
        
                               Johann Karl Wezel
                                 Belphegor oder
                Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
 So lange ein Mann, dem die Natur gleich viel Feuer in die Einbildungskraft und
in die Empfindung gelegt hat, die Erfahrungen zu seinen Begriffen bloss aus
seinem guten Herzen und dem kleinen Zirkel simpatisirender Freunde hernimmt, so
lange wird er sich mit schönen Illusionen hintergehen, der Mensch wird ihm ein
Geschöpf höherer Ordnung, geschmückt mit den auserlesensten moralischen
Vollkommenheiten, und die Welt der reizende Aufentalt der Harmonie, der
Zufriedenheit, der Glückseligkeit sein. Man stosse ihn aus seiner idealen Welt in
die wirkliche; man lasse ihn die vergangnen Zeiten, die Geschichte der
Menschheit und der Völker durchwandern; man werfe ihn in den Wirbel des
Eigennutzes, des Neides und der Unterdrückung, in welchem seine Zeitgenossen
herumgetrieben werden: wie wird sich die ganze Scene in seinem Kopfe verwandeln!
- die blumichten Täler und lachenden Auen, voll friedsamer freundlicher
Geschöpfe, die ihr Leben in guterziger Eintracht dahintanzen, werden
zurückfahren, und statt ihrer Wälder und Gebirge mit zusammengerotteten
auflauernden Haufen hervorspringen, worunter jeder des andern Feind ist und nur
durch Besorgnis für sein Interesse abgehalten wird, es öffentlich zu sein, wo
jeder Auftritt das Teater mit Blute besudelt, in jedem eine Grausamkeit
begangen wird: - das wird ihm izt die Welt, und der Mensch ein listiger oder
gewalttätiger Räuber sein, der auf sein ICH eingeschränkt, mit verschiedenen
Waffen wider die übrigen ficht, keinen irgend worinne über sich dulden, und gern
über alle sein will - eine Maschine des Neides und der Vorzugssucht.
    Ist die körperliche Zusammensetzung eines solchen Mannes - er sei Zuschauer
oder Mitspieler - brausend und tätig, so wird sich seine Seele einem so
ausserordentlichen Widerspruche wider ihre bisherigen Begriffe widersetzen,
unwillig werden, wie ein Mensch, den man aus einem Feenschlosse in eine Wildnis
führt, alles bessern, alles umschaffen wollen, und wenn er zu seinem Herzeleide
seine Umschaffung nie zu Stande kommen sieht, auf Welt und Menschen zürnen, sie
hassen, dass sie seine gutgemeinte Bildung nicht annehmen wollen, aus den
verwirrten Scenen der Welt kein harmonisches zweckmässiges Ganze zusammensetzen
können, alles daher für ein Chaos erklären, das Verwirrung und Unordnung in
ewigem Streite erhalten, und wenn ihm sein gutes Herz doch hin und wieder
anscheinende Spuren einer abgezweckten Anordnung entdecken lässt, sich mit
Unruhen und Zweifeln martern: - dieser Mann ist BELPHEGOR.
    Hat ihm aber die Natur einen Zusaz von Kälte in die Masse seines Körpers
geworfen, mehr Lebhaftigkeit als Feuer verliehen, so wird er durch die Menschen
vorsichtig hinwegschlüpfen, alles nehmen, wie es ist, und sich bei dem
Schauspiele der Welt nicht anders interessiren, als der Zuschauer einer
teatralischen Vorstellung, ohne sich drein zu mischen; er wird vielleicht
zuweilen bitter lachen, aber stets Besonnenheit genug behalten, über die Welt
mit so vieler Kaltblütigkeit zu räsonniren, als jener mit Wärme deklamirt: der
Kontrast zwischen den Begriffen, die ihm die gegenwärtige Erfahrung aufdringt,
und den Vorstellungen, die er ehmals hatte, muss ihn nötigen, einen Ausweg zu
suchen; sein gutes Herz lässt ihn die vielfältigen Unordnungen, Grausamkeiten und
Verwirrungen keiner wollenden Vorsicht zuschreiben, er geht einer Ursache nach,
und sein Räsonnement führt ihn auf die Notwendigkeit des Schicksals, welcher er
alle Unordnungen aufbürdet, und er kann nach seinem Temperamente Beruhigung
darin finden: - Dieses ist FROMAL in der folgenden Geschichte.
    Endlich setze man ein leichtes Blut, munter dahingleitende Lebensgeister,
ein fröliches lebhaftes Gemüt, einen Kopf ohne weiten überschauenden Blick,
einen Verstand, der wenig räsonnirt, ein Herz, das gern glücklich sein will und
darum den Verstand desto leichter überredet, alles geradezu oder auf leichte
Gründe zu glauben, was zur Ruhe und Zufriedenheit führt, und deswegen leicht
über die Unvollkommenheiten der Menschheit hinzuschlüpfen, mit einer guten Dosis
ehrlicher Treuherzigkeit zusammen; und so hat man den guten MEDARDUS, der einen
herzhaften Puff von der Widerwärtigkeit geduldig erträgt, und fest glaubt, dass
es ihm irgend wozu nüzlich sein könne, nur damit der Unmut darüber seine
Heiterkeit nicht doppelt unterbreche. -
    Nach des Verfassers Teorie sind Neid und Vorzugssucht die zu allen Zeiten,
an allen Orten, in allen Ständen der Menschheit und Gesellschaft, bei allen
Charakteren allgemeinsten Triebfedern der menschlichen Natur und die
Urheberinnen alles Guten und Bösen auf unserm Erdballe; er stellte also in dem
Leben jener drei Personen ein Gemählde der Welt auf, in welchem Neid und
Unterdrückung die Hauptzüge sind, wie sie ihm die Geschichte der Menschen und
Völker darbot.
    Verschiedene Schriftsteller haben uns die Welt und den Menschen als
vortreflich geschildert: aber entweder betrogen sie sich selbst, oder wollten
sie die Leser betriegen; entweder kannten sie den Menschen nicht genug, nur von
einer Seite, oder wollten sie die Leser bestechen und sie überreden, dass sie die
Züge ihres Gemähldes von ihrem eignen Herzen kopirt hätten. Der Verfasser glaubt
wenigstens kein schlechter Herz empfangen zu haben, als diese Herren, wenn es
auch nicht besser ist, und ohne die Welt und den Menschen mehr oder weniger
kennen zu wollen, als sie, sagt er, was jeder Schriftsteller einzig sagen kann -
was ihm scheint, nichts als das Resultat seiner Beobachtungen.
    Nicht eigne Widerwärtigkeiten - denn der Pfad seines Lebens ist bisher mehr
eben als holpricht gewesen - nicht Hypochonder oder Milzsucht - denn er war
jederzeit Freund der Freude und Feind des Trübsinns - nicht Mangel an wahren
Freunden - denn er besizt deren eine kleine Anzahl und hat auf seinen Wegen
immerhin Menschen mit guten liebreichen Herzen gefunden - keine von diesen
Widrigkeiten hat auf seine Vorstellungen, so viel er sich bewusst ist, einen
schwarzen Schleier geworfen: er sah die Welt an, so weit sein Blick in
gegenwärtige und vergangne Zeiten reichte, und sagt aufrichtig, was er gesehn
hat.
    Die übrigens lieber ideale Schilderungen von ganz guten Menschen und ganz
glücklichen Welten lesen, denen kann dieses Büchelchen keine taugliche Speise
scheinen; und wenn sie lieber solche von ihm verlangten, so könnte er sie damit
bedienen: denn er hat Risse zu vollkommnen Republiken und vollkommnen Welten
fertig, in denen sichs aber vielleicht, wenn sie durch eine schaffende Kraft zur
Wirklichkeit gebracht würden, sehr schlecht wohnen liesse: wenn es sein soll,
kann er auch träumen. Bis hieher hat er aber mehr Beruf gefühlt, zu sagen, was
ist, als was er wünschte oder sein sollte.
    Doch fehlt es ihm auch nicht an guten und liebenswürdigen Zügen der
menschlichen Natur, und er hat, um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen,
schon längst eine Idee im Kopfe herumgewälzt, die Idee eines Gemähldes, das
alles, was sich mit Wahrheit Gutes vom Menschen und der Welt sagen lässt, in sich
schliessen soll, und nichts wird ihn von der Ausführung abhalten, es wäre denn
Gefühl der Unfähigkeit, oder Mangel an Lust und Musse. Dieses wunderbare
Kompositum, das wir Menschen nennen, ist im einzelnen und im Ganzen ein wahrer
JANUS, eine Kreatur mit zwei Gesichtern, eins abscheulich, das andre schön -
eine Kreatur, bei deren Zusammensetzung ihr Urheber muss haben beweisen wollen,
dass er die streitendsten Elemente vereinigen, Geselligkeit und Ungeselligkeit
verknüpfen und auch ein Etwas formen kann, dessen Masse aus lauter Widersprüchen
bereitet ist und durch diese Widersprüche besteht. -
    Denen sein Buch ganz misfällt - was sollte er diesen weiter sagen? - 'Tis
too much to write books and to find heads to understand tem - sagte Sterne, und
sagte auch er, wenn man IHM nicht als unbescheidnen Stolz anrechnen würde, was
man Sternen als Wahrheit gelten lässt. -
    Chronologische und geographische Fehler mögen Kenner der Geschichte und
Erdkunde berichtigen.
                                                                           Wezel
 
                                  Erster Teil
                - Bellum omnium contra omnes.
 
                                  Erstes Buch
Geh zum Fegefeuer mit deinen Predigten, Wahnwitziger! - rief die schöne Akante
mit dem jachzornigsten Tone, und warf den erstaunten, halb sinnlosen Belphegor
nach zween wohlabgezielten Stössen mit dem rechten Fusse zur Türe hinaus.
    Der arme Vertriebne schleppte sich mit stummer Betrübnis bis zu einem nahen
Hügel an der Landstrasse, wo er sich niedersezte, das Gesicht nach dem Hause
zugekehrt, aus welchem er eben izt so empfindlich relegirt worden war, dass ihn
die Schmerzen des linken Hüftbeins nicht einen Augenblick an der Gewissheit des
Unfalls zweifeln liessen, ob ihn gleich seine Verweisung so unvermutet
überraschet hatte, dass ihm die Begebenheit wie im Traume vorgegangen zu sein
schien. Aus Liebe zu der grausamen Akante hätte er gern die Wahrhaftigkeit ihrer
harten Begegnung geläugnet, wenn nicht der Schmerz jede Minute sie
unwiderlegbarer gemacht hätte. Mit einem tiefen Seufzer gab er sie also zu, liess
eine Träne fallen, und machte seiner Beklemmung durch eine wohlgesezte Klage
Luft.
    Ach, rief er, so ist auch Akante ungetreu? Auch sie tut, was ich sonst als
die Beschuldigung eines bösen Herzens verwarf, das mir das edelste schönste
Geschlecht zu verläumden schien - SIE widerlegt mich? SIE beweist mir, dass
diejenigen Recht hatten, die zu meinem grossen Aergernisse ihr Geschlecht
wankelmütig, treulos, veränderlich, unbeständig nannten? So empfindlich muss ich
überführt werden, dass ich in einer blinden Bezauberung lag, als ich diese
verkleideten Ungeheuer ohne Fehler, ohne Laster glaubte? - O Akante! warum
rissest Du mir die Augen auf, statt sie mir zu öffnen? - Nein, es ist nicht
möglich! DU warst es nicht; ich habe geträumt. Breite deine Arme aus! ich komme
zu dir zurück. -
    Er wollte in der Begeisterung aufstehen, um sich an ihren Busen zu werfen,
und er konnte sich nicht einen Zoll hoch von der Erde erheben: die gelähmte
Hüfte zog ihn wieder zurück, dass er vor Schmerz laut schrie. Zur Vergrösserung
seines Kummers musste die ungetreue Akante ihm gleich gegenüber, von seinem
Nebenbuhler umschlungen, am Fenster stehn und mit der ausgelassensten
Frölichkeit seiner spotten: wenigstens gab ER ihrem Lachen diesen Sinn.
    Ja, sie war es, sagte er endlich leise zu sich, sie war es, die Tigerinn!
Sie hat mir meine Hüfte zerbrochen; sie hat mich zum Krüpel gemacht. - In diesem
Tone fuhr er noch lange Zeit fort und sagte sich mancherlei von den
herzbrechenden Dingen, die meine Leser in jedem Romane oder Trauerspiele
nachschlagen können. Mitten in dem Selbstgespräche näherte sich ihm ein Mann,
auf einem Grauschimmel - zwo Gestalten, die er schon von weitem hasste, weil der
Reuter eine so fröliche Mine in seinem Gesichte trug, als wenn die Glücksgöttinn
seine leibliche Schwester wäre, und das Pferd in einem so leichten sorglosen
Trabe daher tanzte, dass er mit seinem Herrn von Einem frohen Mute belebt zu
sein schien.
    Der Reisende redte ihn an, und erhielt lange keine Antwort, bis endlich
seine muntre Freundlichkeit Belphegors Herz öffnete, zu dem jede Empfindung
leicht und bald den Schlüssel fand. - Ich merke, Freund, sagte der Fremde, dass
du ein unzufriedner oder ein unglücklicher Mensch bist: in beiden Fällen bist du
kein Mann für mich; denn ich kann dir nicht helfen, und mich mit dir zu grämen,
habe ich keine Lust. Sei munter und lustig! und ich setze mich zu dir, so
schwatzen wir eins zusammen. Willst du? - oder lebe wohl! -
    Indem kehrte Belphegor, der ihm bisher den Rücken zugewandt hatte, weil ihm
seine Hüftschmerzen die Bewegung des Umdrehens verboten, sich mit dem Gesichte
und dem Oberleibe, so viel er konnte, nach jenem um, und - ach! Belphegor! rief
der Andre und stieg vom Pferde - guter Mann! Bist DU es? - Nein, so muss ich
wissen, was dir fehlt. - Mit diesen Worten band er sein Pferd an eine Stange und
sezte sich zu Belphegorn nieder. - Wunderlicher Mann! was hast du denn? sagte
er, indem er den rechten Arm um ihn schlang und ihn an seine Seite drückte.
    Ach, Freund Fromal! - war Belphegors seufzende Antwort, wobei er, sich
windend, die Arme seines Freundes losmachte: denn er hatte seine geschwollne
Hüfte gedrückt. -
    »Lustig, lustig, Belphegor! Hast du denn gar die Narrheit begangen, ein
Misantrop zu werden? - Mit deinem verdammten philosophiren, spekuliren,
meditiren! Ich sagte dirs wohl: alles das Zeug wird deiner Frölichkeit den Hals
brechen.«
    Ach, Fromal, wie glücklich, wäre mein ganzes Leben nichts als eiskalte
Spekulation gewesen! Hätte nie Eine Empfindung sich darunter gemischt! Aber -
    »Was hast du denn mit deiner Empfindung für Zank? - Sei frölich! und den
andern Empfindungen schlage die Tür vor der Nase zu, wie ich!«
    O wüsstest du, bester Fromal! die Treulose -
    »Ey, ei! du hast dich verliebt, und bist betrogen worden? - Ja, wer hat dich
das geheissen? -
    Meine Empfindung, mein Gefühl, ihre Reize, ihre Anmut, ihre
unaussprechliche Anmut; alles, alles befahl es mir. So ungewissenhaft sie mich
hintergieng, so ist sie mir doch noch der schönste, der reizendste Teil der
Schöpfung. Meine ganze Seele ist in ihre Reizungen verwebt; sie kann sich nicht
losreissen, ohne sich selbst zu zerreissen: mein Gehirn - - -
    »Nimm mirs nicht übel! - mag ein wenig versengt sein. Glaubst du denn, dass
die Natur in ihrem ganzen Leben nur ein einzigmal Luft, Feuer, Wasser, Erde
zusammen knetete, und nur eine einzige so schöne Wachspuppe daraus bildete, wie
die Ungetreue, die »dich izt, lahm geschlagen hat? - Es ist ja alles voll davon!
- Was machst du mit der Empfindung in dieser Welt? - Das ist eine Last, die dich
mit jedem Schritte zu Boden zieht. So viel als nötig ist, um die Freude zu
fühlen! das übrige wirf weg! Ich habe mich in mich selbst zusammengerollt, und
lasse mich vom Schicksale durch die Welt durchwälzen, ohne dass mich etwas
aufhält: stosse ich irgendwo an, so bleibe ich so lange liegen, bis ich wieder
einen neuen Stoss bekomme, und dann geht die Reise von neuem fort.«
    Bester Fromal! wärst du an meiner Stelle, du nenntest die Empfindung keine
Last -
    »Aber zum Henker! wenn sie dir lahme Hüften macht -
    Nicht mir, nur Akanten habe ich gelebt -
    Wen nennst du da? - Akanten? Ey, da bist du schön aufgefallen.
    Kennst du sie? Ist es nicht das schönste Engelbild, welchem die Natur die
herrlichsten Merkmale ihrer Meisterhand eingedrückt hat -
    Ja, ja, ein hübsches Mädchen ist es; aber so falsch, wie eine Tigerkatze -
    Fromal, sie kann es nicht sein! Sage mir alles, nur nenne sie nicht falsch!
Kaum hatt' ich sie ein einzigmal erblickt, so war meine Seele schon ganz in die
ihrige gegossen, ihr Bild schon mit meinen innersten Gedanken so ganz zusammen
gewachsen, dass eine Trennung sie beide vernichten musste. Ich trank aus ihren
Blicken, von ihren Lippen das reinste himmlischste Vergnügen. Wochen lang
taumelte ich in einer Berauschung herum, Akante hatte den Schlüssel zu meinem
Herzen und zu meinem Vermögen: sie gebot mit Einem Winke, und beides mein Herz
und meine kleinen Schätze taten sich für sie auf -
    »Und da sich die kleinen Schätze nicht mehr auftun konnten, jagte dich die
englische Akante zum Teufel?
    Nie hätte ich geglaubt - eine so unschuldige ungekünstelte Aufrichtigkeit,
eine so naife Offenheit, muntre lebhafte Gefälligkeit, so liebenswürdige Sitten,
so ein zartes Gefühl, das jedes Lüftchen bewegte, zu jeder Empfindung gestimmt,
so sanfte Minen, ein Gespräch mit den lieblichsten Wohlgerüchen des Witzes und
moralischer Güte umduftet - setze daraus ein Bild zusammen und denke -
    »- dass es eine Larve ist! Das hätte ich dir zum voraus sagen wollen. Armer
Belphegor! - Bist du mit deinem Gelde ganz auf dem Boden?«
    So geldarm als in Mutterleibe! Ich kaufte ihr Vergnügen über Vergnügen -
kleine unschuldige Vergnügen; dass sie ihr Genuss ergözte, war mein Dank. In den
seligsten vollsten Entzückungen weidete ich mich an dem Gedanken, ein Geschöpf
gefunden zu haben, das meine Empfindung ganz ausfüllte: alle, auch die
bewundertsten Schönen hatten vor ihr stets ein trauriges Leere darin
zurückgelassen, nur SIE nahm mein Herz ganz ein; und hätte ich noch eins gehabt,
sie hätte es überfüllt: so ganz war ich von ihren Reizungen überströmt! Und
siehe! plötzlich wirft sie sich in die Arme eines Nebenbuhlers -
    »- - dessen kleine Schätze sich weiter auftaten als deine geplünderten!
Nicht mehr als billig! Von dir hatte sie weiter kein Vergnügen zu hoffen; sie
musste sich also ihren Mann wieder suchen, der so treuherzig, wie du, sein Geld
für Blicke und Minen hingibt: ist er mit seinen kleinen Schätzen am Ende, so
schlägt sie ihn lahm, wie dich, oder wohl gar ein Paar Beine entzwei.
    Soll man es dulden, dass die Hässliche die edelste empfindungsvollste Klasse
der Schöpfung durch ihre Teilnehmung an dem schönsten Geschlechte entweiht?
    »Du machst mich zu lachen, guter Belphegor! - Ich dächte, du tätest eine
kleine Reise durch die Welt: die wird dich von deinem Grame und deiner
Empfindlichkeit kuriren. Lerne, was für ein Ding der Mensch und die Welt ist!
dann wollen wir sehen, ob deine Empfindung sich ausdehnen oder
zusammenschrumpfen wird. - Schäme dich! wer wird um eines hübschen Mädchens
willen zum Narren werden? - Fort in die Welt hinein!
    Oder lieber aus ihr! Hier ist mein Dasein vorüber; ich habe gelebt.
    Freilich lebt sichs schlecht, wenn man kein Geld »mehr hat; um einer Akante
willen geh ich dir nicht Einen Schritt näher zum Grabe. Wenns denn nun ja sein
muss - es gibt ihrer mehr!
    Aber so hinterlistig zu täuschen!
    Vergiss das nur, und sieh erst, ob du der einzige bist!
    Die heilige Unschuld zum Deckmantel zu misbrauchen!
    Ich bitte dich, vergiss das! Alle Menschen betriegen und werden betrogen;
einer laurt auf den andern, ihm ein Paar Schritte abzugewinnen, oder, wenn er
kann, ihn mit Gewalt zurückzustossen: alles ist im Kriege, und ohne Waffen
geschehen alle Tage Niederlagen und Siege.
    Und der Freche! meiner zu spotten!
    Natürlich, weil er der Stärkere war! Der Sieger hat allezeit Recht vom
Ganges bis zur Spree und bis zum Südmeere.
    Fromal, so verhülle ich mich in meine Tugend. -
    Das kannst du tun, wenn du fein zu Hause in deiner Stube bleiben willst;
aber so bald du dich unter die Menschen mengst, so wird die Hülle in kurzem
Löcher bekommen: sie zersetzen sie dir, oder du musst sie bei Seite legen und
dich so lange herumbalgen, bis du dich in Autorität gesezt hast: dann fürchten
sie sich, und du kannst dein Hüllchen wieder hervorholen.
    Himmel! hat mir die Verderbnis auch meinen Fromal geraubt? - Du warst mir
sonst so teuer -
    Weil ich so oft von moralischer Schönheit, von Empfindung, von Liebe in
einer Begeisterung mit dir sprach, in welcher damals meine Fantasie taumelte,
und deine noch herumschwärmt! Ich weis nunmehr, was eine jede von jenen
Raritäten in dieser Welt wert ist; der Firnis ist von meiner Fantasie
weggewischt: lass dir Deine auch ausputzen! Du hast alsdann zwar weniger einsame
Freuden, aber auch weniger Leiden unter Menschen; und wenn du ja einmal wider
einen recht herzangreifenden Puff des Schicksals eine Stärkung brauchst, so wird
eine Fantasie, wie die Deinige, noch immer brennbar genug sein, um sie auf ein
Paar Stunden zu erhitzen.
    Du, sonst der edle, der empfindende, der begeisterte Verehrer der Tugend! -
Doch die Welt -
    - hat mich aus meiner Begeisterung gerissen; du wolltest sagen - verdorben!
- wie man es nimmt! was wir sonst einander vorschwatzten, war der Rausch einer
warmen Imagination und eines warmen Herzens: izt bin ich nüchtern; ich sage dir
nicht mehr so viel Schönes und Begeisterndes, aber desto mehr Wahres: was kann
ICH dafür, dass dies weniger begeisternd ist. - Ich bin dir doch noch teuer, wie
sonst?
    O Akante! o Welt!
    Lass doch Akanten und die Welt in Ruhe! Verhülle dich in Unempfindlichkeit!
das ist der beste Mantel.
    So lehre mich, Fromal, meinem Herzen gebieten, dass es nicht schlägt, und
meine Gedanken, sich selbst umbringen! - O die Menschen können die Empfindung
gar herrlich abschleifen! Sie reiben an Geduld und Empfindung so lange, bis die
Schärfe stumpf ist. -
    Doch, sezte er hinzu, indem er das Gespräch abbrach, hast du gar kein Geld
mehr?
    Die Antwort war: Nein. - Nimm! fuhr Fromal fort, hier teile ich meinen
lezten Rest mit dir. Lass dich heilen, und dann wandre, wohin dich dein Schicksal
führt! Nimm dein Herz und deinen Verstand mit, aber deine Empfindung, Akanten
und ihr Andenken lass um des Himmels willen hier auf diesem Flecke zurück! Lebe
wohl! - und gleich gab er dem stummen Belphegor einen freundschaftlichen Kuss,
schwang sich auf sein Pferd und trabte davon. - Vielleicht finden wir einander
wieder, war sein letzter Zuruf, dann wollen wir sehn!
    Belphegor sass unbeweglich, wie in den Boden gepflanzt, seufzte, weinte mit
unter ein Tröpfchen, exklamirte, winselte, schalt, lobte seinen weggegangnen
Freund, zählte sein Geschenk, warf es von sich, las es wieder zusammen; und
endlich nach zwo Stunden voll solcher unruhigen ängstlichen Grimassen, da die
Dämmerung einbrach, fieng er an zu überlegen, was bei so gestalten Sachen zu
tun sei. Die Dämmerung wurde zu pechschwarzer Nacht, und seine Ueberlegung war
dem Entschlusse keinen Strohhalm breit näher; er sank vor Mattigkeit nieder,
schlief ein, und fand bei dem Erwachen für seine Beratschlagung so freies Feld
als Tages vorher.
    Die Ruhe hatte indessen seine Lähmung und seinen Schmerz verschlungen; er
konnte wieder gehn. Gegen Mittag fand sich eine Menge Gäste bei Akanten ein;
    Musik, Geräusch, alles verkündigte die Freude eines Bankets, das ihr neuer
Liebhaber gab. Welche Menschenseele, der Tages vorher die Besitzerinn eines so
frohen Hauses Hüftenschmerz gemacht hatte, konnte einen solchen Anblick
ertragen! Augenblicklich fand er die lange gesuchte Entschliessung: der Aerger
half ihm auf die Beine, er ging und übergab allen zwei und dreissig Winden des
Himmels ein dreimaliges lautes - Akante! in eben so viele vernehmliche Seufzer
eingepackt.
    Er ging. Kaum hatte er eine kleine Strecke zurückgelegt, als vor seinem
Gesichte ein Habicht auf eine Taube herniederschoss und die flatternde Hülflose
würgte. Die Scene versezte ihn in eine so tiefe Wehmut, dass er sich auf einen
Rasenrand niedersezte und über die lezten Reden seines Freundes Fromal ernstaft
nachdachte.
    Indem er in seinen Gedankentraum versenkt dasass, näherte sich ihm ein
Getöse, das nichts geringers als einen Zank ankündigte. Auf einmal erschienen
ein Trupp Knaben und Mädchen, an dessen Spitze ein dickstämmiger achtjähriger
Bube einen Schwachen von geringerm Alter an den Haaren siegreich neben sich
herschleppte, während dass die ganze Begleitung den Triumphirenden mit einem
einstimmigen Jubel erhub, und hingegen dem Ueberwundnen von Zeit zu Zeit Kot
oder Schimpfwörter zuwarf. Der Anblick bewegte Belphegorn: seine mitleidige
Guterzigkeit spornte ihn an, dem unbarmherzigen Sieger seine Beute aus den
Händen zu reissen, und ihn wegen seiner Grausamkeit zu vernehmen. Auf seine
Erkundigung nach der Ursache des Streites erfuhr er von einem unparteiischen
Zuschauer, dass die beiden Streitenden zween Pachterssöhne waren, dass sie beide
kleine Gärtchen zu ihrem Vergnügen sich neben einander gemacht hatten, dass der
ältre allmählich dem jüngern beinahe die Hälfte von dem seinigen betriegerisch
abgezwackt, dass der Beraubte sich darüber beklagt, dass ihn der andre ausgelacht
und endlich herausgefodert habe: darauf hatte er die noch übrige Hälfte von des
Jüngern Garten verwüstet, und da dieser das Recht der Selbstverteidigung seinen
Verheerungen entgegen setzen wollte, so übermannte ihn der Stärkre, schlug ihn
zu Boden, und führte ihn izt im Triumphe auf. Belphegor verwies dem Ungerechten
seine Grausamkeit, und ermahnte ihn, dem andern das Entwendete wieder zu
ersetzen. - Hier bin ich! er mag mirs wieder nehmen! war die Antwort, und blieb
es, aller Zureden ungeachtet. Belphegors gutes Herz wurde warm, er nahm den
Leidenden in seinen Schutz und wollte den Frechen durch lebhafte Vorstellungen
zur Gerechtigkeit nötigen, wofür er ein Paar Steine an den Kopf, ein hönisches
Gelächter und etliche Schimpfreden zum Danke bekam; die ganze übrige
Gesellschaft stimmte im Unison mit ihm ein und eilte ihm nach: jedes darunter
gab ihm Recht und verteidigte ihn, weil er die stärksten Fäuste und das
unverschämteste Maul im ganzen Dorfe hatte.
    Um seinen Schutz nicht unkräftig zu sehen, liess sich Belphegor von dem
Zurückgebliebenen zu seinen Eltern führen. Er trug ihnen den statum causae sehr
ernstaft und lebhaft vor, und drang in sie, den ungerechten Eroberer mit allem
väterlichen Ansehn zur Billigkeit anzuhalten. Man lächelte; Belphegor glühte:
der Junge kam dazu, riss den Zaun zwischen den beiden Gärten nieder, der Vater
gab ihm zur Belohnung seiner Tapferkeit noch ein Stückchen Land dazu, der arme
Ueberwundne musste sein Eigentum mit dem Rücken ansehn, und sich als einen
schwachen elenden Nichtswürdigen oben drein verachten lassen.
    Belphegor stuzte, wollte aus diesem Hause der Ungerechtigkeit entfliehn,
liess sich aber doch auf vieles Bitten zum Essen dabehalten. Der Herr des Hauses
würgte zwo Tauben: Belphegor bedauerte bei sich die armen Kreaturen, und
verzehrte sie beide vom Halse bis zu den Beinen ohne das mindeste Mitleiden, als
sie gebraten auf dem Tische erschienen. Da er satt war, reiste er fort, tat
unterwegs einen Seufzer und rief: O Ungerechtigkeit! der Habicht würgt die
Taube, der stärkre Bruder den schwächern, und der Mensch verschlingt die
unschuldigen Tiere! Ja, Fromal - alles ist ungerecht wie Akante.
    Die Nacht nötigte ihn bald zu einer neuen Einkehr. Kaum hatte er sie
erreicht, als ihn ein hagrer Kerl, der müssig an einem Baume lehnte, auf die
Seite zog und warnte, in diesem Loche nicht zu übernachten. Es ist das ärgste
Diebesnest, das der Mond bescheint. - Wo soll ich aber bleiben? - Lieber unter
freiem Himmel: wenn Sie wollten, so könnte ich Sie wohl an einen guten Ort
bringen. - Belphegor merkte, worauf es ankam, um dahingebracht zu werden; er gab
ihm von dem Wenigen, was ihm sein Freund zurückliess, ein kleines Geschenk und
folgte ihm nach. Der Wegweiser führte ihn in einen dichten Wald, fasste ihn in
der Mitte desselben bei der Gurgel und schwur, ihn auf der Stelle umzubringen,
wenn er nicht seine ganzen Habseligkeiten an ihn auslieferte. - Aber welches
Recht habt Ihr Bösewicht dazu? fragte Belphegor. Der Räuber wies ihm statt der
Antwort ein langes Messer, nahm ihm sein Vermögen aus der Tasche, warf ihn zu
Boden, kniete ihm auf die Brust und durchsuchte alle Behältnisse an seinem
ganzen Leibe, wo sich nur eine Beute vermuten liess, gab ihm einen derben Fluch
zum Abschiede, als er nichts erhebliches fand, und begab sich auf den Rückweg.
    Die ganze Nacht hindurch blieb er in diesem Zustande liegen, ohne wegen der
Unbekanntschaft mit dem Walde Einen Fuss von der Stelle zu wagen. Gegen Morgen
hörte er einen Mann sich ihm leise nähern und bei jedem Schritte still stehn, um
sich umzusehn, ohne Belphegor gewahr zu werden, bis ihn dieser anredete. - Mann,
rief er, hast du Herz -
    Nicht viel! antwortete der Ankommende furchtsam. Hast du ein menschliches
Herz mit menschlichen Empfindungen, fuhr Belphegor fort, so nimm dich meiner an!
-
    »Ach du lieber Himmel! wenn sich jemand erst meiner annähme!«
    Warum das, mein Freund?
    »Warum? - Ich hätts sehr nötig. Nur ein wenig leise gesprochen!«
    Was fürchtest du? fuhr Belphegor hitzig auf.
    »Weiter nichts als ins Zuchtaus zu kommen.«
    Wenn du es verdient hast, so wünsche ich Glück dazu.
    »Ich habe ein Mädchen, das mich in meiner lezten Krankheit gepflegt und
gewartet hat, wie eine Mutter: ich wollte sie heiraten; aber ich darf nicht.
Das arme Mädchen sizt zu Hause, und weint sich die Augen aus dem Kopfe. Mein
Herr will mich zwingen, ein Gütchen zu bearbeiten, das ein andrer vor mir
verdorben hat. Ich kann nicht; es würde mich zu Grunde richten. Im Stocke habe
ich schon gelegen; und da ich noch nicht wollte, so drohte er mir mit dem
Zuchtause. Mein armes liebes Mädchen soll ich auch nicht nehmen: wir müssen -
ach! das wissen Sie nicht, lieber Herr! - auch von unsrer Liebe eine Abgabe
bezahlen. Ja, das Bischen, was wir sauer erarbeiten! - ich bin entsprungen, und
- du gutes Mädchen! - wenn sie mich haschen -«1
    Mein Freund, wenn du Recht hast, so geh ich mit dir und spreche für dich. -
Er weigerte sich anfangs; doch endlich überliess er sich ihm und führte ihn zu
seinem Herrn.
    Belphegor war ein lebhafter Advokat und bekam auf seine Anfrage - warum
dieser Elende zu seinem Verderben gezwungen werden sollte? - die lachende
Antwort: weil ich das Recht dazu habe. - Und wer gab Ihnen das Recht? - Das hab'
ich gekauft. - Also kann man Unterdrückung kaufen? - Blitz! der Herr ist wohl
verwirrt. Recht ist keine Unterdrückung; auch nicht, wenn ich den Herrn zum
Hause hinausjage; - und so fiff er eine Kuppel Hunde zusammen, hezte sie auf den
armen Belphegor los, der mit Mühe einige Fragmente von seiner Kleidung aus ihren
Zähnen rettete, und alles anwenden musste, um nicht einen Teil seiner eignen
Person einzubüssen.
    Welche Ungerechtigkeit! welche Unterdrückung! rief er, als er sich ein wenig
gesammelt hatte; und sein Magen sezte hinzu: welcher Hunger!
    In seinem gegenwärtigen Zustande war ihm nichts übrig, als von der
Wohltätigkeit andrer zu leben; er bat um Almosen, hungerte selten und bekam
niemals Ribbenstösse, noch Steine an den Kopf.
    Eines Tages kam er auf eine Heide, wo etliche Freibeuter einen Mann so
unbarmherzig behandelten, als wenn sie willens wären, ihn in Stücken zu zerlegen
und auf gut huronisch zu essen. Belphegor glühte, so bald er den Auftritt
erblickte, ging hinzu und erkundigte sich nach der Ursache einer solchen
Barbarei. Man würdigte ihn keiner Antwort, doch erfuhr er bei Gelegenheit, dass
man ihn strafe, weil der Hund nichts herausgeben wolle. Aber welches Recht habt
Ihr denn, etwas von ihm zu fodern? - Sie schlugen an ihre Degen, und einer
darunter gab ihm oben drein einen wohlgemeinten Hieb, der ihm das rechte
Schulterblatt in zwei gleiche Stücken zerspaltete. Aber, ihr Barbaren, welches
Recht habt ihr- - ein zweiter Hieb über den Mund hemmte seine Frage mitten im
Laufe.
    Alles grausam wie Akante! - dachte er, und stopfte sich mit dem Reste seiner
Kleidung seine Wunden zu. Er bekam eine Stelle in einem Krankenhause und wurde
sehr bald geheilt. Ein Elender, der neben ihm lag und schon ein ganzes Jahr lang
sein Bette nicht verlassen hatte, war während der Kur sein vertrauter Freund
geworden: doch izt wurde er über die schnelle Genesung seines Freundes neidisch,
und biss ihn des Nachts in den kaum geheilten Arm; die Wunde wurde so gefährlich,
dass der Arm beinahe abgelöst werden musste.
    Nach einem langen Kampfe mit Schmerzen und dem Neide seines Freundes wurde
er wiederhergestellt und der Willkühr des Schicksals übergeben.
    Seine erste Auswanderung machte ihn schon wieder zum Märtyrer seines guten
Herzens. Er langte in einem Dorfe an, wo eben das grässlichste Weiberscharmützel
das Publikum belustigte. Ein Mädchen, das der ganze weibliche Teil der
Kirchfahrt ärger als den Teufel hasste, weil es von Jugend an sich durch seine
Kleidung unterschieden hatte, war in einem saubern Anzuge, einem ehrbaren
Geschenke von der Regentinn des Dorfs, in der Kirche erschienen. Jedermann
empfand, wie billig, den lebhaftesten Abscheu und Aerger über eine solche
Hoffart: man murmelte die ganze Kirche hindurch, man schimpfte bei dem
Herausgehn, und auf einmal stürzte die anwesende weibliche Christenheit mit
geschlossnen Gliedern auf die schöngepuzte Nymphe los, um ihren Staat auf das
jämmerlichste zu zerfleischen. Sie waren schon wirklich in ihrer Arbeit bis zum
Hemde gekommen, das sie ebenfalls, ob es gleich nur aus grober demütiger
Leinwand geschaffen war und nicht die mindesten Spuren des Stolzes an sich
hatte, nicht verschonen wollten, als Belphegor ankam. Er erblickte nicht so bald
das Gesichte des leidenden Mädchens, das gewiss eine der besten ländlichen
Schönheiten war und izt durch eine verschönernde Mine der Traurigkeit einen
doppelt starken Eindruck machte, als seine Stirne glühte, als er mitten in das
Gefechte rennte, das Mädchen und ihre Schamhaftigkeit aus den Klauen ihrer
Gegner zu befreien. Weil sein Ueberfall so plözlich geschah, und noch ein
Nachtrab von Hülfstruppen zu befürchten war, so zerstreuten sich die Feinde
anfangs: da sie aber wahrnahmen, dass sie ihre Furcht betrogen hatte, so wurden
sie desto ergrimmter, liessen das gemishandelte Mädchen liegen und griffen ihren
Helfer an, dem sie ein Auge ausschlugen, einen Finger quetschten und die Backen
mit ihren Nägeln meisterlich bezeichneten. Oben drein wurde er noch nebst der
Grazie, die er beschützen wollte, von den dastehenden Gerechtigkeitspflegern in
Verhaft genommen, die um so viel erbitterter auf ihn waren, weil er ihnen eine
Lust verdorben hatte, und an die Herrschaft des Mädchens ausgeliefert.
    Durch einen glücklichen Zufall war es veranstaltet worden, dass gerade damals
zwischen den beiden Monarchen, demjenigen, welchem sie übergeben, und
demjenigen, von welchem sie ausgeliefert wurden, eine Zwistigkeit herrschte, die
oft in einen Privatkrieg ausbrach - wie er nämlich nach Einführung des
Landfriedens Statt findet. Eine von den beiden Damen dieser Herren hatte bei
einer Feierlichkeit, die die ganze schöne Welt der dasigen Gegend durch ihre
Gegenwart verherrlichte, an der andern, die eine ganze Stufe im Range unter ihr
war, einen Halsschmuck wahrgenommen, dessen Anblick ihr sogleich alle Nerven
angriff, dass sie nicht anders als die Besitzerinn desselben von ganzem Herzen
hassen musste. Da ihre Männer, weil sie durch die Ehe Ein Fleisch und Ein Blut
mit ihnen geworden waren, es für ihre Pflicht hielten, sich gleichfalls deswegen
von Herzen zu hassen, so wurde Belphegorn und seiner Mitgefangnen sogleich ohne
Verhör Recht gegeben; Belphegor bekam seine Freiheit und war froh, nicht mehr
als Ein Auge und Einen Finger eingebüsst zu haben: die gemeldete Feindschaft
brachte ihm sogar eine Mahlzeit und ein kleines Geschenk für die bewiesne
Tapferkeit ein. - Das war ein Sporn in die Seite gesezt.
    Seine warme Guterzigkeit fand auch bald eine neue Ursache, das Blut in
Feuer zu bringen. Er traf unter einem wilden Apfelbaume ein kleines Männchen an,
das mit gesenktem Kopfe und betrübter Mine dasass. - Lieber Mann, was fehlt dir?
fragte Belphegor, indem er sich zu ihm sezte. - Alles, antwortete jener mit
einem Seufzer; denn ich habe gar nichts. Bettelarm bin ich.
    So bist du nichts reicher als ich, erwiederte Belphegor.
    - Das könnte ein Trost für mich sein, sprach der Andre, wenn ein Trost mir
etwas helfen könnte: aber- es ist umsonst! -
    Sage nur, was dir widerfahren ist! rief Belphegor hitzig. - Das kann zu
nichts dienen. Willst du mich bedauern? - Bedauert hat mich jedermann, aber
niemand geholfen. -
    So will ICH der einzige sein, sprach Belphegor glühend. - Armer Elender! wie
könntest du das? Hilf DIR! dann glaubte ich, dass du Wunder tun und auch mir
helfen könntest.
    Belphegor knirschte mit den Zähnen und verstummte vor Aerger und Begierde. -
Mann, so sage mir nur deine Geschichte! sprach er endlich mit halb erstickter
Stimme. -
    Meine Geschichte? - ist kurz. Der menschliche Neid hat mich zu Grunde
gerichtet. Ich hatte ein Vermögen, ein schönes Vermögen - nicht gross aber
hinreichend; es war ein Teil von meinem väterlichen Erbgute. Ich war unermüdet,
auf die Wirtschaft aufmerksam, und mein Vermögen vermehrte sich zusehends; ich
kaufte beinahe mehr an, als ich geerbt hatte. Indessen nahmen die Umstände
meines Bruders immer mehr ab; er wurde auf mein Glück neidisch; er gab mir
schuld, ich habe ihn bei der Teilung bevorteilt: er verklagte mich. Wir
prozessirten, mästeten Richter und Advokaten, er spielte alle mögliche Kabalen,
und ich verlor beinahe: endlich gewann niemand den Prozess, und ich verlor mein
Vermögen: nun blieb die Sache liegen. Nicht einen Pfennig behielt ich übrig: die
Gerechtigkeit nahm alles, weil sie mir Gerechtigkeit hatte wiederfahren lassen
wollen, wenn ich nicht vor der Zeit verarmt wäre.
    Komm! wir wollen dem fühllosen Bruder den Kopf zerbrechen; er verdients!
rief Belphegor hastig und ergriff ihn bei dem Arme. -
    Guter Mann! ich sehe, du hast Herz - ein gutes und ein mutiges. Wozu kann
das dienen, dass wir ihm den Kopf zerschlagen? -
    Ihn zu bestrafen, den Harterzigen! -
    Wozu könnte das dienen? -
    Du machst mich rasend, Freund! - Komm! -
    Ja, ich komme - um mit dir betteln zu gehn: das Köpfezerschmeissen ist
gefährlich. - Ach! -
    Was siehst du, dass du so seufzend hinblickst? fragte Belphegor und war halb
zum Aufspringen gefasst. -
    »Meinen Bruder!« - Weg war Belphegor, ehe er das Wort noch völlig aussprach,
oder ihn zurückhalten konnte - gerade auf den Mann zu, den er für den Bruder des
Unglücklichen hielt. Er ereilte ihn, fasste ihn bei dem Halse und kündigte ihm
seinen Untergang, die Strafe für seine Unbarmherzigkeit und seinen
unbrüderlichen Neid an. Der Andre, der während des Prozesses eine reiche Wittwe
durch List zu seiner Frau gemacht hatte und sich izt wohlbefand, rief einen
Trupp Arbeiter zu Hülfe, die in einem nahen Busche Holz für ihn fällten. Sie
kamen mit allen Werkzeugen der Rache, Knitteln, Aexten, Beilen, schlugen den
übermannten Belphegor vom Kopf bis auf die Füsse blau, die linke Hand morsch und
ein grosses Loch in den Hirnschädel: so verliessen sie ihn.
    Der Mann, um dessentwillen er sich allen diesen Schmerzen ausgesezt hatte,
wagte sich nicht in die Nähe des Streites, blieb furchtsam in der Ferne stehn,
so lange es Schläge sezte, und schlich langsam zu seinem Verfechter hin, als die
Gefahr vorüber war. Er beklagte ihn herzlich und versprach mit der gerührtesten
Dankbarkeit, sich seiner anzunehmen, sich nie von ihm zu trennen. Er wusch seine
Wunden, verband ihn, so gut er konnte, und trug ihn auf seinen Schultern in ein
Dorf, wo sie auf vieles Bitten in einer Scheune beherbergt wurden.
    Eine Regel hatte sich Belphegor aus seinen bisherigen Unglücksfällen
abgezogen, dass er in die Flamme seines guten empfindungsvollen Herzens eine gute
Dosis kühle Vorsicht giessen müsse: er nahm sich auch in völligem Ernste vor,
Neid und Unterdrückung ins künftige als blosser Zuschauer zu betrachten, eher an
dem Feuer des Unwillens zu ersticken, als es hervorbrechen zu lassen, und
wenigstens die innerlichen Teile des Leibes unbeschädigt zu erhalten, da kein
äusserliches Glied an ihm war, das nicht Denkmale seines Eifers für die
Gerechtigkeit, blaue Flecken, Narben oder Beulen bezeichneten.
    Der Mitleidige, der ihm einen Platz bei sich verstattet und auch zuweilen
eine Wohltat mitgeteilt hatte, bot ihm izt, da er wieder geheilt war, wie auch
seinem Gefährten eine Stelle unter seinen Arbeitern an: keiner von beiden schlug
das Anerbieten aus, besonders nicht Belphegor, und zwar deswegen, weil er hier
weniger Reizungen, sich neue Wunden zu erwerben, zu finden hoffte. Seinen
bisherigen Begleiter, Wärter und Freund knüpfte die Dankbarkeit auf das engste
mit ihm zusammen, und ihre Freundschaft schien ihnen unzerstörbar, sie war die
wärmste, die unverbrüchlichste auf der Welt - weil keiner einen Gran Elend oder
Glück mehr oder weniger besass als der andre.
    Belphegor erhielt bald einen merklichen Vorzug in der Gunst seines neuen
Herrn, weil er, seiner Leibesschäden ungeachtet, viel mehr Tätigkeit und
Arbeitsamkeit, als sein Freund, bewies. Der Alte erkannte es mit freudigem
Danke, dass er sich um seines Nutzens willen zu Tode arbeiten wollte, und ging
damit um, ihm zu Belohnung seiner nützlichen Dienste, nach Labans löblichem
Beispiele, seine einzige Tochter in die Arme zu werfen - ein dickes rundes
wohlbeleibtes Mädchen, das alle Sonntage einen vollwichtigen Doppeldukaten mit
Kaiser Karl des sechsten Bildnisse an dem gelben Halse trug, zwei Hemde und
einen unge-flickten Rock besass, da das ganze übrige Dorf Winter und Sommer
halbnackt ging. Ehe Belphegor diese wohlgemeinte Absicht erfuhr, kam sein
Freund dahinter. Er fühlte sogleich, als ihm das nahe Glück seines Freundes
bekannt wurde, eine so starke Revolution in der Galle, dass er augenblicklich
seinen Herrn aufsuchte und ihm hinterbrachte, er habe vor ein Paar Minuten
Belphegorn und die tugendreiche Tochter vom Hause hinter einem Heuschober in
einer so vertraulichen inbrünstigen Vereinigung gesehn, dass er dieser seiner
Aussage gewiss Glauben beimessen würde, wenn er drei Vierteljahre auf den Beweis
warten wollte. Der Alte, dem die Keuschheit seiner Tochter am Herzen lag, und
der ohne grosse Not weder göttliche noch menschliche Gesetze gern brach, noch
brechen liess, brannte von Wut, rennte nach dem Orte zu, wo er Belphegorn zu
treffen glaubte, fand ihn bei der Arbeit, ergriff eine Heugabel und rennte ihm
von hinten zu alle drei Zinken in das dicke Bein, stach ihm eben so viele Löcher
in den Kopf und schlug ihm das linke Bein einmal entzwei. Zwo Stunden darauf
liess er den Bader kommen und ihn vom Kopf bis auf die Füsse wieder ausflicken, um
nicht von der Gerechtigkeit des Orts dazu angehalten zu werden: da er wieder
ausgebessert war, nahm er eine Peitsche und gab ihm mit fünf und zwanzig
wohlgezählten Hieben seine Entlassung, und mit einem kräftigen Fluche ein
Empfehlungsschreiben an den Teufel auf den Weg. Belphegor nahm von seinem
Freunde beweglichen Abschied, und dieser bekam den Tag darauf die dicke Rahel
mit allen Pertinentien in rechtmässigen ehelichen Besiz.
    Diesmal konnte sich es Belphegor mit dem grössten Eide versichern, dass ihm
sein gutes Herz nicht den Kopf zerlöchert hatte: eigentlich wusste er gar nicht
und erfuhr auch niemals, warum ihm ein so schmerzhafter Abschied erteilt wurde.
- Demungeachtet, sagte er, will ich auf meiner Hut sein und mich von meiner
Hitze nicht hinreissen lassen, wenn man gleich Millionen Menschen vor meinen
Augen zerhackte und in Blute kochte.
    Er litt viele Tage Hunger, weil auf dem ganzen Striche, wo er ging, alle
Dörfer verbrannt, die Einwohner niedergesäbelt oder betteln gegangen waren. Der
Nachbar des Landes hatte einen Einfall in dasselbe getan und viertausend Stück
Schafe, die es mehr ernährte als das seinige, aufspeisen lassen: bei der
Gelegenheit hatte man statt des Freudenfeuers über erlangten Sieg ein Dutzend
Dörfer angezündet.
    Belphegor fand einen von den Kriegsmännern, die bei diesem Treffen sich
Heldenlorbern erfochten hatten, an einem kleinen Bache, wo er sich seine Wunden
wusch. Er sezte sich zu ihm und machte ihm ein sehr rednerisches Bild von der
Verwüstung und dem Elende, das er unterwegs angetroffen hatte, das der andre mit
einem stolzen Lächeln anhörte. - Ja, heute sind wir brav gewesen, sprach er und
strich den Bart. - Aber um des Himmels willen, rief Belphegor vor Hitze
zitternd, wer gab Euch denn das Recht, so viele Leute unglücklich zu machen? -
    Der Krieg! brüllte der Soldat.
    »Und wer gab Euch denn das Recht zum Kriege? -
    Die Leute leben hier zu Lande, wie im Paradiese, schwelgen und schmausen.
Wir haben zwölfmalhunderttausend geübte Arme, und unsre Feinde kaum
sechstausend: wir müssen ihnen die sündliche Lustigkeit vertreiben.
    Und also, ihr Barbaren, ist eure Uebermacht das Recht, eurem Neide so viele
Unschuldige aufzuopfern? - Ist das euer Recht? -
    Kerl! du bist nicht richtig im Kopfe; du phantasirst; so ungereimtes Zeug
schwatzest du: am besten, mit dir ins Tollhaus! - und so ergriff ihn der
Kriegsmann, band ihn mit einem Riemen an sein Pferd und liess ihn neben sich her
ausser Atem laufen, wenn er nicht von dem Pferde geschleppt sein wollte, das in
einem frischen Trabe fortschritt. Zwo Stunden nach ihrer Ankunft in der nächsten
Stadt war Belphegor, zwar in keinem Tollhause, aber doch im Zuchtause
einquartiret, wo er an einen Pfahl gebunden und mit dreissig muntern
Peitschenhieben bewillkommt wurde: darauf schloss man ihn ein und befahl ihm,
jeden Tag zwanzig Pfund Wolle zu verspinnen, und da er menschlicher Weise diese
Zahl niemals vollmachte, so bekam er zu Ersparung der Kasse selten etwas zu
essen und alle Abende für jedes fehlende Pfund sechs Hiebe.
    Seine Gesellen wurden in kurzem seine Freunde; ein gemeinschaftliches gleich
trauriges Loos machte sie dazu. Nach langen Bitten erbarmte man sich endlich
über den armen Belphegor und erliess ihm täglich zwei Pfund von der
vorgeschriebnen Quantität Wolle; er bekam nichtsdestoweniger alle Abende Prügel,
weil er auch achtzehn Pfund eben so wenig bestreiten konnte, nur jeden Tag zwölf
Schläge weniger, als die übrigen. Von Stund an hassten ihn alle seine Kameraden
wegen dieses vorzüglichen Glücks, und beschlossen, ihn des Nachts im Bette zu
verbrennen. Sie führten ihren Anschlag aus, legten brennenden Zunder in das
Bettstroh, die Flammen nahmen überhand, Belphegor und die übrigen Züchtlinge
entwischten, und das Haus lag nebst einer ganzen Gasse innerhalb etlicher
Stunden im Aschenhaufen da. -
    So soll man mir doch die Zunge ausschneiden, wenn ich mich wieder verleiten
lasse, Ein Wort über Ungerechtigkeiten zu verlieren! sagte sich Belphegor, als
er in Sicherheit zu sein glaubte. - O grausame Akante! in alles dieses Unglück
hast DU mich gestürzt! - Akante! Akante!
    Diesen Ausruf tat er, nachdem er zwölf Stunden in einem Zuge gelaufen war
und sich izt ermattet in einem frischen Birkenbüschchen niederliess, wo er sicher
vor allem Nachsetzen auszuruhen gedachte. Er war im Lande der LETTOMANIER. Kaum
hatte er Atem geschöpft, als er ein barbarisches Geschrei aus der Ferne hörte,
als wenn Pygmäer und Kraniche zusammen kämpften. - Schon wieder etwas! dachte
er; aber meinetalben schlagt ihr euch in Millionen Stücken; ich will zusehn.
    Das Geschrei wurde immer stärker, immer näher, und Belphegor immer
unruhiger, als sich endlich ein ganzer Haufe Bauern in den Busch hereinstürzte,
wo er verborgen sass. Hier sind wir sicher, sprachen sie und lagerten sich. Das
war ein warmer Tag! - Andre brachten ein Fass mit einem Triumphgeschrei
herzugeschleppt, das die Gelagerten beantworteten, und das Glas ging munter
herum. Ein jeder trank seinem Fürsten und der Freiheit zu Ehren.
    Der Freiheit? dachte Belphegor, hui! was müssen das für Leute sein? - Er
horchte und konnte nichts zusammenhängendes erschnappen, als dass hier zu Lande
Bauernkrieg war; bis endlich einer in gewissen Angelegenheiten seitwärts schlich
und auf seinem Wege Belphegorn im Gesträuche erblickte, den er sogleich
hervorzog und seinen Mitbrüdern vorstellte. Man untersuchte ihn genau, ob er
vielleicht zu der feindlichen Partei gehörte, und nachdem man ihm, in
Ermangelung einer gesezmässigern Tortur, hundert Prügel auf die Fusssolen gegeben
hatte, ohne ein Ja aus ihm herauszwingen zu können, so wurde er feierlich für
unschuldig erklärt und zum Glase zugelassen, was ihm aber wenig schmeckte: denn
seine Fusssolen brannten wie Feuer.
    Willst du mit für die Freiheit fechten? fragten ihn einige. - Gebt mir nur
die meinige, dann seht, wie ihr die eurige behauptet! - Was? für die Freiheit
willst du nicht fechten? Du bist ein Spion! ein Feind! - und sogleich sezte man
sich in Positur, ihn mit einem Strohseile an eine schöne schattichte Eiche
aufzuhängen. - Sagt mir nur erst, wer eure Freiheit gekränkt hat? rief
Belphegor, als er den Spass dem Ernste so nahe sah: sagt mir es, und gern, gern
will ich für sie fechten.
    Siehst du, nahm sein Nachbar das Wort, der bisher beständig still gesessen
hatte - siehst du! der liebe Gott hat uns nur zwei Hände und zwei Füsse gegeben,
und doch sollten wir den Leuten, die uns gekauft haben, so viel arbeiten, als
wenn wir ihrer ein Paar Dutzend hätten. Sie wollten uns weis machen, wir hätten
keinen Magen; wir sollten nur hungern, SIE wollten schon für uns essen: und ob
uns ein Paar Lumpen auf dem Leibe hiengen, oder ob wir nackt giengen, wäre auch
gleich viel; Adam sei ja in Gottes Paradiese auch nackt gegangen und ein braver
Mann, der erste Erzvater gewesen. Was wäre denn nun vollends solchen nackten
Lumpenkerlen Geld nötig? meinten sie; wir hätten ja ohnehin keine ganzen
Taschen; also wärs doch tausendmal besser, dass wirs IHNEN gäben, als wenn wirs
verlören: das wäre ja jammerschade: sie wollten uns dafür recht hübsch gepuzte
Kerle, Laufer, Lakeien, Heiducken, schöne Pferde, allerliebste Hunde, hübsche
Kutschen zu sehn geben, und alle Sonntage sollten wir ihr Vivat rufen, ihnen
langes Leben und Wohlergehn wünschen, und wenn wir etwas in der Tasche aus
Versehn zurückgelassen hätten, es auf ihre Gesundheit in ihrem Biere vertrinken.
Die Woche über sollten wir nur hübsch fleissig sein, hübsch viele und gesunde
Kinder liefern, die auch bald arbeiten und geben könnten, und dabei Gott mit
frölichem und zufriednem Herzen danken, dass er uns so gnädige Herren beschert
hat, die uns nicht lebendig schinden, weil sie uns sonst nicht brauchen könnten.
Des Lebens wurden wir satt; freier Tod ist besser als sklavisches Leben; wir
schlugen zu. Achtzehn Schlösser haben wir schon bis auf den Grundstein zu Pulver
verbrannt, neunzig Grafen und Edelleuten die Bäuche aufgeschnitten und einen
ganzen Schwarm Edelfrauen bei Strohwischen gebraten, samt den schönen Jungen und
Jungfern, Hunden und Pferden, die sie von unserm Gelde gekauft haben. Heisa! Es
lebe die Freiheit! Willst du mitfechten? - Komm! wir sind zurückgesprengt
worden. Wir wollen dort ans Schloss ansetzen, das im Walde liegt. Dem
rotköpfichten Junker dort auf den Hals! Fort Brüder! du sollst unser Anführer
sein, Freund! - Ja, unser Anführer! riefen sie alle und machten sich
marschfertig.
    So wenig sich Belphegor diese Ehre wünschte, oder auch sein Amt versehen
konnte, weil er wegen der zerprügelten Fusssolen kaum ohne Schmerz aufzutreten
vermochte, so wollte er doch lieber mit seinem Kommandostabe vor ihnen her
hinken, als sich an die schöne schattichte Eiche aufknüpfen lassen: er stolperte
also vor seiner Armee voran, wie ein zweiter Ziska, mit dem gegenwärtig sein
ganzer Körper grosse Aehnlichkeit hatte. Der Marsch ging unter einem
unaufhörlichen Ausrufe der Freiheit auf das Schloss des Junkers los, dem sie
ihren Besuch zugedacht hatten. Sie kündigten ihre Ankunft zuerst durch eine
volle Ladung Steine den Fenstern an, erbrachen das Wohnhaus und liefen schon
herum, um brennbare Materien aufzusuchen. Plözlich war der ganze stürmende Haufe
von einem Truppe der Landesarmee umschlossen; man schrie, man fluchte, lief,
stund, ging; man warf Steine, Balken, Dachziegeln; man erschoss, man würgte, man
raufte sich bei den Haaren; einige stachen mit Mistgabeln, andre metzelten mit
Säbeln die Feinde nieder, und viele schlugen sie mit Knitteln todt; viele
suchten den Ausgang zur Flucht, fanden ihn nirgends, öffneten sich ihn mit
Gewalt und wurden mitten im Durcharbeiten daniedergetreten; der Vater tödtete
unwissend den Sohn, und der Sohn erwürgte den Vater; sterbende Stimmen ächzten -
Freiheit! und lebende riefen - Rebell! Abgerissne Füsse, zerfleischte Arme,
gequetschte Köpfe, verstümmelte Leiber, Waffen, Beute, Pferde lagen in dem
schrecklichsten Chaos neben und über einander. Zweihundert Bauern wurden auf dem
Wahlplatze erschossen, von Pferden zermalmt, im Gedränge erdrückt, zertreten,
eine viel grössere Anzahl gefangen, und nur wenige entkamen, worunter auch
Belphegor war, der in der Begeisterung des Treffens ritterlich gefochten und von
einem sich davon stürzenden Schwarme mit fortgerissen worden war. Man sezte
ihnen nach, die übrigen entkamen durch die Geschwindigkeit der Füsse, doch den
unglücklichen Belphegor nötigten seine wunden Fusssolen zurückzubleiben und in
die Hände der Nachsetzenden zu fallen. Eine lange Allee vor dem Stadttore wurde
sogleich mit vierhundert aufgehängten Bauern geschmückt, hundert wurden
gerädert, andre lebendig eingemaurt, und alle als Rebellen verflucht, ihre Namen
in Stein eingehauen, und ihr Andenken auf ewig mit der grössten Schande
gebrandmahlt. Für die Anführer, worunter auch Belphegor sich befand, wollte man
bei grösserer Musse eine Strafe aussinnen, die alle Strafen der ganzen polizirten
Welt an Strenge und Grausamkeit überträfe.
    Belphegor, der das grässliche Schauspiel mit ansehn musste, geriet bald in
Feuer; stark empfindende Herzen, wenn sie zu heftig angegriffen werden, wagen
das Äusserste: er fasste einen von den dastehenden Richtern bei der
Knotenperucke. - Welches Recht, sprach er, habt ihr, Barbaren, diese
Unglücklichen ohne alles Gefühl wie Rebellen niederzumetzeln? Sie wollten das
Joch abwerfen, das schändlichste Joch der Unterdrückung, und ihr straft sie, dass
sie eine Freiheit zu erkämpfen suchten, die ihnen die Natur so gut als euch gab,
und die ihr ihnen entrisset! Schande! ewige Schande für die Menschheit, dass sie
ihr Wohlsein auf den Untergang etlicher Schwachen aufbaut.
    Der Richter, der kaltblütigste Mann, der auf einem Richterstuhle gesessen
hat, antwortete ihm zur Kurzweile ganz trocken: wer hat ihnen denn etwas
unrechtes zugemutet? Es blieb ja alles bei dem Alten. -
    Ja, unterbrach ihn Belphegor, bei der alten Unterdrückung! Unsre Vorfahren
in dem unseligsten Stande der Wildheit überwältigten die Väter dieser Elenden
und legten ihnen das barbarischste Joch auf; und wir, die wir jene Zeiten mit
der stolzesten Verachtung unter uns herabsetzen, wir - - -2
    Das ist ja immer so gewesen! fiel ihm der Richter ein. Der Stärkere hat von
Ewigkeit her den Schwächern zum Sklaven gehabt, ein Mensch hat beständig über
den andern herrschen wollen, und wer den andern hat daniederwerfen können, der
ist der Herr gewesen. Es war ja immer so, wie wir in Historienbüchern finden,
dass der Schwache, wenn er so dumm war, sich von dem Mächtigen nicht alles
gefallen lassen zu wollen, gehangen, geköpft, gerädert wurde. -
    »Aber diese Elenden wollten ja gern eure und der übrigen Menschheit Diener
sein, nur als Menschen behandelt werden, die zu ihrer Glückseligkeit so wohl als
ihr auf diese Kugel gesezt sind. -
    Es ist ja immer so gewesen; was wollen sie denn neues haben? Die Menschen
haben ja beständig einander gequält, und wer sich nicht quälen liess, den schlug
der andre todt, wenn er konnte. Es ist ja immer so gewesen; wenn dirs so nicht
ansteht, so ändre das! Mache, dass du morgen nicht gehangen wirst; wenn dus
kannst, so hast DU Recht, aber bis hieher haben WIR es.
    Belphegor, der durch den dehnenden fühllosen Ton und die eiskalte
Frostigkeit des Mannes ganz ausser sich selbst gesezt war, biss vor Zorn und Wut
so heftig in seine Ketten, dass ihm zween Zähne blutig aus dem Munde sprangen,
und gern hätte er das ganze Tribunal mit den übrigen zerrissen, wenn ihm nicht
nach seiner ersten Invasion in die Knotenperucke, zu Verhütung alles Schadens,
der Hals vermittelst einer dauerhaften Kette mit den Knieen zusammengeschnürt
worden wäre.
    Den Tag darauf wurde das Urteil an ihm vollstreckt, das ihm der kalterzige
Richter prophezeit hatte: er wurde an einem der ansehnlichsten Plätze der Stadt
in Ketten aufgehangen, die man in Ermangelung derselben in Stricke verwandelte:
da man aber seinen Namen erfuhr, und aus dem fremden Klange desselben schloss,
dass er keines lettomanischen Ursprungs sein könnte, so wurde beschlossen, ihm,
als einem Ausländer, die schuldige Ehre anzutun, und ihn eine Viertelelle höher
zu hängen, als den Lettomanier, der neben ihm seine Stelle finden sollte, und
dieser musste ihm aus Höflichkeit die rechte Hand lassen. Der Lettomanier, der
dies als eine Beleidigung gegen seine einheimische Abstammung und gute Geburt
ansah, wurde neidisch auf Belphegorn: er bestach den Scharfrichter, diesen
Nebenbuhler der Ehre so schwach zu befestigen, dass ein mässiger Sturm ihn
entweder in gleiche Linie mit ihm bringen oder ganz unter ihn daniederwerfen
könnte. Es geschah. Kurz darauf entstund ein Erdbeben, der Himmel überzog sich
mit fürchterlichen Wolken, es donnerte und blizte, regnete und stürmte - welches
alles die Lettomanier nunmehr, da sie durch den Ausgang belehrt waren, wer Recht
hatte, als einen Beitrag der göttlichen Rache zur Bestrafung der umgebrachten
Rebellen betrachteten. Der Sturm warf den schlecht befestigten Belphegor
herunter, der Blitz traf ein Haus in der Nachbarschaft, das sogleich in hellen
Flammen aufloderte, das Feuer verbreitete sich von Haus zu Haus, von Gasse zu
Gasse, und verheerte fast die halbe Stadt. Während des Tumultes, da alles
winselte, schrie, lärmte, lief und rennte, erwachte Belphegor, an dem der
Scharfrichter sein Amt überhaupt schlecht verwaltet hatte, von seiner bisherigen
Betäubung, da Blut und Lebensgeister wieder ihren ungehinderten Lauf bekommen
hatten; er erblickte nicht so bald den Aufruhr und das allgemeine Schrecken, als
er ohne Anstand die Entschliessung nahm, die Gelegenheit zur Flucht zu nützen. In
Eile arbeitete er sich los, so gut er konnte, und floh zur Stadt hinaus: niemand
bemerkte ihn, und niemand wollte ihn bemerken.
    Die ganze Nacht hindurch lief er, ohne ein einzigesmal auszuruhen, und kam
in der Morgendämmerung mit der Angst eines Gehängten, der nicht gern eine zweite
Erfahrung machen möchte, wie es sich zwischen Himmel und Erde wohnt, an eine
Priesterwohnung, wo er mit so grosser Verwunderung als Bereitwilligkeit
aufgenommen wurde. Sein Gefährte war nebst Stricken und Galgen verbrannt, und
weil man ihn gleichfalls in Asche und Staub verwandelt glaubte, so blieb er vor
der Nachstellung desto sichrer.
 
                                  Zweites Buch
Der ehrliche treuherzige Magister MEDARDUS war gegenwärtig der Besitzer dieser
einsamen ländlichen Wohnung - ein Mann, der alle Menschen Brüder nennte und als
Brüder behandelte, der ärmste und doch der freigebigste gastfreieste Seelenhirte
des ganzen Landes, der mit Unglück und Gefahren gekämpft hatte und noch täglich
von ihnen herausgefodert wurde, sieben lebendige Kinder besass und eine Vorsehung
glaubte.
    Zween Unglückliche bedürfen keiner Mittelsperson, in Bekanntschaft oder
Vertraulichkeit zu geraten: bei dem guten Medardus war sie noch viel weniger
nötig. Ein Krug voll Apfelwein, das sein täglicher und liebster Trank war,
vertrat die Stelle derselben und wurde häufig unter beiden gewechselt; Belphegor
klagte und jammerte dabei über den Neid und die Unterdrückung der Menschen, und
Medardus ermahnte ihn, mit der Welt zufrieden zu sein, so lange es noch
Apfelwein und eine Vorsicht gebe.
    Brüderchen, iss und trink heute noch! Morgen ists vorbei; morgen muss ich
fort, sprach er. -
    Morgen fort! warum das? -
    Die Leute sind böse darauf, dass mir mein Apfelwein so gut schmeckt. Du
weisst, Brüderchen, dass Bauernkrieg ist -
    Ja, leider weis ichs! unterbrach ihn sein Gast mit einem tiefen Seufzer. Ja,
Freund, der unglückliche Belphegor -
    Was? Bist du Belphegor, Brüderchen? der Belphegor, der dem Richter die weisse
Knotenperücke schüttelte? - Du bist ein braves Kerlchen! Der brave Belphegor
soll leben! - und dabei tat er einen herzhaften Schluck. - Siehst du,
Brüderchen? die Bauern haben Unrecht behalten, das weisst du! Ich bin einer von
ihren Pfarrern; morgen muss ich fort. -
    Aber was hat denn der Pfarrer mit dem Bauernkriege zu schaffen? -
    Je, Närrchen, ich habe ein Wörtchen fallen lassen - nicht viel! gar nicht
viel! darüber sind sie böse geworden; und weil sie denken, sie könnens, so
plagen sie mich so lange, bis ich fortgehe. Meine Kinder sind versorgt; mein
Apfelwein ist diesen Abend alle; und morgen geht die Reise fort. Die Vorsicht
ist überall. Meine Frau ist vor Kummer gestorben - Hier hielt er schluchzend
inne: sogleich heiterte sich sein Gesicht wieder auf: aber die Vorsicht lebt
noch, sezte er ruhig hinzu. - Es war eine herzensgute Frau - er weinte - gar ein
goldnes Weibchen - er weinte noch mehr. - Da, Brüderchen! fuhr er auf einmal
auf, indem die Tränen noch über sein erheitertes Gesicht herabliefen - da
Brüderchen! Ihr Andenken! - und brachte ihm den Krug zu. -
    Ach Akante! du grausame Akante! rief Belphegor, indem er den Krug dem Munde
näherte.
    Brüderchen, ist das deine Frau? rief Medardus. -
    Nein! aber- kennst du das grausame Felsenherz? -
    »O, Närrchen, mehr als zu wohl! Ich habe als Jesuiterschüler dreihundert
wohlschmeckende Hiebe um ihrentwillen bekommen -
    Um Akantens willen? Auch da war sie schon eine Wölfinn? -
    O, Kind, sie war schön! tausendmal schöner als meine Frau, aber nicht den
hunderttausendmaltausendsten Teil so gut; so gut kann aber auch keine auf der
Welt sein, als das liebe Weib.« - Die Tränen stunden schon wieder in den Augen,
und der Ton wurde weinerlich. - Ihr Andenken, Brüderchen! sagte er frölich und
trank. - Hui! fuhr er fort, also kennst du Akanten, Brüderchen? -
    Und meine Hüfte noch mehr! die Barbarinn! Sie ist die Urheberinn alles
meines Unglücks, sagte Belphegor.
    Und auch des meinigen! fiel ihm Medardus ins Wort. Dreihundert gute gesunde
Hiebe brachte sie mir zuwege. Sie gefiel mir, und ich ihr, und zwar mehr als
mein Lehrer, der ihr mit aller Gewalt gefallen wollte. Siehst du, Kind? das
machte ihm die Leber warm; weil er der Stärkre war, so durfte ich ihm meinen
Rücken nicht verweigern; ich bekam zu Heilung meiner Liebe dreihundert baare
Hiebe und wurde in ein Kloster gesteckt. Wir erhielten darin zuweilen
heimliche Besuche von etlichen artigen Puppen, die uns die Einsamkeit
erleichtern sollten: bei meiner Schlafmütze! ich war so unschuldig, wie ein
Sechswochenkind: ich hatte nichts Böses im Sinne und konnte auch nicht: purer
Naturtrieb! die Kinderchen gefielen mir, es war mir wohl, wenn ich bei ihnen
war, und schlimm, wenn ich sie entbehren musste. Auch mir waren sie herzlich gut,
und die übrigen Schlucker bekamen kaum einen Kuss, wenn ich schon sechse zum
voraus hatte. Siehst du, Brüderchen? Sie wurden neidisch: Bruder Paskal
versteckte sich, und da ich im Dunkeln vor ihm vorbeigehe, fasst er mich bei den
Ohren und will mir beide Ohren abschneiden, aber das Messer war zu stumpf; so
kam ich mit einem hübschen langen Schnitte davon, den ich wieder zuheilen liess.
Damit war aber der Groll nicht vorüber: wenn ich nur einen Blick mehr bekam als
ein andrer, so musste ich leiden; und ob ich gleich izt mit ihnen nur in gleichem
Schritte ging, so blieben sie mir doch feind und suchten alle Gelegenheit, mir
zu schaden, mich zu verfolgen. Einige beschlossen, mich zu entmannen, doch
Bruder Paolo widersezte sich ihrem Anschlage. Er konnte an sich selbst abnehmen,
wie schrecklich ein solcher Zustand sein müsste. Aus christlichem Mitleiden
empfahl er seinen Mitbrüdern in einer zierlichen Rede die Barmherzigkeit, als
eine der Kardinaltugenden, und beredete sie, mir lieber, um ihr Gewissen vor
Grausamkeit zu bewahren, im Schlafe alle Flechsen am ganzen Leibe zu
zerschneiden. Zum Glücke erfuhr ich diesen schönen Plan, als er eben geschmiedet
wurde, und ehe sie ihn ausführen konnten, war ich unsichtbar.
    Ich änderte Land und Religion zugleich und studirte. Siehst du, Brüderchen?
nun ging eine neue Not an. Der Superintendent * * * hatte viel Liebe für mich;
er erhielt mich und war auf eine Versorgung für mich bedacht. Indessen bekam
auch die Mätresse ° ° eine kleine Liebe für mich; es lag ihr an weiter nichts
als einen Hofprediger zu haben, der IHR alles zu danken hätte und ihr darum aus
Dankbarkeit das Wort reden müsste; in kurzem war ich Hofprediger, ohne dass vorher
jemals einer gewesen war. Nun war alles wider mich; alles was ich sagte, war
heterodox, alles Irrlehren, ich war ein dummer unwissender unwürdiger Mann, ob
sie sich gleich alle vorher über meine Wissenschaft gewundert hatten, meine
Sitten, mein Betragen war unanständig, man streute die ärgerlichsten Erzählungen
von meinem ehmaligen Wandel aus, ob ich gleich von einem jeden meiner Neider und
vormaligen Patrone schriftliche und mündliche Zeugnisse für mich hatte, die mich
wegen meiner Aufführung als ein Muster lobten und priesen. Ich wurde von Tage zu
Tage verhasster: die Beschuldigungen von Irrtümern wurden immer häufiger und
angreifender, dass ich endlich aufgefodert wurde, mich in einer öffentlichen
Unterredung zu rechtfertigen. Ich musste darein willigen, oder mich meinen
Feinden überwunden geben. Meine Gegner fochten, wie Seeräuber; alles verdrehten
sie, sie schrieen auf mich los, um mich aus der Fassung zu bringen, und der
Superintendent, der nicht sonderlich frisch Latein reden und auch nicht
sonderlich frisch denken konnte, hustete, stotterte, wusste nichts zu sagen, und
gab mir endlich mit der geläufigsten Zunge von der Welt alle Ketzernamen, die er
aus Rechenbergs Kompendium gelernt hatte. Quid volumus plus? sagte er; ut
finiamus controversiam, er ist ein Pelagianer, Samosatenianer, Cerintianer,
Nestorianer, Eunomianer, Arrianer, Socinianer, Eutychianer; und alle stimmten in
einem Tutti zusammen: -aner, -aner, -aner! - Ich versammelte die Kräfte meiner
Lunge und bombardirte, da sie erschöpft waren, mit einem solchen Schwalle
Jesuitenlatein auf sie los, dass sie schwizten, stammelten und bestürzt sich
umsahn. Meine Beförderinn und Beschützerinn, die dem Wettstreite in eigner
Person beiwohnte, nüzte diesen günstigen Zeitpunkt, erhub ein lautes Gelächter,
alle Damen und Herren hinter drein, denen endlich das ganze anwesende Publikum
beitrat, meine Gegner wurden ganz ausser sich gesezt, und konnten kein Wort
hervorbringen, weil jedes, das sie versuchten, durch ein neues Gelächter
erstickt wurde. Der Sieg war mein; ich hatte bei jedermann Recht. Siehst du,
Brüderchen? ich hatte Recht, weil ich die Oberhand hatte.
    Meinen Feinden blieb die Leber lange warm: meine Beschützerinn fiel in
Ungnade. Siehst du, Brüderchen? nun kam die Reihe an MICH, Unrecht zu haben. Sie
untergruben mich heimlich auf die listigste Weise, und ehe ichs dachte, ward
mein Amt wieder aufgehoben, und ich in eine andre Stelle versezt, wo die
christliche Gemeine so klein war, dass meine Heterodoxie nicht viele verführen
konnte. Siehst du, Brüderchen? izt hatte ich bei jedermann Unrecht, weil ich
unten lag: aber eben deswegen wurden der Superintendent und alle meine vorigen
Gegner allmählich meine guten Freunde, und ich war in ihren Augen wieder so
ortodox, als ein symbolisches Buch.
    Bald darauf wurde Krieg, und ich Feldprediger. Mein Kollege war mir
behülflich dazu und ausserordentlich gewogen: aber wenige hörten ihn gern, und
alle verlangten mich; wer es Umgang haben konnte, vermied seine Predigten, und
in meine kamen sie haufenweise. Siehst du, Brüderchen? die Freundschaft war aus;
und er wurde mir gar feind, als ich einen gewissen Fromal zum Tode bereiten
musste -
    Was? fuhr Belphegor auf, einen gewissen Fromal zum Tode bereiten musste! Ist
Fromal todt? -
    Er sollte gehängt werden, aber er kam gelinde davon; er wurde nur mit
nackten Rücken um das ganze Lager, bei Trommeln und Pfeifen, herumgeführt, und
bekam alle zehn Schritte sechs Rutenstreiche.
    Fromal! mein Freund! schrie Belphegor, was hatte er denn getan? Verdient
kann er eine solche schimpfliche Strafe nicht haben. -
    Er wurde für einen Spion gehalten: aber siehst du, Brüderchen? ICH kam am
schlimmsten dabei an. Fromal hatte mich ausdrücklich verlangt, ob es gleich
meinem Kollegen zugekommen wäre; dadurch wurde der alte Hass wieder aufgerührt.
Mit der Ortodoxie konnte er nichts ausrichten, wenn er mir gleich alle
Ketzereien auf den Kopf hätte schuld geben wollen. Er machte mich also auf einer
andern Seite verdächtig; er klagte mich heimlich bei allen Offizieren eines
grossen Eifers für die feindliche Partei an, und überredete sie, dass mich nichts
als die Furcht vor der Schande abhielt, sonst würde ich zu ihr übergehn und
selbst mit ihr fechten: er machte es ihnen sogar wahrscheinlich, dass ich über
einem solchen Anschlage brütete. In kurzem kam es dahin, dass jedermann meine
Predigten so ungern hörte, als die seinigen; er genoss wegen seiner Entdeckung
ein wenig Achtung mehr als ich; und wir waren wieder herzensgute Freunde. -
Siehst du, Brüderchen? wird dir die Zeit etwa lang? - Siehst du? wer zu mir
kömmt, muss einen Krug Apfelwein mit mir trinken und meine Geschichte hören;
sonst lass ich ihn nicht von mir. - Da! Freund Fromal soll leben! -
    Die grossen Herren machten Friede, und bei mir ging der Krieg an. Ich sollte
zu einer ansehnlichen Stelle erhoben werden, und meine Patrone machten alle
Anstalt dazu. Gleich war ich wieder ein Irrgläubiger; alles an mir, bis auf die
Schuhschnallen, war heterodox. Ich musste mich lange herumtummeln und richtete
doch nichts aus. Ich behielt Unrecht: denn ich lag unter. Siehst du, Brüderchen?
Ich musste vorlieb nehmen, was sie mir gaben: die mich vorher, als ich über sie
wollte, hassten und verfolgten, taten mir izt Gutes - was ich bei meiner
Einnahme sehr brauchte - recht viel Gutes, weil ich unter ihnen war.
    In diesem Aemtchen nahm ich meine verstorbne Frau. - Die Tränen standen ihm
schon in den Augen, als er sie nur nennte; und er fuhr schluchzend fort: Ach,
Brüderchen, das beste Weibchen unter der Sonne! Ich möchte heute noch sterben,
um sie wiederzusehn: sie war so gut! so treuherzig! wahrhaftig, ich bin nur ein
Schurke gegen sie. Dass doch die guten Leute so frühzeitig sterben! das
herzeliebe Weib! - Hier brach er in eine Flut von Tränen aus, die nicht in
Tropfen sondern in Einem Gusse über die Backen herabschossen. Der Strom war noch
in vollem Laufe, als der ganze Horizont seines Gesichts sich schon wieder
aufklärte. Ihr ewiges Andenken, Brüderchen! rief er mit tränenvollen Backen und
frölicher Mine, und trank.
    O Akante, murmelte Belphegor, könnte ich so dein Andenken bei mir erneuern!
Aber, du undankbare Schlange - -
    Brüderchen, das Herze springt mir, wie ein Lamm, wenn ich nur an einen
Buchstaben von ihrem Namen denke. - Die Tränen ergossen sich von neuem. - Kein
Wunder, fuhr er nach einer kleinen Pause fort, dass ich um ihrentwillen so viel
ausstehn musste! Mein benachbarter Amtsbruder hatte schon lange um sie geworben,
und nun nahm ich ihm Hoffnung und Frau auf einmal weg. Er wurde neidisch; er
schwärzte mich bei unserm Superintendenten an, und machte mich abermals zum
Ketzer. Meine päbstlichen jesuitischen Meinungen sollten mir noch anhängen;
tausend Ungereimteiten dichtete er mir an, an die ich niemals gedacht hatte.
Siehst du, Brüderchen? ich sollte in Untersuchung kommen; es geschah auch. Ich
focht mich ritterlich durch, oder vielmehr der Superintendent half mir durch,
weil er ein Feind vom Präsidenten war, und meine Gegner diesen auf ihre Seite
gebracht hatten, weswegen jener gleich zu meiner übergieng, um nur den Mann zu
überstimmen, den er tödtlich hasste, weil er Präsident und eine ganze Stufe über
ihn war.
    Aber, Brüderchen, es war doch nicht zu dulden: ich wurde auch bei meiner
Gemeine wegen grosser Irrlehren verdächtig gemacht; ich nahm kurz weg meine
Partie, bewarb mich um ein ander Amt und kam hieher. Meine gute Frau liess ich
hier begraben; siehst du, Brüderchen? hier in der Ecke starb sie - - - sieben
Kinder - - - er stockte vor Wehmut. - Doch die Vorsicht lebt noch, fuhr er
erheitert fort, meine Kinder sind versorgt: morgen wandre ich fort: meine Möbeln
sind voraus. - Siehst du, Brüderchen? wie ich dir sagte, ich liess ein Wörtchen
zu viel fallen; und ich bin geplagt worden! ich bin geplagt worden! Ich dachte,
lange sollt ihr mich nicht plagen; ich fand ein andres Aemtchen, und so lebt
wohl! Morgen geh ich; aber trink, Brüderchen! der Apfelwein muss heute alle
werden. - Ich habe erzählt; nun, Brüderchen, erzähle du! Willst du mit mir, so
steht dir mein künftiges Haus offen. Nu, erzähle! -
    Belphegor erzählte ihm darauf seine ganze tragische Geschichte von Akantens
unbarmherziger Verweisung bis zu seiner Einquartirung zwischen Himmel und Erden.
Den Beschluss machte eine klägliche Apostrophe an Akanten, die er ein Demanterz,
einen Feuerstein, eine Tigerinn, Löwinn schimpfte, und versprach ihr als ein
ehrlicher Mann, sie von Herzen zu hassen, und wenn es sein könnte, gar zu
vergessen.
    Des Morgens darauf wanderte Medardus mit Belphegorn aus, um ihre Reise bis
an den Ort zusammen zu tun, wo jener sein neues Amt antreten sollte. Belphegor
ging mit schwerem Herzen und traurigen Ahndungen wieder in die offne Welt aus,
und würde vermutlich noch tausendmal unmutiger diese Ausflucht unternommen
haben, wenn er nicht einen so wohlmeinenden guterzigen Freund an seinem
Begleiter gehabt hätte. Medardus nahm von der Wohnung und dem Orte, wo er sein
Liebstes zurückliess, mit den weichmütigsten Tränen Abschied, und ehe er noch
ausgeweint hatte, kehrte er sich um, fasste seinen Reisegefährten bei der Hand
und sagte mit lebhafter Frölichkeit zu ihm, als er seine verstörte Mine
erblickte: Brüderchen, sei gutes Mutes! Die Vorsicht ist überall. -
    Aber auch die Welt! unterbrach ihn Belphegor. O Fromal! dass du Recht
hattest, als du mich lehrtest, überall sei Krieg. Ich, Elender, trage die
traurigsten Beweise, dass du die Wahrheit sagtest: doch dies sollen die lezten
sein. - Freund, rief er, indem er den Medardus hastig ergriff, Freund, wo ich
bei den hässlichsten Ungerechtigkeiten mehr als mitleidiger traurender Zuschauer
bin, wo ich nur Ein strafendes Wort über meine Lippen kommen lasse, so löse,
reisse, schneide, senge mir meine Zunge von der Wurzel aus, wie du willst! Mag
die ganze Erde sich um mich in Faktionen zerteilen und sich um das elendeste
Nichts, um Seifenblasen herumschlagen- ich schweige, ich hülle mich nach deinem
Rate, Fromal, in die dickste Unempfindlichkeit und - sehe zu.
    Ja, Brüderchen, sagte Medardus, ich lasse auch gewiss kein Wörtchen wieder
fallen, und wenn die Stärkern die Schwächern lebendig ässen. -
    Ihr Weg war viele Tagereisen lang, deren Anzahl um so viel stärker wurde, da
sie jeden Tag nur langsam ein Paar Meilen fortgiengen. Bei ihrer zweiten Einkehr
fanden sie einen heftigen Krieg in dem Wirtshause, der einen grossen Trupp
Zuschauer herbeigelockt hatte. Ein Mann von ehrbarem Ansehn mishandelte einen
Juden auf das härteste, dem er unaufhörliche Vorwürfe machte, aus welchen man
schliessen konnte, dass ihn der Hebräer betrogen haben musste.
    Freund, zischelte Belphegor seinem Gefährten leise ins Ohr, siehe! wo der
Mensch nicht mit Gewalt unterdrücken kann, da unterdrückt er mit List, da
betriegt er. Immer Mensch wider Menschen! -
    Als der tätlichste Teil des Streits vorüber war, liess sich der Zorn in
Worte aus: man legte die Waffen nieder und kehrte sich zu einem mündlichen
Prozesse.
    Der Mann, der den Juden mishandelte, war der Stattalter und Justizpfleger
des Orts. Nachdem er dem Israeliten, der izt mit den empfangenen Schlägen noch
zu viel zu tun hatte, um seine Einreden anders als in den Bart zu murmeln,
seine Titel und Macht umständlich explicirt und ihm dabei begreiflich gemacht,
dass, obwohln er anbefugter Massen ihn mit härterer Strafe hätte belegen können,
er doch sich nicht entbrochen habe, ihm die Ehre anzutun und seinen Rücken in
eigner hoher Person den tragenden Richterzepter empfinden zu lassen.
Schliesslichen sezte er hinzu, dass er aus Christenpflicht schon verbunden gewesen
wäre, ihn für seine Betriegerei so kurz weg zu bestrafen, da er ohnehin so
bettelarm wäre, dass es nicht die Mühe belohnte, ihn in der gehörigen Form zu
bestrafen. - Du Hund von Juden! Du Betrieger! -
    Was? rief der Jude mit seinem jüdischen Tone, hott der Herr nit mich zuerst
betrogen? Hott er mir nit ä Pfärdel verkoft, ä Pfärdel, das war blind, das war
steif, das hotte ein angeleimt Schwanz, das war nit zwä Täller wert, und hobe
gegäben dem Herrn, hobe gegäben achzig Reichställer! achzig Reichställer, so
wahr ich leb! -
    Nachdem und alldieweiln du ein Jude bist, als kann dir mit einem solchen
Traktamente nicht Unrecht geschehen. -
    Nu, wohl! weil der Herr ä Christ ist, so dorf mirs der Herr nit übel nähm,
dass ich ihn wieder betrieg: der Herr hott mich betrogen zuerst: wir sind beede
Betrieger. -
    Der Andre war wegen der grossen Anzahl der Anwesenden etwas betroffen. - Ihr
Christen, fuhr der Jude, der deswegen Herz schöpfte, in der nämlichen Sprache
fort, ihr seid saubere Leute; wenn ihr einen armen Juden anführt, so glaubt ihr,
ihr habt noch so viel getan; und wenn wir uns rächen, so bestraft ihr uns als
Missetäter: ihr habt uns doch das Beispiel dazu gegeben. Ihr verachtet uns, als
die elendesten Kreaturen, und wenn ihr Geld braucht, sind wir doch die liebsten
schönsten Leute. Sind wir nicht Menschen? Wenn ihr immer an uns zapft, so müssen
wir euch betriegen, um beständig voll zu sein, wenn ihr zapfen wollt. -
    Da er sah, dass sein Gegner immer verschämter wurde, so wuchs sein Herz
zusehends. Er drohte, ihn bei einem halben Dutzend Excellenzen und ein Paar
Durchlauchten zu verklagen, die er insgesamt sehr genau, wie Brüder, kennen
wollte, und doch weiter nicht, als jeder unter den Anwesenden - dem Namen nach
kannte; und da er in der grössten Hitze seinen Gegner zur Tür hinausgedonnert
hatte, so wandte er sich mit ruhiger Höflichkeit zu Belphegorn: hat der Herr
nicks zu schackern? zu schackern? fragte er und nannte ihm eine Menge
Materialien her, mit welchen er zu schackern wünschte: da er aber keine Antwort
erhielt, so tat er an andre noch etlichemal ähnliche vergebliche Anfragen und
begab sich fort.
    Belphegor, der eine Heldenstärke gebraucht hatte, um seine Zunge und seinen
Unwillen zurückzuhalten, fasste seinen Freund bei dem Arme und bat ihn, mit ihm
an die frische Luft zu gehn. - O, rief er, als sie in einem kleinen Baumgarten
angelangt waren, und schlug mit Bewegung die Hände zusammen - ist das der
Mensch, der edle, freundschaftliche, gesellige Mensch, dies empfindende,
denkende, mitleidige Tier, wie ich mir ihn sonst abmahlte? So viel ich ihrer
bis hieher gesehn habe, alle waren Raubtiere; alle laurten auf einander, sich
mit List oder Gewalt zu schaden: einer war, wo nicht der Feind des andern, doch
nur so lange sein Freund, als er unter ihm war, und gleich weniger, so bald er
über ihn stieg: alles misbrauchte seine Stärke zur Unterdrückung. Bedenke, wie
ungerecht war dieser Mann, einen Elenden zu mishandeln, weil er zu einer Nation
gehörte, die wir zum Ziele unsrer Verachtung und Eigennützigkeit hingestellt
haben: die wir gezwungen haben, Betrieger zu werden, weil wir ihnen alle Mittel
abschneiden, ehrlich sich zu erhalten, weil wir sie zu einer Geldquelle
bestimmen, aus welcher jedermann schöpfen will, und verlangen, dass sie nie
versiegen soll. -
    Siehst du, Brüderchen? antwortete ihm Medardus, das ist immer so gewesen.
Die Christen, die sich über alle Völker des Erdbodens, über die weisesten
Griechen und Römer erhoben haben, weil diese kein Wort von der Nächstenliebe
sagen - die barmherzigen, sanftmütigen Christen, die es bis auf diese Stunde
den Heiden vorwerfen, dass sie ihren Feinden nicht, wie Teaterhelden, grossmütig
vergaben, sondern Beleidigungen auf der Stelle ahndeten - diese Christen haben
von jeher es für ihre heiligste Pflicht gehalten, die armen Hebräer zu peinigen,
zu quälen, auszusaugen, und noch izt, in unserm lichtellen Jahrhunderte sieht
es ein grosser Teil als eine Wohltat an, diesem irrenden Volke menschlich zu
begegnen. -
    Die Nation hat sich freilich selbst unter die Würde der Menschheit
herabgesezt -
    Siehst du, Brüderchen? durch unsre Schuld! Wir schwatzen an allen Enden und
Orten von Mitleid und edlen Empfindungen und hassen die armen Israeliten auf den
Tod. WIR haben angefangen zu hassen; das kann ich ihnen nicht übel deuten, dass
sie ein Geschlecht, das sie hasst, nicht lieben. Weil wir die Mächtigern waren,
unterdrückten wir sie: da sie sich durch die Stärke nicht verteidigen konnten,
führten sie den Krieg mit uns durch Hass und Betrug. Jedes Menschengeschöpf
ergreift zu seiner Selbstverteidigung die Waffen, die es erhaschen kann. Mit
Schauern denke ich noch daran, Brüderchen; betrachte nur! Ein König von
Frankreich trat einem Juden in höchsteigner Person einstmals seine Zähne aus, um
Geld von ihm auszupressen, und liess sich für die Operation eines jeden Zahns
eine ungeheure Summe bezahlen. Man liess die Juden Geld entrichten, weil sie
Juden waren, und strafte sie um Geld, wenn sie Christen wurden. - Höre,
Brüderchen, wie hiess denn der Graf - bei den Kreuzzügen? - Ach, Graf Emiko! Der
Barbar liess ihnen die Bäuche aufschneiden, liess die armen Teufel vomiren,
purgiren, um zu sehen, ob sie ein Paar elende Goldstücken in sich zurückgelegt
hatten. Siehst du, Brüderchen? In Spanien ist kein Auto da Fe Gott angenehm,
wenn nicht ein Jude dabei lodert; und am Ende sollen sie gar, wie die Aliden
ihnen prophezeihn, auf den Türken, wie auf Eseln, in die Hölle traben. - Siehst
du, Brüderchen? Ich liebe zuweilen so etwas aus der Historie: wenn wir nur ein
Glas Apfelwein hier hätten, so wollt' ich dir manch Anekdotchen von der Art
erzählen. -
    Freund, ich habe genug! sagte Belphegor; ich habe genug gesehn und gehört,
um zu wissen, dass Fromal, dass der kalterzige Richter Recht hatten: es ist immer
so gewesen, dass Menschen Menschen quälten, und der Stärkre den Schwächern
zermalmte. - O könnte ich dem kalten Schneemanne die Zunge ausreissen, und
dadurch machen, dass er eine Lüge gesagt hätte! - Traurig, höchsttraurig! wenn
unsre hohe grosse Idee von dem Menschen mit jedem Tage mehr zusammenschmilzt! und
vielleicht zulezt gar nur ein verächtlicher Haufen Unrat übrig bleibt! Wie wohl
war mir, Freund, da in der Einsamkeit meine geschäftige Fantasie und mein Herz
aus allen moralischen Vollkommenheiten einen Koloss zusammensezten und ihn den
Menschen nannten: ich dünkte mir selbst gross und erhaben, weil ich mein
Geschlecht dafür hielt: meine ganze Aussicht war in mich selbst konzentrirt und
- lass michs offenherzig gestehn! - ich sah nichts als Gutes, nichts als
Liebenswürdiges. - Ein fantastischer Traum, aber wahrhaftig süss! Wenn ich izt
ausgeträumt habe, wenn dies wachen heisst, so habe ich unendlich verloren, dass
ich nicht mein ganzes Leben in dem Schoss der Einbildung verschlummerte: denn
izt scheine ich mir selbst aus einem Kaukasus in einen Ameisenhaufen
zusammengeschrumpft, und der Stolz auf die Menschheit liegt darunter begraben. -
O Akante! Akante! wehe dir, dass du mich aus diesem engen Gesichtskreise in die
weite Aussicht der Welt hinausstiessest! - Wenn DU nicht wärest, Freund, - wo
sollte alsdann meine Empfindung etwas finden, um sich anzuhängen; und wie öde
ist ein Leben, wo unser Gefühl immer im Finstern herumtappt und nie einen
Gegenstand erhascht, den es umarmen kann! - Er sprach dies mit einer
affektvollen Bewegung. -
    Siehst du, Brüderchen? tröstete ihn Medardus mit guterzigem Ton - die
Vorsicht lebt noch. Unglück ist immer zu etwas gut: wenn du gleich in Millionen
Stücken zerhauen und auf dem Roste geröstet wirst, das kann immer zu etwas gut
sein: DU weisst es nur nicht. - Wenn ich nur einen Krug Apfelwein hier hätte, so
wollte ich dir schon Mut zutrinken. - Komm, Brüderchen, ich möchte doch wissen,
was es für ein Mann ist, der den armen Juden um achzig Taler so schändlich
betrogen hat.
    Sie kehrten in die Stube zurück, um darüber Erkundigung einzuziehn. Der
Wirt bezeigte sich anfangs sehr zurückhaltend, als er sich aber sorgfältig
umgesehn und keinen Belauscher bemerkt hatte, so schüttete er sein Herz gern aus
und tat ihnen zu wissen, dass dieser Mann der schändlichste Unterdrücker des
Erdbodens sei. Wir armen Leute, sprach er, die wir unter seiner Gerichtspflege
stehen, wir sind seine Schafe, denen er die Wolle abnimmt, so bald sie nur ein
wenig gewachsen ist; und mannichmal fährt uns seine Scheere gar ins Fleisch, dass
wir uns verbluten möchten. Er weis jede Kleinigkeit zu einem Verbrechen zu
machen; und dann straft er! und wer nicht gar bis auf die Haut ausgezogen sein
will, der legt herzlich gern alle zehn Finger auf den Mund: jedermann gibt
gern, so viel er verlangt, und schweigt, damit er nur nicht mehr als andre geben
muss. Alle Rechte und Freiheiten, die wir so nach und nach durch die Länge der
Zeit erlangt haben, Kleinigkeiten, die den Armen viel und den Reichen wenig
helfen, macht er uns streitig, legt uns neue Bürden auf, und weis allemal ein
altes Recht vorzuschützen. Wenn wir uns beschweren wollten, so hälfe das zu
weiter nichts, als dass er uns nun die Wolle ausraufte, da er sie izt abschiert.
Er hält ein halbes Dutzend Spione, vor denen man nicht ein Wörtchen entwischen
lassen darf, die zuweilen gar durch verfängliche Fragen etwas herauslocken
wollen: man muss sich hüten! sonst findet er gleich eine Gelegenheit, dass man
unter sein Messer fallen muss. Seine Spione werden immer häufiger: denn jeder
denkt, sich das Geben zu erleichtern, wenn er ihm andre zum Plündern schafft: so
muss ein ehrlicher Mann den Kummer und Aerger in sich nagen lassen und darf ihn
nicht einmal jemandem anvertrauen, aus Furcht, er möchte an einen Falschen
kommen und sich ihn nur noch vermehren. Den armen Juden hat er um achzig baare
Taler betrogen, oben drein noch ausgeprügelt, als ihn dieser wieder angeführt
hatte: und mit Klagen richtet niemand etwas gegen ihn aus: er weis sich
herauszuschwatzen - ich glaube, wenn er uns alle umbrächte. Wider den Stärkern
ist keine Justiz. -
    Hol der Teufel den Schurken! rief Belphegor und stampfte ergrimmt auf den
Tisch. Komm, Freund! wir wollen ihm das verdammte Schelmenherz aus dem Leibe
reissen! -
    Ja, Brüderchen, ich möchte, dass ihm im Leben kein Tropfen Apfelwein mehr
schmeckte! dem Bösewicht! - sprach Medardus und warf seinen Hut auf den Tisch.
    Gott! mir glüht meine Stirn bis zum Verbrennen, dass ich einen solchen
Unterdrücker mit mir zu Einem Geschlechte rechnen soll. Komm, Freund, wir wollen
ihn fühlen lassen. -
    Närrchen, wir sind ja in seiner Gerichtspflege: Unterdrückern muss man nicht
die Spitze bieten, sondern aus dem Wege gehn. Komm, Brüderchen! nicht eine
Minute länger wollen wir die Luft hier atmen, sie möchte in seiner Lunge
gewesen sein.
    Belphegorn fiel der Gehorsam schwer; aber er erinnerte sich seines
Entschlusses und der Verwünschungen, die er auf die Brechung desselben gesezt
hatte: er nahm also seinen Abschied und begnügte sich, seinem Zorne unterwegs
durch Ergiessungen gegen seinen Begleiter Luft zu machen.
    Da die Tage heiss waren, so nüzten sie den kühlen Morgen, um sich mit ihrer
Reise desto weniger zu ermüden. Eines Morgens langten sie bei einem Truppe nicht
allzu hoher Erlensträuche an, die ein natürliches Kabinet bildeten, so
einladend, dass man ohne Undankbarkeit nicht vorbeigehen zu können schien: sie
sezten sich nieder. Kurz nach ihrer Niederlassung zeigte sich ihnen ein
Frauenzimmer, das bei ihrer Annäherung einige Verlegenheit in der Mine verriet,
doch sich bald wieder fasste und unerschrocken auf sie zukam. Ohne die geringste
Eingangsrede rief sie sogleich: Belphegor, ich komme nur, dir zu zeigen, dass du
gerochen bist, dann will ich wieder in mein Elend zurückwandern. Sieh mich ein
einzigesmal an, und sage: ich bin gerochen! dann habe ich genug. -
    Ach, um des Himmels willen! schrie Bephegor - Akante! Akante! O du
Ungetreue! du Schamlose! du Verräterinn! -
    Ich verdiene diese Namen nicht, wenn du gerecht sein willst. -
    Verdienst sie nicht? - Du, die mich zur Türe hinauswarf und meine Hüfte auf
zween Tage lähmte? du, die mich dem Hohne preis gab und einem reichern Buhler in
die Arme lief. -
    Alles tat ich, aber nur auf deines Freundes Befehl. Unglücklich warst du in
der Wahl deiner Freunde, aber nicht deiner Geliebten. -
    Welcher Freund, Ungeheuer? - denkst du mich durch eine schöne Fabel zu
täuschen? -
    Nein, das brauche ich nicht: die Wahrheit ist meine beste Schuzrede. Dein
Freund, Fromal, der Arglistige hat unsre Liebe zerrissen und mich verleitet, die
härteste Ungerechtigkeit an dir zu begehn. ER war der reichere Buhler, wie du
ihn nennst, der mich aus deinen Armen empfieng. -
    Unsinnige! du lügst! - Er, der mich tröstete, der mir mit der tätigsten
Liebe beisprang, der mich mit Rat und Belehrung erquickte, während dass du am
Fenster in der Umarmung meines Verdrängers, mit der unverzeihlichsten Frechheit
meines Elendes spottetest! -
    Ich deiner spottete! Gewiss, dein Groll machte falsche Auslegungen. Mein Herz
blutete mir, als ich dich so gewaltsam verabschieden musste, und Schmerz und Reue
nagten in mir, indessen dass mein Mund lächelte. -
    O du Sirene! Hätte sich dein Herz lieber ganz verblutet, dass du mich mit
einer solchen Erdichtung nicht hintergehn könntest! -
    Ich schwöre dir, keine Erdichtung! Du warst arm; ich brauchte Geld: Fromal
und ein Andrer boten sich mir zu gleicher Zeit an: beide gaben vor, reich zu
sein, oder waren es wirklich. Das schwache eigennützige Weiberherz! - willst du
von dem Heldentaten fodern? - Meine Liebe war leider! auf den Eigennuz
gepfropft: sollte die Frucht besser sein, als die Säfte, die ihr der Stamm
zuführte? - Ich musste mich von Dir trennen, oder voll Treue mit Dir verhungern.
Fromal verlangte schlechterdings, dir einen so empfindlichen Abschied zu geben;
was konnte ich tun? - Ich musste mich zwingen, ihm zu gehorchen, oder ihn
verlieren: der Wechsel war schrecklich: der Eigennuz drängte auf mich los, ich
liess mich überreden, ich verübte die Gewalttätigkeit an dir, und wünschte sie,
durch Reue ungeschehen machen zu können. Belphegor, in Tränen habe ich
geschwommen, in den heissesten Tränen, wenn der Gedanke an meine Ungerechtigkeit
in mich zurückkam. -
    O wenn ich dir nur glauben dürfte! -
    Du musst, wenn du nicht die Wahrheit verwerfen willst. - Ich wandte mich von
dir zu dem Unglücklichen, der mit Fromaln dich verdrängte, und den dieser Barbar
seiner Misgunst und Eifersucht aufopferte -
    Unverschämte! wagst du auch die Ehre meines Freundes zu beschmeissen, Insekt?
- Erdichtung! Geh! mein Freund -
    - Hat ihn in meinem Schoss ermordet! Er, der gewissenlose Fromal hat ihn
ermordet! - Lange wusste er nicht, dass ein Andrer meine Liebe mit ihm teilte:
ich wäre auf der Stelle das Opfer seiner blutgierigen Eifersucht geworden, so
bald ich ihm den mindesten Verdacht gegeben hätte. Doch endlich überraschte er
meine Vorsichtigkeit: er traf ihn in meinen Armen an, und gleich glühte ihm die
Stirn, seine Augen wälzten sich, wie drohende Kometen; er ergriff ein Messer und
durchstach den Unglücklichen, dass er in meinen Schoss sank. Schon holte er aus,
um mich gleichfalls seiner Wut aufzuopfern, als auf mein Rufen zween Leute
herbeisprangen, den unbändigen Löwen zu zähmen. Die Furcht gab mir in der
Geschwindigkeit den Einfall zu entfliehen, um den Untersuchungen der Justiz zu
entgehen: Liebhaber, Geld, Kleider, Möbeln - alles verliess ich und rettete mich
glücklich über die Gränzen. -
    Und was wurde aus Fromaln? - Doch was glaube ich denn solche Erdichtungen,
die die Leute im Stehen einschläfern können? - Schweig, Betriegerinn! ich will
nichts weiter hören. -
    Belphegor, du musst es hören - um zu sehen, wie du gerochen bist.
    Lügen! so müsste ich mich selbst nicht kennen, wenn ich glauben könnte, dass
Fromal mich mit Falschheit getäuscht hätte. Ich schäme mich, das zu denken. -
Geh! du möchtest mich zum zweitenmale überreden, dass du keine hinterlistige
Betriegerinn bist! - Ist dies nicht genug, selbst untreu zu sein, musst du auch
der Treue andrer den giftigen verräterischen Anstrich der deinigen leihen?
Freundschaften trennen wollen, die Natur und Erziehung unauflöslich geknüpft
haben? - Ich höre nicht Ein Wort mehr. -
    Sie bat, sie flehte, sie beschwor ihn, bis endlich Medardus sich ins Mittel
schlug und ihn gleichfalls um geneigtes Gehör für sie ersuchte. Siehst du,
Brüderchen? sprach er, du kannst ja glauben, was du willst, aber sie doch
wenigstens hören. Ich möchte doch gern wissen, wie wir hier zusammenkommen -
hier, gerade hier und nicht anderswo! das ist doch wahrhaftig sonderbar. Warum
nur gerade hier? - Ich weis wohl, warum Alexander, der Grosse, und Scipio gerade
auf dem Flecke zusammenkamen, wo sie mit einander redten: aber Akanten hätte ich
mir hier nicht vermutet, so wenig als meine gute verstorbene Frau. - Nu, Kind,
erzähle du nun! -
    Akante fuhr darauf in ihrem Berichte fort.
    Ein böser Geist trieb mich an, in Gesellschaft eines deutschen jungen Herrn
eine Wallfahrt nach Rom zu tun. Er hatte bisher in der Begleitung eines
Arlekins, der vom toskanischen Hofteater abgedankt worden war, die vornehmsten
Städte Italiens besehen, und wünschte auf seiner zweiten Reise, weil er auf der
ersten demungeachtet Langeweile genug gehabt hatte, mehr Gesellschaft
mitzunehmen, um desto weniger einsam zu sein: ich nahm die Partie an. Ob ich
gleich nicht um meiner Sünden willen reiste, so war ich doch die ganze Reise
über niedergeschlagen: die Possen des Narren, der mit uns reiste, und das Lachen
seines Herrn, der den Mund bis an beide Ohren bei jedem Einfalle zu dem
unsinnigsten Gelächter aufriss, ermüdeten mich: weswegen ich die meiste Zeit der
Reise geschlafen habe, besonders da mein Liebhaber ein so schwerfälliger
deutscher Wizling war, dass ich tausendmal lieber den Narren von Profession
anhörte. Da ich ihm auf der Reise so wenig Dienste getan, vornehmlich so wenig
über seine Einfälle gelacht hatte, so ward er im höchsten Grade unwillig über
mich; und da er eines Tages etwas sagte, das ihm vorzüglich gefiel, und ich ganz
ungerührt fortschlief, so stieg sein Aerger über meine Kaltblütigkeit so hoch,
dass er mich aus Rachsucht in den rechten Backen biss und wenigstens eine gute
Quente Fleisch hinwegnahm, weil nach seiner Meinung jedes seiner Worte den
Leuten auch im Schlafe gefallen müsste. Zu Hause bei mir, sagte er oft, sind die
Leute wahrhaftig tausendmal klüger, als in Frankreich und Italien. Alle Damen
haben die Mäuler schon offen, wenn ich nur die Lippen bewege; und über meine
Erzählung vom weissen Bäre haben in Einem Nachmittage drei Fräulein hysterische
Zufälle bekommen; bei meiner Geschichte vom vogtländischen Pfannkuchen überfiel
eine meiner Niecen vor Lachen ein so heftiger Schlucken, dass sie ihn noch bis
diese Stunde nicht verloren hat; eine von meinen Tanten hat sich bei einer
andern Erzählung von dem Wolfsmuffe eine Ader an der Lunge gesprengt und ist
wahrhaftig daran gestorben; alle meine Leute vom Verwalter bis zum Küchenmensche
lachen, wenn sie nur Ein Wort von mir hören: aber ausser meinem Vaterlande sind
die Leute wahrhaftig so schwachköpfig, so trocken, dass sie kaum die Lippen
verziehen, man mag sich todt und lebendig schwatzen. Wozu vertut man unter den
Schurken sein Geld, wenn man nicht einmal den Gefallen von ihnen erlangen kann?
Das soll aber auch gewiss meine lezte Reise sein: mein Geld sollen Leute
bekommen, die besser dafür zu danken wissen. - Ein solcher niedlicher Ritter war
es, den ich izt als meinen Liebhaber behandeln sollte, und dem ich kaum die Ehre
gegönnt hätte, mein Bedienter zu sein. Doch der Himmel bescherte mir eine
Schlafsucht, die bis vor die Tore von Rom dauerte. Den Tag nach seiner Ankunft
wurde ich entlassen, und nahm statt der Belohnung eine Wunde auf dem Backen und
allentalben blaue Flecken mit mir hinweg - alles Merkmale seines mörderischen
Witzes!
    Ich war mir selbst überlassen und hatte zu arbeiten und zu kämpfen, bis ich
endlich die Vertraute Pabst Alexanders des sechsten wurde -
    Pabst Alexanders des sechsten! rief Medardus. Brüderchen, das ist wohl wider
die Chronologie? -
    Sei es, was es wolle! sagte Belphegor ungeduldig; nur weiter! -
    Ich wurde es; doch der Kardinal BESSARABIO wurde bald sein Nebenbuhler -
    Der Kardinal Bessarabio! unterbrach sie Medardus. Brüderchen, hast du von
einem solchen Kardinale etwas in der Geschichte gelesen? -
    Nicht Eine Silbe! aber nur weiter! rief Belphegor.
    Bessarabio war sein heimlicher Nebenbuhler, und GRIMALDI teilte meine Liebe
auch mit ihm, auch KOLOMBINO und SACOCCIO, und SAMUELE ISBENICO -
    Nur weg mit den Namen! schrie Belphegor. -
    Die er aber alle vergiften liess -
    Alle vergiften liess! rief Medardus und Belphegor zusammen. -
    O wir haben in Einem Jahre dreissig vergiftet, achzig durch Banditen ermorden
lassen und acht und zwanzig zu Tode geärgert, weil sie sich einem gewissen
Projekte widersezten oder im Wege waren, das auf nichts weiter als auf die
Unterdrückung der ganzen Christenheit abzielte. Mit unsern Vasallen gelang es
uns zur Not, was, wie ich höre, unser Nachfolger vollends zu Stande gebracht
hat: aber wir wollten weiter: unsre geheimen Absichten stiegen bis zur
Universalmonarchie: was Hildebrand nur zur Hälfte getan hatte, sollte durch uns
vollendet werden. Es ist nichts edleres, habe ich gehört, als der Trieb, über
Menschen zu herrschen: sonach sind die Nachfolger Petri gewiss die edelsten
Sterblichen auf dem ganzen Erdenkreise: denn sie wollten nicht bloss über den
ganzen Erdboden, sondern auch über den Himmel, nicht bloss über die Körper,
sondern auch über den Verstand herrschen. Auch habe ich gehört - denn ich bin
bei dieser Bekanntschaft etwas politisch geworden - dass nichts erhabner unter
den Menschen ist, als alle seines Gleichen unter sich herabzusetzen, sich über
alle emporzuschwingen und Menschen durch Mord, Blutvergiessen oder andre Mittel -
das gilt nun gleich - unter seine Füsse zu treten. Wenn der Eroberer, der Sieger,
der Held der grösste Mann ist, so haben unter der Tiare grössere Männer gesteckt
als unter allen griechischen und römischen Helmen. - Wenn nur mein Liebhaber
nicht zu zeitig gestorben wäre: wir hätten die Welt in Erstaunen setzen wollen!
- Ich habe auch zuweilen mir sagen lassen, dass der höchste Gipfel der
menschlichen Grösse sei, den meisten, wo möglich, allen zu befehlen: wer hat
mehrern Menschen befohlen, als die Vorgänger meines Alexanders -
    Aber, Brüderchen, lebte denn Alexander nicht vierhundert, und -
    Ich bitte dich, Freund, schweig! rief Belphegor; nur weiter! - Ich glühe vor
Ungeduld. -
    Akante fuhr fort: DSCHENGIS-KAN, ALEXANDER der Grosse, MAHOMED, KUBLAI-KAN,
die kurz vor uns3 so fürchterliche Reiche erobert und so vielen Menschen
befohlen haben, sind nichts, gar nichts gegen uns. Sie mussten die Welt mit den
schrecklichsten Beschwerlichkeiten durchlaufen und hatten am Ende nichts als ein
Paar wilde Horden Tatarn mit ihren wilden Anführern dahin gebracht, dass sie von
ihnen als ihre Ueberwinder erkannt werden mussten: aber unsre geistlichen Helden
sassen ruhig auf ihrem Stule, und geboten mit Feder, Dinte und Pergament Kaisern,
Königen, Fürsten: ihre Armee war zahlreicher, entusiastischer, getreuer,
tätiger, als alle Armeen der ganzen Welt. Die Päbste waren die grössten
Herrscher, die grössten Eroberer, die grössten Menschen: WIR hätten sie aber alle
übertroffen: wir hätten gewiss Asien zu unserm Fussschemel, Afrika und Amerika zum
Sessel, und Europa zum Paldachin gemacht. -
    Das wollte Alexander der sechste! fiel ihr Medardus ins Wort. Da war ja
schon das kostnitzer Koncilium gewesen: nein, Brüderchen, in meinem Leben habe
ich nicht so etwas von ihm gelesen. - Was war denn aber eigentlich Eure Absicht?
-
    Eigentlich? - Es dahinzubringen, dass der chinesische Kaiser sein Reich von
uns zur Lehn nehmen sollte: die Mandarinen sollten in Erzbischöffe, Bischöffe,
Mönche, und der Porzellänturm in eine Domkirche verwandelt werden. Mit dieser
Armee wollten wir nach Japan übergehn, beide Kaiser zwingen, sich der Kirche zu
Füssen zu legen, über die japanischen Inselchen nach Ostindien zurückkehren; und
da unsre Macht nunmehr stark genug sein müsste, so wären wir nicht zufrieden,
Vasallen zu machen: nein, in Ostindien müssten alle Reiche jenseits und diesseits
des Ganges unsre wahren Untertanen werden. Hier liesse sich auch allentalben
unsre Religion mit vieler Oekonomie einführen: Fetische, Braminen, Derwische,
Bonzen, Fakiren, dürften nur andre Namen bekommen, und die Leute würden durch
ihre Bekehrung in keine neuen Unkosten für die Instrumente ihrer Andacht gesezt.
Persien und die Türkei müssten nun schon Sklaven werden; diese sollten in den
Kirchenstaat gebracht werden, um Moräste auszutrocknen und die wüsten Felder
anzubauen. Bis dahin war unser Plan völlig ausgedacht, und alle Maschinen zur
Ausführung angelegt: die Schiffe in Civita Vecchia waren sogar schon ausgekehrt
und ausgeflickt, als plötzlich Alexander starb. -
    Und was hättet Ihr davon gehabt, wenn euer Entwurf reif geworden wäre?
fragte Belphegor. -
    Wir wären die grössten, die erhabensten Sterblichen geworden: denn ganz Asien
hätte unsern Namen gewusst, ganz Asien hätte gesagt, Pabst Alexander der sechste
hat uns die Köpfe zerschlagen, und wir hätten uns eingebildet, Herr aller dieser
Länder zu sein, hätten fleissig Bullen hingeschickt; und ist es nichts grosses,
nichts glückliches, im Schlafrocke und der Nachtmütze dem Menschenverstande
eines ganzen Weltteiles zu befehlen, was er glauben und verwerfen, -
willkührlich ihm vorzuschreiben, was Wahrheit und Irrtum sein soll, nicht
allein über ihre Seelen, Glauben, Erkenntnis, Einsicht, Beifall, sondern auch
über ihre Gaumen und Magen zu regieren und selbst Seligkeit und Verdammnis unter
sie nach Willkühr auszuteilen? - heisst das nicht der Vorsicht den Zepter aus
den Händen reissen und sich ihr zum Mitregenten aufdringen? Wenn herrschen das
edelste, das erhabenste ist, so kann wohl keine Herrschaft begehrungswürdiger
sein, als diejenige, die man mit niemandem als dem Schicksale teilt: höher lässt
sich für Sterbliche nichts denken. Es kam bei der Ausführung nur darauf an, dass
einem Paar Millionen Menschen die Hirnschädel zerschlagen wurden, dass etliche
hunderttausend Kinder ihre Eltern, eben so viele Eltern ihre Kinder, oder Weiber
ihre Männer einbüssten, dass etliche tausend vergiftet, ermordet, erwürgt wurden:
aber was ist alles dieses gegen einen so schönen grossen herrlichen Plan, der
Ueberwinder und Lehnsherr von ganz Asien zu sein? - Ich habe auch wirklich schon
Anstalten dazu machen müssen; den Kardinälen Quirinale, Escuriale, Vatikano,
Monte Cassino und andern habe ich, als sie auf meinem Schoss schliefen, giftige
Federn in den Hals gesteckt, die sie insgesamt gierig hinunterschlungen und in
zwölf Stunden daran starben, weil sie mit dem chinesischen Kaiser in einem
heimlichen Verständnisse sein sollten.
    Du Barbarinn! rief Belphegor; kann ich mich nun noch wundern, dass du grausam
genug warest, mir meine Hüften zu lähmen, wenn du so viele Menschen um eines
Entwurfs willen tödten konntest, der dir nichts half? - Du Mörderinn! -
    Bester Belphegor! ich bin nicht der einzige Sterbliche, der sein Gewissen
und seine Ruhe einem fremden Nutzen aufgeopfert hat. Man dünkt sich schon gross,
indem man grosse Absichten befördert, daran arbeitet; und jener Mann schäzte sich
schon glücklich und gross genug, wenn er nur Trossbube bei der Armee des
maccdonischen Alexanders oder des Dschengis - Kan gewesen wäre. -
    Wenn aber nun euer Projektchen gescheitert wäre? sagte Medardus. -
    Je so hätten wir es gemacht, wie die meisten unsrer Vorgänger: die Schwachen
und Furchtsamen hätten wir angefahren und sie unter die Füsse getreten, und den
Starken und Herzhaften wären wir zwischen den Beinen durchgekrochen. List oder
Gewalt! -
    Um eines solchen eitlen leeren Vorzugs willen so viele vernünftige Kreaturen
umbringen oder unglücklich machen zu wollen! - seufzte Belphegor.
    Auf das Glück der Menschen ist es niemanden noch angekommen. Die Menschen,
lehrte mich Fra Paolo, wollen über einander, das ist der Endzweck ihres Daseins:
da aber nur wenige über die andern sein können, so müssen die meisten unter
andern sein: folglich muss sich jeder bestreben, so sehr als möglich sich der
Klasse »über« zu nähern, wenn er nicht ganz darein rücken kann: das gilt nun
gleich, wie er dahin kömmt und andre unter sich bringt; kann er sie nicht
bereden, dass sie ihm weichen, so drängt er sich mit Gewalt durch: wer im
Gedränge erdrückt wird, wird erdrückt; warum geht er nicht freiwillig aus dem
Wege? So haben die Menschen von Ewigkeit her gehandelt, und es ist nichts
löblicher, als dass man eben so handelt. - So belehrte er mich, als ich noch zu
furchtsam war, die Leute mit giftigen Federn zu füttern. Als ich in der Folge
die Kirchengeschichte etwas mehr studirte, so fand ich, dass Fra Paolo die reine
Wahrheit gesagt hatte. Wenn man nicht weiter kann, fand ich, so muss man die
Leute tumm machen: dann lässt sichs ihnen tausendmal leichter befehlen: sie
gehorchen auf den Wink. Das war auch grossenteils in unserm Plane mit
eingeschlossen. Den Chinesern hätten wir ihre ganze weitläuftige Sternkunde
untersagt, den KONFUT-SEE und MENT-SEE verboten und alle ihre KINGS verbrannt:
so viel albernes und gemeines Zeug sie auch mit unter entalten, so ist doch
nicht zu trauen, ob sich nicht ein Funken gesunder Menschenverstand zu viel
darein geschlichen hat: allen gescheidtern Büchern hätten wir durch unsre
Aufpasser den Zugang schon verwehren wollen. In Japan hatten wir besonders gute
Hoffnung für unser Kommerz: da die Japaneser ganz ungeheure Sünder sind, so wäre
dort ein herrlicher Absaz von Indulgenzen und andern geistlichen
Galanteriewaaren zu erwarten gewesen. -
    O traurige entehrende Grösse, rief Belphegor aus, die auf das Verderben und
die Erniedrigung der Menschheit gebaut wird! Möchte ich doch lieber im Staube,
in der Bettlerhütte, unbekannt, dürftig und elend vermodern, als nur mit Einem
Tropfen Menschenblute, nur mit Einer Unterdrückung der Menschheit befleckt, in
Ruhm und Ehre auf einem diamantnen Trone glänzen! - Ihr Unmenschen! -
    Nein, Belphegor, wir haben sehr menschlich gehandelt: das ist immer so
gewesen, dass Menschen durch Morden, Rauben, Betriegen, Plündern sich Anbetung
und Ehrfurcht erkämpft haben. War das nicht ein viel grösserer Aufwand von
Menschen, als unsre Vorfahren ganz Europa nach dem gelobten Lande zum Aprile
schickten, um kahle Berge, steinichte Felder und ungebaute Gegenden zu erobern,
die sie zu Hause im Ueberflusse hatten? da sie Kaiser und Könige, wie
Klopffechter, auf einander loshezten? - Nur Schade, dass Alexander so schnell
starb! durch seinen Tod wurde ich ausser aller Geschäftigkeit und von meiner
Würde herabgesezt: es kränkte mich; aber Ruhms genug für mich, an der Seite
einer Teodora, Marozzia, Matildis, Olympia zu prangen, die den höchsten Gipfel
des menschlichen Ruhms erstiegen, über die fürchterlichsten Weltbezwinger zu
herrschen! - Ich entwischte heimlich aus Rom, weil ich alle Ursache hatte zu
befürchten, dass man mich in Verwahrung bringen werde, um mich die anvertrauten
Geheimnisse nicht ausschwatzen zu lassen: doch warum entwischte ich? - um den
schrecklichsten Bedrängnissen entgegen zu gehn. In Neapel wurde ich vom Pöbel
fast zerrissen, weil ich mich zu nahe zum Blute des heil. Januars hinzudrängte
und beinahe wahrgenommen hätte, dass man die Leichtgläubigen mit einer
Taschenspielerei betrog: ich kam eben dort an, als man einen Hund zum
fürchterlichen Exempel aller Hunde öffentlich entauptete, weil er die
Gottlosigkeit begangen hatte, ein Kind umzubringen. Ob ich gleich viel freies
über diesen Gebrauch sagte, so kam ich doch glücklich durch: aber meine
Guterzigkeit, den Pöbel klüger zu machen, hätte mich beinahe ums Leben
gebracht. Ich entkam voller Löcher und Wunden vom Wirbel bis auf die Fusssolen,
und ging nach Venedig, um dort erdrosselt zu werden. Ich sagte einem Nobile,
dessen Mätresse ich war, dass ich mich wunderte, wie ein Paar tausend Leute dazu
kämen, so viele Menschen unter sich stolz niederzudrücken, und ihnen allein, mit
Ausschliessung aller andern, zu gebieten. Er gab mir zwar ganz gelassen die
Ursache an, weil wir die Mächtigern sind. Also gesteht ihr doch, dass Euer Recht
sich auf Unterdrückung gründet? - sezte ich hinzu; aber er schwieg, und morgens
darauf sollte ich erdrosselt werden, doch kam ich mit einer leichten Züchtigung
von dreihundert Rutenstreichen auf den blossen Rücken davon. -
    Nun sehe ich doch, dass Gerechtigkeit in der Welt ist, rief Medardus. Wir
sind quitt, Akante; das ist die Wiedererstattung der dreihundert, die ich um
deinetwillen als Jesuitenschüler zugezählt bekam. Waren Sie recht frisch und
munter, Schwesterchen? -
    O so frisch, dass ich zween Monate über zweifelte, ob ich jemals wieder einen
rechtschaffnen Rücken bekommen würde! Ich wurde darauf die Mätresse des
Markgrafen von SALOCCA, der sich ein kleines Serail hielt. Da ich die neueste
und folglich die liebste unter seinen Buhlerinnen war, so hassten und verfolgten
mich die übrigen als eine Todfeindinn. Sie arbeiteten mit allen Kräften, meine
Schönheit, die aller Gefährlichkeiten und Verwundungen ungeachtet noch
erträgliche Reizungen hatte, und also die Ursache meines Vorzugs zu vernichten,
welches sie um so viel hitziger betrieben, weil sie meistenteils alt,
kränklich, hässlich waren und deswegen nur um ihrer vorigen Verdienste willen in
Pension stunden. Sie beredeten sich zusammen, mir die besten und zur Schönheit
unentbehrlichsten Teile des Gesichts zu nehmen; und eine blasse Vierzigjährige
riet, mit der Nase, als der edelsten Zierde des Gesichts, den Anfang zu machen
- vermutlich weil sie selbst durch eine Krankheit so viel von der ihrigen
eingebüsst hatte, dass ihr nur noch ein nasenähnliches Stümpfchen zwischen Mund
und Stirne hervorguckte. Meine Neiderinnen führten den grausamen Vorschlag aus
und sezten mich durch Einen wohlabgepassten Messerschnitt noch unter die verhasste
Ratgeberinn: denn sie schleiften mir die Nase vom Grunde weg, machten ihren
Platz dem übrigen Boden des Gesichts gleich und liessen nicht einmal ein Fragment
davon übrig. - Sie wundern sich, mein Herr, sprach sie zu Medardus, der sie
steif ansah, dass ich demungeachtet, wie jedes Geschöpfe Gottes, mit einer Nase
prange? - Hier zog sie die ganze Nasenmaschine herunter und zeigte ihnen, dass es
eine von gekautem Papiere, nach dem Leben lackirte Nase war. - Dieses ist ein
Geschenk von meinem Marchese, dessen Gunst mich um meine natürliche gebracht
hatte: er schnaubte und drohte mit dem fürchterlichsten italiänischen Zorne; da
aber die Unternehmung sehr heimlich von mir unbekannten Leuten geschehen war, so
konnte ich seiner Rache nicht zu dem verdienten Gegenstande verhelfen. Kurz
darauf fiel es einer andern als sehr anstössig auf, dass ich eine so reine
fleckenlose weisse Haut hatte, und sie doch, wenn sie in den schönsten
venetianischen Spiegel sah, auf ihrem Gesichte eine Fläche erblickte, die mit
Leberflecken und Sommersprossen, wie eine Landcharte, illuminirt war. - Eine
andre von einem zweifelhaften Kolorite zwischen kastanienbraun und schwarzgelb,
stimmte in ihre Beschwerden über meine schöne spiegelebne Haut ein und
vereinigte sich mit ihr zur Rache. Sie liessen mir durch unbekannte Hände meine
Wangen so jämmerlich zersägen, dass nach der Heilung eine Naht, eine Narbe an der
andern sich darauf befand, und die ganzen Backen einem frisch gepflügten Felde
voller Furchen nicht unähnlich sahen. Auch diesen Verlust hat mir ein gewisser
spanischer Don mit sechzig Namen, durch diese Larve glücklich ersezt. Sie ist
von dem feinsten egyptischen Papiere, mit einem feinen Leime auf der Haut
befestigt und von dem Ritter MENGS nach dem Leben gemahlt -
    Siehst du, Brüderchen? unterbrach sie Medardus; wahrhaftig so natürlich, dass
es der liebe Gott nicht natürlicher machen könnte. Der Mann ist ein
Tausendkünstler! -
    Vorher wurden alle Erhöhungen und Vertiefungen der Haut mit einer sehr
geistreichen Masse geebnet: doch diese Wiederherstellung meiner verlornen
Schönheit erhielt ich erst nach der Verabschiedung aus dem Hause des Marchese,
und auch die Nase erst bei dem Abschiede. Er liebte mich indessen bei allen
diesen Mängeln nicht weniger feurig als vorher. Da meine Neiderinnen mit ihrem
Hauptzwecke, mich ausser Gewogenheit zu setzen, noch nicht zu Stande kommen
konnten, so fuhren sie fort, wenigstens meine Schönheit unter die ihrige zu
erniedrigen. Eine meiner Mitschwestern, die am ganzen Leibe bis auf die Hände
eine nicht gemeine Schönheit war, beneidete meine kleinen runden niedlichen
Engelhändchen, wie du sie sonst nanntest, Belphegor, wenn du sie voll Entzücken
an deine Lippen drücktest. -
    Belphegor seufzte. -
    Als ich eines Tages in einem Bosket sitze und die emporgerichteten Arme mit
aufwärts gekehrten Fingerspitzen an zween danebenstehende Bäume gelegt habe, um
durch diese Stellung, die ich meinen Armen jeden Tag eine Stunde gab, das Blut
zu nötigen aus den Händen und Armen sich zurückzuziehn und ihr blendendes Weiss
dadurch noch blendender zu machen, so haut mir jemand plözlich von hinten zu die
ganze schöne marmorne Rechte ab, wirft sein Beil hin und stürzt sich in das
Gebüsche zurück. Ich ergoss mich in einen Strom von Tränen über den Schmerz,
doch am meisten über den Verlust einer meiner vorzüglichsten Schönheiten. Ich
habe nie einen unter meinen Freunden finden können, der mich mit einer neuen
Hand hätte beschenken wollen, und ob ich gleich verschiedene Künstler selbst
darum ersuchte, mir eine zu verfertigen, so waren sie doch alle wegen einer
Materie verlegen, die den Vorzug der Leichtigkeit und die Schicklichkeit zur
Bearbeitung des Meisels besässe: und einer machte mir sogar das Kompliment, dass
ich der florentinischen Venus ihre Rechte wegstehlen müsste, wenn meine
natürliche die geborgte nicht sogleich überführen sollte, dass es eine geborgte
wäre. - Hierauf zog sie aus dem Handschuhe oder vielmehr einem Futterale eine
Hand - ich mag sie nicht beschreiben! - genug, Medardus und Belphegor hefteten
beide, wie versteinert, einen starren Blick auf sie und konnten sich nicht
entalten, ihr unter dem Vorwande, als wenn sie untersuchen wollten, ob es nicht
ein angemachter Marmor wäre, mit einem mehr als medicinischen Drucke an den Puls
zu fühlen. - Doch dies war nicht mein lezter Verlust: die Hälfte meines rechten
Ohres, das mir mit einem der schönsten Ohrgehenke abgerissen wurde, ist ein Werk
der Kunst, bis sie zulezt durch eine der listigsten Maasregeln mich zwangen, das
Haus des Marchese zu verlassen, wo ich meine papierne Nase zum Andenken von ihm
empfieng. Vom Neide und Eifersucht vertrieben, floh ich in den Kirchenstaat
zurück und langte in der illustrissima republica St. Marino gerade zu der Zeit
an, als die gesammten Bürger derselben in Furcht und Aengsten waren, dass der
päbstliche Legat, sie unter das Joch seines Herrn zwingen möchte. Alles, Junge
und Alte, Weiber, Kinder und Männer waren in tiefer Trauer um ihre Freiheit und
baten den lieben Gott mit Beten und Fasten inständigst, dass er sie in Gnaden vor
der Herrschaft seines Vikars bewahren möge. Doch kurz darauf wurde ihr Kummer in
die höchste Freude verwandelt, als der Pabst das Unternehmen seines
gewissenlosen Legaten misbilligte und der Republik ihre alte Freiheit und also
auch ihre Glückseligkeit wiederschenkte - eine Handlung von Menschenliebe und
Uneigennützigkeit, die meines Erachtens mehr als eine ganze Ladung Indulgenzen
wert ist. -
    Das war ein braver Pabst, rief Belphegor.
    Dafür wird ihm aber auch sein Apfelwein alle Tage recht herrlich schmecken,
und wenn er heiraten dürfte, so wünschte ich ihm oben drein eine Frau, wie
meine verstorbne. So eine Belohnung könnte schon anreizen, dass man mehrmal so
eine gute Handlung tät und von dem System der Unterdrückung abgienge. Der
abscheuliche Legat! so ein Häufchen, das sich nicht wehren kann, unterdrücken zu
wollen! -
    Der Bösewicht verdiente eher zu hängen, sprach Belphegor, dass er ein
ungerechtes Joch auflegen wollte, als die Bauern, die mich zugleich an den
Strang brachten, dass sie unwillig ein drückendes Joch abwerfen wollten. O wer
nur mehr Macht hätte! -
    Ich hielt mich kurze Zeit, fuhr Akante fort, bei einem Landmanne des
päbstlichen Gebiets auf, der mich von Armut, Auflagen, Aussaugen, Beschwerungen
und verwandten Materien unterhielt, worauf ich meinen Weg nach Genua nahm. Ich
fand daselbst jedermann mit Anstalten zu einem Kriege wider die Korsikaner
beschäftigt, die jedermann verfluchte, dass sie keine Narren sein und sich das
Bischen Freiheit nehmen lassen wollten, worauf sie doch nicht den mindesten
Anspruch machen könnten, da die Genueser Lust hätten, ihre Herren zu sein. Ich
verliess diese fühllose Stadt und ging in einer Verkleidung durch die Schweiz
und Deutschland hieher, wo ich dich, edler Belphegor, unvermutet fand, wo ich
Vergebung von dir für eine Beleidigung erwarte, zu welcher mich mein Schicksal
und dein arglistiger treuloser Freund zwangen, wo ich diese Vergebung erlangen
muss, sollte ich sie auch durch den Verlust meines halben Ichs erkaufen müssen.
Belphegor! könntest du unerbittlich, könntest du unversöhnlich sein? - Du,
dessen Herz nur von Edelmute schlägt? - Belphegor! - und so fiel sie vor ihm
auf die Kniee. -
    Siehst du, Brüderchen? Die Hüfte ist ja wieder heil: vergieb ihr doch! Du
hast ja gehört, dass ihr das Herz weh genug tat, als sie dich zur Tür heraus
warf: aber der gottlose Fromal! wenn er nur damals gehängt worden wäre, als ich
ihn zum Tode bereiten sollte: der Galgen wäre ihm doch nur pränumerirt worden. -
Nu, Brüderchen, vergieb ihr! dann, Akante, komm und trinke in meinem neuen Hause
einen Krug Apfelwein mit mir! -
    O du Listige! rief Belphegor; dass du so glatt ins Herz schlüpfen und ein Ja
auch wider meinen Willen wegstehlen kannst! Gern vergeb' ich dir: nur
rechtfertige meinen Fromal! Beweise mir, dass er nicht ungetreu ist, und du hast
mehr als meine Vergebung - meine Liebe! -
    Wenn die Wahrheit mir deine Liebe raubt, so muss ich mein trauriges Schicksal
tragen - rechtfertigen kann ich ihn nicht: ich löge, um mich selber zu hassen.
 
                                  Drittes Buch
Die Gesellschaft trat ihren Marsch an; Belphegor beschenkte seine Gefährten
unterwegs mit öftern Klagen über Akantens Untreue und die neuen Beispiele von
dem Neide und der Unterdrückung der Menschen, die er aus ihrem Munde empfangen
hatte; und Medardus ermahnte sie zur Zufriedenheit und Frölichkeit, indem er sie
oft einen guten Krug Apfelwein in seinem neuen Hause erwarten hiess, oft über
seine liebe Frau weinte und oft ein Anekdotchen aus der Historie erzählte.
    Eben war er bei einem Geschichtchen von der unkeuschen Messaline, als sie
von fern sich etwas nähern sahen, das sie nach aller Wahrscheinlichkeit für den
aufgeregten Staub einer marschirenden Armee hielten. - Himmel! rief Belphegor,
hast du mich bestimmt, abermals Zeuge von der Grausamkeit und Ungerechtigkeit
der Menschen gegen Menschen zu sein. Kommt! lasst uns fliehen, das nahe
schreckliche Blutbad nicht anzusehn! Mein Herz bricht mir schon. - Wir können
nicht fliehen, Brüderchen, sagte Medardus, es rückt so schnell näher, dass wir
kaum den nächsten Hügel erreichen werden, ehe uns schon der Staub auf dem Nacken
liegt.
    Sie eilten zwar, aber wurden schon eingeholt, als sie noch nicht am Fusse des
Hügels hinangiengen. Die vermeinte Staubwolke war eins der fürchterlichsten
Phänomene der Natur - eine sogenannte Wasserhose4, dergleichen zwar bisher nur
in Holland und andern wasserreichen Gegenden wahrgenommen worden sind; da aber
in der Gegend, wo unsre Gesellschaft gegenwärtig vor Erwartung zittert und zagt,
und die ich meinen Lesern mit gutem Vorbedachte nicht genannt habe, das Meer in
der Nähe war, so sehe ich keinen Grund, warum man mir die wahrscheinliche
Existenz derselben läugnen wollte. Diese Wasserhose war eine der grössten, so
lange Zeitungsschreiber eine Presse beschäftigt haben; und ein gewisser
Gelehrter, Namens , demonstrirte mit A B X Y Z, dass besagte Wasserhose, die er
zwar nicht gesehen aber doch in seiner Studierstube sehr natürlich nach dem
verjüngten Maasstabe auf französischem Papiere abgebildet hatte, nur noch 3
[Pfund] Kraft gebraucht habe, um ein preussisches Regiment von der Ostsee zum
mittelländischen Meere zu transportiren. Izt tat sie weiter nichts, so viel
wenigstens unsre Geschichte angeht, als dass sie sich von einem starken Winde
herbeirollen liess, unsre Reisenden mitten in ihren Schoss fasste, mit ihnen sich
in die Höhe zog, sie in der Luft forttrug, zerplazte und sie in einer Gegend
niedersezte, wohin sie ihre Beine in vielen Wochen nicht gebracht haben würden.
    Belphegor und Medardus, die sich während des Transportes unablässig umarmt
hatten, befanden sich izo an den Donaustrom in die Wallachei versezt: doch
Akante war von ihnen getrennt. Sie schöpften Atem und konnten vor Verwunderung
und Erstaunen kaum zum Worte kommen; besonders schien es ihnen ganz
unbegreiflich, wie sie von einer solchen Höhe ohne die mindeste Verletzung
herabstürzen konnten. Nichts an ihnen hatte bei dieser Luftfahrt eine
Veränderung gelitten, als ihre Kleidung, die durchaus nass war, welches aber
keiner andern Ursache, als der gewaltigen Ergiessung von Regen zugeschrieben
werden musste, die bei ihrer Niedersetzung herabströmte; und weil sie in Schlamm
fielen, den eine Ueberschwemmung der Donau zurückgelassen hatte, so diente ihnen
dieser statt eines weichen Bettes, das ihre Gebeine vor aller Beschädigung
bewahrte. Doch der Strom ergoss sich von dem übermässigen Plazregen von neuem, und
nötigte die beiden Ankommenden, sich unverzüglich auf eine Anhöhe zu retten, wo
sie ihre Kleider an der Sonne trockneten, ein jeder sich auf ein Ohr legte, und
beide einschliefen.
    Nach ihrem Erwachen riet ihnen Klugheit, Hunger und Selbsterhaltung ihren
Weg zu einer menschlichen Wohnung fortzusetzen, bis sie an eine Hütte kamen, wo
sie anklopften. Man liess sie lange warten, bis endlich ein altes Weibchen sie
aus dem Fenster in verschiedenen europäischen Sprachen weiter gehn hiess. Da sie
unter den vielen eine getroffen hatte, die die beiden Reisenden verstunden, so
taten sie ihr in der nämlichen ihre Bedürfnisse zu wissen, und versicherten
sie, dass sie höchstdringend wären. Als die Alte merkte, dass Bitten nichts
vermochten, sie wegzukomplimentiren, und die Fremden schon nach dem Türriegel
griffen, in dessen Widerstand sie kein sonderliches Vertrauen setzen konnte, und
vielleicht auch aus wirklichem Mitleid kam sie ihren Gästen entgegen und
bewillkommte sie sehr höflich. Das ganze Gebäude hatte nur Ein Zimmer, und sie
fanden also gleich ohne besondre Anweisung den Platz, wo sie leben und weben
sollten. Bei genauerer Erkundigung zeigte sich es, dass ihre Wirtin eine
Christinn, eine geborne Französinn war, welches sie auch vor ihrem eignen
Geständnisse schon aus zween Gründen schlossen; weil sie französisch hurtig und
alle übrige Sprachen stotternd sprach, und weil sie sich einmal über das andre
aus dem Fenster entschuldigte, dass sie nicht im Stande wäre, les honneurs de la
Turquie zu machen, so gern sie wollte.
    Sie verschwendete den ganzen Rest ihrer vaterländischen Politesse, den ihr
die Walachei übrig gelassen, um ihren Gästen begreiflich zu machen, dass sie ihre
baldige Abreise sehnlich wünschte; sie sezte ihnen einen Tisch voll Teller und
etwas weniges Essen auf, das man unter der Menge Teller kaum finden konnte, und
liess mit einer schüchternen Behutsamkeit die Fremden niemals aus den Augen, die
ihres Appetites ungeachtet aufmerksam darauf wurden und ein Geheimnis
argwohnten. Der Argwohn ging in ihre Mine über, und dies vermehrte die
Behutsamkeit der Dame bis zur sichtbarsten ängstlichsten Besorgnis. Um sie nicht
wahrnehmen zu lassen, schwazte sie ihnen in einem unaufhörlichen Strome vieles
von der schönsten Stadt de l'Univers, von den diners und soupers, assemblées,
bals und festins vor, die sie mit Pairs, Herzogen, Markis und schönen Geistern
in Paris genossen haben wollte: doch ihre Sprache war wegen ihres innerlichen
Aufruhrs izt nicht halb so fliessend mehr, als sie es ehedem über dergleichen
Materien in Paris gewesen sein mochte. Medardus brach endlich die Rückhaltung
durch und offenbarte ihr aufrichtig, was er von ihrer Mine und Stimme argwohnte;
sie erschrak bis zur Ohnmacht. Man suchte sie zu beruhigen, als man aus einem
Winkel der Stube eine schnelle Bewegung und darauf das Röcheln eines Sterbenden
vernehmlich hörte.
    Belphegor rennte sogleich nach dem Orte zu, indessen dass Medardus sich mit
der Beruhigung der Wirtin beschäftigte. Jener eröffnete ein nicht allzugrosses
Gefäss, aus welchem ihm der Schall zu dringen schien, und entdeckte voller
Entsetzen darin einen Knaben, der in seinem Blute schwamm und mit dem Tode
rang. Er wusste vor Bestürzung nicht, was er zuerst tun sollte, bald griff er
nach dem sterbenden Knaben, ihn herauszuziehn, bald sezte er sich in Positur,
zur Französinn zu laufen, bald wollte er jenem helfen, bald diese zur
Rechenschaft ziehn. Unter dem Gewühle eines so vielfachen Wollens und der
höchsten Unentschlossenheit, fasste er endlich plözlich die kürzeste Partie und
zog den von Blute triefenden Jüngling heraus, der unter fürchterlichen
Konvulsionen in seinen Händen das Leben ausbliess. Die Rettung war also
unmöglich, und Belphegor, der die Französinn völlig im Verdachte des Mordes
hatte, sprang mit seinem gewöhnlichen Feuer auf sie los, um ihr - was weis ich?
- die Kehle zuzudrücken, wenigstens den vermeinten Mord empfindlich zu rächen:
doch Medardus schüzte sie wider den Eifer seiner strafenden Gerechtigkeit.
Brüderchen, sprach er und hielt ihn von ihr zurück, erst wollen wir hören, was
sie zu sagen hat. - Darauf fieng er das Verhör an, und sie versprach ihm, jede
seiner Fragen zu beantworten, so bald ihre Ruhe wiederhergestellt sein würde.
    Ach, fieng sie darauf an, der Unglückliche, den Sie hier im seinem Blute
erblicken, wollte dem unseligsten Tode entfliehen, und musste sich ihn mit eigner
Hand antun. Es ist der jüngste Bruder des itzigen Sultans, Prinz Amurat. - Ihre
Zuhörer erstaunten. - Sie wissen, dass der Despotismus eine grausame Vorsicht
erfodert, die jeden Tronbesteiger nötigt, allen Empfindungen der Bruderliebe,
des Blutes zu entsagen, und unbarmherzig jeden Verwandten niederzumetzeln, den
ein unglücklicher Einfall verleiten könnte, dem Despoten seine Macht streitig zu
machen. Kaum hatte der gegenwärtige Tirann den ersten Schritt zu der Herrschaft
über die Ottomanen getan, als er um seiner Sicherheit willen seine ein und
zwanzig Brüder, Vettern und andre Anverwandten ermorden liess: alle erlagen unter
ihrem Schicksale, nur dieser Prinz, der sich durch sein Naturell über seine
Erziehung erhoben hatte, rührte durch seine einnehmenden Bitten den
abgeschickten Mörder, der schon den Dolch auf ihn gekehrt hielt, dass er einen
Sklaven an seiner Stelle umbrachte und ihm im Sklavenkleide auf die Flucht
verhalf. Er kam in dem kläglichsten Zustande vor drei Tagen an meine Tür, bat
mich ihn einzunehmen, und hatte den edlen Mut, sich mir geradezu zu entdecken,
mit der Erklärung, dass er einen Dolch bei sich trage, den er sich augenblicklich
ins Herz stossen wolle, so bald er in Gefahr geraten werde, in die Hände seiner
Feinde zu fallen. Sie wissen, dass eine Französinn zu schwach ist, den Bitten
einer schönen Mannsperson zu widerstehn - Mitleid und Liebe sind die Elemente
unsers Wesens - ich nahm ihn auf; ich habe ihn erhalten, verborgen, so bald die
mindeste Gefahr drohte: ich verbarg ihn bei Ihrer Ankunft in diesem Fasse.
Vermutlich glaubte er, als er uns so lange in einer für ihn unverständlichen
Sprache reden hörte, dass Sie Ausspäher wären, dass ich ihn verriete und
hinterlistig in Ihre Gewalt liefern wollte: vermutlich durchbohrte er sich
darum mit dem schon längst bereiteten Dolche, den er nie von seiner Seite liess:
darum zitterte ich für ihn, und mögen Sie Kundschafter sein oder nicht, Sie
haben meine Tat entdeckt: sind Sie ausgeschickt ihn auszuforschen - eh bien!
hier ist mein Kopf: ich tat eine Pflicht der Menschlichkeit, begehn Sie an mir
eine Tat der Unmenschlichkeit. - Mit dieser witzigen Antitese fiel sie auf die
Kniee und legte ihren Kopf in Bereitschaft zum Abhauen auf einen Sessel.
    Da sie bei dieser Gelegenheit ein sehr hübsches witziges Ende hätte nehmen
können, was einem Franzosen gerade das ist, was wir Deutsche ein erbauliches
nennen, so war sie beinahe unzufrieden, dass sie von den beiden Fremden in der
Erwartung des Todes getäuscht und ihres Lebens teuer versichert wurde. Beide
huben sie auf und vereinigten sich mit ihr, den todten Körper bei Seite zu
schaffen, den sie in möglichster Eile verscharrten und die blutigen Spuren
seines Todes auf dem Boden auftrockneten.
    Nach Endigung dieser tragischen Begebenheit war die Französinn ganz frei und
ungehindert, den Fremden les honneurs de la Turquie zu machen, welches sie auch
mit vielem Eifer tat, woran sie vorhin die Gegenwart des Prinzen verhindert
hatte, den sie durch ihre Mine zu verraten fürchtete: denn, sagte sie, einem
Franzosen liegt sein Leben weniger am Herzen als Wort und Ehre. Sie bot ihnen
sogar freiwillig ein Nachtlager an, welches sie mit der erkenntlichsten Freude
annahmen.
    Des Abends wurde sie ersucht, ihnen zu melden, wie sie ein Land der
Menschlichkeit und feiner Sitten, wie ihr Vaterland, mit diesem Wohnhause der
Barbarei und der Grausamkeit habe vertauschen können. Schreckliche Schicksale
mussten Sie hieher verschlagen, Madam, sagte Belphegor.
    Ja, schreckliche Schicksale! war ihre Antwort. Ich bin die bekannte
Markisinn von E., die den grossen Kriminalprozess verlor, die überführt wurde,
ihren Mann vergiftet zu haben, und doch vor Gott und ihrem Gewissen unschuldig
war; und davon wissen Sie nichts? - Wie ist es möglich, dass sie auf der Welt
sind und eine Sache nicht wissen können, die in Frankreich vorgieng? - Mein Mann
starb plözlich, und alle Merkmale der Vergiftung machten die Art seines Todes
unzweifelhaft. Ich hatte nicht allzu wohl mit ihm gelebt: er war ein mürrischer,
eigensinniger, harter Ehemann, so unfreundlich und tükisch, dass er mich mit
seinem Vorwissen keine Freude geniessen liess, und sie zu hindern oder doch zu
verbittern suchte, wenn mir der Zufall eine ohne sein Zutun zuwarf. Sein
finstres menschenfeindliches Gemüt konnte unmöglich jemanden froh, zufrieden
und glücklich sehn, ohne sich selbst für minder glücklich zu halten, und weil er
keines Vergnügens fähig war, so war ihm alles verhasst, was ihn hierinne
übertraf: die Munterkeit eines Tiers gab ihm schon schlimme Laune. Da ich ein
beträchtliches Vermögen zu ihm gebracht hatte, so trennte ich mich auf eine Zeit
lang von ihm; und er war untröstlich und arbeitete mit allen Kräften, mich
wieder zu einer Aussöhnung zu bringen: - vermutlich war es ihm unerträglich,
niemanden zu haben, an dem er seine böse Laune befriedigen konnte. Das Herz
einer Dame vergibt schon, indem es über die Beleidigung zürnt: die dringenden
Bitten seiner Anverwandtinnen beredeten mich, wieder zu ihm zurückzukehren. Im
Anfange war er, wenigstens so sehr ER es sein konnte, ein erträglicher und
beinahe gütiger Gemahl: doch in vier Wochen war er durch diesen Zwang erschöpft;
er warf ihn ab: seine Gütigkeiten waren nur, so zu sagen, pattes de velours
gewesen, und er zog izt seine ganzen Krallen hervor. Mitten unter unsern
Unzufriedenheiten starb er plözlich an einer Vergiftung, die durch die
gültigsten Beweise gerichtlich dargetan wurde. Ich hatte keine sonderliche
Ursache, betrübt zu sein, ich war es nicht, und fand auch keine, es mehr zu
sein, als ichs war. Ich wollte mein Vermögen zurückziehn und seinen Erben das
seinige überlassen, denen es gebührte, weil wir keine Schenkung errichtet
hatten: doch dieses war mit jenem in den lezten Jahren so verwebt worden, dass
eine Absonderung ohne weitläuftige Streitigkeiten nicht geschehen konnte. Eine
Dame ist für die Kämpfe der Liebe, aber nicht für die Kämpfe der Gerechtigkeit
gemacht: ich liess von meinem Rechte bis zu einer beträchtlichen Schmälerung
meines Vermögens nach, um zur Ruhe zu gelangen. Umsonst schmeichelte ich mir mit
dieser Hoffnung: seine Erben machten auf einmal, schon einige Zeit nach dem Tode
meines Mannes, einen Prozess wider mich anhängig, worinne sie MIR die Vergiftung
meines Mannes schuld gaben. So rein ich mein Gewissen fühlte, so wenig fürchtete
ich von dem Ausgange etwas mehr als einen Verlust meines Vermögens: doch die
Sache bekam die unglücklichste Wendung wider mich. Advokaten, Schreiber, Richter
parlirten, schmierten, referirten, dekretirten so lange, bis ich für schuldig
erkannt, und mir Vermögen, Leben und Ehre abgesprochen wurden. Ich Unglückliche!
um dem traurigsten Schicksale zu entgehn, floh ich aus meinem Vaterlande und
liess die Schande auf meinem Namen zurück, die ich nicht selbst tragen wollte.
Ich wurde von einigen Kaufleuten, die meinem Vater grosse Verbindlichkeiten
schuldig waren, nebst einem kleinen Reste meines Vermögens hieher gerettet. Ich
kaufte diese elende Hütte und eine Sklavinn, mit welcher ich hier in der
Einsamkeit lebte und noch lebe. Vor einem Jahre besuchte mich einer von diesen
edelmütigen Männern, der mir die angenehme Nachricht brachte, dass mein Name von
der Schande des Mordes befreit sei, und dass ich ungehindert und ohne Gefahr in
mein Vaterland zurückkehren könne. Durch die Aussage eines Mädchens, das unter
neun Vergiftungen auch diese bekannt hatte, waren einige meiner Freunde
veranlasst worden, die Sache von neuem in Bewegung zu bringen. Nachdem mein Name
zwanzig Jahre lang unter der entehrendsten Schande gelegen hatte, nachdem ich
meines Vermögens, meiner Freunde, meines Vaterlandes, meiner Ruhe, meiner
Glückseligkeit beraubt war, nachdem ich meine besten Tage in der Einsamkeit, dem
Kummer, der Verachtung, der Dürftigkeit verseufzt hatte, liess man mir die
Gerechtigkeit widerfahren, mich für unschuldig zu erklären, fand man, dass einer
meiner ehemaligen Richter, der einen von mir wenig geachteten Anspruch auf mich
machte, den ich mit einiger Verachtung von mir wies, der Anstifter der
Vergiftung war, dass er durch tausend listige Kunstgriffe der Sache eine solche
Wendung zu geben gewusst hatte, wodurch der Verdacht wider mich bis zur höchsten
Wahrscheinlichkeit erhöht und dadurch von ihm desto weiter entfernt wurde,
welches um so viel leichter geschehn konnte, weil niemand als das Mädchen und Er
um den Mord wussten, und jenes mit einem Offiziere ausser Landes geflüchtet war.
Die Treulose war, wie ich mich nachher besonnen habe, zu der Zeit, als mein Mann
starb, mein Kammermädchen; und entfloh denselben Abend, als die Vergiftung
bekannt wurde - ein Umstand, den man wider mich nüzte und mich beschuldigte, mit
Bestechungen das Mädchen vermocht zu haben, durch ihre Flucht meine Schuld auf
sich zu nehmen. - Gütiger Gott! Meine Ehre, meine Unschuld, mein Name ist
gerettet: aber zwanzig Jahre lang unter dem drückenden Joche der Schande zu
schmachten, das, meine Herren, das nagt das Herz. Kann eine so spät, so zufällig
erlangte Gerechtigkeit den langen Kummer, Schmerz, Schande wieder ersetzen? kann
sie mir zwanzig unglückselige Jahre wiedergeben und glücklich machen? - Nein! -
Wehe dem Unterdrückten, dem Unrecht leidenden! Seichter Trost, dass man ohne
Verschuldung leidet! Er erhält das Leben, dass es der Schmerz nicht gleich
zerfrisst, um desto länger daran zu nagen. -
    Belphegor konnte von seinem Erstaunen nicht zurückkommen, dass man in einem
Lande, welches die Gesezgebung der Manieren, der Moden und Ergözlichkeiten in
ganz Europa an sich gerissen hat, die Gesetze, welche das Eigentum, die Ehre
und das Leben des Einwohners sichern sollen, in einer Verfassung lässt, die eine
solche Unterdrückung, eine solche Uebersehung der Unschuld möglich macht. Die
Gesetze, die Art des gerichtlichen Verfahrens, die Verfassung muss doch die
einzige Quelle sein, aus welchem Ihr Unglück herfloss, sagte er. Leicht bleibt
der Schuldige ungestraft: tausend Umstände, ohne die menschliche Schwachheit,
machen es möglich; aber wehe, wehe! wenn es möglich ist, dass der völlig
Unschuldige mit dem Schuldigen verwechselt und an seiner Stelle gestraft wird!
    In Deutschland würde das nicht geschehn, sprach Medardus; das ist gar ein
braves Ländchen, Madam. Wenn mich nur der unglückliche Sturm nicht so weit von
meiner Heimat verschlagen hätte! - Sie sollten wahrhaftig bei mir wohnen und
allen meinen Apfelwein mit mir teilen. Wenn Sie wollen, noch ist es Zeit: in
dem Lande hier könnte ich so nicht bleiben: es geht ja so barbarisch, wie unter
den Menschenfressern, zu. -
    O, mein Herr, erwiederte die Markisinn, hier hat die Unterdrückung ihre
natürliche grause wilde Mine: doch anderswo trägt sie tausend betriegerische
Larven, wovon einige das Ungeheuer ganz unkenntlich machen, nicht eher darunter
vermuten lassen, als bis man von seinen Zähnen gewürgt wird. Einer meiner
Brüder ist exilirt, der andre verbrannt worden.
    Beide Gäste exklamirten laut vor Erstaunen. - Der eine war ein Hugenott,
fuhr sie fort, der andre ein Feind der Geistlichkeit und besonders der Jesuiten.
Dieser, der jüngste von beiden, liess sich von jugendlichem Feuer und dem noch
ungestümern Eifer der Rechtschaffenheit hinreissen, etlichen ihrer
unverantwortlichen schädlichen Meinungen zu widersprechen. Er glaubte aus Mangel
an Erfahrung, dass es genug sei, Recht zu haben, um Recht zu behalten, und dass
man, um unsinnige Meinungen zu verdrängen, nichts brauche, als den Schuz der
Vernunft und Wahrheit. Man begnügte sich anfangs, seine Meinungen als ketzerisch
und schädlich zu verdammen, dem Urheber derselben etwas von der Verdammnis
mitzuteilen, und ihn in die Flammen zu wünschen, die sein Buch verheerten. Man
lärmte, man schrie, man verfolgte ihn mit Verläumdungen, man machte seinen Namen
bei jedermann beinahe infam, und behielt den Groll im Herzen, um ihn bei der
ersten günstigen Gelegenheit zu seinem Verderben auszulassen. Sie zeigte sich:
die Boshaften, die kein andres Interesse hatten, ihn zu Grunde zu richten, als
dass er sich Vorurteilen widersezte, die sie bloss verteidigten, weil es
verjährte Vorurteile waren, stürmten mit einer Wut auf ihn los, die nicht
heftiger hätte sein können, wenn er die Grundstützen der Religion mit verwägener
Hand niedergestürzt hätte. Man streute eben damals Erzählungen von Wundern aus,
die ein neu entdecktes Haar von den Augenwimpern des heil. Ignatius getan haben
sollte. So lächerrlich und ungereimt die Erdichtungen waren, so sehr ihre
Falschheit in die Augen sprang, so leicht liessen sich vornehme und geringe Laien
von ihrer Wahrhaftigkeit überzeugen. Die Absicht war eigentlich, einem
ungestifteten Kloster Gönner, Bewunderer und Beiträge zu verschaffen: der
Franzose, der alle Nationen über die Schultern ansieht und vielleicht in vielen
Stücken ein Recht dazu hat, glaubte übel ersonnene Mährchen, die mit Mutter Gans
in einem Range standen, und opferte reichlich. Mein Bruder, vielleicht halb von
Rache, aber gewiss auch halb vom Eifer der Wahrheit angefeuert, trat zum
zweitenmale auf den Kampfplaz; aber zu seinem Unglücke. Man beschuldigte ihn der
schwärzesten Verbrechen, man brauchte die niederträchtigsten Kunstgriffe,
falsche Zeugen, untergeschobne Briefe, um ihn der Gotteslästerung und Irreligion
zu überführen. Man gelangte zu seinem Zwecke; der unwissende Pöbel ist jederzeit
auf der Seite des Betriegers: er verlangte die Verurteilung meines Bruders. Der
Mann, der sie aus den Ketten der Unwissenheit und dem Despotismus fanatischer
Mönche reissen wollte, wurde auf Begehr Hoher und Niedriger öffentlich verbrannt.
    Himmel! schrie Belphegor, öffentlich verbrannt! So sind ja die Banden der
türkischen Sklaverei tausendmal leichter als die Tirannei eines unerleuchteten
Klerus! -
    Tausendmal leichter, mein Herr! Hier stirbt der Sklave mit Einem
Dolchstiche, ohne Schande; der Despot, dessen Eigentum er ist, wirft ihn weg,
wie ein abgenuztes Kleid; sein Loos befremdet ihn nicht, weil er auf kein andres
Anspruch machen kann: allein wo der Bürger eines Staats den mächtigen Gedanken
der Freiheit im Kopfe hat, da ist es ihm unendlich schwer, etwas zu dulden, das
nicht mit ihr besteht. Unter dem despotischen Himmel tödtet man mit Einem Hiebe,
unter vielen andern quält man mit hunderttausend Stichen langsam zu Tode: denn
alle kann man nicht verbrennen, wie meinen Bruder. -
    O, seufzte Belphegor, welch Untier ist der Mensch! Immer ein Unterdrücker,
hier des Eigentums, dort des Menschenverstandes, hier des Rechtschaffnen, dort
des Armen! -
    Ja, fasste Medardus die Rede auf, dass die Menschen doch so einfältige
Kreaturen sind! In Ruhe und Friede könnten sie bei einander sitzen, ein Glas
Apfelwein trinken und sich einander ihr Leben erzählen: aber nein! da schlagen,
schmeissen, balgen sie sich, wie das liebe Vieh; und noch ärger machen sies: denn
die Tiere verschlingen sich doch nur aus Hunger, aber die Menschen, wenn sie
der Hunger nicht dazu zwingt, suchen ein Sylbchen, ein Wörtchen, und verbrennen,
hängen, köpfen und sengen sich darüber. -
    Ja, leider, sprach die Dame, sonst wäre mein ältester Bruder nicht aus dem
Schoss des Vaterlandes, seiner Güter, seiner Familie vertrieben worden, weil er
ein heimlicher Hugenott war. Ein Elender, dem er einen kleinen Dienst versagt
hatte, weil er ihn desselben unwürdig hielt, gab ihn an; er musste, um sich nicht
der Verfolgung preis zu geben, mit Schiffbruch sein Vermögen retten und den Weg
wandern, den viele tausend seiner Brüder gegangen sind, in Länder, wo Vernunft
und Freiheit herrschen, und vernünftig denken und wahr denken eins ist: noch
glücklich, dass er nicht zu jenen Zeiten der höchsten Unmenschlichkeit lebte, wo
Frankreich seine Felder mit dem Blute seiner Einwohner düngen wollte! - O du
schändlichster verderblichster unter allen Despotismen! Despotismus des
Aberglaubens, der Scheinheiligkeit, der Habsucht im schwarzen Mantel, der
heiligen Dummheit, der Vorurteile! verheere nicht länger mein Vaterland, dessen
milder Himmel nur Menschlichkeit und gesunde Vernunft einflössen sollte! verheere
kein Land dieser Erde mehr! und die ihr es vermögt, tilgt, sengt, schneidet,
würgt, reutet ihn von der Wurzel aus, wo ihr ihn findet, wenn ihr euch und euer
Volk liebt!
    Belphegor, der nur ein Fünkchen brauchte, um in die Flamme der Begeisterung
aufzulodern, fiel auf seine Kniee und rief mit entzückter Stimme: O du
göttliches Geschenk! Freiheit zu denken, Freiheit zu reden! komm auf alle Länder
herab, die der Glückseligkeit einer allgemeinern Erleuchtung immer näher rücken!
Komm! würge den schändlichsten Götzen, den Aberglauben, und reisse so viele
Provinzen, die die blühendsten sein könnten, aus den Ketten des gräulichsten
Despotismus, des Despotismus über den Menschenverstand. - Kommt! - wobei er
aufsprang - wir wollen allen den scheusslichen Tirannen die Kehle zudrücken, die
ihre Grösse auf die Unterdrückung der Vernunft, auf die Sklaverei der
Unwissenheit und Dummheit baun! die den Keim der Menschenliebe ersticken, und
feindselige Rotten aus Menschen machen, die sich, wie Brüder, lieben würden, und
izt sich hassen, weil man ihnen den Hass befiehlt! Kommt! - Närrchen, Närrchen!
wohin denn? sprach Medardus und fasste ihn bei der Hand. Der Herr Markis ist ja
in Frankreich verbrannt worden, und wir sind in der Türkei. Ach, wir werden
genug zu kämpfen und zu streiten finden, ohne dass wir erst so weit laufen, um
Feinde aufzusuchen. Da ist mir doch Deutschland ein ander Ländchen, Madam: da
sitzen sie so still und ruhig beisammen, wie die Lämmchen; wenn sie einander
gleich nicht gut sind, so lassen sies doch wenigstens dabei bewenden, dass sie
einander nicht lieb haben. Mannichmal fuschen wohl ein Paar wunderliche Köpfe
auch ins Verfolgungshandwerk, aber sie müssen doch nur im Kleinen arbeiten; und
wenn sie zu laut werden, so stehn auf allen Ecken Aufpasser, die sie öffentlich
auszischen und auslachen; auf diesem Wege gibts dort wahrhaftig nicht viel
rechtes mehr zu verdienen. Den ersten Krug Apfelwein, den ich in meinem Leben
wieder an meine Lippen setze, trinke ich auf die Gesundheit des deutschen
Menschenverstandes aus. Nicht Brüderchen? du bist dabei? -
    Belphegor bejahte es wohl; aber sein Herz war nicht bei der Bejahung. Er
dachte noch etlichemal an die Welt und an Akanten, die sich ihm izt wieder sehr
wichtig gemacht hatte, legte sich nieder und schlief ein.
    Sie hatten nicht lange die Ruhe genossen, als ein Trupp türkischer Soldaten
mit Tumult zum Hause hineinstürzte und mit Gewalt den Prinzen Amurat darin
finden wollte. Die Markisinn glaubte, diese Barbaren durch die Nachricht von
seinem Tode zu gewinnen, und versicherte sie, dass er auf ihrer Schwelle sich
ermordet habe, zeigte ihnen seinen blutigen Dolch, wies ihnen sein Grab, und
liess sie seinen Leichnam ausgraben und besichtigen. Wider so deutliche Beweise
hatten sie freilich nicht Lust, etwas einzuwenden; allein da sie einmal zum
Morden ausgeschickt waren, und in der Türkei ein Menschenleben die wohlfeilste
Waare ist, so spalteten sie, um der Absicht ihrer Sendung ein Genüge zu tun,
die alte Markisinn nebst ihrer Sklavinn, jede in zwei Stücken, und die beiden
Fremden, weil sie noch jung waren und also etwas gelten mussten, beschlossen sie
mitzunehmen und an den ersten Liebhaber als Sklaven zu verkaufen, wovon aber
weder Belphegor noch Medardus etwas wussten, weil sie die Sprache ihrer
Ueberwältiger nicht verstanden; ehe sie es vermuten konnten, waren sie das
rechtmässige Eigentum eines Mannes, der sie zu den niedrigsten Beschäftigungen
bestimmte. - Siehst du, Brüderchen? sagte Medardus, als er zum erstenmale seine
elende Kost genoss, nun ist es mit dem Apfelweine vorbei! der ganze schöne
Vorrat, den ich mir in meine Wohnung habe schaffen lassen, wird verderben: denn
so bald werden wir aus dem Raubneste nicht wieder hinauskommen, das merke ich
wohl. - Wenn das meine liebe Frau wüsste - du gutes Kind! wie wohl ist dir! - mit
Tränen sagte er das; - wie wohl! und dein Männchen ist gar ein Sklave, ein
elender Hund! - Doch mutig, Brüderchen! die Vorsicht lebt noch; da trink die
elende Pfütze, und denke, es ist Apfelwein! da! Glückliche Rückkunft nach Hause!
- und so trank er ihm einen Topf voll schmuziges Wasser zu, wovon Belphegor
einen kleinen Schluck mit verzerrtem Gesichte nahm.
    Unterdessen war die Entfliehung des Prinzen Amurat ruchbar geworden, und ein
unbekannter niedriger Mann liess sich es einfallen, diesen Ruf zu nützen und sein
natürliches Recht auf den Tron des Despoten durchzusetzen: denn wo
Unterdrückung und Gewalt die einzige Stütze des Trons ist, da hat jedermann ein
gegründetes Recht, ihn zu besteigen, wer den Besitzer herunterwerfen, sich
hinaufschwingen und seinen Siz mit jenen beiden Stützen befestigen kann.
Jedermann, der sich zu ihm schlug, war sicher und gewiss, dass er, wenn die
Unternehmung gelang, bloss die Person des Despoten veränderte: niemand hatte
einen Begriff von einer andern Regierungsform, noch Begierde dazu: man stritt
höchstens für die Ehre, sich seinen Unterdrücker selbst gewählt zu haben. Dieses
geringen Vorteils ungeachtet, verschafte ihm doch die angeborne Neigung des
Menschen zum Kriege und eine gewisse neidische Freude, den Tirannen, den man,
wenn er mächtig ist, fürchten muss, zu stürzen, und sich dadurch gleichsam für
die bisherige Furcht zu rächen - diese beiden Antriebe verschaften dem Anführer
einen so zahlreichen Anhang, dass er allentalben die schrecklichste Verwüstung
verbreitete, und jedermann entweder für ihn fechten oder niedergehauen werden
musste.
    Bei einer so nahen und fürchterlichen Gefahr hielt es der Herr des
Belphegors und Medardus für die beste Partie, mit seinen Effekten, so viel er
davon fortbringen konnte, und seinen Sklaven sich durch die Flucht zu retten und
den ganzen zurückgelassnen Rest seinem Leben und der Wut der Rebellen
aufzuopfern. Ein Trupp hatte sich in einen Distrikt geworfen, durch welchen die
Entflohnen schlechterdings wandern mussten. Sie fanden ringsum die entsezlichsten
Spuren der Verheerung und der unsinnigsten Grausamkeit: zitternde Glieder
ermordeter Säuglinge, die im Blute ihrer Mütter schwammen, verstümmelte
halblebende Greise, Gewimmer von Sterbenden, fliehende, verfolgende, in der
Ferne flammende Dörfer, dampfende Brandstellen, das Lärm der Mordenden, das
Geschrei der Ermordeten, das Aechzen der Zertretnen, das Wiehern verwundeter
Rosse, blutbedeckte Felder, deren Furchen von Bächen strömten, Verwirrung,
Angst, Todesschmerz und der Tod selbst in den grauenvollsten Gestalten - dies
war das Bild, das sie eine lange Strecke neben sich auf einer weiten Ebne sahen:
da sie aber mit ihrem Gepäcke von dünnem Busche bedeckt waren, so entgiengen sie
der ohnehin beschäftigten Aufmerksamkeit der Barbaren.
    Belphegor zitterte vor Entsetzen und Zorn bei der Erblickung eines so
unmenschlichen Schlachtfeldes, und Medardus war ganz versteinert. - Brüderchen,
sprach er endlich leise zu jenem, das geht dir hier zu, wie in der Hölle: die
Schlacht zwischen dem Hannibal und Scipio kann nicht so blutig ausgesehn haben.
- Mich friert vor Grausen; was machst DU denn, Brüderchen? -
    Ich verbrenne! rief Belphegor. Gott! Geschöpfe von Einem Geschlechte, aus
Einem geistigen und körperlichen Samen gezeugt, Geschöpfe, die sich einer
Vernunft rühmen, erwürgen sich? erwürgen sich im tummen trunknen Taumel der
Mordsucht, ohne dass eine einzige für ihre Wohlfahrt wichtige Ursache ihr Blut
fodert! um ein Nichts, aus blosser toller Begierde sich die Köpfe zu
zerschmeissen! - O, Freund, den ersten besten Dolch möchte ich mir in die Brust
stossen, um nicht mehr zu einer rasenden Gattung von Geschöpfen zu gehören, die
nicht verdienen, dass eine Sonne über ihnen aufgeht, oder ihnen ein Mond
leuchtet. Tiere führen doch nur den allgemeinen Krieg mit Tieren anderer Art,
und scheuen unwissend die heiligen Bande, die sie zu Einem Geschlechte
verknüpfen: aber der Mensch - ist das ärgste Ungeheuer der Hölle. Ich bin mir
selbst gram, ein Mensch zu sein. -
    Ja, Brüderchen, es geht wahrhaftig bunt her: wenn WIR nur erst glücklich
durch wären, dann möchten sie sich schlachten, wenns ihnen nun ja so beliebt. -
    O möchten sie uns lieber zerfleischen und unter dem allgemeinen Ruine
begraben! Was nüzt uns der elende Lebenshauch, als nur um die Grausamkeit der
Menschen zu leiden und leiden zu sehn. Komm! ich stürze mich mitten unter die
Barbaren, und wohl mir, wenn ich erliege! -
    Närrchen, Närrchen! rief Medardus und zog ihn aus allen Kräften zurück. Die
Vorsicht lebt noch: wer weis, wozu das gut ist, dass sich die Leute hier die
Kehlen abschneiden? Auf dem Felde hier wird folgendes Jahr das schönste Getreide
wachsen. Wer weis, ob uns das Metzeln hier nicht desto eher wieder zu meinem
Apfelweine verhilft? - Zu etwas muss es doch gut sein. Wenn sie UNS nur die
Kehlen ganz lassen; sonst ist es mit der Hoffnung aus. -
    Belphegor wurde unwillig über die Gelassenheit seines Freundes und schoss
einen verächtlichen Blick auf ihn, der aber noch nicht völlig bis zum Medardus
gekommen war, als die Rebellen das Gepäcke hinter ihnen anfielen, Führer und
Lasttiere niedermachten, die aufgepackten Effekten zerhieben, zertraten und nur
etliche tragbare Kleinigkeiten nahmen, den Sklaventrupp gleichfalls angriffen
und unbarmherzig niederhieben: alle, auch Belphegor und Medardus, lagen in Einem
Haufen zusammen. Da die Heldentat verübt war, giengen die Krieger zu dem
Hauptchore mit ihren Lorbern zurück.
    Belphegor und Medardus waren nur verwundet und in dem Wirbel des
Scharmützels unter die Todten mit niedergerissen worden. So bald die erste
Betäubung des Schreckens verschwunden war, so arbeiteten sie sich unter den
Erschlagnen allmählich hervor, einer lieh dem andern seine Kräfte, und es gelang
ihnen hervorzukommen: doch ermattet von Arbeit und Verblutung sanken sie auf die
oberste Reihe wieder zurück. Mit der Kleidung der Getödeten stopften und
verbanden sie endlich ihre Wunden und schleppten sich nach dem Orte zu, wo die
Plünderung des Gepäckes vorgegangen war, aus einer sehr weisen Vorsicht, ihrem
gänzlichen Mangel durch eine Kostbarkeit abzuhelfen, die vielleicht ihre Mörder
in der Hitze der Verwüstung zurückgelassen haben möchten. Unter vielen
verderbten vortreflichen Sachen fanden sie ein Schächtelchen, von dem sie sich
viel Gutes versprachen: auch betrog sie ihre Hoffnung nicht: sie öffneten es
hurtig und fanden einen einzigen Diamant von ungeheurer Grösse darin. Ihr
Appetit wurde durch den Fund rege gemacht, und sie suchten weiter; sie
entdeckten noch etliche kleinere und andre tragbare Sachen von Werte, die sie
sorgfältig in die abgelegensten Winkel ihres Körpers versteckten. Darauf machten
sie sich gefasst, diesen Ort des Entsetzens so schnell als möglich zu verlassen.
Sie warfen noch einen mitleidigen Blick auf ihre daliegenden Mitbrüder, obgleich
aller Vermutung gemäss kein einziger Christ darunter sein mochte, als sie eine
Bewegung an einem Haufen wahrnahmen. Da sie erwarteten, dass es gleichfalls ein
Verwundeter sein werde, der sich, wie sie, zum Leben emporarbeiten wolle, so
vereinigten sie ihre Hülfe, die todten Körper abzuwälzen. Kaum hatten sie sechs
oder achte abgeworfen, als einer seine Hände nach ihnen ausstreckte, mit welchen
sie ihm aufhalfen. Er war wenig oder gar nicht verwundet und durch die Drückung
der übrigen nur erschöpft. Er stieg von ihnen geführt herunter, und da sie auf
ebnem Boden waren, so schlug der Errettete und die Erretter zum erstenmal ihre
Augen gegen einander auf, um Dank zu geben und zu empfangen, stuzten insgesamt,
waren verlegen, ungewiss, konnten sich nicht besinnen, bis sichs nach drei Fragen
und drei Ausrüfen fand, dass hier auf diesem Flecke Belphegor, Medardus und -
Fromal beisammen stunden, sich umarmten, nicht wussten und vor grossen Freuden
nicht wissen wollten, wie sie zusammengekommen waren.
    Am lebhaftesten war die Freude über diese plözliche Zusammenkunft auf
Belphegors Seite: er wurde so ganz freundschaftliches Gefühl, dass er nicht einen
Augenblick an die Nachrichten dachte, die ihm Akante von der Untreue seines
Freundes hinterbracht hatte. Es war nur eine kurze Unterredung nötig, um zu
erfahren, dass Fromal der Herr der niedergesäbelten Sklaven und des geplünderten
Gepäckes gewesen war; da er seine beiden Freunde hatte kaufen lassen, ohne sie
selbst zu sehen, und sie auch kein Verlangen noch Gelegenheit gehabt hatten,
ihren Gebieter kennen zu lernen, so war es um so viel leichter, dass ihre
Erkennung bis auf den gegenwärtigen Augenblick verschoben bleiben konnte.
    Nachdem sie noch eine neue Durchsuchung mit den Resten der Plünderung
vorgenommen und nichts entdeckt hatten, so beschlossen sie einmütig, dies Land
der Barbarei und der Unterdrückung zu verlassen und sich mit den grossen und
kleinen Diamanten nach dem humanisirtern Teil von Europa zurückzubegeben, um
dort mit dem Herrn Magister Medardus einen Krug Apfelwein auszuleeren.
    Da die Pest eben in Konstantinopel wütete, und der Aufruhr sich sehr schnell
nach dieser Stadt hinzog, so nahmen sie ihren Weg nach der mittäglichen
Meerseite, um dort eine Gelegenheit zum Rückmarsche zu suchen. Unterwegs erst
führte sie das Gespräch auf Akanten, und Belphegorn auf den Verdacht, den sie
ihm wider Fromals Freundschaft hatte beibringen wollen; allein da die Länge der
Zeit und die gegenwärtige Freude über sein Wiedersehn die Stärke desselben
ungemein gemildert hatte, so berührte er ihn nicht als einen Vorwurf, sondern
vielmehr als eine Erzählung, welcher er nicht sonderlichen Glauben beimass.
Fromal rechtfertigte sich nicht, sondern ohne grosse Beteuerungen berichtete er
ihm in planem historischem Stile, dass er allerdings Belphegorn von Akanten zu
entfernen gesucht habe, doch ohne die schmerzliche Begegnung, welche seinem
Befehle und seiner Absicht zuwider gewesen wäre.
    Ich wusste, sprach er, dass du auf der Neige deines Geldes warst, dass deine zu
feurige Liebe dir keine eigne Rückkehr erlauben würde: du warst von dem
gänzlichen Verderben nur einen Strohhalm breit entfernt; ich beschloss, dir eine
schimpfliche Verabschiedung zu ersparen, und bot mich Akanten an deine Stelle
an. Ich bot mich ihr bloss an, damit sie desto leichter in deine Trennung
willigen sollte: denn den Ruin deines Vermögens wusste sie noch nicht. Damit sie
mich desto williger annähme, stellte ich mich reich, ob ich gleich nicht mehr in
der Tasche hatte, als eben so viel, wie ich dir gab: hätte ich gewusst, dass sie
einen andern viel reichern Liebhaber schon an der Seite hätte, so wäre mein Weg
nicht einmal eine so weite Strecke mit ihr gegangen. Dass sie dich so empfindlich
behandelte, das war gewiss eine Wirkung ihres eignen rachsüchtigen Herzens, das
das Hässlichste auf dem Erdboden ist. Dich hat sie mit Ribbenstössen verjagt, und
mich wollte sie gar vergiften.
    Vergiften? rief Belphegor. Davon hat sie mir kein Wort gesagt; aber wohl,
dass du deinen Nebenbuhler in ihren Armen durchbohrtest. -
    Sie wird keine Verräterinn ihrer eignen Bosheit werden: aber ihre
Vergiftung war eben die Ursache meines Mordes. Sie merkte bald, dass mein
Reichtum nur Grosssprecherei gewesen war; und weil ich zu gleicher Zeit meinen
Nebenbuhler ausgekundschaftet hatte, so war mein Plan schon gemacht, mich unter
einem anständigen Vorwande von ihr loszureissen. Weil sie wieder und zwar gut
versorgt war, so befürchtete ich nichts von ihrer Rache: doch ich betrog mich.
Sie verriet mich an ihren Nebenbuhler, sie beredete ihn, dass ich mich durch den
Tod von ihm befreien wollte, dass sie mich im Grunde hasste und meiner gern
entübrigt wäre: genug, sie kützelte ihn so lange, bis der Leichtgläubige sich
übertäuben und zu dem Anschlage meiner Vergiftung hinziehn liess. Zum Glücke
behorchte ich sie, als sie den Entwurf zu der schändlichsten Tat schmiedeten,
ich erbrach in der Wut die Türe und rennte mit blossem Degen auf den Bösewicht
los, der unter dem ersten Stosse erlag: Akante entsprang. Was konnte ich anders
tun? Krieg gegen Krieg! Mein Leben oder das Leben des Angreifers! - Sie stellte
dir mein ganzes Verhalten vermutlich in einem Lichte dar, das den hässlichsten
Verdacht der Treulosigkeit gegen dich darauf werfen musste? -
    O mit den gehässigsten schwärzesten Farben! -
    Sie hintergieng dich, Freund! Meine Absicht war die redlichste: du musstest
von ihr entfernt, oder wenn sie deine Verarmung gewahr wurde, am Ende das
traurigste Opfer ihrer Rache werden. Ich musste dich retten, oder nicht dein
Freund sein - ich musste, sollte ich auch gleich der Gefahr mich aussetzen,
einige Zeit von dir nicht dafür gehalten zu werden. Ich sah keinen andern Weg
vor mir, als den ich wählte: unglücklich, dass die Boshafte meinen Befehl
überschritt! wofür sie bereits gebüsst hat, gleich als ich dich verliess, und noch
büssen soll, wenn sie das Schicksal wieder in meine Hände liefert. -
    Belphegor wusste nicht, wohin er sich mit seinem Glauben lenken sollte, zu
Fromals oder Akantens ganz entgegenlaufenden Erzählungen: sein Verstand sprach
für Fromaln, und sein Herz für beide: endlich neigte er sich bei einer solchen
Unentschiedenheit auf Fromals Seite und glaubte der lezten Erzählung - der
gewöhnliche Gang, den der Glaube der Menschen nimmt! Einmal wurde er auf alle
Fälle betrogen, und konnte nie ausmachen, von wem eigentlich; und bei dieser
Bewandtnis war es gewiss das Beste, dem Anwesenden Recht zu geben und sich mit ihm
in gutem Verständnisse zu erhalten: die Klugheit riet ihm dies schon, wenn auch
sein Herz und seine Freundschaft für Fromaln nichts dabei hätten tun wollen. Er
dankte ihm freundschaftlich für seine aufrichtige Vorsorge und die Errettung aus
den Klauen eines solchen Ungeheuers, tat noch ein Paar verliebte Ausrüfe an
Akanten und verfluchte ihr Andenken auf ewig.
    Ja, wenn alle Akanten wie meine Frau wären, sprach Medardus mit Rührung, so
brauchte man ihr Andenken nicht zu verfluchen. Brüderchen - wobei er Fromals
Hand ergriff, - das war dir eine Frau! - Ein solches Weibchen und einen Krug
Apfelwein! - und wahrhaftig ich wollte es in der Türkei alsdann mit ansehn.
Siehst du, Brüderchen? das war dir ein Weibchen! -
    Guter Mann! wenn du einen Engel zum Weibe hättest, du wärst doch in diesem
Lande unglücklich, du müsstest denn die Menschheit zur Hälfte ausziehn. Ich habe
viele Länder durchschweift und allentalben in dem Menschen einen Unterdrücker
gefunden: doch nirgends ist mir noch die Unterdrückung mit so offner
unverstellter Mine entgegengekommen, Leute, die nie einen höhern Grad von
Freiheit gekostet haben, sind auch hier glücklich, wie der Arme bei der
Verachtung, wenn er nie die Süssigkeiten der Ehre geschmeckt hat; aber wir unter
einem mildern politischen Himmel erzogne, wir kränkeln mit unsrer Glückseligkeit
unter dem hiesigen beständig. Ich war der gefürchtete Herr vieler Sklaven,
Besitzer von Reichtümern, und doch fehlte mir stets etwas, so sehr ich alles zu
haben schien. -
    Du, Fromal? der du so verarmt warest, als du mit mir teiltest, du hattest
dies alles? -
    Ja! und kam auf eine sonderbare Weise dazu. Ich musste entfliehn, als ich
meinen boshaften Nebenbuhler ermordet hatte, um Akantens und der Gerechtigkeit
Rache zu entkommen. Ich begab mich nach Frankreich und fand Paris bei meiner
Ankunft in der heftigsten Bewegung. Du weisst, Belphegor, dass ich in der Welt
selten mitspiele, sondern mich vom Schicksale, vom Strome der Begebenheiten
fortreissen lasse: auch hier blieb ich meinen Grundsätzen getreu und war müssiger
Zuschauer. Man hatte ein neues Schauspiel aufgeführt, das vielen Beifall aus den
Logen erhielt: das Parterr überstimmte sie mit seinem Misfallen. Der Streit war
der allgemeine Gegenstand des Gesprächs, aller Wünsche und Neigungen: man hasste
und liebte sich bloss um der Partei willen, zu welcher man gehörte: wie Gelfen
und Gibellinen, wie die grüne und blaue Faktion stritt man, nur mit andern
Waffen als diese, wider einander. Wo ich einen schönen Geist, einen witzigen
Kopf, einen Kunstrichter erblickte, der war wider den Autor aufgebracht: man
schwur ihm allgemein den Untergang. Ich nahm mir die Freiheit, mich bei einem
nach der Ursache dieses Hasses zu erkundigen, und erfuhr, dass der Verfasser ein
junger Mann, dass dies sein erstes Stück sei, und dass ein ältrer von ihm
beleidigter Dichter, der einen so schnellen Beifall ahnden müsste, den Aufstand
veranlasst habe. - Aber wie machte er das? fragte ich. - Eine Schauspielerinn,
die er liebte, wurde von ihm angestiftet, eine Schmeichelei an das Parterr im
dritten Akte in die bitterste Satire zu verwandeln: sie opferte ihren eignen
Ruhm der Liebe auf; und das lezte Wort von diesem herben Komplimente war auch
das lezte, das im ganzen Stücke gesprochen wurde: weiter liess man sie nicht. Der
Mann muss nieder, sezte er hinzu, er mag sich noch so sehr sträuben: man ist in
Zorn wider ihn, und nie wird er durch die feinsten Schmeicheleien sich eine
Handvoll Beifall erkaufen können: er soll nicht, er muss nieder. - Ich ging nach
meinem Abschiede von ihm über einen Platz, wo eine Menge Gaukler die
Aufmerksamkeit des anwesenden Publikums an sich ziehen wollten. Ein jeder sagte
dem Teile, der bei ihm stand, alles Böse von seinen übrigen Mitbewerbern und
denen, die sie begünstigten, die sogleich die besten klügsten Sterblichen
wurden, so bald sie zu IHM übertraten. Einer darunter, dem die ausgelassensten
Spöttereien keine Zuhörer verschaffen wollten, hatte die Bosheit, einen von
seinen Leuten abzuschicken, der unter die Zuschauer der nächsten Buden brennende
Schwärmer werfen musste: das Volk sprengte aus einander, war allen den Gauklern
gram, wo sie mit diesem Feuerwerke begrüsst worden waren, und liefen dem
Haufenweise zu, der sie damit hatte begrüssen lassen: die übrigen wurden beinahe
gestürmt. Sein Nachbar, der am meisten dabei gelitten hatte, dachte auf Ränke,
sich zu rächen: er liess heimlich ein Paar Kerle die Nägel an den
Hauptbefestigungen von der Bude seines Feindes ausziehen, alsdann einen guten
Stoss daran tun, und die Bude stürzte über dem Kopfe ihres Besitzers zusammen,
quetschte ihn mit Lebensgefahr; die Menge lachte und ging zu dem andern über.
Kaum hatte er sich seiner gelungenen List zu erfreuen angefangen, als seine Bude
in lichten Flammen stund: sein Nachbar hatte sie ihm angezündet, als er den
Strom zu ihm kommen sah. So suchte einer dem andern durch List oder Gewalt den
Beifall abzujagen; und der einfältige Pöbel liess sich von einem zum andern
herumschicken, bis sie ihm alle misfielen. Da der ganze Platz leer, einer
beschunden, der andre versengt, fast keine Bude mehr unbeschädigt und alle
gleich verachtet waren, so traten sie zusammen, kondolirten einander herzlich
und giengen in Gesellschaft zum Weine. - Einige Tage darauf fand ich meinen Mann
wieder, den ich um die gegenwärtige Lage des teatralischen Streites befragte.
-: Es ist vorbei, antwortete er: der Mann hat durch seine Freunde bekannt machen
lassen, dass er nicht Einen Vers von seiner Arbeit mehr auf das Teater kommen
lassen will: und er hat heute mit seinem Rivale in Einem Speisehause gegessen;
sie sind gute Freunde: und weil jener gestern ein Nachspiel aufführen liess,
worinne er das ganze Komödienhaus für sich und wider den jungen Schriftsteller
zu interessiren wusste, so ist auch das Publikum wieder einig und hat die ganze
Sache schon vergessen: mir selbst ist das Ding so alt, als wenn es unter dem
Meroväus vorgegangen wäre. - Indem wir so mit einander sprachen, hörten wir
einen Tumult, der einen lebhaften Zank ankündigte; als wir darnach forschten, so
erfuhren wir, dass es zween Bediente von einer gewissen Herzoginn waren, wovon
der eine Tages vorher die unvermutete Ehre gehabt hatte, die schöne Hand seiner
gebietenden Frau mit der seinigen zu berühren, als sie über den zu starken Duft
eines parfumirten Herrchen in Ohnmacht sank, und er allein in der Nähe war, sie
aufzufangen. Ein andrer, der nicht weit davon stund, aber zu diesem Glücke zu
spät kam, wurde neidisch darüber, und als sie gegenwärtig zusammenspeisten,
überfiel ihn sein beleidigter Ehrgeiz von neuem, dass er das Messer ergriff und
dem andern zwo grosse und etliche kleine Adern an der beneideten Hand
entzweischnitt. - Welch ein feiner Ehrgeiz muss in diesem Lande herrschen! rief
Belphegor. -
    Mich beschäftigte die Begebenheit nicht länger, als ich darüber lachte: ich
bin dergleichen Wettstreite um die Ehre gewohnt. Das ist der Krieg der
Hofhaltungen, der aber nirgends so hitzig geführt wird als an der Hofstatt des
Apolls. Jedermann buhlt da um die Gunst des eigensinnigsten Geschöpfes - des
öffentlichen Beifalls. - Belphegor! dein gutes menschenliebendes Herz würde
Kapriolen machen, wenn du die Künste, die Kabalen sähest und hörtest, die sich
die Leute, jenem wankelmütigen leeren Dinge zu Gefallen, spielen, wie sie sich
hassen, mit Satire, Pasquillen, Verläumdungen verfolgen, unterdrücken, ihr und
andrer Leben verbittern, fast unglücklich machen, um einander ein Bröckchen
Beifall abzujagen, dessen Genuss ihnen doch wahrhaftig die Hälfte der erlittnen
Unannehmlichkeiten nicht wieder vergütet. Aber keiner unter diesem kriegerischen
Dichtervolk hat doch gewiss seit der Schöpfung so weitaussehende Absichten gehabt
als NIKANOR: der Mann war ein geborner Eroberer; er strebte nach der
Universalmonarchie in dem Reiche des Beifalls so stark als Alexander in der
politischen. Alle Mädchen, mit welchem ein Dichter nur zu tun hatte, wäre er
gleich von der untersten Klasse gewesen, musste er zu seinen Freundinnen machen;
und jeden Poeten, jeden, von dem er nur erfuhr, dass er in seinem Leben zwo
Zeilen zusammen gereimt hatte, betrachtete und behandelte er als seinen
Nebenbuhler. Ihre Mädchen, Freundinnen und Gönnerinnen waren seine Spione: sie
mussten ihm von jedem verfertigten Verse ihrer Liebhaber Nachricht geben, das
neue Produkt in Abschrift ausliefern und ihre skandalose Geschichte zu wissen
tun. Aus diesen drei Materialien machte er sein Pulver, und sein Wiz diente ihm
zur Kanone. Wenn er die Ueberlegenheit eines Mannes fühlte, so liess er ihm sein
Manuskript wegstehlen und verbrennen, oder Stellen heimlich einschieben, die es
zum Beifalle schlechterdings unfähig machten: die Buchdrucker führte er deswegen
insgesamt an seinem Seile. So bald er die Geringfügigkeit, das Mittelmässige
eines neuen Werkes merkte, so arbeitete er, durch versteckte Wege die
Bekanntmachung desselben zu beschleunigen, und gleich darauf erfolgte ein ganzes
Packet Schmähschriften, Parodieen, die es so lächerrlich machten, dass es
niemanden nicht einmal mittelmässig schien: alle waren seine Arbeit, und seine
Kreaturen mussten sie ausstreuen oder drucken lassen: oft liess er im Manuskripte
Satiren auf Werke herumlaufen, die noch unter der Presse brüteten. Wenn ein
neues gutes Werk ohne sein Vorwissen, oder ohne dass seine List es hindern
konnte, an das Licht gelangte, so war ER der erste, der es unter dem Namen eines
schlechten Mannes von übelm Kredite so ausgelassen lobte, dass es einem grossen
Teile schon dadurch verdächtig, und allemal der Eindruck desselben geschwächt
wurde. Einmal widerfuhr ihm das Unglück, dass ein mutiger Mann seiner List und
seiner Unverschämteit trozte: er liess sich mit Fleis sein Manuskript stehlen,
indessen dass er an einem entfernten Orte eine andre Abschrift davon drucken
liess, die schon in den Händen des Publikums war und allgemein gelobt wurde, als
der betrogne Nikanor noch ruhig über seinen Raub triumphirte. Plözlich erfuhr
er, wie man ihn hintergangen hatte; er wütete, wie ein Löwe, besonders da ER
darin die lächerrlichste Hauptrolle spielte, und jedermann sich schon auf seine
Unkosten belustigte, ehe er es nur vermuten konnte. Sein Gegner hatte sich zwar
versteckt, aber es gelang Nikanorn doch, ihn auszuforschen: nun fieng der
drollichste Krieg an. Man focht von beiden Seiten mit den schärfsten Waffen des
komischen Witzes; und am Ende hatten sie den Nutzen, dass beide lächerrlich
gemacht waren: doch eignete sich Nikanor den Sieg zu, weil er das lezte Pasquill
drucken liess. Durch diesen Krieg sank er in den Augen des Publikums: doch blieb
er noch immer der gefürchtete Tirann in dem Reiche des Witzes, dem jeder
huldigte und den ersten Rang zugestehn musste, wenn er den zweiten nach ihm haben
wollte. Er unterhielt eine Menge Lobredner, die für ein kleines Lob, das er
ihnen aus Gnaden zuweilen zuwarf, sich für seine Verdienste zur Posaune der Fama
gebrauchen liessen: wenn sie weiter nichts tun konnten, so mussten sie wenigstens
seinen Namen in dem Andenken des Publikums durch die öftre Wiederholung
desselben erhalten; und man hat mich versichert, dass er selbst einen Haufen
Broschüren unter fremden Namen schrieb, worinne sein eigner werter Name, nebst
Citaten aus seinen Schriften, auf allen Seiten zu finden war; auch bestach er
die Setzer, dass sie in andrer Werken, wo seiner gedacht wurde, seinen Namen
jederzeit mit grossen hervorleuchtenden Lettern drucken mussten. Nach einem
sechzigjährigen Leben voll immerwährender Scharmützel und Kämpfe hatte er
endlich das Glück errungen, dass er sich einige dreissig Jahre für den Diktator
perpetuus in der Republik der schönen Wissenschaften gehalten hatte, und nun, da
seine komischen Waffen stumpf, sein Arm zur Lanze des Wizes zu matt war, da er
nicht mehr morden und würgen konnte, jeder Esel, jeder Hase dem alten kraftlosen
Löwen einen derben Stoss gab, bis endlich nicht einmal auf diese Weise mehr sein
Andenken erneuert wurde, und den grossen Universalmonarchen der Tod im Stillen
vor den Kopf schlug. -
    Der Narr! unterbrach ihn Medardus; so bin ich doch wahrhaftig bei meinem
Kruge Apfelweine neben meinem Weibchen tausendmal glücklicher gewesen, als er
mit seinem grosstuenden Ruhm, und will es gewiss auch wieder werden, wenn ich nur
erst aus dem barbarischen Lande wieder weg wäre. - Sage mir nur, Brüderchen, wie
du in so ein Land hast gehen können? -
    Der Zufall schleuderte mich hin. Ich ging von Paris nach London auf ein
ungewisses Glück aus. Was für einen Lärm, was für Unruhen traf ich dort an?
Nicht bloss heimlicher schleichender Hass, nicht Faktionen, die bloss in
Gesellschaften über den Wert eines Schauspiels sich teilen! oder Dichter, die
sich ihren guten Namen mit unblutigen Waffen zerreissen! Nein, öffentlicher
lauter Tumult! Tumult der Grossen und des Pöbels! - Ein unbekannter Mann, der
seine Niedrigkeit nicht ertragen mochte, schreiben und lesen konnte und
unverschämt dreist war, hatte sichs einkommen lassen, eine Schrift auszustreuen,
worinne er von Gefahren für die Freiheit, von der Usurpation der Regierung, von
Unterdrückung schwazte: ohne Zusammenhang, ohne Gründe machte er alles
verdächtig und ermunterte zur Verteidigung der Freiheit. Sogleich rotteten sich
seine Leser zusammen; wer sie oder ihren Autor aufs Gewissen gefragt hätte,
worinne ihre Freiheit gekränkt worden wäre, würde keine Antwort darauf erhalten
haben: dennoch sezte das einzige Wörtchen »Freiheit« das ganze Volk in Feuer.
Man schlug Pasquille an, man warf Fenster ein, man verfolgte diejenigen, die der
Autor verhasst gemacht hatte, auf allen Gassen, hielt ihre Kutschen an, sie
konnten sich beinahe nicht ohne Lebensgefahr sehen lassen, man erdrückte, man
zerquetschte sich, rief dem Autor ein Vivat, bis alle Kehlen durstig wurden, und
dann zerstreute man sich in die Bierhäuser, um für die Freiheit zu saufen. Dem
Manne, der sie losgehezt hatte, kam es wenig auf die Freiheit an, von der er
vielleicht selbst keinen Begriff hatte: er wollte sich aus der Dunkelheit
reissen, und war ihm der entgegengesezte Weg dienlicher dazu, so schrieb er wider
die Freiheit so gut als izt dafür. Doch in England bringt nun einmal der Eifer
für die Freiheit empor, wie in verschiednen andern Reichen der Eifer für die
Unterdrückung: ein jeder, der empor will, wählt sich den Weg, der ihn unter
seinem Himmel am nächsten dahin führt; schlachtet, wenn er kann, dort die
Grossen, und hier die Kleinen: wenn er nur durch ein Wörtchen Leute anlocken
kann, sich zu seinem Endzwecke Arme und Beine entzweizuschlagen, und für sein
Interesse zu arbeiten, indem er ihnen weis macht, dass sie es für das ihrige
tun: wohl ihm alsdann! sein Verlangen ist befriedigt. Die Kunst der Illusion! -
das ist die einzige probate Kunst des Erdbodens. In England ist sie leicht und
gelang meinem Autor sehr wohl. Der Aufstand vergrösserte sich täglich; Glaser und
Glasfabriken wurden mit jedem Tage mehr mit Arbeit versorgt; man illuminirte der
Freiheit zu Ehren, man baute ihr Ehrenpforten, man verbrannte, hieng, köpfte die
vermeinten Unterdrücker im Bildnisse, man höhnte und schimpfte sie in Schriften,
der wilde Haufe geriet selbst in Uneinigkeit, sie trennten sich in Faktionen,
steinigten, prügelten sich wund und lahm, und da ihr Aufhetzer seine Absichten
so ziemlich befriedigt, sich bekannt, angesehen und erhoben sah, so zerstreute
er ihren Unwillen, besänftigte die Verfechter der Freiheit und bezahlte
niemanden seine Versäumnis, seine Wunden und sein verschwärmtes Geld: es blieb
wie sonst, und die Freiheit war nichts besser und nichts gekränkter. -
    Wohl einem Volke, sagte Belphegor, das für die Freiheit fechten kann! Keine
Illusion ist glücklicher als die Illusion der Freiheit, wenn man ihr gleich
jährlich etliche hundert Hirnschädel opfern müsste. Mein Blut schwillt in allen
Adern empor und zersprengt fast mein Herz vor übereilter zuströmender Bewegung,
wenn ich nur den begeisternden Klang Freiheit tönen höre. Komm! wir kehren
zurück nach England: das einzige Land der Erde, wo ich von nun an wohnen will!
Die Sonne muss dort erfreulicher wärmen, der Schatten viel erfrischender laben,
weil er ein freies Haupt erquickt. Freunde! wenn mein Leben nur noch in Einem
Tropfen Blutes bestünde, gern wollte ich mir selbst die Ader zerschneiden und
ihn herauströpfeln lassen, könnte ich durch diesen Tod eine Menge Menschen in
die Illusion versetzen, sich für freier als den Rest der Menschheit zu halten
und dadurch glücklicher zu werden. - Meinst du nicht, Freund? redte er den
Medardus an. -
    Ja, Brüderchen, war seine Antwort, ich dächte selber, dass in einem freien
Lande ein Krug Apfelwein tausendmal schöner schmecken müsste, weil er über eine
freie Zunge geht: aber wenn nicht solche Weiberchen zu haben sind, wie meine
verstorbne, - ei! Schade für die Freiheit! -
    Fromal lächelte und fuhr in seiner Erzählung fort. - In London machte ich
die Bekanntschaft einer ziemlich reichen Kaufmannswittwe, die wegen einer
empfindlichen Beschimpfung, die sie erlitten hatte, den festen Entschluss fasste,
ihr Vaterland zu verlassen: ich bot ihr meine Begleitung und meine Person an;
wir heirateten einander und zogen zusammen in die Türkei, wo sie einen Vetter
beerbte: ich teilte den Genuss ihres Vermögens und dünkte mir glücklich. Das
Schicksal kollerte mich aufwärts, izt wieder unterwärts; wer kann sich dem
Schicksale widersetzen? das wäre der tollste Krieg. Es mag mich weiter
fortschleudern: seine Hand hat die Elemente sich zu dem Dinge, das ihr Fromal
nennt, zusammenballen und aufwachsen lassen, sie wird es schon durch die Welt
transportiren, und weis sie es nicht mehr fortzubringen, so wirft sie es wider
die Erde, dass es aus einander fällt; und aus den Fragmenten wird der Zufall
wieder etwas anders brüten: es geht nichts verloren. - Frisch! munter! meine
Freunde! Getrost wollen wir uns von dem Stosse des Schicksales fortrollen lassen,
wohin uns auch seine Richtung treibt: wir bleiben immer auf der Erde, finden
allentalben Menschen, allentalben Krieg in verschiedener Gestalt, allentalben
Kampf, wenn wir uns unter ihr Spiel mischen, und werden vermutlich ganz wohl
davon kommen, wenn wir stillschweigend neben ihnen wegschleichen. -
    O Fromal, hätte ich diese Regel früher befolgt! sprach Belphegor; vielleicht
wäre ich izt weniger Krüpel. Die unbändige Hitze, die mich dahinreisst! -
    Brüderchen, sprach Medardus, sei du guten Mutes! die Vorsicht lebt noch.
Wer weis, wozu es gut ist, dass du ein Krüpel bist? der Apfelwein würde dir immer
noch wohl schmecken, wenn du einen Krug voll hier hättest. Lass das Grämen und
Härmen! wer weis wozu dirs gut ist? -
    Wozu? unterbrach ihn Fromal lächelnd; zu nichts! In der langen Kette von
Ursachen und Wirkungen in dieser Welt war es schon längst vorbereitet, dass er
ein Krüpel sein sollte: wer kann der Notwendigkeit widerstreben, die die
sterblichen Begebenheiten aus einander hervorwachsen lässt? Wer kann den Bliz
aufhalten, dass er nicht mein Haus trift? Wäre die Lage und Wirkung der Teilchen
der Atmosphäre von Anbeginn durch den Zufall anders geordnet worden, so träfe er
vielleicht meinen Nachbar: aber nein! er soll, er muss mich treffen. Gut ist mirs
wahrhaftig nicht, wenn er mich bettelarm macht, aber meine Armut kann mir in
der Folge vielleicht durch den Zufall irgend wozu nüzlich werden: ich bilde mir
es ein, ich suche den Nutzen; wohl mir, wenn ichs zu einer solchen glücklichen
Illusion bringe! - Wohlan! wie leichte Späne, schwimmen wir auf dem Strome der
Notwendigkeit und des Zufalls fort: sinken wir unter - gute Nacht! wir haben
geschwommen! -
 
                                  Viertes Buch
Das Gespräch, das sie über diesen Gegenstand noch einige Zeit fortsezten, hatte
sie unvermerkt zum Strande kommen lassen, wo sie ein Schiff zu erwarten
gedachten, das sie nach England führen sollte, wohin Belphegor mit brennender
Begierde verlangte. Durch eine höchstglückliche Verknüpfung von Ursachen und
Wirkungen - nach Fromals Ausdrucke - musste gerade damals ein Fahrzeug in
Bereitschaft liegen, das der Grossvezier, der bei veränderter Regierung aus
gegründeten Ursachen für seinen Kopf fürchtete, heimlich zu seiner Flucht
bestellt hatte. Es wurde nur von drei Leuten bewacht, die mit ihm an einem
versteckten, zum Einsteigen bequemen, verborgnen Winkel lauschten: die Reisenden
näherten sich ihnen und erkundigten sich nach der Ursache, die sie hier zu
halten bewegte, wovon ihnen aber, wie zu vermuten, eine falsche angegeben
wurde. Da die Schiffer sich aber umständlich und etwas ängstlich nach der
Beschaffenheit des Tumultes, und besonders nach der Lage des Grossveziers
erkundigten, so drang Fromal, der gut Türkisch sprach, in sie, ihm ihr Geheimnis
zu entdecken, und versicherte sie mit dem höchsten Schwure, sie nicht zu
verraten. Die Muselmänner weigerten sich und sezten sich in Positur wider
Gewalt, als plözlich von hinten zu aus einem Walde her ein wilder kriegerischer
Lärm gehört wurde, der sie insgesamt aufmerksam und besorgt machte. Die nächste
Vermutung war, es für die Annäherung eines tumultuirenden Truppes zu halten,
von dem alle ihren Tod gewiss erwarten mussten, schuldige und unschuldige. Die
Schiffer wollten vom Lande stossen, doch Fromal kam ihnen zuvor, sprang in das
Boot und nötigte seine Gefährten seinem Beispiele zu folgen. Die Schiffer, die
dies für Verräterei hielten, wollten Fromaln hinauswerfen, doch kaum sah er
einen auf sich zukommen, als er ihn in der Mitte fasste und hinausschleuderte.
Die übrigen fiengen an zu rudern, er riss einem die Stange aus der Hand und dem
andern gab er einen Hieb mit seinem Säbel, dass er sie selbst sinken liess und zum
Boote hinausfiel. Fromal trieb das Boot dem Ufer wieder um vieles näher, um
seine Freunde einzunehmen, als ihn der lezte von hinten zu anfiel, zu Boden warf
und vom Ufer wegruderte. Fromal rafte sich auf und sendete ihn vermittelst
seines Säbels mit gespaltnem Kopfe den nämlichen Weg, den seine Brüder genommen
hatten: darauf fuhr er zum Ufer zurück. Der erste, der ohne Wunde ins Meer
gestürzt war, schwamm indessen herzu und stiess aus Rache und Neid das Fahrzeug
mit aller Gewalt vom Lande zurück, dass Fromal kaum ihm widerstehen konnte: es
war einen kleinen Raum noch von dem Einsteigeplatze entfernt: seine zween
Freunde stunden zitternd und rufend am Ufer: schon schoss ein Schwarm Rebellen
mit verhängtem Zügel auf sie herzu und die Säbel schwebten beinahe schon über
ihren Häuptern: Tod im Meere oder von den Händen der Barbaren, war ihre Wahl.
Schnell zog der friedliche Medardus einen Säbel, den er um der Seltenheit willen
einem Erschlagenen vom Wahlplatze genommen hatte; hieb dem Kerle, der das Boot
zurückstossen wollte, die auf dem Rande desselben liegenden Hände ab, dass er
herabstürzte, und Belphegor gab ihm mit einem Knittel, da er ihr Einsteigen noch
immer verhindern wollte, einen Schlag auf den Kopf, Fromal trieb das Schiff
näher, sie sprangen beide hinein und ruderten eilig fort: die Nachsetzenden
schossen nach ihnen, trafen aber keinen. Da man kurz darauf den entflohnen
Grossvezier erhascht hatte, so gab man sich weiter keine Mühe, sie zu verfolgen.
    Belphegor hatte seit seinem Eintritte in den Kahn in einer todtenähnlichen
Betäubung dagelegen, indessen dass seine beiden Freunde unermüdet vom Lande
wegruderten. Izt sind wir in Sicherheit, rief endlich Fromal; sie ruderten
langsamer, und Belphegor sammelte sich wieder.
    Gott! was haben wir getan! rufte er mit zusammengeschlagnen Händen aus.
Menschen, unsre Brüder, Wesen unsrer Art, Verwandten unsers Geistes und unsers
Blutes ermordet! von ihrer Selbsterhaltung verdrängt! in den Abgrund
hinabgestossen! - Gott! welch ein Gedanke, ein Menschenmörder zu sein! - Fromal!
ich zittre, ich schaudre vor ihm; - und so umfasste er bebend seinen Freund. -
    Belphegor! was ist dir? erwiederte dieser. Verfolgt dich dein feuriges Blut
noch immer mit Gespenstern?- Was haben wir getan? Menschen von ihrer
Selbsterhaltung verdrängt, die uns von der unsrigen verdrängen wollten. Jedes
Geschöpf ist sich selbst die ganze Welt; ohne andre Rücksicht kämpft jedes für
sich und seinen Wohlstand: wen der Zufall gewinnen lässt, wohl ihm! Er hat UNS
begünstigt; hätte er unsern Gegnern wohlgewollt, so lägen wir izt an ihrer
Stelle, vom Meere verschlungen, so nährten WIR die Ungeheuer der See.-
    »Aber, bester Fromal, woher waren sie denn unsre Gegner? -«
    Weil sie unsrer Rettung, unserm Wohl im Wege stunden. -
    »Hatten SIE nicht einen grössern Anspruch auf dieses Boot, SIE, denen wir es
entrissen? -«
    Und konnten ihn ungekränkt haben, wenn sie uns verstatteten, uns mit ihnen
zu erhalten. -
    »Aber welches Recht hatten wir, uns ohne sie zu erhalten, da sie uns nicht
vergönnten, es mit ihnen zu tun? -«
    Die Obermacht, das Glück! -
    »Geben diese ein Recht? -«
    Sie verschaffen es, sie sind es. Jedes Recht ist eine verjährte
Unterdrückung, ein verjährter Raub; nichts weiter. Den Flecken Erde, den ich izt
zum rechtmässigen Eigentume erkaufe, raubte, riss der erste Besitzer an sich:
alle Menschen hatten vor ihm gleich gegründetes Recht darauf: er raubte ihn dem
Menschengeschlechte und behauptete ihn durch die Obermacht; diese vollendete
sein Recht. Zu den Diensten, die ich izt von gewissen Personen vermöge eines
erkauften Rechtes fodre, zwang der erste, der sie sich leisten liess, ihre
Vorfahren, oder Furcht und Elend zwangen diese, sie ihm anzubieten: allemal
Unterdrückung! - Mein Leben ist das Eigentum meiner Natur; wer es mir nimmt,
dem gibt die Obergewalt ein Recht darauf. -
    »Fromal, du erschreckst mich! Ist es möglich, dass DU so denkst? - Eine
unmenschliche Behauptung! -« Sie ist so menschlich, dass dies die Maxime aller
Zeiten gewesen ist. Warum fodert der Despot, warum der Monarch, warum die
Republik mein Leben? - Nicht um meinetwillen; bloss um ihrentwillen: aber sie
können es fodern, weil sie mich zwingen können; die Obermacht ist ihr Recht. -
    »Aber das Leben dieser Unglücklichen war doch so sehr ihr Eigentum, ihr
ohne Unterdrückung erlangtes Eigentum -«
    Keineswegs! Auf die Materialien ihres Wesens, auf die Teile ihres Bluts,
ihrer Lebensgeister hatte ich, hatte jeder andre einen gleichen Anspruch mit
ihnen: die Natur streute die Elemente zu unser aller Leben aus: der Zufall
teilte einem jeden das mit, was er izt besizt: indem er es bekam, nahm ER es
einem andern weg: nimmt es ihm dieser wieder, und der Zufall begünstigt ihn -
    »Rede noch so subtil! mein Herz wirft alle deine Spizfindigkeiten zu Boden.
Meine Empfindung macht mir den Vorwurf, dass ich eine Grausamkeit mit dir
begangen habe; in meinen Augen bleibt es eine, wenn es gleich dein Räsonnement
für keine erklärt -«
    Allerdings ist es eine, auch nach meinem Gefühle, so gut als nach dem
deinen: aber was kann ich dafür, dass die Natur die Erhaltung des einen Wesen auf
die Zerstörung des andern gebaut hat; dass sie uns auf dieses Erdenrund gesezt
hat, mit einander um Länder, Leben, Ehre, Geld, Vorteil zu fechten: warum
entzündete sie diesen allgemeinen Krieg, und drückte mir ein Gefühl ein, das
mich treibt, mich allen andern vorzuziehen, und mich quält, wenn ich es getan
habe? warum stellte sie mich an den engen Istmus, entweder mir schaden zu
lassen, oder andern zu schaden? - - Ey! ei! gewiss ein Seeräuber, den ich dort
sehe! Gleich wirst du einen traurigen Beweis bekommen, dass in dieser Welt stäter
Krieg, und Obergewalt Recht ist. Er schifft verzweifelt hastig auf uns zu:
tummer Teufel! dürftige Leute wirst du zu ernähren finden, aber nicht einen
Flitter, der dir den Weg bezahlte. -
    Himmel! schrie Belphegor, Seeräuber! Was sollen wir tun? - Uns ihnen
ergeben, sprach Fromal, weil sie die Stärkern sind! Geschwind unsre Diamanten
verborgen! versteckt, wo sie niemand finden kann, dass sie den Weg umsonst tun!
-
    Sie folgten seinem Rate, und wegen der Eilfertigkeit, mit welcher sich
ihnen das Schiff näherte, schien es ihnen ungezweifelt, dass es ein Korsar sei.
Medardus und Belphegor zitterten vor Angst und Erwartung! doch Fromal ruderte
ihnen unerschrocken entgegen. - Es ist izt eine Wohltat für uns, sagte er, in
ihre Hände zu fallen: sie müssen uns füttern, da wir ohnedies hier zwischen
Wasser und Himmel verhungern würden. Wir werden freilich ihre Sklaven: aber wenn
nun in der Reihe menschlicher Begebenheiten alles sich so geordnet hat, dass wir
Sklaven in Algier oder in Tunis sein müssen, wer will sich der Notwendigkeit
des Schicksals widersetzen? - Mut oder Gelassenheit! das lezte muss izt unsre
Partie sein. -
    Medardus raffte seine Entschlossenheit wieder zusammen. Getrost, Brüderchen!
sprach er. Die Vorsicht lebt noch: wer weis wozu das gut ist, dass wir izt
Sklaven werden? -
    O Freiheit! rief Belphegor, du göttliches Geschenk der Erde! so lebe zum
zweitenmale wohl! Ich soll von neuem Zeuge der Unterdrückung, der Grausamkeit
der Menschen werden: wohlan! ich küsse die Sklavenkette, wenn sie mich nur mit
euch, Freunde, untrennbar vereint. -
    Kaum hatte er seinen Schwanengesang an die Freiheit geendet, als die Räuber
schon an ihr Fahrzeug heranrückten; da sie nichts als ein beuteleeres Boot mit
drei Menschen erblickten, so schienen sie unschlüssig zu sein, was sie mit ihnen
anfangen wollten: doch endlich erinnerten sie sich, dass sie das Boot brauchen
könnten, und nahmen es also ein. Man untersuchte alle Winkel ihres Leibes, um
verborgne Schätze zu entdecken: doch man entdeckte nichts. Sie wurden ins
Sklavenbehältniss gebracht, und nach langem vergeblichen Herumkreuzen fanden sie
eine Prise, von der sie sich gute Hoffnung machten. Es war das alte Lied des
menschlichen Lebens: ein Trupp Menschen wurde des andern Herr, nachdem sich
etliche von ihnen ermordet, ersäuft, erschossen hatten. Die Räuber kehrten
voller Lust und Freude über ihre Eroberung nach Algier, wo sie ihre Abgabe von
ihrer Beute entrichteten, auf neues Glück ausreisten und unsre drei Europäer in
einer zweijährigen Sklaverei zurückliessen, ohne dass einer den Aufentalt des
andern wusste.
    Fromal machte während dieser Zeit verschiedene Versuche, sich und seine
Freunde aus einem für Freigeborne so traurigen Zustande zu reissen: doch keiner
gelang ihm, bis er es endlich dahinbrachte, unter einen Trupp von tausend
Sklaven den Samen des Aufruhrs auszustreuen, der sich schnell ausbreitete. Grosse
Armeen von Sklaven brachen sich los, befreieten andre, und Fromal war ihr
Anführer. Man stürmte, rasste, wütete: das ganze Land war Ein Gemählde des
Aufruhrs. Die erbitterten verwilderten Sklaven würgten und verheerten, wohin sie
gerieten: die Reichen starben in den Flammen ihrer Reichtümer; man wollte
alles ausrotten, was nicht Sklave war. Die Truppen der Republik sezten den
Verwüstern zu, tödteten und wurden getödtet. Als alle Ebnen mit dem Blute und
den Leichnamen der Aufrührer und ihrer Sieger besät waren, beschloss man das
schreckliche Schauspiel mit den fürchterlichsten Scenen einer barbarischen
Justiz.
    Ehe es bis dahin kam, waren unsre Europäer insgesamt gerettet. Fromal hatte
keine Absicht, als sich und seine Freunde zu befreien, und liess daher, bei
Erbrechung eines jeden Sklavenbehältnisses die Namen Medardus und Belphegor
ausrufen: nicht eher wollte er vom Aufstande ablassen, als bis ihm entweder der
Tod das Leben genommen, oder das Glück seine Freunde wiedergegeben hätte. Sein
Wunsch wurde bald befriedigt: er fand sie in den ersten zween Tagen, begab sich
mit ihnen heimlich auf die Flucht und liess seine Armee für Freiheit und Leben
fechten und sterben, so lange sie wollte.
    Nach einer langen ermüdenden Wanderschaft sahen sie sich an den Gränzen von
BILIDULGERID. Hier glaubten sie sich sicher genug, lagerten sich unter einem
Palmbaume an einem kleinen Flusse und waren unschlüssig, ob sie Schläfrigkeit
oder Hunger zuerst besänftigen sollten. Sie griffen zuerst nach den Datteln, die
über ihnen hiengen, und schliefen bei dem Mahle alle drei ein.
    Bei ihrem Erwachen blickten sie einander zum erstenmale wieder frei und
ruhig an, erzählten ihre Drangseligkeiten, und Belphegor beschloss jede Erzählung
mit einem herben Klageliede über die Grausamkeit der Menschen; und da die Reihe
herum war, brach er in melancholischem Tone, mit Tränen in den Augen aus: O
Fromal! was ist die Welt? du rietest mir, dies barbarische Schlachtaus kennen
zu lernen: der Zufall erfüllte deinen Rat: ich hasse dich dafür; du hast mich
unglücklich gemacht - Freund! in den engen Kreis der Unwissenheit eingezäunt,
als ich nie über mich, meine kleinen Bedürfnisse und zwei oder drei Freunde
hinausblickte, da ich mich vom Strome der Zeit hinwegreissen liess, ohne mit Einer
Minute Nachdenken bei einer Scene ausser mir zu verweilen, da ich mit meinen
Empfindungen über die kleinen einzelnen Anhöhen auf meinem Wege hinabgleitete,
da ich ass, trank, schlief und empfand, ohne mich zu kümmern, wer in Norden oder
Süden würgte, vergiftete, unterdrückte; wie wohl war mir da! - und izt wie
düster, mitternächtlich schwarz um die ganze Seele! Sonst schien mir die Erde
eine Blumenwiese, wo die Menschen zwischen rieselnden einladenden Bächen, Hand
in Hand, mit verschlungnen Armen herumwandelten, schwerbeladne Obstbäume ihrer
lachenden Früchte entladeten, die Beute friedlich mit einander teilten und zur
Sättigung der Musse Blumen pflückten, wo sie den anmutvollen muntern Reihen des
Lebens in einsamer Stille oder lauter Frölichkeit hinabtanzten: dies war das
goldne Zeitalter meines Lebens, die glücklichste Blindheit, der seligste Traum
der Unwissenheit. Izt habe ich die Augen geöffnet, ich übersehe einen weiten
Raum der vergangnen und gegenwärtigen Zeiten, von dem grossen Zirkel der Erde den
meisten Teil, den Umfang der Menschheit, Sitten, Staaten, Verhältnisse, und -
die Weite der Aussicht macht mich unglücklich! höchstunglücklich! der Mensch,
der Mensch ist in meinen Augen gesunken, und ich mit ihm. Ich übersehe ein
ungeheures Schlachtfeld, wenn ich über die Erde hinschaue -
    Belphegor! unterbrach ihn Fromal, lass MICH das Bild mahlen! Du möchtest zu
dunkle Farben dazu nehmen; meine gute Laune, merke ich wohl, hat unter uns
dreien am längsten ausgehalten. Hier, Freunde! schmaust Datteln und seid gutes
Mutes! Zum Zeitvertreibe zeichne ich Euch die Geschichte der Erde im Kleinen;
wenn ich kann, so will ich über mein Gemählde lachen, und darf ich raten -
lacht mit mir! Wenns auch ein bittres Lachen ist - es ist doch besser als
bittres Klagen.
    Er machte sich die Kehle mit einer Dattel geschmeidig und fieng an: - Habt
ihr nie von den lustigen Affen etwas gehört, denen man einen Korb mit Früchten
und eben so viele Prügel hinlegt, als ihrer versammelt sind, wovon alsdann ein
jeder einen ergreift und sich nebst seinem Gefährten so lange herumprügelt, bis
ein Paar die Oberhand behalten, die alsdann mit den nämlichen Waffen ausmachen,
wer von ihnen beiden den Korb allein besitzen und den übrigen allen nach seinem
Gefallen davon austeilen soll, was und wie viel ihm beliebt. Der Sieger wirft
von Zeit zu Zeit Früchte unter sie, um welche ein neuer Krieg geführt wird;
jeder Ueberwinder wiederholt mit seinem Anteile dasselbe Spiel, und so dauert
der Krieg fort, bis alle ausser einem etwas besitzen, der sich mit den Schalen
und schlechtern Bissen begnügen muss, die ihm die übrigen zuwerfen. - Wenn das
Mährchen nicht wahr ist, so hat es jemand zum Sinnbilde für die Geschichte
unsers Erdenrundes ersonnen. Kann etwas ähnlicher sein? - Die Natur baute einmal
ein eiförmiges oder pomeranzenförmiges Ding, und sezte unter andern Geschöpfen
eines darauf, das sich dadurch von allen übrigen unterschied, dass es weniger
tumm, als jene, war, und sich für vernünftig ausgab. Jedem von diesen Wesen
hieng sie, wie den römischen Rennpferden, zwo stachlichte Kugeln an, die sie bei
jeder Bewegung in die Seite stechen und anspornen - Neid und Vorzugssucht. Hier,
sprach sie, Kinderchen, habt ihr einen hübschen geräumigen Platz, der euch und
eure Nachkommen nähren soll. Darauf gebe ich euch vier Stücke, die euch
Gelegenheit geben sollen, eure Kräfte zu brauchen: - Weiber, Reichtum, Gewalt,
Ehre. Balgt, prügelt, würgt, mordet euch darum, so sehr ihr könnt! Ich habe euch
etwas Mitleid ins Herz gegeben, dass ihr einander nicht vertilgt; weiter kann ich
nichts für euch tun. - So sprach sie und übergab dem Schicksale die Aufsicht
über ihre Söhnchen. Da das Häufchen klein war, fand wohl ein jeder sein
Pläzchen: man nahm, wo es beliebte. Bald wurde ihre Zahl grösser: der Raum jener
wenigen reichte für diese mehrern nicht zu: die Stärkern jagten die Schwächern
fort. Die Vertriebnen ärgerten sich über das Glück ihrer Vertreiber: sie kamen
verstärkt nach einigen Zeiten wieder, schlugen jene todt und sezten sich auf
ihren Fleck. Die Nachbarn wurden besorgt, dass ihnen dasselbe widerfahren möchte,
andre, die in ihrem Distrikte ein Paar Eicheln weniger zu essen hatten,
beneideten diese glücklichen Eroberer; beide taten zusammen, schlugen sie todt
und teilten ihr Stückchen Erde, ihre Eichelbäume, ihre Hütten unter sich. Da
die tummen Teufel nichts von der stereographischen Projektion wussten und
folglich keine Teilungskarte machen, vielleicht nicht einmal bis auf drei
zählen konnten, so musste die Teilung nach einem ungewissen Augenmaasse
geschehen. Eine Rotte wurde in der Folge, da sie im Rechnen etwas weiter
gekommen war, inne, dass die andre sechs oder acht Bäume mehr besass; sie nahm sie
weg: jene wurde böse, dass man ihr ihr heiliges teuer erworbnes Recht kränkte,
schlug zu, und wer übrig blieb, hatte ein völliges erlangtes Recht dazu. Die
kleinen Rotten verschlangen einander, schmolzen zusammen und wurden zu grössern
Rotten, die sich um ein Stückchen von dem schmuzigen Erdenklosse weidlich
herumzankten, bald um nicht zu verhungern, bald weil andre weniger hungerten,
sich die Hälse zerbrachen, sich trennten, sich vereinigten, sich alle von Herzen
hassten, einander alles Herzeleid wünschten und antaten, wenn sichs tun liess,
sich zulezt als Fremde betrachteten, und nicht mehr daran dachten, dass sie von
Einer Mutter Natur ausgebrütet wären und zu Einem Geschlechte gehörten, und -
das Schauspiel interessanter zu machen - sich gar nach huronischem und
kannibalischem Völkerrechte frassen. Was ist der ganze Lauf der Welt vom
Anbeginn, als eine Prügelei um den elenden Erdenkloss, der gewiss alle ohne
Kopfzerschmeissen ernähren würde, wenn sie nur gut einzuteilen gewusst hätten?
    Kaum hatten sich die zusammengerotteten Schwärme auf verschiedenen Plätzen
gelagert - siehe! da fährt einem wunderlichen Manne der Hochmut in den Kopf; er
will mehr als andre sein; kurz, er machte es so listig und grob, dass die andern
von seiner Rotte ihn für ihren Herrn erkannten, oder erkennen mussten. Geschwind
überfiel mehrere der nämliche Hochmut; sie taten es ihm nach. Nun ging ein
neuer Zank an; einer wollte herrschen, der andre auch, der dritte desgleichen,
und noch mehrere: sie schlugen sich abermals herum, und die Leutchen, die zum
Gehorchen gemacht waren, gaben ihre Köpfe dazu her. Bisweilen teilten sich zwei
in die Gewalt, und bei der nächsten Gelegenheit verdrängte einer den andern;
oder einer riss gleich die ganze Macht an sich; ein Teil wollte, der andre musste
gehorchen.
    Da diese Gelegenheit zum Zanke so ziemlich abgenuzt war, und alle Rotten
ihre Herrscher hatten, so wandelte diese ein noch artigerer Hochmut an; einer
wollte des andern Herr sein. Sie machten ihren Rotten etwas weis, dass sie mit
ihnen giengen und die andern Nebenmenschen so lange und herzhaft plagten, was
diese nicht zu erwiedern vergassen, bis einer oder der andre den Hals zum Joche
darbot und den andern seinen Herrn nannte. Die Rotten hatten meistens nicht den
mindesten Vorteil dabei; aber da ihnen doch der liebe Gott zwei Arme gegeben
hatte, so wussten sie dieses Geschenk nicht besser anzuwenden, als sich damit
herumzuschlagen; und daher ermangelten sie niemals, wenn ihnen gepfiffen wurde,
auf einander loszugehn. Das Spiel ging nun ins unendliche fort; es kam mit der
Zeit so weit, dass sich der Herrscher alles, und seine Rotte nur ein Nebending
ward, das um seines Interesse willen ohne Bedenken geschlachtet und gewürgt
wurde. Einem gefiel der Fleck, den der andre mit seiner Rotte besass; er nahm ihn
weg, und wer ihm den Besiz streitig machte, wurde niedergesäbelt. Dieser sah,
dass die Menschenkinder in der andern Rotte hübsche Töchter hatten; er nahm ihnen
eine gute Ladung weg, und der Stärkre besass sie.
    Der Menschenverstand wurde von Tage zu Tage feiner und also auch die
Begierden. Lange Zeit waren den Sterblichen Weiber, Felder, Hütten, Berge,
Täler, Gewalt, Herrschaft gut genug, sich deswegen die Kehlen abzuschneiden:
sie zankten sich um ein grobes Etwas, doch izt prügelten sie sich um ein feines
Nichts, um eine Idee, um - die Ehre. War das nicht eine Verfeinerung, eine
Erhebung ihrer Kräfte? - sie konnten sich izt schon umbringen, ohne etwas anders
dabei zur Absicht zu haben, als die Ehre - sich umgebracht zu haben. Die
Herrscher dünkten sich die grössten, die vortreflichsten, deren Rotten am
unbarmherzigsten gemordet, und fremde Distrikte am geschicktesten zur Wüste
gemacht hatten.
    Indessen war die Dosis Mitleid, die die Natur ursprünglich mitgeteilet
hatte, in Bewegung gesezt worden, diese brachte etliche Ideen von
Unmenschlichkeit, Grausamkeit, Barbarei und dergleichen in die Köpfe; man
schämte sich des Mordens ein wenig: man gab ihm einen Namen, der sich mit jenem
Gefühle vertrug, und die Rotten mordeten mit ruhigem Gewissen fort, weil das
Ding einen hübschen Namen führte, um dessentwillen sie oft gar etwas
verdienstliches zu tun glaubten.
    Wenn doch jemand den Ninus, Sesostris, Nebukadnezar, Cyrus, Xerxes,
Alexander und ihre Nachfolger wohlmeinend zu Asche verbrannt hätte, ehe sie ihre
blutigen Eroberungsprojekte ausführen konnten! -
    MED. Ich hätte selbst ein Scheitchen Holz mit hinzutragen wollen.
    FR. Das Blut so vieler zu vergiessen, um den übrigen Herr zu sein!
    MED. Die Königinn Tomiris machte es recht; wenn sie doch lieber den
blutdürstigen Cyrus vorher, ehe er auszog, so mit seinem Blute ersäuft hätte! -
Siehst du, Brüderchen? wahrhaftig, wenn ich Alexander wäre, ich könnte keine
Nacht ruhig schlafen: alle die Leute, die um meinetwillen ermordet wären,
stünden des Nachts um mein Bette und heulten und röchelten um mein Kopfküssen5;
mit jedem Schlucke Apfelwein dächte ich einen Todtenkopf hinunterzuschlingen;
bei jedem Bissen Brodte fiel mir bei, das mag wohl den Leuten aus dem Leibe
gewachsen sein, die ich habe erwürgen lassen; bei meiner Schlafmütze! ich
vertauschte hier das Fleckchen leidigen Kot, auf dem ich sitze, nicht gegen
Alexanders ganze Monarchie, wenn ich sein Gewissen mitnehmen müsste: das Herz muss
ihm doch geschlagen haben, so hoch, wie die Wellen auf der See. -
    FR. Guter Medardus! dafür weis man schon Mittel. Wenn Alexander sich und
seinem Herrn die reine Wahrheit hätte sagen wollen, so würde er ohngefähr so
gesprochen haben! - Lieben Kinder! ich will schlechterdings, dass die Leute auf
der Erde, so weit sichs nur tun lässt, meinen Namen wissen: wenn ich ihnen die
grössten Wohltaten erzeigte, so dankten sie mir vielleicht, und in einem Jahre
wäre ich samt meinen Wohltaten wieder vergessen; und das müsste schon etwas sehr
Grosses sein, wenn es noch so lange dauern sollte: wie lange würde ich mit meinem
Winkel, Macedonien, zureichen? - Drum ist es am besten, ich quäle, würge, morde
und verheere so lange, dass es die Leute so bald nicht wieder verschmerzen
können: so denken sie doch gewiss allemal an mich, wenns ihnen übel geht: die
Spuren meiner Verwüstung werden wenigstens auch ein Jahrhundert und länger übrig
bleiben: man denkt allemal an mich, wenn man sie sieht. Kommt! wir wollen die
Perser, Asien und Europa so lange herumprügeln, bis mich jeder kleine Junge für
einen grossen Mann erkennt. Ausserdem gibts in Asien Gold und Silber die Menge;
und bei mir zu Hause ist mehr Sand als Gold: davon möcht' ich auch etwas, und wo
es möglich wäre, alles. Ich kann es ohnehin nicht verdauen, dass der König von
Persien sich den grossen König nennt, so viele Länder und Leute hat, und ich hier
in dem engen Kerker so einsam sitzen soll. Die griechischen Republiken tun so
gross auf ihre Freiheit und brüsten sich, dass man in Persien ihren Namen weis:
sie müssen unter mich. Alles das kann ich mir und andern Leuten aber nicht so
geradezu sagen: wir müssen also das Ding ein wenig übertünchen. Zu MIR will ich
sagen: - das allgemeine Vorurteil hat es zu dem wahrsten Grundsatze gemacht,
dass nichts so gross, so edel ist, so sehr Ruhm erwirbt, als Tapferkeit und Mut;
der Krieg ist die Laufbahn grosser Seelen. Ich will sie betreten und Lorbern
erndten, mein Haus und mein Vaterland bis zum Ende der Welt verherrlichen. Ich
habe die gerechteste Gelegenheit dazu: ich muss die Sache Griechenlands wider die
Perser verteidigen, ich muss das Blut ihrer Vorväter an diesen stolzen Königen
rächen. Ihr tapfern Gefährten sollt für eure Begleitung Reichtum und Ehre
gewinnen, die Ehre, tausende von euern Nebenmenschen umgebracht zu haben. Im
Grunde sind wir freilich nichts als eine Bande Räuber, die sich mit einer andern
Bande herumschmeissen, und ich ihr Anführer: aber im menschlichen Leben kömmt
alles aufs Wort und die Vorstellungsart an. Im Grunde ist unsre Grösse wohl auf
den Untergang andrer gebaut, und ihr habt im Grunde nichts davon, als Gefahren,
Schmerz, Strapatzen, Hunger, Wunden, Tod, ihr könntet zu Hause wohl essen,
trinken und ruhig schlafen, könntet euch mit eurer Arbeit nähren und nüzlich
werden, euer Vaterland anbaun, glücklich sein und glücklich machen, ihr seid im
Grunde recht herzliche Narren, wenn ihr um meinetwillen nur Einen gefährlichen
Schritt tut, denn ihr habt wenig oder gar nichts davon: aber wer wird sich
alles das sagen? ich will Euch und mir schon ein Blendwerk von Worten, eine
Verbrämung vormachen, dass ihr Eure Köpfe nicht zu lieb haben sollt: man muss
überhaupt nicht zu viel von der Sache sprechen, sonst möchte das Bischen
natürliches Mitleid aufwachen; und so wäre es um die ganze Heldengrösse getan.
Wohlan denn! schlagt zu und ersiegt die Lorbern der Unsterblichkeit! - Mit
dieser Illusion zog er und seine Soldaten aus, und erhielt sich darin, bis er
sich zu Tode trank. Guter Medardus! wenn du es zu einer solchen Illusion
bringen, und die itzigen Macedonier in eine ähnliche versetzen könntest, so
würdest du sie heute noch wider die Türken anführen. Die Illusion! das ist die
ganze Kunst eines Alexanders; und wenn du nicht philosophische Gewissensbisse
hinter drein leiden wolltest, so müsstest du dich in der Illusion bis an dein
Ende erhalten: vermutlich trank und schwelgte Alexander deswegen, um nicht zur
Vernunft zu kommen und das Kleine seiner Grösse zu fühlen. -
    Elende Grösse, die einer solchen Stütze bedarf! rief Belphegor.
    FR. Und doch ist sie zu allen Zeiten die höchste gewesen, die traurige
Grösse, an dem Tode vieler Ursache gewesen zu sein! Wer eine Rechnung über den
Abgang der Menschheit anstellen wollte, würde vielleicht unter hunderttausend
Millionen achzig finden, die der Herrschsucht, dem Neide, dem Geize, dem
Aberglauben von Menschen aufgeopfert worden sind, und zwanzig, die die Natur
selbst gewürgt hat. Gewiss, die Natur muss die Menschen deswegen auf den Erdboden
gesezt haben, dass sie sich in Rotten sammeln und einander von einem Flecke der
Erde zur andern herumtreiben sollen -
    Unmöglich! rief Belphegor.
    FR. Aber was haben sie bisher getan als dieses? - Die Tatarn drängen sich
aus dem innersten Winkel Asiens hervor, diese verdrängen die sarmatischen
Völker, die Sarmaten verdrängen die Deutschen, die Deutschen machen sich unter
Galliern, Spaniern, den Einwohnern Italiens Platz: die Mohren verdrängen
Vandaler, Alanen, Sueven, Goten, die christen verdrängen die Mohren; Dänen
verjagen die Britten, Angelsachsen die Dänen, Dänen die Angelsachsen, Normänner
die Dänen; und wenn es auch oft nichts als eine Verwechselung des Regenten,
nichts als eine Vermischung der Völker war, so musste doch beides mit
Menschenblut bewerkstelligt werden. Was taten die Menschen anders als dass sie
sich in Rotten sammelten und einander wechselsweise zu unterdrücken suchten? Was
war es als Unterdrückungssucht, die den Dschengis-Khan durch beinahe ganz Asien
herumjagte? Was brachte seine Tatarn nach der Eroberung von China auf die
menschenfreundliche Beratschlagung, ob sie nicht lieber alle Einwohner tödten
und das ganze Land in Weiden für ihre Bestien verwandeln sollten? Waren seine
Kriege gleich weniger blutig, mochten sie gleich hinter drein einen zufälligen
Nutzen wirken, so war doch dieser nicht seine Absicht, so sind sie doch ein
Beweis von der Neigung der Menschen zum Unterdrücken. Was anders trieb den
Kublai nach China? Was anders hezt die kleinen afrikanischen und ostindischen
Könige ewig zusammen, sich beständig einander zum Herrn aufzudringen, obgleich
keiner mehr zum Vorteile hat als den stolzen Gedanken, von einem Paar elenden
Geschöpfen für ihren Obern erkannt zu werden? Was Huronen, Irokesen,
Algonquinen, Plattköpfe und Kugelköpfe, sich ohne sonderliches Interesse, auf
die Eingebung eines wilden Traums anzufallen, einzuschränken, aufzureiben, zu
vertilgen und gar aufzufressen? - In allen Ständen der Gesellschaft und der
Menschheit ist der Mensch Krieger, Unterdrücker, Räuber, Mörder gewesen. Ein
Teil unsers Planetens ist endlich dahin gelangt, dass die Menschen sich einander
ruhig unterwarfen, die Obergewalt, die der Zufall begünstigte, für Recht gelten
liessen, dem Stärkern wichen, der Notwendigkeit der Inferiorität nachgaben, in
die Verhältnisse geduldig sich bequemten, die der Zufall angeordnet hat: aber
das Spiel der Welt ist im Ganzen immer noch das alte, nur in regelmässigere Form
gebracht und mit weniger grausen und unmenschlichen Scenen überhäuft.6 Wenn die
Entschuldigungen der Kriege, die einige Gelehrte ausgesonnen haben, etwas mehr
als erbettelte Ausflüchte heissen können, oder wenn sie deswegen zulässig sind,
weil sie unvermeidlich notwendig, bisher wenigstens, gewesen sind - welches
unter allen Beschönigungen die einzige geltende ist - so muss die Bestimmung der
Menschheit auf diesem Planeten im Ganzen diejenige sein, die ich vorhin angab,
oder kein Geschlecht von Geschöpfen hat bisher seiner Bestimmung so sehr zuwider
gelebt als die Menschen.
    BELPH. Ich bitte, ich beschwöre dich, Fromal, mache den verhassten Schluss
nicht! lass mich ihn nicht wissen, wenn er gleich Wahrheit ist! - Und wenn ja der
Mensch im Ganzen das war, wie du ihn schilderst, so sagt mir doch mein Herz,
dass, den Menschen im einzelnen betrachtet - dass du da lügst. -
    FR. Lügst? - Das möchte ich bewiesen sehn! Hast du nicht durchgängig Neid
und Vorzugssucht, als zwei der stärksten Gewichte, in jedem Menschenherze
gefunden? Ich dächte, du hättest zu deinem Herzeleide Beispiele genug davon
erlebt. Dein eignes menschenfreundliches Herz ist, offenherzig gesprochen, nicht
davon leer: aber wohl dir, dass die Natur mit deiner sanften liebenden Empfindung
dir ein Gegengewicht einhieng, das jenem die Wage hält! Lass deinen izt nur
glimmenden Neid, deine izt nur lauschende Vorzugssucht Zunder finden - ich
prophezeihe dir, sie lodern beide zur Flamme auf -
    BELPH. So viel ich mich kenne, nimmermehr! -
    FR. Und so weit ICH den Menschen kenne, gewiss! Du würdest nie ein grausamer
fühlloser Würger werden, dein Neid, deine Vorzugssucht würde immer noch die
Menschlichkeit mehr als bei jedem andern zur Begleiterinn haben; aber sie würden
gewiss beide hervorbrechen, sei es in welcher Gestalt es wolle.
    BELPH. Ich schwöre dir: eher wollt ich mein Herz aus dem Leibe reissen, eher
-
    FR. Schwöre nicht! Das Schicksal hat oft wunderliche Grillen; es könnte dich
in Umstände versetzen, wo du an deinem Schwure meineidig werden müsstest.
    MED. Brüderchen, den Schwur wollte ich auch tun.
    FR. Der Himmel wird euch vermutlich den Meineid ersparen; aber, aber ...
Neid und Vorzugssucht sind die zween allgemeinen Hauptzüge aller menschlichen
Charaktere; so viel ich ihrer aus der Geschichte, aus der Erzählung, aus dem
Umgange kenne - alle, alle hatten stärkre oder schwächre Schattirungen davon;
oft waren sie freilich mit den übrigen Farben des charakters so verschmelzt, dass
ein feines Auge dazu gehörte, sie zu erkennen: aber vorhanden waren sie. Wenn
die menschliche Tätigkeit von zwo solchen Federn in Bewegung gesezt wird, so
ist allgemeiner Krieg in jedem Verstande eine unvermeidliche Folge: jeder will
über den andern, und jeder beneidet den andern, wenn er über ihn ist, es sei,
worinne es wolle: dies ist ein unläugbares Faktum seit der ersten Existenz der
Menschen: allzeit bricht dies freilich nicht in hellen flammenden Krieg aus,
weil tausend andre Rücksichten, ganz unzähliche Neigungen und Rücksichten jenem
Bestreben, jenem Neide das Gleichgewicht halten und ihre fürchterlichen
Ueberströmungen hindern. Oft reisst aber der Strom nicht den Damm durch, sondern
gräbt sich einen Weg an einem weniger festen Orte unter dem Boden, ergiesst sich
durch, und Niemand weis es, als bis er die Ueberschwemmung fühlt. Von diesen
beiden Trieben sind die meisten unsrer Laster und Tugenden Abkömmlinge oder
Masken: die Eigenliebe ist die Mutter - oder wenn ich hier in Bilidulgerid unter
einem Palmbaume eine in Europa erfundne Allegorie wiederholen darf, so will ich
sie euch mitteilen. - Die Eigenliebe und das Mitleid wurden dem neugeschaffnen
Menschen zu Begleitern gegeben, ihn durch den mannichfaltigen Kampf dieses
Lebens hindurchzuführen: jene sollte seine Tätigkeit anspornen, ihm den
nötigen Stoss geben, um sich selbst, wie um seinen Mittelpunkt, zu bewegen,
dieses ihm Einhalt tun, wenn ihm in dem Kreise seines Umlaufs eins seiner
Geschöpfe im Wege stünde, dass er es nicht unbarmherzig in seinen Wirbel hinriss:
jene sollte überhaupt ihn antreiben, dieses zurückhalten, jene tätig, wirksam,
dieses gerecht, gütig machen. Nach einer kurzen Bekanntschaft mit den Menschen
entsprungen aus dem Kopfe der erstern zwei Kinder - Neid und Vorzugssucht, die
das Amt der Mutter übernahmen und von nun an die Führerinnen der Menschen
wurden. Sie entzündeten einen ewigen Krieg unter dem Menschengeschlechte,
verdrängten die Gefährtinn ihrer Mutter, das Mitleid, von ihrem Geschäfte und
machten die Menschen zu grimmigen grausamen Tigern, worunter der Stärkre den
Schwächern fühllos zerfleischte. Endlich zog das Schicksal das vertriebne
Mitleid aus seiner Verweisung zurück und suchte es zu seiner Würde wieder zu
erheben. Jene Vertreiber willigten nach langem Widerstande in einen Vertrag: sie
blieben die Regierer der Menschen, wie vorhin, und liessen es auf einen Kampf
ankommen, wer von den beiden Parteien der einzige oberste Herrscher, und wem
die andre unterworfen sein sollte: der Kampf ist noch nicht geendet, noch nicht
entschieden, der Mensch noch immer der Fechtplatz, wo diese beiden Gegner um die
Obergewalt ringen, abwechselnd bald die eine, bald die andre Partei auf kurze
Zeit einen Vorteil erjagt, den oft der nächste Augenblick wieder zernichtet.
Doch ist es dem Mitleide so weit geglückt, dass es dem Neide und seinem
Gesellschafter die Verbindlichkeit aufgezwungen hat, nie anders als unter einer
von IHM geborgten Maske zu erscheinen; und diese Masken sind - unsre Tugenden.
Der Neid hatte indessen eine zahlreiche Nachkommenschaft, die Laster, geboren,
und auch diese mussten sich unter jene Verbindlichkeit schmiegen. - Europa liegt
unter dem Himmel, wo dieser glückliche Vertrag zuerst errichtet wurde: man führt
dort den Krieg der Natur klüger, dass ich so sagen mag, man führt ihn unter der
Aufsicht des Mitleides; aber geführt wird er, nur mit andern Waffen und auf
andre Art als ehmals.
    BELPH. Aber, Fromal, so wären ja die verschiedenen Stufen, die die
Menschheit durchwandert hat, nichts als verschiedene Formen von Kriege, die nur
die Veränderung der Waffen und des Manövre unterschiede?-
    FR. Nicht anders! wenigstens bis hieher, nicht anders! - So gar Menschen,
die nicht -
    MED. Brüderchen, da ich studierte, hörte ich viel von Grundtrieben und
abgeleiteten Trieben: die beiden hässlichen, die du da nennst, sollen doch wohl
nicht die Grundtriebe des Menschen sein?
    FR. Freund, nichts ist schwerer und willkührlicher, als die Genealogie von
den Trieben der menschlichen Seele. Ich weis, welche in ihr liegen, aber welche
die Natur gepflanzt hat, und welche aus diesen aufgewachsen sind, das ist mir
völlig unbekannt: ich denke aber, dass zu allen, was in der Seele ist, die Natur
eine Anlage mitgeteilt haben muss. So viel weis ich auch, welche unter diesen
Trieben die zu allen Zeiten, unter allen Völkern, unter allen Menschen
allgemeinen gewesen sind; diese, schliesse ich, müssen ihm eben so wesentlich als
Augen, Nasen, Ohren sein; wie aber nie zwei Nasen, zwei Augen einander völlig
gleich sehn, so hat der Neid, die Vorzugssucht bei verschiedenen Nationen, bei
verschiedenen Menschen, in verschiedenen Ständen der Menschheit und der
Gesellschaft eine verschiedene Mine: die Grundzüge aber sind bei allem eins. -
Diese Allgemeinheit derselben leuchtet am drollichsten bei denen hervor, die das
Schicksal in eine solche Lage sezte, dass sie nicht herrschen, oder mit ihren
Mitbrüdern um Sklaverei, Länder und Völker die Lanze brechen konnten. Um bei der
allgemeinen Tätigkeit nicht müssig zu sein, ersannen sie sich ein andres Etwas,
ihre Tapferkeit daran zu üben: sie wählten unblutige Waffen, wie sie ihre
Umstände erlaubten, und wenn sie einen Kitzel bekamen, das Schauspiel etwas
interessanter zu machen, so zogen sie Leute mit hinein, denen Würgen und Morden
verstattet war. Die Philosophen erfanden sich ein Ding, das sie Wahrheit
nennten; um dieses hinkten sie herum, wie die Götzendiener des Baals. Sie
erfanden eine Kriegskunst7, Regeln des Angriffs und des Rückzugs, Trenscheen,
Stratageme, Laufgräben, grobes und kleines Geschütze; und die edlen Ritter der
Wahrheit sind jederzeit die treflichsten Kanonirer gewesen. Das schnurrichste
bei dem ganzen Kriege war, dass das bestrittne Ding gar nirgends existirte,
sondern erst aufgesucht werden sollte. Folglich war ihr Krieg ohngefähr auf den
Schlag, als wenn die europäischen Mächte einen um die terra australis incognita,
die unentdeckten Länder des Süderpols führen wollten. Was müssten sie tun, um
ihrem Streite doch einem leidlichen Anstrich zu geben? - Spanien würde sagen,
ich supponire, dass mein Alt- und Neukastilien diese Länder vorstellt; England
supponirte, dass Schottland oder Irrland, Frankreich, dass Languedoc oder Provence
es unterdessen sein sollten; und eine ähnliche Supposition machte jede andre
Macht, die an dem komischen Kriege einen rühmlichen Anteil zu nehmen gedächte;
und nun frisch losgeschlagen! zerhauen und zerschossen! - Sonach könnten diese
Mächte einen ewigen Krieg um die eigentliche terra australis incognita mit
einander führen, bei jeder Eroberung der unterdessen dafür angenommenen Länder
einen Frieden schliessen und sich die Eroberungen wieder herausgeben. Hätten sie
nicht unendlich vorteilhafter und vielleicht auch klüger gehandelt, wenn sie in
Ruhe und Frieden auf die Entdeckung dieser Länder ausgegangen wären? und dann -
omnis res cedit primo occupanti. So ein Froschmäusekrieg war der Krieg der
Philosophen um die Wahrheit; jeder supponirte nicht, sondern behauptete, das was
mir Wahrheit scheint, ist Wahrheit, und das Glück der Waffen soll entscheiden,
wer im Punkte der Wahrheit herrschen und dem Glauben und dem Beifalle der
übrigen Gesetze vorschreiben soll. Man sonderte sich auch hier in Rotten und
Faktionen, auch hier waren Neid und Vorzugssucht die Waffenträger, auch hier
galt es Unterdrückung und Herrschsucht. Es ist alles eins: nur andre
Gegenstände, andre Waffen.
    Durch eine lange Reihe der Begebenheiten bildeten sich in der Gesellschaft
verschiedene Stände, wurden verschiedene Lebensarten nötig: und gleich entstund
daher der grosse Krieg der Verachtung, dieser possirlichste und doch allgemeinste
Krieg, da jeder Stand den andern herabsezt, jeder höhere den niedern verachtet,
und der niedere sich durch Spott an dem höhern rächt - dieser Verachtung, die
nicht bloss innerhalb der Gränzen der Verachtung bleibt, sondern aus den Menschen
Faktionen macht, worunter jede ein einzelnes Interesse von den übrigen
absondert. Der Mensch ist ein geselliges Tier; wenn er es ist, so ist er es
nur, um sich in Rotten zu teilen, sich zu würgen, sich zu verfolgen, sich zu
verachten; die Menschen mussten sich vereinigen, um sich zu trennen, um sich
unter dem Namen der Nationen, der Stände zu hassen, zu verachten, zu verfolgen.
- Was sind Städte anders als Fechtplätze, wo man mit Verläumdungen streitet? -
Alles, alles nüzten die Menschen, um den Naturkrieg fortzusetzen, von dem unsre
Kultur nichts als eine veränderte gemilderte Form ist, wie ich vorhin sagte.
    Es wurden Monarchen; man kämpfte um ihre Gunst. Es wurden Ehren, Titel und
Würden; man kämpfte darum. Doch unter den vielen possierlichen Kriegen hat mir
keiner mehr Laune gegeben, als der Kampf um öffentlichen Beifall. Wenn ein
Dichter über alle seine werten Zunftgenossen sich bitter satirisch lustig
macht, ist das etwas anders als zu dem Publikum sagen: ihr lieben Leute, ich
will euch zwingen, dass ihr MICH alle für den grössten Geist erkennen sollt; und
hat er sich in den Besiz seines gesuchten Ruhms hineingedrängt, so hat er nichts
getan, als die Leute beredet, dass sie ihm den Gefallen erzeigt und ihn für
etwas Grosses gehalten haben. - Was sind Spiele, gesellschaftliche Ergötzungen
anders als Kriege im Grunde? Auch wenn er sich die Zeit verkürzen soll, muss der
Mensch streiten, mit der Karte, dem Würfel, der Kugel. - Selbst das sanfte
unkriegerische Geschlecht, dem alle Waffen versagt zu sein scheinen, wählte, um
nicht allein in Musse zu leben, zu ihrem Kriege Blicke, Worte und Kleider, und
führte ihn mit Perlen, Juwelen, Stoffen und der - Zunge.
    Nur Erzbischöffen, Päbsten und Bischöffen war es vorbehalten, das
ehrwürdigste erhabenste unter Menschen, die Religion, zum Gegenstande ihrer
Kriege zu misbrauchen; und unter allen Religionen genoss die christliche zuerst
diese Ehre. Man zankte sich um den Episkopus oekumenikus, um das Wörtlein
Filioque, um Ortodoxie und Ketzerei, verbannte, verfluchte, exkommunicirte,
verfolgte, trennte sich, alles in Gottes Namen, und eigentlich auf Antrieb und
Begehr des Neides und der Vorzugssucht.
    Wenn zu allen Zeiten vom Anbeginn, in allen Teilen der Welt, unter allen
Völkern, in allen Ständen der Menschheit und der Gesellschaft der Krieg unter
Menschen dauerte, noch fortdauert, und die verschiedenen Gattungen desselben nur
die Waffen und die Führungsart unterscheiden; wenn am Hofe und in der Stadt, der
Gelehrte und der Handwerksmann, Mannspersonen und Frauenzimmer - wenn jedes, der
grösste und der geringste, nur für sich kämpft, über alle will und alle unter
sich haben will, und omnes malunt sibi melius esse quam alteri; wenn dieser
allgemeine Streit das ewige Gaukelspiel der Welt gewesen ist: was sollen wir
alsdann denken? - Dass die Natur Affen auf diese Erdkugel sezte, die sich um
goldne Aepfel und saure Feldbirnen, die das Schicksal von Zeit zu Zeit unter sie
wirft, herumprügeln, und jeder Preis mit der Aufschrift: dem Stärksten!
bezeichnet ist.
    BELPH. Fromal, du bist ein unglücklicher Mann mit deinen Schlüssen. Warum
willst du nun vollends den Rest von Traume verscheuchen, mit welchem mich mein
Herz täuschte? - Gewiss, du suchtest nur die gehässigsten Züge zu deinem Bilde
zusammen, und warfest alle zurück, die dir die Menschenliebe darbot.
    FR. Die Menschenliebe? - Die Menschenliebe der Spanier meinst du wohl, als
sie Millionen ihrer vielgeliebten Nebenmenschen zur Ehre Gottes und seiner
apostolischen Majestät erwürgten? oder die Menschenliebe der Römer, die um der
vortreflichen Einbildung willen, Herren der Welt zu sein, dem halben damals
bekannten Erdboden die Freundschaft erzeigten, sie nach einem kleinen Blutbade
zu ihren Untertanen zu machen? oder -
    BELPH. Kein oder mehr! ich bitte dich. - Warum nimmst du deine Originale
nicht lieber aus dem sanften häuslichen niedrigen gesellschaftlichen Leben, aus
deinem, aus dem Herze deiner Freunde, aus dem friedsamen Alter der Kindheit, dem
offnen Gemüte der Jugend -
    FR. Warum rätst du nicht lieber, aus dem Teokrit oder Gessner? - Soll ich,
um eine Truppe Gladiatoren zu charakterisiren, die Zuschauer schildern? weil
diese friedlich und nur in ihrem Beifalle uneinig dasitzen, ohne sich Leides
zuzufügen, diese Züge in ein Gemählde von den Fechtern hineinzwingen? - Noch ist
nicht einmal jenes Alter von allen Spuren des allgemeinen Naturkriegs leer:
selbst Kinder trennen sich bei ihren uninteressirten Spielen in Parteien, ihre
liebste Ergötzung ist balgen, das kleinste Mädchen ficht mit ihren ersten
goldnen Ohrringen wider das zierdelose Ohr des Jüngern, aus Vorzugssucht
verdrängt der vornehmere Knabe den geringern von seinem Spiele, oder erniedrigt
ihn zu seinem Aufwärter, man kämpft um die Gunst der Eltern, der Lehrer, oft der
Bedienten, das Kind beneidet schon das andre, wenn es nach seiner Meinung
schönere Pompons erhalten hat, es will der aufgewartete Monarch in seinem
Wirkungskreise sein. - Und wir, bester Belphegor, ungern sage ichs! wir lieben
uns, so lange wir keine Ursache haben, uns zu hassen. Alle Menschen lieben sich,
so lange sie in gleicher Linie stehen, sind mitleidig, wohltätig, ohne alle
Grausamkeit gegen einander: rückt einer über die Linie, dann gute Nacht
Freundschaft! So bald der Zufall unsre Liebe auf eine Probe stellte, uns
Materialien des Hasses und des Streites zuwürfe - Belphegor! Belphegor! fühle an
dein Herz und forsche!
    Belphegor und Medardus schwuren beide, dass Himmel und Erde in ein Chaos
zusammenstürzen könnten, ehe Zufall, Schicksal, Glück, Macht und Reichtum ihnen
die mindeste Regung des Neides oder der Grausamkeit einflössen würden.
    FR. Nicht den leichtesten Schwur tue ich für mein Herz. Wenn alle Menschen
bisher, so bald ihr Neid, ihre Vorzugssucht Zunder bekam, entglommen, und wenn
nicht andre Rücksichten und Triebe sie abhielten, in Krieg, ein jeder auf seine
Art, ausbrachen, warum sollte ICH so stolz sein, mich für die einzige glückliche
Ausnahme zu achten? - Kommt, Brüder! wir wollen uns lieben, so lange wir können,
so lange nur Datteln uns entzweien müssten; - und so standhaft wird doch
wenigstens unsre Freundschaft sein, dass sie sich wider eine Dattel verteidigen
kann? - Hier in Wüsten, in der Einsamkeit, wo kein Neid, kein Interesse, kein
Vorzug uns aufwiegeln kann, hier lasst uns unser trauriges Schicksal verbessern,
und den Nutzen für unsre Freundschaft daraus ziehn, den die Dürftigkeit uns
anbeut!
    Belphegor und Fromal umarmten sich freundschaftlich, indessen dass dieser
versicherte, wie sehr er aller falschen Anmassung feind sei und darum frei
gestehe, dass nach seiner Erfahrung der Schwur einer immerwährenden Freundschaft
nur in Romanen, in der Einsamkeit, oder beständigem Elende statt finde. Während
dass diese Umarmung beide beschäftigte, rief Medardus voller Schrecken: Jesus
Maria! siehst du, Brüderchen? - Der Schrecken hatte ihn ganz vergessend gemacht,
dass er ein Protestant war, und er wiederholte zu verschiedenen malen sein altes
angewöhntes, Jesus Maria! - Als sich Fromal nach ihm umsah, erblickte er einen
Löwen, der seine beiden Vorderklauen auf die Schultern des Medardus gelegt hatte
und keuchend den aufgesperrten Rachen über seinem Kopfe hielt, dass es nur noch
nötig war zuzuschnappen, um ihn mit Einem Bisse vom Rumpfe abzureissen. Die
ganze Gesellschaft war in der höchsten Bestürzung und sah das Ungeheuer, wie
versteinert, an. Fromal bemerkte zuerst, dass das Tier von Zeit zu Zeit einen
schmerzhaften Blick auf die linke Klaue, und dann einen bittenden auf ihn warf,
aus welcher Gestikulation er schloss, dass es von einem Uebel befreit zu sein
wünschte. Weil dies eine so bequeme Gelegenheit war, sich in die Gunst dieses
gefürchteten Gesellschafters zu setzen; so nuzte sie Fromal, fasste seinen Mut
zusammen und näherte sich ihm, um den Schaden zu besichtigen. Der Löwe brüllte
ihm einen freudigen Dank entgegen, dass der arme Medardus, dem diese Dankbarkeit
wegen der Nähe in ihrer ganzen Stärke in die Ohren fuhr, vor Erschrecken
vorwärts niederstürzte und eine Zeitlang glaubte, dass er wahrhaftig in dem Magen
des Löwen schon verdaut würde: das Tier warf sich auf die rechte Seite und
reichte Fromaln die kranke Klaue dar. Die Kur war höchstgefährlich: denn er
hatte sich einen scharfen Feuerstein so tief in das Fleisch eingetreten, dass
kaum genug hervorragte, um ihn anzufassen; überdiess machte die Furcht die Hand
des Wundarztes zitternd und jeden Handgriff unsicher: doch er sezte mutig an
und zog ihn glücklich heraus, nahm etliche Palmblätter, band sie ihm mit einem
Reste von europäischem Bindfaden, den er eben in der Tasche fand, darauf, und
zog sich demütig in eine bescheidne Ferne zurück. Der Patient riss die
Verbindung ab, und leckte die blutende Klaue, bis das Blut gestillt war: alsdann
sprang er auf, lehnte sich an Fromaln hinan, der jeden Augenblick statt des
Honorariums seinen Tod erwartete, und leckte dankbar sein Gesicht mit der
breiten Zunge, dass es von Geifer triefte. Diese grossmütige Gesinnung erwarb ihm
das Zutrauen der ganzen Gesellschaft so sehr, dass sie ihm ihre Hochachtung und
aufrichtige Ergebenheit durch Liebkosungen von jeder Art an den Tag legten, die
er mit erhabner Majestät in Gnaden anzunehmen geruhte. Da man aber befürchtete,
dass bei längerer Gesellschaft der Hunger endlich in nahrungslosen Zeiten die
Dankbarkeit des Monarchen ersticken, und er seine eifrigen Verehrer alsdann
aufspeisen möchte, so dachte man auf eine heimliche Entfliehung von ihm. Doch
jeden Schritt, den Fromal tat, begleitete er; er war sein Busenfreund.
    Mitten unter diesen Ueberlegungen und Bemühungen, seiner Freundschaft zu
entwischen, kam ein Trupp von schwarzen Einwohnern des Landes, die kaum den
Löwen erblickten, als sie sich ihm mit den ehrerbietigsten Konvulsionen und
feierlichsten Geberden auf den Knieen näherten. Das majestätische Tier blieb
ernstaft an der Seite seines geliebten Fromals liegen, und bewegte nicht Einen
Fuss, so sehr die Schwarzen ihn auch darum ersuchten.
    Dieses Tier war, wie sich nachher zeigte, ein wichtiges Mitglied des
dasigen Staats. Die Einwohner leben mit den Löwen im beständigen Streite, um
dessentwillen man Schanzen und Kastele angelegt hat, die jene Feinde so
regelmässig angreifen und bestürmen als wenn sie die Kriegskunst des Königs von
Preussen gelesen hätten. Wenn bei einer solchen Belagerung sich der Vorteil auf
die Seite der Belagerer zu neigen scheint, so wird ein gezähmter Löwe, den man
in jeder Festung zu diesem Endzwecke unterhält, als Bevollmächtigter zu seinem
Geschlechte abgesendet, sie durch glimpfliche Vorstellungen von ihren ruchlosen
Feindseligkeiten abzubringen und billige Friedensbedingungen zu erbitten. Diese
Vermittelung ist, wie man es ihr ansieht, eine Erfindung der Priester, die einen
solchen Abgesandten, statt des Beglaubigungsschreibens, mit geweihten
Palmblättern behängen - eine Zierde, die er gemeiniglich bei dem ersten Ausgange
von sich wirft. Ein Dorf hatte eben izt eine solche harte Belagerung auszustehn,
und da man sich auf das Äusserste gebracht sah, so griff man zu dem lezten
Rettungsmittel und sendete den geheiligten Löwen ab: doch kaum war der Treulose
herausgelassen, als er die Wichtigkeit seiner Sendung und seinen ganzen Auftrag
vergass, sein Kreditiv von sich warf, davon rennte und belagern und bestürmen
liess, so lange man beliebte. Auf diesem Wege hatte er sich die Wunde zugezogen,
die Fromal kurirte, und wofür er izt ihm die Freundschaft erwies und sich nicht
von seiner Seite trennte, ohne den Bitten seiner Aufsucher nachzugeben.
    Da die Priester diese Vertraulichkeit merkten, so winkten sie den drei
Europäern, ihnen zu folgen, welches sie taten, worauf der Löwe gleichfalls sich
aufmachte und neben seinem Befreier herhinkte. Als sie an die Festung gelangten,
fanden sie die Besatzung in Bereitschaft, an dem noch freien Orte auszuziehen
und alles, was sie von ihren Vorräten hineingerettet hatten, der Raubbegierde
ihrer Angreifer zu überlassen. Die höchste Gefahr drohte: die Löwen kletterten
in dichter Schlachtordnung den Wall hinauf, der aus Sand und Holze verfertigt
war, und ein Wagehals unter ihnen hatte seine Klauen schon kaum etliche Zolle
von dem obersten Rande des Walles entfernt, als Fromal mit seinen Begleitern
ankam. Er stieg hinauf, das Schlachtfeld zu besehen, und fand die Klauen jenes
Verwägnen schon oben, um durch einen Schwung den Bösewicht vollends herauf zu
bringen. Schnell hieb er mit seinem türkischen Säbel sie beide ab, dass das Tier
rückwärts über seine nachfolgende Armee wegstürzte und den ganzen Wall
hinunterrollte. Darauf verlangte Fromal Feuer, erfuhr aber durch Zeichen, dass
keines mehr vorhanden war; sie hatten schon oft mit brennenden Baumzweigen auf
ihre Feinde kanonirt, die nach einem kleinen Rückzuge sogleich wieder anrückten:
endlich war ein starker Regen dazwischen gekommen, hatte alle ihre brennenden
Materialien ausgelöscht, und neues anzumachen, hatten sie weder Zeit noch
Gegenwart des Geistes genug, besonders da ihre Metode, Feuer zu bekommen,
ungemein langsam von statten ging. Fromal schlug mit einem europäischen Messer
an den afrikanischen Feuerstein, den er dem Löwen aus dem Fusse gezogen hatte,
fieng das Feuer mit trocknen Palmblättern auf, hielt sie an eine resinöse
Materie, die leicht Feuer fängt und von den Einwohnern zu diesem Endzwecke
herbeigeschaft war, brachte es glücklich zur Flamme, zündete vorrätige
Baumzweige an, befahl auch andern, seinem Beispiele zu folgen, und so rennte er
nebst einem Truppe Einwohner mit flammenden Fackeln den Wall hinauf, fuhr mit
ihnen auf die kletternden Feinde zu, die sich anzuhalten hatten und deswegen
nicht verteidigen konnten, sengte ihnen Rachen, Mähne und Ohren; sie stürzten
brüllend herunter, andre wollten dem Feuer trotzen, liessen sich aber doch
vertreiben, die sämtliche Belagerer gerieten in Verwirrung, stürzten, rollten,
wälzten sich hinunter und nahmen mit versengten Nasen und Ohren ihren Abzug,
indessen dass ihnen Fromal mit seinem siegreichen Truppe unaufhörlich lodernde
Aeste nachschickte, so weit man sie schleudern konnte. Da der Sieg ungezweifelt
war, erhub Fromal ein lautes Triumphgeschrei, welches die Einwohner nachahmten,
worauf sie ihn auf ihren Schultern ins Dorf nebst seinen beiden Gefährten
zurücktrugen. -
    Siehst du, Brüderchen? sagte Medardus zu Belphegorn, als sie auf einem
öffentlichen Platze niedergesezt wurden: sagte ich dir nicht? wer weis, wozu das
gut ist, dass Prinz Amurat sich erstach, dass die Markisinn gespaltet, alle unsre
Mitsklaven niedergehauen, und die Schiffer von uns ersäuft wurden? - Siehst du
nun? Wir sollten hier die Löwen verjagen, und vielleicht gar-
    Viel Anstalt zu einem kleinen Nutzen! sagte Belphegor, wenn er dies ganz
sein soll! -
    Nur Geduld, Brüderchen! Wer weis, wer weis!
    Es war die hergebrachte Gewohnheit des Landes, dass die heiligen Löwen nach
einem glücklich abgelaufnen Löwenkriege mit einem Menschen beschenkt wurden,
dessen Aufopferung sie wegen des Schadens wieder versöhnen sollte, den man ihrem
Geschlechte zugefügt hatte. Aus einer ökonomischen Absicht, die Eingebornen des
Dorfs zu schonen, kamen die Priester diesmal auf den sinnreichen Einfall, einen
von den drei angelangten Weissen dazu anzuwenden, die ihnen ohnehin verdächtig
worden waren, weil sie die Ueberwindung der Feinde bewerkstelligt, und dadurch
ihre priesterliche Wunderkunst beschämt hatten. Aus tückischem priesterlichen
Neide taten sie den unseligen Vorschlag und bestunden darauf, so sehr auch das
Volk aus Dankbarkeit sich demselben widersezte; und konnte ein christlicher
Pabst bloss um eine angenommene Grille geltend zu machen, versichern, dass es ihm
und Gotte angenehmer wäre, wenn die Priester Schwärme Konkubinen hielten und
Millionen unehliche Kinder umbrächten, als dass ein Priester Eine rechtmässige
Frau nähme und Ein rechtmässiges Kind zeugte, so darf man es einem afrikanischen
Priester um so viel weniger verargen, wenn er aus Neid einen hässlichen Weissen
den Löwen vorsetzen und lieber undankbar sein, als eine hergebrachte Gewohnheit
übertreten will. Sie beharrten hartnäckig darauf und lasen, ich weis nicht
warum, den armen Medardus zum Schlachtopfer aus, während dass er sich bemühte,
seinem Freunde die weise Anordnung der menschlichen Begebenheiten und ihre
Abzweckung zum Guten zu beweisen.
    Fromal merkte bald, dass eine ausserordentliche Bewegung unter seinen neuen
Freunden vorgieng, er erkundigte sich bei seinem Nachbar, der ihm durch seine
Pantomime zur Not erraten liess, dass seinem Gefährten eine Gefahr bevorstünde,
ob er gleich die eigentliche Beschaffenheit derselben nicht zu erfahren
vermochte. Ehe er sie ausstudieren konnte, sah er seinen armen Freund schon von
den Priestern umringt, die ihn mit den heiligen Binden von Palmblättern
behiengen und zur Speise der Löwen einweihten. Fromal erriet zwar ihre Absicht
nicht, allein aus dem vorhergehenden Winke eines Schwarzen schloss er doch nichts
Gutes; er zischelte dem Belphegor seinen Argwohn ins Ohr, der ihn nicht so bald
vernahm, als er mit seiner gewohnten Heftigkeit auf die Priester losgehn wollte:
doch Fromal stiess ihn zurück und übernahm es, für ihn zu sprechen: er drohte mit
seinem Säbel, riss dem Medardus den ganzen Opferschmuck vom Leibe und stellte
sich zu seiner Beschützung neben ihn, welches auch Belphegor tat. Mit gezognen
Säbeln erwarteten sie alle drei in geschlossner Reihe den Angriff; niemand wagte
es: doch plözlich, schneller als sie sehen konnten, war Medardus mitten aus
ihnen verschwunden, mit Leib und Seele verschwunden. Sie staunten, sie drohten
nochmals, foderten ihn wieder: nichts antwortete ihnen als eine traurige
Geberde, mit welcher sich die Umstehenden an die Brust schlugen. Belphegor
schäumte vor Wut und Zorn; er hieb einen dastehenden Priester in die Schulter
und holte nach einem andern aus, als der ganze Haufe sie beide auf die Schultern
fasste und laut rief: Nazib! Nazib! Unter diesem Geschrei wurden sie fortgetragen
und langten in kurzer Zeit in einer mit Bergen umschlossnen Ebne an, wo sie ein
Gebäude, einer deutschen Gauklerbude ähnlich, und um dasselbe etliche kleinere
von gleicher Architektur antrafen. Sie merkten aus allen Umständen, dass sie sich
in der königlichen Residenz befanden, um der schwarzgelben Majestät vorgestellt
zu werden, welches nach einem langen Aufentalte ausser dem Palaste wirklich
geschehen sollte, während dessen alles innerhalb des Gebäudes in Bewegung war,
und sie vermuten liess, dass man entweder das Audienzzimmer zu ihrem Empfange in
Ordnung bringe, oder ein Schafott für sie baue.
 
                                  Fünftes Buch
Die Zurüstungen zu dem Empfange der Europäer, so lange sie auch dauerten,
konnten doch denselben Tag nicht völlig geendigt werden; man quartirte sie also
indessen in eine Hütte ein, die sie für ein Gefängnis hielten, ob es gleich das
schönste Gastaus der Residenz war, wo sie die königliche Milde mit Datteln, ein
Paar Strausseneiern und etlichen Schlucken Branntewein bedienen, und die
Versichrung geben liess, dass sie morgen gewiss das Glück geniessen sollten, das
Antliz Seiner Majestät zu beschauen.
    In der Nacht fand sich ein Europäer bei ihnen ein, der sich einige Zeit an
dem Hofe des Königs aufgehalten hatte, ein Franzose von Geburt und ein
Herumstreifer von Profession war. Sein Besuch hatte zur Absicht, sie in dem
Cerimonielle des Hofs zu unterrichten, zu dessen Erlernung, nach seinem
Ausdrucke, Ein Menschenkopf nicht zureichend wäre. Fromal und Belphegor baten
zwar inständigst, sie mit einer so schweren Wissenschaft zu verschonen; allein
er bestund darauf, dass sie wenigstens in den zu ihrer Aufnahme nötigen
Gebräuchen seinen Unterricht annehmen mussten. Sie brachten drei ganze Stunden
damit zu und waren so ermüdet, dass sie endlich um die Endigung der Lehrstunden
flehentlich anhalten mussten, welches sie aber nicht eher erlangten, als bis sie
noch erfahren hatten, dass ihr Lehrmeister wo nicht der Erfinder doch der
Verbesserer dieser Wissenschaft sei; und von wem, als einem Franzosen, sezte er
hinzu, war dieses Licht zu erwarten? Die Franzosen tragen allentalben Geschmack
und gute Lebensart hin.
    Da ihre Progressen in dieser ersten Stunde nicht sonderlich waren, so
meldete ihnen ihr Lehrer den Tag darauf, dass sie à l'allemande etwas schwer
begriffen und eben darum wenigstens noch acht Tage in der Unterweisung bleiben
müssten, ehe sie würdig vor dem Trone seiner Majestät erscheinen könnten. Sie
unterwarfen sich um der Sonderbarheit der Sache willen seinem Verlangen und
verdarben sich mit Kameelmilch und Datteln indessen Appetit und Magen, womit man
sie sehr sparsam bewirtete. Da der Tag ihrer Vorstellung erschienen war, tat
ihnen ihr Lehrmeister mit betrübtem Herzen zu wissen, dass sie wegen der
Verwundung des Priesters das Angesicht des Königs nicht schauen könnten, wenn
sie nicht vorher durch gewisse heilige Gebräuche und Büssungen von ihrer Sünde
gereinigt wären; Medardus, berichtete er ihnen ferner, sei zwar noch am Leben,
würde aber niemals wieder aus dem Reiche kommen; denn er sei unter die Zahl der
heiligen Tiere versezt worden. Zugleich liess ihnen der König seine Vermittelung
bei den Priestern anbieten, die er vermögen wollte, ihnen wenigstens drei Wochen
von der nötigen Reinigung zu erlassen, da sie eigentlich vier ganze Wochen
dauern sollte, aber unter dem Bedinge, dass sie ihm gleichfalls einen Dienst
erzeigten. Sie stünden herzlich gern zu Befehl und erfuhren darauf, dass der
König zur Verherrlichung seines Reichs eine Gesandschaft aus Europa zu bekommen
wünschte und daher sie ersuchte, diese Gesandten vorzustellen. Da es bei einem
so elenden Duodezmonarchen keine Gefahr haben konnte, eine solche Komödie zu
spielen, und sie vielleicht die Loslassung ihres Freundes durch ihre
Einwilligung zu erlangen hoften, so verstunden sie sich dazu, und zween ganze
Monate wurden erfodert, sie teils in den schweren Wissenschaften des dasigen
Hofs festzusetzen, teils Anstalten zum Empfange der vorgegebnen Gesandschaft zu
machen.
    Der Monarch, der seine Grösse auf diese Art glänzen lassen wollte, war der
gefürchtete Beherrscher von etlichen hundert schwarzen schmutzigen Kreaturen,
die er in verschiedene Königreiche zerteilt und sie mit Regenten versehen
hatte, die ihm Tribut bezahlen und ihn als Vasallen ehren mussten. Er für seine
hohe Person war der Tributar des grossen Monarchen von SEGELMESSE, den sich
Marocco zu dem seinigen gemacht hatte. Da er nicht im Stande war, sich von den
Potentaten seiner Klasse zu unterscheiden, unter welchen er in Ansehung der
Macht die kleinste Rolle spielte, so riet ihm sein Ehrgeiz, ihnen auf eine
einleuchtende Weise zu zeigen, dass er zwar der kleinste an Macht, aber der
grösste an Ruhm sei: niemand von denen, die er durch die Taschenspielerei
hintergehn wollte, noch er selbst hatte eine homanische Karte vor Augen gehabt,
und er liess es also dabei bewenden, seine Gesandschaft dem grossen Könige aus
Norden beizulegen.
    Aus Besorgnis, dass seine Herrlichkeit nicht ausgebreitet genug werden
möchte, liess er acht Tage vor der Audienz auf allen Gassen und an allen Orten,
so gar Löwen und Straussen kund und zu wissen tun, dass sich jedermann
versammeln solle, die Gesandschaft des grossen Königs aus dem Norden zu
beschauen. Die Feierlichkeit ging mit allem Glanze vor sich, den nur seine
königlichen Schätze zuliessen; seine sämtlichen Untertanen vom Greise bis zu
dem Kinde, das kaum gehen gelernt hatte, mussten paradiren: der Zug ging unter
der lärmendsten beschwerlichsten Musik einen Tag lang seine ganzen Länder
hindurch: Kameele, Strausse, heilige Löwen, alle vierfüssige und befiederte
Kreaturen, deren er nur habhaft werden konnte, mussten die Prozession verlängern
helfen: alle Produkte seines Landes, die königliche Garderobe, die königlichen
Schätze und Kleinodien, die in Datteln, Palmblättern, grossen Schläuchen voll
Kameelmilch und ähnlicher Kostbarkeiten bestunden, wurden öffentlich
vorgetragen: Nach dieser mühseligen Reise durch warme, sandigte, wasserlose
Gegenden gelangten sie endlich zum königlichen Palaste, einer viereckichten
grossen Hütte von Palmbäumen aufgeführt, dessen Dach man gegenwärtig, wie bei
allen vorzüglichen Feierlichkeiten, über dem Haupte des grossen Königs
weggerissen hatte, weil nach seiner eignen Versichrung ein so grosser Monarch
nichts als den Himmel Gottes über seinem Haupte dulden könne; die innern Wände
waren mit Palmblättern austapeziert. Der mächtige NAZIB sass in halbnackter
Majestät auf zween Klötzen, erhaben über alle die schmutzigen Vasallen, die, wie
Sphynxe, um seinen Tron herum demütigst auf den Bäuchen lagen und die Köpfe
auf den untergestüzten Armen in die Höhe richteten. Zween langausgestreckte
Vasallen genossen die Ehre, ihm zum Fussschemel zu dienen, auf die er von Zeit zu
Zeit seinen erhabnen Speichel herabzuwerfen würdigte, sie ihrer Niedrigkeit und
seiner Grösse zu erinnern: plözlich blies er die Backen auf und liess sie mit
einem lauten Ausblasen des Atems wieder zusammenfallen, welches ein Befehl an
alle Fürsten des Erdbodens sein sollte, vor ihm niederzufallen.
    Nachdem die lächerrlichste Pantomime auf allen Seiten gespielt war, wobei
Fromal kaum seine Muskeln zu der nötigen Ernstaftigkeit zwingen konnte, und
Belphegor vor Erstaunen über den unsinnigen Grad, zu welchem er die kindischste
Vorzugssucht hier gestiegen sah, nicht zu sich kam, sprang endlich der König
auf, gab jedem seiner Vasallen eine Ohrfeige, und liess sich von ihnen vor den
Palast tragen, wo er der Sonne, die eben untergehen wollte, den Auftrag gab, dem
grossen Könige des Nordens, zu welchem sie nun bald kommen würde, grossgünstig zu
melden, dass er, der mächtige Nazib, sein Gebet erhört, ihn zum ersten seiner
Vasallen, zum Sessel seines Hintern erhoben habe, und ihm verspreche, ihm alle
Huld und Schuz in Gnaden angedeihn zu lassen. Da die Gesandten aus vielen
wichtigen Ursachen die zugedachte Ehre verbeten hatten, das erteilte Erbamt
ihres Principals in eigner Person zu verrichten und dem grossen Nazib zum Sessel
des Hintern zu dienen, wie es anfangs veranstaltet war, so musste sich der
oberste von den Vasallen dazu bequemen, der über dieses Glück so stolz wurde,
dass er Tages darauf einem seiner Mitvasallen ein Auge vor Übermut ausschlug.
Als der Nazib seinen Siz auf ihm mit einem expressiven Stosse genommen hatte, so
wiederholte er die obige Grimasse mit dem Backen, um allen Fürsten des Erdbodens
anzudeuten, dass er ihnen nunmehr die Erlaubnis gebe, von dem anbefohlnen
Kniefalle wieder aufzustehn. Zulezt wollte er den Gesandten noch zumuten, seine
Füsse, die es ungemein nötig hatten, in Kameelmilch zu waschen, welches sie mit
einem Bündel Palmblätter obenhin taten, dann lagerten sich die Vasallen in
einer Reihe vor ihm hin, und er goss ihnen mit erhabnem Stolze den Rest seines
Fussbades ins Gesicht.
    Darauf nahm die Mahlzeit ihren Anfang, die überhaupt aus sechs Ingredienzen
bestund, wovon ein jedes unzählichemal aufgetragen wurde: man sass vom Untergange
der Sonne bis zum Anbruche des Tags, und die sämtlichen Untertanen des Reichs
standen in Parade um die Tafel: die untersten Vasallen bedienten ihn, und die
übrigen lagen neben ihm am Tische. Nach aufgehobner Tafel wünschten Fromal und
Belphegor sehnlich, von ihrer hohen Rolle befreit zu sein, allein nun fiengen
erst die Lustbarkeiten an; sie mussten aushalten.
    Sogleich traten zween Truppe schwarze Kerle hervor, die auf ein gegebnes
Zeichen auf einander losgiengen und sich mit Knitteln unbarmherzig prügelten,
dass gleich bei dem ersten Angriffe drei todt auf der Stelle niedersanken.
Belphegor und Fromal liessen durch ihren Dollmetscher, den Franzosen,
flehentlichst bitten, eine so unmenschliche Lustbarkeit zu endigen; allein sie
bekamen die lachende Antwort: es sind ja nur meine Untertanen. Belphegor
ergrimmte über diese entsezliche Antwort so heftig, dass er ohne Fromals
Zurückhaltung dem grossen Nazib den Hirnschädel gespaltet hätte. Die Streiter
schlugen einander todt bis auf einen, der die Ehre des Siegs und zur Belohnung
die Erlaubnis bekam, den Staub von den Füssen des Nazib zu lecken. Belphegor liess
noch einmal alle dergleichen barbarische Ergözlichkeiten verbitten; allein die
Antwort blieb beständig dieselbe: es sind ja nur schlechte Kerle, meine
Untertanen, meine Sklaven.
    Als die beiden Europäer in ihre Hütte ermüdet zurückkamen, so konnte sie die
Ermattung von einer so beschwerlichen Rolle nicht abhalten, über den
lächerlichen Ehrgeiz des grossen Nazib zu lachen. So eine Karrikatur ist der
Mensch, sprach Fromal, unter allen Zonen; die komischste Zusammensetzung von
kindischem Stolze und läppischen Einbildungen: aber glaube nicht, dass er unter
dem afrikanischen Himmel allein dies possierliche Ding ist! Unter allen neunzig
Graden südlicher und nördlicher Breite, vom ersten Mittagszirkel bis zum lezten
ist er das nämliche burleske Geschöpf, nur in dem Ausdrucke seiner Narrheit
verschieden, allentalben in sich selbst verliebt, allentalben sich selbst der
grösste, der wichtigste, und der Verächter andrer: sollte er gleich nur
Strohkörbe machen können, so verachtet er doch gewiss, den Brodneid abgerechnet,
aus blosser Selbstgefälligkeit alle Körbe, die ER nicht verfertigt hat. Wir
lachen über diesen Mückenmonarchen, dass er seine Vasallen seine Obergewalt so
empfindlich fühlen lässt: allein wo nicht die Furcht vor dem Spotte und dem
Gelächter viele Menschen in poliziertern Himmelsstrichen zurückzöge, so würden
sie alle diesem jämmerlichen Nazib gleichen: wer nicht in der Tat unterdrücken
kann, unterdrückt in der Einbildung; wer im Staube liegt, steigt wenigstens mit
seinen Gedanken empor, und glaubt der höchste zu sein, weil er sich der höchste
zu sein dünkt. Das einzige Mittel, das die Europäer vor solchen ausschweifenden
Ausbrüchen des Stolzes bewahrt, ist meiner Meinung nach - die Politesse, Furcht
vor dem Spotte, und die vielfältige Verwickelung des Interesse; wo diese
zurückhaltenden Schranken fehlten, da habe ich den Stolz Farcen aufführen sehn,
oder von ihm erzählen hören, die unserm afrikanischen Lustspiele nicht viel zum
voraus liessen. Kennst du den deutschen Ehrenmann noch, von dem ich dir leztin
erzählte, dass er sich täglich dem beschwerlichsten Zwange, der langweiligsten
Etikette unterwarf, sich und seiner Familie durch einförmige abgezirkelte
Cerimonien und Komplimente das Leben schleppend, lästig, freudelos machte, bloss
um seinem Hause das Ansehn eines Hofs zu geben? -
    Fromal wollte abbrechen, allein Belphegor ersuchte ihn fortzufahren.
    Oft, sezte er seine Gedanken fort, habe ich gleichsam an dem Fusse der
menschlichen Grösse gesessen und dem Eifer zugesehn, mit welchem eins über das
andre hinwegklettern wollte, wie man rang, wie man kämpfte, wenn weiter nichts
möglich war, wenigstens das Recht zu erlangen, über dem andern zu sitzen, zu
stehen, vor ihm hineinzugehn und herauszugehn, eher, als er, der Teller und das
Glas präsentirt, eher die Verbeugung zu bekommen, wie man sich beleidigt fand,
wenn aus Versehen dieses Recht gekränkt wurde. Anfangs tat es mir wahrhaftig
weh: du weisst, wir hatten beide in Einem Traume der Fantasie geschlummert: der
erhabenste Mensch war uns der weiseste, der verständigste, der geistreichste,
der empfindungsvollste - kurz, wir massen seine Grösse nach seinem Geiste: aber
wie bald fand ich, dass dieser Maasstab dem Maasstabe einer kleinen Provinz
glich, der nur in ihr und sonst nirgends gebraucht wird; mein Maas traf nie mit
dem Maase eines andern überein: ich warf es weg und richtete mich nur bei mir
selbst darnach. Ich hatte weder Lust noch Kräfte mich in den allgemeinen
Wettstreit zu mischen; ich blieb Zuschauer. Ich sah, dass der Mensch SICH SELBST
mit seinem ganzen Zubehör von Vorurteilen zum Muster hinstellte, nach dem er
tadelte und lobte, billigte und verwarf; ich sah sie alle nach dem Ringe des
Vergnügens und des Vorzugs rennen, ich sah, dass sie nach jedem Vorzuge gierig
griffen, wenn er in meinen Augen gleich nicht Eines Schrittes wert war, sollte
er auch in einer Schuhschnalle bestehn; ich sah, dass dem Vorteile alles
weichen musste, dass man nur in Rücksicht auf IHN handelte, dass man sich
wechselsweise Lob und Bewundrung abkaufte, dass man gab, um zu empfangen, dass das
ganze Leben nur ein Kommerz von Schmeicheleien war, und dass man sich bei dem
Besitze eines solchen Beifalls glücklich dünken konnte, ohne einen Augenblick
daran zu denken, dass er nur eingetauscht war, dass er nicht dem Manne, sondern
seinem Kleide, seinem Pferde, seinem Titel, seinem Gelde gehörte; ich sah bei
meinem ersten Eintritte unter die Menschen die freundliche Stirn, die
dienstfertigen Füsse, die gefälligen Hände, die ehrerbietigen Verbeugungen, die
liebkosenden, schmeichelnden, glatten Worte für die Dollmetscher des Herzens an,
und freute mich! - und schalt alle wahnwitzig, die dem Menschen weniger
zutrauten, als ich damals an ihm zu finden glaubte: ich sah die Menschen
einzeln, ich warf einen eindringenden Blick in ihr Herz, ich belauschte sie, und
- Tiger entdeckte ich, die einander zerreissen möchten, Falsche, die das
verspotteten, was sie vorhin bewunderten, die das beneideten, wozu sie vorhin
Glück wünschten, die den hassten, den sie vorhin gebückt ehrten; Herzen entdeckte
ich, mit dem verächtlichsten Unrate kleiner Begierden, elender Wünsche,
niedriger Verlangen angefüllt; Köpfe, mit leeren nichtswürdigen Anschlägen,
unterdrückenden Listen, Projekten einer Seifenblasengrösse beladen: nein, dachte
ich, mit euch, Leutchen, kann mein Weg nicht lange auf Einem Fusssteige fortgehn;
ich müsste mich ganz umschmelzen, oder mich mit einem gar zu starken Firnisse der
Heuchelei übermahlen, wenn ich nicht in ewigem Widerspruche mit euch sein
wollte. Ich, Narr, ich grämte mich, ich tadelte mich darüber, ich warf mir
Unvollkommenheit, Untätigkeit vor, dass ich meine Zunge nicht zur Bewundrung
zwingen konnte, dass meine trägen Hände sich nach keiner der geschäzten Hoheiten,
nach keiner dieser goldschimmernden Früchte ausstreckten, dass mein Herz, wie
erstarrt, keinen einzigen Pulsschlag um ihrentwillen schneller tat: man schalt
mich sogar einen Fühllosen, einen Duns ohne Lebenskraft: - ei wozu das? - Ich
ersparte mir meine Unruhe; ich liess sie schwatzen: warum sollte ich meinen Gaum
zu einem Bissen zwingen, der ihm widerstund, und den mein Magen also sicher
nicht ohne Schmerzen verdaut hätte? - Weg, weg mit ihm! ich liess die Leute
darnach schnappen, darnach laufen und rennen, sich freuen und betrüben, sich
liebkosen und hassen, sich erheben und unterdrücken, stolz und klein sein, und -
lachte; freilich bisweilen etwas bitter, mit einer guten Quantität schlimmer
Laune! aber wer kann sich helfen? - Wir könnte mir ein so aufgeblasner Ritter,
wie unser Nazib, Herzbeschwerungen machen wie dir? - Lieber Lungenbeschwerungen
von vielem Lachen! -
    BELPH. Aber, bester Fromal, muss das Herz nicht zum höchsten Aufruhre
emporsteigen, wenn dieser lächerliche Götze seinem Wahne sogar Menschen opfert?
-
    FR. Unempfindlichkeit! Kälte! Eiskalter Frost, wie in Spizbergen! - und dann
zugesehn! - Du hast ja so keinen Flecken am Leibe mehr, den du dir noch
entzweischlagen lassen könntest: schlaf gesund in deiner Haut, und sieh zu, wenn
du wachst! Die Menschen sind gar wunderliche Spizköpfe: hättest du dem Nazib
seinen aufgedunsnen Schädel für seine Grausamkeit gespalten, so hätten dir alle,
die du von seinem Unsinne befreien wolltest, ein gleiches getan: selbst die
Todten, wenn sie wieder lebendig hätten werden können, würden dich niedergehauen
haben, weil du ihrer Nachkommenschaft die Ehre benahmst, wie sie, für die Grösse
und zum Zeitvertreibe des mächtigen Nazib sich todt zu prügeln.
    BELPH. Fromal, schaffe mir Eis, schaffe mit die Kunst zu lachen, und unsern
Medardus! - dann wollen wir sehn. - die verdammte Hitze! Hier hast du meinen
Säbel; wo ich in Zukunft nicht so frostig, wie ein Eiszapfen, bin, so haue zu!
spalte mich vom Wirbel bis zur Fusszehe! -
    Fromal verbat den Auftrag, versprach ihm gelindere Mittel und schlief mit
ihm ein.
    Unterdessen hatte der Franzose, ihr Lehrmeister in dem Hofcerimoniell, mit
Hülfe seines Ehrgeizes einen wichtigen Grund entdeckt, seine beiden Schüler von
Herzensgrunde zu hassen. Die Ehre und Herrlichkeit dieser hohen Gesandschaft,
die er sich vorher nicht so gross vorgestellt hatte, leuchtete ihm izt, da er so
müssig in der Ferne zusehn musste, so stark in das Gesicht, dass er weder Fromaln
noch Belphegorn mit offnen Augen anschauen konnte. Er ging um sie herum, machte
ihnen steife frostige Komplimente, stichelte mit unter ein wenig auf ihre
genossne Ehre, versicherte mit etwas bittrer Grossmut, dass er sie von sich selbst
abgelehnt habe, ob es gleich in seiner Macht gestanden hätte, sie vor allen
andern zu erlangen, und gab dabei zu verstehn, dass sie IHM die ganze
Verbindlichkeit dafür schuldig wären. Fromal und Belphegor gaben ihm gleichfalls
zu verstehn, dass sie ihm zwar Verbindlichkeit für seinen guten Willen, aber
nicht für die Sache hätten, die das beschwerlichste Possenspiel der Welt wäre.
Sie lachten und scherzten; und in drei Tagen war der Franzose unsichtbar.
    Der Ruf von der Gesandschaft des grossen Königs aus dem Norden war bis zu
allen umliegenden NAZIBS durchgedrungen: der sie empfangen hatte und also wohl
wusste, dass sie seine eigne Veranstaltung war, wurde doch auf den blossen Gedanken
daran so stolz, dass er schon willens war, dem Könige von SEGELMESSE Gehorsam und
Tribut aufzukündigen; ob er gleich wusste, dass seine Macht nicht um ein Haarbreit
durch diese vermeinte Ehre gewachsen war, so kam er doch im Ernst auf den
Einfall, sich zu einem Kriege wider ihn zu rüsten, wenn er sich seiner
Aufkündigung widersetzen sollte.
    Er hatte nicht nötig, sich mit langem Nachsinnen über einen Operationsplan
das Gehirn zu beschweren, als ihn schon die Not zwang, einen für seine Rettung
auszudenken. Alle Könige von seiner Klasse hatte die Ehre, der empfangnen
Gesandschaft wider ihn aufgebracht: sie wollten den Mann demütigen, der ihnen
an Ruhm so überlegen war. Sie verbanden sich zu einem fürchterlichen Kriege
wider ihn, und mitten in dem Genusse seiner Grösse überfielen sie ihn, wie ein
Donnerschlag. Der erste Einfall in sein Reich war schon eine Eroberung
desselben, und der Nazib in der Gefangenschaft, ehe er vermuten konnte, darein
zu geraten. Der ganze Sieg war wohlfeil; er kostete nur dreier Menschen Leben:
die einzige Bedingung des Friedens war, neben der Oberherrschaft ihres
gemeinschaftlichen Oberherrn von SEGELMESSE auch die Gewalt seiner verbundnen
Feinde über sich zu erkennen. Für ihn war nichts als ein demütiges Ja übrig,
das er sogleich mit schwerem Herze von sich gab, und über seine Demütigung
tröstete er sich mit seinem ausgebreiteten Ruhme und der Gesandschaft aus dem
Norden.
    Jeder von den Siegern verlangte alsdann von den beiden Europäern, dass sie
ihnen eine Gesandschaft aus dem Norden bringen sollten; da sie keine Vollmacht
dazu hatten, so weigerten sie sich: allein sie wurden gezwungen, entweder zu
sterben, oder Gesandten des grossen Königs aus dem Norden zu sein. Sie willigten
bei einer so misslichen Wahl in das Lezte: doch nun erhub sich ein neuer
Wettstreit unter den Monarchen, wem zuerst diese Ehre zu Teil werden sollte.
Gründe und Gegengründe gegen einander abzuwägen, war ihnen zu langweilig: sie
griffen zu den Waffen, nicht für ihre Personen, sondern sie liessen ihre
Untertanen auf einander los; und die guten Narren zausten und mordeten sich, um
auszumachen, welcher von ihren Herren zuerst eine erdichtete Gesandschaft aus
dem Norden erhalten sollte. Der Zufall erklärte sich für einen Nazib, der den
übrigen an Macht überlegen war; man musste ihm den Vorrang lassen. Fromal und
Belphegor waren indessen in enger Verwahrung gehalten worden und sollten nun
abgeholt werden, dem Ueberwinder weis zu machen, dass er ein berühmter Herrscher
sei. Als sie mitten auf dem Wege waren, taten die Zurückgesezten zusammen und
raubten die Gesandten, verwahrten sie von neuem und schlugen sich von neuem um
sie.
    Unterdessen hatte sich der Franzose, dessen vorhin gedacht worden ist, mit
Hass und Groll wider Fromaln und Belphegorn an den Hof des Nazibs begeben, der
zuerst das Vorrecht auf die Gesandschaft erkämpft hatte. Er war von dem ersten
Nazib in der Absicht weggegangen, um bei einem andern die Ehre zu geniessen, die
er Belphegorn und Fromaln misgönnte: um so viel mehr nüzte er die böse Laune
dieses Königs, bei dem er izt sich aufhielt, über den Raub seiner Gegner. Es
gelang ihm, zu seinem Zwecke zu kommen, beide, der Nazib und der Franzose, waren
befriedigt und liessen die übrigen sich um Belphegorn und Fromaln herumbalgen, so
lange sie wollten.
    Inzwischen gelangte das Gerücht von diesem komischen Kriege und seiner
Bewegursache zu den Ohren des Monarchen von SEGELMESSE, ihres gemeinschaftlichen
Oberherrn, der sich mit den gültigsten Gründen von der Welt bewies, dass er vor
allen seinen Vasallen das Recht auf eine Gesandschaft aus dem Norden besitze,
gebot allen seinen Tributaren von ihrem Anspruche darauf abzustehen und ihm
allein diese Ehre zu überlassen. Sie waren zu sehr in ihren Wunsch verliebt, um
ihn sogleich aufzugeben; sie widersezten sich. Der Monarch ergrimmte, schlug zu,
bis sie alle demütig zu seinen Füssen um Verzeihung baten. Er erteilte ihnen
gnädigst Vergebung, liess ihnen huldreichst die Bäuche mit einem Feuersteine
aufschneiden und sie so insgesamt an Einem Baume aufhängen. Fromal und Belphegor
mussten noch einmal ihre Komödie zu Segelmesse spielen, und bekamen zu ihrer
Belohnung zwei von den offnen Königreichen, die sie im Namen des Königs vom
Norden von ihm zur Lehn nehmen mussten, und ihr Lehnsherr freute sich ungemein,
einen so grossen Monarchen zum Vasallen zu haben, von dem er nicht einmal wusste,
ob er existirte.
    Belphegor war mehr zum friedlichen einsamen Betrachter der Welt, als zum
wirksamen Mitspieler gemacht, wenigstens nicht zur Rolle eines Monarchen: Fromal
passte mehr dazu. Sie suchten beide einen Grad von europäischer Kultur in ihren
Reichen einzuführen, ihre Völker von dem Kriege abzulenken und zu den Künsten
des Friedens zu leiten. Das Projekt war etwas weitläuftig und ungemein schwer;
auch blieb es nur bei dem Entwurfe.
    Der Franzose, der Neider der neuen Monarchen, war izt nicht mehr über ihr
Glück neidisch sondern rachsüchtig: er wollte es ihnen schlechterdings
verbittern oder gar rauben. Er wollte seinen Nazib zum Kriege wider sie reizen;
allein der Schuz, den sie ihr Oberherr geniessen liess, schreckte ihn ab, so gern
er einen Gang mit ihnen versucht hätte. Da diese Mine nicht springen wollte, so
grub er eine andre; er suchte die beiden Könige zu entzwein und sie durch sich
selbst zu Grunde zu richten. In einer solchen Absicht begab er sich zu Fromaln
und machte ihm Belphegorn verdächtig, besonders beschuldigte er ihn eines
Bündnisses zu seinem Untergange; seine Beschuldigungen fruchteten nichts. Er
machte bei Belphegorn den nämlichen Versuch und richtete nichts mehr aus: doch
hatte er beide dahingebracht, dass sie sich beobachteten und mehr als vorsichtig
gegen einander handelten.
    Sich beobachten und argwöhnisch sein ist beinahe eins, wenigstens gibt das
erste unendliche Gelegenheit, das lezte zu werden. Sie lauerten bald auf
einander und bemerkten oft vieles, worüber man sich bei weniger Freundschaft
hätte zanken können: doch blieb es ohne Bruch.
    Belphegor hatte einen Extrakt von tummen Geschöpfen zu regieren bekommen,
die sich nicht im mindesten in seine Anstalten zu ihrer Verfeinerung fügen
wollten, zumal da ihm seine natürliche Hastigkeit nicht erlaubte, anders als
sprungweise zu verfahren. Durch Einen mächtigen Zauberschlag sollten seine
afrikanische Tiere in europäische Menschen verwandelt sein: sie lehnten sich
gegen seine schnelle Umschaffung auf, blieben, was sie waren, und ihr Regent
ward misvergnügt, überdrüssig, an ihrer Polirung zu arbeiten. Fromal hingegen war
glücklicher: entweder waren seine Untergebnen von besserm Stoffe, oder durch
zufällige Ursachen schon vorher in der Kultur weiter fortgerückt, oder hatte ihr
Beherrscher bessere Maasregeln ergriffen - genug, sein Reich war polirter und
mit bessern Menschen angefüllt als Belphegors Gebiet. Fromals Bemühungen waren
freilich durch etliche günstige Zufälle unterstüzt worden, die jenem fehlten,
allein er ging auch mit kälterer Bedachtsamkeit und mehr anhaltender Geduld zu
Werke, als jener. Genug, die beiden Distrikte schienen zwo Nationen von
verschiedenem Geschlechte zu sein, so auffallend war ihr Unterschied; und
Belphegor konnte sich nicht entalten, den Unterschied mit scheelem Blicke zu
bemerken, Fromals Geschicklichkeit dabei zu verringern und die Ursache dem
Zufalle zuzuschreiben.
    Sie hatten einen kleinen Handel unter sich und den benachbarten Distrikten
eingeführt, wovon nur unbeträchtliche Anfänge vorhanden waren. Auch hierinne war
Fromal glücklicher: seine Untertanen waren gesittet, bis zu einem gewissen
Grade freundlich, arbeitsam, keine Mühe eines ehrlichen Gewinstes zu scheuen,
und erfindsam, die Gelegenheiten dazu zu entdecken: Belphegors Horde war grob,
tumm, träge, wollte ohne Mühe durch Betrug gewinnen, nahm den Vorteil, wo sie
ihn fand, ohne ihn jemals aufzusuchen: mit ihnen wollte niemand zu tun haben,
indessen dass jene überflüssig beschäftigt waren. Die meisten in Belphegors
Gebiete giengen zu dem alten Gewerbe des Raubens und der Jagd zurück, und der
gute Mann war im Grunde der Regierer einer Bande Spizbuben, die den Handel und
das Verkehr der umliegenden Gegenden auf alle Art zu hindern suchten, woraus
beständige Privatkriege entstunden.
    Belphegor war seiner Hoheit so satt, dass er sich ihrer gern entladen hätte,
wenn der Geschmack des Herrschens nicht zu süss wäre, um ihn ohne Reue zu
entbehren. Es war ausser sich gesezt, und wünschte, seine ganze unselige Rotte
mit Einem Schwertstreiche vernichten zu können. Unter diesem Unwillen dachte er
an Fromals Fortgang, der geliebt und bekannt, wie er hingegen vergessen oder
verachtet war; und er konnte sich nicht entalten, mit einem Zähneknirschen sich
von einer solchen Vorstellung wegzuwenden. Er argwohnte gar, dass ihn Fromal
durch listige Ränke in der Ausübung seiner Absichten verhindert habe; er wusste
sich keinen Beweis davon anzugeben, aber der Argwohn grub sich doch bei ihm ein
und unterminirte von Tag zu Tag seine Freundschaft und gute Meinung von ihm, die
ohnehin schon geschwächt war.
    Die Gährung war vorhanden; nur noch eine Gelegenheit zum Ausbruche! - und
die grössten Freunde sind die grössten Feinde. Sie kam. Ihr Oberherr, der König
von SEGELMESSE, sah mit Erstaunen und Unwillen die Schritte, die Fromals Gebiet
in der Polizierung getan hatte, dass seiner Hauptstadt ein Teil ihres ehmaligen
Handels entzogen wurde; und da er überhaupt es nicht verdauen konnte, dass seine
Tributaren sich mit ihm in gleiche Linie setzen und vielleicht gar eine Macht
erlangen wollten, die der seinigen das Gleichgewicht hielt, so beschloss er, sich
von einer so ängstlichen Besorgnis zu befreien. Gleichwohl konnte er nicht die
Stärke der Waffen ohne Gefahr gebrauchen, weil sie, insgesamt vereinigt, ihm das
Gleichgewicht hielten. Der Franzose, der sich izt an seinem Hofe aufhielt,
merkte kaum seinen Wunsch, als er ihm mit seinem Rate beistund. Er beredete
ihn, Belphegors gährende Eifersucht so lange anzufeuern, bis sie zu offenbarer
Feindseligkeit aufbrauste, und nahm das Geschäfte über sich.
    Er tat weiter nichts als dass er Belphegorn die guten herrlichen Anstalten
seines Freundes, den Fortgang derselben, den blühenden Zustand seines kleinen
Staats, seine Macht, seinen Reichtum, seinen Ruhm, den Zuwachs seiner
Untertanen pries, und dagegen das kontrastirende Bild seines Gebietes hielt,
das mit einer Handvoll Jäger und Räuber besezt war, die hartnäckig von ihrer
alten Lebensart nicht abgehn, oder ihren Regenten ermorden wollten, wenn er sie
zu einer andern zu zwingen versuchte. Belphegor seufzte anfangs, biss sich vor
Aerger in die Lippen, verringerte die Grösse seines Freundes; doch der
Abgeschickte, ein Adept in der Kunst der Intrigue, wiederholte jene
Vorstellungen täglich so oft, und wusste ein so verhasstes Licht darüber zu
verbreiten, dass Belphegor voll Zorn und Aerger, ihn von sich gehen hiess, und ihm
drohte, ihn mit Gewalt von sich zu entfernen, wenn er ihn mit einem so widrigen
Vortrage unterhalten wollte. Der Franzose sagte ihm ganz gelassen, dass er ein
Mittel wüsste, ihn von einer so schaudernden Inferiorität zu befreien. Er bot ihm
den Schuz und grosse Versprechen von Seiten des segelmessischen Königs an, wenn
er sich mit ihm wider seine Mitvasallen besonders wider Fromaln vereinigen
wollte, um ihn wegen einer Grausamkeit zu strafen, die er an etlichen
Untertanen seines Lehnherrn begangen haben sollte. Belphegor fühlte einen
gewissen Zug zur Einwilligung in sich, und gleichwohl zu gleicher Zeit ein
Etwas, das ihn davon zurückriss. Er blieb wankend zwischen Ja und Nein stehen.
    Da der Abgeordnete gewahr wurde, dass er nur noch einen starken Stoss
brauchte, um sich auf die Seite zu lenken, wohin er ihn zu bringen suchte, so
veranstaltete er heimlich, dass etliche von Belphegors Räubern eine ungleich
stärkre Anzahl Handelsleute aus Fromals Gebiete anfallen und von diesen
umgebracht werden mussten. Kaum war der Vorfall geschehn, als er zu Belphegorn
eilte, ihn davon benachrichtigte, seinen Bericht mit den schwärzesten Farben
zeichnete, Neid, Eifersucht, Zorn, Ehrbegierde, Rechtschaffenheit in ihm
aufwiegelte, und ihn zum Kriege wider Fromaln antrieb. Belphegors Gerechtigkeit
liess es aber doch nicht anders zu, als dass er erst Genugtuung von Fromaln
verlangte; ob ihm gleich an den schwarzen Kreaturen im Grunde wenig lag, so war
ihm doch ihr Leben izt, da andre Leidenschaften sich ins Spiel mischten, so
wichtig, so teuer, dass er schwur, ihren Tod unablässig zu rächen. Fromal
stellte ihm mit der grössten Billigkeit vor, wie viele Ursachen ER habe,
Genugtuung zu fodern, und dass seine Untergebnen das Recht der
Selbstverteidigung wider Räuber und keine Ungerechtigkeit ausgeübt hätten. Der
Franzose machte Belphegorn so verwirrt, dass er die Billigkeit dieser Vorstellung
verkannte, der Neid, sein vorgefasster Groll gegen Fromaln machten ihn noch
verwirrter, und alles mahlte ihm in seinem Kopfe das Verfahren seines vorigen
Freundes als eine verweigerte Gerechtigkeit ab; er folgte den Einblasungen des
Abgeordneten und glaubte mit völliger Ueberzeugung, dass er ein auf natürliche
und willkührliche Gesetze gegründetes Recht habe, die von Gott verliehene Macht
der Waffen wider seinen Freund anzuwenden und ihn mit Gewalt zur Gerechtigkeit
zu nötigen.
    Das Bündnis mit dem Könige von SEGELMESSE wurde errichtet und der Krieg
angefangen. Der Franzose vermochte durch seine politische Geschicklichkeit noch
einige andre von den kleinen Potentaten, zu dem Bündnisse zu treten; und kaum
hatten diejenigen, die durch Fromaln in Flor und Wohlstand gesezt waren, die
Nachricht erhalten, was man wider ihn unternehme, als sie alle, um ihren
geheimen Neid über seine Vorzüge zu befriedigen, auf die Seite des
segelmessischen Königs traten. Fromal sah sich ganz allein wider so viele, deren
Misgunst ihm den Untergang geschworen hatte. Nicht lange hielt er einen so
ungleichen Kampf aus; er wurde geschlagen, gefangen genommen und zum Tode
bestimmt.
    So sehr es ihn schmerzte, seinen ehmaligen wärmsten Freund an der Spitze
seiner Widersacher zu erblicken, so kam ihm doch dieses und die erstaunliche
Revolution seines Glücks so wenig unerwartet, dass er mutig seinem Tode
entgegengieng. Die von Ewigkeit her geknüpfte Reihe der Begebenheiten, sprach er
zu sich, ist durch den Zufall so geordnet, dass dies alles so und nicht anders
erfolgen musste. Ebendieselbe unwiderstehliche Notwendigkeit riss auch meinen
vorigen Freund zur Feindschaft gegen mich hin; alle Ursachen und Wirkungen
vereinigten sich in ihm und ausser ihm so, dass dies die einzige mögliche Folge
war: wir haben gekämpft, das Schicksal hat entschieden, wer Recht haben soll:
das eingeführte Recht verlangt meinen Tod: wohlan! ich sterbe, weil ich nicht
länger leben kann, weil ich muss. -
    Kaum wurde Belphegor inne, zu welcher äussersten Gefahr sein Freund durch
seine Mitwirkung sich getrieben fand, als plözlich alles in ihm aufwachte -
Mitleid, Freundschaft, Reue, Betrübnis, Schrecken, die sein Herz mit den
schärfsten Stacheln zerrissen. Er arbeitete mit allen Kräften seiner
Beredsamkeit und seiner Macht daran, ihn wenigstens vom Tode zu erretten. Er bot
dem Könige von Segelmesse alles, sein eignes Leben, für das Leben des Gefangnen
an; er war unerbittlich. Er drohte ihm in der äussersten Verzweiflung mit Krieg
und der Aufwiegelung aller seiner Vasallen, er wütete, er raste, er schrieb SICH
die Veranlassung zu Fromals Tode einzig zu, er wollte sich neben ihm mit dem
nämlichen Werkzeuge umbringen, das das Leben seines Freundes zerschneiden würde.
Endlich verstand sich der König dazu, ihm das Leben zu schenken, mit der
Bedingung, dass er mit der nächsten Karavane nach Nigritien gebracht werden
sollte, um dort als Sklave verhandelt zu werden; und von dieser Bedingung sollte
ihn sein eigner Untergang nicht abbringen.
    Belphegor sah sich genötigt einzuwilligen, obgleich mit schwerem Herzen,
und in wenigen Tagen wurde er mit der gewöhnlichen Karavane nach Nigritien
geschafft, um dort von dem weisesten und menschlichsten Volke des Erdbodens, den
Engländern, als Sklave eingehandelt zu werden.
    Keine Seuche auf unserm Planeten kann eine so ansteckende Kraft haben, als
die Leidenschaft: hat sich eine in unser Herz geschlichen, so können wir sicher
sein, dass bald ein ganzes Heer daraus aufwachsen wird, wie aus den Drachenzähnen
des Kadmus, das sich auf dem Grunde, wo es aufschoss, ewig herumtummelt, kämpft,
haut und sticht, bis alle ausser einer niedergemacht sind. Belphegor war von
seiner Unruhe über das Unglück seines Freundes noch nicht völlig
wiederhergestellt, er machte sich noch täglich Vorwürfe über seinen Anteil an
der Veranlassung desselben, und nahm Besiz von seinem entledigten Reiche; weder
er noch ein andrer seiner Mitvasallen hatten Anspruch darauf, und doch war ER
der erste, der einen darauf machte. Der König von Segelmesse war keineswegs
gesonnen, einem andern als sich selbst ein Gebiet zu gönnen, dessen Besitzer er
in kurzem wieder zu fürchten hätte; er erklärte SICH ohne Umstände für den
rechtmässigen Herrn davon und liess Belphogorn die Wahl, ob er aus seiner
Eroberung gehn, oder herausgeworfen sein wollte. Belphegor foderte sie als eine
Belohnung seiner geleisteten Hülfe, und bekam eine zweite Drohung zur Antwort.
    Unterdessen hatten einige andre Nachbarn gleichfalls Lust zu Fromals
Hinterlassenschaft bekommen; ohne ihr Recht darauf vorher zu beweisen, erwarben
sie sich es mit den Waffen und vertrieben Belphegorn, zankten sich unter
einander selbst, gaben ihren schwarzen Untertanen den Auftrag, sich an ihrer
Stelle herumzuschlagen, bis der König von Segelmesse der Komödie ein Ende
machte, alle Akteurs hängen liess und das Teater in Besiz nahm.
    Belphegor wurde über diese Ungerechtigkeit, wie er es sich selbst nannte,
oder wenn er aufrichtig hätte sprechen wollen, über das widrige Schicksal, dass
er ganz leer ausgieng, äusserst aufgebracht, und beschloss sein verschmähtes Recht
geltend zu machen, was es ihm auch kosten würde. Er errichtete ein Bündnis und
sezte sich von neuem ein, ward vertrieben, und vertrieb - kurz, er spielte das
ganze langweilige Lied der politischen Geschichte, das sich aber seiner Seits
mit dem vertrieben werden endigte. Der Monarch von Segelmesse bekam ihn gefangen
und verurteilte ihn kraft aller göttlichen und menschlichen Gesetze, das heisst,
kraft der hergebrachten Gewohnheit zum Tode.
    Da er nichts gewisser als den Scharfrichter erwartete, der Leib und Seele
trennen sollte, so wurde ihm seine Befreiung angekündigt, die er einem von den
heiligen Tieren zu danken hätte: es fiel ihm ein, dass Medardus zu der Ehre
eines Platzes unter dem heiligen Vieh gelangt sein sollte, und überliess sich der
angenehmen Einbildung, dass seine Rettung von IHM herrühre. Er verlangte seinem
Versprecher in eigner Person zu danken; allein da kein profaner Blick auf ein
heiliges Tier fallen darf, so musste er seinen Dank einem Bevollmächtigten
anvertrauen, der ihn an Ort und Stelle überlieferte. Demungeachtet wurde er aus
dem Reiche verbannet und ihm auf ewig untersagt, sich in den Gränzen des
segelmessischen Monarchen blicken zu lassen, wenn er nicht die Vögel des Himmels
und die Würmer der Erde mit seinen Gebeinen füttern wollte. Er wurde gleichfalls
nach Nigritien mit der Karavane von Segelmesse gebracht, die unterwegs, um sie
nicht unbeschäftigt zu lassen, die ganze Natur, Wind, Sand, Hitze, Durst, Räuber
und Löwen auf manchen mühseligen Kampf herausfoderten, doch langten sie
wenigstens mit dem Leben an.
    Eigentlich war es wohl der ausdrückliche Wille des Königs, der ihm diese
Marschrute vorschrieb, nicht gewesen, dass er, wie Fromal, verkauft werden
sollte: allein der Kaufmann, dem er übergeben war, urteilte sehr vernünftig,
dass ein Mensch umsonst Leib und Seele vom lieben Gotte empfangen hätte, wenn er
keinen Nutzen damit schaffte, und wollte Belphegorn, der bisher nur ein todtes
Kapital für ihn gewesen war, in Geld verwandeln. Er wurde zwar einem von der
erleuchteten englischen Nation zum Verkauf vorgestellt, allein aus
vaterländischer Menschenliebe machte er sich, als er seinen krüplichten nicht
sonderlich viel Arbeit versprechenden Körper erblickte, ein Gewissen daraus,
wider alle Christenpflicht einen weissen Nebenmenschen in den Handel zu bringen.
God damn me! Gott verdamme mich, sprach er, wenn ich jemals den angebornen
Edelmut meiner Nation so sehr verläugne, dass ich mit weissen Christen handle! -
Aber, fiel ihm Belphegor ins Wort, sind schwarze Heiden nicht auch Menschen? -
Te ordures, das Auskehricht der Menschheit! rief jener. - Aber - wollte ihm
Belphegor antworten, doch der Mann schien kein Liebhaber vom Disputiren zu sein,
sondern kehrte sich hastig um, ein Paar schwarze Mütter zu bezahlen, die aus
Dürftigkeit ihrer mütterlichen Empfindung auf einige Zeit den Abschied gaben und
ihre Kinder dem grossdenkenden Engländer überliessen, um sie aufzufüttern, bis sie
geschickt wären, in Amerika unter Hunger, Elend und Blösse den Europäern den
Kaffe süss zu machen.
    Belphegor wünschte sich nur einmal noch so viele Macht, als ihm genommen
war, um eine die Menschheit entehrende Unterdrückung, den schändlichsten Handel
zu vernichten, wovon er izt ein Augenzeuge war. Sein bisheriger Patron, der nach
zwo andern Proben deutlich abnahm, dass Belphegor eine verlegne Waare ohne Wert
war, gab ihm den wohlmeinenden Rat, sich von ihm zu entfernen, wenn er nicht
mit Gewalt entfernt werden wollte: er folgte dem Rate ohne Anstand und überliess
sich Wind und Wetter, was es aus ihm zu machen gedachte. Er tat sich nach einer
Gelegenheit um, um mit einem Sklaventransporte aus dieser Gegend zu kommen; doch
auch diese Gefälligkeit versagte man ihm. Zulezt traf er einen Mitleidigen, der
ihn mit sich nach Abissinien unentgeldlich zu nehmen versprach; aber im Grunde
waren seine Bewegungsgründe nicht die mitleidigsten, wie die Folge beweisen
wird. Er schickte ihn mit einigen von seinen Leuten und Kameelen voraus, die ihn
an einer Gegend des Senegalstroms erwarten sollten.
    Belphegor tat seine Reise mit einer Niedergeschlagenheit, die seinem
natürlichen Charakter zuwider zu sein schien: das Unglück hatte ihn bisher mehr
aufgebracht als mutlos gemacht: doch izt war seine Lebhaftigkeit merklich
gesunken. Er sezte sich mit tiefsinniger Selbstbetrachtung unter den Schatten
eines Palmbaums, indem seine Reisegefährten die Kameele am Strome tränkten.
    Was für Seiten, sprach er zu sich, habe ich, seit Akantens Kniestosse, an dem
Menschen gesehn l Seiten, die ich in dem Taumel meiner ersten Jahre mir
schlechterdings nicht denken konnte! - Ja, Fromal, der Mensch ist ein Würfel mit
unzählbaren Seiten; man werfe ihn, wie und so oft man will, so kehrt er allemal
eine empor, auf welcher Neid und Unterdrückung mit verschiedener Farbe gemahlt
steht. Fromal, DU lehrtest mich das; ich glaubte dir nicht, ich glaubte nur
meinem Herze, das mit stolzem Selbstzutrauen sich selbst verkannte. Du wolltest
mir es benehmen, und ich schwur, weil mein Herz schwur. Ich Unglücklicher, ich
habe dich selbst zum Beweise gemacht, dass ich ein Meineidiger bin. Hätte ich das
geglaubt? - Geglaubt, dass unter dieser feurigen freundschaftlichen Brust Eis
genug liegen könne, die Flamme der Treue zu löschen, alle Regungen des Mitleids,
der Liebe so lange zu ersticken? geglaubt, dass in einem Winkel meines Herzens
Sauerteig des Neides genug liege, um die ganze lautere Masse desselben
anzustecken? - Was bin ich denn nun besser, als jene Grausamen, deren
Unterdrückung meinen Zorn sonst reizte? Worinne besser? - bloss dass ich nicht
würgte und mordete; ich bin der Neidische, der Habsüchtige, der Unterdrücker
gewesen, der sie insgesamt sind, nur dass der Neid mehr Mitleid in mir zu
bekämpfen hatte als bei jenen, dass die Stärke meines Mitleids durch weniger
Gelegenheiten weniger abgeschliffen ist, als bei jenen. Vielleicht - eine
traurige Vermutung! - dürfen nur mehrere Reize, mehrere Verblendungen meiner
Vernunft vorgehalten, die Fälle meines Lebens mit den Umständen andrer mehr
zusammengeschlungen, verwickelter werden; vielleicht darf nur alsdann in der
Bemühung für mein Interesse, für mein Recht dieses feurige entusiastische
Gefühl der Menschenliebe, dieser Schwung der Einbildungskraft niedergedrückt
werden; und ich bin so harterzig, so fühllos wie die Unbarmherzigen, die ich
tadle. Konnte ich es schon so sehr gegen meinen Fromal sein? konnte der Neid so
sehr alle Stimmen in mir überschreien? - Doch bis zur Unterdrückung - nein, so
weit ist mein Herz nicht böse noch schwach. - Neid? - leider muss ichs zugeben,
dass ein blendendes Nichts, betäubende Ueberredungen, glänzende Vorteile die
Vernunft des schwachen Menschen so verwirren, seine Eigenliebe so anspornen
können, dass sie sich unser ganz bemeistert, alle andre Empfindungen verdrängt
und alle Federn unsrer Tätigkeit allein nach ihrem Zuge spielen lässt: doch den
heiligsten Schwur tät ich gleich, ohne Furcht vor Meineid, dass ihre Obermacht
in mir niemals bis zur grausen Unterdrückung anwachsen soll. - Welche Betäubung
alles Sinnes gehört dazu, mit der Freiheit eines Geschöpfes von meiner Art ein
Gewerbe zu treiben? es zu einem ewigen Sklavenstande zu bestimmen, wenn es weder
Kenntnis noch Wahl leitet? es dem Tode auf dem Wege, oder dem Elende in einem
andern Weltteile entgegenzuführen? und auf diesen Ruin der Menschheit seinen
entehrenden Vorteil zu gründen? - Ja, Fromal, du hast Recht: die Menschen sind
Unterdrücker; dieser einzige Fall ist mir Beweises genug. Die Mutter, um sich
ein elendes Leben weniger elend zu machen, unterdrückt schon in dem Alter der
Unbesonnenheit, der Schwäche ihr Kind; der englische Sklavenhändler, um für die
erworbnen Reichtümer zu schwelgen, unterdrückt den hülflosen dürftigen
Afrikaner, dem die mangelvolle Freiheit seines Landes weit über die etwas
nahrhaftere Sklaverei eines fremden Himmels geht; raubt ihm die Freiheit, er,
der mit Händen und Füssen kämpft, so bald die seinige in einem elenden Pamphlet
nur von fern mit erdichteten Gefährlichkeiten bedroht wird. Der üppige
Handelsmann der neuen Welt unterdrückt ohne alles Gefühl den gekauften Sklaven,
lässt ihn halbhungernd arbeiten, stösst ihn unter sein Geschlecht zu den Tieren
hinab, damit die Europäer ihre Tafeln mit wohlfeilem Konfekte besetzen, ihre
Speisen wohlfeil mit einer angenehmern Süssigkeit würzen können, als ihre
Vorväter: ein Teil der Menschheit wird zu Tode gequält, damit der andre sich zu
Tode frisst. - Himmel! wie schaudre ich, wenn ich diesen Gedanken, wie eine weite
düstre Höle, übersehe. Je weiter sich mir die Aussicht der Welt eröffnet, je
fürchterlicher wird das Schwarz, das diesen traurigen Winkel bedeckt. Ist von
jeher die Bequemlichkeit und das Wohlsein eines wenigen Teils der Menschheit
auf das Elend des grössern gegründet gewesen; hat immer jeder, in sich selbst
konzentrirt, den Schwächern unterdrückt; hat immer der Zufall einen Teil der
Menschen zum Eigentume des andern gemacht, und musste dieser durch seine
Bedrängung einem Haufen auserwählter Lieblinge des Glücks Bedrängnisse ersparen:
was soll man alsdann denken? - Entweder dass die Unterdrückung mit in dem Plane
der Natur war, dass sie den Menschen so anlegte, dass einer mit dem andern um
Freiheit, Macht und Reichtum kämpfen musste; oder dass der Mensch, wenn sie ihn
nicht hierzu bestimmte, das einzige Geschöpf ist, das seit der Schöpfung
beständig wider die Absicht der Natur gelebt hat; oder dass die Natur mit
ungemeiner Fruchtbarkeit Kinder gebar, und sie mit stiefmütterlicher Sorgfalt
nährte: denn diesem Elenden versagte sie nicht allein die bloss imaginative
Glückseligkeit, ohne die tausende glücklich sind; nein, selbst die tierische!
Der Sklave, der bei einem kümmerlichen Stückchen Kassave oder Maisbrodte die
beschwerlichsten Arbeiten tragen muss, der von seinem Tirannen nichts empfängt,
sechs Tage für ihn arbeiten und den siebenten die Nahrung der übrigen betteln
muss, der wie das Vieh behandelt und von seinem Besitzer als eine Möbel gebraucht
wird - dieser Mitleidenswürdige, verglichen mit einem europäischen Schwelger,
der Lasten auf seinem Tische und in seinen Zimmern auftürmt, woran der Schweis
und vielleicht das Blut jener Elenden klebt, der sich nicht speist, sondern
mästet, in Bequemlichkeit, Ruhe und Sinnlichkeit zerfliesst - und doch beide
Kinder Einer Mutter! - welch ein Kontrast! Mir springt das Herz, wenn ich ihn
denke: ich hätte Lust ein Rebell wider Natur und Schicksal zu werden. Unmöglich
kann der Mensch das erhabne Ding sein, wofür ich ihn sonst ansah; er ist eine
Karrikatur, oder ein Ungeheuer. - O wenn doch die flammende Sonne dieses
glühenden Erdstrichs mir meine Einbildungskraft und meine Empfindung versengte,
verbrännte, ganz zernichtete! Sonst mahlten sie mir die Erde als ein Paradies,
und izt als eine Mördergrube; sonst den Menschen als einen friedsamen
liebreichen Engel, und izt als einen streitsüchtigen unterdrückenden Wolf; sonst
den Lauf der Welt als ein sanfttönendes harmonisches Konzert, dessen Melodie in
der abgemessensten Ordnung herabfliesst, und izt als ein Chaos, als eine
allgemeine verwirrungsvolle Schlacht, als eine Reihe Unterdrückungen, die nichts
unterscheidet als weniger oder mehr Grässlichkeit. - O Unwissenheit! einzige
Mutter der Glückseligkeit, der Zufriedenheit! Könnte ich dich zurückrufen; die
Hälfte meines Ichs gäbe ich um dich, um die andre überglücklich zu machen. Wäre
es nur noch einmal mir vergönnt, meinen Blick ganz in mich zurückziehn, nur in
meiner Einbildungskraft und meinem Herze zu existiren, mir mit meinem Fromal die
ganze Welt zu sein! Könnt ich die traurige Wissenschaft des Menschen und der
Welt, und die noch traurigere Kunst der Vergleichung ausrotten. O ihr
glücklichen Seelen, die ihr innerhalb eures Selbst und eurer nächsten
Gesellschaft mit eurer Erkenntnis stehen bliebt, denen die Natur ein
kurzsichtiges Auge und einen engen Horizont gab; ihr seid die Glücklichsten
dieser Erde! - Ja, gewiss, Fromal, um glücklich unter der Sonne zu sein, muss man
Ignoranz im Kopfe oder kaltes Blut in den Adern haben; - man muss träumen oder
sterben: denn zu wachen - wehe, wehe dem Manne, der dahinkömmt, und nicht von
Eis zusammengesezt ist! -
    Er würde seine schwermütige Selbstbetrachtung noch lange fortgesezt, und
sich vielleicht gar noch am Ende tiefsinnig in den Senegal gestürzt haben, wenn
nicht seine Gefährten durch ihre Zurückkunft mit den Kameelen den trüben Strom
seiner Gedanken unterbrochen hätten. Sie hielten sich nur wenige Tage an diesem
Platze auf, während dessen Belphegor oft zu seinen Betrachtungen zurückkehrte:
der zweite Trupp, den sie erwarteten, vereinigte sich mit ihnen, und sie
gelangten glücklich nach Abissinien, wo sie ihren Weg nach dem Orte nahmen, den
der mächtige NEGUZ8 mit seiner Hofhaltung damals beehrte.
    Kaum waren sie angekommen, als plözlich alle sechstausend Zelte, die die
Hofstatt ausmachten, von Einem allgemeinen Schalle ertönten, der dem Tone eines
fernen Orkans nicht unähnlich war. Belphegor erkundigte sich voller Verwunderung
nach der Ursache dieses Phänomens und bekam zur Antwort: der mächtige Neguz
niest. - Niest? rief er; das muss wahrhaftig ein mächtiger Monarch sein, der mit
seiner Nase einen solchen Sturmwind erregen kann. - Ach, erwiederte man, der
grosse Kaiser niest, wie jeder Sterbliche, allein es ist hier die Gewohnheit, dass
Untertanen und Monarch in einer beständigen Uebereinstimmung leben. Jede
Handlung, die ER tut, muss das ganze Land tun; und wo sich das nicht schickt,
wenigstens seine Hofstatt. Wenn ER niest, so wird ein Zeichen von dazu
bestellten Leuten gegeben; und der ganze Hof niest: in gewissen Entfernungen
sind durch alle Provinzen Posten gestellt, die einander diese Zeichen durch
einen weittönenden Knall mitteilen: diese Mitteilung erstreckt sich durch das
ganze Land, das ihm unmittelbar unterworfen ist, und bringt es dahin, dass eine
halbe Stunde nach dem Niesen des Neguz das ganze Land herumgeniest hat. - So
geht es mit vielen andern Handlungen, die ich nicht nennen mag, sagte sein
Belehrer, und die das ganze Land gewissenhaft und pünktlich nachtut. Dieses ist
unterdessen nur auf die hauptsächlichsten Verrichtungen der menschlichen
Bedürfnisse eingeschränkt; doch die ganze Hofhaltung ist ein wahrhaftes
Schattenspiel von dem Neguz. Wenn ER liegt, liegt alles; steht ER, steht alles;
sizt ER, sizt alles; ER steckt einen Bissen in den Mund, ER trinkt, und
jedermann unter den sechstausend Zelten, der nur von einiger Beträchtlichkeit
ist, tut zu gleicher Zeit das nämliche; welches alles vermittelst der
ausgestellten öffentlichen Cerimonienmeister, die gleichsam den Takt zu dem
Leben der Hofstatt nach der Angabe des Kaisers schlagen, glücklich
bewerkstelligt wird.
    Belphegor staunte nicht wenig über diese abgezirkelte Etikette, und konnte
sich nicht entalten, sie zu belächeln. O, sprach der Andre, der ein Portugiese
war und französisch sprach, es gibt viel mehr Sonderbarheiten in diesem Lande,
die jene weit übertreffen. Haben Sie noch keine bemerkt? - Belphegor besann
sich: - dass hier so viele Leute hinken? fragte er. - Ja, und wissen Sie warum?
erwiederte jener. Als der gegenwärtige NEGUZ den Tron bestieg, verbreitete sich
das Gerücht, dass er hinke; sogleich hinkte ein jeder seiner Untertanen: wer
nicht teatralische Geschicklichkeit genug in den Beinen besass, einen hinkenden
Gang natürlich nachzuahmen, der verrenkte sich den Fuss, schlug sich einen
Knochen daran entzwei, zerschnitt eine Sehne, eine Ader, oder gebrauchte ein
ander Mittel, wie es einem dienlich und bequem schien, sich zu lähmen. Als sich
das ganze Land auf diese Art gebrechlich und dem grossen Neguz ähnlich gemacht
hatte, so kam man erst auf die Frage, mit welchem Fusse der mächtige Kaiser
eigentlich hinke. Weil man in der ersten Hitze an diese wichtige Bedenklichkeit
nicht gedacht hatte, so hinkte dieser auf die rechte, jener auf die linke Seite:
zu ändern stund es bei denen nicht, die eine wirkliche Lähmung dem Neguz gleich
machte: jede Partei musste also mit Gewalt das Recht des Fusses durchsetzen, an
welchem SIE hinkte. Das ganze Reich zerfiel sogleich in zwo Faktionen, die mit
der uneingeschränktesten Wut sich verfolgten, bekriegten, ermordeten; das ganze
Land war Ein Krieg; man vergoss sein Blut gern zur Ehre seines Kaisers, um
auszumachen, ob das abissinische Reich mit dem rechten, oder linken Beine hinken
sollte. Endlich wurde man des Aufruhrs überdrüssig und wollte die Entscheidung
des Streites dem grossen Neguz auftragen, der allein mit Zuverlässigkeit
berichten könne, welcher von seinen Füssen lahm sei. Es geschah; und man erfuhr,
dass der Kaiser gar nicht hinke, sondern auf einem Auge blind sei. Wirklich hatte
sich auch das ganze Hoflager von dem Nächsten nach dem Kaiser bis auf den
untersten Stallknecht aus Ergebenheit gegen ihren Herrn das linke Auge
ausstechen lassen; und nur aus Neid, Misgunst und Unterscheidungssucht war von
den Höflingen das Gerücht von dem Hinken des Kaisers ausgesprengt worden, damit
der Hof allein mit dem Vorzuge einer wahren Aehnlichkeit mit dem Neguz prange.
Aus alberner Begierde vergass das tumme Volk sich zu erkundigen, welches Auge
ihrem Monarchen fehlte, sondern sie liefen haufenweise wie in einer Trunkenheit
zurück, und jeder stach oder stiess sich ein Auge aus. Manche nahmen aus
Oekonomie das schlechteste unter ihren beiden dazu; die natürlich Blinden
ersparten sich den Schmerz und liessen es bei ihrer angebornen Aehnlichkeit
bewenden: andre, die wider keins von ihren Augen erhebliche Einwürfe zu machen
fanden, liessen sich in ihrer Wahl vom Zufalle bestimmen: da aber an allen Köpfen
nicht dasselbe Auge schadhaft, oder natürlich blind war, oder vom Zufalle
getroffen wurde, so waren abermals die Abissinier geteilt, abermals in der
grössten Verlegenheit. Sie waren wenigstens in so weit klüger, dass sie ohne
Blutvergiessen sich sogleich an den grossen Neguz wandten, der sie belehren liess,
dass ihm das linke Auge ganz fehle. Welches Unglück für diejenigen, die sich das
rechte geblendet hatten! Sie mussten, wie Bastarte des Reichs, zu ihrer Kränkung
Zeitlebens in ewiger Unähnlichkeit mit dem Neguz bleiben, wie Verworfne von den
übrigen verachtet werden, oder sich ganz blind machen. Einige brachten mit
neidischer Verzweiflung viele ihrer glücklichen Mituntertanen um, andre
tödteten sich selbst, noch andre gerieten auf den sinnreichen Einfall, das
linke Auge ausheben und in die leere rechte Augenhöle versetzen zu lassen, und
da kein einziger geschickter Okulist unter dem abissinischen Himmel bisher
aufgewachsen ist, so wurden sie insgesamt stockblind; kein einziges Auge wollte
nach der Verpflanzung bekleiben. Ein kleiner Haufe begnügte sich mit der ersten
Torheit und ertrug seine vermeinte Schande in Gelassenheit. War gleich der
geringere Teil der Einwohner beruhigt, so brach nunmehr der Krieg am Hofe aus.
Dem grossen Neguz hatte die Natur gar kein linkes Auge mitgegeben: die beiden
Augenlieder schlossen sich fest zusammen, oder waren vielmehr zusammengewachsen
und in den leeren Platz des Auges hineingedrückt. Einige von seinen Hofleuten
waren so glücklich gewesen, vermittelst eines feinen Leims die Augenlieder
ebenfalls zu vereinigen und durch ein andres Hülfsmittel ihnen natürlich die
nämliche Gestalt zu geben, als wenn es Werke der Natur nach Einem Modelle wären.
Allen, die von ihnen hierinne zurückgelassen wurden, dienten sie zu einem
Gegenstande des Neides und des Hasses: die Unglücklichen waren überzeugt, dass
sie niemals mit ihnen zu gleichem Vorzug gelangen konnten, und erregten die
hässlichsten Meutereien, sie ihrer Zierde zu berauben. Jene Auserwählten durften
nie ohne starke Wache schlafen, nirgends ohne Begleitung sich hinwagen, nichts
ohne vorgängigen Versuch essen oder trinken, wenn sie nicht ermordet, geblendet,
vergiftet sein wollten. Man spielte sich, da Gewalt nichts wider die Vorsicht
vermochte, die hinterlistigsten Kabalen, verläumdete, verkleinerte sich, einer
untergrub des andern Kredit, beschuldigte sich der entsezlichsten Verbrechen,
weil alle nicht auf gleiche Art blind waren, welche geheime Gährung um so mehr
zunahm, als der grosse Neguz selbst diejenigen am vorzüglichsten ehrte und erhub,
die ihm die meiste Aehnlichkeit mit seiner blinden Person wert machte: um ihm
zu gefallen, musste man gerade so blind sein, wie er. Nicht lange dauerte es, als
diese Etikette zu den Höfen seiner Vasallen übergieng, die sie so weit trieben,
dass sogar einer, dem ein Fall in der Jugend die Nase platt an den Kopf gedrückt
hatte, allen seinen Hofschranzen das Nasenbein zerschlagen, und ein andrer, dem
ein kalter Brand den Arm verzehrt hatte, allen den seinigen den kalten Brand
inokuliren liess.
    Belphegor sah sich seinen Portugiesen bei dieser Erzählung etwas bedenklich
an und erinnerte sich einer alten Geographie, wo der Nation des Erzählers die
Aufschneiderei beigemessen wurde, weswegen er etliche Zweifel und Verwunderungen
über seine Nachrichten äusserte, welches sein Mann so übel empfand, dass er sich
auf der Stelle von ihm trennte und mit stolzem Unwillen fortgieng.
 
                                 Zweiter Teil
                Of all Animals of Prei, Man is the only sociable one. Every one
                of us preis upon his Neighbour, and yet we herd togeter.
                                                                             GAY
 
                                 Sechstes Buch
Der Bewegungsgrund, warum Belphegor von seinem Patrone die Erlaubnis erhielt,
ihn bis nach Abissinien zu begleiten, war nicht der löblichste: er wagte den
Unterhalt auf der Reise an ihn, um diese Auslage dort tausendfach durch ihn
wieder zu gewinnen. Einer von den Vasallen des grossen Neguz, die bloss das
Cerimoniell der Huldigung verrichteten, aber ihm keinen Gehorsam leisteten, der
König von NIEMEAMAYE, hatte ein Projekt unter der Hand, dass das Projekt aller
Projekte genennt zu werden verdient. Er konnte es nicht erdulden, dass einer
seiner Nachbarn ein einziges Körnlein Gold ausser ihm besass, und weil durch sein
Land nur ein einziger Fluss ging, der Goldkörner bei sich führte, die er doch
ungemein liebte, so wollte er es veranstalten, dass alle Goldkörner seiner
Nachbarn in sein Gebiet gebracht werden, und sie keine bekommen sollten. Er liess
deswegen den Fluss an der Gränze seines Gebiets mit einer standhaften dreifachen
Mauer verdämmen, und leitete ihn in unzählbaren Kanälen in seinem Lande herum:
da er aber doch notwendig endlich einmal ihn einen Ausgang wieder geben musste,
wenn er sein Reich nicht zu einer offenbaren See machen wollte, so liess er in
einiger Entfernung von seinem Ausflusse in das benachbarte Gebiet, von Weite zu
Weite tausend immer feinre Netze, von dem stärksten Baste geflochten, vorziehen,
die das unnütze Wasser durchliessen und den Sand mit den kostbaren Goldkörnern
zurückhielten. Das Projekt wurde zwar ausgeführt, hatte aber einen so schlechten
Erfolg, dass der Fluss entweder die Netze zerriss, oder sich daneben einen
heimlichen Ausgang grub, oder gar die Wohnungen der Einwohner durch
Ueberschwemmungen verwüstete. Ob man ihm gleich alles das vorstellte, so glaubte
er es doch vor grosser Herzensfreude nicht und triumphirte bei jeder Handvoll
Goldkörner, die man ihm in seinen Schatz lieferte, dass er bald der einzige
glückliche Besitzer des Goldes, und seine Nachbarn ganz entblösst davon sein
würden: nichts schlug seine Wonne so sehr nieder, als dass er sich nicht des
Flusses von seiner Quelle an bemeistern konnte und so viele Körner vor ihm schon
fremde Hände bereicherten. Dieser widrige Gedanke brachte ihn eines Tages auf
den tollen Anschlag, den Fluss von der Quelle weg mit einem ungeheuren Umschweife
durch eine Sandwüste in sein Gebiet zu leiten, ohne dass er ein fremdes berühren
sollte: doch sehr bald, obgleich mit dem bittersten Widerwillen, verliess er
diese ausschweifende Idee und begnügte sich, von der Notwendigkeit gezwungen,
mit dem Anteile, den er seinen Nachbarn abschnitt, die den Fluss von ihm
empfiengen.
    Demungeachtet bemerkte er zu seinem Leidwesen, dass für die Lebensmittel, die
sein Land nicht hinlänglich lieferte und die Einwohner doch für unentbehrlich zu
ihrem Dasein hielten, ein mittelmässiger Teil von seinem Golde wieder zu den
Nachbarn übergieng, die ihnen mit den fehlenden Bedürfnissen aushalfen: er
verbot diesen Handel: die Einwohner beschwerten sich über Mangel, und er gab den
Befehl, dass künftig, um keines fremden Zuschusses zu bedürfen, jeder Einwohner
des Tags nur einmal essen sollte.
    Alle diese Anstalten waren noch nicht hinreichend, dem Golde jeden Ausgang
zu verwehren: der Mensch hat Grillen; das Fremde gefällt ihm, weil es fremd ist,
und er wünscht es zu besitzen: auch für diese Einfälle flüchtete noch eine
ziemliche Menge Goldes über seine Gränzen. Sogleich verbot er den Einwohnern
dergleichen Einfälle auf immer und ewig, und wer sich derselben nicht entalten
konnte, musste sich von IHM das verlangte Fremde einhandeln: er gab ihnen für das
Gold, das der fremden Waare bestimmt war, innländische Kleinigkeiten, und gebot
ihnen bei Vermeidung einer starken Strafe, sich einzubilden, dass es die
verlangten fremden Kostbarkeiten wären: er verkaufte ihnen die Zähne von wilden
Katzen, und befahl ihnen zu glauben, dass es Elephantenzähne wären, getrocknetes
Schweinsblut musste statt des Zibets, und Haasenfelle statt der Panterhäute
dienen. Damit aber die fremden Originalwaaren sich nicht unvermerkt
einschleichen und heimlich etwas von seinem Golde herausziehen möchten, so zog
er eine Mauer um sein Land, besetzte sie mit streitbaren Männern, die jedem, der
seinem Verbote zuwiderhandelte, hundert Rutenstreiche auf den blossen Rücken
stehendes Fusses mitteilen und ihn aus seinen Gränzen verjagen mussten.
    Nachdem er durch dergleichen Veranstaltungen seine Goldbegierde zum
Nachteile der Nachbarn gesättigt hatte, so konnte er es eben so wenig dulden,
dass jemand ausser IHM in seinem Lande dieses herrliche Metall besass. Er sann auf
Mittel, auch diesen Vorrat, wo nicht ganz, doch zur Hälfte in seinen Schatz zu
leiten. Da seine Untertanen mit allen ihren Habseligkeiten sein Eigentum
waren, so masste er sich das Monopolium aller ihrer Bedürfnisse an: von IHM
mussten sie selbst die Früchte kaufen, die sie durch ihren Fleis auf ihrem Grund
und Boden gezeugt hatten; sie mussten ihm sogar für den Durchgang der Luft durch
ihre Lunge einen Zoll bezahlen, bis er endlich alles Gold in seinem Palaste
aufgehäuft, und die Einwohner zu einem Lastviehe gemacht hatte, dem er das
Futter umsonst gab, weil sie es ihm nicht mehr abkaufen konnten. Das ganze Land
war Eine grosse Familie, dessen Hausvater der Regent vorstellte, der sein
sämmtliches Gesinde mit den Früchten des Landes nährte, keine Auflagen, keine
Taxen erhob, weil es in die glückliche Situation gekommen war, dass niemand mehr
etwas geben konnte.
    Alle Kanäle des Reichtums auf der Oberfläche der Erde waren versiegt, oder
doch so bekannt, dass sie ihm keine besondre Freude machen konnten. Er wollte
auch die Eingeweide des Erdbodens plündern: nur fehlte es ihm an Leuten, die die
Kunst verstunden, der Erde ihre Schätze abzunehmen. In dieser Hinsicht liess er
aus allen Gegenden Künstler von dieser Art zu sich einladen, und tat ihnen
Versprechungen, die jeden anlocken mussten, sich dafür auszugeben.
    Von allen diesen Umständen hatte Belphegors Patron genaue Nachricht, und war
fest entschlossen, sie nicht ungenutzt zu lassen. So bald seine Geschäfte in
Abissinien verrichtet waren, begab er sich mit Belphegorn auf den Weg nach
NIEMEAMAYE, in dessen Nachbarschaft er vormals schon einen Handel getrieben und
eben bei dieser Gelegenheit die vorhergehenden Nachrichten von dem Könige jenes
Landes gesammelt hatte. Auf der Reise dahin offenbarte er erst Belphegorn seinen
Anschlag. Wir wollen, sagte er ihm, uns für die erfahrensten Bergmänner
ausgeben, dadurch das Vertrauen des Königs gewinnen, unter der Hand seine im
Herzen missvergnügten Untertanen auf unsre Seite bringen, den geizigen Barbaren
umbringen, und uns in seine aufgehäuften Schätze teilen: - im Grunde aber - was
er weislich in petto behielt - sollte Belphegor für seine Absicht nur zur
Maschine dienen, auf die er, wenn der Streich mislänge, alle Strafbarkeit laden,
und die er nach einer glücklichen Ausführung ohne, oder mit einer kleinen
Vergeltung sich vom Halse schaffen könnte. Belphegor erschrak: kaum merkte dies
sein Gefährte, als er sich seine Bestürzung zu Nutze machte, und ihn mit dem
grausamsten Tode bedrohte, wenn er sich nicht zu dem Vorschlage bequemen wollte:
Belphegor sträubte sich lange. - Wohl! so verhungre hier in der Wüste! sprach
jener, und machte eine Bewegung zum Abmarsche. Selbstliebe, Rechtschaffenheit,
Abscheu gegen eine so grause Tat, wie ein Mord, stritten mit dem wildesten
Aufruhre in dem verlegnen Belphegor: er wollte ihn zurückrufen, er setzte einen
Fuss bedächtlich vorwärts und zog ihn hastig wieder zurück; er ächzte, er
zitterte, er sann, und endlich eilte er dem bösen Manne nach, um ihm seine Hülfe
zu versprechen, ob er gleich bei sich den festen Vorsatz hatte, nicht Einen
Finger zu einem Morde anzulegen: nur aus Liebe zur Selbsterhaltung tat er ihm
dies verstellte Versprechen, und war willens, sich lieber einer Verräterei
gegen diesen Bösewicht, als einer Mordtat schuldig zu machen. Der Listige, um
sich ihn desto fester zu verbinden, schlug anfangs sein Anerbieten aus, und
versicherte, dass er einen solchen feigen Undankbaren nicht zu einer Unternehmung
zulassen würde, für die er von einem so schlechten Werkzeuge alles fürchten
müsste. Belphegor wurde ängstlich, die Qual des Verhungerns stellte sich ihm in
der fürchterlichsten Schwärze vor, er setzte in ihn, beschwor ihn und erhielt
endlich, doch als eine Freundschaft, die Erlaubnis, an der mördrischen Tat
einen rühmlichen Anteil zu nehmen. Belphegor wünschte nur durch diese
Einwilligung mit ihm in bevölkerte Gegenden gebracht zu werden, um alsdenn sich
seiner Gesellschaft, ohne Hungersnot, heimlich entziehen zu können. Auch dieser
Anschlag wurde ihm vereitelt: die Wüste dauerte bis an die Mauer, die die Gränze
von NIEMEAMAYE bezeichnete, und er musste wider seinen Willen an die Betrügerei
Hand anlegen.
    Noch immer hoffte er seinem Gefährten entwischen zu können, so sehr ihn
dieser auch beobachtete und aus Furcht vor Verräterei fast nicht von der Seite
liess. Sie wurden nach der Gewohnheit des Landes dem Könige hinter einem Schirme
vorgestellt, der ihren profanen Augen seine geheiligte Person verdeckte und nur
seine Stimme durchliess. Belphegors Gefährte verstund die Sprache des Landes, und
jener musste daher ein stummer Zuhörer sein. In acht Tagen war es schon so weit
gekommen, dass sie der König unter die Zahl der Auserwählten erhub, denen es
vergönnt ist, ohne Schirm mit ihm zu sprechen: doch bei solchen Unterredungen
wusste es Belphegors Gesellschafter jedesmal dahin einzuleiten, dass er dieser
Ehre allein genoss, und Belphegor in einem verschlossnen Zimmer zu Hause bleiben
musste, weil seine Treue durch verschiedene bedenkliche Äusserungen zu verdächtig
geworden war, um ihn bei dem Vorhaben eine spielende Person sein zu lassen, oder
sich völlig von ihm zu trennen.
    Der kritische Tag rückte heran, an welchem der König von dem Gefährten des
Belphegors mit einem Dolche aufgeopfert werden sollte. Länger konnte er den
Gedanken nicht ertragen, der Mitbewusste einer so nahen schrecklichen Tat zu
sein: er arbeitete sich aus seiner Gefangenschaft heraus, begab sich in den
königlichen Palast, wo er auf das vorgewiesene Zeichen, dass er unter die
Vertrauten des Königes gehöre, zu ihm eingelassen wurde und ihm die drohende
Lebensgefahr eröffnete. Sobald er in den Saal trat, machte ihn die Physiognomie
des Königs stutzig: sie schien ihm so bekannte Züge zu haben, die nur durch Zeit
und Zufälle verdunkelt waren, dass er den unbeweglichsten Blick auf sie heftete.
Die nämliche Aufmerksamkeit verwandte auch der König auf Belphegorn, und über
der wechselseitigen unaufhörlichen Betrachtung vergassen sie lange, dass sie
zusammengekommen waren, um sich zu sprechen. Belphegor liess in der Verwirrung
sich einen europäischen Ausruf entfahren, den der König in der nämlichen Sprache
beantwortete, und sehr bald war es entwickelt, dass auf dem niemeamayischen Tron
- der Herr Medardus, Magister der Philosophie und freien Künste, sein bester
Freund, sass. Sie bewillkommten und freuten sich einige Zeit, worauf Belphegor
seinem wiedergefundenen Freunde die Absicht seines Besuchs bekannt machte; man
kehrte sogleich Anstalten vor, dem gefährlichen Streiche zuvorzukommen, setzte
den boshaften Unternehmer desselben gefangen, bestrafte ihn und tat andre so
alltägliche Sachen, dass ich mich schäme, eine darunter zu berühren.
    Nachdem man sich hinlänglich über das Unvermutete dieser Zusammenkunft
gewundert hatte, so fand sich bei beiden die Neubegierde ein, zu wissen, wie sie
möglich war. Belphegor tat seinem königlichen Freunde seiner Seits bald völlige
Genüge und dankte ihm besonders mit vieler Rührung für die Befreiung vom Tode,
die er ihm zu SEGELMESSE unter dem Charakter eines heiligen Tiers hätte
angedeihen lassen.
    Siehst du, Brüderchen! unterbrach ihn Medardus, davon weiss ich Dir kein
Wort; in meinem Leben bin ich nicht in das Ding - Selenmesse, oder wie Du es
nennst - gekommen. Da ich von euch weggerissen wurde -
    Um des Himmels willen! wie ging das zu? -
    Wie das zugieng, Brüderchen? - Das musste eine Hexerei oder eine andre
Teufelei sein. Da ich so mitten unter euch stehe, war mirs auf einmal, als wenn
mir leise ein Strick um den Leib geschlungen würde, und siehst Du, Brüderchen?
in der Minute hieng ich Dir in einem Walde an einer hohen Stange, zu welcher sie
mich, wie ich hernach gewahr wurde, mit einem starken Seile und einer Rolle
hinaufgezogen hatten. Kurze Zeit darauf wurde ich herabgelassen, um dem Löwen
vorgesetzt zu werden, den Fromal kurirte: doch was denkst Du wohl, Brüderchen? -
Das närrische Tier liess sich bei mir nieder, belekte mich, wie Fromaln, von der
Stirn bis zum Kinne, und brüllte so freudig, als wenn er seinen leiblichen
Bruder in mir angetroffen hätte, legte die geheilte Klaue auf mich und
behandelte mich recht freundschaftlich. Die Priester wurden stutzig, hielten
mich für ein besondres Geschöpf und glaubten gar, dass die Seele eines nahen
Anverwandten aus der Familie des Löwen auf ihrer Wanderung in mir herberge: denn
anders konnten sie sich die glimpfliche Begegnung des Tieres nicht erklären,
als dass er sich scheue, die Banden des Bluts in mir zu verletzen. Die Leute
müssen eine Kolonie von den Aegyptern sein, oder ihren Glauben an die
Seelenwanderung in Aegypten geholt haben: wer Lust hat mag das untersuchen, -
genug, MIR schaffte die Seelenwanderung herrlichen Nutzen. Sie taten mir die
Ehre an, mich als ein heiliges Tier zu bewirten, und weil ich doch äusserlich
die Menschenfigur hatte, so gab man mir menschliche Nahrung und einen eignen
Stall gleich neben meinem vermeinten Blutsfreunde.
    Nicht lange, nachdem ich diese Würde zu bekleiden angefangen hatte, entstund
Krieg, und weil das Königreich, wo ich mit meinen übrigen heiligen Kameraden
lebte, das einzige heidnische war, so hielten es die mahometanischen Feinde
desselben für ihre erste Pflicht, alle Spuren des heidnischen Gottesdienstes zu
vernichten; und die Reihe traf vor allen Dingen zuerst uns heilige Tiere. Als
man meine europäische Abkunft aus meiner Gesichtsfarbe schloss, so nahm man mich
voller Freuden in Triumphe mit sich fort9: doch mein Trupp wurde von den Feinden
zerstreut, man liess mich zurück, und ich entfloh den schwarzen Barbaren.
    Ich irrte herum und stiess auf eine Karavane, die nach Nigritien ging. Es
waren Europäer dabei, die mich verstunden; ich bat um Aufnahme und erlangte sie.
Was sollst du in Nigritien, unter den kohlschwarzen Kreaturen? dachte ich.
Siehst Du, Brüderchen? ich wusste aus einer alten Geographie, dass weiter herunter
die Goldküste liegt: wo es Gold gibt, glaubte ich gewiss einen Europäer,
wenigstens einen Spanier anzutreffen. Ich wusste auch, dass die edeldenkenden
Engländer hier ein Monopolium mit ihren Nebenmenschen treiben; wenn also alles
fehl ging, hofte ich wenigstens mit einer Ladung dieser Waare nach Amerika und
von da nach Europa zu schiffen, oder wie ich sonst dahin kommen möchte. In
dieser Meinung, Brüderchen, suche und finde ich eine Gelegenheit, wie ich sie
wünschte. Die Abreise verzögerte sich, und indessen machte ich eine
Bekanntschaft, die mich ganz davon zurückzog.
    Dem Manne, der mich nach Europa transportiren wollte, war durch seinen
Abgeordneten, die den Einkauf besorgten, von den schwarzen Töchtern des Landes
eine zugeführt worden, die in ihrer pechschwarzen Haut so schön war, als jede
europäische Venus von dem glänzendsten Marmor. Das Gesicht war zwar etwas
afrikanisch; aber ihre runden fleischichten Arme, ihr luxurirender Busen, ihre
vollen Hüften, das - Brüderchen, alles, alles war schön an ihr. Ihr Herr hatte
die keuschesten Absichten von der Welt auf sie; er fühlte nicht ein Fünkchen
Liebe zu ihr, sondern sie gefiel ihm, weil ihm ihre Person mit allen ihren
Schönheiten ein baares Kapital zu sein schien, das er in Amerika mit reichen
Interessen durch ihren Verkauf haben wollte. Deswegen entielt er sich aller
unerlaubten Begierden gegen sie, weil er für sie und daher auch für seinen
Vorteil gefährliche Folgen davon besorgte. Er unterrichtete sie selbst in
Französischen und Englischen, worinne es ihm aber nicht sonderlich glückte, weil
ihm seine Geschäfte so vielfältig daran verhinderten: er übergab sie meiner
Unterweisung. Sie wusste wenig von den beiden Sprachen, die sie lernen sollte,
aber doch zur Liebe und zur Erzählung ihrer Geschichte genug. Brüderchen,
seitdem meine Frau von Gottes Erdboden weg ist, habe ich kein einziges Mädchen
so lieb gehabt, als die allerliebste niedliche ZANINNY. Brüderchen, fühle
einmal, wie mir das Herz pocht, indem ich sie nenne! Sie merkte wohl, ohne dass
ichs ihr sagte, dass eine Revolution in meinem Herze vorgehn musste, wenn ich sie
sah; und dass es unter ihrer schwarzen Brust eben so zugehn mochte, das sagte ihr
aufrichtiges Gesicht und Auge ohne Hülfe der Zunge: dem guten Geschöpfe stiegen
gleich alle Empfindungen in die Mine, und wer ihr Gesicht buchstabirte,
buchstabirte ihr Herz. Sie hatte ein Paar zärtliche funkelnde Augen, die sie
über der platten Nase so verliebt herumwälzte, dass ich mannichmal mir nach dem
Pulse fühlte, ob ich noch atmete, oder von ihnen versteinert wäre. Ich wusste
schon, dass sie ihren Eltern gestohlen worden war, und sie sagte mir durch
Geberden und mit ihrem Bischen Französisch, dass sie ihr Land nicht gern
verliesse, und sagte mir noch oben drein - dass sie mich von Herzen lieb hätte,
bat mich, sie wieder zu ihren Eltern zu bringen, und bat mich so, dass ich
dachte:
    Nun, so bist du doch mit deiner guten ZANINNY wahrhaftig fast so glücklich
als mit deiner verstorbenen Frau, und wenn dich ihre Eltern zum Schwiegersohne
annehmen und sich nicht daran stossen wollten, dass ich so hässlich weiss bin - ja,
ich bliebe mit meiner ZANINNY in ihrer Hütte und würde ein Afrikaner, äss, tränk,
schlief, spielte mit ihr, jagte, sammelte Datteln für sie, hütete das Vieh mit
ihr, oder was es sonst hier zu Lande zu tun gibt: die afrikanische Sonne würde
ja wohl mit der Zeit einen hübschen Neger aus mir machen. - Kurz in meinem Herze
war sie schon völlig meine zweite Frau. Endlich kamen zu ihren Bitten gar
Tränen, so recht aus der Empfindung herausgeweinte Tränen, dass ich alter Narr
neben ihr sass und eine nach der andern unter die ihrigen auf ihren Schoos fallen
liess. Sie schlang ihre Negerarme um meinen Hals, und während der Umarmung
tröpfelte eine Träne auf meinen linken Backen - Brüderchen, die brannte! die
brannte, dass mir die Wärme bis zur Zehe herunter lief; ich schwitzte, das Herz
klopfte, alle meine fünf Sinne waren in Bewegung, und in meinem Kopfe ging es
so verwirrt her, wie in der Welt - alles unter und über einander! Ich konnte
nicht anders, ich musste ihr versprechen, sie von dem Sklavenhändler zu erretten.
Was für eine Freude, als sie das hörte! wie unsinnig sprang und hüpfte sie, und
fiel mir um den Hals, um die Kniee, drückte mir die Hand, streichelte mir die
Backen, dass ich wie ein alberner Tölpel da stand, unbeweglich, und nicht wusste,
dass ich stand, nicht einmal, dass ich existirte. Des Nachts marschirten wir aus.
Ich wollte sie, aus Mitleid zu ihren Füssen, auf die Schultern nehmen: aber ehe
ichs konnte, fasste sie mich in der Mitte, nahm mich auf ihren Rücken und
galopierte, wie ein Renntier, mit mir davon, so lange, ohne Aufhören, so sehr
ich auch bat auszuruhen, bis sie mit ihrem africanischen Accente rief: Je meurs!
und entkräftet mit mir in den Sand niederfiel. Kein Tropfen Wasser, keine
menschliche Hülfe, nichts war bei der Hand. Ich ängstigte mich, ich lief um sie
herum, ich fasste ihre Hand, ich fühlte an ihr Herz, ob es noch schlug, ich bat
sie nur ein Wort zu sprechen: umsonst sie schlief vor Mattigkeit ein. Schlafe
sanft, sagte ich, aber erwache mir nur wieder! - Ich setzte mich neben sie und
fächelte ihr das Gesicht. Ja, Mädchen, wenn du mir nicht wieder erwachst! dachte
ich immer; aber sie seufzte, und nun war ich froh; ich fächelte bis sie endlich
erwachte; so müde ich war, konnte ich doch vor Sorge und Angst kein Auge zu
tun. Hungernd und durstend wanderten wir von neuem durch lange Sandfelder,
kamen dem Ufer zufallsweise nahe, wollten es nicht wieder verlassen, und
verliessen es doch wider unsern Willen. Brüderchen, nichts war gewisser als unser
Tod; und mir giengen die Augen schon über, wenn ich nur daran dachte, wer wohl
zuerst sterben würde: was sollte aus meiner guterzigen ZANINNY werden, wenn ich
vor ihr aus dem Leben müsste; und wenn SIE vorangieng - daran konnte ich gar
nicht denken. Plötzlich, da wir mit der grössten Angst kämpften, kamen wir an
Hütten: wir waren im Lande der MALADELLASITTEN. Wir fanden wieder Datteln, und
ich hielt mit meiner ZANINNY die erste frohe Mahlzeit: wir labten uns, waren
zusammen frölich und giengen tiefer ins Land. Auf einer Ebne, die mit grünen
einzelnen Sträuchen und Palmbäumen besetzt war, sass an einem Flüsschen, das sich
vielfältig auf dem Platze herumschlängelte, ein Kreis von nackten Damen, die auf
den kreuzweis untergeschlagenen Füssen mit einer Feierlichkeit und
Ernstaftigkeit da sassen, als wenn sie über die Staatsangelegenheiten des
maladellasittischen Reichs ratschlagten. Ueber ihre Schultern hiengen ungeheure
Maschinen von Fleische, deren eigentliche Beschaffenheit ich anfänglich nicht zu
erklären wusste; allein bei näherer Bekanntschaft fand ich, dass es die Brüste
dieser Damen waren, die hier zu Lande zu einer solchen Grösse anwachsen, dass man
sie über die Schultern wirft: auf welcher Gestikulation die vornehmste Grazie
der dasigen Frauenzimmer liegt, weswegen viele, die besonders gefallen wollen,
sich oft so künstliche Bewegungen zu geben wissen, dass jene schönen Auswüchse
von den Achseln herunterfallen müssen, worauf man sie mit einer so annehmlichen
reizenden Nachlässigkeit zurückwirft, wie mein ehemaliger Superintendent die
Knoten an seiner Alongenperucke. Um den Kreis herum hüpften und sprangen eine
Menge Meerkatzen von einer besondern Art. Brüderchen, die lustigsten Tierchen,
die ich gesehn habe! Sie sprangen den Frauenzimmern auf den Rücken, knippen sie
in die Ohren, guckten ihnen durch die Arme, bissen sie in die Backen, schlugen
Burzelbäume über sie weg, setzten sich auf die Schultern und graueten ihnen mit
den Tatzen sehr lieblich die Köpfe, kitzelten sie, balgten sich mit einander und
spielten tausend andre kurzweilige Possen, welche von den ernsten da sitzenden
Frauenzimmern, die ausserdem den Mund zu keinem Worte öffneten, mit der
lustigsten Laune belacht wurden. Die drollichten Tierchen hatten von der Natur
am Ende des Rückens ein glattes polirtes Horn, wie der Spiegel auf den Rücken
eines Hirschkäfers, nur vielmal grösser, das völlig die Dienste eines Spiegels
verrichtete. Nie war das Gesicht dieser Damen heitrer und ihre Mine frölicher,
als wenn jene Lustigmacher ihnen ihre Spiegel zukehrten, worinne sie ihre ganze
Figur in der schönsten Miniatur erblickten, so verschönert, dass ich selbst, als
ich mich einst darin besah, von meiner Gestalt begeistert wurde, ob sie gleich
in Natur nicht sonderlich begeisternd ist; und die listigen Kreaturen sprangen
alle Mal mit einer solchen Wendung, dass eine aus dem Kreise ihr liebes ICH in
dem Spiegel zu ihrer grossen Herzensfreude erblickte, worauf derjenige, der ihr
diese Lust gemacht hatte, einen sanften Schlag mit ihrer rechten Brust empfieng,
um sie alsdann mit einer zierlichen Grazie wieder über die Achseln werfen zu
können. Da war noch nicht Bewundernswürdiges genug. Ein Teil von diesen
Meerkatzen bediente die Nymphen so ordentlich und regelmässig, als vernünftige
Menschen nur hätten tun können. Sie reichten ihnen in Cocosschalen
Erfrischungen, sie vertrieben die Fliegen von ihren Schönheiten, die vom Kopfe
bis auf die Füsse mit einem rötlichen Safte übertüncht waren, sie dienten statt
der Pferde, wenn sie von einem Orte zum andern wollten, und wenn sie weiter
nichts taten, gierigen sie wenigstens auf den zween Hinterfüssen neben ihnen
mit sehr niedlichen Grimassen her. - Ich wollte mich nicht vor dieser
Gesellschaft vorüber wagen, und gleichwohl konnten wir doch keinen Umweg nehmen,
um sie zu vermeiden. Endlich fasste ich meine ZANINNY bei der Hand und ging mit
ihr auf sie zu. Man sah uns an, lachte und schwieg. Die Meerkatzen bedienten uns
mit Cocussafte, und wir liessen uns hinter dem Kreise, ein jedes auf seine
gewöhnliche Art zu sitzen, nieder. Nicht lange währte es, als die Meerkatzen ihr
Spiel um meine ZANINNY trieben: sie kehrten ihr den Spiegel so oft und so
vielfältig zu, dass das Mädchen mit ihrem ganzen Gesichte in Freundlichkeit und
Wohlgefallen zu zerfliessen schien. Was ist Dir denn, ZANINNY? fragte ich etliche
Mal und schüttelte sie bei der Hand, als wenn ich sie aus dem Traume erwecken
wollte, in welchem sie versenkt schien. Ich fragte noch einmal, und -
Brüderchen! plözlich sezte sie sich auf eine Meerkatze und trabte davon. Ich
geriet vor Schmerz und Schrecken ausser mir; ich lief ihr nach, ich rufte:
umsonst! sie galopirte frisch hinweg und war mit in kurzer Zeit ganz aus den
Augen. Ich wusste nicht, ob ich über sie weinen oder zürnen sollte. Ich wollte
vor Unwillen allen Meerkatzen ihre verdammten Spiegel ausreissen, die doch einzig
daran schuld waren; ich seufzte und schmähte, ich ächzte und tobte, warf mich
auf den Boden und machte meiner Beklemmung durch einen Strom von Tränen Luft.
Indem ich, vertieft in meinen Schmerz, dort liege, und die Augen aufschlage -
Brüderchen, so hat mich die ganze Gesellschaft umringt, und lacht! und lacht!
dass einer jeden zwo Meerkatzen die Hüften halten mussten. Ich lachte mit: Du
weisst, Brüderchen, ein fröliches Gesicht macht das meinige gleich zu seinem
Gefährten: ich musste lachen, ob ich gleich vor Schmerz halb verrückt war. Denkst
Du wohl, Brüderchen? - das brachte mich in ihre Gunst. Ich musste in der Mitte
sitzen bleiben: die Meerkatzen lagerten sich hinter den Damen, und diese lachten
über jede Bewegung, jede Mine, die ich machte, über meine Art zu sitzen, und
machten sich überhaupt auf meine Unkosten so lustig, turlepinirten mich
bisweilen, um das Gelächter zu schärfen, stiessen, warfen mich, liessen ihre
Meerkatzen auf mir herumspringen, um über mich zu spotten, wenn mir eine einen
losen Streich spielte: kurz, ich schien mir in meinen Augen eine
erbarmenswürdige Figur, weil ich eine lächerliche abgeben musste.
    Ja, Freund, unterbrach ihn Belphegor, Du hast Recht. Aber welch ein
trauriger Beweis von der Neigung des Menschen zum Unterdrücken! Fromal, wenn Du
es hörtest, würdest Du nicht sagen? - wo der Mensch nicht mit ehernen Waffen,
nicht in der Tat unterdrückt, da tut er es mit der Lunge, in der Einbildung,
durch die Vorstellung sich so lange andre unter sich zu denken, als er über sie
lacht. Mensch! Mensch!-
    Ach, Brüderchen, die Erniedrigung war mein Glück auf einige Zeit -
    BELPH. Daran zweifle ich gar nicht. Weisst du noch, was du mir einst sagtest?
- Gegen Kreaturen unter sich ist der Mensch gütig, gerecht, mitleidig, wenn sein
Vorteil nicht in den Weg tritt, nur über und neben sich ist ihm alles verhasst.
    Medardus übergieng diese Erinnerung mit einem errötenden Stillschweigen und
fuhr in seiner Erzählung mit dem Tone fort, wie ein Mensch, der sich bei einer
Satyre getroffen fühlt. - Ja, Brüderchen, sie war mein Glück, sagte er. Sie
luden mich durch ihre Winke ein, ihnen zu folgen; weil ich für meinen Appetit
dabei zu gewinnen hofte, nahm ich die Einladung ohne Bedenken an: die ganze
Gesellschaft ritt mit sittsamen Ernste auf ihren grossen Meerkatzen fort, und ich
hatte die Ehre ihnen zu Fusse nachzuspatzieren.
    Nach unsrer Ankunft in eine Hütte von Baumästen wurde die Tafel von
Meerkatzen besetzt, die in dieser Gegend alle häusliche und galante
Verrichtungen unter Händen haben, und sehr frühzeitig dazu abgerichtet werden.
Sie lernen ihre Wissenschaften so schnell, dass in einem Jahre eine Meerkatze den
höchsten Grad ihrer Vollkommenheit erreicht. Siehst Du, Brüderchen? es wurde
viel aufgetragen, von wenigem gegessen, und nichts füllte nur eine Viertelelle
Hunger in meinem Magen aus. Man spielte nur mit dem Essen; und ich hatte Lust,
im völligen Ernste damit zu verfahren. Man lachte abermals über mich; und da man
sich überdrüssig gelacht hatte, sah man mich mit keinem Blicke mehr an. Ich
wurde aus der Hütte verwiesen, musste eine ziemliche Strecke von dem
Schlafgemache meiner Gönnerinnen in einer kleinen Kabane schlafen und mich mit
Seilen von Bast fest anbinden lassen; - vermutlich damit sie ungestört und
sicher für meinen nächtlichen Ueberfällen schlafen können, dachte ich: aber es
musste wohl nur eine Cerimonie sein; denn mit jeder Viertelstunde bekam ich von
einer meiner überfirnissten Damen einen Besuch, der mich keine Minute ruhig
schlummern liess, so sehr meine ermüdeten Lebensgeister der Erhohlung bedurften.
Ich ward ungeduldig, riss mich von meinen Banden los, ergriff die Mutwillige,
die mich eben beunruhigte, um sie aus meinem Schlafgemache hinauszuwerfen: sie
schrie Gewalt, und aus ihren ängstlichen Geberden konnte ich schliessen, dass sie
ihren herbeieilenden Schwestern meine Tat als einen Anfall auf ihre Tugend
abmalen mochte, ob sie gleich vorher mehrere auf die meinige getan hatte. Sie
schrieen, lärmten und tobten alle, steinigten mich, hezten ein ganzes Regiment
Meerkatzen auf mich los, die mich mit ihren Tatzen elendiglich zerkratzten. Ich
ertrug mein Schicksal mit Geduld; aber den Tag darauf wurde ich ausgelacht!
Brüderchen, ausgelacht, bis zur ärgsten Beschämung! Ich forschte nach meiner
ZANINNY, ich lief allentalben herum, sie aufzusuchen; ich fand sie nirgends:
ich war untröstlich, doch wurde ich bald durch ein lächerliches Schauspiel
wieder aufgemuntert. Die Meerkatzen haben das feinste Gefühl der Ehre: Neid und
Vorzugssucht beherrschen sie ganz. Tages vorher hatte einer das Glück gehabt,
dass über seine Kapriolen der Zirkel am lautesten und häufigsten gelacht hatte:
    alle übrigen wurden neidisch und versengten ihm mit einem Feuerbrande im
Schlafe seinen Spiegel auf dem Rücken: weil er aus einer harten fühllosen Haut
besteht, so wird er es nicht eher inne, bis der Brand die Hinterkeulen schon zu
verwüsten anfängt. Das arme Geschöpf hinkte traurig herum und musste mit seinen
Schmerzen der Gesellschaft oben drein zur Kurzweile dienen, die sich in ein
ausgeschüttetes Gelächter über seinen Zustand ergoss, das zunahm, je mehr seine
Kameraden ihn neckten und quälten. Die ganze Erklärung des Vorfalles teilte mir
eine von den roten Nymphen durch ihre künstliche Geberdensprache mit: denn sie
waren insgesamt geborne Pantomimenspielerinnen und sprachen deswegen selten
anders als durch Minen und Gestikulationen. Durch eben diesen Weg erhielt ich
auch die Eröffnung, dass in diesem Distrikte nichts als lauter Frauenzimmer mit
ihren bedienenden und zeitverkürzenden Meerkatzen wohnten, und dass sie bei
andern Bedürfnissen der Natur ihre Männer aus einem nahgelegnen Gebirge zu sich
beriefen, die dort das Land für ihren beiderseitigen Unterhalt bauen und
Schminke für die Körper ihrer Damen sammeln mussten. Lange konnte ich in dem
Lande nicht mehr ausdauern; unter lauter Meerkatzen bekömmt man leicht
Langeweile; auch ICH wurde den schönen Bewohnerinnen des Landes beschwerlich,
weil ihnen alles so alltäglich an mir geworden war, dass sie nicht mehr über mich
lachen konnten. Der ganze Himmelsstrich war mir verhasst, weil er meine geliebte
ZANINNY ohne mich besass: ich nahm meinen Abschied, und diejenige Dame, die ich
in der ersten Nacht zu einem Geschrei genötigt hatte, und die mir seitdem
gewogner als alle andre war, gab mir mit dem langen Nagel ihres Daumens, die sie
dort zu der ansehnlichsten Grösse anwachsen lassen, zum Andenken ihrer
Gewogenheit einen Schnitt auf den rechten Backen, wovon du noch bis jetzt die
Narbe siehst. Alle Mannspersonen mussten sich in dieser weiblichen Republik mit
einem solchen Schnitte zeichnen lassen, zum Beweise, dass sie diejenige Schöne,
von welcher sie ihn empfiengen, als Sklaven unter sich gebracht hat; und wenn
man der Meerkatzen überdrüssig ist, so ist es die einzige Zeitverkürzung unter
ihnen, einander die Schnitte vorzuzählen, mit welchen eine jede ihre vermeinten
Sklaven gebrandmahlt hat. Ich begab mich auf den Weg und wandelte langsam mit
trauriger Beklemmung von dem Orte, wo ich meine beste ZANINNY zurückliess. -
Doch, dachte ich, wer weiss, wozu dies gut ist, dass du sie verlieren musstest?
Vielleicht- ach, wer kann sich alles Böse denken, dem ich dadurch entkommen bin,
und alles Gute, das ich möglicher Weise dadurch erlangen kann? Wer weiss, wozu es
gut ist? - Mit diesem Gedanken beruhigte ich mich auf meinem Marsche und kam mit
ihnen zu den EMUNKIS, einem elenden Volke, das unter dem abscheulichsten
Regimente lebte. Ihr Herr war der geilste, geizigste, grausamste Tyrann der
Erde. Meine Ankunft fiel auf einen Tag, wo alles in der grössten Feierlichkeit
war. Der neue Despot hatte den Tron bestiegen und nach dem dasigen Staatsrechte
seinen übrigen zwei und siebzig Brüdern goldne Stricke zugeschickt, an welchen
sich ein jeder mit eigner Hand aufhängen musste: das ganze Volk lief einer
Gallerie zu, wo sie alle nach der Rangordnung des Alters an ihren goldnen
Stricken schwebten, und der tumme Pöbel frolockte über diese ersten Opfer, die
der Despot seiner Tyrannei gebracht hatte. Ich habe mich lange Zeit an seinem
Hofe aufgehalten, und ihm muss ich mein Königreich NIEMEAMAYE verdanken. -
Medardus seufzte ein wenig bei dieser Stelle und fuhr sogleich wieder fort. -
Der dicke Götze sass unaufhörlich in einer dichten Wolke von Wohlgerüchen, die
ihm alle Sinne so sehr benebelten, dass er nie zu sich selbst kam: unaufhörlich
musste ein Haufen Gold und eine von seinen Weibern zu seinen Füssen liegen. Seine
Leibwache bestand bloss aus Weibern, die nie eine männliche Seele zu ihm liessen:
die höchsten Stellen des Landes waren zwar mit Männern besetzt, allein die
obersten Befehlshaberinnen der Leibwache hatten in allen Ratsversammlungen die
ausschlagenden Stimmen, und jene mussten nur vortragen und vollstrecken, was
diese geboten. Alle Mädchen von den ersten Augenblicken des Lebens waren im
ganzen Reiche seine Leibeignen: die Vornehmern und Reichern hatten sich des
Rechts bemächtigt, seine Leibwache auszumachen, und die Gemeinen oder Armen
wurden in sein Serail nach dem Maasse ihrer Schönheit gewählt, und die Hässlichen
im Namen des Königs an die Liebhaber öffentlich verkauft. Der Despot hatte eine
so unsinnige Liebe zum Golde, dass er nicht schlafen konnte, wenn nicht einige
Haufen neben seinem Lager aufgeschüttet lagen.
    Also war er dein Lehrmeister? unterbrach ihn Belphegor etwas bitter.
    Der gute Medardus erschrak: er wollte seine Erzählung fortsetzen, und die
Bitterkeit der Frage nicht zu fühlen scheinen; allein Belphegor fasste ihn
stärker und liess ihn nicht durchwischen. Er malte ihm mit den frischesten
Pinselzügen, doch mit etwas Galle vermischt, den Neid und die Unterdrückung vor,
die er, als der sonst treuherzige wohldenkende Medardus, als Beherrscher von
NIEMEAMAYE gegen seine Nachbarn und Untertanen ausgeübt hatte. Dem Monarchen
wurde bange; er räusperte sich, er rückte sich auf seinem Sitze hin und wieder,
er wusste nicht, ob und was er reden sollte, bald schien er sich entschuldigen,
bald anklagen zu wollen, während dessen sein Moralist unaufhörlich fortfuhr, mit
aller Stärke seiner Beredsamkeit sein eingeschläfertes gutes Herz aufzuwecken. -
Brüderchen, sprach er endlich, ich bitte Dich, schweig! Du machst mir so
bänglich ums Herze, dass ich heute noch lieber zu einem Glase frischen Apfelwein
mit Dir zurückgehn, als hier eine Minute länger befehlen möchte. Du übertreibst!
-
    Nicht Einen Strich in dem Gemälde übertreibe ich, antwortete Belphegor, und
liess den Strom seiner Gesezpredigt von neuem hervorbrechen.
    Was bist Du denn besser? schloss Belphegor; worinne besser als der wilde
Despot, an dessen Hofe du deinen Geiz lerntest? Weniger grausam, aber der
nämliche Unterdrücker.
    Sein Freund fiel ihm um den Hals, erbot sich alles gesammelte Gold unter
seine Nachbarn auszuteilen, allen seinen Sklaven das Ihrige wieder zu
erstatten, wie der geringste unter ihnen zu leben, seine ganze Macht
niederzulegen, mit ihm zu einem Kruge Apfelwein zurückzuwandern und so viel
Gutes zu tun, als er könnte. Belphegor war mit seiner Reue zufrieden und fragte
ihn, um ihre Aufrichtigkeit zu versuchen, welchen Tag er alle diese
Versprechungen erfüllen würde. Er stuzte ein wenig über die Frage, doch setzte
er lebhaft hinzu:
    Morgendes Tages! Belphegor nahm seine Hand darauf an und brach die Materie
ab, doch sein Freund kehrte oft zu ihr wieder zurück. - Brüderchen, sagte er, es
ist ein verzweifelt schweres Ding, allein Herr von seinem Willen zu sein und
lauter Gutes zu tun. Sonst, wenn ich einem armen durstigen Manne einen Trunk
Apfelwein reichte, wünschte ich immer: o wer dich doch auf einen Tron setzte,
dass du die Leute glücklicher machen könntest! Jämmerlich ist doch die Armut,
dass man nicht mehr für den armen Nebenmenschen tun kann, als ihm höchstens auf
ein Paar Minuten den Durst löschen oder den Hunger stillen! wenn ich reich, wenn
ich mächtig wäre - kein Mensch auf Gottes Erdboden, so weit nur mein Auge
reichte, sollte mir Zeitlebens hungern oder dursten. - Brüderchen, ich hab es
erfahren. Ich habe sonst mit meinem Kruge Apfelwein Mehrern Gutes getan, als
jetzt mit meinem Golde. Das böse Menschenherz! Fromal sagte mir wohl, ich sollte
nicht schwören, ich würde einen Meineid begehn; ich habe ihn begangen. Aber,
Brüderchen, nicht ein Tröpfchen Menschenblut klebt an meinem Gewissen. Siehst
Du? ich fand an dem gelben Unrate so vielen Gefallen, ich wollte gern viel und
immer mehr haben, ich nahm es, wo es zu bekommen war: ich habe doch wenigstens
niemanden Leides getan. Wenn man so bloss sich selbst, seine Begierden und seine
Macht zu Rate zu ziehn braucht, da lässt man leicht die Zügel schiessen: doch Du,
Belphegor, Du sollst in Zukunft mein einziger Rat-geber sein. -
    Belphegor fand bei dieser Erklärung für seine moralisirende Laune eine
herrliche Aussicht und nahm deswegen den Vorschlag zur Mitregentschaft mit
Freuden an; und seit diesem Augenblicke teilten sie Macht und Ansehn mit
einander.
    Den ersten und zweiten Tag tat Belphegor ernstliche Erinnerungen wegen der
versprochnen Wiedererstattung, und es fanden sich tausend Entschuldigungen und
Verhinderungen: Belphegor drang alsdann weniger ernstlich, seltner und endlich
gar nicht mehr darauf; tadelte alle getroffne Anstalten als unbillig,
unfreundlich, unterdrückend, und behielt sie bei: es blieb alles, wie es war,
und statt dass sonst alles Gold aufgehäuft wurde, liess er etwas mehr von den
gesammelten Schätzen in den Umlauf kommen, damit das Volk wieder die
Ingredienzen zu zwo Mahlzeiten kaufen konnte. Unter seinen Leidenschaften war
die Liebe zum Golde schwächer als bei seinem Mitregenten: er war freigebig und
ermahnte auch diesen es zu sein: aber desto heftiger war sein Ehrgeiz:
allmählich vermehrte er die Ehrenbezeugungen, die er von seinem Volke foderte,
und wenn er nicht reich zu sein wünschte, so wollte er angebetet sein, ohne zu
fühlen, dass es auch eine Unterdrückung gibt, die dem Menschen seine Würde nimmt
und ihn zum kriechenden Sklaven macht. Genug, der weise Moralist wurde zum
Unterdrücker, hasste und liebte die Menschen nach ihrer grössern oder geringern
Kunst zu schmeicheln und sich zu demütigen, der Kriechendste, der
Hingeworfenste war ihm der Beste, und man musste kriechen oder leiden - eine
Alternative, die dem völligen Zwange gleich ist!
    Inzwischen waren die benachbarten EMUNKIS von ihrer Sklaverei so übermässig
niedergedrückt worden, dass ihr betäubtes Gefühl rege wurde; sie empfanden, dass
sie Menschen waren, stürzten ihren Tyrannen von dem Trone, ermordeten die
Leibwache, die bisher den Meister gespielt hatte, wie vorhin der König von
NIEMEAMAYE erzählte, und da Faktionen unter ihnen entstunden, vertrieb eine die
andre, welche jetzt mit dem wütendsten Ungestüme in das Reich einbrachen, dessen
Herrschaft Belphegor und Medardus teilten. Der Sturm drang mit einer
unglaublichen Schnelligkeit bis zur Hauptstadt, alles geriet in Verwirrung und
Unordnung, man setzte sich zur Gegenwehr, und niemand wusste, warum man
angegriffen wurde. Die beiden Regenten, die nicht sonderlich kriegerischen Mut
besassen, hielten es für das heilsamste, sich mit der Flucht dem Ungewitter zu
entziehn. Belphegor versorgte alle Taschen von dem aufgehäuften Golde und entkam
glücklich: doch Medardus, der sich zu reichlich damit versehen wollte, zauderte
so lange bis die Burg umringt wurde, die die aufgebrachten Vertriebnen
einnahmen, plünderten und ansteckten.
    Belphegor entkam wohl, aber der Sturm folgte ihm nach. Seine vorigen
Untertanen, die NIEMEAMAYEN, waren von den EMUNKIS vertrieben, jene brauchten
einen andern Platz, sie vertrieben die nächsten Völker, deren sie mächtig werden
konnten, und man vertrieb und ward vertrieben, so lange bis zwei Völker
vernünftig genug waren, sich unter Einem Himmel neben einander in Friede zu
vertragen.
    Von dem Tumulte wurde Belphegor mit fortgerissen, machte sich aber glücklich
davon los, und nahm seinen Weg allein nach Aegypten, wo er bei einem
europäischen Kaufmanne sein rohes Gold in Geld umsetzte und sich sehr in seine
Gunst empfahl, weil er sich nach seinem Verlangen nur die Hälfte des Wertes
dafür bezahlen liess. Er versprach ihm für höfliche Worte und einen mässigen
Vorteil seinen Schutz und seine Gesellschaft, in welcher er nach Asien
übergieng. Weil der Wert seines Goldes nicht lange mehr aushalten zu wollen
schien, so bot er seinem Beschützer seine Dienste an, der sie nicht ausschlug
und ihm in kurzer Zeit einen Auftrag nach Persien gab, wo er gewisse
Handlungsgeschäfte für ihn besorgen sollte.
    Seine Reise ging glücklich und ohne widrige Zufälle von statten bis zu
seiner Annäherung an die persischen Gränzen. Bei der Gesellschaft, mit welcher
er reiste, befanden sich einige Aliden,10 die zu jeder Zeit des Tags, wenn es
die Gesetze ihrer Religion foderten, seitwärts giengen, um ihr Gebet einsam zu
verrichten. Belphegor ward von der Innbrunst, mit welcher er sie es verrichten
sah, wenn er sie belauschte, so entzückt, dass er nur eine Ueberredung und ein
Messer brauchte, um sich auf der Stelle beschneiden zu lassen und ein Jünger des
Mahomed und Ali zu werden. Er gewann die Leute lieb, unterredete sich oft mit
ihnen über ihren Glauben und bewies ihnen sehr viel Güte, welche sie ihm
reichlich erwiederten. Die Freundschaft war geknüpft, und er ersuchte sie sogar,
ihn einen Zeugen ihres Gebets sein zu lassen, welches sie ihm bewilligten: doch
bediente er sich dieser Erlaubnis mit vieler Bescheidenheit, und nie gebrauchte
er sie, ohne dass das Feuer ihrer Andacht ihn zu einem Kniefalle und zur
Vereinigung seiner Innbrunst mit der ihrigen hinriss. - Aber warum nennt man nur
diese Leute Ungläubige? dachte er oft bei sich selbst; sie, die mit den
feurigsten Regungen Gott verehren, deren ein Christ nicht fähiger sein kann?
Kann ein Herz, das zu einer so rührenden Erhebung von seinem Schöpfer begeistert
wird, das Herz eines Ungläubigen sein? Mag er doch den MAHOMED, den ALI oder
ABUBECKER für grosse Menschen halten, mag er sich doch ein Stückchen von seinem
Fleische verschneiden lassen, mag er doch nach Mekka oder nach Bagdad sein
Gesicht bei dem Gebete kehren: wenn sein Herz nur zu Gott gekehrt ist, gilt
jenes nicht alles gleich? - O dass doch die Menschen keine Gelegenheit entwischen
liessen, sich zu entzweien, sich zu trennen, sich zu hassen, zu verfolgen, sich
zu schlagen, würgen, morden! Ja, Fromal, Recht hattest du: - die Menschen
vereinigten sich, um sich zu trennen. Konnten sie nicht alle in stiller
Eintracht auf diesem weiten Erdenkreise sich niederwerfen und das ewige Wesen
mit der vollen starken Empfindung anbeten, die es verdient? Konnten sie die Welt
nicht einen allgemeinen friedsamen Tempel sein lassen, wo Millionen Menschen,
Nationen und Völker in unübersehlicher Weite mit vereintem Gefühle ihren Dank zu
dem Allgütigen emporsandten, der sie fähig machte, ihm zu danken? Konnte es
nicht dem einen gleichgültig sein, ob sein Nachbar das Gesicht nach Osten oder
Westen kehrte, ob er sich im Staube wälzte oder auf den Knieen lag, sich dabei
die Haut blutig rizte oder das schönste Festkleid anzog, die Hände erhub oder
senkte, ein flammendes Opfer zu seiner Andacht hinzutat, oder sein Herz nur
flammen liess? Und sollte es nicht vielleicht dem Schöpfer und also auch dem
Menschen gleichgültig sein müssen, ob der Höchste, der Grösste, dessen Begriff
unser Gedanke doch niemals umfasst, in dem Wurme, dem Stier, der rohen Misgeburt,
der ungebildeten Phantasie, im Stein, Holze, Metall oder in der blossen Idee, als
Tien, Jehovah, Jupiter angebetet wird? Sollte dies nicht vielleicht sein? Wenn
so viele Tausende durch einen unvermeidlichen Zusammenhang von Ursachen unter
die Stufe der Erleuchtung, der Aufklärung des Verstandes hinabgestossen werden,
sollte der Ewige ihre Empfindung verschmähen, die sie ihm in einem Bilde opfern,
das ihre schwache Vernunft und wilde Phantasie nicht anders zu schaffen
vermochten? Sollte er sie darum verschmähn, weil er sie durch eine Reihe von
Begebenheiten zu tumm bleiben oder werden liess, um sich zu den Begriffen eines
christlichen Philosophen zu erheben? Im Grunde, bei genauerer Untersuchung war
es nicht der Peruaner aus eigner Wahl, der seinen Schöpfer in der Sonne fand und
das Blut seiner eignen Kinder zu ihr empor dampfen liess, nicht der Mexikaner,
der sich an dem geopferten Fleische seiner Feinde labte - nein, eine lange Reihe
von nicht selbst gewählten Ursachen gaben den Erkenntnisskräften dieser Völker
eine solche Wendung, drangen ihnen solche Ideen in einem solchen Lichte auf, dass
sie sich ihren Gott so und nicht anders, seine Verehrung so und nicht anders
denken konnten: ihre Begriffe vom Guten und Bösen, von Recht und Billigkeit
bildete das Schicksal, nicht SIE. Sie deswegen strafen, weil ihr Geist zu
schwach war, sich durch aufgedrungne Irrtümer hindurchzuarbeiten, hiesse das
nicht einen Menschen mit Stricken und Fesseln allmählich auf den Boden
niederziehn und ihn züchtigen, dass er nicht gerade steht? Hiesse das nicht einen
Bucklichen peitschen, weil er seine verwachsne Brust nicht gerade ausdehnt? -
Und gleichwohl unterstanden sich es Sterbliche, dem Richter der Welt dies
Verfahren zuzuschreiben, ja sogar es an der Stelle des Richters der Welt zu
tun! - Gewiss, die Menschen sammelten sich, um sich zu trennen, um zu kriegen,
und weil es ihrem Neide und ihrer Vorzugssucht an hinlänglichen Platze fehlte,
so peitschen sie sich auch herum, weil der Zufall in dem Kopfe des einen die
Ideen anders geordnet hatte, als in dem Gehirne des andern: o Unsinn! und oft
zankte man sich oben drein nur deswegen, weil der eine etwas weniger einfältiges
glaubte als der andre. - Eine Sekte, wo die dogmatische Sucht kein Herze nagt
und seinen Leidenschaften zum Lanzenträger dient - wo ist eine solche, sie ist
mir willkommen! sie ist mir die beste! - Freund, rief er dem Aliden zu, der sich
eben näherte, Freund! wenn alle Jünger des Ali mit solcher Inbrunst beten wie
Du, so werde ich noch heute ihr Bruder! Wenn sie sich selbst so lieben, wie
ihren Gott, so schneide mir ein Stück Haut ab, ritze mir die Backen, bade mich,
oder mache eine Cerimonie, wie du willst, um mich zu deiner Sekte einzuweihen,
oder mich zu zeichnen, dass ich zu ihr gehöre! - genug, ich will der Genosse
deines Bekenntnisses sein und unter Menschen leben, die sich weniger hassen als
andre: denn dass sie sich mehr lieben sollten, das fodre ich von Menschen nicht.
-
    Der Alide erstaunte über den Eifer, mit welchem er diese Anrede hielt, und
war im Begriffe, ihm seine Freude darüber auszudrücken, als eine Stimme aus dem
Gesträuche hervorbrüllte: Du Verworfner, der du die heilige SONNA11 verachtest,
und den kriegerischen Ali über den erhabnen Abubecker setzest, stirb von meinen
Händen, Ungläubiger! - Sogleich durchrennte ein hervorstürzender Mann schäumend
mit einem Spiesse den betäubten erschrocknen Aliden, dass er leblos auf den Fleck
niedersank, den kurz vorher sein Knie in dem Feuer seines Gebetes gedrückt
hatte. - Blut! setzte der Mörder hinzu, gottloses Blut! fliesse zur Ehre des
grossen Propheten und seiner rechtmässigen Nachfolger! -
    Belphegor war von Schrecken und Erstaunen einige Zeit überwältigt, doch bald
kehrte sein Mut und seine Fassung zurück, und er sprang auf, den Tod seines
Gefehrten zu rächen: allein er war ohne Waffen, und sein Gegner verwundete ihn
mit der nämlichen Wut, womit er jenen durchbohrt hatte; doch nicht tödtlich.
Als Belphegor von dem Stosse niedergestürzt war und in der Ohnmacht von dem
Sonniten für todt gehalten wurde, so begab sich dieser hinweg, nachdem er vorher
in einem lauten Gebete dem grossen Propheten und seinem Nachfolger Abubecker zu
Gemüte führte, was für eine wichtige Verbindlichkeit er ihnen durch die
Ermordung dieser beiden Ungläubigen auferlegt, und was für einen vorzüglichen
Anspruch er sich auf die schönste Huri des Paradieses erworben habe. Sein
Religionseifer war gesättigt, und nach einer so verdienstlichen Handlung ging
er an seine Berufsarbeit zurück und plünderte mit seinen Gesellen die Karavane,
zu welcher Belphegor gehörte: denn er war ein Räuber vom Handwerke.
    Belphegor lag ohne Besonnenheit in seinem Blute und erwachte nur, um seine
Entkräftung zu fühlen: er sah sich um, er rief, so stark er vermochte; alle
menschliche Hülfe war von ihm fern. In einem so trostlosen Zustande war Geduld
das einzige Uebrige, ihm die Erschöpfung seiner Lebensgeister zu erleichtern; Er
war vor Mattigkeit in einen Schlummer verfallen, aus welchem ihn der Ruf einer
Stimme erweckte. Er schlug die Augen auf und wurde einen Mann gewahr, der ihn
arabisch anredete. So wenig er auch von der Sprache wusste, so konnte er doch
seine Begebenheit und sein Verlangen nach Hülfe darin ausdrücken. Der Araber
machte sogleich die grossmütige Anstalt ihn fortzuschaffen, und liess ihn auf ein
Kameel laden, dass er kurz vorher nebst etlichen andern einer reisenden Karavane
abgenommen hatte, wobei er seinen Leuten den Befehl gab, den Verwundeten in sein
Schloss zu bringen und bis zu seiner Ankunft gehörig zu pflegen. Der Mitleidige
war, wie man leicht merkt, gleichfalls ein Räuber von Profession, kam in einigen
Wochen auf sein Schloss zurück und fand Belphegorn von seinen Wunden geheilt. Er
war so edelmütig, jeden Dank von sich abzulehnen, und bot ihm Wohnung und Tafel
auf so lange Zeit an, als ihm beliebte. Belphegor wurde von Dankbarkeit über
eine solche Begegnung um so viel lebhafter gerührt, weil die üble Behandlung,
die er bisher von den Menschen in verschiedenen Weltteilen erdulden musste, das
menschliche Geschlecht in seinen Augen so erniedrigt hatte, dass er eine solche
Denkungsart von einem Mitgliede desselben gar nicht mehr erwartete. Der Räuber
schenkte ihm eins von den schönen Kleidern, die er mit seiner lezten Beute
erobert hatte, gab ihm verschiedene andre Kostbarkeiten und liess ihm nicht die
mindeste Bequemlichkeit mangeln.
    Belphegor wurde durch diesen freigebigen Räuber mit dem Menschen um vieles
wieder ausgesöhnt: nur blieb es ihm ein unauflösliches Räzel, das oft sein
Nachsinnen beschäftigte, wie man so vortreflich und so schlecht zu gleicher Zeit
handeln, zu gleicher Zeit so gutdenkend und ein Räuber sein könne. Da er keine
befriedigende Erklärung dieses Phänomens zu finden im Stande war, so wandte er
sich an seinen Wohltäter selbst und legte ihm die grosse Frage vor, deren
Beantwortung ihm so schwer fiel. Der Araber war ungemein erstaunt, dass er so
fragen konnte, und versicherte, dass er nicht begreife, warum jene beiden Dinge
nicht beisammen sein sollten, da das eine sowohl wie das andre, eine gute
wohlanständige Sache wäre. - Gastfrei, sagte er, sind meine Voreltern vom
Anfange her gewesen: der Mensch war in ihren Mauren ihr geheiligter,
unverletzlicher Freund, und ausser denselben jederzeit ihr Feind. Der weise ALLAH
12 teilte seine Güter unter seine Kinder aus; wer keine Portion davon bekam,
muss sie sich verschaffen, oder darben. Ich wage mein Leben, um eine zu erhalten:
mein Gegner wage das seinige, um seine zu behalten: wohlan! der Tapferste ist
der Besitzer. Der Elende, der Arme, der Kranke, der sich nicht in den Streit
mengen und Wohlsein und Bequemlichkeit erkämpfen kann, muss der Sklave des
Mächtigern sein, oder von seinen Wohltaten leben. Jeder rechtschaffne Araber
hätte Dich in sein Haus, wie in eine Freistätte aufgenommen, weil Du ihrer
bedurftest; Du warst zu elend, mein Sklave zu sein: ich musste also dein
Wohltäter werden; und so lange Du in meinem Bezirke wohnst, höre ich nie auf,
dies zu sein: Du bist der Sohn meiner Familie. -
    Aber ausser demselben dein Gegner, unterbrach ihn Belphegor, den Du
plünderst, oder zum Sklaven erniedrigst? - -
    Nicht anders! Ich und meine Familie sind zu Einem Körper vereinigt: was
nicht mit diesem Bande an mich geknüpft wird, ist Feind. Denkt ihr unter euerm
Himmel anders? -
    »Allerdings! Ungestört geniesst jeder den Anteil von Glück, den ihm der
Zufall zuwarf: Gesetze und Henker sind seine Wächter. -«
    Und Niemand raubt dem andern einen Pfennig? Einer darbt, wenn der andre sich
füttert, ohne sich mit seinen Fäusten etwas zu erkämpfen? -
    »Nein, wir kämpfen nicht mit Fäusten, sondern leider! mit unserm Verstande -
wir betriegen. -
    Betriegen? Elende feige Kreaturen! der listigste Haufe hat bei Euch also das
Obergewicht? - Fi! -«
    »Der Mächtige, der Grosse geniesst seinen Überfluss sorgenlos; denn er ist auf
allen Seiten verschanzt: der Arme geniesst das Brod seines Schweisses eben so
ruhig; Mangel schützt ihn wieder Bevorteilung: der ganze übrige Haufe ist im
Krieg verwickelt, und der Hinterlistigste ist der glücklichste Sieger. -«
    Was für jämmerliche Kreaturen ihr seid! die niederträchtigsten Räuber des
Erdbodens! Jede Beute ist bei uns der Preis der Tapferkeit, jede bei euch ein
Denkmal einer niedrigen Seele. Trenne mein Haupt sogleich von meinen Schultern,
wenn Ein Betrug darin gebrütet worden ist! Was ich bin, wurde ich durch mich
selbst, durch meinen Mut.
    Belphegor war wahrhaftig am Ende seiner Disputirkunst, und der
zurückgebliebene Grad von Abneigung gegen den Menschen liess ihn auch keine
sonderliche Mühe nehmen, etwas für die polizierten Räubereien zu sagen: er
schwieg mit einem Seufzer und gab den Grundsätzen des Arabers Recht.
    Eine so angenehme Ruhe störte nichts als der Einfall eines benachbarten
Räubers in das Schloss, wo sie Belphegor genoss. Dieser Held hatte in Erfahrung
gebracht, dass Belphegors Gönner bei dem letzten Meisterstreiche, den er spielte,
zwo der herrlichsten cirkassischen Schönheiten in seine Gewalt bekommen hatte.
Ein solcher Preis war es wohl wert, dass man sein Leben einmal daran wagte: die
Liebe setzte seiner Tapferkeit den Sporn in die Seite, und er zog mit seiner
ganzen Mannschaft aus, jene zwo Nymphen entweder in seine Hände zu bekommen,
oder sie wenigstens ihrem gegenwärtigen überglücklichen Besitzer zu entreissen,
sollte es auch durch den Tod geschehen müssen. Er rückte an, überraschte seinen
Gegner, der sich nicht in der mindesten Bereitschaft befand und sich schon
ergeben musste, ehe er sich zur Wehre stellen konnte. Der Feind begnügte sich,
alle Örter zu durchsuchen, wo er die verlangten Schätze vermutete, und ward
nicht wenig ungehalten, da ihm allentalben sein Wunsch fehlschlug. Er erhielt
zwar die Nachricht, dass der überwundne Herr des Schlosses, den sein Alter über
die Begierden der Liebe schon ziemlich hinwegsetzte, die schönen Cirkassierinnen
nach ihrer Erbeutung sogleich in Geld verwandelt habe: allein da er dies bei
seiner jugendlichen Lebhaftigkeit nicht begreifen konnte, so erklärte er es
schlechtweg für eine Erdichtung, stellte seine Nachforschung noch etliche Mal an
und fand jedesmal nichts. Um aber doch seinen Gang und seine hintergangne
Hoffnung bezahlt zu machen, nahm er dem Ueberwundnen seine Sklaven und eine
Auswahl von seinen besten Habseligkeiten mit sich hinweg, das Uebrige nebst dem
Schloss steckte er in Brand, und war so grossmütig, und gab Belphegorn und
seinem Wohltäter, weil er sie beide zu nichts anzuwenden wusste, die Freiheit
und völlige Erlaubnis, alles Glück in der ganzen weiten Welt aufzusuchen.
    Sie giengen beide mit einander fort, und es war schwer zu unterscheiden,
welcher von ihnen eigentlich den Verlust erlitten hatte. Sie nahmen ihren Weg
nach der Landschaft DIARBEK und fanden sie bei ihrem ersten Eintritte mit
Empörung und Blute überschwemmt. Kaum hatten sie ein Dorf erreicht, als sie
schon mit dem Schwerdte in der Hand auf ihr Gewissen befragt wurden, ob sie sich
zu DUBORS oder MISNARS, oder ABIMALS, oder AHUBALS, oder des Sultans AMURAT
Partei hielten. - Zu derjenigen, die das meiste Recht für sich hat, oder lieber
zu keiner, antwortete Belphegor. Ich kenne weder Amuraten, noch Duborn, noch die
du mir nennst; es herrsche über Diarbek, wer kann oder will! - Da ein Türke
keine andre als lakonische positive Antwort annimmt, so wurde die Frage noch
einmal und zwar peremtorisch getan, und um ihn zu einer bestimmten Antwort
desto schneller anzutreiben, schwangen die Examinanten ihre Säbel über ihren
Köpfen und hielten sich zum Hiebe bereit. Jede entscheidende Antwort konnte
ihnen den Tod bringen, und jede Verzögerung brachte ihn gewiss: sie wählten
blindlings ihre Partei und trafen glücklicher Weise diejenige, zu welcher die
Fragenden sich bekannten. Diese vorteilhafte Wahl errettete sie vom Untergange:
man liess ihnen die Freiheit, in DIARBEK zu existiren, und bekümmerte sich weiter
nicht um sie. Bei dem Fortgange ihrer Reise geschah ihnen von Zeit zu Zeit die
nämliche Anfrage, und der Zufall, auch zuweilen List half ihnen jedesmal aus der
Gefahr! Um sich ihr aber nicht länger auszusetzen, beschlossen sie ein Land mit
dem ehesten zu verlassen, wo die Neutralität schlechterdings unerlaubt war. An
den Gränzen erfuhren sie, dass MISNAR alle seine Nebenbuhler besieget, ermordet
und sich auf drei Wochen die Herrschaft über Diarbek errungen hatte, nach deren
Verlaufe der Sultan Amurat für gut befand, ihn vom Trone heruntertreiben und
stranguliren zu lassen, nebst allen denjenigen, die die kurze Gnade seiner
Regierung erhoben hatte.
 
                                 Siebentes Buch
Einem Blutbade entgiengen sie, um in ein andres zu geraten: bei dem ersten
Schritte, den sie auf persischen Boden setzten, kamen ihnen schon blutige Ströme
entgegen: je weiter sie ihr Weg führte, desto mehr häuften sich die Spuren des
Mordes und der Grausamkeit, und zuletzt gelangten sie an einen grässlichen
Wahlplatz, wo Schaaren über einander gestürzter Leichname in grässlichen Haufen,
mit getödteten Kameelen und Maultieren vermischt, lagen. Belphegor fuhr mit
Entsetzen vor dem schrecklichen Anblicke zurück, und sein Gefährte zitterte eben
so sehr vor Furcht und Grauen, und beide standen lange in einem stummen
Erstaunen.
    Bald aber machte die Furcht der Neubegierde Platz: sie verlangten
ausserordentlich, die Ursache zu wissen, die Menschen zu einem so unmenschlichen
Todtschlage berechtigt haben konnte: demungeachtet zog sie die Besorgnis, in die
nämlichen unbarmherzigen Hände zu verfallen, bei jedem Tritte zurück. Sie fassten
aber dennoch Mut, setzten ihre Wanderschaft fort und fanden hin und wieder
halblebende Todte, aber nirgends einen völlig Lebendigen. - Was soll das? rief
Belphegor. Sind das Anstalten, die menschliche Gattung in diesen Gegenden
auszurotten? Eine so ausgesuchte Begierde hat doch keiner der berühmtesten
Tollköpfe noch gehabt. Wohlan, Freund! wir wollen weiter dringen! Werden wir
unter dem allgemeinen Ruine begraben, was schadets? - Wir atmen die verpestete
Luft dieses Erdkreises nicht mehr, deren kleinstes Teilchen durch den Hauch
eines Unmenschen entweiht, durch die Lunge eines Barbaren gegangen ist. Gewinn
ist ein solcher Verlust. -
    Sie setzten ihren Weg noch einige Tage fort und trafen nichts mehr als die
vorhergehenden Gegenstände an - Beweise der Unmenschlichkeit genug, aber keinen
Menschen. Endlich wurden sie gewahr, dass die Einwohner aus den Dörfern nur
geflüchtet waren und einzeln mit bedächtlicher Schüchternheit aus den Wäldern zu
ihren Wohnungen zurückkamen. Sie forschten so lange bis sie erfuhren, dass vor
einigen Tagen eine schöne Europäerinn in dem Harem des grossen Königes von
Persien geführt worden sei: eine Karavane von Reisenden war dem Zuge begegnet,
und da sie unglückseliger Weise ihm nicht ausweichen konnte, so hatten sich die
Evnuchen einen Weg mit dem Schwerdte durch sie gebahnt. Das nämliche Schicksal
betraf alle, die die Unvorsichtigkeit oder das Unglück hatten, sich auf dem Wege
finden zu lassen: der klügere Teil war aus den Wohnungen, die an der Strasse
lagen, geflüchtet, um nicht durch einen unbedachtsamen Blick auf eine
verschleierte Schönheit das Leben zu verwirken.
    Belphegor hätte gern dem grossen Sohne des Himmels für diese Barbarei den
Kopf abgeschlagen, wenn er bei der Hand gewesen wäre, und machte verschiedene
Anmerkungen in seinem Tone darüber, die bei andern, als sklavischen erstorbnen
Gemütern, einen förmlichen Aufruhr veranlasst hätten. Wenn es aber gleich nicht
diese Wirkung tat, so fühlten doch seine Zuhörer einen gewissen Schwung in
seiner Denkungsart und seiner Beredsamkeit, welcher sie dunkel überredete, dass
er keiner vom gemeinen Haufen, sondern ein Weiser sein müsse, weswegen sie ihm
rieten, die Bekanntschaft eines gewissen Derwisches zu machen, der in einer
völligen Einsamkeit lebte und ihnen unter dem Namen des Derwisches in den Bergen
bekannt sei. Sie setzten hinzu, jedermann, der ihn gesprochen, sei voller
Bewundrung und Ehrfurcht zurückgekommen und habe versichert, dass sein Mund von
einem unerschöpflichen Strome von Weisheit und heilsamen Lehren überfliesse.
    Eine solche Nachricht war für Belphegors Begierde ein Sporn: kaum konnte er
sie endigen lassen, als er um einen Wegweiser bat, der ihn zu dem glücklichen
Orte führen sollte, wo er einen Menschen zu finden hoffte. Sein Gefährte, dessen
Durst nach Weisheit nicht so heftig brannte, warnte ihn sehr eifrig, sein Leben
und das wenige gerettete Geld nicht der Treulosigkeit dieser Bösewichter
anzuvertrauen, die ihn in unwegsame Gebirge führen und in den ersten Abgrund
stürzen würden. So sehr er ihm mit seiner arabischen Beredsamkeit zusetzte, und
so stark er seine Warnung mit Gründen unterstützte, so blieb doch Belphegor in
seinem Vorsatze unbeweglich: eben so unbeweglich blieb auch der Araber in dem
seinigen, und trennte sich von seinem Gefährten, um wieder in sein Vaterland
zurückzukehren, wo man nach seiner Meinung viel edelmütiger stiehlt und raubt
als irgendwo.
    Belphegor kletterte nebst seinem Wegweiser mit seinem gewöhnlichen Ungestüme
über Felsenspitzen, steinichte unsichre Wege, schlüpfrige hervorragende Stücken
Stein, wo ein einziger Fehltritt in unabsehbare Tiefen stürzte, wo den
herabfallenden Millionen hervorstehende Spitzen erwarteten, um ihn zu zermalmen,
durch stechendes Gesträuch von Wacholdern, die einen kleinen verschlungnen Wald
bildeten, über Wasserfälle, über Schnee, Eis und fast durch die Wolken, um zu
dem Derwische der Berge zu gelangen. Nachdem sie drei Tage mit dem
höchstmühsamen Wege gekämpft hatten, so wurde er selbst ein wenig misstrauisch
gegen seinen Führer: doch drückte die Hitze seiner Erwartung und die Grösse der
gehofften Freuden bald jeden Argwohn nieder; er beruhigte sich damit, dass er dem
Wegweiser alles bei sich habende Geld übergab und ihn versicherte, dass der ganze
Schatz sein werden sollte, wenn er ihn durch Verkürzung des Weges nur etliche
Stunden früher zu dem weisen Derwische zu bringen wüsste: der Andre nahm es mit
Dankbarkeit an und versprach sein Verlangen so sehr als möglich zu erfüllen.
Auch fanden sie sich beim Anbruche des Tages auf einem Felsenrücken, von welchem
sie eine schöne muntre lachende Ebne übersahn, die durch den Anblick schon
ihnen die ausgestandnen Beschwerlichkeiten hinlänglich vergütete. Belphegors
Herz schlug vor Entzücken, als er die Wohnung des Derwisches durch ein dünnes
Palmwäldchen hervorschimmern sah: gern hätte er mit Einem Sprunge die heilige
Schwelle betreten: jedes Luftteilchen, das er einhauchte, schien ihm reiner und
heiliger zu sein.
    Wenn die Musen gegen einen Prosaisten nicht etwas spröde wären, so rief ich
sie mit lautem Schreien um ihren Beistand bei der Schilderung eines der
schönsten Täler an; aber so muss ein armer Verfasser in ungebundner Rede die
Sache allein bestreiten. Will indessen eine sich herablassen, meinen Pinsel zu
führen, so greife sie zu! -
    Die ganze Fläche des beinahe eiförmigen Tales war ringsum von Bergen
umschlossen, die sich amphiteatermässig in mannichfaltigen Absätzen erhuben: hier
steilte sich eine schneeweisse Felsenspitze, wie ein Turm, in die Höhe, hinter
ihr dehnte ein brauner Berg den langen Rücken weg, und höher als beide verlor
sich eine Menge zackichter gräulicher Gebirge mit ungleichen Höhen am Horizonte:
dort hiengen Felsenstücken in der Luft, die nur Einen Stoss zu brauchen schienen,
um herabzustürzen, neben ihnen bedeckte ein düstres Strauchwerk den phantastisch
gekrümmten Berg, der sich mit einer Menge kahler Beugungen und Hölungen endigte,
und die breitsten weitschimmernden Häupter entfernter Gebirge darüber
emporsteigen liess: bald stürzte sich ein kleiner Bach beinahe hängend an einer
Felsenwand herab, verschwand, brach eine weite Strecke davon wie ein brausender
schäumender Bach aus dem Felsen hervor, flog über ausgehölte schwebende Steine
hinweg und wurde von einem Schlunde gierig verschlungen, um nie in dieser Gegend
wieder zu erscheinen: bald stieg eine allmähliche schiefgedehnte berasete Anwand
bequem in die Höhe und türmte sich plötzlich in unzächliche Höhen, die sich
gleichsam wetteifernd über einander erhuben, hier nackt, dort in einem Mantel
von gelbgrünem Gesträuche, bald aus Pyramiden, bald als umgestürzte Kegel,
hinter welchen eine weissgraue Kolonnade vom majestätischen Felsen den
Gesichtskreis begränzten und weitgedehnt in ungleicher Grösse allmählich
verschwanden. Die Seite, von welcher sie in die Ebne hinabstiegen, war ein hoher
platter Berg, der an sich schon die Aussicht beschloss, mit einem Cedernwalde
bedeckt, durch welchen sie hindurchwandern mussten, und kaum waren sie heraus -
siehe! so stund, wie hinter einem eröffneten Vorhange das ganze schöne Tal, in
seine vielfältigen Wälle von Gebürgen und Felsenwänden, wie sie vorhin gemalt
worden sind, eingezäunt, mit etlichen kleinen schmalen Wasserkanälen durchzogen,
mit einzeln Bucketen von Obstbäumen, lichten und dunkelgrünen Büschchen, beinahe
regelmässigen Pflanzungen, frischgearbeitetem Acker, blühenden kriechenden und
aufgestengelten Gewächsen, Gruppen von Citronenbäumen mit goldnen blinkenden
Früchten, zerstreuten kleinen Hüttchen gleichsam bestreut - kurz, das
herrlichste lachendste Mosaik der Natur vor ihren Augen.
    Belphegor war überrascht, betäubt, überwältigt, hingerissen, er staunte, er
war seiner Sinnen nicht mächtig; er warf sich vor Begeisterung auf die Erde und
küsste den Boden, als den Eingang zu einem Heiligtum. So bald seine
Empfindungen weniger gewaltsam wurden, so besah er die Gegend um sich mit
unersättlicher Begierde, sah und hatte nie genug gesehn. Sein Führer ermahnte
ihn zur Eilfertigkeit, wenn er noch vor Abend bei dem Derwische anlangen wollte,
weil seine Wohnung fast an dem andern Ende des Tales liege und noch viele
Stunden erfodre, wenn sie gleich ihre Schritte verdoppeln wollten. Belphegor riss
sich, wiewohl mit einigem Widerstande, von dem entzückenden Anblicke los, um
einem noch entzückendern zuzueilen.
    Kaum waren sie die langgedehnte Anhöhe hinuntergestiegen, als sie ein
krummlaufender Gang einlud, durch einen kleinen dunkeln Hain zu wandeln, an
dessen Ende sich zwo vierfache Reihen von Pomeranzenbäumen anschlossen, die
dahinterliegende Saatfelder von Mais durch die Zwischenräume der Stämme
durchschimmern liessen. Am Ende derselben fanden sie etliche Hütten von
Baumzweigen, doch ohne Bewohner. Belphegorn befremdete diese Entweichung, und er
ward um so viel neugieriger, die Bewohner aufzusuchen. Sie giengen in der Folge
über verschiedene kleine Kanäle, die mit Obstbäumen eingefasst waren, durch kurze
ganz natürliche Wildnisse von Ahornbäumen, durch Felder mit funkelnden
Kürbissen, Melonen und andern lachenden Früchten. Schöner, als alles, war der
Zugang zu der Wohnung des Weisen: Reihen Maulbeerbäume, um die sich die
herrlichsten Weinreben mit halbreifen rötlichen lang herabhängenden Trauben
schlangen; hinter ihnen Beete mit Gartenfrüchten, besonders Melonen; darauf
Pfirschbäume mit rotschimmernden samtnen Früchten beladen, Abrikosenbäume mit
Reichtume überschüttet; die ganze Scene schlossen vier erhabne Zypressen, die
über dem lächelnden Kolorite der Fruchtbäume mit ihrem melancholischen Grün in
vier Spitzen emporstiegen und unter ihre Zweige die Wohnung des Derwisches
gleichsam wie unter Flügel nahmen. Der ehrwürdige Alte sass mit zwo Töchtern in
persischer Kleidung auf einem Steine vor seiner Wohnung und schaute mit
entblösstem Haupte nach der Sonne hin, die eben hinter dem gegenüber stehenden
Berge versinken wollte.
    Belphegor hatte ihn kaum in der Ferne erblickt, als er mit seiner Hastigkeit
auf ihn zuflog, sich ihm zu Füssen warf und mit der feurigsten Inbrunst seine
Kniee umfasste. Der Alte hub ihn lächelnd auf und nötigte ihn durch ein
freundliches Zeichen, sich neben ihm niederzusetzen. Das Gefühl einer
gegenwärtigen Gotteit könnte kaum feuriger und mehr überwältigend sein, als
Belphegors Empfindungen: er war sich seines Daseins nicht bewusst, ein Schwarm
ununterschiedner Vorstellungen und glänzender Bildern schwebten um seine
betäubte Seele, und eben so viele verwickelte Gefühle fuhren durch sein Herz.
Lange sass er, so ausser sich gesetzt, neben dem Alten, der den innerlichen Tumult
in seiner Mine las und darum ihn gerührt bei der Hand fasste, ohne sein
Stillschweigen zu unterbrechen. Endlich machte sein Gast den Anfang: er
schüttete ihm in einem Strome von persischen Worten sein Herz aus, die aber
meistens halberstickt und abgerissen hervorkamen, weil er der Sprache zu wenig
mächtig war, als dass seine Empfindungen und Gedanken die Geläufigkeit der Zunge
nicht übereilen sollten. Der Derwisch bat ihn, von seinem Wege auszuruhn und
alsdenn ein kleines Mahl mit ihm im Mondscheine einzunehmen. Belphegorn überlief
ein süsser Schauer, als er dieses hörte, und er begab sich hinweg.
    Die älteste von den beiden Töchtern führte ihn in ein Kabinet, wo sie ihm
ein reinliches Lager von Blättern mit einer Decke von einem orientalischen
Halbtuche zu seiner Ruhe anbot und zu ihrem Vater zurückkehrte. So ermattet er
war, so hatten doch die vorhergehenden heftigen Empfindungen seine Nerven zu
sehr angespannt, als dass der Schlaf sie hätte überwältigen sollen. Er lag voller
Gedanken in einem oft unterbrochnen Schlummer, und konnte endlich seinem
Verlangen nach dem Gespräche des Derwisches nicht mehr widerstehen: er sprang
auf und ging zu ihm.
    Während der Mahlzeit entwickelte es sich bald, dass der vermeinte Derwisch
ein Europäer war. - Ein Europäer! rief Belphegor voll Freuden: und aus welchem
Lande? Aus Frankreich, antwortete jener und seufzte. Aus Frankreich, das mich
mit vielen seiner Söhne undankbar ausstiess. Ich bin der Bruder der unglücklichen
Markisinn von E. - Der Markisinn von E.! unterbrach ihn Belphegor. Der
unglücklichen Markisinn, die die gräulichen Türken in vier Stücken spalteten,
dass sie grossmütig den Prinzen Amurat bei sich aufgenommen hatte! - Ein Zug
ihres Charakters! die gute Schwester! sagte der Alte. Freund! erzähle mir die
Geschichte, dass ich höre und in meinen weissen Bart dazu weine.
    Belphegor gehorchte ihm; und sein Zuhörer hörte ihre widrigen Schicksale mit
gerührter Aufmerksamkeit, erhub bei dem Ende der Erzählung seine Augen gen
Himmel, indessen ihm etliche Tränen die Wangen heruntertröpfelten: diese,
sprach er, weih ich dir!
    Aber, fieng Belphegor nach einer kleinen Pause an, wie konnte dich,
ehrwürdiger Vater, deine Flucht in diese himmlische Einsiedelei, so weit von
deinem Vaterlande führen? Du flohest Frankreich. -
    Um einer Ursache willen, unterbrach ihn der Alte lebhaft, die die Menschheit
mit ewigen Flecken brandmalt - Flecken, die keine Tränen auswaschen können. Wir
wurden Opfer der Ruhmsucht eines stolzen Monarchen,13 des eingewurzelten
Vorurteils, politischer Ränke und des Privatasses; und wurden, nach dem
öffentlichen Vorwande, der Religion, der Rechtgläubigkeit geopfert. Ich floh
nach Deutschland mit einigen meiner vertriebnen Mitbrüder, um es zu bereichern
und poliren zu helfen. Ich floh, aber mein Herz blieb in Frankreich, oder es
irrte vielmehr mit meiner S * * herum: denn unmöglich konnte ihre Liebe sie in
einem Lande zurückbleiben lassen, das ihren zärtlichen Freund verstossen hatte.
Ich lebte indessen nur zur Hälfte: ich bin von jeher ein Geschöpf gewesen, das
mehr in der Imagination als in der Wirklichkeit lebte, glücklich und unglücklich
war. Meine verlassne Liebe erzeugte bald mit Hülfe meiner Einbildungskraft eine
Melancholie in mir, die mich von aller Gesellschaft entfernte: ich lebte, dachte
und fühlte in der tiefsinnigsten Einsamkeit, und ich dachte nichts, als meine S
* *, und fühlte nichts als meine Liebe. Geschäfte und andre Verbindungen zwangen
mich häufig, meine Einsiedelei zu verlassen: ich tat es mit Widerwillen, mit
dem grössten Widerwillen, weil keine andre S * * in der ganzen schimmernden
Gesellschaft, in welcher ich, wie ein Gespenst, täglich herumwanderte,
anzutreffen war: keine, auch nicht die schönste, auch nicht die bewundertste
bewegte den Perpendickel meines Herzens nur um eine Sekunde schneller: alles
waren mir steife unnatürliche Kreaturen, die den Mangel des natürlichen Reizes
durch Kunst und Anstand ersetzen wollten, aber ihn für mein Gefühl unendlich
wenig ersetzten, durch den falschen Anstrich nur desto mehr vermissen liessen;
mein Herz fand nirgends anziehende Kraft und allentalben Widrigkeiten. Je
weniger mein Gefühl gleichsam ausgefüllt wurde, desto mehr verstärkte es sich!
und zuletzt war gar nichts mehr übrig, das nicht, so zu sagen, wie ein leichter
Span auf einem Weltmeere, darauf geschwommen hätte: gar nichts drückte sich ihm
ein. Geschwind zerriss ich alle Banden, die mich an die Menschen fesselten, und
floh eine Gesellschaft, wo ich allzeit Gelegenheit zum Misvergnügen fand, weil
kein Vergnügen meinen Foderungen gleich kam.
    Nicht lange nach dieser Entfernung von den Menschen tat ich einstmals eine
kurze Ausflucht in die Gesellschaft: ich fand ein Mädchen, das gleich bei dem
ersten Anblicke eine mehr als magnetische Kraft für alle meine Sinne hatte. Mein
Gefühl, das in meiner einsamen Periode mit der Einbildungskraft in genauere
Vertraulichkeit geraten war, erhob sich plözlich zu einer solchen Stärke, dass
ich mir selbst sagte: ich habe sie gefunden! - Ein Mädchen voll der süssesten
Naifetät, mit der aufrichtigsten Mine, die mit der Zunge und dem Herze in Einer
vollkommnen Harmonie stund, ohne Zwang, ohne studierte Höflichkeit, ohne galante
Grimassen, voll Natur, voll der unschuldigsten Natur, ohne glänzenden Wiz, aber
mit einem feinen Verstande und den gesundesten Grundsätzen geziert - alle diese
Züge leuchteten mir auf einmal mit vereinigter Kraft in die Augen. Mein Herz
wankte, alle meine Kräfte bis zu den innersten wurden erschüttert, meine
Empfindungen vom Grunde aufgewiegelt, mein Kopf schwindelte, die Augen wurden
trübe, ich schwärmte, ich schwatzte wie im Phantasieren des hitzigen Fiebers,
ich taumelte und sank - durch eine geheime Veranstaltung des Schicksals - an
ihren Busen, an den Busen des Mädchens, das jenen Tumult in mir erregte. - O
edler Freund! mein altes Herz schlägt noch jetzt hurtiger, wenn ich an das
Erwachen gedenke, das auf jenen Fall erfolgte. - Das unschuldige Mädchen
entsagte aus natürlichem Mitleide allen Foderungen des Wohlstandes und liess mich
an ihrem Busen liegen, trieb alle zurück, die mich von ihr reissen wollten. Er
ruhet hier sanft, sprach sie mit dem naifsten Tone der Guterzigkeit: er liege,
bis er wieder erwacht. - Alles sagte sie, ohne zu wissen, dass sie das
brennbarste Herz an das ihrige drückte und ein Feuer einfangen liess, das nie die
Vernunft wieder löschen würde. Ich lag an sie gelehnt; und an sie gelehnt,
erwachte ich. Himmel! welche Empfindung, als ich um mich blickte! als ich bei
meiner ersten Bewegung mit ihrem Blicke zusammentraf! Ich war nicht mehr mein:
sie verstund meine Verwirrung, wollte sie mindern und vermehrte sie. Endlich
ermannte ich mich; ich sprang auf und ging hinweg.
    Das gute Mädchen merkte genau, dass sie die Ursache meiner Unruhe und meiner
Entfernung war: aber unglücklich, dass diese Bemerkung sie selbst in die
schrecklichste Unruhe stürzen musste! Sie war schon verlobt: das ist mit Einem
Worte alles gesagt. Meine natürliche Melancholie wuchs zu der höchsten Stärke
an, ohne dass ich das Hindernis meiner Liebe wusste: alles war mir schwarz: ich
quälte mich mit selbstgeschaffnen Schwierigkeiten; ich marterte mich mit Kummer,
dass ich zu dem Besitze meiner Geliebten nicht gelangen konnte, ohne mich im
mindesten erkundigt zu haben, ob ihr Besitz unmöglich oder schwer zu erlangen
sei. Sie war arm, und eine kleine Ueberlegung wäre zureichend gewesen, meine
traurigen eingebildeten Schwierigkeiten zu zerstreuen; allein mein
schwermütiges Gefühl ergötzte mich: die Vernunft würde mir meine Glückseligkeit
geraubt haben, wenn sie es wegräsonnirt hätte. Oft genug unterbrachen es meine
Geschäfte, auf die ich zürnte, und die ich doch gut abwarten musste, wenn ich
nicht an meinem Einkommen leiden wollte. - Gott! dachte ich oft in meinen
einsamen Stunden, warum ordnetest du deine Welt so an, dass tausend geschmacklose
Geschäfte, Millionen mit der Empfindung nicht zusammenhängende Dinge den
Menschen im Wirbel herumdrehen, dass elende Berufsarbeiten die Zahl der Stunden
verringern müssen, die er in dem süssesten Schlummer des Gefühls und der
Einbildung verträumen könnte? - Freund! hast Du nie einen Mangel in Deinem Leben
empfunden, der jede fühlende Seele unvermeidlich treffen muss? - Die Natur hat
eine unendliche Menge Anlässe zur Empfindung in die Welt ausgestreut, aber zu
einzeln ausgestreut, jeder Mensch trift auf seinem Wege nur selten einen an: der
grosse Haufe, dessen Gefühl vom Sorgen und Geschäften zusammen gepresst ist,
vermisst nichts; er lässt sogar die aufstossenden Veranlassungen vorübergehn, ohne
dass eine sich an seinem Herze einhängt, und es auf sich zieht: aber der Mann,
bei dem Gefühl alle seine übrigen Kräfte überwiegt, bei dem sich, so zu sagen,
alles in Empfindung auflöst, was soll der tun, wenn er allentalben Sättigung
sucht, wenn er seine Glückseligkeit gern haufenweise verschlingen möchte, und
sie ihm doch nur gleichsam in einzelnen Bissen zugezählt wird: muss ein solcher
nicht bei der gegenwärtigen Einrichtung der Welt einbüssen? Konnte die Natur
unsern Planeten und seinen Bewohner nicht so anlegen, dass er, mit wenigem, mit
dem Notdürftigen zufrieden, seine Bedürfnisse niemals erweiterte, niemals in
die tolle Geschäftigkeit sich hineinwarf, zu welcher ihn jetzt unzählige,
unvermeidliche Notwendigkeiten hinreissen? Wäre die Welt gleich weniger tätig,
weniger lebhaft geworden, wäre sie nicht dafür glücklicher? Was nützt es, dass
jetzt jedermann eilfertig nach seinem Vorteile läuft, rennt und andre wegstösst?
Nimmt man diese unglückliche Geschäftigkeit der Welt, diese Mutter so
unzählbarer Uebel hinweg, müssen nicht alsdann alle die unseligen Leidenschaften
wegfallen, die jetzt Menschen von Menschen trennen und selbst den empfindenden
Zuschauer dieses allgemeinen Kampfjagens der Welt das Leben verbittern? Die
Menschheit ist gewiss nichts dadurch gebessert, dass sie sich zu den gegenwärtigen
Bequemlichkeiten und dem Ueberflusse der Europäer emporarbeitete, dass man nicht
mehr Eicheln, sondern die mannichfaltigen Schmierereien der Mundköche geniesst,
dass man nicht mehr auf Stroh, sondern Matratzen oder Federbetten schläft, dass
man statt des klaren Bachs in einen französischen oder venetianischen Spiegel
sieht: gewiss im Grunde nichts gebessert, nichts glücklicher! Alles hierinne
bestimmt die Gewohnheit: diese machte es, dass vormals englische Lords auf einem
Schneeballen so sanft ruhten, als jetzt ein englischer Zärtling auf dem seidnen
Kopfküssen. Nach meinem Wunsche und meiner Einbildung sollte der Mensch mitten
auf seinem Wege zur Verfeinerung stehen bleiben, wenn er auch gleich nicht auf
der ganz untersten ewig sein wollte: die Materialien der Geschäftigkeit und der
Begierden, die ihn jetzt herumtreiben, sollte vor ihm verborgen und er ein
ruhiger sanfter Hirte, höchstens ein Ackersmann bleiben: die Erde wäre nicht zu
enge für die Beibehaltung dieser Lebensart gewesen, wenn nur die Menschen nicht
die tollen Begierden besessen hätte, über und neben einander her zu kriechen:
und Freund! bei jener geringen mittelmässigen Geschäftigkeit sein Leben unter dem
Schatten der Empfindung ohne Politik, ohne Oekonomie, Jurisprudenz, Handel und
andre Vervollkommungen, die den Menschen zum kalten fühllosen Geschöpfe, leer
von Imagination und Empfindung machen, ordentlich und ruhig hinwandeln, welch
ein Glück! Welch eine Herrlichkeit, wenn ich damals für mich und meine LUCIE die
Erde so hätte umschaffen können! Wahr ist es, ich hätte geträumt: aber süsser
Traum ist doch besser als bittres Wachen. Meine Geschäfte verbitterten mir
wirklich mein Leben ausserordentlich: sie störten meine Melancholie und wurden
von meiner Melancholie gestört; und am Ende meines Härmens erfuhr ich, dass Lucie
verlobt und gar verheiratet war, dass sie an einen der verächtlichsten Männer
des Landes verheiratet war. Welch ein Donnerschlag für einen trübsinnigen
Liebhaber! Ich empfieng täglich die schrecklichsten Nachrichten von seinem
Betragen gegen sie. Der Unmensch, das unsinnigste Geschöpf des Erdbodens, das
gar nicht aus der Hand Gottes gegangen sein kann, quälte sie aus Eifersucht und
zuletzt aus blossem tyrannischen Mutwillen: er merkte, dass auf dem Boden ihres
Herzens eine Zuneigung lag, die durch die aufgezwungene eheliche Pflicht nur
niedergedrückt, aber nicht getödtet war: er merkte dies bloss, weil seine
angeborne Eifersucht; oder vielleicht das Bewusstsein seines Mangels am Verdienst
ihn voraussetzen hiess, dass sie ihn nicht ganz und jeden andern mehr lieben
müsste. Ohne die mindeste Veranlassung zu diesem Argwohne behandelte er sie, als
wenn er völlig bewiesen wäre. Er foderte eine Bedienung von ihr, die er kaum der
niedrigsten Magd zumuten konnte: sie musste ihn auf seinen Befehl die Speisen
auftragen, auf seinen Befehl fasten oder essen, ihn ankleiden und ausziehn, und
die schlechtesten Dienste verrichten, indessen dass die Aufwärterinn, die im
Müssiggange zusah, von ihm geliebkost wurde und die Rechte der Frau genoss. Der
Barbar wollte sich an seiner unschuldigen Ehefrau auf diese Art, gleichsam wie
durch Repressalien, rächen; und da sie ohnmächtig, empfindlich, zärtlich und
schwach zum Wiederstande war, so verdoppelte der Unbarmherzige seine Martern,
jemehr er wahrnahm, dass sie dadurch niedergeschlagen und gekränkt wurde. Sie kam
in die Wochen, sie wurde gefährlich krank; und während, dass sie nach Troste und
Wartung schmachtete, hetzte der Bösewicht Dachse mit seinen Hunden im Hause,
liess seine Pferde im Hofe unter ihren Fenstern herumführen und dazu trommeln,
des Nachts, oder wenn sie sonst schlummerte, plözlich Töpfe oder Flaschen vor
ihrem Zimmer entzweischlagen, oder ein andres heftiges Geräusch erregen, das sie
aufwecken musste - kurz, er marterte sie auf alle ersinnliche Weise und studierte
darauf, sie nicht allein zu quälen, sondern jede Qual noch mit einer Bitterkeit
zu begleiten, die stärker als die Qual selbst schmerzte. Er nahm ihr das Kind
und übergab es fremden Händen, wo sie es ohne die ängstlichste Besorgnis nicht
wissen konnte, da es unter den ihrigen die beste Erziehung, den nützlichsten
Unterricht hätte geniessen können. Sie bat, sie flehte auf den Knieen: der Tyrann
lachte. Sie fiel ihm um den Hals, sie badete sein Gesicht mit Tränen, sie
beschwor ihn bei der Wohlfahrt seines Kindes, bei seiner eignen Glückseligkeit,
sie nicht von ihrem eignen Herze zu trennen, das allzeit mit ihrem Kinde an
Einem Platze wohnte. Der tückische Bösewicht verbarg die Empfindung, die ihm
eine solche Bitte wider seinen Willen aufdrang: er verliess sie, gab zwar Befehl,
ihr das Kind zu überliefern, wiederrief ihn aber gleich, ehe es noch gebracht
wurde. Seine Launen waren gewiss die einzigen unter dem Himmel: er war ihr
beständiges Spiel und wurde von ihnen von einer Entschliessung zur andern
herumgeworfen; ehe er eine ausführte, riss ihn eine andere hin, so eine dritte,
und nach einem weiten Zirkel kam er wieder auf den ersten Fleck. So ging es ihm
hier: seine Tochter blieb in den Händen, denen er sie zu ihrer Verwahrlosung
anvertraut hatte, und ihre Mutter eine betrübte, ungetröstete Mutter.
    Von allen diesen Drangseligkeiten empfieng ich Nachricht, so wie sie
geschahen; und was denkst Du, das ich tun sollte, Freund? -
    Dem Henker den Kopf zerbrechen! rief Belphegor und stampfte, ihn erwürgen,
und mit dem unglücklichen Schlachtopfer auf dem Arme davon fliehn! -
    Nein, Freund meines Herzens, so hastig war ich nicht: ich nahm allen
empfindlichsten Anteil an ihrem Unstern und grämte mich in Stillen für sie, da
ich weiter nichts vermochte. Mein Kummer wollte mich tödten: die Liebe spornte
mich an, die Unglückliche zu erlösen, aber Mutlosigkeit schränkte meine
Ueberlegung und meine Kräfte ein: ich Feiger erlöste sie nicht.
    Himmel! konntest du mich nicht rufen? fuhr Belphegor hastig, wie aus einem
Traume, empor.
    Der Derwisch sah ihn lächelnd an. - Edler Mann! wo sollte ich dich suchen?
fragte er mit gefälliger Freundlichkeit.
    Belphegor besann sich und merkte, dass ihm die Schwärmerei seiner
Einbildungskraft den Streich gespielt hatte, ihn einen solchen Anachronismus
begehen zu lassen. - Nun, so fahre fort! sprach er errötend. -
    Bester Freund, sagte der Derwisch nach einer Pause, dieser einzige Zug macht
dich mir teuer. - O hätte ich dich damals gekannt, hättest du damals mit deinem
Feuer meinen erloschnen Mut wieder anzünden können, wie glücklich wäre ich
gewesen! ich wäre nicht die Speise eines heimlichen Grams geworden! - Doch das
Schicksal half schnell: der Tyrann spannte seine Folter so stark an, dass alle
Erduldung und Gelassenheit zerreissen musste. Da alle seine Erfindungskraft im
Quälen erschöpft schien, so gab ihm eine wollüstige Laune den tollen Gedanken
ein, sie nackt sehen zu wollen. Er gebot ihr, sich auszukleiden, und vor seinem
und etlicher Freunde Angesicht - wie er es nannte - à la grecque zu tanzen. Sie
wiedersetzte sich, sie stritt, sie focht: umsonst! sie wurde überwältigt: man
riss ihr die Kleider ab, man entblösste sie, und sie, die leidende Unschuldige,
stand, wie die Bildsäule der Geduld auf einem Monumente, mit beträntem Gesichte
und versteinertem Blicke da, um den Höhnereien der Unsinnigen zum Ziele zu
dienen. Sie ging verwildert hinweg und geriet in eine Verrückung, von welcher
sie, bis an ihren Tod, zuweilen Rückfälle spürte. Zween Tage lang irrte sie
zerstreut und ohne Besonnenheit im Hause herum, seufzte und sprach kein Wort;
endlich warf sie in einem Anfalle von Raserei in der Nacht verzweiflungsvoll
alle Bande der Mutterliebe von sich, vergass sich selbst und entfloh, ohne
bemerkt zu werden. Doch bei aller Verwirrung führte ihr das Gedächtnis mein
Andenken zurück: sie fühlte in sich selbst, dass sie ehmals für mich empfunden:
ihre verunglückte Liebe suchte in der meinigen Trost, und sie floh zu mir. In
dem entsetzlichsten Zustande der Verwilderung, mit herumhängenden Haaren, roten
aufgeschwollnen Augenliedern, in offner flatternder Kleidung, mit blossen Füssen
kam sie in dem fürchterlichsten Regenwetter eines Abends auf meine Stube, als
ich tiefsinnig über Mittel, sie zu retten, nachdachte. Sie fiel auf die Kniee,
sie flehte mich um meinen Beistand an: ich erkannte sie nicht, so sehr war sie
entstellt, und so wenig liess mich die Betäubung des Schreckens meine Sinne
gebrauchen. Sie stürmte, wie unsinnig, auf mich los; und noch kannte ich sie
nicht, bis sie ihren Namen nennte, bis sie an meine Liebe mich erinnerte - da
erwachte ich, aber nur wenige Augenblicke, um desto länger mit allen meinen
Kräften niederzusinken. Ihr Bild erschütterte mich bis in das Mark; in einer
todtenähnlichen Fühllosigkeit sass ich da: ich glaube, wir wären zu Monumenten
unsers eignen Kummers versteinert, wenn uns nicht mein Nachbar, der neben meiner
Stube wohnte und über die Stille, die so plötzlich das lauteste Wehklagen
unterbrach, erstaunt war, durch seine Dazwischenkunft getrennt hätte. Er hatte
Kaltblütigkeit genug, unsrer Sinnlosigkeit durch gesunde Ueberlegung zu Hülfe zu
kommen: er schlug der unglücklichen Entlaufnen einen Zufluchtsort vor, wo sie
weder Mann noch Gesetze wiederfinden sollten.
    Es geschah; und ich beschloss, mich von meinen lästigen Geschäften
loszureissen, mein Vermögen heimlich aus dem Lande zu bringen und mich in einer
hinlänglich sichern Entfernung mit ihr niederzulassen: ich wäre nicht stark
genug gewesen, ein solches Projekt zu bewerkstelligen, aber mein Freund
unterstützte mich. In einiger Zeit war alles vorbereitet, der Tag bestimmt, und
ich eilte, meinen Anschlag ins Werk zu setzen. Ich komme in das Haus, wo ich sie
abholen sollte, und wohin ich, seit ihrem Eintritte darein, nicht gehen durfte;
ich finde sie voller Erwartung und Zittern in den Armen eines Frauenzimmers, die
vor Verwundrung oder Schrecken zusammenfuhr, als ich hineintrat. Meine
Aufmerksamkeit war auf mein Vorhaben zu sehr geheftet, um sie mehr als flüchtig
zu übersehn: ich bot meiner Lucie schon die Hand, um mit ihr fortzugehn, als mir
ihre bisherige Beschützerinn die andre ergriff, und in der Sprache meines
Vaterlandes mir die Geschichte meines Lebens und meiner Liebe bis zu meiner
Flucht aus Frankreich erzählte, und zuletzt mich fragte, ob ich mich dazu
bekennen wollte. Ich erstaunte, dass sie alles dies wissen konnte, und noch mehr,
als ich in ihr - meine S * * fand. Gütiger Gott! welche Begebenheit! Zu einer
Zeit sie wieder zu finden, wo mein Herz schon ganz an ein andres geknüpft war!
Die Liebe zu ihr war zwar durch die Länge der Zeit verdunkelt, aber ihr Andenken
kehrte doch stark genug in mich zurück, um mich in einen Streit mit mir selbst
zu versetzen. Ohne Anstand sprach sie mich, da sie meine Verlegenheit gewahr
wurde, von meiner ersten Verbindung frei und kam mit mir überein, meine Liebe in
Freundschaft zu verwandeln, die Alter und Zeit bei ihr von der ehemaligen Wärme
zu einer kältern Gesetzteit herbeigebracht hätten. Sie begleitete uns eine
kleine Strecke; in kurzem war ich mit meiner Lucie an Ort und Stelle und gleich
darauf ihr Mann.
    Ich hatte die Verwegenheit, in mein Vaterland nach einiger Zeit
zurückzugehn, mich um Gelder zu bewerben, die ich dort zurückgelassen und in den
Händen meiner Anverwandten glaubte: doch wie betrog ich mich! Der Sturm der
Verfolgung hatte aufgehört zu wüten, aber sie wütete noch durch die Gesetze.
Allentalben fand ich noch Spuren der Unmenschlichkeit, allentalben hörte ich
die vergangnen Gräuel noch erzählen, bald im triumphirenden, bald im klagenden
Tone. Meine Mitbrüder, die sich noch heimlich dort aufhielten, zogen mich mit
aller Mühe von dem Ansuchen um mein Rückgelassnes ab; aber sie konnten mich nicht
zurückhalten. Ich erlangte nichts und brachte mich durch meine Zudringlichkeit
ins Gefängnis. Meine Frau und meine beiden Töchter, die mir jetzt das Alter und
die Einsamkeit versüssen, befanden sich in der kläglichsten Lage: sie mussten sich
im Verborgnen bei einem meiner guterzigen Anverwandten aufhalten, der mit der
Grimasse ein Katolik und im Herzen der aufrichtigste Hugenott war, und mich der
Willkühr einer blinden zelotischen Justiz überlassen, oder sich entdecken und
mit mir zugleich dem Aberglauben aufopfern wollte. Gütiger Gott! wie wir litten!
wie ich in meinem Kerker seufzte! Ich war schon beinahe von meinem Schmerze
aufgezehrt und tröstete mich mit meinem nahen Ende, ich war schon gegen alle
Vorstellungen von den künftigen Unglückseligkeiten meiner Familie abgehärtet,
als ich plötzlich die entsetzlichste Nachricht erhielt, dass meine Frau und
Kinder in dem Gefängnisse neben mir schmachteten. Auf einmal stürzten alle meine
schlafenden Empfindungen, wie ein Donnerwetter, über mich her und warfen
Besonnenheit, Leben und alle Kräfte darnieder: ohnmächtig lag ich da, und mein
Wärter hielt mich für todt.
    Als ich wieder zu mir zurückkam, verlangte ich nichts so angelegentlich, als
meine Familie ein einziges Mal zu umarmen und dann zu sterben: diese Güte war zu
gross, um sie mir nicht zu verweigern: meine grausamen Richter schlugen sie nicht
allein ab, sondern setzten sogar die grausame Bedingung hinzu, dass ich, um sie
nur zu sehn, um nicht sie und mich auf ewig den Ketten zu überliefern, in vier
und zwanzig Stunden das Bekenntnis meiner Väter abschwören und in den Schoos der
Kirche, dieser verfolgenden Kirche, als in den Schoos einer Mutter zurückgehn
müsste. Alles setzte mir zu, eine Heuchelei zu begehn, um einer Grausamkeit
auszuweichen. Ich überlegte und überlegte, kämpfte und stritt mit mir selbst. -
Gütiger Gott! rief ich endlich und sank auf meine Kniee, konntest du den
Menschen so schaffen, dass notwendig einer mit dem andern nicht gleichförmig
denken musste, und dass doch gleichwohl jeder sich für den einzigen Besitzer der
Wahrheit hielt, konntest du zulassen, dass einer den andern zu seiner Meinung
zwingen wollte; warum solltest du es mir als ein Verbrechen anrechnen, wenn ich
den Gesetzen deiner Einrichtung folge, wenn ich, der Schwächre, dem Stärkern
mich unterwerfe und in die Anordnung füge, die von Ewigkeit her in deiner Welt
geherrscht hat - dass der Schwächre Unrecht behielt, tun und selbst glauben
musste, was der Stärkre zu glauben gebot. Glauben kann ich nicht: aber um drei
Menschen aus einem martervollen Leben zu erlösen, um sie nicht ewig in Banden
seufzen zu lassen, um sie der Glückseligkeit fähiger zu machen, wozu du doch
jedes Geschöpf auf diese Erde, nach unsrer aller Gefühle, gesetzt haben willst -
kann ich nicht um solcher edlen Endzwecke willen, die dein eigner Wille sein und
deine Billigung haben müssen, den Stärkern ohne Sünde betriegen, tun als wenn
ich das Joch seiner Meinung annähme, und bleiben, was ich meiner Einsicht nach
sein muss? Nach den nämlichen Gesetzen der Natur, die meine Seele befolgt, wenn
sie meine Meinung für wahr erkennt, handelt auch die seinige, wenn sie der
ihrigen anhängt: du hast uns einmal so angelegt, dass unser Glaube von erlernten
Vorurteilen, Leidenschaften, unmerkbaren Neigungen und Trieben, wie eine
Marionette, regiert werden soll, was kann ICH dafür, dass mich die meinigen zur
Linken ziehn, und meine Feinde zur Rechten? Noch mehr! was kann ICH dafür, dass
meine Gegner die Stärke haben, mich nach ihrer Richtung hinzureissen oder zu
würgen? - Ich schwöre: wer von uns beiden Recht hat, weisst DU nur, du Richter
der Welt: du willst es nicht unmittelbar entscheiden; ich bleibe also bei der
Wahrheit, die mir die Notwendigkeit des Schicksals als Wahrheit aufgedrungen
hat, und entsage ihr mit dem Munde, weil ebendieselbe Notwendigkeit der
Stärkern mich dazu zwingen lässt. Wohl! mein Meineid muss das edelste Werk sein;
denn es rettet drei zur Glückseligkeit bestimmte Geschöpfe vom Elende.
    - Und du schwurst? fragte Belphegor. -
    Ja, ich tat es! und mein Gewissen hat mir noch nie einen Vorwurf darüber
gemacht: ich glaube, ich tat die nützlichste, die beste Tat. Sie machte mich
und meine Familie frei, sie brachte uns der Möglichkeit, nicht unglücklich zu
sein, näher: was konnte ich mehr? - dass meine Absicht nicht erreicht wurde, dass
wir einem Unglücke entgiengen, um in ein andres zu fallen, war das meine Schuld?
    Und, guter Mann, noch kamst du nicht zur Ruhe? unterbrach ihn Belphegor. -
    Nein, ich wurde herumgetrieben. Der Glaube der Europäer war damals in einer
allgemeinen Gährung: niemand glaubte als was er musste, und wenige glaubten, was
sie bekannten. Nirgends konnte man neutral sein: allentalben wurde man in den
Krieg verwickelt. Meine Melancholie erneuerte sich: die düstre Vorstellung, dass
ich, ein Geschöpf, das sich dem Engel gleich dünkte, nicht die Glückseligkeit
des niedrigsten Insekts geniessen sollte, dass meine Brüder um mich herum sich
zerfleischten, erwürgten, elend machten, dass sie, wie Raubtiere, einander
aufrieben, eins der entschlossne Feind des andern war und nur Gelegenheiten,
untriftige Gelegenheiten ablauerte, um die Feindschaft in Tätlichkeit
ausbrechen zu lassen - die noch schwärzere Vorstellung, dass dies der ewige Lauf
der Menschheit gewesen war, womit sich tausend andre Ideen vergesellschafteten,
die mir dieses Leben und unsern ganzen Planeten wild, öde, düster, neblicht
abmalten - ein Gemälde, das nicht bloss in meiner Einbildungskraft wohnte,
sondern das ich in der Wirklichkeit um mich, hinter und vor mir erblickte, so
bald ich nur Einen Blick aus mir selbst tat! - alle diese melancholischen
Gedanken machten meine längstgefasste Neigung zur Einsamkeit wirksam: ich
beschloss, ausser der Welt zu sein, bloss in meiner Einbildungskraft zu existiren,
für mich und meine Familie zu leben. Ich unternahm mit einem Kaufmanne, der
Geschäfte in Persien hatte, die Reise, suchte den abgelegensten Winkel und
suchte so lange, bis ich diesen Platz fand, wo mein Haupt grau geworden und meine
Schläfen eingesunken sind. Mein Gefährte war unglücklich in seinen Geschäften,
wurde geplündert, entfloh mit Mühe den Händen der Barbaren, die ihn zerstücken
wollten, fluchte der Welt und begab sich mit zween seiner Gefährten zu meiner
Gesellschaft. WIR haben diesen Platz angebauet, bepflanzt, wir haben uns in
kleine Gesellschaften geteilt; wir haben glücklich, ruhig und im Frieden
zusammen gelebt, weil wir klein an Anzahl und unsre Nahrung hinreichend war:
aber fürchterliche Aussicht, wenn dieser kleine Trupp zu einer Grösse anwachsen
sollte, die den Eigennutz anfachen und die schöne Ruhe dieses Winkels in eine
kriegerische Scene verwandeln würde! Aber vielleicht sehe ich noch selbst den
Tod diesen ganzen Schauplatz leer machen, und dann möge ein andrer tugendhafter
Trupp ihn finden und bewohnen, aber nie zu einem Volke werden! - Freund! ich
habe es dahin gebracht, wohin ich wünschte: ich habe mir in meinem Kopfe den
Menschen zu den Vollkommenheiten eines höhern Geistes erhoben, ich liess ihn in
dieser glücklichen Illusion mit den Geschöpfen der höchsten Ordnung wetteifern,
ich liebte diese Idee, ward stolz darauf und war - glücklich. Um in dieser Welt
sich zu freuen, dass man ein Mensch ist, um sich und seinem Geschlechte Würde zu
geben, um auf seine Natur stolz zu sein, muss man sich illudiren:
    man muss die Augen verschliessen, keinen Blick ausser sich tun, und dann in
süssen Schwärmereien dahinträumen. Itzt, da meine ganze Seele von ihrer Höhe und
anschauenden Kraft heruntergesunken ist, jetzt will sie nicht mehr träumen: aber
wohl mir! ich werde bald zu einem andern Traume hinüberschlummern. -
    O edler Mann! unterbrach ihn Belphegor; ich habe ebenfalls in deinem Traume
gelegen, aber das Schicksal und Akante verscheuchten ihn; und seitdem habe ich
gesehen! gesehen und gelitten! Ich mischte mich in das Gedränge und -
    »Und du bekamst Wunden und Beulen an Ehre, Vermögen und gutem Namen!«
    Noch mehr! kein Fleck ist an meinem Körper, den nicht eine Narbe brandmarkt!
und wenn ich aus dem Getümmel zur Stille kam, so verwundeten die grässlichsten
Vorstellungen meine Seele: die Welt sollte mir eine friedliche Wohnung
glücklicher Kreaturen sein, und die Erfahrung stellte sie mir als eine Höle
auflauernder Räuber vor: in dem Menschen wollte ich einen guten freundlichen
Bruder finden, und ich fand einen eigennützigen habsüchtigen Wolf. -
    »Lieber Fremdling! wenn du mit dem blossen innern Geistesauge die Erde
übersiehst, so findest du ein gewisses Leere, ein gewisses Geistliche darin,
das dir ekelt, dass du sie ein fades Werk nennen musst; gleichwohl ist es dein
Beruf auf ihr zu leben. Um das zu können, finde ich nur zween Wege: entweder
stürze dich in das Gewirre, das Getümmel der Freuden, der Geschäfte, des
allgemeinen Streites des Eigennutzes, ficht, siege oder stirb! Lass dich in dem
Wirbel des Taumels herumdrehen, ohne zu denken, ohne anders als über die
Oberfläche der Dinge zu reflektiren: zum ruhigen stillen Anschauen der Sachen,
zum Eindringen in sie lass es nie kommen! Lebe, wie die meisten Einwohner der
Welt leben, das heisst, komme nie zu dem Grade des Nachdenkens, wo du mehr als
einen kleinen Zirkel der Welt überschaust, siehe nicht über dich und deinen
Nutzen hinweg! Sei ein menschliches Tier, kein menschlicher Geist! - Oder wähle
den andern Weg: reisse dich von allen Banden los, die dich an die Menschen
fesseln, existire nur in deiner Seele, vergrabe dich in ruhige einsame Stille!
und dann alle Fittige deiner Einbildungskraft und Empfindung angespannt! lass sie
fliegen so hoch sie die Luft trägt, bis zum Aeter! überlass dich ganz den
süssesten Illusionen,14 die die Menschheit ersinnen mag, dem Glauben an Vorsicht,
Unsterblichkeit und Erhabenheit der Seele: setze deine Natur und also auch dich
selbst auf die höchste Staffel der Wesen, rücke sie der Gotteit nahe: weide
dich an diesen Schauspielen der Imagination und der Empfindung: sei mehr Geist
als Tier, lebe mehr in der Idee als in der Wirklichkeit und kenne nichts auf
der Erde ausser dir! - Einer von beiden Wegen muss dich zur Glückseligkeit führen:
du musst entweder mit der Welt rasen, oder dich von ihr trennen! Der denkende
Mann, mit starkempfindendem Herze, der nur zuweilen sich in ihr Spiel mischt und
nur selten eine Karte zugibt, der verliert allzeit an seiner Ruhe, besonders
wenn er jedesmal den Fuss zurückzieht und nachdenkt und vergleicht und erwägt. -
Ich betrat den zweiten Pfad: dich stiess das Schicksal auf den ersten, aber du
verliessest ihn, wie ich merke, du irrtest von einem zum andern, du wolltest
rasen und auch vernünftig sein; und siehe! die Stunden der Vernunft, des
Nachdenkens wurden für dich Stunden der Angst, der Beunruhigung.« -
    Weiser, ehrwürdiger Mann! rief Belphegor entflammt, führe mich auf den Weg
meiner ersten Jugend zurück, in die Gefilde der Einbildung, in welchen du bisher
gewandelt hast! Ich bleibe bei dir: ich baue statt deiner das Feld und erarbeite
meine und deine Nahrung: wenn der Abend mir den Schweis abkühlt, dann sitze ich
mit dir unter dem Schatten dieser Zypressen und schwärme mit dir in
bilderreichem Nachdenken und süssen Grillen herum; wir träumen wachend über unser
Selbst, du lehrst mich deine alte Erfahrung, wir leben in uns, mit uns, und
denken nicht Eine Minute daran, ob Kreaturen, die sich mit uns zu Einer Art
rechnen, ausser unsern Bergen einander zerfleischen, würgen, braten, rösten,
essen. Wehe euch, ihr Freunde, dass ihr noch auf der ofnen See der Welt
herumgeworfen werdet, noch nicht wenigstens eine kleine Bucht gefunden habt, die
euch vor den Gefahren sicherte, wenn ihr gleich das tolle Spiel der Welt mit
ansehn müsstet. - O wüsstet ihr, welchen Hafen ich hier entdeckt habe, der mich
vor Stürmen, selbst vor dem Anblicke der Stürme verbirgt, wie würdet ihr über
mein Glück frohlocken und eilen, es mit zu geniessen! Kommt, kommt! Meine Arme
sind offen, weit ausgebreitet, euch zu empfangen! Hier wollen wir in seliger
Entzückung, wie gekrönte Streiter, die Wunden zählen, die wir erfochten haben. -
    Die Freude riss ihn so heftig hin, dass er den Alten umarmte, küsste und nicht
aus seinen Armen lassen wollte. Mitten unter diesen Freudensbezeugungen hub sich
der Alte empor und sprach mit ernster Mine: Freund, noch eine Pflicht ist mir
übrig - eine traurige aber doch süsse Pflicht: begleite mich! Du kanst empfinden;
Du wirst also kein überflüssiger, kein müssiger Zeuge davon sein. -
    Belphegor staunte voller Erwartung, als die beiden Töchter den Alten unter
die Arme fassten und ihn seitwärts durch einen gekrümmten Weg in ein dunkles
Zypressenwäldchen führten, das jedem, der hineintrat, einen heiligen Schauer
entgegen sandte: durch die Spitzen der Bäume fiel düstrer Mondschein auf den Weg
und auf einzelne Plätze zwischen den Bäumen, wo ihn eine zufällige Öffnung
durchliess: Stille herrschte überall und weit sah das Auge in eine langgedehnte
Dü-sternheit hinab, die aber der Blick mehr vermuten als sehen liess. Der Greis
ging stillschweigend fort bis zu einem Steine, wo er sich seufzend niedersetzte
und mit einem Tone, der Tränen vermuten liess, zu Belphegorn sprach: Itzt,
Freund, will ich Dir ihre Geschichte erzählen, dann tröpfle ein Paar Tränen auf
diesen Stein! und wir gehn. - Eines Morgens kurz nach unsrer Ankunft in diesem
Tale, als die frischeste Heiterkeit die ganze Natur belebte, sass ich, meine
Lucie im Arme, auf diesem Stein und freute mich mit ihr über die Ruhe, die wir
genossen, und die Drangsale, denen wir entgangen waren, und waren so zufrieden
und liebten uns in der glücklichsten Trunkenheit und Vergessenheit unsrer
selbst; wir dachten auf den Plan, wie wir unser kleines Feld bepflanzen, und
diesem freigebigen Boden unsre notdürftige Nahrung abgewinnen wollten. - Siehe!
rief sie und wies auf ein blühendes Gewächs, das zwischen den Bäumen stund, auch
dieses müssen wir pflanzen; es lacht so lieblich; wer weis, welche heilsame
Kräfte es in sich verbirgt? Lass uns versuchen! So sprach sie und langte darnach.
Nein, sagte ich und hielt sie zurück, lass mich lieber zuerst sehn; wäre es Gift,
es könnte dich tödten. Wie könnte, erwiederte sie, unter einem so einladenden
Blicke tödtendes Gift verborgen sein? ich pflanze es um unser Haus, wäre es auch
nur um seiner reizenden Blüte willen. - Sie pflückte einen Zweig ab, kostete
die Frucht der herabhängenden Schote und fand ihren Geschmack weniger schön als
die Mine, aber doch nicht übel. Sie kostete noch einmal, und dann wieder, gab
mir davon, ich konnte aber nichts geniessen. Ich bat nochmals, die Frucht
wegzuwerfen; allein sie fand den Geschmack süsser und angenehmer, je mehr sie
genoss. Wir beschlossen, die Pflanze zu versetzen, sprachen und ergötzten uns an
künftigen Einrichtungen noch lange Zeit. Plözlich verstummte sie, entsank sich
windend meinem Arme, ich fasste sie auf, rief; umsonst! alle Glieder zitterten
mit konvulsivischer Bewegung, die Muskeln des Gesichts verzerrten sich in
schreckliche Minen, sie schluchzte noch einige unvernehmliche Worte, starrte
dahin und - starb.
    Er verstummte, und die Geschichte selbst lehre den Leser seine Empfindung. -
    Mitten in der Nacht als die ganze kleine Kolonie in dem tiefsten
sorgenlosesten Schlafe lag - denn vor welchem Eigennutze sollten sie in der
abgesondersten Einsamkeit sich fürchten? - weckte Belphegorn plözlich ein
Getöse, das immer mehr sich verstärckte, und näher rückte: er hob sich empor und
wurde von einem Widerscheine erhellet, der die schrecklichste Feuersbrunst
ankündigte. Er sprang auf, schaute herum und erblickte Wohnungen und Bäume vom
Feuer ergriffen, und zahlreiche Truppe mit lodernden Harzfackeln über die Ebnen
hinstreichen, um die Verwüstung noch weiter auszubreiten. Er erschrak, wollte
seinen Freund retten, wurde inne, dass seine Hütte beinahe schon niedergebrannt
war, vermutete, dass er das Opfer der Flammen geworden sei, dachte an sich und
floh.
    Der Ueberfall geschah von einem Truppe Einwohner, die jenseits der Berge
zunächst angränzten. Die Ruchlosen vermuteten, dass Niemand einen so
beschwerlichen Weg, wie Belphegor, unternehmen könne, wenn ihn nicht wichtige
Reichtümer lockten: da ihnen der Mann etwas ausländisch vorkam, so war der
nächste Einfall, ihn für einen Zauberer zu erklären, der durch geheime
Wissenschaften in den Bergen verschlossne Schätze in der Ferne gespürt habe und
jetzt gekommen sei, sie abzuholen. Aus dieser Ursache versammelten sie sich
sogleich als der vermeinte Schatzgräber seinen Weg in das Gebürge antrat,
folgten ihm heimlich nach und beschlossen, seine Rückkunft mit den Schätzen zu
erwarten: da ihnen aber einfiel, dass der Mann, als ein Zauberer, wohl seine
Rückreise auf geflügelten Drachen oder mit einer andern Art von Hexentransporte
veranstalten könnte, so änderten sie weislich den Plan und fassten den Schluss,
ihn noch die nämliche Nacht mit Feuer, als den sichern Waffen wider alle
Zauberei anzugreifen, wiewohl sie auch noch die menschenfreundliche Nebenabsicht
hatten, ihn vermittelst desselben aus seiner Wohnung hervorzuscheuchen, sich die
Schätze zeigen zu lassen, und ihm alsdann zur Belohnung die verdammten
Zaubergebeine zu Asche zu verbrennen. Noch mehr wurden sie in ihrer Meinung
bestärkt, da der zurückkommende Wegweiser ihnen das empfangne Geld zeigte und,
um seine Erzählung interessanter zu machen, hinzusetzte, dass ihm dieses der Mann
durch einen Schlag mit seinem Stabe aus der Erde habe hervorspringen lassen.
Jedermann brannte vor Verlangen auf diese Nachricht und sah schon aus jedem
Flecke, worauf er trat, Silber und Edelgesteine hervormarschiren, besichtigte
jedes besondere Steinchen und vermutete unter jedem abgefallnen Blatte eine
verdeckte Kostbarkeit. Sie warteten in einem Hinterhalte, bis der Zauberer
schlafen würde, wo seine Kräfte nicht wirken könnten, und führten ihr
schreckliches Stratagem aus. Sie zündeten die Hütten des Derwisches an, der
wegen langer Sicherheit ungewohnt worden war, Feindseligkeiten von Menschen zu
besorgen, und mit seinen Töchtern verbrannte, ehe sie ihr trauriges Schicksal
wahrnahmen. Belphegor erwachte, ehe das Feuer seine Wohnung verheerte und
entrann in den nahen Wald, indessen dass die Feinde an der brennenden Hütte des
Derwisches und den übrigen lauerten, um den herauskommenden Zauberer zu
erhaschen: sie lauerten, bis alles niedergebrannt war, sie lauerten bis zum
Morgen: der Zauberer erschien nicht, weswegen sie vermuteten, dass er durch die
Lüfte entwischt sei, und da sie sich nicht getrauten, ihm auf diesem Wege
nachzusetzen, so verfluchten sie ihn, giengen unwillig fort, machten eine
Einteilung von den Schätzen, die sie hätten bekommen können, und prügelten sich
tapfer herum, wenn einer zu habsüchtige Ansprüche machte: so nahm die Komödie
doch wenigstens ein würdiges Ende. -
    So sind meine schönen Hoffnungen abermals zerstäubt? rief Belphegor, als er
sich ein wenig gesammelt hatte. Ich wollte erst anfangen zu träumen, und habe
schon ausgeträumt! dass doch jede Glückseligkeit auf diesem elenden Planeten
vorüberfliegender Traum ist, und nur die Leiden nicht! - So will ich wenigstens
die Umstände brauchen, wie sie sind: kann ich in diesem Winkel nicht mit meinem
ehrwürdigen Freunde glücklich leben, so will ichs ohne ihn tun. Hier in diesen
Bergen will ich wohnen, die Früchte der verscheuchten und getödteten Bewohner
geniessen, und dann Tod! dann in deiner Umarmung glücklich werden! -
    So beschlossen, so getan. Er schlich schüchtern zu den Wohnplätzen zurück,
fand alles verheert, verwüstet, verbrannt und keine lebendige Seele. Die wenigen
Früchte, die er antraf, reichten auf einige Tage hin, und so eifrig er die Hülfe
des Todes vorhin wünschte, so bekümmert war er jetzt, da ihr Termin so nahe
herbeirückte. Er machte schon verschiedene Anschläge, wie er sich mit dem
vorhandnen Vorrate beladen und aus den Gebürgen hinausbringen sollte. - Allein,
sprach er endlich unmutsvoll, ob mich der Hunger oder die Menschen tödten!
Sollte ich ihrer Grausamkeit gar den Gefallen erzeigen und mich von ihnen
umbringen lassen? Nein, hier sterbe ich! Hier, Tod, erwarte ich deinen
hülfreichen Schlag! -
    Mit dieser Entschliessung setzte er sich unter einen Baum und wartete voller
Verlangen auf den Tod. Mitten unter seinen Erwartungen hörte er das Geräusche
eines Fusstrittes, hielt es für einen Feind, und weil er schlechterdings nicht
von Menschenhänden umgebracht sein wollte, so sprang er auf und floh. Der andre
sezte ihm nach und erhaschte ihn: in der ersten Hitze, ehe sie einander
erkannten, taten sie sich ein Paar Feindseligkeiten an, und wurden endlich zu
ihrem Leidwesen gewahr, dass sie sich unnötige Wunden gemacht hatten. Es war
einer von der Kolonie des Derwisches, der Belphegor bei diesem gesehn hatte und
also wohl schliessen konnte, dass ihn Eine Ursache mit ihm in die Flucht getrieben
habe. Sie verständigten sich hierüber, und Belphegors erste Frage war alsdann,
wo der Derwisch hingekommen sei.
    Er ist nebst seinen beiden Töchtern zu Pulver verbrannt, war die Antwort.
Ich habe in den Ruinen seiner Wohnung ihre Gebeine gefunden, gesammelt und dort
unter jenem frischen Erdhügel verscharrt. -
    So verscharre mich neben ihm! unterbrach ihn Belphegor; denn ich will
sterben, hier auf diesem Flecke sterben. -
    Der andere tat etliche unmassgebliche Vorschläge, wie sie wohl mit Ehren
beide noch länger leben könnten, und ermahnte in dieser Rücksicht Belphegorn,
mit ihm sich durch das Gebürge durchzuarbeiten, französische Kaufleute
aufzusuchen und dann nach Frankreich zurückzukehren.
    Nein, ich will sterben! rief Belphegor. In Frankreich sind Menschen; wo die
sind, ist man unglücklich: ich will sterben. -
    Sein Freund sezte ihm mit seiner ganzen Beredsamkeit zu, weil ihm daran lag,
einen Gefährten zu seiner Reise zu haben, und brachte es endlich so weit, dass er
wenigstens seine Vorschläge in Erwägung zog. - Wir wollen als Gaukler, als
Leute, die Merkwürdigkeiten zeigen, herumziehn, bis wir in eine Stadt kommen, wo
uns die Zuflucht zu einem Konsul meiner Nation offen steht: - das war sein
Vorschlag. - Belphegor weigerte sich, wollte sterben, willigte drein und blieb
leben.
    Sie versorgten sich mit allem, was sie tragen konnten, traten den Weg an und
Belphegor sandte einen schwermütigen Seufzer in das verwüstete Tal zurück, als
sie in den Wald hineintraten, um es nie wieder zu erblicken.
    Sie sannen nunmehr auf Projekte, wie sie die Neugierde der Perser reizen und
ihnen für eine kleine Belustigung den Unterhalt abgewinnen könnten. Nachdem
vieles Nachdenken verschwendet war, so brachte Belphegorn ein Einfall darauf,
die Geschichte Alexanders des Grossen nach seinem Tode zu malen, und sie als ein
den Persern höchst interressantes Schauspiel für Geld zu zeigen: - versteht
sich, dass die Vorstellung nicht zum Vorteile des Macedoniers ausfallen sollte.
    Belphegor war nun einmal geschworner Feind der Eroberer und aller, die
jemals zum Würgen und Morden Anlass gegeben hatten: weil er beständig wider sie
zürnte, so wollte er schon vor vielen Jahren in einer unwilligen Laune, sie
insgesammt der öffentlichen Verachtung aussetzen, doch glücklicher Weise hatte
er die Idee aufgehoben, um izt sein Brod damit zu verdienen.
    Die Komposition des Gemäldes war erfunden, und man schritt zur Ausführung;
aber zur grössten Bestürzung wurde man gewahr, dass man zum Malen Leinwand und
Farbe brauche und doch kein Geld bei der Hand habe, um diese Materialien
anzukaufen. Belphegors Gefährte wusste Rat zu schaffen: er schlich des Abends in
ein kleines Dorf, kam zurück und überbrachte seinem Gefährten, so viel er für
nötig erachtete, was er aller Wahrscheinlichkeit gemäss gestohlen haben musste:
es wurden Farben aus Wurzeln gepresst, aus Erden zubereitet, die Leinwand
aufgespannt, das Palet ergriffen und das Ganze meisterlich ausgeführt. Belphegor
konnte etwas zeichnen und sein Gefährte hatte es ehemals gekonnt: dieser wenigen
Talente ungeachtet, brachten sie doch ein Werk zu Stande, dem man wenigstens mit
Hülfe einer deutlichen Erklärung ansehn konnte, was der Künstler auszudrücken
gemeint gewesen war. Dies Meisterstück der Kunst wurde auf Stangen
zusammengerollt getragen und jedem neugierigen Auge zur Ansicht geöfnet, sobald
dafür etwas bezahlt war.
    Ein neues Hindernis! Beide waren nicht stark genug in der Landessprache, um
ihr Gemälde mit der gehörigen Flüchtigkeit der Zunge redend zu machen: und
gleichwohl war eine wörtliche Erklärung mehr als Licht und Schatten in ihrem
Werke. Sie machten indessen einen Versuch. Belphegor erzählte in dem nächsten
Dorfe den erstaunenden Zuhörern mit lauter Stimme von dem Wütrich, dem bekannten
Alexander, der ganz Persien bezwungen, und versprach ihnen zu zeigen, wie dieser
Erzfeind des persischen Namens nach seinem Tode zur verdienten Strafe gezogen,
wie sein Körper zerstückt und in die niedrigsten Gestalten verwandelt worden,
und wie er zulezt mit seinem übermütigen Stolze sei gebraucht worden, um ein
Mauslöchlein zuzustopfen u.s.f.
    Niemand wusste etwas von diesem Blutunde, dem Alexander: den Ali kennen wir
wohl, sagten die Anwesenden, welcher hochgelobt und gepreist sei. Andre
glaubten, dass er den Ali lästern und von ihm so schändliche Aergerlichkeiten
erzählen wolle. Diese machten dem Schauspiele ein plözliches Ende, huben Steine
auf und bombardirten auf Gemälde und Künstler los, dass beide nicht ohne Löcher
davon kamen: sie ergriffen die Flucht und besserten, als sie sich in Sicherheit
sahen, Tapete und Malerei wieder aus.
    Die Leute sind hier zu devot, sagte Belphegor. Freilich muss man Plätze
suchen, wo schon ein gewisser Luxus herrscht, und wo die Menschen nicht mit
ihren Bedürfnissen zu sehr beschäftigt sind, um am Vergnügen Geschmack zu
finden. Dummheit und Devotion müssen Leute, die für den Geschmack und die
Philosophie arbeiten, wie das Feuer vermeiden.
    Sie giengen in eine kleine Stadt, aber auch hier wusste niemand etwas von dem
grossen Alexander, doch sah man, um das Bedürfnis der Langeweile zu befriedigen,
die wunderbaren Schicksale des todten Halbgottes auf der Leinwand an. Sie
schauten also erstlich: wie dem seinwollenden Halbgott Alexander und grossen
Menschenwürger die Würmer aufm Leib herummarschiren und jedes sein Portionlein
abzwackt. - Ferner schauten sie: wie von dem grossen Alexander und Erzfeind der
Perser ein Teil in den Magen eines Schweins übergeht. - Die Idee, sieht man
wohl, war sehr moralisch, und Belphegor bedeutete sein Auditorium dabei, dass die
Teilchen Materie, die ehemals den Alexander ausmachten, als er Persien
schändlicher Weise bekriegte, nach seinem Tode zerflogen und verschiedenen
Menschen, Pflanzen und Tieren zu Teil geworden wären. Er liess daher seinen
Helden unter einer Eiche begraben liegen, seine Bestandteile in den Baum
aufsteigen und zu Eicheln werden, dann unter dieser Gestalt in den Magen einer
Sau hinuntersteigen, von dieser seinen Ausgang nehmen, einen Fleck düngen, zu
Flachse aufwachsen und in dieser Form von einem alten babylonischen Weibe
gebraucht werden, um ein Mäuseloch zu verstopfen. Auf ähnliche Weise musste ein
andrer Trupp von seinen Bestandteilen eine Reise tun, so ein dritter und noch
mehrere, und jede Reise endigte sich mit einer höchstunangenehmen Herberge. - -
So viel sinnreiches und wahres die Erfindung auch entielt, so konnten die
Einwohner doch nicht viel Belustigung daran finden, weil sie nichts davon
begriffen; besonders wollten sie nichts mit dem Alexander zu tun haben, der nie
einem unter ihnen den Kopf entzwei geschlagen hatte, und ihnen also auch nicht
bekannt war: der Gewinnst war ungemein geringe.
    Sie machten einen dritten Versuch in einer grössern Stadt: abermals
Unwissenheit! keine Seele wusste nur Eine Sylbe vom Alexander; man konnte ihn
nicht einmal aussprechen. Sie stellten sich auf einen Marktplatz, wo das Volk
sich um einen Gaukler aufmerksam versammelt hatte, den es aber sogleich
haufenweise um der Neuheit willen verliess, als die beiden Europäer ihre Stangen
hoch in die Luft aufrichteten. Man wurde durch den Anblick der Gemälde nicht
sonderlich ergötzt, man gähnte: indessen hatte der Gaukler es doch einmal übel
genommen, dass er durch die Ankunft dieser Leute einen Verlust an Zuschauern
erlitte; er hörte also kaum die erste Sylbe von dem Namen des Alexanders, als
er, um sich zu rächen, unter die Menge das Gerüchte ausstreute, dass diese
Ruchlosen den grossen Propheten Ali verspotten und lächerrlich machen wollten: das
Volk, das ohnehin wegen seiner betrognen Erwartung wider die Europäer
eingenommen war, fieng bald Feuer, gab eine Salve Steine und Knittel auf die
Gemälde, stürmte darauf los, eroberte und vernichtete es unter dem lautesten
Jubel. Ein Glück war es, dass der Pöbel Gelegenheit fand, seine Wut an der
fühllosen Leinwand zu sättigen: denn während dieser Raserei erwischten die
beiden Europäer eine Öffnung in dem Gedränge, durch welche sie wohlbedächtig
hindurchkrochen und mit leidlich heilen Gliedmassen zum ersten Tore
hinausliefen.
    O Wohnung des Neides und des Unglücks! rief Belphegor; hässliche Erde! Auch
in dem niedrigsten Gewerbe ist Krieg! findet sich Gelegenheit für Menschen,
einander missgünstig zu verfolgen! O Erde, du Wohnung des Neides! - Freund! was
sollen wir nun tun? -
    Betteln! sagte der Gefährte seines Unglücks.
    Betteln! schrie Belphegor und seufzte. -
    Nicht anders! Weg mit dem Stolze! Unverschämteit her! das ist jetzt unsre
notwendigste Brustwehr.
    Belphegor stiess einen Valetseufzer an den Stolz aus, liess sich von seinem
Freunde die Haare abschneiden und wanderte mit ihm auf gutes Glück hin.
    Die Lebensart war nicht wenig einträglich für sie: doch für Belphegorn
weniger als seinen Gefährten, weil dieser die Kunst der Unverschämteit besser
inne hatte. Belphegor tröstete sich damit, dass er sein schlechteres Fortkommen
einer höhern natürlichen Würde zuschrieb, und sein gesicherter Stolz hielt den
Neid zurück. Plötzlich wandte sich durch einen Zufall das Glück. Der
zurückgesetzte Belphegor geriet auf den Einfall, das Frauenzimmer zu seiner
Goldmine zu machen, und bediente sich dabei der bekannten Wünschelrute - der
Schmeichelei: jeder, die er ansichtig wurde, sagte er eine Süssigkeit - je
hässlicher sie war, je stärker gab er die Dosis - und er lebte im Ueberflusse.
Sein Gefährte war schon zu sehr gewohnt, einen Vorzug vor ihm zu haben, als dass
er sich jetzt so ruhig von ihm überholen lassen sollte: es kam ihm als ein
Eingriff in seine Rechte vor, sein Neid wurde rege, und da er ihm nichts
entgegenzusetzen hatte, so wuchs er täglich im Stillen, bis er mit Sturm
ausbrach. Er suchte Ursache zum Zwiste, und wie leicht kann jedem in dieser Welt
damit gedient werden! Er fand sie, Belphegor gab nach, bis er endlich durch den
Ungestüm des Andern gleichfalls erhitzt wurde; es wurde offner Krieg, worinne
Belphegor den Kürzern zog: sein Gefährte plünderte ihn, und versetzte ihn in
einen Zustand, dass er ihm nicht sogleich nachfolgen konnte, entfloh und trennte
sich von ihm auf ewig.
    Belphegor lag mit blutendem Gesichte und halbgelähmten Lenden an einem
kleinen Flusse, wo er abermals über Welt und Menschen sein Klagelied sang und
von den Beschwerlichkeiten des vorigen Treffens ausruhte. Endlich da er weiter
nichts vor sich sah, als seinen Weg und sein Bettlergewerbe fortzusetzen, stund
er unwillig auf und hinkte längst des Flusses hin.
    Nach einer kleinen Strecke stiess er an ein Frauenzimmer, das an einem
Scheidewege auf einem Steine sass und ihn schon in der Ferne mit den wollüstigen
Geberden bewillkommte: er merkte also leicht, dass es eine von den orientalischen
Schönheiten war, die ihre Reize auf den öffentlichen Strassen selbst verhandeln.
Sein Mut war zu sehr gesunken, um an ihren Einladungen Teil zu nehmen: er
ging also ungerührt vorüber und würdigte sie kaum eines Seitenblickes. Sie
folgte ihm und beunruhigte ihn mit den Bemühungen, sein Felsenherz zu erweichen,
so lange bis er unwillig sie zurückwies: sie verfolgte ihn unaufhörlich. Um
wenigstens die Qual ihrer Zudringlichkeit zu mindern, bat er sie, ihm den Weg
zur nächsten Hauptstadt zu zeigen, welches sie gern tat, weil der nämliche
Platz für ihre Geschäfte der vorteilhafteste war, und unterwegs, da sie durch
seine Offenheit gleichfalls offen geworden war, unterhielt sie ihn mit ihrer
Geschichte, den Beschwerlichkeiten ihres Handwerks und ihrem Ekel dafür. Sie
bewies besonders bei dem letzten Punkte eine Empfindsamkeit, die sie ihrem
Begleiter merkwürdig machte, und versicherte, dass sie nichts als die äusserste
Not in eine der schändlichsten erniedrigendsten Lebensarten gestürzt habe, die
sie hasste und verfluchte, und nur, um nicht zu verhungern, emsig betreiben
müsste. - O, setzte sie hinzu, Schicksal! du bist der Schöpfer unsrer
Vergehungen!
 
                                  Achtes Buch
Belphegors Begleiterinn fieng ungeheissen an, ihm etliche Stücke ihrer Geschichte
mitzuteilen, und zwar mit dem Tone eines geheimen Kummers, der sich öffnen
will, um sich zu erleichtern: allein ihr Zuhörer war mit seinen eignen
trübsinnigen Gedanken zu sehr beschäftigt, um von ihrer Erzählung interessirt zu
werden. Sie fuhr demungeachtet ungehindert fort und versicherte, dass der ganze
unübersehliche Faden ihrer grausamen Schicksale von einem gewissen FROMAL
angesponnen sei, dem sie dafür allen Fluch des Himmels und der Erde zur
Belohnung anwünschte.
    Belphegor fuhr auf und sah sie unbeweglich an. Von einem gewissen Fromal!
rief er, wie aus einem Traume erwachend.
    Ja, von diesem schändlichsten aller Bösewichter, der mich verleitete, einen
gewissen BELPHEGOR zum Hause hinauszuwerfen -
    Einen gewissen Belphegor! unterbrach sie ihr Gefährte erschrocken, doch ohne
sich zu verraten, ob er gleich merkte, mit wem er zu sprechen die Ehre hatte.
    Sie erzählte ihm hierauf mit geläufiger Zunge ihre ganzen Schicksale bis zu
der grossen Wolkenreise,15 wo sie von ihrem versöhnten Liebhaber und seinem
Freunde Medardus getrennt wurde, und zwar mit den nämlichen Umständen, unter
welchen meine Leser ihren Bericht bereits vernommen haben. Belphegor konnte
daraus nichts anders schliessen, als dass die Geschichte wahr und sein Freund
Fromal ein treuloser Freund sei, der ihn doppelt hintergangen, als er ihn nach
seiner Verweisung aus Akantens Hause beruhigte, und als er ihm die Ursachen
herrechnete, warum er zu seiner Vertreibung etwas beigetragen hatte. Er nährte
schon lange einen bittern Unwillen wider alles, was menschlich heisst, bei sich,
und glaubte um so viel leichter, dass sein Schluss richtig, und Fromal, wie alle
Menschen, ein Bösewicht sei.
    Während dass er mit einer geheimen melancholischen Freude dieser Meinung
beifiel, fuhr Akante in ihrem Berichte fort und erzählte ihm, dass sie von ihrer
Wolkenfahrt in die Türkei herabgelassen worden sei und sich, um ihrem gänzlichen
Mangel abzuhelfen, an einen reichen Kaufmann als Sklavinn verhandelt habe.
    Mein Herr, sagte sie, ward meiner bald überdrüssig: so sehr ich selbst nach
dem Verluste meiner hauptsächlichsten natürlichen Schönheiten in Europa gefiel,
so wenig wurde dieser fühllose Türke von meiner marmornen Hand und meinem schön
lackirten Gesichte gerührt, das leider! jetzt nur noch Ruinen seiner vormaligen
Schönheit aufzuweisen hat. Er verkaufte mich an einen Herrn, der sich besser
darauf verstand, weil er ein Paar elende Goldstücke bei dem Handel gewinnen
konnte. Mein neuer Herr nahm mich in sein Serail und verkaufte mich in etlichen
Wochen an MULAI JASSEM, einen Handelsmann aus Antiochien; MULAI JASSEM verkaufte
mich an ABI NIZZA nach Bagdad; ABI NIZZA überliess mich seinem Bruder, dem ABI
ESSER: ABI ESSER, ein aufbrausender Mann, ward zornig auf mich, warf mich zum
Hause hinaus, liess mich wieder zurückholen, um mir hundert Peitschenhiebe
mitzuteilen, und vertauschte mich gegen ein schönes kastanienbraunes Pferd an
einen Franken,16 der mich endlich in die Hände eines persischen Herrn brachte,
eines der mächtigsten Herrn im Königreiche; und ich wurde unter die Zahl seiner
Beischläferinnen aufgenommen. Ob er gleich aus besondern Absichten nur zwei
Weiber hatte, so war doch sein Haus ein beständiger Schauplatz des Zanks und
Tumultes: es teilte sich in zwo Faktionen, die einander tödtlich hassten und mit
aller Erfindungskraft auf Mittel sannen, ihren Hass zur Tätlichkeit werden zu
lassen: Sklaven, Sklavinnen, alles hatte den Groll von seiner Gebieterinn
angenommen und verfolgte sich, als wenn es seine eigne Angelegenheit wäre.
Vorzüglich äusserte sich diese Feindschaft bei der Geburt eines Kindes; die eine
von den beiden Weibern war ganz unfruchtbar, und die andre hingegen hatte ihrem
Herrn schon drei Kinder geboren: ein solcher Vorzug war des bittersten Neides
wert. Als diese Glückliche zum viertenmale niederkam, so biss sich ihre
Neiderinn vor Zorn und Unwillen bei der ersten Nachricht davon so heftig in die
Unterlippe, dass man sie ablösen musste, um eine Entzündung des ganzen Gesichts zu
verhindern. Kaum hatte sie den Schmerz ausgestanden, als ihr die Rachsucht den
grausamen Entschluss eingab, die Wöchnerinn nebst ihrer Frucht im Bette zu
verbrennen: sie gab ihrer Partei Befehl dazu, die mit der grössten
Bereitwilligkeit eilte, ihn zu vollstrecken. Im Augenblick loderten die Flammen
in ihrem Zimmer und allen Ecken hervor, ergriffen die nächst daran stossenden,
verbreiteten sich weiter, und in wenig Minuten war der ganze Palast in Rauch und
Flammen gehüllt: man rettete sich, wie man konnte, und mit dem grössten Teile
der Sklavinnen entlief ich, um ein leichter Joch zu finden, als das wir bei
unserm gegenwärtigen Tyrannen zu tragen hatten: doch wir wurden von etlichen
Verschnittnen eingeholt, gemustert und bis auf eine kleine Anzahl verkauft, bei
welcher Gelegenheit ich in die Hände des grossen mächtigen FALI geriet, um die
Aufwärterinn einer seiner Beischläferinnen zu werden. Er hatte dem Sultan,
seinem Herrn, wichtige Dienste im Kriege getan und noch vor kurzem etliche
Provinzen erobert, weswegen ihm sein Herr mit vieler Achtung und Schonung
begegnete. Einer von den Feldherren, der mit ihm eine gleich lange Zeit gedient
hatte und es höchst übel empfand, dass ihm das Glück weniger gewogen war und ihn
etliche Stufen niedriger in der Gunst seines Despoten sitzen liess, hielt sich
für verpflichtet, einen solchen Mann zu hassen, zu verfolgen, und wo möglich,
unter sich zu erniedrigen. Er suchte jede Gelegenheit anzuwenden, ihn seinem
Herrn verdächtig zu machen; und keine glückte ihm. Seine Missgunst stieg zu einer
solchen Höhe, dass es ihm genug war, seinen Nebenbuhler zu stürzen, wenn er
gleich selbst in seinen Fall mit hinabgezogen werden sollte. Unter den vielen
fehlgeschlagenen Listen erfand er endlich eine glückliche, wobei ICH die
Hauptrolle spielte.
    Als ich eines Tages dicht an den Mauern des Harems Feldblumen für meine
Gebieterinn suchen musste, so näherte sich mir ein alter Evnuche und versprach
mir gleich bei der ersten Anrede, mein Glück auf ewig zu machen, wenn ich mich
in ein Verständnis von der äussersten Wichtigkeit mit ihm einlassen wollte. Ich
wurde neugierig, und er verlangte von mir, dass ich mich schlechterdings in die
Gunst des FALI einschmeicheln und zu der Ehrenstelle einer wirklichen
Beischläferinn erheben lassen müsste. Wie kann ich das? fragte ich. - Dafür lass
mich sorgen! war seine Antwort: gieb mir nur dein Wort, dass du dich zu allen
Schritten, die die Sache erfodert, gehorsam bequemen willst, ohne jemals
zurückzuweichen oder furchtsam vor Schwierigkeiten zu erschrecken, die sich dir
in Menge entgegenstellen werden. Ueberlass dich meiner Führung, und folge an
meinem Arme jeder meiner Bewegungen ohne Widerstreben nach! In wenig Wochen
sollst du im Triumphe auf dem Gipfel stehen, von welchem deine Gebieterinn itzo
auf dich herabsieht. - Ich versprach, ihm in allem zu gehorsamen: und sogleich
verliess er mich, ohne mir das mindeste von dem Gange seines Anschlags zu
entdecken. Ich war erstaunt, ich sann nach, und ging voll unruhiger Erwartung
und Erstaunen mit meinen Blumen in den Palast zurück. Ich musste jeden der
folgenden Tage Blumen suchen; ich glaubte jedesmal den alten Evnuchen zu finden,
um etwas bestimmteres von meinem bevorstehenden Glücke zu erfahren: allein statt
seiner kam den dritten Tag der grosse Fali und eine kleine Weile darauf der alte
Evnuche, der uns aber bald wieder verliess, nachdem er mir einen verstohlnen Wink
gegeben hatte, die Gelegenheit zu nützen. Ich nahm die schönste unter meinen
Blumen, überreichte sie ihm demütig und warf mich vor ihm nieder. Herr, sprach
ich, siehe in Gnaden das geringe Geschenk deiner Magd an und verschmähe nicht
die Gabe ihrer Hände! - Er befahl mir aufzusehn, und versicherte mich sehr
freundlich, dass ich Gnade vor seinen Augen gefunden hätte, worauf er mir zu
meiner Arbeit zurückzukehren gebot und mich verliess. Ich pflückte gedankenvoll
weiter und fand in diesem Rätsel alles unauflöslich: ich brachte vier und
zwanzig Stunden in der quälendsten Ungewisheit zu, bis der alte Evnuche zu mir
kam und mir das Geheimnis zum Teil entwickelte. Du sollst, sagte er mir, von
Stund an zur Beischläferinn des erhabnen Fali, des grossen Feldherrn ausgerufen
werden, und sogleich wirf die Sklavenkleider von dir und ziehe dieses Gewand an,
das dich mit deiner bisherigen Gebieterinn in gleichen Rang setzt, und, wenn du
klug genug bist, meinen Ratschlägen getreulich folgst und die nötige
Vorsichtigkeit gebrauchst, dich an die Spitze des ganzen Harem emporheben wird.
- Ich zog das kostbare Kleid an, gelobte ihm den unverbrüchlichsten Gehorsam und
folgte ihm, worauf ich in ein schönes möblirtes Zimmer kam, das mir nebst
etlichen andern zu meiner Wohnung bestimmt war: die für mich bestellten
Verschnittene und Sklavinnen empfiengen mich und stunden auf jeden meiner Winke
in Bereitschaft: - kurz, ich war die geehrteste glücklichste Bewohnerinn des
ganzen Harems und in der Gunst meines Herrn die oberste.
    Guter Mann! Du weisst es vielleicht aus eigner trauriger Erfahrung, dass der
Neid unmittelbar in die Fusstapfe tritt, wenn die Grösse den Fuss von ihr aufhebt:
ich erwartete ihn und trug ihn daher desto standhafter. Meine vorige Gebieterinn
setzte den ganzen Harem wider mich in Aufruhr; ihre ehemaligen Feindinnen -
welches alle ihres gleichen waren - wurden jetzt die auserlesensten Freundinnen,
die sich mit ihr zu meinem Untergange verschwuren. Der alte Evnuche stellte mir
die Grösse der Gefahr oft vor Augen, da ich sie ohne ihn nicht einmal erfahren
haben würde, so versteckt waren alle Minen, die mich sprengen sollten, ermahnte
mich zu vorsichtiger Standhaftigkeit und schwur mir teuer zu, dass mich nicht
der mindeste Stoss von der angelegten Untergrabung treffen werde, weil ER mein
Beschützer sei. Sein Wort war mir um so viel sichrer, weil ich wusste, dass er der
Liebling unsers Herrn war und so viel über ihn vermochte, dass auch die Neigungen
des grossen Fali von dem Willen und der Billigung dieses alten Geschöpfes
abhiengen: alle Unternehmungen wider mich giengen also fehl, nur die einzige,
die unglücklichste unter allen wäre beinahe gelungen - man trachtete mir nach
dem Leben. Weil man nirgends zum Zwecke gelangen konnte, so liess man die Decke
meines Schlafzimmers allmählich so zerwühlen und die Befestigung derselben so
locker machen, dass sie unfehlbar herunterfallen und mich tödten musste. Ob man
gleich bei diesem mörderischen Anschlage die nötigsten Maasregeln ergriffen
hatte, um den völligen Einsturz zu veranstalten, wenn ich den Untergang nicht
vermeiden konnte, so kam doch der Zufall ihren weisen Veranstaltungen zuvor, und
warf die Decke mit einem gewaltigen Krachen hernieder, als ich eben auf den
glücklichen Sofa in den Armen des grossen Fali in der vollsten Empfindung lag.
Der Feldherr, der über diese Störung seines Vergnügens ergrimmte, forschte nach
dem Täter; denn man fand deutliche Spuren, dass Kunst gebraucht worden war, den
Fall zu befördern: er forschte mit aller Strenge nach ihm, doch ohne ihn zu
entdecken. Diese Fruchtlosigkeit seiner Bemühung liess ihm eine Verschwörung
vermuten, in welche, wo nicht das ganze Harem, doch wenigstens der grösste Teil
desselben verwickelt sein musste: teils um zu strafen, teils um abzuschrecken,
liess er ein schreckliches Blutbad anrichten, das die Hälfte des Serails und mit
derselben auch meine vorige Gebieterinn wegnahm. Ich bat, ich flehte; aber der
rasende Fali war unerbittlich und ruhte nicht eher als bis er die
Zusammenrottung in Strömen Menschenblut ersäuft hatte.
    Kurz nach diesem grausen Auftritte entzündete sich ein neuer Krieg: alles
war in Zwietracht; und mein alter Evnuche berichtete mir, dass ER der einzige
Urheber dieser Unruhen sei und sie zu Beförderung seiner Absichten nie erlöschen
lassen dürfe. - Und welche sind das? fragte ich neugierig. - Absichten,
erwiederte er, deren Reife herannaht. So höre dann! Den Mann, in dessen Umarmung
du bisher die süssesten Empfindungen der Liebe geschmeckt hast, sollst du
stürzen. - Ihn? fuhr ich auf: ihn, von dessen Händen ich Glück und Wohlsein
empfieng, der mich auf die oberste Staffel seiner Gunst erhob, ihn sollte ich
stürzen? Undankbar will ich nimmermehr sein. - So stürze dich! war seine kalte
Antwort. Wähle zwischen seinem und deinem Untergange! - Ich wollte Einwendungen
machen und Fragen tun, aber er schnitt mir meine Rede gerade zu ab, verbot mir
alle Declamationen und befahl mir zu wählen, und dann zu hören, was ich gewählt
hätte. Keine Verlegenheit kann in der Welt grösser gewesen sein, als die meinige
damals: sich selbst, oder seinen Wohltäter schaden müssen, ein trauriger
Wechsel! Ich gehorchte dem Verlangen meiner Selbsterhaltung und bezeigte mich zu
den Anschlägen des bösen Evnuchen bereitwillig, der mich alsdann durch den
schrecklichsten Schwur die Bewahrung des Geheimnisses angeloben liess. Der grosse
EDZAR, fieng der Bösewicht an, der Nebenbuhler unsers Herrn, hat mich zu der
Ausführung seiner Absichten ausersehen; ich habe mich ihm verpflichtet und muss
schlechterdings seinen Auftrag zu Stande bringen. Er gebot mir eine von den
niedrigsten Sklavinnen in die Gunst des Fali zu bringen, deren Glück in meiner
Gewalt wäre, und die also entweder sich in unsre Entwürfe fügen oder ihrer
eignen Erhaltung entsagen müsste: ich wählte dich dazu, und du hast dein Glück
dem Glücke eines andern vorgezogen, was man leicht voraussehn konnte. Vernimm
also was dir weiter zu tun obliegt! Der grosse mächtige Herr deines Herrn wird
dich von ihm verlangen: es wird ihm schwer werden, und ich will machen, dass es
ihm unmöglich wird, dich zu missen, eben so wie der Feldherr Edzar es bei seinem
Herrn dahinbringen wird, dass es ihm unmöglich ist, dich nicht zu besitzen. Der
erhabne Herrscher aller Herrscher wird über die Verweigerung deines Herrn
ergrimmen, und siehe! so ist sein Fall gewiss, und du wirst zu der Umarmung des
mächtigsten Regenten erhoben.
    Die so lange vorher ausgesonnene Bosheit wurde ihrer Ausführung täglich
näher gebracht: in kurzer Zeit hatte der tückische Edzar seinen Herrn beredet,
dass ich die grösste Schönheit des Orientes sei, und diese Ueberredung war
hinreichend, ihn bis zum Unsinne in mich verliebt zu machen, ob er mich gleich
nie gesehn hatte. Er verlangte mich schlechterdings zu besitzen, und erwartete
nichts weniger, als dass sein getreuer Knecht Fali seinen Wünschen den mindesten
Wiederstand entgegensetzen werde! je mehr dieser wankte, dem Verlangen seines
Herrn zu gehorsamen, je mehr feuerte der alte Evnuche seine Liebe an, je mehr
suchte er ihm glauben zu machen, dass er ohne mich der unglücklichste Sterbliche
sei, und sich daher den ungerechten Zumutungen seines Herrn gerade zu
wiedersetzen müsse: der alte Bösewicht, um den Untergang seines Herrn desto
schneller zu befödern, riet ihm sogar, den Antrag der Härte und Unwillen
abzuweisen. Auf der andern Seite blies Edzar die Leidenschaft des Despoten
unermüdet an, und die beiden Alten, der König und sein Feldherr Fali, waren wie
zween gierige Raubtiere, die sich auf die Aufmunterung und Loshetzung jener
beiden Verbrecher um mich, ihre Beute, hassten, verfolgten und lieber gar gewürgt
hätten. Der König musste meinen Herrn schonen, wenn er sich nicht der Gefahr
eines Aufruhrs aussetzen wollte: denn Fali war der Liebling aller Soldaten, die
ihn, wie ihren Vater, vor jeder Verletzung zu sichern suchten und für seine
Erhaltung ihre eigne verachtet hätten. In dieser quälenden Verlegenheit griff er
nach der List und wollte mich durch verdeckte Wege aus den Händen des
widerspenstigen Fali reissen: Edzar erfuhr seinen Anschlag und begünstigt ihn.
Man legte an dem Teile des Palastes, wo ich wohnte, Feuer an, und wenn ich
mitten durch die Flammen mich retten würde, so sollten mich einige Auflaurer
auffangen und dem Könige überliefern. Der alte Evnuche, der von allen diesen
Ränken völlig unterrichtet war, liess zwar die Flammen ungehindert auflodern und
mich eben so ungehindert von meinen Entführern davontragen, allein auf seine
Veranstaltung wurden einige von den königlichen Aufpassern eingefangen und vor
dem Fali gebracht, der mit der Wut eines Löwen wider seinen Herrn tobte,
Schätze, Palast, Weiber und alles der Willkühr der Flamme überliess, und davon
eilte, um mich zurückzuholen, oder alles zum allgemeinen Aufstande aufzuwiegeln
und dann seine Beleidigung mit Blute zu rächen. Er raste wie sinnenlos, und Zorn
und Rachsucht machten seine Liebe zu mir stärker als sie wirklich war: er lief,
ohne zu wissen wohin, indessen dass ihm der Dampf von seinem verbrennenden
Vermögen nachrollte. Wem er auf seinem Wege begegnete, dem erzählte er mit der
äussersten Hastigkeit seine Geschichte, und jeder war schon auf seiner Partei,
ehe er ihn noch dazu ziehen wollte: in kurzer Zeit verbreitete sich der Tumult
allentalben, Soldaten und andre Einwohner eilten in vermischter Ordnung einher,
und alles rief: es lebe Fali! es sterben alle seine Feinde! - Der beleidigte
Feldherr selbst war an ihrer Spitze und schnaubte vor Zorn und Rache: das
Scharmützel fieng an und wurde bald zur offnen Schlacht. Man erwürgte sich, man
schlug sich blutig, man hieb sich nieder, mir und dem Fali zu Ehren. Der Sieg
schien ungezweifelt für den Feldherrn, als plözlich seine ganze Partei sich von
ihm trennte und ihn der Wut seiner Gegner überliess, die ihn gefangen nahmen.
Dieser plözliche Unfall war Edzars Veranstaltung, der unter dem Hintertrupp von
Falis Verfechtern das Gerüchte ausstreuen liess, dass ihr Anführer in einer
entlegnen Strasse grosse Gefahr laufe, in die Hände der Feinde zu fallen: sogleich
stürzte sich der getreue Trupp an den Ort, wohin sie das falsche Gerüchte rief;
die Uebrigen, die dies für Flucht hielten, folgten ihnen zum Teil nach, um sich
mit ihnen zu retten, zum Teil um die Entflohenen zu ihrer Schuldigkeit
zurückzubringen. Diese Trennung verursachte bald allgemeine Unordnung und
Verwirrung: dieser fürchtete sich, jener zürnte, dieser tobte, jener stand vor
Zerstreuung untätig: ein jeder wurde durch eine Leidenschaft von der Gegenwehr
abgerufen, die Feinde drangen ein, trieben sie fort umringten den verlassenen Fali
und brachten ihn vor seinen Herrn, der ihn gern mit dem Blicke vor Wut getödtet
hätte und ihn sogleich den gräulichsten Martern übergeben liess.
    Nunmehr, da der Sturm vorüber war, hatte er Musse, die Schönheit in
Betrachtung zu nehmen, die ihn veranlasst hatte: ich wurde zu ihm geführt. War es
Unmut und böse Laune oder entsprach meine Gestalt seiner überspannten Erwartung
nicht! - ich missfiel ihm im höchsten Grade, so sehr dass er mich von zween
Evnuchen zum Serail hinauspeitschen liess und sogleich Befehl gab, dem Edzar, der
die Wollust seines Herrn so unverantwortlicher Weise zu der falschesten
Erwartung verführt hatte, den Kopf glatt vom Rumpfe herabzusäbeln. -
    Da sieht man doch, dass die Vorsicht noch lebt! würde Freund Medardus
ausrufen - sprach Belphegor, ohne zu überlegen, dass dies ein Mittel sein könnte,
sich vor der Zeit zu verraten: allein Akante war zu sehr in ihre Geschichte
vertieft, um sich ein solches Anzeichen nicht entwischen zu lassen. Sie hielt
sich also bloss an das Wesentliche des Ausrufs und fiel ihm hastig ins Wort: -
Ja, so würde ich auch denken; aber warum musste denn der unglückliche Fali
umkommen, der treu für seinen Herrn gefochten und eine niederträchtige
Beleidigung nicht als ein feiges Lamm erdulden, sondern den Urheber derselben
mutig bestrafen wollte? warum liess da deine Vorsicht nicht lieber den Streich
des Fali gelingen, der in seinem Herrn ein grösern Bösewicht gezüchtigt hätte
als Edzar war? -
    Belphegor wollte antworten, aber sie liess ihn nicht zum Worte: in Einem
unaufhaltsamen Strome fuhr sie zu fragen fort. - Warum musste ich, die ich zu dem
gottlosen Anschlage hingeschleppt worden war, die ich wie eine leblose Maschine
dabei gleichsam fortgestossen wurde, warum musste ich ärger als Edzar, der
gottlose Anstifter des Verbrechens, behandelt werden? Mit Einem kurzen Hiebe war
sein Leben und seine Marter aus: aber ich Elende wurde von zween wilden Evnuchen
zum Serail unter tausend empfindlichen Hieben hinausgetrieben, dem Schmerze, dem
Kummer, der Dürftigkeit und allen nur erdenklichen Unglückseligkeiten übergeben;
ich musste vier und zwanzig Stunden lang unter freiem Himmel, allen Unfällen der
Witterung ausgesetzt, mit einem von Blute unterlaufnen Rücken liegen, durch die
Barmherzigkeit eines Fremden in ein Haus gebracht, geheilt und durch seine
plözliche Abreise mitten in der Kur dem Elende von neuem ausgesetzt werden, ich
musste von Almosen leben und die meiste Zeit hungern, ich musste endlich, um
weniger zu hungern, mich der Willkühr eines jeden überlassen und - - hier
verstummte sie.
    Alles verdiente Strafen! fuhr Belphegor hastig auf, für die lahme Hüfte, die
du mir - - hier besann er sich: denn Akante sah ihn sehr ernstaft und
bedenklich an; und weil ein Argwohn leicht Gründe zur Gewisheit findet, so
erblickte sie, aller Unkenntlichkeit ungeachtet, ungemein viele Aehnlichkeit in
den Gesichtszügen des Mannes mit demjenigen, dem sie ehemals lahme Hüften
gemacht hatte. Sie hielt es wenigstens der Mühe wert, einem Versuch mit einer
Anfrage zu tun; und da ihr ehmaliger Liebhaber ein Bettler war, so konnte sie
nichts dabei verlieren, sich ihn unter den Charakter einer Hure darzustellen.
Sie sah ihn immer steifer an, sagte die ersten Sylben seines Namens, bis sie ihn
ganz heraussprach, und der gute Mann aus angeborner Aufrichtigkeit es ihr länger
nicht verhelen konnte, dass ER es war, den sie nannte. Beide, obgleich keins vor
dem andern viel voraus hatte, schämten sich mit ihrem Reste von europäischem
Gefühle, sich in so traurigem erniedrigendem Zustande widerzufinden. Hätte auch
gleich kein Ueberbleibsel von Liebe mitgewirkt, so wäre die Gleichheit des
Elends und ihrer Abkunft schon kräftig genug gewesen, sie für einander anziehend
zu machen: doch mitten unter den Empfindungen, die ihre Wiedererkennung
begleiteten, konnte Akante nicht vergessen, dass ihr bisheriges Ungemach eine
Folge von den Hüftenschmerzen sein sollte die sie Belphegorn gemacht hatte,
besonders da Leute, die viel gelitten haben, alle Beispiele wider die Billigkeit
der Vorsehung begierig auffangen, um sich gleichsam für ihr ausgestandnes
Unglück dadurch an ihr zu rächen.
    Was? rief sie; so vieles Herzeleid soll ich durch zween oder drei
Ribbenstösse verdient haben, die ich dir, verblendet von unwillkührlicher
Leidenschaft und von Fromals ruchloser Ermunterung angetrieben, ohne deinen
grossen Schaden gab? indessen dass Edzar, dieser überlegene studierte Bösewicht,
mit Einem leichten Schwertiebe davon kam, und sein niederträchtiger Herr, der
keine Sonne ohne eine Tat der Grausamkeit untergehen liess, noch lebt und in
hohem Wohlsein über Persien herrscht? - Welche Proportion? Oder hat vielleicht
mein ganzes Geschlecht schon vor der Geburt lahme Hüften gemacht, dass es unter
diesem ganzen Himmelsstriche zur elendesten Sklaverei verbannt ist? schon von
dem ersten Augenblicke seiner Existenz dazu verdammt ist? Warum ist mein ganzes
Geschlecht von ewigen Zeiten her der Jochträger des eurigen, eurer Bedürfnisse,
eurer Bequemlichkeit, eurer üblen Laune gewesen? Wodurch hat es eine solche
Zurücksetzung unter das eurige verdient? - Nichts als seine unglückliche
Schwäche warf es in die allgemeine Unterdrückung! Uebersieh alle Zeiten und
Länder! Musste die Gattung vernünftiger Kreaturen, die ihr in Europa als Engel
anbetet und vielleicht durch Schmeicheleien einschläfern wollt, damit sie euch
ihre Ueberlegenheit nicht fühlen lassen, der schönste Teil der Schöpfung nicht
beständig dienen, in jedem Verstande dienen? und nicht bloss dienen, sondern der
Sklave des rohen grausamen stärkern männlichen sein? Allentalben war dies, den
einzigen kleinen Punkt ausgenommen, auf welchem wir das Leben empfiengen, und
auch hier noch vor wenigen Jahren. Ihr Männer konntet in der tollsten Raserei zu
Tausenden nach einem kleinen Striche steinichten unfruchtbaren Erdreiches laufen
17 und Tod und Gefahren in jeder Gestalt entgegengehn; ihr konntet euch um eines
leeren Titels, einer einfältigen Grille: eines blendenden Nichts, würgen,
zerfetzen, verstümmeln: und doch kam keiner noch auf den edlern Vorsatz, das
weibliche Geschlecht in allgemeine Freiheit zu setzen. Schämt euch, ihr Elenden!
Um euern verfluchten Durst nach Golde, nach Ländern, Titeln oder andere noch
niedrigere Leidenschaften der Rache, der Zanksucht, des Neides zu sättigen,
macht ihr, so oft es euch beliebt, die Erde zum Schlachtfelde und wisst euren
unmenschlichen Taten tausend schimmernde Mäntel umzuhängen und tausend
glänzende Anstriche von Edelmut, Grossmut, Menschenliebe, Patriotismus zu
geben: doch für das Geschlecht: das euch mit Schmerzen gebar, wagtet ihr nie
einen Schritt! vergosst ihr nie einen Tropfen eures menschenfeindlichen Blutes!
Wohl den guten freundlichen Rittern, die während der Barbarei unsers
vaterländischen Himmelsstrichs sich über alle Vorteile und Rücksichten des
Eigennutzes emporschwangen und mit der Lanze in der Hand, von dem einzigen
Triebe der Ehre und Menschenliebe begeistert ausgiengen, die Banden der
weiblichen Knechtschaft zu zerbrechen und rohen Unterdrückern des schwächern
Geschlechts die Köpfe zu zerspalten! Wohl ihnen, sie waren die edelsten Krieger,
die jemals die Waffen ergriffen: deren Namen in alle Felsen des Erdbodens mit
unauslöschlichen Zügen hätten eingegraben werden sollen, und welche die
Verewigung mehr als alle berüchtigte Länderverwüster, Städtezerstörer und
Menschenwürger verdient hätten. O dass ihr geheiligter Staub nicht hier unter
meinen Füssen ruht! dass die Stätte unbekannt ist, die ihre edlen Gebeine bewahrt!
Jedes Mitglied des weiblichen Geschlechts sollte zu ihnen eine Wallfahrt tun
und sie mit Blumenkränzen und Räucherwerke ehren: jedes Mädchen sollte ihnen die
ersten Locken weihen, jede an ihrem Hochzeittage ihnen ein Fest feiern. Dann
würde einem unter euch vielleicht das eiskalte Blut genug erwärmt werden, um
nach einem ähnlichen Lorber zu streben: dann würde ein solcher Preis vielleicht
die Tapferkeit einiger ruhmsüchtiger Waghälse beleben, sich zu der grössten
Unternehmung zu vereinigen; dann würden Schaaren von edlen Streitern den
nüzlichsten Kampf wagen, mutig über Seen, Berge und Schlünde hineilen, um in
Norden und Süden, in Osten und Westen die Ketten zu zersprengen, womit mein
Geschlecht an das Joch der männlichen Unterdrückung angeschmiedet ist. O Freund!
hättest du Geist und Feuer genug, so könnten WIR zuerst diese Lorbern
einerndten! so könnten wir, wie der entusiastische Peter18 über den Erdboden
hinfliegen und Kaiser, Könige und Fürsten aufmuntern, dem halben Teile der
Menschheit Friede, Ruhe, Freiheit und Glückseligkeit zu erkämpfen! Komm, Freund!
Lass uns jeden, der Macht hat, das schwarze Gemälde der weiblichen Sklaverei mit
den schauderndsten Farben vor die Augen halten, und wer dann keinen Sporn in
seinem Herze fühlt, den treffe Fluch, den verzehre der Donner des Himmels! den
Feigen! den Nichtswürdigen! -
    Belphegorn schauderte bei dieser lebhaften Deklamation, und er fühlte in
seinem Kopfe so etwas, als wenn seine Einbildungskraft anfienge Feuer zu fangen;
sein Herz schlug gleichfalls schneller, und in allen seinen Adern regte sich
seine vorige Tapferkeit: allein zu Akantens Begeisterung konnte er sich doch
nicht erheben, um das Missliche und Phantastische in der vorgeschlagnen
Unternehmung nicht zu fühlen. Die ganze Sache war: Akante hatte kurz vor ihrer
Zusammenkunft mit Belphegorn von einem ihrer Liebhaber, weil er ihr seine
Erkenntlichkeit nicht besser zu beweisen wusste, eine grosse Schachtel mit Opium
empfangen, wovon sie in der Geschwindigkeit eine ziemliche Portion verschluckte,
die ihre Nerven zu jenem Schwunge der Begeisterung anspannte, dass sie ein
solches phantastisches Projekt entwerfen und Belphegorn mit solcher
Lebhaftigkeit zur Ausführung antreiben konnte.
    Da sie endlich nach vielen Zunötigungen gewahr wurde, dass ihr
Gesellschafter nie genug befeuert werden konnte, so bot sie ihm in einer Art von
Trunkenheit das Mittel an, das bei ihr eine so wirksame Kraft geäussert hatte. -
Nimm, sprach sie, und iss! Diese Frucht muss deiner Einbildungskraft Flügel
ansetzen, sie muss dich über dich selbst emporschwellen: nimm, iss! und wenn du
dann zu der wichtigen Unternehmung dich nicht hingerissen fühlst, so bist du
nicht wert, dass du aus der Brust deiner Mutter einen Tropfen Blut empfiengst. -
    Der glühende Belphegor nahm den angebotnen Opium und verschluckte eine grosse
Menge, die in kurzer Zeit eine flüchtige Anspannung aller seiner Gefässe
veranlasste, dass seine Imagination aufbrauste; und in diesem Taumel gab er
Akanten die Hand, schwur ihr einen teuren Eyd, und nichts war gewisser, als dass
sie beide, wie irrende Ritter, zu der Erlösung des weiblichen Geschlechts
auswandern wollten. Da sie in einem Lande waren, das ihnen Gelegenheit genug
anbieten konnte, ihre ritterliche Tapferkeit zu üben, so sollte das
Kriegsteater zuerst dort eröffnet werden. Sie fiengen den Zug an, und ihre vier
Arme dünkten ihnen in ihrer stolzen Berauschung so stark als hunderttausend zu
sein, weswegen sie nicht die mindeste Bedenklichkeit hatten, ohne Hülfstruppen
mit dem ganzen Oriente allein fertig zu werden. Sie rückten an den nächsten Ort
an, drangen mit Geschrei in ein Haus und verlangten von dem Manne die Befreiung
seines Weibes und seiner Töchter aus der häuslichen Sklaverei. Der Mann, der
weder ihre Anrede noch ihre Foderung verstand, aber doch aus ihrem Betragen
schliessen konnte, dass sie nichts weniger als in friedlichen Absichten zu ihm
kamen, hielt es für ratsam allen Gewalttätigkeiten vorzubeugen, weil es noch
in seiner Macht stünde, setzte sich zur Gegenwehr, und seine Weiber, zu deren
Erlösung unsre Helden ausgereist waren, gesellten sich zu ihnen wider ihre
Befreier, die sie mit Faustschlägen, Nägelkratzen und andern Waffen zum Hause
hinauskomplimentirten, vor der Türe liessen und in Friede und siegreich wieder
in ihre vier Mauern zurückkehrten.
    Teils von ihren ritterlichen Taten und den empfangenen Schlägen, teils
von der Ueberspannung des Opiums ermüdet, blieben sie beide auf dem nämlichen
Flecke liegen, wohin sie der letzte feindliche Stoss versetzt hatte, und im
kurzen waren sie in dem tiefsten Schlaf, worinne sie unter den schwärmerischsten
Träumen und Entzückungen bis zum Morgen verblieben.
    Als sie erwachten; sahen sie sich voller Verwundrung an einem Orte, den sie
vor ihrem Schlafe niemals gekannt hatten, entdeckten voller Verwundrung Beulen
und geronnenes Blut eins in des andern Gesichte; erblickten mit Erstaunen Spuren
eines Scharmützels, dessen Folgen sie deutlich fühlten, ohne dass sie nach ihrem
lebhaftesten Bewusstsein dabei gewesen waren. Das ganze kriegerische Projekt,
wovon sie eine mislungene Probe geliefert hatten, war bis auf das kleinste
Sylbchen aus ihren Köpfen verflogen: sie sannen, aber ihr eigner Zustand blieb
ihnen ein unauflösliches Rätsel, weswegen sie ohne ferneres Kopfbrechen sich
von der Erde erhuben und bedächtlich ihren Weg antraten.
    Sie bettelten und waren bei diesem Gewerbe ehrlich und redlich in die
chinesische Tartarei hineingeraten, wo neue Unfälle auf sie warteten.
Bekanntermassen herrscht noch der völlige Naturkrieg unter dem tartarischen
Himmel, und eben damals hatten die NUNNI, weil sie an ihren Plätzen Langeweile
hatten, sich es einfallen lassen, einen Spatziergang von etlichen funfzig Meilen
zu den HIUTSCHIS zu tun und sie aus ihren Wohnsitzen herauszutreiben: die
HIUTSCHIS, welche einmal auf Gottes Erdboden existiren sollten und zu ihrer
Existenz Platz brauchten, taten den NIUNGIS ein Gleiches und nötigten sie,
ihnen zu weichen: die NIUNGIS rächten sich dafür an den ALDSCHEHUS; allein diese
waren so halsstarrig tumm, nicht weichen zu wollen, welches die NIUNGIS, die
ihrentwegen einen so weiten Weg nicht umsonst getan haben wollten, so übel
nahmen, dass sie alle umzubringen beschlossen: da dieses aber nicht so schnell
von statten gehen wollte, als sie anfangs vermuteten, und sogar ihnen selbst
den Untergang zu drohen schien, so waren sie zeitig genug so klug, dass sie
Friede anboten und den ALDSCHEHUS einen Plan vorschlugen, wo sie sich auf
Unkosten ihrer Nachbarn für die Köpfe entschädigen konnten, die sie ihnen nicht
entzweigeschlagen hatten. Die ALDSCHEHUS ergriffen begierig eine so schöne
Gelegenheit, ihrem Schaden beizukommen, und wanderten mit ihnen zu den
MOGOLUTSCHIS, die sie bis auf das kleinste Kind dem Vergnügen ihrer Tapferkeit
aufzuopfern gedachten: allein die MOGOLUTSCHIS waren klüger als ihre Angreifer,
und entwischten ihnen, weil sie sich ihrer ungleichen Kräfte sehr wohl bewusst
waren. Eine solche unverantwortliche Vereitlung aller ihrer Absichten machte sie
höchst unwillig, dass die MOGOLUTSCHIS ihre Hälse zu lieb hatten, um sie sich von
ihnen zerbrechen zu lassen, und die vereinigten ALDSCHEHUS und NIUNGIS fassten in
ihrem Grimme den rühmlichen Vorsatz, alle ihre tartarischen Nebenmenschen, deren
sie nur habhaft werden könnten, bis auf die Wurzel zu vertilgen. Sie hielten
Wort: sie schweiften nach allen Himmelsgegenden zu, und welches Menschenkind in
ihren Weg geriet, das hatte gelebt. Durch diese erhabne Tapferkeit brachten sie
es in wenig Jahren dahin, dass in einem weitläuftigen Distrikte keine Spur von
Gottes Schöpfung mehr anzutreffen war.
    Gerade zu einer Zeit als man eine Trophee von Erwürgten errichtet hatte,
führte das Schicksal unsre beiden Wanderer unter Mühseligkeiten und Hunger
dahin: ihre Kleidungen waren sehr abgenutzt, sie hielten es also für dienlich,
sie auf der Stelle von den Fragmenten, die an den Leichnamen hiengen, so gut zu
rekrutiren als es die Umstände erlaubten. - Wohin sollen wir nun? fragte
Belphegor. Wir wollen gehn, bis uns der Hunger tödtet, es sei wo es wolle.
    Kaum hatte er den Entschluss gefasst, als sie ein Trupp NIUNGIS umringte und
auf ihre bittenden Zeichen, besonders wegen ihres friedfertigen ausländischen
Aussehns, mit sich zu ihrem Oberhaupte schleppte, der ihnen bei dem Truppe zu
bleiben verstattete und sie dem Hauptanführer seiner Nation als eine Seltenheit
vorzustellen gedachte.
    Die Märsche waren übermässig schnell und eilfertig: sie wurden durch etliche
vereinigte feindliche Horden getrennt, und diese hatten die Bosheit, den Trupp,
zu welchem unsre Europäer gehörten, zu verfolgen, bis ihn ein Morast von der
Gefahr der Nachsetzung befreite, wo der grösste Teil desselben stecken blieb und
starb. Unsre Europäer waren mit einigen Tartarn seitwärts in einen Wald
gesprengt, wo sie der Feind ruhig liess und zu andern erhabnen Kriegstaten
wieder umkehrte.
    Belphegor und Akante hatten nebst ihren Gefährten einige Zeit in dem Gehölze
zugebracht; als diese sie plötzlich verliessen und durchaus nichts mehr mit ihnen
zu schaffen haben wollten.
    Trauriges Schicksal! rief Belphegor. Trauriges Schicksal! rief Akante; und
beide wollten mit aller Gewalt sterben: sie baten den Tod inständigst, mit ihren
Körpern die Raubtiere der dortigen Gegend zu bedienen, aber der Tod war taub:
sie erblickten Früchte, langten zu, erquickten sich und wurden durch die
einzelnen Stämme der Bäume Wasser gewahr, giengen darauf zu und fanden -
offenbares Meer. Vielleicht, sprach Belphegor wieder auflebend, vielleicht hat
uns hier über diese Fluten der Himmel einen Weg gebahnt, um in das köstliche
Europa wieder zurückzukehren. Lebe auf, Akante! Hier ist der Weg in unser
Vaterland. Alles, was ich dort ausgestanden habe, von deinen Hüftenstössen bis
zum Aufhängen unter den Lettomanern, ist nichts gegen die Schmerzen, die ich in
andern Weltteilen habe ertragen müssen. Wenigstens kann man dort ruhiger
Zuschauer von dem allgemeinen Kriege bleiben und so leidlich ohne Schmerzen
leben, wenn man sich nicht in das tolle Spiel der Welt mischt, wenigstens die
Leute nicht einen vernünftigern Weg führen will, als sie selbst zufälliger Weise
oder aus eigner Wahl eingeschlagen haben. Ich sehe es wohl - leider zu spät! -
dass ich selbst, von meinem warmen zelotischen Herze und von übertriebner
Rechtschaffenheit verleitet, Millionen Schmerzen auf mich geladen habe: aber
wohl mir! dieses Meer führt mich nach Europa zurück, und da will ich mit dir,
Akante, die gemeinschaftliches Ungemach an mich fesselt, glücklich leben: denn
Erfahrung hat mich auch klug gemacht, mein Feuer ist verdampft, und selbst der
Neid der Menschen soll mir meine Rechnung auf ein ruhiges zufriednes Leben nicht
verderben. - Akante! freue dich! Unser Schicksal heitert sich auf.
    Akante, die diese Aufheiterung in der Entdeckung eines offnen weiten
unbekannten Meeres nicht finden konnte, blieb ungerührt und beschloss mit einem
Seufzer und dem Ausrufe: trauriges Schicksal!
    Auch warteten sie wirklich lange auf den gehoften Beistand des Himmels und
die Ueberfahrt nach Europa, nährten sich kümmerlich mit gesammelten Früchten und
Wurzeln, bis endlich die Saiten der Hoffnung schlaff wurden, und der Mut
gleichfalls. - Trauriges ungerechtes Schicksal! - dabei blieb Akante und
beschloss verzweiflend, sich in die See zu stürzen. - Lass mich voran! rief
Belphegor. Gab mir die Natur das Leben und doch keine Mittel es zu erhalten, so
werfe ich die unnütze Last von mir und sterbe. - Mit diesem Worte sprang er
unaufgehalten in die Flut: allein ein Rest von Liebe zum Leben oder eine andere
Ursache machte, dass er sich unbewusst im Wasser, ohne zu sinken, fortarbeitete
und nach dem Ufer zuschwamm, wo er ganz durchnässt und kraftlos sich auf das
Trockne hinwarf.
    Er erholte sich; sein erster Blick ging nach Akanten, aber fand sie nicht:
er suchte, er rief und fand sie eben so wenig. Nach langem vergeblichem Bemühen
blickte er endlich seufzend nach der See hin, als wollte er zum zweitenmale sich
ihr übergeben; - siehe! plötzlich wurde er ein Fahrzeug gewahr, das mit etlichen
Personen an einer andern Seite des Ufers abfuhr. Er rief, er suchte das Geräusch
des Wassers zu überstimmen, es glückte ihm, und man ruderte auf ihn zu. Es war
ein Kanot aus einer benachbarten Insel, das ihm wiewohl weigernd einnahm und ihm
seine geliebte Akante wiedergab. Sie hatte sich nicht entschliessen können, nach
seinem Beispiele ihren Tod in den Wellen zu suchen, war trostlos am Ufer
hinaufgeirrt und hatte in einer Bucht das Kanot mit zween Wilden gefunden, die
Muscheln suchten: sie wurde von ihnen aufgenommen, und auf ihr Bitten waren die
Wilden Belphegors Geschrei zugerudert, ob sie gleich mehr wünschte als hofte,
dass sie seine Errettung bewirken würde, weil er nach aller Wahrscheinlichkeit
schon als Leichnam von den Wellen emporgetragen werden musste. Sie liessen sich
mit freundschaftlicher Freude fortrudern und liebkosten ihre Erretter mit allen
ersinnlichen Zeichen der Dankbarkeit; doch konnten sie nicht den ganzen Rest von
Mistrauen auslöschen, der ihrem Geschlechte eigen ist. Die Reise währte lang,
und ehe sie sich es versahn, setzten sie ihre Führer unter einem listigen
Vorwande an einem weitausgedehnten festen Lande aus, an welchem sie hinfuhren,
worauf sie in ihre Kanote sprangen und mit der grössten Eilfertigkeit
hinwegruderten. Die beiden Betrognen riefen ihnen nach, aber vergeblich.
    Abermals durch die Bosheit der Menschen unglücklich! sprach Belphegor. Von
einem festen Lande zum andern fortgeschleppt, was haben wir gewonnen? - Dass wir
nicht die Vögel jenes Landes, sondern die Raubtiere dieses Bezirkes füttern! -
O Akante! welch ein Ungeheuer ist der Mensch! Unbeleidigt, bei den grössten
Zeichen des Zutrauens, der Dankbarkeit, der Freundschaft ist er doch, selbst
ausser dem Stande der Gesellschaft, der harterzigste Feind von jedem, den er
nicht kennt. Muss nicht tief in die Seele der Zug der wechselseitigen Feindschaft
gegraben sein, wenn er jeden als seinen Gegner behandelt, ihm als seinem Feinde
nicht traut, so lange er nicht durch die Bande der Gewohnheit und der
Gesellschaft mit ihm verknüpft ist? - O Fromal! du hattest Recht: die Menschen
sammelten sich, um sich zu trennen. - Was sollen wir nun, Akante? - Wir wollen
uns ins Land wagen; ob uns der Hunger und das unbarmherzige Schicksal im
Stillesitzen oder auf dem Marsche aufreibt: gleich viel! Wohlan, wir gehn! -
    Akante war es zufrieden: die Reise wurde angetreten, und in wenig Tagen
hörten sie das Geschrei von Menschen. - Höre, Freundinn, sagte Belphegor dabei,
wohl ist mir beständig in der Einsamkeit: aber so bald ich Menschen merke, so
ist mein Wohlsein vorüber: ich erwarte einen Feind. Wir wollen den Rufenden
entgehn: eher will ich hier in der Wüste unter Tieren sterben, als unter
Menschen leben. -
    Plötzlich, als er noch redete, flog langsam ein glänzender goldgelber Vogel
nahe vor ihrem Gesichte vorbei: seine Federn warfen an der Sonne den Strahl
eines Sterns von sich, und ihre Augen waren so sehr davon geblendet, dass sie
seine schöne Bildung kaum bemerken konnten. Unmittelbar auf ihm folgte ein Paar
nackte Menschen, die keuchend und mit aller Anstrengung des ganzen Körpers ihm
nachsetzten, beide Augen unverwandt auf ihn emporgerichtet, ohne neben sich mit
Einem Blicke zu schauen. Der Vogel schien zuweilen nur zu schweben und ihre
Ankunft zu erwarten: seine Verfolger sammelten ihre letzten Kräfte, eilten
hinzu, und kaum glaubten sie mit ihren Fingerspitzen den strahlenvollen Spiegel
seines Schwanzes zu berühren, als er langsam fortschwebte und sie entkräftet
hinter sich zurückliess. Da das Schauspiel auf einer weiten ausgebreiteten Ebne
vor sich ging, so konnten die beiden Zuschauer ungehindert jede Bewegung
bemerken. Die Nachsetzenden rafften sich zwar jedesmal, dass ihnen der Vogel
einen solchen Betrug spielte, wieder auf und verfolgten ihren Raub von neuem,
allein da ihre Kräfte ungleich waren, so kam ihm der eine meistens um etliche
Schritte näher als der andre, worüber dieser sich so erbitterte, dass er alle
seine Stärke anwandte, jenen Glücklichern von seinem Vorsprunge zurückzuziehn,
und da eine solche Aufhaltung gleichfalls Erbitterung erregen musste, so zankten
sie sich so lange herum, bis keiner von beiden einen Schritt weiter gehen
konnte, oder der Vogel indessen so weit aus dem Gesichte gekommen war, dass sich
keiner ohne Narrheit die Lust ankommen lassen konnte, seine Beine nach ihm zu
ermüden, oder von den übrigen, die in verschiedenen Entfernungen gleichfalls
nachfolgten, waren einige so weit zuvorgekommen, dass sie sich unmöglich
überholen liessen. So jagten unzählige Truppe hinter dem goldnen Gefieder drein,
keiner erhaschte es, und alle hatten am Ende - müde Beine.
    Kaum hatten die beiden Europäer diese Lustjagd aus dem Gesichte verloren,
als ein neuer Lärm ihre Aufmerksamkeit auf eine andre Seite zog. Sie horchten;
und bald stürzte sich ein schlankes Reh, dessen Läufte aus Einem grossen
Kristalle gemacht zu sein schienen, und dessen ganzer Leib so hell leuchtete,
dass die Gegend, wo es lief, Büsche und Bäume, wie von dem aufsteigenden Lichte
der Morgensonne, übergoldet wurden: seine Augen strahlten wie Fixsterne, und wer
in seinem Leben nie einem Rehe zu Gefallen sich wunde Füsse gemacht hatte, der
musste doch durch die Schönheit dieses Tiers gereizt werden, die seinigen einmal
daran zu wagen. Belphegor war schon im Begriffe, darnach zu haschen, als ein
Trupp Reiter in völligem Galope, mit verhängtem Zügel, schäumenden, schnaubenden
Rossen über Büsch, Gesträuch, Hügel und Steine daherflogen und das funkelnde
strahlende Tier zu ereilen suchten. Alle Rosse hatten nicht gleichen Atem und
alle Reiter nicht gleiche Geschicklichkeit; es mussten also einige zuvorkommen,
einige zurückbleiben: um sich nicht mehrere zuvorzulassen, wandten sie sich zu
den Folgenden, und nun focht man mit allen Kräften, wer die Ehre haben sollte,
voranzureiten: man verwundete, man verstümmelte, man lähmte, man tödtete sich,
und wer die Oberhand behielt, gewann nichts als den leidigen Vorteil, seine Weg
und seine Torheit weiter fortzusetzen. -
    Himmel! wo sind wir? rief Akante. - In der Welt, antwortete Belphegor: denn
man zankt, man ermordet sich. - Aber, fuhr Akante fort, was für ein herrlicher
Teil der Welt ist das, wo solche kostbare funkelnde Vögel und so strahlende
Rehe angetroffen werden! Kaum kann ich glauben, dass wir noch auf unserm Planeten
sind. - Wir sind es, mitten auf dem Kothaufen, wo alles funkelt und glänzt, und
alles nichts ist. Lass uns weiter gehn! - O wer doch einen so reizenden Vogel,
oder so ein göttliches Tier fangen könnte! Was haben wir zu verlieren? Ich
dächte wir wagten eine Jagd mit. - Eine solche törichte Jagd! die so viele
Beschwerlichkeiten kostet, wo die Beute sich bald nähert, bald entfernt und, wie
es scheint, nie erhascht wird! Und was hättest du am Ende, wenn du den goldnen
Vogel auch gleich vor Tausenden einholtest? Nimm ihm das schimmernde Gefieder!
und vielleicht hast du ein übelschmeckendes unnahrhaftes Fleisch als die
verächtlichsten Federn bedecken. Nein, ich kenne die Welt mit ihren
Täuschereien. - Aber sieh nur, Belphegor, das volle feurige Gold, das dem Vogel
vom Rücken blitzt! Ach, so ein göttlicher Vogel und ihm nicht nachzulaufen! Du
bist erstaunend finster und träge. Ich gehe: willst du mit mir? -
    Belphegor hielt sie zurück und schwur sehr nachdrücklich, dass er nie einen
Fuss nach dem glänzendsten Vogel bewegen werde, sollte er sich gleich seinen
Händen selbst darbieten. Sie liess sich zwar durch ihn abraten, weil keiner von
den reizenden Vögeln bei der Hand war, alleine sie wiederholte doch ihr
Verlangen darnach so oft, dass sie bei jedem Schritte einen erwartungsvollen
Blick auf die Seite warf, ob nicht vielleicht bald einer von den paradiesischen
Vögeln erscheinen werde, um ihm sogleich nachzusetzen. Sie hofte und hofte, aber
keiner wollte ihr diesen Gefallen erzeigen.
    Nachdem sie sich indessen, bis auf günstigere Zeiten, die sich Akante völlig
gewiss versprach und Belphegor völlig unmöglich glaubte, mit etlichen wilden
Früchten gesättigt hatten, überliessen sie sich von neuem dem Schicksale und dem
Wege, die sie beide nach etlichen Tagen an einen Platz führten, wo alles den
Hauptsitz des Landes vermuten liess. Eine zehnfache Mauer von hohem dornichten
Gesträuche umschloss den Platz, aus welchem die Stimmen der Freude und des
Vergnügens so weit und so laut erschallten, dass selbst Belphegors Herz, so
disharmonisch auch seine Stimmung war, wider Willen zu einer gleichlautenden
Empfindung hingerissen wurde; und Akante war ganz Gefühl, sie brannte vor
Begierde nach einem Orte, der schon durch die Annäherung so bezaubern konnte. -
Wir müssen hinein, sprach sie zu ihrem Gefährten, es koste, was es wolle! Wir
müssen hinein! Was für Wonne muss an diesem Orte wohnen und jede Empfindung der
Traurigkeit verdrängen, der uns so munter, so frölich, so himmlisch einladet! -
    Der Ort ist auf der Erde, antwortete Belphegor; es sind Menschen drinne: das
ist genug, um alle diese verführerischen Töne für Sirenentöne zu halten. Nicht
einen Schritt tue ich. -
    Aber wie kannst du einer so göttlichen Musik wiederstehn? Du, der du sonst,
bei jeder leisen Berührung fühltest, der du nichts als Gefühl schienst! - Meine
Seele erhebt sich über sich selbst; ich denke und empfinde ganz anders, seitdem
ich jenen goldnen Vogel erblickt und diese reizende Musik gehört habe. Komm!
deine Erfahrung hat dich misstrauisch gemacht. -
    Menschen sind Menschen, und Welt ist Welt; und desto gefährlicher, wenn sie
mit solchen Täuschereien lockt! -
    Aber höre nur! Auf dem Todbette, unter dem Kampfe mit Hunger und Schmerz,
müsste dein Herz noch bei solchen Tönen erwachen und schneller schlagen. Komm!
wir müssen hinein! -
    Belphegor sträubte sich lange, setzte ihr noch manche schwarze und bittre
Anmerkung über das arme Menschengeschlecht entgegen: nichts half! Je länger er
ihr Vergnügen aufhielt, desto stärker wurde ihr Verlangen. Sie quälte ihn so
lange, bis er sich endlich nach einem Eingange, und da er diesen nicht fand,
nach einem bequemen Orte zum Durchbrechen umsah. Akante, die über seine
saumselige Bedachtsamkeit höchst ungeduldig war, versuchte selbst allentalben,
den Weg zu eröffnen, rizte sich blutig, entkräftete sich und kam nie zum Zwecke.
Indessen fand Belphegor eine kleine schmale Öffnung, wo die Dornen weniger
dicht stunden und einer vorsichtigen Beugung nachgaben: hier machte er einen
Versuch und es gelang ihm wirklich, mit etlichen leichten Verwundungen
durchzuschlüpfen. So sehr er auch Akanten Behutsamkeit und Langsamkeit empfahl,
so war doch ihre Begierde zu feurig, sie übereilte sich, schlüpfte zwar
hindurch, aber zerriss sich das Kleid, und das ganze Gesicht war voller Ritze.
    Die erste Dornenpallisade war durchkrochen: kaum hatten sie ausgeschnaubt,
als sie eine zweite aufforderte. Sie taten das nämliche mit dem nämlichen
Glücke und Unglücke. - Es zeigte sich eine dritte: auch diese wurde überwunden;
und so arbeiteten sie sich noch durch zwo Mauern hindurch, wo sich Belphegor
ungeduldig hinwarf und schlechterdings nicht weiter wollte: allein Akante bat
ihn mit allen weiblichen Künsten, mit einem Kniefalle, mit Tränen, mit
Liebkosungen; er war unerbittlich. - Sagte ich dir nicht, sprach er unmutig,
dass wir in Dornen und Sümpfe geraten würden? Wo gehst du auf diesem Planeten
Einen Schritt, ohne dass deine Füsse nicht bluten? Verstopfe deine Ohren!
verschliesse deine Augen! sei kein Mensch, wenn du auf ihm ohne Ungemach leben
willst! - War das nicht mein Rat? - Wer weis, wie viele Tagereisen lang wir
ohne Nahrung, ohne Kleidung uns unter tausend Schmerzen durch diese
vermaledeiten Dornenzäune durcharbeiten müssen, um zu dem Platze zu gelangen,
wohin uns dieses Zauberkonzert ruft; und wenn wir angelangt sind, was wird
alsdenn geschehn? - Entfliehn wird die Musik, wie die goldnen Vögel und die
strahlenden Rehe! entfliehn, je näher wir kommen, und uns, wie alle Güter dieses
Kotballes, zum Narren haben! herumführen, Mühe machen, um uns am Ende einsehn
zu lassen, dass wir Toren gewesen sind! - Ich gehe nicht weiter. -
    Auch liess er sich wirklich durch keine Vorstellung weiter bewegen, sondern
übernachtete da, Akante konnte mit Mühe einschlummern, so beschäftigte sie ihre
Erwartung und die Gewalt der Musik, die ihr mit jedem Augenblicke voller und
hinreissender zu werden schien; und wenn ja eine kurze Zeit der Schlummer sie
überwältigte, so rollten doch so viele Gedanken und Empfindungen unaufhörlich
durch Kopf und Herz, dass sie nie zu einem anhaltenden erquickenden Schlafe
übergehn konnte. Kaum warf der Morgen den ersten Schimmer auf ihre Lagerstätte
hin, als sie schon aufstand und Belphegorn mit neuen Kräften antrieb, seinen Weg
fortzusetzen. Die Ruhe hatte seine Seele der Kraft der Musik und der Stärke von
Akantens Vorstellungen geöffnet: es schien ihm gleich töricht umzukehren und
weiter zu gehn: er wählte also, wohin ihn seine Empfindung zog; er fieng die
Arbeit von neuem an. Sie legten noch den nämlichen Tag die fünf übrigen
Dornenhecken zurück, und obgleich die Dornen weniger verschlungen, die
Oeffnungen häufiger und die Musik aufmunternder und entzückender wurde, je
weiter sie kamen, so traten sie doch erschöpft und kraftlos aus der letzten
hervor, besonders da sie auf ihrem heutigen Wege nur hin und wieder einige nicht
sonderlich schmeckende Früchte zu Stillung ihres grössten Hungers angetroffen
hatten.
    Bei ihrem Heraustritte aus der letzten Dornenwand eröffnete sich ihrem
Blicke ein weites merkwürdiges Teater; aber die Musik wurde nur noch leise in
der Entfernung gehört, welches unsre beiden Wanderer um so viel weniger
bemerkten, weil ihre Augen genug Beschäftigung hatten, um das Ohr sein Vergnügen
nicht vermissen zu lassen. Eine weite unübersehlige Ebne dehnte sich vor ihnen
aus, und die Aussicht wurde durch eine Menge grosser und kleiner Gebäude
unterbrochen, worunter besonders eins in der Mitte derselben wegen seiner
Schönheit und seines Umfangs hervorleuchtete: alle waren von Reissig und
Baumstämmen sauber geflochten, weitläuftig und kündigten auf allen Seiten
Bewohner von Geschmack und Liebhaber des Schönen an. Auf der Ebne zeigte sich
ihnen eine Menge grosser riesenmässiger Figuren, die gravitätisch auf und
abwandelten, indessen dass ihnen eine Menge Personen einen Platz für ihre
Schritte frei machen mussten, worauf ein homerischer Gott mit seinem göttlichen
Riesengange Raum genug gefunden hätte. Je mehr sie sich diesen Kolossen
näherten, jemehr nahm ihre Grösse ab, und als sie endlich ihrem Wirkungskreise so
nahe waren, als es die abhaltenden Platzmachenden Kreaturen zuliessen, so fanden
sie zu ihrer grossen Verwunderung, dass es Zwerge waren, Zwerge von der kleinsten
Art, die auf unmässig hohen Stelzen daherwandelten. Ihr einziger Zeitvertreib war
ein solcher gravitätischer Spatziergang, und ihre ganze Beschäftigung bestund
darin, dass einer den andern durch irgend ein Mittel von seiner Stelze
abzuwerfen suchte. Je höher die Stelze ihren Mann emportrug, desto aufmerksamer
waren aller Augen auf ihn gerichtet, und desto eifriger waren die Bemühungen,
ihn herunterzustürzen. Einige zielten von Ferne mit Steinen und Stangen nach
ihm, von welchem jeder, der zu ihrem Ziele geworden war, gewiss allemal Beulen
und Quetschungen bekam, wenn er sich auf seiner Stelze im Gleichgewichte
erhielt: andre drängten sich so nahe zu ihm, dass sie, wie renomistische
Studenten, bei dem Ausschreiten mit den Stelzen zusammenstossen mussten, und wer
fiel, - fiel, oft der Angreifer, oft der Angegriffne: noch andre liessen einem so
vorzüglich hohen Stelzenzwerge plözlich Steine in den Weg wälzen, die den Zirkel
seiner Leibwache so schnell überraschten und mit dahin rissen, dass sie dieselben
nicht fortschaffen konnten; und wenigstens stolperte der Mann mit der Stelze,
wenn er auch nicht ganz stürzte, und die übrigen hatten wenigstens die Freude
über ihn zu lachen. So war dieser Platz ein beständig abwechselnder Schauplatz,
wo neue Zwerge mit höhern Stelzen erschienen, und andre von den ihrigen
heruntergeworfen wurden, einige stolz daherwandelten, und einige mit zerbrochnen
Armen, zerquetschten Köpfen, beschundnen Beinen schmerzhaft sich im Staube
wanden.
    Lustig ist es, sprach Belphegor, Zuschauer von diesem Stelzenkaruselle zu
sein; aber sich drein zu mengen! - bewahre dafür der Himmel jeden Mann, der
solche Stelzen entbehren kann! - Aber, sieh, Akante! was wimmelt dort? -
    Sie sahen beide hin, und wurden einen Trupp kleinere Zwerge gewahr, die auf
kurzen niedrigen Stelzen das ganze Spiel der vorigen auf einem kleinen Platze
nachäfften, sich wechselsweise herunter warfen und sich, um die Ehre der
Gleichheit mit jenen grössern Zwergen zu erlangen, Beine, Arme und Hälse
zerbrachen. -
    Siehst du, Akante? das alberne Menschenvolk! rief Belphegor. Sonst würde mir
dieser Anblick ein Lächeln abgenötigt haben, izt zwingt er mich zum Aerger.
Kannst du etwas rasenderes denken, als sich die Hälse zu zerbrechen, um sie sich
wie andre zerbrochen zu haben. Fort! lass uns keine Menschen sehn, so sehn wir
keinen Unsinn! - Wo ist nun die Freude, die dir jene lockende Musik versprach?
Horche doch! Wo ist es hin, das tönende Konzert? Verstummt! Nicht einen Laut,
nicht ein Geschwirre hörst du izt mehr. - Was zu verwundern? Sagte ich dirs
nicht? - Es ist eine Freude unsers Planetens, und also eine Betriegerinn. -
    Akante erstaunte, horchte und wurde itzo erst inne, dass sie sich durch einen
so beschwerlichen Weg dem Vergnügen näher gebracht hatte, um es zu verlieren.
Sie tröstete sich inzwischen mit der Möglichkeit, es mit einer doppelten
Vergütung wiederzufinden, und munterte Belphegorn auf, sie zu den übrigen
Merkwürdigkeiten des Ortes zu begleiten. Sie giengen weiter, und sogleich zog
ein weitläuftiges Gebäude ihre Aufmerksamkeit an sich, besonders war Akante vor
Entzücken ganz ausser sich selbst gesetzt, da ihr aus demselben ganze Reihen von
den goldnen Vögeln entgegenstrahlten, denen sie vor etlichen Tagen mit aller
Gewalt nachjagen wollte, da sie ganze Truppe von den helleuchtenden Rehen
erblickte, und Schaaren Menschen bei ihnen, die mit ihnen vertraulich umgiengen.
    O Belphegor! seufzte sie, wie glücklich müssen diese Menschen sein, die die
schönen Vögel in solchem Ueberflusse besitzen, wovon mich ein einziger schon
hinlänglich beglücken würde! Siehe! Diese Glückseligen können sie pflegen und
warten, sie streicheln, sie liebkosen, den goldgelben Samt ihres Gefieders
berühren, ihre Ohren an den lieblichen Liedern ihrer Kehle weiden - o wer ein
Glied von diesem beneidenswürdigen Haufen wäre! Sie haben errungen, wonach
vermutlich so viele noch keuchend laufen, dem ich gern nacheilte - ach! komm!
Lass uns wenigstens die Augen an diesen englischen Geschöpfen ergötzen! -
    Gute Akante! Du beneidest diese Leute; aber, aber! - ich sehe schon ein
trauriges Anzeichen. Was gilts? Sie fühlen ein Glück dieser Erde, das heisst,
eine beneidete Last. Siehst du nicht? -
    Und was? rief Akante hastig. -
    Sie hängen ja alle die Köpfe. Deine Einbildungskraft berauscht sich bei dem
Vergnügen gleich, und du vergisst, dass du auf der Erde bist. -
    Nein, da sind wir nicht! Weder bei dem Pabst Alexander, dem sechsten, noch
bei dem Markgrafen, wo meine Schönheiten so jämmerlich verwüstet worden sind,
weder bei dem grossen Fali, noch bei irgend einem Herrn, dessen Sklavinn ich
gewesen bin, habe ich eine so entzückende Kostbarkeit angetroffen, als diese
goldnen Vögel oder diese strahlende Rehe: sie sind über alle Herrlichkeiten
dieser Welt erhaben, und wir müssen notwendig in einem Paradiese sein. -
    Wohl! aber wissen möchte ich nur, warum die guten Leute in ihrem Paradiese
die Köpfe hängen. - Sie giengen, um Erkundigung darüber einzuziehn, allein da
sie die Sprache nicht verstunden, so erfuhren sie bloss, was sie ihre Augen
belehrten, nämlich dass die Leute mühsam die goldnen Vögel und Rehe warten und
füttern mussten, und nach aller Wahrscheinlichkeit Langeweile bei diesem
Amtsgeschäfte hatten.
    Weil ihre Neubegierde auf diese Art nicht weiter gesättigt werden konnte, so
wandten sie sich auf die andre Seite, wo sich ihnen neue Merkwürdigkeiten
darboten. Ein Zwerg, der die übrigen an Kleinheit merklich übertraf, lag auf
einem sehr erhöhten von Zweigen geflochtenen Sofa, an welchem eine Menge Zwerge
zu ihm hinaufzuklettern versuchten. Ob er gleich nur von der Höhe war, dass ihn
die beiden Europäer aufrecht stehend bequem übersehen konnten, so kostete es
doch den armen Kreaturen unendliche Mühe daran hinaufzusteigen, besonders weil
einer dem andern aus Neid die Mühe vielfältig vermehrte: denn sobald einer nur
um ein Paar Zolle mit dem Kopfe höher zu rücken schien, so beeiferten sich ganze
Schaaren aus allen ihren Kräften, ihn hernieder zu reissen: man schlang sich um
seine Füsse, man hieng sich ihm an die Hüften, man suchte ihn durch Kützeln oder
durch Gewalttätigkeiten herunterzubringen, und meistenteils gelang es den
Misgünstigen, ihre Schadenfreude an dem Falle eines solchen Gestürzten zu
vergnügen. Die wenigen aber, die allen diesen Hinderungen wiederstanden, alle
diese Beschwerlichkeiten überwanden und glücklich zu dem Sofa emporkamen,
genossen für ihre angestrengte Bemühung kein andres Glück, als dass sie neben dem
kleinen Zwerge, der den Sofa inne hatte, sich niedersetzen und ihn täglich und
stündlich ansehn durften. dabei waren sie unaufhörlich, ein jeder für sich,
beschäftigt, den Blick des kleinen Zwergs durch alle nur ersinnliche Mittel auf
sich zu lenken und seine Gesichtsmuskeln in eine lächelnde Mine zu versetzen. Zu
diesem Ende zwickten ihm einige sanft die Ohren, andre hielten ihm
starkriechende Essenzen vor, andre boten seinen Lippen die auserlesensten
Früchte und wohlschmeckende Konfituren dar, diese belustigten ihn mit burlesken
Grimassen und kurzweiligen Gaukeleien, jene rieben ihn am ganzen Leibe mit
kleinen Samtbürstchen so einschläfernd sanft, dass er oft durch ihre
Dienstfertigkeit in einen wohltuenden Schlummer versezt wurde. Sobald einer es
durch sein angewandtes Mittel dahin brachte, dass er einen freundlichen Blick
weghaschte, so musste er sogleich mit allen seinen Kräften sich Festigkeit auf
seinem Sitze verschaffen, um nicht hinuntergestürzt zu werden: denn sobald die
Sehnerven des kleinen Zwergs nur anfiengen, sich in die Richtung nach ihm
hinzuwenden, so war der ganze übrige neidische Haufe schon in Bereitschaft, Hand
an ihn zu legen, um ihn durch einen wohlabgezielten Stoss aus dem Gleichgewichte
von der Höhe hinabzuwerfen.
    O Akante! rief Belphegor unwillig aus, bin ich denn bestimmt, zu meiner Qual
bestimmt, täglich mehrere - täglich abgeschmacktere Narrheiten zu erblicken? -
Komm! ich muss mich dem schmacklosen kindischen Spiele entreissen oder zu meinem
Aerger hier bleiben. Torheit oder Bosheit! dass ihr doch der ewige Wechsel auf
diesem verhassten Planeten sein müsst! -
    Obgleich Akante nicht so viel Aergerliches in jenem Schauspiele fand und es
gern und mit Vergnügen noch einige Zeit genossen hätte, so musste sie ihm doch
nacheilen oder allein zurückbleiben: denn kaum hatte er die letzten Worte
gesagt, als er hastig fortlief und einen Ausgang aus diesem für ihn widrigen
Orte suchte, den er ohne Mühe entdeckte, und nicht den zwanzigsten Teil so viel
Zeit brauchten sie, um herauszugehn, als sie nötig hatten, um hineinzukommen:
in wenigen Augenblicken sahen sie sich wieder auf freiem Felde, und die Musik
erhub sich von neuem so lieblich als jemals und hätte sie es bereuen lassen
können, dass sie dem Orte entflohen waren, wenn sie nicht gewusst hätten, dass es
eine süssklingende Täuscherei war, die nur ausser ihm in der Ferne anlockte, aber
in ihm selbst ganz verloren ging. Demungeachtet hielt sich Akante oftmals auf,
um sich von dem lieblichen Konzerte entzücken zu lassen, allein Belphegor trabte
so frisch davon, dass sie jede Minute nutzen musste, um ihm nachzukommen.
    Belphegor konnte nicht aufhören, über das Gesehne zu eifern, und Akante
unterliess eben so wenig, es zu bewundern: jenem schmeckte jeder Bissen übel,
weil er - nach seinem Ausdrucke - in diesem Vaterlande der Torheit gewachsen
war, und diese war noch zu voll von Entzücken über diese nämlichen
Abgeschmackteiten, um Appetit und Speise zu fühlen.
    Einen kleinen schmalen Weg wurden sie gewahr; sie überliessen sich ihm, und
er führte sie in einen Wald: sie giengen lange Zeit, und siehe! - plötzlich
stiessen sie auf eine grosse Gesellschaft Zwerge, die sich in verschiedene kleine
Partien geteilt hatten. Belphegor, der in seiner misantropischen Laune alles
vermied, was mit dem Menschen verwandt war und ihm nach seiner Meinung nichts
als Aerger erwarten liess, drehte sich unwillig und fluchend um, als ihm ein
Alter nacheilte und ihn durch Zeichen bat, mit seiner Gefährtinn näher zu
kommen: er liess sich endlich bewegen und wurde von ihm in die Gesellschaft
eingeführt. Man sollte vermuten, dass die Zwerge, da sie nie andre Menschen als
von ihrer Grösse gesehn hatten, über die Statur der beiden Europäer erstaunt sein
würden, allein weit gefehlt! Aus dieser Gleichgültigkeit konnte man schon
schliessen, dass sie die weisesten Zwerge im Lande sein mussten, die vermöge ihres
Verstandes wohl präsumiren konnten, dass der Kreis ihrer Erfahrungen nicht mit
dem Kreise der Wirklichkeit und Möglichkeit Eine Peripherie habe.
    Diese ehrwürdige Gesellschaft besass ein Geheimnis, dessen Erfindung noch in
unserm Jahrhunderte einem der grössten europäischen Genies19 Kopfschmerz und
Nachdenken vergeblich gekostet hat - das Geheimnis der allgemeinen Sprache. Sie
konnten sich mit den Menschenkindern aller Zonen und Mittagskreise unterhalten,
ohne ihre Sprache zu wissen, wenn diese nur eine kleine Anzahl Zeichen verstehen
lernten, die sie einem jeden durch eine eigne Metode schnell und leicht
beizubringen wussten. So bald diese Schriftzeichen gefasst waren, deren ungemeine
Simplicität ihre Erlernung ausserordentlich erleichterte, so setzten sich die
beiden Interlokutoren an eine Tafel, die mit feinem Sande bedeckt war, in
welchem jeder mit einem weissen Stäbchen seine Gedanken zeichnete, die er
ausdrücken wollte; der andre, so bald er den Sinn davon gefasst hatte, machte den
Sand mit einem platten Instrumente wieder eben und setzte das Gespräch durch die
nämliche Zeichnung fort.
    Auf diese Weise erfuhr Belphegor, der sich mit seiner Gefährtinn zu seinem
Vergnügen und zu ihrem Leidwesen lange unter jenen weisen Zwergen aufhielt, eine
umständliche Beschreibung von diesem sonderbaren Lande, der Lebensart und den
Beschäftigungen seiner Einwohner, wovon der Leser hier das Vornehmste antreffen
soll.
    Wir haben lange Zeit, zeichnete ihm der Alte, der ihn bei seiner Ankunft so
gütig aufnahm, auf dem Sande vor - wir haben lange Zeit unser Land für das
einzige dieser Erde, und uns daher für die einzigen Bewohner derselben angesehn;
allein schon längst haben wir auch durch die tiefsinnigsten Schlüsse entdeckt,
dass dies ein ungeheurer Irrtum ist, der uns weit von der Wahrheit abgeführt
hat. Der ganze Lebenslauf unser aller ist - dass wir geboren werden, eine
Zeitlang in Dummheit und Unwissenheit herumwandeln, in einem gewissen Alter,
wenn wir Tätigkeit und Stärke genug besitzen, auf die Jagd nach goldnen Vögeln,
helleuchtenden Rehen und Hirschen, auf den Fang nach buntschimmernden Fischen
ausgehn, oder die nicht Geist, Mut und Atem genug besitzen, sich in diese Jagd
einzulassen, diese kriechen verachtet und abgesondert in einem Winkel herum, wo
sie für sich und die übrigen Einwohner Wurzeln ausgraben, Früchte sammeln und
andre Nahrungsmittel aufsuchen müssen. Wir andern, die wir zu jener Jagd und
Fischerei tüchtig genug sind, wir wenden alle unsre Kräfte dazu an, wir
verfolgen Vögel, Wild oder Fische, nachdem unser Geschmack oder die Gelegenheit
uns bestimmt; keiner hat noch jemals eins erhascht, und doch sind tausende dabei
umgekommen, weil ihnen der Atem ausgieng, tausende haben einander aus Neid
darum gebracht; nur wenige erjagen zuweilen eine goldne Feder, die sie kaum
besitzen, als sie des erlangten Besitzes überdrüssig sind: demungeachtet bleibt
keiner, der es nur im mindesten vermag, von diesem mühsamen Geschäfte zurück,
läuft und läuft, und hat am Ende - nichts, oder wenigstens ein Etwas, das so gut
als ein Nichts ist, sieht ein, dass es ein Nichts ist, und begibt sich endlich
an diesen Ort, der der letzte allgemeine Sammelplatz unser aller ist, wo wir
über die Torheit unsers Lebens weinen oder lachen, schmälen oder lächeln.
Siehe! alle diese Truppe hier tun nichts als dass sie mit lustiger oder
trauriger Geberde sich über die Narrheit derjenigen aufhalten, die noch jetzt
goldnen Vögeln und rotschimmernden Fischen nachlaufen, ohne zu wissen, dass sie
leeren Fantomen nachjagen, die sie am Ende eben so betriegen werden, wie uns
alle; und wenn wir einige Zeit so geseufzt oder gelacht und gelernt haben, dass
wir Narren Zeitlebens gewesen sind, so schlägt uns der grosse mächtige Tod mit
der Keule auf den Kopf - und weg sind wir! Wir gehn hinweg, um künftig unter
andern Gestalten die nämliche Reihe unbewusst wieder durchzumachen. -
    So wärt ihr ja Menschen, wie wir alle sind! dachte Belphegor bei sich; und
euer Land nicht ein Haarbreit anders als die übrige Welt! Das wahre Ebenbild
unsrer Erde! -
    Akanten lag nichts so sehr am Herzen als den Ort kennen zu lernen, der sie
mit dem schönen Konzerte entzückt hatte, und Belphegor bekam auf seine Anfrage
folgende Antwort: - Das ist der Ort, der aussen lockt und inwendig schreckt,
aussen lauter Vergnügen verspricht und inwendig lauter Langeweile gibt, wo ein
Teil auf Stelzen stolz daherschreitet und sich wechselsweise abwirft, ein
andrer mühsam, mit Überdruss und Ekel goldne Vögel, Rehe und Fische pflegt und
unter vieler saurer Beschwerlichkeit wartet, und ein dritter sich um süsse und
saure Blicke zankt, beneidet, verfolgt; wo jeder ein beneideter Lastträger ist -
    Und was für ein Ort ist das? wollte eben Belphegor fragen - Himmel! was für
ein Krachen! welches Getöse! rief Akante plötzlich. - Welche Erschütterung! Wir
gehn unter! Die Erde wankt! rief Belphegor; und im Augenblicke versenkte ein
schreckliches Erdbeben eine unübersehliche Fläche Landes in den Abgrund, das
Meer schwoll an seinen Platz in hohen getürmten Wellen empor, das Stücke Boden,
auf welchem unsre Gesellschaft sass, riss sich mit der entsetzlichsten
Erschütterung los und schwamm, wie Delos als es Latonen wider die Wut ihrer
Feinde schützen sollte, mit seinen Bewohnern auf der See fort und führte sie -
der Himmel und das neunte Buch wissen es wohin.
    Dieses war der grosse Riss, den das liebe Schicksal, nach der Mutmassung
vieler Geographen, Historiker und Philosophen, in das feste Land unsrer Erdkugel
gemacht hat, um alle diejenigen zum Aprile zu schicken, die trocknes Fusses aus
Asien nach Amerika übergehen wollen; und wenn Belphegor und die schöne Akante
eine Zeichnung von dem Wege hinterlassen hätten, den die schwimmende Insel mit
ihnen nahm, so würden wir ohne Zweifel mit Gewisheit erfahren, wie man aus Asien
nach Amerika segeln soll.
 
                                  Neuntes Buch
Wie, wenn der Fuhrmann, der seine Rosse durch Fluch und Peitsche zum
unumschränkten Gehorsame gewöhnt hat, sein allmächtiges O! ruft, der ganze
Postzug sogleich in einem Tempo, wie angemauert, stillsteht; so schwamm das
abgerissne Stück Land mit Belphegorn und seinen Gefährten eine lange Strecke
fort, und plötzlich ruhte es unbeweglich und ward zur festen Insel, nicht weit
von Kalifornien; und wie verschiedene grosse Gelehrte an ihrem Schreibetische
überzeugend eingesehn haben, so wurde der schwimmende Boden auf einen spitzigen
Felsen aufgespiesst, der ihn bis an den jüngsten Tag tragen kann, wenn nicht ein
Erdbeben einen Strich in die Rechnung macht.
    Die Gesellschaft, die diese bedenkliche Fahrt nicht ohne eine kleine
Besorgnis, dass der Tod mit dem Spiele Ernst machen möchte, aber doch glücklich
und wohlbehalten zurücklegte, bestund aus Belphegorn, Akanten und dem Alten, der
in seiner Unterredung mit ihnen durch das gräuliche Erdbeben gestört wurde.
Belphegor war nicht übel zufrieden, dass ihn das Schicksal so einsam, fern von
allen Menschen, auf die offne See hingesetzt hatte, und ward es viel weniger,
als er sich gegenüber ein grosses festes Land wahrnahm, welches die übrigen, weil
sie nicht so viel Menschenfeindlichkeit besassen, doppelt erfreute. Doch auch für
ihn musste das Vergnügen über seine Einsamkeit nur von kurzer Dauer sein, wenn er
die Dürftigkeit und Hülflosigkeit betrachtete, worinne sie sich befanden. Das
Erdbeben hatte ihnen wohl einen guten Vorrat Brennholz mitgegeben, aber nicht
einen einzigen Fruchtbaum, nicht ein einziges Gewächse, nicht eine Staude, die
nur im mindesten geschickt gewesen wäre, einen menschlichen Hunger zu stillen.
Fische zu fangen hatten sie keine Werkzeuge, und eben so wenig Materialien, sie
zu verfertigen; gleichwohl war dies die einzige Nahrung, deren sie habhaft
werden konnten. Zum Glücke hatte der Alte auf seiner Jagd nach goldnen Fischen
in jüngern Jahren die Kunst gelernt, sie bei hellem Wasser mit der Hand zu
fangen: der Hunger trieb ihn an, dass er eine Fertigkeit wieder versuchte, die er
schon längst aufgegeben hatte, allein durch das Alter und die Ungewohnheit waren
seine Hände unsicher und unstät geworden, dass er also mit der äussersten
Anstrengung in einem Tage kaum genug fieng, um sich und seiner Gesellschaft das
Leben zu fristen, aber nicht um sie zu nähren. Oben drein musste das Unglück
ihren Jammer vermehren und den Alten, dessen schwächlicher Körper einen so
kümmerlichen Unterhalt nicht ertragen konnte, in wenig Tagen sterben lassen. Was
nun zu tun? - Nichts als zu hungern oder zu sterben!
    In dieser schrecklichen Verlegenheit musste sich Belphegor bequemen, den Ton
seiner Menschenfeindlichkeit um vieles herabzustimmen: so sehr er sonst vor dem
Anblicke der Menschen flohe, so eifrig spähte er jetzt an dem Rande seiner Insel,
um vielleicht an dem entgegenstehenden Ufer menschliche Figuren zu entdecken,
denen er durch Rufen und Zeichen verständlich machen könnte, dass hier einige von
ihren Brüdern ihres Beistandes bedürften: er dünkte sich zwar etwas bewegliches
wahrzunehmen, allein sein Auge reichte nicht völlig bis dahin, um es gehörig zu
unterscheiden. Endlich, nach langem vergeblichen Warten, warf er sich
verzweiflungsvoll nieder und rief:
    O Natur! o Schicksal! dass ihr doch in ewiger Uneinigkeit wider einander sein
müsst! Sollte das Unglück die Bande der Menschheit näher zusammenziehn, sollte es
ein Geschöpf dem andern teuer und notwendig machen, warum musste das Schicksal
wohl tausend Unglücksfälle in unser Leben hinwerfen, aber unter diesen tausenden
kaum einen die Wirkung tun lassen, wozu er nach unsrer Meinung bestimmt ist? -
Meine traurige Hülflosigkeit, die Nähe des Todes, die Möglichkeit der Rettung,
die Zudringlichkeit der Gefahr - alles zusammen hat mein Herz wieder geöffnet:
ich fühle einen Zug nach Menschen; ich würde sie vielleicht lieben, wenn sie
mich retteten; ich hasse sie schon weniger: aber wenn ich meine Hände gleich zu
Freundschaft und Wohlwollen ausstrecke, und Niemand mir die seinigen bietet?
Wenn mich das Schicksal auf der einen Seite zu den Menschen hinstösst, und auf
der andern sie wieder von mir entfernt?- O Labyrint! O Rätsel! Der Tod
schneidet den Knoten am besten entzwei. Wohlan! zeugt die Natur Geschöpfe, um
sie in Qual zu versenken; macht sie so herrliche Anstalten, um sie unter
einander zusammenzuknüpfen, dass sie erst hungern, frieren, schmachten, die
äusserste Erschöpfung der Kräfte durch Schmerz und Gefahren erdulden, sich
kränken, verfolgen, martern, erwürgen müssen, damit der kleine Rest, der der
Gefahr und dem ganzen tollen Spiele der Welt entrann, sich lieben und in Friede
bei einander wohnen könne; durchwebte sie dieses Leben mit Dornen, um uns die
einzeln blühenden Blümchen desto wohltuender, einnehmender zu machen; gab sie
ihren Geschöpfen eine so traurige Fruchtbarkeit, dass sie mehrere ihres Gleichen
hervorbrachten, als nach der Veranstaltung des Schicksals ernährt und erhalten
werden konnten: - mag sie es verantworten! Ich kann nicht mit ihr rechten: denn
- unglücklich genug! - wir haben keinen Richterstuhl, der über uns erkennt; der
Mensch, ihre Kreatur, muss leiden, weil er der schwächere, weil er nichts ist. -
O Akante! warum sollten wir uns nach Hülfe umsehen? Um noch einmal so lange
unter Schlangen, Eidexen, Skorpionen herumzukriechen? Haben wir nicht Bisse und
Stiche genug bekommen? - Lass das verächtliche Geschlecht, das zum Quälen
allzeit, und zur Hülfe nie bei der Hand ist, lass es! Wir wollen ihn fluchen und
sterben! -
    Mit diesen schwarzen Gedanken fasste er sie halb sinnlos in die Arme; sie
weinte, er fluchte; sie dachte an alle Örter der Freude zurück, wo sie jemals
in Lust und Entzücken geschwommen hatte. - O wie schön, dachte sie, war es im
Serail des grossen Fali! wie schön bei dem Markgrafen von Saloica, ob ich gleich
alle meine Schönheiten dort einbüsste! wie schön bei Alexander dem sechsten! wie
schön überhaupt in Europa in den Armen meiner Geliebten, Belphegors und Fromals
und Stentors und Bavs und Mäos und Euphranors und andrer schönen Jünglinge! Ach,
die glückliche Zeit ist vorüber; und hier soll ich nun auf dieser dürren öden
Insel ohne Gesang und Klang - nicht einmal begraben, sondern vermodern und von
den Vögeln des Himmels zerstückt werden! Kein Jüngling soll eine einzige Strophe
auf meinen Hintritt singen! kein Liebhaber eine Träne auf meine erblassten
Wangen tröpfeln und sie wieder aufküssen! - Nichts, alles nichts! alles nichts!
alles ist aus! Ich muss sterben, unbeklagt sterben! - Belphegor, du hast Recht:
das lächerliche törichte Leben ist nicht wert, dass man es durchlebt, weil man
es so bald missen muss. Ich habe von Heiden, Juden und Christen leiden müssen,
und die gräulichen Keile waren alle eins: aber ich habe auch Freuden genossen,
und da ich sie wieder zu erlangen hoffe, so soll ich gar sterben! sie auf ewig
missen! - O du tolles abgeschmacktes Leben! wärst du nur schon vorüber! - Sie
weinte bitterlich.
    Beide wollten sterben; allein da der Tod mit seiner saumseligen Hülfe nicht
allzeit auf die erste Bitte erscheint, so kam indessen zu Stillung ihrer
Schmerzen sein Bruder - der Schlaf.
    Bei ihrem Erwachen, das etwas spät des Tages darauf erfolgte, sahen sie
einen Trupp Kanote nicht weit von ihrer Insel in Ordnung gestellt und mit einer
Menge wilder Mannspersonen angefüllt; und so sehr sie Tages vorher unwillig
waren, dass nicht zween Menschen zu ihrer Hülfe herbeieilten, so sehr erschraken
sie jetzt, dass ihrer eine so grosse Menge bei der Hand war. Wirklich hatten sie
auch alle Ursache zu erschrecken: denn nicht aus brüderlicher Liebe, sondern aus
Besorgnis für Feindseligkeiten waren sie herbeigekommen. Sie hatten ihre
Schiffahrt mit der Insel angesehn und viel Bedenkliches dabei gefunden, dass sich
in ihrer Nachbarschaft eine so grosse Masse niederliess, die vorher nicht
vorhanden gewesen war: da dieses verschiedne wunderliche Gedanken veranlasste,
besonders dass es vielleicht gar eine Rotte böser Geister sein konnte, die nicht
in den besten Absichten auf die Nachbarschaft mit einer so ansehnlichen
Wohnstätte angekommen sein möchten, so beschlossen sie, nicht länger in einer
quälenden Ungewissheit zu bleiben, sondern die Sache stehendes Fusses in
Augenschein zu nehmen. Daher waren sie in der Nacht mit ihrer ganzen Flotte von
Kanoten abgesegelt, einige hatten sich in der Entfernung gehalten, und andre
waren gelandet, um heimlich die neue Insel zu untersuchen. Als sie aber so wenig
erschreckendes und nur zween in tiefen Schlaf versenkte Sterbliche antrafen, so
schien es ihnen das ratsamste den Tag in Schlachtordnung abzuwarten und sie
alsdenn die Probe ihrer Gotteit oder Sterblichkeit ablegen zu lassen. Zu diesem
Ende wurden die beiden Schlafenden durch ein heftiges Geschrei, das alle
anwesende Hälse zugleich anstimmten, bei Tages Anbruche aufgeweckt, und etliche
tollkühne Wagehälse hatten sich schon in ihren Kanoten um die Insel
herumgeschlichen, um sie von hintenzu anzufallen, zu binden und triumphirend in
ihre Heimat zu führen, um ihren Stand und ihre Macht weiter zu untersuchen.
    Sobald als Belphegor bei seinem Erwachen die Menge Menschen erblickte, so
war seine erste Empfindung - Schrecken, wie bereits gesagt worden ist: doch
belebte die Notwendigkeit der Hülfe und eine Art von Verzweiflung seinen Mut
so sehr, dass er durch bittende Zeichen und demütige Geberden sie auf seine
Insel zu locken und ihnen zu gleicher Zeit verständlich zu machen suchte, wie
sehr er ihres Beistandes bedürfe. Anstatt einer gütigen freundschaftlichen
Antwort tönte ihm ein fürchterliches Kriegsgeschrei entgegen, das bald hinter
seinem Rücken wiederholt wurde, worauf etliche sie überfielen, mit Seilen von
Baste fesselten und ihren Gefährten winkten, mit den Kanoten herbeizurudern und
die Gefangnen einzunehmen, welches im Augenblicke geschah.
    Obgleich die Art, mit welcher diese Wilden die beiden Europäer bewillkommten
und aufnahmen, nicht die erfreulichsten Aussichten versprach, so war doch
Belphegor äusserst zufrieden, das er auf ein langes festes Land gebracht werden
sollte, wo er wenigstens Einen Fleck mit hinlänglicher Nahrung anzutreffen
hofte: Akante hingegen, deren Keuschheit eben keine sonderliche Mühe und
Vorsorge mehr verdiente, weil sie schon leider! so sehr als ihr Gesicht zerfezt
und verstümmelt war, dachte an alles, während der Ueberfahrt, nicht so sehr und
angelegentlich als an die Gefahren, die unter so wilden Barbaren ihrer
weiblichen Ehre drohen konnten. So natürlich, so tief mit dem weiblichen Wesen
verwebt ist Sittsamkeit und Keuschheit, dass hier Akante so gar, nachdem sie
schon in neun und neunzig Fällen besudelt worden sind, doch im hunderten noch
für die Erhaltung ihrer Reinlichkeit sorgte!
    Belphegor räsonnirte indessen unaufhörlich bei sich über die Feindseligkeit
und das Mistrauen, das die Wilden bei ihrer Aufnahme blicken liessen. - Ein neuer
Beweis, sagte er sich, unter den vielen, die ich schon erlebt habe, dass die
Natur ihren Söhnen keine angeborne brüderliche Zuneigung zur Mitgift erteilte.
Warum fühlt der Wilde diesen Zug zu keinem Fremden? Warum ist ihm ausser der
kleinen Gesellschaft, die lange Gewohnheit mit ihm eins hat werden lassen, alles
Feind! - O Natur! Natur! Du musstest dem Menschen dieses Mistrauen einpflanzen,
um deine Kreaturen Selbsterhaltung zu lehren: aber trauriges Mittel! damit jedes
sich erhalte, muss jedes des andern geborner Feind, von allen sich trennen und
nur durch Gewohnheit, Eigennutz, Zwang der Freund von etlichen wenigen werden!
Unglückliche Geselligkeit! magst du doch Instinkt oder vom Bedürfnisse erzeugt
sein, du bist allzeit ein trauriges Geschenk: du sammeltest die Menschen in
Rotten, um sich zu befeinden und zu zerfleischen. War es aus Oekonomie oder um
das Schauspiel blutiger zu machen, dass nicht Menschen gegen Menschen, sondern
Trupp gegen Trupp streiten musste? Doch weg mit den trüben Gedanken! Ich bin vom
Hunger und vom Tode gerettet: diese unverdorbnen Kinder der Natur, die
Unerfahrenheit fürchten, und die Furcht feindselig verfahren lehrte, werden
unsre friedlichen Gesinnungen kaum merken und uns eben so friedlich begegnen.
Der Zunder der Feindschaft, der in der ganzen Welt glimmt, kann sich nicht bei
ihnen gegen uns entflammen: freue dich, Akante, wir sind wenigstens dem Tode, wo
nicht fernern Ungemächlichkeiten entflohen! - Es muss doch so eine Anordnung, so
ein geheimes Etwas sein, das die menschlichen Begebenheiten zum Besten der
einzelnen Mitglieder der Erde zusammenknüpft: ein Etwas, das aus den
widerwärtigsten Saamen den entgegengesezten Vorteil, aus Mistrauen und
feindlicher Furcht Errettung entwickeln kann. -
    Die Freude, sich aus der augenscheinlichsten Todesgefahr so unvermutet
geholfen zu sehn, gab seiner Philosophie einen so geschmeidigen Fluss, dass sie
bis zum Landen sich in diese Selbstbetrachtung ergoss.
    Nachdem sie unter einem ununterbrochnen Jubel in das erste Dorf eingezogen
waren, so glaubte Belphegor nichts gewisser, als dass man auf seine erste Bitte,
sobald sie nur verstanden worden wäre, mit der grössten Bereitwilligkeit seinen
Hunger befriedigen werde. Er tat zwar seine Bitte, aber niemand schien sie zu
verstehen, sondern man sperrte ihn nebst Akanten nach einer langen Prozession in
ein Gebäude ein; und eine kleine Weile darauf trug man ihnen Speisen im
Ueberflusse auf, deren Ungewohnheit ihnen die Ueberladung ersparte. Die
Einwohner, die sie genau beobachteten, frohlockten nicht wenig als sie ihre
Gefangnen mit so vielem Appetite essen sahen, welches Belphegorn, der es sich
als eine Freude der Menschenliebe und des Mitleids ausgab, beinahe auf bessere
Gesinnungen von der menschlichen Natur brachte und seine bisherigen Beschwerden
über sie bereuen liess. - Hier, sagte er zu Akanten, hier ist unverdorbne Natur:
in keiner sogenannten polizierten Gesellschaft würde man so naife Ausdrücke des
Mitleids und vielleicht auch schwerlich eine so sorgsame Verpflegung, ohne alle
Rücksicht auf eignes Interesse, angetroffen haben.
    Nur das einzige war ihm unbegreiflich, dass diese mitleidigen Versorger sie
gleich anfangs aller Kleider beraubt hatten, beständig gefesselt hielten und auf
das schärfste bewachten: er sann tausend günstige Ursachen dafür aus, die
insgesammt ganz wahrscheinlich, aber keine die wahre war.
    Nach einer achttägigen Wartung und Beköstigung, die ihnen ihre Kräfte völlig
wieder hergestellt hatte, wurden sie des Morgens unter dem Zusammenlaufe des
ganzen Dorfs ausgeführt, und jedes in der ganzen natürlichen Blösse an einen
Pfahl gebunden: beide zitterten nicht ohne Grund für ihr Leben; doch war ihnen
alles noch Rätsel. Verschiedene von den Umstehenden waren mit bedenklichen
Werkzeugen bewaffnet, die zu nichts als zum schneiden und sägen geschickt waren:
ein grosses Feuer loderte in hohe Flammen empor, und nichts war wahrscheinlicher,
als dass sie beide gebraten werden sollten. Mitten unter dieser unseligen
Vermutung rennte eine Weibsperson, unsinnig wie ein Mänade, auf Belphegorn zu
und zwickte ihm mit einem steinernen Instrumente ein Stück Fleisch aus dem Arme,
dass er vor Schmerz vergehn mochte; das Blut quoll aus der Wunde, und schnell
hielt einer der Dastehenden ein Gefäss unter, um es aufzufangen und zu
verschlucken. Dem Beispiele des rasenden Weibes folgten einige andre, und in
kurzer Zeit waren die beiden Leidenden vor Schmerz fast erschöpft und ganz mit
Wunden bedeckt, ihr Blut von verschiedenen getrunken, und Stücken von ihrem
Fleische im Triumphe davon getragen worden. Aus diesem tragischen Ende, das ihre
gütige Verpflegung nahm: konnte man schliessen, dass man nur die
menschenfreundliche Absicht dabei gehabt hatte, ihr Blut und ihr Fleisch fetter
und wohlschmeckender zu machen und ihnen Kräfte zu geben, dass sie durch ihre
Martern desto länger ihrer Grausamkeit zur Kurzweile dienen konnten.
    Von dem schrecklichen Schauspiele war kaum der erste Akt vorüber, als
plözlich ein Schwarm von der benachbarten Völkerschaft eindrang, nach einem
kurzen Gefechte die Barbaren vom Schauplatze fortschlug, das Dorf anzündete und
die blutenden Europäer mit sich hinwegnahm, die diese Sieger sogleich nach der
Ankunft in ihrem Dorfe verbanden und sorgfältig verpflegten. Weder Belphegor
noch Akante trauten jetzt dem Glücke mehr, sondern argwohnten eine neue
Grausamkeit hinter dieser Gütigkeit: da sie aber so sehr lange bis zur völligen
Heilung anhielt, so wussten sie wenigstens nicht, was sie denken sollten, wenn
sie auch gleich nichts Gutes erwarteten.
    Ihre gegenwärtigen Verpfleger waren sehr religiöse Leute. Sie hielten es für
höchstsündlich, einen Menschen zu essen, ohne ihn vorher den Göttern geopfert zu
haben; und um ihre Nachbarn, die gewissenlose Leute waren und sie frassen, ohne
ihren Göttern einen Bissen davon anzubieten, von dieser ärgerlichen
Gottlosigkeit abzuhalten, unternahmen sie beständige Anfälle auf sie: so oft sie
durch Kundschafter erforschten, dass man eine solche Mahlzeit halten wolle, so
brachen sie auf, befreiten die für die Gefrässigkeit jener Barbaren bestimmten
Opfer mit Gewalt, kurirten sie sorgfältig wieder aus, opferten sie ihren Göttern
und assen sie mit der grössten Anständigkeit.
    Kein andres Schicksal ist also von der Frömmigkeit dieser Leute für unsre
beiden Europäer zu hoffen: und kurzer Zeit nach ihrer völligen Genesung erfuhren
sie es selbst, dass kein andres auf sie wartete. Belphegor raste vor Zorn und
Verdruss; er wollte nicht essen, und man zwang ihm die Speisen ein: er wurde
gemästet, um ein würdiges Gericht für die Tafel der Götter zu werden. Der Termin
des Opfers, das Hauptfest des Jahres, näherte sich, und die Vorbereitungen
nahmen ihren Anfang.
    Unterdessen fühlten ihre Nachbarn ein gewaltiges Jucken der Tapferkeit in
Armen und Füssen, sie hatten lange müssig zu Hause gelegen, und wie das
unvernünftige Vieh nichts getan als gegessen, getrunken und bei ihren Weibern
geschlafen. Um sie dieser unrühmlichen Ruhe zu entreissen, fand sich bei einem
unter ihnen gerade zu gelegner Zeit ein Traum ein, der kaum erzählt war, als
alle bis zum kleinsten Nervengefässe sich begeistert fühlten, nach den Waffen
griffen und auszogen, als brave Menschenkinder ihre Gliedmassen gegen ihre
Nachbarn zu brauchen, die izt mit ihrem Feste beschäftigt waren und also ihren
Mut nicht in der gehörigen Bereitschaft hatten. Sie kamen; sie fielen das Dorf
an, wo Belphegor und Akante zum Opfer aufbewahrt wurden, sie ermordeten und
erwürgten, was ihnen in den Weg kam, und um so viel hitziger und unbarmherziger,
weil die lange Ruhe ihre Kräfte und ihren Mut tätiger gemacht hatte. Die
Uebereilten wurden in die Flucht getrieben, und die Sieger bemächtigten sich der
zum Opfer bestimmten Gefangnen, unter welchen auch Belphegor und Akante mit
fortgeschleppt wurden: allein da sie von den Einwohnern des Dorfs eine
hinreichende Anzahl bekommen hatten, um ihr blutbegieriges Vergnügen an ihnen zu
befriedigen, so gaben sie auf die übrigen weniger sorgfältig Acht. Als sie nach
Hause kamen, wurden sie wegen grossen Ueberflusses ausgeteilt, und jedermann,
der einen Anverwandten im Treffen eingebüsst hatte, bekam einen von den Gefangnen
an dessen Stelle: unter welchen die beiden Europäer zu einer Wittwe kamen, die
ihnen die Ehre antat, erstlich den Verlust ihres Mannes auf das empfindlichste
an ihren Leibern zu rächen, und dann sie zu ihren Sklaven zu machen.
    Der gegenwärtige Zustand war unangenehm, aber in Vergleichung der
nächstvorhergehenden vortreflich; wenigstens war das Leben sicher. In kurzer
Zeit bekam das ganze Dorf einen neuen Paroxismus von Tapferkeit, und alles zog
aus, sogar die Weiber waren nicht davon ausgenommen: auch Belphegor und Akante
mussten, so wenig sie auch den Kützel der Tapferkeit empfanden, den Zug
verstärken helfen. - Da sie aber voraussehen konnten, dass das Ende des Feldzugs
ihren Zustand wohl verschlimmern aber nicht verbessern könne, so beschlossen sie
bei der ersten Gelegenheit zu entwischen, in eine Einöde zu fliehen und da
lieber kümmerlich zu verhungern, als in beständiger Gefahr zu sein, dass man der
Grausamkeit eines Barbaren mit langsamen Martern zur Belustigung und endlich gar
mit seinem Fleische zur Sättigung dienen müsse. Die Gelegenheit zeigte sich, und
sie entflohen, versteckten sich lange Zeit, um der Nachstellung zu entgehn, in
einem Moraste, und rückten, so oft sie sich sicher genug glaubten, weiter fort.
Aber ihre Not hatte nur eine andre Mine angenommen: der Tod drohte ihnen immer
noch, nur unter einer neuen Larve. Ihre Nahrung mussten sie mühsam suchen und
fanden sie nicht einmal in zureichender Menge, und die Beschwerlichkeiten der
Witterung machten ihre traurige Situation vollständig.
    Wer hätte sich in solchen Umständen nicht den kummervollsten Reflexionen
überlassen sollen, auch ohne so viele Misantropie, wie Belphegor, im Leibe zu
haben? - Um so viel mehr musste ER es tun: der Strom seiner ärgerlichen Klagen
ergoss sich von neuem über den Menschen und die Natur. Als er eines Morgens sein
Kummerlied unter einem Brodfruchtbaume sang, so hörte er plözlich einige Stimmen
und erschrack, wie leicht zu vermuten, weil er izt bei jeder unbekannten Stimme
einen Menschen vermutete, der ihn schlachten wollte: er verkroch sich und
horchte. Der Ton hatte nichts barbarisches, und bei seiner Annäherung wurde er
inne, dass es Akante war, die zween Fremde in europäischer Kleidung zu ihm
führte. Er verliess also seinen Schlupfwinkel und erfuhr, dass es zween Spanier
waren, die man mit einem Schiffe von PANAMA abgesendet hatte, um Untersuchungen
in dieser Gegend anzustellen, Fahrten und Länder zu entdecken. Akante, die bei
dem Don, dessen Mätresse sie ehemals gewesen war, ein wenig Spanisch gelernt
hatte, wusste wenigstens noch genug davon, um zu erkennen, dass es Spanisch war,
was diese beiden Leute mit einander sprachen, als sie ihrer bei einer Quelle
ansichtig wurde, wo sie tranken: sie wagte sich zu ihnen, entdeckte ihnen die
Verlegenheit, in welcher sie nebst Belphegorn hier schmachtete, nebst einigen
andern Umständen so deutlich, als ihre kleine Fertigkeit in der Sprache es
zuliess. Die Fremden liessen sich bewegen, zu Belphegorn mit ihr zu gehn, kamen zu
ihm, und erboten sich, sie beide auf das Schiff mit sich zu nehmen. Der
Vorschlag wurde freudig angenommen, und der Marsch zu dem Schiffe angetreten.
    Sie kamen an den Ort, wo sie das Boot befestigt hatten, das sie über einen
nicht allzu breiten Fluss wieder zurückführen sollte; aber sie suchten umsonst:
das Boot war unsichtbar. Sie riefen, sie sahen, und siehe da! in einer weiten
Entfernung sahen sie es, mit Hülfe eines Fernglases, den Fluss hinuntertreiben,
und nur einen einzigen Menschen auf ihm, der, so viel sich unterscheiden liess,
durch unaufhörliche Bewegungen, die auch von einem Geschrei begleitet werden
mochten, seine Rettung vermutlich zu bewirken suchte. Man eilte, so schnell man
konnte, an dem Rande des Wassers hin, es einzuholen, und bemühte sich durch
beständiges Schreien teils die Leute herbeizubringen, die es verlassen hatten,
teils dem armen Hülflosen, der darauf zurückgeblieben war, Hoffnung zu machen,
dass seine Errettung vielleicht nicht weit mehr sei. Das Boot stiess indessen an
eine kleine Sandbank an, wo es aber der Strom bald wieder losarbeitete. Dieser
Umstand liess wenigstens die, welche ihm nacheilten, Zeit gewinnen, und sie waren
ihm jetzt schon so nahe, dass sie mit dem Verlassnen darin sprechen konnten. Man
wollte ihm helfen und wusste nicht wie: man hielt sich indessen mit Stangen in
Bereitschaft, um sie bei der ersten günstigen Gelegenheit anzuwenden. Der Strom
näherte zuweilen ihrem Ufer das Boot und einmal so sehr, dass einer von den
Spaniern es mit seiner Stange erreichen konnte; er zog es ein gutes Stück näher,
der darin sitzende frohlockte schon, Belphegor warf sich ins Wasser, schwamm
zu dem Taue, womit es am Ufer befestigt gewesen war, und das jetzt nicht weit vom
Rande schwamm, ergriff es, nahm es zwischen die Zähne und schwamm zurück, der
andre Spanier haschte es mit seiner Stange, man griff zu, und nach etlichen
Drehungen und Wendungen war man so glücklich es mit vereinten Kräften so nahe zu
bringen, dass man es bis zu einem Aussteigeplatze von dem Strome forttreiben
lassen und mit dem Taue zurückhalten konnte, dass es sich nicht zu weit vom Ufer
wieder entfernte.
    Mit einer unbeschreiblichen Freude sprang der Errettete aus dem Boote und
dankte seinen Errettern so lebhaft, dass man beinahe das Fahrzeug, das ihnen zu
ihrer eignen Zurückfahrt zu dem Schiffe unentbehrlich war, hätte entwischen
lassen: besonders wurde Belphegor für seine mutige Handlung mit Liebkosungen
überschüttet und in Umarmungen fast erdrückt. Man besichtigte das Tau und wurde
mit Erstaunen überzeugt, dass es entzweigeschnitten war. Jedermann war deswegen
um so viel mehr begierig, die besondern Umstände von der Losreissung des Bootes
zu wissen: man stürmte von allen Seiten auf den Erretteten mit Fragen zu, und er
versicherte sie, dass er weiter nichts von dem traurigen Vorfalle sagen könne,
als dass die vier übrigen, die sie im Boote bei ihm zurückgelassen, unter dem
Vorwande, dass sie Enten auf einem nahen Sumpfe schiessen wollten, aller seiner
Vorstellungen und Verweise ungeachtet, ausgestiegen wären und mit einem
Jagdmesser hinterlistig den Tau entzweigehauen hätten, um ihn der Willkühr des
Stroms zu übergeben. Die Ursachen ihrer Bosheit waren ihm unbekannt: wenn er
aber eine vermuten sollte, so musste es nach seiner Meinung Unzufriedenheit
sein, dass man IHM die Aufsicht über das Boot anvertraut und ihn einen Fremden
jenen Eingebornen vorgezogen habe. Die Spanier, die man jetzt für ein Paar
Offiziere erkannte, wüteten wider die Bösewichter, und am meisten darüber, dass
sie sich durch die Flucht ihrer Strafe entzogen hatten.
    Unterdessen flog der Gerettete, den seine Dankbarkeit noch ganz begeisterte,
noch einmal auf Belphegorn zu und versuchte - als er merkte, dass er kein
Spanisch verstand - eine Sprache zu finden, worinne er ihm seine Empfindungen
frei und geläufig auszudrücken wusste: es gelang ihm, und dann empfieng Belphegor
eine feurig warme Danksagung, eine so freundschaftlich warme, als sie ihm sein
vertrautester Freund hätte geben können, und oben drein die Versichrung, dass er
nebst seiner Gefährtinn in Kartagena so lange bei ihm bewirtet werden sollte,
als es ihm nur gefiele. - Die Vorsicht lebt noch, sprach der dankbare Mann mit
frölichem Tone: sie hat mir mit meinem Bootchen aus dem grimmigen Flusse
geholfen, warum sollten sie mir denn nicht nach Kartagena wieder verhelfen, um
dir für deine Wohltat zu danken? - Ja die Vorsicht lebt noch: wenn wir zum
Schiffe kommen, Brüderchen, so wollen wir ihr zu Ehren eine Flasche zusammen
ausleeren.
    Das Boot wurde unterdessen bestiegen, und man ruderte den Strom hinab, um
wieder zu dem Schiffe zurückzukehren, und jeder spannte dabei seine
Geschicklichkeit und seine Kräfte an. Sie erreichten das Schiff, und Belphegor
wurde mit Akanten von ihrem neuen Freunde auf das herrlichste bewirtet: die
Flasche lösste allen die Zunge, und jedes liess seinen Gedanken und Worten
ungehinderten Lauf: man erzählte sich und erzählte sich so lange bis der
Bewirter die Flasche vor Hastigkeit hinwarf und Belphegorn um den Hals flog. -
Brüderchen, schrye er, bist DU es? bist DU es? Gewiss? DU, Brüderchen? der mich,
deinen MEDARDUS, in dem abscheulichen Palaste zu NIEMEAMAYE mitten in den
Flammen zurückliess? - Sagte ich doch: die Vorsicht lebt noch: wir dachten
einander nimmermehr wieder zu finden, aber siehe! hier sind wir beisammen. Wer
hätte das denken sollen? - Und Du auch, Akantchen? - Wohl uns! wenn wir erst
wieder in Kartagena sind! Dann solls euch gehn! - so gut, als ihrs jetzt
schlecht gehabt habt! Glückliches Wiedersehn, und nimmermehr wieder Verlieren! -
und so trank er munter sein Glas aus. -
    Aber, sprach Belphegor, wenn die Vorsicht noch lebt, wie Du noch immer fest
glaubst, warum liess sie mich erst so lange Zeit zweifeln, ob überhaupt eine
existirte? Warum musste ich geschunden, zerschnitten, gesengt und beinahe
gefressen werden, um davon überzeugt zu werden? und noch kann unser Wiedersehn
eben so sehr die Wirkung eines Ohngefehrs, eines zufälligen Schicksals als einer
Vorsicht sein? Meine Leiden machen meinen Glauben an sie kein Haarbreit stärker;
ja so gar - sie schwächen ihn. -
    Bist Du noch so ein Grübelkopf, Brüderchen? unterbrach ihn Medardus. Ersäufe
Zweifel und Grillen in der Flasche: genug, ich glaube, dass eine Vorsicht ist,
und wers nicht glaubt, den soll der Teufel holen! - Nun, Brüderchen! - und so
stiess er an sein Glas - alle, die eine Vorsicht glauben, sollen leben! -
    Man merkte es, dass die Flasche den jovialischen Medardus begeistert hatte;
und da Belphegors Rausch ein trüber melancholischer Rausch war, so hätten beide
beinahe über Schicksal und Vorsicht in einen unseligen Zwist verwickelt werden
können, wenn nicht Akantens Dazwischenkunft sie getrennt und im Frieden erhalten
hätte.
    Als der Rausch ausgeschlafen war, so kehrte zwar die alte Vertraulichkeit
wieder zurück, allein Belphegor blieb doch trübsinnig. Akante heiterte sich mit
jeder Stunde wieder auf: mit jeder Erzählung, die ihr Medardus von dem
Reichtume und den Schönheiten zu Kartagena machte, mit jeder Aussicht auf
Ruhe, Bequemlichkeit, Ergötzlichkeit, die er ihr eröffnete, verschwand das
Andenken der überstandnen Beschwerlichkeiten, und es verstärkte sich ihre
Munterkeit und Lebhaftigkeit; sie quälte sich nicht, ob diese angenehme
Erwartungen ein Geschenk des Schicksals oder der Vorsehung sein möchten: genug,
sie sollte sie geniessen, und war damit zufrieden, dass sie sie geniessen sollte.
Belphegor hingegen lief täglich und stündlich die traurige Geschichte seines
vergangnen Lebens durch, fand überall Gelegenheit zu klagen und mit seinem
Glauben sich auf die Seite eines blinden Schicksals zu neigen, wozu Medardus mit
seinem unumschränkten Vertrauen auf eine Vorsehung nicht wenig beitrug, weil er
ihm dadurch immer Gelegenheit gab, zu seinen Zweifeln und dem Nachdenken darüber
zurückzukehren.
    Indessen hatte das Schiff seinen Weg nach Panama angefangen und jede Stunde,
die Medardus missen konnte, brachte er mit Belphegorn zu, um einander zu
erzählen und Anmerkungen darüber zu machen.
    Was findest Du nun in meinem ganzen Lebenslauf? fragte Belphegor eines
Abends, als er seine Geschichte von dem Brande in NIEMEAMAYE bis auf den
gegenwärtigen Augenblick geendigt hatte - was findest Du darin, blindes
Schicksal oder überlegte Vorsehung? Ich wollte durch eine Reihe
Beschwerlichkeiten dahin, die Neid und Bosheit meistens nur gelegentlich über
mich ausgossen: keins hängt mit dem andern zu einem gewissen Zwecke zusammen,
sondern ich wurde gequält, weil die Menschen nun einmal so gemacht sind, dass sie
nach ihren Gesinnungen und Leidenschaften, die auch nicht ihr Werk sind, nicht
anders als mich quälen mussten. Die Barbaren, die mich und Akanten nach einer
langsamen Marter fressen, oder die uns ihren Göttern opfern wollten - was können
diese dazu, dass sie dies nicht eben so sehr, wie wir, für die schrecklichste
Grausamkeit halten? Eine fortgesetzte Reihe von Begebenheiten, nebst ihren
ursprünglichen natürlichen Anlagen, Trieben und Neigungen, stellten ihnen
allmählich jenes als zulässig und dieses als vortreflich vor, so wie uns eine
andre lange Reihe von Begebenheiten die Handlung, einen Menschen zu schlachten,
als abscheulich abmalte. Was für ein Plan ist es aber, Menschen so anzulegen,
dass aus ihrem ersten Triebe der Selbsterhaltung Leidenschaften aufwachsen
müssen, die solche barbarische Grundsätze erzeugen? Was sind diese in jenem
vorgeblichen Plane? Zweck oder Mittel? - Zweck können sie nicht sein: denn
welche Idee, Kreaturen zu schaffen, damit sie einander fressen! - Mittel eben so
wenig: denn wozu führen solche Untaten im Ganzen oder im Einzelnen? - Entweder
müsste also hier in dem Plane der Begebenheiten ein törichter Zweck oder ein
törichtes Mittel angenommen werden, oder die ganze Sache muss ein zufälliger,
nicht intendirter Umstand sein; und, und! - vielleicht war die ganze Reihe
meines, deines Lebens, die Begebenheiten der ganzen Erde nichts als dieses -
Wirkungen des Zufalls und der Notwendigkeit, wo Leute, die diese Wörter nicht
leiden konnten, Zweck und Mittel herauskünstelten, und, wie die Wahrsager, auch
zuweilen diese beiden Sachen selbst herausbrachten. -
    Brüderchen, Du schwatzest zu subtil: Du grübelst und grübelst, und hast am
Ende nichts als Unruhe und Ungewisheit zum Lohne: ICH glaube frisch weg, ohne
mich links oder rechts umzusehen, dass alles gut und weise angeordnet ist, und
wenn mich die Kerle, die Dich verschlingen wollten, schon halb
hinuntergeschluckt hätten, so dächte ich doch: wer weiss, wozu das gut ist? Ich
komme am besten dabei zu rechte: ist auch wirklich alles Notwendigkeit und
Zufall; muss ich mich von diesen beiden Mächten herumstossen lassen - wohlan! ich
wills gar nicht wissen, dass sie mich blind herumstossen. Der Kopf wird so dadurch
wirblicht genug, soll ich mir ihn noch durch Grübeleien wirblicht machen? -
Nein! jede Freude genossen, wie sie sich anbietet, jeden Puff angenommen, wie er
kömmt, und immer gedacht: wer weiss, wozu er gut ist? - das heisst klug gelebt! -
Und das kannst Du mir doch nicht läugnen, Brüderchen, dass die gottlosen Kerle,
die mich mit dem Boote fortwandern liessen, mich in die Angst versetzen mussten,
damit ich dich wiederfände? Wäre ich in dem Palaste zu Niemeamaye nicht beinahe
verbrannt, hätte ich nicht so viele Gefahren zur See und in Amerika
ausgestanden, so wäre ich jetzt nicht bei Dir, so freueten wir uns jetzt nicht -
    Bester Freund! unterbrach ihn Belphegor: dieser Zweck ist auf deiner Seite
erreicht, aber auf der meinigen nicht. In dem Sturme der Leidenschaften, unter
dem Gefühle der Widrigkeiten wütete meine Seele, wie ein Betrunkener; alles war
mir schwarz, ich deklamirte, aber ich räsonnirte nicht. Itzt da sich durch dein
Wiedersehn meine Aussichten erheitern, da der Taumel des widrigen Gefühls
verfliegt, jetzt tritt eine Stille ein, die tausendmal quälender als der Sturm
ist - überlegtes Räsonnement in dem trüben Tone, in welchem ich vorher
deklamirte: kurz, ich bin aus dem Getümmel der Schlacht, Wunden und Schmerzen
herausgerissen worden, um an mir selbst zu nagen. Soll dieses Zweck oder Mittel
von einem künftigen Zwecke sein? - und so wird wohl der letzte, auf dem alles
abzielt, der Tod sein.-
    Wer weiss, wozu Dir das gut ist, Brüderchen? sprach Medardus. Du musst nur
Mut schöpfen -
    Lieber Mann! heisst das nicht zu einem lahmen Fusse sagen: hinke nicht? -
Führe ICH die Federn meines Denkens und Empfindens an der Schnure, um sie nach
Wohlgefallen lenken zu können? -
    Brüderchen, mir war bange, als ich in dem Palaste zu Niemeamaye mitten unter
den Flammen, wie in einem Feuerofen, steckte: aber ich dachte doch, wenn Du
gleich zu Pulver verbrennst, wer weiss, wozu das gut ist? wo nicht Dir, doch
einer lebendigen Kreatur auf der Erde jetzt oder in Zukunft; und siehst Du? ich
kam glücklich durch. -
    Aber wie kamst Du durch, Freund? -
    Durch einen besondern Zufall. Du weisst, der Bösewicht, der mit Dir nach
Niemeamaye kam, um mich schändlicher Weise zu tödten, wurde zu einem ewigen
Gefängnisse verdammt, weil wir kein Blut vergiessen wollten, ob er gleich den Tod
verdient hatte. In dem Tumulte, als ihn seine Wache verliess, hatte er sich
durchgearbeitet, strich durch die Burg, fand die Kleidung, die Du von Dir
geworfen hattest, zog sie an, weil sie ganz mit Goldkörnern angefüllt war, und
wollte so in ihr entfliehen. Da aber die königlichen Insignien darauf waren, so
hielten ihn die Feinde für den König, nahmen ihn gefangen, und während dass alles
jauchzte und nach dem Orte zulief, wo man den gefangenen König zeigte, erwischte
ich eine Öffnung und entkam glücklich. Ich wanderte bis zur Hauptstadt des
grossen abissinischen Reichs, wo ich mir durch die mitgebrachten Goldkörner die
Bekanntschaft einiger Kaufleute erwarb, die mir nach NEUGUINEA zu helfen
versprachen, damit ich von da nach Europa zurückgehn könnte, wohin ich mich
ausserordentlich wieder wünschte. Mein Verlangen wurde befriedigt: ich ging mit
einem englischen Sklaventransporte ab, aber um zwischen zwei Elementen, Wasser
und Feuer, beinahe umzukommen. Siehst du, Brüderchen? Den schwarzen Afrikanern
wurde in ihrem engen Loche bange: sie wollten mit Gewalt in ihr Vaterland
zurück, sollten sie auch durch den Tod dahinkommen: denn die närrischen
Kreaturen bilden sich ein, dass sie sicher ihre Heimat wieder finden, so bald
sie gestorben sind. Um diese Reise zu tun und sich zu gleicher Zeit an den
Leuten zu rächen, die sie wider ihren Willen in eine andre Gegend versetzen
wollten, stiegen sie in der zwoten Nacht nach unsrer Abreise einer dem andern
auf die Schultern, um die Falltüre ihres Behältnisses aufstossen und
herausklettern zu können: der Raum von dem Boden bis an die Tür war so hoch,
dass wenigstens drei Mann über einander stehen mussten, um sie zu öffnen. Der böse
Streich gelang ihnen wahrhaftig: einer von ihnen kletterte heraus und fand die
Sklavenwache schlafend. Hurtig warf er seinen zurückgebliebnen Kameraden eine
Strickleiter hinunter, ergriff das Gewehr der Wache und brachte sie mit einem
guten Degenstosse um, worauf er den Getödteten mit Hilfe der übrigen
herzugeeilten Negern über Bord warf. Zum Unglücke schlief alles, was schlafen
durfte, fest, weil jedermann die ganze vorhergehende Nacht hatte arbeiten
müssen, und die wenigen Wachenden wachten nur halb: dieser Umstand verstattete
den Negern durch das Schiff zu streichen. Sie fanden einen schlafenden Matrosen,
der seinen Tabaksbeutel mit dem Feuerzeuge an sich hängen hatte: sie schnitten
ihn los und brachten wirklich ein Stück Schwamm zum brennen; durch etliche andre
brennbare Materien brachten sie es zur Flamme, die sie in verschiedene Teile
des Schiffs ausstreuten. Damit aber niemand SIE für die Urheber des Bubenstücks
erkennen möchte, krochen sie in ihr Behältnis zurück, und waren bereit, in dem
Feuer mit umzukommen, wenn es das Schiff ganz zu Grunde richten sollte, welches
sie von Herzen wünschen mochten. Die Flamme griff auch schon wirklich weit um
sich, verwüstete hin und wieder, als man es erst gewahr wurde. Brüderchen, das
war ein Schrecken! das war ein Tumult! - Verbrennen oder ertrinken! Das schien
die einzige Wahl: aber, Brüderchen, ich sollte Dich wiedersehn: das Feuer wurde
gedämpft und die Urheber entdeckt. Die einfältigen Geschöpfe hatten vergessen,
die Strickleiter an ihrer Falltüre wegzuschaffen: kurz, der böse Handel wurde
ausfündig gemacht und hart gestraft.
    Waren wir dem Feuer entgangen, so war es nur, um in die Hände der Feinde zu
fallen. Die Spanier und Engländer hatten damals das Recht, einander allen
ersinnlichen Schaden und Feindschaft anzutun: denn kurz vorher war zwischen
beiden ein Krieg ausgebrochen. Siehst Du, Brüderchen? wir wussten nichts davon,
und erwarteten also gar nicht, dass jemand unser Feind sein wollte, weil wir
niemanden etwas zuwider getan hatten: allein da die beiden Mächte uneinig
waren, so mussten wir arme Unschuldige ihren Zorn entgelten und uns - mochten
wir, mochten wir nicht - als Feinde behandeln lassen, weil uns ein englisches
Schiff trug. Ein spanisches griff uns an und führte uns glücklich nach
Kartagena, wo ich bewies, dass ich kein Engländer war und auch nicht einmal den
Namen nach an dem Missverständnisse zwischen den beiden Königen einigen Anteil
hätte: auf diesen Beweis gab man mir die Erlaubnis, mein Glück zu suchen, wo ich
es finden konnte. Ich fand einen Platz bei einem Kaufmanne, wo ich mich
gegenwärtig noch befinde, und auf dessen Verlangen ich diese Reise nach dem
kalifornischen Busen mit unternehmen musste. - Glückliche Reise! ich habe Dich
wiedergefunden; ich bringe Dich nach Kartagena, und nun leben und sterben wir
beisammen.
    Seine Wünsche wurden erfüllt: sie erreichten glücklich Panama und machten
alsdann in kurzer Zeit den Weg bis nach Kartagena, wo Medardus seinem Freunde
eine anständige Versorgung verschafte, und dieser Akanten, die Gefährtinn seiner
Schmerzen und seines Unglücks, zu seiner wirklichen Ehegattinn erhub.
    Belphegor glaubte sich nunmehr am Ende seiner Leiden, heiterte sich durch
seine Zerstreuungen und Geschäfte genugsam wieder auf, um seine bisherige trübe
Laune ziemlich zu vergessen; allein der herrschende Ton seiner Empfindungen und
seiner Gedanken blieb beständig der schwermütige, der melancholische, und seine
Unterhaltungen mit seinem Freunde betrafen meistens das grosse Labyrint - die
Begebenheiten und Schicksale der Menschen. Er wankte mit seinem Glauben zwischen
Notwendigkeit und Vorsehung hin und wieder, und seine eigne Ueberzeugung zog
ihn allezeit zu der erstern, ob ihn gleich sein Freund zu der letztern zu ziehen
suchte. Wenn aber auch sein innerlicher Zustand nie völlig ruhig werden konnte,
so glaubte er wenigstens, dass die Menschen und das Schicksal seinen äusserlichen
nicht weiter beunruhigen würden; aber auch hierinne glaubte er falsch: die
Menschen mussten ihn in seiner Ruhe stören, weil er sie im Laster und der
Unterdrückung stören wollte.
    Seine Geschäfte führten ihn oft in solche Verbindungen, dass er das ganze
Spiel der Leidenschaften und des Eigennutzes in dem deutlichsten Lichte sehen
konnte: er fand, dass auch in dieser neuen Welt, wie in der alten, der Neid
beständig den Bogen gespannt hielt, und jeder seine Obermacht zur Unterdrückung
missbrauchte. Anfangs liess er sich zwar von der Klugheit zurückhalten, allein in
kurzem häuften sich die Reizungen so sehr, dass sein Unwille alle Klugheit
überstimmte: er riss ihn hin und stürzte ihn in tausend Unannehmlichkeiten und
eben so viele Gefahren.
    Der Herr, in dessen Diensten er stand, war ein Kreole20 und hatte deswegen
den Hass aller gebornen Spanier auszustehn: bei jeder Gelegenheit, wo von einem
unter diesen das Interesse oder die Ehre seines Herrn gekränkt wurde, focht
Belphegor mit allen Kräften seiner Beredsamkeit und seines Leibes, ihn zu
verteidigen. Sein Eifer machte ihn bei seinem Herrn beliebt und wurde dadurch
um so viel stärker angefacht.
    So lange er wider die Ungerechtigkeiten und den Stolz der gebornen Spanier
deklamirte und mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit auf die Verachtung loszog, die
sie gegen alle Kreolen blicken liessen, auch zuweilen dadurch, dass er zu heftig
die Partie der Kreolen nahm, sich blaue, braune, gelbe und rote Flecken, Wunden
und Beulen verursachte, so überhäufte ihn sein Herr mit Liebkosungen und
Geschenken, Belphegor empfieng die freundlichsten gütigsten Blicke unter allen
im ganzen Hause, sein Gespräch war die liebste, die einzige Unterhaltung seines
Herrn, und dieser konnte ihm stundenlang zuhören, wenn er eine Strafpredigt über
Welt und Menschen hielt und die Züge in seinen Gemälden des kindischen
menschlichen Stolzes von gebornen Spaniern entlehnte: sobald er aber Einen Zug
der Unterdrückung einfliessen liess, die der Kreole so gut als der Spanier
begieng, so schwieg man anfangs still, und wenn er seine Schilderungen mit
solchen Dingen gar zu sehr überladete, so wurde die Unterhaltung abgebrochen.
Belphegor, der seinen Herrn, im Durchschnitte gerechnet, für gut hielt, dünkte
sich verpflichtet, ihm auch die kleinen Flecken abzuwischen, die die Grundfläche
seines Charakters beschmuzten und die sich nur durch die Länge der Gewohnheit so
tief eingefressen hatten, dass er sie, wie alle Menschen seines Schlages um ihn,
für keine Flecken hielt. Dahin gehörte vorzüglich diese Art von Grausamkeit, die
auch Menschen begehen, wenn sie nichts als gerecht sind, andern zwar sehr
pünktlich ihre eignen Obliegenheiten entrichten, aber auch mit der äussersten
Strenge ihr Recht von andern verlangen. Da diese Strenge sich am meisten da
äussert und auch, ohne gerichtliche Straffälligkeit, am meisten da äussern kann,
wo eine alte verjährte Unterdrückung zum Recht geworden ist, und ein Trupp
armseliger Kreaturen, so bald sie zu existiren anfangen, schon die Möbeln eines
andern sind - kurz, wo Leibeigenschaft und Sklaverei herrschen; so fand
Belphegor für seinen Strafeifer nirgends reichlichern Stoff als in seinen
gegenwärtigen Umständen. Die Indianer, diese armen Lastträger, diese
Soufre-douleurs von Amerika, und man möchte sagen, der ganzen Menschheit,
reizten seinen Unwillen am heftigsten. Er sah, dass alles sich vereinigte, auf
die Kosten dieser Elenden wohl zu leben, und sein Ungestüm, da er so viele
Nahrung fand, brach von neuem los. - Ihr seid Unmenschen, sprach er einst zu
seinem Herrn; ihr macht eure Schultern leicht und legt alle Lasten der
Menschlichkeit diesen Kreaturen ohne Mitleid auf: ihr drückt sie, weil sie keine
rechten Christen sind, ohne zu bedenken, dass sie Menschen sind. Lasst diesen
Unglückseligen ihren Pachacamac21 oder wie sie ihn sonst nennen wollen, und
erleichtert ihnen die Mühe zu leben, und ihr seid ihre wahren Wohltäter. Ist es
nicht ewige Schande, eine halbe Welt zu erobern, ihre Einwohner zu Sklaven zu
machen und dann noch an ihrem dürftigen Unterhalte zu saugen? - Aber warum
konnte nun die Natur ihr Werk so anlegen, dass alle diese Härte eine notwendige
Folge von seiner Einrichtung sein musste? dass ein Teil der Menschen von dem
andern nicht allein zur Arbeit gezwungen, sondern auch überdiess noch hart
behandelt werden musste? dass ein Teil ganz erniedrigt werden musste, damit der
andre desto höher sich emporhebe? - O Gott! mir schwellen alle meine Adern, wenn
ich diesen tollen Lauf der Welt überdenke! - Was sind diese Befehlshaber, diese
Corregidoren anders als privilegirte Unterdrücker! Was seid ihr, die ihr den
Reichtum des Landes der Erde abgewinnt, anders, als immerwährende Unterdrücker?
als vom Recht geschüzte Unterdrücker, wenn ihr auch noch so gelinde verfahrt?
Und wenn der Elende diese beiden Ruten bis zum Verbluten gefühlt hat, dann
setzt noch der geistliche Blutsauger den Rüssel an und zieht dem armen
Einfältigen den wenigen Saft aus, der ihm übrig blieb, verkauft ihm schnöde
nichtsnutze Possen und pflanzt ihm den hässlichsten Aberglauben ein, damit ihn
Gewissen und Blödsinn zum Kaufe zwingen. - Ist es erhört, o Natur, dass du eine
Gattung von deinen Geschöpfen so ganz stiefmütterlich vernachlässigen konntest?
Waren die Indianer nicht auch dein Werk? Und doch liessest du sie vielleicht
viele tausend Jahre in Dummheit und dem grausamsten Aberglauben herumkriechen,
Sklaven ihrer Tyrannen und ihrer Götter sein, dann sie zu tausenden erwürgen, in
das Joch der Europäer stecken und nun langsam von allen Seiten bis zur
Vernichtung quälen: du schufest sie, um sie langsam aufzureiben. -
    Einen solchen Sermon hielt natürlicher Weise sein Herr nicht länger aus, als
bis er sich das erstemal getroffen fühlte, wo er sich meistenteils wegwandte,
räusperte, eine Beschäftigung vornahm, jemanden rief, das Zimmer verliess, oder
etwas anders tat, das ihn darauf zu hören hinderte. Eine jede solche
Unterhaltung schwächte bei ihm den Geschmack an Belphegors Umgange, und obgleich
dieser sich sehr oft durch ein kleines Lob auf die Guterzigkeit des Mannes
wieder in Gunst sezte, so hiess das doch nur, einen schlimmen Eindruck benehmen,
aber keinen guten geben. Diesen Umstand nüzten seine Kameraden, die schon längst
mit schielen Augen die Vorzüge angesehn hatten, die er von seinem Herrn genoss,
ihn dieser Vorzüge zu berauben. Sie stellten Belphegors Deklamationen von der
schlimmen Seite vor, erdichteten etliche, die er wider seinen eignen Herrn
namentlich in seiner Abwesenheit gesagt haben sollte: sie fanden leicht Glauben,
und bald wurde Belphegor zurückgesezt, verachtet, und jedes auch das mindeste
seiner Worte übel genommen, man machte ihm, ob er gleich von Wunden und Beulen
verschont blieb, das Leben doch so schwer, dass er diesen innerlichen Schmerz
gern gegen alle körperliche vertauscht hätte: er wurde es endlich müde, verlies
das Haus und lebte von der Gütigkeit seines Freundes Medardus, der sich mit der
grössten Bereitwilligkeit seiner annahm und auf einen andern Platz für ihn dachte.
    So schwer ihm diese Bemühung wurde, so ging sie ihm doch endlich glücklich
von statten: er verschafte seinem Freunde einen andern Platz, aber keine Ruhe.
Er brachte ihn in das Haus eines Mannes, der recht dazu geschaffen schien,
seinen bisherigen Unwillen über die amerikanische Unterdrückung zu erhöhen, und
den ganzen Belphegor in Feuer und Flammen zu setzen. Ein Mann war es, der sein
Leben in der wollüstigsten Trägheit dahinschlummerte, und wenn er ja handelte,
doch nie über die Gränzen der Sinnlichkeit hinauswich: wenn er geschlafen hatte,
so ass oder trank er, und wenn er gegessen oder getrunken hatte, so schlief er,
und wenn er dessen überdrüssig war, so liess er sich von einem Pferde tragen oder
von etlichen ziehen: zuweilen gebrauchte er sogar Sklaven, hierzu, um zugleich
seinen Stolz zu kützeln, wenn er Geschöpfe, die mit ihm einerlei Figur hatten,
so unter sich erniedrigt sehen konnte. Wenn er speiste, musste einer von seinen
Hausbedienten ihm mit lauter Stimme seinen Stammbaum, der von Erschaffung der
Welt anhub, vorlesen, desgleichen jede Lobrede, die auf einen seiner Vorfahren
gehalten worden war; und da er meistens über dem Lesen einschlief, so war es
kein Wunder, dass die Geschichte seiner Abstammung seine einzige Lektüre
schlafend und wachend ausgemacht hatte, ohne dass er mehr davon wusste, als dass
Adam sein erster Stammvater gewesen sei, weswegen er es bei jeder Gelegenheit
mit grossem Stolze zu rühmen wusste, dass seine Familie unmittelbar von Gott selbst
gemacht worden sei.
    Der Anblick eines so vegetirenden Geschöpfes musste Belphegorn natürlich
aufbringen, besonders wenn er es mit den hülflosen Mitgeschöpfen verglich, die
ihm die Mittel zu einer so weichlichen Bequemlichkeit erarbeiten mussten: er
wollte nicht mehr dieselbe Luft mit ihm atmen, oder von Einem Dache mit ihm
bedeckt sein; und als er eines Tages den Auftrag bekam, ihn mit der Verlesung
seines Geschlechtsregisters einzuschläfern, so tat er ihm mit dem Eifer eines
Busspredigers eine so nachdrückliche moralische Vorhaltung seiner noch weniger
als tierischen Lebensart und der Unterdrückung, die er begehn müsste, um sie
geniessen zu können, dass der Mann kein Auge zu tun konnte, worüber er so
ergrimmte, dass er den armen Belphegor, als einen unbrauchbaren Bedienten, zum
Hause augenblicklich hinausweisen liess. Das Schicksal war hart, aber ein kleiner
Rest von Stolze, der ihn überredete, für die Wahrheit eine Aufopferung getan zu
haben, stärkte ihn hinlänglich, dass er so aufgerichtet und frölich, wie ein
Märtyrer, über die Schwelle schreiten konnte.
    Er nahm seine Zuflucht zu Akanten, die noch, so sehr sich ihre Reize auch
vermindert hatten, aus dem nämlichen Grunde gern mit der Liebe spielte, aus
welchem ein alter Fuhrmann gern klatschen hört, wenn sein Arm zu steif ist, die
Peitsche selbst zu regieren. Sie war - wenn man ihre Verrichtung bei dem
eigentlichen Namen nennen darf - eine Kupplerinn, und genoss die Freuden ihrer
Jugend wenigstens in der Einbildung, wenn sie den fremden Genuss derselben vor
sich sah, da das unbarmherzige Alter sie leider! unfähig gemacht hatte, sich in
der Wirklichkeit daran zu vergnügen. Ihr Mann, der mit seinem Kopfe immer auf
irrendritterliche Fahrten ausgieng, konnte über dem Eifer, die ganze Welt zu
bessern, nicht daran denken, sein Haus zu bessern, das durch die Geschäftigkeit
seiner Frau einem Bordelle nicht unähnlich geworden war. Er merkte nicht das
mindeste hiervon, sondern lebte nunmehr von der Einnahme seiner Frau,
unbekümmert, dass sie der Gewinst einer Unterdrückung war, die alle andern
überwiegt - der Unterdrückung der Tugend. Indessen dass diese ohne sein
Bewusstsein täglich hinter seinem Rücken geschah, schwärmte er mit seinen
Gedanken in der Welt herum, suchte Materialien zum Aerger auf und zürnte, dass
die Natur nicht IHN um Rat gefragt hatte, als sie eine Welt schaffen wollte.
Mitten unter seinem traurigen Zeitvertreibe geriet er in die Bekanntschaft
eines Mannes, der sein Haus oft besuchte, Akanten reichliche Geschenke machte,
ohne jemals mehr zu tun, als bei ihr ein und auszugehen. Da er also bei den
Lustbarkeiten, die an dem Orte vorgenommen wurden, bloss ein überflüssiger und oft
lästiger Zuschauer war, so bekommplimentirte ihn Akante so lange, bis er sich
zuweilen bereden liess, sich zu ihrem Manne zu begeben und mit ihm zu
unterhalten.
    So zurückhaltend und lakonisch der Fremde war, so offenherzig aus der Brust
heraus redte hingegen Belphegor: und bald fanden sie beide, dass ihre Denkungsart
nicht ganz disharmonisch war; sie wurden einander interressant und in kurzem
Freunde, doch lange nicht so sehr, dass der Fremde auf die vielen Zunötigungen,
sich entdeckt hätte. Endlich machte einstmals die Flasche, womit er Belphegorn
häufig bewirtete, seine Zunge so geläufig, das er folgendes Bekenntnis ablegte:
- Ich war ehemals ein Herrenhuter, konnte aber den verschleierten Despotismus,
der diese Gemeine unter den heiligsten Benennungen tyrannisirt, nicht länger
mehr erdulden, und trennte mich deswegen von ihr. Menschen geboten uns
willkührlich und wollten uns überreden, dass die Stimme des heiligen Geistes
durch sie gebiete. Ich glaubte dem heiligen Geiste nicht mehr blindlings und
wurde deswegen gemishandelt: ich verlies eine Sekte, wo die natürliche Freiheit
ungleich mehr eingeschränkt ist, als in der despotischen Monarchie, und die
Schranken ungleich schwerer erweitert werden, weil sie mit der Heiligkeit
überfirnisst und zugleich die Stützen des Ganzen sind, um dessentwillen sie je
länger, je mehr vervielfältigt werden müssen, so dass zuletzt entweder ein Pabst
mit etlichen listigen Füchsen den übrigen Haufen ganz abrutiren muss, um ihn in
Ruhe nach Willkühr, wie Marionetten, zu regieren, oder die ganze Gesellschaft
ein Trupp so verdorbner Christen voll Zanks, Uneinigkeit und Tumult werden wird,
wie die übrigen alle. Solltest du denken, dass unter der stillen friedfertigen
Mine des Bruders das nämliche Herz lauscht, und dass seine Gesellschaft eine Welt
ist, wo der Schwächre eben so sehr unter schönen Namen betrogen und tyrannisirt
wird als in andern Gesellschaften? - Glaube mir, es ist so! Ich entsagte dem
separatistischen Despotismus und durchlief Königreiche, Herzogtümer und
Fürstentümer, Aristokratien und Republiken, allentalben begegnete ich dem
Despotismus im Grossen oder im Kleinen, unter dieser oder jener Maske, versteckt
oder offenbar. In jedem, auch dem kleinsten Staate lauschte dies vielköpfichte
Ungeheuer, und ganz Europa schien von ihm verschlungen zu werden.
Regierungsgehülfen, denen die Gunst des Fürsten mehr galt als die Glückseligkeit
des Volks, untergruben listig die Schutzwehren, die die Monarchie vor den
Eingriffen des Despotismus sichern sollten, oder warfen sie aus eigner
Herrschsucht mit Gewalt nieder: sie legten der Nation Lasten auf, dass sie sich
unter der Bürde krümmte: und beschwerten sie, um sie glücklich zu machen.
    Um es glücklich zu machen! rief Belphegor verwundert. -
    Ja, Freund! Man ersann eine Philosophie, deren oberster Grundsatz im Grunde
war: man muss den Menschen das Leben sauer und schwer machen, um sie glücklich zu
machen. Man hatte bemerkt, dass Staaten durch Industrie und Geschäftigkeit
blühend und glänzend geworden waren: man hielt den Glanz des Staats und die
Glückseligkeit seiner Mitglieder für untrennbare Dinge! oder man würdigte
vielleicht nicht einmal die leztern einiger Rücksicht, und sezte es also als
einen Grundsatz fest, dass die Glückseligkeit eines Volks mit seiner Industrie
zunehme; und jedermann dachte auf Mittel sein Volk auf diesen sichern Weg zur
politischen Glückseligkeit zu führen. Sogar Junker, die eine Hand voll Bauern
unter ihrem Kommando hatten, die ihnen ihr Feld pflügen und ihr Vieh hüten
mussten, sprachen von Industrie, und wollten ihre Arbeiter industriös machen,
weil sie alsdann noch mehr faullenzen zu können hoften. Indem man allentalben
Mittel zur Industrie aufsuchte, bemerkte man, dass die Einwohner einiger Länder
mit wenigen Auflagen beschwert und nicht industriös gewesen waren: sogleich
erklärte man dies für die Wirkung von jenem, was es vielleicht in einigen
einzelnen Fällen wirklich sein mochte, ob es gleich in den meisten nur ein
begleitender, oder höchstens mitwirkender Umstand war. Das Geheimnis war
gefunden, und jeder Politiker, der rechnen gelernt hatte, machte es zum
Glaubensartikel, dass man dem Volke viel nehmen müsse, damit es viel gewinne; und
ein junger Sekretär einer Kammer fertigte mich, da ich aus meinem gesunden
Menschenverstande Einwendungen dawider machen wollte, frisch weg damit ab, dass
ich das Ding nicht verstünde. - Freund! heisst das nicht einen Esel mit
Peitschenschlägen zum Laufen bringen? Gut! er läuft stärker nach Empfang der
Hiebe; aber ist nicht ein gewisser Punkt, wo das gute Müllertier nicht stärker
laufen kann, wo er entweder unter den Schlägen erliegen, oder seinen Führer sich
wiedersetzen muss? und ist nicht ein gewisser Punkt, innerhalb dessen die
Industrie durch die erschöpften Kräfte der Menschen, durch die besondre Lage und
Beschaffenheit des Landes und tausend andre Ursachen eingeschränkt wird, über
die sie nie hinausgebracht wird, man lege dem Volke jeden Tag neue Lasten auf? -
Und ist denn die Glückseligkeit der einzelnen Mitglieder bei der Berechnung eine
blosse Null? Sollen die Menschen nichts als Lastträger sein, denen man täglich
mehr auflegt, damit sie täglich mehr tragen lernen? Sollen sie immer gieriger
nach Gewinn trachten, um immer mehr geben zu können? Heisst das nicht, sie zu
allen den Lastern hinstossen, die man für Schandflecken der Gesellschaft erkennt?
zur Habsucht, List, Betrug - kurz, zu allen Vergehungen, die durch den leichten
Zaun der Gesetze durchschlüpfen können? -
    Verflucht sei die Industrie! rief Belphegor. Je mehr sie steigt, je mehr
raubt sie der Gesellschaft Annehmlichkeit, Zierde, und den einzelnen Mitgliedern
die Glückseligkeit. - Was tut sie? Sie schiebt einigen wenigen das Kopfküssen
der Bequemlichkeit unter, macht alle, mehr oder weniger, zu habsüchtigen Wölfen
und listigen Füchsen, und wirft den grössten Haufen auf den harten Pfühl der
Arbeit, der Beschwerlichkeit, der Kümmerniss, des Mangels. - Wohl euch! ihr
Tiere, und ihr Menschen, die ihr ihnen gleicht, denen tierisches Bedürfnis den
ganzen Kreis ihrer Glückseligkeit schliesst! -
    Freund! Du bist voreilig. Die Industrie rottet eben so viele Laster aus als
sie gibt -
    Was ist da gewonnen? -
    Was bei jedem Wechsel auf unserm Planeten gewonnen wird - man tauscht ein
andres Uebel ein. Daran kann ich mich gewöhnen, nur an die Unterdrückung nicht.
Mein Gefühl von Freiheit, das bei jeder Spur von ihr bis zum Tumulte aufrührisch
wird, trieb mich aus der alten Welt, wo despotische Grundsätze die Schranken
derselben immer enger zusammenzogen, so enge, dass an manchen Orten kein Mensch
mehr ein freies Wort zu flüstern wagte. Aber Freund! welch ein Wechsel! hier
fand ich die Unterdrückung in roher unbekleisterter Gestalt, und mit feiner
Tünche überzogen; gerade dieselbe Welt, wie auf der andern Halbkugel, an manchen
Orten besser, an manchen schlimmer. Ebendieselbe Kraft, die in der Bewegung der
körperlichen Welt ein gewisses Gleichgewicht erhält, muss auch die moralische und
politische Vollkommenheit des Ganzen in einer gewissen Temperatur erhalten, dass
alle Zeiten und alle Orte im Besitz und Mangel sich die Wage halten.
    Leider! seufzte Belphegor, ist die Welt sich allentalben gleich. Aber muss
es so sein? Oder ist nicht zu vermuten, dass einst ein Mann, der mehr Geist ist
als seine Mitbrüder, die groben Fesseln zerbrechen wird, die diesen und jenen
Teil der Menschheit an den Bock der Sklaverei anketten: denn die feinen
gewohnten Banden, an welchen der Gewaltige den Schwachen allzeit führt, diese zu
zerreissen, ist Gott und Mensch zu schwach, so lange die Natur keine Umschaffung
unternimmt: aber ein solcher Mann, der die Indianer an ihren Unterdrückern
rächet, zwar tausend Unschuldige bei seiner Rache mit hinraft, aber sie doch zu
einem edlen Zwecke hinraft -
    Diese Erlösung wird die Zeit bewerkstelligen. -
    O die leidige langsame Zeit, die erleichtern aber nicht erlösen kann! - Die
Menschen kämpften um Herrschaft, bis der Mächtigere obsiegte und den Schwächern
niederwarf: so lange diesem das Joch neu war, trug er es unwillig und regte
sich, wenn jener zu hart drückte: mit der Zeit wurde er durch die Gewohnheit
eingeschläfert, und fühlte gar nicht mehr, dass ihm der Druck auf dem Halse lag:
- siehe! das ist bisher die Hülfe gewesen, die die träge langsame Zeit gereicht
hat. -
    O Freund! ich bin nicht der Mann, der diese hohe Unternehmung wagen könnte;
aber eins kann ich! ich kann Vorschläge und Projekte tun. Von jeher war es
meine Lieblingsbeschäftigung, über die Gebrechen der Regierungen nachzudenken
und Plane zu ihrer Verbesserung auszusinnen: keine darunter sind ausgeführt
worden, aber die Welt befände sich gewiss wohl dabei, wenn sie alle ausgeführt
wären. Ich habe einen Entwurf ersonnen, wie alle Kriege, wenigstens in Europa,
auf immer untätig gemacht und ganz vertilgt werden könnten. -
    Willkommnes Projekt! O Natur! warum gabst du mir nicht Kräfte in meinen Arm
und Mut genug in mein Herz, ein so erhabnes Projekt zu bewerkstelligen? -
    Er braucht weder Mut noch starken Arm dazu, um die Uebereinstimmung aller
Mächte von Europa, über die Beilegung ihrer Fehden etlichen aus ihrem Mittel den
Auftrag zu geben.22 Herrliches Projekt, das Schwerdt und Kanone unschädlich,
einen ganzen Weltteil ruhig, bevölkert, wirklich polirt machen, und jedes
empfindende Herz mit dem Menschengeschlechte aussöhnen wird? Freund, wenn ich
den Anfang eines solchen Glücks erlebte! und sich dabei bewusst zu sein, dass man
die Idee dazu im Kopfe gehabt hat, was für eine Freude müsste das sein! -
    Bester Freund! eine überschwengliche Freude! Allein Krieg ist seltner, doch
Unterdrückung dauert Tag für Tag: hättest Du ein Projekt, dies Ungeheuer zu
vertilgen. -
    Auch dafür weiss ich eins. Alle Regenten dürften nur mehr für die
Glückseligkeit ihrer Staaten als für ihren eignen Glanz sorgen, alle despotische
Grundsätze aus sich und ihren Dienern verdrängen, das Leben und Wohlsein des
geringsten Untertans höher schätzen als allen Pomp, sich und das Volk nicht als
zwo Parteien betrachten, worunter eine die andre immer feiner zu überlisten
sucht, eine nicht geben, und die andre nehmen will, sondern sich als eine
Gesellschaft behandeln, die ein gemeinschaftliches Interesse vereint -
    Wenn soll dies Projekt ausgeführt sein? -
    Ja - wollte er antworten, aber man rief Feuer im Hause, und die Antwort
blieb unvollendet.
 
                                  Zehntes Buch
Das Feuer war bald gedämpft, und die beiden Unterredenden kehrten beruhigt zu
ihrem Gespräche wieder zurück. Belphegor nannte kein Gebrechen in dieser Welt,
wofür sein Gesellschafter nicht ein Recept wusste: er wusste eins für die
Unordnung der Finanzen in Deutschland, Frankreich und andern Ländern; er konnte
habsüchtige Minister kuriren, er wollte müssige Regenten von ihrer Liebe zum
Vergnügen heilen, er wollte ihnen Kraft und Willen zur Ausübung ihrer Pflichten
einpfropfen - ach, was weiss ich, was für trefliche medicinische Geheimnisse er
weiter noch in seiner Gewalt hatte? Doch liess sich seine Kur niemals unter einen
Fürsten, einen Minister oder einen ganzen Staatskörper herab und war so ziemlich
den Verfassern politischer Systeme gleich, die Fürsten und Königen vorschreiben,
was sie tun sollen, um uns zu lehren, was sie nicht tun.23 Demungeachtet musste
sich ein Mann, wie Belphegor, ungemein über so künstliche Spinneweben freuen und
brachte manche Nacht schlaflos hin, um ähnliche Gespinste aus seinem Gehirne zu
erzeugen. Er erzählte sie seinem neuen Freunde und liess sich die seinigen
erzählen, wodurch ihre gegenseitige Zuneigung täglich fester wurde, wiewohl auch
der Fremde noch eine andre Absicht hatte, warum er Belphegors Haus so oft
besuchte, und mit welcher er gleich anfangs hineingekommen war.
    Auch dieses war nichts geringers als ein Projekt, das aber nicht die
weitläuftige Besserung eines Fürsten oder Staats, sondern die Kur eines
Anverwandten betraf, der sich allen Ausschweifungen überliess, ihm, um sie desto
freier zu geniessen, entlaufen war, und den er darum Schritt vor Schritt
betrachten wollte. - Wir hatten, erzählte er eines Tags Belphegorn, ansehnliche
Besitzungen in NEW WIGHT: mein Verwandter und ich sollten eine Erbschaft heben,
auf die wir längst gewartet hatten; allein der Befehlshaber des Gebiets, der
ungerechte FROMAL -
    Fromal? rief Belphegor erstaunt. -
    Ja, er selbst, dieser gewissenlose Mann, verwickelte uns in feingewebte
Schwierigkeiten, die uns den Besitz der Erbschaft lange Zeit aufhielten. -
    Fromal! ER tat das? -
    Ja, und zwar aus einem Grolle wider den Erblasser und aus Habsucht, ein
Stück Landes zu besitzen, welches an einem seiner Gärten stiess, den er dadurch
zu erweitern wünschte. Der Verwandte, den wir beerbten, schlug ihm sein Ansuchen
darum etliche Mal ab, aus welchen Ursachen weiss ich nicht; und hätte der
ruchlose Fromal ihn nicht gefürchtet, so würde er ohne Bedenken Gewalt gebraucht
haben, zu seinem Zwecke zu gelangen; allein da ihm seine eigne Sicherheit dieses
widerriet, so versteckte er sich hinter tausend Kunstgriffe, die ihm aber unser
Verwandter glücklich zu vereiteln wusste; doch liess die Vereitelung einen Groll
in ihm zurück, den nichts als unser Verlust versöhnen konnte -
    Alles dies tat Fromal? -
    Ja, alles tat er, der Ungerechte! Er legte uns mannichfaltige Fallstricke,
als unser Verwandte starb, wovon jeder eine rechtmässige Foderung zu sein schien;
die Schwierigkeiten waren unendlich, und wir würden unsre Erbschaft noch nicht
gehoben haben, wenn wir uns nicht entschlossen hätten, ihm das Stück Landes zu
überlassen, das die Ursache seiner Verfolgung war. Wir mussten unsern Bedrücker
liebkosen, ihm ein Geschenk damit machen und noch oben drein allen Schein der
Bestechung sorgfältig vermeiden, und in kurzer Zeit waren wir die ruhigen
Besitzer unsrer Erbschaft. -
    Alles dies tat Fromal? -
    Er tat noch mehr als alles dies; wir sind nicht die einzigen, zu deren
Unterdrückung er seine Gewalt missbrauchte. -
    Komm! wir müssen ihn bessern oder strafen! - Er war mein Freund, sein Herz
war gut, ich will ihn sprechen, er wird mich hören; schon einen meiner Freunde
habe ich von dem Wege der Unterdrückung zurückgebracht, warum nicht auch diesen?
- So bald Du in sein Gebiet wieder gehst, so nimm mich mit Dir! Er muss ein
gerechter oder kein Befehlshaber sein. -
    Wenn dies möglich zu machen wäre, Freund! Ich habe schon über manchem
Entwurfe gebrütet, wie man ihn bessern könnte, aber wer will sie ausführen? -
    ICH! unterbrach ihn Belphegor hitzig. -
    Einen schlafenden Löwen mag ich nicht wecken. Die Schuld einer
Ungerechtigkeit, die er an uns begangen, liegt auf ihm. Ich werde, so bald ich
meinen Anverwandten gewonnen habe, in sein Gebiet zurückkehren und dem Götzen
opfern müssen, damit er mich nicht verschlingt: siehe! das ist das Grundgesez
des Schwächern. Alles, was man tun kann, ist - Plane entwerfen; aber sie
ausführen zu wollen, dafür bewahre der Himmel! -
    ICH will meinen ausführen, sagte Belphegor, und seitdem war er unaufhörlich
mit seiner Reise zu Fromaln und mit seiner Besserung beschäftigt, deren Anfang
er so sehnlich wünschte, und wovon er so gewiss einen glücklichen Erfolg hofte,
dass er mit Ungeduld und oft mit Härte seinen Freund ermahnte, die Abreise zu
beschleunigen.
    Nachdem dieser seine Geschäfte abgetan, seinen Neffen, dem er ungekannt in
alle lüderliche Häuser nachfolgte, wieder gewonnen und von seinen
Ausschweifungen abgezogen hatte, so wurde die Fahrt angetreten, und Belphegor
erhielt unter der Bedingung die Erlaubnis, der Reisegefährte seines Freundes und
sein Hausgenosse zu werden, wenn er sein Projekt, den ungerechten Fromal zu
bessern, aufgeben wollte, wenigstens sich es nicht befremden liess, wenn er, so
bald Ungelegenheit von seinem Verfahren zu besorgen stünde, sein Haus und seine
Freundschaft meiden müsste. Belphegor versprach alles, vergass Akanten, seinen
Freund Medardus, sein Haus, und folgte allein dem Triebe seines warmen
Gerechtigkeit liebenden Herzens.
    Sie erreichten die Insel NEW WIGHT glücklich; und Belphegors erste Bemühung
war, seinen alten Freund zu besuchen. Er glaubte, dass seine Person seinem
Vortrage ein grosses Gewicht geben werde, und suchte sich darum so gleich zu
entdecken, als er sich um den Zutritt zu ihm bewarb. Fromal empfieng ihn mit der
lauen Höflichkeit eines Vornehmen, begegnete ihm freundlich, aber nicht
freundschaftlich. Belphegor vermisste die ehemalige Wärme der Vertraulichkeit
bald und gab sich alle Mühe, ihn zu befeuern: Er lenkte das Gespräch auf die
Vorfallenheiten seines Befehlshaberamtes, und sein Freund wurde noch
zurückhaltender: er kam auf die Begebenheit des Mannes, der ihn mit sich
gebracht hatte, liess etliche hingeworfne Worte verraten, dass er von der Sache
wohl unterrichtet war und sie als eine Ungerechtigkeit verabscheute. Er erzählte
ihm die Geschichte davon unter veränderten Namen und mit starken lebhaften
Ausdrücken der Missbilligung. Fromal schien dabei zu empfinden: er machte die
gewöhnlichen Geberden eines Menschen, der sich getroffen fühlt, und eben als
Belphegor die Moral zu seiner Erzählung hinzusetzen wollte, brach er ab und
entschuldigte sich mit dringenden Geschäften, dass er sich von ihm beurlaubte.
Sein Gesezprediger war zwar mit dieser Entwickelung des Gesprächs nicht
sonderlich zufrieden, doch hoffte er einen glücklichen Ausgang seines Vorhabens,
weil sein Freund noch Gefühl hatte.
    Er wiederholte seinen Besuch' zum zweiten, zum dritten und mehrmalen:
allemal wurde es mit der grössten Höflichkeit beklagt, dass unaussezbare Geschäfte
die Annehmung seines Zuspruchs nicht verstatteten, und wenn der gute Mann von
der Vortreflichkeit seines Unternehmens nicht zu sehr geblendet gewesen wäre, so
hätte er leicht darauf verfallen können, dass man jemanden oft abweist, um ihn
nicht wieder zu sehn: allein eine so ruhige Bemerkung verstattete ihm die Hitze,
womit er seinen Zweck verfolgte, nicht zu machen: er liess sich getrost abweisen
und setzte getrost seine Anfragen fort. Endlich merkte er wohl, dass er mehr
Schwierigkeiten bei Fromals Bekehrung fand, als bei dem ehrlichen treuherzigen
Medardus, und begriff den Bewegungsgrund, der den Befehlshaber gegen eine
Unterredung mit ihm abgeneigt machte: seinen Plan aufzugeben, war für ihn der
Tod; er entschloss sich kurz und nahm seine Zuflucht zur Feder. Er schrieb ihm
die lebhafteste angreifendste Vorhaltung seiner Ungerechtigkeiten, bat,
beschwor, drohte in schauernden Ausdrücken, und verlangte nichts als eine
Wiedererstattung aller begangnen Bedrückungen. - Gieb, schloss er, gieb den
Bedrückten, die Du vor Räubereien schützen solltest und selbst beraubt hast,
gieb ihnen alles wieder, sei künftig gerecht, billig, menschenfreundlich! - und
Du bist wieder mein Freund; wo nicht, so soll Dich meine Nachkommenschaft bis in
Ewigkeit verfluchen, und jeder Tropfen meines Blutes, so lange er noch in einer
Ader fliesst, um Rache wider Dich schreien. -
    Der Brief tat seine Wirkung. Belphegor hatte sehr sorgfältig verhelt, dass
er der Urheber von ihm war, und Fromal, der dies nicht vermutete, hatte bereits
zu viel gelesen, um wieder aufhören zu können, als er den Verfasser desselben
erriet. Er las ihn unruhig und zitternd durch, musste es noch einmal tun und
wurde in ein tiefes Nachdenken versenkt, las ihn wieder und sann, konnte nicht
essen und nicht schlafen. Die schauerhaften Beschwörungen seines Freundes
schlichen unaufhörlich, wie Gespenster, vor seiner Seele vorüber: er wünschte,
sich bei dem Manne rechtfertigen zu können, der einen solchen Aufruhr in ihm
gemacht hatte, und doch schämte er sich, ihm in die Augen zu sehn. In dieser
unruhigen Unentschlossenheit liess er zween Tage verstreichen, und Belphegor
seufzte und trauerte schon, dass ihm sein Zweck so ganz fehl gegangen, und sein
Freund so verhärtet sei. Mitten in seiner Unzufriedenheit darüber bekam er die
Nachricht, dass der Befehlshaber ihn zu sprechen verlange: er ging nicht, er
flog. Ob sich gleich eben so leicht vermuten liess, dass seine Vorstellung
beleidigt habe, und dass man ihn nur rufen lasse, um ihn den Unwillen über seine
Besserungssucht zu empfinden zu geben, so war doch bei allen schmähenden
Deklamationen, die ihm eine gegenwärtige Mishandlung wider den Menschen
auspresste, noch zu viel Rest guter Meinung von der menschlichen Natur aus den
ersten Jahren der Einbildungskraft bei ihm übrig, als dass er insbesondre seinen
ehmaligen Freund einer gänzlichen Verhärtung fähig halten sollte.
    Seine gute Erwartung wurde zum Teil erfüllt: Fromal dankte ihm für die
wohlmeinende Absicht seines Briefs und verbarg ihm keine von den Regungen, die
er in ihm erweckt hatte; er erkannte sich aller Vorwürfe wert, die ihm darin
gemacht wurden, hatte aber auch für jede eine schöne Entschuldigung in
Bereitschaft, und bat Belphegorn, sein Freund wieder wie vormals zu sein,
welches gewissermassen ein stillschweigender Vertrag sein sollte, ihn ins
künftige mit solchen Unruhen zu verschonen. - So legte es auch Belphegor aus und
sprach daher mit dem ganzen Ernste eines Bekehrers: Nicht Eine Minute kann ich
Dein Freund sein, so lange Deine Reue nicht wirksamer ist: nicht bloss vergessen,
sondern wieder gut machen musst Du Deine Ungerechtigkeiten, nicht bloss
unterlassen, sondern besser handeln. - Fromal wiederholte die Versichrung seiner
Reue nochmals und glaubte damit wegzukommen, allein Belphegor wich auch nicht
Einen Punkt von seinen Foderungen ab und ging in dem Feuer der Unternehmung so
weit, dass er von ihm, wie ehmals vom Medardus, verlangte, seine
Befehlshaberstelle aufzugeben, um sich vor neuen Missbräuchen zu hüten. Die
Anfoderung war übertrieben, und verdarb darum die Hälfte der gemachten guten
Wirkung: Fromals Eigenliebe fühlte etwas zu widriges dabei, um ihm nicht ein
Vorurteil wider den Mann einzuflössen, der sie tun konnte. Aus dieser Ursache
brach er kurz darauf abermals das Gespräch ab, ohne weiter einen Anspruch auf
Belphegors Freundschaft zu machen, der ihn ungern verliess, weil er von dieser
Unterredung den entscheidenden Ausschlag gehoft hatte.
    Indessen blieb doch Fromaln, so schwer es ihm fiel, sich mit seiner
Eigenliebe ganz zu entzweien, ein Stachel zurück, der ihn von Zeit zu Zeit an
Belphegors Vorhaltungen erinnerte: er liebte ihn wegen seines Eifers für seine
Besserung, er wollte ihn gern oft sehen, und gleichwohl fürchtete er eben diesen
Eifer zu sehr, um ihn oft sehen zu können. Endlich schlug seine Eigenliebe einen
Mittelweg ein: er bemühte sich, ihn durch Liebkosungen, Geschenke und
Ehrenbezeugungen zu gewinnen, oder seine ernste Beredsamkeit einzuschläfern: er
zerstreute ihn durch verschiedene Vergnügungen; er kützelte ihn durch Wohlleben
und dachte seine ernste Tugend im Weine zu ersäufen. Zur Hälfte gelangs ihm;
aber mitten unter Ergötzlichkeiten musste er sichs oft gefallen lassen, einen
verwundenden Stich zu empfangen: doch muss man es zu Fromals Ehre rühmen, dass er
oft selbst den Faden zu ernsten Betrachtungen anspann und mit seiner vorigen
Stärke und Lebhaftigkeit über Welt und Menschen philosophirte: er berührte so
gar oft seine eignen Vergehungen, tadelte und entschuldigte sie. Belphegor liess
keine Gelegenheit vorübergehn, die Wiedererstattung für alle zu verlangen, die
Fromals Unterdrückung gefühlt hatten: um sich auch diese beschwerliche
Anfoderung zu ersparen, bot er Belphegorn das Stück Land zum Geschenke an, das
er seinem Hausherrn durch Bedrückungen abgenötigt hatte. Belphegor weigerte
sich, und seine Gerechtigkeitsliebe stellte ihm den Besitz dieses Geschenkes als
einen zweiten Diebstahl an: doch Fromal, der den Menschen kannte, machte ihn
durch häufige Zunötigungen, durch die Vorteile und Annehmlichkeiten, die er
ihm dabei versprach, mit der Idee davon so vertraut, dass er wirklich nach langem
Weigern das Geschenk annahm, ohne es weiter für einen Diebstahl zu halten. Der
Genuss mannichfaltiger Vergnügungen bei dieser Besitzung und die Erkenntlichkeit
dafür minderten allmählich den Unwillen wider Fromals begangne
Ungerechtigkeiten, und bald wurde nur davon gesprochen, um darüber zu
spekuliren. So war nach vielfältigen, meistens selbsterregten Leiden Belphegor
in Ruhe, besass ein kleines Landgütchen mit einer für ihn bequemen Wohnung, mit
schattichten Bäumen, um darunter philosophisch zu träumen, über sein Leben
nachzudenken, die Welt nach Maassgebung seiner Laune zu schimpfen oder zu
bewundern - mit einem Gärtchen, um darin, wie die Patriarchen, zu graben, zu
säen, zu pflanzen - mit einem Felde, um darauf seinen Unterhalt von etlichen
Negern erbauen zu lassen, die ihm Fromal dazu geschenkt hatte. Itzt, da er
selbst die Nützlichkeit dieser Schwarzen genoss, verschwand das Düstre in der
Vorstellung von ihrem Zustande ganz: ob er sie gleich als Menschenfreund
beklagte und behandelte, so schienen sie ihm doch nicht mehr so unglücklich wie
ehmals, und die Idee von einem Sklaven, von dem Verkaufe desselben, diese sonst
für ihn so aufbringende Idee, familiarisirte sich so sehr mit ihm, dass sie ihm
gleichgültig wurde. Er lebte in der glücklichsten Einsamkeit, in der
beneidenswürdigsten Ruhe; was ihm mangelte, ersetzte ihm sein Freund, und beide
waren jetzt wieder mit ganzer Seele einig und vertraut.
    Belphegors Glückseligkeit weckte bald in Fromaln ein Verlangen nach einer
ähnlichen Ruhe auf, welches die Ermüdung von Geschäften verstärkte, besonders da
er von Natur eine starke Neigung zur Spekulation hatte, die jetzt durch
Belphegors Beispiel wieder aufgelebt war.
    Lange blieb sein Verlangen ein blosser Wunsch, und Belphegors Auffoderung
vermochten nicht, ihn zu einem Entschlusse zu bringen, zu welchem ihm eine
widrige Begebenheit zwang. Schon lange hatte einer von seinen Unterbedienten,
vermutlich von Neid und Eifersucht angetrieben, heimlich eine Partie wider ihn
gemacht, die jetzt zu seinem Schaden ausbrach. Man wollte ihn durch
Verdriesslichkeiten abmatten und nötigen, die Befehlshaberstelle niederzulegen,
zu deren Erlangung sein Nebenbuhler schon die nötigen Veranstaltungen getroffen
hatte. Er sah ein, worauf es angefangen war, und um einem gewaltsamen Sturze zu
entgehen, stieg er selbst von seiner Würde herunter und vergrub sich mit seinem
Freunde Belphegor in der Einsamkeit: da er aber die Schikane und Beunruhigung
des neuen Befehlshabers fürchtete, so verliess er mit Belphegorn die Insel und
kaufte sich eine mässige Besitzung in Virginien, die er auf den Rat seines
Freundes in drei gleiche Teile zerschnitt, um sie so mit seinen zween Freunden
zu besitzen: denn man hatte sich schon Mühe gegeben, Akanten und den guten
Medardus gleichfalls zu der Gesellschaft zu ziehn. Die Nachfragen blieben lange
fruchtlos; man schrieb und schrieb, und erfuhr nichts, bis endlich, da sie
bereits verzweifelten, sie wiederzufinden, Fromal die Nachricht erhielt, dass sie
einer seiner Bekannten auf seinem Schiffe zu ihnen führe. Die Nachricht wurde
bald durch ihre Ankunft bestätigt, und die glücklichste Stunde vereinigte drei
Freunde wieder, die Schicksal und Leidenschaften oft von einander getrennt
hatte, um hier in stiller Ruhe dem Tode langsam entgegenzuwandeln.
    Akante erschien nicht; sie hatte kurz vor der Abreise eine verliebte
Kuppelei unternommen, und da der Mann, dessen Frau sie durch ihre Bemühungen zur
Untreue verleiten wollte, die Sache sehr übel nahm, so rächte er sich mit einem
guten Schlage an ihr, der so übel abgepasst war, dass sie nach langen Schmerzen
verschied. Aus alter Liebe, und weil er ihre schlimme Seite nicht genug kannte,
betrauerte sie Belphegor und beklagte ihren Tod als einen Verlust für sich:
allein Medardus unterbrach sein Klagelied und riet ihn, nicht Einen Seufzer an
ein schändliches Weib zu verschwenden, das nicht verdient hätte, Atem zu holen.
- Brüderchen, sprach er, sie hätte die Minute nach ihrer Geburt einen so
gesunden Schlag auf den Hirnschädel bekommen sollen: so wären viele Menschen
weniger unglücklich, und Du nicht betrogen worden. Sie war eine Falsche, die
listig die Grundsätze und Neigungen desienigen annahm, dessen Hülfe sie eben
brauchte: in einer Minute war sie zärtlich, feurig verliebt und bis zur
Uebertreibung einschmeichelnd, die folgende Minute, wenn es ihr Vorteil
verlangte, kalt, verachtend stolz, und warf vielleicht einen Liebhaber zum Hause
hinaus, in dessen Umarmung sie kurz vorher den Himmel zu fühlen vorgab. -
    Belphegor seufzte. -
    Sie trieb, fuhr Medardus in seiner Parentation fort, zuletzt die
schändlichste Kuppelei, und war so geschickt, Dir ihr abscheuliches Gewerbe zu
verbergen. In Einem Hause unter Einem Dache mit ihr wusstest Du am wenigsten
davon, und oft, wenn Du in Deiner Stube spekulirtest, wurden vielleicht unter
oder neben Dir der Wohllust die schändlichsten Opfer gebracht. Sie hat mich, sie
hat Dich hintergangen, durch Lügen und durch Tat: wie führte Dich nur das liebe
Schicksal wieder zu ihr?
    Belphegor erteilte ihm darüber die gehörige Nachricht, und am Ende seiner
Erzählung rief Medardus aus: Da sieht man doch, dass die Vorsicht noch lebt!
Betrügerei und Laster finden am Ende allezeit solchen Lohn.
    Aber, unterbrach ihn Belphegor, ist das Vorsehung, ein Geschöpf, das tausend
andre unglücklich gemacht hat, mit einer Keule vor den Kopf schlagen zu lassen?
Wenn heute, wenn morgen einen unter uns ein herabfallender Stein quetscht, oder
die Keule eines Räubers verwundet, dass wir unter langen Schmerzen sterben
müssen, so sind wir Akanten gleich: was ist aber bei uns die Absicht der
Vorsehung? - Ist es Strafe? - warum soll ICH oder DU, die wir nicht zur Hälfte
so viel Böses begangen haben, warum sollen WIR mit jener ungleich grössern
Verbrecherinn gleich gestraft sein? und das ist eine üble Gerechtigkeit, wo alle
Vergehungen auf gleichen Fuss behandelt werden: wenn wenig oder viel mit Einem
Grade von Bestrafung wegkömmt, so hätte ich Lust, lieber viel zu begehen. - Ist
es in unserm Falle keine Strafe? - desto schlimmer! warum trift den Unstrafbaren
mit dem Strafbaren ein Gleiches? Woher weiss ICH das, dass Einerlei Begebenheit in
einem Falle es ist, im andern nicht? und wie kann ich aus Akantens Vorfalle
schliessen, dass eine Vorsicht mit Absicht ihr dieses Schicksal wiederfahren liess?
-
    Brüderchen, Du disputirst mir nichts aus dem Kopfe. Vielleicht würden wir
von einem Steine erschlagen, um grossen Lastern und Unglückseligkeiten zu
entgehen. Wer weiss! wozu es gut ist? -
    Elende Ausflucht! Warum wurde denn Akante, die dadurch von ungeheuren
Lastern und vielem Unglücke hätte bewahrt werden können, wie man nun deutlich
sieht, nicht im sechsten oder siebenten Jahre erschlagen? und warum geschah dies
so vielen, deren wohlgeführtes Leben es nicht vermuten liess, dass ihnen durch
ihren Tod grosse Laster erspart wurden? Sollten WIR Akantens Geschick erfahren,
um grossem Unglücke zu entgehn? - Wahrscheinlich keinem grössern als wir schon
erduldet haben! - Nach Deiner Philosophie, Freund, wäre es der höchste Grad der
Vorsehung, alle Kinder unmittelbar nach der Geburt vor den Kopf schlagen zu
lassen. -
    Aber, Brüderchen, wenn viele, die es nicht verdienten, eben so gestorben
sind, so ist ja das nichts sonderbares: es braucht nicht Strafe zu sein: sie
mussten einmal sterben, so galt es ja gleich, ob ihnen eine Krankheit die Kehle
zudrückte, oder ein Stein den Kopf zerquetschte.
    Alles gut, Freund! Aber woher weisst Du, dass dies bei Akanten nicht eben
derselbe Fall war? Woher weisst Du, dass Eine Begebenheit in zween Fällen zwo
verschiedene Absichten hatte? - Das kannst Du nicht beweisen; Du kannst gar
nicht beweisen, dass eine Absicht dabei war, Du kannst -
    Freund, unterbrach ihn Fromal, darf ich auch meine Meinung sagen? - Ich
erblicke in den Begebenheiten der Erde und jedes einzelnen Menschen einen
Zusammenhang, der sie so zusammenkettet, dass eine wirkt, und die andre gewirkt
wird, um wieder zu wirken. Dies ist das einzige, was ich mit Gewisheit sehe, und
wenn ich daran zweifeln wollte, so würde ein Stein, der auf meinen Kopf fällt,
mich lebhaft davon überzeugen: es ist eine Bemerkung, die eine leichte
Aufmerksamkeit macht, und sie hat, deucht mich, die nämliche Evidenz, die das
Zeugnis unsrer Sinnen gibt. Dieser bemerkte Zusammenhang soll einen Namen
bekommen: richte ich meinen Blick bloss auf die Notwendigkeit und
Unwiderstehlichkeit dieses Zusammenhangs, dass ein Glied in der langen Kette der
Begebenheiten genau an das andre schliesst, dass ich keins herausnehmen kann, ohne
die Ordnung und Folge des Ganzen zu ändern und also eine andre Kette zu machen,
dass durch lange Vorbereitungen eine günstige und widrige Begebenheit, der Sturz
vom Pferde und der Gewinnst eines grossen Looses seit dem Anbeginne der Dinge
schon gewiss war und izt, wenn sie geschieht, unvermeidlich ist: so nennen wir
den Zusammenhang der Dinge, von dieser Seite betrachtet - Schicksal, Falum.
Betrachten wir ihn aber auf einer andern, in so fern eine jede Wirkung die
abgezielte Absicht von dem Urheber der Dinge bei der Anordnung aller
vorhergehenden Ursachen sein konnte: so nennen wir es Vorsehung. In beiden
Fällen bleibt der Zusammenhang derselbe, gleich notwendig und unausweichbar,
nur der Name und die Vorstellungsart wird geändert. In dem ersten Gesichtspunkte
ist die Welt ein von dem Urheber der Welt veranstaltetes Spiel der natürlichen
Kräfte: er warf Schwerkraft, Centralkraft, elektrische, magnetische und andre
Kräfte der Körperwelt zusammen, er warf denkende und wollende Vermögen,
Neigungen und Leidenschaften in die Geister, und gab einer jeden Kraft eine
bestimmte Regel für ihr Wirkungen. Das Spiel begann: Ideen, Neigungen,
Leidenschaften kämpften unter einander, Körper stritten mit Körpern: die
Maschine der Welt ist ein perpetuum mobile, wo Stoss auf Stoss, Wirkung auf
Wirkung unausbleiblich folgen, der Gerechte und Ungerechte von einem Steine
zerquetscht wird, wenn er gerade vorübergeht, indem ihn seine Schwerkraft zur
Erde herabzieht, wo der Böse und Gute von der Kanonenkugel weggerissen wird,
wenn sie ihn auf ihrem Wege antrift - kurz, wo aus dem verwirrten streitenden
Haufen der Weltkräfte eine Wirkung nach der andern hervorsteigt, und jede der
ihr angewiesnen Regel allein folgt. - Im zweiten Gesichtspunkte ist die Welt
eine künstlich ausgesonnene Maschine, wo Rad in Rad greift, der Gang und die
Wirkung eines jeden nach einem Risse ausgerechnet und bestimmt ist, es sei nun,
dass der Künstler durch unsichtbare Federn unaufhörlich bei jedem Rädchen
mitwirkt, oder dass er nur einige dieses Einflusses würdigt, oder dass sein Werk
nach seiner ersten bestimmten Anlage ohne fernere Beihülfe seinen angewiesnen
Gang vor sich fortgeht. Da nun jede Wirkung auf die vorhergehende Ursache so gut
passt, dass diese um jener willen dazusein scheint, so stellen wir uns vor, dass
der Stein darum einem Menschen auf den Kopf fällt, weil er getödtet werden soll:
die Einbildungskraft hat hierbei Raum die Menge zu ihrem Spiel; wenn der Stein
einen Menschen trift, den wir nach unserm Urteile für böse halten, so nennen
wir es Strafe: trift er einen guten, so nennen wir es Schickung, oder wie es uns
sonst beliebt. Aber allzeit ist es bloss unsre Erfindung, unsre Vorstellung, die
wir nie zu einiger Evidenz erheben können. - Jeder Mensch wird durch Erziehung,
Unterricht, natürliche Anlagen und Neigungen zu einer von diesen
Vorstellungsarten hingerissen und gleichsam so gestellt, dass er den Zusammenhang
der Welt in einem von jenen Gesichtspunkten sieht. Dich, Freund Medardus,
leiteten die Umstände auf das System der Vorsehung, mich auf das andre. Wir
wollen nicht über Namen und Vorstellungsarten streiten: darin kommen wir alle
überein, und dies sehen wir alle so evident, als unsre Augen uns von dem Dasein
einer Sonne überzeugen, dass ein festgeketteter, notwendiger, unwidertreiblicher
Zusammenhang in den Begebenheiten der Erde und jedes Bewohners derselben
vorhanden ist: wer dies läugnet, spielt mit Worten. Wer sich eine von den beiden
Vorstellungsarten dieses Zusammenhangs wählt, wähle diejenige, die ihm nach
seiner Lage Tätigkeit zur Handlung und Beruhigung in der Widerwärtigkeit
mitteilt; und er hat wohl gewühlt: aber wessen Gewalt ist es überlassen, eine
solche Wahl zu treffen? Allmählich erzeugt sich aus seinen Kenntnissen,
Schicksalen und Beobachtungen darüber ein gewisser lichter Schimmer der grössern
Wahrscheinlichkeit, der eine von jenen Meinungen in seinem Kopfe
hervorstechender macht; und ich kann mir vorstellen, dass dieser Mann bei dem
Fatum eben so viele Beruhigung findet, als ein andrer bei der Vorsehung. -
    MEDARD. Unmöglich, Brüderchen! Das trockne, leere, geistlose Fatum
verglichen mit einer lebenden, tätigen, wirksamen Vorsehung - welch ein
Unterschied!
    FROM. Ja, Freund, für die Einbildungskraft! die freilich ein freieres Feld
für sich findet, wenn sie den Zusammenhang der Dinge personificiren und ihn mit
allen Eigenschaften eines sorgsamen Vaters ausputzen kann. Ich tadle dies nicht:
da die meisten Menschen bloss durch Einbildungskraft und Empfindung geleitet
werden, so muss das System der Vorsehung für sie ein unendlich wohltätiges und
vorzügliches System, und die Menschen desto glücklicher sein, je ausgebreiteter
es wird: und doch besizt es nur der kleinste Teil der Menschheit.
    MEDARD. Ganz Europa besitzt es ja.
    FROM. Dem Namen nach! Der grösste Haufen, Gelehrte und Ungelehrte, möchte ich
behaupten, hat im Munde und in der Imagination die Vorsehung und im Verstande
das Fatum: prüfe sie, und du wirst finden, dass die Vorsehung der meisten ein
personificirtes, mit etlichen glänzenden Eigenschaften der Vorsehung
ausgeschmücktes Fatum ist. Von Europa fällt also ein grosser Teil wahre Anhänger
dieses Systems hinweg; und welche Menge in den übrigen Weltteilen, die
insgesammt bei der ersten einzig gewissen evidenten Beobachtung stehen geblieben
sind, dem Grunde, von welchem alle unsre Erklärungen und Vorstellungsarten
entstanden sind, und in welchen sie sich alle auflösen lassen, nämlich: dass ein
festgeketteter unwidertreiblicher Zusammenhang in den Begebenheiten der Welt
ist. Frage den Neger, den Indianer, den Kalmucken! und wenn er seine dunkle
Empfindung hiervon auszudrücken weis, so wird er dir diese Idee geben; und doch,
obgleich das Fatum der herrschende Glaube von mehr als der halben Menschheit
ist, streitet der Türke mit der Kühnheit eines Löwen, und jedermann glaubt, er
habe seinen Mut seinem Glauben an das unausweichbare Schicksal zu verdanken.
Das System der Vorsehung scheint mehr die Stärke zum Dulden als zum Handeln zu
geben; und, Freund, du wirst herrlichen Trost von ihm empfangen haben?
    MEDARD. Herrlichen Trost? Wer weis wozu mir das gut ist? - so dachte ich bei
dem fürchterlichsten Sturme des Unglücks, und ich konnte getrost hindurch gehn.
    BELPH. Glückliche Illusion! Wie wohl wäre mir gewesen, wenn sie mein Unmut
nicht aus meiner Seele getrieben hätte: aber mein Unglück war zu ungestüm;
    eine eiserne Seele hätte es kaum tragen können: und wenn ich gleich alle
Fittige meiner Einbildungskraft ausgespannt hätte, um mich zu überreden, dass
alles zu etwas gut sei, wie hätte ichs vermocht? - Wozu konnte es gut sein, dass
die Natur die Menschen so anlegte, dass sie in dem allgemeinen Handgemenge auch
meinen Scheitel so oft verwundeten? Wozu konnte das gut sein? -
    FROMAL fiel ihm ins Wort: Du hast erfahren, Belphegor, dass die Menschen
nicht das sind, wofür wir sie uns in dem ersten Rausche der Jugend ausgaben:
keine friedlichen Geschöpfe, die vom Verlangen wohl zu tun glühn, die in Ruhe
und Eintracht neben einander leben, sich über ihr wechselseitiges Glück freuen,
und heiter, froh, zufrieden den muntern Tanz des Lebens dahinhüpfen: Du hast sie
gefunden, wie ich dir verkündigte - eine Heerde Raubtiere, die Eigennutz,
Herrschsucht, Neid ewig zusammenhetzet, die sich in Truppe versammelten, um
einander desto wirksamer befeinden zu können, durch ihre natürlichen Anlagen,
durch die Oekonomie ihres Wesens zum immerwährenden Kriege bestimmt, den sie
beständig in roher grausamer, oder minder grausamer, oder verkleideter Gestalt
fortsetzen, blutig oder unblutig, so wie Gesetze, Sitten und Verhältnisse es
ihnen erlauben; eine Heerde Raubtiere, wo eins über das andre will, eins das
andre zu unterdrücken sucht, und wo die meisten auch in einer beständigen
verjährten Unterdrückung gehalten werden: - denn übersiehe die ganze Fläche der
Erde, ob nicht bloss kleine Flecken von der Sonne der Freiheit mit schwächerm
oder stärkerm Schimmer erhellt werden, indessen dass grosse weite Ebnen von der
tiefsten Finsternis der Sklaverei überdeckt sind, wo jedes mutige Wort auf der
Zunge stirbt, wo der Geist der Freundschaft nie atmet, und jeder mit
rückhaltender Kälte den andern in langer Entfernung von sich hält, wo der Elende
nicht einmal das Eigentum seines Lebens besitzt: übersieh alle Zeiten, und sie
werden Dir das nämliche Trauerspiel der Unterdrückung vorstellen: übersiehe Dein
eignes Leben, Freund, und hast Du nicht allentalben, wenige gute, edlere Seelen
ausgenommen, die Menschen im einzelnen und im Ganzen mit meiner Schilderung
passend gefunden?
    BELPH. Ja, leider! sind mir Lähmungen, Narben, Beulen unverwerfliche Zeugen
davon!
    FROM. Wovon Du Dir aber den grössten Teil erspart hättest, wenn Du der
Partie jenes londner Jungen gefolgt wärest, dessen Beispiel für mich die goldne
Regel meines Verhaltens jederzeit gewesen ist. Ein Haufen grösserer Buben, in
deren Mitte er stund, gerieten in Zank: das Handgemenge wurde allgemein, man
schlug sich blutrünstig, man riss sich Haare aus, nur mein Knabe bückte sich und
kroch mit besondrer Geschicklichkeit durch die erhabnen Arme der Streiter
hindurch und kam allein unversehrt aus dem Kampfe. Lass den Menschen die wilde
Lust ihres Kampfjagens, lass sie sich balgen und raufen, mit dem Degen, mit der
Feder, mit Verläumdungen, mit den Nägeln! schleiche dich durch sie hindurch und
lass dich nie gelüsten, ihnen zu sagen, dass sie Narren sind, noch vielweniger sie
gescheidter machen zu wollen! Die Maschine kann nichts mehr oder weniger und
nichts anders tun, als wohin sie der Stoss der auf sie wirkenden Räder treibt,
und wer sie aus ihrer Richtung herauslenken will, muss Kräfte genug zum
Wiederstande haben, oder er bekömmt Stösse, wovon ihn vielleicht der erste schon
zu Boden wirft. - Entdeckte ich Dir nicht diese Erfahrung, Freund? Und warum
folgtest Du ihr nicht?
    BELPH. Folge einer kalten Erfahrung, wenn dein Herz in lichten Flammen
lodert, und die Glut Dich ersticken oder den Busen zersprengen will! Folge ihr,
wenn Du keinen Schritt tun kanst, ohne dass Dich nicht tausend Gegenstände
umgeben, die Dich durch ihre Narrheit oder Schändlichkeit zum Unwillen reizen,
wenn du bessern oder nicht sehen, kein Mensch sein, kein Gefühl von Recht und
Unrecht, vom Guten und Bösen haben musst!
    FROM. Alles dies besitze für DICH, zu DEINEM Gebrauche, um Dich in Deinem
eignen Verhalten davon leiten zu lassen, und danke der Natur und dem Schicksale,
dass sie sich beide vereinigten, Dich zum warmen gefühlvollen denkenden Manne,
zum Kenner und Verehrer des Guten und Rechtschafnen zu machen! dass sie unter
Deinen übrigen Mitgeschöpfen nur wenigen diese Wohltat erzeigten, ist das DEIN
Werk? oder kannst DU das ändern? Es ist im Laster und in der Torheit eine
gewisse Fatalität - hier in Virginien zwischen zween Freunden kann ich dies
sagen - die Erfahrung lehrt es, man folgre daraus, so viel schädliches man
wolle: was kann ICH dafür, dass die Erfahrung mich eine Wahrheit lehrt, die aus
schädlichen Folgen beschwängert ist? - Mein eignes Beispiel lehrte mich sie. Ich
habe zwo Hauptvergehen in meinem Leben begangen: ich habe Dich, Belphegor,
meinen Freund, hintergangen, und bin ein Unterdrücker geworden. ICH war es - ich
gestehe dies, Freund - ICH war es, der Akanten antrieb, Dich aus ihrer Liebe und
ihrem Gesichte, obgleich nicht mit der gebrauchten Härte, zu verbannen: allein
die Liebe riss mich hin; sie überwältigte meine Freundschaft für Dich so ganz,
dass ich Dich unmöglich ohne Neid in ihren Umarmungen die süsseste Wohllust
geniessen sehen konnte: die Freundschaft kämpfte wider die Eifersucht, und ich
war bloss ihr Tummelplatz: ich konnte nichts wollen und nichts beschliessen: die
Leidenschaft siegte, ich verdrängte Dich, und wurde ein Falscher, um mir die
Scham vor Deinen Vorwürfen zu ersparen, hintergieng Dich zweimal mit Lügen: doch
Akantens Treulosigkeit strafte mich dafür. - Freund, vergiebst Du mir einen
Fehltritt, zu welchem mich alles hinriss? Ich war meiner nicht mächtig, ich musste
ihn tun, in meiner Lage war er unvermeidlich, notwendig.
    BELPH. Meine Freundschaft vergab Dir ihn, ehe Du ihn tatest. Umarme mich!
Verzeihung geben und empfangen ist die Geschichte des Menschen. Jeder dieser
Fehltritte ist mir begreiflich; allein wie Du, ein so entschlossner Feind aller
Unterdrückung, verleitet werden konntest, Handlungen zu begehn, die Du jederzeit
verabscheutest, das, das ist mir unerklärbar.
    FROM. Nicht unerklärbarer, als da Du über den Tod eines einzigen Schwarzen
einen Krieg mit mir, Deinem Freunde, anfangen konntest -
    MEDARD. Oder da ich eine Mauer um Niemeamaye ziehen und allen Einwohnern ihr
Gold abnehmen liess. Siehst Du, Brüderchen? dazu wird man Dir durch die
Gelegenheit so hingerissen, dass man hinter drein sich nicht einmal erzählen
kann, wie es zugieng.
    FROM. Als Sklave verkauft, kam ich unter den weissen Knechten nach Amerika,
in die Pflanzung eines Tyrannen, der uns das Joch seiner Gewalt bis zur
Uebertreibung fühlen liess. Ich wurde durch eine solche Behandlung gewissermassen
wild und grausam gemacht: ich fasste oft den Entschluss den Mann umzubringen, oder
selbst zu sterben und ein qualvolles Leben zu endigen. Während dass ich
unentschlossen mit diesem Gedanken umgieng, entstund ein Aufruhr auf der Insel:
man hatte sich allgemein zu dem Untergange des Befehlshabers verschworen, dessen
Bedrückungen und Kränkungen alles Rechts schon längst unerträglich geworden
waren. Man stürmte sein Haus, man nahm ihn gefangen, man steinigte ihn, und er
wurde im Getümmel erdrückt. Diesen Tumult nüzten einige Banden weisse Knechte,
setzten sich in Freiheit, erschlugen ihre Herren, und unter diesen Streitern der
Freiheit war auch ich. Da das Volk sich selbst einen Befehlshaber wählen wollte
und doch in zwo Parteien geteilt war, so stellte ich mich mit meiner Bande an
die Spitze der mächtigern, half ihr siegen, und ihre Wahl, weil sie keinem unter
sich einen so wichtigen Vorzug gönnten, fiel auf mich: ich wurde ihr
Befehlshaber und blieb es so lange, bis mich die Kabalen eines Nichtswürdigen
befürchten liessen, dass ich, da mir die Bestätigung des Hofs fehlte, zulezt
unterliegen würde. Mein Sklavenstand und die rohe Behandlung darin hatten mir
einen Teil meiner Menschlichkeit genommen: drücken und bedrückt werden, hatte
sich mit mir so familiarisirt, dass es mir nicht mehr wie sonst einen Schauer
abnötigte, sondern ich konnte es mit kältern Blute sehen und denken, weil es
mein täglicher Anblick und mein tägliches Gefühl gewesen war. Ich kam mit dieser
verminderten Menschlichkeit in meine Würde, erhielt einen weitern und freiern
Wirkungsplatz, mehr Gegenstände der Begierden und mehr Gewalt, meine Begierden
wuchsen, wuchsen über meine Kräfte hinweg und - Freunde, soll ichs euch weiter
erzählen? Meine Geschichte ist die Geschichte aller Menschen. Ich wurde die
Marionette meines Eigennutzes und meiner Eigenliebe; und Belphegor, Du weisst es,
wie sehr ich unter ihrem Befehle stund, als Du mir Deine freundschaftliche Hülfe
zur Besserung anbotest. Wegen dieses einzigen glücklichen Erfolgs lass Dich alle
Wunden und Beulen nicht gereuen, die Dir Dein zu feuriger Eifer für Recht und
Gerechtigkeit geschlagen hat. Du hast mich zum Menschen wieder umgeschaffen, Dir
bin ich mehr als mein Leben - meine Rückkehr zur Vernünftigkeit schuldig.
Freunde! lasst uns unsre Erfahrung nicht umsonst mit dem Verluste unsrer Tugend,
eingesammelt haben! Wir haben bewiesen, dass man nie gut genug sein kann, um es
beständig und in allen Vorfallenheiten zu sein, dass der Sauerteig des Neides und
der Herrschsucht in jedem Herze liegt und bei stärkrer oder schwächrer
Veranlassung die ganze Masse unsrer Begierden durchsäuert, dass Freundschaft,
Rechtschaffenheit und selbst die Religion zu schwach ist, seiner beissenden
Schärfe zu wiederstehen: wir wollen es nicht ohne unsern Nutzen bewiesen haben.
Hier auf diesem Flecke lasst uns in froher Einsamkeit und ruhiger Eintracht den
Rest unsrer Tage hinleben, und unsern Begierden jeden Sporn, jeden Reiz
benehmen, die sie aufwiegeln könnten, diese schöne Ruhe zu stören. Wir wollen
diesen Flecken Erde, der unser Eigentum geworden ist, zu gleichen Teilen
besitzen; unsre Bedürfnisse können nicht über unser tierisches Selbst
hinausreichen, und sie werden uns nicht entzweien, so lange uns nicht gänzlicher
Mangel um Leben und Nahrung kämpfen lässt. Wir wollen uns von unserm Geschlechte
trennen, damit nicht ein neidischer Anfall von ihnen unsre Glückseligkeit
unterbricht: so sind wir von innen und von aussen verschanzt und machen für uns
allein eine Welt aus - eine Welt, wie wir sie in den ersten Jahren unsers Lebens
träumten, Belphegor - eine Gesellschaft, die Freundschaft, Liebe, Sympatie des
Kopfs und des Herzens zusammenknüpft, die so arm ist, dass keine neidische
habsüchtige Begierden sie zu trennen vermögen, und so reich, dass sie ausser sich
selbst nichts weiter bedürfen.
    Alle billigten den schönen Plan, und Belphegor fiel seinen beiden Freunden
vor Entzücken um den Hals, segnete und preiste sie, dass sie ihm das goldne Alter
seiner Jugend wieder zurückführten. - So werden wir, sezte er hinzu, die
einzigen Glücklichen auf der Erde sein, die im Himmel sind, während dass alles
ausser unsrer Gesellschaft im Aufruhr der Leidenschaften herumgetrieben -
    Ja, unterbrach ihn Fromal, wir können es sein, so lange nicht die Menschen
uns unsre Freude misgönnen. Du weisst, Belphegor, in dem Rausche unsrer frühen
Jahre schufen wir uns ein Ideal von Glückseligkeit, womit wir aus Mangel an
Erfahrung die Wohnung des Menschen ausschmückten: ich suchte sie, als ich in die
Welt trat, allentalben, und erblickte sie nirgends. Je mehr ich von der Erde
kennen lernte, je mehr musste sich meine Vorstellung von der menschlichen
Glückseligkeit verengern, und zuletzt schrumpfte sie gar bis auf das magre Etwas
zusammen - Abwesenheit wirklicher Leiden; wer diese errungen hat, der ist
menschlich glücklich. Die Freuden des Lebens sind dünne, wie die Frucht eines
sandigen Ackers, verstreut: es gehört zu beiden gute Oekonomie. Freiheit, dieses
hauptsächlichste Ingredienz einer positiven Glückseligkeit, wie wenige geniessen
sie! Die meisten müssen sich mit dem Schatten und dem Worte begnügen: macht die
Rechnung und ziehet die Summe, und unter allen Völkern der drei Weltteile
unsrer Halbkugel werdet ihr nicht bei dem zehntausendsten Teile die Illusion
der Freiheit finden. Der nackte Wilde kämpft mit Hunger, Durst, Kälte und Regen:
der polizierte Europäer mit tausendfachem künstlichen Mangel, mit Arbeit, mit
dem Eigennutze, der unterdrückenden Gewalt und Millionen Leidenschaften:
Asiater, Afrikaner und Amerikaner sind mehr oder weniger vom Despotismus und
Geize ihrer Beherrscher gequält: nirgends sind die Bewohner der Erde zufrieden,
und nirgends können sie es sein: Die Glückseligkeit unsers Planetens scheint in
die gemässigte Zone der Glückseligkeit des Ganzen zu gehören, eine mittlere laue
Temperatur, nicht befeuernd und auch nicht ganz kalt. Gewohnheit und
Unwissenheit sind ihre beiden Endpunkte. Wer die Erde zum Garten, zur Heimat
der Glückseligkeit macht, ist ein Schwärmer oder ein Unwissender; wer sie als
eine Wüste, ein Jammertal schildert, ist ein Milzsüchtiger oder ein Bösewicht.
Sie ist ein Mittel zwischen beiden, ein what d'ye call it -
    BELPH. Das aber doch bisweilen mehr der letztern Schilderung gleicht.
    FROM. Ja, es scheint, besonders wenn man den Lauf der vergangnen
Begebenheiten im Ganzen überschaut: aber merke auch, dass die Geschichte
derselben ein gedungnes voll gruppirtes Gemälde ist, dessen Teile sich in der
Natur nicht so nahe berührten, wo zwischen den armseligen Spitzbübereien und
Mördereien etwas heitre Intervalle waren. - Doch lasst uns alle diese leidigen
Kenntnisse wegwerfen! Lasst uns nichts als unsern kleinen Zirkel der Freundschaft
übersehen, und wenn sich unsre Spekulation über ihn hinauswagt, mit Medardus
Auge alles anschaun, in der Absicht alles gut zu finden: sich so belügen, ist
eine Pflicht, die unsre Zufriedenheit fodert.
    BELPH. Oft war dies meine Rede. Glückliche Menschen, ihr Unwissende, ihr,
denen der Himmel bloss schlichten Menschenverstand und keinen forschenden
grübelnden Geist gab! Ihr schleicht den Pfad eures Lebens dahin, weint oder
lacht, wie euch die Umstände gebieten, ihr lasst euch gewisse für eure Ruhe
heilsame Meinungen einpfropfen, sie durch die Länge der Zeit zum festen
unverwelkenden Glauben aufwachsen, ohne zu untersuchen; und wohl euch! Da euer
Auge nicht weit reicht, so erblickt es in dem kleinen Horizonte wenig Böses, von
der Unordnung der Erde nur kleine einzelne Fragmente, die euch nicht eher stark
rühren, als bis sie auf euern Scheitel fallen. Freund, wenn es möglich wäre, den
lästigen Plunder der Erfahrung von uns zu werfen, das Auge unsers Geistes zu
stümpfen und seinen Gesichtskreis so sehr als möglich zu verengern, wären wir
nicht glücklich?
    Ja, unterbrach ihn Medardus, wir werden dies sein, Brüderchen; und wenn mein
gutes Weibchen, oder meine Zaninny, oder das schöne Negermädchen in Kartagena
bei uns wäre - wir wären doppelt glücklich; und dann einen Trupp kleine
Nachkommenschaft um uns herum - Brüderchen, das wäre Dir ein Himmelreich.
    Fromal nickte und schwieg.
 
                                    Beschluss
So war der Plan für ihre Einsamkeit, die für sie ein Zustand der erfreulichsten
Ruhe und der süssesten Zufriedenheit, die glücklichste Periode ihres ganzen
Lebens war. Sie suchten sich je länger, je mehr von dem Geiste des Nachforschens
und der grübelnden Untersuchung abzuziehn, weniger zu denken und mehr zu
handeln, sich in alle die kleinen Beschäftigungen des Gartenbaus, der Feldarbeit
zu zerstreuen, zu säen, zu pflanzen, zu begiessen, zu erndten, und dadurch ihre
Lebensart derjenigen nahe zu bringen, die die geringste an Achtung, und die
oberste an Glückseligkeit ist, der friedlichen Lebensart der ersten Väter, des
arkadischen Dichterlandes und des Landmanns in den Zonen der Freiheit. Ein jeder
hatte in seiner Besitzung eine kleine reinliche Wohnung, worinne er nebst seinen
Sklaven Raum hatte, ein jeder machte mit seinen Sklaven eine Familie aus, wovon
er der Vater war, der seine Kinder nur so lange in leichten Einschränkungen
erhielt, bis sie erkannt hatten, wie liebreich ihr Vater war. Hinter jeder
Wohnung breitete sich ein Garten in eine längliche Fläche aus, mit
Küchenkräutern und Gewächsen, auch mit einigen Blumen, die das Klima vertrug,
geschmückt, den jeder Besitzer mit eigner Hand pflegte und bearbeitete: jeder ass
das Werk seiner Hände, und jede Staude, die auf seinem Tische erschien,
schmeckte ihm doppelt süss, weil er sie mit dem Schweisse seines Angesichts
erkauft hatte. Wenn sie die Arbeiten des Gartens ermüdeten, giengen sie auf das
Feld, die Verrichtungen ihrer Sklaven - wiewohl sie ihnen nie diesen Namen gaben
- zu übersehen, sie durch ihre Gegenwart zum Fleisse und durch Freundlichkeit zu
Mut und Geduld anzufrischen. Zu gewissen Jahrszeiten und nach Endigung gewisser
Arbeiten, des Pflanzens, des Säens, der Erndte stellten sie kleine Feste an, wo
sie unter hohen Bäumen oder am Eingange ihrer Wohnungen sassen und sich väterlich
an den Ergötzlichkeiten ihrer Angehörigen vergnügten: Diese spielten die rohen
Spiele ihres Vaterlandes, sangen mit rauher Kehle und mit der vollsten
Empfindung, tanzten mit unabgezirkelten Schritten, wilden Sprüngen, hüpften sich
lustig, mengten in alles ihren ungebildeten Scherz und plumpe Schäkereien, und
lachten sich frölich, frölicher als die Tafel der auserlesensten witzigen Köpfe.
- Oft versuchten ihre Herren, ihre Spiele und Tänze nachzuahmen, und wurden für
jeden Fehler der Ungeschicklichkeit mit einem lauten Gelächter bestraft. Die
kleine Bande wurde durch diese Ermunterungen belebt und erfindsam: sie strengten
oft ihren Wiz an, ihre Herren gleichfalls mit kleinen Freuden zu ergötzen. Sie
überraschten sie unvermutet mit einer vorzüglich grossen oder schönen Frucht,
mit einem ansehnlichen Gewächse, das sie entdeckt und verborgen, oder mit Fleiss
und in der Absicht heimlich gewartet hatten, ein unvermutetes Vergnügen damit
zu erwecken: sie sannen neue Tänze und Verschönerungen für die alten aus, um sie
bei dem nächsten Feste aufzuführen, und die Erwartung des Vergnügens machte ihre
Hände und Füsse tätig. Während dass in der Entfernung etlicher Meilen von ihnen,
längst der ganzen Küste von Nordamerika, Sklaven von ihren Herren, und die
Herren von ihren Sklaven geplagt, und beide ein Paar feindliche Parteien
ausmachten, die sich wechselseitig quälten und wechselseitig dafür rächten, sass
hier Herr und Knecht, in Eins vereinigt, beisammen und machte sich das Leben
angenehm: niemand liess die Subordination fühlen, und niemand fühlte sie, und
jeder, der sich eines solchen Glücks unwert machte, wurde aus der Gesellschaft
verbannt und an einen Herrn verkauft, der ihn den Unterschied zwischen hartem
und leichtem Joche lehrte. Auf diese Weise, ohne politisches Regiment, beinahe
in dem Stande der Gleichheit, wie er nie war und Philosophen ihn träumten, in
der blossen Familienunterwürfigkeit der Natur, entgieng diese kleine Gesellschaft
allen den beschwerlichen Folgen zweier Dinge, die dem Menschengeschlecht die
grössten Wohltaten erwiesen und den grössten Schaden zugefügt haben - der
Geselligkeit und des Eigentums.
    BELPHEGORN zerstreute diese ruhige unangefochtene Lebensart allmählich die
düstern Wolken, die seine Widerwärtigkeiten um seine Seele versammelt hatten; er
sah die Dinge der Welt weniger schwarz, weil der Zirkel um ihn erheiterter war,
und weil er sich gewöhnte, mehr das Gegenwärtige zu empfinden als darüber
nachzudenken, seinen Blick mehr in sich und den kleinen Umkreis seiner kleinen
Bedürfnisse und Freuden zurückzuziehn und überhaupt den Horizont seines
Nachdenkens mehr und mehr zu verengern, mehr sinnlich als geistig, mehr
empfindendes und handelndes als denkendes Tier sein zu wollen. Zu gleicher Zeit
nahm er unvermerkt die guterzige Philosophie seines Freundes, Medardus an, sich
zu überreden, dass alles gut sei, und dass vielleicht die grössten Unordnungen der
moralischen und körperlichen Natur zu einem unbekannten Guten abzwecken, nichts
der Natur zur Last zu legen, zu glauben, dass sie ganz Nordamerika Jahrhunderte
hindurch sich bekriegen, fressen, schinden lassen kann - Denn das konnte er sich
nicht ausreden, dass die Natur die erste Urheberinn dieser hergebrachten
Grausamkeiten sei - dass sie die Mexikaner Jahrhunderte durch viele tausend
Menschen schlachten und überhaupt den Menschen zum grausamsten Raubtiere
schaffen konnte, um ihn langsam nach den schrecklichsten Untaten zum listigen
feinen Fuchse oder zum friedsamen Schafe werden zu lassen - zu glauben, dass
alles dieses die Natur wollen musste, da sie der menschlichen Gattung die
Disposition dazu gab, ohne dass sie dabei etwas anders als die heilsamsten besten
Endzwecke vor Augen hatte, und dass sie die Menschen recht schlimm werden liess,
um sie leidlich gut werden zu lassen, ohne dass sie deswegen Tadel verdiene. So
unverträglich auch jene gesammelten Erfahrungen mit dieser medardischen
Philosophie scheinen, so stiftete doch die Liebe zur Ruhe nebst der Abwesenheit
aller Widerwärtigkeiten, wie auch die Senkung seiner Imagination, die
vollkommenste Vereinigung zwischen ihnen, die nur zuweilen eine düstre Stunde
unterbrach, aber nicht trennte.
    FROMAL war stets ein kältrer Räsonneur gewesen, als Belphegor, und diente
auch jetzt noch dazu, Wasser in die Flamme zu giessen, wenn sie zuweilen bei
diesem aufloderte. Er gestund frei, dass er sich nicht in die glückliche Illusion
versetzen kann, welche seinem Freund Medardus so vielfältig das Leben
erleichtert habe und noch erleichtere, dass ihm aber sein Glaube an Notwendigkeit
und unvermeidliches Schicksal die nämlichen wohltätigen Dienste erzeige, und
dass auch überhaupt seine Meinung hierüber von der medardischen nur im Namen und
der Vorstellungsart unterschieden sei. Zugleich verbat er aber, mit Einwilligung
seiner übrigen Freunde, anders als mit Kälte über diesen Punkt zu sprechen, um
sich nicht durch warme Imagination und durch ein warmes Herz in eine neue Tiefe
von Zweifeln und Beunruhigungen stürzen zu lassen.
    MEDARDUS erhielt sich in seiner Heiterkeit und Zufriedenheit bis an sein
Ende, und da er im Begriffe war zu sterben, war noch sein letztes Wort: wer
weiss, wozu mirs gut ist? - Er hatte vor seinem Tode noch zwo für ihn sehr
erfreuliche Begebenheiten erlebt. Der Kaufmann, der Fromals und Medardus Gelder
unter sich hatte und ihnen von Zeit zu Zeit Provisionen zuschickte, die sie in
ihrer kleinen Kolonie nicht besassen, sendete ihnen solche einstmals unter der
Aufsicht eines jungen Menschen, der sein Faktor war und andre Materialien, die
in der Kolonie erbaut wurden, mitnehmen sollte. Medardus, ein Freund vom
Gespräche, liess sich mit ihm ein, erzählte ihm, wie gewöhnlich, sein Leben und
liess sich das seinige erzählen; und aus deutlichen Beweisen erhellte es
sonnenklar, dass der Fremde des Herrn Medardus - leiblicher Sohn war, der ihn
berichtete, dass seine Geschwister ausser einem alle verblichen, seine
übriggebliebne Schwester verheiratet und er hieher geworfen worden sei. - Alle
gestorben? sprach Medardus. Siehst Du, mein Sohn? wer weiss, wozu das gut ist? -
Er sollte mit der Zeit in die Kolonien aufgenommen werden, allein ehe es
geschah, starb sein Vater und die folgenden Unruhen hintertrieben es.
    Die zwote angenehme Begebenheit war das Wiederfinden seiner geliebten
ZANINNY, die als Sklavinn nach Amerika verkauft, unter einem harten Herrn
gelitten hatte, ihm entlaufen war und sich in die Kolonie unsrer Europäer
rettete, wo sie ihren geliebten Medardus an der Narbe erkannte, die ihm eine von
den gleissenden Damen im Lande der Meerkatzen mit dem Nagel ihres Zeigefingers
geschnitten hatte; und da der Schnitt in einer eignen Figur gemacht war, die sie
in diesem Lande oft gesehen hatte, so brachte es ihr das Andenken ihrer alten
Liebe zurück: doch umsonst! Denn sie war so höflich geworden, oder der Geschmack
ihres Liebhabers hatte sich so geändert, dass er ihr einen Platz in seiner
Wohnung aus Wohltätigkeit, aber nicht aus Liebe anwiess.
    Kaum drang zu Anfange des gegenwärtigen Krieges das Gerücht bis in die
Kolonie, dass jeder Kolonist für die Freiheit wider ein unterdrückendes Vaterland
fechten müsse, als Belphegorn sein Entusiasmus von neuem ergriff; er riss sich,
ungeachtet aller Vorstellungen seines Freundes Fromals, der ihn mit Gewalt und
mit List zurückhalten wollte, aus seinen Armen und ward unter einem andern Namen
einer von den Vorfechtern der kolonistischen Armee. - ER war es, der einige der
kernhaftesten Reden in einigen Versammlungen hielt: ER erlangte etliche
ansehnliche Vorteile über die Engländer; der Auszug des Krieges wird lehren,
wer von beiden Teilen Recht behalten, und ob Belphegor als Patriot und
Menschenfreund allgemein bekannt werden, oder im Streite für die Freiheit
ungerühmt umkommen soll.
 
                                    Fussnoten
1 Alles dieses wird vielleicht nur in gewissen Gegenden verständlich sein.
2 Nichts muss für einen Mann, der denkt und empfindet und also die
mannichfaltigen Reste der Barbarei in unserm Zeitalter nicht ohne widriges
Gefühl betrachten kann, aufrichtender sein und seinen Blick in die Zukunft
froher machen, als dass Monarchen, und unter ihnen der grösste seine Sorge dahin
lenkt, die Unglücklichen, die das Schicksal dem Besten des Ganzen gewisser massen
aufopfert und sie arbeiten lässt, damit andre sich pflegen können, ihrer
ursprünglichen Freiheit so nahe zu bringen, als es sich ohne Nachteil des
Staats tun lässt, und dass sogar diejenigen, denen eine verjährte Unterdrückung
jene Lastträger unterwarf, grossmütig die Hände bieten, ihnen mit Entsagung
ihres eignen Nutzens ihr Joch zu erleichtern, da es nun einmal nicht möglich
ist, es ihnen ganz abzunehmen. - Wenn Joseph Millionen Soldaten in der besten
Disciplin unterhielt, Taktik, die Künste des Angriffs und Rückzugs in den
vollkommensten Stand sezte, Türken, Heiden und Christen überwänd, so wären in
meinen Augen alle diese. lorberreichen Taten nicht zur Hälfte so viel wert,
als die einzige, dass er daran arbeitet, den böhmischen Bauern etliche Grane
bürgerlicher Freiheit mehr zu geben, als sie vorher die Verfassung, das heisst,
eine verjährte, zum Recht gewordne Unterdrückung geniessen liess; und diejenigen
Herren, die ihren eignen Verlust nicht achteten, sondern die Absichten ihres
Monarchen unterstüzten, sind meines Bedünkens mehr als Scipione und Türenne:
denn sie besiegten den Eigennuz, den hartnäckigsten schlausten Feind. - Ihr
Dichter und Redner! für solche Handlungen allein solltet ihr Wiz und
Beredsamkeit haben! Bis zum Anbeten kann ich den Monarchen lieben, der seinen
Blick auf die niedere verachtete Klasse der Menschheit wirft und ihnen zwar
nicht Bequemlichkeiten, Überfluss, Verfeinerung geben will - eine schädliche
Gabe! - sondern von den vielen Einschränkungen der Freiheit, die sie zur Arbeit
nötigen, diejenigen hinwegnimmt, die ohne Revolution weggenommen werden können,
den Herren einen kleinen zu verschmerzenden Verlust, und dem Untertan ungleich
grössern Vorteil verschaffen: wie ich hingegen nie ohne innerliche Erschütterung
einen sonst guten Mann - im Durchschnitte genommen! - mit Ernst behaupten hören
konnte, dass ein Bauer nichts mehr als gesunde Hände und Füsse und zwei Löcher
brauche, eins zum essen, das andre zum - d.i. ein instrumentum rusticum sei.
Desto erfreulicher ist es, dass das Beispiel des Oberhauptes es vielleicht noch
in unserm Menschenalter dahin bringen wird, dass sich jeder einer solchen vom
Eigennutze gestimmten Denkungsart schämt. - Izt, bei einem so guten Anschein
solltest du leben, Belphegor! so würde dich die gute Hoffnung vor der
Misantropie bewahren!
3 Die gute Akante hat freilich eine ganz ärgerliche Chronologie, dass man dem
kunsterfahrnen Medardus sein öftres Kopfschütteln nicht übel deuten darf.
4 Eine ungeheure Menge gesammelter Dünste, die die im Texte beschriebenen
Wirkungen, nach dem Berichte der Zeitungsschreiber, tun soll.
5 We Shall sit heavy on ty Soul to-morrow.
                                                                        Shakesp.
6 If it be cruelty, yet tere's metod in't - könnte man vielleicht von den
heutigen Kriegen sagen.
7 Die Dialektik, oder Disputirkunst.
8 Der Kaiser.
9 Dies war vermutlich einer von den Königen, die mit aller Gewalt eine weisse
Gesandschaft aus dem Norden haben wollten.
10 Eine von den mahomedanischen Sekten.
11 Bei den Mahometanern dasjenige, was bei den Katoliken die Tradition ist.
12 Das höchste Wesen.
13 Ludwig des 14.
14 Unter Illusion versteht der gute Alte wahrscheinlicher Weise die Meinungen,
die nicht mit einer solchen Strenge bewiesen werden können, dass gar kein Zweifel
mehr übrig bleibt, sondern wo im Grunde allemal der ausschlagende Grad
Ueberzeugung angenommen, und nicht durch die Beweise allein gewirkt wird; und in
diesem Falle wäre im Grunde die ganze Philosophie Illusion. Alle Meinungen, die
jemals von Philosophen erdacht sind, oder künftig erdacht werden, sind nichts
als verschiedene Vorstellungsarten von den Dingen: die Dinge selbst kennt
niemand; z.B. den Lauf der Welt stellen sich einige als die Wirkung eines
blinden Zufalls, andre als die Folge einer festgeketteten Notwendigkeit, eines
Fatums, andre als die abgezweckte Anordnung einer nach Plan und Absicht
handelnden Vorsicht vor: jede unter diesen Vorstellungsarten hat Gründe für
sich, aber keine so viele, dass sie die Beweise der übrigen und alle Zweifel ganz
vernichtete: es sind Vorstellungen von dem Laufe der Welt, aus verschiedenen
Gesichtspunkten genommen: wer nun unter diesen eine für die einzige wahre hält,
der setzt dem Gewichte ihrer Gründe etwas wissentlich oder unwissentlich hinzu -
welches meistenteils unsre Leidenschaften und Ideen ohne unser Bewusstsein tun
- und illudirt sich, in so fern dieses zur Ueberzeugung ausschlagende Etwas
nicht die reine Wirkung ist. Glauben kann man in dieser Welt nie ohne Illusion.
15 Im ersten Teil.
16 So werden die Christen im Oriente genennt.
17 Nach Palästina in den Kreutzzügen.
18 Peter der Eremit, der die Kreutzzüge veranlasste.
19 Leibnitz.
20 Ein in Amerika von europäischen Eltern geborner.
21 Gott der Peruaner.
22 Vermutlich ist seine Meinung, dass eine Veranstaltung getroffen werden
sollte, die den Austrägen der Fürsten im deutschen Reiche gleich kämen, wo bei
entstehenden Zwistigkeiten die Untersuchung und Entscheidung einigen
selbstgewählten Mächten von Europa aufgetragen würde. Freilich ein herrliches
aber schweres Projekt!
23 Sagt ich weiss nicht wer?
 
    