Ewigkeit! Er ist ein guter
Christ und ein braver Mann, und wenn ich das erste weniger bin, so glaub' ich
doch ruhig und selig zu sterben, weil ich ihm in Letzten keinen Tritt weiche.
                                     * * *
    Jetzt sind dem Menschen Zurückgedanken allerdings noch zu gestatten; denn
die Welt ist, nach Seti Calvisii Kalenderberechnung, eben aus ihren
Jünglingsschuhen. Dass sich der Mann verrechnet hat, ist durch mehr als eine
Probe zu erweisen. Dem göttlichen Maler Moses geht dabei nichts ab - der war
klug genug, im Anfang zu setzen, und die Jahrzahl dem Seto Calviso zu
überlassen.
    In Moses Schöpfungsgeschichte leitet dieser Führer in einer schönen Malerei
geradesweges die Menschen überhaupt zur Wahrheit, und nicht, wie sein Volk, aus
weisen Absichten, durch Wüsteneien bei der Nase herum; indessen ist nicht jeder
Liebhaber von der Malerei, und der versuche, wie weit er durch's Licht der
Vernunft gelangen werde? Die Geschichte Moses von Entstehung der Welt ist so
abgefasst, als sie dem Menschen vorgekommen sein würde, wenn Gott die Welt vor
seinen Augen hätte schaffen wollen. Dem Moses fiel vielleicht an einem schönen
Morgen, da er früher als sonst aufgestanden war, ein: so würde es dir geschienen
haben, wenn dich Gott der Herr auf die Schöpfung zu Gaste geladen, und dein Auge
das Licht hätte vertragen können, das die Sonne ansteckte! Dieser mosaische
Gedanke war göttlicher Funke, der schnell zündete, göttliche Eingebung, die zum
feurigen Busch ward! - Die ersten Kapitel im ersten Buch Mose, wie schön sie
brennen! Es ist ein allerliebster Bibelmorgen! - Ganz aufrichtig gefragt: ist
nicht sehr viel vom Morgen in der Schöpfungsgeschichte? Das Licht ist das
Schimmerlicht, ehe die Sonne aufgeht, und so fortan! - Pastor! Sie haben mich
immer damit ausgelacht; mögen Sie! - Eben so denk' ich (und, Zweifler, fass' in
deinen Busen, du wirst's auch so finden), dass jeder Mensch den Stand der
Unschuld, der Sünde, der Gnade, selbst belebt. Gott helfe uns zum Stande der
ewigen Herrlichkeit! Nimmt man die Sache so, wie viel Weisheit, Stärke und
Schönheit in allem! Da sieht man eine Hieroglyphe, die von allen Ecken und
Seiten erklärungsfähig ist. Man findet nicht anstössig, dass Fische im Meer und
Myriaden Welten paarweise wandeln. Malerei und Astronomie sind sich
spinnenfeind! Beim Moses sind sie verwandt. Noch bis auf den heutigen Tag ist
keine Entdeckung gemacht worden, wobei Moses zu kurz gekommen wäre. - Wer kann
ihm die Göttlichkeit absprechen?
    Ist, damit ich die nämliche Hieroglyphe auf die andere Art nehme, ist denn
nicht jedes Kind, wenn es auf die Welt kommt, im Stande der Unschuld? Weiss es
vom Mein und Dein? Fällt es nicht in den Stand der Sünden? Kann es indessen
nicht erzogen und der göttlichen Absicht, das heisst, dem göttlichen Ebenbilde,
näher gebracht werden? Muss der Mensch gleich oft im Streite sein und im Schweiss
des Angesichts über seine Leidenschaft kämpfen; kann er nicht auch siegen? Und
was ist besser, die Hände in den Schoss legen und nicht wachen, nicht schlafen,
oder beides recht von Herzen tun?
    Ich komme wieder zum Anfange.
                                     * * *
    Am Anfange, in einer neuen Weltperiode, oder auch am tiefern Anfange, am
allerersten Anfange, war das menschliche Geschlecht so Eins, wie Einer. Das
ganze Geschlecht war Adam, weniger einer Rippe, oder, und eine seiner Rippen.
Welche göttliche Weisheit in diesem Bilde! Mann und Weib sind eins und
verschieden. Es fehlt dem Manne, wenn er ein Weib hat, eine Rippe, allein dieser
Verlust, wie reichlich ersetzt, wie reichlich, eben weil er ein liebes Weib hat!
    Im Schlafe verlor Adam eine Rippe, und es ergibt sich besonders im Schlaf,
wo so viel Bilder um uns herumgaukeln, wie nötig dem Manne ein Weib sei.
                                     * * *
    Vom Garten fing die Haushaltung an, nicht vom Ackerbau. Man ass eher Aepfel,
als Brod. Jeder Mensch bebauete sich einen Fleck mit Bäumen und Kraut, niemand
beneidete dem andern sein Gartenland, und niemand kam dem andern ins Gehege. Das
Hirtenleben, das Schäferleben wird dem Ackerbau im ersten Buch Mose vorgezogen,
und das mit Recht. Die Schäfer waren Kinder Gottes, die Ackerbauer Kinder der
Menschen. Cain brachte dem Herrn ein Opfer von Feldfrüchten, Abel von den
Erstlingen der Heerde. Cain gefiel dem Herrn nicht so wohl, der schon bei seinem
Acker, bei seinem erarbeiteten Mein und Dein mit dem Gedanken umging, eine Stadt
zu bauen, die er nach seinem Sohn Hanoch nannte; der Mörder der! So ging's! Erst
ein Garten, dann zwei Wege, einer das Schäferleben, der andere Ackerbau. Beim
Schäferleben war noch am wenigsten von Mein und Dein; allein beim Ackerbau, wo
der Mensch der Natur weniger überlässt, wo er selbst Hand aus Werk legt, wie viel
Mein und Dein! Vom Ackerbau bis zur Stadt ist nur so weit, als von Vater und
Sohn, vom Mörder Cain und vom Hanoch. Noch jetzt tun wir uns etwas zu gut, wenn
wir vom Schäferleben, von der güldenen Zeit, träumen. Wir sehen das Schäferleben
als den nächsten Grenzort zum Paradiese an.
    Der Fall Adams ist der Fall aus der Natur ins Mein und Dein, wodurch Arbeit,
Mühe, Schweiss des Angesichts, Übermut, Weichlichkeit in die Welt kam. Auch der
Tod ist der Sold dieses Standes der Sünden, der aus Krankheiten besteht, welche
aus einem unparadiesischen Leben entstehen, und womit der Tod jetzt gemeinhin
verbunden ist. Vor diesem wäre der Mensch lebendig gen Himmel gekommen; er wäre
in dieser Welt eingeschlafen und im Himmel aufgewacht.
    Das lässt sich schön hören, lieben Freunde in dem Herrn! allein eingemachte
Früchte sind auch nicht zu verwerfen, und eine vorhergegangene Krankheit, hat
sie denn nicht ihren grossen Nutzen? Macht sie uns nicht das so liebe Leben ekel?
Ich habe schon oben gesagt: es ist gut, zu wissen, dass man wacht, und dass man
schläft, und so könnte ich auch behaupten eben so gut sei es auch, zu wissen,
dass man stirbt, und dass man lebt. Ist denn die Kürze des Lebens so etwas
schreckliches? Ja, wenn das Wohlgehen mit dem langen Leben verbunden ist; wem
geht's aber in der jetzigen argen, bösen Welt wohl, wo selbst in Curland ein
Herzog ist? Ost lebt man darum so gern lange, damit man sich nicht den Vorwurf
zuziehe, sein Leben verkürzt zu haben. Ein langes Leben scheint uns ein
Testimonium des Wohlverhaltens gegen uns.
                                     * * *
    Der Fluch, der die Weiber traf, gehört er nicht auf die Rechnung der
Weichlichkeit und Verzärtelung? Weiber, die sich weniger verzärteln, empfinden
von dem Fluch: »Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären,« noch bis diesen
Augenblick wenig oder gar nichts, und wenn sie selbst, wie im Naturzustande,
arbeiten und sich nicht bloss vom Herrn General ernähren lassen, haben sie so gut
ihren Willen, als die Männer. Eignen sich nicht viele Weiber diesen Eigenwillen,
besonders im adelichen Stande, schon wegen ihres Eingebrachten zu? - Dass sich
Gott erbarme! In seinem eigenen Hause ein Sklave sein!
    Der Stand der Unschuld, oder der Stand der ersten Natur, das Paradies, war
ein Zustand, da der Mensch, so wie die Tiere, wandelte, nur dass ihn seine
Vernunft zum Herrn über seine Schulkameraden machte! Der Mensch sass in Prima.
Keinem Menschen fiel es ein, sich Grenzen abzuzeichnen. Eine Höhle, das war
alles, was er nötig hatte, und auf die war er so wenig neidisch, und hatte es
auch so wenig Ursache zu sein, dass niemand so leicht dem andern in den Weg kam.
Er ging nackt und brauchte keine Kleider. Kleider sind eben das, was den meisten
Zank unter den Menschen verursacht, denn sie sind beständig sichtbar; dagegen
Speise und Trank, wenn es gleich Neid verursacht, ihn auch wieder dämpft, weil
es nicht ins Auge fällt. Die Vernunft braucht Gesetze, sobald sie heranwächst.
Diese Zäune, diese Grenzen brauchte auch das menschliche Geschlecht, da es mehr
seine Stärke fühlte. Die Herrschaft über die Tiere brachte es zur Herrschaft
unter sich. Die ersten Grenzzeichen waren Bäume; wer sie nicht achtete, war der
Mensch. Das Weib reizte den Mann, der Kinder halber, an, die mit dem
zugewiesenen Platz nicht auskommen würden, und so brach der Mensch die Grenze,
und von diesem Zeitpunkt an lernte er aus der Sünde, aus der Grenzübertretung,
das Gute und Böse erkennen, was er erst nicht kannte, da er vor diesem so in den
Tag hinein lebte, Gott den Vater walten liess, das Maul aufsperrte, wenn es
regnete, und den Apfel nicht eher ass, als bis er halb faul vom Baume sich
herabschlich. Da lobe ich mir, ein Sprindt zu suchen und den Apfel herabzuholen,
ehe er natürlichen Todes so alt und schwach stirbt, dass er inwendig faul und
auswendig zusammengefallen ist. Freilich hätten die grenzstreitigen Parteien
sehr leicht auseinander kommen können, wenn sie so klug gewesen, nur ein paar
Schritte weiter zu gehen, wo sie eine vortrefflichere Gegend, eine Gegend voll
Leben, kennen gelernt, und wo sie, ohne sich zu nahe zu kommen, hinreichend
entschädigt gewesen wären. Sie durften nicht nach Amerika! - Mit dem rohen
Adamsnaturstande ist's indessen so eine Sache! Zu ein paar Schritten weiter
waren sie nicht zu bringen.
    Der Stand der Sünde, der Stand, da aus Familien allmählig Staaten wurden,
hat freilich sein vieles Böse an sich; indessen ist er doch auf der andern Seite
nicht ohne sein vieles Gute. Der Staat ist wirklich ein Baum des Erkenntnisses
Gutes und Böses.
                                     * * *
    Der Mensch ward feiner an Leib und Seele. Schande und Sünde ist's freilich,
dass die Seele nicht wachsen kann, wenn nicht zugleich auch der Körper verzärtelt
wird oder abnimmt.
                                     * * *
    So geht's! Der Stand der Sünde bringt uns gerades Weges zum Stande der
Gnaden. Durch den Pastor - bin ich zuerst auf diese Begriffe gekommen; indessen
irrt er, wenn er des Glaubens ist, dass der monarchische Staat zum Stande der
Gnaden eher, als der aristokratische und demokratische führen werde. Mit
nichten! Der monarchische Staat ist vielmehr der Stand der wirklichen Sünden;
die andern Staatenarten sind Erbsünde. Wenn der monarchische Staat erst zum
höchsten Despotismus hinausgewachsen, kommt man wieder in's Freie; wogegen der
freie Staat kaum den Namen des Standes der Sünde verdient. Durch einen sanften
Schlaf kann man aus ihm zu den Seligkeiten des Standes der Gnaden gedeihen; -
man weiss nicht wie. Sie sehen, Pastor! wie weit ich in der Ortodoxie gekommen.
Sie sind nur drei-, ich gar viergliedrig. Wenn Sie die teologische Distinktion
vom Reich der Allmacht, Reich der Gnaden und Reich der ewigen Herrlichkeit zum
Grunde legen, tue ich ein gleiches mit dem Stande der Unschuld, Stande der
Sünden, Stande der Gnaden und Stande der ewigen Herrlichkeit. Die Sache genau
genommen, hebt sich der Bruch und eins geht mit dem andern auf. Ich bin für
Stände, Sie für Reiche. Ich wünsche den Stand der Gnaden, Sie das Reich der
Gnaden, Sie sind ein Königischer, ich ein Curländer! - Den Stand der Gnaden
würde ich fast so bestimmen, dass es in der ganzen Welt wie in Curland stände. -
Ausser diesen Banden, sagt der Apostel Paulus, und freilich muss Curland noch von
vielen Ungnaden geläutert werden, ehe es ein wahrer Stand der Gnaden ist. Auf
dem Wege dazu ist es. Wie sind wir denn unterschieden, Pastor? Sie wissen mehr
als ich, und glauben mehr als ich. Ich weiss wenig, und glaube wenig. Sie haben
ein Perspektiv ich mein leibliches Auge. Sie Schule, ich gemeines Leben! - Man
ist nur so gross, als man gewachsen ist! - Sie denken verfänglich von Curland und
Semgallen, und ich von der Schöpfung. Alles hebt sich. Wir sind beide im
Jammertal und werden beide gen Zion kommen. Wollen Sie noch mehr vom Stande der
Gnaden?
    Der Stand der Gnaden ist ein durch Vernunft gereinigter Naturzustand, nach
welchem die Vernunft den Menschen regiert, nach welchem er ihre ewigen Gesetze
verehrt, ihnen folgt, und wenn Klima und Denkart sich ihr Votum vorbehalten, so
hält der Mensch auch dies Votum, sobald es die Vernunft an Kindesstatt annimmt,
oder ihm beitritt, in Ehren. - Kann man denn nicht bei leiblichen Kindern auch
Kinder adoptiren! Auch noch eher, als der Mensch zu diesem Glücke des Standes
der Gnaden gelangt, kann er sich selbst in diesen Stand hinein denken, ihn sich
so eigen machen, als wäre er wirklich schon da, und wenn das viele täten, wie
der Pastor und ich, ich wette drauf, Gottes Reich, wie der Pastor will, oder der
Stand der Gnaden, wie ich will, käme einige Jahrhunderte eher als jetzt. Vor
unserer Trennung war dieses Reich und respektive Stand der Gnaden in unsern
beiden Wohnungen. Mein Weib bisweilen abgerechnet.
    Auch noch, Geliebte in dem Herrn! auch noch ist der Mensch, wenn er will,
wie im Paradiese. Er ist mehr drin, wie vorhin. Er setzt sich jetzt selbst
herein, und erst kam er so dazu, mir nichts dir nichts. Erworbenes Brod schmeckt
am besten, und bekommt auch so. Der Teppich der Erde ist mit den
vortrefflichsten Kräutern angefüllt. Nur wir sind nicht mehr Schoosskinder. Wir
müssen Hand ans Werk legen. Wie die Natur nur ein Kind hatte, da hielt sie's
freilich auf dem Schoss; jetzt aber - was sollte sie mit so viel Tagdieben
anfangen? - - - - Bloss das Gute kennen, Freund Pastor? Ist's denn so herrlich,
oder ist's nicht besser, wie Gott wissen, was gut und böse ist, aus dem
Paradiese in die Welt gehen, aus der bloss simpeln Unschuld zur Vernunft? Die
vernünftige Unschuld ist was göttliches - allein jene rotbäckige, gemeine
Unschuld, was hat sie denn für Reiz? Wüsste denn wohl Adam sich eine Talubbe
(Schlafpelz) zu machen? Ich mag ihm keinen Namen beilegen, diesem Namengeber,
denn wahrlich, er würde nicht sonderlich abkommen, wenn ich ihn taufen sollte.
    Ist der Mensch denn nicht noch jetzt der Herr der Erde? Er ruft alle
Geschöpfe mit Namen und kann ihnen Namen geben, sobald er ihnen nur ins Auge
sieht, falls sie nämlich noch nicht benannt sind. Der Mensch verträgt alle
Gegenden, und hat er einen guten Hund, das natürlichste Hausgesinde, das Gott
dem Menschen zugeordnet hat, wie wir alle wissen, hetzt er Löwen wie Hasen,
obgleich der Löwe Herzog unter den Tieren ist, als welches ich ihm gar nicht
streitig machen will. König mag ich, mit des Herrn Pastors Erlaubnis solch ein
edles Tier nicht nennen. Wo ist denn Unkraut? Nirgends. Freunde, nur dann ist
etwas Unkraut, wenn es nicht an der rechten Stelle steht, wenn es nicht
gebraucht, sondern gemissbraucht wird. Dem Toren ist alles Unkraut. Dem Weisen
ist alles Kraut, alles ist ihm gut, was in der Welt ist; er macht's wie Gott der
Herr, sieht an, was Gott gemacht hat, und es ist alles sehr gut.
                                     * * *
    Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe da, es war alles sehr
wohl!
Was böse scheinet, ist Gewinn,
Der Tod selbst mein Leben!
singt Ihre Frau! Der Schein trügt. Das was böse aussieht, die Grundtriebe, womit
der Mensch auf die Welt kommt, wie wickeln sie sich vortrefflich aus! Lasst sie
nur wachsen, ohne an einen Stock zu binden. Lasst sie wachsen, wie Gott und sie
wollen, und siehe da, es ist alles sehr gut! Die Menschenfurcht, die das
Misstrauen, den Geiz und andere Schand und Laster erreget, auch sie ist aus der
unversiegenden Quelle alles Guten. - Welch eine Fülle der Weisheit liegt in
allem verborgen! Eine Welt mit diesem Bösen ist besser als eine ohne solches. O
welch eine Tiefe des Reichtums, beide der Weisheit und der Erkenntnis Göttes!
Wie gar unbegreiflich, o Gott, mein Gott, sind deine Gerichte und unerforschlich
deine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber
gewesen, oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, das ihm werde wieder vergolten?
Denn von ihm und durch ihn und in ihm sind alle Dinge! Ihm sei Ehre in Ewigkeit,
Amen!
    Was aus Gottes Händen kommt, ist eitel gut!
Ich nehme, wie er's giebet,
singt Ihre Frau, die anders rechnet als ich. In der Summe stimmen alle guten
Menschen auf ein Haar! Toren! - Ihr wollt Gott den Herrn meistern? Ihr wollt
sticken und flicken wie die Pastorin sagt? Es ist nicht völlig regelmässig,
glaubt ihr? Und wisst ihr denn, dass sogar alles was über die Regel wegragt, was
der Regel über die Schulter sieht, göttlich ist? - Man nennt das Geniezüge, die
grösser als die gemeinen, bekannten Regeln sind, und sagt zuweilen von einem
Stück, wo doch zuweilen nur ein einziger gewagter Strich vorfällt: Ueberaus
schön! Unvergleichlich!
    Ein Gesicht, ist es bloss regelmässig, kann es schön sein aber nicht drüber.
So war das Gesicht der Jungfrau Maria schön. Christus, der Herr, hatte einen
Zug, der göttlich, der nicht regelmässig war. - So und nicht anders seht die Welt
an, und findet ihr dennoch Böses?
Was böse scheinet, ist Gewinn,
Der Tod selbst ist mein Leben!
    Der Teufel selbst ist Gottes Staatsminister.
    An die Vorsehung glauben, ist weit besser, als lauter gute Schicksale haben!
Wir würden sonst gleichgültig gegen alles sein. - Du denkst nicht an Gott? Wer
lange nicht an ihn gedacht hat, scheut sich, ihm nahe zu kommen. Er fürchtet
sich vor ihm. Unglück! Ist denn wirklich Unglück in der Welt? Die Künstelein,
die Bedürfnisse, welche der Mensch so mühsam suchte, haben sein Unglück gemacht.
Reichtum ist nichts Wesentliches. In der im Argen liegenden Welt sieht er zwar
so aus, allein er ist es nicht. Gott der Herr würde ihn sonst nicht so verteilt
haben. Wer hat denn den Reichtum? Gemeinhin Leute, mit denen wir nicht tauschen
würden. Christus war ganz und gar nicht für den Reichtum, und da er wirklich an
sich etwas Unnatürliches ist, wie schwer ist es, hier ein guter Amtmann Gottes
zu sein. Gott! wende den Reichtum, wende ihn von mir, wenn ich die Buchhalterei
nicht verstehe, die vor dir gilt!
                                     * * *
    So denken und nach diesen Grundsätzen handeln, heisst das Salz der Erde sein,
wodurch uns die Welt schmackhafter wird; das Reich oder den Stand der Gnaden
beschleunigen, diesem Gnadenzeitpunkte Gewalt antun. Hab' ich nicht viel von
Ihnen behalten, Pastor?
    Einen sehr grossen Teil ist dieser Gnadenpunkt durch die Erscheinung Christi
ins Fleisch herangerückt! - Daher heissen auch die Tage von den ersten
Weihnachten: dies ist die angenehme Zeit, dies ist der Tag des Heils! - Und es
mag es gesungen haben, wer da will, wahr ist's, dass durch Christi Herabkunft
Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, und eben dadurch Ehre Gott
in der Höhe entstanden!
Dess sollen wir alle froh sein,
singt die Frau Pastorin, und ich singe es mit. Was wollen Ew Wohlehrwürden mehr?
                                     * * *
    Dies Singen und Singen bringt mich zur Behauptung, dass das alte Testament
Poesie, das neue Prosa sei: so wie die Poesie eher als die Prosa gewesen.
Garten, wie wir wissen, eher als Feld. Alles war im sogenannten alten Bunde
Bild! Opfern ist ein sehr natürlicher Gottesdienst! Der Rauch geht hinauf, er
trägt wirklich etwas ab, und zwar eben dahin, von wo so viele gute und
vollkommene Gaben herabkommen. Seht nur, wie im Junius die Natur opfert! Das
Opfer steigt hinauf, welches die Blumen dem himmlischen Vater bringen! Die
Erstlinge des Frühlings! Wie natürlich die ersten Menschen aufs Opfer gekommen!
Es ist viel Poesie beim Opfer, sagten Sie, Pastor! Wahr! Weg mit dem Rauch aus
der Schachtel des Apotekers! Lasst die Blumen opfern; wir wollen im heiligen
Leben wandeln! - das Alter ist nicht so empfindsam als die Jugend. Es scheint,
dieses sei die Folge der Vernunft. Einer jungen Frucht drückt man alles ein.
Wozu dienen aber junge, unreife Früchte? Freilich schmecken unreife
Stachelbeeren mit jungen Hühnern nicht übel; - allein sie müssen versüsst werden,
und reif bleibt doch reif.
                                     * * *
    Christus brachte die Menschen auf die Akademie, nachdem sie vorher in der
Schule gewesen und oft Schulläufer geworden. Nie legte er es darauf an, ein
weltliches Reich zu stiften. Hätte er's getan, sagt selbst, wer kann es oft
genug fragen, wäre es nicht gewesen, um das Reich Gottes näher zu bringen?
Johannes und Jacobus liessen zwar durch ihrer Frau Mutter ein paar Plätze zur
Rechten und Linken bestellen; allein Christus gab ihnen zur Resolution, ihr
wisset nicht, was ihr bittet. Er war ein Jude, weil dieses Volk das einzige war,
das mit so entsetzlicher Mühe zum einigen, alleinigen Gott, der ein Geist ist
und nicht abgebildet werden kann, vorbereitet worden, sagen die Herren
Teologen. Max sein, auch nicht! Was geht mich das Warum an?
    Wer kann einen Geist malen? Und wenn er nicht gemalt wird, wie es ein
jüdisches Kirchengesetz war, wie schwer ist er von Menschen zu glauben, die nur
auf das Augsichtbare zu sehen gewohnt sind? Man kann es sich kaum vorstellen,
wie sehr das Menschengeschlecht von jeher zur Abgötterei geneigt ist. Christus
nannte Gott den Herrn Vater, und wenn unsere Maler ihn als einen alten Mann
bilden, kann es bleiben? Ist's verwerflich?
    Wie eifrig Christus bemüht gewesen, die reine Erkenntnis Gottes zu lehren,
beweisen die Evangelisten, die unter uns gesagt, auch mehr hätten von Christo
aufschreiben können. Es sind auch viel andere Dinge, die Jesus getan hat, sagt
Johannes, welche, so sie sollten eins nach dem andern geschrieben werden, achte
ich, die Welt würde die Bücher nicht begreifen, die zu beschreiben wären. Lieber
Johannes! der Pastor und ich hätten sie begriffen; denn wir sind nicht von der
Welt.
    Moses kleidete die abstrakten Wahrheiten in Allegorien ein! So die Schöpfung
in ein Frühstück; so die Quelle des moralischen Bösen in die Erzählung vom
verbotenen Baum; so den Ursprung der mancherlei Sprachen in die Geschichte vom
Turmbau zu Babel. Christus, der Herr, war sehr entfernt von aller
rückhaltenden, abergläubischen, spitzfindigen Lehrart, welche, voll Verachtung
gegen alles Fassliche, gern in der Dämmerung ist. Er war das wahrhafte Licht,
welches die Welt erleuchtete. Seine Lehre war eine Kinderlehre; allein man sieht
es noch jetzt, wie gross sie sei! Er war wahrlich ein Gesandter Gottes, der in
Gottes Schoss war und Gott verkündigt hat, den kein Mensch gesehen hat, noch
sehen kann. Seine Offenbarung, seine Verkündigung Hat der Vernunft die
trefflichsten Dienste, so wie diese sie nach der Zeit und noch jetzt erwiedert.
Seit dem Christentum ist noch kein Philosoph gewesen, dessen Vernunft nicht von
der Offenbarung geleitet oder bestochen worden! - Die guten, lieben Herren, den
Pastor nicht ausgenommen! Man sollte Wunder denken, wo sie es her haben! Lies
das neue Testament, geneigter philosophischer Leser! und du wirst finden, dass
die Philosophie nichts weiter als Formalität, als Leisten, als Wörterbuch sei.
Suche, so wirst du finden, klopfe an, so wird dir aufgetan!
                                     * * *
    Christus forderte eine Reinigkeit des Herzens, die noch nie jemand vor ihm
gelehrt hat. Der Mensch soll, des Glaubens halber an Gott, und nicht aus Stolz,
aus Gewinnsucht, seinen Obliegenheiten nachkommen. Es soll kein Wasser diesen
Wein verderben; und ist sie denn nicht wert, die Tugend, dass man sie liebt? Hat
sie denn nicht die glücklichsten Folgen, die bis in Ewigkeit dauern? Nichts
vergeht ganz; alles, der Körper selbst, ist ewig. Und unsere Handlungen? Keine
ist kinderlos; jede pflanzt sich fort, und oft wird aus einem Adam von Handlung
eine ganze Welt! Lasset uns Gutes tun und nicht müde werden, denn zu seiner
Zeit werden wir ernten ohne Aufhören! Ueber diesen Spruch hörte ich Sie
predigen, lieber Pastor, und noch höre ich Sie, so wohl tut mir diese Predigt!
                                     * * *
    Der Mensch ist auf der Stufe seiner göttlichen Natur nicht im Stande, so
Herr seiner Handlungen zu sein, dass er den moralischen Gesetzen völlig folgen
könnte. Die Welt hat eine Beziehung auf unsere Seele und Körper, nachdem wir die
Welt aus diesem oder einem andern Gesichtspunkte fassen. Bald so, bald so.
Geht's uns schlecht, ist alles schlecht. Geht es uns wohl, so lächelt uns alles
an. Zwar ist der Geist unabhängig vom Körper, und sagen wir also nicht: sein
böser Geist, sein guter Geist, sondern sein böses Herz, sein gutes Herz. Wer
kann den Geist indessen allen äusseren Antrieben entziehen? Diesen Geist, wer
kann ihn heiligen, so wie Gott heilig ist? - wer kann ihn gewöhnen, bloss nach
Grundsätzen der Vernunft zu handeln? Dieser Kampf des Geistes und des Fleisches
ist der gute Kampf, den wir alle kämpfen. - Um mich indessen in einer für mich
so höchst wichtigen Sache nicht in Ungewissheit zu lassen und mich von der
Sentenz zu unterrichten, die Gott vor seinem Richterstuhl über jede meiner
Handlungen ausspricht, gab er mir ein moralisches Gefühl.
                                     * * *
    Vor Gott sind die Himmel nicht rein, und eine ganz absolute Vollkommenheit
kann in keinem endlichen Wesen sein. Etwas, das über die Schranken der
Menschlichen Natur geht, kann der Schöpfer nicht fordern. Es gibt keinen
allgemein guten und keinen allgemein bösen Menschen.
                                     * * *
    Erbsünde ist vielleicht Bewusstsein von natürlicher Freiheit, mit der wir
alle auf die Welt kommen, vorzüglich ein Curländer. Die Herren Teologen nehmen
sie anders. Ich lasse sie bei ihrer Freiheit; allein ich bestehe auch auf der
meinigen. In dem Sinne, wie die Herren Geistlichen es nehmen, hat die Frau v. W.
keine Erbsünde, und so kenn' ich viele ohne Erbsünde. - Was ist die Erbsünde
nach der Meinung der Geistlichen? Ein Kind der Dogmatik. Der erste schlechte
Erzieher, der sich entschuldigen wollte, erfand dies Namenspiel.
                                     * * *
    Wie kann sich aber der Mensch bei dem Bewusstsein, gesündigt zu haben,
beruhigen? Es gibt im eigentlichen Sinne nur Sünde wider seinen Nächsten. Wir
sündigen wider Gott in so weit als wir unsern Bruder beleidigen. Die Liebe zu
Gott hat keinen andern Beweis, als die Liebe zum Bruder. Die meisten Menschen
glauben, den lieben Gott so behandeln zu müssen, wie einen vornehmen Herrn,
obgleich Christus ihn als Vater dargestellt hat. Er hat sich uns zum Vater
hergegeben. Wer hat sich aber nicht von Jugend auf angewöhnt Gott zu
schmeicheln, den Herzenskundigen mündlich zu versichern, was uns nicht ums Herz
ist, ihn mit den Lippen zu ehren, und die Seele, sein Gnadenwerk, von ihm zu
entfernen?
    
    Kurz, wer bemüht sich nicht, durch süsse Reden Gott ums Herz zu betrügen?
Solch eine Führung halt' ich gerades Weges für Menschengebot und Menschentand.
Wenn es mich angreift, schrei' ich aus. Ich bin zuweilen ordentlich bös' auf den
lieben Gott und da wett' ich, das muss ihm lieber sein, als wenn ich den
Widerwärtigkeiten äusserlich begegne, wie einem Boten von ihm, und innerlich
wünsche, dass dieser Abgeordnete zum T - wäre! - Ich bekenne es frei, dass ich
nicht danken, nicht beten kann, wenn mich Unglück trifft. Wenn's donnert, ist
der lustigste Vogel hypochondrisch, und wenn's ein schöner Morgen ist, wie
jubilirt die ganze Schöpfung! Ueberhaupt denk' ich vom Gebet anders, als der
Pastor, obgleich ich das meiste von seiner Meinung auf- und angenommen, und wohl
eins mitbete, wenn's so die Gelegenheit gibt. Tor! Was kann denn dem göttlichen
Wesen damit gedient sein, dass du seinetalben die Augen verkehrst, dich
krampfartig stellest, die Hände ins Kreuz hältst - des Sonntags so tust, als
hättest du die Wache vor seinem Palast?
    Mit diesen meinen Gesinnungen stimmt meine Hymne, die ich Gott dem Herrn
beim Eingange dieses Aufsatzes angestimmt, und die mich zuweilen so anwandelt,
dass ich mich kaum auf den Füssen halten kann. Ich springe, als wollt' ich gen
Himmel springen, so ein alter, steifer Kerl ich bin. Eine Ader hab' ich mir
dabei nicht verrenket. Da hab' ich zuweilen eine Hymnestunde, wo mir das Herz
die Brust durchstossen will. Hinauf will es, und alles um mich her hat dann eine
allerliebste Stimme, alles singt melodisch: Gott allein die Ehre! Lachen ist ein
Kranz, der gemeinhin sauren Wein anpreiset. Meine Freude braucht keinen Kranz -
die Natur hat eine Wonnecirculation, die mich zu dieser Freude auffordert.
    Was kann es dem lieben Gott helfen, wenn ich, dem lieben Gott zu Ehren,
meiner begangenen Sünden halber einen Trauerrock anlege, mit Klötzen an den
Füssen gehe? Das nenn' ich die edle Zeit tödten und Sünden mit Sünden häufen.
Anstatt Leib zu tragen um meinen Tobten, erzieh' ich meine übrigen Kinder und
sage zum verstorbenen Sohne: ruhe wohl! Es besser machen, durch Schaden klug,
wie neu geboren werden, ein ander Leben anfangen, das heisst Busse tun, und dies
führt die Vergebung der Sünden mit sich. Das Bewusstsein einer guten Tat,
wodurch wir uns am Morgen des neuen Lebens auszeichnen, vertreibt die vorige
finstere Nacht der Sünden! - Es ist so, als wenn man ein frisches Hemd anzieht!
- Ist die Sünde zu ersetzen; gilt vor dem Ersatz keine andere gute Handlung? Mit
zinsenreichem Ersatz fängt sich das Werk der Bekehrung an. Ist aber diese
Genugtuung nicht möglich, so nehme ich die Einbildungskraft zu Hülfe und stelle
mir jemand dar, dem ich's vergelte, dem ich in des Beleidigten Namen Gutes tue,
in eines Jüngers Namen ein Glas Wasser reiche. Gott, denk' ich, hat doch einmal
einen vollkommenen Menschen gesehen, Jesum Christum, der gerecht ist. Wenn's
auch mit dir fehlt hie und da, sei unverzagt; - und ich bin's auch! - Bete du
nur zehn Jahre und gib der Wittwe nicht das Stück Weizenland wieder, um das du
sie betrogst; wirst du Ruhe haben, wenn dich ein hitziges Fieber ergreift oder
es sich sonst über deinem Haupte zusammenzieht? - Mit nichten. Die beste Cur ist
eine gute Handlung, wodurch das Bewusstsein in dir auflodert: dir sind deine
Sünden vergeben. Dies war das Recept, das Christus verschrieb, und wahrlich! es
ist kein Kraut, kein Pflaster, was so heilet, wie dies! - Viele Leute werden
gesund, wenn sie ein Testament gemacht haben, und ich halte dies für ein
gewisseres Notmittel, als das versparte Aderlassen. Sobald der Mensch ruhig
ist, sobald er empfindet, seine Sünden sind ihm vergeben, so steht er bald auf
und wandelt! - Pastor! Sie sagten einst, wie mich dünkt: man muss die Körpercur
mit der Seelencur anfangen! - Die Hypochondrie ist gemeinhin eine im Gemüt
stecken gebliebene Sünde, die ich an mir selbst verübt. Gibt's denn Sünden an
mir selbst? Freilich, denn ich bin mir selbst der Nächste; allein solche Sünden
haben mir noch keine schwere Lebensstunde gemacht; ich leide ihretalber die
natürlichen Strafen. Ich sterbe ihretwegen täglich und suche mir durch Bewegung
und ein Glas Wein die Gedanken zu vertreiben, wenn sie mir ins Ohr raunen: du
bist ein Selbstdieb! Gottlob, ein Selbstmörder bin ich nicht! - Wer aber nie an
sich selbst gesündigt, der hebe den ersten Stein wider mich! Ich bitte, den
Herrn Generalsuperintendenten nicht ausgeschlossen, ich bitte!
    Gott sei mir Sünder gnädig! Das war so herzlich als: Gott allein die Ehre!
    Es gibt Seelen, die sich immer gleich und wie ein sanfter schöner Tag sind,
wo es immer scheint, es wolle die Sonne hervor, es wolle regnen und es regnet
nicht und es scheint nicht die Sonne! Ich habe auch dergleichen Tage gehabt. Man
könnte sie heilige Tage nennen, und den, der sie zu leben versteht, einen, der
geheiligt ist! Da komm einem, was da will, es regnet nicht, es scheint nicht die
Sonne. Die Empfindung, dass uns alles, alles zum Besten dient, wirkt so stark auf
unser Herz, dass wir innerlich und äusserlich ruhig sind! Da sieht man, so zu
sagen, in allem Gott den Herrn. Jaget nach der Heiligung, sagt der Apostel, ohne
welche wird niemand den Herrn sehen! Gott, lass mich so leben, so sterben!
                                     * * *
    Leidenschaften sind Engel und können Teufel werden. Sie sind Beförderer,
Mitwirker des Guten. Sie geben Spannkraft und Tätigkeit dem Müden, - Wärme und
Leben dem Kaltgewordenen.
    Wohl dem, der sich der Eigenschaften zu seinem eignen und zum Vorteil
seines Nächsten bedient, der alles zu edlen Absichten lenkt! Hat doch jemand
gesagt, das Ungeziefer wäre bloss da, um die Faulen zur Arbeit zu treiben! - Dass
dich doch die Mücke dafür stäche!
                                     * * *
    Noch nie hat sich ein Mensch seiner Sünden als Sünden gerühmt. Er wollte
vielmehr durch diese seine Offenherzigkeit den andern auf das Gute aufmerksam
machen, was in diesem Bösen lag. Wer Böses von sich sagt, ist oft der feinste
Lobredner auf sich. Man denkt, er wolle sich was Leides tun; allein er tut
sich was zu gut, sowie sich niemand ums Leben bringt, der vor aller Welt Augen
die Pistole ladet und laut ruft: auf mich! Wen er lieb hat, den züchtigt er,
könnte man vom Menschen sagen, der übel von sich selbst spricht.
                                     * * *
    Da Christus den grossen Zweck seiner Sendung nicht erreichen konnte, sondern
bei der evangelischen Lehre des Gnadenstandes, des Heilstandes nichts anders als
Verachtung und den Tod selbst erduldete, so war es kein Wunder, dass seine
Jünger, die so weit von ihrem Meister abstanden, ob diesem Werke verzweifelten,
bis sie endlich, nach sehr geheimen Beratschlagungen, sich entschlossen, das
Evangelium zu verkündigen, bis dass er käme, bis dass sein Reich käme und wir ihn
wieder im Geist dargestellt sähen! - Ein einmütiger heiliger Geist beseelte die
Jünger so, dass sie das Werk anfingen mit Freuden, und für so eine gute Absicht
Märtyrer zu werden kein Bedenken trugen.
                                     * * *
    Obgleich Menschensatzungen die Religion Jesu so sehr verdunkelt, dass wenn
Christus herabkäme, er die Christen nicht kennen würde, sagt, ist sie nicht noch
jetzt, so wie sie da liegt, vortrefflich? Ist sie nicht die einzige, die den
Menschen zum Gnadenreiche, zum Stande der Gnaden zu bringen Kraft und Stärke
hat? Ich hab' es anfänglich so nicht eingesehen; allein jetzt glaub' ich, dass in
dieser Lehre Leben für diese und Seligkeit für die andere Welt liege.
                                     * * *
    Die Jünger Christi waren ehrliche Kerls bis auf den Judas, der ihn verriet.
Petrus war feurig, Jacobus strenge, Johannes sanft. Keiner hat sich Schätze
erworben. Wie lebten sie, wie starben sie? So lebt, so stirbt kein
Leutebetrüger!
    Vornehm werden wollen, heisst darauf ausgehen, dass man bewundert oder
beneidet wird. Beides taugt nicht! Sich Glück wünschen, heisst andere kleiner
verlangen als man selbst ist, andere auf seine Kosten unglücklich wissen! -
Solche eigennützige, strafbare Wünsche sind geradenwegs dem Gnadenreiche Christi
entgegen, wo kein Kronprinz, kein Königsbruder ist. Der Erste ist der Letzte,
der Letzte der Erste; der Geringste der Vornehmste, der Vornehmste der
Geringste. - Gegenseitige Gesinnungen bei seinen Besten zu bemerken musste den
Erretter, den Erlöser des ganzen menschlichen Geschlechts ganz natürlich zum
Rückhalt gegen diese seine sonst guten Freunde bringen, welche die zwölf Stämme
unter sich teilten und durchaus etwas vorstellen wollten! - War es Wunder?
Wären wir in allen ihren Umständen besser gewesen? Ich glaub' es nicht. Christus
nahm sie also wie Kinder, denen man durch Gleichnisse, durch Erzählungen auf den
rechten Weg hilft; und sagt, Freunde! wenn Christus in Curland gewandelt hätte,
wo doch alles von Freiheit spricht, wär' er nicht gekreuzigt? Sie, Pastor, sind
eins mit mir. Was würde nicht im despotischen, im monarchischen Staate werden!
Noch jetzt kann man Christi Absicht, so klar sie gleich da liegt, weder erraten
noch ertragen. Man hält sie unmöglich. Was aber bei Menschen unmöglich ist, ist
es nicht bei Gott. Wie langsam geht's mit der wahren Erkenntnis Gottes und mit
der Tugendübung! Wahrlich, Christus leidet noch - wie seine Worte gekreuzigt
werden!
                                     * * *
    Getrost!
    Johannes, der Schoossjünger Christi, sah, da er ein hohes Alter erreicht
hatte, ein, dass die Zwölfe nicht im Stande gewesen, dieses grosse Werk
auszuführen; allein seine Hoffnung war noch fest! - Die Religion Christi war
nicht Menschenwerk. Er half sich mit der Einbildungskraft da, wo er sich
verlassen fühlte. In seinem Gesichte sah er einen Engel vom Himmel fahren, der
hatte den Schlüssel zum Abgrunde und eine grosse Kette in der Hand. Doch warum
diese Züge von einem so ins Grosse gemalten Bilde? - Er ergriff das Erdenelend
und band es tausend Jahr. Johannes, der es empfand, wie menschenunmöglich es
sei, Christi Reich auf Erden zu verbreiten, ohne dass Tyrannei und Bosheit
gefesselt würden, bildete sich ein: es sei also. Er stellte sich, um sich nicht
zu vergessen, vor, dass die Märtyrer, die Zeugen Jesu, welche die Malzeichen an
Stirn und Hand hätten, jetzt in diesen Gnadenstand eingehen und tausend Jahre
mit Christo regieren würden! - Selig ist der und heilig, der Teil hat an der
ersten Auferstehung, über solche hat der andere Tod keine Macht, sondern sie
werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahr.
    Der hat den Himmel auf Erden, dessen Lebenszeit in diese tausend Jahre
fällt, wo man einsehen wird, was Christus und die Märtyrer beabsichtigt. Nach
dieser tausendjährigen Regierung bildet sich Johannes wieder Tyrannei und
Blutvergiessen ein! Das Erdenelend wird wieder losgeschlossen; allein nach seiner
Vorstellung soll es nicht lange dauern. Hallelujah! Es kommt ein neuer Himmel,
eine andere Denkungsart von Gott, eine neue Erde, andere Menschen. Da ist er!
Ein immerwährender Stand der Herrlichkeit!
    Ich, sagte Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem von Gott aus
dem Himmel herabfahren, zubereitet als eine geschmückte Braut ihrem Manne und
hörte eine grosse Stimme von dem Stuhl, die sprach: Siehe da eine Hütte Gottes
bei den Menschen und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein, und
er selbst Gott, mit ihnen, wird ihr Gott sein, und Gott wird abwischen alle
Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leib, noch
Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das erste ist vergangen. Und der auf
dem Stuhl sass, sprach: Siehe! ich mache alles neu; und er spricht zu mir:
Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss.
    Amen! Amen!
                                     * * *
    Meditiren, wie die Gelehrten es nennen, nachdenken, wie der gemeine Mann
sagt, heisst in vielen Fällen: beten! - Wer das Gebet als einen Erzwang in
Hinsicht der Sachen, die er bittet, ansieht, irrt sich; es ist nur die
Connexion, in die man sich mit Gott setzt. Das Vaterunser kann jeder Mensch
beten; wenn wir indessen, wenn Gott will, in den Stand der Gnaden und in den
Stand der ewigen Herrlichkeit eingetreten, müssen wir ein anderes Gebet haben,
nicht wahr, lieber Pastor? dazu uns Gott seine Gnade und seines Geistes
Beistand, Stärke und Hülfe verleihen wolle! - Ja, Gott, der in uns angefangen
hat das gute Werk, wolle es durch seinen heiligen Geist in uns bestätigen und
vollführen bis auf den Introductionstag des Standes der ewigen Herrlichkeit bis
auf den Tag Jesu Christi. Getreu ist Gott, der euch ruft, wird's auch tun.
    Ein Ateist ist der, welcher seinen Bruder nicht liebt, den er sieht!
Selbstverläugnung ist Ersparung an sich selbst, um gegen den Nächsten freigebig
zu sein. Freude ist Danksagung. Wollte Gott, dass ich alle Menschen dies zu üben
bewegen könnte! Das würde heissen: sie beten lehren! Vergib deinem Bruder, vergiss
nicht, dass du erst von den mehreren Pfunden, die Gott dir verlieh, Rechnung
abzulegen verbunden bist, ehe du vor Gott treten kannst! - Vor Johanni bestellen
die Leute ein Gebet beim Prediger, nah Johanni, sagt Gevatter Hans, will ich
schon mit meiner Grete beten. Warum haben die gemeinsten Leute Neigung zu
Spöttereien? Man sollte ihnen nicht mehr zu glauben aufgeben, als glaublich ist.
Ein Tomas wirst alles über und über und sein Nachbar glaubt, was das Zeug hält,
um mit Glauben dem Tun auszuhelfen! - Aufforderungen zu guten Handlungen sind
nicht Handlungen selbst, das Geläute keine Predigt. Der Christ hat zwar seinen
Stern am Himmel, wie die Weisen aus dem Morgenlande; allein er muss auch seine
Lampe in der Hand halten, wie die fünf klugen Jungfrauen. Viele berufen, wenige
auserwählt.
                                     * * *
    Die Welt ist vorderhand nicht im Stande der Gnaden. Man muss sie so
verbrauchen. Doch befinde ich mich unter Wesen, die mit mir zu einer Classe
gehören, denen Gott Augen, Ohren, Vernunft und alle Sinne gegeben hat. Was ist
billiger, als dass ich in Rücksicht dieser meiner geliebten Mitbrüder genau nah
den Vorschriften verfahre, die uns der Wille unseres gemeinschaftlichen Urhebers
vorgeschrieben hat? Im Worte Bruder liegen alle diese Pflichten zusammen. Bruder
ist ein grosses Wort Mich freut es recht von Herzen, dass hiess Wort in Curland so
gang und gäbe ist! - Zwar ist es in den meisten Fällen nur so da, der Mode
halber, wie: hol dich -; indessen ist Rom nickt an einem Tage erbaut.
    Durch die Geburt sehe ich mich in gewisse gesellschaftliche Verbindungen
gesetzt, zu welchen ich zwar meine Einwilligung nicht mittelst eines deutlichen
und aufrichtigen Jaworts beigetragen; hab' ich aber nicht Anteil an den
gemeinschaftlichen Vorteilen genommen? Fordern mich also Gesetze des Staats, in
dem ich lebe, auf, denen das Gewissen seine Stimme nicht entzieht, so bin ich
schuldig, treu, hold und gewärtig zu sein. Ich muss das Land, das mir Brod und
Wasser gibt, nicht als eine Herberge ansehen, wo man sich oft länger als man
wünscht, aufzuhalten verbunden ist, weil ein Rad gebrochen. Wessen Brod ich
esse, dessen Lieb ich singe.
    Gott aber muss man mehr gehorchen als den Menschen.
    
    Die Religion im jetzigen Sinn ist der zweite Teil der Staatsverfassung. Sie
ist die Ehegattin der Staatsklugheit. Ich bin nicht berechtigt, wider die
Religion, die der Staat entweder als Mitregentin nimmt oder als Freundlingin
schätzt, mir eine Verräterei zu Schulden kommen zu lassen.
    In dieser Rücksicht bekenne ich mich als ein Mitglied eines christlichen
Staats zur christlichen Religion, in so fern derselben Lehrsätze meinen
geprüften und als wahr anerkannten Grundsätzen, bei denen mein Gewissen
präsidirt, nicht entgegen sind. Von dieser Oberratsstube gilt keine Appellation
nach Warschau.
    Keinem will und werd' ich meine Grundsätze nahe legen. Nie würd' ich mit dem
guten Pastor gestritten haben, wenn er nicht der Pastor in - und ich der wäre,
der ich bin! Warum wir uns aber zehn Jahre abgesondert, begreif' ich nicht bis
diesen Augenblick. Luters Schuhe, pflegten sie zu sagen, sind nicht allen
Dorfpriestern gerecht.
                                     * * *
    Ueber Vermögen fordere ich von meinen Untergebenen, sie mögen undeutsch oder
deutsch sein, keinen Schritt. Wenn Gott es mit den Ungerechten machte, wie sie
mit ihren Schuldnern. - - -
    Milchhaar wird auch braun oder schwarz, und wo ist denn eine Lust, die ihren
Gift nicht bei sich trägt? Wo ist ein Mahl von reinem Wein voll Mark, darin kein
Hefen ist? Wo eine Sünde ohne Strafe? Wüstenei ist in der Stadt. Das ist ein
Text; wo er steht, weiss mein Hofmeister, den Gott tröste! am besten. Was ist
aber richtiger, als Wüstenei in der Welt? Ein unverfälschtes Lachen gibt es
nicht in der Welt. Jeder leidet, was seine Taten wert sind. Der Weise rühmt
sich eines Seelenvergnügens und wirft seinem Weibe aus Verdruss einen
Porcellanaufsatz an den Kopf. Ein lautes Vergnügen hält man für Rausch. Sauer
und süss essen Vornehme und Geringe, und wenn man ein rechtes Vergnügen
beschreiben will, heisst es eine Tränenwonne. Die göttliche Traurigkeit, die
Reue, die niemand gereuet, ist ein Beweis, dass Freude und Leid sich verhalten,
wie Rosen und Dornen.
                                     * * *
    Ich fühle zwar mich und meine Kräfte in gewissen Grenzen eingeschlossen,
allein ich weiss auch, dass das Ende dieses Lebens nicht auch das Ende meiner
ganzen moralischen Existenz sei; vielmehr hoffe und glaube ich, dass, wenn gleich
mein Körper durch die Verwesung in seine ersten Teile aufgelöst und mit der
übrigen Materie vermischt wird, ich dasselbe Ich und kein Fremder fortdauern
werde.
                                     * * *
    Die Vernunft ist ewig. Sie ist der Sitz des göttlichen Ebenbildes, und dies
sein Bild sollte Gott der Herr vernichten?
    Glauben, im gemeinen Leben, heisst, anderer Meinungen annehmen. Tun heisst
nach seiner Ueberzeugung handeln.
    Verstand haben heisst, etwas verstehen.
    Leichtsinnig ist der, welcher alles leicht fasst; allein eben darum geht's
hier herein, dort hinaus. Der Pastor sagt: ich wäre leichtsinnig; allein dieser
Aufsatz selbst mag Richter sein zwischen mir und ihm. Ist denn die Saat, die der
Pastor ausgestreut, auf einen Felsen gefallen, wo, wenn es regnet, die Saat zwar
keimen, ihr Haupt emporheben, allein nicht Wurzel schlagen kann, wie solches
alles der alte Herr in Musik gesetzt hat? Ist die Saat in Rücksicht meiner auf
einen so harten Boden gefallen, dass sie keinen Eindruck gemacht, sondern den
Vogel zum gefunden Frass und dem Wanderer zum Spiel gereicht? Wie der Wanderer
sie da mit seinem Stabe aussprengt! Gehör' ich denn nicht zu den Seligen, die
Gottes Wort hören und bewahren? Ein Schwärmer bin ich nicht, der alles gierig
und heiss isst und sich total den Magen verdirbt. Er kann die Zeit nicht abwarten.
    Alles ist Geschichte in der Welt, und da kommt's freilich viel darauf an, ob
ich selbst gesehen, selbst gehört oder mir von andern erzählen lassen, was diese
andere gesehen und was sie gehört. Der hat ein Auge fürs Vergangene, der fürs
Gegenwärtige. Man sagt, einige hätten es für die Zukunft. Ich meines Orts habe
keinen von der letzten Art gekannt. Sie, Pastor, sehen das Gegenwärtige, als
stünd' alles vor Ihnen.
                                     * * *
    Wie lange kann es mit uns währen? So alt oder älter. Wir sind nicht von
dannen, sondern warten auf unseres Leibes Erlösung.
    Solang' ich hoffe, leb' ich, so lang' ich seufze, hoff' ich. Ich bin der
festen Zuversicht, dass mein Tod mich nicht aus der Fassung bringen werde. Jetzt,
in diesem Stande der Sünden zu leben, wenn gleich Curland noch hie und da
vermöge der herrschenden Freiheit mehr Aussicht zum Gnadenreiche hat, als ein
ander Land, was ist's mehr als Wüstenei? Man stirbt jetzt des Erdenleidens wegen
gern, wenn gleich Krankheit und Schmerzen uns den Tod verbittern. Im Stande der
Gnaden wird man gern sterben, weil bei einer einfachen Lebensart die Krankheiten
sich von selbst heben werden. Leicht ist der Tod immer. Alles ist leicht, nur
das Leben nicht. Ein wahres Wort im Stande der Sünde. - Nur im Grabe hat der
Mensch alles unter seine Füsse getan. Die sechs Seiten des Cubus sind nicht der
ganze Inhalt unseres Seins.
                                     * * *
    Ob auf einem Berge mehr Kornähren oder Bäume stehen können, als auf dem
ebenen Grunde? war eine Frage, die jetzt so klar beantwortet ist, als: wie viel
macht zweimal zwei.
                                     * * *
    Ich bin vielleicht sehr oft ein Ich gewesen. Man hat drei Reiche, das
Mineral-, Pflanzen- und Tierreich, die könnte man, dünkt mich, Reich der
Allmacht, Reich der Gnaden, Reich der Herrlichkeit nennen, besonders wenn man
den Menschen als das letzte Tier in Erwägung zieht. Durch diese drei Reiche bin
ich vielleicht schon durchgewandert. So wie ich leblos als Erde war, so hatte
ich Saft als Pflanze, bis ich als Tier Blut bekam. Jetzt bin ich Mensch, bin
Tier und Engel! - Die Seele ist Mittler zwischen Geist und Körper. Mein Geist
denkt vernünftig, zusammenhängend allgemeine Wahrheiten; indessen ist mein Geist
ein ausgelernter Geist. Kinder zeigen so wenig von allen diesen
Menscheneigenschaften, dass einem jeden klugen Mann bange wird, wenn er sein Kind
sieht. Kluger Mann, sag' ich, das heisst ein solcher, der die wenigste Affenliebe
hat. Wer hat sie aber nicht? Gemeinhin der verzweifelt der Kluge auch im
Verhältnis von sich auf den Kleinen: ob je aus dem Kindlein was werden würde,
und eben darum geraten so selten die Kinder der Gelehrten. In der ersten Jugend
wissen sie so viel, dass man gewiss glaubt, sie würden eher Magister werden als
Leibnitz; allein sie bleiben bald stockstill stehen. - - Der Herr Vater gibt sie
auf.
    Vielleicht werd' ich noch ein paarmal verwandelt, ehe ich das Bewusstsein
meines ganzen Gewesens erhalte und die Kette übersehe, welche ich hinaufging.
Mein Körper steht auf. Nichts wird ganz vernichtet. Alles, das geringste
Stäubchen nicht ausgeschlossen, ist zu etwas gut! - Die Vernunft ist ewig! ewig!
Sie ist der Sitz des göttlichen Ebenbildes; und hiess Bild sollte Gott der Herr
vernichten?
    Hiermit will ich diesen Aufsatz schliessen, den man wohl schwerlich von einem
Curischen von Adel erwarten sollte.
    Dass Herr v. G. in seinem Aufsatze mancherlei von einem rechtgläubigen Vater
angebracht, ist nicht zu läugnen; allein mein Vater nahm sich dieser wirklich
ungeratenen Kinder nicht an, stellte alles Gott anheim, der recht richtet, und
blieb bei seinem aut, aut. - Obgleich er, wie wir wissen, zugeben musste, dass,
wenn jemand mit der Bibel allein eingeschlossen würde, er gewiss nie unser
Kirchensystem herausbringen würde; so war er doch, wie wir auch wissen, für die
Zunftregeln, und wollte durchaus nicht weiter gehen, als sein Schild es besagte.
    Dieser Aufsatz konnte also bei solchen Gesinnungen so wenig befriedigend für
meinen Vater sein, dass er ihn gewiss nicht ohne Beklemmungen seines Herzens
gelesen haben wird.
    Herr v. G. hatte ihm einstmals in einer grossen Gesellschaft die Frage
vorgelegt, was er wohl lieber aufgeben würde, die Bibel oder die natürliche
Religion? So etwas zu fragen!
    Herr v. G. konnte nicht aufhören, sich über die Unzulänglichkeit der
evangelischen Nachrichten zu beklagen. Mein Vater erwiederte: Freilich sind es
fünf Gerstenbrode und ein wenig Fischlein, so die Evangelisten zurückgelassen;
allein den Segen drüber gesprochen, so ist es hinreichend, dass viertausend Mann
davon gespeist werden können, wenn sie auch noch so heisshungrig sind; und wie
viel Körbe bleiben nicht noch für den Denker übrig!
    Herr v. G. war, wie mein Leser sich's leicht vorstellen können, bei einer
solchen Denkart ein Sokratiker . Ich bin ein Christ, sagte mein Vater, mache mir
eine Ehre draus, und alle Rechtschaffenen erkennen mich dafür.
    Hier konnte man wohl mit Recht
                als ob? und
                ja wohl!
fragen und antworten.
    Wenn ich noch mit einem Bausch- und Bogengespräch über den Sokrates dienen
kann, welches über die zehnjährige Entfernung ebenfalls Licht zu verbreiten im
Stande sein dürfte, will ich's gerne.
    Gehalten am Bausch- und Bogentage kurz vor der Tafel an dem schönen Tage, da
wir, mein Vater und ich, nach - zum Herrn v. G. kamen, und zwischen beiden
streitführenden Mächten ein Vergleich gesäet und begossen ward, wozu auch Gott
das Gedeihen gab.
    Wo wissen Sie denn, dass ein Sokrates in der Welt gewesen? fragte mein Vater;
und zwar ein Sokrates eben so und nicht anders?
    Aus seinen Früchten, antwortete Herr v. G., sollt ihr ihn erkennen. Kann man
auch Trauben lesen von den Dornen und Feigen von den Disteln? - Plato -
    Suchte Ideale.
    Und fand den wirklichen Sokrates! - Den Apostel der Heiden.
    Das war Paulus.
    Nach Christi Geburt. Das Orakel versichert, Sokrates sei der weiseste unter
allen Menschenkindern gewesen.
    Sokrats andron sopotatos, weil er nichts wusste.
    Ist das verständlich?
    Ich verstehe kein Griechisch.
    Und ich dieses Orakel nicht. Zwar weiss ich den Unterschied zwischen Weisheit
und Wissenheit - - -
    Wer aus diesem Zeugnis folgert, ergo ist der der Allerdümmste, welcher viel
oder alles weiss, Pastor! der verdient zur Strafe ewig mit einem umgewandten
Kleide zu gehen.
    Ich lasse kein Kleid kehren.
    Ich auch nicht.
    Sokrates -
    Was sagte der Physiognomist von ihm?
    Was Sokrates selbst sagte. Hüte dich vor dem, den Gott, gezeichnet hat, ist
eine apokryphische Regel. Ist denn, Pastor! ein Sünder, der Busse tut, ist er
nicht besser, als neunundneunzig Gerechte, die der Busse nicht bedürfen?
    Wahr! ein Prophet muss aber nicht hässlich, nicht schön sein; so wie Wasser
und Brod muss er in seinem Äußern nach nichts schmecken. - O toinyn toioyto
synon somati, tina, hgoymeta, eixe pyxhn. Hüte dich vor dem, den Gott gezeichnet
hat, ist freilich eine apokryphische Regel; aber können wir denn die
Sinnlichkeit ablegen, und trauen wir wohl einer Seele, die so schlecht wähnt,
Geschmack zu -? Niemand hat uns Christi Gestalt rein und lauter beschrieben,
Weber Lukas, noch die heilige Veronika, und ich ärgere mich, wenn die Maler und
Zeichenmeister sich um die Wette bemühen, einen Christus-Kopf darzustellen. Den
werdet ihr nicht treffen, liebe Leutlein! Ein Marien-Gesicht, das lass' ich
gelten, da wollte ich schwören, dass mein Weib einen Zug von ihr hat. Mein Sohn
lag in seinem vierzehnten Jahre ohne Hoffnung darnieder, und mein Weib, wie
Maria des Herrn Mutter: ich bin des Herrn Magd, mir geschehe wie du gesagt hast.
- Ich ehre den Sokrates.
    Nicht so, wie ich!
    Kann sein, weil ich ein Christ bin.
    Und wenn es Sokrates auch gewesen? Christus war er nicht; warum wollen Sie
ihm aber den christlichen Glauben absprechen? Weil sie ihm die Hand nicht auf
seinen Mondkalbskopf gelegt -
    Sie spötteln.
    Und Sie predigen!
    Das tat Sokrates auch.
    Und schrieb nicht, so wie wir alle beide. Da sind wir wieder zusammen wie
Mann und Weib!
    Nur noch lange nicht eine Seele! Freilich besass Sokrates etwas, das die
Weisen seiner Zeit nicht hatten, was man einen Dämon, einen sokratischen
Schutzengel nannte, und was nichts weiter als ein philosophisches Genie war.
Genie und Dämon ist nicht viel auseinander.
    Pastor! den Rabatt lass' ich mir nicht gefallen; kann denn nicht wirklich
eine unsichtbare Gestalt -? Wusste denn nicht Sokrates Zukünftigkeiten?
    Wie Sie und ich.
                                     * * *
    Zu Christo kam Nikodemus des Nachts; zu Sokrates der Euklides.
    Aber Nikodemus, ein ehrbarer Ratsherr, maskirte sich nicht in Weibertracht.
    Wie Sokrates starb!
    Ist die Frage.
    Gross, Pastor!
    Kann sein.
    Stehen Sie etwa des Hahns wegen an? Kommt denn nicht auch ein Hahn in der
Passionsgeschichte vor?
    Da Petrus Christum verläugnete.
    Eben krähete auch jetzt ein Hahn, und Herr v. G. war still, kam aus dem
Zusammenhang und machte ein Gesicht, als wollte er sagen: du hättest auch nicht
krähen dürfen.
    Mein Vater tat, obgleich es schien, dass er wider den Sokrates war, ihm die
bündigste Ehrenerklärung, sobald Herr v. G. nur nicht auf Kosten des
Christentums dem Sokrates lobredete. Es war unmöglich, dass Sokrates und mein
Vater nicht gute Freunde sein sollten.
    Cicero, sagte er, nannte ihn den Adam der Philosophie, den Vater der Weisen,
und das mit Recht, weil er die Sophisten seiner Zeit, die mit einem Wortkram von
Scholastik geziert waren, so trefflich durch gemeines Leben, durch edle Einfalt
in die Enge trieb. Geht's denn unsern Philosophen anders? Sind denn nicht die
meisten, den Professor Grossvater nicht ausgenommen, in Wortsünden empfangen und
geboren? Haben sie nicht alle sophistische Erbsünde? Sokrates war ein
Volksphilosoph, und so ist die Einfalt zu nehmen, die er frei von sich bekannte.
Er fing nicht Fliegen in einem Spinnengewebe von Feinheit. Aus Hausmannskost
bestand seine Mahlzeit. Was nützen denn Definitionen, wenn man das Wort
versteht, und was hat man denn, wenn man ein ganzes Geschlechtsregister eines
Worts gelernt hat? Tun die Philosophen viel mehr, als jener Landgeistliche, der
seinen Bauern bei Gelegenheit des Evangelii vom reichen Fischzuge erklärte, was
ein Netz sei. Das Dorf hatte grosse Fischerei.
    Die Standrede, die Diogenes auf den Sokrates hielt, verhält sich freilich zu
der des Hauptmanns unterm Kreuze wie beide Erblasste gegen einander. Er ist ein
frommer Mensch und Sohn Gottes gewesen! - Meine Frau sagt: da zog die Erde den
Tremulanten, sie bebte! - Da wurde das Haus des Entschlafenen der Himmel, mit
Trauertuch ausgeschlagen. Es ward eine Sonnenfinsterniss, und hat meine Maria
nicht Recht?
    Diogenes sagt:
    Protos meta toy mattoy Aisxinoy rhtoreiein edidaxe, kai protos peri bioy
dielext, kai protos pilosopon katadikasteis etelyta.
                                                (Diogen. Laërt. I. 2. sect. 20.)
    Herr v. G. verstand freilich kein Griechisch; wie konnte er aber auch
verlangen, dass Diogenes seinetwegen deutsch oder lettisch lernen sollte?
Beiläufig, sagte mein Vater, die drei Teile, in welche die Leichenrede des
Diogenes zerlegt ist.
    Sokrates war ein Herzensredner, ein Moralist und der erste philosophische
Märtyrer.
    Der erste? fragte Herr v. G. Der erste, antwortete mein Vater; denn wenn
gleich in der Recension über diese Standrede bemerkt worden, dass Zeno noch vor
dem Sokrates ums Leben gekommen, so starb doch Zeno nicht der Philosophie
halber!
    Die Schacher litten, was ihre Taten wert waren. Zeno, als General, in
Sachen seines Vaterlandes wider den Tyrannen Nearchus. Sokrates starb und
katadikasteis, durch ein Criminalurtel unschuldig verdammt.
    Teurer Sokrates, du wolltest die Menschen zur Erkenntnis Gottes und seines
Willens bringen; du wolltest die Menschen gehen lehren, die gen Himmel sahen und
darüber das Bein brachen. War das dein Lohn?
    Socrates primus philosophiam devocavit e coelo, et in urbibus collocavit et
in domos etiam introduxit et coëgit de vita et moribus rebusque bonis et malis
quaerere.
    Herr v. G. nahm meinen Vater bei der Hand, als wollte er sagen: ich verstehe
auch nicht Lateinisch. Sokrates, fing mein Vater an, lehrte nicht, wie die Welt
entstanden, wie sie vergehen würde; er wusste nichts von der Elektricität und
ihren Wirkungen; er hätte Gott dem Herrn, wenn er ihn am ersten Weltmorgen zu
sich geladen, keinen Rat gegeben, wiewohl etliche - er wusste nichts von Zeit
und Raum, von bester und nicht bester Welt! - Leben lehrte er um froh zu
sterben! - Er brachte die Philosophie in Stadt und Haus.
    Lieber Pastor! sagte Herr v. G. Sokrates lehrte den Stand der Gnaden, er
brachte die Philosophie in Stadt und Haus, das heisst: er wollte alle Gesetze
heben und die Menschen so gesittet machen, dass sie über alle Gesetze wären. Er
wollte nicht Recht sprechen, sondern ohne Recht sich behelfen lehren. Nicht
also?
    Mein Vater liess sich nicht aus dem Concept heraus fragen. Wie trefflich sagt
er der Pompadour seiner Zeit, der Teodora, da sie ihm vorrückte, dass sie ihm so
manchen seiner Schüler weggeworben, er aber schwerlich einen, der bei ihr
Handgeld genommen, abwendig machen würde: Dein Weg ist breit, der meinige
schmal. Dein Weg geht bergab, der meinige bergauf. Die Welt aber vergeht mit
ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.
    Eine Frau hätte er nicht nehmen sollen, sagte mein Vater.
    Eine Xantippe nicht, erwiederte Herr v. G.
    Keine! mein Vater.
    Sind sie wohl alle Xantippen? Die meinige hat, ihres schönen darf ich bitten
unerachtet, etwas von ihr.
    Die meinige keinen Zug.
    Ein so hässlicher Mann, wie Sokrates, fuhr mein Vater fort, ohne daran zu
denken, dass Herr v. G. kein Griechisch verstand, bei dem man fragen konnte: ei
Sokratoys esti tis simoteros, band es mit zwei Frauen an; war das ratsam? Ein
Mann, der zu den Füssen der Diotima die Kunst zu lieben und zu den Füssen der
Aspasia die Kunst der artigen Beredsamkeit gelernt, musste sehr leicht solche
Ehefehler begehen! Wer hiess ihn denn hier Unterricht nehmen? Kein Weiser muss von
einem Weibe lernen. Wer eine Mamsell gehabt, behält etwas Mamsellähnliches, wenn
gleich er Feldmarschall wird. Das ganze schöne Geschlecht lehren, das kann der
Weise! Sokrates hätte freilich das, was ihm am Körper abging, durch Seele in
Rücksicht seiner Weiber ersetzen können und sollen. Tat ers denn nicht? Wer
weiss es. Ist es denn so unrecht, dass er gesagt hat:
toys men andras tois poleos nomois dei peitestai
tas de gynaikas ton synoikoynton andron htesi;
    Ist denn nicht der Mann der Gesetzgeber seines Weibes? Was kann ein Weib
ohne Mann? Wäre ich Sokrates gewesen, würde ich freilich meine Philosophie im
eigenen Hause zu üben angefangen haben: wer singt indessen nicht den andern
Diskant, wenn die Frau Zeit und Stunde trifft und das rechte Lied? Liess denn
Sokrates sein Haus ohne Unterricht? Brachte er nicht Freunde ins Haus, ohne ein
Dresdener Service und ohne zu den ersten Leckerbissen seiner Frau Geld gelassen
zu haben?
    Ich weiss, sagte Herr v. G., da kam er einst mit dem Eutydemus vom
Fechtboden; die Frau Professorin, anstatt den Tisch zu decken, kehrte ihn um und
um. Eutydemus, ungewohnt, gegen Weiber seine Stärke zu zeigen, wünschte vor
Tische, eine gesegnete Mahlzeit. Nicht also, sagte der Herr Professor. Tat denn
nicht jüngst eine Henne das nämliche, da ich das Vergnügen hatte, bei Ihnen zu
essen? Mein Vater liess den Herrn v. G., dem er ein- für allemal nicht gestattete
sich des Sokrates anzunehmen, obgleich weder die Henne, noch der um und um
geworfene Tisch der christlichen Religion Schaden oder Leides tun konnte, so
unangehalten nicht mit dieser Geschichte. Er zeigte sehr gelehrt, wie zwar Ornis
eine Henne bedeute, allein im gegenwärtigen Verstande schwerlich, und heisst denn
anastrepein trapezan um und um kehren? Hier würde es um so weniger passen, da
ich noch nie gesehen, dass eine Henne den Tisch umgekehrt. Die Geschichte, fuhr
mein Vater fort, ist aus dem Plutarch - allein der gute Herr v. G. nahm ihn bei
der Hand, kehrte den Tisch nicht um und um, sondern wusste meinen Vater so
vortrefflich einzulenken, dass er fortfuhr, und die Wahrheit zu sagen, Herr v. G.
hätte ihn nicht unterbrechen sollen. Hatte er denn nicht schon gewonnen Spiel?
Die Grille, sagte mein Vater, da er wieder an Stelle und Ort war, schwirrt ein
Abend-, die Lerche ein Morgenlied. Leidet man nicht Kamine und Kachelofen im
Sommer? Leibnitz starb bei Barklais Argenis; ein anderer stirbt bei der letzten
Oelung. Solange man der Seele nicht gesunde Triebfedern und den Adern frisches
Blut einflössen kann, was ist zu machen? Lot blieb auch in Sodom gerecht. Herr v.
G. wollte sagen, Abraham war aber auch sein Oheim; allein mein Vater liess ihn
nicht zum Worte, und wenn es wahr ist, dass Xantippe bei seinem Tode die
bittersten Tränen vergossen, so ist sie mir lieber, als die Wittwe von Ephesus.
    Ihr Philosophen heutiger Zeit, lernt hier vom Sohne einer Hebamme und eines
Bildhauers Weisheit lehren, da euch doch das neue Testament nicht kunstgerecht
ist. Sokrates tat zwei Feldzüge, ward noch im hohen Alter ateniensischer
Ratmann, ein Feind der Tyrannei und ein Freund seines Vaterlands. Er lehrte auf
den Strassen und an den Zäunen, und catechesirte alle, die nur hören und
antworten wollten, wogegen ihr nur Disputationen haltet.
    Da fiel es ihm ein, dass er mit den Akademien Friede gemacht, und dass Junker
Gottard und ich reisefertig wären.
    Sokrates hatte an den Sophisten die grössten Feinde. Die Schriftgelehrten
hetzten den Aristophanes wider ihn auf, der ihn in einem Lustspiel lächerrlich
machte. Sokrates sah sich auf dem Teater; allein dieser grosse Selbstkenner
kannte sich nicht, obgleich die Gallerie einmal übers andere: bravo! getroffen!
rief, und dem Schauspieler klatschte. Wer im siebenzigsten Jahre durch Urtel und
Recht stirbt, kann mit Wahrheit sagen, dass eben dies Urtel die Natur schon über
die gestrengen Herren Richter selbst ausgesprochen hätte. Unser Leben währet
siebenzig Jahre.
                                     * * *
    Ich würde, geliebter Leser! diese Unterredung gerne unberührt gelassen
haben; allein eben jetzt, da ich dieses schreibe, verfolgen mich ein paar
Sophisten, Anytus und Melitus, die Gevattern von meinem Aristophanes sind. Ein
seines Triumvirat! - Gott wird ans Licht bringen, was im Verborgenen geschehen,
und den Rat der Herzen offenbaren, und dann wird einem jeglichen von Gott Lob
widerfahren! Amen! Komm, o schöne Freudenkrone! Amen!
    Die Umstände des Todes unseres teuren v. G. will ich nicht wiederholen. Er
wollte meinen Vater, seinen Freund, an einem Sonntage beschleichen und ihn
predigen hören. Er kam öfters nach der Aussöhnung zu ihm: noch nie war er einen
Sonntag da gewesen. Man sagt, Herr v. G. habe in der letzten Zeit die Bibel sehr
fleissig gelesen und zu sagen die Gewohnheit gehabt: Wenn man etwas herausbringen
will, muss man die Bibel selbst lesen. Minens Schicksal ging dir zu Herzen,
teurer Naturmann! und dein Tod erschüttert meine Seele. Da mein Vater dem Herrn
v. G. Minens Begräbnis, und bei dieser Gelegenheit auch vom hochgräflichen
Todtengräber erzählte, konnte er nicht aufhören den Kopf zu schütteln. Zum
Todtengräber hatte Herr v. G. keine Anlage. Bei Gelegenheit des Herrn v. G.
sagte mein Vater in der Hitze: Da haben wir Curland! - Nicht also, Pastor,
sondern die Welt!
    Herr v. G. stieg im Pastorat ab, und wäre bei einem Haar meiner gastfreien
Mutter wegen her Mittagsmahlzeit zuvorgekommen. Sie bat eine Minute zuvor, als
er sagen wollte: Diesen Mittag bin ich Ihr Gast, wenn Sie so wollen! - Er ging
zur Kirche. Meine Mutter ordnete das Mahl an, und um Maria und Marta in Einer
Person zu sein, ging sie etwas spät in die Kirche, und um der Gemeinde kein
Ärgernis zu geben, wie der Zöllner, unter den Glockenturm!
    Sie kam im letzten Wir, das sie nicht umhin konnte laut mitzusingen, so dass,
wenn sie sich nicht besonnen hätte, wie sie unterm Glockenturm wäre, sie eben
so gut, als durch die Tür verraten werden können, da sie meines Vaters
Vaterland erschleichen wollte.
    Von diesem lebte Herr v. G. nur noch wenige Reihen; denn bei den Worten:
nach diesem Elend! schrie er auf, sank zur Erde und ward todt aus dem
Kirchenstuhl getragen. Er fiel vorwärts. Mein Vater sah den Herrn v. G. in die
Kirche kommen und wie er aus der Kirche getragen ward. Sein Text war: »Römer im
achten Kapitel, der fünfunddreissigste Vers.« »Wer will uns scheiden von der
Liebe Gottes? Trübsal oder Angst? oder Verfolgung oder Hunger? oder Blösse, oder
Fährlichkeit, oder Schwert? wie geschrieben stehet: Um deinetwillen werden wir
getödte den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe. Aber in dem allen
überwinden wir weit, um dess willen, der uns geliebt hat.«
    Bei diesem Text dachte mein Vater so manches Wort dem Herrn v. G. ans Herz
zu legen, und da er seit st geraumer Zeit nicht ist seiner Gegenwart gepredigt,
es dahin zu bringen, dass Herr v. G. in seinem Glaubensbekenntnisse noch so
manche Reihe streichen möchte. Wer kann auf der Kanzel mit euch aufkommen?
pflegte Herr v. G. zu sagen. Ihr fragt und behauptet, und kein Mensch ist euch
zu antworten und einzuwenden im Stande. Nichts ist unausstehlicher, als die
Metode der Redner, zu fragen: Ist's nicht also? Was könnet ihr dagegen sagen,
meine Freunde? Er nannte diese stumme Fragen, so wie es stumme Sünden gibt.
    Der gute v. G., er ist allen Fragen entgangen. Er hat überwunden. Mein Vater
schlug sich diesmal im eigentlichen Sinne mit seinen eigenen Worten. Wie doch
immer der liebe Gott das Beste tut, so musste er es vorzüglich bei dieser
Predigt tun, da mein Vater ganz zerstreut war und nicht wusste, wie es mit
seinem Freunde hinauswollte! -
    Meine Mutter bemerkt, dass Herr v. G. kein Wort von allen drei Wir's
mitgesungen, bis die Worte gekommen: nach diesem Elend, da wollte er, wie sie
ihren sichern Nachrichten Zufolge schreibt; allein er konnte nicht. Es kann ihm
auch wohl, schreibt sie, den ganzen Glauben über übel gewesen sein. Wahrlich!
liebe Mutter! am Ende des Glaubens war ihm wohl, sehr wohl! Ende gut, alles gut!
    Auch berichtet sie, dass Herr v. G. ohne Klang und Sang, indessen wider seine
öftere Äusserung, nicht in die Erde gescharrt, sondern nach der Anordnung seiner
Frau Gemahlin in dem Familiengewölbe beigesetzt sei. Gott schenke ihm, so
schliesst sie, eine fröhliche Auferstehung! Amen!
    Ich weiss nichts hinzuzufügen, als dass die Frau v. W. sehr gerne, ihrem
Gemahl zu Gefallen, des Herrn v. G. halber Trauer anlegte. Herr v. W. tat so,
als ob Junker Gottard schon wirklich sein Schwiegersohn wäre. Beim Herrn v. W.
blieb es bei der Trauer; allein seine Gemahlin war so betrübt, dass die
Schmähsucht zum Glimpf und Namenbruch, wie meine Mutter sich ausdrückte,
Gelegenheit genommen hätte, wenn nicht vom seligen v. G. und von der v. W. die
Rede gewesen. Herr v. G. hatte von jeher viel Freundschaft für die Frau v. W.
bewiesen. In seinem Glaubensbekenntnisse stritt er ihr die Erbsünde im
teologischen Sinne glatt ab. Gott schuf ihr Herz, pflegte er zu sagen, im
stillen, sanften Mondenstrahle! Sein Finger ist kenntlich. Sie ist das Liebchen
der Natur. Sie nascht ihr, wie ein frommes Lämmchen, aus der Hand! - Wie wahr!
Und wer war ein treuerer Naturkenner, als Herr v. G.?
    Meine Mutter versicherte, dass nie eine Trauer besser gestanden, als der Frau
v. W. über ihren Freund! - obgleich, fügte sie hinzu, sie beide vor Gott noch
keine Verwandten sind. Der Mensch denkt, Gott lenkt.
    Noch einen Ausdruck aus meiner Mutter Nachricht, den Tod des Herrn v. G.
betreffend. Sie bemerkte, Herr v. G. wäre zwar ein braver, allein kein
kreuzbraver Mann; jenes sei ein Sokratiker, dies ein Christ. - Warum ist er doch
nicht in die Erde gescharrt, dieser brave Mann, dieser Naturmann!
    Genug vom Herrn v. G., der bloss aus Nächstenliebe in diese Geschichte
gekommen, der keines andern als des Gastrechts sich zu erfreuen gehabt. Gott
schenke ihm eine fröhliche Auferstehung - und uns zu seiner Zeit eine selige
Nachfolge!
    Der Tod meiner Mutter bewog mich, mich wegen des Nachlasses meiner Eltern an
einen Rechtsfreund zu wenden. Ich konnte und wollte nicht nach Curland. Meine
Leser kennen meinen Bevollmächtigten, es ist der Protokollist, dem der gelehrte
a - aufgab, nichts auf die Erde fallen zu lassen, was im Blutrate über Minen
vorfiel.
    Ich statte dem Curator funeris hier öffentlich meinen Dank ab, ohne zu
wissen, ob meine Leser diesem Danke in Rücksicht der ihnen mitgeteilten
Nachrichten beitreten werden. Ich wünschte es wohl -
    Unter den mütterlichen Papieren, welche er mir übersandte, war ein Briefbuch
, welches unser Gottfried meiner Mutter zugeschrieben. Dies war der geheime
Auftrag, den man dem Gottfried, da wir auf dem Gute des Herrn v. G. in
Königsberg schliefen, eben so ansah, als es ihm anzusehen war, dass er geweint
hatte. Es sei dieses Briefbuch unter den Abc-Beilagen die letzte. Mit welchem
Herzen ich dies Wort letzte niedergeschrieben, weiss Gott und mein Freund - - es.
 
                                   Beilage C.
     Einen freundlichen Gruss und alles Liebes und Gutes zum voraus,
    Wohlehrwürdige, Veste, Hoch- und Wohlgelahrte Frau Pastorin! Fürsichtige
    Seelsorgerin und Mutter meines zweiten Herrn!
nebst dienstwilliger Bitte, mir durch die Finger zu sehen, dass ich so keck bin,
schriftlich Ew. Wohlehrwürden hinterm Stuhl zu stehen und auf diesem Teller ein
Glas Wasser zu reichen. Wer durstig ist, steckt auch die Nase in ein Glas
Wasser. Ein Schelm gibt mehr, als er hat. Mit der Zeit hoffe ich ein
Spitzgläschen Wein reichen zu können. Ew. Wohlehrwürden dürfen nicht glauben,
dass ich Ihr Kleid mit diesem Glas Wasser begiessen werde, und wenn ich etwas
vergösse, ist es doch bloss Wasser! Wo das fleckt, ist die Farbe nicht ächt. -
Ew. Wohlehrwürden haben alles ächte Farben.
    Ich lerne, was man nur kann. Verstand kommt nicht vor Jahren, wie ich sehe,
weder in Kopf noch in Finger. Meine Herren machen sich den Spass, zu sagen, dass
ich viel Anlage zum Handwerk habe, aber blutwenig zum Gelehrten, da das
Schreiben mir wunderbarlich von statten geht, und da ich die schwersten Worte
von der Faust weg aufs Papier setze. Das wächst alles wie Pilze. Wenn ich nur
die Herren und Bedienten unter den Worten unterscheiden könnte; aber da liegt
der Hund begraben; nicht der Argos meines adelichen Herrn, sondern der Hund im
Sprüchwort. Wüsste ich die grossen und kleinen Buchstaben zu brauchen, was würde
mir dann fehlen? Im gemeinen Leben kennt man so was an der Livree; bei den
Buchstaben ist alles eins, nur dass einer ein besser Gesicht als der andere hat.
Die l gefällt mir über die Massen; ein schlanker Buchstab, und überhaupt bin ich
den Buchstaben gut, die gedruckt und geschrieben sich gleich sind, da weiss man
doch, woran man ist. Es wird mir herzinniglich lieb sein, zu vernehmen, wenn
mein lieber Vater wohl auf wäre, der keine i, geschweige denn eine a machen
kann. Für mich ist a der schwerste Buchstabe im ganzen deutschen ABC. Schwester
Trinchen, die so schrieb, wie ich, ehe ich auf die Akademie ging, wird wohl noch
nicht aufgeboten sein. Meinetwegen danke dem lieben Gott für gute Gesundheit.
Mir hat auf der Reise kein Finger, vom Daumen bis zum kleinen, weh getan und
meinen Herren auch nicht. Keinmal umgeworfen, aber alle Augenblick gedacht, es
fiele schon. Einem der andern Herren Passagiers kam eine meerschaumene Pfeife,
die in Curland ihre zehn Bauern wert gewesen, unter das Rad, und noch einer
verlor seinen Hirschfänger, den er auch zu Hause hätte lassen können. Er war
noch dazu nicht von Adel und trug unter dem Hut eine baumwollene Schlafmütze.
Meine Herren pflegten zu sagen, dass er in einem Zuge wache und schlafe. Hätte er
den Hirschfänger nicht mit gehabt, wäre er nicht verloren gegangen. Er hatte
einen silbernen Griff. Das Gehenk schenkte er mir, weil ich ihm unterwegs
beisprang. Sonst war er bis auf den Hirschfänger und den Hut und Mütze in einem
Stück, bald hätte ich in einer Person geschrieben, nicht zu verwerfen. Schon
hatte ich eher Ew. Wohlehrwürden von allen diesen Dingen dies Glas Wasser voll
Nachricht erteilet, wenn ich nicht erst das Glas reinigen und läutern wollen.
Wird sich von selbst verstehen, dass ich mich im Schreiben sichtlich gebessert
habe, wofür ich nächst Gott meinen Herren dienstlich verbunden bin. Ein Apfel
fällt nicht weit vom Stamm, und wer nur Lust hat, kann schon auf der Akademie
was lernen, es sei grosser oder kleiner Buchstabe. Ew. Wohlehrwürden danke ich
ganz gehorsamst für alles Gute und unter diesem Guten für die schöne Predigt, da
ich Abschied nahm und den Segen empfing, den Ew. Wohlehrwürden an diese Predigt
legten. Das ging mir alles durch Mark und Bein! So ein schöner Text, als wenn er
auf mich gemacht wäre. Niemand kann zwei Herren dienen! Ew. Wohlehrwürden
Erklärung vergesse ich nicht, solange eine Handvoll Leben in mir ist, dass
nämlich dieser Spruch so wie der vom Kameel-Nadelöhr und dem Reichen zu
verstehen sei. Ich habe alles gefunden, wie Ew. Wohlehrwürden es mir auf den Weg
gegeben. Meine beiden Herren sind wie Mann und Frau, und ich diene also nicht
zwei Herren. Sie sind so von einander unterschieden und wieder so zusammen, wie
Mann und Weib.
    Ew. Wohlehrwürden Herr Sohn wird einen starken, schwarzen Bart bekommen. Der
liebe Gott lasse ihn dabei. Ist doch besser, als ein Judasbart, den ich in drei
Kirchen am Altar abgemalt gefunden. So getroffen! Mich wundert, dass ein Barbier
nicht in Gedanken dem Judas zu Halse gegangen. Man konnte ihn recht beim Bart
halten. Mit dem Herrn v. G. hält es wegen des Barts schwer. Hie und da ein
weisses Härchen. Sonst sind hier die Barbiere nicht in sonderlichem Ansehen und
werden von den Herren Studenten Bartphilosophen genannt, welches ich Ew.
Wohlehrwürden nicht verhalten kann. Grosse Städte, grosse Sünden, kam auch in Dero
Abschiedsermahnung vor, und das ist wahr und wahrhaftig. Prediger die schwere
Menge, mit blauen und weissen Kragen. Blau haben die Feldprediger, auch
Manschetten und kleine seidene Mäntel, die man Advokatenmäntel heisst. Die
Advokaten gehen hier schwarz mit kleinen Mäntelchen, die man Feldpredigermäntel
heisst. Sie nennen sich Priester her Gerechtigkeit; von andern ehrlichen Leuten
werden sie Galgenprediger genannt. Ich konnte diese Herren lange nicht aus
einander bringen, bis mich der blaue Kragen an Ort und Stelle brachte. Wie das
alles hier durch einander läuft und fährt, wahrlich noch weit ärger, als in
diesem Briefe. Prediger und Advokaten. Man kann vor Lärm kaum sein eigen Wort
hören. Die Pastortracht, die in Curland keiner anzulegen sich erkühnen darf, er
sei noch so hochwohlgeboren und hochgeschoren, ist hier etwas so Gemeines, dass
alle Küster sich in Kragen und Mantel stecken, und kein Ansehen der Person
zwischen Pastor und Glöckner ist. Gräuel ist es anzusehen. Es gibt sogar Leute,
die beim Wagen gehen wenn Vornehme begraben Werden, ganz gemeine Kerls, Träger
von den eigentlichen Leichenträgern, und auch diese Unterträger gehen mit Kragen
und Mantel. Anfänglich war mein Hut mehr in der Hand als auf dem Kopf, weil ich
jeden Kragen und Mantel grüsste; jetzt lasse ich's bleiben, und so bleibt auch
wider meine Schuld mancher Pastor ungegrüsst, welches Ew. Wohlehrwürden nicht
übel auszulegen belieben wollen. Gott grüsse den Herrn, wenn er es verdient und
Ew. Wohlehrwürden gleich ist in Lehre und Leben!
    Um zur Hauptsache zu kommen, die Ew. Wohlerwürden mir auf meine arme Seele
gebunden, so habe ich mancherlei von Ketzern auch in Curland gehört; allein wer
den Teufel nicht selbst gesehen, hat keine rechte Vorstellung vom bösen Feinde.
Die Ketzer sehen, Gott sei's geklagt! aus, wie wir andere Christenmenschen. Vom
Kopf bis zu Füssen, nicht einmal lassen sie sich den Bart wachsen, wie Judas in
den drei Kirchen. Man hat mir erzählt, dass unter den Doktoren und
Schriftgelehrten sogar viele wären, die nicht reiner Lehre sind; allein hier ist
jeder für sich, und Gott für uns alle. Ich habe mir einen Candidaten zeigen
lassen, der seine Stimme durch eine Erkältung verloren, aber darum geht ihm kein
Dreier ab. Er steht sich besser, als wenn er eine Gemeinde und eine Stimme
hätte. Er lebt vom Predigtmachen so gut, als einer, und wenn der Pastor unter
den Mennonisten, den Reformirten, den Katoliken, selbst unter den Juden, eine
Predigt nötig hat, husch! ist er mit fertig, und wer sie hört, merkt nicht auf
tausend Meilen, dass ein luterischer Candidat ohne Stimme diese Predigt
ausgeheckt. Der Herr Sohn sagt: der Mann sieht wie die Toleranz selbst aus, und
da war ich noch übler mit diesem Candidaten daran wie zuvor; denn ich fand an
ihm kein Abzeichen, ob ich ihm gleich zehn Strassen nachlief, wenn ich ihn gehen
sah. Was er darüber gedacht hat, fahre in die nächste Predigt, die er für den
Rabbi macht, welches allhier ein feister Mann ist, der wie ein Wechsler aussieht
und von Moses kein Haar hat. Die Toleranz sieht wie der Herr Candidat aus, und
der Herr Candidat wie ein anderer ehrlicher Mensch. Was ich mir darüber den Kopf
zerbrochen habe! Gestern bemühte sich der Herr Sohn, das Wort ins Licht zu
stellen, wozu ich ihm Feuerstein und Stahl reichte.
    Toleranz heisst: wenn man fünf gerade sein lässt, welches doch nicht ist,
obgleich wir an jeder Hand fünf Finger haben. Wo Duldung ist, da ist auch
Fortpflanzung, sagt er, und was er sagt, ist wie Amen in der Kirche. Hier zu
Land ist man für beides, für Fortpflanzung und für Toleranz. Die Leute sagen: je
mehr Kinder, je mehr Brod. Das finde ich nicht, und was die Toleranz betrifft,
so kann ich Ew. Wohlehrwürden versichern, dass zur heiligen Advents- und
Weihnachtszeit von den Chorknaben vor den Häusern der Juden, so wie vor
Christen-Türen gesungen wird: »Uns ist geboren ein Kindelein,« das ist über den
Candidaten, den Predigtfabrikanten. Ew. Wohlehrwürden können nicht glauben, wie
sonderbar das Lied: »Uns ist geboren ein Kindelein,« vor einer Judentür klingt!
Es verlohnt der Mühe, drum nach Königsberg zu reisen, und wenn Ew. Wohlehrwürden
einen so guten Major und Junker finden, wie wir, so würde Ihnen kein Haar
gekrümmt, das Ew. Wohlehrwürden nicht selbst zu krümmen Lust und Belieben
finden.
    Bei uns essen die Juden und die Edelleute freilich Kirschen zusammen; allein
man weiss wohl wie's geht, wenn paar und unpaar Kirschen essen! Ich versichere
Ew. Wohlehrwürden, dass hier ein Katolik bei einem der ersten Prediger im Dienst
steht. Er heisst Johann und ist, bis auf den katolischen Glauben, ein guter
Knabe, der mich neulich in seine Kirche schleppte, wo ich eine Predigt gehört,
die, Gott sei bei uns! mir so vorkam, als wäre sie luterisch. Das soll mir eine
Warnung sein, nie mehr in unächte Kirchen zu gehen. Die preussische Luft ist so
tolerant, dass man wie behext dasteht. Ew. Wohlehrwürden versichere auf Ehre,
dass, Gott steh' uns bei! wenn ich mir die Augen verbände, ich ein »Vaterunser«
in der katolischen Kirche beten könnte, trotz dem Johann, der beim ersten
luterischen Prediger dient. Wie sich das alles hier spricht und widerspricht! -
Ein Wäscherin heiratet einen Kohlenbrenner; eine Herrenhuterin, die selbst so
schlecht und recht einhergeht als könnte sie nicht drei zählen, nährt sich vom
Putzmachen. Jedes geht seinen Weg. Keiner legt es an, den andern zu bekehren.
Juden, das versichere Ew. Wohlehrwürden auf meinen christlichen Glauben, kommen
sogar in christliche Kirchen, nicht um sich zu bekehren und zu leben, sondern um
eine wohlgesetzte Predigt zu hören. In der Kirche bis auf die schöne Musik zu,
ist es wie auf dem Tanzboden. Alles fasst sich an, hier mit der Hand, dort mit
den Augen. Dass die Toleranz dem lieben Gott ein Gräuel sei, weiss ich wie einer,
dass aber die Leute hier just so dick und fett sind, wie anderswo, ist nicht zu
läugnen. Mag aber wohl ungesundes Fett sein! Hexen glaubt' hier kein Kind von
acht Tagen, das doch so in seinen besten Glaubensjahren ist. Mein adelicher Herr
sagte gestern: Wenn hier die alten Weiber (mit Ew. Wohlehrwürden Erlaubnis) noch
so hässlich aussehen, es ist keine der Gefahr ausgesetzt, verbrannt zu werden,
wiewohl auch zu meiner Zeit keine in Curland, Gott sei's geklagt! in Rauch
aufgegangen. Ich möchte gern eine prasseln hören. Muss doch einen besondern Knall
geben! Der Himmel weiss, wie es kommt, so hässlich sind die alten Weiber in
Curland nicht, wie hier. Mag wohl kommen, weil sie hier nicht alt sein wollen.
Die Mädchen so frech, dass nur noch jüngst eine Ehefrau (ich stand hinter ihrem
Stuhl so behext, wie in der katolischen Kirche) die Frage aufbrachte, warum wir
nicht alle nackt gingen, wie im Paradiese? Da bin ich gut dafür, dass Ew.
Wohlehrwürden das Wort »nackt« noch bis diesen Augenblick nicht ohne Röte
werden aussprechen können, und diese - war nicht einmal rot. Sie forderte ein
Glas kalt Wasser. Dass dein Feuer gelöscht werde, dachte ich; allein es scheint,
sie bedürfe des Löschens nicht. Ländlich, sittlich! könnte man wohl sagen, wenn
bei dieser Sache auch nur das mindeste Sittliche wäre. Man hat mich versichert,
dass dergleichen Mädchen mit blossen Busen, hinter deren Stuhl man behext wie in
der katolischen Kirche ist, die tugendhaftesten wären. Erbsünde hat jedes, Ew.
Wohlehrwürden selbst nicht ausgeschlossen. Das grüne Holz, die Frommen, die
Stillen, sollen hier zu Lande das dürre sein, und davon kann Ew. Wohlehrwürden
ein Pröbchen geben. Grad über, wo wir einwohnen, war ein Mädchen, in ihrer Art
nicht uneben. Sie tat so züchtig, als kennte sie den alten Adam nicht anders,
als im Kupferstich, wo ich ihn auch mit Hörnern gesehen! - Sie dient, ich diene.
Mein adelicher Herr kann ihre Jungfer leiden, und - was soll ich läugnen? - ich
sie! Wenn ich sie nur ein wenig hart zur Hand nahm, gleich ein Schrei! und dann
wieder: bringen Sie mich nicht zum Ende! Sie werden Unheil anrichten! und so
weiter. Kam ich Sonntags, las sie: die in Gott andächtige Jungfer mit ihren
Morgens und Abends zu Gott erhabenen Händen, an Sonn- und Festtagen, sowohl
durch auserlesene Sprüche der heiligen Schrift, andächtige Gebete und geistliche
Lieder vorgestellt, als in beigefügten saubern Kupferbildern entworfen von M.
Nicolao Haas, Pastore Primario und Inspectore der evangelischen Kirchen und
Schulen zu Budissin.
    Stade, druckt's und verlegt's Caspar Holwein. Im Jahr 1717.
    Was mir diese Andacht durchs Herz ging, kann ich nicht sagen. Den Titel
abzuschreiben, hat mir, wie Ew. Wohlehrwürden leicht denken können, viel Mühe
gemacht; aber ich tat es mit Freuden, um Ew. Wohlehrwürden diese Freude zu
machen. Weiss nicht, ob Ew. Wohlehrwürden diesen Haas, diesen Caspar Holwein und
die in Gott andächtige Jungfer kennen. Sollte mir herzlich lieb sein, wenn es
wäre! Der Name Haas ist freilich etwas anstössig; wer kann aber für den Namen?
Die Kupferstiche sind sauber. Wo ich ein andächtiges Weibsbild auf Knien fand,
dacht' ich, Lieschen war' es auf ihrem Herzensknie. Das Büchelchen war mit
Silber beschlagen. Können sich Ew. Wohlehrwürden von dieser in Gott andächtigen
Jungfer mit ihren Morgens und Abends zu Gott erhabenen Händen an Sonn- und
Festtagen vorstellen, dass sie vor vierzehn Tagen ein Söhnchen taufen lassen? Da
wär' ich angekommen, wenn ich es mit ihr zu Ende gebracht! Ich habe gar viel
Spott darüber von Freund und Feind erlitten, weil man nichts anders glauben
wollte, als dass ich Hähnchen im Korbe gewesen! - Der Täter soll ein
liederlicher Bursch sein, der durchs Gebetbuch gewiss nicht angelockt worden.
Hab' ich doch um das Mädel geweint, wie ihr kleines Kind. Da war sie in Angst
und Not wegen ihres Kindes, und wollt' ich wohl oder übel, musste schon in einen
sauern Apfel beissen und das Kind ernähren. Der Apfel ist eben so sauer nicht.
Geht schon in den vierten Monat, dass ich das Kind erhalte. Ward mir indessen vom
Johann, der sich auf so etwas versteht, angeraten, zum Richter zu gehen und
über das alles ein Protokoll zu lösen, damit ich nicht zu Kind und Kegel käme,
wozu hier zu Lande die Unschuldigsten am ersten kommen. Ist ein braver Mann der
Richter, nahm kein Geld für die Schrift; wohl aber musst' ich den Stempelbogen
bezahlen, weiss nicht, warum? Besser wäre es gewesen, das Kind hätte das Geld
dafür aufgepappt.
    Was das wunderlichste dabei ist, so tut die in Gott andächtige Jungfer, als
wäre die ganze Sach' eine Kleinigkeit! - Wie man es nimmt, freilich eine
Kleinigkeit. Der Stempelbogen ärgert mich am meisten! - Wozu ist denn ein
Stempelbogen nötig, wenn man ein Kind einer in Gott andächtigen Jungfer, Stade
druckt's und verlegt's Caspar Holwein, erziehen will? Johann sagt, ob Rose oder
Knöspchen. Weiss nicht. Liese soll sich haben verlauten lassen: Wer wieder
aufstehen kann, was tut dem der Fall? Ich denke, tut viel, und wär' es auch
nur, dass alle Leute drob lachten, wenn man fällt. Sollte man glauben, Lieschen
liest wieder die in Gott andächtige Jungfer, als wäre nichts vorgewesen. Mit der
Zeit, merk' ich, ist man allen kleinen Kindern gut. Vater sein oder nicht, macht
nichts zur Sache. Ew. Wohlehrwürden würden dem Knäbchen selbst gut sein, wenn
Sie es sehen sollten. Ist ein feines, sauberes Kind, wie die Kupferbilder! Zwar
sagt die arge, böse Welt, dass es mir ähnlich wäre; allein was sagt die nicht?
Ist nur gut, dass ich das Protokoll auf Stempelpapier habe, um der argen, bösen
Welt das Maul zu stopfen; zu so etwas ist ein Stempelbogen gut.
    Ew. Wohlehrwürden Herr Sohn wird von allen Menschen geliebt. Ich wette, wenn
er Geld lehnen wollte, Juden und Christen würden ihm leihen auf sein blank
Angesicht. Sonst gibt man den Studenten kein Geld, sie studiren weltlich oder
geistlich! Warum denn nicht? - Sein gerader Weg macht ihm Credit überall. Wenn
was zu sehen ist und es ist Wache ausgestellt, Er kommt, gleich ist die Pforte
offen, ich hinterher, wie Ew. Wohlehrwürden leicht denken können. Jeder Vater,
der ihn ansieht, möchte ihm seine Tochter geben, und jede Tochter, das wollte
ich wetten, möchte ihn auch gerne mit Herzen, Mund und Händen! Das lässt er aber
bleiben. Er wird sich durch keine in Gott andächtige Jungfer anstecken lassen;
ob er aber ohne Protokoll abkommen wird, zweifle sehr! Wer hier ein gutes Herz
hat, kann an ein Protokoll kommen, weiss nicht wie! Selten, glaub' ich, ist
jemand, der nur mit dem Stempelpapier abkommt, wie ich, wofür ich Seiner
Gestrengigkeit grossen Dank sage und es zu rühmen wissen werde. Lieschen ist
einundzwanzig Jahr alt, und bis auf das Söhnchen ein vortreffliches Mädchen.
Hoffe, dass das Kind ihr Gemüt haben werde und nicht des liederlichen Burschen.
Sonst sollte mirs doch wohl um die paar Groschen leid tun, die ich meinem Munde
entziehe: der Magen verliert nichts daran. Ob Ew. Wohlehrwürden Dero Abkömmling
kennen würden in seiner gelben Weste und Hosen? Könnte wohl schwarz sein, wird
auch, will's Gott, werden. Gegen die Königsberg'schen Jungfern, ist gleichviel
ob grünes oder dürres Holz, ist er wie Eisen und Stahl. Weiss nicht, wie es
kommt! - Wünschte, dass ich gegen Lieschen auch so wäre. Bin's nicht! Weiss nicht,
wie er auf gelb gefallen; keine sonderliche Farbe. Hat aber seine Grillen! Habe
ihn zuweilen mit sich selbst reden gefunden und recht laut; sagt, dass es alle
Leute täten, die sich stark was einbilden könnten. Mir würde grauen, wenn ich
allein sein und reden sollte. Denk', es könnte sich doch was melden, und da war'
ich übel dran. Ob er zur Uebung mit Tisch und Stühlen katechisirt, weiss nicht;
möchte erfahren, was Ew. Wohlehrwürden von diesem Gerede denken? Ob Röschen oder
Knöspchen? sagt der Katolik; allein grosser Unterschied! Ist's denn gleich, fein
züchtig sich gehalten, oder Scham und Schande verloren und sich weit und breit
jedem darstellen, der's begaffen und beriechen will? Ew. Wohlehrwürden werden
meiner Schwester Trinchen diese Rosengeschichte nicht aufblättern. Sie und
Hannchen liegen sich immer an den Ohren. Hätte zwar Hannchen halber die in Gott
andächtige Jungfer je eher je lieber ehelichen können, da ich kein Buch und Tuch
aufs Gewiss gegeben; Ein Hannchen aber ist mehr wert als zehn andächtige
Jungfern. Werde schwerlich Hannchen zum ehelichen Gemahl nehmen.
    Von Wahrzeichen weiss Ew. Wohlehrwürden wenig oder nichts zu sagen, ausser die
schöne Aufschrift an einem Hause, die meine Herren sich den Tag wohl zehnmal
abfragen und abantworten. Der eine fängt an:
    Klimm, schläfst du?
    Der andere antwortet:
Treu', Glaub', das Recht und das rechte Recht,
Die haben sich alle vier schlafen gelegt!
Nun komm, du lieber Herre,
Und erweck' sie alle viere.
    Zwar sind diese Worte im platten Deutsch, welches man so gut wie das
Curische undeutsch heissen könnte; hab' indessen Ew. Wohlehrwürden mit diesem
platten Deutsch nicht schwer fallen wollen, wohl wissend, was Ew. Wohlehrwürden
schuldig bin. Mir ist in dieser Aufschrift so was vom lieben jüngsten Tage, dass
ich das Haus bei Mondschein nicht ohne Schauer vorbeilaufen kann, wo diese
Jüngstetagesschrift angeschrieben ist. Gehen könnt' ich nicht vorbei, um
Tausende. Da dünkt mich immer, Klimm regt sich. Wenn Ew. Wohlehrwürden mir bei
guter Gelegenheit zu erklären die Güte hätten, wie das Recht und das rechte
Recht von einander wären, würden Ew. Wohlehrwürden Ihrem Diener ein grosses Licht
anzünden. Mein zweiter Herr liess sich zwar verlauten, dass das Recht im Buche,
das rechte Recht im Herzen und im rechten Herzensfleck, im Gewissen,
angeschrieben stünde, und dass, wo viel Recht wäre, oft am wenigsten rechtes
Recht sei; das mag aber wohl er und Klimm verstehen, ich begreife da kein Wort.
    Der König soll sich alle Mühe geben, Recht und rechtes Recht in sein Land zu
ziehen, sowie es alle Fremde gut bei ihm haben; allein noch soll Klimm schlafen.
An Recht soll es, wie man hört, nicht fehlen; mag wohl am rechten Recht! Hoffe
wohl für mein Teil ungeschlagen, auch selbst ohne blaues Auge davon zu kommen,
da ich das Protokoll in Händen habe. Sollte glauben, dass vor dem lieben jüngsten
Tag Treu', Glaube, Recht und das rechte Recht schwerlich aufwachen werden!
Diesem seligen Tage sehe mit allen frommen Christen entgegen. Wünsche gar
andächtig, Ew. Wohlehrwürden desselben Tages früh Morgens um drei Uhr einen
schönen guten Morgen sagen zu können. Sollte denken, dass ich den Klimm alsdann
ohne Schauer bei Mondschein sehen werde!
    Mein erster Herr sagte gestern gar eben, die Hoffnung sei der Steigbügel,
woran wir uns halten, und das gefiel mir nicht übel. Bedaure nur, dass Ew.
Wohlehrwürden nicht reiten, um dies Gleichniss probiren zu können. - Muss
bekennen, dass sich mein erster Herr durch meinen zweiten Herrn sichtbarlich
verklärt, wie aus dem Steigbügel zu sehen. Hat mir seine Antwort gefallen, die
er gestern gab. Sie müssen schon das Auge zumachen, sagt' ihm jemand. Das tue
ich nur, erwiederte er, wenn ich schlafe.
                                     * * *
    Das übrige, was Freund Gottfried meiner Mutter zugeschrieben, stellenweis.
Ueberhaupt ist mir diese Beilage in die Hand gefallen, ehe ich's mir versah. Ich
hatte meinen Lesern ein ganz anderes C bestimmt, womit es mir indessen freilich
wie dem Gottfried mit den grossen und kleinen Buchstaben gehen können. Ich
wünschte herzlich, dass ich dem Buchstaben C durchs gegenwärtige Briefbuch nichts
vergeben hätte, dessen mein Vater sich als eines Unterdrückten und Notleidenden
angenommen. Er war's, der den Candidaten ohne C widerlegte und diesem Buchstab
das deutsche Bürgerrecht verlieh, welches ihm meine Mutter zur Gerechtigkeit
rechnete, obgleich der lettische Dichter Paul Gerhard kein Lied mit C angehoben,
welches ihm meine Mutter nie ganz vergeben konnte. Dass ich Worten, denen
respective grosse und kleine Buchstaben gebühren, diese Gerechtigkeit widerfahren
lassen, und dieses Briefbuch mehr leserlich von dieser Seite gemacht, sei für
die Buchstabenhelden gesagt.
                                                             Königsberg, den - -
    Der König hat sich in den Kopf gesetzt, die Sperlinge zu vertilgen, und es
ist ein Befehl ausgeschrieben, dass jedes Männlein eine gewisse Anzahl
Sperlingsköpfe jährlich einzuliefern verbunden. Ohne den Willen des himmlischen
Vaters, der doch am besten wissen muss, wozu ein Sperling gut ist, fällt keiner.
Wäre ich wie der König, liess ich keinem den Kopf abdrehen. Ew. Wohlehrwürden
sollten nicht glauben, wie viel Sperlinge dieser Verfolgung unerachtet in
Preussen sind, besonders in den Kirchenmauern, wohin die armen Dinger sich retten
und fliehen. Da sieht man doch, dass es nicht ganz gottlose Geschöpfe sind. Vor
wenigen Tagen hielt mein zweiter Herr den Sperlingen eine Verteidigung, wobei
er auch vom Morgen- und Abendsegen der Raben sprach, die andächtiger auswendig
beten mögen, als Lieschen aus der in Gott andächtigen Jungfer. Kann das Mädchen
nicht aus den Gedanken bringen. Besonders des Nachts gaukelt sie mir vor den
Seelenaugen! Hoffe indessen, mit der Zeit sie gar völlig los zu werden. Mein
zweiter Herr behauptet, dass es gewisse Raupen gebe, von welchen die Sperlinge
den Boden reinigen. Habe nie gewusst, was eine Insel sagen wolle; bei dieser
Sperlingsgelegenheit auch erfahren. In England kann man Tiere ausrotten, als
Bären, wilde Schweine, Wölfe; aber Vögel zu vertilgen, muss man in England
bleiben lassen. Möchte wissen, was Ew. Wohlehrwürden von Preussen und den
Sperlingen denken, von denen doch ein Paar im Kasten Noah gewesen -?
    Ha der Betrüger! Lieschen ist so schuldig nicht, als ich glaubte. Er hat
sich durch keinen Schrei abschrecken lassen, wie andere wohlgezogene Gemüter!
Hat ihr ein seines Briefchen von seiner Mutter gezeigt, die gar höchlich froh
über solch eine Schwiegertochter getan! Mich hat der Bösewicht, mit Verlaub zu
melden, einen Kosaken genannt. Möchte wissen, ob so etwas nicht zu bestrafen?
Fürchte nur, dass nicht ohne Stempelpapier abkommen würde. Hat einen Nickel
verkleidet, der, als seiner Mutterschwester, Lieschen gar lieblich begrüsst, und
nun ist Mutter und Mutterschwester nicht zu sehen, nicht zu hören. Glaube auch,
dass der Bösewicht, der still wie ein toller Hund hinschleudert, sich unsichtbar
machen werde. Mich einen Kosaken? Möchte nicht einmal ein Katolik sein, wenn
Papst werden könnte, so doch ein gutes Stück Brod ist. - Habe es meinem zweiten
Herrn erzählt, wundert sich darob, dass alles wie aus einem Buch genommen wäre.
Habe es von Lieschen, die es mir mit Tränen erzählt hat, und konnte ich nicht
umhin, herzlich mitzuweinen. Was das Mädel den Tanz bedauert, wozu ich die Musik
bezahle, ist nicht auszusprechen. Habe Lust, das Protokoll zu zerreissen und dem
Kinde meinen Namen zu geben. Ob ich das Protokoll zerrissen zurückbehalten
werde, weiss nicht! - Wollte das Kindlein Ew. Wohlerwürden gottesfürchtig
empfohlen haben, wenn ich unterwegs bleibe. Die Mutter ist seit gestern so voll
Busse, dass, wenn sie nicht etwa eine neue Untat bereut, welches Gott verhüten
wolle, sich ein Stein über sie erbarmen könnte. Bittet, Ew. Wohlehrwürden auf
allen Fall ihres Kindleins halber zu grüssen. Hoffe, dass Hannchen, wenn gleich
sie's erfährt, bedenken wird, dass Tanz und Musik zweierlei ist.
    - - Habe gestern eine Wallfahrt mit meinen beiden Herren zu Fuss gehalten
nach der alten Stadt und deren Kirche, wo der Sohn des seligen Dr. Luter,
Johannes genannt, begraben liegt. Werden auch wohl in Ferien nach Mühlhausen,
ein paar Meilen von hier, reisen wo seine Tochter schläft. Man zeigt noch ihre
Knochen in einem kleinen Sarge. - Soll gut für Kopfschmerzen sein.
    Will Ew. Wohlehrwürden ein paar Geschichtlein nicht verhalten, die hier viel
Redens gemacht in Lehr-, Wehr- und Nährstand, wie Ew. Wohlehrwürden die
Christenwelt bedachtsam einteilen.
    Ein armes Weib, die in einem benachbarten Flecken mit Brod ausgesessen, ist
allda vor Hunger gestorben. Will viel sagen, frisches Brod riechen und nicht
begehren seines Nächsten frisches Brod! - Ihr Brodlohn hat sie ihren zwei
unerzogenen Kindern zugewendet, welche der selige Mann ihr zurückgelassen! -
Wollte nicht in diesem Flecken wohnen! Muss Hagelschaden kommen und Misswachs!
    Da geht ein gedrückter Mann in die Kirche nach Trost. - Findet ihn! Der
Pastor predigt recht nach seinem Herzen; nun geht's an eine Collecte für eine
abgebrannte Kirche. Die Kirche hat nicht Fleisch und Bein, wie ich habe, sondern
Stein und Kalk, und ist nicht mein Nächster, wie ich glaube. Der arme Mann will
zur Tür hinaus, ehe die Kirchenältesten die Sammlung anheben. Siehe da! die
benachbarte Tür ist verschlossen; und so muss er durch die ganze Kirche, und
alles zeigt ihm mit Fingern nach. Er hatte nur einen Gulden in seinem ganzen
Hause, und fünf Kinder, die nach Brod den Mund aufsperrten. Mein zweiter Herr
behauptet, dieser Trostlose hätte mehr gegeben, wie sie alle, obgleich er nichts
gab. Er liess sich schnöde mit Fingern nachweisen. Wenn es doch mit dem Gulden
wie mit dem Oelkrüglein ginge. Gott geb's.
    Hab' mir noch einige Knoten in's Schnupftuch gemacht.
    
    Ein armes Weib bekommt drei Kinder, und hat nur mit genauer Not ein
Hemdchen vor ihrer Niederkunft zusammengebracht. Wie das dritte kommt, ringt sie
die Hände. Das arme Weib will die beiden jüngsten nackt taufen lassen! - Der
Prediger gab nichts als drei Segen, und wollte auch für drei bezahlt sein. Was
aber die Leute, ohne dass sie Gevattern waren, dem armen Weibe zugewandt, ist
nicht zu beschreiben! Müssen doch noch mehr Gerechte hier sein als in Sodom,
wenn gleich man mit »Uns ist geboren ein Kindelein« vor den Judentüren hausiren
geht, eine Wäscherin einen Kohlenbrenner heiratet, eine Herrenhuterin Putz
macht, ein stimmloser Candidat für Juden und Heiden Predigten fabricirt!
    Ein grosser Knoten! - Meine Herren klagen alle Morgen über die schlechte
Milch. Freilich sieht sie aus, als käme sie von einer der sieben magern Kühe.
Doch liegt's nicht an der Kuh und wird sie mit Wasser von den Mädchen
verfälscht, die sie ausschreien! - Da geht eines dieser Milchmägdlein, und der
Wind reisst ihr ihr rotes Tuch vom Halse, und nimmt es mit ins Wasser! - Weg
ist's! Da steht sie mit blossem Busen, wie die junge Frau, die nackt gehen
wollte. Vom Wasser kommt's, zu Wasser geht's! So gewonnen, so zerronnen, sagten
die Leute, und Ew. Wohlehrwürden werden diesen grossen Knoten verzeihen.
    Es ist eine extra-fromme Schule, wo ein Knabe gefragt wird: wer ist dein
Vater? Soll antworten: der Teufel, wie es geschrieben steht; der Junge ist so
dumm und sagt: Erzpriester in -; ist darüber hart angesehen, wie er's auch wohl
verdient hat.
    Habe so viel von einem grossen Gelehrten erzählen gehört, der im grossen
Weinfass seine Wohnung genommen, und sich über alles aufgehalten, was ihm zu nahe
gekommen. Ein Mann desselben Schlages ist allhier befindlich. Seiner Profession
ein Jude. Sagt allen Leuten eine trockene Wahrheit, hat nur den Fehler, dass er
betrügt, wie andere. Mag wohl der Fassgelehrte auch nicht ohne Tadel gewesen
sein.
    Das Pflaster einer der besten Strassen wird gebessert. Was wollt ihr? fragt
der Jude, da sie mit Spaten und Steinen kommen. Die - - Gasse ausbessern! Das
geht nicht mit Steinen, sondern mit Friedrichsd'oren. Eine Münze, die hier
fünfzehn Gulden gilt, und der der König seinen Namen gegeben hat. Ist doch nur
ein Stückchen Gold, und Ew. Wohlehrwürden sollten Lieschens schönen Jungen
sehen! - Ich denk' ich zerreiss das Protokoll und verwerfe die Stücke.
    Der Jude ist ein sonderbarer Kauz! »Hängt ein Jude,« sag er, »wem kommt's
wohl ein, zu schreien: Da hängt ein Dieb! da hängt ein Jude! sagt jeder.«
    Was habt Ihr das Jahr? gestrenger Herr, fragt er einen Richter. Bald viel,
bald wenig, wie es fällt, erwiederte der gestrenge Herr. Sporteln meint Ihr
doch? fügte der Richter hinzu. Nicht doch beschloss der Jude, Flüche und Segen.
    Der Reiche, hat er sich verlauten lassen, ist ein Kettenhund des lieben
Gottes, den er an die Kisten und Kasten gestellt hat. Der Reiche bezahlt für den
Armen; dieser geniesst, jener trägt die Kosten.
    So geht's, sagt' er, da jemand fuhr, der sich durch einen wohltätigen
Bankerott bereichert hatte; der Herr fahrt, weil er sich vergangen hat.
                                     * * *
    Eine Hand wäscht die andere. Gottfried hat für mich ein gut Bekenntnis
getan, und ich kann ihm mit gutem Gewissen Gleiches mit Gleichem vergelten! Es
war kein Augendiener, sondern einer von Herzensgrunde. Wissbegierig bei
mittelmässigen Fähigkeiten. Ein seltener Fall. Ost vergass er aus Achtsamkeit dem
königlichen Rat den Teller zu nehmen, und bald gab er ihm Salz für Pfeffer und
Essig für Zucker. Der königliche Rat liebte alles sehr süss. Gottfried hörte
überhaupt mehr, als er sah; war nicht etwa ordentlich, sondern peinlich. Es
verdross ihn nichts mehr am Junker Gottard, als dass er die Groschen und Pfennige
oft unberechnet liess. Herzlich freute er sich über meine Bemerkung: Bruder! zum
Kaufmann und tiefen Gelehrten hast du keinen Beruf; die berechnen Pfennige.
Dichter aber könntest du werden. - Nach Noten, erwiederte Junker Gottard!
Gottfried lächelte und dachte vielleicht innerlich, zum tiefen Gelehrten mehr
Anlage zu haben, als der gnädige Herr!
    Zuweilen übertrieb Gottfried diese Anlage. Wenn er Spielgeld wegtrug,
bestand er auf eine Quittung, worüber er einmal bei einem Haare aus dem Regen in
die Traufe gekommen wäre. Einen gastfreien Ausdruck nahm sich Gottfried nicht
übel, und kam immer mit heiler Haut davon, wenn gleich er zu weit ging. - Seine
Rechtschaffenheit blickte überall durch. Jeder nahm Partei, sobald er ihm in's
Gesicht sah. Da er sich im Schreiben zu üben Gelegenheit hatte, glaubte er auch
im Denken es weit gebracht zu haben. So geht es mit solchen Leuten, und was
schadet es, dass es so geht? Man kommt oft mit Erfahrungsbegriffen weiter als mit
Vernunftbegriffen. Bei jenen ist man unternehmend, nichts ficht uns an; bei
diesen alle Augenblick ein Querstrich, ein Seitensprung. Die Vernunft ist nicht
jeder Sache gewachsen, und kann manches Gehege nicht durchbrechen, wo die
Erfahrung sich Bahn macht! - Die Barschaft seiner Seelenkraft ergibt sich aus
seinem Briefe. Ich habe den grössten Teil seines langweiligen Briefbuchs
abgesichelt. Was hindert er das Land? Seine Bemerkungen über Danzig gehen alle
auf das Glockenspiel heraus! In Berlin hat er keine in Gott andächtige Jungfer
mit ihren Morgens und Abends zu Gott erhabenen Händen gefunden. Lieschen ist
todt, ihr Kind hat Gottfried nach seinem Namen genannt, und das Protokoll nicht
etwa eingerissen, sondern verbrannt. Noch eine Stelle finde ich in seinem
Briefbuche, die lesenswert sein dürfte.
    Es ist allhier Sitte, dass man die von Gottes Gnaden oder Ungnaden, wie es
die Leute nennen, in den Wirtshäusern zu jedermanns Achtung, sonderlich denen
daran gelegen, aufknüpft. Da hing ein ganzer Codex (meine Herren nannten es so)
am Nagel, und es gefiel meinen Herren die Art, den Codex an den Nagel, zu
hängen, worüber der Wirt selbst lachte, da man ihn darauf brachte. Sein
Schwager, der das Bier zu versuchen gekommen war, hatte noch einen tückischern
Einfall, den ich Ew. Wohlerwürden mitteilen will. Mein adelicher Herr tat die
Frage: Nun, Ihr haltet doch diese heilsamen Verordnungen, oder von Gottes
Gnaden, wie Ihr sie nennt? - Junger Herr, einer hält sie im ganzen Dorfe. Gott
verzeih' mir meine schwere Sünden! Da fiel mir der Jüngling ein, der alle zehn
Gebote gehalten hatte von seiner Jugend an. Ha! dachte ich, das wird wohl so ein
Enkelchen dieses Jünglings sein, und freute mich, dass beide Herren fragten: wer?
denn hätten sie nicht gefragt, so hätte ich es getan. Wer? Der Nagel,
antwortete der Bauer, und sah nach oben, als ob seine Antwort auch an dem Nagel
hinge.
    Aus dem nämlichen Fasse des jüdischen Diogenes. Nicht wahr? Ein besonderer
Geschmack darin! Es schmeckt nach dem Fasse.
    Hier sagt man, schreibt Gottfried, mutterseligallein; habe es in Curland
nicht gehört. Mein zweiter Herr ist gleich mit einer Erklärung da. Will es von
den sechs Wochen verstanden haben, da der Mann sein Weib, wenn er sie gleich
noch so liebt, allein lässt, und wo sie doch allein so selig in der Mutterfreude
ist, dass sie nichts mehr begehrt. - Liese, fügte er hinzu, hat nur drei Wochen
gehalten. Möchte wissen, wenn nach dem betrübten Sündenfall die sechs Wochen
aufgekommen?
                                     * * *
    Meiner Mutter Lieblingswunsch war: Gott tue wohl den guten und frommen
Seelen! und so schliesse ich auch diese Beilage C.
 
Soldat. Ob mein Vater den rechten Weg eingeschlagen, mich zum Soldaten zu
erziehen, mögen Feldherren und nicht Kunstrichter bestimmen. Dass ich mich aber
selbst nach dieser Lebensart, nur erst da Mine todt war, herzlich gesehnt, ist
ein Umstand, den ich zur Steuer der Wahrheit, sonder Arglist und Gefährde, hie
und da zu erkennen gegeben. Nie würde ich diese Sehnsucht befriedigt haben, wenn
es nicht dem Herrn über Leben und Tod gefallen, meine liebe, teure Mutter aus
der streitenden Kirche dieser Welt in die triumphirende zu versetzen und zum
ewigen Frieden in sein himmlisches Reich zu bringen, wo Ruhe ist. Sie warf
zuweilen die grossmütterliche Frage auf: Ob es in der andern Welt zwei
Geschlechter geben würde? und mein Vater, der sich in solche Fragen nie einliess,
brachte sie auf die himmlischen Heerschaaren und liess das gute Weib im Stich.
Sie war wirklich auf dem Wege zu glauben, dass dort nur männliches Geschlecht
sein würde! Indessen erklärte sie die Spruchstellen, welche die Engel als starke
Helden, als edle Streiter, als Hülfsvölker der Menschen darstellten, in der Art,
dass man in der andern Welt sich recht emsig bemühen würde (dem Wort: exerciren,
wich sie glücklich aus), Gott zu loben! - Der Engel aber, sagte mein Vater, der
in einer Nacht einhundert fünf und achtzig tausend Mann schlug? - »Das war durch
eine Feldpredigt.« Und der mit dem Schwerte vor dem Paradiese aufzog? fiel ich
ein. Stecke dein Schwert in die Scheide; denn wer das Schwert nimmt, wird durchs
Schwert umkommen.
    Ohne dass man wusste, ob diese vortrefflichen Worte auf den Cherub oder mich
gingen.
    Noch nie bin ich über etwas so stimmig gewesen, als über die Ausführung des
Entschlusses, Soldat zu werden. Es war göttlicher Ruf. Ich hatte nicht nötig,
die goldene Regel von zwei Loosen in Anwendung zu bringen und in eines flugs Ja
und ins andere flugs Nein zu schreiben, sie einander gleich zu machen, eins zu
greisen, und zu tun, was ich gegriffen. Es war alles Ja in mir, und Amen in
mir, und wahrlich, ich empfand, dass ich eine Stimme zum Adler und Löwen hatte,
die meine Mutter nur Basspastoren erlaubte, dagegen sie der gütigen Meinung war,
dass auch ein Discantist schon ein Tierchen für sein Stimmchen in der Bibel
finden würde!
    Der preussische Dienst hat so viel Anziehendes für mich, dass ich lange
kämpfen musste, wo ich den Tod, den lieben Tod suchen sollte. Da fiel mir noch zu
rechter Zeit ein Gespräch ein, das der Professor und der Officier beim
königlichen Rat über diese Materie gehalten. Es ward von einem jungen Manne
gesprochen, welcher durchaus und wider seiner Eltern Willen, wie es der
Professor hiess, dem Kalbfell und nicht den Prolegomenen der Metaphysik folgen
wollte.
    Der Kalbfell-Ausdruck fiel dem Officier auf. Er forderte den Professor. Hier
ist das Duell:
    Und wenn er will?
    Der Verstand ist frei!
    Der Wille nicht?
    Wer sich auf den Verstand verlässt, was tut der?
    Alles!
    Mit der Feder?
    Mit dem Kopf überall der Soldat. Freund! ich lasse Ihrem Stande alle
Gerechtigkeit widerfahren; ich lasse ihm den Degen und, wenn Sie wollen, die
Hand.
    Und Willen?
    Meinetwegen! wenn mein Stand den Verstand behält, hat er gewonnen Spiel. Den
Verstand - -
    Bitte zu behalten. Gegönnt von ganzem Herzen. Mit Verstand ist nicht viel
anzufangen; aber was können Sie denn meinem Stande nachsagen?
    Cain schlug seinen Bruder Abel todt, war der erste Alexander der Grosse, der
erste commandirende General-Feldmarschall, ein Allerdurchlauchtigster
Ueberwinder, Sieger aller Sieger!
    Und das Zeichen, das ihm Gott an die Stirn hing, gelt?
    Das war wohl, nach Ihrer Meinung, ein Gnadenkreuz, ein Orden? - -
    Wenn Sie wollen; wenigstens schützt manches Gnadenzeichen den Träger, dass
man ihn nicht Mörder schilt.
    Gewonnen!
    Noch nicht. Gott schuf Weiber und Männer; allein viele Männer sind Weiber,
und viele Weiber Männer. Es gibt Leute, die den Baum sein höflich wegbiegen, und
Leute, die ihm gerade entgegen trotzen; Leute, die bitten, und die fordern.
    Fordern, Freund? Was haben wir denn Welt auf Welt abzufordern?
    Die ganze Welt!
    Oder nichts, als uns selbst. Ein jeder hat den Ort, wo er steht, den Platz,
wo er seine Rüben Pflanzt.
    Und wer ihm das nimmt?
    Ist sein Feind!
    Also Krieg und Soldat!
    Vor dem die steinerne Tafel sub B, die von der Liebe des Nächsten handelt,
ihn schützt: Was du nicht willst, dass dir andere tun, tue andern auch nicht.
    Und wenn trotz der steinernen Tafel sub B doch ein solcher Täter wäre?
    Dann alles wider ihn, bellum omnium contra unum, solum, totum.
    So wäre das menschliche Geschlecht eine Familie, wo der liebe Gott Hausvater
wäre. Staaten sind unserer Herzenshärtigkeit wegen, und Soldaten?
    Träume, Freund! Wir wollen nicht im Schlaf reden.
    Ists Schlaf? Ists Traum? Wie gern gäbe ich, wie der Astronom, den Tag um
diese Nacht! Glauben Sie nicht, Freund, dass einmal eine Heerde und ein Hirte
sein wird? Dass die Böcke ausgestossen und die Lämmer gesammelt werden können? -
Es gehen viele Lämmer in einen Stall! und in Wahrheit, die Erde ist so ein
kleiner Stall eben nicht, dass nicht jedes Paar sein Königreich, sein Haus und
Hof, seinen Acker haben und sich begnügen sollte mit dem, was da ist! Wir haben
nichts in die Welt gebracht, und ist gewiss, dass wir auch nichts Herausnehmen
werden. Der Mensch, wenn er todt ist, hat mit wenig Spannen Erde genug, und wenn
er lebt, schwebt und ist, braucht er ein paar Spannen drüber. Man sollte nach
Spannen messen. Die verdammten Meilen, sie mögen deutsche oder englische, oder -
sein, so sind es Wege, die den Menschen aus dem Menschen hinausführen. Die
Soldaten sind eigentlich die Meilenzeiger. Sie haben alles Unglück in die Welt
gebracht, sie erhalten es und werden es so lange erhalten, bis die Menschen so
klug werden, dass sie kein Herz mehr haben; dann wird sich alles von selbst
geben!
    In den ersten fünftausend Jahren wohl nicht, und da unser Leben siebenzig
währet, wenns hoch kommt achtzig, lassen Sie uns die Welt nehmen, wie sie ist,
und den Soldaten Soldaten sein!
    Aber das Bewusstsein, dass er überflüssig ist, dass die Welt ohne ihn sein
könnte und, was noch mehr ist, glücklicher sein würde - ha! solch Bewusstsein
tut weh.
    Kann nicht sagen! Was würden denn die Herren Gelehrten in diesem Paradiese
vorstellen?
    Bewahrer der Labe des Bundes, wo geschrieben steht: Was ihr nicht wollt, dass
die Leute euch tun, das tut ihnen auch nicht.
    Lieber Freund! Zu so einem kleinen Bundeslädchen hat jeder in seinem Hause
Platz, ohne den Gelehrten Miete bezahlen zu dürfen.
    Nun! so mag alles dahin fahren! Der Herr hats gegeben, der Herr hats
genommen, der Name des Herrn sei gelobet!
    Und gebenedeiet! Kurz und gut, lieber Professor! Gesetze ohne Vollstreckung
sind Professores ohne Studenten!
    Zur Vollstreckung sind hundert Mann genug.
    Nachdem die Untertanen sind, viel oder wenig, ruhig oder unruhig.
    Man weiss nicht, ob Julian die Christen, oder die Christen den Julian
verfolgt. Die Sterbescene an seinen Ort gestellt, da Julian eine Handvoll
Menschenblut mit den Worten gen Himmel warf: Endlich hast du, Galiläer, doch
überwunden!
    Ich. Julian? -
    Die wenigsten Untertanen lassen es bis zur Execution -
    Und die Nachbaren?
    Müssen denken wie wir!
    Müssen? Und wenn nicht?
    Greift der Bürger nach seinen Waffen.
    Der Professor nach dem Studentendegen.
    Hat es denn nicht militiam civicam gegeben?
    Schneider zum Beispiele.
    Fleischer, Schlosser, Schmiede, unsere Fuhrleute
    Gänse zur Leibwache fürs Capitolium -
    Was ich bei dieser Unterredung für vernünftige, lautere Milch in Absicht
meines Entschlusses eingesogen, wird jeder selbst einsehen. So lange die Welt so
ist, wie sie ist, scheint der Soldatenstand so etwas Männliches, so etwas
Rüstiges an sich zu tragen, dass ich keinem jungen Menschen, falls er nicht eine
Mine hat, verarge, wenn er dem Kalbfell folgt, so wenig wie dem Sokrates, dass er
zwei Schlachten pro patria et gloria übernommen. Der Gebrauch, dass man das Kind
die Semmel erst mit einem Pfeile treffen liess, ehe man ihm solche bewilligte,
hat er nicht sein Gutes? Und wer kann meinem Vater das Alexanderspiel vorrücken?
Man sieht den Krieg als einen Staatsaderlass an, und vielleicht nicht ohne Grund.
Der Professor war der Meinung, so wie es alle Schulmänner sind, der Peditatus,
das Fussvolk, sei der Kern, die Phalanx der Armee. Weil die Alten dafür gewesen,
sagte der Officier, und weil die Schulofficiere selbst alle Peripatetiker,
Spaziergänger sind. Der Officier war ein Reiter. Ein Pferd ist freilich ein
geborner Soldat unter den Tieren, und kann es vom Reiter mit Recht heissen:
doppelte Schnur reisst nicht; indessen war ich mit dem Professor sehr fürs
Fussvolk. Kein Wunder, da ich Student war. Ich blieb aber auch dieser Meinung,
weil ich in der Jugend schon bei der Infanterie gedient und einen rühmlichen
Abschied als Alexander erfochten. Fusssoldaten sind die Richter, die das Urteil
aussprechen; die Reiter vollstrecken es nur.
    Dass doch der gütige Himmel dies Kränzchen beim königlichen Rat in Frieden
erhalten wolle! Nach meinem letzten Briefe aus Königsberg lebt er noch, der
Präsident desselben, dieser Mann mit einer offenen, weit offenen Stirn,
schwarzem Haar und einem Auge, in dem man ihn im Kleinen, allein doch ganz sah,
dieser Mann, der in den Mond und auf ein Grab sehen und weinen konnte.
    Es gehört, sagte der königliche Rat, Minister und General zum Kriege;
einer, der das Pulver erfindet, und ein anderer, der es braucht; und dies kam
dem Professor wie gerufen. Was will denn der Soldatenstand? sing er an. Erfand
nicht ein Geistlicher das Pulver? Und hat nicht Daniel einen Traktat von der
Cavallerie geschrieben? Der Officier hätte, das sah man ihm an, den guten Mann
nicht ohne ein Wer da? gehen lassen, wenn nicht Daniel eben von der Cavallerie
geschrieben. Das brachte ihn durch.
    Ueber die fremden Worte beim Exerciren war der Officier am verlegensten. Die
Herren, sagte der Professor, sind alle deutsche Briefe mit französischen
Aufschriften. Für ausbrechen, fortgehen, sagen sie marschiren, für Schlacht
Bataille, für Rittmeister Capitain, für Rottmeister Corporal, für Feldwebel
Sergeant. - Warum denn nicht Feldherr, sondern General? Von den Polen können wir
deutsch lernen; da gibt's allein Gross- und Unterfeldherrn. Zwar, fuhr der
Professor fort, haben die Herren freilich auch ihre deutschen Kunstwörter. So
heisst z.B. der Teufel hat ihn geholt, in unserer Sprache: er ist sanft und selig
im Herrn entschlafen! aber - Wer andere jagt, fiel der Officier ein, wird selbst
müde; und der Professor wie ein Kanonenschuss: Man muss sein Geld nicht in einen
Kasten werfen, wozu man den Schlüssel nicht hat.
    Ausser in den Gotteskasten, sagte der königliche Rat.
    Soldat! aber wo? Eigentlich ist man Soldat fürs Vaterland. Da Curland
indessen kein Vaterland ist, oder da Curland keine Soldaten hält, so war mir die
ganze Welt offen. Wo? dachte ich. Der gute Officier, ohne zu wissen, was ich
dachte, sprach ohne Ende und Ziel von der überwiegenden Würde eines preussischen
Soldaten. Ueberzeugt, dass er mit drei Mann dreitausend schlagen könnte, so dass
kein Gebein von ihnen auf dem andern bleiben sollte, war ihm Alexander nicht
gross. Alexander nicht? Der Professor sagte an einem tapfern Tage: Gewiss hat ein
preussischer Trompeter die Mauern von Jericho zu Schanden geblasen. Unser Reiter
lächelte. Wissen Sie, Freund! fuhr er fort, die Unterredung des grossen Alexander
mit dem Seeräuber, der sich so nahm, als wären sie Kriegscameraden? Der Reiter
lächelte. Als Alcibiades, sagte der Reiter, erfuhr, dass die Atenienser ein
Todesurteil über ihn ausgesprochen, sagte er, lasst uns ein Lebensurteil
eröffnen, und dies Urteil in Rechtskraft setzen. Alcibiades, lieber Professor,
zeigte dass er lebte.
    Der Professor schwieg, ohne zu lächeln. Ich würde unserm Reiter, der
wahrlich ein deutscher Brief mit einer französischen Aufschrift war, die
Verachtung des grossen Alexanders verziehen haben, obgleich Alexander mein
Verwandter war, und worden sein, wie er Einer, wenn nicht zu allem dem noch ein
Vademecum von Werbgeschichten gekommen wäre, die der Reiter in Bereitschaft
hatte, und die mehr interessiren, als die im Druck erschienenen List und lustige
Begebenheiten der Herren Officier auf Werbungen. Es ist bekannt, dass Preussen für
seine Kriegsmacht zu wenig Vaterländer habe, und dass durchaus auf Fremde
Rücksicht genommen werden müsse. Mein Herr, sagte ein Witzling, braucht nicht
Kinder, sondern Männer, als man von der Unzulänglichkeit der preussischen
Landeskinder sprach. Kann man aber vom Witze sagen, dass er seinen Mann halte? -
Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht, bemerkte der Professor über
diesen Gegenstand. Es kommt viel darauf an, wie man ihn trägt, erwiederte der
Reiter. Mag sein! Was kann denn aber ein Fremder für innerlichen Beruf fühlen,
für ein fremdes Land zu siegen, oder zu sterben? Sollte man es nicht für eine
Art von Blutschande halten, wenn Fremde für Geld und gute Worte Blut und Leben
in die Schanze schlagen? Freilich geben auch zwei kalte Steine Feuer; allein man
muss sie lange reiben; mit einem eilfertigen: Fertig, schlagt an, Feuer' ists
hier nicht getan. Zur Zeit der Anfechtung fallen die Mietlinge ab! - Gut,
sagte der Reiter, dass der Spreu vom Kern stiebt! - allein noch besser, wenn
keine Spreu mehr da ist. Der Professor! - Sollen Werbungen sein, warum denn
list- und lustige Begebenheiten dabei? Ists denn so unrecht, wenn ein mit List
und Luft Geworbener sich mit List und Lust wieder aus dem Staube macht? Der List
kann durchaus nichts anders als List entgegengesetzt werden. Verstand tut
nichts dagegen. - Der Professor konnte nicht aufhören über den armen Tropf zu
lachen, der als Regimentsglaser Handgelb genommen. Eine einzige von diesen
interessanten Geschichten.
    Ein Officier, der aus List und Luft in gemeiner Kleidung auf Menschencaperei
ausging, fand, wie sich unser Reiter ausdrückte, seine Leute, die er mit Geld
und guten Worten locken wollte, dass sie daran glauben sollten, so gefasst, dass er
keine Menschenfestung einnehmen konnte. Er legte sein Ueberkleid ab, fing an zu
drohen, und siehe da! man legte es ihm so nahe, dass er sich ins Wasser stürzte
um sich zu retten. Ungewohnt, zu Wasser Dienste zu tun, würde er sein Leben
gewiss eingebüsst haben, wenn nicht ein junger Mensch, der nur an die Tat, nicht
an die Gefahr zu denken gewohnt war, mit seiner eignen Lebensgefahr das Leben
dieses Werbers gerettet hätte. Edler Mensch, sagte ihm der Gerettete, was bin
ich schuldig? - Nichts, erwiederte er. - Ein Tuch wenigstens zum Trocknen! - Ich
bin nie anders getrocknet, als von der Sonne. - So sei mein Freund! - Hier liess
sich der Retter bewegen, dem Geretteten die Hand zu geben und ihm zu folgen.
Edler Mensch! wo gehst du hin?
    Bei grossen Handlungen ist kein Stand merklich. Man sieht den Menschen nicht
vor der Tat. Jetzt, da beide unter Dach waren, sah der Officier, dass die Seele
seines Lebensverehrers weit über dessen Stand wäre! - Der Gerettete liess
auftragen, was das Haus vermochte. Macht nur den Versuch, es kommt nur auf euch
an, wie ihr den gemeinen Mann haben wollt. Ihr habt den Stimmhammer zu seinen
Gesinnungen in euren Händen! -
    Der Officier, so wenig zum Stimmen aufgelegt, dass er bis auf eine sehr
kleine Cultur tief unter seinem Retter stand, verhielt sich herrlich zu ihm. Man
ass und trank, und ward, wie der Reiter sich ausdrückte, von innen so nass wie von
aussen. In diesem ausgelassenen Vergnügen nötigte der Officier seinem Erretter
ein Versprechen ab, das sogleich durch eine rote Binde in Rechtskraft gesetzt
ward. Unser Reiter nannte diese Erzählung einen Wasserfall und tat so listig
und lustig dabei, dass es jedem von uns wie ein zweischneidiges Schwert durch die
Seele ging.
    Wenn das der König wüsste, sagte der königliche Rat! - Wenn? erwiederte der
Reiter; was für ein Federleser wird es ihm denn melden? Da niemand das Wort
nahm, fuhr der Reiter fort: Nachdem es fällt. Was für Collision ist denn hier,
wenn man die Sache beim rechten Zipfel fasst? -
    Ich wünschte, diese zweischneidige Geschichte so kalt erzählt zu haben, als
sie der Reiter erzählte, der mir in diesem Augenblick mit seiner List und Lust
wie ein Menschenhändler vorkam! Er glaubte, dass der Retter nicht höher, als
durch eine rote Binde belohnt werden könne, da er aus einem Sklaven ein
Gebieter worden! Wie man alles in der Welt nehmen kann! Das Copernicanische
System scheint paradox und ist doch das wahrscheinlichste! Der Retter war
freilich ein gemeiner Mann; muss man denn aber einen Degen tragen, um glücklich
zu sein?
    Ich dachte nicht mehr wo? Die Russen können von Riga aus den Curländern in
die Fenster sehen! Unser Reiter selbst konnte den Russen nicht ein gutes Zeugnis
abschlagen. Er hatte sich mit ihnen gemessen, und sein Vater, der während des
dritten schleichen Kriegs in Preussen den Russen zu huldigen verbunden gewesen,
hatte alles Liebes und Gutes von diesen guten Feinden genossen! - Alles, fügte
er hinzu, alles haben die Russen von uns. - Mag! Man sagt freilich, die Russen
ahmten nach. Besonders dass eine Nachahmung der Natur, eine Beschleichung
derselben, eine unmittelbare Befolgung der Vernunft, eine Erfindung heisst, und
von niemandem, als wer es versteht, Nachahmung gescholten wird. Nur wenn ein
Mensch ein Menschennachahmer ist, heisst er Affe. Männchenmacher, oft
Possenreisser; dann siehts aus, als wenn man im verbotenen Grade geheiratet
hätte. - Ist's eine Blutschande, für ein anderes als das Vaterland den Degen
blössen, so ist hier die Blutschande noch ersichtlicher. Wahr! dass kein
Menschennachahmer es weit bringt und die Nase (bei jeder Nachahmung ein
Hauptstück, das in Bewegung ist) hoch heben kann. Warum aber wahr? Weil der
Menschennachahmer vielleicht mehr vermochte, als sein Herr und Meister, weil der
Nachahmer kein Herz hatte; und weil überhaupt es nicht viel Menschen gibt, deren
Bild man tragen kann.
    Jeder Mensch ist Original, sagt Pope, und wie oft ist das Uneigentümliche
nichts weiter, als Rost, der sich an eignes Talent anklammert.
    Das erste Wort war Russen! das zweite Krieg! und das dritte Türken! So viel
Worte, so viel Gewichte. Die Türken gaben den Ausschlag.
    Mein Vater konnte zwar als ein christlicher Geistlicher nicht wie Aristander
in dem Alexanderspiel dienen; allein wider die Türken wäre er mit Freuden als
Feldpropst gegangen.
    Ich fürchte, er hätte seine Bibel sehr bald mit dem Degen verwechselt. Er
hatte nach seiner angestammten Milde keinen Feind in der Welt, als die Türken.
Auch diese waren Feinde der Einbildung. Wäre es auf Liebesdienste angekommen, er
hätte nicht ermangelt. Selbst zog er keine erbauliche Kirchenglocke wider sie.
Meine Mutter besass eine Predigt mit dieser Aufschrift, die mein Vater in seinem
Bücherheere litt. - Das will schon viel sagen; was tat er denn Curland und
Semgallen? und was den Türken? - Wem fällt hier nicht seine Reise ein, die er
mit meiner Mutter des Abends zum Grabe Christi anstellte? Des Morgens, wenn
beide zu Hause wieder eintrafen, hatte keines einen Türken gesehen. - -
                                     * * *
    Junker Gottard hatte, nach dem Tode seines Vaters, von seiner Mutter
dringende Briefe, zurückzukommen. Schnell fiel ihm auf einmal seine unverkrümmte
und unverkrümmte, reif wie die Natur herausgegangene, wie eine Göttin
ausgewachsene Trine ein, gegen die alles, was er in Königsberg Schönes erjagt,
nur mangelhafte Kopien blieben. Was das für ein Geruch ist, sagte er mir einen
Abend, wenn die Pomade auf dem Kopf und die Rose am Busen im Wettstreit sind!
Nun war Junker Gottard fertig. Er sagte selbst, dass er wie aus der Pistole
abgehen wollte. Unvergesslich ist mir der Abend, da die Nachricht von seines
Vaters Beförderung einging. Seine Mutter hatte mir übertragen, ihm diesen
Todesfall gelegentlich im Säftchen beizubringen. Er kam mir mehr als halbes
Weges entgegen. Meine Vorbereitung indessen verpfuschte mir eine Scene nicht,
auf die ich es geflissentlich anlegte. Er ist geborgen, fing er an. Was meinst
du, Bruder, ich werde nicht alt werden? Mit diesen Worten stützte sich Junker
Gottard auf drei Finger seiner linken Hand (er hatte starke Finger), und blieb
so eine Viertelstunde. Jetzt sprang er auf und murmelte die Melodie: Wenn Mein
Stündlein vorhanden ist. Das Ende vom Liede, fing er zu mir nach dem dritten
Vers an, das Ende vom Liede, Bruder, ist sterben. - Wir leben für nichts und
wieder nichts; eins kommt zum andern, erwiederte ich; es gibt auch schöne Tage
in der Welt.
    Er. Summa Summarum, was ist das Leben?
    Ich. Freilich, der schönste ist der Sterbetag!
    Er. Gelt! es war ein Mann, mein Vater! Ich will nicht ruhmredig sein. Ich
werde nie werden, was er war! -
    Wahr! Bruder! ich vergesse nie ihn und den Alten mit dem einen Handschuh,
den er jetzt mit Bor- und Zunamen kennt!
    Junker Gottard holte sich den Kalender und brachte ganz richtig heraus, dass
sein Vater an dem nämlichen Tage gestorben, da der ehrwürdige Alte zum
letztenmal vom Gewächs des Weinstocks bei ihm getrunken! - Eine Stille! -
    Junker Gottard ass den Abend keinen Bissen. Er war ernst und feierlich;
Gottfried ausser sich. - Beide konnten sich nicht anders nehmen, da sie herzlich
betrübt waren. Gottfried weinte laut, als wollte er seinem Herrn den Rang
ablaufen. Junker Gottard keine Träne!
    Man entgeht mit eins, wenn man stirbt, allem, allem Elend, sagte Gottfried,
und riss seinem Junker das Kleid herunter und band ihm das Kopftuch mit den
Worten um: Ists mir doch, als wäre es dem seligen Herrn! -
    Ich weiss nicht, ob dich oder was anders der Drücker der Flinte gewesen! -
Junker Gottard weinte heimlich. Er und ich hatten die Gewohnheit, aus dem Bette
gute Nacht auszuwechseln, diesmal hielt es lange an, ehe sie seinerseits zum
Vorschein kam! Ich hörte ihn weinen! - Spät kam die gute Nacht, und so mit
Tränen versetzt, dass ich selbst bewegt ward! Ich kein Wort, wie gute Nacht! Wer
sollte glauben, dass Junker Gottard, dieser rauhe Jüngling, auf diese Art gute
Nacht sagen könnte! Er schlief bald ein. Seine drei Argos, die er in Göttingen
hatte, konnte er nicht freundlich ansehen. Der Selige hatte es ihm verboten. So
wie sein Schmerz nachliess, so nahm die Liebe zu den Hunden zu. Sie heissen Argos,
sagte er, ich nehme sie mit. Der Schmerz, sagte ich ihm, ist eine
Seelenbewegung! Die deinige hatte sie höchst notwendig.
    Ich gestehe es, sie war der Stockung nahe.
    Fast. -
    Ich kann mich nicht so geschwind auffreuen als mancher!
    Desto besser, dass du geweint hast! -
    Aber weinen! -
    Würden wir wohl weinen können, wenn wir nicht weinen sollten?
    Gerne hätte er, wie er sagte, seinen Vater im Sarge gesehen! Du hast mir
gesagt, es gebe Gesichter, die sich da ausnehmen! Mein Vater war einer von
denen, die im Tode getrost zu sein verstanden. Es freute den Junker Gottard,
dass sein lieber Vater, wie ers nannte, zu Kreuz gekrochen und sich mit der Bibel
ausgesöhnt hätte.
    Seine Mutter hatte ihn von allem unterrichtet, und im Postscript, das fast
eben so lang als der Brief war, vorgezeichnet, wie die Trauer beschaffen sein
sollte. Die Regel jenes Alten, die er gab, da man ein Mittel wider den Schmerz
von ihm verlangte, brachte den Junker Gottard wieder auf die drei Finger seiner
linken Hand: denke an die Zukunft, als wäre sie da! - Wahrlich, eine schöne
Regel!
    Gibts Schmerz? könnte man fragen, und: gibts Freude? darauf antworten. Bei
Gott ist Finsternis Licht. Böses ist bei ihm Gutes. Er sieht wie Gott, und wir
wie Menschen! - Podagra ist Originalschmerz! Edles Salz, uns das Leben
schmackhaft zu machen, das ist Schmerz! - - - Dass dem Junker Gottard seine gute
Trine einfiel, wer kann es ihm verdenken? Ich verdenke keinem, was die Natur ihm
nicht verdenkt! Da ich ihn aber an die liebe Kleine, an Lorchen, erinnerte,
schlug er den Kopf zurück. Kinderspiel! Das war alles, was er sagte. Junker
Gottard ward, was er nie gewesen, krank, und konnte nicht reisen. Die Aerzte
widerrieten ihm die Reise, und seine Mutter, da sie die Nachricht von seiner
Krankheit eingezogen, verbot sie ihm. Sie verfügte eine Zeit, damit er sich ja
nicht übereilen möchte. Ihren mütterlichen Segen setzte sie darauf. - Junker
Gottard blieb, wie er mir sagte, gern meinetwegen! und ich läugne es nicht, dass
ich mich ihm und seinem Gottfried in dieser Vorbereitungszeit mehr widmete, als
vor diesem!
    Einen Morgen traf ich ihn mit einer Taube beschäftigt. Er wollte ihr
beibringen, die Wicken aus den Erbsen zu lesen! - Bruder, setze den Citronenbaum
dem Fenster näher; siehst du nicht, wie er seine Aeste nach der Sonne reckt? -
Natur, Bruder! - Wie kannst du glauben, dass eine Taube sich so verläugnen
sollte? - Dafür ists eine Taube! erwiederte er.
    Ich würde sie verachten, wenn sie keine Erbse mit verschlänge!
    Zugegeben, sagte er eines Abends, da er sich durchaus noch eine
Viertelpfeife länger mit mir unterhalten wollte. Alles zugegeben, eine Flinte
ist doch was Grosses. Jupiters Scepter! Donner und Blitz! Jupiter würde sich
nicht schämen, sie zu führen.
    Je aufgeklärter die Nation, je weniger wilde Tiere, erwiederte ich. Wilde
Tiere, wilde Menschen!
    Er. Der Sohn des Achill ging mit zwei Jagdhunden in die Versammlung der
Achäer.
    Ich. Wilde Tiere sind Strassenräuber.
    Er. Darum Jagd.
    Ich. Ich. wünschte Ausrottung!
    Er. Und wo denn Fleisch in der Wüste?
    Ich. Wachteln! Vogelwild!
    Er. Vogelwild ist Weiberwild. Männer sollten so männlich sein und diesen
Jagdabschnitt den Weibern überlassen! Nicht wahr, auch Haustiere?
    Ich. Freilich, wenn durchaus Fleisch sein soll, wenn Manna nicht hinreichend
ist. Man muss doch von jeher Gewissensbisse übers Fleisch gehabt haben, sonst
würde nicht in den christlichen Kirchen die Fleischfasten ein Religionsstück
worden sein. Der Mensch, dünkt mich, ist Souverän der Erde, kann essen und
trinken was er will, was sein grosses Haus, die Erde, nur vermag! - Was seiner
Souveränetät in Weg kommt, begeht Hochverrat! Alle schädlichen Tiere sind
Verräter. Nimm England!
    Er. Hasen gibts da noch
    Ich. Die sind zu keinem Hochverrat aufgelegt.
    Er. Der Hauptjagdartikel!
    Ich. Du sprichst dein Urtel selbst. Siehe da! den Beweis, dass die Jagd mehr
ein Spiel, als eine Ausübung der Majestätsrechte über die Tiere ist! - Freilich
kommt der Jäger mit List, Hunden und Flinte, so wie jeder Despot; allein der
Sache nahe getreten, ist er Fiskal, Richter, Henker, der im Kleinen den
Monarchen spielt! - Ausrottung, Bruder, Ausrottung!
    Er. Du redest, wie Moses von den Canaanitern, Hetitern, Amoritern.
    Ich. Mit dem Unterschiede, dass meine Canaaniter Bären, wilde Schweine, Wölfe
und andere dergleichen schadenfrohe Tiere sind.
    Er. Und England?
    Ich. Ich bitte.
    Er. Dieser Wildfang von Staat ward, was die Tiere erst waren, ward wild.
    Ich. Frei, willst du sagen, und Curland, dies Bärenland!
    Er. Gute Nacht, Bruder!
    Ich. Gute Nacht!
    Er. Mein Vater pflegte zu sagen, der Monarchist reitet, der Aristokratist
fährt, der Demokratist geht zu Fuss, wie jeder kluge Mann.
    Ich. Der Despot lässt sich in der Sänfte tragen.
    Er. Der Monarch liebt die Jagd.
    Ich. August der Schöne, König von Polen, liebte die Jagd rasend, und der
Original-König Friedrich, liebt er sie?
    Schon habe ich bemerkt, dass die Frau v. G. ihrem Sohne die Trauer sehr
pünktlich vorgezeichnet. Herr v. W. hätte nicht genauer sein können, wenn von
ihm ein Trauergutachten auf Ehre und Reputation wäre abgefordert worden. Wer
aller dieser Trauergesetzgebung ungeachtet nicht trauerte, war Junker Gottard!
    Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen, sagte er; dem Vater mehr als
der Mutter.
    Herr v. G., der Selige, declamirte, nach der Relation des Junkers Gottard,
unaufhörlich wider alle Trauer. Jedes, sagte dieser Naturmann, hat seine Tracht.
Die Erde grün, die Sonne Gold! Grün und Gold ist Erde und Sonne!
    Bruder! sagte ich, man siehts dir nicht an. (Dies war seine Uniform, wie wir
alle wissen.)
    Ihr Gelehrten habt alle kein Auge, erwiederte er.
    Aber die Jagd, Bruder! verbot sie der Selige nicht?
    Er selbst war Jäger; bin ich denn noch Student?
    An der Taube hast du den Erb- und Gerichtsherrn von - gesehen, nicht wahr?
in Lebensgrösse! Sei immer eine Taube, lieber Gottard!
    Der Zeitpunkt kam, den ihm die besorgte Mutter bezielt hatte, und nun
schieden wir an einem regnichten Tage, nach Mittag, weil es eine weite Reise
war, von einander.
    Es ist in diesem Buche schon so oft Abschied genommen worden, und begnüge
ich mich also zu bemerken, dass der unsrige kurz und gut war, wie vieles in
diesem Buch ist. Ginge ich zu Fuss, würde ich behaupten, ich ginge mit einem
Springstock. - Gottfried hatte etwas Schriftliches aufgesetzt, das er mit einer
Art behändigte, die nicht zu beschreiben ist.
    Der Jüngling, fing Gottard an, lehrt den Mann, der Mann den Greis. Der
Grund, die Folge, pflegtest du zu sagen, lieber Bruder! Du sollst Freude an mir
erleben! - Gott segne dich, lieber Gottard, sagte ich.
    Er. Du wirst dein Lebtag nicht Pastor werden.
    Nach einem kleinen Wortwechsel mit dem Postillon wegen der drei Hunde
brachte Junker Gottard es in einem Augenblick durch Geld und gute Worte dahin,
dass der Postillon diesen dreien Argos selbst ein Lager legte! Und nun liess
Junker Gottard über und über blasen! Reise glücklich!
    Zum erstenmal empfand ich die Glückseligkeit, allein zu sein! Dass Leute in
gewissen Jahren zum Traualtar so schwer zu bringen sind, kommt wahrlich daher,
weil sie die Süssigkeiten des Einsiedlerstandes gekostet haben! - Luter sagt, wo
ich nicht irre: wo reiche Leute sind, ist Teurung; wo Menschenhülfe aufhört, da
sängt Gotteshülfe an! und gewiss, keinen hat Gott und die Natur verlassen! -
Wahrlich, Freunde, es ist keine unrichtige Behauptung, dass der ehelose, der
einsame Stand nach der jetzigen Eheweise unendlich viel zum göttlichen Leben
beiträgt; dass eine gewisse Kirche die Ehelosen begünstigt, ist es Wunder?
    Russen! Krieg! Türken! das waren die drei Worte, bei denen ich stehen blieb,
und mich ausruhte. Auch ich war fertig, nach dem Ableben meiner Mutter, wie aus
der Pistole. Preussen vermied ich wohlbedächtig, ich wollte stark sein, und
wahrlich, das heilige Grab hatte mich geschwächt!
                                     * * *
    Ich kam ins russische Lager zu einer teuren Zeit. Die Türken hatten alle
Lebensmittel aus der Moldau aufgeräumt, um uns das Bahnmachen, das Vorrücken zu
behindern! - Solche Zäune sind im Kriege die gefährlichsten.
    Fürst Gallizin (sein Name sei in der Geschichte ehrwürdig!) liess zwei
Brücken über den Dniester schlagen und brach auf mit uns. - Die Hauptmaxime des
Krieges ist freier Kopf und freie Füsse. Sich den Feind vom Leibe halten, ist im
Grossen und Kleinen ein wichtiges Glück.
    Wer von mir Ulysseische Wanderungen erwartet, dem gebe ich eine gültige
Anweisung auf den Homer, und wenn er will, auf den Professor Grossvater, der dem
Homer neben der Bibel ein Räumlein vergönnt hatte! - Wer nach einer Abhandlung
wider den Soldatenstand dürstet, gehe zum Antagonisten des Reiters, dem
Professor - Klein-Vater hätte ich bei einem Haar geschrieben.
    Freunde! um euch nicht ganz im Blossen zu lassen: Es ist alles in der Welt
nur ein Spiel! Der Soldatenstand, wie der akademische, der Feldherr, Professor,
die Stabs- und andere Offiziere, Magistrati, Baccalaurei, Licentiaten,
Candidaten, Fussvolk und Reiterei, Studenten, im vollen Mond, im halben, im
Viertel: nur mit dem kleinen Unterschiede, dass der Pedantismus mehr im Soldaten,
als im akademischen Stande herrscht.
    Ich bitte, mein Herr Obrister, dies für keinen Druckfehler zu halten.
Tausendmal habe ich gedacht, nur neue Dekorationen, das Stück ist das nämliche.
Wenden Sie Ihre Zeit gut an, sagt der General und der Professor, und wenn sie
Pietisten sind, setzen sie hinzu: Gott segne Ihre Unternehmungen! Ich dachte so
wenig, da ich Soldat ward, meinen Lebenslauf zu schreiben, als auf der Akademie.
Dort wollte ich leben, hier wollte ich sterben. Auch nicht viel auseinander!
Kein Wunder, dass ich bei aller menschenmöglichen Gelegenheit Mut zeigte. Wäre
ich ein Katolik gewesen, vielleicht schrieb ich im Kloster Prodromum
aeternitatis, Jacobs Himmelsleiter; als Protestant, sage selbst, liebe Mutter,
was konnte ich anders, als Soldat werden? Ich folgte nicht dem Kalbfell, sondern
der Todesfahne, in der ein Kreuz hing, dein Lieblingszeichen, das du dir aber
meines Vaters halber beim Gähnen abgewöhntest. Es gehört auch für kein gross
Maul!
    So und nicht anders konnte mir der Soldatenstand nur willkommen sein; ich
wollte nicht den Bürger kränken, um mir von seinem Schweiss und Blut einen Bauch
des reichen Mannes anzumästen! - ich wollte siegen oder sterben. Mine selbst
würde es mir nicht verzeihen, die vielleicht auf dieses Blatt blickt, wie
Geister blicken, wenn ich eine Unwahrheit schriebe. Ehre mischte sich in meinen
Entschluss, und wo sie nicht ist, was schmeckt? Ich war nicht verliebt in mein
Leben; allein ich wollte es nicht um ein Linsengericht dahingeben.
    Was kann meinen Lesern mit Scharmützel- und Schlachtrissen gedient sein!
Hätte ich geglaubt mich dadurch in bessern Ruf zu setzen, würde ich daraus, mit
Gottfrieds Erlaubnis, die Beilage C gemacht haben.
    Ich war bei dem Treffen, da es zwischen dem Vordertrab des Fürsten
Prosorowsky und dem ottomannischen Haufen, der vom Karaman Bassa angeführt
wurde, zum Angriff kam!
    Ich war bei der Belagerung von Chotzim. Ueberall stand ich wie Urias, ohne
sein Empfehlungsschreiben zu haben. Mein lebensgleichgültiges Herz hatte mir
diesen Uriasbrief geschrieben, die Ehre hatte ihr grosses Siegel mit einem Adler
drauf gedrückt. Bei Chotzim gab mir der Tod, mit dem ich wie mit einem guten
Freunde umging, die Hand. Ich ward durch den Arm geschossen! Ich kam dieser
Armkugel nicht in den Weg, ich sagte nicht: du irrst dich, hier ist der Fleck! -
aufs Herz zeigend. Es ist ein besonderes Ding, das Leben, auch wenn man eine
Gemütskrankheit hat, die das Leben schwarz, wie die mondlose Nacht, und den Tod
weiss, wie einen schönen Lenztag, poetisch verkünstelt! ES ist doch das Leben,
worauf es angesehen ist!
    Ein Armbruch ist im Kriege ein Aderlass; ehe ich selbst dachte, war ich da,
und froh, dass ich da war! Geschäfte sind dem Menschen nach unserm Weltlauf so
nötig, als das tägliche Brod. Ich kann nicht sagen, dass ich Minen drüber
vergass; allein Handlungen sind der Einbildung so entgegen, wie Wasser dem Feuer!
    Gallizin, der mich bis zum Hauptmann gebracht (er war so gut, zu sagen, ich
allein hätte es getan), übergab das Commando dem Romanzow. Auch er verdient
einen undanksichern Platz in der Geschichte.
    Ich stand unter dem braven General Elmpt bei der Einnahme von Jassy.
    Was wert zu sehen war, habe ich gesehen. Was ist doch Paris und Rom und die
schönste Schweizergegend gegen diesen Schauplatz? Ich sah mehr, als was alle
Künstler zeigen können; ich sah den grossen Sieg, da das türkische Lager erobert
ward! - Möchten sie doch das heilige Grab verlassen, wie ihre Zelter! - Da sah
ich den Prinzen Wilhelm von Braunschweig siegen! Warum nicht sterben? Was will
eine Civilkrankheit von Helden? - Wie mir sein Tod nahe ging, bloss weil es ein
Betttod war! Kein Prinz sollte einen Civiltod sterben!
    Ich sah Bender mit Sturm erobern. Es war ein Wirbelwind; ob es gleich nur
Türken galt, wandte ich doch mein Auge von der Plünderung. Feinde laufen,
Prinzen ihr Leben ausschlagen sehen, ist ein Anblick, der seines Gleichen nicht
hat. Welch ein Abfall! die Plünderung! Drei Auftritte gingen mir bei dieser
Plünderung durch die Seele. Mein Herz rief wehe! über sie. Sie sollen nicht
meinen Lebenslauf verunreinigen!
    Romanzow commandirte mich zum Paninschen Corps. Er schien mit mir zufrieden
zu sein und begiessen zu wollen, was Gallizin gepflanzt hatte. Romanzow band mir
ein paar vornehme Russen auf die Seele. Nicht sollen sie, sagte er, wie an der
Schnur irgend eines Unterrichts einhergehen! - Sie sind schon vor solch einem
Garn gewesen! Wir Russen sind gewohnt, die Antwort aus der Frage zu nehmen! Reim
dich oder ich fress' dich, ist unsere Regel! Durch Umgang, ohne Uebergang und
Curialien, wünschte ich, dass Sie dann und wann einen Funken Ihres natürlichen
Verstandes in ihr Herz und ihre Seele fallen liessen. Zünden wird es, hoffe ich!
- Es waren ein paar allerliebste junge Helden! Sie wussten vom Handwerk mehr, als
ich; indessen schlossen sie sich so fest an mich an, als brauchten sie über
alles, was sie wussten, meine Bestätigung. Die matematische Metode ist in der
Philosophie abgekommen, und ist die Matematik heut zu Tage, da alles, was nur
einen halben Kopf hat, studirt, zum Soldaten nötiger, als Gesinnungen, als
Grundsätze? Wer kann denn den Franzosen ihre Kriegskunst abstreiten? - Bücher
sind nur ein Beweis für das, was in uns ist. Ihr Geist gibt Zeugnis unserm
Geiste, dass wir richtig wandeln. Wie leicht wird uns manches durch Umgang, was
im Buche so schwerfällig war. Ueber den Fuss, auf dem ich mit diesen jungen
Helden umging, waren sie ausgelassen. Mich sollte verlangen, fing der eine an,
was er von meinem Aufsatz sagen wird! - Ich durfte nur überall Natur
hineinbringen! Alles war schwer von Kunst beschlagen. Ich brauchte nur den Kopf
zu schütteln und alles ward glatt ausgelöscht. Gnade dem Gott, der sich
unterstand, um den Deutschen zu verargen! Die Russen ziehen selten aus dem Kern
etwas gross. Alles wird mit der Wurzel verpflanzt! - - All' mein Lebtage denke
ich an einen Vormittag, wo meines Vaters Geist auf mich fiel, und wo meine
beiden Freunde ausnehmend zufrieden mit mir schienen.
    Wir sprachen vom obersten Commando, wozu wir die Gelegenheit nicht weit
suchen durften. Nicht wahr, es sollte nach der Staatsform geformt werden? Ist
die monarchisch, aristokratisch, demokratisch, so auch das Commando. Der hat
sehr über den Soldaten gewonnen, der ihm einbilden kann, er wäre zu Hause! - Die
Maxime ist gar nicht unüberdacht, dass man den Soldaten das Heiraten verbietet.
Da merken sie es gleich, dass sie nicht zu Hause sind, wenn sie ihre Weiber nicht
bei sich haben! Ein Weib und ein Schlafrock scheint einem Soldaten gleich
unpassend.
    Soll ein Prinz das Commando haben? Gustav Adolph und Karl der XII. scheinen
fast auf ein Nein zu bringen; Peter der Erste, König Friedrich würden es
bejahen.
    Zum Beschluss tranken wir dem Drosselpastor zu Ehren: Vivat Academia! Es lebe
Romanzow!
    Meine beiden Schüler waren jung und konnten nicht umhin, sehnlichst zu
wünschen, dass Lustbarkeiten, Bälle und Teater im Felde erlaubt wären! Ich
schlug es ihnen rund ab. Nicht eines? Der keines, lieben Freunde! Der Kampf der
Ehre und Liebe macht den fünften Actstod so schön, dass man mit Geschmack sterben
will! - Im Felde muss man den Tod nehmen, wie er kommt - da hilft keine
Herz-Mutter! Dies brachte uns auf die lieben Franzosen, die ihren Feld-, Tanz-
und Fechtboden, ihr Feldteater und andere Feldplaisirs mehr haben! -
Feldbiblioteken ja nicht zu vergessen! - Die guten Herren! Da sie zu sich
selbst kein sonderliches Zutrauen fassen können, haben sie Zutrauen zu
Festungen! Ich bin für Soldaten von deutschem Schrot und Korn. Im Felde muss man
Flinten blitzen sehen, und Soldaten-Volkslieder singen hören. Ein Marsch, ein
Feldgeschrei, das ist alles, was von Instrumental- und Vocalmusik erlaubt ist.
Lasst den Schäfer ins weiche Bett des Grases sich legen, lasst ihn beiher die
Nachtigall aus einem Blütenbaum schlagen hören! Wir haben vom Stoicismus
Handgeld genommen. Wahrlich, die erhabenste philosophische Secte! Lasst uns mit
der königlichen Frau Mutter so umgehen, wie Alexander mit Madame Darius, und ich
mit der Babbe, welche zum Leidwesen meiner Mutter über der königlichen Würde die
Grütze versalzte! Gute Mannszucht ist Empfehlung zur Huldigung! - Mannszucht ist
Strenge! - wo die nicht ist, wie kann da Güte sein? Liebe ohne Gerechtigkeit ist
ein Unding! - Welche Nation denn die tapferste wäre? - Die russische, sagten
meine beiden Jünger. - Leute aus bergigen Orten, fiel ich ein, sie sind allen
Elementen ausgesetzt, und wer die aushalten kann, was hat der seines Gleichen zu
fürchten? Die Gallier jagten den Römern wegen ihrer Grösse Schrecken ein, und man
sage, was man will, Friedrich Wilhelm hatte mit seinen Potsdamern in der Regel
so recht, als sein Sohn, diese Riesen in alle Welt gehen zu lassen! Grosse Leute
sind wie Mauern und Wälle. Zu ersteigen ist alles! Wie viel brechen aber darüber
den Hals, ehe sie oben sind? Ich war von Jugend an sehr für Berge. Grosse
Menschen sind Berge! Befehlshaber dürfen nicht nur nicht gross sein, sondern hier
wird oft die Grösse schädlich. Höhere Wesen, wenn sie erscheinen sollten, würden
sich in ein mittelmässiges Menschenkleid einkleiden. Kein grosses Genie hat
Riesenhöhe! - Starke ausgewachsene Männer sind die bescheidensten! - Ich wollte
mit der goldenen Regel schliessen: Ein weiser Mann ist stark und ein vernünftiger
Mann ist mächtig an Kräften; allein man wollte noch mehr von der Furcht, dem
Hauptfeinde des Soldaten.
    Ich hatte geäussert, dass man durchaus retiriren lernen müsste; bei diesem
einzigen müsste man im Kriege an strenge Regeln gebunden sein. Den Feind zu weit
verfolgen, heisst ihn zur Verzweiflung bringen, und dann kehrt sich auch der
Feigste als Held um. Konnte nicht ein so unbekannter Mensch, als Herostrat, den
Tempel zu Ephesus anstecken? Mich ärgert, wenn man seinen Namen ausspricht. Das
wollte er nur. Ein einziger Strahl, so macht der Flüchtling Halt! ist feuerfest
- ist Mauerbrecher!
    Man hat so viel, fing ich an, von der Furcht gesagt, dass gewiss der kleinste
Teil richtig sein kann! Die Deutschen gingen nie zum Rat, nie zum Fest
unbewaffnet. Sie schlugen auf ihre Waffen, das hiess Ja! Die Waffen waren ihr
Sprachrohr. Dies alles nicht aus Furcht, sondern um mit den Waffen bekannt zu
werden. Ordnung treibt so sehr die Furcht aus, dass ich eben hier den weisen,
tiefweisen Grund des Exercirens entdeckte, das ohne diese Rücksicht Kinderspiel
wäre! Eben weil es wie Kinderspiel aussieht, wird es auch von allen Kindern,
sobald sie Soldaten sehen, nachgemacht! Man muss sich dicht halten, wie ein Mann,
ist eine Folge dieser Regel. Ein taktaltender Marsch ist Beweis einer Phalanx.
Der Mensch braucht was Unsichtbares, an das er sich hält, und das ist die
Ordnung. Sobald etwas Unregelmässiges, eine Lücke, sich vorfindet, steht der
Feind, dass sein Gegner nicht mehr für einen Mann steht. Sem Mut wächset - er
wagt! Er siegt! Die Furcht siegt öfter, als Grundsätze der Herzhaftigkeit. Die
Furcht schützet Königreiche. Sie ist eine Kunst, wodurch wir andere glauben
machen, wir fürchteten uns für nichts. Daher so viele Trasonen, so viele Donner
ohne Blitze! - Entalte dich von allem Gewissensvorwurf, wenn du wider deine
Feinde ausziehst: das ist wahrlich kein Feldpredigertext, sondern ein teures,
wertes Wort! Ist's ein Gott, der uns entgegen ist; wir haben eine gerechte
Sache. Ist es ein Mensch; wir sind das, was er ist. Was meinen Sie, meine
Herren! würde sich Aristander bedenken, die Phalanx über diese Worte in
beliebter Kürze und Einfalt von den Gesinnungen eines Helden zu unterhalten? Ich
wünschte, er liesse die Predigt drucken!
    Die Furcht ist wahrlich ein grösseres Uebel, als das, wofür man sich
fürchtet! Was ist es denn, worüber dir die Zähne klappern, als Störche, worüber
dir die Sporen zittern, als wollten sie einen Ton angeben? Tritt ihm doch näher;
es ist dein Schatten! Die Arznei ist ärger, als die Krankheit! Junker Gottard
(bei seiner Eheverbindung kann ihm dieser Umstand weder Schaden noch Leides
tun) fürchtet sich in - - in einem Zimmer allein zu schlafen, wo Alexander der
Grosse gemalt war! Es waren doch noch andere Bilder da, sagte ich ihm, Bruder!
die du, im Fall der Not, zu Hülfe rufen können. Er war getroffen, fuhr Gottard
fort, als wollte er mit mir sprechen. Immer gerade zu auf mich! Da wandelte mich
auf einmal die Vorstellung an: wie leicht kann er lebendig werden! Bruder, hast
du ihm denn ins Gesicht gesehen? - Ein preussischer Corporal mit einem Stutzbart,
gut getroffen, würde eher zu fürchten sein. Alexander hat, so wie alle seines
Gleichen, etwas von einer Kinderwärterin, von einer Amme, im Gesicht. Bei mir
hiess es, in Rücksicht auf meine Herzensgeschichte: die Liebe treibet die Furcht
aus. In Wahrheit! ein wahres Wort! Der ist unschuldig, der keine Furcht hat, der
ist nicht furchtsam, der gar nichts fürchtet! Die Flamme, welche der Wind
anfacht, verfliegt bald! - Wer nach Grundsätzen herzhaft ist, wer nicht schnöden
Gewinnstes, oder Zeitungsewigkeit halber, die Waffen ergreift, was kann den
stören? Widrige Vorfälle! Sind die nicht überall? Mars und Venus halten es mit
allen. Ist Mars Zweifelhaft, so ist Venus wahrlich nicht sicher. Pack schlägt
sich, Pack verträgt sich, würde meine Mutter sagen. In allen Sachen Herz zeigen,
heisst ein grosser Mann sein.
    Hand in Hand ging ich mit meinen beiden Kriegskameraden!
    Bialograd verglich sich. - Desto besser für mein Auge. Ibrailof ward von den
Türken verlassen! Bukarest! - Bukarest!
    Mit welchem Herzen schreib' ich diesen Namen! Einer meiner Jünger starb hier
einen schönen Tod vor meinen Augen. Gott! welch einen Blick er mir gab! - Du
Hast mir den Unterricht herrlich bezahlt. Ein unaussprechliches Honorarium. Kein
König kann so lohnen! - So nimmt ein wohlgeratener Sohn Abschied von seinem
Vater. Seinem Milchbruder konnte er noch die Hand reichen; mir nicht. Wir waren
zu weit auseinander. Soll ich's sagen? er wollte mir seine Liebe noch sterbend
beweisen! Wird mein gebrochenes Auge hierzu Kraft haben? Er warf mir eine
Handvoll Blut zu mit einer Art, die gesehen werden muss! Den Abend vorher
sprachen wir kein ander Wort, als vom Tode! Er war der froheste unter uns! Gern
hätte ich den hochgebornen Todtengräber hergewünscht, um diese und so manche
Sterbensscene zu besichtigen. Lieber Graf! hier ist der Tod ganz ein ander
Wesen. Wer ihn nicht anders, als aus der Kammer kennt (und wäre da gleich ein
Observatorium angelegt), weiss hier nicht, dass man stirbt. So wie die grosse Welt
von Provincial-Flecken, so Tod von Tod. Zwar sind Sie der Meinung, der
Heldentod, der Feldtod, wo der Mensch nicht Zeit und Raum hat, sich in Ordnung
zu legen, eh' er dahin fährt, sei keiner Observation wert; allein Sie irren,
lieber Graf. - Hier ist die grosse Welt des Todes.
    Ich will dem Grafen nicht mit Bemerkungen das Licht halten wahrlich! ich
könnte sein Schatzkästlein bereichern!
    Warum aber Obst, eh' es reif ist? Warum durch's Schwert eines Türken? Mir
war es, als fielen unser trefflicher Jüngling und der, so ihn schlug! Freund und
Feind. Der Türke, der ihm das Leben nahm, wäre wert, bei dem Grabe Christi auf
die Wache zu ziehen, wie der Hauptmann unterm Kreuz. Was haben die Grossen, die
prädicirten Götter der Erden, mehr als den Bindeschlüssel! Der Löseschlüssel ist
ihnen nicht behändigt.
    Weint um meinen Edlen, ihr Jungfrauen im Lande! - Leib und Seele hätten um
den Vorzug streiten können, wer schöner sei, wären sie nicht so stimmige Freunde
gewesen! Wehe dem Feueranleger! Es muss Ärgernis kommen, doch wehe dem Menschen,
durch welchen Ärgernis kommt. Was trug sein Mund für mich, der endlich sank,
wie unter einer Last, die ihm zu schwer ward? Blumen waren es nicht, die bald
welken; Gesinnungen, die ewig sind, wie er! Ich habe dich verstanden, Edler!
dein ganzes Gesicht war leserlich! Du hättest die Handvoll edles Blut nicht
verschwenden dürfen. Es fiel auf kein gutes, dir wertes Land. Was kann man sich
im Kriege mehr wünschen, als einen edlen Feind? Mich dünkt, dies Ziel Hast du
erreicht! - Verzeih Sterbender! dass ich nur ein halbes Auge auf dich verwenden
konnte! ich hatte drei Viertel hochnot für die Feinde!
    Gott! wann kommt dein Reich? wann wird Friede auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen? Jeder Irrtum hat seine Schule, sein Auditorium. Keiner kann so
übertüncht werden, als die Idee vom Kriege. Wahrlich! ein übertünchtes Grab!
Nicht meine Leser würden es mir vergeben, nicht ich selbst, wenn ich mich nicht
selbst über diesen Edlen vergessen hätte!
    Bukarest - schrecklicher Name! - war der Ort, wo auch ich den Tod fand! -
ich erhielt tödtliche Wunden! - Guter Türke! ich verzeih' dir alles, auch den
Stich, da ich nicht mehr den Arm bewegen konnte, der etwas türkisch war, und den
du bleiben lassen können! - Sei glücklich! - Alles gab mein Leben auf. Mein
andrer Lehrling starb acht Tage darauf. Sein Sterbelager war vier Schritte von
dem meinigen. Für mich eine halbe Welt. Der Arzt verbot mir sogar allen Trost!
Wie könnt' ich ihn aber ohne den sterben lassen? Oft wenn er lechzte, wie gern
hätt' ich ihm ein Glas Wasser gereicht! Könnt' ich? - Da lag ich noch ärger, als
todt. So etwas, Freunde, wer kann es erzählen? Leset den Homer. Ich bitt' euch!
- Ich kann nicht mehr.
    So viel sei euch noch unverholen, dass ich den Sterbenden mit dem Prinzen
Wilhelm von Braunschweig am meisten aufrichtete, der ein Schwestersohn König
Friedrichs war! Auch er, sagt' ich, starb im Kriege. Eben so wenig unmittelbar.
An den Nebenumständen des Krieges starb er, die, so Wie die Krankheiten, ärger
als der Tod sind. Ich werde auch als Held auferstehen, sagte er in einer Nacht.
Wie denn anders? antwortete ich, und hatte eine Träne in den Augen. Er starb.
    Was konnte ich mehr verlieren! Meine beiden Freunde! Mich selbst! Ich lag
vier Wochen ohne alle Hoffnung! Ist's Sünde und Schande, in solcher Lage die
Lebensschnur selbst abreissen, die ein Arzt mit solchen unaussprechlichen
Schmerzen anknüpfen will? Hält die Schnur da, wo sie angeknüpft ist, am
längsten, und ein eisern Band da, wo es brach, und durch Feuer und Schlag
zusammengeschmiedet war? Keine dieser Fragen stellten in meiner Leidenszeit mich
zur Rede, Ich hatte nicht Zeit, im Allgemeinen zu fragen.
    Der Civilsterbende wollte durchaus auf dem Schlachtfelde eingescharrt
werden. Auch ich musste ihm versprechen, eben da den Krieg ausschlafen zu wollen.
Sein Testament ist erfüllt, was ihn selbst betraf! Ich zwar wache noch; allein
ein Teil meines Lebens ist auf dem Schlachtfelde bei Bukarest verscharrt! Ich
liege in deiner Nachbarschaft, edler Jüngling! - Deine Wünsche sind erfüllt!
    Romanzow, wie er gehört was vorgefallen, soll höchst zufrieden mit meinem
Unterricht gewesen sein, und soll den Edlen und mir eine Leichenrede gehalten
haben, die kürzer und dringender gewesen, als die ungebetene des Organisten in L
- bei Minchens Grabe. - Kommt er auf, war der Schluss dieser Leichenrede, ist er
Brigadier. Ich war schon seit einiger Zeit Major worden!
    Wahrlich, Freunde! dies war ein Examen trotz dem beim Professor Grossvater.
Was ist ein Blitz einer Hausmütze durchs Stubenritzchen gegen Kriegsblitze? -
Zwar lebt jeder seines Lebens, zwar stirbt jeder seines Todes, jedem ist sein
Pfund Leben und sein Pfund Tod zugewogen, wie der hochgeborne Todtengräber sehr
einsichtsvoll behauptet; doch glaube ich, dass mancher dies Pfund ins Schweisstuch
vergraben, und mancher damit wuchern kann. Der Kriegswucher, was meinen Ew.
Hochgeboren, ist er nicht der reichlichste? Er trägt tausendfältig und zwar
Leben und Tod. Kaum lebt man, wenn man den Tod nicht in der Nachbarschaft hat.
Die weisesten Leute haben von jeher Todesbetrachtungen für Lebensregeln
gehalten. Wo ist der Tod bei lebendigem Leibe dem Gefunden, dem Starken so nah,
als im Kriege?- Wo kann man ihn mit mehr Leibes- und Seelenkraft denken, als
eben hier? Ihr Weisen des Altertums, und ihr der neuern Zeit, warum habt ihr
nicht über Kriegstod geschrieben? - Sie hochgeborner Todtengräber, warum nicht
über den Kriegstod eine Redeübung angestellt? Weil der Krieg eine von den
Künsten ist, welche die Menschen gesucht haben, die von Gott aufrichtig gemacht
find! Wahr! allein auch wahr, dass jeder Weise im Privatkreise alles zum Guten
lenkt, so wie Gott der Herr es pro Publico tut!
    Prahle nicht, lieber Reiter! Herz haben und im Kriege sein, ist solch ein
Unterschied, wie Grundsätze haben und nach Neigungen verfahren - handeln und
sich mit einem Gewebe von Empfindungen behelfen! - Jedermann, der ein gutes
Gewissen hat, und sich bewusst ist eins haben zu können, kann von sich sagen: das
tat ich!
    Auch ich, Freunde! würde es sagen, wenn ich wirklich getan und nicht bloss
gelitten hätte. Glaubt nicht, ihr Kleingläubigen, jenen Schreihälsen, jenen
Zahnärzten, jenen Nachtwächtern, die nicht aufhören können. Schlachten zu malen,
als wären es Taten! Der commandirende General allein hat getan; alles, was
nicht er selbst oder sein Rat ist, leidet! - Mit Vielen kriegen, mit Wenigen zu
Rat gehen! Wer kann mir sagen, dass ihn nicht Schauder ergriffen, wenn er zwei
Heere, auftreten gesehen, und sich mitunter? Ihr, die ihr bis jetzt dafür
hieltet, dass es Todesfurcht sei, habt euch, wie mich dünkt, Hintergangen, denn
auch mich schauderte! Es ist eher Menschenfurcht, Mangel der Lebensart, als
Schrecken des Todes! Seht einen Haufen Menschen bei einander, ist es nicht die
nämliche Anwandlung? Sie ist so angreifend nicht; vorhanden ist sie. Wenn ich
schwach bin, bin ich stark, könnte man hier sagen. Wenn ich allein bin, fürcht'
ich mich, falls ich gesund bin, vor keinem. Junker Gottard, der sich vor dem
Alexander dem Grossen im Bilde fürchtet, macht keinen Einwand. Frische und
gesunde Leute sind sogar geborne Freidenker! - Ich würde sie Fleisch- und
Blutphilosophen heissen. - Frische und gesunde Leute, sag' ich; denn, wenn ich
einen Spötter sehe, dessen Körper wie ein zerrissenes Kleid aussteht, weiss ich,
dass seine letzten Stunden zu seiner Zeit im Druck erscheinen. Wie kommt's, dass
der Mensch, der doch die menschliche Schwäche kennt, sich vor nichts so sehr als
Menschen fürchtet? Der Mensch hat keine natürliche Rüstung und Waffen, das, was
ausser ihm ist, sich vom Halse zu halten. Nicht Element, nicht Tier kann er
allein zwingen, und doch ein Kronprinz der Natur. Vereinigt aber steht alles für
einen Mann. Tausend Köpfe, tausend Arme, sind Ein Kopf, Ein Arm! - Ists Wunder,
dass er blass wird, wenn er den Feind sieht? Zwar befindet er sich auch in guter
Gesellschaft; allein die Furcht sieht immer ins Weite; was nah' ist, ist vor
ihren Augen verborgen! Die Furcht hat ein Perspektiv, die Hoffnung ein
Vergrösserungsglas. Sonst sind sie Töchter einer Mutter. Kommt man sich näher,
wird man auf einander erbittert. Man schlägt, weil man geschlagen wird. Gehört
denn dazu Herz? Der Lärm, der sehr wohlbedächtig erregt wird, lässt die Vernunft
zu keinem Gedanken! - Man stirbt, man weiss nicht wie! Ist das ein schwerer Tod?
Hunger, Durst, Hitze, Frost sind schwer; die Schlacht ist's nicht, bis auf die
Invalidenfurcht, an die kein braver Soldat denkt. Kommt es denn nicht in
Anschlag, in Gesellschaft zu sterben?
    Beim Seetreffen tut's der Wind. Bei Landschlachten sind Berge, Täler und,
ausser diesen grossen Dingen, oft die unbeträchtlichsten Kleinigkeiten, die wie
ein Irrlicht den Feind verführen, dass er einen Schritt rückwärts tut. Dies
seinem Volke nur einbilden, dies ihm nur vortaschenspielen, heisst die Schlacht
gewinnen.
    Der gemeine Soldat muss jung sein; der Befehlshaber, sagt man, alt! Ich
glaub' es selbst. Nur nicht zu jung, nicht zu alt. Ziska commandirte und war
blind. Ein Commandeur braucht nichts, als Kopf! Ein Vorurteil tut hier oft
Wunder! Richelieu will zwar einen herzhaften General; allein Richelieu war ein
Geistlicher. Wie kommt's, dass kluge Leute so sehr viel auf herzhafte Leute
halten, und dass sie unter einander sich nicht sonderlich ausstehen? Sie sehen zu
sehr ein, dass man mit dem Verstände eben nicht weit kommen kann, und wollen doch
wo den Menschen stark finden! O ihr kluge, liebe, gute Herren! Lasst euch sagen,
auch das menschliche Herz ist ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es
ergründen?
    Es ist ein altes Sprüchwort: Wer zum erstenmal nach Rom reist, suchet den
Schalk. Zum zweitenmal findet er ihn. Zum drittenmal bringt er ihn mit.
    Ei, wenn ich das auf den Krieg beuten würde!
    Ich hoffe, grosse Kriege werden abkommen; so wie man dem dreissigjährigen über
einige hundert Jahre nicht mehr Glauben beimessen wird. Wozu sind auch Kriege,
selbst noch ehe das Reich Gottes kommt, wozu? - So wenig durch Disputationen die
Wahrheit ausgemacht wird, so wenig entscheiden Siege. Darf ich raten? Hohe
Herren, denkt mehr, eure Untertanen zu mehren! So viel liebe Getreue im Lande,
so viel Festungen. Die Bevölkerung ist, wie die Gottseligkeit, zu allen Dingen
nütze und hat die Verheissung dieses und des zukünftigen Lebens!
    Mit einem Statu morbi kann wohl keinem ein Dienst geschehen, sonst könnte
ich damit aufwarten. Die Herren a, b, g, von welchen Herr a der Kopfhalter war,
würden mir diesen Liebesdienst gern erweisen. Es war kritischen Sammlern kein
alltäglicher Fall. Eine Quetschung an der Seite, eine Zerschmetterung des
rechten Armknochens!
    Die unaufhörliche Versicherung der Wundärzte, nie mehr dienen zu können, war
mir mehr als alles. Diesen Trost hätten die kunsterfahrnen Herren bei sich
behalten können, da ich es selbst so sehr fürchtete.
    Der Gedanke, obgleich er sehr natürlich war: was wirst du essen, was
trinken, womit dich kleiden? beunruhigte mich keinen Augenblick. Er hat mir
wenig Kummer in dieser Welt gemacht. Als Mensch kann jeder leben, wenn gleich
nicht jeder als Major.
    Romanzow liess mich bei aller Gelegenheit Proben seines Wohlwollens
empfinden, und das war freilich Oel und Wein in meine Wunden! Der Gedanke, in
der Lehre bleiben zu sollen, schlug diesen Aufblick nieder! - Bei dem ersten
Anklang der Sterbensglocke, die ich freilich nur in der Einbildung hörte, war
ich auch in der Einbildung bei meinem guten Pastor zu L - in Preussen! Mine hatte
ihre Ansprüche auf mich geltend gemacht! - Ich fand, dass die Liebe, solch eine
Liebe wie die unsrige, durchaus nur auf gewisse Lebensperioden passt, und doch
ist, nach unserm Weltlauf, so zu lieben wie wir, Tugend, hohe Aufopferung seiner
selbst! Weite Ueberwindung der Natur! - Mein Leben war ein lebendiger Tod, und
dies ist eben der Zustand des Menschen, wo eine dergleichen Liebe ihr Feuer und
Herd hat. Man kann nicht anders sagen, als dass auch solch eine Liebe ihre
schönen Tage habe. Dass Böse hat auch sein Gutes, sagte Herr v. G., und es liegt
göttliche Weisheit in diesem Ausspruche.
    So war das Ende meiner kriegerischen Laufbahn. Folge, dachte ich, dem Wink
deines rechten Armes. Er hat Abschied genommen, nimm du ihn auch! und so musste
ich denken. Meine Gesundheit war äusserst zurückgesetzt. Du Hast, dachte ich, was
du wolltest - ein paar grosse Schritte näher zu Minen; allein ich widerlegte mich
selbst. Wohlgehen steht vor lange leben im vierten Gebot, und krank sein ist
nicht leben, nicht sterben. Fast ists ein Mittelding, bei dem jedem einfallen
muss: o dass du kalt oder warm wärest! Es gab eine Zeit, wo ich den Tod
schlechtin aussuchte, und stehe da, ich hatte weder ihn gefunden, noch das
Leben behalten.
    Ich erhielt meinen Abschied nicht, sondern einen Auftrag zu einer wichtigen
Reise. »Ich weiss keinem dies Geschäft zu übertragen, der es so, wie Ihr,
betreiben könnte,« schrieb die Kaiserin, und ihr Wunsch, dass die Veränderung der
Luft meine Gesundheit wieder herstellen möchte, war mir das, was jeder Rausch
ist. Ich fühlte keinen Schmerz und reiste nach Petersburg, und sodann -
    Wie bald ich von meinem Jesuitenräuschchen wieder nüchtern worden, darf ich
nicht bemerken!
    Wer meinen Auftrag näher kennen lernen will, dem dient zur Antwort, dass er
geheim war, wer wohin? frägt, kann gründlicher beschieden werden. Freund! da, wo
man früher, als in Russland, eine Pfeife im Grünen raucht, früher Spargel isst,
und den Wein aus der ersten Hand hat. Wegen der Manschetten muss ich, um die
reine Wahrheit zu sagen, bemerken, dass ich sie nicht länger, wie die hiesigen
gefunden! - Moden ändern sich!
    Obs nicht gut wäre, kränkliche Leute zu Gesandtschaften, und was ihnen
anhängt, zu brauchen? Eine Frage, die nebenher auffällt. Ich richtete treulich
und sonder Gefährde aus, wozu ich gesandt war; allein meine Gesundheit hatte
durch die Luftveränderung noch mehr gelitten! Ich glaubte schon, ich würde lau
zu sein aufhören, und kalt werden. - Wohl dem, der es wird! Eine so geschwinde
Rückreise, als es die Geschäfte wollten, hätte mich wirklich zu Minen gebracht,
da kam - mein Freund, und entledigte mich meiner Bürde! So sei es dir wieder,
mein Geliebter, wenn du, lebenssatt und müde, suchest, wo du dein Haupt
hinlegst. Er konnte sich nur eine einzige Nacht aufhalten, die wir durchwachten!
- und wie es doch immer geht, wir dachten nicht an uns, sondern an andere. Er
hatte meine beiden Anbefohlenen sehr genau gekannt! Warum, Freund! nur eine
Nacht? Er konnte nicht. Armer Freund! der Schlaf wäre dir gesünder gewesen, als
solch eine Todtenwache! - Gehe hin in Frieden! in Frieden!
    Jetzt, Freunde! hätte ich zum Andreas-Orden gesagt: Geh mir aus der Sonne!
Der gnädigste Brief der Kaiserin selbst konnte mir in dieser Lage keine frohe
Stunde verleihen!
    »Ich entlasse Euch aller Dienste, und, da Ihr durchaus nicht mehr als Major
sein wollt, so bleibt, was Ihr seid, mit der Versicherung, dass Mir Eure seltene
Bescheidenheit zum Wohlgefallen gereicht.
    Ich wünschte, dass dieser Brief Euch nicht aus dem Wege zu Bädern träfe, wenn
sie anders Eurer Gesundheitsverfassung dienlich sind. Ich schenke Euch - - Gern
würde ich es sehen, wenn Ihr in Liefland - -
    Wenn Ihr Eures Adels wegen Ansprüche befürchtet, so erteile ich Euch
hiermit den Adel mit allen seinen Vorzügen, und soll Euch das Diplom, sobald Ihr
es verlangt -
    Lebet so glücklich, als Ihr es verdient, und als es wünschet
                                                           Eure gnädige Kaiserin
                                                                     Katarina.«
    Wenn solch ein Brief keine frohe Stunde mehr verleihen kann, wie lebensmüde
muss man sein! Gott! was kann solch ein Brief!
    Allerdurchlauchtigste! - Nein -
    Gute Kaiserin, Mutter eines Staats, der nach einer strengen Vaterregierung
Peters des Grossen einer Mutter nötig hatte, um das zu werden, was er unvermerkt
wird - -
    Wenn diese Monarchin mit dem Könige von Preussen ein Paar worden: Welt! was
meinst du?
                                     * * *
    Ich folgte dem Winke, den mir der Gnadenbrief gab, und ging nach Pyrmont.
Schon die Reise schlug bei mir an. Wie gar anders ist's doch, reisen müssen, und
reisen wollen. Jeder kann diese Erfahrung beim ersten besten Spaziergange
anstellen! Auch selbst die Gesundheitssorge muss man dabei verlieren, sonst ist
schon kein feiner Zwang dabei, den die frische Luft nicht vertragen kann!
    Mit meiner Wiederauflebung meine uninteressirte Leser, die Spaziergänger bei
dieser Schrift, aufzuhalten, wäre unverzeihlich. Gerne erzählte ich sie, aber
den Kunstrichtern, die von Amtswegen die Sonne auf-und untergehen sehen, und die
den grünen Grund im Naturgewande nicht ohne den albernen Gedanken ansehen
können: Ei, wenn er weiss wäre! O ihr Toren und trägen Herzens, zu glauben alle
dem, was in der Natur geschrieben ist!
    Ich blieb den Winter hindurch in Süden, lernte je länger je mehr den
kaiserlichen Brief empfinden, bis ich endlich so hergestellt war, als ein
Invalide es sein kann, dessen Körper ein immerwährendes Wetterglas ist. - Eben
ein Stich im Arm, der mir den Wunsch abzwingt, dass meine Leser dergleichen
Stiche nicht von selbst bemerkt haben möchten! Was geht's meinen Leser an, dass
ich im Felde gewesen?
    Bei meiner Hinreise ging ich durch Königsberg, wie Mine. Ich sah keinen, als
Postbediente; allein was ich empfand, weiss der, der Herzen und Nieren Prüfet! -
Ich müsste mich sehr irren, wenn es nicht Se. Spectabilität gewesen, die mir, da
ich schon im Postwagen war, so heiter ausfielen, als gingen Sie zu Weine! - Kann
gewesen sein; denn bei meiner Rückreise erfuhr ich, dass die Hausmütze Todes
verblichen sei - und dass der gute Grossvater, da er keinen Blick durchs Ritzchen
weiter zu befürchten hatte, gar lustig zu jubiliren angefangen. Alles in Ehren,
versteht sich. Jetzt wieder in Königsberg. Ich wiederholte hier meine Studia. -
Mein erster Gang war zu Sr. Spectabilität, nach dem signo depositionis. Ich fand
den Grossvater auf dem Sprunge zu einem Clubb, zu dem er mich mitnahm. Wie man
sich doch noch als Grossvater ändern kann, wenn man keinen Ritzenblick mehr zu
fürchten hat! Er war seiner Bande entledigt und jetzt ungestört so froh, als
wenn seine Tochter den nämlichen Tag hätte taufen lassen, als wenn der Täufling
ein Söhnlein sei, und noch obenein nach dem Grossvater genannt wäre. Setzen Sie
sich an meine grüne Seite, sagte der Professor (eine preussische Redensart, die
zur Rechten bedeutet). Ich setzte mich, und machte an dieser grünen Seite eine
Anmerkung, die ich meinen Lesern nicht verschweigen kann. Der gute Grossvater war
kein Religionsfreund, obgleich die Bibel so wenig, wie Homer, bestäubt war.
Selten ist ein Professor Grossvater ein Religionsfreund. Woher, Freunde? Weil er
das Wahre in seiner Lehre aus Gottes Wort geschöpft hat, und weil er einsieht,
dass, wenn er seine Wissenschaft aufs Volk herabstimmen solle, man nicht anders
lehren würde, als Christus, der Professor des ganzen menschlichen Geschlechts.
    Zu diesem Weil noch ein Paar: weil alle wahre Philosophie in Zweifel
besteht, weil viel Unphilosophisches in die Religion hineingekommen, zu der
jeder vernünftige, lautere Christ zu sagen gewohnt ist: »Freund, wie bist du
hereingekommen und hast kein hochzeitliches Kleid an?« Solch eines Gastes halber
aber die ganze Hochzeitfreude aufzuheben, ist sündlich! O ihr guten Philosophen!
macht ihrs wohl wie die Engel, die das Unkraut vom Weizen trennen? Ihr reisst
beim Jäten Unkraut und Weizen aus, so dass die Erde ohne Hemde nackt und bloss da
ist, als wär's Wintertag, wenn der Wind allen Schnee weggetrieben! - Mich
friert!
    Was wollt ihr, hochgelahrte Nichtswisser! von den Concilien und den jetzigen
Winkelzwiespalten in der Kirche? Fasset doch in euren eignen Busen! Wie lange
ist's, dass in Deutschland alles demonstrirt ward? Man hat mir vom grossen Wolf
als eine sehr wahre Anecdote erzählt, dass, als ihn einer seiner Zuhörer um ein
Demonstratiönchen angetreten, das er keinem abzuschlagen gewohnt war, er gleich
auch jetzt damit fertig gewesen. Da der Impetrant den Aufsatz beim Lichte besah,
fand er, dass sein Pytagoras das Gegenteil von seinem erwünschten Satze
demonstrirt, oder zu deutsch, sonnenklar gemacht hatte. Da stand der arme
Jüngling wie Butter in der Sonne! Der Lehrer nahm ihn bei der Hand. Was mehr?
fing er an. Man kann alles demonstriren. Flugs demonstrirte er ihm, was zu
erweisen war. Man sagt, der Jüngling sei nicht gerechtfertigt in sein Haus
gegangen! Ich, wäre ich Jüngling gewesen, ich hätte es mit der ganzen
Philosophie gebrochen. Die Demonstrirzeiten haben, Gott sei gelobt! aufgehört.
Jetzt observirt man. Man geht auf die Jagd - - - Pulver und Schrot wird
verschossen; selten trifft man. So geht alles im Cirkell Lieben Herren, wenn die
Glocke zwölf geschlagen, geht's auf eins, bis es wieder an zwölf kommt. - Bald
Vernunft, bald Sinne! Die Philosophie ist ein Wortkram! Ich läugne es nicht, dass
manches Wort abgebrannt ist, und die wüste Stelle wohl verlohnte, bebaut zu
werden. Nur vergesst nicht, Freunde Grossväter, dass ihr keinen Fischzug Petri
gehabt, wenn ihr hie und da Altflickereien von Schuldefinitionen angebracht, ob
so oder so. - Was habe ich denn, wenn ich weiss, dass geschwind, behend, schnell,
nur von leblosen Sachen, z.B. Kugel; rasch, hurtig hingegen von lebendigen
gebraucht wird? Ihr legt dem Menschen Daumenschrauben an, und wenn man sich
recht umsieht, ist man Tag und Nacht gefahren und immer in die Runde, und auf
Einem Fleck geblieben. Schwindlich oben ein.
    Unser Grossvater, der wahrlich die Bibel gelesen, die dem Homer zur Seite
lag, glaubte vigore commissionis kein Wort in her Bibel; allein jedes Wort in
den Reisebeschreibungen war ihm heilig! Teater, Poesie mit allen At - und
Pertinentien waren ihm unausstehlich; wenn aber die Reisebeschreibung auch noch
so poetisch, noch so schön war, so dass man gleich beim ersten Blick sah, die
Beschreibung und nicht die Reise sei die Hauptsache bei dieser Arbeit; sie war
ihm Ja und Amen! Aber, lieber Grossvater! - Aber, lieber Major! Mag es beim Aber
bleiben, und jeder lebe seines Glaubens!
    Ich kann mich irren; allein mich dünkt, mein Vater besass das, was die
Griechen apoptegmatikhn braxylogian kai lakonikhn nannten. Herr v. G., der
Selige, pflegte, um dem frühen Spargel und der Pfeife im Freien meines Vaters
nicht zu nahe zu kommen, zu sagen, er sei aus Lacedämon. Herr v. G. ehrte meines
Vaters Wortgriffe. Schade, sagte mein Vater, dass ich nur auf Worte herabgesetzt
bin. - Zum Gluck auf Volksworte, wie ich zu Gott hoffe. Freund, sagte Herr v.
G., kommen Sie, wenn's Gelegenheit gibt, auf die Bärenjagd! Mein Vater zeigte
auf seine Reverende. Jagd, fügte er hinzu, um kein Wort schuldig zu bleiben, ist
nur Tatenspiel, Ballschlag! Zum Worte Funken selbst gehört Stahl und
Feuerstein! - Pastor! beschloss Herr v. G., Sie Stahl! ich Kiesel!
    Mein Vater war kein Freund von Sprüchwörtern, von faulen Knechten, von
stummen Dienern, wie er zu sagen Pflegte, wohl aber von Volkssprüchen. Vox
populi, sagte er, vox Dei. Ein Volksspruch ist die Unterlage zur Handlung,
behauptete mein Vater. Bei Sprüchwörtern und Sentenzen guckt ein sauber
gedrucktes Buch hervor!
    Ehrlicher Grossvater! du tust wohl, dass du zu Weine gehst; darf ich dir
indessen des Herrn v. G. letzte Stunden empfehlen? Je mehr du Menschen sehen
wirst, je mehr wirst du finden, dass es auf eine Definitionsspitze nicht ankommt.
Lebe wohl! - Trink auf meine Gesundheit! Schreibst du, so ist dein Buch gewiss in
meinem Büchervorrat. Verzeihe, dass ich unser Examen auf Mutwillen gezogen, und
so manches, was du für ein Ehrenkleid hieltest, so lange noch die Ritze war!
    Wer wird nicht gern mit zum königlichen Rat kommen mit der offenen, weit
offenen Stirn, schwarzem Haar und einem Auge, in dem man ihn im Kleinen - allein
doch ganz sieht. Ich überfiel ihn, wie er sagte, und da er keiner
Erschütterungen gewohnt war, sondern immer seinen geraden Weg ging, selbst wenn
er auf dem Gottesacker weinte - so kostete ihm, wie er mir den folgenden Tag
versicherte, dieser Besuch eine Nacht. Niemand war von unserm Kränzchen mehr
übrig als der Prediger, der aber, wie meine Leser es ziemlich deutlich gemerkt
haben werden, nur zum Collektsingen und Segensprechen gebraucht werden konnte.
Er war verwandt mit dem königlichen Rat, sonst hätte er nicht Sitz und Stimme
erhalten! - Alles todt! Auch der Kreisrichter, wo ich den königlichen Rat
kennen gelernt, und seine Frau, die schon bei meiner Abreise ihr Gehör verloren.
Er, eher wie sie, an einer Brustkrankheit, so wie er sich selbst prophezeit
hatte! - Junker Gottard hatte die Frau Kreisrichterin noch am Leben gefunden,
und als gewesener Hausoffizier seine Schuldigkeit bei der Durchreise beobachtet.
Sie hatte ihn vorgelassen. Schade! auch der Reiter todt! Der königliche Rat
versicherte mich, dass dieser Offizier so sehr mein Freund gewesen, dass er bei
meinem Entschluss, Soldat zu werden, sobald er erschollen, nichts weiter zu
tadeln gefunden, als dass ich nicht sein College geworden.
    Auch der Professor todt, der eine so vortreffliche Deklamation selbst im
gemeinen Leben besass, dass man seine Stimme eine Prosaische Melodie nennen
konnte. Der letzte Zank, den er mit unserm Reiter gehabt, war über die
Zeitungen, die der Reiter in hohen Ehren hielt; er aber so wenig, dass er sich
der verächtlichen Bemerkung bediente: er brauche sie nicht anders, als wenn beim
Rasiren ein Einschnitt sich etwa zugetragen. Sie wussten nicht, sagte der
königliche Rat, dass sie beide in einer Woche in die Zeitung kommen würden! -
Ich konnte den kleinsten von diesen Zügen nicht ohne ganz besondere
Aufmerksamkeit hören. Alles nahm ich zu Herzen. Wir erinnerten uns so manchen
Streits. Der Reiter behauptete, dass nach dem neuen Testament die Zeitungen den
ersten Platz verdienten, und dass eben sie die jetzige Welt vor Barbarei schützen
würden. Setzen Sie den Fall: man schriebe aus -, es hätte sich da ein Gespenst
hören und sehen lassen, würde man nicht gleich aus Berlin antworten: kein wahres
Wort -? Die Avancements waren indessen unserm Reiter das Hauptstück, die nun
freilich weniger Interesse für die Welt haben, als wenn ein Gespenst sich sehen
und hören lassen sollte. Ich liess unverhohlen, dass eben der Zeitungs-Panegyrist
Schuld daran wäre, dass ich in russische Dienste gegangen.
    Der königliche Rat hatte die abgegangenen Stellen wieder besetzt, indessen
hatte er, um mir die eingebüsste Nacht nicht schuldig zu bleiben, ausser dem
Stammhalter, dem Prediger, die als ordentliche Mitglieder eingeführten Männer,
den Offizier, den königlichen Rat, den Professor und noch einen verabschiedeten
preussischen Offizier gebeten, der als Zöllner versorgt war. Dieser Zöllner und
ich sahen uns an, und wie aus einem Munde, Alexander! Darius! Wer hätte das
gedacht!
    Es war im ersten Augenblick alles Du und Du. Da aber Darius hörte, ich wäre
Major gewesen, beschied er sich den Augenblick, und ich hatte viel Mühe, ihn
wieder an Ort und Stelle zu bringen. Benjamin? Ja er selbst? - Auch Benjamins
Geschichte will ich Extrapost erzählen. Wir verliessen Benjamin in einem
schrecklichen Zustande.
    Mine, die ihm aufgetragen, ihre Reise nach Mitau vorzubereiten, fand ihn
selbst reisefertig zur andern Welt und ging von seinem Bette, betrübt bis in den
Tod; Benjamin erholte sich zwar, indessen konnte er in einem halben Jahre zu
keiner Fassung kommen. Man gab die Hoffnung auf, dass er je ganz zu sich selbst
rückkehren würde. Endlich war er im Stande, die Scene mit seiner Schwester zu
verstehen, die ihm aber wegen der so langen Zeit mit vielen Zusätzen und
Verstümmelungen beigebracht ward. Meister und Meisterin hatten keine Schuld an
ihm. Der alte Herr hatte keine Taube seines Sohns halber versandt, und der
Meister war so voller Beobachtung der Regel: was dich nicht angeht, davon lass
deinen Fürwitz, dass er, um den Darius'schen Ausdruck beizubehalten, seinen
Prügel viel zu lieb hatte, um ihn unter die Hunde zu werfen. Vorerst war es auf
eine Heirat mit des Meisters einziger Tochter, Christine, angelegt. Es wird
doch, sagte der Meister, keine Missheirat sein. Da aber Christinchen sich
unversehens so sehr verlaufen, wie Darius sagte, dass kein ehrlicher Mann sie
aufzusuchen im Stande war, so liessen die betrübten Eltern Benjamin ziehen in
Frieden. Beim Abschiede, sagte Benjamin, lief es mir eiskalt übern Rücken. Es
waren sehr gute Leute. Benjamin zog nicht eher Nachricht von Minen ein, als bis
sie todt war! - Ich ass eben, sagte er, Brod in frische Milch eingebrockt, da ich
die erste sichere Nachricht von ihrem Tode erfuhr, und ich hätte, so hungrig ich
war, den Löffel nicht an den Mund bringen können, um wie vieles! - Auf meiner
Wanderschaft, sagte er, hat mich manch harter Sturm erschreckt, o! wie manche
rabenschwarze Nacht habe ich belebt, und wie oft bin ich ganze Tage gegangen,
ohne einen Hüttenrauch zu entdecken! An einen Kirchenturm war ohnedies nicht zu
denken.
    Er kam in eine preussische Stadt, wo er dem Commandeur vorgeführt wurde! -
Benjamin erschrak gewaltig, da er vom Soldaten hörte, den ihm der Offizier so
süss vorpfiff! - Es ward ihm indessen alles überlassen. Eben weil er nicht
gezwungen, sondern sich selbst überlassen ward, bot er sich nach vier Wochen von
selbst an. Die Meisterin des Orts, wo auf kein Christinchen Rücksicht zu nehmen
war, hatte ihn ohne Ursach chicanirt, und nun glaubte er, sie wieder chicaniren
zu müssen. Ich warf den Plunder weg, sagte er, und ward Soldat! Das Dariusspiel
hat viel dazu beigetragen. Benjamin zeigte keine kleine Geschicklichkeit im
Schreiben, und da er im ganzen Städtchen privilegirter Briefsteller und
Berechner war, so stand er sich so vortrefflich, dass er auf Standeserhöhung
dachte, die ihm auch nicht fehlschlug. Er ward namhafter Corporal. Wie war's,
wenn es aus Feuer ging? fragte ich ihn. Musste gut sein! erwiederte er. Freilich
hatte ich noch keine Flinte, bis auf den Tag, da ich Menschenjäger ward,
losgedrückt, und ausser einem Taschenpuffer kein Knall- und fallendes Gewehr in
meiner Hand gehabt; indessen fand sich alles nach und nach. Vorerst ward mir
dann und wann eins angehangen, und vorzüglich habe ich meines Fusses halber
manchen Spass gehabt. Kommts nicht heute, kommts morgen, dachte ich, und es kam
morgen! - Du pflegtest mir zu sagen, dass in jeder Sache ausser dem, was ins Auge
fällt, noch etwas Unsichtbares wäre, ausser dem, was da ist, noch ein Geist, der
webt. Beim Soldatenstand ist dergleichen Geist nicht, wohl aber, wie du selbst
wissen wirst, so mancher blaue Dunst, den man machen kann. Was fehlt meinem
Bein? - Ich unterrichtete beim Oberstlieutenant die Kinder. Du? meinst du Nein!
Jeder Mensch hat im Regiment geglaubt, ich hätte studirt; da habe ich manchmal
gedacht: ich wäre schon so aus der Erbliteratenfamilie! - Der Prediger hielt
mich für einen Juristen, der Auditeur für einen Teologen! - Die Herren Geehrten
müssen doch selbst nicht so recht wissen, woran sie sind.
    Darius ward auf Werbung vermöge ganz besonderer Empfehlung gesandt, und da
er hier Gelegenheit hatte, sich ausnehmend hervorzutun, vom Könige unmittelbar
zum Lieutenant ernannt. Meine Feinde sagen: es sei ein Missverständnis im Namen
vorgefallen - und der König soll sich auf einen Corporal gleiches Namens
besonnen haben, der, vor seinen Augen, wie ein Bär im Kriege getan. Auf einmal
erscholl ein Gerücht, dass alle bürgerlichen Offiziere, die nicht zu dieser
Ehrenstelle während dem Kriege gekommen, in Gnaden entlassen und nach Bewandtnis
der Umstände untergebracht werden sollten. Das Glück ging mir nach diesem
Unglück bald wieder auf. Anfänglich nur in Gestalt eines halben Mondes; ich
hatte nur eine halbe Glückswange. Dieses Halbglück war ein Mädchen, das mir
wohlwollte. Es ward meine Frau. Bald darauf erschien der volle Mond. Ich bekam
eine Stelle bei der Zoll- und Acciseverwaltung, wo ich ausser einer Ärgernis,
die mir viel zusetzt, ehrlich und ordentlich lebe! - Zur Ärgernis gab ein ganz
besonderer Vorfall Gelegenheit. Benjamin Hauptmann, der nicht so gut schrieb und
rechnete, wie Benjamin Darius, ward als sein Subaltern angesetzt. Der arme Mann
hatte Feldzüge mitgemacht, und Darius nichts weiter, als Werbdienste getan.
Natürlich, dass dieser wunderliche Wechsel den Herrn Hauptmann schmerzen musste,
und dies um so mehr, da er sich von Adel hielt, woran indessen auch gezweifelt
ward. Bruder, fügte er hinzu: es ist ein Literatusadel, den ich mir auch
zuzueignen im Stande wäre. Ich konnte mich nicht des Lachens entalten.
    Benjamin unterhielt mich mit dem Für und Wider, den Adel des Herrn
Hauptmanns betreffend, länger, als ich selbst wollte. Das ärgste ist, sagte er,
dass unser Hauptmann von Capernaum aus einem guten Hause geheiratet und eben
darum sich Anhang zusammengesprengt hat. Alles hausarm; allein desto fester
halten die Kletten. Da findet denn sich hoch wo ein gnädiger Onkel, der einen
Einfluss hat. So viel kannst du glauben, fuhr Darius fort, ich vergebe mir
nichts. Ehre verloren, alles verloren. Da ich der Sache näher trat, oder
eigentlicher, treten musste, war der anomalisch adliche Hauptmann so wenig ein
Subaltern des Darius, dass er bloss eine kleinere Stelle besass. - Meinst du?
fragte er mich.
    Allerdings! und die Hitze des Subordinationsfiebers legte sich.
    Freilich fürchte ich, es werde eine Palliativcur sein. Meine Frau - -
geheiratet? Ja! Ein Sohn und eine Tochter.
    Benjamin liess nicht nach, mir dass Versprechen abzufordern, dass ich bei ihm
Nachtlager nehmen möchte. - So sieht er doch, fügte er hinzu, dass auch ein Major
bei mir einkehren kann! Da haben wir das Subordinationsrecidiv. Ich lernte eine
recht artige gute Frau Lieutenantin oder, wie sie lieber hiess, Inspektorin
kennen. (Der Hauptmann war nur Einnehmer.) Sohn, und Tochter! Ein Paar liebe
Kinder! Ich erschrak, an der Tochter einen entfernten Zug von Minen zu treffen,
und da ich ihm nachspürte, fand ich ihn auch am Vater, und was noch mehr war, an
der Mutter.
    Meine selige, in Gott ruhende Mutter behauptete Stein und Bein, wie sie
sprach, dass Mann und Weib ein Leib wären, das heisst, was ähnliches hätten,
sonst, setzte sie hinzu, würden sie sich nicht geheiratet haben. Das ist der
Abdruck des Himmels, in dem bekanntlich Ehen geschlossen sind. Ich muss frei
bekennen, dass ich diese Bemerkung oft bestätigt gefunden. Mag wohl immer sein,
wenn Neigungen Ehen binden! - Man liebt sich selbst im andern! - Desto
angenehmer war mir der Abend!
    Wir blieben spät in die Nacht zusammen. Die beiden Kleinen, die von Schlaf
umfielen, mussten nicht von der Wache. Hab' ich mir nicht, sagte der Herr
Inspektor, mehr im Kriegsdienst gefallen lassen? und konnte ich denn dafür, dass
während der Zeit kein Krieg war? Sprach man doch jede Revue vom Marsch! - Wir
wollen doch sehen, mein Kind! bemerkte die Frau Inspektorin, wer von den Kindern
den Preis erhalten wird, ob unsere, oder des Einnehmers? Ich freute mich, dass
Madame es auf diese Probe aussetzte, und sah wohl ein, dass die
Subordinationsstreitigkeit eigentlich bei der Weiberinstanz vorlag! - So nagt
doch immer, fing die Frau Inspektorin nach einer kleinen Weile an, etwas am Mark
des Lebens! - Eine gute Frau bis auf die kleine Affektation, hie und da etwas,
das gehen sollte, tanzen zu lassen. Ein Capriolchen nahm sie sich nicht übel.
Sie las viel Romane, die alle vortrefflich gebunden waren. Sie kleidete sich
sehr mit Geschmack - Ich fand sie im allerliebsten Negligé! Was sie spricht (die
Frau Einnehmerin nämlich), sagte die Frau Inspektorin, ist mit welkgewordenen
Blumen einer Metapher bekränzt! - Solch ein Kranz! Er ist nur auf wenige
Stunden. Im Wasser halten sich die Blumen am schönsten! »Liebe Frau Inspektorin!
muss aber kein Springwasser sein!«
    Meine Frau, sagte Darius, nicht wahr? geht rund herum; ich steige gleich
aufs Dach! Sie stellt's zur Schau aus; ich hänge es geradezu hin, wo es hängen
soll! - Mein Kind! sagte sie, bei einer andern Gelegenheit, wie er heiratete
(der Hauptmann nämlich), verschwand der letzte Stern von Hoffnung. Aber,
erwiederte er, der Major sagt - - Mag immer, lieber Herr Major! Weibersehnen
entstricken sich eher.
    Unfehlbar glaubte sie ihrem Stande durch einen dergleichen Ausdruck
nachzuhelfen. Mag wohl literatadlich sein; natürlich ist er nicht. Mir
wenigstens kann kein Naturstück aufstossen, wo ich nicht etwas Aehnliches
entdecke, Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch.
    Sie erkundigte sich sehr herzlich nach ihrem Schwiegervater, und wollte von
mir eine Beschreibung von einem Literatus, welche sie bis dahin noch nicht von
ihrem Manne nach der Tablatur, wie sie es nannte, erküssen können. Ich liess den
Hermann bei Ehren! Hätte der Hauptmann von Capernaum, pro tempore
Acciseeinnehmer, die Abkunft des Inspektors erfahren, Subordination! - wo wärst
du geblieben? Wenn mein Mann wider seinen Vater etwas hat, was gehts mich an?
Man sehe doch das galllose Schäfchen! Ernst! Ein gutes Weib! Man lasse ihr doch
die welkgewordenen Blumen einer Metapher! - Was tut es denn dem Manne, wenn
seine Frau in so etwas Unschuldiges verliebt ist? - Zehnmal versicherte sie
mich, wahre Freundschaft daure noch, wenn gleich alle Kronen Urnen geworden! -
Und alle Worte Gedanken, wollte ich schon sagen. - Ihrem Manne machte das
Tulpenbeet seiner Frau, in zierlichen Ausdrücken dargestellt, keine geringe
Freude, obgleich er selbst bei seiner Weise blieb, geradeswegs aufs Dach zu
steigen. Freilich musste das Dach nicht zu hoch sein - da Benjamin Darius
origetenus auf schwachen Füssen stand.
    O der wunderbaren Vermischung der Denk- und Handlungsart der Menschen! und
doch wieder so allzusammen eins, dass man weiter gehen könnte, als meine Mutter.
Nicht bloss Mann und Weib, sondern alle Menschen haben einen gemeinschaftlichen
Zug - alle etwas vom Vater Adam und Mutter Eva, denen, sie mögen gewesen sein
wie sie wollen, doch Kindespflicht eignet und gebühret.
    Amalia war mit dem Krämer ehelich verbunden, und glücklich genug gewesen,
fünf Kinder mit ihm zu erzielen. Junker Gottard hatte sie nicht besucht,
worüber sie sich beklagte, ohne dass der Krämer ein Wort darüber verlor!
    Ich erneuerte alle meine alten Bekanntschaften, die heilige Geiststrasse und
den Rossgärtschen Kirchhof nicht ausgeschlossen. Die Strasse, die zu meiner Zeit
beim Abzuge des Malers, dessen Quartier wir bezogen, illuminirt war, soll, wie
man sagt, nicht aus der Illumination herauskommen. Was die Mütter taten, tun
die Töchter nach ihnen.
    Schliesslich übergab ich dem Darius und vorzüglich seiner Frau, Minens Grab
in L. Ich tat es in Gegenwart ihrer Kinder, und so feierlich, dass alles weinte,
nur der gewesene Herr Lieutenant nicht, dem man in Hinsicht der Tränen nicht so
leicht aufs Dach steigen konnte. Sie gab mir das feierliche Versprechen,
künftige Woche zum guten Pastor nach L. zu fahren, wo sie schon bekannt war, um
ihren Kindern das Grab zu zeigen! Gern wäre sie jetzt gleich mitgekommen, wenn
ich es ihr nahe gelegt; ich wollte mir aber durch kein Gewürz ein gesundes
natürliches Essen verderben! Auf diesen Ausdruck bringt mich die Frau
Inspektorin selbst. Sie sprach von einem Ausdruck, den sie das vor Fäulnis
bewahrende Salz nannte. - Wenn die Speisen nur nicht versalzen werden, wie die
königliche Frau Mutter es schon drei Tage vor dem königlichen Auftritt zu tun
gewohnt war!
    Darius dankte mir, wiewohl insgeheim (wer mag gern in Gegenwart seiner Frau
in die Flucht geschlagen werden), für die schönen Tage, die er bei einem Haare,
wie die Dorfjungen, Talken genannt hätte, wenn ich ihn nicht in Zeiten ins
Griechische gebracht. Ich habe diesen Kriegen, sagte der Herr Inspektor, viel zu
danken. Nimmermehr würde ich sein, was ich bin, wenn ich nicht Darius gewesen!
Freilich kann wohl aus Darius nichts natürlicher als Accise-Inspektor werden!
Alexander aber und Major! ist da Verhältnis, kunstrichterlicher Leser? Nicht
wahr, eine versalzte Frage!
    Ich fand Fronspergers Kaiserliches Kriegsrecht beim Darius, und Benjamin
versicherte mich, dass ihm das Werkchen viele gute Dienste getan. Freunde! Darf
ich's wiederholen: beim Spiel eine ernstafte Miene gemacht, so ist's Ernst;
beim Ernst eine komische Miene, so ist's Spiel! Entweder ist alles Spiel, oder
alles Ernst in der Welt! - Wie man es drauf anlegt! - Und nun, wenn anders meine
Leser keine Tücke auf Benjamin haben, wer hätte gedacht, dass diese linke Hand
sich so herausarbeiten würde. Ist ihm die Nottaufe anzusehen? Schneider, oder
Literatus, sagte seine liebe selige Mutter.
    Der Major, der uns nach Königsberg brachte, war todt. Schade! Eben da ich
sein College war! Der Junker war Lieutenant geworden, Benjamins Amtsbruder, nur
mit dem Unterschiede, dass Benjamin ein stehendes, sein College aber ein
fliessendes Wasser war! Wie weit kann er's nicht noch bringen! Der fliessende
Lieutenant, wie er sich darüber freute, dass ich Soldat geworden! Noch lieber
hätte er und der verstorbene Reiter, wirkliches Mitglied des gelehrten
Kränzchens (wenn letzterer nämlich noch gelebt), gesehen, dass ich bei der
Cavallerie gestanden!
    Beim Abschiede gab ich dem Herrn Inspektor den Brief der Kaiserin, den ich,
ausser dem königlichen Rat, keinem gezeigt hatte. Dem Professor Grossvater wäre,
wie mich dünkt, am wenigsten damit gedient gewesen. Da war Benjamin wieder aus
dem Du-Geleise und bat um Verzeihung, so sehr die Subordination beleidiget zu
haben. Ich hatte Mühe, ihn ins Du zurück zu bringen. Stelle Dir vor, sagte er zu
seiner Frau, ohne dass ich es verhindern konnte, dass er diesmal zu Dach stieg:
unser Gast ist auch geadelt und ein Gutsbesitzer. - Ihr Gesicht - wahrlich etwas
zur Schau! - Gut, dass es beim Schluss war!
    Lebe wohl, Königsberg, auf ewig!
            Nach L - nach L -.
    Ich zog durch einen andern Weg, und obgleich ich nichts tat, als mich
gierig nach dem heiligen Grabe umsehen, fand es doch mein Auge nicht. Der gute
Pastor! Mich ärgern alle die Verzierungen, die man beim guten gemeinen Leben
anbringt. Da will man seine vorigen Bekannten raten lassen, wer man ist! Da
lässt die Frau, ohne dass der Herr Gemahl es weiss, zu seinem Geburtstage ein Mahl
anrichten. In der Josephsgeschichte selbst gefällt mir der Zierrat nicht. -
Warum nicht gleich: ich bin Joseph, euer Bruder! - Geradezu gab ich mich dem
Pastor zu erkennen, wie seinem Bruder, dem königlichen Rat, der es einen
Ueberfall nannte, und der darüber um eine Nacht kam, ich weiss nicht wie. Wie es
mit Minens Grabe stände, war meine erste Frage, in die sich unser Pastor nicht
finden konnte. Ich umarmte ihn, und ohne ihn zur Antwort zu lassen, die er von
der Ueberlegung borgen wollte, nahm ich ihn bei der Hand und da waren wir! -
Nach der Zeit hat er mich versichert, dass ihm noch selbst auf dem Wege alles wie
ein Traum gewesen! Da, sagte er, liegt mein Weib, Minens Nachbarin! Es war kurz
vor Ostern und schon war Minens Grab so grün! so schön!
    Der Pastor verliess mich, um, wie ich nach der Zeit sah, von Haupt zu Fuss
sich umzukleiden. Ich sah gen Himmel, warf mich auf die Erde, auf die heilige,
Minen geweihte Erde! Ich konnte nicht weinen! - Mine! Mine! war alles, was ich
konnte. Ich warf mich mit einer Heftigkeit aufs Grab, die kein Wort aufkommen
liess, die es erdrückt haben würde, wie ein Grausamer einen Wurm, der sich krümmt
- und stehe da! so wie ich hinstürzte, fiel das Grab ein! Ein anderer wäre
aufgesprungen; allein ich erschrak darüber so wenig, als ich mich über den
kaiserlichen Brief erfreute. Wer kann etwas in solchen Umständen! Nach einer
kleinen Weile war es mir so, als der lebendige Odem aus ihrer Nase, woraus wir
ihre Rückkunft ins Leben erprobten! Gott! schrie ich und sah nun ein, dass der
Sarg nachgelassen und die Erde ihm gefolgt war, als ob sie mir Platz machte!
dachte ich. Ich komme bald! sagte ich so laut, dass ich's wiederhallen hörte; wo
es wiederhallte, weiss ich noch nicht: allein dies Bald im Wiederhall, wie es
mich ergriff, das kann ich nicht sagen, nicht denken! Empfinden - kann ich's. In
solchen Fällen lasst der Empfindung ihren Wert, ihr Empfindungsstürmer! Noch
jetzt hat es mich erschüttert! Bald! Amen! bald! Amen!
    Nach einer Weile fiel es mir wie ein Blitz ein, das Ende meines
                               anexoy kai apexoy
zu machen. Schnell riss ich die letzten Siegel auf und las:
    »Du bist ein geborner Edelmann, ich heisse - -. Einen einzigen Buchstaben
habe ich im Namen geändert. Wirfst du den weg, bist du, was deine Vorfahren seit
undenklichen Jahren gewesen. Mein ältester Bruder, der mich verfolgte, ist
Schuld an diesem allen. Wie wenig ist dieses alles. Ein geänderter Buchstabe,
ein einziger, was will das sagen? Die Beilage ist die Asche von den Papieren,
die im Brande drauf gingen, der sich zutrug, da du krank warst. Sie muss gelten,
wenn du sie geltend machen willst. Gott segne und behüte meinen Bruder und die
Seinen für und für! Auch dich segne er mit und ohne den Buchstaben - -«
    Mehr konnte ich vorerst nicht lesen und auch meine Leser wissen genug in
meinem Lebenslauf. Das übrige gehört zum Lebenslauf meines Vaters, wovon der
vierte Teil bergauf handelt. Die Beilage Asche hatte die Buchstaben so
unleserlich gemacht, dass alles wie schwärze Kunst aussah.
    O Freunde! Die Scene, wie ich beide Adelbriefe zusammennahm und sie auf
Minens Grab legte zu ihren Füssen, könnte ich sie doch mitteilen! Ob sie gemalt
im Zimmer sich ausnimmt, weiss ich nicht; aber fürs Herz! - Ich kann nicht! - Sie
brachte mich zu Tränen, zu sanften, süssen Tränen. Mine war mir Welt, Leben,
Alles!
    Sieh! Minens Schutzgeist, steh! der du ihr das Bald so warm wiedergebracht
hast, als es das Echo, das Sprachrohr der Geister, dir zubrachte! Sieh diese
Treue! Sie war Minens wert! Was sollen mir diese Gnadenbriefe ohne sie? O du
lieber, seliger Vater! Dank sei dir, dass du diesen Pomp in Asche verwandelt und
sie zur Beilage gemacht hast! Wir sind Staub und Asche!
    Der Pastor kam ganz herrlich verziert, und wollte mich seiner Entfernung
halber um Vergebung bitten. Da er aber sah, was vorging, war er Willens zu
bitten, dass ich ihm seinen Ueberfall verzeihen möchte. Herr Major, fing er an
(dies hatte er schon von meinem Bedienten erkatechisirt), das hat nie ein Major
getan, so lange die Welt steht! - So hat er auch keine Mine gehabt, so lange
die Welt steht! - erwiederte ich, nahm ihn wieder bei der Hand, und führte ihn
zu dem Grabe seines Lindenweibes. Hanna wollte durchaus, sagte er, Minens
Nachbarin sein, und wir alle wollen's sein. Meine Tochter hat sich dieses von
ihrem Manne schriftlich versprechen lassen, und er von ihr! - Hat Mine es doch
dem Natanael vergeben, lieber Major! Sie würden sich gewiss vertragen - gut
begehen, hätte ich bald gesagt! - Freund, antwortete ich (selbst weiss ich nicht,
wie ich dazu kam), da sind Türk' und Russe Brüder! - O, lieber Herr Major! vom
Türkenkriege zu reden! - Freilich hier nicht, aber doch! Ja! Ich drückte ihm die
genommene Hand. Freund! das Grab Ihrer Hanna ohne Linden! - Eine wollte ich ihr
geben, ausgegangen! drei Jahre nach einander gesetzt und ausgegangen! Wie todt
geschlagen! Ohne Leben und Odem! Mehr als eine mochte ich nicht! Warum sollte
ich Ihrer Mine die Sonne entziehen? - Die Linden nehmen sich viel heraus, wenn
sie ins Wachsen kommen. Sie sind sehr sonnengeizig, ungerecht gegen alles, was
unter ihnen wächst.
    Nach dieser Scene gingen wir in die Kirche. Siehe! ich komme bald; halt was
du hast, dass niemand deine Krone nehme, rief mir jede der vier Gegenden zu,
Osten, Süden, Westen, Norden! Alles war mir so gegenwärtig, als ob es vorginge.
Minens Begräbnis, Gretchens Eheverbindung!
Was Gott tut, das ist wohlgetan;
Es bleibt gerecht sein Wille!
und
Drum lass ich ihn nur walten!
    Warum denkt man so gern an gehabte frohe Stunden? Wahrlich, weil das Leben
so kummervoll ist, und weil wir ihm durch dergleichen Kunstgriffe förderlich und
dienstlich sein wollen. Wahrlich, die überall gütige Natur hilft auch hier, so
wie in allem, unserer Schwachheit aus. Wir erinnern uns froher Tage fast eben so
froh, oft froher, als wir es waren, da wir sie lebten. Die Zurückerinnerung an
traurige Vorfälle geht von langen zu kurzen Tagen über und wird schwächer.
    Alles war uns von Gretchens Hochzeit sichtbarlich: die Verschwendung des
Puders von Seiten Natanaels, das Kleid mit den goldbesponnenen Knöpfen des
Amtmanns selbst, womit der Amtmann sich bloss ausstaffiren wollte, und das nicht
zum Vorschein kam, war uns gegenwärtig.
    Der gute Pastor hätte nicht die Frage aufwerfen dürfen: Wie wäre es, wenn
wir Gretchen besuchten? Hätte ich ihr so nahe sein können, ohne sie von
Angesicht zu Angesicht zu sehen? Miss ich denn nicht ihr und ihrem Manne für die
treue Pflege danken, die sie Minens Grabe angedeihen liessen? (Die Zeit hatte
meinen Schmerz über Minen in Poesie gebracht, wie sie es immer tut, o! so sanft
lyrisch!) Bin ich Gretchen denn nicht die Heimführung schuldig?
    Es ward verabredet, zuerst Gretchen und ihren gepuderten Mann, und nach
diesem den hochgebornen Todtengräber & Compagnie zu besuchen. Ich habe schon
bemerkt, dass ich keine Maskeraden liebe. Warum auch die Mummerei? Da steige ich
lieber den Leuten, wie der Herr Lieutenant, aufs Dach, als dass ich ihnen (auch
ein Ausdruck des Herrn Inspektors) was ins Maul schmieren sollte. - Wie das
absticht, der Herr Inspektor und die Frau Inspektorin:
    Mein Gott! wie sich Gretchen freute! auch Natanael!
    Sie küsste mich wieder so herzlich, als wie ich zur Hochzeit kam, und den
Justizrat zur Frage: Wenn? brachte. Der arme Mann musste jetzt viel dieser
Eifersucht halber ausstehen! - Jetzt war er so weit vom Wenn, dass er selbst gern
darüber lachen mochte. Er hatte sich ungemein auf die Politik gelegt, und wollte
durchaus die Karte herbeiholen, da sich der Herr Schwiegervater an den
Türkenkrieg erinnerte. Der gute Natanael war immer mit marschirt, hatte immer
mit gekriegt und mit gesiegt. Er war, so wie sein Schwiegervater, wohlbedächtig
russisch, obgleich sonst jeder Mensch eine Neigung hat, sich des Unterdrückten
anzunehmen. Ist's Wunder? Es ging ja gegen die Türken! Die Anlage zur Politik,
welche der Prediger bei Gelegenheit der verlornen Schildwache zeigte, hatte
freilich noch nicht ihren Geist aufgegeben; indessen übertraf Natanael seinen
Schwiegervater in der Politik bei weitem. Gretchen war dagegen so unpolitisch,
dass sie recht geflissentlich diesem Blutvergiessen auswich. Ein politisches Weib
ist wahrlich das unausstehlichste unter allem aus der siebenten Bitte. Fast
sollten sie das Wort Krieg nicht auszusprechen, nicht über ihr Herz zu bringen
vermögen. Ein anderes, ging's um die schöne Helena! oder wenn sich ein Paar um
das blaue Augenpaar der Huldgöttin der Stadt schlügen! In solchen schönen Fällen
erlaube ich ihnen auch ein Wort über Krieg und Kriegsgeschrei zu sprechen!
    Gretchen, du hast den besten Teil erwählt, das soll nicht von du und deinen
Töchtern genommen werden ewiglich! Wie du in Reisekleidern ausgingst,
liebenswürdiges Geschöpf, und mit verweinten Augen zurückkamst! - Gott lohne
dich mit seinem reichlichen Gegen! - Sein Antlitz hebe Er aus dich, und sei dir
gnädig!
    Es war ein gutartiger, allerliebster Frühlingstag. Wir kamen früh an und
frühstückten auf einem Haufen. Mir kommt das Frühstück als die natürlichste
Mahlzeit vor, das sich auch die englische, die natürlichste Nation, nicht nehmen
lässt. Omen Morgen, lieber Engländer!
    Ich setzte mich ins Gras, und die fünf Kleinen (so viel hatte Natanael
aufzuzeigen) um mich her. Dies brachte mir ein Vergissmeinnicht, jenes nahm mir
den Hut ab; die beiden kleinsten Mädchen ergötzten sich an den blanken Knöpfen
meiner Uniform!
    Der gute Prediger sah diese Gruppe und sagte: »Simon Johanna, hast du mich
lieb?« Weide meine Lämmer! Ich hielt diesen Spruch an, und auch noch schallt er
mir ins Herz: »Weide meine Lämmer!«
    Leopold, willst du ins Grüne?
    Eben wollte ich bitten.
    Komm!
    Ohne Strohhut?
    Versteht sich -
    Gretchen sowohl, als Natanael behaupteten, der dritte von oben hätte viel
Aehnlichkeit von mir! Ich fand es nicht. Vater und Mutter hatten ihn am
liebsten. Schade, dass er nicht Alexander hiess, sagten die Eltern, der älteste
hiess so! Das erste Kind war eine Tochter und hiess Mine! - Wie ich dies liebe
Mädchen an mein Herz gedrückt! Es war es, das mir Vergissmeinnicht brachte! Ich
liess mir von Gretchen das Ende ihrer Mutter erzählen, wo sehr starke Stellen
darin vorkommen. Ich will meine Leser, denen ohnehin eine Todesfahrt bevorsteht,
mit den nähern Umständen nicht aufhalten. - Sie starb sehr heiter. Ihr Tod war
kein Lindentod. Wer nicht von dieser ihrer Krankheit gewusst hätte, würde sie in
Wahrheit aus den letzten vier Wochen ihres Lebens nicht ersehen haben. Ihre
Einbildungskraft war wieder eingezäunt. Ihr Auge hatte jene Wildheit nicht mehr;
- es strahlte nicht, es schien nur. - In ihren Segnungen paarte sie mich noch
mit Gretchen; das heisst: sie segnete mich so inbrünstig als sie, obgleich
Natanael und seine Kinder hiebei nicht zu kurz kamen. Auf den Enkel Alexander
legte sie beide Hände, auf jedes andere ihrer Kinder nur eine. - Was sie froh
war, sagte Gretchen, Minen zu sehen! - Gehe ein zu deines Herrn Freude!
    Kaum hatte Gretchen diese für mich so rührende Geschichte vollendet, so
marschirte Natanael schon wieder zum Türkenkriege, und wollte ich wohl oder
übel, ich musste erzählen. - Gretchen bestellte während des Türkenkrieges ein
natürlich schönes Mahl. Bei Tische war der Justizrat nicht von Bukarest zu
bringen, bis ihn endlich Gretchen wie einen Türken schlug. Die kleine, liebe
Russin! Sie vergoss über meine zwei liebe Kriegskameraden bittere Tränen! und
mehr, als die Geschichte dieser jungen Helden, wollte sie nicht. Der Prinz
Wilhelm von Braunschweig war ihr zu vornehm, um an ihm Teil zu nehmen.
    Rechten und Fechten, sing die Lose an, und zeigte mit Fingern auf Natanael.
Er gleich fertig: brummen, verstummen! und zeigte auf Gretchen! Ich gab dem
Justizrat einen Blick, als wollt' ich sagen: ich bitte, meine Mutter ruhen zu
lassen in Frieden!
    Was Gretchen wohl ansteht, gebührt eben einem so puderreichen Manne nicht.
Natanael fühlte, dass er zu weit gegangen, und ward so still, dass ich ihn selbst
mitleidsvoll durch eine Türkengeschichte aufmunterte. Wer kann immer fechten;
ich fing also zu rechten an. »Ich will mich selbst richten,« schrieb Natanael
an seinen Schwiegervater, »und den Krieg Rechtens mit mir selbst anfangen.« Ein
schön Stück Arbeit! Natanael hatte redlich Wort gehalten. Nie sprach er ein
Urtel über andere aus. Sich selbst hielt er in Ordnung. Vielleicht fiel er eben
darum auf's Politische. Durch eine Schadenfreude über die Türken konnte er
freilich keinen Schaden tun. - Wenn er ja noch mit einer Beurteilung sich
hören liess, so war es wider die Gesetze selbst. Wider die Türken und wider die
Gesetze sollte wahrlich jedem Christenmenschen ein Wort zu seiner Zeit erlaubt
sein.
    Die Gesetze, sagte der Justizrat, scheeren alle Menschen über einen Kamm!
Unfehlbar dachte er ans Promemoria. Wenigstens fiel es uns allen ein, obgleich
wir es nicht sagten. Der Gerechte und Ungerechte wird nach einer Form behandelt,
und ein gelehrter Jurist ist der, welcher aus einer Tasche nimmt, und es in die
andere legt; aus der Ausgabe in die Hauptcasse! - Und unsere Philosophen, sagt'
ich, was tun sie mehr? Wenn es köstlich gewesen, schlagen sie die Zinsen zum
Capital. Und dann, fuhr der Prediger fort, geben sie es an einen unsichern Ort.
Und dann, beschloss der Justizrat, holt der Teufel alles.
    Der gute Natanael erschrak selbst über den Teufel, da er ihn citirt hatte,
so wie über's Brummen und Verstummen! Er hatte in diesen Tagen ein klein
Capitälchen verloren, das er vielleicht auch, wie die Philosophen, von Zinsen
gesammelt! Solch Geld soll überhaupt nicht viel Segen haben.
    Warum Scheltwort wider die Gesetze? sagte der Prediger. Ihr Herren habt ein
gewisses Phlegma, das ihr Diensteifer nennt. Alles nur so nach dem es scheint,
nichts, nach dem es ist.
    Ihr Bruder! fing ich an -
    Ist nicht phlegmatisch von Natur -
    Ein wahrer Menschentreffer.
    Mag! allein das beste Auge wird müde! -
    Ich. Und furchtsam, wenn es ein paarmal fehlgeschossen.
    Justizrat. Man hat so viel Mühe, sich selbst zu treffen, und hat sich doch
immer vor der Nase!
    Prediger. Aber nicht vor den Augen.
    Ich. Vielleicht trifft man sich mehr, als es scheint. - Man publicirt uns
das Urtel nicht. Es bleibt uneröffnet. Jeder Schelm weiss, dass er's ist, der
kleine schielende Revisor so gut, wie ein anderer. - Die Justizform in England -
    Justizrat. Freilich die beste! Die lieben Dicasteria. Lasst den Nachbar über
den Nachbarn urteilen; so wie bei uns Soldat über Soldat, Unteroffizier über
Unteroffizier, Offizier über Offizier! Wenn nur das Desertionsedikt nicht wäre!
- Dicasteria sind gemeinhin Hospitäler, wo viel geredet und wenig getan wird! -
Kommt einmal ein grosser Kopf herein, stösst er ihn sich wund Das edle Geschöpf
Gottes hatte nicht Raum in dieser Herberge!
    Sollte man wohl nach diesen Datis glauben, der Justizrat habe keinen
Dienstverstand? - Die Herren Rechtsgelehrten lernen die Gesetze; allein selten
den Menschen. Es gibt Leidenschaften, die jeder billiget, weil sie mit ihm
selbst stimmig sind. Wer zürnt über den Zorn, wenn der Eifer über eine
Beleidigung kommt, die ins Allgemeine geht? Ein dergleichen Eiferer heisst ein
Patriot! - Trifft der Eifer einen Lehrer, der ein falscher Münzer ist, der Worte
für Sachen verkauft, Schiffszwiebacke für Manna ausgibt, oder auch einen
solchen, der seinem moralischen Vortrage durch seinen Lebenswandel widerspricht,
dann ist dieser Eifer ein Eifer für des Herrn Haus. Bei dieser Gelegenheit, da
wir dem, was ins Allgemeine schlägt, Gerechtigkeit widerfahren liessen, fing der
Prediger an: Es ist so eine Sache mit dem lieben Allgemeinen! Wir wollen nur
Tatsachen, die aufs Allgemeine gehen. Je allgemeiner die Benennung ist, womit
man uns belegt, je weniger will man sich so benennen lassen. Mensch! kann zur
Probe dienen. Ein allgemeiner Geist zieht in seinem Privatause gemeinhin den
Kürzern.
    Natanael versicherte, und auch dies war wahrlich nicht der kleinste Beweis
von seinem Dienstverstande, dass er in seiner langen Praxi nie gefunden, dass ein
gutdenkender Mann auf einen Dieb böse gewesen, wenn er das Seinige wieder
erhalten. Wir Menschen, denk' ich, sehen es zu sehr ein, dass wir alle gleiche
Rechte in der Welt haben, und danken Gott, wenn wir nur bei solchen
Gelegenheiten ungeschlagen davonkommen.
    Der Prediger, der noch kein Wort von seiner Sünde wider den heiligen Geist
gesagt, vielmehr seinem Herrn Schwiegersohn, weil er Justizrat war, obgleich
ein in Gnaden verabschiedeter, die Vorhand gelassen, holte jetzt alles ein,
schlug Zinsen zum Capital, und bemerkte jedes Wort, das er in der zweiten
Ausgabe dazu und davon getan. Er sprengte, da es Natanael ihm zu lang machte,
übern Zaun, und der Schwiegersohn musste ihm das Wort abtreten, obgleich er
Justizrat war. Man kann sich um den Hals reden, - auch um den Gedanken! - Der
gute Prediger fing nicht zu seiner besten Stunde an. Gretchen kam, und ich liess
den Justizrat (Gelehrsamkeit gegen Gelehrsamkeit) bei der Frage: »ob auch
jemand mit der linken Hand schwören, und ob, wenn er falsch geschworen, ihm die
Finger abgehauen werden könnten?« und den Pastor bei der Antwort: »dass er
sehnlichst wünschte, einen Sünder wider den heiligen Geist seiner zweiten
Ausgabe in Kupfer vorstechen zu lassen.« Mögen sie rechten und fechten!
    Gretchen und ich gingen spazieren; ein Sohn und ein Töchterchen mit uns.
Eins für mich, eins für Sie! sagte die gute Hausmutter. Wer Gretchen mit ihren
Kindern sah, und nicht Luft bekam zu heiraten, hatte kein Gefühl von Unschuld.
Sie zeigte mir dort eine neue Anlage zum Spaziergang, hier ein vortreffliches
Grasstück. - Den Acker rahden und der Gegend zur Aber lassen, wie Gretchen es
nannte, oder einen Graben ziehen, überliess sie dem Herrn Gemahl; - sie nannte
das Milchdepartement ihr beschiedenes Teil, und nötigte mich in ein
allerliebstes Büdchen, ihren Tron, wie sie sagte. Allerliebst! So schön sitzt
kein Monarch, als Gretchen in ihrer Milchbude. Hier ward oft frische Milch
gegessen, und die schönste Wiese, die das Gütchen vermochte, lag vor'm Auge.
    Wer fehlt mir, Freund, als Mine? sagte Gretchen und weinte so sanft, als man
in einer Milchbude weinen muss. Sie beklagte sehr, keine Freundin in ihrer Gegend
zu haben. Allein ich habe einen lieben, sehr lieben Mann! fügte sie hinzu. Wer
hätte das dem Natanael, dem Justizrat, ansehen sollen? Wenn's geregnet hat,
sagte sie, wie schön ist es hier! und gab mir die Hand. Das gute Gretchen! Warum
nicht alle Kinder? fragt' ich Gretchen. Gern möcht' ich mich mit diesen Kleinen
ins Gras setzen! »Ich wollte mehr mit Ihnen allein sein!« Wahr ist's, drei
kleine Kinder Zusammen ist wie eine grosse Gesellschaft. Gretchen hatte keine
andere Gesellschaft, als ihre Kinder. Zuweilen kam der Graf, und sie waren noch
öfter bei ihm. Gretchen war nicht ganz für diesen Geruch des Todes zum Tode. Die
Sache genau genommen, ist auch der Geruch des Lebens zum Leben, Leib und Seele
gesünder. Eine Person von ihrem Herzen konnte nicht anders, als tödtlich gerührt
vom Grafen heimfahren. Natanael liess sie vorzüglich, wenn sie gesegnet war,
nicht zum Grafen. Alles gut! sagte Gretchen, das hiesige Leben ist doch auch
nicht zu verachten, und es ist Pflicht, zu geniessen und Trost zu hoffen. Was
fehlt uns denn in dieser Milchbude?
    Die Milch, Gretchen.
    Wollen Sie?
    Ich lächelte: Nein!
    Der siebenmal sieben liebe Graf! - Ist denn nicht mein Stubenornat besser,
hatte er jüngst zu Gretchen gesagt, als wenn ich meine Zimmer mit geilen Bildern
behangen hätte, deren jedes Feuer streut, wodurch so viele junge liebe Herzen in
Brand geraten? Viele lügen, sagt' ich, weil die Wahrheit was gewöhnliches ist!
Der Graf ist nicht besonders, weil er es sein will, sondern weil er einen
Lebensconcurs gemacht hat. - Ich wusste wohl, mit wem ich sprach; Gretchen hatte
aufs Haar gelernt, was ein Concurs sei.
    Ich habe einen sehr lieben, lieben Mann, wiederholte Gretchen von freien
Stücken. Der Concurs kann ihr unmöglich hiezu Gelegenheit gegeben haben. Mein
Mann liebt mich, fuhr sie fort, und seine Kinder, ist gerecht gegen jedermann,
und verlangt vom Glücke keinen Dreier mehr, als es ihm zugewendet. - Wir
verloren ein kleines Capitälchen und zweimal haben wir in der Lotterie gewonnen,
so dass sich alles ziemlich heben wird.
    Es war Gretchen zu kalt. Sie zeigte bei aller Gelegenheit eine schwache
Brust. Wenn nur die Lindenkrankheit ihrer Mutter ihr nicht den Stoff zur Hektik
eingepflanzt! Schonen sie sich, Gretchen; hören Sie? schonen Sie sich! Ein
grosser Teil meiner Leser vereinigt seine Bitte mit der meinigen: Schonen Sie
sich!
    Ich wendete mich zum Wege, aus dem wir gekommen waren; allein Gretchen zog
mich seitwärts, um mir einen Gang zu zeigen, der nach einem meiner Vornamen
hiess. Auch einen Minchenberg gab es, wo wir uns wenige Augenblicke
niedersetzten. Dass wir doch nicht Geister sehen können! sagte Gretchen. Der Graf
glaubt zwar drei Seelen bei ihrem Ausflug mit einem Blick erhascht zu haben. -
Im Fluge, Gretchen, trügt das Gesicht am meisten. - Zum Collationiren, sagte
sie, gehört Original und Copie! Liebes Gretchen, erwiederte ich, reden Sie doch
wie eine wahre Justizrätin.
    Wir kamen zurück und fanden den Herrn Schwiegervater und Sohn noch in
gelehrten Streitigkeiten. Der Justizrat sprach über die Frage: »Ob jemand mit
der Todesstrafe zu belegen, der einen Missetäter eine halbe Stunde vor des
Todesurtels Vollstreckung ermordet?« und der gute Prediger: »Ob es nicht billig,
dass der Verleger den Titelbogen für voll bezahle, wenn gleich nur ein Blatt
beschrieben sei.« Ists doch der Titel!
    Was meinen meine Leser von einem Sünder wider den heiligen Geist in Kupfer?
Sollte nicht eine Silhouette mehr anzuraten sein?
    Keinen stärkern Beweis konnte wohl Natanael ablegen, nicht mehr
eifersüchtig zu sein, als eben den, dass er sein liebes treues Weib mir
anvertraute. Hat der Herr Major alles gesehen? Ja, lieber Natanael, alles!
Tausend Dank für Gang und Berg! Ich will gleiches mit gleichem vergelten, wenn
mir Gott an Ort und Stelle hilft! Gretchen war mir lieb als Gretchen, und lieb
ist sie mir als Frau Natanael!
    Herr Major, sagte Natanael, sie ist Minens Schülerin!
    Wer kann wohl glauben, dass es nicht drei Minuten dauerte, da wir von
Gretchens Milchbüdchen bis Bukarest waren!
    Diessmal waren Gretchens Brüder meine Retter. Sind sie noch, fragte ich, in
Poesie-Compagnie? Vier Augen sehen mehr als zwei, sagte Gretchen und lächelte.
Wie Sie doch so gütig sind, fiel der Prediger ein, sich selbst an diese Maskopie
zu erinnern! Denken Sie noch daran, wie ich Ihnen meine Abhandlung zum
erstenmale anvertraute? Sollte ich nicht? erwiederte ich und lenkte wieder auf
die beiden Compagnons ein, wovon einer in Curland Hofmeister war, der andere in
dem nämlichen Ehrenamt in Preussen stand! Der Prediger empfahl mir den Curländer,
wenn er wo mit v, E - s. in Collision käme! - Ich antwortete mit einem
Händedruck.
    Den folgenden Tag reiseten wir zum Grafen. Ich wünschte, dass Gretchen mit
käme, allein ich bat sie, nicht mitzukommen, da ich wusste, dass der Geruch des
Lebens zum Leben ihr lieber war. - Ich glaube je länger je mehr, weil sie die
Folge der mütterlichen Lindenkrankheit selbst fühlte, und nicht fühlen wollte.
Das liebe Gretchen! - Sie kam von selbst, die gute Grete. Wir fuhren alle viere!
- -
    Der Graf freute sich über alle Massen. Ein Sterbender allein hätte ihn mehr
erfreuen können. Man schrieb mir aus Königsberg, Sie wären da, sagte der Graf,
und ich wäre fast in die Verlegenheit gekommen, Sie zu bitten, Ihren alten
Freund nicht zu vergessen. - Desto besser, dass Sie ohne das gekommen sind.
    Meinen Lesern ist es bekannt, wie viel der Graf von Künftigkeiten zu
bestimmen gewohnt war. Es fiel ihm mancher Umstand wie aus dem Aermel. Wer wird
denn wohl im dreissigsten oder vierzigsten Jahre wissen wollen, ob er es bis
siebenzig oder achtzig bringen, oder eher sterben werde? Und wem ist überhaupt
damit gedient, da Vorhänge aufzuziehen wo die Hand der Vorsicht sie
wohlbedächtig angebracht hat? Warum soll man die Kunst lernen, fast immer die
Zeit und Stunde zu wissen, wenn es mit dem Patienten aus sein werde? Gut, keinen
medicinischen Tod zu sterben; indessen würde ich es eben so ungern sehen, wenn
ich wüsste: ich sterbe und ein anderer observirt mich! Wer lässt sich gern
observiren? Eben darum trifft der Maler am besten, der die Gestalt stiehlt! -
Die Welt ist ein Garten im Norden, wie der Graf sagt, wo wenig reif wird. So wir
das wissen, selig sind wir, wenn wir darnach tun! - Wie kommt das, dass ich
Gretchen unvermerkt in Rücksicht ihres Geruchs beitrat? Ich weiss keine andere
Ursache, als weil ich auch vierzig Jahre trage. Der Graf schien es selbst zu
merken, dass ich den Anteil an seinen Anstalten nicht nahm, den ich vor diesem
genommen. Diessmal, sagte er sehr fein, werden Sie nicht in - krank werden! Weil
ich es bin, erwiederte ich, und, wie mich dünkt, war meine Antwort eben so
richtig als seine Frage. Sie haben ein grösseres Sterbehaus gesehen, Herr Major,
sagte er, als das meinige! Der Justizrat und der Prediger waren froh, um
vielleicht manches noch vom Türkenkriege zu hören, worüber ich, wie sie wähnten,
den Grafen nicht abschlägig bescheiden würde; allein sie kamen wieder von
Bukarest zurück, ohne mehr zu wissen. Ohnmöglich kann den lieben Herren solch
eine schnelle Reise gut tun! Der Graf hielt sich bloss über die Frage auf: Ob
man wohl im Felde, ohne seiner Pflicht etwas abzukürzen, observiren könnte? -
Ich hatte ihn schon überzeugt, dass es viel Gelegenheit zu Observationen im Felde
gebe, und ihm eine ganz neue Aussicht eröffnet.
    Der Inspektor und seine Frau. - Sie waren zum Prediger nach L. gekommen und
von L. zum Grafen, ob sie es sich gleich erst die künftige Woche zu tun
vorgesetzet. Ich war Major und von Adel, und freilich hätte die Subordination
gelitten, wenn Benjamin, wie er sich ausdrückte, ermangelt hätte - - Wie machst
du es mit deiner Stelle? Er hatte den Einnehmer damit belehnt, lieber Major!
erwiederte die Frau Inspektorin für den Herrn Inspektor. Das heisst wohl sein Amt
an den Nägel hängen. Noch dasselbe Gesicht zur Schau, das die Frau Inspektorin
beim Gutsbesitzer und Edelmann aufschlug! - Er selbst auch noch die nämliche
Subordination. Bei ihm wirkte der Edelmann, bei seiner Frau der Gutsbesitzer! -
Er war aus Curland, sie aus Preussen. Bei diesen Schaugesichtern war es kein
Wunder, dass die Sache weiter ging und an den Grafen kam, dem die Nachricht eben
so, wie der Frau Inspektorin auffiel. Ihnen, lieber Graf! der Sie täglich
sterben? - Gretchen allein war wie vorhin! - Der Justizrat räusperte sich ein
wenig, da er zum erstenmal mit dem adelichen Major, dem Erbherrn auf - sprach.
Dem Prediger war nichts anzumerken. Der Graf, den der Türkenkrieg bloss des
Observationsstübchens halber interessirt hatte, wovon ich ihm einige Winke
gegeben, nahm an meinem Adel so viel Anteil, dass die Observation jetzt auf
meiner Seite war. Mein Gott! wie kann doch jemand, der täglich stirbt, an
dergleichen Kleinigkeiten Teil nehmen! Vorurteile gegen die doch der Mann, der
sich vom Haufen unterscheidet, angehen soll, können die auch solch einen Mann -
so beherrschen? Es ging mir nahe, diese Bühne aufgezogen zu sehen! Sein erster
Blick tat gleich zehn Fragen an mich, und so lieb es mir war, den Herrn
Inspektor noch zu sehen, so war ich doch im ersten Augenblick nahe daran zu
wünschen, dass er lieber mit seiner Hausehre beim Herrn Hauptmann geblieben, als
uns gestört hätte.
    Der Graf wollte die Lebensläufe aller meiner Ahnen. Lieber Graf! ich weiss
sie selbst noch nicht, und suche noch hie und da Lücken auszufüllen. Zeit bringt
Rosen! Wenn Sie Geduld haben, die jedem not ist, und Gott Ihnen das Leben
fristet, so sollen Sie im dritten Teil meinen Vater und im vierten meinen
Grossvater von oben ab sehen! Gleich ein Unterschied zwischen mir und der andern
Gesellschaft. Lieber, warum das? warum die weissen Federbüsche, und die Wappen
und die gräfliche Krone? Der gute Pastor in L - sagte, auf den Punkt versteht
der Graf keine Brüderschaft. Da ist das Krönchen leicht gebrochen. Der Graf
kannte meine Familie - sollt' er nicht? - und nichts war ihm im Wege, als meine
Mutter, die doch bürgerlichen Standes gewesen. Sie ist todt, lieber Graf!
Freilich hebt der Tod viel, es ist nur der Ahnentafel und der Stiftsfähigkeit
wegen. Ich versicherte die gräfliche Krone, weder an eine Ahnentafel zu denken,
noch auf Stiftsfähigkeit je Anspruch zu machen; allein er drückte mir die Hand
mit einem sehr bedeutenden: Kommt Zeit, kommt Rat! - Da Gretchen alles sah, was
vorging, schien sie selbst einen Subordinationszug einführen zu wollen, den ich
aber sogleich bei der Tür abwies. - Die Frau Inspektorin fand vollkommen ihre
Rechnung. Sobald sie bemerkte, dass es hier auf Paar und Unpaar ankam, ging sie
bei sich selbst zu Rate, ob und in wie weit ihr der Rang über Gretchen
zustände? Sie übertrug dem Herrn Inspektor hiebei Sitz und Stimme; da sie aber
zu ihrem Leidwesen erfahren musste, dass ihm der Fall zu wichtig sei, nahm sie
ihres Herrn Gemahls Verfahrungsart an, stieg Gretchen zu Dache, und drängte sich
der lieben Unschuldigen vor, die indessen bei dem allerersten Blick des
Vordrangs so nachgebend war, dass die Frau Darius nur ein sehr kleines Dach zu
steigen hatte.
    Der Graf hatte die ganze Gesellschaft elektrisirt. Alles war geschlagen, bis
auf Gretchen, ihren Vater und mich. Elektricität ist ein Naturblatt, auf dem
viel steht, pflegte mein Vater zu sagen. Wenn wir den Altar kennten, von dem
diese glühende Kohle, dieser göttliche Funke genommen ist, wären wir weiter!
    In der Naturlehre, lieber Vater! Wenn du aber hier in dieser geschlagenen
Gesellschaft gewesen; was für ein Feld zu moralischen Anmerkungen wäre dir da
offen gewesen! Wie doch dem Menschen der Zwang so eigen werden kann! Ein kleiner
Schlag, und alles gerade wie auf Drat gezogen!
    Gretchen gewann bei meiner Standeserhöhung am meisten; denn der Todtengeruch
war sehr zum Geruch des Lebens zum Leben übergegangen.
    Der Graf bat es sich zur Freundschaft aus, sobald ich mich mit meiner
Familie in Verkehr gesetzt haben würde, ihm über diesen und jenen Punkt, wo
seine Familienkenntnisse nicht zureichten, Auskunft zu erteilen. Dieser und
jener Punkt waren Federbusch, Wappen und dergleichen Dinge mehr! - Hie und da
eine Anekdote von dem und dem in der Familie! Das war alles? Wie ich sage,
keinen Tritt weiter. Ist's möglich, ein Mann, der einen Mann ohne Wappen zum
Lebens-, alle Sterbende zu Sterbens-Brüdern und Schwestern annahm? - Was
anderes, wenn's Leute täten, die dem hiesigen Leben den Eid der Treue
geleistet.
    Ich konnte das Andenken an jene Grabschrift nicht abwehren:
                         Hier liegt der lebendig Todte!
Bei diesen Umständen hätten Sie die Blätter, die von der Reise zum Grafen
handeln, nicht überschlagen dürfen, meine gnädige Frau! Zwar nahm ich mir die
Freiheit, bei Gelegenheit der Sterbensumstände unserer guten Hanna, diese Reise
eine Todesfahrt zu nennen; allein, geruhen Ew. Gnaden die Fräulein Schwester zu
fragen, der es gestern, als Vestalin, auf dem Balle recht gut stand, ob nicht
diese Blätter unbedenklich mitgenommen werden können?
    Hier oder dort waren die letzten Worte, die ich mit dem Grafen beim
Abschiede wechselte, da ich ihn beim Geruch des Todes besuchte! - Wer hätte
geglaubt, dass das Hier eintreffen sollte, und zwar ein recht eigentliches Hier,
voll Geruch des Lebens. Wie sich die Luft erfrischt hatte, bloss weil ich
Edelmann war! - Da wir im heiligen römischen Reiche meines Adels halber waren,
kamen wir, ich weiss nicht wie, auf Karl V., der sich bei lebendigem Leibe
begraben liess, um zu sehen, wie es ihm lassen würde. Ich glaube, sagt' ich,
diese Probe hat sein Ende befördert. Ich nicht! erwiederte der Graf, der alle
Vierteljahre eine Nacht in seinem Sarge schlief; Karl V. starb aus Reue und Leid
seiner niedergelegten Kronen halber! Und ohne ein Komma zu machen, war der Graf
bei der Frage: ob mein Adel älter wäre, als Kaiser Karl V. glorreichen
Andenkens, der, eh' er 1558 starb, sich Probe begraben liess? Das ich nicht
wüsste, erwiederte ich.
    Wenn doch, dachte ich, was Sterbendes vorhanden gewesen, um den Grafen
wieder einzulenken - wenn noch Eins eingeläutet würde!
    Jetzt Abschied auf ewig, so wie ich ihn auf ewig vom heiligen Grabe in
dieser glorreichen Gegend nehmen werde. Dort, lieber Graf, dort!
    Lasst mich, lieben Leser, Abschied nehmen! Ich bitte, lasst! Gesundheittrinken
ist, wie ihr wisst, ein Sinnbild des Lebens, Abschiednehmen ein Sinnbild des
Todes. War es Wunder, dass der Graf beim Abschiede wieder in seinen ihm eigenen
Ton fiel? Darum soll ich böse werden, weil es Nacht und Tag in der Welt ist?
Vielleicht schmeckt alles süss, was schlecht bekommt. Zucker schleimt, sagt mein
Hauptarzt. Vielleicht schmeckt alles widerlich, was uns eigentlich wohlbehagt!
Zwischen Schein und Sein, wie der Drosselpastor ganz recht hat, welche eine
Kluft! Weil wider dieses Uebel die China nicht hilft, darum bist du böse? Gibt
es nicht Hausmittel, warum China? Können denn nicht ausser der Hauptstrasse viele
Nebenwege sein? Sind überhaupt Uebel in der Welt? Ist es nicht alles, je nachdem
man alles stellt? Genau genommen, sind bei allen Dingen die nämlichen
Ingredienzen. Mütterlich hat die Natur für uns gesorgt. Wahrlich, mütterlich! -
Die Hoffnung ist was Geistiges, was Unsichtbares. Sie ist Geist vom Geist. Sie
ist selbst ein Geist, der uns lehret, weise zu leben und froh zu sterben. Siehe!
wenn der Körper stirbt, fängt ihr Leben in Gott an. - Man nehme dem Genuss die
Vorstellung, die Weise, alles, was man gern hat, sich weit vorzüglicher zu
denken, als es da ist, allem ein poetisches Kleid umzuhängen! - Was ist denn der
Genuss? Er ist nicht Aufhebens wert! - -
    Dies war unsere Unterredung beim Scheiden. Hätte mir der Graf nicht mit den
Worten die Hand gedrückt: Die bewussten Nachrichten! wahrlich, ich hätte glauben
müssen, es wären zwei Grafen. - Was meint ihr? dem allem unerachtet, ein weiss
Federbüschchen kann man ihm verzeihen! - Der Herr Inspektor sowohl, als die Frau
Inspektorin, schienen über unsere letzte Unterredung sehr erbaut. Sie sahen die
Kronen Urnen werden, und die Urnen wieder Kronen. Gretchen und den lieben
Ihrigen war nichts neu. - Minchens Verwandte in Mitau vermied der Graf so
sorgfältig, dass kein Zweifel übrig ist, er sei der Wohltäter. - Doch ein
hochgeborner lieber Mann! Nicht wahr? Das übel angebrachte weisse Federbüschchen
tut wenig oder gar nichts zur Sache. Wir Menschen incliniren so zu zwei
Principien, dass es mich nicht wundert, wenn man ein gutes und böses Wesen
angenommen, die auf dem Welttron Sitz und Stimme haben. Freilich, wenn man
erwägt, dass eines das andere herunterstossen müsste: so sieht man wohl, dass die
Vernunft hiebei Anstösse findet; wo kann aber auch die Vernunft durch, ohne dass
man sich den Kopf stösst? - Eine grosse Maschine! sagt man von einem ungewöhnlich
grossen Menschen. Warum Maschine? Könnte man diesen Ausdruck nicht weit eher von
der Vernunft brauchen, wenn sie gleich übrigens recht sein aussieht, und sich so
rein gewaschen, wie möglich? - -
    Bei der rechtlichen Abstellung der beiden Principien kann man freilich dem
Ausspruch der Vernunft nichts entgegen stellen; indessen haben wir doch einen,
Gott dem Herrn untergeordneten, Bösen noch bis jetzt in unsern Glaubensbüchern,
worüber meine Mutter singt:
Vor dem Teufel uns bewahre!
    Extrapost! - In L. leutschändete ich ein wenig mit Gretchen über die Frau
Inspektorin, doch so, dass diese Krone und Urne es in hoher Person anhören
können. Gretchen versicherte, den Grafen von dieser Seite zwar vermutet, noch
nie aber so in Lebensgrösse gekannt zu haben. - Wer hat nicht, liebes Gretchen,
sein weisses Federbüschchen? Die Frau Inspektorin so gut wie der Graf, sagte
Gretchen. Und der Herr Inspektor? fragte sie. Der steigt zu Dach, erwiedert'
ich. Ganz böse ist der Teufel selbst nicht! Weiss Gott, ob er sich nicht noch
einmal erholt, wie mancher Baum, der, wenn er ganz weggehauen ist, frisch an der
Wurzel ausschlägt.
    Ich ermahnte den Inspektor seinen Vater ja nicht zu vernachlässigen, wenn
gleich Hermann keine Taube nach ihm ausgesandt. Die Frau Inspektorin, die hiebei
den Klingklang vom Literatus vermisste, bereicherte meine Aufmunterung mit ein
paar schönen Redensarten, womit sie das Herz des Herrn Gemahls, wie sie sagte,
zur Sanftmut betauen wollte. Wenn wir am schönen Abend, sing sie an, Hand in
Hand dahinschleudern, und der Mond sich in meinen Tränen bespiegelt, wenn ich
an so manche heilige Schauer zurückdenke, die ich in - - beim Grafen empfand, da
er Abschied nahm - wenn - Sie wollte fortfahren, allein Darius fiel ihr ins
Wenn. Man seh' doch! sagt' er, auch du bemühst dich, mein Kerbholz zu vergrössern
und den Major aufzuwiegeln? Noch blieb Madame in ihrer Fassung. Leute von
gewissem Stande, fuhr sie fort, sollten sich durch Zutätigkeit gegen ihre
Verwandten auszeichnen. Ein Ast, der den andern überwachsen will, setzt sich der
Gefahr aus, dass der Bube ihn bricht, oder der Gärtner ihn wegschneidet. - Bei
den meisten Menschen sind die Farben nicht recht angebracht, rot die Augen,
schwarz die Zähne! - (Ihre Augen und Zähne waren, die Wahrheit zu sagen, ohne
Tadel.) Jetzt stieg der Herr Inspektor der Frau Inspektorin wirklich zu Dache,
und sie, die sich bei dieser Gelegenheit durch Sanftmut auszeichnen sollen,
überwuchs ihren Gemahl so zusehends, dass man sie nicht wieder kannte. Ein
Sonntagskleid wird am Ende ein Alltagskleid. Anstatt dass sie ihren Mann sanft,
wie der Zephyr die Rosen, küssen sollen, machte sie ein Geschrei, als wenn die
Hühner auffliegen wollen. Wahrlich, die Farben waren auch nicht recht
angebracht! Rot die Augen, schwarz die Zähne. Der Inspektor, wie behutsam er
vom Dache stieg! Er bewies sich als einen wahren Darius, der auf der Werbung
Lieutenant geworden, und war, wie er sich ausdrückte, in die Pfanne gehauen. Er
versprach, seinen Vater nicht zu verlassen, und ich bot mich als Mittler an,
welches von beiden, vorzüglich von der Frau Inspektorin, dankbarlich aufgenommen
ward.
    Was machen Sie da, Gretchen? Ich kann mit dem Tuche nicht zurecht kommen. -
Ich hatte Gretchen die Art gewiesen, wie sich das schöne Geschlecht in Russland
ein Tuch um den Kopf bindet. Allerliebst, sagte Gretchen. Ich wette, sie geht
noch alle Morgen so, bis auf den heutigen Tag!
    Ueber die Sprache der Frau Inspektorin sagte mir Gretchen so was Treffendes,
dass ich es durchaus meinen Lesern mitteilen muss. Ein grosser Unterschied, wenn
der Himmel begiesst, und wenn es die Hand des Gärtners tut! Die Blumen wissen
gut, wo es herkommt!
    Ich übergab Minens Grab, segnete die ganze gelobte Gegend und schied.
    Ich werde es nicht mehr wiedersehen, sagte ich zu Gretchen, und zeigte aufs
Grab, nachdem die Ceremonie vorbei war. - Die Frau Inspektorin hatte wie ein
Kind geweint, und kein Gedanke war ihr angewandelt, ihren Rang mit dem Rang
einer Justizrätin in die Schale zu legen.
    Am jüngsten Tage, sagte Gretchen; wenn die ganze Erde, setzte die Frau
Inspektorin hinzu, nur ein Grab ist? - Der Pastor umarmte mich und bückte sich
tief. - Der Inspektor sah auf sein lahmes Bein, als wollt' er sagen, dies Dach
ist mir zu hoch.
                                     * * *
    Der Drosselpastor war nicht mehr in -. Ich wollte mein Pfand einlösen, und
mich ihm aufbringen; allein er war weit weggezogen, und sein Nachfolger hielt
keine Leichenpredigten nach Art des vorigen. Er war seiner Esausstelle
angemessen, und ein gewaltiger Drosselfänger.
    Meine Absicht war, so schleunig als möglich nach meiner Heimat zu gehen,
das heisst, nach Liefland auf das Gut, so die Kaiserin mir verehrt. Ich hatte
meinen Rechtsfreund nach Mitau citirt, um da mit ihm alles fein zu berichtigen.
Mitau, nach Junker Gottards Meinung, die Hauptstadt der Welt, nahm ich aus,
sonst wollt' ich Curland ansehen wie eine Herberge, wo man durchs Fenster steht,
ob das zerbrochene Rad nicht wieder im Stande ist. War denn Lot nicht todt,
Abrahams Verwandter? Und Junker Gottard? den hatt' ich sein säuberlich
gleichfalls nach Mitau beschieden, um sich hier zu rechter früher Tageszeit
einzufinden! - Die Gräber der Eltern machen keine Gegend zur gelobten. Wenn ich
gelegenere Zeit habe, dacht' ich. - Ihre Seelen, die in Abrahams Schoss von den
Engeln getragen sind, werden mir immer wie gegenwärtig vor Augen schweben!
    Gottard fand ich nicht. - Der Rechtsfreund, der wohl wusste, was eine
Citation war, hatte die Tagfahrt eingehalten; ein junger Mann mit einer
unbefangenen Stirn. Meine Leser würden ihm ihre Rechtssachen ohne Bedenken
übertragen. Ich gab ihm eine Quittung für sich, seine Erben und Erbnehmer, wegen
meiner wohlbesorgten Erbschaftsangelegenheit. Was es mir angenehm ist, eine
Quittung zu geben und eine zu nehmen! - Das ist der Abschied in
Rechtsgeschäften.
    Eben wollt' ich den - -, der die russischen Angelegenheiten in Mitau
betreibt, besuchen, da er selbst zu mir kam und mir ein Cabinetsschreiben
übergab. Es entielt einen Auftrag, den ich öffentlich bekannt machen könnte,
wenn ich wollte. Warum sollt' ich? Dieser Auftrag erforderte eine Reise ins
Land, die ich unverzüglich antrat. Ich wollte meinem lieben Gottard von
Liefland aus Vorwürfe machen und ihm die Kosten zur Last legen, mich eben dort
zu besuchen, und so wollt' ich aus meiner Heimat mein Versprechen erfüllen, das
ich der Frau Inspektorin in Rücksicht ihres Herrn Schwiegervaters getan. Jetzt
änderten sich diese Vorsätze, und ich hatte so wenig Ursache, die Hoffnung
aufzugeben, Gottard, den alten Herrn und wer weiss wen mehr zu sprechen, dass ich
ihnen vielmehr entgegen reiste.
    Ich hatte das Glück gehabt, dem Geschenke der Kaiserin durch den Ankauf
eines kleinen benachbarten Gutes eine so beträchtliche Verbesserung zuzuwenden,
dass, nach den Beschreibungen meines dortigen Geschäftsträgers, mich ein nicht
völlig unangenehmer Aufentalt erwartete. In dieser Rücksicht war mir der
kaiserliche Auftrag im Wege, in vielem andern Betracht aber unaussprechlich
willkommen.
    Ich ging ohne Anstand von Mitau nach -, und sollte nach dem mir
vorgezeichneten Reiseplan in - Nacht halten. Meine Sache war es nie, den Herrn
des Gutes zu überfallen, wo die öffentlichen Anstalten für Dach und Fach gesorgt
hatten, so sehr solch ein Ueberfall auch Sitte in Curland ist. Ich ward bei
einem Amtmann eingebracht, der nach vielen Complimenten meinen Schein ansah und
mein Sein abfragen wollte. Natürlich erfuhr der Ehrenmann nur so viel, als
nötig war. Wie ich aber so wenig neugierig sein konnte, zu fragen, wer seine
hochwohlgeborne Herrschaft wäre, weiss ich noch bis diesen Augenblick selbst
nicht. Mein Vater war ein Fremdling in Curland, und ich war so wenig zu
Wurstreisen, zu Krippenritten angeführt, dass ich, wie er, in Curland gleichfalls
nicht zu Hause gehörte. Auch selbst jetzt hätt' ich, wie ich schon bemerkt, nur
einen Durchzug gehalten, wenn nicht der Auftrag mich auf andere Gedanken
gebracht. So viel nahm sich mein lieber Herr Amtmann die Erlaubnis, gleich zu
bemerken, dass die einzige Baronesse Tochter seiner hochwohlgebornen Herrschaft
morgen priesterlich verlobt werden sollte. - Da ich daran keinen Anteil nahm,
vielmehr sehr zufrieden war, dieses Haus in seiner hochzeitlichen Freude nicht
gestört zu haben: so verschwand mein lieber Herr Amtmann und kam mit einem
Livreebedienten zurück, der sich noch die eben angelegten Manschetten und
Halsbinde zurecht zog. Beide stimmten gegen einander ein Duett von Bitte an, von
Sr. Hochwohlgebornen ein Nachtlager anzunehmen. Diese Art hätte mich ohne
Nachfrage darauf bringen können, wo ich war. Soll ich es meinen Lesern noch
besonders anzeigen, dass Herr v. W. hier sein Feuer und Herd hat? Ha, dacht' ich,
nun weiss ich, warum mein guter Gottard sich nicht in Mitau eingefunden. Er hat
ein liebes Weib genommen, darum konnt' er nicht kommen, und freute mich, dass
Fräulein Tinchen - (so ward sie seit einiger Zeit genannt, weil ein Lorchen in
dieser Gegend kein gutes Lorchen war. Lorchen v. W. hatte gar viele Namen, die
der Herr Vater ihr bloss aus Höflichkeit beilegen lassen) - also Tinchen und
Junker Gottard ein Herz und eine Seele worden! Freilich hätte ich auf dies
Duett eine Antwort auf Noten setzen sollen; allein sobald ich wusste, wo ich war,
und mir Gottards Verlobung mit dem lieben Tinchen dachte, war ich unverzüglich
im Hofe. Ich wusste., wo ich die Ehre hatte zu sein. Mein Herr Wirt und die
lieben Seinigen wussten nur, dass ihr Gast ein Major sei.
    Ich kann sehr kurz sein, wenn ich meinen Lesern die Gesellschaft präsentire,
in die ich sie führe.
    Den Herrn v. W. und die liebenswürdige Frau v. W. kennen sie. Fräulein
Tinchen sind wir auch im Hofe des seligen Herrn v. G. inne geworden. Sie hatte
einen Bruder, der Mücken mordete. Fräulein Tinchen liess sich Blut von Mücken
abziehen und wünschte wohl zu bekommen. - Dass der einunddreissigste Julius, an
welchem Benedictus der Erste, der sechste römische Papst, nicht minder Ignatius
Lojola, im 65sten Jahre gestorben, in dieser Familie denkwürdig waren, gehört so
füglich nicht hieher, und kann es, wie mich dünkt, meinen Lesern sehr
gleichgültig sein, dass der verstorbene Junker Casimir v. W. am nämlichen
einunddreissigsten Julius die ersten Zahnsprossen erhalten und acht Tage darauf
Todes verblichen. Auch zweifle ich, dass meine Leser, die nicht selbst etwa wo
einen Beinbruch erlitten, den Umstand so innigst beherzigen werden, dass der
Mutter Bruder des Herrn v. W. gleichfalls am einunddreissigsten Julius ein Bein
gebrochen. Wer wird sich aber nicht freuen, dass ich ihn daran erinnere, wie
Fräulein Tinchen den 18. April (eben heute, da ich dieses schreibe) geboren ist,
am Tage, da Alexander Magnus gestorben und Diogenes aus Sinope, der Alexander
unter den Philosophen!
    Kurz, ehe ich im Hofe war, befragte mich der Livreebediente, der jetzt mit
Manschetten und Halsbinde völlig in Ordnung war, nach einer tiefen Bitte, es
nicht auf die Rechnung strafbarer Neugierde zu schreiben, ob ich wirklich als
Major gestanden, oder nur meinen Abschied als Major erhalten? Nach der Zeit
erfuhr ich, dass dieser Umstand, so klein er auch scheinen dürfte, in der
Etikette des Herrn v. W. einen beträchtlichen Unterschied machte. - Er lief mit
der Antwort voraus, und der Herr v. W. empfing mich, einen Fuss über die letzte
Stufe zum Hause gesetzt. Hätte ich es weiter gebracht, würd' er den andern Fuss
gefälligst nachgezogen haben! wäre ich nicht wirklich Major gewesen, würde auch
der eine Fuss diese Vorbeugung nicht gemacht haben.
    Ich freute mich wahrlich, den guten Herrn v. W. so fern von allen
Waldhörnern zu sehen! Man sah ihm eine gewisse Zufriedenheit an, die nicht von
ungefähr entstanden, sondern durch eine fröhliche Begebenheit veranlasst war.
Herr v. W. war nicht gewohnt, sich ungewöhnlich zu freuen. - Heute aber hatte
sein wohlseliger Herr Grossvater ein vortreffliches Geschenk von des Herzogs
Durchlauchten erhalten, das noch bei her Familie aufbewahrt wurde, und in einem
Porträt des Herzogs, in Gold gefasst, bestand. Morgen war der frohe Tag, da eben
dieser selige Herr Grossvater, ruhmwürdigen Andenkens, sich mit der seligen Frau
Grossmutter ehelich verbunden. - So sehr die gute Frau v. W. die Arten und
Unarten ihres teuren Herrn Gemahls mit Stillschweigen zu übergehen pflegte, war
sie doch, da ihr Herr v. W, eröffnete, wie seine Tochter an dem nämlichen Tage
verlobt werden sollte, ins alte Volkslied ausgebrochen:
Als der Grossvater die Grossmutter nahm,
War der Grossvater der Bräutigam!
worüber der Herr Gemahl gewiss aus der Melodie des damaligen Freudenfestes
gekommen wäre, wenn er nicht so melodiefest gewesen. Er war eigentlich nur
Melodie!
    Eben wie Herr v. W. den einen Fuss (ich lasse ungesagt, ob es der rechte oder
der linke gewesen) nach mir ausgesetzt, war dieses herzogliche, in Gold gefasste
Geschenk, welches, wie Herr v. W. sich ausdrückte, als eine Sonne dieses Tages
geleuchtet, untergegangen, und ins Freudennaturalienkabinet, wie Frau v. W. es
auch in einer frohen Stunde genannt, gelegt, so dass ich auch diese Gnadengabe
nicht zu Gesicht bekommen. Wer wird, fragte Herr v. G., am Pfingsttage singen:
Vom Himmel hoch, da komm' ich her; und zu Weihnachten: Wer recht die Pfingsten
feiern will. Der heilige Abend des Verlobungsfestes war eingetreten und den
brachte Herr v. G. als Brautvater mir so sichtbarlich entgegen, dass ich mich
nicht entbrechen konnte, zu sagen: Man könnte aus dem Untergange der heutigen
Sonne sehen, was für ein schöner Tag uns morgen erwarte! Seine Kleidung ganz
fröhlich und guter Dinge. Herr v. G. sagte dem guten Herrn v. W. bei einem
seiner Halbstfeste: Bruder, du bist wie ein Damenbrett gekleidet! Guter, lieber
G., heute hättest du den Brautvater sehen sollen!
    Ich ward ins Gastzimmer gebracht, wo ich die Hand der Frau v. W. nicht
verkannte. Wie natürlich schön! - Da der Herr v. W. kein Wort an Junker Gottard
dachte, den ich doch so gewiss als zweimal zwei vier den Tag vor seiner Verlobung
in - erwarten konnte, ging ich auch von meiner Regel ab. Zwar stieg ich nicht,
wie der Herr Inspektor Darius, zu Dach; allein es war mir nie möglich, auch in
gutem Sinn mich unter die Bäume im Garten zu verstecken, und mir Schürzen von
Feigenblättern zuzuschneiden. Jetzt vergalt ich Gleiches mit Gleichem, tat so
zurückhaltend, wie Herr v. W. es war. So gern ich also vom guten Junker Gottard
und vom Fräulein Tinchen ein lebendiges Wort gesprochen; so zwang ich mich doch,
dem Herrn v. W. gefälligst nachzugeben, der mich unterrichtete, warum ohne weisse
Strümpfe kein Gallakleid stünde. Das tat freilich mehr not, als von meinem
guten Gottard reden zu hören. Beim weissen Strumpf, sagte Herr v. W., ist der
Fuss dicker, beim schwarzen schrumpft er vor Ihren sichtlichen Augen ein. So wie
beim langen Bart, fuhr er fort, das Auge immer trübe und klein ist, dagegen wie
heiter, wenn der Bart abgenommen worden. Er stand bei dem Worte: abnehmen, lange
an, unfehlbar um dem Barte nicht zu viel zu tun! Abnehmen ist ein so
wohlgewähltes Wort, dass kein königlicher Bart dagegen etwas sagen könnte! - Dass
mich Herr v. W. nicht kannte, war das grösste Feigenblatt, so ich bei meinem
Wiedervergeltungsrecht anwendbar fand! - Von einem Manne, der nie gegenwärtig
ist, sondern hin-oder zurückdenkt, wie kann man erwarten, dass er den Retter
seiner Tochter, dem er bei der Abreise mit steifem Arm zu umarmen die Ehre
erwies, da er vor ihm stand, kennen sollte? Ich fand ihn in allem wieder, das
griesgrämische Gesicht nicht ausgenommen, auf das ich mich sehr lebhaft besann.
Dass Sie nur ja nicht glauben, mein Herr Major, dass ich täglich in weissen
Strümpfen gehe! - Alle Einerleiheit beschwert, Wechsel erleichtert, sagte mir
ein gewisser Pastor - (mein Vater) ein gelehrter Mann, der aber, wie die meisten
Gelehrten, zu wenig Welt hatte; und wer hat sie hier zu Lande? Man hat hier
Curland; allein nicht Welt!
    Wenn immer Tag wäre und immer Nacht, so wollte ich lieber kein Mensch sein!
- Freude und Traurigkeit, Sommer und Winter, das ist das menschliche Leben!
Heute König, morgen todt! - Wer geht denn immer mit einem Hemde? damit ich mich
dieses Wortes mit Ihrer Erlaubnis bediene. Wer wechselt denn nicht im Sommer
täglich? Zwar, fuhr er fort, und zog sich eine Viertelelle länger als vorhin,
liegt freilich etwas Erhabenes, etwas Grosses in einem gewissen Einerlei; allein
das ist nicht für jedermann! So ist Gott der Herr immer derselbe! Und was meinen
der Herr Major von der schwarzen Farbe? Sie ist römisch kaiserlich! - man nenne
mir aber nach ihr eine einzige Farbe, die Stich hält! - Gottes Alltagszimmer,
wie oft verändert es sich! - Ich meine diese Erde! Alle Augenblicke andere
Mobilien! Freilich in seinem Hauptschlosse, im Himmel, wird sich alles nach ihm
richten.
    Der Herr Major werden verzeihen, fuhr Herr v. W. fort, dass ich Sie mit
meinen Lieblingsideen unterhalte!
    Nach einigen ausgewechselten Complimenten, wobei ich die morgende
Tagesfreude des Herrn v. W. sich lichterloh vermehren sah, konnt' ich mich nicht
länger halten, nach dem Bräutigam der Fräulein Tochter zu fragen und ein Stück
von meiner Feigenblattschürze einzureissen. Wissen Sie ihn hier? erwiederte der
Brautvater. Ich sollte denken, antwortete ich. Sie kennen unsere Curländer noch
nicht, wie ich sehe. Die Herren wissen von keinem heiligen Abend und von keinem
Fastnachttag. Brautnacht ist die Losung! - In dieser Beschreibung verkannte ich
meinen guten Gottard so wenig, dass ich ihn vielmehr augendeutlich vor mir sah,
obgleich er noch nicht da war. - Ich hatte gar keine Neigung die Braut zu sehen
und welch eine Mannsperson sieht eine Braut gern? Herr v. W. und ich waren aus
der wohldekorirten Gaststube in ein Zimmer gegangen, wo er mir eine allerliebste
Aussicht zeigen wollte, und da kamen Mutter und Tochter, bis uns noch im andern
Zimmer glaubten. Man sah es ihnen an, dass sie uns hier nicht vermuteten.
Tinchen in einem weissen lichten Gewande, wo sie beinahe wie ein Leibnitzsches
Körperchen aussah! - Hätt' ich's nicht gewusst, ich hätte sie nicht wieder
gekannt! - Sie mich aber auf den ersten Blick. Die Mutter war fast unverändert.
Sie aber fand mich sehr verändert, wie sie sagte. Wer hatte nun Recht? Tinchen
und ich sahen einander, und die Fassung schien uns beide im Stich zu lassen.
Obgleich noch mehr da waren, kam es uns doch so vor, als wären wir unter vier
Augen. Im Augenblick verloren wir den Faden. Ich fand ihn zwar wieder in der
andern Secunde, Tinchen aber schien sich nicht fassen zu können. - Was fehlt der
Braut? fragte Herr v. W. Etwa der Bräutigam? Kennst du denn nicht deinen Gast?
Tinchens Retter, erwiederte Frau v. W. Herr Major! Herr v. W. O des frohen
Tages! sagte der gütige Wirt, und bald darauf: Sind Sie denn wirklich Major?
Wirklich. Herr v. W. Da ich schon aus dem Rufe in Rücksicht meines Auftrags
bekannt geworden und hiernächst dem Herolde meine Wirklichkeit versichert, so
war die Frage fremd. Nebenher, was meinen meine Leser, ziemlich unhöflich! Ich
begrüsste die gute Frau v. W. mit so vieler Achtung als Empfindung, nahm Tinchen
bei der Hand, die sie sehr nachlässig weggeworfen, und wollt' ihr zum heutigen
heiligen Abend und morgenden Verlobungstage Glück wünschen, da ich bemerkte, dass
Mutter und Tochter einen geheimen Kummer hatten, der tiefer lag, als Herr v. W.
ihn kurz zuvor anzugeben für gut fand! - War doch Tinchen fast so ausser sich,
als wie sie ins Wasser gefallen, und als Luischen: rett! rett! rief. O wie gern
hätte ich das arme Mädchen wieder aus diesem Wasser der Anfechtung gezogen, wenn
es in meinen Kräften gewesen wäre! - Endlich erholte sie sich wieder, und Herr
v. W. konnte nicht vor dem Bitten um Vergebung Luft und Kraft schöpfen. Fürs
erste, dass er mich verkannt, sodann dass seine Frau so unvorbereitet erschien,
hiernächst, dass die Braut sich so wie ins Wasser gefallen aufgeführt. An die
Frage: ob ich denn auch wirklich Major wäre? dachte er nicht, obgleich er billig
dieser Frage wegen die erste Bitte um Vergebung anbringen sollen. Was hast denn
du getroffen? fragte mich Junker Gottard, da ich mit meiner Jagdprobe so
schlecht in seinen Augen bestand. Dies edle Geschöpf, war meine Antwort, die ein
Blick auf Tinchen geleitete. Diese unschuldige Frage und Antwort fiel mir jetzt
so sehr auf, dass ich nahe war, laut daran zu denken! Nicht wahr, Sie hätten
Tinchen nicht gekannt, Herr Major? fragte mich die gute Mutter. Nein, erwiederte
ich sehr aufrichtig. Und woran würde es gelegen haben, an Bild oder Rahmen? An
beiden sagte ich, gnädige Frau. Tinchen war nicht gegenwärtig. - Herr v. W.
hatte sich auf ganz kurze Zeit beurlaubt, und die liebe Frau v. W. entdeckte
mir, dass Tinchen schon von lang her etwas in ihrem Herzen getragen; in ihrem
Gewissen, fügte sie hinzu, wahrlich nicht. Sie ist so, so unschuldig, als wie
sie ins Wasser fiel, wie sie Ihnen den Abschiedskuss gab. Tinchen, fuhr sie fort,
konnte anfänglich nicht aufhören, Ihr Lob zu verkündigen, und die Geschichte mit
Mine, wie viel Ehre haben Sie damit eingelegt! - Seit einiger Zeit hat Tinchen
Sie und alles vergessen, mich dünkt, auch sich selbst! - Sie ist still! - tief -
was weiss ich, wie sie ist, was weiss ich, was sie ist!
    Natürlich!
    Nicht ganz!
    Sie liebt ihre Mutter, die sie verlässt.
    Die sie aber im Auge behält, wenn gleich nicht an der Hand!
    Gnädigste, die Hand ist bei einer zärtlichen Liebe die Hauptfache! Unter
Mutter und Tochter unentbehrlich!
    Sie kann es mit so manchem Lebensvorfall aufnehmen, ihre Entfernung ist's
nicht.
    Ihr Bräutigam ist rauh, allein bieder und gut.
    Fast sollt' ich's auch glauben.
    Gewiss, Gnädige, gewiss! und solch ein Mann ist behaglicher als einer, der
vorerst kriecht und nachher sein Weib verlässt, wie es hier zu Lande zu meiner
Zeit Sitte war - und noch ist.
    Desto glücklicher diese Wahl!
    Nicht Raupe, nicht Schmetterling ist für ein Herz wie Tinchen. - Gnädige
Frau, ich kenne es.
    Kaum in aller seiner Feinheit. Man weiss, wie junge Leute sind; allein er
hätte wenigstens bedenken sollen, was Tinchen zu ertragen vermag und was ihr zu
schwer ist! - Jugendliebe - -
    Nichts als Jugend-, Helden- und Eulenspiegelstreiche! Tinchen und Amalchen
tun nichts zur Sache! Jagd ist die Losung!
    Da kam der Herr v. W., der da anfing, wo er's gelassen hatte, mit einer
Bitte um Vergebung! - Er nahm Anteil an unserer Unterredung, und obgleich er
wider seinen Eidam allerdings so manche Bedenklichkeit hatte, so war er doch der
Meinung, dass Güte des Herzens und Biedersinn über eine gewisse Zärtlichkeit
gingen, woran in Curland bloss darum so viel Misswachs wäre, weil die Höflichkeit
nicht betrieben würde, die zu allen Dingen nütze sei! - Glücks genug, wenn man
heut zu Tage einen Mann ohne Schulden findet, der zu seiner Zeit ein Mahl zu
Ehren anrichten kann; einen Mann ohne Eigensinn, der Arten begreifen will; einen
Mann, der Verstand hat und Arten zu fassen versteht! - Wieder eine Bitte um
Vergebung, und warum? Weil ich Sie so lange von meinem künftigen Schwiegersohn
unterhalten habe! Er ist mein Freund!
    Desto besser, sagte Frau v. W. Sie bleiben doch morgen? fügte sie hinzu.
    Ich bleibe.
    Herr v. W. kleidete sein Gesuch, dass ich morgen noch bleiben möchte, in ein
so feines Compliment, dass es zugleich für seine Gemahlin und mich Weisung
entielt, weil wir die Sache so kurz und gut berichtigt. - Man hat's, sagte er,
wiewohl bei einer andern Gelegenheit, für ein Geld! - Warum sollte man nicht ein
wenig Gewürz dran legen?
    Es hebt.
    Macht aber Hitze!
    Nach dem das Gewürz ist!
    Wir gingen zu Tische, und Tinchen war sehr heiter. Vater und Mutter schienen
ausnehmend mit ihr zufrieden. Was mir vorzüglich auffiel, war die gütige Art,
mit der sie sich gegen mich benahm! - Sie erinnerte sich an die geringste
Kleinigkeit, die zu der Zeit, da ich nach Königsberg ging, vorgefallen war. Herr
v. W. hatte Mühe, uns von einander zu bringen, und wenn wir anstanden, mündlich
zu sprechen, waren unsere Augen in einer immerwährenden Unterhaltung; ich
rettete Tinchen, und sie dankte mir! - Tinchen richtete den Salat an, und ich
nahm mir die Erlaubnis, sie an das examen rigorosum zu erinnern, das sie in - -
überstand. Mir kam es vor, dass des strengsten Augeninnersten und Händegewichts
unerachtet, womit Tinchen sonst begabt war, diesesmal die Salatingredienzien
nicht nach richtigem Mass und Gewicht gemischt wurden. Zu viel Salz! - zu wenig
Essig!
    Die Deutschen, Herr Major! hielten auf ehrliche Geburt: alle ihre höheren
Titel laufen auf geboren heraus.
    Ehrenfest, Hochedel und Wohledel, Gestreng, sind noch mehr originaldeutsche
Titel, als das liebe Geboren!
    Erlauben der Herr Major, sagte Herr v. W. Der Franzos sagt Monsieur; wie
gehts aber mit dem Geboren? Ich glaube, in Frankreich kennt selten der Sohn den
Vater!
    Sie haben etwas, die Franzosen, in der Sprache und in allem, was man ihnen
nicht nehmen kann; nur das Geboren nicht! - Wie dreist ist ein Franzose bei
aller seiner Sprachfeinheit! - Ein dummdreister Mund und ein liebliches Wort! -
Man sehe nur, wie die Franzosen ihren mes Dames begegnen! Sie verstehen, in
Feinheit grob zu sein. Sie gehen, als wenn sie einen guten Freund auf der
Schulter balancirten, oder wie der letzte Taschenspieler, der eine Pfeife auf
der Nase tanzen liess. Zur Höflichkeit, zur Festlichkeit, gehört auch ein Körper,
der etwas auf sich nehmen kann. Ein gewisser Wuchs ist schon an sich festlich,
und wenn sich ein Zwerg bückt, ist das höflich? - Da fällt mir immer der Bericht
ein, den ein General dem verstorbenen Könige von Preussen über Paris erstattete:
Alles Ausschuss, allergnädigster Herr! Kein Hofcavalier, der Sieben misst! - Was
ich den Franzosen nicht gönne, ist das Wort Servante. Das deutsche Dienerin ist
nicht hin, nicht her; und Magd! Pfui übers Kopftuch! Wir hielten über diese
Materie ein Gespräch, an dem ich wie der Inhalt es zeigen wird, wenig Anteil
nahm. Ich sah lieber Tinchen im Wasser, als dass ich das Fest der Deutschen
wiederholte.
    Der Franzose ist auswendig gelernt; der Deutsche nimmt sich, wie er sich
findet; der erste Blick ist immer der beste, das sieht man beim Villard.
    Was geben die Franzosen, wenn sie einen zu Gaste nötigen? Die
letztbeklatschte Comödie zu lesen, oder die heutige Zeitung; eine Limonade oben
ein! - Sie sind geselliger als die Deutschen; allein ihre Gefälligkeit schränkt
sich aufs Reden ein. Ists Wunder, dass in ihren Worten mehr Geschmack, als bei
uns ist? Wenns aber auf Taten ankommt, heraus! ihr Herren! wenn ihr Herz habt!
Mir gefällt jener Deutsche, der, wie alle seine Landsleute, nie allein trank.
Wenn dieser Biedermann keinen hatte, mit dem er Gläser anstossen konnte, nahm er
sein Stammbuch und leerte Seite vor Seite aufs Wohl seiner Freunde sein Glas! -
Dass es dir wohlbekomme, ehrlicher Deutscher!
    Der Engländer vergräbt alles in sich; zuweilen gräbt ers auf, um diesem oder
jenem Todten den Ring vom Finger zu ziehen. Man sieht aber fast immer noch am
Ringe ein Stück vom Finger!
    Noch eine sehr feine Bemerkung, die Herr v. W. machte, ihm zum
immerwährenden Andenken.
    Man sagt: mein Röschen. Niemand mein Nelkchen! meine Lilie! meine Hyacinte!
Da sieht man doch, dass jedes Ding sein Hochwohl- und Hochedelgeboren hat, wenn
man es nur nimmt, wie es zu nehmen ist!
    Möchten Sie doch, liebes Tinchen, glücklich in Ihrer Ehe sein! Wer Sie nicht
auf Händen trägt, verdient keine Hand zu haben? - Junker Gottard hat zwei
Hände.
    Wir standen von der Tafel auf. Ich sprach mit Tinchen; allein ohne dass sie
und ich an ihren morgenden Verlobungstag dachten!
    Wie kam das? Um vieles hätte ich sie nicht daran erinnern können.
    Herr v W. hatte die Gewohnheit, alle Abende mit seinen Leuten eine Betstunde
zu halten. Es war, wie er's nannte, ein schuldiger Gottesdienst! Die Frau v. W.
sagte mir diese Gewohnheit mit einer so herzlichen Art, dass ich diese
Abendstunde um vieles nicht verlieren wollte. Herr v W. legte es, da die
Betglocke geschlagen, so geflissentlich an, mich eben so gern hinaus zu
complimentiren, als ich bleiben wollte. Endlich kam es zum Wortwechsel. Warum
wollen Sie sich incommodiren? fing er an, als ob das Gebet eine Beschwerde wäre,
als ob es den Herrn v. W. anginge. Ich liess nicht nach und fand, dass Herr v. W.
durchs Gebet mit dem lieben Gott complimentirte, und offenbar bewies, dass er das
Gespräch nicht angehört, welches zwischen meinem Vater und dem Herrn v. G. bei
der Ankunft in - in dem Hause des Herrn v. G. vorfiel.
    Wir gingen in das Betzimmer, wo auch, wenn das Wetter zu schlecht war, um in
die Kirche zu fahren, eine Predigt gelesen ward, und Tinchen nahm mit einer
Unschuld, die über alles ging, ein in schwarz Corduan gebundenes Buch, und las
ein Gebet mit einer solchen Herzlichkeit, dass es mir durch die Seele ging! - War
es mir doch, als wenn sie Gott sähe! Meine in Andacht trunkene Seele fand in
Tinchens Herzen, Mund und Händen das ganze Ideal einer erhörten Beterin!
    »Du weisst, was uns bevorsteht, und wir wissen, dass du unser Vater bist!
Vater, in deine Hände befehlen wir unsern Geist! - Dein Geist! - lieber Vater,
gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir deine Kinder sind! - Geister sind so alle
zusammen verwandt, und unsere Leiber hast du durch deinen lieben Sohn an
Kindesstatt angenommen. Ganz sind wir dein!«
    Noch eine Stelle!
    »Lehre du uns mit deiner Welt zufrieden sein, die du gemacht hast sehr gut.
Lass uns nie vergessen, dass es an uns liegt, wenn sie uns nicht sehr gut ist!
Wenn sie uns nicht sehr gut vorkommt! Dein Wille geschehe!«
    Hier brach sich ein Tränchen, das Tine so lange zurückgehalten, hervor. Man
hörte es an ihrer Stimme. Gehen konnte es keiner; so weit liess Tinchen es nicht!
- Wie rührend! - Jedes von uns hatte eine Träne im Auge. Herrn v. W. allein
ausgenommen, der nur nach vorgeschriebenen Noten weinte.
    »Dein Wille geschehe!« Hundertmal möchte ich diese Worte hersetzen,
vielleicht träfe Eine meiner Leserinnen Tinchens Ton! - »Dein Wille geschehe!«
    Herr v. G. der Aeltere soll gesagt haben, den Willen hat sich der liebe Gott
vorbehalten, vom Verstand hat er uns ein gutes Stück abgebrochen, und als er
sagte, brach er sich Brod ab, welches er, wie wir wissen, ungern schnitt!
    Mein Vater ist dagegen der unvorgreiflichen Meinung gewesen, dass dem
Menschen viel Willen anheimgestellt wäre, den Verstand aber hätte sich Gott der
Herr vorbehalten.
    Endlich haben sie sich auf den Satz vereinigt, dass der Verstand eine
herrliche Gabe Gottes sei, wenn nur nicht der Unverstand seine Lobrede
übernehme!
    Liebhaber, hast du je deine Geliebte beten gehört und gesehen? Lieber
Gottard! wie hättest du hier alles, alles vergessen, was nicht deine Tine ist,
wenn du sie gesehen und gehört hättest! Wer verdenkt dem Gottfried seine Liebe
zur in Gott andächtigen Jungfrau?
    Jener Arme, der einen reichen Mann um Geld ansprach, erwiederte, da ihn der
Reiche fragte: Gegen was für Sicherheit? - Ingrossation auf den Himmel! - Der
Reiche gab ihm nichts, weil auf diese Güter schon zu viel intabulirt wäre, wie
der Reiche glaubte.
    Das Gebet, Freunde! ist wahrlich eine gerichtliche Verschreibung auf die
unsichtbare Welt!
    Dem Wille geschehe, sagte Tinchen, und die letzten Worte:
    »Dann liegen wir in unserm Grabe und schlafen unbekümmert den süssen Schlaf
des Todes, und ein Bote des Herrn geht mit einem: Gesegnet seist du dem Herrn,
vorüber, bis wir eingehen zum ewigen himmlischen Reiche, das bereitet ist denen,
die Gott lieben!«
    Wir schieden sehr still von einander! - Die versammelte Gemeinde näherte
sich (alles in gewissen Tempos) zu den Knieen des Herrn v. W.; die Frau v. W.
wünschte bloss eine gute Nacht. Das Fräulein Tinchen sahen die Leute so an, als
dächten sie, schön gebetet! - Niemand rührte sie an, als wäre sie ein Engel
Gottes, den niemand tasten kann!
    Was meinen der Herr Major, sagte Herr v. W. zu mir, das Forte piano und
pianissimo weiss meine Tochter zu halten. O des Erzcomplimentisten, mit seinem
Forte piano und pianisimo.
    Ich konnte die Nacht kein Auge schliessen. War es Wunder?
    Tinchen, wie ihre Mutter des andern Tages versicherte, hatte eine noch
ärgere Nacht gehabt! Die Nacht vor der Verlobung, ist sie nicht wirklich, wie
meine Mutter bei Gelegenheit ihres Romans, den sie mit meinem Vater gespielt,
sie nennet, eine arme Sündernacht?
In welcher Nacht ich lag so hart,
Mit Finsternis umfangen.
    Ich weiss nicht, was mir war! Schlafen konnte ich nicht, gewacht habe ich
auch nicht!
    Der Verlobungstag erschien, an welchem der Herr Grossvater des Herrn v. W.
mit der Frau Grossmutter sich ehelich verbunden, und ward mit einer Feierlichkeit
eingeläutet, die ihres Gleichen nicht hatte. Dass Herr v. W. mit einem dicken Fuss
wegen der frisch angelegten weissseidenen Strümpfe paradirte, bedarf keiner
Anmerkung.
    Ich sah zeitig aus meinem Fenster, das ich öffnete. Wahrlich, ich betete,
so voll war ich! Bei aufgestossenem Fenster versteht sich. Ich weiss nicht, ob
meinen Lesern noch das Vaterunser beiwohnt, da mein Vater und ich im Hofe des
Herrn v. G. ausgeschlafen hatten. Wir sahen zum Fenster hinaus, und da ich
Abschied in diesem so seligen Hofe von ihm nahm (es war das letztemal, dass ich
meinen Vater sah!), stiess Er ein Fenster mit einer Heftigkeit auf, die mir noch
auffällt. »Mein Vater! mein Vater! Wagen Israels und seine Reiter!«
    Ist sie es? Sie ist es! Ich sah durch mein Fenster Tinen an einem Teiche mit
einem Mädchen herumgehen, und immer in den Teich sehen. Sollte sie, dachte ich,
da ihr Herr Aeltervater mit der Frau Aeltermutter sich ehelich verbunden, und
auch sie Gottarden auf ewig die Hand zu geben in dem Herrn entschlossen ist,
sollte sie da dass Andenken des Wasserfalls feierlich begehen? Und gleich
unterdrückte ich diesen stolzen Gedanken! - Wir taten, als sähen wir uns beide
nicht, und doch sahen wir uns beide! - und wünschten es, dass wir uns sähen!
    Sie verschwand!
    Eine feierliche Stille im ganzen Hause! Mehr als ein Pianissimo!
    Bald hätte ich zu bemerken vergessen, dass Herr v. W. mir des Abends das
Geleite gegeben und des Morgens früh nach meinem Wohlsein sich erkundigen
lassen. - Frühstück ward jedem in sein Zimmer gebracht, und es kann Zehn gewesen
sein, da Herr v. W. zu mir kam in vollem Staat und mir die Visite gab. Es ward
mir auf den Aermel geheftet, dass ich sie ihm wiedergeben müsste; das tat ich,
und nun war bis zum Verlobungsmittag alles nach Ortsgebrauch berichtigt!
    Man gab mir zu verstehen, ob ich nicht Luft und Liebe hätte, das
Verlobungszimmer anzusehen. - Ich hatte nicht Luft und Liebe! - Da ich indessen
merkte, dass diese Anregung höheren Ortes sich herschrieb, ging ich und fand ein
Zimmer, wo ein Sopha stand, carmoisinrot beschlagen, darüber Grossvater und
Grossmutter so unaufgeräumt gemalt, dass es mir vorkam, als wäre dies gute Paar
unwillig, dass man sie aus dem Schlafe störe.
    Man öffnete zwei Flügeltüren, und ich fand eine solche allerliebste
Uebereinkunft, dass es schien, als freuten sich die Zimmer, dass sie einander
sähen. Man sah es recht, dass eins ins andre kam! Wenn eine Saite angeschlagen
wird, tönt die andere, falls die Instrumente gleich gestimmt sind. Ueberall fand
ich die liebe, liebe Frau v. W.
    Schwerlich, dachte ich, wird es Junker Gottard so empfinden, als ich!
    Es war alles bereitet, und niemand fehlte, als der Bräutigam. Freilich bei
der Verlobung ein wichtiges Stück! Da rasselte ein Wagen! und da lief alles, was
nur von Domestiken laufen konnte, auf den Posten. Herr v. W. war nicht Willens,
seines Schwiegersohns halber die letzte Stufe der Treppe zu beschreiten, um den
Ankömmling entgegen zu nehmen; denn vorerst war er der Schwiegersohn, sodann
verstand er nicht, was heiliger Abend war, und selbst an seinem Ehrentage hatte
er viel zu lange auf sich warten lassen.
    Wo sind denn die Damen? schrie Herr v. W., der in seine Rolle gesehen hatte.
Sie hatten sich noch nicht sehen lassen, ausser dass ich Tinchen am Wasser
erblickte.
    So erschrak Luise nicht über den unzeitigen Flintenschuss, als ich, da ich
hörte, Tinchen wäre wie todt. - Ich hörte das Wie nicht, und doch hat ein
dergleichen Wie eine grosse Bedeutung! - Herr v. W. wollte nicht aus der Rolle
weichen, und das war ihm in den Jahren nicht zu verdenken! Er hatte zu viel zu
behalten, um sich völlig auf sein Gedächtnis verlassen zu können! - Todt! Herr
v. W. todt? Was hilft der Bräutigam, wenn die Braut fehlt? Dieser Gedanke muss
ihm, wie ich vermute, einen Stoss gegeben haben. Er war wirklich aus dem
Concept, und ging zu seiner Tochter, die, wie es bald darauf hiess, immer
schlechter würde. Soll denn, sagte Herr v. W., da er aus Tinens Zimmer kam, aus
dem Tag der Freude ein Tag des Trauerns werden? Alles lief durch einander! Die
Mutter hörte ich rufen: Meine Tochter! meine Tochter! so kläglich, als die
Rett's und die Hier's von Luisen, schallten sie mir, und o! was ist in solchen
Fällen der Wohlstand? Das schrecklichste, was ich weiss! Wird Gottard, der eben
gekommen, es nicht so machen, wie ehemals, und eher die Flinte abzuschiessen
bereit sein, als seiner Kranken die Hand zu reichen?
    Nach einem langwierigen, unverständlichen Mischmasch kam alles an Ort und
Stelle. Der Herr Bräutigam hatte sich entschuldigen lassen. Sein Fürsprecher war
Junker Peter, der Mückentodtdrücker, Tinchens Bruder, der mit feurigen Ross' und
Wagen angekommen war. Man hörte es den Pferden an, dass sie bei einem Bräutigam
im Dienst sind, sagte Herr v. W., und tat sehr zufrieden, dass der Herr
Schwiegersohn in Rücksicht der Pferde die Etikette als Bräutigam nicht verfehlt;
was aber ihn selbst betraf, o! das war ihm zu unerträglich, als dass er über
diese curische Denkart seinen Unwillen nicht äussern sollen. Die Stimme ist
Jakobs, die Hände Esau's, sagte der gute Herr v. W., ohne zu bedenken, dass er
dem Jakob, den er mit den kecken Bräutigamspferden verglich, eben keine
sonderliche Ehre erwies. Wie doch alles in der Welt durch Missverständnisse
geschlängelt wird! Ich weiss nicht, ob meine Leser sich noch an den sonst
unbeträchtlichen Umstand des vermeintlichen Todes des Dr. Saft erinnern, welchen
meine betrübte Sündenfallskrankheit im vierzehnten Jahre veranlasste, und was für
Kreuzwege gingen nicht aus dieser meiner Krankheit aus, bis sie alle zusammen in
den zweiten Discant meines Vaters zusammentrafen:
Gott eilet mit den Seinen,
Lässt sie nicht lange weinen!
Du wirst dich so vergessen, sagte Frau v. W. zu ihrem gedrückten Manne, der
wahrlich seine Jakobsstimme eingebüsst hatte, dass du deinen Gast aus dem Gesicht
zu verlieren im Begriffe stehst! - Gleich ein Platzregen von Bitten um
Vergebung, und doch hinter diesen wieder Glossen über Curland und Semgallen, die
mein Vater nicht unhöflicher machen können! Freilich war es arg, dass die Sonne
am grossväterlichen Verlobungstage so unverrichteter Arbeit untergehen sollte,
und ohne dass sie ein Enkelpaar begrüsst hatte! - Ein Trost fiel mir ein, der noch
am heilsamsten anschlug! Wer Torheit mit Klugheit verbessern will, gebe ja das
ganze Geschäft auf. Torheit muss Torheit heilen! Gleich und gleich! -
Grossväterlicher Hochzeitstag, sagen Sie? Ja doch, Hochzeitstag! erwiederte Herr
v. W., der, unter uns gesagt, sein unhöfliches Doch ersparen können, dessen ich
mich nicht gewärtig war. Indessen ging es nicht mich, sondern seine
unbedachtsamen Voreltern an, die zwar den Hochzeits-, nicht aber den
Verlobungstag in die Archive von gelegt und in die Familienakten verzeichnet
hatten, welches Herr v. W. bei dieser Gelegenheit sehr empfindlich rügte. - Nun
nahm ich mir die Erlaubnis zu bemerken: Ihr Herr Vater hat auch einen
Hochzeitstag gehabt? Freilich, erwiederte Herr v. W., allein wie schön wäre
alles zu stehen gekommen, wenn an diesem Tage - das Beilager, griff ich ein, und
an jenem die Verlobung gehalten wäre? Darf ich aber Ihren selbst-eigenen
Hochzeitstag, weil doch die Verlobungstage in der Familie in etwas
vernachlässigt zu sein scheinen, wenigstens nicht ahnenreich sind, darf ich -
Herr v. W. merkte auf und begriff, wo ich hinaus wollte; er schien sich zu
fassen, obschon er nicht umhin konnte, dem Worte Beilager einen Brandmark zu
geben, und, wie er sagte, mich höchlich zu bitten, zur Ehre der Deutschen dies
Wort bis aufs Blut zu verfolgen; welches ich ihm, um seinen patriotischen
Absichten nicht den Weg zu vertreten, versprach!
    Tinchen genas, und die Familie versammelte sich zu einem zwar etwas spätern,
allein desto einträglicheren Mittagsmahl, aus welchem indessen zwei Schüsseln,
nach Anordnung des Herrn v. W., ungegessen abgetragen werden mussten, weil, wie
er sagte, sie origetenus Verlobungsgerichte wären. Die eine war, dünkt mich,
Kälbermilch. Herr v. W., um nicht die Regeln der Lebensart zu übertreten (er
verzieh mir den harten Beilagerausdruck), verbiss seine Bitterkeit. Die
Frauenzimmer schienen so zufrieden, dass selbst von Tinchens Krankheit nicht viel
gesprochen wurde. Ein Wasserfall, sagte sie, da ich mich darnach erkundigte.
Wenn man einmal auf'm Trocknen ist, was ist mehr? So schien sie mir auch
wirklich! - Frisch, wie nach dem kalten Bade. Und die Mutter? Auch sie brauchte
so wenig wie Luischen, meinen Hut voll Wasser. Die Zufriedenheit ihrer so
liebenswürdigen Tochter hatte sie hinreichend getröstet!
    Von Tinchens Bruder, vom Mückenhelden, bin ich noch die Beschreibung
schuldig. Dieser junge Mann war auf eine so höfliche Art von seinem Herrn Vater
erzogen, dass nichts darüber ging. Wen er lieb hat, den züchtigt er, scheint mir
noch immer die Hauptregel der Erziehung zu sein. Ich weiss, dass man es heut zu
Tage darauf anlegt, durch gute Worte gute Plätze zu suchen. Wenn's nur ohne
Nagelbohrer gehen wird!
    Meine liebe selige Mutter schrieb meine Krankheit im vierzehnten Jahre auf
die Rechnung des betrübten Sündenfalls.
    Extrapost! Die Festlichkeit und Höflichkeit, welche unser teurer Herr v. W.
so brüderlich zu vereinigen wusste, floss, die reine Wahrheit zu sagen, aus der
Quelle des Stolzes! - Hierin folgte der Herr Sohn dem Vater buchstäblich, und da
es ihm nicht verborgen bleiben konnte, dass eben die Höflichkeit das Wort
Melchisedech war, welches seinem Herr Vater rings umher, in einem solchen Lande,
wie Curland, übel ausgelegt ward; so machte er sich noch eine gewisse Heuchelei
eigen, die weit unartiger hervorschoss, als wenn sie bloss aus der Wurzel der
Fest- und Höflichkeit entsprossen wäre! - In seines Vaters Hause war er höflich
und festlich, und zwar gegen seinen Vater; ungezogen curisch in aller Rücksicht,
sobald er ins Freie kam. Alles von dieser Verfahrungsart konnte dem Vater
unmöglich verborgen bleiben; indessen schrieb er dies flugs der grossen Kunst zu,
sich in die Zeit zu schicken. Ueberhaupt glaubte der Herr Vater einen
wohleingeschlagenen Sohn in Junker Petern vorzeigen zu können, und hatte nie
etwas dagegen, wenn es dem jungen Herrn einfiel, seinen Vergnügungen Tür und
Tor zu öffnen. Die gute Mutter, die kein doppeltes Gesicht ausstehen konnte,
weil das Gesicht das Patent des Herzens, des Gemüts ist, hörte nicht auf
einzulenken; allein da war der Herr Sohn, so wie es die Zeit mitbrachte, oft
höflich, wie gegen seinen Vater, oft rauh und curisch, wie mit seinen Brüdern!
    Was ich einen sich immer gleichen Charakter liebe! Und wahrlich, zu diesem
Gleichlaut den Menschen zu bringen, kann nicht schwer halten, wenn man ihn von
der Bahn der Ausdrücke, der Worte, zu Handlungen, zu Taten, von dem Wege der
Empfindungen auf den Weg der Grundsätze und der Regeln leitet! Wer kann das zu
oft sagen! Wahrlich, es wäre gut, den Menschen von allen Neigungen abzuhalten,
die sich nicht aus der Naturschule herschreiben! - Man lasse das Kind, wie Herr
v. G., der Selige, der Meinung war, essen, wenn es hungert, man lass' es zu
Bette gehen, wenn es schläfert! - Man überlass' es sich in solchen Dingen so
sehr, dass man jedes Gängelband verabscheue! - Es hat gute Wege. Wenn der Finger
verbrannt ist, wird man das Licht scheuen, und wenn sich das Kind den Kopf
gestossen, wird es dem Fall ausweichen. - Die Erziehung geht nicht diesen,
sondern einen ganz andern Weg. Man sehe doch, wie Gott den Menschen zu erziehen
sich bemüht, da der Mensch sich in die Unnatur stürzte und in seinem Blute lag.
    Neigungen, Angewohnheiten schränken die Macht der vernünftigen
Bewegungsgründe, der Grundsätze ein, und überhaupt, was macht uns unglücklich in
der Welt? Wahrlich nicht der Mangel der Sache. Der Mensch kann sich ohn' alles
behelfen. Selbst ohne die Hoffnungen der andern Welt kann man Gutes tun. Der
Appetit, Freunde! die Neigung zu etwas, das entweder gar nicht da ist, oder
schwer erhalten werden kann, macht uns unglücklich! - Mensch, du bist ein
geborner Diogenes! Lerne dich selbst kennen!
    Ob und in wie weit der Mückenheld diese Lection verdient habe, die ich ihm
gelesen, sei meinen Lesern zu beurteilen überlassen!
    Jetzt zur Geschichte, und damit ich meinen Lesern doppelt einbringe, was sie
bei dieser Nutzanwendung eingebüsst, so sei mir gleich mit der Anzeige anzufangen
erlaubt, dass Junker Gottard nicht Tinens Bräutigam war. Wie das möglich ist?
und wie ich denn auf Trinchen und Amalchen in meiner Unterredung mit der lieben
Frau v. W. fallen können? Wohlgesprochen! Aber ich frage wieder: Wie man glauben
können, dass Dr. Saft todt sei? Und ob nicht jedes der Meinung sein müssen,
Junker Gottard wäre der Bräutigam? Wer anderer Meinung ist, blättre das
griesgrämische Gesicht des Herrn v. W. auf, da er die heissesten Wünsche seinem
Schwiegersohne bei der academischen Wanderung auf den Weg gab, dass der grosse
Gott ihn auf seiner Reise begleiten, seine Studia zu seiner Ehre und des
Vaterlandes Nutzen segnen, und ihn zu seiner Zeit in die Arme seiner kleinen
Braut gesund zurückbringen wolle! - Und das war nur ein Teil, der kleinste, von
seiner Schwiegervaterempfindung.
    Junker Gottard war's nicht? Warum nicht? Daran wird weniger liegen, als an
der Frage: Wer es denn sonst gewesen? Ich will versuchen, beide Antworten unter
einen Hut zu bringen.
    Junker Gottard hatte in Göttingen und Königsberg so wenig Aufmunterung zur
heiligen Ehe gefunden, dass ihm vielmehr seine Trine je länger, je schmucker
vorkam, und was ihm den Rest gab, kann wohl die Art gewesen sein, wie Tine v. W.
ihm bei seiner ersten Aufwartung begegnete! - Herr v. W. mit offnen Armen. Frau
v. W. reicht' ihm die Hand. Tinchen benahm sich dabei so, als wenn sie nur zum
Zusehen da wäre! - Erbarmung, dies Mittelstück der Liebe, wenn Erbarmung rechter
Art ist, sieht aufs Unglück, nicht auf die Person; und die Liebe? Sagt ihr, die
ihr geliebt habt, hat nicht jede Liebe einen Götzen, den sie anbetet? Idol, oder
Ideal, ist hier nicht weit auseinander. Alexander bringt das Bild seiner Mine
auf die Welt, und Mine das Bild Alexanders. Die Sinnen bringen nur auf etwas,
was schon da ist. Sie decken nur den Tisch, um die fertigen Schüsseln
aufzutragen, und noch jetzt, wenn gleich die Eheangelegenheiten ihre sieben
magern Jahre angetreten, gibt's doch noch Adams- und Evasehen.
    Junker Gottard empfand, dass er gekommen, gesehen und nicht gesiegt hatte,
und ging gerechtfertigt in sein Haus! - Er sah ein, dass hier keine Aussicht für
ihn wäre, wenn er mit gutem Gewissen verfahren sollte, und es kostete ihm wenig
Mühe umzusatteln, um aus seiner Sprache ein Wort anzubringen. Ich glaube, dass er
nie mit dem ernsten Gedanken zu Tinchen gekommen, seine alten Rechte geltend zu
machen, und da er fand, dass das Wasser im Teiche Betesda sichtbarlich nicht für
ihn, sondern für einen andern bewegt ward, hoffte er nach der Liebe, dass, wenn
ihm ja nach der Eheklause eine Sehnsucht anwandeln sollte, ihm sein Kämmerchen
nicht fehlschlagen würde.
    Tinchen und Gottard fanden bei diesem Auftritte vollkommen ihre Rechnung;
nur Tinchens Vater und Mutter waren nicht sonderlich erbaut, welches Gottards
mindester Kummer war. - Ein Glück für Junker Gottard war es (denn sonst würde
ihn Herr v. W. mit Höflichkeit verfolgt haben), dass er bei dieser Gelegenheit
alle Regeln der Höflichkeit gegen den Herrn Schwiegervater übertreten. Kein
Wunder, dass er diesen Ehrenmann, der mit seiner Tochter nicht verlegen war, in
Harnisch jagte, und dass die fehlgeschlagene Hoffnung dem Herrn v. W. keine
Minute verdarb! - Fast hätte man glauben sollen, Tinchen und Gottard hätten
sich aus blosser Liebe verlassen, so schien es, da sie sich einander los waren.
Tinchen legte indessen ein Jahr nach dem andern zurück, und was noch mehr ist,
so war sie so sehr in sich gekehrt, dass die Eltern ihretalben fürchteten. Es
kann sich wohl auch ein Dr. Saft mit einem Heiratsrecipe obenein gemeldet
haben, worauf um so mehr Rücksicht genommen ward, als ein Lorchen, wie schon
erwähnt worden, in der Gegend sich so herabgesetzt, dass sogar Tinchen nicht mehr
Lorchen genannt wurde. In dieser Lage ward Tinchen von einem reichen Junker
gesehen, der nicht aus dem Lande gekommen war. Auge auf, Beutel auf, sagte Herr
v. W., und interessirte sich fast gröblich für diese Heirat. Herr v. W. bewies,
dass, wenn gleich die Höflichkeit zu allen Dingen nütze wäre, das Geld ihr nur
etwas weniges nachgebe, und da er Festlichkeit mit der Höflichkeit paarte, wie
sie denn sich gegen einander wirklich verhalten, wie Mann und Weib, so war es
sehr natürlich, dass er das Vermögen des reichen Junkers in eine der Sache gemässe
Erwägung zog. Tinchens Freier unterstützte den Mückenhelden mit Vermögen zu
allerlei Vergnügungen, und dieser ihn mit Empfehlungen im väterlichen Hause. So
hoben sich die Brüche, und selbst die gute Frau v. W. war, wie wir gehört haben,
eben nicht wider diese Heirat.
    Tinchen allein sah die Sache von einer ganz andern Seite an. Sie wollte
nicht fremdes Feuer auf einen Altar bringen, der einem unbekannten Liebhaber
geweiht war, und eben in dieser Rücksicht sielen ihr tausend Dinge an ihrem
Liebhaber auf, die andere Leute nicht bemerkten. Selbst ihre seine Mutter nicht.
Die Liebe entschuldigt, die Abneigung tadelt alles - und wahrlich, Tinchen hatte
nicht Ursache, bei dieser Tadelsucht sich anzustrengen. Tinchens Werber, Herr v.
K., damit ich den ersten Buchstaben gebe, hatte sich nicht bloss auf eine
schmucke Trine eingeschränkt, sondern auf jedem seiner Dörfer und Vorwerke war
eine dergleichen schmucke Person, die er begnadigte (ein lettischer Ausdruck,
den ich nur sehr unkräftig verdolmetscht habe). Der Mückenheld war in Absicht
dreier dieser Trinchens in Compagnie getreten, wo aller Schaden auf Herrn v. K.,
der Vorteil aber zu wenigstens gleichen Teilen ging; juristisch
Löwengesellschaft genannt. v. K. war ein Verschwender, und geizig - er liebte
und hasste auf eine so uncivile, ungesittete Art, dass freilich bei der Verbindung
mit Tinchen keine sehr glückliche Ehe abzusehen war. - Was solche Leute ekelhaft
sind! - Ich trinke darum ungern Punsch, weil er, wie Herr v. E. und Herr v. K.,
sich widerspricht. Indessen ward Tinchen endlich eingeschläfert, im Schlafe
aufgesprengt, und da hatte sie den Kopf nach vorn genickt, wie alle gute Leute,
wenn sie schlafen, nach vorn den Kopf zu neigen pflegen. Dies Nicken hiess beim
Herrn v. W. um so mehr Ja, als, nach seinen Regeln der Höflichkeit, er keinem
Mädchen in ein deutliches Ja! auszubrechen gestattete; höchstens konnte sie es
verlieren. Eben darum hätte er das Trauungsformular, trotz dem zweigliederigen
Segen, gern reformirt, wenn es in seiner Macht gewesen wäre. Die gute Mutter
empfand desto mehr, dass Kopfnicken und deutlich Ja sagen verschieden wären. Sie
sah ihre Tochter so oft ganz Gott ergeben vor dem Altare dienen, wo freilich nur
das Fest des unbekannten Liebhabers gefeiert wurde; indessen ist die Liebe der
Einbildung die gefährlichste!
    Kind! fing sie an, und Tinchen erwiederte: Mutter!
    Liebes Kind!
    Liebe Mutter!
    Einzige Tochter!
    Einzige Mutter!
    Das war alles, Was verhandelt ward. Du hast gewollt! Ja, liebe Mutter!
Ungern? Ja, liebe Mutter! Gott wird helfen! Tinchen blickte gen Himmel! - Ihre
Mutter führte sie auf so manche Höflichkeitsscene, durch welche sie sich
durchdrängen müssen, auf die Abneigung, die sie für alles, was sich biegt,
gehabt und noch hätte, und dann unterbrach diese Lieben der Mückenheld, oder
sein Herr Vater, und Tine empfand die Unannehmlichkeit in ihrem ganzen Umfange,
von diesem des Herrn v. K. halber geliebkost und von jenem aufgefordert zu
werden! - Alle Zudringlichkeit ist, bei Gemütern, die selbst zu wissen glauben,
was zu tun ist, unausstehlich, es kleide sich diese Zudringlichkeit schwarz
oder weiss.
    Herr v. K., der wohl wusste, dass Geld bei ihm die Losung sei, bot seiner
Braut auf eine recht curische Art ein Geschenk in baarem Gelde an, um nach ihrem
weltberühmten Geschmack, wie er sagte, selbst davon Gebrauch zu machen. Wer kann
das so, wie Sie, setzte der galante Herr v. K. dazu! - Weltbekannt, erwiderte
Tinchen, - kehrte den roten Netzbeutel zurück und fügte auf eine Art hinzu: Wir
sind beide nicht aus Curland gewesen! dass Herr v. K. selbst es verstand. Das muss
doch eine sehr deutliche Art gewesen sein! - Herr v. W., der höfliche Herr v. W.
wusste selbst diese Geschenkmanier zu Gunsten des Herrn v. K. auszulegen,
obgleich Geschenke in Geld so was Widerstehliches an sich haben, dass kein guter,
edler Mensch sie mit offenen Augen nehmen kann. Geschenke machen die Weisen
blind! - Herr v. W. hatte dem Junker v. K. den Hochzeitstag seines Herrn
Grossvaters verziehen; wie sollte er ihm ein Geschenk in Geld übel deuten? Geld
war des Junkers v. K. Losung.
    Geschenke in Geld heissen Geschenke in originali, sing Herr v. W. an.
Präsente, in Sachen bestehend, heissen Geschenke in autentischer Copie. Alle
Originale sind hart, oft widerlich, gestrichen und mit Fähnchen versehen. Eine
vidimirte Copie wird gemeinhin schön geschrieben, fällt weicher ins Auge.
Original ist indessen Original und bleibt Original.
    Tinchen war endlich wirklich entschlossen, Ja in den Augen von ganz Curland
und Semgallen zu nicken, bis sie den Tag vor meiner Ankunft solche Beklemmungen
erhielt, dass ihre Mutter ihretalben besorgt war. Ihr Vater hielt es für ein
Kapitel aus der Weiberpolitik, und klatschte, dass sie ihre Rolle so schön
spielte. - Auf Schauspiele hätte sich doch Herr v. W. besser verstehen sollen!
    Auf diese Rechnung gehörten die herzlichen Worte: »Dein Wille geschehe!« und
das Pianissimo beim Schluss:
    »Dann liegen wir in unserm Grabe, und schlafen unbekümmert den süssen Schlaf
des Todes, und ein Bote des Herrn geht mit einem: Gesegnet seist du dem Herrn,
vorüber!«
    Meine Ankunft war ihr so etwas Wunderbares, dass sie völlig aus dem
Zusammenhang kam. Sie extemporirte. Wer denkt beim Extemporiren viel an das, was
vorhergeht und was nachflogt? Wer glaubt nicht Wunder, wenn er liebt? Und bald
hätte ich gefragt: Wo geschehen in diesen wundergeizigen Zeiten anders Wunder,
als in der Liebe? Im alten Bunde versandte Gott Engel; jetzt macht er gute
Menschen zu Commissarien! Kommen Sie mir doch wie ein Engel, sagte ich zu meinem
I - - s, da er mich zum letztenmal heimsuchte, und wahrlich! Du warst mir ein
Engel, guter I - - s!
    Da die Bräutigamspferde ansprengten, fiel Tinchen in Ohnmacht. - Warum? Als
ob man bei einer Ohnmacht warum fragen könnte? Des Morgens, wie wir alle wissen,
war sie gesund und heil aus Wasser gegangen.
    Die Bräutigamspferde brachten nur den Junker Peter, unbepackt mit
Entschuldigungen, die freilich, wenn gleich sie noch so schwer gewesen, an einem
solchen Tage unbefriedigend geblieben wären. War es denn nicht der Verlobungstag
des Herrn Grossvaters Hochwohlgeboren? Konnte denn aber Peter nicht wenigstens
vorgeben, Herr v. K. wäre sterbenskrank geworden, und dem Dr. Saft einen Brief
an die Braut übertragen? Junker Peter schien nicht undeutlich zu verstehen zu
geben, dass der Ton beim Präsent in originali viel zu dieser Führung beigetragen.
Den folgenden Morgen kam ein Brief vom Herrn v. K., worin er alle
Unterhandlungen unterbrach, Herr v. W. gab mir in der ersten Hitze diesen Brief
zu lesen. Gewiss würde er's nicht getan haben, war' es nicht in der ersten Hitze
gewesen. Herr v. K. hatte seinem Freunde keinen unhöflichen Blick von seinem
Vater zuziehen wollen, der aber mit 300 Tlr. Alb. herausrücken sollte!
    Man bat mich, zu bleiben; ich blieb. Der Ton schien überhaupt in diesem
Hause zu Hause zu gehören. Ueberhaupt gehört er zum Weiberdepartement. Fast
würde ich behaupten, dass alle Declamation Weiberwerk sei.
    Lieschen war bis jetzt Tinchens Vertraute geblieben, und da ich mich ihrer
so lebhaft und oft erinnerte, ward sie herbei geholt. Sie war an einen Amtmann
verheiratet. Sie hatte keine Kinder. - Frau Luischen kam und freute sich so,
mich zu sehen, dass nichts drüber ging. Sie fand, dass ich alt geworden, und dass
mein Arm schwerlich ein Fräulein Lorchen mehr aus dem Wasser holen würde. Ein
Fräulein Tinchen noch weniger, setzte sie hinzu. Frau v. W. und ihre Tochter
fanden der keines. - Die Frau Amtmännin besuchte mich öfters auf meinem Zimmer,
wenn ich allein war, und unser einziger Text war Tinchen. In der Nutzanwendung
kam Herr v. K. vor, und da ward er behandelt, wie man die Sünder in der
Nutzanwendung zu behandeln pflegt.
    Noch vier schöne Tage lebte ich in -, und da sich meine Commission nicht
länger verschieben liess, ging ich mit dem Versprechen ab, nach geendigtem
Geschäfte wieder zu kommen.
    Beim Abschiede wieder der Ton! Wie ich den Ton liebe und alles Kopfnicken
hasse, wenn der Kopf gleich nach vom fällt! - Nur beim Tode nicht. Herr v. G.
starb nach vorn! Nur beim Schlaf nicht; denn er ist des Todes leiblicher Bruder.
    Junker Peter hatte sich gegen mich ziemlich fremd benommen, und ich bezahlte
ihn mit gleicher Münze; indessen muss ihm der Abschied, den Tine und ich nahmen,
aufgefallen sein, ohne dass eben der Ton, der freilich ein zu guterziges Kapitel
für ihn war, dazu etwas beigetragen haben kann. Wenn? fragte Tine. O, wie
anders, als Natanael, als er sein Gretchen sehen wollte! - Auch die liebe
Mutter dieses edlen Geschöpfes fragte: Wenn? Herr v. W. konnte sich nicht aus
dem Strudel herausarbeiten. Oft kam er in die Complimente, die er seinem
Schwiegersohne zugedacht hatte und die er für nichts und wieder nichts gelernt -
und nun verlernen musste! - Wie er dann abbrach, wenn er auf einmal merkte, es
sei ein Wort des Schwiegervaters zum Sohne! - Wer sieht nicht gern schwimmen,
wenn ein Kunstverständiger im Wasser ist?
    Die Frau Amtmännin konnte nicht umhin, mich weit dringender, als das ganze
Haus, zu bitten, wieder zu kommen. Aber, liebe Frau Amtmännin, mein Arm ist
nicht mehr in den Umständen, Lorchen aus dem Wasser zu ziehen! Kommen Sie doch,
Herr Major!
    Ob Herr v. K. durch seine abschlägige Antwort die Absicht gehabt, Tinchen
weichherziger zu machen, das Präsent in originali anzunehmen, um das Lämmchen
anzugewöhnen, aus seiner Hand zu essen, oder ob er ihren Vater zu einer andern
Eheverschreibung auffordern wollen, oder ob er sich, was weiss ich, in der
Gegend, wo man ihn mit Tinchens Sprödigkeit aufzuziehen anfing, wieder in Credit
zu bringen gedacht, oder ob er es seinem Herrn Schwager bloss zu Gunsten getan,
um seinen Herrn Vater bei dieser erwünschten Angelegenheit des Hauses so
geschmeidig im Geben zu machen, als der Herr Sohn es im Reden war, das sind
kitzliche Fragen, die ich meiner Aeltermutter überlassen würde, wenn sie noch am
Leben wäre.
    Junker Peter, ohne einen Auftrag selbst vom Vater zu haben, reiste von
selbst wieder, wo er gekommen, und erzählte dem Herrn v. K., was er gesehen und
gehört und was er zu glauben Ursache hätte; erhielt auch sogleich von ihm Macht
und Gewalt, sobald ich wieder einträfe, mich zur Rede zu stellen, wie ich zu der
Dreistigkeit käme, in einem Hause mich aufzudrängen, wo er Regent wäre?
    Mein politischer Auftrag ging so von statten, als noch kein Geschäft mir je
von statten gegangen? Den Türkenkrieg nicht ausgenommen! Ich kam? fand Tinen so,
wie ich, sie gelassen; ihre Mutter desgleichen. Ihr Vater hatte etwas
Rückhaltendes angenommen, obgleich er nicht verfehlte, in Absicht der Treppe
mich so zu empfangen, als zuvor!
    Warum Nebenumstände, da ein einziger alles entscheidet? Bis jetzt hatte ich
an Tine nicht anders als an ein liebes, gutes Mädchen gedacht. Den Abend, als
ich zurück kam, ging ich weiter. Was war es, was mich weiter brachte? Ein
Ungefähr? O ihr Kleingläubigen! Ich ehre jedes Ungefähr als göttlichen
Fingerzeig. Es ist etwas, das eine unsichtbare, im Stillen wirkende Hand tut,
und was sie tut, ist wohlgetan! Was ist's denn hier? Ich kam in mein Zimmer,
und da war's wie eine Stimme, die zu mir sprach: Mine! Schnell lief ich zu ihren
Papieren und fand die Stelle! - Gross geschrieben:
    »Nun meine feierlichste Bitte, mein Beschwur! Ich bitte dich vor Gott und
nach Gott! Ich beschwöre dich bei allem, was heilig ist, im Himmel und auf
Erden, und nach diesem hohen Schwur bei meinem letzten, letzten Seufzer, bei
meinem letzten Todesstoss, bei meinem letzten warmen Hauch - dich zu seiner Zeit
ehelich zu verbinden. Gott segne dein Weib und die Kinder, die er dir schenken
wird!«
    Wie mir dabei war, weiss Gott! Ich konnte kein Wort mehr lesen. Schnell legte
ich mich nieder, um keine Zeit zu versäumen. Als ob ich nicht schon zum voraus
wusste, ich würde nach dieser Stelle keine Stunde schlafen. Ich schlief wirklich
keine Stunde, und doch hatte ich ausgeschlafen! Mein Entschluss war, alles dem
Ungefähr zu überlassen, mich nicht um Tinen zu bewerben, allein ihrer Hand auch
nicht auszuweichen. Dass mir Tine schon zuvor nicht gleichgültig gewesen, läugne
ich nicht; mich aber so gegen sie zu benehmen, war das Werk dieses Abends,
welches der in mir wirkte, der Wollen und Vollbringen gibt nach seinem
Wohlgefallen.
    Ein Traum? wird der gelehrte Kunstrichter fragen, und wenn er bitter ist,
bemerken, dass dies ein Hauptstück eines regelmässigen Trauerspiels sei! Mein
Vater sagte an einem dunkeln Tage: Wenn ja Arzneien genommen werden sollen,
ist's gleichviel, was für welche. Auf die Art, wie? auf den Glauben kommt's an.
»Solch einen Glauben,« konnte man wohl hinzufügen, »habe ich in Israel nicht
gefunden.«
    Mehr als einmal hat mich eine dergleichen Stimme eines Unsichtbaren
aufgefordert. Noch nie hat es mich gereut, diesen Seelenappetit befriedigt zu
haben.
    Wie ich Tinen und das Haus ihrer Eltern gefunden, wissen meine Leser schon,
und eben diese Aufnahme machte mich empfänglich, das Wort Mine zu fassen! - Ich
ging mit Tine in den Garten, und eben an der Stelle, wo sie am Wasser
herumirrte, fragte ich sie, was sie zum Wechsel zwischen dem Herrn v. K. und mir
sagen würde? Dass es kein Wechsel ist. Wie so? Fragen Sie das? Mit einer Art, dass
ich alles wusste. Ich nahm ihre Hand und sie legte ihr Gesicht auf meine
Schulter. Wir weinten beide.
    Gott ist die Liebe! Ist es denn Schande, zu lieben? Alles, was nur diesen
süssen Namen führt und mit ihm in Verbindung ist, stammt von ihm, ist seines
Geschlechts! Gott ist die Liebe!
    »Jenes korintische Mädchen zog Striche um den Schatten ihres schlafenden
Liebhabers, in denen sie sein Bild sah! Ihre Einbildung füllte mit einem
wohlgerüttelten und überfliessenden Mass diesen Schattenumriss aus.« - So ging es
mir mit Ihnen, nur dass meine Einbildungskraft auch alle die Striche zog. - Liebe
Tine!
    Was man auch immer von Silhouetten sagen mag, Personen, die man kennt und
liebt, sollte man nicht malen! Da hat die Einbildung zu viel Musse! Bei einer
Silhouette arbeitet sie mit, sie füllt die Striche aus, bringt Colorit an. - Um
unsere Lieben der geehrten Nachwelt zurückzulassen? ist ein Gemälde nötig!
    Wir waren so eins am Wasser, dass alles Er und Sie, Sie und Er war. Warum wir
uns nicht duzten, weiss ich bis diesen Augenblick nicht.
    Ihre Mutter?
    Weiss alles.
    Gott Lob!
    An Herrn v. W. dacht' ich nicht.
    Ich sprach die gute Mutter, die keinen Schatten von Bedenklichkeit fand;
allein sie wünschte, dass ich mich an ihren Mann oder wie sie sagte, an Herrn v.
W. wenden möchte.
    Ich tat's, und merkte, dass er sich herzlich freute, eine Gelegenheit zu
haben, von seiner Complimentensammlung Gebrauch zu machen. Nachdem ich aber
alles sichtete, fand ich unendlich mehr Spreu als Körner, und was noch Korn war,
lief auf die wohlhergebrachte Landesmanier heraus, dass man ein Vierteljahr
seiner Geliebten die Aufwartung machen, und nach so mancherlei Beiurteln endlich
die Definitivsentenz abwarten müsse. Hiezu kam, dass Herr v. K.; doch, warum soll
ich all die Umwege bemerken? In diesem Schattenriss kann jeder die Striche
machen, ohne den Herrn v. K. gekannt zu haben. Da darf man nur den Menschen
kennen, und dies Zutrauen hab' ich zur Zeitwelt, und weit, weit zuversichtlicher
zur Nachwelt.
    Wer will nicht das haben, wornach er einen andern ringen sieht? Wer hätte
nicht ein Landgut, ein Haus gern, wenn es eben verkauft ist? Geht auf die erste
beste Auction, um euch hievon zu überzeugen!
    Das schlimmste bei dem gegenwärtigen Falle war, dass Herr v. W. fest
entschlossen war, wenn Herr v. K. nur irgend ernstlich wollte, auch zu wollen.
Seine Meinung war, es zu machen wie meine Grossmutter, da mein Vater nach meiner
Mutter ging. Herr v. W. wollte seine Tochter auf keine Weise einem Major geben,
dessen Vater Pastor in Curland gewesen; er mochte nun in seiner Jugend Alexander
gespielt haben, oder nicht! - Man muss, sagte Herr v. W., freilich nicht Fleisch
und Blut Männern von Verdienst vorziehen; allein Ehre und Geburt sind die Wurzel
alles Guten! O des verfehlten Wurzelmannes! Wie kam dieser Blätterliebhaber
selbst aufs Wort Wurzel, das nur dem Herrn v. G. zustand, den ich bei dieser
Gelegenheit vermisste? Ich hatte freilich mein Auskommen; allein Junker v. K. war
reich.
    Das korintische Mädchen, Tine, wäre nun wohl bereit gewesen mit ihrem
Liebling zu ziehen, wie und wo er's verlangt; allein wer wollte das Licht mit
dem Finger auslöschen, wenn Putzscheeren vorhanden? Wer wollt' es ausblasen und
Gestank zurücklassen? sagte Herr v. W. bei einer andern Gelegenheit, und hatte
nicht Unrecht, obgleich, wenn es eine reine schöne Wachskerze ist, der
angebliche Gestank Geruch heissen könnte. Wer weiss überhaupt, wie dies zum Geruch
und jenes zum Gestank gekommen? Zwar musste Petrus sein Schwert einstecken, fuhr
Herr v. W. bei dieser andern Gelegenheit fort, allein dem Adel gebührt es, sich
zu gürten, wenn sich der Unadel etwas herausnehmen will. Ein Edelmann ist ein
verstärkter Mann, er präsentirt sich und seine Vorfahren. Wer hätte wohl solchen
Till und Kümmel vom festlich höflichen Herrn v. W. erwartet?
    Da kam Junker Peter im Harnisch gejagt! Ja wohl gejagt, mit Entschlüssen,
die nicht Fleisch, nicht Fisch waren. Er schnitzelte am Rahmen, noch eh' das
Bild angefangen war. Stolz, dass er seinen Vater Hochwohlgeboren gesattelt fand,
verzog er seinen Mund, als wollt' er Hohn sprechen, und empfing mich so unartig,
dass ich, weil er Tinens Bruder war, nichts anders tun konnte, als ihn
grossmütig übersehen! - Zum Mückenfänger war ich nie aufgelegt. War ich dazu zu
kräftig, oder zu gut, das weiss ich nicht. Ich gab auf alle seine Reden, die er
entweder vor sich, oder gegen andere richtete, kein Wort. Da aber dies Wüschen
eben hiedurch dreister ward, und sich gerad' an meine Stirn klebte, sah ich mich
gedrungen, es wegzuscheuchen. Unfehlbar hatte unser Held einige Romane gelesen,
wo der Zweikampf in einer Kinderlehre abgehandelt wird! - Ihr lieben Herren!
Wenn ihr den Menschen da bessern wollt, so habt ihr eben nicht das rechte End'
ergriffen. Vorwärts, ihr Herren! zu allen Zeiten stehe oder falle, was da will!
Unser Mückenheld erwartete eine Katechismusantwort, und sah mich über Hals und
Kopf blank. Was wollen Sie, junger Mensch? Ihre Schwester? Die werd' ich nicht
nehmen, wenn Tine nicht selbst will, und wenn Tinens Eltern nicht wollen, Vater
und Mutter. Was haben Sie für Rechte auf Ihre Schwester, so lange Ihre Eltern
leben, und so lange Tine selbst denken und handeln kann? Unser Held steckte sein
Schwert so notdürftig in die Scheide, dass er den Namen v. K. stammelte und sich
eben nicht in der besten Ordnung zurückzog. - Wie er sah, dass auch ich nachliess,
fing er seine Vorbehalte an. - Wollen Sie mehr, als ich versprochen? erwiederte
ich. Haben Sie denn versprochen, meine Schwester dem Herrn v. K., dem sie
eigenet, ungestört zu lassen?
    Nein.
    Aber sie gehörte ihm.
    Hat er sie nicht aufgegeben?
    Hat er sie nicht wiedergenommen?
    Da sie nicht mehr frei war.
    Hur v. K. tat, oder war wirklich unerträglich verliebt. Er bereute seine
Uebereilungen, wie es hiess, und schrieb und sandte Boten ohne Ende. Herr v. W.,
der schon an sich entschlossen war, dem Herrn v. K. zu verzeihen und, ausser dem
Versöhnungsfest, noch auf so mancherlei rechnete, was diese Anwerbung
begünstigte ging ihm mit zuvorkommender Huld entgegen. Zu allem diesem wissen
wir die Beweggründe.
    Der Vater Pastor!
    Lieber Mann, der Sohn Major!
    Aber, liebe Frau, beim Adel gilt der Vater immer mehr als der Sohn.
    Will denn Tine den Vater?
    Wenn sie aber auch Sohn, Vater, Grossvater und so weiter in der Person des
Sohnes heiraten kann?
    Dann ist's Blutschande!
    Herr v. W. ward über die Blutschande böse und fing patetisch an: ein
anderes ist ein Siegel mit dem Lindwurm am Taschenmesser, ein anderes ein
wohlhergebrachtes Wappen, ein anderes die feinsten Spitzen, ein anderes
Judenkanten, ein anderes Prinzmetall, ein anderes ächtes gediegenes Gold; ein
anderes ein Kratzfuss, ein anderes eine Verbeugung. Wer wird sich denn die Finger
verbrennen, wenn man sein Kind mehr ist?
    Allgemach legte sich dieser Ahneneifer, an welchen? Junker Peter vielen
Anteil hatte! - Der Mückenheld hatte mich blank gesehen und so mochte er seinen
Schwager, wohl aus mehr als einer Ursache, nicht sehen!
    Die Frau v. W. nahm Gelegenheit, ihrem Gemahl ans Herz zu legen, was sie
gehört, dass ich nämlich von gutem alten Adel wäre und Tinchen also auch Vater,
Grossvater, Aeltervater und so weiter in mir vereinigt heiraten würde. Warum,
fuhr sie fort, ihm Luft und Atem abschneiden, ehe man noch die Gränzen seines
Seins kennt? Der Schein betrügt -
    Er stammt von Melchisedech.
    Der war ein König und Priester!
    Warum diese Ahnentafelunterredung, die das Alltägliche entält? Sie hatte
indessen die Folge, die ich meinen Lesern schuldig bin.
    Frau v. W. nahm mich bei der Hand und zwar so, dass diese Art mir Bürge
wurde: es sei wie es sei; Sie sind Tinens und Tine ist die Ihre! - Sie wusste
nicht, wie sie es recht anfangen sollte und fing endlich, nachdem sie mich lange
bei der Hand gehalten., allein, wie mich dünkt, viel zu entfernt an: der
Schleier der Bescheidenheit gibt jedem Gesichte, jeder Tugend einen grössern
Wert!
    Ja, Gnädige! der Beleg ist Tine!
    Da war sie wieder weiter zurück wie zuvor. Sie nahm mich aufs neue bei der
Hand, und ohne dass sie blitzte, mein Schlag!
    Gnädige! Sie wollen was sagen - Fragen! erwiederte sie.
    Die Liebe, das einzige, was die Natur uns noch zurückgelassen, sollte
freilich über alle Kunst hinaus sein - bei einem Haar wäre sie wieder vom Wege
gekommen. - Wer ist aber heut zu Tage natürlich? Mein Mann? Sie kennen ihn! -
Können Sie sich so viel von Ihrer Denkart auf einen Augenblick abmüssigen und ihm
in der Nähe zeigen, was so viele von weitem gesehen? Jedes Auge trägt nicht
gleich weit. Sind Sie ein Edelmann?
    Eine Ehre ist der andern wert. Um wie vieles hätt' ich das Vergnügen nicht
gegeben, erst Tinen zu heiraten und ihr sodann zu beweisen, dass sie von dieser
Seite keine Ungezogenheit vom adlichen Pöbel zu fürchten hätte.
    Das Wort: ein Gewisser könnt' ich selbst von meinem Eidam nicht leiden, um
wie vieles! fuhr Frau v. W. fort.
    Das traf! Frau v. W. hatte Recht. Ein Gewisser, so vortrefflich das Wort
gewiss sonst ist, welch ein erniedrigendes Wort! Ein Gewisser heisst Einer, der
wegen seiner Existenz besorgt zu sein Ursache hat und eine Tafel aushängen muss:
hier wird Seife gesotten! Es ist ein in einem kleinen Enkel bloss Bekannter, ein
Kleinstädter, der will und nicht kann! Fast scheint es, dass es mit dem Menschen
nicht aufs Gewisse angelegt ist - Liebe gnädige Frau! Ich will alles tun, um
mich aus dem Gewissen ins Ungewisse zu setzen! Der vorliegende Fall ist von der
Art, dass ich's kann. Ich wollte der Frau v. W. zeigen; allein wie doch die
Weiber sind, das Siegel war ihr genug! - Sie ging zu ihrem Mann, der aber bei
der ganzen Erzählung, das Siegel mit eingerechnet, so ungewiss als möglich blieb.
Tine war mir so wert, dass ich selbst Gelegenheit nahm, dem Herrn v. W. zu
zeigen, wovon seine Gemahlin nur das Siegel gesehen, und da er weniger erfahren
in Familienregistern als der hochgeborne Todtengräber war, so konnt' ich ihm
zwar von meinem uralten Adel nicht so überzeugende Beweise geben, indessen sah
er eben darum die Sache grösser als sie war! - Er fand in der Dunkelheit so etwas
Festliches; dass er den Pastor drüber vergass. Er sah über die Hütte hinweg und
heftete sein Auge an die Kirchenmauern. Die rechte Saite in seiner Seele war
getroffen. Die Glücksumstände des Herrn v. K. konnten mir nicht den Weg
vertreten, da ich ihn vom Geschenk der Kaiserin und dem dazu gekommenen
glücklichen Kauf unterrichtete!
    Alle Geschenke erniedrigen, nur Geschenke der Grossen nicht, da gilt ein Band
mehr als man glauben sollte. Wie doch alle Leidenschaften Nachbarskinder sind! -
Stolz und Furcht sind ausser der Nachbarschaft verwandt. Herr v. W. fürchtete den
Junker v. K. und seinen leibeigenen Sohn, der es mit Junker v. K. hielt. Sie
wissen, fing er an, und suchte Kraft zum Atemholen! - wie es in Curland geht!
Die Wahrheit zu sagen, ich bin froh, dass eins von meinen Kindern aus diesem
Waldhornstaat, aus diesem Du-Lande erlöst wird! - Wer ist hier vor ein paar
Pistolen sicher? Jeder, der Herz hat, erwiederte ich. Nicht immer! Herr Major!
Es gibt unter den Krippenrittern Leute, die ihr Leben keinen Pfeifenkopf wert
halten. Was haben sie denn in dieser Welt zu gewinnen und zu verlieren? und wenn
Herr v. K. es dazu anlegt, so ist mein Haus belagert und ich mit Mann und Maus
verloren. Junker v. K. hat Geld, das will in Curland viel sagen. Freilich, wer's
Glück hat, führt die Braut heim. Der verstorbene Herr v. G. hatte sie weit von
sich entfernt. Sie kamen! Er begegnete ihnen nicht wie hochwohlgebornen Brüdern,
sondern wie bettelnden Schneidergesellen! - Den Pferden und Waffenträgern dieser
Don-Quischoten noch übler. Einer unter diesen Krippenrittern nahm das Ding
unrecht und forderte den Schlüssel zum Gastzimmer, und weil sich der Gerechte
auch seines Viehes erbarmt, zum Stall. Hier ist der Schlüssel, sagte Herr v. G.
und zeigte auf den Degen. Freilich hätte er hier sind sie sagen sollen, da zwei
Schlüssel gefordert worden, einer zum Stall und einer zum Gastzimmer, und
alsdann hätte er auf die Pistolen weisen können, die verheiratet sind und die
man nicht anders als paarweise hat - Mag! - Sein Haus ist von dieser Zeit an von
der ägyptischen Plage der curischen Heuschrecken verschont blieben. Das nenn'
ich aber tolldreist. Zwar hab' ich es, beschloss Herr v. W., mit meiner
Höflichkeit so weit nicht gebracht, indessen kann ich auch nicht bittre Klagen
führen!
    Ich versicherte ihn, dass dieses mein geringster Kummer wäre und er schien
wirklich die Meinung von mir zu fassen, dass mir nicht leicht das Haar zu Berge
stünde!
    Sie versprechen, sagte er, mein Herr Major! bei allem, was Gott geben, die
Seele denken, das Herz wollen, der Mund sprechen, die Hand greifen kann, meine
Tochter zu lieben, bis der Tod sie scheidet? Ich verspreche! - Wohlan! so will
ich den Verlobungstag festsetzen, an dem ich mich mit meiner Frau verlobte!
    Nach dieser Feierlichkeit fiel ihm, das sah ich, mein Vater ein; allein
konnt' er nach diesem festlichen Auftritt von diesem Einfall Gebrauch machen?
    Wenn ich nicht durchaus mir vorgesetzt, nicht in den alten Geschmack von
Gefechten zu fallen, sondern der reinen klaren Liebe getreu zu bleiben, so
könnte ich wirklich mit einigen Vorfällen aufwarten, die niemanden als dem Herrn
v. W. schwer fielen! - Gottard! wer sollte das denken, legte alle diese
Neckereien bei und alles war wie abgeschnitten oder abgehauen! - Gottard? er
ganz allein! Ein Tauber hält sich Vögel und freut sich, dass sie springen, wenn
gleich er sie nicht singen hört, und Gottard war im Stande, in Curland solche
Strahlen zu sprühen, dass alles wie vom Blitze gerührt stand.
    Gottard, den mein Brief nicht getroffen, hatte durch viel Mühe erfahren,
dass ich in - wäre und flog in meine Arme. Entzückt über alles, was vorging,
versicherte er mich auf Ehre, dass er Tinen mir aufrichtig gönne! und nur dann,
fügte er hinzu, wäre keine Schlacke unterm Golde, wenn ich mit meiner Frau in
Curland bliebe! - Was sich Gottard freute! - Aus lichterloher Freude war er
gegen den Herrn v. W. höflich, der ihm wegen der Befehdungen seine Not klagte,
worauf er ihm seinen kräftigsten Beistand versprach. »Bruder?« Ich! erwiederte
er, da gehen viele auf der Heerstrasse, andere über Stock und Stiel, viele durch
Blumenbeete, andere über Felsen, durch Dornen und Disteln. - Nicht auf den Weg,
Bruder, sondern aufs Ziel kommt's an.
    Bruder!
    Was ich dir sage!
    Junker Gottard löste diese Rätsel und es ergab sich, dass er seine
Helfershelfer hatte, die er besoldete, um andere Helfershelfer abzuhalten. Wer
hier Geld hat, Bruder! fügte er hinzu, ist schusssicher! Er hält sich seine
Leibwache, und Trotz dem geboten, der sich erfrecht, ihm zu nahe zu kommen und
nicht drei Schritte vom Leibe zu bleiben. Jetzt macht mich nichts wild! - Herr
v. W., der zum Teil von diesen Haustruppen unterrichtet war, nahm dieses
Anerbieten mit vielen Complimenten an, das ich aber kurz und gut abschlug.
    Bruder! fuhr Gottard fort, die Kerls, so dich anfallen wollen, sind keine
Türken, sind keines Tropfens Christenblut wert. Solchen Lumps auszuweichen ist
Ehre.
    Herr v. W. trat dieser Behauptung bei, ich nicht völlig. Es sei indessen,
dass Herr v. W. mit Junker Gottard eine geheime Allianz geschlossen, oder dass
seine Anwesenheit im Hause schon die gegenseitige streitführende Macht durch
Furcht in die Flucht geschlagen, genug, wir waren so ruhig wie möglich.
    Der Mückenheld selbst, da Junker Gottard mit ihm allein gesprochen und ihm
vielleicht eine Bürgschaft wegen der nächst zu bezahlenden Schuld und etwa eine
schmucke Trine zugesagt, hatte andere Saiten aufgezogen, und so waren wir dahin
gediehen, dass wirklich in der folgenden Woche das Verlobungsfest ohne zu
fürchtende Belagerung gefeiert werden konnte!
    Junker Gottard wich nicht von dannen und war mir ein so angenehmer, lieber
Gast, dass Tine selbst so viel Vergnügen in seinem Umgange fand, als sie zuvor
Misswillen geäussert hatte.
    Ich weiss nicht, wie mir der einige Ausdruck Busenfreund entfuhr, den mir
Herr v. W. entsetzlich übel nahm.
    Das Wort Busenfreund, fing Herr v. W. an, ist das zweideutigste, was man
brauchen kann, so bald man zur heiligen Ehe schreitet. Ist man Junggesell, wo
ist ein besseres zu Freund, als Busen!
    Junker Gottard umarmte mich brennend und zeigte mir, wie man auch bei der
grössten Rauhigkeit bieder und gut sein könne. - Kein grosser Mann, sagte er zum
Herrn v. W., hat sich in sein Hauptwerk allein verliebt. (Es war eine Anmerkung
seines lieben seligen Vaters, die er aber besonders lenkte; unfehlbar dachte er
an seine schmucke Trine.) Er sucht ein Nebenwerk und findet es. Er sieht die
Beklommenheit, die Eingeschränkteit seines Hauptwerks ein und will der
schwachen Menschheit durch Abänderung aushelfen! Kein Mann, der sich von andern
unterscheidet, ist daher gross in seiner Hauptkunst. Im Nebenwerk bringt er's oft
weiter - welches auf die Rechnung des Freiheitstriebes gehört, der überall
ausschlägt und schöne Zweige zeigt.
    Bruder! sagt' ich ihm, von Anbeginn ist es so nicht gewesen! - Vortrefflich
fiel Herr v. W. ein, bis auf das Wort: Bruder, das ihm, wie er sagte, zu kahl,
zu entblättert da stünde! - Wenn nur nicht unsaftig, erwiederte ich. Gern hätt'
es Herr v. W. gesehen, wenn Gottard und ich das Du gestrichen; allein das ging
nicht, und da ich den Herrn v. W. versicherte, dass nur Gottard und Darius meine
Dus waren, die ich in der Welt hätte, und dass ich selbst meine beiden
Kriegskameraden, die bei Bukarest im Herrn ruhen, nicht Du genannt; so begab er
sich. Froh legte er unsere Hände in einander und sprach: Was Gott
zusammengefügt, soll der Mensch nicht scheiden! - Und nun nahm er mich allein.
Gelt, fing er an, zum Eherat würde ich den Herrn v. G. nicht vorschlagen? Und
ich nicht nehmen, war meine Antwort.
    Er. Sie lieben Tinen!
    Ich. Herzlich!
    Er. Einzig?
    Ich. Bis in den Tod.
    Griechen und Römer, fing er zu uns beiden an (im Wiederhall des Festes der
Deutschen), wo ist jene edle Einfalt, die, wenn gleich sie geradezu ging und mit
Gott und mit Menschen gleich sprach, doch so viel Feinheit anbrachte, dass man
kein Du merkte, so wie es noch in keiner wohlgesetzten Poesie zu merken ist! Ist
wohl eine neuere Sprache ohne Erbsünde? Was lästert ihr Nachbaren über unser
Hoch- und Wohlgeboren, Hochedelgeboren und Hochedlen, da doch auch ihr: Ew.
Majestät wird erlauben, Ew. Excellenz denkt zu gerecht, sprecht? Wie man da von
hinten kommt! Wie ein Politikus! Wo ist eine Sprache, die nicht dergleichen
Flecken oder Runzeln, oder dess etwas hätte? - (Mir fiel das Wort Monsieur aus
dem Garten Eben des seligen v. G. ein.) Utinam viveret!
    Ich nahm das Wort und bemerkte, dass die Deutschen Ew. Durchlauchten,
Hochgeboren, Hochwohlgeboren, Hochgelahrten, Hochbenamten, Hochweisen,
Gestrengen, vielleicht als eine Satyre über die andern Sprachen auf- und
angenommen! Wie! fiel mir Herr v. W. ein, so würden Sie auch mich nicht für
einen höflichen Mann gelten lassen, sondern für einen Swift über die Höflichkeit
halten? Ich bückte mich so, dass Herr v. W. völlig mit mir ausgesöhnt ward, und
da er nicht lange darauf anfing:
    Lieber Major, Ihre Meinung, als wäre die deutsche Sprache eine Satyre über
andere Sprachen, stiess mir so auf; so erschrak er selbst über den harten
Ausdruck: stiess mir auf, dass Herr v. W. sich selbst aufstiess. - Es hob sich
Credit und Debet und wir waren eins.
    Die Verlobung kam dem Herrn v. W. sehr hoch zu stehen. Umstände verändern
die Sache. Ein anderes übers Evangelium, ein anderes über die Epistel! - Wir
sahen ihn so oft allein und mit sich selbst zu Rate gehen, wobei wir, die
Wahrheit zu sagen, nichts an Rat verloren!
    Unausstehlich würde es meinen Lesern sein, wenn ich ihnen die ganze
Procession dieses Verlobungsfestes erzählen sollte. Nur ungesuchte Züge, wie sie
fallen!
    Gern wollte Herr v. W., dass ich auf Knien Ja sagen sollte. Es war ihm so
etwas Ritterliches, so etwas Altadeliches drin. Da ich ihm indessen das
Ungewöhnliche zu Gemüt führte, so mancher Missdeutungen erwähnte, welche
hiedurch zum Vorschein kommen würden, liess er mich auf den Füssen, nachdem er von
mir das Versprechen abgenommen, meiner Prinzessin diese schuldige Ehre inter
privatos parietes zu erweisen.
    Bei so viel Natur, die bei der Verlobung herrschte, in so weit sie zum
Departement der Frau v. W. gehörte, stach die Unnatur des Herrn v. W. so ab, dass
man keine Abstufung sah, sondern hier gleich und eben ging, und dort auf dem
Sprunge war!
    Unter andern war Herr v. W. so parfümirt, dass jeder einen Schlagfluss
befürchten musste, der ihm zu nahe kam. Zwar duftete er jederzeit, noch nie aber
so, wie heute. - Kurz vor der Ceremonie hatte er sich so wohlriechend gemacht.
    Junker Gottard konnte nicht umhin, darüber ein Wort zu verlieren, allein
Herr v. W. führte ihn an Stelle und Ort, indem er ihn belehrte, dass Christus der
Herr selbst für wohlriechendes Wasser gewesen, indem er sich von einer Dame mit
eau de Lavande besprengen lassen.
    Die Verlobung fing mit einer Rede an, die Herr v. W. übernahm, indessen
schloss er dabei, wie bei der Redeübung am Fest der Deutschen, zu kurz. Sein
Allerseits nach Stand und Würden Hochwohlgeborne Versammlung verlor keine Sylbe,
und eine Träne, die ihm allemal zu Diensten stand, wenn ihm ein Wort versagte,
bewegte mich so, als ob er zum erstenmal geweint hätte. Wir sagten, ohne dass wir
gefragt wurden, Ja, und küssten einander so herzlich, dass jeder glaubte, der uns
ansah, er hätte nichts von der Rede verloren. Da Herr v. W. selbst nicht aus und
ein gewusst und darüber, wie mir vorkam, verlegen schien, so liess er's geschehen,
dass alles über und über ging, und eben dies über und über, wie schön war es! -
Wie der Lenz ist die Verlobung! Das Beilager ist ein schöner Sommertag dieses
die Sonne im Glanz, jene Aurora!
    Tine warf sich ihrer Mutter in die Arme und bat um ihren Segen. Herr v. W.
lenkte diesen zu natürlichen Armwurf so künstlich ein, dass die Frisur dabei
nicht litte. - Bei solchen Vorfällen, bemerkte er, muss man schon zuweilen fünfe
gerade gehen lassen!
    Bei Tafel bemerkte Herr v. W., dass man durchaus etwas auf dem Teller liegen
lassen müsse. Bin ich beim Vornehmern, wie ich, sagt er, lasse ich das beste
zurück, um zu zeigen, dass auch das schlechteste für mich das beste ist! - Selbst
in meinem Hause mache ich meiner Frau dies Compliment, welches auch diesmal
beobachtet ward!
    Mein lieber Gottard blieb noch acht Tage bei uns und reiste mit der
Versicherung ab, so lange er lebe unser Freund zu sein! - Herr v. W., der ihn
bis dahin als einen Commandanten angesehen, nahm ihn beim Abschiede allein.
Unfehlbar gaben sie sich die Parole; wenigstens konnte man dies aus den Worten
schliessen, womit Junker Gottard aufbrach: Es ist besser, sein Ross an des
Feindes Zaun binden, als dass der Feind es an unsern Baum anstrickt! Gute
Nachbarschaft, erwiederte Herr v. W., ist die beste Mauer; und ich: Mut der
leichteste Harnisch! Peter und Gottard sprachen wieder geheim. Bald hätte ich
vergessen zu bemerken, dass sich Peter bei dem über und über an meinem
Verlobungstage artig genug benahm!
    Ich blieb noch drei Tage in -. Tine und ich waren so seelenfroh, dass alles,
was uns sah, Teil dran nahm! - Die Liebe ist wahrlich die Sonne des Lebens.
Durch sie leben und sind wir! Du bist nicht wert, dass dich die Sonne der Liebe
bescheint, ist eine Injurie, welche die grösste ist, die je ausgesprochen worden!
- Sinai's Fluch ist dagegen Segen!
    Meine Uebernahme in - ward von einem Tage zum andern ausgesetzt. Herr v. W.
bat aus Höflichkeit, meine Tine und ihre Mutter herzlich! - herzlich! meiner
Tine Leibwort!
    Es war die höchste Zeit, dass ich nach - ging. Manche kleine Einrichtung
wartete auf mein Auge. Tine sah selbst die Notwendigkeit meines Hingangs, und
doch liess sie mich ungern hingehen. Ich hatte die geringste Kleinigkeit mit ihr
überlegt. Die Liebe macht alles wichtig, was die Liebenden betrifft - ausserhalb
ihrer Grenze ist eine Krone des Aufhebens nicht wert! - Da sollte ein Sopha,
dort ein Nähtischchen, hier ein Schränkchen sein - da eine blaue und wieder da
eine rote Tapete zu stehen kommen!
    Nur an die Schlafkammer ward nicht gedacht. Die bleibt immer dem Geschmack
des Bräutigams und der Schwiegermutter anheimgestellt. Nachdem nun alles und
jedes bis auf die letzten vier blinkenden Nägel, die meine Mutter, da sie am
Kupferstich eines Eierreformators angebracht wurden, für Sterne hielt,
verabredet war, kam die Frage zur Erörterung: ob ich Morgens oder Nachmittags
reisen sollte? - Was darüber für und wider verhandelt ward, ist unaussprechlich.
Wahrlich, die Andacht und die Liebe sieht alles für Sterne an, wenn gleich sechs
für einen Vierding zu haben sind. Ich liess nur fallen, dass, wenn ich früh in
mein Land zöge, ich schwerlich mehr als zwei ganzer Tage zur Reise nötig haben
würde. Herr v. W. glaubte, so frühe nicht mit allem fertig werden zu können, was
doch der Wohlstand bei dieser Gelegenheit mit sich brächte. Der Fall war eigen.
- Endlich kamen die Präliminarien in Richtigkeit, früh des Morgens. So sehr ich
darauf drang, dass niemand sich sehen lassen möchte, so war doch Herr v. W. der
Meinung, dass dieses auf keine Weise Styli werden könnte. Um indessen eine Finte
anzubringen, liess er mich halb und halb in Ungewissheit. Er wollte dadurch der
Sache einen Anstrich von Unerwartung und einen desto grösseren Wert beilegen. -
Ich war um vier Uhr Morgens in Reisekleidern, und eben, da ich mich durch den
Saal schleichen wollte, kam mir Herr v. W. entgegen, der, wie ein wachsamer
Chef, eine Viertelstunde vor der bestimmten Zeit auf dem Platze witterte. -
Meine Schuld ist es nicht, fing er an. - Und was konnte ich wohl bei diesen
Umständen anders, als Compliment über Compliment machen? - Tinchen kam am
letzten, nicht weil sie am spätsten aufgestanden war, sondern weil ihr Vater es
ihr vorgezeichnet. Auch bei der zärtlichsten, herzlichsten Liebe muss der
Wohlstand nicht aus den Augen gesetzt werden, sagte Herr v. W., da er ihr ihre
Rolle übergab. O dieser Morgen! - Was ist alles im menschlichen Leben, wenn man
es nur zu nehmen versteht! Niemand, selbst Herr v. W. nicht, war völlig in
pontificalibus (wie ers nannte). Der Morgen, bemerkte er, muss anzusehen sein.
Diese edle Nachlässigkeit, die jedes Blatt zeigt, ehe es ausgeschlafen hat, wie
schön! - Mag wohl sein, weil der Mensch wirklich nicht da ist, um auf Draht
gezogen zu werden, wäre es selbst durch Arbeit. - Wie es alles dahinschlenderte!
- Die Milch, noch von keiner Sonne getroffen. Alles so frisch! - Tine kam zu
mir, sobald in ihrer Rolle der lange Monolog zu Ende war, und gab mir, obgleich
es nicht vorgeschrieben stand, die Hand, die ich in die meinige einschloss. - Ein
Handkuss würde die Sonne verdorben haben. Da kam ihre Mutter und legte sich auf
meine Schulter. Selbst Junker Peter, dem der Morgen am meisten anzusehen war,
fragte zweimal, wenn er mich wieder sehen würde? Solch eine Morgengruppe, ich
kann sie nicht malen! - Tine verlangte aufs genaueste zu wissen, wo ich jeden
Mittag essen und jede Nacht schlafen würde.
    Alles trank Kaffee, bis auf mich. Ich blieb bei Milch, die mir verordnet
war. Herr v. W. würde mich ohne diese Rücksichten nicht vom Kaffee losgelassen
haben. Er versicherte, dass der Kaffee so etwas Festliches hätte, dass selbst
seine Farbe, wenn die Milch oder die Wäsche, wie ers nannte, gut wäre, gewiss
keinen geringen Rang verdiene. Eines seiner Hauptstaatskleider war kaffeebraun,
doch so, dass die gute Milch durchschien. Warum sind Bäder so nutzbar? Warum ein
Frühstück so wohlschmeckend? Weil wir mit dem Morgenkleide den Menschen
angezogen und den Staat nicht begrüsst haben, dessen Sklavereiuniform unser
Feierkleid ist.
    Versucht es einmal, ihr, die ihr so etwas zu versuchen versteht, des Morgens
Abschied zu nehmen! Ists nicht rührender, wenn ein blühender junger Mensch
stirbt, als wenn dies Loos einen Greis trifft?
    Her v. W. hatte sich auf einige Augenblicke entfernt, unfehlbar auf die
letzte Oelung zu studiren, und da waren wir, Tine und ich, mit einem so
herzlichen Kuss zusammen, dass kein Wort Platz fand; es wäre erstickt. Herr v. W.
blieb wieder, wie Absalon, an einer Eiche hangen, nur mit dem Unterschiede, dass
ich ihm zeitig zu Hülfe kam und sein langes Haar losriss. - Junker Peter wollte
darüber spötteln, allein weder seine Schwester noch ich gaben einen Blick,
geschweige ein Wort darauf.
    Je weniger Saiten bei einem Instrument, je weniger Luxus! Mit diesem Plan
kam ich nach -, wo alles meine Erwartung übertraf. Hier, dachte ich, wirst du
Ruhe atmen und wie Fabricius Rüben ernten! Weisheit cum omni causa ist so kurz
und gut, dass jeder Mensch sie fassen kann, wenn er will. In den meisten Fällen
hat sie aber zwei Aeste, von denen ihr einer inoculirt ist. - Gott wird uns ins
Paradies helfen, wo das Einäugige verboten ist. - Das Wort: Stille! Stille! hat
schon so etwas von Silberglockenton. Diese Glocke läutet zum Himmel. Ruhe ist
hart gegen Stille. - Alles ist in uns, alles tun wir aus uns, und je nachdem
wir bloss Sonnen- oder Jupiters-Trabanten sind, je nachdem machen wirs um uns
helle oder dunkel. - Was will man mehr, als sich? - Das ist Eigenliebe, die Gott
wohlgefällig ist. Sie ist die Liebe im ganzen Umfange; denn wahrlich, der
Nächste kommt dabei nicht im mindesten zu kurz.
    Ich richtete alles nach dem mit Tine verabredeten Risse ein, wovon ich ihr
auf der Stelle getreuen schriftlichen Bericht erstattete. Viel Anlage zum
Garten; Bäume und Wasser, das die Bäume unvermerkt belauschte. Wie ich über dies
alles fröhlich und guter Dinge ward! Da stellte ich mir so lebhaft vor, was da
noch alles werden sollte; und das ist immer schöner, als was schon da ist.
    Zwei meiner Nachbarn waren Leute, mit denen es der Mühe verlohnte umzugehen.
In Rücksicht der andern, die mich begrüssten, war mein Entschluss gefasst, dass es
beim Begrüssen verbleiben sollte. Einer von den Auserwählten behauptete, noch nie
ein Glas Wein allein getrunken zu haben. Ich weiss nicht, ob man ein besseres
Zeugnis eines guten Herzens für sich haben kann. Der andere Auserwählte stritt
sich mit einem der bloss Grussnachbarn wegen der schlechten Zeiten. Die Klagen
über die schlechten Zeiten sind so alt, wie die Zeit, sagte der Auserwählte, und
der Grussnachbar fand, dass dies nicht klappte, und sah es sogar als einen Anstoss
an. Es wurde nun zwar alles auf eine Art beigelegt, dass niemand darüber aus der
Welt ging; wer sollte aber denken dass der Grussnachbar bei einer Sache etwas
Befremdendes finden sollte, die bekannt, wie ein Kind im Hause ist? - Der Koch
wird vom Geruche satt, sagte der Auserwählte in der Stille zu mir. Schickt euch
in die Zeit, erwiederte ich, denn es ist böse Zeit. Der Auserwählte hatte diesem
händelsuchenden Grussfreunde ein Anlehn, wie Rechtens, abgeschlagen, und dies war
die Ursache, dass er ihm so unzeitig auf's Wort merkte.
    Den ersten Platz, den ich in meinem Hause aussuchte, war eine Altarstelle
für Tinen, ein Betkämmerlein, eine Zelle für diese Beterin! - - und von dieser
Einrichtung ging ich zu der andern über. In dieser Capelle sollte Minens Bild
hängen! -
    Einige meiner Leserinnen werden ganz unfehlbar die Anmerkung in ihrem guten
Herzen haben aufkeimen lassen, wie ich über der zweiten Ehe die erste so bald
und so tief vergessen können? Freilich dachte weder Tine noch ich, von der Zeit,
da wir öffentlich eins waren, laut an Minen; allein in unserm Herzen ward ihr
kein Schritt von der Grenze entzogen. Ich liebte Minen in Tinen! - Das
menschliche Herz ist ein wunderliches Ding. Warum vermieden wir den Namen Mine?
War es, weil Tine befürchtete, ihre Vorgängerin im Amte würde ihr Abbruch tun?
War es, weil ich befürchtete, dass Tine dieses befürchten könnte, oder was war
es?
    Oft weiss der Menschenkenner, der Menschentreffer, ganz pünktlich, was der
andere denkt, und lässt ihn dabei, ohne im allergeringsten etwas dagegen zu
haben; sobald dieser andere aber seine Gedanken in Worte auswechselt, weg ist
die Fassung! Ich vergass über Minen nicht meine Tine, und über Tinen nicht Minen.
Sie waren mir eins. Wunderbar! Freilich wunderbar! Was ist aber die Liebe? (Das
natürlichste, was in der Welt ist). Was ist sie worden? Wenn sie köstlich
gewesen, was ist sie anders, als Schwärmerei. Wir sind so weit gediehen, dass
diese Schwärmerei allerliebst steht? Nicht wahr? Allerliebst!
    Die erste Nacht, die ich in - schlief, war's mir doch, als sprach ein Engel
mit Minen über meine Verbindung. Nicht wollte er Einspruch tun, sondern über
Dinge sprechen, die kommen sollten. Da kamen Rück- und Hin- und Seitensichten
zum Vorschein. Mine trat mich so feierlich ab, dass ich drüber Tränen vergoss; -
und endlich wurden unsere beiden Geister, Tinens und der meinige,
zusammengegeben. Es soll eine Himmelehe werden, sprach ein Erzengel. - Eine
Himmelehe!
    Herr v. W. war ein solcher Tagewähler, dass jeder Tag, wie wir wissen, seine
eigene Plage oder seine Freude hatte. So ward der Hochzeittag nach der Anlage
des Verlobungstages bestimmt. - Sehr natürlich!
    Wer etwas fassen will, sieht es zuerst im Ganzen, und wählt, sobald es zum
Zergliedern kommt, nicht die grössern hervorragenden, sondern die etwas
versteckteren Stellen. - So mit dem Menschen. Die guten Herren, die ihn so
beschrieben, wie er aus des Modeschneiders, Modefriseurs Händen kam, recht als
ging er zum Ball, haben ihn wenig getroffen. Sie treffen den Puder und die
Kleiderfalten. Wir sind dieselben, wenn wir in Gallakleidern sind oder im
Schlafrock. - Sagt aufrichtig, haben wir nicht höchst selten den Menschen im
Buche gesehen? Einen Teatermenschen, schön geschmückt, als ging er zur Bühne,
als wollte er sich zeigen, als wollte er populo esse spectaculo! Den Menschen
mit einer gewissen Lebensart so vorzuschieben, als ein Bild am optischen Kasten
- o, dergleichen Menschen ohne Ende und Ziel! - Jede Bibliotek hat
Vorsetzbilder von Menschen dieser Art die schwere Menge. Die meisten
Menschenmaler bilden ihn, in so fern er repräsentirt. - Eben darum, wie froh ist
man, wenn ein Autor nur so tut, als wählte er die kleinern ungesuchtern
Stellen, als riefe er: Adam, wo bist du? - als riss' er ihm die
Feigenblattsschürze ab.
    Ob ich bei dieser Tafel ins Schwarze getroffen, mögen die beurteilen, die
es wollen, wenn sie können.
    Herr v. W. bestand darauf, ohne dass er nötig hatte, darauf zu bestehen,
weil ihm niemand widersprach, - Hermann sollte zur Hochzeit gebeten werden; -
und dies war die Tonangabe, dass Tine und ich wieder von Minen sprachen. Das
pytagorische Stillschweigen war grösstenteils gehoben, und Mine war nicht mehr
so, wie vorhin, geflissentlich vermieden.
    
    Hermann ward einige Tage zuvor geholt, und ich fand ihn so wie ich ihn
gelassen! Sein Auge zeigte indessen eine gewisse Scham über seine begangene
Sünden, eine gewisse Busse. Dem Büssenden muss man nicht mehr auflegen, als er sich
selbst aufgelegt hat. Da er sah, wie gut ich ihn aufnahm, so kam er zwar mehr in
sein voriges Geleise, indessen blieb etwas im Auge, das man ein Cainszeichnen
nennen konnte! O dergleichen haben viele!
    Herr v. W., der ihn zum Adjutanten so nötig hatte, gab ihm die
erforderliche Instruktion, und hiebei fiel eine Geschichte mit dem Staatsringe
vor, die nicht possierlicher sein konnte. Herr v. W. wollte dem Hermann diesen
Ring vorstrahlen.
    Schön! schrie Hermann, indem Herr v. W. die einem solchen Ringe zustehenden
Ueberzüge und Bemäntelungen abzog. - Tine (die dabei stand und schon wusste, wie
winterlich der Ring bezogen war) ganz nach ihrer Art: Herr Hermann, es kommen
noch zwei Futterale! - Mir fielen diese zwei Futterale, auf welche Hermann bei
seinem Schön nicht gerechnet hatte, so auf, dass ich laut lachen musste, allein
Herr v. W. schien zu glauben, dass Hermann der Sache nicht zu viel getan, und
schon im Geist etwas beklascht hätte, so wie man einem Schauspieler oft das
Opfer bringt, sobald er kommt und ehe er noch den Mund geöffnet.
    Hermann hatte einsehen gelernt, dass die Liebe zum Leben die ergiebigste
Quelle sei, Complimente zu schöpfen. - Einem Sterbenden würde er gesagt haben:
Er sehe aus wie ein Hochzeiter! Wer dem Kinde sagt, es sehe für seine Jahre weit
älter aus, und dem Manne, er sehe weit jünger aus, verbindet sich beide gar
höchlich. Beides ist dem Lebensdurst zuzuschreiben; das Wort Lebenshunger kann
man nur im Hospital brauchen.
    Hermann versicherte, dass ich mich verjüngt hätte, und da ich ihn
versicherte, dass ich vom Gegenteil überzeugt wäre, so blieb er nicht nur bei
seiner Meinung, sondern wusste sie so trefflich zu beschönigen, dass Tine ihm
beizutreten Willens schien. Herr v. W. brachte die Sache ins Reine, und
bemerkte, dass der Mensch erst in die Höhe, dann in die Dicke wüchse und im
dreissigsten Jahre mündig würde. Dies ist das Jahr, da jeder redet, wenn gleich
mancher noch schweigen sollte.
    Herr v. W. hielt eine lange Unterredung vor der Hochzeit wegen der Kleidung
mit mir, und da er wohl von selbst einsah, dass ich meiner Uniform nicht untreu
werden könnte, so bemerkte er, dass bis Einförmigkeit in der Kleidung zwar was
Gesetztes (ganz gehorsamster Diener!) anzeige, allein es wäre nichts Fröhliches,
nichts Aufmunterndes, nichts Schönes dabei. - Immerhin!
    Mit den lieben Schönleuten! Ich liebe sie nicht, sie mögen Schöndenker,
Schönschreiber, Schönfärber sein.
    Tine hatte sich ganz russisch gekleidet. Sie trug, wie sie sagte, meine
Uniform. Ich zeigte ihr, wie Gretchen, die russische Art beim Negligé, ein Tuch
um den Kopf zu binden. - Stchy, ein russisches Originalgericht, kam oft auf die
Tafel. Herr v. W. fand es den Umständen angemessen, da ich russischer Major
wäre. Kiengis (Pelzschuhe) verehrte ich meiner Braut, und sie zeigte solch eine
Freude darüber, dass sie solche stehenden Fusses anzog. Sie schien sie anbehalten
zu wollen. Für den Winter, fing ich an, liebe Tine! Für den Winter? sagte Tine.
Ja, liebe Tine!
    Herr v. W., der auch diese und andere russische Trachten meinetalber
grossmütigst gestattet hatte, gab seiner Tochter den Wink, dass, da nun bald der
tabelnoi prasznick einfiele, sie auf ihren Brautschmuck denken sollte. So sehr
ich auch Gretchens Hochzeit empfahl, so fand ich doch sein Gehör und gab gern
nach.
    Mit den lieben Ehepakten! Ich habe sie nie recht ausstehen können; indessen
war ich ihnen eben so wenig als dem Brautschmuck entgegen. Nachdem sie
unterschrieben und besiegelt waren, bat ich eine Abänderung, welche darin
bestand, dass ich meiner künftigen Frau Gemahlin die Herrschaft abtreten wollte,
in bester Form Rechtens. Zwar, fuhr ich fort, nennt Dr. Martin Luter
dergleichen Männer verba anomala: allein den Herrn Dr. Martin Luter in Ehren,
ich trat die Herrschaft ab, und wenn ich mir ja was ausbitte, ist's, dass es
nicht zu merklich sei. Ich sprach im Ernst. Tine kam nicht aus dem Lachen. Sie
warf sich in meinen Arm, als ob sie mir gern huldigte. Herr v. W. und sein
Waffenträger nahmen diesen Verzicht so hoch, dass sie es für das feinste
Compliment erklärten, das ich meiner Braut hätte machen können. Indessen hielt
Herr v. W. nach gepflogenem Rat es doch fürs beste, dass diese Abtretung nicht
in Schriften verfasst würde. Ein ehrlicher Mann hält Wort. Tine, hab' ich Wort
gehalten? Ich schreibe Ja oder Nein, was du willst. Schreib Ja und Nein. Da
steht's.
    Zur Hochzeit hatte Herr v. W. noch einen Adjutanten gebeten. Ein
Gesellschafter für Hermann, ein Märtyrer der deutschen Sprache. Dieser Ehrenmann
hatte als Privatsecretär gedient, und sein Unglück gemacht, weil er durchaus
nicht Herr Capitän, sondern Hauptmann schreiben wollen. Wahrlich, darum verdient
er zur Hochzeit gebeten zu werden!
    Diese Märtyrer-Geschichte brachte den Herrn v. W. geradeswegs auf das Wort
Herr, womit er so ganz wegen der zwei erren nicht zufrieden schien; da ich ihm
aber erwiederte, dass ein deutscher Herr und französischer Monsieur zwei sehr
unterschiedene Leute wären, so gab er nach. Ein deutscher Herr ist ein Herr mit
einem Zähnezusammenbiss.
    Mein guter Gottard brachte einen Hochzeitgast mit, auf den niemand
gerechnet hatte; er commandirte sein Corps, und war ein so toller Hund, wie er
ihn nannte, dass nichts drüber war. - Stolz, barsch. - Zum Glück bekam dieser
Barsche einen Auftrag und konnte nicht bleiben, so dass seine Gastrolle eben
nicht stark war. - Vielleicht dien' ich vielen meiner Leser, die solch ein
curisches Original in meinem Buche gesucht und nicht gefunden. Der Commandeur
liess schiessen, wenn es donnerte, nicht um die Dünste zu zerteilen. Ein Herr
begrüsst den andern, sagte er.
    Den lieben Gott hat er förmlich zu Gevatter gebeten. Der Pastor loci musste
ihm einen Insinuationsschein ausstellen, und den lieben Gott wirklich als
Taufzeugen aufführen.
    Seinen Hund machte er zum Wacker! Die Bauern mussten den Hut vor ihm
abziehen.
    Bei der Taufe seiner Kinder musste der Pastor fragen: Wollen Ew.
Hochwohlgeboren getauft werden? und beim Abendmahl: Befehlen Ew. Hochwohlgeboren
auch vom andern? Seine Beichte fing an: Ich von Gottes Gnaden, Erbherr auf - - -
diesen Augenblick vor Gott allein, nicht aber vor dem Pastor, ein armer Sünder!
    Ich glaube, meine Leser werden es gerne sehen, dass dieser tolle Curländer
abgerufen worden. Wie Oel und Wasser passt' er zu uns allen, am wenigsten aber
zum armen Herrn v. W., der wohl lieber ein Waldhorn vor den Willen genommen
hätte, wenn ihm die Wahl wäre überlassen worden.
    Bruder! wie kommst du zu dem Menschen? - Es sind deren etliche unter meinem
Regiment; der ehrlichste Kerl, den du denken kannst! - Den lieben Gott zu
Gevatter zu bitten? Sieh, Bruder! Er hat nicht viel, und will sich doch zeigen!
- Der Herr Gevatter verzehrte einen Wildbraten, zwei Bouteillen Franzwein und
eine Ungarisch, gab uns allen die Hand und zog seine Strasse, fröhlich, wie es
schien. Starke, gesunde Kinder! sagte er zu mir. Ich: Eine glückliche Reise!
    Gottlob, dass ich in Liefland wohne! So etwas war mir in Curland noch nicht
vorgekommen, obgleich kein Zug unrichtig, nicht einmal verstellt ist. - Alles
wie es war! Herr v. W. kannte ihn, wie er sagte, par renommée, bemerkte
indessen, dass er dergleichen Schlag Menschen vor den Tod nicht ausstehen könnte!
Ich auch nicht so ganz, sagte Junker Gottard. Was muss man aber nicht, um
Frieden zu haben? Nur dass ich ihn mitgebracht, hält dir den Herrn v. K. und
seine Spiessgesellen zehn Meilen vom Leibe. - Wie kann ihm aber, fragt' ich, der
Pastor einen Empfangschein geben? Ei müssen! Bruder! du glaubst nicht, wie viel
Pastors es gibt, die sich hier mit dem Edelmann messen wollen. Solch ein
Empfangschein schadet ihnen nicht!
    Herr v. W. war gezwungen, dem Junker Gottard für dieses Meteor den
verbundensten Dank zu sagen; indessen dankt' er ihm noch weit mehr dafür, dass er
die Hochzeit von diesem feuerspeienden Drachen auch wieder befreit hätte. Er ist
nüchtern so unausstehlich nicht, als wenn er was im Krönchen hat, sagte Junker
Gottard, und hätten Sie ihn durchaus nicht länger haben wollen, ich würd' ihn
schon zum Aufbruch gebracht haben, ohne dass er abgerufen wäre. Einigen gelingt's
in Curland, ohne dergleichen Helfershelfern, sich die Landplagen der
Krippenritter vom Halse zu halten; indessen hat sich mein Vater doch fünfmal
schiessen müssen - und Ihnen, Herr v. W., kostet es gewiss manches Compliment. -
Ich liebe nicht, mich herum zu schiessen; warum sollt' ich's, so lang ich so
abkommen kann? Dieser Gottes-Gevatter ist arm, hat eine mässige Pension von mir
und von meinen Brüdern meines Gleichen, die sich nicht schiessen mögen. Ein alter
Edelmann ist er, und sein Vermögen hat er mit guten Kerls aufgegessen und
aufgetrunken.
    Den Tag vor der Hochzeit war ein erschreckliches Regenwetter. Man konnte
sagen, die Fenster des Himmels täten sich auf. Dies brachte dem Herrn v. W.
keine kleine Sorge zuwege. Er hatte durchaus schönes Wetter auf die Hochzeit
invitirt, und mancherlei Vergnügungen gar darnach eingerichtet. Die ganze Nacht
an keinen Stern, der Aufklärung verkündigte, zu denken! Den Morgen klärte es
sich auf, und wir hatten einen so heitern, einen so schönen Tag, dass Herr v. W.
diesen Umstand zum heutigen Feste verzeichnete. Er war es wert, dass er zum
Protokoll genommen ward.
    Unter vielen Ceremonien nur einige:
    Die Trauung war in eine Rede eingeschaltet, welche der Pastor der Gegend
über die Worte hielt!
    Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen! zu
reden aus dem fünften Vers des sieben und dreissigsten Psalms Königs und
Propheten Davids.
    Wahrlich kein Gedanke, der auch nur eine Pflanzengrösse übertraf; indessen
traf so mancher mein Herz.
    Meine Tine gab mir mitten unter der Rede bei einer Stelle, die ihr auffiel,
die Hand, und obgleich ihr Herr Vater diesen Vorfall so übel vermerkte, dass er
uns gern aus einandergeschlagen hätte, so blieb es doch bei diesem Hand in Hand,
bis wir sie von Trauungs wegen aus einander nahmen, damit sie der Herr Pastor
zusammenlegen, und: was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nicht scheiden,
darüber sagen konnte.
    Wie solch eine Kleinigkeit, zum wahren Beweise, dass die Natur über die Kunst
geht, bis ins Innerste dringt!
    Nach der Trauung warf sich Tine in meine Arme. Dein! sagte sie, ohne dass wir
ein Du verabredet hatten, und von Stund an war es du und du, dem Herrn v. W.
nicht zur kleinen Ärgernis, der dieses auch unter Eheleuten nicht so leicht
erlaubte. - Wir brachten ihm anderswo ein, was hier drauf ging.
    Keine von allen diesen Ceremonien rührte mich mehr als die Wallfahrt, die
der Herr v. W. in Begleitung unserer und einiger ausgesuchten Hochzeitgäste,
wozu auch Hermann und der Herr Hauptmann gehörten, anstellte.
    Er allein mit einem Teeschälchen in der Hand, das mit grünen Blättern
bedeckt war. Es ward so feierlich getragen, und die ganze Ceremonie sah fast so
aus, als wie meine Mutter und ich den Eierheiligen verewigten.
    In der Opferschaale lagen zwei Pomeranzenkörner, die er mit einer grossen
Feierlichkeit zur Hand nahm und in zwei dazu schon gemachte Töpfe setzte. - Seid
fruchtbar, sagte er, und mehret euch! Jedem, meiner Tine sowohl, als mir, ward
ein Glas Wasser gegeben, womit wir diese eingeackerten Pomeranzenkörner
begossen. - Gott, sagte er, gebe das Gedeihen! - Er hatte überhaupt die
Gewohnheit, die Körner von Pomeranzen und Citronen, die er zu Papst, Kardinal,
Bischof und Punsch an festlichen Tagen verbraucht hatte, zum Andenken des
festlichen Tages zu pflanzen. So hatte seine ganze curische Orangerie festliche
Geburtstage. Er glaubte der Frucht dadurch ein Andenken zu stiften und ihr eine
Art von Erkenntlichkeit zu beweisen. Mein Vater dachte in Absicht der
Pomeranzen- und Citronenkörner anders. Dafür war er ein Kernmann, Herr v. W.
aber ein Blättermann.
    Bei Tafel war Herr v. W. der gefälligste Wirt, den man sich nur denken
kann.
    Er fing eine Unterredung an, oder brach sie schnell ab, je nachdem es Zeit
und Gelegenheit wollten.
    Den guten Pastor, der heute alles wohlgemacht hatte, brachte er in die Enge,
indem Herr v. W. den undeutschen Anfang des Vater unsers auf die Rechnung der
Höflichkeit schrieb. Das Substantivum sollte überhaupt vor dem Adjectiv zu
stehen kommen.
    Eine Unterredung fiel mir sehr auf, die Herr v. W. so recht aus dem
Innersten seines Herzens geschöpft zu haben anschien. Grobe Leute, sagte er,
sind glücklicher, als die Höflichen. Vor Groben fürchtet sich jedermann. Man
freut sich, wenn sie ein Lächeln wo leuchten lassen. - Ich habe Leute gekannt,
die sich durch Grobheit als Gelehrte, als Herzhafte, als - - alles was man will,
ins Geschrei gebracht. Indessen ist erspartes Geld, fügte Herr v. W.
wohlbedächtig hinzu, besser, als erworbenes, und kommt ein harter Stein zum
andern, so steht der hinterste im Genitiv. Die selige Mutter meines Herrn
Schwiegersohns würde gesagt haben: zwei harte Steine mahlen selten reine.
    Unser Jupiter, unser Gottes-Gevatter hätte sich, wie mich dünkt, bloss bei
dieser Unterredung erholt, alles andere wären Schaubrode für ihn gewesen, bei
denen er nun freilich weit dreister, wie David, zu Werke gegangen. Selbst aber
diese Dreistigkeit, würde sie nicht allen, die zu Tische sassen, unerträglich
gewesen sein? Der geschickteste Mann, sagte Junker Peter, um grob und fein zu
sein, bei den besten Kohlen und recht gesunden Funken: fehlt ihm Wind, das
heisst, eine gewisse Art - Gefälligkeit, Gelindigkeit - er wird in der Geburt
ersticken. - Gewünscht hätte ich, dass den Junker Peter ein Maler gesehen hätte,
wie seine Herzhaftigkeit in der Geburt erstickte, da der Commandeur an ihn kam,
um ihm die Hand zu reichen, die er uns allen beim Abschiede reichte. Jupiter
liess es dabei nicht, sondern drohte ihm mit den Vorderfingern der rechten Hand.
Im Spass, versteht sich. Wie fuhr aber Junker Peter im Ernst zusammen!
    Meine Leser werden ohne meinen Fingerzeig bemerken, dass ich dem Herrn v. W.
bei der Tafel das Heft in Händen liess. Sein Refrain war, dass Festlichkeit die
Freude leite und führe auf ebner Bahn, so wie sie auch die Betrübnis in
Schranken setze! Wahrlich, ein teures wertes Wort!
    Ich hatte mit Tinen Herzensangelegenheiten, die über alles gingen. Wir
sprachen von unserer Trauung, von der wir alle beide nicht sonderlich erbaut
waren. Ich freue mich, sagte ich, liebe Tine, dass sie pompreicher und weniger
herzlich ablief, als Gretchens - Schwerlich würde ich sie sonst ausgehalten
haben.
    Tine hatte, wie sie sagte, eine Bitte über alle Bitten an mich - und diese
war, dass ich sie nicht mehr Albertine, sondern Mine nennen sollte! - O Tine! das
ist mehr als die ganze Trauung. Es war mit mir geschehen! - Diese Firmelung
brachte mein ganzes Herz aus seiner Fassung. Mine! sagte ich, und drückte sie an
öffentlicher Tafel so fest an mein Herz, dass Herr v. W. aufschrie, und mitten in
der Höflichkeit sich hart verging. Er fasste sich, und hätte eben so laut um
Vergebung gebeten, als er aufgeschrieen, wenn ich die Sache weiter treiben
wollen. - Sie selbst, als ob sie nun nichts weiter nach der priesterlichen
Einsegnung zu fürchten hätte, sprach ohne Ende von Minen. Nun war die Zunge
völlig gelöst. Einmal hatte Tine sie gesehen. - Ich habe sie gemalt, setzte sie
hinzu. Auswendig weiss ich sie. Du sollst ihr Bild sehen! - Ueber der Rüstkammer
von ihren Sachen, die du ihr zum Andenken aufbewahrest, soll es hängen!
    Heiss ich Mine?
    Du heissest Mine!
    Junker Gottard, dem die Geschichte von meiner seligen Mine nicht verborgen
geblieben, und der diesen mir ewig süssen Namen jetzt nennen hörte, warf sich, so
wie er da ein Hochzeitgast war, zur Rache wider v. E. auf, die er aber
wohlbedächtig durch seinen Jupiter üben lassen wollte.
    Friede! sagte ich ihm, Bruder! Ich höre, fuhr er leise fort, und hielt die
Serviette vor, als ob er die Frage mit der Serviette verhängen wollte; ihr duzet
euch?
    Mine lächelte und Junker Gottard konnte nicht umhin, ihr überm Tisch die
Hand zu reichen, und ein Glas Wein darüber umzustürzen. - Nicht das Glas,
sondern die Handgabe war ein Greuel in den Augen des Herrn v. W., der aber nicht
einmal aufschrie wie oben, da ich Minen an mein Herz nahm. - Wie gütig!
    Ich darf es wohl nicht bemerken, dass, ausser dem wohlgemachten Pastor, wenig
Leute da wären, die einen Begriff vom Zusammenhange in Gesellschaft hatten. Herr
v. G. der Selige! was meinen meine Leser, war er nicht geboren, in eine
Gesellschaft Geist und Ordnung zu bringen, - und selbst Waldhörnern den
Kammerton beizulegen? Ich wette, Jupiter wäre unter seinem Vorsitz ein
angenehmer Gesellschafter worden, und behaupte, dass in der Conversation, da wir
auf seinem Gute waren, so viel Einheit, so viel Stimmung liege, dass es ein
Concert heissen könnte, wenn der Kunstrichter es so erlauben will.
    Wahrheiten, die jeder sieht und hört, wer kann sie aushalten? Es regnet, es
hat geregnet, es wird regnen! - Wer einen Garten anlegt, muss für Schatten
sorgen. Wagen gewinnt, wagen verliert. Wenn ich gehe, komm' ich weiter. Solcher
Augenscheinlichkeiten drängten sich in schwerer Menge zum Vorschein; wer kann
aber daran Teil nehmen? Wer über Einfälle der nämlichen Art lachen? Ist's
Wunder, dass sich unsere Redner geflissentlich bemühen, den gemeinsten Hut nach
der Mode zu stutzen? So wasserklar waren auch die Hochzeittischreden, und das
Gedicht, welches Minens gewesener Informator zusammengewürfelt hatte. Das
Gedicht lief allen an Wasserklarheit den Rang ab. Ein Reim nahm die Erklärung
des andern über sich. - Wie Herr und Knecht war einer gegen den andern.
    Ein alter Edelmann unterschied sich durch den Brauch, nach Noten zu gähnen,
und hielt dabei ordentlich Melodie. Anfänglich fiel uns diese Musikneigung auf;
indessen nahm Herr v. W. in eigener Person seine Verteidigung über, und
Hermann, der nur auf dies Kommando gewartet hatte, behauptete, dass das Gähnen
die Erfindung der Cadenzen wäre, die doch heutzutage so trefflich beklatscht
würden. Man bewunderte sogar die Euphonie unseres Gähnenden. Versteht sich, dass
er sich desto öfter sehen und hören liess. - Herr v. W. hätte seinen so
freigebigen Beifall, sobald unser Edelmann es zur förmlichen Tafelmusik anlegte,
gar zu gern widerrufen; wie konnte sich aber Herr v. W. widersprechen? Freilich
war er sonst die leibhafte Katachresis, eine Figur in der andern. Er war ein
Trauerfröhlicher. Die Figur liess sich indessen nicht bei dem vorliegenden Fall
anbringen.
    Auf der Hochzeit zu Cana in Galiläa gebrach es an Wein; hier gebrach es an
mehr! An etwas, das kein Wein geben kann; wenn gleich tausendmal jenes
paulinische Recept: Trinke ein wenig Weins, deines schwachen Magens halber, in
Ausübung gebracht wird.
    Darf ich noch bemerken, dass es bei der Mahlzeit, in so weit es überhaupt das
Departement der Marta betraf, das sich Herr v. W. in hoher Person zugeeignet,
nicht fehlte an irgend einem Guten? - Wohl aber war von allem etwas drüber; ein
Compliment stach überall durch! - Ist das nicht etwas drüber?
    Der Cadenzgähner brachte, wiewohl in unmassgeblichem Vorschlag, Hamburger
Pulver zum Desert; indessen fand er keinen Beifall. Herr v. W. selbst meinte,
das würde heissen: Zum Busstage gratuliren.
    Unter einem Märtyrer stellt man sich einen tätigen, hervorragenden Mann
vor, der einen Kopf zu viel hat, oder der einen Kopf grösser wie der Hause ist.
Was aber den unsrigen betrifft, so war er so leidend wie möglich. Wo studirt,
Herr Hauptmann?
    In Königsberg.
    Auch ein Collegium über den deutschen Styl?
    Beim Professor - - gehört.
    Das dachte ich wohl! beim Professor, Feldherr anstatt General.
    Ein Märtyrer also vom Hörensagen.
    Beide, Hermann und unser Hauptmann, sassen an einem kleinen Tische, der an
unsere Tafel grenzte. Ich hätte sie zur Tafel gezogen, auch meine Mine hätte es,
wenn es auf uns angekommen wäre.
    Wegen einer aus dem Alter genommenen und auf curischen Grund und Boden
verpflanzten Geschichte wäre der Herr Pastor, der sonst alles wohl machte, bei
einem Haar übel angekommen. Auf die schriftliche Anfrage: wie viel jährlich für
einen einzigen Junker? hätte ein Hofmeister, nach der Erzählung des Herrn
Pastors, hundert Taler Alb. gefordert. Wir werden nicht Handelsleute,
erwiederte der Edelmann, dafür halte ich meinem Sohne zeitlebens zwei deutsche
Bediente, und da hat er Verstand und Dienst obenein. Facit, erwiederte der
Hofmeister, drei Schlingel. - Dies unschickliche Wort, welches eben, weil ein
Junker mit darin begriffen war, desto härter auffiel, brachte alles in Bewegung,
obgleich es nicht auf die Rechnung des Pastors, sondern des Hofmeisters gehörte.
Wenn nicht Hermann die Sache ins Geleise gebracht, wer weiss, ob nicht selbst der
Cadanzmacher aus der Weise gekommen wäre. Richtig, sagte Hermann, und der
Cavalier beschloss: Eins zu drei tut vier. Schriftlich oder mündlich? fragte ein
anderer. Schriftlich, erwiederte der Pastor; der Hofmeister war noch zur Zeit in
Preussen. Das war dem Schlingel zu raten. Ich dächte, der Pastor hätte die
Geschichte weglassen und der Märtyrer hätte Capitän statt Hauptmann schreiben
sollen!
    Noch hatte der gute Herr v. W. zwei Reden auf dem Herzen.
    Die Begleitungsrede ins Schlafgemach und die Strohkranzrede! Und wo war bei
so vieler Verwirrung Zeit, auf diese Arbeiten zu denken - und sie anzuordnen?
    Solche zehn Reden, wenn sie auch alle zehn so geglückt wären, als die beim
Schlafengehen verunglückte, waren nicht den Segen wert, den unsere gute Mutter
auf ihre Tochter legte. Sie verliess uns mit dem Leichentext meiner Mutter: Selig
sind die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!
    Mehr, dünkt mich, war nicht nötig anzuführen, als dass diese
Schlaftrunksrede verunglückt sei, um zugleich zu bemerken, dass Herr v. W. sie
selbst übernommen!
    Die Strohkranzrede ausgenommen, fiel nichts vor unserer Heimführung vor, was
bemerkungswürdig gewesen wäre.
    Ob nun Herr v. W. wieder befürchtet, dass er seinen Mund an einen Stein
stossen würde, oder ob er in Erwägung gezogen, dass eine Strohkranzrede sich für
keinen Vater schickt, wenn gleich dieser Vater zum Complimentiren oder zum
Redehalten (das ist sich wohl nicht viel aus dem Wege) geboren ist, weiss ich
nicht. Dieses Geschäft war indessen einem jungen Edelmann übertragen, dem der
Hermann soufflirte!
    Zu Hermanns Ehre ein Wort: er weinte ungesehen, da ich mit Minen zu Bette
ging - ungesehen!
    Und warum war die Frau v. G. nicht bei der Hochzeit?
    Ich bat die gute Seele der Frau v. W., ausser dem Gewöhnlichen, noch ein Wort
des Vertrauens an sie zu senden, ihres Seligen und Bruder Gottards wegen. Warum
kam sie dieses Worts des Vertrauens unerachtet nicht? Weil mein adliches Blut
durch das poetische Blut meiner Mutter Schaden gelitten, und weil meines Vaters
Adel dadurch, dass er die Kanzel bestiegen, einen unauslöschlichen Fettfleck
erhalten. - Junker Gottard! Deine Mutter, warum? - - Wäre sie meine Mutter
nicht, würde ich mir die Freiheit nehmen, zu sagen: Warum? - Guter Junge!
    Herr v. W. und Frau v. W. geleiteten uns bis zu unserer Heimat. Besonders,
dass keine Träne bei allen diesen Abschieden vorfiel. Junker Peter blieb zu
Hause; er hatte sich zu einem Abschiede vorbereitet, der zu lang war, um nur
herzlich zu scheinen.
    Ohne Umstände, Peter!
    Darf ich -
    Sie sind der Bruder meines Weibes, wollen Sie auch mein Bruder sein?
    Ernst?
    Wahrer!
    Können Sie vergeben?
    Was denn?
    Vergessen ist mehr als vergeben! Bruder!
    Junker Gottard gab meinem Weibe und mir die Hände. Jedes von uns erhielt
eine. Wir küssten ihn beide. Desto besser, sagt' er. Gott lass' es euch
wohlgehen! Meine Trine wird mir die ersten vierzehn Tage kein Leckerbissen sein,
da ich euch gesehen!
    Er gab uns sein Ehrenwort, uns alle Jahr' einmal zu besuchen. Sind Jagden in
- -? - Versteht sich! - Lebt wohl!
    Auch du, guter Gottard! ich liebe dich herzlich!
    Ich halte, was ich versprochen, sagte Gottard zum Bruder Peter, der sich
verbindlichst verbeugte. - Noch wollte Peter mit Gottarden in der Stille
sprechen. Es bleibt! schrie ihm Gottard zu.
    Ehemann also? der Mann eines Weibes, das mich liebt, und das ich wieder
liebe! - Komm, liebes Weib! Tine! Mine genannt, komm! schreib selbst - damit
meine Leser wissen, was an dir ist.
    Was soll ich schreiben?
    Von der Zeit an, da ich ins Wasser fiel, bis diesen Augenblick.
    Ich liebte meinen Mann von dem Augenblick, da die Rett's und die Wo's
vorfielen, ohne dass ich wusste, was Liebe sei. Meine Liebe äusserte sich durch
meinen Hang, von ihm ohne Aufhören zu reden. Alle meine Kinderfragen auf die
Manier, wie: Sehen Sie doch, Gnädige! wie hoch der Baum ist; der Babylonische
Turm war wohl weit höher?
    Meine liebe Mutter ward nicht müde, mir Mutterantworten zu geben. Ich weiss
den Tag noch, da ich nicht mehr über ihn kinderfragte, und von dieser Zeit an
verwandelte er sich in ein Ideal, das mit mir ging und kam, und ass und trank,
das mich zuweilen froh machte, wenn ich glaubte, ich könnte sein werden, und
zuweilen betrübte, wenn es mir einfiel: und wenn dies Ideal ein ander Ideal
hätte? Dies Ideal verdrängte meinen Alexander, und doch war es mein Alexander,
als wenn er gesessen hätte.
    Minens Andenken war mir nicht im mindesten im Wege. Nie kam der Gedanken in
meine Seele: Ihr Tod ist dein Leben. Ihr Alexander war nicht der meinige. Der
ihrige war da; der meinige war ein Seelenalexander! - Es war alles, ich weiss
nicht wie. Ich hätte einen andern, der diesem Bilde nicht ähnlich war, heiraten
können; allein aus blindem Gehorsam gegen meine Eltern. Ein dergleichen
Isaaksopfertag erschien, und ein Engel brachte mir den zu, den ich liebe und
lieben werde bis in den Tod! Wenn ich jetzt an meine Hirngespinnstperiode
zurückdenke, kommt es mir vor, ein Mädchen, das über fünfzehn ist, könne nur
zweierlei, entweder ein solch Ideal haben, oder - sich lieben lassen und sich
verlieben, wie das arme Lorchen, derentwegen ich diesen meinen Namen in Tine
verwandelte, der jetzt in Mine verändert ist. - Es tut mir recht leid um den
Namen Lorchen, den ich verlor; Tine hab ich gern verloren.
    Es ist eine ganz andere Liebe vor, und eine ganz andere nach der Hochzeit.
Bei dieser ist mehr Sein, bei jener mehr Schein, wie der Drosselpastor sich
erklären würde, den mein Alexander bei seinem Heimzug nicht gesprochen hat. -
Was mir das leid tut!
    Von dem Augenblick, da ich den Namen Mine erhielt, und ich meinen Alexander
du nannte, trat die Vesper ein, das
    Nach der Hochzeit - -
    Ich bin ein so glückliches Weib, als man es in einer Welt sein kann, die ein
Sonnabend ist, und auf die der Sonntag folgt. Meine selige Mutter (das Schwieger
kann ich nicht schreiben, es ist nicht kalt, nicht warm) war nicht allein ein
Sonnabend. Alles in der Welt ist es! Alles! Unsere Liebe selbst, das
vollständigste was ich kenne, ein Sonnabend! - Wollt ihr mehr von unserm
Eheleben?
    Was ich mir nur merken lasse, tut mein Alexander. Fast aber sollte ich
denken, seiner Herrschaftsabtretung unerachtet würd' er nicht tun. was ich
will. Wie kann ein Weib wollen?
    Unsere Trauungseinsegnung wäre freilich anders ausgefallen, wenn sie der
Pastor aus L. übernommen. Wie sie mir aber noch lebhaft sind die Worte (alle
Fragen haben was Feierliches für mich): Wollen Sie mit diesem Manne ziehen,
Glück und Unglück mit ihm teilen, und sich nicht eher von ihm trennen, als bis
ein, Gott geb! seliger Tod Sie scheidet? - Mein Vater hatte mir Ja vorpräludirt;
allein mein Herz hielt so wenig Melodie, dass ich laut Ja sagte, und so laut, so
herzlich sag' ich es noch jetzo, bis der Tod uns scheidet. Ja, ja! Amen, Amen!
Hörst du, Alexander? Ja!
    Mein Mann kann mir keinen grössern Beweis von seiner Liebe geben, als dass er
mir eine Aehnlichkeit mit Minen zuschreibt. Zwar hab' ich sie nur ein
einzigesmal in ihrem kummervollen Leben zu sehen das Glück gehabt, so wie auch
vor diesem die frömmsten Leute nicht alle Tage Engel sahen; allein auch dies
einemal macht sie mir auf ewig wie gegenwärtig. Da steht sie! Auch dort werd'
ich sie gleich kennen.
    Sie hängt in unserm Hause nicht bloss über den Kleinigkeiten, die sich mein
Mann zum Andenken erkoren: überall hängt sie in Oel, in Pastell und Silhouetten
ohn' Ende. - Sie lebt und schwebt mir vor Augen. Dank lieber Schutzgeist! dass du
mir sie präsentirt hast, da ich mich auf die paar Züge nicht besinnen konnte! -
Jetzt darf ich dich nicht mehr beschweren.
    Mein Alexander ist sehr geradezu. - Meine Mutter liebt ihn wie eine Mutter
ihren Sohn. Mein Bruder fängt sich so sehr nach ihm zu bilden an, als es einem
äusserst verdorbenen Menschen nur immer möglich ist. - Mein Vater selbst ist mit
diesem Geradezu so zufrieden, als ich es nie gedacht habe. Aeusserst zufrieden
mit meinem Manne, behauptete er jüngst, dass ein gewisses edles Geradezu die
allerfeinste Höflichkeit wäre. Aufs Einkleiden kommt's an, setzte er hinzu, und
eben das Einkleiden scheint meines Alexanders Sache eben nicht zu sein. Mein
Vater fängt mehr an über die Höflichkeit und Festlichkeit zu speculiren, als sie
zu üben. Ganz wird er diesen Schmuck nicht ablegen, und warum sollt' er? Mein
Mann steigt nicht zu Dache. Sein Geradezu ist ein edles Geradezu.
    Die Liebe ist kühn und schüchtern im Grossen und im Kleinen. - Mein Vater
will nicht leiden, dass ich meinem Alexander unters Kinn greife. - Warum nicht,
lieber Vater? Ein Eheweib darf nichts Entehrendes finden, als ein Schelmstück,
und da sei Gott vor! - - Wahrlich eine gewisse unzeitige Scham hat unser
Geschlecht unter dem Vorwande es zu heben, so heruntergebracht, dass die
wenigsten wissen, was sie tun.
    Dem guten Vater fällt oft was auf die Nerven, was andere keinen Augenblick
anhält.
    Ehrentalber, sagt mein Mann, ist der unausstehlichste Ausdruck, den ich
kenne, und beim Kratzfuss des alten Herrn pflegt er zu sagen: Warum verstellst du
deine Geberde?
    Der alte Herr ist, so oft er kommt, ein mir sehr lieber Gast! Was mir das
leid tut, dass er am Hochzeittage am kleinen Tische ass! So oft er kommt, muss er
mir: Ich hab' mein Sach' Gott heimgestellt etc. spielen, und da sing' ich es
dann so herzlich, dass ich ihn noch jedesmal weinen gesehen! Auch ich weine. Es
ist ein Regenlied.
    Mein Mann beschuldigt mich, dass ich zu spitzig bin. Noch hab' ich keinem als
mir selbst mit einer Nadel Schaden getan! Wie Alexander da lacht! Sollt' ich
wieder wo zu nadelspitz gewesen sein? - Fürs Lachen eine Klage!
    Mir ist äusserst schwül zu Mute, wenn ich die Zimmer kehren und aufputzen
lasse! Freilich sagt mein Mann kein Wort darüber; allein wenn sein Blick diese
meine Taten bestreicht, ist nur's so, als sage er etwas. Seine Schreibstube
wird fast gar nicht geläutert. Weiss der Himmel, es ist wenig Staub drin, aller
der Bücher unerachtet, von denen sich manche recht nach Staub zu sehnen
scheinen, - wie er selbst sagt.
    Ehegestern sah er sehr steif an einen Ort und war so tief in Gedanken als
man in keinen Schlaf sinken kann. Da hab' ich dich gesehen, sagte Alexander, wie
du einst alt und wohlbetagt sein wirst! - Recht so! Sobald die Mienen, wenn man
so sagen soll, ohne steife Wüste zusammenfallen, sieht man alle die Ansätze zu
Runzeln, die man einst haben wird, wenn keine Ermunterung, keine Aufraffung
diese Linien, diese Falten mehr zu verlöschen im Stande ist.
    Mein Mann isst stark, lauter natürliche Speisen, trinkt wenig Wein, allein
immer aus der Quelle! - Ich lege vor - er giesst ein! - Alles was bei Tische nur
gebraut und angerichtet werden kann, wird öffentlich gebraut und angerichtet. Er
macht Punsch und Bischof, ich Salat - oft ein Ragout aus freier Faust. - Man
gewinnt viel, sagt mein Mann, wenn man was werden sieht! Ich glaube selbst. Was
muss es dem lieben Gott nicht angenehm gewesen sein, so alles entstehen zu sehen!
- Ich will schon gern nicht nach den Sternen sehen können, aber Gras und Bäume
wachsen möcht' ich gern sehen! - Wer kann es beschleichen!
    Noch einen Beweis der zärtlichsten Liebe meines Alexanders! Mein Leopold hat
viel Züge von mir. Er küsst mich in ihm! O! das sind Küsse, sagt er selbst, wenn
man sein Weib in seinem Sohne küssen kann! Sage noch einmal, das sind Küsse! Ich
fühle jeden, den du deinem Sohne gibst!
    Wie sehr hab' ich mich gescheut, einen Vorfall anzuzeigen, welcher der
wichtigste meines Lebens ist; kein Wunder, dass ich ihn bis auf die letzt
gespart!
    Ich bin die Mutter nur von einem einzigen Sohne, Alexander Leopold genannt.
Er heisst im gemeinen Leben Leopold, weil mein Mann da Alexander heisst. Dies
waren meine ersten und letzten Wochen.
    Nach einem der vergnügtesten Jahre empfand ich alle Bitterkeiten des
Ehestandes und den Fluch, der auf unsere Allmutter Eva gelegt ward: Du sollst
mit Schmerzen Kinder gebären. - Verzeiht den Seufzer, den ich tief hole! und
diese Tränen, die auf dieses Blatt fallen. - Mein Mann konnte die Scene nicht
aushalten. Er ging davon, da er sie nur anfangen sah. In meiner Sterbensnot
ging er nicht davon! - Nun bin ich allein! - Vielleicht dreister! Es kam bei der
Geburt meines Einzigen auf die Frage an, ob das Kind oder ich geopfert werden
sollte. Mein Mann sollte entscheiden, der Arzt und die Hebamme setzten es darauf
aus. Mein Gott, was für Vorfällen kann der Mensch ausgesetzt werden! Führ' uns
nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von allem Uebel! Gott, unser Vater - Ich
kann nicht weiter.
    Nach einem sehr harten Kampfe blieben zwar Mutter und Kind, ich und Leopold
leben, allein weh mir! - Ich kann nicht mehr Mutter werden!
                                     * * *
    Ich habe geendigt in dieser Welt! - Ich bin in ein Kloster gegangen. Als
Kloster in ein sehr glückliches! Mein Mann liebt mich wie seine Freundin. Mein
Leopold, der Lohn meines Kampfes, ist der beste Junge, der in der ganzen Welt
ist. - Was will ich mehr?
Einen guten Kampf hab' ich
auf der Welt gekämpfet -
- - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - -
dass ich meinen Lebenslauf
seliglich vollendet,
und mein arme Seel' hinauf
Gott dem Herrn gesendet.
                                     * * *
    Dass ich meiner seligen Mutter nicht völlig im Gesang gleich komme, ergibt
sich, dünkt mich, aus meiner Erzählung. Wenn ich aber in meiner Lage ein Lied
anstimme, wo mein Mann, seinem Vater gleich, im zweiten Diskant einfällt, wie
wohl ist mir!
    Ich bin der Welt im eigentlichsten Sinn abgestorben! und finde in der
Hoffnung der künftigen Welt so viel Trost, dass es wohl der Mühe lohnt, hier
nicht ganz glücklich zu sein! - Ich wollte um wie vieles nicht mein Teil in
diesem Leben haben, um wie vieles nicht! - Wie du willst, Herr, wie du willst,
schick' es mit mir! - Wahrlich, wir sind zur Hoffnung geboren. Mit dem Genuss
will es nicht recht fort. - Ich weiss nicht, ich kann keinen Menschen so recht
ausstehen, der es sich geflissentlich angelegen sein lässt zu geniessen, dem man
es anmerkt, dass es ihm so recht schmeckt!
    Man sagt, dass es die Wehemutter bei meiner Niederkunft versehen haben soll.
Ich verzeih es ihr herzlich - herzlich. - Gott tröste sie! Sie ist nach der Zeit
öfters tiefsinnig - Mein Mann und ich, das weiss Gott, haben nichts dazu
beigetragen, dass sie tiefsinnig worden. Gott tröste sie und alle, die dies
lesen, bei ihren Leiden mit dem Troste des bessern Lebens, das Gott geben wird
denen, die ihn lieben!
                                                             Tine, genannt Mine.
    Damit ich dich ablöse. Mine ist eine Dichterin. Hier ist eine Probe von ihr,
die sie nicht lange nach unserer Heirat lieferte. Man wird noch immer das
Fräulein Lorchen drin finden, das spitzige Mädchen! obgleich sie es nicht haben
will, und öffentlich behauptet, sie hätte noch keinem andern, als sich selbst,
mit der Nadel Schaden getan. Aus Lorchen ist Tine, und aus Tinen ist Mine
worden! - Dies ist die letzte Verwandlung, bis der Tod sie und mich verwandeln
wird, und das Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit. - Wär' es doch auf
Einen Tag, auf Eine Stunde!
                                     * * *
    Komm, mein Geliebter, hier ans Kamin, damit ich den Unterschied desto mehr
empfinde, in deinem warmen Arm zu sein und mich am Kaminfeuer zu wärmen. Welch
ein Abstand zwischen Feuer und Feuer! gemein und Opferbrand! Deine Hand, deine
beiden Hände, in allem schlägt ein Schlag der Liebe, und wenn du deine Hand in
meine legst, ist's so, als würden unsere Nerven in einander gestrickt, unsere
Adern zusammengebunden! Wir sind eins! Wie fremde es klingt, Er und Sie! Mine
und Alexander! du und ich! Zwei Du's sind wir, zwei Ich's. Ausser dir ist nichts
und ausser mir ist nichts!
    Welch ein Schauder! Noch einer! Was seh' ich! Sieh Geliebter! an die
Fensterscheibe, vor deinen sichtlichen Augen, malt sich ein Vergissmeinnicht!
Sieh! Sieh! im Zuge M und A! Fühlst du es so, wie ich! Mine war's, der Engel
Mine! der es malt! Mine, die mich an dich in der Welt abtrat, die dich im Himmel
wieder fordern wird. Das war nicht die Hand der Natur, die diese Züge
herausspielte. Dieses M und A im weissen Damast! Genäht ist's nicht. - Da ist
kein Stich zu kennen! - Wie schön, himmlisch schön! wo auch kein Stich zu kennen
ist! - O Geliebter, verzeih diesen Seufzer! Wenn ich dich im Himmel zu verlieren
denke, wie ist mir! der Himmel und Verlust! - Wen willst du wählen? wen? O der
zwei Sieen! Sie oder mich? Mich oder Sie? - Mine, die immer ein Engel war, oder
Mine, die Fleisch und Bein hatte, und die werden wird, was Mine immer war! Engel
Mine! Ist's möglich, schreibt's bei hellem Mondschein ans Fenster, wenn mich ein
Herzbeben ergreift, das mir das Nahesein eines Geistes verkündigt. Du oder ich?
- Verzeih, Himmlische! diese Erdenfrage! Grossmütige, verzeih! - Du bist mein
Geliebter! - du bleibst mein Geliebter! - Mine, die Göttliche, wie sie mich dir
lässt! - Komm in meinen Arm, komm ans Kaminfeuer! Wir sind Ein Herz und Eine
Seele, wir sind Eins für Himmel und Erde! - Höre, wie das Feuer im Kamin in
Jubel ausbricht! Das ist kein gemeines Geprassel! - Und auch jene sanftere
Stimme, wie harmonisch! - Kohlen vom Heiligtum geben dem stummen Wasser Leben
und Sprache. So kocht kein schlechtes Wasser, wie dies da, das sich mit dem
Geprassel des Kaminbrandes in Melodie setzt, - das sich vordrängt, um gehört zu
werden. Alles spricht: Du und Ich! Wir beide Du's, wir beide Ich' s!
Grossmütiger Engel Mine! - Unaussprechliche Himmlische! - Wenn ich ein Engel
werde, wie du es immer warst, will ich dir danken!
                                     * * *
    Tine, genannt Mine, ist äusserst fromm! - Sie betet alle Abend, so wie sie es
in ihres Vaters Hause zu tun gewohnt war. - Selbst hat sie Gebete aufgesetzt,
die, wenn gleich sie auch nicht Bild und Ueberschrift: Volksgebete, verdienen,
doch von einem Herzen zeigen, in dem Gott sein Werk angefangen hat. Er wolle es
in ihr durch seinen heiligen Geist bestätigen und vollführen bis zu seinem Tage.
Amen! Ich will das
                            Gebet für den Sonnabend
hersetzen.
    Dieser Tag, in Parenteft, ist meines Weibes Liebling, so wie es der Tag
meiner Mutter war; allein aus verschiedenen Ursachen. Mit mir, sagt mein liebes
Weib, ists Sonnabend! - Gute Seele! - Unsere Wege sind nicht Gottes Wege. Unsere
Gedanken sind nicht Gottes Gedanken. So hoch der Himmel über der Erde, so sind
auch Gottes Wege höher denn unsere Wege, und Gottes Gedanken höher denn unsere
Gedanken.
                                 Am Sonnabend.
    Gottlob! wieder eine Woche! Wie sie war und nun nicht mehr ist! Ich glaube,
es wissen viele Leute nicht, wenn sie sterben, dass sie gelebt haben. O selige
Kürze der Zeit, einziger lebendiger Trost bei allen Leiden dieser Welt! die eben
deretwegen zeitlich und leicht sind, und doch schaffen sie eine ewige und über
alle Massen wichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare,
sondern auf das Unsichtbare, nicht auf den Leib, sondern auf die Seele, nicht
auf die Welt, sondern auf Gott, den Anfänger und Vollender, den Höchsten, so wie
der Menschen Geist vielleicht der niedrigste ist. - - Es geht mit der Zeit so,
wie mit allem, was gut ist. Wir schätzen es nicht eher, als bis wir es nicht
mehr haben! - Nichts ist weniger habhaft zu werden, als die Zeit. Ich stelle mir
vor, sie verwandelt sich in Ewigkeit, so wie wir in Engel. Wer kann alles
begreifen, wie es zugeht! Ich fürchte mich nicht, wenn diese Woche auftritt und
mich einst vor jenem Richterstuhl zur Rechenschaft fordert, wo wir alle werden
offenbar werden, an diesem Sonnabend der Welt! Wer kann aber, Richter der Welt,
wer kann vor dir bestehen, du Herzenskündiger, du Gedankenkenner? Barmherzigkeit
komme über mich und über alle, die sich bemühen, Barmherzigkeit zu üben und
Gutes zu tun und in guten Werken zu trachten nach dem ewigen Leben!
    Die Zeit vergeht, allein gute Taten pflanzen sich fort, und ihre
Geschlechter dauern bis zum Ende der Tage. - Jede gute Tat hat mehr als einen
Sohn, hat viel Erben; und diese Kinder haben wieder Kinder. - Wer wollte nicht
gut sein, um ein Vater, eine Mutter von so guten lieben Kindern zu werden, die
sich selbst erziehen?
    Der Schluss der Woche kann der Anfang zur Besserung sein. Ich gelobe und
wills halten, mein Fleisch und Blut niederzuschlagen, wenn der Eigendünkel mir
einbilden will, ich wäre besser, als ein anderer; wenn die Härte mir ins Ohr
zischt: Verdient es auch der Arme? will ich antworten: Bei Gott gilt der gute
Wille; was würde sonst aus uns allen werden? So will ich leben, damit ich einst
froh sterben kann. Wann werde ich? Das weiss Gott, der Herr des Lebens! Wohl mir,
dass er nicht ein Gott der Todten, sondern der Lebendigen ist! Wohl mir, dass er
mir den Trieb zum Leben so tief eingepflanzt hat! Je älter wir werden, je mehr
Lust zum Leben wandelt uns an. Diesen Trieb zum Leben sollte ich haben und doch
sterblich sein? Nein, wahrlich! wahrlich! Ich glaube es, nimmermehr werde ich
sterben, es wird nur so scheinen, als stürbe ich! - Der liebe Gott würde sich
geirrt haben, wenn er den Lebensplan in den Menschen gelegt hätte, falls der
Mensch ihn auszuführen ausser Stande wäre. Gott begeht keinen Irrtum! Ist der
Tod nicht Ende? Wie glücklich, dass wir sterben! Erwachen wir nicht, nach einer
Nacht voll Schlaf, frisch zu einem schönen Morgen? Die Nacht ist ein Bild des
Todes, der Morgen ein Bild der Wiedergeburt, die uns allen bevorsteht. - Herr,
lehre du mich bedenken, dass ich sterben muss, lehre es mich in jeder Dämmerung,
lehre es mich am Sonnabend vor allen Dingen! Mache es mit mir, wie du willst -
und ist der Sonnabend meines Lebens vorhanden, helfe mir Gott, der helfen kann,
wenn alle menschliche Hülfe verzweifelt! - Wenn kein Trunk mehr unsere gedorrten
Lippen labt, erquicke uns der Trost der Unsterblichkeit. Wenn die Unsrigen
unsern Segen fordern, und wir segnen wollen und nicht mehr können, vollende das
Werk; Abba, lieber Vater! du hast mehr als Einen Segen. Lass unsere Lieben
bedenken, dass wir sie alle wiederfinden werden an einem schönen Sonntage, mit
Feierkleidern angetan! - Halleluja! - Vollbracht! sei unser letztes Wort, Gnade
! unser letzter Seufzer.
    Da denke ich eben an die, so eben jetzt, da ich um ein sanftes, seliges Ende
bete, wenn mein Stündlein vorhanden ist, ihr Haupt zum Tode zurecht legen!
Möchte doch ihr Sterbekissen ihnen leicht sein! - so wie uns allen einst die
Erde! Wir sind ja alle aus deinem Hause, lieber Vater! Kinder der Todesangst
unseres sterbenden Bruders, unserer entschlafenen Schwester. Lass den guten
Geist, der sie in dieser Welt leitete, ihre Seele geleiten zu den Wohnungen der
Gerechten! - Sie sterben an einem schönen Tage! Erbarme dich ihrer und unser
aller! - Kürze die Not eines jeden, die er auch seinem Vertrautesten nicht
entdeckt, der Mann nicht seinem Weibe! - Erhöre jeden Wunsch, wenn es auch dein
Wunsch ist! Amen! In deine Hände befehle ich meinen Geist! Amen!
                                     * * *
    Ich habe die Gewohnheit beibehalten, dass sie alle Abend in Gegenwart der
Leute betet und auch ein Lied nach dem Gebete anstimmt, das wir alle singen. Ihr
gebührt die Wahl, und ich habe oft die Freude, durch diesen oder jenen Gedanken
eines Liebes herzinniglich überrascht und selig erquickt zu werden. - Würde sich
meine selige Mutter über eine solche Tochter nicht freuen, wenn gleich sie nicht
aus dem Stamme Levi ist, und ich nicht Superintendent worden! Aus dem Liede sehe
ich, wie mein liebes Weib gestimmt ist:
    Gestern Abend sangen wir:
                       Warum sollt' ich mich denn grämen?
Gott! wie sang sie den Vers:
Kann uns denn der Tod wohl tödten?
Nein! er reisst
meinen Geist
aus viel tausend Nöten;
schliesst das Tor der schweren Leiden, -
und macht Bahn
himmelan!
zu dem Sitz der Freuden.
    Heute singen wir ein Loblied, das sehe ich ihr an; alle Sonnabend einen
Sterbegesang, das weiss ich schon! Meiner seligen Mine Regenlied: Ich hab' mein'
Sach' Gott heimgestellt, ist auch ihr Seelenlied. - Ich wünschte, dass manche
edle Seele von meinen Leserinnen den Hermann spielen und mein Weib singen hören
könnte. - O des guten Weibes!
    Unserm Leopold habe ich in diesem Buche sein Kind- und Pflichtteil
berichtigt! Ich habe ihn beim Publico eingeschrieben; mehr gebührt ihm nicht. So
viel indessen zur Nachricht, dass er ein lieber, lieber Junge ist, der seinen
Lebenslauf zu seiner Zeit schon ohne seines Vaters Beihülfe schreiben wird. - Es
hat gute Wege mit ihm; Fähigkeiten seltener Art!
    Junker Gottard besucht uns alle Jahre, so wie er uns sein Wort gegeben.
Noch ist er nicht Ehemann. - Seine Ja Jagdliebhaberei nimmt täglich zu. - Sein
Herz ist untadelhaft. Man mag sagen, was man will, er ist doch immer das beste
Wild in allen seinen schönen Wäldern.
    Seine Mutter kann es sich noch nicht vorstellen, dass ich die Tochter eines
benachbarten Edelmanns geheiratet, und freut sich herzlich, dass nicht die Sonne
in Curland diesen unerhörten Fall bescheine. - Käme es auf sie an, sie würde
unsere Ehe noch bis diesen Augenblick ungültig erklären. - Sie zahlt zehn Ahnen
mehr, als nach Seti Calvisii Berechnung (der doch auch sein Exempel zu rechnen
wusste) die Welt gestanden. O, der stifts- und turnierfähigen Frauen! - Doch,
warum von ihr Auskunft, da mir noch jemand weit näher ist?
    Der alte Herr hat jetzt seine Freistatt beim Herrn v. W. Seine dürftigen
Umstände erforderten Beihülfe, und wer wird sich nicht freuen, dass Hermann, der
nach dem betrübten Sündenfall den Apfelbaum aus seinem Garten rottete und der
tugendbelobten Jungfer Dene einen Scheidebrief erteilte, nicht Not leidet?
Herr v. W. konnte aber auch sich selbst nicht besser raten, als auf diese
Weise.
    Hermann ging nach Minens Tode krumm und gebückt, und meine Mutter fand sich
verpflichtet, ihm Nahrung und Kleider zuzuwenden. Diese Sorgfalt versprach sie,
so lange sie lebte, für ihn zu haben. Sie hielt mehr, als sie versprochen, und
noch nach ihrem Tode empfand er ihre milde, kalte Hand. In die Stelle ihrer
Guterzigkeit trat das Legat der Frau v. - b -; indessen war Hermann noch nicht
völlig aus aller Leibesnot, aus welcher ihn Herr v. W. völlig setzte. Der Herr
Inspektor fand sich auch mit hundert Talern preuss. ein, die Hermann zum
Bratenrock verwendete. Indessen hat Darius so wenig Lust, seinen Vater, als der
Vater den Herrn Inspektor zu sehen. Diese Pension von hundert Talern preuss.
will Darius jährlich fortsetzen.
    Man sagt, Schulmeister werden darum so sehr alt, weil sie immer mit jungen
Leuten umgehen. Diesen Kunstgriff haben viele Alte, um sich zu verjüngen, wie
die Adler. - Freude steckt an. Man darf hier nicht bloss auf die Ausdünstung
Rücksicht nehmen, auf die es vielleicht bei dem Kebsweibe des Königs David
angesehen war. - Hermann hatte nun wohl schon längstens das Schulhandwerk
aufgegeben; indessen hatte er ein Temperament, das hier mehr galt, als der
Umgang mit der Jugend.
    Wenn er zur Treppe heruntergeworfen wird, sagte Herr v. G. der Selige, kommt
er zuverlässig, seinen Hut zu holen. - -
    Hast du, lieber Leser, je einen observirt, der dem andern zu Gefallen lacht
oder weint? Beides ist hässlich! Unendlich lieber aber will ich, jemanden zu
Gefallen, weinen als lachen sehen. Wie Ekel, wenn man jemanden zu Gefallen
freundlich tut! - Hermann war ein dergleichen Klag- und Freudenweib. Er gibt,
wie Herr v. G. der Selige sagte, wie ein Teich, nasse und trockene Nutzung.
    Der Stolz ist zweierlei, innerlich und äusserlich. Leibes- und Seelenstolz.
So kann man stolz sein auf seine Nase, Augen, Ohren, aufs Zifferblatt; allein
auch aufs Werk selbst, auf die Seele. Dieser innerliche Stolz, wenn er übel
angebracht ist, heisst Aufgeblasenheit. Dies war Hermanns Fehler, den er beim
Herrn v. W. abzulegen schwerlich Gelegenheit finden wird. Von seinem
Schnupftuche hängt ein grosser Teil aus der Tasche. Er schmückt sich gern mit
einem lateinischen Wörtchen, welches wie ein Schönfleckchen absticht.
    Herr v. G. selbst indessen, wenn er noch lebte, würde dem Hermann, dieses
Schönfleckchens und des herausragenden Schnupftuchs unerachtet, das Zeugnis der
Besserung in sehr vielen Stücken nicht versagen. - Wir wollen uns nur der
stillverweinten Träne zurückerinnern, da ich mit Minen zu Bette ging!
    Seine Einfälle freilich hat er noch nicht gelassen; wer lässt aber auch
Busensünden so leicht? Sie sind Parderflecken.
    Herr v. G. der Selige nannte seinen Witz des Satans Engel, der ihn mit
Fäusten schlüge, und wahrlich mit Recht! Seine Einfälle? Sind sie denn Einfälle?
Kaum! Es sind Gypsabgüsse von Witz.
    War es Wunder, dass Hermann wieder zu Kräften kam, da ihm Herr v. W. mit Rat
und Tat so höflich beistand? Der Tremulant ward zwar noch zuweilen gezogen;
indessen liess von Zeit zu Zeit der Trompetenzug sich hören.
    Lange hungern, ist nicht Brod sparen, sagte Junker Gottard, der gute Junge.
Er hatte eine gewisse Antipatie wider den Hermann von seinem Vater geerbt. -
Jüngst sah er mich an, und liebängelte mir auf Rechnung meines Schwiegervaters
und seines Waffenträgers zu. Das Wetter, sagte er, kennt man am Winde. Als
Hermann von seinen ausgestandenen Unglücksfällen anfing, machte ihn Gottard mit
der Bemerkung still: was ein guter Haken werden will, krümmt sich in Zeiten.
Hermann erzählte eine Beleidigung, die ihm ohne sein Verschulden zugefügt
worden. - Da hielten Sie wohl ein Schnupftuch vor, und sagten: Mir blutet die
Nase? fragte Junker Gottard.
    Hermann hatte die Art, wenn ihn jemand seines Gleichen was fragte, nicht zu
antworten, sondern recht, als fürchtete er etwas, anstatt der Antwort wieder zu
fragen: Wie so? Er begegnete der Frage durch ein andere Frage, und so wie kluge
Leute, wenn sie nach gotischer Weise examinirt werden, die schwere Pflicht zu
antworten sehr weislich auf den Frager schieben; so machte es auch Hermann, und
eben hiedurch gewann er Zeit, erhielt sich bei Ehren, und suchte sich, wie alle
Leute seiner Art, zu präserviren.
    Dem Junker Gottard, der doch wahrlich nicht seines Gleichen war, begegnete
Hermann auf gleiche Weise; indessen gewöhnte er ihm sein: wie so? auf eine so
auffallende Art ab, dass Hermann sich bei jeder Frage verscheute, wenn gleich sie
nicht: wie so? war.
    Das ist so platt, dass es keine Nase hat, sagte Hermann zum Herrn v. W. über
einen Ausdruck des Junkers Gottard; allein er fand keinen Beistand, vielmehr
ward er auch vom Herrn v. W. auf eine Art angelassen, dass, um seinen
gewöhnlichen Ausdruck beizubehalten, ihm die Ohren klangen. Da verdienen Sie
eine Nase, erwiederte Herr v. W. und freute sich, dass bei seinem Scheltwort
wenigstens ein Wohllaut, wie er dafür hielt, anzubringen gewesen. - Wohllaut
Herr v. W.?
    Die Gewohnheit, die Hermann, seit so lange ich ihn kenne, hatte, seine Weste
mit Nadeln zu bestecken, dass sie wie mit goldenem Rundschnur besetzt aussah, hat
ihm Herr v. W. glücklich abgewöhnt. - Versteht sich, mit Höflichkeit.
    Vor kurzem nahm mein Schwiegervater bei Gelegenheit der Nase die Sache des
Junkers Gottard; jetzt rettete er Hermanns Ehre, als Gottard ihm den Schneider
vorrückte. Federschneider wollen Sie sagen, fiel ihm Herr v. W. ein. Freilich
hätte Gottard bedenken sollen, dass Hermann ein Häusling des Herrn v. W ist.
Gottard war gewohnt, dem Herrn v. W. nachzugeben. Es blieb beim Federschneider.
Viele nannten den Hermann Sekretär, und man liess sie, ohne dass sie
zurechtgeholfen wurden, dabei.
    Um die Zeit, wenn der Inspektor seinem Vater das Jahrgeld sendet, ist
Hermann so tief in Gedanken, dass Herr v. W. alle Mühe hat, ihn zu zerstreuen. -
Er könne sich, sagt Herr v. W., vor Unruhe nicht bergen. - Wie das kommen mag!
Wenn es nur nicht mit Hermann zum Ende geht! sagte Herr v. W., da er mich zum
letztenmal besuchte. - Jetzt fängt er an, so tief in Gedanken zu fallen, wenn er
nur etwas anlegt, das von dieser Pension gekauft worden! Den Bratenrock zieht er
gar nicht mehr an. Gott sei seiner Seele gnädig!
    Der Schwager Peter hat ein Weib genommen, darum kann er nicht kommen, sagt
Junker Gottard, das heisst: Der gute Junker Peter hat die Herrschaft in seinem
Hause nicht abgetreten; allein er ist so wenig Herr, dass seine Frau sogar den
Stab Wehe über ihn führt. - Herr v. K. nahm ihn in Anspruch, und forderte alles
Geld, das er ihm geschenkt, oder mit ihm gemeinschaftlich reichmännisch
durchgebracht hatte. Es war nur, schreibt ihm Herr v. K., auf die Hand gegeben.
v. K., der ehemals ein Verschwender war, ist jetzt in einen solchen Geizsumpf
gefallen, dass er sich entsetzlich besudelt. - Jeder Redliche im Lande flieht
ihn. Wer hat aber nicht seinen Anhang in Curland, der auch mit v. K.'s vor den
Willen nimmt. Junker Peter konnte sich in der Not, da er vom v. K. in Anspruch
genommen ward, und bei dieser Gelegenheit so mancherlei und manches ans Licht
brach, nicht anders als durch ein Eheverbündniss helfen. Wie oft decken Ehen der
Sünden Menge! Fast immer sind sie heut zu Tage Sündendiener.
    v. E. hat eine sehr liebenswürdige Frau, und von ihr drei Söhne, die dem
Bilde ihrer Mutter ähnlich sind. Ich hab' ihn seit der Zeit nicht gesehen, da er
in Königsberg König eines Freudenmahls war. Warum bracht' ich die Nacht, da Herr
v. E. mit Extrapost von Königsberg ging, schlaflos zu? Seine Zuschrift, nachdem
er von meiner Ankunft in Curland Nachricht eingezogen, will ich so wenig
mitteilen als meine Antwort. Wir wissen alle, dass er Franzos und Curländer war,
dass er kriechen und sich ein Paar Zog höher heben konnte, als er gewachsen war.
Ob seine Frau ihn nicht wenigstens auf Eins einschränken, und entweder zum
Curländer oder zum Franzosen bringen wird? muss die Zeit lehren. Wie es
zugegangen, weiss ich nicht; allein v. E. hat den v. K. gefordert. Wie
gewöhnlich, haben sie sich nichts getan. Da hat jeder seinen heisshungrigen
Jupiter, und dergleichen Gevatter wetzen die Scharten aus.
    Diesen Augenblick erhalt' ich vom Herrn v. W. die Nachricht, dass Hermann in
wirklichen Wahnsinn gefallen. Welch ein Unterschied gegen eine Lindenkrankheit!
- Die Höflichkeit des Herrn v. W. erlaubt es nicht, ihn von sich zu entfernen.
Und auf der andern Seite, bemerkt er, bin ich äusserst mit ihm geplagt. - Sich
selbst kann Hermann nicht überlassen werden.
    Sein Sohn hat ihm dieses Jahr hundert und fünfzig Taler gesandt. Ob ihm
diese Erhöhung völlig den Kopf verrückt, oder die Bitte, die Benjamin der Zusage
beigefügt, ihn in Preussen zu besuchen, weiss Herr v. W. nicht.
    Die Frau Inspektorin sei in gesegneten Umständen, und trüge ein so grosses
Verlangen (schreibt Darius) ihren Schwiegervater zu sehen, dass er auf das
dringendste bitten müsste - Müsste, das glaub' ich selbst! Einen andern Vater
würde dies entzückt haben, und Hermann - -
    Ist todt! - Ein Brief von meiner lieben Mutter. - Drei Tage vor seinem Ende
ist er vernünftig gewesen. In den Anfällen der Raserei hat er sehr laut Benjamin
gerufen! Mine aber so hohl, als dürft' er nicht. Inspektor! Inspektor! jetzt
könnt' es dir leid tun, dass du deinen Vater nicht noch gesprochen hast! Gute
Wochen deiner Frau! Eben meld' ich ihm den väterlichen Tod. In der Beilage
dieses Briefes erfolgten 350 Reichstaler preuss., die Hermann unerbrochen
weggelegt hat. Unerbrochen! Das Ehrenkleid, das er von der Pension des ersten
Jahres berichtigt, ist ihm mit ins Grab gegeben, auf sein ausdrückliches
Verlangen. Ich will es anziehen, hat er gesagt, wenn ich Minen sehe!
    Rot wird seinetwegen kein Tag im Kalender des Herrn v. W. gefärbt werden,
dafür steh' ich; so wie ich weiss, dass er seinen Tod herzlicher, als den Tod so
vieler anderer Rotgefärbten bedauern wird!
    Junker Gottard soll Bräutigam sein! Das wäre viel! - Alles, was ich sonst
noch auf meinem Herzen und Gewissen habe, in die Nutzanwendung!
                                    Schluss.
    Endlich! wird ein grosser Teil meiner wohlmeinenden Leser, wie ich wünsche
und hoffe, sagen, und diesem Endlichsagen setz' ich aus dem Innersten meines
Herzens Gottlob entgegen. - Gottlob!
    Also hätten wir in den gegenwärtigen Teilen abgehandelt, ob kürzlich, weiss
ich nicht, einfältig aber gewiss, meinen Lebenslauf, bis auf eine sächsische
Frist vor der Messe, nebst drei Beilagen, A, B, C., denen ich am Tor ein
vielleicht zu stolzes Prognostikon gestellt habe. Nichts ist wahrer, als jene
Bemerkung: nulla tam odiosa narratio, quam sui ipsius laus, welches Junker
Gottard sehr schön: Eigenlob stinkt, verdolmetschen würde. Darius würd' es noch
handgreiflicher geben. Damit also nur ja niemand auf den unrichtigen Gedanken
falle, als hätt' ich mir selbst dieses Monument errichtet, so sei es mir
erlaubt, zu bemerken, dass solches bloss der lettischen Muse, dem Organisten in L.
und dem guten Gottfried zu Ehren prangt, und dass der vierte und fünfte Teil
mehr durch meine Feder, als durch meinen Kopf gehen werde. Qui bene distinguit,
bene docet.
    Dank dir, Deutschland, an das meines Schwiegervaters Hochwohlgeboren tausend
Empfehlungen mitgehen, dass du mir nicht manum de tabula, die Hand vom
Schreibtisch! zugerufen. Schuldig bin ich noch (da ich dieses Werk mit einer
Hand verglichen, ob rechte oder linke? hab' ich wohlbedächtig unbestimmt
gelassen) den Goldfinger und Ohrfinger. Getreulich und sonder Gefährde hab' ich
die drei ersten oder die Schwurfinger dargereicht, den Daumen oder den Kopf der
Hand, den Zeige- und Mittelfinger. - Zu Abtragung meiner Schuld nur eine kurze
Frist.
                                     Frist!
    Ich weiss so gut, wie Natanael, versprechen macht Schuld? und wer mehr
verspricht, als er zu halten im Stande ist, kann zur Ersetzung des Schadens ex
L. Aquilia angehalten werden. Schaden? Vorteil soll euch mein Anstand zuziehen
und landübliche Zinsen tragen. Es fehlen nur noch einige Nachrichten, meines
Vaters Jugend und meines Grossvaters Alter betreffend, um allen respektive Frag-
und Verwunderungszeichen zu entgehen. Ein Kind, wenn es sich die Finger
verbrannt, pflegt das Licht zu scheuen, obgleich mein Leopold es noch lange erst
versuchen würde, ob die Finger mit der Zeit nicht stärker als das Licht sein
würden.
                                     Kurze.
    Ich habe nicht nötig zu fragen: Meinst du, dass diese Gebeine wieder
lebendig werden? Es liegt alles bis auf einen Hauch da! - Es ringt nach Leben.
    Da seht, meine Ehrlichkeit! - Hätt' ich denn nicht meiner Länge, wo nicht
eine ganze Eile, so doch ein Viertel, und da ich Soldat gewesen, ein Paar Zoll
zusetzen und behaupten können, dass mich ein anderes gelehrtes Werk abhielte? Ich
habe aber nie auf den Zehen in diesem Buche gestanden, oder mich durch einen
hohen Absatz vergrössert. Warum sollt' ich's? Warum sollt' ich sagen, dass mich
eine andere gelehrte Arbeit beschäftige, und dass ich zwei Herren diene? Bloss bin
ich im Dienst der Wissenschaften, und diese meine hochgebietende Herren sind so
geneigt, wie Gott der Herr, ihren Dienst einzurichten. Wir dienen nicht Gott,
sondern uns, und so geht's auch mir mit den Wissenschaften.
    Ich glaube nicht, dass ein Speisemeister vom andern und dritten Teile zu
sagen Ursache gefunden: Jedermann gibt zuerst den guten Wein, und wenn die Gäste
trunken sind, den geringen. Dies sei die Bürgschaft, die ich bei meinen Lesern
in bester Rechtsform wegen der Fortsetzung einlege, und sollte hie und da ein
Speisemeister diese Klage wider mich rechtlich führen zu können des Dafürhaltens
sein; so wisse er, dass ich nicht Jedermann bin, und dass ich in Wahrheit es nicht
zum Betrinken angelegt. Freiheit ist meine Losung bei Tisch, als Schriftsteller
- überall. - Ein Jesuiterräuschchen hat bei den trüben Tagen des Lebens nichts
zu sagen. - Zwar hab' ich mich bemühet, allen einschläfernden Erweiterungen
auszuweichen. Was ist aber ganz vollendet? Alles, was vollendet ist, ist dem
Menschen nicht auf seinen Leib, oder eigentlich auf seine Seele gemacht. Selbst
ihr Unsterblichen, du, Newton, und du, Copernikus! wisst ihr denn auch gewiss, dass
alles so ist, wie es euch in einer glücklichen Nacht träumte? - Das rechte Wort
zu allen Empfindungen. - Könnt' ihr sagen, es ist vollendet? Ihr, die ihr selbst
nicht vollendet, sondern nur Numero sieben seid. Maulwürfe, können die
vollenden? Homer und Milton, Vater und Sohn; was meint ihr? - Ach Gott! du
allein, Unbegreiflicher, du allein bist vollständig, vollkommen. Alle
Erfindungen, so hoch man auch kommt, lehren nur den Menschen, wie weit er noch
vom Ziel sei. Die Hauptmenschen in der Welt verdienen nur den Namen Propheten.
Sie sagen, was künftig sein wird.
    Es würde die vires haereditatis übersteigen heissen, wenn sich irgend ein
Mensch einbilden wollte etwas zu schreiben, wovon er behaupten könnte, es wäre
so ganz da, wie er! Ein andres Schöpfer, ein andres Geschöpfe! Niemand kann
sagen: er sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe da, es war alles sehr
gut.
    Ein Fragment ist mir aus diesem Gesichtspunkt ein angenehmes Wort. Es ist
ein Menschenwerk. Der Mensch selbst kommt sich in dieser Welt nur als ein
Fragment vor, so ganz er gleich da ist. Heil ihm, dass er eben von diesem Ganzen
schliessen kann, dass er selbst sich in allen Rücksichten begreifen, von allen
Zipfeln einst fassen werde, in der Fortsetzung seines Lebens, - in der andern
Welt!
    Das, was meinem Herzen von meinem Leben am meisten aufgefallen, hab' ich
mitgeteilt - und was die Zukunft betrifft - was kann mir künftig (beim Licht
die Sache genommen) viel mehr begegnen, als der Tod? - und da hoff' ich zu dem,
der in mir angefangen hat das gute Werk, er werde es durch seinen heiligen Geist
in mir bestätigen und vollführen, bis an diesen meinen jüngsten Tag, auf dieser
Welt und in der neuen. - Ein doppelter jüngster Tag! - Sollten sich Umstände
ereignen - wer weiss die Geschichte seines morgenden Tages, die eines Protokolls
wert wären? - so trag' ich es hiermit meinem beim Publico als Autor
eingeschriebenen Sohne Alexander Leopold auf, getreulich alles zu geben, wie er
es empfangen hat. - Gott segne dich, lieber Leopold! und deine Mutter für und
für! Amen!
    Schone mich nicht, mein Sohn, ziehe vielmehr den Vorhang auf, wenn ich mich
vor dem Publico geflissentlich in einem andern Lichte darstellte! Schreibe
getrost; schone nicht: So war mein Vater nicht, so war er!
    Was soll ich von meinem Buche sagen? Wahrlich, es ist nicht ein olympischer
Lauf nach einem Zeitungslob! - Ein unverwelktes Erbe war mein Ziel, zu trachten
in guten Werken nach dem ewigen Leben, meine Hoffnung!
    Ich schrieb den Menschen, oder bemühte mich, ihn zu schreiben. Jeder hat
noch ein Aestchen aus dem Paradiese mitgebracht, und jeder hat etwas vom Apfel
gegessen! - Die Menschen sind alle auf einen Fuss. Man darf sie nur aus dem
gehörigen Gesichtspunkte nehmen, so sind sie als Einer, als Adam. Madam Eva war
ja auch in ihm, in seiner Rippe. Solch ein Gesichtspunkt ist vorhanden; ob ich
ihn getroffen, sei dem wachhabenden Officier, dem mit einem Achselbande zu
Pferde, zu Fuss, von der Leibgarde, von der Garde der Gelehrtenrepublik, anheim
gegeben! - Mit den Torschreibern habe ich mich, wie erwecklich zu lesen, in dem
Buche selbst ein Langes und Breites abgegeben.
    Freilich ist zwischen Wächtern und Richtern ein Unterschied. Wie wenige
verdienen aber den ehrwürdigen Namen Richter? Ein Richteramt ist ein schweres
Amt. Natanael wählte den besten Teil, da er's niederlegte, und wie wenig gibts
Natanaels und solche kunstrichterliche Justizräte, wie er! Kleine schielende
Revisionsknaben die Menge! - Die Herren a, b, g möchte ich auch ungern darüber
sprechen lassen.
    Wer in den Charakteren nicht Präcision findet, kann jeden in Person kennen
lernen, bis auf die, welche in diesem Buche selig entschlafen sind, und wer
meiner Grossmutter nachspottet, und mit gerümpfter Nase die Frage aufwirft: wie
vielmal Amen in diesem Buche vorkommt? wisse, dass ich ein Liebhaber dieses
Wortes bin. Ich liebe nicht Flittern, nicht Schminke, trage keinen Regenschirm,
keinen Hermann'schen Glanzkittel. Eine Jahreszeit ist mir so, wie die andere.
Alles, was aus Naturhänden kommt, ist Gottes Gabe! Geschmack? Ja freilich hat
nicht jeder Lust zu lauter Milch und Kuchen, und zum Stück vom zarten guten
Kalbe, diesem Verlornensohnsbraten, obgleich Abraham himmlische Herrschaften
damit bewirtete.
    Wer nicht zuweilen Himmel und Erde in Eins gefühlt hat, Seele und Leib in
einer Person; - wer nicht Mut gehabt, im dicken Walde die heiligem Schauer, aus
seinem Grabe herausgestiegen, zu empfinden, und die Stimme der
menschenfeindlichen Eiche verstanden: aus mir wird einst dem Sarg geschnitten!
muss freilich ganze Bogen dieses Buchs unausstehlich finden. Wer aber dieses
Gefühl kennt, das sich nicht untersteht, einen Ausdruck zu wagen, damit ihn
nicht ein Bote Gottes ungewählt fände, mit dem gehe ich zusammen. Hebt sich dein
Herz, wird dem Busen entzündet, komm in Charlottens Laube, und wo du sonst
willst, hier ist meine Hand!
    Ein Mensch, der zu empfinden weiss, dass er nicht mehr brauche, als zu leben,
dass alle Reichtümer Schätze sind, die Motten und Rost fressen, und wornach die
Diebe graben, um sie zu stehlen, erhält eine gewisse edle Art, ein wahres
Geniegefühl, das allen hoch- und hochwohlgebornen Zwang verschmäht, sich
entsattelt, und den Reiter verachtet, der sich ihm aufbürden will. Das ist ein
Genie!
    Muttermäler der Sinnlichkeit und Schönpflästerchen sind so unterschieden,
als ein unschuldiges, frommes Mädchen und eine Nonne.
    Wir verehren nicht gemeine Dinge und versündigen uns oft schwer an ihnen.
Was selten ist, gefällt. - Man hasst den, der im Kleinen betrügt. Tut er's im
Grossen, so finden wir so viel nicht auszusetzen. Das Spiel verlohnt das Licht
nicht! - Grosse Diebe laufen, kleine hängen. Der Beobachter wendet sich nur an
kleine Züge, und überlässt gern die Hauptstücke Andern, bloss weil sie mehr ins
Auge fallen. Das Gemüt, das Herz schlägt im Winkel an seine Brust, wie der
Zöllner, es will durchaus nicht gesehen sein; allein jeder auch seinen Pharisäer
bei sich, der geflissentlich bemüht ist, sich vorzudrängen, wenn man den
Menschen malen will.
    Gern, gern verzeihe ich allen, die mich trüglich behandelt, mit Lügen und
mit falschem Gedicht, durch notas selectas und variorum. Scire leges, non est
verba earum tenere, sed vim et potestatem.
    Der, der aller Welt Richter ist und recht richtet, der das rechte Recht
spricht, das sich schlafen gelegt hat, weiss den innersten Gedanken meiner Seele
und den Rat meines Herzens, Er weiss, wie ich ringe, die Menschen, die sich von
ihm entfernt, zu ihm zu sammeln, und wie ich getrost ohne Menschenfurcht
gerufen: Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, und nach seiner
Gerechtigkeit; so wird euch das andere alles zufallen. Vor ihm ist all' mein
Begier, mein Seufzen ist ihm nicht verborgen, meine Tränen nicht, für
Jerusalem: ach! wenn es bedächte zu dieser seiner Zeit, was zu seinem Frieden
dienet, aber noch ist es vor seinen Augen verborgen, und mein Gebet: Dein Reich
komme - - das alles weiss der Herzenskündiger!
    Und doch hielten viele mein Buch, weil ich mit Zöllnern zu Tische sass, für
einen Verführer des Volks. - Ihr, die ihr nur aufs Sichtbare seht und nicht aufs
Unsichtbare, obgleich das Sichtbare zeitlich ist, und das Unsichtbare ewig! O
ihr, Gottes Augendiener, die ihr Splitter im Nächstenauge seht, und euren Balken
nicht bemerkt, was meint ihr wohl von Tugend und Religion, die ich entweiht
haben soll? Werdet wie die Kinder, das ist die göttliche Lehre, deren Geist mich
trieb, und ihr Pharisäer, die ihr nicht seid wie andere Leute, Räuber, Abgötter,
oder dieses Buch, dieser im Winkel stehende Zöllner, die ihr zwier in der Woche
fastet, und gebet dem Armen von allem, was ihr habt, und die ihr dies alles
gerade vor dem Altar laut sagt, glaubt ihr gerechtfertigt in euer Haus zu gehen?
- Glaubt ihr, dass der Paukenschall allein gen Himmel reiche, und dass euer
Odenwirbel dem ein süsser Geruch sei, der menschlich zu Menschen sprach, und
allem was gross ist, Einfalt beilegte? Was schlecht und recht ist, ist ihm
angenehm; nicht das Hohe, das sich bäumt und schwillt, nachdem es respective
sich bäumen oder schwellen kann.
    Ich will euch nicht namentlich darstellen, euch, die ihr Gottes Finger
verkanntet, die ihr Steine wider mein Buch aufhobet, und ein Gesicht dabei
schnittet, als tätet ihr Gott einen Dienst daran. Unser Herr und Meister schalt
nicht wieder, da er gescholten ward, dräute nicht, da er litte, sondern stellte
es dem heim, der da recht richtet; indessen konnte er nicht umhin, eine Geissel
in die Hand zu nehmen und die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel zu treiben,
und das seid ihr! Ihr, die ihr Gott zu lieben vorgebt, den ihr nicht sehet, und
euren Bruder nicht liebt, den ihr sehet. Ihr, die ihr einen Menschen, schnöden
Gewinnstes, gallsüchtigen Neides halber, verfolgt, der die Lebensläufe in
aufsteigender Linie schreibt, und am Sonntage Aehren isst, wenn ihn hungert,
auch, wenn ihm Gelegenheit gegeben würde, einen jeden Esel aus dem Brunnen
ziehen würde am Sabbat - was habe ich euch getan? Habe ich je einen Pharisäer
und einen Sadducäer namentlich genannt? Habe ich nicht vom Laster geredet, wenn
ich den Lasterhaften meinte? Mit dem einzigen Voltaire habe ich namentlich ein
Gespötte getrieben, und ich versichre es euch auf Ehre, dass es mir leid tut,
obgleich er gewiss den ersten Teil meines Lebenslaufs nicht gelesen hat, und
also unmöglich daran gestorben sein kann.
    Fragt meine Eltern, Vater und Mutter, die alle in der Erde liegen und
schlafen, ob ich sie nicht geliebt habe bis in den Tod; fragt dies Buch; wenn
gleich es die Wahrheit geschrieben, hat es darum nicht Vater und Mutter geehrt?
- Wahrlich, des vierten Gebots halber wird es ihm wohlgehen, und es wird lange
leben auf Erden, und selbst, wenn es gekreuzigt würde, wird es auferstehen.
    Entweder die Religion muss alles tingiren, oder es ist gar keine. Ist denn
Gott nicht überall? Und glaubt ihr, Leutbetrüger, Gott sei wie ein Mensch, den
ihr mit einem Gesichte voll Ergebenheit, wenn gleich das Herz fern von ihm ist,
hinters Acht führen könnt? Mit gutem Herzen zu sagen: Es ist kein Gott - aus
Tyrus und Sidon sein, ist besser, als Gott heucheln, wie des Hiobs Freunde!
    Willst du erlauben, lieber Herr a, dass ich dich ganz deutlich ins Gesicht
frage: Verstehst du auch, was du liesest? Wenn meine Mutter nicht eine
Originalchristin ist, möchte ich sagen, gibts kein Christentum!
    Biblische Worte und Wendungen. Ist denn die Bibel nicht wert, dass man ihr
nachspricht? Fehlt es ihr wo an Lebensart, dass man sie nicht in Gesellschaft
nehmen darf? Und die wohlgemeinte luterische Uebersetzung, kommt sie nicht von
Herzen und geht sie nicht zu Herzen? Wir haben schon anders den Grundtext, und
wer steht uns dafür, dass Man Luters Bibelübersetzung in der christlichen
hochdeutschen Gemeine nicht verbietet; wird sie aber darum das Kindliche
verlieren? Und haben nicht selbst einige dieser neuen Uebersetzer Luters Stern
und Kern, wie meine Mutter sagen würde, im Segen benutzet? Von einigen Stellen
sollte man fast glauben, Christus, der Herr, würde solch Deutsch geredet haben,
wenn er diese Sprache bei seiner Amtswanderschaft auf Erden gefunden.
    Ist die Bibelsprache zu erhaben? zu heilig? Sollen wir denn nicht heilig
sein, wie Gott der Herr? und sind wir nicht seine Kinder? Nimmt denn Gott der
Herr es übel, wenn wir in Liebe und Einfalt uns ihm auf den Schoss setzen? Kann
ich mit ihm umgehen wie die lieben Kinder mit ihrem lieben Vater, warum denn die
affektirte Ehrerbietung gegen ein in schwarz Corduan gebundenes Buch mit goldnem
Schnitt? Wo ist ein, selbst der Natur mehr nahekommendes Werk, das so sehr unter
Menschen von allerlei Art bekannt ist? Kennen denn alle den Homer, welche die
Bibel kennen? Und wo ist mehr wohltätige Volksphilosopie, kindlich grössere
Natur, als in der Bibel? Prüft doch die Leute näher, welche die Bibel und
eigentlich nicht sie, sondern das Kleid der Bibel, wie Schaubrode, wie Religion,
behandeln. Der Mann da mit der frommen Miene besitzt sieben Hufen Nabotsacker,
und jene Betschwester hat jedwedes Mitglied ihres Hofstaats mit einer Narbe
beehrt, welche freilich eine heilige Wunde zurückgelassen; indessen war es doch
Wunde, und ist doch Narbe. Sie wirft jedem, was ihr zu nahe kommt, mit der Bibel
an den Kopf, der sie nachher das Blut abwascht und der sie mit einem Kuss
abbittet. Judas, verrätst du des Menschen Sohn mit einem Kuss?
    Was macht die Ungnädige? fragte ich jüngst, und der ehrwürdige Beichtvater
antwortete: Sie geht herum nach 1 Petri 5. V. 8. Und diesen silberharigen Greis,
diesen Mann Gottes, sollte ich seines 1 Petri 5. V. 8. wegen ansehen, wie Cain
seinen Bruder Abel? weil er nicht, wie seine Amtsbrüder, am Wort und an der
Lehre hält, weil er nicht mit jedem von und jedem und Abgötterei treibt, das in
der Bibel steht? An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Du sollst nicht
andere Götter haben neben mir, spricht der Herr, und aus diesem Herrn ist unser
Vater worden, nach dem Unterricht des, der gekommen ist, zu suchen und selig zu
machen, was durch Uebelverstand verloren war. Ich habe nichts dagegen, wenn
Natanael sich in den Pandekten den Titel de verborum significationibus bekannt
macht; was ist aber Bild und Ueberschrift, wenn Barren da sind?
    Mein Name? Was tut denn der zur Sache? Muss man durchaus in Kupfer gestochen
sein, wenn man ein Autor ist? Und muss der Herr Kunstrichter, um sein Mütchen zu
kühlen, noch den von Angesicht zu Angesicht kennen, den er mit Lob oder Tadel
misshandeln will? Du sollst keine Person ansehen noch Geschenke nehmen! Geschenke
machen selbst die Weisen blind und verkehren die Sachen der Gerechten. Was recht
ist, dem sollst du nachjagen. Kannst du denn nicht loben, Elender, als ins
Gesicht? Der Name? Bin ich denn anders, seitdem ich Alexander war und russischer
Major ward? seitdem mir mein Vater mit dem einen Buchstab ein Geschenk machte,
und da ich dies Geschenk noch nicht hatte? Alles auf Worte, auf Buchstaben!
Kommt's denn in dieser Welt auf etwas mehr, als Grundsätze an? Gibt's nicht eine
unsichtbare Kirche, für welche ich allemal viel Achtung gehabt? Freunde? - Auch
euch nenn' ich' so, die ihr mir flucht und nachschmäht - es gibt sichtbare und
unsichtbare Kirche, streitende und, Heil mir! triumphirende Kirche! - - -
    Seht! ich hab' es dazu nicht angelegt, dass diese Schrift per honore di
lettera aufgenommen werde!
    Nur drei wissen meinen Namen, und Einer ist's, an den ich dieses Buch
geschrieben habe! - Eine lange Epistel! Den andern beiden hab' ich meinen Namen
ins Ohr gesagt, einem ins rechte, einem ins linke Was das angenehm ist, so
manchen Schuster hinter dem Vorhange zu hören, der über seinen Leisten
hinwegurteilt und den ein Schneider verbessert, und mit dem ein Hutmacher das
Garaus macht, da der Dummkopf sich sogar bis an den Kopf gewagt - Hut, wollt'
ich sagen! Beim Leisten, Meister! beim Leisten!
    Ich trinke lieber mit meiner lieben Mine und meinem Leopold frische Milch,
als dass ich einem literarischen Reisenden zu Anekdoten und zu einer Sünde mehr
wider den heiligen Geist Gelegenheit geben sollte!
    Christus der Herr verbot seinen Jüngern alles Studiren: Es wird euch zu der
Zeit schon alles gegeben werden! Dies ist eine Regel, die mit goldnen Buchstaben
angezeichnet zu werden verdiente, über alle Biblioteken in der Welt! - Ueber
alle Autortische!
    Es ist sehr natürlich, dass man sich wundern werde, wie ich. selbst nicht an
Stelle und Ort bekannt worden, und bis jetzt allen feurigen Pfeilen der
Bösewichter, auch der im Dunkeln schleichenden Anekdotensucht, so ritterlich
entgangen.
    Obgleich ich nun eben nicht nötig hätte, eine Polemik, ehe mir dazu
Gelegenheit gegeben wird, diesem tetischen Werke anzuhängen, und eher zu
antworten als ich so naseweise gefragt worden; so habe ich lieber so viel
Anstosssteine, als ich nur sehen konnte, wegzuräumen, als sie im Wege zu lassen
mir in dem Herrn vorgesetzet.
    Wisse also, Opponens doctissime! dass Mitau zwar nur sieben Meilen von Riga
liegt; allein diese sieben Meilen sind in Absicht der Sitten und Gebräuche nicht
sieben, sondern siebenzigmal sieben. Es ist zwischen beiden Städten eine so
grosse Kluft befestigt, dass die da wollten, konnten nicht. Wer liest in Curland?
Wahrlich wenig sind, die diesen schmalen Weg finden. - Herr v. G. ist todt! Also
hätte ich mir Curland mit leichter Mühe vom Halse geschafft.
    An Ort und Stelle habe ich dreien braven Leuten, wie oben bereits gesagt
worden (der Organist in L. würde sagen, dreien getreuen Nachbarn und
desgleichen), das Geheimnis entdecken müssen. Die guten Herren lasen, und schon
beim dritten Blatte des ersten Teils waren sie mir so zu Dache, wie der
Inspektor es nur immer sein konnte. Das sind Sie ja mit Leib und Seele! Nun ja
doch! Ich bins! Allein für jeden nicht! - Was braucht ein Vierter und Fünfter
den Ringschlüssel zu tragen, und warum soll ich jedem Gecken erlauben, in meinem
Hause gemächlich zu tun? Kann ich denn nicht auch, wie Herr v. G. der Selige,
auf meinen Degen schlagen, wenn der Krippenritter nach dem Schlüssel zum
Gastzimmer und Stall fragt?
    Behalte es bei dir! du mir liebes Triumvirat! bei dir! und wenn der - - mit
dem roten Bart, her immer Wasser auf seine Mühle sucht, seine Nase in euren
teuren Rat (denn guter Rat ist teuer!) steckt, schlagt dem Bengel, der mir
schon so oft gallenbittere Stunden gemacht, auf seine unbedeutende,
herausgegohrene Nase, damit er das Stecken in anderer Leute Händel aufgebe und
seine eigene Haustafel lerne, wo Rechenmeister, nur er nicht, wie am Pasquin,
mit dürren Worten gelten haben: Land- und Leutebetrüger! O du Mückensauger,
Kameelverschlucker! Lederdieb, um ein Paar Pantoffeln zu fertigen, das du dem
Bettler gibst, wenn er nämlich eine Rohrdommelstimme hat und in allen Strassen
singen kann:
    Es ist das Heil uns kommen her!
    Ich kenne dich - - mit deinen Klauen kenne ich dich, Raubvogel! und könnte
ich diese Klauen einem klugen Physiognomisten in copia vidimata senden, er würde
ex ungue nicht leonem, sondern - - kennen, und sie zur Warnungsanzeige drucken
lassen, allen, die Gottes Finger und Menschenfinger kennen. Du, ein ärgerer
falscher Zeuge, als Johann Peter Beifuss und Martin Jakob Kegler, um du! bist
mein Alexander Schmidt, der dem ehrlichen Petrus viel Herzeleid zufügte und
seinen Werken und Worten oft widerstand! Gott vergelte dir nicht nach deinen
Werken, sondern schenke, wenn's möglich ist, dir schwarzes Haar im Bart, und
statt der Nebucadnezarnägel menschliche - wenn es seinem heiligen und allezeit
guten Willen nicht zuwider ist.
    Gott weiss am besten, mit welchem schweren beklommenen Herzen ich dieses Buch
geschrieben! Menschentreffer werden es ohne Wegweiser finden, und ich sollte
noch obenein mir von diesem oder jenem Weibe, wenn ich in erlaubter Entfernung
am Kaminfeuer stehe und mich wärme, ins Gesicht sagen lassen: warest du nicht
Einer? - -
    Deine Sprache verrät dich! Ich mag nicht klätschern am Kaminfeuer, Rede
stehen und Gecken das Verständnis öffnen, dass sie die Schrift verstehen. Hören
sie Mosen und die Propheten nicht, so werden sie nicht glauben, wenn einer von
den Todten auferstünde und das Reich Gottes predigte, welches nicht bestehet in
Essen und Trinken, sondern in Liebe und Freude im heiligen Geist! - Kann wohl
auch der Geduldigste die so boshafte Art, womit man Köpfen begegnet, ertragen?
Kann er, wenn sein Name in allen Landen bekannt ist, einem
Melchisedechs-Spottworte in seinem Lebenscirkel ausweichen? Gern sehe ich
Wahrheit sich mit Kritik herausfordern; allein nicht pöbelhaft balgen!
    Ein Burschenvivat oder Pereat ist nicht für mich. Ich verbitte beides! Und
wer kann beidem entgehen, wenn man weiss, wo ich des Abends Licht brenne? Wenn
nun an auch jetzt ein verzogener ungenannter Bube, der auf der Landstrasse die
Vorbeigehenden mit Schneebällen wirft, die er alle in seiner Hand gedrückt und
gedrängt hat, eins auf mich abfeuert, lasst ihn doch, diesen Prophetenknaben,
ohne ihm die Rute zu geben! Er ist zu petulant, um von ihm sagen zu können: Der
Herr hat's ihm geheissen! Ist's doch auf der Landstrasse, wo man mich auch nicht
kennt. Ich sollte! - Nein! Das Bübchen wird seinen Schulmeister schon finden und
das Birkenreis, wäre es auch ein Revisor!
    Was willst denn du mit den kleinen Steinen? Könntest du sie schleudern wie
David, und wäre eine Goliatstirn dir zu Diensten, so wär's eine Sache! - David
hob anders seine kleinen Steine, wie du; und alle ihr! die ihr voll Wut das
Strassenpflaster zerstört und Steine nehmet, mich steinreich pöbelhaft zu
überfallen, steinigt! Wisst, ich sehe den Himmel offen, und einen, der meinen
Geist aufnimmt! Grabt mir Gruben! Ich singe mit meiner Mutter:
Wenn wir geschlafen haben,
Wird uns erwecken Gott. -
    Und mit meinem Vater aus seinem Lieblingsliede, wo er zuerst den zweiten
Discant anstimmte:
So ging's den lieben Alten! -
    Ich werde nicht sterben, sondern leben bleiben - -
    Nur dann, wenn das Wasser gerädert wird, wenn man es aufhält, macht's ein
Geschrei. Was tue ich euch?
    Roman?
    Und wenn es denn einer wäre! Freilich bekam es dem guten Bischof Heliodorus
nicht sonderlich, dass er in seiner Jugend einen Roman geschrieben, der noch
unter dem Namen Aetiopica, wenn nicht blüht, so doch vorhanden ist. - Seine
Herren Amtsbrüder sahen, dass sich junge Leute diesen Roman kauften und
verlangten, dass der Bischof entweder diesen Roman öffentlich wie einen Sodomiten
verbrennen oder seine Mütze abnehmen sollte. Der Schriftsteller liess die Mütze
fahren. - Gott sei gelobt! Ein Bischoftum habe ich nicht zu verlieren, und wer
es genau nimmt, wird finden, dass alles in der Welt Roman sei. Hat je ein grosser
Herr das gemeine Leben, so wie es da gemein ist, gesehen? Wer kennt die Stadt,
den Berg, das Tal aus der Beschreibung, wenn er an Stelle und Ort kommt?
Curtius hat es nur ein klein wenig zu grob gemacht; welch ein Geschichtschreiber
indessen hat ihn nicht in der Schule übersetzt? Man behauptete zu seiner Zeit:
Philipp III, König von Spanien, sei Autor des Don Quixote, und Cervantes habe
nur Hebammendienste verrichtet und den Druck besorgt. - Wäre mein Buch also ein
Roman, warum sollte ich es zurückhalten? Was Philipp III, Könige von Spanien,
anstand, kann sich ja wohl ein Major mit einem abgeänderten Buchstaben im Namen
gefallen lassen!
    Seht ihr aber, ihr Romanhelden! seht ihr nicht in meinem Buche das gemeine
Leben? Ist der Geist wahr, wie er denn wahr und wahrhaftig ist, was kümmert euch
der Leib? Ein König von England sagte über einen Betrunkenen, der sich
Freiheiten gegen ihn herausnahm, die den übrigen, die zu Tische sassen, nicht
wohlgefielen: Lasst ihn! ein Betrunkener ist mein College! Wer geizig ist, um zur
rechten Zeit drauf gehen zu lassen, kann der geizig heissen? und wer seine Zinsen
verzehrt, ohne den Hauptstuhl anzugreifen, ist das ein Verschwender? Wo Holz
gehauen wird, fallen Späne! Sparpfennige sind wie gute Feueranstalten, um gleich
zu löschen, wenn es brennt!
    Ich fühle es, Freunde! Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den
Lauf vollendet, fortin ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, nicht
allein aber mir, sondern allen, welche die Erscheinung, welche den Advent des
Reichs Gottes lieb haben! - - Komm, du schöne Freudenkrone!
    Der zeitlichen Ehre will ich gern entbehren! - Du wollest mir nur die ewige
gewähren, und wenn ich mir noch etwas zur Gefälligkeit erbitten darf, zeichnet
mein Buch nicht durch Falten; könnt ihr nicht ohne Merkmal finden, wo ihr
geblieben, nehmt Denkzettel! Solltet ihr euch aber auch nicht ohne die behelfen
können? Ich habe keinen Sand auf das Manuscript gestreut, es ist durchweg durch
die Sonne getrocknet! Und solltet ihr nicht ohne Zeichen lesen können?
    Gott grüsse euch! lieben Leser und Leserinnen! und lasse es euch nie mangeln
an irgend einem Gute, das heisst: Er lasse es euch selbst erkennen, wie wenig der
Mensch braucht, um alles zu haben!
    Wenn ich zum vierten und fünften Teil schreite, sehen wir uns wieder. Ist's
gleich nicht so nahe, sehen wir uns doch. - Da kommts nur aufs Auge an. So wie
ich meinen Tod wünsche, so plötzlich nehme ich Abschied. Lebt wohl!
    Geschrieben zu - l -
                                                                     Von Tr - -1
    Aus! Alles aus! Amen! Amen! Auf ewig lebt wohl, lieben Leser. Mein Leopold
ist hin! - Sanft und selig ehegestern, den sechsundzwanzigsten März, des Abends
um sieben Uhr. - - Bis heute konnt' ich kein Wort, und heute, was werd' ich
können? Wenig oder gar nichts! Wie ruhig Pold starb! - Es war ein lieber, lieber
Junge, einen Himmelszug um die Augen, welcher laut lehrte, Pold sei nicht von
dieser Welt, sondern von jener! Fass' dich, armes liebes Weib! Wir werden alle
sterben! Gott gebe, sanft und selig, wie Pold uns vorstarb! Kinder, die den
Eltern gar nicht ähnlich sind, sind Gottes Bild, gehören ihm; Pold glich weder
meinem Weibe, noch mir. Er ruhe wohl! wohl! - -
    Geschrieben den neun und zwanzigsten, eben da es sieben schlägt. Polds
Sterbestunde!
    Mein Pold ist beerdigt, und ich bin gefasster, als den neunundzwanzigsten um
sieben Uhr Abends. Ich hoffe, dass ich Kraft haben werde, etwas von ihm zu
schreiben. Nur eine Handvoll! - Ich hab' ihn in dieses Historienbuch
einschreiben lassen; lasst mich, lieber Leser, lasst mich ihn ausstreichen! Mit
ihm ist mein Stamm hin. Er war uns ein sehr teurer Sohn, ihr wisst wie! Dass er
wie Clodius Albinus zur Welt gekommen, hab' ich gleich zu Anfange dieses Werkes
gesagt. - Seine Geburt machte ihn aber zum Einzigen, zum Einzigmöglichen. Das
arme Weib! Ich wählte die Mutter; Gott liess mir den Isaak und sie zugleich.
Gott! Er lieh mir den Isaak! Vollbracht! - Herr, wie du willst, dein Wille
geschehe!
    Ihr guterzig Rachsüchtigen! ihr Edelgestrenge, die ihr im Herzen darüber
aufwallt, dass ich nach Minen der ersten, Minen die zweite lieben konnte, habt
ihr denn Minens Testament vergessen, - den Beschwur vor und nach Gott, und das:
So wahr dir mein Andenken lieb ist? Eben geht nur eine Stelle auf in Minens
Testament. - Da ist sie:
    Wenn dir ein Sohn stirbt, - schreckliche Ahnung! - sei er mein in der andern
Welt! Ich will mich mit ihm verbinden und deine himmlische Schwiegertochter
werden, ha kommen dir dann und deinem künftigen Weibe entgegen ich, meine
Mutter, dein Sohn, und lehren dich in der Stadt Gottes die Häuser kennen.
Hallelujah! Hallelujah! Amen!
    Erfüllt! Aber, Mine, ich habe nur den Einzigen, kann nur einen Einzigen
haben! Nimm ihn hin! Gott, dein Wille ist geschehen!
    Ich habe geendigt! Mein schriftlicher Lebenslauf ist zum Ende! Auch ich bin
es; ich bin auch zu Ende! Mein Weib zu Ende! Alles! Amen! Amen!
    Ich kann nicht weiter, - so gern ich meinem Leopold parentirte. Es ist spät!
Spät oder früh! Ich schlafe keine Minute diese Nacht!
    Des Abends um eilf -
    Da ich heute den Tag, des Morgens um sechs Uhr, lese, was ich ehegestern,
des Abends um eilf Uhr, geschrieben, find' ich schon der Parentation Anfang, Der
liebe Junge! so gern wollt' er ins Buch! Komm herein, du Gesegneter des Herrn,
warum stehst du draussen? Deine Wünsche sollen erfüllt werden; die meinen bleiben
unerfüllt. Ich wollte, dass du meinen Lebenslauf ergänzen, und wenn zwischen
jetzt und meiner Sterbestunde sich noch ein Fall ereignete, der wert wäre in
einem Postscript aufbewahrt zu werden, dass du ihn verzeichnen möchtest. Ich trug
du eine Durchsicht auf, so wie du sie vor deinem Gewissen zu verantworten
gedächtest. - Du bist vollendet! Du bist bei Minen! - Da ruft deine Mutter,
deren Schmerz lange stumm war, so, dass dies Ansichhalten meine Seele betrübte:
»Süsser Mondstrahl! Kommst du von Minen, kommst du von Pold? O bringe mich,
bringe mich zu meinen Lieben! - Hinauf, hinaufleuchte mich, wenn diese Augen
brechen. Dort oben, wo Ruhe ist!«
    Wie bald ist's mit unsern Vergnügungen geschehen! Schnell, wie der Schnee
auf der Strasse, schmelzen sie weg und ihre Stätte ist nicht mehr! - Diese Welt
ist erster Wurf! Man sieht den Meister; allein es bedarf Ausarbeitung. Dies sind
allgemein verlautbare Klagen, die, nachdem das Blut aufschlägt, oder wieder
fällt, angestellt werden. Es gibt ein besonderes Licht, wenn die Nacht sich mit
dem fernen Sternenlicht kreuzt. Das ist das treue Bild unseres Wissens, unseres
Weissagens und unserer Hoffnung, welches die göttlichen Kabinetsbriefe,
geschrieben auf Gottes allergnädigsten Specialbefehl, durch Männer, getrieben
vom heiligen Geist, uns erteilen. Dies ist das Sehen durch einen Spiegel in
einen dunkeln Ort. - Das Regale der Vernunft ist zu zweifeln; der geoffenbarten
Kinderlehre zu glauben. Gott helfe meiner Schwachheit! Amen!
    Pold war nicht kindisch, sondern kindlich. Ein paar Worte, bei denen meine
Mutter einen himmelweiten Unterschied fand.
    Es war ein lieber, sehr lieber Junge. Weiss und rot, Lilien und Rosen! Oft
in Gedanken! Was hast du kleiner Mensch zu denken? Statt einer Antwort lächelt
er.
    Homer und Milton und all' ihr Menschenleser! - - ihr seid alle zu früh
gestorben, denn ihr habt keine Fibel geschrieben! Wie sehr ich dies Werk bei
meinem Pold vermisst, ist unaussprechlich. Welch ein grosser Geist wird einst die
Kindlein zu sich kommen lassen und sie nicht zu klein finden, denn ihrer ist das
Reich Gottes! - In solche Schulen zu gehen würde so viel heissen, als eine
Promenade ins Paradies machen. Jetzt haben sich auch hier Staatsgrundsätze
eingeschlichen, und jedes Kind wird jetzt schon an eine Kette gelegt, als ein
beissiger Hund.
    Mensch, ist denn dies das Reich Gottes? Wahrlich! ich sage euch, wenn ihr
nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich Gottes eingehen!
    Etwas von Aehnlichkeit haben die Kinder auch von unmittelbaren Eltern.
Dieser Aehnlichkeitsflecken ist oft sehr versteckt. Mein Vater fand ihn sehr
öfters in den Nägeln an den Fingern. - Die Probe dürfte meistenteils richtig
sein.
    Gottlob! dass ich Polden nicht ins Treibhaus gebracht! Was hätt' es ihm
geholfen, wenn er zu decliniren und zu conjugiren gewusst? Er ist zeitig reif
worden, sagt meine Mine! Er wird es werden, meine Liebe!
    Gedankenwerk ist Fachwerk - Bildung der Vernunft ist eigentliche Erziehung
und Seelenbeschäftigung. Mein Vater hatte die Gewohnheit, über den: Kyrie
eleison! auszurufen, der nicht griechisch verstand. Warum, lieber Vater? Er gab,
so klein ich war, alle Tage ein griechisch Wort zur Parole aus.
    Warum, lieber Vater? Wenn Plato nichts anders als griechisch weiss, kann mein
Pold kein Wort mit ihm wechseln. Gewiss wird er nicht beim Griechischen geblieben
sein! - Mein Vater sagte, die hebräische Sprache sei die metaphysische, die
deutsche die philosophische im allgemeinen Sinne; die französische die witzige,
die englische die dichterische! Die englische die Genie-, die französische die
Geschmackssprache!
    Ich überliess Polden, wo ich nur wusst' und konnte, der Natur und entfernte
ihn so wenig von den Kindern gemeiner Leute, dass ich ihn vielmehr in ihre Art
kleidete. Sein Anzug war nur durch innern Wert, auf den kein Kind sieht,
unterschieden. -
    Warum wie ein Holländer, wie ein Engländer, wenn man in Liefland wohnt?
                                     * * *
    Heraus schrie Pold einmal, da mein Schwiegervater kam, und alle Jungens
traten ins Gewehr. Wie hoch dies Herr v. W. aufnahm, kann ich nicht aussprechen!
    Seine Mutter hatte ihm unfehlbar gelehrt, den Bohnen nachzuhelfen, und sie
von den allerersten Blättern, die sobald gelb werden, zu befreien; das war sein
Leben! - Meine Frau nannte dies den Bohnen die Kinderschuhe ausziehen. - Meine
beiden Minen mochten so gern der Natur einen Liebesdienst erweisen und ihr
hülfreiche Hand leisten. - Sie konnten nicht einmal eine Pflanze leiden sehen.
    Besonders! Pold selbst pflanzte nicht, durchaus nicht. Warum das, Pold? »Es
könnte ja ausgehen!« Guter Junge! du bist nicht ausgegangen.
    Ein Kind muss in seinem irdischen Vater den himmlischen Vater kennen lernen;
in seiner Mutter seine künftige Geliebte, in andern Menschen sich selbst. - Die
Mutter hatte unserm Pold kein: das Walt, kein: aller Augen gelehrt; so wie er
mit mir sprach, betete er auch.
    Er war sehr geneigt, für sich zu sein. - Oft hab' ich ihn laut redend mit
sich selbst gefunden. Alle fleissige Beter sind Selbstsprecher! Hat dir der liebe
Gott schon einen guten Morgen gewünscht? hiess an einem schönen Frühlingsmorgen:
Hast du schon die Sonne scheinen gesehen? - Der liebe Kleine sprach des Morgens
und des Abends vor Tisch und nach Tisch so einfältig rührend mit dem lieben
Gott, als ein liebes Kind mit dem lieben Vater.
    Einen guten Mittag, da er noch jünger war, trat er hin nach Tisch und
sprach: Ich danke dir, lieber Gott, für die schöne Kräutersuppe und den Braten
und den Kuchen! Kuchen nicht! Gestern hatten wir Kuchen, und gestern hab' ich
auch dafür gedankt!
    Die Mutter wollte haben dass er die Hände unter die Decke beim Schlafen legen
sollte; allein er schlief nie anders, als die Hände frei und über der Decke.
    Aus Händefalten war er schwer zu bringen! Er hatte einen Gefangenen an
Händen geschlossen gesehen. Sind wir denn des lieben Gottes Gefangene, sagte er,
dass ich die Hände schliessen soll? Wir sollen beten und arbeiten, sagte ihm die
Mutter, darum zeigen wir dem lieben Gott die Hände. Das gute Weib hatte diese
Erklärung freilich nicht selbst erfunden. Sie war für Polden beruhigend; er
faltete die Hände. - Im Schweiss deines Angesichts sollst du dein Brod essen, ist
das beste Recept für alle Krankheiten.
    Wie ich noch ein kleines Mädchen war, sagte der Kleine bei einer Erzählung,
und meinte die Zeit, da er noch im langen Rocke gegangen.
    Die Mutter liess ihn nur acht Stunden schlafen. So lange soll er schlafen bis
er acht Jahr ist, und nach der Zeit sieben Stunden. Sie hat Recht, dass man eben
sowohl zu viel essen, als zu viel schlafen kann.
    Einen Tag kam ich vom Felde, und Pold hatte das Bild der seligen Mine mit
den ersten Blumen so bekränzt, wie eine Braut, sagte der Kleine, und sprang
herum.
    Die Geselligkeit ist nicht die Folge einer aufgeklärten Vernunft. Je klüger
der Mensch, je weniger teilnehmend, je weniger gesellig ist er. Je mehr Cultur,
je kleiner der Wirkungskreis! Es scheint, ein vernünftiger Mensch bilde sich
ein, er sei so stark an Leibeskräften, als an Verstandesvermögen, und braucht
keiner Gesellen!
    Das schwerste ist, den Kindern einen Eindruck von Gott machen, ohne ihnen
Gott zeigen zu können. Mit Gott in Gemeinschaft treten, ohne ihn zu sehen, ist
schwer, und doch stehen wir uns selbst im Licht, wenn wir gewisse Begriffe nicht
in der Jugend gründen, und allmählich einen Damm von dieser zur künftigen Welt
schütten, die unsichtbar ist, wie Gott der Herr.
    Meine selige Mutter hielt viel auf eine Lade. Jedes im Hause hatte seine
Lade. Ich auch die meinige. Mein Vater lachte darüber. Sie hatte dabei die
Bundeslade in Gedanken. Schon das Wort war ihr heilig. Pold musste nichts
verschliessen. Was hat denn Gott der Herr verschlossen, das wir brauchen?
    Mein Vater pflegte zu sagen: Es wären fünf Wünschperioden beim Menschen:
    Erstlich, Beinkleider.
    Zweitens, Taschenuhr.
    Drittens, Mädchen.
    Viertens, Vermögen.
    Fünftens Landgut! - Die fünfte Zahl, setzte er hinzu, ist bei dem Menschen
nicht zu verachten, es ist die Körperzahl.
    Meine liebe Mine, der das meiste auf diesem Blatte zugehört, will noch etwas
mehr angefügt haben. Gern, liebes Weib!
    Wie er klein war, sagte sie, liess ich ihn so lange schreien, bis er
aufhörte, ohne ihn zu herzen und zu küssen. Nie hat er in einer Wiege gelegen.
    Da ging ich mit ihm spazieren nach dem Berge, wo die Bäume so stehen, als
stiegen sie den Berg hinauf. Es war ein schöner Abend! Pold sagte: wie die Engel
auf Jakobs Leiter!
    Pold ass nicht süsse Früchte; saure waren für ihn!
    Da sah er einen Ast an dem Birnbaum geknickt, und nahm sein Strumpfband und
band ihn an.
    Liebes Weib! Wem kann das alles behagen?
    Nur noch, wie er starb.
    Meinetalben! Herzlich gern!
    Ich (mein liebes Weib nämlich) erzählte ihm viel von der seligen Mine, an
die ich ihm, wie an eine Verwandtin unseres Hauses, eine Empfehlung gab.
    Du wirst sie dort finden - sie wird dich aufsuchen. Auch sagte ich ihm, dass
er keinen Bruder, keine Schwester mehr haben würde! Warum, liebe Mutter? Unser
Nachbar und seine Frau haben sieben Söhne. Wir keinen, mein Kind! wenn du todt
bist, keinen! Sag es Minen in meinem Namen, keinen! Auch in Vaters Namen? fragte
Pold. - Ich stand an über diese Frage. Ja! erwiederte ich, auch in Vaters Namen!
Hab' ich zu viel gesagt? Nein! liebes Weib, auch in meinem Namen! - Meine Mutter
hatte nur mich! - Gottlob! dass sie dich behielt! sagt und schreibt Mine.
                                     * * *
    Mine wollte, dass ich Polden nach preussischer Manier begraben lassen sollte;
allein ich tats nicht, sondern liess ihn einen Morgen bei Sonnenaufgang
begraben. Ich begleitete ihn mit einem meiner Freunde, den ich an diesen Ort
bestimmt hatte. Sie weiss, wo er ruht, und noch heut hat sie Muttertränen auf
sein Grab geweint. - Weine nicht, Mine! - Weine nicht!
    Gott, was ist das Leben?
    Eben eine Antwort von unserer Mutter und ihrem Gemahl. Sehr verschiedenen
Inhalts.
    Zwar auch er scheint den Fall zu Herzen zu nehmen, der ihm so viel
Gelegenheiten zu Freudenfesten genommen. Da er ihm aber doch ein Trauerfest
verleiht, scheint er sich zu finden. Complimente machen kalt. Man löst sich ganz
in Worten auf, und in abgemessenen Verstummungen. Wer es zu Worten bringt, ist
getröstet: so wie ich es jetzt unendlich mehr bin, als zuvor. - - Ein
Complimentist ist ein Klugredner! Meine liebe Mutter, Gott, was hat sie
gelitten! Das Wort Sohn! gilt sonst nicht um die Hälfte so viel bei der
Grossmutter, als der Mutter. Die Grossmutter rechnet auf seinen Schutz nicht. -
Pold aber war das einzige Grosskind, und seine Grossmutter war die Frau v. W. Soll
ich aufhören, Grossmutter zu sein? schreibt sie und ringt die Hände; schriftlich
ringt sie die Hände. Es ist ihretalben zu fürchten - Isaak! der Eineinzige! -
Ei du frommer und getreuer Knecht, schreibt die gewesene Grossmutter, du bist
über wenig treu gewesen; ich will dich über viel setzen! Diese Worte, so
anstössig sie wegen des Knechts scheinen, beruhigen mich doch auf eine
unbeschreibliche Art; ich fand sie so treffend. - Beim Trost muss man jede
Gelegenheit benutzen, die ohnedem immer wie eine Sibylle ihre Waare ausbietet.
Wer nicht zugreift, verliert die Hälfte davon und muss die andere Hälfte doppelt
bezahlen.
    Da der Mensch immer leidet, so hat auch Gott der Herr dafür gesorgt, dass er
auf trostergiebigem Boden wandelt. - Der Trost hält Stich, wenn man alle
zerstreute Züge in einem Brennpunkt zu vereinigen sucht. Er ist wie die
Schönheit, die hässlich wird, sobald man sie zergliedert. Das dressirteste Pferd
stolpert unter einem schlechten Reiter, und auch den härtesten Stein weiss der
Künstler so weich darzustellen, so warm zu machen, dass man glaubt, es sei Blut
in ihm.
    Liebe Mutter! liebes Weib! fasst euch! wir werden zu ihm kommen! - Seht nicht
auf die Person, sondern auf die Sache, und dann blickt euch um! Gehts anders in
der Welt? Sind wir die Einzigen, die einen Pold verloren haben?
    Beim Sonnenlicht besehen, was hat die ganze weite Welt, so lange der Mensch
noch nicht auf seine eigene Hand lebt? Ohne durchs Schlüsselloch Entdeckungen zu
machen, fragt den besternten Hofmann, wenn er des Tages Last und Hitze getragen,
und gekrümmt nach Hause kommt, ob alles Gold sei, was man für Gold ausgibt? Der
Würgengel geht keine Tür vorbei. Er hat den Auftrag, sich überall an der
Erstgeburt, am Markt des Lebens zu halten. - Vielleicht ist es noch am besten,
den Exorcismus gebrauchen, den allgemeinen Klagen und allen Uebeln des Lebens
durch eine Tollkühnheit widerstehen, den lieben Gott zu Gevatter bitten und
Krippenreiten. Als ob die Spekulation etwas anderes wäre, als wenn ein
Gevatterstand, den man dem lieben Gott ansinnt! - Wahrlich ein Krippenritt!
    L. 3. Inst. quibus ex caus. manum. non lic. saepe de facultatibus suis
amplius, quam in his est, sperant homines! - Lasst sie doch, die armen Menschen,
wenn sie sich durch Selbstbetrug weiter bringen können; - ob so, oder anders!
    Ehemals wirkte das Bewusstsein der Mühseligkeiten dieses Lebens den
Entschluss, der Welt zu entsagen, welcher noch bis jetzt in einer Kirche, wiewohl
nur in den meisten Fällen pro forma, Stich gehalten, bei mir wirkt er das
Gegenteil. Nachdem ich mich anders bedacht, fand ich mein Zoar, meine
Bücherstube, der Lage nicht angemessen, in die ich versetzt war. Gibt es denn
mit Zoars und Sodoms und Gomorras in der Welt? - So wie die Welt jetzt ist, was
meint ihr? scheint sie uns nicht noch am allererträglichsten, wenn wir näher auf
sie zugehen, und durch Wandel ohne Krümme ihr ein Beispiel zeigen, nachzufolgen
unsern Fussstapfen?
    Studium, wenn es Trost des Lebens sein soll, kann nicht in einem
platonischen optischen Kasten, oder in einer bessern Melodie auf den nämlichen
alten Text bestehen. Und ist die Spekulation etwas anderes? Lasst euch doch nicht
durch den Schall betören! Der Text ist immer derselbe. Die Stoiker liessen sich,
ihrer Philosophie unbeschadet, zu Weltgeschäften brauchen.
    Christus war nur vierzig Tage und vierzig Nachts in einer Wüste, und nie
wagte sich der Satan an den Heiligen als eben hier! Fleisch und Blut ist in der
Einsamkeit so laut, als es die Torheit in der Welt ist. - Wer kann mit
Spekulation und wer mit Weisheit zu Ende kommen? Mit Geschäften aber kommt man
zum Ende. Und welch eine Freude, zum Ende zu kommen! Wer sich selbst Arbeiten
auflegt, dispensirt sich auch selbst, färbt, ehe man sichs versieht, einen
ganzen Monat rot im Kalender, und hat alle Augenblicke einen Heiligen, dem er
nicht die Messe abschlagen kann.
    Geschäften ist bei dem Uebergewicht des Menschen zur Trägheit nichts besser
als ein Muss! - Wenn es schon auf Kunst angesehen ist, warum soll man nicht zu
diesem kunstreichen Muss greifen? Wenn die Dienstjahre nur nicht länger als sechs
Jahre dauern. Jakob diente sieben und sein Lohn war eine Lea. - Wie man schläft,
wenn man was beendigt hat, ist unaussprechlich! Man ruht, man stirbt, man
aufersteht wie neugeboren! Dem Pastor schmeckts am Sonntag am besten, dem Junker
am Ernteschluss und dem Kaufmann am Posttage.
    Ich überlegte alles mit meinem Weibe und sie fand es wie ich. Was findet
dies Mariengesicht nicht so?
    Sehet, wir gehen hinauf gen Jerusalem, sagten wir einander, und ich
entschloss mich, noch einmal mich in Geschäfte einzulassen, wozu ich mich so
wenig gedrängt hatte, dass vielmehr die dringendsten Anträge mich zuerst auf den
Gedanken brachten. Diese Stelle ist sechsjährig, sie ist wohltätig für andere,
und ohne alle andern Einkünfte als Diäten, zu denen ich noch einmal so viel
legen muss, um in - - zu leben, wo alles kostbar ist.
    Mein Weib, wünschte ich, möcht' einen Victualienzettel beilegen. Warum aber
Beilage D, zu der ich mich nicht verbindlich gemacht? So muss man geschäftig
sein, wenn uns Geschäfte zerstreuen und hülfliche Hand leisten sollen! Wenn
diese Capitulationsjahre geendigt sind, bin ich gegen fünfzig, und wer drüber
geschäftig ist, glaubt nicht, was Herr v. G. herzlich mitsingen wollte und nicht
mehr konnte, was meine selige Mine mir noch zu guter Letzt schrieb:
Nach diesem Elend
ist uns bereit
dort ein Leben in Ewigkeit.
    Ein Versuch! werden viele meine Leser sagen, und mein lieber - s
desgleichen. Freilich ein Versuch, allein ein misslungener Prozess in der Chemie
brachte das Porzellan aus Tageslicht, welches zwar zerbrechlich ist, indessen
doch schön aussieht. Das Berliner hat eine schönere Malerei als Porzellan
anderer Orte!
    Ein Baum ohne Zweige, ohne Kinder und Erben, schiesst in die Höhe! Das will
und werd' ich nicht. Mein Mut ist nicht zum Himmelstürmen und das
Sechsjahrziel, wie bald verlaufen! Schon jetzt freu' ich mich auf die gütige,
milde Ausspannung aus dem Jahre der Standesrücksichten und gewisser Etiketten,
ohne die kein Amt ist, und die mir schon seit der kurzen Zeit, da ich
eingespannt bin, so drückend sind! - Bei Geschäften, falls sie köstlich gewesen,
ist alles eine autonianische Chrie, wenns noch so unpedantisch aussieht. - Auch
wenn ich von dem Legat der Amazonin, der Frau v. - b-, Gebrauch gemacht, und
Mantel, Rock und Kragen angelegt, wär' ich ohne autonianische Chrie abgekommen?
                                     * * *
    Jener Heide hörte: dein Sohn ist todt, da er den Göttern opferte und
räucherte; ich nicht also!
    Meine Stunde ist kommen, um von meinen Lesern, vielleicht auf ewig,
vielleicht auf sechs Jahre, Abschied zu nehmen. Wer hätte das denken sollen, da
ich über die Worte: kurze Frist commentirte. Natürlich bringt mich dieses: nach
einem Endlich noch auf ein
                                letztes Endlich!
    Ich weiss, was für eine herrliche Sache es ist, den Schlussstein des ganzen
Gewölbes zu entdecken und bei dieser Gelegenheit sich zu überzeugen, dass die
Säulenbogen nicht nur schön, sondern auch sicher sind! Weisheit, Stärke und
Schönheit an einem dergleichen Schwibbogen finden, ist so was Erwünschtes als
etwas in dieser Welt, wo so selten der Schlussstein zu sehen ist, nur sein kann!
Ists aber meine Schuld? - Dacht' ich, Zoar je zu verlassen? Legt' ich es je zu
einem Buchstaben so oder anders, mehr oder weniger, in meinem Namen an, um diese
Namensveränderung mit mir sterben zu lassen? Kinderlos! bei einem so lieben,
edlen Weibe! - Und was soll mir der Lebenslauf meiner Vorfahren in aufsteigender
Linie, da keine absteigende vorhanden ist? - So hat es dem Herrn über Leben und
Tod gefallen, und er allein weiss es, ob ich noch mein Wort erfüllen und die
beiden fast fertig daliegenden Teile übersehen und ergänzen werde! In meinen
Amtsjahren gewiss nicht. Was da alles aufs Wort merkt! - Gewiss nicht in den sechs
Dienstjahren.
    Verzeiht, lieben Leser, diesen Umschlag, den ich zu machen gezwungen bin.
    Seht, ich gehe hinauf!
So wie ich einen jeden, wess Standes, Alters und Ehren er ist, hiermit
feierlichst ersuche, nichts zu diesem Werke hinzuzutun, und unter dem Scheine
des Rechts meinen Vater und Grossvater durch magische Künste zu citiren, so sei
es mir auch erlaubt, zu bitten, nichts von diesen drei Teilen abtun zu dürfen,
und das Bild und die projektirte Ueberschrift zum ewigen Andenken so zu lassen,
wie beides da ist!
    Hiermit lebet wohl!
    Nach geendigtem Buche, lieber - es, noch etwas hinzufügen heisst die Einheit
verletzen und der göttlichen Natur eines Buchs zu nahe kommen. Ich bin kein
Freund, wenn schon letzte Worte da sind, noch mehr letzte Worte und allerletzte
letzte Worte beizufügen. Meinetalben! Ein paar Züge können freilich nicht
helfen, nicht schaden.
    Herr v. G. war fürs Einfache: Mein Vater hatte für Eins auch eine wahre
Achtung; wäre er sonst ein Monarchenfreund gewesen? Im Skelett, sagte er,
scheinen Mann und Weib einerlei. Je näher man der Natur tritt, je mehr überzeugt
man sich, dass der liebe Gott alles vortrefflich rubricirt hat. Sein Hausbuch der
Welt hat weniger Artikel als man glauben sollte. Drei Ingredienzen konnte mein
Vater leiden, nicht aber mehr. Verträgt sich doch Oel und Essig. - Die neunte
Zahl war meines Vaters Liebling. Dreimal drei ist neun.
    Eisen war ihm in vielen Rücksichten besser als Gold! - Gold ist Wahn und
Zufall, Eisen ist Wahrheit und wirklicher Wert.
    Nur neulich erinnerte mich mein Schwiegervater, dass er wegen des
Abschiednehmens mit meinem Vater ein Herz und eine Seele gewesen. So ganz nicht!
Etwas kann sein.
    Mein Vater hasste armselige Allgemeinheiten. Wer Abschied nimmt, singt die
Melodie des Todes; mancher pfeift sie!
    Herr v. W. nannte einen kurzen Abschied, der, wie mich dünkt, der beste ist,
den man nehmen kann, einen Schlagfluss; einen feierlichen Abschied, die Hektik,
die sich in die Zeit zu schicken versteht.
    Wer ohne Abschied aus der Gesellschaft scheidet, oder, wie man sich
ausdrückt, sich unsichtbar macht, hat sich, wie mein Vater sagt, selbst
umgebracht.
    Mein Vater war kein Tagwähner, Tagfärber! Auf Tagezeiten hielt er sehr! So
hab' ich ihn nie des Morgens lachen gesehen! Den Sommer hielt er für den
Gelehrten weniger zur Arbeit tauglich als den Winter. So verkehrt ist die liebe
Gelehrsamkeit! Man sagt, Milton, obschon er blind gewesen, soll im Winter
bessere Verse gemacht haben.
    Mein Vater war ernstaft, hager und hielt sich gerade. Ein gewisses
Nachdenken, das wie Schwermut aussah (so sieht das Nachdenken gemeinhin aus,
vielleicht weil wir zu sehr wissen, dass wir nicht weit damit kommen), war in
seinem ganzen Gesicht verbreitet. Er war sonst heiter und guter Dinge. Selten
griff ihn etwas an. - Die Augen hatten ein besonderes Feuer. - Die Lerche singt
im Fluge, so auch ächte Dichter. Der Philosoph steht. Oft, wenn er spazieren
ging, blieb er stehen, die linke Hand auf seinen grossen weissen Stock gelegt, und
mit der rechten sich aufgestützt.
    Da sehen die meisten Leute diese Welt als eine Spielgesellschaft an, wo die
Klugen nichts weiter tun, als Partien machen. Einigen scheint sie, wie ein
Schauspiel, wo sich der Zuschauer, bloss weil er seinen Platz bezahlt hat, über
andere zu lachen berechtigt hält. Der Weltpatriot sieht dies Leben als Zeit und
Gelegenheit zu ernstaften Dingen an, wenigstens hält er sich verpflichtet,
Vorsätze hiezu zu fassen. Gott segne seine Studia.
    Mein Vater stritt, ohne eben darauf auszugehen, Recht zu behalten. Jeder
wird seines Glaubens leben, war sein Glaube. Meine Mutter pflegte zu sagen, er
sei von der streitenden, nicht aber von der triumphirenden Kirche.
    Ich möchte wetten, er hätte gern einen Ring getragen, wenn er nicht Pastor
gewesen. Herr v. G. seliger gewiss nicht, um wie viel nicht.
    Mein Vater setzte nichts ins Spiel, was er lieb hatte. Meine Mutter glaubte,
man könne seine Zuneigung zu allem Leblosen nicht anders an den Tag legen, als
wenn man es an einen Ehrenort setzte. Selbst war sie für Gewölbe, bis mein Vater
sie davon, wie vom Kreuzschlage, abbrachte. Mein Vater brauchte alles, was er
lieb hatte. Durchs Aufbewahren, bemerkte er, zerbricht alles leichter.
Peinlichkeit schadet überall. Wenn man mit der Dose im Umgange ist, wird sie
zuletzt ganz dreist mit uns, und so bekannt, dass sich keines vor einander
scheut, weder ich noch sie. Ist es nicht töricht, sich Knoten ins Schnupftuch
machen, um sich an dies und das zu erinnern?
    Was er doch über die Teilung von Polen gesagt haben würde, wenn er sie
erlebt hätte?
    Gern, lieber Freund! - - hätte ich gewünscht, Sie hätten meinen Vater, wenn
nicht gekannt, so doch einmal gesehen. Er gehörte unter die sichtbaren und
unsichtbaren Geschöpfe, und war in allen Rücksichten ein verehrungswürdiger
Mann.
    Männer seiner Art sieht man gern. Eine doppelte Persönlichkeit am Kern und
Schale, Körper und Geist!
    Es gibt Leute, an denen es auffällt, dass sie den Leib nur wie einen
Schlafrock umgeworfen. - Er hängt so, wie ein Dieb am Galgen. - Meinem Vater war
der Leib auf die Seele gemacht, so wie man vom Kleide sagt: Es ist auf den Leib
gemacht. Es war ihm Mass genommen. Ein feiner Anzug! - Keine steife Leinwand,
alles so locker und ädellose und doch anprobirt! Wie auf den Leib gegossen. Oft
ging er für die Seele. Es gibt wirklich Seelenbewegung, wobei man ordentlich
fühlt, dass der Leib keinen Anteil hat. Den Magen nannte er die Wurzel des
Tieres; das Gehirn die Wurzel der Seele.
    Zu ortodox? Er war freilich den Grundsätzen seiner Kirche treu; allein
wahrlich, er würde den kindlichen Communionshunger des Johann Jakob Rousseau,
welcher auch in meinem Buche Todes verblichen, gestillt haben. Meine Mutter, die
eine Schutzpatronin der leidigen Erbsünde war, hätte ihn zwar ohne Gnade und
Barmherzigkeit vom Tisch des Herrn gewiesen und wider seinen Zutritt in bester
Rechtsform protestirt; allein mein Vater nicht. Wahrlich, wahrlich! ich sage es
euch, er hätte ihm diesen Tisch gedeckt und einem so hungrigen und durstigen
Mann das Brod gebrochen und diesen Kelch gegeben. Ihm, der Brüder und Schwestern
suchte, und so viel Seelenmordbrenner und Gewissensvergifter fand, dass er
zuletzt meinem vierschrötigen Freunde Hume nichts Gutes ansah, und ein solch
wunderlicher Seelen- und Leibesphysiognomist ward, dass sich Gott erbarme! Nie
kann ich es vergessen, was mein Vater, der mit dem Apostel Johann Jakob nur nach
meiner Zeit näher bekannt worden, meiner Mutter (aus dem Einhornschen
Geschlecht) bei Gelegenheit, dass sie den Stab über den Herrn v. G. brach, dessen
er sich in seiner Abwesenheit immer ritterlich annahm, zurief: Preussen! Holland!
Toleranz hin, Toleranz her! Ein anderes ist Toleranz aus Commerciumabsicht, ein
anderes von Gotteswegen. Ein anderes Holland, ein anderes (er nannte ein Land).
- Glaube mir, mein Kind! wer würde in Holland und - dem Herrn Christo die
Communion versagen, wenn er da wäre? Die Narren! ohne zu bedenken, dass er sie in
der Nacht da er verraten ward, eingesetzt hat. Nenne mir ein Land, liebe
ortodoxe Seele, wo man ihn nicht kreuzigen würde? Wo er nicht noch in manchem
seiner Jünger (Rousseau und -) gekreuzigt wird? Lieber Rousseau! Ich habe dich
meinem Schwiegervater empfohlen, und er feiert deinen Sterbetag, obgleich du
nicht von Adel bist. - Mehr vermag ich nicht. Meine Mutter hätte dir kein
Monument in der Speisekammer errichtet? Ob mein Vater zum Eugen im Prunkzimmer
zur rechten Hand unterm Spiegel gesagt: Weiche diesem! weiss ich nicht. Wenn ich
erwäge, dass du, wie alle edle Menschen, nicht hattest wo du dein Haupt
hinlegtest, und da dich dürstete, dir nichts gegeben ward, als Essig und Galle,
so fällt mir der Spruch ein: Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder,
das habt ihr mir getan!
    Geburt, sagte mein Vater, klebt an bis ins Grab. Wahrlich, er hatte Recht!
Die wahre Religion ist die, in der man geboren und erzogen ist. Erziehung ist
ein Stück von Geburt; Seelengeburt! Seht selbst Gelehrte, wenn sie von
schlechtem Herkommen sind, wie sie sich nach ihres Geburtsgleichen sehnen! - Sie
finden, dass der gemeine Mann eben so klug ist, wie der Hofmann, nur dass ihm der
Ausdruck fehlt, zu dem ihn doch zuweilen ein Gläschen über'n Durst bringt, und
dann ist dieser Ausdruck immer treffender und wärmer, als der Ausdruck des
Hofpapageien. Gelehrte von geringer Abkunft wollen nicht Engelaffen, sondern
Menschen sein. Tun sie ja, als wüssten sie auch, wie es bei Hofe zugeht, so
steht's ihnen gewaltig übel. - Selten ist Geschmack in ihrer Kleidung, am
wenigsten bei Perücke und Schuhen. Ein Schweinbraten kommt bei einer wirklichen
Hofschüssel zu stehen. - Etwas wohlfeiles in ihrem Ausdruck, und dann zuweilen
ein Schwung, dass man frägt: Wo sind sie geblieben? Sie nehmen sich des gemeinen
Mannes an, und wollen es nicht sein.
    Ich weiss nicht, ob es meinen Lesern nicht aufgefallen, wie sehr mein Vater
von je an Zeichen einer guten Geburt schimmern lassen. Er hatte wahrlich eine
sehr feine Lebensart. Ein gewisses Selbstgefühl war ihm eigen, bei einer edlen
Mitteilung auch immer ein gewisser Rückhalt, der Leuten von Stande eigen ist! -
Aus diesem Gesichtspunkte wird man manches so nach und nach auflösen, was in
seinem Charakter sich zu widersprechen anscheint, und sich nicht widerspricht.
Nie wand sich das Licht in einem schwarzen Chaos, ehe es heraussprjetzte. Es
spritzte nicht, es floss. - Er schrie nicht, er sprach, und es ward. Sein
Ausdruck war nie gemein, allein auch nie schwer. Er war kein Tongeber, allein
auch kein Tonnehmer. - Die Italiener bitten aufs Casino zu Gast. Sie wollen's zu
gut in ihrem Hause machen, und lassen es lieber gar bleiben. Der ist geborgen,
der schon bei ihnen im Saal ist. Licht ohne Ende. Allein auf der Treppe flösst
man sich den Kopf.
    Vielleicht hätten wir, ohne menschliche Seele, Anlage zu Haustieren, sagte
mein Vater; und dann wieder kaum!
    Meine Mutter hatte die beliebte Pastor-Erklärungswendung: Als wollte er
sagen. - Wenn er Pastorin in - gewesen, fiel mein Vater ein. Die Commentatores
empfehlen, was jetzt getragen wird. Sie machen aus einem Kopf- ein Kniestück und
sticken ein Stück Leinwand an, das sie nach Gutdünken bemalen. - Schade um den
alten guten Rahmen, aus dem sie den Kopf gehoben! Meinst du? Jammer und Schade
um das Bild! Ein junger hohnsprechender Pastor, der von - kam, liess sich aus: Er
würde eine Vorsündfluts-Weltgeschichte schreiben und der Bibel Vorflut
schaffen. Mein Vater vermied so sehr als möglich, mit ihm zusammen zu sein. Noch
ist das Werk nicht heraus.
    Mein Vater war nie verlegen über seine Predigten. Im gemeinen Leben schien
er rednerisch; es war aber bloss ein lebensartiger Ausdruck. Die Redekunst macht
seichte Köpfe, pflegte er zu sagen, und wenn einige seiner vernünftig
milchlautern Collegen sich unter einander beschwerten, dass sie nichts mehr zu
predigen wüssten, und dass sie sich ausgepredigt hätten, versicherten; so konnte
er dies eben so wenig begreifen, als dass irgend jemand die Zeit lang werden
könne. Oft nahm er eine Blume, einen Ast aus der Sonntagslection, Evangelium
oder Epistel, oft ging er sie ohne meiner Mutter: Als wollte er sagen, nach
ihrer ganzen Länge durch. Kopf- blieb Kopf- - Kniestück Kniestück!
    Wenn Christus, sagte meine Mutter, eine Bibel vom Himmel gebracht, wie doch
die gewesen wäre!
    Darstellung, sagte mein Vater, ist der nächste Weg zum Menschen. Wer durch
die Speculationstür kommt, ist ein Mietling!
    Die Feierlichkeit, mit der mein Vater alles tat, war so sehr von der
Festlichkeit des Herrn v. W. unterschieden, dass ich behaupten kann, bei einem
war der Leib, bei dem andern die Seele im Sonntagsgewand.
    Meine Leser! (oder soll ich mich bloss zu dir, mein guter - - es! wenden?)
werden dieses Sonntagskleid oft gefunden haben; nie aber mehr, als wie er:
Licht! rief. - Das Papier glühte so feierlich, sagte meine Mutter, als wenn
einst Gott den Bogen Papier des Himmels am Licht anzünden wird.
    Meine Mutter konnte ihm seine Kopfunterlage im Bette nicht hoch genug
machen! Es war ein Berg aus lauter Matratzen. - Herr v. G. hatte fast nichts
unterm Kopf.
    Salbei ein Kraut, woraus die Alten viel machten, ward, meinem Vater zu
Gunsten, an die meisten Schüsseln gelegt, die meine Mutter anrichtete.
    Er schöpft die Natur so von oben, sagte meine Mutter, wie ich den Milchrahm;
obgleich sie auch naturfinderisch war.
    »Gleich das erste Jahr nach unserer Hochzeit ging ich mit ihm spazieren; wir
sahen eine Eiche, die am Zaun stand. Sieh nur, sagte er, sie sieht auf den Zaun,
dessen Kinder und Kindeskinder sie beleben wird.«
    Von abgerissenen Blumen, die im Zimmer ihr Leben aufgaben, war er kein
Liebhaber. - Man riecht den Todesschweiss, sagte er, und ihre Verwesung!
    Meine Mutter konnte nicht vergessen, dass er die Frösche einst Dorfmusikanten
genannt.
    Wie die Blumen und Bäume da schlafen, sagt' er einen schönen Abend zu mir
(alles aus dem Munde meiner Mutter), da uns der Mond herausgelockt hatte. Sieh!
einige Blätter legen die Füsse zusammen, andere legen sich ganz zu. Alles anders,
als wenn es wacht! Zweige beugen sich, als wenn du in dem Stuhl eingeschlafen
bist. Wie schön alles eingeschlummert ist! Gute Nacht! lieber Mond.
    Was meines Vaters teosophischen Ausdruck betrifft, so hat uns Herr v. G.,
der selige, auf so manche Spuren gebracht, die meinem Vater zur Phyllobolie
dienen können. Wasser ist Mutter, Feuer, Vater! sagt' er.
    Ueber die Liebe sprach er gern und gewaltiglich. Sie hat, versichert er,
wenn er menschlich darüber sprach, die Adjectiva erfunden. Kam er auf die
Epistel am Sonntage Quinquagesimä: Erste Corinter das dreizehnte Capitel; so
wusst' ich nicht, wo ich war, sagte meine Mutter, und ob er mit Menschen- oder
Engelzungen redete.
    Meine Mutter hatte diese Liebessprache so zu Herzen genommen, dass auch sie
in die Liebe verliebt war, wie die Priesterwittwe mit den fünfzig Talern Alb.
sich ausdrückte. Wahrlich! die Liebe ist ein Hauch Gottes, ein elektrischer
Funken, ein Geheimnis, so gemein sie da aussieht. - Es gehört Kraft und Macht
dazu, zu lieben, und geliebt zu werden. - Auch meine Mutter hatte Flügel der
Morgenröte, welche das Lied: Was willt du armes Leben, niederdrückten. Sie
sprach, wie mein Vater, gewaltiglich über die Liebe.
    Die Epistel am Sonntage Quinquagesimä hebt sich an:
    Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht,
        so wär' ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle,
und schliesst:
    Nun aber bleibt Glaube! Hoffnung! Liebe! diese drei: Die Liebe ist die
grösste unter ihnen.
    Am einundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis ging mein Vater, nach meiner
Mutter Meinung, wie ein geistlicher Ritter gestiefelt und gespornt auf die
Kanzel. - Herr v. G. Seliger hatte bemerkt, am Sonntage Quinquagesimä - wie ein
Goldmacher. - Liebe ist die Firmelung der Seele, sagte mein Vater u.s.w.
    Die heilige Eins meines Vaters ist uns bekannt, und seine heilige Drei
desgleichen.
    Man muss Gott, sagt' er, nicht verkörpern und den Menschen nicht vergöttern.
Statt Leib und Seele, sagte er oft: Meine Physik und Metaphysik, und diese
Ausdrücke sind noch in der dortigen Gegend gäng und gäbe bis auf den heutigen
Tag.
    Der Geiz sieht auf die Folge der Sache. Wenn andere spazieren fahren, denkt
er, sie werden wieder zu Hause kommen, und dann sind sie eben so klug, als ich,
der ich zu Hause geblieben. Ich könnte, denkt er, wenn ich wollte, auch
traktiren, und gibt keinem Salz und Brod.
    Mein Vater pflegte sehr artig die Christen aus diesem Gesichtspunkte des
Geizes zu beschuldigen, die nur bloss bei ihrem Gutsein (doch wer ist das, als
Gott?), bei ihrem Bestreben gut zu sein, auf die andere Welt sehen. - Er war
kein Feind dieses Lebens, obgleich er mit einer seligen Fassung starb, und
wirklich auch in der Hoffnung selig war eines künftigen Lebens.
    Er ging mit der Sonne unter, wie ich schon gemeldet habe.
    Er starb, sich vollständig bewusst, und nur in einer Stunde, in der er viel
griechisch redete, schien die Einbildungskraft der Vernunft das Uebergewicht
abgewonnen zu haben. Es währte indessen nicht lange, und alles war wieder an
Stelle und Ort.
    Er dachte an mich mit herzlichem väterlichem Segen.
    Meine Mutter fragte ihn, ob es ihm leid täte, dass ich Alexander hiesse? Er
lächelte. Gern, wie sie schreibt, hätte sie ihn wegen seines Vaterlandes und
nach einer schweren Menge ihr unauflöslicher Dinge gefragt, wenn sie, wie sie
anmerkt, Herz gehabt. Er sah so himmlisch aus, dass meine Liebe sich in Achtung
verwandelte, schreibt sie. Liebe frägt, fuhr sie fort; Achtung merkt auf. Mein
Vater starb mit den Worten: Nimm meinen Geist auf! - Er verstummte nicht,
schreibt meine Mutter, dieser treue Lehrer! Er blieb nicht im Worte. Der Geist
vertrat ihn und half seiner Schwachheit aus. Man hörte ganz vernehmlich: Nimm
meinen Geist auf!
    Sobald er kalt war, sang sie das Pfingstlied:
Nun bitten wir den heiligen Geist
Um den rechten Glauben allermeist,
Dass er uns behüte! an unserm Ende,
Wenn wir heimfahren aus diesem Elende!
Kyrie Eleison!
                                     * * *
    Auch dies ist vollendet. Ein kleines Stück aus dem vierten Teil! - Weit
weniger, als ein Fragment!
    Dass ich schon in Jerusalem bin, wo ich hinaufging, will ich noch kürzlich
bemerken. Ich will ausdauern, aber wahrlich niemanden raten, ins
Geschäftskloster zu gehen, um sich zu zerstreuen. - Lieber I - - es, lass dich
nicht gelüsten!
    Ein ehrbarer römischer Ratsherr liess sich aufs Grab schreiben: Hier liegt
Similis, ein alter Mann, der doch nur sieben Jahre gelebt hat. Sieben Jahre
lebte er in Similis Höfchen - das andere von seinem Leben gehörte nicht ihm!
    Sechs Jahre, weniger fünf Monat! Gott wird helfen! Amen!
    Eben hat Mine mir wieder ein Pröbchen von ihrer Dichtungsgabe vorgelesen. Da
ist es. - Es entält eine treue Beschreibung meines Festungsgartens, den sie
spottweise Alexandrien nennt. Meine Arbeitsstube geht in diesen Garten, so, dass
ich ihn mir eigen mache.
                                  Alexandrien.
    Ist die Welt denn etwas anderes, als ein Vogelbauer, wo man sich herumdreht,
und, wenn es recht lustig hergeht, Sprosse auf Sprosse abspringt? Klage nicht
über dein Gärtchen, das rings umher mit Häusern umgeben ist, so dass dir nur nach
oben zu freie Aussicht übrig bleibt. Gibts eine andere freie Aussicht, als die
nach oben gen Himmel? O die schöne Gipsdecke Gottes, so schön kann kein Künstler
sie nachmachen! Alles können Maler und Zeichner nachbilden, nur den Himmel
nicht. Wie kann man die Welt in eine Kammer bringen? Den grossen Gott in ein
Haus, wenn's auch einen Turm hat? Sieh dich um in deinem Gärtchen, sind die
nachbarlichen Mauern nicht grün behangen, und so schön von der Natur bewirkt,
dass man die Festungsmauer ringsum nicht wahrnimmt? Willst du mehr, als diese
augenstärkende, herzerfrischende grüne Tapete? Das Grasstück Wiese, und diese
lebendige Wand, Wald; was hat die Erde herrlicher? Was war im Paradiese mehr,
als Bäume und Gras? Und sieh nur jenen grossen Baum! Er stammt geradeweges vom
Baum des Lebens im Paradiese. Wie herrlich er da steht, sich verbreitet und sich
einbildet, deinen ganzen Garten befassen zu können! Lass ihn gross tun, diesen
Baum aus so gutem Hause, lass ihn gross tun! Es kostet ihm am meisten. Das Gras
braucht Schatten und die Hecke Aeste, die ihr zu Hülfe kommen. Sieh! Wenn dieser
Lebensbaum ihr nicht unter die Arme griffe und aushülfe, sie würde nicht bis
oben zu die Mauer bedecken, die allem, was grün ist, so spinnenfeind ist. Auch
würde die Sonne sonst dieser nur frisch gepflanzten Hecke das Kleid beflecken
und es verderben, ehe der Herbst kommt und es Zeit ist. Klein ist dein Garten;
allein merkst du nicht, wie alles sich bestrebt, sich darnach einzurichten? Die
Biene sumset so laut nicht, um den Finken nicht zu stören, der deinen kleinen
Garten sich zur Kapelle geheiligt hat, sein Morgenlied abzusingen - und wenn die
der Welt abgestorbene Philomele deine kleine Einsiedelei entdeckt, was sollte
sie abhalten, hier ihr Klagelied anzustimmen und diese Einsamkeit dem
vögelreichen, lärmvollen Walde vorzuziehen, welcher ihrer nicht wert ist! -
nicht wert!
    Sieh, wie der Sperling sich in der Stille paart, um durch sein galantes
Zwitschern keinem gesitteten Bürger deines Gartens durch Ueppigkeit ein böses
Beispiel zu geben!
    Gross ist dein Garten dem Weisen, dem Guten, dem nichts zu klein ist, wie
unserm Herr Gott! Einen so grossen Erdschollen als der Mensch zum Grabe braucht,
hat er auch nur nötig. Froh zu sein! - Wie weit mehr hast du! Du und dein Weib
können in diesem Gärtchen begraben werden und selig ruhen, und doch bleibt noch
Raum für einen Menschenfreund, dem Philomele beistimmt, wenn er unsern Tod
beweint!
                                     * * *
    Eben ein Brief, dass meine Schwiegermutter ausser Hoffnung sei. - So stirbt
denn alles, was gut ist! - Vielleicht bessert sie sich! Gott geb' es! -
    Meine Mine will den ältesten Sohn des Natanael, Alexander genannt,
erziehen. Mag sie sich wissen!
    Hiermit lebet wohl! Das waren die Worte, in die mein Freund - - es griff.
Jetzt, da ich auch ihn befriedigt, kann ich mit völlig entledigtem Herzen lebt
wohl! wiederholen. Wenigstens habt ihr doch etwas von der aufsteigenden Linie,
so dass Bild und Ueberschrift dieses Buchs zum kleinen Teil erfüllt ist. -
Sterb' ich in den sechs Jahren, gönnt mir die Ruhe! - Lasst, was ich euch gesagt
habe, im Segen bei euch bleiben. Ich lasse euch den Frieden, ich gebe euch den
Segen des Friedens Gottes, der höher ist denn alle Vernunft! Nicht geb' ich euch
den Frieden, wie die Welt gibt, die mit ihrer Lust vergeht. Euer Herz erschrecke
nicht ob dem grossen Gedanken vom Reiche Gottes und fürchte sich nicht. Weiter,
lieben Brüder! was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was
lieblich, was wohl lautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denket
nach! Der Gott des Friedens sei mit euch und meinem Geiste! Amen! -
    Legt es dazu an, Freunde! dass wir uns einst wiederfinden in der Versammlung
der Guten, nach dieser Zeit Leiden, wo so mancher seine Mine, seinen Pold
wiederfinden wird unter den Verklärten des Herrn!
    Liebes holdes Mädchen! schäme dich der Träne nicht, die dir entfiel! Deine
Liebe zu dem Vertrauten deiner Seele war eine edle, gute Liebe. Du wirst ihn
wiederfinden, deine Traurigkeit wird in Freude verkehrt werden. Du hast deinen
Willen überwunden, der Welt halber, du hast über die Welt gesiegt, in welcher du
Angst hattest! Sei getrost!
    Auch du, kinderloser Mann! der du Kraft fühltest, dir Nachkömmlinge zu
erwecken, der du jene astronomische Prophezeiung nicht zu hoch fandest, zähle
die Sterne, kannst du sie zählen; also soll auch deine Nachkommenschaft sein! -
Du in deiner Kraft durch den Weltlauf erstickter edler Mann, nimm Trost aus
meinem Beispiel! Sieh! ich werde, ohne mich fortzupflanzen, versammelt zu meinen
fruchtbaren Vätern. Kein Sohn wird bei meinem Grabe gen Himmel sehen und sagen:
Mein Vater! - Keine Tochter wird ihre Hände ringen und meine Gebeine begrüssen
mit einem: Ruht wohl! Und sieh Freund! Du bist weiblos, und ich habe eine Mine
und sie hat mich! - Weib meiner Seele! Wende dein Auge, ich seh' es brechen,
wend' es! Ich bitte, ich flehe! Lass mich mit diesen Kinderlosen allein! Unser
Pold sieht das Angesicht unseres Vaters im Himmel, der heute, nach einer so
langen Dürre, regnen liess. Blick' her, wie sich der Baum vor dem Fenster erholt
hat. Unser Pold ist bei Gott. Die Gerechten werden weggerafft vor dem Unglück,
und die richtig vor sich gewandelt, kommen zum Frieden und ruhen in ihren
Kammern. - Freund! hast du sie gesehen? Hast du mich gehört? O danke Gott, dass
du kinder- und weiblos bist, dass du nicht nötig hast ein Weib zu trösten ihres
einzigen Sohnes halber! Wie weit glücklicher bist du!
    Die Freude an Gott und seinem Reich sei unsere Stärke. Bis unser Ende kommt,
wollen wir nicht weichen von unserer Frömmigkeit. Vergiss, Lieber! was dahinten
ist, und strecke dich nach dem, was da vorn ist: jage nach dem vorgesteckten
Ziel, nach dem Kleinod, welches verhält die himmlische Berufung. - Wandle
würdiglich, dem Herrn zu gefallen, und sei fruchtbar in allen guten Werken, bis
uns der Herr erlöst von allem Uebel und uns aushilft zu seinem himmlischen
Reiche! Denk Einsamer! wenn du Kinder hättest, die deine grauen Haare in die
Grube brächten? Kinder, deretwegen du wie Eli, der Priester, den Hals brächest,
halsbrechende Söhne, Absalons, die die gerechte Seele quälen Tag und Nacht. Hat
denn dein Bruder nicht einen Sohn? und ist sein paradiesnatürliches Weib nicht
wieder gesegnet? Sei frohen Muts! Gott kann dir aus Steinen Kinder erwecken.
Dein Leichenstein, wenn er glücklich gelegt ist, kann deinen Namen einem Seher
ins Gesicht bringen, der dich in sein ewiges Buch schreibt: da lebst du dann so
gut, als durch deine Nachkommen!
    Soll ich euch, geliebtesten Leser! über sechs Jahre, wie ich hoffe,
wiedersehen; so geb' es Gott, dass wir uns guten Muts treffen! Er, der mein
Innerstes sieht, weiss, mit welchem Herzen ich von euch scheide! Meine Seele ist
betrübt bis in den Tod! - Gott schenke euch viel Freude! - Dank euch drei
Männern, die ihr mich geleitet habt! Der Engel des Herrn geleite euch wieder,
und du, mein lieber - - es, dem ich dies ganze Buch zu Gefallen geschrieben,
danke nicht: Es ist gern geschehen.
    Lebt alle, alle wohl, fromm und glücklich!
    Steht auf und lasset uns von hinnen gehen.
 
                                    Fussnoten
1 Dass dies die Anfangsbuchstaben meines Namens sind, bekräftige ich hiermit mit
Ja und Amen! -
 
    