
        
                              Johann Martin Miller
                                    Siegwart
                             Eine Klostergeschichte
                                   Vorbericht.
Allen edeln Seelen widm' ich dieses Buch, die beim Lesen etwas mehr, als bloss
Befriedigung der Neugierde, und Beschäftigung der Einbildungskraft suchen. Fast
jeder Schriftsteller, und der Dichter besonders - dessen Beruf ich für einen der
erhabensten halte - sollte hauptsächlich auf das Herz seiner Leser Rücksicht
nehmen. Dadurch bahnt er sich am leichtesten den Weg zum Unterricht und zur
Belehrung. Wer Empfindungen erhöht und bessert, der erreicht gewiss einen eben so
erhabnen Zweck, als der, welcher bloss für den Verstand sorgt. Der letztere
Schriftsteller kann auch nicht so ausgebreitet wirken. Er hat immer nur eine
kleinere Anzahl von Lesern, weil er Menschen voraussetzt, die schon in den
Wissenschaften geübt sind.
    Jeder Roman - ein Wort, das, leider! vielleicht durch schlechte Muster
verächtlich worden ist - sollte, meinem Ideal nach, zugleich unterrichten. Der
Romanschreiber hat sich Leser von verschiednen Ständen, von verschiednem
Geschlecht, von verschiedner Denkungsart u.s.w. zu versprechen, daher sollte er,
soviel als möglich, Allen alles werden. Daher muss sein Unterricht mannigfaltig,
und an keine gewisse Form gebunden sein.
    Jeder Schriftsteller wünscht nach dem Zweck seiner Arbeit beurteilt zu
werden. Ich habe dieses, wegen gewisser Stellen meines Buches, besonders zu
wünschen, bei denen man, wenn man billig urteilen will, am ersten das bedenken
muss: für welche Menschen, und für welche Gegenden von Deutschland ich zunächst
geschrieben habe. Dann werden viele Einwürfe wegen schon bekannter, oft gesagter
Sachen, oder wegen anscheinender Weitschweifigkeiten wegfallen.
 
                                 Erster Teil.
 Siegwart, ein edelgesinnter Jüngling, war auf einem Oettingischen Dorf in
Schwaben, an der Donau geboren. Sein Vater, ein Mann von ächt
deutsch-schwäbischem Charakter, war seit vier und zwanzig Jahren Amtmann auf dem
Dorfe. Von seiner, ihm zu früh verstorbnen Frau hatte er zwo Töchter, und drei
Söhne, wovon unser Siegwart der jüngste war; ein geselliger Knabe, der sich nie
mehr fühlte, als wenn er andre Kinder lustig sah, ihnen Freude machen, und
tausend kleine Gefälligkeiten erweisen konnte. Wenn der Winter ihn ins Zimmer
einschloss, so war ihm nirgends wohl, die Gesellschaft seiner ältern Brüder, und
zwoer muntrer Schwestern war ihm nicht gross genung; er rief alle Bauernkinder,
die sein Haus vorbeigiengen, zu sich, und tummelte sich mit ihnen auf dem Saal
herum. Dann schlich er sich wieder in den Stall, besah die Pferde, ritt sie an
die Tränke, warf sich mit Schneeballen, oder fuhr auf seinem kleinen Schlitten
den steilsten Berg herab, und tats an Kühnheit, oft auch an Verwegenheit, den
kühnsten Bauernknaben zuvor.
    Sobald die Frühlingssonne schien, konnt' ihn gar nichts mehr zu Hause
halten. Er trieb den Kreisel, warf den Ball, stellte mit den Bauernjungen Jagden
an, teilte immer die Rollen aus, machte den einen zum Jäger und den andern zum
Hirsch, und umzingelte den ganzen Wald mit jungen Jägern, wie ers bei der
fürstlichen Jagd gesehen hatte. Dann spielte er wieder den Soldaten, warb alle
Jungen des Dorfs an, und bestellte sie am Sonntag auf das Feld hinaus. Da gab er
ihnen hölzerne, selbst geschnitzte Flinten; hölzerne Säbel; drei Kindertrommeln,
die ihm und seinen Brüdern gehörten; papierne Fahnen, und ein altes Jägerhorn.
Jeder Knabe musste zugleich eine Schlehenbüchse, und zwanzig Kugeln dazu haben.
Damals wütete der Krieg der Oesterreicher mit den Preussen. Obgleich sein Fürst
auf der österreichischen Seite war, so hielt ers doch mit den Preussen, weil er
in den Zeitungen gelesen hatte, dass diese immer mehr den Sieg davon trügen. Er
teilte sein Heer in zwei Teile, und wählte immer die stärksten Knaben für die
Preussen aus, deren Anführer er beständig war, und an deren Spitze er die
Oesterreicher mehrenteils zurückschlug. Er machte selbst ein Kriegslied, das
seine Krieger, nach ihrer Weise, absangen. Beim Nachsetzen mussten die Knaben mit
den Schlehenbüchsen schiessen; wer getroffen war, musste fallen, und am Ende der
Schlacht wurden die Todten gezält; da denn immer die Preussen die wenigsten
hatten.
    Wenns wärmer wurde, badete er sich in der Donau, und schwamm unter allen
Jungen am besten. Ein paarmal war er in Lebensgefahr, und wurde von den Fischern
gerettet; dies hielt ihn aber nicht ab, gleich den andern Tag sich wieder zu
baden. Halbe Tage brachte er im Walde zu, wo er Vogelnester aufsuchte. Er hielt
ein ordentliches Verzeichnis davon, und fand alle Tage neue. Kein Baum, auf dem
er ein Nest sah, war für ihn zu hoch; er klomm wie ein Eichhörnchen hinauf und
wagte sich auf die dünnsten Aeste. Demohngeachtet war er nicht grausam gegen die
Vögel. Er nahm nie ein Nest ganz aus, sondern nahm nur den schönsten Vogel, den
er zu Hause ätzte, und gross zog; die andern liess er ihren Eltern. Besonders
holte er die jungen Staaren und Wiedehopfen aus den hohlen Bäumen, weil er
gehört hatte, dass man diese sprechen lehren könne, und gab sich mit deren
Unterricht, wiewol vergeblich, viele Mühe.
    Aus dieser Anlage des jungen Siegwart schloss sein Vater, der kein
unvernünftiger Mann war, dass sein Sohn wohl am besten zum Jäger oder Soldaten
taugen möchte. Er hatte auch schon bei sich den Plan gemacht, ihn in seinem
15ten Jahr (Siegwart war jetzt dreizehn) zu seinem Bruder, einem Forstmeister in
der Gegend, zu tun, und ihn die Jägerei erlernen zu lassen; daher drang er auch
nicht sehr in ihn, das Lateinische, und gelehrte Wissenschaften zu lernen. Er
suchte nur seine Anlage zum rechtschaffnen deutschen Mann zu entwickeln, und
durch gute moralische Grundsätze, die aus der Religion hergeleitet waren, mehr
zu befestigen; denn, obgleich der alte Siegwart ein Katolik war, so hatte er
sich doch die Erlaubnis erkauft, in der Bibel lesen zu dürfen, deren Geschichten
und Lehrsätze er seinen Kindern frühzeitig einzuprägen suchte. Und dies legte
wirklich den Grund zu der frühen Rechtschaffenheit des jungen Siegwart, die sich
nachher so oft in seinem Leben äusserte, ihn bei allen seinen Widerwärtigkeiten
unterstützte, und zulezt so ruhig ans Grab wandeln lehrte.
    Siegwart wusste den Plan seines Vaters wohl, und freute sich darüber; Er war
in seinem Sinne schon ein Jäger, und legte oft, wenn der Vater ausgeritten war,
seinen Hirschfänger an, hieng die Flinte um, und spazierte so, mit schwerem
Tritt, das Zimmer auf und ab; oder schlich sich wohl, wenn der Vater nicht sobald
zurückkommen konnte, in den Wald, und schoss einmal zu seinem innigen Vergnügen
einen Hasen, den er aber, weil er ihn nicht mit nach Hause bringen durfte, einem
armen Mann schenkte.
    Allein ein Zufall vernichtete auf einmal seine Hoffnungen, und änderte den
ganzen Plan seines Vaters um.
    Obwol Siegwart für das männliche und charakteristische des Deutschen
geschaffen war, so liebte er doch auch das Sanfte, und die schöne stille Natur.
Beides! ist sehr oft beisammen, und bildet einen liebenswürdigen, für die Welt
sehr brauchbaren Charakter; er ist mehrenteils ein Eigentum des Dichters; und
zu diesem hatte Siegwart alle Anlage, die, bei glücklicheren äusserlichen
Umständen noch mehr emporgeflammt sein, und die Herzen seiner Mitbürger noch
mehr erwärmt haben würde.
    Oft schlich er sich im Frühling, mitten im Spiel, von seinen Kameraden weg,
sammelte Blumen, und band sie in einen Strauss zusammen; beobachtete alle
Auftritte und Veränderungen der Natur; gab auf jedes Würinchen acht; sah der
Biene zu, wie sie in die Blumenkelche schlüpfte, und Honig oder Wachs an ihren
Beinchen heraustrug; er horchte jedem Vogel, am meisten aber der Lerche, der
Grasemücke und der Nachtigall: die letzte gefiel ihm am besten, ob er wohl ihren
Namen noch nicht gehört hatte. Oft lag er an der Quelle, die durch Tropfstein
und Moos, und niederhängendes Gras am Berg herabmurmelte; da fühlte er ein
ungewohntes Sehnen und eine nie empfundne Wehmut in der Seele; mit glänzendem
Auge ging er weg, drückte jedem Bauernjungen, der ihm begegnete, die Hand
stärker, und gab ihm von seinem Abendbrod. Oft ging er an das Grab seiner
Mutter, wo er Rosen und Jesmin und Todtennelken gepflanzt hatte, und weinte da.
Kein Geräusch weckte ihn so leicht aus dem Schlaf; aber wenn vor Sonnen Aufgang
an seinem Kammerfenster, das in den Garten ging, die Nachtigall auf einem
Apfelbaume sang, da wachte er schnell auf, ward munter, sprang aus dem Bette,
hörte ihr unbeweglich zu, und sah mit Entzücken die Sonne hinter den Bäumen
aufgehn. Noch lieber hörte er die Nachtigall des Abends, wem die Blumen und die
Apfelblüten süsser dufteten, und alles stille war, und der Mond herabsah. Da
hatte er Gefühle, die beim Jüngling, der ihm gleich ist, zu Liedern werden. Da
dachte er oft an seinen Bruder, der vor 4 Jahren in seinem 6ten Jahr gestorben
war, und machte einst ein Lied auf ihn; da vergass er oft sich und die ganze
Welt; da rief man ihn oft zum Abendessen, und er hörte nichts, bis ihn sein
Bruder oder Vater fand, und zu Tische holte, wo er wehmütig sass, und nichts
sprach. Nach dem Abendessen lag er wieder unter seinem Kammerfenster, hörte bis
11 Uhr oder 12 Uhr der Nachtigall zu; wünschte nichts, als wie sie singen zu
können, und träumte sich im Schlaf in paradiesische Gegenden zu seinem Bruder.
    Einen Abend nahm ihn sein Vater zu einem Spaziergange nach einem
Kapuzinerkloster mit, wo dieser einen alten guten Freund hatte. Der Abend war
einer der schönsten. Sie kamen aus einem kühlen Wald' heraus, wo die
Grasemücken, Amseln, und Nachtigallen in Gesängen wetteiferten, und die
Holztauben drein gurrten. Das Dunkel des Waldes, und der melancholische Gesang
der Amsel hatten die Seele des jungen Siegwart zum Wehmütigen und Feierlichen
gestimmt, worein ihn das ernstafte Gespräch seines Vaters über die Schönheit
der Natur und die Liebe des Schöpfers noch mehr versenkte. Ihr Gespräch kam auf
das Kloster. Du wirst, mein Sohn, viel ehrwürdige Leute drinnen antreffen; gute
ehrliche Männer, die die Torheiten und Betrügereien der Welt kennen lernten,
und sich bei Zeiten von ihr los machten, um im Frieden Gott zu dienen, ihr Herz
zu bessern, und sich für die Ewigkeit vorzubereiten. So ist mein Freund, der
alte Pater Anton, der deine ganze Hochachtung verdient; aber nicht alle Paters
denken so; andre werden dir weniger gefallen. Ich sage dir dieses nur, damit du
dich nicht daran stössest, und nicht lauter Engel drinnen suchst. - Es ist eine
eigne Sache um das Mönchsleben. Eigentlich sollten nur Leute da sein, die den
Menschen sonst nicht mehr dienen können. Doch, das geht uns nichts an! - Sieh,
dort liegt das Kloster schon; bei den Tannenbäumen dort! -
    Sie waren nun, ausserhalb dem Wald' auf eine Anhöhe gekommen, an deren Fuss
das Kloster gebaut war. Rechterhand an einem Eichenwalde ging die Sonne ganz
golden unter. Sie spielte noch auf den umgebognen Spitzen der Saat, die vor
ihnen, wie ein sanfter Strom dahin schwamm. Drüber hin waren Gespinnste von
Spinneweben wie ein Teppich ausgebreitet, die im Stral der Sonne alle
Regenbogenfarben trugen. Hoch in der Luft sangen noch die Lerchen, deren Flügel,
wenn sie sich ein Bischen wendeten, wie Gold glänzten. Ein Arm der Donau, der
ganz still zwischen Weiden hin floss, fasste das Bild des roten Abendhimmels auf,
und man konnte die ganze rotdämmernde Gegend drinnen sehen. Zur linken Seite
ward der Himmel schon dunkler; unten am Tannenwalde war er grau, und oben
gelbrot. Vor ihnen lag das Kloster in ruhiger Stille. Die, mit weissem Blech
belegten Dachkuppeln glänzten noch ein wenig; hinter dem Gebäude erhuben sich
zwanzig oder dreissig hohe schwarzgrüne Tannen; alles war jezt still, da die
feierliche harmonische Betglocke erklang, und die ganze Gegend um den jungen
Siegwart her zu einem Tempel machte. Seine Seele war jezt weich wie Wachs;
unwillkührliche Tränen, die das Mittel zwischen Wehmut und Freude hielten,
glänzten ihm im Auge. Er sprach nichts; mit halbfrohem und halbbangem Zittern
kam er dem Kloster immer näher, und nun waren sie am Tor. Ein alter ehrwürdiger
Kapuziner in schneeweissen Haaren empfieng sie mit der Freundlichkeit eines
Engels, und führte sie, weil er den alten Siegwart kannte, in den Speisesaal.
Hier sassen dreissig Väter, mehrenteils ehrwürdige Greise mit einer Glatze, und
langen silberfarbnen Bärten. Sie standen alle auf, bewillkommten mit einem
stillen heitern Lächeln den alten Siegwart, und umarmten ihn, einer nach dem
andern, mit brüderlicher Liebe; Sie gaben auch dem jungen Siegwart die Hand, dem
das Herz laut schlug. Die beiden Ankömmlinge mussten sich mit zu Tische setzen,
und das kleine mässige Mahl mit geniessen. Stille heitre Zufriedenheit sass auf
allen Stirnen; jeder begegnete dem andern mit Freundlichkeit und Liebe. Der
junge Siegwart sah einen nach dem andern an, und verlohr sich in dem Gedanken
von dem Glücke dieser Väter; er fieng jeden an zu lieben, und freute sich, wenn
er bald von diesem, bald von jenem angelächelt, oder angeredet wurde. Besonders
nahm der ehrwürdige Vater Anton, neben dem er sass, seine ganze Seele ein, denn
er sah wie ein Apostel aus, und begegnete seinem Vater mit der treuherzigsten
Liebe.
    Wie lange sind Sie nun, sagte dieser zu dem eisgrauen Pater Gregor, der die
zwote Stelle an der Tafel einnahm, hier im Kloster? Vier u. fünfzig Jahre sinds,
Gottlob! antwortete Gregor, dass ich von der Welt mich abgesondert habe, und hier
im Kloster meinem Gott diene, und dem Tod entgegen sehe. In meinem zwanzigsten
Jahre tat ich Profess, und seitdem weiss ich von der bösen Welt nichts mehr. Ich
bin niemals krank gewesen, aber nun fühl ichs, dass mein ende nahe ist. Es sind
mir so viele vorgegangen, von denen ich geglaubt habe, dass sie mich begraben
würden: endlich muss die Reihe doch auch an mich kommen. Die nächste Leiche wird
wohl mir gelten, meine Brüder! und hier sah er alle, heiterlächelnd, an. Das
wolle Gott nicht, sprachen die Paters einmütig; nein, das wolle Gott nicht, dass
wir dich so bald verlieren! Der alte Mann sah mit einem Blick gen Himmel, und
wischte sich die Augen. Nun ward ein lange Stille, welche keiner unterbrechen
wollte, bis der Guardian vom Tische aufstand, dem die andern alle nachfolgten.
Anton und noch ein andrer Pater baten den alten Siegwart, die Nacht im Kloster
zu schlafen, weil der Mond, den er abwarten wollte, doch erst um halb 10 Uhr
aufgienge. Wir haben zwar im Kloster keine weiche Betten, sagte er, aber unser
Verwalter draussen soll Sie gut beherbergen. Wir müssen wieder einmal einen
Abend mit einander gemessen, wer weiss, wie lange uns dies auf der Welt vergönnt
ist? Der alte Siegwart wars zufrieden.
    Nach dem Abendgebet ging man in den Garten, wo die Levkoje und die
Nachtviole mit der Apfelblüte süsser düftete. Viele Gänge zwischen hohen Hecken
durchkreuzten sich. In der Mitte des Gartens plätscherte das Wasser des
Springbrunnens lieblich. Von hier konnte man alle Gänge übersehen, in die sich
die Väter, je Paar und Paar, verteilt hatten. Die sich gleich geschaffen waren,
schlossen ihre Herzen vor einander auf, entdeckten sich ihre Gedanken, sahen zum
gestirnten Himmel, sprachen vom Grabe, von der Trennung, vom Wiedersehen, und
der Ewigkeit. Andere, die die Freundschaft in der Jugend schon vereinigt hatte,
sprachen von den Tagen ihrer Kindheit, von ihren Freuden oder Leiden, von den
Freunden, welche sie verlassen hatten, ob sie wohl noch lebten, oder sie im
Himmel schon erwarteten?
    Sie teilten sich ihre Besorgnisse wegen andrer mit, von denen sie wussten,
dass sie ehedem der Welt und ihren Leidenschaften zu sehr nachgehangen, und nicht
rechtschaffen gedacht und gehandelt hätten; und nun beteten sie gemeinschaftlich
mit Worten, oder auch mit Blicken für ihr Wohl ihre Besserung.
    In andern Gängen schlichen weniger edelgesinnte Männer, die der Neid gegen
andre, oder das Misvergnügen über ihre Vorgesetzten vereinigt hatte, und die
sich mit den Fehlern oder Schwachheiten ihrer Mitbrüder beschäftigten, und
boshafte Kränkungen für sie aussannen - Weg von diesen Unedeln, deren es leider
in dem Kloster, das ein Sitz. der Unschuld sein sollte, nur zu viele gibt!
    Aber last uns die bedauern, die einsam, ohne Gefährten in den dunkelsten und
engsten Gängen wandelten, um ihre Seufzer dem Ohr ihrer Brüder zu entziehen; die
zu lebhaften Seelen, die, aus Überdruss der Welt, in der nur Unglück sie
verfolgte, sich in einer Stunde des Unwillens und der aufgebrachten Leidenschaft
entschlossen, ihr auf ewig zu entsagen, und ein Gelübde zu beschwören, welches
sie nachher so oft bereut hatten. Sie glaubten, dem Elend zu entgehen, und
fanden neues grössres Elend. Wie mancher beweinte jetzt noch die Stunde des
Taumels und der Trunkenheit der Seele, worein ihn der Pomp eines Klosters, die
feierliche und himmlische Musik der Väter, die Ruhe und die Heiterkeit, die auf
ihren Angesichtern zu wohnen schien, versetzt, und die den Entschluss, den
fälsche, oder einfältige Freunde noch bestärkten, hervorgebracht hatte, nach der
gemeinen Redensart, die Welt zu verlassen. Nun wütete die Melancholie in ihrer
Seele, die jene Väter in der Gegenwart von Fremden immer hinter der Mine der
Heiterkeit und Ruhe zu verbergen wussten. Sie kannten nun kein ander Glück mehr
als den Tod, um den sie mit stummen Tränen, und mit unterdrückten Seufzern zu
Gott beteten.
    In einem solchen Taumel, der sie ehedem ins Kloster getrieben hatte, schwamm
jetzt unser junger Siegwart, der den langen Gang hinab mit seinem Vater und dem
guten Pater Anton, dem kleinen dunkeln Tannenwäldchen zugieng, das den
Klostergarten begränzte. Die beiden Freunde giengen Hand in Hand, und vertieften
sich in vertrauliche Gespräche, wozu sie die schweigende Frühlingsnacht einlud.
Lauschend ging der junge Siegwart neben her. Sie kamen nun ans Tannenwäldchen,
dessen Wipfel in der Abendluft sanft säuselten; hinten, wo der Wald am
dunkelsten war, setzten sie sich in die kühle Grotte, neben der ein kleiner Bach
vorbeirieselte.
    Hier sitz ich nun, sagte Pater Anton, seit vierzig Jahren jeden schönen
Frühlings- oder Sommerabend, und überdenke da mein Tagwerk und die Führungen des
Himmels. Oft, mein guter Siegwart, denk ich auch an dich, und die Tage, die wir
in der Welt zusammen lebten. Ach, wie ist mein Herz seitdem so ruhig geworden!
Du weist, Lieber, was ich ausgestanden habe; wie das Unglück über mich her
stürmte; wie die Menschen mich verfolgten; und wie viel ich mit mir selbst und
meinen Leidenschaften zu kämpfen hatte! - Hier sprach er leiser, und mit mehr
gebrochner Stimme. - Man hat lang zu streiten, bis man sich von allen Schlacken
losreist, zumal wenn das Herz den Eindrücken der Sinnlichkeit offen, und heftig
ist. Ich glaube, dass man fast nur in der Einsamkeit dazu gelangen, seine Seele
reinigen, vom Irrdischen abziehen, und in Gottes Liebe versenken kann; und da
ist die Klosterregel gewiss das beste Mittel dazu. Ich sage nicht, dass alle
Menschen das Gelübde ablegen sollen, aber wer es tun und halten kann, der tut
wohl, und sorgt für seine Ruhe.
    Aber, fiel der alte Siegwart ein, auch für das Glück der Welt, für seine
Brüder? denn das sind doch alle Menschen. Vergib mir diesen Einwurf, ich weiss
wohl, dass man ihn bei uns nicht laut machen darf, aber bei Dir darf ichs wohl.
    Du hast Recht, sagte Anton, ich hab oft drüber nachgedacht, und anfangs
konnt ich mich nicht sogleich beruhigen; aber, ich denke, wenn man so lebt wie
ich, und es so gut meint, dann tut man seiner Pflicht genug. Sieh' ich will dir
meinen jetzigen Lebenslauf erzählen. Ein Tag ist wie der andre. Des Morgens steh
ich früh auf, im Sommer mit der Sonne, und im Winter um 6 Uhr; dann halt ich
meine eigne Morgenandacht, lese mein Brevier, oder geh im Garten spazieren;
dann studir ich etwas, lese in der Vulgata, im heiligen Chrysostomus, oder sonst
in einem guten und erbaulichen Buche, deren unsre Bibliotek genug hat. Dann
sing ich meine Horas, oder lese eine Messe. Wenn ich meditiren muss, so denk ich
nach, wie ich erbaulich predigen will, wenn ich zu den Bauern komme. Beim
Mittagsmal esse ich wenig; nach dem Essen geh ich in den Garten, und pflanze
verschiedenes, oder lerne allerlei Vorteile vom Gärtner, die ich dann den
Bauern in den Dörfern herum wieder sage. Dann les' ich wieder etwas; nach der
Vesper geh ich zu einem oder dem andern Bruder auf die Zelle, wo wir bis ans
Abendessen von ernstaften Dingen sprechen; und nach diesem geh ich immer, wenn
das Wetter schön ist, im Garten spazieren, oder auf den Gottesacker zu dem
Grabe meines lieben Bruder Josephs, oder ich sitze hier in der Grotte, und denke
so über mich selbst nach, und was ich den Tag über getan habe.
    Trift dich oft das Auswandern, sagte Siegwart, wenn ihr aufs Almosenholen
oder Predigen und Messlesen ausgeht? - Alle vierzehn Tage einmal, antwortete
Anton, und da freu' ich mich immer recht darauf. Ob ich gleich den Bauern nicht
vorschreibe, was sie geben sollen, oder ihnen viel abzuschwatzen suche, weil es
mir weh tut, wenn die Leute, die oft weniger, als wir, haben, sich vom Nötigen
entblössen sollen, so bring ich doch immer so viel oder mehr ins Kloster, als die
andern Brüder; denn die Leute sagen, dass ich ihnen das alles wieder
tausendfältig einbringe, weil ich sie, wie schon gesagt, Garten- und Ackerkünste
lehre, ihre Kinder unterrichte, wenns im Gespräch auf was Geistliches kommt, und
in der Kirche allemal nach der Messe erbaulich und verständlich predige. Da
haben mich die Leute so lieb, und drücken mir die Hand, und wünschen mir soviel
Gutes, dass ich vor Freuden schon im Himmel zu sein glaube. - Hier rollten dem
guten Alten die Tränen in den langen Bart, und er sprach viel lauter und
geschwinder; auch dem alten und dem jungen Siegwart stunden Tränen in den Augen
-
    Ja, lieber Siegwart, fuhr der Greis fort, du möchtest es für Pralerei
halten, wenn ich so von mir selber spreche, aber Gott weiss, das ist es nicht;
ich freue mich nur so drüber, wenn ich etwas Gutes tue, und da muss ich zuweilen
meine Freude ausbrechen lassen. Ach, ich habe noch Schwachheiten genug an mir,
die mir diese Freude wieder ganze Wochen lang verbittern; und es giengen lange
Jahre hin, eh ichs den Bauern so gut zu machen wusste.
    Ich weiss, Vater Anton, ich weiss, sagte Siegwart, dass es keine Pralerei ist;
das war nie dein Fehler. Du hast den Ruhm in der ganzen Gegend, dass man dich am
liebsten sieht; und die Bauern in meinem Dorfe lieben dich wie ihren Vater. Ja,
wenn alle, so wie du, wären! - Xaver, (so hiess der junge Siegwart) wie sagte
doch neulich unsre Nachbarinn vom Pater Anton? du hast mirs ja heute noch auf
dem Herweg erzählt. - Der junge Siegwart wurde rot, und stotterte: der Pater
Anton, fieng er an, und hielt wieder inne; der Pater Anton sei ein lebendiger
Heiliger, sagte sie, den man jetzt schon anrufen sollte, und man müst ihn zum
Pabst machen, wenns auf sie ankäme. Es sei alles noch so gut, was Er auf der
Kanzel sage, weil mans so verstehen könne.
    Hier drückte Anton dem Jünglinge die Hand; das ist zu viel Lob, sagte er,
die Leute übertreibens. Ich tue nur, was ein jeder tun sollte. -
    Inzwischen kamen ein paar Kapuziner bei der Grotte vorbei, und grüsten den
Pater Anton, den sie an der Stimme kannten, freundlich.
    Das sind ein paar heilige und rechtschaffne Leute, sagte er, indem sie
weggiengen, die mir den Verlust meines lieben P. Joseph noch in etwas ersetzen.
Du wusstest wohl noch nichts von seinem Tode, lieber Siegwart? Du besuchst uns
auch gar zu selten. Er sagte mir noch den Tag vor seinem Tode, dass ich dich
vielmals grüssen sollte; in der Ewigkeit seh er dich einst wieder. Nun ists bald
ein Vierteliahr; am Charfreitagabend starb er. Ach, du hättest ihn sehen sollen,
wie er starb; mit welcher Ruhe, mit welcher Heiterkeit! Aber so ein Leben war
auch eines solchen Todes wert. Ich habe viele Leute gekannt, seit ich hier im
Kloster bin, aber einen Mann, der so rein und unschuldig lebte, und so viel
Gutes stiftete, wie er, hab ich nie gesehen! Jedermann hielt ihn für seinen
Vater, und ward in seiner Gegenwart frömmer. Du hast ihn selbst gekannt,
Siegwart; und ich würd' auch gar zu wehmütig, wenn ich viel von ihm erzählen
wollte. Hier an meiner Seite sass er so oft, goss seine ganze Seele vor mir aus,
und sprach mit einer Freudigkeit vom Himmel, als ob er schon einmal da gewesen
wäre. Oft, wenn ich so allein in der Dämmerung hier sitze, dann kommt mirs vor,
als ob ich ihn hörte, und dann fahr ich auf, und wag' es kaum, wieder
wegzugehen. Grosser Gott, und er musste mir entrissen werden! Doch ich werd ihm
bald nachfolgen.
    Wenn dirs recht ist, Siegwart, so gehen wir zu seinem Grabe; der Kirchhof
liegt an der Seite dort.
    Sie stunden auf, und giengen schweigend, beim Gesang der Nachtigall, aus
Grab. - Hier ists, sagte Anton, ich hab ihm einen Rosenstrauch drauf gepflanzt;
übers Jahr soll er Rosen tragen. Hier nebenan werd ich einst liegen.
    Ja, lieber Freund, so müssen wir sterben, wenn wir glücklich sterben wollen;
aber auch so leben! - Er kam erst auf den rechten Weg, als er ins Kloster ging.
Vorher hat er wenig an Gott gedacht. Er sagte hundertmal: dem Kloster hab ich
alles zu verdanken. Ich denk immer, Siegwart, du schenktest Gott auch einen
Sohn. Wie wärs, wenn dein Xaver zu uns gienge? Nicht wahr, lieber Xaver, Er
gienge wohl gern ins Kloster, und sagte der Welt ab, um hier in Fried und Ruhe
Gott zu dienen?
    Der junge Siegwart, dessen Seele voll von den Bildern dieses Abends, und der
reizenden Beschreibung war, die Anton von dem Klosterleben gemacht hatte, wusste
nicht, wie ihm zu Mute war; sein Herz schlug, und er sagte willig. Ja, weil der
Wunsch schon mehrmals diesen Abend in ihm aufgestiegen war, in dieser ruhigen
Einsamkeit, unter Leuten, die er alle für Engel hielt, zu leben.
    Siehst du, Siegwart, er sagt ja; er will zu uns kommen. Kannst du ihm wohl
seinen Wunsch versagen?
    Ich weiss nicht, sprach der alte Siegwart, ich dachte diesen Abend auch schon
einigemal dran; aber mein Xaver taugt nicht für das Kloster; er ist zu munter
und zu lebhaft, und hat selbst nie keine Lust dazu gehabt. Er sagt jetzt zwar
Ja; aber das ist wohl nur so ein Einfall. Wie ists Xaver, gefällt dirs wirklich
hier? Hättest du wohl Lust, einmal beim Pater Anton zu leben?
    O ja, sagte der zu feurige, erhitzte Jüngling; Ich wüste vorher nicht, dass
es so gut hier im Kloster wäre.
    Nun, wir wollen drüber nachdenken, es ist noch Zeit, sprach der Vater; und
sie giengen wieder vom Grab weg. Indessen ging hinter ihnen der fast volle Mond
auf, und beschien die hohen Tannenwipfel. Als sie in den langen Gang mit der
hohen Hecke kamen, sah man oben nah am Kloster ein Paar Kapzuiner wandeln, deren
schneeweisses Haar im Mondschein glänzte. Die Nachtigallen schlugen laut, und
flogen nicht davon, wenn man dicht bei ihnen stand. Das Mondlicht, das nun den
ganzen Garten erhellte, und die Schatten, die das Laub der Büsche machte,
hüpften vor ihnen in mannigfaltigem Gemisch dahin; in der Mitte, wo das Wasser
des Springbrunnens plätscherte, und tausend goldne Sternchen bildete, kamen nach
und nach die Mönche aus den verschiednen Gängen zusammen, und stellten sich in
einem Kreis um den alten und jungen Siegwart, und den Pater Anton her. Sie sahen
im Mondschein noch so heilig und ehrwürdig aus. - Nun, wie gefällts ihm hier im
Kloster, junger Herr Amtmann? sagte einer von den Mönchen zu dem jungen
Siegwart. O recht gut, fiel ihm Anton ein; er will bald bei uns Profess tun.
Schön, schön! riefen alle Mönche. Es gibt doch noch immer Leute, welche Gott von
Herzen dienen.
    Bleib er bei dem Entschluss, lieber junger Herr! sprach ein alter Mönch, der
neben unserm Siegwart stand, und es soll ihn nicht gereuen; wir wollen ihm alle
Liebs und Gutes tun.
    Es ist noch nicht so gewiss, sagte drauf der alte Siegwart; Pater Anton
scherzt nur. Ey warum, lieber Herr Amtmann? sagte P. Gregor. Hätten Sies nicht
gerne, wenn Ihr Sohn ein frommer Mann würde? Sie müssen ihm zureden. Glauben
Sie; ein frommer Mönch bringt Segen über seine ganze Familie.
    Nun giengen sie alle mit dem brüderlichen Kuss auseinander, und jeder
wünschte noch besonders dem jungen Siegwart gute Nacht. Die beiden Gäste wurden
zum Verwalter vors Kloster hinausgeführt, wo sie schon ein zubereitetes
Schlafzimmer fanden. Der alte Siegwart vermied vorsetzlich, mit seinem Sohn von
dem, was diesen Abend vorgefallen war, zu reden. Er kannte sein lebhaftes,
leicht zu erhitzendes Temperament, und dachte, die Bilder, die sich ihm diesen
Abend eingeprägt hatten, würden wieder mit der Nacht verfliegen.
    Allein der junge Siegwart, der in einem besondern Zimmer lag, konnte nicht
schlafen; der Gedanke an das Kloster, an die stille Ruhe und glänzende
Heiligkeit der Mönche beschäftigte ihn bis um Mitternacht. Er baute tausend
Luftschlösser auf; seine dichterische Phantasie malte ihm die Tage vor, die er
hier so glücklich zubringen könnte; sie malte ihm das Kloster als einen Himmel
auf Erden ab, und er glühte von dem Wunsche, bald ein Einwohner dieses Himmels
zu werden.
    Endlich schlief er ein; er sah im Traum Engel herabsteigen, und ihn zum
Altar führen, wo er das Gelübde ablegen sollte. Seine Mutter, die schon
gestorben war, winkte ihm an der Seite der Maria, ihnen zu folgen; er hörte eine
himmlische Musik, und wachte von der zu heftigen Bewegung seiner Seele auf. Der
Tag war schon angebrochen; die Sonne ging auf. Er konnte nicht länger im Bette
bleiben, und ging ans Fenster, von da aus er das Kloster und einen Teil des
Gartens übersehen konnte. Rings ums Kloster herum lagen Fruchtfelder, die, vom
Tau benetzt, in frischer Farbe prangten. Ueberall schwebten Lerchen in der
Luft, und sangen ihr göttliches Lied auf die neuerwachte Welt herab. Im
Klostergarten sangen Rotkehlchen, Aemmerlinge, Nachtigallen und Amseln. Einen
Pater sah er schon mit gefalteten Händen, die ein kleines Kreuz hielten, in den
Gängen auf und nieder gehen. Dies erweckte seine Andacht, die nie feuriger
gewesen war. Lieber Gott! lass mich auch zu so einem frommen Mann werden,
seufzet' er, und schwieg wieder.
    Rechterhand lag der Gottesacker; und er konnte deutlich das Grab sehen, auf
dem sie gestern Abend gestanden hatten. Hier fiel ihm der Pater Joseph ein, und
Tränen schossen ihm ins Auge.
    Indem trat sein Vater ins Zimmer; er fuhr zusammen, drehte sich um, und
suchte seine Tränen zu verbergen.
    Wie, mein Sohn, du bist schon auf? und so traurig? ich glaube gar, du hast
geweint. Fehlt dir was, Xaver?
    Ach nein, Papa, ich sah da auf den Kirchhof, wo wir gestern gewesen sind.
Der Pater Joseph muss ein treflicher Mann gewesen sein.
    Ja, mein Sohn, das ist er gewesen, und es ist mir lieb, dass dir sein
Andenken wert ist. Wie hast du denn diese Nacht geschlafen? Doch recht ruhig?
    Nicht so ganz, Papa; Ich hatte allerlei Gedanken durcheinander, und dann
ttäumt' ich auch so wunderlich.
    Nun, wovon denn?
    Je, vom Kloster, und dergleichen.
    Ja, das hab ich mir eingebildet, und deswegen kam ich auch herüber. Du warst
gestern auf eine ausnehmende Art bewegt; ich gab immer auf dich Achtung, aber
ich wollte nichts davon sagen. Es schienen mancherlei sonderbare Veränderungen
in dir vorzugehen. Heute muss ich nun aufrichtig mit dir reden. Der Pater Anton
lag mir schon lange an, dass ich dich ins Kloster tun sollte. Ich hatte wenig
Lust, weil ich deine Munterkeit kannte, die sich nicht fürs Kloster schickt; und
deswegen hab ich dich auch nie mitnehmen wollen. Nun ists einmal geschehen, weil
du mir keine Ruhe liessest. Du sagtest gestern dem Pater Anton, dass du Lust zum
Klosterleben hättest. Er fieng das auf, und sagte es gleich vor den andern
Mönchen. Diese freuen sich nun immer, wenn sie neue Ankömmlinge bekommen können.
Sie werden heute gleich wieder davon anfangen, und darum wollt ich erst mit dir
davon reden. Du sagst, es habe dir vom Kloster geträumt; was war es denn?
    Ich war in der Kirche, sagte Xaver, wo die Kapuziner alle um mich herum
stunden. Ich sollte zum Altar hin gehen; und da war mirs, als ob Engel
herabkämen, und als ob die selige Mama mit der Mutter Gottes käme, und mir
winkte, dass ich hingehen sollte. Ich wachte dann wieder auf, und konnte nicht
mehr einschlafen.
    Das ist sonderbar, sagte der alte Siegwart, und ging auf und nieder. Es
hatte ihm was ähnliches von seiner Frau geträumt, weil er sich an Pater Josephs
Grabe allein mit dem Gedanken an sie beschäftigt hatte. - Xaver, ist es dir denn
Ernst mit dem Kloster?
    O ja, Papa; wenn Sie es wollen -
    Ich will es nicht, mein Sohn; Aber ich will dir auch in deiner Wahl nicht
vorgreifen; ich weiss, dass du jetzt dafür bist; aber du must alles wohl
überlegen; wenn man hier einmal gewählt hat, dann ist die Neue zu spät. Ich
wünschte schon zuweilen, dass einer meiner Söhne ein Geistlicher werden möchte;
mit Karl und Wilhelm geht es nicht mehr an; die haben ihre Versorgung; aber
wegen deiner war ich immer zweifelhaft. Mit dem Klosterleben ists so eine Sache;
bald gefällt es mir, bald wieder nicht, und die wenigsten schicken sich dazu.
Gestern Abend hat mich nun Pater Anton wieder ganz dafür eingenommen. Er ist ein
guter frommer Mann, und mein vieljähriger Freund. Wenn du ihm gleich werden
könntest, so würd ich Freude an dir erleben. Aber, Xaver, ich glaubte immer, für
dich wäre eine so ganz einförmige Lebensart nicht. Du bist zwar oft gern allein;
aber zuweilen bist du wieder immer in Gesellschaft. Und dann must du dir das
Kloster nicht so vorstellen, wie es dir gestern das erstemal vorgekommen ist! So
lange einem etwas neu ist, da gefällt es immer. Vor den Leuten tun die Paters
immer friedlich, und scheinen, wie die Engel zu leben; aber es mögen wohl, wie
ich manchesmal aus des Pater Antons Reden merkte, manche böse Leute unter ihnen
sein, die einem das Leben recht sauer machen können. Kurz, ich weiss nicht, ob
ich dir dazu raten soll? - Freilich, wenn ich an den Traum denke; denn ich muss
dir nur sagen, dass mir eben das geträumt hat.
    Eben das geträumt? rief Xaver. O Papa, das ist gewiss nicht umsonst
geschehen! Es gefällt mir so gut hier, als mirs noch an keinem Ort gefallen hat.
Ich wollte Sie wohl bitten, dass Sie mich hier liessen! - Hier im Kloster bleiben
kannst du jetzt noch auf alle Fälle nicht, erwiederte der Vater, denn die
Kapuziner unterrichten keine jungen Leute, und dann wüstest du auch noch vorher
auf Akademien. Aber dazu wollt' ich dir wohl raten, dass du einige Tage lang hier
zurücke bliebest, um die Einrichtung der Lebensart genauer kennen zu lernen. Du
must auf alles genau Acht geben, ob die Paters dir gefallen? ob du dich an die
beständigen Andachtsübungen; an den Gehorsam; an die strenge Klosterzucht; an
die, mehrenteils geringe und schlechte Kost; an das einförmige, stille, von der
übrigen Welt abgeschnittne Leben gewöhnen kannst? Ob du dich für stark genug
hältst, den Vergnügungen der Welt zu entsagen, und, von ihr ungekannt, nur dir
und Gott zu leben? Pater Anton soll dich von allem noch genauer unterrichten,
auf ihn kannst du dich verlassen. In vier oder fünf Tagen komm' ich wieder, um
deine Meinung zu erfahren; denn nun ists gerade Zeit, dass du dich zu einer
Lebensart entschliessest, welche künftig dein ganzes Leben ausfüllen soll. Ich
werde alt, wer weiss wie lange ich noch lebe; und ich wünschte dich so gern vor
meinem Ende noch versorgt. Ich dachte, dich zu meinem Bruder dem Forstmeister zu
tun, aber der ist nun vor sechs Wochen auch gestorben. Doch ich lasse dir die
freie Wahl, und rede dir zu nichts zu, um nachher keine Vorwürfe zu haben.
Willst du so, mein Sohn?
    O ja, Papa; Sie sind auch gar zu gütig. Lassen sie mich nur hier! Ich hoffe,
dass es mir recht wohl gefallen soll; denn so schön hätt' ich mir das
Klosterleben gar nicht vorgestellt.
    Nun kam der Torwart des Klosters, und fragte, ob sie in das Conversatorium
kommen wollten? die Paters waren alle schon da versammelt, und hatten ihre
Vigilien schon gesungen. Sie besprachen sich über den jungen Siegwart, den sie
gern bei sich im Kloster gehabt hätten, und redeten dem Pater Anton zu, weil er
doch soviel über den Herrn Amtmann vermöge, dass er ihm ja recht anliegen sollte,
seinen Sohn der Kirche und dem Kloster zu schenken!
    Indem trat der Vater mit dem Sohn herein. Sie eilten dem ersten mit offnem
Arm entgegen, und empfiengen ihn, einer nach dem andern. Dem jungen Siegwart
drükten sie treuherzig die Hand, und nannten ihn ihren jungen Bruder. Das gefiel
dem Jüngling. -
    Morgen sollt er hier sein! sagte der Guardian. Wir haben Festtag, da wirds
ihm gefallen!
    Ja, ich bleibe hier, rief der enzükte junge Siegwart, der Papa hats schon
gesagt.
    Gemach, mein Sohn, sprach der Vater; du must erst von den Ehrwürdigen Herren
die Erlaubnis dazu haben.
    O recht gerne, sagte Pater Gregor, der dabei stand, und wandte sich zu den
übrigen: der junge Herr möchte etwas bei uns bleiben. Sie erlaubens doch?
    Warum nicht? riefen alle. Herr Amtmann, sagte einer, Sie müssen Ihren Sohn
ja der Kirche schenken! Er hat recht einen göttlichen Beruf dazu. Wir sahns ihm
schon gestern an, und sprachen noch heute viel davon. Er wird ihnen Freude, und
dem Orden Ehre machen. Wir glaubten schon, Ihren Karl zu kriegen; aber Xaver
taugt noch mehr dazu. Lassen Sie ihn so lange bei uns, als Sie wollen; Er soll
gewiss gut aufgehoben sein.
    Das bin ich überzeugt, sprach der alte Siegwart; wenn Sie so erlauben
wollen, so lasse ich ihn etliche Tage hier; er bat mich heut darum. Es scheint,
dass er recht viele Lust zum Kloster hat, und wenn es Gottes Wille wäre, so bin
ichs auch recht wohl zufrieden. Ich sollte auch einmal ins Kloster, und
vielleicht wär' mirs besser gegangen, als so. Doch ich bin jetzt auch zufrieden.
Wollen Sie erlauben, so schick ich heute statt des Kostgelds etwas Wein und
Korn. In ein paar Tagen hol ich meinen Sohn dann wieder ab.
    Sie müssen aber heut doch erst bei uns zu Mittage essen, sagte Gregor, und
das Kloster ein bisschen besehen.
    Er und Anton giengen nun mit den beiden Siegwarts auf die Bibliotek, wo sie
Bücher mit den schönsten Kupfern sahen. Dann besahen sie die herrlichen mit
Perlen und Gold gestickten Messgewande, deren Anblick das Auge des jungen
Siegwarts fast verblendete; die goldnen, mit Steinen besetzten Kelche; Silberne
und vergoldete Bildnisse von Aposteln und Heiligen. In der Kirche schimmerten
die goldbedeckten Altäre im Stral der Morgensonne. An den Wänden hiengen
herrliche Gemälde von Heiligen, und Kapuzinern, die als Märtyrer gestorben sind.
Besonders rührte ein Gemälde den jungen Siegwart bis zu Tränen. Viele Kapuziner
hiengen todtblass, aber doch mit einer innern Heiterkeit, und einem
halbgebrochnen, mühsam zum Himmel empor gehobnen Auge, an Kreuzen. Ueber ihnen
schwebten, in halberleuchteten Gewölken, Engel mit Siegerkronen, und Palmzweigen
in der Rechten. Auf einer andern Seite wurden welche durch das Schwert
hingerichtet. Verschiedne, mit Blut befleckte Rümpfe lagen schon vor ihnen. Auf
einem derselben kniete ein alter silberhaarichter Kapuziner, der eben
hingerichtet werden sollte, mit dem Kruzifix in der Hand. Auf dem Vordergrunde
wurden andre an einem Turm vorbei geführt, aus dessen festvergitterten
Oefnungen abgehärmte Gesichter heraussahn, die sich eben einen solchen Tod mit
Sehnsucht zu wünschen schienen; besonders rührte unsern Siegwart das Gesicht
eines Jünglings, der ihn mit Tränen anzusehen schien.
    Das waren alle unsre Brüder, sagte Anton, die als Missionarien nach
tausendfachen Leiden der Märtyrerkrone sind teilhaftig geworden. Wir werden sie
einst alle wieder bei Gott antreffen, wenn wir, wie sie, willig Armut, und,
wenns sein soll, auch Verfolgung tragen.
    Mit diesen Worten sah er den jungen Siegwart an, der den ganzen Ausdruck
dieses Blickes fühlte.
    Nun kamen sie im Hof an ein kleines steinernes Häuschen, das ans Kloster
angebaut war. Gregor machte das Türchen auf, und ein Haufen Krücken und Stäbe
lag da über einander getürmt.
    Das sind Zeugen von den Kuren, sagte Gregor, welche mit Gottes Hülfe durch
unser Gebet, und die Kraft unsers wundertätigen Marienbildes, das Sie in der
Kirche gesehen haben, hier im Kloster verrichtet worden sind. Krüppel und Lahme
kamen an ihren Krücken, und auf Wagen zu uns. Gesund und frisch konnten sie in
ihre Häuser zurückgehen, und liessen zum Andenken ihrer Heilung ihre Krücken und
Stäbe hier. So tun wir Gutes, was wir können, an Leib und Seele.
    Der junge Siegwart betrachtete diese Stützen der Elenden, die sie nun nicht
mehr bedurften, mit einer heiligen Ehrfurcht; und noch mehr die Väter, denen er
in seiner frommen Einsalt solche Wunderkräfte zutraute. Er glaubte nun, er müsse
ein Mönch werden, und brannte vor Begierde, es schon jetzt zu sein. Seine ganze
Seele war von einem Taumel ergriffen, der ihn nichts hören, und nichts sehen
liess, als nur das Kloster. Die ganze andre Welt war ihm nun verhast, und öde. Er
betrachtete sie als den Wohnplatz abgeschiedner, bedauernswürdiger Seelen; und
hätte in diesem Augenblicke den gehast, der ihn wieder aus seinem erträumten
Himmel hätte heraus reissen wollen. So schnell werden lebhafte Seelen, die jedem
Eindruck offen sind, oft durch Schattenbilder zu Entschlüssen hingerissen, die
einen Einfluss auf ihr ganzes künftiges Glück oder Unglück haben. Möchten doch
nicht Leute, die diese schwache Seite einer feurigen Seele kennen, sie so oft
misbrauchen!
    Noch verweilten sie sich eine Zeitlang in den Zellen der beiden Mönche.
Alles gefiel hier unserm jungen Siegwart; das kleine Krucifix, das hölzerne
Bette, und besonders der Todtenkopf, den Pater Anton auf seinem kleinen Tische
stehen hatte.
    Nun wars bald Essenszeit. Man speiste heute, um der beiden Fremden willen,
in dem Gartensaal. Die Paters begegneten dem jungen Siegwart mit besondrer
Achtung, um ihn immer noch mehr fürs Kloster einzunehmen. Gegeneinander zeigten
sie eine ausserordentliche brüderliche Freundlichkeit; einer erzälte nach dem
andern etwas Angenehmes aus dem Kloster; sprach verächtlich von der Welt und
ihren Freuden; rühmte das Glück der Einsamkeit, und pries den Tag als den
glücklichsten seines Lebens, an welchem er das Gelübde abgelegt hatte.
    Der alte Siegwart musste versprechen, wenn es, wie nicht zu zweifeln wäre,
seinem Sohn serner im Kloster gefiele, ihn in kein anderes, als in das ihrige zu
tun. In der Stadt könne Xaver bei den Piaristen, wohin sie ihn empfehlen
wollten, in 3 oder 4 Jahren die Anfangswissenschaften lernen, und dann könne er
gleich auf die Universität gehen.
    Nach Tische ging man noch ein paar Stunden im Garten spazieren, oder setzte
sich ins Gebüsch, wo eine Menge Amseln, Nachtigallen und andre Vögel fast ganz
zahm herumhüpften, und sangen, weil ihnen die Paters nie nichts zu Leide taten.
    Gegen Abend ging der alte Siegwart nach Hause, nachdem er seinen Sohn den
Mönchen noch einmal empfohlen hatte. P Anton, P. Gregor und sein Sohn
begleiteten ihn bis ans Wäldchen; wo sie zärtlich von einander Abschied nahmen.
    Traurige und freudige Gedanken wechselten nun in seiner Seele mit einander
ab. Er wünschte sehr, dass sein Sohn ein Mönch werden möchte, denn er war noch
vom Aberglauben nicht ganz frei, und glaubte, ein gutes Werk zu tun, wenn er
seinen Sohn Gott, das heist, nach den angenommnen irrigen Begriffen, dem Kloster
schenkte; aber er konnte sich doch auch des, nur zu richtigen Gedankens nicht
entschlagen, dass sein Sohn nicht fürs Kloster geboren, und dass sein jetziger
Entschluss nur eine Art von Betäubung sei, die eben so bald wieder vorüber gehen
könne.
    Doch wenn der Aberglaube mit der Vernunft ringt, so siegt dieser
mehrenteils, weil er immer sehr furchtsam und ängstlich macht. Der gleiche
Traum von seiner Frau, den Siegwart mit seinem Sohn gehabt hatte, und den er für
ein göttliches Werk hielt; das schon lang anhaltende Zureden seines Freundes
Anton; das Dringen der Mönche, dem er nicht ausweichen konnte, und die eigne
Neigung seines Sohnes, dessen freier Wahl er alles überliess, beruhigten ihn
wieder von der andern Seite, und befestigten ihn in dem Entschlusse, seinen Sohn
der Welt absagen zu lassen. Er wird einst unter Antons Anführung ein frommer
Mann werden, und mehr kann ich ihm nicht wünschen.
    Auch der Gedanke gab seinem Entschluss noch einiges Gewicht, dass er dann mehr
für das Wohl seiner seiner beiden andern Söhne und für die Versorgung seiner
beiden Töchter tun könne, weil er auf diese Art nicht soviel an seinen Xaver zu
verwenden brauche.
    Als er nach Hause kam, und den beiden Söhnen, davon der älteste ihm an die
Seite gesetzt war, sein Verfahren bekannt machte, billigten sie dasselbe auch
aus eigennützigen Absichten sehr, ob sie gleich die Religion zum Deckmantel
nahmen, und viel von Verdienstlichkeit und guten Werken sprachen. Nur Terese,
die älteste Tochter, billigte den Entschluss nicht, und bedaurte insgeheim ihren
armen Bruder, ohne dass sies merken lassen durfte.
    Der junge Siegwart ging indessen zwischen seinen beiden Mönchen langsam
wieder nach dem Kloster zu. Diese wetteiferten, ihm angenehme Dinge vorzusagen,
und seinen Entschluss zu loben.
    Der Abend strich ihm in der Gesellschaft der Kapuziner, die sich beim
Abendessen fast allein mit ihm beschäftigten, und ihm das Klosterleben von der
reizendsten Seite abzuschildern suchten, sehr angenehm hin. Sein Herz ward immer
mehr gefesselt; wo er hin sah, erblickte er Ruhe, Zufriedenheit, und brüderliche
Liebe; Bilder, die bisher immer nur in seiner Einbildungskraft geschwebt hatten,
und die nun wirklich und lebendig vor ihm da standen. Nach dem Abendessen ging
man wieder in den Garten. Heute hatte sich eine Nachtigall ganz nahe zu der
Grotte gemacht, und sang da ihr göttliches Lied. Siegwarts Seele war ganz voll.
Er drückte einigemal dem P. Anton mit einer innigen Bewegung die Hand.
    Er besuchte noch mit ihm und Pater Gregor einen kranken Pater, der mehr vor
Alter als vor Krankheit langsam dahin zu sterben schien, und der Rose glich, die
an einem stillen Abend, wenn kein Lüftchen sich bewegt, die Blätter nach und
nach verliert. Der Kranke atmete still, und sprach wenig. Neben ihm lag sein
Gebetbuch, und der Rosenkranz. Dazwischen stand ein Krucifix. Einige Blumen
welkten in einem irdenen Gefäss. Ein paar Arzneigläser standen dabei. In der Ecke
der Zelle hing eine düstre Lampe, die ihr Licht nur schwach umher verbreitete.
Anton und der andre Pater, die dem Kranken wachen sollten, sprachen leise. Jede
lautere Bewegung ward vermieden, und tiefe feierliche Stille herrschte rings
umher, wie es bei dem Sterbebette der Mutter Siegwarts gewesen war. Ihr Andenken
wachte auch hell in seiner Seele auf, und sie erschien ihm noch einmal im Traum;
lebhafter als die Nacht zuvor.
    Anton, der seine tiefe Traurigkeit wahrnahm, führte ihn ganz langsam an die
Türe, öfnete sie leise, und lispelte ihm in die Ohren: der gute Pater wirds
nicht lange mehr machen. Komm er morgen früh, wenn er Lust hat, wieder zu mir in
die Zelle; vielleicht hat mein Freund bis dahin überwunden.
    Siegwart ging nun mit traurigen Gedanken schlafen; um fünf Uhr wachte er
auf, und sein erster Gedanke war an den kranken Pater. Die Sonne ging neblicht
auf; der halbe Himmel war blutrot, und warf einen blassen Wiederschein an die
weisse Wand des Schlafgemachs. Er zog sich schnell an, und ging an die Zelle.
Er klopfte zweimal an die Türe, ohne dass ihm geantwortet wurde; doch hörte er
laut reden.
    Als er aufmachte, hielt P. Anton dem Sterbenden den Kopf in die Höhe und
nickte ihm mit Tränen in den Augen zu. Der andre Pater las aus einem Buche vor.
Der Kranke war mehr gelb, wie blass; Seine Augen standen unbeweglich, und man sah
nur das Weisse davon. Er sammelte seine letzten Kräfte, und betete laut nach. So
flammt die sterbende Lampe noch einmal hell auf, und verlischt. Die letzten
Worte, die er mehr herausstiess, als sprach, waren: Hilf, Herr Jesu! Nun zuckte
er ein paarmal, und lag todt da.
    Gottlob! hat wieder einer überwunden, sagte Pater Anton, liess den Kopf des
Todten sinken, und drückte ihm die Augenlieder zu. Er ist bei seinem Heiland
Jesu Christo, und bei allen Heiligen. Du guter Pater, Martin, warst ein frommer
Mann; mein Ende sei wie deines! Der andre Pater ging hin, es dem Guardian
anzuzeigen; Anton legte eine Decke über den Leichnam, ging aus Fenster, und
schwieg eine Zeitlang still.
    Siegwart ging hierauf mit schwerem Herzen, und allein im Garten auf und
nieder; stellte sich die Züge des Sterbenden wieder vor, drückte sie in seinem
Herzen tief ein, und folgte seiner Seele in Gedanken in den Himmel nach, sah den
Jubel der Gerechten, die die Siegerinn empfiengen, und ihr Palmenzweige
streuten. Seine ganze Seele war emporgehoben, und er wusste lange nicht, dass ihm
helle Zähren aus den Augen rollten. Alle seine Wünsche waren auch ein solcher
Tod; und der einzige Weg dahin schien ihm das Kloster. Er warf sich auf eine
Rasenbank, verhüllte sein Gesicht in beide Hände, und lag in einer Art von
Betäubung da, als der Schall von allen Glocken den Anbruch des Fests verkündete.
    Er ging in den Versammlungssaal, wo die Väter traurig bei einander standen,
und sich vom Verstorbnen unterhielten. Alle lobten ihn einmütig, und schickten
ihm ihren Segen nach. Sein Begräbnis ward auf übermorgen angesetzt, und nun
giengen die Paters Paar und Paar in die Kirche, die mit Blumen bestreut, und mit
Meien ausgeschmückt war. Mehr, als hundert Wachslichter wurden angesteckt. Dicke
Weihrauchswolken stiegen auf, und umgaben die Paters und den jungen Siegwart. Es
ward ein feierlicher voller Choral angestimmt, der wie ein Meer daherbrauste.
Der langsame, andachtsvolle Gesang und der begeisternde Weihrauchsduft trugen
unsers Siegwarts Seele zu den Wolken. Er hatte tausend, sich durchkreuzende
Empfindungen, ohne Eine davon deutlich zu fühlen. Es war ihm, als ob er zwischen
Himmel und Erde schwebte, und zuweilen einen Blick durch die Wolken an den Tron
des Höchsten täte. Das Gesicht der Geistlichen schien ihm zu glänzen, und
verklärt zu sein. Er warf einen Blick auf das Gemälde, wo die Kapuziner
hingerichtet wurden. Sie schienen ihm zu leben, und ihn anzublicken. Er hielt
sich schon für ein Mitglied des Ordens, und blickte in die Welt, wie in ein Grab
zurück, von dem sich sein Geist dem Himmel zugeschwungen hatte. Der Guardian
hielt das Hochamt; die Gemeinde kniete nieder, und ein heiliges Te Deum trug die
Seele des Jünglings in noch tieferes Erstaunen und Entzücken über. Nach
vollendetem Gottesdienst ging er mit dem P. Anton in die Zelle des
Verstorbenen, der schon in einem schlechten Sarge lag, um welchen brennende
Wachskerzen standen. Nach einer kurzen Unterredung von den Tugenden des Todten,
die in Siegwarts Seele eine brennende Nacheiferung erweckte, ward zum Essen
geläutet.
    Während der ganzen Mahlzeit herrschte eine fast ununterbrochene feierliche
Stille. Die Augen waren niedergeschlagen; zuweilen sah ein Pater den andern an,
und kehrte schnell, wenn er bemerkt wurde, den Blick, in welchem Tränen
schwammen, wieder weg. Wider Willen stiess der eine und der andre einen lauten
Seufzer aus, der die Losung zu einer neuen allgemeinen Bestürzung gab.
Inzwischen redete doch jeder mit dem jungen Siegwart, den das allgemeine
Bedauern des Verstorbenen, und die Liebe gegen ihn, wovon dieses ein Zeuge war,
im Innersten rührte. Er gewann die Väter, die so vieler Freundschaft fähig
waren, nur um desto mehr lieb, und wünschte sich, nur auch recht bald dieser
Freundschaft wehrt zu werden. Es ward ihm nun schon als einem, der zum Orden
gehörte, begegnet, und diese Art von Vertraulichkeit nahm ihn völlig ein.
    Den Nachmittag brachte er gröstenteils in P. Antons Zelle zu, wo noch ein
andrer Mönch hin kam, der ihm lauter abenteuerliche Wundergeschichten von
Leuten aus seinem Orden erzälte, und ihm besonders das Leben des heil.
Franciscus von Assissi empfahl, das er ihm selbst, zum Durchlesen zu leihen
versprach. Gegen Abend giengen sie im Garten spazieren, wo die Mönche zerstreut
und niedergeschlagen umher giengen. Sie kamen durch verschiedne Gänge unvermerkt
an den Gottesacker, wo schon ein Grab aufgeworfen wurde. Der Abend war zu
traurigen Betrachtungen gemacht, trüb und neblicht. Die Sonne ging verhüllt
unter, und schickte erst, eh sie ganz am Horizont hinabsank, noch einige
blutrote Stralen auf das schweigende Gefild des Todes. Nach dem Abendessen ging
Siegwart auf sein Zimmer, hatte halbtraurige und halbfreudige Gedanken, legte
sich zu Bette, und beschäftigte sich die halbe Nacht durch im Traum mit dem
Verstorbenen, den er mit allen Zügen und Bewegungen auf dem Sterbebette liegen
und verscheiden sah. Zuweilen wachte er auf, und da deucht' es ihm, als ob Engel
ihm zulispelten: Folge dem Gerechten nach! Gleich am Morgen kam Pater Ignatz,
mit dem Leben des H. Franciscus, und einigen andern Legenden, deren immer eine
fabelhafter war, als die andre, zu dem jungen Siegwart, und empfahl sie ihm
nochmals mit tausend übertriebnen Lobserhebungen zum Durchlesen. Dieser hatte
kaum zu lesen angefangen, so war seine ganze, leicht zu erhitzende
Einbildungskraft in einer andern Welt. Seine Seele wurde mit dem Wundertäter
vertraut, schwärmte mit ihm in der Welt herum, hatte mit ihm Erscheinungen, und
wusste sich kaum in die neuen überirrdischen Empfindungen zu finden. Er wünschte
sich, auch Vermögen zu haben, um es so, wie sein Heiliger, den Armen
auszuteilen; er wünschte, schon den Orden zu haben, um, gleich seinem Vorbilde,
nach Cairo gehen, und den Türken das Evangelium predigen zu können. Er hielt
schon in Gedanken Predigten, deren Feuer und Beredsamkeit, wie er glaubte,
Menschen und Tiere, deren sich sein Patron auch angenommen hatte, zur
Ueberzeugung hinreissen müste. Er hofte, auch einmal des Eindrucks der Stigmatum
wehrt zu werden, weil er eben das tun zu können hofte, was Franz in seinem
heiligen Eifer getan hatte. Nichts beschäftiget das Herz mehr, als Chimären und
Entwürfe, die man in die Zukunft baut. Man steigt von Einem aufgetürmten Schloss
aufs andere, und sieht mit Verachtung auf die übrigen Menschenkinder herab, die
im Staube kriechen, und den ordentlichen Weg gehen. Alle Hindernisse schwinden
weg; man sieht nichts vor sich, was im Wege stehen könnte; oder schreitet mit
Riesenschritten drüber weg, und sieht mit Wolgefallen auf die zurückgelegte
steile Bahn herab. Einem Schwärmer ist in seinem Sinne alles möglich; und kein
Herz ist mehr zur Schwärmerei geneigt, als ein solches, das, bei einer lebhaften
Einbildungskraft ein zartes moralisches Gefühl hat, und es mit den Menschen,
seinen Brüdern, gut meint. So giengs unserm jungen Siegwart; er sah lauter
Hülfsbedürftige vor sich, sah schon ihre Tränen rinnen, hörte schon den Dank
von Lippen erschallen, die er Gott und Jesum hatte anrufen lernen.
    P. Anton überraschte ihn in dieser heiligen Begeisterung, und schlug ihm
vor, ihn auf den Nachmittag in ein paar nahgelegne Dörfer zu begleiten, um
Allmosen einzusammeln. Siegwart nahm den Vorschlag mit Freuden an, und ging,
nachdem er erst seine Bücher sorgfältig aufgehoben, und eins davon zu sich
gesteckt hatte, mit dem P. Anton in den Speisesaal, erzählte da dem P. Ignatz
seine Freude über die geliehnen Bücher, und unterhielt sich mit den andern
Vätern während dem Essen von den Wundern des H. Franciscus. Alle lobten seine
Liebe zu ihrem Stifter, und prophezeiten ihm ein glückliches und heiliges Leben.
Man gab ihm einige Bilder vom H. Franz und andern Heiligen, die er den
Bauerknaben und Mädchen austeilen könnte. Ein Bild vom H. Franciscus behielt er
selbst, um es in seinem Zimmer anzukleben, und sich täglich an seinem Anschauen
zu belustigen und zu erbauen.
    Nun ging er mit P. Anton auf ein, andertalb Stunden weit vom Kloster
entferntes Dorf. Sie konnten auf dem Wege wenig miteinander sprechen, weil die
Leute, die im Feld und auf den Wiesen arbeiteten, Hauffenweis herbeigesprungen
kamen, und den Pater, den sie alle liebten, um den Seegen baten. Jeder blieb mit
seiner Harke, oder was er sonst in der Hand hatte, stehen, oder sprang herbei,
und grüsste den Ehrwürdigen Vater mit der grösten schwäbischen Treuherzigkeit.
Andre baten ihn, in ihrem Hause einzukehren, und sprangen voraus, um mit allem
Vorrat aufzuwarten, den sie hatten. Sie grüssten alle auch den jungen Siegwart,
den sie kannten, weil er aus der Nachbarschaft war, und sahen sich vergnügt und
einander zulächelnd an, dass ihm P. Anton so freundlich begegnete, wie ein Vater
seinem Sohn. Dieser machte ihm die Freude, und liess ihn die Gemälde von Heiligen
unter die Bauerkinder austeilen, die ihn darum baten. Er fühlte das innerste
Vergnügen drüber, wie die Kinder sich verneigten, das Geschenk ansahen, und dann
mit froher Eile ihren Eltern zuflogen und sie sehen liessen, was der Ehrwürdige
Pater, und der junge Herr ihnen schönes geschenkt habe.
    Während dass die Dorfglocke zum Allmosengeben geläutet wurde, sprang eine
Bäurinn mit zerrissnen Haaren und verweinten Augen aus der Hütte heraus, um dem
Pater ihre Noch vorzutragen. Ihr Mann hatte sie geschlagen, und nun sollte Anton
der Friedensrichter werden. Er ging mit ihr und dem jungen Siegwart in die
Hütte, wo der Bauer noch ganz wild in der Stube stand, und sich das Blut aus dem
Gesicht wischte, das ihm seine Frau, um sich zu verteidigen, zerrjetzt hatte.
Hinter dem Ofen stand ein kleiner Knabe weinend, und zitterte, weil er seinen
Vater so in Wut sah. Die Tochter, ein unschuldiges Mädchen von 16 Jahren,
weinte auch in ihre Schürze, weil der Vater sie geschlagen hatte, als sie ihrer
Mutter hatte zu Hülfe kommen wollen. Der Bauer ward vor Schrecken schneeweiss,
als er den Pater mit der Mine des Friedens und der Ruhe hereintreten sah. Er
nahm die Mütze ab, fieng an einen guten Abend zu stottern, um seine Verwirrung
zu verbergen, und ward dadurch nur noch verwirrter.
    Ey, Ey! was muss ich sehen? fieng Anton endlich an; Was ist das, Michel, dass
ihr so zerstreut und blutrünstig ausseht? Es scheint, da hats Händel gegeben;
das ist doch nicht schön, Michel, eure Frau so unchristlich zu schlagen, wie sie
mir erzält hat. - Ja, sie hat mirs auch darnach gemacht, fiel der Bauer ein;
wenn Sie wüsten, Ihro Wohlehrwürd - So? Hast du nicht selbst angefangen, du?
rief das Weib, und trat aus dem Winkel hervor.
    Eins nach dem andern, lieben Kinder! sagte Anton, setzte sich auf eine Bank
und winkte dem jungen Siegwart, es auch zu tun - Eins nach dem andern! Sonst
kann ich nicht draus klug werden, wer Recht oder Unrecht hat? Ihr seid noch zu
hitzig, Michel! lasst euer Weib erzählen, wie der Handel angieng?
    Die Frau. Ja, Ihr Wohlehrwürd, sehn Sie nur, da stund ich da draussen vor
der Tür, und nahm meiner Kinder Wäsche vom Seil' herab; kommt da ein armer
Söldner vom nächsten Luterschen Dorf her, der schon drei Jahr mit der
Schwindsucht zu tun hat, und keinen Menschen, der sich seiner annimmt, weil er
arm ist, und ein Fremder, aus dem Salzburgerland, da von den Vertriebenen, wie
Sie werden g'hört haben - Der kömmt, an zwei Stöcken, dass er kaum aus der Stelle
kommen kann, sieht aus, wie der bittre Tod, der leibhafte Hunger gukt' ihm aus
den Augen, und bittet mich um Gottes und um Jesus willen um ein Stücklein Brod,
und einen halben Scherben saure Milch, weil er noch den ganzen Tag nichts gessen
hab, und so kraftlos sei. Es war ein Jammer anzusehen, wie er kläglich tat, und
zitterte. Ich, ohne lang mich zu bestimmen, lauf ins Haus, will ihm einen
Scherben süsse Milch, und ein gut Stück Brod dazu holen; denn ich denk halt
immer, was man den Armen gibt, das gibt man Gott, und unter den Luteranern
gibts doch auch Arme, und sind auch Menschen, wie unser eins. - Mein Mann kommt
wie wütig hergelaufen, sagt, was will der Ketzer draussen? Mach, dass er sich
fort schiert! - Je, Mann, sagt ich, sei doch nicht so arg! Ich wollt ihm nur ein
Stücklein Brod geben. Siehst nicht, wie er aussieht? - So! das wär schön, hub er
an; willst noch gar den Ketzern geben, den verfluchten Hunden! Sapperment! Du
bist mir ein rechtes Weib! Beim Teufel! Man sollt dich aus dem Haus schmeissen.
Wirst wohl gar noch Luterisch werden wollen; hast doch immer so Geschmeiss gnug
an dir. Komm mir nur, und gib ihm was! Teilst doch immer gnug unter die
Halunken unsers Glaubens aus. Und da fieng er an zu fluchen, dass es schröcklich
war.
    Ich ward denn auch hitzig, wie's so geht, Ihr Wohlehrwürd! und geb ihm brav
heraus, und sag, dass ein Ketzer auch ein Mensch sei, und auch einen Gott hab,
wie wir, und einen Seeligmacher, Jesus Christus; und lang nach dem Brodmesser,
und will ein Stück Brod abschneiden; da kommt er auf mich zu, nimmt mich bei der
Gurgel, schmeist mir's Messer aus der Hand, und schlägt mich ins Gesicht, und
wo's hingeht. Er hätt mich schier erwürgt, wär mein Mädel nicht dazwischen
kommen, und da fällt er über die her, schlägt sie braun und blau, dass ich nur
gnug abzuwehren hatte. Und da sprang ich endlich aus dem Haus und traf zu allem
Glück Ew. Wohlehrwürden an, sonst hätt er mich gewiss umgebracht. Es ist ein
Elend, bei so einem Mann zu leben; und nun fieng sie an, bitterlich zu weinen.
    P. Anton. Ist das wahr, Michel, ist der Handel so angegangen?
    Michel. Ja, Ihr Wohlerwürd, nun will ich sehn wer recht hat! Hab ich nicht
christlich gehandelt? Müssen Sie's nicht selber sagen?
    P. Anton. Christlich, Michel? Ey, Ey! Das wär schlimm, wenn das christlich
wäre! Wer hat euch so was gelehet? Hört mir einmal ruhig zu, wenn ihr könnt! -
Seht! dass die Ketzer Menschen sind, wie ihr, und unser eins, könnt ihr ja schon
daraus sehen: wenn einer davon zum katolischen Glauben üvertrit, so wird er ja
nicht verwandelt; er bleibt, was er vorher war; hat Augen, Ohren, Nasen, wie
wir, isst und trinkt, wie wir, und wird um kein Haar anders. Und dass man alle,
die wie wir Menschen sind, und Fleisch und Blut, wie wir haben, lieben müsse,
werdet ihr doch glauben; es steht hundertmal in der Bibel geschrieben. Warum
sollten wirs auch nicht tun? Sind wir doch alle von Einem Vater, Adam. Und,
nicht wahr? Leute, die Einerlei Vater haben, heissen Brüder oder Schwestern, und
die müssen doch einander lieben?
    Michel. Das ist wahr, Herr! Aber -
    P. Anton. Nun, ihr meint wohl, die Ketzer könn unser Herr Gott nicht lieb
haben; aber denkt nur einmal nach! Scheint die liebe Sonn etwa nur in
katolische Dörfer, oder nicht auch in die luterischen? Haben wir allein
Wasser, und Brod? oder haben's eure luterische Nachbarn nicht auch? Regnet's
nur bei uns, wenns nötig ist, oder auch bei den Luteranern? Ihr dürft ja nur
eure Aecker und Wiesen ansehen, sie stossen oft an die lutrische. Bei ihnen
gedeiht das Korn und das Gras so gut, wie bei uns, und wenn ein Wetterschaden
kommt, so trift er eure Felder so gut, wie die ihrigen; das ist alles eins.
Meint ihr denn, Gott würde Menschen erhalten, wenn er sie nicht lieb hätte? Oder
wollt ihr sie verhungern lassen, oder todtschlagen? Wollt ihrs besser machen,
wie Er? In der Bibel steht kein Wort davon, dass man seinem Nebenmenschen, wenn
er auch ein Ketzer ist, so hart und unmenschlich begegnen soll. Ich will euch
gleich eine Geschichte erzählen; unser Seeligmacher hat sie selbst erzält, und
ihr werdet draus sehen, dass ein Ketzer auch ein guter Mensch sein kann, an dem
Gott Wohlgefallen hat; und an wem er Wohlgefallen hat, den macht Er selig, wenn
er auch ein Ketzer ist.
    Die Geschichte lautet so: Ein Rechtgläubiger wollte eine Reise machen, und
da fiel er unter Spitzbuben, die ihn halb todt schlugen, und so liegen liessen.
Da reiste ein Priester vorbei, das war ein Rechtglaubiger, der sah ihn, und liess
ihn ohne alle Barmherzigkeit liegen. Drauf kam ein Levit, das war auch ein
Rechtglaubiger, der liess ihn auch in seinem Elend da liegen. Nun gebt Acht! Was
geschieht? Ein Ketzer, ein Samariter reist von ungefähr vorbei, sieht den
halbtodten Menschen, der nicht seines Glaubens, und, seiner Meinung nach, ein
Ketzer ist, liegen; sieht ihn mitleidig an, geht zu ihm hin, verbindet ihm seine
Wunden, legt ein Pflaster drauf, und bringt ihn auf seinem Maulesel in ein
Wirtshaus, wartet ihn da selber, und trägt dem Wirt auf, als er weiter reisen
muss, er soll für den Kranken sorgen, und bezalt von seinem eignen Geld dem Wirt
auf einige Tage voraus, dass ihm ja nichts abgehen soll. Ist das nicht schön? Und
das hat ein Ketzer getan, und den Ketzer lobt Christus, und sagt, dass mans ihm
nachmachen soll.
    Meint ihr nicht, Michel, dass unter euren Nachbarn, die ihr so verketzert,
auch solche gute Leute sind? Ich wenigstens wüste nicht, dass sie euch was zu
leid täten; vielmehr halten sie gute Nachbarschaft, und tun euch alles Guts;
würden euch auch wohl ein Krümchen Brod und etwas Milch geben, wenn ihr so, wie
der arme Mann, weswegen ihr eure Frau so geschlagen habt, vor ihre Tür kämet
und betteltet. Pfuy, das ist nicht fein, so mit Menschen umzugehen!
    Hier fieng Michel an zu weinen. Und wisst ihr denn nicht, dass es heist:
Christus der Herr ist für alle gestorben? für die christkatolische, wie für die
Ketzer. Ihr dürft deswegen nicht luterisch werden; da behüt mich Gott davor,
euch so was zu raten. Es ist immer besser, den geraden Weg gegangen, als den
krummen. Aber friedlich und nachbarlich sollt ihr leben; und ich wollt, wir
hätten all Einen Glauben!
    Und was seid ihr denn für ein Mann, Michel? Da ists euch nicht genug mit den
Ketzern so unmenschlich umzugehn; da muss noch eure arme Frau dran, die besser
und christlicher denkt, als ihr. Da entsteht Unfried im Haus drüber; Eure Kinder
schlagt ihr auch, und gebt ein böses Exempel. Aber ich weiss wohl, wo der Schaden
liegt; ihr seid geitzig, hängt am Zeitlichen, und meint, ihr müsst alles allein
zusammen scharren, damit's sein einen grossen Hausen gebe. Das sind mir die
rechten Christen! Ich habs vorhin wohl gemerkt, ihr werft ihr vor, sie geb den
Armen viel. Sie tut recht dran, und Gott wird ihrs einst im Himmel noch
vergelten, wo ihr nicht hin kommt, wenn ihrs so macht. Ihr seid ein schlechter,
unchristlicher Mann, der kein menschlich Herz im Leibe hat!
    Hat ...del Tuts euch leid? Wacht euch das Gewissen auf? Weint ihr? Seht,
Michel! Gott weih! ich meins herzlich gut mit euch. Es ist mir nur um eure
Seeligkeit zu tun.
    Michel (weinend) Ja das weiss ich wohl, Ihr Wohlehrwürden, und es tut mir
herzlich leid. Ich habs nicht so überlegt; bin eben ein hitziger Mann; und der
vorige Herr Pfarr ...
    P. Anton. Ich weiss wohl, was ihr sagen wollt. Euer voriger Pfarr, Gott geb
ihms ewige Leben! Ich hab oft mit ihm drüber gesprochen. Der wollt auch so über
die Ketzer her. Aber euer jetziger, der wirds euch ganz anders sagen, fragt ihn
nur!
    Michel. Ach, Ihr Wohlerwürd, wenn ichs nur nicht getan hätt! nun geht mirs
erst recht nah.
    P. Anton. Nun, nun. Es ist mir lieb, dass auch noch ein guter Funken in euch
ist! Reu und Leid über seine Sünden ist der Anfang zur Besserung. Und dann wird
euch Gott um Christi willen auch gnädig sein, wenn ihrs nur von Herzen meint.
Da, geht hin, gebt eurer Frau die Hand, und bittet sie um Verzeihung! (Indem
stand P. Anton und Siegwart auf; die Frau trat näher und weinte. Siegwart, und
das Mädchen schluchzten, und der kleine Knabe weinte auch mit.) Nun, in Gottes
Namen gebt einander die Hände! - Michel, es ist euch doch Ernst?
    Michel. Ja warlich, recht von Herzen Ernst, Ihr Wohlehrwürd. - Verzeih mir
nur, liebes Weib, was ich dir hab zu leid getan! Es soll gewiss nicht wieder
geschehen. Verzeih mir du auch, Catrine! Der liebe Gott mag mirs auch
verzeihen, dass ich bisher so ein Mensch war, und mit den Lutrischen so umgiengl
- Nicht wahr, liebes Weib, du vergibst mir, wenn mirs leid ist? Sollst künftig
einen ganz andern Mann an mir haben. Ich will dir so fromm sein, als ein Lamm.
Kannst den Armen meinetwegen geben, so viel du willst ...
    Die Frau konnte vor Weinen nicht sprechen, und fiel ihrem Mann schluchzend
um den Hals. Es war ein Anblick, da sich Heilige und Engel drüber freuten. P.
Anton sah beim Fenster hinaus, und wischte sich die Augen. Siegwart suchte seine
Tränen mit dem Schnupftuch zu verbergen. Dieser Auftritt machte auf sein ganzes
Leben einen tiefen Eindruck in sein Herz. Es hatte ihm immer in der Seele weh
getan, wenn er den Luteranern und den Juden ärger als dem Vieh begegnen sah.
Er dachte immer, ob denn Gott so abscheuliche Menschen auf der Welt dulden
könne, die man so verachten müsse? Und nun hatte er den P. Anton noch gedoppelt
lieb, weil er so seine Meinung hatte, die er nie an Tag zu legen wagen durfte.
Der Bauer war nun so liebreich und freundlich, wollte alles auftragen, was er
hatte, um dem Pater nur recht seine herzliche Dankbarkeit zu bezeugen. Seiner
Frau, und den Luteranern begegnete er von dem Augenblick an, und sein ganzes
Leben durch, mit wahrer ehelicher Zärtlichkeit, und ungeheuchelter christlicher
Liebe. Wenn er hitzig werden wollte, fiel ihm dieser Tag, und das ungelehrte
aber treuherzige, und eben darum tief eindringende Zureden des P. Anton ein, und
da war wieder Fried und Menschenliebe in seiner Seele. Er schaffte sich heimlich
eine Bibel an, und las am Sonntag, oder an den langen Winterabenden darin, und
da fand er, dass Gott keiner Religionspartei befohlen habe, die Ketzer zu
hassen, oder zu verfolgen; vielmehr dass das erste und wichtigste Gebot: Liebe
gegen Gott und gegen Alle Menschen sei. Seine Frau sah sich, wie in einem neuen
Leben; sie glaubte, das Paradies sei wieder aufgeschlossen worden, und schloss
täglich mit Tränen in ihr Gebet den rechtschaffenen Pater Anton ein, der sie
seit diesem Tage allemal besuchte, wenn er in ihr Dorf kam.
    Vorjetzt wollten sie ihn mit Gewalt noch länger bei sich behalten, und ihm
Kuchen und Wein vorsetzen; aber er verbats, denn sein Herz war belohnt genug.
Lasst mich jetzt weiter, lieben Leute, sagte er; ich muss noch zum Klosterbauren;
Er hat mir schon ein paarmal sagen lassen, ich möchte doch ja zu ihm kommen,
wenn ich hier im Dorf wäre; Er hätte mir gar was wichtiges zu sagen; ich weiss
nicht, was es sein mag? Ich wollte doch noch ins nächste Dorf; aber das wird für
heute wohl zu spät sein. Nun, ein andermal! Lebt wohl, Michel, und haltet, was
ihr mir versprochen habt! Und ihr, Anna, bleibt bei euren guten Gesinnungen! so
wirds euch wohl gehn.
    Er ging, von den ausgesöhnten Eheleuten noch eine Strecke weit begleitet,
mit Siegwart zu dem Klosterbauren.
    Als er von hintenzu durch den Garten nach dem Hause ging, sah er in der
Ecke des Gartens den Sohn vom Hause traurig da stehn, und am Zaun was
ausbessern. Der junge Mensch nahm den Hut freundlich ab, und sah dem Pater lange
schwermütig nach. Dies bemerkte der junge Siegwart, und hatte Mitleid mit ihm.
Sie traten ins Haus, und trafen den Bauern an, der eben aufs Feld hinaus gehen
wollte. Hastig lehnte er die Harke an die Wand, nahm den Hut ab, und rief: O
Herr Pater, sein Sie mir tausendmal willkommen! Ich hab schon so gar lang auf
Sie gewartet, wollt was wichtiges mit Ihnen reden. Sieh, das ist ja des Herrn
Amtmanns Sohn; willkomm, junger Herr! Wo bringen Sie denn den her, Ihr
Wohlehrwürd? Vom Kloster, sagte Anton, er ist bei uns, und will auch ein
Geistlicher werden. Ey, Ey, sprach der Bauer, das ist schön! Ja, ja, der Herr
Amtmann hat halt Mehr Kinder, da muss er schon sehen, wie ers unterbringt. Treten
Sie doch in die Stub, Ihr Wohlehrwürd! Hier aussen siehts aus, wie in Kaiser
Karls Rüstkammer. Ich will gleich wieder bei der Hand sein; Gehen Sie nur zu!
    Indem sprang er weg, liess Wein und Bier und Wecken holen, und kam selbst mit
einem Teller voll Fleisch ins Zimmer. Da, ihr Wohlehrwürd, es ist noch frisch;
lassen Sie sichs brav belieben; und Er auch, junger Herr! Anton und Siegwart
verbatens; Man setzte sich um den Tisch herum, und nun fieng Franz an:
    Franz. Was ich Ihnen sagen wollt, Ihr Wohlehrwürd und worüber ich lang gern
mit Ihnen gesprochen hätt, ist halt für mich eine traurige Sach, die mir schon
viel Herzeleid gemacht hat. Da hab ich einen ungeratnen Sohn; es ist noch darzu
mein einzig Kind; Sie werden ihn wohl gesehen haben; Er steht da im Garten
draussen; der will mir übern Kopf wachsen, will klüger sein, als ich und seine
Mutter, die ihm nur zu viel nachsieht, und hat sich schon seit Jahr und Tag,
ohne dass wir das geringste davon wussten, an ein Mädel hier im Dorf gehängt, und
das Mädel hat nichts, ist des Jörg Silbers Tochter, und ich hab ihm längst schon
in Gedanken etwas besseres ausersehen. Wie ich nun vor 3 Wochen so von ungefähr
dahinter komme, dass er das Mädel karessirt, und alle Nacht, wenn wir zu Bett
sind, noch mit ihr im Mondschein herumspatziert, oder auf dem Kirchhof mit ihr
sitzt; da lass ich ihn am Morgen drauf in meine Kammer kommen, damit's die
Dienstboten nicht hören; die Mutter war auch dabei, und halt' ihm seinen Unfug
recht ernstlich vor; sag ihm, was er für ein Kerl sei; er hab einst von mir den
Hof zu gewarten, und schöne Feldgüter, so und so viel Jauchert Acker, Wiesen,
Küh und Gäul, und ein schön Stück baares Geld und so fort an; und häng sich da,
wider seiner Eltern Wissen und Willen an ein Mädel, das nichts hab, als sechs
oder siebenhundert Gulden und ein glatt Gesicht; was es uns für Herzeleid mache,
so was von ihm zu hören; wir hielten doch so viel auf ihn, scharrten alles für
ihn zusammen, und was ich sonst so mehr sagte. Da sang ich denn an, wacker drauf
zu schmälen, und das End vom Liede war, er soll sich ja nicht mehr gelüsten
lassen, mit dem Mädel nur ein Wort zu sprechen, oder sie den Abend hinter's Haus
zu bestellen; es werd nichts gutes draus; er werd mich und seine arme Mutter ins
Grab bringen, wenn er so fort mach; aber vorher werden wir ihn von Haus und Hof
jagen, ihn enterben, und ihm statt des Segens auf dem Todbett unsern Fluch
geben. Sakerlot, Ehrwürdiger Herr! da fängt der Jung an zu greinen: sagt, er
könn das Mädel nicht lassen, woll mit ihr leben und sterben; es könn ihr kein
Mensch im Dorf etwas böses nachsagen, sie hab immer brav getan, und er hab ihr
im Namen der heiligen Jungfrau, und aller Heiligen im Himmel am Osterabend
zugeschworen, sie zum Weib zu nehmen, und den Tag drauf hab er auch das heilige
Nachtmahl drauf genommen. Und nun sei sie sein, und müsse sein bleiben! - Ich
wusste bei Gott nicht, was ich vor Zorn sagen sollte. Die Mutter wollte sich
durch sein Greinen schon herum bringen lassen, ich stiess sie aber bei der Tür
hinaus, und sagt ihm noch einmal, er wisse meine Meinung nun, und könne sich
darnach richten. Wenn ich wieder was erfahre, woll ich ihn ins Loch stecken
lassen, und da könn er sitzen bleiben, bis mein Schimmel schwarz werde. Er
sagt', es sei schon recht, und ging trotzig weg. Etlich Tage ging er nun
herum, wie vor den Kopf geschlagen, ass und trank und sprach nichts, gab kaum
Antwort, wenn man ihn um etwas fragte, und Abends, sagten meine Leute, lieg er
immer unterm Kammerfenster, kratz die Wand mit den Nägeln heraus, spreche was
für sich oder pfeif, und dann wisch er sich wieder das Gesicht, als ob er
weinte.
    Holla, dacht ich, das ist schon gut; die jungen Leutlein sind immer so, wenn
ihnen etwas durch den Sinn fährt. Weh muss es ihm freilich tun, denn im Grunde
hab ich nichts gegen das Mädchen, 's ist ein brav schön Ding, nur dass sie nicht
reich ist. Kommt Zeit, kommt Rat! Nach und nach wirds schon besser, und das
Greinen wird ihm schon entleiben. Wenn ich ihm nur erst von des Wirts Susanna
sage, denn die hab ich - hier in der Stube g'redt - im Sinn. Ich war also ganz
ruhig, tat aber freundlich gegen ihn, denn ich sah, dass er mager wurde, weil er
Nachts gar nicht schlief.
    Ich denk, es ist alles gut; er ward wieder muntrer, tat seine Arbeit, und
guckte Abends nicht mehr aus der Kammer, bis vor acht Tagen der Teufel - verzeih
mirs Gott! - wieder los geht. Ich lieg Abends schon im Bett - es war halb zehn
Uhr - da fangen die Gäul an, im Stall zu schlagen; ich ruf meinem Sixt, weil der
Knecht über Feld war; aber da war kein Sixt. Ich stund auf, ging selber in den
Stall, band den Schimmel an, der sich losgerissen hatte, und visitirte drauf in
meines Sohns Bett; Sieh, da war der Vogel ausgeflogen. Ich frug mein Weib, ob
sie nichts von ihm wisse; sie sagte nein, bat mich aber ruhig zu sein, er werd
wohl bald wieder kommen, und nur mit den andern Bauernkerls im Wirtshaus sein.
Das Ding war mir aber verdächtig, ich zieh also meine Jacke an, und geh nach dem
Wirtshaus; da war schon kein Licht mehr. Halt, dacht ich, der wird dem Mädel
wieder nachgeschlichen sein; und, indem ich's so denke, seh ich von weitem bei
des Schmieds Haus was weisses gehen; ich drauf zu; und da wars mein feiner Sohn
mit der Dirn am Arm. Tausend Sapperment, wie mir da zu Mut wurde! Das Mädel
lief davon, und Sixt kam auf mich zu, als ob nichts geschehen wäre. Hol dich
dieser und jener! sagt ich; heist das auch dem Vater gehorchen, wie ichs haben
will? Gelt, hast geglaubt, ich schlafe, und da stiehlst du dich hinterrüks vom
Haus weg? du nichtsnutziger, ungeratner Sohn! Ich hab dirs so verboten, mit dem
Mädel nichts mehr zu tun zu haben, und du tust mirs doch! Komm nur heim, da
will ich dir was anders sagen! Er wollte sich noch verantworten, es sei ihm
nicht möglich gewesen, seine Regina zu verlassen; er habs tun wollen, da sei
ihm aber immer sein Eid wieder eingefallen; er hab Tag und Nacht keine Ruh
gehabt; das Mädel hätte sich zu Tod gegrämt, sei schon ganz abgezehrt, und hab
ihm sagen lassen: Er soll ihr nur bald mit der Leiche gehn; sie habe schon die
Todtenuhr schlagen, und die Sterbeglocken läuten hören. Und da sei er eben in
Gottes Namen wieder hingegangen. - - Ins Teufels Namen, sagt ich, du verdammter
Kerl! Komm nur! Morgen sollst's schon hören. Heut will ich meine Nachbarn nicht
mehr aufwecken um so eines Bubens willen. Ich ging, fluchte so vor mich hin,
und der Kerl hinterdrein; er war mäuschenstill, nur zuweilen schluchzte er, als
ob er die Seel' aus dem Leib heraus weinen wollte. Die ganze Nacht über konnt
ich kein Auge zutun. Mein Weib wollt ihm noch die Stange halten, und da sah ich
wohl, dass sies mit ihm hielte; das brachte mir noch mehr Herzeleid. Gleich am
Morgen liess ich ihn herauskommen; stellt' ihm Himmel und Hölle vor; sagt' ihm,
was da zuletzt herauskommen wolle? dass ichs schlechterdings nie zugeben werde.
Wenn du sie nicht lassen willst, sagt' ich endlich, so kannst du dich packen, wo
du hin willst. - Ja das will ich tun, gab er mir zur Antwort; denn, weiss Gott!
ich kann das Mädel nicht sitzen lassen, Ihr mögt mit mir anfangen, was Ihr
wollt; es ist im ganzen Dorf keine Dirne wie sie, so arbeitsam und fromm und
redlich, und das muss ihr auch ihr ärgster Feind nachsagen. Was habt Ihr denn
gegen Sie? Dass sie nicht so viel hat, wie ich? Nun sie hat doch genug. Arm ist
sie auch nicht; und dann hat sie ein redlich christlich Gemüt, und würde für
mich leben und sterben. Das ist mehr, als Geld und Gut. Gesunde starke Händ
haben wir auch, und sind das Arbeiten von Jugend auf gewohnt, und dann läst Gott
keinen Vogel Hungers sterben, geschweige denn einen Menschen, der sich redlich
durch die Welt bringt. Ich habs Euch gesagt, Vater, ich kann und darf sie nicht
lassen, denn ich hab ihrs zugeschworen; und wenn ihrs nicht anders wollt, so
werd ich Soldat, da kann ich sie heiraten heut und morgen, und behalt ein gutes
Gewissen, und krieg ein bravs Weib; nun bedenkt, was Ihr tun wollt?
    Sehen Sie, Ihr Wohlehrwürd, so hat er gesagt, und dann ging er weg. Ich
stand da, wie vom Wetter getroffen; seine Reden vom Soldatenwerden giengen mir
stark im Kopf herum. Es ist mein einziger Sohn, und er ist mir lieb, weil er
sonst immer brav war, und mir nie nichts zu Leid getan hat. Es soll jetzt
wieder Krieg werden; wenn ihm eine Kugel vor den Kopf geschossen würde! - Und
Kourage hat er auch: Er hat seitdem schon ein paarmal mit den Werbern hier im
Dorf gesprochen. Da bin ich nun voller Aengsten. Mein Weib liegt mir immer in
den Ohren, sagt, ich sei ein harter Mann, und habs zu verantworten, wenn ich sie
um ihren Sohn bring. Ich sagt' endlich, ich will mit dem Herrn Pater Anton
sprechen, was Er davon hält? Ob er unsern Sixt nicht auf bessere Gedanken bringen
kann? Ich hab zu Ihnen ein gross Zutrauen, Ihr Wohlehrwürd. Der neue Herr Pfarr
ist erst angekommen, den kenn ich noch nicht so. Da wollt ich Sie denn bitten,
was Sie darzu sagen? ob Sie meinem Sohn nicht zureden wollen?
    P. Anton. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, Franz, so seid ihr mir ein
wunderlicher eigensinniger Mann. Ihr habt einen einzigen Sohn, und ein gross
Vermögen. Ihr sagt, dass ihr ihn lieb habt; wenn das ist, so muss euch auch sein
Glück lieb sein. Nun seht ihr wohl, dass der junge Mensch anders nicht vergnügt
leben kann, als wenn er seine Regine zum Weib bekommt. Es muss ihm Ernst mit
seiner Liebe sein, weil ers so drauf ankommen läst, dass er lieber euer Haus
meiden, und sein Vermögen verlieren will, als das Mädchen lassen. Junge Leute
kommen freilich oft so aneinander, sie wissen selbst nicht, wie? und wären dann
froh, wenn sie sich bald wieder los werden könnten. So aber ists, wie mir
deucht, bei eurem Sohn nicht, da ers schon über ein Jahr treibt, und noch immer
am Mädchen hängt. Er ist ein braver Mensch, und sie auch, wie ihr selber sagt.
Glaubt mir, Franz, in dergleichen Sachen lässt sich nicht viel spielen. Euer Sohn
könnt sich das zu Gemüte ziehen, und ich habe schon viel Schwermütige gekannt,
die's aus Liebe geworden sind; solchen Leuten ist dann schwerlich mehr zu
helfen, auch wenn man ihnen hinterdrein das Mädchen geben wollte. Warum wollt
ihrs denn nicht tun? Gesteht mirs nur, dass sich viel Eigensinn und Geiz mit
einmischt! Beides sind gar grobe Laster. Wer sein ganzes Glück auf Geld und Gut
setzt, der vergisst zuletzt seine Seele drüber. Ihr habt ein schön Vermögen, mehr
als ihr braucht, wenn ihr auch hundert Jahr alt werdet. Sie hat auch ihre 6 bis
700 Gulden. Wenn die Leutchen nun zusammen kommen und fleissig arbeiten, so kanns
ihnen nicht wohl fehlen. Sie werden zusammen leben wie die Engel, still und
friedlich; werden euch ihr Lebelang ihr Glück verdanken, und euch Freude machen.
Was hilfts, wenn euer Sohn ein reicheres Weib nimmt, das er nicht lieb haben
kann? Ich hab solche Ehen schon gesehen; da leben sie zusammen, wie die Hunde
und die Katzen; wenn das eine dahinaus will, will das andre dort hinaus. Da
gibts ewigen Unfried, Zank und Schläge und eines wird des andern Teufel. Wollt
ihr euren Sohn glücklich sehen, und ihm eine solche Hölle zubereiten? Einigkeit
ist das erste Glück der Ehe, und erhält ein Haus allein aufrecht. Ich will mit
eurem Sohn reden, Franz, aber ich versprech euch nicht, dass ich viel ausrichten
werde. Wenn ihr wollt, so lasst ihn hereinkommen! Aber, wenn mein Zureden nichts
über ihn vermag, dann müsst ihr mir versprechen, dass ihr nachgeben wollt. Sonst
mag ich mit der ganzen Sache nichts zu tun haben. Durch mein Zutun soll kein
Mensch auf Erden unglücklich werden, weder ihr, noch euer Sohn. Uberlegts wohl!
    Franz. Ja ich will mich in Gottes Namen drein schicken, Herr! Ich sag immer,
was der P. Anton will, das will ich auch. Er versteht die Sache besser, als
unser eins. - Anne! (zu der Magd, die eben Bier und Wein brachte). Sag dem Sixt,
er soll hereinkommen; der Herr Pater woll was mit ihm sprechen! - Sie wissen
einem das Herz im Leib so weich zu machen, Ihr Wohlehrwürd! Es ist mir schon
ganz anders zu Mute, und schier kommt mirs vor, als ob ich bisher Unrecht
gehabt hätte. Ja, ja, wie Gott, und der Herr Pater will, pfleg ich so zu sagen.
Da kommt er schon! - Sixt, der Wohlehrwürdige Herr will dich etwas fragen. Komm
nur näher her! Darfst dich nicht fürchten.
    P. Anton. Sixt, ich hab gehört, ihr habt ein Mädel hier im Dorfe?
    Sixt. Ja, Herr!
    P. Anton. Und wollt nicht von ihr ablassen?
    Sixt. Ach ich kann nicht, Wohlehrwürdiger Herr! (und hier schossen ihm die
Tränen in die Augen.)
    P. Anton. Und warum denn nicht? Da's doch euer Vater nicht gut heisst?
    Sixt. Ja, Herr Pater, das ist so eine eigne Sache; wenn man schon will, man
kann nicht. Ich hab schon hundertmal drüber geweint, und allerlei im Sinn
gehabt; aber wenn ich wieder an sie denke, und an den Eid, den ich ihr getan
habe, und dass sie so brav und gottsfürchtig ist, und mich so von Herzen lieb
hat, dass sie drüber zu Grund gehen würde; dann ists, als ob ich mit hundert
Haken wieder zu ihr hin gezogen würde, und sie in Zeit und Ewigkeit nicht lassen
könnte. - Nein, bei Gott, ich kanns nicht! Bei allen Heiligen will ichs
schwören, dass es kein Eigensinn ist! Ich tu sonst so willig, was mein Vater
will; er muss es selber sagen. Aber wenn ich meine Regine nicht haben soll, das
hiess mir Gift geben, da will ich mich lieber lebendig braten lassen. Jedermann
muss mir's Zeugnis geben, dass nichts an ihr auszusetzen ist, und dass wir nie
nichts Unrechtes miteinander vorgehabt haben. Sehen Sie nur, Herr Pater, es ist
ein engelschönes Mädel, frisch und rasch, zu aller Arbeit aufgelegt; ihre Eltern
sind auch brave Leut, die sie christlich und wohl erzogen haben. Sie versieht
das ganze Hauswesen, seit die Mutter krank ist; den ganzen Tag sieht sie bei der
Arbeit nicht auf, wenn auch ich zu ihr käme. Alle Menschen sind ihr gut; sie
hätt schon zehen Bauern haben können, die noch reicher sind, als ich; aber sie
will keinen, als mich; und da sollt ich ihr den Stuhl vor die Stube setzen?
Nein, das will ich nicht, das kann ich nicht! Einem Kerl, der ein Mädel
angeführt hat, kann's nicht wohl gehen. (Hier wischte er sich die Augen.)
    P. Anton. Nun, Franz, was sagt ihr dazu?
    Franz. Nichts, als dass der Blitzkerl recht hat.
    Sixt. Seht, Vater, es tut mir leid, dass ich euch die Zeit her so viel
Kummer gemacht hab. Es war mir nirgends wohl. Der liebe Gott weiss, wie ich ganze
Nächte durch geächzt habe. Ich hab mir tausendmal den Tod gewünscht. Aber es ist
einmal nur umsonst; wider besser Wissen und Gewissen kann man nicht tun. Der
Mutter hab ichs oft gesagt, die hatte auch keine ruhige Stunde; aber sie sah's
doch ein, und hörte mir zu.
    Franz. Nun, Sixt, gib mir die Hand, und verzeih mir! Es war nicht so bös
gemeint. Kannst das Mädel haben. Sei's in Gottes Namen! Stromauf kann man
freilich in der Donau nicht schwimmen. Sapperment! ich wollt dir des Wirts
Tochter geben; das wär auch was gewest. Aber, nicht wahr, Herr Pater, besser ist
besser? Nun, nun, wenn ihr einander mit Gewalt haben wollt, so kriecht zusammen!
Hätt ichs doch nimmermehr gedacht, dass mich der Herr Pater so herum bringen
würde. Heh, Weib! - Sie ist draussen in der Küche - komm herein! Sollst wan
neues hören. - Frisch! eingeschenke, Herr Pater!.. Wie, Sixt? du stehst ja da,
wie ein armer Sünder. Da! trink auch eins! Soll leben deine Regine! - Trink ers
auch mit, junger Herr! - Das Aug steht ihm ja voll Wasser. Hab ich ihms nicht
recht gemacht mit meinem Sohn da?
    Siegwart. O ja, völlig recht, Nachbar Franz! Es freut mich, dass es so
gegangen ist. Eure Gesundheit, Franz! und Eure auch, Sixt, und Eurer Regine
ihre!
    Sixt. O ich bedanke mich, junger Herr, tausendmal! Ach, ich weiss nicht, was
ich sagen soll, Herr Pater! Das Herz ist mir so voll, ich möcht Ihnen nur zu
Füssen fallen; weiss nicht, ob ich im Himmel oder auf Erden bin? Gott vergelts,
was Sie an mir und meiner Regine getan haben! Wir arme Leut könnens doch nicht.
- Und Ihr, Vater! ach verzeiht mir, und seid tausendmal bedankt! - - Ich kann
nichts reden, muss nur weinen und mir Luft machen.
    Franz. (Zu seinem Weib, das herein kommt) Heh Weib! Viktoria! lass dir eine
neue Haube machen auf die Hochzeit! Unser Sixt soll seine Regine haben; da, dem
Herrn da hast du's zuverdanken; denn ich weiss doch, dass dirs lieb ist, alte
Mutter; nicht wahr?
    Die Bäurinn. Ja wohl. Gott sei ewig Lob und Dank, Franz, dass du dich
besonnen hast! O Herr Pater, da haben Sie ein recht gutes Werk getan. Mein
armer Sohn wär zu Grund gegangen, und sein Mädel auch. Nun Sixt, wie ist dirs?
Siehst ja so traurig aus, und greinst.
    Sixt. Ach Mutter, last's nur sein! Ich kann kein Wort sprechen; 's ist des
Glücks gar zu viel auf einmal. Ich weiss wohl, der Herr da nimmts nicht übel;
sieht mir wohl an, dass ich danken wollte, wenn ich könnte. Lasst mich nur hinaus!
Es wird schon besser werden in der frischen Luft.
    Sixt ging hinaus, und Siegwart sah ihm noch durchs Fenster nach. Nun ward
Franz bei seinem Gläschen Wein immer munterer, und tranks dem P. Anton, und dem
jungen Siegwart fleissig zu. Es tat ihm wohl, dass ihn Anton und sein Weib wegen
seines geänderten Entschlusses lobten, und drüber vergass er die Bedenklichkeiten
wegen der Ungleichheit des Vermögens völlig. Ein Geistlicher hat, vermittelst
der Religion und des Ansehens, das ihm sein Stand in den Augen andrer Leute
gibt, viel Gewalt über das Herz der Menschen und besonders des gemeinen Mannes;
Möcht' es doch jeder zu so guten Absichten, wie P. Anton, und nicht, wie so
viele tun, zu Befriedigung seiner Leidenschaften, seines Ehr- und Geldgeizes
oder seiner Rachgier anwenden! Der edle Mann, mit dem schneeweissen Haar und der
breiten Glatze sass jetzt da, gesegnet von den Eheleuten, die er wieder
ausgesöhnt, gesegnet von einem jungen Paar, dessen Glück, das schon zu wanken
anfieng, er aufs ganze Leben befestigt hatte, und von einer Mutter, der er ihren
Sohn und die Ruhe ihres Mannes wieder gab. Siegwart sah ihn an wie einen
unmittelbaren Abgesandten Gottes; helle Zähren stunden ihm im Auge, und er konnt
es gar nicht von ihm wegwenden. Franz sprach schon davon, wann sein Sohn
Hochzeit machen sollte, und setzte sie auf den künftigen Monat fest, da denn
Anton versprechen musste, auch dazu zu kommen. Er bekam reichliche Geschenke für
sein Kloster, Vntrer, Flachs und Eyer, und nahm endlich mit dem jungen Siegwart
Abschied, um das Allmosen bei dem Schulzen in Empfang zu nehmen, seine Abfahrt
zu besorgen, und dafür im Namen seiner Brüder zu danken. Sixt war nicht zu
finden, als er von dem Hause weggieng.
    Nach empfangnem Allmosen machte er sich mit Siegwart auf den Weg nach seinem
Kloster. Sie waren schon eine Strecke weit vom Dorf weg, und giengen an einem
einzelnen Dorngebüsch zwischen den Aeckern, als Sixt mit seinem Mädchen draus
hervorsprang.
    O Herr! riefen beide zugleich, und waren wieder eine Zeitlang still. Da, das
Ist mein Mädel, sagte Sixt, und will Ihnen danken. Tausend, tausend Gottes Lohn,
rief sie weinend, und drückte dem Pater mit Heftigkeit die Hand.
    Ja Ihr Wohlehrwürd, fuhr Sixt fort, das war eine Freude, als ich zu ihr kam,
und sagte, dass wir nun einander haben sollten. Ich hätte, weiss nicht wie viel
drum gegeben, dass Sies selbst mit angesehen hätten; Sie verdienten es. Sie hub
ihre Hände auf, und dankte Gott laut für die Gnade, und als ich ihr sagte, dass
wir alles dem P. Anton zu verdanken haben, wollte sie, wie sie ging und stand,
in mein Haus und Ihnen danken. Ich sagte aber, dass wir's vorm Dorf draussen
besser könnten, wenn wir so allein wären. Nun haben wir da gewartet, bis Sie
kamen, und wollen nun, wenns Ihnen recht ist, Sie bis vor den Wald hinaus
begleiten.
    Es tut mir Leid, meine lieben Kinder, sagte Anton, dass ihr euch wollt Mühe
machen. Mir habt ihr wenig zu verdanken; wag ich getan hab', hab' ich gern
getan. Wenn ich meinem Nächsten helfen kann, das geht mir über alles, und so
muss es jeder brave Mann machen und tut es auch. Ich hoff', ihr werdets redlich
miteinander meinen, und ein gutes christliches Ehepaar werden. Ihr müsst nun
eurem Vater gut begegnen, Sixt, und ihm alles zu Lieb tun, da er's euch auch
getan hat. Und ihr, Regina, müsst euren neuen Schwiegereltern auch recht
freundlich begegnen, und euch nicht einmal darum zu rächen suchen, dass der Vater
euch seinen Sohn nicht gleich hat geben wollen. Er hats mehr um des Gelds als um
euretwillen getan; denn wider euch hat er nie nichts gehabt. Jeder Mensch hat
seine Schwachheiten, und ihr müsst ihm die vergeben.
    Ach ja herzlich gerne, sprach das Mädchen. Lieber Gott, wer wird sich
deswegen rächen wollen? Wenn ich nur meinen Sixt habe, dann will ich mit der
ganzen Welt in Fried und Einigkeit leben. Ich müsste ja immer fürchten, den
lieben Gott zu erzürnen, wenn ich jemand kränkte, und da könnt' er mir zur
Strafe meinen Sixt nehmen. Nein, um seinetwillen sind mir alle Menschen lieb,
und am meisten seine Eltern. Ich konnt ihnen nie recht böse sein, wenn sie's
auch schon böse mit mir meinten. Ich bin nie so fromm gewesen, als seit ich
meinen Sixt habe, und wenn er nun erst mein Mann ist, und ich immer um ihn bin,
da werd ich ja noch frömmer werden. O Herr Pater, Sie können nicht glauben, was
Sie uns für einen Dienst geleistet haben; und ich, als ein einfältiges
Bauermädchen kanns eben nicht so an Tag legen; aber doch ist mir's Herz voll,
und Sie müssen mit dem guten Willen vorlieb nehmen. Ich wills dafür dem lieben
Gott sagen, was ich denk, und Ihnen Gutes anwünsch!
    So giengen sie noch eine gute Strecke Wegs mit dem Pater und dem jungen
Siegwart fort, und äusserten ihre Gesinnungen, die zwischen Dankbarkeit und
Zärtlichkeit geteilt waren. Man wird selten in der Stadt, wo die Menschen sich
gewöhnlich aufgeklärter und besser dünken, als die Landleute, ein Paar finden,
das sich mit der reinen unverfälschten Zärtlichkeit, mit der Treue und
Festigkeit liebt, wie unser Pärchen. Aber Unschuld und Reinigkeit des Herzens
war das Band, das sie verknüpfte; und dieses ist das festeste, das noch jenseits
des Grabes in der Ewigkeit fortdauert. Wohl dem Jüngling, dessen Seele sich
allein durch dieses Band fesseln lässt! Er und seine Freundin werden einst mit
Semida und Cidli, mit Petrarch und Laura, mit Klopstock und mit seiner Meta
unter den Lebensbäumen wandeln, und sich ihre Liebe auf der Unterwelt erzählen.
    Endlich nahmen Sixt und Regine von P. Anton und dem jungen Siegwart
Abschied. Sie konnten kaum vor Tränen sprechen, und blieben noch, so lang sie
ihnen nachsehen konnten, auf dem Hügel stehen; dann kehrten sie in der Dämmerung
zurück, küssten sich tausendmal mit dem keuschen Kuss der Liebe, sahen zum
Abendstern auf, und ihr Blick war Dank und Gebet für den guten Pater Anton.
Dieser ging voll innern Friedens mit dem jungen Siegwart nach dem Kloster,
dessen Seele voll war von nie empfundenen Gedanken an die Grösse eines Menschen,
der ein Wohltäter seiner Brüder ist, und gleich der Sonne zur Ruhe gehen kann,
die den Tag über das Herz den Menschen und die Welt mit ihrem Strahl erquickt
hat.
    Der andre Morgen war der Begräbnisstag des verstorbnen Paters. Alle Väter
versammelten sich um acht Uhr im Konventsaal. Auf ihren Gesichtern war eine
allgemeine Traurigkeit verbreitet; Schmerz und Tränen sprachen aus den Augen;
Siegwart war bei ihnen. Man ging an die Zelle des Verstorbenen; zwölf Paters
nahmen den Sarg auf. Die andern und Siegwart giengen Paar und Paar; jeder eine
brennende Wachskerze in der Hand. Man ging durch den langen Kreuzgang nach der
Kirche zu. Das Schweigen und das Rauschen der hölzernen Schuhe war fürchterlich.
In der Kirche setzte man am Hochaltar den Sarg nieder; und stellte Wachskerzen
drum herum. Nach einer dumpfen feierlichen Trauermusik, die die Seele durch
dunkle, Menschenleere Wüsten bis ans Grab hin führte, und sie vor der Verwesung
des Körpers zurückschauern machte, ward eine Seelmesse gelesen. Man hub den
Sarg, nachdem er mit dem Weihwasser besprengt worden war, wieder auf, und trug
ihn durch den langen Gang im Garten nach dem Gottesacker. Ein dicker Nebel
hüllte alles ein. Die Wachskerzen warfen einen fürchterlichen Schein in die
Nacht des Nebels. Der Sarg ward am Grabe niedergesetzt; die Paters stellten sich
in einem Kreise um das Grab herum, und beteten. Pater Gregor stand dicht daran,
und sah mit starren Blicken in die Gruft. Weinen konnt' er nicht mehr; seine
Säfte waren ausgetroknet. Der Sarg ward hinabgelassen; der dumpfe Schall, den
die Erdschollen auf dem holen Deckel machten, weckte ihn aus seinem Schlummer,
und ein tiefer Seufzer hub seine Brust zitternd empor. Er hub seinen Blick zum
Himmel, und lächelte halbfreudig, als ob Engel mir ihm sprächen. Das Grab war
nun ausgefüllt, und der Hügel wurde aufgeworfen. Ein Pater hielt eine kleine,
aber rührende Rede von den Tugenden des Verstorbenen; einer nickte ihm nach dem
andern Beifall zu, und dankbare Tränen, die schönsten Zeugen eines frommen
wohltätigen Lebens, flossen auf den Hügel. Man ging nun vom Grabe wieder in
das Chor zurück, wo noch einmal eine Trauermusik gemacht wurde, die sich erst
durchs Graun der Gräber langsam und melancholisch fortschlich, dann sich schnell
und triumphirend wie ein Adler zu den Wolken aufschwang, und die Hoffnung der
Auferstehung ausdrückte.
    Nun ging man, nach noch einmal gehaltner Seelmesse, auseinander, P. Anton
auf seine Zelle, und Siegwart auf sein Zimmer. Seine ganze Seele war umwölkt und
traurig; aber als er am Fenster stand, und sah, wie die Sonne mit dem Nebel
rang, und endlich siegte, dass die Berge und nachher die Felder wieder aufgehellt
da lagen; da wards auch in seiner Seele wieder heiter, und sein Herz erhub sich
wieder. Eine freudige Empfindung verdrang die andre, und seine Phantasie
durchirrte tausend Scenen aus der Zukunft. Er dachte sich in alle mögliche
Verhältnisse, in die er einst als Mönch kommen könnte; alle waren lachend und
heiter, wie das Feld vor ihm im Sonnenstral.
    Er las hierauf noch im Leben des heiligen Franciscus, und erhitzte seine
Einbildungskraft noch mehr, bis zum Essen geläutet wurde. Hier wurde viel vom
Verstorbenen gesprochen. Jeder wusste eine Geschichte zu erzählen, die zu seinem
Vorteil gereichte. Am meisten gefiel unserm Siegwart folgende, die der Guardian
erzählte:
    Unser seliger Bruder war doch, wie wir alle wissen, ein grosser Freund von
der Physik, Matematik, und besonders von der Astronomie, worinn ers weiter
gebracht hatte, als mancher Professor auf der Universität. Er besass noch von
seinem Vater her, der eben diese Wissenschaften getrieben hatte, eine schöne
Anzahl von den herrlichsten Instrumenten, Zirkeln, Quadranten, Sehröhren und
Büchern mit Kupfern, die viel Gelds wert waren. Diese machten seine einzige
Freude auf der Welt aus. Ganze Tage durch sass er bei den Büchern und rechnete;
und Abends, wenn der Himmel hell war, sah er bis um Mitternacht, und oft noch
länger durch sein Sehrohr nach den Sternen und dem Mond. Ich weiss noch, was er
Anno. 44. für eine Freude hatte, als der grosse Komet am Himmel stand; wie er
uns alles erklärte, und vorrechnete, wann der Wunderstern wieder kommen werde.
Vor ungefähr zwanzig Jahren kriegte er von seiner Mutter, die im Frankenlande
wohnte, Nachricht, dass sie nicht nur ihr ganzes ansehnliches Vermögen verloren
habe, sondern auch noch in eine ziemliche Schuldenlast gesteckt worden sei, weil
ihr zweiter Sohn, ein liederlicher Mensch, alles durchgebracht, Schulden
gemacht, und zulezt sich von den Kaiserlichen habe anwerben lassen. Unser Pater
Martin ging einige Tage lang ganz schwermütig herum, vermied allen Umgang, und
bat sich endlich vom Prälaten die Erlaubnis aus, auf einige Tage nach Augspurg
reisen zu dürfen. Hier ging er ins Jesuiterkollegium, wies ein Verzeichnis von
seinen Büchern und Instrumenten vor, bot es feil, und ward endlich mit den
Jesuiten eins, ihnen die ganze Sammlung um 400 Gulden zu überlassen. Das Geld,
bat er, möchten sie gleich, wenn sie die Sachen in Empfang genommen hätten,
seiner Mutter nach Franken schicken. Als er den Handel schon getroffen hatte,
bat er die Jesuiten inständig, ihm zu seinem Gebrauch, so lang er lebte, einen
Tubus und nur ein paar Bücher, die er sehr wert hielt, zu überlassen; erst
sollte alles schriftlich protokollirt, und ihnen das Rückständige zugeschickt
werden, so bald er todt wäre. Aber das war nun zu spät, die Jesuiten waren harte
Leute, und sagten, der ganze Handel sollte rückgängig werden, wenn sie nicht
sogleich alles bekämen.
    Nun in Gottes Namen, sagte er, ich muss mir alles gefallen lassen! In 4 Tagen
sollen Sie alles bekommen, was auf diesem Zettel steht; wenn nur meine arme
Mutter das Geld gleich erhält.
    Er kam wieder ins Kloster zurück, sah munterer aus und packte alles ein, was
er hatte. Ich war bei ihm auf der Zelle; ein paar Bücher sah er noch einmal mit
Tränen an, küsste sie, und sagte: Lebt wohl! Ihr habt mir viel Vergnügen
gemacht; und nun schrieb er einen Brief an seine Mutter. Ich hab ihn eben vorhin
unter seinen schriftlichen Sachen gefunden, und will ihn vorlesen. Er ward ihm,
nach seiner Mutter Tod vor 5 Jahren, nebst andern Briefschaften wieder
eingehändigt. Der Brief lautet so:
                           Herzlich geliebte Mutter!
    Die Nachricht von dem schlechten Lebenswandel meines Bruders, und dass er nun
Soldat geworden ist, hat mich recht schmerzlich betrübt. Ich kann nichts für ihn
tun, als für seine Seele beten, dass sie noch dem Rachen des Verderbens
entrissen werde, und sein Ende selig sei! Der selige Vater hat ihn oft gewarnt;
aber der Junge wollte nicht folgen, und spottete hinter seinem Rücken. Euer
Elend, Innigstgeliebte Mutter, geht mir sehr zu Herzen, und hat mir schon viel
Tränen ausgepresst. Hier, nehmt alles hin, was ich habe, und seid mit dem
Bischen Armut zufrieden! Der liebe Gott woll es reichlich vermehren! Ich hab
meine überflüssigen Bücher und Instrumente verkauft, um Euch auszuhelfen; wollt
gern, es wäre mehr! Ihr habt freilich weit mehr an mir getan, als ich Euch
vergelten kann. Lasst mich wissen, wie's Euch geht! Vertraut auf den Gott der
Wittwen und der Waisen, so wirds Euch nie an Trost fehlen! Mir gehts wohl hier.
Ich bin bis in den Tod Euer dankbarer und getreuer Sohn
                                                                         Martin.
    Hier hab ich auch die Antwort seiner Mutter. Der Brief ist halb zerrissen,
weil ihn Martin immer bei sich führte, und mit seinen Tränen tausendmal
benetzte.
                             Einzig geliebter Sohn!
    O du Trost und Stütze meines Alters! Du mein Einziges und Alles auf der
Welt! Was soll ich dir sagen, und wie soll ich dir für alles danken? Diese
mütterlichen Tränen, die auf meinen Brief herabfliessen, sind dir gewiss mehr
wert als tausend Worte. Möcht ich dich doch an mein Herz drücken können,
goldner, auserwählter Sohn! Meine Haare sind vor der Zeit vor Kummer grau
geworden, und die Augen schwach vom vielen Weinen um den ungeratnen Philipp;
aber du, mein Sohn, du Trost von Gott, hast mich wieder aufgerichtet und jung
gemacht, wie einen Adler. Lass dich ewig segnen, auserwählter Sohn! Noch mein
letzter Seufzer auf dem Sterbebette soll dich segnen! Wie wird sich einmal dein
Vater freuen, wenn ich ihm im Himmel sage, was für einen Sohn wir auf der Welt
haben? Ich mag an den andern nicht denken, wenn ich an dich denke. Du hast mir
mehr geschickt, als ich brauche, denn ich werds wohl nicht lange mehr machen,
und hast dich vom Nötigsten und alle dem entblösst, was dir lieb ist. O! wenn
ich daran denke, möcht ich gleich vorgehen, und das Herz im Leibe will mir
brechen. Ich kann nicht weiter schreiben, denn ich seh vor Tränen kaum den
Brief mehr. Nur noch Einmal möcht ich dich an mein Herz drücken, unter dem du
gelegen hast, Einziger, englischgesinnter Sohn, und dann sterben! Leb wohl, leb
ewig wohl! bis ans Ende segnet dich
                              Deine getreue Mutter
                                                              Concordia Dahlern.
    Die ganze Tischgesellschaft weinte, als der Brief vorgelesen war. Siegwart
konnte sich kaum entalten, den Guardian zu bitten, dass er die beiden Briefe
abschreiben dürfte! Aber er war doch zu furchtsam. Der Guardian fuhr fort:
    Unser seliger, teuergeliebter Bruder liess sich nicht ein Wort verlauten,
wie weh ihm der Verlust seiner Bücher und seiner Instrumente tue, und doch
merkt' ich es ihm hundertmal an. Er suchte unsre ganze Bibliotek durch,
vermutlich, ob er keine matematische Bücher finde? Aber er fand wenig, oder
gar keine. Wenn er Abends mit den blossen Augen an den gestirnten Himmel aufsah,
so entflog ihm oft ein Seufzer, dass er die himmlischen Reviere nicht mehr
genauer untersuchen konnte. Ein paarmal beklagte er sich gegen mich über sein
abnehmendes und schwaches Gesicht; hielt aber gleich wieder inne, um das
Gespräch nicht auf den Verkauf seiner Instrumente zu bringen. Ein einzigsmal,
als ich ihn deswegen loben wollte, sagte er halb böse: Ich tat ja nur meine
Schuldigkeit. - O, es war ein treflicher Mann, den wir nie genug bedauern
können!
    Siegwart, sagte P. Anton, wird uns vielleicht einmal seinen Verlust
ersetzen, wenn er so fortfährt, wie er anfängt. - Ja das hoffen wir, sagten
alle; der bescheidne Jüngling ward im ganzen Gesichte blutrot, und wagte kaum
mehr, die Augen aufzuschlagen.
    Die Paters stunden bald hernach vom Essen auf, und verteilten sich. P.
Anton fragte Siegwart, ob er ihn etwas in den Garten begleiten wolle? Dieser
nahms mit Freuden an. Er ging ein paarmal stillschweigend und nachdenklich mit
dem Pater auf und ab. Lieber Xaver? sagte Anton endlich; er ist ja auf einmal so
still geworden? Ganz gewiss denkt er noch den Erzählungen vom seligen Bruder
Martin nach; sie haben einen tiefen Eindruck auf sein Herz gemacht, wie's in der
Jugend so zu gehen pflegt, und das ist auch recht gut. Lass er's sich nur zur
Nacheiferung dienen! Gewöhnlich empfindet der Jüngling das Schöne der Natur und
jeder guten edeln Handlung tiefer, als der schon gesetzte, und kalt scheinende
Mann. Aber bei den meisten Jünglingen bleibts auch beim Gefühl und geht selten
zum Entschluss über. Der gesetzte Mann hingegen, der oft kalt scheint, weil sein
Gefühl minder stark und gleichsam stumpf gemacht ist, handelt desto mehr für die
Tugend. Er begnügt sich nicht am Anschauen der äusserlichen schönen Gestalt der
Göttin, wie der Jüngling am Anschanen seines Mädchens, sondern sucht sich mit
ihr auf ewig zu vermählen, um ihre Seele zu besitzen. Doch weh dem Mann, der als
Jüngling die äussere Schönheit der Tugend nicht auch tief gefühlt hat! Er wird
selten, oder nie als Mann für sie handeln!
    Ein Pater, der an ihnen vorbeigieng, grüsste sie mit Namen, und nannte unsern
Siegwart, Bruder Xaver. Ja, mein lieber Siegwart, sagte Anton, nun ists bald
Zeit, wegen des Klosters einen völligen Entschluss zu fassen, denn dein Vater -
lass mich dich immer du nennen, ich liebe dich, wie meinen Sohn - dein Vater,
denk ich, wird heut oder morgen kommen, und dich abholen wollen; da müssen wir
ihm doch was gewisses sagen. Was meinst du? Hat dirs hier gefallen? Glaubtest du
dein Leben als ein Kapuziner, das heisst als ein Mann, der gröstenteils von der
menschlichen Gesellschaft abgesondert, dem Gelübd der Keuschheit, des Gehorsams,
und der Armut untertan, von der Welt ungekannt, oder nur zu oft verkannt und
verachtet lebt, glaubst du dein Leben als ein solcher hinbringen zu können, und
doch innerlich vergnügt und glücklich zu sein?
    O ja, ganz gewiss glaub ichs! antwortete Siegwart mit Heftigkeit. Ich müsste
mir ein Gewissen draus machen, wenn ichs nicht würde; denn wo könnt ich sonst so
viel Gutes tun, und mit so viel heiligen Leuten umgehen? Nein, ich will nichts
anders werden, wenn mein Vater nichts dagegen hat! Wenn ichs nur schon recht
bald wäre!
    Nun, nun, so wünsch ich dir zu deinem Vorhaben recht von Herzen Glück: Dein
innerlicher Trieb ist besser, als alles Zureden andrer Leute. Wenn du keine Lust
dazu gehabt hättest, so würd ich dich nie gesucht haben zu überreden; aber da du
selber eine so starke Neigung zum Klosterleben hast, so kann ich deinen
Entschluss nicht anders, als loben. Du wirst ein rechtschaffener Mann werden, und
dann ist man glücklich. Ich hab es schon gesehen, dass du gottesfürchtig bist,
und deinen Nebenmenschen von Herzen liebst, bleib auf diesem Wege! Er ist der
einzige zur Glückseligkeit, die so manche suchen und nicht finden.
    Da hab ich dir diesen Morgen ein paar Anmerkungen aufgeschrieben, die ich
dir, statt meines Segens, auf den Weg mitgeben will. Sie entalten Lebensregeln,
die ich nun seit dreissig Jahren schon befolgt, und bewährt befunden habe. Präge
sie dir tief ein, und rufe sie täglich in dein Gedächtnis zurück! Wenn du sie
gleich jetzt noch nicht ganz in ihrer Stärke fühlst, und vielleicht noch nicht
völlig verstehst, so wirst du doch, wenn Zeit und Erfahrung kommt, sie fassen,
und ihren Wert recht schätzen lernen. In der Ordnung konnt ich sie nicht
niederschreiben, ich hatte zu wenig Zeit dazu, und mein Kopf wird nach und nach
durchs Alter schwach. - Wer weiss, mein Sohn, ob wir uns in diesem Leben
wiedersehen? Vielleicht triffst du, wenn du wieder hier ins Kloster kommst, mein
Grab an. Denk dann an deinen alten redlichen Freund, wenn du hier allein im
Garten gehst; ruf dir seine Lehren zurück, und befolg sie! Dadurch ehrt man das
Andenken an seine Verstorbenen am besten. Werde nicht zu wehmütig, mein Sohn!
Im Himmel sehen wir uns wieder, und vielleicht noch einmal, wenn es Gottes Will
ist, hier im Kloster. Der Gedanke an den Tod hat für mich viel süsses. Mach ihn
dir zum Freund, und du hast nichts auf der Welt zu fürchten!
    Lass uns hier auf diesem Rasen sitzen! Er ist schatticht, und das Gehen wird
mir zu beschwerlich. Wenn dirs recht ist, so les' ich dir meine Anmerkungen vor.
Er zog sie aus dem Gürtel, und las:
    I. Mach dir den Gedanken von der göttlichen Allgegenwart recht lebhaft und
stets gegenwärtig! Er bewahrt vor jeder schlechten Handlung und vor schändlichen
Gedanken, die die Mutter einer bösen Handlung sind. Wer sich schämt, vor
Menschen schlecht zu handeln, wird sich noch mehr vor dem heiligsten und
reinsten Wesen schämen, das zugleich unsre Taten richtet. Der Gedanke von der
göttlichen Allgegenwart erhebt das Herz, und treibt es zu grossen Taten an. Der
gegenwärtige Gott wird dich belohnen, wenn auch Menschen deine Tat nicht sehen.
Er wird dich beschützen, wenn dir Menschen schaden wollen; und dich stärken,
wenn du sinken willst. Schon unsre Vorfahren, die doch Heiden waren, hatten
diesen grossen, herrlichen Gedanken. Sie glaubten, ihre Gotteit, die sie Wodan
nannten, fülle den Hain, den sie bewohnten und jeden Ort aus, wo sie lebten.
Daher man ihnen jeder Ort ein Heiligtum, jeder Wald ein Tempel; daher übten sie
mehr Tugend aus, als die meisten andern Völker, und enteiligten sich weit
weniger durch Brudermord, Diebstal, Ehebruch oder andre Schandtaten.
    II. Mach dich am Ersten mit dir selbst bekannt, mein Sohn! Dies ist eine
alte Regel, aber selten wird sie recht befolgt. Gib auf alle Bewegungen und
Veränderungen deiner Seele acht! Forsch ihren Ursachen nach, ob sie edel sind,
oder nicht? Ost macht man sich selber etwas weiss, dass man diese oder jene
Handlung aus einer guten Absicht unternehme, und im Grunde hat man einen bösen
Endzweck, der den Schaden unsers Nächsten, oder die Entunehrung unsrer selbst
zur Folge hat. Oft gibt man einer Gesinnung oder Handlung, die nicht edel ist,
den Namen einer edeln, und hintergeht sein eignes Herz durch diesen Kunstgriff.
Gib auf dieses alles genau acht, und erlaub dir keine Nachsicht! Werd am ersten
gegen dich selbst behutsam! denn der Mensch ist nur zu oft sein eigner ärgster
Feind. Lern deine Kräfte kennen, und prüfe sie durch Anwendung! Du must wissen,
was du dir selbst zuzutrauen hast; sonst versprichst du immer dir und andern,
was du nicht erfüllen kannst. Lern deine Schwächen kennen! Wer sie nicht kennt,
kann sich, wenn der Feind kommt, nicht verteidigen. - Mach dich bei Zeiten mit
deinem Feind bekannt, mit alle dem, was dich umgibt, und dich am meisten zur
Ausschweifung hinreisst, damit du Waffen zu der Zeit des Friedens anlegest! Sonst
ist alle Gegenwehr zu spät. Im Tumult der Leidenschaften wirst du die
Verteidigung vergessen. -
    Wer sich selber kennt, der kennt auch andre Menschen. Die Grundtriebe der
Seele sind sich, ihrer Anlage nach, fast immer gleich. Du wirst finden, dass
Eigenliebe, die im Grunde gut, und der, jedem lebenden Geschöpf vom Schöpfer
eingepflanzte Trieb der Selbsterhaltung ist, stets die Haupttriebfeder bleibt,
die die Seele in Bewegung bringt. Verschiedne Charaktere bilden sich nur durch
die Verschiedenheit der Äusserungen dieses Grundtriebs. So entstehen Geldgier,
Ehrgeiz, Hang zur Wollust, Edelmut und Menschenliebe, je nachdem wir glauben,
durch das eine mehr, als durch das andre, unsre Eigenliebe zu befriedigen.
    Kentnis deiner selbst und deines eignen Herzens wird dich in Beurteilung
andrer Menschen billiger machen. Die besondre Lage, Verfassung, und Verbindung
eines Herzens, worinn es mit den Dingen ausser sich, und mit andern Menschen
steht, bestimmen das Moralische, oder Gute und Böse an einer Handlung mehr, als
der äusserliche Schein. Manche Handlung ist so schlimm nicht, als sie scheint,
wenn man alle die Umstände wüste, unter denen sie vollzogen wurde. Geh in die
Geschichte deines Herzens zurück! Frag dich unparteiisch, ob du, unter
ähnlichen Umständen, nicht auch zu einem Fehltritt geneigter wärest? Ob es dir
nicht oft einen langen, und schweren innerlichen Kampf kostete, eine Neigung zu
überwinden? und ob du ihr nicht oft unterlagest, ohne im Grunde bös zu sein,
oder deinen Grundsätzen ungetreu zu werden? Wenn du so dein Herz studierst, dann
wirst du weniger hart und unbillig in Beurteilung andrer sein.
    III. Willst du den Menschen recht viel Gutes tun, so gewöhne dich
frühzeitig an eins strenge Ordnung, und eine weise Einrichtung deiner Geschäfte!
Sie lehrt den gewissenhaftesten Gebrauch der Zeit. So kannst du jeden Morgen
dein Tagwerk übersehen, und Abends strenge Rechnung halten, über das, was du
getan hast. (Unserm Siegwart fiel hier P. Anton, und der gestrige Tag ein; er
sah ihm mit freudigerer Bewunderung ins Gesicht) Die Zeit wird dir teurer
werden, als Gold und Edelstein. Sie, gut angewendet, mein Geliebter, ist das
Mittel, uns zum Engel, und Gott ähnlich zu machen.
    IV. Wer von der Welt allein Belohnung oder Lob erwartet, wird wenig wirklich
grosse Handlungen verrichten, wenigstens nicht in den Augen Gottes, der sie
allein würdigen und schätzen kann. Die grösten Handlungen gehen in uns selbst
vor, und treten nicht vors Angesicht der Menschen. Innere Bestreitung seiner
Leidenschaften, seiner Lieblingsneigungen, des Hangs zur Bequemlichkeit, zum
äusserlichen Ansehen, zum Geld, zur Wollust u.s.w. ist der herrlichste Sieg, der
die glorreichsten und fortdauerndsten Palmen erringt, aber erst jenseits des
Grabes. Doch fehlts diesem Sieg auch nicht in dieser Welt an seiner hohen
himmlischen Belohnung. Das Gefühl, nach seiner Pflicht gehandelt, und die
Menschen, seine Brüder, glücklich gemacht zu haben, ist nach einem Tage, der für
uns mit Wohltun untergieng, das süsseste und edelste. Ein Mann, der so viel
Gutes tut, als er kann, darf kühn auf alle Könige und Sieger stolz herabsehn,
die durch Ehrenpforten auf Triumphwagen einziehn!
    Hier, mein Sohn, sagte Anton, und gab unserm Siegwart das beschriebene
Blatt, hast du meine Lehren. Möcht' ich sie dir mit diesem Kuss einhauchen
können, dass sie immer dir im Herzen wohnten, und zu seiner Zeit herrliche Frucht
brächten! Ich bin mit Freuden alt geworden, weil ich sie befolgte. Mach mir, und
deinem alten Vater Freude! Lebe fromm und christlich.
    Weiter konnte er nicht reden, denn er war zu sehr bewegt. Sein Auge sah ein
paarmal zum Himmel auf, und erflehte Glück herab für Siegwart. Lass uns noch ein
paarmal auf und abgehn! sagt er, nach einer langen Pause; der Tag ist so schön,
und ich fühle heut das Leben der Natur weit lebendiger, als sonst. Sieh doch
dieses herrliche Tulpenbeet, wie die Farben durch einander spielen! Die Natur
hat tausend Freude, für den, der sie sucht, und mit reinem Herzen in ihren
Tempel eintritt. Diese gelbe Tulpe hier, mit den feuerroten Streifen, und dem
blauen Kelch! Es ist nur eine gemeine Blume, die der Kenner wenig schätzt, und
ist doch so schön. Pflück mir doch diese Aurikel hier! Ich rieche nichts lieber.
- Was für ein Balsam aus der Blume fliesst! Er stärkt alle Nerven. Alles ist zur
Lust des Menschen da, alles sucht ihm zu gefallen. Und der Mensch erkennts so
wenig, geht dran vorbei, als obs von ungefähr da wäre. Wenn ich allein
spazieren gehe, dann ist mir kein Gedanke heiliger und süsser, als die
Bewunderung und Anbetung des Gottes der Liebe. Die Gedankenlosigkeit setzt den
Menschen weit zurück; er könnte weit früher Gott ähnlicher werden, und ihm näher
kommen. Daher hab ich immer die Dichter sehr geliebt, weil sie alles Schöne so
sehr empfinden, und ihre Leser drauf aufmerksam machen. In der Bibel ists eben
so; Christus nimmt fast alle seine Gleichnisse von den Dingen her, die auf dem
Feld um ihn herum waren. - Hier wurden alle Saiten der Seele Siegwarts
getroffen, denn niemand war auf die Natur aufmerksamer, als er.
    Sie kamen nun dem Kloster nah, und der alte Siegwart ging auf sie zu. Sein
Sohn eilte ihm entgegen, und drückte ihm die Hand; Anton umarmte ihn. Du hast
einen lieben Sohn, Siegwart! sagte er; seine Gesellschaft hat mir diese Zeit
über viel Vergnügen gemacht. Ich seh, du hast ihn gut erzogen; Gott vergelt es
dir! Und mit dem Kloster, denk ich, hats nun auch seine Richtigkeit; Nicht wahr,
Xaver?
    Der junge Siegwart. O ja, Papa; ich bitte Sie, Lassen Sie mich nun recht
bald darein! Es ist gar ein herrliches Leben; Ich kanns Ihnen nicht genug
beschreiben.
    Der alte Siegwart. So gefällt dirs so wohl, Xaver? Nun, Nun! ich will dir
nichts in den Weg legen. - Deine Brüder und Schwestern lassen dich grüssen; Sie
glaubten schon, ich würde dich gar nicht mehr mitbringen. Terese war recht
traurig drüber.
    Der junge Siegwart. Aber sie ists doch zufrieden, Papa, dass ich geistlich
werde? Den andern, weiss ich, ists schon recht; sie sagtens oft.
    Der alte Siegwart. Das kommt auf mich, und dich an, Xaver! Sie haben in
dergleichen Dingen nichts drein zu reden. Doch werden sie sichs auch gern
gefallen lassen. Terese fürchtet nur, du könnest's im Kloster nicht gewohnt
werden.
    Der junge Siegwart. Ey, was weiss die? Ich will ihrs schon sagen, wie's so
gut ist.
    Indem kamen ein paar Paters, und luden die Gäste, auf Befehl des Guardian,
ins Gartenzimmer. Alle fünfe giengen hin. Der alte Siegwart ward bewillkommt und
ihm, wegen seines Sohns, Glük gewünscht. Es ward nun für ausgemacht angenommen,
dass Xaver nichts anders werden sollte, als ein Mönch. Der Guardian versprach,
gleich Morgen an die Piaristen im nächsten Landstädtchen einen Brief zu
schreiben, und dem jungen Menschen eine Stelle auszumachen. Ein andrer Pater
sagte, dass er seinem Bruder, Pater Philipp, der ein Lehrer an der
Piaristenschule sei, schreiben, und den jungen Siegwart seiner besondern
Aufsicht empfehlen wolle. Die ganze Gesellschaft war nun sehr vergnügt; der
Guardian liess guten alten Nekkarwein auftragen, den das Kloster erst von einer
Wittwe geschenkt bekommen hatte, und man trank fleissig herum. Unserm Siegwart
wurde eine Gesundheit nach der andern aufs künftige Klosterleben zugetrunken;
sie nannten ihn im Scherz Bruder Augustin, weil man im Kloster den Namen ablegt,
den man in der Welt gehabt hat. Diese Vertraulichkeit und der Wein, den er nicht
gewohnt war, so gut, und so viel zu trinken, machten ihn ganz munter und beredt.
    Der Vater, der oben bei dem Guardian sass, und nun, wegen seines Sohnes,
alles mit ihm ausgemacht hatte, dass dieser nämlich in sechs oder sieben Jahren
ganz gewiss ins Kloster sollte aufgenommen werden, stand endlich um sechs Uhr
auf, und nahm von den Paters Abschied. Als der Sohn diese Zurüstungen sah, ward
ihm das Herz auf einmal schwer, und das Auge trüb. Es war ihm, als ob er in eine
Einöde zurückkehren sollte, so sehr hatte er sich schon ans Kloster gewöhnt.
Eine Zeitlang stand er stumm und zitternd da; dann sprang er aber eilends weg,
und kam nach einigen Augenblicken wieder, mit den Büchern unterm Arm, die ihm P.
Ignatz geborgt hatte. Er ging zu ihm hin, und sagte: Leider hab ich die
Geschichte vom heiligen Franz nur halb, und die andern Bücher gar nicht
durchlesen können; aber ich dank Ihnen doch reckt sehr. Nein, mein lieber Xaver,
sagte Ignatz, so ists nicht gemeint; Er soll die Bücher zum Andenken von mir
behalten, oder sie mir erst wieder zurückgeben, wenn er hier Profess tut. Mach
er keine Umstände! Sie sind sein. Xaver sah seinen Vater an, als ob er fragte,
was er tun sollte? Ja, wenn der Herr Pater nicht anders will, Xaver, sagte
dieser, so must du's eben annehmen. Aber das Geschenk ist gar zu gross, Herr
Pater! Ich weiss nicht, was ich Ihnen dagegen anbieten soll? Schicken Sie uns
Ihren Sohn bald, wieder, sagte Ignatz, das ist alles, was ich wünsche. Der alte
Siegwart machte eine Verbeugung. Lass doch sehen, Xaver, was du denn für schöne
Bücher hast? Ey, das ist ja herrlich, das Leben des heil. Franciscus; das ist
mein Patron. Nun, nun, da kannst du brav drinn studiren, und viel schönes draus
lernen. Und da, das Leben des heiligen Nepomuk, das ist der Flusspatron, weil er
zu Prag in die Moldau ist gestürzt worden. Ich dank Ihnen vielmals, Herr Pater,
in meinem und in Xavers Namen. Wenn Sie mich einmal besuchen, will ich sehen,
wie ichs auf andre Art wett mache? Nun, Xaver, empfiehl dich der Liebe dieser
Herren! Du siehst, dass Sie dir alle gut sind, mach, dass du dieser Ehre wert
bleibst!
    Xaver konnte nicht vor Tränen sprechen; Er küsste dem Guardian und den
übrigen die Hand, und benetzte sie mit seinen Tränen. Als er an den P. Anton
kam, sagte dieser: Lass nur, mein Sohn! ich will dich und deinen Vater noch eine
Strecke weit begleiten. Am Klostertor blieben die übrigen stehen, nachdem sie
von den beiden Siegwarts auf deine freundschaftliche Art Abschied genommen
hatten. Anton ging mit ihnen. Xaver sah sich wohl noch zwanzigmal nach dem
Kloster um, und schickte ihm seine Tränen nach.
    Der alte Siegwart erkundigte sich bei P. Anton nach verschiednen Dingen, die
den Aufentalt seines Sohns auf der Schule und dann auf der Universität,
betrafen. Dieser entschuldigte sich damit, dass er schon zu lange von der Welt
sei, und dass sich in dieser Zeit so vieles in der Lebensart, und in den Kosten
auf der Universität verändert habe. Er gab aber doch dem Vater und dem Sohn viel
weise Lehren und Erinnerungen. Ich wollte dir Prag zur Universität vorschlagen,
sagte er, denn sie hat viele Vorzüge vor andern; Aber, da sie so weit entfernt
ist, und man dort weit mehr braucht, als anderswo, so wollt ich dir unmassgeblich
Ingolstadt in Baiern vorschlagen, weil da auch gute Professores sein sollen,
wenigstens hat Herzog Ludwig viel drauf gewendet. Ja, ich denke auch so, sagte
Siegwart; Ingolstadt liegt in der Nähe, und ich habe da auch noch von meiner
seligen Frau her ein paar weitläuftige Verwandte, dass mein Sohn doch etwas
Aussicht hat, und auch Unterstützung, wenn es nötig wäre. Der Hofrat Fischer,
den du auch noch kennen wirst, steht dort in gutem Ansehen, und ich habe von
ihm, vermög unsrer alten Bekanntschaft, viele Freundschaft zu erwarten.
    Nach einigen Erinnerungen, die Anton dem jungen Siegwart noch, in Absicht
auf die Wahl seiner Freunde auf Universitäten, gegeben hatte, nahm er von den
Beiden Abschied. Es flossen gegenseitig viele Tränen, zumal da Anton fast in
einem Ton der Weissagung von seinem frühen Tode sprach. Der letzte Kuss des
Paters schwebte noch lang auf den Lippen des Jünglings; seine Tränen flossen in
die Träne des Ehrwürdigen Alten, und vereinten sich mit ihr, wie seine Seele
mit des Paters Seele sich vereinigt hatte.
    Vater und Sohn giengen eine Zeitlang schweigend durchs Gefild hin. Was hast
du dann alle Gutes erfahren und gesehen im Kloster? fragte endlich der alte
Siegwart. Und nun fieng der Sohn an, in einer Art von Begeisterung, alles zu
erzählen, was im Kloster, und besonders auf dem Dorfe mit dem P. Anton den
tiefsten Eindruck in sein Herz gemacht hatte. Der Vater hörte mit Vergnügen, oft
mir Rührung zu, und rief ein paarmal aus: Ja, da malst du mir meinen Pater Anton
wie lebendig vor die Augen! Das sieht ihm ähnlich, u.s.w. Wenn du seine
Fussstapfen betrittst, Xaver, denn will ich den Tag ewig segnen, an dem ich das
erstemal mit dir hieher ging.
    Sie waren aus dem Wäldchen herausgegangen, als sie von fern Teresen und
Wilhelm, ihren zweiten Bruder, ihnen entgegen kommen sahen. Xaver sah sie kaum,
so sprang er voraus, bewillkommte sie, und drückte seiner Schwester, die er
herzlich lieb hatte, die Hand, denn er war noch nie so lang von ihr entfernt
gewesen. Terese war ein rasches, naives Landmädchen mit einem runden vollen
Gesicht, das von der Farbe der Gesundheit glühte; mit grossen dunkelblauen
Augen, die beides, wenn sie heftig, oder zärtlich war, von der Stärke und
Festigkeit ihrer Seele zeugten. Wenn sie lachte, bildeten sich ein paar Grübchen
in den Wangen, und man sah die Göttinn der Anmut vor sich. Ihre Haare waren
dunkelbraun und lang; ihr Wuchs mittelmässig gross. In ihren Reden war sie schnell
und hastig; ihr Witz war immer neu und lebhaft. Munterkeit erwachte, wo sie
hinkam, und sie lachte gern aus vollem Herzen. Doch verbannte sie zu rechter
Zeit den Ernst nicht, und in den Stunden der Dämmerung, oder am Klavier zerfloss
ihre Seele oft in Wehmut. Nichts liebte sie mehr, als Geschäftigkeit, und
besonders ländliche Beschäftigungen. Sie wusste jede Arbeit, die die verschiednen
Jahrszeiten auf dem Lande mit sich bringen. Im Früling säte sie im kleinen
Würzgärtchen am Hause; steckte Bohnen und Erbsen; pflanzte Salat und Kohl, und
ordnete die Aussaat des Flachses an. Im Sommer war sie in ihrem strohernen
Sonnenhütchen, bei der Heuerndte mit; kochte für die Arbeitsleute; half den
Flachs eintun, und zurechte machen; ging mit aufs Kornfeld hinaus; hatte die
Aussicht über die Schnitter; sprach mit ihnen freundlich, und der Arbeit kundig;
ass des Abends Milch mit ihnen; und war von jedermann geliebt, ohne ihrer Würde
etwas zu vergeben. - Im Herbst sorgte sie für die Bearbeitung des Flachses und
fürs Ausdreschen des Getraides; ging mit in den Baumgarten, und half die Aepfel
und die Birn' einsammeln. Im Winter besorgte sie die Kleidung ihrer Brüder,
spann, oder machte Linnen; und versah noch dabei das ganze Jahr durch die Küche
und die Haushaltung. Bei aller ihrer Arbeit war sie immer munter; trillerte ein
Liedchen, oder scherzte mit ihren Brüdern. Der ältere, Karl, war stolz und
geizig, der zweite: Wilhelm, war phlegmatisch und träg. Mit beiden machte sie
sich also nicht viel zu schaffen, begegnete ihnen aber freundlich, uns gab ihren
Schwachheiten, so viel als möglich, nach.
    Aber unser Xaver war ein Mann für sie. Als Kind hüpfte sie immer mit ihm
herum, und half ihm bei seinen kriegerischen Zurüstungen; sie spielte die
Soldatenfrau, oder die Marquetenderinn; und hielts, wie er, mit dem König von
Preussen. Oft giengen auch die beiden allein, die Hände freundschaftlich in
einander geschlossen, nach dem Garten, oder in den anliegenden Hain. Da setzte
sie sich ins hohe Gras, sah mit frohem Staunen alle Schönheiten der Natur, deren
Betrachtung ihr immer das liebste war; hörte, mit lautem Aufjauchzen, dem Gesang
der Nachtigallen und Grasmücken zu; indes dass der Bruder Schmetterlinge haschte,
oder Blumen pflückte, und sie ihr mit Lachen in den Schoos warf. Sie wüste die
Blumen künstlich zu binden, oder machte einen Kranz draus; setzte ihn auf; und
ging so, vergnügt, nach Haus. Als sie älter wurde, und sich schon ums Hauswesen
bekümmerte, spielte sie doch noch oft mit ihm des Abends; warnte ihn, wenn er zu
mutwillig gewesen, und der Papa über ihn erzürnt war; und er folgte ihrer
Warnung. Da sie ein paar Jahr' als Kostgängerinn in einem Nonnenkloster lebte,
vermisste er sie sehr und schrieb ihr, sobald er schreiben konnte, einen Brief
zu. Nach ihrer Zurückkunft aus dem Kloster wollte sie ihn das Klavierspielen
lehren; Anfangs hatte er grosse Lust, und war eifrig drauf; aber bald liess er
wieder nach, denn das Notenlernen war ihm viel zu langweilig. Er hingegen musste
ihr Phädri Fabeln und Terenz Komödien übersetzen, weil sie in den
Zwischenstunden und an den langen Winterabenden gar zu gern ein gutes Buch las,
und doch keines, oder wenige, hatte. Nachher kriegte sie von einem Preussischen
Officier, der, im Burgauischen als Kriegsgefangner lag, mehrere gute, deutsche
Bücher zu lesen. Je mehr sich die Seele ihres Bruders entwickelte, desto mehr
gewann sie ihn lieb, und ward ganz seine Vertraute. Vielleicht kams auch daher,
weil ihre Gesichtszüge sehr viel Aehnlichkeit miteinander, und mit den
Gesichtszügen ihrer Mutter hatten.
    Aber desto weniger Aehnlichkeit in der Gesinnung, im ganzen Karakter, und
auch in der Bildung hatte ihre Schwester Salome mit ihr, die drei Jahre jünger
war, als sie. Dieses Mädchen sah nicht gut aus, denn sie hatte Sommersprossen,
eine etwas aufgeworfne Nase, und ziemlich hellrote Haare; und doch war sie auf
ihre Bildung, und ihren vorteilhaften Wuchs übermässig stolz. Eitelkeit war ihre
Göttinn, und sie sann Tag und Nacht darauf, ihr neuen Putz und Flitterstaat zu
opfern: und doch prangte sie im Dorf vor niemand, als Sonntags in der Kirche vor
den Bauern, die ihren überfeinen Geschmack nicht einmal bewundern konnten. Für
diesen Undank, dessen sich auch ihre Schwester schuldig machte, weil sie's
selten bemerkte, wenn Salome mit einer neuen Erfindung, die oft in Veränderung
einer Schleife bestand, auftrat, rächte sie sich aber, und brachte den grösten
Teil des Jahrs bei einer alten Baase in München zu, wo sie sich von
Hofkammerdienern, Läufern, und dergleichen Leuten bewundern, und von Damen,
Kammerjungfern und Putzmacherinnen betadeln liess. Die ganze Familie des
Amtmanns, und Terese am meisten waren mit dieser Rache sehr zufrieden; denn
Salome konnte nichts, als sich, und ihre Kleider im Spiegel begaffen; sich
frisieren; zwo französische Arien singen, die sie nicht verstand; aufs Land und
das Landleben schimpfen; spötteln, wenn man von der Stadt sprach, und nicht
alles drinn bewunderte; und endlich über jedermann, besonders über ihre
Schwester die Nase rümpfen, weil sie das Unglück hatte, besser auszusehn als
sie, und den einfachen Natürlichen Geschmack in Putz und Sitten, dem hökerichten
parfumierten Stadtgeschmack vorzuziehen. Terese kannte die Stadt; sie war, nach
dem Kloster, noch ein halbes Jahr da gewesen, und sehnte sich mit voller Seele
in ihr stilles, ruhiges Dorf zurück; wo, statt des ewigen Getümmels der Karossen
und der Menschen, Ruhe; Statt des cäremoniösen Wesens, das aus lügenhaften
Komplimenten zusammengesetzt ist, alte deutsche schwäbische Offenherzigkeit;
Statt der sogenannten feinen Lebensart, unverfälschte Unschuld und
Wahrheitsliebe; und statt des Prunks in Häusern und Gemächern, einfältige,
ungekünstelte Natur ihren Tron aufgeschlagen hat. Gesellschaft brauchte sie
nicht viel, weil sie immer beschäftigt war, und ihren Xaver um sich hatte.
Zuweilen ging sie mit des Postverwalters Tochter, einem stillen sittsamen
Mädchen, um. Statt für Ihr Vergnügen in einem angenehmen Umgang mit Freundinnen
zu sorgen, hielt sie es für eine grössere und höhere Pflicht, ihrem
rechtschaffenen Vater, der, seit dem Tode seiner Frau, immer einsam gelebt
hatte, Vergnügen, und das stille Landleben angenehm und abwechselnd zu machen.
Sie war mehr seine Freundinn, als seine Tochter: denn er zog sie bei allen
wichtigen Veränderungen in der Haushaltung zu Rat, weil er wusste, dass er sich
auf ihre Einsichten verlassen konnte. Sie ehrte und liebte ihn über alles; In
trüben Stunden suchte sie ihn zu erheitern, und spielte ihm auf dem Klavier vor.
Kurz, sie war die Freude und Stütze seines Alters.
    Auch jetzt ging sie ihm, an der Hand ihres lieben Xavers entgegen, und die
Freude, ihren Vater und Bruder wieder zu sehen, funkelte ihr aus den Augen. Sie
erzälte erst, was während seiner Abwesenheit zu Hause vorgefallen sei; und
fragte dann ihren Bruder, wie es ihm im Kloster gefallen habe? Dieser konnte nun
des Redens kaum ein Ende finden, wie es ihm da so wohl gegangen sei: was für
Ehre er genossen, was für Leute er da kennen lernen, und was er sonst alle
schönes gesehen und gehört habe. Endlich sagte er, es sei nun ganz richtig, dass
er auch ins Kloster gehen, und deswegen in etlichen Tagen nach der Stadt in die
Piaristenschule kommen werde.
    Die Schwester erschrack anfangs, und tat, als ob sies nicht glauben könnte;
aber Xaver berief sich auf das Zeugnis seines Vaters, und dieser bejahte es. Sie
wagte es jetzt nicht, etwas dagegen einzuwenden, ob ihr gleich die Sache sehr
misfiel; aber sie dachte doch, noch etwas auszurichten, wenn sie mit dem Vater
und dem Bruder allein darüber spräche.
    Was hältst denn du davon? sagte Xaver zu Wilhelm? Du schweigst ja ganz still
dazu. Freust du dich nicht drüber? - Je, was weiss ich? sagte dieser; Mich
deucht, du tust ganz recht, Xaver! Es soll ein ruhiges Leben im Kloster sein;
und da ists gut, dass dus wühlst.
    Wilhelm sieht alles von der Seite der Ruhe an; sagte der Vater. Ich wollte,
du hättest soviel Leben, wie Xaver! Ruhe kann man schon suchen, wenn man erst
brav gearbeitet hat; aber du willst eins ohne das andere. Hast du heut die
Rechnung eingetragen?
    Wilhelm. Nein, Papa; ich habs wahrhaftig vergessen. Nu, ich denk, ich wills
morgen tun.
    Der Vater. Ey, was morgen? Ich hab dir aber gesagt, dass du's heute tun
sollst! Mit euch, Leuten, kommt man weit! Du wirst noch einmal zu spät in Himmel
kommen! - Terese, was werden wir heut zu Nacht essen?
    Terese. Ich habe Tauben zurichten lassen; Papa, und Salat; weil's jetzt
warm ist.
    Der Vater: Gut, meine Tochter, du weist, was ich gern esse. - Deinem Bruder
Xaver must du jetzt Wäsche zurecht machen, weil er unter fremde Leute kommt. Er
kann bald abgehen müssen; ich warte nur auf Briefe aus der Stadt. Karl ist doch
zu Hause, Wilhelm?
    Wilhelm. Ja, ich glaube wohl, Papa, er wird schreiben. -
    Sie kamen nun aus Amtaus. Als sie durch den Garten giengen, sah der Vater,
dass Terese die Blumen, vor dem Weggehn, schon begossen, und frischen Salat in
die Lücken nachgepflanzt hatte, und lobte ihren Fleiss. Die Blumen dufteten ihr
süsser, weil sie die Freude sah, die ihr Vater drüber hatte. Ich denke, wir
essen heut in der Laube, sagte der alte Siegwart; der Abend ist lau und
angenehm, und wir können hier die Nachtigall aus dem Gebüsch besser hören. Xaver
ging auf sein Zimmer, packte seine Bücher aus, und grüsste seinen ältern Bruder
Karl, der noch am Schreibtische sass, und ihm einen kalten unfreundlichen guten
Abend wünschte, ohne weiter nachzufragen, wie es ihm die Zeit über gegangen sei?
    Bald drauf setzte man sich in der Laube zu Tische; Terese trug mit
angenehmer Geschäftigkeit das Essen auf. Sie war wie eine arkadische Schäferinn
gekleidet, im weissen Gewand der Unschuld mit rosenroten Schleifen. Ihre schönen
braunen Haare waren losgegangen, und flogen in der Luft, wenn sie durch den
Garten hüpfte. Sie musste sich neben ihren Vater setzen, und ihm allerlei
erzählen. Mit ihrer gewöhnlichen Anmut tat sie's zwar, aber nicht mit der, ihr
sonst eigentümlichen Munterkeit; denn das künftige Schicksal ihres Bruders
schwebte ihr, wie eine Wetterwolke am sonst heitern Himmel, vor Augen, und
erschreckte sie. Er sass ihr gegenüber; wenn er sie nicht ansah, blickte sie ihn
halbverstohlen und mitleidig an; Ein paarmal hatte sie Mühe, Ihre Tränen vor
ihm und ihrem Vater zu verbergen. Karl hingegen, der in Gedanken schon berechnet
hatte, wie viel er durch den Entschluss seines Bruders, ins Kloster zu gehen, bei
der Erbschaft einst gewinnen werde, sprach unaufhörlich von der vernünftigen
Wahl Xavers, und von dem Glück das ihn erwartete, gleich als ob er fürchtete,
sein Entschluss möcht ihn wieder gereuen. Wilhelm nagte seine Taube langsam ab,
und schwieg, oder sagte zuweilen noch: ja; damit man ihn nicht gar für
eingeschlummert halten möchte!
    Nach dem Essen ging man noch ein bisschen im Garten zwischen den Aurikeln
und Levkojenstöcken auf und ab; es ward von Dorfgeschichten und Einrichtungen
des Hauswesens gesprochen; der Vater ging früh zu Bette, weil er vom
Spatziergang etwas ermüdet war; Xaver auch. Terese konnte lange nicht schlafen,
und sann ihres Bruders Schicksal nach. Tausend traurige und schreckliche Bilder,
die die Phantasie, die Stille der Nacht, und der blasse Mond, der seine Stralen
an die weisse Wand der Kammer warf, noch vergrösserte, stiegen vor ihr auf Sie
schlief endlich unter Tränen ein. Gleich am Morgen ging sie auf das Zimmer
ihres Vaters, und brachte ihm seine Suppe; denn er trank niemals Kaffee; sie
machte sich allerlei zu schaffen, räumte die Papiere auf; stopfte seine Pfeife;
hustete, weil sie reden wollte, und nicht konnte. Wenn ein Wort schon auf ihrer
Zunge schwebte, unterdrückte sie es wieder. Als er gegessen hatte, ging sie
hinaus, um ihrem vollen Herzen Lust zu machen, und ihres Vaters Pfeife
anzustecken. Sie kam wieder, stellte sich an die Kommode, schlug die Augen
nieder, krabbelte mit den Fingern, oder spielte mit einer Feder. Sie ging ans
Fenster, machte es auf und wieder zu, und fieng endlich, mit weggewandtem
Gesicht an: Papa, ists denn wirklich Ernst mit Xaver? Soll ich ihm Weisszeug auf
die Reise zurecht machen?
    Der Vater. Allerdings, Terese! du wirst dich freilich wundern, dass ich so
schnell einen Entschluss fasse, den ich selber nie vermutet hätte. Aber ich hab
dir schon gesagt, wie es dem Knaben im Kloster so wohl gefiel, und wie die
Paters mir zusetzten, dass ich ihn der Kirche nicht entziehen sollte; und gestern
fand ich ihn vollends ganz und gar verändert; er sah und hörte nichts, als das
Kloster; seine ganze Seele haftet dran, und es wär sein Unglück, wenn man ihn
jetzt davon losreissen wollte. Er ist so veränderlich nicht, als er scheint; ich
habs oft erfahren. Was er Einmal recht fest gefasst hat, das lässt er so leicht
nicht wieder fahren.
    Terese. Das ist schon gut, Papa; aber jetzt ist er noch, wie betäubt. Wenn
er wieder zu sich selber kommt, und sieht, wie weit er schon vorwärts gegangen
ist, ohne dass er mehr zurück kann, wie wird's ihm dann gehen?
    Der Vater. Du machst mir aufs neue bang, meine Tochter; ich war vorher schon
nicht ruhig. Aber, sag, wie ichs anders hätte machen können? Der Knabe kommt ins
Kloster; alles ist ihm neu, gefällt ihm, blendet ihn. Anton fragt, ob ich keinen
Sohn ins Kloster geben wolle? Xaver bricht los, sagt ja; die andern Paters
erfahren's; nehmen mich beim Wort, und stellen mir die Sache als eine
Gewissenssache vor. Nun wusst' ich weder aus noch ein, und suchte mir nur dadurch
Verzögerung und einen Ausweg zu verschaffen, dass ich Xavern versprach, er könnte
einige Tage im Kloster bleiben. Vielleicht, dacht ich, wird ihn die Einsamkeit
bald wieder auf andere Gedanken bringen, und ihm die Freiheit desto angenehmer
machen. Aber es ging umgekehrt. Er will von nichts anders mehr wissen, als vom
Klosterleben. Ich kanns nicht ändern, und ich denke doch, dass es so auch gut
gehen werde, da sein Trieb so stark und beinahe übernatürlich ist. Es würde mir
überdiess auch schwer fallen, ihn auf andre Art in der Welt unterzubringen, da
ich doch für euch genug zu sorgen habe. Es ist dein Nutzen auch, Terese, wenn
er so versorgt wird, und ich kann dir einmal dafür mehr zum Brautschatz geben.
    Terese. Ach, Papa, daran mag ich gar nicht denken! Lieber wollt ich alles
fahren lassen, als meinen Bruder, und gerade diesen, unglücklich sehen.
    Der Vater. Ich weiss, wie du denkst, Terese, und ich sags auch nicht
deswegen; es ist nur so nebenher. Aber jetzt kann ichs warlich nicht mehr
ändern. Ich habe den Paters mein Wort gegeben, und sie haben meinetwegen schon
an die Piaristen geschrieben. Doch auch das sollte nichts verschlagen, und ich
wollt es schon so machen, dass ich mich auf eine gute Art herauszöge; aber Xaver
würde nicht damit zufrieden sein, und ich will meine Kinder zu keiner Sache
zwingen, am wenigsten zur Wahl einer Lebensart, von der ihr künftiges Glück oder
Unglück abhängt; du kennst meine Art schon. Wenn du glaubst, dass es
schlechterdings sein Unglück ist, wenn er Mönch wird, so magst du meinetwegen
dein Heil bei ihm versuchen, und sehen, was du ausrichtest! Ich wollte gern, dass
es dem Knaben so wohl gienge, als er seiner Folgsamkeit und seines guten Herzens
wegen verdient! Sprich mit ihm davon!
    Terese. Wenn Sie's erlauben, Papa, so will ich mit ihm sprechen, und ihm
meine Meinung frei heraus sagen. Denn hier hilft das Schweigen nichts, man möcht
es nachher zu spät bereuen, und sich Vorwürfe drüber machen.
    Der Vater. Gut, meine Tochter, ich überlass es deiner Klugheit; nur must du
ihm das Klosterleben auch nicht gar zu traurig abmalen! Es möchte eine schlimme
Wirkung bei ihm haben, da er einmal ganz dafür eingenommen ist.
    Terese ging nun mit etwas leichterm Herzen weg, als sie hergekommen war.
Sie suchte ihren Bruder diesen Morgen noch zu sprechen; aber Wilhelm, der bei
ihm auf dem Zimmer sass und durch keinen Worwand wegzubringen war, hinderte sie
daran. Den Nachmittag kam ein alter Prediger vom nächsten Dorf, den Terese oft
auf ihren Spaziergängen besuchte, und, seiner Ehrlichkeit wegen, sehr lieb
hatte. Der alte Mann freute sich recht herzlich, wie er hörte, dass Xaver der
Welt absagen wollte, und wünschte ihm aufrichtig Glück dazu. Terese musste
versprechen, ihn mit ihrem Bruder, eh er weggienge, noch einmal zu besuchen. Den
folgenden Morgen traf sie Xavern allein auf seinem Zimmer, als er eben das Leben
des heiligen Franciscus vor sich aufgeschlagen, und das Blatt von P. Anton
daneben liegen hatte.
    Ey, guten Morgen, Herr Pater! sprach sie lächelnd; Immer so fleissig? Und was
studieren Sie dann, wenn ich fragen darf? ... Im Leben des heiligen Franciscus.
War das auch ein Klosterherr? oder wohl gar auch ein Kapuziner?
    Xaver. Freilich, unser Ordensstifter, Terese! Ein gar herrlicher und
heiliger Mann.
    Terese. So? Ja, was weiss ich auf unserm Dorfe hier? Da erfährt man nichts
dergleichen.
    Xaver. Du solltest's aber wissen! Könntest viel von ihm lernen! So gibts
wenig Leute!
    Terese. Nu, Nu! ich werde doch ohn ihn selig werden können? Meinst du
nicht?
    Xaver. Geh! du sprichst auch gar zu leichtsinnig! Kannst dergleichen Dinge
nicht begreifen.
    Terese. Ja, das glaub ich gerne. Aber nur nicht gleich so böse, Bruder! Das
hast du doch im Kloster nicht gelernt? Sei ein bisschen freundlich, Xaver!
    Xaver. Herzlich gerne, liebe Terese! Nimm mirs nicht übel, wenn ich dich
hart anfuhr! Ich war da so vertieft im Lesen, und habs warlich nicht so bös
gemeint.
    Terese. Gut, gut! Wer wird auch gleich alles übel nehmen? und zumal dir?
Ach, du weist nicht, wie ich dich so lieb habe, Bruder! - Und du wolltest uns
verlassen? Gelt das war dein Ernst nicht? Bleib nur in der Welt! Sie ist so gut,
und die Menschen drinn sinds auch.
    Xaver. Das kann wohl sein, Schwester! Aber mir ists Ernst; ich muss ins
Kloster.
    Terese. Und warum denn, lieber Xaver? Kennst du auch die Welt und das
Kloster, das du drum eintauschen willst? Ich seh, dass es dir Ernst ist, und muss
einmal offenherzig mit dir reden, wenn du nichts dagegen hast.
    Xaver. Was dagegen? Sprich nur frei heraus! Du tust ja ganz fremd gegen
mich.
    Terese. Nun, so hör denn an! Was ich sage, sag ich bloss um deines Besten
willen, und weil ich dich so lieb habe. Sieh, ich kenn das Klosterleben auch;
habs zwei Jahre lang versucht und da kann ich aus Erfahrung reden. Ansangs
gefiel mirs auch wohl; ich glaubte schon im Himmel zu sein, und wollte nichts
mehr von der Welt wissen. Da war lauter Eintracht und Liebe. Man hörte nichts,
als: liebe Schwester! Engelsschwester! und dergleichen. Man küsste sich des
Morgens, wenn man ausstand, ging mit Küssen auseinander. Ich einfältiges
Mädchen dachte, das ist immer so; der Friede muss wohl aus der Welt ins Kloster
gezogen sein und bedaurte, dass ich nicht schon länger mich drein begeben hätte.
Aber nach etlichen Wochen, da ich nicht mehr neu im Kloster war, giengs ganz
anders. Erst entstunden bei Tische kleine Neckereien; eine Nonne zog die andre
auf, man verantwortete sich; ward böse; die Aebtissin winkte; das half eine
Zeitlang; aber, wenn sie weg war, giengs gleich wieder an, und oft entstand ein
solcher Zank, dass die Schwestern weinend auseinander giengen. Du solltest's
nicht glauben; aber es ist mehr Eifersucht und heimliche Feindschaft da, als
anderswo. Mir begegnete man zwar sehr freundlich, und den andern Kostgängerinnen
auch, aber das hat seine Ursachen; so wie man dir auch freundlich begegnet hat.
Man muss eine bittre Arzenei überzuckern, wenn sie hinunter soll; wo würden neue
Schwestern und Brüder herkommen, wenn man sie gleich anfangs alles Harte fühlen
liess? Soviel weiss ich, mich sollen sie gewiss nicht ins Kloster kriegen, wenn man
mirs auch noch so golden abmalte! - - Glaubst du denn die Ruhe, und innere
Zufriedenheit der Seelen wohne da? Ja, so dacht ich auch! Aber ich sah wohl, wie
so manche Nonne Morgens aus der Zelle schlich, mit verweinten Augen, die die
ganze Nacht keinen Schlaf gesehen hatten. Glaub mir, Bruder, es ist traurig,
zwanzig oder dreissig Frauenzimmer zu sehen, die zum Teil noch jung sind; wie
sie, mit halbverloschnen Augen, mit abgebleichten, eingefallnen Wangen, da
stehen; ihren Psalm absingen; und dann einen Blick zum Himmel aufheben, der, im
tiefsten Ausdruck des Schmerzes, keine andre Wohltat, als den Tod herabzuflehen
scheint; Glaub mir, das ist traurig, Bruder!
    Und wenn man erst in die Zellen kommt, wo sie ihren Tränen freien Lauf
lassen können; wenn sie da den Schleier aufheben, der noch halb das traurige
Gesicht bedeckt hatte! Bruder, das ist gar nicht zu beschreiben, was man da
fühlt! Die heilige, keusche Brust, die nur ihren Seelenbräutigam eingeschlossen
haben sollte, wird so oft von unwillkührlichen Seufzern emporgehoben, die einem
ganz andern Gegenstand geweiht sind. Der Mensch bleibt Mensch, in der Zelle, wie
in der Welt! Da gibts innre Kämpfe! Die armen unschuldigen Opfer verdammen sich
und ihr Gefühl, fasten und kasteien sich, und ringen oft mit der Verzweiflung.
Glaub! ich übertreibe nichts; bloss Erfahrung hat mich das gelehrt. Eine junge
Baronessinn, ohngefähr in meinen Jahren, oder höchstens zwei und zwanzig Jahr
alt, hat mich zur Vertrauten ihres Jammers gemacht. Wenn ich an den Abend denke,
wie sie mir im Mondschein ihre Geschichte erzählt hat, das Herz blutet mir. Ein
Junker aus ihrer Nachbarschaft liebte sie; sie ihn auch; Er versprach ihr die
Heirat, und die Eltern von ihrer Seite warens ganz zufrieden. Weil er Officier
bei den Baiern war, so musst er mit seinem Regiment zu der Reichsarmee. Er nahm
zärtlich von ihr Abschied, versprach, ihr zu schreiben, und schickte ihr auch in
den ersten zwei Monaten fünf Briefe. Auf einmal blieben sie aus. Sie wartete
drei, vier Wochen; war in steter Angst, weil sie nicht wusste, ob er lebendig
oder todt sei? fiel in eine Krankheit; phantasirte, nannte nichts als ihren
Bräutigam, und lag so vierzehn Tage lang. Als sie wieder zu sich selber kam, war
ihre erste Frage: ist ein Brief da? Man konnte nicht mit Ja antworten, weil sie
gleich den Brief gefodert hätte, und wollte doch nicht nein sagen; sie merkte
es, phantasirte wieder, schlug sich wütend vor die Brust, und der Arzt besorgte
eine gänzliche Zerrüttung ihres Verstandes. Sie erzählte mir Gesichte, die sie
in diesem Zustande gehabt hatte, dass mir Grauen ankam. Man sann auf eine List,
ihr zu helfen. In einem derer Augenblicke, da sie bei sich selber war, erzälte
der Arzt: Man habe Nachricht von dem Lieutenant, dass er in einem Scharmützel in
den rechten Arm sei geschossen worden, nun sei er aber ziemlich wieder
hergestellt, und hoffe, bald wieder schreiben zu können. Die Nachricht davon sei
an seine Eltern gekommen, und er habe sie zugleich zärtlich grüssen lassen!
Diese Erdichtung half mehr, als alle Arzenei. Der Rückfälle in die Phantasie
wurden weniger, ihr Auge war nicht mehr so wild, und blickte ruhiger umher. Ihre
Kräfte kamen wieder, und nach vierzehn Tagen war sie in so weit wieder
hergestellt, dass ihr der Arzt anriet, auszufahren. Zweimal wurde sie von ihren
Eltern begleitet; das drittemal fuhr sie allein mit ihrem Kammermädchen ...
Fahrt zum Baron Steinburg nach Wettenheim! rief sie zum Kutscher, als sie auf
dem Feld war. Das Kammermädchen erschrack, und misriet ihrs; Es sei zu weit;
könn' ihr schaden u.s.w. Nichts! Sie wollte von den Eltern ihres Teodors selbst
erfahren, was er mache, und ob er wieder hergestellt sei? - Was macht Er? Lebt
Er? ist er wohl? rief sie zu der Baronessinn, als sie aufs Schloss kam. - Wer
denn, gnädiges Fräulein? was wollen Sie? - - Mein Teodor, ihr Sohn; Ist er
wohl? - - Ihr Teodor, Fräulein? Wissen Sie denn nicht, dass er sich vor einem
Vierteljahre schon in Schlesien verheiratet hat? - Verheiratet! Ihr Sohn? Mein
Teodor? Und so flog sie wieder in den Wagen, wo sie ohnmächtig in die Arme
ihres Kammermädchens sank. Der Kutscher fuhr fort, ohne etwas davon zu wissen.
Erst vor dem Dorfe draussen hielt er, auf das Schrein der Kammerjungfer. Durch
vieles Reiben der Schläfe und den Geruch des Englischen Salzes ward das Fräulein
wieder so weit gebracht, dass sie die Augen aufschlug. Mit starrem Blick, und
Verzuckungen des Mundes sass sie da, ohne sonst sich zu bewegen. Als man über
eine Flussbrücke fuhr, machte sie eine Bewegung, als ob sie den Schlag an der
Kutsche öfnen, und ins Wasser springen wollte; aber, als ihr Kammermädchen sie
hielt, blieb sie wieder unbeweglich sitzen. Sie kam nach Hause, lief die Treppen
hastig hinauf, und rief ihrer Mama, die oben stand, zu: Er ist verheiratet! -
Drei Wochen flossen unter den kläglichsten Umständen für meine Freundinn hin.
Sie sagte nichts, als: Teodor! und: verheiratet! - Nach einem Vierteljahre
ward sie wieder besser, und verlangte ins Kloster. Die Eltern wagten's nicht,
ihr zu widersprechen. Nach dem Probjahr legte sie das ewige Gelübde ab. Man
durfte nicht mit ihr von Teodor sprechen; sie verfluchte ihn, wenn sie seinen
Namen hörte, und weinte dann wieder ganze Nächte durch! Vor drei Jahren kam
Teodor zurück; wollte seine Braut sprechen, der er immer treu geblieben war;
hörte, sie sei im Kloster; rannte zitternd hin, kam ans Gitter, sprach sie, und
fiel zugleich mit ihr in Ohnmacht. Man brachte ihn ins Wirtshaus, da erzälte
ein unvorsichtiger Bedienter alles, und besonders, dass seine Mutter ausgesprengt
habe: Er sei verheiratet. Nach einer schrecklichen Nacht, die er unter tausend
Kämpfen zugebracht hatte, ritt er mit verhängtem Zügel nach dem Schloss seines
Vaters; foderte, die Mutter zu sprechen, und durchstach sie mit dem
Officiersdegen. Seitdem weiss man nichts von ihm, wo er hingekommen ist? Ein
einzigsmal glaubte man ihn bei Nacht im Klostergarten gespürt zu haben. Es stund
jemand unten an der Zelle meiner Freundinn, und sprang davon, als eine Nonne aus
dem Fenster sah. Sie schmachtete noch ein Jahr ihr Leben hin, sah einem
Todtengerippe ähnlicher, als einem Menschen, sprach selten, und allein mit mir,
wenn ich bei ihr in der Zelle war. Ein einzigesmal hatte sie Kraft genug, mit
mir von ihm zu sprechen, und mir die ganze Geschichte zu erzählen. Sie beschloss
damit: »Geh nicht ins Kloster, Herzensfreundinn, was dir auch begegnet! Mitten
in meinem Elend war ich in der Welt noch glücklicher, wo ich doch Freunde
hatte!« Drei Wochen nach diesem starb sie. Ihr letztes Wort war: Jesus, stärk
Ihn! - - Du bist gerührt, Xaver! Glaub mir, Bruder, solche unglückliche Seelen
gibts im Kloster noch genug. Es ist ein Sammelplatz von Elend. Die meisten hat
das Unglück hineingetrieben; und nun kommt die Reue noch hinzu. Ich wüste nicht
Eine Nonne, wo ich war, die ihren Entschluss nicht bereut hätte, wenn sies gleich
nicht sagte. Verdruss, Schwärmerei, Eigennutz der Eltern und Verwandten, und
Uebereilung sinds allein, die das Kloster füllen; diese haben ihre Gränzen,
hören wieder auf; aber das Gelübde, Einmal ausgesprochen, ist ewig unauflöslich.
    Xaver. Das ist schon recht, Terese, du sprichst hier von Nonnenklöstern,
und da weiss ich nichts davon, hab mich auch niemals drum bekümmert, aber bei uns
- - -
    Terese. Nun? ists bei euch wohl anders? Seid ihr denn nicht auch Menschen,
wie wir? Habt ihr nicht anuch Fleisch und Blut? Bei Euch, denk ich, sollt's noch
ärger sein, da ihr die Freiheit mehr gewohnt seid, stärkere Leidenschaften habt,
und euch weniger schmiegen könnt, als wir. Wir müssen uns so vieles in der Welt
gefallen lassen; sind an Unterwerfung und Gehorsam schon von Jugend auf gewöhnt;
leben immer einsamer, als ihr, und sind oft ganze Wochen lang zwischen unsre
vier Wände eingesperrt, da ihr indessen volle Freiheit habt, in der Welt
anzufangen, was ihr wollt. Von uns sollte man weit eher denken, dass das Kloster
für uns wäre, und doch ists nicht.
    Xaver. Gut, Schwester! Aber das must du doch auch sagen, dass zwischen Manns-
und Nonnenklöstern ein gar himmelweiter Unterschied ist. Ihr seid ewig
eingesperrt, und wir können zu gesetzter Zeit ganze Tage lang herumgehen; können
unter Menschen leben, wie vorher.
    Terese. Ja, das ist schon etwas; aber viel hast du nicht damit gewonnen.
Wenn Ein Unglück kleiner ist, als das andere, so bleibts deswegen immer noch ein
Unglück, dem man ausweichen muss, wenn man kann. Die Hauptsache bleibt doch immer
dieselbe; du must auch das Gelübde des Gehorsams, der Keuschheit und der Armut
beschwören; must Dinge beschwören, gegen die sich deine ganze Natur empört. Für
was gab denn Gott uns Freiheit, wenn wir sie nicht brauchen sollen? Warum schuf
er zweierlei Geschlechter, wenn sie sich durch Mauren von einander absondern
wollen? Und Geld und Gut sind doch auch Gaben Gottes; soll man sie verachten und
wegschmeissen, und von andrer Menschen Arbeit leben? Ich glaube nicht, Xaver,
dass das recht ist; und sich selber unglücklich machen, soll man auch nicht.
    Xaver. Du bist streng, Schwester, und von der Seite hab ichs noch nie
angesehen. Ja, wenn man sich ins Kloster einsperrt, und keinem Menschen dienen
will, als sich; dann, glaub ich, ist das Mönchsleben unverantwortlich; aber,
sieh, so, wie ichs habe kennen lernen, ist es ganz was anders. Ich hab dir
vorgestern vom P. Martin, und vom P. Gregor, und noch mehr vom P. Anton erzält,
was das für Leute sind. Da must du doch gestehen, dass sie hundertmal mehr Gutes
tun, als andre Weltmenschen.
    Terese. So viel mehr Gutes eben nicht; und dann sind das ausserordentliche
Leute, deren es wenig gibt, und die gewiss in der Welt eben so viel Gutes würden
ausgerichtet haben. Sieh nur unsern Papa an, wie der um die Menschen sich
verdient macht! Er hält das ganze Dorf in Ordnung, verschafft dem Fürsten seine
Abgaben, ohne dass die Bauern drunter leiden. Jedermann im Dorf hat ihn lieb, und
segnet ihn. Allen Armen, die es wert sind, tut er Gutes. Die selige Mama hat
er, wie sich selbst geliebt, und ihr diese Welt zum Himmel gemacht. Uns hat er
mit der grösten Sorgfalt fromm und christlich erzogen, dass wir gute Menschen
werden, und der Welt nützen können. Wir haben tausend Gutes von ihm gelernt,
tausend Wohltaten genossen, und geniessen sie noch täglich. Sag einmal, Bruder,
ist das nicht ein Leben, das wohltätig ist, und Gott wohlgefallen muss? (Xaver
weinte) Und so sieh jeden rechtschaffnen Hausvater hier im Dorf an, ob der nicht
auch tut, was er kann? Ob er nicht auch Segen in dieser und in jener Welt
einerndten muss, ohne eben ins Kloster zu kriechen?
    Xaver. Ich glaub aber, Schwester, dass ich mehr ins Kloster taug, als in die
Welt. Dass ich da mehr Gutes ausrichten kann, als anderswo. Gott weiss, dass ich
keine andre Absicht habe, als den Menschen so viel Guts zu tun, als in meinen
Kräften ist. Darauf hab ich immer gesehen. Und da kenn' ich für mich, keinen
Stand, in dem's besser angienge, als im Geistlichen. Was mein eignes Glück
betrift, so find ichs gewiss nirgends eher, als im Kloster.
    Terese. Und das ist eben, was ich fürchte, und weswegen ich mir deinetalb
so vielen Kummer mache. Ich glaube, dass du für nichts weniger bist, als für's
Kloster. So ein muntrer frischer Knabe, wie du bist; an dem alles lebt und
Bewegung ist; der soll da in einer finstern Zelle sitzen, wo der Mond und die
Sonne nicht hinscheint; soll ewig Ave Maria, und Rosenkränze beten; Psalmen
singen, und im Brevier lesen; soll mit alten mürrischen Leuten umgehen, die an
der Welt, die für dich so viel schönes hat, keine Freude mehr finden; soll sich
einem eigensinnigen Prälaten unterwerfen, und tun, was dem einfällt. Nein,
Bruder, das kann unmöglich für dich sein! Bedenk nur selber, wie dir zu Mute
ist, wenn du einmal bei schlimmem Wetter, oder wenn du krank bist, ein paar Tage
lang zu Hause sitzen must! Gleich fehlt dir's überall, bist vedriesslich und hast
an nichts keine Freude mehr. Was will nun das sagen, gegen eine ewige
Gefangenschaft, die erst mit dem Tod ein Ende nimmt? Ich bitte dich, Bruder, um
der Mutter Gottes, und um aller Heiligen willen, überleg's wohl! Ich kann dir
nichts einreden; aber raten will ich dir, und muss ich dir. Du weist, was ich
auf dich halte. Nach dem Papa hab ich keinen Menschen auf der Welt so lieb, wie
dich. Und ich sollte dich unglücklich sehen, da ichs doch hätte verhindern
können, - Sieh, wenn du geistlich werden willst, weil du glaubst so am meisten
Gutes tun zu können, warum wirst du nicht ein Weltgeistlicher, wie der alte
Pfarr, der gestern bei uns war? Der tut gewiss so viel Gutes, als ein Mönch im
Kloster. Wart, wir wollen heut gleich zu ihm gehen, und du sollst dich wundern,
was das für ein Mann ist! Ein Weltgeistlicher kann doch immer noch des Lebens
mehr geniessen, und glücklicher sein. - Nicht wahr, Bruder, du tust mirs zu
Gefallen, und besinnst dich?
    Hier nahm sie ihn bei der Hand, sah ihn lächelnd, und mit Tränen in den
Augen an. Xaver konnte sich nicht länger halten, fiel ihr um den Hals und
schluchzte. Schwester, sprach er, ich weiss nicht, was ich sagen soll? Ja,
besinnen will ich mich, das versprech ich dir; will nicht unbedachtsam handeln;
Nein, bei Gott nicht! Ich will alles überlegen; will zurückgehen, wenn ich kann;
kannst dich drauf verlassen. Lass mich nur allein, Schwester! dass ich weinen
kann, und mich besinnen!
    Sie ging weg und warf noch einen Blick auf ihn, der mehr sprach, als
hundert Worte. Xaver war in der äussersten Beklemmung. Nur noch ein paar Worte,
und er hätte ganz gewankt. Die Reden seiner Schwester giengen ihm tief ins Herz,
weil sie wahr waren, und er sie von Herzen liebte. Sie hatte Bedenklichkeiten in
ihm rege gemacht, an die er vorher niemals gedacht hatte. Nunmehr liess er seinen
Tränen freien Lauf, lief im Zimmer auf und ab, und rang die Hände. Was soll ich
tun? war sein einziger Gedanke. Noch unentschlossen warf er sich auf seinen
Stuhl, und da fielen ihm die Anmerkungen des P. Anton in die Augen. Auf einmal
war seine ganze Seele im Kloster; alles fiel ihm wieder ein, was ihn da so sehr
gerührt hatte. Er sah den P. Anton vor sich. Was wird der alte Mann sagen,
dachte er, wenn du so bald wieder wankelmütig würdest? Wie würd' er sich
betrüben? Auf einmal wäre seine Freundschaft und Liebe hin! - Solche, und
ähnliche Gedanken stiegen schnell und unvollendet in ihm auf. - - Nein, ich kann
nicht anders! Muss ins Kloster! rief er laut, und sprang von seinem Stuhl auf.
Seine Seele fühlte sich bei diesem Entschluss wieder ruhiger, die angenehmen
Vorstellungen vom Klosterleben stellten sich ihm wieder dar, und machten ihn
alles andre vergesssen. - - Das will ich tun, dachte er, und das kann ich auch;
ich will meiner Schwester versprechen, alles wohl zu überlegen, und vor ein paar
Jahren keinen gänzlichen Entschluss zu fassen. Find ich, dass sie in ihren
Besorgnissen Recht hat, dann kann ich immer noch ein Weltgeistlicher werden.
Aber sonst ists aus, und nichts kann mich davon abbringen! -
    Als er hierauf aus dem Fenster in den Garten, und seine Schwester drinnen
sah, ging er zu ihr hinunter, grüsste sie freundlich, und sagte ihr, dass er sich
so weit entschlossen habe, nicht bloss auf einen Mönch, sondern auch auf einen
Weltgeistlichen zu studieren, und vorjetzt sich weiter für nichts zu bestimmen;
mehr könne er nicht tun, so lieb er sie auch habe.
    Sie war es zufrieden, dankte ihm für seine Liebe, und sagte, er müsste
freilich am ersten seiner Einsicht und Ueberzeugung folgen; vorjetzt wollten sie
von der Sache nicht mehr sprechen, weil es doch nichts helfe. Sie wolle nun
sorgen, dass seine nötigsten Kleider in ein paar Tagen fertig würden, wenn er
ungefähr bald abreisen müsste. Das übrige könne man ihm leicht nachschicken, da
die Stadt ja nur sieben Stunden von ihnen entfernt liege.
    Auf den Nachmittag, sagte sie, gehn wir doch zu meinem lieben Prediger? - -
Recht gerne, Schwester, wir müssen doch die kurze Zeit, die wir noch beisammen
sind, recht nutzen.
    Nun giengen sie zu Tische. Es wurde viel von Xavers künftigen Einrichtungen
auf der Schule gesprochen, denn Terese hatte, noch vor dem Essen, ihrem Vater
gesagt dass sie im Wesentlichen nichts bei ihrem Bruder ausgerichtet habe, und
dass er sich den Entschluss, ein Geistlicher zu werden, nicht benehmen lasse. Nach
dem Essen, sagte sie, wollen wir, wenn Sies erlauben, nach Windenheim zu dem
Pfarrer gehen, dem wirs gestern versprochen haben, vielleicht kommt dem Bruder
das Amt eines Weltgeistlichen eben so angenehm und reizend vor, als das
Mönchsleben; es wäre für ihn doch immer besser, wenn er jenes dem andern
vorzöge. - - Als man abgegessen hatte, besorgte Terese noch einige häusliche
Geschäfte, und ging um 3 Uhr mit ihrem Bruder nach Windenheim. Auf dem Wege
dahin freuten sie sich der schönen Gegend, und der blühenden Jahrszeit; sie
riefen tausend angenehme Auftritte aus den Jahren ihrer Kindheit zurück;
versprachen sich, einander fleissig zuzuschreiben, und sich alle Heimlichkeiten
ihres Herzens zu entdecken. Xaver musste auch versprechen, übers Jahr in den
Ferien, seinen Vater und sie zu besuchen.
    Sie kamen nun ans Pfarrhaus; der Prediger, der eben im Fenster lag, kam
ihnen mit ungemeiner Freundlichkeit entgegen. Nun, meine Tochter, (so nannte er
Teresen) das heiss ich recht Wort gehalten! Seid mir tausendmal willkommen,
lieben Kinder! Setzt Euch, wenn ihr müde seid! Womit kann ich aufwarten? Sagt's
nur frei heraus, ob ihr lieber Wein, oder Kaffee wollt? Alles steht Euch hier zu
Diensten. Was beliebt euch?
    Terese. Nichts als frische Milch, wenn wir bitten dürfen. Sie wissen, Herr
Pfarrer, dass ich nicht um Essens und Trinkens willen zu Ihnen komme.
    Pfarrer. Nun ja; Milch sollt ihr nachher auch bekommen, wenn wir ins
Gärtchen gehen. Susanne! (zu der Haushälterinn) mach sie nur indessen eine
Schaale Kaffee! - Und wie stehts denn zu Hause? der Papa ist doch gesund?
    Xaver. Ja; Er lässt sich Ihnen empfehlen, Herr Pfarrer!
    Pfarrer. Vielen Dank, junger Herr! Nun, in ein paar Tagen wirds wohl
abgehen, in die Stadt? Ja, ja! Gott segne seinen Entschluss! Und lass den Papa
Freud an ihm erleben!
    Terese. Aber, Herr Pfarrer, ich hab heute noch mit ihm drüber gesprochen.
Glauben Sie nicht auch, dass er besser täte, wenn er ein Weltgeistlicher würde,
und so etwan einmal als Pfarrer in unsre Nachbarschaft käme? Das Kloster, fürcht
ich, taugt nicht für ihn, oder er nicht für's Kloster.
    Pfarrer. Meine Meinung wär's freilich auch, Jungfer Terese. Aber in
dergleichen Dingen lässt sich nicht gut raten. Die Klosterherren sind selten
gute Freunde von uns, ob sie uns gleich das Geld für's Messlesen hundertmal
wegschnappen; und da könnt mirs nur übel ausgelegt werden, wenn ich ihm davon
abriete. Ich möchte gern das Bischen Jahre, das ich noch zu leben habe, im
Frieden hinbringen, dass man nicht nach meinem Tode sagte, ich habe mich mit
niemand vertragen können. Werd er nur ein frommer Mann, dann ists einerlei, wie
sein Kopf geschoren ist, halb oder ganz! Und er kann sich ja auf der Universität
immer noch besinnen, welche Weihe er annehmen will? Es gibt im Kloster brave
Leute, Jungfer, wie bei uns, und auch schlimme. Wenn er sich nur in die Regel
schicken kann, das ist das Hauptwerk, und da muss er sich am meisten drüber
prüfen! - - Da hab ich eben eine traurige Nachricht gekriegt. Mein Bruder in
Burgau ist gestorben, und hinterlässt sechs vater- und mutterlose Waisen. Ich
habs zwar schon immer im Sinn gehabt, dass ich für sie sorgen will; und das
Bischen Vermögen, was ich von meinem Einkommen zurückgelegt habe, fällt ihnen
zu; aber was hilft Kindern Geld und Gut, wenns an der Erziehung fehlt? Man weis
schon, wie's bei fremden Leuten geht. Nun, nun, Gott wird sich ihrer auch
annehmen; er ist doch der rechte Vater. Nun ist niemand mehr von uns übrig; wir
waren fünf Geschwister, und sind alle weggestorben, bis an mich, ob ich gleich
immer der schwächlichste unter ihnen war. Aber hätt ich auch nicht so ordentlich
und mässig gelebt, ich wäre längst nicht mehr da. Kinder! ich sag immer: Ordnung,
und Mässigkeit ist die beste Arzenei! Lasst euch das zur Regel dienen, und ihr
werdet mit Freuden alt. So hat man sich nichts vorzuwerfen, wenn der Tod kommt.
Ich habs Gottlob! bei meinen Bauern auch so weit gebracht, dass man selten einen
aus meinem Dorf betrunken sieht, und Sonn- und Feiertags beim Wirtshaus
vorbeigehen kann, ohne das ärgerliche Gejuchz zu hören. - - Ist der Kaffee schon
fertig, Susanne? Nun, meine Kinder, lassts Euch belieben! Zu meiner Zeit war das
freilich auch nicht; Aber, andern Leuten zu gefallen, muss man schon so etwas mit
machen. Nur immer mässig! sag ich, und zu seiner Zeit! Das hat mir immer am
Klosterleben wohl gefallen, dass da alles so ordentlich hergeht. Wenn nur alle
folgen wollten! - - Tabak rauchen tut er wohl noch nicht, Xaver? Es ist auch
nicht nötig; fang ers nur nicht an! Im Kloster muss ers doch wieder aufgeben. Ich
wär nie dazugekommen, wenn man mirs nicht einmal des Zahnwehs wegen angeraten
hätte; und da blieb ich eben so dabei, weil mir's taugte. Täglich eine Pfeife;
mehr nicht! Heut rauch ich, um des Kaffees willen, zwei. - - Schenk sie ein,
Susanne! Sie kanns besser machen, als ich. So? Sie trinkt viel Milch, Jungfer
Terese? Das ist recht; ist auch viel gesünder. Was macht denn P. Anton im
Kloster, junger Herr? Ist er wohl auf? Das ist ein braver Mann. Ich seh ihn gern
in meinem Dorf, weil er die Bauern auch zur Mässigkeit, und andern christlichen
Tugenden anhält.
    Xaver. Er befindet sich recht wohl, Herr Pfarrer, das ist gar ein heiliger
Mann.
    Pfarrer. Weiss wohl. Bin mit ihm auf Schulen gewesen, und hab ihn immer gern
gehabt. - - Nun, wenn ihr getrunken habt, so gehn wir, denk ich, in den Garten.
Es ist gar zu schön, wenn alles so um einen her blüht! Man wird wieder mit den
Bäumen jung. Sie muss doch meine Einrichtungen sehen, Jungfer Terese, die ich
dieses Jahr in meinem Garten gemacht habe. Mich dünkt, es wird ihr gefallen; Sie
versteht es.
    Terese. Ja! Herr Pfarrer, wenns Ihnen gefällig ist, so gehen wir. In der
frischen Luft ists jetzt am Besten, und in Ihrem Garten kann man immer etwas
lernen.
    Sie gab ihm mit der liebenswürdigsten Ungezwungenheit die Hand, und ging
über den Hof nach dem Garten hin; Xaver folgte nach. Hier, meine Tochter, sagte
er, gleich beim Eingang ins Wurzgärtchen, seh sie, wie die Apricosen- und
Pfirsichbäume geblüht haben! Die Frucht setzt schon an, und wenns der liebe Gott
vor Frost oder Hagel bewahrt, so werden die Bäume tragen, dass sie brechen
möchten. O sie hätt es sehen sollen, wie die Blüte so gar herrlich war, dass man
kaum das Auge davon wegwenden konnte! Mitten in der Nacht konnt' ich noch an
meinem Fenster die Apricosenblüte durchschimmern sehen, und da überdacht ich,
wie der liebe Gott so gut ist, dass ein Baum erst durch seine Schönheit das Auge,
und dann noch durch seine Frucht den Gaumen weiden muss. Wenn dann der Abendwind
durch die Blüten säuselt, und den süssen Geruch mir zuweht; dann ist mirs oft,
als fühlt ich Gottes Gegenwart leibhaftig, und müsst mich schnell vor ihm
niederwerfen und anbeten! O es ist ein herrlich Ding um die Welt! Alles ist so
schön, und jeder Monat hat seine eigne Schönheit, aber doch der May am meisten!
- - Da seht mir nur Wundershalb den Kirschbaum an! Ists nicht, als obs Ein
Strauss wäre, da man kaum das Laub dran sieht! Hier in den Einfassungen hab ich
Blumen hingepflanzt, sieht sie; es ist ganz was neues. Vorher war alles
Krautland; aber, dacht ich, man muss doch auch etwas Augenlust haben; und da hat
mir des Barons Gärtner Tulpen- und Narcissenzwiebel, auch Aurikeln und gelben
Lack geschenkt. Mit den Tausendschönchen hab ich da die Beeten eingefasst, weil
sie jeden Monat neu blühen. Da hab ich nun so meine Freude, nach dem
Mittagsessen, oder Abends in der Kühle, dass ich nach den Blumen sehe, sie wart'
und sie begiesse. Jedes Stöckchen liegt dann meinem Herzen näher; jedes kenn
ich, und seh täglich, wie's heran wächst, und zunimmt! Es ist sonderbar; aber
nicht wahr? man hat alles so lieb was man selbst pflanzt, und heran zieht?
    Terese. Ja wohl, Herr Pfarrer, mir gehts eben so; und wenn mir eine Blume
welkt, oder vom Wurm verdorben wird, da bin ich so traurig, als ob ich, weis
nicht was? verloren hätte.
    Pfarrer. Recht, Jungfer Terese! Da hab ich denn so meine Gedanken, was der
liebe Gott für eine Freud und Glückseligkeit empfinden muss, unter dessen Augen
und durch dessen Sorgfalt Menschen, Tier und Pflanzen so heranwachsen und
gedeihen! Da ist mir denn so wohl, bei dem Gedanken, dass ich weinen muss. Lieben
Kinder, man ist so selig, wenn man sich Gott in der Nähe denkt, und lernt sein
Vaterherz immer mehr kennen. Warlich für den Gebrauch unsrer fünf Sinne können
wir Ihm nie genug danken. Durch sie wird man am meisten mit ihm bekannt; mit dem
Verstand geht's viel zu langsam. - - Seht ihr, wie der Salat schon so kopficht
wird! Das ist Abends mein rechtes Labsal, wenn's so heiss ist, und ich mich mit
einem Gericht davon abkühlen kann.
    Terese. Ey der Tausend! Ihre Erbsen sind ja schon so hoch; sie blühen bald.
    Pfarrer. Ja, Jungferchen, das sind Zuckererbsen, aus des Barons Garten. Die
hab ich auch selbst gepflanzt. Auf den Herbst kann ich ihr wohl auch Körner davon
geben, sie muss sie aber weit auseinander stecken, weil sie starkes Kraut geben.
Und was sagt sie denn zu meinen Kartoffeln? Kommen die nicht schön heraus? Man
dürfte wohl mehr bei uns pflanzen, weil's ein kostbar Essen ist, und einem recht
aushilft, wenn Gott einen Miswachs beim Getraide schickt. Ich hab auch meinen
Leuten schon viel gegeben, und sie pflanzen's häufig. Die armen Leute könnten
manches besser einrichten, wenn mans ihnen nur sagte, und sie mit Rat
unterstützen wollte.
    Xaver. Ja, so machts der Pater Anton, der lehrt die Bauern allerlei
Handgriffe beim Ackerbau.
    Pfarrer. Brav! brav! Gott segn' ihn dafür! Ich sag immer, man muss für den
Leib, wie für die Seele sorgen, wenn man ein rechtschaffner Pfarrer sein will;
denn was ist die Seel' ohne den Leib? - Mit den Cichorien hier will ich eine
Probe machen. Man rühmt so viel davon, dass sie einen herrlichen und gesunden
Trank geben. Wenn das ist, so brauchen wir nicht so viel Geld ausser Lands zu
schicken, zumal da der gewöhnliche Kaffee für uns gar nicht gesund ist. - Da
seht einmal den herrlichen Apfelbaum! Sieht er nicht aus, wie das liebe
Morgenrot? Mein Gott! Die Augen vergehen einem, wenn man ihn lange ansieht. Und
wie süss er duftet! - - Da leben nun von Einem Baum tausend Würmchen, Käfer, und
Bienen, die sich ihres Daseins freuen, und im Duft herumtaumeln; und hintennach
haben wir den vollen Segen davon einzuerndten. Hier im Baumgarten hab ich nun
mein rechtes Leben; da gibts immer was zu tun; Raupen abzunehmen, nach der
Wurzel und dem Stamm zu sehen, dass er nicht brandig wird; Zweige einzuimpfen,
und im Herbste säg ich die verdorrten, oder überflüssigen Aeste ab, um den andern
Luft zu machen. Da verschaff ich mir Bewegung, und erhalte mich gesund. So kann
man sich das Landleben angenehm und unterhaltend machen, dass man sich nie nach
der Stadt sehnt. Jungfer Terese weis das wohl.
    Terese. Ja, Herr Pfarrer, das ist wahr; in der Stadt möcht ich auch nicht
leben. O Sie hätten gestern unsern Garten sehen sollen, wenn's noch Zeit gewesen
wäre! Da blüht alles auch so voll. Der Apfelbaum an des Papa Zimmer ist
besonders schön. Man glaubt, er sei überschneit, so weiss ist er. Und der
Zuckerbirnbaum; schöners kann man gar nicht sehen ... Ey, da kommt ja ein
Bauernmädchen hergewackelt! Was das Kind für schöne blaue Augen hat; und so ein
offenes Gesicht!
    Pfarrer. Das ist meines Nachbars Mariekchen; da hab ich so meine Freude mit,
und spiele manchesmal mit ihr. Ich kann mir nichts liebers denken, als so ein
kleines unschuldiges Geschöpf, wenn's so eben zu sprechen anfängt. Alles ist so
natürlich, und so unverdorben! - - Komm, Mariekchen! Küss das Händchen von der
Jungfer, da! Darfst dir nicht fürchten; Sie hat die Kinder auch lieb. Komm!
verneig dich schön! - So!
    Und nun nahm der liebe Mann das Kind auf den Arm; küsste und herzte es, brach
ihm Blumen aus dem Gras ab; nahm sein Händchen in den Mund; das andre war um
seinen Hals geschlungen. Hielts Teresen und Xavern hin, dass sie's küssen
sollten; liess es laufen, und aus Scherz halb fallen; dann schenkt' er ihm einen
Kreuzer, als es gehen wollte, und führte es bis an die Türe. Xaver und Terese
lächelten einander zu, und freuten sich über die schöne Herablassung des
ehrlichen Alten, und als er von der Gartentüre wieder zurückkam, sagte
    Terese. Es ist Jammerschade, Herr Pfarrer, dass sie nicht auch Kinder haben!
Sie würden durch ihre Liebe lauter Engel aus ihnen machen.
    Pfarrer. Das ist lang mein Kummer gewesen, Jungfer Tereschen! Aber, lieber
Gott, wir dürfen ja keine Kinder haben. Uns armen Leuten hats die Kirche ja
verboten. Es ist freilich hart; aber in die Ordnung muss man sich nun einmal
schicken. Ich tröste mich mit meinen Untergebenen, dass ich die durch Lieb und
Treue zu meinen Kindern mache. Wer weis, obs mein Glück gewesen wäre, wenn ich
eigne Kinder hätte? Man ist oft auch sehr unglücklich mit. Ha, ha! da bringt
meine Susanne Milch!
    Wollen wir nun in die Laube gehen, und sie dort essen?
    Sie giengen mit einander hin. Terese rieb den Zucker und das Brod, und
streute es über den Milchrahm her. Sie assen so vergnügt, wie eine Familie der
Erzväter. Terese sass in ihrem Sonnenhütchen da, und würzte die Kost durch ihre
Freundlichkeit und den heitern Scherz. Der alte Prediger war so munter, wie ein
Jüngling. Xavers Seele war voll Ruhe und voll süsser Wehmut. Niemand hatte die
glückliche Gabe mehr, wie Terese, sich in einen jeden Charakter zu schmiegen,
und seine Aufmerksamkeit zu erhalten, ohne eitel zu sein, oder ihre Grundsätze
zu verleugnen. Sie war frölich bei den Frölichen; heiter bei den Heitern; ernst
und aufmerksam bei gesetztern oder ältern Leuten, und erhielt dadurch die
Zuneigung aller. Es war ein angenehmes Schauspiel, mit welcher Kentnis und mit
welchem ganzen herzlichen Anteil sie sich mit dem Prediger von lauter Dingen
unterhielt, die Ihm wichtig waren, wie sie sich nach seinen Pfarrkindern, nach
seinen Verwandten, nach seinem Zehenten, und besonders nach der Einrichtung
seines Obst- und Wurzgartens erkundigte; mit welcher Lehrbegierde sie ihn hörte;
wie angenehm sie ihm kleine Geschichten aus der Haushaltung und der benachbarten
Gegend erzälte! Der alte Mann unterhielt die beiden mit der treuherzigsten
Laune; mischte allerlei gute Lehren in seine Reden mit ein, und freute sich der
Aufmerksamkeit, mit der ihm die beiden zuhörten.
    Abends, als sie zurückgingen, begleitete er sie noch vors Dorf hinaus;
drückte Teresen die Hand, und wünschte Xavern noch einmal von Herzen Glück zu
seinem Vorhaben.
    Die beiden Geschwister teilten sich ihre herzliche Freude, und ihr
Wohlgefallen an dem Betragen des ehrlichen Landpredigers mit. Du siehst nun,
Bruder, sagte Terese, wie man in allen Ständen, und besonders auch in diesem,
Gutes tun kann! Was kann reizender sein, als das Leben eines Mannes, dessen
ganzes Dorf gleichsam eine einzige Familie ausmacht, weil er ihrer aller Vater
wird. Der brave Pfarrer hat noch tausend gute Eigenschaften, die man nur nach
und nach, und gleichsam beiläufig erfährt. Er gibt seinen Bauern guten Rat,
wenn sie einen Prozess anfangen wollen. Er misrät es ihnen, und versöhnt sie
miteinander. Wenn sie krank sind, kommen sie zu ihm, klagen ihm ihre Not, und
er schreibt ihnen Gesundheitsregeln vor, oder teilt ihnen einfache und
unschädliche Arzeneien mit. Sieh, so ein Mann könntest du auch werden, wenn du
wolltest.
    Xaver. Das kann ich im Kloster auch, wie der Pater Anton. Aber ich versprech
dir doch, Schwester, dass ich mich noch recht bedenken, und zu nichts
entschliessen will, bis ich alles streng geprüft habe. Die Zeit ist noch lang
bis dahin; wer weis, was noch alles dazwischen vorfällt?
    Terese. Nun, wenn das ist, Xaver, so will ich mich beruhigen; und jetzt
auch nicht weiter davon reden.
    Sie war auch wirklich seit der Zeit seinetalben weit ruhiger, und hoffte
gewiss, dass ihr Bruder sich noch anders bedenken, und vom Klosterleben abstehen
werde. Jetzt kamen sie, beim schönsten Abendrot, das den halben Himmel färbte,
bei ihrem Vater wieder an; assen in der Laube, und erzälten ihm, mit rührender
Einfalt, was sie bei dem Prediger gesehen und gehört hätten; wie er so ruhig und
vergnügt mit seinem Gott und der ganzen Welt lebe, und was er für schöne
Einrichtungen in seinem Garten gemacht habe. Der Vater stimmte mit in das Lob
des braven Mannes ein, und sagte, dass seine liebe Terese auch viel Gutes von
ihm gelernt habe. Sie lächelte, schlug die Augen nieder, und ward rot.
    Den andern Morgen kam ein Bote aus der Stadt und brachte einen Brief vom
obersten Professor an der Piaristenschule. Das Schreiben war, aus Achtung für
die Kapuziner, die den jungen Siegwart empfohlen hatten, sehr gütig abgefasst. Er
könne gleich eintreten, und in ihre Schulen kommen; sie versprachen ihm treuen
Unterricht, und väterliche Aufsicht. Der alte Siegwart würde finden, dass sie
seine Stelle bei seinem Sohn so viel als möglich zu vertreten suchen würden,
u.s.w. Sie liessen Xavern auch besonders grüssen, und ihn ihrer Liebe
versichern. Besonders werde sich P. Philipp, der im Kloster einen Bruder habe,
seiner treulich, und noch ganz besonders annehmen.
    Der Vater antwortete, dass sein Sohn in zwei Tagen nach der Stadt kommen
werde. Xaver freute sich auf die Veränderung, und brannte recht vor
Lehrbegierde, um sich nur bald zu einem geistlichen Amt tüchtig zu machen.
Terese war traurig, weinte in der Stille, und machte die nötigen Einrichtungen
zur Abreise. Karl freute sich heimlich in der Seele, dass er nun bald eines
Bruders los werden sollte, auf den der Vater so viel hielt, den seine Schwester
über alles liebte, und von dem er fürchtete, der Vater möchte, zu seinem
Nachteil, nur zu viel an ihn wenden. Wilhelm war alles gleichgültig, und er
wusste nicht einmal, wann sein Bruder abgehen würde?
    Der alte Siegwart sagte seinem Sohn, in drei oder viertehalb Jahren könn'
er, wenn er's nicht am gehörigen Fleiss fehlen lasse, sich auf der Schule die
nötigen Kenntnisse erwerben, um auf die Universität zu gehen. Dort könn' er dann
auch drei bis viertehalb Jahre bleiben; indessen sei er zwanzig Jahr alt,
welches, wenn er noch Lust dazu bezeuge, gerade die Zeit sei, in der es einem
Jüngling frei stehe in einen Orden zu treten. Er fügte noch viel gute Lehren,
und dringende väterliche Ermahnungen hinzu, Gott getreu und rechtschaffen zu
bleiben, sich vor Verführungen zu hüten, und seine Zeit und Geld wohl
anzuwenden. Xaver versprachs mit Tränen, und mit einem tiefbewegten Herzen; er
ging auf sein Zimmer, brach in einen Strom von Tränen aus über seines Vaters
Zärtlichkeit und gütige Gesinnungen; ging heftig auf und ab, und betete laut,
dass ihn Gott in seinen guten Vorsätzen unterstützen, und den Lehren seines
Vaters immer treu erhatten wolle!
    Den andern Tag brachte er gröstenteils in der Gesellschaft seiner Schwester
zu, die seine Sachen vollends in Ordnung brachte, weil der Koffer den Abend noch
gepackt werden musste, um den andern Morgen mit Anbruch des Tages mit dem Wagen
abzugehen. Ihre Unterhaltung war traurig, und oft schwiegen sie halbe Stunden
lang, so viel sie sich auch noch zu sagen hatten. Sie schenkte ihm zum Andenken
einen Geldbeutel, den sie selbst gestrickt hatte, damit er sich fein fleissig
ihrer erinnern möchte. Das Versprechen, sich recht oft zuzuschreiben, wurde noch
einmal feierlich erneuert. Anfangs wollte er gar nicht zu Bette gehen, um nur
seine Terese recht zu geniessen; aber der Vater widerriet's, weil er Ruhe
nötig habe. Der alte Siegwart hätte seinen Sohn gern begleitet, aber
unaufschiebliche Geschäfte, und weil der andre Tag ein Gerichtstag war, hielten
ihn zurück. Sie blieben bis um eilf Uhr auf. Xaver bat seine Schwester, morgen
früh liegen zu bleiben. Aber sie tat ganz böse, dass er ihr so etwas zumuten
wollte. Wie könnt ich das verantworten, sagte sie, wenn ich nicht von meinem
liebsten Bruder Abschied nähme? Wer weiss, setzte sie mit Tränen in den Augen
hinzu, wann wir uns wiedersehen? Nein, Bruder das gienge mir mein Lebtag nach!
Fodre so was nicht von mir!
    Sie giengen zu Bette. Um vier Uhr, als der Himmel schon ganz rot war, und
der Morgenstern noch allein da stand, wurde Xaver vom Bedienten geweckt. Er zog
sich hurtig an, und war ungewöhnlich traurig. Terese kam in ihrem weissen
Negligee, mit blassen Wangen und verweinten Augen zu ihm, sie fiel ihm um den
Hals und küsste ihn; sprechen konnte sie nur wenig. Lieber Bruder, vergiss mich
nicht! war alles, was sie sagte.
    Der Vater liess ihn noch allein aufs Zimmer kommen, sprach liebreich und
beweglich mit ihm. Mache, dass ich Freud an dir erlebe! sagte er, und werd ein
frommer Mann! Unsre Familie hat von jeher den Ruhm gehabt, dass wir's treu mit
Gott und Menschen meinen. Verscherz du diesen Ruhm nicht! Er ist das beste
Kleinod, das ich dir mitgeben kann; alles andre ist nur Tand und Puppenwerk.
Hier hast du noch was zum Andenken. Wends gut an! - Es war ein Beutel mit
ungefähr zwölf Conventionstalern, und ein paar Dukaten - Ich will für dich
sorgen, so lange ich kann. Aber verlass dich nicht zu sehr darauf! Wir Menschen
sind sterblich, und wer weiss, wie lange ich noch lebe? - Hier brach Xavern ganz
das Herz - Ja, mein Sohn, man muss sich auf alles gefasst machen. Lerne du was
rechts, damit du nicht zu sehr von Menschen und ihrer Gnad abhängen darfst! Gott
segne dich, mein Sohn, und erhöre meine heissen Wünsche! - Hier konnt er sich
nicht länger halten; er fiel seinem Sohn um den Hals, drückte ihn fest an sich,
küsste ihn mit der grössten Heftigkeit, und weinte. Seine heissen Tränen rollten
über Xavers Wangen mit den seinigen. Dies war das zweitemal in seinem Leben, dass
ihn Xaver weinen sah; das erstemal weinte er, als seine Frau starb. Xaver sah
vor lauter Tränen nichts; er schluchzte laut, und sein Herz wollte fast
zerspringen. Der Vater ermannte sich wieder, und machte dem traurigen Auftritt
selbst ein Ende, indem er seinen Sohn ins Wohnzimmer führte, wo Terese und Karl
waren. Wilhelm war nicht aus dem Schlaf zu bringen.
    Terese hatte Kaffee gemacht, und schenkte ihrem Bruder ein. Tränen, die
ihr unaufhörlich aus den Augen stürzten, liessen sie nicht reden. Er war stumm,
und wie betäubt. Karl wollte auch traurig sein aber man sahs ihm wohl an, dass es
Zwang war. Der alte Siegwart stand bewegt am Fenster, und sah die Pferde an den
Wagen spannen. Terese setzte sich zu ihrem Bruder, sah ihn schmachtend an, und
neue Tränen schossen ihr ins Auge. Sie legte seine Hand in die ihrige, und
drückte sie. Xaver sah sie an, dann den Vater, dann den Bruder; suchte seinen
Schmerz zu unterdrücken, und auf einmal brach er wieder mit einem lauten Seufzer
aus. Xaver, sagte endlich der Vater, wenn du fertig bist, die Pferde sind
angespannt. Diese Worte waren ihm ein Donnerschlag; er stand auf, suchte seinen
Hut und Stock, ohn ein Wort zu sprechen, hielt den Hut halb vors Gesicht, und
stand so, mitten in der Stube. Terese, die's nicht länger aushalten konnte,
ging vors Zimmer hinaus, um da auf den Bruder zu warten. - Nun, mein Sohn,
sagte der Vater, viel Umstände wollen wir nicht machen; das Herz ist dir doch so
schwer. Du weist, was ich dir vorhin gesagt habe, behalt's fein im Herzen! Leb
wohl! Gott segne dich! Er umarmte ihn, und ging dann weg, um seine Tränen zu
verbergen. Von Karln war der Abschied ziemlich frostig und kurz. Als Xaver vor
die Türe trat, fiel ihm Terese um den Hals, und rief: Tausendmal tausendmal
leb wohl, mein lieber, lieber Xaver! Unser Herr Gott erhalte dich gesund! Dies
war alles, was sie sagen konnte. Er ging schweigend voran an den
Kutschenschlag; sah noch einmal zu seinem Vater, der im Fenster lag, und ihm
noch ein Lebwohl zurief. Teresen reichte er noch die Hand aus der Kutsche, und
nun fuhr er weg.
    Schon eine halbe Stunde war er auf dem freien Felde, von der schönsten
Dämmerung beglänzt, gefahren, ohne was davon zu fühlen. Endlich weckte ihn die
Sonne, die ganz wolkenlos, und golden aufgieng, aus der Betäubung. Er stund auf,
um noch einmal die Turmspitze seines Dorfs zu sehen, und da fiel ihm Linkerhand
das Kapuzinerkloster in die Augen, dessen blecherne Zinnen die Sonnenstralen
zurückwarfen. Auch den dunkeln Tannenhain am Kloster sah er, und erinnerte sich
nun aller Auftritte wieder, die er da gehabt hatte, besonders seines lieben P.
Antons. Seine Seele weidete sich nun aufs neu an dem Gedanken ans Klosterleben,
das ihm wieder doppelt reizend vorkam; ein so tätiges und lebhaftes Gemüt, wie
Xavers seines, schmückt jeden Gedanken mit den hellsten Farben; es verweilt am
liebsten bei feierlichen und Romanhaften Ideen, die die meiste Neuheit haben;
und die Einsiedelei des Klosters führt gewiss viel romanhaftes mit sich. Er ward
nun wieder heitrer, und bewunderte die schöne weite Ebne, die sich vor ihm
ausbreitete. Aecker, Wiesen, Dörfer und Wälder wechselten auf die angenehmste
Art mit einander ab. Die Sonne warf verschiedene Schattirungen darauf, und gab
der Aussicht noch mehr Mannigfaltigkeit. Vor sich sah er in der tiefsten Ferne
die ehrwürdigen Tyroler Schneegebirge liegen, die eine Art von Kette um die
Gegend zogen. Ihre eine Seite war vom Sonnenstral beglänzt, und blendete, wenn
das Auge lange dran verweilte; die andre lag im tiefen dunkelblauen Schatten.
Seine Phantasie bildete sich aus den Bergen ganz verschiedene Gestalten von
Riesen, Drachen, Schiffen und dergleichen, die sich, wenn er sie lange ansah,
endlich zu bewegen schienen. So vergass er nach und nach sein ganzes jetziges
Verhältnis, Gegenwart und Zukunft. Er fuhr eine Stunde lang so fort, bis ein
Hirte, der die Kühe nach der Weide trieb, seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Der
alte Mann, der nur halb mit Lumpen bedeckt war, sang mit frohem Herzen und
klarer Stimme sein Morgenlied, dass Busch und Hain wiederklangen. Diese zufriedne
Andacht rührte unsern Siegwart im Innersten; er winkte dem Hirten, gab ihm ein
Sechskreutzerstück, und Tränen schossen ihm in die Augen, als der Alte ihm so
herzlich dankte, und drauf sein Morgenlied wieder fort sang. Eine Viertelstunde
drauf hörte er einen Gesang von ganz andrer Art, als er an zehen oder zwölf halb
besoffenen Rekruten vorbeikam, die von vier kaiserlichen Werbern nach dem
Werbplatz gebracht wurden, und die liederlichsten Zoten sangen. Die Kerls riefen
ihm Schimpfwörter nach, und schrien dann wieder: Vivat Franciscus! Vivat
Teresia! Nur Einer von den Rekruten rührte ihn, der traurig hintennach schlich.
Er war gut gekleidet, hatte ein sittsames, feines Gesicht, das mit düstrer
Schwermut überzogen war. Allem Anschein nach war er von guten Eltern, und
durchs Unglück genötigt worden, Dienste anzunehmen. Er zog vor Xavern freundlich
den Hut ab, der ihm, so lange er konnte, nachsah.
    Nach einer Stunde hielt der Wagen in einem Dorfe, wo die Pferde gefüttert
wurden. Xaver ging in die Wirtsstube, wo der Wirt, ein dicker Mann, und
Schulz im Dorfe, mit zween Bauern heftig stritt. Der Streit war über das
Wildschiessen, und bei Gelegenheit einer Erzählung angegangen, dass den Tag
vorher zween Wilddiebe von den fürstlichen Jägern wären aufgehoben worden. -
Denen wird was schönes zubereitet werden, sagte der Wirt. Wenn's mir
nachgienge, müssten all auf Hirsche geschmiedet werden; aber unser Fürst ist viel
zu gnädig; der lässt ihnen höchstens noch den Daumen und den grossen Zehen
lähmen.
    Gerg. So, beim Teufel! Ihr seid mir der rechte! Ja wohl, auf Hirsche
schmieden! 's ist meiner Seel, schon zu viel, dass man den armen Leuten so was
tut! Man sollt jeden schiessen lassen, was und wie er will! Unser Herr Gott hat
das Wild erschaffen, und 's lauft für den Einen rum, wie für den andern. Nicht
so, Vetter Michel? Was hältst du davon?
    Michel. Ich weiss dir selbst nicht, was ich sagen soll? Wenn ich Fürst wäre,
liess ich freilich jeden schiessen; denn ich wüste nicht, warum ich Gottes Gab
allein haben sollte? Aber mit den Fürsten ists so eine Sach. Man darf's Maul
nicht auftun.
    Gerg. Freilich, Michel! Aber Recht ist doch Recht! Vater Adam durfte
schiessen, was er wollte, weils ihm Gott erlaubt hatte! Und da denk ich, wir
sind seine Kinder, und wir dürfens auch. Denk dir einmal, wenn's dem Fürsten
einfallen wollte, dass das Wasser auch für ihn allein geschaffen sei? Was dir da
herauskommen würde? Gelt, d' Mäus dürfen wir wohl todtschlagen, weils der Fürst
nicht brauchen kann! Man möcht ein Narr werden, wenn man sich so hudeln lassen
muss!
    Wirt. Gerg, brauch Respekt, sag ich! Oder 's geht nicht gut. Sapperment!
weist du nicht, wen du vor dir hast? Bin ich nicht des Fürsten Schulz?
    Gerg. Nu ja, Herr Wirt; man kann ja wohl im Unwill ein Wort zu viel sagen;
wer wirds auch gleich so genau nehmen? Seht, ihr habt da auch ein harts Wort
geredt, dass man all auf Hirsche schmieden soll. Ich bin kein Wilddieb, hab nicht
einmal eine Flint zu Haus; aber's tut einem eben weh, wenn man so sein schönes
Korn aufm Acker stehen hat, und der liebe Gott hats vor Wetterschlag behütet,
und man denkt, man darfs nun schneiden und heimführen; wenn da so ein Rudel
Hirsche kommt, und frisst alles weg, oder d'Schwein wühlen einem alles um. Meiner
Seel'! 's Herz im Leib weint einem, wenn ein armer Mann auf den Acker kommt, und
siehts, und schlägt d' Händ überm Kopf zusammen, und flucht auf die Leut, die 's
Wild so hegen. Bei Gott! da möcht ich der Fürst nicht sein, über den die Flüch,
und die Zähren schreien. Lieber wollt ich da kein Wildpret essen! Jagen könnt er
doch, das würd ihm kein Mensch verwehren. Seht ihr, Schulz! So ists gemeint!
    Wirt. Ihr versteht das nicht, Gerg! Ihr könnt Nachts hinausgehn aufs Feld,
könnt da wachen, und 's Wild abtreiben.
    Gerg. Beim Blitz! Was das wieder g'sprochen heisst? Seid ihr auch ein Baur,
Herr? Man sieht wohl, dass ihr immer nur daheim sitzt, und am Bierkrug zapft! Da
schafft mir einmal einen Tag über, in der Sonnenhitz, von Morgens vier an, bis
Nachts achte; und dann geht mir aufs Feld hinaus, und wacht, um 's Wild
abzutreiben! Weiss Gott, wir sind doch auch Menschen, und keine Hund! Wollt
sehen, wo der Fürst blieb, wenn wir nicht wären, und uns schier zu Schanden
arbeiteten? Sackerlot, da sollen wir noch wachen! Das hiess recht, Schmerzenbrod
gegessen; und doch will ich schwören, dass kein Baur es ein Vierteljahr treiben
solle. Nein, da lob ich mir die Wilddieb, die 's Wild fein wegputzen, und dem
armen Baur Ruh verschaffen! 's ist nicht recht, sag ich, dass man so mit ihnen
umgeht, und wenn ich drum ins Loch müsst!
    Michel. Gerg, nimm dich in Acht! du kommst z'viel in Eifer! - Da Herr
Schulz, füllt's Gläsel noch einmal! Nehmt ihms nicht übel! Er meint's nicht so
bös.
    Wirt. Ja, was nicht so bös? Er verstehts nicht, sag ich; weiss nichts von
der Jagdgerechtigkeit. Das muss ich besser wissen, Schöps! Wer des Fürsten Wild
schiesst, ist ein Rebell, und den muss man strafen.
    Gerg. Ist ein Rebell! Ist ein Narr! - Da seht einmal, Schulz, da kömmt ein
kaiserlicher Werber, hat ein paar feiste Hasen aufm Buckel. Ist das auch ein
Rebell? Sagt ihms doch!
    Wirt. Pst, Pst! Still! Das ist ein anders. Mit den Herren ist nicht gut
anbinden. Lasst's nur sein! - Blitz, was das für ein paar Hasen sind!
    Indem traten die Werber mit den Rekruten, die Siegwart auf dem Weg
angetroffen hatte, in die Stube. Der Wirt war ganz erschrocken, und fragte, was
er einschenken sollte? Sie foderten Brandtewein und Bier. Der Rekrute, den
Siegwart besonders bemerkte hatte, setzte sich allein in eine Ecke, und stützte
den Kopf auf die Hand.
    Was fehlt denn dem dort? sagte der Wirt leise zu einem von den Werbern. Ich
weiss selbst nicht recht, antwortete dieser. Soviel weiss ich, es ist ein Student
von Dillingen, und vermutlich hat er einen im Duell verwundet, oder gar
umgebracht. Es ist ein braver, stiller Mensch, mit dem ich schon oft Mitleiden
hatte. Er muss auch ein Mädel haben; denn er sieht oft seine Dose an, wo ein
schönes rotbackichtes Ding drauf abgemalt ist, und da weint er, dass der Deckel
ganz nass wird, oder drückt ihn, wenns niemand sieht, an den Mund, und küsst ihn.
- Indem sah der junge Mensch auf, und blickte Siegwarten scharf an, der ihn
mitleidig betrachtete. Er zog die Dose heraus, und bot Xavern eine Prise an. Das
ist ja ein schönes Frauenzimmer, sagte dieser. Ja wohl, antwortete der Rekrute;
ein leibhafter Engel! Und nun sah er's wieder wehmütig an.
    Heh! rief ein Werber, Herr Wirt! Was gibt er mir für die beiden Hasen? Habs
eben geschossen. Sieht er, was sie Fett aufm Leib haben!
    Wirt. Je nu, Herr Feldwaibel; ich dächte, funfzehn Kreuzer wären wohl genug.
'S gibt jetzt der Hasen viel, und 's Geld ist rar -
    Werber. Geh er! Ist der Herr ein Narr? Funfzehn Kreutzer, für zwei Haasen!
Das ist, meiner Treu, der Balg wert. Da ess' ich sie lieber selber. Sieben
Batzen soll er mir geben! Keinen Heller weniger! Ist das noch mehr, als zu
billig.
    Wirt. Nun, schau er, Herr Feldwaibel; Sechs Batzen will ich geben, und ein
Schlückchen Kirschenwasser oben drein; Weils Er ist, und weil er so fleissig bei
mir einspricht.
    Werber. Meinetwegen! Hol er nur ein Gläschen! Aber vom Guten, hört ers?
    Gerg. (Heimlich zu Michel, indem der Wirt abgeht.) Siehst den Teufelskerl?
Da weiss er so schön zu predigen, und tut selber nicht darnach. Nun soll er mir
noch ein Wort sagen, dass ich raisonnirt hab! Ich verklag ihn, meiner Six, beim
Amtmann. -
    Siegwart betrachtete unterdess den Rekruten, der einen Brief aus der Tasche
zog, und ihn mit Bewegung las. Wenn ich ihm nur helfen könnte! Dachte er. Gern
hätt er ihm von seinem Geld etwas mitgeteilt, und griff schon ein paarmal in
die Taschen, aber er wagte es nicht, vor den übrigen, ihm was anzubieten, weil
er fürchtete, ihn in Verlegenheit zu setzen.
    Indes kam Siegwarts Knecht, und sagte, die Pferde sein gefüttert. Er nahm
Abschied, und fuhr weiter. Eine halbe Stunde vor dem Dorfe ging ein Weib mit
drei Kindern an dem Wagen vorbei, und weinte. - Gelobt sei Jesus Christus! sagte
sie. In Ewigkeit! antwortete Siegwart. - Ach, lieber junger Herr, teilen Sie
doch einem armen Weib eine kleine Gabe mit, die Haus und Hof verlassen muss!
Warum? sagte Siegwart. - O du lieber Gott, war ihre Antwort, weil mein Mann ein
paar Hirsche todtgeschossen hat, die uns unser Korn wegfrassen. Nun werd ich ihn
wohl in meinem Leben nicht mehr sehen. Sie haben ihn schon in die Karre gebracht.
Siegwart gab ihr einen ganzen Konventionstaler. Sie rief ihm nach; aber er
befahl dem Kutscher zuzufahren.
    Nun sah er schon von fern das Städtchen liegen, wo er hin sollte. Es lag auf
dem erhöhten Donauufer anmutig da, und zu beiden Seiten standen Eichenwälder.
    Seine Seele hub sich bei dem Anblick einer neuen Gegend um so mehr, weil sie
eine Zeitlang seinen Wohnplatz ausmachen sollte. Eine unruhige Freude
bemächtigte sich seiner; er zitterte, und sein Gesicht glühte. Anfangs wünschte
er, nur recht bald da zu sein, um seine neuen Lehrer zu sehen; aber, als er
näher zu dem Städtchen kam, wünschte er sich wieder weiter weg. Nun lag's immer
deutlicher vor ihm da; er sah die ganzen Türme, mit den Kirchen dran, und
konnte schon einzelne Häuser unterscheiden. Mit der Deutlichkeit wuchs seine
Unruhe. Als er über die Donaubrücke fuhr, begegneten ihm ein paar Piaristen mit
vier oder fünf Studenten; sein Herz schlug ungestümer; er nahm den Hut ab, und
bückte sich sehr tief. Einer von den Lehrern dankte freundlich, als ob er ihn
kennte. Möchte das doch P. Philipp sein! Dachte Siegwart. Nun fuhr er durch die
Vorstadt, und den Stadtberg hinauf ins Städtchen. Er stieg beim Postaus ab, und
liess sich gleich darauf in die Schule führen. Der Torwart am Schlosshof meldete
ihn an; er stand indessen zitternd in dem Hof. Man hiess ihn nach einem grossen
Saal kommen, wo der oberste Professor und ein andrer ihn erwarteten.
    Nun, ist er der junge Siegwart, der das Zutrauen zu uns hat, dass er
Kostgänger bei uns werden will? sagte der erste. - Ja. - Sei er uns vielmals
willkommen! Wir haben schon viel Gutes von ihm gehört, und hoffen, dass es ihm
bei uns nicht missfallen soll. - Siegwart neigte sich, und tat sehr furchtsam. -
Sei er nur gutes Muts, und ohne Furcht! Wir werden bald besser mit einander
bekannt werden. Bruder Johann, wollen Sie ihn auf sein Zimmer bringen?
    P. Johann nahm ihn bei der Hand, und führte ihn auf ein ziemlich geräumiges
Zimmer, das eine freie Aussicht an die Donau, und das herum liegende Weidenufer,
nebst der ganzen weiten Ebne hatte. Es war noch ein Kostgänger auf dem Zimmer,
Namens Joseph Kreutzner, der ihn mit ausserordentlicher Höflichkeit
bewillkommte. So, hier können Sie beieinander wohnen, sagte P. Johann. Ich
hoffe, Sie werden sich gut vertragen, weil Sie von Einem Alter, und beide von
hübschen Eltern sind. Kreutzner, ich empfehl ihm den jungen Siegwart, dass er ihm
gut begegnet! Denn es soll ein braver Mensch sein, wie wir hören. - Kreutzner
machte eine Verbeugung. - Er kann sich jetzt bequem machen, Monsieur Siegwart,
und seine Sachen einrichten! In einer Stunde wird man ihn zum Essen rufen. Drauf
ging P. Johann weg.
    Kreutzner sagte unserm Siegwart viel Schmeicheleien vor, bot ihm seine
Freundschaft an, und erzälte ihm, wie gut es hier auf der Schule sei, und was
sie für Freuden miteinander haben wollten. Indem kam Siegwarts Bedienter, und
brachte den Koffre; er schrieb noch in paar Zeilen an seinen Vater, voller
Danksagungen, und ward sehr dabei bewegt, dass ihm Tränen auf den Brief flossen.
Dann schrieb er noch an seine Schwester Terese, und teilte ihr die Freude mit,
die er über die gute Aufnahme bei den Piaristen hatte.
    Bald drauf kam ein Pater, und zwar eben derselbe, den Siegwart auf der
Donaubrücke angetroffen hatte. Wie gross war seine Freude, als er hörte, dass es
P. Philipp, der Bruder des Kapuziners im Kloster sei, der ihn ihm noch besonders
empfohlen hatte. Dieser P. Philipp war ein Mann zwischen vierzig und fünf und
vierzig Jahren, mit einem heitern, offenen Gesicht, das, wenn er lächelte, ein
Sinnbild der Liebe war. Er druckte Xavern, dessen freie Mine ihm beim ersten
Anblick ganz gefiel, treuherzig die Hand, und versicherte ihn seiner
Freundschaft und Gewogenheit, wenn er sich ihm anvertrauen wolle. Xaver musste
ihm verschiedenes vom Kloster, von seinem Bruder, und von seiner eigenen Familie
erzählen, und ward, durch das liebreiche Wesen des Paters, bald offenherzig.
Kreutzner sprach immer auch mit drein, und suchte Siegwarts Aufmerksamkeit auf
sich zu ziehen. P. Philipp aber schien nicht viel auf ihn zu achten. Man
klingelte hierauf zum Essen, wo acht Lehrer, und zwischen zwanzig und dreisig
Schüler gegenwärtig waren. Xaver wurde noch als Gast behandelt, und sass zwischen
dem Prior, und dem Pater Kellermeister.
    Die Kost war mässig, aber gut; die Unterhaltung ungezwungen, und munter. Die
Lehrer nahmen nicht den stolzen Ton an, wodurch man sich mehr von den Schülern
entfernt, als ihre Liebe und ihr Zutrauen sich erwirbt; welches doch der einzige
Weg zum Herzen ist. Jeder durfte frei sprechen, ohne dass dadurch die, den
Lehrern schuldige Hochachtung beleidigt wurde. Nur einer von den Lehrern, P.
Hyacint, schien stolz und auffahrend zu sein; er widersprach nicht nur den
Schülern, sondern auch den Professoren, und tat immer entscheidende Aussprüche.
    Ein paarmal fragte er unsern Siegwart etwas in so rauhem Ton, dass dieser
ganz erschrocken zurückfuhr, und verwirrt antwortete; aber P. Philipp übernahm
die Antwort, und half ihm aus der Verlegenheit. Die meisten Schüler waren
bescheiden und gesittet. Ein junger Edelmann von 18 Jahren, Namens Kronhelm, der
am P. Philipp sass, zog Siegwarts Aufmerksamkeit besonders auf sich. Er hatte
sanftte blaue Augen, hellblondes Haar, und etwas schwermütiges in der Mine, das
aber von der innern Seelenruhe, wie mit einem Schleier, überdeckt war. Seine und
Siegwarts Blicke begegneten sich ein paarmal, fuhren schnell zurück, wie der
Blick eines Liebenden, und suchten sich unvermerkt wieder auf. Beide Jünglinge
schienen sich in der Seele zu lesen; jeder glaubte, den andern lange schon zu
kennen; und stillschweigend fassten sie, in der ersten Stunde, ein Zutrauen zu
einander, das nachher so sehr befestigt wurde.
    Nach dem Essen wurden in den verschiednen Klassen Stunden gehalten. Siegwart
ging mit Kreutznern in seine Klasse, wo, nach der Klostereinrichtung, der
Syntax gelehrt wurde. Der Unterricht des Lehrers, der mit Ernst und Liebe
vermischt war, nahm unsern Siegwart sehr ein. Die Piaristen haben überhaupt in
der katolischen Kirche das gröste Verdienst um die Erziehung; weil sie sich
fast mit nichts, als mit ihr, zu beschäftigen haben, und daher alle, dazu
nötigen Kenntnisse sich erwerben können; da hingegen die Jesuiten tausend andre,
oft sehr tadelnswehrte Zwecke zu erreichen suchen. Den Abend musste Siegwart,
wider seine Neigung, mit Kreutznern auf einem Spatziergang zubringen; denn er
wäre lieber beim P. Philipp, oder bei dem jungen Kronhelm gewesen.
    Kreutzner tat über die Massen freundlich; lächelte beständig, wenn er
sprach; drückte Siegwarten oft die Hand, und gewann dadurch den unerfahrnen,
noch zu leichtgläubigen Jüngling. Beim Essen erzälte Xaver, wo er gewesen sei?
Was er gesehen, und wie die Gegend ihm gefallen habe? Die Piaristen schienen
sehr mit ihm zufrieden zu sein, und sprachen viel mit ihm. Als er nach Tisch mit
Kreutznern auf sein Zimmer kam, zog dieser hinter dem Bücherschrank ein paar
Pfeiffen hervor, und wollte Xavern überreden, auch mit zu rauchen. Er verbat es
aber, teils, weil er das Rauchen nicht gewohnt war; teils, weil ers - mit
Recht - auf der Schule für verboten hielt. Kreutzner wunderte sich drüber, und
sagte, dass er mit seinem vorigen Stubenkammeraden alle Abende geraucht habe.
Hierauf kriegte er ein Kartenspiel, das er unter eine losgegangne Diehle
versteckt hatte; und Xaver musste, ob er sich gleich anfangs weigerte,
mitspielen. Er war zu gefällig, und widersprach nicht gerne. Man müsse doch was
zu tun haben, sagte Kreutzner, und könne nicht stets studieren; die Professoren
machten auch wohl ein Spielchen; es sei bloss zum Zeitvertreib; sie wollten daher
nur eine Kleinigkeit einsetzen, u.s.w. Dem ungeachtet verlohr Xaver über einen
halben Gulden; denn er spielte ehrlich, und Kreutzner betrog, wo er konnte. Den
andern Tag hatte Siegwart noch frei, und richtete seine Sachen ein. P. Philipp
liess ihn Abends auf sein Zimmer kommen, und sprach viel mit ihm. Sein freies,
muntres Wesen und seine Herablassung nahm ihn sehr ein. Er erzälte, mit der
grösten Anmut, allerlei Anekdoten aus der Geschichte, die seine
Lieblingswissenschaft war; mischte rührende Bemerkungen mit ein, die von seinem
edeln Herzen zeugten, und wiess viele artige Landschaften vor, die er selbst mit
Tusch gezeichnet hatte. Xaver ging sehr vergnügt weg, nachdem er vorher, zu
seiner grössten Freude, hatte versprechen müssen, ihn öfters Abends zu besuchen,
oder einen Spatziergang mit ihm zu machen. Er musste wieder mit Kreutznern
spielen, und verlohr diesmal einen Gulden.
    Den folgenden Tag wurde er von den vier obersten Professoren, unter denen P.
Philipp auch war, examinirt. Sie waren mit seiner Herzhaftigkeit, und seinen
treffenden Antworten, die von seinem gesunden Verstande zeugten, sehr zufrieden,
und beschlossen einmütig, ihn in die dritte Klasse zu setzen, wo der Syntax,
oder die gründliche Erlernung des Lateinischen hauptsächlich getrieben wird.
Siegwart, dem es weder an den gehörigen Grundsätzen, noch an Eifer und Verstand
fehlte, schickte sich sehr bald in die Ordnung, und erhielt den Beifall seiner
Lehrer völlig; denn sie waren vernünftig und sahen, dass es ihm ernstlich
angelegen sei, ihnen durch Folgsamkeit zu gefallen, und sich selbst durch
gründliche Einsichten zu vervollkommen. Er faste das mechanische der
Lateinischen Sprache bald; aber doch war ihm mehr am Kern, als an der blossen
Schaale gelegen. Er sah bei den Stellen, die aus Römischen Geschichtschreibern,
besonders aus dem Nepos genommen waren, und in der Schule erklärt, und übersetzt
wurden, immer auf den Innhalt. Auf der Stube las er die erklärten Stücke wieder
durch, und verweilte sich oft Stundenlang bei edeln Handlungen, die der
Menschheit, und ihren Urhebern Ehre machen. Besonders waren Cimon, Epaminondas,
Conon, Leonidas, Aristides, Phocion, Timoleon und andre Edle seine Leute. Er
liebte, und bewunderte die grossen Seelen, die sich und ihren eignen Vorteil
dem allgemeinen Besten aufopferten. Bei ihrer heissen Vaterlandsliebe glühte
seine Seele, und stärkte sich zu ähnlichen Gesinnungen und Taten. Bei ihrer
stillen Tugend, bei ihrer menschlichen Zärtlichkeit flossen seine Tränen; aber
alle, die nur Helden, oder Menschenwürger, und Unterdrücker eines freigebohrnen
Volkes waren, hasste und verabscheute er. So die Schriftsteller zu lesen, und
sich durch die Geschichte menschlicher zu bilden, hatte ihn P. Philipp gelehrt,
dem kein Zug im Charakter eines Menschen entgieng, der das Herz erhöhen und
veredeln konnte. Die Religion ward ihm von P. Johann auch vernünftiger und
einwürkender beigebracht, als gewöhnlich. Da der brave Mann, bei seinen vielen
Unglücksfällen, und bei seinem schwachen Körper aus der Erfahrung gelernt hatte,
wie wenig Streitigkeiten, und künstliche Bestimmungen und Einschränkungen von
Dingen, die uns unerklärlich sind, und oft sein sollen, zur Beruhigung des
Herzens und zum Trost im Elend beitragen, so flösste er seinen Schülern nur den
Geist und Saft der Religion ein, das heisst: die Lehren Jesu und seiner Apostel,
die alle, sowol für unser eigen Herz, als auch für andre Menschen wohltätig
sind, und deren Kentnis und Ausübung uns allein in der letzten Stunde trösten
kann. Er suchte seine Schüler durch die Religion mehr zu weisen und tugendhaften
Menschen, als zu grossen Gelehrten zu bilden. Auch in der Geographie und
Messkunst sah sich unser Siegwart um, und sass oft die halbe Nacht durch bei den
Büchern, so, dass er sich in kurzer Zeit nicht gemeine Kenntnisse erwarb. Nur in
P. Hyacints Stunden ging er ungern, weil dieser mürrische Mann, mit der
polternden Stimme, nur aufs Phrasesmachen drang, und immer mit aufgehobnem Stock
vor den Schülern stand.
    Da es uns bei Siegwart mehr um die Geschichte seines Herzens, als seines
Verstandes, und seiner gelehrten Kenntnisse zu tun ist, so werden wir von dem
letztern wenig, und nur da reden, wo es würklichen Einfluss auf seine künftigen
Schicksale, oder auf seinen Charakter hatte. Also kehren wir in den Anfang
seines Aufentaltes bei den Piaristen zurück.
    Nach dem Examen wurden ihm die Gesetze, sowohl der Schule überhaupt, als
auch besonders seiner Klasse vorgelesen, und er musste dem P. Johann mit einem
Handgelübd versprechen, sie getreulich zu beobachten. Unter andern war durch ein
Gesetz verboten, auf dem Schulgebäude, und auch ausserhalb demselben Taback zu
rauchen, oder um Geld zu spielen. Er erschrack, als er dieses lesen hörte, weil
ihm sogleich der gestrige Tag einfiel. Den Abend drauf wollte Kreutzner wieder
spielen. Er schlugs ihm rund ab, und schützte das Verbot vor, das ihm erst
heute, in seiner Gegenwart, vorgelesen worden sei. Kreutzner lachte, gab ihm
Einfalt schuld, und sagte: Wer sich darnach richten wollte, müsste ein Mucker
werden; es sei nie darauf gehalten worden; man verbiet es nur zum Schein, u.s.w.
Dies alles half bei Siegwart nichts; er hielt ein Gelübbe, das eine Art von Eyd
ist, für zu heilig, und fing an, von Kreutznern schlimmer zu denken. Als es
dieser merkte, suchte er wieder einzulenken, und hintergieng Xavern durch eine
angenommene Gewissenhaftigkeit und Scheinheiligkeit aufs neue. Er warf die
Karten beim nächsten Spatziergang in die Donau, betete alle Abend und Morgen
laut, sprach viel von Religion, und gewann dadurch Siegwarts ganze Seele wieder,
so, dass man diesen fast allein in seiner Gesellschaft sah. Selbst den P. Philipp
besuchte er weniger.
    Eines Tages kam Kreutzner traurig heim, und stellte sich, als ob er oft
verstohlen weinte; aber doch so, dass es Siegwart sehen musste. Dieser fragte
endlich, was ihm fehle? Ach, antwortete er, da hab ich eine Familie gefunden die
mit der kümmerlichsten Armut ringt. Es sind sechs unerwachsne Kinder, und eine
halbkranke Wittwe. Denen hätt' ich nun so gern geholfen, und leider! hab ich
jetzt nichts; denn mein Geld von Hause kommt erst über vierzehn Tage. Siegwart,
dessen Seele leicht gerührt, und mitleidig war, gab ihm ein paar Gulden, und bat
ihn, sie der leidenden Familie zu bringen. Kreutzner dankte ihm mit
heuchlerischen Tränen, lobte sein menschliches Herz, und verschleuderte das
Geld an Leckereien. So ward der edelmütige Jüngling durch die Mine der
Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit hintergangen; eine Schlinge, welche guten
Seelen so oft von Bösewichtern gelegt wird. Seine Seele bekam dadurch immer mehr
Zuneigung zu Kreutznern, und machte ihn zu ihrem Vertrauten. Er erzälte ihm
alles von seiner Familie, liess ihn seine Briefe lesen, und Kreutzner schrieb an
seine Schwester einen Brief voller Schmeicheleien. Sie antwortete ihm kalt, und
schrieb ihrem Bruder folgendes:
                                Liebster Bruder!
    Liess diesen Brief allein, und lass ihn niemand sehen! Du wirst mir glauben,
dass dein Wohlbefinden mich im innersten erfreut. Auch ist mirs lieb, dass du gute
Freunde gefunden hast. Nach dem, was du mir vom Herrn Kreutzner schreibst, muss
er freilich wohl ein guter Mensch sein; aber verzeih mir, Bruder, wann ich sage:
sein Brief gefällt mir gar nicht. Er sagt mir so viel vor, dass ich schön und
artig sei; und da möchte ich wohl fragen, wo ers her weiss? Du hast ihm so was
gewiss nicht gesagt. Also kanns ihm wohl nicht Ernst sein, was er schreibt, oder
er spottet gar über mich. Das ist aber nicht artig, ein einfältiges Landmädchen,
das man gar nicht kennt, zu vexiren, und ihr Grillen in den Kopf zu setzen. Mich
soll er aber durch seine Schmeicheleien nicht blenden. Ich weiss wohl, worauf ich
mir was gut zu tun habe, und das kennt er nicht. Verzeih mir, Bruder, dass ich
härter schreibe, als du's wünschen möchtest; aber du weist, dass ich nie kein
Blatt vor's Maul genommen habe. Was du mir vom P. Philipp und dem jungen Herrn
von Kronhelm berichtest, hat mir weit besser gefallen. Der junge Mensch muss eine
gute liebe Seele sein, aber es scheint, du habest nicht viel Umgang mit ihm. Wie
kömmt das? Papa ist, Gottlob! recht wohl, und lässt dich grüssen. Die Brüder
auch. Salome will bald wieder aus München kommen; da wird mein Elend wieder
angehen. Ich sag aber: Ein froher Mut macht alles gut. Unsre Kornfelder sind
dies Jahr sehr gesegnet; auch unser Garten. Ich habe viel zu tun, und bin
seitdem erst zweimal bei unserm Pfarrer in Windenheim gewesen. Er hat mich
wieder in seinem Garten herum geführt, und lässt dich herzlich grüssen. Ich muss
abbrechen, weil ich wieder an die Arbeit muss. Leb wohl, Herzensbruder, und
schreib bald deiner getreuen Schwester
                                                                   T. Siegwart.
    Xaver ward anfangs etwas stutzig, als er diesen Brief las, aber, dachte er:
das Mädchen sieht die Sache von der unrechten Seite an; und vergass ihre
Erinnerungen bald wieder. Kreutzner schlich sich durch allerlei Kunstgriffe
immer mehr in sein Vertrauen ein; tat immer demütig und fromm; wich, als
Xaver, wegen einer Unpässlichkeit, ein paar Tage auf dem Zimmmer bleiben musste,
nicht von seiner Seite, tat herzlich betrübt; und befestigte sich dadurch noch
mehr in der Liebe des Jünglings. Er entlehnte, unter allerlei Vorwand, alle
Augenblicke Geld von Siegwart; versprach immer, es ihm wieder heimzugeben, und
gewanns ihm dann durch Wetten, oder durch Spiele, die er aber anders nannte, ab,
oder verkaufte an ihn schlechte Bücher teuer, so dass Siegwart sich in kurzer
Zeit fast seines ganzen Vorrats los sah.
    P. Philipp hielt nicht viel von Kreutznern, und sah, dass er Xavern ganz von
ihm abzöge. Er sagte also einmal auf einem Spatziergange, wo Kronhelm auch dabei
war: Mein lieber Siegtwart, er lässt sich ja bei mir wenig mehr sehen, und bei
Kronhelm auch nicht, den ich ihm doch so sehr empfohlen habe. - Ja, sagte
Siegwart, Herr Professor! ich bin eben viel beim Kreutzner. Gut, antwortete P.
Philipp, Kreutzner ist ein Mensch, dem ich zwar nichts offenbahr Böses nachsagen
kann; aber er hat so was in der Mine, und in seinem ganzen Betragen, das mir
nicht gefällt. Ich weiss nicht; der Mensch lächelt immer so freundlich, wenn man
mit ihm spricht; und sieht man ihm ins Aug, so schlägt ers nieder, als ob er
kein gut Gewissen hätte. dabei ist er so überhöflich, und die gar zu höflichen
Leute kann ich für den Tod nicht ausstehn. Sie haben immer so ihre Ursachen und
Nebenabsichten dabei, warum sie's sind. Da, wers gut meint, geht gerad heraus,
und sagt ohne Umschweife, was er denkt. Man braucht deswegen noch nicht grob zu
sein! Es gibt so eine Mittelart; man weiss selbst nicht, wie mans nennen soll;
aver fühlen kanns ein jeder. Nicht wahr, Kronhelm, er denkt von Kreutznern eben
so? - Ja, wenn ichs frei heraus sagen darf, Herr Professor, anrwortere Kronhelm,
so gefällt er mir auch nicht. Er har so was heimtükisches und schleichendes und
freut sich nie recht, wenn wir miteinander lustig sind; oder es sieht immer aus,
als ob er sich auf Andrer Kosten freute. Neulich giengen wir einmal spazieren,
da kam ein Bettelbub und bettelte. Wir konnten ihm nichts geben, weil wir nichts
bei uns hatten; Kreutzner aber äffte den armen Knaben immer; liess ihn wohl eine
Viertelstunde hinter drein laufen, sagte immer: Wart, bei jenem Baum dort sollst
du was kriegen, und zuletzt schlug er ihm die Mütze aus der Hand, dass sie in den
Kot fiel, und der Bube weinte. Das gefiel mir gar nicht, und ich sagt ihms
auch; aber er lachte drüber.
    Das sieht ihm so recht ähnlich, sagte P. Philipp. Ich warn' ihn aus guter
Meinung, Siegwart, lass er sich mit dem Jungen nicht zu tief ein! Er möcht's zu
spät bereuen. Ich weiss wohl, dass Ers nicht böse meint, wann er mit ihm umgeht;
aber man kann durch den Schein gar leicht betrogen werden.
    Xaver dachte drüber nach, und ward in seinem Umgang mit Kreutznern
behutsamer und kälter; dafür besuchte er desto mehr den Pater Philipp und den
jungen Kronhelm, in dessen Umgang seine Seele mehr Nahrung fand. Er lernte bei
dem Pater das Zeichnen, wozu er ziemlich Anlage und Lust hatte. Noch weiter aber
brachte er es in der Musik. Kronhelm spielte die Violine sehr gut, und musste
Xavern jeden Abend in der Dämmerung zärtliche Arien oder klagende Adagios
vorspielen. Dadurch bekam er selbst Lust zur Violine, und lernte in kurzer Zeit
bei einem jungen Pater sehr viel; so dass er nun dem jungen Kronhelm schon
akkompagniren konnte. Der junge Pater merkte auch bei ihm viel Anlage zum
Singen; er hatte eine geläufige biegsam Stimme, und einen hellen Tenor; und in
einem Vierteljahre ward er kein gemeiner Sänger; wozu ihm sein zärtliches Gefühl
und sein empfindungsvolles Herz, das jedem Ton den rechten und einzigwahren
Ausdruck gab, viel half.
    Kreutzner, der in Siegwarts Zuneigung zu ihm eine so plötzliche und starke
Abnahme bemerkte, sann nun auf neue Kunstgriffe, ihn wieder an sich zu ziehen.
Er war schlau, und sah wohl, dass ihn P. Philipp und Kronhelm ihm abgeneigt
machten; er suchte ihm also zuförderst ein Mistrauen gegen diese einzuflössen. -
Hast du heut bei Tisch auf Pater Philipp und Kronhelm Acht gegeben? fieng er
einmal an. Nein, warum? antworte Siegwart.
    Kreutzner. Du hast also nicht gesehen, wie sie zu einander lachten, und das
Maul verzogen, als du vom Pfarrer in Windenheim erzältest?
    Siegwart. Nicht das mindeste.
    Kreutzner. Nun, so muss ich dirs eben sagen, wenn du's ihnen nicht wieder
ausplaudern willst; denn ich hab dich viel zu lieb. Sie machen sich über dich
lustig; ich habs schon hundertmal bemerkt; so bald du den Mund auftust, stossen
sie sich an, und lauren dir auf jedes Wort, ob du's recht sagest? Und sobald du
dich versprichst, schmunzeln sie sich zu, und winken mit den Augen.
    Siegwart. Geh! Da hast du falsch gesehn! Wie könnten sie so was tun?
    Kreutzner. Aber doch nicht falsch gehört hab ich, als ich vorgestern an des
Paters Türe vorbei ging. Da war dir ein lautes Gelächter in der Stube. Ich
dachte, du must doch hören, was da drinnen vorgeht, und lausch' an der Türe. Da
giengs über dich her, dass ich glaubt', ich müsst hineingehen, und sie drum zur
Rede stellen. Der Kronhelm kratzte was jämmerliches auf der Violin her, und
sagte, so machts Siegwart; und dann schlugen beide ein lautes Gelächter auf. -
Und wie singt er denn? sagte P. Philipp. Kronhelm krächzte was, dass die Ohren
einem gällten, und da ward noch unbändiger gelacht. (Siegwart, der einen edeln
Ehrgeiz hatte, wurde hier rot und aufgebracht. Kreutzner, der das merkte, fuhr
fort:) Glaub mir, Xaver! Sie meinens gar nicht ehrlich mit dir; ich weiss, dass
sie's schon mehrern eben so gemacht haben. Der Pater schmeichelt sich bei den
Söhnen ein, um von den Aeltern brav Geschenke zu bekommen. Denn wo hätt er sonst
die vielen Bücher her? Wer nichts gibt, dem ist er aufsätzig; wie ers mir
macht. Und der Kronhelm hat dich nur gern bei sich, damit du ihm bei seinem
elenden Gefiedel helfen sollst. Es ist gar nichts an ihm; du darfst mir glauben.
Frag nur nach, was sein Vater für ein Kerl ist? Jedermann im ganzen Land kennt
ihn; wo soll dann das Gute herkommen? Von ihm hats der Sohn nicht gelernt, aber
wohl liederliche Streiche. Nicht wahr, um 8 Uhr must du immer von ihm? Da heissts,
er will noch studiren. Ja wohl, recht studirt! Bei den Mädels! - Da schleicht er
sich noch Abends aus dem Kloster, und der Pater Philipp hilft ihm. Sieh ihn nur
an! wie er immer so blassgelb aussieht! Das kommt vom liederlichen Leben; von
nichts anders. Sie können keinen Menschen aus der Schule leiden, und von mir
werden sie dir auch nichts Gutes gesagt haben, denn sie machens einem, wie dem
andern. Ich wollte dich schon lang warnen, weil ichs so herzlich gut mit dir
meine; aber du bist mir immer ausgewichen. Nun muss ich mir einmal Luft machen;
ich hab lang genug geschwiegen, und heimlich Mitleiden mit dir gehabt. Du kannst
nun tun, was du willst. Ich möcht aber, dass es jeder so treu mit dir meinte,
wie ich! Frag nur all im Kloster, ob ich je einem was zu Leid getan habe? Und
dir bin ich immer vorzüglich gut gewesen.
    Siegwart war sehr aufgebracht, und wollte gleich zu Kronhelm; aber Kreutzner
misriet ihms, und sagte, ob er ihn verraten wollte? Das sei nun der Dank
u.s.w. P. Philipp war in der Tat ein muntrer Mann, und lachte gern; er tat oft
mit Kronhelm ziemlich vertraut, und da kam Kreutzners Aussage unserm Xaver desto
glaubwürdiger vor. Auch das hatte er schon gehört, dass Kronhelms Vater ein sehr
schlechter Mann sei, und der Sohn sah immer etwas blass aus; also war auch das,
was Kreutzner von ihm sagte, nicht ganz unwahrscheinlich. Siegwarts beleidigter
Ehrgeiz, und die schmeichlerischen Freundschaftsversicherungen des schlauen
Kreutzners, die er gar mit Tränen begleitete, kamen noch dazu; also nahm sein
Zutrauen zu P. Philipp und zu Kronhelm ziemlich ab. Den andern Tag, als er zum
Pater wollte, bat ihn dieser, ihn diesmal allein zu lassen, weil Kronhelm bei
ihm sei, mit dem er etwas Geheimes zu reden habe. Dies brachte ihn noch mehr
auf, und machte ihn noch mistrauischer. Kreutzner blies den kleinen Funken der
Eifersucht noch mehr an, und als P. Philipp eine Küste mit Büchern geschickt
bekam, rief er ihm, und sagte: sieh, das sind wieder Geschenke eines armen
Vaters, um Gnade für den Sohn zu erbetteln. Kreutzner hatte eben Geld von Haus
bekommen und da zalte er Siegwarten einen Teil seiner Schuld wieder ab; also
fiel auch der Verdacht von Eigennutz auf Kreutzners Seite weg.
    Dies alles, und noch zwanzig andre Nebenumstände zusammen genommen, machte
Siegwarts Herz gegen P. Philipp und Kronhelm ziemlich lau; er besuchte sie
seltener, und tat immer sehr zurückhaltend. Die beiden, die das merkten,
entzogen ihm auch in etwas ihr Vertrauen, und so waren sie in kurzer Zeit fast
wie getrennt. Sie bedauerten den leichtgläubigen und unvorsichtigen Jüngling in
der Stille, und wünschten nur, dass sein Irrtum nicht von langer Dauer sein, und
sich ihm nicht zu seinem Schaden aufklären möge! Aufdringen mochten sie sich ihm
nicht.
    Der Umgang mit Kreutznern machte nach und nach unsern Siegwart in manchen
Stücken leichtsinniger, eh ers selber an sich wahrnahm. Sie machten sich oft mit
einander über ihre Lehrer und Mitschüler lustig, und liessen das Studieren
ziemlich liegen. Sie ersannen tausend Ausreden bei ihrem Vorgesetzten, um nur
recht oft ausgehen zu können. Dann giengen sie nach einem Gastof vor der Stadt,
wo noch andre junge Leute waren; spielten da Kegel, und betranken sich ein
paarmal. Kreutzner wollte Xavern so gar einmal überreden, sich mit ihm bei Nacht
aus dem Kloster zu schleichen; aber so weit war er doch noch nicht verdorben,
dass er in einen solchen Vorschlag mit eingewilligt hätte. Als einmal beide
Geldmangel hatten, verkauften sie drei oder vier von ihren besten Büchern.
Kronhelm, der dies alles mitleidig mit ansah, schrieb einmal, ohne seinen Namen
zu nennen, mit verstellten Zügen einen Brief an Siegwart, worinn er ihn sehr
rührend vor Kreutznern warnte. Aber dies half nichts. Siegwart liess den Brief
Kreutznern selber lesen; sie spotteten darüber, und verbrannten ihn. Kronhelm
gewann auch weiter nichts damit, als dass ihn Kreutzner nur noch mehr hasste, weil
er ihn sogleich für den Urheber des Briefs hielt.
    Eines Abends kam Kreutzner nach Hause, und sagte: Xaver, diese Nacht muss ich
hinaus! Ich habe einen Bekannten in der Stadt, der ist krank, und ich hab ihm
versprochen, diese Nacht bei ihm zu wachen. Einen Liebesdienst, wie diesen, kann
ich keinem abschlagen. Du darfst unbesorgt sein, dass es auskommen möchte; ich
hab schon mit dem Torwart gesprochen, dass er mich um ein paar Maas Bier morgen
früh in aller Stille wieder hereinlässt. Xaver wagte nicht, etwas dawider
einzuwenden, weil der Bösewicht einen Liebesdienst zum Vorwand nahm. Kreutzner
schlich sich indessen hinaus, brachte die Nacht bei liederlichen Leuten zu, und
kam Morgens wieder. Dieses trieb er noch bei acht Tagen so, weil er immer sagte,
sein Freund liege noch krank; bis es endlich ein paar Paters merkten, und dem
Prior anzeigten. Man suchte die Nacht darauf Kreutzners Kammer durch, und fand
unsern Siegwart allein da, der sogleich alles gestand, und sich deswegen, dass
ers nicht, seiner Schuldigkeit gemäss, angezeigt habe, damit entschuldigte, dass
sein Stubenkamerad sich in einer guten Absicht aus dem Kloster weggestohlen
habe. Er brachte die ganze Nacht schlaflos und voller Angst zu, was ihm den
folgenden Tag begegnen werde?
    Kreutznern passte man indes am Morgen auf, und brachte ihn, bei seiner
Ankunft, gleich aufs Carcer. Anfangs legte er sich aufs Lügen, als er verhört
wurde, und wollte die Schuld halb auf Siegwart schieben; aber bei einer genauern
Untersuchung, und als man ihm mit einer noch engern Gefangenschaft drohte,
gestand er ein, wo er gewesen sei, und was er da gemacht habe? Seine Vergehen
waren so, dass er, nach den Schulgesetzen, verstossen werden musste. Die Strafe
ward ihm auch angekündigt, und ein paar Famuli wurden so gleich hingeschickt,
seine Sachen auf dem Zimmer einzupacken und wegzubringen. Indessen legte sich
der Heuchler aufs Bitten, und suchte alle mögliche Kunstgriffe hervor, seine
Lehrer zum Mitleiden zu bewegen. Er warf sich vor ihnen auf die Knie nieder,
weinte bitterlich, und sagte, er könne nicht eher aufstehen, als bis er wieder
angenommen werde. Auf ihren Ausspruch komme es an, oh er sein Leben durch
glücklich, oder elend sein solle? Er sehe nichts vor sich, wenn man ihn
verstosse, als ein Leben voller Jammer, denn er müsse notwendig Soldat werden.
Seine Aeltern seien arm, und können sich seiner auf keine Art annehmen. dabei
sei sein Vater so streng, dass er ihm nicht unter die Augen treten dürfe. Er
würde die Türe vor ihm zuschliessen, und ihn seinem Unglück überlassen. - Ob
man einen armen reuigen Menschen ganz ins Elend stürzen wolle? Sein Vergehen sei
ihm in der Seele leid; er wisse es auf keine Art zu entschuldigen, aber ob denn
Gott nicht einen Sünder, welcher Busse tue, wieder annehme? Ob sie nicht die
Güte Gottes nachahmen wollen u.s.w.? Er verspreche künftig den genauesten
Gehorsam, und man werde sehen, wie er seinen groben Fehler durch ein
tugendhaftes Leben wieder gut zu machen suchen werde? Fangen Sie alles mit mir
an! sagte er, ich will alles mit Geduld und Gelassenheit ertragen! Nur
verflossen Sie mich nicht! und entreissen Sie mich der Verzweiflung und dem
Untergang!
    Die Paters sahen einander an; Tränen stunden ihnen in den Augen, und das
Mitleid siegte. - Nun so steh er auf, in Gottes Namen! sagte der Prior. Diessmal
wollen wir noch Nachsicht brauchen; aber wenn man nur noch Einmal das Geringste
von ihm hört, dann hat alle Barmherzigkeit ein Ende. Wir wollen unsre
Untergebene nicht durch ein schäbiges Schaaf anstecken lassen. Er soll wieder
angenommen werden; in einer halben Stunde soll er hören, was wir ihm für eine
Busse auflegen, denn ganz ungestraft kann ein solches Verbrechen nicht hingehn.
Steh er auf, und bedank er sich hier bei den Herren!
    Kreutzner stund auf, ging von Einem Pater zu dem andern, küsste jedem die
Hand, und dankte aufs feurigste, als eben die beiden Famuli herein traten, und
zehn bis zwölf Bücher in Franzband unter dem Arm trugen. Das haben wir in
Kreutzners Bette gefunden, sagten sie; die Bücher lagen unter dem Kissen, ganz
im Stroh versteckt, und diese Oberhemden auch; vermutlich sind sie dem jungen
Siegwart, denn es ist ein S drein genäht. - Kreutzner ward auf einmal todtblass.
Die Bücher sehen ja aus, wie meine, sagte P. Philipp und schlug die Titel auf;
ja wahrhaftig: Die Auszüge aus der allgemeinen Weltgeschichte; der Tuanus, und
P. Daniels Geschichte von Frankreich. Wie ist er zu diesen Büchern gekommen,
Monsieur Kreutzner? Dieser stand, wie versteinert da, und sprach kein Wort.
    Nun, nun, wir sehen, was das für ein Wolf in Schafskleidern ist, sagte der
Prior. Nicht wahr, feiner Geselle, das hast du gestohlen? Hurtig, Famulus,
bringt ihn ins Carcer, bis wir das Weitere mit dem Bösewicht verfügen! Das ist
ein Glück, dass wir da noch darhinter gekommen sind! Hätten wir gar einen
Hausdieb im Kloster! Ohne Umstände! Fort mit ihm!
    Der Bösewicht ward fortgebracht, und nun beratschlagte man sich über seine
Strafe. Der einmütige Entschluss war, ihn so lang gefangen zu halten, bis sein
Vater Nachricht von ihm hätte, der ihn dann vermutlich ins Zuchtaus, oder unter
die Soldaten stecken würde. Nun besprach man sich auch über Siegwart. Weil ihm
alle gut waren, und besonders P. Philipp nachdrücklich für ihn sprach, so
beschlossen sie, ihm, als einem Neueingetretenen aufs gelindeste zu begegnen,
und ihn bloss zu warnen, künftig vorsichtiger zu sein. Man lud ihn nicht einmal
vor den Schulkonvent, sondern P. Johann übernahm es, mit ihm auf seinem Zimmer
zu sprechen; welches er auch sogleich, und mir der grösten Liebe tat. Siegwart
ward dadurch mehr gerührt, als wenn man ihn gestraft hätte, und er bat mit
tausend Tränen um Vergebung. Ueber Kreutzners Bosheit konnte er sich nicht
genug wundern; denn sein Herz war zu gut als dass er glauben konnte, ein Mensch
sei im Stande, es so weit zu treiben. Man brachte ihm seine Oberhemden wieder,
die er, da er in dergleichen Dingen etwas sorglos war, noch gar nicht vermisst
hatte. Bei Tische wagte er es nicht, die Augen aufzuschlagen, und noch weniger
den P. Philipp oder Kronhelm anzublicken, die mit innigem Mitleid ihn
betrachteten, und in seiner Reue seine ganze Seele lasen. Den Abend brachte er
allein auf seinem Zimmer in der tiefsten Wehmut zu; sein Herz machte ihm
tausend Vorwürfe, dass er den edeln Pater und seinen lieben Kronhelm durch sein
Betragen so beleidigt, und ihrer Freundschaft den Umgang mit einem Bösewicht
vorgezogen hatte. Sein Vergehen vergrösserte sich in seinen Augen, und so
grossmütig er sich auch die beiden dachte, so konnte er doch nicht glauben, dass
sie ihm verzeihen, und ihn wieder ihrer Freundschaft würdigen würden. Er ging
trostlos in seinem Zimmer auf und ab, blickte aus dem Fenster und übersah mit
kalter Gleichgültigkeit die schöne Donaugegend, die jetzt keine Reize für ihn
hatte; dann nahm er seine Violine, phantasirte wild und schwermütig; warf die
Geige wieder weg; kurz, sein ganzes Dasein wurde ihm zur Last. Indem klopfte
jemand an die Tür, und Kronhelm trat herein. Siegwart erschrack, fuhr zusammen,
stund auf, wollte reden, und konnte nicht.
    Xaver, sagte Kronhelm, komm ich dir ungelegen? Sags nur! ich will nachher
wieder kommen. Hast du was zu tun?
    Siegwart. Nein - - ich - - hab nichts zu tun. - - Setz dich nur! - Ich
wusste nicht, dass du kommen würdest. - Es ist hier so unaufgeräumt. - Nimms nicht
übel!
    Kronhelm. Xaver, du machst ja so viel Umstände! Tu doch nicht so fremd! Wir
sind ja gute Freunde, Nicht?
    Siegwart. Ja - - wenn du willst -
    Kronhelm. Wenn ich will? Lieber Stegwart! Sieh mich an! Guter Junge; ich
weiss, wie dir ist. Lass uns vergessen, was vergangen ist! Komm, küss mich einmal!
Gott weiss, ich bin dir herzlich gut. Komm, Xaver! (Sie umarmten sich.) Du lieber
guter Xaver! - Wir haben uns schon so lang nicht gesprochen. Bist doch recht
vergnügt? Nicht wahr, kannst mich doch noch leiden?
    Siegwart. Weiss Gott, ich kanns nicht aushalten, Kronhelm - Geh! Ich bins
nicht wert; lass mich weinen! - - Wie hätt ich das denken können, dass du zu mir
kommen würdest? Und so freundlich? Weiss Gott, du bist ein Engel! Bist kein
Mensch! Alle Heilige müssen dich geschickt haben! - Mich noch ansehen! Mich! -
O, ich möchte dich zerdrücken, Junge! - Geh! Ich kann dir nicht ins Aug sehen.
Du bist gar zu freundlich. - Jesus, Maria! Was ich für ein Mensch gewesen bin!
    Kronhelm. Ich bitte dich, Siegwart, sei doch ruhig! Was hab ich denn getan?
Musst ich denn das nicht? Du weist gar nicht, was ich auf dich halte! Wenn ich
dirs nur zeigen könnte! Sieh! du bist eine Zeitlang mit Kreutznern gegangen, das
ist nun vorbei. Wir sind wieder Freunde. Ich, und P. Philipp warens immer, und
du wirst sehen, dass wirs immer bleiben.
    Siegwart. Pater Philipp auch? Grosser Gott? Was das Leute sind! - Ists wahr,
Kronhelm? bei Gott! Lüg mich nicht an! Ist er mir noch gut, P. Philipp? Kann er
mich noch leiden? Hat er mich nicht längst vergessen? Mir sein Herz
verschlossen? Sag!
    Kronhelm. So wahr ich selig werden will! Er ist dir noch so gut, wie ehmals.
    Siegwart. Nun, so will ich gern sterben! Mags nun gehen wie's will! Hör',
Kronhelm, das hätt ich nimmermehr geglaubt. Aber ihr seid Heilige; tut mehr,
als alle Menschen. Nun, Gott wird sich meiner nun auch erbarmen, da ihrs tut.
Hab Dank, Lieber! Warlich ich kann dirs schwören! Mein Herz ist noch nicht ganz
verdorben. Bös hab ichs nicht gemeint. Aber ich war doch ein Scheusal. Wenn ihr
mir nur verzeiht! Dann ist alles gut.
    Kronhelm sank nun wieder an sein Herz, und weinte. Kein Schauspiel ist auf
Erden schöner, als die Aussöhnung zweier Freunde. Der ganze Himmel freut sich
über einen Sünder, der Busse tut; so freut er sich, wenn zwo Seelen, die
einander wert sind, und sich eine Zeitlang misverstanden haben, sich wieder mit
einander aussöhnen. Sie lieben sich nun stärker, wie zwei Liebende nach einer
kurzen Trennung. - Siegwart wurde nun wieder vertrauter, und offenherziger; er
wagte es nun wieder, seinen Kronhelm frei anzusehen. Wenn er ihn lang ansah,
ward sein Herz auf einmal weich, und ein unwiderstehlicher Trieb zog ihn in die
Arme seines Freundes. Er schwur ihm ewige Treu, und versprach, ihm künftig die
kleinsten Bewegungen seines Herzens zu entdecken. Sie sassen bei einander, bis
die Dämmerung anbrach; dann spielten sie ein Duett, alle Töne schmolzen in
einander, wie ihre Seelen, und wurden Eins.
    Siegwart warf sich, als sein Freund weggegangen war, auf sein Knie, und
dankte Gott für dieses himmlische Geschenk. Den andern Tag kam auch P. Philipp
zu ihm auf sein Zimmer; sein Herz ward aufs neue zerrissen, aber durch den
Balsam der Freundschaft ward es wieder geheilt. Nun war er unaufhörlich bei den
beiden Edeln, nährte seine Seele mit der Weisheit des Paters, und der
himmlischen Gesinnung seines jüngern Freundes. Sie genossen alle Freuden der
Natur und des Lebens miteinander, und fühlten alle Wonne doppelt. Siegwart bekam
immer mehr einen festen und männlichen Karakter; bereicherte seine Kentniss durch
die Hülfe des Paters, dessen Umgang so lehrreich war, weil er aus der Geschichte
der Menschheit wahre Lebensregeln abgezogen hatte, die er stets am rechten Ort
anzuwenden wusste. dabei lieh er auch Xavern viele gute Bücher, die er ihn auf
die rechte Art lesen lehrte. Kronhelm war im Umgang, besonders mit mehrern, mehr
still, als gesprächig; aber was er sprach, war empfunden und gedacht. Sein
Gefühl fürs Schöne und Gute war das tiefste und feinste. Er blieb sich, in allen
Lagen immer gleich; und wen er einmal liebte, von dem war sein Herz nicht mehr
abzuziehen; sein Freund müsste denn lasterhaft geworden sein. Dies war ihm aber
niemals noch begegnet, denn er war in der Wahl seiner Freunde vorsichtig und
langsam. Er machte keine Freundschaftsversicherungen, und bot seine Dienste
niemals an; aber, sobald sein Freund sie nötig hatte, half er ihm, ohne was
davon zu sagen.
    Vierzehn Tage nach seiner Gefangenschaft wurde Kreutzner seinem Vater
überliefert, und, auf dessen Verfügung, unter ein Kayserliches Regiment in
Ungarn gesteckt. Er hatte gewünscht, unsern Siegwart noch einmal zu sprechen;
dieser verbat sichs aber, weil er ihn zu sehr verachtete; doch schickte er ihm
noch aus Mitleiden etwas Geld zu, weil er vom Famulus gehört hatte, dass er halb
krank, und von allem Nötigen entblösst sei.
    Bald drauf schrieb Siegwart seiner Schwester Terese, die er während seines
genauern Umgangs mit Kreutzner fast vergessen hatte. Er bat sie, wegen seines
längern Schweigens, sehr beweglich um Vergebung, meldete ihr offenherzig die
Ursache davon, und berichtete ihr Kreutzners Schicksal. Von P. Philipp und
Kronhelms Lob war er ganz voll; am Schluss meldete er ihr noch eine Adresse
ausserhalb dem Kloster, wo die Briefe an ihn abgegeben werden sollten. Kronhelm
hatte ihm diese Gelegenheit gezeigt; denn alle Briefe, die vom Kloster aus
geschrieben, oder dahin adressirt sind, müssen erst vom Prior gelesen werden,
und dies war unserm Siegwart und Kronhelm sehr vedriesslich. Terese schickte ihm
nach etlichen Tagen diesen Brief;
                               Teurester Bruder!
    Tausendmal hab ich schon dem Himmel gedankt, dass du nun des Kreutzners
gänzlich los bist. Ich weiss nicht, ich konnte den Menschen gar nie ausstehn, ob
ich gleich nur wenig von ihm wusste. Aber dein Pater Philipp, und dein Kronhelm
sind gar liebe Leute, denen ich recht herzlich gut bin. Sags ihnen nur! Sie
dürfens wissen! War das nicht brav gehandelt, dass der Herr von Kronhelm, um den
du's eben nicht verdient hattest, gleich von freien Stücken zu dir kam, und dir
seine Freundschaft wieder anbot? Ich musste weinen, als ichs las, und ward ihm
noch einmal so gut. Ach, es muss ein herrlicher Mensch sein, und der Pater auch.
Nimm dich nur in Acht, ich bitt dich lieber Bruder, dass du ihre Freundschaft
nicht aufs neue verscherzest, und dich mit einem andern zu weit einlässtest!
denn die Beiden meinens gewiss recht ehrlich mit dir. Denk, wie unglücklich du
durch Kreutznern hättest werden können! Papa wird dir auch drüber schreiben.
Unsre Salome ist seit vier Wochen wieder hier. Ich mag nicht gerne klagen, sonst
könnt ich dir gar viel anführen, wie sie mir immer so zuwider ist. Sie sagt, dass
sie vom künftigen Herbst an ganz in München bleiben will. Ich habe nichts
dawider, denn mit mir und dem Landleben scheint sie sich einmal nicht vertragen
zu können; ob ich ihr gleich gewiss nichts wissentlich zu leide tu. Karl will
des Amtmanns in Dollingen Tochter heiraten; ich weiss nicht, ob du sie kennst?
Sie hat uns einmal, schon vor drei Jahren, besucht. Ich kenne sie nicht genug,
um dir meine Meinung über sie sagen zu können. Das weiss ich, dass sie reich und
geitzig ist; mich sah sie nicht viel an, als sie neulich hier war; es scheint,
ich bin ihr zu munter; denn sie sieht immer sehr vedriesslich aus, und tut so
altklug. Karl daurt mich, wenn er sie kriegt; freilich sieht er auch aufs Geld;
aber ich dächte, nach meiner einfältigen Meinung, das wäre zur häuslichen
Glückseligkeit noch nicht genug. Wenn ich ein Mann wär, und eine Frau haben
wollte, so müsste sie mir fein freundlich sein, und nicht bei jedem Heller, den
man ausgibt, so ein saures Gesicht machen; doch das geht mich ja nichts an. Papa
würd ihms auch missraten, wenn er sich nur einreden liesse. - Weist du schon,
dass in Burgau Preussische Officiers liegen, die von der Reichsarmee gefangen
worden sind? Es haben uns schon mehrere verschiednemal besucht; aber einer, der
mir ausnehmend gefällt, besucht uns besonders oft, und das ist der Hauptmann,
Herr von Nortern. Ich sag dir, Bruder, das ist ein herrlicher Mann, gar nicht
so, wie man uns die Ketzer sonst beschrieben hat. Er soll reformirt sein, ich
glaub aus dem Hessischen; aber das tut nichts; er ist doch ein braver Mann! Er
hat ein paar schwarze Augen, wie Perlen, und ein Gesicht, das von der Sonne ganz
verbrannt ist, mit ein paar Narben, eine auf der Stirn, und die andre unten am
Kinn; und doch sieht er freundlich aus, und hat gar nichts so rauhes an sich,
wie man sonst von den Soldaten sagt. Er spricht ganz fremd, und das steht ihm
recht gut. Ich hör ihm gar zu gern zu, wenn er vom Krieg erzält, und von seinem
König. Um den Krieg muss es eine schröckliche Sache sein, weit fürchterlicher,
als wirs uns vorstellten da wir als Kinder mit einander Krieg spielten. Er kann
von Wunder nicht genug erzählen, was die armen Bauern ausstehn, wo der Krieg ist;
und wie's aus dem Wahlplatz und in den Lazareten aussieht! Die Tränen stehen
ihm oft selbst dabei in den Augen. Wenn ich König oder Kayser wäre, so würd ich
viel auf den Frieden halten. Vom König in Preussen erzält er uns viel Gutes;
mehr, als man hier zu Land sagen darf. Am liebsten hör ich ihm zu, wenn er uns
von seiner Braut erzält, die weit von hier weg sein soll. Er muss sie recht lieb
haben, denn er ist immer so bewegt, wenn er von ihr spricht. Sie soll ausehn,
wie ich; aber ich glaub, er sagt nur so; denn er weiss, dass ichs gerne höre. Von
Büchern ist er ein grosser Liebhaber. Als er neulich hörte, dass ich gern was
schönes lese, brachte er mir gleich darauf drei Bücher mit. Eins heisst: Gellerts
Fabeln, es liesst sich gut darin, weil alles so leicht und fasslich ist, und
weils der Mann, ders geschrieben hat, recht gut mit einem meint. Das andre Buch
ist schon höher geschrieben, und heisst Rabeners Satyren; es sollen mehr Bände
sein; in dem, den ich habe, stehen lauter Briefe, die recht lustig zu lesen
sind; oft steckt viel dahinter, und die meisten sind so recht natürlich. Das
dritte Buch soll weit schwerer zu verstehen sein, aber dafür soll auch desto
mehr drinnen stehn; der Herr Hauptmann rühmts gar ungemein, und nennts ein Buch
aller Bücher, das ihn besonders im Krieg recht erbaut habe. Es heisst der
Messias, und ist in ganz besondern Versen geschrieben. Ich hab den Mann wieder
vergessen, ders geschrieben hat, und noch fortsetzt; er hat einen sonderbaren
Namen. Weil das Buch schwer ist, und so schön sein soll, will ich lieber bis
gegen den Winter warten, da ich mehr Zeit zum Lesen und zum Nachdenken habe,
denn ich lese gern was ernstaftes, aber da muss mich dann auch nichts
zerstreuen. Der Herr Hauptmann ist gar gut, und sagt, ich könne die Bücher
behalten, so lang ich wolle. Er liesst mir oft etwas vor, und liesst recht
angenehm, dass mirs immer besser gefällt, als wenn ichs für mich in der Stille
lese. Salome kann ihn nicht gut ausstehn; ich glaub, weil er mehr mit mir macht,
als mit ihr. Aber da kann ich ja nichts dafür. Sie sagt, ich hänge mich an den
Ketzer, und sei in ihn verliebt. Das ist ja lächerrlich, da er eine Braut hat.
Oder soll ich nicht mit ihm sprechen, weil er ein Ketzer ist? Er ist doch so
artig, und hat ein recht gutes Gemüt, so gut als ein Katolik. - Ich hab dir
diesmal recht viel geschrieben Bruder; das macht, weil ich dich so lieb habe,
und dir gern alle Kleinigkeiten erzähle, die mich angehn. Der Herr Hauptmalm
weiss es auch, dass ich dich so lieb habe, und lässt dich vielmals grüssen. Er
sagt, du solltest nur kein Mönch werden. Leb recht wohl, herzliebster Bruder,
und gib mir bald Nachricht, wie's dir geht? Empfiehl mich dem Herrn P. Philipp,
und dem Herrn von Kronhelm aufs beste! Ich verbleibe lebenslang
                           Deine getreuste Schwester
                                                                        Terese.
    Siegwart ging gleich mit diesem Brief auf Kronhelms Zimmer, und las ihn ihm
vor. Kronhelm war über die schöne Einfalt des Mädchens ganz entzückt, und nun
musste ihm Siegwart den ganzen Abend durch von ihr erzählen. Er tats mit so
vieler Wärme, und herzlicher, ungekünstelter, brüderlicher Liebe, dass Kronhelms
ganze Seele von ihr eingenommen wurde, und an allen Kleinigkeiten Anteil nahm,
die sie betrafen. Er trug ihm seine vielfache Empfehlung an sie, und die
Versicherung der aufrichtigsten Hochachtung auf. Xaver, sagte er, ich bedaure
dich, dass du einst durch keine Frau glücklich werden sollst; ich halte die
häusliche Glückseligkeit für die gröste, ob ich gleich in meines Vaters Hause,
leider! nie keine Spur davon angetroffen habe. Du sprachst vorhin von deiner
lieben Schwester mit so vieler Wärme; du bemerkst alle Vorzüge des weiblichen
Geschlechts so genau, weist sie so zu schätzen, und fühlst sie so tief, dass ich
bange für dich bin, wenn du einmal ein Mädchen antreffen solltest, welches
deiner Schwester ähnlich ist. Glaub mir, Siegwart, mir einem fühlenden Herzen in
der Welt zu leben, und nicht fühlen zu dürfen, muss der gröste Schmerz sein, der
unsichtbar am Leben nagt. Dein Herz ist jedem Eindruck so offen, hängt sich
gleich so fest an alles Gute an: und die Liebe, Siegwart, muss was Gutes sein.
Warum fühlte sie denn jeder Mensch, auch die Besten auf der Welt? Nimm dich in
Acht, mein Lieber! oder wähl lieber einen Stand gar nicht, der dem Herzen so
vielen Zwang anlegt! Denk einmal, wenn du liebtest, und nicht lieben dürftest!
Wenn du sahest, dass ein Mädchen dich allein glücklich machen könnte, und du
müsstest, aus ihrer Gegenwart weg, in deine ewige Gefangenschaft und Einsamkeit
zurückkehren!
    Siegwart. Geh, Kronhelm, du siehst jetzt die Sache von der traurigen Seite
an, und vergissest drüber ihre angenehme. Ich hab im Kloster höhere Pflichten zu
erfüllen, die mich von der Welt schon abziehen werden. Vor der Liebe ist mir gar
nicht bang; ich bekümmere mich zwar wohl um meine Schwester, aber nicht um andre
Mädchen. Ich halte auch das häussliche Leben für eine grosse Glückseligkeit, und
habe sie in meinem Hause recht gesehn, so lang meine selige Mutter lebte; aber
deswegen gibts der Glückseligkeiten noch mehr, und jeder Mensch sucht sie auf
seinem eignen Weg. - Du sahest vorhin so wehmütig aus, als du von deinem Vater
sprachest, hat er denn deine Mutter nicht geliebt?
    Kronhelm. Ach, Siegwart, da bringst du mich auf eine traurige Sache, von der
ich ungern rede; aber dir kann ich nichts verhehlen; ich weiss, dass du's bei dir
behältst. Sieh, mein Valer ist ein Mann - es tut mir weh, dass ichs sagen muss -
wie ich nicht sein möchte. Er hat sich in München und im Krieg eine Lebensart
angewöhnt, bei der die häusliche Glückseligklit nicht gut bestehen kann. Meine
selige Mutter musste ihn in ihrem siebzehenten Jahr heiraten. Sie war ein
Fräulein aus der Pfalz, wo sie mein Vater, als er mit den Reichstruppen am Rhein
stand, kennen lernte. Er hatte sie nur Einmal bei ihrem Vater auf dem Land
gesehen, und sich gleich in sie verliebt. Bruder, sagte er zu meinem Grossvater,
der auch gern bei der Weinflasche sass, ich muss deine Tochter haben! - Gut, du
sollst sie haben; willst sie Heut, oder Morgen? antwortete dieser. Und nun war
alles richtig. Meine Mutter hatte wenig Vermögen; sie wars überdrüssig, unter
dem beständigen Gelärm in ihres Vaters Haus zu leben; denn alle Tage gabs
Gesellschaft; sie hofte, meinen Vater, der sehr verliebt in sie war, bald auf
den rechten Weg bringen zu können, und ging mit ihm auf seine Güter nach
Baiern. Anfangs ging alles recht gut. Mein Vater lebte still und eingezogen,
war gern um seine Frau, und legte, ihr zu Lieb, fast alle seine vorige
Gewohnheiten ab; besonders das Fluchen und das Trinken. Nach ein paar Jahren,
als der Krieg vorbei war, kamen zwei oder drei Edelleute, die im Krieg seine
Kammeraden gewesen waren, in unsre Nachbarschaft; besuchten meinen Vater
fleissig; und er fieng seinen vorigen Lebenswandel wieder an. Man spielte,
trank, fluchte, ging auf die Jagd, kam um Mitternacht mit 3 oder 4 Junkern nach
Haus, und unser Schloss sah einer Dorfschenke ähnlicher als einem Edelhof. Meine
Mutter, die eine trefliche und fromme Frau war, trug ihr Leiden lang in der
Stille. Ich weiss es noch aus meiner Kindheit, wie sie oft auf unsrer Kammer
weinte, da indes die Edelleute beim Weinkrug lärmten. Endlich nahm mein Vater
auch eine Person ins Haus, die er noch bei sich hat, die vorher etliche Jahr im
Feld mit herum gezogen war, und sich mit den gemeinsten Kerls abgegeben hatte.
Dieser übergab er die ganze Herrschaft, und sie wusste sich derselben nur zu viel
zu bedienen. Sie war mit bei Tische, und brachte mit meinem Vater und der
übrigen Gesellschaft solche Zoten und Zweideutigkeiten vor, dass meine Mutter
alle Augenblicke weggehen musste, wenn sie nicht rot werden wollte. Kunigunde,
so heist die Person, tat meiner Mutter alles mögliche Herzeleid an; stichelte
auf sie; gab ihr grobe Reden; und sagte oft, dass sie nur aus Gnaden auf dem
Schloss sei. Mir und meinem Bruder, und meinen zwei Schwestern begegnete sie aufs
grausamste, schimpfte auf uns, schlug uns nach Gefallen, und lehrte meine
Schwestern die leichtsinnigsten Zoten und Lieder. Meine Mutter, die sonst Stärke
der Seele genug hatte, konnte das nicht länger ansehen; sie für sich hätte gern
gelitten; aber wir dauerten sie zu sehr, sie hielt also bei meinem Vater an, ob
sie mit uns auf ein entferntes Gut ziehen dürfte, das ihm zugehört? Er willigte
mit Freuden ein, denn das war längst seine und Kunigundens Absicht gewesen, die
ihm derwegen immer in den Ohren gelegen hatte. - Wir reissten also mit unsrer
Mutter nach Wissdorf, wo wir unter ihrer Aufsicht die treflichste Erziehung
genossen, die ich ihr noch tausendmal im Grab verdanken muss. Sie hatte das
zarteste Gefühl des Herzens, das bei jedem fremden Elend mit litt, und an jeder
Freude ihrer Nebenmenschen Anteil nahm. Sie war eine Wohltäterin der ganzen
Gegend; verarmte Bauern, bedrängte Witwen, unglückliche Eltern kamen zu ihr, und
giengen mit Trost und Rat wieder von ihr weg. Ihr Verstand war scharf und fein,
dass sie gleich bei jeder Sache auf den Grund kam; gleich die besten Mittel
wählte, oder angab, und sich in jedermann zu schicken wusste. Ihre Lebhaftigkeit
war ausserordentlich; an allem, was sie sah und hörte, nahm sie Anteil; unsre
Spiele machte sie Stundenlang mit, und wusste sie uns immer neu und unterhaltend
zu machen, denn niemand war erfinderischer, als sie. Ihr Herz beschäftigte sich
unablässig mit der Religion, und doch bezogen sich alle ihre Handlungen, auch
ihre Andachtsübungen, beständig auf das Wohl der Menschen, und besonders ihrer
Kinder. Sie wusste uns die wichtigsten Wahrheiten und die heiligsten Gesinnungen
spielend, und gleichsam nur von ungefähr beizubringen. Keine feierliche
Gelegenheit, wenn das Herz zu den Eindrücken der Religion am geschicktesten ist,
liess sie ungenützt vorbei gehen. Wenn wir von der Schönheit der Natur recht
entzückt waren, zeigte sie uns unvermerkt den Urheber derselben, und flösste uns
Ehrfurcht und Liebe gegen Ihn ein. Oft kniete sie mit uns in ihrer Kammer,
betete mit Tränen um das Wohl, und die Erleuchtung unsers Vaters; um unser
zeitliches Glück, um die Erhaltung unserer Unschuld, und dass sie uns einmal alle
wieder bei sich im Himmel versammelt sehen möchte! Dieses Krucifix hier auf dem
Tisch ist mir ewig heilig. Sie hatte es in ihrer Kammer, kniete oft davor mit
heisser Innbrunst, und benetzte es mit ihren Tränen. Nie hab ich von unsrer
heiligen Religion mit solcher Einfalt, mir solcher Würde, und mit solcher
innigen Empfindung sprechen hören. So äusserst zart von Gefühl, und so ängstlich
sie auch von Natur war, so streng auch ihre Grundsätze von Religion und Tugend
waren, so verleitete sie dieses doch nie zur Lieblosigkeit in Beurteilung
anderer. Sie war streng, aber gegen sich am strengsten. Wenn sie sich zuweilen
auch wegen andrer, und besonders wegen ihrer Kinder, zu vielen, auch wohl
ungegründeten Kummer machte, so war doch die Quelle davon so rein, so edel, dass
ihr gewiss jedes dieser Leiden ewig wird vergolten werden. Die Religion gab ihrem
Herzen die gröste Festigkeit; sie würde, wenn ich jemals von ihr wanken könnte,
mit der Muter der sieben Brüder gesagt haben: Sohn, erbarm dich mein, und stirb!
Ihr Geschmack war so sicher, dass ihr nicht das geringste Gute oder Böse an einer
Handlung entwischte. Sie folgte immer der Natur; Ihre Kleidung zeugte von der
grösten Einfalt; sie ging nie prächtig; aber immer reinlich und zierlich. Von
uns war sie die vertrauteste Freundinn, vor der wir keine Heimlichkeiten hatten.
Sie sorgte vor die Bildung unsers Herzens, und gab uns einen treuen Leiter
unsers kindischen Verstandes, den rechtschaffnen Friedmann, der uns alles wurde;
dem wir, nächst ihr, alles zu verdanken haben. Er kam als ein Mensch von zwanzig
Jahren zu uns, und blieb bei uns bis in sein dreissigstes. Die Treue, die er an
uns bewiess, kann man von keinem Vater grösser erwarten. Alle seine Zeit, und
alle seine Kräfte waren uns gewidmet. Er hatte viele und ausgebreitete
Kenntnisse, die er uns mit unermüdeter Geduld und lauter Liebe einzuflössen
suchte. Sein Herz war das sanfteste und beste. Sein Gesicht drückte die ganze
stille Ruhe seiner Seele aus. Er war immer ernst, und doch beständig heiter.
Alle seine Reden lehrten Weisheit, ohne dass man eine Absicht an ihm merkte, sie
zu lehren. Die Religion, für die er, auch im äusserlichen die gröste
Ehrerbietung hatte, lenkte alle seine Handlungen; und Geschmack und Weltkentnis
machten alles, was er tat, und sprach, angenehm. Meine Mutter hatte ihn zu
ihrem vertrautesten Freund gemacht, und zog ihn bei allem, was sie mit uns
vornahm, erst zu Rat. In ihrer letzten Krankheit vor drei Jahren musste er
beständig um sie sein, sie unterhalten, und ihr aus geistlichen Büchern
vorlesen. Ihre letzte Mine lächelte ihm Dank zu, und erinnerte ihn ans
Wiedersehn im Himmel. Von ihrem Tode kann ich dir nur wenig sagen, Siegwart,
denn das Andenken daran ist mir viel zu traurig. Sie lag lange krank, und litt
viel, aber immer mit Geduld und himmlischer Gelassenheit. Den Tag vor ihrem Tode
liess sie uns noch alle zu sich kommen. Wir knieten um ihr Bett herum, und
glaubten zu vergehen. Sie fasste sich, wie ein Mann; betete mit nie empfundner
Innbrunst; und gab uns ihren Segen. Ich kann dir nicht sagen, Freund, was das
für ein Auftritt war, und welchen tiefen Eindruck er, auf mein ganzes Leben, in
mein Herz gemacht hat. Bei ihrem Tode waren wir nicht gegenwärtig; sie starb
früh; Friedmann war allein bei ihr, und wollte uns nicht rufen, um uns den
ersten unerträglichsten Schmerz zu ersparen. Ich kam drauf zu meinem Onkel, dem
geheimen Rat von Kronhelm in München, wo ichs auch recht gut hatte, bis ich vor
zwei Jahren hieher kam. Mein Bruder kam an Hof wo er noch ist; meine ältre
Schwester kam auch zu meinem Onkel nach München, wo sie sich nun recht glücklich
an einen braven Mann verheiratet hat; und meine jüngste Schwester musste zu
meinem Vater, wo sie noch ist. Das gute Mädchen daurt mich; denn sie ist zwar
gut erzogen, aber jetzt soll sie, durch die freie Lebensart bei meinem Vater,
schon ziemlich verwildert sein. Friedmann bekam bald darauf, durch Vorschub
meines Onkels, eine gute und einträgliche Bedienung.
    Sieh, Xaver, das ist die Geschichte meiner, nun beglückten Mutter, deren
Andenken mir ewig unvergesslich und teuer sein wird. Was ich dir von meinem
Vater gesagt habe, must du ja verschweigen! Ich hab's noch keinem Menschen,
ausser dir, anvertraut.
    Siegwart. Sei unbekümmert drüber, lieber Kronhelm! Ich danke dir recht sehr
für die Erzälung. Sie hat mich unaussprechlich gerührt. Ich habe tausendmal
dabei an meine selige Mutter gedacht, die soviel ähnliches mit deiner Mutter
hatte; nur ihr vieles Leiden ausgenommen; denn - Gott sei dank! - Ich hab den
herrlichsten und rechtschaffensten Vater, der meine Mutter wie sich selber
liebte. - Was ist denn nun deine Bestimmung, Kronhelm? Must du nun wieder zu
deinem Vater zurück, wenn du ausstudirt hast?
    Kronhelm. Ich kann noch nichts gewisses sagen, Xaver. Mein Onkel will mich
auch an den Hof haben. Ich leb aber lieber auf dem Lande, und muss auch einmal,
als der älteste Sohn, die Landgüter, die zwar freilich etwas verschuldet sind,
antreten. In andertalb Jahren geh ich nach Ingolstadt auf die Universität.
    Indem kam P. Philipp auf das Zimmer, um bei dem angenehmen Wetter die beiden
Freunde zu einem Spatziergang an die Donau mitzunehmen. Sie brachten den Abend
unter heitern freundschaftlichen Gesprächen zu, und freuten sich der schönen
Witterung, die jedes Gras und jeden Vogel neu belebte. An einem etwas erhöhten
Teil des Ufers, das mit Tannen und Eichen bepflanzt war, fanden sie die Gegend
so schön, dass sich P. Philipp mit den beiden Jünglingen niedersetzte, sein
Reisszeug herauskriegte, und die Landschaft zu zeichnen anfing. Vor ihnen floss
die grüne Donau ruhig; nur hie und da, wo grosse Kiesel lagen, warf sie Wellen.
Am jenseitigen Ufer, welches sandig, und nur hin und wieder mit Weiden bewachsen
war, standen Kühe halb im Wasser, und tranken. Diesseits des Ufers, welches eine
grüne Wiese bedeckte, sassen einige Knaben, die sich eben zum Baden auszogen.
Siegwart und Kronhelm setzten sich eine Strecke weit vom P. Philipp unter einen
Tannenbaum, um ihn im Zeichnen nicht zu stören. Erst bewunderten sie die
mannigfallige Gegend, und lasen dann zusammen eine Ekloge im Virgil, den
Kronhelm zu sich gesteckt hatte. Plötzlich entstand unten an der Donau ein
Geschrei; denn einer von den Knaben, welche badeten, wollte eben untersinken.
Unsre beiden Jünglinge liessen den Virgil, den sie gemeinschaftlich hielten,
fallen, dass er vor ihnen den Berg hinunter holperte, und sprangen in vollem Trab
den Berg hinab. Weil das Ufer steil und sandig war, dass der Sand unter den
Füssen wegwich, so stürzte Kronhelm über und über, bis er unten lag. Siegwart
aber sah und hörte nichts, als den Knaben in der Donau, und sprang, so wie er
war, hinein, um ihn zu retten. Kronhelm raffte sich indessen wieder auf, und
wollt ihm eben nachspringen, als der Pater auch den Berg herab kam, und ihn
zurückhielt, weil er sich das Gesicht ganz blutrünstig gefallen hatte. Siegwart
brachte nun den Knaben wieder aus dem Wasser, der vor Schrecken und Todesangst
zitterte. Ein andrer Knabe, der beim Schreien seines Kammeraden ganz nackt
weggesprungen war, kam mit dessen seiner Mutter, welche todtenblass aussah,
herbeigelaufen. Wo ist er? wo ist er? rief sie, ohne jemand am Ufer zu bemerken,
und rannte wild ans Wasser hin. Philipp eilte, sie zurückzuhalten, und sagte,
dass ihr Sohn gerettet sei. - So? So? rief sie, sah stier um sich, und flog
endlich, als sie ihren Knaben sitzen sah, auf ihn zu, umschlang ihn, als ob sie
ihn zerdrücken wollte; rief: Gott sei ewig Lob und Dank, dass ich dich wieder
habe! und brach in einen Strom von Tränen aus. - Und welcher Heilige hat dich
denn errettet, Joseph? - Ich weiss nicht, Mutter, war des Knaben Antwort. - Hier,
dem jungen Herren da, hat sies zu verdanken, sagte Pater Philipp, und wiess auf
unsern Siegwart. - Ihm? Ihm? Nun, so dank Ihm Gott! Belohn Ihn, segn Ihn
tausendfältig! Du lieber Gott! hat Ers getan? Sieht er? 's ist mir so Ernst zum
Danken; aber ich kann nicht. - Du lieber Herzensknab! wenn ich dich verloren
hätte! - Aber das verfluchte Baden, dass du mir das künftig lässest! - Sieh, da
seh ich erst, dass du ganz nackt bist. - Die Herrn müssen dirs nicht übel nehmen;
ich habs nicht gewusst. - Lieber Gott, wenn du da ertrunken wärest! O junger
Herr, er hat mirs Leben erhalten; weiss Gott, er hats! Der Jung geht mir über
alles. - Nicht wahr, Herzens Joseph? Aber dass du mir nur nicht wieder badest. -
Sieht er, junger Herr, wenn ich künftig einmal Freud an ihm erlebe, so verdank
ichs Ihm; und täglich will ich vier Rosenkränze für ihn beten; aber sonst hab
ich nichts; ich bin ein armes Weib. - Nun fieng sie an zu weinen. -
    Als Philipp mit seinen jungen Freunden endlich weggieng, küsste sie
Siegwarten noch die Hand; dieser drückte ihr, zum Andenken, wie er sagte, einen
Gulden in die Hand; Philipp und Kronhelm tatens auch. Nun war sie gar ausser
sich, und wollte vor ihnen auf die Knie niederfallen; noch hundertmal rief sie
ihnen nach: Tausend Gotteslohn! und ihr Knabe musste ihnen noch einmal
nachspringen, da sie schon weit weg waren, und jedem noch die Hand küssen.
    Das ist eine traurige Bemerkung, sagte Philipp, die ich schon recht oft
gemacht habe, dass der Anblick des Geldes über das Bauernvolk alles vermag! Sie
wissen nicht mehr, wo sie sind? wenn sie ein paar Gulden sehen, und halten keine
andre Wohltat für so gross. Entweder setzen sie all ihr Vertrauen drauf, oder
die Landsherren lassen ihnen so wenig, dass sie's für die gröste Seltenheit, und
eben darum für das gröste Gut halten.
    Siegwart. Ich fürchte fast das letztere. - Aber, Kronhelm, da seh ich erst,
dass du im Gesicht ganz blutig bist. Es ist dir doch kein Unglück begegnet?
    Kronhelm. Nein, ich fiel nur den Berg herab, als ich dem Knaben zu Hülf
kommen wollte. Es hat gar nichts zu bedeuten.
    Siegwart. So? wolltest du auch in die Donau springen? Ich glaub, du kannst
nicht einmal schwimmen.
    Kronhelm. Doch! Ich habs im Lech gelernt; der fliesst ja an unserm Schloss
vorbei. - Du bist noch ganz nass, Siegwart. Wenn dirs nur nicht schadet, dass du
dich verkältet hast?
    Siegwart. Ey, was! das hat nichts zu sagen! Ueber der Freud hab ich alles
wieder vergessen. Ich kanns wohl sagen: Es ist mir herzlich lieb, dass ich den
Knaben noch errettet habe. Er klammerte sich so fest an mich an, und machte sich
so schwer, dass ich fast mit ihm hinunter sank. Nun bin ich aber auch recht müd.
    P. Philipp. Das glaub ich, lieber Siegwart; ich bins schon vom Schrecken.
Dafür soll ihm aber auch die Ruhe heut recht süss schmecken. So ein Tag geht über
alles! Zuvor wollen wir noch ein gutes Glas Rheinwein mit einander trinken; ich
hab gestern welchen geschenkt gekriegt. Und morgen, lieber Siegwart, mach ich
meine Landschaft vollends fertig, und zeichne seine, und des braven Kronhelms
Tat drauf. Ihm kopier ich das Stück auch, lieber Herr von Kronhelm. Ihr müssts
dann beide, zum ewigen Andenken, in eurem Zimmer aufhängen.
    Nun kamen sie ins Kloster zurück, und brachten den Abend recht vergnügt bei
einem Glas Wein zu. Siegwart fühlte so ein inniges Vergnügen über seine Tat,
ohne dran zu denken, wie ein Schutzgeist, der einen Entschluss, den er seinem
Freund im Schlaf eingeflüstert hat, zur Tat werden sieht. Siegwart und Kronhelm
beredeten sich, bei ihrem Prior anzuhalten, ob sie nicht auf Ein Zimmer zusammen
ziehen dürften? Der Prior gab es ohne Anstand zu; und Kronhelm zog auf Siegwarts
Zimmer, das, wegen seiner herrlichen Aussicht, so vorzüglich war. Die beiden
Freunde fühlten so viele Uebereinstimmung ihrer Seelen; ihre kleinsten
Empfindungen schmolzen so ineinander, dass sie beinahe unzertrennlich wurden; und
in jedem Augenblick eine Leere fühlten, den sie nicht miteinander zubringen
konnten. Kronhelm, der in den eigentlichen Wissenschaften schon weiter war,
teilte unvermerkt im Umgang alle seine Kenntnisse seinem Freunde mit, und P.
Philipp erweiterte sie durch seinen Umgang immer mehr. Er liebte sie, wie seine
Kinder. Beide malte er ab, und hieng sie über seinem Schreibpult auf. Die beiden
Bildnisse sahen einander an, und lächelten sich mit dem unbeschreiblichsten
Gefühl der Freundschaft zu. Wers nicht wusste, sah es, dass die Beiden Freunde
waren. - Zweimal in der Woche gab der junge Pater, der Musikdirektor war, ein
Koncert, und unsre beiden Jünglinge nahmen so sehr im Violinspielen zu, dass sie
Meister wurden. Sie spielten sich in ihren Privatübungen so zusammen, dass, wenn
sie spielten, die Töne ihrer Violinen zwei Bäche schienen, die erst
nebeneinander herrieseln, und dann in eins zusammenfliessen. Auch im Singen nahm
Siegwart täglich zu.
    Gegen den Herbst bekam Kronhelm folgenden Brief von seinem Vater:
                                   Mein Sohn.
    Ich sag dir, Jung, du must zu mir kommen, und mich auch besuchen tun.
Sapperment, hab dich ja sint vielen Jahren nit gsehn. D'Jagt ist braf, und
Hirsch und Reh gibts ihr gnug, auch Haasen die schwere Meng. Komm nur und sollt
deine Lust hahn. Muss doch auch mal sehn, wie d' aussehen tust, bist wohl ein
Kopf grösser worden? Narr, 's sind dir Junker im Land, die's mit'm fürstlichen
Jäger aufnimmen täten. Wirst doch schiessen können, sonst bist 'n Hundsfutt,
und 'n alte Hur, sag ich. Kanst auch 'n Kammraden mitnemmen, oder 'n Paar, wenn
d' willt. Z'fressen gibts gnug. Auch z' sauffen. Hol mich der Teufel! ich bin
dein getreuer Vater, und must kommen, sag ich, auf d' Fakkants. Schreib mirs
erst, wie viel Gäul du brauchen tust, dass ichs schick durch den Jackerl, und
wenn du kommen willt? Hasts ghört? Bin, wie schon gesagt dein ehrlicher Vater
                                                                 Veit Kronehelm.
    Kronhelm ging nicht gern, aber er musste doch. Er trugs unserm Siegwart an,
ob er ihn begleiten wolle? Ich weiss wohl, sagte er, dass du da wenig Freude haben
wirst, und mehr Verdruss; aber, Bruder, du erzeigtest mir einen
ausserordentlichen Gefallen. Die Zeit würde mir draussen so lang werden, wenn
ich mit keinem Menschen umgehn könnte; und ohne dich kann ich fast gar nicht
mehr sein. Willst dus tun, Xaverchen? Ich tu dir auch wieder einen Gefallen.
Nicht wahr? Du gehst mit? Siegwart antwortete: Freilich, Kronhelm! wo du hin
willst, und wenns in die Hölle wäre! Dass du auch noch so was fragen kannst?
Meinst denn, ich möcht ohne dich hier sein?
    Kronhelm schrieb also seinem Vater, er würde zu Anfang des Augusts, wenn das
Schuljahr geendigt wäre, mit noch einem Freunde zu ihm kommen, und die Ferien da
zubringen. - Jetzt war er sehr beschäftigt, die Rolle auswendig zu lernen, die
er bei der bevorstehenden Schulkomödie zu spielen hatte. Xavern wurde noch keine
Rolle aufgetragen, weil er noch nicht lang auf der Schule war; aber im Orchester
spielte er mit, und akkompagniete bei dem Singspiel eine obligate Arie, auf der
Violine, mit solch allgemeinem Beifall dass das ganze Parterre zusammen
klatschte, und den Sänger, der nicht schlecht war, drüber vergass.
    Zwei Tage drauf, nach der Schulkomödie, schickte Junker Veit seinen
Reitknecht mit drei Pferden nach der Stadt, um seinen Sohn und Siegwart
abzuholen. Sie nahmen ihre Violinen mit, um sich allenfalls die Zeit zu
vertreiben, und steckten den Virgil, nebst noch ein paar Büchern zu sich. Der
Reitknecht Jakob, oder Jakerl, war ein lustiger Kerl, den Junker Veit im
Notfall statt eines Kammeraden brauchte, denn er verstund die Jägerei aus dem
Grunde, und hatte auch jetzt einen Windhund, einen Hühnerhund, einen Dax und
eine Flinte bei sich. Das Schloss des Junkers lag sechs Stunden weit vom
Städtchen, und hiess Steinfeld. Der Weg dahin ging mehrenteils durch Ebenen und
Tannenwälder. Jakob sah die ganze Gegend als ein Jäger an, und wenn ein dicker
Wald kam, bedaurte er immer, dass der gnädge Herr diesen Forst nicht habe. Der
Donner! rief er einmal aus, als ein Volk Rebhüner aufflog, was ich für ein Esel
bin! Man sollt mich gleich erschiessen, dass ich mein Hühnergarn nicht mit
genommen habe! Hätte da mein Tyras sie so schön stellen können! Was würde sich
mein Herr g'freut haben, wenn ich ihm was fremdes mitbracht hätt! Aber so gehts;
man vergist immer 's best! - Sie ritten nun durch einen Eichenwald, und
plötzlich geschah hinter ihnen ein Schuss; als sich Siegwart und Kronhelm umsahn,
hatte Jakerl losgedruckt, und rannte nun mit seinem Pferd und dem Windspiel ins
Gebüsch hinein. Die beiden sahen einander an, und wussten nicht, was sie sagen
sollten? Nachdem sie eine Weile auf den Reitknecht gewartet hatten, so hörten
sie im Gebüsch drinnen ein grosses Geschrei, und ritten drauf zu. Jakob war vom
Pferd abgestiegen, hatte sein Weidmesser ausgezogen, und wollte den Hirsch, den
er geschossen hatte, aufbrechen. Der Jäger eines andern Edelmanns, dem der Forst
gehörte, war auf den Schuss hinzugekommen, und wollte nun dem Reitknecht das
Gewehr abnehmen. Darüber entstand ein grosser Zank, denn Jakob wollte sich
durchaus nicht ergeben. Was gibts, Jakob? sagte Kronhelm. - Ey was wirds geben,
Junker? Der Hundskerl da will mir den Hirsch wegnehmen, der mir von Gotts und
Rechtswegen ghört, weil ich ihn gschossen hab, und 's Gwehr dazu! Ja komm mir
nur, Zigeuner! Meinst, ich sei ein Wilderer (Wilddieb) weil du mir so kommst? Da
frag nur meinen Junker, ob ich nicht eines ehrlichen Edelmanns Kutscher sei, und
ein Jäger dazu, so gut, als du?
    Jäger. Zum Teufel! was schiert mich das? Das ist meines Herrn Forst. Kehr du
vor deiner Tür, und ich vor der meinen! 's Gwehr her, sag ich, und den Hirsch
auch! oder 's geht nicht gut! Nicht wahr, Junker, er ist ein Spitzbub, und
verdient den Galgen?
    Kronhelm. Ein bisschen langsam, guter Freund! Der Bediente ist mein, und ich
bin des Junker Kronhelms Sohn. (Hier nahm der Jäger schnell den Hut ab.) Sieht
er, es ist nicht recht, dass mein Jakob das getan hat, und ich hab ihm's auch
nicht geheissen. Aber Er muss es nun auch gut sein lassen'. Der Hirsch ist sein,
und da hat er noch ein Trinkgeld für den Aerger. - Jakerl dass ihr mir den
Augenblick das Weidmesser einsteckt, und aufs Pferd steigt! Was sind das für
Possen! (Jakob stieg aufs Pferd, und sah den Jäger von der Seite drohend an.)
Wer ist denn sein Herr, guter Freund? Ist er hier zu Lande?
    Jäger. Ja, gnädger Herr! Es ist der Junker Felsberg, ein Herr, wie die gute
Stund, der nie in eines andern Herrn Gau gejagt hat.
    Kronhelm. Nun, schon gut! Den Junker Felsberg kennt mein Vater wohl; Sie
sind die besten Freunde. Mach er seinem Herrn mein Kompliment, und sag er, ich
lasse wegen der Narrheit meines Kerls um Vergebung bitten; Mir seis leid! Bei
Gelegenheit wirds mein Vater schon noch selber tun. Adjeu!
    Siegwart, Kronhelm und sein Jakerl ritten nun wieder aus dem Gebüsch in den
Fahrweg. Jakerl sprach erst kein Wort, und schien böse zu sein. Endlich fieng er
an: Aber, junger Herr; nehmen Sie mir nun nicht übel! Das war doch nicht recht,
dass ich da den schönen Hirsch musste fahren lassen! Hatte, meiner Seel! Vierzehn
Enden. Ich möchte mir d' Zung durchbeissen, wenn ich dran denk! 's ist schon
recht, dass man d' Wilderer wegschiesst, und ich hab schon manchem auch eins
versetzt, dass er 's Aufstehen drüber vergass; aber dass man mir 's Jagen verbieten
will, da ich doch einem Edelmann dien', der seines gleichen im Land sucht, das
ist nicht recht, sag ich; und das tut mir weh. - Ihr seid nicht klug, Jakerl,
sagte Kronhelm. Seid ihr denn hier in meines Vaters Waldungen, dass ihr schalten
und walten könnt, wie ihr wollt? Denkt einmal, wenn der Jäger in unsern Forst
gekommen wär, ob ihr ihn da hättet schiessen lassen, wie er wollte? - Jakob
schiens nun zu begreifen; brummte aber immer noch etwas in den Bart hinein.
    Sie kamen drauf durch ein Dorf, wo eine Bauernhochzeit war. Unsre Jünglinge
stiegen beim Wirtshaus ab, um den Tanz mit anzusehen. Anfangs taten die Bauern
ganz furchtsam, und wollten nicht mehr forttanzen; aber Kronhelm winkte seinem
Reitknecht, dass er ihnen zu verstehen geben sollte, sie möchten sich in ihrer
Lust nicht stören lassen; die Herren sehens gerne, wenn sie recht munter wären.
Nun überliessen sich die jungen Leute ganz der Freude wieder. Siegwart und
Kronhelm fanden ein gar inniges Vergnügen an den ächt schwäbischen Tänzen; wie
die Bauern in den Wendungen eine so natürliche Anmut hatten, und die
ungezwungensten Abänderungen machten, die kein, noch so geübter, Tanzmeister
lehren kann. Sie ergötzten sich an den mannigfachen Künsten; der Eine tanzte auf
den Knien, der andre auf Einem Bein, der dritte hob sein Mädchen in die Höhe;
ein Paar hielt sich mit den Händen fest, und ein Bauer schlupfte unten durch,
oder wiegte sich darauf. Während dem Tanzen sprachen die Tänzer und die
Tänzerinnen miteinander, oder die Bauern sangen nach dem Ton der Geigen und
Schalmeien. Wenn der Tanz vorbei war, so gab jeder Bauer seiner Dirne einen
lauten herzlichen Handschlag. Dann liebäugelten sie miteinander, tranken sich
das Bier und den Brandwein zu, und liessen die Musikanten Tusch machen. Siegwart
bemerkte, dass die Bauern eben so wohl, wie die Städter, ihre witzigen Köpfe,
ihre Stutzer, und Koquetten hätten, und dass der Unterschied bloss in der Art
liege, diese Eigenschaften zu äussern. Kronhelm trank mit Siegwart die
Gesundheit des jungen Brautpaars, welches sich ausserordentlich drüber freute,
und diese Höflichkeit mit vielem Gepräng erwiederte. Unsre beiden Jünglinge
hätten sich noch länger an Beobachtung dieser ländlichen Lustbarkeit ergötzt,
wenn nicht der Schulmeister gekommen wäre, sie zu unterhalten. Dieser war kaum
auf die Mutmassung gefallen, dass dies wohl Studenten sein möchten, so kam er,
weil er sich auch für einen, nicht geringen Gelehrten hielt, mit vielen steifen
Büklingen, um seine Herren Kollegen zu bewillkommen; und fieng von der
Philosophei, von der Grammatika und Rhetorika ein so abgeschmaktes,
weitläuftiges und ungereimtes Geschwätz an, dass Siegwart dem Kronhelm heimlich
winkte, aufzubrechen. Der Schulmeister begleitete sie noch die Treppe hinab bis
an die Tür, und nahm mit vielen Scharrfüssen und ungemeiner Freundlichkeit von
ihnen Abschied. Drauf sah er seine Bauern, die hinter ihm drein geschlichen
waren, mit lächelnder Selbstzufriedenheit an, winkte mit den Augen, und drückte
sie halb zu; das sind Herren, sagte er, die haben was rechts studirt! Man kann
sie auf die Probe stellen, wie man will, sie sind überall zu Haus! In omnibus
aliquis, in totum nihil! Ja, Leute! das ist eine Lust, mit Gelehrten umzugehen!
Aber bei euch vergisst man alles wieder! Doch wer kann wider die duram
necessitam? Seht ihr, das ist lateinisch. - Nun ging er langsam wieder die
Treppe hinauf; die Bauern wichen alle aus, und sahen ihn ehrerbietig an. Droben
auf der Stube wollte jeder wissen, was die jungen Herren mit ihm gesprochen
haben? - Ihr verstehts nicht, sagte er; das ist nur umsonst! Es betraf die
Gelehrsamkeit, eruditium, wie mans nennt. Jeder Bauer trank nun seine
Gesundheit; Er bedankte sich mit vielem gelehrtem Anstand, und nicht geringer
Gravität.
    Kronhelm und Siegwart ritten unterdessen weiter, und lachten herzlich über
die gelehrte Einfalt des Schulmeisters. Jakob ritt ganz langsam hinter ihnen
her, und schlief; denn er hatte sich den Brandwein im Wirtshaus ziemlich
schmecken lassen. Nach zwei Stunden kamen sie in Steinfeld an; Sie waren etlich
funfzig Schritte weit vom Schloss entfernt, als ihnen eine Menge Jagdhunde von
verschiedner Art mit so schrecklichem Gebell entgegen sprang, dass Jakob drüber
aufwachte, und ein lautes Joh ho! anstimmte. - Das ist ja eine ungeheure Menge
Hunde, sagte Siegwart. - Kleinigkeit! antwortete Kronhelm, wenn du erst in den
Hof, und in die Ställe kommst, dann must du sehen.
    Im Hof war alles still und ruhig, als sie hinein ritten, und kein Mensch
liess sich sehen. Kronhelm und Siegwart stiegen ab; endlich kam Sibylla,
Kronhelms jüngste Schwester aus dem Schloss heraus geflogen, drückte ihren Bruder
fest an sich, und sagte: Bist du's Bruder? Hab dich in der Tat kaum mehr
gekannt! Xavern sah sie frei an, und verneigte sich vor ihm, gab ihrem Bruder
die Hand, und führte die beiden in das Schloss hinauf. - Aber du must gleich
wieder fort, Bruder, sagte sie, und der Herr da auch. Ihr könnt nur eine Suppe
essen. - Wohin denn? fragte Kronhelm ganz betroffen. - In den Steiner Forst zum
Papa. Der Jäger hat gestern ein Schwein da gespürt, und diesen Morgen ritt er
gleich hinaus. Er hats aber hinterlassen, dass Ihr ja gleich nachkommen und die
Lust mit ansehen sollt. Da sind zwei Flinten und zwei Jägertaschen. Siehst du,
die mit Silber ist für dich, und die andre für den Herrn da - ich weiss nicht,
wie er heisst? - Siegwart, sagte Kronhelm - Nun ja für den Herrn Siegwart. Jezt
nur schnell die Suppe gegessen, und dann gleich wieder weiter! Wein und kaltes
Essen ist schon draussen; wenn ihr nur was Warms im Leib habt! - Sie hüpfte und
sprang in der Stube herum, trillerte und drückte dann ihrem Bruder wieder mit
aller Kraft die Hand. Siegwart gefiel ihr wohl; nur sagte sie, er sei so still,
und müsse muntrer weren. Als die Suppe gegessen war, liess sie ihrem Bruder und
Xavern keine Ruh; sie mussten die Waldtaschen und die Flinten umhängen, und
gleich wieder fort. Sie sprang selbst die Treppe voran hinab, und führte die
Pferd' aus dem Stall heraus. Als ihr Bruder aufgestiegen war, gab sie seinem
Pferd einen Hieb mit der Gerte, dass es hinten ausschlug, und brach darüber in
ein lautes Gelächter aus.
    Kronhelm und Siegwart ritten mit dem Reitknecht nach dem Forst zu. Das ist
ein wildes Mädel, weine Schwester, sagte Kronhelm; du must ihrs nur nicht übel
nehmen, Siegwart; sie war sonst nicht so, als sie noch bei meiner Mutter war;
sie hat im Grund ein recht gutes Gemüt; aber ich dachte wohl, dass sie bei meinem
Vater so werden würde, denn sie war immer unter uns das wildeste.
    Nach einer halben Stunde kamen sie an den Forst, wo das Jagen war. Der
Junker Veit (so nannte ihn die ganze Gegend) stand an einer Eiche mit gespanntem
Hahnen. Sobald er seinen Sohn und Siegwart in der Ferne sah, winkte er ihnen zu,
von den Pferden abzusteigen. Sie tatens, und kamen näher. Er wiess ihnen, ohn
ein Wort zu sagen, nur mit Winken, ihre Posten an, wo sie anstehen sollten. Sein
Sohn stand am nächsten bei ihm, aber er sprach nicht ein Wort mit ihm, sah ihn
auch nicht an, sondern laurte nur auf das Schwein, das herausgetrieben werden
sollte. Endlich kams auf Siegwarts Seite heraus; dieser schoss es, dass es auf der
Stelle fiel. Junker Veit flog wie ein Pfeil herbei, gab ihm den Fang, und nun
sprang er auf Siegwarten zu, umarmte ihn, dass er hätte schreien mögen, und rief:
Herrlicher Junge! 's ist, meiner Seel! ein Hauptschwein - Du wirst ein grosser
Kerl werden! Sieh nur, wie du's auf den Pelz geschossen hast! Grad am rechten
Fleck! - Du kannst Oberjägermeister werden, wenn du willst - Bist ein
Teufelsjunge; lass dich recht aufs Maul küssen! - Nun, Waidmanns Heil, Friedrich!
(so hiess der junge Kronhelm) hast mir einen herrlichen Knaben da mit gebracht.
Gott geb! dass du auch so bist! Wie gehts, wie stehts? Bist recht gross worden.
Nun, nun, ein Jäger darf wohl stark sein, wenn er will 'n guten Fang geben. -
Komm, wir wollen erst d' Sau wegbringen lassen, und dann zur Mamsell Kunigunde,
sie ist auf der Wiese dort beim Essen; kannst ihr deinen Diener machen -
Sapperment, was das 'ne Sau ist, und der Blitzkerl hat sie gschossen! 's ärgert
mich halb, dass er mir sie weggenommen hat! Nu, nu, wem's Glück eben will. -
Friedrich, du siehst mir so kalmäuserisch aus. - Frisch! Auf der Jagd muss man
munter sein! Mir ist nie so wohl, als im Forst. Komm, sollst ein Glas Wein
trinken, dass du lustig wirst; und du auch, junger Eisenfresser!
    Hier nahm er Siegwarten beim Arm, und schlenderte mit ihm und seinem Sohn
nach der Wiese, wo Kunigunde war. Halt, sagte er, unterwegs, riss sich von
Siegwart los, und schoss einen Fuchs, der eben von der Seite durchs Gebüsch
schlich. - Sieh, den hab ich schön troffen; beim Einen Aug 'nein, und beim
andern wieder 'raus; aber 's ist doch nichts gegen dein Hauptschwein. - Nun kam
er zu seiner Maitresse, (wir Deutsche nennen's Hure) - Da, Jungfer Kunigund, da
sieht sie einen Kerl vor sich, der hundert Baiersche Junker übersieht; Der hat
die Sau g'schossen, auf die wir ausgangen sind; und das da ist mein Jung - Bück
dich brav, Friedrich! Sie ist mein Alles und Alles. - So, nun geb sie brav Wein
her, denn ich bin so durstig, wie 'n Brunstirsch! - Nu, angstossen, junger
Herr! Es leb d' Jagd und der Krieg! Ich bin auch Soldat gwest, muss er wissen,
hab drei Jahr am Rhein gstanden; aber da war blutwenig z' machen, die
Teufelsfranzosen hatten alles schon wegg'schossen. - Heh! wo ist denn der Michel
und der Steffen? Die Kerls sollen mir 's Jägerlied blasen: (Er sang)
Das Jagen ist mein' gröste Lust
Ziehs allem andern für!
Man ist so frisch
Rennt durchs Gebüsch,
Und springt, als wie ein Tier!
    Ey, wie wärs, Jungfer Gundel, wenn sie mit dem Xaver da tanzte! Mach sie
keine Umständ! der Jung ists wehrt! - Nun musste Siegwart den wildesten deutschen
Tanz auf der Wiese mit ihr machen. Nach ihm tanzte Junker Veit. Fritz kann noch
warten, sagte er. Der Jung muss erst zeigen, ob er mein Sohn ist, und auch
schiessen kann? Sie ritten nun, weil es Abend wurde, mit einander nach Haus;
Kunigunde musste auch mit reiten. Unterwegs fiels dem Junker ein, sie wollten
beim Junker Seilberg vorbei reiten. 'S ist nur drei viertel Stund Umweg, sagte
Veit; der ehrliche Kerl muss doch auch von meiner Freud wissen, dass ich die Sau
kriegt hab. Nun gab er seinem Ross die Sporn, und die andern mussten nach, sie
mochten wollen, oder nicht. Man hörte gleich, eh man noch an Seilbergs Schloss
kam, ein schröckliches Geschrei; denn es war Gesellschaft da. Veit ging mit
seiner Gesellschaft unangemeldet in den Saal, erzälte mit grossem Geschrei, dass
Siegwart ein Schwein geschossen habe und stellte ihn mit vielem Triumph unter
diesem Karakter den vier da versammelten Junkern vor. Man setzte sich gleich um
den Tisch herum, und musste tapfer trinken. Die anwesenden Edelleute waren:
Seilberg, ein Mann von 65 Jahren, der, wegen des Podagra nicht von der Stelle
kommen konnte, und die Füsse mit Kissen eingebunden hatte; sein Tochtermann,
Baron von Striebel ein ehemaliger Husarenlieutenant, der auch jezt noch die
Uniform und einen schwarzgewixten Schnurrbart trug, ein Mann von vier und
dreissig Jahren, war der zweite. Der dritte, Junker Jobst, war ein Junggesell
von 59 Jahren; ein armer Schlucker, der nicht einmal eine eigne Wohnung hatte,
und sich wechselsweise bald beim Einem, bald beim andern Junker, oder auch im
Notfall bei einem Bauern aufhielt, der sein Lehnsvasall war, und ihm jährlich
40 oder 50 Gulden an Frucht auszalen musste. Er liess sich von den Edelleuten zu
allem brauchen. Er ritt von einem Schloss zum andern, wenn ein Schmauss angesagt
werden sollte; er brachte den Edelleuten ihre Pferde nach der Stadt, wo ein
Rossmarkt war, und verkaufte sie da, oder handelte neue ein; er nahm die
Koppelhunde mit auf die Jagd, oder trug das Hühnergarn; und liess sich einen
ganzen Abend für den Narren halten, wenn er nur mit essen und mit trinken
durfte. Aber Adeliche mussten's sein, die ihn für den Narren hielten; von
Bürgerlichen hätt er keinen Heller angenommen. Die vierte Person war ein junger
Edelmann von drei und zwanzig Jahren, aus dem Baierschen, der sich aber am
Münchnerhof als Kammerjunker aufhielt, Namens Silberling. Er war zart gebaut,
und sehr galant; hatte ein schönes grünes Kleid mit einer goldbordirten Weste
an, und drüber eine golddurchwürkte Hirschfängerkuppel. Sein Haar war mit einem
Perlenfarbnen Bande zierlich aufgebunden, und seine Locken nachlässig schön
zurückgebogen. Er würde sich nicht in die Gesellschaft dieser rohen Landjunker
gemischt haben, wenn er nicht eine geheime Absicht auf das Fräulein von
Stellmann gehabe hätte, die eine Enkelinn vom alten Seilberg war, und sich seit
dem Tod ihrer Mutter bei ihm aufhielt. Sie ging aus und ein, um die Gäste zu
bedienen.
    Nun sag mir einmal, Fritz, fieng Junker Veit an, was ist denn dein Xaver?
Wie heisst sein Vater, und was ist er? Es muss ein treflicher Kerl sein, da sein
Bub schon so ein guter Jäger ist!
    Siegwart. Ich heisse Siegwart; mein Vater ist Amtmann zu Dahlenburg im
Oettingischen.
    Jobst. Nicht von Adel?
    Siegwart. Nein.
    Veit. Nicht von Adel? Nun, so hol mich dieser und jener! Du bist also
nichts, gar nichts? Ein Amtmanns Sohn! Element! Wer hätt das glauben sollen? -
Aber, ich weiss schon, wie's gangen ist; deine Mutter hat mit'm Edelmann
zugehalten. Nicht wahr, Jung, ich weiss's? - Darfst nicht rot werden! Narr, hast
dich nicht drob zu schämen. Lieber ein Bankert von 'm Edelmann, als ein
lausichter Amtmannssohn. Komm! ich bin dir doch gut, weil du so schiessen
kannst.
    Junker Jobst stund auf, und fragte Striebeln heimlich, aber doch so, dass
mans halb verstehen konnte, ob man wohl den Siegwart in der Gesellschaft mit
lassen könne, da er nicht von Adel sei? Striebel sagte; weil ihn Junker Veit
mitgebracht habe, so könn mans nicht gut ändern. Ueberhaupt dachte Striebel noch
vernünftiger, denn er hatte in Heidelberg, wo er ein halbes Jahr lang an einer
Wunde krank gelegen hatte, etlich vernünftige protestantische und katolische
Professoren kennen gelernt, die seinen Verstand durch ihren Umgang, und die
Bücher, die sie ihm geliehen, ziemlich aufgeklärt hatten.
    Herr von Silberling schlich sich weg, um bei seinem Fräulein seine
Aufwartung zu machen, und das Gespräch kam wieder auf die Jagd und auf andre
gleichgültigere Dinge. Nachher kam das Fräulein selbst in die Gesellschaft, weil
sie mit dem süssen Silberling nicht gern allein war. Sie hatte viel Anmut in
der Mine, und eine ziemlich gute Erziehung. Ihre braunen Augen waren lebhaft,
und doch sittsam. Auf den schlüpfrigen Scherz der Junker gab sie wenig Acht, und
unterhielt sich mehr mit Kronhelm und mit Siegwart. Auf den erstern war sie
besonders aufmerksam, und fand viel Wohlgefallen an ihm. Sie sah ihn oft lang
an, und konnte zuletzt ihre Augen fast nicht mehr von ihm wegwenden. Silberling,
der dieses merkte, wurde ganz unruhig und eifersüchtig drüber. Regina, (so hiess
die Fräulein Stellmann) gefiel auch unserm Kronhelm, aber doch nicht so, dass
sein Herz dabei beschäftigt wurde. Junker Veit und Seilberg sahns gerne, dass
ihre Kinder mit einander sprachen, denn beide hatten halb und halb die Absicht,
einst ein Pärchen aus ihnen zu machen; wenigstens von Silberling hielt Seilberg
wenig, weil er mit ihm von nichts, als vom Hof sprechen konnte. Als Regina
Siegwarts Namen hörte, ward sie aufmerksam drauf, und sagte: sie habe vor fünf
Jahren in einem Kloster in München eine Freundinn gehabt, die Terese Siegwart
heisse, ob sie wohl vielleicht mit ihm verwandt sei? O Ja, sie ist meine
Schwester, sagte Siegwart. Regina hatte eine grosse Freude drüber, und bemerkte,
dass ihr Siegwarts Gesicht gleich so bekannt vorgekommen sei; nun sehe sie dass er
viel Aehnlichkeit mit seiner Schwester habe. Das ist gar ein liebes Mädchen,
Herr von Kronhelm, fuhr sie fort; Sie sollten sie nur sehen! Ich weiss, das sie
Ihnen wohl gefallen würde. Wir waren Ein Herz und Eine Seele. Sie hat ein
himmlisches Gemüt; ist immer froh und munter, und doch dabei so gesetzt. Wenn
Sie sie wieder sehen, Herr Siegwart, oder an Sie schreiben, so machen Sie ihr ja
meine herzliche Empfehlung! Sie wird sich meiner noch wohl erinnern. Siegwart
versprach, es gewiss zu tun.
    Die Edelleute wurden indes immer lauter, denn sie tranken immer mehr Wein.
Seilberg und Junker Veit stiessen ihre Gläser alle Augenblicke an. Jobst
unterhielt Kunigunden; denn ob sie wohl nicht von Adel war, so bekam sie doch in
seinen Augen dadurch einen Wehrt, dass sie die Beischläferinn eines Edelmanns
war. Baron Striebel und Silberling hatten einen Streit, ob der Pfälzische oder
Baierische Hof vorzüglicher sei? Silberling behauptete, dass, nach dem
Kaiserlichen, kein Hof in der Welt dem Baierischen gleich komme. - Silberling
hat Recht, schrie Junker Veit drein, denn am Münchner Hof sind zu meiner Zeit
allein 500 Jagdhund ernährt worden; jetzt werdens ihrer hoffentlich noch mehr
sein. Silberling machte zur Danksagung einen tiefen Bükling gegen Veit. Als das
Gespräch wieder auf die Jagd kam, und allgemeiner wurde, zeigte Siegwart so
viele Kenntnis und Einsicht, dass die Hasenjäger alle drob erstaunten. Junker
Veit sprang auf, und sagte: Meiner Seel, dir fehlt aus der ganzen Welt nichts,
als der Adel; du bist ein goldner Junge! Aus'm meinen wird nichts, das seh ich
schon! Sitzt er nicht da, wie ein Stück Holz? und spricht kein Wort, wenn's auf
d' Hauptsach kommt. Du hättest sollen mein Junge werden; wir hätten z'sammen
taugt. 'S ist ein Trost im Alter, wenn man so ein Kind hat. - Wenn mein Fritz
einmal mein Gut kriegt, so werden ihm d' Säu 's Haus umwühlen, und d' Hirsch in
d' Kammer lauffen. Wie ein Kind doch so schnell aus der Art schlagen kann! 's
ist ein rechtes Elend!
    Als Junker Jobst sah, wieviel Veit auf Siegwart hielt, so ward er ganz
gnädig gegen ihn, denn er trank bei Veit so manches herrliches Glas Wein, dass er
ohne seine Gunst nicht leben konnte. Regina ward ganz traurig, als sie sah, wie
sehr der junge Kronhelm von seinem Vater mishandelt wurde; denn sie nahm an ihm
schon vielen Anteil, und ward nur noch mehr für ihn eingenommen, als sie seine
Geduld und Gelassenheit sah. Silberling war scharfsichtig genug, dieses
wahrzunehmen, und machte eine gar traurige Figur. Er bot allen seinen Witz, und
seine ganze Artigkeit auf, Reginens Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen;
aber vergeblich! Ihr Aug, und ihre ganze Seele hieng an Kronhelm.
    Endlich sagte Kunigunde zum Junker Veit: es werde nun wohl Zeit sein, endlich
aufzubrechen; und es war auch würklich schon um Eilf Uhr. Die Gesellschaft
taumelte auf, und Veit mit seinen Leuten nahm Abschied, die andern blieben alle
bei Seilberg. Regine leuchtete die Treppen hinunter, nahm von Kronhelm besonders
freundlich Abschied, und hielt noch das Licht vor die Tür hinaus, um ihn länger
reiten zu sehen.
    Es war ein Glück für den Junker Veit, dass sein Pferd müde war, und der Mond
helle schien, sonst wär er zwanzigmal gestürzt; er war brav betrunken, wackelte
auf seinem Pferd hin und her, und schlief endlich ein.
    Um halb zwölf Uhr kamen sie in Steinfeld an, und giengen, weil alle recht
müde waren, bald zu Bette. Siegwart und der junge Kronhelm schliefen bei
einander auf einem Zimmer. Sie besprachen sich noch eine Zeitlang miteinander,
und Kronhelm suchte besonders die Tollheiten seines Vaters zu entschuldigen;
Siegwart aber sagte, dass er das nicht nötig habe; er kenne mehr solche
Edelleute, und wisse sich recht gut in ihren Ton zu schicken. Bald darauf
schliefen beide vor Müdigkeit ein. - Den andern Morgen um sechs Uhr ward an
ihrer Kammertür ein grässliches Gepolter gemacht. Junker Veit war draussen, und
rief: Holla hoh! Auf, ihr faulen Jungens! Wollt ihr denn den schönen Tag
verschlafen? D' Hirsch sind doch schon wieder all im Bette. Wir müssen heut nur
auf d' Hühnerjagd. Hurtig, aus der Ruh, dass wir aufbrechen können! - Die beiden
Jünglinge zogen sich schnell an, und kamen zu Junker Veit, der schon angezogen
und gestiefelt war. Jedem ward ein Glas Brandwein gegeben, denn Veit sagte, dies
sei des Waidmanns wahres Leben. Drauf stopfte er seine Pfeife. Nun, wie? 'raus
mit der Pfeife! sagte er zu Siegwart und zu Kronhelm. Als er hörte, dass sie gar
nicht rauchten, ward er ganz böse. Seid ihr auch Kerls? Wollt auf d' Jagd gehn,
und nicht rauchen? Ich hab, meiner Seel! noch keinen rechtschaffenen Waidmann
kannt, der nicht den ganzen gschlagnen Tag seine Pfeife im Mund g'habt hätt; das
sind Narrheiten, die man in der Stadt lernt! Was brauchts da viel Umständ?
Sibylle, hol du von meiner Kammer die zwei Pfeifen, die gleich bei der Tür
hangen; es sind Meerschaumköpfe. - Ihr müsst rauchen, und wenn alles grün und
gelb um euch her wird! 'S ist nur um ein paarmal zu tun, so seid ihrs gleich
gewohnt. - Sibylle brachte die Pfeifen, - Seht ihr, das sind Meerschäum, die ich
von Wien kriegt hab; die kann man kecklich auf den Boden fallen lassen; 's
bricht keiner. - Da, stopft! der Tabak ist gut. 'S ist drei König und Varinas
unter 'nander g'mischt. So, nun wollen wir weiter. Adies Mädel! Koch fein was
Guts! Wir wollen dir schon frisch Wildpret mit bringen. - Sie zogen nun mit ein
paar Jägern und drei Hühnerhunden übers Stoppelfeld hin, und fiengen viele
Wachteln und Rebhühner; wenn ein Volk aufstand, so schossen sie drunter, und
Siegwart und Kronhelm trafen viele. Darüber ward Veit auf Einmal mit seinem Sohn
wieder ausgesöhnt, nannte ihn seinen Augapfel, seinen Herzenstrost, und sagte,
nun seh er erst, dass die Kronhelms doch nicht aussterben; alle seine Vorfahren,
schon sein Ur- Ur- Ur- Grossvater sei ein treflicher Schütz gewesen; er hab noch
ein altes Konterfait von ihm, das er gleich zu Hause zeigen wolle; da steh ein
schöner Windhund bei ihm, und die Kron in seinem Wappen stehe nicht umsonst
zwischen einem achtzehnendigen Hirschgeweihe. Das Tabakrauchen ging in der
freien Luft auch gut von Statten, so dass Junker Veit ausserordentlich vergnügt
war, und versprach, wenn auf den Nachmittag, wie es den Anschein habe,
Regenwetter einfalle, so woll er sich einen derben Rausch trinken. Kronhelm
schoss auch einem fetten Rammler, und nun war Junker Veit ganz ausser sich, warf
die Flinte von sich, sprang dreimal in die Höhe, und umarmte und drückte seinen
Sohn. - Um Essenszeit giengen sie nach Hause. Auf dem Wege zeigte Veit sein
verwildertes Gemüt ganz, und begieng eine grausame Tat. Eine arme Bauerfrau
aus seinem Dorfe ging mit ihren zwei Kindern, einem Knaben von vier, und einem
Mädchen von sechs Jahren aufs Feld hinaus, um zu kräutern. Einer von den Hunden
sprang an die Kinder hin, die erbärmlich zu schreien anfiengen. Die arme Frau
schlug zurück, um die Hunde abzuhalten. Veit, der das sah, hetzte nun die andern
Hunde auch an sie und ihre Kinder, und es entstand ein grässliches Geschrei.
Siegwart, dem das einen Stich durchs Herz gab, und Kronhelm, sprangen hinzu, den
Hunden abzuwehren. Die Frau sah sich kaum in Sicherheit, so verwandelte sich
ihre gekränkte, mütterliche Zärtlichkeit in Wut; sie fieng an zu schimpfen, und
schrie: Ist das auch eine Art, mit den Leuten so umzugehen? Pfuy! Ich wollt mich
schämen, Kinder anpacken zu lassen! Habs mein Lebtag g'hört. Wenn man d' Kinder
schlagen will, so hat man gleich eine Rut. Das sind mir die rechten Juneker!
Ihr gönnt einem doch kaum's Schwarz vor'm Nagel, und nun wollt ihr noch die
unschuldigen Kinder martern; aber wart, in der Höll da wird man dich auch
kriegen! Da werden d' Teufel auch brav an dich hetzen! - Indem legte Veit seine
Flinte an, um auf die arme Frau zu schiessen; aber sein Jäger fiel ihm noch von
hinten zu in den Arm, und der Schuss ging in die Luft. Er ward ganz rasend, und
fieng an zu schäumen: Blitz und Donner! Lasst mich los, dass ich sie zertrete, den
Hund! Kronhelm und Siegwart sprangen auch herbei, und hielten ihn fest. Das ist
schlecht gehandelt, Papa! sagte Kronhelm - Was? du Racker? rief er; willst du
mir aus'm Gesicht gehn? Siegwart biss sich auf die Lippen, und dachte bei sich:
der Kerl sollte Fürst sein! das wär eine Lust für den Teufel! Als Veit endlich
sah, dass er nicht los kommen konnte, stellte er sich geruhiger, und bat, dass man
ihn gehen lassen möchte! Kaum wars geschehen, und kaum sah er, dass die Frau mit
ihren Kindern sich geflüchtet hatte, so rief er: Tyras, Melack! Fass an, fass an!
Frisch! - Die Hunde hielten die Frau wieder fest, und die Kinder hiengen sich an
ihre Knie. - Sie soll mir 3 Wochen in Turm, sagte er, oder ich will kein
ehrlicher Karl mehr sein! Beim T** sie hat mich ja ausgemacht, wie einen
Hundsführer! - Alles Bitten Kronhelms und Siegwarts war vergeblich. Die Frau
ward von den beiden Jägern weg, in den Turm geschleppt. Ihre Kinder, die mit
hinein wollten, wurden heraus gestossen, und sassen vor der Tür und heulten.
Siegwart und Kronhelm brachten durch vieles Bitten, und die rührendsten
Vorstellungen nicht mehr zuwege, als dass Veit endlich eine Woche nachliess, und
die Frau zu vierzehntägiger Turmstrafe bei Wasser und Brod verdammete. Endlich
entschloss sich Siegwart, nach langem Kampf bei sich selbst, sich an die Hure des
Junkers zu wenden, und bei ihr für die arme Frau zu bitten. Diese tat erst
lange spröde, denn es schmeichelte ihr, dass ein hübscher junger Mensch sie bat.
Unserm Siegwart tat es in der Seele weh, sich so tief erniedrigen zu müssen;
Aber der Gedanke, der unterdrückten Unschuld beizustehen, überwand bei ihm alle
andre Vorstellungen. Endlich gab Kunigunde nach, und brachte es bei dem Junker
so weit, dass die Gefängnissstrafe der Bäurinn in eine Geldstrafe von drei Gulden
verwandelt wurde, mit dem Anhang, sie soll so lang sitzen, bis sie das Geld baar
auszahle.
    Junker Veit war beim Mittagsessen ganz mismütig, und sprach wenig. Es ging
ihm nah, dass sich Siegwart und sein Sohn ihm widersetzt hatten; besonders dass
der letztere ihm vorgeworfen hatte, er handle schlecht. Er konnte es auch nicht
vergessen, und fieng alle Augenblicke wieder an, davon zu reden. Kunigunde, die
nun auf Siegwarts und Kronhelms Seite war, und alles über ihn vermochte,
besänftigte ihn endlich wieder; und, als ihm nach und nach der Wein zu Kopf
stieg, ward er wieder ganz munter und aufgeräumt.
    Was willt du denn einmal werden? sagte er zu Siegwart; doch ein Förster bei
einem braven Edelmann? nicht? - Nein, antwortete Siegwart; ich will ein
Geistlicher werden, ein Kapuziner.
    Veit: Ein Kapuziner? Ein Pfaff? Du wirst doch klug sein, Xaver? Gelt, es ist
dir nicht Ernst?
    Siegwart. Ja, wahrhaftig, gnädiger Herr; Es ist mein ganzer Ernst. Ihr Herr
Sohn kanns bezeugen.
    Veit. Nun, so bist du ein Narr, und mein Sohn auch! Sapperment! Ich kann die
Pfaffen für den Tod nicht ausstehen, und nun willst du auch einer werden. Den
Einfall hat dir meiner Seel! der bös' Feind eingegeben, anders kann ichs nicht
begreifen. Sag, was willt du denn in so einer lausigen Kult machen?
    Siegwart. Ein ehrlicher Mann werden, und Gott und der Kirch, und meinem
Nebenmenschen dienen.
    Veit. Geh mir zum Henker! Das sind mir die rechten, die Braunkütiler, die
Mucker! Ich schwör dir, Junge, 's ist kein Pfaff nichts nutz. Einer ist immer
ein ärgrer Schelm, als der andre. Sie haben mich auch 'nmal gehabt; da in
Augspurg drüben, die Jesuiten, die verfluchten Schleicher! Da sollt ich ein
Gelehrter werden, so 'n Stubenhocker! Aber, ghorsamer Diener! Ich nahm bald den
Reissaus, und liess ihnen's Nachsehen. Beim Element, wenn man d' Pfaffen machen
liess, sie zögen uns noch d' Haut über d' Ohren runter! Aber ich habs brav kriegt
im letzten Krieg! Da, wenn wir in ein Kloster kamen; wie der Blitz, war alles
rein weg! - Und, in den Nonnenklöstern? - O, da denk ich, wird man noch eine
Zeitlang an uns denken. Uh, wenn ich so eine Nonne kriegt,! 's Maul wässert mir
noch. - Aber, Jung, ich bitt dich um alles in der Welt willen, wie bist du auf
den rasenden Einfall kommen? Hast so herrliche Gaben, und willt sie all in ein'
abgeschabte Kutt 'nein stecken - Sapperment! Ein Jäger ist doch ein andres Ding!
Nicht wahr, Fritz? Du hältsts auch mit mir? Red ihm's doch aus!
    Kronhelm. Ich glaube wohl, Papa, dass er was bessers werden könnte; aber ein
Geistlicher kann doch auch ein ehrlicher Mann bleiben, wenn ers vorher ist.
    Veit. 'S ist erlogen, sag ich! habs schon vorhin g'sagt, keiner ist nichts
nutz! Da schimpfen sie dir auf den alten Nimrod, bloss weil er ein stattlicher
Jäger war. Und auf uns poltern sie auch von der Kanzel runter. Ich denk oft, ich
könns nicht aushalten, und müss 'naus schiessen. Die Teufelskerl tun mir
jährlich um mehr, als hundert Gulden Schaden. Da, wenn ein Wilderer 's Hochwild
aus'm Forst wegschiesst, da kaufen sie's ihm ab; - dass du die Kränk! - Ja,
Siegwart, du bist sonst ein ehrlicher Kerl; aber zwei Hauptmängel hab ich an dir
auszusetzen; dass du nicht adelich bist, und ein Pfaff werden willt. Weiss warlich
nicht, welches schlimmer ist?
    Indem liess sich Herr von Silberling anmelden, der, aus ausserordentlicher
Entschlossenheit diesmal bei regnichtem Wetter einen Ausritt gewagt hatte.
Eigentlich wollte er erforschen, wie Kronhelm vom Fräulein von Stellmann denke?
Denn er war sehr furchtsam, und wäre nicht gern mit ihm in Verhältnisse
gekommen, von denen seine Furchtsamkeit Verdriesslichkeiten für ihn voraus sah. -
Lass ihn 'rauf kommen, sagte Veit zum Bedienten, der ihn anmeldete, was macht er
denn viel Umstände? Kronhelm und Sibylle giengen ihm entgegen. - Ihr Diener, Ihr
Diener! rief Veit, als er kam. Woher beim schlimmen Wetter? Setzen Sie sich
nieder! Sibylle, hol noch mehr Wein herauf!
    Silberling. Ich danke gehorsamst! - Wenn ich mir nur ein Glas Limonad
ausbitten dürfte! - Ich bin so echauffirt vom Reiten. Das verdammte Pferd ging
da vor dem Dorf draussen mit mir durch. Ich rief ihm immer zu, und gab ihm die
Sporn, aber die Bestie wollte doch nicht halten.
    Veit. (mit grossem Lachen) Das glaub ich, Herr! Wenn man d' Sporn gibt,
lauft ein Pferd, so weit es sieht. Ich seh wohl, 's Reiten ist eben Ihre Sache
nicht. Auf Parforcejagden müssen Sie auch nicht viel mit gewesen sein. Da hilft
's Spornen etwas, aber nicht, wenn ein Gaul halten soll. Ha ha ha! Aber da
sagten Sie vorhin was von Limonad; was ist das? Das kennt man hier zu Land
nicht. Da, wenn man warm ist, nimmt man einen Schluck Kirschenwasser. Wollen Sie
davon? Ich hab ächtes Lindauer. Sibylle, hol doch die Bouteille!
    Silberling. Ich bleib gehorsamst verbunden; das möchte mir zu stark sein.
    Veit. Ey, was? Possen! 's kommt mir auf ein Glas nicht an. Da, trinken Sie
nur brav! Prosit! - Der Teufel! Sie machen ja ein Maul, als ob Sie Gift tränken!
's ist gut? Nicht wahr?
    Silberling. - O ja ... Nur ein Bischen zu stark ... prr ...
    Veit. Wollen Sie noch eins? Oder wollen Sie ein Bissel warten? Nun, nun;
hernach wieder, trinken Sie indes ein Glas Wein! Es ist ächter alter Seewein. -
Wie haben Sie denn auf den gestrigen Abend geschlafen? Ich kam heim, ich weiss
nicht wie? Und was macht der alte Seilberg? Hat er noch immer sein verdammtes
Zipperlein? Der gute Kerl steht viel aus; aber er hats in der Jugend auch
darnach gemacht. D' Jugendsünden kommen. S' geht mir auch nicht besser. Da
heissts: Geduld ist das beste Kraut, und ein Gläsel Tockayer. - Sagen Sie mir
doch, weil Sie erst von München herkommen, wie siehts jetzt da am Hof aus?
Stehts um 's Jagdwesen noch recht gut? Zu meiner Zeit wars gar herrlich.
    Silberling. Verzeihen Sie! um das Jagdwesen hab ich mich so genau nicht
bekümmert. Aber doch weiss ich, dass es gut ist, und wir haben einen sehr
verständigen Oberjägermeister. Sonst ist aber unser Hof einer der brillantesten.
Wir haben göttliche Sänger, und ein Orchester, das in allen vier Weltteilen
seines gleichen sucht. Unser gnädigster Churfürst ist selbst Maitre auf der
Gambe und spielt bezaubernd.
    Veit. Ey, was Musik? Da schier' ich mich einen Teufel drum! Ich kann keine
Musik leiden; das Gefiedel und Gewinsel und Gekratz möcht einen rappelköpfisch
machen! Ja, wenns noch 's Historn ist, und mein Liedel drauf: Das Jagen ist
mein grösste Lust, das lässt sich noch hören! Aber sonst sag ich Ihnen, als ein
guter Freund, alle andre Musik ist pur lautres Nichts.
    Silberling. Sie mögen Recht haben! Aber der Gout ist eben sehr verschieden.
Mir macht ein Koncert, und besonders eine Oper ein gar göttliches Plaisir. Doch,
vergeben Sie! Ich wollte nicht die Impertinence begehen, Ihnen zu widersprechen.
- Sie beliebten gestern schon, und auch heute wieder von München zu sprechen.
Darf ich mir die Freiheit nehmen Sie zu fragen, wenn Sie da gewesen sind? Und
was für Virtuosen sich damals am Hof aufgehalten haben?
    Veit. Da gewesen bin ich; Anno acht und dreissig; aber von den Virtuosen
weiss ich keinen Pfifferling; da hatt ich mehr zu tun, als mich darum zu
bekümmern. Sehn Sie, ich war beim Oberjägermeister im Hause; das war auch ein
Kronhelm, und mein naher Vetter. Ich war auch Officier, und zwar kein so
gepuderter Hundsfott, wie die jetzigen sind. Da konnt ich nun alle meine Zeit,
die ich vom Dienst frei hatte, im Gehäge zubringen. Das war ein Leben! Da hab
ich was rechts gelernt. Jetzt ists alles nichts mehr; 's Wild nimmt ab, und d'
Forst werden immer mehr ausgehauen. Z'lezt weiss ich nicht mehr, wo man jagen
will? Aber damals waren d' Wälder voll gespickt. Hund und Jäger gabs gnug, und
das lauter g'lernte Jäger, und Parforcepferd auch! Nein, solche Tage krieg ich
nicht mehr. Der Churfürst war selber ein ausgemachter Waidmann, bei dem man sich
durch 'n Schuss, oder durch 'n Fang kommendiren konnte. Wär ich da blieben, jetzt
wär ich Obersjägermeister, und da wär alles noch im alten Stand. Aber die
lumpichten Franzosen waren Schuld dran, da musst ich mit meiner Compagnie an den
Rhein hinunter. Wir waren Tag und Nacht geschoren, und d' Jagd ging drüber in
die Rappuse. D' Pfalz wär überhaupt nicht mein Land; in den Weinbergen hats
nichts, als Füchse, und am Hof in Mannheim, wo wir einmal im Winterquartier
lagen, gilt auch die leidige Musik, so wie jetzt in München. Dafür schoss ich
brav Soldaten todt, wenn's Feuer angieng. Im Grund ists einerlei, und man könnts
auch eine Jagd nennen, wenn's Wildpret, das man jagt, nur nicht wieder schösse.
Sie haben mich auch brav kriegt, und ich musste tüchtig schweissen. Sehn Sie, da
hab ich 'ne Kugel durch den Arm kriegt, und 'n Streifschuss in d' Waden. Es tat,
meiner Seel! verteufelt weh, und ich konnt zwei Monat lang nicht auf dem Fuss
stehn. Aber ich drehte mich hübsch um, und schoss den Kerl auf d' Herzgrub, dass
er umsank, wie ein Bock. Zwei Monat lang hatt ichs gut, bei meinem Schwährvater
seliger, das war ein guter Kamerad, aber als ich seine Tochter auftrieb, und zum
Weib nahm, da wars aus; ich ging mit ihr heim, und seitdem hab ich hier schon
was ehrliches geschossen.
    Silberling. So haben ja Ew. Gnaden recht sonderbare Avanturen gehabt; in der
Tat!
    Veit. Das glaub ich, man könnt ein ganz Buch von mir schreiben, wenn mans so
recht wüsste. Viel hab ich aber auch wieder vergessen. - Potz Element! wir
vergessen ja das Trinken ganz drüber. Frisch eingeschenkt, und ang'stossen! Es
leb die Jagd und der Krieg! Das ist so meine G'sundheit Der Seilberg, der kann
Ihnen auch noch viel von mir erzählen, wenn Sies wissen wollen.
    Silberling. Ja, er hat mir auch schon viel Rühmliches von Ew. Gnaden gesagt.
Das ist gar ein unterhaltender und amüsanter Mann, mit dem sichs gut conversirt.
Und seine Enkelinn ist une jolie femme. Sie trug mir an Ew. Gnaden und Dero
Herrn Sohn Ihr gehorsames Kompliment auf. (Zum jungen Kronhelm) Mon cher, Sie
werden doch auch wohl an den Hof gehen? Ich bin versichert, dass Sie da Ihr
fortune gewiss machen werden.
    Kronhelm. Verzeihen Sie! Ich studire, um mir einmal den Aufentalt auf dem
Land angenehm und unterhaltend zu machen.
    Silberling. Eh bien! Die Gelehrsamkeit hat auch viele douceurs bei sich.
    Veit. Sie mag haben, was sie will! Ich geb doch keinen Heller drum. Das
ewige Stubenhocken! Da kommt mein Lebtag nichts bei heraus. Ich bin auch ein
rechter Kerl, und habs doch übers Lesen nicht 'naus bracht. Aber der Jung will
klüger sein, und sein Onkel, der geheime Rat in München auch.
    Silberling. Was ist das für ein Mann, wenns erlaubt ist, Sie zu
unterbrechen?
    Veit. 'S ist der geheime Rat von Kronhelm, mein leiblicher Bruder.
    Silberling. O, dem hab ich die Ehre, sehr speciell bekannt zu sein.
    Veit. Nun ja! 'S kann wohl sein! Er ist sonst ein guter Kerl; aber, wenn er
mit den Büchern kommt, da mag ich ihn nicht anhören. Ich sag immer: Ein Edelmann
muss nicht studieren, sonst wird er 'ne alte Hure. - Aber, was ists? 'S lässt sich
nun nicht ändern. Mein Fritz soll ihn einmal erben, und da muss ich seine Grillen
schon so gelten lassen. - Sibylla, du bist ja so still! G'fällt dir denn der
Herr? Sieh, so gehen sie in München.
    Silberling. O verzeihen Sie, gnädges Fräulein! Das ist nur so mein
Reitabit. Ich muss mich sehr entschuldigen, dass ich so im Negligee vor Ihnen
erscheine!
    Sibylla. O, es steht Ihnen recht gut. - Ich möcht wohl auch einmal München
sehen; es muss da recht lustig sein. Aufs Flühjahr besuch ich meine Schwester.
Kennen Sie sie auch? Sie heist Baronessin von Eller; ihr Mann ist, glaub ich, am
Hof.
    Silberling. O ja, ich habe die Gnade, Sie sehr wohl zu kennen. Es ist eine
magnifique Dame. Sie gibt wöchentlich Einmal Concert, und zweimal Assemblee. Sie
werden Ihr recht willkommen sein, gnädiges Fräulein, und in München sehr
brilliren.
    Sibylle sprach noch viel mit ihm, und setzte ihn durch ihre Lebhaftigkeit,
und ihr offenes Wesen oft in die gröste Verlegenheit. Er glaubte aber doch, eine
Eroberung bei ihr gemacht zu haben, weil sie sich so viel mit ihm abgab; und
ritt ganz vergnügt weg. -
    Kronhelm ging noch denselben Abend heimlich nach dem Haus der armen
Bauersfrau, die im Turm lag; und gab ihrem Mann die drei Gulden, damit er seine
Frau lösen könnte; aber er verbot ihm scharf, niemand ein Wort davon zu sagen,
auch nicht einmal ihr, damit nur sein Vater nichts davon erfahren möchte. So gab
er vor; aber im Grunde war die Ursache seines Verbots edler; er wollte unbekannt
und im Stillen Gutes tun, weil er überzeugt war, wie wenig fremdes Lob nötig
ist, wenn man durch Wohltun glücklich werden will. Anfangs erschrack der Mann,
als er den Junker herein treten sah, denn er fürchtete neue Misshandlungen. Seine
Kinder waren auch voll Angst, und erhuben ein Geschrei, weil ihnen gleich die
Hunde wieder einfielen, bei denen sie den Junker diesen Morgen gesehen hatten.
Aber als der Mann die Freundlichkeit des jungen Kronhelms sah, ward er ganz
zutätig, und wollt ihn eben um die Freilassung seiner Frau bitten, als ihm
Kronhelm das Lösegeld in die Hand drückte. Er wusste nicht, was er sagen sollte,
stotterte einige Worte ohne Zusammenhang her, drückte Kronhelms Hand, und küste
sie. Ach Herr, das ist gar zu viel! Ich weiss nicht, ob ichs annehmen darf? wenn
ichs nur vergelten könnte! Aber Gott vergelts, und die heilige Jungfrau! Sie
haben mir auf einmal aus der Not g'holfen. Ich sass eben da, und dachte, wo ich
so viel Geld aufbringen sollte? Und meine Frau ist doch in der Haushaltung
nötig. Gott vergelts tausendmal! - Du lieber Gott, was das ein Herr ist! Ja, ja,
das leibhafte Ebenbild seiner Mutter. Sie ist oft auch bei mir gewesen, Junker,
und hat mir in der Stille ausgeholfen; denn d' Nahrung ist jetzt eben gar knapp,
und d' Abgaben schwer. - Komm, Mariandel, küss dem Herrn d' Hand! Das ist gar ein
braver Herr; Komm Peter! Darfst dir nicht angst sein lassen! Der Herr tut dir
nichts. - Mariane kam ganz schüchtern auf den Zehen hergeschlichen, gab Kronhelm
die Hand, und wischte, mit der Schürze in der andern, sich die Augen. Kronhelm
gab ihr einen Dreibätzner, und dem Jungen auch. Dies wollte der Mann gar nicht
annehmen. Ich hab schon gnug, sagte er, wenn nur mein Weib los ist. Von der Hand
ins Maul können wir uns schon verdienen. Nehmen's Sie's nur wieder, Junker. 'S
ist, weiss Gott! zu viel. - Kronhelm ging hinaus, und wischte sich die Augen.
    Als er nach Hause kam, war sein Vater schon zu Bette, weil er einige Anfälle
vom Podagra hatte. Siegwart sass in Sibyllens und Kunigundens Gesellschaft, und
erzälte ihnen allerlei vom Kloster und von Teresen. Sibylle, die viele, aber
aufbrausende Empfindung hatte, fiel ihm alle Augenblicke in die Rede, klatschte
in die Hände, sprang auf, und rief: Das ist vortreflich, das ist herrlich! So
ein drei Wochen möcht ich auch im Kloster sein! u.s.w.
    Ich keine acht Tage, sagte Kunigund, die von noch aufgeräumterem Gemüt war.
    Abends auf dem Schlafzimmer fieng Siegwart an: Hör, Kronhelm, die Geschichte
mit der Bauerfrau ging mir den ganzen Tag nach. Du wirsts wohl an mir gemerkt
haben, denn ich sprach deswegen in der Gesellschaft fast kein Wort. Wir müssen
der armen Frau warhaftig helfen. Sieh, da hab ich schon drei Gulden in ein
Papierchen eingewickelt; wenn wirs ihr nur auf eine gute Art könnten zukommen
lassen! Weist du nicht, wie wirs machen?
    Kronhelm. Du bist ein herrlicher Knabe, Siegwart; hast ein trefliches
Gemüt! Sei nur unbesorgt! Ich habs diesen Abend schon gehört; der Mann, dessen
Frau im Turm liegt, ist ein reicher Söldner, der die 3 Gulden leicht geben
kann; und Morgen wird er sie meinem Vater gleich zuschicken; diesen Abend wars
nur zu spät. - Nicht wahr, mein Vater ist ein harter Mann? So hab ich ihn aber
auch noch nie gesehen. Es wird immer ärger, und die leichtsinnige Gesellschaft
macht sein Gefühl immer stumpfer.
    Siegwart. Sag: die Jagd auch! Wer Tag und Nacht aufs arme Wild laurt und
beständig nichts als Blut und Morden sieht, wie kann der ein fühlendes Herz, und
mit Menschen Mitleiden haben? der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes,
heists in der Bibel, und das ist buchstäblich wahr. Die Jagd sollte nichts sein,
als dass man das überflüssige Wild, das dem Bauern Schaden tut, wegschiesst;
oder, was man zur Nahrung braucht! Aber, wenn man die armen Tiere vollends
martert, und zu Tode jagt, wie's am Hof bei Parforcejagden geschieht, da möcht
einem das Herz im Leibe bluten. Da können sich dann die Untertanen viel
versprechen, wenn der Landsherr sich im Blute badet. Da kommen die abscheulichen
Plackereien und die Kriege her, die dein Vater selber eine Art von Jagd nennt. -
Nimm mir nicht übel, Kronhelm! Ich dachte diesen Morgen, ich müste deinem Vater
den Hirschfänger durch den Leib stossen, so aufgebracht war ich!
    Kronhelm. Du hast recht. Siegwart; Und - Gott verzeih mirs! - mir war auch
nicht viel anders zu Mut. Aber lass uns von dergleichen Vorstellungen abstehen!
Sie machen mich gar zu traurig. Wie wärs, wenn wir uns durch unsre Violinen in
eine andre Empfindung hinüberspielten? Weist du? Das herrliche Adagio von
Schwindl.
    Und nun spielten sie so schmelzend, so bebend und so wimmernd, dass ihre
Seelen weich, wie Wachs wurden. Sie legten ihre Violinen nieder, sahen einander
an mit Tränen in den Augen, sagten nichts, als: Vortreflich! Gute Nacht,
Bruder! und legten sich zu Bette. Aber beide konnten noch lange nicht schlafen,
und fühlten, dass die Seele des Gesangs sie noch umschwebe!
    Um sechs Uhr standen sie auf, und weil sie noch niemand im Hause hörten, so
lasen sie im Virgil. Nach einer guten Stunde kam Junker Veit an den Krücken
herein gehinkt, weil er das Podagra hatte. Siegwart legte das Buch,
aufgeschlagen, neben sich auf den Tisch. Was Teufels! rief Veit, da habt ihr ja
gar ein Buch! Sapperment! Was soll das heissen? - Fort zum Henker und seiner
Grossmutter! und indem schmiss er den Virgil auf den Mistaufen vor dem Fenster. -
Verzeihen Sie, sagte Siegwart, das Buch handelt von Forsten und vom Waidwerk. -
Das ist was anders, antwortete Veit. Ja, wenn das ist, so hab ich allen Respekt
davor. Steffen mags wieder herauf holen! - Da, Steffen, hebt das Buch dort auf;
auf dem Miste! und bringt mirs! Ich hab ehmals auch so ein Buch gehabt, 's heist
der Döbel. 'S steht manches gutes drinn; aber 's meiste hab ich schon gewust.
Man muss im Forst lernen, wenn man will ein rechter Waldmann werden. - Das
verfluchte Zipperlein hat mich so zu Schanden geritten! Ich kann heut nicht
naus, und 's ist doch so ein herrlicher Tag. Aber dafür wollen wir doch, die
Zeit nicht ganz ungenutzt vorbei streichen lassen. Kommt nur! Ich will euch viel
rares zeigen! - Erst führte er sie in seine Gewehrkammer. - Seht mir einmal! was
das für ein Vorrat ist! Nicht wahr? Der darf sich sehen lassen? Ich nehms mit
jedem Churfürsten auf, ob ers besser hat? - Da seht! Das ist das Kontersait, von
dem ich gestern g'sagt hab. Ist das nicht ein ehrliches Gesicht? Mit dem
Schnurrbart, und dem krausen Backenbart! - Und da, das Windspiel! 's ist meiner
Seel! zum Küssen! Ich wollt viel drum geben, wenn ichs so im Leben hätte! - Ja,
seht euch nur recht um! So was extraschönes kriegt ihr nicht so bald wieder zu
sehen. Aber das Zeug, wie's so da ist, ist mich auch über tausend Taler
gekommen. - Wundert euch nur nicht! 'S ist warlich wahr; ich will drauf sterben!
- Nun habt ihrs gnug beschaut? So wollen wir halt allmählich weiter.
    Drauf schleppte er sich, mit vieler Müh, an seinen Krücken, die Stiege
hinunter, und zeigte ihnen in der Haustüre die vielen Hirschgeweihe, die oben,
in der Reihe herum, wie er die Hirsche geschossen hatte, fest gemacht waren. Mit
vieler Umständlichkeit und tausend Beteurungsflüchen erzälte er ihnen die
Geschichte jedes Hirsches, wo und wann er ihn geschossen habe? u.s.w.
    Von da giengs zu den Hunden, deren eine ungeheure Menge war. - Sa, sa sa!
Hurah! Dax, Dax! rief er, und alle Hunde liefen mit grossem Gebell herbei;
sprangen an ihm hinauf; hiengen sich an ihn an; und umzingelten ihn so, dass er
aussah, wie der Engländer Wildmann, dem sich, auf seinen Wink, ein Schwarm von
Bienen ins Gesicht setzt. Nun liess er sich von seinem Jäger zwo grosse Multen
voll derbe Stücken Brod bringen; gab einem Hund nach dem andern ein Stück, und
erzälte dabei sein Alter, seine Race, seinen Namen, seine Tugenden und Taten.
Dies währte über eine Stunde, und im Pferdestall giengs eben so. - Indem kam der
Junker Jobst auf einem alten Klepper hergesprengt; stieg, ohn ein Wort zu reden
ab, führte seine Mähre in den Stall, und sagte nun: Auf den Nachmittag werde
Junker Seilberg, Fräulein Regine, Baron Striebel, und der kleine Herr von
Silberling mit seinem Haarbeutel zum Besuch kommen. Brav, brav! rief Junker
Veit; die kommen mir eben recht bei meinem Zipperlein! Den Einen hats verlassen,
und den andern nimmts beim Schopf. - Kommen Sie zu Wagen? Freilich, sagte Jobst,
Silberling kommt ja im Haarbeutel. Aber, Herr Bruder, nun schaff mir was zu
trinken! Denn ich bin verteufelt durstig. Veit bestellte gleich im Stall eine
Bouteille, die Jobst ohne viele Umstände austrank. - Bis zum Essen wurde von
Geschichten aus der Gegend, und Jagdangelegenheiten gesprochen, die zum Anführen
zu unwichtig sind. Bei Tisch wurden die Rebhühner aufgetragen, die Kronhelm und
Siegwart geschossen hatten, denn das Schwein musste erst in der Stadt gebrannt
werden. Die Rebhühner gaben Junkern Veit zu manchem Spass und zu vielen
Gesundheiten Anlass, so dass er heute vor der Zeit stark berauscht wurde, wozu der
Verdruss über sein Podagra auch viel beitrug. Junker Jobst blieb ihm nichts
schuldig. Er fieng an, zu singen, und mit Sibyllen schön zu tun; die ihn aber
garstig ablaufen liess, und ihm derbe Grobheiten sagte; doch die schüttelte er
ab, weil sie von einem adelichen Frauenzimmer herkamen. Endlich kam die übrige
Gesellschaft auch; Kronhelm sprang hinab, sie zu bewillkommen, und hob die
Personen aus dem Wagen; der alte Seilberg musste von zwei Bedienten die Treppen
hinauf geführt werden. Silberling stand auf der Seite, um Reginen seinen Arm zu
bieten. Er trat mit einer Verbeugung näher, als ihr eben Kronhelm, der es nicht
wahrgenommen hatte, die Hand gab. Ganz betroffen sprang Silberling zurück, und
ward feuerrot; Kronhelm ward es auch, und sagte: Verzeihen Sie. Es ist recht
gut so, lispelte Regine, und sah unserm Kronhelm freundlichlächelnd ins Gesicht.
Die beiden Alten erzälten sich nun von ihrem Podagra, schimpften drauf; und
kamen auf ihre Jugendstücke zu sprechen, die so erbaulich waren, dass Kronhelm
und Siegwart auf einen Wink Reginens sich mit ihr entfernten, und in den
verwilderten Schlossgarten giengen. Ihre Abwesenheit ward von niemand bemerkt,
als von Sibyllen und von Silberling, dem der Angstschweiss ausbrach. Er rückte
auf seinem Stuhl hin und her, und wäre so gern weggegangen, wenn er nur nicht
die Anmerkungen und Spöttereien der Edelleute gefürchtet hätte. Sibylle durfte
nicht weggehen, weil sie aufwarten musste; denn Kunigunde nahm immer in
Gesellschaft die Mine der gnädigen Frau an, und bewegte sich nicht von ihrer
Stelle. dabei war ihr der saftige Scherz der Edelleute viel zu angenehm; sie
konnte hier alle ihre Gaben auskramen, und das ihrige treulich hinzutun. Regine
gab im Garten Kronhelm selbst ihre Hand, und sagte: Lassen Sie uns hier, statt
des ewigen Gelerms, der stillen und ruhigen Natur geniessen! Ich bin des
Aufentalts bei meinem Grosspapa so satt, dass ichs Ihnen nicht genug sagen kann.
Und nun ist noch der abgeschmackte Silberling da. Ich kann ihn nicht anders
nennen, so gern ich auch von andern sonst gelind urteile. Den ganzen Tag hüpft
er um mich her, und ich bin keinen Augenblick vor ihm sicher.
    Siegwart. Erlauben Sie, ist er schon lang bei Ihnen, gnädiges Fräulein?
    Regina. Bald vierzehn Tage; und wie lang's noch währen wird? weiss der
Himmel.
    Kronhelm. Darf ich mich erkühnen, Sie zu fragen, wenns nicht zu verwegen
ist, hat er Absichten auf Sie?
    Regina. Ich weiss nicht, Herr von Kronhelm! Aber soviel kann ich sagen, dass
ich keine auf ihn habe. Wenn er mir auch weniger missfiele, so würd ich doch
Bedenken tragen, in die Stadt zu gehen. Ich bin sie so überdrüssig geworden, und
das Land, mit aller seiner Ruhe, zieht mein Herz so sehr an sich, dass ich nur da
recht lebe. Tausendmal, Herr Siegwart, hab ich mit Ihrer lieben Schwester drüber
gesprochen, und mich ganz in Träumereien vertieft.
    Siegwart. Ja, sie ist auch ganz Ihrer Meinung, gnädges Fräulein, und zieht
das Land allem andern vor.
    Regina. Denken Sie sich einmal, Herr von Kronhelm - denn ich weiss, Sie
lieben auch das Land - was das schön ist? Zwei Seelen, die einander über alles
lieben, und nun hier, der Welt unbekannt, in stiller Ruhe leben! Die ganze
Gegend, mit allen ihren Reizen blüht für sie. Ungestört betrachten sie alle
Schönheiten und Veränderungen der Natur. Kein Stadtgerücht, keine Verläumdung
naht sich ihnen. Was müssen sie auf einsamen Spatziergängen fühlen, wenn alle
Vögel sich beeifern, Entzücken in ihr reines Herz zu singen; wenn ihr ländliches
Mahl aus lauter Früchten besteht, die sie selbst gepflanzt haben; wenn die
Abendsonn' in ihre Sommerlaube glänzt, und die Blumen um sie her düften? Wenn
dann das himmelvolleste Gefühl der Zärtlichkeit aus ihnen weint; was denken Sie
von einem solchen Paar, Herr von Kronhelm?
    Kronhelm. Dass es recht glücklich sein muss, gnädiges Fräulein!
    Regina. Recht glücklich? Weiter nichts? Warum so kalt, Herr von Kronhelm?
Sind Sie immer so?
    Kronhelm. Immer so, gnädiges Fräulein! Kalt zwar nicht. - Doch, wenn Sies so
zu nennen belieben -?
    Regina. Nun, was ist es denn? - Sagen Sie mir einmal: möchten Sie nicht der
Eine Teil des glücklichen Paars sein?
    Kronhelm. O ja, gnädges Fräulein.
    Regina. O ja, O ja! Und immer kälter! Ihr Gesicht muss ziemlich trügen. Es
verspricht so viel Empfindung; so viel schwärmerisches! Und ich liebe das
Schwärmerische so.
    Kronhelm. So tut mirs Leid, dass mein Gesicht trügt! Denn ich möchte Ihnen
nicht missfallen.
    Regina. Missfallen! Wer spricht auch gleich davon? Aber, Kronhelm! Sie
sollten mehr wünschen, als mir nur nicht zu missfallen! - Verzeihen Sie, ich hab
schon zuviel geredt; Ich bin eben ein Landmädchen; und die verstehen freilich so
das Feine nicht.
    Kronhelm. Ich verstehe Sie nicht, gnädiges Fräulein!
    Regina. Nicht? nun so kann ich nicht dafür. - So bedauern Sie mich!
    Und nun ging sie weg, und weinte. Siegwart stand ganz betroffen da, und sah
Kronhelm an. Er wusste sich in sein Betragen schlechterdings nicht zu finden. Das
Fräulein bückte sich; brach ein paar Tausendschönchen ab; hielt sie fest
zusammen, sah sie staar an, und zerriss sie dann plötzlich. Kronhelm ging allein
einen Gang hinauf, Siegwart stand da, und wusste nicht, ob er gehen, oder bleiben
sollte? Endlich kam Regine wieder zu ihm, sprach mit ihm von seiner Schwester;
und vom Kloster, dass es da so traurig sei; überhaupt, sagte sie, sind wir
Mädchen die elendesten Geschöpf auf Gottes Erdboden! Alles neckt an uns; alles
nimmt man uns übel, was den Männern hundertmal erlaubt ist! Siegwart wusste
nichts zu antworten. Kronhelm kam wieder. Sind sie böse, Herr von Kronhelm?
sagte Regine. Verzeihen Sie! Ich war vorhin viel zu heftig; das ist so mein
Temperamentsfehler. Meine Mutter war auch so.
    Kronhelm. Sie sind ungerecht gegen sich, Fräulein! Warum sollt ich Ihnen
böse sein?
    Regina. Je nun! Lassen Sies gut sein! Wir haben uns missverstanden. - Sagen
Sie mir doch, werden Sie noch lang hier bleiben? Werden Sie mich noch einmal
besuchen?
    Kronhelm. Ueber ein paar Tage bleiben wir nicht mehr hier, die Ferien gehn
bald zu Ende. Ich weiss also nicht, ob ich das Vergnügen haben werde, Sie noch
einmal zu sehen?
    Regina. Also auch das nicht? Nun, es ist gut! Es gehört noch zum Vorigen. -
Wenns Ihnen gefällig ist, so gehn wir wieder zur Gesellschaft. Mein Grosspapa
wird ohnedies heut nicht gar lange bleiben können, da ihn das Podagra erst seit
gestern früh verlassen hat.
    Sie kamen wieder in die Gesellschaft, wo Jobst und Kunigunde sich über
Silberling sehr lustig machten. Baron Striebel nahm oft seine Partie, aber
immer konnt er es doch nicht, weil Silberling oft gar zu einfältige Antworten
gab. Junker Veit war ganz unaufgeräumt, und beklagte sich sehr über sein
Zipperlein. Die Gesellschaft ging bald auseinander, und Junker Veit legte sich
frühzeitig zu Bette. Siegwart und der junge Kronhelm giengen auf ihr Zimmer.
Kronhelm sah es seinem Freund an, dass er etwas auf dem Herzen habe. Endlich
fieng dieser an: Hör, Kronhelm, dein heutiges Betragen gegen das Fräulein
Stellmann kommt mir ganz sonderbar vor; ich kann die Kälte, die du annahmst,
nicht begreifen; zumal da das Fräulein gegen dich nichts weniger, als
gleichgültig zu sein scheint.
    Kronhelm. Wie? Wenn ich aber gerade deswegen mein Betragen so eingerichtet
hätte?
    Siegwart. Das ist mir noch unbegreiflicher und rätselhafter. Das Fräulein,
deucht mir, ist ein vortrefliches Frauenzimmer, das deine Hochachtung und Liebe
wohl verdiente.
    Kronhelm. Vielleicht. Aber muss Hochachtung und Liebe gleich beisammen
stehen?
    Siegwart. Das nun eben nicht; aber ich denke, die Liebe kommt bald nach,
wenn man von einem Frauenzimmer, für das man schon Hochachtung fühlt, auch noch
geliebt wird?
    Kronhelm. Nicht immer, Siegwart; und hier trifts gerade nicht ein. Sieh, ich
glaub auch, dass mich das Fräulein liebt; und eben deswegen nahm ich den kalten
Ton an, der mir sonst gar nicht natürlich ist, um ihre Leidenschaft mehr zu
dämpfen, als anzufachen. Man kann im Umgang mit Mädchen nicht vorsichtig genug
sein; jedes Wort muss man abwägen; sie legen gar zu gerne aus, und wir müssen
keine Veranlassung dazu geben! Ich ärgere mich doch genug, wenn ich jetzt viele
Jünglinge in dem leichtsinnigen und schmeichlerischen Ton mit Mädchen sprechen
höre, der jetzt immer allgemeiner wird. Dadurch werden die Leichtgläubigen und
eiteln Seelen ganz verdorben; ihre Eitelkeit wird genährt, und sie träumen
täglich von Eroberungen und von Siegen. Ich halte jeden für einen Feind des
weiblichen Geschlechts, der den Mädchen nichts als Süssigkeiten vorsagt; alles
an ihnen bewundert und erhebt; und ihnen unaufhörlich die Hände leckt. Die armen
Geschöpfe wissen ja nicht, worauf es angesehen ist? und ob mans aufrichtig mit
ihnen meint? Sie werden entweder Koquetten, oder misstrauisch und spröde. Ich
könnt es nicht über s Herz bringen, einem Mädchen Schmeicheleien zu sagen, oder
den Schein zu haben, als ob mir an ihrer Gunst und Liebe was gelegen wäre, wenn
ich nicht ihre Liebe suchte, und sie für mein gröstes Glück hielte. Da das nun
zwischen mir und Reginen der Fall nicht ist, so must ich mich zurück ziehen, und
kalt tun; zumal da meine Frage, ob Silberling Absichten auf sie habe? ziemlich
vorwitzig und unüberlegt war.
    Siegwart. Deine Grundsätze sind herrlich, Kronhelm, und ich wünschte nichts,
als dass sie jeder Jüngling sich zu eigen machte. Aber, sag mir, warum du gegen
das Fräulein keine Zuneigung fühlst, da sie doch so viele Vorzüge vor andern
hat?
    Kronhelm. Aus verschiedenen Gründen, Siegwart, und zum Teil auch aus einer
dunkeln, unentwickelten Empfindung. In meinem Herzen ist ein gewisses Leere, das
durch Sie nicht ausgefüllt wird; Sie gefällt mir, aber weiter nicht. So lang ich
bei ihr bin, find' ich zwar an ihrem Umgang Wohlgefallen; aber nachher vergess
ich sie wieder, und fühle keine weitre Sehnsucht nach ihr. Kurz, eine dunkle
Empfindung sagt mir, dass sie das Mädchen noch nicht sei, das für mich allein
geschaffen ist, und dereinst mein ganzes Dasein ausfüllen und beleben soll. -
Und dann, muss ich dir gestehen, soviel mir an dem Fräulein gefällt, so viel
missfällt mir auch an ihr. Was sie heut vom Landleben sagte, scheint mir mehr
Deklamation zu sein, als inniges, empfundenes Gefühl. Man spricht von dem nur
wenig, was man hat und fühlt! - Und besonders hat mir ihr Betragen gegen mich
sehr missfallen. Sie kann überhaupt noch keine wahre Liebe zu mir fühlen, da sie
mich noch viel zu wenig kennt. Wahre Liebe gründet sich auf Hochachtung, und muss
der höchste Grad von Freundschaft sein. Beides ist nicht möglich, wenn man nicht
die Vorzüge des andern genau kennt; und diese lernt man erst durch einen längern
und vertrautern Umgang kennen. Ich weiss wohl, dass die Liebe sich mehrenteils
beim Aeusserlichen, bei der Gesichtsbildung, und dergleichen anfängt; aber von
dieser Liebe halt ich auch so viel nicht. Und nun bedenk, wie hat das Fräulein
ihre Liebe gegen mich geäussert? Gab sie sich nicht völlig bloss? Wars nicht eben
soviel, als ob sie sagte: Kommen Sie! wir wollen einander heiraten! Wahre Liebe
spricht nicht! Man kann sich Jahrelang lieben, ohn' es sich zu sagen! Man könnte
zwar ihr Betragen schwäbische Offenherzigkeit, ländliche Einfalt und naives
Wesen nennen; aber mich deucht, das ist ganz was anders. Das weibliche
Geschlecht kann bei seiner Feinheit der Empfindung so nicht reden. Es muss immer,
besonders bei der Liebe, einen gewissen Stolz, eine edle Würde beibehalten, und
sich nie, wenn ich so sagen darf, selbst feil bieten! Niemand schätzt einen
offenen Charakter, und ein ungezwungnes, ungeziertes Wesen mehr, als ich. Ein
Mädchen, das mit einer gewissen Anmut und Einfalt seine Meinung frei und
offenherzig sagt, ist das angenehmste Geschöpf; und diese Gabe scheint deine
Schwester, deiner Erzählung und den Briefen nach, die ich von ihr sah, in einem
ganz vorzüglichen Maasse zu besitzen. Aber frag dich selbst, ob du das bei
Reginen auch findest? Ob durch ihr gerades Wesen nicht die weibliche Delikatesse
beleidigt werden muss?
    Siegwart. Das ist schon gut, Kronhelm; aber bei dem Fräulein kanns ein
Fehler der Erziehung sein; und dann müssen wir doch das bedenken, was sie selber
zu mir sagte, dass das weibliche Geschlecht auf diese Art sehr schlimm daran ist,
wenn man ihm alles das übel nehmen will, was uns hundertmal erlaubt ist.
    Kronhelm. Recht, Siegwart, das sag ich auch! Ein Geschlecht sollte soviel
Freiheit haben, als das andere! Man hätte diesen Ton nicht einführen sollen! Wir
sind Tyrannen des weiblichen Geschlechts. Aber da es nun einmal ein angenommner
Grundsatz ist, so müssen sich die Mädchen auch darnach bequemen, weil ihnen die
Ueberschreitung desselben so nachteilig ist. - Und ganz scheint die Regel doch
nicht von unserm Eigensinn abzuhängen. Es ist allgemein, dass ein Mädchen sich
verächtlich macht, wenn sie sich selbst anbeut. Jeder fühlts bei sich; sein
Gefühl wird beleidigt, und es scheint so in der Natur zu liegen. - Ich hab
übrigens mit dem Fräulein Mitleid. Dem Anfang der Liebe kann man schwer
widerstehen. Glaub mir, dass mein Herz viel litt, als ich den trockenen und
kalten Ton annehmen musste.
    Siegwart. Ich sahs wohl, als du den Gang allein hinaufgiengest, dass in deiner
Seele mancher Kampf vorgehen müsse. - Ich bewundre deine Klugheit, und begreife
nicht, wo du die Kentnis des weiblichen Herzens und der Liebe her hast?
    Kronhelm. Mir hab ich wenig, und das meiste meinem Onkel in München zu
verdanken, der oft über diese Sache sprach; und dann fand ich seine Grundsätze
durch die Erfahrungen bestätigt, die ich an den Frauenzimmern machte, die in
sein Haus kamen. - Weist du aber, was wir nun zu tun haben? Wir müssen sobald
als möglich wieder auf die Schule zurück. Ich muss dem Fräulein soviel, als sich
tun läst, ausweichen, und dann bin ichs auch überdrüssig, länger hier zu
bleiben. Ich kann von meinem Vater besser denken, wenn ich von ihm entfernt, als
wenn ich um ihn bin, und seine Art zu denken und zu handeln mit ansehe. Wir
wollen sagen, dass die Schule künftige Woche wieder anfange, und dann müssen wir
übermorgen, oder höchstens in drei Tagen wieder in die Stadt.
    Siegwart war es sehr zufrieden; denn seit der Misshandlung der Bauernfrau
gefiel es ihm auch bei dem Junker Veit gar nicht mehr. Sie beschlossen, es ihm
morgen zu sagen, und legten sich, nachdem sie noch etwas auf der Violine
gespielt hatten, zu Bette.
    Junker Veit befand sich den andern Morgen, wegen seines Zipperleins, sehr
übel; er musste sich zu Bette halten, und liess seinen Sohn und Siegwart zu sich
kommen. Seht ihr, was ich für ein Hundsfotr bin? sagte er. Da lieg ich, wie eine
alte Hirschkuh, und kann mich vor Schmerzen nicht rühren, und nicht wenden! Ja,
wenn man in der Jugend alles so bedächte, da hätt ich freilich manches
unterlassen können. Aber, Sakerkot! wer wird da immer an d' Gicht und ans
Zipperlein denken? Fritz, ich sag dir, lass doch nicht zu viel mit den Mädels
ein! 's nichts g'scheides bei heraus! Sieh! daher kommt mein meistes Elend. Ja,
wenn ich deiner Mutter immer g'folgt wär! Aber die nahm halt vieles auch gar zu
genau! Stopf mir einmal meine Pfeif! Vielleicht hilfts Rauchen für die
Schmerzen; wenigstens vergisst mans drüber. - Siegwart, du siehst ja ganz
trübselig aus! Hast Mitleid mit mir? Guter Jung! Aber glaub mir, ich verdiens
auch; denn das Zipperlein brennt gar infam! - Ich wollt gern ein paar Messen
lesen lassen, wenns nur hülfe! Aber schaden kanns doch auch nicht. Lass dem
Pfarrer sagen, Fritz, er möcht für mich beten; aber eifrig! Hasts ghört?
Zuweilen, Siegwart, kann man die Pfaffen schon brauchen, wenn Not an Mann geht.
- Nun, Fritz, ists bestellt? - Ich sag euch, Jungens, keine Stunde reut mich,
die ich auf der Jagd zubracht hab, denn da wird man frisch und munter, wie ein
Rehbock; aber das andere Zeugs hätt ich freilich können bleiben lassen. Nun,
nun, was geschehen ist, läst sich nicht mehr ändern! Wenns nur nicht gar zu lang
anhält; denn diesmal hat michs recht niederg'worfen Heut müst ihr schon zu Haus
Geduld haben! Morgen können wir vielleicht wieder 'naus, wenns besser wird! -
Verzeihen Sie, Papa, sagte Kronhelm, auf den Montag gehn unsre Schulstunden
wieder an, und da werden wir wohl übermorgen reisen müssen. Was? schrie Junker
Veit, schon wieder fort? Und seid kaum herausgekommen? Sapperment! Erst zweimal
sind wir auf der Jagd gewesen, und ich wollt euch noch in allen meinen Forsten
rumführen! Nein, das geht nicht an! Seht, jetzt wollt ihr mich verlassen, da ich
wie ein Krüppel da liege, und mir nicht zu helfen weiss. Nein, bei meiner Seel!
ihr müst noch bleiben! Siegwart sagte, dass es schlechterdings nicht angehe; Sie
würden bei ihren Professoren in Ungelegenheit darüber kommen, und beständig
Vorwürfe deswegen hören müssen. Ja so gehts bei den Blitzpfaffen; sagte Veit; da
ist das ewige Kommandiren und Einsperren! Da werden die besten Leute durch
verdorben, und zu Dummköpfen gemacht, die nicht wissen, ob die Welt grün oder
gelb aussieht? Mit der einfältigen Gelehrsamkeit! Ich hab in meinem Leben nie
gehört, dass ein Gelehrter 'n guten Soldaten, oder Jäger abgeben hab. Da müst ihr
nun wieder in euer Klaus 'nein, und bei den dummen Büchern schwitzen! Ja, da wär
ich ein Narr! Da ist mir Gott's freie Luft lieber! Könnt ich nur jetzt drinn
sein! - Er klagte noch so eine ziemliche Zeit fort, und erzälte dann wieder von
seinem Soldatenstand, und von seinen Jägertaten. Endlich nahmen seine Schmerzen
etwas ab, und er liess sich aus dem Bette heben. Bei Tisch wurd er wieder ganz
munter, und mit den Schmerzen verliessen ihn auch seine ernstaften Gedanken
wieder. Ueber Tisch liess sich der Pfarrer aus dem Dorfe melden. Hah, hah! sagte
Veit, der riecht den Braten; Nun, last ihn nur kommen! Er wird wieder durstig
sein, und da weiss er, dass er am ersten etwas kriegt, wenn ich krank bin. S ist
sonst ein guter Narr, mit dem man wohl 'n Spas haben kann. -
    Der Pfarrer kam, und schlich sich demütig in die Stube herein. - Willkomm,
Herr Pfarr! schrie Veit; Nur frisch hereingegangen! 'S ist schon wieder besser.
    Pfarrer. Ich bedaure, gnädiger Herr! Ich hab gehört, dass Sie wieder nicht
recht -
    Veit. Ja, ja! 'S ist schon gut, sag ich. Leg er nur den Hut ab, und setz er
sich hieher! Wie stehts denn, Alter? Was macht seine Köchinn? Braucht er bald
wieder eine neue?
    Pfarrer. Ich bitt um Vergebung, Ihr Gnaden! Warum sollt ich eine neue
brauchen?
    Veit. Je nun, das hat so seine Ursachen. Man kennt euch Leute schon! Tu er
nur nicht so sittsam, als ob er alle Heiligkeit allein gepachtet hätte! Vor den
Leuten da darf er sich nicht scheuen, die kennen seine Umstände schon. Das ist
mein Sohn, und der andre ist ein guter Freund von ihm. Was gibts denn Neues?
Ists wahr, dass des Pfarrers von Aderlingen Köchinn schwanger ist?
    Pfarrer. Ich weiss nicht, Ihr Gnaden; aber die arge Welt sagt so.
    Veit. Die arge Welt? Da muss es die arge Welt sein, wenn von Euresgleichen
was gesagt wird. Aber gelt, wenn ein armer Teufel, der kein Pfaff ist, was
getan hat, da könnt ihrs nicht genug ausposaunen; da fangt ihr 'n Lerm auf der
Kanzel an, als ob d' Welt einfallen wollte! Nun, es leben d' Pfaffen und ihre
Köchinnen! Gelt, da schmunzelt er, der alte Knasterhart? Ja, ihr seid mir rechte
Füchse! Hat er denn den Morgen brav gebetet, dass mein Zipperlein zum Teufel geh?
Nun, 's hat brav geholfen, und jetzt wollen wir uns dafür tüchtig betrinken!
    Der Pfarrer tat auch von seiner Seite alles Mögliche, und brachte es in
Kurzem so weit, dass er die ärgsten Zoten vorbrachte, und von sich die
niedrigsten Schandtaten erzälte. Er blieb bis Abends um zehn Uhr da, und musste
von zween Bedienten nach Haus gebracht werden. Kronhelm tat es in der Seele
weh, dass ein Mensch, der sich für einen Lehrer Gottes an die Menschen ausgibt,
sich bis zum Tier herab erniedriget. Siegwart dachte tausendmal dabei an seinen
Pater Anton, und den ehrlichen Pfarrer in Windenheim.
    Wenns viel solche Prediger gibt, sagte Siegwart Abends noch zu Kronhelm;
dann wundre ich mich nicht mehr über die Geringschätzung der Religion. Wer sie
nicht selbst aus der Quelle kennt, und sie dann von solchen Leuten lernen, und
hochschätzen und lieben soll, der muss beinah ein Freigeist und Religionsspötter
werden; aber eben deswegen sollte man unsern Laien die Bibel nicht entziehen,
damit sie daraus Trost und Lehre schöpfen könnten, wenn sie von ihren Lehrern
keinen zu erwarten haben. So ein Mann, wie dein Pfarrer ist, macht tausend
Seelen unglücklich, und ich möcht' einst seine Verantwortung nicht übernehmen!
    Den andern Tag befand sich Junker Veit etwas leidlicher, doch must er sich
zu Hause aufhalten. Er schlug unsern beiden Jünglingen vor, ob sie nicht auf die
Jagd gehen wollten? So könnten sie doch noch einen andern von seinen Forsten
kennen lernen; Er woll ihnen einen Jäger mitgeben, der ein Ausbund von einem
Waidmann sei. Kronhelm und Siegwart nahmen den Antrag gerne an, denn in seiner
Gesellschaft ward ihnen die Zeit ziemlich lang. Sie schossen verschiedne Stücke
Kleinwildpret, und einen Bock. Um Essenszeit kamen sie wieder nach Haus; Der
Junker hatte ein inniges Vergnügen über ihre Geschicklichkeit, und bedaurte nur,
dass sie schon so bald fort mussten. Den Nachmittag sprach er wieder bei der
Bouteille brav ein, und versprach, sie den andern Morgen eine Meile weit zu
begleiten, wenn es nur sein Zipperlein zulasse. Er konnte aber sein Versprechen
nicht halten, weil seine Schmerzen wieder zunahmen. Früh um sieben Uhr, als die
Pferde schon gesattelt waren, liess er sie vor sein Bette kommen; und nahm von
ihnen, da ihn die Schmerzen etwas mürbe gemacht hatten, mit ziemlicher Bewegung
Abschied. Nun leb wohl, Fritz, sagte er, und wischte sich die Augen; wenns denn
sein muss! Und führ dich als ein Junker auf! Es war mir lieb, dass ich dich als 'n
ehrlichen Kerl hab kennen lernen, der sein Waidwerk versteht. Wenn du nur das
nicht vergist; am andern ist blutwenig g'legen! Wenn du wieder einmal zu mir
kommst, dann solls, denk ich besser gehen! Diesmal hat mir das verhenkerte
Zipperlein einen Strich durch die Rechnung gemacht. Geld will ich dir auch
schicken, wenn du's nötig hast; und da schenk ich dir noch zum Andenken eine
Flinte. Sie ist probat, und versagt dir gewiss nie. Mit den Mädels lass dich nicht
ein! Denk an deinen Vater und ans Zipperlein! Nun kannst du gehen! Weiler weiss
ich nichts. -- Und dir, Siegwart, dank ich, dass du bei mir eing'sprochen hast.
Du hast mir viel Freud gemacht, weil du mehr verstehst, als mancher Junker. Wenn
du von Adel wärest, Junge, solltest meine Tochter haben; aber so ists nichts!
Adies! - Sie mussten noch ein Glas Quetschenwasser trinken, und setzten sich zu
Pferde. Kunigunde liess sich nicht sehen; aber Sibylle war zugegen; küste und
herzte ihren Bruder, und nahm mit Tränen Abschied. - Der Reitknecht Jakob ritt
wieder mit ihnen. Als sie durch den Wald kamen, wo er den Hirsch geschossen
hatte, fieng er wieder an: Sapperment, Junker, den Streich kann ich noch nicht
vergessen, den sie mir auf diesem nehmlichen Platz g'spielt haben. Der Hirsch
war gar zu schön! Ich mocht meinem gnädigen Herrn nur nichts sagen, um Ihnen
keinen Verdruss an den Hals zu werfen; denn ich will drauf schwören, dass er
g'wettert haben würd! Kronhelm hiess ihn schweigen, und gab ihm die Erlaubnis,
seinem Vater die ganze Geschichte zu erzählen.
    Als sie wieder auf der Schule ankamen, und sich beim Prior gemeldet hatten,
so war ihr erster Gang zum braven P. Philipp. Wie erschracken sie, als das
Zimmer, wegen der herabgelassenen Vorhänge ganz dunkel war, und ihr lieber Pater
im Bette lag! P. Johann sass neben ihm, und hatte einen lateinischen Psalter in
der Hand. Willkommen, lieben Freunde, sagte P. Philipp mit heiserer und leiser
Stimme. Es ist mir lieb, dass ich euch noch sehe! Gott hat eine Veränderung mit
mir beschlossen. Ich werd euch bald verlassen müssen. Mir gehts wohl!.. Die
beiden Jünglinge konnten sich nicht länger halten; die hellen Tränen stürzten
ihnen aus den Augen, und sie schluchzten laut. - Gebt euch zufrieden, lieben
Freunde! Mir gehts wohl; und Bruder Johann wird euch meine Stelle wieder
ersetzen; er liebt euch auch .... Ich habe gnug auf der Welt gesehen.. Hab auch
viel gelitten.. Mir wirds wohl werden. Mein Andenken ist alles, was ich euch
hinterlassen kann, und etliche Bücher, die ich aufgeschrieben habe.. Ihr bekommt
nun einen Freund im Himmel mehr.. Um Christi willen hoff ichs ... Kronhelm, gib
mir deine Hand!.. Du auch, Siegwart! Seht, ich leg sie ineinander.. Bleibt
Freunde!.. und wandelt auf dem Weg der Rechtschaffenheit dem Himmel zu!..
Vergest euren treuen Lehrer, Freund, und Bruder nicht! ... Nun möcht ich wohl ein
Bischen allein sein!.. Ich bin so matt - -
    Die beiden Freunde wankten aus dem Zimmer auf das ihrige; Jeder warf sich
auf einen Stuhl, sah den andern an, und sprach kein Wort. - Gott! sagte
Siegwart, was ist der Mensch? Ist denn nichts, als Elend auf der Welt? Wenn ich
nur mit ihm stürbe! Und du auch, Kronhelm! - Dieser, der von Natur gelassener
war, und sich mehr gleich blieb, ob sich gleich seine Seele tief verwundet
fühlte, suchte seinen Freund zu trösten, und von seiner Ungeduld abzubringen.
Endlich fiengen aber doch beide wieder mit einander an zu weinen. Nach einer
halben Stunde schlichen sie sich an das Krankenzimmer, und sahen, weil die Türe
halb offen war, hinein. P. Johann winkte ihnen; sie traten leise an das Bette;
und der Fromme, mit dem blassen, eingefallenen Gesicht, lag in ruhigem Schlummer
da, und lächelte zuweilen; ein paarmal streckte er die Hände aus und faltete
sie. Endlich wachte er mit heftiger Bewegung auf, blickte wild umher, und sagte
hastig: Bald ists vorbei! Nur noch Einmal!.. Ich hab ihn schon gesehen!. Er ist
schröcklich!.. und schön!.. und fürchterlich! ... Dann sah er wieder um sich,
erblickte die beiden Jünglinge; lächelte; gab Siegwarten die Hand, und sagte:
Seid ihr auch noch da? Ich dachte, ihr wäret längst gestorben! - Dann schwieg er
wieder, und bewegte nur die Lippen, vermutlich, um zu beten, denn sein mattes
Aug sah mühsam in die Höhe. - Kronhelm und Siegwart baten den P. Johann, dass sie
die Nacht bei ihrem Lehrer wachen dürften. Er gab es gerne zu, weil er durch ein
paar Nachtwachen schon sehr abgemattet war, und die meisten Lehrer die Ferien
über verreist waren. Er setzte sich in einen Lehnstuhl, um zu schlafen, und bat,
ihn nur dann zu wecken, wenns mit dem Pater merklich schlimmer würde. Dieser
phantasirte fast die ganze Nacht durch; nur zuweilen hatte er lichte
Augenblicke, und dann sprach er aufs zärtlichste mit seinen Freunden, ermunterte
sie zur christlichen Rechtschaffenheit, und sagte: ohne sie würd er dem Tod
nicht so getrost entgegen sehen können. - Nachdem er sich die Nacht durch ganz
müde phantasirt hatte, so fiel er gegen Morgen in einen tiefen Schlummer, der
dem Tode fast ähnlich sah. Kronhelm und Siegwart warfen sich auf ihr Bette, und
blieben bis gegen Mittag liegen.
    Als sie wieder auf das Krankenzimmer kamen, so war der Pater aufgewacht, und
sah weit heiterer und frischer aus. Der Schlaf hatte den Abgang seiner Kräfte
wieder ersetzt und der Arzt, der eben dazu kam, fasste nicht geringe Hoffnung zu
seiner Besserung. Er konnte wieder etwas Nahrung zu sich nehmen, und das
Irrereden blieb aus. Kronhelm und Siegwart wurden, durch diese Hoffnung, wie
neubelebt, und konnten nun erst um die Gesundheit ihres Freundes beten; vorher
hatten sie's nicht gekonnt. Er ward merklich besser, und konnte nach ein paar
Tagen schon wieder eine halbe Stunde auf sitzen. Die beiden Jünglinge waren
unaufhörlich um ihn, und lernten aus seinem Munde tausend weise Lehren; denn
nichts ist lehrreicher, als das Krankenbette eines weisen Christen; Nirgends
dringen die Lehren tiefer ein. Nun lernten Kronhelm und Siegwart erst das Glück
recht schätzen, einen solchen Lehrer zum Freund zu haben. Nun sahen sie die
Grösse des Verlustes erst recht ein, den sie mit seinem Tod erlitten haben
würden. Nun sahen sie, dass es weise Liebe Gottes sei, wenn er uns zuweilen ein
Gut zu entziehen droht, dessen Wichtigkeit und Grösse wir vorher nur halb
eingesehen, und das wir deswegen nur halb benutzt haben. Noch eh die
Schulstunden wieder angiengen, konnten sie an einem schönen Nachmittag eine
Stunde mit ihm spazieren gehen. Lieber Gott, sagte er, wie mir nun die Welt
wieder so neu vorkommt, als ob ich sie noch nie gesehen hätte! Alles deucht mir
jetzt schöner und herrlicher zu sein. Der dunkle Tannenwald dort, und die Sonne
drüber her! Der Mischling mit dem gelb und rot und blassgrünen Laub! Die Natur
sinkt nun ins Grab, und ich stehe wieder draus auf; war doch wenigstens schon
halb drinn. Ach, die Natur ist ein herrlicher Anblick! Zumal, wenn man seiner
eine Zeitlang beraubt war! Ich dank dir, lieber Gott! - Ich sehs euch an, dass
ihr meine Freude mitfühlt. Es ist mir so wohl, dass ich in den Lüften schweben
möchte! Lieben Freunde, es ist doch gut, dass ich noch eine Zeitlang bei euch
bleiben kann; die Welt ist gar zu schön! - Indem kam ein Krüppel zu ihnen, und
bettelte. Sie gaben ihm. - So ein Anblick, sagte Philipp, kann einen freilich
wieder traurig machen. Man leidet soviel, wenn man andre leiden sieht. Aber,
lieber Gott, wer wollte dich drüber zur Rede stellen? Und dort, dort (indem er
zum Himmel wies) gibts keine Krüppel und Lahme mehr! Dies ist alles, was man
sagen kann; und allenfalls, dass dergleichen Leute nach dem Glück nicht so sehr
schmachten, was sie nicht kennen, und mit kleinerm Labsal vorlieb nehmen, als
wir. Vielleicht sind auch ihre Empfindungen schwächer. Das beste ist, das Gute,
das man hat, mit Dank annehmen und geniessen, und dem Unglücklichen sein Elend
so viel erleichtern, als man kann! - Sie giengen vergnügt wieder nach Haus.
    Zween Tage drauf fiengen die Schulstunden wieder an. Siegwart wurde, mit
Einstimmung aller Lehrer, seiner besondern Zunahme in den Wissenschaften wegen,
in eine höhere Ordnung befördert. Im Lateinischen las man hier vorzüglich den
Cäsar vom gallischen Krieg. P. Philipp schenkte ihm eine schöne Ausgabe von
diesem Schriftsteller, und zeigte ihm, mit welchem Geiste, und mit welchem
Nutzen man ihn lesen könne. Siegwart sass Tag und Nacht dabei, und übersprang
durch seinen Fleiss gar bald die Lektionen in der Schule. Er bewunderte an Cäsar
den grossen Feldherrn, der, mit der beständigsten Gegenwart des Geistes, sich
aller Umstände und Abwechselungen des Krieges, stets zu seinem Vorteile zu
bedienen wusste; aber er konnte in ihm den Geist nicht lieben, der, von rasender
Eroberungssucht dahin gerissen, keinen höhern Zweck kennt, als den: ein
freigebornes Volk, das ihn nie beleidigt hatte, das ihm nicht einmal im Wege
stund, seiner Freiheit, des höchsten Gutes, das es kannte, zu berauben. Er
verabscheute den Mann, der Ströme Bluts seiner Landsleute und der Gallier
vergoss, um diesen ungeheuren Durst zu stillen. Er entdeckte mit Verwunderung in
dem Gemählde der alten Gallier die Grundzüge, die noch jetzt den Charakter der
neuern Franzosen ausmachen: den Wankelmut in ihren schnell, oft übereilt,
gefassten Anschlägen; die Begierde, immer etwas Neues auszuhecken und zu
erfahren; (B. IV. K. 5.) Die Grausamkeit, die sich noch jetzt in ihren
Todesstrafen äussert. (VI. 19.) Den sklavischen Gehorsam des Volks gegen seine
Obrigkeit (K. 13) u.s.w. Dagegen schlug sein Herz laut bei der Schilderung der
männlichern und freiergesinnten Deutschen, und besonders der nervichten Sueven;
ihrer patriarchalischen Lebensart, die sich bloss von der Viehzucht und der Jagd
nährte, (B. IV. 1. fgg.) u.s.w. Kein Umstand, der der Menschheit Ehre macht,
entgieng ihm. Die edle Tat der beiden Römer, des Pulfio und Varenus (B. V. K.
44.) zog besonders seine ganze Bewunderung auf sich. Er besprach sich nachher
mit Kronhelm und dem P. Philipp wieder drüber, und lernte, mit ihrer Hülfe, noch
mehrere und wichtige Bemerkungen machen. Er geriet oft sehr in Eifer, wenn er
gegen die Erobrungssucht gegen die Tyrannei, und für die Rechte eines freien
Volkes und der Menschheit überhaupt sprach. Sein Herz ward immer freier,
männlicher und fester, sein moralisches Gefühl immer richtiger, und feiner. Die
Religion, die er durch vernünftigen und zweckmässigen Vortrag immer mehr in
ihrer Einfalt und Würde kennen lernte, ward ihm täglich heiliger und
verehrungswürdiger; denn P. Johann verschwieg fast alle Menschensatzungen, die
sie verunstalten. Er sah an P. Johannes und P. Philipps Beispiel, welchen
Einfluss sie auf die Güte eines Menschen haben kann, und spürte ihre heilsame
Wirkung eben so lebendig an sich selbst.
    Zuweilen ging er noch mit Kronhelm, ohne den er überhaupt fast keinen
Schritt aus dem Kloster tat, zu einem Jüngling, Namens Grünbach, der auch auf
die Schule ging, aber bei seinen Eltern in der Stadt wohnte. Es war dies ein
Mensch von einem ernstaften, aber heftigen Charakter. Er hatte viel Kopf und
eben so viel Ehrbegierde. Wenn er sich vornahm, etwas zu lernen, so liess er
nicht nach, bis ers ganz inne hatte. Er eiferte unserm Kronhelm und Siegwart
nach, weil sie die besten auf der Schule waren. In kurzer Zeit brachte er es auf
der Violine so weit, dass er mit ihnen spielen konnte, und nun machten sie sehr
schöne Trios zusammen. Unsre beiden Jünglinge wären noch öfter zu Grünbach
gegangen, wenn er nicht so gerne, besonders über Religionssätze, gestritten
hätte; und diesen Streit liebten sie durchaus nicht. Sein Vater war ein reicher
Krämer, der sich auf seinen Sohn sehr viel zu gute tat. Er schaffte ihm alles
an, was er haben wollte, Bücher, Kleider, Musikalien und dergleichen. Sobald
jemand zu seinem Sohn kam, war er auch auf dem Zimmer, machte den gläsernen
Bücherschrank auf, wies die schönen Bände, sagte, was sie gekostet hätten, und
neigte sich lächelnd, wenn man etwas zu seinem, oder seines Sohnes Lob sagte. Er
erzälte fleissig, wenn einer von den vornehmern Schülern, oder gar von den
Professoren seinen Sohn besucht hatte, und rekommandirte ihn der Gewogenheit
dessen, dem er es erzälte. Er fragte allemal, wie sich sein Sohn auf der Schule
halte? weil er was schmeichelhaftes zu hören hoffte. Wenn die drei Jünglinge auf
der Violin spielten, so war er gleich dabei, sah und hörte bloss auf seinen Sohn,
trat immer mit dem Fuss, als ob er den Takt gäbe, und nickte mit dem Kopf, ob er
gleich nichts von der Musik verstand. Seine Frau und seine Tochter liess er nie
aufs Studierzimmer kommen, auch nicht, wenn Musik war, weil er sagte: Die
Gelehrten würden durchs Frauenzimmer gleich gestört. Er las auch Historienbücher
und Romane, welches er vorher nie getan hatte; weil er glaubte, der Vater eines
gelehrten Sohns müsse, ihm zu Ehren, auch ein Gelehrter werden. Kronhelm bat er
besonders inständig um die Freundschaft für seinen Sohn, weil er von Adel war;
doch begegnete er auch Siegwarten, um seinetwillen, sehr höflich. -
    Siegwart hatte seiner Schwester Terese von seiner Reise, vom Junker Veit,
und von Reginen, geschrieben. Nach drei oder vier Wochen bekam er diesen Brief
von ihr:
                                Liebster Bruder!
    Vielen, herzlichen Dank für deinen lieben Brief, und die Nachrichten von
deiner Reise! Wie ist es doch möglich, dass dein Kronhelm einen solchen Vater
hat, der gerad das Gegenteil von ihm ist? Aber destomehr muss ich ihn bewundern
und hochschätzen. Nun, lieber Bruder, dächte ich, du machtest, wenn wieder
Ferien einfallen, eine Reise zu uns, und brächtest deinen lieben Kronhelm mit.
Der Papa würd es sehr gern sehen, ich sagte ihm gestern davon. Sags dem Herrn
von Kronhelm ja, und vergiss mein aufrichtigstes, freundlichstes Kompliment
nicht! Nicht wahr, Brüderchen, du kommst? Du weist ja, ich hab dich gar zu lieb.
Nun bist du schon ein halbes Jahr weg; denk einmal die lange Zeit! Also hast du
Fräulein Regine kennen gelernt? Das ist mir ja recht lieb. Sie hat viel Gutes.
Ihr zu offenes Wesen, und ihre Ungeduld muss man übersehen; beides ist nicht bös
gemeint. Hier schickt dir der Papa Geld, und ein Brieflein. Er ist, Gottlob!
frisch und munter. In drei Wochen heiratet Karl die Jungfer aus Dollingen; da
sie jetzt unsre Schwägerinn wird, so schickt sichs nicht mehr, dass ich etwas
gegen sie rede. Karl zieht ins Nebenhaus, und fängt eine eigne Haushaltung an.
Gut! so kann ich auf den Winter des Abends eher lesen, denn ich bin jetzt recht
erpicht drauf. Salome will nach der Hochzeit wieder nach München; sie ist jetzt
bei unsrer neuen Schwägerinn, und eine warme Freundinn von ihr; wenns nur lange
daurt! Der Hauptmann von Nortern besucht uns fleissig. Er hat jetzt das
Portrait von seiner Braut bekommen; sie sieht Himmlisch aus; ich habe das Bild
schon sehr oft geküsst. Wenn ich bei ihr wäre, so würden wir gewiss gute
Freundinnen; ich sehs ihren Augen an. Der Mann, der den Messias geschrieben hat,
heist Klopstock. Er soll ein sehr frommer Mann, und doch der angenehmste
Gesellschafter sein. Hauptmann Nortern hat mir ein paarmal aus dem Messias
vorgelesen. Ich sag dir, Bruder, es ist alles vortreflich. Man fühlt was dabei,
was man sonst in seinem Leben nicht gefühlt hat; man ist ganz über der Welt, und
sieht auf sie herunter. Nun fang ich das Buch bald selber an zu lesen. Es soll
etwas Mühe kosten, eh mans erst ganz versteht, sagt Hauptmann Nortern; aber wer
wird sich, um etwas Herrlichen willen, eine kleine Müh verdriessen lassen? Leb
wohl, liebster Bruder, und empfiehl mich dem P. Philipp! Gottlob, dass er wieder
gesund ist! Dem Herrn von Kronhelm hätt ich fast selbst geschrieben; aber das
wär auch gar zu dreist! Sags ihm ja nicht! Adjeu!
                            Deine getreue Schwester
                                                                   T. Siegwart.
    Siegwart liess auch diesen Brief seinen Kronhelm lesen. Dieser fand an
Teresens Denkart immer mehr Wohlgefallen, und sagte zu Xaver, wenn er seiner
Schwester wieder schreibe, so woll er auch ein Briefchen beilegen. Er freute
sich, dass Terese mit ihm über Reginens Charakter gleichgesinnt sei, ob sie
gleich gelinder von ihr urteilte, als er, in einem andern Verhältnisse, getan
hatte.
    Siegwart hatte schon lang in das Kapuzinerkloster gehen wollen, das dicht am
Städtchen lag, und war immer dran verhindert worden. Endlich ging er an einem
Heiligentage mit Kronhelm hinaus, in die Predigt. Er hörte eine höchstfabelhafte
und abgeschmackte Lobrede auf den heiligen Bischof Martin, bei der das Lachen
weit natürlicher war, als Andacht und Erbauung. Nach diesem ging er im
Klostergarten spazieren, in der Absicht, mit einem, oder dem andern Pater
bekannt zu werden. Endlich redete er einen an, der ihm aber sehr kurz
antwortete. Ein andrer, den er drauf antraf, war weit freundlicher, und freute
sich sehr über die Nachricht, dass er auch ein Kapuziner werden wolle. Er
versprach, dies seinen übrigen Brüdern zu sagen, und setzte hinzu: Wir werden
ihn bald einmal zum Essen bitten lassen. Besuch er mich indessen mit seinem
Freunde, wenn er will! Es soll mich immer freuen. Nach acht Tagen wurde Siegwart
zum Essen eingeladen. Die Patres alle empfiengen ihn sehr freundschaftlich.
Ueber Tische fieng der Prior an: Aber, Monsieur Siegwart, es ist löblich und uns
allen sehr erfreulich, dass er in unsern heiligen Orden eintreten will; nur
befremdet es uns sehr, wie er an ein solches Kloster geraten ist, wie das zu
Füllendorf; (so hiess P. Antons Kloster,) da wäre ja das unsrige weit besser! In
jenem ist gar nichts zu machen. Der Prior ist ein harter Mann, und die Patres
sind einfältige Leute. Tret er dafür zu uns! Es soll ihn gewiss nicht gereuen. Es
sind hier in der Stadt viel vermögliche Leute, die uns oft zu essen schicken.
Anstatt, dass wir herumsammeln müssen, wird es uns zugetragen. Wir haben täglich
wenigstens acht Messen zu lesen, und an Festtagen wohl zwanzig. Sieht er, das
trägt ein, da kann man bequem leben. Z.E. Diesen Wein hier har uns erst heut der
Postverwalter zugeschickt. So gibts fast alle Tage etwas. Sei er klug, und
versprech er uns, zu uns zu kommen! Siegwart gab voll Befremdung zur Antwort: Es
sei ihm, bei seinem Entschluss, nicht um gut Essen und Trinken zu tun, und er
habe den andern Paters schon sei Wort gegeben. Die Kapuziner lachten über seine
Bedenklichkeiten, und sagten: Man müss' es nicht so genau nehmen! Als all ihr
Zureden bei ihm nichts vermochte, so liessen ihn die Paters mit ziemlicher
Verachtung und Gleichgültigkeit von sich. Er ging mismutig weg, und ärgerte
sich über die Geistlichen, die aus Neid ihre Mitbrüder verachteten, und den
Hauptvorzug ihres Klosters in besser Essen und Trinken setzten. Er fieng jetzt
an, seine Ideen von der Heiligkeit der Mönche überhaupt, etwas herabzustimmen;
doch nahm er in Gedanken seine Kazpuiner in Füllendorf gleich wieder davon aus,
obwohl der Schluss sehr natürlich gewesen wäre: Jedes Kloster sieht auf seinen
eignen Vorteil, und ist deswegen auf jedes andre eifersüchtig. Die Artigkeit
der Paters in Füllendorf hätt er sich auch leicht daraus erklären können, dass
sie sich um ihn Mühe gaben, und ihm deswegen so höflich begegneten. So erklärte
es wenigstens Kronhelm, dem er seinen Unwillen mitgeteilt hatte, und der die
Gelegenheit wahrnahm, ihm eine Abneigung gegen die Klöster überhaupt
einzuflössen. Aber das Ideal steckte noch zu tief in Siegwarts Seele, als dass es
sobald hätte können herausgerissen werden.
    An einem Sonntage nachher ging Siegwart in die L. Frauenkirche, die den
Nonnen in der Stadt gehörte. Sie waren, ohne dass man sie sehen konnte, oben auf
der Orgel, die zu oberst an der Decke gebaut war, und machten eine himmlische
Musik von allen Instrumenten, die sie zum Teil sehr gut spielten. Dazwischen
hörte er ihre silberreine und melodische Stimmen. Dies tat auf ihn eine ganz
erstaunliche Wirkung. Er hörte eine zaubrische Musik, wie vom Himmel herab, und
sah nichts. Er glaubte die Chöre der Engel anzuhören und träumte sich über unsre
Welt hinaus. Die Nonnen schienen ihm die heiligsten und beneidenswürdigsten
Geschöpfe zu sein. Er ging nun fast alle acht Tage in ihre Kirche, und nährte
sich mit Ideen von Heiligkeit und Vollkommenheit. Kronhelm sah diesen Schwung
seiner Einbildungskraft nicht gerne, der ihn aufs neue in die Mystik hinein, und
von der Welt abbrachte.
    Nach einiger Zeit ward eine Nonne installirt, wobei Siegwart auch
gegenwärtig war. Das Opfer war eine junge, engelschöne Baronessinn von 19 oder
20 Jahren. Sie stund in ihrem Brautschmuck vor dem Altar, und legte, durch den
heiligen Pomp erhitzt, das Gelübde mit vieler Freundlichkeit ab. Unserm Kronhelm
ging es durch die Seele, als sie der Welt, allen Freuden, ihren Eltern und
Verwandten, die mit gegenwärtig waren, auf ewig absagte; sich auf die Erde, als
in ein Grab legte, und dann, als eine Braut Christi, wieder aufstand; den
Trauring anlegte; und ihren Bräutigam, ein wächsernes Christkind, mit
Flittergold behangen, auf den Arm nahm; als sie drauf in einem Zimmer
ausgezogen; ihres Myrtenkranzes, und ihres schönen blonden Haares beraubt, und
in eine grobe braune Kutte gehüllt wurde. Todtenblass kam nun das Mädchen, das
eben noch wie eine Blume geblüht hatte, heraus, und ward auf ewig in das Kloster
eingeschlossen. Kronhelm ergrimmte bei sich selbst; verwünschte das Gesetz und
den Aberglauben, der solche Verwüstungen im menschlichen Geschlecht anrichtet,
und konnte etliche Tage lang sich dieser Vorstellung, die ihm seine Seele
verwundete, nicht entschlagen. Siegwart hingegen war vor himmlischem Entzücken
ganz ausser sich; erblickte nichts als Engel und Heilige um sich herum; und
pries die Baronessinn, und jedes Mädchen selig, das ihr folgte. Er hörte nachher
noch oft von der Orgel herab ihre Stimme, die sich über den Gesang der andern
Nonnen erhob, und glaubte; sie weit freudiger singen zu hören, als die übrigen.
    P. Philipp, mit dem Kronhelm über die Schwärmereien seines Freundes
gesprochen hatte, gab sich auch alle Mühe, ihn zu zerstreuen, und seine
Aufmerksamkeit auf andre Gegenstände zu lenken; er gab ihm daher allerlei
Bücher, und besonders historische, zu lesen. Etwas half es, aber doch nicht
viel. Die Einsamkeit, die der Winter mit sich bringt; und die wenige
Zerstreuung, da man immer eingeschlossen ist, zwang unsern Xaver, sich am
meisten mit sich selbst zu beschäftigen, und da war seine Einbildungskraft
geschäftig genug, ihm lauter Ideale von Heiligen und Mönchen in den Kopf zu
setzen. Er ward oft fast böse, wenn ihn Kronhelm durch einen kleinen Scherz aus
seinen Schwärmereien herauszureissen suchte.
    Kronhelm hatte nun Teresen auch ein kleines natürliches Briefchen
geschrieben, sie seiner aufrichtigen Hochachtung versichert, und um ihre
Freundschaft gebeten. Sie antwortete ihm, acht Tage drauf, gleich wieder, und
freute sich ungemein über seinen Brief und seine Freundschaft; Wenn Sie Geduld
haben wollen, schrieb sie unter andern, mich zuweilen anzuhören, so schreib ich
Ihnen wohl öfters, und frage Sie um verschiedenes, das Sie mir dann gelegentlich
beantworten. Aber ich weis freilich nicht, ob Sie es der Mühe wehrt halten, ein
neugieriges Landmädchen zu belehren? Am Ende machte sie ihm eine Empfehlung von
ihrem Vater, und lud ihn in seinem und in ihrem Namen sehr höflich ein, sie auf
die künftigen Ferien mit ihrem Bruder zu besuchen. Kronhelm war über diesen
Brief ganz entzückt; Sein Herz schlug ihm, als er ihn las, und es stiegen
Gefühle in ihm auf, die er sich selber nicht erklären konnte. Unserm Siegwart
hatte sie folgendes geschrieben:
                                 Bester Bruder!
    Gottlob, dass ich den Messias zu lesen angefangen habe; und ärgern muss ich
mich, dass es nicht schon weit eher geschehen ist! Das ist ein heiliges
göttliches Buch, und Klopstock, der's gemacht hat, muss noch göttlicher und
heiliger sein. Nun will ich gern alle Bücher weggeben, die Bibel ausgenommen,
wenn ich nur den Messias habe. Du kannsts nicht glauben, Bruder, was für einen
Schatz der Andacht, der Empfindung, des Grossen und Göttlichen dieses Buch in
sich entält; und es ist noch lang nicht zur Hälfte fertig1, und ich habe das,
was da ist, noch nicht halb gelesen. Man kommt in ganz neue Welten von Engeln;
und von Engeln, wie sie sich wohl noch nie eine menschliche Seele vorgestellt
hat, so gross und vollkommen sind sie. Meinst du nicht, dass ein Mensch, der sich
das so lebendig vorstellen kann, eben so gross und vollkommen sein müsse? Die
Stellen, die ich bis jetzt am meisten bewundre und liebe, sind: die von Samma
und Joel und Benoni. Die Haut schaudert einem, wenn mans liest und alles so mit
ansieht. Dem Seraph Abbadona bin ich recht gut; wenn er doch nicht so
unglücklich wäre! Philo ist ein abscheulicher Kerl! und der menschenfreundliche
Nikodemus neben ihm! Wie sticht das ab! Am meisten hat mich die Geschichte von
Semida und Cidli gerührt. So etwas schmelzendes und süsses und wehmütiges hat
wohl noch kein Mensch gedacht; und doch ist alles so wahr und treffend! O, ich
möchte mich mit Cidli zu Tode weinen! Letztin träumte mir von ihr. Ich glaub,
ich hab sie gesehen, wie sie aussah. Bruder, du must dir das Buch kaufen! Gib
lieber alle andre Bücher weg, und schreib an einen Buchhändler nach Augspurg
oder Ulm, dass er dir den Messias schicke! Der Herr Hauptmann von Nortern hat
mir zwar den Messias selbst geschenkt; aber so lieb ich dich auch sonst habe, so
kann ich ihn dir doch nicht schicken; ich muss ihn immer bei der Hand haben. Er
ist so schwer nicht zu verstehen; Man muss nur seine Gedanken brav beisammen
behalten. Kauf das Buch ja gleich, du wirst mirs danken! Ich bin
                           deine getreueste Schwester
                                                                   T. Siegwart.
    Unser Siegwart schrieb sogleich an einen Buchhändler in Augspurg, um drei
Exemplare vom Messias; denn Kronhelm und Grünbach wollten ihn auch haben. Der
Bediente des Buchhändlers in Augspurg hatte zum Glück selber viel Geschmack und
eine gute Bekanntschaft mit der neuern deutschen Litteratur. Es kam ihm
sonderbar vor, dass ein Jüngling, und noch dazu ein Katolik in diesen Gegenden
etwas von Klopstock wusste. Er schickte also zugleich mit den Exemplaren einen
Brief an unsern Siegwart, worinn er ihm sehr freundlich anbot, ihm auch künftig
Bücher zuzuschicken, wenn er welche nötig habe; und zugleich erbot er sich, ihm
immer Nachrichten von neuen Büchern, besonders aus dem Fach der schönen
Wissenschaften mitzuteilen. Siegwart, der ohnedies sehr wissbegierig war, nahm
diesen Vorschlag mit tausend Freuden an, und schrieb dem Buchhändler sogleich
wieder: Er möchte ihm die besten Bücher, auch die ältern, in der Dichtkunst, und
denen dahin einschlagenden Wissenschaften melden. Der Buchhändler tat es mit
viel Gefälligkeit, Geschmack und Einsicht, so dass Siegwart und seine beiden
Freunde, auch von dieser Seite, gut gebildet wurden. Sie schafften sich die
besten Bücher an, und konnten die, so ihnen nicht gefielen, wieder nach Augspurg
zurück schicken. - Siegwart blieb gleich denselben Abend, da er den Messias
bekommen hatte, mit seinem Kronhelm bis nach Mitternacht aufsitzen, und las
ununterbrochen fort. Anfangs war ihm der Kopf, durch das Anstrengen, ganz wüste
geworden, denn er konnte sich in die Sprache, und die neuen Wendungen nicht
sogleich finden; aber kaum war er über diese Schwierigkeiten weg, so fand er
soviel ausserordentliches, himmlisches und überirdisches in dem Gedicht; seine
ganze Seele ward davon so erfüllt, und erhitzt, dass er nicht mehr auf der Welt
zu sein glaubte, und in lauter Himmelswonne schwamm. Oft sprang er auf;
wiederholte laut, was er gelesen hatte, und konnte nicht begreifen, wie ein
Mensch im Stand gewesen sei, dergleichen hervorzubringen? Die ganze Nacht
schlummerte er nur, und las beständig noch im Traume fort. Klopstocken, dessen
Herz an so vielen hundert Stellen des Messias durchschimmert, liebte er von dem
Augenblick an mit der kindlichsten Dankbarkeit, und den andern Tag machte er
folgendes Gedicht an ihn, das erste, was er, nach dem auf seines Bruders Tod,
gemacht hatte:
                                 An Klopstock.
Heisser Dank ström aus in Tränen!
Ström dem Mann, von Gott gesandt, zu!
Hör, o Mann, des Jünglings Stammeln!
Seine Seele stammelts.
Fern, in fremdem Lande hast Du
Feuer in mein Herz gegossen!
Hohe, himmelvolle Andacht
Wallt zum Tron des Mittlers.
Dass ich nun Ihn heisser liebe,
Den, für uns, dahin Gegebnen;
Dass ich ganz sein Heil, nun kenne,
Dank' ich dir, Du Edler;
Nie wird dieses Aug' auf Erden
Sehnsuchtsvoll an Deinem hangen;
Nie wirst Du die Röte sehen,
Die mein Antlitz färbet;
Aber, wenn des Mittlers Stimme
Mich auch aus dem Grabe rufet,
Dann, o Mann, von Gott gesendet,
Hörst Du meinen Dank auch!
    Auch Kronhelm und Grünbach lasen Tag und Nacht im Messias, und waren von
seiner Vortreflichkeit ganz dahin gerissen. Pater Philipp verschrieb sich auch
ein Exemplar und P. Johann machte das Buch zu seinem Erbauungsbuche. Der
rechtschaffene Buchhändler schickte ihnen von freien Sücken den Gellert,
Rabener, Haller, Lichtwer und Hagedorn zu, und bildete durch eine väterländische
und freundschaftliche Bemühungen ihren Geschmack. Sie hatten nun den Winter über
die angenehmste Beschäftigung, indem ihre Zeit zwischen Lesen und Musik
unvermerkt dahin floss. dabei versäumten sie ihre eigentliche Wissenschaften
nicht, indem P. Philipp sie durch seinen Rat in den Schranken hielt, und sie
das Angenehme dem Nützlichen unterordnen lehrte.
    Am Charfreitage wurde in dem Städtchen, wie in andern österreichischen
Städten, die Kreuzigung Christi von den Bürgern mit grossem Pomp vorgestellt.
Mehr als dreihundert Bauern kamen vom Land herein, um ein Kreuz zu schleppen,
oder sich zu geisseln. Siegwart, der mit seinen Freunden dies mit ansah, konnte
nicht begreifen, wie Menschen, an dem Tage, da Christus an ihrer Statt gelitten
hatte, sich noch einfallen lassen könnten, durch eigne blutige Büssungen Gott
genug zu tun? Er ärgerte sich, wie er den Misbrauch sah, der mit der
ernstaftesten und wichtigsten Begebenheit für die Menschheit, getrieben ward;
da der verkappte Christus, ein Bauernkerl, zu den Bauernmädchen, oder seinen
Kammeraden lachte; und da sogar einer von den Schächern vom Kreuz herab einem
andern Bauern zurief: Heh, Hans! Hast du nichts zu trinken?2 u.s.w. Als Christus
einen Fussfall tat, fiel das ganze Volk nieder, und schlug sich auf die Brust,
dass es wiederhallte. Ein Luteraner, der, wie viele andre, aus dem nächsten Orte
gekommen war, das Schauspiel mit anzusehen, stund neben Siegwart, und fiel nicht
mit auf die Knie. Sogleich entstand ein Gemurmel unter dem Volk, und einige
schrien, schlagt den Ketzer nieder! Ein starker Kerl gab ihm auch wirklich einen
Schlag auf den Kopf; aber Siegwart sprang auf, nahm den Ketzer bei der Hand, riss
ihn aus dem Gedräng heraus, und brachte ihn in ein Wirtshaus in Sicherheit.
Diese Handlung, die so edel und menschlich war, zog ihm den Hass seiner meisten
Mitschüler zu, worinn sie P. Hyacint, der ihm ohnedies nicht gut war, noch
bestärkte; aber Siegwart machte sich nicht viel daraus, denn P. Philipp lobte
seine Tat, und riet ihm nur an, künftig die gehörige Klugheit zu beobachten.
    Unsre Jünglinge brachten teils mit P. Philipp, teils unter einander den
Frühling sehr vergnügt zu. Sie giengen täglich spazieren, besonders in einen
schönen Garten, der dem Kloster gehörte, sie badeten in der Donau, und lasen
Kleists Gedichte und besonders seinen Früling. Terese hatte ihrem Bruder
geschrieben, er solle sich vor allen andern Dichtern den Kleist kaufen, weil er
das Landleben so ausserordentlich lachend und angenehm schildere. Ich liebe,
schreibt sie, diesen Mann nach Klopstock am meisten. Er ist ein vertrauter
Freund von meinem braven Hauptmann Nortern. Er hat drei Jahre zugleich mit ihm
im Feld gestanden, und soll der beste, menschenfreundlichste Held sein, der
keinem Menschen wissentlich Böses, wohl aber Tausenden Gutes tut. Ein Soldat,
der menschlich denkt und handelt, wie mein Hauptmann, ist gewiss was seltnes und
verehrungswürdiges. Vor zwei Jahren ist der teure Kleist, nicht weit von
Hauptmann Nortern verwundet worden, nachdem er erst wie ein Löw gestritten
hatte. Nach erschröcklichen Schmerzen starb er in Frankfurt an der Oder.
Hauptmann Nortern, der auch von den Russen gefangen worden, und bis an sein
Ende beständig um ihn war, kann mir nicht genug erzählen, wie standhaft er
gelitten, und wie rührend und christlich er gestorben ist. Ich und der Hauptmann
Nortern weinten den ganzen Abend, als ers mir erzählte. Er hat auch sein
Portrait in der Dose, der Mann sieht so edel und menschenfreundlich aus, wie
seine Gedichte. Wie musste ich weinen, als ich seinen Wunsch las, der ihm leider
nur zu früh erfüllt worden ist:
- - Wie gern sterb ich ihn auch
Den edeln Tod, wenn mein Verhängnis ruft!
Und:
Auch ich, ich werde noch - - Vergönn es mir, o Himmel! - -
Einher vor wenig Helden ziehn.
Ich seh dich, stolzer Feind! Den kleinen Haufen fliehn,
Und find Ehr oder Tod im rasenden Getümmel.
    Lies ihn, Bruder, du wirst fast sonst in keinem Dichter so viel schöne
Gemälde, so viel menschliche Empfindung, die aus dem besten Herzen strömt,
antreffen! Ein andrer Officier hat mir auch andre Bücher geliehen, die mir
weniger gefallen. Besonders ein gewisser Versuch in Schäfergedichten; ich hab
ihm aber das Buch gleich wieder zurückgegeben, weil es so sehr anstössig ist,
und viel mutwillige Stellen und Zweideutigkeiten entält. Ich kann nicht
begreifen, was ein Mensch für Absichten haben kann, der solche Dinge schreibt?
Will er uns die Unschuld als etwas gleichgültiges abschildern, und uns
Ausschweifungen als etwas schönes anpreisen? Pfuy, er wird doch nicht glauben,
dass wirs seinen Schäferinnen, nachmachen sollen, oder dass uns solche
Zweideutigkeiten angenehm sein werden? Wenn er nichts bessers schreiben kann, so
such er nicht, noch unverdorbene und reine Gemüter anzustecken! So ein Mensch
ist ein Feind von unserm Geschlecht, und von aller Rechtschaffenheit. Klopstock
und Kleist haben mich gelehrt, dass man das Gemüt auf das angenehmste
beschäftigen kann, ohne es zu verderben. Ein Dichter muss ein guter Mann sein,
sonst ist er ein schädlicher Mensch. u.s.w.
    Siegwart hörte nun auch die ersten Regeln der Dichtkunst und der Redekunst,
aber zu allem Unglück beim P. Hyacint. Die Regeln dieser beiden Wissenschaften
sind überhaupt für den, der eigne Kraft hat, drinn zu arbeiten, das, was einem
erwachsnen Mann ein Gängelband ist; Aber Hyacint trug sie noch dabei so
erbärmlich und abschröckend vor, dass, wenn Siegwart die Dichtkunst, und auch in
etwas die Redekunst nicht schon vorher gekannt hätte, er sich nun gewiss nie drum
bekümmert haben würde. Regeln werden einen nie, weder zum Redner noch zum
Dichter machen. Alles also, was man in den Schulen tun kann, wäre, dass man
junge Leute frühzeitig mit den besten Mustern der Redner und Dichter bekannt,
ihnen sie verständlich, und sie auf versteckte, oder Hauptschönheiten aufmerksam
machte. Aber dafür trägt man lieber Recepte zu elenden und unnatürlichen Chrien
vor; und lehrt, wie ein Deutscher elende lateinische Verse machen soll?
Abgeschmaktere und widersinnischere Erziehungsregeln kann wohl kaum ein
Phantasirender in der hitzigsten Krankheit träumen!
    Im Junius wurden die Rollen zu dem Schuldrama ausgeteilt, das im August, am
Ende des Schuljahrs sollte aufgeführt werden. Das Stück war biblisch, und
entielt die Geschichte der Atalia. Siegwart bekam die Rolle des Joas; Kronhelm
sollte den Hohenpriester Jojada und Grünbach die Atalia machen. Sie kamen nun
täglich zusammen, und spielten ihre Rollen. Siegwart machte die seinige
besonders sehr natürlich. Als das Schauspiel aufgeführt wurde, erhielt er auch
den grösten Beifall, zumal da er in dem Zwischenspiel, das ein Singspiel war,
auch eine Hauptrolle hatte, und sehr vorzüglich sang. Den Abend nach der Komödie
wurden P. Philipp, Kronhelm, und Siegwart vom alten Grünbach zum Essen gebeten,
und sehr kostbar bewirtet. Der Krämer machte tausend Komplimente, und nötigte
sie unaufhörlich zum Essen und zum Trinken. Er hatte eine herzliche Freude über
seinen Sohn, dass seine teatralische Probe heut so gut von statten gegangen sei.
Er fieng alle Augenblicke davon an, um nur vom P. Philipp und den andern das Lob
seines Sohns zu hören. Er glaubte, einen recht witzigen Einfall zu haben, und
lachte lange drüber, als er die Gesundheit der Königinn Atalia ausbrachte.
Diessmal durften seine Frau und seine Tochter auch mit gegenwärtig sein. Die Frau
war ein recht gutes wolmeinendes Bürgerweib, die zu allem ihre einfältige
Meinung mit sagte, und deswegen alle Augenblicke durch die Winke ihres Mannes
einen Verweis bekam. Er schämte sich und ward rot, so oft sie den Mund öfnete,
obgleich ihre Reden nicht selten weiser und verständiger waren, als die
seinigen. Er belehrte sie sehr oft und gab sich dabei ein recht stattliches,
vielbedeutendes Ansehen. Die Tochter, Sophie, war ein artiges Mädchen, dem der
Varer eine vornehme und gute Erziehung hatte geben lassen. Sie hatte
dunkelblaue, tiefliegende Augen, in denen sich viel Schwärmerisches ausdrückte.
Ihr ganzes Gesicht verriet überhaupt viel Anlage zum Nachdenken und zur
Melancholie. Ihr Auge ruhte oft lang auf Siegwarts Gesicht, der ihr schon eine
ziemliche Zeit, und besonders heut in der Komödie vorzüglich gefallen hatte. Sie
sprach wenig, aber sehr bestimmt, und mit vieler Wahrheit und Empfindung. Ihre
Aufmerksamkeit auf Siegwart wurde von niemand besonders bemerkt, obgleich der
Vater unzufrieden war, dass sie so wenig spräche. Nach Tische musste sie sich auf
dem Klavier hören lassen, welches sie mit vieler Fertigkeit und wahrem Ausdruck
spielte. Alle waren sehr damit zufrieden, und besonders lobte sie unser
Siegwart, welcher, vermöge seines heftigern Charakters alles Vortrefliche und
Schöne laut bewunderte. Sie sah auch nur ihn an, wenn sie ein Stück ausgespielt
hatte, weil sie auf sein Lob am meisten achtete. Sie bat ihn um ein paar Arien,
die er heut im Singspiel gesungen hatte. Er hatte sie noch bei sich, und legte
sie ihr vor. Sie spielte sie vom Blatt weg, und er sang dazu. Der Vater freute
sich darüber ungemein, und sah bald den P. Philipp, bald unsern Kronhelm
lächelnd an. Endlich ging die Gesellschaft, ziemlich spat, nach Haus.
    Zween Tage drauf giengen unsre beiden Jünglinge zum alten Siegwart, der sie,
nebst Teresen, mehrmals dringend eingeladen hatte. Es ward ihnen eine Kutsche
geschikt, um sie abzuholen. Sie kehrten unterwegs in dem Wirtshause ein, wo
Siegwart ehemals den Streit über die Wildschützen mit angehört hatte. Diesmal
war niemand da, als eine alle Zigeunerinn, die unsers Jünglingen mit Gewalt
wahrsagen wollte. Sie weigerten sich eine Zeitlang; aber, als sie nicht
nachliess, hielt endlich Kronhelm seine Hand hin. Ey, Ey, Junker, lauter Glück,
lauter grosses Glück! rief die Frau. Viel Geld dass mans in Scheffeln messen muss!
Langes Leben und Gesundheit! Hohe Ehr, und vor allem andern eine hübsche runde
Frau! O, ein allerliebstes Mädel! und ein Dutzend Kinder hinter drein! - Ach,
wie allerliebst! Siehst du, Junker, was du für ein Glückskind bist! Kannst mich
auch dafür bezahlen! - Nun musste ihr auch Siegwart die Hand hinreichen. Ich
wollt dir gern auch Gutes prophezeihen, Junker, aber die Lineamenten wollens
nicht erlauben. Ey, Ey, Ey! Schmerz und Jammer! Angst und Leiden! Eine Braut und
keine Hochzeit! Gesundheit und ein frühes Grab! Fass Mut, Junker, denn du
brauchst viel! Armer Junker daurst mich, denn du bist ein gutes Kind. Aber sieh,
dass ich unparteiisch bin, und red, was wahr ist. Darfst mir nichts geben, denn
ich hab dir Unglück prophezeiht. Fass Mut, du brauchst viel! Unsre Jünglinge
achteten der Reden des alten Weibes wenig, und fuhren wieder weiter. Eine Stunde
noch vom Dorfe kam ihnen Terese in einem schneeweissen Gewand mit himmelblauen
Schleifen, und einem schwarzen Sommerhut entgegen. Siegwart sah sie kaum, so
sprang er aus dem Wagen auf sie zu, und sank ihr, ohne ein Wort zu sprechen, in
den Arm. Das gute Mädchen weinte vor Freuden, und drückte ihrem Bruder einen
heissen Kuss voll schwesterlicher Liebe auf den Mund. Ach, mein lieber Xaver, hab
ich dich denn wieder? O du Herzensbruder, diese Freude hab ich mir so lange
schon gewünscht! - Nun kam der Wagen näher, Kronhelm sprang heraus. Sie empfieng
ihn mir einer Freudigkeit, und mit einem Lächeln, das seine ganze Seele
durchdrang. Ihr Betragen war natürlich, ungezwungen, munter, und doch nichts
weniger, als frei. Sie unterhielt durch ihre Lebhaftigkeit ihn und ihren Bruder,
und wüste ihre Aufmerksamkeit auf beide aufs geschickteste zu teilen. Beinahe
hab ich mir Ihr Aussehen so vorgestellt, Herr von Kronhelm! sagte sie; aber doch
nicht völlig. Nun wünsch ich nur, dass Sie bei uns Geduld haben, und sich die
Zeit nicht lang werden lassen mögen! Am guten Willen solls nicht fehlen, Sie zu
unterhalten, aber ob wir auch die Kräfte haben? Doch ich weis, Sie nehmen auch
mit dem guten Willen vorlieb, haben Sies doch bei meinen Briefen getan. Dann
frug sie nach dem P. Philipp, und nach andern Dingen. Ihren Bruder betrachtete
sie unaufhörlich, oft zitterte ihr eine Trän ins Auge, und dann lachte sie,
wann er sie ansah. Kronhelm tat erst etwas ängstlich, und schwieg; denn er war
überhaupt bei Frauenzimmern etwas furchtsam. Aber ihr offenes und ungezwungenes
Betragen machte ihn sehr bald gesprächiger.
    Sie kamen nun ans Haus des alten Siegwart. Er ging ihnen mit Freuden
entgegen; drückte seinem Sohn die Hand, und bewillkommte Kronhelm aufs
freundschaftlichste. Weil der Tag sehr schön war, so ass man im Garten in der
Sommerlaube, zwischen Blumen, die alle Teresens Hand gepflanzt hatte. Karl ass
mit seiner neuen Frau diesmal auch mit, und betrug sich gegen Kronhelm und
seinen Bruder ziemlich artig. Aber seine Frau war verdriesslich, und stolz, und
sprach wenig. Wilhelm war noch der alte Träumer, der sich immer gleich blieb.
Der alte Siegwart war recht herzlich froh; erzälte Geschichten aus seiner
Jugend, und liess sich von den jungen Leuten wieder welche erzählen. Wenn Terese
vom Tisch weg, ins Haus ging, so sagte er viel zu ihrem Vorteil, und lobte
sie, dass sie sich seiner, und des Hauswesens so treulich annehme. Nach Tische
waren unsre drei jungen Leute allein im Garten, schüttelten Birn und frühe
Aepfel. Siegwart stieg auf die Bäume; und Terese und Kronhelm sammelten das
Obst auf. Das Mädchen war sehr munter; machte viel Spas; und Kronhelm, der sonst
stiller und ernstafter war, machte unvermerkt auch mit. Sie sprachen beide viel
in dem vertraulichen und angenehmen Ton der Ironie, der den Deutschen so
gewöhnlich ist. Des Abends half er ihr die Blumen begiessen, holte das Wasser
aus dem Schöpfbrunnen, und war der Gärtner, und sie seine Gärtnerinn. Dann nahm
man wieder ein kleines, ländliches Maal ein, setzte sich in die Laube oder vor
das Haus, und brachte so den Abend bis eilf Uhr, oder zwölf Uhr unter
freundschaftlichen Gesprächen hin. Den zweiten Morgen hörte Kronhelm ihre Stimme
früh im Haus, und wachte dran auf, ob ihn gleich sonst kein Geräusch so leicht
weckte. Sie spielte in dem, an die Kammer stossenden Zimmer das Klavier, und
sang dazu. Er rief ihr sogleich einen guten Morgen; sie erschrack, und er trat
ins Zimmer. Er bat sie, noch ein paar Arien zu spielen und zu singen; sie tat
es sogleich, ohne das viele vorhergehende, dem weiblichen Geschlecht sonst so
eigene Gezier. Ihre Stimme war rein und natürlich, ob sie gleich eben nicht sehr
nach der Kunst sang. Aber sie sang mit dem ganzen herzlichen Anteil, der den
Gesang allein angenehm und unterhaltend macht. Drauf trank man, in Gesellschaft
des alten Siegwarts den Kaffee. Sie schenkte ihn ein, stopfte die Pfeifen, und
zündete sie selbst an. Man sprach von ernstaften, oder lustigen Sachen. Nach
einer Stunde ging der alte Siegwart wieder an seine Geschäfte. Drauf kam das
Gespräch auf Klopstock. Sie sprachen alle mit einer Art von Begeisterung von
ihm, und brachen in sein Lob aus. Terese hatte grosse Stellen aus dem Messias
und aus Kleist, die ihr vorzüglich gefielen, und die auch in der Tat die besten
waren, abgeschrieben. Kronhelm las sie vor; ihre Empfindungen waren fast immer
dieselben, und oft riefen sie zu gleicher Zeit vor Bewunderung aus, wenn eine
Stelle sie vorzüglich rührte. Sie verrichtete dazwischen ihre häuslichen
Geschäfte, und ging in dem Zimmer aus und ein. Nach dem Essen giengen Kronhelm,
Tersse, und Siegwart miteinander spazieren, um die schöne Gegend zu besehen.
Kronhelm führte Teresen. Sie giengen durch ein schönes Tal, wo ein kleiner
Bach sich durchschlängelte. Kronhelm erzälte viel von seiner Mutter, von seinem
Bruder, und von seinen Schwestern; besonders von der ältern in München. Terese
nahm an allem vielen Anteil; vornemlich gefiel ihr die Schilderung von
Kromhelms älterer Schwester, und sie fühlte eine ausserordentliche Zuneigung
gegen sie. Terese liebte die Vergissmeinnichtchen sehr. Unten am Bach, dessen
Ufer ziemlich hoch war, sah sie welche stehen. Ey die herrliche
Vergissmeinnichtchen! sagte sie; wenn man die nur kriegen könnte! Kronhelm stieg,
ohne weiteres, hinab; aber das lokre Ufer schurrte unter ihm weg; er wollte sich
im Fallen noch an einer Brombeerhecke halten; sie riss aus, und er fiel mit der
rechten Hand auf einen spitzen abgebrochnen Stab, dass die Hand fast durch und
durch gestochen wurde. Terese erhub ein ängstliches Geschrei, und war
ausserordentlich besorgt. Kronhelm pflückte die Vergissmeinnicht ab; stieg
herauf; gab sie ihr mit den Worten: Vergiss mein nicht! und machte sich aus
seiner Wunde gar nichts. Aber Terese war recht ängstlich drob besorgt, und
sagte: sie sei Ursach an dem Unglück; sie müsse sich Vorwürfe drüber machen, und
er werde ihr nun böse werden. Kronhelm versicherte das Gegenteil, und sagte: Es
sei ihm recht angenehm, dass er so ein schönes Andenken an sie, und an diesen Tag
habe, denn hoffentlich werde die Wunde eine kleine Narbe zurücklassen. Sie gab
ihm ihr Schnupftuch, er wickelte es um die Hand, und war über den zärtlichen
Anteil recht sehr erfreut, den sie bei dieser Gelegenheit an seinem Schicksal
zeigte. Der ganze Nachmittag ging ihnen unter Scherz, und angenehmen Gesprächen
hin. Als sie nach Haus kamen, liess Terese gleich den Bader kommen, um Kronhelms
Hand zu verbinden; nachher verband sie sie ihm immer selber. Sie assen den Abend
in der Laube, und sassen bis spät in die Nacht hinein zusammen. Den dritten
Morgen lasen sie immer im Klopstock, besonders die Geschichte von Semida und
Cidli. Kronhelm las sie mit solcher Rührung, dass Teresen die Tränen dabei in
den Augen standen. Die Gleichheit ihrer Gesinnungen entdeckte sich immer mehr,
und erstreckte sich auf die kleinsten Umstände. Den Nachmittag sollte ein junger
Bauerkerl begraben werden. Terese, ihr Bruder und Kronhelm wollten das
Begräbnis mit ansehen. Sie giengen ans Trauerhaus. Der Sarg ward herausgetragen.
Der Vater und die Mutter des Verstorbenen, sahen oben mit starrem auf den Sarg
gehefteten, troknen Blick aus dem Fenster. Das ist was fürchterliches, sagte
Siegwart, wenn man so all seinen Trost, all seine Hoffnung, sein Alles, in einem
engen Sarge wegtragen sehen muss! Wenn die Freude des Hauses weggetragen wird, um
ewig nicht mehr zurückzukehren! Als man mit dem Sarg um die Ecke hinumgieng,
erhub die Mutter ein lautes Geschrei; schlug die Hände überm Kopf zusammen. Der
Vater stand stumm, und unbeweglich da. Auf dem Kirchhofe, als der Sarg eben ins
Grab hinabgelassen wurde, sprang ein Bauernmädchen, schwarz gekleidet, und mit
bleichen Wangen herzu; drang sich durch die Leute bis ans Grab, und rief:
Wilhelm! Um Gottes willen, Wilhelm! bist du ewig für mich hin? Soll ich dich
verlassen, Herzensbräutigam? Hörst du deine Anne nicht mehr? Wilhelm? Hörst sie
nicht mehr? Ach du guter Gott! Warst so ein frommer, rechtschaffener Kerl! Mein
Einziges! Mein Alles! Wilhelm! Nur noch Einmal möcht ich dich sehen! Nur noch
einmal sprechen hören! Ach, da graben sie dich ein! Wenn sie mich nur auch
begrüben! Warst ein frommer Junge! Still und gottesfürchtig! Warst der schönst
im Dorf, und bist nun todt! Warst so arbeitsam! Und so freundlich, wenn du mich
am Arm hattest! Gelt, nun hab ich keinen Bräutigam! Bin allein auf der Welt!
Ein' arme verlassne Dirne! Wilhelm, Wilhelm! Wenn du mich doch auch mitgenommen
hättest! - Jesus! Maria! und Joseph! - und nun sank sie ohnmächtig neben 's Grab
hin. - Man brachte sie nach langer Mühe wieder zu sich selbst. Indes hatte man
ein schwarzes hölzernes Kreutz auf dem Grab aufgerichtet, und einen Kranz von
Buchs dran gehängt, mit Flittern. Sie hieng ein rosenrotes Band dran; da,
Wilhelm! 's ist von dir! Ruh wohl! - Und nun ging sie, von einer ihrer
Freundinnen, und ihrer alten Mutter geführt, langsam weg; sah sich oft um, und
schlug die Hände in einander. - Es muss schröcklich sein, sagte Terese, und sah
unsern Kronhelm weinend an, einen Bräutigam zu verlieren! Ja, und eine Braut!
sagte Kronhelm; nahm sie am Arm, und sie giengen schweigend vom Grab weg. Den
ganzen Abend war ihr Herz wehmütig, und dachte der Geschichte nach. Sie giengen
noch etwas spazieren; scherzten aber weniger als sonst. Beim Essen sah Terese
oft unsern Kronhelm lang und tiefsinnig an. Sein Auge begegnete oft dem Ihrigen,
und zog sich erschrocken zurück. Nach Tisch spielte Terese ein paar
schwermütige Arien; besonders das feierliche Lied von Graun und Klopstock:
Auferstehn, ja auferstehn wirst du! etc. das ihr Herr von Nortern gegeben
hatte. Siegwart und Kronhelm, und der alte Amtmann sangens mit. Das sollst du
mir einmal auf dem Grab singen lassen, Terese, sagte der alte Siegwart. Es ist
ein herrliches Lied, das die ganze Seele fasst, und zum Himmel aufhebt. Lass mirs
singen, Tochter, wenns schon ein Luteraner gemacht hat! Er muss doch ein braver
Mann sein, den ich einmal im Himmel anzutreffen hoffe. Gott bewahre, sagte
Terese, dass ich das je erleben sollte! Sie, und ihr Bruder, und Kronhelm
weinten. Drauf spielten Kronhelm und Siegwart noch ein paar Adagio auf ihren
Violinen, die sie mitgebracht hatten. Terese war tiefbewegt; ihr Busen bebte,
und ihr Herz schmolz. Sie sah Kronhelm einigemal lang, und mit Bewegung an. Er
merkte es, ward nachdenklich, und wünschte zum Erstemal; aber nur ganz dunkel,
und im Innersten des Herzens: Möchte mich der Engel lieben!
    Auf den folgenden Tag ward ein Besuch beim Prediger in Windenheim
festgesetzt. Den Morgen vorher waren sie viel im Garten, wo Terese, weil es
wolkigt war, und den Anschein zu einem Regen hatte, Salat pflanzte, den ihr
Kronhelm reichte. Er sah hundertmal nach dem Himmel, ob er sich nicht aufheitre?
Jedes neuaufsteigende Wölkchen erschröckte ihn. Er fragte Siegwart und Teresen
mehr, als zwanzigmal, ob das Wetter wohl gut werden werde? Er tat oft
zweifelhaft, und sagte: nun würds gleich zu regnen anfangen. Aber er sagte es
nur in der Absicht, dass man ihm wiedersprechen möchte. Terese, die das merkte,
gab sich das Ansehen einer grossen Wetterkennerinn; nahm eine zweideutige Mine
an, und erschröckte ihn alle Augenblicke mit der Nachricht, dass der Regen vor
der Tür sei. Kronhelm jammerte, dass sie nun nicht zum Prediger gehen könnten,
und er habe sich doch schon so lange drauf gefreut. Endlich trieb ein schneller
Ostwind die Wolken weg, und der Himmel wurde heiter. Mit ihm heiterte sich
Kronhelms Gesicht merklich auf. Ja, wenn der Himmel nicht begiessen will, sagte
Terese, so müssen Sie mir eben helfen. Und nun schöpften Kronhelm und Siegwart
aus dem Brunnen, und begossen den Salat. Kronhelm hatte sich an Teresen so
gewöhnt, und fand an ihrem Umgang so viel Wohlgefallen, dass er immer um sie war.
Es war ihm nirgends wohl, wo er sie nicht sah. Er lief überall herum, und suchte
sie im ganzen Haus auf. Sie war eben so gern um ihn. Wenn sie bei Tisch aus der
Stube ging, so sah er ihr nach und wandte kein Auge von der Stubentür ab. Wenn
sie sich öfnete, und Terese hereintrat, so wars ihm, als ob das Paradies sich
öfnete, und ein Engel Gottes hereinträte. Ihre Blicke waren immer zuerst auf ihn
gerichtet, und da ward ihm so wohl und so wunderlich zu Mute, dass ers Essen
drüber vergass, und die Gabel mit der Speise wieder auf den Teller sinken liess.
Dann glaubte er, dass ihms jemand angesehen habe, und ward rot drüber; Terese,
die es merkte, wards mit ihm. Beide glaubten nun, so ganz dunkel, dass sie
einander nicht gleichgültig seien; aber sie zweifelten doch noch oft daran, denn
beiden war die Liebe noch ganz neu.
    Den Nachmittag giengen sie nach Windensheim. Auf dem Weg dahin kamen sie
durch ein schönes Tannenwäldchen, das mit jungen Eichen von hellgrünem Laub
durchmischt war. Zuweilen war es ganz dunkel und schauderlich. Ey, dies Wäldchen
will ich mir zueignen, und ein Einsiedler drinn werden, sagte Kronhelm. Da will
ich mich ganz von der Welt absondern, und recht still und ruhig leben. Unter den
Menschen ist doch nichts anzufangen; Da ist soviel Kultur, Cärimonie und
Bosheit; hier soll mich nichts in meiner Einsamkeit stören! - Als ich
allenfalls, sagte Terese. Denn glauben Sie, ich soll Ihnen das Wäldchen, und
den guten Einfall so allein lassen? Nein, ich lieb auch die Einsamkeit, und will
mir auch eine Zelle bauen! Um die Einsiedelei her leg ich ein Gärtchen an;
pflanze Kohl, Salat, und Fruchtbäume drum her; halt mir etlich Schäfchen, mach
die Reh im Wäldchen zahm, und die Nachtigallen, und die andern Vögel. Ich will
ihnen schon brav Futter streuen, dass sie zahm werden müssen. Auch Kaninchen halt
ich mir, weisse und rotgesprengte; keinen Menschen aus der Stadt, oder aus dem
Dorfe lass ich zu mir. O, das soll ein herrliches Leben sein!
    Kronhelm. Aber doch Ihre Freunde und Verwandte lassen Sie zuweilen zu sich;
so alle halbe Jahr einmal? Ich lass auch zuweilen den P. Philipp und P. Johann zu
mir kommen; und auch meine Schwester.
    Terese. Das versteht sich, Ihre Schwester, und mein Bruder müssen ganz zu
uns kommen. Nicht wahr, Xaver?
    Xaver. Ja freilich; wenn ich darf, so bin ich immer bei euch, und wohne gar
in deiner Zelle. Ihr müsst euch aber doch auch als treue Nachbarsleute fleissig
besuchen.
    Terese. Zuweilen, so des Abends; aber nicht gar oft. Denn ich weis, Herr
von Kronhelm und ich kommen nicht gut miteinander aus. Er hat so seine eignen
Grillen, und ich die meinen. Nicht wahr, Herr von Kronhelm?
    Kronhelm. Richtig, Jungfer Terese; des Zankens würde da kein Ende werden.
Aber nah zusammen, denk ich, wollen wir doch bauen. Wenn wir schon uneins
miteinander werden und uns saure Minen zumachen, so können doch wieder Zeiten
kommen, da wir gern einen Abend miteinander durchplauderten, zumal an den langen
Winterabenden. Freilich wird da keins dem andern nachgeben wollen; aber ich
dächte, Xaver und meine Schwester könnten da so eine Art von Friedensstiftern
abgeben. Sie erkundigten sich beieinander, was wir machten? Ob einem von uns
etwas fehle, weil wir so lang nicht zusammen gekommen seien? Man liesse dann
einander entfernt grüssen. Ich ging einmal von ungefähr bei ihrer Einsiedelei
vorbei; brächte Ihnen ein Kaninchen, das sich verlaufen hätte; tät aber
übrigens ganz kalt; sähe Sie nur seitwärts an, bis endlich ein Wort das andre
gäbe.
    Terese. Gut! So würd ichs auch machen. Ich stellte mich, als ob ich Ihre
Schwester besuchen wollte. Mit Ihnen spräch ich anfangs gar nichts, das versteht
sich. Oder ich ging bei Ihrer Hütte vorbei; säh sorgfältig auf die Erde, als ob
ich etwas verloren hätte. Sie fragten mich vielleicht, oder hülfen mir aus
Höflichkeit wohl gar suchen. Das würde mich dann rühren, und so würden wir wieder
gute Freunde, bis ein neuer Zank angienge.
    Xaver. Herrlich! Herrlich! Und ich bau eine Laube auf die Höhe dort, wo wir
Abends gemeinschaftlich sitzen, und pflanze Buchen und Linden drum herum; und
dann lesen wir im Klopstock und im Kleist. Die andern Bücher werfen wir, bis auf
etliche, ins Feuer. Auch einen kleinen Altar von Rasen richt' ich auf und da
halten wir Morgens und des Sonntags Gottesdienst dabei! Ich will Priester sein!
Pater Anton soll auch zu uns kommen, wenn er noch lebt! Auch etlich andre
redliche Leute! Wir selber gehen nie in die Welt; da haben wir einen Boten, der
uns das Nötigste herausholt. O, es soll herrlich werden!
    So träumten sie fort, und bildeten den Traum immer mehr aus, bis sie an des
alten Pfarrers Wohnung kamen. Siegwarten brachte seine lebhafte Einbildungskraft
so weit, das er alles für Ernst, und nicht mehr für einen Traum hielt. Die ganze
Sache schien ihm zum Ausführen sehr leicht zu sein, und er dachte immer hin und
her, das Ideal noch vollkommener zu machen. Er ward beinahe böse, wenn er sah,
dass Kronhelm und seine Schwester zuweilen noch Scherz mit einmischten.
    Der Prediger, der sie schon im Hof unten hatte sprechen hören, kam ihnen an
der Tür entgegen, und bewillkommte sie. Er machte Teresen Vorwürfe, dass sie
ihn so lange nicht besucht habe. Sie entschuldigte sich mit der Hochzeit ihres
Bruders und mit andern Geschäften. Von Siegwart sagte er: Er sei so gewachsen,
und habe sich so verändert, dass er ihn beinahe nicht mehr kenne. Kronhelms
Mutter erinnerte er sich, recht wohl gekannt zu haben, weil er damals in der
Nachbarschaft von ihrem Landgut Pfarrer war. Ich bin oft bei ihr gewesen, sagte
er; Es war eine gar trefliche Frau. Damals, Junker, waren Sie noch klein; ich
kann mirs wohl noch vorstellen, wie Sie in einem grünen Husarenwamms auf dem
Steckenpferd herumritten. Nicht wahr, Fritz heissen Sie? - Ja, ja, Sie kamen
einmal ins Zimmer, und wollten ein Stück Brod von der Mama haben; es sei ein
Bettelbub draussen, der sei hungrig. Das hat mir wohlgefallen an so einem jungen
Herrn. Aber von der seligen Frau konnten Sies auch nicht anders lernen; sie war
eine grosse Wohltäterin der Armut. Wenn ich in meinem Dorf Kranke hatte, so
ging ich nur zu ihr; da gab sie mir guten Rat, und Hausmittelchen. Ich hab
auch manch schönes Buch aus der Medicin von ihr gelesen; und das bisschen, was
ich von der Arzneikunst weiss, hab ich ihr zu verdanken. Gott weiss, ich hab sie
schon oft noch im Grab gesegnet. Es freut mich herzlich, dass ich da so einen
frommen wolgeratnen Sohn von ihr sehe. Wie würd' jetzt die gute Frau sich
drüber freuen! Sie hatte wenig Freud' auf der Welt; doch jetzt ist sie längst
getröstet! - Der Pfarrer liess Kaffee machen. Indes kam ein kleines artiges
Mädchen von sieben Jahren herein. Das ist meines Bruders Tochter von Burgau,
sagte er. Die Knaben konnt' ich nicht zu mir nehmen, die sind mir zu wild, und
machen mir zu viel Unordnung im Haus. Aber das ist ein stilles artiges Kind, und
lernt auch brav. Es versteht schon viel vom Gartenwesen, und weiss mir recht an
die Hand zu gehen. Philippinchen, du kannst nachher der Jungfer drunten im
Garten zeigen, was du schon gepflanzt hast, den Kohl, und die Blumen! Sie
versteht dir das Gartenwesen recht, und wenn du artig bist, so kann sie dich
allerlei lehren. Terese nahm Philippinchen auf den Schoos, und liess sich viel
von ihr erzählen. Ihre artige Herablassung gefiel unserm Kronhelm ungemein; und
überhaupt ihr natürliches und ehrerbietiges Betragen gegen den Prediger! Nach
dem Kaffee giengen sie in den Garten, und bewunderten die schöne Ordnung, die
der Prediger drinn erhielt. Da sind noch Nelken und Levkojen, sagte er; da hat
sie ein Scherchen, Jungfer Terese, schneid sie welche davon ab! Sie schnitt
eine Nelke, und ein paar Levkojenstengel ab, band sie zusammen, und gab sie
Kronhelm, dem die Blumen ganz heilig waren, weil er sie von Teresen empfangen
hatte; denn seine Seele war schon unsichtbar mit der ihrigen verbunden. Er
steckte den Straus an seinen Busen, sah ihn alle Augenblicke an, und roch daran.
Im Baumgarten besahen sie die schönen goldnen Früchte, sammelten welche davon
auf, und assen sie. Sie blieben bis an den Abend da, und giengen sehr vergnügt
nach Haus. Auf dem Wege schmückten sie ihren Traum von der Einsiedelei noch mehr
aus, und beschlossen, auch den alten Prediger zuweilen zu sich kommen zu lassen.
Sie kamen erst in der Dämmerung nach Hause. Kronhelm führte Teresen. Ein
paarmal legte er seine Hand in die ihrige; und unwillkührlich, wie es schien,
gaben sie sich einen sanften Händedruck; beide fühlten dies im Innersten, sahen
sich eine Zeitlang unbeweglich an, und wandten dann das Auge nachdenklich, und
halb traurig weg. Terese schien etwas von ihrer natürlichen Munterkeit zu
verlieren, und sah oft ernstaft aus. Die kühle Dämmerung, das Schweigen im
Gefild, der blassgelbe Himmel, und die einschlummernde Natur erfüllte sie mit
einer Wehmut, die sie fast zu Tränen bewegte. Sie schwiegen oft lange still;
dann stieg ein Seufzer bebend ihre Brust herauf, sie suchten ihn zu verbergen,
husteten, und ihre Hände drückten einander. Sie fühlten, dass sie geliebt würden,
oft mit einer überwiegenden Gewissheit; aber sie liessens sich nicht merken, und
sprachen nie ein Wort davon. Als sie wieder beim alten Siegwart angekommen
waren, liess Terese ihre braunen Haare fliegen. Sie gefiel in diesem Aufzug
unserm Kronhelm noch so gut; er sagte es ihr; und nun löste sie ihre Haare alle
Abend auf. Sie spielte noch denselben Abend lang auf dem Klavier, und sang dazu
mit ihrem Bruder. Sie blieben bis um Mitternacht auf, und Kronhelm träumte die
ganze Nacht von ihr. Es kam ihm vor, als ob sie ihn traurig ansäh, dann
lächelte, und ihm endlich in die Arme sänke. Er weinte vor Zärtlichkeit, und
hatte, als er aufwachte, noch nasse Augen. Sie war schon im Zimmer, spielte das
Klavier, und sang, um ihn nicht zu wecken, leise eine Arie voll tiefer Rührung.
Er lauschte lang, und ging endlich in das Zimmer. Sie ward rot, und wünschte
ihm ganz verwirrt einen guten Morgen. Ihr Auge sah aus, als ob sie geweint
hätte, und ihre Miene schmachtete. Xaver ging herein, und wieder weg, als er
beide so bewegt sah. Denn er hatte die Veränderung, die in ihnen vorgieng, schon
gestern gemerkt. Sie setzten sich, und lasen im Messias. Er legte seine Hand in
die ihrige. Lesen Sie doch wieder die Stelle von Semida und Cidli! sagte sie;
sie ist gar zu rührend, und ich liebe das Wehmütige so sehr. Er las sie.
Terese lehnte ihren Kopf an den Stuhl zurück, und sah zum Himmel. Als er
ausgelesen hatte, nahm er eben diese Stellung an, und betrachtete sie seitwärts.
Sie weinte, und kehrte zuweilen ihr Gesicht langsam zu ihm hinüber. Das muss ein
göttlicher Mann sein, sagte sie, der die Liebe so wahr und so heilig schildert!
Ja wohl, sagte Kronhelm. Indem trat Xaver ins Zimmer. Sie blieben noch eine
Zeitlang so sitzen; er ging ans Klavier, und klimperte. Endlich standen sie
auf. Sie ging hinaus, um den Kaffee zu machen. Du hast eine himmlische
Schwester, Siegwart! sagte Kronhelm. Ja, es ist ein liebes Mädchen, antwortete
Xaver, und sah seinen Kronhelm lächelnd an. Indem kam der alte Siegwart auch
aufs Zimmer, und schlug unsern beiden Freunden vor, ob sie den Nachmittag mit
seiner Tochter zu einem benachbarten Amtmann fahren wollten, der sein guter
Freund sei? Er wollte gern auch mit fahren, aber seine Geschäfte liessens nicht
zu. Sie nahmen den Vorschlag mit Freuden an, und erzählten ihn Teresen, als sie
mit dem Kaffee wieder hereinkam. Sie war auch froh darüber, weil des Amtmanns
beide Töchter ihre gute Freundinnen waren, die sie schon seit dem Frühjahr nicht
gesehen hatte. Sie machte Anstalt, dass das Essen beizeiten fertig wurde weil sie
etwas früh wegfahren wollten. Aber eine Stunde drauf kam der Hauptmann von
Nortern mit einem jungen Lieutenant zu Pferdum den Amtmann zu besuchen. Dies
war Siegwart und Kronhelm auch lieb, weil sie ihn schon lang gern hätten kennen
lernen. Er hatte, wegen seines ungezwungenen Betragens, das Vertrauen der beiden
Jünglinge gar bald; Sie gewannen auch das seinige durch ihre Artigkeit und
Bescheidenheit. Siegwart bat ihn sogleich, er möchte ihnen das Bildnis von
Kleist zeigen! Er und Kronhelm betrachteten es lang mit einer heiligen
Ehrfurcht, und glaubten alles drinn zu finden, was sie in seinen Gedichten
fanden. Terese setzte sich auch in ihre Gesellschaft, und man sah ihrs an, wie
hoch sie den Hauptmann schätze. Der junge Lieutenant tat ein bisschen süss, und
suchte sich sehr bei ihr einzuschmeicheln; sie wich ihm aber aus, und gab wenig
auf ihn acht. Kronhelm war nichts weniger, als ruhig dabei, und sah Teresen oft
ängstlich an. Hauptmann Nortern erzählte, auf Siegwarts Bitte, viel von seinem
König und vom Krieg. Siegwart meinte, das Leben eines Officiers im Felde sei das
herrlichste. Nur selten, sagte Nortern. Denn, stellen Sie sich vor, was ein
Mann, der Empfindung hat, überhaupt leiden muss, wenn er das allgemeine Elend so
mit ansieht? Wo er hinkommt, ist alles schon verwüstet; oder was noch blüht,
wird hinter ihm zur Einöde. Das arme Landvolk hat oft nicht ein Grümchen Brod zu
essen, und muss nicht selten, seiner Sicherheit und seines Lebens wegen, Haus und
Hof verlassen, und in Wälder sich verkriechen. Wo man hin blickt, sieht man
abgehärmte, abgebleichte Gesichter, die der Hunger und der Gram entstellt hat.
Ueberall wird man als Feind angesehen und verflucht. Und eigne Not hat man auch
oft genug. Stellen Sie sich einmal vor: Bei Liegnitz hatten wir bei acht Tagen
keinen Bissen Brod zu essen; nichts als harten, zwanzigjährigen Zwieback, und
Fleisch, das uns, so ganz ohne Zugemüss, bald zum Ekel wurde. Nun mussten wir
schlagen. Nach der Schlacht hab ich wohl zwanzig todten Kaiserlichen ihre
Tornister durchgesucht, ob ich nicht ein Stückchen Brod drinn finde? Aber
umsonst; sie hatten selbst keines gehabt. Endlich einen Tag drauf kriegten wir
von Breslau Brod. Da hätten sie die Begier sehen sollen, mit der man drüber her
fiel! Mancher ass sich fast den Tod drinn. Was ein menschliches Herz auf einem
Schlachtfeld fühlen muss, das können Sie sich vorstellen. Hier ein Arm und dort
ein Rumpf! Hier ein Sterbender und dort ein schwer Verwundeter! Und dann das
Gewinsel und Geheul; und das Flehn um Hülfe, oder gar um Tod! Und wenn man
ungefähr auf seinen Freund stöst, der im Blute liegt! O! das Herz möcht einem
bersten! Da war bei meinem Regiment ein Hauptmann; mein Vertrautester, dessen
Freundschaft alles bei mir überwog. Vor der Schlacht bei Torgau sassen wir
zusammen, und giengen die Geschichte unsrer Freundschaft miteinander durch; wo
und wie lang wir schon einander haben kennen lernen? Welche Freuden wir
gemeinschaftlich genossen, welche Leiden wir gemeinschaftlich getragen haben?
Alle Augenblicke stiessen wir auf Handlungen, die von seinem edeln Herzen
zeugten, und mir dankbare Tränen aus den Augen lockten. Endlich, als wir beide
recht bewegt waren, gaben wir uns die Hände, umarmten uns, schwuren uns aufs
neue Freundschaft, und wünschten, dass wir nur noch lang jedes Schicksal unsers
Lebens miteinander teilen möchten! Den Tag drauf war die Schlacht. Nach
derselben ritt ich auf der Wahlstatt herum, und fand meines Freundes Kopf, der
durch eine Kanonenkugel vom Rumpf weggerissen war. Ich glaubte, das Herz wäre
mir durchbohrt, als ichs sah. Als ich drauf ins nächste Städtchen ritt, kam mir
seine Frau mit vier Kindern entgegen, fragte nach ihrem Mann, und ich musste der
Todesbote sein. Sie wusste sich nicht mehr zu fassen; verfluchte den Krieg, und
mich, und die ganze Welt! So hab ich schon manchen Freund verloren, und
besonders meinen teuren, unvergesslichen Kleist. Ein Soldat sollte beinahe
keinen Freund haben; denn alle Augenblicke steht er in Gefahr, ihn zu verlieren;
und ein Leben ohne Freundschaft ist doch traurig. Ich wollte, dass ich einmal in
Ruh den Wissenschaften obliegen könnte! Und, wenn ich Ihnen als ein Freund
raten darf, so nehmen Sie keine Kriegsdienste! - Der junge Lieutenant sagte, es
sei doch ein lustiges Leben; man könne brav Mut zeigen; ein Officier sei
überall, und besonders beim Frauenzimmer wohl gelitten, u.s.w. Man gab aber auf
sein Reden wenig acht.
    Nach dem Essen ging man im Garten spazieren. Der junge Officier führte
Teresen. Kronhelm, der ziemlich viel Anlage zur Eifersucht hatte, ging hinter
drein; brach jede Blum' ab, an der er vorbei ging, und zerriss sie. Terese sah
sich ein parmal um, und blickte ihn mit einer viel bedeutenden Miene an. Er
achtete es aber gar nicht, oder blickte weg. Drauf machte er allerlei Spass, und
tat lustig, ob es ihm gleich gar nicht Ernst war. Zuweilen liess er etwas in
seine Reden mit einfliessen von seiner Unfähigkeit, sich beim Frauenzimmer
beliebt zu machen. Sie merkte es, und machte ihm ein Kompliment, dass er unbillig
gegen sich selbst sei. Er lachte aber, und verdrehte ihre Reden. Endlich ging
er mit Siegwart und den Hauptmann Nortern gar weg, auf die, an dem Garten
stossende Wiese. Er kam wieder; der Lieutenant sass in der Laube, und hatte
Teresens Hand in der seinigen. Sie ward rot; dies brachte ihn noch mehr auf,
und er brachte allerlei närrisches Zeug vor, ohne dass er auf sie zu achten
schien. Sie machte sich endlich vom Officier los; ging allein einen Gang im
Garten hinauf, und sah sich nach Kronhelm um, als ob sie wünschte, dass er ihr
folgen möchte. Er blieb aber immer sitzen, und sprach fort. Als sie wieder kam,
sagte er: Er wolle auch Soldat werden, und sich todt schiessen lassen! Das tun
Sie gewiss nicht, sagte Terese. Warum nicht? Fragte er. Glauben Sie, es fehle
mir an Mut? Da kennen Sie mich noch wenig. Zuletzt sprach er gar nichts mehr.
    Endlich nahm der Hauptmann Nortern mit dem Lieutenant Abschied. Dieser warf
Teresen, als er schon auf dem Pferde sass, noch einen Kuss zu. Kronhelm lachte
höhnisch drüber, und biss sich in die Lippen. Terese warf ihm einen
schmachtenden Blick zu, und ging weg, um das Abendessen zurecht zu machen.
Kronhelm ging auf sein Zimmer, nahm seine Geige, und phantasirte wild und
rasend drauf. Ein paarmal stampfte er auf den Boden, und dann weinte er. Man
rief zum Essen; er sass Teresen gegenüber, blickte unter sich, und sprach
nichts; bis das Gespräch auf den Lieutenant kam. Es ist ein windiger Mensch,
sagte Terese. Kronhelm nahm seine Partie, und verteidigte ihn, aber in einem
bittern Tone. Der alte Siegwart, der auf ihn bisher nicht acht gegeben hatte,
konnte sich in sein Betragen nicht recht finden; aber Xaver sah die Ursache
davon bald ein. Terese schwieg endlich ganz still, und war sehr traurig. Nach
dem Essen ging sie zwischen den Blumenbeeten mit ihrem Bruder auf und ab.
Kronhelm ging mit dem alten Siegwart, und sprach vom Hauptmann Nortern. Als
der Amtmann, wegen der feuchten Abendluft auf sein Zimmer ging, spatzierte
Kronhelm allein. Er kam an Teresen und Xavern vorbei. Sie redete ihn an: Sie
scheinen heute unaufgeräumt zu sein, Herr von Kronhelm!
    Kronhelm. Ein Bischen, Jungfer Terese. (Siegwart ging indessen weg.)
    Terese. Haben Sie Ursache dazu? Ich werd Ihnen doch keine Veranlassung
gegeben haben?
    Kronhelm. Nein!
    Terese. Nein? Und doch sehen Sie mich so stürmisch, oder gar nicht an.
    Kronhelm. Stürmisch? Sie tun mir Unrecht, Jungfer Siegwart. Sie bilden
sichs nur ein.
    Terese. Ich glaube nicht, Herr von Kronhelm. Mir dünkt, Sie sind über den
Lieutenant unzufrieden.
    Kronhelm. Vielleicht! Ich weiss selber nicht!
    Terese. Sie Wissens selber nicht? Ach, mein lieber Kronhelm; es schmerzt
mich sehr, dass Ich das entgelten soll! Sie werden doch nicht glauben, dass mir
die Süssigkeiten des Lieutenants angenehm waren? Da würden Sie mich sehr
verkennen! Ich versichere Sie, dass mir der Mensch sehr zuwider ist; dass ich ihn,
wer weiss, wie weit? weg gewünscht habe!
    Kronhelm. Ist das Ihr Ernst, Jungfer Terese?
    Terese. Mein völliger Ernst! Wie könnt ich Ihnen etwas weiss machen, Herr
von Kronhelm? Ach Sie wissen nicht - - Ich schätze Sie unter allen Jünglingen,
die ich noch gesehen habe, am meisten hoch (Mit diesen Worten sah sie ihn
zärtlich, und mit nassen Augen an. Kronhelm ergrif ihre Hand; küsste sie mit
Innbrunst; und sagte: Lieber Engel! Es folgte ein langes Schweigen.) Endlich
sagte
    Kronhelm. Verzeihen Sie! Ich hab Ihnen Unrecht getan! Ich verdiene Ihre
gute Meinung nicht! Nein, bei Gott nicht! (Terese drückte ihm die Hand, und nun
drückte er ihrem Mund den ersten, heiligen, keuschen Kuss der Liebe auf.) Nach
langem Schweigen sagte
    Terese. Sind Sie mir noch böse, Herr von Kronhelm?
    Kronhelm. Um Gottes, und der heiligen Jungfrau willen, schweigen Sie! Wie
könnt ich das sein? Ich will nichts, als Verzeihung! Ach, liebe Freundinn, ist
das nicht zu viel? Ich bin ein Tor, ein Unmensch gewesen! Ich verdien Ihren
Abscheu, Ihre Verachtung!
    Terese. Tun Sie sich nicht Unrecht, Herr von Kronhelm? Es ist gut, dass Sie
heftig sind. Vergessen Sie nur den fatalen Lieutenant! Er soll mich so leicht
nicht wieder führen! Aber, Gott weiss! ich war unschuldig; wenn Sie nur davon
überzeugt sind!
    Kronhelm. Ganz, ganz! Mein Engel! (Und hier küsste er sie wieder) Ich schäme
mich wegen meiner Heftigkeit. Sie waren ja ganz unschuldig. Der Lieutenant bot
Ihnen seine Hand an; Sie sahen sich nach mir um! Ich sah alles, und war doch
verblendet. Verzeihen Sie mir nur! -
    Terese weinte, und Er auch. Sie setzten sich auf eine Rasenbank. Der Mond
schien ihnen ins Gesicht. Sie sahen sich oft lang an; schlugen die Augen nieder;
seufzten; und lächelten dann einander halb wehmütig zu. Dann blickten sie zum
Mond auf, betrachteten jedes Wölkchen, jeden hellen Stern. Künftig will ich
immer an Sie denken, wenn ich den Mond sehe, sagte Kronhelm. - Es ist so
traurig, dass man sich verlassen muss, wenn man sich erst recht kennen lernt!
Aber, wir sehen uns doch wieder. Hier sah ihn Terese traurig an. Eine Träne
rollte, hell vom Mondschein, über ihre blassrote Wange; sie sah wieder nach dem
Mond; und indem kam Xaver zwischen den Johannisbeerhecken langsam hergewandelt.
Nun, wollt ihr hier über Nacht bleiben? sagte er. - Wo bist denn du
umhergeschlichen? Fragte sie. - Ich sass da drunten, antwortete Xaver, auf der
Bank am Gartenhäuschen, sah dem Mond zu, wie er mit den Wolken sein Spiel hat,
und da dacht ich über unsre Einsiedelei nach; wie es einmal schön sein wird,
wenn wir des Abends da beisammen sitzen, uns über neue Einrichtungen besprechen,
und uns glücklich schätzen, dass wir uns von der Welt losgewunden haben. Man mag
sagen, was man will, das Klosterleben und die Einsamkeit hat doch immer den
meisten Reiz für ein edles, empfindungsvolles Herz! Wenn wir nur erst in unserm
Wäldchen wären!
    Terese lächelte zu Kronhelm, und wollte jetzt die angenehmen Träume ihres
Bruders nicht zernichten. Sie reichte Kronhelm die Hand, und stand auf. Indem
fuhr eine Sternschnuppe vor ihnen am Horizont hinab, so hell, als sie noch nie
keine gesehen hatten. Sie sahen sich erst erschrocken an, und freuten sich denn
drüber. Daran wollen wir unser Lebelang denken, sagte Terese. Das war herrlich!
Man hörte sie ordentlich zischen, und sah noch die Funken hinter drein! - Sie
ging in ihrem weissen Gewand, und mit aufgelösten Haaren - Kronhelm hatte sie
auf der Rasenbank unvermerkt aufgelöst - durch den langen Gang hinunter. Ihr
weisses Kleid schimmerte, und tausend Schatten von dem Laub der Hecke hüpften
drauf herum. Kronhelm war zufrieden, wie ein Gott; denn er fühlte nun das Glück
zum erstenmal ganz: Geliebt zu sein. Siegwart nahm seine Schwester auch bei der
Hand, und fühlte in seinem Herzen eine nie empfundne Sehnsucht, die er sich
nicht erklären konnte. Ein paarmal hub ein unwillkührlicher Seufzer seine Brust;
es war ihm wohl, und weh. Sie giengen endlich, weil es schon um zwölf Uhr war,
auf ihre Kammer. Terese sass noch allein, und ohne Licht auf dem Zimmer, und
spielte ein paar zärtliche Arien auf dem Klavier. Kronhelm, der schon im Bette
lag, glaubte die Musik der Engel zu hören, und schlief erst spät ein.
    Den andern Morgen waren Kronhelm, Terese, und ihr Bruder von Karl und
seiner Frau zum Kaffee gebeten. Sie hatten da wenig Vergnügen, weil sie sehr
gezwungen waren. Karls Frau schien Kronhelms Zuneigung zu Teresen zu merken,
und sehr neidisch drüber zu sein. Das arme Mädchen musste viel Spöttereien und
beissende Anmerkungen hören. Sie wusste nicht, wie sie sich dabei betragen
sollte? und ward oft rot. Ihre Schwägerinn erzälte recht mit Vorsatz die
Geschichte einer unglücklichen Heirat zwischen einem Edelmann, und einem
bürgerlichen Mädchen; und schloss damit, indem sie Teresen ins Gesicht sah: So
sollts all denen Mädchen gehen, die sich über ihren Stand und andre ihres
gleichen erheben wollen! Da heists recht: Hochmut kommt vor dem Fall. Man muss
nicht fliegen wollen, wenn man keine Federn dazu hat, u.s.w. Kronhelm wurde böse
drüber, und stand um zehn Uhr wieder auf. Sie werden wohl Geschäfte haben,
Jungfer Siegwart, sagte er; wenn wir um zwölf Uhr zu dem Amtmann in Belldorf
fahren wollen, so müssen wir uns jetzt empfehlen, denn ich hab auch noch was zu
arbeiten. Darüber ward Karls Frau noch mehr aufgebracht, und schäumte fast vor
Wut. Als die jungen Leute Abschied genommen hatten, liess sie's ihren Mann
entgelten, und fieng einen grossen Lerm im Haus an. Aus deiner Schwester wird
was schönes werden! sagte sie. Das Mädel tut so stolz, als ob sie schon eine
gnädige Frau wäre, und ihren kahlen Junker schon hätte. Ja! sie mag sichs nur
einbilden! Der Junker wird sie prellen, wie's die Leute immer machen. Es ist
eine Schande, dass ihn dein Vater so einsetzt! Aber heut will ich ihms sagen, und
ihn gutmeinend warnen, dass er auf sein Mädel acht gibt, und ihr die Träumereien
aus dem Kopf bringt! Karl schien weniger böse gegen seine Schwester zu sein;
denn er dachte: wenn sie einen reichen Junker kriegt, so wird sie von ihrem
väterlichen Vermögen nichts haben wollen. Er hielt also ihre Partie, und liess
sich von seiner Frau brav ausschelten. Nach Tisch fuhren die jungen Leute zum
Amtmann in Belldorf. Karls Frau war der Gegenstand ihres Gesprächs; sie
bedaurten ihren Mann, und sie selbst, indem sie ihres Lebens und Vermögens gar
nicht froh ward; denn der Geiz machte ihr jeden Bissen, den sie, oder andere
genossen, bitter. In Belldorf, sagte Terese zu Kronhelm, werden Sie auch eine
sonderbare Frau von einer andern Gattung antreffen. - Jesus! Maria! rief sie,
indem der Wagen eine Anhöhe hinabrasselte, und umsank. Kronhelm, der zu oberst
lag, arbeitete sich den Augenblick heraus; machte den Schlag auf, und zog
Teresen heraus, die so blass aussah, wie der Tod. Um Gottes willen! helfen sie
doch meinem Bruder! rief sie. Er lag halb unter dem Wagen, denn er war, im
Sinken, aus dem Schlag gefallen. Kronhelm hob, mit Hülfe des Kutschers, den
Wagen auf, und Siegwart kroch hervor. Da keines durch den Fall Schaden gelitten
hatte, so fiengen sie endlich an, über den Zufall, und über die lächerlichen
Stellungen, und Grimassen, die sie gemacht hatten, zu lachen. Doch ward Terese
ängstlich, so oft der Wagen auf die Seite hieng, und hielt sich fest an
Kronhelm.
    Während dass sie auf dem Weg sich lustig machten, und scherzten, ging Karls
Frau zum alten Siegwart, um das Glück der Liebenden zu untergraben. Der alte
Mann, der seine Tochter herzlich liebte, und auch dem jungen Kronhelm sehr gut
war, erschrack über die Entdeckung, und über die Gefahr, die ihm, sehr
vergrössert, vorgemalt wurde. Er hatte die veste Meinung von seiner Tochter, und
sagte, sie werde gewiss keinen Schritt wagen, der ihrer Unschuld nachteilig sei.
- Aber ihrer Ruhe, sagte seine schlaue Schwiegertochter. Ich wollte selbst auf
ihre Tugend alles bauen; aber das ist bei uns Frauenzimmern noch nicht genug.
Wir müssen auch behutsam und vorsichtig mit den Mannspersonen umgehen; und unser
Herz, auch in der besten Absicht, nicht so aufs Geratewohl verschenken! Sie
wissen wie's mit Edelleuten ist; und den Junker Veit kenn ich von aussen und von
innen. Er hält auf seinen Adel, wie auf seine Jagdhunde; und, sobald er das
geringste von erfährt, ist kein Mensch, weder sein Sohn, noch ihre Tochter, noch
Sie selbst ihres Lebens sicher. Ich weiss, er hat seinem Sohn schon ein Fräulein
ausersehen, und die muss er nehmen, es mag kosten, was es will. Denken Sie, was
dann aus Ihrer Tochter werden wird? Soll sie seine Maitresse werden? Oder was
sonst? Wenn ich Ihnen wohlmeinend raten darf, so warnen Sie Ihre Tochter!
brauchen Sie Ihr väterliches Ansehen, und untersagen Sie ihr ihren Umgang mit
dem Junker! Es kann dem armen Mädchen einst bei einer andern Heirat hinderlich
sein. Denn was wird die Welt sagen, wenn man sie so vertraut miteinander umgehen
sieht? - Dem alten ehrlichen Siegwart ging das in der Seele nah. Es klärte sich
ihm vieles in dem Betragen seiner Tochter gegen Kronhelm auf. Er hatte keine
Ruhe. Er dachte hin und her, wie er seine Tochter retten möchte, ohne doch dem
jungen Kronhelm, gegen den er in der Tat nichts hatte, zu viel zu tun. Er
beschloss endlich, bei der ersten schicklichen Gelegenheit, mit seinem Sohn und
seiner Tochter ernstlich drüber zu reden.
    Kronhelm, Xaver, und Terese kamen indessen bei dem Amtmann in Belldorf an.
Der Amtmann, seine Frau, und seine zwei Töchter kamen augenblicklich an die
Kutsche, und hoben sie aus dem Schlag heraus. Sie wurden mit vielen Cärimonien
bewillkommt, und die Treppen hinauf geführt. Die Amtmänninn machte tausend
Entschuldigungen, dass sie so schlecht gekleidet sei, und dass im Zimmer alles so
unordentlich aussehe. Sie war aber in der Tat mehr prächtig, als nachlässig
gekleidet; und im Zimmer war alles ordentlich. Ich sag dirs tausendmal, Mann!
sagte sie, dass du alles so herumfahren lässest, und dich nie an keine Ordnung
gewöhnst! Wenn man dann einmal so vornehme Gäste bekommt, wie wir heut die Ehre
haben, (hier verneigte sie sich sehr tief) da muss man ja mit Schimpf und Schande
bestehen! Nehmen Sies doch nicht übel! Was werden Sie zu Hause sagen, dass ich so
ein unordentliches Weib sei? Man glaubt ja, man komm in eine Bauernstube! -
Indes räumte der Amtmann stillschweigend auf. Sie redete ihm immer ein, und
sagte: Das gehört dahin, und das dortin u.s.w. Sie beurlaubte sich auf einige
Augenblicke. Terese besprach sich indes mit ihren Töchtern. Der Amtmann sprach,
wiewohl ängstlich, indem er immer dazwischen seine Schriften aufräumte, mit
Kronhelm und mit Siegwart. Endlich, als er fertig zu sein glaubte, setzte er
sich zu ihnen, und fieng ein sehr vernünftiges Gespräch an. Allein seine Frau
kam im grösten Staat, mit einem hohen Kopfputz und einem Reifrock herein, und
machte eine tiefe Verbeugung. Um Gottes Willen, Mann, sagte sie, was ist das? Du
setzst dich in deinem abgeschabten Rock zu den Herren hin? Sollte man nicht
glauben, du habest sonst kein anders Kleid? Den Augenblick! - Der Mann lief
stillschweigend weg, um sich umzukleiden. Nach vielen Komplimenten setzte sie
sich nieder, spielte mit dem Fächer, und gab ihren Töchtern einen Wink, sich zu
entfernen, und sich umzukleiden. Als sie Kronhelms Namen hörte, und dass er von
Adel sei, stand sie wieder auf; fieng von neuem ihre Komplimente an; und
schätzte sich doppelt glücklich, einen Kavalier in ihrem Haus zu haben. Nur
bedaurte sie aufs neu, dass er alles so in Unordnung angetroffen habe. Es ist ein
trauriges Leben auf dem Lande! sagte sie. Man mag auch noch so sehr auf
Nettigkeit und Ordnung sehen, man kanns doch nie ganz erhalten; es kommt einem
hundertlei dazwischen; wenns auch nur die Fliegen wären, die sich haufenweis auf
alles hinsetzen, und es beschmutzen. Da ists in meinem lieben Augspurg ganz
anders; da ist alles so reinlich, und so nett; da glänzt alles; kein Stäubchen
darf man im Zimmer sehn; und Fliegen sieht man auch beinahe gar nicht. Ich kanns
meinem Papa und meiner Mama noch nicht vergeben, dass sie mich aufs Land
verheiratet haben! Man ist von allem abgesondert und abgeschnitten; Man vergisst
den guten Ton ganz, und erfährt die neuen Moden immer vierzehn Tage später. Zwar
ich erfahr sie immer gleich, weil ich alle Wochen mit meiner Mama korrespondire.
Z.E. Sehn Sie, Mademoiselle, dieser Zitz ist jetzt die neueste Facon in
Augspurg; Schüle hat diese Art zu drucken erst erfunden. Sehn Sie nur, wie er
glänzt! Und wie die Farben hell sind! Teuer ist er, das ist wahr, und kostet
mich ein schön Stück Geld! Aber ich will lieber was rechtes und was gründliches
haben; dadurch kann man sich noch allein vom gemeinen Volk unterscheiden. Der
Pöbel treibts jetzt ohnedies so weit, dass man nichts mehr kostbar genug machen
kann. Alles äfft er nach! - Der Amtmann kam wieder in einem grünen Kleid in
schwarzwollenen Strümpfen, und einer gelblichten runden Perücke. - Ums Himmels
willen, Mann, was treibst du nun wieder? Das nenn ich mir einen Streich! Das
braune Kleid ziehst du aus, und das grüne, das um keinen Heller besser ist,
ziehst du an? Hast du denn nicht dein blaues Ehrenkleid, mit den goldnen
Trotteln, und der roten Weste und Beinkleidern, das du an unsrer Hochzeit
trugest? Und nicht einmal seidne Strümpfe? Ja, ihr seid Leute! Da hängt draussen
deine Allongeperuque, frisch akkommodirt, und du setzst die Buchsbäumene auf!
Mit dir kann man Ehr einlegen! - Nun ists schon zu spät; nun bleib nur da! Man
hat jetzt deine Unbehülflichkeit schon gesehen. Verzeihen Sies ihm nur, Herr von
Kronhelm! Er hat sein ganzes Leben fast auf dem Land zugebracht; und da gehts
nicht anders. Ja, in Augspurg, da wollt ich dich anders ziehen! In einem solchen
Aufzug dürftest du dich ja in keiner honetten Gesellschaft sehen lassen. Komm
doch her! Was hast du da wieder allerlei an dir hangen? Heu und Stroh! Man sieht
doch gleich, womit einer umgeht. - Nun musste sich der Amtmann vor ihr
hinstellen, wie ein Kind; sie suchte sein ganzes Kleid durch, klaubte alle
Fäserchen ab; legte die Falten zurecht und sagte endlich: so, nun kannst du
gehen. Er küsste ihr zum Dank die Hand; denn er war noch in sie verliebt, wie an
seinem Hochzeitstage. - Die Töchter kamen endlich auch wieder, hübschgekleidet,
und machten ihr Kompliment. So, nun seht ihr doch erträglich aus, sagte die
Mutter; aber ich möcht doch wissen, was du gedacht hast, Henriette, dass du eine
Dormeuse aufsetzst? Hast du nicht erst neulich eine so schöne Carcasse von
Augspurg bekommen, und setzst jetzt das altmodige Ding auf! Das übrige ging auf
dem Lande schon noch so mit. In Augspurg müsts freilich auch anders sein. -
Kommt denn der Kaffee noch nicht, Jeannette? Sieh doch nach! - Der Kaffee ward
in einer silbernen Kanne aufgetragen. - Wieder ein dummer Streich! fieng sie an.
Warum denn die kleine Kanne, da wir doch die grosse haben, die mit der
getriebnen Arbeit, und dem vergoldeten Bild oben? Wenn ich nicht nach der
Haushaltung sehe, so schiest ihr lauter Böcke! Das ist ja, wie eine Milchkanne!
- Sie ging selbst hinaus, um die grössere Kanne zu holen. Indes fragte der
Amtmann unsern Kronhelm und Siegwart, ob sie nicht Taback rauchen? Und als sie
ja sagten, stopfte er ihnen ein paar lange Pfeifen. Seine Frau kam wieder. Bist
du gar toll, Mann? rief sie. Willst du ganz zum Bauern werden? Um des Himmels
willen! Das hab ich doch mein Lebtag nicht gehört, in einer solchen Gesellschaft
Taback rauchen! Es ist ja, als ob du deine fünf Sinnen verloren höttest! Schäm
dich doch in deine Seel' hinein, solche Sottisen zu machen! Den Augenblick pack
dich mit deinem Kram zum Henker! Der Amtmann liess sie austoben, nahm seine
Pfeifen zusammen, und sagte ganz kaltblütig: Die Herren haben ja rauchen wollen.
- Was? Die Herren? Und hier ward sie ganz rot; Ja das ist was anders! Ja, wenns
die Herren haben wollen! ... Ich bitte tausendmal um Vergebung! Mein Mann ist
schuld daran, dass er mir das nicht eher gesagt hat! Ich muss mich recht schämen!
Da steht er da, wie ein Peruckenstock, und spricht kein Wort! Henriette bring
den Augenblick den silbernen Leuchter mit dem Wachslicht herein! - Aber, da
wirst du wieder so elenden Taback haben; ich hab dirs schon hundertmal gesagt,
dass du Knaster ins Haus schaffen sollst! - Nun ward Kaffee getrunken. Terese
unterhielt sich ganz allein mit den beiden Mädchen, und schien auf Kronhelm
nicht im geringsten zu achten. Sie lachten sehr viel, und flüsterten sich ins
Ohr. Kronhelm ward traurig, und halb böse, und unterhielt sich mit dem Amtmann,
mit seiner Frau, und Siegwart. Ein Knabe von sieben oder acht Jahren, der
ziemlich zoticht aussah, kam ins Zimmer, rief Mama! und wollte auf die
Amtmänninn zu laufen. Sie sprang hastig auf, und rief: Den Augenblick pack dich,
Andrees! Wer wird sich so vor den Herrschaften sehen lassen? Hurtig! Hurtig! Und
nun ging sie mit ihm aus dem Zimmer. Terese scherzte und kicherte noch immer
mit den Mädchen fort, ohne sich um Kronhelm, oder die übrige Gesellschaft zu
bekümmern. Dies tat ihm ziemlich weh. Der Amtmann zeigte in seinen Gesprächen
viel Verstand, und Kronhelm bedaurte ihn mit Siegwart, dass er so unter dem
Pantoffel einer törichten Frau stand.
    Nach einer halben Stunde kam die Dame wieder mit dem Knaben an der Hand, der
nun frisirt war, einen Haarbeutel, und ein hübsches Kleid trug. Er musste erst
Kronhelm, denn Teresen, und ihrem Bruder die Hand küssen, und sich auf Befehl
der Amtmänninn fast zur Erde bücken. Nach dem Kaffee ward Wein aufgetragen. Sie
machte wieder tausend Entschuldigungen, dass sie mit keinem bessern, als mit
Nekkarwein aufwarten könne. Auf dem Land sei es gar zu schlimm; Sie habe
kürzlich noch Burgunder gehabt, und jetzt sei er, zum Unglück, eben ausgegangen,
u.s.w. Nun trank sie mit vielen Cärimonien Gesundheiten, und machte immer noch
einmal ein Kompliment, wenn sie das Glas absetzte. Sie besann sich recht drauf,
viele Gesundheiten auszubringen, und die jungen Leute mit zu quälen. Da ward
aufs hohe Wohl des gnädigen Herrn Papa; aufs hohe Wohl der gnädigen Fräulein
Schwester; aufs hohe Wohl der ganzen hochadelichen Familie; dann aufs erwünschte
Wohl des Herrn Amtmanns Siegwart, seiner beeden Herren Sohne, und seiner
hochgeehrten Frau Schwiegertochter getrunken; dann wieder auf das beständige
Wohlergehen der hochansehnlichen Gesellschaft; Kurz es wurde des
Gesundheittrinkens und des Bückens kein Ende; Selbst der siebenjährige Knabe
musste rings herum Gesundheit trinken, und ward dabei so angst, dass er fast das
Glas fallen liess. Das Nötigen zum Trinken wollte auch kein Ende nehmen, so dass
Kronhelm endlich einen Spatziergang im Garten vorschlug. Die Amtmänninn wollte
Anfangs nicht recht dran, weil es jetzt im Garten gar zu unordentlich aussehe;
sie suchte es so lange zu verzögern, als möglich, weil sie heimlich Befehl
gegeben hatte, dass man die Taxusbäume erst beschneiden sollte. Endlich, als sie
die jungen Leute nicht mehr aufhalten konnte, ging man hinunter. Kronhelm musste
sie aus Höflichkeit am Arm führen. Sie zierte sich erst lange, weil sie glaubte,
es sei wider die Lebensart, einen Edelmann zu bemühen. Siegwart führte ihre
beiden Töchter, und der Amtmann Teresen. Bei der Gartentüre sperrte sie sich
lang, voranzugehen, und doch konnte sie wegen ihres Reifrocks, nicht zugleich
mit Kronhelm hineingehn. Sie sah ängstlich nach den Taxusbäumen, die noch nicht
gänzlich beschnitten waren. Hinter ein paar standen Kerls, und hielten sich
versteckt; und sobald die Gesellschaft den Gang hinunter war, so fiengen sie
wieder an, mit der Scheere zu beschneiden, bis sie fertig waren. Drauf kamen
zween Bauernkerls in Livree; brachten Sessel; setzten sie, auf Befehl der
Amtmänninn in der Terasse nieder, und brachten dann auch einen Tisch und Wein.
Kronhelm konnte sich des Lachens kaum entalten; er musste sie immer führen, und
doch war es ihm kaum möglich, sie, mit ihrem weiten Reifrock, durch die engen
Heckengänge durchzubringen. Sie erzälte ihm sehr viel von Augspurg, von ihrer
Jugend, und von ihren Eroberungen. Zuweilen sah sie sich sehr ängstlich nach
ihrem Mann um, der Teresen führte. Anfangs wusste Kronhelm nicht, was dies zu
bedeuten hätte? Endlich merkte er, dass sie eifersüchtig sei, und sie gab es auch
nicht undeutlich zu verstehen. Zulezt ward sie so besorgt, dass sie ihren Mann
herbeirief, unter dem Vorwand, er möchte doch die Herrschaft mit Wein bedienen!
Terese ging nun wieder mit den Mädchen, und machte sich mit ihnen sehr lustig,
indem sie Birn' aufsammelten. Kronhelm ward über ihr leichtsinnig scheinendes
Betragen gegen ihn sehr empfindlich, und immer stiller und nachdenklicher.
    Nun wurde Obst und kalte Schaale vorgesetzt, und das Gesundheittrinken ging
von neuem an. Hinter den Hecken stunden vier Bauern mit zwo Posaunen und zwo
Zinken, die eine Art von Tafelmusik machten; und wenn eine hohe Gesundheit
ausgebracht wurde, so mussten sie, auf den Wink der Amtmänninn Dusch machen. Sie
bedaurte nur, dass die Musik nicht besser sei. Vor drei Wochen, sagte sie, haben
sich vier Prager Studenten im Dorf aufgehalten, die ganze Leute gewesen seien.
Sie wollte viel geben, wenn sie jetzt noch da wären! Der Amtmann ward endlich
vom Wein etwas lustig, und sprach mit Kronhelm und Siegwart ziemlich vertraut.
Sie winkte ihm wohl hundertmal zu, und zupfte ihn beim Rock, dass er doch ja nicht
die schuldige Hochachtung aus den Augen setzen möchte! Endlich nahmen unsre
jungen Leute Abschied; sie empfahl sich ihrem gnädigen und gütigen Andenken
tausendmal, und bat aufs inständigste, sie möchten ihr doch noch einmal die hohe
Ehre ihres Besuches gönnen, und es ihr vorher zu wissen tun, damit sie solche
vornehme Gäste nach Standesgebühr empfangen könnte! Auf ihren Wink giengen die
vier Bauern mit ihren Blasinstrumenten hinter drein, und machten, indem die
Gäste in den Wagen stiegen, und abfuhren, eine so schmetternde Musik, dass das
halbe Dorf zusammenlief. Terese, die die Gewohnheit der Amtmänninn wusste, legte
sich in den Schlag, und machte wenigstens noch sechsmal eine Verbeugung, denn
die Amtmänninn ging nicht eher von der Haustüre weg, als bis sie die Kutsche,
die durchs ganze lange Dorf hinfuhr, nicht mehr sehen konnte. Als sie schon vor
dem Dorfe draussen fuhren, hörten sie noch das liebliche Getön der Zinken und
Posaunen. Kronhelm sah ganz ernstaft aus, und sprach nichts. Terese sagte: und
Sie sind so still, und kommen eben erst aus einer so lustigen Gesellschaft? Mein
aufgeräumtes Wesen muss Ihnen heut recht sonderbar vorgekommen sein? Aber ich
nahms mit Fleiss an. Die Amtmänninn ist eine Erzplaudertasche, und gibt auf alles
Acht. Hätt ich viel mit Ihnen gesprochen, so würde sie, weiss nicht was? daraus
gefolgert, und die lächerlichsten Dinge ausgesprengt haben. Daher gab ich mich
fast bloss mit ihren Töchtern ab. Die Mädchen lachen in Einem fort, wenn man bei
ihnen ist, und da muss man eben mit machen! Mein Sprüchlein ist: Frölich bei den
Frölichen, und traurig bei den Traurigen! Ich kanns den armen Mädchen auch nicht
übel nehmen, wenn sie einmal ausgelassen lustig sind; denn heut haben sie wieder
für einen ganzen Monat gelacht; Wenn sie bei ihrer abgeschmackten Mutter allein
sind, da geht alles so ernstaft und gravitätisch zu, und keine Mine darf
verzogen werden! - Kronhelm war mit dieser zuvorkommenden Entschuldigung sehr
zufrieden, und ward auf einmal wieder munter. Sie machten sich nun über die
lächerliche Amtmänninn lustig, und parodierten sie. - Und wer meinen Sie wohl,
sagte Terese, dass sie von Stand und Herkommen sei? Nichts mehr und nichts
weniger, als eine arme Goldarbeiterstochter aus Augspurg, in die sich der
Amtmann, als er sie bei ihrer Verwandtinn auf dem Lande sah, verliebt hat. Der
arme Mann ist sonst so gut und so vernünftig; aber dass er diese Frau geheiratet
hat, das kann ich ihm nicht vergeben. Sie hält ihn nur wie einen Bedienten im
Haus, und doch betet er die Närrinn an. - Aber, wie wärs, sagte Kronhelm, wenn
wir sie in unsre Einsiedelei mit aufnähmen, und zur Cärimonienmeisterinn
machten? - Ja, die Törinn brauchten wir! sagte Siegwart ganz hitzig, die würd
uns alles Angenehme der Einsamkeit verbittern! - Nun, Nun, antwortete Kronhelm,
du nimmst auch alles gleich im Ernst! Aber, weist du, was wir tun wollen,
Xaver? Dem alten Grünbach wollen wir sie geben! Der ist auch so ehrenvest und
stattlich; so wird doch der arme Amtmann von seinem Hausübel erlöst, und die
Grünbachinn auch. Das magst du meinetwegen tun! sagte Xaver; nur unsre
Einsiedelei soll sie nicht enteiligen! Nun musste Kronhelm Teresen vom alten
Grünbach erzählen; er kam auch auf seine Tochter Sophie zu sprechen, und sagte
halb im Scherz, sie sei in Xavern verliebt; dieser ward aber drüber böse, denn
er wollte schlechterdings von keinem Mädchen nichts hören. Sie kamen endlich
wieder sehr vergnügt beim alten Siegwart an. Beim Essen erzählten sie mit vielem
Lachen die Bedienung und den feierlichen Empfang bei der Amtmänninn, und
glaubten, dem alten Siegwart ein Vergnügen dadurch zu machen. Er sah aber immer
sehr ernstaft, oft sehr traurig aus; und blickte seine Terese oft sehr
mitleidig an. Sie merkte es, und ward auch sehr tiefsinnig drüber. Sie dachte
ängstlich hin und her, und konnte doch nichts ausfindig machen, womit sie ihrem
Vater könnte Anlass gegeben haben, unzufrieden über sie zu werden. Nach Tische
ging sie einigemal mit Kronhelm traurig im Garten auf und nieder; entdeckte ihm
ihre Besorgnis wegen des Tiefsinns ihres Vaters, und sagte endlich, sie könne
nicht ruhen, bis sie die Ursache davon erfahre.
    Sie trennte sich auch diesmal bald von Kronhelm, und ging unter dem
Vorwand, ein Buch zu holen, auf das Zimmer ihres Vaters. Es war ihm lieb, dass
sie selber kam. Wo ist Xaver? sagte er. Sie antwortete: Er werde wohl beim Herrn
von Kronhelm sein. Willst du ihn nicht rufen, meine Tochter? Ich hätte was mit
ihm und dir zu reden. Sie kam gleich wieder mit ihrem Bruder, und der Vater
fieng, nach einigen gleichgültigen Reden, mit schwerem Herzen und gerührter
Stimme also an: Es ist mir heute was entdeckt worden, meine liebe Tochter, was
mir deinetwegen viele Sorge macht. Ich hoffe, du werdest offenherzig mit mir,
als mit deinem Vater, der zugleich dein Freund ist, reden. Nicht wahr, mein
Kind?
    Terese sagte zitternd, und schon halbweinend: Ja.
    Siegwart. Sieh, man hat mir gesagt, du findest an dem jungen Herrn von
Kronhelm ein besonderes Wohlgefallen. Ists so?
    Terese. Ich kanns nicht leugnen, er gefällt mir recht wohl; und ich denke,
dass es Ihnen nicht zuwider ist, Papa.
    Siegwart. Das nicht, mein Kind! Aber ich fürchte nur, dass die Sache weiter
kommen möchte. Du weist schon, beim Wohlgefallen bleibts bei jungen Leuten nicht
stehen. Liebst du ihn, mein Kind?
    Terese. Verzeihen Sie, Papa?.. Ich weiss nicht!.. Ob ich ihn liebe, meinen
Sie? Ja, das lässt sich so nicht sagen - - Ich habe selbst noch nicht dran
gedacht - - Es kann sein; Ich weiss warlich selbst nicht.
    Siegwart. Gut, gut, mein Kind! Sei nur ruhig! Ich will kein Geständnis
herauszwingen. Mich deucht, ich weiss schon genug, und die Vermutung scheint mir
ziemlich richtig.
    Terese. Aber, um Gottes willen, Papa, Sie werden ja nichts unerlaubtes
mutmassen? Bei der Mutter Gottes und bei allen Heiligen, auf meinen Knien kann
ichs Ihnen schwören, dass mein Herz rein, ganz rein ist! dass kein unheiliger,
kein unerlaubter Gedanke je in diese Brust kam! Die Engel könnens zeugen, die
zugegen waren, wenn ich mit ihm allein war! Lieber wollt ich sterben. -
    Xaver. Ja, ich kanns auch bezeugen, Papa!
    Siegwart. Still, still, meine Kinder! Wozu die Beteuerungen? Wie könnte mir
so ein Gedank einfallen, meine Tochter? Ich kenne deine Unschuld. Aber die Frage
ist von ganz was anders, und betrift deine Ruhe, die mir so unaussprechlich nah
am Herzen liegt. (Hier nahm er Teresen bei der Hand) Bedenk, mein Kind, wenn du
den Herrn von Kronhelm liebst, in welche unabsehliche Schwierigkeiten du dich
verwirkelst? Ich habe nichts gegen ihn, Gott weiss es! Er ist mir ein lieber
junger Mensch; und wenn er deines Standes wäre, so wollt ich heut noch eure
Hände ineinander legen, und euch segnen! Aber, denk einmal! Er ist ein Edelmann,
von einer guten, alten Familie. Du weist, wie die Edelleute sind. Wenn auch Er
gleich anders denkt, das hilft wenig! Sein Vater, oder seine Anverwandten können
wunderlich sein. Sie würdens nie zugeben, wenn er dich auch noch so sehr liebte.
Und wie leicht kann man ihn durch Zureden wieder auf andre Gedanken bringen! Der
Mensch ist veränderlich -
    Xaver. Nein, Papa! Das ist Kronhelm gewiss nicht! Da kann ich für ihn stehen!
Was er einmal beschlossen hat -
    Siegwart. Das ist schon gut! Aber du kennst die Menschen noch nicht genug.
Und, wie gesagt, auf ihn kömmts ja nicht an; er ist nicht sein eigner Herr; und
würde sich dadurch selbst ins tiefste Elend stürzen.
    Terese. Nein, das will ich nicht! Bei Gott, nicht! Keinen Menschen! Ihn am
wenigsten! Lieber selbst ins Elend! Lieber tausendmal ins Elend!
    Siegwart. Du bist viel zu heftig, meine Tochter! Zu dem, was ich dir noch
sagen will, gehört Ueberlegung. Jetzt kann alles noch geschehen, jetzt ists eben
noch Zeit. Prüf dich, ob du ohne ihn leben, dich von ihm auf einmal losreissen
kannst? - Du weinst, Terese? - Gutes Kind! Du daurst mich! Es muss weit mit euch
gekommen sein. Habt ihr einander schon von Liebe vorgesagt?
    Terese. Noch kein Wort, Papa! Ich sagt' ihm nur, dass ich ihn hochschätze,
und er sagt' es auch -
    Siegwart. Ist eben so viel! - Kinder, Kinder! Ich fürcht, Eure Herzen hangen
schon sehr fest aneinander, und werden bluten müssen! Glaub mir, Terese! ich
liebe dich von Herzen! Wünschte dich im Herzen glücklich, wie mich selber! Und
wenn du's mit Kronhelm werden könntest, das wär mir das liebste auf der Welt!
Aber, Aber! Ich sehe viel Kampf voraus!
    Xaver. Erlauben Sie, Papa! Wenn Kronhelm meine Schwester würklich lieb hat,
so kanns nicht fehlen! Er macht sie gewiss glücklich! O, ich kenn ihn, und weiss,
was er zu tun im Stand ist! So gibts wenig Menschen!
    Siegwart. Du kommst immer wieder aufs Alte, Xaver! Wenns auf Ihn ankommt -
Ich sag dir aber, da kommts nicht auf ihn an. Er ist noch ein junger Mensch!
Sein Vater lebt noch!
    Xaver. Aber er gibt nicht nach. Er ist standhaft, und hat Grundsätze!
    Siegwart. Grundsätze hin, Grundsätze her! Der Adel hat auch seine
Grundsätze! - Ich kann weiter nichts tun, Terese, als dich väterlich und
herzlich warnen, um deiner Ruhe willen recht auf deiner Hut zu sein; und dein
Herz so unabhängig zu machen, als möglich! Ich will dir den Umgang mit Kronhelm
nicht verbieten, das wär hart, und grausam, und würd eure Liebe nur mehr
anflammen; aber, wenn Gründe, und mein Bitten, und die Liebe zu deiner eignen
Glückseligkeit etwas über dich vermögen, so such dein Herz wieder zu heilen, und
deine Liebe in Freundschaft zu verwandeln. Ich weiss, dass dichs viel kosten wird!
Aber lieber jetzt, als dann erst, wenn alles schon zu spät ist. Ueberlegs
selber, welchen Gefahren du entgegen giengest, und ob meine Warnung nicht
väterlich und gut gemeint ist?
    Terese. Ja Papa! Ich seh es ein, und dank Ihnen (sie küsste ihm die Hand)
und will tun, was ich kann!
    Siegwart. Nur behutsam! Du must ihn nicht beleidigen! Das hat er um uns
nicht verdient! Xaver kann bei Gelegenheit mit ihm davon reden; aber jetzt noch
nicht! - Sieh nur, dass du nicht viel mit ihm allein bist! Denk nicht ans
Gegenwärtige! Das ist angenehm; Sondern an die Zukunft! Die ist traurig für dich
und ihn, wenn ihr nicht gleich jetzt lieber leidet. - Es ist traurig genug, dass
es solche Verhältnisse in der Welt gibt! Sonst könntet ihr sehr glücklich sein!
- Ich werde dir nie in dieser Sache etwas vorschreiben, oder dir einen Mann
aufdringen; da bewahre mich Gott vor! Ein rechtschaffener Vater kann nichte, als
die Neigung seiner Kinder lenken, aber ohne Zwang. Nur, wenn er sie einem
Abgrund entgegen eilen sieht, dann wird ihms kein Mensch übel nehmen, dass er
seine Kinder zurückhält! - Ich verlasse mich auf deine Klugheit, meine Tochter!
Gott stärcke dich, und heile dein verwundetes Herz! - Mit diesen Worten fieng er
selber an, zu weinen. Terese schluchzte laut, und küsste ihm die Hand. Xaver zog
auch sein Schnupftuch heraus, und wischte sich die Augen.
    Terese ging auf ihre Kammer, schüttete ihr Leid in Tränen aus, und konnte
die halbe Nacht nicht schlafen. Nun fühlte sie erst, wie nah Kronhelm ihr am
Herzen liege, und was sie mit ihm verlieren würde? Sie beschloss hundertmal, sein
Bild aus ihrem Herzen zu verbannen; nicht mehr mit Zärtlichkeit an ihn zu
denken; ihm kalt zu begegnen; und so viel, als möglich zu vermeiden, allein mit
ihm umzugehen. Aber dann stellte sie sich den lieben Jüngling wieder vor, wie er
mit der sanften Mine, und dem schmachtenden Auge vor ihr da stand; sie mit
Unschuld und Wehmut ansah, als ob er fragte: Terese, womit hab ich dies
verschuldet? Dann brach ihr Herz; ihre Tränen flossen häufiger, und sie sahs
für Grausamkeit und Meineid an, ihm so unbarmherzig zu begegnen. Dann beschloss
sie wieder, ihm getreu zu bleiben, wenns auch ihre Ruhe und ihr Leben kosten
sollte! - Aber ihr Vater; seine Bitten; seine Vermahnungen; und herzrührende
Vorstellungen auf der andern Seite! - Sie stand auf einer Klippe, von zwei
Abgründen umgeben! Auf beiden Seiten Tod! Welchen sollte sie nun wählen? - Sie
rang, bis gegen Morgen, mit sich selbst; hatte nicht beschlossen, was sie wählen
wollte? Und schlummerte endlich, von Tränen, und von Seufzern abgemattet, ein.
    Der junge Siegwart unterhielt sich unterdessen mit Kronhelm. Er war zu
gewissenhaft, und ängstlich in der Freundschaft, und hätt' es sich als einen
Verrat angerechnet, wenn er das, was vorgefallen war, seinem Freund nur eine
Stunde hätte vorentalten sollen. Er erzählte ihm also offenherzig die ganze
Geschichte. Kronhelm, sagte er, mein Vater glaubt, du liebest meine Schwester,
und sie liebe dich, und da ist er sehr besorgt und ängstlich drüber.
    Kronhelm. Wer? Dein Vater? Hat er was dagegen? - Ja, ich liebe deine
Schwester, Siegwart! Lieb sie herzlich! Hat er was dagegen? Sag!
    Siegwart. An sich hat er nichts dagegen. Aber du bist ein Edelmann.. Du
weist schon -
    Kronhelm. Nun ja! Tut das was? Mein ichs drum nicht ehrlich?
    Siegwart. Sei nicht wunderlich! Warum sollt er das von dir glauben? Aber er
meint, es geh nicht an, dass ein Edelmann ein Bürgermädchen so liebe, dass ers
heiraten kann.
    Kronhelm. Warum nicht? Das wär mir schön! Meint er das? So will ich ihms
gleich anders sagen. Was hat der Adel mit der Liebe zu tun? Da wollt ich lieber
meinen Federhut in die Donau schmeissen! - Nein, Siegwart, wenn mich deine
Schwester liebt, so soll sie, bei Gott! mein sein.
    Siegwart. Das sagt' ich auch; aber er hat Besorgnis wegen deines Vaters.
    Kronhelm. Der kann dagegen sein, das leugn' ich nicht. Aber in der Liebe hat
man weder Vater noch Mutter! Da bin ich mein eigner Herr!
    Siegwart. Du bist ja so heftig, Kronhelm!
    Kronhelm. In der Liebe muss mans sein!
    Siegwart. Du liebst also meine Schwester würklich?
    Kronhelm. Brauchts noch eine Frage? - Kannst du sagen, dass sie mich wieder
liebt?
    Siegwart. Ja, das kann ich, Kronhelm! Ich wollt' einen Eid drauf schwören!
    Kronhelm. Nun, Gott sei Dank! Dann soll uns auf der Welt nichts im Wege
stehn! - Was macht deine Schwester? Was sagte Sie?
    Siegwart. Sie weinte, schwieg, und sah gen Himmel, als ich sie verliess.
    Kronhelm. Nun, Gott wird sie trösten, hoff ich! - Das arme Mädchen! Dass sie
meinetwegen leidet! - O, das geht mir durch die Seele, Xaver! Hast du sie nicht
trösten können? Hast ihr nicht gesagt, dass ichs ehrlich meine? Dass sie mein sein
soll, auf ewig?
    Siegwart. Wusst ich das?
    Kronhelm. Freilich hättest's wissen sollen! - Komm, lass uns noch zu ihr!
    Siegwart. Jetzt ists schon zu spät, Kronhelm! Sie wird schon im Bette sein.
Du kannst ihrs ja morgen sagen.
    Kronhelm. Morgen! Man sieht wohl, dass du nie geliebt hast! Ein Augenblick,
den sie um mich leidet, wird mir zum Jahrtausend! Warum hast mirs doch nicht
eher gesagt!
    Siegwart. Ich sagt' es dir ja gleich, als ich von ihr herkam.
    Kronhelm. Nun, so ists schon gut! - Aber morgen mit dem frühesten muss ich
mit ihr reden, und sie trösten, und ihr schwören, dass ichs ehrlich mit ihr
meine! Mein soll sie sein, wenns auch die ganze Welt nicht wollte!
    Siegwart. Nur behutsam must du drein gehn, Kronhelm! Es ist besser, wenn
dein Vater jetzt noch nichts davon weiss. Und vor meiner Schwägerinn must du dich
auch in Acht nehmen! Du hast letztin gehört, was sie für Anmerkungen machte.
    Kronhelm. Ey, was geht mich die an? - Aber du hast Recht. Behutsam will ich
drein gehn. Wenn nur Terese mein wird, dann ist mir alles gleichviel, wie sies
wird?
    Siegwart besänftigte doch nach und nach den aufgebrachten, liebevollen
Jüngling ziemlich. Kronhelm, den der unerwartete Sturm stutzig gemacht, und dann
mit ergriffen hatte, dass er nichts mehr um sich her sah, als seine Liebe und
Teresen; ward nun, als er sich zu Bette gelegt, und das Licht ausgelöscht
hatte, nachdenklich und am Ende traurig. Je mehr er die Sache kalt überschaute,
desto mehr Hindernisse stellten sich ihm dar. Die Schwierigkeiten schienen ihm
nicht mehr so leicht zu übersteigen zu sein, als sie ihm anfangs geschienen
hatten; Er fand zwar seine Liebe stark; aber auch den Eigensinn und die
Vorurteile seines Vaters. Er sah den Lerm voraus, den dieser anfangen würde;
und endlich, als er sich von allen Seiten her mit Hindernissen umringt sah, und
sich selbst nicht mehr heraus zu helfen wusste, fieng er an, sein Schicksal und
den Adel zu verwünschen. - Er dachte sich sein liebes Mädchen; ihr sanftes
holdseliges Gesicht; ihr liebevolles Herz voll hoher, edler Tugenden; ihren
ganzen Umkreis von Vollkommenheiten; bebte vor dem Gedanken zurück, dies alles
zu verlieren; weinte; rang die Hände; und erhub sein Herz von neuem durch den
stärkenden Gedanken: Sie soll doch, trotz allem! dein sein! - Endlich ward er
wie fühllos; dachte nichts; und sah die ganze Zukunft wie ein ödes dunkles
Todtenfeld gleichgültig vor sich da liegen; bis ihn ein Schlummer überfiel, aus
dem er alle Augenblicke unruhig auffuhr.
    Mit der Morgenröte wachte er schon wieder auf, und fieng von neuem an zu
phantasieren. Es kam ihm nun alles noch weit schwerer und verwickelter vor; und
doch beherrschte seine Seele nur der einzige Gedanke: sie soll mein sein! Er sah
jetzt selbst die Behutsamkeit als das einzige Mittel an, seine Liebe zu erhalten
und fortzusetzen. Er beschloss, dieses Teresen und ihrem Vater zu sagen. Um halb
sieben Uhr ging er schon ins Zimmer, um sein Mädchen zu erwarten. Sie war unter
Tränen aufgewacht, und betete. Mit heisser Innbrunst kniete sie vor einem
Kruzifix, und bat Gott um Mut und Stärke, wenn sie Kronhelm sehe. Sie war
selber bang, dass sie ihm nicht kalt und behutsam genug werde begegnen können.
Und doch wollte sie dies, ihrem Vater zu Gefallen, tun. Zehnmal ergriff sie die
Türe, um hinaus, und nach dem Zimmer zu gehen, und zehnmal bebte sie wieder
zurück. Ein ängstlicher Gedank erhub sich nach dem andern in ihrer Seele. Sie
ging in der Kammer auf und ab, und erblickte sich von ungefähr im Spiegel.
Gott, wie bin ich so blass! dachte sie; wird er nicht sogleich alles entdecken? -
Endlich ging sie mit zögernden und leisen Schritten nach dem Zimmer.
    Als sie die Tür aufmachte, sah sie ihren Kronhelm, und wollte wieder
zurückgehn; sie zitterte und bebte. Er kam auf sie zu, und nahm sie bei der
Hand. Wollten Sie wieder umkehren? sagte er.
    Terese. Nein.
    Kronhelm. Sie sehn so blass und traurig aus. Haben Sie nicht gut geschlafen?
    Terese. O ja.
    Kronhelm. Und doch sagt Ihre Mine anders. (Er sah sie scharf an; Sie wandte
das Gesicht weg.) Sie scheinen mir so misstrauisch und so kalt zu sein.
    Terese. Das bin ich nicht. - Soll ich etwas auf dem Klavier spielen?
    Kronhelm. Wenn Sie wollen. Aber ich spräche diesmal lieber.
    Terese. Auch gut! Wovon wollen wir denn sprechen?
    
    Kronhelm. Wovon, meine Liebe? Das fragten Sie doch sonst nicht.
    Terese. Ach, ich weiss nicht. Mir ist heut so wunderlich zu Mut! Ich habe
Kopfweh.
    Kronhelm. Ich bedaure Sie. Aber ... Doch, ich mag nicht reden! Sie sind mir
doch nicht gut. Ich sehs wohl.
    Terese. (Nun weinte sie) Herr von Kronhelm!.. Tun Sie mir nicht Unrecht!..
wenn Sie wüsten -
    Kronhelm. Ich weiss alles, Engel! Leider! Weiss ich alles! Nicht wahr, man
will uns trennen? - Liebe Seele!.. Sind Sie mir denn noch etwas gut?
    Terese. Ach, Herr von Kronhelm!..
    Kronhelm. O, es ist traurig, Terese! Aber, bei Gott! Kein Mensch auf Erden
soll uns trennen! Wenn es auch ein Engel wäre? Keine Seele soll sichs
unterstehen!
    Terese. Aber, Kronhelm ... Wenn es doch geschähe? Menschen sind gar
mächtig!
    Kronhelm. Ich bins auch! Und Lieb' ist mächtiger, als alles! - Fassen Sie
nur Mut! Ich weiss, dass ein Ungewitter über unserm Haupt hängt. Aber noch ists
Zeit, ihm auszuweichen. Wir müssen nur behutsam sein, und unsre Liebe zu
verbergen suchen. Ich will mit Ihrem Vater reden.
    Terese. Wollen Sie das?
    Kronhelm. Sobald er kommt.
    Indem trat Xaver herein. Sie beredeten sich mit einander, was sie tun
wollten? Kronhelm beschloss, ihrem Vater alles zu entdecken, und ihn anzuflehen,
sie nur nicht zu trennen, und ihnen zu erlauben, Briefe mit einander zu
wechseln. Mein Vater, sagte er, darf jetzt freilich nichts davon erfahren. Aber
er kanns auch nicht, wenn nur wir selber alles recht geheim halten! Das übrige
wollen wir der Zeit und der Vorsehung überlassen! Sie kanns bei unsern redlichen
und reinen Absichten nicht bös mit uns meinen. Terese ward nun wieder ruhiger
und vertraulicher. Als der alte Siegwart kam, trug ihm Kronhelm alles mit der
grösten Rührung vor. Der Amtmann, der ein weichherziger Mann war, konnte dem
vereinigten Bitten der jungen Leute nicht lang widerstehen. Die Tränen seiner
Kinder, die er so herzlich liebte, und die dringenden Bitten Kronhelms, dem er
auch so ganz zugetan war, überwältigten seine Vorsichtigkeit, und verschlossen
ihm die Aussicht in die Zukunft. Er gab nach, und erlaubte ihnen einen
Briefwechsel; nur bat er sich aus, dass er alle Briefe lesen dürfte. Die
Liebenden willigten mit Freuden ein. Ich habe das meinige getan, sagte er; ich
bin nicht ohne ängstliche Besorgnis wegen eures Schicksals. Aber das meiste muss
ich der Vorsehung überlassen. Sie hats immer väterlich mit mir gemeint, und
wirds auch jetzt wohl machen. Ich kann weiter nichts, als zur äussersten
Behutsamkeit raten, und dass ihr euch auf alles Widrige gefast macht, was dem
Menschen, und besonders einem Liebenden begegnen kann.
    Auch hielt ich es für ratsam, Herr von Kronhelm, wenn Sie bald mit meinem
Sohn von hier abreisten; etwa übermorgen! So gern ich Sie auch länger hier
hätte, so kann ich doch nichts anders raten. Ich habe meine Ursachen dazu.
Kronhelm liess sich auch dieses gefallen.
    Unsre Liebenden waren nun wieder ruhiger, obgleich sehr oft ein Seufzer sich
in ihre Freuden mit einmischte. Terese ging ans Klavier, und sang:
Was ist Lieb? Ein Tag des Mayen,
Der in goldnem Glanz erwacht;
Hell auf froher Schäfer Reihen
Vom entwölkten Himmel lacht.
Flöten locken zu den Tänzen
Der vergnügten Mädchen Schaar;
Blumen sammeln sie zu Kränzen,
Schmücken ihrer Schäfer Haar.
Schnell verdüstert über ihnen
Sich der schwülen Sonne Blick;
Schlecken blickt aus ihren Minen,
Schüchtern eilen sie zurück.
Regengüsse strömen nieder;
Blum' und Wiese sind verheert;
Und der frommen Freude Lieder
Sind in Trauerton verkehrt. -
Schau! der Friedensboge stralet
Ins erschrockne Tal herab;
Schau! der Hoffnung Freude malet
Sich auf allen Wangen ab. -
Gib, o Gott der frommen Liebe,
Uns ein ruhiges Gemüt,
Das durch Wolken, schwarz und trübe,
Ins Gefild der Hoffnung sieht!
    Wer hat das liebe Lied gemacht? sagte Kronhelm. Es schickt sich so auf
unsern Zustand. - Ich habs vom Hauptmann Nortern, antwortete Terese;-noch-nie
hab ichs so gefühlt, wie diesmal! Drum sollte man, sagte Siegwart, jedes Gedicht
in der Lage lesen, worinn's der Dichter sang, und ihn nicht mit kaltem Blut
beurteilen! - Alles traurige entfernte sich nun wieder aus Teresens und
Kronhelms Brust; nur der nahe Trennungstag schwebte, wie ein aussteigendes
Gewitter, vor ihnen. Sie giengen in den Garten, wo Terese Geschäste hatte. Sie
brachen Birn an den Franzbäumen miteinander ab, und legten sie ins Körbchen, das
Terese am Arm trug. Dann kamen sie an einen Aprikosenbaum. Terese fand zwo
aneinander festgewachsne Aprikosen; gab die eine Hälste ihrem Kronhelm und die
andre ass sie. Die beiden Kerne, sagte Kronhelm, wollen wir hier in die Erde
stecken, dass sie beieinander aufwachsen; wenn die Bäume gross werden, wollen wir
uns unter ihren Schatten setzen, und an diesen Tag denken! Terese lächelte, und
steckte ihren Kern neben Kronhelms seinem, in die Erde. - Ach, die armen
Balsaminen müssen wir begiessen! sagte sie; sie stehn so traurig da, und senken
ihre Blätter! Kronhelm sprang zum Brunnen, und holte Wasser, und begoss sie.
Sehen Sie! sagte er, wie sie sich schon allmählich wieder ausrichten! Denken Sie
nicht, dass es uns auch wieder wohl gehen wird? Ich hoff es, antwortete das
Mädchen, und suchte eine Träne zu verbergen, die ihr ins Auge trat.
    Den Nachmittag giengen sie miteinander spazieren, und bestiegen einen
ziemlich hohen Berg, von da sie die ganze Gegend übersehen konnten. Sie setzten
sich in ein ausgehauenes Buchengebüsch, das eine Art von Laube bildete, wo ein
Nasensitz angebracht war. Unten am Berge sahen sie das Dorf liegen; der Bach
schlängelte sich an seiner Seite hin, wo Kronhelm seine Hand verwundet hatte. In
der Ferne sahen sie die Donau durch ein weisses Weidengebüsch hinströmen. Weiter
weg sah man einen Berg, der wegen seiner Ferne ganz in Blau gehüllt war. Nicht
wahr? Dort ist ihr Kloster? sagte Terese. Hier will ich oft am Abend sitzen,
nach Ihrer Gegend hinsehen und an Sie und diesen Abend denken. - Wir haben auch
einen Berg, sagte Kronhelm, der bald wie dieser aussieht; da will ich auch oft
hingehen, und mich der vergangnen Zeiten erinnern. Wir wollen uns zuschreiben,
und einen Tag ausmachen, an dem wir zugleich auf den beiden Bergen sind, und
lebhaft an einander denken. - Aber, morgen, sagte Xaver, müssen wir zu meinem
lieben Pater Anton, nach Füllendorf! Ich verschob es immer, aber jetzt müssen
wir hin; da wir übermorgen abreisen! Ich könnt es nicht übers Herz bringen, den
alten ehrwürdigen Mann, und überhaupt mein liebes Kloster nicht zu sehen; da ich
ihm so nahe bin. Du kannst auch mit Terese! Ja, sagte sie; aber ich dachte, man
liese keine Mädchen in die Mannsklöster? Das ist schon wahr, antwortete ihr
Bruder; aber wir geben dich für jünger aus, und sagen, du seist 15 oder 16 Jahr
alt. Die Paters tun mirs schon zu Gefallen, und lassen dich mit hinein. Man
nimmts so genau nicht. - Sie giengen aus der Laube nach einer andern Seite des
Berges. Nun, leb wohl! sagte Kronhelm; sobald seh ich dich nicht wieder! Aber
ich will oft an dich, und den schönen Abend denken. Terese! Tun Sies auch, und
denken Sie an mich, wenn Sie hier sind! Tausendmal! antwortete sie, und drückte
ihm die Hand. - Sie lagerten sich auf einem schönen Platz ins Gras, wie Schäfer;
pflückten Gänseblümchen; warfen sie sich zu; und betrachteten jedes Gräschen und
jedes Blümchen genauer. Kronhelm spielte mit ihrem weissen Gewand, und der
rosenroten Schleife an Ihrem Arm. Geben Sie mir ein Andenken! sagte er. - Was
wollen Sie für eins? fragte sie. - Diese Schleife hier, war seine Antwort. -
Gut, die können Sie haben, wenn sie ihnen lieb ist! Und nun nahm sie sie ab, und
gab sie ihm. Sie war ihm so heilig, wie eine Reliquie, und er sah sie nachher
oft halbe Stunden lang an, und drückte sie an seinen Mund. Ich kann Ihnen nichts
dafür geben, sagte er, und küsste sie. - Endlich giengen sie wieder langsam den
Berg hinab, dem Dorfe zu, und sahen sich noch oft nach dem Berg und der Laube
um. Als sie zu Haus wieder ankamen, fanden sie folgenden Brief von der Amtmäminn
in Belldorf mit der Ueberschrift an Kronhelm, den sie durch einen eignen Boten
hatte überbringen lassen.
 
                            Hochwolgeborener Herre!
                            Hochge Ehrtester Herre!
    Hoffe und wünsche, Sie werden gestern mit Ihrer wolansehnlichen Gesellschaft
glücklich und gesundt wieder zu Haus angelanget sein, welches mich herzlich
erfreuen tun wirt. Betaure nur, dass wir Sie so schlechte haben bewirten können,
welches mir noch immer schakriniert. Ich weiss woll, was für eine Betienung
solchen hohen Gästen geziemmen tut, aber leiter kunnt ichs nicht änteren.
Wollte nur wünschen, dass Sie uns noch einmall die Ehre geben, und bei uns
einsprechen tätent! Villeicht wären wir dann besser im Stant, und könneten mehr
Ere einlegen. Habe noch gestern Augspurgerwürst erhalten, das Stück kostet mir
vierzehen Kreutzer, damit hätt Ich herzlich gern aufgewartet, wenns nur früher
gekomen wärent. Doch werd ich nicht underlassen, einige davon aus Höchst Dero
gnädigsten Besuch auszuheben, welchen in Undertänichkeit erwartende, und der
ganzen hochgeehrten Siegwartischen Famillie mit meinem Mann und meinen Töchtern,
und meinem Söhnlein mich ergebendst empfelende Ich mich zu nennen underfange Ew.
Hochwolgeboren, Meines hochzuverehrenden Herren
                            underdänichste Dienerinn
                                                           Julliane Haselbergin.
    Siegwart, Kronhelm und Terese lachten über diesen wohlgesetzten Brief nicht
wenig. Kronhelm musste ihn beantworten, weil der Bote nicht eher weggehen
wollte. Seine Frau Amtmännin habs gesagt, er müsse wieder ein Papier mitbringen!
- Sie brachten den Abend unter keuschen unschuldigen Küssen sehr vergnügt zu.
Teresens Munterkeit und Kronhelms Ruhe kehrte wieder zurück. Die Gefahr, die
ihrer Liebe drohte, schwand vor ihren Blicken, und in ihrer Seele wards so
still, wie in der Natur, wo nur leise Abendlüstchen wehten. Sie sprachen von der
Trennung, aber der Gedanke ans fleissige Briefwechseln, und der noch süssere ans
Wiedersehn der Liebenden tröstete sie wieder. Den folgenden Morgen brachten sie
in der schönsten reinsten Lust gröstenteils im Garten über dem Lesen des
Messias und ihres lieben Kleist zu. Terese versuchte wieder, ihrem Bruder
seinen Hang zum Klosterleben auszureden; aber als sie sah, dass ihn der
Widerstand nur hitziger darauf mache, so schwieg sie wieder. - Gleich nach dem
Essen giengen sie mit einander nach Füllendorf, weil ihnen Siegwart keine Ruhe
liess. Er sprach unterwegs mit Begeisterung von alle dem Schönen und
Ausserordentlichen, was sie im Kloster sehen würden, und von dem heiligen
Gefühl, das sie da durchdringen werde!
    Sie trafen den P. Anton auf seiner Zelle an. Er drückte mit froher
Treuherzigkeit seinem Xaver die Hand, und bewillkommte Kronhelm und Teresen mit
einem liebreichen Lächeln. Seine Freundlichkeit und sein ehrwürdiges Aussehen,
nahmen die beiden Liebenden sogleich ganz für ihn ein, und gewannen ihre Seelen
völlig. Er tat hundert Fragen an Siegwart, wie es ihm bisher gegangen, ob er
froh und zufrieden sei? Wie es ihm bei den Piaristen gefalle, und was er schon
gelernet habe? Es kamen bald auch andre Paters auf die Zelle, um unsern Xaver zu
bewillkommen. Pater Johanns Bruder kam auch, und sagte, dass er von seinem Bruder
Nachricht habe, wie wohl er und alle Piaristen mit ihm zufrieden seien. Der
Prior liess die Gäste in den Gartensaal kommen; empfieng sie mit grossen Freuden,
und bewirtete sie aufs beste. Man kam auf P. Gregor zu sprechen, weil Siegwart,
der ihn vermiste, nach ihm fragte. - Der ist bei Gott, sagte P. Anton; vor einem
Vierteljahr ist er gestorben. Sein Ende war uns allen recht erbaulich; er
behielt bis an den letzten Augenblick seinen Verstand. Er hat mir auch an dich,
mein lieber Siegwart, noch seinen Gruss und seinen Segen aufgetragen. Er schläft
neben meinem P. Joseph. Siegwart weinte ihm eine zärtliche und dankbare Zähre
nach. Ich muss dir noch sein Kruzifix geben, Xaver! sagte Anton; er hat dir's
vermacht. Du sollest sein zuweilen dabei gedenken, und es dich erinnern lassen,
dass er dich im Himmel erwarte! Eh sie weggiengen, gabs ihm P. Anton; und es ward
ihm heilig. Er hatte es nachher immer auf seinem Tische vor sich stehen, und sah
es oft mit Wehmut und bebendem Verlangen an, bald bei seinem ehemaligen
Besitzer zu sein. Die jungen Leute blieben lang, und giengen erst eine Stunde
vor Sonnenuntergang nach ihrem Dorf zurück. Terese und Kronhelm konnten nun
begreifen, warum Siegwart mit so festem Herzen an dem Vorsatz hange, ein Mönch
zu werden; denn sie waren selbst von dem einsamen und stillen Klosterleben ganz
bezaubert. - Der Gedanke der nahen Trennung lag nun immer trauriger und schwerer
auf ihnen! Sie wagtens nicht, einander etwas davon zu sagen, und doch verrieten
ihre Blicke ihre Bangigkeit und ängstliche Besorgnis nur zu oft.
    Als sie in der späten Dämmerung zu Hause wieder ankamen, setzten sie sich
vor dem Abendessen noch im Zimmer neben einander. Kronhelm hatte seine Hand in
Teresens Hand gelegt, und sprach nichts. Es ward immer dunkler um ihn her, sein
Blick ward trüber, und sein Herz schwerer. Er dachte viel, und dachte nichts.
Weinen konnt er nicht; sein Herz war gespannt, und wollte bersten. Zuweilen kam
ein Seufzer aus dem Innersten, hub die Brust hoch auf, zitterte herauf, und
brach mit Gewalt hervor. Dann drückte Terese ihm mit Heftigkeit die Hand. Ihr
war die Wohltat der Tränen nicht versagt, und sie rieselten häufig über ihre
blassen Wangen. Zuletzt konnte sich Kronhelm nicht mehr halten; er stand auf,
ging im Zimmer heftig hin und her; warf sich in der Ecke des Zimmers auf einen
Stuhl; stand wieder auf, und setzte sich wieder zu Teresen. Sie sass mit dem
Kopf rückwärts an die Lehne des Stuhls gelehnt; ihre schönen Augen waren in die
Höhe gerichtet, und die helle Träne glänzte drinn. - Ach! dass wir uns verlassen
müssen! sagte er. Sie schwieg. Sie legte ihre Hand wieder in die seinige; sah
ihn an, und wieder auf die Seite. Ihr Herz litt unendlich viel. Indem kam der
alte Siegwart herein. Eben schickt man da zu mir, sagte er, um meine Kutsche.
Eine Bauersfrau von hier ist auf einem andern Dorf schnell krank geworden, und
da will ihr Mann sie Morgen abholen. Ich konnt ihm die Kutsche nicht abschlagen,
es sind gar zu brave Leute. Morgen müssen Sie also noch hier bleiben, Herr von
Kronhelm, oder reiten. Nein, Nein! Ich bleibe gern, rief Kronhelm und sprang
auf. Bravo! Bravo! das ist herrlich, dass wir länger bleiben! Terese stand auch
voller Freuden auf. Es war, als ob auf einmal eine grosse Last von ihrem Herzen
wäre weggewälzt worden. Xaver kam aus dem Garten herauf, und freute sich, als
ers hörte, mit ihnen. Nun waren die Liebenden wie verwandelt, und ausgelassen
lustig. Terese musste das munterste Stückchen, das sie hatte, auf dem Klavier
spielen. Sie assen im Garten, und scherzten mit einander über den glücklichen
Zufall mit der Bäurin. Die arme Frau daurt mich, sagte Kronhelm; aber wenn sie
krank werden musste, so wars doch der klügste Einfall, dass sie's jetzt, und auf
einem andern Dorf wurde! Morgen wünsch ich ihr von ganzem Herzen ihre Gesundheit
wieder, und ein langes Leben. So gehts in der Welt! Einer macht sich immer auf
des andern Kosten lustig! Es leb die Bäurinn, und ihr kluger Einfall! Und nun
stiessen Er, Terese und ihr Bruder die Gläser an; auch der alte Siegwart trank
mit, und nahm an der Freude seiner Kinder Anteil. Der ganze Abend war ein
rechter Festtag für sie, und sie blieben lang zusammen aufsitzen. Sie hätten
noch diesen Abend bei Karl und seiner Frau Abschied genommen; aber weil die
Reise aufgeschoben wurde, so giengen Kronhelm und Siegwart erst den andern
Morgen hin. Kronhelm musste von Karls Frau manche spöttische Anmerkungen über
Teresen anhören, dass der Abschied so traurig sein und dass sie vermutlich werde
melancholisch werden, wenn sie wieder allein leben, und einer so angenehmen
Gesellschaft entbehren müsse, u.s.w. Er hatte oft Mühe, eine bittre Antwort
zurück zu halten; aber die Klugheit siegte doch bei ihm. Sobald er zurückkam,
erzählte er es Teresen, und bat sie, in Absicht auf ihre Schwägerinn recht
behutsam zu sein. Den Nachmittag giengen sie noch einmal auf einem andern Wege
nach dem Berg, wo sie gestern gewesen waren. Als sie über einen Steg giengen,
blieben sie drauf stehen. Terese warf ein Nelkenblatt in den Bach hinab;
Kronhelm auch eins. Die Blätter schwammen einander nach; die Liebenden
verfolgten sie mit ihren Blicken, und freuten sich, dass die Blätter miteinander
schwammen. Sie trieben dieses Spiel wohl eine halbe Stunde, und giengen endlich
nach dem Berge. Als sie oben waren, sagte Kronhelm: Nun sind wir doch wieder da;
gestern hätten wir geschworen, dass es nicht geschehen würde. So kann alles auf
der Welt in einem Augenblick möglich werden! - Sie machten aus, dass sie auf die
Nacht nicht zu Bette gehen wollten, weil sie ohnedies früh wieder aufstehen
müssten. Ich kann doch nicht schlafen, sagte Terese; wir müssen die kurze Zeit,
die wir übrig haben, noch ganz geniessen. - Sehen Sie! dort hinten zieht sich
ein Gewitter auf. - Kronhelm wollte es nicht glauben, und sagte, dass es nur
Abendwolken seien; Sie aber blieb auf ihrer Behauptung - Wenns morgen gut Wetter
ist, fuhr sie fort, so fahr ich eine Stunde weit mit Ihnen. - O, das tun Sie
ja! sagte Kronhelm. Zwar, Sie müssen dann allein, und zu Fuss, zurück - Ey was,
Possen! fiel sie ihm ein. Glauben Sie denn, wir seien so empfindlich, und so
furchtsam, wie Ihre Stadtmädchen, dass wir keine Stunde weit allein gehen
könnten? Auf dem Land fragt man viel darnach! da gibts nicht so viel schlimme
Leute, wie in der Stadt, dass man sich zu fürchten hätte! - Ja, das weiss ich wohl,
sagte Kronhelm, und Ich werde gewiss nicht die Stadt gegen Sie verteidigen! Nun,
Sie fahren also mit! Das ist ja herrlich! O, Sie sind das liebste und
gefälligste Mädchen von der Welt! - Aber, sagte Siegwart, wir müssen nur nicht
viel Umstände mit dem Abschiednehmen machen! Das muss ein schaaler Kopf gewesen
sein, ders erfunden hat! Wenn ich mich von einem Freund trenne, da wünsch ich
ihm gewiss von Herzen alles Gutes, und da brauchts der vielen Worte nicht' - Gut,
gut! Wir wollens kurz machen! sagte Terese. Aber unter Abschiednehmen und
Abschiednehmen ist doch auch ein grosser Unterschied! Nicht wahr, Herr von
Kronhelm? Hier sah sie ihn mit einem unbeschreiblichen, mit Wehmut und Liebe
untermischten Lächeln an. - Da haben Sie auch ein Vergissmeinnicht! sagte sie zu
Kronhelm, als sie an einer Quelle, die den Berg hinab rieselte, vorbeikamen, und
gab es ihm. Er küste ihr die Hand, und steckte es auf seinen Hut. Da soll es
immer bleiben, sagte er, und mich tausendmal des Tags an Sie erinnern! Aber nun
leb wohl, Berg! Nun werd ich dich wohl so bald nicht wieder sehen! - Vielleicht in
diesem Leben nicht mehr, sagte Terese. - Nein, das wolle Gott nicht! rief er
heftig aus. Wo bringen Sie die trübseligen Gedanken her? In drei, vier, Jahren
kann sich viel ändern! - Ja wohl, viel ändern! setzte sie hinzu. - Drauf giengen
sie allmählich wieder dem Dorfe zu. Vor demselben trafen sie die Kutsche mit der
kranken Bäurinn an. Gott! sagte Terese; wie der Mensch sich so schnell ändern
kann! Vor etlich Tagen sah dies Weib noch wie eine Nose aus; nun ist sie so
bleich, und und eingefallen, wie der Tod, dass man sie kaum mehr kennt! Es wäre
doch recht lächerrlich, wenn man sich auf sein gutes Aussehen viel zu gut tun
wollte! - Freilich ist es besser, sagte Kronhelm, wenn man noch etwas mehr hat,
worauf man stolz sein kann! Wer so ein Herz hat wie Sie, meine Liebe, der kann
sich über den Verlust seiner Schönheit leicht trösten. Aber wie wenig Mädchen
können das? - Sie ward rot, und sagte: auf dies Kompliment hab ich nicht
gerechnet; sonst hätt ich sein geschwiegen! - Es ist kein Kompliment, antwortete
Kronhelm; Sie wissen, dass ich Komplimente hasse. - Nun kamen sie beim alten
Siegwart wieder an. Er wollte erst nicht zugeben, dass sie nicht ins Bette gehen
sollten; aber, als sie ihn so dringend um Erlaubnis drum baten, gab er ihnen
nach. Um vier Uhr, sagt' er, will ich wieder aufstehen, denn ich hab die Ruhe
nötiger, als ihr. Sie giengen nun zum letztenmal in Garten, und bald drauf aufs
Zimmer, denn der Himmel ward immer wolkichter und trüber, und es blitzte schon
von ferne. Das Herz war ihnen jetzt auch schwer, aber doch weniger, als gestern;
denn der Gedanke an, die nahe Trennung war ihnen schon minder neu. Sie setzten
das Licht aus dem Zimmer in die Kammer, weil ihnen die Dämmerung lieber war, und
weil sie so die Blitze, die immer häufiger wurden, besser sehen konnten.
Siegwart setzte sich in einen Lehnstuhl am Ofen, und schlummerte ein wenig; doch
sprach er auch zuweilen mit. Kronhelm schlang um Teresen seinen Arm; vor ihnen
lag der Messias, und zwar die Stelle von Semida und Cidli aufgeschlagen, die sie
vorher noch einmal gelesen hatten.-Das Gewitter zog immer näher, und man hörte
schon von fernher donnern. Sie traten ans Fenster, und sahen dem Blitzen zu.
Einmal wurden sie durch einen Blitz so geblendet, dass sie beide zurückfuhren,
einige Augenblicke nichts, als blaues Licht um sich her sahen, sich anblickten
und schwiegen. - Gott! dachte Kronhelm, wenn der uns getödtet hätte! Und doch,
dachte er zugleich, es wäre gut! Ich wär mit ihr gestorben! Er sah sie an; ein
Blitz erleuchtete ihr Gesicht; es sah blass aus, und das Aug war nass, und
glänzte. Er streichelte ihre Wangen; Sie waren von den Tränen ganz benetzt und
kalt - Sollten wir uns wiedersehen? sagte sie. - Ja gewiss! antwortete er mit
Heftigkeit; drückte ihr die Händ, und gab ihr einen Kuss. Es fieng nun auch an zu
regnen, und sie wurden sehr besorgt, dass sie nicht würde mitfahren können. Wenns
nur aufhört, sagte sie so hats nichts zu bedeuten! An den schlimmen Weg denk ich
gar nicht. - Sie setzten sich wieder an den Tisch; Terese stützte ihr Gesicht
auf ihre Hand, und neigte sich über den Messias her. Ihre Seele ward nun auf
Einmal heftiger bestürmt; der Gedanke an die immer näher rückende Trennung faste
sie ganz; ihr Busen schlug heftiger; ein Seufzer folgte dem andern, und Kronhelm
hörte die Tränentropfen auf das Buch fallen. Er ergrif ihre Hand; sie führte
die seinige auf das Buch, und er fühlte, dass es nass war. Da tat er in seinem
Herzen einen Schwur, ihr ewig treu zu sein! Und der Schwur war ihm so heilig als
ob er ihn über dem Evangelio geschworen hätte. Der Donner ward immer stärker,
und der Regen heftiger. - Das ist eine heilige und feierliche Nacht; sagte er. -
Um Eins kam der abnehmende Mond zuweilen zwischen zerrissnen Gewitterwolken
hervor, und goss sein blasses, melancholisches Licht auf die Liebenden herunter.
Sie betrachteten ihn lang am Fenster; küssten sich zuweilen; sprachen abgebrochne
Wolte, und fühlten, was die Sprache nicht beschreiben kann. - Um drei Uhr ging
Terese weg, um den Kaffee zu machen. Kronhelm sprach von gleichgültigern Dingen
mit Siegwart. Nach einer halben Stunde kam sie wieder, und brachte den Kaffee.
Der alte Siegwart kam auch. Er sagte, man könne mit dem Abfahren bis halb 5 Uhr
warten, ob der Regen nicht aufhöre? Aber länger nicht! - Als der Kaffee
getrunken war, stellte sich Kronhelm mit Teresen wieder aus Fenster. Der Regen
hielt noch an, und die Hoffnung verschwand immer mehr, dass Terese sie begleiten
könne. Sie hörten alle Viertelstunden auf dem nahen Kirchturm schlagen, und
jeder Glockenschlag war ihnen ein Donnerton; Mit jedem sank ihr Mut mehr. - Der
alte Siegwart suchte sie durch sein Gespräch etwas aufzuheitern; sie lächelten
zuweilen, aber wie der Mond, der durch Regenwolken schien. Der Tag brach an, und
rötete in etwas die Gewitterwolken; endlich ward der Himmel blutrot. Es schlug
vier Uhr. Kronhelm bebte, als ers hörte. Er stand unbeweglich vor Teresen.
Endlich ging er in die Kammer, um sich vollends anzuziehen, und seine Sachen in
Ordnung zu bringen. Er kam wieder auf das Zimmer. Es schlug ein Viertel. Herr
Gott! wie die Zeit eilt! sagte Terese. Kronhelm holte seinen Stock. Er stand,
wie ein Verurteilter da, der nun alle Augenblicke zum Tod geführt werden soll.
Endlich schlugs halb. - Nun, wir müssen fort! sagte er. Er nahm vom alten
Siegwart mit vieler Zärtlichkeit und Rührung Abschied. Terese konnte sich nicht
länger halten, und ging vor die Türe hinaus. Xaver nahm nun auch von seinem
Vater Abschied. Als Kronhelm vor die Türe kam, stand Terese da, und
schluchzte. Er drückte ihr die Hand, und ging schweigend die Treppe hinunter.
Xaver nahm von seiner Schwester Abschied; Kronhelm vom alten Siegwart. - Nun,
Terese! - sagte dieser. Sie ging zu Kronhelm; umarmte ihn, gab ihm drei Küsse,
sprach kein Wort, und ging weinend ins Haus zurück. Die beiden stiegen in den
Wagen und fuhren fort.
                            Ende des ersten Teils.
 
                                    Fussnoten
1 Jetzt ist der ganze Messias vollendet, und entält zwanzig Gesänge. Anmerkung
des Herausgebers.
2 Die Gewohnheit zu kreuzigen, die so vielem Missbrauch unterworfen war, ist
jetzt auf Befehl der Kaiserinn in den österreichischen Landen abgeschafft.
Anmerkung des Herausgebers.
 
                                 Zweiter Teil.
 Kronhelm war lange, wie betäubt; Er sah aus dem Kutschenschlag hinaus, und doch
sah er nichts, und fühlte nichts von dem Reiz der Gegend, über der sich nach und
nach der Himmel aufklärte, und die, vom Regen erquickt, nun in hellerm Grün
prangte, und den süssen Duft der Pflanzen und der Blumen rings umher
verbreitete; Siegwart war auch traurig, und wollte seinen Freund nicht stören.
Endlich fieng dieser selbst zu sprechen an, und ging die schönen Tage wieder
durch, die sie mit einander durchlebt hatten. Deine Schwester, sagte er,
übertrifft doch alle Mädchen, die ich noch gesehen habe! Wenn sie mir nur
fleissig schreibt! Sonst wird mir der Aufentalt in der Stadt unerträglich
werden. - Sie stiegen wieder in dem Dorf, und vor dem Wirtshaus ab, wo sie
neulich gewesen waren. Ein Werber sass drinn, der eben einen Bauerkerl angeworben
hatte. Dieser machte grossen Lerm, und war betrunken; schimpfte auf seine
Mutter, die ihm sein Mädchen nicht habe lassen wollen; dann trank er auf die
Gesundheit des Kaysers, der Kayserin und seiner Katrine, und schmiss das Glas
beim Fenster hinaus. Endlich kam seine Mutter mit grossem Geschrei: Hanns, ists
wahr, dass du Soldat worden bist? Du Teufelskind, was hast du jetzt getrieben?
Wer hat dir den verfluchten Einfall eingegeben?
    Hanns. Du selbst, Mutter! hättest mir nur meine Dirne lassen dürfen! Ich hab
dirs immer gesagt. Nun ists zu spät. Vivat der Kayser und die Kayserin! Da trink
auch mit! Mutter. Geh mir weg mit dem Glas! Mir tuts Not, zu trinken! Du
gottloser Bub! Lässt mich nun allein sitzen und scharren. Wer soll nun 's Feld
bauen, und mich ernähren helfen? Gelt! nun soll ich verderben und Hunger leiden?
O, ich elendes, g'schlagnes Weib!
    Hanns. 's Jammern hilft nun nichts mehr, Mutter! Ich hab dir's vorher
gesagt; Aber wolltest immer nichts hören, wenn ich von Katrinen anfieng! Da
hattest du den Kopf drauf gesetzt, und lachtest mich nur aus, wenn ich vom
Soldatenleben sprach! Gelt, nun bin ichs?
    Mutter. Nun, so komm nur, Hanns! Sollst sie ja haben, wenns nicht anders
sein kann? Komm nur mit mir heim!
    Hanns. Ja, wenns der Herr haben wollte, bin ichs schon zufrieden.
    Werber. Ey, das bitt ich mir aus! Du must da bleiben, Hanns, hättest du das
ein paar Stunden eher bedacht! Jetzt gehts nicht mehr an.
    Mutter. Was? Ihr wollt mir meinen Sohn nicht lassen? Ist das auch erlaubt?
Er muss mirs Feld bauen! Ich bin ein armes Weib!
    Werber. Ja, das geht mich nichts an. Er ist selbst zu mir gekommen, und muss
mit mir fort.
    Mutter. Ich will ihm ja seine Katrine lassen! Er soll sie noch heut haben!
Komm nur!
    Werber. Fort! oder ich will euch was anders sagen! Er soll mit in Krieg!
    Mutter. In den Krieg, wo man d' Leute todt schlägt? Nein, das tu ich nicht!
Es ist mein einziger Sohn. Hab sonst keinen Menschen auf der Welt!
    Hanns. Lass sein, Mutter! 's hilft nichts. Ich muss halt schon mit fort!
    Mutter. Nein, du sollst nicht! sag ich. Ich will dich loskaufen. Was muss ich
für ihn geben?
    Werber. Hundert Taler, und 'n andern Kerl dazu, von seiner Grösse!
    Mutter. Hundert Taler? Lieber Gott! hab keine hundert Kreuzer! wenn ich
auch mein Aeckerlein verkaufen wollte, würd ich doch keine 70 Gulden draus
lösen. Ach lieber Herr Feldwaibel! Hab er doch Mitleiden mit einer armen Frau!
Ich will ja gerne hundert Rosenkränze für ihn beten.
    Werber. Was hilft mir das? Und, wenn ihr zweihundert für mich betet! Wir
müssen Leut haben, und da ist uns euer Sohn eben recht. Er gibt 'n guten
Flügelmann.
    Mutter. Ach du lieber himmlischer Vater! Ist denn gar keine Barmherzigkeit
mehr auf der Welt? - Hanns, Hanns! das wird mich noch vor der Zeit ins Grab
bringen.
    Hanns. Nun, Mutter, mach mir 's Herz nicht weich! Ein Soldat muss Kourage
haben! 's tut mir leid; aber du hasts nicht anders haben wollen. Grüss mir
Katrinen! Ich werd sie doch nicht mehr sehen. Das arme Ding wird sich wohl zu
todt heulen. Aber ohne sie hätt ich doch nicht im Dorf leben können. Jetzt ists
besser, 'n Kugel vor den Kopf! - So gehts, wenn ihr Leut alles besser wissen
wollt! - Da hast zwölf Gulden von meinem Handgeld. Verbrauchs g'sund!
    Indem kam Katrine mit Heulen und Schreien in die Stube, und fiel ihrem
Hanns um den Hals. Hanns! Gelt, 's ist nicht wahr? Wirst nicht Soldat? Kannst
mich nicht verlassen? - Was? hast 'n Federbusch schon aufm Hut? Geh! wirf ihn
zum Teufel! Du bist mein, und sollst mein bleiben! - Lieber Hanns! sieh mich
doch an! Gelt du bleibst hier?
    Hanns. Ja, Katrine ich wollts gern! Aber 's geht nun nicht mehr an.
    Katrine. Was sagst? 's geh nun nicht mehr an? Nun, so geh ich mit dir, wo
du hin gehst! Ohne dich kann ich nicht sein! Wir wollen uns mit einander todt
schiessen lassen.
    Werber. Das geht auch nicht an. Ihr müsst hier bleiben! Macht nur bald ein
End! Wir müssen weiter; müssen diesen Morgen noch nach Güntzburg!
    Katrine. So? Ihr wollt mich nicht mitnehmen? Wollt mir meinen Hanns nicht
lassen? - Ich kann auch Soldat werden! kann auch 'n Flint tragen, und mich todt
schlagen lassen! Ich muss mit! Oder ich kratz dir die Augen aus, du alter,
schwarzer Kerl!
    Kronhelm (ging zum Werber, und sagte) O, ich bitte Sie, Herr Sergeant! Sein
Sie doch auch menschlich! Lassen Sie das arme Mädchen mit!
    Werber. Ja, Herr! ich wollt schon; aber was hilfts? Wenn wir zum Hauptmann
kommen, so lässt er sie wieder fortjagen. Wir können im Feld nicht so viel Bagage
brauchen. Unser Hauptmann ist gar streng.
    Katrine. Sei ers auch! Er wird doch ein Mensch sein! Und wenn er auch ein
Tyger wär, ich wollt ihm 's Herz weich machen.
    Werber. Nun, meintwegen wohl! Bis nach Güntzburg könnt ihr schon mitlaufen.
Mögt dann sehn, wies weiter geht!
    Katrine. Ja, ja! Das will ich schon sehn! - O, Hanns! Nun ist mir wieder
wohl. Hör! nun will ich g'schwind zu meinem Bauern, und mir meinen Lohn geben
lassen, und mein Bissel Sach' einpacken! (Sie ging weg.)
    Werber. (ihr nachrufend) Macht nur kurz! In einer Viertelstunde müsst ihr
wieder da sein! Wir müssen fort! - Der Hauptmann wird ihrs schon sagen! -
    Kronhelm. Ich kenn' Ihren Hauptmann auch, und komm noch heut nach Güntzburg;
da will ich gleich mit ihm reden.
    Werber. Ja, wenn Sie ein Vorwort einlegen, dann kanns gehen, aber sonst
nicht!
    Hanns (zu Kronhelm) O Herr, vergessen Sies ja nicht, und gehn Sie heut zum
Hauptmann! Sie sind auch gar zu brav! - Heh, Mutter! 's Weinen hilft nun nichts.
Bet fleissig für mich! Vielleicht komm ich doch einmal wieder! Ich hab nur auf 5
Jahr akkordirt.
    Mutter. Ja, da werd ich wohl im Grab sein! Das Herzeleid hättest mir nicht
antun sollen, Hanns! Gott verzeih dirs! Wenn das dein Vater dacht hätt! - Ich
war auch verblendet, dass ich dir das Mädel mit Gewalt nicht lassen wollt; aber
ich dacht eben nicht, dass du gleich so oben 'naus sein würdest. - Ich hab schon
viel Kreutz g'habt, aber das ist 's grösst, das ich wohl nicht überleben werd. -
Hättest so ruhig in unserm Hüttlein leben können! Nun muss ich allein drinn
schmachten! - O Hanns, Hanns! Wenn ihr Leute dächtet, was ihr euren Eltern für
Kummer macht! 's ist ein Elend, eine Mutter zu sein! -
    Sie jammerte noch immer so fort; Endlich kam Katrine mit einem Bündel
Kleider. Der Werber führte Hanns bald darauf fort, weil er fürchtete, die Bauern
möchten zusammen laufen; die Mutter hieng sich ihrem Sohn an den Hals, und
wollte ihn nicht loslassen. Endlich musste sie; heulte jämmerlich, und schlug die
Händ über dem Kopf zusammen. Sie wollte noch mit vors Dorf hinaus, aber der
Werber, der den Lärm fürchtete, gab es nicht zu. Kronhelm versprach es Hanns
noch einmal, beim Hauptmann für ihn und seine Katrine zu sprechen. -
    Nach einer halben Stunde fuhren Kronhelm und Siegwart auch wieder weiter.
Sie sprachen viel über den Rekruten, und seine Mutter. Das muss ein schreckliches
Leben für die beiden sein, sagte Kronhelm, wenn sie getrennt wären, und das
Mädchen keinen Augenblick wüsste, ob nicht ihrem Hanns der Kopf gespaltet, oder
eine Kugel ins Herz geschossen würde? So ist sie doch um ihn, und kann ihn
warten, wenn er verwundet wird. Der Hauptmann lässt sie gewiss beisammen, ich
kenne ihn von meinem Vater her; und der Kerl ist gross; denen sieht man schon
nach, wenn sie Weiber haben; sie gehen dann auch weniger durch. -
    Nach andertalb Stunden trafen sie den Hauptmann auf einem Spatzierritt an.
Kronhelm trug ihm sogleich seine Bitte wegen Hanns vor. Ich habe den Kerl dort
angetroffen, und sein Mensch auch, sagte der Hauptmann. Sie fiel mir gleich zu
Füssen, und bat, dass sie mit in Krieg dürfte. Ich versprach ihr nichts Gewisses,
denn man sieht die Weibsleute im Feld nicht gern; sie hindern nur auf dem
Marsch. Aber zuweilen macht man wohl eine Ausnahme; und weil Sie auch für den
Kerl bitten, und er schön und gross ist, so will ichs so mit hingehen lassen.
Wenn ich einmal auf Ihr Schloss komme, so beding' ich mir eine Bouteille
Burgunder dafür aus. Herzlich gerne, sagte Kronhelm, und nahm von dem Hauptmann
Abschied. - Er war nun recht froh, dass er etwas zur Vereinigung dieser beiden
Leute mit beigetragen hatte, und dachte nun mit desto grösserm Vergnügen, aber
auch mit grössrer Wehmut an seine Terese. Siegwart musste ihm tausenderlei
kleine Geschichten von Teresens Kindheit erzählen; manche gefielen ihm so wohl,
dass er sie sich zwei-und dreimal erzählen liess.
    Endlich kamen sie auf ihrer Schule wieder an. Kronhelm gab dem Kutscher ein
paar Zeilen mit, die an den Amtmann und an Teresen zugleich gerichtet waren,
und bloss die Nachricht von ihrer glücklichen Ankunft, und Danksagungen für die
viele genossene Freundschaft entielten. Sie giengen dann sogleich zu ihrem
lieben P. Philipp, der sich herzlich über ihre Ankunft freute. Sie mussten ihm
sehr viel von ihrer Landlust erzählen. Kronhelm vermied es sorgfältig, Teresens
Namen zu nennen, oder nur entfernt von ihr besonders zu reden, weil er sich zu
verraten fürchtete; denn die erste Liebe ist mehrenteils sehr furchtsam und
zurückhaltend. Nach etlichen Tagen fiel aber P. Philipp selbst auf die
Vermutung, dass er verliebt sei; denn er war so still, und verfiel oft auf
Einmal in ein tiefes Nachdenken, und sah aus, als ob er weinen wollte. Unserm
Kronhelm muss was wichtiges begegnet sein, sagte er, und wandte sich zu Siegwart;
Er ist seit der Reise ganz verändert. Ich weis nicht, antwortete Xaver; und
Kronhelm ward feuerrot. - Nein, -es fehlt mir nichts, sagte er; ich weis nicht,
wie Sie darauf kommen? Aber gewiss, es fehlt mir nichts! - Nun, nun, ich hab auch
kein Recht zu Ihren Geheimnissen, sagte P. Philipp; wenns nur nichts schlimmes
ist, was die Veränderung hervorbrachte. Kronhelm ward so verwirrt, und
entschuldigte sich so viel, dass er sich zuletzt selbst verriet, und mit vielen
Umständen und weit hergeholten Wendungen dem Pater das ganze Geheimnis
entdeckte. Das ist ja was gutes, und unschuldiges, sagte Philipp, und braucht
der Beschönigungen gar nicht. - Ja, ich weis wohl, sagte Kronhelm; aber es wird
mir so sonderbar zu Mut, wenn man davon spricht. Es ist gewiss um die Liebe die
unschuldigste Sache, der man sich mehr zu rühmen, als zu schämen Ursache hat;
aber es hält einen immer so was zurück. - Das kommt von der Erziehung her, sagte
Philipp. Nun, ich wünsch ihm von Herzen Glück; denn ich hoffe, dass er nicht so
auf Geratewohl gewählt hat; und was ich bisher von Teresen gehört habe, bringt
mir die beste Meinung von ihr bei. Sie muss ein frommes, unschuldiges und
liebenswürdiges Geschöpf sein, das vor Tausenden den Vorrang hat. Nur Eine
wohlgemeinte Warnung kann ich nicht zurückhalten, und Er wird mir sie nicht übel
nehmen! Mach Er die Liebe nicht zur Haupttriebfeder seiner Handlungen, und
vergess Er seine übrige Bestimmung nicht drüber! Dies ist der gewöhnliche Fehler
bei jungen Leuten. Sie glauben nur für ihr Mädchen allein geschaffen zu sein,
und gegen die übrige Welt weiter keine Pflicht zu haben. Bei Ihm fürcht ich das
nun weniger. Die Liebe sollte uns am meisten zur Vervollkommung unsrer selbst
antreiben. Denn je mehr Vorzüge und innre Vollkommenheiten wir haben, desto
glücklicher können wir einst den geliebten Gegenstand machen. Durch Kenntnisse
und Wissenschaften bahnen wir uns den Weg zu Ehrenstellen, ansehnlichen Aemtern
und Besoldungen; und dann können wir erst mit gutem Gewissen einem Frauenzimmer
unsre Hand anbieten. Er kann zwar auch ohne Aemter leben; aber es ist doch
besser, wenn man zu allem geschickt ist. Kronhelm dankte für den Rat, und
versprach, ihn zu befolgen. Er fühle sich jetzt, sagte er, zu allem stärker;
alles sei ihm leichter. Er liebe die Menschen mehr. Sein Herz sei weicher und
mitleidiger geworden, und das Schicksal eines jeden Menschen, besonders eines
leidenden lieg ihm weit näher am Herzen, als sonst.
    Gleich den Tag nach seiner Ankunst hatte Kronhelm einen ziemlich
weitläuftigen Brief an Teresen, und auch einen an ihren Vater geschrieben, und
ihn dem Boten mitgegeben. Er wartete nun mit Verlangen auf den Sonnabend, da
der Bote wieder kommen sollte. Er zählte alle Stunden bis dahin, und lief am
Sonnabend sogleich nach dem Hause, wo die Briefe gewöhnlich abgegeben wurden.
Der Bote war da gewesen, und hatte keinen Brief mitgebracht. Der sonst gelassne
Kronhelm ward durch diese Nachricht wie rasend, knirschte mit den Zähnen, und
stampfte auf den Boden. Nun so wollt' ich, dass ich die Welt zertrümmern könnte!
rief er, und alles, was drinn und drauf ist! - Keinen Brief? Und sie hat mirs so
teuer versprechen? - Nun so trau mir einer mehr den Menschen, und zumal den
Mädchen! - Alles, alles ist nichts! Ist Tand! Ist abscheulicher Betrug! - O ich
Tor, dass ich so drauf baute! Den Kopf möcht ich mir einrennen! - Das verfluchte
Geschlecht!
    So tobte er, und lief, ohne zu wissen, warum? vors Tor hinaus. Alles, was
ihm begegnete, war ihm zuwider. Die ganze Welt kam ihm vor, wie ein Narrenhaus,
und Zuchtaus. Jeder war ihm ein Narr, oder Bösewicht! Er kam an die Donau;
setzte sich ans Ufer nieder; scharrte den Sand mit seinem Stock auf, und stäubte
ihn ins Wasser. Gott! dachte er, auch Terese untreu! Auch die, auf die ich
alles gebaut hätte! O, wir Männer sind doch rechte Narren! - Er dachte hin und
her, was sie so schnell auf andre Gedanken könnte gebracht haben? Es war ihm
unbegreiflich; und doch hielt ers für ausgemacht gewiss. Er fand tausend
Ursachen, und verwarf sie wieder. Endlich hub er sich wieder auf, und ging nach
Haus. Siegwart war ausgegangen, um ihn auszusuchen. Nach einer Stunde kam er
wieder; Da ist ein Brief von meiner Schwester, sagte er. - Was? rief Kronhelm;
Willst du mich auch für einen Narren halten? Ich hab schon nach dem Boten
gefragt! Er hat nichts! - Da lis nur selber; sagte Siegwart. Der Bote hat mir
den Brief selbst eingehändigt, weils meine Schwester haben wollte. Kronhelm
brach den Brief mit Zittern auf, und riss ihn vor Ungeduld fast entzwei. Terese
schrieb so:
                           Bester, teurester Freund!
    Der vergnügteste Abend nach Ihrer Abreise war mir der, da ich Ihren lieben
Brief erhielt; vielen, vielen herzlichen Dank dafür, mein bester Freund!
Gottlob, dass Sie glücklich wieder angekommen sind! Meine besten Wünsche
begleiteten Sie auf Ihrer ganzen Reise; aber besonders machte mir der fatale
Weg, und der starke Regen viele Sorge. Ich freute mich recht für Sie, als der
Regen wieder nachliess.
    Also sind Ihre Lehrer nicht böse, wegen Ihres etwas längern Ausbleibens?
Nun, das ist mir sehr lieb; mir war schon recht bange dafür, und ich dachte, Sie
könntens gar darüber bereuen, dass Sie länger hier blieben; das wollt ich doch
nicht gerne!
    Ach, mein teurester Freund! oft denk ich noch an den traurigen Scheidetag
und an die letzte traurige Nacht. Dann seh ich noch immer den, mit schwarzen
Wolken umgebenen Mond, der uns gegenüber stand; dann hör ich noch immer den
rollenden Donner,und seh die schnellen Blitze. Alles war so feierlich! Erst
sinds acht Tage, und mir dünkts schon so lange! Jetzt sind wir ganz einsam, und
alles ist so stille, nun Sie nicht mehr hier sind!
    Am Tage nach Ihrer Abreise schrieb ich ein paar Lieder aus Kleist ab;
hernach hab ich im Hagedorn gelesen, den Sie mir geschenkt haben. Ich fand
vieles drinn, was mir gefiel; aber für mein Herz, das jetzt so viel verlangt,
hats zu wenig Nahrung. Sonst hab ich nichts gelesen. Teils hatt' ich nicht Zeit
dazu, teils nicht Lust; und dann haben Sie mich so ganz verwöhnt, dass ich fast
nichts mehr allein lesen mag.
    Einmal hab ich Besuch gegeben bei meiner Freundin, der
Postverwalterstochter; und den Abend ging ich am kleinen Bach spazieren, mit
meinem Vater, der so ganz für Sie ist. Wir sprachen recht viel von Ihnen.
Vorgestern war Hauptmann Nortern, aber nur allein, hier. Wir kamen oft auf Sie
zu sprechen; er hält sehr viel auf Sie, und ich bin ihm deswegen noch einmal so
gut. Wenn er nur oft käme, und von Ihnen spräche! Mir ist so wohl dabei, und so
bang. Ich wünschte immer, dass man davon anfienge; und fängt man an, so wünscht
ich wieder, dass ich weit davon wäre! Aber nachher freu ich mich doch immer recht
drüber.
    Von unangenehmen Dingen spricht man nicht gern; sonst könnt ich Ihnen viel
sagen, von den Spöttereien und Sticheleien, die ich von meiner Schwägerin
anhören muss; doch so etwas ist zu gering, sich darüber zu ärgern. Ich kann Ihnen
nicht mehr schreiben, weil ich recht viel wegen der Habererndte zu tun habe;
aber wenn das vorbei ist, so werd ichs gewiss nachholen. Ich habe Ihnen noch so
viel zu sagen, so viel! Aber ein Brief ist immer nur eine halbe Unterredung.
Leben Sie so glücklich, mein Teurester, als es mein stündlicher Wunsch ist!
Meine Seele ist oft bei Ihnen.
                                                                   T. Siegwart.
    Als Kronhelm diesen Brief gelesen hatte, ging er ans Fenster, und die
hellen Zähren stürzten ihm aus den Augen. Sein Herz machte ihm tausend Vorwürfe.
Gott! Was ist das für ein himmlisches Mädchen! dachte er; und was bin ich für
ein Kerl! Lauter Zärtlichkeit und Liebe! Und ich tat dem Engel Unrecht! Tat
ihm teuflisches Unrecht! - O vergib, vergib, Engel, wenn ichs wert bin! - Ich
habe vorhin recht gerast, sagte er zu Siegwart. Das ist was Entsetzliches um die
Liebe, wie sie mir dem Menschen umgeht, und so alles aus einem macht, was sie
will! Da wollt ich dir den Brief holen; es hiess, der Bote hab keinen
mitgebracht, und da wars, als ob ich auf Einmal ein ganz andrer Mensch wurde.
Ich raste, und hätt einen umbringen können, der mir in Weg gekommen wäre! Ich
sah und hörte nichts; oder, was ich sah, das war mir ärgerlich. Ich lief, wie
ein Unsinniger beim Tor hinaus; fluchte bei mir selbst, und hätte darauf
geschworen, deine Schwester hab mich schon vergessen! - Und nun schreibt sie mir
da einen so herrlichen und lieben Brief. O ich möchte mich vor den Kopf
schlagen, dass ich so ein Tollkopf bin, und ihr so Unrecht tat! - Da siehst du,
sagte Siegwart, dass der P. Philipp Recht hat: Man soll sich von der Liebe nicht
so ganz beherrschen lassen! Du bist seit der Zeit viel ungeduldiger und
auffahrender. Alles ärgert dich, wenns nicht immer gleich nach Wunsch geht. -
Freilich; sagte Kronhelm; aber hab nur Geduld mit mir, Bruder! Ich will mich
warlich bessern! Deine Schwester ist so ein sanftes, nachgiebiges Mädchen; sie
weis sich in alles so zu schicken; und ich bin so ein aufbrausender Kerl der
gleich mit dem Kopf durch die Wand will. O sie soll mich noch Gelassenheit und
Sanftmut lehren, oder ich wär ihrer Liebe nicht wert! Schreib ihr nur nichts
davon! Ich müsst mich schämen! - Da kannst du ihren Brief lesen. Es ist der
Wiederschein ihrer Seele. Die Zärtlichkeit hat ihr ihn selbst eingegeben.
Siegwart liess ihn auch den Brief lesen, den sie ihm geschrieben hatte. - Es ist
herrlich, wie das Mädchen schreibt! sagte Kronhelm; so natürlich und so wahr!
Man sieht doch gleich, was Natur ist! -
    Kronhelm und Siegwart schrieben nun wieder an Teresen und an ihren Vater.
Kronhelm ward oft sehr bewegt, und musste inne halten, so gegenwärtig stellte er
sich das Mädchen vor. Er konnte es nicht ganz lassen, und schrieb ihr doch
einiges von seiner Ungeduld, in die er über ihr vermeintes Schreiben geraten
war. Auf den Nachmittag schickten sie die Briefe fort.
    Den Sonntag darauf besuchten sie den jungen Grünbach, und erzählten ihm von
ihrer Reise. Seine Schwester Sophie kam, unter dem Vorwand, Musikalien zu holen,
auch aufs Zimmer, und blieb über eine Stunde da. Das arme Mädchen hieng mit
ihren Augen immer an Siegwart, und litt recht viel dabei, dass er so wenig auf
sie zu achten schien. Die Jünglinge sprachen viel von Klopstock, und als sie
Siegwarten mit solcher Wärme von ihm sprechen hörte, bat sie sich den Messias
von ihrem Bruder zum Lesen aus. Ihr Vater kam, und sie musste in den Laden hinab.
Der alte Grünbach erkundigte sich mit vielen Umständen bei Siegwart nach dem
Befinden seines Vaters und seiner Familie.
    Die Schulstunden wurden nun wieder angefangen, und die beiden Jünglinge
beschäftigten sich mehrenteils mit den Büchern; zumal, da man bei den
unbeständigen und rauhen Herbsttagen wenig mehr aufs freie Feld hinaus konnte.
Kronhelm liebte zwar die Wissenschaften sehr, und brannte vor Begierde, seine
Kenntnisse zu vermehren; aber der Gedanke an Teresen überraschte ihn alle
Augenblicke über den Büchern, und dann wars ihm unmöglich, weiter zu lesen. Er
fieng an zu phantasiren, stellte sich ihr Bild ganze Stunden ganz lebendig vor,
und hielt, wenn er allein war, laute Gespräche mit ihr. Sie schrieb ihm, wo
nicht alle 8 Tage, doch wenigstens alle 14 Tage gewiss. Sie wurden, auch in der
Entfernung, immer noch genauer mit einander verbunden. Sie liessen ihre Seele in
den Briefen reden; sagten sich ihre innersten Gedanken, und so entdeckte eines
immer mehr Vorzüge und Vollkommenheiten an dem andern. Kurz, sie waren das
glücklichste Paar, weil Tugend und Weisheit ihre Seelen an einander kettete, und
immer fester mit einander verband. Der alte Siegwart wurde, ohngeachtet der
Verschiedenheit der Jahre, Kronhelms warmer und vertrauter Freund. Er hielt
alles auf ihn, und wünschte nur, dass kein Unglück ihn von seiner Tochter trennen
möchte! Unsre Liebende vergassen der Gefahr, so bald sie ihnen aus den Augen
verschwand; freuten sich nur ihrer Liebe, und sahen nichts, als einen heitern,
unbewölkten Himmel vor sich.
    Siegwart, der auf der Schule, wegen seines Fleisses, immer weiter
fortrückte, liess sich diese Aufmunterung nur desto mehr anspornen, und vermehrte
seine Kenntnisse mit jedem Tage. Tibull und Properz, die man in der Schute las,
verfeinerten sein ohnedies zartes und richtiges Gefühl; er las sie sehr
fleissig, und schätzte besonders den Properz; aber nicht, wie gemeiniglich
geschieht, auf Kosten der Neuern. Er sah wohl, dass die Deutschen eben so gut,
und in den meisten Fächern weit bessere Dichter aufzustellen haben, wie die
Römer; besonders in Dingen, die mehr die Empfindung, als die Kunst betreffen. P.
Philipp lehrte ihn auf seinem Zimmer aus Freundschaft das Griechische, das auf
der Schule nicht getrieben wurde, und las mit ihm das neue Testament, die Fabeln
des Aesop und den Anakreon. Auf den Winter, versprach er, mit ihm den Herodot,
vielleicht auch den Homer zu lesen. Auch lieh er ihm einen Livius, und erklärte
ihm die schweren Stellen, über die er ihn befragte. Kurz, Siegwart war auf dem
rechten Wege, ein vernünftiger Gelehrter zu werden.
    Den Abend brachten sie entweder allein zu, und da musste Xaver mit Kronhelm
fleissig von Teresen sprechen; oder sie giengen zu P. Philipp, dessen Umgang
ihnen immer der liebste und lehrreichste war; Sie lasen, oder zeichneten mit
ihm, oder sprachen abwechselnd über ernstafte und muntre Gegenstände. Oder sie
machten mit Grünbach Musik, und kamen durch die Uebung merklich weiter. Siegwart
besuchte auch noch oft die L. Frauenkirche, und hörte da die Nonnen singen. Oft
traf er auch Sophien da an. Die schöne Andächtige gefiel ihm wohl. Er schätzte
sie wegen ihrer Andacht nur noch höher; aber doch fühlte er nicht das gegen sie,
was sie gegen ihn fühlte.
    In der Mitte des Winters, als Kronhelm einst an einem heitern Tage mit
Siegwart spazieren gegangen, und nach dem langen Stubenhüten ausserordentlich
vergnügt gewesen war, fand er, bei seiner Nachhausekunft auf des P. Philipps
Zimmer einen Brief, den sein Vater durch einen eignen Boten hereingeschickt
hatte, folgenden Inhalts:
                                Verfluchter Son!
    Hol Dich der Teufel mit Deinem ganzen Hurenpack! Da hast Du 'n rechten
Hundestreich gemacht. Bist denn gar ein Narr? Was treibst mit des Amtmanns
Mädel, der unadelichen nichtsnutzigen Kanale? Hör Kerl, Du bist keinen Schuss
Pulver wehrt - hol mich dieser und jener, Mann sollt Dich todtschlagen, wie
einen Dags. Ich hab mir g'ärgert, dass ichs Zibberlein trügen tät, sonst wär ich
selbst komen, und hätt Dich todtg'schlagen. Invamer Kerl, dass Du Dich so
wegwerfen tust, als ob Du von einer Bürgershur herkommen tätest! Ich muss mich
ja ob Dir schamen wo ich hinkomm. Aber ich schwör Dir bei Godd, dass, wenn Du mir
noch Augenblikk an das Burgersmädel denken tust, so reit ich weck, und wenn ich
keinen Fuss hätt, und schiess Dir nieder, und schlag Dich dann mitn Flintenkolben
follendts tod. Lass Dirs nur nit einfallen, dass Du noch 'n Buchstaben an sie
schreibst, oder Du bist, meiner Seel! des Teufels. Ich habs 'm Amtman dem Kerl
schon g'sagt, und seiner Dirn auch, 's kostet Dir und ihm und ihr 's Leben.
Solang ich auf Godds Erdboden bin, sollst Du nicht mit ihr z'samen kommen, und
wenns die ganz Welt hahn wollt. Ich reiss euch von einander, und sollts mit den
Zähnen sein. Da hast Du mein Wort. So wahr ich 'n alter Edelmann, und sie 'n
kahle Amtmansdirn ist. Verteufelter Son, das heisst 'm alten Vater Herzleid
antun. So hats noch keiner g'macht seit vil dausend Jahren, seit 's Kronehelm
geben hat, und Du muest grab anfangen, und willt doch mein Son sein? Ja 'n
Teufelskerl bist, und kein Gaballiers Son. Ich sag Dirs, wenn Du noch a Zeil
schreiben tust, so must Du sterben, und wenn Du auch am Himel hangen tätest,
Du must mir runter; und 's Mädel zerreiss ich mit den Nägeln, das merk Dir! Lass
mir ja kein Wort hören, und wenn Du nur Mukker gegen mir tust, so schick ich
drei Kerl zu Dir, die sollen Dich lebendig oder tot zu mich bringen. Da sollt Du
Deine liebe Not haben. Braten will ich Dich, wie 'n Hasen, Lauskerl Du! Ich hab
meine Spijon, Einen Buochstaben, und Du bist hin, und Deine Hur auch. Ich hab
mir g'ärgert, dass ich nicht mer schreiben kann. Du weist noch nit, wie ich bin,
wenn ich wild werd. Schwör mir heilig, dass Du nit mer an sie dencken, und noch
minder schreiben willt, sonst sind auf d' Woch die drei Kerl bei Dir, und holen
Dich, und ich lass Dich schliessen, und beim Mädel forbei führen, und sie mit der
Kugel vor den Kopf brennen, dass sie verrecken muss, wie 'n ang'schossnes Tier.
Schreib mirs nur gleich, oder du lebst keine 6 Täg mehr, das schwör ich dir bei
allen Teufeln.
                                                                 Veit Kronehelm.
    Kronhelm stand, wie vom Blitz getroffen da, als er diesen Brief gelesen
hatte. Er ward blass, und zitterte an allen Gliedern. - Da, lies! sagte er zu
Siegwart, ging einigemal auf und ab; blieb oft plötzlich stehen, als ob er
nach, dächte, und konnte doch keinen Gedanken halb ausdenken. - Hasts gelesen?
Nicht wahres ist schön? Ich bin ein rechtes Glückskind! - O ich wollte! - der
verdammte, höllische Adel! - Aber, ich wollte nicht nachgeben! - Sprich! Was
denkst du denn? Stehst ja da, wie ein Klotz!
    Siegwart. Ich weiss nicht, was ich sagen soll? Es ist schrecklich! Ich
bedaure dich von ganzem Herzen.
    Kronhelm. So? Weiter nichts?
    Siegwart. Was kann ich sonst tun?
    Kronhelm. Was weiss ich? Mir raten! Oder mich todtschlagen, wenn du willst.
    Siegwart. Ich bitt dich um Gotteswillen, Kronhelm! Du must dich mässigen!
    Kronhelm. Du bist ein Narr! - Aber, halt, Siegwart! Nicht wahr? ich tu dir
Unrecht?
    Siegwart. Ja, das dächt ich auch.
    Kronhelm. Nu, so verzeih mir! Du weist schon, wie's ist; ich kann nicht
dafür. - Sag, Brüderchen, was muss ich anfangen? Sags doch! Ich weiss ja nicht -
    Siegwart. Du must deinem Vater schreiben, denk ich.
    Kronhelm. Nun ja, schreiben! Und was denn?
    Siegwart. Dass du mit meiner Schwester nichts mehr -
    Kronhelm. Was?
    Siegwart. Dass du nichts mehr mit ihr zu tun haben wollest.
    Kronhelm. Bist du vom Teufel, Kerl?
    Siegwart. Bessers weiss ich nichts.
    Kronhelm. Nun, so pack dich zu allen Henkern! - Den Rat kann mir nur mein
Todfeind geben! Aufsetzen will ich mich, und zu meinem Vater hinausreiten! Das
will ich tun, Kerl!
    Siegwart. Ich kann dirs nicht raten.
    Kronhelm. Und warum nicht, Memme? Glaubst, er werd mich gleich
niederschiessen? Lass ihn nur! Das wär mit eben recht! So käm ich auf einmal von
der verdammten Welt weg!
    Siegwart (schwieg, und sah seinen Freund mitleidig an.)
    Kronhelm. Gefällt dir das nicht? - Was soll ich denn tun?
    Siegwart. Ich habs schon gesagt.
    Kronhelm. Schreiben? - Aber denk: Mein eignes Todesurteil!
    Siegwart. Traurig ists genug! Du kennst aber deinen Vater, und hast seinen
Brief noch nicht genug gelesen.
    Kronhelm. Ja, ich habs! Sonst wär ich nicht so rasend! - Jesus, Maria! Was
soll ich anfangen? - Gibts denn gar kein andres Mittel? - Sag doch! Bist mir ja
sonst immer gut gewesen.
    Siegwart. Bins auch noch; mehr als du glaubst. - Aber ich weiss nichts
bessers. Bedenks nur selber!
    Kronhelm. Ja, was bedenken? Ich kann nicht, sag ich dir! - Und so sollt ich
meinem Vater schreiben? - Sollt Teresen ausgeben? - Gott, wie kann ich das?
    Siegwart. Es kann sich ändern.
    Kronhelm. Was, ändern! Es kann nicht, sag ich! - Terese! Terese! Dich
aufgeben? - Und wie kann sichs ändern? Sprich doch!
    Siegwart. Dein Vater könnte sterben; oder sonst so etwas - Kronhelm. Ja, der
stirbt nicht! - Grosser Gott! was ich da für Gedanken habe! - Ja, wenn er
stürbe! - Wenn er aber auch nicht stürbe ...?
    Siegwart. Du hast doch indessen eine Ausflucht. Sonst hast du gar keine.
    Kronhelm. Gar keine! - Das ist schrecklich! - Bei Gott! schrecklich! - Kann
ich ihm denn sonst gar nichts schreiben?
    Siegwart. Ich weiss nichts, wenn du seinem Zorn entgehen willst, und wenns
nicht meine Schwester und mein Vater mit entgelten sollen.
    Kronhelm. Wie das?
    Siegwart. Er droht ja, dass er sie umbringen will. Hasts nicht gelesen?
    Kronhelm. Ja, das ist wahr! Ja, ich muss schreiben; Siegwart, ich muss!
    Siegwart. Aber nur behutsam, Bruder! ich bitte dich. Wenn du trotzen willst,
so gehts nicht. Jetzt must du nachgeben, so viel du kannst.
    Kronhelm. Ja, wenn man nur so könnte. Denk einmal, in so was nachgeben! -
Hätt er nur nicht Teresen gedroht! Mir mocht er drohen wie er wollte! Ich achte
nichts. - Aber ich weiss, wie er ist; sie wär nicht sicher vor ihm. - O ich weiss
nicht, was ich noch anfange? - Wärs nur nicht mein Vater! - Gott! was wird deine
Schwester sagen! - Ich halts nicht aus, Bruder. Sterben, oder mein sein! - Ja,
ich will ihm schreiben, dass ich nicht mehr an sie schreiben will. Das kann ich
wohl. Sie ist ja doch mein; ich ja doch ihr. Ja, ich will ihm schreiben. Gib nur
Dinte her! Wo ist der Schandbrief? Gott verzeih mirs! Aber 's ist so! Gib nur
her Papier und Dinte.
    Siegwart. Bruder, du kommst mir ganz sonderbar vor. Jetzt auf einmal so
nachgiebig, und eben vorher noch so heftig! Ich kann mich in dich nicht finden.
    Kronhelm. Ich mich auch nicht, gib nur her!
    Siegwart. Aber du must mich den Brief erst sehen lassen. Nicht?
    Kronhelm. Ja freilich! Gib nur her! (Er schreibt) »Lieber Papa!« Ja, es ist
nicht wahr. - »Ihr nicht mehr schreiben will.« Das ist fürchterlich! - Da! Ich
kann nichts bessers schreiben. Lis nur! - Nun, gefällt dirs? Kann ichs anders
machen?
    Siegwart. Nein; es ist gut. Ich hoffe, das soll ihn beruhigen! -
    Kronhelm. Ja, ihn! Aber auch mich! Solls auch mich beruhigen? - Gib her! Ich
wills wieder zerreissen, den verdammten Wisch!
    Siegwart. Lass doch, Bruder! Du kannst Einmal nichts anders schreiben. Denk,
dass du Teresen dabei schonst!
    Kronhelm. Nun so seis! Siegl' es zu! Ich mag mit dem Quark nicht länger
umgehn!
    Siegwart siegelte den Brief zu, und erbot sich, ihn des Junker Veits
Bedienten zu bringen; denn er fürchtete, Kronhelm möchte den Brief wieder
zerreissen. Dieser blieb indessen allein auf dem Zimmer, und verwünschte sein
Schicksal. Bald war er wild und heftig, bald wieder wehmütig, und zum tiefsten
Schmerz herabgebeugt, wenn er an Teresen dachte. Siegwart kam bald wieder, und
nun besprachen sie sich über die traurige Geschichte; Kronhelm war nun äusserst
besorgt, was Terese zu seinem Betragen denken, und ob sie ihn nicht verachten
werde, wenn sie höre, dass er seinem Vater versprochen habe, ihr nicht mehr zu
schreiben? Siegwart beruhigte ihn aber wieder, indem er versprach, ihr die Sache
im Zusammenhang zu schreiben, und sie zu überzeugen, dass er, nach Erfordernis
der Umstände so habe schreiben müssen. Sie wird es selber einsehen, sagte er, da
sie nun deinen Vater selbst kennt. Und deswegen, dass du versprochen hast, ihr
nicht mehr zu schreiben, kannst du auch ziemlich unbesorgt sein, da ich ihr alle
Wochen schreibe; da kannst du mir ja alles in die Feder sagen, was du an sie
geschrieben haben willst; und so kann sie's wieder in den Briefen an mich
machen, dies beruhigte zwar Kronhelm etwas, aber doch nicht viel; und er
zitterte vor Teresens nächstem Briefe. P. Philipp, dem sie die Geschichte auch
erzählten, arbeitete sehr daran, unserm Kronhelm einen gesetzten Mut
beizubringen, denn er befürchtete nicht ohne Grund noch traurigere Auftritte. Er
hielt ihm, mit der grössten Rührung, die Pflichten vor, die er seinem Vater, der
Welt, Teresen und sich selber schuldig sei. Ich will, sagte er, das Verfahren
seines Vaters nicht entschuldigen; aber ganz Unrecht hat er doch auch nicht, dass
er sich einer Verbindung widersetzt, die ohne sein Vorwissen, und (wie Er
vorauswissen konnte) ohne seine Bewilligung mit einer Person eingegangen worden
ist, die sein Vater nicht kennt, und die von einem andern Stand ist, als er.
Zwar an sich betrachtet, ist der Stand nichts, aber in unsre jetzige bürgerliche
Verfassung hat er Einfluss, und man kann ihn nicht ganz aus den Augen setzen.
Mach er sich auf alles gefasst, und bedenk er dies zuerst, dass man durch
Heftigkeit und Unbesonnenheit immer am wenigsten ausrichtet. Wenn er das getan
hat, was ihm möglich war, und was er, ohne seine Pflichten zu verletzen, tun
konnte, dann überlass er das Uebrige der Vorsehung, die nie ohne weise Güte
handelt, wenn man sich ihr nicht selbst widersetzt. Es kann, so unglaublich es
ihm jetzt auch vorkommt, sein Glück sein, wenn er Teresen nicht kriegt. Wenn
ihr Besitz sein wahres Glück ist, so bekommt er sie gewiss. Stell er sich im
Voraus alles, auch das ärgste, was ihm begegnen kann, vor! So kommt ihm nichts
unerwartet, und sein Herz wird weniger erschüttert. Ich sage nicht, dass er die
Hoffnung ganz sinken lassen soll. Hoffnung nähre das Herz des Menschen, und ist
nur dann schädlich, wenn wir sie zu tief wurzeln lassen, und Gewissheit aus ihr
machen wollen. - Kronhelm hörte zu; er fühlte, dass der Pater Recht hatte, aber
die Wahrheiten waren ihm zu traurig; doch hielten sie ihn von der allzugrossen
Heftigkeit zurück.
    Zween Tage darauf kamen Briefe von Teresen und ihrem Vater. Kronhelm
erbrach sie mit Zittern und dem bängsten Herzklopfen. Sie schrieb ihm folgendes:
                               Teurester Freund!
    Ich schreib Ihnen mit dem kummervollsten Herzen, und mit nassen Augen den
letzten Brief in meinem Leben. Der vergangene Montag ist für mich der traurigste
und fürchterlichste Tag gewesen. Ihr Vater, den ich noch nicht kannte, kam mit
einem Edelmann und zween Jägern in unsern Hof angesprengt. Ich hörte ihn mit
Ungestüm nach meinem Vater fragen, und sah aus dem Fenster. Bist du die Hur?
rief er zu mir herauf. Ich wusste nicht, was ich aus dem Mann machen sollte? und
lief zitternd zu meinem Vater. Als wir hinunter wollten, kam Ihr Vater uns schon
auf der Treppe mit dem Edelmann entgegen. - Ist Er der Amtmann Siegwart? fragte
er. Ja, mein Herr! antwortete mein Vater, was befehlen Sie? - Nichts befehlen!
rief Ihr Vater, und kam die Treppe vollends herauf. - Er ist ein Schurke, dass
Ers weis! Er will meinen Sohn verführen! - Das ist wohl das saubre Mensch da,
(indem er sich zu mir wandte) an der er den Narren gefressen hat? Ein saubres
Tierchen! Mein Seel! - Und so fuhr er fort, und gab mir und meinem Vater Reden,
die ich mich schämen würde, niederzuschreiben. Kurz, er begegnete uns auf die
gröbste, beleidigendste Weise; sprach immer vom Einsetzen, Verführungen, Lumpen-
und Hurenpack, und drohte mit Mord und Todschlag, wenn ich mir einfallen lassen
wollte, seinen Sohn ferner zu infamiren, wie ers nannte. Ich stand da, und
dachte, ich müsste in die Erde sinken. Einigemal könnt ich mich nicht entalten,
ihm grobe Reden zu geben, als er meine Unschuld - das einzige, worauf ich stolz
bin - angrif. Der Junker, der mit Ihrem Vater kam, ist der niederträchtigste
Mensch, der mir auf die schimpflichste Art begegnete, und mich immer nur
Kanaille, und bürgerliche Gassenhure nannte. - Mein Vater, der auch hitzig sein
kann, wenn man ihn erst aufbringt, sagte Ihrem Vater, er möchte sich in Acht
nehmen, und mit solchen Beschimpfungen einhalten. Er sei ein ehrlicher Mann, und
ich ein ehrlich Mädchen; ich korresponoire zwar mit seinem Sohn, aber auf die
erlaubteste Art; er könn die Briefe selber sehen u.s.w. Ihr Vater wollte von dem
allen nichts hören, schimpfte unaufhörlich fort, und drohte, Sie und mich, und
meinen Vater zu erschiessen, wenn wir nur noch eine Zeile an einander schrieben,
oder einen Gedanken auf ein ander haben wollten. Mein Vater sagte, das woll er
wohl versprechen, dass ich nicht mehr an Sie schreiben, und weiter keine
Gemeinschaft mit Ihnen haben soll; aber die übrigen Beleidigungen woll er sich
auch inskünftige verbitten. Der andre Junker schlug ein lautes Gelächter auf.
Ihr Vater aber sagte: Nu Jobst, lass uns weiter! Vorjetzt hab ich gnug; aber noch
ein Brief, und - hier zog er eine Pistole hervor - die erste Kugel gehört dir,
Mädel! und die zweite ihm, Monsieur Amtmann! Merk er sichs! Mit diesen Worten
ging er wieder die Treppe hinunter, setzte sich aufs Pferd, und ritt mit seinen
Jägern davon.
    Sie können sich vorstellen, Teurer Freund! wie mir seit der Zeit zu Mute
sein muss. Das ganze Leben ist mir verhasst, die ganze Welt eine Einöde. Ich
schreib Ihnen diesen Brief auf Befehl meines Vaters, ders bei Ihrem Vater
verantworten will, wenn ers erfahren sollte. Ich soll von Ihnen Abschied nehmen
auf ewig! Gott, von Ihnen! und doch muss es sein! - Ich habe Sie geliebt,
Teurer, aber verkennen Sie mich nicht! Nicht aus Stolz, weil Sie von Adel sind.
Um des Adels Ihres Herzens willen, liebt ich Sie; lieb ich Sie noch! Das darf
ich sagen, denn ich sags ohne Absicht auf Ihre Hand. Ich hab auf ewig alle
Hoffnung von mir weggebannt. Es muss sein! - Leben Sie glücklich! Sie verdienen
es. Bleiben Sie mein Freund in Ihrem Herzen! Denken Sie zuweilen an das Mädchen,
das bald sterben wird! ... Ich habe mein Herz in Tränen ausgeschüttet, und
komme nochmals, Ihnen das letzte Lebewohl zu sagen. Künftig kann ich keine Zeile
mehr von Ihnen annehmen. Ich werd Ihnen jeden Brief unerbrochen zurück schicken.
Das hab ich zugesagt. Leben Sie denn wohl, auf ewig wohl, mein Teurester! Gott
stärke Sie, und belohne Ihre Tugend! ... Betrüben Sie sich nicht zu sehr! Sie
müssen andre Menschen, und ein besseres Mädchen glücklich machen, als ich bin
... Sagen Sie ihr einst, dass ich edel dachte, und Sie darum liebte ... Meine
Freundin kann sie auf dieser Welt nicht mehr werden, denn bis dahin bin ich todt
... Ich murre nicht gegen die Vorsicht; aber ich kann diese Last nicht tragen.
Mein Herz muss drunter brechen. - Leb wohl, Edelster und Besster! Im Himmel sehen
wir uns wieder, und freuen uns, dass wir geduldet haben ... Leb wohl! Siehst Du
einst mein Grab, so wein drauf! Ich verdiens! Der Engel der Liebe sei Dein
Schutzgeist! oder ich werds ... Mein Herz schlägt gewaltiger. Hier fällt eine
Träne hin, küss die Stelle!.. Schreib mir keine Zeile! Du würdest mich betrüben
... Nun das letzte Wort, das ich an Dich schreibe. Leb ewig wohl, Geliebtester!
und denk an Deine unglückliche
                                                                        Terese.
    Was Kronhelm bei Lesung dieses Briefs empfunden hat, lässt sich nicht
beschreiben. Jedes zärtliche und liebevolle Herz, das auch einmal gelitten hat,
denke sich noch Einmal in sein Unglück zurück! Fühle noch Einmal die Leiden
seiner Liebe, und wein unsern Edeln, mit mir, eine mitleidige Zähre!.. Er lehnte
sich ans Fenster, hüllte sein Gesicht ein, und war sprach- und tränenlos.
Siegwart weinte, und hatte den Brief, den seine Schwester ihm geschrieben hatte,
in der Hand. Kronhelm drehte sich schnell um, sah ihn mit unbeschreiblicher
Wehmut an; drauf warf er sich aufs Bette, hüllte sein Gesicht ins Kissen ein,
und blieb so eine Viertelstunde unbeweglich liegen. Lass uns vors Tor hinaus,
sagte er, ich muss Luft kriegen! Siegwart ging mit ihm, ob es gleich stark
schneite. Kronhelm wälzte sich im Schnee, und wollte da bleiben. Aber Siegwart
riss ihn mit Gewalt auf. Endlich fieng er an bitterlich zu weinen. Siegwart
sprach kein Wort, und weinte mit. Nun ist mir wohl, sagte Kronhelm, herzlich
wohl. Ich dachte, ich könne nicht mehr weinen ... Bruder, Bruder! In mir tobt
mehr, als Höllenqual. Terese ist hin für mich. Weist dus schon! - Ja, sie hat
mirs geschrieben, sagte Siegwart.
    - Hat sie das? Mir hat sies auch geschrieben. O, der Engel ist verloren!
Aber meinst du, dass das lange währen soll? Ich kann auch sterben, Bruder! Bei
Gott! ich kanns auch! - Ihr seid rechte Tröster, du und Philipp! Aber, ich
brauch ja keinen Trost! Der Tod hat so viel Trost; wird mir auch wohl welchen
geben! O, der Engel ist verloren! - So sprach er immerfort, ohne dass Siegwart
ihm ein Wort antworten konnte, als dass er ihn zuweilen mit Tränen und
einsylbichten Wörtern bedauerte. Sie giengen wieder nach Haus. Siegwart bat in
der Stille den P. Philipp auf sein Zimmer, weil er sich zu schwach fühlte, jetzt
bei seinem Freund allein zu sein. Philipp wusste ihm selbst wenig zu seinem Trost
zu sagen. Sein eignes Herz litt zu viel bei den Qualen seines jungen Freundes.
Er hatte selbst einmal unglücklich geliebt; und die Erinnerung aller seiner
vorigen Leiden kehrte wieder in sein Herz zurück. Kronhelm sprach wenig; er sah
immer mit seinen Blicken starr auf Einen Ort, und schien gar nichts mehr zu
fühlen. Zuweilen nur ward sein Körper durch einen hervorbrechenden Seufzer
ungewöhnlich stark erschüttert. Die ganze Nacht ächzte er, und Siegwart, der
nicht schlafen konnte, aber doch sich stellte, als ob er schliefe, hörte ihn oft
mit sich selbst, aber immer abgebrochen, sprechen. Er litt bei den Leiden seines
Freundes, und bei den Qualen seiner Schwester, deren tieffühlendes Herz er
kannte, unendlich viel. Den andern Morgen sass Kronhelm immer auf der Stube, und
schrieb; denn es war ein Sonntag. Siegwart störte ihn nicht, und schrieb
indessen an seine Schwester. Endlich gab ihm Kronhelm ein Blatt, und sagte: Ich
will deiner Schwester keinen Brief mehr schreiben, sie hat mirs verboten. Aber
nur um Eine Wohltat fleh ich dich; die must du mir gewähren. Schreib dieses
Blatt ab, es ist kein Brief, was ich geschrieben habe. Es ist mein letztes
Vermächtnis an Teresen. Schreib es ab, und legs in deinen Brief, ohn' ein Wort
davon zu schreiben! Versag mir diese letzte traurige Wohltat nicht! Siegwart
wagte es nicht, seinem Freund zu widersprechen, und schrieb folgendes ab:
    Stirb nur, Engel! Ich flehe Gott darum, und folg dir bald nach. Diese Welt
ist viel zu klein für Liebende. Wenn ich die Stern' am Himmel funkeln seh, so
denk ich: Einer von den Sternen allen wird doch einen Wohnplatz für die Liebe
haben. Du Gott, kannst dein Kind, dein herrliches Geschöpf, nicht ganz aus
deinem Weltgebäu verbannen. Ja, sie lachen mir lieblicher die Sterne. Dieser
Stern dort mit dem bläulichen und reinen Lichte winkt mir .... Stirb nur Engel!
sieh, er lacht uns .... Fall in Staub dahin, du schwache Hütte! denn du hast
genug geduldet. Hat dich nicht der Sturm des Lebens gnug erschüttert? ... Auf
mein Geist! und schüttle deine Tränen ab. Auf zum Stern mit dem bläulichen und
reinen Lichte! ... Die Natur ist todt; sie ist gestorben. Willst du länger hier
im Tal des Todes weilen? - Ach, Terese, lass uns eilen an den Ort, wo keine
Menschen sind! Denn der Mensch ist hart und grausam .... Weine nicht, du Teure!
Diese Nacht im Traume hab ich ihn gesehn, den Tod. Er ist ein hellleuchtender
Engel, und hat Palmen in der Hand zum Trost der Liebenden ... Und du weinst
noch? Sieh, ich lächle ja; der Engel mit den Palmen hat uns zugewinket, dir und
mir .... Wohlauf, ihr Menschen, raubt mir meine Liebe! Unter Engeln wohn ich.
Raubt mir meine Liebe!.. Warum wein' ich denn, du Teure? Kann doch die Natur
nicht weinen. Schau hinaus! Sie ist versteinert. Auch der Bach, der immer
weinte; auch die Donau steht versteinert da. Weine doch, o Donau, dass ich einen
Gespielen habe meiner Tränen!.. Wenig Tage noch, so sind wir hingewandelt, ins
Gefild der Liebe ... Duld, o meine Liebe! Sei getreu bis an das Ende! Sieh! ich
will getreu sein, bis ans Ende! Und du willst mir eine Freundin geben? Duld, o
meine Liebe! sei getreu bis an das Ende! Amen!
    Kronhelms Seele versank in die tiefste, düsterste Melancholie; sein ganzer
Karakter bekam eine andere Wendung. Er ward heftig, und auffahrend, und über
alles ärgerlich. Sein natürlich sanftes und gefälliges Wesen verwandelte sich in
eine mürrische, verdrüssliche Laune. Alles, was er sah und hörte, und die ganze
Welt ward ihm zuwider. Er verachtete das ganze Menschengeschlecht; nur den P.
Philipp und seinen Siegwart nicht. Aber der letztere stand doch sehr viel bei
ihm aus. Er konnte ihm nichts recht machen; jede Bewegung, die er auf dem Zimmer
vornahm, konnte seinen Freund vedriesslich machen, und er verzog die Minen
darüber. Wenn er lachte, war ihms nicht recht; wenn er traurte, auch nicht.
Siegwart trug alles mit der grössten Geduld, und gab seinem Freund in allem nach.
Zuweilen überfiel seinen Kronhelm schnell die Wehmut, dass er weinen konnte;
dann sprach er von Teresen. Siegwart konnte ihm wenig von ihr sagen, denn sie
schrieb nichts mehr von Kronhelm, aber immer traurig und wehmütig. Einmal
schrieb sie ihm: Die Ursache meiner Leiden ist unsre Schwägerin. Sie war einmal
bei uns, als ein Brief von dir kam. Ich übereilte mich, und brach ihn auf. Ein
versiegelter Brief von Kronhelm lag darin. Ich steckte ihn schnell ein, und
ward rot. Das hat sie vermutlich gemerkt, und an Kronhelms Vater geschrieben;
denn sie sagte gleich: Sie korrespondiren ja auch mit dem jungen Herrn von
Kronhelm? Ich konnte meine Verwirrung nicht verbergen, noch es ganz verhehlen. -
Kronhelm fieng von neuem an zu toben; dass eine solche Kleinigkeit an seinem
Unglück Schuld haben sollte. P. Philipp suchte ihn auf alle mögliche Weise zu
zerstreuen; aber es half wenig. Er nahm ihn oft, mitten im Winter, mit
spazieren. Das traurige Stillschweigen der Natur nährte nur seine Traurigkeit.
Er las in seinen Büchern nichts, als düstre, wehmütige Stellen. Die Musik
ergötzte ihn auch nicht mehr. Nur zuweilen phantasirte er in lauter Dissonanzen
und wimmernden Tönen. Die Einsamkeit war ihm das liebste, und sie lobte er
allein. Oft pries er unsern Siegwart wegen des Entschlusses selig, die Welt zu
verlassen, und sich in ein Kloster zu verschliessen. Das war gewiss ein weiser
und unglücklicher Mann, sagte er, der wie ich geliebt hat, der zuerst den
Einfall hatte, in eine Einsiedelei zu ziehen, oder sich durch Mauren vom
unseligen Menschengeschlecht abzusondern. Man muss aufhören, ein Mensch zu sein,
wenn man glücklich werden will! Ich wollte, dass ich alle meine Leiden mit dir in
einer Zelle vergraben könnte!
    Diese Reden, und das ganze Schicksal seines Freundes machte bei unserm
Siegwart den Gedanken ans Klosterleben aufs neue wieder zum alleinherrschenden
und angenehmsten. Er sah die Liebe als die grösste Feindin des
Menschengeschlechts an, und glaubte, sich nicht stark und früh genug vor ihr
verwahren zu können. Er dachte sich nur seinen P. Anton und die andern Paters,
wie ruhig und zufrieden die in ihren Zellen lebten. Er glaubte, die Liebe könne
sich der Klostereinsamkeit nicht nahen, und schmachtete recht darnach, bald in
diesem sichern Hafen einzuschiffen.
    Ostern rückte nun heran, an dem Kronhelm die Schule verlassen, und nach
Ingolstadt ziehen sollte. Er wäre gern noch länger in der Nachbarschaft
Teresens geblieben, ob ihn dieses gleich nichts half, und hatte deswegen auch
an seinen Onkel in München geschrieben; aber dieser fand nicht für gut, es ihm
zu erlauben; denn er hatte durch seinen Bruder Veit die Liebe seines Neffen
erfahren. Ob er gleich von Vorurteilen ziemlich frei war, so konnte er doch
Kronhelms Wahl nicht begünstigen, denn er hielt seine Liebe für eine
vorübergehende, aufbrausende Leidenschaft, und kannte auch das Mädchen gar
nicht, das er gewählt hatte. Die Entfernung, hoffte er, würde die beste Arzenei
für sein krankes Herz sein, und ihm bald seine vorige Heiterkeit und Ruhe wieder
geben.
    Kronhelm reiste also an Ostern ab. Sein Vater hatte zwar gewollt, er sollte
ihn vorher noch in Steinfeld besuchen, aber dies war ihm unmöglich. Er sah alle
die Vorwürfe voraus, die ihm sein Vater wegen Teresen machen würde, und wusste,
dass er dazu unmöglich still schweigen könnte. Er verachtete auch seinen Vater
wegen seiner rohen, unmenschlichen Seele, und wegen seines Betragens gegen ihn
zu sehr, als dass er nicht seine Gesellschaft soviel, als möglich, hätte
vermeiden sollen. - Bei dem herannahenden Abschied von seinem innigsten und
ersten Freunde, von dem Bruder seiner ewiggeliebten Terese, erwachte sein
ganzer Schmerz von neuem. Die ganze Zeit über, da er die Vorbereitungen zur
Abreise machte, war er wie betäubt; alles war tobt um ihn herum; dann überfiel
ihn plötzlich wieder eine Aengstlichkeit; er lief in einen Winkel, um allein zu
sein, und seine Tränen auszuschütten. Er erschrack, wenn er allein war, und
Siegwart ungefähr aufs Zimmer kommen sah, und Zähren schossen ihm in die Augen.
Den Tag vor seiner Abreise ging er zu Grünbach, um von ihm Abschied zu nehmen.
So viel er auch auf ihn hielt; so fühlte er doch nichts dabei und ward nicht im
mindesten bewegt. Unten in der Türe stand Sophie, um ihm auch ihr Lebewohl zu
sagen; sie weinte, und nun weinte er auf einmal mit, weil ihm seine Terese mit
aller Lebhaftigkeit einfiel. Er lief, so schnell er konnte, über die Strasse.
Dann nahm er von seinen Lehrern Abschied. Beim P. Johann ward er sehr bewegt.
Der kränkliche Mann wünschte ihm mit der herzlichsten Rührung allen Segen des
Himmels. Kronhelm dankte ihm für seinen Unterricht. Ich wünsche, sagte Johann,
dass meine Lehren auch bei Ihm Frucht bringen, und Ihn, wie mich, in Freud und
Leid erquicken mögen. Sie flossen aus reinem Herzen, und nie ohne vorhergehendes
Gebet, dass Gott sie segnen möge! Ich wünschte so gern alle Menschen, und
besonders meine Schüler, am meisten aber Ihn, mein lieber Herr von Kronhelm
glücklich, weil er so sittsam und rechtschaffen ist, und das wird man am ersten
durch Religion. Vergess Er also Gottes Wort und meine Lehren nicht! Ich werd oft
an Ihn denken, und für Ihn beten. Denk Er auch zuweilen an mich, und bet Er, dass
mich Gott ferner treu und geduldig in der Leidenszeit erhalte, die wohl nicht
mehr lange währen wird. Leb Er wohl! Gott segn Ihn! Hier gab er unsern, Kronhelm
die Hand; dieser küste sie mit heisser Innbrunst, und liess seine Tränen drauf
fallen. - Der Abend ward auf P. Philipps Zimmer sehr traurig zugebracht.
Kronhelm sprach fast gar nichts, und Siegwart auch nur wenig, denn auf beiden
lag die Last der nahen Trennung schwer. Philipp, der nun drei Jahre schon unsern
Kronhelm gekannt, und seine Seele täglich unter seiner Anführung sich hatte
vervollkommen sehen; der ihn, ob er wohl sein Schüler war, wie seinen Freund
liebte, der jetzt alle seine Leiden kannte, und voraus sah, dass sie sich nach
der Trennung von seinen Freunden noch verdoppeln würden, war selbst von allen
diesen Vorstellungen danieder gedrückt, und hatte Mühe, seinen tiefen Kummer zu
verbergen, um nicht seine jungen Freunde noch wehmütiger zu machen. Er nötigte
sie, etwas mehr Wein zu trinken, um ihre Traurigkeit in etwas zu zerstreuen, und
sie wurden wirklich um ein gutes munterer. Aber mit den Lebensgeistern wachte
bei Kronhelm das Andenken an Teresen auch wieder lebhafter auf; er nahm ein
Glas; stand auf; brachte Teresens Gesundheit aus; und trank; und Tränentropfen
fielen ihm in den Wein. Alle Hindernisse, sie jemals zu erhalten, schwanden vor
ihm weg. Er fühlte sich zu allem stark, und sagte, kein Mensch solle sie ihm
rauben. P. Philipp hatte sich dieser Wendung nicht versehen; er war gesinnt
gewesen, ihm noch etwas Lehren auf den Weg zu geben, sich in sein Schicksal zu
finden, und nach und nach ihr Bild aus seinem Herzen zu entfernen; aber er sah
wohl, dass dieses jetzt übel angebracht sein, und seine Leidenschaft mehr
erhizzen würde; er beschloss also, ihm lieber davon zu schreiben, da ohnedies
Briefe mehr Eindruck machen, als Reden, weil man sie öfter lesen, und die darin
entaltenen Ermahnungen mehr überdenken kann. Er bat Kronhelm, ihm zuweilen zu
schreiben, und versprach, es auch zu tun. Kronhelm nahm diesen Antrag mit
Freuden und Dankbarkeit an. - Um zehn Uhr nahmen sie von einander Abschied.
Beide sprachen wenig, weil Tränen ihre Reden erstickten. Gott sei mit dir, mein
Sohn! sagte Philipp, und umarmte Kronhelm. Dieser sah seinen Freund und Lehrer
noch einmal an, drückte ihm mit unaussprechlicher Empfindung die Hand, und ging
mit Siegwart schweigend weg. - Als er auf sein Zimmer kam, stand er ans Fenster,
sah stillschweigend den Mond, und die Donau, die in seinem Glanz dahin tanzte;
und überdachte alle das Gute, was er hier im Kloster, besonders von seinem
lieben P. Philipp genossen hatte. Siegwart stand am andern Fenster, und weinte.
Endlich fieng Kronhelm schweigend an, das noch nötige zu packen. Siegwart half
ihm. Es lag noch ein Buch auf dem Tisch. Willst du das nicht auch einpacken?
sagte Siegwart. Nein, es gehört dir, sagte Kronhelm, nimms zum Andenken! -
Siegwart schlug es auf. Es waren Gessners Idyllen. Vorne stand drinn:
Denk, o Lieber! Deines armen Freundes!
Stark, und heiss, und treu, wie Gessners
Schäfer, hat sein Herz geliebt;
Aber weine, Freund!
Ich werde sterben!
Denn ich liebte stark, und heiss, und treu!
Ach die Zeiten sind dahin,
Da ich glücklich war, wie Gessners Schäfer!
Weine, Freund! und denke meiner!
                                                                  K.W. Kronhelm.
    Als dies Siegwart gelesen hatte, drückte er seinen Freund mit heftiger
Bewegung an sein Herz, und weinte. O es muss dir wohl gehen; sagte er. Bleib nur
standhaft, und verzag nicht'. - Dank dir. Lieber! für das Andenken! Aber sters
bcn must du nicht! Schon dich, Lieber! Glaub, es kann dir nicht unglücklich
gehen. - Ich will dulden, sagte Kronhelm, schreibs auch Teresen, dass sie dulde!
Hör! ich kann dirs nicht veri schweigen, was ich vorhab! Ich fahre durch dein
Dorf. Es ist nur zwo Stunden Umweg. Vielleicht seh ich meinen Engel, und werd
auf Jahre lang gestärkt! Um Gottes und Maria willen, nicht! sagte Siegwart.
Willst du sie und dich ganz unglücklich machen? Ihr würdet wieder doppelt
leiden, wenn ihr aufs neu einander sähet. Und wenns meine Schwägerin erfährt,
und schreibts deinem Vater? Auch meinem Vater würd es sehr missfallen. Tu's um
Gottes willen nicht! - Nein, ick wills nicht tun, sagte Kronhelm weinend. Es
war nur so ein Einfall, der mir erst gestern Abend kam. Du hast Recht; ich kanns
nicht tun. Grüss den Engel! Segn' ihn tausendmal in meinem Namen! Schreib ihm:
Sei getreu bis an das Ende! Hier brach ihm wieder das Herz, dass er nicht weiter
sprechen konnte. - Siegwart überredete hierauf seinen Freund, sich drei oder
vier Stunden niederzulegen; denn um fünf Uhr war der Mietkutscher bestellt, der
ihn nach Ingolstadt führen sollte. Anfangs wollt es Kronhelm nicht tun, weil er
doch nicht schlafen könne; aber endlich gab er seines Freundes Bitten nach.
Siegwart sah indessen die vom Monde blasserhellte Gegend, war voll tiefer
Wehmut, und schrieb in ihr diese Verse nieder:
    An meinen Kronhelm, als Er mich verliess.
Die bange Scheidestunde naht
Mit allen ihren Qualen;
Der Mond beleuchtet ihren Pfad
Mit blassen Todesstralen.
Wo nehm' ich Mut, zu scheiden, her,
Dass nicht das Herz mir breche?
Schau du, o Gott, vom Himmel her,
Und blick auf meine Schwäche!
Leb wohl, du Teurer! Ach, ich kann
Dir keinen Segen geben.
Geh! Leb als Christ, und duld' als Mann.
Und blick ins bessere Leben!
Vielleicht, dass dir nach langer Nacht
Noch hier ein Morgen glänzet;
Vielleicht dass Liebe noch dir lacht,
Und dich mit Freuden kränzet.
Jetzt scheiden unter Seufzern wir,
Und treuen Herzenszähren;
Jetzt muss ich ohne Trost von dir,
Allein, zurücke kehren.
Doch kurze Zeit, so werd ich dich,
Geliebter, neu umfangen;
O möchtest du getröstet mich
Und froher dann empfangen!
Siegwart schrieb das Gedicht unter Tränen ab, und legte es auf den Tisch,
hierauf las er etwas im Gessner. Um vier Uhr wachte Kronhelm wieder auf.
Einigemal ging er schweigend im Zimmer auf und ab. Das Gedicht fiel ihm in die
Augen, er las es, und sank an die Brust seines Freundes. Wie kann ich dir dafür
danken, Xaver? sagte er. Nimms zum Andenken! antwortete Siegwart; ich hab nichts
bessers. Sei standhaft, Lieber! In einem Jahr bin ich wieder bei dir. Dann solls
besser mit dir stehen, hoff ich. - Ach, wie kann das? sagte Kronhelm. Wenn du
nur gleich mit mir reistest! Wie werd ich das allein aushalten können? Grüss mir
Teresen! Segne sie tausendmal! Sag ihr, dass ich ewig ihr gehöre, wenn ich sie
auch niemals wiedersehe! Sprich ihr Mut ein und Geduld! - Wie viel ist die
Glocke? Ich werd wohl bald fort müssen? Siegwart sagte, dass es noch eine halbe
oder dreiviertel Stunden anstehen könne. - Sie giengen mit einander auf und ab;
und sprachen wenig. Endlich kam der Torwart, und sagte, der Fuhrmann sei da.
Nun leb wohl, Liebster, Bester! sagte Kronhelm, und umarmte Xavern. Vergiss mich
nicht! Schreib mir oft! Sie hiengen lang an einander, und sprachen nichts. Als
sie an P. Philipps Zimmer vorbeigiengen, sagte Kronhelm: Grüss mir den lieben
Mann tausendmal! Segn' ihn tausendmal für alle seine Liebe! - An der Kutsche
umarmten sie sich noch einmal und schieden.
    Siegwart eilte auf sein Zimmer zurück, um seinem Schmerz freien Lauf zu
lassen. Er konnte sich kaum mässigen, rang die Hände, sprach und weinte laut.
Endlich warf er sich auf seine Knie nieder: Gott, du Vater aller! Segn' ihn!
Tröst ihn! Stärk ihn! Er ist der edelste, der beste Mensch. Segn' ihn! Stark
ihn! Tröst ihn! Ihn und meine Schwester! Mach die beiden glücklich! Ach, belohn
ihm alle Freundschaft, die er mir erwiesen hat! Vergib mir alle Kränkungen, die
ich ihm vielleicht, wider Willen, antat! Gott, vergib mir sie, und segn' ihn! -
O mein Freund, du Teurer! Warum must du mich verlassen? Gib mir ihn bald
wieder, Gott! Lass mich ihn bald wieder sehen! - Endlich warf sich Siegwart, vom
Wachen und vom Schmerz ermüdet, in den Kleidern aufs Bette, um noch ein paar
Stunden zu schlafen.
    Den andern Tag war die ganze Welt ihm öde, und ein unausfüllbares Leere war
in seinem Herzen. Er vermisste seinen Kronhelm immer, und wollte alle Augenblick
mit ihm reden. Des Abends vergass er sich oft selbst, und dachte, so oft er
jemand auf dem Gang vor seinem Zimmer gehen hörte, sein Freund komme nun. Dann
sah er seinen Irrtum; es fiel ihm ein, dass er ferne sei, und seine Wehmut
erwachte stärker. Er ging auf P. Philipps Zimmer, um ihm das letzte Lebewohl
seines Freundes zu sagen; die beiden brachen in sein Lob aus, erzählten alles,
was an ihm vortreflich war, mit Lebhaftigkeit nach einander her, und bedaurten
dann gemeinschaftlich ihren Verlust. Siegwart zeigte dem Pater den Gessner, den
ihm sein Freund geschenkt, und was er vorne hinein geschrieben hatte. - Ich
bedaure den armen Kronhelm, sagte Philipp! Er hat von der Liebe ganz unendlich
viel gelitten. Er ist ganz verändert, und so ungestüm und heftig geworden. Man
sieht, dass er doch vieles von seines Vaters Temperament haben muss. Seine
Einbildungskraft, die sonst zu schlummern schien, ist schrecklich aufgewacht.
Das traurigste ist, dass er alles so tief fühlt, und so fest in seinem Herzen
verschlieft. Die Liebe hat ihm eine tiefe Wunde geschlagen, und ich fürchte, dass
sie eher nicht, als durch den Besitz Teresens geheilt werden wird; aber dieses
ist so weitaussehend und unwahrscheinlich, dass er vorher drüber zu Grund gehen
kann. - Ja, und meine Schwester kanns auch, sagte Siegwart. Das arme Mädchen
leidet so viel. Alles, was sie schreibt, ist so düster und schwermütig. Und
dann schrieb sie mir auch neulich, dass sie kränkle und den Tod hoffe. Ich dürfte
das Kronhelm nicht sagen; er würde mit ihr sterben. Ach, die Liebe ist was
fürchterliches, sagte Philipp. Sie verzehrt die edelsten und besten Seelen.
Unter hundert Jünglingen und Mädchen, welche sterben, würde man immer, wenn man
ihre Krankengeschichten wüsste, zehen finden, die die Liebe getödtet, oder doch
um etliche Jahre dem Grabe näher gebracht hat. Hüt er sich, mein lieber Xaver!
so viel als möglich, vor dem Umgang mit Frauenzimmern! Man muss vorher Vorsicht
gebrauchen. Wenn man schon zu lieben anfängt, dann ist alle Flucht zu spät. Hüt
er sich, da er, nach seiner Bestimmung, nie glücklich lieben kann und darf!
    Siegwart ging auch wirklich deswegen weniger zu Grünbach, weil Sophie
allemal aufs Zimmer kam, wenn er da war. Doch glaubte er, hier, von seiner Seite
sicher genug zu sein, denn er fühlte keine Neigung zu dem Mädchen, ob er sie
gleich ihrer sittsamen Bescheidenheit, und ihrer tiefen, richtigen Empfindung
wegen, sehr hochschätzte. Die Einsamkeit, so sehr er sie auch liebte, war ihm
doch zuweilen unerträglich, weil sie ihn oft gar zu lebhaft und zu traurig an
seinen Kronhelm erinnerte; und die Liebe zur Musik, die er jetzt allein wenig
treiben konnte, rief ihn manchen Abend zu Grünbach. Sophie sass oft ganze Stunden
lang in einem Winkel da, hörte ihnen zu, und ward im Innersten bewegt. Siegwart
schrieb das der Musik zu, was die Liebe bei ihr tat. Doch war sie dabei so
ängstlich und zurückhaltend, dass sie ihm nie einen deutlichen und redenden
Beweis ihrer Liebe gab. Sie litt in der Stille, verzehrte sich in sich selbst,
und vertraute ihre Seufzer und Tränen nur der Einsamkeit. Sie erlaubte sich nur
selten einen Blick auf Siegwart, und zog ihn gleich wieder erschrocken zurück,
wenn er sie ansah. Er selbst war in der Liebe noch zu unerfahren, als dass ers
hätte merken sollen. Wenn sie am Klavier spielte und sang, so bebte ihre Stimme,
weil sie sich durch zu vielen Ausdruck zu verraten fürchtete. Zuweilen war ihr
Ton so wehmütig und schmelzend, dass Siegwart innigst dadurch gerührt wurde, und
da glaubte sie, er sei gegen sie nicht ganz gleichgültig; und dies nährte ihre
Liebe.
    Acht oder zehen Tage nach Kronhelms Abreise bekam Siegwart folgenden Brief
von ihm:
                         Einziger und liebster Freund!
    Frag mich nicht, wie ich lebe? Dein eignes Herz muss Dir antworten: bang und
elend. O Lieber! was ist doch des Menschen Leben? Schon so elend oft im Arm des
Freundes! Was ists ohne Freund? Wenn ich nicht eine Religion hätte, die mich
dulden lehrte, weil sie dem Dulder Kronen zeigt, so sucht' ich einen Ausweg. -
Dank Dir für Deinen lieben Vers, den ich hundertmal auf dem Weg hieher
wiederholte:
Geh! Leb als Christ! und duld als Mann!
Und blick ins bessere Leben!
Ich würde hier in Ingolstadt unzufrieden sein, wenn ich auch ein gesunderes Herz
mitgebracht hätte. Die Lage des Orts ist vedriesslich und bergicht. In der Stadt
sind lauter Mistaufen. Wir sind bisher immer in stinkende und ungesunde Nebel
eingehüllt gewesen. Man soll leicht Krankheiten davon kriegen. Das wäre noch das
beste, wenn mich eine suchen, und es enden mit mir wollte! Aber man sagt, der
Tod sei der Unglücklichen Freund nicht. Die Gesellschaften unter den Studenten
hier sind ekel, elend und mehr als einschläfernd. Die Leute können kaum deutsch.
Erbärmliches Küchenlatein wird überall gesprochen. Lass dichs ja nicht merken,
wenn Du hier bist, dass Du deutsche Verse, noch weniger von einem Protestanten
lesest. Dies wäre schon genug, Dich lächerrlich zu machen, und zum Ketzer. Ich
wäre bald um meine deutsche Bücher und um meinen Klopstock gekommen. Ein
Student, der mich besuchte, sah, dass vorn' auf dem Titel: Halle stand. Das ist
ja wohl bei den Ketzern, sagte er. Ja, antwortete ich, Halle ist ein
protestantischer Ort im Preussischen. - So lassen Sie ja das Buch nicht
öffentlich sehen! sagte er ganz ängstlich; das würd Ihnen gleich weggenommen
werden. Man ist hier gar scharf. So, sagte ich, denket man hier so? und schnitt
das Titelblatt heraus; und so hab ichs auch mit meinen andern Büchern gemacht.
Brauch diese Vorsicht auch, mein Lieber! - Du kannst aus diesem wenigen sehen,
wies hier aussieht? Beim alten und beim jungen Herrn von Ickstatt hab ich
Aufwartung gemacht; das sind noch Leute, die billig und vernünftig denken. Aber
der junge Herr hat auch auf einer reformirten Universität, ich denk, in Marpurg
studirt.
    Wann nur Du hier wärest, Lieber! dann wär mir jeder Ort noch erträglich;
aber so kann ichs kaum aushalten. Ich irre allein auf den Bergen herum, spreche
mit mir selber laut, und wein' um Teresen und über mein Schicksal. Was macht
der Engel? Das wollt ich Dich zuerst fragen. Ich hab ihren Namen in Buchen
eingeschnitten und in Felsen geritzt an der Donau. Schreib ihr, dass ich dulde,
und getreu sei! - Ich sah den Himmel, der ihr Dorf umzieht, und weinte. Damals
konnt ich beten; noch selten konnt ichs. - Mein Vater hat mir geschrieben, und
mir fürchterlich gedroht. Ich lache seiner Drohungen. Mir kann nichts mehr
schaden auf der Welt. - Vor zwei Tagen war ich etwas unpass. Ich dachte, der Tod
würde kommen, aber er wars nicht. Ich habe Teresen gesehen im Traum, sie hatte
ein hellleuchtendes Gewand an, und lachte. So seh ich sie nun immer vor mir. - O
Lieber! ich duld unaussprechlich viel; so allein, und so elend! komm doch bald!
- Nicht wahr? Terese schreibt Dir nichts von mir? Warum tut sies nicht? Bin
ichs nicht wert? - O Gott, du weist, dass ichs bin. - Hier leg ich einen Brief
bei, an den rechtschaffnen P. Philipp. Grünbach must Du grüssen! Ich kann nicht
schreiben. Ich bin nie so untätig gewesen. Zu nichts kann ich mich
entschliessen. - Teresens Namen kritzl' ich auf jedes Papier, in jeden Tisch,
und lösch ihn wieder aus. Grüss den Engel tausendmal, und schreib mir von ihm!
Komm bald und hilf mir meine Leiden tragen! Sie sind schwer.
                                      Dein
                                                                       Kronhelm.
    Siegwart antwortete seinem Freund sogleich, und suchte ihn, so viel als
möglich war, zu trösten. Wegen Teresen schrieb er ihm wenig, und weiter nichts,
als: sie habe sich nach ihm erkundigt, und scheine, nach Umständen, ziemlich
ruhig. Dies schrieb er nur, um seinen Freund zu schonen. Aber im Grunde war
Terese sehr elend. Sie hatte ihm kürzlich, in Absicht auf Kronhelm, folgendes
geschrieben:
    - Ich kann Ihn nicht vergessen. Tag und Nacht schwebt er mir vor Augen: Das
Andenken an die seligsten von allen Tagen quält mich ganze Nächte durch, und
raubt wir den Schlaf, die einzige Wohltat, die der Leidende hienieden hat. Ich
fühls durch mein ganzes Wesen, dass nur Er, der Einzige, mich meiner Qual
entreissen, und mich wieder glücklich machen könnte. Aber ich kann und will ihn
nicht besitzen! Ich würde seine Hand ausschlagen, wenn er sie mir heut anböte,
denn er soll durch mich nicht auf sein ganzes Leben unglücklich werden. Ich
weis, sein Vater und seine Verwandten würden ihn durch Spott und Verachtung zu
Tode quälen. Ich wär eine Schlange an seinem Busen, die er mit seinem eignen
Leben nährte. Schreib ihm, aber nicht gerade zu, dass er alle Hoffnung aufgibt!
Ich will nie die Seinige werden! Er soll mich vergessen! Gott! wie ist das Wort
so hart! Aber schreib ihms doch! Vielleicht tut ers, und das wollt ich, denn es
würd mich tödten ... Unser redlicher Vater leidet mit mir, und zehrt sich ab.
Das ist mein gröster Schmerz. - Ich verberg ihm meine Qual, so viel ich kann;
Schliesse sie in meinen Busen ein, und ich fühls, dass sie schon mein Herz
angefressen hat. Es wird bald brechen. Wünsch mir Glück dazu, Bruder! Es ist
Wohltat. - Ich leid' jetzt doppelt. Innerlich tobt verzehrende Glut, und aussen
kalte, spöttische Verhöhnung. Salome ist hier, und bringt unsre Schwägerin, die
wieder aus dem Wochenbett aufgestanden ist, täglich ins Haus. Da hör ich nichts
als Spöttereien und muss dazu schweigen. Das kränkt mehr als alles! Und doch
unterstützt mich Gott! Ich hab oft heitre Stunden, kann sogar zuweilen hoffen,
aber freilich nur wie Abadonna, auf Begnadigung. Klopstock ist auch ein Freund
der Leidenden; er erquickt mich oft. Nun kann ich ihn erst ganz schätzen. Denn
im Leiden sieht man, was ein Freund ist; und das ist er über alle Maassen, Gott
und Er! - Auch Hauptmann Nortern bedauert mich, und der alte Pfarrer. Nortern
meint, Kronhelm soll in seines Königs Dienste treten, und mich mitnehmen. Er
will ihn empfehlen. Aber ich wills nicht, obs gleich Trost wäre. Kronhelm soll
ganz glücklich werden! Mit mir kann ers nicht. Ich beschwöre dich bei allen
Heiligen, Bruder! sag ihm nicht ein Wort davon! Grüss ihn nicht von mir! Er würde
hoffen, und betrogene Hoffnung tödtet. Leb wohl, teurer Bruder! Bitt für mich
um Geduld und Erlösung!
    Siegwart folgte dem Rat seiner Schwester, und schrieb seinem Freund nur
einzelne Worte von Teresen. Kronhelm härmte sich darüber sehr ab, und sein
innrer Gram nahm immer zu.
    Der alte Grünbach hatte dieses Frühjahr einen Garten gekauft, in dem sein
Sohn und Siegwart sich sehr viel aufhielten. Sie spielten nun auch die Flöte,
und brachten damit manchen schönen Frühlingsabend hin. Sophie nahm ihre Arbeit
mit hinaus, sass bei ihnen im Grünen, hörte ihrer Musik zu, und sang zuweilen
eine Arie. Oft blieben sie des Abends noch da; spielten im Mondschein; die
Nachtigall sang dazwischen; und Sophie weinte. Oft lud sie auch die stille Nacht
zu vertraulichen und halb melancholischen Gesprächen ein. Sie unterhielten sich
sehr oft von Kronhelm. Sophie hatte seine tiefe Traurigkeit vom ersten
Augenblick an bemerkt, und sogleich die Ursache davon erraten. Denn die Liebe
macht scharfsichtig; und Liebende erkennen sich, so wie edle Seelen,
mehrenteils beim ersten Anblick. Sie fühlte tiefes, inniges Mitleid mit ihm;
dieses lehrt die Liebe.
    Kronhelm muss recht unglücklich sein, fieng der junge Grünbach einmal an;
seine Briefe sind so düster. Ich möchte wohl wissen, was ihm fehlt? - Siegwart
war ausserordentlich gewissenhaft in der Freundschaft. Er glaubte seinen Freund
zu beleidigen, wenn er eine Sache, um die er gefragt würde, verschwiege, oder
sie nicht zu wissen, vorgäbe. Dies machte ihn, sobald er mit einem Freund allein
war, sehr offenherzig; wozu noch seine edle Denkungsart kam, die ihn von den
meisten gutdenken, und fast jeden nach sich beurteilen lehrte. Er war also auch
diesmal auf Grünbachs Frage ziemlich offenherzig, und sagte: Ich fürchte, dass
der arme Kronhelm unglücklich liebt; er liess mich einigemal etwas davon merken.
- Dann bedaur ich ihn von Herzen, sagte Sophie, und suchte bei diesen Worten
einen Seufzer zu unterdrücken. - Weichherziges Geschöpf! sagte Grünbach.
    Siegwart. Wie, Bruder? - Das ist doch kein Tadel?
    Grünbach. Tadel nicht. Aber es steht doch auch nicht fein, gleich so
weinerlich zu tun. - Freilich, Mädchen muss man das verzeihen. -
    Siegwart. Ja, wenn Mitleid Fehler ist. Aber ich halts für einen Vorzug des
weiblichen Geschlechts. Wir tun oft so hart und rauh; und doch würden wirs
einem Freund übel auslegen, der nicht Anteil dran nähme, wenn uns ein Unglück,
oder eine Krankheit zustösst.
    Sophie. Ich will mich meines Mitleids eben nicht rühmen, denn man ist immer
etwas eigennützig dabei, weil man selbst Vergnügen darüber fühlt, und sich beim
Mitleid wohlgefällt; aber ich halte dieses Gefühl für eine Wohltat Gottes; und
einen unglücklich Liebenden zu bedauern, halt ich für die erste Pflicht, weil
sein Leiden wirklich gross sein muss.
    Siegwart. Ja, gewiss gross, Jungfer Sophie! Ich habs bei meinem Freund
erfahren. - Ach, wenn er so des Abends bei mir sass im Mondschein, oder in der
Dämmerung; mir meine Hand drückte, und dann schwer aufseufzte, da fühlt ichs
ganz, welche Qual in ihm toben musste.
    Grünbach. Ja das sind so Empfindungen, die man zuweilen hat; aber Kronhelm
sollte selbst mehr Mann sein.
    Siegwart. Mann sein? Hältst du Liebe gar für eine Schwachheit? Ich liebe
selbst nicht, Grünbach! Wünsch auch nie zu lieben; aber das weis ich, dass die
edelsten und grössten Menschen auch geliebt haben.
    Grünbach. Geliebt; das will ich nicht leugnen. Nur nicht klagen soll man,
wenns nicht gehen will!
    Siegwart. Als ob man nicht scholl über körperliche Leiden klagte! Und
Seelenleiden sind doch wohl noch grösser. Ein vollkommenes Geschöpf zu sehen,
dessen man sich wert fühlt, und von ihm verkannt, oder misverstanden zu werden,
das muss schmerzen. Und noch grösser muss der Schmerz sein, wenn man gekannt,
verstanden und geliebt wird; wenn man fühlt, dass man im Besitz dieses Geschöpfes
das seligste Leben kosten könnte, und nun macht uns Vorurteil, oder
unnatürliches Verhältnis in der Welt, oder Eigensinn der Eltern und Verwandten
den Besitz dieser Seligkeit unmöglich. Ist es da noch Schwachheit, wenn man
leidet; seine Leiden nicht ganz verbergen kann, und zuweilen in ungeduldige
Klagen ausbricht? Kronhelm hat sonst gewiss männliches genug! Aber ich glaube, je
zarter und richtiger und tiefer einer fühlt, und je mehr er seinen eignen Wert
kennt, desto mehr muss ihn unglückliche, verschmähte, oder durch Lumpenumstände
zernichtete Liebe kränken. - Nein! ich bedaure meinen Freund im Innersten der
Seele, und schätz ihn nur noch höher, seit ich gesehen habe, wie er mit sich
selbst ringt, und doch seinen Schmerz so bekämpft, dass er niemals ganz verzagt.
    Sophie. Hat denn der Herr von Kronhelm gar keine Hoffnung, dass er in seiner
Liebe jemals glücklich werden wird?
    Siegwart. Wenig, oder keine, Jungfer Sophie!
    Sophie. Das ist traurig! Wenn ich an seiner Stelle wär, ich ging ins
Kloster. Ueberhaupt halt ich viel vom Klosterleben. Man kann da all sein Leid in
der Stille so verseufzen, und wird von Menschen nicht gestört. Die Einsamkeit
ist des Menschen beste Freundin, und die wohnt im Kloster.
    Siegwart. O, da haben Sie vollkommen recht, Jungfer Sophie. Ja, das
Klosterleben geht vor allem andern. Ich weis, wie es da so gut ist, und kanns
kaum erwarten, bis ich da bin. -
    Indem setzte sich eine Nachtigall nahe bei ihnen auf einen blühenden
Apfelbaum, und fieng an, aus voller Kraft zu schlagen. Auf Einmal schwiegen die
jungen Leute, horchten zu, sahen einander oft mit Verwunderung an, und nickten
sich lächelnd zu, wenn die Sängerin mit ihren Tönen auf den höchssten Gipfel
stieg, dann wieder langsam und wehklagend ihren Ton herabsenkte. Oft drückte sie
die ganze Sehnsucht und das Schmachten aus, mit dem Sophiens Seele an Siegwarts
seiner hieng. Das arme Mädchen musste weggehn, und weinen. Sie gicng einen
Heckengang hinauf, und blieb alle Augenblicke stehen. Siegwart kam durch einen
andern Weg, oben in den Gang herunter. Er stand auch still, und hörte den Gesang
der Nachtigall, die nun nahe bei ihm auf den Zweigen sass. Dann ging er
allmählig auf Sophien zu, nahm sie in der Entzückung bei der Hand. Ach, Sophie,
sagte er, das ist himmlisch! Sie sind auch bewegt. Es geht ihnen wohl wie mir;
ich denk immer an einem solchen Abend, wenn die Nachtigall so singt, und die
Sterne hell blinken, an Personen, die ich liebe, oder an Verstorbne. Ach das
Bild meiner Mutter schwebt halbsichtbar um mich her, und ich preise sie selig,
dass sie schon bei Gott ist. - Auch ich, sagte Sophie, denk an Seelen, die ich
liebe. Verzeihn sie, dass ich so bewegt bin! Ach, ich hatt einst eine Schwester,
die ist nun bei Gott. Die war mein Alles, meine innigste, vertrauteste Freundin.
Sie starb in meinem Arm; ach, wenn ich nur schon bei ihr wäre! Sie ist
glücklich, über alles glücklich! Und auf Erden kann mans nicht sein. - Hier sah
sie unsern Siegwart mit einer Wehmut an, die ihm durchs Herz drang. Wir werdens
auch einst; sagte er; drückte ihr, ohne dass ers wusste, die Hand, und wischte
sich die Augen. Sophie blickte auf die Seite, und Tränen fielen aufs junge
Gras.
    Seit diesem Abend ward Sophie immer düstrer und schwermütiger. Die Worte
Siegwarts: Ich liebe selbst nicht; wünsch auch nie zu lieben waren wie ein Dolch
in ihre Seele gedrungen. Sie hatt' es bisher nur halb geglaubt, dass er in ein
Kloster gehen wolle; nun hatte sie's aus seinem eignen Munde gehört. - Alle
Hoffnung war nunmehr für sie verschwunden; sie gab sie selbst auf, und nahm sich
sehr in Acht, ihn zu sehen. Ganze Tage lang war sie auf ihrem Zimmer
eingeschlossen, seufzte, betete, stickte traurige Geschichten auf die Leinwand,
oder verlohr sich in wehmütigen und schwärmerischen Phantasien am Klavier. Oft
schrieb sie auf ein Papier, das sie sorgfältig verschloss. Alle Morgen ging sie
ins Frauenkloster in die Frühmesse, und nährte da ihre Phantasie, bei der
feierlichen Musik, die die Nonnen machten, mit Bildern von überirrdischer Liebe
und himmlischer Seelenfreundschaft. Seit sie gewiss wusste, dass Siegwart ins
Kloster gehen würde, war es auch bei ihr festgesetzt, sich einkleiden zu lassen.
Der Gedanke hatte tausend Reiz für sie, sich eben so wie der, den ihre Seele
liebte, ganz dem Himmel zu weihen; eben so, wie er, in der Stille, und von der
Welt abgesondert, sich mit dem Heiland zu vermählen; und einst als eine keusche
Braut dem, den sie hier umsonst liebte, als ihrem Bräutigam entgegen zu gehen.
Sie erhitzte ihre Einbildungskraft noch mehr durch das Lesen einiger mystischen
und andächtigschwärmerischen Bücher. Ihr Herz ward mit einer anscheinenden
Verachtung der Welt erfüllt, die an sich mehr Überdruss zu leben war, und allein
von betrogner Hoffnung herrührte. Wenn sie Siegwart Einmal wieder sah, so war
ihre Seele wieder ganz aus ihrer Fassung gebracht; die Welt zog sie wieder an
sich, und sie hatte Tage lang zu tun, bis die arbeitende Phantasie sie aufs neu
in den täuschenden Schlummer wiegte. Oft glaubte sie, ganz ruhig und ganz
glücklich zu sein; aber der innre Gram verschmächter Liebe nagte unsichtbar an
ihrem Leben; ihre Kräfte verzehrten sich allmählig: ihre Wangen bleichten ab;
ihre Augen verloren das lebhafte Feuer, und die zarte Pflanze welkte hin. Ihr
Vater und ihre Mutter merkten endlich die Veränderung, und wurden sehr bekümmert
drüber. Sie drangen oft mit Bitten in sie, ihnen die Ursache ihres Kummers zu
entdecken, aber Sophie antwortete nur mit Tränen, gab die Ursach ihrer
Krankheit für eine natürliche Auszehrung aus, und entdeckte ihren Eltern den
Wunsch, den Rest ihres Lebens im Kloster zubringen zu können. Die Eltern wollten
lange nicht daran, weil dadurch alle die schönen Hoffnungen vereitelt wurden, die
sie sich einst von ihrer Tochter versprachen, aber endlich gaben sie nach, weil
ihr Beichtvater, dem Sophie ihren Wunsch anvertraut hatte, auch sehr daran
arbeitete, und es ihnen zur Gewissenssache machte, wenn sie ihre Tochter von
einem so heilsamen Entschluss abhielten, und Gott und dem Himmel eine Seele zu
stehlen suchten. Sophie erhielt endlich die Erlaubnis von ihren Eltern, auf
Michaelis das Noviziat bei den Nonnen anzutreten.
    
    Siegwart erzählte das alles seinem P. Philipp, der sogleich die Ursache von
Sophiens traurigem Zustand erriet. Er suchte daher Xavern so viel als möglich
abzuhalten, dass er nicht viel in Grünbachs Haus oder Garten ging, weil er
vermutete, Sophie würde mehr leiden, je öfter sie ihn sähe. Daher lud er den
jungen Grünbach öfters zu sich, oder ging mit den beiden Jünglingen spazieren,
und machte Anstalt, dass der junge Pater oft im Kloster ein Konzert anstellte,
damit sie doch die Musik forttreiben könnten. - Um diese Zeit starb P. Johann
plötzlich. Man traf ihn Morgens mit gefalteten Händen in seinem Bette todt an.
Der gute Mann ward allgemein bedauert; am meisten aber von P. Philipp und von
Siegwart. Beide giengen mit seiner Leiche auf den Kirchhof, sahen den Redlichen
in die Ruhestätte legen, und segneten sein Andenken mit tausend Tränen. P.
Hyacint ward nun an seine Stelle zum Lehrer der Teologie ernannt, und nun sah
Siegwart den Unterschied erst recht zwischen einem redlichen Mann, der die
Lehren der Religion aus Ueberzeugung und mit Wärme, weil er ihre Kraft selbst so
oft an sich gefühlt hat, andern vorträgt; und zwischen einem Eiferer, der den
Religionsunterricht als Handwerk ansieht, und sein Gedächtnis bloss mit Worten
ohne Saft und Kraft, und mit der Geschichte von nichtswürdigen Streitigkeiten
und Zänkereien angefüllt hat. Dieser trockne und mürrische Mann entleidete
unserm Siegwart, der nur Leben und Wärme, besonders in der Religion suchte, den
Aufentalt auf dem Kloster ziemlich. Er sehnte sich nach seinem lieben Kronhelm,
der ihm viele, aber immer die kläglichsten und schwermütigsten Briefe schrieb,
und ihn aufs herzlichste bat, ja recht bald nach Ingolstadt zu kommen!
    Terese schrieb ihm auch noch immer traurig, aber doch gelassen. Ihr Schmerz
daurte zwar beständig fort, aber sie gewöhnte sich nach und nach daran, und
klagte weniger. Ungefähr in der Mitte des Sommers liess sie ihren Bruder einmal
drei Wochen lang aus Briefe warten. Er ward vedriesslich drüber, und konnte sich
die Ursache ihres Schweigens nicht erklären. Als er an einem Sonnabend wieder
einmal vergeblich gewartet hatte, so schlug ihm P. Philipp auf den Nachmittag
einen Spatziergang vor. Sie giengen zwischen den Kornfeldern hin, und ein
Bettelbube bat sie weinend um ein Allmosen. Ach, liebe geistliche Herren, sagt'
er, mir ist so gar übel g'fehlt! Vor drei Tagen ist mein Vater g'storben, und
nun hab ich keinen Menschen auf der Welt mehr. Siegwart griff hurtig in die
Taschen, gab ihm reichlich, und sagte dann zu P. Philipp: Lieber Gott! was ist
das traurig, wenn man sich an gar keinen Menschen auf der Welt halten kann!
    P. Philipp. Ja wohl hat man Gott zu danken, wenn man seine Eltern und
Verwandte hat; man kann nie genug tun, um ihnen das Leben angenehm zu machen
und sie nicht zu kränken.
    Siegwart. Das hab ich auch immer bei meinem Vater gedacht. Ach, ich wüste
nicht, was ich anfangen sollte, wenn er stürbe.
    P. Philipp. Und doch müst Er Gott danken, dass er ihn Ihm so lang erhalten
hat. Er hat doch seine Erziehung ganz genossen, und kann sich schon eher selbst
auf der Welt fort bringen.
    Siegwart. Das wohl, Gottlob! Aber es wär doch für mich das gröste Unglück!
    P. Philipp. Und doch muss Ers mit Gelassenheit annehmen, die Nachricht möchte
heut oder morgen kommen. Sein Herr Vater kann doch nicht so jung mehr sein?
    Siegwart. Neun und funfzig, glaub ich, wird er auf den Herbst alt werden.
    P. Philipp. Sieht Er, das ist doch schon ein Alter, bei dem man ein bisschen
Sorge haben kann. Mach Er sich auf alle Fälle gefasst! Es könnte bald eine
schlimme Nachricht einlaufen.
    Siegwart. (Sah den Pater ängstlich an) Herr Professor ... ich fürchte ...
    P. Philipp. Ach, mein lieber Siegwart! Es tut mir leid.. aber ich muss ihms
sagen ...
    Siegwart. Was! Ist er todt? Gott im Himmel! -
    P. Philipp. Todt nicht, mein Lieber! Aber ...
    Siegwart. Aber krank! ... Ja, sagen Sies nur! Ich sehs Ihnen an.
    P. Philipp. Nur gelassen! Und bedenk Er, dass Er ein Christ ist! Ich hab
würklich heute Nachricht bekommen, dass sein Vater gar nicht wohl ist.
    Siegwart. Lieber, lieber Gott! - Ach das ist ja schröcklich! Wie wird mirs
gehn?
    P. Philipp. Ich hab ihn schon gebeten, etwas gelassener zu sein. Vielleicht
ist noch Hoffnung da.
    Siegwart. Ja damit wirds wohl vorbei sein!
    P. Philipp. Das weiss er ja noch nicht. Er weiss noch keine Umstände. Wenn er
sich erst etwas gefasst hat, so will ich ihm einen Brief geben.
    Siegwart. O ich bin schon gefasst! Lieber Herr Pater!-Geben Sie mir nur den
Brief her!
    P. Philipp. Er ist schon gefasst? - Hör er mich erst an! Seine Schwester hat
mir geschrieben, und mich himmelhoch gebeten, ihm erst Mut einzusprechen. Ich
glaub, er ist nun vorbereitet. Sieht er, sein Vater ist schnell krank geworden;
es sieht mislich mit ihm aus; aber man kann noch nichts gewisses wissen; der
Arzt ist erst aus der Stadt geholt worden. Halt Er sich an Gott; es mag gehen,
wie es will! Bedenk er, dass es Gott noch nie bös mit ihm gemeint hat! - Da kann
er nun den Brief selber lesen.
    Siegwart las ein kleines Briefchen von Teresen hurtig und zitternd durch;
die Tränen stürzten ihm aus den Augen; er steckte es schweigend ein. - Das ist
fürchterlich! sagte er nach einer langen Pause; Gott steh mir bei, und helf mirs
tragen! Ich hab mir tausendmal gewünscht, eher zu sterben, als mein Vater, um
den Schmerz nicht zu erleben; und nun kommts doch -
    P. Philipp. Seiner Zärtlichkeit und kindlichen Liebe macht das sehr viel
Ehre, mein lieber, braver Xaver! Aber denk er nur, wenn all unsre Wünsche
erfüllt würden, zumal solche ...
    Siegwart. Ist der Wunsch etwa ungerecht? -
    P. Philipp. Mir deuchts so. Wenn alle Söhne vor den Vätern stürben, wo käm
eine Nachwelt her? Der Mensch muss sich in einer Welt, die der Veränderung so
unterworfen ist, im Voraus und in frohen Tagen auf alles Widrige gefasst machen.
Ich fürchte, dass ihm bei seinem gefühlvollen Herzen noch grössere Prüfungen und
Leiden bevorstehen.
    Siegwart. Grössre Leiden kanns nicht geben, wie dieses ist! ...
    P. Philipp. So muss er jezt auch denken. Aber alles kommt auf die Lage an, in
der uns ein Leiden trift; je, nachdem wir gestimmt sind; nachdem's eine Saite
unsers Herzens trift. Ich tadl' ihn gar nicht, dass er jezt so niedergeschlagen
ist. Der Tod seines Vaters bleibt für ihn immer ein Unglück.
    Siegwart. Ja wohl! und das gröste, denk ich! - Grosser Gott! Einen solchen
Vater zu verlieren! ... Und wenns auch möglich wär, mich dabei zu vergessen, wie
wirds meiner Schwester, meiner armen Schwester gehen? (Hier weinte er heftiger.)
    P. Philipp (weinte auch mit) Seiner Schwester ... Auch dieser wird Gott sich
erbarmen; Wird für sie auch Trost haben. Wir wollen für sie beten ... Ach, ich
weis, wies mir ging! Ich war in Freiburg, als mein Vater starb; wir waren
sieben Waisen. - Aber Gott hat keins von uns verlassen; keins! und mich am
wenigsten ... Fass er sich, mein lieber Siegwart! Vielleicht hilft Gott noch ...
Hoff ers zu dem Vater aller Waisen! -
    Sie kehrten nun wieder nach der Stadt zurück. Siegwart sprach wenig, und
schluchzte nur zuweilen. Der Betteljunge stand wieder am Wege. Da hast du noch
was, sagte Siegwart, und gab ihm einen Sechsbätzner. In der Stadt lief er
sogleich zum Arzt, um sich nach seines Vaters Umständen zu erkundigen. Der Arzt
zuckte die Achseln. Es ist so so, sagte er. Ich ward aus dem Haus ihres Vaters
auf ein andres Dorf geholt zu einem Prediger, und konnte die Krisin nicht
abwarten. Wir müssen sehen. Uebermorgen komm ich wieder hinaus. O lieber Herr
Doktor, sagte Siegwart, Morgen! Ich bitte Sie bei allem, was heilig ist, reiten
Sie doch Morgen hinaus! Tun Sie, was sie können! Retten Sie, retten Sie meinen
Vater! Der Doktor machte Entschuldigungen, dass er Morgen viel zu tun habe;
versprach aber doch, gegen Abend hinaus zu reiten. - Siegwart verschloss sich nun
auf sein Zimmer; ging auf und ab; rang die Hände; fieng zuweilen ein Gebet an;
ward vom Schmerz wieder vom Gebet ab, in Labyrinte hineingerissen, wo er
keinen Ausweg sah; nahm ein Buch; wollte lesen; warf es wieder weg; sank auf die
Knie; sprang wieder auf, und fand nirgends keine Ruhe. Er ging in den kleinen
Garten am Kloster; da erblickte er eine hohe Sonnenrose, die von einem Wurm
angefressen war, und zu welken anfieng. Gott! rief er, und Tränen schossen ihm
in die Augen; denn er dachte sich seinen Vater. Alles erinnerte ihn jetzt an den
Tod; jede Blume ward für ihn ein Bild der Verwesung. - Zuweilen dachte er sich
alles Gute, was er seinem Vater zu verdanken hatte, und nun schauerte er zurück,
und wollte vergehen. - Die ganze Nacht ward von ihm durchweint; seine kurzen
Schlummer waren ängstlich; oft war ihms, als ob sein Vater ihm zulispelte und
Abschied nähme, und dann fuhr er auf und ächzte. - Den andern Tag war er wie
betäubt; er ging noch einmal zum Doktor, und bat ihn, ja gewiss zu seinem Vater
hinaus zu reiten. Er gab ihm ein kleines Briefchen mit an seinen Vater, und ein
kleines an Teresen, das er mit der heftigsten Bewegung geschrieben hatte;
worinn er seinem Vater für alle seine Wohltaten dankte, und halb Abschied von
ihm nahm. Seine Schwester suchte er zu trösten, ob er gleich selbst trostlos
war. P. Philipp ging den Nachmittag mit ihm spazieren, und flösste ihm durch
seine sanfte liebreiche Lehren, die immer mit dem zärtlichsten Mitleid
untermischt waren, eine ziemliche Gelassenheit und Ergebung in den göttlichen
Willen ein. Vorher hatte es in Siegwarts Seele ungestüm gestürmt, jetzt folgte
dem Sturm ein sanfter Regen, und sein Schmerz goss sich in Tränen aus. Der
Doktor kam den andern Tag wieder zurück. Siegwart war wohl zehnmal in seinem
Hause gewesen; und nun dachte er gewiss, sein Vater sei gestorben, oder in den
letzten Zügen. Er beweinte ihn als todt. Sein Schmerz war unendlich gross, aber
doch gemässigter und ruhiger, wie vorher. Die Angst, ein teures Gut zu
verlieren, erschüttert mehr, und schlägt die Seele schrecklicher danieder, als
der wirkliche Verlust des Gutes. - Der Doktor war den folgenden Morgen wieder in
die Stadt gekommen; musste aber nach einer Stunde gleich wieder fort, eh ihn
Siegwart sprechen konnte. Er hatte nur die Nachricht für ihn hinterlassen: Er
möchte sich auf alles gefasst machen! Nun zweifelte Siegwart gar nicht mehr am
Tode seines Vaters. P. Philipp zuckte auch die Achseln, und hielt es für
wahrscheinlich, oder gar gewiss.
    Siegwart setzte sich in seinem ganzen Schmerz nieder, um seinem Kronhelm zu
schreiben. Unter anderm schrieb er: Sag mehr, du seist allein unglücklich auf
der Welt! Ich bins auch, mehr als du. Mein Vater - o wie kann ichs schreiben? -
mein Vater ist gestorben. - Schreckliches, banges Wort! ich schreibe dir zum
erstenmal und mit Zittern: Ich bin - ein Vater-und Mutterloser Waise. Gott! ein
Waise! Aber du bist noch mein Vater! Wenn ich dich nicht hätte, o was wär ich! -
Sieh, Kronhelm, so kanns Menschen gehen. Bist du nun allein elend? - Noch ist
der Todesbote nicht gekommen; aber Torheit wär es, noch zu hoffen. Alle
Umstände predigen mir Tod. - Tod! - O du süsses Wort. Wenns von mir auch gälte!
- u.s.w.
    Den folgenden Morgen schrieb er wieder an eben diesem Briefe. Man klopfte an
die Tür, und ein Bauer aus seinem Dorfe trat herein. Siegwart wagte es nicht,
ihn zu fragen; er nahm den Brief an, ging auf die Seite, brach ihn ziternd auf,
konnt ihn kaum halten, und las ihn durch. - Wie erschrack er! Es war die
Handschrift seines todtgeglaubten Vaters:
                                 Liebster Sohn!
    Du wirst in tausend Aengsten meinetalben sein, und du hattest es auch
Ursach. Ich war dem Tode nah, aber Gott rief mich noch einmal zurück. Der Arzt
versichert mich, ich sei jetzt ausser aller Gefahr. Wir können Gott nicht genug
dafür loben; denn es wär mir schwer gewesen, unversorgte Kinder zu verlassen,
besonders Dich und Teresen. Das arme Mädchen hat unendlich viel an mir getan,
und unendlich viel gelitten. Gott belohn es ihr! Sie grüsst Dich herzlich. Bin
noch matt, und kann nicht allzuviel schreiben. Muss nun eine Brunnenkur brauchen.
Lass Dir diesen Zufall zur Warnung dienen, Dich nicht zu sehr auf Menschen zu
verlassen! So lang ich lebe, tu ich für Dich, was ich kann, wenn Du brav bist.
Aber nach meinem Tode must Du Dir gröstenteils selbst helfen. Leb wohl, mein
liebster Sohn! Ich bin
                        Dein getreuer Vater,
                                                          Johann Maria Siegwart.
Nun Gott Lob und Dank! sagte Siegwart, und wandte sich zu dem Bauern. Ja, Herr,
das war ein Schrecken, den wir hatten; sagte dieser. Das ganze Dorf war in
Aengsten; habs mein Lebetag nicht so gesehen, und bin doch schon ein alter Mann.
Alle Leut liefen in die Kirche. Wenns der Landsherr wäre, könnts nicht ärger
sein. Aber so 'n Herrn kriegen wir halt nicht wieder; das sagen alle Leut, alt
und jung; wenn schon der junge Herr auch ein braver Herr ist. Euer Vater hat 's
prae vor allen, das ist nur gewiss. Wenn ich denk, was die arme Leut, und
Wittwen, und Waisen an ihm verloren hätten, d' Augen gehen mir über, 's ist
halt 'ne schöne Sach um 'n braven Mann! - und hier wischte sich der ehrliche
Bauer die Augen. -
    Siegwart schrieb ein kleines Briefchen an seinen Vater, und gab dem Bauer
sechs Batzen. Der guterzige Schwabe wollt' es lang nicht nehmen. Nein, Herr!
sagte er, mit so einer Nachricht wär ich Euch bis Wien umsonst gelaufen. 's hätt
mir weh getan, wenn man's einem andern auftragen hätt. Bin schon zwanzig Jahr
'n Tagwerker in 's Vaters Haus; darfs nicht nehmen, warlich nicht! - Siegwart
aber liess nicht nach, bis er's nahm.
    Er warf sich nun auf seine Knie, dankte Gott; schrieb etliche Worte an
Kronhelm, dass sein Vater noch lebe; und lief dann in seiner Freude auf P.
Philipps Zimmer, der an seiner Freude herzlichen Anteil nahm. Terese schrieb
ihm acht Tage darauf wieder, dass ihr Vater sich täglich mehr bessere, und schon
eine halbe Stunde in den Garten habe gehn können. Siegwart war nun wieder wie
neugebohren, und nahm aufs neu an allem Anteil, was um ihn vorgieng. Einmal
ging er mit Grünbach in seinen Garten; Sophie war auch da, um sich bei der
schönen Witterung etwas zu erholen, weil sie schon etliche Wochen sich zu Haus
aufgehalten hatte. Sie erschrack, als sie unsern Siegwart erblickte. Er
erschrack auch, denn das schöne blühende Mädchen sah blass und eingefallen aus.
In ihren Augen sass eine tiefe schweigende Schwermut. - Ich werd Ihnen noch
zuvor kommen, sagte sie; auf Michaelis geh ich schon ins Kloster. Werden Sie
wohl auch zuweilen noch an mich denken? Ich werd es oft tun. - Ich warlich
auch, sagte Siegwart. Der guten Seelen sind doch so wenig. Ja, ich werd oft an
die Stunden denken, die wir am Klavier, und hier in der Dämmerung zubrachten.
Sie waren so heilig und so süss! - Ja wohl, süss und heilig! sagte Sophie
seufzend. Werden Sie aber auch noch an mich denken, wenn ich todt bin?- Auch da
noch oft! antwortete Xaver. Ich werde dann an die Zeit denken, da wir uns
beglückter wieder sehen werden, an die Zeit im Himmel. O, das ist süss und
tröstend! sagte das Mädchen. Ich werd bald im Himmel sein; folgen Sie mir bald
nach! - Ihr Auge glänzte, als sies sprach, und Siegwart war auch tief bewegt.
    Nun wurden wieder die Rollen zu dem künftigen Schuldrama ausgeteilt. Der
Pater, der es machte, wählte den Tomas Aquinas zum Helden seines Singspiels,
und zwar den Teil seines Lebens, da Tomas, wider den Wunsch seiner
Anverwandten, und besonders seiner Mutter, zu Neapel unter die Dominikaner geht.
Der Kampf des Jünglings war nicht übel geschildert; da er auf der Einen Seite
die zärtlichen Bitten seiner Anverwandten, die Tränen seiner Mutter, die
Lockspeisen, die man ihm vorhält, in der Welt zu bleiben, besonders ein schönes
junges Mädchen, gegen das sein Herz nicht ganz gleichgültig ist, sieht; und auf
der andern Seite den Ruf ins Kloster, den er für göttlich hält, den Traum von
Verdiensilichkeit und Heiligkeit, und alles, was eine lebhaste Einbildungskraft,
von einem guten Herzen unterstützt, reizendes am Klosterleben findet. Diese
Rolle war nun ganz für unsern Siegwart gemacht, und er bekam sie auch, weil sie
die stärkste und schwerste zum Singen war. Er war davon ganz bezaubert, und
dachte sich, ohne viele Mühe, ganz in die Rolle, und die Lage des h. Tomas
hinein. Er übte sich Tag und Nacht im Singen, und täuschte sich oft dabei so
sehr, dass er nicht mehr Siegwart, sondern der h. Tomas selbst zu sein glaubte.
Unter Teresen, die ihm auch einmal vom Kloster abgeraten hatte, dachte er sich
die Mutter seines Helden, und wendete alle Umstände genau auf sich an. Dieser
Umstand fesselte sein Herz aufs neue wieder so fest ans Kloster, dass ihm die
ganze Welt zuwider und ekelhaft wurde. Oft ward er dem jungen Grünbach, der die
Rolle der Mutter hatte, ganz im Ernst böse, wenn sie ihre Arien zusammen
probirten.
    Als das Stück selbst wirklich aufgeführt wurde, rührte er durch sein
empfindungsvolles Spiel, und seinen ausdrückenden, herzlichen Gesang fast alle
Zuschauer, und besonders alle Mädchen, bis zu Tränen. In allen jungen Herzen
stieg der Wunsch auf, auch ins Kloster zu gehen. Sophie sass, im Innersten
bewegt, da; jeder Ton drang ihr ans Herz; sie war auf dem Scheideweg zwischen
Himmel und Erde; hier das Kloster, das ihr lieber Jüngling mit aller Stärke der
Beredsamkeit, und dem Zauber des Gesangs abschilderte - dort die Welt und Er,
der reizende und sanfte Jüngling selbst. Ihr Herz ward zerrissen; endlich hub
die Stärke der Musik sie über alles weg; und als Tomas über alle Ueberredungen
und Hindernisse siegte, riss auch sie sich von allem los, und flog in ihrem Geist
dem Kloster und dem Himmel zu. Drei oder vier Wochen darauf ging sie,
ungeachtet aller Bitten ihrer Eltern als Novize ins Kloster. Den Tag vorher nahm
sie noch von Siegwart Abschied. Sie hatte ein schneeweisses Kleid mit schwarzen
Schleifen an. Ich bin eine Braut des Himmels und des Todes, sagte sie. Ich habe
Freuden von der Welt gehofft, und sie gab mir Tränen. Leben Sie wohl, mein
Teurer, ewig teurer Freund! Ach, Sie wissen nicht, wie teuer sie mir sind;
aber, wenn ich todt bin, sollen Sies erfahren. Siegwart war sehr gerührt bei
ihrem Abschied; er beweinte sie und ihr Geschick, ohne zu wissen, dass er selbst
die Ursache davon sei. Keine Seele wusste sie, als P. Philipp, der aber weiter
nichts, als mutmasste. Das unglückliche Mädchen schloss sich und ihren Gram in
die Zelle. Ihre Tage waren zwischen Tränen und Gebet geteilt. Der Tod war ihr
einziger Freund, und die Gedanken an ihn waren ihr die süssesten. Sie wurde
täglich mit ihm vertrauter, und fühlte seine nahe Ankunft täglich mehr. Ihre
Klosterpflichten beobachtete sie genau; man sah sie vor Anbruch des Tages immer
zuerst im Chor; oft kniete sie mit blassem, abgehärmtem Gesicht allein am Altar;
ihre Tränen flossen hinter dem Schleier an den Fuss des Altars nieder; sie
betete laut und brünstig, und war oft durch glühende Andacht so ermüdet, dass sie
kaum allein wieder aufstehen konnte. Beim Essen sprach sie gar nichts, und sah
bloss ihre Schwestern, eine nach der andern an, und bemerkte in ihren Gesichtern
den verschiednen Ausdruck des mannigfachen Kummers, der in ihren Seelen wohnte.
Sie hatte keine ganz vertraute Freundin; nur Cäcilia, ein zwanzigjähriges
Mädchen, sass oft bei ihr auf der Zelle, denn sie hatte auch Gram im Herzen, und
das Unglück sucht Gesellschaft. Es schien, dass die beiden Seelen einen
gemeinschaftlichen Kummer hatten, aber sie wagten's nicht, ihn einander zu
entdecken. Oft sahen sie sich Stundenlang stillschweigend an; drückten sich die
Hände, küssten sich, und blickten dann weg, um ihre Tränen zu verbergen. Wenn
Sophie allein war, so kniete sie vor ihrem Krucifix, bat um ihren Tod, und
setzte sich dann hin, um Stickereien, oder Agnus Dei zu machen. Sie stickte
Blumen, aber immer nur mit blassen Farben, oder halbverwelkte. Oft zeichnete sie
einen Grabhügel aufs Papier, und Cypressen drum herum. Auf den Grabstein schrieb
sie ihren Namen; dann weinte sie aufs Papier, und zerriss es wieder. Siegwarts
Bildnis schwebte unter tausenderlei verschiedenen Vorstellungen immer ihr vor
Augen; der Gedanke an ihn mischte sich in ihre Andacht, und in alles, was sie
vornahm. Oft betrübte sie sich darüber, und machte sich ein Gewissen draus, an
ihn zu denken. Sie wollte ihn vergessen; aber alles, alles erinnerte sie wieder
an den teuren Jüngling. In dem Augenblick, da sie Gott um Vergebung bat, dass
sie noch so sehr an der Welt hänge, und so viel an Siegwart denke, in dem
Augenblick stellte ihr die Liebe sein Bild wieder dar, und sie hieng sich ihm in
Gedanken an seinen Arm. Unter diesen fortwährenden Kämpfen, und der
unaufhörlichen Arbeit ihrer Seele zehrte sich ihr Leben ab; ihre Säfte
vertrockneten, wie ein Quell in der Sonnenhitze; sie ward täglich schwächer, und
musste oft auf ihrer Zelle bleiben. Oft schrieb sie ganze Stunden lang, musste
dann, wegen ihrer häufig fliessenden Tränen aufhören, und schloss das Papier
ein. Alle Wochen sprach sie zweimal mit ihrer Mutter und andern Verwandten am
Sprachgitter. Ihre Mutter suchte sie mit Tränen zu bereden, wieder in die Welt
zurückzukehren, aber alle Tränen und Bitten halfen nichts. Endlich ward sie
ganz bettlägerig; Cäcilia war beständig um sie. Einst, in einer schlaflosen
Nacht, erzählte ihr Sophie ihre ganze Geschichte, und die Liebe zu Siegwart.
Aber, sagte sie, verschleuss mein Vertrauen in dich, und nimms ins Grab mit!
Beleidige deine todte Freundin nicht durch Untreue! Sonst können wir uns im
Himmel nicht mit Freuden entgegen gehn. Hier hab ich ein versiegeltes Packet an
Siegwart. Gibs meiner Mutter, wenn ich todt bin, dass sies ihm einhändige! Dank
ihr in meinem Namen tausendmal für ihre Liebe, und deinige küsse; eben so heiss
und brünstig! Sag ihr, dass ich glücklich werde! Sie soll sich nicht zu sehr
betrüben! Noch wenig Schritte - denn was sind Jahre in diesem Leben anders? - so
werden wir uns widersehn, und ohne Seufzer, ohne Tränen wiedersehn. - Auch du
hast grosse Leiden, liebe Schwester! Trag sie mit Geduld! Ihre Frucht wird
Freude sein. Folg mir bald nach! - Cäcilia weinte; sie erzählte Sophien auch
ihre Geschichte. Sie war traurig; unglückliche Liebe war ihr Inhalt. Sophie
weinte viel, legte sich auf die Seite; hüllte ihr Gesicht ins Bett, schlummerte
ein, und wachte den andern Morgen kraftlos auf. Ihre Stimme war gebrochen; man
konnte sie kaum mehr verstehen. Ein Kapuziner gab ihr die letzte Oelung. Gegen
Abend ward sie noch einmal munter; betete eine halbe Stunde laut, und mit der
grösten Inbrunst; dann entgieng ihr die Sprache wieder; ein paarmal sah sie
Cäcilien an, machte einen Zug mit ihrem Finger auf das Bette, der ein S,
vermutlich Siegwarts Namen, vorstellte; dann starb sie.
    Cäcilia gab den andern Tag ihrer trostlosen Mutter das Packet, auf welchem
Siegwarts Name stand. Er brach es mit Zittern auf. Es entielt eine Art von
Tagebuch, das an ihn gerichtet war. Einige Stücke daraus wollen wir denen, die
es fühlen können, mitteilen. Erst die Einleitung:
                        An den lieben frommen Siegwart.
    Wenn das Grab mich deckt; wenn meine Seel' in Gottes Hand ist; wenn ich
unter Engeln wandle, und der Leiden dieser Zeit vergesse: dann, mein
Auserwählter, wirst Du diese Blätter lesen, und weinen. Lass sie Dir erzählen,
was mein Herz gelitten hat, um deinetwillen, weils mein Mund nie durfte! Wein'
in meine Leiden! Das Bild der Tränen, die Du mir vergiessen wirst, tröstet mich
in trüben Stunden. - Betrüb Dich nicht zu sehr, Jüngling! und mach Dir keine
Vorwürfe! Nicht Du bist die Ursache meines Jammers; mein zu fühlendes, zu
weiches Herz ists. Ich will Deinem Auge keine Tränen erpressen, als Tränen des
Mitleids, und auch die sollen süss sein. Denk, dass meine Leiden, wenn Du sie
erfährst, vorüber; dass alle Tränen, die die Liebe weinte, abgetrocknet sind;
dass ich ausgerungen habe jeden Kampf, und gekleidet bin ins glänzende Gewand des
Glaubens, und geschmückt mit Siegerpalmen. O Du Teurer! Weine nicht! Blick auf!
Ich bin bei Gott, und bei der hochgelobten Jungfrau. Sieh, sie nennt mich
Schwester und Tochter, weil ich ausgeduldet habe meinen schweren Kampf; weil
mein Mund nicht murrte, da die Last mir schwer ward. Tröste Dich, mein
Auserwählter! Ich will um Dich sein bei Deinen Tränen, will Dir Ruhe
herablispeln aus den Lüften, wenn Dirs trübe wird im Herzen; will im Traume Dir
erscheinen, und Dir sagen, dass ich nicht mehr leide.
    Vergib mir, dass ich Dich geliebt habe! Gott vergibt mirs auch. Ich kämpfte
lang, aber Du bist gar zu fromm und lieb. Wärst Du wild und leichtsinnig, wie
die Jugend, ich hätte Dich nicht geliebt; aber Du bist gut, und fromm, und
sanft. Mein Herz ist keusch, und rein, und kennt keine wilde Flamme. Vergib, dass
ich Dich geliebt habe!
    Vergib, dass ich an Dich schreibe! Ich habe lang gelitten, und meinen Mund
nicht aufgetan. Lass mich nach dem Tode zu Dir reden! - Gott weis, dass ich Dich
nicht kränken wollte; wie könnt ich Dich kränken. Du Geliebter? Lis und lerne
Trost aus meinem Schreiben! Lerne dulden, wie einst ich tat, wenn das Unglück
einbricht! Lerne, Gott Dich widmen, wie ich Ihm mich widme! Blick auf zu den
Sternen, und zu mir, wenn die Welt, dir öd und ekel wird! Lern aus meinem
Schicksal, und du wirst mich segnen.
                                       *
       Vom dritten May (als sie Abends im Garten zusammen gewesen waren).
    Ich liebe selbst nicht; wünsch auch nie zu lieben! So hast du selbst gesagt,
du Teurer, den ich über alles liebe. Fasse dich, meine Seele! Er liebt nicht,
wünscht auch nie zu lieben. Also sind die Hoffnungen gesunken, die die Liebe
baute. Also wirst du nie geliebt werden, armes, liebekrankes Herz! O ihr
Heiligen, erbarmet euch mein, und tröstet mich! Nicht geliebt werden, und
lieben, ach so heiss und innig lieben - ist ein harter Kampf, den ein armes
schwaches Mädchen ohne Gott nicht kämpfen kann; Gott, du wirst mich nicht
verlassen! - Komm, Gedanke des Todes! Komm, und küsse mich statt seiner! Hauche
mich kalt an, dass ich hinsink und sterbe! - Ach, du liebst mich nicht,
Erwählter, und ich liebe dich doch über alles. - Singt mir ein Todtenlied, ihr
Gespielinnen der Jugend! Ihr Vertraute meiner Kinderjahre, kommt und hängt den
Flor um, und singt: Sie liebte, wurde nicht geliebt, und starb. - Horch! das
Käuzlein ruft herab vom Kirchturm! Hu! ich zirtre. - Schön war der Abend, mein
Erwählter! Deine Flöte klang süss, wie das Lied der Liebe. Hell schien der Mond,
aber traurig. Ach, ich sah ihn wohl, wie er hinter eine Wolke trat und weinte.
Aber du hasts nicht gesehen, wie ich mit ihm weinte. Lieblich sang die
Nachtigall, aber traurig. Ich hört es wohl, und dachte, der arme Vogel liebt wie
ich; aber, du Erwählter, dachtest's nicht. Wehmütig warst du, wie ein Liebender,
und liebtest nicht. Tränen flossen dir vom Aug, und Liebe hiess sie nicht
fliessen. - Sagen wollt ichs dir, dass ich dich liebe. Meine Stimme zitterte und
ward ein Seufzer. O ein Engel Gottes hielt das Wort zurück, das dich betrübt,
mich nichts geholfen hätte, denn du liebst nicht; wünschest nie zu lieben. -
    Ins Kloster willst du gehn, mein Auserwählter, willst ein Heiliger werden,
und bist schon so heilig. Aber ich bins nicht; Liebe stammt in meinem Herzen.
Gott du weist es, fromme Liebe; aber dennoch Liebe, und er liebt nicht. Nun so
will ich dann hingehn, wo mein Auserwählter hingeht! will vor Gott treten, und
mich heiligen. Nimm mich an um seinetwillen, weil er heilig ist, o Gott! Süsser
Trost des Klosters und der Einsamkeit! träufle herab in mein Herz; erfüll es
ganz! - O wie will ich sitzen in der Einsamkeit und weinen, bis der Tag kommt
der Erlösung! - Du bist heilig; ich will heilig werden, dass ich deine Braut sei,
wenn der Tag kommt der Erlösung.
 
                                       *
                                   Im August.
    Lang hab ich dich schon nicht gesehen, mein Erwählter, und doch bist du
schön, wie die Liebe, und mein Herz hängt fest an dir, und ewig. Aber ich will
dulden in der Stille, und dich Gott nicht rauben, dem du dienen willst im
Kloster. Im Himmel will ich deine Braut sein, und mich heiligen auf Erden. -
Schön bist du, mein Geliebter; blühst wie die Rose, die am Morgen aufwacht im
Tau. Blass bin ich, und welke, wie die Rose, die des Abends hin sinkt in der
Sonnenhitze, und ihre Blätter flattern aus einander, wenn der Sturm kommt.
Möcht' er bald aufstehn, und meinen Staub zerstreuen! Aber noch nicht ganz reif
ist die Frucht; noch nicht gnug getroffen vom heissen Stral der Liebe. -
    Schön bist du, mein Bräutigam! Deine Wangen sind rosenrot; blau dein Auge,
wie der Mittagshimmel; mild dein Lächeln, wie die Abendsonne; golden sind deine
Locken, wie die goldbesäumten Wolken, wenn die Sonne sinkt. Der du jezt schon so
lieblich bist, wie wirst du einst geschmückt sein in den Tagen der Belohnung!
Wie einhergehn unter Engeln und Gerechten!
    Ich bin blass geworden wie die Lilie des Gartens, und mein Haupt senkt sich
zur Erde. Meine Mutter weint und traurt: Ach meine Tochter, warum bist du blass
geworden, wie die Lilie des Gartens? Warum senket sich dein Haupt zur Erden? -
Ach meine Mutter, lass mich schweigen, und mein Leid nicht kund tun! Ach, ich
kann nicht reden; lass mich schweigen, Mutter! Bringt die welke Blum' in
Schatten, dass sie wieder aufleb in der kühlen Dämmerung des Klosters! Warum
willst du trauren, meine Tochter, in der Einsamkeit des Klosters? Warum soll ich
einsam sein mit deinem Vater, und nicht blühen sehen deine Schönheit, dass sich
unser Herz daran ergötze!
    Ach, mein Vater, meine Mutter trauren, und ich darf nicht reden. Meine
Schönheit kann nicht blühen vor euren Augen. Saht ihr nie die Rose, wie sie
welkte, weil ein Wurm in ihrem Busen nagte? Meine Schönheit kann nicht blühn vor
euren Augen.
    Ich will eine Braut des Himmels werden, und flehen meinen Bräutigam, dass er
Ruhe sende meinem Vater, und dem Herzen meiner Mutter! Gerne will ich leiden,
wenn nur sie getröstet werden. Aber, Mutter, ich kann nicht reden!
 
                                       *
                                 Im September.
    Gesegnet seist du, mein Erwählter, dass du heute freundlich gesprochen hast
mit meiner Seele; dass du wahrgenommen meine bleichen Wangen, und geseufzt hast
über meine Blässe! O, wie war mir so wohl, als ich an deiner Seite ging im
Garten, als ich dacht' ans Paradies, wo ich auch einst mit dir gehen, und dir
sagen werde, dass ich dein war auf der Welt, und um deinetwillen duldete. Du
lobtest mich, Geliebter, dass ich auch ins Kloster geh, wie du. Ach, dein Lob ist
mir so lieb, du Auserwählter, und ich durft es dir nicht sagen. Alles, alles
will ich dir im Paradiese sagen. Dann wird meine Stimme nicht mehr beben; meine
Wange nicht mehr glühen. Meine Seele wird dir sagen, dass sie dein ist; dass sie
Gott zur Freundin schuf, für dich.
                                       *
                              Am 26sten September.
    Ich habe deinen Freund gesehn im Traume, den bescheidnen Kronhelm. Blass war
seine Wange, gleich der meinigen, und trüb sein Auge. Er klagte, dass ein Mädchen
untreu sei, dass er so heiss und treu geliebt hat; dass sie sich durch Menschen
lenken lasse, von ihm ab; dass sie wanke von der Liebe, die ihm stark schien, wie
der Tod. - Ist das möglich, mein Erwählter, dass man welche von der Liebe? Könnt
ich weichen von dir, du mein Bräutigam? - Alle Mädchen, sagt' er, wären schwach
und unbeständig; wären allzubiegsam; liessen sich von jedem Winde lenken. Ist
das wahr, mein Lieber? Sind die Mädchen so? Bin ich nur allein treu bis ans
Ende? - O so will ich meine Schwestern hassen, wenn sie falsch sind; wenn sie
den betriegen können, der ihr Herz liebt. - Als er klagte, stand ein Mädchen in
der Ferne, hatte Züge fast wie du, aber traurig wars, wie ich. Und dies Mädchen,
das so gut schien, dir so ähnlich war, mein Teurer, könnte falsch sein? - Sag
ihr, dass ich treu sei, ohne Hoffnung!
                                       *
                            Im Anfang des Oktobers.
    Bald werd ich hingehn ins Kloster, eher noch als du. Die hochgelobte
Jungfrau hat mir zugewinkt, und einen Perlenkranz geflochten für mein Haupt. Als
ich durch die goldnen Pforten eingieng, kamst du, mein Erwählter, mir entgegen;
warest angetan mit einem glänzenden Gewand. - Hier ist gut sein, mein
Erwählter, lass uns Lauben flechten von den Lebensbäumen, und in ihrem Schatten
wohnen!
    Meine Mutter weint; mein Vater klagt. Trocknet eure Tränen, ihr Geliebten!
Denn ich werde wohnen bei dem Mann, den meine Seele liebt; werde mit ihm Hütten
bauen, dass ihr wohnen möget an der Seite eurer Kinder!
                                       *
           Am 25sten Oktober. (als das Schuldrama aufgeführt worden)
    Meine Seele dankt dir, o du Heiliger und Auserwählter, dass du mich verachten
lehrtest diese Welt mit ihren Freuden! Eine Braut des Himmels will ich werden,
wie du wirst ein Bräutigam des Himmels. Ach, wie hast du heut mein Herz
erschüttert, als du da standst in aller deiner Lieblichkeit; als die Welt dich
fesseln wollte; als die Mutter weinte, und dir zeigte alle Reize dieses Lebens;
als Hilaria dich binden wollte mit dem Band der Liebe - wie du da, du mehr als
Tomas, niedersahst mit hohem Aug auf alle goldne Fesseln; wie du blicktest nach
dem Palmenzweig im Himmel; ihn ergriffest mit entschlossener Hand! durch alle
Reizungen hinweggiengst nach dem Sitz des Friedens und der Ruhe!
    Oefne dich, o Zelle, dass ich eingeh, wie mein Auserwählter, an den Ort der
Stille, wo gereinigt wird das Herz, und geheiliget zur Braut des Himmels! Folg
mir nach, o Bild des Auserwählten, den ich bald zum letztenmal erblicke, bis wir
uns begegnen in den Tälern Edens! - Heiliger Tomas, dessen Bild mein
Auserwählter ist, bald erblick ich dich mit ihm, und singe Siegeslieder! - Wenig
Tage noch, mein Bräutigam, so wirst du meinem Aug entrissen, denn die Zelle hat
sich aufgetan; aber meine Seele soll dich sehen, bis ich lieg' und schlaf im
Grabe.
                                       *
                               Am 12ten November.
                      (als sie ins Kloster getreten war.)
    Ich bin eingegangen in den Ort der Ruhe; aber noch ist keine Ruh in meinem
Herzen. Gestern hab ich dich zum letztenmal gesehn, mein Bräutigam! Ach, zum
letztenmal! Schöner warst du mir, als jemals, weil du traurig warst und
weintest. - Heilig ist der Ort, den ich bewohne. Heilig soll mein Herz sein, und
entfernt vom Irrbisschen. Aber sollt ich dein nicht mehr gedenken, du Erwählter?
Du bist heilig, wie ein Tempel Gottes; ich gedenke deiner. - Still und öd ists
um mich her; meine Schwestern schlafen, aber meine Seele wacht noch, und
bespricht sich mit der deinigen. Möchtest du zuweilen noch der Abgeschiedenen
gedenken, die so heiss und heilig dich geliebt hat! Aber in dein Herz drang nie
der Stral der Liebe; mich allein hat er entzündet, dass ich brenne sonder
Nahrung.
    Ich murre nicht, Geliebter! Wohl dir, dass du Ruhe hast im Herzen, und den
Sturm der Leidenschaft nicht hörest! Doppelt würd ich leiden, wenn auch deine
Seele litte. Geh im Frieden ein in deine Zelle! Schlummre sanft, wie ich einst
schlummern konnte, eh ich dich erblickte! Wandle ruhig auf dem Pfad des Lebens,
bis am Ziel du bist, wo das Mädchen wartet, das geduldet hat bis an ihr Ende!
                                       *
                              Am 30sten November.
    Meine Kraft nimmt ab; mein Leben welkt dahin; aber meine Liebe grünt und
wächst. Ewig ist sie, wie das ewige Licht, das in der Lampe brennt im Chor. Der
Hauch des Todes wird sie nicht auslöschen, oder meine Seele stürbe mit. Wenn die
Glocke mich erweckt zum Beten, so ists, als ob mir deine Stimme rufte, du
Erwählter. Du befeuerst meine Andacht, und hebst hoch mein Herz. - Oft zittert
meine Seele, dass sie dich erblickt am Altar, wenn sie betet; aber du bist ja
heilig, und darfst wohl vor Gott erscheinen. - Meine Schwestern fragen mich,
warum ich blass sei? Sie bedauern mich, und weinen, dass ich nahe sei dem Grabe.
O, sie wissen nicht, wie süss das Grab ist; und sehn doch so blass aus; oder gibts
noch andre Leiden, als den Schmerz trostloser Liebe?
                                       *
                               Am ersten Jenner.
    Ihr fangt in der Welt ein neues Jahr an. Das alte gab mir Tränen; wird das
neue mir den Tod geben? Ja, ich hoff ihn, Lieber; denn mein Auge wird trüb und
matt; meine Kräfte schwinden, dass ich kaum mehr gehen kann ins Chor, für dich zu
beten, und für mich. Meine Hand zittert, wenn ich an dich schreibe; meine
Tränen sind vertrocknet. - Sei mir willkommen, Jahr des Friedens und des Todes!
Sende Segen meinem Bräutigam, dass er Freuden erndte an jedem deiner Tage! O du
Lieber, Auserwählter, warum bin ich heut so traurig, da ich doch den Tod
erwarte, meinen Freund?
 
                                       *
                                  Im Februar.
                          (zween Tage vor ihrem Tode.)
    Endlich, endlich! Lieber, Teurer, auserwählter Bräutigam, o du, den meine
Seele liebt, wie ist mir so wohl! Der Tod, mein Freund, mein Retter, der einst
dir mich wieder geben soll, ist vor der Tür, und hat schon angeklopft. Ich
fühls, in wenig Tagen werd ich schlummern in der Gruft der Todten. - Leb wohl du
Teurer! Ach, nun wird mirs schwer, die Welt zu lassen, welche du bewohnst! -
Aber deine Hütte wird einst sinken, und du wirst hinübergehen in die Wohnung der
Gerechten, wo ich dich erwarte im Gewand des Lichts. - Verschweig, ich beschwöre
dich bei Gott, zu dem ich übergehe, verschweig meine Zärtlichkeit, und alles,
was ich dir geschrieben habe! Ich schäme mich nicht meiner Liebe; aber meine
Mutter und mein Vater würden noch mehr trauren, wenn sies wüsten, und dir minder
gut sein. - Ach, du Teurer, nimm den letzten, letzten Segen, den mein Herz dir
gibt! Lebe fromm, und folg mir bald nach! - Mein Herz hat dich rein geliebt, und
keusch; ich kann ruhig sterben, denn ich seh dich bald, und weine nicht mehr. -
Meine Hand wird matt ... ich kann nicht mehr schreiben .... Leb wohl, komm bald!
... ich erwarte dich ... Bin deine Braut
                                                                         Sophie.
                                      * *
    Siegwart blieb einen halben Tag eingeschlossen, um das Tagebuch, von dem
dieses nur einige abgerissne Stücke sind, zu lesen. Er las es mit ununterbrochner
Rührung durch, und hörte fast niemals auf zu weinen. Nun klärte sich ihm auf
Einmal so vieles auf, was ihm in Sophiens Betragen so sonderbar und
unbegreiflich vorgekommen war, denn er dachte zu bescheiden von sich selbst, als
dass er Liebe gegen ihn für die Ursache davon hätte halten sollen. Anfangs machte
ihm sein zartes Herz Vorwürfe, dass sie seinetwillen so viel ausgestanden hatte;
als er aber über sein Betragen nachdachte, fand er nichts, dass er sich
vorzuwerfen hätte, und beruhigte sich von dieser Seite. Doch beschäftigte sich
seine Seele lange mit den traurigsten Gedanken. Das Bild der leidenden Sophie
begleitete ihn aller Orten hin, und erschien ihm manche Nacht im Traum. Er bekam
aufs neue die stärkste Abneigung vor der Liebe, die so vieles Unglück auf der
Welt anrichtet. Er vermied sorgfältig, viel in Grünbachs Haus zu gehen, weil ihn
da alles, besonders die schwarze Kleidung ihrer Eltern, zu lebhaft an Sophien
erinnerte. Die Mutter wollte wissen, was das Packet ihrer Tochter an ihn
entalten habe? Er kam über die Frage in Verlegenheit, und sagte: Es seien ein
paar Bücher drinn gewesen, die er Sophien geliehen habe.
    Seine meiste Zeit brachte er nun in der Einsamkeit auf seinem Zimmer, oder
bei P. Philipp zu, mit dem er aber so wenig, als möglich, von Sophien sprach.
Kronhelm schrieb ihm fleissig, aber traurig, und erwartete mit aller Sehnsucht
seine Ankunft in Ingolstadt. Terese und sein Vater schrieben ihm auch, dass er
auf Ostern dahin abreisen könne, welches ihm sehr lieb war, da ihm die
Einsamkeit immer trauriger und unerträglicher wurde.
    Acht Tage vor Ostern bekam er von seinem Vater einen Wechsel, Reisegeld, und
einen Brief an den Hofrat Fischer in Ingolstadt, dem er, als seinem alten
Freunde, seinen Sohn empfahl. Siegwart brachte seine Sachen in Ordnung, um
gleich nach Ostern abgehen zu können. Er schrieb auch seinem Kronhelm, dass er
ihm, wo möglich, ein paar Stunden weit entgegen kommen möchte. Der Abschied wurd
ihm bloss um des P. Philipps, und einigermassen um der Grünbachischen Familie
willen schwer. Ein paar Tage vor der Reise ging er noch in das Nonnenkloster,
wo Sophie gestorben war. Er besuchte ihr Grab, und weihte dem Andenken des
unglücklichen Mädchens seine Zähren. Leb wohl, teurer Staub, sagte er bei sich,
beim Weggehn! Leb wohl, Ueberrest Sophiens! Ihr Beispiel soll mich dulden
lehren, wenn ich leiden muss. Ich will dir treu sein, und dein Bräutigam im
Himmel werden. Hierauf ging er nach Haus, und las ihr Tagebuch wieder mit
zwiefacher Rührung durch. Den andern Tag nahm er von ihren Eltern, und von ihrem
Bruder Abschied. Sein Herz ward sehr bewegt, und er musste eilen, um die armen
Eltern nicht zu weich zu machen. Der junge Grünbach versprach ihm, in einem Jahr
nach Ingolstadt nachzukommen.
    Den lezten Abend brachte er bei seinem lieben P. Philipp zu. Dieser teilte
ihm noch viel gute Lehren mit, und zeigte ihm alle die Behutsamkeit, die ein
Neuling auf einer hohen Schule zu beobachten hat, wo Verführung, Reizung und
Betrügereien so gewöhnlich sind. Wegen Kronhelms sagte er ihm auch
verschiedenes, wie er glaubte, dass sein krankes Herz am besten geheilt werden
könnte. Er riet ihm, ihn so viel als möglich zu zerstreuen; Teresens Briefe
vor ihm geheim zu halten, und wenig, oder nichts mit ihm von ihr zu sprechen! Er
wird mir doch zuweilen Nachricht von sich geben, und mich nicht ganz vergessen?
sagte er. Ach Gott! Wie könnt ich Sie vergessen? antwortete Siegwart, und
weinte. Wenn ich Ihnen nur schreiben darf, ich werds gewiss oft tun. Ihnen hab
ich ja alles zu verdanken. - Nichts zu verdanken, lieber Xaver! Was ich tat,
geschah aus willigem und gutem Herzen; weil ich wusste, dass es bei ihm wohl
angewendet ist. Siegwart wollte ihm hier die Hand küssen, aber P. Philipp gab
ihm einen Kuss auf den Mund. - Da will ich ihm ein kleines Andenken auf den Weg
geben, sagte er, und gab ihm die Berliner Ausgabe vom Virgil. Siegwart wusste
nicht, was er vor Rührung und Dankbarkeit sagen sollte? Vorn hatte P. Philipp
seinen Namen eingeschrieben. Der Famulus brachte unserm Siegwart ein sehr
günstiges Testimonium, das alle seine Lehrer unterschrieben hatten. Als ers las,
gingen ihm die Augen über. Das ist zu viel! sagte er. Nein, mein Lieber!
antwortete P. Philipp; er verdients; er hat sich brav gehalten; bleib er ferner
brav, so wird ihms wohl gehen. Als es zehn Uhr schlug, stund Siegwart auf, ohne
ein Wort zu sagen; ging ans Fenster, und weinte, und sagte endlich: ja, nun muss
ich gehen. Weiter liess ihn der Schmerz nicht reden. Philipp gab ihm seinen
Segen, küsste ihn, und sie schieden.
    Siegwart weinte auf seinem Zimmer noch eine Stunde lang. Den Virgil packte
er nicht ins Koffre, sondern steckte ihn zu sich. Das Geschenk war ihm gar zu
lieb. Endlich, als er sich ganz müde geweint hatte, warf er sich aufs Bette, um
noch einige Stunden zu schlafen.
    Des Morgens um halb sechs Uhr kam der Torwart, um ihn aufzuwecken. Der Mann
war sehr geschäftig, ihm das noch übrige einpacken zu helfen. Als Siegwart eben
gehen wollte, stand er in einer Ecke des Zimmers, sah zur Erde hin, und auf
Einmal stürzten ihm die Tränen aus den Augen. Er drückte unserm Siegwart die
Hand mit der grösten Treuherzigkeit, und küste sie. Ja, Sie sind so gar ein
braver Herr, sagte er, und es geht mir recht nah, dass Sie fortreisen. Es muss
Ihnen gewiss wohl gehen! Siegwart war darüber sehr gerührt, gab ihm noch ein
Trinkgeld; der Mann wollte es nicht nehmen. Sie haben mir schon so viel Guts
getan, und Sie brauchens jezt auf Ihrer Reise, sagte er in seiner Einfalt.
Siegwart legte das Geld aufs Gesimse, und ging mit schwerem Herzen weg.
    Mach sieben Uhr ging der Postwagen ab. Die Reisenden waren ein junger
baierscher Offizier, ein Jude, und der Kondukteur, ein dicker, starker Mann, dem
seine grobe baierische Aussprache recht drollicht liess. Siegwart war die erste
Stunde ganz betäubt. Er dachte an den P. Philipp, und an alles, was er ihm, und
dem ganzen Kloster zu verdanken hatte. Der Offizier, und der Kondukteur fiengen
an, den armen Juden auf alle Art zu necken. Keine halbe Stunde durste er auf
seiner Stelle sitzen bleiben. Bald fiels dem Offizier ein, vorwärts, bald wieder
rückwärts zu fahren. Der Jude liess sich alles gefallen, und setzte sich
stillschweigend hin, wohin mans wollte. Endlich fiel dem Kondukteur ein, dass er
ein wildes Schwein auf dem Wagen habe. Er sagte dem Juden, er soll sich weiter
hinten hin im Postwagen setzen. Der Jude tats. Hierauf fieng der Kondukteur mit
dem Offizier ein lautes Gelächter an. Mauschel, Mauschel, hast du Gelust zu
Schweinefleisch? Seht mir doch, da setzt er sich neben die Bache hin! Indem zog
der Kondukteur die Decke weg, unter der das Schwein lag. Der Jude sprang mit
grossem Geschrei aus dem Postwagen: O weh, o weh! Ich bin verunreinigt! Bin ein
armer Mann! Unserm Siegwart tat das in der Seele weh. Man sollt' ihn doch in
Ruhe lassen! sagte er, und wurde feuerrot im Gesicht, weil er noch ziemlich
erschreckt war. Ey was! junger Herr, sagte der Offizier. Er versteht das nicht!
Das ist Postwagenrecht. Siegwart schwieg, weil er das grimmige Gesicht des
Offiziers für Tapferkeit hielt. Der Jude war nicht mehr zu bewegen, in die
Kutsche zu sitzen. Er setzte sich von aussen hin, ungeachtet es heftig regnete.
Auf der Station ass der Jude nichts als trockenes ungesäuertes Brod, das er bei
sich hatte, weil der Jude nichts von Christen Zubereitetes geniessen darf.
Siegwart bedaurte recht von Herzen das Schicksal dieser armen Leute, und sah den
Juden oft mitleidig von der Seite an, der zuweilen bei sich selbst seufzte. Der
Offizier, mit dem Siegwart ass, sprach ihm immer zu, brav zu trinken, vermutlich
in der Absicht, ihn betrunken zu machen; aber unser Xaver nahm sich sehr vor ihm
in Acht. Eh der Postwagen abgieng, kam ein Amtmann mit seinem Sohn, und der
ganzen Familie, die den jungen Herrn begleitete, der auch auf die Universität
nach Ingolstadt gehen sollte. Die Mutter, und zwo Schwestern standen
unaufhörlich um den jungen Menschen herum, und weinten, als ob sie auf ewig von
einander Abschied nehmen sollten. Sie steckten ihm die Taschen voll mit
Lekerbisschen, und Arzneigläsern. Der Amtmann, der gehört hatte, dass Siegwart
auch nach Ingolstadt gehe, setzte sich zu ihm; liess eine Bouteille Burgunder
kommen; trank tapfer drauf los, setzte unserm Siegwart auch brav zu, und empfahl
ihm seinen Sohn mit tausend Flüchen und Beteuerungen, dass er ein rechtschaffener
Kerl werden müsse, weil er schon dreihundert Gulden an ihn gewendet habe.
Mitmachen darf mein Kaspar alles! sagte er. Es will mir gar nicht eingehn, dass
meine Amtmännin so ein Ammensöhnchen aus ihm ziehen will. Sakrebleu! ich hab ihm
einen Degen angeschafft, mit dem er sich herum hauen kann, dass es eine Lust ist.
Er soll mir kein Hundsfott werden! Eine Schramme im Gesicht mehr oder weniger!
Mit Mädels mag ers auch zu tun haben! Nur vor liederlichen Nickeln soll er sich
in Acht nehmen! Da kömmt nichts Gutes hinterher. He! Kaspar! was greinst wieder,
wie eine alte Hure? Komm her! trink! Vivat die Universität! Ich sag dirs; werd
mir ein braver Kerl! Lass dir keinen zu nah kommen! Oder stich ihn nieder! Hör
ich einen schlechten Streich von dir; so sollst du deine liebe Not haben. Da,
das ist ein rechter Herr, (auf Siegwart deutend) der sticht jeden übern Haufen,
der ihm auf die Zähne fühlen will. Siehst, was er für einen Schläger an hat? Der
hat gewiss schon Blut gesehen. Nicht wahr, Herr? Siegwart sagte, dass er ihn erst
vor zwei Tagen neu gekauft habe. - Ja, ja, so sagt man! antwortete der Amtmann;
indem bliess der Postillion zum Abfahren. Die Amtmännin erschrack, ward todtblass,
und eilte mit ihren Töchtern herzu, ihrem Knaben Filzschuhe, ein dickes
Halstuch, und einen Ueberrock anzulegen. Der Amtmann trank hurtig seine
Bouteille aus, und sprang mit den übrigen an den Wagen. Die Amtmännin herzte und
drückte ihren Sohn; hub ihn in den Wagen, fieng ein grosses Geheul an, und
wollte den Schlag, der schon zu war, wieder aufreissen, um ihren Sohn noch
einmal zu umarmen. - Fahr zu, Schwager! schrie der Amtmann, und schlug mit
seinem Stock auf die Pferde zu. Der Wagen fuhr fort.
    Siegwart sass bei dem Officier. Ihm gegenüber der junge Kaspar, neben dem
Juden. Er weinte wie ein Kind, und wollte immer aus dem Schlag gucken, um seine
Mutter noch einmal zu sehen; aber der Wagen ging zu schnell, und schmiss ihn
immer wieder zurück, wenn er aufstehen wollte. Der Jude, der die Geschwätzigkeit
mit seiner ganzen Nation im hohen Grad gemein hatte, plauderte beständig mit dem
jungen Kaspar; erzählte ihm alle seine Familienumstände, dass er einen Sohn habe,
der so alt sei, wie er; dass ihm seine Rebekka vor zwei Jahren gestorben sei
u.s.w. Seine Neugierde wollte aus Kaspar eine gleiche Vertraulichkeit
herauslocken; aber dieser sagte immer nur: So! und Ja, und Nein. Der Offizier
und der Kondukteur spotteten beständig über den Juden, fragten ihn
verschiedenes; und wenn er zu erzählen anfieng, lachten sie über ihn. Der
Offizier rief alle Mädchen an, die den Wagen vorbei giengen, und rief ihnen
Zoten zu. Wenn ein Bettler an den Wagen kam, so stellte er sich, als ob er etwas
Münze herauswürfe; die armen Leute suchten lang umsonst im Kot herum, und der
Offizier lachte recht aus vollem Halse über seinen, wie er glaubte, glücklichen
Einfall. Als sie auf die nächste Station kamen, und den Postillion bezahlen
sollten, kannte Kaspar keine Münze, und wollte dem Schwager statt sechs Kreuzern
einen Sechsbäzner geben. Siegwart nahm sich seiner an, und zahlte für ihn aus,
sonst wär er in kurzer Zeit um all sein Geld gekommen. Nun setzte sich auch ein
junges Mädchen von Donauwert in den Postwagen, an das sich der Offizier
sogleich machte. Er brachte so grobe Zoten und Zweideutigkeiten vor, dass
Siegwart die Augen zutat, als ob er schliefe, so ärgerlich war ihm das
Geschwätz. Er wurde durch ein grosses Geplapper aufgeweckt, indem eine
Wallfahrt, die ein halbes Dorf ausmachte, und nach Königinbild im Burgauischen
ging, am Wagen vorbei kam. Der Offizier rief ihnen zu: Sie möchten doch auch
für ihn beten! denn er sei ein grosser Sünder. Hierüber schlug er ein lautes
Gelächter auf. Gegen Abend wurde der Jude, der sein Abendgebet verrichten
wollte, von dem Offizier unaufhörlich so geneckt, dass er sich endlich,
ungeachtet des ärgsten Regens, aus dem Wagen hinaussetzte, und die ganze Nacht
da sitzen blieb. - In Donauwert giengen alle vom Postwagen ab, ausgenommen der
junge Kaspar und der Kondukteur. Dagegen traten drei Studenten von Ingolstadt
ein, die auf der Vakanz gewesen waren. Sie sprachen mehrenteils lateinisch, und
Siegwart mischte sich in ihr Gesprach. Kaspar aber konnte mit dem Lateinischen
nicht fortkommen. Er beklagte sich sehr über die Kälte, ungeachtet die Witterung
ziemlich gelinde war; zog seine Leckerbisschen hervor, und zehrte eins nach dem
andern auf. Sie fuhren auf eine Anhöhe, und sahen unten eine Ueberschwemmung, die
die Donau machte. Es sah traurig aus. Die Felder lagen unter Wasser; nur
zuweilen ragte eine Anhöhe, oder ein Gesträuch hervor. Tannen und Eichen hiengen
halb ausgewurzelt über's Wasser. Oben, wo sie fuhren, stand ein gutgesatteltes
Pferd, ohne Reuter, das der Postillion mitnahm. Ganze Dörfer waren vom Wasser,
das wild und laut unten hinrauschte, umzingelt. Halbe Scheunen und Häuser, oder
losgerissene Balken nahm die Flut mit fort. Die Bauern standen, zum Teil nur
halb gekleidet, mit Weib und Kindern, und ihrem Vieh auf der Höhe; sahen
stillschweigend ins Tal hinab; oder streckten die Hände aus, und fiengen ein
lautes Wehklagen an, wenn ihre Hütten einstürzten. Siegwart übersah die Scene
mit Tränen; einer von den Studenten kramte witzige Einfälle aus. Auf Einmal
ward er blass, und schwieg. Es erhub sich ein grosses Geschrei. Der Wagen, der
sich bisher immer auf der Höhe gehalten hatte, musste nach dem Dorf, wo die
Station war, ins Tal hinabfahren. Du kannst hier nicht durch, riefen alle
Bauern dem Postillion zu. Ich muss durch! sagte dieser, und peitschte auf die
Pferde los. Plötzlich blieb der Wagen stecken, und das Wasser strömte wild drum
herum. Zween Bauern sprangen, ungeachtet sie, wegen des Feiertags, gut gekleidet
waren, ins Wasser, und huben die Räder in die Höhe, dass der Wagen wieder fort
konnte. Drauffen rief ein altes Weib ihrem Sohn ängstlich zu, der fast unter's
Rad kam, als es sich zu drehen anfieng. Der Postillion fluchte, und lachte die
Bauern aus, als er aus dem Wasser heraus war. Siegwart warf ihnen zween
Dreibäzner zu. -
    Herr Gott! Das ist unsers Herrn Gaul? rief eine Magd; und gleich drauf
sprang die Verwalterin aus ihrem Haus heraus, und rief: halt, Schwager, halt! Wo
ist mein Mann? Das ist sein Schimmel. Schwager, Schwager, sag um Gottes willen,
wo er ist? Das weis ich nicht, sagte der Postillion ganz kalt. Da habt ihr den
Gaul, wenn er euer ist. Indem liess er das Pferd gehen, das sogleich seinem Stall
zulief. Die Verwalterin lief dem Wagen nach ins Postaus; zwei Kinder sprangen
heulend hintennach. Sie wandte sich an Siegwart, um zu fragen, wo ihr Mann sei?
Auf seine Antwort: Dass sie das Pferd, zwo Stunden vor dem Dorf draussen, ohne
Reuter angetroffen haben, fiel sie in eine Ohnmacht, und ward in ihr Haus
getragen. - Nach zwei Stunden fuhr der Wagen weiter, nachdem die Reisenden erst
versichert worden waren, dass sie von der Ueberschwemmung nichts mehr zu
befürchten hätten, weil man immer auf der Höhe fahren könne. Als die drei
Studenten drauf von Ingolstadt sprachen, ward Siegwart sehr aufmerksam. Sie
musterten die Ingolstadter Mädchen. Die Kornfeldin ist eben ein fideles Mensch,
sagte der Eine, mit der man einen wahren Jokus haben kann. Sapperluft, sie sieht
so frisch aus, wie ein Borstorferapfel, und das Best' ist, dass sie einem nichts
übel nimmt. Weist du, Kirner, wie wir letzt bei ihr waren, als wir die
Musikanten hatten? Narr, warum wirst rot drüber? Man sieht dir noch recht den
Fuchs an; darfst dich ja nicht schämen; Man weis wohl. - Auf dem Billard gehts
auch noch an; die Franzel macht noch wohl so was mit; aber um das andre
Geschmeiss geb ich all zusammen keinen Heller! - Was verziehst das Maul so,
Gutfried? steckt dir wieder deine Fischerin im Kopf, der Zieraffe? - Ihr möcht
sagen, was ihr wollt, antwortete Gutfried; die Fischerin ist ein trefliches
Frauenzimmer; aber sie ist euch zu gut; ihr wollt nur leichte Waare, wo man
wenig Umstände machen darf. - Das ists eben, sagte Boling; die Fischerin ist ein
stolzes Mensch, die so jüngferlich tut, als ob sie nicht fünfe zählen könnte,
und einen ehrlichen Kerl über die Achsel ansieht. Schön ist sie, das kann man
ihr nicht nehmen; aber eben deswegen sollte sie mehr mit unser einem umgehn.
Narr! sie hat doch auch Fleisch und Blut! Aber du siehst sie immer als einen
Engel an. Wenn ein Mädel nicht mit Studenten umgeht, so wird ihr Lebetag nichts
rechts aus ihr! - Schöne Moral! sagte Gutfried. - Moral hin, Moral her!
versetzte Kirner, um der Moral willen bin ich nicht nach Ingolstadt gegangen.
Das kanst du doch nicht leugnen, Gutfried, dass die Fischerin mit all ihrem
glatten runden Gesicht ein dummes, hoffärtiges Ding ist! Ich wollte letztin mit
ihr im Schlitten fahren; da zog sie die Nase in die Höhe, und sagte, sie müss'
es sich verbitten. - Verbitt du den Henker und seine Grossmutter! Gelt, wenn der
seine Herr von Kronhelm kommt, da reicht sie gleich ihr Pfötchen her, weil er
eine goldbeschlagene Jack' an hat. Das sind mir die rechten Menscher! Ich
bekümmre mich viel um ihre feine Haut.
Das Mädel lob ich mir allein,
Das Leib und Seele kann erfreun:
Dem Tag und Nacht zu jeder Frist
Der Pursche fein willkommen ist!
    Als die beiden Herren ausgesungen hatten - denn Gutfried sang nicht mit - so
fragte Siegwart, ob sie den Herrn von Kronhelm kennen? O ja! sagte Boling, er
hört mit mir das Ius Canonicum. Es ist ein trocknes eingebildetes Bürschchen,
das immer aussieht, als obs weinen wollte. Der Kerl ist mir recht fatal, weil er
immer allein auf der Stube sitzt, und sich viel zu gut dünkt, mit andern
ehrlichen Kerls umzugehen. - Er ist doch sehr artig in Gesellschaft, sagte
Gutfried; ich hab ihn ein paarmal im Konzert beim Hofrat Fischer gesprochen. Er
ist nichts weniger als stolz. Ein Bisschen schwermütig scheint er wohl zu sein.
Es muss ihm etwas fehlen. Sonst aber ist er sehr artig, und hat viele Lebensart.
- Er ist mein vertrauter Freund, sagte Siegwart zu Gutfried; ich habe zwei Jahre
auf der Schule mit ihm zusammen gelebt; wir wurden Ein Herz und Eine Seele. Ich
glaube, dass er mir entgegen kommen wird. - Das soll mir lieb sein, antwortete
Gutfried; ich habe schon längst gewünscht, genauer mit ihm bekannt zu werden;
aber es wollte sich nicht schicken: vielleicht geschiehts jetzt. Ein paar Bücher
hab ich durch die dritte Hand von ihm zu lesen bekommen, die sehr schön waren.
Das Eine hiess der Messias, und im andern stund ein grosses Gedicht, der
Frühling. - O, die kenn ich wohl, die hab ich selbst auch, sagte Siegwart. Sie
lesen wohl gern solche Bücher, mein Herr Gutfried? Ausserordentlich gern!
antwortete dieser; wenn man nur in Ingolstadt dergleichen auch bekommen könnte!
- Die beiden Jünglinge fiengen nun ein vertrauteres Gespräch über diese Materie
an; denn nichts macht vertrauter, als die gemeinschaftliche Liebe zu den schönen
Wissenschaften. Sie beschäftigt sich mit der Empfindung, und da begegnet man
sich alle Augenblick auf Einem Wege. - Da hat er nun einmal den rechten Mann
gefunden, sagte Boling zu Kirner, vor dem er sein Herz ausschütten kann. Wir
müssen immer hören, dass wir von nichts, als Studentenmährchen reden können. - Es
ist auch wahr, fiel ihm Gutfried ein, ihr bekümmert euch um nichts, was
geschrieben wird. - Um Vergebung! sagte Boling; wir lesen doch den Triller und
den Günter. Das ist wohl ein herrlich Lied im Günter: Ihr Schönen höret an etc.
    Indem kam ein Kapuziner an den Postwagen, und bat den Schwager, ihn doch
einzunehmen, weil er sehr ermüdet, und von der langen Reise halb krank sei.
Meinetwegen wohl, sagte der Postknecht, wenns die Herren da zufrieden sind.
Sogleich machte Siegwart den Schlag auf, und liess den Kapuziner ein. Er setzte
sich neben Kaspar, der sich ängstlich vor ihm zurück zog. Bleib er sitzen,
junger Herr! sagte Siegwart, und schlag er seinen Mantel mit um den Ehrwürdigen
Herrn herum! Er sieht ja, dass er halb erfroren ist. Kaspar tats halb unwillig,
und der Kapuziner sah unsern Siegwart dankbar an. - Wo geht denn die Reise bei
den jungen Herren hin? fragte er. - Nach Ingolstadt, war die Antwort. - So?
dahin will ich auch. Will Gott recht danken, wenn ich da bin; denn nun marschir
ich schon seit fünf Tagen aus dem Frankenland heraus. Ich glaubt' oft, ich
könnt's kaum mehr aushalten. - Warum gehn Sie denn bei dieser veränderlichen
Jahrszeit so weit, Herr Pater? fragte Siegwart. - Ach, was tut man nicht um des
lieben Gehorsams willen! antwortete er. Ich habe Geschäfte für meinen Provinzial
gehabt. Freilich kommt michs hart an, da ich schon seit Jahr und Tag nicht recht
gesund bin. Ich hoffte aber auch, meine Leut' im Aichstättischen noch einmal zu
sehen. Lieber Gott! wie ich da vor meines Vaters Haus komm, und denk, ich will
dem alten Mann eine Freude machen, dass er mich nach 20 Jahren wieder einmal
sieht; da find' ich alles ganz und gar verändert; lauter fremde Gesichter; und
als ich frag, da weis kein Mensch nichts von meinen Leuten. Die sind seit zehen
Jahren weg, und gestorben, hiess es - das drang mir durch Mark und Bein, dass ich
nicht mehr wusste, wo ich war? - Heilige Mutter Gottes! sagt ich; sind sie alle
gestorben? - Hier stürzten dem ehrlichen Kapuziner die Tränen aus den Augen.
Siegwart und Gutfried weinten mit. - Was ist denn das für ein Kerl da? rief
Kirner zum Postillion, als sie bei einem Rad vorbei fuhren, auf dem ein kürzlich
hingerichteter Mensch lag. Ja, das war ein feiner Geselle! Herr! antwortete der
Schwager. Er ist auf der Mühle dort Knecht gewesen. Der hat seinem Herrn die
Kasten aufgebrochen, und das Geld herausgenommen, und dann seine Tochter mit dem
Beil umgebracht, weil sies sah, und ihrem Vater sagen wollte. Meinen Sie, er
habe gebetet, als man ihn räderte? Geflucht und gesungen hat er, bis man ihn
aufs Rad legte. Ich stand nah dabei, dort auf dem Hügel, und hab alles recht mit
angesehen. Das war ein Teufelskerl! Aber er hat auch sein Lebtag nichts getan,
als gesoffen und gespielt, und mit Menschern ganze Nächte zugebracht. Ich hab
ihm oft gesagt: Hans, so wirst dus nicht weit bringen. - Das ist mir doch ganz
unbegreiflich, sagte der Kapuziner, wie ein Mensch die Bosheit so weit treiben,
und sich vom Teufel so verblenden lassen kann! Ich würds nicht glauben, wenns
der Schwager da nicht selbst sagte. Dass man einem etwas nimmt, wenn man sich
nicht mehr zu helfen weis, und Hungers sterben müste, das läst sich wohl noch
denken, obs gleich auch grausig ist; aber wie man einen umbringt, das geht über
meinen Verstand hinaus. - Ueber meinen auch, sagte Siegwart; ich hätte nie
geglaubt, dass es so verdorbne Menschen gibt. - Wohl euch, edle, unschuldsvolle
Seelen, denen das Laster unbegreiflich, und der Gang einer boshaften Seele
unerforschlich ist! Möchtet ihr immer bei eurer unwissenden Einfalt bleiben!
    Der Kapuziner unterhielt sich noch viel mit Siegwart, und erzählte ihm von
seiner eigenen Geschichte, und vom Kloster; zuweilen seufzte er, aber nur
verstohlen, und furchtsam, über die Strenge seines Ordens. Die liebenswürdige
Einfalt, und die fast kindische Unerfahrenheit im Lauf der Welt, besonders in
der Bosheit der Menschen, die der Pater alle Augenblick äusserte, nahm unsern
Siegwart, der seine idealische Vorstellungen hier so lebendig vor sich sah, sehr
für ihn ein. Mit Gutfried, an dem er sehr viel edles fand: ward er auch bald
Freund.
    Den andern Tag, als sie noch drittehalb Stunden weit von Ingolstadt entfernt
waren, kam Kronhelm hergeritten. Seine, und Siegwarts Freude war
unbeschreiblich. Jeder fühle sie mit mir, der seinen Freund, den er so zärtlich
liebt, wie Siegwart seinen Kronhelm, nach einer Jahrlangen Trennung wieder
umarmt, und nun wieder ganz sein ist! Boling erbot sich, zu reiten, und Kronhelm
setzte sich in den Wagen. Anfangs sprachen sie wenig, und hielten sich nur bei
der Hand fest. Sie fragten sich tausend Dinge, beantworteten die Fragen nur
halb, und fiengen sogleich wieder eine neue an. Als sie einander steif, und mit
dem seelenvollsten Ausdruck ansahen, erschrack Siegwart auf Einmal, weil er
jetzt erst wahrnahm, wie blass und mager Kronhelm aussah. Du bist doch gesund?
sagte er. So ziemlich; war die Antwort. Und nun stunden dem armen Kronhelm die
Tränen in den Augen, denn er dachte sich seine Terese lebhaft, und erkannte
sie in den Zügen ihres Bruders ganz wieder. Hast du mir nichts mitgebracht?
sagte er. - Nichts als Grüsse von dort her, und vom P. Philipp. Kronhelm schwieg
eine Zeitlang, und versank in tiefe Wehmut.
    Gutfried mischte sich nun auch ins Gespräch. Kronhelm wunderte sich, dass sie
sich nicht schon früher hätten genauer kennen lernen, da er so viel Gleichheit
in ihrer Denkungsart wahrnahm, und da dieses Siegwart noch mehr bestätigte. Er
bat ihn zu sich, und versprach, ihn öfters zu besuchen, und ihm alle Bücher zu
leihen, die er hätte. Kirner hänselte indessen den jungen Kaspar, der sich alles
gefallen liess, und nun froh war, dass er das Ende der Reise vor sich sah. Der
Kapuziner freute sich innerlich recht herzlich über die Freundschaft der beiden
Jünglinge, und über die Freude, die sie an einander hatten. Das ist schön, sagte
er, wenn man einander so recht gut ist. Ich weis, dass mein P. Ignatz auch viel
Freude haben wird, wenn ich wieder komme. Wir sind Herzensfreunde zusammen. Eine
Viertelstunde vor der Stadt ging der ehrliche Pater vom Postwagen ab, und
dankte Siegwart noch besonders, dass er sich seiner so angenommen, und für ihn
gesorgt habe. - Sieh, dort an dem mittlern Turm, sagte Kronhelm zu Siegwart,
indem er nach der Stadt wies, ist mein Zimmer, gleich in dem Hause rechter Hand.
Du kannst erst bei mir sein, bis wir um eine Wohnung für dich sehen; ich glaub,
dass in meinem Haus noch ein Zimmer ledig wird. Das wär herrlich, sagte Siegwart;
aber könnten wir nicht auf Einem Zimmer beisammen wohnen, wie im Kloster? Nein,
Bruder, antwortete Kronhelm; aber ich kann dir jetzt nicht sagen, warum?
    Endlich kamen sie in der Stadt an, und giengen gleich auf Kronhelms Zimmer.
Hier umarmten sie sich erst mit herzlicher, brüderlicher Liebe. Siegwart
bemerkte gleich beim Eintritt in die Stube ein unter dem Spiegel hängendes
Portrait, das ihm sehr bekannt deuchte. Wen soll das vorstellen? fragte er.
Kennst du das nicht! antwortete Kronhelm. Es ist Terese. - Ja wahrhaftig! Recht
gut und ähnlich! Fiel mirs doch nicht gleich ein. Aber, wo hast du's denn her?
Wer hats gemacht? - Aus mir selber hab ichs; ich habs gemacht. Das war dir eine
Freude, als ichs fertig hatte. O Bruder, ich kann nichts anders tun und denken!
- Du daurst mich, armer Junge! Ich hoffte, die Zeit würd es ändern. - Da kennst
du die Liebe recht. Wer einmal liebt, liebt ewig. - Hierauf erkundigte er sich
mit Aengstlichkeit nach Teresen. Siegwart wich seinen Fragen aus, so gut er
konnte, und antwortete immer nur ins Allgemeine. Bei Kronhelm wachte der ganze,
etwas eingeschlummerte Schmerz wieder auf. Alles war ihm wieder neu. Es kam ihm
vor, als ob er Teresen erst gestern gesehen, und verloren hätte. Alle Bilder
der Vergangenheit stellten sich ihm wieder dar. Er betrachtete seinen Siegwart
genau, eilte dann zum Portrait hin, und brachte sogleich einen Zug drinn an, den
Terese mit ihrem Bruder gemein hatte. Das hat noch gefehlt, sagte er, das konnt
ich nicht treffen; nun ists noch ähnlicher. Und wirklich hatte die Aehnlichkeit
des Bildes durch diese Aenderung sehr gewonnen.
    Sieh, das Zimmer wäre gross genug, sagte Kronhelm, dass wir bei einander
wohnen könnten. Aber ich habs besser überlegt. Du hast in der letzten Zeit im
Kloster sehr viel von mir ausgestanden; ich war so wunderlich und vedriesslich.
Seit der Zeit bin ichs noch mehr geworden. Oft ist mirs so zu Mute, dass ich
keinen Menschen, nicht einmal meinen besten Freund um mich leiden kann. Wenn du
hier im Hause wohnst, so kannst du doch immer bei mir auf dem Zimmer sein; aber
wenn ichs zu arg mache, kannst du ausweichen. Mir ists leid, dass ich so bin;
aber ich kanns nicht ändern. Siegwart machte erst Einwendungen, aber endlich
liess er sichs gefallen.
    Den andern Tag besahen sie die Stadt mit einander. Sie gefiel unserm
Siegwart besser, als seinem Freunde, der, bei seinem Eintritt, alles in die
Farbe der Melancholie gekleidet gesehen hatte. Siegwart erkundigte sich bei ihm
nach dem Hofrat Fischer, und erfuhr, dass es eben der sei, von dem die Studenten
auf dem Postwagen gesprochen hatten. Er wird dir nicht sehr gefallen, sagte
Kronhelm, denn er ist ziemlich stolz; aber seine Tochter, denk ich, wird dir
mehr gefallen; es ist ein herrliches Mädchen. Mir wirst du dieses Lob um so mehr
glauben, da ich so ganz unparteiisch bin, und nur für Teresen allein lebe.
Meinetwegen mag sie sein, wie sie will! versetzte Siegwart, was gehen mich die
Mädchen an? Ich bring einmal dem Hofrat meines Vaters Brief, und damit aus!
Wenn er stolz ist, so bin ichs auch! - Nun, wir wollen sehen, sagte Kronhelm
lächelnd. Den Nachmittag waren sie zu Gutfried gebeten, der ihnen sehr gefiel,
und mit dem sie Freundschaft errichteten, und eine wöchentliche Zusammenkunft
ausmachten, weil er die Flöte recht gut spielte. Es war auch ein Sohn vom
Hofrat Fischer da, dem Gutfried gegenüber wohnte. Dieser junge Mensch
studierte, und war unbändig stolz. Er gab sich mit Kronhelm etwas, und mit
Siegwart gar nicht ab, ob ihm dieser gleich sagte, sein Vater habe ehedem das
Glück gehabt, ein Freund des seinigen zu sein. Alle Augenblicke besah er sich im
Spiegel, und bewunderte sein glattes, karmesinrotes Gesicht. Den andern Tag
ging Siegwart zum Kanzler, der ihm höflich begegnete, und von da zum Hofrat
Fischer, dem er seines Vaters Brief brachte. Der Hofrat empfieng ihn in seinem
damastenen Schlafrock sehr kalt und stolz, und nötigte ihn nicht einmal zum
Sitzen. Als er den Brief durchgelesen hatte, sagte er: Also lebt sein Vater
noch? Ich dachte, er wäre schon längst gestorben. Nun, Nun! Wenn ich ihm
gelegentlich worinn dienen kann, so komm er wieder zu mir! Er kann auch seinen
Vater von mir grüssen, wenn er an ihn schreibt. Siegwart bückte sich, und nahm
seinen Abschied. Der Hofrat ging bis an die Türe mit, und klingelte dem
Bedienten, der ihn die Treppe hinab begleitete. Voll Unmuts ging nun Siegwart
zu Hause, und schimpfte unterwegs bei sich selbst auf den kalten Weltton, und
das stolze, veränderliche, menschliche Herz. Der kriegt mich gewiss nicht wieder!
sagte er zu Kronhelm; das ist ein rechter Hofmann. Hätt ich das gewust, er hätte
weder mich, noch den Brief gesehen! Meinem Vater darf ich das nicht schreiben,
der würde sich zu sehr drüber ärgern. O Kronhelm, wenn ich denke, dass einer von
uns einmal so werden könnte, ich möchte toll werden! - Wie kannst du auch so was
denken? sagte Kronhelm, Hast du aber seine Tochter nicht gesehen? - Nein!
antwortete Siegwart halb unwillig; was willst du nur immer mit seiner Tochter?
Ich mag sie gar nicht sehen! -
    Nach ein paar Tagen ward in dem Haus ein Zimmer leer, das Siegwart sogleich
mietete und bezog, ob er gleich seine meiste Zeit auf Kronhelms Zimmer
zubrachte. Dieser sprach beständig nur von Teresen. Siegwart musste ganze Abende
durch mit ihm von ihr reden, ohngeachtet er jetzt selbst wenig von ihr wusste;
denn sie schrieb seltener, als sonst, vermutlich um Kronhelms willen. Siegwart
hätte so gern seinem Freund eine Neigung ausgeredet, die allem Anschein nach nie
einen glücklichen Ausgang nehmen konnte; aber wenn er sich nur von fern etwas
dergleichen merken liess, so ward Kronhelm böse oder traurig, und argwohnte, dass
er nicht sein Freund mehr sei. Zerstreuen liess er sich auch wenig, denn er sass
bei den schönsten Frühlingstagen fast immer zu Hause, und wollte nicht einmal
gern Musik machen, wenn Gutfried kam. Gieng Siegwart einmal allein aus, und kam
er nicht sogleich wieder heim, so ward er drüber unruhig und unzufrieden. Er
wollte den Bruder seiner Terese beständig um sich haben, und sagte ihm oft, dass
die Freundschaft so wohl eifersüchtig sei, als die Liebe. Siegwart, der ihn so
unaussprechlich liebte, fügte sich ganz in seine Laune, bedaurte ihn in der
Stille, und tat ihm alles zu Gefallen.
    Nun giengen auch die Kollegia an: Siegwart, der auf der Schule durch seinen
Fleiss schon so weit gekommen war, hörte die Philosophie, und die Physik. Der
junge Ickstatt, der die Wolfische Philosophie inne hatte, und überhaupt sehr
aufgeklärt dachte, gefiel ihm vorzüglich, und machte ihm das philosophische
Studium sehr angenehm. Seine andern Lehrer, die gröstenteils Jesuiten waren,
gefielen ihm schon weniger. Kronhelm hatte bloss eine Stunde bei Ickstatt, und
eine andre auf der Reitbahn. Die ganze übrige Zeit brachte er zu Haus in der
Einsamkeit zu. Gutfried war fast ihr einziger Gesellschafter. So ging der
Frühling und der Sommer hin, ohne dass Siegwart Einmal in eine eigentliche
Studentengesellschaft kam, wobei er freilich blutwenig verlohr. Sein Verstand
ward durch die Wissenschaften und den Vortrag seiner Lehrer immer mehr
aufgeklärt; sein Herz durch das Lesen der Alten, und besonders der
Geschichtschreiber, immer männlicher und fester; und seine Empfindung durch das
Lesen der alten und neuen Dichter, durch fleissige Uebung in der Musik, und
genaue Beobachtung der Natur immer seiner, richtiger, und reizbarer. Oft fühlte
er in sich ein gewisses Leere, und ein Verlangen, wovon er den Gegenstand nicht
kannte. Sein Herz war oft, besonders in der Dämmerung, ungewöhnlich weich; oft
flossen ihm Tränen aus den Augen, ohne dass er wusste, warum? Er hielts für eine
Sehnsucht nach dem Kloster, und für einen göttlichen Aufruf, sich zu diesem
Stande recht vorzubereiten; daher studierte er auch unaufhörlich, oft bis in die
tiefe Nacht hinein. Wenn sein Herz recht weich, und er allein war, so erhub sich
seine Seele zu hoher Andacht; er betete mit grosser Inbrunst, und heiligte sich
Gott ganz. Das Lesen der Bibel machte ihn täglich vollkommener und besser, und
jeder grossen Handlung fähig. Seine Liebe zur Tugend, und seine
Gewissenhaftigkeit ward beinahe schwärmerisch. Ein paarmal traf er von ungefähr
bei Gutfried andre Studenten an, besonders Boling und Kirner, welche ziemlich
frei und leichtsinnig sprachen. Dies tat ihm so weh, und brachte ihn so auf,
dass er ganz freimütig sein Misfallen drüber an den Tag legte, und fast in
Ungelegenheit und Streit kam. Das rohe und verderbte Wesen, das er unter den
Studenten wahrnahm, machte ihn beinah zum Einsiedler und zum Menschenfeind, so
dass er bei keinem Menschen gern war, als bei Kronhelm und Gutfried. Das Andenken
an Sophien, und ihr Tagebuch, worinn er fleissig las, erhöhten seine Schwärmerei
noch mehr. Teresens traurige Briefe, und seines Kronhelms düstre Denkungsart
lehrten ihn die Welt, die den besten Seelen so wenig Freude gewährt, und sie in
so tiefen Kummer stürzt, immer mehr gering schätzen. dabei war ihm bei seiner
halbfanatischen Denkungsart so wohl, dass er sich in keine andre Lage wünschte.
    Die Kirchen, und besonders die Frauenklosterkirche besuchte er alle Sonn-
und Feiertage, und nährte da seine Phantasie noch mehr durch das heilige
Gepränge, und die feierliche Musik. Einmal sah er ein Mädchen neben sich knien,
über dessen Anblick er erschrack. Es hatte die Augen andachtsvoll gen Himmel
gerichtet, und warf, als er es anblickte, einen Blick auf ihn, der sein
Innerstes umkehrte. Er war auf einmal aus aller Fassung, und konnte, ohngeachtet
aller Bemühung, seine Andacht nicht mehr sammeln. Es überfiel ihn ein solches
Zittern und Beben, dass er sich kaum mehr auf den Knien halten konnte. Noch
Einmal blickte er hinüber; sie liess eben ein Kügelchen an ihrem Rosenkranz
fallen, sah ihn wieder an, und sein Blick fuhr wie der Blitz zurück. Nach
etlichen Minuten stand sie auf; er hörte ihr Gewand rauschen, wagte es aber
nicht, nach ihr hinum zu blicken. Er wollte wieder beten, aber er konnte nicht
vier Worte zusammen bringen. Drauf machte er ein Kreuz, schlug sich auf die
Brust, stund auf, und, indem er sich umwendete, sah er das schlanke Geschöpf mit
langsamem, majestätischem Gang der Kirchentüre zugehn, sich mit Wiehwasser
besprengen, und aus seinen Augen verschwinden. Er kam aus der Kirche, ohne
selbst zu wissen, wie? Gutfried stand in einem Seitenstuhle, und grüste ihn;
aber er nahm ihn nicht wahr. Als er vor die Kirche kam, sah er das Mädchen nicht
mehr, und wusste nicht, wo er sich hin wenden sollte? - Gott! Was ist das? dachte
er. War das ein Engel, oder wars Maria? Seine ganze Empfindung war ihm
unerklärlich. Es war ihm nicht wohl, und auch nicht weh! Seine Seele war immer
ausser ihm, und er wusste doch nicht, wo? Er sah nur das, gen Himmel gehobene
Auge, und die schlanke Gestalt, wie sie majestätisch vor ihm hin schwebte. Ein
paar Stunden lang ging er, ohne sich seiner bewust zu sein, auf seinem Zimmer
auf und ab. Er wollte beten, wollte lesen; aber seine Gedanken waren immer
anderswo. Zuweilen seufzte er, und hustete, um vor sich selbst den Seufzer zu
verbergen. Kronhelm hatte schon eine halbe Stunde mit dem Essen auf ihn
gewartet. Als er nicht kam, ging er zu ihm auf sein Zimmer. Siegwart fuhr
zusammen. - Was treibst du denn, Xaver? Ich warte schon über eine Stunde auf
dich. Das Essen steht schon eine halbe Stunde auf dem Zimmer; es wird ganz kalt.
- So? ists denn schon Essenszeit? Das kann ja kaum sein! - Je freilich!
antwortete Kronhelm; sieh nur nach der Uhr! Es ist schon halb Eins. - Siegwart
ging schweigend mit ihm auf sein Zimmer, und sprach während dem Essen fast kein
Wort; auch ass er wenig. - Kronhelm, der mit seinen Gedanken bei Teresen war,
merkte davon nichts. Nach Tische ging Siegwart auf sein Zimmer, unter dem
Vorwand, dass er Briefe nach Haus zu schreiben habe. Kronhelm trug ihm einen Gruss
an Teresen auf. Siegwart schrieb nicht, sondern ging nur hin und her. Er
wollte das Mädchen und ihren andächtigen Blick wieder vergessen, dachte an
tausend verschiedne Dinge, aber immer am Ende wieder an sie. Zuweilen
phantasirte er auf seiner Violine; gleich war ihms wieder entleidet, und er
hieng sie wieder auf. Um halb vier Uhr holte ihn Kronhelm ab, um zu Gutfried zu
gehen, wo sie ein wöchentliches Privatkonzert hatten. Siegwart zog sich an, und
ging mit ihm. Als sie schon unter der Haustüre waren, sagte Kronhelm: Nimmst
du denn deine Violine nicht mit? Ach, das ist wahr! die hätt ich bald vergessen!
antwortete Siegwart, und sprang die Treppe wieder hinauf. Als das Band, an dem
die Violine hieng, sich am Nagel verwickelt hatte, riss er es mit Gewalt entzwei.
Im Konzert spielte er ohne alle Aufmerksamkeit mit, und hörte endlich, als ein
andrer kam, der die erste Violine spielte, gar auf, weil er vorgab, es sei ihm
nicht recht wohl. Er setzte sich in eine Ecke, hielt die Hand vors Gesicht,
versank in Wehmut, und dachte nichts, als das schöne andächtige Mädchen.
Zuweilen konnte er sich ihr Gesicht nicht mehr deutlich vorstellen; es schwebte
bloss sein Umriss vor ihm herum, und da ward er auf sich selbst böse, und gab sich
alle Mühe, sich das ganze Bild wieder zurück zu rufen. Kronhelm merkte wohl, als
er mit ihm nach Haus ging, dass ihm etwas fehlte, aber er beruhigte sich wieder,
als er hörte, dass es nur von Kopfschmerzen herrühre. Siegwart blieb wohl noch
drei Stunden auf, sprach oft mit sich selbst, sang zuweilen etwas, betete, und
flehte Gott um Ruhe und Vergebung, denn er hielt, aus zu genauer
Gewissenhaftigkeit, seine Empfindung für Sünde. Er wusste nicht, war es Liebe,
oder was es war? Endlich legte er sich zu Bette. Lang bemühte er sich umsonst,
einzuschlafen. Wenn er die Augen zumachte, so stand das Mädchen lebendiger, als
ers sich den Tag über hatte vorstellen können, ihm vor Augen. Den andern Morgen
wachte er früh auf; die eben aufgehende Sonne schien in seine Kammer; eine
Träne schoss ihm in die Augen, denn sein erster Gedanke war das Mädchen. Ihr gen
Himmel gehobnes Auge gab seiner Andacht Schwingen. Er stand auf, streckte die
Arme aus, als ob er sie umfangen wollte, und betete so feurig, als er fast noch
nie gebetet hatte. - Gott! Gott! seufzte er: Ich kenne mich selbst nicht mehr!
Was will ich? Was fehlt mir? Warum denk ich immer an den Engel? Wenn es Sünde
ist, o Gott! so vergib mir! Du hast ihn erschaffen! Ich kann nicht anders. Ich
bin immer bei ihm! Ach, wo mag sie sein, die Heilige, die unaussprechlich Holde?
Ach, wo mag sie sein, dann betete er wieder. Aber immer schien ihms, als ob sie
sich zwischen Gott und ihn stellte, oder mit ihm betete. - Er ging ins
Kollegium. Auch da war sie immer um ihn. Er hörte nichts, was der Lehrer sagte.
Er zwang sich, aufzumerken, aber nur vergeblich. So ging die ganze Woche hin.
Zuweilen dachte er minder lebhaft an sie; aber tausenderlei Dinge zogen ihn
wieder zu ihr zurück. Wenn er in Gesellschaft sie auf einige Augenblicke vergass,
so wachte er plötzlich wieder, wie vom Schlummer, auf. Wenn er nur das Wort:
Mädchen, aussprechen hörte, so stand sein Mädchen wieder vor ihm. Nie war sein
Geist in der Gesellschaft seiner Freunde ganz gegenwärtig; immer schwebte er in
der Kirche vor dem Altar, oder er wusste selbst nicht, wo? Er war immer zu
Tränen gestimmt, und musste oft aufstehn, um seine Wehmut vor seinen Freunden
zu verbergen. Sie riechen hin und her, was ihm fehlen möchte? Auf Liebe fielen
sie gar nicht, da er bei jeder Gelegenheit dagegen eiferte. Endlich wussten sie
seiner Zerstreuung keine andere Ursach zu geben, als sein langes Aufsitzen bei
Nacht. Kronhelm bat ihn sehnlich, es zu unterlassen, und seine Gesundheit zu
schonen! Er war über die zärtliche Besorgnis seines Freundes sehr gerührt, und
versprach, es zu tun. Den künftigen Sonntag konnte er kaum erwarten. Da dachte
er, das Mädchen wieder in der Kirche zu sehen. Hundertmal des Tags sah er nach
seinem Wandkalender, wie viel Tage es noch bis dahin sei? Immer vergass ers
wieder, und rechnete oft einen Tag weniger. Zuletzt zählte er sogar die Stunden.
Er stellte sich vor, was er tun, wo und wie er sich anstellen wolle? wenn sie
in die Kirche komme. Als der Sonntag kam, wachte er früh auf, kräuselte seine
Haare sehr sorgfältig, und kleidete sich prächtiger und netter, wie gewöhnlich.
In der Frühmesse traf er das Mädchen nicht. Sein Herz erhub sich zu Gott mit
schwärmerischer Andacht; seine Einbildungskraft drang bis an den Tron der
Gotteit; sein Geist war ausser dem Leibe, und unmittelbar im Himmel. Auf Einmal
überfiel ihn wieder eine äusserliche Beklemmung; sein Herz klopfte laut und
sichtbar. Alle Augenblicke, dacht' er, kann sie kommen, und neben mir
niederknien. Er bebte vor dem Augenblick, und wünschte ihn doch so sehnlich
herbei. - In die Predigt kam das Mädchen auch nicht. Sein Auge suchte ängstlich
umher, verweilte auf jedem gutgekleideten Frauenzimmer, und wandte sich unwillig
wieder weg, weil es nicht fand, was es suchte. So oft die Kirchentüre aufgieng,
blickte er hin, und zitterte. Sie kam nicht. Nach der Predigt ging er in den
Chor, kniete auf die Stelle nieder, wo sie gekniet, und die er sich so genau
gemerkt hatte. So oft er etwas hinter sich gehen, oder ein seidenes Gewand
rauschen hörte, ward ihm bange; ängstlich blickte er dann um sich, weil er
fürchtete, jedermann bemerke ihn: Einmal sah er ein Mädchen mit einem Flor vor
dem Gesicht ihm zur Rechten niederknien. Es hatte die schlanke Gestalt seines
Mädchens. Sein Gesicht glühte, er zitterte, sein Gebet ward laut; er glaubte zu
vergehen und zu sinken. Schwankend stand er auf. Das Mädchen war nicht das
seinige. Heilige Mutter Gottes! dachte er, wo ist sie? - Schnell steckte er den
Rosenkranz ein, ging aus der Kirche, ohne das Weihwasser zu nehmen, und nach
der obern Stadtkirche. Hier fand er sie wieder nicht. Nun überfiel ihn tiefe
Wehmut. Tausenderlei traurige Vorstellungen bekämpften sich in seiner Brust:
Ist sie krank? Ist sie todt? Hab ich sie durch meinen Blick erzürnt? Hätt ich
sie doch nie gesehen! Stürb ich doch auch! O ich bin der unglücklichste Mensch
auf Gottes Erdboden! - Er ging heim, und weinte, rang die Hände und betete.
Kronhelm kam zu ihm aufs Zimmer. Indem erhielt er einen Brief von Teresen mit
der Nachricht, dass ihr Vater sich von neuem nicht ganz wohl besinde, doch sei er
schon wieder auf dem Weg der Besserung. Während dem Lesen stürzten ihm die
Tränen aus den Augen. Kronhelm fragte ihn um die Ursache davon. Er konnte sie
vor Wehmut kaum erzählen. Nun weinten beide Freunde. Siegwart konnte nun einen
Grund für seine Traurigkeit angeben, und Kronhelm argwohnte desto weniger eine
andre Ursache. Der doppelte Schmerz bestürmte nunmehr Siegwarts Seele mit aller
Gewalt. Er dachte sich die beiden teuren Personen immer zusammen, und wünschte
sich nichts als den Tod, das einzige Ende seines Jammers, das er vor sich sah. -
Den Nachmittag schrieb er an seine Schwester und an seinen Vater einen bangen
und schwermütigen Brief. Unter andern schrieb er an Teresen: - Ich sehe wohl,
dass die Welt keine Freuden hat. Jeder Tag hat seine Plage, und mit jedem Tage
steigt sie. Möcht ich doch bald diese Welt verlassen, und im Grab von allem
Kummer ausruhen! O meine Schwester, es gibt viele Leiden, die du noch nicht
kennst. Sterben, sterben ist das Beste! Und wenn dieses Ziel vom Schöpfer noch
nicht gesetzt ist, ist es dann nicht Weisheit, der Welt so viel abzusterben, als
man kann und darf? Du verstehst mich; der Eintritt ins Kloster ist ein Bild des
Todes. Dürft' ich ihn doch morgen tun! etc.
    Diessmal war das Konzert auf Kronhelms Zimmer. Siegwart spielte nicht mit,
sondern sass in einem Winkel, und weinte. Seine Phantasie ward durch die Musik
aufs äusserste gespannt. Zuweilen irrte er durch Nacht und Gräber; sah seinen
Vater mit dem Tode ringen, schauerte zurück, und stand hastig auf. Dann ward er
wieder in das süsse, heilige Gefühl der Liebe versenkt; sah sein andächtiges
Mädchen vor dem Altar knien; sah sie wehmütig und traurig; bildete sich ein,
sie lächl' ihm zu. - Dann schwand sie ihm wieder aus den Augen. Er sah kein
Mittel, sie jemals zu sprechen. Ich werde sie nie, nie sehen! dachte er. Sie
flieht mich; sie muss mich verachten; Ich bin nichts, gar nichts gegen sie! Sie
ist ein Engel, und ich bin ein Sünder, ein Verworfener! O warum hab ich sie
gesehen? Warum all meine Ruhe so auf Einmal verloren?
    Plötzlich ward er aufmerksam, als eine wildschwärmerische Symphonie von Fils
gespielt wurde. Er stand auf, nahm seine Violine, und spielte mit. - Von wem ist
das Stück? fragte er, als es ausgespielt war. Von Fils, antwortete einer. Das
war ein herrlicher Kerl! Seine besten Stücke hat er in der rasendsten Liebe
gemacht; und als es ihm nicht nach Wunsch ging, ass er Glas, und starb dran. -
Das ist vortreflich, sagte Siegwart, wir wollen das Stück noch einmal spielen?
Sie spieltens wieder. - Bei einem Quatuor von Boccherini versank er wieder in
die tiefste Schwermut, in der er den ganzen Abend blieb. - Die ganze Woche
strich ihm traurig hin. Die Unruhe über die Krankheit seines Vaters verdrang das
Bild des Mädchens etwas aus seinem Herzen, oder überzog es vielmehr nur mit
einer Art von Schleier. Oft stand es wieder frei, und in allem seinem Reiz vor
ihm da. Er lief alle Strassen der Stadt durch, ob er sein geliebtes Mädchen
nirgends entdecke? Aber nirgend sah ers. In die Kirchen konnte er die Woche über
nicht gehen, weil er seine Kollegia gewissenhaft besuchte. Er und Kronhelm
machten nun eine traurige Figur zusammen. Keiner konnte den andern trösten. Sie
weideten sich an ihrem wechselseitigen Schmerz, und vereinigten ihre Klagen,
obwol Siegwart viel zu furchtsam und zärtlich war, seinem Freunde das Geringste
von dem Mädchen zu entdecken. Ganze Stunden sassen sie in der Dämmerung, ohne
Licht, beisammen; seufzten und klagten mit einander, oder spielten wehklagende
Stücke. Am Sonnabend bekam Siegwart einen Brief von Teresen, und die
Versicherung, dass ihr Vater wieder ganz hergestellt sei. Dies war ihm ein
grosser Trost, aber ganz freuen konnte er sich nicht. Gott! ich danke dir, sagte
er. Du bist gütig und barmherzig. Nur verzeihe mir meine Schwachheit! Ach, ich
kann mich nur halb freuen. Du weists, ich bin nicht undankbar! Mein Jammer ist
dir nicht verborgen! Von einer Seite hast du mich geheilet; aber von der andern
frist der Schmerz immer tiefer! Gott! wenn ichs würdig bin, ach, wenn ichs
würdig bin, so erbarm dich meiner! Lass mich sie sehen, oder lass mich sterben! -
Nun dachte er wieder sie nur ganz allein. Morgen, morgen, rief er, Leben oder
Tod! - Er ging auf Kronhelms Zimmer, und brachte ihm die Nachricht von der
Genesung seines Vaters. - Und von Teresen hast du mir nichts? sagte Kronhelm
wehmütig. - Nichts, mein Lieber, als einen Gruss. Ach du daurest mich unendlich.
Ich kann dirs nicht sagen, wie tief ich deine Leiden fühle! Gott weis, ich kanns
nicht! - Und nun schwiegen sie lang. - Ich weis nicht, ob ichs lang mehr
aushalte? hub Kronhelm wieder an. Wenn sie mich vergessen, mir untreu werden
könnte. - Und doch! - soll sie ohne Hoffnung harren? Ohne Hoffnung! wenigstens
ohne Gewissheit, sogar ohne Wahrscheinlichkeit: O, mein Leiden ist das gröste!
Duld und harre! sagte Siegwart. Die Leiden auf der Welt sind mancherlei. Ich bin
auch nicht glücklich. - Er wollte reden; aber eine plötzliche Aengstlichkeit
hielt ihn wieder zurück.
    Der Sonntagsmorgen brach an. Siegwart kleidete sich gut, und ging voll
banger Ahndung in die Kirche. Er setzte sich in einen Stuhl, von dem er die
ganze Kirche übersehen konnte. Das Mädchen war noch nicht da. Er ward verwirrt
drüber; dankte aber doch Gott für die Genesung seines Vaters brünstig. Nach
einer halben Stunde öfnete sich die Kirchentüre, und das Mädchen trat herein,
schwarz gekleidet, mit einer etwas bejährten Frau von angenehmer und sanfter
Gesichtsbildung. Sein Herz schlug ungestüm. Sie setzte sich ihm gegenüber in
einen vergitterten Stuhl, an dem aber das Gitter zurückgeschoben war. Sie setzte
sich nieder, und las in einem Gebetbuch. Zuweilen erhub sie ihr schönes
nussbraunes Auge zum Himmel; drei- oder viermal glaubte er, sie seh ihn
aufmerksam an; und ihm ward bald warm, bald kalt in der Brust. Er hieng mit
ganzer Seele an ihr; sein Blick ruhte auf ihrem Gesicht, wie auf dem Antlitz
einer Heiligen. Er konnte den unendlichen Reiz nicht fassen, der sich über das
Ganze verbreitete. Alles um sich her vergass er, Himmel und Erde, und wusste nicht
mehr, dass er in der Kirche war. Er dachte nichts; sein ganzes Wesen war Gefühl.
Sie sah ihn an; Er schlug die Augen nieder, als ob ein Blitz ihn blendete.
Gleich sah er wieder auf; sie war verschwunden. Ein breitschultriger Mann mit
einer grossen Perücke hatte sich vor sie hingesetzt, und ihm den Anblick des
himmlischen Gesichts benommen. Nur zuweilen, wenn der Mann sich bückte, sah er
sie auf einen Augenblick. Der Mann ward ihm auf Einmal unaussprechlich zuwider.
Er knirschte mit den Zähnen, und hätt ihn gern mit den Füssen weggestossen. -
Der dumme, kalte Kerl! dachte er, mit dem abscheulichen Alltagsgesicht! Ich
wollte, dass er hundert Meilen weit von hier wäre! - Nach der Messe stund das
Mädchen, mit der Frau auf; ging in den Chor vor den Altar und kniete nieder. Im
Hingehn warf sie einen Blick auf Siegwart, der ihm durch die Seele drang. Er sah
sie langsam, und andächtig vor sich hin gehn, und wusste nicht, ob er ihr folgen,
oder bleiben sollte? Er zitterte, dass die Kügelchen an seinem Rosenkranze
klapperten. Sie kniete schon etliche Minuten, da schlich er sich ängstlich und
zögernd nach dem Chor. Sie kniete im vordersten Reihen, unter denen, die das
Abendmahl geniessen wollten. Er kniete sich an der Seitenwand der Kirche ihr
fast gegenüber nieder. Die Musik, die in dem Augenblick gemacht wurde, war ihm
sein ganzes Leben durch die liebste, und rührte, sobald sie angestimmt wurde,
alle Saiten seines Herzens. Der Priester, der die Hostie austeilte, ging
umher, und kam zu ihr. In dem Augenblick hätt' er alles hingegeben, um der
Priester, oder einer von den Knaben zu sein, die das Tuch unterhielten. So oft
er nachher einen von den Knaben sah, stellte sich ihm die ganze feierliche
Handlung wieder lebendig dar, und seine Seele glühte. Er liebte die Knaben, und
war doch eifersüchtig auf sie. Als ein dritter ihr den Spühlkelch reichte, da
bebte seine Seele vor Verlangen, nach ihr aus dem Kelch zu trinken. Er beneidete
das Mädchen, das neben ihr kniete, und aus dem Kelch trank. Nun betete sie, und
seine Seele flog mit ihr zum Himmel. - Gott! ach Gott, lass sie mein sein! Sei
ihr gnädig, und erhöre mein Gebet! - Weiter konnte er nichts denken. -
    Noch lag er auf den Knien, in der Absicht, zu warten, bis sie weg gienge,
und zu erfahren, in welches Haus sie gehöre? als er auf Einmal durch einen Stoss,
den ihm jemand, neben ihm, gab, aus seiner Schwärmerei aufgeweckt wurde.
Kronhelm, den er nicht wahrgenommen hatte, stand neben ihm, und winkte, mit ihm
weg zu gehen. Er stand unwillig auf, und suchte seine Verwirrung seinem Freunde
zu verbergen. So bös er drüber war, so durft er es doch seinen Freund nicht
merken lassen, und ging mit ihm aus der Kirche. - Lass uns etwas spazieren
gehen! sagte Kronhelm; der Tag ist so schön. - Meinetwegen! antwortete Siegwart.
    Sie giengen mit einander durch die Stadt, ohne ein Wort zu sprechen.
Siegwart war ganz in Gedanken verloren, und bei seinem lieben Mädchen in der
Kirche. Es schmerzte ihn tief, dass er so von ihr weggerissen worden war, und
ihre Wohnung nicht hatte erfahren können. Sich nach ihr bei Kronhelm zu
erkundigen, wagte er gar nicht. Als sie ausserhalb der Stadt waren, so fieng
Kronhelm an: Du bist ja ganz ausser dir gewesen in der Kirche, und hast mich
nicht bemerkt, ob ich gleich eine halbe Viertelstunde neben dir kniete. - Wer?
Ich? ... stotterte Siegwart. Recht! ich war so in der Andacht; weil ich an
meinen Vater dachte ... Weil er gesund worden ist ... Und da dankt ich Gott - -
und da konnt ich dich nicht sehen ... Ja, ich war ganz vertieft ... Hab dich
warlich nicht bemerkt .... Es kam gewiss nur daher ... u.s.w.
    Der helle Herbstmorgen machte auf sein ofnes Herz den tiefsten Eindruck. Die
bleichgelben Blätter, deren eins nach dem andern von den Bäumen herabfiel; das
Rauschen der verdorrten Blätter im Gesträuch; der halb durchsichtige Hain; die
einzeln drinn herum fliegenden Vögel; die, auf der Wiese sparsam zerstreuten
Herbstblümchen; alles brachte ihm das süsse Bild des Todes in die Seele. Er
fühlte eine dunkle Sehnsucht, sich hinzulegen und zu sterben. Sein Herz ward
erweitert, und Tränen stunden ihm in den Augen. Kronhelm hatte eben dieses
Gefühl; beide schwiegen. Noch nie hab ich so lebhaft und so ruhig an Teresen
gedacht, fieng endlich Kronhelm an; Noch nie eine so süsse Melancholie gefühlt.
Mir ist so wohl, und so wehmütig! - Mir auch, Bruder! sagte Siegwart mit
bebender Stimme. - Sie setzten sich an das, etwas erhöhte Donauufer hin,
blickten den Wellen nach, und dachten nichts. - Wie alles so geschwind geht!
sagte Kronhelm, nach einer langen Pause. Nur das Leben geht so langsam, wenn man
unglücklich ist. Ach Bruder, das Wasser kommt von deinem Dorfe her. Wenn jetzt
Terese auch so da sässe, und an mich dächte! - Vielleicht tut sies. Meinst du
nicht, Siegwart? - Ja, vielleicht, Bruder, antwortete Xaver. Ich wünsch es dir.
- Nun schwiegen beide wieder. - Indem schwamm ein todter Mensch in der Donau
herunter. Herr Jesus! rief Siegwart, sieh! dort! - In dem Augenblick sprang er
nach der nah gelegnen Fischerhütte, und rief dem Fischer, der sogleich in seinem
Kahn hinausfuhr, und den Leichnam auffieng. Es war ein junges Mädchen, das nicht
übel aussah, von neunzehn oder zwanzig Jahren. Der Kleidung nach wars ein
Dienstmädchen. Ueber eine Stunde konnte sie noch nicht im Wasser gelegen haben,
denn sie sah noch frisch und rot im Gesicht, und ihre Fingergelenke waren noch
nicht einmal steif. Der Fischer stürzte sie auf den Kopf, in der verkehrten
Meinung, dass das Wasser ihr aus dem Mund und aus den Ohren laufen möchte.
Allein, wenn ein Ertrunkener noch nicht ganz todt ist, so muss er durch dieses
Mittel sterben. Das flüssige Blut strömt nach dem Kopf zu, und ein Schlagfluss
ist fast unvermeidlich. - Sie ist todt, sagte der Fischer, gibt kein Anzeichen
mehr - und dann legte er sie wieder nieder, und fieng an, sie genauer zu
betrachten. 's ist meiner Seel, kein unseines Ding; fieng er an; seht mir nur
einmal die vollen Backen, und das glatte weisse Kinn! Der hats gewiss um 'n Mann
gefehlt, oder 's hat sie einer ang'führt. Hab schon mehr dergleichen Exempel
erlebt. Erst vorigen Sommermarkt hab ich auch so 'n Mädel raus zogen. - Schaut
mir einmal an, was sie für 'n schönen Fingerring hat! Er ist, meiner Six,
Silber; den will ich mir zu Gemüt führen. Er ist gut für meine Trine, passt ihr
grad. - Indem zog er den Ring vom Finger. - Muss doch auch sehen, was sie im Sack
hat? - 'n Rosenkranz! Hat doch auch noch 'n Vaterunser und ein Ave betet! Und da
gar 'n Büchel! - 's ist ein Psalter. Nu, nu, sie hat sich doch vorbereitet. Gott
sei der armen Seel gnädig! Will auch ein Ave für sie beten. - Da steckt ja gar
'n Papier im Buch. - 's ist g'schrieben - Kann nicht G'schriebnes lesen. Da,
Herr! (zu Siegwart) lesets Ihr! - Siegwart las den Brief, der sehr unleserlich
und unrichtig geschrieben war. Hier ist er in deutlicherer Schreibart; sonst ist
er unverändert. -
                                        
                                        
                                      HS.
    Du hast mirs arg gemacht, Joseph. Hast mir die Eh' versprochen im Namen der
heiligen Jungfrau, und nimmst nun ein anders Mädel. Ich weis mir nicht mehr zu
helfen; muss mir selber was zu Leid tun. Gott verzeih mirs! mit dem ichs redlich
gemeint hab mein Lebetag. Ich wollt mir schon einmal die Kehle abschneiden, aber
das war mir zu grausig. In der Donau haben schon viel ihr Grab gefunden; ich
werds auch finden. Gib Acht, wenn du mich siehst, dass ich mich nicht noch einmal
umdreh, und dir den Ring zeig, den ich von dir am Finger trag zum Trauring.
Lieber Gott! Ein rechter Trauring! Das hat mir noch am wehesten getan, dass du
mein noch spottest, und letztin des Abends bei meinem Haus vorbeigiengst mit
deinem Mädel. Ich dacht, ich müst dich umbringen! Aber das Leben wird dir doch
nicht hell werden, weil dus so gemacht hast mit mir. - Lieber Gott! ich war dir
so herzlich gut, und hätt gern mein Leben für dich hingegeben! Und du sagtest
mir so oft, du meinst's treu; Nun hast du auf den Montag Hochzeit. Hör, Joseph!
auf den Sonntag spring ich ins Wasser. Es kann nicht anders sein, Joseph! Aber
gib Acht! Ich lade dich ins Tal Josaphat auf den Ersten Tag im neuen Jahr. So
lange hast du noch Zeit zur Busse. Bedenks, Joseph, und bekehre dich! Ich wollte
nicht, dass du ins Fegfeuer, und von dar in die Hölle kämest; denn ich hab dich
noch lieb, aber in diesem Leben kann ich dir nicht mehr gut sein. Mir ists
schauerhast zu Mut! Jesus und Maria mag sich mein erbarmen! Aber länger leben
kann ich nicht. Denk an den Ersten Tag im Jahr! Hab Acht, und bekehre dich!
                                        
                                        
                                      HS.
    Das ist meiner Seel recht herzbrechend, sagte der Fischer, und wischte sich
die Augen. Der Joseph möcht ich nicht sein um tausend Gulden! Ich denk, ich
steck ihr den Ring wieder an Finger. Ich mag ihn nicht, weils ein Trauring ist,
der ist heilig. - Hierauf steckte er dem Mädchen den Ring wieder an den Finger.
    Kronhelm und Siegwart giengen schweigend und traurig weg. - So ein Tod ist
doch der schrecklichste, sagte Siegwart; Gott sei dem armen Mädchen gnädig! -
Sie giengen nun wieder der Stadt und ihrem Hause zu. Siegwart konnte lang das
Bild des Mädchens nicht aus seinem Herzen bringen, und dafür das Bild seines
Mädchens drein zurückrufen. Endlich war er wieder ganz bei ihr, und versetzte
sich ganz in die Kirche. Als er zu Hause angekommen war, ging er auf sein
Zimmer, übersah die ganze Scene in der Kirche wieder, betete zu Gott um sein
Mädchen, sprach oft laut, und warf endlich diese Verse, die mehr Gebet sind, als
Gedicht, aufs Papier hin.
Sieh, o Gott der Liebe!
Wie ein armes Herz, das du erschufest,
Aus der Tiefe seiner Leiden
Sich zu dir hinausschwingt!
Heut, an deinem Altar
Sah ich sie, in Andacht hingegossen,
Die du auch, wie mich, erschufest;
Ach, um die mein Herz bebt!
Kühn erhubs zu dir sich.
Auf den Flügeln ihrer reinen Andacht
Schwebt' es, wagte, minder zitternd,
Diesen Wunsch: - Erhör ihn, Schöpfer! -
Leg in deine Wagschaal
Meine Tage, die noch kommen sollen!
Lass, wenn sie mich liebt, sie sinken!
Steigen, wenn sie nicht liebt!
Es war ihm recht wohl, als er dieses Gedicht gemacht hatte. Er las es mehrmals
durch; es gefiel ihm, denn er hatte seiner Empfindung doch einigermassen ein
Gewand und Worte gegeben; ob er gleich unendlich mehr hatte sagen wollen. Er
schrieb das Gedicht rein ab, und ergötzte sich noch lange dran, bis ihn Kronhelm
zum Essen rief. Da schloss ers schnell und ängstlich in sein Pult ein. - Gutfried
ass nun gewöhnlich auch mit ihnen. Sie erzählten ihm die Geschichte mir dem
ertrunkenen Mädchen, und den Inhalt des Briefes. Er seufzte dabei, und sagte:
Gekränkte oder unbelohnte Liebe ist alles zu tun im Stande! Mit diesen Worten
sah er Kronhelm an, der in seiner Liebe zu des Hofrat Fischers Tochter sein
Vertrauter geworden war. Alle drei Jünglinge wurden über diesen Ausruf noch
trauriger. Gutfried erzählte nun ein paar schreckliche Geschichten von Personen,
die sich aus unglücklicher Leidenschaft selbst entleibt hatten. Sie bedaurten
ihr Schicksal, und wünschten ihnen, durch ihre Seufzer, ein glücklicheres
Schicksal, als sie in diesem Leben gehabt hatten. Gutfried schlug ihnen zur
Zerstreuung von dem anhaltenden Studieren einen Spatzierritt auf ein, zwo
Stunden von Ingolstadt, gelegnes Dorf, vor. Sie nahmen den Vorschlag an, und
ritten hin. Siegwart dachte auf dem ganzen Wege an sein liebes Mädchen. Es
schmerzte ihn im Innersten, die Stadt, in der sie lebte, nur auf einige Stunden
zu verlassen. Er glaubte, weis nicht wieviel, zu versäumen, ob er gleich nicht
die geringste Hoffnung hatte, sie zu sprechen, oder nur zu sehen. - Was mag sie
jetzt machen? dachte er beständig. Jetzt wird der Engel wohl beten; jetzt wird
er vor Gott knien u.s.w. Möcht ich sie nur einen Augenblick erblicken! Möchte
sie nur einen Augenblick an mich denken! Aber, ach, wie kann sie das? Wer weis,
ob sie mich bemerkt hat? Vielleicht ist ein andrer bei ihr! Solche und ähnliche
Vorstellungen stürzten ihn in die tiefste Traurigkeit, aus der ihn fast nichts
herausreissen konnte. Auf dem Dorfe hatten sie wenig Vergnügen, und konnten
nicht einmal zusammen sprechen, denn die vielen andern Studenten, die da waren,
machten mit Gesang und Zank beim Spiel einen solchen Lerm, dass man kaum sein
eignes Wort verstand. Gegen Abend ritten sie in der Dämmerung wieder zurück.
Alle drei Liebende waren jetzt noch wehmütiger; jeder dachte sich zu seinem
Mädchen hin. Als sie gegen die Stadt hin ritten, begegnete ihnen ein
Scharfrichter, der auf seinem Karren das ertrunkne Mädchen fuhr. Der
Unglücklichliebende, sagte Kronhelm, der sich mit der ganzen Schwere seines
Jammers beladen, selber in die Grube stürzt, hat also einerlei Schicksal mit dem
Bösewicht, der sich im Kerker umbringt, um dem Galgen zu entgehen; oder mit dem
Betrüger, der, weil er seinen Gläubigern nicht mehr entgehen kann, sich dem Tod
in den Rachen wirst? Wie wenig sehn doch die meisten bürgerlichen Gesetze auf
das Moralische an einer Handlung! Lass sie ruhen! sagte Siegwart; ihr ists
einerlei, wo ihr Körper liegt. - Das wohl! antwortete Kronhelm; aber das Unglück
verdiente doch eine bessere Behandlung, als die Bosheit!
    Sie hielten nun noch zu Haus ein kleines Koncert, das, weil alle gleich
traurig gestimmt waren, gröstenteils aus wehmütigen Trios bestand. Nachdem
Siegwart sich den ganzen Abend nach dem Koncert mit dem Gedanken an seine
himmlische Unbekannte beschäftiget hatte, so wünschte er nichts mehr, als von
ihr zu träumen, und sie wenigstens im Traum zu sehen. Aber diese Wohltat ward
ihm nicht zu Teil. Er wünschte sie sich so oft, und immer umsonst. Zu lebhafte
und gegenwärtige Vorstellungen kommen selten im Traume wieder; sie müssen
mehrenteils erst mit dem Flor der Vergangenheit umzogen sein.
    Als Siegwart ein paar Tage drauf des Nachmittags um drei Uhr aus dem
Kollegio ging, da sah er, etliche Häuser vor ihm, sein geliebtes Mädchen gehen.
Das Herz schlug ihm, und er eilte, was er konnte. Sie ging in ein gutgebautes
Haus hinein. Wer wohnt hier? sagte er in der Verwirrung zu einem kleinen
zwölfjährigen Mädchen, und erschrack gleich selbst wieder über seine Frage. Es
wohnt ein reicher Herr da, sagte das Mädchen; man nennt ihn nur Herr Spiegel.
Jetzt wusste er so viel, wie vorhin, und wagte es doch nicht, sonst jemand um den
Herrn Spiegel zu fragen; weil er fürchtete, jeder werde sogleich die Absicht
seiner Frage mutmassen. Er ging alle Tage zwei- oder dreimal bei dem Hause
vorbei; sah aber seine Holde nie am Fenster. Die ganze Woche verfloss ihm unter
Seufzern nach dem Sonntag, weil er da gewiss wieder sein liebes Mädchen in der
Kirche zu sehen hoffte. Viele Stunden, ja halbe Tage lang besprach er sich in
Gedanken mit ihr, klagte ihr seine Leiden vor, und liess sie zärtlich wieder
antworten. Er sann ganze Romanen aus, und dachte sich in Lagen hinein, in denen
sie notwendig sein werden musste. Oft wünschte er sie in Lebensgefahr; dass Feuer
in ihrem Hause auskommen möchte, und er sie befreien könnte. Er dachte sie in
Wassergefahr, rettete sie, und nun gab sie ihm zur Dankbarkeit ihre Hand. Aufs
lebhafteste fühlte er die Wonne, mit der er sie an sein Herz drückte; den Blick
der Dankbarkeit und Liebe, den sie auf ihn warf; dann eilte er zu ihrem Vater,
zeigte ihm die befreite Tochter, und ward ihr Bräutigam. Nur ein Liebender, wie
unser Siegwart, kann sich die schwärmerischen und zärtlichen Gespräche denken,
die dann seine Seele mit ihr führte. - Aber Seufzer, und Bangigkeit, und Tränen
waren immer das Ende dieser süssen Träumereien. -
    Den nächsten Sonntag kam er erst um neun Uhr in die Kirche. Sein Kronhelm
war zu ihm aufs Zimmer gekommen, um von Teresen zu sprechen; und wenn er von
ihr anfieng, so konnte er nicht aufhören. Siegwart war mit seiner Seele
abwesend, und antwortete verwirrt, aber Kronhelm merkte es nicht. Ein paarmal
sah er auf die Uhr. Jede Minute ward ihm zu einer Stunde. Dies war das erstemal,
dass ihm sein Freund zur Last fiel; aber er liess sich doch vorsetzlich nicht das
geringste merken. Endlich ging Kronhelm. Siegwart eilte, was er konnte, und kam
ganz atemlos vor die Kirche. Als die Türe aufgieng kam eben sein Mädchen mit
der Frau, die er für ihre Mutter hielt, ihm entgegen. Er war, wie vom Donner
gerührt. Sein Gesicht glühte. Er ging schnell an ihr vorbei, und machte in der
Angst kaum eine Verbeugung. Sie grüste ihn freundlich. Er eilte, ohne sich
seiner bewusst zu sein, nach dem nächsten Stuhl, und sah sich um. In dem
Augenblick ging die Türe zu. Sein Herz klopfte laut. Er wollte wieder
umkehren; besann sich aber plötzlich, dass man seine Absicht merken würde. Er war
Kronhelm, sich selbst, und der ganzen Welt böse, dass er zu spat gekommen war. Es
war ihm unmöglichlang da zu bleiben. Nach etlichen Minuten eilte er wieder weg,
und der Strasse zu, wo ihr Haus war, aber er sah sie nicht mehr. Er wollte nach
Hause; aber vor der Türe fiel ihm wieder ein, Kronhelm würde aus seiner
plötzlichen Zurückkunst etwas folgern. Er ging also wieder weg, rannte noch
einige Strassen durch, und wusste nicht, wo er bleiben sollte? Endlich ging er
aus einem Tor; rannte weit ins Feld hinaus, ohne die Natur um sich her zu
bemerken, und kam nach einer Stunde wieder nach Haus zurück. Gutfried war schon
bei Kronhelm auf dem Zimmer. Sie lasen mit einander Lessings Sara, die ein
junger Herr von Dahlmund an Gutfried geliehen hatte. Da haben wir was
herrliches, sagte Kronhelm zu Siegwart; sieh einmal! Lessings vermischte
Schriften. Das ist gut! sagte Siegwart ganz zerstreut. Ich hab eben angefangen
zu lesen, fiel Gutfried ein; es ist Miss Sara Sampson. Ich kann ihnen mit ein
paar Worten sagen, was vorhergieng; wenn sie wollen, les ich weiter. - Ganz
wohl, antwortete Siegwart; setzte sich in eine Ecke des Fensters, und stützte
die Hand an den Kopf. Er hörte fast nichts, und war mit seinen Gedanken weit
weg; nur, wenn die andern eine Stelle lobten, sagte er auch: das ist
vortreflich! ohne zu wissen, wovon die Rede war; nach dem Essen lasen sie weiter
fort, und als das Stück geendigt war, sagten sie einander ihre Meinung drüber.
Als Siegwart die seinige auch sagen wollte, so wusste er gar nichts, oder
urteilte ganz verkehrt. - Wo waren sie denn mit ihren Gedanken? fragte
Gutfried. Ich weis nicht, was ihm fehlt? fiel ihm Kronhelm ein. Er ist eine Zeit
her ganz zerstreut. Siegwart wurde feuerrot drüber, und sah nach dem Fenster. -
Den ganzen Tag war er ausserordentlich traurig und verdriesslich.
    Die folgende Woche floss ihm wieder unter Tränen, Seufzern und
schwärmerischen Träumereien hin. Kronhelm merkte die Veränderung, die in seinem
ganzen Wesen vorgieng; er spielte oft drauf an; aber doch nahm er sich Acht,
weiter deswegen in ihn zu dringen, teils, weil er merkte, dass ihm Siegwart auf
alle mögliche Art auswich, teils, weil er selbst eine unglückliche Liebe
mutmaste, und aus seiner eigenen Erfahrung wusste, wie hart es einem ankomme,
seine Leidenschaft einem andern, auch seinem besten Freunde zu entdecken. - Der
Sonntag, den sich Siegwart so sehnlich herbeigewünscht hatte, kam endlich
wieder. Er eilte, noch vor sieben Uhr, auf den Flügeln der Liebe, nach der
Kirche. Sein Mädchen war schon da, schön und heiter, wie ein Engel Gottes.
Siegwart sass gegenüber, und zerfloss fast vor Wonne in dem Anblick ihrer
Schönheit. So genau hatte er sie noch nie betrachtet. Er sah erst jetzt den
ganzen Glanz ihrer unaussprechlichen Anmut; ihr grosses, kastanienbraunes, mit
Feuer und edelm Stolz belebtes Auge, über dem sich die schwarzen Augenbraunen
majestätisch wölbten; die hohe, offne, heitre Stirne; die so regelmässig
gebildete Nase; den sanftesten, anmutsvollsten Mund; die frischroten
glänzenden Lippen; das runde, weisse, weiche Kinn, von dem sich zwo zarte blaue
Adern nach dem weissesten und schönsten Hals hinabschlängelten; das lieblichste
Farbengemisch von Weiss und Rot auf den zarten Wangen; und die nicht zu
beschreibende Uebereinstimmung aller dieser Züge; und die himmlische Anmut, die
über das Ganze ausgegossen war, und die die Schönheit erst zur Schönheit macht;
und das, nicht künstlich, aber schön aufgetürmte blonde Haar; und das Ebenmaass
der Glieder, und den schlanken hohen Wuchs, und alles, alles, was man sich von
einer regelmässigen und belebten Schönheit denken kann. Hiezu kam die Andacht,
die jede Schönheit noch verschönert, und die offene Freundlichkeit, mit der sie
jeden, der bei ihrem Stuhl vorbeigieng, grüste. Ihre Kleidung war geschmackvoll,
regelmässig, schön, und doch nicht prächtig. In ihren Haaren steckten Blumen,
die Vergissmeinnichtchen vorstellten; ihr Busen war mit Sittsamkeit verschleiert;
ihr Gewand von himmelblauer Seide. Sie sah unsern ausser sich gebrachten
Siegwart zu verschiednenmalen, und schlug die Augen nieder, wenn ers merkte. Er
ward traurig, sobald sie eine Zeitlang nicht nach ihm blickte, und wandte doch
sein Auge von ihr weg, sobald sie's tat. Er machte traurige Gebärden, in der
Absicht, dass sies merken, und Mitleid mit ihm haben sollte. Als sie weggieng,
ging er auch, und folgte ihr, ungefähr 20 oder 30 Schritt weit, hinter ihr
nach. Sie ging in des Hofrat Fischers Haus. Er erschrack drüber. Gott! wenn
der Hofrat ihr Vater ist, dachte er, so ist mein Unglück vollkommen. Wenn der
stolze Mann ihr Vater ist, was fang ich an? - Er ging zu Gutfried, der, wie
schon gesagt, dem Hofrat gegenüber wohnte, und eben aus dem Fenster sah, und
ihn hinaufrief. Gutfried, der die Fischerin auch liebte, blieb im Fenster
liegen, als Siegwart auf das Zimmer kam, und rief ihn, um neben ihm hinaus zu
sehen. - Das ist die Fischerin, sagte er, und seufzte, indem sie eben in der
Stube nah am Fenster stand, und ihre Kirchenkleider auszog. Sie warf einen Blick
herüber, und ging weg, indem sie die beiden Jünglinge erblickte. Siegwart
zitterte, ward feuerrot, und konnte kein Wort sprechen. Nun wards ihm erst auf
Einmal wichtig, und ein Stachel im Herzen, was er schon so lang gewust hatte,
dass sein Freund des Hofrats Tochter liebe. Er ging einigemal im Zimmer auf und
ab, wollte gern noch mehr von ihr erfahren, und hielt hundertmal die Frage, die
ihm schon auf der Zunge lag, wieder zurück. Endlich stiess er hastig und
erschrocken die Frage heraus: Es ist wohl ein gutes Mädchen, die Fischerin? und
lehnte sich ans Fenster, damit sein Freund sein Gesicht nicht sehen möchte, denn
es glühte. - O, sie ist ein ausserordentliches Frauenzimmer, sagte Gutfried, zu
deren Lob man eigentlich nichts sagen sollte, weil man doch immer nur zu wenig
sagt, und ich kanns am wenigsten. Ich kenne sie nun über zwei Jahre, und jeden
Tag wird sie artiger und schöner. Sie hat das Herz eines Engels, das ist alles,
was ich sagen kann. - Beide schwiegen nun wieder eine Zeitlang, und sahen aus dem
Fenster. Sie kam wieder in ihr Zimmer, weiss gekleidet mit rosenroten Bändern,
stellte sich ans Fenster, und sah ein paarmal herüber. Dann ging sie an ihr
Klavier, und spielte. Alles, was Siegwart hören konnte, war bezaubernd schön. Er
glaubte im Paradies zu sein, und Harmonien der Engel anzuhören. - Sie spielt ja
himmlisch! sagte Siegwart. - O, bei Nacht sollten Sies erst hören, versetzte
Gutfried, wenn alles still ist; da weis man nicht mehr, ob man im Himmel, oder
auf der Welt ist? - Zumal, wenn sie singt. Das ist ein Silberton! Ein ... ein
... Ach, man kanns nicht sagen! - Sie singt auch zuweilen im Konzert, da können
Sie sie hören. - Wo? fragte Siegwart hastig. - In ihrem Hause, war die Antwort.
- Ihr Vater hat im Winter alle Wochen Konzert, es wird nun bald wieder anfangen.
- Kann man da auch drein gehen? fragte Siegwart. O ja, antwortete Gutfried, wenn
man nur den Hofrat drum ersucht; zumal wenn man selbst zuweilen mitspielt.
Kronhelm und ich gehen auch drein. - Aber der Hofrat ist so ein stolzer Mann,
erwiederte Siegwart. - Je nu, das muss man übersehn! versetzte Gutfried. -
    Und nun hörten sie dem Spiel Marianens - so hiess die Fischerin - wieder zu,
und schwammen beide in überirdischem Entzücken, und wollustreicher Wehmut.
Mariane trat wieder ans Fenster; die beiden zärtlichen Liebhaber traten zurück,
um sie nicht zu beleidigen, und blickten nur halb durch die Vorhänge durch.
Marianens Bruder kam nun auch ans Fenster. Der schlägt seinem Vater nach, sagte
Gutfried, und übertrift ihn nur ein Gutes an Stolz und Hochmut. Der Mensch ist
so in sich vernarrt, als ich noch nicht leicht einen gesehen habe. Auf sein
rundes, aufgedunsenes Gesicht tut er sich unendlich viel zu gut. Er bildet sich
ein, er sei ein grosser Violinspieler, und auf der Flöte gar ein Virtuose, und
doch ist er auf beiden Instrumenten kaum mittelmässig. dabei ist er noch auf
eine schändliche Art filzig. Was ich ihm aber am wenigsten vergeben kann, ist,
dass er seiner Schwester allen möglichen Verdruss antut. Immer neckt er sie und
plagt sie. Ich habs schon hundertmal von hier mit angesehn Einmal hat er, mit
Hülfe seines Bruders, seinen Vater schon so weit gebracht, dass das Mädchen ins
Kloster sollte, aber sie wehrte sich ritterlich, und ward von ihrer Mutter, die
eine trefliche Frau ist, unterstützt. - Sehen Sie, da kommt die Mutter eben
auch. - Dacht ichs nicht? Da fängt er schon wieder einen Zank mit seiner
Schwester an. Der verteufelte Kerl! - Aber warum gehn Sie denn mit ihm um? Ich
traf ihn ja schon ein paarmal bei Ihnen an, sagte Siegwart. - Gutfried zuckte
die Achseln. Was muss man nicht alles in der Welt tun, wenn man Absichten
erreichen will? Es ist hundssütisch genug, dass man sich mit solchen Kerls
abgeben und ihrer Gnade leben muss! - Siegwart merkte wohl, wo das hinaus wollte,
und suchte das Gespräch abzulenken. - Und wo ist denn der andre Bruder? sagte
er. - Hier in Ingolstadt, versetzte Gutfried; dort droben wohnt er, an der Ecke.
Er ist bei einem Kollegio so viel, als Sekretair, und an sich so toll nicht, wie
sein Bruder; aber dafür hat er ein Weib, von dem er sich regieren läst; und das
Weib ist nicht einen Heller wert; ein bigottes Ding, das immer fromm sein will,
und es meiner Seel! nicht ist. Da ist sie immer hinter den Hofrat drein, und
will, er soll seine Tochter ins Kloster stecken, und ist doch selbst nicht drein
gegangen. Der verfluchte Aberglauben mit dem Kloster! Es ist, auf meine Ehre!
nur auf das Geld angesehen, das Mariane kriegen soll; das möchten die seinen
Herren Brüder teilen. O, ich hab so viel Mitleid mit dem armen Mädchen, dass ich
oft toll werden möchte. Sie steht erstaunlich viel aus; mich wundert nur, wie
sies aushalten kann! Aber sie hat ausserordentlich viel Standhaftigkeit, und ist
bei all ihrem sanften Weiberwesen doch ein halber Mann. Könnt ich sie auf meine
Seite bringen, ich wollts den Kerls schon sagen! Aber .... und hier seufzte
Gutfried, und ging auf die Seite. - Es wird Essenszeit sein, sagte Siegwart.
Gutfried sah auf der Uhr nach, und sie giengen mit einander auf Kronhelms
Zimmer.
    Beim Essen wurde Siegwart durch allerlei andre Gespräche etwas zerstreut,
und von dem Gedanken an seine Mariane abgezogen; aber oft stralte das Bild von
ihr wieder, wie ein Blitz, in seine Seele, und machte ihn verwirrt, und
wehmütig.
    Sie waren zum Herrn von Dahlmund gebeten, und blieben den Nachmittag und
Abend bei ihm. Dieses war ein junger Edelmann von vielen Kenntnissen, der,
während seines Aufentalts in Augspurg viel mit dem jungen Buchhändler
umgegangen war, der unserm Siegwart und Kronhelm die Bücher zugeschickt hatte.
Durch seinen Umgang, und in seinem Laden war er mit unsern besten
protestantischen Schriftstellern, und besonders Dichtern bekannt geworden, und
hatte auch die meisten mit nach Ingolstadt gebracht. Als er bei Gutfried von
Kronhelm und Siegwart, und ihrer Liebe zu den schönen Wissenschaften hörte, so
war er nach ihrer Bekanntschaft sehr begierig; denn sie waren unter den
Studenten die einzigen, die in diesem Stücke aufgeklärt dachten. Alle andre
Studenten waren roh und unwissend, und gröstenteils im tiefsten Aberglauben
versunken, worinn die meisten Professors, und die Jesuiten am vorzüglichsten,
sie zu erhalten sich bestrebten. Er hatte viele Bücher, die Siegwart und
Kronhelm nicht hatten. Also konnten sie hierinn einander aushelfen. Er hatte
auch sonst so viel Gutes an sich, und war so gesittet und tugendhast, dass unsre
vier Jünglinge sehr bald Freunde wurden, und eine wöchentliche Zusammenkunft
ausmachten, wovon hauptsächlich die schönen Wissenschaften der Gegenstand waren.
Sein Zimmer lag sehr angenehm, gegen die Donau hinaus. Er bewirtete seine
Gesellschaft diesmal mit Wein, der unsre Jünglinge ziemlich lustig und
offenherzig machte. Siegwarts erhitzte Einbildungskraft brachte ihn mit der
grösten Lebhaftigkeit zu seiner Mariane. Die Tränen standen ihm oft in den
Augen. Als Gutfried anfieng, mit Entusiasmus sie zu loben, musste er weggehn, um
seine Bewegung zu verbergen. Er legte sich ins Fenster, und übersah die Donau,
die im hellen Mondschein dahinrollte. Das mannigfaltige Spiel der Wellen, die
da, wo sie auf den Kieseln hüpften, lauter goldne Sternchen bildeten, erhitzte
seine Einbildungskraft, und brachte tausenderlei Vorstellungen hervor, die sich
alle auf Marianen bezogen. Kronhelm kam zu ihm; schlang seinen Arm um seinen
Arm, sah wehmütig mit ihm hinaus, und küste ihn ein paarmal mit nassen und
betränten Wangen. Siegwarts Zähren flossen auch. Ach Bruder, sagte Kronhelm,
weist, an wen ich denke? - Was mag jetzt unsre Terese machen? Denkt sie wohl
jetzt auch an dich und mich? - Ja, sie denkt noch oft an dich, sagte Siegwart;
sie kann dich nicht vergessen! Du bist ihr zu tief ins Herz gegraben. Ich hoffe,
dass du noch mit ihr glücklich werden wirst. Trage nur Geduld! Ohne Hoffnung und
Geduld müsten wir vergehen. - Hier stürzten ihm die Tränen häufiger von den
Augen. Er sah seinen Kronhelm ein paarmal mit unaussprechlicher Zärtlichkeit an.
Es war ihm, als ob er diesmal reden, und sein Herz ausschütten müste. Aber
Furchtsamkeit hielt ihn immer wieder wie eine geheime, unsichtbare Gewalt
zurück. Gutfried und Dahlmund kamen, und riefen sie wieder zum Trinken. - Wir
wollen eins singen! sagte Dahlmund, und fieng das Lied von Kleist an: Freund,
versäume nicht zu leben etc. Endlich sangen sie auch das Studentenlied: Was den
Musen soll gefallen etc. das sich schliest: Vivat deine - - hoch! wo zwischen
den zwei letzten Worten jeder den Namen eines Mädchens singen muss. Dahlmund
sang: Elise; Kronhelm: Terese; und Gutfried: Mariane. Nun kam die Reihe auch an
Siegwart. Er stund an, und wusste nicht, welchen Namen er singen sollte? Er
entschuldigte sich, er habe ja kein Mädchen. - Ey, du must eins haben, sagte
Kronhelm, du bist ja unaufhörlich traurig. Siegwart errötete, und wollte sich
entschuldigen. - Nun, schon gut! versetzte Kronhelm, wir wissens ja! Sing, was
du willst: Susanne, oder Kunigunde! Siegwart sang: Susanne! - Diese Rede
Kronhelms machte unsern Siegwart noch furchtsamer und zurückhaltender. Beim
Nachhausegehen begleiteten sie Gutfried, und giengen also bei des Hofrat
Fischers Haus vorbei, wo noch Licht war. Siegwart blickte mit banger Sehnsucht
hinauf, und hörte Marianen Klavier spielen und singen. Er wäre so gern stehen
geblieben, und hätte dem Gesang zugehört, aber seine Schüchternheit erlaubte ihm
nicht, seinen Kronhelm den Vorschlag zu tun. Er ging also schweres Herzens mit
ihm nach Haus.
    Den andern Tag konnte er erst über alle das nachdenken, was er den Tag
vorher gehört hatte. Der Umstand, dass Mariane des Hofrat Fischers Tochter war,
machte ihn sehr traurig; denn da er aus eigener Erfahrung, den stolzen Karakter
dieses Mannes kannte, so sah er alle Schwierigkeiten voraus, die er haben würde,
Marianen kennen zu lernen; und doch war ihm der Gedanke unerträglich, sie, die
Vollkommenste, die sein Herz so sehr liebte, nie zu sprechen. Ins Konzert sah er
auch keine Gelegenheit, zu kommen; er war teils zu stolz, dem Mann, der ihn das
erstemal so verächtlich begegnet hatte, noch gute Worte deswegen zu geben;
teils war er auch, wenn die Liebe diesen Stolz noch überwunden hätte, viel zu
schüchtern in der Liebe, und hätte tausendmal gefürchtet, die Absicht, warum er
ins Koncert zu kommen wünschte, möchte verraten werden. Auch Gutfrieds Liebe zu
Marianen machte ihn äusserst unruhig, obwohl Gutfried bei ihr nicht glücklich zu
sein schien. Aber eben dieses erregte bei ihm auch die Besorgnis, es könnte ihm
eben so gehen. - Auf der andern Seite freute ihn das viele Gute, was er von
Marianens Denkungsart gehört hatte, ausserordentlich, und fesselte seine ganze
Seele nur noch mehr an sie. Von allen diesen verschiednen Empfindungen ward sein
Herz immer mehr zerrissen, und die schmerzhafte Wunde immer tiefer, so dass er in
eine dunkele und verdriessliche Melancholie verfiel, die ihm oft die ganze Welt,
und sich selbst zuwider machte. - In andern Stunden machte er wieder Entwürfe
auf Entwürfe, und baute ein Luftschloss nach dem andern auf.
    Gegen das Ende der Woche erhielt er einen Brief von P. Philipp. Der
rechtschaffene Mann fragte ihn darin unter andern nach seinen teologischen
Studien, ob er noch Geschmack daran finde, und sich gewissenhaft aufs Kloster
vorbereite? Diese Frage gab unserm Siegwart einen Stich durchs Herz. Seit dem
Anfang seiner Liebe hatte er zwar seine teologische Kollegia immer fleissig
besucht, aber zu Hause hatte er sich weniger mit den Wissenschaften, und
besonders den teologischen abgegeben. Das Andenken an sein Mädchen beschäftigte
ihn allein. Er dachte ungern ans Kloster, und entfernte den Gedanken von sich,
so bald er sich ihm aufdringen wollte. Jetzt ward er so unvorbereitet dran
erinnert, dass er davor zurückschauerte. Sein voriger Entusiasmus für das
Kloster; die Gelübde, die er so oft bei sich selbst Gott getan hatte, dahin zu
gehen; P. Anton; sein Vater - alles fiel ihm auf Einmal ein, und bestürmte sein
Herz. - Gott! in welchem Irrgang bin ich! dachte er. Was fang ich an? Was
unternehm ich? Dir ungetreu? Dir, dem ich mich widmete? Und die Welt soll mich
fesseln? Die Welt, die ich schon so verachtete? - Gott! Gott! - Nein, ich muss es
halten, mein Gelübde! Muss ins Kloster! - Mariane! Mariane! (indem er umher
ging, und die Hände rang) Welt! Welt! Dich verlassen! Dich und alles! Dich und
Marianen! - So dachte er wild und stürmisch hin und her; fühlte sich von allem
losgerissen; wusste nicht, woran er sich halten sollte? - Bald betete er, widmete
sich ganz Gott; bat ihn um Vergebung, dass er ihm so lang sein Herz entzogen
habe! - Bald war seine ganze Seele wieder bei Marianen, hieng an ihrem Blick,
und fühlte es, dass nichts auf der Welt im Stande sei, sie von ihr loszureissen.
- P. Philipps Brief schloss er ein, damit er ihm nicht zu Gesichte kommen möchte;
er wollte nicht dran denken, und dachte doch immer dran. Es graute ihm schon von
fern vor der Beantwortung des Briefes; aber auch daran mochte er noch nicht
denken. So tief wehmütig, wie jetzt, war er vorher noch nie gewesen. Alle
Schwierigkeiten, die sich seiner Liebe hätten widersetzen können, waren ihm
leicht vorgekommen; aber diese letzte, gegen die er sich bisher immer
eingeschläfert hatte, schien ihm jetzt unüberwindlich. Er wusste wohl, dass er, um
seines Vaters willen, nicht schlechterdings gezwungen sei, ins Kloster zu gehen;
aber die Verpflichtung, die er Gott schuldig zu sein glaubte, erschreckte ihn.
Er glaubte eine Untreue an ihm zu begehen, wenn er die Welt der Zelle vorzöge. -
Einigemal beschloss er fest, alle Gelegenheit, Marianen zu sehen, zu vermeiden,
und so wenig, als möglich, an sie zu denken. - Nur noch Einmal, dachte er dann
wieder, muss ich mich an ihrem Anblick weiden, und auf ewig von ihr Abschied
nehmen. Nur noch Einmal will ich in die Kirche! - In andern Stunden dacht' er
wieder: Sehen kann ich sie doch wohl; das ist keine Sünde; nur nie sprechen muss
ich sie, und den Gedanken aus der Seele bannen, mich um ihre Liebe zu bewerben,
oder auch nur sie zu wünschen. - Nun ward er ruhig, und glaubte, einen
herrlichen Ausweg gefunden zu haben; aber, wie wenig kannte er sich selbst! Kaum
sah er Marianen am Sonntag wieder, so waren alle seine Entschlüsse umgestossen,
und er dachte nichts, als sie. - Ich kann, ich kann nicht anders! dachte er;
Gott vergeb mirs! Ich bin nicht mein eigner Herr mehr! - Die Antwort an P.
Philipp machte ihm bei seiner zarten Gewissenhaftigkeit wieder neuen Kummer. Er
wollte ihm nicht schreiben, dass er noch eben so eifrig und entusiastisch ans
Klostergehen denke, wie vor Zeiten; und noch weniger konnte er ihm seine
Abneigung davon, und die Ursache dieser Abneigung melden. Er schrieb also etwas
zweideutig: Die Teologie gefall ihm wohl, aber er höre jetzt noch mehr
philosophische Kollegia, als teologische; und das war auch im Grunde wahr.
Jetzt vergass er wieder alles, und ward, von dieser Seite, ruhig.
    Die Woche drauf kam des Hofrat Fischers Bedienter zu Kronhelm, als Siegwart
eben bei ihm auf dem Zimmer war, und lud ihn zum künftigen Winterkonzert ein.
Können Sie mir nicht sagen, setzte er hinzu, wo Herr Siegwart wohnt? Ich soll
auch zu ihm. O ja, antwortete Kronhelm; hier ist Herr Siegwart selbst. Der
Bediente richtete eine Empfehlung an ihn vom Hofrat Fischer aus, und sagte ihm,
der Herr Hofrat würde ihn auch gern im Koncert sehen, weil er gehört habe, dass
er die Violine und die Flöte spiele. Siegwart wusste nicht, was er in der
Verwirrung antworten sollte? Machte viele Komplimente, und sagte zu. Als der
Bediente weg war, sagte er zu Kronhelm. Es ist mir nur halb lieb, dass ich
zugesagt habe; der Hofrat möchte glauben, er erweise mir eine grosse Gnade, und
Gnaden nehm ich eben nicht gern an. Kronhelm zeigte ihm, dass das Grillen wären;
man müste in der Welt nicht alles so genau nehmen etc. und beruhigte ihn. Im
Grunde freute sich Siegwart über den Antrag sehr; er wollte sich nur recht
gleichgültig bei der Sache stellen, um desto weniger entdeckt zu werden. Am
Sonntag sah er seine Mariane in der Kirche wieder; sie entzückte ihn immer mehr,
und einigemal glaubte er zu bemerken, dass sie Anteil an ihm nehme. Wenigstens
waren ihre Blicke oft auf ihn geheftet, und, wenn er bei Gutfried war, sah sie
fleissig aus dem Fenster.
    Am Mittewoch nahm das Konzert seinen Anfang. Siegwart ging mit schwerem
Herzen hin, nachdem er sich vorher sehr sorgfältig angekleidet hatte. Als er in
den Saal trat, machte er dem Hofrat ein verwirrtes Kompliment. Dieser war sehr
höflich, freute sich, ihn wieder in seinem Hause zu sehen, sagte, dass er viel
Gutes von seinem Violin- und Flötenspielen gehört habe, und stellte ihn dann
seiner Frau, und seiner Tochter, die an der Seite standen, mit den Worten vor:
Das ist der junge Herr Siegwart, dessen Vater ein alter Freund von mir ist. Die
Mutter, eine Frau von der angenehmsten Bildung, machte ihm ein sehr
verbindliches Kompliment. Mariane verneigte sich stillschweigend. Siegwart
glühte im Gesicht, und bückte sich, ohne ein Wort zu sprechen, sehr tief. Drauf
stellte ihn der Hofrat der übrigen Gesellschaft vor, und bat ihn, bei der
Symphonie die zweite Violine mit zu spielen. Siegwart war froh, dass er etwas auf
die Seite gehen, und Luft schöpfen konnte. Er stimmte seine Violine, und konnte
sie, in der Angst, kaum zu Stande bringen. Endlich ging das Konzert an. Mariane
sass unserm Siegwart gegenüber. Er machte in seinem Spiel tausend Fehler, und
ward noch verwirrter, weil er fürchtete, die Zuhörer möchten es merken. Endlich
erholte er sich etwas von seiner Verwirrung, und spielte ordentlicher. - Bei
einem Flötenkonzerte, das Gutfried machte, ruhte er, und lehnte sich an die
Wand, Marianen gegenüber. Er glaubte, bei der schmelzenden Musik, und dem
Anblick seines Mädchens, das er noch nie so nah bei sich gesehen hatte, zu
vergehen. Sie sass, in aller ihrer Anmut, aufs niedlichste und kunstloseste
gekleidet, da; ihre Seele war ganz auf die zärtliche Musik gerichtet; sie schien
jeden wahren Ton im Innersten zu fühlen, und drückte oft ihren Beifall durch
eine kleine Bewegung aus. Oft hub sie ihr schönes Aug in die Höhe, und richtete
es dann auf Siegwart, der, in überirdische Entzückungen versunken, da stand, und
vor lauter Empfindung nichts von dem fühlte, was um ihn herum vorgieng. Zuweilen
drang sich ihm ein tiefer Seufzer aus der Brust, den er ängstlich zu verbergen
suchte. Selten wagte ers, sie lange anzusehen, weil er von tausend Augen bemerkt
zu werden glaubte. Mariane sang diesmal nicht; ein paar andre Frauenzimmer aus
der Stadt sangen ziemlich artig. Als das Konzert zu Ende war, so wurden einige
Solos und Konzerte auf die künftige Woche ausgeteilt; Kronhelm übernahm eins,
und auch Dahlmund; aber unsern Siegwart traf noch keins. Eh man auseinander
ging, sprach Kronhelm mit Marianen ziemlich bekannt. Dies tat unserm Siegwart
weh, ob er ihm gleich so herzlich gut war.
    Sonst aber wars ihm, als ob er neu geboren wäre. Nun sah er einen frohen,
wonnevollen Winter vor sich. Sie alle Wochen Einmal, und des Sonntags in der
Kirche zu sehen, war für ihn ein Glück, das er jetzt nicht grösser wünschte.
Ihre Blicke schienen ihm auch viel Gutes zu prophezeihen, und das freundliche
Betragen des Vaters füllte ihn mit tausend Hoffnungen. Als sie zu Hause waren,
sagte Kronhelm: Nun, wie gefällt dir die Fischerin? Ist sie nicht ein herrliches
Geschöpf, und zum Anbeten schön? - Von Aussehen gefällt sie mir recht wohl,
antwortete Siegwart ganz kalt. - Das glaub ich, sagte Kronhelm; aber ihr Herz
solltest du erst kennen! Wart, ich will schon machen, dass du noch genauer mit
ihr bekannt wirst. Da sollst du deine Wunder sehen! O, sie hat ein himmlisches
Gemüt! Nach deiner Schwester kenn ich gar kein bessres Mädchen. So viel
Verstand, so viel Empfindung und Guterzigkeit, so viel Festigkeit der Seele,
und edeln Stolz und Unschuld trift man selten beisammen an. Ueberhaupt hat sie
mit Teresen sehr viel Aehnlichkeit, nur dass sie kälter scheint, und, wie mir
deucht, etwas eigensinnig ist, wenn mans nicht Standhaftigkeit nennen will. Ihre
Mutter hast du auch gesehen; das ist eine trefliche Frau, die es selbst nicht
weis, wie gut sie ist. Sie ist die Bescheidenheit und Frömmigkeit selbst, und
liebt ihre Tochter über alles. Man könnte sie für übertrieben fromm halten, aber
bei ihr kommt alles aus gutem Herzen.
    Siegwart legte sich voll froher Vorstellungen schlafen. Das Versprechen
Kronhelms, ihn mit Marianen genauer bekannt zu machen, gab ihm tausend glänzende
Aussichten. Er sah eine wonnevolle Zukunft vor sich, und machte tausend Plane
von Glückseligkeit. Zwei- oder dreimal ging er unter allerlei Vorwand zu
Gutfried, um sie oft zu sehen, und sie stand oft eine Viertelstunde lang am
Fenster, und blickte oft herüber. In der Kirche sah er sie auch wieder, und
erhöhte seine Andacht durch die ihrige.
    Den nächsten Mittewoch eilte er wieder ins Konzert. Sie sang bald zu Anfang
eine Arie; er stellte sich, fern von ihr, in die andere Ecke des Saals, um
unbemerkt ihren Engelston zu hören. Seine ganze Seele war ausser sich, sobald
sie anstimmte. Eine solche Empfindung hatte er in seinem Leben nicht gehabt. Ich
kann sie nicht beschreiben. Mitten in dem schmelzenden Gesang machte ihr Bruder,
der ihr auf dem Flügel akkompagnirte, solche Fehler im Spielen, dass sie
plötzlich abbrach, vom Pult weggieng, und sich unwillig auf ihren Stuhl
niedersetzte. Unserm Siegwart wars, als ob er aus dem hellsten Sonnenschein mit
Einemmal in die tiefste schauervollste Gruft herabstürzte. Der Bruder sprang
hastig auf, lief zu ihr hin, verzerrte sein Gesicht, und machte ihr die
kränkendsten Vorwürfe. Sie ward rot, und unwillig. Noch nie hatte sie unserm
Siegwart so gefallen; auf den Bruder warf er einen Blick voll Verachtung, und
hätt ihn in dem Augenblick vor die Stirne schlagen können. Endlich kam der
Hofrat und seine Frau, und besänftigten den Bruder; aber Mariane liess sich
nicht mehr bewegen, fort zu singen. Sie sass, immer noch rot im Gesicht, mit
hingesenktem Blick da, und konnte die Zähren des Unwillens kaum zurück halten.
Hierauf spielten Kronhelm, Dahlmund, und ein paar andre, noch Konzerte. Siegwart
hieng mit schmachtendem Blick an Marianens niedergeschlagenen Augen. Der Verdruss
und Schmerz, der aus ihren Mienen blickte, drang ihm durch die Seele, und lockte
ihm auch Tränen in die Augen.
    Bei Endigung des Konzerts ward unserm Siegwart auf den künftigen Mittewoch
ein Violinkonzert aufgetragen; er übernahm es, ob ihm gleich bange war, sich vor
Marianen hören zu lassen. Heut hatte er auf Gutfrieds Betragen sorgfältig Acht
gegeben. Er hatte seine Blicke wohl bemerkt, wie sie schmachtend an ihr hiengen,
aber Mariane sah ihn nur Ein- oder Zweimal, und dabei ziemlich gleichgültig an.
Noch einen andern Menschen, der schon in den dreissigen zu sein schien, und den
man Rat nannte, sah er oft, und zärtlich nach ihr blicken; aber diesen schien
sie noch weniger zu bemerken. Dagegen ward er wegen seines Kronhelms unruhiger,
mit dem sie vor dem Weggehen wieder, und, wie er glaubte, sehr vertraulich,
sprach. Auch war ihm kein Blick entgangen, den sie auf ihn richtete; und, als er
sein Konzert ausgespielt hatte, bemerkte er genau, wie sie ihm Beifall
zuklatschte. Er kämpfte zwar lang gegen sich selbst, ihr und seinem Freunde
nicht Unrecht zu tun, zumal da er von dem letzten so gewiss überzeugt war, dass
seine Seele nur allein an Teresen hange. Er machte sich selbst Vorwürfe, dass er
gegen seinen liebsten Freund nur der geringsten Argwohn hegen, und nur einen
Augenblick unzufrieden auf ihn sein konnte; aber seine Empfindung liess sich
nicht unterdrücken; sie widersetzte sich seiner Vernunft und Ueberzeugung, und
beunruhigte ihn sehr. Wenigstens, dachte er, kann doch Mariane etwas für ihn
fühlen, wenn gleich er nichts für sie fühlt.
    Zu Hause sprachen er und Kronhelm noch über das Konzert. Kronhelm schimpfte
sehr auf Marianens Bruder, und bestätigte alles das, was Gutfried schon von ihm
unserm Siegwart erzählt hatte. Das Mitleiden, das Kronhelm mit Marianens
Schicksal hatte, und das Lob auf sie, in das er aufs Neue ausbrach, machte
unsern Siegwart noch unruhiger. Er mochte sich selber dagegen sagen, was er
wollte, so liess sich doch sein Herz nicht überreden, billiger zu denken. Er
fühlte anders, als er glaubte. Am Sonntag drauf ging Kronhelm mit ihm in die
Kirche. Auch das kam ihm verdächtig vor. Aber Mariane kam diesmal nicht. Halb
war ihms lieb, halb schmerzlich. Den Montag drauf ward eine Schlittenfahrt
angestellt, und nach dieser ein Ball. Kronhelm sagte zu Siegwart: Du must auch
mit machen, Xaver. Wenn du willst, so will ich bei des Regierungsrats, Oswalds
Tochter für dich anhalten. Sie ist eine Freundin von Marianen. Ich muss die
Fischerin fahren; ich hab ihrs schon im Herbst zugesagt. - Ein neuer
Donnerschlag für den liebekranken, schon halb eifersüchtigen Siegwart. Nun ward
ers ganz. Nichts war im Stande, ihn zu überreden, die Schlittenfahrt
mitzumachen. Kronhelm drang lang in ihn, aber endlich liess er nach. Die
Schlitten fuhren bei seinem Haus vorbei. Er sah hinaus. Kronhelm lachte
freundlich zu ihm herauf. Mariane sich auch herauf, und grüste freundlich. Aber
diesmal rührte ihn ihr Gruss nicht; er schlug das Fenster zu, zog sich an, und
lief aufs Feld hinaus. Hier irrte er lang im hohen Schnee herum; zeichnete mit
seinem Stock ihren Namen in den Schnee, zernichtete ihn wieder, und sprach viel
mit sich selber. Er war halb erfroren, eh ers merkte. Gegen Abend, als er wieder
in die Stadt kam, traf er gerade auf die Schlitten. Kronhelm flog an ihm vorbei;
er und Mariane grüsten. Siegwart nahm den Hut trotzig ab, und setzte ihn wieder
tief ins Gesicht. Er ging auf eine halbe Stunde zu Gutfried, der sich nicht
recht wohl befand. Aber er konnte nicht lang an einem Orte bleiben, und ging
wieder nach Haus. Gutfried hatte ihn nach der Schlittenfahrt gefragt; er sagte
aber, er wüste nichts davon. Der ganze Abend, und die Nacht war ihm eine der
traurigsten und quälendsten. Er machte sich tausend ungeheure Vorstellungen,
die, so unwahrscheinlich sie auch waren, seine aufgebrachte Leidenschaft für
wahr hielt. - Jetzt tanzt sie, dachte er; ist von Stutzern und abgeschmackten
Kerls umgeben; denkt an ihren armen Freund, der hier im Stillen um sie traurt,
nicht einen Augenblick; reicht vielleicht meinem glücklichern Freund die Hand,
blickt ihn liebeschmachtend an! - Gott ich kanns nicht aushalten! Mach ein Ende
mit mir! - So quälte er sich über eine Stunde mit den schrecklichsten Gedanken.
Endlich lehnte er sich matt in seinen Lehnstuhl zurück und schlief ein. Erst
nach drei Stunden, um halb zwölf Uhr wachte er wieder auf. Sein Licht war
ausgegangen. Der Mond schien hell ins Zimmer. Er legte sich ins Fenster, sah ihn
traurig an, wie er bald hell und klar am Himmel lief, bald wieder hinter leichte
Wölkchen sich versteckte, und sie golden machte. Eine unaussprechliche Wehmut
überfiel ihn; plötzlich machte er Licht, und schrieb folgendes Gedicht nieder:
                                  An den Mond.
Heiliger, keuscher Mond!
Sieh herab auf meine Leiden!
Habe Mitleid, und erbarm dich meiner!
Weinend und todtenbleich
Seh ich dich, du Kind des Himmels,
Ringe meine Händ', und schmacht in Jammer.
Heiliger, keuscher Mond!
Ach, ich lieb', ich lieb' ein Mädchen,
Und sie weis es nicht, dass ich sie liebe!
Heilig und keusch, wie du,
Brennt ihr meine ganze Seele,
Alle Heilige und Engel wissens!
Aber Sie weis es nicht! -
Gott im Himmel, lass mich sterben,
Wenn du nicht für mich den Engel schufest!
Noch zwei Stunden blieb er auf, und verfiel aufs neu in ängstliche Zweifel wegen
seiner Mariane. Er glaubte, er müste Kronhelm noch erwarten; aber endlich ward
sein Zimmer zu kalt, und er legte sich zu Bette. Kein Schlaf kam in seine Augen,
jede Viertelstunde hörte er schlagen. Seine Phantasie arbeitete fürchterlich. Um
vier Uhr hörte er endlich die Haustüre öffnen, und seinen Kronhelm kommen. Ein
kalter Schauer lief ihm über seine Glieder. - Gott! - der Glückliche! dachte er;
hüllte sein Gesicht ins Kissen ein, und weinte. Endlich kam ein kurzer und
unruhiger Schlummer. Den andern Morgen, als er ins Kollegium ging, schlief
Kronhelm noch; um eilf Uhr ging er bei Marianens Haus vorbei. Das Haus war ein
Eckhaus; sie sah in die Strasse, durch die Siegwart ging; und als er sich in
die andre wendete, sah sie auf der andern Seite auch heraus, ihm nach. Dies
bemerkte er nachher immer, und schloss mit Recht viel Gutes draus. Aber heut war
ihm alles gleichgültig, und er fühlte nichts, als Gram und Eifersucht wegen des
gestrigen Tages. - Zu Haus kam Kronhelm auf sein Zimmer, und tat ganz
freundlich. Siegwart konnt' ihn kaum ansehen, so viel quälende und schmerzende
Gedanken bemächtigten sich auf Einmal seiner Seele. O Bruderfieng Kronhelm an,
gestern waren wir recht frölich! Seit ich hier bin, war mirs nie so wohl. Du
hättest auch dabei sein sollen! Ich dachte hundertmal an dich. Die Fischerin hat
mich zweimal nach dir gefragt; sie glaubte ganz gewiss, du würdest auch kommen.
Du darfst dir recht was drauf zu gut tun, Bruder! Sie lobte dein Violinspielen
sehr, und freut sich auf den Mittewoch, wenn du Konzert spielst. - Ich sagt ihr
auch, du singest gut. - Das hättest du wohl bleiben lassen können, sagte
Siegwart hastig und verwirrt. Es liegt mir viel dran, was die Mädchen von mir
denken! Und nun ging er schneller auf und ab. - Immer noch der alte
Weiberfeind? sagte Kronhelm. Und nun muss ichs gar entgelten, wenn ich Gutes von
dir spreche. Du bist ein wunderlicher Mensch! - Hier brach unserm Siegwart das
Herz. Verzeih mir, Bruder! sagte er, ich bin heut in übler Laune. Es war nicht
so bös gemeint. Ich weis nicht, das beständige Stubensitzen macht mich ganz
hypochondrisch. Es war warlich nicht so bös gemeint! - Bei mir auch nicht,
Bruder, sagte Kronhelm, und nahm seinen Freund bei der Hand. Wir sind ja
Freunde, und du weist, was ich auf dich halte. Du hättest mir auch schon vieles
übel nehmen müssen. Lass die Grillen fahren! Ich weis am besten, dass man nicht
immer aufgeräumt ist. Aber ein Wort must du mir erlauben, Xaver! Ich seh wohl,
dass das Stubensitzen dir nicht taugt; du solltest dich zerstreuen! drum wollt
ich eben, dass du gestern mit gewesen wärest! Gelt, bei mir hast du wenig
Aufmunterung, dich zu zerstreuen? Ich weis wohl, und es tut mir leid. Aber wer
kann für sein Schicksal? Wenn man so viel Gram im Herzen hat, wie ich, wie kann
man da noch froh und munter sein? Mach dir zuweilen eine Veränderung! - Gut, ich
wills tun, Kronhelm! sagte Siegwart zärtlich. Bei der nächsten Schlittenfahrt
will ich auch sein! Du must Geduld mit mir haben! Vielleicht wirds bald besser!
- Er ging auf die Seite, und wischte sich die Augen. Kronhelm konnte nichts
sprechen, und ging nach etlichen Minuten auf sein Zimmer, unter dem Vorwand,
sich anzukleiden, denn sie assen jetzt auf Gutfrieds Zimmer, weil er krank war.
- Siegwarts Schmerz brach nun in lautes Schluchzen aus, als Kronhelm weg war. -
Gott! was bin ich für ein Scheusal! dachte er; wie hab ich meinem besten
liebsten Kronhelm Unrecht getan! - Er ist ein Engel, und ich bin ein Teufel! -
Ach, ich bin seiner Liebe nicht wert! ... Vergib mir, Gott! Vergib mir,
Kronhelm! ... Ach, ich bin ein Teufel!.. Er meints so redlich mit mir, und ich
bin so treulos! ... Bin so scheuslich undankbar! ... Vergib mir, Lieber, wenn
dirs möglich ist! - Mariane hat nach mir gefragt! ... Das ist mehr, als ich
verdiene!.. Ach, dass ich so ein schändlicher Kerl bin!.. Vergib mir, Gott! ...
Mariane, Mariane! O du Engel!.. Wenn ich deiner wert wäre!.. O vergib mir,
Gott, dass ich so hart war gegen meinen lieben, sanften, freundschaftlichen
Kronhelm!
    Indem kam Kronhelm wieder aufs Zimmer, und sahs noch, wie sein Freund sich
die Augen wischte. Er umarmte ihn stillschweigend. Arm in Arm, und Brust an
Brust, blieben sie lang so stehen, und giengen endlich mit einander zu Gutfried.
Sie trafen ihn sehr bestürzt an. Er hatte einen Brief vor sich liegen, und
lehnte sich, mit weinenden Augen, über ihn hin. Nun soll ich fort! sagte er.
Mein Vater hat mir heut geschrieben. Er ist sehr böse, dass ich schon über die
Zeit ausgeblieben bin, und droht, mich zu enterben, wenn ich nicht zwischen heut
und drei Wochen zu Hause sei. Das kostet mich, bei Gott! mein Leben; ich fühls
schon. Ich kann an keinem andern Ort sein, als wo sie ist! Das weis mein Vater,
und ich soll doch fort. O, ich möchte rasend werden über das verwünschte
Schicksal, das mich hieher brachte! Seit ich Marianen sah, hatt ich keinen, ganz
frohen, Augenblick, und das dauert nun schon ins zweite Jahr. Nun soll ich gar
sie nicht mehr sehen. Das einzige, was mich bisher noch erhalten hat; sonst wäre
ich längst todt. - Sagt, was fang ich nun an? Beides ist gleich schrecklich:
Ohne sie sein, und von seinem Vater enterbt und verflucht werden. Er hält Wort;
ich kenn ihn schon. - Nun ratet mir! Siegwart und Kronhelm zuckten die Achseln;
keiner wusste, was er sagen sollte? - Nicht wahr, sagte er, ihr könnt mir auch
nicht raten? Und wie solls nun ich? - Das beste ist, dass es nicht mehr lang
währt! Es steckt mir so schon etlich Tage her ein Schelm im Leib. - Nur das
Weggehn, davor graut mir! Ich wollt mir lieber jetzt gleich eine Kugel vor den
Kopf schiessen lassen; so wärs doch mit Einemmal aus! - Gleich in drei Wochen
weg! Das läst sich kaum denken, geschweige tun.
    Kronhelm und Siegwart trösteten ihn, so gut sie konnten; aber alles half
nichts. Er war viel zu heftig. - Ihr seid nicht klug, sagte er, wenn ihr mit
Worten etwas auszurichten glaubt! Da, da, (auf die Brust zeigend) sitzt es. Ihr
müst mir erst dieses Herz aus dem Leibe reissen; dann wirds besser! Ich weis,
was ich schon seit Jahren her um sie geduldet habe, da sie mich nicht Einmal
ansah, wie ichs wünschte. Blos an ihrem Anblick hab ich mich geweidet; der
erhielt mich noch; aber nun ists aus mit mir. Zwar bleib ich hier, das hab ich
schon beschlossen; aber der Fluch meines Vaters, den ich lieb und ehre - denn er
ist ein braver Mann - der wird mich tödten. - Und ich wette, er läst mich mit
Gewalt wegholen, wenn ich nicht komme; er wollts schon vor einem halben Jahr
tun, da hielt ihn meine Mutter noch zurück. Nun ist sie todt, und kein Mensch
auf Erden kann ihn halten. - O, ich bin ein Unglückskind! - Mit diesen Worten
schlug er sich vor die Stirne, dass es wiederhallte. - So rasend hab ich dich
noch nie gesehen; sagte Kronhelm; mir ist bang für dich. - Mir auch; fiel
Gutfried ein. So toll wars aber auch noch nie! Ich weis, wie mirs war an Ostern,
als ich nur acht Tage von ihr weg war; und nun auf mein ganzes Leben! O, ich
halt es nicht aus! Wenn nur das Gift, das ich in mir fühl, bald um sich griffe,
und Mark und Knochen aufzehrte! Es wär ja Wohltat, wenn gleich das Sterben ohne
sie auch schrecklich ist. Aber nach dem Tod hoff' ich doch Linderung.
    Kronhelm und Siegwart redeten ihm zu, sich doch selbst zu schonen, und kein
Selbstmörder zu werden! - Das werd ich auch nicht, sagte er, dazu hab ich zu
viel Christentum, und weis, dass es Sünde ist. Aber, lieben Leute! ich hab mir
ja den Schmerz, der mich aufzehrt, nicht selbst gemacht! Ich stritt lang, und
wollte sie vergessen, als sie gar nichts von mir hören wollte. Aber der
verschlossne Gram wütete nur heftiger in mir, und leckte allen Lebenssaft
hinweg. - Jetzt kannst du aber nicht reisen, sagte Kronhelm; du siehst gar zu
elend aus. Ich will deinem Vater schreiben, dass du krank bist, oder selber die
acht Meilen zu ihm reiten. Vielleicht sieht ers doch ein, und gibt nach. - Tu
das, Brüderchen! sagte Gutfried; Gott segne dich für diesen Einfall, und für
deine viele Freundschaft! Ich werd dirs nicht mehr lang verdanken können; aber
einst im Himmel will ichs tun, wenn mir Gott barmherzig ist, und mich zu sich
nimmt. - Kronhelm versprach, morgen hinzureiten, wenns nicht besser werde. Und
nun ward Gutfried etwas ruhiger. Doch ass er nicht mit, und beklagte sich über
innerliche Hitze. Siegwart hatte mit seinem Zustand vieles Mitleid, und zitterte
vor gleichem Schicksal. Nach Tische musste er ins Kollegium gehen. Gegen Abend
kam er wieder hin. Gutfried beklagte sich sehr über Kopfweh, und innre Hitze,
und musste sich zu Bette legen. Kronhelm, der Gefahr befürchtete, erbot sich,
diese Nacht bei ihm zu bleiben und zu wachen. Siegwart kann dann morgen da
bleiben, wenns nötig ist, sagte er, weil ich morgen weg reite. Siegwart ging
nach Haus, und machte sich wegen seines Betragens gegen Kronhelm neue Vorwürfe.
Er weinte über seine Torheit, die ihn auf seinen besten Freund eifersüchtig
machte, und zu einem so lieblosen Betragen verleitete. Nach vielen Seufzern
entschloss er sich recht fest, sich künftig vor diesem schrecklichen und
törichten Verdacht in Acht zu nehmen, und weder sich, noch seinen edeldenkenden
Freund mit einem so ungegründeten Verdacht zu quälen. -
    Dann überliess er sich ganz dem süssen, und schmeichelnden Gedanken, dass sich
Mariane nach ihm erkundigt habe, und zog tausend gute Vorbedeutungen draus her.
Er ärgerte sich, dass er aus blossem Eigensinn und närrischer Verblendung den
Ball und die Schlittenfahrt nicht mit gemacht hatte, und wünschte sehnlich eine
so herrliche Gelegenheit, Marianen kennen zu lernen, bald wieder.
    Den andern Morgen kam Kronhelm nach Haus, und sagte, dass ihm Gutfried gar
nicht gefalle. Es scheine eine schwere Krankheit im Anzug zu sein. Siegwart fand
ihn auch am Mittag um ein gutes kränker, als gestern. Den Nachmittag ritt
Kronhelm weg, und versprach, in höchstens vier Tagen wieder zu kommen. Siegwart
blieb bis fünf Uhr bei Gutfried. Dann ging er nach Haus, um sich anzukleiden,
und sein Konzert noch vorher zu spielen. Nach dem Konzert, versprach er, wieder
zu kommen, und bei ihm zu wachen.
    Er ging mit ziemlichem Herzklopfen ins Konzert, weil ihm bange war, sich
vor Marianen hören zu lassen. Sie sass ihm gegenüber. Anfangs spielte er sehr
ängstlich; aber der Beifall, den sie ihm durch ihre Aufmerksamkeit, und einige
Bewegungen mit dem Kopf zu geben schien, befeuerte ihn auf einmal, dass er beim
Allegro wild in seine Saiten stürmte, und die Herzen aller Zuhörer zur
Bewunderung hinriss. Er sah ihr die Freude und das Wohlgefallen an, das sie
drüber hatte, und trieb die Kunst immer höher. - Auf Einmal sank er, im Adagio,
in den tiefsten Klageton herab. Seine Violine sprach; jeder Ton ward eine Sylbe.
Sein ganzes Spiel ward die rührendste Klage, und das wehmütigste
Selbestgespräch. Sein eignes, liebekrankes Herz schien, es zu halten. Alles
lauschte auf dem Saal, kein Laut ward gehört; jeder hielt den Atem an sich; aus
jedem Herzen wollt' ein Seufzer aufsteigen, der nur mühsam zurück gehalten
wurde. Mariane sass in tiefer Wehmut da; senkte ihr tränenvolles Aug zur Erde,
blickte schmachtend wieder auf, und ward vor heftiger Empfindung blass. Dann warf
sie einen Blick, aus dem die ganze Seele sah, auf Siegwart; er fieng ihn auf,
stieg in einem Lauf bis auf die höchste Höhe, dass die Seele mit hinauf stieg,
und staunte; senkte sich herab, und preste aus jeder Brust ein Ach! voll Schmerz
und Bewunderung. Jede Hand war aufgehoben, ihm den wärmsten Beifall
zuzuklatschen; Mariane war die erste, die es tat. Er verneigte sich gegen sie,
und gegen die übrige Gesellschaft, und ging auf die Seite, um sich wieder zu
erholen, und den Schweiss vom glühenden Gesicht zu wischen. Im ganzen Saal
entstand ein freudiges Gemurmel; jedes Herz teilte dem andern seine staunende
Bewunderung mit; jeder Zuhörer sah auf ihn, und war bewegt. Der Hofrat Fischer
kam, drückte ihm die Hand, und dankte ihm. Auch der Engel Mariane kam - ihr
Siegwart zitterte. - Sie habens unaussprechlich gut gemacht, sagte sie; ich dank
Ihnen aus dem vollsten Herzen. Sie bringen Töne aus der Violine, die ich niemals
drinn gesucht hätte. O, Ihr Adagio war göttlich! - Hier sah sie ihn mit einem
unbeschreiblich zärtlichen Blick an; er ward feuerrot, schlug die Augen nieder,
und wagt es nicht, sie anzusehen. Er stund da, und konnte sich kaum halten:
jedes Auge, glaubte er, bemerk ihn. - Wo haben sie denn heut den Herrn von
Kronhelm gelassen? fieng sie wieder an. - Diese Frage riss ihn wieder etwas aus
der schrecklichen Verlegenheit, in der er sich gewiss verraten hätte. Er ist..
sagte er, und hub die Augen wieder auf; er ist ... ausgeritten.. weil Herr
Gutfried krank ist ... weil ers Vater sagen will. Drauf erkundigte sie sich nach
Gutfrieds Umständen. - Werden Sie nicht auch einmal eine Schlittenfahrt
mitmachen? fragte sie endlich. O ja! war seine Antwort, sobald wieder
Gelegenheit da ist - plötzlich fuhr der Gedanke, wie ein Blitz, durch seine
Seele: Sollt ich sie wohl bitten, mit mir zu fahren? Indem er noch zweifelte, und
eben etwas sagen wollte, kam Marianens Mutter, machte ihm ein ausserordentlich
verbindliches Kompliment, und lobte ihn mit vieler Wärme wegen seines Spiels.
Indem kamen noch andre, die ihn auch mit Lobsprüchen überhäuften; man hielt sein
Erröten für Bescheidenheit, und er konnte nun Marianen, die noch bei ihm stand,
weit freier ansehn, und ihre unaussprechlich regelmässige Züge, ihr
hellglänzendes Aug, und die feinste weisse Haut bewundern. So wohl und bang, wie
in diesem Augenblick, war ihm noch nie gewesen.
    Während dass noch jedermann um den beglückten Siegwart herum stand, klopfte
endlich Marianens Bruder, der schon längst vor Eifersucht geglüht hatte, voll
Verdruss auf die Violine, um die Spieler zusammen zu rufen, und fieng ein Konzert
zu spielen an. Er machte es nicht ganz schlecht; aber nach Siegwart konnte man
ihn kaum mehr hören. Als er ausgespielt hatte, klatschte niemand Beifall. Dies
verdross den stolzen Knaben sehr, und machte ihn unserm Siegwart, den er schon
vorher beneidet hatte, noch aufsätziger.
    Nach dem Konzert ging Siegwart nach Haus, um sich umzukleiden. Anfangs
wusste er sich vor Freuden über Marianens Beifall kaum zu fassen. Nach und nach
kamen ihm wieder Grillen und ängstliche Gedanken. Er dachte: Das alles konnte
sie wohl sagen, ohne dich zu lieben. Sie sprach nur mit dir, um sich nach
Kronhelm zu erkundigen. Sie kann ihn lieben, wenn ers auch nicht weis. Er ist
unschuldig, aber was hab ich davon? So lang sie sich nicht deutlicher erklärt,
und von meiner Liebe weis, so lang ists nichts, u.s.w. Unter solchen traurigen
Gedanken, die die erste Liebe, solang sie nicht Gewissheit hat, tausendmal in der
Brust des Liebenden erzeugt, ging er zu Gutfried, um bei ihm die Nacht über zu
wachen. - Er war jetzt etwas muntrer. Diesen Abend, sagte er, hatt ich einen
harten Kampf. Ich bekam eine Art von Fieber, und die schrecklichsten Phantasien
ängstigten mich wohl eine Stunde lang. Jetzt ist mirs ganz leicht. Setzen sie
sich zu mir her, ans Bette! Siegwart tats.
    Was macht denn Mariane? fuhr er fort. Haben Sie sie heut gesehen? Hat sie
gesungen? - Gesehen hab ich sie, antwortete Siegwart; aber gesungen hat sie
nicht. Sie erkundigte sich bei mir nach Ihnen. - Hat sie das? rief Gutfried
hastig, und richtete sich im Bett auf. O der Engel! Ich muss sie anbeten, ob ich
gleich gewiss weis, dass sie ewig nicht die meine wird. - Er legte sich langsam
wieder nieder, und fuhr fort: Alles, lieber Siegwart! alles hab ich ihr zu
verdanken! Ich war ein liederlicher Kerl, eh ich sie habe kennen lernen. Gott
vergeb es mir! Ich ward verführt. Als ich hieher kam, wust ich noch gar nichts
von der Welt. Sechs Jahre hatt ich in einem Jesuiterkloster gesteckt; musste da
die Religion als ein Handwerk treiben, und ganze Stunden lang, ohne Andacht,
beten. Das, wozu mich meine Lehrer anhielten, sah ich sie selber mit den Füssen
treten. Wie ein Sklave war ich eingeschränkt, und durste keinen Schritt tun,
ohne Vorwissen meiner Lehrer. Wenn ich nun einmal in die Welt hinaus kam, so
hielt ich alles, was ich sah, für wünschenswürdig, und schmachtete in meinem
Käficht wieder desto mehr darnach. Als ich nun hier ankam, und der Freiheit ganz
genoss, nach der ich mich so längst gesehnt hatte, da glaubt ich, um mich
schadlos zu halten, und das Versäumte wieder einzuholen, müss' ich nun der
Freiheit ganz geniessen, und alles mitmachen. Freiheit und Ausgelassenheit hielt
ich für einerlei. Alles, was ich sah, war mir neu, und reizte mich; ich fiel
drauf hin, wie ein Geier auf den Raub, und glaubte mich nie sättigen zu können.
Sie wissen, wozu der närrische Begriff von Universitätsfreiheit verleitet. Zu
allem Unglück waren damals hier die allerschändlichsten Gesellschaften, in denen
Gewissen und Vernunft durch Zoten und Unflätereien übertäubt, und durch
unmässiges Saufen geschwächt, oder gar getödtet wurden. Da ging ein jeder hin,
und tat, was ihm gefiel. Mein Trost ist noch, dass ich niemals Freundesblut
vergossen, und nie eine Unschuld verführt habe. Davor hat mich Gottes Gnade noch
bewahrt; mir hab ichs nicht zuzuschreiben. Ich wär bei meinem tollen, heftigen
Temperament, und bei meinen Grundsätzen zu allem fähig gewesen. Zweimal ward ein
Freund in meiner Gegenwart erstochen; ich seh noch ihr Blut mit Schrecken
rauchen. Dem Boling, der sonst noch weit schlechter war, wie jetzt, hab ich
zweimal das Leben gerettet. Der Umgang mit liederlichen Menschern entkräftete
mich so, dass ichs jetzt noch fühle; und ich hätte mich zuletzt ganz zu Schanden
gerichtet, wenn nicht der Engel Mariane, wie vom Himmel herab, gekommen wäre.
Das erstemal sah ich sie auf einem Ball wo mich Dahlmund mit Gewalt
hinschleppte; denn es ging mir da viel zu ehrbar zu. Sie sehn, und weg sein,
war Eins! Aber, Gott! was das für eine Empfindung war! Ich bebte, wie ein
Sünder, der vor Gott steht, und schämte mich vor mir selbst. Anfangs wagt' ichs
kaum, sie anzusehen, denn es war, als ob sie mich durchblickte, und den
schlechten Kerl in mir entdeckte. Aber weg war ich ganz, und konnt auf der Welt
an nichts mehr denken, als an sie. Alles war mir ekelhaft; ich hätt in das
Lumpengesind und meine liederlichen Saufbrüder spucken mögen! Sie lachten mich
aus, als ich nicht mehr mitmachte, ich liess sie lachen. Ich blieb allein,
ärgerte mich über mein vergangnes Leben, und schmachtete um Marianen. Dass sie
mich lieben sollte, konnt' ich noch nicht wünschen, denn ich kannte mich selbst
zu gut, was ich für ein Kerl gewesen war; ob gleich jetzt jeder Schatten von
Begierde aus mir weg wich. - Aber sie war doch für mich' zu heilig; ich sah zu
ihr hinauf, wie zu der Mutter Gottes, und wünschte nichts, als einen einzigen
Gnadenblick von ihr. Ich kriegte sie selten zu Gesicht. Einmal sah ich sie, an
Allerheiligen, in der Kirche. Ihr Aug und Herz betete voll Andacht. Nun wagt
ichs auch zum erstenmal wieder, meine Augen aufzuheben, und Gott um Erbarmung
anzuflehen. Ihre Andacht gab der meinen Mut und Flügel. Es war mir, als ob ein
Stral von göttlicher Barmherzigkeit sich in mein Herz herab senkte, und es
stärkte. Mir ward so wohl, dass ich weinen konnte. Dieser Augenblick bleibt mir
unvergesslich; er ist der Anfang meines wahren Glücks. Ich ward nun wirklich
fromm, denn ich handelte nach Grundsätzen. Zu Haus warf ich mich nun nieder, und
zerfloss in Tränen. Das Gefühl der göttlichen Begnadigung goss sich wieder durch
mein Herz; ich las auch in der Bibel, und ganz anders, als im Kloster ehmals.
Ihre Kraft, und der heilige Gedank an Marianen unterdrückte, oder mässigte
meinen wilden, unbändigen Karakter; obgleich noch - das weis der liebe Gott -
unendlich viel davon zurück blieb; denn oft will es wieder in mir aufbrausen,
und ich habe gnug mit mir zu kämpfen. Mit meiner Besserung keimte auch der
Wunsch auf, Marianens Herz zu gewinnen. Ich konnte mich ihr nun eher ohne
Zittern nahen, denn ich fühlt es, dass ich besser war. Im Konzert hatt ich
Gelegenheit, mit ihr bekannt zu werden. Sie begegnete mir immer freundlich und
gefällig; aber niemals hab ich einen Funken von Liebe an ihr wahrgenommen. Ich
fürchte, sie weis meinen vorigen Lebenswandel, und kann deswegen kein rechtes
Zutrauen zu mir haben. O Freund, dies ist die gröste Strafe meiner schändlichen
Verblendung! Diese, und dass ich einen ausgemergelten Körper davon getragen habe,
der mich wohl in wenig Wochen oder Tagen ins Grab stürzen wird. Dass mir Gott
vergeben habe, hoff ich um der Leiden seines Sohnes willen, sonst müst ich gar
verzweifeln. - Ich beschwöre Sie um Gottes willen, teurer Freund! Sie sind noch
jung, und mancherlei Verführungen ausgesetzt. O behalten Sie ihr Herz rein! Sie
wissen nicht, was das für ein Kleinod ist, denn ich hoffe, dass Sies nie
verloren haben. Glauben Sie mir, dass beim Laster nichts als Unruh ist, und
Höllenreue hintennach. Ich schwör Ihnen, dass ich nicht nur jetzt so rede, weil
ich krank bin, und den Tod näher vor Augen seh, als Sie. Ich hab in gesunden
Tagen eben so gedacht, und bin wahrhaftig überzeugt, dass nichts auf der Welt
ganz glücklich macht, als Kenntnis und Ausübung unsrer heiligen Religion, und
Rechtschaffenheit, und Reinigkeit des Herzens. Ich hab alles versucht, bin alles
gewesen, Religionsverächter, Spötter, Zweifler, Taugenichts, und Christ, und
nichts hat mich beruhigt, als das letzte. - Noch einmal, ich beschwöre Sie,
Freund! bleiben Sie auf dem guten Wege, auf dem Ihnen so wohl ist! Bleiben Sie
ein rechtschaffener Mann, ein Christ! Denken Sie an meine Worte! Ich bin jetzt
glücklich, und wärs noch mehr, wär ich immer gut geblieben. -
    Hier konnte der gerührte und entkräftete Jüngling nicht mehr reden. Ein
heisser Strom von Tränen stürzte ihm aus den Augen, er schluchzte, und
verhüllte sein Gesicht ins Kissen. - Siegwart konnte sich nicht länger halten;
das Herz brannte ihm im Leibe. Tränen schossen über seine Wangen; er lief weg
ans Fenster, und schluchzte laut. - Gott, erhalt mich fromm und rein! Mehr
konnte er nicht seufzen; aber ihm wars, als ob er Gott von Angesicht zu
Angesicht erblickte, und gewiss wäre, dass er bleiben würd' in seiner Reinigkeit
und Unschuld.
    Erst nach etlichen Minuten ging er wieder ans Krankenbette. Gutfried gab
ihm seine Hand. Lieber Freund, sagte er mit sanfter Stimme, wir könnten so viel
reine Freuden auf der Welt geniessen, dass wir solcher Ausschweifungen nicht
nötig hätten. Wie viel frohe himmlische Abende gab uns, dieses letzte halbe
Jahr, die Freundschaft! Gott! wie sassen wir oft so vergnügt zusammen, und
fühltens erst am Ende, dass die Zeit so schnell verstrichen war. Welche reine,
unverfälschte Freuden gab uns die Musik! Wie erhub sie unser Herz zu himmlischen
Empfindungen; zu Entschlüssen, etwas Grosses und Edles für die Welt zu tun. Wie
erquickte sie uns nach unserm Studieren! Am Abend wars uns, als ob wir den
ganzen Tag in reiner Wollust zugebracht hätten. Und die schönen Wissenschaften!
- Ihnen verdank ich, nächst der Liebe zur Tugend und zu Marianen, mein
verfeinertes, veredeltes Gefühl am meisten. Ich liebte Marianen, und durch sie,
die Tugend schon eine geraume Zeit; aber in meinem äusserlichen Wesen war immer
noch viel Rohes und Unbehagliches. Nun sah ich bei ihr einmal ein Buch von
Kronhelm liegen; es waren Kleists Werke. Ich sah hinein; und es gefiel mir.
Mariane lehnte mir das Buch mit Kronhelms Vorwissen. Freund! wie war mir das so
neu! Wie viele, vorher nie gefühlte Empfindungen füllten da mein Herz! Wie ward
es oft zur Anbetung des Schöpfers hingerissen! Ich sah nun die Natur mit ganz
andern Augen an. Jede Blume, jeder Vogel, jede schöne Gegend ward mir wichtiger,
und lehrte mich den Schöpfer im Geschöpf bewundern. Mein Herz ward reizbarer und
empfindlicher fürs Gute und fürs Schöne. Ich sah die Harmonie der Schöpfung,
trug sie auf meine Handlungen über; schätzte sie im Leben und der Denkungsart
andrer Menschen mehr; sah bei mir selbst mehr auf äusserlichen Anstand; und ward
gegen jedes Elend mitleidig.
    Sein Gespräch ward durch die Ankunft Bolings unterbrochen. Dieser erbot
sich, mit Siegwart zu wachen, damit der Eine etwas schlafen könnte, während dass
der andre wachte. Unser Siegwart erwählte die Vormitternacht zum Wachen, denn er
sah beim Hofrat Fischer Licht, und hoffte, seine Mariane noch einmal zu sehen.
Als Gutfried etwas einschlummerte, setzte sich Boling in den Lehnstuhl, um zu
schlafen, und Siegwart legte sich ins Fenster, ob er Marianen nicht erblicke?
Ein paarmal sah er etwas am Fenster hin und her gehn, aber er konnte nicht genau
unterscheiden, ob es sie sei, oder ihre Mutter? Er war halb freudig, und bald
traurig; bald fürchtete er alles Traurige, und hoffte dann auf Einmal wieder
nichts als Gutes. So stand er, in süsser Wehmut, und voll schwärmerischer
Entwürfe eine ganze Stunde da. Endlich hörte er das Klavier anstimmen, riss das
Fenster eilig auf, und lauschte, dass er kaum zu atmen wagte. Erst spielte
Mariane eine ernstafte, langsam gehende Phantasie; dann eine schmelzend
zärtliche Sonate, und endlich einen feierlichandächtigen Choral, und sang dazu.
Siegwart kam über den empfindungsvollen Ton ihrer Silberstimme ganz ausser sich,
dass er kaum mehr wusste, wo er war. Er hatte tausend Empfindungen, deren er sich
kaum selbst bewust war, und die sich erst nach und nach entwickelten, als sie
lange schon schwieg. Er lag noch lang im Fenster, als ob er ihr zuhorchte, ob
sie gleich schon das Licht ausgelöscht hatte. Endlich ward er wehmütig, setzte
sich an den Tisch, und schrieb, als er Dinte und Papier vor sich sah, folgendes
Gedicht nieder:
Alles schläft! Nur silbern schallet
Marianens Stimme noch!
Gott! von welcher Regung wallet
Mein gepresster Busen hoch!
Zwischen Wonn' und bangem Schmerz
Schwimmt mein liebekrankes Herz.
Schwind, o Erde! Lass mich fliegen
Zu des Hochgelobten Tron;
Mich mit ihr im Staube liegen,
Seufzen mit in ihren Ton:
Gott, du hörst es, was sie fleht;
Acht' auch mit auf mein Gebet!
Dass ich lang um sie mich quäle,
Ist der Holden unbewust;
Send', o Gott, der frommen Seele,
Lieb' und Mitleid in die Brust!
Wär' ihr nur mein Leid bekannt,
Wär' auch meine Qual verbannt. -
Gott! ich seh den Himmel offen!
Freud und Leben winken mir!
Dass mein Herz darf wieder hoffen,
Mariane, dank ich Dir.
Sing, und zaubr', o Sängerin,
Ganz ins Paradies mich hin!
    Siegwart sass noch eine Stunde da, und überliess sich seiner Phantasie, als
endlich Boling aufwachte, um ihn abzulösen. Gutfried schlief sehr ängstlich, und
unruhig; fuhr oft auf, und sprach oft mit sich selbst. Sie befürchteten den
Ausbruch eines hitzigen Fiebers, das der Arzt den Abend vorher ziemlich deutlich
vorausgesagt hatte. Boling versprach, unsern Siegwart sogleich zu wecken, wenn
die Krankheit steigen sollte, und nun schlief er im Lehnstuhl ein. Vor Tag
weckte ihn Boling durch einen heftigen Schrei auf; denn Gutfried hatte
angefangen, zu phantasiren, war aus dem Bett gesprungen, und hielt ihn an der
Kehle fest. Lass mich los! rief Gutfried, reiss mich nicht von Marianen, Vater!
sonst erwürg ich dich! Siegwart sprang hinzu, und riss ihn endlich mit aller
Gewalt von Boling weg. Sie hatten Mühe, ihn ins Bett zu bringen; seine Augen
funkelten und rollten fürchterlich; der weisse Schaum stand ihm zwischen den
Zähnen; er klammerte sich mit den Händen fest an, wenn er was zu fassen kriegte,
und hatte fast übermenschliche Stärke. Endlich brachten sie ihn doch wieder aufs
Lager. Er sprach unaufhörlich fort, zankte sich mit seinem Vater, glaubte
zuweilen, den bösen Feind vor sich zu sehen, lachte fürchterlich laut, und
weinte dann wieder, wie ein Kind. Sein Zustand drang seinen beiden Freunden tief
ins Herz, dass sie sich mit Tränen, und mit Seufzern ansahen. Einmal hielt er
ein langes, rührendes Gebet an die Mutter Gottes, richtete sich auf, hub die
Hände in die Höhe, nannte sie zuweilen Mariane, und sank entkräftet wieder aufs
Bett zurück. Siegwart und Boling wussten sich kaum mehr zu helfen. Nach dem Arzt
konnten sie nicht gehen, weil keiner sich, allein bei ihm zu bleiben, getraute,
und im Hause schlief noch jedermann. Sie warteten mit Sehnsucht auf den Morgen.
Endlich brach er an. Sie schickten eiligst nach dem Arzt. Dieser zuckte die
Achseln, verordnete eine Aderlässe, und versprach wenig Hoffnung. Nach dem
Aderlassen ward der Kranke etwas ruhiger, und schlummerte ein wenig ein. Zwei
Stunden nachher wachte er mit grossem Schreien wieder auf, riss die Binde von der
Ader weg, und verblutete sich, eh man ihm beikommen konnte, so, dass er in eine
Ohnmacht sank. Der Arzt, der herbeigerufen wurde, brachte ihn, nach vieler Mühe
wieder zu sich selbst. Er war so matt, dass er kaum reden konnte. So lag er den
ganzen Tag da, und erholte sich erst gegen Abend wieder etwas. Siegwart kam
keine Viertelstunde von seinem Bette. Auf sein Verlangen musste er ihm die
letzten Reden Jesu im Johannes, und Semidas Selbstgespräch im vierten Gesang der
Messiade vorlesen. Beide waren sehr gerührt. Der Kranke hub seine Augen in die
Höhe, und sagte: Segen dem Manne, der die Heiligkeit der Liebe so tief gefühlt
hat! Wohl dem, der, wie er, fühlt! Dann betete er still zu Gott; rief einigemal
laut: Gnade mir, Erbarmer! und dann weinte er. Segne Marianen! sprach er leiser.
Gib ihr einen Mann, der fromm und rein liebt!
    Den ganzen Tag über lag er matt da; seine Kräfte nahmen sichtbar ab. Gegen
Abend schien sein Ende nahe. Lieber Siegwart, sagte er: Versichern Sie meinen
Vater meiner Liebe, meines Danks, und meiner Reue! Sagen Sie ihm, dass ich
Marianen liebte; dass ich durch sie fromm ward, und nun freudiger zu Gott geh!
Ich wollt ihn durch mein Aussenbleiben nicht betrüben. Eine innre, unbekannte
Kraft hielt mich zurück. Es war mehr, als Liebe. Ihr zu widerstehen, war mir
unmöglich. Sagen Sie ihm alles, alles! -
    Nach einigem Schweigen fuhr er fort: Noch einmal, um Gottes willen, lieber
Siegwart, bewahr das im Herzen, was ich gestern sagte!.. Lass dich nicht
verführen! ... Bleibe dir und Gott treu! ... Sags auch Kronhelm! ... Dank ihm!
...
    Siegwart konnte nichts, als weinen. Auf Einmal entstand im Haus unten ein
Lerm. Das will ich sehen, obs so schlecht ist? rief eine rauhe Stimme. Er soll
und muss mit mir fort, der Ungeratene! Indem stürzte Gutfrieds Vater in das
Zimmer, Kronhelm hinter ihm drein, und aufs Bette zu. Heh! Kerl! rief der Vater,
und schüttelte seinen Sohn. Plötzlich, als er seinen Sohn im Todesschweisse sah,
blieb er wie erstarrt stehn. Mit der einen Hand hielt er seinen Sohn, und die
andre hub er in die Höhe. - Was ists? sagte er, mit zerstörten Blicken, zu
Siegwart. Will er sterben, oder ist er schon? - Karl! und nun schüttelte er ihm
die Hand; um Gottes willen, Karl! du lieber Karl! Was ists? - Der junge Gutfried
hub seine Augen auf; eine Träne glänzte drinn, und schloss es wieder zu. Der
kalte Todesschweiss stund ihm auf der Stirne. Er lag unbeweglich da. Der Vater
liess seine Hand unwillig fahren, ging weg, sah gen Himmel, seufzte tief, und
sprach: Nun ists aus mit mir! Deine Mutter, deine Mutter! Gott! ich habs
verschuldet! - Karl! Karl! Sie hat mirs gesagt. Nun warf er sich stumm über
seinen Sohn her, küste ihm den letzten Atem aus dem Mund; der Sohn war todt. -
Der Vater setzte sich ans Bette, sah den Sohn lang und starr an. Endlich
murmelt' er: Gott! sobald mit deinen schrecklichen Gerichten! - Hat er mir
geflucht? - Sie gesegnet, sagte Siegwart. - Gut! ich habs doch nicht verdient!
versetzte der Vater. Hab doch seine Mutter ins Grab gebracht, durch Untreu! -
Aus dem Haus soll sie mir, der Hund! Ich kann keine Hure sehn! Ich bin ein
Ehebrecher! - Lieber Karl! Bist du bei der Mutter? Ach, verklag mich nicht!
Verklag mich nicht! - Nun stürzte er sich wild über seinen todten Sohn her, und
küste ihn, dass er ihm die Lippen aufbiss. - Der Bube war doch fromm? Nicht? -
Nun, so mag er für mich bitten! - Aber, ach, nun hab ich keinen Sohn mehr! habe
keine Freunde mehr im Alter! Ach, nun möcht ich sterben, weil er todt ist! - Du
lieber, todter Sohn! Eine Hure hat dir deines Vaters Herz gestohlen! Und du bist
gestorben; konntests länger nicht mehr ansehn! Sags deiner Mutter nicht, Karl!
Um Gottes willen nicht! - Ach, dass du so früh gestorben bist! Die Hure soll mirs
büssen! - Siehst wie deine Mutter aus, als sie gestorben war! - Hat er mich
gesegnet, Herr? Mein Weib hats auch getan! Aber kann beim Ehebruch auch Segen
wohnen? - Dass du mich gesegnet hast, das hat dich deine Mutter wohl gelehrt;
wenn sie mit dir weinte in der Kammer. - Nun sprang er auf: Aber, lieben Herren,
sagts der Welt nicht! Ich will selber meine Schande aufdecken! - Lieber Karl!
Ich kann dich nicht mehr ansehn. Es ist gar zu fürchterlich! -
    Indem kam der Arzt herein mit Boling. Der Vater ging in einen Winkel, sah
beständig starr auf einen Platz, und schwieg, solang der Arzt da war. - Nachher
sagte er zu Kronhelm: Lassen Sie meinen Karl begraben! Ich kann nichts tun.
    Kronhelm machte Anstalten, dass sein Freund in zwei Tagen begraben wurde. Der
Vater verschloss sich gröstenteils auf dem Zimmer seines Sohnes, und liess sich
nur von Siegwart und von Kronhelm sprechen. Sie mussten ihm seine ganze
Geschichte erzählen. Er hörte stillschweigend, und mit niedergeschlagnen Augen
zu. Nur zuweilen seufzte er tief auf, oder klagte sich selber, wegen seines
Betragens gegen ihn, an. Ich vermutete, sagte er, dass ihn etwas anders auf der
Universität zurückhielte, so wie mirs ehemals ging. Wenn man schlechte Streiche
macht, so vermutet man sie bei andern auch. An eine so heilige und keusche
Liebe, wie die gegen Marianen war, dacht' ich gar nicht. War denn gar keine
Hoffnung da, dass ihn das Mädchen wieder lieben werde? - Wenig, oder keine;
antwortete Kronhelm. Eben jetzt sagte mir Boling, sie werd' einen hiesigen
Assessor heiraten. - Siegwart wurde über diese Nachricht plötzlich blass, und
lief weg. Zu Haus sank er in einen Stuhl, blieb eine Stunde lang so sitzen,
seufzte, weinte; und verwünschte sein Geschick.
    Den andern Tag wurde Gutfried begraben. Der Vater ging stumm hinter dem
Sarge drein. Es folgten die Freunde seines Sohnes; alle voll tiefen Grams.
Siegwart war am meisten bewegt. Der Gedanke an den Verlust eines solchen
Freundes, und der Gedanke an sein eignes trübes Schicksal zerfloss in seiner
Seele in einen einzigen, und lag schwer auf ihm. Stumm und starr sah er auf den
Sarg ins Grab hinab; bittre Tränen flossen drauf, und sein Herz ward voll von
dem Wunsch, wie sein Freund zu sterben; denn zuweilen tat er, aus seinem
kummervollen Leben einen Blick in die Wonne, der sein Freund nun genoss. Den
Abend drauf schrieb er aus dem kummervollsten Herzen diese Verse nieder:
                          An Gutfrieds Begräbnistage.
Würd' ich doch, wie du, begraben!
Sänk' ich auch in Todesnacht!
Zärtlichkeit und Jammer haben
Mich dem Grab' auch reif gemacht.
Deine Leiden sind vorüber,
Ausgeweinet hat dein Blick;
Aber trauriger und trüber
Wird mir jeder Augenblick.
Stimmet keine Trauerlieder
Auf des Freundes Hügel an!
Segnet sein Geschick, ihr Brüder!
Er betrat des Lebens Bahn.
Wisst: Der schönste Tag des Lebens
Ist der nächste an der Gruft.
Ach, dass doch mein Wunsch vergebens
Ihn, herbeizueilen, ruft!
Kronhelm hielt den Kummer seines Freundes für Schmerz über Gutfrieds Tod, und
vereinte sich mit ihm zu klagen. Den nächsten Sonntag sah Siegwart seine Mariane
in der Kirche. Sie grüsste ihn freundlich, und sah heiter aus. Er hielt diese
Heiterkeit für Freude über ihre nahe Verbindung, und ward darüber noch
unruhiger, und trauriger. Im nächsten Konzert merkte er wohl, dass sie ihn sehr
fleissig beobachtete, aber seine Furcht liess ihn auf nichts vorteilhaftes
schliessen. Sie sang eine obligate Arie, und bat Kronhelm, ihr dabei zu
akkompagniren. Dies brachte ihn noch mehr auf, und erfüllte ihn mit dem bängsten
Schmerz. Der halbverborgene Funken von Eifersucht glimmte wieder frisch in ihm
auf. Seine Vernunft mochte ihm sagen, was sie wollte; sein Herz stritt dagegen.
Er merkte kaum auf ihren himmlischen Gesang, und fühlte nichts von der
herzschmelzenden Zärtlichkeit, mit der sie sang. Indem er so, von tausend
kämpfenden Leidenschaften bestürmt, in einem Winkel stand, und nicht bemerkte,
dass die Arie ausgesungen war, trat Mariane zu ihm, und bat, er möchte ihr bei
einer zweiten Arie akkompagniren. Er stund da, wie vom Grab erweckt, in der
staunendsten Bewegung; neigte sich gegen sie, und nahm zitternd seine Violine.
Seine Töne rangen mit den ihrigen um den Vorrang des Ausdrucks; endlich strömten
sie in einander, wie die Empfindung zwoer Seelen, die sich nun zum erstenmal ihr
Gefühl entdecken, und es ganz in Seufzer und in Worte ausfliessen lassen. Als er
ausgespielt hatte, verneigte sie sich tief vor ihm, mit einem Lächeln und einem
Ausdruck ihres Auges, der durch sein ganzes Wesen eine, nie gefühlte Wärme
ausgoss. In dem Augenblick vergass er aller Zweifel, aller Schwierigkeiten; sie
war ganz sein. Es fühlt' er wohl, und wust' es nicht, wie Klopstock sagt.
    Sie bat ihn nun im nächsten Konzert ein Duett mit ihr zu singen. Er
stotterte was her: Er sei im Singen so geübt nicht, um mit ihr zu singen u.s.w.
Sie sagte aber: Sie wisse, durch Herrn von Kronhelm, schon das Gegenteil, und
rief Kronhelm selbst zum Zeugen auf. Dieser versicherte, dass sein Freund nur aus
übergrosser Bescheidenheit so rede. Drauf sprachen sie von Gutfried. Mariane
bedaurte seinen Tod mit dem herzlichsten Anteil, so dass unserm Siegwart die
Tränen in die Augen schossen. Tausend Empfindungen drängten sich in seiner
Seele. Gutfried, sagte sie, hatte sehr viel Gutes, viel Empfindung, und das ist
das Beste. Seine Freundschaft war mir wert und schätzbar. Ich hätt ihm ein
längeres Leben gewünscht. Doch nun ist ihm auch wohl. Hier wandte sie sich auf
die Seite, um sich eine Träne aus dem Auge zu wischen. Unsre beiden Jünglinge
sahen sich an, und weinten auch. Voll seiner heftigen Liebe gegen sie schien sie
nichts gemerkt zu haben. Dies rührte unsern Siegwart noch mehr. Die Hofrat
Fischern stellte sich auch zu ihnen, und besprach sich, besonders mit Siegwart,
über Gutfrieds Tod. Mariane sprach indessen mit Kronhelm, und sah mehrmals
unsern Siegwart seitwärts sehr bedeutend an. Sein Herz ward ihm durch jeden
solcher Blicke sehr erleichtert, und Hoffnung nahm die Stelle der Furcht ein.
Kronhelm hub zu Hause an: Hör! Xaver, Mariane will den Gessner lesen, und ich hab
ihn nicht, willst du mir ihn wohl für sie leihen?
    Siegwart. O von Herzen gerne! Sie kann alle Bücher von mir haben.
    Kronhelm. Nun, das heiss' ich mir einmal vernünftig gesprochen! Nicht wahr,
du gibst mir nun auch zu, dass die Fischerin ein vortrefliches Mädchen ist! Sie
gefällt dir doch?
    Siegwart. Ich habe nie nichts gegen sie gehabt; warum sollte sie mir nicht
gefallen, wie ein andres braves Mädchen auch?
    Kronhelm. Also mehr gefällt sie dir doch nicht? Was du nicht geheimnisvoll
sein kannst!
    Siegwart. Geheimnissvoll, Kronhelm? Ich weis gar nicht, was das heissen soll?
    Kronhelm. Gut, so weis ichs auch nicht! Ich dachte nur, dass ich dir niemals
Ursache gegeben habe, gegen mich so zurückhaltend zu sein, da ichs doch nicht
gegen dich bin. Und in dieser Sache könnt ich dir vielleicht mehr nützen, als
schaden. Aber, glaub ja nicht, dass ich neugierig bin, oder jemand seine
Heimlichkeiten abdringen will. Sieh, dies Blatt Papier hast du gestern, als du
deine Brieftasche durchsuchtest, bei mir auf dem Tische liegen lassen. Die Verse
sind wohl an Marianen? Sie hat doch wohl Klavier gespielt, als du bei Gutfried
wachtest?
    Siegwart zitterte, ward rot und blass, und fiel endlich seinem Kronhelm um
den Hals. Du hast Recht, sagte er, ich war ein mistrauischer Narr, der so einen
Freund, wie du bist, nicht verdient! Aber, Kronhelm, wenn du in mein Herz sehen
könntest; wenn du wüstest, was ich ausgestanden habe, dass ich schweigen musste!
Denn ich musste schweigen. - O ich weis, du würdest mir vergeben. - Du kennst die
Liebe, Kronhelm! Weist, wie's einem ist. Ach, vergib mir, Bruder! Warlich, wenn
ichs Einem Menschen hätte sagen können, du wärst der erste auf der Welt gewesen;
warlich! -
    Kronhelm. Sei ruhig, Bruder! Ich war böse, und das must du mir vergeben!
Aber jetzt ists schon vorbei. Ich will glauben, dass du mehr um deinetwillen
schweigest, als um meinetwillen. Lass es gut sein! Ich wills auch tun. Freunde
müssen sich so was nicht übel nehmen!
    Siegwart umarmte seinen Freund noch feuriger, und gestund ihm nun seine
Liebe zu Marianen offenherzig. Es war ihm unaussprechlich wohl dabei, dass er
sein, schon so lang geprestes, volles Herz ausschütten konnte. Kronhelm billigte
seine Wahl aufs äusserste, und machte ihm nicht geringe Hoffnung, dass er Marianen
gar nicht gleichgültig sei. Zugleich versprach er, sie noch mehr auszuholen, und
ihm Gelegenheiten zu verschaffen, genauer mit ihr bekannt zu werden. Dies
Versprechen war unserm Siegwart ausserordentlich angenehm, nur bat er, seiner
angebohrnen Schüchternheit gemäss, seinen Kronhelm sehr, recht behutsam drein zu
gehen, und sich und ihn auf keine Weise zu verraten. Zu seiner grösten Freude
erfuhr er auch, dass ihre Verbindung mit dem Assessor eine falsche Nachricht sei,
und sich bloss auf einen Misverstand von Bolings Seite gegründet habe. -
    Die beiden Freunde verloren sich nun in süsse Träumereien über das künftige
Glück ihrer Liebe; Kronhelm sprach von seiner Terese, und Siegwart von seiner
Mariane mit dem wärmsten Entusiasmus. Jeder lobte das Mädchen des andern mit
Begeisterung, um eben solches Lob auf das seinige zu hören. Sie blieben bis um
Mitternacht beisammen, und konnten sich kaum trennen; denn immer fiel, bald dem
einen, bald dem andern etwas neues ein. Kronhelm meinte, Siegwart sollte
Teresen etwas von seiner Liebe schreiben, aber Siegwart wollte sich dazu
schlechterdings nicht verstehen, denn er war in diesem Punkt übermässig
furchtsam und zurückhaltend, und zärtlich.
    Täglich sprachen sie nun ganze Stunden lang von ihrer beiderseitigen Liebe.
Siegwart sah nun ein, wie unrecht er seinem Freund mit seiner ungegründeten
Eifersucht getan habe, und ward täglich offenherziger. Er entdeckte ihm so gar
seine ehemaligen Grillen, und auch Sophiens unglückliche Liebe zu ihm. Sie
machten mit einander aus, so bald wieder ein Schnee fiele, eine Schlittenfahrt
und einen Ball anzustellen, wobei Siegwart seine Mariane bedienen sollte. Dieser
machte zwar anfangs tausenderlei Einwendungen, die ihm seine Schüchternheit
eingab, aber Kronhelm zerstreute seine Zweifel und ängstliche Bedenklichkeiten.
    Den nächsten Sonntag ging Kronhelm mit Siegwart in die Kirche, und wollte
in Marianens Blicken und Betragen viele Teilnehmung an Siegwarts Person bemerkt
haben. Siegwart machte ihm tausend Einwürfe, um sie nur widerlegt zu sehen. Im
folgenden Konzert sang er mit Marianen das Duett zum Erstaunen aller Zuhörer.
Ihre Stimmen waren wie das Lispeln der Liebe; stiegen mit einander in den
Himmel, und wieder mit einander in das Grab herab, und klagten. Jedes Herz
fühlte Zärtlichkeit und Liebe, doch das ihrige am meisten. Man hätte wenig
scharfsinnig sein dürfen um zu hören und zu fühlen, dass weit mehr aus ihnen
sang, als Kunst. Bei einem Triller sah sie unsern Siegwart so schmachtend und
beweglich an, dass ihm Tränen in die Augen kamen, und sein Herz im seligsten
Gefühl schwamm. Die ganze Gesellschaft klatschte noch so lang, als sonst
gewöhnlich, als die beiden ausgesungen hatten. Sie lobte seinen richtigen Gesang
und seinen tiefen Ausdruck mehr mit Blicken, als mit Worten. Wir müssen öfter
singen, sagte sie. Ich sang noch nie mit solchem Eifer und mit solchem Anteil.
Ich gewiss auch nie! sagte Siegwart, und seufzte. - Kronhelm kam dazu, und sagte:
Hab ich nicht Recht, Jungfer Fischerin, dass er gut singt? - O, sie haben mir
nicht halb so viel gesagt, war ihre Antwort. Herr Siegwart singt
ausserordentlich. Endlich ward das Gespräch, durch andre, die dazu kamen,
allgemeiner.
    Siegwart war nun so froh, dass er alles um sich her vergass. Er glaubte nun
selber, dass ihn Mariane liebe, und wünschte nur bald Gelegenheit, sie allein zu
sprechen, und ihr sein Herz ganz entdecken zu können! Beim Weggehen, als er von
ihr Abschied nahm, sah sie ihn mit dem zärtlichsten schmachtendsten Blick, in
dem eine Träne schwamm, an. Zu Haus machte er sogleich in seiner Freude
folgendes Gedicht:
                              Der Blick der Liebe.
War das nicht ein Blick der Liebe.
Der aus ihrem Auge sprach?
Sah es nicht betränt, und trübe
Mir mit stiller Sehnsucht nach?
Ja, bei Gott! Sie muss es wissen,
Dass ich so verwundet bin;
Muss, von Mitleid hingerissen,
Auch für mich im Stillen glühn! -
O ihr Liebesengel, rühret
Euch das Flehn des Leidenden,
O so steigt herab, und führet,
Mich zu meiner Heiligen!
Dass ich ihr zu Füssen sinke,
Meine Leiden ihr gesteh,
Und durch Einen ihrer Winke
Mich zu euch erhoben seh!
Mit diesem Gedichte ging er gleich zu seinem Kronhelm, der damit zufrieden war,
und sagte: Die Zeit, die du dir in diesen Versen wünschest, kann bald kommen.
Sie liebt dich, daran zweifle ich gar nicht mehr; und bei der ersten
Schlittenfahrt sollst du mit ihr fahren, und den Abend drauf beim Ball kannst du
ihr dein Herz entdecken. - Siegwart war über diese Hoffnung und das Versprechen
seines Freundes ganz ausser sich. Er ging nun täglich mehr als zwanzigmal zu
seinem Barometer, ob der Merkurius drinn noch nicht falle, und Schnee
verkündige? Er blickte immer nach dem Himmel, ob noch kein Gewölk sich aufziehe?
und freute sich über jedes aufsteigendes Wölkchen, das ihm Schnee zu tragen
schien.
    Endlich umzog sich am Sonnabend der Himmel ganz, und in der Nacht drauf fiel
ein tiefer Schnee. Als er am Sonntag Morgens aufwachte, und alles weiss sah, da
wars ihm so wohl, als ob der Frühling angebrochen wäre.
    Auf den folgenden Tag ward sogleich eine Schlittenfahrt fest gesetzt.
Kronhelm ging zu Marianen und ihren Eltern, um anzuhalten, ob Siegwart sie
fahren dürfe? Denn dieser war zu furchtsam, um selbst anzuhalten. Mariane, nebst
ihren Eltern, willigten mit Freuden in den Antrag. Siegwart, dem sein Freund
diese Nachricht brachte, war darüber ganz ausser sich. Doch klopfte ihm das
Herz, je näher die Zeit kam, da er Marianen abholen sollte. Er wünschte oft den
so sehnlich erseufzten Augenblick weit weg, und zögerte, als die Stunde kam, mit
dem Schlitten vor ihr Haus zu fahren. Endlich musste er doch hinfahren. Zitternd
ging er die Treppe hinauf in ihr Zimmer; machte vor ihr und ihren Eltern eine
tiefe Verbeugung, und tausend Entschuldigungen, die man aber nicht verstehen
konnte, so leise und verwirrt sprach er. Der Hofrat Fischer und seine Frau
waren gegen ihn sehr höflich, und Mariane tat gegen ihn sehr offenherzig und
freundlich. Mit bangem Zittern ergriff er ihre Hand, und führte sie die Treppe
hinunter. In der freien Luft ward ihm wieder wohl, und er fuhr zu der übrigen
Gesellschaft. Mariane sagte ihm im Fahren: Es sei ihr sehr angenehm, in seiner
Gesellschaft zu sein. Er stotterte: Ihm seis noch angenehmer, und er habe sich
schon lange dieses Vergnügen gewünscht etc. Nachdem die Gesellschaft in der
Stadt herum gefahren war, so fuhr man auf ein benachbartes Dorf. Siegwart wusste
nichts zu sprechen; er lobte nur das Wetter, und die angenehme Wintergegend, und
freute sich, dass ein so schöner Schnee gefallen sei. Es ärgerte ihn, dass er so
den Stummen spielen sollte; er besann sich hin und her, was er sagen wollte? Es
fiel ihm nichts ein, und doch war ihm das Herz so voll. Endlich kam er aufs
Konzert zu sprechen. Er fühlte, dass sein Gespräch kalt und gleichgültig sei; er
wollte was anders anfangen, und unterhielt sich doch davon ganz allein mit ihr,
bis sie an das bestimmte Dorf kamen. Hier blieben sie nur eine kleine Stunde,
und bedienten das Frauenzimmer mit Kaffee. Die Studenten trunken ein Glas Wein.
Dieses machte, dass Siegwart auf der Rückfahrt etwas minder schüchtern war. Er
führte seine Mariane an den Schlitten, und wagte es, ein paarmal ihr die Hand zu
drücken. Sie sah ihn an, und lächelte mit einer Wehmut, die schnell, wie ein
Blitz, in seine Seele übergieng, und ihn die Augen niederzuschlagen zwang. Der
Abend war der schönste. Die ganze Gegend war ins weisse schweigende Gewand des
Winters eingehüllt, und stimmte die Seele zum wehmütigfeierlichen. Die Sonne
ging, wie das reinste, durchsichtigste Gold am Horizont hinab, und breitete am
Himmel eine unbeschreibliche Heiterkeit aus. Als sie, am schwarzen Wald hinab,
tiefer in die Dünste sank, ward sie blutrot, und färbte durch ihren
Wiederschein den halben Himmel mit Violet und Rosenrot. Marianens Gesicht
glänzte in dem sanften Wiederschein des Himmels. Ihre Miene war voll Heiterkeit,
und ihr helles braunes Auge voll süsser Wehmut. Ein paarmal sah sie sich nach
Siegwart um, der, in ihrem Anschaun ganz versunken, fast vergass, sein Pferd zu
lenken. Alles war ihm so feierlich; die ganze Flur umher schien ihm ein Tempel.
Ein paarmal sah er gen Himmel, und sein Blick, und die Träne drinn, ward ein
Gebet um Marianens Liebe. Anfangs sprach er wenig. Nur zuweilen rief er aus:
Was das doch alles schön ist! Sehn Sie dort am Schloss die Fenster! Wie sie
glänzen, als obs Gold wär! Sehn Sie das herrliche, überherrliche Abendrot! Und
die Waldung dort im Golde! Und das Dunkel dort am Berg! Und die Stille! O, der
schönste Tag in meinem Leben! - Kronhelm, der vor ihm fuhr, und sich ein paarmal
nach ihm umsah, merkte ihm die Freude an, wie sie ihm aus den Augen blitzte, und
in jeglichem Gesichtszuge sich ausdrückte. Er freute sich im Innersten darüber,
und sah ihn mit einem vielbedeutenden Lächeln an.
    In der Stadt fuhr die Gesellschaft noch einmal die Hauptstrassen durch, und
dann nach dem Hause, wo der Ball gehalten wurde. Mariane liess sich erst nach
Hause führen, um sich umzukleiden. Siegwart führte den Schlitten weg, und eilte
auch nach Haus, um ein andres Kleid, und seidne Strümpfe anzulegen. Er war vor
Freuden über Marianens Betragen ganz ausser sich, hüpfte hin und her, sang laut,
und sprach mit sich selber. Als Kronhelm, der sein Frauenzimmer auch nach Haus
geführt hatte, kam; sprang er ihm entgegen, drückte ihn fest an sich, dass er
hätte schreien mögen, und frohlockte gegen ihn über sein Glück und über seine
Mariane. Bruder, Bruder! sagte er, das ist ein Engel, wie es keinen gibt! Nun
fang ich erst recht zu leben an. Vorher war es alles nichts! Wenn sie so bleibt,
so bin ich ganz im Himmel! Meinst du nicht, sie sei mir gut? - Ganz unstreitig,
sagte Kronhelm! O die Liebe läst sich gar nicht lang verbergen, zumal vor einem
Liebenden. Mach deine Sachen nun klug! Sei nicht allzuschüchtern! Sie muss es
merken, was du für sie fühlst! Siegwart machte wieder einige Einwendungen: Sie
könn' es übel nehmen, und ihm böse werden, wenn er so gerade zu geh, u.s.w.
Kronhelm aber fiel ihm in die Rede; Da kennst du die Mädchen schlecht, wenn du
glaubst, sie nehmen so etwas übel. Warum sollten sies auch tun? Es schmeichelt
ihnen ja, und muss sie freuen, wenn ein braver Kerl sie ins Auge fast. Du
nimmst's ja auch nicht übel, wenn du einem Mädchen wohlgefällst, zumal wenns von
Liebe von der rechten Art herkommt. Fang nur keine Grillen! Das ist bei der
Liebe, und zumal im Anfang so gewöhnlich. Wenn du Marianen, wie ich glaube,
wirklich wohlgefällst, so kann ihr dein Geständnis nicht misfallen. Wart nur den
rechten Zeitpunkt ab, und sprich mit ihr aus dem Herzen!
    Siegwart versprach, zu tun, was er könnte, und ging nun, Marianen zum Ball
abzuholen. Er ging aufs Wohnzimmer, wo ihre Eltern waren, die ihm beiderseits
sehr höflich begegneten. Die Mutter tat besonders ausserordentlich
freundschaftlich, und bat ihn, sie und ihren Mann und ihre Tochter zuweilen am
Abend zu besuchen. Wenn Sie den Herrn von Kronhelm mitbringen, und mein Joseph
(so hiess Marianens jüngster Bruder, der auch im Zimmer war) zu Haus ist, so
können Sie, wenn es Ihnen gefällig ist, zuweilen ein kleines Privatkonzert
machen. Siegwart nahm den Antrag mit Freuden und einer tiefen Verbeugung an. Der
Hofrat Fischer sagte eben dieses, und war überhaupt ungewöhnlich höflich,
erkundigte sich sehr sorgfältig nach seinem Vater, trug ihm ein höfliches
Kompliment an ihn auf, und bedaurte, dass er noch nicht Zeit gehabt, selbst an
ihn zu schreiben. Marianens Bruder, Joseph, war so höflich nicht; er ärgerte
sich, dass seine Eltern dem Siegwart, seines Violinspielens wegen, so höflich
begegneten; Er hielt es für eine Verachtung seiner selbst, und hatte es noch
nicht vergessen, dass Siegwart einmal im Koncert ihn mit seinem Spiel so
verdunkelt hatte. Daher sprach er sehr wenig mit Siegwart, blickte stolz auf ihn
herab, und liess allerlei spöttische und zweideutige Reden fallen. Siegwart
merkte es, tat aber doch sehr freundschaftlich gegen ihn, und gab sich Mühe,
ihm eine günstigere Gesinnung gegen sich einzuflössen. Der Bruder sagte
Marianen, es werde nicht gut stehen, wenn sie wieder so spät nach Hause komme,
wie das letztemal; Man spreche von solchen Mädchen nicht zum Besten, u.s.w.
Mariane, die mit ihrem Anzug beschäftigt war, tat, als ob sie seine
Hofmeisterei nicht hörte.
    Als sie fertig war, ging sie mit Siegwart nach dem Ball. Auf dem Weg dahin
beschwerte sie sich über ihren Bruder. Es ist ein fataler Mensch, sagte sie, dem
man nichts recht machen kann; er will alles besser wissen. Sie wissen sich gut
in ihn zu schicken, und das gefällt mir, u.s.w. Siegwart war über ihre
Offenherzigkeit ganz bezaubert, und zog tausend günstige Schlüsse daraus.
    Als sie auf den Tanzsaal kamen, ward alles auf Marianen aufmerksam. Sie
hatte ein Kleid von rosenrotem Tafft an, und glich in ihrer Heiterkeit und der
frischen Gesichtsfarbe der Göttin der Morgenröte. Kronhelm hatte an der Tafel
schon einen Platz für sie neben sich belegt. Noch vor dem Essen musste Siegwart
eine Menuet mit ihr tanzen. Anfangs zitterte er, und machte fast alle Schritte
falsch. Nach und nach kam er in den Gang, und tanzte recht zierlich. Alle ihre
Bewegungen hatten die gröste Leichtigkeit und Ungezwungenheit, und den schönsten
Anstand. Sie tanzte nicht ängstlich nach dem Takte, sondern mit Empfindung und
Gefühl, und machte viele Abänderungen. Sie sah unserm Siegwart immer ins
Gesicht, so dass er oft die Blicke wegwenden, oder niederschlagen musste. Bei
Tisch ward die Gesellschaft aufgeräumt und munter. Man sprach viel ins
Allgemeine. Das Mädchen, das Kronhelm bediente, war eine lustige, etwas vorlaute
Brünette, die sehr oft zur Unzeit ihren Spass anbrachte. Sie wollte immer aller
Augen, und die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf sich ziehen. Endlich
liess sie sich doch mit Dahlmund, der ihr auf der andern Seite sass, und nicht
gleichgültig gegen sie zu sein schien, allein in ein Gespräch ein. Kronhelm
unterhielt sich nun mit Marianen, und mit Siegwart, der im Taumel seiner Liebe
nicht wusste, was er anfangen, oder reden sollte? Kronhelm sah eine Zeitlang
starr und traurig vor sich hin, holte einen tiefen Seufzer, grif endlich hastig
nach dem Glas, stiess an Siegwarts seines, und sagte: Terese! O, das trink ich
auch mit, sagte Mariane, und stiess mit den beiden an. Kennen Sie sie auch? sagte
Siegwart. O ja, gab sie zur Antwort: Herr von Kronhelm hat mir viel von ihr
erzählt. Ists noch immer bei dem Alten? (indem sie sich zu Kronhelm wendete).
Immer noch, erwiederte dieser, mit einem tiefen Seufzer. - Das ist traurig,
sagte sie. Und Sie verdienten doch, so glücklich zu sein, und Terese gewiss
auch. Ihr Schicksal hat mich schon manchen Seufzer gekostet. Hier schossen
unserm Kronhelm die Tränen in die Augen. Sie müssen eine herrliche Schwester
haben, sagte sie zu Siegwart. Was ich von ihr hörte, hat mich ganz für sie
eingenommen. Ich wünschte nichts mehr, als sie von Person zu kennen. - Ja, es
ist ein braves Mädchen, versetzte Siegwart, und es wär ein Glück für sie, mit
Ihnen bekannt zu sein. Ich liebe sie herzlich, und ihr Schicksal geht mir tief
zu Herzen, denn es ist gewiss sehr traurig. Die Liebe hat sie ganz unglücklich
gemacht. - Ich hoff immer noch, es soll ein gutes Ende nehmen; sagte Mariane.
Herr von Kronhelm verdient sie gar zu sehr, und würde sie gewiss glücklich
machen. Wenn Sie nur Geduld haben können, Herr von Kronhelm! Ich habe Ahndungen
- Wollte Gott! sie träfen ein! sagte dieser seufzend, nahm ein Glas, sah gen
Himmel und trank. Wir wollens auch mit trinken, sagte sie zu Siegwart, und sah
ihn mit einem sehr bedeutenden Blick an, den sein Herz verstand. Er hub sein
feuchtes Auge gen Himmel, und trank. Nun ist mirs um ein gutes leichter, sagte
Kronhelm.
    Es war jetzt abgespeist, und ein Paar fieng an zu tanzen. Siegwart tanzte
auch mit Marianen. Er merkte wieder, dass sie ihm immer in die Augen sah. Nachher
gab er Acht, als ein andrer mit ihr tanzte, ob sie diesem auch so scharf ins
Gesicht sehe? und zu seiner grösten Freude fand er das Gegenteil. Nachher ward
ein Gesellschaftstanz mit der Promenade und der Chaine gemacht. Siegwart hatte
Marianen zur Tänzerinn. So oft er sie bei der Hand faste, fand er, zu seiner
grösten Freude, dass sie ihm die Hand weit stärker drücke, als die übrigen
Mädchen; er freute sich, so oft er ihr nahe kam, und bei jedem ihrer Händedrücke
durchschauerte ihn die angenehmste, unbeschreiblichste Empfindung. Ihr Auge sah
ihn oft auch bedeutend an, und ihre Blicke hatten eine Sprache, die mehr
ausdrückte, als tausend Worte. Er war immer da, wo sie war. Sein Auge merkte sie
aus zwanzigen heraus, und fand sie, wenn sie auch am äussersten Ende des Saals
stand. Mit andern Mädchen tanzte er wenig; er stand immer da, wo seine Mariane
tanzte. Einmal bemerkte er einen Menschen, der oft, und immer lang mit ihr
tanzte. Er ward darüber unruhig, biss sich auf die Lippen und tanzte. Mit
hingesenktem, trübem Blick stand er in einer Ecke des Saals; alles war um ihn
her verschwunden; er sah und hörte nichts. Mariane kam, ohne dass ers merkte, von
der Seite auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand, sah ihn halblächelnd an, und sagte:
Sie sind ja so traurig und so nachdenklich? Wollen Sie nicht mit mir tanzen? Ich
kann den Menschen dort im grünen Kleid gar nicht los werden, und das ist mir so
vedriesslich. Kommen Sie! Ein Schleifer! (So heist der eigentlich schwäbische
Tanz) Siegwart küsste ihr im feurigen Entzücken die Hand, und hüpfte mit ihr in
den Reihen. Sie tanzte herrlich schwäbisch. Alle Paare wurden müd, und hörten
auf. Aber das liebe Paar tanzte noch eine halbe Viertelstunde allein, und die
andern sahen bewundernd, oder neidisch zu. - So ists eine Freude, sagte sie,
indem sie den Tanz schlossen. Sie tanzen so rasch und so leicht weg, dass man
glaubt, man fliege. Er führte sie an eine Seitenbank, und stand vor ihr. Sie
sind doch warm geworden, sagte sie, und kühlte ihm mit dem Fächer das Gesicht.
Er nahm den Fächer, und kühlte damit sie und sich. Sie sah nach ihm auf, wie
eine Heilige zum Himmel. Er nahm ihre Hand, und wendete das Gesicht weg, denn
sein Auge glänzte. Sie drückte ihm die Hand; er küste sie. Reden konnt' er
nicht, ob er gleich sich hin und her besann, was er sagen wolle. Das ist ein
herrlicher Tag! fieng er endlich an. Sind Sie auch vergnügt? - Wie sollt ich
nicht? war ihre Antwort, und ihr Auge sagte noch mehr. Setzen Sie sich doch!
fuhr sie fort; Sie werden müde sein. Er setzte sich, ob er gleich lieber so vor
ihr gestanden wäre. Ich habe lange schon gewünscht - fieng er an, und faste sie
bei der Hand. Indem kam ein Student, und zog sie zum Tanz auf. Er blieb
unbeweglich sitzen, und liess sie von sich. Mit schmachtendem, und
halbaufgeschlagenem Auge sah er das herrliche Mädchen vor sich herumtanzen. Sein
Auge folgte ihr, wohin sie sich wendete. Kronhelm kam, und setzte sich neben
ihn. Wie ist dir, Bruder? Du bist doch vergnügt? Siehst so schmachtend aus, als
ob du sterben wolltest. Nicht wahr? Mariane ist dir hold? Ich weis nicht,
antwortete Siegwart; Sie hat nichts gesagt. - Ey, das glaub ich, antwortete
Kronhelm; seit wann fangen denn die Mädchen an, Liebeserklärungen zu machen?
Hast du denn ihr Auge nicht gesehen, wie es spricht? Trink Wein, Bruder! Ein
Gläschen kann nicht schaden, wenn du selber keinen Mut hast. Du must heute
weiter kommen! - Ach, ich kann nicht! sagte Siegwart. - Ey, was, Possen? fiel
ihm Kronhelm ein, nahm ihn bei der Hand, und führte ihn zum Tisch hin. Marianens
Wohlsein! sagte er, indem er zwei Gläser eingeschenkt hatte: und Teresens! Was
mag nur der Engel machen? Wenn sie mich nur nicht vergisst! - Nein, gewiss nicht,
Bruder! sagte Siegwart. Wäre Mariane so gewiss mein, als sie dein ist, ich
wünschte weiter nichts mehr! Nun, auf gute Hoffnung! und hier füllte er die
Gläser wieder. Schwager, sagte Kronhelm, wenn sie mein wird, so soll Mariane
dein sein! Eher kann ich nicht ruhen. Wart! Jetzt will ich mit ihr tanzen. Sie
ist eben frei. Werd mir nur nicht eifersüchtig! Siegwart sah ihm nach, und trank
noch ein Glas. Dahlmund kam, und fragte ihn, ob er nicht mit ihm und Kronhelm
eine Menuet a six machen wolle? Siegwart nahm das erste beste Mädchen, und
sprang hin. Mariane drückte ihm allemal die Hand, wenn er sie hinauf führte. Er
drückte die ihrige wieder, und sah in seinem Sinn so stolz umher, als ob ihm die
ganze Welt gehörte. Sie machten eben diesen Tanz auch deutsch, und giengen dann
an den Tisch. - Darf ich würklich zuweilen in Ihr Haus kommen? fragte Siegwart
Marianen. O Sie müssen kommen! antwortete diese. Halten Sie ja bald Wort! Ich
hätt es lange schon gewünscht; aber es wollte sich nicht schicken. Kommen Sie
doch ja bald! - Lieber Engel! sagte Siegwart ganz ausser sich, und küsste ihr
die Hand. - Ich habe noch den Gessner von Ihnen, sagte sie, nach einiger Zeit; in
drei oder vier Tagen sollen Sie ihn haben. Ich habe viel herrliches drinn
gefunden. Besonders hat mir sein Daphnis wohl gefallen. Unschuld und Liebe, wenn
man die so wahr geschildert sieht, da geht einem das Herz auf. Es ist einem so
wohl, dass man gleich ein Schäfer werden möchte. Ich habe solche Gemählde gern,
wenn sie gleich mehr schöne Träume, als Würklichkeiten darstellen. Man sieht
doch, was die Menschen sein könnten, und fühlt sich dabei. Ich würde gern recht
viel solche Bücher lesen, aber ich behalte sie immer so lang zurück, denn mein
Bruder fängt sogleich an zu schmälen, wenn ich etwas lese, und da tu ichs nur,
wenn er nicht zu Haus ist. Wenn Sie wieder einmal ein Buch eine Zeitlang
entbehren können, so wollt ich Sie wohl darum bitten. Siegwart war über diese
Bitte sehr erfreut: und versprach, ihr alle Bücher zu geben, die er von der Art
hätte. Dann fragte sie mit vielem Anteil nach Teresen, und war bei seinen
Erzählungen von ihr sehr aufmerksam. Das wär ein Frauenzimmer für mein Herz,
sagte sie, hier kann ich keine solche Freundin finden. Meine Vertrauteste ist
jetzt aufs Land verheiratet, und da leb ich so in der Einsamkeit; und das ist
mir manchesmal sehr traurig. Wenn ich nicht noch meine Mutter hätte, so wär ich
hier sehr ungern, aber sie ersetzt mir alle Bedürfnisse.
    Nachdem die Frauenzimmer mit Kaffee und fremdem Wein bedient waren, wurde
noch einmal deutsch getanzt. Endlich sagte Mariane, nun muss ich doch wohl nach
Haus, mein Bruder macht sonst morgen grossen Lärm. Es schien unserm Siegwart
noch viel zu früh zu sein, aber er wagte es doch nicht, sie länger aufzuhalten.
- Wie doch die Zeit so schnell verfliegt! sagte er. Mir ists, als ob wir erst
eine Stunde da wären. - Mir ists auch so, sagte sie, und drückte ihm sanft die
Hand. Ich bin noch nie so vergnügt gewesen, wie heute. - Möcht' ich doch auch
etwas dazu beigetragen haben! sagte er schmachtend. - Vieles, vieles! sagte sie
mit tiefem Ausdruck. Er ward wie von einer unsichtbaren Gewalt hingerissen, und
küsste sie auf den Mund. Sie hielt willig still. In dem Augenblick fühlte er sich
über alles erhaben. Welt und alles schwand vor seinen Blicken. Der fatale
Mensch, der schon mehrmals mit ihr getanzt hatte, wollte sie wieder aufziehen.
Ich tanze mit Herrn Siegwart, sagte sie, sah ihn zärtlich an, und drückte ihm
die Hand. Er stürmte mit ihr in den Reihen hinein, flog mit ihr herum, als ob
ihn Wolken trügen. Alle andre hörten auf, und sahen unserm Paar verwundernd zu.
Hier und da ward ein Gelipsel: Da wird wohl ein Liebeshandel draus werden; die
sind immer bei einander, u.s.w. Endlich tanzte man den Kehraus, den Mariane und
Siegwart anführten, und die Gesellschaft ging gröstenteils auseinander.
    Auf dem Heimweg küste Siegwart seine Mariane noch ein paarmal. Sie war
ausserordentlich vergnügt über diesen Abend, dankte ihm für das viele Vergnügen,
das er ihr gemacht hätte; freute sich, mit ihm genauer bekannt worden zu sein,
und bat ihn, sie nur recht bald zu besuchen. Er wusste vor Entzücken nicht, was
er reden sollte? Alle Worte fehlten ihm. Er drückte ihr nur die Hand, und gab
ihr noch einmal einen heiligen Kuss zum Abschied.
    Als er aus ihrer Strasse kam, hüpfte und sprang er mehr, als dass er ging.
Zu Haus blieb er noch eine halbe Stunde auf; Kronhelm war schon zu Bette
gegangen. Alle Begebenheiten des vorigen Tags und des schönsten Abends schwebten
in glänzendem Gemisch vor ihm herum. Wenn er sich einen Umstand besonders denken
wollte, so fielen ihm zwanzig andre ein. Es war ihm, als ob er ein buntes
Tulpenbeet vor sich sähe, deren jede schön ist, aber er konnte keine einzeln
betrachten. Sein Geist irrte, wie sin Schmetterling von einer Blume zu der
andern. Zuletzt ward ihms vor den Augen dämmerig. Er sah nur noch Farben vor
sich. Alle flossen in einander. Mariane war der Hauptgedanke, den er sich unter
tausenderlei Gestalten dachte. Er wiederholte alle Gespräche, die er mit ihr
geführt hatte, und ärgerte sich, dass er so wenig gesprochen hatte. Jetzt, dachte
er, jetzt sollte sie da sein! Jetzt wollt' ich ihr alles sagen, ihr mein ganzes
Herz ausschütten, u.s.w.
    Im Bette konnte er nicht schlafen. Der Tanz, den er mit ihr zuerst getanzt
hatte, schallte ihm immer in den Ohren. Wenn er die Augen zumachte, so war ihms,
als ob er mit ihr im Kreis herumflöge, vor ihr stünde, ihr ins Auge blickte, und
sie bei der Hand fasste. Aus dem leisesten Schlummer fuhr er wieder auf, denn es
dauchte ihm, ein Gelispel, wie Marianens Stimme, flüstr' ihm in die Ohren. Er
hielt ganze lange Gespräche mit ihr, streckte seine Hände nach ihr aus, wachte
auf, und sah sich getäuscht. Morgens um acht Uhr stand er, fast müder, wieder
auf, als er sich niedergelegt hatte, und ging auf Kronhelms Zimmer. Dieser
lachte ihm sogleich entgegen, und wünschte ihm zu Marianens Liebe Glück. Dann
nun, sagte er, wirst du doch nicht mehr ungläubig sein? Sie hat sich zu viel
verraten. - Siegwart sagte ihm, er müste mehr beobachtet haben, als er selbst.
- Das hab ich auch, versetzte Kronhelm. Ich bin in dieser Schule länger schon
erfahren, und ein Dritter Unparteiischer sieht immer mehr. Aber, Bruder, du
schienest mir so kalt zu sein. - Kalt? rief Siegwart voll Verwunderung aus. So
muss die Sonne auch kalt sein! Ich weis gar nicht, wie du so reden kannst?
Freilich, da hast du Recht, reden konnt ich wenig; oder, wenns was war, so
bracht ich dummes Zeug vor. Da hab ich mich schon gnug drüber geärgert. Ich weis
nicht, wenn ich so allein bin, da hätt ich ihr tausend Dinge zu sagen; und kaum
steh ich vor ihr, da ists, als ob mir aller Sinn genommen wäre. Gestern auf dem
Schlitten hätt ich nun nichts reden können, wenn ich mich Stunden lang besonnen
hätte. Sie wird mich wohl für einen dummen Einfaltspinsel halten - Das gewiss
nicht, Bruder! sagte Kronhelm. Die Liebe hat ihre eigne Sprache; das Auge hat da
mehr zu tun, als die Zunge. Und Mariane hat dich ganz gewiss verstanden. Man
hält alles, was man spricht, für dummes Zeug, weil man fühlt, dass man das noch
lang nicht ausdrückt, was das Herz fühlt. Man will lauter Empfindungen und
Göttersprüche sprechen, und da ist unsre Sprache viel zu arm dazu. Jedes Wort
soll so voll und warm sein, wie das Herz ist, und das ist unmöglich. Weil man
nun doch sprechen will, da kommt man auf allerlei entfernte und gleichgültige
Dinge, die nichts sagen. Die Empfindung ist einsylbig, oder stumm. Ich habe das
bei Teresen oft gefühlt. Waren wir allein, so schwieg ich ganz; und wenn andre
da waren, so macht' ich Spass; das ist noch das Beste. - Mariane hat dich gewiss
gefühlt. Wärst du wortreich gewesen, so wärs mit deiner Liebe nichts.
Redseligkeit ist Larve der Liebe, nicht die Liebe selbst. - Bruder, sieh! wie
die Sonne so hell aufgeht! Ich denke, wir gehen spazieren. Mit deinen
teologischen Kollegien hats nun doch wohl in Ende? - Erinnre mich daran nicht!
sagte Siegwart. Aber, zieh dich nur an! Wir wollen spazieren gehen.
    Sie giengen mit einander aus. Als sie an die Strasse kamen, wo man nach
Marianens Haus hinauf geht, da stellte sich Kronhelm an, als ob er in eine
Seitenstrasse gehen wollte. Siegwart sah ihn halb bittend an. Er lächelte, und
ging mit ihm bei Marianens Haus vorbei. Sie sah erst auf der Einen, und dann
auf der andern Seite des Hauses aus dem Fenster, und grüste unsre beiden
Jünglinge sehr freundlich. Siegwart ward auf Einmal wehmütig. Wir wollen vor
das Tor gehen, sagte er, wo wir gestern gefahren sind. Hier erinnert' er sich
an jede Rede, an jede Empfindung wieder, die er gestern hier gehabt hatte.
Kronhelm sprach viel von Teresen, und sagte, dass er gestern wieder besonders
lebhaft an sie gedacht habe. Er fühle es mit jedem Tage mehr, dass er ohne sie
nicht leben könne. Es sei ihm unerträglich, dass er an sie nicht schreiben dürfe,
und nicht das geringste von ihr erfahre. Nächstens wollt' er wieder an sie
schreiben, es möge daraus kommen, was wolle! u.s.w. Siegwart suchte ihn mit der
Vorstellung zu beruhigen, dass Terese ihm gewiss treu bleibe, sie möge schreiben
oder nicht. Es könne nur einen neuen Lärm bei seinem Vater abgeben, wenn er den
Briefwechsel wieder anfange, u.s.w.
    Nun kamen sie auf die Würkungen der Liebe in dem Herzen eines Verliebten zu
sprechen. Siegwart sagte: Ich bin, seit ich liebe, ein ganz andrer Mensch. Ich
glaubte vorher, gut zu sein, aber die Liebe hat mich noch weit besser gemacht.
Ich bin frömmer, andächtiger, mitleidiger, und duldsamer geworden. Ich bin auf
fremdes Elend aufmerksamer, und fühl es tiefer. Wenn ich ein blasses Gesicht,
und ein trübes Auge sehe, so vermut ich sogleich unglückliche oder
hoffnungslose Liebe, und nehme an dem Schicksal dieser Person Anteil. Ich würde
alles tun, um ihr eine Gefälligkeit zu erweisen, die ihr Elend lindern, oder
heben könnte. Jeder Liebender, und Leidender wird auch mein Bruder. Ich teilte
gern mit jedem Armen mein Vermögen. Die Glückseligkeit aller Menschen liegt mir
nah am Herzen. Ich wäre fähig, alles für andre zu tun. Jede Pflicht, und jede
Tugend wird mir leichter.1 So glaub ich auch, sagte Kronhelm, und eben deswegen
ist es ungerecht und töricht, auf die Liebe loszuziehen, wie viel hochgelahrte,
sich weise dünkende Leute tun. Es ist Undank gegen Gott, einen Trieb, den er
mit dem Leben uns ins Herz pflanzt, zu verdammen, und den Aufruf zu mancher
hohen Tugend für Stimme der Sinnlichkeit, oder gar des Satans auszugeben. Dass
die Liebe oft gemisbraucht, oder misverstanden wird, soll doch wohl nichts gegen
sie beweisen? Denn sonst wäre die Religion auch ein Uebel, die, wenn sie
misverstanden und gemisbraucht wird, oft grössere Verwüstungen anrichtet, als
misverstandne Liebe. Anstatt dass man die Liebe mit Gewalt und stolzer Verachtung
zu unterdrücken, und aus dem Herzen der Jugend zu verdrängen sucht, sollte man
sich nur bestreben, sie durch Vernunftgründe zu leiten, und auf den rechten
Gegenstand zu lenken. Dies würde viele Leute besser machen, als sie bei ihrer
angenommenen, oder erzwungenen Kälte sind. Wer nicht lieben will, und
verächtlich von der Liebe denkt, der schämt sich auch ein Mensch zu sein; und
wer sie schlechterdings verdammt, der begeht einen Hochverrat gegen die
Menschheit, denn er will die Quelle der Empfindung und so vieler Tugenden
ableiten, oder austrocknen, und dafür eine dürre Sandwüste anlegen! -
    Um 11 Uhr kamen sie wieder zu Haus an, und spielten miteinander auf der
Violine. Den Nachmittag ritten sie mit Dahlmund spazieren, der auch sehr
vergnügt war, weil er seine Brünette ziemlich kirr gemacht hatte. Er erzählte
ihnen: Gutfrieds Vater sei gestorben. Als er nach Haus gekommen war, kündigte er
seiner Beischläferin sogleich an, sie könne sich innerhalb zwei Tagen aus dem
Hause packen. Das Mensch gab ihm spitzige Reden, begegnete ihm grob, und machte
grosse Forderungen an ihn. Er erzürnte sich darüber, und legte sich den Abend
drauf krank zu Bette. Er bekam eine hitzige Krankheit, deren Samen er
vermutlich von seinem Sohn eingesogen hatte, als er ihm den letzten Hauch von
den Lippen küste. Vier Tage drauf starb er, nachdem ihm die Metze drei Tage
vorher eine ansehnliche Summe Gelds, und seine besten Kostbarkeiten mitgenommen
hatte. - So gehts mit den Huren, sagte Kronhelm.
    Kronhelm und Siegwart legten sich Abends bald zu Bette, weil sie die vorige
Nacht wenig, oder nichts geschlafen hatten. Den folgenden Abend sprach Mariane
im Konzert viel mit Siegwart, und bestärkte ihn, durch ihr gefälliges Betragen,
immer mehr in der Hoffnung, dass sie ihn liebe. Er schwamm jetzt immer in einem
Meer von Wonne; nur zuweilen unterbrach ihn ein Anfall von Wehmut in seiner
Freude. Es stiegen ihm oft wieder Zweifel auf, ob sie ihn auch wirklich liebe?
Vor einiger Zeit wäre ein Blick, wie sie ihm jetzt viele gab, sein gröster
Wunsch, und der höchste Grad von Glückseligkeit für ihn gewesen; aber jetzt
verlangte sein Herz schon mehr; er wollte nun tätige und mündliche
Versicherungen von ihrer Liebe haben. Sie weis vielleicht noch nicht, dachte er,
wie sehr ich sie liebe. Wie leicht könnte ein andrer kommen, der mehr Kühnheit,
und vielleicht auch grössere Ansprüche hat, als ich, und den kleinen Funken von
Liebe auslöschen, der vielleicht für mich in ihrem Herzen glimmt. Bei ihren
Vorzügen kann es ihr nicht lang an Freiern fehlen. Ich habe nichts, keinen
Stand, kein Vermögen, kein Amt, wenig äusserlich empfehlendes; warum sollte sie
mich andern vorziehen? oder mich nicht alsobald vergessen, wenn ein, dem
äusserlichen Scheine nach, besserer und vorzüglicherer Mann kommt, u.s.w.
    So quälte er sich oft ganze Stunden lang, und türmte Berge von Zweifeln
gegen seine eigne Ruhe auf. Aber wenn er Marianen wieder sah, und sie ihm mit
dem Blick der Liebe begegnete, dann verschwanden diese Zweifel wieder, wie
Nebelwolken vor der Sonne. - Etliche Tage nach dem Konzert schickte sie an
Kronhelm den Gessner wieder, und liess ihn, oder Siegwart um ein anderes Buch
bitten. Sigwart schickte ihr den Kleist, und sprang mit dem Gessner auf sein
Zimmer, wo er ihn hundertmal an den Mund drückte und küsste. Das Buch war ihm nun
ganz heilig geworden. Er blätterte es durch, und verweilte sich bei jedem Blatt.
Jegliches schien ihm zu glänzen, weil ihr Auge drauf geruht hatte. Wie gross war
seine Freude, als er ein klein Stückchen blauer Seide drinn liegen fand, von der
Farbe, wie sie zuweilen ein Kleid trug. Dieses Stückchen war ihm mehr wert, als
dem Abergläubigen das Stückchen vom Gewand eines Heiligen. Nachdem ers lange
gnug betrachtet hatte, schloss ers sorgfältig in seinen Schreibpult; holte es
aber alle Augenblicke wieder heraus, um es von neuem wieder anzusehen. - Als er
noch weiter blätterte, fand er auch ein Schnippelchen Papier, auf welchem
Marianens Name stand. Er sprang hoch auf, hub es in die Höhe, drückte es
hundertmal an seinen Mund, und an sein Herz, und betrachtete jeden Zug
unzähligemal.
    Endlich entdeckte er auch seinem Kronhelm einen Entwurf, den er schon lang
bei sich selbst gemacht hatte, ob sie nämlich nicht Gutfrieds Zimmer beziehen
wollten? Er hatte schon Erfahrung eingezogen, dass in dem Hause noch ein andres
Zimmer ledig sei, worauf also Kronhelm wohnen könne. Es tut mir zwar leid,
unsre Hausleute zu verlassen, sagte er, weil es ehrliche und brave Leute sind;
aber ich will ihnen gern noch ein halb Jahr Hausmiete bezahlen, um nur bald
meiner Mariane näher zu kommen. Kronhelm, der seinem Freund alles zu Gefallen
tat, willigte sehr gern in diesen Vorschlag, und nach wenig Tagen bezogen sie
das Zimmer. Nun sah Siegwart sein geliebtes Mädchen täglich, und fast stündlich.
Er hatte seinen Schreibepult am Fenster stehen, und merkte jede Bewegung, die
auf Marianens Zimmer vorgieng; sie stund auch sehr oft am Fenster, und setzte
sich, wenn sie allein zu Hause war, so, dass er sie, und sie ihn sehen konnte. Er
sah sie stricken, nähen, Stickereien machen, und alle häusliche Geschäfte
verrichten. Oft standen ihm Freudentränen in den Augen, wenn er das liebe
Mädchen, so mit sich vergnügt, der Welt unbekannt, sich in der Stille, in jeder
Pflicht, in jeder Tugend üben sah. Mit Tränen blickte er zum Himmel. Gott!
dachte er, welch ein Glück ist dem bereitet, dem du eine solche Gattin gibst,
die, mit jeder Anmut geziert, noch mehr für die Schönheit ihrer Seele sorgt,
und sich täglich innerlich vollkommener zu machen sucht! - Statt Eroberungen zu
machen, und von hunderten begafft, und angestaunt, und bewundert zu werden,
statt ihre Eitelkeit zu nähren, sitzt das fromme Mädchen da, von ihrem Engel,
und von dem nur gesehen, der sie so heiss und heilig liebt, und bildet sich zu
einer treuen Gattin, zu einer weisen Hausfrau, und zu einer frommen Mutter. -
Gott! wenn ich es wert bin, so erbarm dich mein, und schenk mir diesen Engel,
dass ich in ihrer Gegenwart täglich besser, täglich heiliger, dir täglich
angenehmer und meinem Nebenmenschen nützlicher werde! Gott, du kannst mich nicht
verdammen, wenn ich in der Welt bleibe; diese Welt ist ja dein Tempel, und ich
will dir dienen drinn mit diesem Engel. - So ward die Empfindung über ihr
Anschauen oft bei ihm Gebet. Einmal sah er sie spinnen. Dieser Anblick rührte
ihn ungemein. Er erinnerte sich aus seinem Homer, den er mit P. Philipp gelesen
hatte, an die Töchter der Könige, wie sie spannen und Gewebe webten, und sich
nicht der gemeinsten Weiberarbeit schämten; er erinnerte sich der Töchter der
Patriarchen, die sich auch zur ländlichen Arbeit nicht zu vornehm däuchten. Ein
andermal sah er sie im Kleist lesen, und gerührt zum Himmel blicken. Wie
beneidenswürdig war ihm da das Loos des Dichters, der das fromme Herz eines
Mädchens zur Bewunderung und zum Dank hinreist; ihre Seele zu zärtlichen
Gesinnungen erweicht, Tränen in das schönste Auge lockt, und nach seinem Tode
noch für seine frommen Lieder gesegnet wird. - Des Abends hörte er sie oft noch
am Klaviere singen, ward bald zu hoher Andacht mit ihr aufgehoben, und betete
mit einer Innbrunst, die er sonst nie erreicht hatte; bald ward er zu Seufzern
und zu Tränen herabgestimmt, und zerschmolz in süsser Wehmut. Kurz seine neue
Wohnung machte ihm jeden Tag zu einem Festtag; alles um ihn her war feierlich,
denn alles erinnerte ihn an Marianen. Im Konzert spielte er oft; fand sie immer
freundlich, und erhielt manchen liebenden und zärtlichen Blick von ihr. Mit
ihrem Bruder suchte er, so viel als möglich, Freundschaft zu erhalten, und bat
ihn zuweilen zu sich. Der Mensch tat äusserlich freundschaftlich, aber die
geheime Tücke, die er auf Siegwart hatte, liess sich doch nicht ganz verbergen.
Endlich wagte er es auch einmal, Marianen und ihre Eltern mit seinem Kronhelm zu
besuchen. Er ward aufs freundschaftlichste empfangen; man tat ihm viele Ehre
an, und Mariane sah so heiter aus über seine Ankunft, wie der junge Tag, wenn
die Sonne eben aufgeht. Siegwart und Kronhelm liessen ihre Violinen holen, und
machten ein Konzert, bei welchem Mariane Klavier spielte, und himmlisch sang.
Beim Weggehen bat sie unsern Siegwart, künftig nachbarlicher zu handeln, und sie
öfter zu besuchen. Er küsste ihr die Hand, und sie drückte ihm die seinige.
    So wahrscheinlich, und beinahe zuversichtlich Siegwart nun hoffen durfte,
dass ihn seine Mariane liebe, so ward ihm doch die ewige Entfernung, und die,
doch immer nur halbe Gewissheit, täglich unerträglicher. Er schmachtete darnach,
sie einmal allein zu sprechen, ihr Herz noch genauer auszuforschen, und ihr das
seinige mehr zu entdecken. Die grössere Freimütigkeit, die sie jetzt gegen ihn,
und er zum Teil auch gegen sie beobachtete, erregte diesen Wunsch in ihm noch
mehr. Nun, dachte er, würde er ihr alles sagen, was ihm auf dem Herzen liege.
Daher sann er Tag und Nacht auf Gelegenheit, sie allein zu sprechen. Seine
Einbildungskraft kam ihm zu Hülfe. Er stellte sich schon in Gedanken den
künftigen Frühling vor, wie er sie auf einem Spatzierwege allein antreffe, sich
anbiete, sie zu begleiten, ihr die Hand reiche, und im Schatten eines Wäldchens
ihr sein ganzes Herz aufschliesse. Er hielt in Gedanken lange zärtliche
Gespräche, führte sie und sich redend ein, sank ihr endlich in den Arm, und
empfieng mit dem ersten heiligen Kuss die Versiegelung einer ewigen Liebe. Aber
dies waren alles nur Träume, und wenn sie verflogen waren, sehnte sich sein Herz
desto mehr nach der Wirklichkeit. Oft wollte er sie besuchen, wenn sie allein zu
Hause war, aber er fürchtete der Bruder möchte kommen, oder sie möcht es übel
nehmen. Er sah vorher, dass er doch nicht würde reden können, wenn die Sache so
vorbereitet wäre, und dann wollte er auch allen Schein einer heimlichen
Zusammenkunft vermeiden, wogegen sein zartes Gefühl stritt. Oft dachte er, er
woll' ihr schreiben, aber wie sollte er ihr den Brief beibringen?
    Kurz, alle seine Entwürfe zerfielen wieder von selbst, bis ihm endlich ein
Ungefähr - das Beste in der Liebe - seinen heissen Wunsch erfüllte. Wider alles
Vermuten, selbst wider seine Hoffnung - und ein Liebender hofft doch gewiss
nicht wenig - fiel, noch kurz vor Ostern, ein sehr tiefer Schnee, und zween Tage
drauf ward eine Schlittenfahrt angestellt, bei welcher Siegwart Marianen fuhr.
    Nun sprach er schon mehr, und tat minder schüchtern. Er und Mariane
teilten ihre Freude mit einander über die unvermutete Gelegenheit, einen Abend
mit einander zuzubringen. Sie gestand ihm frei, es hätt' ihr nichts angenehmers
begegnen können, und sah ihm dabei mit einem unaussprechlichzärtlichen Lächeln
ins Gesicht. Er beugte sich auf dem Schlitten vorwärts, um ihr einen Kuss zu
geben, und sie hielt willig still. Es ist sehr schön, sagte sie, dass sie nun auf
Gutfrieds Zimmer wohnen, so kann ich sie doch oft Violine oder Flöte spielen
hören. - Und ich Sie oft sehen und oft hören, fiel ihr Siegwart ein. Diese
Wohnung ist mir mehr wert, als wenn man mir das ganze Schloss schenkte. - Sie
sind gar zu gütig! sagte sie. - Gar zu eigennützig, sollten Sie sagen, versetzte
Siegwart. - Sie sprachen auf dem ganzen Weg hin nach dem Dorfe, und zwar so, als
ob sie miteinander völlig ausgemacht hätten, dass sie sich liebten; sie nahmen es
stillschweigend für bekannt an, und sprachen vertrauter, als sie selbst zu
wissen schienen. Aus dem Dorfe liess er ihre Hand fast niemals los, schenkte ihr
Chokolade ein, und trank weil Mangel dran war, mit ihr aus einer Schaale.
Kronhelm selbst musste sich über die Herzhaftigkeit seines Fueundes, und über
ihre Offenherzigkeit wundern, da sie sonst etwas zurückhaltend, und dem Scheine
nach stolz war. So eine mächtige Veränderung in ihrem beiderseitigen Karakter
hatte die Liebe, die stumme Augensprache, und der Zwang, sich einander nicht
entdecken zu dürfen, hervorgebracht. Auf dem Rückwege sagte Siegwart: dieser
Abend ist noch schöner, als der letztere; Sie sind noch gütiger und
freundlicher. - Sie sind auch noch ungezwungener und munterer, sagte sie, und
das lieb ich. Solche Tage muss man ganz der Freude weihen, denn sie kommen
selten. Siegwart liess sich nun von ihr feierlich versprechen, dass sie auf den
Abend länger beim Ball bleiben wolle, und sie tat es gerne. So fuhren sie im
roten Duft des Winterabends nach der Stadt. Vor ihnen stieg der Rauch von den
Schornsteinen säulengerad in die Höhe, und ward von der, hinten untergehenden
Sonne vergüldet und gerötet. Das Gesicht der Liebenden war heitrer als der
Abend. Sie sahen zur Seite schon den Abendstern blinken, zeigten ihn einander,
und sahen ihn mit heitern Blicken an: dann blickten sie einander wieder ins
Gesicht, und lächelten mit namenlosem Ausdruck. Das ist der Stern der Liebe,
sagte Siegwart. Ein herrliches Gestirn, sagte Mariane, sah ihren Jüngling
schmachtend an, und er küsste sie. - Schade, dass nicht auch Terese bei uns ist!
sagte sie. Ich lieb ihre Schwester sehr, und wünschte sie so gern glücklich! -
Sie wirds werden, versetzte Siegwart. Kronhelm meint es ehrlich, und sie liebt
ihn treu. Das gute Mädchen muss noch glücklich werden; sie hat gar zu viel
gelitten. - Wird man immer glücklich, wenn man leidet? fragte Mariane, und ward
wehmütig. Siegwart schwieg, und sah gen Himmel.
    Sie kamen nun in der Stadt an. Beim Umkleiden teilte Siegwart seine Freude
mit Kronhelm auf die heftigste Art. - Ich bin alles, alles! Ewig! Unsterblich!
Alles! sagte er. Freu dich doch, Kronhelm! Du bist ja so kalt. Denk, sie ist
mein, auf ewig mein! Kannst du nicht begreifen, was das ist? Mein, mein! - Wenn
man doch sagt, man sei nicht glücklich, und hat nur so Einen Augenblick! - Denk
nur erst den Abend! Die ganze lange Nacht mit ihr tanzen, mit ihr sprechen! O
ich möchte sterben, so wohl ist mir! - Nun sag mehr: Ich sei nicht kühn! Alles,
alles soll sie heut erfahren! - Denk, auch Teresen wünscht sie her, und wünscht
sie glücklich! Siehst du, was der Engel für ein Herz hat? - Sei nur gutes Muts!
Es muss euch auch noch glücklich gehen! Kein Mensch kann auf der Welt unglücklich
sein! Gott hat uns all zur Freud erschaffen! - So sprach er in lauter
Ausrufungen fort, bis es Zeit war, Marianen wieder abzuholen.
    Er führte sie im Triumph auf den Tanzsaal, und fieng gleich mit ihr zu
tanzen an. Sie schwebte, wie eine Göttin zwischen Himmel und Erde. Ihre Blicke
waren immer auf ihn gerichtet. Er glaubte, in dem Saal der Seligen zu sein. So
oft er sie bei der Hand fasste, gab sie ihm einen Händedruck, der durch Mark und
Knochen schauderte. Beim Essen sprach sie nur allein mit ihm, und zuweilen mit
Kronhelm, der in tiefer Wehmut da sass, weil er an Teresen dachte, und doch
zwang er sich, an dem Entzücken seines Freundes Teil zu nehmen, und lächelte
zuweilen wie die Frühlingssonn' im Regenschauer. Mariane trank ihm Teresens
Gesundheit zu, und bat ihren Siegwart, es seiner Schwester zu schreiben, dass sie
eine unbekannte Freundin habe, die ihr Schicksal oft beseufze, und für sie bete.
- O dann muss sie glücklich werden, sagte Siegwart, wenn ein Engel für sie betet.
- Und beten sie denn auch für mein Glück, lieber Engel? Würden Sie mich auch wohl
glücklich machen? - Ob ichs würde? sagte sie, und sah ihn zärtlich an. Könnt
ichs nur! - O sie könnens! Bei Gott! Sie könnens, wenn Sie mir nur gut sind!
Sind Sies, lieber Engel? - Herzlich! Herzlich! sagte sie; mehr, als ichs sagen
kann! - Er schwieg, und drückte ihr die Hand. - Sie hatte ein Stück Torte vor
sich auf dem Teller liegen. Er schnitts entzwei. Sie gab ihm ein Stück davon,
und ass das andere. Süssre Kost hatte Siegwart nie noch genossen. Er schlang
seinen Arm um sie, und sah sie seitwärts an. Ihr Gesicht hatte eine Wehmut, die
über Tränen erhaben war. Zuweilen blickte sie zu ihm herum, und schlug schnell
das Auge nieder. Seine Brust war gespannt, er atmete schwer, und konnte kaum
den Seufzer zurückhalten. Es war ihm nicht möglich, ein Wort hervorzubringen. Er
sah nichts mehr um sich her. Ihr Gesicht zerfloss vor ihm, als ob nur ein
leichter Rosenduft vor ihm schwebte. Sie drückte ihm mit unaussprechlicher
Zärtlichkeit die Hand. Er konnte die Empfindung nicht mehr zurückhalten, und
küsste sie, mit einem heissen Seufzer, auf die Wange. Indem kam ein Student, und
foderte sie zum Tanz auf. Sie entzog ihm, nach einem sanften Druck, die Hand,
legte ihre Handschuh an, sah ihn an, und ging, halb unwillig, mit dem Studenten
weg. Er blieb unbeweglich, rückwärts an den Stuhl gelehnt, sitzen. Endlich sah
er sich nach ihr um; sie tanzte, und hatte ihr schönes Auge immer auf ihn
geheftet. Er konnts nicht aushalten; Tränen schossen ihm in das seinige; er
eilte in die Vertiefung des Saals ans Fenster, sah durch die Scheiben nach dem
hellen Mond, und weinte. Nach etlichen Minuten kam sie, ohne dass ers merkte, zu
ihm, legte ihre Hand auf die seinige, sah ihn an, und sagte: Sie sind traurig? -
Ja, vor Freuden, antwortete er. Lieber, lieber Engel, sind Sie mein? - Auf ewig!
sagte sie, und sank ihm mit dem Gesicht an die Brust. Er küsste sie feurig, und
empfieng von ihr den ersten heiligen Kuss der Liebe. - Drauf folgte eine
sprachlose Scene, die sich nicht beschreiben läst. Erst nach einiger Zeit
giengen sie, mit nassen Augen, um eine Menuet zu tanzen. Dann giengen sie wieder
ans Fenster, sahen den Mond an, sahen, wie er sich spiegelte in ihren Tränen,
küssten sie sich von den Wangen, und waren überschwenglich glücklich. Siegwart
tanzte fast mit keinem Mädchen, als mit ihr. Wenn sie mit einem andern tanzte,
so stellte er sich in eine Ecke, und hatte fast immer Tränen in den Augen, denn
das Maass der Freuden war für ihn zu gross. Sie kam immer, wenn sie ausgetanzt
hatte, wieder zu ihm hin, nahm ihn bei der Hand, und sah ihn unaussprechlich
zärtlich an. - Nun müssen Sie mich oft besuchen, sagte sie. Meine Mutter liebt
Sie, mein Vater ist Ihnen gut, und mein Bruder denkt auch wieder besser von
Ihnen, seit Sie auf sein Spiel zu achten scheinen. Etwas behutsam müssen Sie nur
sein, doch das sind Sie selbst. O, der heutige Tag ist doch gar zu herrlich!
Nicht wahr, Sie sind auch vergnügt, mein lieber Siegwart? Ein feuriger Kuss auf
ihre Lippen gab ihr die Antwort. - Wenn wir doch immer beisammen sein könnten!
fuhr sie fort; das Tanzen ist mir heut ganz vedriesslich. Kaum hatte sie
ausgesprochen, so ward sie wieder aufgezogen. Siegwart ging zu seinem Kronhelm,
der in einer Ecke des Saals wehmütig und nachdenklich da sass. - Wenn nur du
auch glücklich wärest! sagte Siegwart; ich wollt' Alles geben! - Lieber
Schwager! - sagte Kronhelm, und küsste ihn. Da hab ich einen Gedanken, den ich,
glaub ich, Morgen oder Uebermorgen ausführe. Ich will nach München zu meinem
Onkel; du must auch mit! - Und was da machen? - Um Teresen anhalten. Er kann
und wird sich meiner annehmen! Von ihm kann ichs ganz allein erwarten. So halt
ichs nicht länger aus. Dein Glück hat alle meine Empfindungen wieder aufgeweckt;
ich fühle meinen Verlust wieder stärker, und mein Zustand wird mir unerträglich.
Nicht wahr, Bruder, du gehst mit mir? Du must bitten helfen. Er wird deine
Schwester auch um deinetwillen schätzen, wenn ich sage: dass du ihr Ebenbild
bist. - Wenn ich etwas dazu beitragen kann, sagte Siegwart, so weist du schon,
dass ich für dich ins Feuer ginge.
    Sie erlaubens doch auch? sagte Kronhelm zu Marianen, die eben zu ihnen kam,
dass ich Herr Siegwart mitnehme? - Wohin? fragte sie rasch und ängstlich, und sah
ihren Siegwart an. Nach München, antwortete Kronhelm; nur auf etliche Tage. Er
kann mir einen grossen Dienst tun. Es betrifft mein und Teresens Schicksal. -
Ja, wenn das ist ... sagte sie, sonst ... Ich will bei meinem Onkel, dem
geheimen Rat, anhalten, sagte Kronhelm, ob ich Teresen heiraten darf? und
Siegwart soll meine Bitte unterstützen. Er kann viel ausrichten, das weis ich. -
Nur auf vier, oder fünf Tage. - Tausend, tausend Glück! sagte Mariane, aber
kommen Sie bald wieder! Und Sie, Herr Siegwart, Sie vergessen mich doch nicht? -
Gott im Himmel! könnten Sie das glauben? rief Siegwart aus. O Sie kennen mich
noch nicht! Ich werd an keine Seele denken, als an Sie. - Ein Kuss versiegelte
das Versprechen.
    Sie war nun auch traurig, dass sie ihren Siegwart so bald - wärs auch nur auf
einige Tage - verlieren sollte. Sie sass traurig neben ihm, als sie Kaffee
tranken, und konnte die Tränen nicht zurückhalten. Er umschlang sie mit seinem
Arm, lehnte sein Gesicht an ihre Brust, und konnte vor Bewegung und Zärtlichkeit
nicht sprechen. Er fühlte das Schlagen ihres Herzens, blickte zuweilen zu ihr
hinauf; schmachtend sah ihr Aug auf ihn herab, und eine Träne fiel auf seine
Stirne, die sie wieder weg küsste. Kronhelm sah das edle, zärtliche Paar, und
weinte vor Freuden. - Möcht ich Sie einmal beisammen sehen! sagte er; Sie und
Meine Terese! Sie wären gleich im Augenblick Ein Herz und Eine Seele.
    Nun werd ich wohl bald nach Hause gehen müssen, sagte endlich Mariane.; es
ist über zwei Uhr. Siegwart wollte das nicht glauben, bis ers selbst auf seiner
Uhr sah. Noch ein paar Schleifer müssen wir doch machen! sagte er, und fing an,
mit ihr zu tanzen. Mariane blieb noch über drei Viertel Stunden. Endlich sagte
sie: Ich muss, ich muss gehn, wenn ich gleich nicht will! Siegwart stund mit ihr
noch eine halbe Stunde unter ihrem Haus, und empfing die zärtlichsten
Versicherungen ihrer Liebe. Ich habe keinen noch geliebt, sagte sie, und will
auch ausser Ihnen keinen lieben. Mein Herz war unruhig, seit ich Sie erblickt
habe. Sis mustens oft an meinen Blicken merken, im Koncert und in der Kirche. -
Lieber Siegwart, ich bin nun so glücklich; soll ichs ferner bleiben? Ist Ihr
Herz auch ganz mein? - Ganz! so wahr als Gott lebt! sagte er. Keiner Seele hats
noch angehört, Gott ist mein Zeuge! und soll Gott und Ihnen nur gehören ewig.
Nun folgten wieder Küsse, die den Bund auf ewig schlossen. Endlich trennten sie
sich mit Gewalt von einander. Da geht der Stern der Liebe wieder auf, sagte er
beim Scheiden. Gestern hat er uns zum erstenmal geglänzt, und nun auf ewig. Nie
will ich ihn ansehn, ohne dieses Tags und Ihrer zu gedenken. Er soll das
Sinnbild unsrer Liebe sein, ewig rein, und jugendlich und ewig! Schlaf sanft,
lieber Engel, sanft, sanft, sanft! -
    Er ging nach seinem Haus hinüber, und schloss auf. Andacht, und Entzücken,
und Dankbarkeit bebten durch sein Herz. Er sah aus dem Fenster, sie sah noch
eine Viertelstunde heraus; endlich warfen sie sich einen Kuss zu, und sie löschte
ihr Licht aus. Hastig ging er im Zimmer auf und ab. Mein, o mein ist er, der
Engel Gottes! sagte er laut, setzte sich nieder, und schrieb:
Mein, o mein ist er, der Engel Gottes!
Banges Herz, wie kannst dus fassen? Brich nur!
Schmelz in Tränen hin! denn dein ist
Die Erwählte Gottes.
O ich sink in Staub vor Dir, Du Geber!
Alle Tränen hast Du weggetrocknet!
Freuden hast Du mir erschaffen,
Ewig, wie mein Herz liebt!
Rein und heilig ist die Auserwählte!
Mach, o Gott! mein Herz, wie sie, so heilig!
Dass ich wert sei dieses Kleinods,
Das vor allen schimmert!
O, Du Heilige! Sieh an dies Streben,
Das, Dir gleich zu werden, hoch mein Herz hebt!
Sieh es an! Und, wann ich strauchle,
Heb mich durch Dein Lächeln!
Kronen hätt' ich nicht für Dich genommen!
Tausend Kronen legt' ich Dir zu Füssen!
Engel, sieh, ich wein' vor Freuden,
Dass Du ewig mein bist!
    Noch eine halbe Stunde blieb er auf, und sagte diese Verse oft zum Fenster
hinaus. Endlich legte er sich zu Bette, aber es kam wenig Schlaf in seine Augen.
Um halb sieben Uhr weckte ihn das Morgenrot schon wieder. Er sah hinaus, dachte
nichts als Marianen, war im Innersten bewegt, und dankte Gott mit solcher
Inbrunst für ihre Liebe, dass sein Herz mehr im Himmel, als auf Erden war. Sie
war auch schon aufgestanden, und lächelte mit Engelanmut zu ihm herüber. Seine
Seele war so heiter, als sie in seinem Leben nie noch gewesen war. Kronhelm kam
zu ihm aufs Zimmer, und sagte, er habe diese Nacht nicht schlafen können, und
den Plan, zu seinem Onkel zu reisen, vollends ausgedacht. Er sei nun völlig
entschlossen, morgen nach München zu reiten. Er habe alles überlegt, und soviel
ein Mensch voraus sehen könne, könn' es ihm nicht fehlen. Sein Onkel habe ihn
und sein Glück viel zu lieb, und sei zu frei von Vorurteilen, als dass er ihm
seine Einwilligung, Teresen zu heiraten, versagen könne. Wenn er diese habe,
dann sei es ihm genug. Sein Vater werde gewiss nachgeben, denn sein Onkel vermöge
alles über ihn, und er müss' ihm nachgeben, weil er sonst fürchten müste, er
vermache seine Güter einer andern Linie vom Kronhelmschen Haus. Ich trage,
setzte er hinzu, diesen Plan schon lang im Herzen; aber noch nie fühlte ich so
vielen Mut, und so zu sagen, innerlichen Beruf, ihn auszuführen, wie jetzt. O
Bruder, wenn Gott meine Wünsche segnet; wer ist dann beglückter, als wir beide!
Hierauf unterrichtete er seinen Freund, wie er seinem Onkel begegnen müsse, um
sein Herz zu gewinnen. Nur geradezu, und frei! Das liebt er. Dein Charakter ist
so, wie ers wünscht. Zeig dich, wie du bist! Dann kennt er Teresen, und ist
ganz gewiss für meine Wahl. Er ist ungeheuchelt fromm, und man darf mit ihm mehr
von der Religion reden, als mit irgend einem Hofmann. Auch von meiner Schwester
hoff ich viel. Wenn sie so ist, wie sie war, dann tritt sie ganz gewiss auf meine
Seite, und über meinen Onkel vermag sie alles. Nur vor meinem Schwager darf ich
nichts sagen; der ist ganz Hofmann, und glaubt, zwischen den Bürgerlichen und
dem Adel müss' eine ewige Kluft befestigt sein. - Sieh, Brüderchen, ich denk, es
geht gut. Wir wollen Gott drum bitten, und das Beste hoffen! sagte Siegwart.
Niemand kann dir mehr einen glücklichen Ausgang wünschen, als ich, denn ich
liebe, nach Marianen, dich und meine Schwester über alles.
    Sie gingen nun aus, um Pferde zu bestellen. Dahlmund kam drauf zu ihnen, und
klagte, dass ihm seine Brünette gestern ungetreu geworden sei. Sie habe sich mit
einem schlechten Kerl abgegeben, der schon zwei- oder dreimal Schulden und
liederlicher Streiche halben auf dem Karzer gesessen habe. Er tat ganz
verzweifelt und untröstlich, schlug sich vor die Stirne, knirschte mit den
Zähnen, weinte vor Wut, und sagte endlich: Entweder ich muss sterben, oder Er?
Feder und Dinte her! Ich schick ihm eine Ausforderung. Kronhelm, du must mir
sekundiren!
    Bist du toll, Dahlmund? sagte Kronhelm. Mit dem schlechten Kerl dich
schlagen. Dein Leben an ihn setzen! Was hast du davon, wenn du ihn
niederstichst? Wird das Mädel dadurch besser? Möchtest du sie dann wohl wieder
haben? Du weist selbst, dass jeder Zweikampf, den man selbst sucht, Torheit und
Verbrechen ist; wir haben schon einmal davon gesprochen. Aber hier trifft das
doppelt ein. Der Kerl ist schlecht, das sagst du selbst. Alles, was noch Gutes
an ihm ist, das ist sein Leben, weil ers noch einmal dazu brauchen kann, sich zu
bessern, der Welt etwas nutz zu werden, und dem Elend zu entgehen, das ihn in
der Ewigkeit erwartet. Darfst du einem Menschen den Weg zu seinem Glück
abschneiden? Oder willst du sein Teufel werden, und ihn in die Hölle jagen, und
dir dadurch dein Leben auch zu einer Hölle machen? Denk einmal, was ein Mörder
für ein unseliges Geschöpf ist? Fliehen muss er vor Menschen und vor Gott; darf
nicht mit sich selber reden, denn es ruft aus ihm heraus: Du bist ein Mörder.
Blut sieht er überall, darf keinem Menschen ins Gesicht sehn, und hat
Höllenquaalen, ausser sich und in sich. Das heist sich warlich schön gerächt,
wenn man sich selbst einen Dolch ins Herz stöst, dass es ewig blutet. Dem Teufel
gibt man Satisfaktion, und nicht sich selbst, wenn man ihm einen schlechten Kerl
zuschickt, und wohl selber nachfolgt. Und dann ists ja so ausgemacht nicht, dass
du ihn gerad niederstichst; er hat ja auch einen Degen, und kann eben so gut
treffen, als du. Ist der Kerl wohl dein Leben wert, und dein Glück in alle
Ewigkeit? Darfst du nur damit schalten und walten, wie du willst? Du hast brave
Eltern, die so viel an dir tun, und Trost und Freud im Alter von dir erwarten,
und nun mit Gram und Kummer vor der Zeit ins Grab sänken; die nicht ohne Graus
an dich denken könnten, und im Tod einander sagen müsten: Er hat uns umgebracht,
und nun treffen wir ihn doch nicht an. Heist das, seinen Eltern Freude machen,
und ihnen für das lohnen, was sie an uns taten? Heist das, ein ehrlicher Kerl
sein, geschweige denn ein Christ? Das heiss ich mir recht auf Ehre halten, und
ein Schurke gegen sich und andre werden! Besinn dich, lieber Dahlmund! Sieh, du
bist der Welt viel schuldig, hast so gute Gaben, die dir Gott gab zur
Verwaltung, dass du Menschen segnest, und sie glücklich machtest. Sieh, du hast
uns, und wir sind dir herzlich gut, und du bist uns Freundschaft schuldig! Wirf
dein Leben nicht einem schlechten Kerl hin. Handle nicht so gegen Gott, und dein
eignes Glück! Ich bitte dich um Gottes und um deinetwillen, komm wieder zu dir
selbst! Du bist sonst ein Mensch und hast Religion, und willst nun alles das mit
Füssen treten. Nicht wahr, du folgst mir, Dahlmund? Indem umarmte er ihn.
Dahlmund ward gerührt, und weinte. Vergebt mir, Brüder! rief er, dass ich so ein
Narr war! Ich wills nicht tun! Lieber mag man mich für einen feigen Kerl
halten!
    Das bist du deswegen doch nicht, sagte Siegwart; du hast dich letztin
männlich gewehrt, als dich die zween Studenten mit dem blossen Degen angriffen.
Man kann Mut haben, ohne ihn zum Schaden andrer ohne Not zu brauchen. Ich
schlage mich gewiss nicht, aber deswegen komm mir keiner und necke mich! Ich will
ihms zeigen, dass ich meine Faust und meinen Degen nicht umsonst habe. Und bei
den groben Schlägern fehlts gar oft an Herz, wenns auf wirkliche Verteidigung
ankommt. Beim bösen Gewissen gibts keine wahre Herzhaftigkeit, und ein gutes
Gewissen hat der niemals, der vorsetzlich, um einer Kleinigkeit willen, sein
Leben aufs Spiel setzt, oder nach dem Leben eines andern trachtet. - Aber die
Weissin ist nun doch verloren, sagte Dahlmund, und das tut mir in der Seele
weh! - Kanns das wohl mit Recht? sagte Kronhelm. Sie hat sich schlecht
aufgeführt, das must du selbst bekennen, da sie dir einen solchen Menschen
vorzieht. Ein Mädchen, das ausser uns, noch mit einem andern, auch sonst guten
Menschen, liebelt, verdient warlich unsere Liebe nicht. Ganz und allein muss man
ein Herz haben, das man ganz liebt. Wenn ich meinem Mädchen nicht Alles bin, so
bin ich gar nichts, und nehm auch mein Herz zurück. Du must stolz sein,
Dahlmund, und den Flattergeist verachten können. Du verdienst ein ganz andres
Mädchen. Es fehlt dir nichts, um ein Herz zu fesseln, und glücklich zu machen.
Du siehst gut aus; hast Verstand, Vermögen, Wissenschaften, und ein edles Herz,
das treu lieben, und daher wieder treue Liebe fodern kann. Sag einmal, möchtest
du ein Weib, wie die Weissin, das mit jedem Kerl buhlt, sich von jedem
schmeichlerischen Schurken die Hände und den Mund belecken läst: jedem Narren
glaubt, und seine unverschämten Schmeicheleien anhört, und sich drüber zur
Ehebrecherin machen läst? Möchtest du so ein Weib? Und man muss kein Mädchen
haben, das man nicht zum Weib machen will! Der Verdruss über ihre Narrheiten
würde dich umgebracht haben. Lass sie nur nicht merken, dass es dir leid um sie
tut, sie würde heimlich nur darüber jauchzen. Sei ein Mann, und wimmre nicht
wie eine Memme um ein eitles falsches Mädel! Warlich, sie ist dein nicht wert!
- Du hast Recht, Bruder, sagte Dahlmund, ich fühl mich, dass ich etwas bessers
wert bin. Sie mag sich zur alten Jungfer buhlen, oder noch was ärgers mit dem
Kerl tun! Ich frag den Henker nach ihrem Paar schwarzen Augen, wenn sie glaubt,
die ganze Welt müsse sich drein vergaffen!
    Den Abend drauf ging Siegwart mit Kronhelm zu dem Hofrat Fischer, unter dem
Vorwand, ein Konzert zu machen. Aber seine wahre Absicht war, seine Mariane noch
einmal zu sehen, und von ihr Abschied zu nehmen. Der Hofrat wurde gegen
Siegwart immer höflicher, teils wegen seines guten Spielens, teils auch, und
hauptsächlich, weil sich Siegwart jetzt täglich gut kleidete, denn er sah mehr
auf äusserliche, als auf wesentliche Vorzüge. Die Hofrätin liebte ihn seiner
Artigkeit, seiner unbescholtnen Sitten, und seines edeln frommen Herzens wegen,
täglich mehr, und liess ihn ihre Achtung deutlich sehen. Joseph, Marianens
Bruder, tat jetzt auch sehr freundschaftlich, da er sah, dass ihn Siegwart sehr
von andern unterscheide. Ueber Marianens Gesicht verbreitete sich sichtbar eine
ausserordentliche Heiterkeit, sobald ihr Geliebter kam. Sie stand von ihrer
Stickerei auf, wo sie eben eine Schäferinn, und einen Schäfer, die im Grase bei
einander ruhten, gezeichnet hatte. Sie war sehr beschäftigt, die lieben Gäste zu
bewirten. Siegwart betrachtete indessen mit Entzücken ihre Stickerei. Sie trat
hinzu, sah sie ein paar Augenblicke an, und betrachtete dann sein Gesicht, das
mit Wohlgefallen auf der Arbeit ruhte. Er sah sie an, sie lächelte mit einem
solchen Ausdruck, dass er Mühe hatte, sich nicht vor dem Vater und der Mutter zu
verraten. Nachdem er dem Vater und der Mutter erst von seiner vorhabenden Reise
erzählt hatte, so spielten sie ein kleines Konzert, bei welchem Mariane schöner
und mit mehr Ausdruck sang, als sie noch je getan hatte. Drauf spielte Joseph
ein Konzert auf dem Flügel, und ward über den Beifall, den ihm Kronhelm und
Siegwart gaben, ganz entzückt. Siegwart sang auch, und wurde von Marianen und
ihren Eltern sehr gelobt. Um sechs Uhr machten diese viele Entschuldigungen, dass
sie weggehen müsten, weil sie sich bei ihrem ältern Sohn versprochen hätten.
Kronhelm und Siegwart wollten auch weggehen, wurden aber sehr gebeten, da zu
bleiben. Mariane bat auch, und Siegwart willigte nur gar zu gern ein. Joseph
machte auch Entschuldigungen, dass er zu seinem Zeichenmeister gehen müsse. Er
wolle um sieben Uhr sogleich wieder da sein etc. und unsre jungen Leute waren
nun allein. Sie sahen aus dem Fenster, als die Eltern weggiengen, und merkten,
dass der Wind sich gedreht habe, und aus Mittag wehe, und Tauwetter bringe. Es
fing auch bereits an etwas zu regnen. - Seis! sagte Mariane; wir haben nun doch
noch die Schlittenfahrt gehabt. Vielleicht können Sie auch morgen noch nicht
reisen. Kronhelm sagte, sie müsten, wo möglich, fort. Nun stellte sich Mariane
an den Flügel, schlug, ohne hinzusehen, ein paar Töne, sah ihren Siegwart an,
gab ihm die Hand, und sank in seinen Arm. Seligkeit des Himmels ward um ihn
herum, und noch mehr in seiner Seele. - Du must spielen, sagte er zu Kronhelm,
damit man unten und im Hause glaubt, wir machen Musik. Kronhelm spielte sich,
ganz allein, auf seiner Violine recht müde; oft ganz wild, und heftig wie der
Taumel der Liebe; dann wieder schmachtend und zärtlich, gleich der Empfindung
unsrer Liebenden. Sie sassen im Kanapee beisammen, glücklicher als alle Könige
der Erden. Ihre Zunge konnte nicht reden; nur ihr Auge sprach, und ihr
Händedruck. Liebes Mädchen! Lieber Engel! war alles, was zuweilen Siegwart
sagte. Dann lehnte sie wieder ihr Gesicht an seine Brust. Er küsste sie auf ihre
schönen Augen. Sie sah auf, erhub sich etwas und küsste seine offne, hochgewölbte
Stirne. Wenn ihre Blicke sich begegneten, wenn ihr Auge scharf in seines sah,
dann schoss ihm eine Träne drein, und er und sie lächelten, und ihr Gesicht sank
wieder an sein Herz, das so laut schlug, dass sies hörte. - Morgen, morgen! sagte
Siegwart traurig. Sis hub ihr Gesicht langsam auf, sah ihn schweigend, lang, und
wehmütig an! Ein Seufzer bebte ihre Brust herauf, und sie verbarg sich wieder
an der seinigen. - Traurig! traurig! rief sie Kronhelm zu, der eben ein Allegro
spielte. Auf Einmal sank er ins Moll herab, in eine Düsternheit, dass den
Liebenden schauerte. - Gedenke meiner, sagte Siegwart, wenn ich fern bin! Sie
drückte ihren Mund fest auf den seinigen; wendete sich eilig weg, nahm ihr
Schnupftuch, und wischte sich das Auge. - Nur etliche Tage! sagte Siegwart. -
Kann ich Ihnen schreiben? Sie schüttelte stillschweigend mit dem Kopf. Ich habe
niemand, sagte sie nach einer Pause. Dann drückten sie einander fest ans Herz,
und küssten sich, als ob sie den Atem und die Seelen austauschen wollten. - Man
läutete an der Glocke. - Schon vorbei? sagte Siegwart seufzend, und stand auf.
Joseph kam, und sagte, dass das Wetter sehr schlecht und ungestüm sei. Man hörte
auch stark stürmen, und der Regen wurde heftiger. Wenn es so fort macht, sagte
Mariane, und sah unsern Siegwart bittend an, so reisen Sie Morgen doch nicht!
Ich bitte Sie. Kronhelm versprach, noch einen Tag zu warten, wenn das Wetter
sich verschlimmre. - Um acht Uhr nahmen er und Siegwart Abschied. Sie leuchtete
ihnen hinunter. Der Wind löschte das Licht aus. Sie stand noch einige
Augenblicke bei ihnen. Siegwart küsste seinen Engel noch aufs zärtlichste, nahm
mit vielen Tränen Abschied, und versprach, bald wieder zu kommen. Den andern
Morgen stürmte und regnete es noch so stark, und das Gewässer vom zerflossnen
Schnee war so häufig, dass sie unmöglich wegreiten konnten. Auch am folgenden
Tage wars noch so, und sie konnten erst am Anfange der Charwoche abreisen.
    Mariane sah mit ihrer Mutter aus dem Fenster, als sie zu Pferd stiegen. Sie
sah traurig aus, und schmachtend. Siegwart blickte noch einmal zärtlich hinauf,
nahm den Hut ab, und ritt mit seinem Freund um die Ecke hinum. Mit schwerem
Herzen kam er auf das Feld hinaus, und sah sich noch einigemal mit Tränen nach
der Stadt um, die seine Mariane einschloss. Der Morgen war sehr heiter, und die
Sonne ging golden auf. Der Schnee war gröstenteils zerschmolzen, nur noch an
den Rainen, und Hecken, und in den Gräben lag ein wenig, wo die Sonne nicht so
frei hin scheinen konnte. Die Wiesen waren schon grün, besonders an den Quellen;
das junge Gras, und die Gänseblümchen keimten schon hervor. Die Lerchen
schwangen sich das erstemal in diesem Frühjahr in die Luft, und sangen. Es war,
als ob ein himmlisches, überirdisches Konzert über unsern beiden Jünglingen
schwebte. Ihre Seelen erweiterten sich, und lebten in der frischen
Frühlingsluft, die um sie her spielte, wie neu auf. All ihr Gefühl wurde
geschärft; jeder dachte an sein Mädchen und schwieg. Um Mittag kamen sie in ein
Dorf, wo sie ihre Pferde fütterten, und assen. Ein Fleischer sass in der Stube
mit zwei grossen Hunden. Er erzählte von einer Frau im nächsten Dorf, die
närrisch geworden sei, und nun gebe man ihr Schuld, sie habe ihren Mann
umgebracht. Dann erzählte er von einem alten Mann von 73 Jahren, den man
draussen im Bach todt gefunden habe. Vermutlich sei er selbst hineingesprungen,
denn sein Sohn, der nun auf seinem Handwerk sei, und bei dem der Vater aus Gnad
und Barmherzigkeit gewohnt habe, sei ihm hart und grausam begegnet, hab ihm
täglich vorgeworfen: Er esse Gnadenbrod, sei der Welt nichts mehr nütz, und
dürfe wohl machen, dass er bald draus fort komme. Diesen Morgen noch hab er ihn
einen alten Narren gescholten, ihm gedroht, er woll ihn noch aus dem Hause
stossen, und drauf habe der alte Mann geweint, und gesagt: Gott soll unter uns
richten! Hab sein altes zerrissenes Wamms angezogen, sei an seinem Stab aus dem
Dorf gegangen, und habe sich am Bach niedergesetzt. Ich hab ihn selber
angetroffen, sagte der Metzger; er gab mir noch einen guten Morgen, und nahm die
Mütze ab, dass ich seine Handvoll weisser Haare und seine Glatze sah, und bei mir
selber dachte: Lieber Gott, was es doch um einen Alten für ein Elend ist, wenn
sich niemand seiner annimmt, selbst die Kinder nicht, die er gross gezogen hat! -
Da hat sich eben der arme Mann hingesetzt, halb kindisch war er, wusste sich
selbst nicht mehr zu helfen, und sprang in das Wasser. Gott verzeih es ihm, er
war sonst ein guter Christ, der niemand nichts zu leid tat. Aber so Kerls, wie
sein Sohn ist, liess' ich spiessen, die verdienen nicht zu leben, wenn sie Leuten
nicht das Leben gönnen, denen sie doch alles zu verdanken haben. Das ist so
meine einfältige Meinung. Hab ich Unrecht, Herr? Siegwart gab ihm völlig Recht.
Kronhelm spielte indessen mit einem von den Hunden. Das ist ein treues Tier,
Herr! sagte der Fleischer. Der liesse sich eher todt schiessen, als mir was
tun. Nun erzählte er mit treuherziger Geschwätzigkeit die Geschichte und die
Tugenden seiner beiden Hunde. Sehen Sie, sagte er, die Tiere horchen auf, als
ob sies verstünden. Ja, es ist ein gescheides Tier um einen Hund. - Siegwart
liebkoste ein paar Kinder mit einem offenen Gesicht, und grossen blauen Augen.
Er fragte sie nach ihrem Alter, und nach ihrem Namen, und gab jedem einen
Kreuzer. Die Kinder sprangen mit dem Geld zu ihrer Mutter, wiesen es ihr, und
dann wieder auf Siegwart, dass ers ihnen gegeben habe. Die Mutter kam zu ihm her,
gab ihm die Hand, und sagte: O Herr, warum machen Sie sich Unkosten? Das ist gar
zu viel. Drauf mussten ihm beide Kinder die Hand küssen.
    Indem kam ein Bedienter in abgeschabter Livree mit verweinten Augen ins
Zimmer, und setzte sich an den Ofen. Er machte einige Bewegungen mit der Hand,
als ob er mit sich selber spräche, und dann zählte er etwas an den Fingern ab.
Was fehlt denn ihm, Marx? sagte die Wirtin. Ey, was wird mir fehlen! antwortete
er; sie haben mich im Schloss fortgeschickt, und nun kann ich betteln. Das ist
mir eine Haushaltung! Da ist ein welscher Hahn aus dem Schloss weggekommen, und
weil ich nichts davon wissen wollte, und auch meiner Treu nichts wusste; da geben
sie mir meinen Abschied. Ist das auch erlaubt? Aber ich weis schon wo das her
kommt. Die gnädige Frau kann mich eben nicht leiden, und das hat auch seine
Ursachen. Möcht ich nur Händel anrichten, und dem gnädigen Herrn ein paar
Stückchen vom Jäger und von ihr erzählen! Aber das mag ich ihm nicht zu leid
tun. Er ist ein kreuzbraver Herr, der so schon seine liebe Not hat. Nur das
ist unverantwortlich und himmelschreiend, dass man einem armen Dienstboten
seinen Lohn nicht gibt. Ich hatte zwanzig Tälerchen zu fodern; da kam die
gnädige Frau mit ihrer grossen Schreibtafel, und hatte, der Henker weiss, was all?
drauf geschrieben. Da war Porcellain zerbrochen, das ich nie gesehen hatte, da
war dies und jenes am Sattelzeug zerrissen; ein Füllen war gestorben, und da
sollt alle ich Schuld dran sein, und das Ding bezahlen. Ich mochte sagen, was
ich wollt; es half alles nicht, sie summirte, und siehe da: Summa summarum war
19 Taler 46 Kreuzer, dass mir also gerad noch 44 Kreuzer heraustrafen. Ich
dacht, ich hätte Blut weinen müssen, wie ichs hörte. Ich wollt ihr zu Füssen
fallen, und ihr meine Unschuld dartun; aber sie gab mir noch harte Reden, warf
mir das Geld in lauter Zweiern hin, und schlug die Tür zu. Ich wollt vor den
gnädgen Herrn, und ihm meine Not klagen, aber sie stand bei ihm im Hof, und da
durft ich nichts sagen. Die Livree gehört auch noch uns, sagte sie. Ach, mein
Schatz, lass ihm das, sagte er; es ist doch nicht viel mehr dran! Nun, so kann er
sich aus dem Schlosshof packen, rief sie, und sich nie mehr drinn erblicken
lassen! - So hat man mirs gemacht, und Gott weiss, ich hab meinem Herrn treu
gedient, das wisst ihr, Wirtin, und alle Leut im Dorf wissens. Nun weiss ich
nicht wo naus. Auf dem Leib hab ich nichts als diesen Kittel, an dem man alle
Fäden zählen kann. Kein Attestat hab ich auch nicht, darf mich nicht drum
melden. Und ohne Attestat nimmt mich keine Herrschaft an. Und, Gott weiss, meints
einer mit seiner Herrschaft ehrlich, so tus ich. Ich wollte gleich mein Leben
lassen, wenn mein Herr in Gefahr kommt; Ich wollt ihm dienen, dass er mir wie
seinem Kind trauen könnte. Ehrlich währt am längsten. Das hab ich noch von
meinem Vater gelernt, der war auch Bedienter, bis er 70 Jahr alt war, und nicht
mehr dienen konnte. Drauf zog er seine 44 Kreuzer heraus, und zählte 32 davon
ab, die er, wie er sagte, noch dem Jäger schuldig war für ein Gebetbuch.
    Kronhelm, der, wie Siegwart, von dem Schicksal des Bedienten sehr gerührt
war, zog die Wirtin auf die Seite, und erkundigte sich bei ihr nach ihm. Sie
gab ihm mit der guterzigsten Miene, und mit vieler Wärme das Zeugnis eines
frommen und rechtschaffenen Menschen. Drauf ging Kronhelm zu dem Bedienten, der
ihm, seiner guten, ehrlichen Bildung wegen, gleich gefallen hatte, fragte ihn,
was er monatlich fodre? und nahm ihn zu seinem Bedienten an. Der Kerl war vor
Freuden ganz ausser sich, und konnte kaum Worte finden, seine Dankbarkeit
auszudrücken. Kronhelm sagte ihm, er soll sehen, dass er ein Pferd geliehen
kriege, um nach München mitzureiten; in einer Viertelstunde kam er mit einem
Pferd wieder. Der Wirtin gab er das Geld für den Jäger, und bat sie, alle gute
Freund' im Dorf noch einmal zu grüssen. Als sich Kronhelm die Zeche machen liess,
foderte die Wirtin so wenig, dass er sie ausdrücklich fragte, ob sie nichts
vergessen, oder zu niedrig angerechnet habe? Sie sagte aber, Nein: sie hab alles
angerechnet; Sie tu sich nicht Unrecht, aber andern Leuten tu sies auch nichs.
Wie gewonnen, setzte sie hinzu, so zerronnen. Sie dankte auch Siegwart noch
einmal für die 2 Kreuzer.
    Auf dem Wege erzählte der neue Bediente, Marx, fast seine ganze
Lebensgeschichte mit vielen Umschweifen, und der, dem Schwaben so gewöhnlichen
gewissenhaften Aufrichtigkeit. Man sah ihms an, wie viel er auf seinen neuen
Herrn halte; er war besorgt, sobald das Pferd stolperte, und stieg ab, sobald es
scheute. Neugierig war er auch, wie die meisten Schwaben sind, und fragte
Kronhelm und Siegwart mit der treuherzigsten Einfalt, die ein Sachse für
Beleidigung halten würde, um alles, was sie angieng.
    Ziemlich spät am Abend kamen sie in München an, und stiegen, weil Kronhelm
seinen Onkel und seine Schwester nicht mehr überraschen wollte, in einem Gastof
ab. Marx war ausserordentlich besorgt, seine neue Herrschaft und unsern Siegwart
zu bedienen, und lauerte auf alle ihre Winke. Wenn einer nur eine Bewegung
machte, so fragte er sogleich, ob man etwas zu befehlen habe? und verrichtete
jeden Auftrag mit der geschwindesten Genauigkeit. Den folgenden Morgen schickte
ihn Kronhelm sogleich aus, ihn bei seinem Onkel zu melden. Marx kam bald wieder
mit der Nachricht zurück, der geheime Rat sei gegenwärtig nicht in München.
Kronhelm, der darüber sehr betroffen war, ging selbst nach seinem Hause, und
erfuhr: sein Onkel reise schon seit acht Tagen in Churfürstlichen Geschäften im
Land herum, und werde vor 14 Tagen nicht zurückkommen. Kronhelm kam voll Unmuts
wieder in den Gastof, erzählte Siegwart den verdriesslichen Umstand, und liess
sich nun bei seinem Schwager und seiner Schwester melden. Als er angenommen
wurde, ging Siegwart indessen aus, um die Stadt zu besehen. Er erstaunte über
die vielen schönen Häuser und Palläste, und noch mehr über die Volksmenge, die
ihm auf allen Strassen entgegen wimmelte. Alles, was er sah, war ihm neu.
Anfänglich gefiels ihm, bald aber ärgerte er sich, zu sehen, wie hier immer ein
Mensch dem andern im Wege steht; wie sich so viele tausende zusammentun, ein
jeder in der Absicht, von dem andern zu zehren. Eins Bauernhütte, dachte er, ist
mir lieber, wo sein Besitzer ruhig drinn sitzt, sich nur um sich selbst
bekümmert, von keines andern Hülf' oder Gnade abhängt, und im Frieden für sich
und seine Kinder sein Feld baut. Am meisten ärgerte er sich über die vielen
Müssiggänger, die, wie Puppen, die Strassen auf und ab tanzten, denen man den
Müssiggang ansah, und die, um den Müssiggang noch zu vermehren, eben so grosse
Müssiggänger, als Bediente, hinter sich drein gehen haben. Es schmerzte ihn, so
viel Leute in zerlumpten Kleidern, mit ausgehungerten Gesichtern, und mutlosen,
niedergeschlagnen Mienen zu sehen, die, von den goldbedeckten Herren umbemerkt,
wie Gewürm unter den Füssen des Wanderers herum kriechen. Gott, dachte er, das
sind doch auch Menschen, die auch Seelen haben, wie die Herren, und sie werden
nicht geachtet! Gibts denn keine Grösse, und kein Glück, wenn ihm nicht
Niedrigkeit und Elend zur Seite steht? Hier vergisst man ja sich selber vor dem
ewigen Gelärm der Kutschen, und den stillen rechtschaffenen Bürger muss man auch
vergessen. Leute mit den frechsten Gesichtern und dem aufgeblasensten Wesen sah
er zwischen andern, und besonders alten Mütterchen sich brüsten, die mit der
andächtigsten, oft bigottesten Miene, und dem Rosenkranz in der Hand, nach den
Kirchen zuschlichen. Aberglauben und Unglauben schien sich hier ewig zu
durchkreuzen. Als er eine Kirche vorbeikam, ging er hinein. Auf einmal dachte
er an Marianen, ging in einen Stuhl, warf sich auf die Knie, und betete mit
heisser Innbrunst, und mit Tränen in den Augen. Nun fühlte er erst ganz das
Glück der Ruhe und der Liebe, das er in ihrem Arm genossen hatte, und jetzt
entbehren musste. Mit ungewöhnlich starker Sehnsucht sehnte er sich nach ihr
zurück. In der Kirche sah er noch mehr die grosse Kluft zwischen Andacht und
Frechheit. Das gemeine Volk lag in tiefster Demut vor Gott, und die vornehmen
jungen Herren und Frauenzimmer stunden frech in ihren goldnen oder seidnen
Kleidern da, begafften sich mit stolzer Selbstzufriedenheit; warfen sich,
anstatt zum Himmel zu blicken, und in Demut vor Gott zu erscheinen, buhlerische
Blicke zu, und vergassen alle Ehrerbietung, die man in einem Gotteshause zeigen
sollte. Siegwart ging, mit einem schweren Seufzer aus der Kirche, und nach
seinem Gastof zurück.
    Kronhelm schickte seinen Bedienten dahin, und liess ihn zu seiner Schwester
zum Mittagsessen bitten. Er ward von ihr gütig aufgenommen. Ste war ein
Frauenzimmer von 25 oder 26 Jahren, das in den Gesichtszügen, das feine
weibliche abgerechnet, ihrem Bruder ganz ähnlich sah. Sie hatte viel Anmut in
der Miene, etwas schwärmerisches im Auge, und viele Lebhaftigkeit und Munterkeit
in ihrem Wesen. Ihr Mann war auch da; er war schon in den dreissigen, hatte eine
ziemlich angenehme Bildung, die er aber durch ein angenommnes, kaltes, steifes
Wesen sehr verstellte. Sein Betragen gegen Siegwart war höflich, aber doch von
einer Feierlichkeit und Entfernung begleitet, die alles Zutrauen verbannte. Vor
Tisch wurden die Kinder ins Zimmer gebracht, zwei Mädchen von 6 und 7 Jahren,
und ein Knabe von 9 Jahren, die wie junge Engel aussahen. Sie mussten etwas
französisch plappern, aber mit Siegwart sprach der Knabe deutsch, fragte ihn
alles, wo er herkomme? wie er heisse: Ob er auch einen Papa, und auch eine liebe
Mama habe? u.s.w. Dann erzählte er allerlei Geschichten von sich und seinen
Schwestern, von ihren Puppen, von seinen zinnernen Soldaten, die er herholte und
in Schlachtordnung stellte. Siegwart wollte ihm auch helfen, aber er machte,
nach seiner Meinung, alles unrecht; der Knabe lachte ihn aus, und belehrte ihn
eines Bessern. Dann holte er der Beaumont Magazin, las ihm daraus vor, und
erzählte ihm ein Mährchen. Siegwart musste auch vorlesen, und sich von dem
kleinen Karl alle Augenblicke korrigiren lassen. Er machte vorsetzlich Fehler,
und stellte sich bei den Belehrungen des Knaben sehr aufmerksam an, welches
diesem ausserordentlich gefiel. Die Mädchen unterhielten sich mit ihrer Mama,
und mit Kronhelm, dem sie ihre Puppen zeigten, ihre schönen Kleider
hererzählten, und von andern kleinen Mädchen unterhielten. Als die Kinder
weggebracht werden sollten, bat der Knabe sehr, man möcht ihn doch bei dem Herrn
lassen! Man versprach ihm aber, dass er wieder kommen dürfte. Bleib fein da!
sagte er zu Siegwart, als er weggieng.
    Bei Tisch war auch Kronhelms Bruder, ein etwas flüchtiger und leichtsinniger
junger Mensch, der die witzigen Franzosen, und besonders Voltärs Schriften stark
las. Er spottete über Universitäten, Professoren, und gelehrte Wissenschaften,
sprach viel von der Historie, in der Voltaire seine Quelle war; sagte, er
wünsche nichts mehr, als Paris zu sehen; schimpfte auf die Steifigkeit der
Deutschen, nahm aber den Münchnerhof davon aus; erzählte ein paar
Hofgeschichten, und ging wieder weg, in eine andere Gesellschaft.
    Herr von Eller, so hiess Kronhelms Schwager, der schon ernstafter dachte,
suchte ihm die Annehmlichkeiten des Hoflebens von einer andern Seite
darzustellen, und ihm den Hang, auf dem Land zu leben, zu entleiden. Er stellte
ihm das Glück vor, um einen grossen Herrn zu sein, immer höher zu steigen, und
endlich vielleicht gar zu seinem Vertrauen zu gelangen, u.s.w. Für Kronhelm war
dieses kein Glück, und er wich den Ueberredungen seines Schwagers mit Klugheit
und Bescheidenheit aus. Um 3 Uhr musste Hr. von Eller in eine Session, und seine
Gemahlin, Kronhelm und Siegwart blieben allein. Das Gespräch ward nun
vertraulicher. Die Frau von Eller fragte ihren Bruder, warum er so blass und
eingefallen aussehe? Er sei sonst viel munterer gewesen; jetzt hab er so viel
Ernst und Schwermut in seinem Karakter; seine Seele müsse eine grosse
Veränderung und tiefe Leiden erfahren haben. Er kenne die Freundschaft, die sie
von jeher gegen ihn getragen, und den Anteil, den sie immer an seinen
Schicksalen genommen habe; er möchte daher doch offenherzig gegen sie sein, und
ihr alles offenbaren, was er, ohne Verletzung seiner Ruhe könne! etc. Kronhelm
tat es auch, erzählte ihr mit vieler Rührung und der grösten Aufrichtigkeit
seine ganze traurige Geschichte mit Teresen, und setzte hinzu: So lang ich von
ihr getrennt leben muss, und sie nicht bekommen kann, so lang kann ich auch nicht
ruhig und nicht glücklich werden. Mein Herz wird sie ewig lieben, und ewig um
sie trauren, wenn ich sie nicht ganz besitzen soll. Für mich ist dann keine
Ruhe, als im Grab! - Seine Schwester sagte: sie habe von ihrem Onkel einen Teil
seiner Geschichte schon gewusst; sie habe innerlich um ihn getraurt, seine Liebe
und seine Leiden würden durch die Hindernisse, und durch die Zeit wieder
verringert werden; nun erfahre sie mit inniger Betrübnis das Gegenteil. - Ich
bin in der Absicht hieher gereist, sagte er, den Onkel auf meine Seite zu
bringen; denn, wenn ich nur selber mit ihm von Teresen reden, und ihm meinen
Zustand schildern könnte, so wär alles gut, aber nun ist dieses auch nichts.
Seine Schwester beruhigte ihn von dieser Seite mit der Versicherung, dass der
Onkel seiner Wahl nicht ganz abgeneigt sei; und jetzt, da er in Teresens Gegend
komme, sich gewiss nach ihr erkundigen, oder den alten Hrn. Siegwart selbst
besuchen werde. Der Onkel, setzte sie hinzu, hält alles auf dich, und ist für
dein Schicksal sehr besorgt. Er war mit dem Betragen unsers Vaters gegen dich
nicht zufrieden, aber weil er deine Liebe nur für ein aufbrausendes Feuer hielt,
so glaubte er, behutsam drein gehen zu müssen. Er hat sich unter der Hand
fleissig nach dir erkundigt, besonders bei einem Hofrat Fischer in Ingolstadt
(hier wurde Siegwart rot) und war oft sehr bekümmert, wenn er hörte, dass du so
niedergeschlagen seist. Erst noch neulich, als man von dir sprach, sagte er,
ich will mich der Sache annehmen, sobald ich kann. - Und was ich dabei tun
kann, Bruder, das tu ich gewiss. Davon brauch ich dir nicht erst Versicherung zu
geben. - Kronhelm war über diese Nachricht äusserst froh, und voll süsser
Hoffnungen. Er und Siegwart mussten nun der braven Frau viel von Teresen
erzählen. Sie erkundigte sich nach allen, sie betreffenden Kleinigkeiten sehr
genau. Kronhelm musste ihr Teresens ganzes Aussehen beschreiben. Er sagte: in
den meisten Zügen seh sie seinem Siegwart ganz ähnlich; nur eine feinere Haut
hat sie, sagte er, ist nicht so ernstaft, hat hellere und dunkelblauere Augen,
eine nicht so hoch gewölbte Stirne. Die Frau von Eller tat gegen unsern
Siegwart recht vertraut, trank auf Teresens Gesundheit, und war ganz mit ihm
zufrieden. Kronhelm sagte, auf den Karfreitag wollten sie wieder zurückreiten;
aber sie drang so lang in sie, am Karfreitag noch in München zu bleiben, um die
Prozession zu sehen, und den feierlichen Gottesdienst und die Trauermusik bei
Nacht mit anzuhören, bis sie endlich nachgaben. Der kleine Karl kam wieder, und
spielte mit Siegwart; die Mädchen wurden auch nach und nach zutätiger und
mischten sich mit in die Spiele. Sie erzählten in der Reihe herum Mährchen, und
Siegwart musste das seinige auch erzählen; aber er sah, wie viel ihm dazu fehle,
etwas auch den Kindern wahrscheinliches, zu erzählen, denn sie machten ihm alle
Augenblicke Einwendungen und Fragen, die er nicht beantworten konnte. Der Herr
von Eller kam auch wieder zurück, und war gegen unsre beiden Jünglinge ganz
verbindlich; aber weil er um 6 Uhr mit seiner Frau in Gesellschaft gehen musste,
so bat er sie auf den andern Tag wieder zu Tisch, und sagte, überhaupt, so lang
sie in München wären, sollten sie immer bei ihm essen.
    Den Abend assen Kronhelm und Siegwart in ihrem Gastof in Gesellschaft, aber
sie gingen bald wieder auf ihr Zimmer, denn in der Gesellschaft, die aus
gemischten Personen bestand, wurden fast lauter Spöttereien über die Religion,
Anspielungen auf die Begebenheit, die am bevorstehenden Fest gefeiert werden
sollte, und Zweideutigkeiten vorgebracht, die in der sogenannten grossen Welt,
wo der gute Ton herrschen soll, so gewöhnlich sind, und Leuten von Verstand und
Herz nicht gefallen können. Marx erzählte seinem Herrn, nach seiner Art, die
Merkwürdigkeiten, die er in der Stadt gesehen hatte. Er habe nicht geglaubt,
sagte er, dass so viel Menschen in der Welt wären, als er heut angetroffen habe.
Es sei in seinem Dorf am Jahrmarkt nicht so voll, wie hier auf allen Strassen;
und Junker hab er angetroffen, die weit schönre Kleider haben, als sein vorger
gnädger Herr an hohen Festen getragen habe, und doch seis jetzt nur ein Werktag;
wie's nun erst am Sonntag sein müsse? Es geb in seinem Dorf nicht so viele
Wagen, als er hier vergoldete Kutschen angetroffen habe. Man hab ihm auch das
Haus gezeigt, wo der Herr Kurfürst wohne. Unten sei ein Herr gestanden, von dem
er gewiss geglaubt habe, er sei der Kurfürst, denn er hat lauter Silber angehabt,
aber, als er sich sehr tief gebückt, hab des Herrn von Eller Bedienter ihn
ausgelacht, und gesagt, das sei nur ein Läufer. Auch in ein paar Kirchen sei er
gewesen; da sei so viel Gold, dass einem die Augen davon weh tuen. In der Einen
Kirche sei das Wahrzeichen ein Stein zwischen zwei Pfeilern; wenn man auf dem
Stein steh, so könne man kein Fenster in der ganzen Kirche sehen. Er wisse
nicht, wie das sein könn', aber es sei so; er habs selbst gesehen. In einer
andern Kirche blas' ein Engel die Posaune, dass man glaub, er lebe, und doch sei
er nur von Holz. Es muss wohl Zauberwerk sein, sonst könn' ers nicht begreifen.
In den Kirchen sei so schöne Musik, dass er glaub, die Leute in München müssen
all in den Himmel kommen, weil man ihn ihnen so schön und anmutig vormale. Es
sei eine Lust, da zu beten. Das Herz werd' einem ganz weit und leicht, und man
glaub, Gott müss' einem gnädig sein, wenn man so schöne Musik höre; auch glaub
er nicht, dass man viel Böses tun könn', wenn man oft so was mit anhöre; das
Herz werd einem so weich und mitleidig, dass man alles Böse drüber vergesse
u.s.w. Kronhelm und Siegwart hörten seiner Beschreibung mit Vergnügen zu.
Kronhelm gab ihm Taschengeld, und versprach ihm auch, ihm in Ingolstadt eine
neue Livree machen zu lassen; der arme Kerl war so dankbar, dass er vor Freuden
weinte, und sagte: Er möchte nur wissen, wie er bei Gott ein so grosses Glück
verdient habe? -
    Kronhelm liess ihn weggehn, und teilte nun mit seinem Siegwart seine Freude
über die frohen Aussichten, die er jetzt, in Absicht auf Teresen hatte. Er
machte schon Entwürfe, wie er sein künftiges Leben einrichten wollte. Wenn mein
Vater sich nicht zufrieden geben will, sagte er, so zieh ich auf das Landgut,
wo wir mit unsrer seligen Mutter lebten. Ich weis, dass Terese sich mit Wenigem
vergnügt, und mein Onkel wird schon auch für uns sorgen. Wir sind uns an jedem
Ort genug, und brauchen keinen Überfluss, wenn uns nur die Liebe mit
Zufriedenheit segnet; und das wird sie tun, so lang wir leben. Siegwart gab ihm
völlig Beifall, und sagte, so denk er auch in Absicht auf seine Mariane.
Kronhelm mochte ihn noch nicht fragen, welchen Plan er sich gemacht habe und
welche Lebensart er zu erwählen gedenke? Siegwart hatte auch im Taumel seiner
Liebe daran noch nicht gedacht.
    Den andern Morgen gingen sie bei Zeiten wies der zu Kronhelms Schwager.
Dieser wurde nach und nach vertraulicher, und legte den Hofton ziemlich ab. Er
fragte, ob sie nicht die Merkwürdigkeiten der Stadt besehen wollten? und gab
ihnen seinen Kammerdiener mit. Sie besahen die Residenz und besonders den
Prinzenhof, wo sie die vielen metallenen Bildsäulen, die zum Teil sehr gut
gearbeitet sind, bewunderten; das Antiquarium, mit den vielen marmornen
Bildsäulen der ältern römischen Kaiser, und die Kunstkammer. Sie bedaurten nur,
dass man alles nur so flüchtig besehen kann, und von der Menge der
Merkwürdigkeiten mehr betäubt wird, als dass man das, sich besonders
auszeichnende, studiren, und seinem Gedächtnis' einprägen kann. Auch giengen
sie in einige Kirchen, wo die Menge von Gemälden, Kostbarkeiten und Schätzen sie
blendete, und kamen um Ein Uhr zum Essen zurück. Herr von Eller fragte sie nach
verschiedenem, was sie gesehen hatten, und freute sich, dass sie auf die
Altertümer und die römischen Bildsäulen am aufmerksamsten gewesen waren, denn
er selbst war ein guter Altertumskenner, und ein Freund der alten Litteratur.
Bei Tisch sprach er viel von römischen und griechischen Schriftstellern, und war
über die Einsichten, die Siegwart und sein Schwager hatte, nicht wenig entzückt.
Er riet ihnen, sich in Ingolstadt, wegen des Griechischen, an den alten
Ickstadt zu wenden, der es in diesem Fach ausnehmend weit gebracht habe, und
zuweilen privatissima über den Homer, oder andre Griechen lese. Auch rühmte er
ihnen den Prof. Lory (der jetzt geadelt und geheimer Rat zu München, auch
Präsident über die Universität Ingolstadt ist), als einen Mann, dessen Herz und
Verstand, und Gelehrsamkeit gleich gross sei. Ich kenn ihn sehr genau, sagte er,
und hab in der Jugend mit ihm studirt. Er war im Studiren unermüdet, forschte
selbst, und prüfte alles, was er hörte. Im Griechischen, Lateinischen,
Italiänischen und Französischen war er schon dazumal zu Hause, und setzte sich
noch immer mehr drinn fest. Alles Wissenswürdige machte er sich zu eigen, und
erweiterte nachher seine Kenntnisse in den Wissenschaften noch mehr zu
Gottingen, wo er, ausser den andern berühmten Lehrern, sich besonders an den, in
seinem Fache grossen Pütter hielt, und sich seine ganze Freundschaft,die er
jetzt noch durch Briefe unterhält, erwarb. Er ist ein treflicher Mann, der alle
Weisheit der Alten und der Neuen aus ihren Schriften sammelt, und auf sich und
den Zustand seiner Mitbürger anwendet, denn er ist ein ächter deutscher Patriot,
der auf seinen Reisen nach Frankreich und Italien nicht, wie gewöhnlich,
Torheiten oder Laster, sondern Wissenschaften, Menschenkenntnis und
Weltklugheit eingeerndtet hat, und sie nun unter seine Mitbürger und in seine
Schriften ausstreut. Er hat bei seinem standhaften, deutschen, männlichen
Karakter, die uneingeschränkteste Menschenliebe und Rechtschaffenheit. Kurz er
ist ein Mann, wie es heut zu Tage wenig mehr gibt. Machen Sie ihm nur eine
Empfehlung von mir! Er wird Ihnen auch um meint  willen viele Freundschaft
erweisen. - Nach Tische zeigte Herr von Eller unsern Jünglingen seine
ansehnliche Kupfersammlung, und verwunderte sich über den natürlich guten
Geschmack, den sie zeigten. Er war aufmerksam, als er sie mit so vieler Wärme
von neuern deutschen Schriftstellern reden hörte, und liess sich sogleich einige
Trattnersche Nachdrücke von deutschen Dichtern aus dem Buchladen holen.
    Kronhelm und Siegwart blieben diesen Abend bis zehn Uhr da, und giengen sehr
vergnügt nach ihrem Gastof zurück. Den andern Morgen, am Karfreitag, giengen
sie in die Jesuiterkirche, wo sie mit der grösten Andacht eine sehr schöne und
rührende Trauermusik anhörten, und einen grossen Teil des vornehmen Münchner
Adels sahen. Siegwart wünschte nichts, als dass seine Mariane auch da sein
möchte, denn unter der Menge von Frauenzimmern, die er sah, konnte keine sein
Auge lange auf sich ziehen. Er dachte nur, wie seine Mariane in ihrem schwarzen
Kleid, und das himmlische Gesicht mit Flor bedeckt, jetzt auch im Chor knien,
und über die Leiden ihres Heilandes heilige und unschuldsvolle Tränen
vergiessen werde.
    Nach dem Essen sahen sie die grosse Prozession, und die Kreuzigung, die das
Jahr darauf auf kurfürstlichen Befehl, zum Triumph der gesunden Vernunft,
abgeschafft worden ist. Der Geissler und Büssenden war eine fast unzählige Menge.
Ganz München, auch der Hof, war an Einem Ort versammelt, und die Büssenden waren
mehr zum Gepränge, als aus Andacht da. Marx sagte nachher: das Geisseln hab ihm
so wohl gefallen, dass er beinahe Lust bekommen habe, auch mitzumachen, wenn er
nur gleich ein leinenes Kleid und eine Geissel gehabt hätte.
    Den Abend assen Siegwart und Kronhelm noch einmal beim Herrn von Eller.
Kronhelm sprach mit seiner Schwester nochmals allein wegen Teresen, und erhielt
die wiederholte ernstliche Versicherung von ihr, sie wolle sich seiner aufs
möglichste annehmen, und gewiss ein kräftiges Vorwort bei ihrem Onkel einlegen.
Um zehn Uhr nahmen die beiden Jünglinge Abschied, denn sie wollten den andern
Morgen, mit dem Tag, wegreiten. Um 11 Uhr giengen sie in die Frauenkirche, um
die grosse Trauermusik, die zum Andenken der Kreuzigung des Erlösers aufgeführt
wird, mit anzuhören. Die ganze kurfürstliche Kapelle war zugegen. Der Anblick
der Kirche war der feierlichste. Eine grosse Menge von Wachslichtern erleuchtete
die Dunkelheit der Kirche. Oben im Gewölbe schwebte der Weihrauchsdampf wie eine
Wolke. An den Wänden glänzten die vergoldeten Altäre, Gemälde und der Marmor.
Die Volksmenge drängte sich, und ihre Stimmen, und der Schall der Gehenden
machten ein dumpfes, fürchterliches Gemurmel. Die schwarze Kleidung der meisten
Frauenzimmer machte die Scene noch feierlicher. Auf Einmal wurde das wehmütige
Miserere von Allegri angestimmt. Das Gemurmel schwieg; alle Gesichter wendeten
sich nach dem Chor hin, und glänzten im Schein der Wachslichter. Jede Brust war
von Bangigkeit beklommen. Aus allen Mienen sprach allgemeine Wehmut. Die
Instrumente klangen dumpf wie aus dem Grab. Die tiefe Demut und die Traurigkeit
der Singstimmen ergoss sich in jedes Herz. Ein allgemeines Sehnen nach Erbarmung
atmete aus jeder Brust. In Siegwarts Seele wars wie das Sehnen nach der
Auferstehung. Er weinte, denn er dachte sich die Liebe Christi, die für uns
gestorben ist, dachte alle die unabsehlichen Folgen dieses Todes die in alle
Ewigkeit fortströmen; sah seinen Heiland am Kreuze hangen, und mit Heiterkeit
hinab ins Grab blicken; sah die Augen aller auf ihn gerichtet, die im Elend
schmachten; sah die Dunkelheit der Gräber, und das ängstliche Harren der Kreatur
nach der Erlösung und der Auferstehung; sah auch seine Mariane mit schon
halbgebrochnen Augen zu ihm aufblicken. Seine Seele bat zu ihm für sie, für
sich, und alle Menschen. Lass sie Alle Eins werden! dacht' er, mach sie Alle
selig! - Zum Schluss ward noch ein herrliches Oratorium aufgeführt, das aller
Herzen hob, und mit Aussichten in die Ewigkeit erfüllte.
    Marx ging mit Kronhelm und Siegwart heim. Er sprach lange nichts. Endlich
sagte er: Er glaube, im Himmel werde einst lauter Musik gemacht werden, denn
schöners könne man wohl nichts erdenken. Siegwart und Kronhelm legten sich noch
in den Kleidern drei oder vier Stunden zu Bette, und mit Sonnenaufgang ritten
sie aus der Stadt weg. Siegwart freute sich unaussprechlich, seine Mariane bald
wieder zu sehen. Sein Pferd lief ihm viel zu langsam, und er konnte den Abend
kaum erwarten. Auf dem ganzen Wege fiel nichts wichtiges vor. Die beiden Freunde
unterhielten sich wechselsweis von ihrem Glück, und kamen, mit dem Bedienten,
Abends ziemlich früh in Ingolstadt an, weil Siegwart so sehr getrieben hatte.
Seine Mariane lag im Fenster, und winkte ihm mit den Augen, dass er sie besuchen
möchte. Er hatte auch kaum seine Reisekleider ausgezogen, so ging er mit
Kronhelm hinüber. Der Hofrat Fischer war allein bei seiner Tochter im Zimmer,
weil die Mutter zu der Schwiegertochter gegangen war, die sich nicht recht wohl
befand. Die Liebenden sahen einander mit einer Sehnsucht an, als ob sie sich
Jahre lang nicht gesehen hätten. Gern wären beide einander in die Arme geflogen,
und hätten sich ans Herz gedrückt, wenn nicht die Gegenwart des Vaters sie
zurückgehalten hätte. Kronhelm und Siegwart mussten viel von München, von der
Prozession, und der Trauermusik erzählen. Mariane hieng an den Augen ihres
Jünglings, wie die Seele eines Inbrünstigbetenden am Krucifix. Sie schenkte ihm
Kaffee ein. Er bemerkte die Stelle, wo sie die Schaale gehalten hatte, und
drückte sie, mit einem Blick auf seinen Engel, an den Mund. Nach einer halben
Stunde ging der Hofrat auch zu seiner Schwiegertochter, und entschuldigte sich
bei Kronhelm und Siegwart, dass er sie allein lassen müsse. Mariane leuchtete
ihrem Vater die Treppe hinunter. Als sie wieder zurück kam, sah sie ihren
Siegwart zärtlich an gab ihm die Hand, und sank in seinen Arm. Er konnte vor
Entzücken so wenig sprechen, als sie. Nur Küsse und seelenvolle Blicke drückten
die Empfindüngen ihrer Herzen aus. - Haben Sie zuweilen auch an mich gedacht?
fragte Siegwart endlich. Immer, immer! gab sie zur Antwort. Ich sah hundertmal
des Tags nach Ihrem Fenster, ob ich Sie nicht sehe? Und dann fiel mir erst ein,
dass Sie weit von hier wären, und da ward ich traurig und weinte. Vorgestern und
gestern Abend sah ich unaufhörlich aus dem Fenster, ob Sie noch nicht kommen?
und als ich mich in meiner Erwartung betrogen fand, hatt ich tausenderlei
traurige Vorstellungen, dass Ihnen ein Unglück begegnet sein möchte. So oft ich
in der Ferne ein Pferd kommen hörte, fing mein Herz laut zu schlagen an, weil
ich dachte, nun kommt er. Heut, als ich Sie kommen sah, war ich so ausser aller
Fassung, dass ich fürchte, meine Mutter habe es gemerkt. Das Beste ist, dass sie
auch aus dem Fenster sah, und also meine Bewegung nicht wahrnehmen konnte. - Er
schloss sie fester an sein Herz, und belohnte mit dem heissen Kuss der Liebe ihre
Zärtlichkeit. Dann fragte sie, was Kronhelm ausgerichtet habe? und freute sich
über die frohen Aussichten, die er hatte. - Alles Glück der Zärtlichkeit ergoss
sich diesen Abend über unsre beide Liebende. Sie empfanden die Seligkeit,
einander zu besitzen, nun noch mehr, weil die kurze Trennung sie gelehrt hatte,
wie unentbehrlich eins dem andern sei. Marianens Bruder kam ihnen nur allzufrüh,
nach Haus, und das Gespräch ward gleichgültiger, ausser dass die Liebenden sich
zuweilen mit dem beredten Blick der Liebe seitwärts ansahen. Die Hofrätin kam
bald darauf auch nach Haus, und hatte eine herzliche Freude über die glückliche
Zurückkunft unsrer Jünglinge. Beim Weggehn leuchtete Mariane ihrem Siegwart und
seinem Freund die Treppe hinunter, und erzählte ihm, wie gut ihm ihre Mutter
sei, und wie vorteilhaft sie sehr oft von ihm spreche. Eine Nachricht, die
unserm Siegwart ausserordentlich angenehm war. Nach etlichen Küssen und
Umarmungen trennten sich die Liebenden, weil sie fürchteten, der Hofrat möchte
bald zurückkommen, und sie in der Haustüre überraschen.
    Den andern Morgen, welches der Ostertag war, sah Siegwart seine Mariane in
der Kirche. Ihre festliche Kleidung, ihr aufgeheitertes Gesicht, die hohe
Andacht, die draus hervorleuchtete, bezauberten sein Herz mehr als jemals. Als
er in seiner Freude nach Hause ging, und sich im Taumel seiner Wonne kaum
fassen konnte, da ward er auf Einmal durch Kronhelms Anblick drinn gestört.
Dieser kam ganz bestürzt, mit einem Brief in der Hand zu ihm aufs Zimmer. Ich
muss fort! sagte er, und warf den Brief auf den Tisch. Siegwart sah ihn betroffen
und stillschweigend an. Lies nur! sagte Kronhelm. Siegwart las:
                                  Lieber Son.
Dass Zibberlein hat mich abermalen hingeworfen, dass ich glauben tät, es sei aus.
Es wirt mir gewiss noch einmal den Fang geben. Will mich in Goddes Nammen darauf
vorbereiten tun, und mein Schloss bestellen. Du muost darbei sein, darum komm!
hast meiner Seel gnuog Gelt an das verdrakte Stuttieren verwendt, dass ich denk,
es sei genuog. Du weist wohl, dass bei einem Junker bei den Büchern nigs
herauskommen tut. Pack also auf, und komm bälder als balt, oder 's geht nicht
guot. Wenn du kommen tust in fier Tägen, so bin ich dein gedreuer Vatter
                                                                 Veit Kronehelm.
    Was hältst du von dem Brief? sagte Kronhelm. Ich halt ihn für so schlimm
nicht, antwortete Siegwart. Dass du fort must, das ist freilich traurig, und für
mich am meisten, aber sonst seh ich nichts Böses bei der ganzen Sache. Wenn dein
Vater, wie es scheint, so schwach ist, dass er bald sterben könnte, so wirst du
dein eigner Herr, und dann ... Schon gut, fiel hier Kronhelm ein; aber ich habe
eine Ahndung ... Ich weis selbst nicht. Mein Vater könnte leicht andre Absichten
haben. Er wird wieder von Teresen anfangen, und da zittr' ich, wenn ich dran
denke. - Siegwart suchte ihn, so viel als möglich, zu beruhigen, und ihm allen
Argwohn zu benehmen. Er suchte ihm grössere Hoffnungen einzuflössen, als er selber
hatte, und sprach ihm Mut ein, da es ihm doch selbst daran gebrach; denn der
Gedanke, seinen besten Freund so bald zu verlieben, beugte ihn tief nieder. Wenn
alles fehlschlägt, sagte er, so hast du ja deinen Onkel, auf den du dich
verlassen kannst. Er wird sich der Härte deines Vaters gewiss widersetzen, und
sich deiner annehmen. Durch diese und andre Vorstellungen wurde Kronhelm etwas
ruhiger, und beschloss, gleich den andern Tag abzureisen. Ich will meine meisten
Sachen hier lassen, sagte er; vielleicht komm ich wieder. Wenigstens will ich
alles tun, was ich kann; denn was soll ich bei meinem Vater machen, zumal wenn
er krank und verdriesslich ist?
    Siegwart bestellte für seinen Freund einen Mietkutscher, und für sich ein
Pferd, um ihn einige Stunden weit zu begleiten. Er verbarg seine Traurigkeit
sorgfältig, um ihm nicht den Abschied schwerer zu machen, oder seine traurige
Vorstellungen und Ahndungen zu vergrössern. Kronhelm packte indessen seine
nötigsten Sachen zusammen, und nahm dann beim Hofrat Fischer, und einigen
wenigen Freunden Abschied. Seine ökonomischen Umstände waren bald in Richtigkeit
gebracht, da er jedermann sogleich bezahlte. Gegen Abend war er fertig, ohne dass
er selber wusste, wie er dazu gekommen war. Nun konnt er sich erst besinnen, und
an sich selber denken. Nun fiel ihm erst die nahe Trennung von seinem Siegwart
schwer aufs Herz. Nun sollte er zum zweitenmal, und, Gott weis wie lange? sich
von seinem Herzensfreund, von dem Bruder seiner Terese, der ihm, nach ihr,
alles auf der Welt war, trennen. Nun sollt' er einem Vater entgegen gehen, der
wenig oder gar kein menschliches Gefühl hatte, der ihm das Kleinod seines
Herzens rauben wollte. Er sass in der Dämmerung, sah seinen Siegwart an, und
versank in die tiefste Nacht des Kummers. In seiner Seele wälzten sich tausend
Zweifel hin und her. Seine Phantasie türmte Gefahren auf Gefahren vor ihm auf.
Siegwarts Gesicht kam ihm in der Dämmerung wie Teresens ihres vor. Die tiefe
Traurigkeit, die drinn sass, schien ihm eine ewige Trennung anzukündigen. Er
konnte sich nicht länger halten, sprang auf, drückte seinen Siegwart fest ans
Herz, und rief: Bruder, Bruder, was wird aus uns werden! Unserm Siegwart
stürzten die Tränen aus den Augen; er konnte nichts sprechen, und schloss seinen
Freund noch fester ans Herz. - Wir werden gar zu traurig, sagte er endlich; lass
uns etwas anders sprechen, oder uns ein wenig ausgehen.
    Ich kann zu keinem Menschen gehen! sagte Kronhelm; ich weis nicht, wie mir
ist? Ich bin für alle Gesellschaft unbrauchbar. Das ist ein erschrecklicher
Zustand! Ich seh nichts vor mir, als Trennung und Elend. Indem ward an die Türe
geklopft, und Dahlmund kam. Ich konnte heut nicht genug mit dir reden, Kronhelm!
sagte er, weil jemand bei mir war. Dir und Siegwart hab ichs zu verdanken, dass
ich von der Weissin los bin, und mit ihrem liederlichen Kerl mich nicht
geschlagen habe. Heut ist er durchgegangen, und hat ein paar hundert Gulden
Schulden hinterlassen. Kürzlich hat er noch beim Kaufmann etliche Ellen Stoff zu
einem Kleid ausgenommen, und ihr verehrt. Nun will der Kaufmann von ihr die
Bezahlung, oder seinen Stoff wieder, und drüber wird sie das Gespräch der ganzen
Stadt. O, ich bin so froh, dass sie mich nicht mehr in ihren Klauen hat. Ihr habt
brav an mir gehandelt, dass ihr mich so von ihr losrisset, und ich werd es nie
vergessen. Es tut mir nur leid, Kronhelm, dass wir dich so bald verlieren
sollen. - Siegwart lenkte das Gespräch, mit Vorsatz, auf etwas anders, und
Kronhelm ward nach und nach ziemlich zerstreut, und, nach Umständen, munter.
    Dahlmund blieb noch ein paar Stunden da, und nahm von Kronhelm mit vieler
Rührung Abschied. Siegwart bat seinen Freund, frühzeitig zu Bett zu gehen, weil
sie morgen bald aufstehen wollten. Er war besorgt, sie möchten beide wieder in
den schwermütigen Ton herab sinken, und sein Freund möchte Zweifel aufwerfen,
die er nicht im Stand wäre, umzustürzen; denn er schloss wirklich aus dem
Schreiben des Junker Veit wenig Gutes. Kaum war er allein auf seinem Zimmer, so
brach sein Schmerz mit aller Gewalt aus. Er fühlte den Verlust, den er leiden
sollte, in seinem ganzen Umfang. Es war ihm jetzt gedoppelt schmerzhaft, seinen
einzigen und besten Freund zu verlieren, da er kaum einen Vertrauten seiner
Liebe entbehren konnte, und doch keinen Menschen auf der Welt wusste, dem er sich
so ganz anvertrauen könnte, denn mit Dahlmund war er nicht vertraut genug. Nach
vielen Tränen, und tausend ausgestossnen Seufzern legte er sich endlich zu
Bette.
    Um 4 Uhr weckte ihn Kronhelm wieder, und war so bewegt, dass er kein Wort
sprechen konnte. Sie tranken stillschweigend mit einander Kaffee, packten das
noch übrige zusammen, und reisten um 5 Uhr ab. Mariane trat in ihrem Nachtzeug
ans Fenster, grüsste Kronhelm noch einmal halb freundlich und halb traurig; auf
ihren Siegwart warf sie einen schmachtenden und liebevollen Blick. Vor dem Tor
fragte Siegwart: Weis sies, dass ich dich nur etliche Stunden weit begleite, und
heut wieder zurückkomme? Ja, ich hab ihrs gestern gesagt, antwortete Kronhelm.
Weil Siegwart im Reiten neben der Kutsche nicht gut mit seinem Freunde sprechen
konnte, so liess er den Marx auf sein Pferd sitzen, und setzte sich zu ihm
hinein, denn jetzt, in der freien Luft, wurden ihre Herzen leichter, und sie
konnten eher mit einander sprechen. Ihre Unterhaltung war, wie natürlich,
traurig. Ihre Blicke sprachen mehr, als ihre Zunge. Grüss Teresen tausendmal!
sagte Kronhelm; schreib mir alles, was du von ihr weist! Unser Schicksal muss
sich nun bald entwickeln. Wenn sie nur Mut genug hat, alles zu erwarten! Zwar
ich hoffe viel; aber, Bruder, unser Schicksal steht in Gottes Hand; wir können
nichts tun, als ihm willig folgen ohne Murren. Ich habe doch bei allem, was mir
noch bisher begegnete, erfahren, dass es nichts als weise Güte ist, wodurch uns
Gott regiert. Dieser Grundsatz kann mich allein bei allen Widerwärtigkeiten
trösten. Lass ihn in dir leben und weben, und sorg, dass ihn auch mein Engel sich
ganz zu eigen macht! Ich schreibe dir, sobald als möglich. Lieber Freund, dass
wir uns trennen müssen, ist sehr hart, und doch werden wir noch einsehn, dass es
auch weise Güte war, die uns trennte. - Wir hätten uns weit besser geniessen
können. Jeder Augenblick, der uns ungenossen hinfloh, schmerzt mich jetzt. Wie
oft sassen wir eine Stunde lang beisammen, ohne zehn Worte zu sprechen. O, wenn
doch der Mensch die Zeit recht zu geniessen wüste! Aber hinter drein wird man
weise. - Desto besser, sagte Siegwart, werden wir die Zeit benutzen, wenn uns
Gott wieder zusammen führen sollte. O Freund, wird es wohl geschehen? - Ja, ich
hoff es, hoff es, sagte Kronhelm. Ohne diese Hoffnung wäre mir die Trennung
unerträglich. Aber schreib mir fleissig. Lass mich nicht in meiner Einsamkeit
verschmachten! - Du mich auch nicht, Kronhelm! Du weist, wie ich ohnehin zur
Schwermut geneigt bin. Wenn ich dich nicht hätte, und es ginge mir in meiner
Liebe widerwärtig! Bruder, Bruder, schreib mir! - Du must glücklich werden,
sagte Kronhelm, du, und Mariane! Wenn ein Mensch es wert ist, so seid ihrs.
Aber, Bruder, du must dich bald entschliessen, welche Lebensart du wählen
willst. Ein Geistlicher wirst du nun doch nicht, und das ist recht gut, ich war
nie damit zufrieden. Aber, da Mariane weis, was du bisher studirt hast, so
könnte sie leicht unruhig werden. Reiss sie bald aus ihrer Unruhe! - Ich wills
tun, Bruder! versetzte Siegwart. Es geht mir schon lang im Kopf herum, und
quält mich heimlich. Ich bin selber noch nicht schlüssig; so bald ichs bin,
schreib ich dir davon. Ein Geistlicher kann ich freilich nicht werden. Gott wird
mirs vergeben, und ich hoffe, mein Vater wird es auch zufrieden sein. Ich muss
mich erst an Teresen wenden. - Tu es bald! sagte Kronhelm du weist, wie der
Engel denkt. -
    So fuhren sie unter freundschaftlich wehmütigen Gesprächen noch drei
Stunden fort. Kronhelm fragte seinen Freund etlichemal, ob er nun nicht
aussteigen und umkehren wollte? Aber Siegwart wollte gar nichts davon hören. Lass
mir noch die Freude, sagte er, dich ein paar Stunden länger zu haben! Wer weis,
wenn wir wieder so beisammen sind. Zuletzt wagte Kronhelm nicht mehr, etwas zu
sagen, bis sie endlich in ein Dorf, 5 Stunden von Ingolstadt kamen.
    Hier hielt der Fuhrmann, um die Pferde zu füttern. Siegwart und Kronhelm
assen etwas weniges zusammen, und sprachen nur sehr selten. Vielleicht ist dies
das letzte Mittagsessen, sagte Siegwart seufzend. - Nicht so zaghaft, Bruder,
versetzte Kronhelm; man sieht sich immer wieder, hat einmal ein weiser Mann
gesagt; seitdem ist dies mein Trost bei jeder Trennung. Wer weis, ob ich nicht
in wenig Wochen oder Tagen wieder in Ingolstadt bin? Und dann sind wir ja nicht
so weit von einander. - Hoffnung ist freilich das beste, wenn man sonst nichts
hat, sagte Siegwart.
    Endlich sagte der Fuhrmann: Er habe angespannt. Kronhelm, der eben ein Glas
Mallaga in der Hand hatte, und trinken wollte, stellte das Glas wieder hin, ohne
einen Tropfen zu trinken, stand auf, legte seinen Ueberrock an, gab seinem
Bedienten seinen Stock und Degen, und umarmte seinen Siegwart. Keiner konnte ein
Wort sprechen. Sie gingen aus der Türe, und umarmten sich noch einmal. Gott sei
mit dir! sagte jeder! - Grüss Teresen tausendmal, und Marianen! Leb wohl,
Bruder, vergiss meiner nicht, schreib mir fleissig, und sei glücklich! Mit diesen
Worten stieg Kronhelm in den Wagen. Siegwart eilte, tränenlos, an den Schlag,
drückte seinem Freunde noch einmal die Hand. Marx nahm den Hut weinend ab, und
der Wagen schwand aus Siegwarts Augen.
    Die Wirtsleute stunden da, und wisperten zusammen. Die Herren müssen recht
viel auf einander halten, sagte die Wirtin; sie machen, dass einem das Weinen
ankommt. Ja, ja, das scheint ein braver Herr zu sein, der da fortgefahren ist.
Er war so still und freundlich, dass man ihm nicht bös sein konnte. Nun, Gott geb
ihm Glück auf den Weg! Diese Rede voll Einfalt rührte unsern Siegwart so sehr,
dass ihm nun erst die Tränen in die Augen schossen. Er trank noch ein paar
Gläser Wein, bezahlte, und ritt fort.
    Auf dem Wege brach sein Herz ganz. Nun allein zurück zu reiten, sich mit
jedem Schritte mehr von dem Freund seiner Seele zu entfernen, der Gedanke
begleitete ihn unaufhörlich. Gott segne ihn! war alles, was er denken konnte.
Gott! ich hab ihn durch Mistrauen so beleidigt! O vergib mir, wenn es möglich
ist! Weiter fühlte seine Seele nichts. - An Marianens Busen seinen Schmerz
auszuweinen, war der Wunsch, der ihn beflügelte, dass er in drittehalb Stunden zu
Ingolstadt ankam. Der Hofrat Fischer sah aus dem Fenster, als er abstieg, und
fragte, ob er den Herrn von Kronhelm glücklich verlassen habe? Ich komm hinüber,
sagte Siegwart, wenn Sie es erlauben wollen. Nach einer halben Stunde ging er
hinüber, und brachte dem Hofrat tausend Empfehlungen von Kronhelm. Der Hofrat
lobte ihn sehr. Mariane war nicht gegenwärtig. Siegwart war darüber innerlich
sehr unruhig, aber seine Verwirrung schien von der Trennung von Kronhelm
herzurühren. Nach andertalb Stunden wollte er wieder gehen. Der Hofrat sagte
aber, ob er nicht noch auf seine Tochter warten wolle? Sie müsse alle
Augenblicke von einem Besuch bei einer Freundin zurückkommen. Dies war eine
Herzstärkung für unsern kranken Jüngling.
    Nach einer Viertelstunde kam sein Engel. Verzeihn Sie! war ihr erstes Wort.
Ich vermutete Sie hier, aber ich konnte mich nicht losreissen. Ist er glücklich
fortgekommen? - Tausend Grüsse, sagte er; der Abschied war unendlich schmerzlich
für uns beide. Ach, ich glaub es; versetzte sie, und seufzte. Nach einigen
Erzählungen ging der Hofrat auf sein Zimmer, weil er Geschäfte hatte. Siegwart
sank in Marianens Arm, und weinte. Eine Stunde lang konnte er nichts, als
seufzen. Sein Mund hing fest am ihrigen, und Tränen mischten sich in ihre
Küsse. Verzeihn Sie, Teure! sagte er, ich kann heut nicht sprechen. Gott weis,
wie mir zu Mut ist! Hätt' ich Sie nicht, ich verginge. - Sie streichelte ihm
die Tränen von den Wangen, oder küsste sie weg. Nach einer halben Stunde hörten
sie ein Geräusch. Mariane sprang ans Klavier und spielte eine Phantasie. Es kam
niemand auf das Geräusch. Sie spielte eine traurige Opernarie von Hasse. Es war
ein Abschiedslied. Das Wort: Adio! war drinn ausserordentlich ausgedrückt. Sie
hatte ausgespielt, und sah ihn an. Er wollte eben an ihr Herz sinken, als der
Hofrat wieder ins Zimmer kam. Nach einer Viertelstunde ging Siegwart weg. Zu
Hause machte er ein Lied:
                        Nach Kronhelms zweiten Abschied.
Gränzt die Freude denn hienieden
Immer nur an Traurigkeit?
Ist uns denn kein Glück beschieden,
Das sich ohne Tränen freut?
Kronhelm, ach, und du, Erwählte,
Schmerz und Wonne schafft ihr mir!
Kaum dass Liebe nicht mehr quälte,
Quälet Freundschaft mich dafür.
Kaum dass Sie dem wunden Herzen
Endlich Linderung erteilt,
Wird mit neuen bangen Schmerzen
Die zerrissne Brust zerteilt.
An die Eine Seite sinket
Das erflehte Mädchen hin;
Ach, und von der andern winket
Unerforschte Schickung ihn.
Weindl', o Freund! nach tausend Tränen,
Dem erweinten Mädchen zu!
Erndte, nach so langem Sehnen,
Der erweichten Liebe Ruh!
Und Du, Mariane, eile,
Segen lächelnd, an mein Herz,
Und umarme mich, und heile
Der verlassenen Freundschaft Schmerz!
    Den andern Tag ging Siegwart traurig und niedergeschlagen umher. Der
Schmerz um seinen verlohrnen Freund begleitete ihn aller Orten hin. Seine
Mariane konnte er nur sehen, aber nicht sprechen. Abends fieng er einen sehr
wehmütigen Brief an Kronhelm an. Den Tag drauf erhielt er folgenden Brief von
Teresen.
                             Allerliebster Bruder!
    Ich eile, dir die angenehmste Nachricht zu schreiben. Vor drei Tagen liess
sich ein fremder Herr bei unserm teuren Vater melden. Wir machten uns so
schnell als möglich auf seine Ankunft gefasst. Er war sehr höflich, und bat sich,
auf eine angenehme Art, selbst zu Gast. Er hatte aber seine eigne Küche und drei
Bediente bei sich, die ihn Herr geheimer Rat nannten. Ich war in der Küche, und
machte einige Zurüstungen. Er frug aber nach mir, und sagte, dass ich notwendig
mit bei Tische sein müsse. Du kannst dir nicht vorstellen, wie leutselig und
herablassend der Herr war, und trug doch einen Stern auf der Brust. Aber ob er
gleich so vornehm aussah, so must ich ihn doch lieb haben, denn er hatte nicht
den geringsten Stolz an sich. Mit mir gab er sich viel ab, und fragte mich
allerlei aus. Sie sind ja so blass, liebes Jungferchen, sagte er; in Ihrem Auge
sitzt so etwas; ists vielleicht unglückliche Liebe? Ich ward feuerrot, und
konnt ihn lange nicht mehr ansehn. Er lobte mich auch gegen unsern l. Vater so,
dass ich gern weit weg gewesen wäre, ob mirs gleich im Herzen wohl tat, von
einem so braven Mann gelobt zu werden. Mit dem l. Vater ging er auf einen recht
vertraulichen Fuss um, dass dieser ganz vergnügt und offenherzig wurde. Einmal,
als die Bedienten weg waren, wendete er sich schnell zu mir, und sagte: Kennen
Sie nicht einen jungen Kronhelm? dabei sah er mich so steif ins Auge, als ob er
mir durchsehen wollte. Gott weis, wie mir da auf Einmal wurde? Mein Gesicht
brannte. Ich weis nicht, was ich zur Antwort gab? Ich glaub, ich sagte: Ja, ich
kenn ihn. Er ist mein Neffe, sagte er; ich heiss Kronhelm. Unser Vater stand auf,
weil der Herr sehr viel in München gilt, und wollte sich wegen seiner
Vertraulichkeit entschuldigen. Er musste aber gleich wieder nieder sitzen. Wir
sind gute Freunde, Herr Amtmann, sagte er, und müssen uns noch näher kennen
lernen. Keine Komplimente! - So kennt Sie meinen Neffen, gutes Mädchen, und
liebt ihn auch? Nicht wahr? Scheuen Sie sich nur nicht, es zu sagen! Ich bins
wohl zufrieden! Er verdient Sie, und ist Ihnen auch gewiss recht gut. Fassen Sie
sich nur! Es ist mir recht lieb. Mein Wort haben Sie. - O liebster Bruder, es
war mein Glück, dass er so freundlich war, und dass ich weinen konnte; sonst wäre
mein Herz zersprungen. Ich musste mein Schnupftuch vors Gesicht halten, so sehr
weint ich. - Diese Tränen sind alles wert, sagte er; und dann zu unserm Vater:
Unsre Kinder sind einander auch wert; nicht wahr, lieber Herr Amtmann? Mein
Neffe hat eine gute Wahl getroffen. Ein solches Mädchen hätt ich in meiner
Jugend auch geheiratet, wenn ich eins gefunden hätte. Ihr sollt mir an
Kindesstatt sein! Sie lieben ihn doch noch recht herzlich? - Hier nahm er mich
bei der Hand. O Bruder, ich dacht, ich hätt in Tränen zerfliessen mögen. So ein
Herr ist mehr wert, als die ganze Welt! Unser bester Vater sprach kein Wort,
und ward ganz blass. - Mein Bruder ist ein harter Mann, sagte der geheime Rat.
Ich will ernstlich mit ihm reden. Morgen reis ich zu ihm. Wenn er nicht
nachgibt, so nehm ich mich meines Vetters an; ich kann ihm schon Vermögen
geben, denn ich habe keine Kinder. - Dann redete er mit unserm Vater allerlei
ab. Mir sagte er, ich sollte guten Mut fassen, und mich gar nichts anfechten
lassen; sein Vetter müsse mein sein! und was er sonst noch schönes sagte, das
ich vor Freuden nicht alle merken konnte. Er versprach, in etlich Wochen
Richtigkeit zu machen, und dem lieben Vater, und mir selbst zu schreiben. Gegen
Abend fuhr er wieder weg. Unsern Vater umarmte er, wie ein Bruder den andern;
und mich küsste er auf die Backe, und sagte: Mein Vetter wird doch nicht
eifersüchtig werden? Wir schickten ihm 1000 heisse Segenswünsche nach.
    O Bruder, ich kann dir nicht sagen, was alles in mir vorgeht? Es ist, als ob
ich ein ganz neues Leben anfienge. Die Welt hat sich um mich her verändert. Die
Tränen stehen mir immer in den Augen, und ich kanns noch kaum glauben, was sich
mit mir zugetragen hat. Meinen Kronhelm, meinen ewig, ewig teuren Kronhelm soll
ich wieder haben! Grosser Gott! Meine Leiden waren zwar sehr gross, aber diesen
Lohn, dieses alles überwiegende Glück hab ich nicht verdient. O mach michs
würdig! Mach wichs würdig! - Bruder, was ist alles Leiden dieser Zeit gegen so
eine Stunde? - Und doch - ist mir oft so bang! Ich habe so schwarze Ahndungen,
so schwere Träume! Ich fürcht immer noch, ich verlier es wieder. - Grosser Gott,
vergib mir, wenn es Undank oder Mistrauen ist! Hilf mein Glück mir ertragen! Mir
ists noch zu schwer! - Tausend, tausend Grüsse und Umarmungen an meinen, meinen
Kronhelm! Ich kann ihm noch nicht schreiben. Bruder, Gott weis, ich kann nicht!
Mein Herz ist noch gar zu voll. Hilf mir beten, und Gott danken! Unser bester
Vater ist wie neugebohren und grüsst tausendmal. Gott! wie hat sich alles mit uns
verändert! - Ich weis, du nimmst an meinem Glück Anteil. O Bruder, Gott mache
dich doch auch recht glücklich! Schreib mir doch bald
                  deiner unaussprechlich glücklichen Schwester
                                                               Terese Siegwart.
    Siegwart konnte sich der Freunentränen nicht entalten, als er diesen Brief
gelesen hatte. Gott, wie gut bist du! rief er einigemal aus. Dank! Dank! Du
kannst mich auch nicht verlassen! O mein Kronhelm, o mein Kronhelm, du bist
glücklich! O meine Schwester, meine Schwester! - Er warf sich auf seine Knie.
Gott! Barmherziger, Gnädiger! O, auch mich, auch mich! Und Marianen! - Der halbe
Tag zerfloss ihm unter einem fortdauernden Taumel. Bald schrieb er etliche Zeilen
in dem Brief an Kronhelm! Bald ging er wieder auf dem Zimmer auf und ab.
Zuweilen grif er nach einem Buche, wollte drinn lesen, und schlug es wieder zu;
seine Seele war viel zu zerstreut, und ganz geteilt. Er sehnte sich nach
jemand, dem er seine Freude mitteilen könnte; aber, ach, er hatte niemand, und
nun fühlte er, mitten in seiner Freude, die Trennung von seinem Kronhelm doppelt
wieder. Er sah Marianen am Fenster: er wünschte, ihr den Brief zeigen, und sie
an seiner Freude mit Anteil nehmen lassen zu können; aber er wagte es nicht,
sie wieder zu besuchen, da er erst vor zwei Tagen da gewesen war. Nach Tische
sah er sie mit ihrem Bruder ausgehn, und vermutete, da sie einen Sonnenschirm
trug, dass sie vor das Tor gehen werde.
    Er zog sich auch an, und ging vor das nächste beste Tor, weil er nicht
wusste, wo sie hingegangen war. Es war schon ein völliger Frühlingstag, die Sonne
schien warm, alle Kräuter und Frühlingsblumen keimten schon hervor; die Lerchen
sangen in der Luft, und die Aemmerlinge, Zaunkönige und andre Vögel im Gebüsch.
Seine Seele schwang sich mit den Lerchen auf, und freute sich der reinen
aufgehellten Luft. Freude und Wehmut gränzten aneinander; er war bewegt, dass
sein Aug in Tränen glänzte. Er sehnte sich nach Marianen, aber sie war
nirgends. Von fern sah er ein Frauenzimmer gehn; sein Herz klopfte; er eilte, um
sie einzuholen; aber es war nicht sein Engel, und er ward noch wehmütiger. An
einer etwas erhöhten Stelle, die von einer Dornhecke geschützt war, fand er
endlich blaue Veilchen. Er schrie laut auf, als er sie sah, pflückte, und band
sie mit einem Grashalm in ein Sträuschen. Hätt' euch Mariane! sagte er halb
laut; möchtet ihr an ihrem Busen blühn! - O Kronhelm, wärst doch du da! Aber du
bist glücklich, und ich kann dich nicht beneiden! Singend, und mit sich selber
sprechend ging er wieder nach der Stadt zu.
    Nur so allein, Herr Siegwart? rief eine Stimme aus einem Gartenhäuschen.
Stutzend sah er auf, und erblickte Marianen. Sie rief ihm in den Garten. Sind
Sie hier? sagte er; ich habe Sie gesucht. Ich sahs, dass sie ausgiengen. Das ist
mein Garten, antwortete sie. Ich hätts Ihnen gern wissen lassen, dass ich hier
bin, aber ich konnte nicht. - Wo ist Ihr Bruder? fragte er. Auf die Jagd
gegangen, war die Antwort. Das ist ja erwünscht, dass Sie hier sind. Was machen
Sie? trauren Sie noch um Ihren Kronhelm? - Hierauf erzählte er ihr die freudige
Nachricht, die er heut von seiner Schwester erhalten hatte, und gab ihr den
Brief zu lesen. Sie nahm herzlichen Anteil daran, und freute sich über das
Zutrauen sehr, das ihr Jüngling zu ihr hatte. - Darf ihr Bruder mich hier
antreffen? fragte nachher Siegwart - O ja, antwortete sie. Er ist Ihnen jetzt
recht gut. Man muss schon ein übriges bei dem Menschen tun. Wenn man nur ihm
nicht im Wege steht, dann läst er einen schon zufrieden. Mein Vater ist Ihnen
auch sehr gut, und besonders meine Mutter. Ich glaube, dass sie etwas merkt, und
wenn sie mich drum fragen sollte, so wüst ich nicht, warum ich ein Geheimnis
draus Machen müste, wenn nur Sie mir gut sind. - Er sank in ihren Arm, küsste sie
feurig, und schwur ihr ewig Liebe.
    Der ganze Abend war für unsre Liebende ein heiliges Fest. Der Bruder kam
erst nach zwo Stunden wieder, und war sehr vergnügt, weil er ein paar Hasen
geschossen hatte. Siegwart begleitete sein Mädchen nach Haus, und hatte nie
einen schönern Frühlingstag gehabt.
    Zween Tage drauf kam der Mietkutscher wieder, der Kronhelm nach Haus
gebracht hatte, und brachte von ihm folgendes Briefchen an Siegwart:
                                Liebster Bruder!
    Den Augenblick bin ich angekommen, und kann also noch nichts sagen. Die
Reise war mir traurig, so allein, und von dir getrennt, den ich so sehr liebe!
Mein Vater empfieng mich, nach seiner Art, freundlich, und ist lange so krank
nicht, als ich glaubte. Er konnte im Zimmer auf und abgehn, als ich ankam. Er
fürchtet eben den Tod, daher war er so besorgt beim letztern Anfall. O Bruder,
was werd ich hier anfangen unter solchen Leuten? Du verstehst mich. Warum mussten
wir uns trennen? Mein Herz ist voll von tausend Dingen, aber jetzt kann ichs
nicht ausschütten vor dir. Nächstens einen grossen Brief! Schreib mir ja bald!
Was macht Mariane? Tausend Grüsse an den Engel, und dem andern zehntausend! Leb
wohl, Bester! Der Fuhrmann will weiter, und ich wollt ihn doch nicht leer fahren
lassen.
                                                                      Ewig dein!
                                                                       Kronhelm.
    N.S. Mach über deinen Brief an mich zwei Kouverte, und auf das äussere die
Aufschrift: Herrn Amtmann Friedrich. Der Brief wird mir richtig eingehändigt.
    Siegwart hatte nur auf diesen Brief und Nachricht von seinem Freund
gewartet, um seinen Brief abschicken zu können; denn er hatte noch keine Adresse
gehabt. Nun schrieb er umständlich und mit grossen Freuden alles, was ihm
Terese berichtet hatte, wünschte seinem Kronhelm tausend Glück und schickte den
Brief ab. Das wird eine Freude sein, dacht' er, wenn er noch nichts weiss, und
diesen Brief erbricht! Nun wird er für alle seine Leiden getröstet werden.
    Zehn Tage lang wartete er mit der grösten Sehnsucht, aber nur vergeblich,
auf neue Nachrichten. Endlich kam an einem Mittewochen, welches nicht der
gewöhnliche Posttag war, folgender Brief:
 
                                                           Günzburg den 21. May.
                                Liebster Bruder!
Seit drei Tagen bin ich hier, in der schrecklichsten Verfassung, die du dir
denken kannst. Alles, alles ist verloren! Meine Ruhe, meine Hoffnung, meine
Terese, alles! O Bruder, es ist aus mit mir! Zwei Tage war ich bei meinem
Vater, da giengs an. Seine Krankheit war nur ein Vorgeben, um mich her zu
locken. Eines Abends war ich allein bei ihm auf dem Zimmer. Wie stehts mit
deinem Menschen? sagte er; hängst du ihr noch an? Ich weiss nicht, ob sie die
Jungfer Siegwart meinen? sagte ich. Ich habe noch alle Ursache, sie
hochzuschätzen. - Was? Canaille! rief er, und das wagst du mir ins Gesicht zu
sagen? Dass dich alle Teufel holen! Ich zertrete dich, du Rabenaas! - Mit diesen
Worten kam er auf mich zu, packte mich bei der Kehle fest, und würde mich
erwürgt haben, wenn ich mich nicht vorgesehn, und losgerissen hätte. Kaum konnt
ich mich zurückhalten, mich an ihm nicht zu vergreifen. Als ich los war, sprang
ich aus dem Zimmer aufs meinige, und schloss hinter mir zu. Ich hört ihn noch
eine Stunde lang im Haus herum lärmen, und die Türen zuschlagen. Kurz vor
Sonnenuntergang ritt er weg; ich wusste nicht, wohin? Meine Schwester kam
erschrocken zu mir aufs Zimmer, weinte und schrie, und bat fast auf den Knien,
dass ich mich doch geben sollte; sonst könns kein Mensch mehr aushalten bei dem
Vater. Schon seit vierzehn Tagen sei man nicht des Lebens bei ihm sicher, seit
mein Onkel weg sei. Dieser war nehmlich bei ihm hier, und da gabs grossen
Streit, vermutlich wegen meiner. Ich konnte nichts Gewisses erfahren, denn sie
sprachen allein miteinander. Meine Schwester tat gar kläglich, aber ich sagt
ihr: Ich könn es nun nicht ändern; Teresen könn ich nicht aufgeben, wenn es
auch mein Leben kosten sollte, u.s.w. Du weist das alle selbst schon. Das
Mädchen konnte mir nicht Unrecht geben, aber sie sagte nur: Ich stürzte mich,
und Teresen, und sie alle in Lebensgefahr. Kunigunde stecke dahinter, und
regiere meinen Vater ganz. Er sei wie rasend, und könn' alles tun, u.s.w. Ich
beschloss also, wegzugehen; weiss der liebe Gott wohin? und machte meine
Einrichtungen so, dass ich in drei oder vier Tagen aus die Jagd zu reiten, und
nicht mehr zurück zu kommen dachte. Aber es ging anders.
    Den andern Morgen kam mein Vater wieder, tat ganz freundlich, und stellte
sich, als obs ihm leid wäre, dass er gestern so mit mir umgegangen war. Auf den
Nachmittag, sagte er, wollen wir ein wenig auf die Jagd reiten, und das übrige,
zu seiner Zeit, im Frieden mit einander abtun. Ich konnte mich in sein Betragen
nicht finden, und vermutete nichts Gutes; doch konnt ichs auch nicht
abschlagen, mit zu reiten. Wir ritten in einen Forst, eine Stunde weit vom Dorf,
nur mit Einem Jäger; und, nach einigen Schüssen, sagte er: wir wollen aufs
nächste Dorf zum Amtmann reiten; ich muss etwas trinken. Von der Sache sprach er
gar nichts.
    Beim Amtmann war der Baron Striebel; wie es schien, ganz von ungefähr. Der
Amtmann sah aus, wie ein Spitzbube, dem ich keinen Heller anvertrauen möchte.
Nach drei Viertelstunden kam ein Wagen mit dem alten Seilberg, mit Regine
Stellmann, und dem lüderlichen Jobst. Das kam mir bedenklich vor; aber ich
merkte weiter nichts. Die Stellmann war mir jetzt mit ihrer buhlerischen
Freundlichkeit noch unausstehlicher, weil ich von meiner Schwester wusste, was
sie seit der Zeit mit dem süssen Silberling für einen ärgerlichen Liebeshandel
gehabt hatte. Ich hätte sie lieber anspeien, als viel mit ihr machen mögen, und
doch war sie so zutätig, dass ich nicht wusste, wohin? Man sprach mir stark zu,
zu trinken, und im Aerger trank ich ziemlich. Nach und nach fielen von Seiten
Jobsts und meines Vaters, und des Amtmanns allerlei Anspielungen vor: Wir gäben
so ein hübsches Paar ab, u.s.w. dass ich wohl merken konnte, es sei abgekartet,
und auf mich gemünzt. Ich tat aber, als ob ichs nicht hörte, oder nicht
verstünde. Ich sah immer auf der Uhr, und sehnte mich weit weg. Einmal ging ich
in den Stall hinunter, sah nach meinem Pferd, und machte etwas am Gurt zurechte,
das vorher auf der Jagd aufgegangen war. Ich hielt mich mit Fleiss lang auf, und
kam erst nach einer Viertelstunde wieder aufs Zimmer. Da sassen sie all auf
Einem Haufen, steckten die Köpfe zusammen, und fuhren auseinander, als ich
herein trat. Das machte mich nun noch stutziger. Mein Vater sagte: Hör, Karl,
das Fräulein hier wollt ich dir eben wünschen! Sie ist schön, hat Geld, und ist
von steinaltem Adel. - Verzeihen Sie, Papa, sagt ich, und zuckte die Achseln;
Sie wissen ... Ey was? rief er, freilich weis ich! Aber, schlag mich der Donner,
da wird nichts draus! Lieber zieh ich dir die Haut ab! - Es leb Fräulein
Stellmann! Trinks mit! - Ich konnts, ohne die Höflichkeit zu beleidigen, nicht
abschlagen. - So, Karl, das ist brav! Ihr müst ein Paar werden; nicht wahr,
Fräulein? - Sie sah mir unverschämt ins Gesicht, lachte, und gab mir die Hand.
Ich liess es so geschehen, weil ich dachte, hier wird doch nichts ausgemacht, und
allein will ich schon mir ihm reden. -
    Schade, dass nicht gleich ein Pfaff bei der Hand ist! sagte mein Vater; man
könnt sie gleich zusammengeben. - O, da ist Rat vor, sagte der Amtmann, hier
ist schon ein Pfarrer! indem machte er ein Seitenzimmer auf, und ein dicker
Pfaffe trat heraus. Ich riss mich von der Stellmann los, und sprang auf. Papa,
rief ich, ist das Ernst? Freilich, Kerl, rief er, und riegelte die Saaltüre zu.
Man wird dich schon kriegen, du vermaledeite Bestie! - Ich ward in dem
Augenblick wie rasend, und sprang in das Zimmer hinter mir, das aus Versehen
offen geblieben war, und schlug die Türe zu, dass das Sckloss zurückfuhr. Von da
ging eine Türe nach dem äussern Saal; ich hinaus, die Treppe hinunter, in den
Stall aufs Pferd, und beim Hof hinaus! Vom Fenster herab geschah ein Schuss, der
mir nichts tat. - Nach! Nach! schrie mein Vater. Ich flog beim Dorf hinaus, wie
der Blitz. Beim letzten Haus hört' ich schon hinter mir her galoppiren. Mein
Water wars, mit 3 oder 4 andern Reutern. Sie waren mir schon so ganz nah auf dem
Hals, dass ich ihn fluchen hören konnte. Neber einen breiten tiefen Grafen setzt
ich wie der Wind. Es geschah noch einmal ein Schuss. Mein Pferd wendete
seitwärts. Auf Einmal entstand ein schreckliches Geschrei. Ich sah mich um, und
sah eben noch meinen Vater in den Graben stürzen. Ich nahm mir nicht Zeit,
nochmals umzusehn. Endlich, nach einer halben Viertelstunde merkt ich keinen
Menschen mehr hinter mir. Vermutlich waren sie bei meinem Vater geblieben, um
ihm aufzuhelfen. - Ich ritt links in einen dicken Wald hinein. Nach einer guten
halben Stunde fand ich einen Holzweg, auf dein ich gerade fort ritt. Es ward
schon sehr dunkel, und der Weg war mir gänzlich unbekannt. Endlich kam ich aus
dem Holz, und ungefähr um eilf Uhr in ein Dorf, wo ich noch in einer Hütte Licht
sah, und mich erkundigte, wo ich wäre? Ein altes Mütterchen sagte mir, das Dorf
heisse Reisensburg, und lieg eine gute halbe Stunde von Günzburg. Mit dem Namen:
Günzburg fuhr der Gedanke durch meine Seele, unter die kaiserlichen Völker zu
gehen, und mich bei unserm Hauptmann anwerben zu lassen. Bei dem Gedanken ward
mir auf Einmal wohl, denn ich sah nun einen Ausweg, da mirs vorher war, als ob
ich in einem Irrgang wandelte. Krieg und Tod war mir Eins; denn was kann ich
anders wünschen, als den Tod? - Ich spornte mein Pferd, und kam nach einer
Viertelstunde zu Günzburg an. In der Krone stieg ich ab, weil ich wusste, dass der
Hauptmann da logirt; und als ich hörte, dass er noch nicht zu Bette sei, liess ich
mich bei ihm melden, und trug ihm meine Absicht vor. Er nahm mich mit Freuden
auf, und nun geh ich in vier oder fünf Tagen auf der Donau als Freiwilliger mit
dem Transport nach Schlesien, wo vermutlich eine Kugel auf mich wartet, und
meiner Qual ein Ende macht.
    O Bruder, so weit ists mit mir gekommen. Das sind nun meine Hoffnungen!
Gott, was wird aus Teresen werden? Schick ihr diesen Brief, wenn dus für gut
hältst, und schreib ihr das übrige! Tröst sie, wenn du kannst! Ich bins nicht im
Stand. An meinen Oakel hab ich vor 2 Tagen geschrieben, dass er Sorge trägt, dass
ihr mein Vater nichts tut, und dass er mir Geld schickt, denn ich hab nur 15
Gulden bei mir, und mein Pferd nehm ich mit. Der Hauptmann will mir indessen
Geld auf den Weg mitgeben. Mein Onkel kann meinen Schritt unmöglich misbilligen;
es war mir nichts anders übrig. Ich gehe nicht aus dem Haus, um nicht entdeckt
zu werden; sonst wär ich zum P. Philipp gegangen. Schreib mir unter der Adresse
an den Hauptmann!
    Ich kann dir nicht sagen, wie mir ist. An Teresen darf ich kaum gedenken,
und doch ist sie fast mein einziger Gedanke. Sie auf ewig nun verlieren! Sie auf
ewig nicht mehr sehen! Und doch ist dies all mein Trost, dass ich nun dem Tod
entgegen gehe. Die Preussen schiessen gut, und ich will mich immer dahin
stellen, wo der Tod am nächsten ist. O Bruder, ich kann nicht anders. Ich will
meine Pflicht tun, als Soldat, aber dann muss der Tod mein Lohn sein. Mein Vater
mags bei Gott verantworten, dass er mich so weit gebracht hat! - Tröste meinen
Engel! Dies ist alles, was du tun kannst. Leb wohl, Bruder, ewig wohl!
Vielleicht kriegst du bald den letzten Brief von mir. Hab Dank für alle deine
viele Liebe! Grüss deine Mariane! Lass sie mich bedauern! Gott bewahre dich vor
einem so schrecklichen Schicksal, wio das meine ist! Bet für mich, dass ich
selig sterbe! Ich muss abbrechen. Es wird mir bänger ums Herz. Tröste Teresen,
dass einst Gott dich tröste! Leb ewig wohl, und bewein mich! Schreib ja bald! Der
Hauptmann schickt mir den Brief nach. Ewig, bis an meinen Tod der Deinige.
                                                                       Kronhelm.
          In dem Brief lag folgendes Blatt an Teresen, unversiegelt:
    Was soll ich, ach, was soll ich der Geliebten meiner Seele schreiben? Auch
der letzte, schwache Rohrstab ist zerbrochen, den die Hoffnung mir gereicht
hatte. Dein Bruder, ewig Teure! mag mein Unglück dir erzählen! Ich kanns nicht.
Diese blutigen Zähren, die ich auf das Blatt hin weine, sind das Letzte, was ich
dir in diesem Leben weihen kann. Meine Seele ist tief gebeugt zur Erden, und
schmachtet nach dem Grabe. Dir zu leben, war der Wunsch, der mich bisher noch an
den Leib fesselte. Nun er hin ist, kenn' ich keinen Wunsch mehr, als für dich zu
sterben. Ich eile dahin, wo der Tod laurt. Ich will ihn aus seinem Hinterhalt
herausweinen, dass er komm, und mich in seinen eisernen Arm schliesse. - O
Terese! Was ich wünschen kann für mich, ist eine Träne, dass du sie dem
Jüngling weinest, der dich liebte, wie kein Sterblicher geliebt hat. Weine sie,
und sei dann glücklich, wenn dus sein kannst ohne mich! - Ich hab keinen Trost
für dich! Wie kann der trösten, der sonst keinen Freund hat, als den Tod! Beten
kann ich, wenn noch das Gebet des Elends hilft. Gott! Nur einen Tropfen Trost
für sie! Ich will gerne dursten, bis mein Ende kömmt. - Terese! Nicht wahr, ich
quäle dich? Nun, verzeih! Ich wust es nicht; sonst hätt ich meine Hand gelähmt,
eh ich dieses Blatt schrieb! - Aber ich musste noch zu dir reden. Leb denn wohl,
Engel! und hab Dank für deine Liebe! Gott, warum musste sie doch so belohnt
werden? Leb ewig wohl! Ich kann nichts schreiben. Meine Säfte stocken. Aber
reden musst' ich. Wenn Du Botschaft hörst: Er ist todt, dann jauchze laut auf,
und sag: Er ist glücklich. - Ach Terese, wenn Du doch auch stürbest! Es ist so
was süsses um den Tod, und wir sind so elend. Stürbst Du doch mit Deinem
                                                                       Kronhelm.
    Die Bewegung, in die unser Siegwart durch diese beiden Briefe geriet, kann
man sich mehr vorstellen, als beschreiben. Anfangs war er ganz betäubt, und
konnte es kaum glauben; zuletzt brach sein Schmerz in laute Klagen und in
Tränen aus. Nach der ersten heftigen Erschütterung fieng er an, Plane zu
machen, ob sein Freund nicht noch zu retten sei? Erst beschloss er, nach Günzburg
zu reiten, und, wo möglich, seinen Freund noch zurück zu halten. Aber, was
sollte er ihm sagen? Welche Gründe hatte er, durch die er ihn zurück halten
könnte? Und der Weg war weit. Vieleicht war sein Freund indessen schon
abgereist. Endlich, nach tausend Entwürfen, die im ersten Augenblick annehmlich
schienen, und im zweiten wieder verworfen wurden, schien ihm dieser noch der
beste zu sein, nach München zu Kronhelms Onkel zu reisen, ihm die Sache so
dringend vorzustellen, als möglich, und ihn zu bewegen, sich seines Vetters
tätig anzunehmen, ihn aufs schleunigste zu retten, und entweder selbst sogleich
nach Günzburg zu reisen, oder ihn mit genugsamer Vollmacht dahin zu schicken. Er
bestellte sich sogleich ein Pferd, um weg zu reiten, und den andern Tag in
München zu sein. Nur das lag ihm am Herzen, dass Mariane die Ursache seiner Reise
erfahren möchte! Zu gutem Glück traf er ihren Bruder an; erzählte ihm, dass er in
Kronhelms Geschäften schnell nach München reisen müste; und bat ihn, es seinen
Eltern und seiner Schwester zu erzählen, und ihnen seine vielfache Empfehlung zu
machen.
    Nach einer Stunde ritt er weg, und sah, zu seiner grösten Freude, seine
Mariane noch im Fenster, der er einen zärtlichen Blick zuwarf.
    Er ritt bis spät in die Nacht hinein; schlief auf einem Dorf nur einige
Stunden, und kam den andern Abend in München an; aber, weils schon spät war,
wagte er es nicht mehr, zum geheimen Rat zu gehen. Den folgenden Morgen liess er
sich durch einen Mietbedienten nach dem Hause bringen und melden. Aber zu
seiner grossen Bestürzung hörte er, der geheime Rat sei nicht hier. Er
erkundigte sich bei einem Bedienten; dieser gab ihm kurzen Bescheid, und sagte,
sein Herr sei schon vor drei Tagen mit seinem Kammerdiener unvermutet auf der
Post abgereist, er wisse nicht, wohin? Mehr konnte Siegwart nicht erfahren. In
der Betäubung lief er zu Kronhelms Schwester, die ihn sogleich vor sich liess. Er
erzählte ihr, in der äussersten Verwirrung, fast ohne Zusammenhang die ganze
Geschichte ihres Bruders, sagte, warum er nach München gekommen sei, und fragte
sie, wo der geheime Rat hingereist sei? - Sie war aufs äusserste betroffen, und
hatte, wie versteinert, zugehört. Als sie etwas von ihrem Staunen zurückkam, und
sich durch Tränen Luft gemacht hatte, sagte sie, sie wisse vom geheimen Rat
und seiner plötzlichen Abreise nicht das mindeste. Seit seiner Zurückkunft habe
sie ihn nur Einmal gesehen, und mit ihm von ihrem Bruder gesprochen. Er habe sie
versichert, dass es alles gut gehen werde. Er sei bei ihrem Vater gewesen, dieser
nehme durchaus keine Gründe an. Nun woll er sich seines Vetters ernstlich
annehmen. Er kenne Teresen; sie hab ihm ausserordentlich gefallen, und sein
Neffe soll sie haben. Diese Nachricht habe sie ganz beruhigt; sie hätte wirklich
ihrem Bruder geschrieben, und gestern den Brief nach Ingolstadt geschickt; denn
von seiner plötzlichen Abreise, und der vorgeblichen Krankheit ihres Vaters habe
sie nicht das geringste gewusst. -
    Nun fieng sie aufs neue an, ihren unglücklichen Bruder zu beklagen, und
bitterlich über sein Schicksal zu weinen. Endlich fing sie sich mit Siegwart zu
beratschlagen an, was nun zu tun wäre? Er wollte selbst nach Günzburg reiten,
aber sie widerriet es ihm. Wahrscheinlich, sagte sie, werden Sie meinen Bruder,
nach seinem eignen Schreiben, nicht mehr da antreffen. Sollt er aber noch da
sein, so können wir durch einen Brief, der ohnedies schneller hinkommt, eben das
ausrichten. Wenn wir ihn versichern können, dass mein Onkel sich seiner ganz
gewiss annehmen, und ihm Ihre Schwester geben will, so muss ihn das zurückhalten!
Wir wollen ihm jetzt augenblicklich schreiben; denn in einer Stunde geht die
Post ab. - Siegwart, der sich ohnehin sehr nach seiner Mariane zurücksehnte,
liess sich diesen Vorschlag gefallen, und ging in ein Kabinet, wo er einen sehr
beweglichen Brief an seinen Kronhelm schrieb, und ihn um alles in der Welt
willen bat, in Günzburg zu bleiben, oder, wenn er schon abgegangen wäre,
sogleich zurückzukehren, weil er von den Bemühungen seines Onkels alles hoffen,
und gewiss mit Teresen vereinigt werden könne. Die Frau von Eller liess ihn ihren
auch sehr rührenden Brief lesen, und schickte beide augenblicklich auf die Post.
Sie bat ihn zum Mittagsessen. Er nahms an, sagte aber, er wolle heut noch
wegreiten, um noch eine gute Strecke Wegs zu machen. - Ihrem Mann, bat sie,
möcht er nicht sagen, warum er nach München gekommen sei? Weil er noch nichts
davon wisse, und leicht Hindernisse in den Weg legen könnte. - Unserm Siegwart
wurde nun wieder leichter ums Herz, weil er Einen Stral von Hoffnung für seinen
unglücklichen Freund sah. Er ging in seinen Gastof, um sein Pferd auf den
Nachmittag zu bestellen; nach einer Stunde kam er wieder zu der Frau von Eller,
die indessen von ihrem Schrecken sich erholt, und wegen ihres Bruders gute
Hoffnung hatte. Sie lobte unsern Siegwart sehr, dass er für seinen Freund so viel
tue, und die Reise übernommen habe. Ihre Schwester, sagte sie, muss ein
herrliches Mädchen sein, wenn sie Ihnen gleich ist. Ich kann meinem Bruder keine
bessere Gattin wünschen, und sehne mich recht darnach, sie bald meine Schwagerin
zu nennen. Wenn nur mein Onkel bald zurückkommt, dann soll, hoff ich, alles noch
gut gehen. Indem kam ihr Mann, und empfieng unsern Siegwart freundlich. Er
erkundigte sich nach seinem Schwager, und verwunderte sich über seine so
beschleunigte Abreise von Ingolstadt. Bei Tisch wurde viel über den Junker Veit
gesprochen. Sie beklagten sich alle über sein rohes Wesen, und dass er sich so
von Kunigunden regieren lasse.
    Bald nach dem Essen empfahl sich Siegwart, nachdem er erst noch einige
Augenblicke mit der Frau von Eller allein gesprochen hatte, und ritt wieder nach
Ingolstadt zurück. Unterwegs dachte er nur an Kronhelm, an Teresen, und an
seine Mariane. Er dachte hin und her, ob er seiner Schwester etwas von dem
unglücklichen Vorfall schreiben sollte? und konnte nicht mit sich einig werden.
Den folgenden Tag kam er sehr spät wieder in Ingolstadt an, denn er wollte nicht
noch eine Nacht weg bleiben; der Gedanke, seiner Mariane nah zu sein, hatte zu
viel süsses für ihn. Den andern Tag stund er etwas spät auf, und sah, nachdem er
eine halbe Stunde vergeblich ausgeblickt hatte, seinen Engel endlich am Fenster.
Es war ihm, als ob sie etwas traurig wäre; dieses beunruhigte ihn sehr, und er
sehnte sich nach dem Abend, da er sie im Konzert sehen, und vielleicht auch
sprechen würde; denn, seit Kronhelm weg war, wagte er es nicht, so oft hinüber
zu gehen. Er hatte auch gehofft, vielleicht einen Brief von seinem Freund
anzutreffen, aber vergeblich.
    Des Abends im Konzert vermehrte sich seine Unruhe noch mehr, als er seine
Mariane sehr niedergeschlagen fand. Erst am Ende des Konzerts bekam er
Gelegenheit, sie auf einige Augenblicke allein zu sprechen. Mit etlichen Worten
erzählte er ihr die Ursache seiner Reise, und von Kronhelms Unglück. Sie
seufzte, und sagte: Ich hätt' Ihnen auch viel Unangenehmes zu sagen. Gehen Sie
vielleicht morgen Nachmittags bei meinem Garten vorbei? Es wär möglich, dass ich
da wäre. Eh sie weiter reden konnte, kam ein goldgestickter Herr dazu, der sich
mit abgeschmackter Höflichkeit nach ihrem Befinden erkundigte.
    Siegwart schlich sich auf die Seite, denn er ward vom Schmerz zu heftig
überwältigt, und lief fort, eh noch das Konzert geendigt war. Sein Zustand zu
Hause war der grausamste. Gott, was ist das? dachte er, und sann hin und her,
was sich zugetragen haben möchte? Seine Einbildungskraft stellte ihm alles
Fürchterliche vor. Er sah nichts als Trennung und Elend vor sich. Marianen hielt
er schon für verloren; nur die Art, wie sies wäre? war ihm noch ein Rätsel.
Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen. Tausend Schrecken standen vor ihm;
und, wenn er die Augen zuschloss, sah er Blut und Tod. Oft fuhr er auf, und
schlug sich vor die Stirne; wälzte sich im Bette hin und her, stand auf, legte
sich wieder, und ächzte, wie ein Sterbender. Endlich erweichte sich die ermüdete
Natur zu Tränen. Seine Seufzer wurden nun Gebet und heisses Flehen. Mit dem Tag
stand er wieder auf, und sah aus dem Fenster nach dem Wetter, ob es gut bleiben
würde? Der Himmel war etwas umzogen, aber nach und nach hellte er sich auf, so
dass er hoffen konnte, Marianen heut zu sehen. Den ganzen Morgen sann er wieder
nach, worüber Mariane so bestürzt sein möchte? Zuweilen dachte er an Kronhelm
und seine Terese. Hier fand er wieder neuen Stoff zur Unruh. Er war noch nicht
mit sich einig, ob er seiner Schwester Kronhelms Brief schicken, oder sie in
ihrer frohen Hoffnung lassen sollte? Er wartete, da es heute Posttag war, mit
Sehnsucht auf Briefe; lief selbst ein paarmal auf die Post, aber es war nichts
für ihn da.
    Der sehnlich erwünschte Nachmittag kam. Mariane ging um drei Uhr allein aus
dem Haus. Eine halbe Stunde drauf ging er mit bangem Zittern, und ängstlicher
Erwartung, bei einem andern Tor hinaus ihrem Garten zu. Wie erschrack er, als
der Garten und das Häuschen drinn noch zugeschlossen war! Mit banger Ahndung
ging er in das, nah daran stossende Wäldchen, und warf sich unter einer Eiche
nieder. Alle Blumen um ihn her, und alles Gras riss er mit der Wurzel aus; die
Vögel, die im Gebüsche zwitscherten, verscheuchte er; sprang wieder auf, drängte
sich durchs dichteste Gebüsch durch, und machte sich dann, seiner Ungeduld
wegen, selbst wieder Vorwürfe. Endlich ging er wieder an den Garten; Mariane
sah aus dem Häuschen, und sprang herab, ihm die Türe aufzumachen. Ich kam spät,
sagte sie, ich musste eine Freundin mit nehmen, es war nicht zu ändern. Wir
können aber doch allein reden. Sie weis schon davon. - Ihre Freundin war ein
Frauenzimmer, das Siegwart schon oft im Konzert gesehn, und singen gehört hatte.
Sie sprach mit ihm von der Musik, und lobte sein Spiel, und seine Stimme.
    Nach einiger Zeit ging sie von selbst in den Garten hinunter, und liess
unsre Liebenden allein. Siegwart sah Marianen traurig an, und wagte kaum, eine
Frage an sie zu tun. Sie fragte erst noch nach einigen Umständen von Kronhelms
und Teresens Schicksal, und sagte dann: Auch uns, lieber Siegwart, droht ein
Unglück. Unsre Liebe ist so heimlich nicht mehr, als ich glaubte. Meine
Schwägerin weis davon, und vor ihr war ich immer am meisten bange. Ich muss Ihnen
nur gestehen; meine Mutter hat mit mir drüber gesprochen. Ich gestund ihr alles.
Sie ist an sich nicht unzufrieden mit unsrer Liebe, aber sie sagt, dass sie
voller Angst sei, wenn mein Vater es erfahre, und das werde durch unsre
Schwägerin nur gar zu bald geschehen. Ich bedaure dich, meine Tochter, sagte
sie. Ich habe eure Liebe lange schon gemerkt, und heimlichen Gram im Herzen drob
getragen. Ich weis nicht, wie dein Vater von Siegwart denkt, aber du kennst ihn,
dass man sich in nichts, ohne sein Vorwissen, einlassen soll; und ich kann dirs
nicht verbergen, er hat Absichten mit dem Hofrat Schrager (der gestern zu mir
kam, als ich mit Ihnen sprach). Wenn nun unsers Teodors Frau, die ihm gut ist,
noch dazu kommt, dann weis ich nicht, wie es gehen wird? Prüf dich recht, meine
Tochter, wie es um dein Herz steht; ob du den Antrag annehmen kannst? - Ich fiel
ihr weinend um den Hals. Ach meine Mutter! sagte ich. - Ich weis wohl, meine
Tochter, fiel sie mir ein, und weinte mit; Siegwart wäre besser. Aber denk, er
ist ein Student, und darauf sieht dein Vater sehr. Ich will tun, was ich kann;
aber ich kann nichts versprechen. Halt nur alles recht geheim, mit Siegwart! und
vertrau auf Gott! das ist das Beste. Ich rate dir, wenn dein Herz noch nicht
ganz an ihm hängt, so reiss dich los! Denn ich sehe nichts vor mir, als tausend
Kummer und Verdruss. - O Mutter, sagt ich, tun Sie was Sie können, und entfernen
Sie den Hofrat! Denn er ist mir unausstehlich. Gott erbarm sich meiner!
Siegwart ist allein der Mann. Gott weis, dass ich ohne ihn nicht leben kann. -
Hier sank Siegwart weinend, und halb ohnmächtig an ihr Herz. - Sie werden mich
verlassen, und mir untreu werden, sagte er nach einiger Zeit. Nein, bei Gott
nicht! war ihre Antwort. Lieber sterben! Aber, Teurer, vorsichtig müssen wir
über alles sein! Sonst sind wir verloren. Ach, es ist doch umsonst, sagte
Siegwart. - Gott, wenn Sie verzweifeln wollen, siel sie ein, was soll dann ich
anfangen? Bei allen Heiligen versprech ich Ihnen, dass ich ewig widerstreben
will. Diese Hand soll nie ein andrer haben! Mich soll niemand zwingen. Lieber
bleib ich ewig, wie ich bin. Sein Sie stark, und sprechen Sie mir Mut ein!
Meine Mutter wird mir beistehn, und Gott! Mein Vater ist doch Vater, und ich bin
sein Kind. Meine Tränen sollen vor ihm fliessen, bis sein Herz erweicht wird.
Nur jetzt handeln Sie behutsam! Lieber jetzt auf eine Zeit getrennt, als ewig.
Wenn Sie mich noch lieben, Siegwart, o so sein Sie stark! Meiden Sie mich jetzt!
Es kann nicht anders sein. Ich geb ihnen Nachricht, wenn ich kann. Ich schwörs,
bei der Mutter Gottes, dass ich standhaft bleibe. Bleiben Sie es auch! Aber gehn
Sie jetzt! Wir sind nicht sicher. Kommen Sie das nächstemal nicht ins Konzert! -
Er küsste sis noch einigemal mit feuervollen Küssen; konnte kaum vor Tränen und
vor Schluchzen reden, und nahm Abschied. Um Gottes Willen, bat er, bleiben Sie
mir treu, und geben Sie mir Nachricht, sonst vergeh ich. Bleiben Sie mir treu!
Mit diesen Worten ging er, und lief auf einer andern Seite weit ins Feld
hinaus. Seine Seele war in der fürchterlichsten Arbeit. Alles, was sagen konnte,
war:
Verflucht seist du, betrügerische Liebe!
Von dir allein stammt unser Elend her!
    Erst in der späten Dämmerung kam er zurück. Sein Herz war jetzt wehmütiger
geworden, und sein Schmerz goss sich in Tränen aus. Eine Stunde lang blieb er
ohne Licht auf seinem Zimmer, ging schnell auf und ab, rang die Hände, faltete
sie zuweilen, und betete. Endlich schrieb er mit der heftigsten Bewegung, und
mit tausend Tränen dieses Gedicht nieder:
Im dunkeln Tale stand ich, und jammerte;
Der Seele bange Leiden umwölkten mich;
Verkannter Liebe Schmerzen hiengen
Fürchterlich über mein mattes Haupt her!
Da brach ein Glanz aus Wolken, da schimmerte
Vor mir der Hügel; siehe, da standest du,
O Hoffnung, hell im Sonnonstrale,
Winktest mir armen Verlassnen freundlich.
Hinauf! Hinauf! Da wand ich durch Dornen mich;
Des Bluts nicht achtend; lachte die Schlangen an,
Die wütig zischten; sah den Glanz nur,
Und den eröfneten Arm der Hoffnung! -
O Göttin, Göttin! Sage, was wandelt dort?
Es kommt; es kommt! Es lächelt, o Göttin, mir!
Ists Mariane? Mariane?
Birg mich, o Göttin! Es kommt; es lacht mir! -
In meinem Arm? Ich sinke vor Seligkeit!
Am Herzen mir? O Heilige, steh mir bei! -
Mein bist Du? - Gott, und Engel Gottes,
Helft mir die lastende Freude tragen! - -
Wo bin ich, Engel? - Wieder ins Tal gestürzt?
Umhüllt von neuer, dämmernder Traurigkeit?
Der Hügel wieder trüb in Wolken? -
Engel, und Menschen! Wo bin ich, bin ich?
    Ein Tränenstrom stürzte auf das Blatt hin, als er dieses ausgeschrieben
hatte. Seine ganze Seele schien sich ausgiessen zu wollen. Der Klang von
Marianens Klavier riss ihn aus dieser fürchterlichen Lage. Er legte sich ins
Fenster, und lauschte. Sie spielte wehmütig. Er weinte; aber ruhiger; denn ihre
sanfte Stimme floss in seine Seele, wie das Lied der Nachtigall nach einem Sturm.
Endlich sang und spielte sie ein Lied, voll Entschlossenheit, voll Hoffnung, und
Ergebenheit in Gottes Willen. Ruh und Zuversicht träufelte, wie Abendtau in
sein Herz herab. Er sah zum Himmel auf. Die goldnen Sterne blinkten hell. -
Gott, Gott! seufzte er; du Schöpfer aller! und du Vater aller! Jeder Stern in
seiner Bahn! Jeden lenkest du, und siehst du! Siehst auch mich, und Marianen!
Alles lebt, und jauchzt ob deiner Güte. Gott, du Vater aller! Sei auch mein, und
Marianens Vater! - Der du diese Sterne schufest; hast auch mich, und sie
erschaffen. - Gott! Barmherziger! Gnädiger! Mächtiger! Nein, du wirst, du kannst
uns nicht verlassen! O, ich fühls, du kannst uns nicht verlassen! In deine Hände
geb ich mein, und Marianens Schicksal! Sei du unser Vater! Send uns Mut, und
Zuversicht und Hoffnung! Hilf uns alles tragen, was du sendest! Sei du unser
Vater! - Auf Einmal ward sein Herz leicht. Er sah in der ganzen Schöpfung
nichts, als Seligkeit und Segen; fühlte ganz von Gottes Güte sich umflossen; war
lebendig überzeugt, dass Gott kein Geschöpf ganz unglücklich machen kann; dass
alles, was er tut, zu unserm Besten abzweckt. Freudentränen flossen in die
Träne des Elends. Er dankte Gott für alles, was er ihm gegeben hatte, auch für
seine Leiden. - Voll sichrer Zuversicht und Hoffnung ging er schlafen; und ward
durch einen ruhigen und milden Schlaf erquickt. Am Morgen, als er aufwachte,
betete er mit heisser Inbrunst für Kronhelms und Teresens Schicksal, und dann
erst für sich und Marianen. - Endlich bekam er auch um zehn Uhr einen dicken
Brief von Kronhelm. Mit dem Zittern der Hoffnung und Erwartung und der Angst,
brach er das Packet auf, und fand einen Brief von Teresen und von Kronhelm.
Erst las er Kronhelms Brief:
 
                           Liebster, bester Schwager!
O dass ich endlich diesen Namen schreiben darf mit zuverlässigster Gewissheit!
Jauchze laut mit mir, Geliebter meines Herzens! Der Herr hat weggenommen meine
Leiden, meinen bittern Jammer! Hat in Freude sie verwandelt und Frohlocken. Hoch
sei er dafür gepriesen bis in Ewigkeit! O Geliebter, sag, wo fang ich an die
Geschichte meiner grossen Freude? Dass sie mein ist, dass sie mein ist! Das ist
alles, was ich sagen, was ich preisen kann.
    Eben wollt ich fort in Günzburg. Ein Transport Rekruten, den wir noch
erwarteten, hatt' uns länger aufgehalten. Da kam der Engel meiner Liebe, der
mich retten sollte, und mir Freude bringen über Alles. Nein Onkel kam, der
teure Gottesmann, und sagte, dass ich nicht sterben sollte, sondern leben; dass
Terese mein sei, dass die Leiden sich geendigt haben mit dem Tode meines Vaters.
Gott sei seiner Seele gnädig! Er warf Blut aus nach dem Sturz vom Pferd, und
starb. Dass Terese mein sei, dies, sonst nichts, konnt ich begreifen, und auch
dies nur wenig. Nach drei Tagen sank ich ihr ans Herz, und glaubte zu vergehen.
- O Bruder, wenn du fühlen kannst, was das heisse: Das zu finden, was man schon
verloren gab, so fühls! Ich weis nicht, ob ich lebe? Das nur weis ich, lieber,
teurer Schwager! dass sie mein ist.
    In sechs Tagen wird uns, die wir lang schon Eins sind, auch des Priesters
Hand vereinigen. O Schwager, dass du hier wärst, und mit uns dich freuen
könntest! Freue dich mit Marianen! Du wirst auch glücklich werden; denn es ist
nicht möglich, dass ein Mensch auf Erden unglücklich sei. Meine Terese wird dir
auch schreiben. - Hier ist schon ihr Brief. Ich küss' ihn tausendmal. Bruder,
nun sink ich wieder an ihr Herz. Sie sieht mich an; dies schreib ich in ihrem
Arm. Leb wohl, du Geliebtester! Freund, Schwager, Alles! Leb wohl! Ich bin ein
Gott.
                                                                  K.F. Kronhelm.
    Teresens Brief, der in den vorigen mit eingeschlossen war, ist dieser:
    Mein Herz, o geliebtester und bester Bruder, ist so voll von
unaussprechlichem Entzücken, dass ich dir mit Worten wenig, oder nichts sagen
kann. Mein Kronhelm ist seit vier Tagen hier, und wird in sechs Tagen ganz mein.
In diesem Wort, o Bruder, liegt die Seligkeit von Jahrhunderten! Er kam an einem
Abend, als ich mit dem besten Vater in der Laube sass. Ich ward in seinem Arm
ohnmächtig, und sah, als ich wieder zu mir selber kam, ihn und seinen teuren
Onkel vor mir. Ich wusste es schon, dass er nun auf ewig mein sei, eh sies sagten.
Erst nach langer Zeit konnt ich dem vortreflichsten von allen Menschen, seinem
besten Onkel danken. Aber meine Worte waren nichts, gegen das, was mein Herz
fühlte. Mein ganzes Leben ist nicht hinreichend, diesem Mann zu sagen, was ich
ihm schuldig bin, und wie ich ihn über alles ehre. - Der ganze Abend war für
mich, und für uns alle der wehmütigste, und seligste. Nun erfuhr ich erst, was
mein Kronhelm noch um meinetwillen ausgestanden hatte. Gott! wie nah war ich dem
Verderben, und so ruhig, weil ich nichts davon wusste! Wenn doch wir Menschen
alles wüsten, welch ein Elend wärs um unser Leben! - Aber was der arme Jüngling
um mich ausgestanden hat! Gott im Himmel weis, ich bin so vieler Liebe nicht
wert. Nur anbeten kann ich ihn, und danken, und meinem teuren Kronhelm all
mein Leben, jeden Atemzug in meinem Leben widmen. -
    Könnt ich ihn doch so glücklich machen, als ers wert ist! Keinen andern
Wunsch trag ich Gott in meinem täglichen Gebet vor. Hätt ich das Unglück gewust,
das unsrer Liebe drohte, ich lebte nicht mehr; denn der Uebergang von solcher
Hoffnung in das tiefste Elend hätte mich getödtet. Und nun bin ich so ganz, so
überschwänglich glücklich. O Bruder, du hast nie ein glücklicheres Geschöpf
gekannt, als mich. Würdest du doch eben so glücklich mit deiner Mariane! Ich
kann dirs nicht verhehlen, dass ich um deine Liebe weis. Mein Kronhelm hat es mir
erzählt.
    Werd ihm drüber nicht böse, ich bitte dich, du würdest mich betrüben. Er
gestand es mir in der zärtlichen Vertraulichkeit, in der wir gestern Abend in
der Laube beieinander sassen! Er kann und darf mir nichts verhehlen; ich verhehl
ihm auch nichts; und was er mir sagte, war ja nur zu deinem Besten. Doch du
kannst ihm nicht böse werden; wer das könnte, müste selbst bös sein. Ich freue
mich unendlich, liebster Bruder, über deine Liebe. Mariane muss, nach dem, was
mir Kronhelm von ihr sagte, ganz deiner Liebe wert, und ein Engel sein. O sei
recht glücklich mit ihr; mache sie ganz glücklich, und lass deinen Traum vom
Klosterleben fahren! Du kannst durch den geheimen Rat leicht ein gutes
weltliches Amt im Baierischen kriegen. Wir wollen mit ihm drüber reden. Wenn
doch alle Welt so glücklich wär, als ich und Kronhelm! Wenn doch du und Mariane
es am ersten würden! Er sagte mir, Mariane sei mir gut. Das freut mich
unaussprechlich; ich bin ihrs gewiss auch herzlich; - sag es ihr, und küsse sie
in meinem Namen, und erbitt mir ihre teure Freundschaft! Vielleicht schreib ich
einmal an sie, wenn ich erst aus diesem Taumel von Seligkeit heraus bin; jetzt
ist mir mein Kronhelm Alles in Allem, und er soll es ewig bleiben. - Eben ging
er vor meinem Zimmer vorbei. Mein Herz schlägt ihm zu; ich muss aufhören. Leb
wohl, teurer Bruder! nach der Hochzeit schreib ich wieder. - Unser bester Vater
ist so fröhlich, als ich ihn in meinem Leben nie sah. Er, und der vortrefliche
Mann, der geheime Rat, sind immer beisammen, und begegnen sich wie Brüder. -
Gott, wie glücklich hast du mich, und uns alle gemacht! Leb wohl, mein
Geliebtester! Ich bringe meinem Kronhelm diesen Brief, und dann küssen wir uns
wieder wie die Seligen und Heiligen im Himmel. Leb wohl! Leb wohl!
                        Deine
                                                                        Terese.
    Siegwart hatte bei dem Lesen dieser Briefe hundertmal absetzen müssen, denn
seine Freude war zu heftig, und die Freudentränen stürzten ihm auf das Blatt
hin. Eine Zeitlang vergass er seiner eignen Leiden drüber, und hielt sich selbst
für glücklich, weil es die waren, die er so unaussprechlich liebte. Aber dann
empfand er sein eignes Unglück nur wieder desto stärker, wenn er die Kluft sah,
die zwischen ihm und seinen Freunden war; wenn er die Donnerwolke sah, die über
ihm und Marianen hieng, und schon herabzudonnern anfieng, und dort die Flur im
hellen Sonnenschein, auf der seine Lieben ruhig wandelten. Oft ward er etwas
ungeduldig, und rief: Gott, warum ich allein mit Marianen elend, und die andern
überschwenglich glücklich? Dann machte er sich selber wieder Vorwürfe: Gott,
vergib mir diesen Unmut! Ach, bewahre mich vor Ungeduld und Murren; vor Neid
und Misgunst! Lass mich über meiner Freunde Glück sich freuen, wenn ich schon für
mich nicht glücklich bin! - Dann schrieb er ihnen diesen Brief:
                         Unaussprechlich teure Seelen!
Ihr vergebt mir, wenn ich nicht frohlocken kann. Meine Seele freut sich Eures
Glücks, das wist Ihr; aber meine Freude ist so düster, wie mein Schicksal. O
Geliebteste, Gott segne Eure Liebe! Mach Euch zu den Glücklichsten auf Erden!
Ihr verdient es. Wohl Euch, dass der Herr die Tränen abgetrocknet hat, die ich
rinnen sah! Freut euch nun der goldnen Tage, die die Liebe für euch aufgehen
heist! Rosen müssen euch durchs ganze Leben blühen, und euch täglich einen Kranz
geben, euer Haar damit zu schmücken. Euer Grab sei in einem Rosenwäldchen, wo
ihr unter lieblichen Gerüchen einschlummert! Mir ist ein Cypressenwald
gepflanzt, in dem ich weinen muss. Mich hat die Liebe wenig Tage nur gesegnet.
Ich habe wenig Tropfen ihres süssen Zaubertranks gekostet; nun reicht sie mir
einen Becher dar voll Wehmut. Vielleicht hat bald ein andrer Marianens Hand;
nicht ihr Herz, denn das ist mein, und dies ist der Stab, an dem ich mich im
Tal der Leiden halte. -
    Seid gesegnet, meine Lieben, seid gesegnet! Dies wünsch ich Euch, mit
Tränen in den Augen. Möcht ichs einmal können ohne Tränen! Aber, wie der Herr
will, der mir Freuden erst gegeben hat, und mir nun Leiden gibt. Segne, liebste
Schwester, unsern teuren Vater, aber sag ihm nichts von meinen Leiden! dass
nicht seine Freude düster, und umwölkt werde! Du bist mein Schwager, Kronhelm,
und ich liebe dich, wie meine Seele. Du machst meine Schwester glücklich, und
sie lohnet dir mit ihrer Liebe. Ich wollt euch einen Brautgesang singen; aber
Brautgesänge sollten freudig sein. Ich schreib euch aber doch das Lied ab, ob
ich gleich nicht sagen konnte, was ich wollte. Es kam doch aus brüderlichem
Herzen. Ich will an eurem Hochzeittage für Euch beten, und mein Leid vergessen.
Liebt Euch treu, und seid gesegnet! Dies ist alles, was ich wünschen kann. Betet
auch zuweilen in Eurem Glück für Euren Bruder! Denn ich glaube, das Gebet der
Glücklichen vermag viel. Betrübt Euch nicht zu sehr! Weine Leiden sind nicht
ewig, und ich glaub an einen Gott, der unser aller Vater ist, auch wenn Er
züchtiget. Hier ist noch das Lied. Ich bin ewig Euer Bruder
                                                                 Xaver Siegwart.
   Auf die Vermählung meiner teuren Schwester und meines teuren Kronhelms.
Keimen sah ich Eure Liebe,
Wie den Weidenzweig am Quell;
Oft war Euch der Himmel trübe,
Oft schien Euch die Sonne hell.
Stürme beugten oft Euch nieder,
Drohten Untergang und Tod,
Aber Ihr erhobt Euch wieder
Im erhellten Abondrot. -
Ach wie gern, Ihr Lieben, freute
Meine Seele sich mit Euch!
Wenn nicht ein Geschick mir dräute,
Eurem, nun verflossnen, gleich.
Drohende Gewitter drängen
Sich in schwarzer Nacht daher;
Dunkle Wetterwolken hängen
Ueber meine Scheitel her.
Mit der ängstlichbangen Zähre
Steigt ein Seufzer aus der Nacht:
Dass der Tag auf ewig währe,
Der Euch jetzt so heiter lacht! -
Blickt aus Eurem Sonnenscheine
Mir den hellen Trost herbei:
Dass mein Aug nicht ewig weine,
Und mich Lieb' auch einst erfreu!
    Den andern Tag, als Siegwart ausgegangen war, sagte man ihm bei seiner
Nachhausekunft, dass ein fremder Bedienter nach ihm gefragt habe, der in einer
Stunde wiederkommen wollte. Siegwart konnte nicht begreifen, wer der Bediente
sein, und was er bei ihm zu tun haben müsse? Er sann hin und her, und machte
sich tausenderlei Einbildungen, ängstliche und angenehme. Nach einer Stunde kam
der Bediente, und - siehe da! Es war Marx, den Kronhelm angenommen hatte.
    O dass ich Sie nur wieder einmal sehe! fieng er an. Ich bin weit und breit im
Land herumgelaufen; können Sie mir nichts von meinem gnädigen Herrn sagen? - O
ja, antwortete Siegwart. Er ist wohl auf, und nimms nächstens eine Frau. Gott
sei Lob und Dank! rirf der Kerl aus, und sprang vor Freuden in die Höhe. Hab
ichs doch immer gesagt: so einem braven Herrn kanns nicht übel gehen! Ja, Herr
Siegwart, das war ein Jammer! Sie werden mirs kaum glauben. Da brachte man den
alten Herrn auf einer Tragbahre heim. Das Blut lief aus Mund und Nase, wie ein
Röhrkasten; und dabei schimpfte und fluchte er auf meinen gnädgen Herrn, dass ich
mich kreuzigte und segnete. Es hiess, mein Herr sei verloren, und man wiss'
nichts von ihm. Man müss' ihn überall aufsuchen. Ich konnte das nun nicht
begreifen, aber ich nahm den ersten besten Gaul im Stall, und ritt, wo die Mähre
hin wollte, denn ich wusste - Gott verzeih mirs! - von meinem Herrn so wenig als
der Gaul. Keine Seele wollt ihn gesehen haben, wo ich fragte. Ich rannte durch
Hecken und Stauden, durch dick und dünn; alles nur umsonst. Endlich ritt ich
nach drei Tagen recht betrübt, mochte nichts essen und nichts trinken, in Gottes
Namen wieder heim. Da war nun der Lärm erst recht angegangen. Der alte Herr war
abgesegelt. Es soll entsetzlich anzusehn gewesen sein, wie er geschimpft, dann
wieder gebetet, dann geflucht hat, besonders auf meinen unschuldigen jungen
Herrn. Die Augen soll er im Kopfe herum gedreht haben, wie ein Uhu. Er war ganz
blau im Gesicht, und die Zung hieng ihm aus dem Mund heraus, sechs Zoll lang,
dass alle Menschen im Dorf sagten, der Böse - Gott sei uns gnädig - hab ihn
abgeholt. - Ja, wie ich eben sah, dass da nichts zu machen war; denn ohne meinen
Herrn möcht ich gar nicht leben - und dass alles drunter und drüber ging - jeder
packte ein, und die saubre Junfer Kunigund am meisten - da nahm ich eben in
Gottes Namen meinen Bündel auf den Rücken. Ich hätt einen Gaul aus dem Stall
mitnehmen können, dass kein Hahn darnach gekräht hätt - aber ich bedanke mich
dafür! Unrecht Gut g'rät nie gut! und ehrlich will ich bleiben, es mag gehn
wie's will! Da ging ich eben auf gut Glück überzwerch ins Land hinein, und
dachte: ich will meinen Herrn schon finden, wenns Gotts Will ist. Freilich
giengs ein bisschen hart her. Die kaiserlichen Werber wollten mich mit Gewalt
wegnehmen, weil ich keinen Pass hatt', und mir sechzig baare Taler geben; aber
ich rankte mich hinaus; und weil ich meinen Herrn nicht auftreiben konnte, da
fiel mirs erst ein, dass ich mich bei Ihnen Rats erholen wollte; Sie würden
schon Bescheid wissen. Gottlob! dass ich auf den Einfall kam. Nun bitt ich gar
schön, sagen Sie mir gleich, wo er ist? Dass ich mich morgen mit dem frühesten
auf den Weg machen kann.
    Siegwart sagte ihm, wo Kronhelm wäre. Ey, Ey! sagte er, das ist ein bisschen
weit ohne Pass. Ich hätte wohl eine Bitte, ob Sie mir ein kleines Briefchen mit
gäben, wo drinn stünde, dass ich ein ehrlicher Kerl sei. Ich fürchte die
Soldaten, wie den Henker. Siegwart gab ihm einen kleinen Brief an Kronhelm, und
ein offnes Zeugnis seines Wohlverhaltens. Der Kerl küsste ihm die Hand - Aber,
fuhr er fort, und kratzte sich hinter den Ohren. Nun hätt ich noch eine Bitte!
Sie ist zwar gross, ich weis nicht, ob Sies mir nicht abschlagen? Sie wissen
schon so, wie's auf Reisen geht! Das Geld ist mir eben ausgegangen, und da wollt
ich ... Gut, gut! rief Siegwart, wie viel braucht Er? - O Herr, Sie sind auch
gar zu gut, sagte Marx ganz bewegt. Ich dächte, wenn ich sechszehn Batzen hätt.
Ich wollts Ihnen in vier Wochen wieder schicken; da krieg ich meinen Monatslohn.
- Siegwart gab ihm zwei Gulden, und sagte, dass er sie ihm schenke. Der Kerl
wollte das Geld nicht geschenkt annehmen, und liess sich erst dadurch beruhigen,
dass ihm Siegwart sagte: Er sei seinem Herrn das Geld schuldig und wolle mit ihm
abrechnen. Endlich nahm Marx mit Tränen Abschied.
    Den folgenden Tag brachte Marianens Mädchen unserm Siegwart seinen Kleist
wieder. Es war ein Papier um das Buch geschlagen, und als ers wegnahm, fiel ihm
dieser Zettel in die Hände:
                              Mein Allerliebster!
    Entreissen Sie sich Ihrer Unruh! Es ist wieder Hoffnung für uns da. Meine
Mutter hat aufs neu mit mir gesprochen. Sie ist sehr für Sie, und versprach mir,
alles, was zu unserm Besten dienen könnte, zu versuchen. Sie hat bereits mit
meinem Vater gesprochen, und ihn so weit gebracht, dass nun wegen des Hofrats
nicht weiter in mich gesetzt werden soll. Nur sollen wir behutsam sein, und
unsre Rechnung nicht zu gewiss machen! Meine Hand soll gewiss kein anderer
bekommen; das hab ich Ihnen schon so oft gesagt, und sag es hier auch
schriftlich. Ich kann nicht glauben, dass Gott eine so reine und unschuldige
Liebe unglücklich machen wird. Bleiben Sie nur Gott und der Hoffnung treu, mein
Allerliebster! Ich wünsche sehr, Sie zu sprachen, denn ich hab Ihnen mancherlei
zu sagen. Morgen geh ich mit meiner Freundin in ihren Garten, und da könnten wir
uns sehen. Es ist, wenn Sie bei meinem Garten sich in das Gässchen rechter Hand
schlagen, der fünfte Garten auf der linken Seite, mit einem schwefelgelben
Häuschen. Sie können nicht leicht fehlen, und ich werd auch heraussehen. Schlag
Drei gehen wir hinaus, wenn das Wetter gut ist. Leben Sie wohl, mein
Allerteurester! Bauen Sie auf meine Liebe und auf meine Standhaftigkeit; am
meisten aber auf die Vorsehung, die unsre Herzen so fest vereinigt hat! Ich bin
ihre, bis in den Tod getreue
                                                               Mariane Fischern.
    Siegwarts Seele war durch diesen Brief, und die darin entaltne Hoffnung
wieder wie neu belebt. Er ging den andern Tag um halb vier Uhr in den Garten,
wo seine Mariane schon seiner wartete. Sie empfiengen sich mit einem Entzücken,
als ob sie Jahre lang getrennt gewesen wären. Mariane sah wieder so heiter aus,
wie der Frühlingshimmel. Sie pflückte zwo Aurikeln von gleicher Farbe; gab die
Eine ihm, und steckte die andre an ihre Brust. In Gegenwart ihrer Freundin war
sie bis zum Mutwillen lustig, und hatte tausend muntre Einfälle. Siegwart
erzählte den beiden Mädchen Kronhelms und Teresens glückliche Geschichte, und
meldete seinem Mädchen den Gruss seiner Schwester. Mariane ward über diese
Erzählung noch munterer, und sagte, mit einem Blick auf Siegwart:
Standhaftigkeit und treue Liebe bleibt doch selten unbelohnt. Mit diesm Worten
gab sie ihm ihre Hand, und ging mit ihm durch die Johannisbeerhecken einer
dunkeln Geissblattlaube zu. In ihrem Schatten sank sie an sein Herz; er neigte
sich herab, küsste sie auf ihre Stirne, auf ihre schöne Augen, und auf ihren
Mund. Freudentränen stunden ihm in den Augen, wann sie ihren schmachtenden und
liebevollen Blick zu ihm aufschlug. Er lächelte; Sie auch, und fuhr ihm sanft
mit der Hand über sein Gesicht. Er umschlang sie. Lieber, lieber Engel, sprach
er, sind Sie wieder mein? Wollen Sie mein bleiben? Sie lehnte ihr Gesicht an
eine Brust, und drückte seine Hand sanft. Oft sassen sie lange stillschweigend
da; Gesicht an Gesicht geschmiegt; Er hörte ihren Atem, wie er erst langsam,
nach und nach schneller und stärker ging, und zuletzt ein Seufzer ward. Dann
drückte er sie wieder fester an sein Herz, seinen Mund an ihren Mund; sog ihren
Kuss, und ihren sanften, reinen Atem ein. - Lieben Sie mich auch? fragte er ein
paarmal ganz leise. O unendlich! antwortete sie, und ihr Auge, das so zärtlich
und so frei ihn ansah, sagte, dass es wahr sei.
    Ein paarmal blickte Siegwart zum Himmel. Der ganze Ausdruck seines Blicks
war Dank. Gott, ach Gott! dachte er; wie unendlich hast du mich gesegnet! Alles,
alles, was du meinem Wunsch auf Erden geben konntest, die ganze Welt in meinem
Arm! Alles andre ist mir nichts; ist Staub! Lass mir nur Sie, nur Sie! Gott, ach
Gott, nur Sie! Und dann drückte er sie wieder feuervoller an sein Herz. -
Warlich! Eine solche Liebe muss die Freude Gottes, und die Lust der Engel sein!
Lass zwei solche Liebende auf Erden auch getrennt werden! In der Ewigkeit eilen
sie sich wieder zu, wo ewig keine Trennung sein wird! -
    Lieben Sie mich auch? fragte sie nach einiger Zeit, ganz bewegt. Ueber
alles, über alles! gab er ihr zur Antwort. - Lieben Sie mich, Siegwart? fragte
sie bald darauf, noch bewegter wieder. - Warlich! wie mein Leben; mehr noch, als
mein Leben! antwortete er, und ward traurig. - Lieben Sie mich mehr noch, als
das Kloster? fragte sie zum drittenmal. - Tränen stürzten ihm hier aus den
Augen; ja, bei Gott! auch mehr noch, als das Kloster! rief er aus. Liebstes,
bestes Mädchen! Ich will nächstens meinem Vater drüber schreiben; denn er weis
noch nichts. Aber er hat nichts dagegen, davon bin ich überzeugt. Der geheime
Rat von Kronhelm will mir helfen, und im Baierschen ein Amt verschaffen. - Nun,
das ist ja herrlich! sagte sie; nun bin ich ruhig. Meine Mutter machte mir den
Einwurf: Sie würden ja ein Geistlicher, und ich wusste nichts darauf zu
antworten. Er versicherte sie nochmals, dass er bald davon an seinen Vater
schreiben werde. Und nun goss die Zärtlichkeit von neuem ihre Freuden über sie in
vollem Maas aus; jeder Kuss war ein Tropfen aus der Schaale der Liebe, die nur
keuschen Liebenden gereicht wird. Eine Nachtigall sass auf dem Zweig des nächsten
Apfelbaums, und sang ihnen noch mehr Wollust ins Herz. Endlich kam auch
Marianens Freundin zu ihnen. Dies störte sie in ihrer Freude nicht. Mariane gab
ihrem Siegwart in ihrer Gegenwart Küsse, und blickte ihn noch eben so zärtlich
an; denn ihre Freundin war mit ihr aufs innigste verbunden, und hatte ihr auch
ehmals die Geschichte ihres Herzens anvertraut. Sie sagte ihrem Siegwart, er
möchte das nächstemal wieder ins Konzert kommen, zumal da es das vorletzte sei.
Ihre Schwägerinn sei wieder krank, und könne also nicht auflauren. Dann sprachen
sie wieder von Kronhelm und Teresen; und endlich ging Siegwart so selig und
vergnügt wieder nach der Stadt, als er seit langer Zeit nicht gewesen war.
    Zu Haus fieng er sogleich einen Brief an Kronhelm und seine Schwester an,
der aber, in seiner Freude, so unzusammenhängend ward, dass er ihn wieder zerriss.
Nun dachte er ernstlich drauf, was er seinem Vater schreiben wollte? So fest ers
auch beschlossen hatte, so ungern ging er doch dran, weil es ihm schwer fiel,
seinem Vater ein Geständnis zu tun, das sein zu zärtliches und ängstliches
Gefühl lieber nie einer Seele eröffnet hätte. Daher schob er das Schreiben an
seinen Vater von einem Tag zum andern auf. Oft hatte ers an einem Abend
beschlossen, und unterliess es den andern Morgen, unter tausend, selbstgemachten,
Entschuldigungen wieder. Wenn er Marianen sah, so dachte er, nun muss ich
schreiben! Er fieng zu Hause an, war aber nie mit dem, was er geschrieben hatte,
zufrieden, strich hundertmal aus, und zerriss dann das ganze Blatt wieder. Er
hatte unendlich viele Bedenklichkeiten, dass er seinen Vater beleidigen, oder
seine Gunst verlieren möchte, und machte sich selbst tausend Zweifel, die nicht
wirklich waren.
    Nach etlich Tagen erhielt er diesen Brief von Teresen:
                          Zärtlichstgeliebter Bruder!
    Endlich sind alle Wünsche meines Lebens ganz erfüllt, und ich bin die
glücklichste Frau des Besten aller Sterblichen. Vor zwei Tagen wurden wir
getraut. O Bruder, Bruder, meine Freuden sind zu gross, als dass eine Zunge, oder
eine Feder sie ausdrücken könnte. Ich kann dir nicht den Schatten von dem
zeigen, was ich fühle. Genug, für mich hab ich keinen Wunsch mehr, als das Leben
und die Ruhe meines Kronhelms. Und ich hoffe, dass ihn Gott mir lange erhalten
werde, denn er ist ein Segen der Welt. Täglich lern ich ihn mehr kennen, mehr
bewundern und lieben. Täglich lern ich von ihm, und werde doch gewiss in diesem
Leben nie auslernen. Seine Zärtlichkeit gegen mich ist unbeschreiblich. Unsre
Seelen sind aufs engeste vereinigt und haben nur einen Willen. Doch, du kennst
ihn ja selbst. Aber von seinem Lob möcht ich unaufhörlich reden, und du fassest
so etwas am besten.
    Bei der Hochzeit waren einige Freunde unsers teuren Vaters, der
unaussprechlich heiter war. Auch meinen ehrlichen Prediger in Windenheim hab ich
bitten lassen; er konnte aber, leider, wegen einer kleinen Unpässlichkeit nicht
kommen. Vor fünf Tagen sind wir, ich und mein Kronhelm, bei ihm gewesen. Der
gute Mann hatte eine unbeschreibliche Freude, die hellen Zähren stunden ihm in
den Augen, und er gab uns einen so herzlichen Segen, dass ihn Gott gewiss erhören
muss. Der geheime Rat ist mehr als mein zweiter Vater. Ich kann dir nicht sagen,
wie liebreich er mir begegnet! Er nennt mich immer seine Tochter, und das tut
so wohl. Auch grosse, nur zu grosse Geschenke hat er mir gemacht, an Juwelen,
Diamanten, Perlen u.d. gl. Karl und seine Frau waren auch bei der Mahlzeit. Wie
hat sich doch alles hier so wunderlich geändert! Sie wünschte mir so viel Glück,
schmeichelte mir so sehr, dass ichs zuletzt fast überdrüssig wurde. Der geheime
Rat will, der Papa soll mir gar kein Heiratsgut mitgeben. Er will, wie er
sagt, Vatersstelle bei mir vertreten, und bat den Papa, ihm diese Freude zu
gönnen, da er keine eigne Kinder habe. Darüber ist Karl ganz ausser sich vor
Freuden.
    Deinen Brief, liebster Bruder, haben wir mit vielen Tränen gelesen. Gott
stehe dir bei, und mache dich mit deiner teuren Mariane glücklich! Mich deucht,
du bist ein wenig zu furchtsam; wenigstens mein Kronhelm sagt, du seist viel zu
ängstlich. Fasse doch Mut! Eine solche Liebe kann kaum unglücklich werden. Denk
an unsre Liebe; welche Leiden wir ausgestanden haben, und wie glücklich wir nun
sind! Vielleicht ist schon wieder Hoffnung für dich da. Gott geb es! Ich bitte
täglich für dich. Tausend Dank für dein Gedicht, wollte Gott, du hattest ein
freudigeres singen können! Aber doch hat es uns sehr gefallen. Grüss deine
Mariane in meinem Namen herzlich! - Ich will meinen Kronhelm fragen, ob er dir
auch schreiben will? O Bruder, ich bin deine unaussprechlich glückliche
Schwester
                                                               Terese Kronhelm.
    Am Schluss des Briefes war noch folgendes von Kronhelm geschrieben:
    Ich kann nicht schreiben, Bruder! Mein Herz ist zu voll, und tobt vor
Freuden. Ich bedaure dich, Gott weis es, herzlich. Aber fass Mut! Es wird sich
ändern. Marianens Herz ist stark und standhaft. Bau darauf! Ich bitte dich, sei
nicht gar zu mutlos! - Hier ist alles Freude; und mich deucht, ich bin der
Glücklichste von allen. Könnt ich dir nur den tausendsten Teil von meinem Glück
geben; und du wärst schon froh. Aber nur getrost! Du must auch noch glücklich
werden; du bist gar zu brav. Uebermorgen reisen wir mit meinem treflichen Onkel
nach Steinfeld. Unser Vater ist gar ein vortreflicher Mann, den ich mit der
grösten Ehrfurcht liebe. Sei ein Mann, Bruder, und kämpf! Die Siegerkrone kann
dir nicht fehlen. Du wirst sagen: der hat gut trösten, weil ihm nichts mehr auf
Erden übrig ist, zu wünschen; und da hast du freilich Recht. Leb wohl, Bester,
und sei glücklich! Ich bin ganz
                                                  Dein treuer Schwager Kronhelm.
    Siegwart war nun wieder von allen Seiten glücklich. Die Wünsche seiner
liebsten Freunde waren ganz erfüllt; er besass die Liebe seiner teuren Mariane
ganz, und die Furcht, sie zu verlieren, war wieder gröstenteils zerstreut. Nur
der Gedanke an das Geständnis, das er nun bald seinem Vater tun sollte, trübte
noch zuweilen seine Ruhe. Aber in den vielen Freuden, die er hatte, suchte er
ihn zu betäuben und einzuschläfern; er schrieb an seinen Schwager und an seine
Schwester nach Steinfeld; teilte mit ihnen ihre grosse Freude, und erzählte
ihnen auch die Hoffnungen, die er für sich und seine Liebe hatte. Im nächsten
Konzert sang er mit Marianen ein paar Arien, die die Wiedervereinigung zweier
Liebenden zum Inhalt hatten. Mit welchem Ausdruck sie und er gesungen haben
mögen, kann sich jedes gefühlvolle Herz vorstellen. Jeder Zuhörer war bewegt,
und klatschte Beifall. Ueber seinen Blicken wachte er genau, um den Hofrat und
den andern Anwesenden keine Gelegenheit zum Argwohn zu geben. Der Hofrat war
sehr höflich, und lud am Ende des Konzerts alle, auch unsern Siegwart ein, nach
dem nächsten Konzert, welches das letzte sein würde, zu einem Ball da zu
bleiben. Siegwart sprach zwischen dieser Zeit sein Mädchen einmal in dem Garten
ihrer Freundin, und brachte einen, der liebe heiligen Abend mit ihr zu. Sie
versicherte ihn wieder, dass ihre Mutter ganz für ihn sei, und dass sie wegen des
Hofrat Schragers wenig, oder nichts mehr zu besorgen habe.
    Am nächsten Mittewochen spielte Siegwart noch einmal mit dem allgemeinsten
Beifall ein Konzert. Auch Marianens Bruder spielte eins mit ziemlichem Beifall,
weil er sich, unter Siegwarts Anführung, sehr darauf vorbereitet hatte. Dieser
Umstand machte, dass auch er unserm Siegwart ziemlich zugetan wurde. Nach dem
Konzert gab der Hofrat Fischer ein Abendessen; nach demselben eröfnete er, mit
seiner Frau, den Ball. Siegwart tanzte zuerst mit Marianen eine Menuet, und dann
einen Gesellschaftstanz. Hierauf tanzte er mit ihrer Mutter, die
ausserordentlich freundschaftlich gegen ihn tat. Sie setzte sich nach dem Tanz
mit ihm auf ein Kanapee, und fieng von ihrer Tochter an, zu reden. Es freut mich
herzlich, sagte sie, dass Sie so viel Freundschaft gegen meine Tochter tragen;
sie wird es Ihnen auch schon gesagt haben. Nur um der Leute, und hauptsächlich
um meines Mannes willen, muss ich Sie sehr um Behutsamkeit bitten. Man ist im
Stillen weit glücklicher, als wenn man vieles Aufsehen macht. Ich wurde schon
von verschiednen Seiten her gewarnt. Die Leute hier schliessen aus jeglicher
Bekanntschaft auf die engeste Vertraulichkeit, und erdichten aus Langerweile
tausenderlei Geschichten. Sie sehen ein, was mir daran liegt, dass meine Tochter
nicht in der Leute Mund kommt. Meine Schwiegertochter und mein Mann sind gar
wunderlich. Suchen Sie ein rechtschaffner und geschickter Mann zu werden; das
Uebrige hängt von Gott und nicht von uns ab. Ich höre, Sie wollten geistlich
werden. Wird es Ihr Herr Vater wohl zufrieden sein, wenn Sie umsatteln? O ja,
ganz gewiss! sagte Siegwart; ich will ihm nächster Tagen schreiben. Ein anderer,
der die Hofrätin zum Tanz aufzog, machte dem Gespräch ein Ende. Er blieb
sitzen, und sah seine Mariane in einiger Entfernung von ihm, tanzen. Ihre Augen
waren viel auf ihn gerichtet; oft, wenn sie glaubte, dass es niemand merkte,
lächelte sie ihm zu. Ihm wars, wie wenn ein Sonnenblick im Frühling auf die Flur
fällt.
    Als der Student, mit dem Sie tanzte, ihr, beim Schluss der Menuet, die Hand
küsste, da fuhr ihms wie ein Dolch durchs Herz. Er ward feuerrot, und gleich
drauf traurig; denn er hatte viel, fast zu viel Anlage zur Eifersucht. Der
freundliche Blick, mit dem sie dem Studenten dankte, machte tausend Empfindungen
in ihm rege. Er glaubte, Liebe drinn entdeckt zu haben, so unwahrscheinlich und
ungegründet dies auch war. Die Vernunft mochte ihm auch tausendmal sagen, dass er
sich selbst ohne Ursach kränke, und Marianen Unrecht tue, er konnte sich und
seine Unruhe doch nicht gnug bekämpfen. Mariane merkte dieses wohl, und setzte
sich, als er ins Zimmer gegangen war, zu ihm. Sie blickte ihn zärtlich an, und
nun kam die Heiterkeit auf Einmal in sein Aug, und in sein Herz zurück. Er sah
die Falschheit seines Argwohns ein, machte sich selbst bittre Vorwürfe, und
konnte eine Träne nicht verbergen, die ihm ins Auge schoss. Gern wär er an ihr
Herz gesunken, und hätte sein beleidigtes Mädchen um Verzeihung gebeten, aber
die vielen Gäste, die zugegen waren, hielten ihn zurück. Der, ihm verhasste
Hofrat Schrager, zog sie nun zum Tanz auf. Es ward ihm kalt und warm, als er
den Mann sah. Er tanzte, um seine Verwirrung zu verbergen, mit dem nächsten
besten Mädchen, seiner Mariane gegen über. Sie tanzte ganz kalt, und nachlässig
mit dem Hofrat, und warf zuweilen einen liebevollen Blick auf ihren Jüngling.
Als Mariane mit Dahlmund schwäbisch tanzte, setzte sich Siegwart allein in einen
Winkel auf dem Saal, und hatte lauter traurige Gedanken. Mariane legte ihre
linke Hand auf Dahlmunds Schulter, und flog so mit ihm auf dem Saal herum.
Dieser Anschein von Vertraulichkeit kränkte seine zarte Seele tief, zumal da es
sonst kein Mädchen auf dem Saal so machte. Er sah zwar nachher, dass dieses bei
Marianen bloss Gewohnheit war, weil sie es bei jedem Tänzer ohne Unterschied so
machte; aber es tat ihm doch im Herzen weh, dass die Geliebte seiner Seele auch
nur scheinen sollte, ausser ihm mit einem Menschen auf der Welt vertraut zu
sein. Er hätt es ihr so gern gesagt, aber er fürchtete, sie zu betrüben, oder in
den Verdacht der Wunderlichkeit bei ihr zu kommen. Noch trauriger ward er bald
darauf, als sie mit einem andern tanzte, der sie, wie ein Rasender herumriss, und
mit ihr mehr flog, als sprang. Gott! dachte er, wenn ihr diese heftige Bewegung
Schaden brächte, und ihre Gesundheit zerrüttete! Wie leicht könnte so ein
Augenblick mein Liebstes rauben! Dieser Gedanke versenkte ihn immer tiefer in
die traurigsten Vorstellungen, so dass ihm Tränen in den Augen standen. Sie kam
nach dem Tanz zu ihm. Das ist schrecklich getanzt! sagte er; Sie glühen recht!
und schien aufgebracht zu sein. Sie sah ihn wehmütig, und halb bittend an. Eine
Träne drang aus ihrem Auge. Liebes Mädchen, sagte er, und war bewegt; wie
leicht könnten Sie sich schaden! Diese Vorstellung hat mich ganz traurig
gemacht. Sie nahm ihn bei der Hand. Es wird mir hoffentlich nicht schaden, sagte
sie; aber freilich war es scharf getanzt; ich dachte es selbst; nur kann ich
nicht dafür. Ich tu's nicht gerne. - Nehmen Sie mirs nur nicht übel! sprach er;
meine Warnung kam aus gutem Herzen. Sie sah ihn mit der grösten Zärtlichkeit an,
und wär ihm gern ans Herz gesunken, um an seiner Brust zu weinen. Ein paarmal
küsste sie ihn doch, weil ihre Eltern in dem Nebenzimmer sassen. Ich will sagen,
dass ich mit Ihnen tanze, sagte sie, wenn mich wieder jemand aufziehn will. -
Liebes Mädchen! Weiter konnte er nichts sagen.
    Man tanzte wieder französisch, und Siegwart tanzte nun auch mit den übrigen
Frauenzimmern, und noch ein paarmal mit seiner Mariane. Erst um 2 Uhr ging die
Gesellschaft auseinander.
    Kurz eh man auseinander ging, entstand noch ein Streit zwischen einem
Studenten, Namens Dieling, und Joseph, Marianens Bruder. Dieling war betrunken,
und wollte schwäbisch tanzen, als die übrigen eben einen Gesellschaftstanz
angefangen hatten. Joseph nannte ihn einen Menschen ohne Lebensart. Dies stieg
dem betrunkenen Dieling zu Kopf; er holte seinen Degen, und rannte damit auf
Joseph. Siegwart, der auf der Seite neben Hofrat Schrager stand, der eben
weggehen wollte, riss diesem den Degen von der Seite, fieng Dielings Degen auf,
und schlug ihn ihm aus der Hand, dass er in das entgegen stehende Fenster flog.
Nun kamen andre hinzu, und schafften den Betrunknen weg. Siegwart hatte sich nur
etwas an dem Finger geritzt, und blutete. Joseph, der nun erst sah, wer sein
Retter gewesen war, sank ihm in den Arm, und dankte ihm mit hundert Küssen.
Mariane und ihre Eltern waren indes auch hinzugesprungen; sie ward todtblass, als
sie Blut sah; er beruhigte sie aber gleich, indem er zeigte, dass er nur geritzt
wäre. Sie sprang in ihrer Angst weg, um ein Stückchen Tafft zum Verband zu
holen. Der Hofrat umarmte indes unsern Siegwart, und dankte ihm für die Rettung
seines Sohns. Die Hofrätin weinte, und nannte ihn den Retter ihres Josephs,
ihren zweiten Sohn. Indes kam Mariane wieder, die sich nun von ihrer ersten
Bestürzung erholt hatte, und verband ihm selbst den Finger. Als Siegwart
weggieng, begleitete ihn Joseph noch bis auf die Strasse, umarmte ihn noch
einmal, und sagte: Bruder, sag, was kann ich dir für diesen Dienst tun? Nichts!
antwortete Siegwart in der Rührung; als dass du mein wahrer Bruder bleibest, und
mir deiner Schwester Liebe gönnest! O das will ich! o das will ich! rief Joseph
aus, ja du sollst Sie haben! Wenns auf mich ankäme, wär sie heute dein - Indem
kam Marianens älterer Bruder aus dem Hause, so dass er Josephs Worte noch gehört
haben konnte. Siegwart erschrack, und ging weg. Dieser Umstand benuruhigte ihn
sehr, weil er fürchtete, dass er üble Folgen für ihn und Marianen haben könnte.
Doch richtete ihn der Gedanke wieder auf, dass vielleicht der Hofrat ihm nun
günstiger sein, und sich seiner Liebe zu Marianen weniger widersetzen werde.
    Den andern Morgen brachte er damit zu, dass er sich alle Auftritte des
vorigen Tages wieder ins Gedächtnis zurückrief. Einigemal stunden ihm die
Tränen in den Augen, wenn er überdachte, wie viel Unrecht seine Eifersucht
Marianen getan hatte. Er beschloss, sich vor dieser Marter seiner selbst, und
des geliebten Gegenstandes künftig recht in Acht zu nehmen. Nun sah er aber
erst, wie sehr er seine Mariane liebe; wie so ganz unzertrennlich seine Seele
von der ihrigen sei. Er hatte nun auch ihre Liebe ganz gesehen, mit welcher
Sorgfalt sie sich um ihn bekümmre; wie genau sie auf jede Veränderung in seinen
Gesichtszügen Acht gebe. Er fühlte das Glück, ihre Liebe, und ein solches
Mädchen, zu besitzen, ganz, so dass seine Emfindungen fast immer zwischen
Entzücken, Andacht, und Gebet geteilt waren.
    Um eilf Uhr kam Marianens Bruder zu ihm, und sagte: seine Schwester würde
heut allein mit ihm auf seinen Garten gehen; ob er nicht auch hin kommen wolle?
Siegwart nahm diesen Antrag, der ein Beweis seiner Dankbarkeit, und seiner
Zuneigung zu ihm war, mit dem innigsten Vergnügen an; und ward durch dieses
Zeichen seiner Liebe zu der grösten Offenherzigkeit verleitet, so dass er ihm die
ganze Geschichte seines eignen, und des Herzens seiner Schwester erzählte.
Joseph nahm daran sehr vielen Anteil, und sagte: Er sei ganz für diese Liebe,
und wünsche nur, es recht bald beweisen zu können. Von seiner Schwägerin, und
seinem Bruder, sagte er selbst, wär am meisten zu befürchten, weil diese ihren
Vater so sehr einzunehmen wüsste. Doch könnte man vor den beiden diese Liebe sehr
wohl verborgen halten, weil sie wenig aus dem Hause kämen, und vielleicht nähme
gar seine Schwägerin bald ganz von der Welt Abschied.
    Den Nachmittag um vier Uhr ging Siegwart, wie er bestellt war, nach dem
Garten. Seine Mariane, sah so zärtlich, und so schmachtend aus, als er sie noch
nie gesehen hatte. Sie nahm ihn gleich bei der Hand, führte ihn in eine Laube,
und sank ihm in den Arm. Ihre Küsse waren feuriger, wie sonst; ihr Mund
verweilte länger auf dem seinigen, und sog ganz seinen Atem ein. Er setzte sie
auf seinen Schoss; drückte sie fest an sein Herz, und legte sein Gesicht an das
ihrige. Keines konnte vor Empfindungen sprechen. Er küsste ihre Stirne, dann ihr
Auge, und da fühlte er, dass es nass war, und küsste eine heilige Träne weg. So
eine süsse, überirdische Empfindung hatte er noch nie gehabt. Er sah ihr mit der
grösten, wehmütigsten Zärtlichkeit ins Auge; sie konnts nicht aushalten, und
verbarg ihr Gesicht an seinem Busen. - Liebster, liebster Siegwart! Liebstes,
bestes Mädchen! war alles, was sie sagen konnten. - Endlich kam Joseph, der
indes auf dem Gartenhaus gelesen hatte, hurtig auf die Laube zugesprungen, und
rief, der Bruder und die Schwägerin! Siegwart und Mariane sprangen auf. Joseph
wollte wieder zurück. Bleib da! rief Mariane, und nun giengen alle drei nach der
Gartentüre zu, wo das liebe Paar eben herein trat.
    Das ist der Herr, sagte Mariane ganz entschlossen, der gestern unserm Joseph
das Leben gerettet hat. Ey, sagte die Schwägerin, sind das der junge Herr
Siegwart? Ja, mich deucht, ich habe Sie schon im Konzert gesehen. Siegwart
machte eine Verbeugung, und betrachtete nun erst ihr Gesicht recht. Sie sah
ausgezehrt, und eingefallen aus, und hatte ganz die gelbe Farbe des Neides. Ihre
kleine, matte, graue Augen lagen tief; ihre Augenbraunen waren weiss, und fielen
ins gelbliche, dass man sie kaum sehen konnte. Ihre Nase war spitz; ihr Kinn
hervorstehend, und die Stirne niedrig, ohne Ecken, weil die Haare rund herum,
tief ins Gesicht herein stunden. Sie ging vorwärts gebeugt, und der Kopf
steckte tief in den Schultern. Ihr Herr Gemahl war ein langer, hagrer Mann, in
dessen Gesicht man mehr Aengstlichkeit und Kummer sah, als Bosheit. Sind Sie nur
so ganz allein hier, sagte die Schwägerin zu Marianen. Diese antwortete, ja;
aber ihre Eltern würden vielleicht diesen Abend noch heraus kommen. Sie waren ja
wohl gestern recht vergnügt, Jungfer Schwägerin? fuhr sie fort. Ja, ja,
freilich, in so angenehmer Gesellschaft kanns nicht fehlen. Aber der Hofrat
Schrager war nicht ganz vergnügt. - Mariane sagte: sie wüsste nicht, dass ihm
jemand was zu Leid getan hätte. Je nu, fuhr die Schwägerin fort, wenn man eben
den vierzigen näher ist, als den dreissigen, so ist man bei dem jungen Volk nicht
mehr so beliebt. - Sie wollen ja ein Geistlicher werden, Herr Siegwart, wie ich
höre? Ihre Zeit ist wohl bald herum! Mich deucht Sie sind schon lang hier?
Siegwart sagte, dass er erst übers Jahr hier sei, und noch nicht fest
entschlossen sei, was er studieren wolle! Es komm auf seinen Vater an. Ey, Sie
werden ja der Kirche nicht untreu werden, sagte sie, werden Sie ja ein
Geistlicher, das ist der beste Stand auf Erden. Hoffentlich wird Sie nichts
irdisches davon zurückhalten. Mit diesen Worten sah sie Marianen spöttisch an,
und machte noch zwanzig andre Anspielungen, die nur zu deutlich zeigten, dass sie
von der Liebe unsrer jungen Leute manches wisse. Siegwart und Mariane kamen oft
in die gröste Verlegenheit, und wussten nicht, was sie sagen sollten. Ihr älterer
Bruder musste seiner Frau immer Recht geben, weil sie ihn beständig ansah, wenn
sie etwas vorbrachte. Sie affektirte eine lächerliche Liebe gegen ihn und wich
nicht von seiner Seite. Oft wurden ihre Anspielungen so deutlich, dass Siegwart
ein paarmal rot wurde.
    Endlich empfahl er sich, weil er wohl sah, dass das Paar nicht vor ihm gehen
wollte. Er war über das, was vorgefallen war, aufs neu in der grösten
Beängstigung, und stellte sich schon wieder tausend traurige Begegnisse in
seiner Liebe vor. Noch denselben Abend schrieb er in der heftigsten Bewegung
einen Brief an Marianen, worinn er ihr alle seine Besorgnisse entdeckte, und sie
um Gottes willen bat, ihm treu zu bleiben. Zugleich bat er sie um Nachricht, wie
er sich verhalten sollte? Den andern Morgen war er sehr bekümmert, wie er ihr
den Brief zustellen könnte? Und endlich, als er keinen andern Weg sah, gab er
den Brief ihrem Mädchen, die er auf der Strasse antraf, und sagte ihr, er habe
diesen Brief geschickt bekommen; sie möcht ihn ihrer Jungfrau diesen Morgen
noch, und allein geben! Nun war er wieder etwas ruhiger.
    Endlich entschloss er sich auch ernstlich, seinem Vater zu schreiben, ihm
seine Liebe zu entdecken, und ihn um die Erlaubnis zu bitten, dass er nun Jura
studieren dürfte! Er schrieb dieses alles mit grossen Ausholungen und
Umschweifen, oft mit vieler Rührung, und bat seinen Vater inständig, seine Liebe
nicht zu verdammen, oder für leichtsinnig zu halten. Er habe seinen Entschluss
erst nach vielen Kämpfen gefasst, weil er befunden habe, dass er im Kloster und
ohne Marianens Liebe nie glücklich werden könne. Marianen schilderte er ihm, mit
aller Begeisterung eines Liebhabers, und doch wahr ab, und schloss mit der Bitte:
Ihn recht bald durch einen Brief aus seiner Ungewissheit zu reissen.
    Wegen Marianen war er sehr besorgt. Sie hatte seinen Brief nun schon drei
Tage, und noch hatte er keine Nachricht von ihr. Am Fenster sah er sie zwar
täglich, und sie sah auch sehr heiter aus, aber die Ungewissheit, in der er,
wegen der letztern Begebenheit im Garten, schwebte, quälte ihn doch sehr.
Endlich kam am vierten Tag ihr Bruder zu ihm, und sagte, seine Schwester würde
den Nachmittag in den Garten ihrer Freundin gehen; er möchte auch hin kommen. Um
vier Uhr kam er. Mariane war sehr freundlich. Sie haben sich unnötige
Besorgnisse gemacht, sagte sie, als sie allein mit ihm in der Laube sass; meine
Schwägerin konnte aus dem, dass Sie bei mir waren, nichts schliessen, da mein
Bruder mit dabei war. Um ihre Sticheleien bekümmre ich mich wenig, da Sie durch
den neulichen Vorfall mit meinem Bruder sehr viel in der Gunst meines Vaters
gewonnen haben. Und überhaupt, auf mich können Sie sich verlassen. Mein Herz
bleibt ewig Ihr, und auch meine Hand soll kein andrer haben. Sie kennen mich
noch nicht genug, was ich zu tun im Stand bin. Auf unsre gute Sache, und die
Vorsehung dürfen wir uns auch verlassen. Das Mistrauen, glaub ich, kann Gott
niemals leiden. Wenn der Mensch das seinige tut, dann tut gewiss die Vorsehung
noch mehr das ihrige. So lang ich Ihre Liebe habe, bin ich zwar nicht
unbekümmert, aber doch nicht mutlos und unruhig. Ich hoff, es wird alles noch
recht gut gehen. Sie haben mir einen lieben zärtlichen Brief geschrieben; aber,
bester Siegwart, er war viel zu ängstlich; und dann - erlauben Sie mir, es zu
sagen! - Die Art, wie ich ihn erhalten habe, war mir nicht die angenehmste. Sie
gaben ihn meinem Mädchen. Es ist ein gutes Ding, dem man auch wohl etwas
anvertrauen kann. Es hat auch unsre Liebe längst gemutmasst, und verschwiegen.
Aber Dienstboten zu Vertrauten brauchen, scheint mir nicht sehr tunlich. Man
macht sich dadurch von ihnen abhängig. Sie glauben, wenn sie einmal ein
Geheimnis von uns wissen, unentbehrlich zu sein, und tun zu dürfen, was sie
wollen. Wenn man sie des Diensts entlassen will, so trotzen sie; und tut mans
nicht, so machen sie Klatschereien, und bürden ihrer Herrschaft mehr auf, als
wahr ist. Ich weis, mein Liebster! Sie nehmen mir diese Erinnerung nicht übel.
Nicht wahr? - Siegwart fiel ihr um den Hals, und küsste sie mit Tränen. Er
machte sich wegen seiner Zaghaftigkeit selbst Vorwürfe, und fühlte, dass ein
Frauenzimmer, in Absicht auf die Liebe, mehr Unternehmungsgeist, und mehr edles
Vertrauen hat, als ein Mann. Der Mann verlässt sich auf Stärke und aufs
Geraddurchfahren, welches bei der Liebe wenig tut; das Weib baut auf Klugheit
und Verschlagenheit, und tausend Weiberkünste. Bald werden wir uns recht
geniessen können, sagte Mariane. In wenig Tagen geht mein Vater mit meiner
Schwägerin ins Abacherbad bei Regensburg, und bleibt 5 oder 6 Wochen da. Ich
gehe dann mit meiner Freundin aufs Land zu ihrer Tante, einer herzlichguten
Frau. Das Gut liegt nur eine kleine Meile von hier, und Sie können täglich
hinauskommen, wenn Sie wollen.-O, das ist herrlich! sagte Siegwart; da wollen
wir ein Götterleben führen! Sie haben Recht; alles geht nach Wunsch. Meinem
Vater hab ich nun auch geschrieben, und in höchstens vierzehn Tagen hab ich
Antwort. Lieber Engel! ach, wir müssen glücklich werden! - Lieb und Seligkeit
umschwebte nun wieder unser keusches Paar. - Was macht Ihr Finger? sagte sie
nach einiger Zeit. Ist er wieder heil? Sie haben ja nicht mehr den Tafft drauf,
den ich Ihnen gab. Hier ist er, sagte er, und zog seine Brieftasche heraus; das
ist mir ein Heiligtum, das ich bei mir tragen werde, noch im Grab. Und ich
dieses, sagte Mariane, und zog ein weisses Schnupftuch aus der Tasche, auf dem
ein Tropfen von seinem Blut war. Diesen Blutstropfen hab ich aufgefangen; das
Schnupftuch geb ich nie aus meiner Hand; auch solls nie gewaschen werden. -
Liebes, liebes Mädchen! rief er aus, und drückte sie ans Herz. Dieser Tropfen
hat einst dir geschlagen; jeder andrer soll dir schlagen; bis ich todt bin! -
Sie nahmen hierauf Verabredungen wegen Marianens Reise aufs Land. Sie sagte, dass
sie schon mit ihrer Freundin drüber gesprochen habe. Diese woll ihn Einmal
einladen, damir er mit ihrer Tante bekannt werde, und dann könn' er ohne Anstand
alle Tage kommen, denn die Tante sei die billigste und munterste Frau, und werd
ihn selber fleissig zu sich bitten. Dieser Abend schloss sich für unsern Siegwart
ausserordentlich vergnügt. Er ging, mit tausend Küssen, und Versicherungen
ihrer Liebe erst in der Dämmerung von Marianen und ihrer Freundin weg, und war
so frei von aller Furcht, so voll ruhiger Freude, als er noch nicht leicht
gewesen war.
    Ein paar Tage drauf bekam er, von Steinfeld aus, Briefe von Kronhelm und
Teresen, die von nichts als Zufriedenheit und innigem Vergnügen seiner Freunde
zeugten. Kronhelm berichtete ihm die Ankunft seines treuen Dieners Marx, und die
Freude, die dieser über sein Glück gehabt hätte. Auch erzählte er ihm
Kunigundens Abschied. Sie sei nämlich noch vor seiner Ankunft bei Nacht und
Nebel von Steinfeld abgegangen, und habe ziemlich viele Kleidungsstücke und
Kostbarkeiten mitgenommen, die er ihr auf den Weg schenken wolle. Jetzt sei sie
in Augsburg eine Art von Hurenwirtin. Dann fragte er ihn nach Marianen, und
ermunterte ihn, guten Mut zu fassen; sein Onkel werde ihm gewiss eine anständige
Bedienung verschaffen; daher soll er unverzüglich seinem Vater schreiben, und
die Rechte zu studieren anfangen u.s.w.
    Teresens Brief war voll von Lobeserhebungen ihres Kronhelm; voll Freude
über ihr glücklichstes Schicksal, und über ihre jetzige Lage. Zugleich machte
sie eine ausführliche Beschreibung von der Einrichtung ihrer Lebensart in
Steinfeld; und schloss mit der Nachfrage um sein eignes Schicksal, und schrieb
eben das von Marianen, was ihm schon ihr Mann geschrieben hatte.
    Noch dieselbe Woche ging der Hofrat Fischer mit seinem Sohn und seiner
Schwiegertochter ins Bad, und einen Tag drauf reiste Mariane zu ihrer Freundin,
aufs Land. Gleich zween Tage drauf erhielt Sisgwart von dieser und von ihrer
Freundinn eine hösliche schriftliche Einladung, welcher Mariane etliche Zeilen
beisetzte, die voll Zärtlichkeit und Liebe waren. Er ging gleich denselben Tag
hinaus, und traf seine Mariane, ihre Freundin, und die Tante vor dem Landgut in
einer Allee von Fruchtbäumen mit Kleists Frühling in der Hand an. Alle drei
Frauenzimmer bewillkommten ihn mit der grösten Freude. Das Betragen der Tante,
die Frau Held hiess, nahm ihn ganz ein. Sie war ungefähr 55 Jahre alt. Ihr
Gesicht war sehr regelmässig, und zeigte noch Spuren ihrer ehemaligen Schönheit.
Ihr blaues Auge war etwas trüb, und verriet Hang zur Melancholie. Einige Züge
zeigten, dass sie oft geweint, und manchen stillen Kummer getragen haben musste.
Jetzt war ihr Gesicht zwar heiter; aber doch verriet es immer noch Anlage zur
Schwärmerei und Wehmut. Ihre Reden zeugten von gleich viel Verstand, und
Empfindung. Nur die letztere schlug noch zuweilen vor. Ich habe viel Gutes von
Ihnen gehört, sagte sie zu Siegwart. Sein Sie mir vielmals willkommen! Zwingen
Sie sich vor mir im geringsten nicht, und folgen Sie ganz Ihrer Neigung! Ich
weis, wie Sie mit der Jungfer Fischern stehen, und es freut mich. Kommen Sie,
Mariane, und geben Sie ihm ihre Hand! Ich kann mir vorstellen, was Sie fühlen
müssen; ob ich gleich in der Liebe nie so glücklich war. Da ichs nicht sein
konnte, möcht ichs doch andre machen können! -
    Mariane drückte ihrem Jüngling seine Hand stärker, und sah ihm freundlich
ins Gesicht. Hier ist herrlich leben, sagte sie, Gottlob, dass Sie da sind! Tante
weis, wie viel wir von Ihnen schon gesprochen haben. Die Gesellschaft ging nun
miteinander in den Garten, der sehr reizend angelegt war. Statt der vielen
todten und einförmigen Heckengänge waren Alleen von Apfel- und Kirsch- und
Nussbäumen angelegt. Der Garten war in vier Hauptteile abgeteilt, die mit
Küchengewächs bepflanzt, und mit schmalen Strichen, in denen Blumen aller Art
stunden, je nachdems die Jahrszeit mit sich brachte, eingefasst waren. Hinten
stund ein schöner Gras- und Baumgarten, der sich in ein schönes, büschichtes
Wäldchen endigte, wo Amseln, Drosseln, Nachtigallen und Zaunkönige durcheinander
sangen. Ueber dem steinernen und simpeln Gartenhaus, das einen grossen Saal
hatte, wölbten sich ein paar wilde Kastanienbäume, die angenehme Kühlung und
Dämmerung herabgossen. In dem Saal setzten sie sich, und assen frische Milch,
glücklich wie die Menschen in dem goldnen Zeitalter. Die Tante erheiterte sie
noch mehr durch ihren gesunden Witz, der oft in Empfindung übergieng, so dass das
Auge, das eben erst gelacht hatte, hell von Tränen wurde. Sie sind eine
vortrefliche Frau, sagte Siegwart, dass Sie den Liebenden so günstig sind, da
sonst ältere Personen, vornehmlich von Ihrem Geschlecht, gemeiniglich auf das
Glück jüngerer Personen neidisch sind. Lieber Gott! sagte sie, wie können sie
doch das sein, da sie wissen, wis es ihnen ehemals war, und wie leid es ihnen
tat, wenn sich jemand ihrer Liebe widersetzte! Nein, ich freue mich herzlich,
wenn ich andre glücklich sehe, und tu alles, was ich kann, sie in ihrem Glücke
zu befestigen. Ach Gott, wenn ich einen solchen Jüngling, wis Sie sind, in der
Jugend hätte lieben dürfen, und man hätte mir dies Glück wollen rauben, was hätt
ich von solchen Menschen denken müssen! Soll ichs jungen Leuten übel nehmen, dass
sie Menschen sind, und dem Trieb des Schöpfers und der Natur folgen? Freun Sie
sich, meine Lieben, es werden auch trübe Tage kommen, ob ichs gleich nicht
wünsche. Hier weinte sie. Sie waren also nicht glücklich, teure Frau? fragte
Siegwart. - Nein, ich wars nicht, versetzte sie. Denken Sie! Im sechszehnten
Jahr must ich einen Mann heiraten, den ich nicht kannte und nicht liebte. Gott
hab ihn selig. Aber er war weiter nichts, als Regierungsrat und reich. Von
Seelenliebe wust er nichts. Er glaubte, wenn man seine Frau in Gesellschaft
bringe, und ihr Unterhalt verschaffe, seis genug. Kurz, er war, was wir im
Deutschen nicht gut geben können, ein bon vivant. Seine Gesellschafter waren
lustige Brüder, die bei einer guten Mahlzeit und einem guten Glas Rheinwein sich
über einen kahlen Einfall, oft auch über Zoten, einen halben Abend fast zu Tode
lachen konnten. Ich indessen sass auf meinem Zimmer, hatte ein fühlendes Herz,
das nicht fühlen sollte; denn ich gestehe gern meine Schwachheit, mancher edeln
Seele schlug mein Herz zu, mit der ich glücklich hätte leben können. Aber ich
musste das Feuer unterdrücken, das in mir auflodern wollte, und so verzehrte ich
mich innerlich selbst. Traurigkeit und Schwermut nutzten meine besten
Lebensgeister ab, dass ich vor der Zeit alt wurde. Meinen Kummer konnt ich keinem
Menschen anvertrauen; nur Tränen, Bücher und am erstsn die Religion waren all
mein Trost. Ganze Tage phantasirt ich weg, mit Aussichten in ein bessres Leben;
und da half mir meine Einbildungskraft sehr. Ich schmückte meine Hoffnungen so
gut aus, als ich konnte, und ergötzte mich daran. Oft erhitzt ich meine
Einbildungskraft so sehr, dass es meinen Nerven, die schon ohnedies stark
gespannt waren, schadete. Ich las Dichter, Italiäner und Franzosen, die meine
Phantasie noch mehr erhitzen; aber, lieber Gott, wenn das Herz nichts zu tun
hat, dann nimmt man seine Zuflucht zu der Einbildungskraft. Erst vor kurzer Zeit
lernt ich, durch meine Base hier, einige deutsche Dichter kennen, besonders den
Klopstock; und da muss ich gestehen, hier ist freilich tausendmal mehr Nahrung
für den Geist, mehr Wahrheit, mehr tiefgedachtes, und mehr tiefempfundenes; und
jetzt les ich fast beständig deutsch. Aber noch vor ein paar Jahren sah man ja
hier zu Lande kaum ein deutsches Buch, das man ohne Ekel lesen konnte. Genug,
meine Lebenszeit strich hin, ohne mir oder der Welt Vergnügen zu gewähren. Mein
Mann sah meinen stillen Gram, ohne mit zu fühlen, oder Anteil dran zu nehmen,
und dann schmerzt das Elend doppelt. Vor zwei Jahren starb er; nun bin ich schon
so an die Einsamkeit gewöhnt, dass ich mich wenig mehr um die Welt bekümmre.
Kinder hab ich nie gehabt; die hätten mir allein mein Elend noch erleichtern
können.
    Siegwart seufzte und ward ganz wehmütig bei ihrer Erzählung. Aber, sagte
sie, Karoline, (so hies Marianens Freundin,) wir müssen unser Pärchen auch
allein lassen. Wollen Sie vielleicht spazieren gehen, Mariane? oder sollen wirs
tun? Mariane stand auf, und lächelte. Die Tante ging an ihren Flügel, und
Siegwart mit Marianen durch den Baumgarten nach dem Wäldchen. Hören Sie, sagte
Mariane, was die arme Frau für ein trauriges Adagio spielt! Ich bedaure sie
recht herzlich, denn sie hat unendlich viel ausgestanden. Hysterische Zufälle,
und ihr kummervolles Leben, setzten ein paarmal ihrem Verstande hart zu, und da
nahm die Verleumdung Anlass, ihr allerlei Böses nachzureden; aber, weis Gott! sie
ist die beste Frau auf Gottes Erdboden, in der kein böser Blutstropfen rinnt! Es
geht immer so, sagte Siegwart, je besser und vollkommener man ist, desto mehr
hat man Neider, und wird misverstanden. Ich wollte auch in ihre Seele schwören,
dass nichts böses an ihr ist. Sie hat mich ganz bezaubert.
    Sie setzten sich auf eine Rasenbank, die unter einem dickbelaubten Apfelbaum
sehr glücklich angebracht war. Um sie herum düftete in der, nach und nach
herannahenden Abendkühle das Geisblatt. Auf einem Baum vor ihnen hatte ein
Eichhörnchen sein Nest, wo es bald heraus, bald hinein schlüpfte, und oft, als
ob es neugierig wär herabsah. Sie belustigten sich lange an seinen possirlichen
Sprüngen und Wendungen; drückten sich dann wieder fest ans Herz, und freuten
sich ihrer Liebe, und des himmlischen Abends. Siegwart las seinem lieben Mädchen
Teresens und Kronhelms Brief vor; sie freuten sich miteinander über das Glück
der Edeln, und phantasirten sich in gleiches Glück hinein, das ihnen einst
begegnen würde. Unvermerkt steckte Mariane unserm Siegwart einen Ring an seinen
Finger. Das ist für Klopstock, sagte sie, (den er ihr geschenkt hatte.) Siegwart
war vor Freuden ausser sich, sah bald den Ring an; drückte bald sein Mädchen an
sein Herz; küsste bald den Ring, bald sie, und wusste nicht, was er vor Entzücken
und Dankbarkeit sagen sollte. Endlich sagte er, wie haben Sies doch so treffen
können, dass der Ring so genau passt? Das macht man so, sagte sie; nahm einen
Grashalm; wickelte ihn um seinen Finger, und brach den Grashalm ab. Ach,
deswegen, rief er, wickelten Sie letztin mir den Grashalm um den Finger? Liebes
herrliches Mädchen, möcht ich doch deiner Liebe ganz würdig sein. - Sie sind es;
Sie sind es! versetzte sie. Er sagte, dass er nun in acht Tagen Antwort von
seinem Vater erwarte. Zwar sei er seines Beifalls, und seiner Einwilligung schon
gewiss. Es sei bloss um des Ceremoniels willen.- Sie sassen da bis in die
Dämmerung, und trafen Karolinen mit ihrer Tante an einem Rosenstrauch sitzend
an, der seine Düfte um sie her verbreitete. Es kam unsern Siegwart schwer an,
schon zu gehen, ob er gleich versprechen musste, morgen wieder zu kommen. Auf dem
Wege nach der Stadt sann er hin und her, wie er ein Mittel ausfündig machte,
nicht immer in der schönsten Zeit weggehn zu dürfen. Endlich beschloss er, auf
dem benachbarten Dorf einen Bauern zu suchen, in dessen Haus er übernachten
könnte. Den Ring von Marianen drehte er immer am Finger hin und her; besah und
küsste ihn alle Augenblicke. Seine Seele war ausserordentlich entwölkt, und
ruhig; die Zukunft lag wie ein Frühlingsgefild vor ihm da; seine Phantasie
zauberte sich und Marianen und alles Angenehme hinein.
    Den andern Tag ging er schon um zwei Uhr wieder hinaus, in der Absicht, auf
das Dorf zu gehn, und sich einen Aufentalt aufzusuchen. Unterwegs traf er einen
Bauern an, der eben auf das Dorf zugieng. Siegwart redete ihn an, fragte ihn, ob
er in das Dorf gehöre? und als der Bauer es bejahte, frug er weiter, ob ein
Wirtshaus im Dorf sei, oder ob er nicht sonst ein Haus wüste, wo er für Geld
und gute Wort zuweilen schlafen könnte? Es ist wohl ein Wirtshaus da,
antwortete der Bauer; aber weil Sie, wie ich sehe, so ein braver Herr sind, so
können sie, um einen Schlafkreuzer für meine Magd, in meiner Hütte schlafen, so
oft Sie wollen. Ich hab oben ein Stüblein, und ein Bett drinn. 's ist zwar ein
Bissel hart, aber aufm Land, pfleg ich so zu sagen, muss man sich halt nach der
Decke strecken. Was wir so im Haus haben, Milch und Butter und Eyer, das steht
Ihnen auch zu Dienst, wenns anständig ist. Siegwart ging mit ihm auf das Dorf,
um das Zimmer zu sehen. Es war reinlich, und frisch ausgeweisst. An der Wand
herum hiengen Bilder von Heiligen, vom Kayser, von der Kayserin, vom Churfürsten
und der Churfürstin; vom General Daun und Laudon. Das Bette war auch weiss und
reinlich. Das ist ja fürstlich! sagte Siegwart. - Ja ja, versetzte der Bauer
Tomas, die Herren haben eben so ihren Spass mit uns Bauersleuten. Nun, nun! die
Freud kann man ihnen ja wohl lassen. - 's ist doch manchem Bauersmann wöhler,
als den Leuten in der Stadt. Siegwart versicherte, dass er nirgends lieber sei,
als auf dem Dorf. So oft ich hier schlafe, fuhr er fort, geb ich sechs Kreuzer,
und, was ich esse, das bezahl ich besonders. Der Bauer weigerte sich lange, den
Vertrag einzugehen, weil das wie er sagte, viel zu viel Geld wäre. Auf den
Abend, sagte, Siegwart, komm ich; aber vielleicht etwas spät, weil ich zu meiner
Base auf das Landhaus gehe. - So, zu der Frau Held? fiel Tomas ein. Ja ja, das
ist eine seelengute Frau, die den Armen hier im Dorf viel Gutes tut. Sie kommt
fleissig rüber in die Kirche, und bringt allemal der Armut etwas mit. Ey, Ey! So
ist das Ihre Bas? Nun, da nimmt michs eben nicht Wunder, dass Sie auch so brav
sind. Sagen Sies ihr nur, dass man sie im Dorf hier recht lieb hat!
    Siegwart ging aufs Landhaus, das eine kleine halbe Stunde vom Dorf lag. Die
Frau Held spielte gerad im Gartensaal auf dem Flügel. Er schlich sich leise
hinein, um sie nicht zu stören, und setzte sich zwischen Karolinen und Marianen
aufs Kanapee. Die Tante spielte mit viel Wahrheit und Ausdruck; unsre Liebenden
drückten sich, bei jeder empfindungsvollen Stelle die Hände und blickten sich
oft mit Tränen der Zärtlichkeit an. Endlich, als die Tante sich umsah, wurde
sie unsern Siegwart gewahr, und hörte auf zu spielen, um ihn zu bewillkommen.
Man sprach etwas über die Musik. Frau Held äusserte den Wunsch, dass sie unsern
Siegwart, den ihr Mariane auch als Musikus sehr gerühmt hatte, einmal hören
möchte! Er versprach, das nächstemal seine Flöte mitzubringen; aber, sagte er zu
Marianen, dafür singen sie heut eins. Sie liess sich nicht lang bitten, holte
ihre Musikalien, und sang einige italiänische und deutsche Arien mit solcher
Anmut, und mit so tiefer Empfindung, als sie im Konzert, wo die Menge von
Zuhörern zurückhaltender macht, noch nie gesungen hatte. Drauf setzte man sich
ins Grüne, und Siegwart musste, weil er eine angenehme und volle Stimme hatte,
Kleists Frühling vorlesen. Die Frauenzimmer hörten mit dem innigsten Anteil und
herzlicher Aufmerksamkeit zu, und weinten zuletzt dem Andenken und der Asche des
Dichters eine dankbare Träne; der schönste Lohn, den sich ein edler Sänger nach
dem Tode wünschen kann! - Ich mache mir jeden Frühling, sagte Siegwart, einen
festlichen Tag, und lese erst Kleists Frühling, und dann die Geschichte seines
Lebens, und seines edeln Heldentodes. Ein süsseres Vergnügen kenn' ich gar
nicht, als die Tränen des Dankes und der Rührung, die ich dann ihm weine. Die
Frauenzimmer baten einmütig, dass er sein Leben vorlesen möchte! Er tats, und
ward hundertmal durch seine eignen, und die Tränen der Frauenzimmer
unterbrochen. Hierauf erzählte er die Nachricht von der edeln Gaussin in
Frankfurt an der Oder, die ihm Hauptmann Nortern erzählt hatte, dass nämlich
dieses Mädchen jährlich Blumen auf des Dichters Grab streue. O, wir wollens auch
tun! sagte Mariane, sprang auf, pflückte Rosen, Geissblatt und andre Blumen.
Karoline, ihre Tante, und Siegwart machtens nach; und an einem schönen, etwas
erhöhten Platz, der einem Grabhügel ähnlich sah, streuten sie die Blumen aus.
Hier will ich mich begraben lassen, sagte Frau Held. Karoline! und Sie auch,
Mariane! besuchen Sie dann jährlich mit Ihrem Siegwart diesen Ort, und denken
Sie an mich, und diesen Abend! - Alle wurden über diese Wendung des Gesprächs
noch wehmütiger. Sie setzten sich auf die Blumen ins Gras. Frau Held fieng an
mit Bsgeisterung von der Ewigkeit und vom Wiedersehn im Himmel zu reden. Ach, so
schloss sie, da werd ich auch den edeln Dichter sehen, und ihm danken!
    Aber heute, sagte sie, indem sie aufstand, zu Marienen und zu Siegwart,
heute haben wir Sie um einen schönen Abend gebracht. Wie wärs, wenn sie hier
blieben, und im herrlichen Mondschein mit uns spazieren giengen? Ich habe schon
dafür gesorgt, versetzte Siegwart, und im Dorf da drüben ein Nachtquartier
bestellt. Herrlich, herrlich! sagte Mariane, und gab ihm einen Kuss. Er ging nun
mit ihr allein ins Wäldchen spazieren, und setzte sich wieder unter den
Apfelbaum. Indem er sich setzte, flog aus dem nächsten Busch eine Grasemücke: Er
sah in den Busch, und fand ein Nestchen mit fünf Eyern. Liebes Mädchen, sagte
er, wir wollen uns anderswo hinsetzen! Das arme Vögelchen wagt sich nicht auf
sein Nest, und seine Eyer werden kalt. Sie giengen weiter ins Gebüsch, und
setzten sich unter eine Fichte, durch die die etwas laute Luft majestätisch, wie
ein Strom rauschte. Hier zwitscherte ihnen eine Grasemücke ihren ungekünstelten
Gesang vor. Horch! sie dankt dir, sagte Mariane, und sank ihm ans Herz. Eine
selige Wehmut füllte ihre Seelen. Mariane lag in seinem Arm, und weinte vor
Zärtlichkeit. Sie langte nach dem Schnupftuch, um die Tränen wegzuwischen.
Siegwart hielt ihre Hand; nicht wegwischen! sagte er, ich muss sie wegküssen!
Halbe Stunden lang sprachen sie kein Wort. Das Abendrot schien ihr durch die
Hecken ins Gesicht. Die Sonne geht schon unter, sagte er, wir müssen zur
Gesellschaft! Sie stunden auf, und giengen nach dem Garten. Siegwart brach von
einem Rosenstrauch zwo Rosen ab, die auf Einem Zweig stunden. Er wollte sie
voneinander reissen, um die Eine davon Marianen zu geben. Trenne sie nicht!
sagte sie, sie sind ein Paar. Er steckte beide an ihren heiligen Busen, mit den
Worten: so mögen sie denn miteinander sterben! Karoline und ihre Tante sassen
vor dem Gartenhaus unter den Kastanienbäumen. Seid ihr glücklich? fragte Frau
Held. Unaussprechlich! antwortete Mariane. So dass ich fürchte, setzte Siegwart
hinzu, unser Glück ist gar zu gross! wir müssens bald verlieren! Da sei Gott vor!
sagte Karoline. Sie giengen in den Gartensaal, und assen Erdbeeren in Milch.
Wenn Mariane eine grosse fand, so legte sie sie mit dem Löffel auf Siegwarts
Teller. Als sie die ihrigen eher aufgegessen hatte, so musste sie mit ihm essen.
Erst gab er ihr einen Löffel voll, und dann nahm er den andern. - Der Mond wird
wohl bald aufgehn, sagte die Tante, dort hinten wirds schon hell. Sie giengen in
den Garten, und blickten immer gegen Morgen, wo der Mond aufgieng. Endlich ward
ein Wölkchen ganz vergüldet; sie giengen an einen etwas erhöhten Ort, und
stellten sich auf die Zehen, um den Mond sogleich zu sehen. Er kommt, er kommt!
rief endlich Siegwart voller Freuden aus. Ja, er glänzt schon an Ihrem Hut,
sagte Mariane. Nun kam er in seiner ganzen stillen Majestät herauf, und
beglänzte den ganzen Garten. Die Blumen und Gewächse schimmerten im Tau, und
verbreiteten ihren lieblichen Geruch umher. Karoline sah sehr traurig aus. Was
fehlt dir, meine Liebe? fragte Mariane. Ach, antwortete sie; ich denke jener
Zeiten. Hier ging ich vor drei Jahren noch mit meinem Wilhelm, und nun scheint
der Mond seit zwei Jahren schon auf sein Grab. Sieh nur! wie er so traurig ist,
und hinter Wolken geht! Ach, Mariane, möchtest du das nie erfahren! Tausendmal
hab ich mir gewünscht, nie geliebt zu haben! Alle schwiegen, und verloren sich
in tiefer Wehmut. Endlich wollte Siegwart Abschied nehmen. Wir begleiten Sie
die Wiese noch hinauf, sagte die Tante. Oben an der Wiese, nah am Dorf, nahmen
sie von einander Abschied.
    Siegwart kam zu seinem Bauern, der vor seinem Haus auf einer Bank sass, und
schlief. Er wachte auf, als Siegwart kam, stand ganz schlaftrunken auf, und nahm
seine Mütze ab. Es tut mir leid, sagte Siegwart, dass ich ihn so lang
aufgehalten habe, ich ward drüben aufgehalten. Ey was, sagte Tomas, das hat
nichts zu bedeuten. Ich sass da, und sah den Mond an, bis ich einschlief. Es
schläft sich gar gut im Mondschein, und es träumte mir eben, als ob ich
gestorben wär, und in Himmel käme. Da schien Sonn und Mond zugleich. 's mag auch
wohl so sein! Nun, nun, wenn der Herr jetzt ins Bett will, so kann ich ihn
hinaufführen. Will gleich ein Licht anmachen. Siegwart sagte, dass es gar nicht
nötig wäre, und ging ohne Licht hinauf. Er sah noch etwas aus dem Fenster in
die mondbeglänzte Gegend. Von ferne sah er das weisse Landhaus durchschimmern,
und ein Licht drinn. Er dachte, dass dies vielleicht Marianens Licht wäre, und
sah hinaus, bis es ausgelöscht wurde. Endlich ging er, vergnügt wie ein Engel,
zu Bette.
    Um vier Uhr ward er durch das Horn des Kuhhirten, durch das Geblök der Kühe,
und das Schnattern der Gänse, die man austrieb, schon wieder wach gemacht; auch
unten in seinem Hause war schon alles munter. Er zog sich an, und ging hinab.
Ey, Ey, sagte Tomas, auch schon auf? Das hätt ich nicht gedacht, dass die
Stadterren so bald aus den Federn könnten. Komm, Anne, so hiess sein Weib, grüss
den Herrn! Du hast ihn doch noch nicht gesehen. 's ist meiner Seel ein braver
Herr, und so gemein; denn er spricht mit unser einem, wie mit seines Gleichen.
Anne war ein freundliches Weib, und bot Siegwart an, in die Stube zu gehen, und
Haberbrei mit zu essen. Tomas lachte sie über dieses Anerbieten aus; Siegwart
aber sagte, dass er alles mitmache, und ging in die Stube. Das Gesinde sass um
eine grosse, dampfende Breipfanne herum, den rechten Arm auf den Linken gestützt,
und ass nach Herzenslust. Sie gafften unsern Siegwart staunend an, und winkten
sich einander zu, als ob sie sagen wollten: Sieh! das ist ein rechter Herr! Er
sah auf seine Taschenuhr, und zog sie auf. Die Leute sahen einander voll
Verwunderung an, weil sie nicht wussten, was das wäre? Ein Bauerkerl sah
besonders neugierig zu, und bückte sich ganz über den Tisch herum. Weis er
nicht, was das ist? sagte Siegwart; und auf die Antwort: Nein, machte er das
Uhrgehäuse auf, und setzte sich zu ihnen. Die Knechte und Mägde wussten nicht,
wie sie ihre Verwunderung über das künstliche Gemächte genug an den Tag legen
sollten. Sie glaubten, es ging ohne Zauberei nicht zu, dass sich die kleinen
Räder alle so von selbst bewegten. So eine Uhr, glaubten sie, wäre wohl viel
Jauchert Ackers wert. Anne brachte nun in einer kleinern Pfanne, Brei für
Siegwart. Das Gesinde ging indessen mit Tomas ins Feld hinaus zur Heuerndte.
Anne war sehr gesprächig und sehr neugierig. Sie tat von fern allerlei Fragen,
um etwas von Siegwarts Stand und Umständen zu erfahren. Er sagte, dass er die
Frau Held, die seine Base sei, besucht habe. Nun brach die Bäurin in
Lobeserhebungen der Frau Held aus, dass sie so fromm und guttätig gegen die
Armen sei, und mit jedem Bauersweibe spreche, als ob sie selbst nicht viel mehr
wäre. Sie war auch schon einmal bei mir, sagte sie, als ich vor einem Jahr im
Kindbett lag, und so krank war. Ich hatte da so starke Hitzen, und sie brachte
mir Himbeersaft, und andre gute Sachen, dass mir bald drauf besser wurde. Ich
sehe sie seitdem immer drum an, und dank ihr in der Stille, so oft ich sie seh.
Sie hat auch ein paar recht brave Jungfern bei sich, die man sich nicht besser
wünschen könnte. Die Eine davon ist ihre Base, die war schon oft bei ihr. Aber
die andre hab ich noch in meinem Leben nicht gesehen. Das ist gar ein
bildschönes Fräulein, sie hat ein Gesicht wie Wachs, und Backen wie Milch und
Blut. Ich meine, ich könne sie nicht genug ansehn, wenn sie in die Kirche kömmt.
Sie grüsst da die Leute so freundlich, und ist so andächtig, dass es einen in der
Seele wohl tut. Sie soll von vornehmen Leuten sein, und tut doch gar nicht
vornehm. Erst letztern Sonntag sagte sie zu mir: Guten Morgen, Anne! und küsste
meine kleine Katrine, als obs ihr eignes Kind wäre.
    Indem kamen zwei Kinder, die eben aufgestanden waren, in die Stube; ein
Knabe von sieben, und ein Mädchen von fünf Jahren. Sie stutzten anfänglich, als
sie den fremden Herrn sahen. Als vber Siegwart freundlich auf sie zu kam, wurden
sie nach und nach vertraulich, und endlich ganz zutätig, und erzählten ihm
allerlei Geschichten. Die Bäurin sah Siegwart wie einen Engel an, weil er mit
ihren Kindern so freundlich tat, und sich so zu ihnen herabzulassen wusste.
    Während dass er mit ihnen spielte, kam Frau Held mit Marianen und Karolinen,
um ihn zu einem Spatziergang abzuholen. Sie sprachen noch eine Zeitlang mit
Annen, und giengen dann, durch das nächste Wäldchen, dem Schloss zu. Siegwart
erzählte ihnen, wie er seine Zeit in dem Dorf zugebracht habe, und machte ihnen
durch seine Schilderung viele Freude. Den Mittag assen sie zusammen im
Gartensaal, und nach dem Essen spielte Frau Held auf dem Flügel. Gegen Abend
nahm Siegwart Abschied, nachdem er erst versprochen hatte, den andern Tag wieder
zu kommen, zumal da Mariane sagte, ihre Mutter würde dann ein paar Tage bei
ihnen zubringen, und also würde er dann nicht herauskommen können. Er versprach
auch, seine Flöte mitzubringen. Sie begleiteten ihn noch eine halbe Stunde weit.
Er küsste seine Mariane aufs zärlichste und nahm von Frau Held und Karolinen
Abschied.
    Den andern Morgen war das Wetter sehr schwül, und ein Gewitter zog nach dem
andern vorbei. Er sah alle Augenblicke nach dem Himmel, und war sehr besorgt, er
möchte nicht aufs Landgut hinaus gehen können. Sein Barometer, den er jede
Viertelstunde besah, fiel immer tiefer, und endlich brach um zwölf Uhr ein
heftiges Gewitter los, das mit Hagel und check begleitet war. Er war darüber
sehr betrübt, hoffte aber immer, es würde sich noch aufheitern. Jede Wasserhelle
hielt er für klaren Himmel, und sah dann mit Misvergnügen wieder neue Wolken
aufsteigen. Einmal zog er sich schon an, um wegzugehen, weil der Himmel etwas
hell ward; aber, als er aus dem Hause wollte, kam ein neuer heftiger
Gewitterschauer; und so giengs den ganzen Abend fort; bis er endlich, wider
seinen Willen, sich entschliessen musste, da zu bleiben. Er stellte sich immer
vor, wie sie auf ihn warten würden, und machte sich dann selber wieder Vorwürfe,
dass er doch nicht, trotz dem Wetter, hinausgegangen sei. Der ganze Abend war ihm
lästig und langweilig; er konnte nichts lesen, und nichts denken. Mariane, mit
ihrer ländlichen Gesellschaft war sein einziger Gedanke, bis Dahlmund, ihn zu
besuchen, kam. Dieser fragte ihn, wo er doch gewesen sei? Er hab ihn so lang
schon nicht gesehen. Siegwart antwortete, er sei bei Frau Held gewesen. Bei Frau
Held? sagte Dahlmund hastig; von der hab ich wenig Gutes gehört; und nun
erzählte er allerlei Verleumdungen, die man ihm von ihr beigebracht halte; dass
sie ihrem Mann untreu gewesen, aus Liebe alle Augenblicke närrisch geworden sei,
und dergleichen mehr. Siegwart fuhr auf, und wollte böse werden; aber Dahlmund
beruhigte ihn wieder durch die Versicherung, dass er diese Aussagen selbst nicht
glaube, und es sich zur Regel wolle dienen lassen, dergleichen Geschwätze nicht
mehr anzuhören.
    Den folgenden Tag hoffte Siegwart halb und halb, von seinem Vater Antwort zu
bekommen, aber vergeblich. Das Wetter war wieder schön geworden, und er wäre so
gern zu seiner lieben Mariane hingeeilt, aber er sah ihre Mutter wegfahren, und
wagte sich also nicht aufs Gut hinaus. Am dritten Tag, als sie wieder
zurückkam, ging er noch denselben Abend hinaus, und kam erst in der Dämmerung
bei ihnen an, als Mariane mit Karolinen eben die Levkojenstöcke bogoss. Sie liess
vor Freuden die Giesskanne fallen, als sie ihren Siegwart wieder sah, und lief
auf ihn zu. Er schloss sie mit Inbrunst in den Arm, und entschuldigte sich, dass
er letztin nicht Wort gehalten, und herausgekommen sei. Ach, sagte sie, ich
hätte gezittert, wenn Sie bei dem fürchterlichen Wetter gekommen wären. Wir
glaubten hier, die Welt werde untergehn: es war Feuer an Feuer, und Schlag auf
Schlag. Besonders Einmal kam ein Donnerschlag, von dem wir glaubten, er hab
unser Haus getroffen; wenigstens muss der Blitz ganz in der Nähe eingeschlagen
haben. Jetzt ists schon zu dämmerig; morgen sollen Sie sehen, wie der Hagel
unsre lieben Blumen, und den ganzen Garten mitgenommen hat. Frau Held kam nun
auch, und bewillkommte unsern Siegwart. Sie setzten sich in den Gartensaal
zusammen. Frau Held spielte den Flügel, und Siegwart sass mit seiner Mariane auf
dem Kanapee, gab und nahm tausend Küsse; und empfand das Glück der Zärtlichkeit
gedoppelt, weil er von seinem Engel einige Tage hatte getrennt leben müssen.
Nach dem Abendessen giengen sie im Garten spazieren. Siegwart schlich sich
unvermerkt weg; setzte sich auf einen halb umgebognen Birnbaum, und fieng an,
auf der Flöte zu spielen. Bravo, bravo! riefen die Frauenzimmer, kamen zu ihm,
und setzten sich ihm zur Seite an den Birnbaum. Der Ton seiner Flöte klang wie
Silber durch die stille Sommernacht. Ihre Herzen wurden weich, und wehmütig.
Mariane sank ihm endlich an sein Herz. Er liess die Flöte sinken, und umarmte
sie. Keines konnte vor Entzücken und Empfindung sprechen. Nachdem er Marianen
gnug geküsst hatte, musste er noch drei, oder vier Arien spielen, und ging erst
um zehn Uhr auf sein Dorf hinüber. Die Frauenzimmer begleiteten ihn noch.
Unterwegs freuten sie sich über die häufigen Johanniswürmchen, die wie kleine
Feuerfunken durch die Nacht flogen. Siegwart fieng ein paar Würmchen. Eins davon
legte er auf seinen, und das andre auf Marianens Sonnenhut. Als sie von einander
Abschied nahmen, blieb er stehen, und sah das Würmchen noch lang auf ihrem Hut
glänzen.
    Seinen Bauern Tomas und sein Weib traf er noch auf der Bank vor dem Haus
sitzend an. Er merkte, dass sie niedergeschlagen wären, wollte sie aber heut
nicht mehr um die Ursache davon fragen. Auf der Kammer legte er sich noch ins
Fenster, und blies, eh er zu Bette ging, fünf, oder sechs Flötenstücke. Um vier
Uhr stand er den andern Morgen auf, und ging zu Tomas hinunter. Dieser sass,
die Hand an den Kopf gestützt, am Tisch, und seine Frau neben ihm. Wo fehlts,
Tomas? sagte Siegwart. Ach, überall, Herr! antwortete der Bauer. Wir sind eben
geschlagene Leute, seit uns unser Herr Gott so heimgesucht, und all unser Korn
durch den Hagel weggenommen hat. Da sitzen meine Leute nun, und haben nichts zu
tun, als die Aecker, wo die liebe Saat gestanden hat, umzupflügen, und
allenfalls Rüben oder Wickenfutter drauf zu säen. Ich weis nicht, wie's mir auf
den Winter gehen wird, zumal wenn die Herrschaft doch die Gebühr haben will.
Stand nicht unser Feld so schön, und als ich da nach dem Hagelwetter hinauskomm,
steht kein Halm mehr, und das Wasser läuft mir stromweis entgegen, und die Leute
liegen auf den Knien, schlagen die Händ' über'm Kopf zusammen, und fangen ein
Geheul an, dass ich bald mein eignes Elend drob vergessen hätte. Es ist, weis
Gott! ein Hartes; und, wenns nicht von Gott herkäme, wüsst ich mich nicht drein
zu finden! Er klagte noch eine gute Zeit so fort, und sagte: wenn er nur zwölf
Gulden hätte, um neues Saamenkorn einzukaufen, und seine Haushaltung etwas zu
bestreiten, so ging's noch an, sonst müss' er einen Acker verkaufen; und jetzt
gebe niemand nichts drum, weil kein Mensch im Dorf Geld habe. Siegwart tröstete
ihn, so gut er konnte, und ging um neun Uhr aufs Schloss hinüber zu Frau Held
und der übrigen Gesellschaft.
    Es war eben ein Bauer aus dem Dorfe da, der bei Frau Held etwas Geld
entlehnte, weil ihm der Hagel auch seine Früchte zerschlagen hatte. Der Bauer
ging mit Tränen in den Augen weg, und dankte. Er musste den Flachs, den er der
Frau Held hatte verehren wollen, wieder mitnehmen, und darüber war er noch mehr
gerührt. Als er weggegangen war, fieng Siegwart an: Ich hätt auch eine Bitte
einzulegen für meinen Hauswirt Tomas. Der arme Mann hat kein Geld zur neuen
Aussaat, und wollte doch nicht gern einen Acker verkaufen. Mit zwölf bis
funfzehn Gulden wär ihm geholfen. Wollten Sie es wohl mir zu Gefallen tun, Frau
Held? Herzlich gern, antwortete sie, und ging aus dem Saal. - Kommen Sie! sagte
Mariane zu Siegwart und Karolinen.; wir wollen nach den Blumen sehen, die der
Hagel verderbt hat. Sie giengen in den Wurzgarten. Es war ein trauriger Anblick.
Den Levkojenstöcken waren mehrenteils die Zweige abgeschlagen, und die
schönsten Blumen lagen zerfetzt im Schlamm. Die Rosen hiengen halb entblättert
am Strauch; die Knospen waren zerknickt, oder die Blätter durchlöchert, und
gelb. Den Aurickelstöcken waren die Herzblätter abgeschlagen; unter den Bäumen
lag das Laub, und die unreife Frucht dickgesät. Kurz, die Verwüstung war fast
allgemein. Siegwart und die Mädchen blickten traurig drauf hin. Noch vor wenig
Tagen, sagte Siegwart, wars hier wie ein Paradies, und nun! - - - Gott! wie
unbeständig ist doch alles! - Sie werden zu traurig, sagte Karoline, und führte
sie wieder in den Gartensaal. Mariane setzte sich an den Flügel, und spielte.
Frau Held kam dazu, und setzte sich zu Siegwart.
    Nach einer halben Stunde kam Tomas, und fragte, was die gestrenge Frau zu
befehlen habe? Sie erkundigte sich nach einigen ihrer Aecker, die Tomas zu
bestellen hatte, ob der Hagel da viel Schaden angerichtet habe? Endlich fragte
sie ihn, wie von ungefähr, ob er auch sehr drunter gelitten habe? Und als er es
bejahete, und seine jetzige Verlegenheit erzählte, bot sie ihm an, ihm 20 oder
25 Gulden vorzuschiessen. Der Bauer wusste nicht, wie ihm war, und was er sagen
sollte? Frau Held holte das Geld, und gab es ihm. Er war ganz ausser sich, und
konnte vor Tränen nicht zu Worte kommen. Dankend und weinend nahm er Abschied.
    Die Gesellschaft sprach nun von dem Glück, Reichtümer zu besitzen, wenn man
auch die Kunst weis, sie wohl anzuwenden. Ich schäme mich nicht, sagte Siegwart,
meine Schwachheit zu gestehen, und mir viel Vermögen zu wünschen. Wer viel hat,
kann viel geben! Mariane blickte ihn für diese Gesinnungen mit Zärtlichkeit an;
drückte seine Hand, und sank stillschweigend an sein Herz.
    Eine halbe Stunde drauf ging man zu Tisch. Die Mahlzeit war sehr einfach.
Esst, meine lieben Kinder! sagte Frau Held. Bei mir sieht man dem Koch bald unter
die Augen. So ists am besten, sagte Mariane. An den allzusehr beladnen Tafeln
will mirs nie ganz schmecken. Man isst auf Kosten seiner Gesundheit, und der
Gedanke macht mir jeden Bissen bitter: Dass von diesem Überfluss, wenn er in
gemeine nahrhafte Speisen verwandelt würde, zwanzig und mehr Arme könnten
gesättigt werden. Ich sah einmal den Hof in München offne Tafel halten. Die
Tische waren voll; die Gäste übersättigt, und hundert Menschen mit eingefallenen
Gesichtern standen da, denen man den Wunsch aus den Augen lesen konnte: Wenn
doch meine armen Kinder davon hätten! Das ging mir durch Mark und Bein, und ich
dachte: Ich möchte nie ein Fürst, oder eine Fürstin sein, wenn ich fürstlich
leben müsste. Zumal wenn man denkt, dass mehrenteils der Schweiss der Untertanen
auf den Tisch kommt! -
    Frau Held hatte nach Tisch mit Karolinen einige Haushaltungsgeschäfte zu
besorgen. Siegwart ging mit Marianen nach dem Wäldchen. Sie haben gestern
Abend, fieng Mariane an, mir mit Ihrer Flöte noch viel Vergnügen gemacht. Ich
konnts noch hören, als ich schon zu Bette lag. Es war, als ob ich Ihre Seele
sprechen hörte. Ueberhaupt ist der Flötenton der Ton der Liebe, oder des guten
Herzens. Wenn ich einen gut die Flöte spielen höre, so ist mirs kaum möglich, zu
glauben, dass dieser Mensch, wenigstens in diesem Augenblick, etwas Böses denken,
oder ausüben könne. So geht mirs fast bei allen Instrumenten, sagte Siegwart.
    Sie waren nun im Wäldchen. Gott! Was ist da geschehen! sagte Siegwart. Der
Apfelbaum, unter dem sie auf der Rasenbank gesessen hatten, war vom Blitz
entzwei geborsten. Die Aeste lagen umher verstreut, und die Blätter waren
versengt. Mariane stand blass und zitternd da. Das ist der Donnerschlag, den wir
gehört haben, sagte sie. Hätten wir denken sollen, dass das unserm lieben Baum
gelte! Siegwart hatte indessen in der Hecke nach dem Grasemückenestchen gesehen.
Sieh, Mariane! sagte er, und konnte weiter nicht sprechen. Sie sah hin. Die
Mutter sass im Nestchen todt auf ihren Jungen. Neben ihr lag das Männchen, mit
ausgebreiteten Flügeln, todt. Was half nun meine Vorsicht? sagte er. Hätt ichs
weggejagt vom Nestchen, und sie lebten noch! - Mariane setzte sich, ganz
betäubt, am gespaltnen Stamm auf die Rasenbank.
    Sie schwiegen lang, und sahen sich traurig an. Wo mag gestern Hofrat
Schrager hingefahren sein? fragte endlich Siegwart. Es war ein Koffre hinten auf
dem Wagen aufgepackt. Vermutlich nach Abach, sagte Mariane; meine Mutter hat
davon gesagt. Nach Abach? fragte Siegwart ganz tiefsinnig. Weis Ihr Vater was
davon? Vermutlich; war Marianens Antwort. Mein Vater hat ihm einen Brief
zugeschickt.
    Siegwart. Und das sagen Sie so kalt?
    Mariane. Warum nicht, mein Lieber? Fürchten Sie schon wieder?
    Siegwart. Sollt'ich etwa nicht? Ach Mariane, Mariane! Ihre Gleichgültigkeit
ist mir unerklärlich. Ich kann nie ohne Zittern an den Hofrat denken. Sie
wissen, welchen Schrecken er uns schon gemacht hat.
    Mariane. Und doch giengs vorüber. Sein Sie ruhig! An meiner Liebe werden Sie
doch nicht zweifeln?
    Siegwart. An Ihrer Liebe warlich nicht! Aber schützt diese uns vor allem?
Ich fürchte, ich fürchte, das Schicksal, oder Menschen werden uns nicht zusammen
leben lassen.
    Mariane. So lässts uns doch zusammen sterben. Denk an die Vögel dort im
Busch! Ach Siegwart! du hast viel zu wenig Glauben an die Vorsehung, und an
dich, und mich. Mein Herz hast du. Meine Hand noch nicht, aber sie soll keines
andern werden. Ich schwör es dir aufs neu vor Gott und allen Heiligen. Man
könnte dich mir rauben, aber keinem andern geben kann mich niemand. Dazu gehört
mein Wille, und den Willen eines Menschen hat noch kein Mensch gezwungen.
    Karoline und ihre Tante kamen ins Wäldchen, eh noch Mariane ausgesprochen
hatte. Sie bedaurten zusammen den schönen Apfelbaum, und das ganze Wäldchen, das
von den check sehr viel gelitten hatte. Ueberall lagen Zweige und Früchte,
manchmal war die Rinde mit abgeschält. Dieser Anblick machte sie traurig, und
still. Sie giengen wieder nach dem Garten. Unterwegs sagte Mariane ihrem
Siegwaat, in acht Tagen werd ihr Vater wieder kommen, und sie selbst zieh in
vier Tagen wieder in die Stadt. Er musste versprechen, wenigstens noch zweimal
herauszukommen; denn heut wollte er in die Stadt, weil er morgen gewiss einen
Brief von seinem Vater erwartete.
    Gegen Abend ging er also nach der Stadt, und hatte wegen der Nachricht vom
Hofrat Schrager tausend unruhige Gedanken, denn er glaubte gewiss, dass seine
Reise nach dem Bad die Verheiratung mit Marianen zur Absicht habe. Marianens
Versicherung, dass sie ihm treu bleiben wolle, konnte ihn nicht genug beruhigen,
denn er wusste, wie viel Künste man anwenden könne, ein Mädchen durch List und
durch Gewalt auf andre Gedanken zu bringen. Er hatte Mut genug, alles zu
unternehmen, aber mehr gegen offenbare Gewalt als gegen List und Kunstgriffe;
und mehr, wenn die Gefahr schon da war, als wenn sie erst noch von ferne drohte.
    Den Tag darauf wartete er mit der grösten Sehnsucht auf einen Brief von
seinem Vater. Der Briefträger kam endlich. Mit klopfendem Herzen sprang er ihm
die Treppe hinab entgegen; nahm den Brief an, ohne die Ueberschrift zu lesen,
und brach ihn auf. Wie erschrack er, als er statt der Handschrift seines Vaters,
des jungen Grünbachs seine sah, der ihm berichtete: Er werde nun gewiss an
Michaelis nach Ingolstadt kommen, da er an Ostern daran verhindert worden sei.
Siegwart warf den Brief weg, eh er ihn ausgelesen hatte, und machte sich tausend
schreckliche Vorstellungen, warum wohl sein Vater nicht geschrieben haben möge,
da doch schon vor vier Posttagen ein Brief hätte ankommen können. Mit alle
seinem Nachsinnen bracht er doch nichts heraus, als tausenderlei Mutmassungen,
deren immer eine die andre wieder aufhob.
    Voll verdriesslicher Grillen und übler Laune ging er aufs Landgut hinaus.
Mariane sahs ihm bald an, dass ihm etwas fehlte. Anfangs vermutete sie, er habe
einen verdriesslichen Brief bekommen; als sie aber hörte, dass er gar keinen
erhalten habe, und nur deswegen so unruhig sei, stellte sie ihm vor, wie
unnötiger Weise er sich selber quäle, da es ja eben soviel gute oder
gleichgültige Ursachen geben könne, warum der Brief einen Posttag länger
ausbleibe, als böse, und unangenehme. Ihre Gründe, und noch mehr ihr
freundliches Gesicht hellten seine Seele wieder auf, und bannten alle Zweifel
und Grübeleien draus weg; und dieser Abend war ihm einer der fröhlichsten, zumal
da ihm auch Mariane noch sagte, es sei ihr erst beigefallen, dass der Hofrat
Schrager schon vor einem Jahr gesagt habe, er wolle diesen Sommer ins Abacherbad
reisen. Er blieb bis nach zehn Uhr bei Frau Held, und traf seinen Bauern schon
im Bette an. Es tat ihm leid, dass er ihn wecken musste, aber Tomas tat ganz
freundlich.
    Den andern Morgen fand er auch Tomas und sein Weib recht aufgeräumt. Sie
erzählten ihm mit grossen Freuden, was er schon wusste, dass Frau Held ihnen in
ihrer Not ausgeholfen, und ihnen mehr vorgeschossen habe, als sie nötig gehabt
hätten. Sie brachen in Lobeserhebungen der guttätigen Frau Held aus, und
Siegwart freute sich mit ihnen gemeinschaftlich drüber. Als er sagte, dass er
eben zu ihr hinüber gehe, trugen sie ihm tausend herzliche Grüsse und
Segenswünsche an sie auf.
    Frau Held schlug ihrer Gesellschaft zur Abwechselung vor, auf einem sehr
schönen Teich, der ihr gehörte, und nicht gar weit vom Schloss lag,
herumzufahren, und zu angeln. Der Teich war länglicht, und mit einem dicken
Gesträuch von Hagdorn umgeben, welches eben blühte. Die Blüten, welche sich im
klaren Wasser spiegelten, der blaue Himmel, und die Sonne, die daraus
zurückstralten; das sanfte Lüftchen, das die Hitze kühlte, und der Gesang der
Vögel am Ufer machten die Fahrt ausserordentlich angenehm. Sie fiengen mit der
Angel nur so viele Fische, als sie zum Mittagsessen nötig hatten. Drauf nahm
Siegwart seine Flöte, und blies; Mariane sang dazu. Sie waren alle so heiter,
wie der Sommermorgen. Die Freude stralte aus ihren Gesichtern, wie die Sonn aus
dem Teich. Am Ufer besteckten sie ihre Hüte mit Hagdornblüten, und giengen so,
Hand in Hand, in den Gartensaal zurück, wo sie bald darauf zusammen assen, und
den Nachmittag mit Scherz und frohem Lachen zubrachten.
    Als Siegwart Abschied nahm, sagte Frau Held: Sie verlassen mich nun; Ihre
Mariane will in zween Tagen nachfolgen, und in drei Tagen bin ich mit meiner
Nichte in der Einöde. Das wäre doch nicht recht, wenn Sie uns so ganz allein
lassen wollten. Zuweilen, dächt ich, könnten Sie uns wohl noch einen Nachmittag
schenken. Wenn wir Sie gleich nicht so gut, wie Ihre Mariane, unterhalten
können, so wollen wir doch unser möglichstes tun; ohne dass Mariane Ursache zur
Eifersucht bekommen soll. Wollen Sies mir wohl in die Hand versprechen, noch
zuweilen an uns zu denken? Siegwart gab ihr die Hand, und versprach, sie gewiss
öfters zu besuchen. Er nahm mit tausend herzlichen Danksagungen Abschied, küsste
seine Mariane, und ging tausendmal vergnügter, als er herausgegangen war,
wieder nach der Stadt.
    Zu Haus fand er einen Brief von seiner Schwester, der fast nichts, als ihr
unaussprechliches Glück, die Zärtlichkeit ihres Kronhelm, und Einrichtungen auf
ihren Gütern, und ihrem Hauswesen zum Inhalt hatte. Er schrieb ihr und seinem
Schwager sogleich wieder, meldete ihnen seine jetzige Lage mit Marianen, dass er
alle Tage von seinem Vater Antwort erwarte, und diesen Brief so lang
zurückbehalten wolle, bis er ihnen zugleich die Antwort mit melden könne.
    Zween Tage nachher kam Mariane wieder vom Land zurück. Er sah sie
aussteigen, und grüsste sie vom Fenster aus. Den Tag drauf erhielt er endlich den
längst so sehnlich erwarteten Brief von seinem Vater: Aber - Gott! wie erschrak
er, als er folgendes las:
                                 Teurer Sohn!
    Dein Schreiben habe erhalten, und wollte es schon beantworten, als mich Gott
mit einer schweren Krankheit heimsuchte, und dem Tod nahe brachte. Seit ein paar
Tagen fühl ich einige Linderung, und der Arzt will von Hoffnung sagen; aber ich
fühle noch Todesschwäche, und schreibe dieses, wie du siehst, mit zitternder
Hand. Teurer Sohn, du weist, was ich auf dich halte, und wünsche ich daher
nichts sehnlicher, als dich vor meinem Ende, welches vielleicht vor der Tür
ist, noch einmal zu sehen, und dir meinen väterlichen Segen aufzulegen. Von der
bewussten Sache können wir dann auch sprechen; solltest du mich aber, nach Gottes
Willen, schon todt antreffen, so erklär ich mich hiemit, dass nichts dagegen
habe, und es gern sehe, wenn du weltlich bleibst, und durch meines Freundes
Tochter glücklich wirst. Grüss und versichre sie meiner gänzlichen Zuneigung!
Bleib nur fromm und redlich! Dies ist der beste Segen, den dir dein Vater auf
der Welt zurück lassen kann. Komm so bald, als möglich, denn ich bin sehr
schwach, und kann nicht weiter schreiben. Bin dein, auch noch im Tod getreuer
Vater
                                                              Siegwart. Amtmann.
    Das ganze kindliche Herz unsers Sirgwarts ward im Innersten erschüttert, als
er diesen Brief erhielt. Tränen stürzten stromweis auf das Blatt hin. Er wagte
es kaum den Brief zum zweitenmal zu lesen; und doch hatte er seinen Inhalt noch
nicht halb gefasst. Die dringende Notwendigkeit, sogleich abzureisen, machte ihn
noch stärker, und gewissermassen unempfindlicher, als er sonst gewesen wäre. Die
Einwilligung seines Vaters in seine Liebe, war ein Stral, der ihm die tiefe
Dunkelheit noch in etwas erhellte. Er lief aus dem Haus, und bestellte ein
Pferd. Dann ging er geradezu in Marianens Haus, und verlangte, sie zu sprechen.
Sie kam zu ihm aufs Besuchzimmer. Verzeihen Sie! sagte er, und gab ihr seines
Vaters Brief; ich musste Sie noch sprechen. Sie las, konnte den Brief kaum vor
Zittern halten, ward bald rot, bald blass, ging endlich auf ihren Siegwart
schweigend zu, und sank weinend in seinen Arm. Gott steh Ihnen bei! sagte sie
nach einiger Zeit. - Ach, meine Liebe, antwortete er; ich muss noch heute fort. -
Aber, vergessen Sie mich nicht! O vergessen Sie mich nicht! Ich will sobald als
möglich wieder kommen. Wollten Sie mir wohl einmal einen Brief schreiben, meine
Liebe? - Wie kann ich das? fragte sie. - Durch Ihren Bruder, war die Antwort. -
Gut, ich will es tun, sagte sie. Aber kommen Sie nur bald wieder zurück! Ich
will für Sie, und für die Genesung Ihres Vaters beten. Er versprach noch einmal,
aufs möglichstbaldeste zu kommen, und ihr durch ihren Bruder sogleich von Haus
aus zu schreiben, wie es mit ihm und seinem Vater stünde. Sie umarmten sich noch
einmal aufs zärtlichste, und konnten vor Schluchzen kein Wort sprechen. Siegwart
ging noch auf einige Augenblicke zu Marianens Mutter, um von ihr Abschied zu
nehmen, die ihn aufs freundschaftlichste empfieng, und ihm auf die
teilnehmendste Art ihr Beileid bezeugte. Mariane begleitete ihn die Treppe
hinab, sank in der Haustür noch einmal in seinen Arm, weinte an seinem Busen,
und versprach ihm, alle Tage etwas an ihn aufzuschreiben. Er riss sich aus ihren
Armen los, und ging.
    Nach einer Stunde setzte er sich zu Pferd, sah noch einmal weinend zu seiner
Mariane hinauf, und ritt weg. Schmerz und tiefe Traurigkeit begleiteten ihn auf
dem ganzen Wege. In einem Dorf stiess er auf ein Leichenbegängnis. Dieser Anblick
durchbohrte ihm das Herz. Er ritt schnell vorbei, um seine Tränen zu verbergen.
Er stellte spät bei Nacht ein, und ritt Morgens wieder früh weg. Den andern Tag
kam er, ziemlich spät, in seinem Dorf, und vor seinem Haus an. Kein Mensch kam
ans Fenster. Nur im hintern Zimmer sah er ein schwaches Licht. Er führte sein
Pferd selbst in den Stall, und ging ins Haus. Alles war still; kein Mensch
begegnete ihm. Zitternd, und mit lautem Herzklopfen ging er an das Zimmer
seines Vaters. Auch da hörte er keinen Laut. Er machte leis auf, und trat
hinein. Seine Brüder, Salome und seine Schwägerin standen schluchzend ums Bett'
herum. Schweigend wichen sie zurück, als er hin trat. Todtenbleich lag sein
Vater auf dem Bett, und strecke die Hand nach ihm aus, die kraftlos wieder
niedersank. Mein Sohn! - sagte er. Siegwart stürzte sich mit Tränen über seinen
Vater, und küsste und benetzte sein Gesicht. Gottlob! sagte der Vater, leis' und
langsam, dass ich dich noch sehe, und legte die Hand auf seines Sohnes Haupt.
Gott segne dich! ... und steh dir bei ... mein Sohn! ... Leb fromm ... und
christlich ... du kannst ... Jura studiren ... leb.. mit Marianen ... Hier
drückte er seine Hand stärker auf sein Haupt, und starb. Ein allgemeiner
Jammerton erhub sich in der Stube. Siegwart stürzte sich wieder über seinen
Vater, drückte sein Gesicht fest ans seinige; hub sich mit ausgestreckten Armen
aus, sah mit einem Gesicht, voll des tiefsten Jammers, gen Himmel, und ging aus
der Stube. Nach einer Viertelstunde kam sein Bruder Karl mit einem Licht, und
fand ihn, auf einem Gesimse liegend, das Gesicht in beide Arme eingehüllt. Karl
hub ihn auf. Ach mein Vater! mein Vater! rief er, die Hände ringend, und ein
Schnupftuch drinn. Man brachte ihn ins Wohnzimmer. Er warf sich in einen
Lehnstuhl, sah starr vor sich hin, sprang auf, und rang wieder die Hände.
    Salome und seine Schwägerin kamen aufs Zimmer, schrien und heulten. Ihr habt
nichts verloren, sagte er, aber ich! aber ich! - Er verlangte ein Licht auf
seine Kammer. Eine Stunde lang ging er sprachlos auf und ab. Endlich warf er
sich in den Kleidern aufs Bette, und liess das Licht brennen. Drei Stunden lang
wälzte er sich hin und her, und konnte kein Auge zuschliessen. Endlich sanken ihm
vor Müdigkeit die Augenlieder zu. Bald darauf wachte er von einem Knastern und
einer ungewöhnlichen Helle auf. Das Licht hatte den Vorhang am Fenster
angezündet. Er sprang auf, riss den Vorhang herunter, und trat darauf. Als das
Feuer schon gelöscht war, kam das Schrecken erst; er zitterte an allen Gliedern,
warf sich wieder aufs Bette, konnte aber nicht mehr einschlafen, und um 5 Uhr
stand er wieder auf.
    Als er zu seinen Geschwistern kam, machten sie zusammen die Veranstaltungen
zu dem Leichenbegängnisse ihres Vaters, welches auf den folgenden Tag angesetzt
wurde. Karl und Salome erzählten ihm verschiedenes von der Krankheit, und den
Reden seines Vaters auf dem Krankenbette, von seiner Geduld und Gelassenheit,
und von seiner Freudigkeit zu sterben, die ihm bloss durch den Gedanken
verbittert wurde, dass er seine Kinder verlassen müste. Sie erzählten ihm, wie
oft er von ihm gesprochen, und wie sehr er sich darnach gesehnt habe, ihn noch
einmal zu sehen. Siegwart zerfloss bei dieser Erzählung fast in Tränen. Sie
sagten ihm auch den Wunsch ihres Vaters, dass man ihn bei ihrer seligen Mutter
begraben, und ihnen einen gemeinschaftlichen Grabstein setzen möchte.
    Er ging in den Garten hinunter, um seinem bangen Herzen etwas Luft zu
schaffen. Dann ging er wieder auf sein Zimmer, und schrieb mit Hastigkeit
folgendes an Marianen:
                                Liebste, Beste!
    Er ist todt! Ich habe seinen Segen. - Sein letztes Wort war: Leb mit
Marianen .... Das: glücklich starb auf seinen Lippen. - Morgen begraben wir ihn.
- - O Mariane, o Geliebteste! was hab ich verloren! den Besten, Gütigsten,
Zärtlichsten. - O Mariane, ich kann nicht weiter schreiben. Sei nun Du mir
alles! Bleib mir treu! So bald als möglich komm ich, höchstens in acht Tagen.
Leb wohl, Engel Gottes! Ich bin ewig Dein
                                                                 Xaver Siegwart.
    Als er den Brief gesiegelt, und selber, mit der Umschrift an ihren Bruder,
dem Postverwalter gebracht hatte, ging er wieder in seinen Garten, und lief
hastig auf und ab, und dann schnell die Treppen hinauf, in das Zimmer, wo sein
Vater lag. Seine ganze Natur schauerte zurück, als er ihn so blass da liegen sah.
Erst nahte er sich dem Leichnam langsam, dann stürzte er schnell auf ihn hin,
küsste die kalte Lippe, und fuhr ängstlich wieder zurück, und verliess schnell das
Zimmer. - Nirgends hatte er eine bleibende Stätte; zuweilen ergossen sich seine
Tränen haufenweis, und dann war ihm wieder eine Zeitlang wohl. Bei Tische
sprachen alle wenig; eins sah das andre traurig an, und dann stieg wieder ein
tiefer Seufzer aus der Brust. Auch Salome war tief bekümmert, denn, da ihre
Verwandte in München todt war, sah sie für sich die wenigste Versorgung. Sie
beschlossen, den Nachmittag aufs Feld hinaus zu gehen, um sich etwas zu
zerstreuen. Alle Leute auf dem Feld sahen ihnen traurig nach, und weinten um
ihren lieben Amtmann, und um seine Kinder. Salome sagte: sie hätte vor vier
Tagen an ihre Schwester Kronhelm geschrieben. Vielleicht, wenn sie könnte, würde
sie mit ihrem Manne herüber kommen. Sie giengen fast trauriger wieder nach Haus,
als sie es verlassen hatten. Als sie in die Türe traten, weinte Siegwart
heftiger. Er war ungefähr eine halbe Stunde auf seinem Zimmer, als er ein
Geräusch die Treppe herauf kommen hörte. An dem holen Gepolter merkte er, dass
der Sarg heraufgebracht wurde. Ein kalter Schauer lief ihm über alle Glieder;
sein ganzer Körper ward erschüttert, und er wagte es nicht, vor die Tür
hinauszugehen. Das Zimmer, wo sein Vater lag, war nicht weit vom seinigen
entfernt. Er hörte den Sarg zunageln. Jeder Schlag durchdrang sein Herz. Er
konnte sich vor Wehmut fast nicht mehr fassen. Als die Leute weggiengen, suchte
er im Garten wieder frische Luft, wo er Karl und Salome in Tränen antraf. Er
ward beiden auf Einmal wieder ganz gut, weil sie so um ihren Vater Leid trugen.
Da er von der vorigen schlaflosen Nacht so sehr abgemattet war, so legte er
sich, nach dem Abendessen, von dem er ohnedies wenig genoss, frühzeitig zu Bette,
und ward durch einen sanften Schlaf erquickt; nur gegen Morgen ängstigten ihn
fürchterliche Träume; und, als er aufwachte, war sein Bett von Tränen nass. Er
konnte nun seinen Schmerz ganz ausweinen. Gott! dachte er, jetzt erwach ich, als
eine vater- und mutterlose Waise. Gott, erbarm dich meiner, und hilf mir! Leit
du mich durchs Leben, weil mich sonst niemand leiten kann! Sei du ganz mein
Vater! In deine Hände sink ich; o verwirf mich nicht! Sei du mein Schutzgeist, o
mein Vater! Vergiss deines Sohnes nicht im Himmel. Ich will dir mein ganzes Leben
durch für deine Liebe danken. Du hast alles an mir getan. Mein ganzes Leben
soll Dank gegen dich sein!
    Er hörte schon im Hause ein Geräusch, das Zurüstungen zum Leichenbegängnis
bedeutete. Er ging ins Wohnzimmer. Das Gesind im Hause sah ihn stumm und
wehmütig an, und gab ihm einen guten Morgen, der von ihrem Mitleid zeugte. Ein
paar benachbarte Beamte, die sein Vater sehr geliebt hatte, kamen, und bezeugten
ihm ihr Beileid. Sie wollten ihren todten Freund noch einmal sehen. Von den
Kindern wollte keines mit ihnen gehen. Ein Knecht ging mit, und nahm den Deckel
noch einmal vom Sarg ab. In stummem Schmerz, bleich, und mit Tränen kamen die
Amtleute wieder, und konnten nichts, als seufzen. Dieser Ausdruck ihrer Liebe
rührte unsern Siegwart mehr, als Worte.
    Er stand am Fenster, und sah einige Bauern, vom Gericht, kommen, die den
Sarg tragen sollten. Sie sahen traurig herauf, und wünschten ihm einen guten
Morgen. Nach und nach kamen auch andre Bauersleute, um die Leiche zu begleiten,
alle niedergeschlagen, und mit verweinten Augen. Aussen an der Mauer des Hofes
standen, in schlechten Kleidern, arme Leute, die vor Traurigkeit kaum
aufzublicken wagten. Sie weinten wie um ihren Vater denn der alte Siegwart wars
ihnen durch seine Woltaten geworden. Sein Sohn fühlte, mitten in seinem tiefen
Schmerz, noch das grosse Glück, als ein rechtschaffener Mann zu sterben, und
wegen seiner Wohltätigkeit und Redlichkeit beweint zu werden. Aber bei dem
Gedanken flossen seine Tränen häufiger. - Die Richter des Dorfs traten nun ins
Haus herein, um den Sarg zu holen. Sie brachten ihn heraus; alte, ehrwürdige
Männer, mit grauen Haaren, die schon auch dem Grabe zuwankten. Vorne trugen
zween, die dem Tod am nächsten zu sein schienen. Alle sahen mit tränenlosem
Schmerz zur Erde. Nur zuweilen floss eine Zähre zwischen den grauen Augenwimpern
hervor. Die Leidtragenden giengen nun auch die Treppe hinunter, und folgten der
Bahre nach. Das Läuten der Glocken, und der stille Zug, von dem man nur zuweilen
ein Schluchzen, oder einen Seufzer hörte, war feierlich. Von der Seite, aus
einer kleinen Hütte, sprang ein Weib herbei, mit einem Kind auf dem Arm; ach
Jakob, rief sie; schau, da wird dein Vater hingetragen, der uns so viel Guts
getan hat! Gott vergelts ihm in der Ewigkeit! Sie schrie noch lange fort, bis
man sie stillschweigen hiess. Auf dem Kirchhof stand Siegwart auf dem Grabe
seiner Mutter, und sah in die Gruft hinab, die nun auch seinen Vater
einschliessen sollte. Ein paarmal ward er fast ohnmächtig, und schwankte, dass
man ihn halten musste. Als der Grabhügel aufgeworfen war, steckte eine arme Frau
einen Rosenzweig darauf. Dies rührte ihn mehr denn alles. Es war ein Denkmal,
herrlicher, als Marmor.
    In der Kirche ward vom Prediger des Dorfs eine kleine, aber rührende Rede,
und dann eine Seelmesse gehalten, und der Zug ging wieder langsam nach Haus.
Die beiden Amtleute blieben beim Mittagsessen da. Siegwart hörte nur zu, und
sprach fast nichts mit. Als sie weggegangen waren, ging er auf sein Zimmer.
Jetzt konnte er erst wieder mit etwas Ruhe an seine Mariane denken. Seine Seele
sehnte sich nach ihr. Er beschloss, noch heute mit seinen Geschwistern davon zu
sprechen, dass er nun die Rechte zu studiren gedenke, und dass ihm also Geld von
der Masse, oder von seinem Anteil an der Erbschaft dazu gegeben werde. Allein
diesen Abend konnte er davon nicht reden, weil der Pfarrer zum Kondoliren kam,
und zum Abendessen da hehalten wurde.
    Den andern Morgen ging er, nachdem er erst mit Salome Kaffee getrunken
hatte, mit ihr zu seinem Bruder in sein Haus hinüber. Nach einigen
gleichgültigen Gesprächen fragte er, ob der selige Vater nichts wegen seiner
gesagt habe, dass er nun die Rechte studiren könne? - Was? die Rechte? fuhr Karl
heraus; was ist das wieder für ein schöner Einfall? Siegwart erzählte, dass er
seinem Vater deswegen geschrieben, und schon seine Einwilligung erhalten hab;
dass der Vater aber durch den Tod verhindert worden sei, sich, wie er ihm
versprochen habe, deutlicher darüber zu erklären u.s.w. Karl, und noch mehr
seine Frau, fielen nun über Siegwart her; nannten seinen Einfall dumm, und
gottlos, scholten ihn Lügen, und erklärten sich: sie würden dieses nimmermehr
zugeben; Karl sei ihm nun an Vaters statt, und ihm müss' er folgen. Ueberdas sei
gar kein Geld da, um das Studieren noch einmal von neuem anzufangen. Der sel.
Vater hab auf der Schule und auf der Universität schon mehr an ihn gewendet, als
an alle seine übrigen Kinder zusammen; die zweifache Krankheit hab auch viel
gekostet, und Teresens Aussteuer; jetzt sei kein Heller baares Geld da, und das
übrige werd auch soviel nicht ausmachen; er koste in Einem Jahr so viel, dass
sein ganzes Erbteil darauf gehn würde; er könn jetzt ein Mönch werden, denn
darauf hab er lange gnug studiert; sein Vorgeben sei auch sehr verdächtig, da
der sel. Vater kein Wort davon habe verlauten lassen u.s.w. Kurz; der Schluss
war: Auf sein Gewissen könne er, sein Bruder, nie darein willigen, und an
Unterstützung sei gar nicht zu denken. Karls Frau sprach noch viel von
Gottlosigkeit und Versündigung an Gott, wenn man von seinem Gelübde abgehe, und
Gott belügen und betrügen wolle; so dass Siegwart nicht einmal zu Wort kommen
konnte. Salome sprach fast nichts dazu, denn sie war durch den Tod ihres Vaters
zu sehr gedemütigt. Unser Siegwart war so betroffen und bestürzt, dass er kaum
noch von sich selber wusste. Er beteurte auf seine Ehre, dass sein Vater ihn habe
wollen die Rechte studiren lassen; er könne es schriftlich vorweisen. Aber man
überschrie ihn. Er legte sich aufs Bitten; alles half nichts. Endlich rief er
alle seinen Stolz zusammen; warf seinem Bruder und seiner Schwägerin geradezu
Geitz und Niederträchtigkeit vor, und sagte: Er werde sich schon vor der
Obrigkeit Recht zu verschaffen wissen. Mit diesen Worten ging er weg. Sein
Bruder und sein Weib spotteten, und lachten ihm so laut nach, dass ers vor der
Türe hören konnte, und vor Unwill auf die Erde stampfte.
    In seinem Garten, wo er hin ging, lief er hastig auf und ab. Das ganze
Menschengeschlecht war ihm verhast, weil es so niederträchtige Seelen drunter
gibt. Er knirschte mit den Zähnen, und stiess ungeduldige Reden aus. Gottlob!
sagte er, dass ich solche Kerls verachten kann, und kein so niederträchtiges Herz
habe! Du sollst mein sein, Mariane, und wenn dich alle Welt mir rauben wollte!
Ich will mir schon helfen! - Mich einen gottsvergessenen Menschen nennen! Gott!
du weist, wie ichs redlich meine! - Er lief noch lang auf und ab, ohne etwas
deutliches zu denken. Endlich, als die erste Heftigkeit vorbei war, stiegen ihm
doch allerlei Zweifel auf, wie er sich in dieser Sache helfen wollte? Er hatte
sich um das Vermögen seines Vaters nie bekümmert, und wusste also nicht, wie viel
ihn auf seinen Anteil treffen, und ob er damit die Kosten zu seinem Studieren
werde bestreiten können? Keine ausdrückliche Erklärung seines Vaters war da, und
eine gerichtliche Behandlung der Sache scheute er auch. Er verlohr sich also in
einem Labyrint von Sorgen und Bedenklichkeiten. Er mochte hin und her sinnen,
wie er wollte, er fand keinen Ausweg. Endlich stürzten ihm Tränen von den
Augen; er sah gen Himmel, und konnte nichts sagen, als: Gott! Gott! -
    Salome kam zu ihm, und sagte: Sie müssten heut bei ihrem Bruder essen, weil
sies gestern schon versprochen hätte. Er tats zwar ungern; aber doch wollte er
nicht feindselig scheinen, und ging hin. Bei Tische sprach er nichts; er
verachtete die Leute zu sehr. Karl sprach, ihm zum Trotz, viel mit Wilhelm, und
sagte ihm, dass er ihn nun zu seinem Schreiber annehme; so wären, bis auf Salome,
alle versorgt; denn Xaver werde sich nun hoffentlich bald einkleiden lassen.
Wenn ihn nicht andre weltliche Ursachen davon abhalten, sagte seine Frau
spöttisch. - Ich weis schon, was ich zu tun habe, sagte Siegwart trotzig. Ja,
das wissen wir, versetzte die Swchägerin; und der Herr Schwager werden wohl
morgen wieder auf die Universität zurückreisen, um ihr Studium fortzusetzen.
Dieser Fingerzeig, dass man ihn ungern hier sehe, schmerzte unsern Siegwart so,
dass er ganz blass im Gesicht wurde, und nicht antworten konnte. Nach einiger Zeit
sagte er: Ja, morgen will ich wieder zurück, und mir und andern Leuten Ruh
machen. Wie Sie belieben, sagte die Schwägerin. - Die Siegel, fuhr sie fort,
kann man ja erst nach ein paar Tagen abreissen, und die Teilung vornehmen. Der
Herr Schwager brauchen eben nicht dabei zu sein. Wir werden ihn nicht
vervorteilen, da eine Obrigkeitsperson dabei ist. Auch gut! sagte Siegwart;
alles, wie Sie wollen! Es fielen noch hundert spöttische Reden vor, und um fünf
Uhr ging Siegwart weg.
    Nun fühlte er erst, was er an seinem Vater verloren hatte. Er ging auf
sein Grab, und weinte bitterlich. O, du Heiliger, rief er, sieh herab, wie mir
Unrecht geschieht, und erbarme dich meiner! Bitte Gott und die heilige Jungfrau,
dass sie mich nicht ganz verlassen! O Mutter, Vater, die ihr hier ruht, vergesst
eures armen Kindes nicht! Und du, Vater im Himmel! Gott und Vater, sieh auf eine
arme Waise! Sieh herab, und sende Trost, oder lass mich auch ins Grab zu ihnen
sinken! O Mariane, Mariane! rief er beim Weggehn, was steht uns bevor! O du
Engel, wenn du wüstest, was ich leide! Gott, ach Gott, verlass uns nicht!
    Er ging nach Haus auf sein Zimmer; und da fiel ihm ein, seinem Kronhelm und
seiner Terese seine Not zu klagen. Vielleicht, dacht er, haben diese für mich
Trost; wenigstens werden sie Mitleid mit mir haben. Er schrieb an sie beide
einen sehr rührenden Brief, und es ward ihm ganz leicht dabei. Er brachte den
Brief dem Postverwalter, und fragte zugleich, wenn die Briefpost von Ingolstadt
komme? Heut ist sie gekommen, sagte der Postmeister. - Und kein Brief für mich?
- Nein. - Ein Neuer Donnerschlag für Siegwart. Doch hatte er noch soviel
Gegenwart des Geistes, zu bestellen, dass, wenn ein Brief an ihn kommen sollte,
man denselben zurückbehalten, und ihn nach Ingolstadt Retour schicken möchte. Es
machte ihm viele Sorge, dass ihm Mariane nicht geschrieben habe, doch war die
Zeit fast zu kurz, als dass er schon einen Brief hätte erwarten können, und
dieses beruhigte ihn wieder in etwas.
    Sein Entschluss war nun fest, morgen wieder nach Ingolstadt zurück zu reiten,
es möchte ihm auch gehen, wie es wolle, denn die Zeit, ohne Marianen zu leben,
ward ihm viel zu lang. Er ging frühzeitig zu Bette, ohne viel schlafen zu
können. Der Gedanke an sein dunkles hofnungsloses Schicksal liess seinem Geist
keine Ruhe.
    Eine Stunde vorher, eh er den andern Morgen wegreiten wollte, kam ein Wagen
angefahren. Siegwart kannte sogleich den Marx, der vorn auf dem Bock sass; er
sprang an den Wagen, und sein Kronhelm und Terese sassen drinn. Sie hatten den
Abend vorher auf einem benachbarten Dorf, wo sie spät angekommen waren, schon
gehört, dass der Amtmann todt sei, und wollten also bei der Nacht nicht weiter
fahren, weil sie doch nichts mehr ereilen konnten. Terese stieg weinend aus dem
Wagen, und sank ihrem Bruder in den Arm. Beide konnten nichts sprechen. Kronhelm
war auch sehr bewegt, und umarmte seinen lieben Siegwart. Gottlob! sagte er, dass
ich dich wieder sehe! Aber leider bei der traurigsten Begebenheit! Sie giengen
schweigend auf das Zimmer. Als Terese sich von ihrer ersten Erschütterung
wieder etwas erholt hatte, musste man ihr einige Umstände von ihres Vaters
Krankheit und Tod erzählen. Sie vergoss dabei tausend Tränen. Kronhelm zog
unsern Siegwart auf die Seite, und befrug ihn wegen Marianens. Terese kam auch
noch dazu. Siegwart erzählte ihnen alles, dass sein Vater es zufrieden gewesen
sei, und was sich gestern zwischen ihm und seinem Bruder zugetragen; auch dass er
ihnen deswegen gestern geschrieben habe. Kronhelm und Terese erstaunten über
die Härte des Bruders und der Schwägerin. Kronhelm erklärte sich sogleich, alles
zu übernehmen, und die Kosten zum Studieren aus seinem Beutel herzugeben. Ich
will dir keine Wohltat erzeigen, setzte er hinzu, für die du mir danken must.
Ich bin dir tausenmal mehr schuldig; hier, meinen grössten Schatz (indem er seine
Terese bei der Hand nahm und küsste) ohne dich hätt ich dieses Kleinod nicht.
Was ich tue, kann ich leicht tun, denn Gott hat mich ja mit Überfluss
gesegnet; und dir bin ichs schuldig. Siegwart wollte eben danken, als Karl mit
seiner Frau ins Zimmer trat. Sie schienen sehr erschreckt und betroffen zu sein,
und machten eine tiefe Verbeugung. Kronhelm und Terese dankten ziemlich
frostig. Nach den vorläufigen Bewillkommungskomplimenten und Beileidsbezeugungen
fieng Kronhelm zu Karl an: Aber, Herr Bruder, gegen unsern Xaver handeln Sie
ziemlich unbrüderlich und gebieterisch. Ich hätt Ihnen doch mehr zugetraut! Karl
fieng an sich zu entschuldigen, es sei nicht so bös gemeint gewesen; es könne
Xavers Wunsch doch noch erfüllt werden - Das wird ohnedies geschehen, fiel ihm
Kronhelm ein; ich übernehme die Sache, und sie geht Sie weiter nichts an; ich
rede nur von dem unbrüderlichen Betragen zwei Tage nach dem Tod eines solchen
Vaters! Karls Frau wollte sich auch drein mischen, und sagte: Der selige Vater
habe sich doch nicht drüber erklärt. Mit Ihnen red ich von der Sache gar nicht,
sagte Kronhelm. Ich habe das alles, und noch mehr von Ihnen erwartet. Sie
machtens meiner Frau und mir ehedem nicht besser. - Und überdiess ist es nicht so
ausgemacht, dass der selige Mann sich drüber nicht erklärt hat; wenigstens
schrieb er meiner Frau: in seinem Pult werde man eine schriftliche Erklärung
finden, wenn sein Sohn erst nach seinem Tod ankommen würde. Hier blasste die
Schwägerin ab. Doch wir wollen die verdriesslichen Sachen fahren lassen, fuhr er
fort. Ich musste Ihnen nur auf Einmal meine Meinung sagen. Ich denke, jetzt wäre
keine Zeit zu zanken, da wir alle so gerührt sind, oder doch sein sollten. -
Drauf wendete er sich zu Siegwart, und sprach mit ihm von dem Ende seines
Vaters. Dieser war noch zu bestürzt über die unvermutete Wendung seines
Schicksals, und die Grossmut seines Freundes, als dass er viel hatte reden
können. Das Gespräch ward wieder allgemeiner. Man sprach von der
Erbschaftsteilung, Kronhelm erklärte sich: Was das Hausgeräte anbelange, sei
er damit zum Überfluss versehen, und würd es auch nicht gut wegbringen können.
Auch den übrigen Anteil am Erbe woll er ihnen überlassen, weil er Gottlob!
hinlänglich gesegnet sei, und seine Frau für einen Schatz halte, der das ganze
übrige Erbe überwiege; nur bitte sich seine Frau einen Demantring aus, den ihr
Vater beständig getragen hab', und den sie, ihm zum Andenken, wieder tragen
wolle. Hie wurden Karl und seine Frau auf Einmal wieder heiter, und vergassen,
über den abgetretnen Erbanteil, alle vorige Verweise. Sie wollten Kronhelm
danken: aber er verbat sichs. Es ward beschlossen, auf den Nachmittag das Pult
aufzumachen, das versiegelt war, in dem der Ring, und vermutlich auch die
schriftliche Erklärung wegen der Bestimmung unsers Siegwart lag.
    Karl und seine Frau wurden gebeten, beim Essen da zu bleiben, welches Salome
zurecht machte. Weil die Witterung sehr gut war, ging man in den Garten, um da
zu essen. Die Zärtlichkeit, mit der Kronhelm seiner Terese begegnete, war
unbeschreiblich. Er wusste sie so liebreich zu trösten, als sie beim Eintritt in
den Garten, wo sie so oft mit ihrem Vater gewesen war, in neue, noch tiefere
Traurigkeit verfiel. Er wusste sie so gut zu zerstreuen, dass sie ganz ruhig zu
werden schien. Sie nahm hierauf unsern Siegwart auf die Seite, und sprach mit
ihm über Salome's Schicksal. Er sagte, dass das Mädchen ihm jetzt weit besser
gefalle, als sonst jemals. Der Kummer über ihres Vaters Tod scheine, sie sehr
zum Nachdenken gebracht zu haben. Terese versprach, für sie zu sorgen. Drauf
musste er ihr viel von Marianen erzählen. Dieses tat er mit einer solchen
Begeisterung, dass er und sie, ziemlich heiter wurden. Drauf rief man zu Tisch.
    Nach dem Essen ward das Pult geöfnet. Es lag ein versiegelt Schreiben drinn
mit der Aufschrift: An meinen lieben Xaver. Sein Vater gab ihm darinnen
verschiedne gute, sehr rührende Ermahnungen; drauf kam er auf seinen Entschluss
die Rechte zu studieren. Er war damit zufrieden, und schrieb: in einem
Schieblädchen im Pult werd ein versiegeltes Päckchen mit 75 Dukaten liegen.
Dieses sei für ihn bestimmt. Soviel woll er ihm noch von dem gemeinschaftlichen
Vermögen geben. Was er weiter brauche, müss' er dann von seinem Anteil an der
Erbschaft nehmen. Es folgte noch eine zärtliche und liebreichväterliche
Aufmunterung zur fernern Rechtschaffenheit, und dann ein sehr beweglicher
Abschied, über den Siegwart in lautes Schluchzen ausbrach! Karl und seine Frau
machten über das Vermächtnis grosse Augen; aber vor Kronhelm wagten sie es
nicht, etwas drüber zu sagen, weil dieser ihnen erst vorher seinen Erbanteil
geschenkt hatte. Man fand das Päckchen mit Dukaten. Kronhelm sagte: steck es
ein, und verbrauch es, wie, und zu was du willst! Die Universitätskosten
übernehme ich, wie ich schon gesagt habe. Terese fand auch den Ring ihres
Vaters, küsste, und steckte ihn mit Tränen an den Finger. Sie giengen wieder in
den Garten, und brachten den Abend gröstenteils mit wehmütigen Gesprächen hin.
Terese wollte das Grab ihres Vaters besuchen; aber Kronhelm bat sie sehr, es
nicht zu tun, weil er fürchtete, es möchte sie der Schmerz zu sehr angreifen,
und ihrer Gesundheit, da sis schwanger war, Schaden tun. Dagegen musste er ihr
versprechen, zu andrer Zeit einmal das Grab mit ihr zu besuchen. Als Siegwart
Gelegenheit hatte, allein mit ihr zu reden, entdeckte er ihr einen Entwurf, den
er in Absicht auf sein Geld gemacht hatte. Salome dauert mich, sagte er; sie ist
am wenigsten unter uns versorgt, seit die Base in München todt ist. Da dein
lieber Mann seine Grossmut so weit treibt, dass er mich ganz auf seine Kosten
will studieren lassen, so kann ich, meiner Einsicht nach, das Geld von unserm
seligen Vater nicht besser anwenden, als wenn ich ihr die Hälfte davon gebe. -
Behalt dein Geld, gute Seele! sagte Terese. Für Salome ist schon gesorgt. Ich
hab mit meinem Mann drüber gesprochen. Wir wollen sie auf unser Schloss nehmen,
wenn sie Lust hat. Will sie nicht, oder können wir zusammen nicht auskommen, so
will mein Kronhelm sie in München unterbringen. O du himmlische Schwester! sagte
Siegwart, und umarmte sie. Salome'n ward auch wirklich nachher dieser Vorschlag
getan, und sie nahm ihn mit Freuden, und, wie es schien, mit der dankbarsten
Rührung an.
    Als Karl und seine Frau weggegangen waren, entdeckte Siegwart Kronhelm und
Teresen seinen Wunsch, morgen nach Ingolstadt zurückzureisen, um wieder bei
seiner lieben Mariane zu sein. So gern ihn auch Kronhelm und seine Schwester
noch länger bei sich behalten hätten, so konnten sie es doch nicht übers Herz
bringen, ein paar so zärtlich Liebende länger getrennt zu lassen; daher
willigten sie in seinen Vorsatz, nachdem er ihnen erst versprochen hatte, sie
gewiss bald, von Ingolstadt aus, zu besuchen. Kronhelm sagte ihm, sein Onkel habe
ihm versprochen, ganz gewiss für ihn zu sorgen, und ihm, wenn er fleissig
studiere, in zwei Jahren eine einträgliche Stelle bei einem Regierungskollegio
in München zu verschaffen. Darauf könn er sich, wenn es nötig sei, beim Hofrat
Fischer berufen. Siegwart ward darüber noch freudiger, und sein Herz wäre ganz
wolkenlos gewesen, wenn ihm nicht jeden Augenblick der Tod seines Vaters
eingefallen wäre. Sie blieben diesen Abend lang zusammen auf. Siegwart liess sich
überreden, morgen erst nach Tisch wegzureiten, weil er doch in einem Tag nicht
nach Ingolstadt kommen konnte.
    Der andre Morgen war sehr heiter, und unser Siegwart stand auch heiter auf.
Sie tranken zusammen im Garten Kaffee. Er freute sich über die Zärtlichkeit
seiner Schwester und Kronhelms. Sie erzählten ihm viel von ihrer Glüskseligkeit,
und von der Einrichtung ihres Hauswesens; auch von einem vortreflichen jungen
Edelmann in ihrer Nachbarschaft, der viel zu ihnen komme, und vermutlich
Kronhelms Schwester heiraten werde, die, wie sie beide versicherten, schon viel
von ihrer Wildheit abgelegt habe. Terese erzählte ihm auch, welch eine
herrliche und auserlesene Büchersammlung ihr Kronhelm ihr angeschafft habe,
u.s.w.
    Man ass, wegen Siegwarts Abreise früher, und um zwölf Uhr ritt er weg,
nachdem er von seinen Lieben mit tausend Tränen Abschied genommen hatte.
Mariane, und das Glück, sie morgen wieder zu sehen, war der Gedanke, der ihn auf
dem ganzen Weg begleitete. Als es Nacht wurde, stellte er in einer Dorfschenke
ein. Er hatte keine Ruhe, weil er stets an Marianen dachte, und schlafen konnte
er auch sogleich nicht. Er ging also in den, an das Wirtshaus stossenden,
schönen Baumgarten. Der Mond schien trüb; er sah zu ihm auf, und machte
folgendes Gedicht, das er nachher auf der Stube in seine Schreibtafel schrieb:
                                  An den Mond.
Meine Seele lebt nicht hier!
Sie ist hingewandelt zu der Trauten,
Die nun ewig mein ist!
Sag, o Hauch des Abends mir,
(Du umwehtest sie mit deinen Schwingen)
Wo sie jetzo wandelt?
Stark liebt ihre Seel', und treu!
Weint ihr Aug jetzt, dass ihr Lieber fern ist?
Sag mirs, Hauch des Abends!
Sieh, da, tritt der Mond hervor;
Bleich ist sein Gesicht, und melancholisch,
Wie getrennte Liebe.
Warlich, Mond, sie blickt dich an!
Denkt der Stunden heiliger Umarmung,
Und du weinst vor Mitleid!
Hell dich auf, und lach ihr zu!
Denn ich eil ihr, mit der Sonn', entgegen
Lach, o Mond, ihr Trost zu!
    Den andern Morgen ritt er früh weg, und gegen Abend kam er in Ingolstadt an.
Er sah Marianen nicht am Fenster; aber ihr Vater stand halb hinter den Vorhängn
versteckt. Weil es spät war, und er überhaupt dem Vater nicht recht traute, so
ging er nicht hinüber. Er schlief ziemlich unruhig, und hatte fürchterliche
Träume, die von den vorhergegangenen traurigen Vorstellungen erzeugt wurden. Den
andern Morgen sah er Marianen wieder nicht am Fenster; der Vater, der heraus
sah, schlug das Fenster zu, als er ihn erblickte; dieses machte unsern Siegwart
noch bestürzter. - Er ging aus, ob er vielleicht ihren Bruder irgendwo
antreffe? aber vergeblich. Sein Herz ahndete viel trauriges; es war ihm nirgends
wohl, und er schweifte von einem Ort zum andern.
    Gegen Abend endlich, als er eben in sein Haus wollte, kam Joseph, Marianens
Bruder, hinter ihm drein. Er tat sehr ängstlich. Nur auf ein paar Worte! sagte
er. Hier ein Brief von Marianen, und von mir einer! Wo ist sie? fragte Siegwart.
Ich muss fort, war die Antwort. Mein Vater kommt die Strasse dort herauf; du
wirst alles in den Briefen finden. Mit diesen Worten sprang er weg.
    Kaum konnte Siegwart die Treppe hinauf gehen, so sehr zitterten ihm die
Knie, und sein ganzer Körper. Er riss sein Zimmer auf, warf sich in seinen Stuhl,
erbrach zuerst Marianens Brief, und las:
                                                       Ingolstadt den 7. August.
                               Mein Geliebtester!
    Lass mich die Sprache der Vertraulichkeit reden, und dich Du nennen! Ich
schreibe dir, wie ichs versprochen habe. Gestern bist du fort, und schon find
ich nirgends keine Freude mehr. Wenn du doch bald wieder kämest! Mir ist so bang
ums Herz; und doch weiss ich nicht warum? Nun wirst du wohl noch auf dem Wege
sein. Vielleicht denkst du jetzt an mich. Mir deucht, ich fühl es. Ich habe dich
gestern und heut fast jeden Schritt begleitet. Gott gebe, dass du glücklich
ankommst; und dass dein Vater wieder besser sei! Ich bete viel für ihn, und für
dich. Adjeu, mein Geliebtester! Morgen wieder ein paar Wörtchen; denn ich habe
viel zu tun, noch eh mein Vater kommt. Uebermorgen soll er kommen. Meine Mutter
kommt alle Augenblicke auf mein Zimmer; sie hat Geschäfte drauf. Drum kann ich
dir nicht schreiben, wann und wie viel ich will. Aber morgen wieder. Adjeu
indessen, mein Geliebtester!
                                                                 Den 8ten August
    Ich bin heut in meinem Garten gewesen. Da hab ich viel an dich gedacht, mein
Teurester! Ich wollt, ich hätte Schreibzeug draussen gehabt, so hätt ich viel
an dich geschrieben. Aber gesprochen hat meine Seele viel mit der deinigen. Wie
waren alle Plätze mir so wert, auf denen ich ehmals mit dir gesessen habe! Alle
Worte fielen mir da ein, die wir miteinander sprachen. Ich wurde traurig, dass du
nicht auch da warest, denn ich war allein. Auf jede Stelle setzt ich mich, und
blieb recht lange sitzen, weil mir so wohl war, da zu sein, wo mein Geliebtester
einst gewesen war. Denk! ich hab deinen Namen in einen glatten, jungen Birnbaum
eingeschnitten. Als der Name fertig war, und ich mich genug darüber gefreut
hatte, dass mir alles so geraten ist, da fiel mir erst ein, mein Vater könnte
den Namen sehen, weil der Baum dicht am Gang zur rechten Seite stand. Ich
erschrack recht, als mirs einfiel. Sollt ich nun den schönen Namen wieder
auskratzen? Das wäre traurig. Und doch must es sein. Aber, Gottlob! dass ich auf
den Einfall kam, ihn mit Erde zu überkleben, die der Baumrinde ganz gleich sah.
Das will ich nun immer wieder tun, wenn die Erde wieder abfallen will. Und wenn
ich allein bin, nehm ich sie ab, um den Namen zu sehen. Adjeu!
                                                                Den 9ten August.
    Noch ein paar Worte vor Schlafengehen mit meinem Geliebtesten! Ich schreib
auf meiner Kammer, weil ich unten nicht sicher bin. Diesen Abend ist mein Vater
angekommen. Er sass in einem Wagen mit Hofrat Schrager, meinem Bruder und meiner
Schwägerin. Er sah stürmisch und vedriesslich aus. Die Gesellschaft blieb
ungefähr eine Stunde da. Sie war kaum weg, so fragte er meine Mutter sehr
gebieterisch: Ist nichts vorgefallen? - Nein. - Hat sich nichts mit Marianen
zugetragen? Nein. - Er sah mich von der Seite vielbedeutend an. Nun, wir wollen
sehen, sagte er, und ging. - Ich bin in der grössten Unruhe. Zum Hofrat
Schrager hatte er gesagt: Morgen also, um halb 5 Uhr haben wir die Ehre. - Meine
Schwägerin liess auch einige Worte fallen, und mein Bruder lachte höhnisch dazu.
Beim Weggehen wollte mir Hofr. Schrager Hand küssen. Ich zog sie zurück. Nu!
rief mein Vater sehr gebieterisch, und ich hielt die Hand hin. - Um
Gotteswillen! sagte meine Mutter, als wir allein waren, so hab ich den Papa noch
nie gesehen! Ich bitte dich bei allem, was heilig ist, Mariane, sei nicht
widerspenstig! Du weist, was ich drunter leide. Ach Mama, sagt ich, und sank in
ihren Arm; beten Sie für mich! Ich brauche Kraft von Gott. Sie wissen, ich tu,
was ich kann. Ader ich kann nicht, wenn es darauf ankommt. - Ich will das Beste
von dir hoffen, versetzte sie: bedenk dich wohl! - Siegwart, Siegwart! Was will
aus mir werden? Ich habe fürchterliche Ahndungen! Genug, ich bin dein, lebendig
oder todt! Gott kennt mein Herz; er kann mich nicht ganz verlassen. - Die Hälfte
meines Lebens wollt ich geben, wenn der morgende Tag vorüber wäre! Mutter
Gottes, und all ihr Heiligen im Himmel helft mir beten! - Siegwart, Siegwart!
Ich bin dein, es gehe, wie es wolle! Möchtest du doch jetzt auch für mich
beten! Aber du hältst mich für glücklich. Komm doch bald! Ich bitte dich.
Vielleicht sehen wir uns nicht mehr lang! Erbarm dich, Gott!
                                          Den 10ten August Vormittags um 10 Uhr.
    Jesus, Maria! Welch ein fürchterlicher Auftritt! Ach, Geliebtester, ich kann
dirs nicht erzählen. Samml' es zusammen, was ich in der Unordnung aufs Papier
werfe. Diesen Morgen beim Teetrinken ging mein Vater mit der Pfeife im Zimmer
auf und ab. Er fragte, ohne mich anzusehen, ist der feine Siegwart viel auf dem
Landhaus gewesen? - Nein, Papa - Also doch? - Ja. - Mordieu! sagte er, und gab
mir eine Maulschelle. Ich sank auf meinen Stuhl zurück, und weis nicht, was er
weiter sagte. Meine Mutter hielt mir ein Balsambüchschen vor. - Du bist auch so
eine alte Kupplerin, rief er, und schlug ihr das Büchschen aus der Hand. Licht!
rief er zur Türe hinaus, weil ihm seine Pfeife ausgelöscht war. Dann kam er
wieder auf mich zu. Du willst dir also schlechterdings nichts sagen lassen?
Willst uns all in Schand und Unehr bringen? - Ach Jesus, Mann! rief meine
Mutter. - Schweig! Ich kenn ihre Streiche schon. Aber man wird dir einen Riegel
vor die Türe schieben. Das Ding muss anders werden! Du sollst mir den Hoftat
nehmen, oder ich schlag dich todt. Marsch! Du kannst dich besinnen! In zwei
Stunden will ich Antwort, und das ohne alle Umschweife und Ausflüchte! Fort, auf
deine Kammer! - Hier bin ich nun, mein Geliebtester, von aller Welt verlassen,
in der unaussprechlichsten Angst. Gott im Himmel woll sich meiner erbarmen! Den
Hofrat kann ich nicht nehmen, wenn auch kein Siegwart auf der Welt wäre! Er ist
mir in der Seele zuwider. Gott weiss, dass es kein Eigensinn ist. Ich wollt es so
gern allen Menschen recht machen, aber ich kann nicht. Dein bin ich, lebend oder
todt. Ich kann vor Zittern kaum schreiben; ich muss etwas auf und ab gehen, um
mich zu sammeln. -
    Es sei so! Ich will alles dulden, auch den Tod! Meine Seele ist von der
deinen unzertrennlich. Gott hat mich gestärkt, und mir Mut und Entschlossenheit
eingeflösst. Er wird mich auch im bängsten Kampfe nicht verlassen. Ich flehe dich
jetzt an, du Gott der Unterdrückten, weil ich jetzt noch flehen kann, um
Beistand und um Gnade, auch im bängsten Kampf! Wenn meine Seele nicht mehr
flehen kann, so hör ihr Stammeln! Wenn sie nicht mehr stammeln kann, so hör das
Klopfen meiner Brust! Gib mir Standhaftigkeit, dass ich meinem Siegwart treu
bleibe! denn ich hab ihms zugeschworen! Du kennst unsre Liebe; sie ist rein von
allem Bösen! Bewahre meinen Mund, dass er meinem Herzen treu bleibe! dass er
nichts rede, was mein Herz nicht denkt! In deinem Namen will ich vor meinen
Vater treten. Mache du sein Herz weich, wenn es hart und unbarmherzig ist; wenn
er die Vaterempfindung vergisst, so erinnre du ihn dran! Lass meinen Mund nichts
hartes reden wider ihn! Von dir allein erwart ich Hülfe. Lass sie mich von keinem
Menschen erwarten! Stärke meine Mutter, dass ihr Leiden nicht zu schwer werde!
Sie hat nichts verschuldet. Schütt alles Elend über mich allein aus! Gib mir
einen Engel zu, der mirs tragen helfe! Lass den Tod nicht ferne von mir sein,
wenn du, nach deinem weisen Rat, sonst keinen Trost auf Erden für mich hast!
Amen! Hilf mir Vater, Amen!
    Ich fühle mich gestärkt, mein Geliebtester! In einer halben Stunde muss ich
hinunter. Ich hoffe standhaft zu sein, denn ich weiss, ich hab eine gute Sache.
Ich will noch einmal beten.
                                                           Nachmittags um 5 Uhr.
    Zween fürchterliche Kämpfe hab ich ausgestanden, mein Geliebtester! Mich
wundert nur, dass ich noch lebe. Um 11 Uhr ward ich durch den Bedienten
hinabgerufen. Der arme Mensch hatte ganz verweinte Augen. Nun wie stehts? sagte
mein Vater. Ist man nun vernünftiger? Willst du dich geben? Noch ists Zeit.
Willst du den Hofrat? Ich sah ihn bittend an. Keine Antwort? Also ja? -
Verzeihen Sie, mein Vater! Ich kann nicht! - Was? rief er, noch immer auf dem
alten Kopf? Fort! Hinauf mit ihr. Ich schwör dirs; auf den Nachmittag um 2 Uhr
ist die letzte Zeit. Besinn dich wohl! Wenn du dann nicht Ja sagst, so ists
vorbei. Dann magst du sehen, wie dirs geht! Dein Vater bin ich nicht mehr!
Schliesst sie ein oben! Fort mir, aus dem Gesicht, Hure! - Meine Mutter sagte mir
unter der Türe: Um Gotteswillen, besinn dich! Wir sind alle sonst verloren!
Der Bediente schloss mich auf die Kammer.
    Ich konnte dir in dieser Zwischenzeit nicht schreiben. Alles schwand vor
meinen Augen. Zuweilen nur konnt ich einen Seufzer zu Gott erheben. Ich hatte
genug zu tun, um nicht ganz in Mutlosigkeit herab zu sinken. Der Bediente
brachte mir das Essen, etwas Suppe, und einen Krug mit Wasser, und schloss, ohne
ein Wort zu sprechen, die Türe wieder hinter sich zu. Doch sah ichs ihm wohl an,
dass das Herz ihm voll war. Ich konnte fast nichts essen; aber den Krug mit
Wasser trank ich rein aus. Um 2 Uhr hohlte man mich hinunter ins Zimmer.
    Mein ältrer Bruder, und meine Schwägerin waren auch da. Sie stunden um mich
herum. Jetzt wollen wir noch einmal in Güte mit dir reden, sagte mein Vater. Es
war eine Schande, dass du dich mit einem jungen Menschen einliessest, von dem ich
gar nicht weiss, was an ihm ist. (Verzeih, Lieber! Ich schreibe, wie er sprach.)
Aber das wollen wir übersehn, und dir als einen Jugendfehler anrechnen. Dagegen
must du nun zweierlei versprechen: Erstlich, ihn auf ewig zu vergessen, und
zweitens, dem Hofrat Schrager heute noch dein Jawort zu geben; er ist um 5 Uhr
herbestellt. Willst du das? Gerad heraus gesprochen, ohne Umschweife! Hier ward
er schon wieder hitzig. - Zitternd antwortete ich: Erlaub Sie mir erst, vom
Hofrat Schrager zu sprechen! Er mag ein Mann sein, der seine Vorzüge und
Verdienste hat; aber, Gott! muss er deswegen auch sogleich für mich sein? Ich
kann ihn unmöglich ... Teufelskind! rief mein Vater, willst du mich zu Tod
ärgern? du ... Lassen Sie sie erst ausreden! sagte meine Schwägerin; was sie
denn für herrliche Gründe vorbringen mag. - Ich habe, sagte ich, indem ich mich
mit einem gewissen Stolz gegen sie wendete, ich habe keine Gründe gegen ihn, als
mein Herz. Dein Teufelsherz, rief Papa, wo der infame Kerl drinn festsjetzt! -
Verzeihn Sie, sagte ich, solche Namen verdient er nicht. - Willst du's besser
wissen, Kanaille? Genug! willst du den Hofrat, oder nicht? - Ich kann ihn nicht
wollen! - Nun so holen dich alle T**! indem er mit geballter Faust auf mich
zukam, und ihn meine Mutter und mein Bruder in den Arm fielen. - Sie müssen ihn
aber wollen, sagte meine Schwägerin. Was haben Sie denn gegen ihn, als Ihren
schändlichen Eigensinn, und dass der Bettler Ihnen im Kopf steckt? Ich ward
hitzig. Madam, das verbitt ich mir! Was, was? rief mein Bruder, tust du meiner
Frau etwas? Ich sah ihn nicht an, und kehrte mich zu meinem Vater: Haben Sie um
Gotteswillen Mitleid! Ich kann und will mich nicht zwingen lassen! Wollen Sie
mich ewig unglücklich machen? - Du bist eine Bestie! Ich frage dich zum
letztenmal: Willst du den Hofrat? - In meinem Leben nicht! - Hier schlug er
mich ins Gesicht, dass mir das Blut aus Mund und Nase floss. Mir ward schwindlich;
ich sank in meiner Mutter Arm. Mir ward, als ob ich nur ein entferntes Gelispel
hörte. Aber, als ich mich wieder erholte, zankten sie laut mit meiner Mutter.
Ich sank zu meines Vaters Füssen. Nur Eine Gnade! rief ich. Lassen Sie mich nur
ins Kloster! Er stiess mich mit den Füssen von sich, dass ich umsank. Wenn sies
nicht besser haben will, sagte meine Schwägerin, so sperren Sie sie in ein
Kloster! Sie wird schon anders werden. Meinetwegen! rief mein Vater; morgen mag
sie fort, wenn sie sich nicht heut noch eines Bessern besinnt. Der Nickel hat
mir doch schon Gram genug gemacht. Willst ihn also nicht? - Nein, ich kann
nicht! - Nun so scher dich zu allen T**! Ich ging weg. - Viel Glück! rief meine
Schwägerin! Ich sah mich um, und blickte sie verächtlich an. Der Bediente, der
weinend vor dem Zimmer stand, brachte mich wieder auf die Kammer. - Ich konnte
nicht weinen. Alles auf der Welt war mir gleichgültig. Nur ein paarmal dacht ich
an dich, mein Teurester, und da schoss mirs, wie ein Strom in die Augen. Ich
höre sie unten, zuweilen, wenn die Tür aufgeht, stark reden.
    Als ich dieses schrieb, hört ich den Schlüssel in meine Tür stecken, raffte
das Papier schnell zusammen, und verbargs in meinem Busen. Die Feder schmiss ich
aus dem Fenster. Der Bediente kam mit meinem ältern Bruder (den jüngern hatt ich
heut und gestern nicht gesehen) den Schreibzeug her! sagte mein Bruder. Ich gab
ihn ihm, und die Feder, die daneben lag. Hast du kein Papier? sagte er. - Nein!
- Er suchte meine Taschen durch, und fand nichts. Er sah sich in der Kammer um,
und fand auch nichts. Auf dem Tisch lag bloss mein Schnupftuch, wo dein
Blutstropfen drinn ist. Er hubs auf, ob nichts drunter liege? und legte es
wieder hin. Ist denn gar kein Erbarmen zu hoffen? fragt ich. - Morgen reisen
wir! war seine Antwort, und dann ging er. - Ich hatte nun nichts mehr zu
schreiben. Endlich bog ich ein Blei aus dem Fenster, und damit schreib ich dir
jetzt. Zu gutem Glück hatt ich eben einen frischen halben Bogen angefangen. Wie
dir der Brief zukommen wird? das weiss Gott! - Vor einer guten Stunde, als ich
eben dieses geschrieben hatte, kam der Bediente zu mir auf die Kammer, und
schloss hinter sich zu. Er hatte weise Wäsche unter dem Arm. Jungfrau, sagte er,
und stotterte, Sie sollen sich auf morgen reissfertig machen! Wenn Sies ändern
können, so bitt ich untertänig, tun Sies doch! Es ist unten ein schrecklicher
Jammer. Die Frau Mama streitet, man soll Sie nicht ins Kloster sperren; aber sie
wird überschrien. Ihre Frau Schwägerin sagt: Sie müssen drein! Sie woll Sie
selber hinbegleiten! Ihr Herr Bruder sagt, was sie sagt. Konrad, sagt ich, ich
kann nicht anders. Es scheint, er hat Mitleid mit mir. Will er mir wohl eine
Bitte erfüllen? herzlich gern! Was Sie wollen, sagte er, und wischte sich die
Augen. - Darf ich mich aber wohl sicher auf ihn verlassen? - Ja, bei Gott, dass
dürfen Sie! - Da hat er etwas Geld, ich brauchs doch nicht mehr! Nein, Jungfrau,
Geld nehm ich um alles in der Welt nicht von Ihnen. Dann könnten Sie mir ja
nicht trauen! - Nun, so tu ers umsonst! Gott wird ihn dafür belohnen! Ich hab
ein paar Blätter Papier! Morgen, wenn er mich holt, will ichs ihm zustecken. Geb
er sie, sobald als möglich, meinem jüngern Bruder. - Aber, ich bitt ihn um
Gotteswillen, lass ers sonst keinen Menschen sehen! Ich würde unglücklich! - Ich
schwörs Ihnen bei allen Heiligen! - Nun ging er wieder. -
    In Gottes Namen will ich den Brief meinem Bruder überliefern. Ich hoff, er
stellt dir ihn zu. So weist du doch etwas von mir. Wo nicht, so ist nicht viel
verdorben. Denn was ich geschrieben habe, wissen sie alle schon vorher.
    Und so soll ich denn aus einer Welt, wo du bist, mein Geliebtester? Gott!
wer hätte das je gedacht! Er, der bisher mich unterstützt hat, dass es nicht gar
aus mit mir ist, unterstütz auch dich, du Teurer, dem ich bis ans Ende meines
Lebens treu bleibe. Du siehst, dass ich nicht anders handeln konnte; denn dem
Hofrat meine Hand geben, wäre mehr, als Tod und Trennung. Wer weiss, wann wir
uns wiedersehen? In der Ewigkeit gewiss. Diese sei dein Augenpunkt in allen
Leiden, so wie er meiner auch ist! Hoffe nichts auf dieser Welt, und alles in
der Ewigkeit! Es kommt ein Tag, an dem wir nicht mehr weinen werden. Denk an
diesen in der Dunkelheit des Lebens! Gott stärke dich, wie er mich gestärkt hat!
Lang kann ich unmöglich leben. Vielleicht folgst du mir, mein Geliebtester, bald
nach. -
    Meine Mutter ist bei mir gewesen. Ach, Geliebtester, dies war der ärgste
Strauss für mich. Sie hieng an meinem Hals, bat und flehte mich mit Tränen, mich
wohl zu bedenken, und dem Hofrat meine Hand zu geben! Was konnt ich anders
tun, als weinen, mein Geliebtester? Sie sagte: Sonst sehen wir uns das
Letztemal. Das war hart, mein Geliebtester! Aber, Gott! es steht ja nicht in
meinen Händen, es zu ändern. Ich kann meine Hand nicht geben dem, den ich nicht
liebe. Und dir untreu werden - Ach, das ist unmöglich; Der Hofrat ist auf heute
abgestellt; aber morgen käm er wieder, wenn ich bliebe. - Gott trockne die
Tränen meiner Mutter ab! Ich wollte lieber Blut weinen; lieber mich zu Tode
weinen, als sie meinetalben leiden sehen; und doch kann ich es nicht ändern.
Dies ist das Erstemal, dass sie mich um etwas bat; und das Erstemal konnt ich
ihre Bitte nicht erfüllen. Gott weiss, wie gern ich es getan, wie gern ich ihr
mein Leben hingegeben hätte. - Den Abschied kann ich dir nicht schildern. Die
zum letztenmale sehen, die ich, neben dir, über alles liebe, das geht über alle
Leiden. Heilige Mutter Gottes, steh ihr bei!
    Also wär ich denn allein; getrennt von dir und ihr, und hätte keinen Freund
mehr, der mir helfen könnte! Fürchterlich, ach, unaussprechlich fürchterlich! -
O du, den ich nicht sehe, der aber mich, und meine Seele sieht, dass sie rein
ist; sieh, ich bin allein! Verschleuss dein Ohr nicht! Lass es hören meine
Seufzer! Verschleuss deinen Himmel nicht! Lass herabtauen Trost und Gnade! Denn
ich bin allein. -
    Mein Bruder war noch einnal auf Befehl meines Vaters bei mir: Willst du dem
Hofrat deine Hand geben? - Nein, ich kann nicht Bruder! - Nun so sag ich dir im
Namen meines Vaters, dass du morgen früh um drei Uhr dich gefasst halten kannst,
ins Kloster zu wandern. Halts für eine Ehre, dass er deinen Wunsch erfüllt! Aber
dein Vater will er von dem Augenblick an nicht mehr sein. Man wird dir Kleider
bringen! - Mit diesen Worten ging er. Gleich darauf brachte mir Konrad einige
wenige, und schlechte Kleider. -
    Ach Geliebter, du säumest, und kommst nicht, deine Mariane zu erretten;
wenigstens sie noch einmal zu sehen. Leb denn wohl, du Teurer, den ich wie mein
eigen Leben liebte! Gottes Gnade leite dich durchs Tal der Leiden! Denk oft an
deine Mariane! Sie wird dein sein, bis sie todt ist. Zwischen dunkeln Mauren
wird sie weinen, und an dich gedenken, wenn der Tag anfängt. Wenn der Mond in
ihre Zelle scheint, wird sie deiner noch gedenken, und der alten Zeiten, und
weinen. Blick auf zum Mond, so oft er scheint! Meine Seele wird stets an ihm
hangen, und mein Aug an ihm verweilen; und dann werd ich denken, dass auch du zu
ihm hinaufblickst, und an mich gedenkst, und an die Stunden unsrer Liebe, upd an
meine Tränen. Denke dann auch, dass wir einst im Grabe ruhen, und dass unsre
Seelen wandeln werden auf des Mondes lieblichen Gefilden! Dass uns Gott vereinen
wird nach unserm Tode, weil er uns vereinigt hat im Leben! - Das Papier geht zu
Ende. Noch ein paar Worte muss ich unten hin an meinen Bruder schreiben. Gott
gebe, dass du dieses Blatt bekommst! Du wirst weinen; aber es entält auch Trost.
- Leb wohl, leb ewig wohl, Geliebtester! Hier auf dieser Welt zum letztenmale
kann ich mit dir reden, und auch dieses nur in Briefen. Leb denn wohl, und bleib
mir treu! Dass Gott dich stärken mög in allen deinen Leiden! Dass er dich mir
wiedergeb im Himmel. Leb wohl, leb ewig wohl, und bet für deine
                                                                        Mariane.
    An den Rand war noch folgendes mit grössern Buchstaben, um mehr in die Augen
zu fallen, geschrieben:
                        An meinen lieben Bruder Joseph.
    Leiste mir den letzten Dienst, Bruder, den du mir in diesem Leben leisten
kannst! Gib diesen Brief, versiegelt, an Siegwart, sobald er zurückkommt! Er ist
für ihn unendlich wichtig. Gott und alle Heiligen werden dich dafür segnen. Gib
ihm auch in etlich Zeilen Nachricht, wie mirs noch den letzten Tag meines
Hierseins ging! Ich flehe dich mit heissen Tränen, die hier auf den Brief
fliessen, um diese einzige, und letzte Wohltat. Leiste sie um Gottes und um
meiner Ruhe willen! Leb wohl, lieber Bruder! Gott segne dich! Tröst unsre
Mutter, und wein um deine unglückliche Schwester
                                                               Mariane Fischern.
    Siegwart hatte wohl hundertmal bei Lesung dieses Briefes abbrechen müssen.
Oft schoss ein Strom von Tränen drauf, dass er keinen Buchstaben mehr von dem
andern unterscheiden konnte. Oft fieng er an zu zittern, dass er den Brief nicht
mehr zu halten vermochte. Oft vergiengen ihm Gesicht und Gehör, und der kalte
Schweiss stand ihm auf der Stirne, dass er halb ohnmächtig auf den Stuhl zurück
sank. Oft sprang er wieder auf, rang die Hände, und rief: Gott! Gott! Gott! -
Als er endlich den Brief ganz zu Ende gelesen hatte, sank er matt und sinnlos
auf den Stuhl, wusste nichts mehr von sich selbst, und lag so bei einer
Viertelstunde da. Als er wieder etwas zu sich selber kam, und sah, dass es schon
ganz dunkel geworden war, wollt er aufstehn, aber er hatte keine Kräfte. Alle
Glieder zitterten ihm, sein Gesicht war eiskalt, und es ward ihm wieder einmal
um das andre schwindlich. Endlich grif er mit vieler Mühe nach der Glocke auf
dem Tisch, und klingelte. Die Aufwärterin kam. Er foderte Licht. Jesus, Maria,
und Joseph! rief sie aus, als sie das Licht brachte, was fehlt Ihnen? Sie sehn
ja aus, wie der Tod! Soll ich zum Herrn Doktor laufen? - Mir ist nicht recht
wohl, antwortete er; mach sie mir eilig eine recht gute und warme Suppe! Es wird
schon besser werden! Sie bedaurte ihn von Herzen, zündete das Licht an, und
ging weg. Er versuchte indes den Brief von Marianens Bruder zu lesen; aber die
Augen giengen ihm über, und die Buchstaben flossen all vor ihm ineinander, dass
er schwarz und weiss nicht von einander unterscheiden konnte. Die Aufwärterin
brachte ihm eine gute warme Weinsuppe; er ass, und fühlte sich darauf wieder
etwas gestärkt. Mit vieler Mühe brachte er die Magd von seinem Zimmer, sie war
sehr besorgt, und wollte ihm durchaus einen Doktor holen. Als sie weg war, nahm
er Josephs Brief wieder vor sich, und las:
                                                               Den 11ten August.
                                Lieber Siegwart!
    Ich erfülle die traurige Bitte meiner Schwester, gebe Dir ihren Brief, und
soviel Nachricht, als ich von ihr geben kann. Gestern früh um 3 Uhr wurde sie,
ohne dass ich sie noch sprechen durfte, mein Vater und meine Mutter sprachen sie
auch nicht mehr, in den Wagen geführt, in dem meine Schwägerin sass, und den mein
Bruder selbst kutschierte. Sie fuhren beim Tor hinaus gegen Regensburg zu.
Weiter weis kein Mensch nichts von ihnen; denn es durfte kein Bedienter mit, und
mein Bruder ist bis dato noch nicht zurückgekommen. Soviel weis ich, dass meine
Schwägerin hauptsächlich Schuld daran hat, dass sie ins Kloster muss. Sie mag wohl
ihre besondre Absichten dabei haben. Meine Mutter weint beständig, und um meinen
Vater kann man gar nicht sein, so aufgebracht ist er. Er sagt, er woll nun
weiter gar nichts von dem Nickel wissen. Er hat Dir auch sehr aufgedroht; und
wollte ich Dir daher wohlmeinend geraten haben, Dich je eher, je lieber von
hier weg zu machen. Ich werde dich wohl nicht sprechen können, weil mein Vater
immer auflaurt, und mich todtschlagen würde, wenn ers wüsste. Sag daher keinem
Menschen nichts, dass ich nicht auch noch in Ungelegenheit drüber komme! Wenn du
nur den Brief erst hättest! Ich bedaure dich, und sie gewiss. Weiter kann ich
aber auch nichts tun, Dein getreuer Diener
                                                                 Joseph Fischer.
    Eine neue Erschütterung betäubte Siegwarts Seele. Er fühlte sich wieder
schwächer, liess den Brief fallen, sank vorwärts auf den Tisch, barg sein Gesicht
in beide Arme, und lag so eine halbe Stunde, seiner nur halb bewust da, bis die
Aufwärterin wieder kam, sich nach ihm zu erkundigen. Er liess sich von ihr halb
auskleiden, und ging zu Bette. Nun, da sich seine Natur wieder etwas erholt
hatte, ging erst sein Seelenleiden an; nun konnte er erst sein Unglück
überdenken, und in seiner ganzen Grösse fassen. Er schauderte zuweilen zurück,
als ob er in einen Abgrund hinabblickte. Alles war noch Nacht vor ihm. Er konnte
nichts denken, als: sie ist verloren! Die halbe Nacht quälte er sich mit diesem
einzigen Gedanken, ohne all sein Schrecken halb auszudenken. Oft gränzte seine
Mutlosigkeit nah an Verzweiflung, und dann bat er wieder Gott, ihn nicht ganz
zu verlassen! Wie glücklich, dachte er, wenn ich von meiner Ohnmacht ewig nicht
mehr aufgewacht wäre! Dann fiel ihm wieder ein, was jetzt seine Mariane leiden
müsse; und dann zerfloss ihm das Herz ganz in Wehmut. Dann betete er nur für
sie, und nicht für sich. Gib mir nur den Tod, o Gott! sonst kenn ich keine
Wohltat mehr! - Die häufigen Erschütterungen seiner Seele machten endlich alle
Sehnen schlaff, und er sank in einen tiefen Schlummer, der bis den andern Morgen
gegen acht Uhr daurte, als seine Aufwärterin auf die Kammer kam. Sie machte die
Türe leise auf, und sah herein. Er wachte von dem Knarren der Türe auf. Was
gibts? rief er. Wie befinden Sie sich? fragte das Mädchen. So ziemlich! war die
Antwort; mach sie mir nur Kaffee! Dann stand er auf, kleidete sich an, und ging
aufs Zimmer. Hier sah er Marianens Brief auf dem Tisch, und Josephs seinen auf
der Erde liegen. Er raffte beide schnell zusammen, und steckte sie ein. Er sah
sich von ohngefähr im Spiegel, und erschrack über seine Blässe. Ach Gott,
seufzte er, machs nur bald ganz aus mit mir! - Er wollte etwas nachdenken, ob er
kein Mittel vor sich sehe, sich und Marianen zu retten? Aber es war ihm nicht
möglich, nur etwas zusammenhängendes zu denken. Endlich setzte er sich nieder,
an Kronhelm zu schreiben. Mit zitternder Hand schrieb er folgendes an ihn:
                         Liebster Bruder und Schwager!
Zu dir nehm ich meine Zuflucht; den einzigen, den ich nur auf Erden habe. Das
Schicksal schlägt mich ganz Boden. Reich mir deine Hand! Aber welcher Mensch
kann den Unglücklichen retten, der alles, ach, alles verloren hat? Ach
Geliebter, meine Mariane ist verloren. Dieses sag dir alles! Sie ist
eingeschlossen in ein Kloster, und ich weis den Ort nicht, wo sie jammert.
Selbst ihr Vater war der Grausame, der sie verstiess. Menschen, Menschen! Welch
ein Scheusal seid ihr! Aber ich vergeh in meinem Jammer. O Geliebter, wenn ich
wüsste, wo der Tod wär, dass ich ihm entgegen gienge! - Komm Geliebter, und erbarm
dich meiner! Oder ich will selber kommen, und mein Leid bei dir verjammern. Gönn
in deinem Hause mir ein Plätzchen, und ein Grab auf deinem Acker! Denn in wenig
Tagen wird das Grab mich rufen, und mir Ruhe geben in der Erde, weil ich auf der
Erde sie nicht finden konnte. Sage meiner Schwester nichts von meinen Leiden,
dass sich ihre Seele nicht zu sehr betrübe! - Mariane, Mariane! ach wo bist du,
du Erwählte meines Herzens, dass ich mit dir sterbe? - Ach Geliebter, wenn du
etwas von ihr hörtest! Wenn ein Engel dir die Botschaft brächte, wo sie
jammert! - Ich muss fliehen, denn ihr Vater will auch mich verfolgen. Darum eil
ich zu dir. Nimm mich auf an deinen Busen! Nimm mich freundlich auf! Es währt
nicht lange. Noch bin ich matt und kraftlos, denn die Todesbotschaft hat mich
wie ein Sturm erschüttert, und mich hingeworfen, dass ich meine Kraft verlohr.
Wenn ich wieder aufgestanden bin, dann eil ich zu dir. Ich kann nicht mehr
schreiben; meine Augen sind voll Wasser, und mein Herz ist voll Jammers. Lebe
wohl, mein Geliebter, habe Mitleid mir, und empfang mich freundlich, wenn ich
komme! Sieh den Himmel an, und bet für deinen armen
                                                                       Siegwart.
    Nachdem er diesen Brief auf dis Post geschickt hatte, befahl er der
Aufwärterin, ihm von seinem Hauswirt die Rechnung machen zu lassen. Sie weinte,
und fragte, ob er dann ganz wegreisen wolle? Nein, sagte er, aber wie leicht
könnt ich sterben! Sie weinte noch heftiger. Er bezahlte drauf die Rechnung, und
packte seine meisten Sachen in den Koffre, ohne selbst zu wissen, warum?
Zuweilen liess er plötzlich alles liegen, setzte sich auf einen Stuhl, und
weinte; oder zog Marianens Brief heraus, küsste ihn, las eine halbe Seite, legte
ihn dann sorgfältig wieder zusammen, und steckte ihn in seine Brieftasche. Als
er eingepackt hatte, ging er zu Dahlmund, kam aber, weil er ihn nicht zu Haus
angetroffen hatte, nach einer halben Viertelstunde wieder nach Haus. Er wünschte
sich nun keine Wohltat, als jemand zu haben, in dessen Busen er seinen Schmerz
ausschütten, und mit dem er gewissermassen seinen Jammer teilen könnte; aber
keine solche Seele war für ihn in Ingolstadt. Es fiel ihm ein, dass der geheime
Rat von Kronhelm versprochen habe, ihm eine ansehnliche Bedienung zu
verschaffen. Vielleicht, dachte er, stimmt dieses den Hofrat Fischer um. Ohne
sich erst lange zu bedenken, ging er aus dem Haus, und liess sich bei dem
Hofrat melden, mit dem Anhang: Er habe viel wichtiges mit ihm zu reden. Der
Bediente kam wieder mit dem Auftrag: Der Herr Hofrat müsse sich erstaunlich
wundern, wie er sich noch unterstehen könne, ihm unter die Augen treten zu
wollen, da er wisse, wie schlecht er sich gegen ihn betragen habe. Er möchte
sich ja in Acht nehmen, und dem Herrn Hofrat nicht zu nahe kommen! Es könnte
schlimme Folgen für ihn haben. Der Herr Hofrat werd ihn nie anhören. Er habe
nichts mit einem solchen Menschen zu reden, und das ratsamste wäre, wenn er
sich recht bald von Ingolstadt weg machte. Mit diesen Worten machte der Bediente
die Haustüre auf, als ob er unserm Siegwart den Weg weisen wollte. Dieser ging
weg, und zitterte vor Zorn und Unwillen. Zu Haus stampfte er auf die Erde. Das
sind Menschen! sagte er, und knirschte mit den Zähnen. Er weinte vor
unterdrückter Wut. Pfuy den Hundskerl! sagte er, und spie aus. So will ich mich
denn auf keinen Menschen mehr verlassen! Keiner ist einen Heller wert, Pfuy! Je
vornehmer, desto liederlicher und stolzer, Pfuy! - Zuletzt ging seine
Verachtung wieder in Wehmut und in Tränen über. Er dachte sich seine Mariane,
seinen Vater, und überliess sich seinem Schmerz. Abends ging er bald zu Bett,
und konnte doch nicht schlafen. Er sprach mit sich selber, redete bald den
einen, bald den andern von seinen Freunden an, und klagte ihnen seinen Jammer.
Endlich fielen ihm Frau Held und Karoline ein, und, mit ihnen, der Gedanke, sie
morgen zu besuchen; und bei ihnen wenigstens den Trost zu finden, seinem Schmerz
durch Erzählung etwas Luft zu machen. Dieser Gedanke beschäftigte ihn noch so
lange, bis er endlich mit einem, ganz erleichterten Herzen, einschlief.
    Kaum war er aufgewacht, so war dieses wieder sein erster Gedanke. Seine
Seele strebt mit ungewöhnlicher Sehnsucht nach dem Landhaus, und glaubte, da
endlich Erleichterung zu finden. Er schloss alle seine Sachen ein, sagte der
Aufwärterin, er werde erst in ein paar Tagen wieder kommen, und ging.
    Es war um neun Uhr und der Sommertag war schön, aber heiss. Er war eine halbe
Stunde noch vom Landhaus, als er querfeldein einen Bauern stark gehen sah, der
auf ihn zu kam. Es war sein Tomas. Guten Morgen, Herr! sagte er, ich hab Sie
schon lang nichr mehr gesehen. Haben Sie uns ganz verlassen? Siegwart sagte, er
sei verreist gewesen. - Wo wollt ihr hin, Tomas? - Ich will da nach der Stadt,
und dieses Felleisen einem Herrn bringen, der gestern bei uns durchfuhr.
Vermutlich gehörts ihm. Ich Habs hinterm Dorf in einem Graben gefunden. Der
Herr fuhr vor etlich Tagen früh morgens durchs Dorf, und da war das Felleisen
auf die Kutsche hinten aufgebunden. Er kutschierte selbst, und hatte zwei
Jungfern im Wagen. Wo mir recht ist, so war eine davon die Jungfer, die bei der
gestrengen Frau auf dem Schloss war, und die Sie unterm Arm führten, als sie
wieder weggiengen. Sie sah wohl ganz bleich aus, und das Kutschenglas war vor,
dass ichs nicht recht sehen konnte. Gott! Das ist Mariane! rief Siegwart. Wo ist
sie hingefahren? - Da aufs nächste Dorf zu, gleich drei Viertelstunden von uns.
Ich hab doch nichts unrechts geredt, weil Sie so bleich drüber werden? - Nein
Tomas. Wenn fuhr der Herr wieder zurück? Wars nicht ein grosser hagrer Herr? -
Recht! Es war so ein dürrer Herr! Gestern Abend nach acht Uhr sah ich ihn an
meinem Haus vorbeifahren. - Und er kam wieder von dem Dorf her, wo er
hingefahren war? Ja, Herr! das Dorf heisst Altmanstein, wenn Sie hin wollen. Es
geht immer grad aus. Jedes Kind kanns Ihnen sagen. Adjeu, Tomas! sagte
Siegwart, und lief eilends fort nach dem Dorf zu. Der Bauer sah ihm voller
Verwunderung nach. Siegwart kam in Tomas Dorf an, fragte nach dem Weg nach
Altmanstein und lief hastig fort. Nun glaubte er, auf der Spur zu sein, und
hoffte seine Mariane gewiss auszukundschaften. Seine ganze Seele war jetzt von
diesem einzigen Gedanken voll. Er achtete nicht der grossen Sonnenhitze und des
Schweisses, der ihm von den Wangen lief. In Altmanstein fragte er bei etlich
Häusern, ob man nicht gestern eine Kutsche habe durchfahren sehn, und wo sie
hergekommen sei? Ein altes Mütterchen gab ihm endlich Auskunft, und wies ihn auf
das nächste Dorf rechter Hand. Hier liess er sich, weil er ganz abgemattet war,
von einer Bäuerin schwarzes Brod und frische Milch geben; erkundigte sich wieder
nach dem Wagen, und erfuhr das nächste Dorf, wo er seinen Weg her genommen
hatte. Alle Aussagen, und Beschreibungen der Personen, die beim Wagen gewesen
waren, stimmten überein; und liessen ihn gar nicht mehr zweifeln, dass es der
Wagen mit Marianen gewesen sei. Nachdem er sich wieder etwas erholt hatte, ging
er in der grösten Mittagshitze weiter. Er achtete sie aber nicht, auch nicht,
dass er sich die Füsse schon ganz wund gelaufen hatte. Seine Seele war auf Einen
Punkt geheftet, und liess ihn alle äussere Eindrücke und Empfindungen vergessen.
Er kam noch durch etlich Dörfer, wo er immer Nachricht vom Wagen bekam, und
weiter gewiesen wurde. Gegen Abend fühlte er endlich seine äusserste
Entkräftung, und die Wunden an den Fusssohlen. Er sehnte sich nach dem nächsten
Dorf, und konnte es kaum vor Mattigkeit erreichen. Bei der nächsten Hütte
klopfte er an. Die Leute drinnen machten ihm auf, taten sehr dienstfertig und
mitleidig, als sie ihn so abgemattet sahen, und brachten ihm Brandewein, seine
Füsse zu waschen. Als er fragte, ob er wohl ein Nachtquartier bei ihnen haben
könne? sagten sie willig Ja, und fügten hinzu: Wenn er nur vorlieb nehmen wolle,
so könn er solang bei ihnen bleiben, bis er wieder frisch und gesund sei. Aus
allem, was er sah, konnt er schliessen, dass die Leute sehr wohlhabend sein. Es
war ein Bauer mit seiner Frau und vier Kindern, davon das älteste ein Knabe von
zehn Jahren, und das jüngste ein Mädchen von fünf Jahren war. Auf der Bank herum
sassen zween Knechte und drei Mägde. Als Siegwart eine Milchsuppe und ein paar
Eyer gegessen hatte, so ging er wegen seiner grossen Müdigkeit zu Bette. Man
führte ihn eine Treppe hoch in eine ganz artige, auf Bauernart schön ausgeputzte
Stube, wo ein reinliches Bette stand.
    Wegen der grossen Hitze, und der heftigen Wallung seines Bluts, die durch
seine starke Gemütsbewegung noch vermehrt wurde, konnte er erst nach
Mitternacht einschlafen. Den folgenden Morgen wachte er erst um neun Uhr auf,
und fühlte sich so matt, dass er mit vieler Mühe kaum allein aufstehen konnte.
Als ihn die Bäuerin unten hörte, dass er wach wäre, kam sie herauf, und
erkundigte sich nach ihm. Sie bot sich an, beim Herrn Pfarrer Kaffee zu
entlehnen, um ihm welchen zu machen. Er verbats aber, und liess sich eine
Biersuppe machen. Eh er sie essen konnte, musste er sich wieder zu Bette legen,
denn er ward ein paarmal halb ohnmächtig.
    Er war sehr ungeduldig, dass er nun hier so untätig liegen musste, und die
beste Zeit, Marianen nachzuspüren, vorbeigehen lassen sollte. Die Bäurin setzte
sich neben ihm ans Bette, und war seinetwegen sehr besorgt. Als er sie
versicherte dass er sich nun wieder etwas besser befinde, so fieng sie an: Es muss
Ihnen wohl sehr übel in der Welt gegangen sein, denn ich habs schon gemerkt, dass
Sie recht betrübt sind, und immer nasse Augen haben. Man sollt denken, so einem
Herrn, wie Sie sind, könnts an nichts fehlen. Sie haben ja ein schönes Kleid,
und sind sonst so wohl ausstaffirt, dass es eine Lust ist. Geld haben Sie auch
genug, wie ich gestern sah, als Sie den Brandewein bezahlen wollten.- Ach meine
liebe Frau, sagte Siegwart, Geld und Gut macht allein nicht glücklich. Wenn man
auch alles genung hat, so gibts noch tausend andre Leiden, die man einem nicht
so sagen kann. Ich wollt ihr gern mein Geld und alles geben, wenn mir sonst
geholfen werden könnte. - Ja freilich, fiel sie ein, macht Geld und Gut allein
nicht glücklich und drauf fieng sie eine lange Erzählung an von ihrem ersten
Mann, den sie sechs Jahre in ihrem ledigen Stand gekannt, und recht herzlich
lieb gehabt habe. Sie hab immer nur gedacht, es könn ihr nichts mehr fehlen,
wenn sis seine Frau sei. Endlich sei sies geworden, und hab ein Jahr lang mit
ihm gelebt, wie die Engel im Himmel. Aber - hier fieng sie an zu weinen - der
Tod hab ihn ihr genommen; sie sei untröstlich gewesen, und habe geglaubt, es sei
kein Glück auf der Welt mehr, bis ihr Gott ihren Kaspar zugeführt habe. Nun sei
ihr seit eilf Jahren wieder recht wohl, und sie sehe wohl, dass man immer wieder
glücklich werden könn, es mög mit einem auch aussehen, wie es wolle! und so
müss' er eben auch denken! Ich will das beste hoffen, sagte er; aber ich weis
nicht, wie mir geholfen werden kann? Hier weinte er, und die Bäurin weinte
herzlich mit. Nach einer Stunde, als er versichert hatte, dass er sich nun wieder
weit besser befinde, ging sie hinunter, um ihre Haushaltungsgeschäfte zu
verrichten. Er seufzte und betete zu Gott um Gesundheit oder Tod. Endlich langte
er seine Brieftasche, und schrieb einen wehmütigen und rührenden Aufsatz
darein, wo er seine Mariane als gegenwärtig anredete. Um Essenszeit, als er
wieder ziemlich gestärkt war, ging er in die Stube hinunter, wo ihm die Bäurin
ein recht gutes Essen zurichtete. Der Bauer war, weil es Sonnabend war, in das
nächste Städtchen gefahren, um Haber zu verkaufen. Nach dem Essen spielte
Siegwart mit den Kindern, die sich gleich um ihn her machten. So übel ihm auch
zu Mute war, so musste er doch ihre Spiele mitmachen, und zuweilen lächeln. Er
sah einen Katechismus da liegen, und wollte den ältern Knaben etwas drinn lesen
lassen; aber dieser konnte noch kaum buchstabiren, und von der Religion wusste er
noch nicht das geringste. So traurig siehts oft auf dem Lande mit dem
Kinderunterricht aus. Siegwart erkundigte sich drauf nach allen umliegenden
Klöstern, und besonders nach den Nonnenklöstern. Es war deren eine so grosse
Menge, dass ihm bange ward, wie er das rechte ausfindig machen wollte. Was er
anzufangen habe, wenn er dasjenige Kloster fände, in welchem Mariane war, daran
hatte er noch gar nicht gedacht. In der angenehmen Dämmerung setzte er sich mit
der Bäurin unter eine Linde vor dem Haus auf einen abgehauenen Baum. Sie war
sehr besorgt, dass ihr Mann so lange nicht zurückkomme. Er hat einen Fehler an
sich, sagte sie, wenn er an einem Ort einmal ist, da kann er sobald nicht wieder
wegkommen, und da guckt er oft zu tief ins Gläsel. Sonst aber ists ein
kreuzbraver Mann.
    Siegwart sprach nicht viel, und sass in tiefer Wehmut da. Er sah zum Himmel
auf, wo nach und nach einzelne Sterne sichtbar wurden. Oft stieg sein Busen
hoch, und ein lauter Seufzer brach hervor. So lebhaft hatte er, seit der
traurigen Begebenheit, noch nie an seine Mariane, und an sein fürchterliches
Schicksal gedacht. Jetzt übersah er es erst ganz, und schauderte vor der
hofnungslosen Zukunft. Er wünschte sich nichts, als zu vergehen, und auf Einmal
ewig aufzuhören. Es ward ihm, als ob er Marianen wimmern hörte, und wünschte,
dass seine Seele aus dem Leib eilen möchte, um sie zu trösten! Die Bäurin ward
indes immer besorgter um ihren Mann. Sie stund einigemal auf, und ging einige
Häuser weit, ob sie noch nichts höre? Sie kam langsam wieder zurück, und sagte:
Noch nichts! Endlich hörte man vor dem Dorf draussen einen Wagen stark rasseln,
und ein lautes Juchzen. Gottlob! nun kommt er, sagte sie. Er fuhr in vollem
Gallop ins Dorf herein. Wo bist du doch so lang, Kaspar? sagte sie. Ey was,
Narr! sagte er, sprang vom Pferd, und schloss sie in den Arm; ich hab einen guten
Kauf getan. Heh, lustig, Herr! Hier hab ich ihm was! Indem zog er zwo
Bouteillen Wein aus dem Zwerchsack. Komm er! nun wollen wir die Grillen
verjagen! Siegwart mochte sich so sehr weigern, als er wollte; er musste noch
eine Bouteille mit dem betrunkenen Bauern trinken, und konnt ihn kaum abhalten,
die andre nicht auch noch anzubrechen. Er erzählte ihm auf die verwirrteste Art
allerlei Geschichten aus der Stadt, und ging endlich so betrunken zu Bette, dass
er kaum allein gehen konnte.
    Den andern Morgen ging jedermann aus dem Haus, bis auf die Kinder in die
Messe. Siegwart stand auf, und fühlte sich fast ganz wieder hergestellt. Aber
sein Gemüt war krank, und im Innersten verwundet. Er setzte sich, und schrieb
mit vieler Rührung seine Empfindungen, die voll Andacht und voll tiefer
Schwermut waren, in sein Taschenbuch. Während dass er schrieb, krabbelte etwas
an der Türe. Er machte auf, und die beiden ältern Kinder warens. Sie boten ihm
die Hand, und wünschten ihm freundlich einen guten Morgen. Er setzte sich aufs
Bett, und sah ihren unschuldigen Spielen zu. Gott! dachte er, wie vergnügt sind
diese Kinder! Ehmals war ich auch so; warum blieb ich nicht ein Kind! Haben wir
denn die Vernunft nur zu unserm Unglück? Wär ich doch noch ein Kind! Er ward
dabei so bewegt, dass ihm Tränen aus den Augen stürzten. Das andre Kind, ein
Mädchen von acht Jahren, sah es, und kam auf ihn zu. Es weinte auch, nahm seine
Hand, stieg auf seinen Knien hinauf, um ihm die Tränen mit dem kleinen Händchen
wegzuwischen, und sagte: Must nicht weinen! Hab ich dir denn was getan? Ich bin
ja brav. Der Knabe sprang auch herbei, blieb ein paar Schritte weit von ihm
stehen, sah ihn mitleidig an, und sagte: Was fehlt dir, dass du so ein Gesicht
machst? Soll ich dir Blumen holen? Ich hab schöne im Garten. - Du liebes Kind,
dachte Siegwart, und setzte es aufs andre Knie; wenn mir Blumen helfen könnten!
Ach guter Gott! mach mich wieder zum Kind! Deinen Kindern ist so wohl. Lass mich
wieder Freude haben über Blumen! Er neigte sich über die beiden Kinder her, und
weinte. Das Mädchen spielte mit Marianens Ring an seinem Finger. Sie sah ihn an,
als sie fragen wollte, ob sie ihn abziehen dürfte? Nein, den must du mir lassen,
gutes Kind, sagte er, das ist alles, was ich habe. Bald darauf kam die Mutter
auf die Kammer. Der Knabe sprang auf sie zu, und sagte: Sieh, Mutter, er weint.
Frag ihn, was ihm fehlt? Wir haben ihm gewiss nichts getan; ich und Liese nicht.
Lass nur sein! antwortete die Mutter, ich weiss schon, was dem Herrn fehlt. - Es
ist Ihnen doch wieder besser, Herr? Siegwart versicherte sie, dass er nun wieder
ganz gesund sei, und morgen weiter wolle. Nur zu Fuss? fiel die Frau ein.
Siegwart antwortete mit Ja; weil er nicht mehr weit wolle, und wohl wisse, dass
die Bauern in der Erndte ihre Pferde besser brauchen. Drauf ging er mit ihr
hinunter in die Stube, wo auch Kaspar war. Auf den Nachmittag lud er unsern
Siegwart aufs Freischiessen ein, der endlich, um ihn zu beruhigen, wider Willen
Ja sagen musste. Kaspar ass heut, nebst seiner Frau, mit Siegwart, weil er
gestern, wie er sagte, seinen Haber so gut an Mann gebracht habe. Sie tranken
miteinander die andere Bouteille Wein, die der Bauer gestern mitgebracht hatte.
Siegwart vergass bei seiner Geschwätzigkeit eine Zeitlang seiner eignen Leiden,
und gewann das Zutrauen der beiden Leute ganz. Den Nachmittag musste er mit zum
Freischiessen. Kaspar gab ihm auch eine Kugelbüchse mit, und er musste mit
schiessen. Die Bauern erwiesen ihm viele Ehre, und nannten ihn Junker. Er gewann
das Beste, welches in etlichen Gulden bestand. Er wollt es wieder ausschiessen
lassen, als die Bauern dies nicht zugaben, so hielt er sie alle in Bier und
Brandewein frei. Darüber wurden sie ganz munter, und tranken alle Augenblicke
seine Gesundheit. Als er mit Kaspar weggieng, ward er bis vor sein Haus hin mit
Musik, einem Dudelsack und zwo Violinen begleitet. As er sagte, dass er morgen
weiter wolle, wollte ihn Kaspar durchaus zu Pferd begleiten, aber Siegwart nahm
es nicht an. Er wollte, die Bäurin sollte ihm die Rechnung machen für das, was
er bei ihnen verzehrt hätte. Anfangs wollte sie es gar nicht tun. Zuletzt
foderte sie etwas weniges. Siegwart gabs, und steckte noch jedem Kind einen
Sechsbätzner in die Hand.
    Den andern Morgen um 5 Uhr stand er auf, und fühlte seine Gesundheit völlig
wieder hergestellt. Die Bäurin wünschte ihm mit Tränen tausend Glück auf den
Weg. Kaspar begleitete ihn bis vors Dorf hinaus, und wies ihm den nächsten Weg.
Auf dem ersten Dorf konnt er lange nichts von Marianens Wagen erfahren; endlich
fand er einen Bauer, der ihn gesehen hatte, und ihm das Dorf nannte, wo er
hergekommen war. Noch in zwei Dörfern bekam er Nachricht. Endlich im dritten
wollte niemand weiter etwas gesehen haben. Nur eine Frau sagte: Abends um Eilf
Uhr habe sie vor etlich Tagen etwas durchs Dorfs fahren hören. Sie hade
hinausgesehen, und da seis eine Kutsche gewesen, die aufs nächste Dorf zu, das
sie nannte, gefahren sei. Man geh durch einen dicken Tannenwald durch, und es
sei eine gute Stunde dahin. Erst müsse man sich, wenn man halb im Wald sei,
rechts, dann links, dann wieder rechts hinum schlagen. Siegwart war auf diese
Anweisung wenig aufmerksam. Er war zufrieden, dass er etwas von dem Wagen gehört
hatte, und ging wieder weiter. Durch allerlei Phantasien und Träumereien, dass
er nun bald seine Mariane wieder finden werde, vertiefte er sich so in Gedanken,
dass er gar nicht mehr auf den Weg Acht gab, und schon ziemlich tief im dicken
Tannenwalde war, als ihm einfiel, ob er wohl auch auf dem rechten Wege sei? Der
Fusspfad, auf dem er ging, war schmal, oft verlohr er ihn, wo die Nadeln von den
Tannenbäumen häufiger lagen, fast ganz. Er ward nun etwas besorgt, denn der Wald
war dick, dass man nirgends hinaussehen konnte. Endlich teilte sich sein Weg,
und er wusste lang nicht, welchen Pfad er wählen sollte? Endlich ging er den zur
Rechten, weil ihm nur noch dunkel im Gedächtnis schwebte, dass die Frau gesagt
habe, er müsse rechter Hand gehen! Nach einer Stunde verlohr sich sein Fusspfad
ganz. Er ging hin und her, vor- und rückwärts, und fand nirgend keine Spur.
Endlich ging er in der Ungeduld auf Geratewohl gerade fort. Der Wald ward
immer dicker, und unwegsamer, weil, neben den hohen Fichten, viel niedriges
Tannenreiss wuchs. Hören konnt er auch weder die Glocken in einem Dorf, noch
sonst einen Laut von Menschen, weil die, etwas laute Luft durch die Tannenwipfel
wie ein grosser Strom dahin rauschte. Zuweilen machte ihn das übrige tiefe
Schweigen, die Abgeschiedenheit von allen lebenden Geschöpfen - denn kein Vogel
war im Wald - und das Dunkel, durch das kaum ein Sonnenstral dringen konnte,
sehr wehmütig, dass ihm Tränen aus den Augen auf das Moos stürzten. Dann ward
er wieder vedriesslich und zaghaft, weil er gar kein Ende des Waldes sah. Wenn es
auch zuweilen etwas hell sah, so kams doch nur daher, dass die Fichten etwas
dünner standen; hinten schloss sich gleich wieder ein grösseres Dickicht an.
dabei ward er von dem mühsamen Hin- und Herirren immer matter und kraftloser.
Ein paarmal setzte er sich auf das etwas erhöhte Moos nieder, sah auf die Uhr,
und fand, dass es schon auf drei Uhr gehe. Er stützte den Kopf in beide Hände,
und dachte: Ach Mariane, wenn wir hier in dieser Wildnis, und von Menschen
abgesondert lebten, die gröstenteils so niederträchtig sind! Ach, mein Kleist
hat Recht: Ein wahrer Mensch muss fern von Menschen sein! Wenn in dieser seligen
und stillen Ruhe unser Leben unbemerkt, unbeneidet, ungekränkt, dahin flösse!
Ach Mariane, Mariane, wenn du hier wärest! Aber du traurst und weinst - Gott
weiss, wo? - in irgend einem Winkel zwischen dunkeln Mauren um deinen armen
Siegwart und verseufzst dein Leben. Ach, wenn ich dich hier an meinen Busen
schliessen, und dich trösten könnte, wo kein Mensch wohnt, wo nur Engel unsre
Liebe sehen und sich ihrer freuen würden! Ach Mariane, Mariane, wenn du hier
wärst! - Aber ich verschmacht in dieser Wildnis, und kein Mensch beweint mich,
und kein Engel kann mich retten! - Gott, ach Gott, erhalt mich meiner Mariane!
    So dachte er, stund dann wieder auf, und ging weiter. Je tiefer die Sonn am
Himmel hinunter sank, desto dunkler wards im Tannenwald, so dass ihm endlich zu
grauen anfieng. Je länger er umher lief, desto weiter verlohr er sich im Wald,
und er wollte schon dran verzweifeln, sich jemals wieder herauszufinden, als er
endlich unter dem dicksten Tannengebüsch eine Hütte wahrnahm. Bei diesem Anblick
ward ihm, als ob ein Engel ihm erschiene. Er eilte auf die Hütte zu, fand aber
die Türe verschlossen. Er ward darüber sehr betroffen, doch hoffte er, dass ihr
Besitzer bald zurückkommen würde, und setzte sich auf die gegenüber angelegte
Rasenbank. Die Hütte war fast bloss von Erde aufgebaut, das Dach mit Tannenreiss
bedeckt, und statt der Fenster waren an der Seite nur ein paar kleine
Oeffnungen. Um das Haus herum war ein freier Platz, wo etwas Küchengewächse, und
auf der andern Seite einige, jung heranwachsende Fruchtbäume standen. Ein paar
Kirschbäume hiengen schon voll Früchte, die, wegen der Dunkelheit des Waldes
erst jetzt reiften. Siegwart konnte sich nicht zurückhalten, einige davon an den
untersten Aesten abzupflücken, denn er war vom Hunger und Durst zu sehr
abgemattet, und ausgemergelt. Eine halbe Stunde drauf kam endlich ein
Einsiedler, in tiefen Betrachtungen verloren, unter den dunkeln Tannen
hergeschlichen. Siegwart stand ehrerbietig auf. Der Einsiedler erstaunte, als er
einen Menschen in seiner Einöde wahrnahm. Anfangs war er so betroffen, dass er
nicht reden konnte. Endlich ging er auf Siegwart freundlich zu, und sagte: Sie
sind gewiss ein Unglücklicher, dass Sie in diese abgelegne Gegend kommen? Ja,
antwortete Siegwart, ich bin verirrt, und laufe schon den ganzen Tag in diesem
Wald umher. Armer Jüngling! versetzte der Einsiedler, Sie werden wohl sehr
abgemattet sein? Ich will Ihnen bringen, was ich habe. Mit diesen Worten schloss
er seine Tür auf, brachte etwas Brod und Käse heraus, und pflückte ihm Kirschen
von den Bäumen ab. Er brachte auch einen Krug mit Wasser, und setzte sich neben
unserm Siegwart hin. Als sich dieser etwas erfrischt hatte, betrachtete er den
Einsiedler genauer, und fand, dass er ein Mann nicht viel über dreisig war,
obgleich sein Gesicht von innerlichem Kummer sehr abgezehrt zu sein schien. In
seinem düstern Auge war ein Ueberrest von unterdrücktem Feuer, und aus dem
ganzen Gesicht sprach viel Edles. Ueberhaupt verriet sein ganzes Betragen, und
auch seine Sprache einen Mann von nicht geringem Herkommen. Und wie kommen Sie
in diesen Wald, sagte er, wenn ich fragen darf? Ich wollte, antwortete Siegwart,
nach, nach - - Ja, nun hab ich den Namen des Dorfs vergessen, - und da must ich
durch den Wald gehn, und vertiefte mich in meinen Gedanken, und verlohr den Weg,
und konnte mich, trotz alles Suchens doch nicht mehr heraus finden. - Das glaub
ich, versetzte der Einsiedler; der Wald ist erstaunlich gross, zumal in die
Länge. Jetzt wirklich meine Hütte ist vom nächsten Dorf zwo Stunden weit
entfernt, und ich habe hier seit Jahr und Tag keinen Menschen gesehen. Sie sahen
mirs auch wohl an, wie ich über Ihren Anblick so bestürzt war. Sie kommen wohl von
einer Universität her? - Ja, von Ingolstadt, war Siegwarts Antwort. - Beide
schwiegen nun eine Zeitlang still, und schienen in tiefe Wehmut zu versinken.
Siegwart betrachtete zuweilen den Einsiedler seitwärts, und bemerkte tiefe Züge
der Schwermut in seinem Gesicht eingegraben. Je gewisser er überzeugt ward, dass
er ein Unglücklicher sein müsse, desto mehr Zuneigung fühlte er bei sich gegen
ihn; desto mehr wünschte er, sein Herz vor ihm ausschütten zu können. Aber eine
gewisse ehrerbietige Schüchternheit hielt ihn zurück, wenn er oft schon den Mund
öffnen, und ihm seine Geschichte entdecken wollte. Sie leben wohl, fieng er
endlich an, an diesem stillen einsamen Aufentalt recht ruhig und zufrieden?
    Einsiedler. Was der Ort dazu beitragen kann, das tut er, wenns nicht innre
Stürme gibt.
    Siegwart. Freilich kommts allein auf unser Herz, und nicht aufs Aeussre an,
ob man ruhig und zufrieden lebt! Aber ich denke doch, je weiter man von Menschen
lebt, desto mehr innre Ruhe hat man.
    Einsiedler. Recht, mein Lieber! Es scheint, wir haben einerlei Grundsätze.
Aber es gibt auch verschiedne Gründe, warum man sich von aller menschlichen
Gesellschaft los macht.
    Siegwart. Liebe zur Ruhe ists doch immer, wie mich deucht ...
    Einsiedler. Und Sehnsucht nach Ruhe; oder dass man sie an andern Oertern
sucht, wenn man sie nicht in sich selbst hat. Und das, scheint mir, ist sehr oft
der Fall. (Hier seufzte er.)
    Siegwart. Leider! mag ers nur zu oft sein! Vielleicht sehen Sie mirs an, dass
ich auch die Ruhe ausser mir aussuche. Ach, mein teurer Vater, darf ich Ihnen
mich entdecken? Vielleicht wissen Sie ein Lindrungsmittel; und ich weiss, Sie
würdens mir nicht vorentalten.
    Einsiedler. Nein gewiss nicht! wenigstens werden Sie mein Mitleid haben,
wenns nichts weiter ist. Ich will Ihnen Ihr Geheimnis nicht abdringen. Oft ists
Grausamkeit. Aber wenn Sie mir es freiwillig entdecken wollen, so wirds mich
freuen. Ich werde wenigstens Ihr Zutrauen nicht missbrauchen.
    Siegwart erzählte ihm nun seine ganze Geschichte. Der Einsiedler ward oft
stark dabei erschüttert, und vergoss viele Tränen. - An manchen Austritten nahm
er besonders Teil. Zuletzt umarmte er unsern Siegwart mit den Worten: Du bist
ein edler Jüngling, und verdienst mein ganzes Mitleid. Oft war mirs bei deiner
Erzählung, als ob ich meine eigene Geschichte hörte; nur dass diese noch
schrecklicher und trauriger ist. Ich bin dir nun auch Zutrauen schuldig. Morgen
sollst du meine Geschichte hören. Heut ists schon zu spät, und der Abend ist
sehr kühl. Du bist mud; deine Erzählung hat dich, wie ich sehe, heftig
angegriffen, und du hast des Schlafs und der Ruhe nötig. Komm! Ich führe dich
in die Kammer.
    Siegwart musste, so sehr er sich auch weigerte, in der kleinen Kammer, in dem
eignen Bett des Einsiedlers schlafen. Ich schlafe draussen, sagte er, in meiner
Hütte; du hast der Ruhe und der Wärme nötiger als ich. Mach keine Umstände!
Schlaf wohl! Mit diesen Worten ging er, und liess ihm das Licht in der Kammer.
    Als Siegwart eben in das Bette gehen wollte nahm er das Bildnis eines
Mädchens wahr, das dem Bette gegen über hieng. Er betrachtete es, mit dem Licht
in der Hand, genauer, und fand ein schönes, sanftes Gesicht mit schmachtenden
blauen Augen, dem Wiederschein einer himmlischen, Seele. Er sah es lang mit
Entzücken und mit Rührung an, dachte dabei an seine Mariane, weinte, und ging
endlich, voll wehmütiger Gedanken, zu Bette. Auf die Ermattung des Tages
schlief er ruhig, und wachte auf, als schon seitwärts durch die Tannenbäume
einige gebrochne Sonnenstrahlen in die kleine Kammer schienen. Er stund auf, sah
das Bild wieder eine halbe Stunde lang, unbeweglich an, kleidete sich drauf an,
und ging vor die Hütte, wo der Einsiedler tiefsinnig und traurig auf der
Rasenbank sass.
    Haben Sie wohl geschlafen, teurer Vater? fragte Siegwart. Red mehr die
Sprache der Vertraulichkeit, sagte dieser, und nenn mich Du! Wir sind beide
unglücklich; und Unglückliche sind sich näher, und noch mehr Brüder, als andre
Menschen. Du siehst heute frischer aus. Hast du gut geschlafen? Setz dich zu
mir, auf den Rasen! Wir wollen erst miteinander beten! Er betete mit hoher
Andacht, und heiligem Feuer, dass die Seele unsers Siegwart ganz erschüttert, und
zum Himmel empor gehoben wurde. - Drauf nahm der Einsiedler seine Hand, und hub
an:
    Deine Geschichte hat mich tief gerührt; sie ging mir beständig nach, und
ich konnte fast die ganze Nacht nicht davor schlafen. Du hast viel gelitten,
Lieber; aber stärke dich! Du kannst noch vieles auf der Welt erfahren. Ich
hoffe, dass du Glauben an Gott hast. Bei allen Leiden, die ich ausgestanden habe
- und es sind gewiss recht viele - hab ich das gelernt: Ohne Glauben an Gott und
an sich selbst könnte man kein schweres Leiden überstehen. Selbstmord und
Verzweiflung wäre stets die letzte Zuflucht, und sie ists auch, leider! bei so
vielen. Wer an Menschen glaubt, der wird zu Schanden, wie du schon erfahren
hast. Ich traute mir, und noch mehr andern Menschen alles zu; ich glaubte, mir
allein helfen zu müssen, und - ach Gott! - Wie tief bin ich gefallen! - Ich sah
den Himmel an, und alle Sterne, dass sich ihre Menge nicht verwirrt. Ich sah
Stürm und Blitz, und Donner aufstehn; sah die Elemente miteinander kriegen, und
doch alles bleiben, wie es war. Ich sah Menschen miteinander kriegen; sah, wie
immer einer gegen den andern ist; sah in mir und andern alles miteinander
kämpfen; Leidenschaften in der Seele toben, dass es schien, sie müste aufgerieben
werden - und doch blieb im Menschen Ordnung; Nach den tausend Stürmen kam doch
wieder Ruhe; und ich huss mich auf, und sah gen Himmel, fühlt es, dass nicht nur
ein Gott im Himmel wohnte, sondern auch ein Gott, der alles kann, und alles
ordnet, und die Wirrungen zerteilt, und wieder Eins macht, und mein Herz fieng
an zu glauben. Und ich faste Mut, und fühlt' an meinen Kräften, dass sie mir
nicht so umsonst gegeben sind; und ich fieng an, sie zu brauchen, und ich fühlte
mich gestärkt. Ich überwand mein Herz, wenn es verzagen wollte, mit Hoffnung,
und fester Zuversicht, und fand, dass dem Glauben alle Dinge möglich sind. Mach
du den Gedanken dir zur Stütze, dass du nicht alleine würkest, du magst stark,
oder schwach sein! Dann mein Lieber! wirst du auch im strangsten Kampfe nie
verzagen.
    Und nun meine Geschichte. - Du bist der erste dem ich sie erzähle. Ach, sie
wird mich tausend Tränen kosten. Du wirst mit mir weinen. Tust du dieses recht
von Herzen, so bin ich überzeugt, du wirst sie beiner Seele, die sie missbrauchen
könnte, offenbahren.
    Ich bin ein Edelmann, und hab im Krieg gedient: du hast das Mädchenbild
gesehen, das in meiner Kammer hängt. Du bist der erste, der in meine Kammer kam,
und es gesehen hat. Ihr Gesicht sagt dir alles; malt dir ihre ganze Seele ab.
Ich liebte sie, wie du deine Mariane liebest, und ihr Herz war mein, wie
Marianens ihrs dein ist. Der Krieg rief mich von ihr. Meine Mutter fieng die
Briefe auf, die ich ihr aus dem Feld geschrieben hatte, und sagte meiner
Teuren, dass ich untreu sei. Sie ward krank und wahnwitzig, und schloss sich, als
sie besser ward, in ein Kloster ein. Ich kam heim; erfuhrs; glaubte nicht;
verzweifelte, und erstach meine Mutter; und mein Engel starb.
    Als Siegwart diese Erzählung, die der Einsiedler weit umständlicher vortrug,
hörte; rief er aus: Herr Jesus! Heissest du nicht Ferdinand? - Ja, rief der
Einsiedler; kennst du mich? - Ich kenne dich! meine Schwester war beim Tode
deines Mädchens. Unglücklicher Mann! Ich kenne dich! Nun so erzähl mir alles!
rief der Einsiedler. Reiss noch einmal alle Wunden meines Herzens auf!
    Siegwart erzählte ihm nun alles, was ihm seine Schwester von der Baronessin
erzählt hatte. Siehst du, rief der Einsiedler, dieser Ferdinand, dieser Elende,
dieser Verworfne bin ich! Verdamm mich nun! Verfluch mich! Tu was du willst!
Ich bin alles wert! - Gott, wie könnt ich das? versetzte Siegwart. Bedauern und
beweinen kann ich dich. Mehr nicht, unglücklicher Mann! Du bist ein Mensch
gewesen, mehr nicht. Gott weiss, was ich, an deinem Platz, würde getan haben?
    Der Einsiedler umarmte ihn. Hör! ich schwör es dir! Du bist noch ein Mensch!
Du weist noch, was ein Mensch kann, und nicht kann. Richtet nicht, so werdet ihr
auch nicht gerichtet werden! Das hat Gott gesagt, und du befolgst es. Lass dich
fester an mein Herz drücken! Du bist mir ein Engel Gottes!
    Nach vielen Tränen und Umarmungen setzte der Einsiedler seine Erzählung
also fort:
    Meine Mutter war erschlagen. Ich wust es kaum, dass ichs getan hatte, und
erfuhr es erst nach ein paar Tagen von meinem Bedienten, der mich im Wald
aussuchte, wohin ich mich geflüchtet hatte. Ich wollte verzweifeln. Es war, als
ob mir Gottes Rache nachsetzte. Mein Bedienter lag mir an, aus dem Land zu gehn;
ich wollte nicht. Hätt er mich nicht zurückgehalten, so hätt ich mich bei der
Obrigkeit als einen Muttermörder angegeben. Zweimal wollt ich mich in die Donau
stürzen. Einmal war ich schon bei Nacht darin. Er warf sich mit seinem Pferd
ins Wasser, und rettete mich noch. Nun sah ich auf Einmal den Abgrund, an dem
ich herumgetaumelt hatte. Ich fühlte die Schwere des Verbrechens, das ich noch
der Last meiner Sünden hatte beilegen wollen. Ich verfiel in tiefe Schwermut
und Untätigkeit, und liess mich von ihm lenken, wie er wollte. Er überredete
mich, aus dem Land zu flüchten. Ich wollte bei den Preussen Kriegsdienste
nehmen, und machte mich mit ihm bei Nacht auf den Weg, nachdem er mir, durch
Vermittelung meines Bruders, hinlänglich Geld verschafft hatte. Die zweite Nacht
verirrten wir uns in diesem Wald, und befanden uns am Morgen drauf hier. Diese
Dunkelheit und Stille war ganz für meinen Zustand und für meinen Gram gemacht.
Hier will ich bleiben, sagt ich, stieg von meinem Pferd ab, und steckte meinen
Stock mit den Worten in die Erde: Hier soll mein Grab sein, und unter jenem Baum
dort meine Hütte. Mein Bedienter hielt dies wieder für einen Einfall, wie ich
schon viel gehabt hatte, und wovon er mich immer wieder abzubringen wusste. Aber
diesmal war sein Zureden vergeblich. Ein geheimer Zug hielt mich an diesem Ort
fest. Was wollen Sie denn werden? sagte er. Nichts, antwortete ich; genug ich
will hier bleiben, und mir eine Hütte bauen. Als er sah, dass ich schlechterdings
nicht davon abzubringen war; so sagte er: wenn Sie denn nicht anders wollen, so
ists am besten, wenn wir eine Einsiedelei anlegen, und Waldbrüder werden. Gut,
das mein ich eben, war meine Annwort; lass uns nur eine Hütte bauen! Er erbot
sich, weil man ihn in dieser Gegend wenig oder gar nicht kannte, nach dem
nächsten Dorf, das er finden könnte, zu reiten, die Pferde zu verkaufen, und
sich ein Grabscheit, eine Axt, und einige andre Bauwerkzeuge, und etwas
Nahrungsmittel zu kaufen. Während, dass er weg war, zeichnete ich den Platz zu
der Hütte aus, bog einige Tannenzweig, zusammen, dass sie eine Art von Laube
gaben, unter der wir uns zur Not so lang aufhalten könnten, bis die Hütte
fertig wäre. Er kam erst spät gegen Abend wieder, denn er hatte sich erst mit
den Pferden kaum aus dem Wald finden können, und den Rückweg fand er fast gar
nicht mehr. Er sagte mir, das nächste Dorf liege zwo Stunden weit vom Walde; Er
habe sich auch von ferne nach dem Wald erkundigt, und erfahren, er sei
bayerisch; aber es wage sich nicht leicht ein Bauer tief hinein, weil man vor
einigen Jahren einen Kerl, der sich selbst erhenkt hatte, darin begraben habe,
und da sei nun die allgemeine Sage, er geh im Wald um, und tu den Leuten
allerlei Spuck an; wir könnten also hier ganz sicher wohnen. Er brachte einen
Zwerchsack voll Brod und Käse, und allerlei Bauwerkzeuge mit. Den andern Tag
hauten wir einige junge Tannen ab, schlugen davon vier Pfähle in die Erde,
gruben die Erde auf; flochten Wände voll schlankem Tannenreiss, verklebten sie
mit Leim, legten etlich Stangen quer über die Hütte, machten ein Dach von
Tannenreiss, und waren in etlich Tagen mit unsrer Wohnung fertig. Den Platz dort
gruben wir zu einem Kohlgärtchen um. Mein Heinrich kaufte auf dem Dorf Samen,
die sehr gut gedeihten, so dass wir im Herbst schon Kohl und Rüben und
dergleichen hatten. Er brachte auch zwo Waldbrüderkleidungen mit, für mich, und
ihn. Im Herbst kaufte er die Obstbäume, die du hier gepflanzet siehst. Sie sind
nun bald zwölf Jahr alt, und gedeihen, gottlob! gut. Wir richteten uns jeden Tag
bequemer ein, säeten auch etwas Winterfrucht aus, so dass wir nun nicht mehr so
oft etwas aus dem Dorf brauchten. Man erfuhrs in den umliegenden Dörfern bald,
dass zwei Einsiedler hier im Walde wohnten. Die Bauern gaben meinem Heinrich
häufig Almosen; abe heraus in den Wald wagte sich selbst keiner, wegen der Sage
vom erhenkten Kerl, die sich dadurch noch mehr bestärkte, weil mein Hein ich die
List gebraucht hatte, etlichemal, sowol bei Tag, als auch bei Nacht im Wald
herumzulaufen, und erbärmlich zu heulen, welches man für ein Gewinsel des
erhenkten Kerls hielt. - Hier leb ich nun seit ungefähr zwölf Jahren, so
glücklich als es ein Mensch bei meinem Gemütszustand sein kann. Anfangs hatt
ich oft grosse Beängstigungen. Bald sah ich das Bild meiner ermordeten Mutter,
und geriet in Seelenängste; bald den Schatten meiner unvergesslichen Geliebten.
Zweimal war ich, eh sie noch gestorben war, und eh ich in den Wald kam, im
Klostergarten gewesen, um sie zu entführen; aber es war, als ob mich Gottes Hand
zurückgehalten hätte. Meine Stunden sind hier zwischen Gebet und
Andachtsübungen, und Tränen bittrer Reue geteilt. Ich kasieie meinen Leib,
nicht als ob ich glaubte, Gott genug damit zu tun - meine Sünden kann ich
selber durch nichts abbüssen - sondern weil ich weiss, dass ich nichts als Qual
und Schmerzen auf der Welt verdienet habe. Ich habe doch noch mehr Freuden, als
ich wert bin, denn meine Tat ist fürchterlich, so sehr ich auch dazu gereizt
war. Aber Gott weiss, wie ich jeden Tag und jede Nacht vor ihm in Tränen liege,
und ihm meine Schuld bekenne. Den Menschen würd ich gerne dienen, wenn ich nur,
ohne Gefahr, unter ihnen leben könnte. Und mich selbst als einen Mörder
anzugeben, halt ich jezt auch nicht mehr für ratsam. Meiner ganzen Familie würd
ich dadurch aufs neu einen unaussprechlichen Schmerz verursachen; hier hingegen
schad ich keinem Menschen nichts, und kann doch meine Seele täglich mehr auf die
Ewigkeit bereiten. Ich kann keine Belohnung erwarten. Ach Gott! wenn ich nur um
des Versöhners willen, von den Strafen meines gräulichen Verbrechens frei
gesprochen werde! - Ich glaube, dass es nicht mehr lange mit mir auf der Welt
dauern wird, und dass ich bald meinem Heinrich nachfolgen werde. Sieben Jahre
lang lebt ich mit der guten Seele. Ich war kaum hier etwas eingerichtet, so lag
ich ihm Tag und Nacht recht herzlich, oft mit Tränen an, sein Glück in der Welt
zu suchen. Ich bot ihm alle mein Geld an, das mir schlechterdings ganz unnütz
war. Ich stellt ihm vor, dass er ja nichts verbrochen hab, und also meine Schuld
nicht mit tragen könnte. Aber alles war vergebens. Er wollte mit mir leben und
sterben, und sagte: dass er nun auch der Welt überdrüssig sei, wo ich soviel
Hundsfütter angetroffen habe, und er woll mir dienen. Ich warf ihm noch ein: ich
brauche keinen Dienst; mein kleines Plätzchen könn ich selbst bebauen, und auch
sicher im Dorf gehen, wenn ich etwas nötig habe, weil mich da, besonders wegen
meines langen Barts, kein Mensch erkenne, wie ich denn auch wirklich einigemal
mit ihm ins Dorf gewesen war. Erst nach einem Jahr, da ich ihm beständig
angelegen hatte, liess er sich bewegen mich zu verlassen. Er nahm mit tausend
Tränen von mir Abschied; und sagte, dass er bloss mir zu Gefallen gehen wolle,
weil ich ihn so sehr darum bitte; er wiss' aber, dass es mich gereuen werde. Von
dem Geld nahm er, ungeachtet meines Dringens, nur die Hälfte mit. Er sagte, es
sei ihm, als ob er in die Hölle zurückkehren sollte. Er wisse nicht, wo er sich
hinwenden müst, und werde mich gewiss oft besuchen. Ich glaubte, er sage dieses
alles nur um meinetwillen, um mich zu bewegen, ihn zu meiner Erleichterung bei
mir zu behalten.
    Es ist wahr, es ging mir nah, den guten Kerl zu verlieren. Anfangs war mir
die gänzliche Einsamkeit fast unerträglich. Nach und nach gewöhnt' ich mich
daran. Es war noch kein Vierteljahr verflossen, da kam er eines Morgens zu mir.
Herr, sagte er, ich komme wieder; aber nicht nur auf einen Besuch. Sie müssen
mich bei sich behalten; Sie mögen un wollen, oder nicht! Ich kanns in der
vertrackten Welt nicht länger aushalten. Das sind mir Menschen! Man kommt
schlechterdings auf einen grünen Zweig, wenn man nicht ein Spitzbube werden
will. Ueberall ist nichts, als Lug und Trug. Man muss entweder sich betrügen
lassen oder elbst betrügen. Keins von beiden mag ich! Warum sollt ich mich alle
Tage halb zu Tod ärgern? Da hatt ich mir mit dem Geld, das Sie mir gegeben
hatten, eine Dorfschenke gekauft. Fürs erste must ich schon weit mehr dafür
bezahlen, als sie wert war, und dann hatt ich nichts, als täglich Aerlei und
Verdruss. Das Saufen und Lärmen nahm kein Ende; täglich must ich die
ärgerlichsten Dinge mit ansehen, und mit anhören. Beim Spiel sah ich immer einen
den andern betrügen; beim Trunk gabs nichts als Händel; kurz einer ist immer
gegen den andern. Da verkauft ich meine Wirtschaft wieder an einen armen
Schlucker, ders wohl brauchen konnte, denn er hat nicht mehr als neun Kinder zu
ernähren; nahm meinen Wanderstab, und bin nun wieder hier. Mein Lebtag will ich
nun nichts mehr mit Menschen zu tun haben. Bei Ihnen ist mir wohl, denn ich
weiss, dass fies ehrlich meinen; ob Ihnen gleich auch alles in der Welt schief
ging. - Ich nahm den guten Kerl mit Freuden wieder auf, denn ich konnt ihm nicht
ganz Unrecht geben. Wir lebten im Frieden miteinander, bis ungefähr vor fünf
Jahren; da bekam er ein hitziges Fieber, und starb. Ich hab ihn hier begraben,
und wir sitzen hier auf seinem Grab. Jezt leb ich so mein Leben hier, bis es
Gott gefallen wird, mich auch abzurufen.
    Beide schwiegen eine Zeitlang stilt. Siegwart war sehr bewegt. Endlich sagte
er, wenn ich meine Mariane nicht mehr finde, und du nimm so mich auf, so bring
ich auch meine Lebenszeit bei dir zu. Ich bin noch jung, aber ich habe schon
gnug in der Welt geduldet, und nach den vielen Stürmen wird sich mein Leib auch
nicht lange mehr ausrecht erhalten.
    Ferdinand sagte, dass er ihn mit Freuden aufnehmen werde. Er soll sich aber
wohl bedenken; er habe noch Verwandte, denen er Freude machen könne, und könn'
überhaupt den Menschen noch viel dienen, welches bei ihm der Fall nicht sei. -
Ich muss frisches Wasser holen. Willst du mit mir. Sie giengen ohngefähr 50
Schritte weit von der Hütte an einen etwas vertieften Ort, wo eine klare Quelle
hervor strudelte. Siegwart liess sich überreden, diesen Tag noch bei dem
Einsiedler zu bleiben, um sich von seiner Ermattung wieder zu erholen. Ferdinand
wiess ihm seine Einrichtungen, wie er im Sommer anbaue, wie er sich im Winter
fortbringe etc. Sie sprachen viel über die Verhältnisse in der Welt, dass sie
gewöhnlich den Menschen mehr unglücklich, als glücklich machen, besonders über
Stand und Vermögen. Ferdinand gab ihm allerlei gute Lehren, wegen Marianens,
wenn er sie wieder finden sollte, und so brach unvermerkt der Abend an.
    Sie sassen auf der Rasenbank, als sie plötzlich ein Geräusch in der Nähe
hörten, und einen Reuter heran sprengen sahen, welches Marx war. Sind Sie da?
rief er; nun Gottlob! und eilends ritt er weg. Der Einsiedler sah unsern
Siegwart voll Erstaunen an. Sei unbesorgt! sagte dieser. Der Kerl ist meines
Schwagers Bedienter. Vermutmutlich, soll er mich aufsuchen. Aber warum er so
plötzlich wieder weggeritten in? kann ich nicht begreifen. Indem kam Marx wieder
mit seinem Herrn, Kronhelm, der auch zu Pferd war. Kronhelm sprang von seinem
Pferd, und umarmte Siegwart stillschweigend. Was treibst du? fing er endlich an.
Ich suche dich seit zwei Tagen im Land herum, bis man mir von einem Einsiedler
sagte, bei dem du vielleicht wärest. - Ja, hätt ich den Bauer nicht angetroffen,
sagte Marx, der mir Bescheid gesagt hat, wir ritten noch im Nebel herum. -
Kronhelm grüste nun erst den Einsiedler, und liess sich von seinem Schwager
erzählen, wie's ihm gegangen sei, und wie er sich verirrt habe. Das beste ist,
sagte endlich Kronhelm, wir reiten jezt gleich aufs nächste Dorf, um da zu
übernachten. Siegwart wollte Schwierigkeiten machen, aber Kronhelm nahms nicht
an. Marx musste von seinem Pferd steigen, und Siegwart setzte sich darauf. Er
ging mit dem Einsiedler voran, und wies den Weg aus dem Holz. Als sie an den
Ausgang des Waldes kamen, nahm der Einsiedler Abschied. Siegwart sprang vom
Pferd, küsste und drückte seinen lieben Ferdinand mit tausend Tränen, und
versprach ihm noch einmal, zu ihm in seine Einsiedelei zu kommen, wenn er seine
Mariane nicht mehr finde. Drauf ritt er mit seinem Kronhelm weiter, und rühmte
ihm die Freundschaft, die der Einsiedler für ihn gehabt hätte; er erzählte ihm
auch soviel von seiner Geschichte, als er glaubte, dass ihm, nach seinem getanen
Versprechen der Verschwiegenheit, erlaubt wäre. Auf dem nächsten Dorf liessen
sie sich in der Schenke in das obre Zimmer führen, um allein zu sein. Kronhelm
erzählte seinem Schwager, er hab ihn in Ingolstadt abholen wollen, und als er
nichts von ihm hab erfahren können, sei er auf Geratewohl auf den Dörfern
herumgeritten, bis er bei dem Bauern Kaspar nähere Nachricht von ihm erfahren
habe. Diese Nachricht hab ihn seinetwegen sehr besorgt gemacht, und nun sei er
froh dass er ihn endlich ausgekundschaftet habe. Er hoffe nun, dass er mit ihm auf
sein Schloss kommen werde, um sich da, soviel als möglich, wieder aufzuheitern,
und von seinen schweren Widerwärtigkeiten zu erholen. Siegwart sagte: das gehe
schlechterdings nicht an. Er sei auf der Spur, den Ort zu entdecken, wo seine
Mariane hingebracht worden sei; dieser müss er nachgehen, und könne nicht eher
ruhen, als bis er mit seinem Mädchen wieder vereinigt sei. Kronhelm stellte ihm
vor: Was er machen wolle, wenn er auch das Kloster, wo seine Mariane eingesperrt
sei, erfahre? Er werde sich durch seine Nachforschungen verdächtig machen, und
dadurch, wenn es auch noch möglich wäre, sie aus dem Kloster zu entführen, sich
selbst den Weg dazu versperren; es sei weit besser, wenn Marx, auf den kein
Mensch Achtung geben werde, sich unter der Hand nach ihr erkundige, und es ihnen
mitteile, wenn er etwas erfahren könne. Dann sei es erst Zeit, Maasregeln zu
nehmen, wie man Marianen retten könne, u.s.w. Siegwart liess sich diesen
Vorschlag endlich nach langer Zeit gefallen.
    Kronhelm suchte seinem Freund, der sich nun über sein Schicksal zu beklagen
anfieng, soviel Mut und Trost einzusprechen, als möglich. Er liess hierauf
seinen Marx aufs Zimmer kommen, und trug ihm die Nachforschung nach dem Wagen
und Marianens Aufentalt auf. Siegwart beschrieb ihm das Dorf, wo er das
letztemal von dem Wagen Nachricht erhalten hatte, und welches zur Linken des
Walds lag, aufs genaueste, und bat ihn aufs beweglichste, sich die Sache recht
angelegen sein zu lassen. Marx, der durch seine Bitten selbst im innersten
gerührt war, versprach alle mögliche Behutsamkeit und Sorgfalt. Hierauf giengen
Siegwart und Kronhelm zu Bette, um sich den andern Morgen frühzeitig auf den Weg
machen zu können.
    Mit Aufgang der Sonne ritten sie weg; Marx nahm seinen Weg nach dem
beschriebenen Dorf, und versprach nochmals die sorgfältigste und schleunigste
Besorgung seines Auftrags. Siegwart beschrieb nun seinem Schwager die
schreckliche Unruhe, in der er bisher geschwebt hatte; erzählte ihm
weitläuftiger, aus Marianens Brief, die Begegnung, die sie von ihrem Vater hatte
ausstehen müssen; und die Geschichte des Einsiedlers Ferdinand, von der er
wusste, dass sein Schwager sie keinem Menschen entdecken werde. Auch fragte er
seinen Kronhelm um Rat, was er anzufangen hätte, wenn er den Aufentalt
Marianens auskundschaften könnte? Kronhelm sagte: Zeit und Umstände könnten hier
allein die besten Mittel an die Hand geben; inzwischen hoffte er, es dann so zu
ordnen, dass man sie aus dem Kloster entführen könnte, zumal, da sie hoffentlich
selber dazu sehr geneigt sein würde. Alsdann werd es das Beste sein, wenn er
sich mit ihr aus dem Lande flüchte, und dazu woll' er mit Rat und Tat
behülflich sein. - Durch solche, und ähnliche Träume und Entwürfe wusste er das
unruhige Gemüt seines Freundes etwas in Schlummer zu wiegen, so dass dieser über
den Träumen seine Leiden gröstenteils vergass, und in einer Art von süssem
Taumel fortritt, bis sie endlich Abends in der Dämmerung zu Steinfeld ankamen. -
    Terese kam ihnen eine Stunde vor dem Schloss in ihrem Wagen entgegen. Sie
hatte schon zwei Tage umsonst auf ihren Kronhelm gewartet, und die
schrecklichsten Beängstigungen ausgestanden. Sie sprang aus dem Wagen, als sie
ihren Mann wieder sah, und fiel fast vor Freuden in Ohnmacht. Nach diesem sah
sie erst ihren Bruder, und umarmte ihn. Der Bediente, der auf dem Wagen stand,
musste die beiden Pferds nach Haus bringen, und Siegwart und Kronhelm setzten
sich zu Terese in den Wagen. Mit der Einen Hand hielt sie ihres Mannes, und mit
der andern ihres Bruders Hand, und zitterte vor Freuden, beide wieder zu haben.
Das erste, was sie nun nach ihrer Bestürzung fragen konnte, war nach den
Umständen ihres Bruders. Sie ward durch das traurige Gemälde, das er davon
machte, sehr niedergeschlagen und traurig. Doch suchte sie ihm Mut und Hoffnung
einzuflössen, und war in ihrer Bemühung nicht ganz unglücklich. Ein
Unglücklicher hofft gern, und hört nichts lieber als Träume von Glückseligkeit,
die ihm andre beibringen.
    Auf dem Schloss entstand eine grosse Freude, als Kronhelm wieder kam. Alle
Dienstboten drangen sich hinzu, den Bruder ihrer gnädigen Frau, die sie so sehr
liebten, zu sehen. Fräulein Sibylle, Kronhelms Schwester, kam auch mit Salome,
und bewillkommte ihn. Salome hatte sich in vielen Stücken geändert, und tat
jetzt weit zärtlicher gegen ihren Bruder, als ehemals. Sie sassen noch ein paar
Stunden beisammen, und giengen dann, weil Kronhelm und Siegwart von der Reise
etwas müde waren, frühzeitig zu Bette.
    Siegwart träumte diesmal von seiner Mariane. Er sah sie in einem langen
Schleier zu ihm kommen. Sie sprach nichts; ihr Gesicht war blass; sie legte ihre
kalte Hand auf seine Schulter, ging dann weg, und winkte ihm, ihr zu folgen. Er
folgte ihr durch einen langen düstern Gang, bis an die Tor, zu einem
Gottesacker, wo sie in ein offnes Grab sank, das sich über ihr schnell zutat.
Er stand auf dem Grab, jammerte mit emporgehobnen Händen, und wachte so, von der
heftigen Bewegung, auf. Er war in der äussersten Bestürzung; das Bild wollte
nicht aus seiner Seele zurückweichen, und sobald er seinen Schwager und seine
Schwester sah, erzählte er es ihnen. Diese gaben sich alle Mühe, ihm die
traurige Vorstellung aus dem Herzen zu verbannen, und ihn zu überzeugen, wie
wenig man auf einen Traum gehen müsse, da sich dieser gewöhnlich nach der
vorhergegangenen Lage des Gemütes bilde. Er vergass den Traum zwar etwas, aber
nur, solang er in Gesellschaft war; in der Einsamkeit stand er immer wieder
lebhaft vor ihm da, und verfolgte ihn mit seinen Schrecken. Sein Schwager und
seine Schwester gaben sich alle mögliche Mühe, ihn zu zerstreuen, und nur in
etwas aufzuheitern. Sie wiesen ihm ihr Schloss, wo alles neu, und sehr bequem
eingerichtet war, ohne ins Prächtige zu verfallen. Sie führten ihn in den
Garten, wo sie alles umgraben, erweitern, und mit einem Geschmack hatten anlegen
lassen, der der Natur soviel, als möglich, nahe kam. Siegwart, dieser sonst so
eifrige Freund der Natur, sah alles mit einer kalten und erzwungenen Bewunderung
an, so wie ein Kranker die Speisen ansieht, die er ehmals in gesunden Tagen sehr
geliebt hatte, und nun nicht geniessen kann. Oft zwang er sich, seinen Freunden
zu Gefallen, munter zu tun; aber man sah allen seinen Handlungen den Zwang an.
Am liebsten sprach er von seiner Mariane, ob ihm dieses gleich so traurig war,
und ihn tausend Tränen kostete. Wenn sich davon das Gespräch anfieng, so konnt
er gar nicht aufhören. Es war ihm immer noch zu kurz, wenn es auch schon ganze
Stunden gedauert hatte. Seine einzige Hoffnung gründete sich jetzt auf Marxens
Nachsuchungen. Er sah ganze Stunden lang aus dem Fenster, ob er ihn nicht kommen
sehe. Er machte es im Gespräch immer zweifelhaft, ob er etwas von Marianen
erfahren werde? um nur seine Zweifel und Einwürfe widerlegt zu sehen. Bald war
er wehmütig, bald vedriesslich und ungeduldig; bald pries er das Einsiedlerleben
als das glücklichste auf Erden, und sagte, dass er bald wieder zu seinem
Einsiedler in den Wald zurückkehren werde.
    Terese und sein Schwager betrübten sich darüber sehr, und sannen tausend
Mittel aus, seine Gedanken etwas zu zerstreuen, und ihm heiterere beizubringen.
Sie giengen oder fuhren täglich mit ihm spazieren; er gab sich Mühe, munter zu
scheinen, aber ein unvermuteter Seufzer verriet ihnen bald wieder den Gram,
der an seinem Herzen nagte. Sie fanden, dass man für ihn nichts angenehmers tun,
als von Marianen mit ihm sprechen, und ihn allein durch Hoffnungen aufrichten
könne. Allein sie sahen auch ein, wie gefährlich ihm dieses werden könne, wenn
die Hoffnungen, wie nur gar zu wahrscheinlich zu vermuten war, fehlschlagen
sollten. Daher zitterten sie auch vor Marxens Zurückkunft, weil sie, fast mit
Zuversicht, besorgten, seine Nachsuchungen möchten fruchtlos abgelaufen sein!
    Endlich kam Marx nach sechs Tagen wieder, ohne dass ihn Siegwart wahrnahm;
denn Kronhelm hatte allen Hausbedienten befohlen, wenn Marx käme, sollte man ihn
sogleich in das untere Zimmer im Hof führen, ohne jemanden, ausser ihm, etwas
davon zu sagen. Marx zitterte, als Kronhelm zu ihm kam, und sagte: er habe sich
kaum getraut, wieder zu kommen, weil er in seinen Nachsuchungen nicht glücklich
gewesen sei. Er habe nur auf Einem Dorf etwas von dem Wagen erfahren, und da sei
er Nachts um eilf Uhr durch gekommen. Vermutlich sei er um Mitternacht, da die
Bauern schliefen, durch die andern Dörfer gefahren. In einem Bezirk von acht
Stunden seien wenigstens vier Nonnenkloster. In keines davon dürf eine
Mannsperson kommen, also hab er, ohngeachtet aller Mühe, nicht das mindeste
erfahren können, ob in einem von den Klöstern ein junges Frauenzimmer angekommen
sei. Einmal hab er schon geglaubt auf der Spur zu sein; aber am Ende hab es sich
gezeigt, dass das angekommene Frauenzimmer schon eingekleidet, und eine Nonne aus
einem benachbarten Kloster gewesen sei.
    Kronhelm richtete seinen Bedienten ab, was er sagen sollte. Nemlich: Er habe
zwar nichts gewisses von Marianen erfahren können; aber doch sei sie
wahrscheinlich in einem Kloster, das er ihm nannte. Er hoffe in etlich Wochen
Gewissheit davon zu erlangen, denn er habe ein paar Spionen bestellt, die ihm von
Zeit zu Zeit Nachricht geben würden.
    Durch diese Nachricht ward Siegwart zwar in etwas beruhigt; aber doch konnte
sich sein Gemüt nicht damit beruhigen. Es stiegen ihm immer Zweifel auf, und
täglich erkundigte er sich bei Marx, was er für neue Nachrichten erhalten habe?
Dieser sagte ihm, was ihm Kronhelm eingegeben hatte, nämlich weitausehende
Hoffnungen und halbe Aufklärungen, die er aber so ängstlich und so ungeschickt
vorbrachte, dass jeder andrer, der weniger gehofft hätte, als Siegwart, die List
hätte einsehen müssen.
    Er wurde von Kronhelm fast täglich spazieren geführt, damit er Abwechslung
und Zerstreuung haben möchte. Sie besuchten jetzt oft zu Pferd die benachbarten
Landedelleute, weil Terese, wegen ihrer herannahenden Niederkunft selten mehr
mitfuhr. Herr von Rotfels, (so hiess der junge Edelmann, von dem ihm Kronhelm
geschrieben hatte, dass er seine Schwester Sibylle heiraten würde,) kam sehr oft
nach Steinfeld, und blieb manchesmal zwei bis drei Tage da; oft besuchten sie
ihn auch auf seinem Schloss. Er war ein angenehmer junger Mann, der in Wien, wo
er studiert hatte, sich viel gelehrte und noch mehr Weltkenntnisse gesammelt
hatte. Er fühlte viele Zuneigung gegen Siegwart, und nahm an seinen traurigen
Schicksalen vielen Anteil. Er würde auch Siegwarts Herz und Zutrauen ganz
gewonnen haben, wenn er minder heiter, oder wenn Siegwart in einer glücklicheren
Lage gewesen wäre. Aber der junge Rotfels genoss bei Sibyllen das völlige Glück
der Liebe; daher war sein Herz und sein Blick immer munter; und ein fröhliches
Gemüt ist nicht für ein unglückliches geschaffen. Der Unglückliche fühlt den
Abstand zu sehr; er will alles traurig um sich her sehen, und glaubt, dass ein
Glücklicher an seinem Kummer keinen, oder doch keinen völligen Anteil nehmen
könne. Daher schliesst er sich nicht an, und teilt sich nur dem mit, der gleiche
Leiden mit ihm hat. Rotfels sah dieses, und hielt es bei Siegwart für Abneigung
von ihm; daher vermied er es, viel mit ihm allein zu sein, und ihre Seelen kamen
sich, durch diesen Misverstand, nie ganz nahe.
    Eines Tages sass Siegwart allein und schwermütig in einer Laube im Garten,
wo Marx eben die Blumen begoss. Siegwart rief ihm; Marx, hat er denn noch keine
Nachricht von dem Frauenzimmer? - Nein, junger Herr! - Red er einmal aufrichtig
mit mir! Glaubt er wohl, dass ich bald etwas gewisses erfahren werde? Hintergeh
er mich nicht! Es ist mir alles an der Sache gelegen; ich muss sie zuverlässig
wissen! - Marx fieng an zu weinen, und ihm langsam näher zu treten. Ach, junger
Herr! Es mag nun gehen, wie es will, ich kanns so nicht länger aushalten; es muss
heraus! Ich weis gar nicht von der Jungfer; man kann in der ganzen Gegend keine
Nachricht von ihr geben. Ich weis nicht, ist sie todt, oder - Aber werden Sie
nur nicht böse! Lieber Gott, ich musste ja so sagen - Geh nur, sagte Siegwart,
ich will nichts weiter wissen! Er legte sich mit dem Kopf zwischen seine Hände
auf den Tisch, und fieng an zu weinen. Weis man nichts von ihr? Ist sie todt,
oder - Gott, ach Gott! Warum bin ich doch nicht auch todt? Warum muss ich mich
denn ewig leiden? - So jammerte er fort, bis Kronhelm, ohne dass ers merkte, in
die Laube trat. Was fehlt dir, Bruder? fieng er endlich an. Siegwart fuhr auf,
sah seinen Schwager eine Zeitlang starr an; weist du schon, dass alles nichts
ist? dass sie und ich verloren ist? - Wer denn, Bruder? Mariane! Wer denn? Es
ist alles nichts! Alles erdichtet und erlogen! Wer weis, wo sie ist! Vielleicht
todt! Vielleicht ... O, ich halts nicht länger aus! Ich muss aus der Welt! Heut
noch, oder morgen! In die Einsiedelei! Da soll mich keine lebendige Seele mehr
zurückhalten! Ihr meints nicht ehrlich, dass ihr mich so hintergeht; dass ihr mir
nicht sagt: Pack dich aus der Welt! - Kronhelm hatte viele Mühe, ihn nur etwas
zu besänftigen, und ihm begreiflich zu machen, dass sie zu seiner Ruhe so hatten
handeln müssen. Siegwart sagte, das sei schon recht; er glaub es auch; aber er
wolle nun in die Einsiedelei, und man sollt ihn nicht länger mehr zurückhalten!
Kronhelm gestand ihm jetzt, um ihn nur ein wenig zu beruhigen, alles zu, bat ihn
aber, wenigstens noch acht Tage bei ihm zu bleiben, welches endlich Siegwart
zugestand.
    Er ging auf sein Zimmer, weinte bitterlich, und schrieb endlich folgendes,
an Marianen, nieder:
    O du, bist du noch auf Erden? Duldest du noch unterm Joch des Lebens?
Schmachtet deine Seele noch in ihrer Hülle? Oder bist du, Engel Gottes,
aufgeflogen in die Wohnstatt der Erwählten? Trinkst du schon die Sonne, die
nicht untergeht und keine Tränen sieht? Sind sie abgetrocknet dir von Engeln,
und hast du vergessen aller Seufzer, die die Menschheit drücken? O du, sag, wie
nenn ich dich, du Teure, du Geliebte, deren Seele mein war! Schwebt dein Geist
um mich im Lichtgewande? Hörst du meine Seufzer? Trübt ein Wölkchen deinen
Sonnenschimmer? O so rausch mit deinen Flügeln, dass ichs höre, und mich freue,
dass dein Schmerz im Grab liegt, dass ich hingeh auf dein Grab, und sterbe! - Oder
schmachtet deine Seele noch in ihren Banden; ist der Kerker des Lebens noch
nicht durchgebrochen; o so bring ein Engel dir die Seufzer, und den Hauch der
Liebe, den ich hier aufs Blatt hin hauche!
    Engel, oder Mensch, ich grüsse dich, umarme dich mit meiner Seele. Ach, wir
leiden viel, Geliebte! Doch mir wäre wohl, wenn du nur überwunden hättest! Wiss!
ich habe dich gesucht mit Tränen, und dich nicht gefunden! Wiss! ich rannte
Wälder durch, und lechzete vor Ohnmacht, und ich hab dich nicht gefunden! Ach,
ich glaubte dich zu finden, aber eine Wolke barg dich meinen Augen. Nun ist
meine Seele trüb, und wünscht zu sterben.
    Ich hab eine Ruhestatt gefunden, fern von Menschen. Dicke Wälder haben sie
umzäunt, dass kein sterblich Auge durchbringt. Neid und Stolz und Bosheit haben
diese Stätte nie betreten. Nur ein Grab ist da, und eine Hütte, und ein
Leidender. Auf dem Grabe hab ich jüngst gesessen, und der Leidende hat mich
umarmt, und ist mein Bruder. Er wünscht auch zu sterben. Und nun will ich
hingehn, und mit ihm vom Tode reden, und dann soll er mich begraben, und das
Grab nicht schliessen, denn am Trone des Allmächtigen will ich für ihn beten,
dass er bald zu mir hinuntersinke, und vergesse seiner Leiden!
    O Geliebte, wenn du schon entflohen bist der Erde, so steig nieder auf den
Abendwolken, wenn der Wind durch meine Tannenwipfel säuselt; oder wenn der Mond
durch sie herabscheint, und der Wind schweigt; steig hernieder, um mir Trost und
Ahndung meines nahen Todes zuzulispeln; um mein Herz zu unterstützen, bis ich
ausgerungen habe, dass die Seele, wenn sie scheidet, dir entgegen eile, und in
deinem Arm zuerst des Himmels Seligkeit empfinde! - Oder wenn du noch im Tal
der Tränen weinest; und ich lieg und ruh im Grabe, o so führe dich dein Engel
an die Stätte, wo mein Grab ist, dass du weinest, und dann sterbest! - Wenig Tage
bleib ich noch bei meinen Freunden. Ach, sie leiden viel um meinetwillen, und
sie sollten glücklich sein. Ich will sie verlassen, dass ihr Tränenquell
versiege, dass mein Gram nicht ihre Freuden störe! Denn die Liebe hat, was sie so
selten tut, mit ihren Freuden sie gesegnet. Meine Tränen sollen ihren Kranz
von Freuden nicht benetzen; darum eil ich in den Wald und sterbe. -
    Kronhelm kam dazu, als er dieses ausgeschrieben hatte. Hier, Geliebter,
sagte Siegwart, wenn noch Mariane leben sollte, und du einst von ihr erführest,
gib ihr dieses Blatt! Sie wird es küssen, und drauf weinen, und das Blatt durch
ihre Tränen heiligen. - Kronhelm las das Blatt, und ward sehr dabei bewegt. Er
sah wohl, dass die Seele seines Schwagers tief gebeugt, und schwer zu heilen sei.
Daher wagte er es auch nicht, ihm Trost einzusprechen, und ihm von seinem
Vorhaben, in die Einsiedelei zu gehen, abzuraten. Vielleicht, dachte er, in den
acht Tagen, die er noch zu bleiben versprochen hatte, ein Mittel ausfindig zu
machen, ihn zurück zu halten, und seine düstre Schwermut etwas zu zerstreuen.
    Ein paar Tage drauf fand er, in Teresens Gegenwart, Gelegenheit, von der
Sache wieder anzufangen. Er drang sehr in ihn, wenn er doch ja sich von der Welt
absondern wolle, lieber, seinem ersten Vorsatz zufolge, in ein Kloster, als in
eine Einsiedelei zu gehen, weil er doch als Mönch der Welt noch mehr nutzen
könne, als wenn er ein Einsiedler werde. Er riet ihm dieses hauptsächlich um
seiner Gesundheit willen, und weil er hoffte, sein Schwager würde vielleicht in
dem Probjahr am Kloster genug kriegen, und gern wieder in die Welt zurück
kehren. Er wusste dieses, von den Bitten seiner Frau unterstützt, so annehmlich
vorzutragen, dass Siegwart endlich in diesen Vorschlag willigte. Kronhelm wollte
ihn auch überreden, in ein benachbartes Augustiner Kloster zu gehen, teils,
weil das Kloster seinem Schloss so nahe lag, teils weil die Regel dieses Ordens
minder streng ist, aber Siegwart wollte schlechterdings in das Kapuzinerkloster
zu *** treten; und hierinn musste ihm sein Schwager nachgeben, und ihm auch
versprechen, nächstertagen seinetwegen an den dortigen Guardian zu schreiben.
    Allein er ward durch eine unglückliche Begebenheit daran verhindert. Seine
Terese sollte niederkommen, und die Geburt war so schwer, dass sie in die
äusserste Lebensgefahr dabei kam. Das Kind, ein Knäblein, war geboren; aber
zween geschickte Aerzte, die herbei gerufen waren, zweifelten am Aufkommen der
Mutter. Der arme Kronhelm ging verzweifelnd und halb todt im Schloss herum, rang
die Hände, und wusste nicht, wo er bleiben sollte? Das ganze Schloss war ein Haus
des Jammers. Siegwart kam fast nie vom Bette seiner Schwester, und zerfloss in
Tränen. Die Dienstboten sahen alle blass aus, wie der Tod, meinten in allen
Ecken, und wagtens kaum, laut zu sprechen, oder sich um das Befinden ihrer
besten Frau zu fragen, weil jeder fürchtete, die Todespost zu hören. Kronhelm
wollte nicht vom Bette weggehen; als er aber einmal übers andre ohnmächtig
wurde, so brachte man ihn endlich, auf den Rat der Aerzte, in einer Ohnmacht
auf sein Zimmer, und bat unsern Siegwart, ihn zurück zu halten, nicht wieder
vors Krankenbette zu kommen, weil sein Aechzen seine ohnedies schon genug
geschwächte Frau noch mehr entkräftete.
    Terese lag, mit himmlischer Gelassenheit, das Gesicht schon fast mit
Todesschweiss bedeckt, auf ihrem Bette; sah bald mit halbgebrochnen Augen gen
Himmel, bald suchte sie mit ängstlicher und liebvoller Sorgfalt ihren Kronhelm,
hätt ihm gern gerufen, wenn ihr die Stimme nicht entgangen wäre; dann weinte
sie, dass sie umsonst ihn suchte. Sie verlangte durch einen Wink ihr Kind, schloss
es mit schwachen Händen an ihr mütterliches Herz küsste es, und sah gen Himmel,
als ob sie ihren Liebling in die Hände des Allmächtigen empföhle. Drauf sah den
sie Arzt bittend an, und winkte mit den Händen, vermutlich, dass man ihren
Kronhelm suchen sollte. Der Arzt liess Siegwart rufen. Er kam zitternd, setse,
und todtbleich ans Bette, nahm ihre Hand, und wandte das Gesicht weg. Der
Schmerz überwältigte ihn, dass er laut schluchzte; Er wollte sich losreissen; Sie
klammerte sich aber mit der Hand fest in die seinige, und liess ihn nicht los. Er
sah sie an; mit unaussprechlicher Wehmut blickte sie ihn an; aus dem
halbgeschlossenen Auge drang eine Träne; der Mund öffnete sich, und man könnt
es sehen, dass sie sagen wollte: Kronhelm!
    Siegwart riss sich mit Gewalt los sprang weg, und hohlte seinen Kronhelm. Sie
sah ihn an, lächelte ihm zu, und indem flossen wieder Tränen aus dem Auge.
Kronhelm stürzte sich halb ohnmächtig über sie hin, schrie und schluchzte laut,
bedeckte ihr Gesicht mit Tränen und Küssen, und ward so, in ihren Armen,
ohnmächtig. Man brachte ihn sinnlos weg.
    Sie befand sich sehr entkräftet. Der Artzt verbot, jemand wieder vor sie zu
lassen. Kronhelm schickte alle Augenblicke einen Boten nach ihr; dieser kam
immer nur mit Achselzucken wieder. Der Geistliche kam, und gab ihr die letzte
Oelung. Kronhelm und Siegwart beweinten sie als todt, und waren trostlos. Die
ganze Nacht floss ihnen schrecklich hin. Kronhelm verwünschte sich, und sein
Geschick, und das Kind, das ihm, sein Liebstes raubte. Terese hatte die Nacht
über ein paar Stunden Schlaf, und befand sich am Morgen ein klein wenig besser;
die Aerzte verboten aber, ihren Mann zu ihr zu lassen, weil sie eine zu heftige
Gemütsbewegung für sie fürchteten. Sie konnte nun zuerst wieder etwas stärkende
Brühe zu sich nehmen. Ihrem Manne ward etwas wenig Hoffnung gemacht; man liess
ihn aber nicht zu ihr. Auf sein anhaltendes Bitten liessen ihn endlich die
Aerzte in ihr Zimmer, als sie eben in einem kleinen Schlummer lag. Man konnte
ihn bei ihrem Anblick kaum zurück halten, dass er nicht vor Freuden laut
aufschrie, und über sie hin fiel, und sie küsste. Als sie wieder aufwachte, liess
man ihren Bruder zu ihr kommen. Ihr erstes Wort war: Was macht mein Kronhelm? Er
ist wohl, war die Antwort, und hofft auf deine Genesung. - Gott geb es! sagte
sie. Ich befinde mich um ein Gutes besser. Sprich ihm Mut, und Vertrauen ein,
und gib ihm diesen Kuss in meinem Namen, wenn ich ihn nicht selber küssen darf!
    Die Aerzte bekamen nun immer bessere Hoffnung; aber Kronhelm durfte sie noch
nicht anders sehn, als schlasend. Einmal wachte sie auf, als er noch vor ihr
stand. Sie streckte stillschweigend ihren Arm nach ihm aus; er sank darein.
Beide könnten vor zärtlichem Entzücken nichts tun, als weinen. Ihre Kräfte
nahmen nun sichtbar wieder zu. Kronhelm und Siegwart kamen nicht von ihrem
Bette. Siegwart freute sich von ganzem Herzen über ihre Genesung; aber dein
ohngeachtet nahm doch seine Schwermut, und seine Abneigung von der Welt mit
jedem Tage mehr zu. - Schreib doch bald ins Kloster! sagte er einmal zu
Kronhelm, als sie beide vor Teresens Bette sassen. Die Welt wird mir täglich
mehr zum Ekel; ich sehe, dass sie nichts als ein Sammelplatz von Not und Elend,
und ununterbrochner trauriger Abwechselung und Unbeständigkeit ist. Du hältst
dich jetzt wieder für glücklich, Kronhelm, du hast keinen Wunsch mehr übrig, als
die völlige Genesung meiner teuren Schwester. Armer Mann! Warst du nicht noch
vor zehn Tagen der allerunseligste unter allen Menschen; and vier Tage vorher
der allerseligste? Sichst du nicht, dass, je näher man dem Glück zu sein scheint,
desto näher ist man dem unabsehlichsten Elend. Aber, lieben Freunde, ich will
jetzt euren süssen Traum nicht stören. Ihr seid glücklich; ihr drückt euch jetzt
mit unaussprechlicher, vorher nie gefühlter Wollust ans Herz. Ihr glaubt jetzt
im Himmel zu sein. Möchte dieser Himmel ewig währen, wie der, dem sich meine
ganze Seele zusehnt! Lasst nur mir meinen Jammer! Lasst mich eilen, und mich ihn
in meiner Einsamkeit ausweinen, wo ich kein lebendiges und glückliches Geschöpf
störe. Ich sehe, diese Welt ist nicht für mich: oder ich bin nicht sür sie. Ich
kann nicht glücklich werden; aber ich will auch keinen unglücklich machen! Wenn
ich heute Marianens Hand bekäme - wenn der Engel nicht schon ausgerungen hat -
wenn sie heute ganz mein würde; morgen wäre sie mir gewiss wieder entrissen. Lasst
sie mir auch viele Wochen! Wer bürgt mir für eine Krankheit, wie die war, die
dich, meine teureste Terese, bald den Armen meines liebsten Kronhelms
entrissen hätte? Ach, ich kann, ich kann nicht glücklich werden? Lasse mich in
mein Kloster, dass ich meine Lebenszeit verweine! Wenn ich mich ermannen kann,
komm ich zu euch, und besuch euch. Lasst mich in mein Kloster! Ich will für euch
beten!
    Kronhelm und Terese weinten, und konnten ihn nicht trösten. - Ja, du sollst
ins Kloster! sagte Kronhelm; morgen will ich dahin schreiben. Armer Freund, wir
können nichts, als dich bedauern. Kronhelm schrieb auch wirklich den folgenden
Tag an den Guardian, und schickte den Brief weg.
    Terese erholte sich nun täglich mehr, und konnte schon zuweilen sich ein
paar Stunden ausserhalb dem Bett aufhalten. Sie und ihr Kronhelm empfanden nun
das Glück der Zärtlichkeit zehnfach mehr, als vorher, ehe das Unglück der
Trennung sie bedrohet hatte. Es war ihnen, als ob ihre Liebe sich nun erst recht
anfinge, und alles vorherige Glück war in ihren Augen nur ein Traum.
    Einen Abend sassen sie beisammen, und Herr von Rotfels kam dazu. Siegwart
fieng vom Kloster zu reden an, dass die Antwort sich so lang verzögere - Weil wir
eben vom Kloster und von Kapuzinern reden, sagte Rotfels, so fällt mir eine
Geschichte ein, die ich dieser Tagen von einem Kapuziner hörte. Sie betrifft ein
Frauenzimmer und ist sehr traurig. Das wenige, mein Siegwart, was ich von Ihrer
Geschichte, und von Ihrem Mädchen weiss, passt ziemlich auf Sie. Ein Kapuziner, er
heisst Bruder Klemens, kommt zuweilen zu mir, weil er unter guten Freunden ein
Gläschen Wein nicht verschmäht. Neulich, eh das starke Gewitter kam, war er bei
mir, und ward durch den Rheinwein etwas munter. Ich bat ihn, die Nacht bei mir
zuzubringen, weil der Regen anhielt, und der Weg sehr verdorben war. Er liess
sichs gefallen. Als der Wein ihm noch mehr zu Kopf stieg, und wir auf die Nonnen
zu sprechen kamen, fieng er an: Gestern hab ich in einem gewissen Kloster eins
der schönsten und unglücklichsten Frauenzimmer gesehen; denn sie hat, so oft ich
sie noch sah, immer geweint, und grämt sich gewiss bald zu Tod, und doch ists ein
Mädchen, rein und unschuldig und schön, wie die Mutter Gottes. O ich möchte Blut
weinen, wenn ich sie seh, oder an sie denke, denn ihr Schicksal ist sehr hart! -
Er wollte mir nichts weiter sagen. Endlich erfuhr ich doch soviel: Sie sei mit
Gewalt ins Kloster gesteckt worden, oder wenigstens hab eine unglückliche
Leidenschaft sie dahin getrieben; sie sei jetzt bald ein Vierteljahr da, und von
ihrem Bruder und ihrer Schwägerin, die sehr hart mit ihr umgegangen sein, dahin
gebracht worden. - Das ist sie, das ist sie! rief Siegwart, indem er aufsprang,
und dem jungen Rotfels um den Hals fiel. Um Gotteswillen, Rotfels, wo ist der
Pater? Wo ist sie? Bringen Sie mich hin! Um Gotteswillen tuns Sies! Das ist
Mariane; das kann niemand anders sein u.s.w. Er zog Rotfels fast mit Gewalt aus
der Stube, dass er ihn zu Marianen bringen sollte. Kronhelm und Rotfels hatten
nur Mühe, ihn zurück zu halten, und ihm vorzustellen, dass hier die gröste
Behutsamkeit nötig sei, zumal da der Pater weder den Namen des Klosters, noch
des Frauenzimmers, noch andre zuverlässige Kennzeichen angegeben habe. Inzwischen
glaubten Kronhelm und Terese auch, dass das Frauenzimmer Mariane sei. Sie baten
Rotfels, den Pater, sobald als möglich, noch genauer auszuforschen, und auf
alle Umstände aufmerksam zu sein. Deswegen erzählte ihm Siegwart seine ganze
Geschichte, beschrieb ihm Marianen aufs kenntlichste, und bat ihn fast auf den
Knien, sich die Sache, wie seine eigne, angelegen fein zu lassen, und die
Unterhandlung aufs schleunigste zu betreiben. Kronhelm und Terese, die,
natürlich! bei der Sache kälter waren, rieten ihm die grösste Heimlichkeit und
Behutsamkeit an, und Rotfels versprach, alles aufs möglichste zu beobachten.
    Siegwart war nun wieder wie neugebohren. Alle sein Überdruss der Welt und
der menschlichen Gesellschaft war vergessen. Er sah und hörte nichts, als
Marianen; konnte keinen Augenblick an einem Ort bleiben, und kannte sich vor
Freuden und ungeduldiger Erwartung selbst nicht mehr. Es war ihm jetzt schon
genug, nur etwas von Marianen zu wissen. Alle andre Schwierigkeiten, wie er sie
aus dem Kloster kriegen, und wie sie sein werden könnte, bedachte er jetzt gar
nicht. Alles auf der Welt schien ihm möglich; nur die Zeit ging ihm viel zu
träg; er schien sie mit seinen Sehnsuchtsseufzern fortauchen zu wollen.
Rotfels, der die Nacht in Steinfeld hatte bleiben wollen, musste, auf sein
Zubringen, noch denselben Abend auf sein Schloss zurückreiten, um nur bald den
Pater Klemens zu sprechen, und ihm sogleich weitere Nachricht zu geben.
    Kronhelm und Terese hingegen sahen noch tausend Schwierigkeiten vor sich.
Denn fürs erste war es noch nicht ausgemacht, dass das beschriebne Frauenzimmer
Mariane sei; und dann, wenn sies wäre, wie wollte Siegwart sie sprechen, und wie
sie wieder aus dem Kloster los bekommen? Alle diese und noch hundert andre
Bedenklichkeiten schwebten vor ihnen; sie beredeten sich darüber miteinander,
und wünschten nur, dieselben nach und nach unserm Siegwart beizubringen! Aber
dieses war unendlich schwer. Wenn sie sich nur von ferne etwas merken liessen,
so baute er entweder vor, oder geriet in die heftigste Bewegung darüber; nannte
sie kleinmütig und ängstlich, oder warf ihnen vor, sie nehmen an seinem
Schicksal keinen Anteil, und wollten sich seinem Glück entgegen setzen. Alles,
was sie bei ihm ausrichten konnten, war, dass er seine Ungeduld etwas minderte,
und ein klein wenig behutsamer wurde; denn er sprach immer, auch in Gegenwart
der Bedienten, von Marianen und ihrer Entführung.
    Zween Tage drauf, die er in der ungeduldigsten Erwartung zugebracht hatte,
kam Rotfels wieder. Siegwart sprang ihm mit lautem Herzklopfen in den Hof hinab
entgegen, und rief ihm zu: Wie stehts? Rotfels winkte mit der Hand, weil zween
Bediente gegenwärtig waren. Siegwart eilte mit ihm dis Treppe hinauf, und konnt
es kaum erwarten, bis sie miteinander im Zimmer waren. Sie ists! sagte Rotfels.
Es ist weiter gar kein Zweifel. Ist sies, ist sies? rief Siegwart, und fiel ihm
um den Hals; aber weiter, weiter, bester Rotfels! Der Pater, fuhr dieser fort,
war gestern Abend bei mir, und da erfuhr ich durch viele Umschweife, dass er der
Beichtvater des Frauenzimmers sei, dass das Kloster Marienfeld, und das
Frauenzimmer Mariane heisse, und eine Hofratstochter aus Ingolstadt sei; dass
sie unaufhörlich bet und weine, und künftiges Frühjahr eingekleidet werden
solle. - Aber weiter, weiter! sagte Siegwart. Das ist nicht genug! - Weiter hab
ich nichts erfahren können, antwortete Rotfels, aber doch hab ich den Pater
Klemens so weit gebracht, dass er mir, nach vorhergegangenem Versprechen der
tiefsten Verschwiegenheit, versprach, wenn er wieder ins Kloster komme, ein
Briefchen von mir an das Frauenzimmer abzugeben, weil ich vorgab, ich sei nah
mit ihr verwandt. Anfangs wollt er lang nicht dran, weil er sagte: Ich wolle wohl
der Kirche eine Braut stehlen, aber als ich ihn auf meine Ehre versicherte, dass
dieses gar nicht meine Absicht sei, weil ich ja schon eine Braut habe, gab er
sich endlich zur Ruhe. Ueberhaupt hat er mehr den Schein eines eifrigen
Religiösen, als ers in der Tat ist. Wenn er sich nur von seiner Seite in
Sicherheit weiss - und darauf schwur ich ihm - so kann ich ihn brauchen, wie und
wozu ich will; denn der Schalk weiss wohl, dass er von mir viel zu geniessen hat.
- Wir müssen jezt nun sehen, was zu tun ist? Siegwart muss mir zuförderst einen
Brief an Marianen geben; das übrige müssen wir von Zeit und Umständen erwarten.
    
    Siegwart war vor Freuden ausser sich; er umarmte Rotfels und Kronhelm
tausendmal, und doch, als der erste Taumel vorbei war, schien ihm alles viel zu
langsam zu gehen. Er wollte am Ziel sein, eh er den Weg dahin beträte. Seine
Freunde sprachen ihm soviel als möglich Geduld und Gelassenheit ein, und baten
ihn, nur erst an Marianen zu schreiben. Er schrieb auch noch denselben Abend
diesen Brief, und gab ihn Rotfels mit:
    »Also lebst du noch, du Engel, und ich hab umsonst dich als todt beweint?
Dank, ewiger Dank sei dem Geber des Lebens und des Todes, dass er dich mir nicht
entrissen hat, und dass ich hoffen kann, noch einmal dein zu werden! O du Teure,
der lichte Stral der Hoffnung hat mein dunkles Leben wieder aufgehellt, und mir
gewinkt in meiner Trauer, dass ich wieder geh ans Licht des Tages, und mich
froher Aussicht freue! Zwar du Engel traurst in düstrer Zelle? Aber deine Trauer
soll nicht ewig währen! Der dich mir erhielt, der Gott der Liebe, wird dich
wieder geben meinen Wünschen. Menschen wollten einem andern Bräutigam dich
geben; und du hast schon einen Bräutigam, und er traurt und weint um dich. - Sei
nicht treulos, meine Liebe! Eil ihm wieder zu mit deinen Küssen, die der Himmel
billigt! - Bald will ich suchen, dich zu sprechen und zu retten. Hilf mir selbst
dazu, und gib mir Antwort, nur in wenig Zeilen! Ich bin dir nah, bei meinem
Schwager und bei meiner Schwester, die mit gutem Rat mich unterstützen. Bleib
standhaft, o Geliebte, und vergiss mich nicht! Ich bin jeden Augenblick bei dir;
meine Seele ist stets ausser ihrem Körper, und umschwebt dich. Bald hoff ich
ganz bei dir zu sein. Bet und glaub an die Vorsehung, und überlass die
Bedenklichkeiten mir! Fürchte nichts vom Pater Klemens! Gib ihm nur bald deine
Antwort! Sag, sie sei für Herrn von Rotfels deinen Anverwandten! Er ist ein
junger Edelmann, hier in der Nachbarschaft, der die Schwester meines Kronhelm
heiratet, und sich unsrer treulich annimmt. Ewig dein Siegwart.«
    Rotfels nahm den andern Morgen den Brief mit, und versprach, ihn aufs
früheste und genaueste zu besorgen. Er hofte, den Pater Klemens noch so auf
seine Seite zu bringen, dass man ihm einen Teil der Geheimnisse anvertrauen
könne; denn gänzliche Verschwiegenheit sei die einzige Bedingung; wenn er dieser
versichert sei, so sei er auch im Stand, alles zu unternehmen. Siegwart
versprach von seiner Seite die möglichste Behutsamkeit und Vorsicht, nur bat er
um die äusserste Beschleunigung der Sache, denn zitternde Ungeduld belebte jezt
jede seiner Handlungen.
    Terese erholte sich nun immer mehr, und konnte bei den schönen Herbsttagen
schon zuweilen wieder einen halben Nachmittag im Garten zubringen. Kronhelms und
ihre Glückseligkeit war nun wieder auf dem höchsten Gipfel. Seine Terese blühte
wieder auf, wie eine Blume, die in der Sonnenhitze dahin gewelket war, und sich
nun im Abende und Morgentau mit neuer Kraft und neuen Düften wieder aufrichtet.
Kronhelm sah sein Ebenbild, den jungen Wilhelm an ihrer mütterlichen Brust
liegen, und wenn er sich einen Augenblick entfernen musste, so küsste Terese in
dem kleinen Liebling ihren teuren Kronhelm. Die Freude über ihre Widergenesung
war im Schloss und im Dorf allgemein. Die Bäurinnen kamen eine nach der andern,
um ihre liebe gnädige Frau wieder zu sehen, und ihr Glück zu wünschen. Die
Bauern hielten an, ob sie nicht einen Tanz deswegen halten dürften? Kronhelm
liess ihnen Bier und Wein und Fleisch genug geben. Sie schickten durch etlich
junge Mädchen, die sie, auf Anordnung ihres Geistlichen, als Schäferinnen
gekleidet hatten, unter Musik von Geigen und Schallmeien, einen, mit Kornblumen
durchflochtenen Aehrenkranz, und ein Schaf, das das älteste Mädchen an einem
roten Band führte, wobei sie zugleich eine artige Glückwünschungsrede an
Teresen hielt.
    Siegwart ward durch diese allgemeine Freude, und noch mehr durch die
Hoffnung, seine Mariane bald wieder zu erhalten, wieder neu belebt. Er war mit
der Welt fast ganz wieder ausgesöhnt, empfand die Schönheit der Natur, und das
Glück der menschlichen Gesellschaft wieder; seine Wangen wurden wieder rot,
seine Augen wieder helle, und sein Herz erweitert. Aber die Ungeduld stürmte
doch beständig in ihm, und sein Herz war immer nur halb da, wo sein Leib war.
    Die Zeit, dass er nichts von Rotfels und von seiner Mariane hörte, ward ihm
endlich zu lang. Er wollte eben an einem Nachmittag weg reiten, als Rotfels
selber kam. Schon sein heitres Aussehn verkündigte gute Nachricht. Munter, mein
lieber Siegwart! sagte er. Es wird alles gut gehen! Der Pater ist nun ganz auf
unsrer Seite. Hier ein Brief von Marianen! Siegwart riss ihn zitternd auf, und
las, so geschwind, dass er nach dem ersten Durchlesen kaum den Inhalt des Briefes
wusste.
                               Mein Geliebtester!
    Wie erstaunt ich nicht, als mir der Pater einen Brief von Ihrer Hand gab!
Ich ward fast ohnmächtig bei dem Lesen. So sind Sie mir so nah, mein Teurester?
Ach, was hab ich ausgestanden, seit ich von Ihnen getrennt bin! Doch Sie sollen
nicht mit mir leiden. Und nun, mein Teurester, was ist anzufangen? Ich habe das
Gelübde noch nicht abgelegt; aber ich werde hier streng bewacht. Ich warf mich
Gott in die Arme, um der Grausamkeit der Menschen zu entgehen; aber auch im
Kloster sind Menschen, und es geht mir hart. Retten Sie mich, wenn Sie können!
Ich weiss, Gott will nicht, dass der Mensch sich quäle; und hier halt' ichs nicht
lang aus. Ich bin sehr schwach und entkräftet. Man verspottet mich, und hält
mich hart, weil ich geliebt habe; weil ich dich geliebt habe, du Vollkommener!
Gott kann nicht so grausam sein, wie Menschen sind; darum darfst du mich aus
ihrer Hand erretten.
    Tun Sie, was Sie können! Ich kann nichts tun. Ich habe nur Eine Freundinn
hier, der ich halb trauen kann, weil sie Mitleid mit mir hat. Es ist die
Schwester Brigitta, die die Aufwartung im Kloster versieht. Machen Sie sich mit
ihr bekannt; vielleicht kann sie ein Werkzeug meiner Erlösung werden. Aber um
Gotteswillen behutsam! Sonst muss ichs entgelten. Sie darf nichts wissen, als dass
wir uns zu sprechen suchen. Leb wohl, Teurester! Vielleicht gibt dich Gott mir
wieder. Und das ist mein Gebet, Tag und Nacht. Sonst kann ich nichts wünschen,
als den Tod. Leb wohl, Geliebtester!
    Weinend gab Siegwart den Brief seinem Kronhelm in die Hand; Er selbst ging
ans Fenster, sah gen Himmel, weinte laut, und flehte Gott um Beistand an,
Marianen zu erretten! - Ratet, Ratet! sagte er zu seinen Freunden, was ich
tun muss? Der Gedanke, dass sie leidet, und um meinetwillen leidet, ist mir
unerträglich; Ratet! dass ich bald sie retten kann. Soll ich mit Gewalt sie
holen, oder mit List? Ihr müst raten! Denn ich weiss mir nicht zu helfen; Ich
bin ausser mir vor Freud und Schrecken.
    Um Gotteswillen, nicht mit Gewalt! riefen Kronhelm und Terese. Du würdest
sie nach einer Stunde wieder verlieren, und in Ewigkeit nicht wieder sehen. Ohne
Behutsamkeit und List wird sie niemahls dein. - Ich habe schon darüber
nachgedacht, fiel Rotfels ein. Siegwart muss sich in verstelter Kleidung nahe
bei dem Kloster aufhalten, und auf Zeit und Umstände passen. Es fiel mir eine
List ein, als mir Pater Clemens den Brief übergab, und ich suchte die Sache
sogleich bei ihm einzufädeln. Wie wärs, wenn Siegwart eine Zeitlang als Gärtner
bei mir wäre. Ich würde denn einmal mit dem Pater reden, dass er ihn im Kloster,
wo man eben einen Gärtner nötig hat, empföhle? - Schön! Schön! riefen Kronhelm
und Terese. Diese List kann gehen, wenn du Klugheit und Geduld hast, Bruder! -
Ich will alles tun, versetzte Siegwart, was ihr mir befehlt. Wenns nur hurtig
geht!
    Es ward sogleich beschlossen, dass Siegwart noch denselben Abend mit Rotfels
in Gärtnerkleidung auf sein Schloss fahren sollte. Man riet ihm alle mögliche
Behutsamkeit an; seine schönen langen Haare wurden ihm abgeschnitten; eine
Gärtnerskleidung ward ihm angelegt, und er fuhr mit Rotfels weg, nachdem er mit
tausend Tränen von seinen Freunden, die ihm alles mögliche Glück anwünschten,
Abschied genommen hatte. Rotfels erfuhr unterwegs von Siegwart, dass er die
Gärtnersgeschäfte sehr gut versehen könne, weil er in seiner Jugend mit Teresen
beständig den Garten seines Vaters gebaut habe. Rotfels versprach, ihm bald
Gelegenheit zu verschaffen, mit dem Pater zu reden, so, dass er noch diesen
Herbst in die Klosterdienste treten könne. Siegwart bekam den Namen Georg, und
trat gleich den folgenden Tag seinen Dienst in Rotfels Garten an. Er arbeitete
den Tag über sehr ämsig, und wusste sich so gut in seinen neuen Stand zu
schicken, dass kein Mensch auf den Einfall kam, ihn für eine verkappte Person zu
halten. Rotfels liess ihn oft auf sein Zimmer kommen, oder sprach Abends mit
ihm, und redete mit ihm ab, wie er sich im Kloster zu betragen habe. Siegwart
gab ihm ein kleines Briefchen, worin er Marianen auf diese List vorbereitete,
und auf den Gärtner Georg aufmerksam machte. Rotfels versprach ihm, bald den
Pater in den Garten zu bringen; dann soll er sich traurig stellen, dass der Pater
auf ihn aufmerksam werde, und ihm dann sein Anliegen vorbringen.
    Einige Tage drauf kam Rotfels mit dem Pater in den Garten. Er entfernte
sich bald darauf, unter dem Vorwand von Geschäften, und liess den Pater allein.
Siegwart machte sich in dem Gang, wo der Pater ging, etwas zu schaffen; stellte
sich sehr traurig an, wischte sich die Augen, und weinte. Der Pater fragte ihn,
was ihm fehle? Ach lieber, wohlehrwürdiger Herr, antwortete Siegwart: Da hat mir
heut mein Herr gesagt, er sei zwar mit meiner Arbeit sehr zufrieden, wie Sie ihn
selbst fragen können; aber, weil er mit seinem vorigen Gärtner wieder eins
geworden sei, so könn er mich nicht länger behalten; es fall ihm zu schwer, zwei
Gärtner zu bezahlen; und er ist so gar ein braver Herr; das geht mir nun nah,
dass ich ihn verlassen soll! Und der Winter ist vor der Tür, und ich habe keinen
Dienst und kein Brod. - Hier fieng er an, heftiger zu weinen - Ach, lieber
wohlehrwürdiger Herr, Sie sind bei soviel Herrschaften und in Klöstern wohl
bekannt, wüssten Sie mir nirgends ein Dienstlein? Sie könnten ein recht gutes
Werk verrichten. Ich wollte mich gewiss billig finden lassen; und meinen Dienst
kann ich versehen, so gut als ein Gärtner im ganzen deutschen Reich, wie mein
gnädiger Herr gewiss selbst bezeugen wird. Wenn Sie mir doch helfen könnten! P.
Klemens ward durch die Tränen des Gärtners gerührt, und versprach, in
Marienfeld ein gutes Wort für ihn einzulegen. Rotfels kam, wie von ohngefähr
dazu, und mischte sich ins Gespräch. Er lobte den Gärtner Georg sehr, sagte, er
wünsch ihm selbst einen recht guten Dienst, wo er besser stünde, als bei ihm,
und empfahl ihn dem P. Klemens. Dieser versprach, das Beste für ihn in
Marienfeld zu tun, wo man eben einen Gärtner nötig habe, und in drei oder
höchstens vier Tagen wieder Antwort zu bringen.
    Siegwart freute sich mit Rotfels über den guten Erfolg seines Unternehmens,
und am dritten Tage kam P. Klemens wieder, mit der Nachricht, die Aebtissin zu
Marienfeld wolle den Gärtner Georg sprechen, und werde ihn vermutlich in Dienst
nehmen. Siegwart reiste mit der freudigsten Hoffnung ab, und kam noch denselben
Nachmittag zu Marienfeld an. Die Aebtissin liess ihn ans Sprachzimmer kommen; er
gefiel ihr, und ward auf P. Klemens Zeugnis mit einem ansehnlichen Lohn zum
Obergärtner angenommen. Siegwart hätte sich vor übermässiger Freude fast selbst
verraten, und seine Rolle vergessen. Er dankte der Aebtissin aufs feurigste,
sein Herz schlug ihm sichtbar, und er sprang mehr, als er ging, an seine
Arbeit.
    Wenn er im Garten arbeitete, so sah er sich wohl tausendmal um, ob er seine
Mariane nicht erblicke? Wenn er oben an den Klosterfenstern, die mit hölzernen
Jalousieladen vermacht waren, sich etwas bewegen sah, so blickte er unbeweglich
hin, weil er glaubte, seine Mariane stehe dran. Seine Brust war den ganzen Tag
von einem unruhigen Sehnen belebt; es war ihm zu Mut, wie einem Neuverliebten;
bald war er heiter, bald wieder traurig und weinte. Alle Abend legte er der
Aebtissin am Sprachgitter Rechenschaft von seiner Arbeit ab. Sie schien täglich
mir ihm zufriedener zu sein. Zuweilen sah er noch mehrere Nonnen in dem
Sprachzimmer. Die heftigste Unruhe quälte ihn, ob nicht seine Mariane mit unter
den Nonnen sei? Aber vor dem Schleier konnt' er sie nicht erkennen. Einmal hub
eine von den Nonnen, die in der Ecke des Sprachzimmers stand, ihren Schleier
etwas auf. Es war Mariane. Ihr Gesicht war todtbleich. Er ward durch den Anblick
wie vom Donner gerührt. Bald ward sein Gesicht feuerrot, bald todtblass, er
stotterte, gab der Aebtissin lauter verwirrte Antworten; seine Knie zitterten,
dass er kaum mehr stehen konnte. Zu allem Glück liess ihn die Aebtissin sogleich
von sich. Er lief auf seine Kammer, und fiel halb ohnmächtig aufs Bette. Ein
Strom von Tränen schaffte ihm endlich Erleichterung. Er warf sich auf seine
Knie, und betete so inbrünstig, als er fast noch nie in seinem Leben gebetet
hatte, dass ihm Gott beistehen wolle, seinen Engel bald aus diesem Kerker zu
erretten! Nun wusste er fast gar nicht mehr, was er tat. Mariane stand
unaufhörlich so vor ihm da, wie er sie im Sprachzimmer erblickt hatte; sie
erschien ihm so in Träumen; aber nur selten konnte er schlafen. Noch Einmal
glaubte er sie unter den Nonnen zu erblicken, aber sie hub ihren Schleier nicht
auf, und er blieb in der Ungewissheit.
    Am nächsten Feiertag ging er in die Kirche. Nach der Messe, welche P.
Klemens las, machten die Nonnen auf dem Chor eine Musik. Erst ward ein Tutti
gesungen, dann ein Solo. Mariane sangs. Er glaubte bei dem Klang ihrer Stimme zu
vergehen; konnts nicht länger aushalten, und ging aus der Kirche, weil er
fürchtete, man möchte ihm seine heftige Bewegung ansehen! - Mit der Schwester
Brigitte, die er oft im Garten und im Kloster sah, machte er sich bald bekannt.
Das arme Mädchen schien an dem artigen Gärtner nur gar zu viel Wohlgefallen zu
finden, und ging ihm alle Schritte und Tritte im Garten nach. Siegwart kam
dadurch in eine sehr unangenehme Lage, und musste sich stellen als ob ihm an
Brigitta sehr viel gelegen sei. Oft lag ihms schon auf der Zunge, dass er sich
nach Marianen erkundigen wollte, aber Furchtsamkeit, sich zu verraten, hielt
ihn immer wieder zurück.. Er fragte nur von fern nach den verschiednen
Klosterfrauen. Brigitte machte ihm eine allgemeine Beschreibung davon, und
sagte, zu seinem grösten Misvergnügen, gerade von seiner Mariane am wenigsten,
ausser, dass sie immer sehr blass ausseh, und unaufhörlich traurig sei. Weil ers
noch nicht für ratsam ansah, sich Brigitten anzuvertrauen, so schrieb er ein
paarmal an Marianen, legte den Brief an einen Ort, wo ihn Rotfels, dem der Ort
bezeichnet war, entweder selber abholte, oder durch einen alten Bedienten
abholen liess, und ihn so, durch Pater Klemens Hand, Marianen zuschickte. Sie
wusste nun, dass ihr Geliebter ihr so nah, und als Gärtner im Kloster sei; aber
sie fand doch keine Gelegenheit ihn allein zu sehen, oder gar zu sprechen, weil
man auf sie sehr genau Acht gab, und ihr, welches Siegwart nicht wusste,
Brigitten noch besonders zur Aufseherin bestellt hatte.
    Einmal kamen die Nonnen, an einem sehr heitern Herbsttage, nach dem
Mittagsessen mit ihrer Aebtissin in den Garten, als Siegwart eben hinter der
Hecke stand, und die losgerissnen Zweige wieder an den Stangen fest machte. Er
hatte sie noch nicht wahrgenommen, und sang bei der Arbeit sein Gärtnerlied, das
er einst an einem traurigen Abend gemacht hatte, und seitdem beständig sang, in
der Hoffnung, dass ihn Mariane vielleicht zuweilen hinter dem Fenster zuhöre. Das
Lied hiess so; und er sangs nach einer sehr traurigen Melodie:
Es war einmal ein Gärtner,
Der sang ein traurigs Lied.
Er tat in seinem Garten
Der Blumen fleissig warten,
Und all sein Fleiss geriet.
Und all sein Fleiss geriet.
Er sang in trübem Mute
Viel liebe Tage lang.
Von Tränen, die ihm flössen,
Ward manche Pflanz begossen.
Also der Gärtner sang!
Also der Gärtner sang!
»Das Leben ist mir traurig,
Und gibt mir keine Freud!
Hier schmacht' ich, wie die Nelken,
Die in der Sonne welken,
In bangem Herzeleid,«
In bangem Herzeleid.
»Ey du, mein Gärtnermädchen,
Soll ich dich nimmer sehn?
Du must in dunkeln Mauren
Den schönen May vertrauren?
Must ohne mich vergehn,
Ach, ohne mich vergehn?«
»Es freut mich keine Blume,
Weil du die schönste bist.
Ach, dürft ich deiner warten,
Ich liesse meinen Garten,
Sogleich zu dieser Frist,
Sogleich zu dieser Frist!«
»Seh' ich die Blumen sterben.
Wünsch ich den Tod auch mir.
Sie sterben ohne Regen,
So sterb' ich deinetwegen.
Ach wär' ich doch bei dir!
Ach wär' ich doch bei dir!«
»Du liebes Gärtnermädchen:
Mein Leben welket ab.
Darf ich nicht bald dich küssen,
Und in den Arm dich schliessen,
So grab' ich mir ein Grab.
So grab' ich mir ein Grab.«
    Ey wie schön, Gärtner! rief eine Stimme als er ausgesungen hatte; und indem
er aufsah, erblickte er jenseits der Hecke in einem andern Gang die Aebtissin
mit den andern Nonnen. Sein Schrecken war doppelt gross, teils wegen des Liedes,
das er gesungen hatte, teils weil keine Mannsperson im Garten sein sollte, wenn
die Nonnen drinn waren. Aber die Aebtissin hatte diesmal selbst das Läuten
vergessen, welches das Zeichen war, dass die männlichen Bedienten sich entfernen
sollten. Er stand zitternd, und todtenbleich da, hielt die Mütze in die Hand,
und bat stotternd um Vergebung. Plötzlich erblickte er zuhinterst eine Nonne,
die der ganzen Stellung nach seine Mariane war; aber er sah auch ihr
himmlisches, blasses Gesicht durch den Schleier schimmern. Er konnte vor Zittern
kaum mehr stehen, und ward noch verwirrter. Zum Glück für ihn hielt man die
plötzliche Ueberraschung für die Ursache seiner Verwirrung. Die Aebtissin sprach
noch ein paar Worte mit ihm, und liess ihn dann gehen, welches ihm recht herzlich
lieb war. Mariane befand sich auch in der äusserster Verlegenheit, und hatte
Mühe, ihre Unruhe zu verbergen.
    Brigitta hielt sich immer mehr zu Siegwart, und suchte, ihn so viel als
möglich war, zu sprechen. Da er ihr Zutrauen so sehr gewonnen hatte, so hielt er
dafür, es sei nun Zeit, sich wegen Marianens etwas genauer gegen sie
herauszulassen; und dazu bot sich nach etlichen Tagen die Gelegenheit von
selbst an. Siegwart musste, weil die Witterung rauh zu werden anfieng, die
Blumentöpfe, und die Kübel mit den Pomeranzen - und Lorbeerbäumen ins
Gewächshaus bringen. Brigitte hatte dazu den Schlüssel, und war gegenwärtig, als
er die Kübel in Ordnung stellte. Weil die Handlanger ab - und zugiengen, um die
Töpfe zu holen, so tat sie, wenn sie allein mit ihm im Gewächshaus war,
ziemlich vertraut gegen ihn, und liess nicht undeutlich eine Neigung merken, das
Kloster mit ihm zu verlassen. Siegwart warf dieses nicht weit weg, und machte
ihr einige Hoffnung dazu. Sie war darüber vor Freuden ausser sich; und nun fragte
er, wie von ohngefähr, ob nicht ein Frauenzimmer von Ingolstadt in dem Kloster
sei, die einem Hofrat Fischer angehöre? Auf ihre Bejahung, sagte er, er kenne
sie wohl, und habe sechs Jahre bei ihrem Vater als Gärtner gedient. Er wünsche
nichts mehr, als sie einmal allein zu sprechen, weil er ihr wichtige Dinge von
ihrem Vater zu entdecken habe. Zu dieser Unterredung könnte ihm Brigitte am
besten verhelfen. Sie machte anfangs grosse Schwierigkeiten, wegen der Gefahr,
verraten zu werden; endlich aber, als er ihr zu schmeicheln und zu liebkosen
wusste, gab sie nach, und versprach, ihm die folgende Nacht in einem Winkel des
Gartens eine Unterredung mit Marianen zu verschaffen. Darüber war er vor Freuden
ganz ausser sich, umarmte und küsste Brigitten, die dieses sehr willig geschehen
liess, und ihn nochmals versicherte, ihm diese Gefälligkeit gewiss zu erzeigen.
    Anfangs glaubte er, Marianen schon in dieser Nacht entführen zu können; aber
bei längerer Ueberlegung fand er noch Schwierigkeiten. Es war schon ziemlich
spät am Abend, und er zweifelte, ob er noch an Rotfels könne Nachricht gelangen
lassen, dass dieser mit einer Kutsche vor dem Kloster warten möchte, um ihn mit
Marianen aus dem Land zu bringen. Zudem war die Mauer des Klostergartens hoch,
und er wusste noch kein Mittel, wie er über diese kommen könnte. Daher musste er
sich diesmal damit begnügen, seine Mariane nur zu sprechen, und hofte, bald
wieder eine Gelegenheit zu finden, sie zu sprechen, und alsdann zu entführen.
    Die längst gewünschte Nacht kam. Siegwart stand im Garten, und zitterte vor
Ungeduld. Nach zehn Uhr, da die Nonnen alle schon im Bett lagen, ward die
Klostertüre, die in den Garten ging, geöfnet. Mariane schlich sich in der
Dunkelheit, dicht am Kloster, nach dem Winkel des Gartens, wo ihr Siegwart
stand. Brigitte hielt innerhalb der Türe Wache. Er schloss sie stillschweigend
in den Arm, und wäre vor übermässigem Entzücken fast zu Boden gesunken. - Ach
Mariane! Ach Siegwart! war alles, was die zärtlichen Verliebten jagen konnten.
Nach den ersten feurigen Umarmungen konnten sie mehr sprechen. Gottlob! sagte
er, dass ich dich wieder sprechen kann! Bald, bald sollst du ganz mein sein! Wie
ist dir? Wie lebst du? Traurig! war die Antwort. Ach Siegwart, ohne dich! Ich
muss vergehen. Oft war ich schon sehr krank. - Bald wirds besser werden, meine
Liebe! Wenig Tage noch. Hab Geduld, und hoffe! - Ach, Siegwart, was ist Hoffnung?
Doch, ich will Geduld haben. Ach, dass ich dich wieder habe! Kaum kann ichs
glauben. Siegwart, Siegwart! ach was haben wir geduldet! Aber alles, alles ist
vergessen, da ich dich, dich wieder habe! - Ich kann nicht sprechen, meine
Liebe! Gott im Himmel, meine Mariane hab ich wieder. Küss mich! Küss mich! Möcht
ich doch vor Liebe sterben! Mein, mein, mein! - Er drückte sie an sich, als ob
er Eins mit ihr werden wollte. Sie weinten, und schluchzten laut. - Gott wird
unser Schutz sein, sagte er, und uns wieder vereinigen! Ach Mariane, ich weis
nicht, wie mir ist? Ich möchte nur im Augenblicke sterben! - Und ich auch, du
Teurer! Ach, mein Herz ist so beklommen! Wenn wir uns nur wieder sehen! -
Gewiss, gewiss! und bald, und ewig! ach Mariane, Mariane! - Siegwart sagte kurz,
dass er sie in wenig Tagen wieder sehen, und alsdann befreien werde. Alle
Anstalten seien schon gemacht. Sie warnte ihn, gegen Brigitten behutsam zu sein,
und ihr nichts zu sagen, denn sie wage viel, und könnte sie leicht aus Angst
verraten. Sie trennten sich nach einer halben Stunde. Mariane wollte ihn nicht
loslassen. Dreimal kehrte sie sich um, als sie schon gegangen war, und sank
wieder an sein Herz. Mir ist, sagte sie, als ob ich dich zum letztenmale sähe!
Ach, mein Herz ist so beklommen! Er suchte sie mit der nahen Hoffnung zu trösten,
und riss sich endlich mit Gewalt von ihr los, weil er fürchtete, Brigitten
ungeduldig zu machen. Mariane kam weinend zu ihr; sie habe, sagte sie, traurige
Dinge von ihrem Vater erfahren. - Siegwart schlich sich nach seiner Kammer. Die
ganze Nacht konnte er nicht schlafen. Unaufhörlich weinte er vor Zärtlichkeit
und Liebe, und ängstlicher dunkler Ahndung vor der Zukunft.
    Den andern Morgen sprach er mit Brigitten. Mariane ist sehr niedergeschlagen
und halb krank, sagte sie; er muss ihr traurige Dinge entdeckt haben. - Ja wohl
traurige, war seine Antwort; das arme Frauenzimmer leidet viel. Nur noch Einmal
machen Sie, dass ich sie sprechen kann! Bis dahin hoff ich, ihr angenehmere
Nachrichten geben zu können; und dann wollen wir suchen, diesen Aufentalt zu
verlassen. Er nahm sie bei der Hand, und blickte sie zärtlich an. Sie erwiederte
diese Blicke, und versprach, ihm noch einmal eine Unterredung mit Marianen zu
verschaffen. Er war nun voll froher Hoffnungen. Täglich erkundigte er sich nach
Marianens Gesundheit. Sie sei sehr schwächlich, war die gewöhnliche Antwort,
doch sei sie immer so gewesen. Brigitte lag ihm immer mehr an, Anstalten zu
ihrer Flucht zu machen. Er versprach ihrs zuverlässig, und sagte, er erwarte nur
noch eine Nachricht von Marianens Vater, und wenn er sie ihr gegeben habe, woll
er suchen, mit ihr zu entkommen. Er sei Marianen schuldig, sein Versprechen zu
halten, weil er sie als Kind noch gekannt, und viel Gutes von ihr genossen habe.
Durch diese List machte er Brigitten immer begieriger, ihm bald noch eine
Unterredung mit Marianen zu verschaffen, weil sie glaubte, nach derselben halt
ihn nichts mehr im Kloster zurück.
    Etlich Tage drauf kam er endlich einmal des Morgens mit Freuden zu
Brigitten, und sagte, nun hab er Nachricht für Marianen und zwar eine sehr
frohe; sie möchte nun machen, dass er sie auf den Abend sprechen könnte; und um
dem Mädchen alle ängstliche Unruhe zu benehmen, möchte sie ihr doch dieses
versiegelte Blatt worinn er ihr vorläufig Nachricht gebe, zustellen. Brigitte
nahm das Blatt in die Hand, versprach, es Marianen zuzustellen, und sie Abends
um 10 Uhr in den Garten zu bringen. Indem sie das Blatt noch in der Hand hielt,
kam die Aebtissin um die Ecke des Kreuzganges, wo sie standen, herum; Siegwart
lief erschrocken davon; Brigitte steckte das Blatt schnell ein, und sprach mit
der Aebtissin.
    Siegwart geriet in die schrecklichste Angst; er fürchtete, die Aebtissin
habe das Blatt gesehen, und sich zeigen lassen, und nun sei alles verraten. In
dem Blatt standen diese wenigen Worte:
    »Bald, bald kommt die Stunde der Erlösung. Diese Nacht, meine Teureste,
soll uns ewig vereinigen. Meine Hand zittert vor Erwartung. Brigitte bringt dich
um zehn Uhr an den bestimmten Ort. Verbirg deine Freude! Bitte Gott um Beistand
zur Erlösung! Verbrenne dieses Blatt!«
    Er dachte hin und her, was aus dieser Ueberraschung werden wollte? Alles
Schreckliche stellte sich seiner Seele vor. Er verwünschte den Augenblick, in
dem er diese Zeilen geschrieben hatte. Ein paarmal wollte er schon zur Aebtissin
eilen, ihr alles offenbaren, sich ihr zu Füssen werfen, und sie um Mitleid
anflehn. Aber dann dachte er wieder: Vielleicht stell ich mirs zu arg vor;
vielleicht hat die Aebtissin auf das Blatt nicht geachtet. In dieser
schrecklichen Unruhe ging er im dunkelsten Gang des Gartens hin und her, als er
Brigitten mit rotgeweinten Augen kommen sah. Er ging zitternd auf sie zu.
Gott, wie stehts? rief er, hat die Aebtissin es entdeckt? - Ach nein, sagte sie,
die Aebtissin hat nicht das geringste gemerkt; aber einen andern Schrecken hat
er mir gemacht. Was muss er doch Marianen geschrieben haben? Sie ward ohnmächtig,
als sie den Brief las, und ist jetzt noch sehr matt. Hätt ich mich doch niemals
damit eingelassen! Wären wir doch schon fortgegangen! Morgen, morgen! sagte
Siegwart hastig; aber kann denn Mariane auf den Abend doch kommen? Sie will,
antwortete Brigitte, wenn sie Kräfte genug hat. Halt er sich nur um zehn Uhr
gefasst! Aber aus unsrer Flucht wird nun wohl nichts werden. Ich beschwör ihn bei
der Mutter Gottes! dass er keiner Seele nichts entdeckt! Ich wär auf mein ganzes
Leben unglücklich. Siegwart suchte sie, wegen dieser Sache, soviel als möglich,
zu beruhigen, sie wollte sich aber keinen Mut einsprechen lassen, und bat ihn
nur, sie nicht zu verraten! Er schwur es ihr bei allen Heiligen, und bat sie
für Marianen Sorge zu tragen, und sie auf den Abend gewiss zu bringen!
    Er ging in noch grösserer Unruhe weg, und konnte sich ihr Betragen nicht
erklären. Doch machte er alle mögliche Anstalten, schrieb an Rotfels, dass er um
10 Uhr mit der Kutsche an der Gartenmauer warten soll, und ging in das
Wirtshaus im Dorf, um den Brief durch einen Knaben, den er schon öfters dazu
gebraucht hatte, nach Rotfels zu schicken. Zu gutem Glück traf er da Rotfels
alten Bedienten selbst an, der von Zeit zu Zeit an dem bestimmten Ort sah, ob
kein Brief da liege? Er nahm den Bedienten auf die Seite, und bat ihn, den Brief
sogleich seinem Herrn einzuliefern. Im Garten halte er schon seit ein paar Tagen
die Vorsicht gebraucht, an der Mauer, in dem Winkel, wo Mariane hinkam, hinter
alten Bretern eine Leiter zu verbergen. Er ging wieder ins Kloster, und sprach
gegen Abend Brigitten noch einmal. Sie weinte wieder, versicherte ihn aber doch,
dass es mit Marianen besser stehe, und dass sie um 10 Uhr in den Garten kommen
werde.
    Er lag in seiner Kammer auf den Knien, und bat Gott um Marianens Genesung,
und um seinen Beistand. Als es dunkel wurde, legte er die Leiter an die Mauer
an, und blieb in der unruhigsten Erwartung im Garten. Die Nacht war sehr dunkel,
stürmisch, und regnerisch. Um 9 Uhr sah er alle Lichter im Kloster auslöschen.
Um halb 10 Uhr hörte er ausserhalb der Mauer sich etwas bewegen. Er stieg auf
die Leiter, und sah aussen die Kutsche, und einen zu Pferd dabei, und auch
ausserhalb eine Leiter angelegt. Um 10 Uhr ging endlich die Klostertüre auf.
Sein Herz schlug ihm laut, er konnte sich nicht halten, und ging einige
Schritte weit vorwärts in den Garten. Eine Nonne kam heraus: er hielts für
Marianen und lief zitternd auf sie zu; aber es war Brigitte. Jesus, Maria! sagte
sie; eben liegt Mariane in den letzten Zügen; mach er, dass er fort kommt. - Gott
im Himmel! rief er aus. - Indem ward die Türe wieder geöfnet, und drei oder
vier Nonnen stürzten heraus. Er sprang, ohne dass ers wusste, fort, indem Brigitte
einen Schrei tat. Wie der Wind flog er die Leiter hinauf, warf sie mit dem Fuss
um, und die Leiter auf der Aussenseite hinab. Fort, fort! rief er, sie ist todt!
Zween Bedienten nahmen ihn in den Arm, schmissen die Leiter um, und schieppten
ihn in den Wagen. Kommt nichts mehr? sagte der Mann zu Pferd. Nein, rief
Siegwart, fort, fort! Indem flog der Wagen, wie der Wind davon. Siegwart lag
ohnmächtig drinnen. Sie waren eine Stunde weit gefahren, als der Mann vom Pferd
abstieg, einen Bedienten drauf sitzen liess, und sich in den Wagen setzte. Es war
Rotfels. Siegwart war wieder etwas zu sich selbst gekommen. Wo ist denn
Mariane? fragte Rotfels. - Todt, todt! versetzte Siegwart. - Fahrt nach
Steinfeld! rief Rotfels zum Kutscher; so schnell, als ihr könnt! Der Wagen fuhr
über das Feld hin nach der Landstrasse.
    Gegen zwei Uhr morgens kamen sie in Steinfeld an, ohne dass Siegwart über
zwanzig Worte mit Rotfels gesprochen hatte. Man weckte den Bedienten, der unten
schlief, mit so wenig Lärm, als möglich; so, dass Kronhelm und Terese nicht
aufgeweckt wurden. Man legte unsern Siegwart in ein Bette, wo er in einer Art
von Schlummer bis gegen Morgen halb sinnlos lag. Bei Anbruch des Tages erwachte
er; nun sah er erst, dass er in Steinfeld war; alles übrige, was sich die
vergangne Nacht mit ihm zugetragen hatte, kam ihm noch wie ein Traum vor. Nach
und nach kam zu seiner Qual alles in sein Gedächtnis wieder zurück, und er
fühlte nun die Gewissheit und die Grösse seines Verlustes nur zu lebhaft. Der
Gedanke, an den Tod seiner Mariane fuhr wie ein Blitz durch seine Seele, und er
stürzte sich auf seine Knie und rief, indem ihm dicke Tränen aus den Augen
schossen: Heiliger Gott, du hast sie mir genommen! Nur noch Einen Wunsch hab ich
auf Erben: Lass mich sterben! Heilige Mutter Gottes, bitt für mich, und lass mich
sterben! - Ach Mariane, Mariane, tiefer, indem er aufsprang, und die Hände rang.
Ach Vollendete, diese erste Träne widm' ich dir. Bald wird auch die Aetzte
rinnen. - Noch vor wenig Tagen.. ach du Heilige.. vor wenig Tagen lagst du mir
am Herzen.. und nun bist du todt, todt, todt! - - Trostlos ging er nun aufs neu
umher; warf sich wieder auf die Erde, betete still, doch so, dass die Lippen
sich bewegten; und, nachdem er ausgeweint hatte, sank er in einen Gessel, und
fiel in eine Art von Betäubung..
    Kronhelm, der von Rotfels schon vorbereitet war, trat nach einer Stunde
leise in sein Zimmer. Siegwart sah ihn ein paar Sekunden stier an, fuhr auf,
ging eilig auf ihn zu, drückte ihn fest ans Herz, und rief mit grosser
Heftigkeit: Bruder, Bruder! Kronhelm konnte lange nichts sprechen, und führte
ihn wieder nach dem Stuhl. Endlich sagte er: Ich bedaure dich unendlich. Gott,
was ist das für ein Schicksal! Siegwart sich seinen Schwager lang unbeweglich
an. Endlich schossen ihm die Tränen in die Augen; er stand auf, und verbarg
sein Gesicht an Kronhelms Busen. Bruder, sagte er, hast du Trauerkleider? Ich
bitte dich, leih sie mir! - Kronhelm liess sie ihm, nach langem Weigern, bringen.
Siegwart zog sich ganz schwarz an, und verlangte, seine Schwester zu sprechen.
Kronhelm sagte, sie schlafe noch; als aber Siegwart sich nicht abhalten lassen
wollte so sprang er voran, um seine Frau auf die traurige Nachricht
vorzubereiten. Terese war eben aufgestanden, und ihr Bruder trat ins Zimmer. Er
umarmte sie, sprach kein Wort, und weinte bitterlich. Terese konnte vor Tränen
auch nicht sprechen. Endlich erzählte er in wenig Worten seine ganze traurige
Geschichte, und versank wieder in Stillschweigen, und anscheinende
Gefühllosigkeit.
    Im ganzen Schloss war eine allgemeine Trauer, weil Kronhelm und Terese
traurig waren. Rotfels hatte noch die Vorsicht gebraucht, Kronhelms Bedienten,
Marx, nach Marienfeld zu schicken, und sich heimlich zu erkundigen, ob eine
junge Nonne im Kloster gestorben sei? Er kam den andern Tag mit der Nachricht
wieder: Eine junge Nonne sei gestorben, und die Schwester Brigitte sei - man
wisse nicht warum? - ihres Dienstes entsetzt, und eingeschlossen worden. Man
erzählte dieses unserm Siegwart nicht, um nicht seinen Schmerz aufs neu rege zu
machen. Er fragte auch nicht darnach, weil er Marianen schon gewiss für todt
hielt.
    Kein Mensch wagte es, den niedergedrückten Siegwart zu trösten; denn für ihn
war kein Trost auf Erden mehr. Mann konnte auch fast gar nichts mit ihm
sprechen, weil er von zehn Fragen kaum Eine beantwortete. Er sah immer seine
Trauerkleider an, und weinte. Am dritten Morgen suchte er seine Briefschaften
sehr sorgfältig durch, verbrannte alle seine Papiere, und band bloss die Briefe
von Marianen mit einem perlenfarbnen Band zusammen, das sie ihm einmal geschenkt
hatte; auch legte er das Sückchen Tafft dazu, das sie ihm einmal gegeben hatte,
seinen Finger zu verbinden. Ihren Ring trug er am Finger.
    Hierauf ging er zu Kronhelm, und sagte: Hast du Briefe von - -? Kann ich
nun ins Kloster? Kronhelm, der indessen Briefe bekommen hatte, wagte es nicht,
ein Wort zu sagen, um ihn von seinem Entschluss abzubringen, und sagte: Ja, ich
habe Briefe vom Pater Guardian; man erwartet dich. Hier ist auch ein Brief vom
Pater Anton. Siegwart brach ihn auf, las ihn hastig durch, weinte heftig, und
drückte ihn mit den Worten an den Mund: O du Heiliger, wie bin ich solcher Liebe
wert? - Nach einer Pause wendete er sich zu Kronhelm: Willst du mir morgen
deinen Wagen nach dem Kloster leihen? - Schon so früh? fragte Kronhelm. Ach
Geliebter, war die Antwort; hab ich doch genug in dieser Welt gelebt. -
    Kronhelm sagte Teresen, dass ihr Bruder morgen schon ins Kloster wollte. Sie
weinte, aber sie wagte es auch nicht, ihrem Bruder abzuraten. Also machte man
die traurige Anstalt zu seiner Abreise. Siegwart bat sich von Kronhelm als die
letzte Gabe die Trauerkleider aus, die er hatte. Kronhelm konnte ihm vor Tränen
nicht antworten. Er, seine Frau, ihr Bruder, und Rotfels fassen den letzten
traurigen Abend beisammen. Keines konnte sprechen; endlich fieng Siegwart, sehr
gerührt, selber also an: Meine Lieben! Weinet nicht zu sehr! Bald hats ein Ende.
Kronhelm, du hast viel gelitten, und auch du, Terese; und doch nahms ein Ende.
Und doch seid ihr noch so fern vom Grab, wo alles Leiden aufhört, und ich bin
ihm schon so nah. Hat doch Mariane ausgelitten; warum sollt ich nun nicht alles
tragen? Damals wars noch schwer, als ich mit ihr trug, und sie mit mir, aber nun
... ist alles leicht ..... Ach, dass ich euch trösten muss! Ihr verliert nur mich,
und Ich habe sie verloren.. Lieben Freunde, ihr habt viel getan an mir.. und
besonders Sie, mein Rotfels, in den letzten Tagen. Gott vergelts Euch! ... wärs
auf Euch angekommen, ich wäre glücklich. Gott hats anders gewollt, und ich murre
nicht. Ist sie doch in der Hand des Allmächtigen, und wird mir bald entgegen
kommen.. Darum tröstet Euch! Ich werde glücklich.. Glaubet mir, im Himmel werd
ich ihr erzählen, was ihr an mir tatet. Gott wirds segnen. Ich kann nichts
vergelten. Diese kurze Zeit noch, dass ich lebe, will ich für Euch beten. -..
Warum weinest du, mein Kronhelm, und du, meine Schwester? Soll ich mit euch
weinen? Ja, ihr wart mir lieb und teuer; ach, ihr wisst es selbst, wie mein
Leben euch zu Dienste stand! ... Aber nun ists aus; nun gehör ich Gott.. und
meinem Engel.. und es wird bald ausgeweint sein ... - Hier konnt er vor
Schluchzen nicht weiter reden. Allen wars, als ob das Herz ihnen bersten
wollte.. Siegwart nahm ein Glas mit Wein, und sagte: Seht! meine Tränen
fliessen in den Wein. Es sind Tränen der Freundschaft, der Trennung und des
Danks. Jedes trink' und wein' in das Glas! Trink, mein Kronhelm, und du, meine
Schwester, und du, mein Rotfels! ... Gebt nun mir das Glas, und lasst michs
vollends leeren!.. Und nun gebt mirs mit, dass es mir heilig sei, bis an mein
Ende! ... O, Gott segn euch, meine Lieben, für die vielen Tränen!.. Kronhelm,
du begleitest mich, das weis ich.. Und dich, meine Schwester, seh ich wieder. Du
besuchst mich, wenn du stärker bist: und auch meinen Rotfels seh ich wieder.
Vielleicht zieht sich noch mein Leben ein paar Jahre hin. Ich bin nah bei euch,
und seh euch wieder ... Darum weint jetzt nicht so sehr!.. Terese, morgen küss'
ich noch einmal dein Kind, wenn es schläft. Allen Segen des Himmels will ich ihm
erflehen ... Ich bitte dich, sieh mich morgen nicht mehr! Du bist schwach und
ich muss stark sein, denn ich geh ja ein ins Land der Ruhe. -
    Terese versprach, ihn Morgen nicht zu sehen. Er drückte sie mit Schluchzen
an sein Herz. Beide konnten nicht sprechen.
    Den andern Morgen um vier Uhr ging Siegwart in das Zimmer, wo Teresens
Kind schlief. Er küsste den kleinen Engel, und musste weggehn, um das Kind durch
sein Schluchzen nicht zu wekken. Gott, rief er aus, wie ruhig schläft es! warum
können wir nicht Kinder bleiben? - Hierauf setzte er sich mit Kronhelm in den
Wagen, und fuhr weg. Sein übriges Vermögen, was er nicht ins Kloster mitnahm,
vermachte er seiner Schwester Salome die hm tausend Tränen nachweinte. Rotfels
blieb zurück, um Teresen zu trösten.
    Er war im Wagen ruhiger und stärker, als man erwarten konnte. Der Gedanke
ans Kloster war etwas Neues, und beschäftigte seine Seele; auch der Gedanke an
den nahen Tod tröstete ihn. Seine Seele ward stärker, je schwächer er seinen
Körper fühlte.
    Kronhelm riet ihm, seine Geschichte sorgfältig zu verbergen, weil sie ihm
im Kloster schaden könnte. Siegwart versprachs; nur meinem lieben Pater Anton,
sagt' er, kann ich nichts verhelen. Er soll der Vertraute meines Jammers sein,
bis das Grab mich einschlieft.
    Den Nachmittag kamen sie im Kloster an. Kronhelm liess dem Guardian durch den
Torwart seine, und seines Schwagers Ankunft meiden. Der Guardian empfieng sie
mit der grösten Freundschaft, und erinnerte sich unsers Siegwarts wieder mit
Vergnügen. Wir dachten schon, sagte er, Sie hätten uns vergessen, weil uns Pater
Philipp keine Nachricht mehr von Ihnen geben konnte. Beim Namen: Pater Philipp
fieng unserm Siegwart das Herz an, zu schlagen; denn er hatte wirklich bei den
mancherlei Zerstreuungen, und den vielen Leiden der Liebe, schon seit langer
Zeit kaum an Pater Philipp gedacht, geschweige denn an ihn geschrieben. Weil
Kronhelm sah, dass diese Anrede seinen Schwager in Verlegenheit setzte, so nahm
er an seiner Statt das Wort, und sagte: Siegwart habe eine Zeiter viel geutten;
aber doch sei ihm das Kloster niemals aus dem Sinn gekommen, ob er gleich nicht
im Stand gewesen sei, dem Pater Philipp Nachricht von sich zu gehen.
    Sie waren kaum etliche Minuten da, so kam der redliche Pater Anton, der von,
Siegwarts Ankunft gehöret hatte, ins Zimmer. Siegwart flog ihm entgegen und in
seinen Arm. Mein Vater! Mein Sohn! riefen sie zu gleicher Zeit aus, und weinten.
    Der Pater Guardian fragte hierauf unsern Siegwart, ob er nun im Ernst
gesonnen sei, ins Kloster zu treten! und auf seine Bejahung liess er ihm seinen
Aufentalt bei zwei andern Novizien anweisen. Kronhelm blieb noch denselben Tag
da, und schlief draussen vor dem Kloster bei dem Klosteramtmann. Nachdem er mit
dem Guardian wegen des Geldes, das Siegwart mit ins Kloster bringen sollte,
alles in Richtigkeit gebracht hatte, so ging er am Abend mit dem Pater Anton
und seinem Schwager im Klostergarten spazieren. Diesem kamen alle die
Empfindungen wieder ins Gedächtnis, die er ehemals in seiner glücklichern Jugend
hier gehabt hatte. Er erinnerte sich seines seligen Vaters, mit dem er das
erstemal hier gewesen war, und des verstorbnen rechtschaffnen Pater Gregors.
Gott, wie war jezt alles ganz anders! Es war ihm nicht möglich, ein Wort
vorzubringen; er konnte nichts als schluchzen. Der Schmerz und die gewaltige
Bewegung drückten ihn fast zu Boden. Pater Anton und sein Kronhelm, zwischen
welchen er ging, konnten auch nichts sprechen; Anton, vor grosser Freude, weil
er seinen lieben jungen Freund wieder sah; Kronhelm, weil er seinen Schwager,
seinen innigsten und treusten Freund, hier in seinem trostlosen Jammer allein
zurücklassen sollte.
    Kronhelm kam den andern Morgen zu seinem Siegwart, um Abschied von ihm zu
nehmen. Lange stund er bei ihm, und konnte doch kein Wort sagen. Oft wollte er
anfangen, aber die Worte starben ihm auf der Zunge. Endlich fieng Siegwart
selber an: Unsre Terese wird wohl auf dich warten. Gib ihr diesen Kuss in meinem
Namen? Bruder, du bedaurst mich; aber komm ich doch dem Grabe immer näher. Ist
doch schon das Kloster ein Grab auf der Welt für die Lebendigen ... Leb wohl,
hab Dank für alle Liebe! ... Hier erstickten Tränen seine Reden. Kronhelm fiel
ihm um den Hals. Leb ewig wohl! sagte er, besuch uns! Gott stärke dich! ... Er
riss sich von ihm los, und wollte allein wegeilen. Aber Siegwart folgte ihm nach
bis an den Kutschenschlag. Sie umarmten sich; Kronhelm stieg ein, zog das
Kutschenglas auf, und fuhr weg.
    Nun eilte Siegwart auf die Zelle seines lieben Pater Anton, und liess seinem
Schmerz und seinen Tränen freien Lauf. Anton liess ihn ausweinen, und versuchte
es nicht, ihn zu trösten. - Verzeihen Sie, sagte Siegwart, ich weine nicht um
die Welt; sie hat keine Freuden mehr für mich. Ich habe viel gelitten, teurer
Vater! ach, unaussprechlich viel. Sie sollen alles wissen, aber jetzt nicht!
Jetzt kann ich nichts, als weinen. - Getrost, mein Sohn! sagte Pater Anton; Du
sollst Ruhe finden! Ich hab auch viel gelitten. Will dirs auch erzählen. Du
sollst viel aus meiner Geschichte lernen. Sie ist auch traurig; aber fremde
Leiden sind ein Trost für den Unglücklichen. Ich hab endlich Ruh gefunden; Gott
gebe sie dir auch!
    Siegwart ging auf seine Zelle, stützte sich auf seine Hand, und dachte nun
zum erstenmal wieder an seine Mariane. Er sah alles in der Zelle an. Gott!
dachte er, in einem solchen engen, trüben Aufentalt hat mein Engel, die
Vollendete, geduldet und ausgerungen. Gott! um meinetwillen! - Gern will ich
auch alles dulden. Hier auf diesem Bette soll mein Geist den letzten Kampf
kämpfen, und sich dann, aus dieser Zelle, aufschwingen, und auf ewig bei ihr
sein ... Ewig, Ewig..! O! was sind die Leiden dieser Zeit: Heilige, gern will
ich dulden; denn ich soll ja ewig, ewig, bei dir sein! - So schwärmte er sich in
überirrdische Empfindungen hinein, und vergass Welt, und alles um sich her.
    Der Guardian und die andern Paters begegneten ihm mit Freundschaft und
Liebe, und unterschieden ihn da er mehr Vermögen mit ins Kloster brachte, sehr
von den beiden andern, die mit ihm das Noviziat antreten sollten. Der Eine,
Bruder Porphyr, war ein feuriger, oft ausgelassener Jüngling, der eher zum
Herrschen, als zum Gehorchen geboren war, und besser einen Officier, als einen
stillen und geduldigen Mönch abgegeben hätte. Aber sein Vater hatte mehrere
Kinder und ein mässiges Vermögen. Also hielt ers für ein Glück, dass sein Sohn
hier eine Versorgung finden sollte. - Der andre Bruder Isidor, war ein dummer,
schläfriger Mensch, der sein Leben so hinträumte, ohne viel dabei zu denken.
Seine Mutter, ein bigottes Weib, hatte ihn, weil sie bei seiner Geburt fast
starb, von Jugend auf zum Mönch bestimmt, und ihm schon, als Knaben, eine
Kapuzinerkutte angelegt. Fragte man den Knaben, was er werden wollte? so sagte
er: ein geistlicher Herr. Die Mutter sagte ihm, im Kloster könn er ohne viele
Müh ein Heiliger werden; und dem Knaben war alles recht, was nicht viele Mühe
kostete. Der Beichtvater seiner Mutter, ein Kapuziner, kam oft in sein Haus.
Sein dicker Bauch gefiel ihm, und seine Erzählungen von der Ruh im Kloster
wurden von dem Knaben begierig angehört. Man tat ihn auf die Schule; er lernte
da so wenig, als er brauchte; auf der Universität in Dillingen trank er sein
Glas Bier in Ruhe, und ging nun, als er alt genug war, ins Kloster.
    Keiner von beiden war für unsern Siegwart geschaffen. Bruder Porphyr wollte
immer nur lustige Universitätsstückchen von ihm wissen, und war ihm mit
Erzählungen seiner Streiche, die er in der Welt getrieben hatte, lästig. Wenn
Siegwart in tiefer Melancholie da sass, und mit seiner Seele ganz bei Marianen
war, so rüttelte er ihn, und wollte ihn durch Spass munter machen; und einem
Traurigen ist nichts widriger, als eine unzeitige Lustigkeit. - Isidor sprach
gar nichts, schlief gröstenteils, oder sass untätig und gedankenlos da, und
nahm an gar nichts Anteil. Siegwart nahm also seine Zuflucht zur einsamen
Andacht, der er, so lang die Witterung noch gelind war, in einer Grotte im
Garten pflegte; oder er schrieb kurze Aussatze, die an Gott oder Marianen
gerichtet waren; oder er sass bei seinem lieben Pater Anton auf der Zelle. Gleich
in den ersten Tagen erzählte er ihm, mit tausend Tränen, und aufs
unparteiischste seine Geschichte. Der alte Mann, der der Welt schon ganz
abgestorben war, wurde oft im Innersten dabei bewegt, und nahm an Marianens und
an seines jungen Freundes Schicksal soviel Anteil, als ein Jüngling. Er war
offenherzig genug unserm Siegwart verschiedne Abende nach einander seine ganze
Geschichte, die oft sehr traurig war, zu erzählen, und ihm auch die Verirrungen,
in die er sich verwickelt hatte, nicht zu verschweigen. Unser Siegwart hörte ihm
mit tiefer Rührung zu; oft vergass er dabei seiner eignen Unglücksfälle; oft aber
ward er wieder durch die entfernteste nur anscheinende Aehnlichkeit aufs
lebhafteste an seine eignen Schicksale erinnert, so dass Anton manche
Viertelstunde in der Erzählung inne hielt, und mit ihm weinte.
    Siegwart konnte nicht begreifen, wie ein Mann, der soviel ausgestanden
hatte, wie Pater Anton, mit seinem empfindungsvollen, tieffühlenden Herzen nicht
nur solche Leiden überleben, sondern wieder zu einer solchen Ruh gelangen
könnte; er äusserte auch seine Verwunderung darüber, und glaubte, ihm würde
dieses nicht möglich sein. Lieber Xaver, sagte Anton, ich habs auch nicht
geglaubt, als der Schmerz noch neu in meiner Seele, und ich noch ein Jüngling
war. In der Jugend fühlt man alles noch so stark, und traut sich auf der einen
Seite zu wenig, und auf der andern zu viel zu. Leiden glaubt man nicht tragen zu
können. Jede Leidenschaft, glaubt man, müsse diesen Körper gleich zertrümmern;
aber in der Jugend kann der Körper weit mehr tragen, als im Alter. Drum gab
Gott, dem das Leben eines Menschen teuer ist, uns gewöhnlich nur so lang starke
Leidenschaften, als der Körper stark genug ist, ihre Erschütterungen zu tragen.
Mit dem Wachstum der Jahre nehmen sie ab, und die Reizbarkeit der Empfindung
auch. Siehst du, Freund, so wird der Alte ruhig, in dessen Brust es vorher noch
so sehr gestürmt hat. Die Jugend half ihm die Stürme aushalten, und nach dem
Sturm kommt Ruhe. Also ist sie sehr natürlich, ob es gleich auch eine künstliche
Ruhe gibt, die von guten Grundsätzen, von Erfahrung, Philosophie, und Anwendung
der Religion erzeugt wird. Der Welt wäre schlecht geholfen, wenn Unglück des
Herzens jeden Jüngling sogleich tödtete; denn mehrenteils sind die Jünglinge,
die tief empfinden, deren gröstes Unglück ihr zu fühlendes Herz ist, die
edelsten, die der Welt am meisten dienen können. Du bist also dich der Welt noch
schuldig, und must auf deine Selbsterhaltung denken! Ich weiss wohl, dass der
Wunsch nach dem Tod, und das heisst Sehnen darnach, dir, und dem Jüngling
überhaupt sehr natürlich ist. Der Jüngling liebt alles Neue, Ungewöhnliche und
Feierliche, und was ist feierlicher als der Uebergang aus diesem Leben in ein
anderes, uns so wenig Bekanntes! Der öftere Gedanke an den Tod wird uns zuletzt
gewöhnlich; das Lachende verliert sich, und wir sehn den Tod als ein Beingerippe
an, vor dem man sich destomehr entsetzt, je näher man ihm kommt. - Ich gestehs,
du hast viel ausgestanden; Marianens Verlust muss dir unaussprechlich
schmerzlich, und der Gedanke, wieder mit ihr vereiniget zu werden, muss dir der
süsseste sein; aber, lieber Freund, zu sehr und zu lebhaft must du ihm nicht
nachhängen! Denn darüber würdest du unbrauchbar für die Welt und für das
Kloster, in dem du jetzt doch ein Mitglied werden willst. Du würdest nach und
nach deine Gesundheit und dein Leben schwächen, über das du doch nicht soviel
Gewalt hast, dass du es ablegen kannst, wann du willst. Glaub nicht, dass für dich
kein Glück und keine Ruhe mehr auf Erden ist! Gott, der dieses dir genommen hat,
kann dirs wieder geben, und aus Erfüllung unsrer Pflichten fliesst die meiste
Ruhe.
    Siegwart weinte, und versprach, seinen Verdruss des Lebens, wo möglich, zu
besiegen, wenigstens nichts vorzunehmen, was seinen Tod beschleunigen könnte. Er
sprach jetzt weniger vom Tode, wenn er bei seinem lieben Pater Anton war. Er sah
wohl ein, dass er schuldig sei, für seine Erhaltung zu sorgen, und sich nicht
dadurch zu schwächen, dass er seinem Gram beständig nachhieng. Aber doch betäubte
sein Gefühl gewöhnlich seine Ueberzeugung; er konnte sich, zumal wenn er allein
war, selten aus seiner Melancholie herausreissen; oft dachte er halbe Nächte
durch an seine Mariane; sie schien ihm wachend und im Schlummer zu winken, und
dann bemächtigte sich seiner ein ungeduldiges Sehnen nach dem Tod; er bat Gott
darum mit lautem Weinen; und dann machte er sich selber wieder Vorwürfe, und
bat Gott seinen Fehler ab.
    Nach drei Wochen, die er nun im Kloster zugebracht hatte, ward ihm vor dem
Altar die Kleidung angelegt. Sein schwarzes Kleid, das er in der Kirche ablegte,
ward mit einer braunen Kutte vertauscht, und das Noviziat fieng sich an. Er
bekam den Klosternamen Georg. Er musste nun alle die Geschäfte und Uebungen des
Gehorsams antreten, die ein Neuangehender im Probejahr auszuhalten hat. Der
damalige Novizmeister war ein strenger und wunderlicher Mann, der den Novizien
oft lächerliche Uebungen auflegte. So mussten sie, zur Uebung im Gehorsam, Holz
aus der Holzkammer holen, und wenn sie ziemlich viel geholt hatten, mussten sie
es wieder zurücktragen. Es ward ihnen warmes Essen vorgesetzt, und wenn sie eben
essen wollten, ward es wieder weggenommen, und sie mussten trocknes Brod essen.
In der Bibliotek mussten sie im kalten Winter die Böcher aus einem Schrank in
den andern setzen, und dann wieder zurück in den vorigen Schrank tragen; kurz:
immer Arbeiten ohne Zweck verrichten.
    Dem Bruder Porphyr gefiel dieses sehr übel. Er beklagte sich oft darüber
gegen unsern Siegwart, und sagte, dass er dieses nicht aushalte, und in einem
halben Jahre geh er wieder aus dem Kloster. Er wolle lieber jeden andern Stand,
als diesen Sklavenstand erwählen, da er bloss allein von dem Eigensinn und den
Grillen eines närrischen Novizmeisters abhänge. Siegwart aber ertrug sein Loos,
mit Gelassenheit, ob er wohl sonst frei genug dachte. Er glaubte, diese
Unterwerfung Gott schuldig zu sein, und dieses Schicksal verdient zu haben; denn
bei seinen beständigen Andachtsübungen, und in der fortdauernden Einsamkeit
bekam seine lebhafte Einbildungskraft wieder einen neuen Schwung, und lenkte
sich auf die Seite der Andächtigen, wohlgemeinten Schwärmerei. Es stiegen ihm
allmählich verschiedne Zweifel und Gewissensscrupel wegen seines vorigen Lebens
auf da er sich Gott schon einmal gewidmet hatte, und sich nun durch die Liebe zu
Marianen wieder von ihm ab, und zur Weltliebe hatte verleiten lassen; da er
sogar auf den Vorsatz gefallen war, Gott und der Kirche eine Braut zu entziehen.
Diese Vorstellungen machten ihn ängstlich, und brachten eine neue Art von
Melancholie in ihm hervor, die noch tiefer, als die vorige, sich in seine Seele
eingrub. Er machte sich nun ein Gewissen und sogar ein Verbrechen daraus, an
seine Mariane zu denken, die ihm doch unwillkührlich und beständig vor der Seele
schwebte. Verschiedne Aufsätze, die er hinterlassen hatte, zeugen von diesem
neuen und schrecklichen Kampf seiner Seele, unter dem er fast erlag, und unter
welchem seine Gesundheit sehr litt. Er hatte nicht einmal das Herz, seinem P.
Anton etwas davon zu entdecken. Er glaubte nun dafür büssen zu müssen, und trug
alle Proben des Gehorsams, die ihm der Novizmeister auflegte, mit Gelassenheit
und Stille. Die Klagen des Bruder Porphyrs suchte er zu widerlegen, und gab sich
Mühe, ihn zu bekehren, und in ihm den Entschluss hervorzubringen, vom Kloster
nicht abtrünnig zu werden. Aber seine Vorstellungen halfen nichts bei dem
ziemlich leichtsinnigen Porphyr.
    Er wendete sich also mit seinen Bemühungen an den schläfrigen Bruder Isidor,
der sich auch oft über die vielen Arbeiten und Beschwerlichkeiten beklagte.
Seine geistliche Vorstellungen halfen bei diesem wenig; aber desto mehr die
Winke, die er ihm gab, dass diese Probe ja nur ein Jahr daure, und dass dann Ruhe
und Bequemlichkeit nachfolge; er dürfe nur die Paters ansehen, welch ein ruhiges
Leben diese führten. Dieses gefiel dem phlegmatischen Isidor; er schielte bei
seinen Arbeiten immer auf die andern Paters, die in Ruh und gröstenteils in
Faulheit und Untätigkeit ihr Leben hinbrachten. Er sehnte sich also nach dem
Ende dieses Probejahrs, um dann ausruhen, und als Pater sein Leben in ewiger
Untätigkeit hinbringen zu können. In dieser Hoffnung versprach er unserm
Siegwart, das Probejahr auszuhalten und im Kloster zu bleiben. Darüber
triumphirte Siegwart bei sich selbst, und hielt es für eine Frucht seiner
frommen Vorstellungen, so dass er glaubte, durch diese Bekehrung ein grosses
gutes Werk getan zu haben.
    Die Pönitenzen oder Bussübungen waren auch sehr streng, besonders das Fasten
und das Geisseln. Die Paters mussten oft bei Nacht in ein dunkles Gewölbe gehen,
und sich mit den Stricken, die sie an sich hängen hatten, auf den blossen Rücken
geisseln. Das Schlagen gab ein Getöse, dass das ganze Gewölbe wiederhallte. Unser
gewissenhafter Siegwart schlug sich allemal blutrünstig, so dass er eine Menge
Bluts verlohr. Darunter litt seine Gesundheit, bei dem ohnedies immer nagenden
Seelenkummer, noch mehr. Seine Gesichtsfarbe verlohr sich völlig, und seine
Kräfte nahmen zusehends ab. Umsonst warnte ihn P. Anton, sich zu schonen, und
gegen seinen eignen Körper nicht mehr, als nötig wäre, zu wüten. Bruder Porphyr
lachte ihn oft aus, denn er hatte gemerkt, dass sich die Paters entweder bloss mit
der Hand auf den Rücken, oder mit den Stricken bloss an die Säulen, oder an die
Wand schlugen. Diese List machte er nach, und riet unserm Siegwart an, es auch
nachzumachen. Dieser hielt aber seinen Rat für gottlos, und betrübte sich über
seinen Leichtsinn. Isidor hingegen war das eine angenehme Entdeckung, die er
sich sehr zu Nutze machte.
    Siegwart sah nun auch ein, dass das Klosterleben - wie das meiste auf der
Welt - von aussen schön glänzt, wenn mans aber genauer kennen lernt, tausend
Mängel und Unvollkommenheiten hat; er sah täglich mehr den innern Krieg, den
Neid, und die Misgunst, die unter den Paters gewöhnlich herrscht. Er sah, dass
fast keiner ein aufrichtiger Freund des andern, und dass das Kloster ein
Sammelplatz fast aller hässlichen menschlichen Leidenschaften ist. Fast alle Tage
gab es Zank, und Sticheleien, und Verhetzungen. Er betrübte sich heimlich
darüber, hielt sich aber desto mehr verbunden, sich von diesen Schlacken rein zu
halten, und sein Herz unter den Unheiligen Gott zu widmen und zu heiligen.
    Den meisten Kummer aber, der am schmerzlichsten heimlich an seiner Seele
nagte, machte ihm, dass er, zumal an den trüben, einsamen Wintertagen, so
untätig in seiner Zelle sitzen musste, ohne in einem nützlichen und vernünftigen
Buche lesen zu dürfen; denn die Bibliotek entielt fast gröstenteils Legenden,
und er durfte noch dazu nur die Bücher lesen, die ihm der Novizmeister gab, und
die sehr schlecht gewählt waren. Seine Dichter, und überhaupt kein Buch hatte er
mit ins Kloster bringen dürfen. Jedes Buch, das ins Kloster kam, wurde erst
visitirt, und unter diesen durfte nie kein Dichter, am wenigsten ein
protestantischer Schriftsteller sein. Tausendmal sehnte er sich nach seinem
lieben Klopstock, zu dem er sonst in Freud und Leid seine Zuflucht genommen
hatte. Auch schmachtete er oft, wenn seine Seele trüb und wehmütig war, umsonst
nach seiner treuen Freundin, der Musik, um seinen Schmerz auf der Violine
weinen, oder toben, oder auf der sanften Flöte schmachten zu lassen. Denn im
Kloster durfte man keinen Laut von einem Instrument hören lassen. Seine einzige
Beschäftigung war, die Stellen, die ihm aus Haller, Kleist, und Klopstock im
Gedächtnis geblieben waren, und kleine Aufsätze an Gott und Marianen, und
besonders eine ziemliche Anzahl melancholischer, elegischer Gedichte, die seine
ganze Geschichte und den Zustand seines Herzens schilderten, niederzuschreiben.
    Pater Anton sah den guten Jüngling schmachten, und sichtbar nach und nach
dahin sterben, ohne ihn trösten zu können. Er litt mit ihm, und oft sassen sie
ganze Stunden beisammen, sahen sich wehmütig und schmachtend an, und fühlten
jeden Augenblick der Zeit, wie er trüb und freudenleer dahin schlich.
    Im Frühjahr nahm ihn Pater Anton gewöhnlich auf dir benachbarten Dörfer mit,
wo er Allmosen einsammelte, predigte, und dem Bauervolk in geistlichen und
weltlichen Anliegen guten Rat erteilte. Unser Siegwart war bei den Bauern sehr
beliebt, weil er sie auch auf eine rührende und eindringende Art zur Frömmigkeit
ermahnte. Sie nannten ihn in der ganzen Gegend den schwermütigen Bruder Georg.
Aber die Liebe dieser guten Leute war nicht im Stande, einen Stral von
Heiterkeit und Ruhe in sein trübes Herz zu giessen. Fast alles liess ihn kalt;
auch sogar der Frühling, und die wieder auflebende Natur, die sein Herz sonst
immer mit neuer Wonne angefrischt hatte. Statt der Freude, die der Frühling
jeder jugendlichen Seele, auch sogar dem Alter bringt, brachte er ihm nichts als
Seufzer, ängstliches Schmachten, und wehmütige Wiedererinnerung an den
verblühten Frühling seines Lebens, und die ehemaligen Freuden und süssen
Schmerzen seiner unglücklichen Liebe. Er ging kalt und fühllos, oder weinend
auf beblümten Wiesen und zwischen blühenden Fruchtbäumen hin; die Nachtigall
sang ihm Grablieder; er sah aus den Blüten Tod hervorkeimen, wenn er ihre
kleinen Blätter, vom Wind abgeschüttelt, haufenweise, wie Schnee herabsinken
sah; er legte sich unter die Kuschbäume, liess von den Blüten sich bedecken, und
dachte: stürb' ich doch auch mit ihnen! Wenn er auf der Wiese einen Haufen
Blumen bei einander stehen sah, so erhub sich ein Sehnen in seiner Brust, unter
die Blumen sich zu legen, und zu sterben. Sein Blick war immer mehr zum Himmel
gekehrt, als auf die Erde; wenn er hörte, dass ein Mensch gestorben sei, so pries
er ihn glücklich, und wünschte sich an seine Stelle. Wenn ihn Pater Anton Abends
nicht im Garten antraf, so suchte er ihn aus dem Gottesacker, wo er ihn
gewöhnlich auf dem Grab des P. Gregors fand. Er fühlte, dass ihn der innerliche
Gram, das viele Fasten, und das strenge Geisseln nach und nach abzehrten und
entkräfteten, und fühlte es gern. Wenn der Schlaf, das Bild des Todes kam, so
flehte er zu Gott, ihn bald in den ewigen Schlummer einzuwiegen, aus dem kein
Aufstehn mehr zu Schmerz und Tränen sein wird. -
    Als ein halbes Jahr um war, ging Bruder Porphyr wieder aus dem Kloster. Man
liess ihn gern gehn, weil er allerlei schlechte und mutwillige Streiche gemacht
hatte. Als man aber unsern Siegwart fragte, ob er bleiben wollte? so sagte er
mit Freuden Ja, ohngeachtet ihn der Novizmeister so hart hielt.
    Kronhelm besuchte seinen lieben Siegwart ein paarmal im Kloster. Er
erschrack, als er ihn so blass und abgezehrt fand. Er wendete alle Mühe an, ihn
zu überreden, das Kloster wieder zu verlassen, und sich nicht selbst ins Grab zu
bringen; aber alle seine Zärtlichkeit und Liebe war vergeblich angewendet.
Siegwart hätte es für einen Kuchenraub gehalten, wenn er hätte wieder in die
Welt zurück kehren wollen. Die Furcht seines Kronhelms, dass er bald sterben
möchte, schmeichelte ihm, und er hörte von nichts lieber reden, als von seinem
Tode. Einmal bekam er auch die Erlaubnis, seine Schwester Terese zu besuchen.
Diese, so glücklich sie auch in der Liebe ihres Kronhelm war, konnte doch, so
lang ihr Bruder gegenwärtig war, nichts als weinen. Sie sah ihren Bruder, den
sie so unaussprechlich liebte, nach und nach dem Tode welken; dieser Anblick war
ihr unerträglich. Das ganze Schloss, das sonst so glücklich war, geriet in
Trauer. Siegwart sass einen Abend bei Kronhelm und Teresen, die ihr Kind auf dem
Schoss liegen hatte. Das Kind schlief; Siegwart sah es an, mit Tränen in den
Augen. Armes Knäbchen, sagte er, du schlummerst jetzt so ruhig, und lächelst im
Schlaf. Wenn du aufwachst, wird die Welt dir entgegen lachen, denn du siehst
nirgends keine Sorge. Möchtest du doch ewig ein Kind bleiben, oder sterben, eh
das Jünglingsalter kommt! Wenn der Jüngling aufwacht, ach dann ists gar anders.
Tausend Sorgen wachen mit ihm auf, Leiden werden stets mit ihm geboren, deren
Keim schon in der Seele liegt. Gebt mir euren Kleist her, dass ich mein
Lieblingsstück wieder einmal lese: Weh dir, dass du geboren bist etc. - So
sprach er oft bei ihnen, und Krönhelm und Terese wagtens nicht, ihn zu trösten.
    Er ward auch auf die Vermählung des braven Rotfels mit der Schwester
Kronhelms geladen, aber er kam nicht, und schrieb ihnen:
    Lasst mich, lieben Freunde, in der Zelle meiner Leiden! Bittet man den Tod zu
Gast beim Freudenmahl? Soll mein Anblick Euch erinnern an die Stunde Eurer
Trennung, und dass alle Freuden dieses Lebens nichts sind? Ich will Gott flehn,
dass er Euren Blick nicht dringen lasse in die Zukunft! Dass ihr nur die Blumen,
die der Frühling darreicht, aufkeimen, und nicht sterben seht! Flechtet keinen
Kranz von Blumen, denn sie welken, eh der Abend anbricht! Hier schick ich Euch
einen Kranz von Immergrün! Er vergeht auch, aber später, als die Blumen. Wenn es
Ruhe gibt, und Glück, so fleh ichs Euch von Gott herab. -
    Sein Schmerz ward immer düsterer und stummer. Anton wars fast allein, mit
dem er sprach. Sein Leben war eine beständige Andacht, und dabei war er am
heitersten, denn sein Blick drang immer schärfer in das Leben jenseits des
Grabes. Oft weinte er Freudentränen, wenn er im zuversichtlichsten Vertrauen
sein nahes Ende sah. Er fühlte die Gegenwart Gottes aufs lebendigste, und ward
fast bis zum Anschauen überzeugt, dass Gott den Menschen nur eine Zeitlang für
die Leiden, nach diesen aber für ein ewig glückliches und ruhiges Leben
geschaffen habe. Und dann dankte er Gott für sein Dasein, auch sogar für seine
Leiden. Aber freilich sind diese Stunden der heitersten und zuverlässigsten
Gewissheit bei dem Menschen, dem sein Körper alle Augenblicke dran erinnert, dass
er noch auf der Welt ist, selten. Oft konnte er ganze Tage lang nichts denken,
als die Trennung von seiner Mariane, ohne die Wonne des Wiedersehens, und der
Wiedervereinigung zu fühlen, und diese Tage waren ihm die traurigsten und
bängsten. -
    Sein Andenken an Marianen und der damit verbundne Schmerz wachte wieder neu
auf, als man bei folgender Veranlassung einige Tage lang im Kloster von nichts
als von Nonnen sprach. Man hatte nehmlich etlich Nächte vorher am Himmel eine
starke Röte, als das Zeichen einer grossen Feuersbrunst, wahrgenommen. Zwei
Tage drauf kam die Nachricht, dass in Adlingen, einem acht Stunden weit
entfernten Nonnenkloster, ein heftiges Feuer ausgebrochen sei, dass das ganze
Gebäude in die Asche gelegt habe. Die Nonnen flüchteten sich, ein paar
ausgenommen, die die Gelegenheit wahrnahmen, und entwischten, in ein
benachbartes Benediktinerkloster. Diese Nonnen wurden nun in die benachbarten
Frauenklöster verteilt. Pater Hildebrand, der in dem nächsten Nonnenkloster
Bergkirch Beichtvater war, erzählte bei Tisch, es seien dahin auch vier Nonnen
von den verunglückten gekommen, von denen zwo bei dem Brand vielen Schaden
gelitten haben. Er schilderte ihren Schrecken, der noch immer fortdaure, sehr
rührend, und beschrieb die Nonnen, deren eine noch sehr jung und äusserst
schwermütig sei. Bei dieser Beschreibung stellte sich unserm Siegwart das Bild
seiner lieben verstorbnen Mariane wieder so lebhaft vor Augen, dass er in
Gegenwart der Paters zu weinen anfieng, und so sehr vom Schmerz ergriffen wurde,
dass er, um sein Geheimnis zu verbergen, unter dem Vorwand einer plötzlichen
Uebelkeit von Tische weggieng, sich in seiner Zelle niederlegte, und seinen
Tränen freien Lauf liess. Etlich Tage lang konnte er nicht ruhig beten; seine
Gedanken waren immerdar zerstreut; Marianens Bildnis folgte ihm aller Orten
nach, und stellte sich ihm fast jede Nacht im Traum vor. Erst nach etlich Wochen
bekam er seine vorige Ruhe wieder.
    Sein Probejahr war schon beinah zu Ende, als der Guardian starb, und das
Klosterkonvent fast einmütig den rechtschaffnen Pater Anton zu seinem Vorsteher
und Guardian erwählte. Der brave Mann nahm diese Ehre am Ende seiner Tage ungern
an. Er hätte lieber seine noch wenigen Tage in der Stille beschlossen, aber das
Zureden seiner Mitbrüder überwand endlich seine Bescheidenheit, und er nahm die
Würde an, die er aufs treulichste, und ohne sein Betragen oder seine Denkungsart
im geringsten zu verändern, verwaltete.
    Siegwart hätte sich nun sehr gut sein Schicksal erleichtern, und sich bei
dem Guardian, der sein Freund, und noch mehr, sein zweiter Vater war, über die
Strenge und Unbilligkeit seines Novizmeisters beschweren können; denn dieser
stolze und fühllose Mann vermehrte seine Härte, je mehr sich das Probejahr
seiner Untergebenen dem Ende nahte; aber Siegwart sagte kein Wort, und trug sein
Schicksal mir Stille und Gelassenheit. Oft fragte ihn P. Anton, ob er mit seinem
Zustand zufrieden sei, und sich über nichts zu beklagen habe? und allemal
antwortete er, er sei mit jedermann ufrieden, und wünsche sich keinen bessern
Zustand.
    Am Ende seines Probejahrs legte er feierlich in der Kirche, zur Rührung
aller Anwesenden, den Profess ab, bekam die Priesterweihe und die Tonsur, ward
zum Pater aufgenommen, und trat, nachdem er seine erste Messe gelesen hatte,
alle Verrichtungen eines Paters an.
    Kronhelm und Rotfels waren bei der Einweihung mit zugegen, und wurden auch
beim Mittagsessen behalten. Siegwart, dem das Feierliche der Handlung noch immer
vor der Seele schwebte, sprach sehr wenig, und hatte fast beständig Tränen in
den Augen. Seine beiden Freunde sahen ihn wehmütig an. Sein mattes,
halberloschnes Auge, seine blasse Farbe, sein eingefallenes Gesicht, die
Gleichgültigkeit, mit der er sogar sie betrachtete, weissagten ihnen seinen
nahen Tod, und dass sie ihn vielleicht schon heut zum letztenmale sehen würden.
Kronhelm, der einen ziemlichen Teil seiner Jugend mit ihm zugebracht hatte, der
ihn so ganz kannte, und es wusste, dass wenige Menschen in so hohem Grad
verdienten glücklich zu sein wie er; und doch auch alle seine Leiden kannte,
deren manche Menschen in ihrem ganzen langen Leben nicht den zwanzigsten Teil
davon erfahren, sass im düstersten Nachdenken da, schlug zuweilen seine Augen auf
zum Himmel, unterdrückte einen Seufzer, und dachte zitternd an die
Unbegreiflichkeit der göttlichen Ratschlüsse in den Schicksalen eines Menschen.
Beim Weggehen drückte ihn Siegwart feste und feuriger als gewöhnlich ans Herz.
Bruder, sagte er, ich sahs heut, dass du meinen Zustand ganz fühlst. Bald wirds
besser werden. Hab Dank für deine viele brüderliche Liebe! Ich bete stets für
dich und meine Schwester, und dein Kind. Sag ihr, mir sei wohl, und werde bald
noch besser werden. Ich gehöre nun ganz Gott an, und in seiner Hand könne man
nicht unglücklich sein. Gib ihr diesen Kuss! Sag ihr nicht, dass ich schwach bin,
die gute Seele möchte sich betrüben. Wenn du hörst, dass ich todt bin, dann
tröste sie, und sag ihr, dass mir ganz wohl sei! - Kronhelm konnte nichts
sprechen, und riss sich von ihm los. Rotfels nahm auch weinend von ihm Abschied,
und die beiden reisten traurig weg.
    Siegwart teilte nun seine ganze Zeit in seine Mönchsverrichtungen und in
selbsterwählte Andachtsübungen ein. Er war fleissig bei den Landleuten, bei denen
er ausserordentlich beliebt war. Er predigte viel bei ihnen und stiftete sehr
grossen Nützen, denn sein Vortrag war so fasslich, dass ihn jedes Kind verstehen
konnte. Er hatte den Grundsatz, den jeder Prediger haben sollte: Wenn mich der
gemeinste Mann vom schwächsten Verstand versteht, so versteht mich auch der
Aufgeklärte, und ich werde allen nützlich. Da er die Gemeinden, und die
einzelnen Glieder derselben genau kannte, so war sein Vortrag immer so wenig
allgemein, dass er nur auf die Gemeinde, der er predigte, allein passte. Alle
seine Betrachtungen, Bewegungsgründe und Gleichnisse waren vom Landleben und vom
Ackerbau hergenommen, und passten auf keine Stadtgemeinde. Diese Kunst hatte er
von Christo gelernt, der die Veranlassungen zu seinen Reden immer von denen
Gegenständen hernahm, die seine Zuhörer vor sich sahen, oder womit sie sich
beschäftigten. Wenn er Leute auf dem Feld antraf, so machte er sie auf die
Natur, und auf den Segen aufmerksam, den Gott überall so reichlich ausgestreut
hat. Dadurch flösste er ihnen Liebe und Vertrauen gegen Gott ein, die die beiden
Hauptquellen eines reinen und aufrichtigen Gottesdienstes sind. Wenn er zur
Geduld im Leiden ermunterte, so war sein eignes Beispiel die beste Aufmunterung
und Lehre, denn er war, bei seinem abgezehrten, matten Körper immer heiter, wenn
er mit den Leuten sprach, und seufzete bloss in der Stille.
    War er allein, so war der Gedanke an den Tod und an seine Mariane sein
beständiger Gefährte. Wenn er über eine Wiese ging, so dachte er mit Sehnsucht:
Vielleicht seh ich diesen Ort zum letztenmal; wenn er einem Sterbenden die
letzte Oelung gab, so dachte er: O der Glückliche! Er kommt zu Gott, bei dem
meine Mariane ist. Möcht ich doch mit ihm mich hinlegen und sterben! Ganze
Stunden lang hieng sein Aug am stillen melancholischen Mond. Seine Phantasie
überredete ihn, Marianens Seele sei im Mond; dieser Gedanke ward ihm oft
Gewissheit, und er schwang sich auf den Flügeln seiner Schwärmerei in den Mond
hinauf, und vergass darüber Welt und alle Leiden, hielt lange Gespräche mit
seinem lieben Mädchen, und sah oft erst spät hernach zu seinem Verdruss seine
Täuschung ein, und dass er noch auf der Welt sei. Dann schrieb er wieder
Gedichte, oder kleine Aufsätze an sie nieder.
    Unter den wenigen Büchern, die er sich' auf der Bibliotek ausgesucht hatte,
war ihm keins lieber, als eine lateinische Bibel. Darin, und besonders im neuen
Testament las er unaufhörlich. Als er fand, dass die Religion Jesu in ihrer
Quelle so ausserordentlich rein und einfach ist, und sie mit der Art verglich,
wie sie heutzutage bei den Katoliken gelehrt und ausgeübt wird, da stiegen ihm
wegen der vielen Menschensatzungen und willkührlichen eigenmächtigen Zusätze
viele Zweifel und Bedenklichkeiten auf, mit denen er lang zu kämpfen hatte, eh
er sich etwas beruhigen konnte. Endlich dachte er, wenn ich nur bloss auf die
Ausübung der Religion nach dem Sinn Christi dringe, und die Zusätze der Kirche
stillschweigend gelten lasse, ohne sie für göttliche Satzung auszugeben, so kann
ich ja doch mehr Nutzen stiften, als wenn ich mich dem reissenden Strom
widersetze; denn sonst würde man sich mir wieder entgegensetzen, oder mich gar
verketzern, und dann wäre mir aller Weg, Gutes zu tun, abgeschnitten. Mit
diesen, und ähnlichen Betrachtungen beruhigte er sich wieder; aber doch stiegen
ihm in ernstaften Stunden des Nachdenkens oft wieder neue Gewissenszweifel auf,
die ihn oft so ängstigten, dass er nicht wusste, was er tun sollte, und oft den
dunkeln Gedanken bei sich spürte, zu den Protestanten überzugehen. Aber teils
kannte er die Lehrsätze dieser Kirche nicht genug, teils hielt ers auch nach
seinen Begriffen für strafbar, die väterliche Lehre, in der er geboren und
erzogen war, abzuschwören, und unter seinen Brüdern ein Aergernis zu stiften, da
er ohnedies nur noch eine kurze Zeit, die er zu leben hatte, vor sich sah. Er
wagte es auch nicht, seine Zweifel irgend einem Menschen, auch nicht einmal
seinem lieben P. Anton vorzutragen.
    Sonst aber war er viel bei diesem teuren Mann, der alles auf ihn hielt, und
ihn durch seine Freundschaft soviel aufzuheitern suchte, als möglich. Diese
Achtung, die der Guardian ihm, als einem noch so jungen Pater erwies, lud ihm
den Neid und Hass fast aller andern Paters auf den Hals. Sie stichelten auf ihn
bei aller Gelegenheit; sie sassen oft beisammen und machten allerlei Kabalen
gegen ihn; andre schmeichelten ihm, und glaubten durch seinen Fürspruch die
Gunst des Guardian zu gewinnen; heimlich waren sie aber doch seine Feinde, und
machten ihm hinterrücks tausenderlei Verdruss. Siegwart merkte dieses wohl; weil
er aber sich seiner Unschuld bewusst war, so blieb er darüber ruhig, und vergalt
seinen Brüdern ihre boshaften Künste mit Freundschaft und ungeheuchelter Liebe.
    Der zweite Winter und der Frühling waren ihm nun auch dahin geschlichen.
Seine Traurigkeit um Marianen war nun eine stille Melancholie geworden, die ihn
zwar nie verliess, die aber doch unmerklicher geworden war, und seltner in laute
Klagen ausbrach. Er trug den Tod in seinem Busen, wo er, wie der Wurm in einer
Rose, immer weiter um sich frass. Seine Kräfte nahmen allmählich ab; nur seine
strenge Diät, und die, immer einförmige Lebensart erhielten noch den Körper
aufrecht, dass er nicht auf Einmal hinsank. Noch ein paarmal war er bei seinem
Kronhelm und bei seiner Terese gewesen. Die beiden lieben Seelen waren
ausserordentlich glücklich. Terese hatte ihrem Kronhelm nun auch noch ein
Mädchen, das ihr Ebenbild war, und auch Terese hiess, geboren. Der kleine
Wilhelm fieng schon an, Worte zu stammeln, und machte durch seine Liebkosungen,
und durch seine unschuldige Fragen seinen Eltern tausend Freude. Kronhelm und
Terese liebten sich noch wie am ersten Tage ihrer Verbindung. Zwei reine Herzen
können einander niemals überdrüssig werden. Ihre Tugend nimmt täglich zu, zeigt
sich täglich von einer neuen Seite, und Tugend ist ein Quell unaufhörlicher
Freuden. Die beiden Eheleute waren unerschöpflich an Erfindungen, die ihnen
täglich neue Vergnügungen brachten. Sie machten ihre Untertanen und alle Leute
um sich her glücklich, und wurden zum Dank von ihnen aufs zärtlichste geliebt.
Wohltun und geliebt werden ist das Gegengift aller Unzufriedenheit und alles
Misvergnügens. Der Garten und das Schloss ward jedes Jahr verschönert, und die
Gegend umher verwandelte sich nach und nach durch den Fleiss ihrer Bewohner,
durch die Gütigkeit ihres Besitzers, und durch den Segen, den der Himmel über
sie herabgoss, in ein Paradies. Rotfels war mit seiner Frau auch glücklich, und
besuchte seine noch glücklicheren Freunde oft. Siegwart sah die Freuden seiner
Lieben mit der reinsten Freude, und der innigsten Empfindung. Er fand hier, dass
das Glück noch nicht ganz aus der Welt entflohen ist, und dass Lieb und
Zärtlichkeit, wenn sie Einmal glücklich machen, unaussprechlich glücklich machen
können. Er hob sein Aug zum Himmel auf und dankte; aber wenn er wieder auf die
Welt und sich herabsah; wenn er auf seinen Zustand und die Bahn der Leiden
blickte, die er schon zurückgelegt hatte, und auch jetzt noch immer wandelte;
ach, dann floss die Träne der Wehmut, die er nicht verbergen konnte, und doch
wollt er sie verbergen, um die Quelle der Seligkeit, aus der seine Lieben
tranken, nicht zu trüben. Darum kehrte er oft wieder auf dem Weg um, wenn ihn
sein Herz schon zu seinen Freunden führen wollte; denn er sahs, sein Anblick,
sein eingefallenes Gesicht, sein trübes Auge machte seine Freunde traurig. Er
wollte allein unglücklich sein. Seine Freuden hätt er gern mit andern geteilt,
aber nicht seine Leiden.
    Nur mit seinem lieben Anton weinte er zuweilen, weil ihn dieser selbst zu
Tränen aufrief, und gern in die Vergangenheit, die für ihn auch traurig war,
zurückblickte. Einmal giengen sie an einem schwülen Sommernachmittag im Garten.
Zur Linken türmte sich schon ein Gewitter auf, das in weissgrauen Wolken daher
schwebte, und alle andre Wölkchen an sich zog. Zuweilen sah man schon einen
blassen Blitz den fernen Wetterschwall teilen, und ein Donner murmelte am
fernen Gebirg hinab. Die Sonne schien matt und schwül. Die Luft stand ganz
still, und kein Blatt bewegte sich. Die Vögel, die das nahe Gewitter fühlten,
hüpften ängstlich von Zweig zu Zweig, und wagtens kaum, einen schwachen Laut zu
geben. Anton und Siegwart sahen eine Zeitlang stillschweigend in das, sich
langsam fortwälzende Gewitter; Gott gebe, sagten sie, dass es keinen Hagel
mitbringt! und dann giengen sie, um der Schwüle auszuweichen, in eine kühle
Grotte, die in dem kleinen Tannenwäldchen angelegt war. P. Anton, den die Hitze,
und das Alter niederdrückten, schlummerte etwas ein. Siegwart setzte sich leise
an den Eingang der Grotte, sah zuweilen nach dem Gewitter; dann kehrte er sich
wieder um, und betrachtete mit stiller Ehrfurcht und mit Tränen in den Augen
den redlichen silberhaarichten Greis, der, ohne Furcht vor dem nahenden
Gewitter, ruhig schlummerte. Plötzlich riss sich das Gewitter, das bisher wie
angeheftet über einem Wald geschwebt hatte, los; die Sonne ward verfinstert, und
rings umher im Tannenwäldchen ward es finster. Siegwart weckte den P. Anton auf;
sie wollten nach dem Kloster eilen, aber durch die Tannen fuhr ein Sturm daher,
der sie auszureissen drohte; der Staub kreiste sich in wilden Wirbeln vor ihnen,
und sie flohen wieder in die Grotte zurück; einzelne und starke Regentropfen
fielen. Ein Blitz teilte die Dunkelheit, der die Beiden fast blendete; ein
plötzlicher starker Donner folgte drauf, dass die Grotte zitterte, und nun ergoss
sich ein starker Regen, der beinah einem Wolkenbruch glich. Das Gewitter daurte
eine Viertelstunde lang; die ganze Natur schien im Aufruhr, der Sturm bog die
Tannenwipfel; eine schlanke Tanne brach mit grossem Krachen mitten entzwei, und
zwischen dem Getös brauste der Donner ununterbrochen fort. Die beiden Mönche
lagen auf den Knien, schlugen sich an die Brust, und beteten. Endlich wards
wieder etwas still; die Wolken hatten ausgeregnet und zerteilten sich; ein
blasser Schimmer brach zur Linken durch das Gewölk. Endlich stralte die Sonne
wieder etwas hervor, und das Gewitter zog sich zur Rechten schwer und
fürchterlich weiter.
    Als der Regen aufhörte, giengen P. Anton und Siegwart aus der Grotte. Anton
hub seine Augen glänzend gen Himmel; sein ganzes heitres Angesicht sprach Dank
und Freude. Wie nun alles so schön und froh ist, fieng er an, nach dem Gewitter!
Vorher konnte man in der Luft kaum atmen; nun ists einem so leicht, und man
zieht nichts als Blumendüfte und liebliche Gerüche ein. Sieh den Regenbogen
dort, den Zeugen von der Huld des Allbarmherzigen. Alles um uns her ist nun so
frisch, und einer neuen Schöpfung gleich. Wie das Gras so hell ist, und die
tausend Regentropfen auf den Blättern, und die Sonne drinn, und alle Farben! Und
der liebliche Gesang der Vögel, wie er nun so hell tönt! Ach, mein lieber
Siegwart, immer denk ich da an unser Schicksal, wie es auch oft um und in dem
Menschen stürmt, und doch ein Ende nimmt, und wieder heiter wird. Es geht beim
Menschen zu, wie's in der Natur zugeht; Sturm und Regen, Sonnenschein und Ruh;
und Ruh ist immer doch das letzte; denn Gott hat uns lieb, und will uns
glücklich; und das Glück der Ruhe fühlt man nach dem Sturm am besten. - Das
fühlt' ich eben auch, teurer Vater, fiel ihm Siegwart ein. Eben dacht ich an
mein Schicksal, dass es bisher wild in mir gestürmt hat, und ein Ende nehmen
wird. Hat uns Gott doch selber Ruh in jener Ewigkeit verheissen, und ich fühl
es, dass ich bald zu ihr eingehen werde. So hell und zuversichtlich hab ich nie
noch hinübergeblickt, wie heute. Anton schwieg, und wollte ihn in seinen
wehmütigen Gedanken nicht stören.
    Indem sie so in Betrachtungen vertieft, durch die stille Feier der Natur
dahin giengen, kam ein Bote aus dem Nonnenkloster Bergkirch schnaubend
hergelaufen, und verlangte den Guardian zu sprechen. P. Anton ging mit ihm auf
die Seite, und kam dann wieder zu Siegwart, der langsam vorausgegangen war. Ich
habe, sagte er, einen Auftrag an dich, mein lieber Siegwart. Eine Nonne liegt in
Bergkirch in den letzten Zügen, und verlangt ihren Beichtvater und die letzte
Oelung. Du must eilig hinüber, weil P. Hildebrand krank ist.
    Siegwart nahm den Auftrag willig an, ob ihm gleich das Herz schlug, als er
von einem Nonnenkloster hörte. Mit den lebhaftesten und traurigsten Gedanken an
seine Mariane ging er nach dem Kloster, und kam mit Untergang der Sonne an. Die
Aebtissin liess ihn vor sich kommen. Er sagte, der ordentliche Beichtvater P.
Hildebrand sei krank, und sein Guardian hab ihm aufgetragen, seine Stelle zu
versehen. Man führte ihn in eine dunkle Zelle, wo eine junge Nonne äusserst
schwach auf einem Bette lag, um das ein paar andre Nonnen herum standen. Als man
der Kranken sagte, der Beichtvater sei da, so verlangte sie zu beichten; die
andern Nonnen giengen also weg, nachdem sie erst eine düstre Lampe auf den in
der Ecke der Zelle stehenden Tisch gesetzt hatten. Siegwart setzte sich zu ihr
ans Bette, um die Beichte zu hören. Der Ton ihrer Stimme schien ihm bekannt zu
sein. - Gott im Himmel! Es war Marianens Stimme! Mariane war die Nonne! - Mit
einem lauten Schrei, und dann sprachlos stürzte er über sie her, und hielt sie
fest in seinen Armen. - Erst nach einer Viertelstunde kam er wieder zu sich
selber. Bist dus? Bist dus? rief er. - Mit gebrochener Stimme sagte sie:
Siegwart! Ich bin Mariane ... Lebst du noch? - - Er taumelte auf, nahm die
Lampe, hielt sie ihr vors Gesicht. Es war Mariane, todtenbleich, und abgezehrt.
Auf ihrer Brust lag das weisse Schnupftuch, mit dem Blutfleck von seiner Wunde.
Sie schlug ihr mattes Aug auf, und sah ihn an. Er liess die Lampe fallen, und
stürzte wieder über sie her. - - Man hat dich getäuscht, sagte sie, in
Marienfeld - - ich war nicht gestorben - - - hier lies! - - (Indem sie aus ihrem
Busen etlich versiegelte Blätter langte, und ihm gab.) ... Siegwart! Siegwart!
... Leh wohl ... Komm nach! ... Sie sprach noch etlich Worte, ohne zu merken,
dass er ohnmächtig im Stuhl lag.
    Erst nach ein paar Stunden giengen die Nonnen, denen es zu lang dauerte, mit
einem Licht in die Zelle. Mariane lag todt auf dem Bette Siegwart war, noch halb
ohnmächtig und sprachlos im Sessel zurückgelehnt.
    Die Nonnen waren voll Bestürzung, wussten nicht, was vorgefallen war, und
brachten ihn in einem andern Zimmer aufs Bette. Die ganze Nacht durch fiel er
von einer Ohnmacht in die andere. Den andern Morgen tat man sogleich Bericht an
sein Kloster. Pater Anton kam selbst nach ein paar Stunden.
    Jesus, Maria! Sagte er, indem er ins Zimmer trat, was hat sich mit dir
zugetragen, Siegwart? - Nichts, antwortete dieser ganz matt. Das Gewitter ist
vorüber ... und die Sonne lacht.. und der Tag bricht an.. und Ruhe ... Anton
bat, Man möchte ihn mit Siegwart allein lassen! Nun erfuhr er von ihm, Mariane
sei die Nonne gewesen. - Lebt sie noch der Engel? sagte er, und richtete sein
Aug auf Anton, indem er seine Hand ausstreckte, als ob er die Hand seines
Freundes suchte. - Sie hat ausgelitten, sagte P. Anton. - Nun Gottlob! sagte
Siegwart, und faltete die Hände; bald auch ich ....
    Und wo bin ich jetzt? - fragte er nach einiger Zeit wieder.. In ihrem
Kloster, war die Antwort.. - Ihr so nah? ... Gott sei Dank!.. Ihr so nah ...
    P. Anton war im tiefsten Schmerz. Siegwart wurde immer schwächer; sprach
zuweilen nur ganz abgebrochen: Gottlob!.. Engel! ... Mariane! Gott sei Dank!
Jesus!, bald! ...! u.s.w.
    Man hatte nach einem Arzt geschickt. Dieser machte höchstens noch auf fünf
bis sechs Tage Hoffnung. Kann ich nicht noch meinen Kronhelm sehen, und Teresen?
sagte Siegwart.
    Man schickte nach ihnen, und sie kamen. Siegwart hatte wieder etwas wenige
Kräfte bekommen, als sie kamen, und sass in einem Lehnstuhl. P. Anton, der
beständig um ihn war, hatte sich nur etliche Stunden entfernt, um nach seinem
Kloster zu gehen. Also war Siegwart allein, als Kronhelm und Terese ins Zimmer
traten. - Bruder! riefen beide, giengen auf ihn zu, und lehnten sich zu beiden
Seiten schweigend an den Lehnstuhl. Er tröstete sie, und sagte, sie sollten ihm
Glück wünschen, denn er sei am Ziel.
    Als sie sich von ihrem Schmerz etwas erholt hatten, erzählte er ihnen kurz
den Vorfall; zog das versiegelte Papier, das ihm Mariane gegeben hatte, hervor,
und gabs seinem Kronhelm, mit der Bitte, es ihm vorzulesen.
    Unter tausend Tränen, die er, und Siegwart und Terese vergossen, las es
Kronhelm. Es waren abgebrochne rührende Aufsätze an Siegwart, und eine kurze
Erzählung ihrer Geschichte, deren Hauptinhalt dieser war:
    Die Aebtissin zu Marienfeld hatte von Brigitten alles erfahren, wer der
Gärtner sei; was er vorhabe; dass er Marianen zu entführen denke etc. Mariane
ward sogleich eingeschlossen. Brigitte musste vorgeben, sie sei nicht recht wohl;
musste ihm aber doch versprechen, Marianen Abends in den Garten zu bringen, wo
die Nonnen im Sinn hatten, ihn zu greifen und festzusetzen. Brigitte, die
besorgt war, er möchte es entdecken, dass sie sich von ihm hab entführen lassen
wollen, suchte ihn aus dem Kloster zu bringen, und betäubte ihn deswegen mit der
Nachricht von Marianens Tod. Als er entflohn war, gab man ihren Tod auch im
Kloster vor, um allen seinen fernern Versuchen Marianen zu entführen,
vorzubeugen. Brigitte ward zur Strafe eingeschlossen. Marianen brachte man
sogleich heimlich nach einem andern Kloster, und, als dieses Kloster abbrannte,
wurde sie mit drei andern Nonnen nach Bergkirch gebracht.
    Als Kronhelm dieses vorgelesen hatte, war Siegwart durch die vielen Tränen
und die heftige Bewegung aufs neue ganz entkräftet, und musste ins Bette gebracht
werden. Nach einer halben Stunde erholte er sich wieder etwas, und bat seinen
Kronhelm, folgendes zu schreiben, und es nach seinem Tod dem P. Anton zu geben,
mit der Bitte, ihm den letzten, darin gefoderten Freundschaftsdienst ja Nicht
abzuschlagen.
                                 Teurer Vater!
    Die letzte Bitte deines sterbenden Sohnes, lass sie ja nicht unerfüllt sein!
Ich hab auf Erden sonst nichts mehr zu bitten. Lass mich ruhen neben ihr, für die
ich sterbe! Gott im Himmel lohne Dich dafür, und für alle Deine Liebe, dass Du
bald mir folgest! Höre mich! Leb ewig wohl, Du Teurer! Höre mich! Gott segne
Dich, Amen!
    Mit zitternder Hand unterschrieb er seinen Namen, liess das Blatt siegeln,
und bat nochmals, seinen P. Anton aufs dringendste anzuliegen, seinen Wunsch zu
erfüllen!
    Er lag da, ohne viel zu sprechen. Kronhelm und Terese schwiegen, und
giengen wechselsweise weg, um ihre Tränen vor ihm zu verbergen. Er war nicht
mehr traurig; die Hoffnung seines nahen Todes ward ihm Zuversicht. Seine Seele
war schon mehr im Himmel, als auf Erden. Nur die Liebe zu seinen teuren
Freunden machte, dass er noch zuweilen einige Augenblicke an die Welt dachte, und
auf ihr verweilte. P. Anton war auch wiedergekommen, und sass unaufhörlich ihm
zur Seiten.
    Eine Bitte hab ich, teurer Vater, sagte Siegwart zu ihm, die du erst nach
meinem Tod erfüllen kannst. Mein Kronhelm wird sie dir entdecken. Ach, versprich
mir, dass du sie erfüllen willst, damit ich ruhig sterbe! - P. Anton versprach,
die Bitte zu erfüllen; wenn sie nichts, für ihn unmögliches entalte.
    Gegen Abend, als Siegwart wieder etwas auf war, und nah am Fenster sass,
hörte er unten vor dem Fenster, ein Geräusch. Er sah hinaus, und da war der
Gottesacker unten, und die Nonnen waren darum seine Mariane in das Grab zu
legen. Terese, die auch hinaussah, erschrack über den Anblick, und ihr Bruder
sank ihr schweigend in den Arm. Man brachte ihn wieder aufs Bette, wo er ein
paar Stunden lang fast sinnlos lag. Endlich schlug er die Augen auf. Terese,
sagte er, ist ein Kreuz auf dem Grab? - Ja lieber Bruder, war die Antwort, ein
kleines schwarzes Kreuz. - Nun, so hab ich auch die letzte Bitte an dich. Flicht
mir einen Kranz von Blumen und Cypressen, und gib ihn mir! Wenn er mit meinen
Tränen gnug benetzt ist, dann häng ihn du am Kreuz auf, und weine auch drüber!
- Terese brachte ihm einen Kranz; er weinte drauf, drückte ihn einigemal ans
Herz, und legte ihn dann für sich aufs Bette hin.
    Den andern Tag sprachen Kronhelm und Anton mit dem Arzt, und fragten ihn,
wie lang er glaube, dass Siegwart noch leben könne? - Länger, als ich anfangs
dachte, sagte dieser. Er hat eine starke Natur. Wenn er nicht zu heftige
Bewegungen hat, so kann er noch sechs bis sieben Tage leben. Eine Veränderung
des Aufentalts wäre gut, denn hier scheint er zu viele traurige Gegenstände um
sich zu haben. Die beiden beschlossen, ihn den folgenden Tag in einer Sänfte
nach seinem Kloster bringen zu lassen, um ihn von dem Grab seiner Mariane zu
entfernen, denn er wollte immer ans Fenster, um hinabzusehn. Sie taten ihm also
den Vorschlag, ob er sich nicht den andern Tag nach seinem Kloster wolle tragen
lassen? Anfangs erschütterte ihn der Vorschlag, weil er sich nicht vom Grab
seiner lieben Mariane entfernen wollte. Doch gab er sich endlich drein, denn
nach und nach ward ihm alles auf der Welt gleichgültig, und Pater Anton stellte
ihm vor, er möchte beständig um ihn sein, und könne sich doch nicht so lang von
seinem Kloster entfernt halten. Bringt mich hin, wo ihr wollt, sagte er; lange
könnt ihr mich doch nicht mehr von ihr trennen. Wenn mir nur Pater Anton nach
meinem Tod meine Bitte erfüllt. - Den Tag über lag er immer in anscheinender
Ruhe auf dem Bette. Seine Freunde hieltens für ein Zeichen der Besserung, aber
im Grunde wars Entkräftung.
    Gegen Abend sank er in einen festen Schlaf. Der Arzt, der eben kam, und ihm
im Schlaf den Puls berührte, sagte, dass er sehr gut gehe. Man möchte nur recht
still und ruhig sein, um ihn nicht aufzuwecken, weil er durch den Schlummer neue
Kräfte bekommen könne. Terese und Kronhelm entfernten sich also in ein
anliegendes Zimmer, wo sie alle Bewegungen zu hören hoften. Siegwart schlief bis
gegen eilf Uhr aneinander fort. Terese war ein paarmal leise ins Zimmer
gekommen, um nach ihm zu sehen. Als sie fand, dass er immer noch sehr fest
schlief, so ging sie wieder auf ihr Zimmer, setzte sich in einen Lehnstuhl, und
schlief endlich, weil sie von dem vielen Wachen, und dem tiefen Schmerz äusserst
abgemattet war, ein.
    Um eilf Uhr wachte Siegwart von einem sehr lebhaften Traum, indem ihm seine
Mariane erschienen war, und ihm zuwinkte, auf. Sein Blut war in starker Wallung.
Er fühlte sich von dem langen Schlaf gestärkt. Seine Phantasie war von dem
Traume, und dem schnellen Umlauf des Geblüts stark erhitzt. Er stand auf, und
ging ans Fenster. Der Mond, der durch dünne Wölckchen halb düster schien, warf
etlich blasse Strahlen an das Kreuz auf Marianens Grab. Es schossen ihm Tränen
in die Augen, und ein unwiderstehlicher Zug trieb ihn, auf das Grab zu gehen. Er
ging, mit dem Kranz am Arm, an die Türe, machte sie leise auf, ging durch den
Kreuzgang, und suchte einen Ausgang nach dem Gottesacker. Zu gutem Glück fand er
eine Türe dahin; hastig lief er aufs Grab, stürzte sich drauf hin, umarmte das
Kreuz, hieng den Kranz dran, und weinte laut. - O Mariane, Mariane! rief er, auf
deinem Grab, auf deinem Grab! ... Nimm mich zu dir! Nimm mich zu dir, Engel! -
Von der heftigen Bewegung, und der schnellen Verkältung entkräftet, sank er
ohnmächtig an dem Kreuz nieder.
    Terese wachte erst um Ein Uhr wieder auf. Sie erschrack, weil sie dachte,
lang geschlafen zu haben, sprang auf, und eilte auf das Zimmer ihres Bruders.
Die Türe war offen, zitternd trat sie hinein, und - Jesus Maria! Das Bette war
leer. -
    Siegwart! Bruder! Siegwart! rief sie laut und ängstlich. Kronhelm sprang
herzu; auch ein paar Nonnen. Er ist fort, fort! Mutter Gottes! sagt, wo ist er?
- Die Bestürzung ward allgemein. Terese riss ihre Haare auseinander. Alle liefen
umher und suchten, und wussten nicht, was sie wollten und suchten. -
    Auf dem Grab! Auf dem Grab! rief endlich Kronhelm, der am Fenster stand.
Alle flogen hinab auf den Kirchhof, und der edle Jüngling lag erstarrt und todt
im blassen Mondschein auf dem Grabe seines Mädchens, dem er treu geblieben war
bis auf den letzten Hauch.
    Man brachte ihn aufs Zimmer. Kronhelm flog auf seinem Pferd zu Pater Anton
mit der schaudervollen Nachricht, und der letzten Bitte seines todten Freundes.
Anton las sie. Ja sie soll dir gewährt werden, rief er, Teurer, Unvergesslicher!
- Mit Tagesanbruch war er schon in Bergkirch, und sprach mit der Aebtissin. Sie
wars zufrieden, dass Siegwart bei Nacht in aller Stille neben seiner Mariane
solle begraben werden.
    Die Nacht drauf begrub man ihn. Die beiden Märtyrer der Liebe ruhten bei
einander. Auch auf sein Grab ward ein Kreuz gesetzt. Terese vereinigte die
beiden Kreuze durch eine Blumen- und Cypressenkette.
    Ihr und ihrem Kronhelm und dem frommen P. Anton war ihr Andenken heilig, bis
auch sie ins Land der Ruhe eingiengen, wo Zärtlichkeit und Menschheit keine
Tränen mehr vergiessen.
 
                                    Fussnoten
1 Wenn ich bete, so wird mein Herz weiter, wie gewöhnlich. Es hebt sich
leichter, und naht sich Gott mit grössrer Zuversicht; nie bin ich andächtiger
gewesen: als wenn ich Marianen in der Kirche beten sah, oder gleich darauf zu
Hause betete. Wenn ich erst an sie denke, dann wird mein Herz weich, und fühlt
sich zur Andacht vorbereitet. Liebe ist gewiss die Mutter der Menschlichkeit, und
grosser Tugenden.
 
    