
        
                               Friedrich Nicolai
                         Leben und Meinungen des Herrn
                               Sebaldus Notanker
                           Vorrede zur vierten Auflage
                                        
                                     (1799)
Als dieses Buch vor sechsundzwanzig Jahren zuerst erschien, regierte in
Deutschland ziemlich allgemein das Vorurteil: der geistliche Stand müsse, um
sein Ansehen zu behaupten, sich notwendig von allen anderen Ständen durch eine
ungesellige Gravität absondern. Diese ortodoxe, finstere Würde schien sogar
vielen geistlichen Herren ein Teil der Würde der ortodoxen Religion selbst zu
sein; und weil damals ein heiliger Schauder vor jeder Neuerung in der Lehre
Frömmigkeit hiess, so schien es vielen eifrigen Teologen auch schon die
gottloseste und verdammlichste Neuerung, dass in diesem Buche Personen
geistlichen Standes, gleich anderen Menschen, geschildert waren, so wie sie
sind. Besonders gaben sie es für Verachtung des geistlichen Standes aus, dass
fast alle in dieser Geschichte vorkommenden Prediger und sogar die Hauptperson
ganz gemeine Menschen wären. Wie arg deshalb über mich öffentlich hergefahren
worden und wie weit die heimlichen Verunglimpfungen mancher ortodoxen Herren
gingen, sollte man kaum glauben. Die Beschreibung davon würde ein so widriges
als lächerliches Bild geistlicher Rachsucht geben, wenn es der Mühe lohnte, alle
Züge derselben zusammenzustellen.
    Von der anderen Seite ward ich auch von aufgeklärten Geistlichen der
Unbilligkeit beschuldigt, weil im zweiten Bande der damals noch ganz neuen,
verbesserten Teologie eben nicht viel Einfluss auf die Einwohner Berlins
zugeschrieben war, da doch diese Herren glaubten, Berlin müsse vermöge derselben
der Brennpunkt der höchsten Aufklärung sein. Als nach einigen Jahren ein neues
Gesangbuch eingeführt werden sollte, zeigte sich, dass meine Schilderung eines
grossen Teils der Einwohner Berlins nur allzu getreu gewesen war.
    In Berlin war damals schon vermöge der liberalen Denkungsart, welche
Friedrich der Grosse durch sein Beispiel einführte und beschützte, von
Philosophen und Teologen zur freien Entwickelung der Kräfte des menschlichen
Geistes sehr viel geschehen. Dies ward allgemein anerkannt, nur konnte sich die
Wirkung davon nicht so geschwind in alle Stände ausbreiten, als es manche
lebhafte Einbildungskraft verlangte. Doch hätte sich damals auch wohl niemand
vorstellen können, es würde eine Zeit kommen, da selbst in Berlin die Aufklärung
in der Religion und die Anwendung der gesunden Vernunft auf die wichtigsten
Angelegenheiten des menschlichen Lebens durch öffentliche Gewalt sollten
gehindert werden wollen. Und doch kam diese Zeit, welche nun, gottlob, vorbei
ist. Menschen, deren sinnlose Herrschsucht nur mit ihrer Unwissenheit zu
vergleichen war, missbrauchten die ihnen gegebene Macht auf eine Art, welche
zeigt, wie schrecklich und wie zwecklos zugleich es ist, den weltlichen Arm zur
Herrschaft über Meinungen anzuwenden. Sie entblödeten sich sogar nicht, die
»Allgemeine deutsche Bibliotek«, ein Werk, zu welchem ich seit dreissig Jahren
eine Anzahl verdienstvoller deutscher Gelehrten vereinigte, als ein Buch wider
die Religion anzuklagen und ohne alle Untersuchung ein Verbot zu bewirken:
ungeachtet ich einige zwanzig Jahre lang bei der Herausgabe und bei dem Abdruck
beständig alles beobachtet hatte, was die Gesetze des Staats vorschreiben. Von
Leuten, welche sich dieses erlaubten, durfte man alles Widrige erwarten, auch
fehlte es nicht an Proben, dass sie sich gern mehr erlaubt hätten. Es ist hier
nicht der Ort, auseinanderzusetzen, auf welche so niedrige als heimtückische Art
man mich in beständige Verlegenheit zu setzen suchte. Sollte es einmal an einem
andern Ort geschehen, so würden die Leser erstaunen.
Ich bin genötigt, dieses hier anzuführen, weil die Folgen des Einflusses
gemissbrauchter öffentlicher Gewalt sich auch bis auf dieses Leben des ehrlichen
Sebaldus Notanker erstreckten. Die dritte Auflage war seit beinahe vier Jahren
erschöpft und kein Exemplar zu haben. Es wäre schon damals eine neue Ausgabe
nötig gewesen, aber selbst so wohlwollende als einsichtsvolle Männer rieten mir
ernstlich davon ab: denn jene Menschen, welche sich schon soviel erlaubt hatten,
würden ihre auffallende Ähnlichkeit mit dem verfolgenden Stauzius erkannt und
entweder den Abdruck gehindert haben, oder sie hätten gleich wie bei der
»Allgemeinen deutschen Bibliotek« gerufen, dass die Religion in Gefahr sei, und
hätten, wie sie so oft taten, die symbolischen Bücher, denen sie selbst nicht
einmal folgten, zum Vorwande ihrer Rache und Herrschsucht gebraucht.
Jetzt, da unter der Regierung Königs Friedrich Wilhelm III. Heuchelei und
Aberglauben in die verdiente Verachtung zurückfallen und jeder freimütige Mann
sein Haupt emporheben darf, erscheint diese neue Ausgabe im wesentlichen
ungeändert. Nur ist in der Schreibart vieles verbessert, und es sind einige
wenige Anmerkungen hinzugekommen, wodurch manche Anspielungen auf allerhand
literarische Vorfälle der ehemaligen Zeit erklärt werden. Viele gelehrte
Erfindungen und Merkwürdigkeiten bleiben gar kurze Zeit merkwürdig und
verständlich, so ernstaft und wichtig sie auch bei ihrer Entstehung von den
gelehrten Herren behandelt werden; daher bedarf eine Schrift, welche davon
redet, nach zwanzig Jahren mancher Erläuterung. Ob die Gemälde der Heuchelei,
der Verfolgungssucht, der Futilität sowie der Guterzigkeit, der Wahrheitsliebe
und überhaupt der menschlichen Sitten und Leidenschaften, welche in diesem Buche
vorkommen, noch jetzt ähnlich und ohne weitere Erklärung verständlich sein
möchten, muss ich dem Leser zu beurteilen überlassen.
Die vorigen Ausgaben wurden von dem berühmten Herrn Daniel Chodowiecki mit sehr
charakteristischen Kupferstichen geziert. Die gegenwärtige Ausgabe zierte der
berühmte Herr Johann Wilhelm Meil mit Kupferstichen, in ihrer Art ebenso
vorzüglich. So hat dieses Buch das Glück, dass zwei Künstler in Berlin, welche in
charakteristischen kleinen Bildern jeder in seiner Art einzig sind, dasselbe
durch ihre Kunst verschönerten.
Es ist in mehrere fremde Sprachen übersetzt. Die rühmlich bekannte Madame de la
Fite1 im Haag lieferte in Gesellschaft des jetzigen Königlichen Geheimen
Legationsrats Herrn Renfner (welcher damals im Haag als Königlicher
Gesandtschaftssekretar stand) die vorzüglichsten Stellen aus dem ersten Bande in
einer kleinen Schrift: »Lettres sur divers sujets«, par Me. d.l.F., à la Haye
1775, in Oktav. Eine vollständige französische Übersetzung, welcher eine
Übersetzung des Gedichts »Wilhelmine« als des Grundes dieser Geschichte
vorgesetzt ist, daher sie vier Bände ausmacht, soll von einem französischen
Prediger Herrn Wyss (oder Weiss) in der Schweiz sein. Sie ist unter dem Titel
»Londres« in Lausanne zweimal, im Jahre 1774 und 1777, in Kleinoktav gedruckt.
Die holländische Übersetzung kam zu Amsterdam in drei Bänden in Grossoktav
heraus, wobei auch die Kupfer des Herrn D. Chodowiecki von C.F. Fritschius
ziemlich gut nachgestochen sind. Der Übersetzer ist Herr van der Meersch, ein
nunmehr verstorbener remonstrantischer Prediger in Amsterdam, der aber seinen
Namen nicht nannte. Er hat einen launigen Vorbericht an den Nederlantschen
Leezer vorgesetzt, worin er von der Schädlichkeit der Gottseligkeit handelt,
»indem die Ketzer«, wie er versichert, »durch ihr gottseliges Leben oft ihren
unrechtsinnigen Meinungen Eingang schaffen, wogegen die Rechtsinnigen, welche
sich mit der Gottseligkeit nicht aufhalten mögen, darüber in übeln Ruf kommen«.
Die dänische Übersetzung ist zu Kopenhagen in drei Bänden in den Jahren 1774 bis
1777 erschienen, die schwedische zu Stockholm im Jahre 1788. Die engländische
Übersetzung erschien zu London in drei Bänden in Grossduodez in den Jahren 1796
und 1798. Auf dem Titel nennet sich als Übersetzer ein mir ganz unbekannter Herr
Tomas Dutton A.M. Aus einem auf den Titel gesetzten Motto aus Voltaires
»Philosophe ignorant« und aus einigen Winken in der Zueignungsschrift an den
bekannten Lord Landsdowne möchte man fast schliessen, dass die Gravität einiger
pfründebeladenen Geistlichen der hohen engländischen Kirche und die sanften
Verfolgungen, welche die dortige Hierarchie bei aller Freiheit der Nation gegen
die Dissenters sich erlaubt, Gelegenheit zu dieser Übersetzung gegeben haben,
welche einen Mann verrät, der beider Sprachen sehr kundig ist.
Unter den mancherlei ernstaften Schicksalen, welche dieses Buch gehabt hat, ist
auch noch ein lächerliches zu bemerken. Zufällig erfuhr ich, dass es einem
gewissen Herrn Erdwin Julius Koch, der sich einen Doktor der Philosophie und
Prediger an der Marienkirche nennt, im zweiten, im Jahre 1798 herausgekommenen
Teil seines Kompendiums der deutschen Literaturgeschichte gefallen hat, etwas zu
sagen, das sowohl den Herrn Professor Eberhard in Halle als auch mich äusserst
befremden muss. Es heisst nämlich Seite 281 daselbst von diesem Buche: »Auch
verdienen hier die von glaubwürdigen Gewährsmännern herrührenden mündlichen
Sagen, von welchen eine Herrn Professor J.A. Eberhard zu Halle zum alleinigen
Verfasser und die andere denselben nur zum vorzüglichsten Teilnehmer macht,
einer nähern Untersuchung unterworfen zu werden.« Der Ehrenmann hat diese
Untersuchung nicht angestellt; es ist auch nicht recht abzusehen, wie sie
angestellt werden könnte. Ebensogut wäre eine Untersuchung vorzuschlagen, ob
nicht etwa sein Kompendium von einem Garkoch namens Erdwin Julius möchte sein
zusammengetragen worden? Denn es könnte gar zu unwahrscheinlich scheinen, dass
ein Doktor und Prediger, selbst wenn er zuweilen gedankenlos zu kompilieren
gewohnt wäre, so wenig Beurteilungskraft und Menschensinn haben sollte, um durch
eine läppische Erdichtung zwei lebende namhaft gemachte Schriftsteller zu
beleidigen, wovon der eine seit sechsundzwanzig Jahren als der Verfasser eines
Buchs allgemein bekannt ist und der andere weder Anteil daran hat noch haben
will; und dies bloss auf die vorgegebene mündliche Sage namenloser Menschen,
welche nicht glaubwürdige Gewährsmänner, sondern nur verächtliche Klätscher und
Anekdotenmacher sein müssen.
    Die dem dritten Bande angehängte »Nachricht« war in den vorigen Ausgaben dem
zweiten Bande beigefügt. Weil ich nämlich den zweiten Band nicht geschwind genug
auf den ersten folgen liess, so geriet jemand darauf, einen unechten zweiten Teil
herauszugeben. Auch kamen »Predigten des Herrn Magisters Sebaldus Notanker«
heraus, aber gar nicht im Sinne des Mannes, dessen Bild mir vorschwebte, als ich
dies Buch schrieb. Hierdurch ward diese »Nachricht« veranlasst, welche wegen der
Einkleidung vielleicht jetzt noch einigen Wert hat.
    Berlin, den 14. Jänner 1799
                                                                     Fr. Nicolai
 
                           Vorrede zur ersten Ausgabe
Obgleich die leidigen Poeten, Komödien- und Romanenschreiber zu glauben pflegen,
sie hätten das Leben ihres Helden weit genug beschrieben, wenn sie ihn bis zur
Heirat bringen, so sind doch gründliche Gelehrte der Meinung, dass die
Begebenheiten nach der Hochzeit oft viel merkwürdigere Dinge entalten als die
Liebesbegebenheiten vor derselben. Die Liebesbegebenheiten sind zwar für junge
Herren und für junge Jungfern anmutiger zu lesen, aber gemeiniglich wird diese
Anmut auf Kosten der Wahrheit verschafft; denn die verliebten Szenen werden
nicht erzählt, so wie sie in der Welt vorgehen, sondern nach dem Bedürfnisse des
Dichters, seine Geistesgaben zu zeigen und die Leidenschaften seiner Leser zu
erregen. In dieser wahrhaftigen Lebensbeschreibung hingegen wollen wir nichts
der Anmut oder des Wunderbaren wegen erdichten, sondern alles ganz einfältig
melden, wie es vorgegangen ist. Dazu wird uns der Umstand nicht wenig
beförderlich sein, dass wir das Leben unseres Dorfpastors erst nach seiner Heirat
zu beschreiben anfangen dürfen, indem schon ein anderer Verfasser die
Liebesbegebenheiten desselben vor der Heirat in dem bekannten
prosaisch-komischen Gedichte »Wilhelmine« beschrieben hat.
    Freilich ist dieser Verfasser ein Poet und daher nicht, wie es einem
gründlichen Geschichtskundigen gebührt, beflissen gewesen, eine richtige
Chronologie zu beobachten und seine Erzählungen von allen Erdichtungen rein zu
erhalten. Es sind überdies manche Umstände sehr verdächtig; und er scheint nicht
imstande zu sein, eine einzige seiner Erzählungen mit ungedruckten Urkunden zu
belegen. Dass er gegen die Chronologie verstösst, ist offenbar, da er die Heirat
des Sebaldus im Jahre 1762 und also, wie aus echten brieflichen Urkunden zu
erweisen steht, mehr als zwanzig Jahre zu spät annimmt. Er ist hierin ebenso
unachtsam wie sein Mitbruder, der nachlässige Virgil, in dessen »Äneide« die
verpfuschte Chronologie von den gelehrtesten Kommentatoren mit vieler Mühe kaum
hat in Ordnung gebracht werden können.
In der gegenwärtigen wahrhaften Lebensbeschreibung hat man die Zeitrechnung so
genau beobachtet, dass man nicht allein das Jahr, sondern auch den Monat und den
Tag angeben kann, wann eine jede Begebenheit vorgegangen ist; und an
vollständigen diplomatischen Beweisen wird diese Geschichte keiner anderen
nachzusetzen sein. Wir besitzen die Vokation des Sebaldus und seine
Absetzungsakte, die Predigten des Doktor Stauzius, Säuglings sämtliche hieher
gehörige Gedichte, ferner Wilhelminens, Sebaldus', Säuglings, Marianens, der
Gräfin von ***, Rambolds und anderer Personen Briefwechsel mit ihren Siegeln und
Unterschriften, ja selbst einige sonderbare tironianische Zeichen des Bauers,
der den Sebaldus beherbergte, mit welchen unverwerflichen ungedruckten Urkunden
wir jedes Wort, das wir gesagt, aufs glaubwürdigste belegen können.
    Sie würden im Drucke nur etwa sieben bis acht Quartbände betragen.
Demungeachtet können sie mit dieser Geschichte bloss aus einer Ursache nicht
bekannt gemacht werden, wegen deren schon so manche treffliche Urkundensammlung
ungedruckt geblieben ist: nämlich wegen des wenigen Geschmacks unsers
Jahrhunderts an gründlichen Studien. Es wäre zwar der Vorschlag zu tun, dass
irgendeine Gesellschaft der Wissenschaften einen kritischen Auszug daraus in
einigen Bänden in Grossoktav herausgäbe. Allein auch dazu ist wenig Hoffnung
vorhanden, und so bleibt daher nichts übrig, als dass die wenigen Gelehrten,
welche die diplomatischen Beweise zu untersuchen pflegen, dem Verfasser
ebensogut auf sein Wort glauben müssen als die vielen leichtsinnigen Leser,
welche die Urkunden doch nicht ansehen, wenn sie gleich den Geschichtsbüchern
des breitern beigefügt sind.
    Da wir übrigens eine wahre Geschichte abhandeln, so muss man in derselben
weder den hohen Flug der Einbildungskraft suchen, den ein Gedicht haben müsste,
noch einen so exzentrischen Plan, wie ihn neuere Kunstrichter, von Teorie und
Einsicht erfüllt, den Romanen vorschreiben. Alle Begebenheiten sind in unserer
Erzählung so unvorbereitet, so unwunderbar, als sie in der weiten Welt zu
geschehen pflegen. Die Personen, welche auftreten, sind weder an Stande erhaben
noch durch Gesinnungen ausgezeichnet, noch durch ausserordentliche Glücksfälle
von gewöhnlichen Menschen unterschieden. Sie sind ganz gemeine schlechte und
gerechte Leute, sie strotzen nicht wie die Romanenhelden von hoher Imagination
und schöner wortreicher Tugend, und die ihnen zustossenden Begegnisse sind so,
wie sie in dem ordentlichen Laufe der Welt täglich vorgehen. Sollte hierdurch
unsere Geschichte etwas langweilig werden, so trösten wir uns damit, dass mehrere
gründliche Werke deutscher Gelehrten das nämliche Schicksal hatten, als sie die
unwidersprechlichsten Tatsachen in der besten Ordnung erzählten.
Hingegen könnte der Leser vielleicht durch die in dieser Geschichte
bekanntgemachten Meinungen in etwas schadlos gehalten werden. Denn da fast jeder
Mensch seine eigenen Meinungen für sich hat, so wäre es möglich, dass unter den
hier vorgetragenen Meinungen etwas Neues und wenigstens insofern Interessantes
vorhanden wäre. Der Titel verspricht zwar nur die Meinungen des Magisters
Sebaldus, aber man könnte deshalb doch in diesem Werke vielleicht auch die
Meinungen einiger andern Leute, ja wohl selbst einige Meinungen des Verfassers
finden; obgleich, mehrerer Sicherheit halben, nicht gänzlich darauf zu rechnen
sein dürfte, dass alle Meinungen, die er erzählt, auch die seinigen wären.
    Man beliebe sich auch nicht zu wundern, wenn es sich etwa ergeben sollte,
dass, alles wohl berechnet, in diesem Werke mehr Meinungen als Geschichte und
Handlungen vorkämen. Der ehrliche Sebaldus kannte nicht die grosse Welt oder das
Highlife der Engländer. Spekulation war die Welt, worin er lebte, und jede
Meinung war ihm so wichtig als kaum manchem andern eine Handlung. Daher ist
dieses Werk auch gar nicht für die grosse Welt, sondern - deutsch heraus zu reden
- nur für Gelehrte geschrieben. Wir hoffen nicht von der halb unangekleideten
Schönen am Nachttische gelesen zu werden, die, indem sie ihrer eigenen Grazie
opfert, auf tant mieux pour elle einen schrägen Blick wirft; nicht von dem
pirouettierenden Petit-maître beim Aufstehen oder Frisieren, auch nicht, wenn er
en chenille mit ungepuderten Haaren von Toilette zu Toilette schwärmt; nicht von
dem Hofmanne, der den Wink des Fürsten und des Ministers zu studieren versteht
und alle Galatage an den Fingern herbeten kann; nicht von dem Spieler; nicht von
der Buhlschwester; nicht von ...
    Ist aber irgendwo ein hagerer Magister, der das ganze unermessliche Gebäude
der Wissenschaften aus einem Kapitel seines Kompendiums übersieht, ein feister
Superintendent, der alle Falten der Dogmatik aufhebt, worin eine Ketzerei
verborgen sein könnte, ein weiser Schulmann, der über Handel, Manufakturen und
Luxus Programme geschrieben hat, ein Student mit der Kennermiene, der in seiner
Dachstube die Kunst aus dem Grunde studiert, ein belesener Dorfpastor, der über
die Regierungskunst gelehrte Ratschläge geben kann - so mögen sie hinzutreten
und sich an dem Mahle weiden, welches hier ihrem Geiste aufgetischt wird.
Dies ist wenigstens die Gattung Leser, die wir uns gewiss versprechen; ob wir
auch Leser anderer Art erhalten werden, ist ebenso ungewiss als das Schicksal
überhaupt, welches dieses Werk und dessen Verfasser zu erwarten haben. Freilich
ist zu vermuten, dass durch viele der hier vorgetragenen Meinungen Spaltungen in
der Kirche erregt werden möchten und dass man darin Abweichungen von den
allgemeinen symbolischen Büchern und von den besondern Formulis committendi
einzelner Städte oder Länder entdecken könnte. Man wird vielleicht daraus
schliessen, dass der Verfasser das Staatsrecht nicht verstehe und dass er im
Kirchenrecht gefährliche Neuerungen einzuführen zur Absicht habe; man wird sich
vielleicht ins Ohr raunen, dass er verschiedene Gelehrsamkeit nicht für
Gelehrsamkeit, verschiedene Gelehrten nicht für gelehrt und verschiedene
berühmte Leute nicht für berühmt halte und so weiter.
    Man könnte ihn sonach etwa zum Scheiterhaufen verbannen, in den Bann tun, in
eine Festung schicken oder auch ein Buch wider ihn schreiben, ein Pasquill auf
ihn machen oder ihm beweisen, dass er kein gutes Herz habe, sondern ein hämischer
und boshafter Mensch sei.
    Doch vielleicht könnte auch von allem diesem nichts geschehen. Vielleicht
lieset niemand dieses Buch, niemand findet etwas Besonders darin, und es erregt
vielleicht bloss die vorübergehende Aufmerksamkeit eines Gewürzkrämers, der schon
bei sich überdenkt, welche dauerhafte Kaffeetüten aus dem haltbaren Papiere
könnten gemacht werden.
Indes dürften sich auch wohl einige wenige Leser finden, die sich an dem Leben
des Sebaldus, bloss weil er ein ehrlicher, aufrichtiger Mann ist, eine
Viertelstunde ergötzen oder von seinen Meinungen Gelegenheit nehmen möchten,
über gewisse Materien weiter nachzudenken; allein da offenbar dies bei weitem
nur die kleinere Anzahl sein kann, so werden sie eben nicht in Anschlag gebracht
werden können.
 
                                  Erstes Buch
                                Erster Abschnitt
Die ersten Monate nach der Verheiratung pflegen sonst neuverehelichten Paaren
die Zeit einer girrenden Zärtlichkeit zu sein, aber der Pastor Sebaldus und die
schöne Wilhelmine waren zu Anfange ihrer Ehe in ihrem Betragen gegeneinander
wenn nicht kalt, doch etwas verlegen. Die landmännische Treuherzigkeit des
Mannes und die feine Hofmanier seiner jungen Frau machte einen Abstand zwischen
ihnen, so dass der Pastor sich noch nicht recht dareinschicken konnte, mit ihr
als mit seinesgleichen umzugehen; Wilhelminen war hingegen noch immer der
wohlgeputzte Hof vor Augen, den sie verlassen hatte. Das Andenken an die
prächtigen, von der Fürstin abgelegten Kleider, in denen sie sich oft der
gaffenden Menge der Zofen und Kammerdiener gezeigt hatte, verleidete ihr ihren
ländlichen, aber neugemachten Anzug. Es war ihr sogar, als ob ihr etwas fehlte,
dass sie ferner nicht hohen Personen mit tiefer Verneigung aufzuwarten hatte, und
das Glück, unabhängig zu sei, schien ihr Erniedrigung. Die ungekünstelten
Schönheiten der Natur, womit sie auf dem Lande umgeben war, konnten sie noch
nicht wegen des Flitterstaats der Kunst schadlos halten, den sie nun nicht mehr
erblickte. Sie erinnerte sich mit Sehnsucht der glänzenden Szenen von Bällen,
Konzerten und Schlittenfahrten, die sie oft - angesehen hatte, noch mehr des
gnädigen Kopfneigens der Fürstin, durch das sie zuweilen unter der Menge
gaffenden Hofgesindes war hervorgezogen worden. Sie tat bei jeder Gelegenheit
kleine Reisen in die Stadt und unterliess nicht, ihre Aufwartung bei Hofe zu
machen. Sie merkte aber gar bald, dass man sich am Hofe um die nicht bekümmert,
die man nicht braucht, und dass ihre Stelle von andern eingenommen war. Dies
kostete ihr zwar einige Tränen, war aber doch die erste Ursache, dass sie die
gute Seite ihrer jetzigen Lage und die guten Gesinnungen ihres Sebaldus
einzusehen anfing, welche zu bemerken sie bisher durch sein unmodisches Kleid
und durch seine schiefgepuderte Perücke war verhindert worden. Sie erwiderte
seine Liebkosungen mit freundlichen Blicken, er kam ihr mit
Freundschaftsbezeugungen zuvor. Aus diesem Wechsel von Gefälligkeiten entstanden
bei ihnen gegenseitige Empfindungen einer Glückseligkeit, die sie vorher noch
gar nicht gefühlt hatten.
    Von dieser Zeit an vergass die schöne Wilhelmine völlig den Hof und ward ganz
eine Landwirtin. Vorher hatte sie nur zu gehorchen gewusst, nun begann sie zu
regieren. Es kostete ihr einige kleine Liebkosungen, so begann Sebaldus, der
bisher als halber Wilder gelebt hatte, sich fleissiger den Bart zu putzen und
nicht so viele Federn auf seinem schwarzen Rocke zu leiden. Durch gleiche
Freundlichkeit erstreckte sie bald ihre Herrschaft auf ihre Nachbarinnen, die
von ihr bisher durch ein gnädiges Hoflächeln verscheucht worden waren. Nun
erwarb sie derselben Vertrauen, erteilte den Wohlhabenden guten Rat, den Armen
Almosen und ward in kurzer Zeit im Kirchspiele ebenso beliebt, als ihr Mann
schon vorher gewesen war.
    Diese Liebe hatte sich Sebaldus durch die Sorgfalt, die er für seine
Gemeinde trug, erworben. Er war in den Häusern seiner Bauern als ein Vater und
als ein Ratgeber willkommen. Nie liess er es dem Bekümmerten an Trost, nie dem
Hungrigen an Labsal fehlen. Er war von allen häuslichen Vorfällen unterrichtet,
nicht weil er in das Hausregiment der Laien einen Einfluss zu haben suchte,
sondern weil er von ihnen selbst bei allen ihren Verlegenheiten um Rat, bei
allen ihren Zwistigkeiten um Vermittelung ersucht ward. Er schalt in seinen
Predigten nicht auf die Laster, aber wenn ein Laster in der Gemeinde verübt
wurde, pflegte er, ohne desselben zu gedenken, die entgegengesetzte Tugend
einzuschärfen. Daher richtete er seine Predigten auch mehr nach den Bedürfnissen
seiner Gemeinde als nach der Folge der Evangelien ein. Er hat wohl eher über das
Evangelium vom Zinsgroschen, von den Vorteilen eines mässigen und nüchternen
Lebens gepredigt, bloss weil sich kurz vorher ein paar Bauern in der Schenke
betrunken hatten. Als er einst vergeblich versucht hatte, zwei Bauern, die in
offenbarer Feindseligkeit lebten, zu vergleichen, und von dem einen hart mit
Worten war angelassen worden, predigte er am Tage Sankt Stephani des Märtyrers
von der ersten Pflicht wahrer Christen, ihren Nächsten zu lieben, und gedachte
der empfangenen Scheltworte nicht, ob ihm gleich die Worte des Evangeliums:
»Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind« die
schönste Gelegenheit dazu gegeben hätten.
    Zu beklagen war es freilich, dass dieser sonst gutmütige Mann und der beim
Antritte seines Amtes auf die symbolischen Bücher geschworen hatte, im Herzen
nichts weniger als ortodox war. Über das Atanasianische Glaubensbekenntnis hat
er sich zwar niemals erklärt; nur weil er anstatt des Liedes: »Wir glauben all
an einen Gott etc.«, welches sonst alle Sonntage in seiner Kirche war gesungen
worden, oft ein geistliches Lied von Gellert singen liess, war er bei einigen
vielleicht allzu brünstig ortodoxen Landpredigern in der Nähe nicht in allzu
gutem Geruche. Über die Lehre von der Genugtuung aber äusserte er bei Gelegenheit
viele Zweifel. Er verschwendete (ohne Exegese, wovon er wenig hielt) viel
philosophische Spitzfindigkeit, um dieser Lehre eine bessere Form zu geben, denn
er war ein eifriger Anhänger der Crusiusschen Philosophie, welche unter allen
anderen Philosophien am geschicktesten scheint, die Teologie philosophischer
und die Philosophie teologischer zu machen. Am meisten aber ging er in der
Lehre vom Tausendjährigen Reiche und von der Ewigkeit der Höllenstrafen von der
Dogmatik ab. Er glaubte das erstere steif und fest, von der letztern hingegen
hatte er sich nie überzeugen können. Er glaubte, im himmlischen Jerusalem würden
alle Gottlosen fromm werden. Diese tröstliche Hoffnung hatte er aus einem
fleissigen Studium der prophetischen Bücher der Schrift, besonders der Apokalypse
geschöpft, welches Studium er schon seit langen Jahren mit unablässigem Eifer
getrieben hatte. Er war auf eine sehr sonderbare Weise dazu gebracht worden,
diese Bücher vorzüglich zu studieren. Schon in seinen jüngern Jahren war er
durch sorgfältiges Nachdenken auf den Gedanken gekommen: der Willen Gottes, der
unsere itzige und zukünftige Glückseligkeit bestimmt, wenn auch Gott für gut
befunden habe, ihn besonders zu offenbaren, müsse dennoch auch notwendig durch
Vernunft eingesehen werden können und mit der Vernunft übereinstimmen. Die
einzige Offenbarung, die uns etwas ganz Unbekanntes entdecken könne, worauf die
blosse Vernunft nie gefallen sein würde, glaubte er, sei die prophetische
Offenbarung von zukünftigen Dingen. Nachdem er also bei sich über den Wert aller
dogmatischen und moralischen Wahrheiten einig war, indem er keine dogmatische
Wahrheiten für nötig und nützlich hielt, als die auf das Verhalten der Menschen
einen Einfluss haben, und sich mehr angelegen sein liess, alle moralischen Gesetze
Gottes auszuüben, als sie zu zergliedern oder zu umschreiben, so hatte er sich
ganz dem Studium der prophetischen Schriften gewidmet. Jeder Mensch hat sein
Steckenpferd, und Sebaldus hatte die Apokalypse dazu erwählt, welches er auch,
seine ganze Lebenszeit durch, vom Montage bis zum Freitage fleissig ritt. Nur der
Sonnabend, wenn er sich zu seiner Predigt vorbereitete, und der Sonntag, wenn er
sie hielt, war moralischen Betrachtungen gewidmet. Denn sosehr er auch die
Prophezeiungen der Untersuchung eines scharfsinnigen Kopfes würdig hielt,
sowenig, glaubte er, würden seine Bauern davon verstehen oder nützen können, und
es war sein unwiderruflicher Willen, seinen Bauern nichts zu predigen, als was
ihnen sowohl verständlich als nützlich wäre.
    Er hatte daher mit einer Menge seiner wohlehrwürdigen Amtsbrüder eine
gewisse Ähnlichkeit, ob er ihnen gleich sonst sehr unähnlich war. Viele
Landpfarrer predigen sonntags mit lauter Stimme das Gesetz und wissen die
Ungläubigen und Ketzer mit starken Ausrufungen und gelehrten Zitationen aus dem
Grundtexte gar fein zusammenzutreiben. Ebendiese Männer aber sieht man die ganze
Woche über als dickstämmige Pachter, wilde Pferdebändiger, drollichte
Trinkgesellschafter oder vorsichtige Wucherer und möchte sie kaum für
ebendieselben halten. Ebenso konnte jedermann alle Sonntage hören, dass der
Vortrag des Pastors Sebaldus einfältig, herzrührend und allen Bauern
verständlich war. Wer hätte sich da vorstellen sollen, dies sei der
grundgelehrte Mann, der alle Kommentarien über die prophetischen Bücher
durchstudiert hatte, der alle alte und neue Prophezeiungen nebst ihren
Erfüllungen und Nichterfüllungen auf ein Haar wusste, der Vorbilder und
Gegenbilder wie Schachtel und Deckel zusammenpassen konnte, dem keine Meinung
der Mystiker und Gnostiker entgangen war, der Buchstabenziffern und Jahrwochen,
prophetische Zeitzirkel und abgekürzte Abendmorgen, bildliche Geschichte und
weissagende Träume nebst der ganzen Kabbala und dem Buche Raja Mehemna gänzlich
innehatte? Wer hätte sich da vorstellen sollen, dieser ganz einfache
Landprediger sei der Mann, der aus seinem Reichtume von gelehrtem Stoffe mit
Hilfe der Crusiusschen Philosophie, die, feiner als die feinste Nadel
zugespitzt, die einfachsten Begriffe zerteilen und sogar die beiden Seiten einer
Monade voneinander spalten kann, eines der scharfsinnigsten Gewebe von
Prophezeiungen aus der Apokalypse gezogen hatte, welchem Crusius' unumstössliche
Hypomnemata der prophetischen Teologie, Bengels unwidersprechliche Auslegung
der apokalyptischen Weissagungen, Don Isaak Abarbanels Majeneh Jeschuah und
Michaelis' unwiderlegliche Erklärung der siebenzig Wochen weder an Richtigkeit
und Wahrheit noch an Neuheit, Scharfsinn und sinnreicher Aufklärung der
dunkelsten Bilder zu vergleichen waren?
    So wie die meisten grossen Begebenheiten aus sehr geringen Ursachen zu
entspringen pflegen, so ging es auch derjenigen Hypotese über die Apokalypse,
auf die sich Sebaldus am meisten zugute tat. Wilhelmine war, als sie vom Hofe
kam, sehr französisch gesinnet: sie sprach und las gern französisch, sie liess
sich sogar merken, dass sie nichts eifriger wünschte, als einmal in ihrem Leben
Paris zu sehen, und warf es ihrem Manne mehr als einmal vor, dass er gar nichts
von französischer Artigkeit an sich hätte. Nun fügte es sich unglücklicherweise,
dass der ehrliche Sebaldus schon vorher an allem, was französisch war, ein
überaus grosses Missfallen hegte. Es war ihm von Jugend auf in der Schule ein
herzlicher deutscher Hass gegen Frankreich eingeprägt und oft wiederholt worden,
dass die Franzosen und die leidigen Türken Erb- und Erzfeinde Deutschlands wären,
dass sie Kaiser und Reich beständig bekrieget und ganze Provinzen vom deutschen
Reiche abgezwackt hätten. Da nun Frankreich ausser dem vielen und öftern Unheile,
das es auf deutschem Boden angerichtet hatte, sich auch sogar in des Sebaldus
Hausangelegenheiten mengte (denn er liess sich's nicht ausreden, dass bloss die
Neigung zum Französischen Ursache sei, dass ihn Wilhelmine nicht so herzlich
liebte, als er's wünschte), so verdoppelte sich sein Hass gegen alles, was
französisch war. Weil er nun sonst kein Mittel sah, seinen Unwillen auszulassen,
so wandte er sich mit Ernst zu seiner allgemeinen Zuflucht, der Apokalypse, und
forschte nach, ob denn in diesem Magazine von Weissagungen nicht eine Weissagung
wider die Franzosen entalten sein sollte.
    Es hat einer von den zweihundert schwäbischen tiefsinnigen Erklärern der
Offenbarung Johannis es als einen sichtbaren Beweis der wirklichen göttlichen
Inspiration dieses Buchs angegeben, dass man alles darin finde, was man mit
aufrichtigem Herzen darin suche. Dies erfuhr auch Sebaldus. Denn da er die
Apokalypse mit einem Seitenblicke auf Frankreich las, so schien ihm dies dunkle
Buch ganz klarzuwerden, und er glaubte sich zuletzt überzeugt, dass ein grosser
Teil der apokalyptischen Bilder nichts als ein Kompendium der französischen
Geschichte wäre, welches vor dem Hainault und Mezeray nur den einzigen Vorteil
habe, dass es etwas über tausend Jahre eher geschrieben worden sei, als die
Begebenheiten vorgingen. Er war fest versichert, dass die grosse Babylon im XVII.
Kapitel weder die Stadt Rom noch die Freimaurerei, sondern die Stadt Paris
andeute. Die Bedeutung der beiden Tiere im XIII. und XVII. Kapitel konnte er aus
dem Propheten Daniel erläutern, den er deshalb ausdrücklich, nach der
nürnbergischen Übersetzung, durchgelesen hatte. Die Entdeckung aber, worauf er
sich am meisten einbildete, war, dass die Zahl des zweiten Tieres, 666 oder kxs,
die Jesuiten bedeute, deren Verjagung aus Frankreich er wirklich einige Jahre
eher wusste, als der Herzog von Choiseul daran gedacht hatte. Nebenher war er
auch versichert, das Büchlein im X. Kapitel, das im Munde süss war wie Honig und
hernach im Bauche grimmete, müsse offenbar auf die vielen schlüpfrigen,
sittenverderbenden französischen Duodezbände gedeutet werden, die wir Deutschen
mit so vieler Begierde lesen. Alle diese und mehrere neue Entdeckungen über die
Apokalypse gediehen in kurzem zu einem grossen Werke, woran unser Sebaldus
unablässig arbeitete.
    Freilich hatten diese gelehrten Bemühungen nicht ganz den Beifall der
schönen Wilhelmine. Sie warf sich zwar nach ihrer gänzlichen Entfernung vom Hofe
in die Literatur, so wie sich die vom Hofe verwiesenen französischen Damen in
die Devotion werfen, aber diese Literatur war von derjenigen, die Sebaldus
trieb, himmelweit unterschieden. Wilhelmine war eine schöne Geistin. Alle gute
deutsche und französische Dichter hatte sie so fleissig gelesen, dass sie in der
Konversation nicht selten Stellen daraus anzuführen pflegte. Im Urteile über den
Wert der Romane war sie das Orakel der ganzen Gegend. Sie war aber auch in der
ganzen Gegend die einzige, die alle unsre besten neuern Dichter ganz frisch von
der Presse und die »Bremischen Beiträge«, die »Sammlung vermischter Schriften«
und die »Briefe die neueste Literatur betreffend« stückweise kommen liess. Von
ihr erhielten sie die wenigen gnädigen Fräulein, die Landprediger und die
Konrektoren in den benachbarten kleinen Städten, die noch in der dortigen Gegend
unsere schönen Geister des Lesens würdigten.
    In der Philosophie waren Sebaldus und seine Wilhelmine noch weit mehr
voneinander unterschieden. Sosehr er ein eifriger Crusianer war, ebensosehr war
sie aus allen Kräften der Wolffischen Philosophie ergeben, besonders aber wusste
sie desselben »Kleine Logik« auswendig. Wenn eine von ihren Freundinnen sich den
Geschmack bilden wollte, so pries sie derselben das zehnte Kapitel: »Wie man von
Schriften urteilen soll« nebst dem elften an: »Wie man Bücher recht mit Nutzen
lesen kann«. Der Crusiusschen Philosophie war sie von Herzen gram, welches auch
kein Wunder war, weil sie sich niemals hatte überwinden können, eine einzige von
den Schriften des hochwürdigen Mannes in die Hand zu nehmen. Sebaldus gab sich
alle mögliche Mühe, sie dahin zu bringen, dass sie nur wenigstens »Wüstemanns
Kompendium der Crusiusschen Philosophie« durchlesen möchte, welches er für eine
nahrhafte Milch für unmündige Philosophen hielt. Umsonst! Sie legte es, nachdem
sie sechs Seiten durchgelesen hatte, mit Verachtung aus der Hand und war und
blieb eine Wolffianerin.
    Es ist leicht zu begreifen, wie die Philosophie der schönen Wilhelmine
zuweilen eine kleine Unordnung im Hauswesen habe verursachen können und wie
möglich es gewesen, dass ein neuangekommenes Stück der »Literaturbriefe« der
zureichende Grund sein konnte, dass der Reisbrei anbrennen musste. Solche kleine
häusliche Widerwärtigkeiten störten aber keineswegs die beiderseitige
Zufriedenheit. Da Sebaldus gemeiniglich zu ebender Zeit über einem Gesichte aus
der Apokalypse geschwitzt hatte, so schmeckte er entweder den Fehler der Speise
nicht oder nahm ihn ganz guterzig auf sich, weil er glaubte, er habe auf sich
allzulange warten lassen. So gebiert das Bewusstsein eigener Schwachheiten
Toleranz, und Toleranz gebiert Liebe.
    Im Anfange freilich verursachten die sich gerade entgegengesetzten gelehrten
Meinungen beider Eheleute unter ihnen manchen heftigen Zwist, sobald aber nur
die beiderseitige Zuneigung stärker geworden war, konnten die verschiedenen
Meinungen nicht mehr den Wachstum ihrer Liebe hindern. Auf die Philosophie, über
die sie sich so oft ohne Erfolg gestritten hatten, liessen sie sich ferner gar
nicht ein. Hingegen liess sich Sebaldus zuweilen gefallen, von Wilhelminen ein
Stück aus einem neuen deutschen Schriftsteller vorlesen zu hören (denn wider die
französischen Schriften hatte er sich allzu deutlich erklärt, als dass sie sich
derselben zu erwähnen getrauet hätte). Wilhelmine war auch zuweilen so gefällig,
von ihrem Manne ein Stück seiner neuen Erklärung der Apokalypse, mit
Parallelstellen aus Daniels Geschichte bestärkt, sich vorlesen zu lassen. Sie
rief wohl zuweilen aus: »Sinnreich! Wirklich sehr sinnreich!« Mit diesem
Beifalle war er vergnügt wie ein König. Er liess ihn auch nicht unbelohnt. Er
setzte sich ans Klavier und spielte ungebeten einige der Oden mit Melodien, von
denen er wusste, dass sie seiner Frau am angenehmsten waren. Wilhelmine sang mit
frohem Herzen dazu, und gewöhnlich war ein solcher Auftritt eine reiche Quelle
guter Laune für diesen und einige folgende Tage.
    Gegen das Ende der erstern neun Monate ihres Ehestandes ward er mit einem
Sohne gesegnet, dessen sich der Hofmarschall aus alter Bekanntschaft besonders
annahm. Er liess ihn oft zu sich in die Stadt holen, beschenkte ihn und konnte
lachen, dass ihm der Bauch schütterte, wenn der Junge, der von seiner ersten
Jugend an versprach, einst ein durchtriebener Kopf zu werden, einen Umstehenden
in die Wade zwickte oder sonst jemand einen kleinen Schabernack antat. Als der
Knabe sechs Jahre alt war, so nahm er ihn ganz zu sich, so dass ihn seitdem seine
Eltern nur selten zu sehen bekamen. Im vierzehnten Jahre war der Knabe so weit
gekommen, dass er die mutwilligen Neckereien, die der Hofmarschall so oft in
seiner ersten Kindheit an ihm bewundert hatte, auch an seinem Wohltäter selbst
auszuüben anfing. Dieser mochte nun wohl dem Witze des Knaben Beifall geben,
wenn er andere hohnneckte, aber nicht, wenn er sich auch an ihn, den
Hofmarschall selbst, wagte, und dachte daher darauf, sich dessen zu entledigen.
Er besann sich, dass er einen guten Freund hatte, der Kurator über eine etwa
fünfundzwanzig Meilen entlegene Fürstenschule war, in derselben verschafte er
dem jungen Notanker eine Freistelle. Als der Knabe in derselben sechs Jahre
verharrt hatte und es nun Zeit schien, ihn auf Universitäten zu bringen,
verschafte er demselben durch gleiche Protektion zwei Stipendien auf einer
berühmten Universität. Weil nun zwei Stipendien einträglicher waren als eins, so
konnte der junge Notanker auch seine Studien mit viel glücklicherm Erfolge
fortsetzen, als sonst ein armer, einfacher Stipendiat hätte tun können. Er
studierte daher nicht allein in den Kollegien, sondern auch in den
Kaffeehäusern, bei den Jungemägden, in den Dorfschenken und also in der grossen
Welt der Universitäten. Er machte auch Verse und Satiren, wodurch er denn bald
ein Mitglied der Deutschen Gesellschaft des Ortes ward. Von der Philosophie
machte er Profession und setzte sich schon in seinen Studentenjahren vor, in
derselben einst grosse Veränderungen vorzunehmen; in der ästetischen Kritik aber
war er so stark, dass er den Longin, Shakespeare und Homer immer beim dritten
Worte zitierte. Diese Nachrichten erfreuten Wilhelminen ungemein, welche ihn als
ihren würdigen Erben ansah, obgleich Sebaldus ein wenig darüber den Kopf
schüttelte und die Hoffnung, die er sich seit zehen Jahren gemacht hatte, ihn
einmal zum Adjunkt seiner Pfarre zu bekommen, beinahe aufzugeben anfing.
    Etwa sechs Jahre nach der Geburt des Sohnes, als eben die Zuneigung zwischen
Sebaldus und Wilhelminen zur wärmsten Zärtlichkeit gestiegen war, wurden sie mit
einer Tochter erfreut. Mariane war von ihrer ersten Jugend an der Gegenstand der
väterlichen und mütterlichen Zärtlichkeit. Besonders wendete Wilhelmine ihre
ganze Sorgfalt auf die Erziehung dieser Tochter. Sie unterwies sie in allen
weiblichen Arbeiten und in der französischen Sprache, ihr Vater war ihr Lehrer
in der Geschichte und Erdbeschreibung, und beide vergassen nichts, um den Geist
und das Herz dieses geliebten Kindes zu bilden. Mariane hatte in ihrem
sechzehnten Jahre die besten deutschen und französischen Schriftsteller gelesen.
Nach Endigung ihrer häuslichen Arbeiten war ihr Abendgeschäft, wechselsweise
ihrer Mutter vorzulesen oder auf dem Klaviere zu spielen, worin ihr Vater ihr
erster Lehrmeister gewesen war und ihr eigener Fleiss sie zu mehrerer
Vollkommenheit gebracht hatte. Eine sanfte Seele, ein mitleidiges Herz krönte
ihre übrige gute Eigenschaften und gab ihnen in den Augen ihrer Eltern noch
einen viel grössern Wert.
    Als diese älteste Tochter schon erwachsen war, wurde die Familie noch mit
einer kleinen Tochter vermehrt, bei deren guter Erziehung Wilhelmine mit der
jungen Mariane wetteiferte.
 
                               Zweiter Abschnitt
Die häusliche Zufriedenheit hatte auf solche Art viele Jahre ununterbrochen
fortgedauret. Sebaldus verrichtete seine Amtsgeschäfte in der Kirche mit frohem
Gemüte, ebenso wie Wilhelmine in der Küche und in der Milchkammer. Beide
unterstützten willig ihre notleidenden und bekümmerten Nachbarn, und dann
kehrten sie vergnügt zu ihrer eigenen Gesellschaft und zur Gesellschaft ihrer
inniggeliebten Kinder zurück. Ein frohes Herz war die Würze jeder ländlichen
Mahlzeit und verschönerte ihre ruhigen Spaziergänge. Das Einförmige in ihrer
Lebensart und in ihrem Vergnügen gewann mehrere Veränderung, so wie ihre Kinder
im Alter zunahmen. Eine richtige Anmerkung oder ein witziger Einfall, den
Mariane hören liess, ein neues musikalisches Stück, das sie zum erstenmal
spielte, war der elterlichen Zärtlichkeit ein Fest, woran ihr Vergnügen tagelang
Nahrung hatte. Der Tag, da Charlottchen zuerst das süsse Wort Mutter lallte, der,
da sie zuerst auf ihren kleinen Füssen drittehalb Schritte von dem Schosse der
Mutter zum Vater forttaumelte, der, da sie ihm das erste von ihr genähte
Säumchen vorzeigen konnte, oder der, da sie, durch ihre zärtliche Schwester
gelehrt, beide Eltern durch Hersagung der Gellertschen Fabel vom Zeisig
überraschte, waren in dieser kleinen Familie Galatage, deren Anmut, wider die
Art der höfischen, auch noch, nachdem sie vorbei waren, genossen wurde.
    So vollkommen das Glück dieser Familie war, so drohte es doch ein kleiner
Zufall zu unterbrechen. Es erschien in den letzten Jahren des vergangenen
Krieges eine Schrift, »Vom Tode für das Vaterland« betitelt. Diese kleine
Schrift würde in das ruhige Fürstentum so leicht nicht eingedrungen sein,
welches von neuen Schriften, sonderlich von solchen, die sich mit dem Tande der
weltlichen Weisheit und mit dem Spielwerke der schönen Literatur beschäftigten,
gar nicht beunruhigt wurde. Man hatte darin gewöhnlicherweise ausser dem
fürstlichen privilegierten Gesangbuche, welches jährlich in grobem und feinem
Drucke aufgelegt ward, und einigen auswärtigen Kalendern als dem »Hinkenden
Staatsboten« und dem »Nürnbergischen Land- und Hauskalender« und so weiter
nichts als des Herrn von Bogatzky »Tägliches Hausbuch«, den kleinen Görgel in
Lebensgrösse, Schabalie, wandelnde Seele, Försters »Expedirten Prediger« in sechs
Quartbänden, die Grundrisse von Predigten der Hamburgischen Herren Pastoren
nebst der »Insel Felsenburg«, dem »Im Irrgarten der Liebe taumelnden Kavalier«
und einigen Romanen des Dresdner Türmers, zum Beispiel: »Das Leben Peter
Roberts«, »Das wunderbare Schicksal Antoni«, »Das Leben des Malers Michael«, und
dergleichen Sachen mehr.
    Wilhelmine aber, welche auf alle neue Bücher neugierig war, die in die
schönen Wissenschaften, in die Sittenlehre, Geschichte und so weiter
einschlugen, hatte, wie wir schon erwähnt haben, für sich selbst eine kleine
auserlesene Bibliotek solcher Schriften, dergleichen in dem ganzen Fürstentume
nicht anzutreffen war. Sie hatte dem Buchhändler in der fürstlichen
Residenzstadt, ihrem Gevatter, den Auftrag gegeben, ihr alle merkwürdige neue
Bücher dieser Art in ebendem Pakete zuzusenden, worin Sebaldus alle neue
Schriften, die über die Apokalypse herauskamen, empfing. So nährte der ehrliche
Hieronymus den Geist beider Eheleute mit Witz und mit Prophezeiungen.
    Dieser Buchhändler hatte in seiner Jugend einige Schulstudien gehabt und
dadurch vor verschiedenen seiner Handlungsgenossen den kleinen Vorzug erlangt,
die Titel der Bücher, die er verkaufte, ganz zu verstehen. Er hatte in
verschiedenen ansehnlichen Buchhandlungen in Holland, Frankreich und Italien als
Handlungsdiener gestanden. dabei hatte er nicht allein sein eigenes Gewerbe in
einem weit grössern Umfange eingesehen, sondern auch Städte und Sitten der
Menschen kennenlernen. Daher kam es wohl, dass er zuweilen, vielleicht ohne es
selbst zu wissen, ein vernünftigeres Urteil von verschiedenen Sachen fällte als
sein Nachbar, der Superintendent, oder sein anderer Nachbar, der Rat in dem
fürstlichen Expeditionskollegium, die beide, ausser ihren auf einer benachbarten
Akademie verbrachten Universitätsjahren, niemals ihre Vaterstadt verlassen
hatten.
    Hieronymus pflegte aber die Einsichten, die er besass, eben nicht unablässig
geltend zu machen, daher hatten sie ihm auch nicht Feinde zugezogen. Er war in
der kleinen Residenzstadt, in der er sich gesetzt hatte, im Ansehen, ohne von
jemand beneidet zu werden, denn er war gegen jedermann dienstfertig und hatte
eine natürliche Abneigung, jemand ins Gesicht zu widersprechen oder erlangte
Vorteile von irgendeiner Art zur Schau zu tragen. Bei diesen Grundsätzen und
einer so glücklichen Temperamentstugend war er in seinem Städtchen wohlhabend
geworden, ohne dass es eben bei seinen Nebenbürgern sonderliches Aufsehen
verursacht hatte.
    Gleichwohl waren durch seinen Fleiss ganz unvermerkt in dem Ländchen, wo er
sich befand, zwei neue Handlungszweige eröffnet worden, an die vorher noch
niemand gedacht hatte. Das kleine Fürstentum hatte einen fruchtbaren Boden und
nicht wenig Viehzucht, es brachte alles hervor, was die Einwohner nähren konnte.
Sie nährten sich auch und zehrten richtig dasjenige auf, was ihnen zuwuchs. Weil
sie aber ausser ihrem mässig bestellten Ackerbaue gar keine einzige Art von
Kunstfleiss trieben, so war freilich unter ihnen wenig Geld. Es reichte kaum zu,
die Röcke und die Strümpfe zu bezahlen, die die Handwerker eines benachbarten
Herzogtums aus der Wolle, die in diesem kleinen Fürstentume sehr wohlfeil
verkauft ward, webten und alsdann in dasselbe wieder einführten. Es war also
kein Wunder, dass bisher noch kein Buchhändler in diesem Ländchen hatte Bücher
verkaufen können. Hieronymus war der erste, der sich unterstand, Bücher darin
einzuführen. Er sah aber auch nicht so genau darauf, ob er eben bar Geld
erhielt. Er verkaufte mehrmal zum Beispiel das »Juristische Oraculum« in
sechzehn Foliobänden für einen fetten Ochsen, Leopolds »Landwirtschaftsbuch« für
sechs Scheffel Roggen und Riegers »Herzpostill« oder Cardilucii »Kunst-, Natur-
und Nahrungspostill« für ein paar Schock Eier; ja er gab noch wohl Mürdelii
»Süsse Geisteserquickungen« oder Meletaons »Tugendschul« in den Kauf.
    Hierdurch machte er sich besonders bei den Predigern in den Städten, Flecken
und Dörfern sehr beliebt, die gern etwas von ihren Zehenten oder von ihrem
Naturaldeputate daranwagten, um sich Krausens »Evangelischen und epistolischen
Predigerschatz«, Kleiners »Hirtenstimme«, Schlichtabers »Fünffache
Dispositionen aller Evangelien« oder Weihenmeiers »Epistolische Spruch- und
Kernpostill« anzuschaffen und sich dadurch die schwere Last des Predigtamts, die
sie so sehr drückte, zu erleichtern. Die Bürger folgten bald dem Exempel ihrer
Seelenhirten und schafften sich von einem Teil des Ertrags ihrer Ernte und ihrer
Kälber- und Hammelzucht einige erbauliche und nützliche Bücher an, zum Beispiel
Hollazens »Gnadenordnung« und »Pilgerstrasse«, das Gebetbuch »Die reine
Wasserquelle«, den vom Engel Raphael begleiteten »Wandersmann«, Goezens
»Betrachtungen über die Dinge«, die nach dem Jüngsten Gerichte vorgehen werden,
»Hocuspocus oder Die neuvermehrten Taschenspielkünste«, Schnurrs »Kunst-,
Haus-und Wunderbuch«, »Der getreuen Bellamira wohlbelohnte Liebesproben«,
Heussens »Biblische Seelenweide« und dergleichen. Die fürstlichen Räte und
Sekretarien aber kauften Bolzens »Amts- und Gerichts-Actuarium«, dessen
»Anweisung zum Amtierungswerke«, besonders aber des deutlichen Schwesers oder
Philoparchi »Wohlunterrichteten Beamten« und so weiter.
    Hieronymus erhielt also als ein Laie einen Vorteil, der sonst nur der
Geistlichkeit eigen war, nämlich er speisete den Geist seiner Mitbürger und
eignete sich dafür ihre Glücksgüter zu. Er liess die eingetauschten Ochsen,
Hammel und Schweine in seine Ställe treiben und das eingetauschte Getreide auf
seine Böden schütten. Beides war auf den Märkten des obengedachten Herzogtums
für bares Geld zu verkaufen, weil daselbst die blühenden Manufakturen eine
grössere Bevölkerung, diese aber unvermerkt einen höhern Preis der Nahrungsmittel
verursacht hatte. Man kannte unsern Mann daselbst nicht unter dem Namen des
Buchhändlers Hieronymus, hingegen der Namen des Korn- oder Viehhändlers
Hieronymus war bei den Müllern, Bäckern und Schlächtern daselbst um desto
bekannter.
    Seine Nachbarn hatten selbst Äcker und Wiesen, aber zufrieden, sich zu
nähren, bauten sie wenig mehr, als gebraucht ward, und dachten nie daran, den
kleinen Überfluss ihren Nachbarn weiter als etwa bis in die nächste Landstadt
zuzuführen. Es währte jahrelang, bis durch die beladenen Wagen und durch die
Herden Vieh, die sie so oft aus Hieronymus' Hause wegfahren und wegtreiben
sahen, ihre Neugier rege gemacht ward.
    Sie versuchten bald ebendiesen Weg, und da ihnen ihr Unternehmen gelang,
fingen sie an, ihre Viehzucht zu vermehren und ihre Äcker fleissiger zu bauen.
Sie nahmen dadurch selbst an gutem Wohlstande zu, und das ganze Ländchen kam in
wenig Jahren in so gutes Aufnehmen, dass die Staatsklugen zu erörtern anfingen,
warum das Land sich so schnell verbessert habe.
    Eigentlich war freilich die Ursache davon der Fleiss des Hieronymus und das
Beispiel, das er seinen Mitbürgern gegeben hatte. Es ist aber allen denen, die
politische und Finanzvorfälle untersuchen, schon längst zur Regel geworden,
nicht die kleinen Umstände anzuführen, welche gemeiniglich die wahren Ursachen
der Begebenheiten zu sein pflegen, sondern grosse Umstände aufzusuchen, welche
gemeiniglich nicht die wahren Ursachen sind. Daher ward in einer in das
fürstliche Intelligenzblatt eingerückten Abhandlung die schnelle Zunahme des
Wohlstandes der landesväterlichen Vorsorge des Fürsten zugeschrieben (der auf
seinem Lustschlosse seine Zeit zwischen der Jagd und seiner Mätresse teilte) und
nach derselben den klugen Anstalten seines Ersten Geheimen Rats (der in der
fürstlichen Residenzstadt im Kabinette unermüdet arbeitete, alle Stellen im
Lande mit seinen Verwandten und Kreaturen zu besetzen). Der Superintendent
Doktor Stauzius hingegen, ein scharfer Gesetzprediger, nahm diese Abhandlung in
der Einweihungspredigt der neuerbauten Sankt-Bartels-Kapelle ziemlich durch und
versicherte, der zugenommene Wohlstand des Fürstentums sei bloss ein sichtbarer
Segen des Höchsten wegen der frommen Aufführung der Einwohner.
    Man muss nämlich wissen, dass in der fürstlichen Residenzstadt ein paar Jahre
vorher fünf Strassen nebst einer kleinen verfallenen Kapelle abgebrannt waren.
Die Einwohner trugen auf die nachdrückliche Ermahnung des Superintendenten zum
Baue der Kapelle, welche viel vergrössert und verschönert aufgebauet werden
sollte, so reichlich bei, dass sie freilich kein Geld übrigbehielten, zu einer
Hauskollekte etwas herzugeben, die der Bürgermeister veranlasst hatte, um von
deren Ertrage einige gemeine Feuerspritzen anzuschaffen, weil bloss aus Mangel
derselben das Feuer so weit um sich gegriffen hatte. Noch weniger kehrten sie
sich an die leichtsinnigen Reden des Bürgermeisters, der öffentlich sagte, dass
man vor allen Dingen den abgebrannten Einwohnern beispringen müsse und dass es
überhaupt unnötig sei, die Kapelle wieder zu bauen, da andere Kirchen genug in
der Stadt wären, noch weniger, sie zu vergrössern, solange die Häuser der
Einwohner, zu deren Gebrauche die Kapelle dienen sollte, noch in der Asche
lägen. Diese mussten sich freilich, da sie nirgend unterkommen konnten und gar
keine Hoffnung sahen, sich wieder aufzuhelfen, in wenig Wochen zu Kolonisten
nach Russland anwerben lassen und bekamen also die für sie neuerbaute Kapelle
nicht zu sehen. Hingegen hatten sie doch den Trost, dass sie die gedruckte
Einweihungspredigt des Doktor Stauzius nebst den beigefügten Carminibus des
Stadtministeriums und aller Primaner des fürstlichen Lyzeums mit vieler Erbauung
am Ufer der Wolga vorlesen hörten.
    Sebaldus erhielt diese gedruckte Einweihungspredigt in ebendem Pakete, worin
Wilhelmine die Schrift »Vom Tode fürs Vaterland« erhielt. Sie machte ihm aber
nicht sonderliches Vergnügen. Doktor Stauzius hatte in derselben mehr als einmal
denen, die Kirchen und Kapellen verachten und den Bau oder die Verschönerung
derselben verhindern, mit der ewigen Verdammnis gedrohet. Sebaldus konnte aber
an diese Lehre nie denken, ohne in eine Art von Bekümmernis zu geraten, die dem
Missvergnügen nahe war. Dagegen hatte der »Tod fürs Vaterland« auf Wilhelminen
eine ganz entgegenstehende Wirkung, denn er setzte ihren ohnedies zum
Romantischen geneigten Geist schnell in Feuer. Sie fühlte Entzückung über die
Gedanken des Verfassers: dass auch der Untertan einer Monarchie nicht eine blosse
Maschine sei, sondern seinen eigentümlichen Wert als Mensch habe, dass die Liebe
fürs Vaterland einer Nation eine grosse und neue Denkungsart gebe, dass sie eine
Nation als ein Muster für andere darstelle. Erhjetzt von diesen Ideen, beschloss
sie, in dem allgemeinen Kriege, der damals Deutschland verheerte, auch ein
Beispiel ihrer Liebe fürs Vaterland zu geben. Da fiel ihr gleich auf der ersten
Seite folgende Stelle aufs Herz: »Sollte wohl ein Diener der Religion sich
entweihen, sollte er wohl dadurch sein Amt vernachlässigen, wenn er, nachdem er
tausendmal gesagt hat: Tut Busse!, auch einmal riefe: Sterbet freudig fürs
Vaterland?« Dieser Aufforderung Genüge zu tun, fand sie edel und gross und eilte,
ihren Mann dazu aufzumuntern. Sie las ihm aus der Schrift, die ihr so sehr
gefiel, die stärksten Stellen vor und beschloss mit den eben angeführten, an die
Prediger gerichteten Worten. Hierauf nahm sie alles zusammen, um ihn zu bewegen,
dass er den nächsten Sonntag seiner Gemeine predigen sollte: Sterbet freudig für
das Vaterland!
    Doch sie fand bei ihrem Mann einen stärkern Widerstand, als sie sich
vorgestellt hatte. Sebaldus wusste ihrer feurigen Überredung hundert unerwartete
kalte Gründe entgegenzusetzen; denn sein Geist geriet ohne Prophezeiung nicht
leicht in Entusiasmus, und durch Doktor Stauzius' Einweihungspredigt war er gar
nicht erwärmt worden. Unter andern meinte er, ein Geistlicher, wenn er glaube,
oft genug gerufen zu haben: Tut Busse!, könnte noch eine Menge Wahrheiten
predigen, die ihn alle noch nützlicher dünkten als der Tod für das Vaterland.
»Und«, setzte er hinzu, »wo ist in unserm unter Krieg und Verheerung seufzenden
Deutschland jetzt wohl das Vaterland zu finden? Deutsche fechten gegen Deutsche.
Das Kontingent unsers Fürsten ist bei dem einen Heere, und in unserm Ländchen
wirbt man für das andere. Zu welcher Partei sollen wir uns schlagen? Wen sollen
wir angreifen? Wen sollen wir verteidigen? Für wen sollen wir sterben?«
    Aber Wilhelmine hatte nun einmal lebhaft den Gedanken gefasst, es solle vom
Tode fürs Vaterland gepredigt werden, und da ihr Mann durch allgemeine Gründe
nicht zu bewegen war, nahm sie zu solchen ihre Zuflucht, die ihn näher angingen.
»Wie«, sagte sie, »wird denn nicht in diesem Kriege wider die Franzosen
gestritten? Die Deutschen sind echte Deutsche, die auf Türken und Franzosen
losgehen! Sie haben mir, mein Lieber, oft von Weissagungen vom nahen Untergange
Frankreichs vorgesagt, sollte in der Apokalypse keine Weissagung sein, die den
itzigen Krieg angehet? Schlagen Sie doch nach. Wer weiss, ob in diesem Kriege
nicht Deutsche das stolze Frankreich erobern sollen? Wenn es Ihnen nun
vorbehalten wäre, durch Ihre Predigt zu diesem grossen Werke den ersten Anlass zu
geben? Welcher Ruhm für Sie, wenn auch auf Sie und auf Ihre Predigt mit
geweissagt wäre? Können Sie der Kraft so vieler Gründe wohl widerstehen? Ich
dächte, Sie müssten dadurch determiniert werden!«
    Der arme Sebaldus war nun bei allen seinen Schwächen angegriffen, denn
Wilhelmine pflegte eben nicht die Apokalypse anzuführen, noch weniger pflegte
sie der Franzosen mit widrigen Seitenblicken zu gedenken; und was den
zureichenden und determinierenden Grund betraf, waren beide so schlechterdings
entgegengesetzter Meinung, dass weder Sebaldus das Wort zureichend noch
Wilhelmine das Wort determinierend jemals in den Mund zu nehmen pflegte. Es
geschah also hier, was immer zu geschehen pflegt, nämlich dass die gefällige
Freundlichkeit eines Frauenzimmers die besten Gründe einer Mannsperson unkräftig
macht.
    Sebaldus wählte für den nächsten Sonntag einen schicklichen Text aus der
Apokalypse, und da dieses das, erstemal war, dass er einen aus diesem von ihm so
geliebten Buche auf Kanzel brachte, so hielt er seine Predigt vom Tod fürs
Vaterland in einem ihm sonst nicht gewöhnlichen entusiastischen Feuer und nicht
ohne Frucht. Denn beim Herausgehen aus der Kirche sah er auf dem Kirchhofe einen
ziemlichen Auflauf und hörte jemand sehr laut reden. Als er näher hinzukam,
vernahm er, dass ein im Dorfe liegender preussischer Unteroffizier, der mit in der
Kirche gewesen war, zu seiner Predigt eine epanortotische Nutzanwendung
hinzutat, wodurch denn zehn junge, rasche Bauerkerle bewegt wurden, auf der
Stelle Dienste zu nehmen.
    Dem Sebaldus klopfte hiebei das Herz etwas ängstlich, aber Wilhelmine
jubilierte über den glücklichen Erfolg ihres Vorschlags. Sie wendete auf dem
Wege aus der Kirche nach Hause alles an, um ihrem Manne ebenso freudige
Gesinnungen mitzuteilen. Es würde ihr vielleicht gelungen sein, wenn nicht zwei
Briefe, die sie bei ihrer Ankunft zu Hause fanden, ihre Freude etwas
niedergeschlagen hätten. Der eine war von einem Professor der Universität, wo
ihr ältester Sohn studierte. Er meldete ihnen ohne Umschweife, dass ihr Sohn mit
Hinterlassung vieler Schulden davongelaufen sei und dass niemand wisse, wohin.
Beide Eltern fuhren bei dieser unvermuteten Nachricht zusammen und zitterten vor
dem zweiten Brief, an dessen Aufschrift sie ihres Sohnes Hand erkannten. Der
Sohn meldete darin, ohne von seinen Schulden etwas zu erwähnen, dass er es für
einen guten Bürger für schimpflich halte, stillezusitzen, wenn das Vaterland in
Not sei; dass die Römer und Griechen in ihrer Jugend Kriegsdienste getan hätten;
dass er diesem glorreichen Exempel folgen wolle und daher zur Armee gegangen sei.
Zugleich meldete er seinen Eltern, er habe vorderhand einen fremden Namen
angenommen und wolle diesen so lange führen, bis er seinem wahren Namen Ehre
mache. Sebaldus ward bei dieser Nachricht ganz blass, und Wilhelmine fiel mit
einem lauten Geschrei rücklings aufs Kanapee. Sie besann sich aber bald, dass
jetzt Gelegenheit sei, spartanische Gesinnungen zu zeigen, und sagte nach
einigen Minuten mit gebrochener Stimme und mit tränenden Augen: »Ich habe ihn
dazu geboren!« Sie suchte, so schwer es ihr ward, ihre heldenmütigen Gesinnungen
bei sich wieder hervorzuziehen. Bald stellte sie sich die grossen Taten vor, die
ihr Sohn verrichten würde; bald bedauerte sie nur, dass er seinen Namen verändert
hatte, weil sie auf diese Art vor ihr unbemerkt geschehen könnten. Bald hoffte
sie wieder, dass er, wenn er etwas Grosses verrichtet hätte, gewiss seinen Namen
kundtun werde. Doch konnten alle diese heroischen Gesinnungen, mit denen sie
sich tröstete und die dem Sebaldus gar keinen Trost gaben, weder ihre
mütterliche Zärtlichkeit noch des Sebaldus weise Betrachtungen unterdrücken, die
sich den Rest des Tages über beständig dazwischenmischten. Und nun legten sie
sich beiderseits in einer solchen Gemütsverfassung schlafen, dass, wenn sie
vierundzwanzig Stunden vorher darin gewesen wären, Sebaldus sowenig würde
gepredigt haben: Sterbet freudig für das Vaterland!, als Wilhelmine ihn dazu
würde haben ermuntern wollen.
 
                               Dritter Abschnitt
Indes erscholl die Nachricht von dieser Predigt und von ihren Folgen bald bis in
die fürstliche Residenz. Sebaldus hatte im Konsistorium zwei sehr mächtige
Feinde. Zuerst den Präsidenten, zugleich ein Ehrenmitglied verschiedener
deutschen und lateinischen Gesellschaften. Er fertigte viele sehr fliessende
deutsche Reime und viele sehr deutliche lateinische Chronodistichen auf alle am
fürstlichen Hofe vorfallenden Galatage, auf alle Landplagen, als Heuschrecken,
Hagel, feindliche Einfälle, auf alle Promotionen der ihm untergebenen
Konrektoren und Landprediger. Wilhelmine, als eine feine Kennerin, glaubte sich
dem falschen Geschmack, der in ihrem Vaterländchen beschützt ward, widersetzen
zu müssen. Sie sprach daher bei jeder Gelegenheit von den deutschen Versen des
Präsidenten überaus verächtlich, und seine lateinische Chronodistichen wusste sie
aus dem »Zuschauer« mit einer Reihe Soldaten zu vergleichen, in welcher einige
Riesen zwischen einer Anzahl Zwerge ständen. Nun ist es bekannt, dass alle
Dichter sehr empfindlich und die schlechten gemeiniglich die empfindlichsten
sind. Es lässt sich also leicht erachten, wie der Präsident es für einen
unerhörten Eingriff in die Landesverfassung und die gute Subordination halten
musste, dass eine Landpfarrerfrau sich über die Verse eines Mannes wie er
öffentlich aufhalten dürfte, und wie er keine Gelegenheit werde verabsäumet
haben, seinen Widerwillen wider den guten Geschmack der Frau den Mann empfinden
zu lassen. Der zweite Feind des Sebaldus war der Generalsuperintendent Doktor
Stauzius, der ehemalige Dorfpfarrer, der unsern Sebaldus mit Wilhelminen
getrauet hatte, der wilde Mann, der so gern vom Obersten Menzel und vom lustigen
Treffen zu Rossbach sprach. Er hatte kurz nach Sebaldus' Heirat die von diesem
verschmähte Ausgeberin des Präsidenten geheiratet und war dadurch
Generalsuperintendent geworden. So wie er am Stande zunahm, wuchs auch sein
Eifer für die Ortodoxie, und er liess sich zum Doktor der Teologie machen, um
einen doppelten Beruf zu haben, sich der Ortodoxie alles Fleisses anzunehmen. Er
erhielt auch im Lande eine solche Einförmigkeit in der Lehre wie ein Hauptmann
in einer wohleingerichteten Kompanie Soldaten, wo jeder Rock so lang als der
andere, jeder Zopf so dick als der andere, jede Stiefelette so hoch aufgeknüpft
ist als die andere und die sich nie nach ihrem eigenen Willen, sondern bloss nach
dem Winke ihrer Obern beweget. Jeder Prediger, der nur den geringsten Geruch von
Ketzerei an sich spüren liess, wurde abgeschafft. Dadurch ward das Ländchen so
rein gehalten, dass nur der einzige Sebaldus auf der schwarzen Liste stand.
Doktor Stauzius hatte mit ihm noch als Dorfpfarrer schon oft über die Ewigkeit
der Höllenstrafen gestritten, die er eifrig behauptete, wogegen Sebaldus, wie
wir den Leser schon haben merken lassen, davon zwar ganz menschenfreundliche,
aber nicht ortodoxe Begriffe hegte. Seitdem nun Doktor Stauzius
Generalsuperintendent geworden war, glaubte er die Lehre von der Ewigkeit der
Höllenstrafen noch weniger entbehren zu können. Er merkte beim Antritt seines
Amtes bald, dass bei den Kammerjunkern und den fürstlichen Räten mit dem
florentinischen Wetterglase, woraus er vormals seinen Bauern Wind und Wetter
vorhersagte2, nicht viel auszurichten wäre. Er legte sich also, um die Hofleute
in kirchlicher Zucht zu halten, auf ein recht derbes Gesetzpredigen. Er malte
ihnen den höllischen Schwefelpfuhl recht schrecklich und die Martern der
Verdammten recht grässlich vor, wobei er dann mit einem hohlen klagenden Tone das
Wort ewig! ewig! ewig! erschallen liess. So streng und unerbittlich er aber auf
der Kanzel gegen die Sünder losdonnerte, so gefällig und nachgebend bezeigte er
sich gegen seine Frau, die er aus so vornehmen Händen empfangen hatte, die ihn
daher ganz regierte. Unglücklicherweise für Sebaldus war sie auf denselben und
auch auf dessen Frau sehr übel zu sprechen, denn sie konnte es ihm noch nicht
vergeben, dass er ihre Hand und mit ihr das einträglichere Amt ausgeschlagen
hatte, bloss um eine jüngere und schönere Person zu heiraten. Wenn also Doktor
Stauzius über Sebaldus nur ein verdriessliches Wort sagte, so setzte sie noch
zwei oder drei hinzu und brachte sowohl ihren jetzigen Mann als ihren gewesenen
Herrn wider ihn auf. Es war also kein Wunder, dass Sebaldus sehr oft, auch bei
den geringfügigsten Vorfällen, nachdrücklichste Verweise aus dem Konsistorium
bekam.
    Die gegenwärtige Sache hingegen ward zu wichtig befunden, als dass sie mit
einem blossen schriftlichen Verweise hätte können abgemacht werden. Sebaldus ward
nach der fürstlichen Residenz gefordert, um in Person vor dem Konsistorium zu
erscheinen. Als er nun vor die Schranken trat, sah ihn der Präsident von oben
bis unten an, seufzte, machte die Augen zu, hob das Angesicht gen Himmel und
hielt ihm in einem feinen, etwas heisern und langgezogenen Tone seinen Unfug
vor, dass er von etwas anders als von Busse und Zerknirschung des Herzens
gepredigt hätte, welches den symbolischen Büchern schnurstracks zuwider sei.
Kaum hatte der sanfte Präsident ausgeredet, als der heftige
Generalsuperintendent aufstand. Er schrie mehr, als er sprach, zitterte vor
Eifer, ward feuerrot im Gesichte, runzelte seine starken, halb grauen und halb
roten Augenbrauen, konnte vor Zorn nicht sprechen und schüttete, als er endlich
anfing, in einem hohlen und bellenden Tone so schnell, dass ein Wort das andere
jagte, ein gestottertes Anatema über das andere auf den armen Sebaldus aus. Er
hielt ihm vor, die zehn angeworbenen Bauerkerle hätten vermutlich in den Stand
der Gnade kommen können, da sie aber nun in dem sittenlosen preussischen Lande
Ateisten würden, müssten sie ewig verdammt werden. Auch er, Sebaldus, hätte die
ewige Verdammnis dadurch verdient, dass er an dem ewigen Wehe von zehn Seelen
schuld wäre - und was des Verdammens mehr war.
    Sebaldus antwortete bescheiden mit wenig Worten und liess am Ende seiner Rede
einfliessen, dass Gott gnädiger wäre als erbitterte Menschen, dass er uns nach der
reinen Absicht unsers Herzens, nicht aber nach einem nicht vorhergesehenen
Erfolge unserer Handlungen richten werde. Stauzius fuhr ihn mit
unbeschreiblicher Wut an: Ob er die Ewigkeit der Höllenstrafen glaube? Sebaldus
antwortete ganz gelassen: Er glaube nicht, dass es Menschen gezieme, der Güte
Gottes Mass und Ziel zu setzen. »Sie sehen, meine Herren«, redete der äusserst
aufgebrachte Superintendent die Anwesenden an, »dass dieser gottlose Mann in den
Grundlehren des Glaubens irrig ist und schändliche grundstürzende Irrtümer
behauptet; ich trage also darauf an, dass er unverzüglich seines Amtes entsetzt
werde, damit er die Seelen der ihm anvertrauten Herde nicht ferner in Gefahr
bringe.« Der Präsident antwortete hierauf mit sanftmütiger Miene: »Es ist zwar
wahr, dass Ehrn Notanker sich eine schwere Verschuldung hat zur Last kommen
lassen, doch erfordert die christliche Liebe, dass man in einer so wichtigen
Sache, als die Absetzung vom Amte ist, sich nicht übereile. Daher ist meine
Meinung, dass dem Fiskal aufgetragen werde, eine in gehöriger Form abgefasste
Klage zu überreichen, welche dem Beklagten mit dem Bedeuten, sie in zwei Tagen
zu beantworten, sub poena praeclusi, und dass alsdann in contumaciam wider ihn
erkannt werde, zu kommunizieren sei, desgleichen dass derselbe auf nächste
Session in vierzehn Tagen beschieden werde, um die alsdann abzufassende Sentenz
anzuhören.« Dieser Meinung fielen alle bei, und Sebaldus verfügte sich mit
schwerem Herzen nach Hause.
    Die Klage des Fiskals lief in wenig Tagen ein; und weil darin noch mehr auf
die Ewigkeit der Höllenstrafen als auf die gehaltene Predigt Rücksicht genommen
war, so glaubten Sebaldus und Wilhelmine darin die Feder des Doktor Stauzius zu
erkennen. Sebaldus beantwortete sie in den gesetzten zwei Tagen ausführlich, und
Wilhelmine fügte noch einige Anmerkungen hinzu, wodurch ihrer Meinung nach die
Unschuld ihres Mannes so treffend bewiesen wurde, dass sie glaubte, es liesse sich
auch nicht das geringste nur mit einigem Scheine dawider einwenden. Diese
Verantwortung schickte Sebaldus sogleich nach der Kanzlei und schwebte indes
zwischen Furcht und Hoffnung. An dem angesetzten Tage begab er sich nach der
Residenz. Er musste in dem Vorzimmer der Sessionsstube eine halbe Stunde warten,
während das Konsistorium über sein Schicksal ratschlagte. Darauf ward er
hineinbeschieden, um die Sentenz anzuhören, welche nach dem gewöhnlichen
Eingange folgendermassen lautete: »Dass Beklagter wegen irriger Lehre und
Abweichung von den teuer beschworenen symbolischen Büchern, wobei er aller
liebreichen Ermahnungen ohnerachtet verharret, seines Predigt- und Lehramts zu
entsetzen und zu bedeuten sei, sich alles fernern Lehrens, Predigens und
sonstiger Actuum ministerialium gänzlich zu entalten, so lieb als ihm sei die
Vermeidung fürstlicher Ungnade und zweijähriger Zuchtausstrafe. V.R.W.« Es fand
keine Appellation statt. Der Konsistorialbote nahm unverzüglich dem guten
Sebaldus Kragen und Mantel ab, zugleich ward er ernstlich bedeutet, die
Pfarrwohnung sogleich zu räumen, indem die Pfarre bereits vergeben sei, und
darauf mit einer väterlichen Ermahnung in Frieden entlassen. Das Konsistorium
aber blieb noch versammelt, um den Präsidenten ein lateinisches Chronodistichon
auf diesen merkwürdigen, zur Festaltung der reinen ortodoxen Lehre
abzweckenden Actum verlesen zu hören, das er in den vierzehn Tagen seit der
letzten Session zustande gebracht hatte.
    Sebaldus war so betäubt, dass er alle Besonnenheit verlor. Seine Füsse trugen
ihn nur mechanischerweise nach Hause. Wilhelmine hatte sich aus zureichenden
Gründen von dem Ausgange des Prozesses die beste Hoffnung gemacht. Sie hatte
daher in der von ihr selbst gepflanzten Laube neben dem Pfarrhause eine
ländliche Abendmahlzeit zugerichtet und ging darauf mit ihren beiden Töchtern
ihrem Manne entgegen. Er kam endlich. Noch einige Schritte von ihm entfernt, sah
sie schon in seinen wilden, starr auf sie gerichteten Augen einen Teil des über
sie schwebenden Unfalls. Er kam näher und sagte ihr in wenig Worten, wie gross
ihr Unglück sei. Wilhelmine ward blass, die Knie zitterten ihr, sie sank zur
Erde, und beide Töchter warfen sich weinend auf ihre Mutter. Diese kam erst nach
geraumer Zeit wieder zu sich und ward in grosser Schwachheit nach Hause gebracht.
Alle Vergnügungen, die sich diese kleine Familie bei dem Abendmahle in der Laube
nach der Zurückkunft ihres Vaters versprochen hatte, waren dahin. Wilhelmine,
vom heftigen Schrecken erschüttert, lag in wenig Stunden in einem starken
Fieber. Mariane, ob sie gleich ihr Herzeleid in sich zu verschliessen suchte,
konnte doch, indem sie ihrer Mutter Handreichungen leistete, ihre nassen Augen
nicht verbergen. Die kleine Charlotte winselte unaufhörlich über das Leiden
ihrer Mutter. Sebaldus aber, über sein Unglück kaum so sehr niedergeschlagen als
über die Härte rachgieriger Menschen bestürzt, sass staunend in der stillen
Schwermut, die äusserlich kalt scheint, aber innerlich mit desto grösserer
Heftigkeit auf die Lebensgeister wütet.
 
                               Vierter Abschnitt
Des andern Morgens früh erschien vor Sebaldus' Türe ein Wagen, in welchem
Magister Tuffelius, der Informator der Kinder des Generalsuperintendenten, sass.
Diese Person war fünf Fuss vier Zoll lang und näherte sich mehr der Magerkeit
eines Kandidaten als der Feistigkeit eines Pfründenbesitzers. Sein hageres,
bleiches Gesicht war beständig wasserrecht gerichtet, ohne sich herauf- oder
herunterzuneigen. Seine Hände, die etwas länger waren, als sie hätten sein
sollen, hielt er mehrenteils gerade vor sich weg und bewegte sie wellenförmig
wie ein Schwimmender im Wasser. Sein Gang war abgemessen und bedächtlich, als
wenn er sich fürchtete, auf etwas zu treten; und wenn er sprach, welches nie
ohne Not geschah, war seine Stimme allezeit einen halben Ton höher gestimmet als
anderer Leute Stimme und hatte dabei etwas Quäkendes, dass man glaubte, einen
Star zu hören. Er liess sich durch den Bauer, der ihn gefahren hatte, anmelden,
stieg nach empfangener Antwort langsam aus dem Wagen und schritt fort, bis er
ins Zimmer kam, wo ihn Sebaldus und Mariane empfingen.
    Er legte seinen Hut vor seinen Bauch und beide Hände in den Hut, grüsste die
Anwesenden mit einem halbtiefen Bücklinge, ohne Haupt und Füsse zu bewegen und
ohne ein Wort zu sprechen, setzte sich, und nach verschiedenen Hem! Hem! liess er
sich folgendermassen aus: »Da ich den göttlichen Beruf erhalten habe, die Seelen
dieses Dorfs als ein treuer Hirte zu weiden, so wird es dann wohl nötig sein,
dass mir dieses Pfarrhaus als meine künftige Wohnung sogleich geräumet werde,
sintemal ich entschlossen bin, mein Amt unverzüglich anzutreten und zu dem Ende
noch anheute auf meine nächstens zu haltende Antrittspredigt zu studieren.«
Sebaldus stellte ihm vor, dass es unmöglich sein würde, das Haus zu räumen, um
soviel mehr, da seine Frau diese Nacht krank geworden wäre. Tuffelius antwortete
sehr trocken: »Die dem Herrn in Person vorgelesene Sentenz entält deutlich, dass
er die Pfarrwohnung sogleich räumen soll, und es muss jeder Christ der Obrigkeit
untertan sein, die Gewalt über ihn hat; ich rate also wohlmeinend an, sich zu
hüten, dass die Widersetzlichkeit nicht einst zu einem Beispiel müsse angeführt
werden, wie die Abweichung von der reinen Lehre auch zuletzt Rebellion wider die
Obrigkeit hervorbringt.« Sebaldus war durch diese Rede so sehr zum Erstaunen
gebracht, dass er den Magister Tuffelius mit starren Augen ansah und
stillschwieg. Mariane aber nahm das Wort und sagte mit sanfter und zitternder
Stimme: »Wir sind nicht willens, uns zu widersetzen, wir sind auch dazu viel zu
schwach, wir verlangen nur so viel Zeit, als nötig ist, um eine andere Wohnung
zu suchen; dazu ist ein Tag zu kurz, zudem ist meine Mutter gefährlich krank
geworden. Ein Prediger ist Bote des Friedens, er soll Ruhe, Einigkeit und
Wohlwollen befördern. Wollten Sie wohl den Anfang Ihres Predigtamts damit
machen, dass Sie eine äusserst schwache Kranke aus dem Hause würfen?« Tuffelius,
der mit seinen Augen bisher noch immer unverwandt gerade vor sich weg gesehen
hatte, richtete sie in einer mit dem Horizonte parallelen Linie gegen Marianens
Antlitz, runzelte die Stirn, zog den Mund ein wenig in die Breite und sagte mit
etwas lauterer Stimme und aufgehobener rechten Hand: »Mulier taceat in rebus
ecclesiasticis! Meine liebe Jungfer, ich wäre nicht wert, ein vieljähriger
Kandidat des heiligen Predigtamts zu sein, wenn ich die Pflichten dieses
hochwichtigen Amts nicht wüsste. Die erste Pflicht desselben ist wohl wahrlich,
dass in Rücksicht auf geistliche und göttliche Dinge alle irdische und weltliche
Dinge uns gar nicht bewegen müssen. Es würde unverantwortlich sein, die armen
verirrten Schafe einen Sonntag über ohne Hirten zu lassen, es ist also meine
höchste Pflicht, mich ihrer ohne Verzug anzunehmen und sie bald wieder auf den
rechten Weg und auf die gute, gesunde Weide der reinen Lehre zu führen, wovon
sie vielleicht leider« (hier seufzte er und tat einen halben Blick auf Sebaldus)
»ganz ab- und in den stinkenden Sumpf der Heterodoxie geführet worden.« Nach
vielem Wortwechsel liess sich Tuffelius endlich mit Mühe bereden, damit zufrieden
zu sein, dass ihm vorderhand eine Stube eingeräumet würde. Er begab sich sofort
in dieselbe und schrieb einen langen Brief, womit er den Bauer, der ihn gefahren
hatte, zurücksendete, legte Lankischens Konkordanz, die er im Koffer mitgebracht
hatte, auf den Tisch und fing an, den Faden seiner Anzugspredigt zu spinnen.
    Sebaldus, Wilhelmine und Mariane hatten sich immer bloss auf ihr Recht
verlassen und sahen nunmehr zu spät ein, dass, so gut eine Sache auch ist,
dennoch eine mächtige Protektion zu einem vorteilhaften Ausschlage nie
überflüssig sein werde. Wilhelmine erinnerte sich des Hofmarschalls und des
Grafen von Nimmer und glaubte, diese bedeutenden Patrone würden sie gewiss nicht
verlassen haben, wenn man sie um Hilfe ersucht hätte. Da sie bei der Schwachheit
ihres Körpers nichts von der Lebhaftigkeit ihres Geistes verloren hatte, so fing
sie an, wieder Hoffnung zu hegen, dass durch mächtige Vorworte vielleicht ihr
Schicksal noch könnte geändert werden. Sie beredete endlich ihren Mann, nach der
Stadt zu gehen und bei seinen Gönnern Hilfe zu suchen. Man kam ferner überein,
die Pfarrwohnung sollte nicht freiwillig geräumet werden, und Wilhelmine wusste
viele zureichende Gründe anzuführen, warum keine Gewalt zu befürchten sei.
Solange man nur im Besitze wäre, glaubte sie, könnte noch wohl die Absetzung zu
hintertreiben sein. Mit solchen Überlegungen beschäftigten sich beide Betrübten
bis auf den Abend, da sie sich etwas beruhigt niederlegten. Ebendies tat auch
Tuffelius, nachdem er mit lauter Stimme seinen Abendsegen abgelesen und ein
Abendlied von zehn Versen gesungen hatte; wir wissen aber nicht genau, ob es
»Der Tag hat sich geneiget« oder »Nun sich der Tag geendet hat« gewesen sei.
 
                               Fünfter Abschnitt
Den andern Morgen früh mit Aufgange der Sonne ging Sebaldus nach der Stadt.
Wilhelminen hatten ihre süssen Hoffnungen eine ruhige Nacht verschafft, wodurch
sie merklich gestärkt ward. Sie liess sich einige Stunden nachher in einen
Grossvaterstuhl setzen, trank Tee und hielt den Kopf der kleinen Charlotte, die
selbst die Nacht sehr unruhig zugebracht hatte und über Hitze und Bangigkeit
klagte. Sie wollte sich eben von Marianen etwas aus Wielands »Sympatien«
vorlesen lassen, als Tuffelius unangemeldet in ihr Schlafzimmer trat. Er war im
Schlafrocke und hatte eine von seiner eigenen Hand sehr weiss gepuderte Perücke
aufgesetzt. »Ich freue mich«, sagte er (nachdem er ihr Friede im Herrn gewünscht
hatte), »Sie ausser dem Bette und so gesund, stark und munter zu sehen, welches
sehr gut ist, indem Sie mir anheute ohne Widerrede das ganze Haus einräumen
müssen.« Wilhelmine, ganz erstaunt, stellte ihm die Unmöglichkeit vor. Tuffelius
erwiderte aber: »Es kann kein fernerer Aufschub stattfinden. Auf nächstkünftigen
Sonntag wird meine Introduktion vor sich gehen, daher wird der Herr
Generalsuperintendent des Sonnabends bei mir abtreten, dazu muss ich in meinem
Hause alle nötigen Anstalten machen, zumal da er die Jungfer Ursula Stauziin mit
sich bringen wird, mit welcher ich mich in ein christliches Eheverlöbnis
eingelassen, so ich Ihnen aus nachbarlicher Freundschaft hiemit will notifiziert
haben. Säumen Sie also nicht ferner. Es stehet geschrieben: Bittet, dass eure
Flucht nicht geschehe im Winter! - Jetzt sind wir mitten im Sommer, und Sie
können also wohl zufrieden sein.« Hiebei blieb es. Wilhelminens Gründe,
Marianens Bitten, Charlottchens Weinen und Ächzen, ob sie sich gleich ihm zu
Füssen warf, halfen nichts. Er führte sie säuberlich eine nach der anderen zur
Türe hinaus, wo sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen vier fürstliche Trabanten,
von einem Unteroffizier befehligt, vorfanden. Durch dieselben liess Tuffelius
alles, was im Hause befindlich war, sehr behutsam auf die Strasse setzen und gab
selbst Achtung, dass nicht das geringste zerbrochen ward.
    Es war heller Sonnenschein, da dies geschah, es war daher nicht Tuffelius'
Schuld, dass eine Viertelstunde darauf ein starker Regen fiel. Wilhelmine mit
ihren Kindern flüchtete unter einen am Hause gelegenen Schuppen. Alle Bauern
waren zusammengelaufen. Sie hätten bei einer anderen Gelegenheit ihrem Pfarrer
vielleicht nachdrücklich Hilfe geleistet. Aber der Anblick der fürstlichen
Uniform und des blanken Pallasches des Unteroffiziers erinnerte sie ihrer
treugehorsamsten Pflicht. Einer kratzte sich den Kopf, der andere schüttelte den
Kopf, und so ging einer nach dem anderen weg, bis sie der Regen vollends
zerstreute.
    Nur ein Bauer, den Sebaldus bei einem gewissen Vergehen, weshalb er ihn
hätte zur Kirchenbusse zwingen können, bloss mit einer liebreichen Ermahnung
bestraft hatte, liess sich das Elend zu Herzen gehen. Er führte Wilhelminen mit
ihren Kindern in sein Haus und holte mit seinem Knechte ihre Sachen nach, die er
bis auf weitere Anordnung wenigstens vor dem Regen sicherstellte.
    Sebaldus war unterdes in der Stadt angekommen. Sein erster Gang war zum
Hofmarschalle, bei dem er sich melden liess und auch nach einem halbstündigen
Warten vorgelassen ward. Der Hofmarschall war nicht mehr so wie vor einigen
zwanzig Jahren, als er Wilhelminen dem Pastor zuführte. Er hatte sich
unterdessen mit der schönen Clarisse vermählet. Dies war ein eitles,
verschwenderisches, kokettes Ding, bei der er wenig vergnügte Stunden genoss. Sie
verprasste seine Güter, putzte sich den halben Tag und brachte die andere Hälfte
mit ihren Liebhabern zu, die sie alle vier Wochen wechselte. Zu ihrem Gemahle
kam sie nicht, als wenn sie von ihm Geld zur Bezahlung ihrer Spielschulden zu
fordern oder mit ihm zu zanken hatte, und endlich nach einem zehnjährigen
Ehestande starb sie im Wochenbette, welches, wie damalige Hofnachrichten
bezeugen, dem Hofmarschalle ganz unerwartet kam. Er auf seiner Seite unterliess
nie, wie es einem treugehorsamen Hofmarschalle gebühret, mehr als fünfundzwanzig
Jahre lang alle Hoffeste feierlich zu begehn und zur Ehre des Fürsten dessen
Wein nie zu sparen, sondern alle durchreisende, hochadlige, freiherrliche und
gräfliche Laien redlich unter den Tisch zu trinken. Hingegen war er auch
freilich von manchen geistlichen Herren, als Äbten, Domherren, Mönchen,
Kapitularen, Deutschen Rittern und Malteserrittern, wieder redlich unter den
Tisch getrunken worden. So hatte er in den Diensten der gnädigen
Landesherrschaft seine Gesundheit und den grössten Teil des Vermögens, das ihm
die schöne Clarisse noch übriggelassen hatte, zugesetzt, welches ihm ein Recht
zu geben schien, für seine treu geleisteten Dienste mit einer ansehnlichen
Pension auf Lebenszeit belohnt zu werden. Er hatte damals vor einigen Wochen
darum angesucht, statt derselben aber in sehr gnädigen Ausdrücken seinen
Abschied mit dem Prädikat als fürstlicher Geheimer Rat erhalten. Seit dieser
Zeit bekam er öftere Anfälle von Devotion, die mit den Anfällen vom Steine, vom
Chiragra und Podagra abwechselten; und jetzt, da Sebaldus ihm aufwarten wollte,
hatte er gerade einen Anfall von Devotion, Chiragra und Podagra zugleich. Er lag
auf einer Bergère3, beide Füsse in Flanell gewickelt, und auf einer
nebenstehenden Servante4 von Mahagoniholze lagen Goezens »Todesbetrachtungen auf
alle Tage« und »Der wohlgerüstete Himmelswagen« nebst den Frankfurter
Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitungen. Sobald der Schmerz in den Händen und Füssen zu
arg ward, ergriff er eins von den Büchern und las überlaut eine Betrachtung oder
Gebet über das andere, und um desto heftiger und lauter, je mehr der Schmerz
zunahm; sobald er aber nachliess, ergriff er die Zeitungen, um sich an den
Berichten von den grausamen Metzelungen, welche die Reichsexekutionsarmee unter
den preussischen Heeren zuletzt angerichtet hatte, in der Stille das Herz zu
laben. Eben beim Zeitungslesen traf ihn Sebaldus an, und dies war für sein
Anliegen nicht vorteilhaft. Der Hofmarschall fuhr ihn ziemlich darüber an, dass
er nicht Busse gepredigt hätte, anstatt durch seine Predigt eine Armee zu
verstärken, wovon, wenn das verwünschte Rekrutieren nicht wäre, schon kein Mann
übrig sein müsste. Er hielt ihm dabei eine lange Predigt vom deutschen
Vaterlande, die der berühmte Verfasser des deutschen Nationalgeistes und der
Reliquien irgendwo auch einmal gehört haben muss, weil man in diesen Büchern
wörtlich wiederfindet, was damals der alte podagrische Hofmarschall zum Pastor
Sebaldus sagte. Nachdem diese Lektion eine halbe Stunde gedauert hatte, kam er
auf Sebaldus' Anliegen zurück, weshalb er ihn an den Konsistorialpräsidenten
verwies. Doch versicherte er ihn, als ein alter Hofmann, höflich bei allen
Gelegenheiten seiner Protektion und hob seine Hand auf, um an seine Schlafmütze
zu greifen; weil er aber vermutlich vergass, dass er die Hand nicht wohl beugen
konnte, empfand er plötzlich einen so empfindlichen Schmerz, dass er ein Sakra
... ausrief, sogleich nach Goezens »Todesbetrachtungen« griff und laut anfing zu
lesen: »Betrachtung am 15. Junius.«
    Sebaldus war durch diesen Besuch wenig getröstet worden. Er suchte seinen
Freund Hieronymus auf, hörte aber, derselbe wäre verreiset; er ging daher nach
einem Wirtshause, wo er den Rest des Tages blieb. Des andern Morgens früh machte
er sich auf nach Rennsdorf, dem Sitze des Grafen von Nimmer, wo er gegen elf Uhr
ankam. Diese Zeit, die dem bürgerlichen Teil der menschlichen Gesellschaft
beinahe Mittag ist, war für den hochgräflichen Greis kaum Morgen. Seit einer
halben Stunde ungefähr hatte er das Bette verlassen, hatte das wichtige Geschäft
des Küchenzettels abgefertigt und war jetzt beschäftigt, auf einem weichen Sofa
seine Schokolade einzuschlürfen und auf die Verdauung der gestrigen Mahlzeiten
zu warten. Sobald sich Sebaldus anmelden liess, ward er sogleich vorgelassen. Er
näherte sich mit wenigstens zwanzig Bücklingen dem hochgräflichen Lager und
stammelte etwas einem Komplimente Ähnliches, welches der Graf in eine Frage nach
seinem Befinden verdolmetschte und nach verschiedentlichem Räuspern antwortete:
»Nicht recht wohl, mein lieber Herr Pastor, mein böser Morgenhusten quält mich
alle Tage mehr! Ich kann nichts mehr essen. Gestern habe ich's gewagt, eine
Auerhahnpastete zu kosten, die liegt mir heute noch im Magen. Ich bin gar zu
schwach. Selbst die Melonen wollen mir nicht bekommen, die Ananas machen mir
Blähungen. Ich habe mir heute bloss ein einziges Ragout fin bestellt, ich muss
heute fasten, um meinen Magen wiederherzustellen. Aber ist's nicht elend, mein
lieber Herr Pastor, wenn man nicht essen kann?« Sebaldus antwortete mit einem
tiefen Seufzer: »Jawohl, Ew. Hochgräfliche Gnaden, beinahe ebenso schlimm, als
wenn man nichts zu essen hat; ich befürchte beinahe, dass ich in diesem Falle
...« Der Graf fiel ihm ins Wort: »Sie haben recht, lieber Herr Pastor, bald wird
man auch gar nichts zu essen haben, der leidige Krieg verderbt alles. Ich habe
vorigen Winter recht elend zugebracht. Die Austern kamen sehr unrichtig an. Den
ganzen Winter über habe ich aus Preussen kein Birkhuhn gesehen, auch Störe
bekommt man nicht mehr daher. Sehn Sie, Herr Pastor, ich bin ein deutscher
Patriot, ich kann das französische Essen nicht leiden. Ich kann ihre Consommés à
la cardinale, ihre C-les d'agneau frites nicht ausstehen. Lieber Herr Pastor,
wir müssen bedenken, dass wir Deutsche sind. Wir können uns zwar die guten
französischen Brühen gefallen lassen, aber unsere Speisen selbst müssen echt
deutsch sein. Ich weiss, was in allen deutschen Provinzen das Beste ist. Wenige
Leute verstehen zum Beispiel hierzulande, was eine pommerische grosse Muräne
dreiviertel Ellen lang oder eine Flunder von der Insel Hela oder ein
berlinischer Zander für Dinge sind, die habe ich sonst posttäglich bekommen.
Aber jetzt, Herr Pastor, jetzt ist alles aus! Ich habe mir im vorigen März aus
Hanau eine kalte Pastete und aus Frankfurt am Main einen gewürzten
Schwartenmagen kommen lassen, den haben die preussischen Husaren bei Fulda
aufgefangen; welcher Teufel soll denn auch denken, dass die Kerle schon im März
aus den Winterquartieren sein werden? Im vorigen Oktober sollte ich
Krammetsvögel vom Harze bekommen, die hatten sich die Lucknerischen Husaren wohl
schmecken lassen. Im Februar habe ich Fasanen aus Böhmen verschrieben, ja, wenn
nicht die Gränitzer bei Wilsdruf gestanden hätten! Die Franzosen machen's nicht
besser. Meine westfälischen Schinken und den Champagner, worin ich sie wollte
kochen lassen, haben sie im vorigen Monate in Bielefeld geplündert. Da sieht
man's klar, dass es ihnen mehr um die westfälischen Schinken als um den
Westfälischen Frieden zu tun ist. Ich liess mir Kaviar aus Königsberg kommen, da
haben die Russen die Post bei Köslin angehalten und ihn bei Kohlberg auf die
Flotte gebracht. Ich möchte nur wissen, was mein Kaviar auf der Flotte zu tun
hätte, ich habe niemals ein Korn davon zu kosten bekommen. Jetzt habe ich aus
Sonnenburg Krebse verschrieben, Herr Pastor, dies sind die schönsten Krebse an
Grösse und Geschmack; aber die werden wohl die Schweden speisen, denn das
Frankfurtische Staats-Ristretto schreibt, sie würden nächstens in Berlin sein.
So sind wir allentalben mit Feinden umgeben, die uns alles wegnehmen. Kein
Wunder, wenn wir schon ganz ausgehungert sind!« Indem er das sagte, kam der
Kammerdiener und fragte, ob es Seiner Hochgräflichen Gnaden gefällig wäre, das
Frühstück zu sich zu nehmen.
    »Ja«, sagte der Graf, »und gebt noch ein Kuvert für den Herrn Pastor. Sie
müssen wissen«, fuhr er fort, »dass ich meinen Küchenzettel zu Mittage und Abend
selbst mache, aber das Frühstück zu wählen, überlasse ich meinem Koche; der
sinnet denn, mir jeden Tag etwas Neues zu machen, das ist mir unerwartet und
reizt ein wenig den Appetit. Wir wollen einmal sehen, was wir heute zum besten
haben. Aha, einen Kapaun, und mit Trüffeln gefüllt - nicht übel, hier haben Sie,
Herr Pastor!« Hiemit legte er dem Sebaldus ein Stück vor, und nun ging weiter
kein Wort aus seinem Munde, so dass Sebaldus, nachdem er ein paar Bissen verzehrt
hatte, Zeit genug bekam, seine und seiner Familie Not vorzutragen. Der Graf
schüttelte dabei den Kopf, sagte mit vollem Munde manches Hm und brach endlich
aus: »Herr Pastor, ich wüsste nicht, wie ich Ihnen helfen sollte, die Zeiten sind
gar zu elend. Ja, wenn die preussischen Einfälle nicht wären! Stellen Sie sich
nur vor, dass gestern der Rittmeister, der eine Meile von hier auf Postierung
steht, sechzehn Stück Rotwildbret in meinem Holze hat schiessen lassen, und noch
dazu meistens Ricken. Da möchte man vergehen, jetzt in der Setzzeit.« Sebaldus
versicherte Seiner Gräflichen Gnaden, dass er von Ihnen keine weitere
Unterstützung verlangte als nur Dero hohes Vorwort bei dem
Konsistorialpräsidenten, damit er nicht aus der Pfarre geworfen werde. »Ja so«,
versetzte der Graf, »mein Vorwort wollen Sie haben? Ich bedaure, dass ich Ihnen
damit nicht dienen kann, denn ich komme jetzt gar nicht mehr nach der Stadt;
sehen Sie, man isst da gar zu erbärmlich, zumal beim Präsidenten, dem komme ich
in meinem Leben nicht wieder. Er hat mir vor einem halben Jahre eine
Zwiebelsuppe und darin kleine Nürnberger geräucherte Würste vorgesetzt, ich
begreife gar nicht, wie eine menschliche Kreatur sich mit so etwas nähren kann.
Nein, Herr Pastor, bleiben Sie heute mittag bei mir, nur auf ein Gericht
Gerngesehn, aber das doch besser sein soll als ein Traktament beim Präsidenten.«
Sebaldus entschuldigte sich damit, dass er heute noch zu Hause sein müsse. »Nun,
so bedauere ich, dass ich Sie nicht bei mir sehen kann. Leben Sie wohl, Herr
Pastor, meinen Empfehl an die Frau Liebste.« Sebaldus stand nach also erhaltenem
Abschiede voller Verwirrung auf, machte drei oder vier Bücklinge, griff dem
Grafen nach dem Schlafrockzipfel, der ihn aber zurückschlug und dafür den Pastor
umarmte, der, ganz verwirrt über diese gräfliche Gnade, wieder Bücklinge
vorwärts und rückwärts zu machen anfing, so dass er nicht wusste, wie er zur Türe
hinauskam, und da er hinaus war, nicht wusste, ob er freudig oder betrübt sein
sollte.
    Indes nach kurzer Zeit fing die Betrübnis wieder an, die Oberhand zu
gewinnen. Er sah nur allzuwohl ein, dass er jetzt alle Hoffnung verloren hätte,
von seinen Gönnern einige Hilfe zu erlangen, und wanderte traurig nach Hause.
Aber wie gross war sein Entsetzen, da er sein Haus von einem andern eingenommen,
seine Familie in einer fremden Hütte, seine Frau und seine jüngste Tochter auf
dem Krankenbette und seine älteste Tochter ganz in Tränen zerfliessend antraf! Er
sank trostlos auf eine Bank nieder, stand nach einigen Minuten auf, umarmte
seine Frau und seine Kinder. »Ich bin nicht so glücklich gewesen«, sagte er,
»bei Menschen einige Hilfe für uns zu finden; wir müssen alle Hilfe von dem
allmächtigen Gott erwarten, und der wird die unglückliche Unschuld nicht
verlassen.«
 
                               Sechster Abschnitt
Wilhelminens Krankheit nahm sehr schnell zu, und bei der kleinen Charlotte, die
einige Tage in der äussersten Hitze lag, fingen sich an die Blattern zu zeigen.
Der ehrliche Bauer pflegte sie so sehr, als es seine eignen notdürftigen
Umstände erlaubten. Er gab ihnen seine einzige Stube ein, und er und Sebaldus
schliefen abwechselnd in der Scheune und wachten bei den Kranken; Mariane aber
kam ihrer kranken Mutter und Schwester nie von der Seite. Alles, was möglich
war, um ihnen Erleichterung zu verschaffen, tat sie, aber leider war nur sehr
wenig möglich, denn mit jedem Tage vermehrte sich das Elend. Wilhelmine in der
äussersten Entkräftung, Charlottchen mit zusammenfliessenden Eiterbeulen
überdeckt, keine Arznei, wenig Speise, keinen Freund ausser dem ehrlichen Bauer,
keine Hoffnung, dass dieser Zustand verbessert werden, keine Aussicht, wie man
darin fortleben könne. Schon seit mehrern Wochen hatte die Familie von dem
Verkaufe einiger Wäsche und Mobilien gelebt, die der Bauer, wenn er zum Markte
fuhr, in der Stadt verhandelte. Es war zu übersehen, dass diese kleine Hilfe
nicht lange dauern könnte. Hernach zeigte sich der kommende Winter, keine
Nahrung, kein Obdach, das bitterste Elend. »O grosser Gott«, rief Sebaldus aus,
»verdienet eine Abweichung von den symbolischen Büchern, dass eine Familie,
welche beständig nach deinen Geboten zu wandeln beflissen gewesen, in den
kläglichsten Mangel gestürzt werde!«
    Inzwischen beschäftigte das gegenwärtige und vergangene Elend den Geist viel
zu sehr, als dass oft an das künftige gedacht werden konnte. Jeder Tag setzte zu
der grossen Masse des Kummers seinen reichlichen Anteil hinzu. Charlottchens
Krankheit stieg schnell bis auf den äussersten Gipfel. Je mehr die Säfte ihres
Körpers in die schreckliche Gärung gerieten, welche alle Teile aus der Mischung,
worin sie sich einander zusammenhalten und ernähren, in die versetzet, worin sie
sich einander zerstören und auflösen, desto mehr nahm ihr zarter Geist an
gezwungener Stärke, an tumultuarischer Tätigkeit zu. Phantasien traten an die
Stelle der Empfindungen und ein stumpfes Hinbrüten an die Stelle der Ruhe, die
Körper und Geist erquickt. Sie geriet endlich einen Tag lang in einen
betäubenden Schlummer, woraus sie mit der Heiterkeit einer gesunden Person
erwachte. Sie streckte ihre kleinen Hände mit einem zärtlichen Lallen nach dem
Bette ihrer schwachen Mutter aus, redete ihren Vater und ihre Schwester an,
welche sie seit acht Tagen bei aller zärtlichen Bemühung derselben, ihr zu
helfen, nicht gekannt hatte, richtete ihr Haupt auf, forderte ihres Vaters
Segen, aber, indem er einen Schritt zu ihr trat, sank sie tot in die Arme ihrer
Schwester. Mariane tat einen lauten Schrei, Sebaldus fiel auf den entseelten
Körper, die schwache Wilhelmine richtete sich auf, als ob sie ihrer Tochter
helfen wollte. Umsonst, sie war dahin. Nun sank Sebaldus in die tiefe Betäubung,
die keinen Teil des Elends einzeln empfindet, weil das Ganze die Seele völlig
eingenommen hat. Auch Marianens Kräfte reichten nicht zu, so viel Unglück zu
ertragen. Sie fiel unter einem Strome von Tränen auf ihr Lager und blieb den
ganzen Tag in einer betäubenden Mattigkeit, ohne dass sie imstande war, ihrer
kranken Mutter die gewöhnlichen zärtlichen Liebesdienste zu leisten. Wilhelmine
aber, welche bisher in der äussersten Entkräftung gelegen hatte, rief alle ihre
Lebensgeister hervor, um ihr überschwengliches Elend zu empfinden, denn bei
grosser Wehmut ist die Wehmut selbst der einzige Genuss. So schwach sie war, fand
sie doch Kräfte, bald zu klagen, bald zu seufzen, bald, weil selbst der Anblick
der Leiche ihre Zärtlichkeit stärker auf die Lebendigen zog, ihren Mann und ihre
Tochter zu trösten. Sie wollte sogar aufstehen, um denen Handreichungen zu
leisten, deren Handreichung sie selbst nötig hatte. Aber hier merkte sie, dass
ihr Körper schwächer war als ihr Geist, denn nun fiel sie ermattet nieder und
konnte nur noch bloss durch Zureden Trost geben. So brachte diese unglückliche
Familie eine Nacht und einen Tag zu, ihr Elend ganz zu fühlen und einen sehr
kleinen Teil davon durch wechselseitigen Trost zu erleichtern. Am Ende dieses
Tages fiel Wilhelmine in eine ausserordentliche Ermattung und in ein mit vieler
Hitze verknüpftes Fieber. Kaum konnte sie gegen Mitternacht einen unruhigen,
unerquickenden Schlaf geniessen. Sie brachte den folgenden Tag in einem
schmachtenden Zustande hin. Gegen Abend ergriff sie das Fieber mit viel
stärkerer Hitze, sie erwachte des andern Morgens bei Sonnenaufgang äusserst
entkräftet und empfand etwas, dergleichen sie noch nie empfunden hatte. Sie
legte ihre Hand in die Hand ihres Mannes, der nebst Marianen die ganze Nacht
über nicht von ihrem Bette gewichen war, und sagte mit schwacher Stimme: »Ich
sterbe, ich fühle es. Vergib es mir, lieber Mann, dass mein unbedachtsamer
Entusiasmus, den ich oft genug bereuet habe, die unerwartete Folge gehabt hat,
unsere ganze Familie unglücklich zu machen. Der Tod fürs Vaterland' ist der
Vorwand unsers Unglücks; wollte Gott, ich könnte ihn sterben, diesen Tod! Doch,
ich würde glauben, fürs Vaterland gestorben zu sein, wenn unser Unglück, von
einer empfindsamen Seele nacherzählt, unsere Geistlichen warnen könnte, wegen
Verschiedenheit der Lehre nicht die bittere Feindschaft aufeinander zu werfen,
die die eigentliche Ursache unsers Unglücks ist. Meine Absicht war gut. Mich und
unsere Feinde richte der allmächtige Gott, der das Innerste der Herzen kennet. -
Lebe wohl, meine liebe Tochter, lebe so, wie dich deine Eltern gelehret haben,
tugendhaft und unsträflich. Gott gebe, dass du deinen Bruder noch einmal
glücklich wiedersehest. Ist's möglich, so unterstütze deinen alten Vater,
solange er lebt. Gott sei dein Erhalter! Seiner Vorsorge empfehle ich dich -
denn leider von Menschen bist du verlassen! Umarme mich!«
    Hier entrannen Tränen ihren sich brechenden Augen. Mariane küsste sie auf und
drückte ihren Mund auf den Mund ihrer Mutter, deren Haupt in diesem Augenblicke
sanft auf ihre linke Schulter sank, und die matten Hände glitten ab, die sie
eben um ihre Mariane schlingen wollte. Sie entschlief. Mariane hatte nur noch
Kraft, ein wimmerndes Seufzen hören zu lassen, indem sie ihr nochmals den kalten
Mund küsste und die mütterlichen Augen zudrückte. Sie fiel stumm zurück, ohne
Träne, gleich einem unbeweglichen Bilde. Sebaldus in tränenloser Verzweiflung,
stumm und staunend, sass ohne Bewegung, ausser dass er seinen düstern Blick von der
Leiche seiner kleinen Tochter zu der Leiche seiner Frau wendete. So sassen
zwischen zwei geliebten Leichen zwei Lebende, totenähnlich, in stummem
Todeskummer. Der einzige Laut, den man hörte, war von dem guterzigen Bauer,
der, auf der Bank am Ofen sitzend, den Kopf an die Wand gelehnt, innerlich
schnuckte.
    Sie sassen so, und der Mittag war vorbei, ohne dass jemand sich gereget oder
etwas zu sich genommen hätte, als ein Mann in einem grossen Reiserocke und in
einer Reisekappe vor der Türe vom Pferde stieg und in die Stube trat. Es war
Hieronymus, den sein Rückweg von einer Geschäftsreise durch dieses Dorf führte
und welcher daher seinen alten Freund, den Pastor, hatte besuchen wollen. Er
fand aber im Pfarrhause anstatt seines Freundes den Magister Tuffelius und den
Superintendenten, die eben abgespeiset hatten und nach Tische bei einem Glase
Wein sich noch von alten Geschichten unterhielten, von der Konvention zu
Kloster-Seven und von dem Ateismus, der in den brandenburgischen Landen statt
der symbolischen Bücher eingeführt werden sollte, und dergleichen mehr. Sie
nötigten ihn aufs freundlichste hinein, sobald er aber von ihnen den ganzen
Vorgang erfuhr, setzte er sich, alles Nötigens ungeachtet, wieder zu Pferde und
ritt nach dem ihm bezeichneten Bauerhause.
    Hier fand er den traurigsten Anblick. Das Kind im Sarge, die Mutter
erblasset, die Tochter halb ohnmächtig, den Vater vor Schmerz betäubt, den
guterzigen Bauer, der anfing, ihnen Trost zuzusprechen, da er selbst Trost
nötig gehabt hätte. Beim Anblicke des Hieronymus ergoss sich das weiche Herz
Marianens in einen Tränenstrom. Sie zeigte auf die Leiche ihrer Mutter und
Schwester, ihre Blicke sagten mehr als ihre gestammelten Worte. Hieronymus
konnte auch nichts als Tränen anstatt Worte hervorbringen. Mariane fiel
erschöpft in seinen Armen in Ohnmacht. Er brachte sie mit Hilfe des guterzigen
Bauers wieder zu sich. Nun ging seine Sorge auf Sebaldus, welcher dasass, starre
Blicke auf beide geliebte Leichen geheftet, ohne Empfindung dessen, was um ihn
vorging. Auf alles Zureden des Hieronymus antwortete er nur durch abgebrochene
Worte, tiefe Seufzer und starre Blicke gen Himmel. Endlich stand er auf, hob
beide Hände empor, faltete sie und brach folgendermassen aus: »Ja, ich habe
unrecht, o meine verklärte Wilhelmine, dich zu beklagen, dass du einer Welt voll
Elend, voll Betrug, voll Bosheit bist entrissen worden, wo das Laster in
güldenem Stücke geht, wo Tugend und Menschenfreundschaft betteln muss, wo
fühllose Priester noch jenseit dieses Lebens ihre Verdammungen ausspenden. Wohl
dir, dass du gestorben bist! Zwar betrübt mich dein Abschied jetzt sehr, aber
wieviel freudiger wird unsere Zusammenkunft sein, wenn wir uns in dem
himmlischen Jerusalem wiedersehen werden, wo kein Verbanntes mehr sein wird, wo
wir sehen werden den lautern Strom des lebendigen Wassers, klar wie ein
Kristall, wo die, die da siegten an dem Tiere und seinem Bilde und an der Zahl
seines Namens, stehen werden und haben Gottes Harfen und singen das Lied Mosis
und das Lied des Lämmleins und sprechen: Gross und wundersam sind deine Werke,
Herr Gott, Allmächtiger, gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der
Nationen! Wer sollte dich nicht fürchten, Herr, und deinen Namen verherrlichen,
weil du so gnädig bist!«
    Mit diesen und andern Worten der Apokalypse suchte Sebaldus Kräfte, sein
Leid zu ertragen. Hieronymus liess ihn in dieser beruhigenden Ekstase, ging zu
seinem Mantelsacke, der noch auf dem Pferde lag, holte daraus ein paar gebratene
Hühner und unter einem seiner Pistolenhalfter eine geschliffene Flasche
Rheinwein hervor, denn er pflegte auf Reisen die Pistolen für seine Feinde und
den Wein für seine Freunde bei sich zu führen. Er zog seinen schweren Reiserock
aus und bereitete in der Scheune das Mahl, von dem er und der Bauer, ihrer
Traurigkeit ungeachtet, dennoch herzlich assen, weil beide hungrig waren.
Sebaldus und Mariane aber nahmen, auf wiederholtes Zureden, wenigstens so viel
zu sich, dass der Körper in den Stand gesetzt ward, die Bekümmernisse der Seele
zu ertragen.
    Nach der Mahlzeit trug Hieronymus mit dem Bauer Wilhelminens erblassten
Körper und den Sarg der kleinen Tochter in die Scheune, die dem Sebaldus bisher
zum Nachtlager und noch kürzlich zum Speisezimmer gedient hatte. Er riet
Sebaldus und Marianen, nunmehr ihren Körper zu pflegen, da sie die Toten nicht
mehr pflegen könnten. Er versprach, in zwei Tagen wiederzukommen und für
Wilhelminens und des Kindes Begräbnis zu sorgen. Zuletzt erbot er sich, alsdann
Sebaldus und Marianen mit sich nach der Stadt zu nehmen, wo sie in seinem Hause
willkommen sein sollten. Beide nahmen ein so freundschaftliches Anerbieten mit
Dank an. Hieronymus bat Vater und Tochter nochmals, ihre Traurigkeit zu mässigen,
gab, als er seinen Reiserock aus der Scheune holte, dem Bauer etwas Geld, um sie
besser pflegen zu können, umarmte sie und ritt nach Hause.
 
                              Siebenter Abschnitt
Nach zwei Tagen erschien Hieronymus vor des Bauers Hütte, abermal zu Pferde. Ihm
folgten zwei von seinen Kornwagen, leer, nur dass auf einem ein Sarg stand, worin
Wilhelminens Leichnam gelegt ward. Unterdes der Bauer mit seinen und Hieronymus'
Knechten des Sebaldus sämtliche Mobilien auf die Wagen packte, ging Hieronymus
zum Magister Tuffelius, um für die doppelte Beerdigung die Gebühren zu bezahlen.
Tuffelius bezeigte über des Sebaldus Unfälle ein christliches Mitleiden,
versicherte, er hege gegen denselben gar keine Feindschaft, und um sein
verträgliches Gemüt zu zeigen, erbot er sich sogar, der sel. Frau Pastorin eine
öffentliche Leichenpredigt zu halten, wenn es dem Herrn Hieronymus beliebte, die
Gebühren dafür zu entrichten. Dieser fand es aber nicht nötig, sondern kehrte
nach dem Bauerhause zurück, wo er mit Beihilfe des guterzigen Bauern die
Beerdigung beider Leichen besorgte und unmittelbar darauf Sebaldus und Marianen
mit sich nach der Stadt nahm.
    Sie hielten sich einige Monate in Hieronymus' Hause auf, ohne dass ihnen der
geringste Unfall begegnet wäre. Zwar hielt Doktor Stauzius den Sonntag nach
ihrer Ankunft eine scharfe Gesetzpredigt über den Spruch: Einen ketzerischen
Menschen meide!, worin er sehr deutlich zeigte, dass derjenige, der einen
ketzerischen Menschen beherberget, sich seiner Sünden teilhaftig machet, welches
er mit 2. Joh. V. 10 bestätigte. Doch hatte er das Missvergnügen, dass diese
Predigt gar nicht auf Sebaldus, sondern auf einen katolischen Zuckerbäcker
gedeutet ward, den der Fürst aus Wien hatte kommen lassen. Und da durch
Veranlassung dieser Predigt, auf dem eben vorseienden Landtage, die Stände aus
diesem Zuckerbäcker ein Landesgravamen machten und Seiner Durchlaucht in
Untertänigkeit vorstellten, das süsse Konfekt dieses Mannes könne nimmermehr die
Bitterkeit der papistischen Lehre versüssen, so bekam Doktor Stauzius noch dazu
aus dem Fürstlichen Kabinette einen Verweis, den er zu den Trübsalen rechnete,
die der Satan frommen Lehrern erwecket, und den er in Geduld ertrug, bis ihm die
am Ende des Landtages zu haltende Predigt Gelegenheit gab, sich wider
diejenigen, die den Wächtern Zions ihre Wachsamkeit verweisen, mit doppeltem
Nachdrucke zu erklären.
    Sebaldus und Mariane hatten die ihnen zugedachte Abkanzelung nicht einmal
erfahren und lebten indes sehr ruhig und vergnügt; Mariane beschäftigte sich mit
weiblichen Arbeiten und mit dem Unterricht der zwei kleinen Töchter des
Hieronymus. Sebaldus aber brachte die meiste Zeit in Hieronymus' Laden zu, um
aus alten prophetischen Schriften Kollektaneen zu seinem apokalyptischen
Kommentare zu sammeln. Er durfte auch nicht befürchten, dass ihn hier etwa einer
von seinen Feinden stören möchte, denn weder der Präsident noch der
Generalsuperintendent hatten im Buchladen etwas zu tun. Der erste war ein Genie,
und einem Genie steht nicht an, viel zu lesen; der andere erwartete alle Wirkung
seiner Predigten von der selig machenden Gnade und hielt also menschliche
Gelehrsamkeit für ganz überflüssig.
    So zufrieden aber auch die beiden Vertriebenen in dem Hause ihres
freundschaftlichen Wirtes waren, so lagen sie ihm doch beständig an, sich nach
Stellen für sie zu erkundigen, worin sie ihren Unterhalt erwerben könnten. Kurz
darauf fand sich eine solche für Marianen. Denn als Hieronymus wieder in
Geschäften verreisete, erfuhr er, dass von einer adeligen Dame eine französische
Demoiselle zur Erziehung ihrer beiden Fräulein gesucht ward. Hierzu schlug er
Marianen vor, die auch sehr gern einwilligte. »Diese Stelle«, sagte Hieronymus,
»scheint für Sie vorteilhaft zu sein, aber ich rate Ihnen, nicht Ihren Namen zu
führen. Die Dame ist eine weitläuftige Verwandtin des Doktor Stauzius, und ich
befürchte, er möchte aus Rachgier Ihnen auch dort üble Dienste leisten. Und ob
es gleich heisst, dass Sie zur Erziehung der jungen Fräulein berufen werden, so
wird doch, wie ich wohl merke, die Übung im französischen Sprechen das
Vornehmste sein, worauf man sieht. Ich habe Sie also als die Tochter eines von
den Russen vertriebenen französischen Predigers aus einem Städtchen in der
Neumark angekündigt. Dessen Namen müssen Sie nun führen, weil der Name
vielleicht nicht wenig beigetragen hat, dass Sie andern Kompetentinnen sind
vorgezogen worden.«
    Mariane nahm also einen französischen Namen an (ob in en oder in ère oder in
on oder in ac, haben wir nicht eigentlich erfahren können) und reisete mit
demselben und einem Empfehlungsschreiben des Hieronymus versehen nach dem Gute
der Frau von Hohenauf, welches sechzehn Meilen von der fürstlichen Residenzstadt
entlegen war.
 
                                  Zweites Buch
                                Erster Abschnitt
Sebaldus hatte seine Mobilien grösstenteils verkauft und das daraus gelösete
wenige Geld Marianen zur nötigen Einrichtung mitgegeben. Er hatte sich in den
Zustand jenes Philosophen versetzt, dass er alles das Seinige bei sich tragen
konnte. Nunmehr bestand er darauf, auf irgendeine Art und wo möglich ausser der
Stadt, in der seine Feinde wohnten, selbst seinen Unterhalt zu verdienen.
    Nach einiger Überlegung nahm ihn Hieronymus mit sich, als er nach Leipzig
zur Messe reisete, wo er ihm bald bei einigen grossen Buchdruckereien die Stelle
eines Korrektors verschafte. Sebaldus mietete eine kleine Dachstube im sechsten
Stockwerke und war, obwohl bei dürftigem Auskommen, überaus vergnügt mit seinem
Zustande, weil er nur ein Drittel des Tages mit Korrekturen zu tun hatte und die
übrige Zeit auf seine apokalyptische Erklärung wenden konnte, die ihm wie ein
alter Freund in seinen Widerwärtigkeiten nur noch lieber geworden war.
    Ob übrigens Sebaldus zuerst den Herrn Doktor Ernesti oder den Herrn Doktor
Crusius besucht habe, wissen wir nicht. Vielleicht hat er bedacht, dass ein armer
Korrektor nicht so leicht zu einem vertraulichen Umgange mit solchen Männern
gelange und dass es unnütz sei, einen Gelehrten auf eine halbe Viertelstunde zu
besuchen, um sein Gesicht zu begaffen, und ist also gar zu Hause geblieben. Ob
er jemals Professor Gellerts moralischen Vorlesungen beigewohnt oder jemals mit
Magister Froriep über die symbolischen Bücher oder über die Nunnation der
arabischen Nennwörter disputiert habe, lässt sich auch so genau nicht sagen. Ob
er in der Nikolaikirche des in Leipzig und dessen sämtlichen Vorstädten
berühmten Magisters Mattesius salbungsvolle Predigten wider die Schaubühne mit
angehört oder ob er zu ebender Zeit, da sie gehalten wurden, im Kuchengarten des
ebenso weit berühmten Händels5 von Butter triefende Maulschellen und Wetzsteine
verzehrt habe, darüber sind gar keine Nachrichten vorhanden.
    Es haben sehr ernstafte Gelehrte behauptet, dass die Wahrheit das Wesen der
Geschichte sei. Wir sind weit entfernt, Männern, welche scharf demonstrierte
Teorien der Geschichte zusammensetzen können, zu widersprechen; nur unterstehen
wir uns, zu mutmassen, ob man gleich in der Geschichte lauter wahre Begebenheiten
erzählen soll, so könne doch der grösste Teil derselben füglich unerzählt
bleiben. Es sind fünfzigtausend Bände voll Wahrheit über die Geschichte
Deutschlands zusammengetragen worden, so dass der schon ein Geschichtskundiger
heisst, der nur den fünfzigsten Teil dieser Wahrheiten gelesen hat. Dieser
Überfluss von Wahrheit hat manchen braven Deutschen zu dem angenehmen Lügner
Voltaire geführet, der uns ein halbes Jahrhundert in wenigen Blättern übersehen
lässt, aber dafür auch oft unverantwortlicherweise eine Hildegardis hinsetzt, wo
eine Matilda stehen sollte, oder die Jahrzahl fünfzig angibt, wo die Jahrzahl
sechzig sollte angegeben werden. Der Unterschied zwischen unsern deutschen
wahrhaften Geschichtschreibern und den oft lügenhaften Franzosen sowie auch die
Erklärung der Ursachen, warum Häberlin und Senkenberg ihren blossen Auszug der
deutschen Geschichte ungleich korpulenter haben werden lassen als Voltaire seine
ganze allgemeine Weltgeschichte, bestehen darin: Der gelehrte Deutsche
verschweigt dem Leser nichts, was er gewiss weiss, und das ist denn sehr viel,
aber er bedenkt oft nicht, was der Leser zu wissen verlange, welches
gemeiniglich sehr wenig ist. Hingegen der Franzose, der nur wenig weiss, tut sich
auch aufs Wissen nichts zugute, sondern erzählt nur das, was seine Leser etwa zu
wissen verlangen könnten, macht sich aber auch kein Bedenken, es ihnen zuweilen
mit einer kleinen Brühe von Erdichtung schmackhafter zu machen.
    Wir, die wir diese Beispiele vor uns sehen, spiegeln uns an denselben. Wir
wissen von Sebaldus' Aufentalte in Leipzig sehr viele Umstände, welche wir
nicht gleich den deutschen Geschichtschreibern samt und sonders erzählen,
sondern sie vielmehr mit einiger Verleugnung unterdrücken wollen, weil wir nach
reifer Überlegung gefunden haben, unsere Leser würden weder Nutzen noch
Vergnügen daraus schöpfen können. Hingegen soll die Wahrheit auch das Wesen
dieser Geschichte bleiben, und wir werden daher keineswegs gleich dem leidigen
Voltaire Umstände verstellen oder erdichten, um unsere Erzählung interessanter
zu machen. Damit man aber nicht etwa glaube, wir wüssten nichts, wenn wir nichts
sagen, so wollen wir, um das Gegenteil zu zeigen, aus der grossen Menge der vor
uns liegenden Nachrichten einige bei Sebaldus' Aufentalte in Leipzig
vorgefallene Abendgespräche mitteilen.
    Neben der Dachstube des Sebaldus wohnte ein alter Magister, mit dem er bald
bekannt und in kurzem vertraut wurde, weil es sich äusserte, dass derselbe, so wie
er, an der Ewigkeit der Höllenstrafen zweifelte. Dieser Mann besass gründliche
Kenntnisse der alten Sprachen und alles dessen, was zur Philologie gehört. Er
hatte die alten griechischen Philosophen fleissig gelesen und sie mit den
Schriften neuerer Philosophen verglichen, wodurch er sich gute Einsichten in die
Philosophie erwarb. Aber weil seinen Kenntnissen der Zuschnitt nach der Mode
fehlte und weil er überaus schüchtern und ängstlich war, sobald er mit Menschen
reden sollte, so hatte er sich nie getrauet, um ein Amt, selbst nicht um ein
Schulamt anzuhalten; man würde es ihm vielleicht auch nicht gegeben haben. Er
war daher als Korrektor bei verschiedenen Buchdruckereien grau geworden. Er
kannte alle Vorfälle des Verleger- und Autorgewerbes. Denn gleichwie ein
Lichtputzer in der Komödie zuweilen einen stummen Staatsminister oder einen
Lakaien, der ein paar Worte redet, vorstellen muss, so war auch er, obgleich
eigentlich nur ein Korrektor, dennoch von seinem Verleger oft zum Übersetzer, ja
wohl gar zum Schreiber einer zuverlässigen Nachricht oder schrift-und
vernunftmässiger Gedanken gebraucht worden.
    Einige Tage nach Sebaldus' Ankunft besuchte ihn der Magister, um den Abend
bei einer sehr frugalen Abendmahlzeit zu verplaudern. Der Magister fragte, wie
ihm Leipzig gefiele. Sebaldus, der nichts für merkwürdig hielt, was nicht einem
Buche ähnlich sah, hatte auch in Leipzig nichts als die vielen Buchdruckereien
und Buchläden bemerkt. Ihm war gar nicht in die Augen gefallen, ob die Einwohner
den Rang oder die Bequemlichkeit liebten, ob sie gesellig oder steif wären, ob
die Damen lieber geputzt als schön zu sein suchten, ob die Studenten ein
soldatisches oder ein gelehrtes, ein liederliches oder ein galantes Ansehen
affektierten, ob die Jungemägde Niedlichkeit und Artigkeit für den ersten Zweck
ihres Daseins hielten oder nicht. Ihm war nie in den Sinn gekommen, zu
untersuchen, wie etwa die Bauart der Häuser den Zweck der Eigentümer, bei
wenigem Platze ihre Wohnungen bequem zu machen, verraten möchte, welchen Beweis
des ehemaligen Wohlstandes der Einwohner die vielen schönen Gärten und
Gartenhäuser in den Vorstädten darböten und ob daselbst Reichtum und Kenntnis
des Schönen mit gleichen Schritten fortgegangen sei. Er hatte sich auf den
Strassen nie umgesehen, und es war ihm nie eingefallen, zu erörtern, ob das
Homannische Haus oder die Waage schöner gebauet sei, ob am Erker des
Romanusschen Hauses mit Rechte zwei übereinanderstehende Säulenordnungen auf
einem Kragsteine ruhen oder ob im Grossbosischen Garten die fleissige Kunst die
schönsten Anlagen der Natur verderbt habe. Den Richterschen, damals den
schönsten Garten in den Leipziger Vorstädten, hatte er ebensowenig als die
reizende Aussicht aus demselben nach dem Zschocherschen Hölzchen gesehen. Er
hatte nie daran gedacht, ins Rosental zu gehen, die schöne Gegend hinter
Raschwitz war ihm nicht zu Gesichte gekommen, und von den Linkischen,
Winklerischen und Richterischen Kabinetten hatte er nicht einmal reden hören.
Weil die Ratsbibliotek und die Universitätsbibliotek, die einzigen Gegenstände
seiner Neugierde, in der Messe nicht offen waren, so hatte er alle Tage seines
Aufentalts in Leipzig damit zugebracht, von Buchdruckerei zu Buchdruckerei und
von Buchhandlung zu Buchhandlung zu wandern. Noch ganz voll von diesen
Gegenständen, rief er aus:
    »Wie sollte mir Leipzig nicht gefallen, der echte Sitz der Gelehrsamkeit,
die wahre Stapelstadt gelehrter Kenntnisse, welche aus Deutschland hier
eingesammelt und von hier aus allen anderen deutschen Provinzen wieder
mitgeteilet werden! Hier sieht man die unzählbaren Früchte der Nachtwachen einer
grossen Anzahl gelehrter Männer, welche, nachdem sie jahrelang ihren Geist durch
Lektur mit allen nützlichen Kenntnissen bereichert und durch unermüdetes
Nachdenken vervollkommnet haben, nun ihre Schriften der Welt mitteilen und sie
dadurch zu erleuchten suchen. Wenn ich die hiesigen unermesslichen
Bücherniederlagen betrachte, wird mir die unausgesetzte Geschäftigkeit der
Gelehrten recht ehrwürdig. Ich hätte nie gedacht, dass so viele Bücher in der
Welt wären, als ich hier beisammen finde, noch weniger, dass jährlich einige
hundert oder tausend hinzukommen.«
    Magister: Und darüber freuen Sie sich? Ich nicht. Sie kommen mir vor wie ein
hungriger Ankömmling an einer reichbesetzten Tafel, der den grossen Vorrat von
Speisen sieht und schon überschlägt, wie gut er sich mit diesen herrlich
aussehenden Nahrungsmitteln füttern wolle. Ich bin einer von den Gästen, die
schon oft an dieser Tafel sassen und schon oft hungrig aufstanden. Einige Speisen
hatten einen sehr widrigen Hautgout, andere schmeckten angenehm, aber waren
äusserst unverdaulich, andere waren nicht gar gekocht, andere verräuchert und
andere blosse Schauessen. Endlich blieb ich zu Hause, ass mein Stück Käse und Brot
und verwünschte alle Köche.
    Sebaldus: Aber ist es nicht ein herrliches Schauspiel, eine so grosse Menge
gelehrter Werke zusammen zu sehen, wodurch doch, durch jedes in seiner Art, die
Menschen klüger, gelehrter, weiser, tugendhafter, kurz, besser werden?
    Magister: Ein Schauspiel wie manches andere, von dem uns die
Einbildungskraft, ehe wir es sehen, die angenehmsten Vorstellungen macht. Wer
wie Sie vom Lande, aus der Einsamkeit kommt, ist sehr geneigt, sich durch jeden
ersten Glanz blenden zu lassen und alles für schöner anzusehen, als es ist. Mein
lieber Freund, wenn die Gelehrten durch ihre Bücher sonst nichts zu erlangen
suchten, als was Sie da sagen, so würden neun Zehnteile der Bücher nie
geschrieben werden. Wie die Menschen klüger, weiser und besser werden sollen?
Ich wette, daran haben vierzehn Fünfzehnteile der Schriftsteller, deren Werke
die Messe zur Messe machen, gar nicht gedacht. Sie haben ganz andere Absichten
zu erlangen und ganz andere Bedürfnisse zu befriedigen!
    Sebaldus: Welche könnten die sein? Ein Gelehrter hat freilich viele
Absichten und Bedürfnisse als Mensch mit anderen Menschen gemein. Was könnte er
aber als Gelehrter für ein anderes Bedürfnis haben, als seinen Geist durch alle
nützliche Kenntnisse aufzuklären, und, wenn er erleuchteter ist als andere, was
folget natürlicher drauf als die Absicht, anderen seine Kenntnisse mitzuteilen,
das heisst ein Schriftsteller zu werden?
    Magister: Die Folge scheint so natürlich! Gleichwohl muss sie nicht notwendig
sein, denn gewiss sehr viele Schriftsteller haben nicht untersucht, ob ihr Geist
aufgeklärt genug sei, noch weniger, ob er aufgeklärter sei als der Geist anderer
Leute, und gleichwohl sind sie Schriftsteller in bester Form und, wenn
Zeitungslob und Eigenlob etwas gilt, grosse berühmte Schriftsteller. Hingegen
haben wir beide, Sie, mein Freund, und ich, von Jugend auf gearbeitet, unsere
Kenntnisse zu erweitern und vollkommner zu machen, und ich darf sagen, wir
wissen auch, dass wir manche Sachen besser einsehen als manche andere Leute, und
gleichwohl dürften wir beide vielleicht nie Schriftsteller werden.
    Sebaldus: Ich weiss nicht, was Sie zu tun willens sind. Ich aber, ich muss es
mit einiger Schüchternheit gestehen - ich arbeite schon seit vielen Jahren an
einem Kommentare über die Apokalypse.
    Magister: Über die Apokalypse? Da sind Sie bei mir mehr als jemand im
Verdachte, dass nicht allein die von Ihnen vorher angeführten schönen Absichten,
sondern einige kleine Nebenabsichten Sie zum Schriftsteller machen?
    Sebaldus: Ich bin mir keiner Nebenabsichten bewusst. Welche könnte ich auch
haben?
    Magister: Ich weiss nicht. Vielleicht ein wenig Ruhmsucht. Sie wollen der
Welt gern etwas Neues und Scharfsinniges sagen, denn etwas dem menschlichen
Geschlechte Nützliches werden Sie doch schwerlich sagen können. Die Apokalypse
ist eine dickschalige Zitrone, woraus so viele hundert Kommentatoren den wenigen
Saft schon längst ausgepresst haben.
    Sebaldus: Wenn sie keinen Saft in sich hat, so könnte sie doch vielleicht
noch Öl entalten. Glauben Sie nicht, es würde dem menschlichen Geschlechte
wichtig sein, wenn ich zeigte, dass alles, was man bisher über dies seit vielen
Jahrhunderten vielen Menschen so wichtig scheinende Buch geschrieben hat,
alberne Fratzen sind, voller Unsinn, auf Kosten des gesunden Menschenverstandes,
der Religion und der Geschichte gesagt? Wäre es nicht ein Verdienst, soviel
Lügen um ihr Ansehen zu bringen, wenn ich auch nur wenig Wahrheit an die Stelle
setzen könnte? Und gleichwohl, ohne ruhmredig zu sein, versichere ich, die
erfüllten historischen Weissagungen aus der Geschichte anzuzeigen und von
einigen wenigen noch unerfüllten solche Mutmassungen an die Hand zu geben, die
selbst Königen und Fürsten nicht gleichgültig sein dürften. Dennoch schätze ich
diese meine historische Entdeckungen sehr gering gegen diejenigen, die etwas
beitragen können, den moralischen Zustand des Menschen zu verbessern. Wie, wenn
ich nun aus diesem Buche von dem künftigen Zustande der Auserwählten die
sichersten Schlüsse ziehen, wenn ich - hier funkelten dem ehrlichen Sebaldus die
Augen - aus demselben die Lehre, die Sie wie ich verabscheuen, die Ewigkeit der
Höllenstrafen, gänzlich widerlegen und deutlich zeigen könnte, wie in Gottes
Haushaltung alle Bestrafung auf Besserung abzielen muss und wird - könnte dies
dem menschlichen Geschlechte gleichgültig sein?
    Magister: Mein Freund, Sie haben wirklich eine gute Anlage zum
Schriftsteller. Sie kommen in Feuer, wenn Sie von Ihrem Buche reden. Doch es
scheint mir, indem Sie beweisen wollen, dass die Ruhmsucht nicht der
Bewegungsgrund Ihres Schreibens ist, so rühmen Sie sich so sehr, als man sich
rühmen kann.
    Sebaldus: Den Ruhm, der aus einer wohlgelungenen Ausführung eines nützlichen
Unternehmens entspringt, verachte ich gar nicht. Er ist jedem rechtschaffenen
Manne angenehm und kann mit der Begierde, der Welt zu nützen, sehr wohl
bestehen; und so wird es vermutlich auch wohl mit den Nebenabsichten sein, die
Sie andern Schriftstellern schuld geben.
    Magister: Nicht völlig ebenso. Die meisten Schriftsteller schreiben, um
bekannt zu werden, ein Amt zu erschreiben, einem Patron ein Buch zu dedizieren,
einen Freund zu erheben oder einen Feind zu erniedrigen. Ob die Welt von ihren
Büchern Nutzen oder Schaden habe, kümmert sie wenig, wenn sie nur ihren
Privatendzweck erreichen.
    Sebaldus: Den können sie aber nicht erreichen, wenn sie nicht zugleich etwas
Nützliches schreiben. Denn es kann doch niemand so unverschämt sein, ein Buch
herauszugeben, um etwas Bekanntes oder Langweiliges oder Nichtsbedeutendes zu
sagen.
    Magister: Das sollte freilich nicht sein! Wie will es aber ein armer
Schriftsteller machen, wenn er nichts Neues, Interessantes und Wichtiges zu
sagen hat und doch ein Buch schreiben soll. Meinen Sie nicht, dass ein wichtiges
und nützliches Buch viel Geschicklichkeit erfordere, dass man sehr viel mehr
wissen müsse, als was man sagt, dass man vorher alles nachlesen müsse, was andere
bekannte Schriftsteller über diese Materie geschrieben haben, dass man sich aber
doch nicht müsse merken lassen, wieviel man gelesen habe, dass man seine ganze
Materie wohl überlegen und anordnen müsse und dass zu allem diesem sehr viel Zeit
und Arbeit gehöre?
    Sebaldus: Allerdings!
    Magister: Meinen Sie aber, dass derjenige, der bekannt werden, ein Amt
erschreiben, seinem Patron ein Buch dedizieren, seinen Freund erheben oder
seinen Feind erniedrigen will, allemal Geschicklichkeit haben werde oder viel
Zeit und Arbeit werde anwenden können?
    Sebaldus: Nein! Wenn aber dies nicht ist, so muss er auch gar kein Buch
schreiben, denn den wahren Hauptzweck des Schriftstellens unwichtigen
Nebenzwecken aufzuopfern ist eines wahren Gelehrten ganz unwürdig.
    Magister: Ja freilich, eines Gelehrten! Aber ein Schriftsteller kann es im
Laufe seines Gewerbes nicht so genau nehmen.
    Sebaldus: Ich weiss nicht, wie Sie sprechen. Ein Buchdrucker oder ein
Buchhändler mag ein Gewerbe mit Büchern haben, aber ein Schriftsteller ist ein
Gelehrter. Der will der Welt nützliche Kenntnisse mitteilen, der will Wahrheit
und Weisheit befördern.
    Magister: Ihre Einbildungskraft, mein liebster Freund, fliegt noch ziemlich
hoch; lassen Sie sich herunter und kommen Sie der Erde näher. Der grösste Haufen
der Schriftsteller von Profession treibt ein Gewerbe so wie die Tapetenmaler
oder die Kunstpfeifer und sieht die wenigen wahren Gelehrten fast ebenso für
zudringliche, unzünftige Pfuscher an als jene Handwerker einen Mengs oder Bach.
Durch solches Gewerbe und nicht aus Begierde, das menschliche Geschlecht zu
erleuchten, entsteht die unsägliche Menge von Büchern, welche Sie so bewundern;
denn Leipzig ist freilich seit mehr als hundert Jahren die Stapelstadt der Waren
der gelehrten Handwerker.
    Sebaldus: Sie haben ein sonderbares Vergnügen daran, Wörter
zusammenzusetzen, deren Begriffe offenbar miteinander streiten. Gelehrsamkeit
ein Handwerk? Bücherschreiben ein Gewerbe?
    Magister: Allerdings, und zwar ein solches Gewerbe, worin jeder den Nutzen
so sehr auf seine Seite zu ziehen sucht, als nur möglich ist. Der Autor will
gern dem Verleger sowenig Bogen Manuskript als möglich für soviel Geld, als
möglich ist, überliefern. Der Verleger will gern so viele Alphabete als möglich
so wohlfeil als möglich einhandeln und so teuer als möglich verkaufen. Der Autor
will gern sowenig Zeit, Mühe, Überlegung und Geschicklichkeit an sein Buch
wenden und doch soviel Ruhm, Belohnung, Beförderung von der Welt einernten als
möglich. Zu dem letzten sind leider nur allzuviel Mittel vorhanden!
    Sebaldus: Sie sagen mir da so unerhörte Sachen, dass ich vor grossem Erstaunen
mich fast nicht getraue, ein Wort dagegen einzuwenden, und doch ist mir alles
unbegreiflich. Was für Mittel können vorhanden sein, Ruhm und Belohnung durch
ein Buch zu erlangen, worin man keine Talente zeigt und worauf man wenig Zeit
gewendet hat? Magister: Ei, sehr viele! Zum Beispiel ein Professor muss Amts
wegen ein Kollegium lesen, dazu schreibt er ein besonderes Kompendium der ganzen
Wissenschaft. Dies kostet wenig Zeit und Mühe, erfordert auch wenig Talente, und
doch gibt's bei den Studenten das Ansehen, als hätte man die Sachen ergründet,
und bei der Welt das Ansehen, als könne man ein Buch schreiben.
    Sebaldus: Aber die Welt kann doch unmöglich ein blosses Kompendium einer
bekannten Wissenschaft für ein Buch ansehen?
    Magister: Die deutsche Welt ist gutwillig, sie hat sich schon sehr viele
Kompendienschreiber für Schriftsteller aufdringen lassen. Und es weiss mancher
Lehrer noch wirtschaftlicher mit seinem Pfunde zu wuchern! Will das Kompendium
nicht Ruhm genug bringen, so lässt man einen Teil des Diskurses oder der
Amplifikation des Kompendiums unter einem Modetitel drucken, und dann ist man
ein Schriftsteller in bester Form.
    Sebaldus: Ja, aber doch sind, meines Erachtens, Studenten und Leser sehr
unterschieden.
    Magister: Ja freilich, darum werden auch die Stadtistörchen, die
Anspielungen auf die Herren Kollegen, die Schwänke, womit die Benevolenz der
Herren Kommilitonen kaptiviert werden soll, weggelassen, wenigstens von denen,
die Kenntnis der Welt und Lebensart im Munde führen.
    Sebaldus: Das ist ganz gut! Aber ich dächte doch, der ganze Ton müsste
verändert werden. Ein Lehrer kann voraussetzen, dass er mehr Einsichten habe als
seine Zuhörer; deswegen kann er ihnen manches sagen, was er nicht füglich den
Lesern sagen darf, weil er vermuten muss, dass darunter viele sein möchten, die
ebensoviel und mehr Einsichten haben als er.
    Magister: Sehr wenige Professoren denken so fein wie Sie! Ich kenne mehr als
einen, der in seinen Schriften seine Leser völlig ebenso im Lehrertone anredet,
als ob sie lauter junge Studenten wären.
    Sebaldus: Das befremdet mich sehr. Ich wenigstens, wenn ich in dem Falle
wäre, würde mir immer vorstellen, dass die erleuchtetsten Leute meiner Zeit meine
Leser sein könnten und welche armselige Figur ich gegen sie machen müsste, wenn
ich ihnen ganz bekannte Sachen vordozieren wollte, die sie viel besser wüssten!
Überhaupt, dächte ich, ein Lehrer in einem Kollegium für junge Leute müsse sich
nach dem Verständnisse des Geringsten unter seinen Zuhörern bequemen, hingegen
ein Schriftsteller suche hauptsächlich den Verständigsten unter seinen Lesern zu
gefallen, daher könne das beste Kollegium nicht leicht ein gutes Buch werden.
    Magister: Ei, Sie machen sich die rechten Schwierigkeiten! Wissen Sie
hiemit: Was gedruckt werden kann, kann ein Buch werden. Eine Dissertation, eine
Prolusion, eine Oration, ein Programma, ein Oster-oder Pfingstanschlag, den ein
Schulmann oder Professor amtshalber schreiben muss, ist ja wohl noch weniger ein
Buch.
    Sebaldus: Ich wenigstens halte die Verfertigung solcher Aufsätze für ein
Opus operatum, wobei gewöhnlicherweise mehr die Hand als der Kopf in Bewegung
gesetzt wird.
    Magister: Oh, man kann ein Schriftsteller von vielen Bänden werden, ohne den
Kopf sonderlich anzustrengen! Was denken Sie wohl zum Beispiel von einem
Prediger, der seine gehaltene Predigten drucken lässt?
    Sebaldus: Wenn meine Gemeinde die meinigen verlangte, würde ich sie sehr
gern zu ihrem Gebrauche drucken lassen; denn warum sollte ich ihr nicht
schriftlich sagen, was ich ihr mündlich sagte? Aber auch nur bloss für sie
sollten meine Predigten gedruckt werden. Ich habe mich in meinen Vorträgen immer
besonders nach den Umständen meiner gewöhnlichen Zuhörer gerichtet. Nun würde
ich immer denken, die Welt möchte sowenig nutzen können, was ich bloss meiner
Gemeinde zu sagen hatte, als das, was ich als Vater meinen Kindern zu ihrem
bessern Verhalten einschärfe.
    Magister: Vielleicht würde doch die Welt das, was Sie so bescheiden
ankündigen, mit mehrerm Nutzen lesen als die Predigten der Herren, welche die
ganze Welt für ihre Diözese halten.
    Sebaldus: Es kann sein, dass auch etwas Gemeinnütziges darin wäre, aber doch
würde das Bändchen, das ich mir der Welt vorzulegen getraute, immer sehr klein
sein.
    Magister: Das Bändchen? Weder Johann Melchior Goeze noch Johann Andreas
Cramer haben mit dem vierzehnten Bande aufgehört.
    Sebaldus: Wie? Vierzehn Bände Predigten? Dazu gehört mehr Herz, als ich
habe!
    Magister: Freilich, Sie haben viel Bedenklichkeiten. Wenn Sie eine
Dedikation an einen Patron zu machen hätten und Sie könnten kein Buch schreiben,
so dächten Sie auch wohl nicht daran, das erste beste alte Buch wieder drucken
zu lassen und es Ihrem Gönner zuzueignen?
    Sebaldus: Ich dächte, der Patron würde mir wenig danken, wenn ich ihm
anstatt etwas Neues nur etwas Aufgewärmtes vorsetzte.
    Magister: Als wenn der Patron nicht zufrieden sein müsste, dass sein Namen vor
dem Buche stehet, und als wenn er es auch noch würde lesen wollen! Genug,
mancher Journalist wird Ihnen danken, dass Sie durch die neue Herausgabe unserer
Literatur einen so grossen Dienst geleistet haben! Und Sie können als ein noch
wichtigerer Mann erscheinen, wenn Sie dem Buche eine Vorrede vorsetzen, um es
durch Ihren Namen der Welt anzupreisen.
    Sebaldus: Wenn man aber nicht wirklich sehr berühmt ist, so gehört viel
Scharlatanerie dazu, so eine vornehme Miene zu affektieren.
    Magister: Ja, wenn Sie Ihren Namen selbst nicht für berühmt halten, so sind
Sie auf gutem Wege, ihn nie berühmt zu machen. Ich merke wohl, Sie wollen
inkognito arbeiten; damit ist Ihnen auch zu dienen. Da ist mehr als ein
Buchhändler, der seinen Autoren aufträgt, was er für verkäuflich hält:
Geschichte, Romanen, Mordgeschichten, zuverlässige Nachrichten von Dingen, die
man nicht gesehen hat, Beweise von Dingen, die man nicht glaubt, Gedanken von
Sachen, die man nicht versteht. Zu solchen Büchern bedarf der Verleger keine
Autoren, die einen Namen haben, sondern solche, die nach der Elle arbeiten. Ich
kenne einen, der in seinem Hause an einem langen Tische zehn bis zwölf Autoren
sitzen hat und jedem sein Pensum fürs Tagelohn abzuarbeiten gibt. Ich leugne es
nicht - denn warum sollte ich Armut für Schande halten? -, ich habe auch an
diesem langen Tische gesessen. Aber ich merkte bald, dass ich zu diesem Gewerbe
nichts taugte, denn ich kann zwar ohne Gedanken eine Korrektur lesen, aber nicht
ohne Gedanken Bücher schreiben; und bei solchen Büchern ist immer der am
angenehmsten, der am geschwindesten schreibt, auch wenn er am schlechtesten
schriebe.
    Sebaldus: Am schlechtesten? Da handelt ja der Verleger wider seinen eigenen
Vorteil; denn was kann die Welt mit den schlechten Büchern machen! Magister: Was
geht den Verleger die Welt an? Er bringt sein Buch auf die Messe.
    Sebaldus: Nun - und durch die Messe kommen die Bücher in die Welt.
    Magister: Freilich, nur mit dem Unterschiede, dass sie vorher vertauscht
werden und dass also der Verleger am besten daran ist, der die schlechtesten
Bücher hat, weil er leicht etwas Bessers bekommt.
    Sebaldus: Aber denn müssen doch einigen Buchhändlern die schlechtesten
Bücher bleiben, und die bedaure ich.
    Magister: Weswegen? Es ist ihnen ja unbenommen, Narren zu suchen, die aus
dem schlechtesten Buche klug zu werden denken oder die es um Gottes willen
lesen, wie mein alter Konrektor wollte, dass ich die schlechten Prediger hören
sollte.
    Sebaldus: Nun fängt mir an ein Licht aufzugehen! So könnte es ja wohl der
Vorteil der Buchhändler erfordern, zuweilen schlechte Bücher zu verlegen?
    Magister: Dies mag wohl sein; wenigstens scheint es nicht, als hätten sie
nötig, sich sonderlich darum zu bekümmern, ob die Bücher gut sind oder nicht.
    Sebaldus: Ja, wenn wahr ist, was Sie sagen, so würde ich freilich von der
Menge der nützlichen Bücher, über deren Dasein ich mich gefreuet habe, alle
abziehen müssen, welche die Konvenienz der Schriftsteller und die Laune der
Buchhändler zur Welt bringt.
    Magister: Und rechnen Sie immer auch den grössten Teil der ungeheuer grossen
Anzahl von Büchern ab, womit Deutschland vermittelst unserer
Übersetzungsmanufakturen überschwemmt wird.
    Sebaldus: Habe ich recht gehört? Übersetzungsmanufakturen? Was soll denn das
bedeuten?
    Magister: Manufakturen, in welchen Übersetzungen gemacht werden, das ist ja
deutlich.
    Sebaldus: Aber Übersetzungen sind ja keine Leinwand oder keine Strümpfe, dass
sie auf einem Stuhle gewebt werden könnten.
    Magister: Und doch werden sie beinahe ebenso verfertigt, nur dass man wie bei
Strümpfen bloss die Hände dazu nötig hat und nicht wie bei der Leinwand auch die
Füsse. Auch versichere ich Sie, dass keine Lieferung von Hemden und Strümpfen für
die Armee genauer bedungen wird und richtiger auf den Tag muss abgeliefert werden
als eine Übersetzung aus dem Französischen, denn dies wird in diesen
Manufakturen für die gemeinste, aber auch für die gangbarste Ware geachtet.
    Sebaldus: Alles, was Sie sagen, scheint mir unerhört. Also gibt es unter den
Übersetzungen und unter den Übersetzern auch wohl einen Rang oder Unterschied?
    Magister: Allerdings! Ein Übersetzer aus dem Engländischen ist vornehmer als
ein Übersetzer aus dem Französischen, weil er seltner ist. Ein Übersetzer aus
dem Italienischen lässt sich schon bitten, ehe er zu arbeiten anfängt, und lässt
sich nicht allemal den Tag vorschreiben, an dem er abliefern soll. Einen
Übersetzer aus dem Spanischen findet man fast gar nicht, daher kömmt es, dass
zuweilen Leute aus dieser Sprache übersetzen, die gar nichts davon verstehen.
Übersetzer aus dem Lateinischen und Griechischen sind häufig, werden aber gar
nicht gesucht, bieten sich daher mehrenteils selbst an. Ausserdem gibt's auch
Übersetzer, die zeitlebens gar nichts anders tun als übersetzen; Übersetzer, die
ihre Übersetzungen in Nebenstunden zur Erholung machen wie Frauenzimmer die
Knötchenarbeiten Marly und Filet. Vornehme Übersetzer, diese begleiten ihre
Übersetzungen mit einer Vorrede und versichern die Welt, dass das Original sehr
gut sei; gelehrte Übersetzer, diese verändern es, begleiten es mit Anmerkungen
und versichern, dass es sehr schlecht gewesen, dass sie es aber mit deutschem
Fleisse erst vortrefflich gemacht hätten. Es gibt sogar Übersetzer, welche durch
Übersetzungen Originalschriftsteller werden. Diese nehmen ein französisches oder
engländisches Buch, lassen Anfang und Ende weg, ändern und verbessern das übrige
nach Gutdünken, setzen ihren Namen keck auf den Titel und geben das Buch für
eigene Arbeit aus. Endlich gibt es solche, die ihre Übersetzungen selbst machen,
und solche, die sie von andern machen lassen.
    Sebaldus: Sie vergessen, dünkt mich, noch einen wichtigen Unterschied: unter
Übersetzern, welche der Sachen und beider Sprachen kundig, und solchen, welche
beider unkundig sind. Ich wenigstens glaube einen grossen Unterschied dieser Art
bei den Übersetzern der Apokalypse bemerkt zu haben.
    Magister: Vielleicht mag die Kenntnis der Sachen und Sprachen bei der
Apokalypse einen merklichen Unterschied machen, aber bei unsern gewöhnlichen
Übersetzungen aus dem Französischen und Engländischen wird so genau darauf nicht
geachtet.
    Sebaldus: Und doch, dächte ich, müsste besonders der Verleger seines eigenen
Nutzens wegen acht darauf haben.
    Magister: Keineswegs! Hieran denkt er gemeiniglich gar nicht oder sehr
wenig. Hat er etwa drei Alphabete in Grossoktav oder in Grossquart zu
Komplettierung seiner Messe noch nötig, so sucht er unter allen neuen, noch
unübersetzten Büchern von drei Alphabeten dasjenige aus, dessen Titel ihm am
besten gefällt. Ist sodann ein Arbeiter gefunden (welches eben nicht schwer
ist), der noch drei Alphabete bis zur nächsten Messe übernehmen kann, so handeln
sie über den armen Franzosen oder Engländer wie zwei Schlächter über einen
Ochsen oder Hammel nach dem Ansehen oder auch nach dem Gewichte. Wer am
teuersten verkauft oder am wohlfeilsten eingekauft hat, glaubt, er habe den
besten Handel gemacht. Nun schleppt der Übersetzer das Schlachtopfer nach Hause
und tötet es entweder selbst oder lässt es durch den zweiten oder dritten Mann
töten.
    Sebaldus: Durch den zweiten oder dritten Mann? Wie ist das zu verstehen?
    Magister: Das ist eben das Manufakturmässige bei der Sache. Sie müssen
wissen, es gibt berühmte Leute, welche die Übersetzungen im grossen
entreprenieren, wie ein irländischer Lieferant das Pökelfleisch für ein
Geschwader, und sie hernach wieder an ihre Unterübersetzer austeilen. Diese
Leute erhalten von allen neuen übersetzbaren Büchern in Frankreich, Italien und
England die erste Nachricht, wie ein Makler in Amsterdam Nachricht von Ankunft
der ostindischen Schiffe in Texel hat. Alle übersetzungsbedürftige Buchhändler
wenden sich an sie, und sie kennen wieder jeden ihrer Arbeiter, wozu er zu
gebrauchen ist und wie hoch er im Preise stehet. Sie wenden den Fleissigen Arbeit
zu, bestrafen die Säumigen mit Entziehung ihrer Protektion, merzen die Fehler
der Übersetzungen aus oder bemänteln sie mit ihrem vornehmen Namen, denn
mehrenteils sind Unternehmer dieser Art stark im Vorredenschreiben. Sie wissen
auch genau, wieviel Fleiss an jede Art der Übersetzung zu wenden nötig ist und
welche Mittel anzuwenden sind, damit ihre Übersetzungen allentalben angepriesen
und dem berühmten Manne öffentlich gedanket werde, der die deutsche gelehrte
Welt damit hat beglücken wollen.
    Sebaldus: Sie wissen, wieviel Fleiss an eine jede Art der Übersetzung zu
wenden nötig ist? Gehört denn nicht einerlei Grad von Fleiss zu jeder
Übersetzung, wenn sie in ihrer Art gut sein soll? Magister: Keinesweges! Dies
kann nach den Umständen sehr verschieden sein. Zum Beispiel zu teologischen
Büchern tut gemeiniglich ein hochwürdiger Herr einem Buchhändler den Vorschlag,
sie unter seinem Namen und mit seiner Vorrede übersetzen zu lassen; es versteht
sich aber, dass er das Buch nicht selbst übersetzt, sondern er gibt es gegen zwei
Dritteile der mit dem Verleger abgeredeten Bezahlung an einen seiner Arbeiter
ab.
    Dieser verdingt es gemeiniglich gegen drei Vierteile dessen, was ihm der
hochwürdige Herr gönnen will, an einen dritten, der es zuweilen, wenn die
Manufaktur stark geht, an einen vierten gegen fünfzehn Sechzehnteile dessen,
was er bekommt, ablässt. Dieser übersetzt es wirklich, so gut oder schlecht er
kann. Bei dicken Beweisen, dass der Messias schon gekommen ist6, bei biblischen
Geschichten in zwölf Bänden, bei voluminösen Dogmatiken, bei Predigten, aus dem
Französischen oder Engländischen übersetzt, kann dies ohne Bedenken gewagt
werden; denn die Leser solcher Bücher merken nicht, ob irgendwo etwas falsch
übersetzt sei; und die teologischen Kunstrichter sind nicht so schlimm, dass sie
durch den Namen eines berühmten Vorredners oder durch ein höfliches Schreiben
eines Bruders im Herrn nicht sollten zur Duldung und Schonung einer schlechten
Übersetzung bewegt werden können. Die Ausgaben der Übersetzungen historischer
Werke, Reisebeschreibungen und dergleichen sind meistens das Werk der
Buchhändler, die sich dazu einen wohlgebornen oder hochedelgebornen Herrn
aussuchen, weil in diesem Fache die Übersetzungsunternehmer nicht so häufig sind
als im teologischen Fache. Doch werden solche Übersetzungen gemeiniglich auch
an Unterarbeiter ausgeteilt.7 Diese müssen sich aber schon mehr in acht nehmen,
dass sie wenigstens die eigenen Namen richtig übersetzen und die Jahrzahlen recht
abschreiben, denn auf solche Sachen lauern unsere historische Rezensenten wie
Falken. Dagegen ist auch nicht soviel daran gelegen, ob etwa die Vorstellungen
der Begebenheiten und die eingestreuten Reflexionen etwas flüchtig und schielend
übertragen wären; auf die Art werden sie der Schreibart einiger deutschen
Geschichtschreiber desto ähnlicher, die in ihrer Freunde gelehrten Zeitungen und
Journalen gewohnt sind, am lautesten gelobt zu werden! Aber neue Komödien und
neue Romane muss meistens der selbst übersetzen, der als Übersetzer bekannt sein
will, weil diese Bücher allzu vielen Lesern in die Hände kommen; und hier sind
die Kunstrichter gleich bei der Hand und lassen sich selten durch einen
berühmten Namen vom Tadel abschrecken.
    Sebaldus: Ich erstaune immer mehr über das, was Sie da sagen. Es ist mir,
als ob Sie von einer andern Welt redeten. Sie können auch unmöglich Deutschland
im Sinne haben!
    Magister: Sie vielmehr kommen aus einer andern Welt, aus der schönen Welt
der Imagination, wo jeder berühmte Mann viel Verdienste hat, wo jeder
Schriftsteller zu Untersuchung der Wahrheit schreibt, wo die Vorreden wahre
Nachrichten vom Buche entalten, wo niemals ein Journalist den Verfasser
anschwärzt, dem er nicht wohlwill, wo kein beleidigter Schriftsteller Kabalen
macht, wo ein Lehrer der Tugend auch allemal tugendhaft und ein Lehrer der
Weisheit weise ist. Mein lieber Freund, träumen Sie nicht ferner, so angenehm
Sie auch träumen mögen; sehen Sie um sich herum, was in Deutschland vorgeht, und
Sie werden finden, was ich Ihnen sage, ist keine Erdichtung.
    Sebaldus: Nun, wenn auch jemand einmal so etwas unternähme, so kann doch das
Publikum nicht lange in der Verblendung bleiben; und dann wird es mit der
Manufaktur bald zu Ende gehen.
    Magister: Unser Publikum ist sehr nachsehend, zumal bei dicken Büchern, das
heisst bei denjenigen, welche die Übersetzer von Profession am liebsten wählen.
Ich versichere Sie, dass wenigstens der dritte Teil der deutschen Bücher auf
diese Art fabriziert wird. Denn ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, dass
beinahe die Hälfte der neuen deutschen Bücher Übersetzungen sind, und ich sage
gewiss zuwenig, wenn ich nur zwei Drittel der Übersetzungen als Manufakturarbeit
ansehe.
    Sebaldus: Gott behüte! Die Hälfte unserer neuen Bücher sind Übersetzungen!
Was wird denn alles übersetzt?
    Magister: Was? Bogen und Alphabete! Um den Inhalt bekümmert sich weder
Verleger noch Übersetzer, zum höchsten der Leser, wenn er will und kann.
    Sebaldus: Allein da wird denn auch der Leser gemeiniglich sehr unzufrieden
sein.
    Magister: Ach nicht doch! Die Leser der Übersetzungen sind gutwillige
Seelen. Sie haben gegen alles, was schwarz auf weiss gedruckt ist, eine grosse
Ehrerbietung. Und wenn sie auch etwas nicht recht verstehen, so nehmen sie die
Schuld selbst auf sich und zählen Übersetzer und Verfasser los. Kein deutscher
Leser wird das Unglück einer neuen Übersetzung machen, sowenig als noch ein
deutsches Parterre jemals eine neue übersetzte Komödie ausgepfiffen hat.8
    Sebaldus: Aber wenn auch niemand es merket, so ist's doch einem Gelehrten
unanständig, die Gelehrsamkeit bloss zu einem schimpflichen Gewerbe zu machen und
die Fortpflanzung der Wahrheit und Tugend ganz aus den Augen zu setzen.
    Magister: Seien Sie aus allzu grosser Gerechtigkeit nicht ungerecht. Unser
Vaterland kann von den Gelehrten nicht mehr fordern, als es um sie verdient. Wo
ist das deutsche Land, wo ein deutscher Gelehrter als Gelehrter leben kann? Wo
ist es möglich, ohne besonders glückliche Umstände die Musse zu finden, die ein
Schriftsteller braucht, wenn er in seiner Kunst gross werden will?9 Unser bestes,
wünschenswürdigstes Schicksal ist ein Amt, in dessen Erwartung wir verhungern
müssen, wenn wir kein Erbteil zuzusetzen haben, und wobei wir, wenn wir es
erhalten, vor vieler Amtsarbeit alle Gelehrsamkeit vergessen müssen. Die besten
deutschen Schriftsteller haben zuweilen die Musse, die sie zu ihren
vortrefflichsten eigenen Werken nötig hatten, durch Übersetzungen kümmerlich
verdienen müssen. Es ist leider fast gar kein anderes Mittel da, um einen
Gelehrten, der kein Amt hat und kein Amt bekommen kann, vor dem Hunger zu
verwahren. - Verlangen Sie nicht mehr, als wir leisten können.
    Sebaldus: Dies Bild der deutschen Literatur ist sehr traurig. Aber ich
bleibe dennoch dabei: Entwickelung und Verbreitung der Wahrheit ist die
Hauptpflicht eines Autors. Ich würde nie daran gedacht haben, einen Kommentar
über die Apokalypse zu schreiben, wenn ich nicht geglaubt hätte, unbekannte,
nützliche Wahrheiten entdeckt zu haben.
    Magister: Die auch trotz Ihrem Kommentar unbekannt bleiben werden. Denn
glauben Sie mir, Bengel ist im Besitze des apokalyptischen Reichs, woraus Sie
ihn nicht vertreiben werden! Wir haben in Deutschland noch kein Beispiel, dass
ein abgesetzter Dorfpfarrer gegen einen Prälaten recht behalten hätte.
    Sebaldus: Ich kann über das Schicksal meines Kommentars ruhig sein. Genug,
wenn ich die Wahrheit sage, so wie ich sie erkenne und weil es Wahrheit ist,
nicht aber deswegen, weil ich mit einem Buchhändler einen Kontrakt gemacht habe,
ihm fünfzig Bogen zu liefern. Wohin soll es mit der deutschen Gelehrsamkeit
kommen, wenn der grösste Teil der Schriftsteller nicht die Beförderung der
Gelehrsamkeit, sondern die Beförderung seines Ruhms und Nutzens sucht?
    Magister: Und wohin soll es mit der deutschen Gelehrsamkeit kommen, wenn
deutsche Gelehrsamkeit in unserm eigenen Vaterlande für schimpflich gehalten
wird? Ist's nicht das sicherste Mittel zu darben, wenn man sich auf Kenntnisse
legt, welche unsere Mitbürger erleuchten, aber nicht ihren Wollüsten dienen oder
ihren Beutel füllen können? Bleibt ein einziges Mittel übrig, dem Gelehrten, der
weder Kuppler noch Plusmacher sein will, in der Welt sein Auskommen zu geben?
Wenn man uns recht belohnen will, schickt man uns auf eine Universität, wo wir
unsere nötigen Einkünfte von dem Wohlwollen einer unwissenden und ungezähmten
Jugend suchen müssen; oder man verstösst uns in ein Amt, wozu uns alles, was wir
gelernt haben, unnütz ist und wo uns wegen der edlen Empfindsamkeit, welche
durch die Wissenschaften in unsern Seelen entwickelt worden, die Ausübung
unserer Pflicht oft weit beschwerlicher wird als einem fühllosen Diener der
Absichten jedes Gewaltigen im Lande.
    Sebaldus: Ich bin ganz ausser mir über alles, was ich hören muss! So schlecht
sieht es mit der Gelehrsamkeit in Deutschland aus? Wie soll es dann um Wahrheit
und Tugend gut stehen, wenn die Herolde derselben, die Gelehrten, nur Eigennutz
und Eigenlob suchen? Wie soll unser Vaterland durch die Wissenschaften
erleuchtet werden, wenn man sie zu einem niedrigen Gewerbe missbraucht? Nein,
dies ist mir ein unerträglicher Gedanken!
    Magister: Geben Sie sich zufrieden! Was ist der deutschen Gelehrsamkeit
damit geholfen, wenn ein paar arme Korrektoren eine unruhige Nacht haben! Wir
wollen uns die Fehler unserer Literatur nicht verhehlen, aber wir wollen uns
auch über das nicht abhärmen, was, ohne die Schuld unserer Gelehrten, nicht
anders sein kann; es müsste sich denn in Deutschland mehr ändern, als sich so
leicht ändern wird.
    Hiermit gab der Magister dem Sebaldus die Hand und wünschte ihm, wohl zu
schlafen.
 
                               Zweiter Abschnitt
Sebaldus schlief, der Ermahnung des Magisters ungeachtet, sehr unruhig und
beseufzte noch am folgenden Tage den unvollkommnen Zustand der deutschen
Gelehrsamkeit und das Schicksal der deutschen Gelehrten. Nachmittags ging er zu
seinem Freunde Hieronymus, um ihm sein gestriges Gespräch mit dem Magister zu
erzählen und ihn zu fragen, ob desselben Nachrichten zuverlässig wären.
    »Ich finde«, sagte Hieronymus, »dass der Herr Magister von allen diesen
Dingen sehr wohl unterrichtet ist; aber warum beunruhigt Sie diese Erzählung so
gar sehr?«
    Sebaldus: Es kränket mich, dass ich so viel von der Hochachtung ablassen muss,
die ich für die deutsche Gelehrsamkeit und für die deutschen Gelehrten hegte.
Ich habe beständig einen Mann, der ein Buch schreiben kann, mit Ehrfurcht
angesehen, und den ganzen Haufen der Schriftsteller habe ich mir als eine Anzahl
einsichtvoller und menschenfreundlicher Leute vorgestellt, die beständig
beschäftigt wären, alles, was der menschliche Verstand Edles, Schönes und
Wissenswürdiges hervorbringen kann, zu erforschen und es zur Aufklärung des
menschlichen Geschlechts in ihren Büchern öffentlich bekanntzumachen. Nun tut's
mir weh, dass ich sie bloss als geschäftige Schmierer ansehen soll, die Wahrheit
und Einsicht zu einem schimpflichen Gewerbe machen, die mit ihrer
Schriftstellerei bloss für sich selbst Ruhm, Nutzen oder Nahrung suchen.
    Hieronymus: Und es tut Ihnen um desto weher, weil Sie selbst in die Zahl der
Schriftsteller zu treten gedenken! - Nicht wahr? - Aber trösten Sie sich, alle
Schriftsteller und Übersetzer sind nicht so beschaffen, wie sie Ihr Magister
beschrieben hat. Er hat nur von neun Zehnteilen geredet. Es ist noch das zehnte
Zehnteil übrig, nämlich Männer, die es wirklich mit dem Fortgange der
Wissenschaften gut meinen, welche der Eitelkeit und den Vergnügungen der Jugend
entsagen, um sich gründliche Kenntnisse zu erwerben, und welche Nächte
durchwachen, um ihre Nebenmenschen weiser, erleuchteter und gesitteter zu
machen. In deren Gesellschaft zu treten dürfen Sie sich nicht schämen.
    Sebaldus: Und dieser wäre nur eine so geringe Anzahl? Wenn Sie die Anzahl
der nützlichen Bücher so gering machen, wissen Sie wohl, dass Sie sich selbst
erniedrigen?
    Hieronymus: Wieso?
    Sebaldus: Ich habe immer der Buchhandlung vor allen Arten der Handlung den
Vorzug gegeben, weil ich glaube, dass durch ihre Vermittelung die gelehrten
Kenntnisse unter die Menschen gebracht werden, weil sie nicht blühen kann, als
wenn eine gründliche und nützliche Gelehrsamkeit blühet.
    Hieronymus: Da haben Sie einen sehr falschen Begriff von der Buchhandlung.
Sie stehet nur in rechtem Flore, wenn die Leute sehr dumm sind.
    Sebaldus: Wenn die Leute sehr dumm sind? Das kann ich nicht begreifen. Dumme
Leute werden ja keine Bücher kaufen.
    Hieronymus: Weswegen nicht? Sie kaufen dumme Bücher, und die sind in
grösserer Anzahl und machen grössere Bände aus. Es ist auch viel leichter und
bequemer, für dumme Leute zu schreiben und zu verlegen als für kluge. Sehen Sie
nur meine Kollegen, die Buchhändler in den katolischen Provinzen, an,
grösstenteils reichere Leute als alle protestantischen Buchhändler auf der
Leipziger Messe. Sie finden in ihren Verzeichnissen schöne Folianten über das
Jus canonicum, herrliche Fasten- und Fronleichnamspredigten, derbe
Kontroverspredigten wider alle Ketzer, tröstliche Legenden der Heiligen,
Gebetbücher und Breviarien in Menge, aber oft kein einziges vernünftiges Buch,
das ich, so einfältig auch meine liebe Vaterstadt ist, in meinen Buchladen legen
oder Sie, wenn Sie noch so reich wären, in Ihre Bibliotek würden setzen wollen.
    Hier ergriff er ein auf seinem Pulte liegendes Bücherverzeichnis eines
katolischen Buchhändlers in Augsburg und fragte: Wie gefallen Ihnen die Titel:
Laurentii von Schnifis (ord. Capucin.) »Mirantische Mayenpfeife«, mit Kupfern;
P. Sennenzwickels »Ernstliche Kurzweil für die zenonische Gesellschaft der
machiavellischen Staatsklügler, worin das edle Paar Gebrüdrichen Ateismus und
Naturalismus samt den Hallerischen Gedichten dem Sileno als Riesenschröcker
aufgeopfert werden«; P. Dionysii von Luxemburg verbesserte »Legend der Heiligen«
von P. Martin von Cochem; »Der himmlische Gnadenbrunn St. Walburgä«; »Die
geistliche Sonnenblum, d.i. kurze tägliche Besuchungen des allerheiligen
Sakraments des Altars«; P. Biners »Mückentanz der Herren Prädicanten zu Zürch um
das Licht der katolischen Wahrheit«; Alexii Riederers »Geistliches Seelennetz
oder 150 geistreiche Betrachtungen«; Bulffers »Mit kurzen, doch guten Waren
handelnder evangelischer Kaufmann oder kurze Sonn- und Feiertagspredigten«; »Der
christkatolische goldne Schlüssel, mit welchem die Schatzkammer der zeitlich-
und ewigen Güter kann aufgesperrt werden«; Hausingers »Geistliches Frühstück
oder auserlesene Sittenlehren«. Wollen Sie etwa diese und andere dergleichen
schöne Sächelchen mehr kaufen?
    Sebaldus: Nein, was sollte ich mit dem unsinnigen Zeuge machen?
    Hieronymus: Nicht? Desto schlimmer für den Buchhändler, dass Sie so klug
sind! Er mag sich dumme Käufer schaffen, oder er ist verloren.
    Sebaldus: Der Buchhandel ist also, wie ich merke, ein so leichtes Geschäft,
als es einträglich ist. Dumme Bücher verlegen und sich viel dumme Käufer dazu
suchen erfordert ja wahrlich keine grosse Kunst, denn die dummen Menschen sind
unzählig.
    Hieronymus: Und doch ist's schwerer, als Sie es sich vorstellen. Vergessen
Sie nicht, dass Millionen dumme und kluge Menschen gar keine Bücher brauchen. Das
können Sie daraus sehen, dass von den meisten Büchern im deutschen Buchhandel
etwa fünfhundert und höchstens bis ein paar tausend Exemplare gedruckt und
selten sämtlich verkauft werden, und doch reden an dreissig Millionen Menschen
die deutsche Sprache. Und dann muss der Käufer das Buch suchen, nicht das Buch
den Käufer. Die dummen Menschen, welche zum Glücke der Buchhändler noch dumme
Bücher kaufen wollen, haben jeder ihre eigene Art der Dummheit für sich und
suchen nur diese. Glauben Sie mir, der Arten der Dummheiten sind in Deutschland
sehr viele - da sogar die gelehrte Klugheit vieler Schriftsteller dumm genug
ist! Es gehört also bei dem Buchhändler viel Erfahrung dazu, die rechte Art
dummer Bücher zu verlegen und anzuschaffen. Denn fällt er auf die unrechten
dummen Bücher, so bleiben auch diese liegen, und er kommt sodann auch mit der
Dummheit nicht vorwärts.
    Sebaldus: Das gönne ich ihm herzlich! Denn ich behaupte: ein Buchhändler ist
nur dazu da, um der Gelehrsamkeit aufzuhelfen, daher sollte er keine andere als
gute Bücher drucken und verkaufen.
    Hieronymus: Das heisst von dem Buchhändler zuviel gefordert, der sich selten
nach dem Geschmacke der Gelehrten, ja selbst nicht nach seinem eigenen richten
kann, sondern nach dem Geschmacke des grossen Haufens richten muss; und dieser
macht es ihm nur allzu leicht, die meisten guten Schriftsteller beinahe ganz zu
entbehren.
    Sebaldus: Dies tun die Buchhändler freilich, aber sie sollten es nicht tun,
sondern sollten billig dem Geschmacke der grössten Gelehrten folgen; und ich habe
mich schon oft über Sie selbst gewundert, da Sie wissen, was grosse Gelehrte von
Büchern urteilen, und doch schlechte Bücher drucken und verkaufen.
    Hieronymus: Mein Freund, der Geschmack grosser Gelehrten ist der Geschmack
sehr weniger Leute; der Buchhändler aber braucht sehr viele Käufer, wenn er sein
Geschäft treiben will. Wenn nun sogar dumme Bücher oft nicht Käufer finden,
wieviel mehr wird es den gelehrten und klugen Büchern so gehen, da der gelehrten
und klugen Leute offenbar die wenigsten sind? Daher kommt es, dass so oft Autor
und Verleger bei dem besten beiderseitigen Willen sich nicht vereinigen können.
Jener will den innern Wert seines Buchs verkaufen, dieser bloss eine
Wahrscheinlichkeit des Absatzes kaufen. Jener schätzt seinen und seines Buches
Wert nach dem Beifalle einiger wenigen Edlen, das heisst derjenigen Freunde, die
er für die wenigen Edlen hält. Dieser überlegt, ob es möglich oder
wahrscheinlich sei, dass viele nach dem Buche lüstern sein möchten, ohne in
Anschlag zu bringen, ob sie gelehrt oder ungelehrt, weise oder einfältig, nach
Unterricht oder nach Zeitvertreib begierig sind. Sehen Sie den Tiroler, der dort
geschliffene optische Gläser zum Verkaufe herumträgt? Er hat kein Flintglas und
keine Dollondsche Fernröhre. Fragen Sie ihn, warum er nicht vorzüglich sich
erkundigt, was für Gläser die grössten Astronomen verlangen. Er wird antworten:
Ich verkaufe meine Gläser, unbekümmert ob man sie in Teleskope setzt, um
unbekannte Sterne zu observieren, oder in Perspektive, um einen entfernten Feind
zu entdecken oder den Freund, der uns besuchen will, früher zu erblicken, oder
in Mikroskope, um im Samentierchen zu unterscheiden, ob der erste Keim des
Menschen ein Fisch oder eine Faser ist, oder in Brenngläser, um Flotten oder
Tabakspfeifen anzuzünden, oder in Brillen, um feine Schrift zu lesen. Soviel ist
gewiss, irgendwozu muss die Ware brauchbar sein, sonst führe ich sie nicht. Doch
hat mich die Erfahrung soviel gelehret, dass Brillen stärker abgehen als
Teleskope 10, zumal in meinem Lande, wo viele Leute ein blödes Gesicht haben und
sich nur die Exjesuiten auf die Astronomie legen.
    Sebaldus: Und dennoch ist's unrichtig, dass die Buchhandlung durch dumme
Bücher in Flor kommt, denn Sie können doch nicht leugnen, dass, seitdem die
Lektur in Deutschland mehr Mode geworden, die Buchhandlung mehr floriere.
    Hieronymus: Das leugne ich gradezu. Zur Zeit der schönen, dicken Postillen,
der zentnerschweren Konsultationen, der Arzneibücher in Folio, der Opera omnia,
der klassischen Autoren und Kirchenväter in vielen Folianten, der teologischen
Bedenken und Leichenpredigten in vielen Bänden, der Labyrinte der Zeit, der
Schaubühnen der Welt war die Buchhandlung im Flore. Was gibt man uns jetzt
anstatt dieser wichtigen Werke? Eine Menge kleiner Büchelchen, die aus Hand in
Hand gehen, wenig gelesen und wenig gekauft werden, wodurch denn endlich den
Lesern die alten Kernbücher anstinken. Sehen Sie, das ist der Vorteil, den wir
Buchhändler vom Lesen der Bücher haben.
    Sebaldus: Nun, das ist doch zu arg! Wenn man die Bücher nicht lesen soll,
was soll man denn damit tun?
    Hieronymus: Sie zerreissen oder Wände damit tapezieren.
    Sebaldus: Gott behüte, was sagen Sie da!
    Hieronymus: Was alle Tage geschiehet. Meine besten Kunden sind Schulknaben,
Handwerksbursche, Bauern, gute Mütterchen, die beten und singen und die Knäblein
und Mägdlein oft mit sich in die Wochenpredigten nehmen, die dann aus
Langerweile fleissig die Gebetbücher und Gesangbücher zerreissen. Die Gewürzkrämer
machen auch eine wichtige Konsumtion von Büchern; und in diesem Kriege sind
viele Streitschriften wider die Ketzer, die mir zur Last lagen, in Patronen
verschossen worden.
    Sebaldus: Aber es werden doch nicht alle Bücher zerrissen und in Patronen
verschossen?
    Hieronymus: Freilich nicht! Viele werden zu Pappe eingestampft oder sonst
bogenweise verbraucht. Nicht zu rechnen, dass viele Tausende in den Buchläden
halbe Jahrhunderte lang liegen.
    Sebaldus: Die Bücher müssen doch gelesen werden! Dazu sind sie gedruckt.
    Hieronymus: O ja, viele werden gelesen, ehe sie eingestampft werden, doch
meist kaum von zehn Lesern. Schon fünf Monate nach einer Messe sind die meisten
in derselben erschienenen Bücher vergessen; es müsste denn sein, dass sie erst
nach sechs Monaten rezensiert würden. Vorzeiten war es anders, da dachte man
lange an alte Bücher, selbst an die schlechten. Damals wurden sie nach vielen
Jahren noch in die Hände genommen, weil ihrer sehr viel weniger waren und die
damalige Art zu studieren mehr Bücher erforderte. Jetzt wollen unsere klugen
Leute selbst denken, dazu braucht man wenig Bücher, und doch drucken wir mehr
als sonst. Und vollends bei unsern jungen Leuten, sie mögen nun junge
Philosophen oder junge Poeten sein, wird der Verstand und der Genius so früh
reif, dass sie gar keine Bücher zu lesen würdigen als ihre eigenen. Wände mit
Büchern tapezieren oder, um gelehrter zu reden, grosse Biblioteken errichten war
zu der Zeit Mode, als die vorhergenannten grossen Werke noch verkauft und
wahrlich auch gelesen wurden. Jetzt hat die leidige Sucht, Gedichte und kleine
Modebücher zu lesen, die grossen Biblioteken und die schwerfällige Art zu
studieren, wozu grosse Biblioteken nötig waren, ganz aus der Mode gebracht, und
seitdem ist eine sehr ergiebige Quelle des Reichtums der Buchhändler verstopft.
Wenn auch irgendeine tüchtige Feuersbrunst einem Buchhändler aufhelfen könnte,
so wird selten eine verbrannte Bibliotek wieder angeschafft.
    Sebaldus: So ist dies das Schicksal der Bücher, der Früchte des Fleisses so
vieler verdienstvollen würdigen Gelehrten? Zerrissen, zu Tüten verbraucht oder
verbrannt oder eingestampft oder vergessen zu werden? Darüber möchte man Blut
weinen.
    Hieronymus: Geben Sie sich zufrieden. Wir reden von zwei ganz verschiednen
Dingen. Erinnern Sie sich nur aus ihrem Gespräche mit dem Herrn Magister, auf
welche Art die marktgängige Bücherware verfertigt wird, so werden Sie finden,
dass das meiste davon eigentlich noch ein schlechteres Schicksal verdiente.
    Sebaldus: Wenn auch alles wahr wäre, was Sie da sagen, so wünschte ich doch,
dass es nicht wahr wäre.
    Hieronymus: Ich auch nicht.
    Sebaldus: Und doch sagen Sie selbst, dass es Ihr Vorteil erfordere, dass die
Welt dumm bleibe.
    Hieronymus: Wenn ich als Kaufmann rede, so muss ich freilich wissen, was
eigentlich mein Vorteil ist; aber ich liebe meinen Vorteil nicht so sehr, dass
ich ihn mit dem Schaden der ganzen Welt erkaufen wollte. Ich liebe die
Aufklärung des menschlichen Geschlechts, sie fängt auch an, sich bei uns zu
zeigen; allein sie geht noch mit sehr langsamen Schritten fort. Ich habe den
Wirkungen derselben oft mit Vergnügen bis in die Winkel nachgespürt, wohin keine
gelehrte Nachricht reicht. Ich merke seit einiger Zeit, dass in meiner Vaterstadt
verschiedene schlechte, sonst oft verkaufte Bücher liegenbleiben, und freue mich
darüber.
    Sebaldus: Ich frage Sie aufs Gewissen, mein lieber Freund, ist nicht ein
wenig Selbstlob bei dieser Grossmut, deren Sie sich rühmen?
    Hieronymus: Mitnichten, denn es ist gar keine Grossmut. Ich habe
Korrespondenz nach dummern Städten und Provinzen, wo diese schlechten Bücher
begierig gekauft werden.
    Sebaldus: Wenn nun diese auch einmal klug werden?
    Hieronymus: Sehr wohl. Alsdenn bin ich ganz gefasst, den Buchhandel
niederzulegen und bloss beim Kornhandel zu bleiben. Seitdem die physiokratischen
Prinzipien aus Frankreich bei uns Mode werden wollen und alles ruft: Fahrt nur
viel Korn weg, so werdet ihr viel haben!, ist in meinem Vaterlande und in den
benachbarten Gegenden so oft Kornmangel, dass es sich der Mühe belohnt, ein
Kornhändler zu sein. Auf allen Fall werden in meinem Vaterlande noch keine Zeuge
zu Schlafröcken, noch keine Mützen, Hüte und Strümpfe gemacht, ich kann also
noch Manufakturen anlegen. Aber wehe den Buchhändlern in dummen Ländern, wo
schon viel Manufakturen sind und wo die Handlung überhäuft ist! Wenn ein solches
Land einmal erleuchtet wird, so ist für sie kein Mittel zur Nahrung weiter
übrig.
    Sebaldus: Aber ich habe doch gehört, dass in England und in Frankreich sich
die Buchhändler bei guten Büchern sehr wohl stehen sollen.
    Hieronymus: Das kommt daher, weil in Frankreich und in England die Klasse
der Schriftsteller der Klasse der Leser entspricht; weil jene schreiben, was
diese zu lesen nötig haben und lesen können.
    Sebaldus: Ist es denn in Deutschland nicht ebenso?
    Hieronymus: Keinesweges. Der Stand der Schriftsteller beziehet sich in
Deutschland beinahe bloss auf sich selber oder auf den gelehrten Stand. Sehr
selten ist bei uns ein Gelehrter ein Homme de lettres. Ein Gelehrter ist bei uns
ein Teologe, ein Jurist, ein Mediziner, ein Philosoph, ein Professor, ein
Magister, ein Direktor, ein Rektor, ein Konrektor, ein Subrektor, ein
Bakkalaureus, ein Collega infimus, höchstens ein schiefer Belesprit oder ein
schwerfälliger Spekulant, welcher glaubt, die Kräfte des menschlichen Geistes
ergründet zu haben, wenn er seine Gedichte oder sein gangbares System im Kopfe
hat, und die Welt zu kennen glaubt, wenn er sein Studierstübchen oder höchstens
die Universität kennt, wo er sich mit seinem bisschen teoretischen Wissen blähen
kann, oder den Zirkel seiner fünfzehn Anbeter, wo er seine Launen auskramen
darf, wo er für einen grossen Mann gehalten wird und sich daher allein darin
gefällt. Dieses gelehrte Völkchen von Lehrern und Lernenden, das etwa
zwanzigtausend Menschen stark ist, verachtet die übrigen zwanzig Millionen
Menschen, die ausser ihnen deutsch reden, so herzlich, dass es sich nicht die Mühe
nimmt, für sie zu schreiben, und wenn es zuweilen geschieht, so riecht das Werk
gemeiniglich dermassen nach der Lampe11, dass es niemand anrühren will. Weder in
England noch in Frankreich können so sehr platte gelehrte Originale wie hier in
Deutschland sich zeigen, ohne allgemein ausgelacht zu werden. Unsere gelehrten
Originale werden zwar in den gelehrten Zeitungen, das heisst in der einzigen
Welt, wo sie leben, hoch gepriesen, aber die übrige Welt würdigt sie nicht
einmal der Ehre, sie auszulachen. Die zwanzig Millionen Ungelehrten vergelten
den zwanzigtausend Gelehrten Verachtung mit Vergessenheit; sie wissen kaum, dass
sie in der Welt sind. Weil nun fast kein Gelehrter für Ungelehrte schreiben kann
und dennoch die ungelehrte Welt so gut ihr Bedürfnis zu lesen hat als die
gelehrte, so bleibt das Amt, für Ungelehrte zu schreiben, die nicht Französisch
lesen können, endlich den Verfassern der »Insel Felsenburg« und der »Moralischen
Wochenblätter«, deren Fähigkeiten den Fähigkeiten der Leser, die sie sich
gewählt haben, in der Tat viel genauer entsprechen als die Fähigkeiten der
grössten Gelehrten ihren Lesern, die daher weit mehr gelesen werden als die
grössten Genien, die sich in ihrer Exzentrizität - von ihnen Grösse genannt - so
sehr wiegen, daher aber auch ihre Leser nicht um einen Daumbreit höher
hinaufheben, sondern vielmehr sehr oft nicht wenig beitragen, dass das Licht der
wahren Gelehrten sich nicht auf die Ungelehrten ausbreitet. Daher sind einige
Städte bei uns so helle, und ganze Länder liegen in der grössten Finsternis.
    Sebaldus: Aber die Wissenschaften können nicht allemal so fasslich
vorgetragen werden, dass sie der grosse Haufen begreife. Dadurch würden sie nicht
allein nicht erweitert werden, sondern endlich nur in ein seichtes Geschwätz
ausarten, das man bei halbem Hinhören schon versteht; aber ihre wichtigsten
Wahrheiten würden sie entbehren müssen, weil diese nicht durch flüchtige Lektur,
sondern bloss durch ein gründliches Studium gefasst werden können. Ich erinnere
mich, gehört zu haben, dass die Franzosen auf diese Art verschiedenen
Wissenschaften geschadet haben, weil sie populär vortragen wollten, was sich
nicht populär vortragen lässt. Man würde auch dem Gelehrten alle Begierde nach
neuen Entdeckungen nehmen, wenn er nie für den Gelehrten, sondern nur für den
Unwissenden schreiben sollte. Es müssen also gelehrte Bücher bloss für Gelehrte
geschrieben werden.
    Hieronymus: Ganz recht! Nur wenn die Nation durch die Schriften der
Gelehrten soll erleuchtet werden, so muss sich die Anzahl der bloss für Gelehrte
geschriebenen Bücher zu den für das ganze menschliche Geschlecht geschriebenen
verhalten wie die Anzahl der Gelehrten zu dem übrigen menschlichen Geschlechte:
ungefähr wie achttausend zu dreissig Millionen. Ich befürchte nur, es wird in
Deutschland gerade umgekehrt sein.
    Sebaldus: Wenn nun aber in Deutschland die Anzahl der Gelehrten grösser ist,
die sich fähig finden, durch neue Erfindungen die Grenzen der Wissenschaften zu
erweitern, als derjenigen, die sich fähig finden, die schon erfundenen
Wahrheiten für das Publikum fasslich zu machen?
    Hieronymus: Ich zweifle, dass deshalb die deutschen Gelehrten bloss für
Gelehrte schreiben, weil sie viel neue Entdeckungen zu machen hätten. Es sind in
Deutschland nach einer gewiss nicht zu starken Berechnung seit hundert Jahren
achtundert bis neunhundert Logiken geschrieben worden12; vielleicht in dreien
oder vieren mag diese Wissenschaft durch einige kleine neue Entdeckungen
bereichert sein, die übrigen schreiben sich aus, und aufs höchste haben sie
einige Definitionen verändert oder einige Lehrsätze anders eingekleidet. Das
sind dann die neuen Erfindungen, worauf sie stolz tun. Sind solche Entdeckungen
wohl der Mühe wert? Und wäre es, wenn so wenig Neues zu entdecken war, nicht
besser gewesen, das schon Entdeckte lieber gemeinnützig zu machen? Es kommt mir
vor, als ob in Deutschland in den beiden vorigen Jahrhunderten Materialien zu
dem grossen Gebäude der Wissenschaften gesammlet wurden, die aber in ziemlicher
Unordnung untereinander herumlagen, Quadersteine, Backsteine, Dachziegel,
Balken, Bretter, Eisenwerk und so weiter. Im vorigen Jahrhunderte war die
Beschäftigung der Gelehrten, die Materialien abzusondern und jede Art in
zierliche Schichten übereinanderzusetzen. In diesem Jahrhunderte hätten
Baumeister kommen sollen, die aus denselben, dem menschlichen Geschlechte zum
Besten, Gebäude aufgeführt hätten. Aber jeder deutsche Gelehrte fährt fort, sein
Schichtchen Bruchsteine vor sich her dicht aufeinanderzulegen, und nennt es ein
Lehrgebäude. Ist jemand so glücklich, auf einem Spaziergange ein paar einzelne
Steine zu finden und sie in guter Ordnung zu seinem Häufchen hinzuzufügen, so
heisst er ein Erfinder. Der, welcher grosse Quadersteine in Graben
nebeneinanderwälzt, dass sie einem Gebäude zum Fundamente dienen könnten, heisst
ein tiefsinniger, gründlicher Mann. So tun unsere sämtlichen Gelehrten nichts,
als Materialien in Ordnung bringen oder einen Grund legen. Fängt aber jemand an,
aus diesem verschiedenen grossen Haufen, der jahrhundertelang dicht
übereinandergepackt stand, auf den schon gelegten Grund ein Gebäude zu bauen, so
verspottet man ihn als einen seichten Kopf, der Materialien und Grund von andern
nimmt und dessen Ordnung voller Lücken ist, und mutet ihm wohl gar zu, das
Gebäude abzureissen, um einen neuen ganz dichten Grund zu legen, worauf ein so
zusammenhangendes Gebäude zu bauen sei, dass darin gar keine Lücken wären. Man
bedenkt nicht, dass weise Baumeister in jedem Gebäude Lücken lassen müssen, damit
Licht hineinfalle und Menschen hineingehen können, wogegen in einen dichten
Haufen weder Licht noch Wärme dringen und keine menschliche Kreatur zur Wohnung
einkehren kann. Unsere deutschen Gelehrten sind sehr bemüht, jede Wissenschaft
für sich in ein dichtes oder dunkles Lehrgebäude zu ordnen; aber fast keiner
denkt daran, eine jede Wissenschaft auf die übrigen und sie alle zum Besten der
menschlichen Gesellschaft anzuwenden.
    Sebaldus: Aber ich wiederhole noch einmal, die Wissenschaften würden seicht
werden, wenn man nicht fortführe, ihre Teorien zu untersuchen. Wohin soll es
endlich mit ihnen kommen, wenn man bloss das, was davon dem gemeinen Haufen
fasslich ist, bearbeiten will?
    Hieronymus: Und wohin soll es endlich mit der Beförderung der Entwickelung
aller Kräfte des Geistes, mit der Erleuchtung des ganzen menschlichen
Geschlechts kommen, die der vorzüglichste Zweck der Wissenschaften ist, wenn die
Gelehrten bloss für sich und jede Art von Gelehrten besonders für sich in ihrem
kleinen Zirkel bleiben und den grossen Zirkel der übrigen ganzen Nation ihrer
Achtsamkeit unwürdig halten wollen? Es müssen zwar immer einige Gelehrte von
Profession vorhanden sein, deren jeder über seine Wissenschaft einzeln nachdenkt
und seine Bemerkungen den Gelehrten mitteilet; dies kann aber nicht
ausschliessend alles ausmachen, was an unsrer Literatur schätzbar ist. Haben denn
die Gelehrten gar keine Pflichten gegen das übrige menschliche Geschlecht? Der
Bauer besäet das Feld, der Weber bereitet Zeuge, der Maurer bauet Häuser, der
Kaufmann bringt die zur Notwendigkeit und Bequemlichkeit gereichenden Dinge
zusammen. Sie tragen jeder durch ihren Fleiss das Ihrige zum gemeinen Besten bei,
und auch die Gelehrten werden durch sie genähret, bekleidet, vor den
Ungemächlichkeiten des Wetters bewahrt und mit Bequemlichkeiten versehen.
Sollten die Gelehrten nun ein Recht haben, ihre Einsichten beständig nur unter
sich zu behalten und sie nie dem geschäftigen Teile der Nation für die
Wohltaten, die sie täglich von ihm empfangen, mitzuteilen? Dies kann nicht
allein dadurch geschehen, wenn sie gewisse gemeinnützige Wahrheiten fasslich
vortragen, welche Beschäftigung die meisten deutschen Gelehrten deshalb
verachten, weil sie glauben, dass nur mässige Geschicklichkeit dazu gehöre13. Es
gibt noch eine höhere Art der Gemeinnützigkeit, wozu Genie, Gelehrsamkeit,
Anstrengung aller Geisteskräfte erfordert wird und die man dadurch erreicht,
wenn man, wie ich schon gesagt habe, nicht allein jede Wissenschaft für sich
selbst, sondern auch in Absicht auf alle andern und alle in Absicht auf die
menschliche Gesellschaft betrachtet und anwendet. Hierin fehlen die meisten
deutschen Schriftsteller, die ihre Wissenschaft zwar aus dem Grunde verstehen,
aber sie bloss allein für sich und nie in dem Zusammenhange der übrigen
Wissenschaften und nie in Absicht auf den Nutzen des menschlichen Geschlechts
betrachten. Ein Kriminalist ist ein grundgelehrter Mann, wenn er alle Ausgaben
der peinlichen Halsgerichtsordnung mit ihren Kommentarien durchgelesen und
verglichen hat und genau zu bestimmen weiss, in welchem Falle und im wievieltsten
Grade man zur Tortur schreiten soll. Er hält den für einen schwachen Kopf, der
noch erst untersuchen will, ob ein Erforschungsmittel der Wahrheit, das im
Heiligen Römischen Reiche schon vor mehr als zweihundert Jahren durch Gesetze
vorgeschrieben worden, unzulänglich, ja gar unmenschlich sein könne. Ein Lehrer
des deutschen Kirchenrechts wird mit grössester Belesenheit beweisen, dass im
Heiligen Römischen Reiche nur zwei Religionen existieren dürfen und wie
reichsgesetzwidrig es sei, wenn derjenige, der keiner dieser beiden Religionen
beifällt, nicht sogleich des deutschen Vaterlandes verwiesen werde. Lass den
friedfertigen Gottesgelehrten, lass den menschenfreundlichen Philosophen, lass den
einsichtvollen Politiker dawider auftreten und versichern, wahre Religion, Wohl
des Menschen und Wohl des Staats erfordere, dass man niemand dogmatischer Lehren
wegen verdamme und keinen Ketzer, sobald er ein guter Bürger ist, aus dem Lande
jage; er wird sie bloss bedauern, dass sie in der Kenntnis des deutschen
Kirchenrechts so unwissend sind. Und wollten sie sich auf die gesunde Vernunft
berufen, so wird er vollends voll Verachtung antworten, das deutsche
Kirchenrecht sowenig als das deutsche Staatsrecht müsse nach der Vernunft
beurteilt werden, sondern es gelte das Herkommen. Ebenso sammelt der
Geschichtschreiber eine Menge geschehener Dinge ohne Wahl und Absicht, ohne sie
durch Philosophie, Politik oder Kenntnis des Menschen zu erläutern; und der
Philologe gibt klassische Autoren heraus, weil er Lesearten sammeln und
Varianten berichtigen will, ohne ein einzig Mal seine Leser auf den Geist der
alten Schriftsteller, auf den Zweck, warum sie geschrieben haben, zu führen.
Wenn ich nicht gewohnt wäre, weder im guten noch im bösen von Gottesgelehrten zu
reden, so würde ich die anführen, die mit ihren Nebengottesgelehrten beständig
Dogmatik, Exegese und Polemik wechseln, ohne jemals zu überlegen, welchen
Einfluss Dogmatik, Exegese und Polemik auf die Verbesserung des menschlichen
Geistes haben könne und wie sie sich gegen Geschichte, Philosophie und Politik
verhalten. Wenn jemals die deutschen Schriftsteller anfangen, die Wissenschaften
aus solchen und ähnlichen Augenpunkten zu betrachten, so werden sie sie mit
glücklicherm Erfolge unserm Geiste interessant machen als durch trockne
Kompendien, leere Spekulationen und absichtlose Kompilationen; sie werden für
Gelehrte schreiben und doch den Lesern aus allen Ständen interessant werden.
Selbst durch dieses Interesse werden sie alle Arten von Lesern zum Studieren
wissenschaftlicher Kenntnisse ermuntern: die Wissenschaften werden sich in
mehrere Stände ausbreiten, und gelehrte Schriftsteller werden den mehr
erleuchteten Lesern fasslich schreiben können, ohne der seichten Denkungsart des
grossen Haufens zu Gefallen eine unrechtverstandene Popularität zu affektieren.
    Sebaldus: Ich finde, dass Sie vollkommen recht haben. Ich kenne keinen höhern
Nutzen der Wissenschaften als die Erleuchtung des menschlichen Geschlechts. Aber
hiezu haben gewiss vortreffliche deutsche Schriftsteller auch das Ihrige
beigetragen; ich darf nur aus dem Fache, das ich kenne, Sie an die würdigen
Gottesgelehrten unsers Vaterlandes erinnern, die sich mit glücklichem Erfolge
bemühten, Dogmatik, Exegese und Polemik nach dem Nutzen und dem Schaden, den sie
dem menschlichen Geschlechte bringen können, zu betrachten.
    Hieronymus: Ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich von keinem Gottesgelehrten
urteilen will. Ich verehre die grossen Schriftsteller aller Art, welche Geist
genug haben, mehrere Wissenschaften zugleich zu überschauen, und die, von
philosophischen und menschenfreundlichen Absichten belebt, das wahre Verhältnis
einer jeden zur allgemeinen Erkenntnis zu bestimmen suchen. Deutschland hat
deren einige, sie sind vortrefflich, aber in sehr geringer Anzahl. Die meisten
deutschen Schriftsteller, voll pedantischen Stolzes, pflegen gewöhnlich den Teil
der Wissenschaften für den wichtigsten auszugeben, den sie kennen oder lehren,
er mag nun klein, unbeträchtlich, ja wohl gar schädlich sein; und ihnen deucht,
um zu meinem vorigen Gleichnisse zurückzukommen, der kleine Haufen, woran sie
sammeln und wo sie Stein über Stein aufstapeln und herzählen, sei wichtiger und
nützlicher als das grösste Gebäude, worin Menschen wohnen.
    Sebaldus: Mein Freund, Sie sind wirklich ungerecht gegen die deutschen
Gelehrten, und, nehmen Sie es mir nicht übel, fast muss ich glauben, dies komme
von Ihrer ungelehrten Erziehung her. Sie selbst haben die Tiefen der
Gelehrsamkeit nicht erforschet und wissen also auch nicht, wie ein wahrer
Gelehrter eigentlich beschaffen ist. Ein Gelehrter sieht alle Gegenstände der
menschlichen Erkenntnis in einem weit hellern Lichte als ein Ungelehrter und
kann daher von ihrem Werte und Unwerte besser urteilen; er wird nie die
Wissenschaft, in der er arbeitet, höher achten, als sie es wert ist, oder
deshalb die andern Wissenschaften, wenn sie wichtiger sind, vernachlässigen. Die
Wissenschaften, mein lieber Herr Hieronymus, sind durch ein allgemeines Band
verbunden, und wer bloss die seinige schätzen wollte und die anderen nicht, würde
so töricht handeln, dass sich dies von keinem echten Gelehrten vermuten lässt.
Lernen Sie die Gelehrten besser kennen und urteilen Sie nicht zu geschwind
darüber.
    Hieronymus: Haben Sie den Messkatalog von dieser Messe schon gelesen?
    Sebaldus: Wie kommen Sie darauf? Nein, noch nicht.
    Hieronymus: Wir wollen versuchen, daraus die Beschaffenheit der neuen
deutschen Bücher zu beurteilen. Lassen Sie uns einmal zusammenrechnen, wieviel
Bücher über jede Art der Wissenschaften herausgekommen sind, und hernach darüber
Betrachtungen anstellen.
    Sebaldus: Sehr gern. Dies wird Sie am besten widerlegen. Wahre Gelehrte
sehen allemal, das lasse ich mir nicht ausreden, auf dasjenige, was dem Ganzen
vorteilhaft ist, nicht was ihnen insbesondere gefällt.
    Sie fingen also an, den Messkatalog durchzusehen, und fanden 350
Übersetzungen14 aus verschiedenen Sprachen, 65 neue Stücke von Journalen, 40
Kompendien und Lesebücher, 74 Dissertationen und Programmen, 53 Bände Predigten,
67 teologische Bücher von allerhand Art, aber nur 9 juristische, weil die
Anweisungen zum Reichsprozesse und zum Kriminalprozesse schon oben unter den
Kompendien gerechnet werden, 23 medizinische Bücher, 16 Wochenblätter, 5
Geschichtbücher, 37 diplomatische Bände, 27 Romanen, meistens in Erfurt, Dresden
und Regensburg gedruckt, 31 Gedichte, 3 matematische Bücher, 10 ökonomische
Werke, 1 physikalisches und 15 aus der Naturhistorie. Hingegen fanden sie nur
zwei ein paar Monate vor der Messe erschienene Bücher, worin die Wissenschaften
in ihrer Verbindung und im Verhältnisse auf die Menschheit betrachtet wurden;
und von diesen hatten schon verschiedene gelehrte Zeitungen voll Verachtung
versichert, dass ihre Verfasser seichte Köpfe wären, ohne gründliche Einsichten
in die Wissenschaften, welche bloss durch eine gute Schreibart bei dem gelehrten
Pöbel Beifall erschlichen hätten; denn eine gute Schreibart ist solchen
gelehrten Herren nur ein sehr geringes Verdienst.
    Hieronymus ging in ein Nebenzimmer, um diese Zeitungsstücke zu suchen; weil
er aber dabei etwas verweilte, hatte Sebaldus eiligst dreizehn Titel von neuen
Büchern über die Apokalypse, die er sich beim Durchsehen des Katalogs heimlich
mit dem Nagel gezeichnet hatte, auf einem Zettel ausgezogen, womit er dem
Hieronymus entgegenkam und ihn sehr angelegentlich bat, ihm diese Bücher zu
leihen. Der gefällige Hieronymus fing gleich an zu suchen, und kaum hatte er sie
herbeigeholt, als Sebaldus, des bisherigen Gesprächs ganz uneingedenk, sie unter
den Arm nahm und damit nach Hause eilte, um eins nach dem anderen durchzulesen.
    Den dritten Tag brachte er diese Bücher seinem Freunde zurück und nahm sich
unterweges vor, zwar dafür zu danken, aber ihm doch den Kopf zurechtzusetzen
wegen seiner irrigen Meinung, dass die deutschen Gelehrten nur für ihre
Lieblingsspekulationen und sonst für nichts Sinn hätten; allein er fand zu
seinem Missvergnügen, dass der gute Hieronymus bereits abgereiset war, und musste
also sowohl seinen Dank als seine Ermahnung bei sich behalten.
 
                               Dritter Abschnitt
Inzwischen konnte Sebaldus die Gespräche mit seinen beiden Freunden gar nicht
vergessen. Er sollte zufolge derselben beinahe die ganze Vorstellung ändern, die
er sich vom Zwecke des gelehrten Lebens und vom Zustande der deutschen
Schriftstellerei gemacht hatte, sollte glauben, der grösste Teil der
Schriftsteller von Profession wäre nicht, gleich ihm selbst, bloss um die
Ausbreitung der Wahrheit besorgt. Dies war ihm so unerträglich, dass es ihm
beständig im Sinn lag, daher er mit jedem davon redete, der ihm vorkam.
Besonders geriet er an einen seiner Nebenkorrektoren, der es als eine Versorgung
ansah, bis zu dem Posten eines Übersetzers fortzuschreiten, und auch so
glücklich gewesen war, wir wissen nicht, ob von einer Paraphrase übers Neue
Testament in einigen Foliobänden oder von einer antideistischen Bibel in einigen
Quartbänden, die einem Übersetzungsunternehmer in Bausch und Bogen waren
verdungen worden, durch die vierte Hand ein halbes Alphabet zum Übersetzen zu
erhalten. Durch das Vergnügen, seine Handschrift gedruckt zu sehen, fand er sich
um einen Zoll grösser als ein gemeiner Korrektor und konnte nicht umhin, diese
Grösse seinen Nebenkorrektor Sebaldus fühlen zu lassen. Es befremdete ihn nicht
wenig, dass dieser von dem Geschäfte eines Übersetzers mit der äussersten
Verachtung sprach; daher entstand zwischen ihnen ein ziemlich lebhafter
Wortwechsel, welcher endlich heftig ward, da sie, ich weiss nicht wie, auch auf
die Apokalypse gerieten, wovon der Korrektor die rechtgläubigen
bengelisch-crusianischen Begriffe hatte. Er erstaunte schon gar sehr darüber,
dass Sebaldus die Apokalypse für eine Wiederholung der Geschichte Frankreichs
ausgab, anstatt sie für eine Weissagung auf die christliche Kirche zu erklären;
aber er geriet in Wut, da er vernahm, dass Sebaldus aus der Einrichtung des
himmlischen Jerusalems die Endlichkeit der Höllenstrafen behaupten wollte. Voll
Abscheu über solche Ketzerei lief er sogleich zu verschiedenen Buchdruckern, die
ihm und Sebaldus die meisten Bogen zu korrigieren gaben. Er klagte ihnen nicht
etwa Sebaldus' unrichtige Erklärungen der Apokalypse, welches vielleicht nicht
viel Eindruck gemacht haben würde, sondern dass Sebaldus gegen jedermann die
Übersetzungsmanufakturen als einen der Gelehrsamkeit nachteiligen Missbrauch
verdammte und dass er bei dieser Gelegenheit von den Buchdruckern und Verlegern,
die mit Übersetzungen ein nützliches Gewerbe treiben, nicht mit der gebührenden
Ehrfurcht gesprochen habe. Als nun Sebaldus wieder bei seinen gebietenden Herren
erschien, fand er die Mienen kalt, die Stirnen gerunzelt, und darauf folgten
dann Klagen über die schlechten Zeiten, weshalb jetzt weniger gedruckt würde,
daher man ihm weniger Korrekturen geben könne. In kurzem bekam er in der Tat gar
keine mehr; und weil sein rachsüchtiger Kollege ihn als einen Menschen, der die
Endlichkeit der Höllenstrafen glaubte, an solchen Örtern abgemalt hatte, wo
dieser Vorwurf mehr Eindruck machte als bei Buchdruckern, so empfand er bald,
dass jedermann sich vor ihm scheute. Er ward endlich genötigt, die Dachstube, wo
er so vergnügt gewesen war, mit einem Keller in der Vorstadt zu vertauschen,
worin ihn ein armer Mann aufnahm, den er zur Zeit seines Wohlstandes als
Marktelfer bei einem Buchhändler angebracht hatte. Dieser Mann und sein
gewesener Nachbar, der Magister, waren nun seine einzigen Freunde, deren
Guttaten gerade hinreichten, ihm das Leben zu erhalten.
    Eines Tages, den er ungegessen zugebracht hatte, war er gegen Abend zu
seinem Freunde, dem Magister, gegangen, der sehr gern sein dürftiges Einkommen
mit ihm teilte und seinem Geiste durch freundschaftliche und lehrreiche
Gespräche die Tätigkeit wiedergab, die das Elend zu vernichten pflegt. Er kam,
zwar als es schon dunkel ward, doch beizeiten nach seinem Keller zurück, weil
der Torgroschen ein Kapital war, das er zu sparen nötig hatte. Er war schon in
den finstern Gang getreten, der zu seiner Schlafstätte führte, als er in einiger
Entfernung sich etwas regen sah und bei näherer Untersuchung einen Menschen in
einem Winkel sitzend fand.
    Sebaldus hielt ihn für einen Dieb, und ob er sich gleich etwas entsetzte, so
sagte er doch ganz kalt:
    »Freund, wenn du etwas zu stehlen suchst, so bist du hier an den unrechten
Ort gekommen.«
    »Ach, mein lieber Herr«, antwortete eine unbekannte Stimme, »ich bin kein
Räuber, verraten Sie einen Unglücklichen nicht.«
    »Nein, Freund«, sagte Sebaldus, »ein Mensch, der selbst elend ist, ist nicht
grausam.« Und hiemit ging er in die schon geöffnete Kellerstube, schlug Licht an
(denn sein Wirt, der Marktelfer, war noch nicht zu Hause) und erblickte einen
jungen Menschen, wohlgestaltet, aber totenblass. Sebaldus bot ihm die Hand,
führte ihn hinein, hiess ihn gutes Mutes sein und fragte, wie er hieherkäme.
    »Ich habe«, sagte der Jüngling, »studiert; aber bei einer unglücklichen
Schwärmerei auf einem Dorfe, welche die Jugend Lustbarkeit nennt, in einer
Stunde, wo ich meiner Sinne nicht mächtig war, habe ich mich zum Soldaten
anwerben lassen. Die Reue folgte auf diesen Schritt nur allzubald. Ich wusste,
dass mein Vater Vermögen hat, meine Loskaufung zu bezahlen. Er ist
Generalsuperintendent in ***.«
    »Wie? In ***? Und er heisst?«
    »Stauzius.«
    »Ich kenne Ihren Vater«, sagte Sebaldus sehr gelassen, »und Sie sollen hier
einen sichern Aufentalt haben, bis Sie an Ihren Vater schreiben können.«
    »Das ist schon geschehen. Er antwortete mir, dass er morgen vormittag mit der
Landkutsche hier eintreffen werde. Ich sollte aber schon morgen früh mit einem
Rekrutentransporte abgehen. Ich war ausser mir vor Furcht, dass alsdann meines
Vaters Hilfe zu spät kommen möchte, und da die Schildwacht auf einen Augenblick
nicht aufmerksam genug war, entsprang ich im Dunkeln und dachte, in diesem
Winkel unentdeckt zu bleiben. Was ich morgen tun soll, weiss ich nicht; denn mein
Vater ist ein strenger und harter Mann, und ich fürchte mich beinahe so sehr,
ihm unter die Augen zu treten als meinen Werbern.«
    »Fürchten Sie sich nicht, er wird väterliche Gesinnungen haben. Ich bin auch
Vater; wenn ihn auch fremdes Unglück nicht rührt, wird das Unglück eines Sohnes
ihn rühren. Ich will Ihren Vater aufsuchen, wenn ich nur einigermassen weiss, wo
ich ihn treffe.«
    »Er ist leicht zu finden, er wird im Blauen Hechte abtreten, wo Sie nur nach
dem Passagier fragen dürfen, der mit der jenaischen Landkutsche angekommen ist.«
    Unter diesem Gespräche kam der Hauswirt, der ehrliche Marktelfer, nach
Hause. Ob er sich gleich vor den Soldaten sehr fürchtete, so liess er sich doch
durch natürliches Mitleid und durch Sebaldus' Zureden bewegen, den Fremden
aufzunehmen, und stand ihm einen Anteil an dem gemeinschaftlichen Strohlager zu.
    Des andern Morgens ging Sebaldus beizeiten nach dem »Blauen Hechte« und ward
sogleich in das Zimmer des Fremden geführt, den er suchte. Die Kleidung des
Sebaldus und die Hagerkeit seines Gesichts zeigte, dass er ein Sohn des Elendes
war; und Stauzius, den das Bewusstsein eigener Wichtigkeit niemals verliess,
konnte sich nichts anders vorstellen, als Sebaldus, vom Elende niedergedrückt,
wolle eine reinere Ortodoxie angeloben und sich zu anderweiter Beförderung
empfehlen. Weil er aber noch nicht geneigt war, einem alten Gegner seiner
Meinungen so geschwind zu vergeben, dass dessen Grundsätze vernünftiger gewesen
als die seinigen, so fuhr er ihn beim ersten Anblicke an:
    »Ist es nicht entsetzlich, dass einen die Bettler überlaufen, wenn man kaum
aus dem Wagen gestiegen ist? Was will Er, Freund? Denke Er nur nicht, dass ich
Ihm glauben werde, wenn Er mir etwas vom Widerrufe seiner grundstürzenden
Irrtümer vorschwatzen will; das sind lauter leere Worte. Er ist viel zu lange in
Finsternis gewandelt, als dass man von Ihm eine aufrichtige Besserung hoffen
könnte. Wir wollen bei uns keine Wölfe in Schafskleidern haben; ich möchte einem
Menschen, der einmal so verdammliche Grundsätze gehabt hat, nicht einmal einen
Küsterdienst anvertrauen. Was will Er also von mir? Ich kann Ihm nicht helfen.«
    Sebaldus antwortete sehr gelassen:
    »Ich komme nicht meinetwegen, ich kenne Sie und mich zu genau, als dass ich
von Ihnen Hilfe erwarten sollte.«
    »Und doch«, sagte Stauzius, der den Sebaldus von oben bis unten ansah und in
diesem Augenblicke auf seine Leibesgestalt ein Projekt baute, »und doch könnte
ich Ihm vielleicht einige Hilfe angedeihen lassen! Er ist in elenden Umständen,
das sehe ich, im geistlichen Stande ist nichts für Ihn zu tun, was will Er also
anfangen? Höre Er an, werde Er Soldat; zwar ist Er nicht mehr jung, aber Er ist
beinahe sechs Fuss lang, und man wird's daher nicht so genau mit dem Alter
nehmen. Kann Er ja die Strapazen nicht ausstehen, so wird Er ins Lazarett
gebracht, und da ist Er versorgt. Lasse Er sich also anwerben, es finden sich
gewiss Leute, die Ihm ein gutes Handgeld geben werden.«
    Sebaldus sagte lächelnd: »Es war eine Zeit, wo es mir sehr übelgenommen
ward, dass ich Leuten geraten hatte, in den Krieg zu gehen.«
    »Ja, das war etwas anders, an heiliger Stätte schickte sich dies nicht. Aber
jetzt ...«
    »Soll ich an Ihres Sohnes Stelle vielleicht Soldat werden?«
    »An meines Sohnes Stelle? Was weiss Er von meinem Sohne?«
    »Ich weiss, dass Ihr Sohn sich hat anwerben lassen, dass er gestern abend aus
der Wache entsprungen ist, dass ich ihn bei mir aufgenommen habe und dass ich bloss
zu Ihnen gekommen bin, um Ihnen zu melden, dass er bei mir in sichrer Verwahrung
bleiben soll, bis Sie sein Schicksal werden können zu verbessern suchen. Ich
verlange von Ihnen keinen Dank dafür, weil ich gegen einen Menschen Mitleid
empfand und es ihm bloss deshalb nicht versagen wollte, weil er Ihr Sohn war.
Wollen Sie noch, dass ich mich für ihn soll anwerben lassen? Wenn dies das
einzige Mittel wäre, Sie und Ihren Sohn glücklich zu machen, so wäre es in dem
Elende, worin ich schmachte, nur ein geringes Opfer.«
    Stauzius war ganz erstaunt und versetzte stammelnd, dass Sebaldus - wirklich
sehr gütig wäre; und nun folgte eine Unterredung, deren Schluss war, dass der
junge Stauzius so lange bei Sebaldus bleiben sollte, bis der Vater seine
Loslassung bewirkt hätte.
    Nun ging Sebaldus nach Hause, den Jüngling zu trösten. Aber er hatte kaum
Zeit, das Vorgegangene zu erzählen, als ein Kommando Soldaten in die Stube
stürzte und beide auf die Hauptwache schleppte, wo sie den ehrlichen Marktelfer
schon fanden.
    Stauzius erfuhr diesen Vorfall sehr bald und dachte ihn sogleich zu seinem
Vorteile anzuwenden. Es war ihm rechter Ernst gewesen, seinen Feind Sebaldus
oder den Marktelfer anstatt seines Sohnes anzuwerben und dadurch desselben
Loslassung um einen desto wohlfeilern Preis zu bewirken. Er fand aber sehr bald,
dass die Loslassung des jungen Stauzius jetzt weit mehr Schwierigkeiten habe als
vorher, da der Hauptmann gar nicht geneigt war, anstatt eines Rekruten, den er
losgeben sollte, sich einen vorschlagen zu lassen, den er auch schon in seiner
Gewalt hatte.
    In diesem Zustande blieben die Sachen einige Tage, in denen Sebaldus alles,
was Elend und Kummer Schreckliches haben kann, ausstehen musste. Ohne Nahrung,
ohne Lager, war er den ganzen Tag dem Lärmen und dem Spotte roher Soldaten
ausgesetzt, und innerlich nagte ihn der Kummer, dass dadurch sein Wohltäter, der
Marktelfer, auch unglücklich geworden war. Mit diesen traurigen Gedanken
beschäftigte er sich eines Tages, als der Unteroffizier, der ehemals durch seine
Predigt zehn Rekruten erhalten hatte, in die Wache trat, um sich nach einem
Arrestanten zu erkundigen. Er erblickte unter andern den Sebaldus, lief auf ihn
zu, drückte ihm treuherzig die Hand und fragte, wie er hieherkäme. Sebaldus
erzählte es kürzlich. Der Unteroffizier schwor mit einem kräftigen Fluche, dass
ein so rechtschaffener Mann nicht länger im Gefängnisse bleiben sollte, ging
stehenden Fusses zu seinem Major, der das Bataillon kommandierte, und in weniger
als einer Stunde kam er zurück, befreite sowohl Sebaldus als den Marktelfer und
führte den erstern sogleich mit sich zum Major.
    Dieser war ein Mann in seinem siebenundfünfzigsten Jahre, der seit seiner
ersten Jugend Soldat gewesen und von unten auf gedienet hatte. Er war brav wie
sein Degen, aber seine moralischen Grundsätze würden, wenn man sie nach Millers
Einleitung in die Mosheimische »Sittenlehre« oder nach sonst irgendeiner
teoretischen Moral hätte prüfen wollen, freilich sehr unzusammenhängend und
widersprechend erfunden worden sein. Er glaubte die Unsterblichkeit der Seele
nicht und bekümmerte sich doch sehr wenig um die Fortdauer seines Lebens,
sondern setzte es sehr oft ohne sonderliche Notwendigkeit in Gefahr. Er war eben
nicht sehr religiös und auch eben nicht ein Lobredner des geistlichen Standes;
dennoch aber ehrte und beschützte er ihn vor allen andern. Er ging selten in die
Kirche, aber seine Soldaten hielt er sehr streng dazu an. Er schwor und fluchte
sehr oft, aber kein Subaltern durfte fluchen, wenn er es hörte. Er war aus
Temperament keusch; aber auf einen jungen Soldaten, von dem er wusste, dass er
sich niemals in ein Mädchen verliebt hatte, liess er beständig achtgeben, weil er
sich nicht viel Gutes zu ihm versah. Sein Versprechen, wenn er es einmal gegeben
hatte, war unwiderruflich; gleichwohl widersprach er seiner eignen Meinung
schnell, sobald er merkte, er könnte geirret haben. Er beleidigte kein Kind,
aber, beleidigt, war er äusserst rachgierig aus dem Grundsatze: ein braver Mann
müsse nichts auf sich sitzen lassen.
    Als Sebaldus vor ihm erschien, nahm er ihn bei der Hand und dankte ihm für
die zehn schönen Rekruten, die er durch seine geistreiche Predigt dem Bataillon
verschafft hätte. Als ihm aber Sebaldus in der Folge des Gesprächs erzählte,
welche traurige Folgen diese Predigt für ihn und seine Familie gehabt habe,
geriet er in ein tiefes Nachsinnen, worin er den Sebaldus von Zeit zu Zeit
anblickte, und als dieser fortfuhr zu erzählen, dass der Superintendent Stauzius,
der Vater des arretierten Rekruten, die eigentliche Ursache seines Unglücks sei,
sprang er auf und rief mit einem kräftigen Schwure aus:
    »Wohl mir, dass ich den alten Schurken in meiner Gewalt habe! Solange ich in
Feindes Lande bin, habe ich noch keinen Menschen gepeinigt, aber, Herr, den
Bösewicht will ich peinigen. Der Sohn soll ewig Soldat bleiben, und den alten
Bärenhäuter will ich krumm schiessen lassen, bis er alles Unrecht ersetzt, das er
einem so braven Manne wie Er, Herr Magister, getan hat!«
    Hier rief er den Unteroffizier herein: »Hör Er«, sagte er, »den Augenblick
arretiere Er den fremden Superintendenten im Blauen Hechte, der Kerl ist ein
Spion, er ist ...«, hier schloss ihm der Zorn den Mund.
    Der Unteroffizier, der einen Teil von Stauzius' Geschichte wusste, strich
sich den Bart und sagte lächelnd, er wäre eben unten im Hause.
    »Gut, so lass Er den Schurken gleich heraufkommen«, rief der Major.
    Sebaldus bat, gehört zu werden, und liess nicht ab, zu bitten, dass er den
Superintendenten wenigstens nur jetzt, in dieser Gemütsverfassung, nicht sehen
möchte. Der Major liess sich bewegen und rief zur Tür hinaus, der Superintendent
sollte warten.
    Sebaldus fing nun an, dem Major weitläuftig vorzustellen, dass ihm mit dem
Unglücke der beiden Stauze gar nicht gedient sei, dass er die Rettung des Sohnes
wünsche und dem Vater von Herzen vergebe, weil Religion und Moral ihm verböten,
Rache zu hegen, dass ...
    »Zum tausend Element, Herr«, rief der Major, »lasse Er sich von der Religion
verbieten, was Er will, mir soll sie nimmer verbieten, dass ich einen Schurken
bestrafe und einem ehrlichen Manne Recht verschaffe, wenn ich zu beiden die
Gewalt in Händen habe.«
    »Sie wollen gerecht gegen meinen Feind sein, Herr Major, sein Sie es auch
gegen mich. Was sollen tugendhafte Leute von mir denken, wenn ich eine so
grausame Rache an meinem Feinde nehme?«
    »Was sie denken werden? Herr, dass Er recht hat! Der alte Bösewicht hat Ihn
nicht allein von Haus und Hof gebracht, er ist auch am Tode Seiner Frau schuld,
er hat Seine Kinder unglücklich gemacht. Herr, ich habe nie Frau oder Kinder
gehabt, aber, straf mich Gott, hätt ich sie, so würd ich sie lieben wie meine
Seele, und wer mich darum brächte, den hasste ich bis in den Tod und wollte ihm
den Degen durch die Rippen jagen, sobald ich ihn vor mir hätte.«
    »Aber wollten ihm doch nicht durch einen andern hinterrücks einen Dolch in
die Seite stossen lassen?«
    »Herr, Herr! - Wofür sieht Er mich an? Ich selbst sehe meinem Feinde das
Weisse im Auge und lass' ihn dann sich verteidigen, wenn er kann.«
    »Mein Freund, Herr Major, ist ja wehrlos! Wäre es Ihnen anständig, einem
verteidigungslosen Manne den Dolch ins Herz zu stossen? Würde es mir anständig
sein? Mein Stand verbietet mir, Unrecht mit dem Schwerte zu rächen; meine
Religion gebietet mir, es zu vergeben und Böses mit Gutem zu vergelten. Ich wäre
nicht wert, Friede und Versöhnung gepredigt zu haben, wenn ich durch Sie mich an
meinem Feinde rächen wollte, da er ohne Verteidigung in Ihrer Gewalt ist, wenn
sich diese schreckliche Rache bis auf einen unschuldigen Jüngling erstrecken
sollte, der mich nie beleidigt hat, noch mehr, der mein Gastfreund ist, der in
meiner elenden Schlafstelle Schutz und Zuflucht gesucht hat. - Nein, Herr Major,
erniedrigen Sie mich nicht so sehr! Lassen Sie den jungen Menschen frei. Lassen
Sie mich an dem Vater die viel edlere Rache nehmen, ihm zu zeigen, dass der, den
er beleidigt hat, sein wahrer Freund ist. Seine Bestrafung überlassen Sie seinem
eigenen Gewissen, das in niemand schläft, der eine böse Tat begangen hat.«
    »Blitz und Hagel! Dass ein Pfaffe nobler denken soll als ein Soldat! - Herr,
Er hat recht!« (Hier wischte er ein paar Tränen ab, die ihm über seine grauen
Augenwimper tröpfelten.) »Der junge Kerl soll los. Aber der Kapitän wird ihn
nicht umsonst losgeben, das will ich auch nicht. Ich will ihn dem Hauptmanne
bezahlen, aber Ihm, Herr Magister, soll der Vater das Lösegeld geben; ich
schenke Ihm den Rekruten zwar, aber ich will das Lösegeld bestimmen.«
    Sebaldus mochte einwenden, was er wollte, der Major schritt nach der Türe zu
und rief den Superintendenten hinein.
    Stauzius, der eben mit Schrecken die Wendung der Sache vernahm, war vor
Angst halb ausser sich und trat in der Stellung eines armen Sünders hinein. Der
Major sah ihn von oben bis unten an und sagte: »Sein Sohn, Herr, ist ein
Deserteur und muss hangen oder sechsunddreissigmal Spiessruten laufen. Einem so
schlechten Kerl zu Gefallen, wie Er ist, Herr Superintendent, oder was Er sonst
sein mag, würde ich ihn zwar nimmermehr losgeben; aber hier steht ein ehrlicher
Mann, auf dessen Fürbitte soll Seinem Sohne nicht allein die Strafe erlassen
sein, sondern Er soll ihn auch loshaben, wenn Er tausend Taler für ihn bezahlt.«
    Stauzius, halb erfreut, halb bestürzt, stellte stammelnd vor, dass eine so
starke Summe nicht möglich wäre.
    »Herr, räsoniere Er nicht. Der Kerl hat elf Zoll, Er soll tausend Taler
geben, und zwar keine Bernburger; oder Sein Sohn soll Gassen laufen, und Ihn
will ich hinstecken lassen, wo Ihn Sonne und Mond nicht bescheint, weil Er ein
Schurke ist und dieser Herr Magister hier ein ehrlicher Mann, den Er ums Amt
gebracht hat, und räsoniere Er kein Wort weiter.«
    Stauzius wusste sich vor Schrecken nicht zu fassen; seine Frau hatte ihm
eingebunden, ihr nicht eher vor die Augen zu kommen, bis er ihren einzigen Sohn
mitbrächte, und der Präsident, der für den jungen Menschen eine beinahe
väterliche Zärtlichkeit hegte, hatte ihm zu dessen Befreiung eine ansehnliche
Summe in Golde mitgegeben, wodurch seinem eigenen Geize die Ranzion sehr
erleichtert ward. Er bequemte sich also und zahlte in 77 Stück alten Louisdoren,
das Stück zu 13 Rtlr. gerechnet, das ganze Lösegeld auf den Tisch.
    Der Major nahm es an und überreichte es dem Sebaldus, der während der ganzen
Unterhandlung, ob er gleich einigemal zu reden versucht hatte, von dem Major nie
war zum Worte gelassen worden. »Dies soll«, sagte er, »eine kleine Ersetzung des
Schadens sein, den der Kerl Ihm zugefügt hat.«
    »Herr Major«, sagte Sebaldus, »Sie haben mir den jungen Menschen geschenkt.
Schenken Sie mir ihn ganz, nämlich mit der Freiheit, ihn wieder zu verschenken.
Er hat Schutz in meiner Wohnstätte gesucht, diesen Schutz kann ich ihm nicht
verkaufen, ohne geradezu wider meine Denkungsart zu handeln. Was mir dieser Herr
kann zuwider getan haben, habe ich ihm längst vergeben. Er hat gesucht für die
Reinigkeit der Lehre zu wachen, ich muss noch weit mehr bemüht sein, für die
Reinigkeit meiner Handlungen zu sorgen. Hier, Herr Generalsuperintendent, nehmen
Sie das Geld zurück.«
    Stauzius stand da wie ein Knabe, dem ein Gast einen Leckerbissen in den Mund
stecken will, der Mund läuft voll Wasser, aber er trauet sich nicht, ihn
aufzutun, aus Furcht vor dem Präzeptor, der es verboten hat. Er sah den Major
mit furchtsamen Augen an, der ihn mit einem grimmigen Blicke abschreckte.
    Sebaldus hörte indes nicht auf, bei dem Major ernstlich anzuhalten, der
endlich dem Sebaldus auf die Achsel schlug und sagte: »Nun, tue Er, was Er will.
Ich möchte gern böse sein, wenn ich nur könnte.«
    Sebaldus gab dem Stauzius das Geld, der es begierig in die Tasche schob und
den Sebaldus mit einem Eifer umarmte, der genugsam zeigte, dass ihm sein Geld
nicht weniger lieb war als sein Sohn. Er nannte ihn seinen Erretter, er bat ihn
sehr demütig um Verzeihung, er versicherte, dass er auf ewig dankbar sein werde,
dass er erkenne, wie grossmütig Sebaldus handele, da er ihm ohne Rache vergebe,
die er gänzlich in seiner Gewalt gehabt hätte, da er nicht einmal die Ranzion
seines Sohnes annehmen wolle.
    »Genug hievon!« fiel ihm Sebaldus in die Rede. »Gott vergibt ohne Sühnopfer
und Lösegeld, und wer Gott fürchtet, wird ihm nachzuahmen suchen. Wenn Sie
erkennen, dass Sie mir unrecht getan haben, so bin ich gänzlich befriedigt.«
    Stauzius versicherte aufs heiligste, er erkenne dies, aber es sei nicht
genug, er verspreche ihm, seinen Schaden tätig zu ersetzen, und wenn er wieder
nach Hause zurückkommen wolle, werde er ihm sobald als möglich eine gute
Versorgung zu verschaffen suchen.
    Sebaldus dankte für seinen guten Willen, aber verbat ihn.
    Der Major sagte, es sei unnötig, denn er wolle dem Sebaldus die erste
vakante Feldpredigerstelle und wo möglich bei seinem eignen Bataillon
verschaffen, bis dahin nehme er die Sorge für dessen Unterhalt auf sich.
    Unter diesen Gesprächen trat der junge Stauz in das Zimmer, welchen der
Major frei erklärte und ihn seinem Vater übergab, der nicht eher mit Bitten
nachliess, als bis ihm Sebaldus in den »Blauen Hecht« zum Mittagsmahle
nachfolgte.
 
                               Vierter Abschnitt
Hier genoss Sebaldus das süsse Vergnügen, von seinem Feinde verdienten Dank
einzuernten. Vater und Sohn überhäuften ihn mit Liebkosungen. Jener wiederholte
mit Eifer den Vorschlag zu einer guten Versorgung und beteuerte, er wolle alles
Ansehen dazu anwenden, das er im Fürstentume hätte. Der Sohn unterstützte diesen
Vorschlag, so dass Sebaldus endlich anfing, zu wanken und sich eine ruhige
Beförderung in seinem Vaterlande als eine wünschenswürdige Sache vorzustellen.
    Er befragte den Major über diesen Vorschlag und wunderte sich nicht wenig,
dass dieser gar nicht dazustimmen wollte. Da er die Ehrlichkeit aller Menschen
nach seiner eignen beurteilte, so konnte er gar nicht begreifen, dass der Major
gegen des Superintendenten Aufrichtigkeit soviel Argwohn hegte. Er hielt dies
für ein allzuweit getriebenes Misstrauen und befestigte sich immer mehr in seinem
Vorhaben, durch eine Predigerstelle in seinem Vaterlande Ruhe zu suchen.
    Als der Major sah, dass sein Entschluss, der Einladung des Stauzius zu folgen,
fest gefasst war, so wollte er ihm nicht ferner hinderlich sein. Er liess den
alten Stauzius zu sich kommen und band ihm aufs allerernstlichste ein, sein
Versprechen zu halten. Er bedeutete ihn, dass er dem Sebaldus einen Brief an den
Obersten, der jetzt in der fürstlichen Residenz kommandierte, mitgegeben hätte,
um diesen Offizier, seinen vertrauten Freund, zu bitten, den Sebaldus zu
beschützen und jeden, der sich unterstehen würde, ihn zu verfolgen, aufs
empfindlichste zu bestrafen. Stauzius versprach mehr, als er vorher versprochen
hatte, und versicherte, noch mehr zu leisten.
    Als Sebaldus vom Major Abschied nahm, empfing er von ihm, ausser dem
obengedachten Schreiben an den Obersten, noch ein Empfehlungsschreiben an einen
seiner vertrauten Freunde in Berlin. Er versicherte, wenn Sebaldus einmal nach
Berlin kommen sollte, werde ihn dieser Freund auf Vorzeigung des Briefes
freundschaftlich aufnehmen, und bei demselben würde er auch beständig Nachricht
von des Majors Aufentalt bekommen können. Er gebot ihm, von diesem Briefe
Gebrauch zu machen, wenn, wie er noch immer befürchtete, Stauzius sein
Versprechen nicht halten sollte, und gelobte ihm mit den heiligsten Schwüren
seinen Beistand, sobald er desselben benötigt sei und nur Nachricht davon geben
wolle.
    Was den Major gegen den guten Generalsuperintendenten so gar sehr
misstrauisch gemacht habe, ist schwer zu sagen. Vermutlich war es dessen
Physiognomie. Ob aber insbesondere ein weit gegen das Ende der Nase vor sich
gehendes Nasläppchen15 oder eine spitze Stirn oder eine eingekerbte Oberlefze
oder grünlichte Zähne oder ein hörbarer Atem oder nur überhaupt sein
superintendentenmässiges Ansehen16 daran schuld gewesen, würde der berühmte Herr
Lavater am sichersten berichten können, wenn er den Generalsuperintendenten
Stauzius gesehen hätte. Der Erfolg schien indes, wenigstens anfänglich, das
Misstrauen des Majors gar nicht zu rechtfertigen. Stauzius nahm den Sebaldus mit
sich in die fürstliche Residenzstadt zurück. Er hätte ihn in sein Haus
aufgenommen, aber Sebaldus wollte nirgend als bei seinem Freunde Hieronymus
abtreten. Inzwischen erwies ihm Stauzius alle mögliche Höflichkeiten, und er
ward von demselben sowohl als von dem Präsidenten nicht selten zu Gaste geladen;
sonderlich nachdem der fremde Oberste, dem er sein Empfehlungsschreiben
überreicht hatte, sich öffentlich für seinen Beschützer erklärt und ihn dem
Präsidenten zu einer baldigen Wiederbeförderung ausdrücklich empfohlen hatte.
Auch ward er wirklich in den nächsten drei Monaten zu zwei im Lande vakant
gewordenen Pfarren vorgeschlagen. Nur war unglücklicherweise auf die eine schon
vorher einem andern die Anwartschaft gegeben worden, und die andere hielt der
Präsident für nicht einträglich genug, obgleich Sebaldus meinte, sie sei
einträglicher als seine verlassene Pfarre. Der Generalsuperintendent widerlegte
ihm dies und gab ihm zu verstehen, dass man einem solchen Manne eine
Spezialsuperintendentur zu geben gedächte. Nun waren zwar alle
Spezialsuperintendenten des Fürstentums in der Blüte ihrer Jahre, befanden sich
wohl an Fleisch und Knochen, assen und tranken gut und studierten wenig, so dass
man freilich auf eine Vakanz in kurzem nicht gewiss rechnen konnte. Da aber doch
ein Schlagfluss den Gesundesten befallen kann und ein hitziges Fieber auch keinen
Spezialsuperintendenten verschont, so war es nicht offenbar unmöglich, dass
Sebaldus, obgleich beinahe sechzig Jahre alt und vom Mangel und Kummer etwas
gebeugt, eine solche Stelle vor seinem Ende noch unvermutet erhalten könnte.
    Sebaldus liess sich indes, bis zur Erfüllung dieser Hoffnung, die Zeit gar
nicht lang werden, da er bei seinem Freunde Hieronymus aufs freundschaftlichste
aufgenommen war. Weil er in dessen Laden immer bekannter ward, so fing er an,
bei dessen oftmaligen Reisen verschiedenes für ihn zu besorgen. Wenn hingegen
sein Freund zugegen war, hatte er völlige Musse, an seinem Kommentare über die
Apokalypse zu arbeiten, worin er sich so vertiefte, dass er die Hoffnung zu einer
Pfarre vielleicht ganz vergessen haben würde, wenn sie Stauzius nicht erneuert
hätte, sooft er ihn zu Gaste bat.
    Inzwischen war in den ersten Monaten des folgenden Jahres der allgemeine
Frieden geschlossen worden, welchem zufolge der fremde Oberste mit seinen
Truppen wegging. Diese Veränderung brachte eine grosse Veränderung in den Herzen
und auf den Gesichtern vieler Leute in dem kleinen Fürstentume hervor.
Insbesondere schienen der Präsident und der Generalsuperintendent den ehrlichen
Sebaldus nicht mehr so genau zu kennen als vorher. Sie liessen ihn nicht mehr zu
sich bitten. Wenn er sich bei dem erstern anmeldete, so sagte der Bediente schon
an der Türe, dass Seine Exzellenz Mittagsruhe hielten oder dass Sie eben Geschäfte
hätten oder dass Sie heute niemand sprächen. Wenn er den letztern zu sprechen
verlangte, so kamen, nachdem er eine halbe Stunde in dem Visitenzimmer gewartet
hatte, Seine hochwürdige Magnifizenz zwar im Schlafrocke, mit oder ohne Perücke,
zum Vorscheine und vergassen auch niemals, beim Weggehen ihn Ihrer Gewogenheit zu
versichern; aber obgleich verschiedene Vakanzen vorfielen, dachte doch niemand
mehr daran, den guten Sebaldus vorzuschlagen.
    Endlich ward nach ein paar Monaten eine Predigerstelle in einem benachbarten
kleinen Städtchen offen, die Sebaldus unter andern deshalb gern gehabt hätte,
weil Hieronymus den dasigen Viehmarkt zu besuchen pflegte und er sich ein grosses
Vergnügen dabei vorstellte, seinen einzigen Freund jährlich zweimal zu sehen und
in seinem Hause aufzunehmen. Er wagte es also, dem Generalsuperintendenten
abermal aufzuwarten und zum ersten Male sich selbst um eine Stelle zu melden.
    Stauzius warf die Sache nicht ganz weg; aber nach einigem Ha und Hem fing er
an, dem Sebaldus vorzustellen: er würde selbst einsehen, wie nötig es wäre, wenn
von seiner wirklichen Beförderung die Rede sein sollte, das gegebene Ärgernis
dadurch zu heben, dass er vor dem Konsistorium seine irrige Meinungen, besonders
von der Ewigkeit der Höllenstrafen, widerriefe, auch sich wegen der
höchstwichtigen Lehre von der Genugtuung dem Sinne der symbolischen Bücher gemäss
erkläre, indem er sich mit Betrübnis erinnere, in Leipzig darüber von ihm eine
höchst bedenkliche Äusserung gehört zu haben.
    Sebaldus sagte mit Erstaunen: er wundere sich über diese Zumutung, werde
aber um keines zeitlichen Vorteils willen die einmal erkannte Wahrheit
verleugnen.
    Stauzius verwies ihm in nicht völlig sanftem Tone seine Hartnäckigkeit,
gebot ihm, von seiner ketzerischen Lehre abzustehen, und erinnerte ihn zuletzt,
indem er durch einen Griff an seine violettne Mütze das Zeichen zum Abschiede
gab, mit trocknem Amtsgesichte: dass jetzt die Zeit nicht mehr wäre, da man durch
feindliche Gewalt in den Weinberg des Herrn einzudringen suchen müsse. Gottlob,
es sei jetzt Frieden!
    
    Als Sebaldus seinem Freunde Hieronymus diesen Vorgang erzählte, fand dieser
bestätigt, was er schon längst befürchtet hatte, nämlich dass für den Sebaldus in
dem Fürstentume weiter keine Beförderung zu hoffen sei.
    Nach einigen Tagen erfuhr man, dass der Präsident einem Fiskale aufgegeben
habe, den Sebaldus fiskalisch anzuklagen, weil er im Kriege für fremde Truppen
Rekruten geworben, zehen wirklich aus dem Lande geschafft und den Sohn des
Generalsuperintendenten für Geld habe loslassen wollen.
    Sebaldus lachte über eine so ungereimte Anklage und konnte nicht es
erwarten, sich vor Gerichte zu stellen, um durch blosse Erzählung der Wahrheit
seine Feinde zu beschämen.
    Hieronymus aber versicherte ihn, vermöge seiner Erfahrung in Weltändeln:
dass derjenige, der wissentlich eine falsche Anklage tue, nicht durch die
Wahrheit beschämet werde; dass man einen mächtigen Mann alsdann am meisten
fürchten müsse, wenn er offenbar ungerecht anklage, und dass bei einem
fiskalischen Prozesse nie etwas zu gewinnen, sehr oft aber viel zu verlieren
sei.
    Nachdem beide den wahren Zustand der Sachen reiflich überlegt hatten, so
kamen sie überein, dass des Sebaldus mächtige Feinde ihn im Lande nicht dulden
würden, daher es für ihn jetzt sicherer sein möchte, abzuziehen als sich mit
Gewalt wegtreiben zu lassen.
    Das Empfehlungsschreiben des Majors nach Berlin ward also hervorgesucht.
Hieronymus stellte seinem Freunde eine Summe Geldes zu, welche er aus den bei
ihm zurückgelassenen Mobilien gelöset zu haben versicherte, die aber Sebaldus'
Erwartung so sehr übertraf, dass er vermutete und es sich merken liess, sein
Freund habe auch hier freundschaftlich gehandelt.
    Die Post nach Berlin war bestellt. Sebaldus, weil er noch nicht wusste, wie
lange sein Aufentalt in Berlin dauern könne, nahm nur in einem kleinen Koffer
das Allernotwendigste mit sich. Das übrige nebst seinem Kommentare über die
Apokalypse, der schon zu ein paar hundert Heften angewachsen sein mochte, liess
er bei seinem Freunde Hieronymus stehen.
    Nun setzte er sich, nach zärtlichem Abschiede, auf den Postwagen und trat
seine Reise an.
    In der zweiten Nacht ward der Wagen, unweit der brandenburgischen Grenze, in
einem Walde unvermutet von Räubern überfallen, dergleichen damals nach eben
geschlossenem Frieden mehrere herumschwärmten. Sie schlugen den Postillon auf
der Stelle tot, und Sebaldus, der einzige Passagier, empfing einen Schlag auf
den Kopf, wovon er betäubt zur Erden fiel. Als er wieder zu sich kam, war die
Sonne aufgegangen, der Postillon lag tot ausgestreckt, der Postwagen war beraubt
und sein eigner Koffer gänzlich ausgeleert. Seine Kleider hatten ihm die Räuber
gelassen, vermutlich weil deren schlechtes Ansehen sie nicht in Versuchung
führen konnte, und er fand auch in einer Tasche noch etwas kleines Geld. Sein
Rekommandationsbrief war aber weg, welches ihn zwar bestürzt machte; doch
tröstete er sich dadurch etwas, dass er so klug gewesen, seinen Kommentar über
die Apokalypse zurückzulassen, welcher sonst auch der grössten Gefahr,
verlorenzugehen, würde ausgesetzt gewesen sein. Er suchte aus dem Walde
herauszukommen und folgte der ersten Landstrasse, die er fand, ohne zu wissen,
wohin sie ihn führte.
 
                                  Drittes Buch
                                Erster Abschnitt
Sobald Mariane nebst ihrem französischen Namen auf dem Wohnsitz des Herrn von
Hohenauf anlangte, war die gute französische Aussprache der erste Gegenstand der
Untersuchung. Die gnädige Frau konnte sehr füglich darüber urteilen, weil sie
selbst mit einem angenehm gemischten halb türingischen, halb wetterauischen
Akzente Französisch sprach. Sie erklärte nach einer viertelstündigen
Unterredung, dass Marianens Aussprache ohne Tadel sei, und fragte ihren Gemahl,
ob sich nicht gleich die Aussprache einer gebornen Französin von der Aussprache
einer Deutschen durch ein gewisses je ne sais quoi unterscheide, welches dieser
mit einem deutlichen »Allerdings!« bekräftigte, da ihn seine Gemahlin schon seit
den ersten Tagen ihrer Vermählung gewöhnt hatte, alles, was sie mit einem
gewissen Tone fragte, sogleich zu bejahen.
    Nun schritt die gnädige Frau zur Instruktion der künftigen Hofmeisterin
ihrer Kinder. Der Hauptpunkt war, dass sie beständig französisch und niemals
deutsch mit ihnen sprechen und die Kinder anweisen sollte, sich als Personen von
Stande zu betragen und jederzeit artige Manieren zu haben. Hierauf ward gefragt,
ob sie Gelegenheit gehabt habe, öfter Personen von Stande zu sehen und ihr
Betragen zu beobachten. Mariane, ob sie gleich hier eine Französin vorstellte,
hatte doch das zuversichtliche Bejahen noch nicht gelernt, welches schon oft
sowohl mancher französischen Hofmeisterin und Kammerjungfer als manchem
französischen Kammerdiener und Projektmacher aus der Not geholfen hat; sie
bekannte daher mit Erröten, sie sei selten in dem Falle gewesen.
    »Desto schlimmer«, sagte der Herr von Hohenauf, »denn bei der Erziehung
vornehmer Kinder ist das notwendigste, ihnen standesmässige Manieren
beizubringen. Zum Glücke kann Sie dem Mangel abhelfen, Mamsell, wenn Sie fleissig
auf meine Gemahlin achtat, denn die ist ein vollkommenes Muster standesmässiger
Aufführung.«
    Die Frau von Hohenauf neigte ihr mit starken Knochen versehenes Vorderhaupt
nachlässig auf die rechte Schulter, blinzelte mit ihren grauen, rotunterlaufenen
Augen, lächelte über ein Paar vorwärts geworfene Lippen und sagte:
    »Sie sind sehr gütig, Herr von Hohenauf; aber wahr ist's, dass ich immer die
décence in meinem Betragen zu beobachten suche, die Personen vom Stande eigen
ist. Hiernach, Mamsell, muss Sie meine Fräulein auch bilden, damit sie sich
niemals vergessen, sondern beständig vor Augen haben, wer sie sind. Dies muss Sie
selbst auch niemals aus den Augen lassen, sondern bedenken, dass Sie in meinen
Fräulein Personen von Stande vor sich hat. Sie muss ihnen beständig mit Nachsicht
begegnen, ihnen niemals befehlen, noch weniger gegen sie strenge oder
unfreundlich sein, wenn sie auch ein wenig Lebhaftigkeit zeigen, denn Jugend hat
keine Tugend. Es ist genug, wenn sie nur die décence und ihre Geburt nie
vergessen. Nächstdem kann Sie ihnen oft gute französische Bücher geben, dass sich
der Geist aufklärt. Wir lassen deshalb monatlich den Mercure de France kommen,
darin stehen die neuesten énigmes und logogriphes, wie sie am Hofe zu Versailles
eben gänge und gäbe sind; auch schöne poésies fugitives, darüber müssen die
Fräulein urteilen lernen, damit sie, wenn künftig ihr amant ihnen ein Madrigal à
Silvie mit einem galanten envoy zusenden wird, die finesse davon einsehen und
mit esprit antworten können. Auch sind im Mercure Nachrichten von den neuesten
opéras comiques und von den neuesten almanachs, modes und chansons, dadurch
lernen sie loben, was jetzt in Paris du bon ton ist. Hauptsächlich aber muss Sie
gute Romanen mit ihnen lesen, als Hippolyte Comte de Douglas, die Mémoires d'une
dame de qualité qui ne s'est point retirée du monde, die Lettres d'une
réligieuse portugaise und so weiter, damit die Fräulein beizeiten lernen, wie
eine affaire de coeur geführt wird, und damit sie die grace plus belle que la
beauté sich eigen machen, durch die unser Geschlecht über das männliche einen so
sichern Sieg zu erhalten weiss.«
    Hier minaudierte sie aus dem rechten Augenwinkel, in Ermanglung einer andern
Mannsperson, auf ihren Gemahl, der, dadurch beherzt gemacht, sein Wort auch
dazugeben wollte und sagte: »Imgleichen Gellerts Fabeln könnten auch wohl mit
den Kindern gelesen werden.«
    »Ja«, versetzte die gnädige Frau mit trübem Blicke und etwas gerümpfter
Nase, »Gellerts Fabeln gehen allenfalls an, aber andere deutsche Bücher müssen
die Fräulein nicht lesen, denn das deutsche Zeug nützt ihnen nichts, wenn sie
nach Hofe kommen. Picard, mein homme de chambre, sagt immer, es ist kein brin
von bon ton darin, und das ist auch wirklich wahr. Es klingt alles so deutsch,
wahrhaftig, ich bekomme vapeurs, wenn ich nur die gotischen Buchstaben sehe.«
    Marianen war alles, was ihr gesagt ward, so unerhört, dass sie sich dünkte in
einer ganz neuen Welt zu sein. Sie verstand von dieser Rede nicht den dritten
Teil, zumal da sie von einer etwas stämmigen deutschen Dame in dem nachlässigen
Tone einer Petite-maîtresse dahingelallt ward, versprach aber doch mehrere
Gelehrigkeit, als sie sich vorderhand noch selbst zutraute. Ebenso hörte sie,
ohne ein Wort dawider einzuwenden, die Anordnung ihres häuslichen Lebens an. Man
sagte ihr nämlich, dass sie in Nebenstunden für die gnädige Frau und die beiden
Fräulein Putz machen und der Kammerjungfer helfen müsse Kleider garnieren. Man
gab ihr zu verstehn, dass man erwarte, sie werde helfen den Tisch anordnen, wenn
grosse Gesellschaft da wäre, und, wenn die Jungemagd viel zu tun hätte, auch
darnach sehen, dass die Schränke gebohnt und der Staub von den porzellanen
Aufsätzen abgewischt werde. Zuletzt erfuhr sie, dass sie zwar der Fräulein wegen
die Gnade haben sollte, an die hochadelige Tafel gezogen zu werden, wenn die
Herrschaft allein sei; wäre aber Gesellschaft da, so würde sie sich selbst
bescheiden, mit den übrigen Domestiken höhern Rangs zu essen.
    Dies waren sämtlich Personen, die nützliche Talente besassen, feine Sitten
hatten und die Welt kannten. Sie bestanden in dem französischen Friseur der
gnädigen Frau, in dem Gerichtsaktuar, der zu gleicher Zeit das Amt eines
Tafeldeckers wahrnahm, in der Kammerjungfer der gnädigen Frau, welche in den
Kohlgärten vor Leipzig in der Schule der artigen Lebensart gewesen war, in der
Ausgeberin, welche bei einem Hauptmanne die Ökonomie gelernt hatte, dem sie drei
Kampagnen durch als Köchin gefolgt war, in einem ausgedienten Fahnenschmiede,
der im Hause ehrenhalber der Stallmeister des gnädigen Herrn tituliert ward, und
in einem armen, vater- und mutterlosen Verwandten, welcher als Fahnenjunker von
einem Regimente bloss deswegen war weggejagt worden, weil er in der Schlacht bei
Rossbach zuerst sich umgekehrt hatte, da denn ein Teil des Regiments der Fahne
nachgeeilt war.
    Dieser Herr Vetter ward auch, wie Mariane, zur Tafel gezogen, wenn keine
Gesellschaft vorhanden war. Dagegen liess er sich gefallen, allerhand kleine
Dienste zu leisten, zum Beispiel den Stuhl wegzurücken, wenn seine gnädige Tante
aufstand, den Pfropfenzieher zu holen, wenn sein gnädiger Oheim trinken, oder
die Pfeife zu stopfen, wenn er nach Tische rauchen wollte, laut zu lachen, wenn
er einen Schwank erzählte, und augenblicklich stillzuschweigen, sobald sie durch
eine gerunzelte Stirne zu erkennen gab, dass sie keinen Gefallen daran hätte. Er
musste auf jede Frage sogleich eine Antwort bereit haben und, wenn die Antwort
missfiel, sich nicht verdriessen lassen, dass ihm Stillschweigen geboten oder vom
Tische aufzustehen befohlen ward, durfte auch nicht sauer aussehen, wenn er
wieder erschien. Kurz, er hatte den Posten manches Kammerjunkers an manchen
fürstlichen Höfen; einen Posten, der seines äusserlichen Glanzes wegen von denen,
die ihn nicht haben können, so oft gewünscht und von denen, die ihn bekleiden,
so oft vermaledeiet wird; einen Posten, für den, ob er gleich in Deutschland
allentalben besetzt ist, doch in der an Konversationsausdrücken armen deutschen
Sprache noch keine besondere Benennung zu finden ist und für den die in der
Konversationssprache so reichen Franzosen und Engländer noch keine bessere
Benennung haben finden können, als dass sie die Inhaber desselben Schlangen- und
Krötenesser17 nennen.
 
                               Zweiter Abschnitt
Es ist leicht zu erachten, da der Herr Vetter, ein junger Herr von guter
Familie, sich gegen das hochadelige Paar so gefällig zu betragen hatte, wie sehr
man von Marianen ebensoviel, wo nicht mehr Gefälligkeit verlangte und wie hart
dies ihr anfänglich vorkommen musste, einer Person, seit ihrer ersten Kindheit so
glücklich unabhängig, dass sie von nichts als von ihrer eigenen Vernunft und von
der Vernunft und der Liebe zärtlicher Eltern regiert worden war. Das
unschätzbare Glück der Unabhängigkeit ist durch keine andere Vorteile zu
ersetzen. Man mag von dem mächtigsten, von dem reichsten Manne, ja selbst von
seinem eigenen Freunde abhangen, so fühlt man die Fesseln, sie mögen noch so
weit losgelassen und noch so schön geschmückt sein. Wem das Schicksal die
Unabhängigkeit versagt, der mache sich gefasst, einigen der Rechte eines frei
gebornen Menschen zu entsagen. Er lerne vergessen, was er am eifrigsten wünscht,
nach dem trachten, was ihm verächtlich ist, Fröhlichkeit seines Herzens
verbeissen und bei nagendem Kummer ein heiteres Gesicht annehmen. Ist seine Seele
zu stark und sein Herz zu empfindlich, als dass er, sooft es verlangt wird,
fremden Irrtum eigener Überzeugung vorziehen könne, so kämpfe er den bittern
Kampf, über seinen eigenen Verstand zu siegen.
    Diesen Kampf hatte Mariane zu bestehen, mit allem, was er Herbes und für den
menschlichen Geist Erniedrigendes hat. Sie sah sich jetzt in einem Zustande, den
bloss das Wohlwollen ihrer Obern erträglich machen konnte, und nahm sich
ernstlich vor, solange es höhere Pflichten erlaubten, sich in allen Dingen ohne
Widerrede nach dem Willen der Frau von Hohenauf zu richten und sogar, wenn es
möglich wäre, ihren Wünschen zuvorzukommen.
    Dies war nun freilich ein schwer auszuführendes Unternehmen, denn die Frau
von Hohenauf war sehr auffahrend, sehr eigensinnig und sehr ungleich in ihrem
Betragen. Auf ihren Adel äusserst stolz, schien sie alle Personen bürgerlichen
Standes für Geschöpfe von einer andern Gattung zu halten, welche sie beständig
den grossen Abstand fühlen liess, der zwischen ihr und ihnen bleiben müsse.
    Und dennoch stammte sie selbst aus bürgerlichem Stande. Ihr Vater, namens
Säugling, war ein reicher Pachter gewesen, und ihr Bruder war ehemals ein
Tuchhändler in einer Handelsstadt und erwarb nachher im Kriege durch Lieferung
an die Armeen ein sehr grosses Vermögen. Dieses bürgerlichen Ursprungs aber war
sie nie eingedenk. Vielmehr ging ihr ganzes Tun und Lassen dahin, das Ansehen
einer Dame von Stande zu erlangen und der Familie ihres Gemahls, die seit länger
als hundert Jahren auf ihren angeerbten Gütern Kohl gepflanzt hatte, einen neuen
Glanz zu geben. Wäre es nur irgend wahrscheinlich gewesen, dass sie an einem
deutschen fürstlichen Hofe hätte können zur Cour gelassen werden, aus deren
Atmosphäre höchstbilligerweise alle Personen ausgeschlossen sind, die keine
Ahnen aufzuweisen haben, und wäre ihr Gemahl nur irgend zu etwas anderm
geschickt gewesen, als auf die Jagd zu gehen, zu trinken und alle Anordnungen
seiner Gemahlin zu bewundern, so hätte sie nicht eher geruhet, bis er sich mit
ihr nach Hofe begeben. Hätte sie einen Sohn gehabt, so würde sie ihn zu einem
adeligen Amte erzogen haben, und sollte es auch nur eine Fähnrichsstelle gewesen
sein. Da sie aber bloss Töchter hatte, so ging sie damit um, ihnen eine so
galante Erziehung zu geben, dass sie durch ihr Vermögen und ihre Reize Grafen,
Minister oder Generale fesseln könnten, durch welche vorteilhafte Vermählungen
sie noch hoffte, am Hofe und vielleicht im ganzen Lande in hohes Ansehen zu
kommen: die grösste Glückseligkeit, die sie sich in ihrer Einbildung vorstellen
konnte!
    Mariane war nun das Werkzeug, wodurch beide junge Fräulein zu so wichtigen
Absichten geschickt gemacht werden sollten. Hiezu war nötig, mit fertigen Lippen
von nichts und über nichts französisch zu plappern; alle Vorteile des Putzes
ihrem Körper gemäss so zu gebrauchen, damit er, es sei im nachlässigen
Nachtkleide oder in der sittsamen Roberonde oder in der prächtigen Galarobe mit
ausgespreizetem Panier und schwimmender Schleppe, Augen und Herzen der Kavaliere
an sich ziehen müsste; den Verstand aber hauptsächlich zu der wichtigen
Untersuchung zu bilden, ob die eroberten Herzen behalten oder ob sie, nachdem
damit eine Zeitlang wie mit einem Balle gespielet worden, in den Winkel geworfen
werden sollten. Sobald sie dies alles verstanden, so hatten sie die
hauptsächlichsten Wissenschaften gelernt, welche ihre Mutter jeder jungen Dame
nötig hielt, die in grossen Gesellschaften glänzen will.
    Im Grunde schien Mariane zur Lehrerin so wichtiger Dinge nicht eben
geschickt zu sein. Nach ihrem schlichten, gesunden Verstande glaubte sie, der
Vorzug eines Frauenzimmers bestehe vielmehr darin, dass sie gut als dass sie schön
und galant sei. Obgleich selbst sehr wohlgebildet, hatte sie doch niemals Wert
darauf gesetzt, vielleicht weil ihr noch nie eine Mannsperson gesagt hatte, sie
sei schön. Zum Putze hatte sie zwar, ohne es zu wissen, eine natürliche
Geschicklichkeit, indem ihr alles sehr wohl anstand, was sie selbst anlegte oder
für andere wählte, welches den Friseur Picard bewog, sie für eine wirkliche
Französin zu halten; aber sie hatte den Putz noch niemals gebraucht, um
Absichten damit zu erreichen. Sie kannte die Reize der grossen Welt nicht und
verlangte auch nicht, sie zu kennen, denn ihre mässigen Wünsche waren bisher sehr
leicht befriediget worden. Ihr höchster Wunsch war vorher, die Liebe ihrer
Eltern zu verdienen, und jetzt, ihre Pflicht zu erfüllen.
    Wenn Mariane eine schlechte Lehrerin war, so waren die beiden Fräulein
ebenso schlechte Schülerinnen, denn sie hatten zum vornehmen Leben gar keine
Anlage. Sie waren ein paar gute Landmädchen mit roten Backen, die vor Gesundheit
strotzten. Auf dem Hofe herumzuspringen oder des Abends die blökenden Herden
eintreiben zu sehen war ein Fest für sie. Im leichten Röckchen und im glatten
Nachtäubchen mit himmelblauem Bande umsteckt gefielen sie sich besser als in
dem reichen Anzuge eines stoffenen Schnürkleides mit Pompons besetzt. Wenn
Picard seine ganze Kunst an ihren Köpfen beweisen wollte, ward ihnen die Zeit
lang; sie gähnten oder sprangen auf und liefen ein paarmal in der Stube herum
oder haschten einen Schmetterling, der eben zum Fenster hereingeflogen war. Wenn
ihre Mutter, wie es oft geschah, Assembleen hielt, wo in dem schön erleuchteten
grossen Saale der wohlgeputzte benachbarte Adel mit dem ernsten Geschäfte, die
Zeit zu töten, an zwanzig Spieltischen beschäftigt war, schlich sich die älteste
Fräulein, Adelheid, oft in den Garten, die untergehende Abendsonne zu
betrachten, den Nachtigallen zuzuhören oder den Duft der Nachtviolen und des
Jasmins einzuziehen. Sie hatten beide keinen glänzenden Verstand, wenn es
glänzender Verstand heisst, über alle Gegenstände vorschnell und mit
Selbstgenügsamkeit ein Redespiel zu halten, noch lebhaften Witz, wenn es
lebhafter Witz heisst, Gründe mit Einfällen beantworten und mit Hohngelächter
diejenigen aufziehen, die verständiger sind als wir. Aber sie hatten den
gesunden Verstand, der sich mit Bescheidenheit und mit Lehrbegierde wohl
verträgt, und so viel Anteil an Witz und Scharfsinn, als nötig ist, Gegenstände
im Gespräche anschaulicher darzustellen. Von dem Stolze ihrer Mutter, der sich
auf Verachtung anderer gründete, besassen sie gar nichts. Sie empfanden die
Vorzüge ihres Standes bloss alsdann, wenn sie dadurch Gelegenheit hatten,
wohlzutun, Almosen auszuteilen oder einem Bedienten, der etwas versehen hatte,
bei ihren Eltern Vergebung zu erbitten.
    Durch so ähnliche Gemütsart entstand bei der Lehrerin und den Schülerinnen
sehr bald eine wechselseitige Zuneigung. Diese Übereinstimmung machte auch das
mütterliche Verbot ganz unnötig, dass den Fräulein nicht strenge begegnet werden
sollte; aber überhaupt nahm ihre Erziehung eine Wendung, die den Absichten der
Frau von Hohenauf nicht völlig gemäss schien. In den Lehrstunden war anstatt vom
adeligen Stande, von der décence und von artigen Manieren vielmehr sehr oft die
Rede von den Pflichten gegen Gott und die Nebenmenschen. Anstatt zu lehren, wie
ein Schminkpflästerchen mit Koketterie zu legen oder wie eine affaire de coeur
am rechten Ende einzufädeln sei, worin die gute Mariane ohnedies sehr unwissend
war, suchte sie den Kindern vielmehr einzuprägen, dass sie ihren Geist mit
nützlichen Kenntnissen auszieren und ihr Herz der Wohltätigkeit und der
Menschenliebe beständig offen erhalten müssten. Die »Lettres d'une réligieuse
portugaise« wurden daher sehr bald von Basedows »Elementarbuch« und »Hippolyte
Comte de Douglas« von Reimarus' »Natürlicher Religion« verdränget.
    Hieraus ist leicht abzunehmen, dass anstatt der gebotenen französischen sehr
oft die verbotene deutsche Lektur insgeheim werde überhandgenommen haben.
Mariane besass viel zuwenig monde, um einzusehen, dass jungen deutschen Damen die
deutsche Sprache ganz unnötig ist. Sie hatte noch keinen Begriff davon, dass man,
um standesmässig zu leben, in seinem eigenen Vaterlande fremde werden müsse. Wie
konnte es auch anders sein? Die grosse Welt kannte sie sowenig als die jungen
Fräulein, welche sie unterrichten sollte; sie glaubte treuherzigerweise, man
lebe nur, um selbst besser zu werden und um andere Menschen glücklicher zu
machen. In solchen spiessbürgerlichen Grillen wollte sie auch ihre Fräulein
erziehen; daher war der Schaden eben so gross nicht, wenn sie auch Deutsch mit
denselben las, indem sie doch die französische Lektur nicht avec gout zu wählen
wusste. Sie las lieber »L'ami de ceux qui n'en ont point« als »Les égaréments de
l'esprit et du coeur« und lieber »Memnon, histoire orientale« als die »Lettres
de Ninon Lenclos« oder den »Almanach de toilette«. Mit diesem Geschmacke stimmte
der Geschmack der jungen Fräulein nur allzusehr überein; denn wenn diese im
»Mercure de France« blätterten, so überschlugen sie meistens alle pièces
fugitives, chansons, énigmes, logogriphes und présentations und verweilten sich
bei einem »Conte moral« von Marmontel oder la Dixmerie, die damals einzeln im
»Mercure« zu erscheinen pflegten, oder suchten einen zuweilen eingerückten trait
de bienfaisance auf.
    In diesem allen fand sich noch sehr wenig du bon ton, welches doch die
Hauptsache war, wozu die Frau von Hohenauf ihre Fräulein wollte angeführt
wissen. Es ist also leicht zu erachten, dass sie mit einer so bürgerlichen
Erziehung schwerlich zufrieden sein konnte. Schon in den ersten vier Wochen
schien es beinahe, dass sie ihre neue französische Mamsell sehr bald wieder
abschaffen würde, denn sie gab derselben bei aller Gelegenheit bittere Verweise
und tadelte alle ihre Anordnungen. Die Fräulein schienen ihr blöder, seit sie
bei Marianen waren, hatten gar keine bonne grace, hatten gar keinen esprit,
antworteten zu langsam und zu kurz, wenn man sie fragte; ungefragt plauderten
sie sehr selten, wussten ihre Reverenz nicht abzumessen und beugten die Knie tief
gegen einen Verwalter oder homme d'affaires, wo ein Kopfneigen oder ein
nachlässiger Knicks im Vorbeigehen hinlänglich gewesen wäre.
    Ausser andern Erfordernissen, die Marianen mangelten, um eine gute
französische Mamsell zu sein, fehlte es ihr freilich auch an der den
französischen Hofmeisterinnen so gewöhnlichen Politik, allen Leidenschaften der
hochadeligen Mutter zu schmeicheln, alles dreifach zu loben, was die Mutter an
den Kindern lobt, ihren eignen oder fremden Witz die Kinder auswendig lernen zu
lassen und sie zu gewöhnen, denselben mit dreister Naseweisheit in Gesellschaft
an Mann zu bringen, wodurch denn jedermann, der zu leben weiss, über die
frühzeitigen Gaben der Kinder erstaunt, der Mutter über das kleine Wunderwerk,
das sie unter ihrem Herzen getragen hat, ein verbindliches Kompliment macht und
auch nicht vergisst, der Mamsell im besten zu gedenken.
    Hiervon wusste Mariane gar nichts. Sie war vielmehr beim Antritte ihres Amts
so unerfahren, dass sie ihren Fräulein eine anständige Bescheidenheit anpries,
eine gar nicht glänzende Eigenschaft, welche die Frau von Hohenauf höchstens von
ihren Bedienten forderte. Sie würde also Marianen sehr bald überdrüssig geworden
sein ohne einen kleinen Umstand, wovon in keinem der Systeme der Pädagogik18, in
welchen noch ein Kapitel von französischen Mamsellen befindlich ist, ein
einziges Wörtchen angetroffen wird.
    Mariane hatte von Jugend auf eine grosse Sorgfalt für ihre eigne Person
getragen und hielt sich überaus reinlich in Kleidung und Wäsche. Sie besass die
natürliche Gabe, allen weiblichen Putz sogleich nach dessen Bestandteilen zu
übersehen, also auch ihn nachzumachen, nach ihrem Geschmacke zu verbessern und
neuen zu erfinden. Dieses Talent kam ihr jetzt sehr wohl zustatten. Wenn ihre
Fräulein besonders fleissig und gehorsam waren, so belohnte sie ihren Fleiss mit
einem nach neuer Mode gesteckten Kopfzeuge oder anderm Frauenzimmerputze, den
sie so zu wählen wusste, dass dadurch derselben natürliche gute Leibesgestalt mehr
erhoben und in kurzer Zeit ihr ganzer alter Putz mit neuem nach dem besten
Geschmacke verwechselt wurde. Den scharfsinnigen Augen der Frau von Hohenauf
entging eine so wichtige Veränderung nicht, sondern gereichte ihr vielmehr zu so
grossem Wohlgefallen, dass sie Marianen wegen ihrer Geschicklichkeit im Putzmachen
den Vorwitz, die Seelen ihrer Fräulein bilden zu wollen, zu vergeben anfing.
Doch die Gunst ward noch grösser, als, durch so glücklichen Erfolg aufgemuntert,
Mariane es wagte, für die Frau von Hohenauf selbst zu arbeiten, die bisher ihren
sämtlichen Putz aus der ersten Quelle, aus Paris, verschrieben hatte. Sie
brachte eine comète aux zéphyrs19 zustande, die in der nächsten Assemblee ein
grosses Aufsehen unter den Damen machte, weil Frau von Hohenauf wenigstens um
sechs Jahr jünger aussah. Man kann leicht denken, dass dies wichtige Verdienst
Marianens Talente zur Erziehungskunst in ein völlig neues Licht setzte. Man füge
hinzu, dass Mariane die Fräulein, die vorher in ihrer Kleidung etwas nachlässig,
ja zuweilen unreinlich gewesen waren, durch ihr eigenes Beispiel zu der
Frauenzimmern so anständigen Nettigkeit im Anzuge gewöhnte. Man füge hinzu, dass
sie die jugendliche Wildheit der Fräulein, die an das, was wohlanständig ist,
vorher noch nie gedacht hatten, durch kleine leutselige Erinnerungen bis zu der
kindlichen Freimütigkeit mässigte, die mit Bescheidenheit und Sanftmut sehr wohl
bestehen kann. Man füge endlich noch hinzu, dass die Fräulein wenigstens in ihrer
Mutter Gegenwart beständig französisch redeten und in ihrer Fertigkeit in dieser
Sprache sichtlich zunahmen; und man wird begreifen, dass die Frau von Hohenauf im
zweiten Monate mit ihrer französischen Mamsell weit zufriedener war als im
ersten. Wenn sie ja an den Fräulein etwas fand, das sie für bas und bourgeois
hielt, so nahm sie sich die Mühe, ihnen selbst darüber einen Verweis zu geben.
Sie setzte zuweilen die nachsichtsvolle Anmerkung hinzu, dass man freilich von
ihrer Mamsell nicht alles fordern könnte, weil sie nicht de qualité sei, wodurch
sie in gedrungener Kürze zugleich Marianen tadelte und ihren eigenen Vorzügen
ein verbindliches Kompliment machte.
 
                               Dritter Abschnitt
Im dritten Monate von Marianens Aufentalte bei der Frau von Hohenauf bekam
diese einen Besuch von ihrem Neffen, dem Sohne des Tuchhändlers Säugling. Die
Bedienten wurden befehligt, ihn Ew. Gnaden zu nennen, und sie stellte ihn allem
benachbarten Adel unter dem Namen des Herrn von Säugling vor. Dieser junge
Mensch war mit seinen Universitätsstudien halb fertig, denn er hatte schon zwei
Jahre auf einer Universität zugebracht, und es kam nur noch darauf an, dass er
ein oder zwei Jahre auf einer andern zubrächte, wohin ihn sein Vater den
künftigen Frühling mit einem neuen Hofmeister senden wollte, den er für ihn
selbst ausgesucht hatte. Der Sohn hatte den Plan gemacht, sich mit Genehmhaltung
seines Vaters den Winter über auf seiner Tante Gute aufzuhalten. Weil sie von
Adel war und mit dem benachbarten Adel viel Umgang hielt, der wie sie den
Aufentalt auf dem Lande nicht mit ländlichen Vergnügungen zubrachte, sondern
nach städtischer Etikette, mit Besuchen, Gastmahlen, Assembleen, Spielpartien
und Bällen, so glaubte er, hier Kenntnis der grossen Welt zu erlangen und alles,
was sich vom Schulstaube noch etwa an ihm finden möchte, rein abzuschütteln.
    Dieses Schulstaubes konnte nicht so gar viel sein, denn er hatte, als ein
reicher Jüngling, sich nicht auf Brotstudien gelegt und noch weniger sich mit
den alten Sprachen und mit trocknen wissenschaftlichen Lehrgebäuden beschäftigt,
sondern seine Studien waren angenehm und bestanden in Kollegien über die belles
lettres und in fleissigem Lesen aller deutschen Poeten, sonderlich derjenigen,
die Freude, Wein und Liebe besungen haben. Überdies hatte er Französisch,
Engländisch und Italienisch gelernt und war in den Dichtern und besten
Kritikern, welche in diesen Sprachen schrieben, nicht unbelesen.
    Er hatte sehr viel Gedichte an Phyllis und Doris gemacht, und dies blieb
noch beständig, nebst der Sorge für seinen Anzug, seine vornehmste
Beschäftigung. dabei hielt er sehr viel von seiner eignen kleinen Person, die
daher auch beständig geputzt, geschniegelt und auf vier Nadeln gezogen war. Es
konnte nicht fehlen, dass er dadurch sich selbst sehr wohl gefiel; nächst diesem
aber war sein hauptsächlichstes Augenmerk, dem Frauenzimmer zu gefallen, daher
er möglichst alle Gesellschaften vermied, die bloss aus Mannspersonen bestanden.
In vermischten Gesellschaften sass er allemal einem Frauenzimmer zur Seite und,
wenn er wählen konnte, allemal bei der, die den sanftesten Blick hatte. Er
bewunderte, um Bekanntschaft zu machen, ihre Arbeit, die sie eben verfertigte,
lobte ihr wohlgestecktes demi-ajusté20 und sagte ihr über einen assassin tausend
artige Sachen. Von da ging er unvermerkt zum Erforschen ihres Verstandes über.
Er sagte ihr mit sanft lispelnder Stimme, er sehe die kleinen Amorn und
Amoretten auf ihrem postillon auf- und niedersteigen und sich unter den Falten
ihrer respectueuse verbergen oder andere dergleichen niedliche Imaginatiönchen.
Wenn er nun merkte, dass sie Verstand und Geschmack genug hatte, mit seinen
lieblichen Empfindungen zu sympatisieren, so fing er gemeiniglich an zu
stammeln, sah etwas schafmässig aus und langte sodann aus seiner Tasche einige
von seinen Gedichten, die er ihr vorlas, wobei er von Zeit zu Zeit mit seitwärts
schielenden Augen die Wirkung seiner Geistesfrucht zu erforschen suchte. Erhielt
er ein ruhiges Gehör und durch einen lächelnden Mund und ein sanftes Kopfneigen
gütigen Beifall, so hatte er ein vergnügtes Tagewerk gehabt. Empfing er aber
eine laute Bewunderung, bat man sich eine Abschrift des Gedichts aus oder
bemerkte er gar, dass der Busen seiner Zuhörerin sich zu einem Seufzer emporhob
oder dass sie aus blauen Augen (denen er, als seinem eigenen schmachtenden
Charakter am gemässesten, vor allen andern den Vorzug gab) einen empfindsamen
Blick auf ihn schiessen liess, so zerfloss er in sanften Empfindungen, überliess
sich ganz einer zerschmelzenden Zärtlichkeit und war von dem Augenblick an der
Sklave der Schönheit, die so gut zu empfinden wusste, was er gedacht hatte. Er
holte alsdann aus der Begeisterung ihrer Augen Stoff zu neuen Gedichten, und je
mehr ihm diese gefielen, desto mehr gefiel ihm die Schöne, die sie veranlasst
hatte und an die sie gemeiniglich gerichtet wurden.
    Doch so zärtlich seine Liebe war, pflegte sie nicht allzulange zu dauern.
Nicht als ob er unbeständig gewesen wäre, sondern weil der Gegenstand seiner
Zärtlichkeit gewöhnlich nach einiger Zeit seine Gedichte nicht mehr so feurig
verlangte und wohl gar unvermerkt das Vorlesen zu vermeiden suchte. Sobald er
dies merkte, ward er sehr traurig, klagte den Wäldern und den Fluren sein
Leiden, tröstete sich aber, wenn ihm ein zärtliches Liedchen über die Untreue
seiner Chloris gelang, und fand gemeiniglich um diese Zeit eine andere
Zuhörerin, mit der ebenderselbe Roman von vorn an gespielt ward.
    Dieser kleine Mann schien freilich denjenigen, die seine zuckersüssen
Empfindungen nicht ganz nachempfinden konnten, etwas ungeschmackt21, aber sonst
war er das unschädlichste Geschöpfchen unter der Sonne. Er tat nie etwas Böses,
war nachgebend, gefällig, mitleidig und guterzig, beleidigte kein Kind, und,
beleidigt, war er nie geneigt, sich zu rächen; kurz, er war aller guten
Eigenschaften fähig, zu denen nicht notwendig Stärke des Geistes erfordert wird.
Wenn es wahr ist, dass durch die Poesie das Herz ihrer Liebhaber weich wird, so
war sie es vermutlich, die sein Gemüt so breiweich gemacht hatte, dass es einer
herzhaften Tat oder einer kraftvollen Entschliessung sowenig im guten als im
bösen fähig war. Seine lebhafteste Empfindung war immer die Begierde, seine
Gedichte, und besonders vom Frauenzimmer gelobt zu sehen. Dieser Absicht wegen
war sein Kleid immer nach der neuesten Mode geschnitten, sein seidner Strumpf
milchweiss und seine Spitzenmanschetten kaffeebraun gewaschen, dieser Absicht
wegen sagte er zuerst seinen Nachbarn und Nachbarinnen verbindliche Dinge vor,
war gefällig, nachgebend, kam jedermann mit Höflichkeit zuvor und pries mit
gleicher Behendigkeit bei den modischen Schönen das Putzwerk, bei den
Tugendhaften die Tugend und bei den Witzigen den Witz. War er aber gleichwohl so
unglücklich, seine Absicht nicht zu erlangen, so war er viel zu bescheiden, um
jemand anders als den stillen Wänden sein Leid zu klagen, und viel zu guterzig,
um diejenigen, denen seine Gedichte nicht gefielen, zu hassen. Sobald er nur
wirklich merkte, dass jemand seine Gedichte beschwerlich waren, so drang er sie
ihm nie auf. Wenn er daher zur Last fiel, geschah es sicherlich ohne sein
Wissen; denn seine Absicht war allemal, Vergnügen und Zufriedenheit, die er in
so grossem Masse in sich selbst fand, durch seine Gedichte auch um sich herum zu
verbreiten.
 
                               Vierter Abschnitt
Ein Kenner der Verdienste des schönen Geschlechts, so wie Säugling, musste
Marianen unter den übrigen im Hause vorhandenen Frauenzimmern sehr bald
vorteilhaft unterscheiden, zumal da sie, gleich ihrer Mutter Wilhelmine, bei
schwarzen Haaren die schönsten hellblauen Augen hatte. Es war keine von den
andern weiblichen Personen mit ihr nur in Vergleichung zu stellen, denn die Frau
von Hohenauf hatte grosse graue Augen mit langhaarigten Augenbramen; das
Kammermädchen besass ein Paar flachgeschljetzte Augen, aus deren Winkeln beständig
ein Paar matte rotgelbe Augäpfel liebäugelten; die beiden Fräulein waren noch
allzu jung, und die übrigen weiblichen Geschöpfe waren unter der Notiz eines
feinen Mannes wie Säugling. Hierzu kam, dass bei der ersten Unterredung Mariane
untrügliche Kennzeichen ihres guten Geschmacks merken liess, wodurch Säugling
Herz bekam, ihr ein Gedicht vorzulesen, welches Mariane mit so grossem Beifalle
anhörte und dessen Schönheiten so fein hervorzusuchen wusste, dass unser Männchen
vor Entzücken ausser sich war.
    Dies veranlasste eine nähere Bekanntschaft, in der Säugling bald Marianens
vor der Frau von Hohenauf bisher so geheimgehaltene Bibliotek von guten
deutschen Büchern entdeckte. Er erstaunte nicht wenig, eine Französin so
aufmerksam auf die deutsche Literatur zu finden. Da er gewohnt war, alles, was
er sah, auf seine kleine Person zurückzuführen, so fiel er schnell darauf, wie
möglich es sei (wenn er, wie er zuverlässig hoffte, unter den besten Dichtern
Deutschlands einen Platz verdienen würde), dass sein Ruhm auch ausser Deutschland
sich ausbreiten, dass seine Gedichte ins Französische übersetzt und von den Damen
an allen Höfen Europens gelesen werden könnten. Er wusste es Marianen Dank, dass
sie zuerst eine so schmeichelhafte Hoffnung in seiner Seele erreget hatte, und
dies zog das Band der angefangenen Bekanntschaft noch fester zusammen.
    Mariane auf ihrer Seite sah ihn auch gern, denn er war ein feiner und
bescheidener junger Mensch, der sie mit Poesie, wozu ihr die Neigung mit der
Muttermilch war eingeflösst worden, angenehm unterhielt. Ausserdem war er die
erste Mannsperson, die ihr gesagt hatte, dass sie schön sei und dass ihre blauen
Augen mit sanfter, herzrührender Kraft wirkten; und auch ein sittsames und ganz
philosophisches Frauenzimmer wird eine solche Nachricht aufs höchste mit einem
kleinen Verweise bestrafen.
    Die Kenner wollen bemerkt haben, die erste Vereinigung zwischen jungen
Personen zweierlei Geschlechts bleibe selten lange so, wie sie war, und trenne
sich entweder bald oder pflege nicht allein beständig unvermerkt fortzurücken,
sondern auch zuweilen, durch einen ganz kleinen Umstand, mit einem so starken
Sprunge fortzuschreiten, dass diejenigen, denen das verborgene Ding, das
menschliche Herz, nicht genau bekannt ist, glauben möchten, es geschehe durch
eine Art von Zauberei. Dies war der Fall mit Säuglingen und Marianen, die bei
einer unvermuteten und dem Anscheine nach ganz geringen Veranlassung von einer
blossen Bekanntschaft und wechselseitigen Hochachtung zur Freundschaft und
beinahe zu mehr als Freundschaft übergingen.
    Es fiel in den Wintermonaten der Geburtstag der Frau von Hohenauf ein.
Mariane hatte im Sinne, eine gewisse Absicht durchzusetzen, womit einige
Schwierigkeiten verknüpft waren; dies brachte sie, zum erstenmal in ihrem Leben,
auf den Gedanken, ihren Zweck durch einen Umweg zu erreichen. Sie sann deshalb
ein kleines Fest aus, womit dieser Geburtstag sollte gefeiert werden, und teilte
ihre Gedanken Säuglingen als einem Poeten mit, der ganz entzückt darüber war,
einen Anlass zu haben, seine Talente im Drama zu zeigen, da er bisher nichts als
kleine Liederchen gedichtet hatte. Er machte einen Plan zu einem
mytologisch-historischen Schäferspiele von drei Personen, der Marianens Beifall
erhielt. Hierauf waren alle insgeheim sehr geschäftig: Säugling, sein Spiel in
Verse zu bringen, die Kinder, sie zu lernen, und Mariane, für Fräulein Adelheid
die Tracht einer Nymphe und für die jüngste Fräulein und den kleinen Sohn des
Predigers im Dorfe Schäferkleider zu verfertigen.
    Am Tage des Geburtsfestes war die Gesellschaft sehr glänzend, denn es waren
die Standespersonen aus der ganzen umliegenden Gegend zusammengebeten. Nach der
Mittagstafel wurden sie unter einem andern Vorwande in das Orangeriehaus
geführet und durch eine Symphonie überrascht, indem sich der Schauplatz öffnete.
Er stellte entweder die elysäischen Felder oder die hesperischen Gärten vor und
bestand aus acht grossen, blühenden und früchtetragenden Pomeranzenbäumen, die
Hinterwand aber war von dem Gärtner mit Wintergrün und Blumenkränzen
zusammengesetzt. Die Kinder traten auf, an deren Putze Mariane ihren ganzen
Geschmack und an deren Köpfen Picard seine ganze Kunst erschöpft hatte. Dies
machte, dass das Spiel den Beifall der Frau von Hohenauf erhielt, wozu auch nicht
wenig beitragen mochte, dass sie darin als eine Göttin und ihr Geburtstag als ein
Götterfest vorgestellt war.
    Die ganze Gesellschaft erteilte einen lauten Beifall; und da die Kinder nach
Endigung des Spiels in ihrem Anzuge vom Teater herabstiegen, wurden sie von
jedermann und auch von der Frau von Hohenauf mit Liebkosungen überhäuft. So wie
sie alle Dinge aus ihrem eigenen Gesichtspunkte betrachtete, so konnte sie nicht
genug bewundern, wie natürlich der Schäferhabit dem kleinen Predigersohne
stände; aber sie fand, dass ebendiese Art von Kleidung ihr jüngstes Fräulein
verstelle, ob sie gleich, mit einem gnädigen Kopfneigen gegen Marianen,
bemerkte, die Arbeit daran wäre sehr artig. Fräulein Adelheid hingegen, in ihrer
von Zindel und Flittern glänzenden Nymphentracht, hatte ihren ganzen Beifall.
Sie umarmte sie und spielte mit ihren über den Busen gelegten falschen Locken,
die ihr prinzessinnenmässig vorkamen.
    »Dieser majestätische Anzug schickt sich besser für ein Fräulein deines
Standes«, sagte sie, »als das Schäferkleid deiner Schwester.«
    Die kleine Adelheid, die ihrer Schwester den leichten fliegenden Anzug und
die natürlich herabfallenden Locken beneidet hatte, schlug die Augen nieder und
durfte nicht widersprechen.
    »Nicht wahr, mein Kind«, fuhr die Mutter fort, »nicht wahr, ein Schmuck von
Juwelen würde dir besser stehen als dieser schlechte Blumenkranz?«
    »Ach nein, gnädige Mama, er würde doch nicht so schön riechen als die
Blumen.«
    »Einfältiges Kind! Was ist Geruch gegen Glanz? Du hast gespielt wie ein
Engel, ich muss dich dafür belohnen. Eine Zitternadel ...«
    Hier erinnerte sich die kleine Adelheid einer Rolle, die ihr, ausser der von
Säuglingen aufgeschriebenen, von Marianen mündlich aufgetragen war.
    Es hatte ein armer Pachter eines Bauerguts auf des Herrn von Hohenauf
Wildbahn geschossen. Der Jäger hatte ihm das Gewehr weggenommen. Seit sechs
Wochen lag er im Gefängnisse, und man machte ihm den Prozess, um ihn an die Karre
schmieden zu lassen. Indes der Wirt und Versorger des Hauses fehlte,
schmachteten seine Frau und fünf Kinder im Elende. Die guterzige Mariane hatte
ihnen, so gut sie konnte, beigestanden. Sie hätte auch längst gern für den armen
Gefangenen eine Vorbitte eingelegt, aber sie empfand, dass sie es ohne Hoffnung
des Erfolgs wagen würde. Sie hatte daher zuerst darauf gedacht, dieses Fest
anzustellen, um dabei durch Fräulein Adelheid, den Liebling ihrer Mutter, die
Loslassung des Gefangenen zu bewirken, wenn ihre Eltern, durch das Vergnügen des
Festes in gute Laune gebracht, geneigter sein möchten, ihr Herz dem Mitleide zu
öffnen.
    Fräulein Adelheid hatte also kaum gehört, dass sie für ihr Spielen belohnt
werden sollte, so ergriff sie diese Gelegenheit begierig, fiel ihrer Mutter zu
Füssen und rief aus: »Ach, gnädige Mama, wenn Sie mich belohnen wollen, so lassen
Sie mich selbst die Belohnung wählen. Geruhen Sie, mir eine einzige Bitte zu
gewähren, schlagen Sie mir nicht ab, was ich Sie bitten will.«
    »Was verlangst du, mein Kind? Ich kann dir nichts abschlagen.«
    »Oh, meine gnädige Mama, so erbarmen Sie sich einer armen Frau und fünf
Kinder, alle noch viel kleiner, viel unerzogener als ich und die ihren Vater so
nötig haben. Bitten Sie den gnädigen Papa, dass er den armen Jakob loslasse, der
im Gefängnisse liegt; geben Sie das Geld für die Zitternadel, die Sie mir
zugedacht haben, seiner armen Frau und Kindern.«
    »Fräulein«, sagte die Frau von Hohenauf mit einem Angesichte voll kalten
Ernstes22, »was geht mich und dich das Diebsgesindel an?«
    »Ach, gnädige Mama, wenn Sie sehen sollten, wie elend die Leute sind, wie
sie an allem Mangel leiden, was wir im Überflusse haben, wie sie frieren, wie
sie hungern, wie drei von den Kindern auf elendem Strohe krank liegen.«
    »Mädchen, woher kannst du dies wissen?«
    »Ach, ich habe es gesehen, liebste, beste Mama, ich habe es selbst gesehen.«
    »Gesehen? Ich erstaune ganz; wie kommst du mit dem Lumpenpacke zusammen?
Gleich gestehe es mir, ich will es wissen!« Fräulein Adelheid, stammelnd,
blickte Marianen an, die ihre Augen niederschlug. Die Frau von Hohenauf
wiederholte ihren Befehl, und das Fräulein berichtete:
    »Ach, meine Mamsell hat mich hingeführt. Sie glauben nicht, gnädige Mama,
wie gut sie ist, sie hat die armen Leute schon seit sechs Wochen erhalten, dass
sie nicht vor Hunger und Frost umgekommen sind. Ach, ich habe auch gern mein
ganzes Spargeld hingegeben, mehr konnte ich nicht, aber Sie, gnädige Mama,
können mehr, Sie können die Kinder glücklich machen, wenn Sie den Vater
loslassen.«
    »So, Mademoiselle«, sagte Frau von Hohenauf, indem sie Marianen mit
selbstgefälliger Würde über die linke Achsel ansah, »Sie führt meine Fräulein in
schöne Gesellschaft, um Lebensart und monde zu lernen.«
    »Ach, gnädige Mama ...«
    »Schweig still, das verstehst du nicht. Es sind Diebe, die deines Vaters
Forsten bestohlen haben, sie müssen hart gestraft werden, damit sich das andere
Gesindel daran spiegele.«
    »Ach, der arme Jakob verspricht Besserung, er will künftig lieber hungern
als Wild schiessen. Aber, gnädige Mama, die Kinder, die armen kleinen Kinder
hatten nichts zu essen.«
    »Schweig! Um solch Lumpengesindel musst du dich nicht bekümmern.«
    »Ach, liebste Mama«, rief Fräulein Adelheid schluchzend, »es sind Gottes
Geschöpfe, Menschen wie wir - und unglücklich!«
    »Fí, Fräulein, ist das auch eine von den schönen Lehren, die dir deine
Mamsell gibt? Menschen wie du? Du bist von Stande, die Bauern nicht, sage mir
kein Wort mehr hievon.«
    »Ach, gnädige Mama, sie bauen ja das Getreide, das wir essen. - Mein
Grosspapa ist ja auch ein Pachter gewesen, erbarmen Sie sich - Grosspapa ist ja
auch wohl arm gewesen, ehe er reich ward.«
    Eine derbe Ohrfeige von der Hand der in äusserste Wut gesetzten Mutter
unterbrach das gute Kind. Bisher war dies wichtige genealogische Geheimnis
jedermann, soviel wie immer möglich, verborgen worden; und hier ward es
öffentlich, in einer grossen Gesellschaft von turnier- und stiftsfähigem Adel
beiderlei Geschlechts ausgeplaudert! Dies war freilich ein niederschlagender
Vorfall, zumal da in dem Gesichte mancher Umstehenden, denen das Bewusstsein von
sechzehn reinen Quartieren ein gut Gewissen gab, einige Mienen ein wenig
Schadenfreude über diese Demütigung einer mesallierten Familie erkennen zu geben
schienen.
    Die Frau von Hohenauf wollte noch einige Minuten Kontenance halten und
fragte das Fräulein mit zorniger Miene, wer ihr solch dummes Zeug in den Kopf
gesetzt hätte.
    Das Kind konnte auf wiederholtes Befragen nicht leugnen, es von ihrer
Mamsell gehört zu haben. Dies brachte die Frau von Hohenauf aufs neue in Wut.
Sie befahl Marianen, ihr den Augenblick aus den Augen zu gehen, stiess ihre
Tochter von sich und würde ihr vielleicht nochmals übel begegnet haben, wenn sie
nicht die umstehenden Damen in Schutz genommen und der Frau von Hohenauf durch
allerhand Gründe zugeredet hätten, dem Kinde ein unbedachtsames Wort zu vergeben
und, einem so vergnügten Tage zu Gefallen, vielmehr ihre Bitte zu gewähren. Aber
die Frau von Hohenauf ward durch diese Vorstellungen sehr wenig besänftigt, ob
sie gleich sich zwingen und mit verbissenen Lippen höfliche Antworten geben
musste.
    Endlich wendete sich die Gräfin von ***, die unter den Vorbitterinnen sich
am geschäftigsten erwiesen hatte, an den Herrn von Hohenauf, der bei der ganzen
Szene sich noch nicht getrauet hatte, ein Wort zu äussern. Sie bat ihn, dem
Geburtsfeste seiner Gemahlin zu Ehren, den Gefangenen loszulassen.
    Der Herr von Hohenauf, mit eiskaltem Schweisse vor der Stirne, konnte mehr
nicht als ein gestammeltes »In der Tat ... meine gnädige Gräfin ...«
hervorbringen. Es war ihm wirklich gleich unmöglich, einer so vornehmen Dame
eine so kleine Bitte abzuschlagen als wider den ausdrücklich erklärten Willen
seiner Gemahlin etwas zu tun.
    Die Gräfin, die ihren Mann sogleich übersah, wendete sich abermal an die
Frau von Hohenauf, nahm sie bei der Hand und sagte mit liebreizender Miene: »Die
Göttinnen können nicht Rache halten, sondern lieben die Vergebung. Kein
Götterfest kann ohne Wohltun vollbracht werden. Ich fordere den Gefangenen von
Ihnen als ein Dessert bei der Abendtafel; wollen Sie uns ohne Dessert lassen
nach Hause fahren?«
    Die Frau von Hohenauf hatte unter diesen Reden Zeit gehabt, sich zu
besinnen, was der Anstand erfordere; sagte also mit gezwungen verbindlicher
Miene: »Sie verlangen von mir eine Sache, wider die ich gar nichts einzuwenden
habe, sondern die bloss von dem Herrn von Hohenauf abhängt. Der ist Erb-,
Lehns-und Gerichtsherr.«
    »Nun, mein gnädiger Herr von Hohenauf«, sagte die Gräfin, indem sie sich zu
ihm wendete, »habe ich eine Fehlbitte getan?«
    Dieser, mit einem Male seit einer halben Viertelstunde wieder tief frische
Luft schöpfend, machte einen sehr tiefen Reverenz und murmelte einige Worte her,
die, obgleich unverständlich, doch nichts anders als seine Einwilligung bedeuten
konnten.
    Sobald die Gräfin davon gewiss war, so riss sie Säuglingen, der über dem
grossen Lärmen voll Todesangst dagestanden hatte, den Hut aus den Händen, warf
einige Karolinen hinein und gab ihn ihm zurück. Dieser, erfreut über den Wink,
ahmte ihr nach und ging mit dem Hute in der Hand zu allen anwesenden Gästen, in
der ehrenvollen Beschäftigung, für bedürftige Unglückliche eine Beisteuer zu
sammeln, schämte sich auch nicht, aus Freuden über den glücklichen Ausgang einer
Sache, über die ihm von Anfange an das Herz geklopft hatte, manche Träne fliessen
zu lassen, worin ihm die Gräfin und noch mehrere schöne Augen Gesellschaft
leisteten. Indem dieses geschah, führte die Gräfin die zitternde Adelheid zur
völligen Versöhnung in ihrer Mutter Umarmung und erhielt auch, mit einiger Mühe,
für Marianen die Erlaubnis, wieder zu erscheinen und durch Küssung des Rocks der
Frau von Hohenauf um Vergebung zu bitten, dass sie menschlich gedacht hatte.
    Die Gesellschaft ging darauf in den grossen Saal, um sich zum Spiele zu
setzen. Säugling aber, der sich ein viel süsseres Vergnügen vorbehielt, schlich
nach dem Hinterhofe, liess einen Wagen anspannen, erlösete den ganz betäubten
Jakob aus dem Gefängnisse, führte ihn selbst wieder zu seiner bisher verlassenen
Familie und schüttete die ansehnliche Summe, die er für sie gesammelt hatte, in
den Schoss der Hausmutter aus, die bei so vielem Glücke, das auf so viel Unglück
so schnell folgte, vor Freuden verstummte. Er genoss die Wollust, das Haus des
Elends und des Klagens in ein Haus der Freude verwandelt zu sehen, genoss den
stammelnden Dank des Hausvaters und der Hausmutter, empfand den Druck der
kleinen Hände der Kinder, die vor Freude weinend an seine beiden Seiten hingen,
und neigte sich liebreich zu den lallenden kleinen Kranken, die, von ihren
Eltern ermuntert, aus dem Strohlager ihre matten Hände emporzuheben suchten, um
ihrem Wohltäter zu danken.
    Er hätte sehr gern Marianen mitgenommen, um sie diese süsse Szene, die Frucht
ihrer menschenfreundlichen Anlage, mit geniessen zu lassen, wenn er nicht die
Denkungsart seiner Tante allzu genau gekannt hätte. Er hatte ein für schöne
Handlungen empfindliches Herz, und obgleich seine kleine Eigenliebe nicht
ermangelte, ihm darüber ein Kompliment zu machen, dass dieser Endzweck durch sein
Drama erreichet worden, so war er doch durch Marianens grossmütige Gesinnungen,
deren ganzes Verdienst um die unglückliche Familie er jetzt erst in seinem
völligen Umfange erfahren hatte, äusserst gerührt. Er stieg bei seiner
Zurückkunft sogleich in ihrem Zimmer ab, und nachdem er ihr von seiner kurzen
Fahrt Bericht erstattet hatte, liess er seiner warmen Empfindung freien Lauf, er
pries sie als die Ehre ihres Geschlechts, als die schönste Seele, welche ihrer
Tugend wegen das glücklichste Schicksal verdiente.
    Mariane, voll von dem heitern Vergnügen des edelmütigen Wohltuns, aber von
allem Dünkel entfernt, sagte: »Loben Sie mich einer Kleinigkeit wegen nicht
allzusehr! Ich habe nur eine sehr gemeine Pflicht beobachtet; denn Sie werden
doch nicht glauben, dass eine weibliche Seele solcher Empfindungen weniger fähig
sei, die billig ein jeder Mensch haben sollte.«
    Indem sie dieses sagte, warf sie, ohne es selbst zu wissen, auf Säuglingen
einen Blick, der seine ganze Seele traf, einen Blick, wovon diejenigen, die er
jemals traf, versichern, dass er tief empfunden werde, aber dass sich seine
Wirkung nicht beschreiben lasse. Professor Stiebritz, der Wolffische Philosoph,
würde ihn vielleicht folgendermassen definiert haben: Es sei ein Blick gewesen,
wodurch auf einmal Säuglings symbolische Kenntnis von Marianens Vollkommenheiten
anschauend geworden sei. Soviel ist gewiss, dass von diesem Augenblicke an mit
seiner Hochachtung für Marianen eine wahre Freundschaft verknüpft ward. Wenn
nun, wie man sagt, die Freundschaft zwischen Personen zweierlei Geschlechts sehr
bald einen viel zärtlichern Namen zu verdienen pflegt, so ging in diesem
Augenblicke in Säuglings Herzen eine Veränderung vor, deren ganze Wichtigkeit er
erst in der Folge spürte.
 
                               Fünfter Abschnitt
Wenig Tage darauf brachte Säugling ein Gedicht auf die Errettung des armen
Pachters zustande, welches an Marianen gerichtet und worin ihr Lob sehr klüglich
mit dem seinigen verbunden war. Mariane las dieses Gedicht mit Wohlgefallen,
denn es wehte darin eine in Säuglings Liedern sonst ungewohnte Wärme der
Empfindung, womit ihr Herz innig sympatisierte. Auch ihr Lob las sie mit
geheimem Vergnügen. Wenn es einem jungen Frauenzimmer überhaupt leicht zu
vergeben ist, dass sie sich von einem ganz artigen und witzigen jungen Menschen
nicht ungern loben lässt, wieviel eher war ihr hier zu verzeihen, da sie fühlte,
dass sie mit Wahrheit und über eine aus der unbescholtensten Neigung fliessende
Tat gelobt wurde?
    Dies war der Anfang einer nähern Bekanntschaft zwischen beiden. Sie gingen
oft, bei den ersten heitern Blicken der Sonne nach dem Winter, im Garten
spazieren. Säugling las ihr seine Gedichte vor, hörte mit innerer Zufriedenheit
ihren Beifall und liess sich auch ihre Verbesserungen sehr wohl gefallen, welche
sie ihm mit so grosser Bescheidenheit als feiner Empfindung zuweilen an die Hand
gab. Kurz, er betrachtete sie als eine Muse, die ihn zu neuem Schwunge seiner
Gedichte begeistern konnte, sie ihn als einen angenehmen Gesellschafter, der sie
ihrer Neigung nach mit Lektur und Gesprächen angenehm zu unterhalten wusste.
    Anfänglich hatten beide bei ihrem vertrauten Umgange keine andere Absicht
als diese. Da Säugling aber Marianen täglich sah und täglich an ihrer Person und
an ihrem Geiste neue Schönheiten entdeckte, so verlor er sich endlich in
Bewunderung. Er empfand, er wusste nicht was, und betrug sich dabei, er wusste
nicht wie, daher er in seinem Wesen trübsinnig und ängstlich ward. Als nun
Mariane, der wahren Ursach unwissend, ihn darüber zuweilen in einem Anfalle von
lustiger Laune ein wenig aufzuziehen pflegte, so geriet er in noch grössere
Verlegenheit und trauete sich nicht, nur ein Wörtchen von seinen innigen
Gefühlen zu sagen. Er nahm seine Zuflucht zur Dichtkunst und liess in die
Gedichte, die er Marianen vorlas oder sie selbst lesen liess, unvermerkt ganz
kleine Züge seiner Empfindung einfliessen, aber mit vieler Zurückhaltung, wie ein
furchtsamer Mensch, schüchterner Poet und bescheidener Liebhaber. Mariane fühlte
keine von allen diesen feinen Anspielungen. Säugling wusste nicht, was er
beginnen sollte, ward noch ängstlicher in seinem Betragen, verehrte Marianen
stillschweigend, kam allem ihrem Begehren aufs dienstwilligste zuvor, hielt sich
sehr belohnt, wenn er einen lächelnden Blick von ihr erhielt, und in Ermangelung
dessen war es schon Seligkeit, wenn er sie nur sehen und mit schweigender
Zärtlichkeit aus ihren Augen die Nahrung seines Daseins ziehen konnte.
    Es ist leicht zu erachten, dass er alle Gelegenheiten, in Marianens
Gesellschaft zu sein, werde mit Sorgfalt aufgesucht haben; aber auch dabei musste
er sehr behutsam zu Werke gehen. Die Gesinnungen der Frau von Hohenauf waren ihm
so genau bekannt, dass er schon bei dem Gedanken zitterte, sie möchte von seiner
Zuneigung zu Marianen etwas merken.
    Mariane war ohnedies seit dem unglücklichen Geburtsfeste noch in Ungnade, ob
ihr gleich die Frau von Hohenauf dem Anscheine nach vergeben hatte. Es halfen
keine reichen Garnituren, womit sie die Kleider der gnädigen Frau schmückte,
kein neuer Kopfputz, nach dem letzten Geschmacke gesteckt, nicht dreifache
Manschetten von den feinsten Netzchen, die ihre kunstreiche Hand mit Blumen von
Kammertuch unterlegt und mit fünferlei Pointstichen durchbrochen hatte. So
angenehm auch diese Opfer waren, wodurch der Zorn der Frau von Hohenauf sollte
versöhnt werden, so schienen doch Marianens Sünden fast in die Klasse der
unvergeblichen zu gehören: sie hatte den Fräulein nicht nur die bürgerliche
Herkunft ihrer Mutter entdeckt, sondern sie sogar mehr zu guten Menschen als zu
Putzdamen erziehen wollen.
    Daher war die Frau von Hohenauf seit der Zeit gegen Marianen mehr als
gewöhnlich zurückhaltend und wiederholte öfter noch die weisen Lehren, gute
Romane zu lesen und den Fräulein das air allemand abzugewöhnen. Dass Mariane sich
unterstehen könnte, den Fräulein deutsche Bücher in die Hände zu geben, wäre der
Frau von Hohenauf gar nicht in den Sinn gekommen. Unglücklicherweise aber traf
sie einst Fräulein Adelheid, welche aus der »Bestimmung des Menschen« ihrer
Hofmeisterin die »Menschlichen Erwartungen«23 vorlas. Die Frau von Hohenauf, die
durchaus nicht wollte, dass ihre Töchter andere Erwartungen haben sollten, als
geputzt, bewundert, angebetet, reiche und galante Frauen und womöglich Hofdamen
zu werden, konfiszierte augenblicklich das Buch, schon als deutsch. Nachdem sie
aber eine halbe Viertelstunde lang den Inhalt untersucht hatte, warf sie es mit
grossem Ungestüme in den Kamin, als höchstverderblich für alle Fräulein, die in
der grossen Welt ihr Glück machen wollen.
    Von diesem Augenblicke an war das Vertrauen der Frau von Hohenauf zu
Marianen so sehr vermindert, dass es jedermann wahrnahm. Nun glich dieses
vornehme Haus vollkommen einem Hofe, wo dem, der in Ungnade fällt, von allen
Hofleuten der Rücken zugekehret wird; daher vermieden alle Hausgenossen
Marianen, und auch Säugling musste aus Furcht, Aufsehen zu erwecken, oft die
besten Gelegenheiten vorbeigehen lassen, sich mit ihr zu unterhalten. Dieser
Zwang ward ihm in kurzem sehr peinlich, und wenn er sich nicht noch durch
Versmachen hätte Luft schaffen können, würde seine ohnedies eben nicht starke
Seele von der Beklemmung zusammengedrückt worden sein. Seine Liebe zu Marianen
fing an, durch die Hindernisse noch inniger zu werden, und sie zu verschweigen
ward ihm nach und nach unerträglich; daher nahm er sich vor, so bald als möglich
das Stillschweigen zu brechen.
    An einem heitern Maitage ging Mariane nach dem Mittagsessen in den Garten.
Säugling folgte ihr von weitem, und als er so weit vom Hause entfernt war, dass
er nicht bemerkt zu werden glaubte, eilte er ihr nach, um sie einzuholen. Sein
Herz klopfte ihm über dem mutigen Vorhaben, ihr seine so lange verschwiegene
Liebe zu offenbaren; je näher er ihr kam, desto mehr goss sich ein zärtliches
Schaudern durch alle seine Glieder, und da er sie endlich erreichte und sie
stehenblieb, um ihn zu bewillkommen, sah er starr in ihre hellblauen Augen, die
Zunge stammelte, der Atem fehlte ihm, und nach einem Stillschweigen von
andertalb Minuten sagte er endlich:
    »Es ist heute wirklich recht sehr schönes Wetter.«
    »Die Bemerkung ist eines so witzigen Kopfes recht sehr würdig!« sagte
Mariane lächelnd. »Sie hatten in der Tat das Ansehen, als ob Sie mir etwas
Wichtigeres sagen wollten.«
    Säugling, durch diese Antwort niedergeschlagen, sah sie abermal starr an und
schwieg einige Minuten lang stille.
    »Aber wie kommt es«, fuhr Mariane fort, »dass Sie heute eine so tragische
Physiognomie annehmen? Sehen Sie, wie alles um Sie herum erfreut ist, diese
blaue Veilchen, wie sie hervorsprossen und angenehmen Duft verbreiten.« Hier
pflückte sie einige Veilchen und überreichte sie ihm. Säugling nahm den Strauss
an, betrachtete ihn und seufzte.
    »Wie sind doch die schönen Geister so nachsinnend! Mich dünkt, ich sehe es
an Ihren Augen, dass Sie denken:
    Ich sah den jungen Mai,
    Seine Silberglocken
    Hingen um den Schlaf.
    Als er vom Himmel fuhr,
    Blühten alle Wipfel;
    Als er den Boden trat,
    Liess er Violen und Hyazinten im Fusstritt zurück.«24
Säugling schlug die Augen auf und antwortete: »Ach nein, meine Seele ist zu
voll, um die Schönheiten der Natur zu empfinden.« »Ausgenommen die Schönheit des
Wetters?«
    »Spotten Sie meiner nicht. Bloss weil ich meine innigsten Gedanken mich nicht
zu sagen getrauete, sagte ich etwas ganz Gemeines. - Ach, Mariane, Sie haben
recht, ich hätte Ihnen etwas viel Wichtigeres zu sagen ...«
    »Nun, so sagen Sie doch an!«
    »Sehen Sie diese Veilchen, sie sind klein, aber verbreiten süssen Duft. Die
allgewaltige Kraft der Sonne lockt sie aus der Erde hervor, ohne sie würden sie
weder blühen noch duften. Ach, meine Mariane, ich bin dieses Veilchen, Sie sind
meine Sonne!«
    Mariane errötete, und nachdem sie eine halbe Minute lang Luft geschöpft
hatte, sagte sie mit niedergeschlagenen Augen: »Sie haben mich für meinen
kleinen Scherz doppelt bezahlt; ich werde mich hüten müssen, wieder zu
scherzen.«
    »O schönste Mariane, suchen Sie nicht Scherz aus einer Sache zu machen, die
mir so ernstaft ist. Schon lange hat Sie mein Herz stillschweigend angebetet,
aber nun kann ich nicht mehr schweigen. Ich muss Ihnen sagen, was ich für Sie
empfinde, dass ich Ihre Schönheit, Ihre Tugend verehre - darf ich es sagen -, dass
ich Sie liebe, dass ich nie aufhören werde, Sie zu lieben, dass ich ...«
    »Nein! Wahrlich! Sie machen, dass ich mich wegbegeben muss.« Sie trat einen
Schritt zurück.
    »Grausame! So können Sie mich verlassen? Nein, zu Ihren Füssen wiederhole ich
Ihnen, dass Sie meine ganze Seele liebt, dass ich ewig ...«
    »Ich bitte Sie, stehen Sie auf!«
    »Nein! Ich stehe nicht auf, bis Sie mein Schicksal bestimmen, bis Sie mir
sagen, ob ich hoffen darf, von Ihnen wiedergeliebt zu werden.«
    »Ich bitte Sie noch mal, stehen Sie auf. Was soll man von uns denken, wenn
jemand dieses Weges kommt. Sie wissen, dass ich Sie beständig geschätzt habe, so
wie Sie es auch verdienen - aber Sie wissen auch selbst, unsere beiderseitige
Lage ist so beschaffen, dass zwischen uns keine nähere Verbindung stattfinden
kann.«
    »Warum nicht? Warum nicht? Lassen Sie mich nur in Ihr Herz sehen, lassen Sie
mich erfahren, ob es mich wiederliebt, und alle Schwierigkeiten verschwinden. -
Sagen Sie, schönste Mariane, ich beschwöre Sie, ob Sie mich hassen können?«
    »Stehen Sie doch nur auf! - Ich habe Sie nie gehasset.«
    »Wie könnten Sie auch mich hassen, da ich Sie aufs innigste liebe! Aber darf
ich für die reinste, für die zärtlichste Liebe von Ihnen Gegenliebe hoffen?«
Hier küsste er ihr voll Inbrunst die Hand.
    Mariane errötete abermals. »Ich bitte Sie, dringen Sie nicht ferner in
mich!«
    »Lassen Sie mich mein Schicksal erfahren. Darf ich hoffen, so bin ich der
glücklichste Sterbliche. Fragen Sie Ihr Herz, lassen Sie mich dessen
Empfindungen wissen. Sie seufzen? Wie glücklich wäre ich ...«
    »Dringen Sie nicht ferner in mich. - Mein Herz hat Sie beständig geschätzt,
aber ...«
    »O wie glücklich bin ich! Sie lieben mich, Schönste!« Hier küsste er abermal
ihre Hand. Mariane zog die Hand zurück und richtete ihn auf.
    »Ich bitte Sie, stehen Sie auf und geben Sie nicht einer wilden Leidenschaft
Gehör. In der Hitze derselben denken Sie, was Sie vielleicht bei kälterer
Überlegung ...«
    »Wie, ich sollte untreu, ich sollte unbeständig werden? Nein, meine
Schönste! Bestätigen Sie mir nur, dass ich Ihre Liebe hoffen darf, und meine
Liebe wird nicht wanken, es mag auch geschehen, was da wolle. Die Liebe wird
mich lehren, den äussersten Gefahren zu trotzen.«
    »Warum wollen Sie aber sich und mich den äussersten Gefahren blossgeben?
Unterdrücken Sie lieber eine Leidenschaft, die Sie und mich nicht glücklich
machen kann. Ich will aufrichtig mit Ihnen reden. Mein Herz hat Sie nie
gehasset. Sie haben viel liebenswürdige Eigenschaften, die ich hochschätzen muss,
aber ich wiederhole es nochmals, geben Sie der Vernunft Gehör und bedenken Sie,
dass unüberwindliche Schwierigkeiten ...«
    »Oh, meine Schönste, der Liebe sind keine Schwierigkeiten unüberwindlich.
Lieben Sie mich nur ...«
    »Wir wollen lieber die Schwierigkeiten vermeiden, als sie zu überwinden
suchen. Ich schätze Sie aufrichtig hoch, damit sein Sie zufrieden. Ich werde
beständig Ihre wahre Freundin sein, aber ...«
    Indem sie dieses sagte, trat wider alles Vermuten hinter einer geschnittenen
Hecke die Frau von Hohenauf hervor, die, seit der letzten Entdeckung von
Marianens deutscher Lektur misstrauisch, beständig alle ihre Schritte beobachtet
hatte. Sie schalt ihren Neffen heftig aus wegen seiner niederträchtigen Neigung
gegen ein gemeines Mädchen. Der armen Mariane aber machte sie die bittersten
Vorwürfe, dass sie einen jungen Menschen von Stande verführen wollte, welchen
Ausdruck sie oft wiederholte. Sie verbot ihr aufs nachdrücklichste, ihren Neffen
je wieder allein zu sehen, und liess sie auch von der Zeit an nicht einen
Augenblick aus den Augen.
    Indes würde ihr freilich diese genaue Aufsicht auf zwei Liebende bald sehr
beschwerlich geworden sein, wenn nicht zwei Tage darauf Herr Rambold, der
Hofmeister, den der alte Säugling seinem Sohne sendete, angelanget wäre. Sie
säumte also nicht, sondern schickte beide nach ein paar Tagen auf die
Universität, wohin sie bestimmt waren, und empfahl dem Hofmeister, auf Säuglings
Aufführung ein wachsames Auge zu haben.
    Der verliebte Säugling war trostlos. Seine Seele zerschmolz in Zärtlichkeit,
aber war auch von Zärtlichkeit so voll, dass kein einziger Gedanke, wie es
möglich sein sollte, Marianen vor seiner Abreise zu sehen, darin Platz finden
konnte. Je mehr er daran dachte, desto unmöglicher schien es ihm. Ihm fiel
keines von den sinnreichen Mitteln ein, welche die Romanenschreiber unserer
lehrbegierigen Jugend so freigebig an die Hand geben, zum Beispiel auf einer
Strickleiter ins Fenster zu kriechen; sich in einen Kasten sperren und zu ihr
bringen zu lassen; sich einen doppelten Schlüssel zu verschaffen, um ihre Türe
zu öffnen; ja nicht einmal die einfältigen auch ausser Romanen so oft ausgeübten
Mittel, das Kammermädchen zu bestechen oder unter dem Fenster der Schönen hin
und her zu spazieren und so lange zu husten oder zu pfeifen, bis sie am Fenster
erscheine. Da ihm also gar kein Anschlag in den Sinn kommen wollte, so musste er
mit schwerem Herzen abreisen, ohne von seiner Geliebten Abschied zu nehmen.
    Als er an den Ort seiner Bestimmung anlangte, nahm seine Traurigkeit sehr
zu. Er wendete sich zu seiner gewöhnlichen Zuflucht, der Dichtkunst, und schrieb
eine Heroide unter dem Namen des Leander an die Hero, worin er seinen ganzen
zärtlichen Schmerz über die Abwesenheit seiner Geliebten auszudrücken suchte.
Nachdem er damit meist fertig war, fiel ihm plötzlich der Gedanken ein, dass er
nicht die geringste Hoffnung habe, diese Epistel seiner Geliebten in die Hände
zu bringen. Er ging mit dem Papiere in der Hand in seinem Zimmer so tiefsinnig
auf und nieder spazieren, dass er seinen Hofmeister nicht eher erblickte, als bis
derselbe vor ihm stand, ihm das Papier aus der Hand nahm und es lächelnd
durchlas.
    Säugling sank vor Schrecken beinahe nieder, weil er für sich und seine
Geliebte aus dieser Entdeckung die schlimmsten Folgen fürchtete.
Glücklicherweise für ihn gehörte Rambold nicht zu den mürrischen Hofmeistern,
die ihrer untergebenen Jugend alles Vergnügen versagen. Vielmehr hatte er sehr
politisch berechnet, dass ein junger reicher Patrizier nur ein oder zwei Jahre
auf Universitäten von seiner Aufsicht abhange, hingegen hernach viel länger -
weil Väter sterblich sind und so weiter - seines Vermögens geniessen und seinem
Hofmeister eine kleine bewiesene Gefälligkeit reichlich vergelten könne. Anstatt
also Säuglingen zu schelten, zog er ihn bloss wegen seiner zuckersüssen
Empfindungen ein wenig auf, denn er war ein witziger Kopf, der in den
verschiedenen Stationen seines Lebens die Seele aller Kotterien, Schmäuse und
Trinkgesellschaften gewesen war. Endlich, um Säuglingen, der noch immer in
grosser Verlegenheit dastand, gänzlich zu beruhigen, versprach er ihm treuherzig,
er wolle es selbst seine Sorge sein lassen, die zärtliche Epistel in Marianens
Hände zu bringen. Er sagte ihm auch, dass er dies durch Hilfe des Kammermädchens
der Frau von Hohenauf bewerkstelligen werde; denn er hatte mit derselben während
seines zweitägigen Aufentalts auf dem Gute des Herrn von Hohenauf eine so
vertraute Bekanntschaft gemacht, dass er ihr eine solche Verrichtung gar wohl
glaubte auftragen zu können.
    Unterdes befand sich Mariane in grosser Unruhe. Säuglings Zuneigung zu ihr
hatte schon lange vorher, ehe er sie gestand, ihrer weiblichen Scharfsichtigkeit
nicht entgehen können. Sie hatte Wohlgefallen daran gehegt, nur als an der
blossen Höflichkeitsbezeugung eines artigen jungen Menschen, ohne zu denken, dass
diese sich jemals in eine feurige Liebe verwandeln oder dass diese Liebe Eindruck
auf sie machen könne. Als er nach seiner Liebeserklärung zugleich in demselben
Augenblicke von ihr getrennet ward, fand sie zwar ihr Herz tief verwundet,
glaubte aber, dass dies von ihrer beleidigten Empfindlichkeit und vom Widerwillen
gegen die Härte der Frau von Hohenauf herrühre. Nur nach Säuglings Abreise, da
sie in der Heftigkeit ihrer Leidenschaft sich vorstellte, dass sie ihn nie
wiedersehen würde, merkte sie erstlich, vor sich selbst errötend, wie sehr sie
ihn liebte. Bald war sie zornig, dass er nicht von ihr Abschied genommen hatte,
bald entschuldigte sie ihn mit dem Gedanken, wie untröstlich er selber sein
müsse; und dieses Bild ihrer Einbildungskraft selbst machte ihn ihrem Herzen
liebenswürdiger. Jeden Ort, wo sie ihn gesehen hatte, besuchte sie mit einer
zärtlichen Schwermut, und des Nachts stand sein geliebtes Bild beständig vor
ihren Augen.
    Einst ergriff sie von ungefähr die »Lettres d'une réligieuse portugaise«,
die sie auf Befehl so oft ihren Fräulein ganz ruhig vorgelesen hatte. Sie
erstaunte darüber, dass ihr jetzt die Bilder so belebt, die Klagen so
herzrührend, die Empfindnisse so tief aus der Seele herausgezogen schienen,
welches alles sie vorher gar nicht bemerkt hatte. So sehr wahr ist es, dass
Bücher voll verliebter Empfindungen, die auf den Weisen und Gleichgültigen wenig
Eindruck machen, in ein junges unerfahrnes Herz, das den ersten Eindrücken
dieser gefährlichen Leidenschaft offensteht, das süsse Gift weit tiefer
hineinflössen als selbst die Reden des Geliebten. Die erhitzte Einbildungskraft,
mit ihren eigenen Geschöpfen nach Belieben spielend, stellt die Empfindnisse
viel reiner und inniger vor, als sie in der wirklichen Welt sein können, in der
sie mit hundert ganz gemeinen gleichgültigen Umständen vermischt und dadurch
gemildert werden.
    Nun wurden die Briefe der portugiesischen Nonne Marianens tägliche Lektur.
Sie wünschte, dass ihr Säugling solche Briefe voll Liebe und Beständigkeit
schreiben möchte als der Ritter v.C., und sie gelobte sich selbst, ihm mit
ebensoviel Inbrunst und Sehnsucht zu antworten als dessen Geliebte. In einem
Briefwechsel dieser Art sah sie eine so anmutige Beschäftigung voraus, dass sie
die Zeit nicht erwarten konnte, bis er seinen Anfang nehmen würde. Es waren
schon einige Wochen verlaufen, und sie hatte schon alle zärtliche Gründe
ererschöpft, um das Stillschweigen ihres Geliebten zu entschuldigen, als ihr das
Kammermädchen Säuglings Heroide, mit einem prosaischen Briefe begleitet,
übergab, worin er alles ausgedrückt hatte, was er bei ihrer beiderseitigen
Trennung empfand, und sie beschwor, ihn wenigstens schriftlich wissen zu lassen,
dass sie gegen seine Zärtlichkeit nicht unempfindlich sei, wozu er ihr das
Kammermädchen als ein sicheres Werkzeug empfahl.
    Die verliebte Mariane las beide Sendschreiben mit heftiger Begierde und
überlas sie fünf- oder sechsmal mit noch innigerm Vergnügen. Als sie sich aber
niedersetzen wollte, um sie zu beantworten, durchdrang sie die unaussprechliche
Empfindung eines wohlgezogenen Frauenzimmers, die immer mit gewissenhafter
Strenge ihre Pflichten beobachtet und noch nie einen Schritt getan hat, den sie
hätte verhehlen dürfen. Errötend erschrak sie vor sich selbst. Ob ihr gleich in
den süssen Vorstellungen ihrer Einbildungskraft oft der Wunsch entfahren war, die
Feder ansetzen zu können, um ihre innersten Neigungen auszudrücken, so sank sie
ihr doch nun aus der Hand, und je öfter sie es versuchte, desto mehr verlor sie
den Mut, es zu wagen. Auch half es nichts, dass das Kammermädchen mehrmals
erinnerte, ihr auf den Brief eine Antwort zu geben. Im Gegenteile, da das
dienstwillige Mädchen, welcher die feinen Skrupel, die Marianens Gemüt
beunruhigten, in ihrem Leben nie in den Sinn gekommen waren, die ganze Sache
sehr auf die leichte Achsel nahm, so musste dies noch widrigere Wirkung tun,
indem Marianens Zartgefühl dadurch die Sache von einer Seite zu betrachten
anfing, von der sie bald den Blick wegwandte, aus Furcht, allzusehr darüber
nachzudenken.
 
                               Sechster Abschnitt
Säugling war von allem Troste verlassen, als er erfuhr, dass Mariane weder seine
Poesie noch seine Prose einer Antwort würdigen wolle. Er hielt sich für den
unglücklichsten unter allen Menschen und wusste, da seine Dichtkunst die
erwartete Hilfe nicht leistete, jetzt bloss zu bittern Tränen seine Zuflucht zu
nehmen. Rambold hingegen, der bei weniger Zärtlichkeit etwas mehr Erfahrung besss
und dem das Kammermädchen auch in ihrem Antwortschreiben einen gewissen Wink
gegeben hatte, tat keck den Vorschlag, dass Säugling in seiner Gesellschft
insgeheim nach dem Gute der Frau von Hohenauf reiten und Marianen besuchen
sollte. Säugling erschrak vor diesem Gedanken, sowohl wegen dessen Folgen als
wegen der Beschwerlichkeit eines Ritts von fünf Meilen. Allein Rambold wusste
diese Bedenklichkeiten mit seinem gewöhnlichen Witze lächerrlich zu machen, so
dass Säugling anfing, diesen Vorschlag nur von der angenehmen Seite zu
betrachten, und darinwilligte.
    Sie ritten also an einem schönen Sommermorgen aus, und Säugling, über seinen
eigenen Mut erstaunt, kam sich, nachdem er eine Meile zurückgelegt hatte und die
Beschwerlichkeiten der Reise zu empfinden anfing, als ein anderer Leander vor,
der durch die Gefahr der wilden Wellen zu seiner geliebten Hero eilte. Sie
langten des Abends sehr ermüdet auf einem Vorwerke an, das etwa zweihundert
Schritte von dem Dorfe entlegen war. Des andern Morgens sehr früh ermannte sich
Säugling, seiner Müdigkeit ungeachtet, und wanderte mit Rambold nach dem
herrschaftlichen Garten, in den sie durch eine von dem schlauen Kammermädchen
geöffnete Hintertür traten. Sie führte Säuglingen ferner nach einer etwas
abgelegenen grünen Laube, wo Mariane, in der Meinung, ganz allein zu sein, mit
süsser Schwermut Säuglings Heroide las.
    Marianne tat einen lauten Schrei, als sie ihn erblickte, und wollte
forteilen. Ihre Füsse versagten ihr aber glücklicherweise diesen Dienst, denn der
zitternde Säugling war selbst in so grosser Verlegenheit, dass er schwerlich
Besonnenheit genug gehabt haben würde, sie zurückzuhalten. Er stand mit
herunterhängenden Händen wie ein stummes Bild da, und es währte einige Minuten,
ehe er mit stammelnder Zunge eine Entschuldigung seiner Verwegenheit vorbrachte.
Da er in Marianens Augen keinen Zorn wahrnahm, so fasste er das Herz, sich ihr zu
Füssen zu werfen, ihr nochmals die ganze Innigkeit seiner Liebe zu entdecken und
sie um Gegenliebe anzuflehen. Mariane wollte noch zurückhalten, aber sie konnte
ihrer innern Zärtlichkeit selbst nicht Widerstand tun und entdeckte, unter
sanftem Erröten, alles, was sie für ihn fühlte. Säugling glaubte in den dritten
Himmel versetzt zu sein, dankte ihr mit den herzrührendsten Ausdrücken, und
beide schworen sich unverbrüchliche Treue und Zärtlichkeit.
    Sie hatten sich so viel zu sagen, dass einige Stunden vergingen, ehe sie
voneinander schieden. Die Wollust dieser Unterredung war zu gross, als dass nicht
noch mehrere gleich geheime Zusammenkünfte auf diese hätten folgen sollen, in
denen beide Liebenden ihre Herzen aufs genaueste miteinander vereinigten und den
süssesten Reiz in dem Versprechen fanden, alles Widerstandes ungeachtet sich ewig
zu lieben.
    Indes hatte die Frau von Hohenauf insgeheim erfahren, dass Mariane täglich
sehr früh aufstände, in den Garten ginge und sich daselbst einige Stunden
aufhielte. Sie schlich ihr eines Tages nach, ohne die wahre Ursache nur im
geringsten zu vermuten, und behorchte das verliebte Paar, als sie eben in der
zärtlichsten Unterredung waren. Sie kam ausser sich vor heftiger Wut, fuhr wie
eine Furie auf die arme Mariane los, belegte sie mit den schimpflichsten Namen,
stiess sie aus der Laube weg; und indem sie dem ganz erschrockenen Säugling, der
wie eine unbewegliche Bildsäule dastand, zuschrie, ihr nimmermehr wieder vor die
Augen zu kommen, schleppte sie die halbtote Mariane nach dem Hause zu.
    Säugling stand noch einige Zeit in zitternder Untätigkeit, bis er sich
endlich besann, es werde am besten sein, wegzugehen. Er fand aber zu seinem
grossen Erschrecken die Hintertür des Gartens verschlossen. Rambold, der sich mit
dem Kammermädchen in einem etwa fünfzig Schritte von der Laube entfernten
ziemlich dichten Gebüsche befand, vielleicht um ihr ein Kapitel aus dem vierten
Bande der »Insel Felsenburg« zu erklären, war bei dem ersten Lärmen
davongelaufen und hatte in der Eil die Türe hinter sich zugeschlagen. So sah
sich der arme Säugling allein und eingeschlossen und wusste nicht, was vor Angst
beginnen. Er konnte keinen Ausgang finden; denn über die Mauer zu steigen, ob
sie gleich nicht sehr hoch war, war für ihn eine unmögliche Sache; er fing also
an zu zittern, als wäre er in der Gewalt seines ärgsten Feindes. Nachdem er aber
eine Viertelstunde im Garten in der Irre gelaufen war, fiel ihm endlich ein, dass
die grosse Gartentüre offen sein möchte. Sie war es wirklich, und er ging, ohne
von jemand bemerkt zu werden, mit Zittern und Zagen durch den Hof und durch das
Haus auf die freie Strasse des Dorfs.
    Nun eilte er mit verdoppelten Schritten nach dem Vorwerke, wo er die Pferde
schon gesattelt und Rambolden seiner erwartend antraf. Sie setzten sich sogleich
zu Pferde, Säugling in der grössten Traurigkeit, die durch Rambolds Lustigkeit
und Schrauberei nicht zu mildern war. Sie brachten auf der Zurückreise zwei Tage
zu, demungeachtet legte sich Säugling sogleich bei der Ankunft ins Bette, um
sich teils von einem Fieber heilen zu lassen, welches die Gemütsbewegung, teils
von einigen andern kleinen Beschwerlichkeiten auszuruhen, welche ein Ritt von
fünf Meilen seinem zarten Körper zugezogen hatte.
    Der unglücklichen Mariane ward von der Frau von Hohenauf mit der äussersten
Härte begegnet. Keine Entschuldigung ward angenommen, die schimpflichsten
Vorwürfe wurden nicht gesparet. Ohne die Furcht, dass Säugling durch ihr Unglück
noch näher mit ihr verbunden werden möchte, wäre sie sogleich auf die Strasse
geworfen worden. Sie ward also eingesperrt, bis sich eine Gelegenheit fände, sie
gänzlich wegzuschaffen.
    Die Frau von Hohenauf besann sich, dass die Gräfin von *** bei ihrer
Anwesenheit im Diskurse beiläufig geäussert hatte, sie wünschte eine Person von
guter Aufführung und von Talenten um sich zu haben, die ihr Gesellschaft leisten
und ihr vorlesen könnte. Die Gräfin, obgleich aus einem der ältesten Geschlechte
und unter der Pracht und den Lustbarkeiten des Hofes erzogen, schätzte Verdienst
mehr als Adel und die Schönheiten der Natur und eine in der Stille
wohlverbrachte Zeit mehr als glänzenden Pomp. Dies war den Neigungen der Frau
von Hohenauf so schnurgerade zuwider, dass zuweilen zwischen ihnen einiger
Wortwechsel darüber entstanden war; daher die letztere die erstere - wie es
immer zu geschehen pflegt, wenn ein Tor gegen einen Klugen unrecht hat -
herzlich zu hassen anfing, ob sie gleich freilich dem Wohlstande gemäss eine Dame
von diesem Range äusserlich mit den grössten Freundschaftsbezeugungen überhäufte.
    »Ha«, sagte die Frau von Hohenauf, »für diesen Zieraffen wird die schöne
Mariane eine würdige Gesellschaft sein.« Hierzu kam, dass die Güter der Gräfin an
fünfundzwanzig Meilen entfernt lagen, indem sie zur Zeit des Geburtsfestes, nur
um eine Verwandtin zu besuchen, in diese Gegend gekommen war. Die Frau von
Hohenauf schrieb also an die Gräfin und trug ihr Marianen zur Gesellschafterin
an, doch ohne die wahre Ursache dieses Vorschlags im geringsten zu erwähnen. Die
Gräfin, welche sich Marianens Betragen gegen den armen Pachter noch mit
Vergnügen erinnerte, antwortete nach Wunsche.
    Nun trat die Frau von Hohenauf in Marianens Gefängnis, zwang sich zu einer
Freundlichkeit, die ihr gar nicht von Herzen ging, stellte ihr die unverdiente
Gnade vor, dass sie ihr, anstatt sie zu strafen, einen so guten Platz verschafft
habe. Sie versicherte zugleich, sie wolle alles Vergangene vergessen, verlangte
aber auch von Marianen das Versprechen, alle Verbindung mit Säuglingen
aufzuheben, ja ihm nie ihren Aufentalt zu melden.
    Mariane, die einige Wochen in grosser Verlegenheit über ihr jetziges und
künftiges Schicksal zugebracht hatte, war sehr erfreut, dass es eine so
glückliche Wendung nahm. Sie hatte die vortrefflichen Gesinnungen der Gräfin bei
derselben Anwesenheit kennenlernen und sah also sehr wohl ein, dass der Vorfall
mit Säuglingen derselben Zutrauen zu ihr mindern könnte. Sie versprach daher
mehr, als verlangt wurde, nämlich niemand, wer es auch sei, das geringste von
der Sache zu entdecken; ja sie versprach sich selbst, wenn sie von Säugling
nichts mehr hörte, ihn ganz zu vergessen, und hoffte dadurch wieder so ruhig zu
werden als vormals, ehe sie die Wirkungen dieser unglücklichen Liebe erfuhr.
    Um jedermann den Ort ihres künftigen Aufentalts zu verbergen, ward sie des
Nachts mit Postpferden nach einer nicht weit von den Gütern der Gräfin gelegenen
Stadt gebracht, wo ein Wagen der Gräfin auf sie wartete, um sie abzuholen.
 
                                  Viertes Buch
                                Erster Abschnitt
Sebaldus wanderte auf der von ungefähr gefundenen Landstrasse, ohne zu wissen
wohin. Er war schon ein paar Meilen einsam fortgegangen, als er von weitem einen
Fussgänger erblickte, den er einzuholen suchte. Er verdoppelte seine Schritte und
sah nun einen Mann, gekleidet in einen grauen Rock von feinem Tuche, eine runde
ungepuderte Perücke auf dem Kopfe, einen kleinen Bündel an einem Stabe auf der
Schulter tragend, der mit heller Stimme das Lied: »Wachet auf, ruft uns die
Stimme« sang. Sebaldus, ein Freund des Singens geistlicher Lieder, zumal
gewisser entusiastischer Melodien, gesellte sich zu dem Manne und summete
halblaut eine extemporierte Basspartie zu dem Liede.
    Nach dessen Endigung grüssten sich die beiden Wanderer, und Sebaldus fragte
den Fremden, wohin der Weg führe, auf dem sie gingen.
    »Nach Wustermark«, sagte der Fremde, »wo ich Nachtlager zu halten und den
andern Morgen nach Berlin zu gehen gesonnen bin.«
    Sebaldus freute sich, dass er auf dem rechten Wege war; denn ob er gleich
nach dem Verluste seiner Empfehlungsbriefe nicht wusste, was er in Berlin machen
sollte, so wusste er doch ebensowenig, was er an irgendeinem andern Orte in der
Welt hätte machen sollen.
    Er bat also den Fremden um Erlaubnis, in seiner Gesellschaft zu gehen, und
erzählte ihm den Unfall, den er auf dem Postwagen gehabt hatte.
    Jener kreuzte und segnete sich über diese Begebenheit und lobte seine eigene
Vorsicht, dass er lieber zu Fusse gegangen sei, da die Wege nach dem Frieden so
unsicher wären. »Nicht eben«, setzte er hinzu, »als ob ich viel Geld bei mir
hätte. Ich bin zufrieden, wenn ich reich bin im Heilande. Aber der Herr hat doch
meine Überlegung gesegnet.«
    Sebaldus versetzte: »Ich habe an dergleichen Vorsicht nicht gedacht, denn
ich hatte noch keinen Begriff davon, dass ein Mensch seinen Nebenmenschen mit
kaltem Blute anfallen und berauben könnte.«
    »Ach, mein lieber Bruder, die arme menschliche Natur ist ganz verderbt. Wenn
wir nicht durch die Gnade ergriffen werden, so sind wir in grundlosem,
unerforschlichem, tiefem Verderbnisse!«
    »Ei, mein Freund, von den Lastern einiger Bösewichter kann man nicht auf die
Natur der Menschen überhaupt schliessen. Wir sind von Natur nicht geneigt, wie
die wilden Tiere uns anzufallen, sondern in Gesellschaft zu leben und uns zu
unterstützen.«
    »Ach, wir armen Menschen! Wie könnten wir uns unterstützen, wenn uns die
Gnade nicht unterstützte? Wie könnten wir etwas Gutes wirken, wenn es die
alleinwirkende Gnade nicht wirkte?«
    »Freilich, wir haben alles durch die göttliche Gnade, sie wirkt aber nicht
wie der Keil auf den Klotz. Gott hat die Kräfte zum Guten in uns selbst gelegt,
hat uns Verstand und Willen, Neigungen und Leidenschaften gegeben, hat Würde und
Güte in die menschliche Natur gelegt, damit wir zum Guten tätig sein sollen und
können.«
    »O welch ein Selbstbetrug, mein lieber Bruder!« rief der Fremde mit einem
tiefen Seufzer aus. »Wenn wir Gott wohlgefällig werden wollen, so müssen wir
nichts als lauter Elend und Unwürdigkeit an uns sehen.
Wollt ihr zu Jesu Herden,
So müsst ihr gottlos werden!
Das heisst, ihr müsst die Sünden
Erkennen und empfinden,
wie ein teurer Knecht Gottes singet.25 Wir müssen an der Gnade hangen, die Gnade
alles wirken lassen, der Gnade alles zuschreiben; dann wird die Gnade in uns
erst recht gross, wenn wir recht klein, recht unwürdig werden.
Wenn wir uns mit den Siechen
Ins Lazarett verkriechen!«
Sebaldus zuckte die Achseln und sagte: »Dies sind gesalbte Schälle ohne Sinn,
die nur einer verderbten Einbildungskraft heilig scheinen. Wir besitzen Kräfte
zum Guten. Wer dies leugnen wollte, würde Gottes Schöpfung schänden, der uns so
viel Vollkommenheiten gegeben hat. Ohne den Einfluss einer übernatürlich
wirkenden Gnade können wir Tugenden und edle Taten ausüben. Oder sind etwa
Wohlwollen, Menschenliebe, Freundschaft, Grossmut, Mitleiden, Dankbarkeit nicht
Tugenden?«
    »Scheintugenden, mein lieber Bruder, weltliche ehrbare Scheintugenden. Mit
solchem Bettlermantel will der unwiedergeborne Mensch den Aussatz seiner von
Grund aus verderbten Natur bedecken! Mit diesen sogenannten Tugenden aber kann
man auf ewig in den Schwefelpfuhl geworfen werden, aus welchem keine Erlösung
ist! Wenn Tugenden nicht aus der Gnade entspringen, so sind sie geschminkte
Laster zu nennen.«
    »Wozu soll man so seltsame Benennungen erdenken? Ich vergebe zum Beispiel
den Räubern, die mich beraubt haben, ich wünsche ihre Besserung. Dies ist
sowenig die Wirkung einer übernatürlichen Gnade, dass es vielleicht bloss die
Wirkung meines Alters oder Temperaments ist. Ist dies aber deshalb Gott nicht
gefällig? Ist es ein Laster?«
    »Wenn es nicht aus Herzlichkeit zu dem blutigen Versöhner geschieht, so ist
es nichts als ein weltliches Tugendbild, eine nachgemachte Frömmigkeit, wobei
man ewig verlorengehen kann!«
    »Sprechen Sie doch nicht so! Hiermit kann man alten Mütterchen allenfalls
eine Furcht einjagen, aber man beweiset nichts. Ich habe über diese Sachen
reiflich nachgedacht und finde, dass weder eine blutige Versöhnung noch eine
ewige Verdammnis mit den erhabenen Begriffen zusammenstimmen, die wir von Gott
haben müssen, sobald wir den Begriff Gott denken wollen.«
    »Ja, ja, so geht es! Je mehr die Menschen alles durch ihre blosse Vernunft
einsehen wollen, desto weniger erkennen sie die ihnen angeborne Blindheit und
Finsternis. Mir fällt hierbei ein, was ein lieber Sohn des Heilandes sagt26: Es
ist unvermeidlich, dass Seelen, die sich nicht so ganz in das evangelische Wesen
verloren haben, dass sie ihren Bissen Brot, den sie in den Mund stecken,
gleichsam in dem Heilande verzehren, und denen das im Namen Jesu auf den Abtritt
gehen noch ein Geheimnis ist, in allerhand Bedenklichkeiten verfallen; aber die
Gnaden- und Bundesleute verstehen sich auf halbe Worte und wissen die Teilung
des Tempels des Heiligen Geistes in allen Ein-und Ausgängen ohne Kopfzerbrechen
zu machen.«
    Sebaldus starrete den Fremden an, ohne ein Wort zu sagen. Dieser glaubte
vielleicht, er verstumme aus Bewunderung oder Entzückung; er fuhr also fort:
»Ach, Lieber! Lass dich von der alleinwirkenden Gnade ergreifen! Lass dich von der
Kraft des Bundesblutes anfassen. Bete herzlich um die Wiedergeburt. Bete, dass du
bald zum Durchbruche kommen mögest. Bete, bete, ich will mit dir beten, lieber
Bruder!«
    Sebaldus sagte sehr kalt:
    »Ich pflege das Vaterunser zu beten; darin steht nichts vom Durchbruche,
nichts vom Bundesblute, nichts von der Wiedergeburt oder von der alleinwirkenden
Gnade.«
    Der Pietist schlug die Hände über sein Haupt zusammen und rief aus:
    »Welcher Unglauben! Welche fleischliche Sicherheit! O betrüge dich nicht,
Mensch! Die Ewigkeit wird kommen! Qual ohne Ende für den Sünder!«
    Sebaldus geriet in Eifer und fing an, die Ewigkeit der Höllenstrafen mit den
besten ihm beiwohnenden Gründen zu widerlegen, aber der Pietist, der sich von
jeher auf inneres Gefühl, nie aber auf Gründe eingelassen hatte, antwortete
nichts, sondern schlug nochmals die Hände zusammen, hob die Augen gen Himmel und
fing an, so laut er konnte, nachfolgendes Lied27 zu singen:
    »Zu spät ist's zu erfahren, was Höll' und Ewigkeit.
    Ach, willst du's darauf sparen, tu's nicht, heut ist's noch Zeit.
    Bekehre dich von Herzen, dass du der Qual entgehst;
    denk, dann gibt es nicht Scherzen, wenn du vorm Richter stehst.
    Der dir das Urteil fället, das Leben rund abspricht,
    zum Teufel dich gesellet des ew'gen Tods Gericht.
    O Zeter! Ach! Weh! Jammer! Welch Heulen wird da sein,
    wenn in die Marterkammer der Henker schleppt hinein.
    Dahin, wo keine Reue, kein Klagen helfen kann,
    die Marter geht aufs neue nach tausend Jahren an!
    Da ist kein Glied so kleine, das nicht sein Leiden hat;
    der Leib, der fühlt das seine, die Seel' auch früh und spat.
    In grosser Furcht und Schrecken, in finstrer Dunkelheit,
    wird die Verdammten decken, Angst, Grauen, Traurigkeit;
    die Zähne werden klappen für Frost und grosser Hitz
    und werden blindlings tappen nach einem frischen Sitz.
    Sie werden ewig fallen ins Loch, das keinen Grund,
    und aufeinanderprallen zusammen in den Schlund,
    sich beissen, fressen, nagen, sich fluchen, lästern stets,
    der Tod wird sie recht plagen, ohn Ende: Seht, so geht's!
    So geht es den Verfluchten in ihrem Höllenloch,
    den Schlemmern und Verruchten, ach, glaubt's, glaubt's doch.
    Wollt ihr daran noch zweifeln? So wahr ist's, so wahr Gott,
    ihr fahret zu den Teufeln, wo ihr das halt't für Spott!«
Dies Lied sang Sebaldus nicht mit, vielmehr zeigte er unter Absingung desselben
sichtbare Kennzeichen der Ungeduld. Nach dessen Endigung geriet er einige
Minuten lang in ein tiefes Nachsinnen und fragte endlich seinen Mitwanderer:
    »Sind Sie denn also ein Wiedergeborner?«
    »Ja«, antwortete er mit sehr sanfter Stimme, »das bin ich durch Gottes
Gnade. Vor drei Jahren, den 11. September, nachmittags um 5 Uhr, hatte ich
zuerst das selige, innere Gefühl der Gnade, die bei mir zum Durchbruche kam;
seitdem habe ich an der Gnade beständig gehangen, bin nie der Gnade satt
geworden.«
    »Also glauben Sie doch gewiss, ewig selig zu werden?«
    »Ach ja! Dessen bin ich gewiss:
Denn ich will stets ein Bienelein
Auf des Lammes Wunden sein
Und fahren so in'n Himmel 'nein.«
»So! Und werden ewige Freude haben und werden ganz geruhig zusehen28, wie
Millionen ihrer Nebenmenschen sich beissen, fressen, nagen, sich fluchen und
lästern, wie der Tod sie recht plagt ohne Ende. Welcher Greuel! Können Menschen
ihre Nebenmenschen so verdammen und können mit Wohlgefallen von ihrer Verdammung
ein feierliches Lied singen!«
    Der Pietist lächelte und sagte mit sanfter Stimme: »Da sieht man den
natürlichen Menschen! Ich verdamme sie ja nicht, sondern« (er lächelte nochmals)
»die Bibel verdammet sie. Da steht es deutlich.«
    Sebaldus fuhr sehr heftig heraus: »Nein, das steht nicht in der Bibel, und
wenn es darin stände, so wäre sie nicht Gottes Wort. Ich möchte lieber ein
Ateist sein, als solche abscheuliche Begriffe von Gott haben, dass er uns das
Leben rund abspricht, dass er uns dem Teufel zugesellet, dass er uns durch Henker
in Marterkammern schleppen lässt, wo keine Reue, keine Klage helfen kann. -
Entsetzlich! Von ihm so zu denken, dem Vater des Lebens, dem Geber alles Guten!«
    Sebaldus war in grossen Eifer geraten; er brach plötzlich ab, wie der gute
Mann gemeiniglich tat, sobald er an sich ungewöhnliche Heftigkeit bemerkte, denn
er pflegte alsdann zu überlegen, ob er sich auch vergangen oder zuviel geredet
habe.
    Der Pietist bewegte den Zeigefinger seiner rechten Hand zweimal auf und
nieder und sagte sanftmütiglich:
    »Lieber Bruder, ich beweine deinen erschrecklichen Unglauben! Und kannst
noch in ungöttlichen Eifer geraten! Hier lässt sich der Unterschied des Standes
der Natur und der Gnade sichtbar spüren. Wer in der Gnade steht, der ist so
ruhig, der erträgt alles, der erduldet alles, stellet alles Gott anheim.«
    Indem er dies sagte, sprangen Räuber, von welchen damals die ganze Gegend
wimmelte, aus einem dicken Gebüsche und fielen mit blanken Säbeln die Reisenden
an. Sebaldus gab mit dem ruhigen Bewusstsein, dass er sich nicht wehren könnte,
das wenige Silbergeld her, das ihm übriggeblieben war. Der Pietist hingegen war
unter den Händen der Räuber totenblass, bezeigte sich sehr ungebärdig, wälzte
sich auf die Erde, suchte seine Uhr zu verbergen, empfing aber darüber
verschiedene Stösse und Schläge, alle seine Taschen wurden demungeachtet
ausgeleert. Man nahm ihm auch sein feines Kleid, und dem einen Räuber gelüstete
endlich nach seinen ganz neuen Stiefeln. Er musste, alles Weigerns ungeachtet,
sich auf die Erde setzen, um sie auszuziehen. Unterdes entstand ein Geräusch im
Busche, und ein Hund schlug an, hierüber wurden die Räuber flüchtig. - Der
Pietist sprang auf und schrie aus Leibeskräften: »Halt, Diebe! Halt, Diebe!« Als
aber niemand erschien, setzte er sich mit dem Stiefel in der Hand abermals unter
einen Baum, um recht herzlich auf die Strassenräuber zu fluchen.29 Zugleich sagte
er, indem er dem Sebaldus im Stiefel ein geheimes Täschchen zeigte, worin er
sein Gold verwahret hatte: »Sehen Sie nun, wie der Herr die Gottlosen mit
Blindheit schlägt. Ist nicht dies Gold durch ein Wunder gerettet worden?« Hier
zog er seinen Stiefel an und stand auf.
    Sebaldus versetzte: »Ich finde wirklich, der Stand der Natur und der Gnade
ist unterschieden, so wie Sie bemerkten. Ich natürlicher Mensch kann den Verlust
meines Geldes ruhig ertragen. Es waren freilich nur wenige Groschen, aber auch
mein letzter Heller ist weg. Ihnen ist noch weit mehr übriggeblieben, als ich
vorher hatte. Ei, ei, ein Wiedergeborner sollte wenigstens nicht fluchen!«
    Der Pietist ward feuerrot und stotterte: »Die Bösewichter verdienen den
Fluch, weil sie Menschen wie wilde Tiere anfallen, da wir uns einander
unterstützen sollten, wie Sie vorhin ganz richtig sagten. Ach, und das wenige
Gold hat der Herr nicht meinetwegen mir so wunderlich erhalten, sondern um
notleidender Brüder und Schwestern willen, für die ich es von christlichen
Seelen gesammelt habe. Wiewohl ich jetzt selbst notleidend bin.«
    Er hatte nicht ganz unrecht, denn er stand im blossen Hemde da, indes ein
ziemlich starker Regen zu fallen anfing. Sebaldus zog ungebeten seinen alten
Überrock aus und überreichte ihm denselben.
    »Nehmen Sie«, sagte er, »es ist freilich ein geschminktes Laster, Ihnen
diesen alten Kittel anzubieten. Aber der Regen fällt allzu stark, als dass wir
jetzt feine Distinktionen machen könnten.«
    Der Pietist nahm den Überrock stillschweigend an; und weil beide Wanderer
vielleicht über das Vorgefallene nachzudenken für gut fanden, so schwiegen sie
auch den übrigen Teil des Weges, bis sie gegen Abend in Wustermark ankamen.
 
                               Zweiter Abschnitt
Es scheint, der Pietist war einer von den angesehenen Männern des Konventikels,
deren Heiligkeitsgeruch sich gemeiniglich zehn bis zwölf Meilen in die Runde
ausbreitet, die daher auf ihren Reisen im Hause jedes Bruders und jeder
Schwester ebenso zuversichtlich einsprechen als ein wandernder Mönch in ein am
Ende seiner Tagereise liegendes Kloster. Unser Mann hatte Wustermark deswegen
zum Nachtlager erwählt, weil daselbst eine fromme, wohlhabende Bauerwitwe
wohnte, in deren Haus er auch sogleich ging und den Sebaldus in der Dorfschenke
unter allerhand Gesindel seinem Schicksale überliess.
    Bei den Frömmlingen männlichen Geschlechts ist mit heissem Eifer für fromme
Übungen sehr oft eine grosse Harterzigkeit verknüpft, seltener bei denen von
weiblichem Geschlechte. Die Bäuerin hörte von ihrem Gaste kaum, dass er noch
einen Reisegefährten habe, welcher gleich ihm von Räubern geplündert worden, so
kam sie in die Schenke, um den Sebaldus zu sich einzuladen. Sie trug auf, was
ihr Haus vermochte, und die Wanderer erquickten sich.
    Nach Tische fing der Pietist die Betstunde an, womit die reisenden Heiligen
gemeiniglich ihre Zeche zu bezahlen pflegen. Sebaldus, ob er gleich eine dürre
Dogmatik und eine störrische Polemik hasste, war doch ein Freund herzlicher
Andacht. Er war daher sehr erbaut von der stillen Aufmerksamkeit der Bäuerin und
ihrer Kinder. Sogar auch der Vortrag seines Reisegefährten war ihm weniger
zuwider, als er erwartet hatte; denn dieser besass vollkommen die Biegsamkeit,
womit Leute seiner Art sich bestreben, bei denjenigen, die sie nicht bekehren
können, wenigstens eine gute Meinung von sich zu hinterlassen. Er vermied daher
sehr weislich alle Punkte, worüber etwa Sebaldus anderer Meinung sein konnte,
und hielt sich bei asketischen Betrachtungen auf, welche der Bauerfamilie
begreiflich und seinem Reisegefährten nicht zuwider waren, so dass sich jedermann
sehr zufrieden zur Ruhe legte.
    Morgens sehr früh, nach eingenommenem reichlichen Frühstücke, dankten sie
ihrer Wohltäterin und setzten ihren Weg weiter fort. Sebaldus genoss den schönen
Sonnenaufgang, sang ein fröhliches Morgenlied und war so innig vergnügt, dass er
weder an seinen misslichen Zustand noch an den Zweck seiner Reise dachte, bis
sein Gefährte selbst das Gespräch auf Berlin brachte, wohin sie gingen. Denn er
beseufzte mit auf die linke Achsel gesenktem Haupte und gen Himmel erhobenen
Augen das Elend dieser grossen Stadt und versicherte, dass daselbst die Religion
ein Gespötte sei, niemand in die Kirche gehe, Rotten und Ketzereien regierten
und ein jeder rechtschaffener Christ verachtet werde. Er beklagte recht
geflissentlich seinen Reisegefährten als einen Fremdling, der sich nicht in den
besten Umständen befinde und in dieser Stadt voll Unglaubens und Irrgläubigkeit
ganz gewiss werde umkommen müssen.
    »Ich habe«, sagte Sebaldus, »bessere Hoffnung. Ich weiss aus der Erfahrung,
dass die Liebe des Nächsten sehr wohl mit den Gesinnungen bestehen kann, welche
von vielen Leuten als Unglauben gebrandmarkt werden.«
    »Nein! Nein!« rief der Pietist mit erhabener Stimme. »Wo Glauben ist, da ist
auch Liebe! Die findet man aber in dieser Stadt, ja in diesem ganzen Lande gar
nicht. Da herrscht lauter Eigennutz und Betrug, da gehen alle Laster im
Schwange, da ist die Ruchlosigkeit aufs höchste gestiegen, da ist alle
christliche Liebe erloschen.« Er sagte dieses so dreist und versicherte so fest,
dass es eine weltbekannte Sache sei und dass er Berlin genau kenne, weil er sich
oft da aufgehalten habe; dass endlich Sebaldus anfing, darüber nachdenkend zu
werden.
    »Ich gestehe«, sagte er nach einiger Überlegung, »wenn die Einwohner dieser
Stadt, ja dieses ganzen Landes Ihrer Beschreibung gleichen, so muss es ein wahres
Unglück sein, unter ihnen zu wohnen. Aber«, fuhr er nach einigem Staunen30 fort,
»sollten Menschen, die so gesinnet sind, wohl in Gesellschaft leben können?
Sollte ein Staat wohl in kurzer Zeit blühend werden können, der lauter solche
Bürger entielte? Und doch soll, nach allgemeiner Versicherung, der preussische
Staat nur seit Menschengedenken sehr blühend geworden sein; besonders soll ja
Berlin am Wohlstande seit dreissig Jahren sichtlich zugenommen haben.«
    Der Pietist, welcher den Sinn dieser Rede nicht fassen konnte, sagte mit
dummer Gleichgültigkeit: »Was hat das Zeitliche mit dem Himmlischen zu tun? Die
Kinder dieser Welt sind immer klüger als die Kinder des Lichts! Glauben Sie mir
gewiss, es gibt in dieser grossen Stadt, wenige fromme Seelen ausgenommen, die
noch ihren Heiland liebhaben, nichts als böse Ateisten, die keinen Gott, keinen
Teufel und keine Hölle glauben.«
    »Ei nun«, sagte Sebaldus, »wenn diese Leute keinen Gott glauben, so glaube
ich einen und weiss, dass er keinem seiner Geschöpfe mehr Elend auflegen wird, als
es tragen kann.«
 
                               Dritter Abschnitt
Sie waren unter dergleichen Gesprächen durch Spandau gegangen und kamen
unvermerkt bei Charlottenburg an. Sebaldus erblickte mit Vergnügen jenseit der
Spree, im königlichen Garten, die lange Allee dichtbelaubter Kastanienbäume,
worunter einige einzelne Spaziergänger auf und ab wandelten. Er blieb auf der
Brücke stehen, um noch einmal darnach zurückzuschauen. Das Schloss hingegen liess
er liegen, ohne dass ihm auch nur eingefallen wäre, zu fragen, was für ein grosses
Gebäude dies sei. So sehr ward er von den Schönheiten der Natur gerührt, und so
wenig aufmerksam war er auf alle Pracht der Kunst.
    Je weiter sie in den berlinischen Tiergarten kamen, desto mehr ward Sebaldus
entzückt. Es war in der Nacht ein starker Regen gefallen, welcher den Sand,
womit die Natur in diesen Gegenden so freigebig gewesen ist, zum Stehen gebracht
und den Staub von den Baumblättern abgewaschen hatte, den tausend
Frauenzimmerschleppen nebst einer verhältnismässigen Anzahl von Wagenrädern und
Pferdefüssen bei trockenem Wetter im Tiergarten zu erregen pflegen. Den Vormittag
hatte sich das Wetter aufgeklärt, und der Bäume mannigfaltiges Grün ward durch
den heitern Sonnenschein und durch die völlig reine Luft noch mehr erhoben.
    Die Wanderer sahen die glückliche Mischung dunkler Fichten mit schlanken
Ulmen, hellgrünen, weissrindigen Birken und freundlichen Akazien, denen
hundertjährige majestätische Eichen zum Hintergrunde dienen. Melancholische
Gänge von dichtem Lärchenholze und von düstern Eiben führen auf grüne Säle, mit
Statuen geziert und mit Hecken von jungen Eichen und von immergrünem Nadelholze
umkränzt. Sie traten in Gänge, beschattet von Linden und breitbelaubten
Platanusbäumen, hinter welchen dichte Gebüsche von Erlen und Espen die feuchten
Gründe anfüllen; neben ihnen der dichtere Wald, wo einsam der sokratische Ahorn
wächst und die Pappel und der Masholder, wo die weit sich ausbreitende Buche
ihre gestreckten Äste wiegt und der Tannenfichten schlanke und gerade Stämme
ihre erhabene Krone einzeln himmelan strecken. Der frische Geruch des
Nadelholzes, vom Regen ausgelockt, und balsamische Lindenblüte erquickten die
Wanderer; die Aussicht begrenzte der benachbarte Spreestrom und die
aufgespannten Segel der auf ihm hinabgleitenden Schiffe.
    So kamen sie endlich gegen drei Uhr auf den Platz bei den Zelten, den
gewöhnlich sonntags nachmittags eine Menge Spaziergänger anfüllt. Zwar war noch
nicht die modische sechste Stunde da, welche in dem Zirkel des Tiergartens die
schöne Welt zusammenbringt, um zu sehen und gesehen zu werden. Die Exzellenzen
und die gnädigen Damen hatten sich eben zur Tafel gesetzt. Die Kenner im Essen
kaueten noch an den reichgewürzten Frikasseen, schmeckten die
zusammenkonzentrierten Säfte der feinen Ragouts in Schüsseln, mit Asa foetida
gerieben, und zogen im voraus das Fumet des raren Wildes in sich, das ihrer
Zähne wartete. Die reichen Kapitalisten waren eben vom Burgunder und
sechsundzwanziger Rheinweine gesättigt und begannen, den Peter Semeins,
Syrakuser, Rivesaltes und Capwein beim Desserte aus kleinen Gläsern zu
schlürfen. Die schönen Damen bürgerliches Standes schickten sich an, zu
Kaffeevisiten zu fahren, und ordneten die Geschichte des Tages, so wie sie zu
erzählen wäre, in ihrem Kopfe zusammen; und die französische Kolonie war noch in
der Vesperpredigt.
    Kurz, es war drei Uhr und also von der schönen Welt noch wenig zu sehen;
hingegen wimmelte der Platz von den glücklichen Söhnen der Erde, welche alle
Sorgen der Woche am Sonntage völlig vergessen und sich und ihr Leben bei einem
Spaziergange und bei einem geringen Labetrunke herzlich geniessen. Arbeiter auf
Weberstühlen und in Schmiedeessen füllten die Zelte an und liessen ihren Groschen
unter lautem Gelächter aufgehen oder steckten ernstaftiglich über das gemeine
Beste ihre Köpfe zusammen, weissagten neue Auflagen und fällten Urteile über
Gerüchte von bevorstehenden Kriegen.
    Der Zirkel, der nach drei Stunden der Schauplatz der Schönen vornehmen
Standes sein sollte, war jetzt im Besitze des gemeinen Mannes, im besten Anputze
und voll fröhlichen Mutes. Da war mancher gesunder Jüngling im neugewendeten
Rocke und mit goldner Troddel am Hute köstlich geputzt, neben ihm in
silberbebrämter Mütze seine rotbäckige Liebste, die zur Feier dieses ihm längst
versprochenen Spazierganges ihre sämtlichen sechs Röcke übereinandergezogen und
die neuen kalmankenen Schuhe nicht vergessen hatte. Hinter ihnen, das Bild der
ehelichen Verträglichkeit, ein ehrlicher Handwerksmann, der seinen jüngsten
Knaben im langen Rocke auf dem Arme trug, indes die Mutter ihres Mannes Stock in
der rechten Hand führte, zur Linken ihre fünfzehnjährige Tochter in der
Schönheit der Jugend, mit niedergeschlagenen Augen, unter der emporstehenden
Haube sanft hervorblickend. Die grosse Allee von der Stadt her war bedeckt von
Spaziergängern zu Fusse und zu Pferde, und einige Wagen brachten bis ans Tor
wohlbeleibte Tanten und bürgerlich erzogene Nichten, die nur die Reize eines
angenehmen Spazierganges suchten und auf wohlfrisierte Köpfe und Aufsätze nach
der neusten Mode achtzuhaben nicht waren gewöhnt worden.
    Sebaldus' Stirn erheiterte sich bei dem Anblicke so vieler vergnügten Leute.
Des Pietisten Stirn aber runzelte sich vor geistlichem Verdrusse. »Siehe da«,
rief er aus, »siehe da, die Kinder Belials, wie sie den Lüsten des Fleisches
nachziehen! Wie sie den Weg der Sünden gehen, reiten und fahren! Immer gerade in
den höllischen Schwefelpfuhl hinein!«
    »Behüte Gott!« sagte Sebaldus. »Ich finde nichts Sündliches darin, dass diese
Leute den herrlichen Tag geniessen, den uns Gott gibt; soweit ich sehen kann, ist
ihr Vergnügen sehr unschuldig.«
    »Oh, wie sündlich«, sagte der Pietist mit entflammten Augen, »das ist eben
des Teufels Lockspeise, wenn er uns mit dem weltlichen Vergnügen ankörnen kann.
Ein recht echtes Gnadenkind soll kein anderes Vergnügen haben, als sein eignes
Elend zu kennen und zu fühlen, was es heisst, ein armer Sünder zu sein.«
    Sebaldus, dem diese gesalbten Weidsprüche nicht gefielen, antwortete nichts,
würde auch nicht zum Worte gekommen sein; denn der Pietist, den die Herzlichkeit
zum Heilande ergriffen hatte, begann, die Vorübergehenden zu ermahnen, ihnen die
Abscheulichkeit des Spaziergehens an einem schönen Sonntage vorzustellen und
dafür das Seitenhöhlchen anzupreisen, worin sie recht selige Spaziergänge halten
könnten.
    Einige gingen vorbei, beinahe ohne ihn zu hören, andere gafften ihn an, ohne
zu wissen, was sie aus ihm machen sollten, andere schüttelten den Kopf. Endlich
versammelte sich doch allerhand Pöbel, welcher schrie und lärmte und vom
Tollhause zu reden anfing, ja einige hoben Erdklösse auf und warfen sie über ihn
weg.
    Sebaldus fürchtete jetzt, der Auftritt möchte ernstafter werden, und suchte
seinen Reisegefährten von seinem Vornehmen abzuhalten, diesen aber hatte der
geringe Anschein, eine Art von Märtyrer zu werden, den Kopf angeflammt; er erhob
seine Stimme noch mehr, um den Vorübergehenden ein Wort ans Herz zu legen.
    Endlich geriet er an einen Menschen, der nach seinem braunen Rocke und rund
um den Kopf herum abgeschnittenen Haaren nichts anders als ein Schlächter oder
Gerber sein konnte. »Mein Freund«, redete er ihn an, »Er geht, um sich die Zeit
zu vertreiben. Oh, wenn Er wüsste, wie wohl dem ist,
Der da seine Stunden
In den Wunden
Des geschlacht'ten Lamms verbringt.«
»Herr«, sagte der Kerl mit starren Augen, »was kann mir das helfen? Ich bin
vorigen Sonntag im Lamme gewesen, aber das Bier war sauer.« Und damit ging er
fort. Der umstehende Pöbel schlug ein Gelächter auf und verliess unsre Reisenden.
Der Pietist verstummte.
    Die Entusiasten pflegen in der Hitze ihres Eifers gewöhnlicherweise einen
Kotregen und allenfalls auch einige Faustschläge nicht zu achten, wenn es ihnen
nur gelingt, Aufmerksamkeit zu erregen. Werden sie aber trocknerweise ausgelacht
und niemand bleibt bei ihnen stehen, so kühlet sich der Eifer ab, und sie
begnügen sich allenfalls, zwischen den Zähnen murmelnd, die dem Worte
ungehorsamen Weltkinder dem Teufel zu übergeben.
    So war es auch hier. Der Pietist schwieg mürrisch still, und Sebaldus, da
sie indes ins Tor traten und Unter den Linden fortgingen, genoss die Schönheit
dieser Allee, sog den Blütenduft ein und freute sich über die fröhlichen
Gesichter, die ihm allentalben entgegenkamen.
    Sie gingen einige Strassen stillschweigend fort und bei einer Kirche vorbei,
worin sie noch predigen hörten.
    »Siehe da«, rief der Pietist aus, »wie leer der Weg zum Gotteshause ist, und
wie angefüllt war der Weg zu den Häusern des Teufels! Oh, wie ist doch alle
Gottesfurcht, alle Liebe zum Heilande in dieser grossen Stadt ganz ausgetilget!
Wie wandelt doch jedermann im Pfade der Ruchlosigkeit, läuft dem Teufel gerade
in den Rachen und stürzt sich in das ewige Verderben!«
    Sebaldus schaute ungeduldig einigemal rechts und links um sich.
    »O Stadt«, fuhr der Pietist fort, »die du bist wie Sodom und Gomorrha, wie
bald wird Gott seinen feurigen Schwefelregen über dich ergiessen! Und dies wäre
schon lange geschehen, wenn nicht wenige Gerechte noch in dir wären, um
derentwillen dich der Herr schonet! Ja, mein Freund!« (Hier fing er an zu
weinen.) »Es gibt hier einige erwählte Seelen, die bis über den Kopf in den
Wunden des Lammes sitzen, die zu einem Pünktlein, zu einem Stäublein, zu einem
Nichts geworden sind und sich nur in das blutige Lamm verliebt haben, diese
halten noch die verworfene Stadt, dass sie nicht fällt.«
    Indem er dieses sagte, blieb er plötzlich an einer Ecke stehen, zog des
Sebaldus alten Überrock aus und gab ihn zurück. Sebaldus bat ihn, denselben so
lange zu behalten, als er ihn brauchte. »Nein«, sagte er, »ich trete nunmehr bei
einem lieben Bruder ab. Wie wird dem sein, wenn er an meiner Nackteit sieht,
was ich um des Heilandes willen gelitten habe! Er wird dann tun, soviel ihn der
Heiland heisst.« Hier drückte er dem Sebaldus die Hand, wünschte ihm den Segen
des Herrn, verliess ihn, klopfte an ein vierzig Schritte davon entferntes grosses,
wohlgebautes Haus und ging, nachdem es geöffnet worden, hinein.
    Sebaldus stand noch an der Ecke mit dem Überrocke auf dem Arme, und nachdem
er denselben angezogen hatte, befand er sich an einem sehr heissen Nachmittage
nichts besser. Er ging voller Gedanken die Strasse wieder herunter, die er
gekommen war, und da er an die Kirche kam, so trat er hinein, weil er nichts
Bessers zu tun wusste.
    Er fand die Kirche wider Vermuten so gestopft voll, dass es ihm einige Mühe
kostete, sich bis dahin durchzudrängen, wo er den Prediger deutlich verstehen
konnte. Dies war ein junger Kandidat voll zierlichen Anstandes, der eine
erbauliche Rede von der wahren christlichen Liebe beinahe zu Ende gebracht hatte
und jetzt eben bei der Nutzanwendung war. Das Herz des guten Sebaldus erweiterte
sich wieder, da er die vielen schönen Lehren des Predigers und die
Aufmerksamkeit der zahlreichen Zuhörer betrachtete; und die finstere Vorstellung
von Berlin, welche seines Reisegefährten Bericht bei ihm verursacht hatte, fing
an, in seinem Geiste sich etwas aufzuheitern.
 
                               Vierter Abschnitt
Indes war der Gottesdienst geendigt. Alle Zuhörer verliessen die Kirche, und
Sebaldus mit ihnen. Nun fiel ihm wieder ein, dass er nicht wusste, wohin er gehen
sollte, indem er keinen Pfennig in seiner Tasche hatte und in dieser
weitläufigen Stadt ganz unbekannt war.
    Er begann darüber verschiedene traurige Betrachtungen zu machen, als eben
der Kandidat vorüberging, welcher gepredigt hatte. Sein volles und rundes
Gesicht, auf welchem die frühe Jugend blühte, war in eine weissgepuderte, in
sanften Locken herabwallende Perücke gehüllt. Er dankte mit süsser,
selbstgefälliger Miene und mit langsamem Kopfneigen rechts und links den
gemeinen Leuten, die seinen steifgestärkten Kragen und den auf seinem Rücken
schwimmenden Mantel grüssten, den er zuweilen mit der linken Hand zierlich
aufnahm, indes er, mit dem Hute in der rechten Hand, den Laien für ihren Gruss
eine Art von Segen zu erteilen schien.
    Er trat in ein nicht weit entlegenes Haus, und in Sebaldus' Geiste stieg
plötzlich der gute Gedanke oder, nach gelehrter Exegese zu reden, die
Offenbarung auf, dass er sich in seiner gegenwärtigen Bekümmernis am besten an
den Jüngling wenden könnte, welcher so fein von der christlichen Liebe gepredigt
hatte. Er klopfte also an die Türe an.
    Diese öffnete ein ältlicher Mann, wie sich nachher auswies, der Vater des
Kandidaten, ein ehrlicher, guter Krämer, der in den Abendstunden und
Sonntagsnachmittagen gern Erbauungsschriften las, die er nicht ganz verstand. Er
war daher in des hochtrabenden Ömler, in des mystischen Trescho, in des
wortreichen Tiede Schriften sehr belesen und galt deshalb bei seinen Nachbarn
für einen gelehrten Mann.
    Das Herz hüpfte dem ehrlichen Krämer, als Sebaldus nach dem Prediger fragte,
von welchem er eben die schöne Predigt von der Liebe gehört habe. »Es ist mein
Sohn«, rief er freudig aus, »treten Sie doch näher, mein lieber Herr«, und damit
führte er ihn in die Stube.
    Sebaldus fand den Kandidaten unter den Händen seiner über die erste Predigt
ihres Sohnes noch entzückten Mutter, die ihm eben einen leichten Schlafrock
angezogen und eine weisse Mütze aufgesetzt hatte und noch beschäftigt war, ihm
den gelehrten Schweiss von der Stirne zu wischen.
    Sebaldus redete ihn an: Seine Predigt mache ihm Mut, sich bei seiner
jetzigen Verlegenheit an ihn zu wenden. Er sei selbst ein Prediger, obgleich
seines Amts entsetzt. Er habe zweimal durch Räuber seinen letzten Heller nebst
seinen Empfehlungsbriefen verloren. Er bitte ihn nur um Obdach und um guten Rat,
wie er notdürftig sein Brot verdienen könne.
    Der Kandidat fragte ihn mit sehr weiser Miene: Warum er sei entsetzet
worden?
    Sebaldus glaubte, dem Berichte seines gewesenen Reisegefährten zufolge, er
werde sich am besten empfehlen, wenn er sich als einen Heterodoxen angebe. Er
gestand also ohne Umstände, dass er wegen Abweichungen von den symbolischen
Büchern sein Amt verloren habe.
    »Abweichungen!« rief der alte Krämer. »Oh, wenn Sie doch das schöne Büchlein
gelesen hätten, das wir neulich hier hatten. Fritz, wo war's doch gedruckt, in
Nürnberg, oder in Jena? Da würden Sie haben lesen können, wie der liebe Mann die
Abweicher abführt, 's ist' n gelehrter Mann, wahrlich' n gelehrter Mann, er
würde Sie verachten, wenn er Sie kennte. Der Mann hält was auf Ortodoxie.«
    Er hätte noch weit mehr geplaudert, aber der Kandidat, der es ungern sah,
dass sein ungelehrter Vater geschwinder antworten wollte als er, rief mit
patetischer Stimme: »Es tut mir sehr leid, dass Sie nicht besser auf die
symbolischen Bücher gehalten haben. Hierzulande schwören wir leider zwar nicht
darauf, sie sind aber doch ein Pactum, und pacta sunt servanda. - Und worin«,
fuhr er mit aufgeworfenem Unterkinne fort, »worin fanden Sie denn für so nötig,
von den symbolischen Büchern abzugehen?«
    Sebaldus, etwas kleinlaut, antwortete: »In der Lehre von der Ewigkeit der
Höllenstrafen.«
    Der Kandidat schlug seine Hände über seine weisse Mütze zusammen und rief
aus: »Wie ist es möglich, dass jemand an einer so göttlichen Lehre zweifeln kann?
Haben Sie denn den ersten Teil meiner Predigt nicht gehört?«
    »Nein«, sagte Sebaldus, »weil ich erst gegen das Ende derselben kam.«
    »Das tut mir leid«, sagte der Kandidat, »denn ich habe darin bewiesen, die
wahre christliche Liebe erfordere, dass man alle diejenigen, welche nicht den
wahren evangelischen, seligmachenden Glauben haben, durch alle nur mögliche
Mittel zu demselben zurückzubringen suche, eben deshalb, damit man ihre Seelen
rette und sie nicht ewig verdammet würden.«
    Er würde seine ganze Predigt wiederholt haben, wenn nicht der Vater in
grossem Eifer aufgefahren wäre: »Wie, keine ewige Höllenstrafen? Das wäre schön,
wenn mein Nachbar an der Ecke gegenüber nicht sollte ewig verdammt werden! Er,
der das Predigtamt verachtet, der in gar keine Kirche geht, der mir einen
Prozess an den Hals geworfen, der ihn gewonnen hat, der gottlose Mann, der
Ateist, der Separatist!«
    Sebaldus wollte sich verteidigen; aber der Krämer nahm ihn beim Arme und
schob ihn höflich zur Türe hinaus.
    Sebaldus war sehr betreten, weil er aber sah, wie äusserst notwendig es sei,
sich an irgend jemand zu wenden, so ging er zum Nachbar gegenüber, von dem er
bessere Gesinnungen hoffte, weil er nicht so ortodox sein sollte als der
Krämer.
    Er fand einen Mann von blassem, sanftmütigem Ansehen in einem simpeln grauen
Rocke und einer baumwollenen Perücke an seinem Pulte sitzend, der einen Posten
in sein Hauptbuch trug.
    Sebaldus erzählte ihm, was in des Nachbars Hause vorgefallen war, und
wiederholte seine Bitte um einen guten Rat.
    Der Separatist sagte mit schwacher und sanfter Stimme: »Ich wundere mich
nicht über meines Nachbars unchristliche Rede, denn er hat den Geist nicht, der
das Leben gibt. Freilich sind die symbolischen Bücher eine Erfindung des
Teufels, so wie der ganze geistliche Stand. Ein jeder wahrer Christ ist ein
Hoherpriester. Die Geistlichen haben die Welt von jeher verführt; und da Er,
mein Freund, von dem Stande ist, so gehe Er in Gottes Namen, wohin Er will, ich
habe nichts mit Ihm zu schaffen.«
    Sebaldus klopfte noch an einigen Türen an, wo man ihn als einen gemeinen
Bettler abwies.
    Endlich geriet er in ein Gelag, wo vier lockere Brüder zwischen acht
Flaschen sassen und sämtlich vom Weine glüheten. Sie hatten schon dreimal ihren
gewöhnlichen Zirkel von schlüpfrigen Wortspielen und abgeschmackten Spöttereien
durchgegangen, hatten schon dreimal sich gekitzelt, über das zu lachen, was
nicht lächerrlich ist, und waren eben im Begriffe, trotz der Dünste des Weins,
womit sie ihre hirnlosen Köpfe anfeuerten, in ein allgemeines Gähnen zu geraten.
Der Zufall führte ihnen den Sebaldus zu, dem sie gleich ansahen, dass er sehr
leicht aufzuzäumen sein würde. Der Witzigste unter ihnen, nachdem er den andern
einen Wink gegeben hatte, nahm den Sebaldus, der eben wieder aus der Türe
zurücktreten wollte, mit freundlicher Miene bei der Hand, liess ihn niedersitzen
und fragte dem guten Manne, dessen Herz gewöhnlicherweise auf seiner Zunge sass,
sehr bald seine Geschichte ab und erfuhr auch von ihm seine Neigung zur
Apokalypse, der er den lautesten Beifall zu geben schien, indes seine Gefährten
im innern Munde lachten. Er bedauerte nun mit scheinheiliger Miene den Sebaldus
wegen seiner vielen erlittenen Unglücksfälle und fragte ihn, wie er sie habe so
geduldig ertragen können.
    »Unvermeidliches Unglück zu ertragen wird dem leicht, der die Hoffnung jenes
Lebens ...«
    Hier konnte sich einer der Gäste, der dem Sebaldus gegenübersass und ihn
schon lange, den Kopf auf beide Ellenbogen gestützt, angegafft hatte, nicht
länger halten, sondern schlug über jenes Leben eine laute Lache auf.
    »Du alter Narr«, rief er, »du wirst ebensowohl in Nichts verwandelt werden
als ich und wir alle, drum lass uns noch eins trinken. Denn« (er sang)
»Unser Leben währet kurz,
Es vergeht geschwinde.«
Hiermit schenkte er ein volles Glas ein und brachte es dem Sebaldus. »Da, trink
mit, auf der babylonischen Hure Gesundheit!« Alle vier brachen in ein
Pferdegelächter aus; und Sebaldus, der jetzt erst merkte, in was für
Gesellschaft er war, liess sich durch kein Zureden aufhalten, sondern eilte zur
Türe hinaus und schöpfte nicht eher wieder frische Luft, bis er auf der Strasse
war.
    Er empfand den ehrlichen Unwillen eines verständigen Mannes, wenn er merkt,
dass er einer Gesellschaft von Narren zum Schauspiele dienen soll. Hiezu kam die
Bekümmernis über seine nun mehrmals fehlgeschlagene Hoffnung, sich die ersten
Bedürfnisse des Lebens zu schaffen.
    Er wollte eben in laute Klagen ausbrechen, als ihm sein gewesener
Reisegefährte begegnete. Dieser war in einen guten tuchenen Rock gekleidet, ging
mit nieder- geschlagenen Augen ernstaft einher, in Gesellschaft eines braunen,
von der Sonne verbrannten Menschen von widriger Miene, der in Reisekleidern und
mit einem Hirschfänger umgürtet war. Er würde den Sebaldus nicht angesehen
haben, wenn dieser ihn nicht bei der Hand genommen und ihn also angeredet hätte:
    »Ach! Sie haben wohl recht, dass in dieser Stadt alle christliche Liebe
erloschen ist. Aus den Häusern weiset man mich weg, und auf der Strasse bin ich
unter hundert Menschen, die bei mir vorbei ihren Vergnügungen oder Geschäften
nacheilen, ebenso einsam als in einer Wüste. Der Tag fängt an sich zu neigen,
und ich weiss noch nicht, wo ich ein Obdach finden soll. Grosser Gott, was soll
aus mir werden?«
    »Ja freilich«, sagte der Pietist, »wo die seligmachende Gnade nicht ist, da
ist keine Liebe, aber ein Christ muss doch nicht verzagen. Wissen Sie was, wenn
es dunkler wird, so gesellen Sie sich zu den Nachtwächtern und gehen mit ihnen
auf eine Hauptwache, da können Sie schlafen. Morgen früh wird sich wohl etwas
finden. Leben Sie wohl, ich muss eilen.«
    Sebaldus wollte ihn noch aufhalten, aber er riss sich los; denn er sollte
einem jungen Herrn noch heute unverzüglich Geld verschaffen, und das Pfand war
sehr sicher.
    Sebaldus, von aller Hilfe verlassen, irrte noch einige Stunden fast ohne
Besinnung auf den Strassen herum. Er hatte seit dem frühen Morgen noch nichts
gegessen, war äusserst ermüdet von der Reise, sein Herz vom Gram zerrissen; seine
Glieder ermatteten, alle Hoffnung verliess ihn, und er sank, als es jetzt dunkler
ward, beinahe ohne es selbst zu wissen, unter dem Bogengange der Stechbahn in
einen Winkel trostlos nieder. Hier lag er unter den traurigsten Betrachtungen.
Bald fiel ihm die Harterzigkeit des Stauzius und des Präsidenten ein, die ihm
in seinem Vaterlande nicht einmal die Luft gegönnet hatten, bald ging ihm die
Gleichgültigkeit der Einwohner Berlins ans Herz, die auf das Elend eines
Nebenmenschen so wenig achtatten. Die Standhaftigkeit, die ihm sonst sein
ruhiges Temperament gewährte, hatte ihn ganz verlassen. Er stiess laute Seufzer
und die bittersten Klagen aus. Er erregte dadurch die Aufmerksamkeit vieler
Vorübergehenden, die von Gastereien oder Spaziergängen zurückkamen. Einige
sagten: »Da liegt ein Mensch!«, andere: »Was muss das für ein Mensch sein?«,
andere warfen ihm ein paar Dreier zu, die einen Mann, dessen Gesinnungen das
Elend noch nicht ganz hatte erniedrigen können, demütigten, ohne ihm zu helfen.
    Endlich, da es schon ganz dunkel war, ging ein Mann mit einer Laterne in der
Hand vorüber, eben als Sebaldus einen tiefen Seufzer ausstiess und in
unzusammenhangende Klagen ausbrach. Der Mann leuchtete ihm mit der Laterne
gerade ins Gesicht und fragte, was er begehre.
    »Ha«, sagte Sebaldus mit starren Augen, »ich möchte wohl einen mitleidigen
Menschen sehen, denn in dieser Stadt kann eine menschliche Kreatur auf der
Strasse verschmachten, indes in allen Häusern Wohlleben und Freude herrschet.«
    Der Vorübergehende fragte weiter und erfuhr in wenig Worten, wer Sebaldus
sei und die fehlgeschlagenen Versuche dieses Tages.
    »Sie haben sich, mein Freund«, sagte der Mann mit der Laterne lächelnd, »nur
an allzu reiche Leute gewendet. Ein wohlhabender Mann kennt das wahre Bedürfnis
eines Unglücklichen nicht recht, wirft ihm aufs höchste einen Dreier oder
Pfennig zu und geht weg. Königen können am besten Könige und Armen am besten
Arme helfen. Stehen Sie auf!« Er hob ihn auf und führte ihn mit sich.
    Dieser Mann war Schulmeister in einer von den Freischulen für arme Kinder,
die eine rechtschaffne Patriotin31 aus Liebe zu guten Handlungen zuerst angelegt
hat und die bisher durch die Mildtätigkeit von Menschenfreunden unterhalten
wurden. Er hatte bei einer sauern Arbeit ungefähr das notwendigste Auskommen.
Seine Frau und einzige Tochter halfen arbeiten, um sich zu erhalten. Er stellte
ihnen bei seiner Zuhausekunft den Sebaldus vor, der mit herzlicher
Gastfreundschaft empfangen ward. Sie erquickten ihn mit einer frugalen
Abendmahlzeit, und hernach ward ihm, in einer Art von Abschlage auf dem Boden,
ein Lager von frischem Strohe angewiesen, zu dessen Verbesserung sowohl der Alte
als das gute Mädchen jeder ein Stück Bette hergab.
 
                               Fünfter Abschnitt
Sebaldus wachte erst gegen acht Uhr auf, sehr gestärkt durch die Ruhe, und fand
schon seinen Wohltäter bei seinen Schülern, dessen Frau beim Seidewickeln und
die Tochter bei einem Nährahmen beschäftigt. Er fing sogleich ungebeten an,
seinem Wohltäter in seiner Schularbeit zu helfen. Nach dem Mittagsessen dankte
er ihm von ganzem Herzen für seine gastfreie Aufnahme und fügte die Bitte hinzu,
dass er ihm Anleitung geben möchte, selbst sein Brot zu verdienen.
    »Was meinen Sie zu verstehen«, antwortete der Schulmeister, »das hier in
Berlin brauchbar wäre und das Sie lehren oder ausüben könnten?« »Ich habe
gedacht«, sagte Sebaldus, »da doch in dieser grossen Residenz die wichtigsten
Landes- und Regierungsangelegenheiten, Kriegsanschläge, Handlungs- und
Nahrungsgeschäfte und so weiter vorkommen müssen und da keine von diesen Sachen
ohne Philosophie geführet werden kann, so würde ich am besten mein Auskommen
finden, wenn ich Unterricht in der Philosophie gäbe. Wenn ich auch nicht an die
Grossen käme, so muss doch ein jeder Bürger vernünftig zu leben suchen, und dies
kann ich nach den neuesten und gründlichsten Grundsätzen des Herrn Doktor
Crusius lehren. Ich kann aus der Telematologie aufs unwiderleglichste die
Etik, die natürliche Moralteologie, das Recht der Natur und die allgemeine
Klugheitslehre herleiten. Denen, die nicht so tief eindringen wollen, kann ich
einen halbjährigen Kursus über Wüstemanns Einleitung in die Philosophie des
Herrn Doktor Crusius halten.«
    »Wer ist der Crusius, und wer ist der Wüstemann?«
    »Wie! Herr Doktor Crusius ist ein weltberühmter Mann, den alle Gelehrte aus
einem Munde preisen, der die Telematologie erfunden hat, der sich dem
Wolffischen Fatalismus entgegengesetzt hat; dessen Schriften müssen ja wohl alle
Gelehrte in Berlin sich zum täglichen Studium machen.«
    »Vielleicht! Ich bin kein Gelehrter, doch bin ich in vielen Häusern in
Berlin bekannt, ich war drei Jahre Schreiber bei einem Mitgliede der Akademie
der Wissenschaften, zwei Jahre Bedienter bei einem Minister und andertalb Jahre
Küster bei einem sehr gelehrten Prediger, der mir alle seine Manuskripte vorlas,
und doch habe ich den Namen Crusius in meinem Leben nicht nennen hören. Und wie
hiess der andere?«
    »Magister Wüstemann. Dieser hat die freilich etwas weitläuftigen Schriften
des Herrn Doktors in einen kurzen Begriff gebracht. Ich dächte, er müsste
auswärts ebenso berühmt sein als Wichmann, Reinhard, Schmid, Pezold, die des
Herrn Doktors lateinische Schriften, den Ungelehrten zum Besten, ins Deutsche
übersetzten. Zudem wird, wie ich höre, in Leipzig und in Wittenberg über seine
Einleitung gelesen.«
    »Ich habe schon mehrmal bemerkt, dass Leute, die auf Universitäten für sehr
berühmt gehalten werden, in Berlin keinem Menschen bekannt sind. Ich glaube
überhaupt nicht, dass Sie in Berlin durch Philosophie Ihr Glück machen können. Da
hilft Gunst und Protektion, tiefes Beugen und langes Warten oft mehr als das
beste System. Was haben Sie sonst studiert? Womit haben Sie sich ausser der
Philosophie am meisten beschäftigt?«
    »Ich habe meine Nebenstunden hauptsächlich zur Verfertigung eines Kommentars
über die Apokalypse angewendet. Ich habe ihn bei einem Freunde niedergelegt. Mir
fällt eben ein, ich könnte ihn kommen lassen; denn, unter uns gesagt, ich
beweise darin, dass der König von Preussen in kurzem ansehnliche Provinzen
erhalten wird nebst vielen andern wichtigen und nützlichen Dingen.« »Mein lieber
Freund, die Apokalypse ist in Berlin noch weniger in gutem Geruche als die
Philosophie. Wollten Sie weissagen, so mussten Sie vor drei oder vier Jahren
kommen, als wir noch Krieg hatten, denn da galten noch die Weissagungen etwas.
Und doch ist die Frage, ob nicht Pfannenstiel der Leinweber weit über Sie
gewesen sein würde, welcher nicht allein die Schlacht bei Zorndorf auf den Tag
vorhersagte, da sie wirklich geschah, sondern auch, was noch mehr war, den
Gesang, der den darauf folgenden Sonntag in der Kirche gesungen werden sollte.
Nein, mit Weissagungen kommen wir nun in Berlin nicht mehr fort. Verstehen Sie
nichts anders? Können Sie Französisch, können Sie rechnen, können Sie tanzen,
können Sie den Hunden den Tollwurm schneiden? Dies sind Künste, die ihren Mann
ernähren.«
    »Von alledem verstehe ich nichts«, sagte Sebaldus ganz kleinmütig. »Ich
verstehe zwar noch etwas, aber das wird mich auch zu nichts führen, da man in
Berlin sogar mit der Philosophie nicht fortkommt. Ich kann ein wenig auf dem
Klaviere spielen, aber was kann mir das nützen?«
    »Halt, mein Freund, damit kommen wir weiter als mit allem andern. Diese
Geschicklichkeit wird Ihnen nicht reichliches, aber doch notdürftiges Brot
geben. Sie werden auch Noten schreiben können. Mit diesen beiden Künsten habe
ich mich selbst über zwei Jahre erhalten.«
    Sebaldus ward also zu einem Musiker von der untern Klasse umgeschaffen. Er
unterwies gemeiner Leute Kinder auf dem Klaviere, und für vornehmere schrieb er
Noten. Er ward hierdurch zu seinem grossen Vergnügen in gar kurzer Zeit in den
Stand gesetzt, seinem Wohltäter und vertrauten Freunde nicht ferner beschwerlich
zu fallen, ob er gleich fortfuhr, bei ihm zu wohnen.
    Es waren schon ein paar Monate in Zufriedenheit und ohne merkwürdige
Vorfälle verflossen, als eines Tages dem Sebaldus von einem gewissen Herrn F.
einige Musikalien zum Abschreiben zugeschickt wurden. Er ward auf diesen Namen
sehr aufmerksam, weil er glaubte, ihn irgendwo gehört zu haben. Nach näherer
Erkundigung erfuhr er, dass dieser Mann bei einem Grafen Hofmeister gewesen, von
dem er noch eine ansehnliche Pension erhalte. Nun besann er sich, dass das
Rekommandationsschreiben des Majors in Leipzig an einen Mann dieses Namens
gerichtet gewesen wäre, an welches er, seitdem es verloren war, nie gedacht
hatte. Um diesen Mann näher kennenzulernen, überbrachte er seine Abschriften
selbst, gab sich zu erkennen und ward von Herrn F. mit der grössten Freundschaft
aufgenommen. Noch mehr, er erfuhr von ihm, dass der Major, durch Wunden zum
Dienste untüchtig, in Berlin von einem Gnadengehalte lebe.
    Er sah denselben noch an ebendem Tage in Gesellschaft des Herrn F. und ward
von ihm mit herzlichem Händedrucke empfangen. Der Major biss die Zähne zusammen,
als er hörte, wie treulos Stauzius nach dem Abmarsche des Obersten gegen seinen
Freund gehandelt habe, und erbot sich auf die treuherzigste Weise, ihm durch
Vorsprache noch eine Feldpredigerstelle zu verschaffen, bis dahin aber sein
Gehalt mit ihm zu teilen. Sebaldus, obgleich über diese grossmütigen Anträge
gerührt, verbat sie doch. Das unabhängige Leben fing an, ihm zu gefallen, und
gewohnt, wenig zu bedürfen, erwarb er mit seiner Arbeit mehr, als er zu seinem
Unterhalte nötig hatte.
    Mit Mühe liess er sich bereden, bei dem Herrn F eine bequemere Wohnung
einzunehmen und desselben Tischgenosse zu werden, weil derselbe, seitdem er
Witwer war und seine Kinder verloren hatte, in der Einsamkeit einen
Gesellschafter zu haben wünschte.
 
                               Sechster Abschnitt
Einsmal, nach dem Mittagsessen, verlangte Herr F. vom Sebaldus die ausführliche
Erzählung seiner Schicksale. Als sie geendigt war, gingen sie, weil es einer von
den schönen Herbsttagen war, die unter diesem Himmelsstriche oft den Sommertagen
weit vorzuziehen sind, nach dem Weidendamme. Sebaldus war über die Schönheit
dieses Spaziergangs entzückt. Mitten in einer bewohnten weitläufigen Stadt
erblickte er eine grosse grünende Wiese, umkränzt mit Weiden, hoch und belaubt,
wie sonst nur Ulmen und Linden zu sein pflegen32; dieser ländlichen Szene
gegenüber Gärten und Gartenhäuser, Werke der Kunst, ohne Pracht, aber anmutig,
und zwischen beiden Aussichten den Spreestrom, von Schwänen bewohnt. Er genoss
ganz das Vergnügen des reizenden Anblicks; er wollte es seinem Gesellschafter
mitteilen, aber nun ward er erst gewahr, dass derselbe in tiefen Gedanken
einherging und, anstatt auf seine Ausrufungen zu antworten, einigemal tief
seufzte.
    »Was fehlt Ihnen?« fragte ihn Sebaldus. »Sie scheinen ganz tiefsinnig zu
sein.«
    »Ihre Geschichte«, antwortete Herr F., »bringt mir das ganze finstere
Gemälde der Intoleranz und der Priestergewalt lebhaft wieder zu Gemüte. Ich bin
selbst ein Opfer derselben gewesen. Ich habe erfahren, was es heisse, seine
gesunde Vernunft unter den Gehorsam vorgeschriebener symbolischer Bücher
gefangenzunehmen; ich habe erfahren, welchen bequemen Vorwand solche
Vorschriften herrschsüchtigen und eigennützigen Geistlichen darbieten, um ihre
Absichten in der Stille auszuführen; ich habe erfahren, wie bitter der Hass ist,
den sie augenblicklich gegen jeden erregen, den sie einer Abweichung zeihen
können. Und das wird ihnen leicht, solange sie das Volk in der Meinung zu
erhalten wissen, dass solche Vorschriften unwiderruflich feststehen bleiben
müssen.«
    Sebaldus war begierig, diese Geschichte zu hören, und Herr F. erzählte sie
folgendermassen:
    »Ich war in meinen jüngern Jahren dritter Diakon an der Kirche einer Stadt
eines kleinen Fürstentums. Ich lebte vergnügt, ich hatte Freunde. Der
Superintendent war ein ganz feiner Mann, auch nicht fremd in verschiedenen Arten
der Gelehrsamkeit. Wir unterredeten uns oft von Verbesserung der Mängel der
Religion, denn ob er gleich nichts dazu beizutragen Lust hatte, so mochte er
doch gern unter vier Augen davon sprechen. Er freute sich, dass ich selbst
dächte. Ich durfte ihm meine Zweifel vortragen; und da ich oft mit seinen
Beantwortungen zufrieden war, gewann er mich lieb. Die Hauptneigung dieses alten
Mannes war die Naturgeschichte, und zwar hauptsächlich die Nomenklatur und
Klassifikation derselben, welches nun freilich eben nicht meine Neigung war. Er
wollte mich belohnen, indem er mich zum Mitgliede einer Gesellschaft aufnehmen
liess, welche er mit dem Bürgermeister, dem Konrektor und dem Apoteker errichtet
hatte. Diese sammelten Insekten, Vögel, Steine, Versteinerungen, Mineralien,
tauschten mit benachbarten Liebhabern, brachten Kabinette zusammen, ordneten sie
bald nach diesem, bald nach jenem Systeme, lasen sich lange Abhandlungen darüber
vor, wozu der Superintendent die Teologie lieh und keinen Insektenflügel, keine
Vogelklaue oder Quarzdruse ohne erbauliche Nutzanwendung liess. Dies war alles
ganz gut, nur für mich ein wenig langweilig. Ich fing also nach einiger Zeit an,
seltener in die Gesellschaft zu kommen, und vermied, soviel ich konnte, auf die
Insektenjagd zu gehen. Hierüber bekam ich einen Verweis vom Superintendenten,
denn so freundschaftlich er war, hatte er doch den kleinen Fehler, dass er sich
derer ganz bemächtigte, die er in Affektion genommen hatte. Er ordnete ihre
Studien an, er bestellte ihr Hauswesen, er erdachte Vergnügungen für sie und
hatte für alles weise Gründe anzuführen, denen man nicht widersprechen durfte.
Ich konnte mir also nicht merken lassen, dass Sammlereien und
Klassifikationstabellen, wie er sie liebte, für mich sehr wenig Reiz hatten,
sonderlich wenn dabei bloss die Augen und das Gedächtnis, keineswegs aber der
Verstand beschäftigt ist. Hingegen musste ich geduldig zuhören, wenn er mir als
eine väterliche Weisung einprägte, dass Spekulation den Geist nicht bessere, dass
man bei tiefsinnigen Untersuchungen über Raum und Zeit ein Deist bleiben könne,
dass hingegen durch Walpurgers Kosmoteologische Betrachtungen33 schon mancher
Freigeist bekehret worden sei. Er stichelte mit solchen Worten zugleich auf den
Umgang, den ich mit einem jungen Offizier angefangen hatte, einem Jünglinge von
guten Gaben und guten Gesinnungen, der, obgleich ein wackerer Soldat, gleichwohl
die Wissenschaften liebte und sich, gleich mir, gern mit philosophischen und
moralischen Untersuchungen beschäftigte. Dieser Umgang hatte auf keine Weise den
Beifall des Superintendenten; denn weil ihm ein sehr hoher Begriff von der Würde
des geistlichen Standes beiwohnte, so wollte er, dass ein Geistlicher nur mit
seinen Amtsbrüdern oder mit andern alten ernstaften, angesehenen Männern
umgehen sollte. Er verlangte, jeder Schritt eines Geistlichen solle verraten,
dass er zu den Lehrern des menschlichen Geschlechts gehöre; er verlangte, dass er
vor allem vermeiden solle, sich auf irgendeine Art zu kompromittieren; dass er
sich beständig bedächtig anstellen und sogar auf der Strasse langsamer gehen
solle als die Laien. Ich war freilich anderer Meinung. Ich bildete mir ein, es
wäre sehr nützlich, wenn ein Geistlicher sich im Umgange nicht auf Personen
seines Standes einschränke, sondern auch öfters mit Weltleuten umginge; ich
glaubte, er würde dadurch ein gewisses steifes Wesen ablegen, das man von der
Universität und aus dem Kandidatenstande mitbringt; er würde, wenn er die
mannigfaltigen Einsichten und Verdienste von Personen anderer Stände oft vor
Augen hätte, sich den Lehrerton abgewöhnen, der bei verständigen Leuten den
Prediger nie ehrwürdiger macht, oft aber wohl zur Zurückhaltung und zum
Kaltsinne Anlass gibt; er würde, wenn er sich der Sitten, der Beschäftigungen,
der Vergnügungen anderer Menschen nicht schämte, weit eher ihr Zutrauen
erhalten, würde sie genauer kennen und folglich auch ihren Gemütszustand besser
beurteilen lernen, als wenn er bloss mit Leuten umginge, die mit ihm aus ebendem
steifen Kompendium der teologischen Moral räsonieren, worin nicht selten Dinge
als ausgemachte Wahrheiten behauptet werden, die oft ein einziger Blick in die
Natur des Menschen und in den Lauf der Welt widerlegt.
    Dies waren die Vorteile, die ich mir von der Freundschaft mit dem jungen
Offiziere versprach und von den ausgesuchten Gesellschaften, in die er mich
zuweilen führte. Indessen brachte dieser mein sogenannter weltlicher Umgang mir
bei dem Superintendenten grossen Nachteil. Sowie ich den Zirkel überschritt, den
er mir angewiesen hatte, ward er gegen mich kälter und feierlicher, und sowenig
er sich gegen mich deutlich erklärte, konnte ich doch merken, dass seine
Zuneignug abgenommen hatte.
    Mein Unstern trieb mich endlich, ein Buch zu schreiben, worin ich mich über
gewisse dogmatische und moralische Materien freimütig erklärte, worüber ich
lange und reiflich nachgedacht hatte. Dies machte im Städtchen Aufsehen. Weder
der Superintendent noch meine übrigen Kollegen nebst ihren Vorfahren seit drei
Generationen hatten jemal ein Buch geschrieben. Man hielt mich also für
naseweis, dass ich, der jüngste Diakon, hierin eine Neuerung machte. Selbst der
Superintendent billigte diesen Schritt nicht, besonders war ihm die dreiste Art
sehr missfällig, womit ich verjährte Vorurteile angegriffen hatte. Vergebens
erinnerte ich ihn, dass dieses zum Teile ebendie Sätze wären, die ich aus seinem
eigenen Munde gehört hatte und über deren Richtigkeit wir in unsern
Unterredungen übereingekommen wären.
    Das war ganz etwas anders, versetzte er etwas erhitzt. Dergleichen Sachen
kann man wohl unter vier Augen untersuchen, aber man muss sie nicht öffentlich
sagen. Und Sie am wenigsten, als ein Prediger, hätten sich hierüber so positiv
erklären sollen. Wir müssen uns dem Urteile des gemeinen Haufens nicht
blossstellen; er erschrickt über ungewohnte Wahrheiten, und wir verlieren das
Zutrauen, das wir zu seiner Besserung anwenden könnten. Wenn ein Prediger
Zweifel über dogmatische Sätze hat, so ist's am besten, dass er sie ganz
verschweige; aufs höchste kann er lateinisch darüber schreiben, für gelehrte
Teologen, die davon so viel in die Welt können kommen lassen, als sie nötig
finden.
    Vergebens stellte ich ihm vor, wie nötig es sei, den grossen Haufen über
gewisse Wahrheiten zu belehren; vergebens bemerkte ich, dass viele Zweifel
deshalb nicht unbekannt blieben, wenn auch die Gottesgelehrten davon schwiegen,
indem sie den sogenannten Weltleuten aus andern Büchern und durch Unterhaltungen
mit denkenden Köpfen schon längst bekannt und ebendarum näher beleuchtet und
erörtert werden müssten, damit ihre Wirkung nicht noch nachteiliger werden möge.
Ich ging noch weiter; ich wollte ihm zeigen, dass ich aus nötiger Klugheit noch
verschiedene Gedanken verschwiegen hätte, die ich öffentlich bekanntzumachen
noch nicht für ratsam hielte. Ich entdeckte ihm einige, sie gefielen ihm nicht,
er wollte mich widerlegen, ich suchte mich zu verteidigen, und was das
schlimmste war, ich hatte recht. Er ward hitzig, nahm ein saures Amtsgesicht an,
tat einen Machtspruch und brach das Gespräch ab.
    Der gute alte Mann sah es zwar ganz gern, wenn andere insoweit frei dachten,
als er sich selbst das Ziel gesteckt hatte; aber denjenigen, der nur einen
Schritt weiter gehen wollte, verachtete und hasste er noch mehr als den, der
alles beim alten liess. Er hat es mir nachher nie vergeben, dass ich hatte weiter
sehen wollen als er. Nun war ferner auf keine Freundschaft mit ihm zu rechnen.
Er missbilligte öffentlich mein Buch, um sich zugleich selbst desto kräftiger vor
dem Verdacht der Heterodoxie zu sichern, und machte dadurch meinen Kollegen mehr
Mut, die schon längst den jungen gelehrten Diakon mit scheelen Augen angesehen
hatten. Man vermied mich, man lud mich ferner nicht zu den gewöhnlichen
Zusammenkünften ein, und ich blieb ganz einzeln mit meinem Freunde, dem
Offiziere.
    Ich hatte nur ein sehr kümmerliches Auskommen. Man weiss, wie schlecht
überhaupt die festgesetzte Geldeinnahme der Prediger ist. Ihr hauptsächlicher
Unterhalt beruht auf zufälligen Einkünften, besonders auf dem Beichtgelde. Zu
der Zeit, da die Laien glaubten, dass sie bloss von dem Priester durch Beichte und
Absolution die Vergebung der Sünden erhalten könnten, wendeten sie auf eine so
nötige Ware freilich schon ein Erkleckliches. Nachdem man ihnen aber in
Schriften und von den Kanzeln so nachdrücklich eingeprägt hat, ohne wahre
Besserung des Herzens habe die Absolution gar keine Kraft, so merkt die grosse
Menge, welche nie willens gewesen ist, sich zu bessern, dass sie ihr Geld für
eine leere Zeremonie ausgebe, und verlangt also die Absolution viel seltner und
bezahlt sie viel kärglicher. Da nun folglich hierauf wenig mehr zu rechnen war,
so konnten wohlgesinnte gelehrte Prediger, die nur ihre Pflichten zu erfüllen
suchten, ganz ruhig darben; aber ökonomische Prediger, die ihr Amt als eine Art
von Pachtung betrachteten, welche aufs beste zu benutzen wäre, sahen sich zu
einer ganz andern Art von Industrie genötigt. Sie gingen in die Häuser, machten
sich ihren Pfarrkindern notwendig, erkundigten sich nach ihrem Hauswesen,
erforschten ihre Zwistigkeiten, um sie zu schlichten, und gewannen durch fromme
Unterredungen das Zutrauen der reichen Bürgerweiber. Da nun die Kirchkinder
merkten, dass der Pfarrer etwas fürs Geld tat, so bezahlten sie ihn auch
reichlicher, der gelegentlichen Braten, Kuchen, Zuckerhüte, Magenmorsellen und
anderer Geschenke nicht zu gedenken. Ohne dergleichen Priesterkünste wird ein
ehrenfester Bürgerssohn, der im geistlichen Stande nur ein gemächliches Leben
sucht und sonst als ein Pächter oder als ein Krämer auch sein gutes Auskommen
hätte haben können, es schwerlich der Mühe wert finden, ein Prediger zu sein.
Meine Kollegen übten diese Künste in ihrem ganzen Umfange aus und hatten auch
vollkommen Musse dazu, weil sie weder durch Studieren noch durch Nachdenken davon
abgehalten wurden - Dinge, womit ich die meiste Zeit zubrachte, die mir von
meinen ordentlichen Amtsgeschäften übrigblieb.
    Ich würde den drückenden Mangel noch gern ertragen haben, weil ich mich von
Jugend auf gewöhnt hatte, wenig zu bedürfen. Aber ich hatte mich in ein junges,
schönes und verständiges Frauenzimmer verliebt, die nicht das geringste Vermögen
besass. Die grösste Glückseligkeit meines Lebens hing von dieser Verbindung ab,
welche bei meinem geringen Einkommen unmöglich schien. Bloss um dies Hindernis zu
heben, wünschte ich eine Verbesserung meiner Umstände, aber mit dem Verluste der
Freundschaft des Superintendenten war alle Hoffnung dazu in meiner jetzigen Lage
verschwunden. Ich hätte mir nicht zu raten gewusst, wenn mir nicht mein Freund,
der junge Offizier, eine einträgliche Pfarre in einem benachbarten Fürstentume
verschafft hätte.
    Ich nahm sie ohne Bedenken an. Während des Gnadenjahres heiratete ich meine
Braut und träumte von weiter nichts als von Glück und Vergnügen, indes an dem
Orte meines künftigen Aufentaltes sich ein Wetter wider mich zusammenzog. Ein
anderer Prediger hatte sich grosse Hoffnung zu meiner Stelle gemacht und konnte
mir nicht verzeihen, dass alle seine Bewerbungen fruchtlos gewesen waren. Er
breitete grässliche Gerüchte von meiner Heterodoxie aus und berief sich auf mein
gedrucktes Buch, wo sie schwarz auf weiss zu lesen stände. Die Schneider und die
Schornsteinfeger in meiner Diözese lasen eine philosophische Abhandlung, die
nicht für sie geschrieben war, und fanden Ketzerei über Ketzerei darin.
    Als ich also mein Amt antreten wollte, fand ich meine ganze Gemeinde wider
mich eingenommen; die Leute auf der Gasse gafften mich als ein Wundertier an und
drängten sich vor mein Haus, um den neuangekommenen Ketzer zu sehen. Zugleich
erfuhr ich alsdann erst, dass in diesem Fürstentume ein paar symbolische Bücher
mehr als in jenem andern müssten beschworen werden und dass die Prediger in dieser
Stadt sich auf eine besondere Formulam committendi voll abgeschmackter
Schuldistinktionen müssten verpflichten lassen, in welche noch (weil mein Gegner
bei Leuten von Ansehen ebensowenig müssig gewesen war als bei dem Pöbel) wider
meine besondere Ketzereien drei spitzfindige und verfängliche Klauseln wären
einverleibt worden, die ich zu unterschreiben hätte, ehe ich mein Amt anträte.
    Ich war wie vom Blitze gerührt. Es war sehr hart, etwas zu beschwören und zu
unterschreiben, das ich nicht glaubte; und gleichwohl, wenn ich es nicht tat,
brachte ich mich selbst an den Bettelstab und stürzte meine Frau ins äusserste
Elend, die seit einigen Monaten schwanger war und die ich wie meine Seele
liebte.
    Mein Entschluss musste kurz gefasst werden, denn man hielt auf mich, ob ich
mich weigern würde. Ich war in der ängstlichsten Verlegenheit, welche ich aus
Zärtlichkeit meiner geliebten Gattin zu verbergen suchte. Ich ging den folgenden
Morgen mit Aufgange der Sonne zum Tore hinaus, um meinen Gedanken nachzuhängen,
und folgte der Landstrasse, die mich an einen Wald führte. In demselben hatte ich
eine Zeitlang herumgeirret, als mir unvermutet ein hagerer, blasser Mensch
entgegenlief, dem die Verzweiflung an der Stirn geschrieben war. Er hielt mir
einen starken Knüttel vors Gesicht und forderte mit einem schrecklichen Fluche
mein Geld oder mein Leben. Ich war erschrocken und wehrlos, gab ihm also meinen
Beutel, der, von einigen Talern kleiner Münze schwer, mehr wert schien, als er
es war. Der Räuber sah ihn starr an und rief: Nein! Das ist zuviel! Er band den
Beutel auf, wollte etwas herausnehmen, aber die Hand zitterte ihm. Er warf den
Knüttel weg, fiel vor mir auf die Knie, hielt mir den Beutel vor und schrie
laut:
    Ich kann nicht! Ich kann nicht! Nein, lieber Herr, ich bin kein
Strassenräuber! Ich bin ein unglücklicher Vater.
    Geben Sie mir selbst nur so viel, dass meine Frau und meine armen Kinder
nicht noch heute Hungers sterben!
    Ich rief voll Entsetzen: Nimm, Freund! Ich bin arm, aber nicht so arm als
du! Indem hörte ich in der Nähe einen weiblichen Schrei. Eine Frau mit einem
vierteljährigen Kinde im Mantel schleppte sich zu uns, drei kleine Kinder in
Lumpen folgten ihr. Mann! Was willst du machen! schrie sie und sank halb tot zu
meinen Füssen.
    Dich und deine Kinder nicht vor meinen Augen verschmachten sehen! rief er
mit wildem Tone.
    Ich suchte diese Leute zu besänftigen. Ich setzte mich zu ihnen nieder,
fragte, wie sie hieherkämen und was dies alles bedeuten solle.
    Lieber Herr, sagte der Mann, nachdem er ein wenig Atem geschöpft hatte, ich
bin ein Baumwollenweber. Ich wohnte in einem Flecken in Böhmen und hatte sonst
mein gutes Auskommen, aber unser Gutsherr war ein harter Mann; er wollte uns
nicht Gott nach unserm Glauben dienen lassen, wir sollten in die Messe gehen,
und wir hielten dies wider unser Gewissen. Ich will mich aufmachen, sagte ich,
und in ein protestantisches Land gehen, wo ich Gewissensfreiheit habe. Ich
flüchtete; ich kam bis in eine Stadt einige Meilen von hier, ich ward wohl
aufgenommen und konnte frei in die Kirche gehen. Doch es ist nicht genug, in die
Kirche zu gehen, man muss auch Frau und Kinder ernähren. Ich fing also an, mit
Mühe einen Stuhl zurechtzubringen, und webte Kotonade. Dieses Zeug war dort
bisher noch unbekannt gewesen, es fand viele Käufer, sobald es bekannt wurde.
Plötzlich ward ich auf das Rataus gerufen und bekam Befehl, meine Arbeit
einzustellen. Ich fragte erstaunt: Weswegen? - Weil Ihr ein Pfuscher seid, rief
der Altmeister der Raschmacher, welches die stärkste Zunft in der Stadt ist,
weil Ihr keinen Lehrbrief vorzeigen könnt und weil Ihr kein Meisterstück gemacht
habt. - In Böhmen, erwiderte ich, gibt man keine Lehrbriefe, sondern es kann
weben, wer will und was er will; und was das Meisterstück anbetrifft, so seht
meine Ware an, ob sie nicht so gut ist als irgend Kotonade sein kann. Ebendieses
Zeug sollt Ihr gar nicht machen; es ist verboten, sagte ein Ratsherr sehr
ernstaft. - Weswegen? sagte ich, noch mehr erstaunt. - Weil es nicht der
Vorschrift gemäss ist, weil es der Grundverfassung der Stadt zuwider sein würde.
Schon vor langen Jahren haben die Gewerke Streit miteinander gehabt, und da ist
durch ein Gesetz festgesetzt worden, was für Zeuge und wer sie machen soll: die
Leinweber Leinwand, die Tuchmacher Tuch und die Raschmacher Rasch. - Aber,
lieber Gott, rief ich, was kann ich dafür, dass derjenige, der das Gesetz machte,
alle möglichen Zeuge in Leinwand, Tuch und Rasch abteilte und nicht daran
dachte, es könne auch Zeug in der Welt geben, das aus Leinen und Baumwolle
gewebt wird. - Kurzum, hiess es, Euer Gesuch ist wider alle gute Polizei, lasst
ab, das neue Zeug zu machen, das wir nicht dulden wollen, oder man wird Euch
Ernst weisen.
    Ich musste aber fortarbeiten, wenn ich leben wollte; und so kamen des andern
Tages die Altmeister, schlugen meinen Stuhl auseinander und brachten ihn mit
allem meinem Werkzeuge aufs Rataus. - Ich schrie über Gewalt. - Hat man Euch
nicht genug gewarnt? sagte der Ratsherr frostig. - Aber, lieber Gott! Ich muss ja
Hungers sterben, wenn ich nicht arbeiten soll. - Wer sagt denn, sprach der
Ratsherr mit weiser Miene, dass Ihr nicht arbeiten sollt? Ihr sollt nur nicht
solches Zeug machen, das wir hier bei uns nicht leiden wollen; es sind ja sonst
Handwerke genug. - Aber, lieber Herr, sagte ich, die werden auch zünftig sein
und werden mich nicht aufnehmen, und denn habe ich einmal nichts anders gelernt
als Kotonade weben. - Ich merke wohl, Ihr seid widerspenstig; seht zu, ob man
Euch sonstwo dulden will, bei uns werden wir Euretwegen die Gesetze nicht
ändern. - Dies war mein Abschied.
    Ich musste also mit meiner Familie fort. Gestern abend kamen wir bei der
benachbarten Stadt an, wo man uns nicht einlassen wollte, weil wir keinen Pass
hatten. Ich besass keinen Heller mehr, wir alle hatten den ganzen Tag nichts
gegessen. Wir mussten in diesem Walde unter einem Baume bleiben, die Kinder
schrien bis nach Mitternacht um Brot. Ich war ausser mir, dass ich ihnen nichts
geben konnte. Nach ein paar Stunden unruhigen Schlummers erwachte ich vor
Sonnenaufgange; ich betrachtete meine unglückliche Frau und Kinder und sah sie
voll Entsetzen alle in diesem Walde verschmachten. Ich erblickte von fern einen
einzelnen wohlgekleideten Menschen. Die Verzweiflung gab mir einen bösen Rat.-
Ich stutzte einen Augenblick beim ersten Schritte; aber der Anblick meiner
schmachtenden Kinder brachte mich aufs neue in Wut. - Und wenn er sich wehrt und
deiner mächtig wird? dacht ich. - Ei nun, so mag man mich gefangennehmen; aber
dann wird man doch meine Frau und Kinder im Spitale versorgen müssen. Ich
stürzte wie ein Unsinniger auf Sie zu. Aber Sie wehrten sich nicht, Sie gaben
mir ruhig, und mehr, als ich für die jetzige Not brauchte. War's nicht
abscheulich, den Mann zu berauben, der mir gutwillig würde gegeben haben? Ich
bin in Ihren Händen, machen Sie mit mir, was Sie wollen, aber retten Sie meine
unglückliche Frau und Kinder!
    Ich war äusserst gerührt. Ich liess den unglücklichen Leuten, was im Beutel
war, und eilte fort, um mich ihrem Danke zu entziehen.
    Mein Gott, dachte ich, dieser arme Mann leidet auch, weil die Vorfahren ein
Symbolum für die Weber erdacht und alle Zeuge, die man weben soll, auf Tuch,
Rasch und Leinwand eingeschränkt haben! Und dieser übelverstandnen Formalie
wegen sollen seine vier armen Kinder Hungers sterben? Er ist in Verzweiflung
geraten. Natürlich! Das zahmste Tier wird wütend, wenn es seine Jungen darben
sieht! - Und ich, der ich auch Vater bin, soll ich mich in Gefahr setzen, die
Meinigen darben zu sehen? Oder soll ich ... ja, ich will unterschreiben, was man
fordert. Die Erhaltung meiner selbst und der Meinigen ist die erste Pflicht, der
alle andern weichen müssen, die damit in Kollision kommen. Kann ich den Lauf der
Welt ändern? Die Könige und die Priester haben den Erdkreis unter sich geteilt,
so dass nichts mehr übrig ist. Auf dem Flecke, auf dem ich atme, regiert jemand;
wohin ich mich wenden könnte, wird ein anderer regieren. Sowenig ich für mich
unabhängig bestehen, ohne Regenten sein oder mir Regenten und Regierungsform
nach meinem Gefallen einrichten kann, ebensowenig kann ich für mich allein, mit
meiner besondern Religion leben. Jede Religionspartei, die Gewalt hatte, zog
einen Zaun um sich; habe ich nicht ihr Schibbolet, so heisst es noch
Menschenliebe, wenn sie mich bloss ausstösst. Ich kann ihretwegen in die ganze
weite Welt laufen; aber wohin ich trete, bin ich im Zaune einer andern, die mich
wieder ausstösst. Wohl denn! Ich will bleiben, wo ich bin, und dulden, was ich
nicht ändern kann.
    Mit diesen Gedanken kehrte ich zurück, unterschrieb, ohne die Augen
aufzutun, und trat mein Amt an. Meine Pfarrkinder, die mich predigen und Beichte
sitzen und Kranke trösten sahen so wie meine Vorfahren, wurden bald mit mir
versöhnt und wunderten sich selbst, wie sie mich für einen so garstigen Ketzer
hätten halten können. Aber nicht so meine Gegner, welche, ob sie gleich
vorderhand stillschwiegen, nur auf eine Gelegenheit lauerten, mir den
empfindlichsten Stoss zu versetzen. Ich gab sie ihnen selbst an die Hand, durch
einige Abhandlungen ohne meinen Namen, die ich in ein Wochenblatt einrücken
liess. Mein Superintendent entdeckte bald, dass weder die Rechtfertigung noch die
Wiedergeburt, noch die Erbsünde, noch der tätige Gehorsam, noch die Homousie an
der Stelle standen, wohin er sie gesetzt wissen wollte. Ich wurde vor eine
meinetwegen niedergesetzte Kommission zitiert. Man begegnete mir im voraus als
einem teuflischen Ketzer, man verlangte Erklärung mit Ja oder Nein, ob ich den
symbolischen Büchern, quia, beifiele oder nicht. Ich verteidigte mich und
brachte die Kommissarien noch mehr in Harnisch, denn sie hatten einen blossen
Widerruf und Abbitte von mir erwartet. Kurz, meine Absetzung war vorher schon
unwiderruflich beschlossen, und ich hätte vielleicht mein Leben als ein
Übeltäter in einem Kerker endigen oder mein Brot erbetteln müssen, wenn nicht
mein edelmütiger Freund, der junge Offizier, sich abermals meiner angenommen und
mir eine Hofmeisterstelle bei einem jungen Reichsgrafen verschafft hätte. Ich
bin mit meinem Grafen durch ganz Europa gereiset. Ich habe gesehen, dass
allentalben, sogar in dem aufgeklärten Grossbritannien, Aberglauben und
Priestergewalt sich der Erleuchtung des menschlichen Geschlechts mit
unüberwindlicher Macht entgegensetzen, dass allentalben Dummköpfe, die
eingeführten Lehren und Gebräuchen folgen, laut sprechen und herrschen und dass
weise Leute, welche Missbräuche einsehen und ihnen abhelfen könnten, nicht laut
sprechen wollen oder dürfen. Nachdem mein Graf volljährig geworden, bin ich nun
ganz unabhängig und danke Gott, mich in einer Lage zu finden, in der ich meine
Gedanken nicht ferner verhehlen noch meine Ausdrücke auf Schrauben setzen darf.«
    »Jawohl«, sagte Sebaldus, »das ist die grosse Glückseligkeit, die man in
Berlin geniesst. Hier ist das wahre Land der Freiheit, wo jedermann seine
Gedanken sagen darf, wo man niemand verketzert, wo christliche Liebe und
Erleuchtung in gleichem Masse herrschen.«
    »Ei! Sie haben ja von Berlin eine sehr gute Meinung«, sagte Herr F.
lächelnd. »Freilich, wer so wie Sie und ich kein Amt sucht und nicht von der
Meinung des Publikums abhangen darf, kann in Berlin denken und sagen, was er
will; mit demjenigen aber, dem es nicht so ganz gleichgültig ist, wie man seine
Religionsmeinungen beurteilt, ist es eine ganz andere Sache. Die Regierung
begünstigt die Freiheit zu denken, besonders in Religionssachen; wir haben auch
einige sehr würdige Geistliche, welche nicht Untersuchungen wichtiger Wahrheiten
zu Ketzerei machen; aber das Publikum ist nicht völlig so tolerant. Die
Einwohner von Berlin sind sowenig als die Einwohner irgendeiner andern Stadt
geneigt, Neuerungen in der Lehre zu begünstigen.«
    »Das sollte ich kaum denken, wenigstens stehen sie auswärts in einem ganz
andern Rufe. Man glaubt vielmehr, Berlin sei voll von Ateisten, Deisten,
Naturalisten und wer weiss von was für - isten mehr. Man glaubt, jeder dürfe sich
daselbst in Religionssachen erlauben, was er wolle. Ich selbst, ob ich gleich
nicht lange in Berlin bin, habe zuweilen zufälligerweise Reden gehört, die man
an vielen andern Orten nicht so frei hätte führen dürfen, ohne öffentliche
Ahndung zu befürchten.«
    »Nein! Öffentliche Ahndung hier freilich nicht. Unsere Regierung hat schon
seit langen Jahren klüglich eingesehen, dass man die Meinungen der Menschen von
Religionssachen deshalb nicht bessert, wenn man sie einschränkt und ahndet,
sondern dass man vielmehr dadurch jede Torheit eines Eiferers oder Schwärmers zu
einer wichtigen Sache macht. Sie verfolgt niemand wegen Meinungen, weshalb auch
gute und schlechte Meinungen in Berlin überhaupt nicht so viel Aufsehen machen
als an andern Orten. Daher kommt es, dass in dieser Hinsicht die Menschen sich
hier mehr so zeigen, wie sie sind, und dass es der Heuchler weniger gibt. Sie
können in Berlin vielleicht unter spekulativen Gelehrten einige gefunden haben,
welche die Offenbarung für unnötig halten, und unter lockern Weltleuten auch
wohl viele, die alle Religion verachten. Aber Leute von solchen Grundsätzen
werden Sie unter Gelehrten und unter Weltleuten allentalben, obgleich nur
verborgen, finden. Allein auch in Berlin machen sie gewiss verhältnismässig eine
geringe Anzahl aus, wenigstens wer solche Meinungen an sich merken lässt, wird
deswegen weder hochgeschätzt noch geliebt. Der berlinische Pöbel ist noch ebenso
beschaffen als der, welcher im Jahre 1747, nachdem er Süssmilchs erbauliche
Predigt wider die Freigeister gehört hatte, dem bekannten Edelmann die Fenster
einwarf. Und den Pöbel ungerechnet, sind auch unsere gute berlinische Bürger
überhaupt zu nichts weniger als zu so freien Meinungen geneigt. Ich wollte wohl
Bürge für sie sein, dass sie auch nicht die geringste Heterodoxie verschlucken
würden, sie müssten sie denn etwa mit gutem Herzen für Ortodoxie halten.«
    »Das dächte ich doch nicht. Sie müssen neuen Meinungen nicht ganz abgeneigt
sein; wenigstens haben die Versuche, durch Gebrauch der Vernunft die Vorurteile
in der Religion wegzuräumen, bisher noch in Berlin den grössten Beifall
erhalten.«
    »Ja, vergleichungsweise, weil sie an vielen andern Orten ganz und gar nicht
geduldet werden. Aber wenige Schriftsteller und ihre wenigen Freunde verlieren
sich unter den vielen tausend Einwohnern. Wenn diese je von der Dogmatik abgehen
oder irgendworin über die Schnur hauen sollten, so möchte es gewiss minder von
der Seite der Vernunft als von der Seite der erhitzen Einbildungskraft34
geschehen. Seit dem Anfange dieses Jahrhunderts hatten wir Inspirierte, welche
weissagten und Wunder taten, und haben noch einige dergleichen. Keine grosse
Stadt in Deutschland hat so viel Schwärmer gehabt als Berlin; und jetzt, wenn
ich doch den allgemeinen Charakter der Bürger von Berlin mit einem Worte
bezeichnen sollte, so würde ich eher sagen, sie wären pietistisch als
heterodox.«
    »Pietistisch?« rief Sebaldus voll Erstaunen. »Die Bürger von Berlin
pietistisch!«
    »Ja, ja!« versetzte Herr F. »Pietistisch oder ortodox von der pietistischen
Seite; denn Sie wissen, es sind noch nicht fünfzig Jahre, dass grosse
Streitigkeiten zwischen der ortodoxen Ortodoxie und zwischen der pietistischen
Ortodoxie geführet wurden, und zu der letztern hat sich ein grosser Teil der
Einwohner von Berlin schon damals und in der Folge geneigt. Woher wäre sonst der
grosse Beifall entstanden, den nebst Leuten wie Spener und Schade auch Fuhrmann,
Schulz, Woltersdorf und andere nacheinander gehabt haben?«
    »Sie reden von vergangenen Zeiten, seitdem aber hat sich wohl in Berlin
vieles gar sehr abgeändert.«
    »In gedruckten Schriften ist die Veränderung geschwinder und allgemeiner
gewesen als in den Gemütern der Einwohner. Diese sind in Absicht auf
Religionsgesinnungen noch beinahe ebendas, was sie vor vierzig Jahren waren. Ich
habe sogar bemerkt, dass sich ihre dogmatischen Gesinnungen nach den Gegenden der
Stadt, wo sie wohnen, modifizieren. In der alten guten Stadt Berlin findet man
noch alte Gewohnheiten und auch alte Dogmatik.
    Die Pfarrkinder der uralten Pfarrkirche zu Sankt Nikolai, am Molkenmarkte
und in der Stralauer Strasse bis zur Paddengasse hinauf halten am meisten auf
reine Ortodoxie. Ich versichere Sie, dass daselbst noch ehrenfeste Bürger über
Erbsünde und Wiedergeburt disputieren, desgleichen haben die Gärtner und
Viehmäster in den berlinischen Vorstädten noch alle löbliche Anlage, auf einen
Ketzer mit Fäusten loszuschlagen. In Kölln, in der Gegend des Schlosses, möchten
noch am ersten die Freigeister anzutreffen sein. In dieser Gegend schrieb der
Propst Reinbeck im Haudenschen Buchladen auf der Schlossfreiheit seine
Betrachtungen über die Augspurgische Konfession, welche zuerst in den Damm,
welchen Eifer und verjährtes Vorurteil gegen die menschliche Vernunft für die
Ortodoxie aufgeworfen hatten, ein kleines Loch machten, das hernach so sehr
erweitert worden ist. Die Nachbarschaft des Hofes trägt auch wohl etwas bei, dass
die Leute hier freier denken. Man komme aber nur in die bürgerlichen Gegenden
der Fischerstrasse und Lappstrasse, und man wird die Neigung für die Ortodoxie
viel stärker finden; ja ich vermute, dass sie bei den Gerbern, Pergamentmachern
und Seifensiedern in Neukölln bis zum Eifer steigt. In den dumpfigen Gassen des
Werders wohnen die Separatisten, welche Gott einsam dienen; in den höher
gelegenen die stillen Gichtelianer35, die ruhige Beschaulichkeit lieben und
unerkannt wohltun. Schon um die Gegend der Hospitalkirche zu Sankt Gertraud
zeigen sich die Herrnhuter; und weiterhin, in den folgenden breiten und hellen
Strassen der Friedrichsstadt, fangen auch die Religionsgesinnungen der Einwohner
immer mehr an, luftiger und geistiger zu werden. Pietisten, die in Gefühlen und
innigen Empfindungen ihre Religion suchen, und Schwärmer von allen Gattungen
finden sich hier, so dass der innere Trieb der Raschmacher und Wollkämmer oft in
Erbauungsstunden und Weissagungen ausbricht. Die Doroteenstadt wird zum Teile
von Reformierten und Franzosen bewohnt. Jedoch in allen Gegenden der Stadt ist
eine andere Gattung Leute verbreitet, die ich oft in Gesellschaften angetroffen
habe, denen man es anmerkt, dass sie niemals weder Ortodoxie noch Heterodoxie
untersucht haben, bei denen es hingegen feststeht, dass alles darin bleiben soll,
wie es war. Es gibt unter ihnen sogar deliierte Weltleute, welche scherzen,
Karten spielen, mit Frauenzimmern tändeln und doch die Nase rümpfen können, wenn
sich die geringste Ketzerei spüren lässt.«
    »Dies sollte mir herzlich leid tun«, sagte Sebaldus, »denn wenn solcher
Leute in Berlin viele sind, so kömmt mir Ihre Nachricht nur allzu glaubwürdig
vor, dass hier die Erleuchtung und die Freiheit zu denken noch nicht so gross ist,
als ich mir vorgestellt habe. Ich fand immer, dass diejenigen, die aus Trägheit
und Nachlässigkeit die Wahrheit nicht suchen wollen, die Selbstdenker am meisten
hassen, weil sie sich sonst ihrer Trägheit und Nachlässigkeit schämen müssten.
Immer ist mir aber selbst derjenige viel ehrwürdiger gewesen, der durch Liebe
zur Untersuchung der Wahrheit auf Irrtümer verfällt, als derjenige, der sie gar
nicht untersuchen mag.«
    »In diesen Gesinnungen«, antwortete Herr F., »werden viele Einwohner Berlins
nicht mit Ihnen übereinstimmen, und vielleicht nicht einmal alle berlinische
Geistliche.«
 
                              Siebenter Abschnitt
Während solcher Unterredungen hatten sie sich unvermerkt von ihrem Spaziergange
linker Hand geschlagen und waren in die Lindenallee geraten, wo sie sich
ziemlich ermüdet auf eine Bank niedersetzten, an deren anderm Ende ein Prediger
mit einem Kandidaten in tiefem Gespräche sass.
    »Es müssen doch noch einige andere Ursachen sein«, sagte der Kandidat,
»warum die Freidenkerei so sehr in Berlin überhandgenommen hat. Üppigkeit und
Wollust gehen in andern grossen Städten auch im Schwange, aber man sieht da nicht
soviel öffentliche Freidenker.«
    »Freilich«, versetzte der Prediger, »unsere schöne heterodoxe Herren, welche
die Religion so menschlich machen wollen und dabei die Würde unseres Standes
ganz aus der Acht lassen, sind am meisten schuld daran. Sie wollen den
Freidenkern nachgeben, sie wollen sie gewinnen. Als ob es sich für uns schickte,
mit Leuten solches Gelichters Wortwechsel zu führen! Man muss ihnen kurz und
nachdrücklich den Text lesen, man muss ihnen das Maul stopfen, man muss sich bei
ihnen in der Ehrfurcht zu erhalten wissen, die sie uns schuldig sind.« »Das ist
wahr. Nur ist es zu beklagen, dass diese Leute für alle ehrwürdige Sachen und
besonders für den Predigerstand nicht die gehörige Ehrfurcht hegen.«
    »Daran sind wieder die neumodischen Teologen schuld! Sie benehmen sich
selbst die Mittel, womit man die Laien im Zaume halten sollte. Sie schwatzen
viel vom Nutzen des Predigtamts und vergessen darüber das Wesen des Predigtamts.
Sie selbst geben sich als die nützlichen Leute an« (hier verbreitete sich ein
mildes ironisches Lächeln dicht unter seinem breiten Schiffhute), »die der Staat
verordnet hat, Weisheit und Tugend zu lehren. Eine rechte Würde! Weisheit und
Tugend dünkt sich jetzt jeder Wochenblättler oder Romanschreiber zu lehren!
Damit werden wir eine feine Ehrfurcht von Laien fordern können! Aber wenn wir,
so wie es recht ist, darauf bestehen, dass unser Beruf ein göttlicher Beruf ist,
dass die Ordination, die wir empfangen haben, nicht eine leere Zeremonie ist,
sondern dass sie uns zu Nachfolgern der Apostel, zu Boten Gottes, zu Handhabern
seiner Geheimnisse macht, dass sie uns das Amt der Schlüssel überträgt, so wird
unser Orden bald wieder zu seiner vorigen Würde gelangen, und dann wird auch
natürlicherweise die Religion mehr geschätzt werden. Unsre feinen Lehrer der
Rechtschaffenheit hingegen haben eine so grosse Begierde, nützlich zu sein, dass
sie darüber sich und ihren Orden und damit die Religion selbst vergessen.«
    »Es ist wahr«, sagte der Kandidat, indem er den Kopf schüttelte, »es scheint
mir auch fast, dass die Protestanten aus unüberlegter Furcht vor einer
päpstischen Hierarchie den geistlichen Stand andern Ständen allzu gleich
machen.«
    »Oh, ein wenig Papsttum wäre uns sehr nötig, oder wir werden nie wieder
Glaubenseinigkeit und Glaubensreinigkeit erlangen. Ich kann es Lutern und
Melanchton nicht vergeben, dass sie die Hierarchie ganz aufgehoben und auf die
Vorzüge des geistlichen Standes so wenig geachtet haben. Daraus ist dann endlich
der ganze Verfall des Christentums entstanden. Wer gibt wohl darauf Achtung, was
ein elender Prediger sagt? Hingegen wenn ein Erzbischof spricht, so müssen die
Freigeister schweigen. Man sieht es ja: an den protestantischen Orten, wo den
Geistlichen ein Schatten von Autorität übrig ist, wird auch die Religion
geachtet. Ich wollte unsern Freidenkern raten, einem Senior in Hamburg oder
einem Präpositus in Mecklenburg oder einem Superintendenten in Sachsen oder
einer teologischen Fakultät in Greifswald oder in Giessen in die Hände zu
fallen; da würde ihnen ein kurzer Prozess gemacht werden. Aber mit uns armen
berlinischen Predigern können sie bald fertig werden: wir haben keine Würde
mehr, wir verdienen keine Ehrfurcht mehr, wir haben sie uns selbst vergeben, da
wir vernünfteln und beweisen wollen, anstatt dass wir solchen Leuten imponieren,
dass wir ihnen den Daumen aufs Auge drücken sollten.«
    »Ach«, rief der Kandidat mit einem Seufzer aus, »seitdem ich mich dem
geistlichen Stande gewidmet habe, habe ich schon oft beklagt, dass dies nicht
mehr so recht angehen will. Nun muss man schon aus der Not eine Tugend machen,
muss die Zweifel der Gegner kennenlernen, muss sich auf Widerlegungen und Beweise
gefasst machen ...«
    »Damit«, fiel ihm der Prediger ins Wort, »werden Sie nicht weit kommen. Die
Laien müssen glauben, was ihnen an Gottes Statt gesagt wird, und ihre Zweifel
unterdrücken. Darauf muss man dringen! Die Dogmatik ist ein statutarisches Recht,
dem gehorsamet werden muss, wenn man es auch gar nicht bis aufs Recht der Natur
zurückführen kann. Zuletzt würde bei dem Vernünfteln doch nichts herauskommen!
Ich wiederhole nochmals, dem Laien muss und soll man nicht erklären und beweisen,
sondern er muss glauben. Es kommt hier gar nicht auf die Vernunft, sondern auf
die Bibel, auf eine übernatürliche Offenbarung an. Hier muss man nur nicht
schmeicheln, sondern die menschliche Vernunft in ihrer Ohnmacht zeigen, ihr aber
keinesweges, wie unsere treffliche Tugendprediger tun, ein Recht in
Glaubenssachen zugestehen.«
    Herr F. hörte dieses Gespräch stillschweigend an, das Gesicht auf seinen
Stock gestützt. Sebaldus aber ward dabei unruhig und rückte sich auf der Bank
hin und her, so dass er unvermerkt dem Prediger näher kam.
    Dieser fuhr fort: »Und unsere neumodische Teologen, unsere Erleuchter der
Welt, die so viel untersuchen, vernünfteln, philosophieren, wie wenig haben sie
ausgerichtet! Wie müssen sie sich krümmen und winden! Sie philosophieren Sätze
aus der Dogmatik weg und lassen doch die Folgen dieser Sätze stehen; sie
brauchen Wörter in mancherlei Verstande, sie verwickeln sich in ihre eignen
Schlingen, sie sind aufs äusserste inkonsequent ...«
    Sebaldus fiel ihm schnell in die Rede: »Und wenn sie denn nun inkonsequent
wären? Wer den Mut hat, wenigstens einzelne Vorurteile zu bestreiten, aber viele
andere damit verbundene nicht bestreiten mag oder darf, kann wohl zuweilen
seiner Ehrlichkeit und Einsicht unbeschadet inkonsequent sein oder scheinen. Die
Verbesserer der Religion mögen immerhin ein zerrissenes Buch sein, das weder
Titel noch Register hat und in welchem hin und wieder Blätter fehlen; aber auf
den vorhandenen Blättern stehen nötige, nützliche, vortreffliche Sachen. Ich
will diese Blätter ohne Zusammenhang lieber haben als Meenens Beweis der
Ewigkeit der Höllenstrafen, und wenn dies Buch noch so komplett wäre!«
    Der Prediger, mit stierem Blicke und verlängertem Angesichte, schaute dem
Sebaldus gerade ins Gesicht, zog seinen Hut langsam ab und sagte, sich gegen ihn
neigend, mit dem Tone steifer Würde:
    »Sie sind also, wie ich merke, ein Gönner der neuern heterodoxen Teologen.
Sie werden vermutlich alles, was dahin gehört, wohl überlegt haben, denn Herren
Ihrer Art handeln ja niemals unüberlegt. Sagen Sie mir also doch, was für ein
Christentum wir bekommen möchten, wenn diese Herren so fortfahren, wie sie
angefangen haben?«
    »Ei nun«, versetzte Sebaldus, »es könnte wohl ein sehr christliches
Christentum werden.«
    »Christlich? Ein heidnisches Christentum wird es werden. Hören Sie wohl?
Heidnisch ist der wahre Name!«
    »Mag es doch heissen, wie es will; das menschliche Geschlecht wird durch eine
Benennung weder glücklich noch unglücklich.«
    »So? Wenn Sie denn also meinen, so mögen die Herren immer auf den
Naturalismus fortarbeiten; Indifferentisten sind sie ohnehin schon. Auf die Art
könnten sie ziemlich fortschreiten. Zum Glücke aber«, setzte er mit weiser Miene
hinzu, »sind sie seichte Köpfe, die sich in kurzem vor sich selbst scheuen und
so wie in ihrer Philosophie auch in ihrer Teologie auf dem halben Wege
stehenbleiben.«
    »Wenn es der Weg zur Wahrheit ist, so besteht meines Erachtens schon kein
geringes Verdienst darin, bis auf den halben Weg zu kommen. Dieser Weg ist so
steil und ungebahnt, dass der eine früh und der andere spät ermüden kann. Ein
jeder gehe so weit es ihm seine Kräfte erlauben. Auch derjenige, der nur einen
einzigen Schritt fortgeht, auch derjenige, der nur eine ganz kleine Strecke
durch seinen Fleiss zu bahnen sucht, ist mir ehrwürdig. Aber der nicht, welcher
aus Stolz den Weg gar nicht antreten will, welcher aus Trägheit, um nicht einen
Schritt weiter zu gehen, die Falschheit, die vor den Füssen liegt, für Wahrheit
ausgibt.«
    »Also«, rief der Prediger mit einem spöttischen Lächeln aus, »wollen Sie
erst neue Wege zur Wahrheit bahnen? Sie kommen zu spät, lieber Herr! Der Weg ist
schon ganz gebahnt, er heisst die Bibel. Und dabei haben uns unsere Vorfahren
einen ganz untrüglichen Wegweiser gesetzt, der heisst die symbolischen Bücher.
Die haben Sie freilich vermutlicherweise nicht gelesen, denn die Herren
Selbstdenker pflegen nicht sehr belesen zu sein. Wenn Sie mich zuweilen besuchen
wollen, so können Sie sich näher belehren. Ich will Ihnen unsere ältere
Teologen zu lesen geben, denn die werden Ihnen wohl gänzlich unbekannt sein.
Sie werden darin zu Ihrer Verwunderung alle Streitfragen längst erörtert, alle
Zweifel längst bestimmt und alle die neuen Meinungen, worauf sich die neuen
Heterodoxen soviel zugute tun, längst widerlegt finden. Leben Sie wohl, mein
lieber Herr! - Ich wohne in der ... Strasse.«
    Hiermit stand er auf, das süsse Lächeln der Selbstzufriedenheit auf seinen
Lippen. Die andern standen gleichfalls auf, und jeder ging seinen Weg.
 
                                Achter Abschnitt
Nach einer kurzen Pause sagte Sebaldus: »Hätte ich doch nimmermehr gedacht, dass
man auf diese Art in Berlin von den symbolischen Büchern reden würde. Ein
untrüglicher Wegweiser! Ich dächte, kein vernünftiger Mensch würde blindlings
einem Wegweiser folgen, den man vor mehr als zweihundert Jahren gesetzt hat. Er
würde bedenken, durch wie viele Vorfälle entweder der Wegweiser seit zweihundert
Jahren könne verrückt oder der Weg könne geändert worden sein. Wenn man die
offenbare Trüglichkeit überlegt, so muss man sich sehr wundern, dass die Menschen
so grosses Verlangen bezeigen, sich nach Lehrformeln, Synodalschlüssen und
symbolischen Büchern zu richten.«
    »Die Menschen ein Verlangen?« rief Herr F. aus. »Dies glaube ich
ebensowenig, als dass die Menschen ein Verlangen haben, sich an der Nase
herumführen zu lassen. Aber diejenigen, welche die Menschen unvermerkt
beherrschen wollen, drehen ihnen gern wächserne Nasen an, weil dadurch ihr
Endzweck am besten erreicht wird. Glauben Sie denn, dass der Mann, der jetzt
soviel von symbolischen Büchern redete, ihnen ebenso strenge anhängt, als er
verlangt, dass ihnen andere anhangen sollen?«
    »Dies muss ich dahingestellt sein lassen, weil ich den Mann nicht genug
kenne.«
    »Ich lasse es auch dahingestellt sein. Ich kenne aber nicht wenig Geistliche
von hohem Sinne, die vielleicht auch Heterodoxe würden, wenn dadurch Ruhm oder
ansehnliche Ämter zu erlangen ständen. Wenn sie aber sehen, dass andere schon
durch Heterodoxien grossen Ruhm erworben haben, wenn sie dagegen bei sich nicht
Geschicklichkeit und Mut genug spüren, noch wichtigere Neuerungen zu wagen, so
ekelt ihnen davor, Heterodoxe vom zweiten oder dritten Range zu sein. Sie
ergreifen daher die viel bequemere und sicherere Partei, stellen sich an die
Spitze der Ortodoxen ihrer Stadt oder ihrer Provinz und brauchen die
Lebhaftigkeit des Geistes, wodurch sie Ketzereien hätten anstiften können, um
sich Ketzereien zu widersetzen. Sich auf die ältern Teologen und auf die
symbolischen Bücher als auf unwidersprechliche Grundgesetze zu berufen ist schon
eine so abgenutzte politische Maxime dieser Leute, dass die Klügern unter ihnen
bereits auf ganz andere Mittel denken, um den Ruhm, der durch neue Heterodoxien
nicht zu erhalten stand, durch eine neue Ortodoxie von ihrer eignen Schöpfung
zu erlangen. Denn wenn diese Herren sich für noch so altortodox ausgeben, so
ist doch gemeiniglich die Art, wie sie ortodox sein wollen, sehr neu.«
    »Dies kann wohl nicht anders sein«, erwiderte Sebaldus, »denn je mehr ich
den Gang bedenke, welchen der menschliche Verstand in seiner Entwicklung von
jeher genommen hat, desto unmöglicher scheint es mir, dass alles so bleiben
sollte, wie es vor zweihundert Jahren gewesen ist, und für desto ungereimter muss
es halten, dass man durch Vorschriften von irgendeiner Art die Veränderungen der
Meinungen und ihren Fortgang hindern will. Die symbolischen Bücher waren sehr
gut für die Beschaffenheit der Zeit und der Umstände, da sie gemacht wurden.
Regierungsart, Wissenschaften und Sitten haben sich seitdem merklich geändert.
Wenn nun die symbolischen Bücher unveränderliche Gesetze sein sollten, so würden
wir endlich eine Teologie bekommen, die sich für die Zeit, worin wir leben, auf
keine Weise schickte.«
    »Sie haben ganz recht. Wenn unsere Teologen die symbolischen Bücher des
sechzehnten Jahrhunderts zur beständigen Norm des Glaubens annehmen, so handeln
sie gerade, als wenn unsere Schneider die steifen Kragen, kurzen Mäntel und
weiten, mit Pelz bebrämten Röcke ebendieses Jahrhunderts zur beständigen Norm
der Kleidertracht festsetzen wollten. Die Erfahrung lehret uns, dass die
Meinungen sich nicht minder verändern als die Kleidertrachten. Es geht daher
auch den symbolischen Büchern ebenso wie der Kleidung der Geistlichen. Als jene
geschrieben wurden, entielten sie bloss die allgemein angenommenen Meinungen der
damaligen Glieder der luterischen Kirche, so wie die damalige Kleidung der
Geistlichen dem Schnitte nach die Kleidung aller gelehrten Leute und der
schwarzen Farbe nach die Farbe war, worin jeder angesehene Mann feierlich
erschien. Da aber die Kleidermoden sich änderten, blieben die Geistlichen immer
vierzig oder fünfzig Jahre darin zurück, so wie noch oft in der Literatur und
Philosophie. Endlich änderte sich die Welt so sehr, dass der Schnitt des Glaubens
und der Kleidung, der zu Luters Zeiten allen guten Leuten gemein war, das
Symbolum eines besondern Standes blieb. Und dennoch befürchte ich, es geht noch
in anderer Rücksicht der Konformität mit den symbolischen Büchern wie den Ärmeln
und den Mänteln der Geistlichen. Obgleich jene immer Ortodoxie heisst und diese
immer schwarz bleiben, so haben sie doch beide, sonderlich seit fünfzig Jahren,
viele kleine, aber wesentliche Abweichungen erlitten. Glauben Sie mir, ein guter
alter ortodoxer Dorfpastor, der seit Buddeus' Zeiten weder in der Gelehrsamkeit
noch in den Rockschössen und Perücken an Veränderungen gedacht hat, möchte wohl
bei aller Konformität von einem jungen ortodoxen Diakon itziger Zeit, der vier
Jahre lang in den adeligen Häusern Hofmeister gewesen ist, ebenso stark in der
Kleidertracht als in der Glaubenslehre verschieden sein.«
    Sebaldus sagte lächelnd: »Es dünkt mich doch fast, die geistliche Dogmatik
habe seit meiner Jugend mehrere Veränderungen erlitten als die Kleidertracht der
Geistlichen. Ich dächte, sie gingen noch ebenso wie vor vierzig Jahren in
schwarzen Röcken und in Kragen und Mänteln.«
    »Ebenso? Ich dächte nicht! Sie haben nur auf jene Veränderung mehr
achtgegeben als auf diese, welche ebenso merklich ist. Ja, sie entstand oft aus
Begierde, sich von andern Glaubensgenossen zu unterscheiden; und dann ward sie
sogar ein Stück der Kirchengeschichte.«
    »Sie scherzen. Wie kann die Glaubenslehre auf die Kleidertracht einen
Einfluss haben! Ausserdem sieht ja in der ganzen protestantischen Kirche eine
Priesterkleidung der andern ähnlich.«
    »Keinesweges! Der steife Wolkenkragen in Hamburg, Braunschweig, Breslau,
Leipzig und das feine Überschlägelchen anderer Länder, die enge Summarie in
Mecklenburg und Holstein, der weite Priesterrock in Sachsen und Anhalt, der
Mantel in Brandenburg, das sammetne Kalottchen, das der Danziger Prediger auf
seine Perücke nähet, sind wesentliche Unterschiede der Kleidung protestantischer
Geistlichen, haben, wie alle Dinge in der Welt, ihren zureichenden Grund«
(determinierenden Grund, dachte Sebaldus heimlich bei sich), »und vielleicht oft
zunächst in der Lehre. Hier habe ich eben in der Tasche eine ungedruckte
Handschrift, betitelt: Historische Versuche über Berlin, die mir ein Freund
mitgeteilt hat. Ich will Ihnen daraus etwas weniges von der Geschichte der Hüte
und Mäntel der berlinischen Geistlichkeit vorlesen. Vielleicht merken Sie
daraus, dass die Eingeweihten aller Orden Zeichen haben, die den Augen der
Profanen entgehen.«
    Sie setzten sich abermals auf eine Bank, und Herr F. las wie folget:
    »Philipp Jakob Spener, ein gutmütiger, redlicher Mann, bescheiden und
friedliebend in einem Zeitalter voll teologischen Stolzes und teologischer
Zänkerei, der gern alle dogmatische Spitzfindigkeiten vermieden hätte, der sie
zwar nach dem Genius seines Zeitalters nicht vermeiden konnte, aber vorzüglich
auf die Rechtschaffenheit und auf die Lauterkeit des Herzens drang, befliss sich
nicht, in seiner Kleidung etwas Sonderliches zu haben. Sein ehrwürdiges Haupt36,
von welchem sein silberweisses Haar in natürlichen Locken hinabfiel, wärmte ein
kleines Kalottchen; und sein weitgefalteter Mantel (die damals gewöhnliche
Tracht der Gelehrten, welche noch bis in das erste Vierteil dieses Jahrhunderts
alle Schüler in Berlin trugen) hing, als eine brauchbare Bedeckung, ungekünstelt
über Schultern und Arme herab. Bald nach seiner Zeit gelüstete einen Teil der
berlinischen Geistlichkeit nach dem modischen Putze der spanischen Perücken37,
welche sie auf den Häuptern der Edelknaben und der Geheimen Räte an dem
prunkvollen Hofe unsers guten Königs Friedrich I. gesehen hatten. Obgleich beim
Regierungsantritte König Friedrich Wilhelms meist alle Leute die grossen Perücken
ablegten, so mochten doch selbst die pietistischen Prediger diese so oft
abgekanzelte und nebst den Fontangen der Frauenzimmer vom Einblasen des leidigen
Teufels hergeleitete Kopfzierde ferner nicht verschmähen. Vermutlich der
Gravität wegen; denn nunmehr begannen sie, gleich den Leuten, die ihre
Denkzettel breit und die Säume an ihren Kleidern gross machten38, in ihrer
Kleidung sich geflissentlich von andern Menschen zu unterscheiden39. Sie setzten
an ihre Kragen einen breiten Saum. Ein grosser, nur zweimal aufgestutzter
Schiffhut beschattete vorn und hinten ihr Haupt, und in den Mantel wickelten sie
den Unterleib dermassen ein, dass die Füsse gar wenig Raum übrigbehielten; daher
auch derjenige unter ihnen, der von Natur nicht bedächtig war, einen bedächtigen
Gang annehmen musste. Da um diese Zeit unsere ganze luterische Geistlichkeit
sich von der hamburgischen Ortodoxie der polternden Mayer und Neumeister zum
sanftern Pietismus neigte, so ward dieser eben beschriebene Anzug sehr bald das
Merkzeichen eines jeden luterischen Pfarrers. Denn die Reformierten, dem Hofe
näher, wollten sich nicht so sehr wie jene von der gewöhnlichen Kleidung
abwenden. Sie behielten den dreimal aufgestutzten Hut bei; und den Mantel40,
dessen viele pedantische Falten sie unvermerklich verminderten, schlugen sie von
den Schultern zurück und hoben ihn im Gehen mit der linken Hand zierlich auf, so
dass sie mit mehrerm Anstande fortschreiten konnten. Nach einiger Zeit fingen sie
an, den Mantel41, den sie mit der linken Hand emporgehalten hatten, zu mehrerer
Bequemlichkeit ganz auf den linken Arm zu legen. Unter den Luteranern, welche
schon längst den schmalern Mantel und die freiern Füsse der Reformierten mit
heimlichem Neide mochten angesehen haben, wagte es zuerst ein Mann, in grossen
Dingen klein und in kleinen Dingen gross, den Mantel42 um den Leib zu schlagen
und mit freien Füssen einherzutreten, worin er bald viele Nachahmer bekam. Es
wäre zu weitläufig, zu erzählen, welche Widersprüche jede von diesen
Veränderungen leiden musste, wie oft man aus der veränderten Art, den Mantel zu
tragen, auf eine Neuerung in der Lehre geschlossen hat und wie oft eine Neuerung
in der Lehre unbemerkt durchgegangen ist, weil der Neuerling den Mantel noch
nach der alten Art trug. Genug, die alte symbolische Reinigkeit des
Manteltragens bekam einen noch grössern Fleck, da einige Kryptokalvinisten sich
unterstanden, den Mantel nach Art der Reformierten auf den Arm zu legen, ob sie
ihn schon, um sich jenen nicht ganz gleich zu stellen, auf dem rechten Arme
trugen43. In kurzem ward dieser kleine Unterschied der Konfessionen auch nicht
mehr beobachtet. Die Mäntel wurden ohne irgendeine Regel rechts oder links
getragen, wie es jedem einfiel. Und nun konnte man einen luterischen Prediger
von einem reformierten desto weniger auf der Strasse unterscheiden, da eben zu
der Zeit einige unsrer Geistlichen sich unterfingen, den ehrbaren Schiffhut, das
bisherige Schibbolet eines berlinischen luterischen Geistlichen, mit dem
dreieckigen Hute zu vertauschen, den nebst allen Einwohnern Berlins auch die
reformierten Geistlichen trugen. So vielem Widerspruche auch dies Unternehmen
anfangs ausgesetzt war44, so ging es doch ohne weitere Ahndung durch. Denn
nunmehr war die Zeit gekommen, da die Unordnung und Lauigkeit in der Lehre, die
sich schon lange in die Herzen eingeschlichen hatte, auch an den Kleidern
sichtbar werden sollte. Vorzeiten hatten sich die Luterischen und Reformierten
soviel wie möglich voneinander abgesondert, auch wohl - eine Folge des Eifers
für eines jeden Symbolum - weidlich miteinander gehadert, nicht weniger - eine
Folge des Haders - einander herzlich gehasset; nunmehr aber, da sich ihre
Geistlichen auch nicht einmal mehr der Kleidung nach voneinander unterschieden,
war fast gar nicht mehr die Frage, ob jemand luterisch oder reformiert sei.
Diese Indifferentisterei hatte aber auch andere schädliche Folgen. Denn die
geistliche Kleidung verlor einen grossen Teil ihrer symbolischen Deutung und
zugleich einen grossen Teil ihrer Gravität. In der allgemeinen Sorglosigkeit
gegen alle bestimmte äusserliche Zeichen wurden die Mäntel immer schmäler,
leichter und kürzer45 und hingen als eine zwecklose Verzierung den Rücken
herunter; die Perücken, die sonst in feierlicher Zierde über den Nacken
herabwallten oder in sanften Seitenlocken auf den Schultern ruhten, gewannen
täglich ein weltlicheres Ansehen, hoben sich in Taubenflügeln und gesteckten
Locken in die Höhe; und endlich trugen Prediger kein Bedenken, ohne Perücken, ja
sogar ohne alle Amtskleidung46 in blauen, grauen und braunen Röcken auf der
Strasse und in Gesellschaften zu erscheinen und sich keiner gleichgültigen
Handlung zu entziehen, die ein jeder anderer unbescholtener Bürger auch
verrichten darf.«
    Und nun fragte Herr F. lächelnd: »Was sagen Sie zu diesen Veränderungen der
Kleidertracht, die doch offenbar mit gewissen Veränderungen in den
Glaubensgesinnungen Schritt gehalten haben?«
    »Ich sage«, antwortete Sebaldus sehr ernstaft, »dass sie nur merkwürdig
werden, wenn sie merkwürdige Folgen haben, und die haben sie nur, wenn man sie
für etwas hält. Macht man ein unwichtiges Ding wichtig, sei es nun ein Rockärmel
oder ein symbolisches Buch, so kann über dessen Veränderung Zank und Bitterkeit,
ja wohl gar Aufruhr und bürgerlicher Krieg entstehen. Ebendeshalb sollte man,
meines Erachtens, in Dingen, die von der Meinung der Menschen abhangen, nicht
allzuviel bestimmen und durch Zeichen festsetzen wollen, weil dadurch
Nebendingen mehr Wert beigelegt wird, als sie eigentümlich haben. Das
Bezeichnete ist wesentlich, das Zeichen willkürlich. Hat ein jetziger
Geistlicher Speners edelmütige Gesinnungen, so wird er gleich verehrungswert
sein, er mag sich schwarz oder grün kleiden; und jeder rechtschaffene Mann, der,
soviel er kann, tugendhafte Taten tut, verdient Achtung, er mag seine Gedanken
vor sich selbst weglaufen lassen oder sie an irgendein Symbolum heften wollen.
Wenn mich nicht alles trügt, was ich als Kennzeichen der Wahrheit erkenne, so
muss ich glauben, Gott selbst werde uns nach unsern Gesinnungen und nicht nach
unsern Spekulationen richten; er werde jedem gnädig sein, der so viel Gutes tut,
als er in seiner Lage tun kann, und werde niemand verdammen, weil er symbolische
Bücher entweder nicht verstehen oder nicht billigen konnte, die irgendeine
mächtigere Partei zur Richtschnur festzusetzen suchte.«
 
                               Neunter Abschnitt
Unter diesem Gespräche waren sie aufgestanden und bis vor die Wohnung ihres
beiderseitigen Freundes, des Majors, gekommen, dem sie diesen Abend einen Besuch
zugedacht hatten. Indem sie ins Haus traten, sahen sie zu ihrem grossen
Erstaunen, dass der Armenschulmeister, Sebaldus' Freund, von zwei Bedienten mit
Gewalt die Treppe hinuntergeworfen ward. Der Pietist, mit welchem Sebaldus nach
Berlin gekommen war, folgte ihnen mit weggewandtem Angesichte, schlug die Hände
über das Haupt zusammen und drängte sich eiligst durch die Haustür auf die
Strasse. Herr F. und Sebaldus stiessen die Bedienten zurück, die den wehrlosen und
totenblassen Schulmeister noch übler behandeln wollten; und der Major, der im
Erdgeschosse wohnte und bei dem heftigen Lärm seine Tür geöffnet hatte, nahm ihn
in Schutz und führte ihn ins Zimmer, wo er ihn in einen Armstuhl sich
niedersetzen liess.
    Sobald der Mann wieder etwas Atem zu schöpfen anfing, war die allgemeine
Frage: was die Ursache des Lärms gewesen sei und was er mit dem im ersten
Stockwerke wohnenden jungen Herrn, dessen Bedienten ihm so hart begegnet, zu tun
gehabt habe.
    Der Schulmeister antwortete bloss durch tiefes Schluchzen und durch die
kläglichsten Ausrufungen: »Ich elender Mann! Ich unglücklicher Mann! Ich bin
ohne Rettung verloren!«
    Sebaldus suchte ihn durch die besten Gründe wieder zur Fassung zu bringen,
der Major bot ihm seinen Arm, Herr F. seine Börse und alle sonst nur mögliche
Hilfe an. Vergebens! Er wiederholte seine trostlosen Ausrufungen mit den
Gebärden eines Verzweifelten, bedeckte einmal über das andere sein Angesicht mit
beiden Händen und weinte bitterlich. Nach langem Zureden beruhigte er sich
endlich so weit, dass er, mit vielen untermischten Seufzern, folgendes erzählen
konnte:
    »Sie wissen es«, sagte er, indem er sich zu Sebaldus wandte und ihm wehmütig
die Hand drückte, »wie ruhig und wie glücklich ich war. Obgleich arm, hatte ich
doch mein Auskommen. Ich arbeitete nebst meiner Frau fleissig; und meine Tochter-
o mein einziges Kind! Sie war nie ihren Eltern ungehorsam gewesen, sie hatte uns
nie den geringsten Verdruss gemacht, sie übertraf uns an Fleiss, sie machte uns
mit ihrer künstlichen Arbeit Vergnügen; wenn wir Eltern nur gerade die Notdurft
erwerben konnten, so verschafte uns ihre Emsigkeit zuweilen einen festlichen
Tag. Sie war mein Augapfel, ich war mehr als glücklich, als der heuchlerische
Bösewicht, den Sie haben aus der Türe rennen sehen, meine ganze Glückseligkeit
zerstörte. Er setzte sich in der Sankt-Gertrauds-Kirche oft neben mir, wo er
auch wohl zuerst meine Tochter mag gesehen haben. Er suchte meine Bekanntschaft,
indem er zwei arme Knaben in meine Schule brachte, für die, wie er sagte,
gottselige Leute das Schulgeld bezahlen wollten. Er sah und lobte meiner Tochter
Arbeit; er brachte in kurzem einen Menschen mit, der feine ausgenähte Arbeit
bestellte und reichlich bezahlte. Dies war, wie ich hernach erfahren habe, der
Kammerdiener des wollüstigen Müssiggängers, der in diesem Hause wohnt; ein
undeutscher Kerl, ohne Redlichkeit, ohne Menschengefühl, den das Wimmern der
zugrunde gerichteten Unschuld sowenig rührt als den Schlächter das Blöken des
Lammes, dem er die Kehle abstechen will. Mit diesem hatte der schändliche
Unterhändler vermutlich den abscheulichen Entwurf ins reine gebracht, mich und
mein Kind ins Unglück zu stürzen. Er führte meine Tochter, in Gesellschaft ihrer
Mutter, zu seiner angeblichen Muhme, die ausgenähte Arbeit verfertigte und
verfertigen liess. Sie schien zufrieden mit meiner Tochter Arbeit, zeigte ihr
aber noch feinere und gab ihr zu verstehen, sie wolle dergleichen von ihr
verfertigen lassen und ihr mehrere Vorteile dabei zeigen; nur müsse sie unter
ihren Augen arbeiten. Mein Kind freute sich, mehr lernen zu können, und wir
fanden kein Bedenken, sie in das Haus einer Matrone zu schicken, bei der alles
ein frommes und verständiges Ansehen hatte. Sie ging einige Monate lang täglich
in dies Haus. Sie nahm zu an Geschicklichkeit, und wir glaubten, diese
Bekanntschaft wäre ein Glück für unser Kind. Ach, leider, wir wussten nicht, dass
sie schon unwiederbringlich unglücklich war. In den ersten Tagen ihres
Aufentalts in diesem Hause war der junge Herr selbst, unter dem Vorwande,
Arbeit zu bestellen, dahin gekommen; er hatte meine Tochter gesehen und ihre
Arbeit gleichgültig gelobt. In kurzem ward er zudringender, die Wirtin liess ihn
mit meiner Tochter geflissentlich allein oder ward von ihrem Vetter zu andern
Geschäften gerufen. Nun wandte der Bösewicht alle verführerische Künste an, um
ein junges Herz zu gewinnen, das noch nicht gelernt hatte, sich gegen
betrügerische Anlockungen zur Wehre zu stellen. Das süsse Gift der Schmeichelei
betört wohl oft einen gesetzten Mann; wie sollte ihm ein junges, unerfahrnes
Mädchen widerstehen können, das noch keinen hinterlistigen Menschen gesehen
hatte, das jedes Herz für so ehrlich hielt als ihr eigenes! Kurz, sie ward ihrer
Unschuld beraubt. Die Folgen davon liessen sich bald spüren, und das schreckliche
Geheimnis konnte ihrer Mutter nicht länger verborgen bleiben. Wir waren wie vom
Blitze gerührt; aber Klagen und Verwünschungen halfen zu nichts: wir mussten nur
unser armes Kind zu retten suchen, das sich das Leben abhärmte in Kummer über
ihren Fehltritt, den sie nun erst in seiner wahren Gestalt sah. Auf der andern
Seite wollte der Verführer auch nicht eher von ihr ablassen, bis er ihrer völlig
satt wäre. Er sandte täglich Botschaften und Briefe, die nicht angenommen
wurden. Der Kammerdiener schlich sich einigemal ins Haus, wo ich ihn unsanft
abwies. Endlich meldete sich heute der Unterhändler, der sich seit langer Zeit
nicht hatte sehen lassen. Mit gleisnerischem Wortgepränge bedauerte er den
Unfall, den ich hätte erfahren müssen; und nach vielen Umschweifen kam er
endlich auf seinen Antrag, nämlich dass ich mit dem Herrn selbst sprechen möchte,
weil er mir Vorschläge tun wollte, die so vernünftig und billig wären, dass
dadurch ein grosser Teil des geschehenen Schadens könne ersetzt werden. So gross
auch mein Widerwillen war, dem Verführer meiner Tochter ohne Verwünschung in die
Augen zu sehen, so ging ich doch mit dem dienstfertigen Unterhändler hin. Was
meinen Sie, dass der vernünftige und billige Vorschlag war?« (Hier drang abermal
ein Strom von Tränen aus seinen Augen.) »Meine Tochter sollte Ausgeberin bei dem
Verräter ihrer Ehre werden, und ihr Vater sollte einen schimpflichen monatlichen
Gehalt haben, um die Frucht des unerlaubten Umgangs zu erziehen. Hier konnte ich
mich nicht mässigen; ich stiess aus, was der Unwillen einem ehrlichen, obwohl
armen Vater eingeben kann, dem ein vornehmer Wollüstling zumuten darf, der
Kuppler seiner eignen Tochter zu werden. Der Kammerdiener, der während der
ganzen Unterhandlung ebensoviel gesprochen hatte als der Herr selbst, fand es
sehr lächerrlich, dass ich mich einem Arrangement widersetzen wollte; dass der
gnädige Herr der petite fille ja weiter nichts Übels tun wolle und dergleichen
mehr. Ich liess meinen ganzen Unmut aus und wollte unverzüglich zur Türe hinaus,
als der Unterhändler ins Mittel trat. Er versicherte, dass er den ersten
Vorschlag selbst nicht billige, weil dadurch den Schwachen manches Ärgernis
gegeben werden könne; er erklärte also, dass der Kammerdiener meine Tochter
heiraten und das Kind als sein eignes aufnehmen müsste, dagegen werde ihn der
gnädige Herr zum Haushofmeister machen, sobald er sich mit seinen Gläubigern
völlig gesetzt habe und wieder zum Genusse seiner Güter gekommen sei. Nein!
Länger konnte ich mich nicht halten. Ebenso gern würde ich meine Tochter dem
Büttel gegeben haben, der diesen Buben hätte brandmarken sollen, welcher das
vornehmste Werkzeug zur Verführung meiner Tochter gewesen war. Ich sagte nunmehr
dem Herrn geradeheraus, dass ich sein Bubenstück auf keine Weise durch meinen
Beitritt billigen wolle, dass ich die wenige Gerechtigkeit, die mir der Richter
widerfahren lassen könne, aus allen Kräften suchen würde und dass er mit meinem
Willen meine Tochter nie wieder solle zu Gesichte bekommen. Er geriet darüber in
die grösste Wut und befahl den Bedienten, mich hinauszuwerfen; der Unterhändler
wollte ihn zwar besänftigen, aber er hiess ihn auch zum Teufel gehen und lief als
ein Rasender ins andere Zimmer.« Als er die Erzählung geendigt hatte, verbarg er
abermal sein Angesicht und überliess sich einer trostlosen Verzweiflung.
    Alles, was Sebaldus und Herr F. taten, um ihn aufzurichten, verfing nichts.
Er rief mit kläglicher Stimme aus: »Alle Hoffnung ist für mich verloren! Selbst
die Gesetze haben keinen Schutz für mich. Mein Gegner darf mich ungestraft
beleidigen, ungestraft unglücklich machen!«
    »Nein! Das soll er nicht«, rief der Major, der schon lange mit starrer
Aufmerksamkeit zugehört hatte. »Wir wollen sehen, was der Bursche zu tun
vermeint.«
    Er rief seinen Reitknecht, liess sich bei seinem Nachbar eine Treppe hoch
melden, und ein paar Minuten drauf nahm er seinen Hut und Degen und stieg
hinauf, ohne erst Antwort zu erwarten.
    Er fand den jungen Herrn im Vorsaale, im Begriffe auszugehen, um diesen
Besuch zu vermeiden. Er wollte sogleich eine höfliche Entschuldigung stammeln,
aber der Major trat ihm in den Weg und rief mit gerunzelter Stirne: »Herr! Sind
Sie ein Edelmann?«
    »Ich dächte«, war die Antwort, »ich könnte mich in ein hohes Stift aufnehmen
lassen, wenn ich wollte. Aber um Vergebung, wozu diese Frage, die mich befremden
könnte?«
    »Wozu? Weil ich dächte, dass ein Edelmann auch ein ehrlicher Mann sein müsste,
ehe er ein Edelmann sein kann.«
    »Wieso? - Mein Herr! Sie kommen in meine eigene Wohnung, mich zu beleidigen;
geben Sie wohl acht!«
    »Herr, die Wahrheit ist gut zu sagen, wo es auch ist. Sie haben, Herr, eines
ehrlichen Mannes Tochter verführt und haben noch dazu den Vater gröblich
beleidigt; das tut kein Mann, der Ehre im Leibe hat, und das haben Sie getan.«
    »Herr Major, wenn ich nicht für Ihr Alter Achtung hätte - so würde ich ...
Aber parbleu, ich weiss auch noch nicht, was Sie von mir eigentlich wollen.
Meinen Sie etwa den Kerl, der eben hier war? Der geht mich gar nichts an. Mein
homme de chambre hat mit seiner Tochter was zu tun gehabt, und darüber lärmt der
Vater. Aber er hat unrecht, denn mein homme de chambre will das Mensch
heiraten.«
    Der Kammerdiener trat vertraulich hervor und versicherte den Major in
gebrochenem Deutsch, dass er noch zur Heirat bereit sei.
    Der Major sah ihn flämisch über die Achsel an und sagte: »Patron, wenn ich
mit dir werde reden wollen, werde ich dir's sagen. - Mit Ihnen habe ich's zu
tun, Herr, der Sie sich ins Herz schämen sollten. Meinen Sie, Herr, dass ich
nicht weiss, wer mit dem Mädchen zu tun gehabt hat? Denken Sie, Herr, dass die
Tochter eines ehrlichen Mannes, weil Sie sie geschändet haben, nun für Ihren
Kuppler gut genug ist?«
    »Das ist doch besonders - ganz besonders; und Sie mässigen sich noch dazu gar
nicht in Worten - lassen Sie doch die Leute die Sache ausmachen, die Sache geht
mich ja gar nichts an; und darf ich fragen, wie Sie dazu kommen, daran
teilzunehmen?«
    »Wie? Herr, weil der Mann mein Freund ist.«
    »Ah pardi, das ist eine andere Sache. Ich habe nicht gewusst, dass Sie unter
Leuten solcher Art auch Freunde hätten.«
    »Ja, Herr! Ich schäme mich nicht, eines ehrlichen Mannes Freund zu sein, und
scheue mich nicht, jeden Schurken zur Rede zu setzen, der ihm ungestraft unrecht
tun will.«
    »Ich bin ganz betroffen, Herr Major; da ich gar nicht die Ehre habe, Sie zu
kennen, kommen Sie in meine Wohnung und sagen mir voll Ungestüm Dinge vor, die -
ich weiss gar nicht ... Was verlangen Sie denn, das ich dem Manne und dem Mädchen
tun soll?«
    »Herr! Genugtuung sollen Sie beiden geben, und ... Doch durch welche
Genugtuung können Sie ein so schimpfliches Verfahren wiedergutmachen!« Er schlug
sich mit der Hand vor die Stirn.
    »Sie sehen also selbst, Herr Major, dass ich bei der Sache nichts weiter tun
kann, und wenn mein homme de chambre das Mädchen heiratet und ich ihr, in
Ansehung seiner, ein Heiratsgut gebe ...«
    »Nein, Herr, mir sollen Sie Genugtuung geben, weil Sie ein Schurke sind und
sich unterstehen, mit mir unter einem Dache zu wohnen!« Und hiermit zog er den
Degen.
    »Herr Major, hören Sie doch vernünftige ...«
    »Herr! Zieh Er, oder, straf mich Gott!, ich will Ihm zeigen, dass Er nicht
wert ist, einen Degen an der Seite zu tragen.«
    »Gut, Herr Major, ich will Ihnen Satisfaktion geben - aber auf Pistolen. Ich
schlage mich nicht anders als auf Pistolen.«
    »Herr, mach Er kein Federlesens, zieh Er auf der Stelle, oder ich will Ihn
...«
    Dem jungen Herrn, so ungern er wollte, blieb nichts übrig, als den Degen zu
ziehen. Der Major drang auf ihn ein. Der Kammerdiener kam seinem Herrn mit
gezogenem Hirschfänger zu Hilfe; und plötzlich fuhr der Hirschfänger tief in des
Majors Rücken, ob von ungefähr oder vorsätzlicherweise, war nicht auszumachen.
    Franz, der Reitknecht, fasste den Kammerdiener in die Gurgel und gab ihm
einen deutschen Faustschlag auf den andern ins Gesicht. Der Major lag in seinem
Blute, der Edelmann machte ihm eine verbindliche Entschuldigung wegen dieses
unglücklichen Vorfalls, die der Major bloss mit einem Blicke voll Verachtung
beantwortete. Herr F. schickte nach der Wache. Der Kammerdiener und sein Herr
wurden in Verhaft genommen. Der Major ward von einem Wundarzte verbunden und in
sein Bette gebracht; und der Schulmeister, noch mehr ausser aller Fassung über
seines Verteidigers Unfall als über seinen eigenen, ward halbtot in eine
Mietskutsche gesetzt und von Herrn F. und von Sebaldus nach Hause begleitet.
 
                               Zehnter Abschnitt
Des Majors Wunde schien im Anfange nicht gefährlich, aber nach einigen Tagen
verschlimmerten sich die Umstände sehr. Die Entzündung und das Wundfieber wurden
heftiger, daher der Arzt erklärte, dass sehr wenige Hoffnung zur Wiedergenesung
sei. Die Freunde des Majors waren äusserst niedergeschlagen; der gute Franz aber,
der über dreissig Jahre in des Majors Diensten gestanden hatte, weinte
unablässig, so dass ihn der Kranke selbst tröstete, der allein des Wundarztes
Nachricht mit Gleichmut anhörte. Die geschwinde Abnahme seiner Kräfte liess nur
allzusehr befürchten, dass der Wundarzt richtig geurteilt habe.
    Eines Tages ward der Kranke besonders schwach. Gegen Mittag aber fiel er in
einen sanften Schlummer, worin er einige Stunden verblieb, und schien darauf
äusserlich ein wenig erquickt. Franz, sehr traurig über dessen misslichen Zustand,
ergriff die Gelegenheit, da der Major heiteres Gemüts und er mit ihm allein war,
nach vorgängiger Entschuldigung eine Frage zu tun, die ihm schon lange auf dem
Herzen gelegen hatte, nämlich:
    Ob der Herr Major nicht das Sakrament nehmen wolle.
    »Lieber Franz, du meinst es recht gut«, sagte der Kranke, »aber wozu? Ich
habe das Abendmahl immer nur genommen, wenn entweder das Regiment kommunizierte
oder wenn ich besondere Ursache fand, mich zu sammeln und ernstaft über mich
nachzudenken; aber glaube mir, Franz, ein Krankenlager von drei Wochen gibt an
sich selbst Gelegenheit genug zum ernstaften Nachdenken.«
    »Aber, lieber Herr Major, ein Mensch muss doch so schwer sterben, wenn er
nicht gebeichtet hat.«
    »Höre nur, mit der Beichte habe ich niemals etwas zu tun gehabt. Anstatt der
Beichte sagte ich allemal laut und ernstlich: Schaffe in mir, Gott, ein reines
Herz und gib mir einen neuen gewissen Geist, verwirf mich nicht von deinem
Angesichte, und sei mir gnädig! Damit war mein Feldprediger zufrieden, und ich
denke, Gott wird auch damit zufrieden sein, wenn ich's jetzt sage. Aber höre,
Franz, ich will jetzt tun, was ich sonst bei der Beichte tat, ich will dich
wegen alles dessen um Vergebung bitten, was ich dir kann zuwidergetan haben;
vergib es mir.«
    Hier reichte er Franzen die Hand.
    Franz küsste und benetzte sie mit seinen Tränen und sagte schluchzend: »Ach,
Herr Major, ich kann Ihnen nichts vergeben, Sie sind immer mein guter Herr
gewesen und haben an mir mehr Liebe bewiesen, als ich verdiente. Vergeben Sie
mir nur, wenn ich zu vorschnell gewesen bin. Ich dachte doch, man könne nicht
ruhig sterben, wenn man nicht von einem geistlichen Herrn ordentlich vorbereitet
würde. Als Sie daher schliefen, lief ich geschwind zu einem Prediger, der nicht
weit von hier wohnt, aber er war nicht zu Hause.«
    »Du hast's recht gut gemeint, Franz; da er aber nicht zu Hause war, ist's
nun auch ebenso gut. Ich habe mit diesen Herren nicht gern etwas zu tun, wenn
ich sie nicht vorher genau kenne. Ich lag, du weisst es, hart verwundet auf dem
Schlachtfelde bei Torgau an zwölf Stunden, ehe du mich unter den Toten und
Blessierten herausfandest. Damals konnte mir kein Feldprediger zusprechen, und
ich war zum Tode ebenso bereit wie jetzt.«
    Indem er dieses sagte, trat Sebaldus herein, um ihn zu besuchen.
    »Sie kommen, mein lieber Freund«, sagte der Kranke, »gerade zur rechten
Zeit. Ich werde von diesem Lager nicht wieder aufkommen, ich weiss es und bin
gefasst zu sterben. Nun meint mein guter Franz« (er drückte demselben die Hand),
»es sei nötig, dass ich von einem Geistlichen zum Tode bereitet würde. Dies
wünschte ich von niemand lieber als von Ihnen, mein Freund. Tun Sie, als ob Sie
mein Beichtvater wären. Fragen Sie mich, lehren Sie mich, beten Sie mit mir.«
    Sebaldus sagte sehr gerührt: »Der Zuspruch auf dem Totenbette ist allezeit
eine sehr schwere und zuweilen eine vergebliche Sache. Es kann daselbst kaum
noch eine Veränderung der Gesinnung vorgehen, wenn sie nicht vorher im ganzen
Leben vorbereitet ward. Glaubens lehren zu beweisen, ist die Zeit zu kurz und
der Geist nicht heiter genug, Pflichten einzuschärfen ist zu spät. Die Schwachen
aufrichten kann ein menschenfreundlicher Prediger noch am leichtesten«
    Major: Herr, ich bin nicht schwach! Schonen Sie meiner gar nicht, sondern
gehen Sie mit mir um, wie ein Pfarrherr am Totenbette tun soll, recht wie es
vorgeschrieben ist.
    Sebaldus: Ich würde mich wahrlich freuen, wenn ich zur Beruhigung eines
Mannes, den ich so sehr wertschätze, etwas beitragen könnte. Da Ihr Gemüt
gelassen ist, so ist es vielleicht am nützlichsten, wenn ich Sie an Wahrheiten
erinnere, die allen Menschen ehrwürdig und wichtig sein müssen. Ich kann nicht
wissen, ob Sie dieselben in gehöriger Verbindung gedacht haben; wäre dieses
nicht, so würden vielleicht ihre Wirkungen vermehrt, wenn ich durch eine kurze
Überlegung eine Lücke zwischen denselben ausfüllen könnte. Dieserhalb wünschte
ich Ihre Gesinnung über gewisse Lehrpunkte zu wissen.
    Major: Ganz recht, examinieren Sie mich nur, ich will auf alles antworten.
    Sebaldus: Sie glauben vermutlich, dass ein Gott ist, der Himmel und Erde
geschaffen hat?
    Major: Ja, freilich! Wer sollte nicht an Gott glauben?
    Sebaldus: Sie glauben auch, dass Gott die Welt und alle Dinge darin mit einer
weisen Vorsehung regieret?
    Major: Freilich! Ohne Gott geschiehet nichts.
    Sebaldus: Und dass nach diesem Leben noch ein künftiges zu gewarten ist?
    Major: Nein, mit dem Tode ist alles aus.
    Sebaldus: Ich habe zuweilen aus Ihren Reden geschlossen, dass Sie eine solche
Meinung hegten, ohne dass es sich gefügt hätte, näher darüber zu sprechen. Wäre
diese Meinung wahr, so blieben wir, wie Sie selbst nicht leugnen werden, in
vielen Begegnissen des Lebens völlig trostlos. Gott hat aber, wie ich glaube, so
wie er kein Übel ohne zu einem guten Zwecke zulässt, als ein gütiger Vater für
jedes Übel auch den Trost in die Natur gelegt. Dies veranlasste mich schon vor
langen Jahren, über die von Ihnen gehegte Meinung näher nachzudenken; ich weiss
daher, dass in der Vernunft und in der Schrift viele Gründe zu finden sind, die
sehr bald das Gegenteil wahrscheinlich und bei reiferm Nachdenken gewiss machen.
    Major: Herr, ich habe immer gedacht, dass die Vernunft nicht einmal weiss,
wenn ein Toter recht tot ist; wie sollte sie wissen, was nach dem Tode vorgeht?
Wenigstens meine Vernunft reicht so weit nicht. Was die Bibel betrifft, so steht
viel Gutes darin. Ich habe alles gelesen. Es lässt sich vieles hier in diesem
Leben recht wohl nutzen. Aber von einem künftigen Leben so wie von so viel
andern unbegreiflichen Dingen glaube ich nichts, wenn's auch in einem Buche
steht.
    Sebaldus: Wenn Sie also die Bibel gelesen haben, glauben Sie dann, dass darin
der Willen Gottes entalten ist, dem wir folgen sollen?
    Major: Gottes Willen ist, dass ein Mensch ein rechtschaftner Kerl sein und
nicht unrecht tun soll. Das weiss jeder, und es steht auch in der Schrift. Das
übrige mag für Euch Herren Geistlichen gut sein. Ein Soldat kann nicht so
vielerlei Dinge in seinen Kopf kriegen, worüber Ihr Euch disputiert.
    Sebaldus: Sie gestehen also, dass kein Mensch unrecht tun sollte. Gleichwohl
tun die meisten, ja man kann wohl sagen alle Menschen mannigfaltig unrecht. Wie
ist es nun, wenn wir mit unsern Sünden Bestrafung verdient hätten?
    Major: So mögen wir sie leiden. Wer heisst uns sündigen?
    Sebaldus: Diese Frage lässt sich vielleicht nicht so geradehin entscheiden.
Denn wenn nun unsere Natur so unvollkommen ist, dass wir nicht ohne Sünde bleiben
können? Wenn wir nun zu schwach sind, den Willen Gottes vollkommen zu befolgen?
    Major: Ei, dann kann Gott auf uns nicht zürnen! Er hat uns selbst gemacht
und wahrhaftig recht mit grosser Klugheit gemacht, dass nichts an uns ohne Ursache
ist. Wie könnte er also von uns etwas verlangen, was wir nicht leisten könnten?
Sehen Sie hier meinen Hühnerhund, der ist ein Hühnerhund und weiter nichts: er
wird vor einem Huhne stehn; aber wenn ich verlangen wollte, dass er eine Sau
stellen sollte, so kann ich nicht sagen, der Hund sündigt, wenn er's nicht kann.
    Sebaldus: Sie schliessen wohl allzu rasch. Wenn wir Ihre Einwendung gründlich
untersuchen wollten, würden wir langsamer zu Werke gehen müssen, dazu fehlt uns
jetzt aber die Zeit. Lassen Sie uns auf das künftige Leben zurückkommen.
Überlegen Sie wohl, dass, wenn es wegfällt, auch alle Belohnungen und
Bestrafungen wegfallen, welche Tugend und Laster, wie es offenbar ist, in diesem
Leben nicht in angemessenem Masse erhalten. Und damit würden also auch sehr
kräftige Bewegungsgründe zur Tugend wegfallen.
    Major: Warum das? Ein ehrlicher Kerl muss recht tun, weil es recht ist, und
nicht, weil er dafür belohnt sein will. Werde ich belohnt, so ist's gut; werde
ich es nicht, so muss ich doch rechtschaffen handeln. Ich habe im letztern Kriege
oft mein Leben gewagt, ob ich gleich immer Major geblieben bin. Oder glauben
Sie, Herr, dass ich nur deswegen den Schurken da oben zur Rede gestellt habe,
damit ich dadurch in jenem Leben könnte Oberstleutnant werden?
    Sebaldus: Belohnungen sollen aber doch Folgen guter Taten sein. Auch in
diesem Leben verlangt ein Soldat für seine Tapferkeit vom Könige Belohnung und
ist unzufrieden, wenn er sie nicht bekommt.
    Major: Ei, ist's nicht Belohnung genug, wenn ich weiss, dass ich recht tue?
Und dann, Herr, ist's mit Gott eine ganz andere Sache als mit dem Könige. Der
Herr ist ein Mensch wie ich und kann nicht alles wissen, sonst wäre ich auch
wohl weiter. Aber Gott weiss alles, und da hat's gute Wege, der wird mir schon
zukommen lassen, was mir gehört.
    Sebaldus: Setzen Sie nun aber einmal auf einen Augenblick voraus, dass ein
künftiges Leben wäre, welches doch, wie Sie gestehen werden, an sich nicht
unmöglich ist; setzen Sie voraus, dass alle unsere Handlungen, gute und böse,
auch in jenem Leben Folgen haben und dass diese Folgen, wenn uns gleich die Art
noch unbegreiflich ist, überschwenglich gross sein können. Wird nun derjenige
nicht sicherer gehen, der seine Handlungen nach einer strengen Richtschnur so
einrichtete, wie er sie auch in jenem Leben zu verantworten gedenkt, als
derjenige, der in der Meinung, es sei nach dem Tode alles aus, alles tat, was
ihm beliebte, und in dieser Sorglosigkeit vieles beging, das er nicht
rechtfertigen und dessen Folgen er in jenem Leben nicht ändern kann? Und
überlegen Sie, welcher unter beiden in dieser Welt ein besserer Bürger und ein
rechtschaffnerer, tugendhafterer Mensch sein werde.
    Der Major sah seinen Freund starr an und schwieg Sebaldus auch.
    Endlich brach der Kranke aus:
    »Herr, daran habe ich noch in meinem Leben nicht gedacht. Ein Soldat hat
auch nicht Zeit, so weit hinzudenken. Aber ich besinne mich jetzt eben. Wenn
auch ein künftiges Leben und ein Jüngster Tag ist, so glaube ich, ich werde dann
ein Herz fassen und weder vor Gott noch vor dem Teufel erschrecken. Lass ihn
kommen, den Teufel, wenn er mich anklagen will, er muss mich doch vor Gott
anklagen; und der weiss, dass ich nie wissentlich etwas Böses getan habe. Oh, du
mein allmächtiger Schöpfer, würde ich sagen« (er richtete sich ein wenig auf und
faltete seine Hände), »du weisst, dass ich nie den hilflosen Unglücklichen
gedrückt, dass ich nie Witwen und Waisen betrübt, dass ich nie wissentlich, diese
Hände zum Bösen gebraucht habe. Zwar« (hier schwieg er ein wenig still und
schlug seine Augen nieder), »ich hätte noch mehr Gutes tun können! Aber« (hier
hob er seine Augen abermals empor), »allgütiges Wesen, ich werfe mich in deine
Hände. Du hast mich zum Menschen machen wollen, also sollte ich wohl nicht ganz
vollkommen sein. Ich verlange auch nicht, wenn ein Himmel ist, im Himmel obenan
zu stehen.«
    Hier sank er, von der Anstrengung entkräftet, sanft zurück, die Luft fehlte
ihm, er erholte sich und sprach noch mit stammelnder Stimme, indem er dem
Sebaldus die Hand drückte: »Ach, mein Freund, wenn Gott ein Regiment von Seligen
hat, so wäre es schon genug, wenn unsereiner darin nur ein Gemeiner werden
könnte.«
    Er wollte noch etwas sagen, aber der Stickfluss nahm überhand: er fing an zu
röcheln, und nach einigen fruchtlosen Versuchen, ihm zu helfen, verschied er;
und Sebaldus drückte ihm weinend die Augen zu.
 
                                Elfter Abschnitt
Kaum war er entschlafen, als der Prediger, welchen Sebaldus unter den Linden auf
der Bank getroffen hatte, schnell in das Zimmer trat. Er hatte bei seiner
Zuhausekunft die durch Franzen an ihn gebrachte Botschaft erfahren. Er eilte,
sosehr er konnte, an einen Ort, wo er sich, wie ein anderer Fresenius, durch die
Bekehrung eines Freigeistes auf dem Totenbette zu signalisieren dachte; denn
weil er alles wissen musste, was in seinem Kirchensprengel vorging, so war ihm
unverborgen geblieben, dass der Major besondere Meinungen hegte und weder ihn
noch einen von seinen Kollegen zum Beichtvater hatte.
    Als er sah, dass er zu spät kam, rief er aus:
    Prediger: O Gott, wie gross sind deine Gerichte! Auch diesen Sünder, dem du
so lange Zeit zur Besserung gegeben und der die Gnadenzeit mutwillig hat
verstreichen lassen, hast du ins Gericht der Verstockung dahingegeben! Daran mag
sich jeder spiegeln und Busse tun, weil es noch heute heisset!
    Sebaldus: Mein Herr, schmähen Sie diesen toten Leichnam nicht! Der selige
Major war ein rechtschaffener Mann. Sein Innerstes wird Gott richten, vor dessen
Richterstuhle er stehet.
    Prediger: Wie können Sie einen verstockten Sünder selig nennen? Wissen Sie
wohl, dass dieser unglückliche Mensch kein ewiges Leben, keinen Himmel und Hölle,
keinen Gott und keinen Teufel geglaubt hat? Und so ist er in seinen Sünden
dahingefahren!
    Sebaldus: Er mag wohl viel Trugschlüsse gemacht haben, aber Trugschlüsse
sind nicht Sünden.
    Prediger: Wie? Was? Sie sind wohl ein arger Indifferentist! Soll es etwa
gleichgültig sein, was man glaubt oder ob man gar nichts glaubt?
    Sebaldus: Das nun wohl nicht. Nur kann ich niemand deshalb verdammen, weil
er falsche Meinungen hegt, und wenn sie auch noch so sehr irrig wären. Daher
habe ich schon oft gewünscht, und dieser Fall erneuert bei mir den Wunsch, dass
der Gebrauch einer gesunden Philosophie unter der ganzen Nation gemein würde,
damit auch unstudierte Personen über manche Sätze, die sich aufs Übersinnliche
beziehen, richtigere Begriffe bekämen. Jeder Mensch ...
    Prediger: Oh, Sie mögen wohl selbst sehr irrige Begriffe haben. Wie gehört
eine weltliche Philosophie hieher? Der Weg zum Heile ist in Gottes Wort
vorgeschrieben und in den Schriften bewährter Teologen, die es erklärt haben;
die wollen Sie doch wohl nicht verwerfen? Wollen Sie?
    Sebaldus: Davon ist nicht die Rede. Meine Meinung ist nur: Wer sich bei der
gewöhnlichen Auslegung oder bei der gewöhnlichen Dogmatik beruhigen kann, der
tue es; kann er aber nicht und will er seine Zweifel verfolgen, so wage er sich
nicht ohne das Licht einer gesunden Philosophie in die Irrgänge der Dogmatik und
Exegese, er wird sich sonst immer mehr in Zweifel verwickeln. Doch kann ich
nicht glauben, dass Gott jemand verdammen werde, weil er nicht richtig genug
gedacht hat47; und Menschen sollten es auch nicht tun.
    Prediger: O der feinen Philosophie! O der sündlichen Weichherzigkeit eines
natürlichen Menschen! Wer Gottes Wort nicht für Gottes Wort hält, wer sich der
Sakramente als von Gott gegebener Gnadenmittel nicht bedient und so in seinen
Sünden dahinstirbt, der ist verdammt.
    Sebaldus: Wenn Sie nähere Nachrichten von dem Zustande in jenem Leben haben,
so muss ich es geschehen lassen Ich aber kann mich nicht überzeugen, dass ein
Mensch, der, soviel er konnte, seinen Pflichten nachlebte und Gutes tat, der
uneigennützig, gerecht und wohltätig gewesen und sich bei seinem Ende in des
barmherzigen Gottes Arme geworfen hat - dass dieser von Gott ausdrücklich müsse
verdammt werden. Ist es anders, so weiss ich es wenigstens nicht.
    Prediger: Ja! Ich aber weiss es besser! Ich, als ein berufener und
verordneter Diener Gottes, sage Ihnen, dass Gottes Wort ausdrücklich lehret: Wer
nicht an den dreieinigen Gott glaubt, der ist ewig verdammt, und ist keine
Erlösung für ihn, weder in Zeit noch in Ewigkeit.
    Sebaldus, dessen Blut durch das Wort ewige Verdammnis sehr leicht erhitzt
ward, fuhr auf und wollte heftig antworten. Er fasste sich aber zum Glücke bald
und sagte bloss, indem er nach der Türe ging:
    »In der Tat, nur der, welcher glaubt, er sei ein unmittelbarer Gesandter
Gottes, darf sich unterstehen, das Schicksal eines Verstorbenen so positiv zu
bestimmen. Verantworten Sie dies bei dem, der Sie gesandt hat zu verdammen.« Und
so ging er zur Tür hinaus.
    Der Prediger, weil er niemand anders hatte, wendete sich an Franzen. Er
bewies ihm, der Major müsse ewig verdammt sein. Franz weinte, schlug sich an die
Brust und rief aus:
    »Ach, er war doch so sehr böse nicht, dass nicht für seine arme Seele Hilfe
sein sollte. Ich wollte gern selbst für ihn hundert Rosenkränze beten, wenn ich
seine Seele aus dem Fegefeuer retten könnte. Doch was kann ich armer einfältiger
Mensch! Nein! Ich kenne einen frommen Prior in Böhmen, dessen Kloster der Major
vom Anzünden und Plündern gerettet hat, der wird ihm gern von den guten Werken
des Klosters etwas zukommen lassen, den will ich bitten, dass er für ihn
Seelmessen lese.«
    Der Prediger entdeckte nun mit Erstaunen, dass Franz katolisch sei. In dem
Eifer seiner Bekehrungssucht fing er an, ihm den Greuel des papistischen
Sauerteiges recht lebhaft vorzumalen, und drohte ihm, wenn er sich nicht zur
reinen seligmachenden evangelischen Lehre wendete, müsse er ebenso wie sein Herr
ewig verdammt werden.
    Franz, der solche Worte nie bei dem Major gehört hatte, sah den Prediger
starr an und segnete sich über solche Lästerungen; und da der Prediger fortfuhr,
den Papst den Antichrist zu nennen, schalt er ihn eine ketzerische Bestie und
lief zur Tür hinaus.
    Der Prediger blieb also bei dem Leichnam allein; und da derselbe auf seine
Verdammungen weiter nichts antworten konnte, so begab er sich auch fort. Als er
über den Hausflur ging, machte Franz zwei grosse Kreuze vor sich und spie ihm
nach.
 
                               Zwölfter Abschnitt
Herr F. und Sebaldus lebten nun den Winter über sehr eingezogen. Ihre
Unterhaltung, vordem durch die Gesellschaft des Majors viel mannigfaltiger, ward
jetzt etwas einförmig. Sie bezog sich mehrenteils auf gelehrte Gegenstände,
hatte aber bald das gewöhnliche Schicksal gelehrter Unterredungen unter vier
Augen, die nicht sonderlich gemeinnützig und lehrreich werden, wenn jeder nur
sein eigenes Steckenpferd dem andern vorreiten will. Herr F. hatte sich auf den
Sensus kommunis ein Lehrgebäude der Sittenlehre und der natürlichen Teologie
gebauet, welches dem Sebaldus gar nicht einleuchten wollte, der seine Etik als
ein echter Crusianer auf die Telematologie gründete. Dieser hingegen suchte
seine neuen Entdeckungen über die Apokalypse seinem Freunde mitzuteilen, welche
aber gar kein Gehör fanden, sondern geradezu ausgelacht wurden, indem Herr F.
schon längst bei sich ausgemacht hatte, dass in der ganzen Apokalypse kein Sensus
kommunis zu finden sei. Sebaldus fing zu seiner eignen Verteidigung an, das der
Apokalypse sowie der teoretischen Philosophie im Wege stehende Grundgesetz des
Sensus kommunis zu untergraben. Er suchte mit philosophischen Gründen zu zeigen,
welch ein schwankender Begriff dies sogenannte Principium sei, und bewies
standhaft, dass eine Appellation an den Sensus kommunis, als an ein untrügliches
Gericht über den Wert spekulativer Wahrheiten, nicht viel mehr als eine
Appellation an ein inneres Gefühl bedeute, welches von Menschen zu Menschen
verschieden sein müsse und folglich nicht erwarten lasse, dass dadurch irgend
etwas mit Erfolge behauptet oder widerlegt werden könne. Vergebens! Herr F.
hatte sein System lieb; Sebaldus wollte sich seine Weissagungen nicht nehmen
lassen: sie wurden also heftig, machten nichts aus, und endlich, ob sie gleich
nicht aufhörten, sich hochzuschätzen, so fand doch nach und nach einer nicht
mehr so viel Vergnügen in des andern Gesellschaft.
    So standen die Sachen am Ende des Winters, als Herr F. von seinem Freunde,
dem Offiziere, dem er so viel zu danken hatte, einen Brief bekam. Dieser edle
Mann, nachdem er in allen Feldzügen des letzten Krieges für das Vaterland
gefochten und ehrenvolle Wunden erworben hatte, begab sich auf seine Güter, um
in Gesellschaft einer würdigen Gattin den Rest seines Lebens in häuslicher
Zufriedenheit zuzubringen. Aber er wollte, dass nicht er allein, sondern auch
andere glücklich sein sollten. Er betrachtete sich als den allgemeinen Vater
seiner Untertanen, und in dieser Absicht sorgte er für die Erziehung ihrer
Kinder. Er wünschte, zum Schulmeister einen verständigen, menschenfreundlichen
Mann zu haben, der nicht etwa die Jugend bloss die Fragen und Antworten einer
unverständlichen, zwecklosen Heilsordnung auswendig lernen liesse, sondern ihr
auch ihre Pflichten gegen Gott und Menschen deutlich mache, der die Kinder früh
vor den Vorurteilen bewahre, die sich sonst beim Bauern Jahrhunderte lang
fortpflanzen, und der ihnen richtige Begriffe vom Landbaue, den sie zu treiben
bestimmt wären, beibringe: kurz, der sie zu künftig vernünftigen Menschen und
guten Bauern erzöge. Einen solchen Mann wollte der Menschenfreund aus seinen
eignen Mitteln besolden48, und er bat seinen Freund F., ihm einen solchen Mann
zu verschaffen.
    Herr F. schlug unserm Sebaldus diese Stelle vor, der sie auch vielleicht
würde angenommen haben, wenn er nicht überlegt hätte, dass sein Wohltäter, der
Armenschulmeister, sie so gut als er verwalten könne und dass diesem Manne nach
der unverschuldet erlittenen Beschimpfung seiner Familie die Entfernung von
seinen bisherigen Bekannten zur Beruhigung gereichen würde. Er empfahl also
denselben, und Herr F. nahm ihn an.
    Indes verliess Sebaldus dennoch Berlin gegen den Frühling. Er hatte seit
geraumer Zeit keine Nachricht von seiner Tochter, welches ganz natürlich zuging.
Der Frau von Hohenauf war daran gelegen, dass niemand Marianens Aufentalt wissen
sollte. Sie hatte daher für gut befunden, den Brief zu verbrennen, welchen
Mariane vor ihrer Abreise zur Gräfin ***, unter Einschluss des Hieronymus, an
ihren Vater geschrieben hatte. Als sich Hieronymus auf Sebaldus' wiederholtes
Bitten bei der Frau von Hohenauf nach Marianen erkundigte, war derselben
kaltsinnige Antwort: die Mamsell habe sich heimlich fortgemacht, und sie wisse
nicht, wohin. Durch diese Nachricht ward Sebaldus sehr beunruhigt und beschloss,
im Frühlinge selbst seinen Freund zu besuchen, um womöglich von seiner Tochter
nähere Nachricht zu erhalten.
    Ob es auf diese Entschlüsse nicht einigen Einfluss gehabt habe, dass weder
Herr F. noch sonst jemand in Berlin von seiner Auslegung der Apokalypse etwas
hören wollte und dass er Ursach finden mochte, zu glauben, der Offizier werde
nicht sehr apokalyptisch gesinnet sein, so vorteilhaft auch sonst Herr F.
denselben schilderte, wollen wir den Schreibern metaphysisch-moralischer Systeme
zu untersuchen überlassen, welche auf ein Haarbreit anzugeben wissen, aus
welchen Grundsätzen die menschlichen Handlungen entspringen sollen und nicht
entspringen.
    Genug - Sebaldus, der bei seiner fleissigen Arbeit und sparsamen Lebensart
eine für ihn beträchtliche Summe zurückgelegt hatte, nahm im Maimonate von Herrn
F. Abschied, setzte sich auf die Post und befand sich in wenig Tagen bei seinem
lieben Hieronymus und bei seinem ihm ebenso lieben Kommentar über die
Apokalypse.
 
                             Dreizehnter Abschnitt
Sebaldus konnte wider sein Vermuten durch Hieronymus nichts vom Aufentalte
seiner Tochter erfahren, und dieser widerriet ihm auch, deshalb zur Frau von
Hohenauf zu reisen, weil schon vorauszusehen war, alle Nachforschung würde
vergeblich sein. Er tröstete sich indes damit, dass er Gelegenheit hatte, seinen
Kommentar der Apokalypse aufs neue zu übersehen und zu vermehren. Nachdem er
länger als einen Monat damit zugebracht hatte, fing er an, der müssigen Lebensart
überdrüssig zu werden, und wünschte sich wieder eine ordentliche Beschäftigung.
In der fürstlichen Residenzstadt hatte er kein Amt zu hoffen. Zu Herrn F.
zurückzukehren, trug er kein Belieben, und andere Aussichten konnte er in Berlin
nicht wohl haben. Es fügte sich aber, dass ein gewisser Edelmann, der vormal am
fürstlichen Hofe Kammerjunker49 gewesen war und nachher im Holsteinischen
ansehnliche Güter erheiratet hatte, vom Hieronymus einen Aufseher seiner
Bibliotek und seines Antiquitätenkabinetts verlangte. Sebaldus liess sich leicht
bereden, die Stelle anzunehmen. Hieronymus gab ihm einen Empfehlungsbrief an den
Kammerjunker mit; und weil er eben an der magdeburgischen Grenze Rechnungen für
verkauftes Getreide abzutun hatte, so setzte er sich mit demselben auf die Post,
um ihn, so weit sein Weg ging, zu begleiten.
    Nachdem sie einige Meilen gereiset waren, gesellte sich zu ihnen ein Mann zu
Pferde, der wie ein Verwalter aussah und den Hieronymus als einen Bekannten
begrüsste; und in der folgenden Station bestieg den Postwagen, nebst andern
unbedeutenden Reisenden, ein Mann ernstaften Ansehens, der ihnen nach der
ersten Begrüssung selbst sagte, er sei ein Gelehrter und sein Hauptstudium die
arabische Sprache. Er galt in der Tat, wie man nachher unterderhand erfahren
hat, auf ein paar kleinen Universitäten für einen grundgelehrten Mann, der
Hebräisch, Arabisch, Persisch, Syrisch, Samaritanisch, Phönizisch und Koptisch
aus dem Grunde verstehe. Er hatte nicht allein, gleich andern Kennern der höhern
Exegese, das Hebräische durch das Arabische zu erklären gesucht, sondern war
auch auf eine Höhe gestiegen, die noch kein anderer Exeget erreicht hatte,
nämlich zu dem Versuche, das Arabische durch das Hebräische in helleres Licht zu
setzen. Er war in Leipzig gewesen, wo freilich seine gerühmte arabische Kenntnis
bei Reisken nicht grossen Beifall gefunden haben soll, welcher glaubte, dass sie
sich nicht weit über des Golius Lexikon erstrecke. Unser Mann hielt dies aber,
wie billig, für Neid, und wandte sich nach Wittenberg. Er hatte eine Sammlung
der vermittelst des Arabischen von ihm neuentdeckten Beweissprüche der Bibel bei
sich, wodurch die vornehmsten Artikel der Dogmatik noch mehr befestigt würden;
und er glaubte dadurch in dieser ortodoxen Stadt gewiss eine ansehnliche
Belohnung oder Beförderung zu erhalten. Aber zu seinem Erstaunen hielten auch
dortige Doktoren der Gottesgelehrteit seine neuen Beweisstücke für ganz
überflüssig, weil sie meinten, die Dogmatik sei durch die »Augspurgische
Konfession« und durch das Konkordienbuch befestigt genug. Zum Glücke konnte ihm
seine arabische Gelehrsamkeit so gut dienen als weiland dem Ritter Hudibras
seine Logik:
... who wou'd dispute,
Confute, change hands, and still confute.
Er zog also mit Hilfe der arabischen Sprache eine grosse Menge Erklärungen aus
der Schrift, wodurch die vornehmsten Artikel der Dogmatik zweifelhaft gemacht
wurden, und war jetzt eben im Begriffe, mit diesem Schatze neuer Entdeckungen
ins Brandenburgische zu reisen, wo sie, wie er gewiss glaubte, Ware für den Platz
sein müssten.
    Dieser Mann wandte sich sogleich an Sebaldus als an einen Gelehrten und
suchte ihm einen hohen Begriff von seinen Entdeckungen beizubringen. Er bewies
ihm weitläuftig, die hebräische Sprache sei gänzlich ausgestorben, und ohne die
arabischen Wurzeln sei an keine Palingenesie derselben zu gedenken. Er legte ihm
daher verschiedene ganz nagelneue Erklärungen vor: zum Beispiel, dass im I. Buch
Mose, XLIX, Vers 10, wo man einige Jahrhunderte lang den Messias zu finden
geglaubt habe, von einer Überschwemmung die Rede sei; dass Buch der Richter, VII,
Vers 13, wo Luter von gerösteten Gerstenbroten redet, von einem aus der Scheide
gezogenen Schwerte verstanden werden müsse und dergleichen schöne Sächelchen
mehr. Sebaldus, der kein Freund vom Exegesieren, am allerwenigsten von einer so
ausschweifenden Exegese war, schwieg ganz still, bis ihn der Fremde zu
wiederholten Malen fragte, was ihm von dieser Erklärungsart dünke und ob sie
nicht völlig neu und sehr sinnreich sei.
    Sebaldus sagte ganz kalt: »Neu und sinnreich mag sie sein; aber ich sehe
auch wohl, dass man mit einer solchen Erklärungsart leicht Schwarz in Weiss
verwandeln und einen Autor sagen lassen kann, was man will.«
    Der Fremde, der laute Bewunderung erwartet hatte, fing nochmals an, mit sehr
beredten Gründen darzutun, dass die Bedeutungen der hebräischen Wörter
verlorengegangen wären und dass man in den Wurzeln der verwandten Sprachen,
besonders der arabischen, diese Bedeutungen wieder auffinden müsse.
    Sebaldus versetzte: »Es scheint mir ganz unmöglich, die genauen Bedeutungen
der deutschen Wörter, wenn sie ganz verlorengegangen wären, nach ein paar
tausend Jahren in den Wurzeln der dänischen, schwedischen und engelländischen
wiederzufinden. Wer die deutsche Sprache nur in den Wurzeln kennte und zum
Beispiel im Dänischen die Wurzelwörter Tisch, Topf und Nacht gefunden hätte und
nun daraus schliessen wollte, Nachttisch und Nachttopf müssten Sachen von einerlei
Art sein und beide nur in der Nacht gebraucht werden, dem würde es gerade so
gehen wie unsern heutigen arabischen Philologen. Ich habe kürzlich eine Schrift
des berühmten Reiske50 gelesen, der die Unmöglichkeit zeigt, die arabische
Sprache jetzt schon auf die hebräische anzuwenden. Er versichert, dass noch nicht
der tausendste Teil der nützlichen arabischen Manuskripte bekannt ist und
gebraucht werden kann; dass die meisten Teologen, die das Hebräische aus dem
Arabischen meistern wollen, aus des Golius Lexikon nur eine sehr dürftige
Kenntnis erschnappt haben oder aufs höchste ein paar Suren aus dem Alkoran lesen
können; dass wir selbst vom Alkoran nicht einmal so viel wissen, um zu
entscheiden, ob der von Maraccius oder von Hinkelmann eingeführte Text nach der
Lesart der Schule zu al Kufah oder al Basrah sei, welches, wie er sagt, ein so
grosser Unterschied ist als zwischen Luteranern oder Katoliken. Er sagt
ausdrücklich, dass man noch einhundert Jahre hindurch gute arabische Bücher
drucken und sich bis dahin die Lust, darüber zu philosophieren, ganz vergehen
lassen sollte. Er vergleicht, sehr treffend, die Teologen, die jetzt schon das
Hebräische aus dem Arabischen erläutern wollen, mit den alten Philosophen,
welche die Wirkungen der Dinge in der Natur a priori demonstrieren wollten, ehe
sie noch die Natur durchstudieret hatten, und dadurch die lächerlichsten Grillen
in die Physik brachten. Habe ich unrecht«, fuhr Sebaldus fort, »wenn ich
Reisken, dem grössten Kenner der arabischen Sprache, hierin glaube?«
    »Ei«, rief der Fremde ziemlich entrüstet, »Reiske kann hiervon nicht
urteilen; der Mann versteht zwar etwas Arabisch, aber von dem Hebräischen und
andern orientalischen Sprachen weiss er so viel als nichts. Und Sie, mein guter
Herr, der Sie in allen diesen gelehrten Sachen ganz und gar unwissend, Sie
sollten davon auch ganz und gar nicht urteilen, sondern Ehrfurcht für die
Bemühungen gelehrter Männer haben, die durch ihre arabische Philologie der Bibel
ein neues Licht anzünden.«
    »Ebendeswegen bekümmere ich mich nebst andern Ungelehrten darum«, sagte
Sebaldus, »weil es über unsere Haut hergeht. Von der einen Seite wird uns
zugerufen, dass wir ohne den geschriebenen Willen Gottes nicht selig werden
können; und von der andern Seite kommen gelehrte Leute, erklären uns mit Hilfe
von einigen Wurzeln und Konjekturen hinein und hinaus, was ihnen beliebt. Und
das sollen wir mit Ehrfurcht glauben, weil wir nicht den Golius nachgeschlagen
haben oder nicht den arabischen Alkoran exponieren können? Nein! Das Wohl des
menschlichen Geschlechts kann unmöglich auf solchen Wortklaubereien beruhen! Hat
man einen seltsamern Zirkel gesehen als den, worin man uns herumführen will? Der
Willen Gottes im Alten Testamente ist hebräisch geschrieben. Zu den Zeiten der
Apostel und der ersten Christen wusste man nichts davon, dass die Bedeutung der
hebräischen Wörter verlorengegangen wäre. In den folgenden Jahrhunderten auch
nicht; aber wohl vergass man den hebräischen Text beinahe ganz und gar und hielt
sich an die Vulgata. Als man die hebräische Sprache wieder hervorsuchen wollte,
musste sie Reuchlin von den Juden lernen, ohne zu wissen, dass diese ihr Hebräisch
selbst nicht verständen, welches sie sich auch nicht träumen liessen. Auf diese
Kenntnis der hebräischen Sprache wurden sowohl Luters deutsche Übersetzung als
auch alle unsere symbolischen Bücher gebaut; wir stritten beinahe zwei
Jahrhunderte lang mit bitterm Eifer über darauf gegründete Lehrsätze; und
endlich, nach zweihundert Jahren, erfahren wir, dass die Bedeutung der meisten
Wörter der hebräischen Sprache verlorengegangen ist und dass wir sie im
Arabischen aufsuchen müssen. Nun haben wir wieder zweihundert Jahre zu streiten.
Alsdann kömmt vielleicht jemand, der uns berichtet, dass sich die Bedeutung der
arabischen Wörter auch verändert hat51, so wie es in allen Sprachen in der Welt
gegangen ist, und dass wir diese Bedeutung jetzt in der persischen Sprache52 oder
wer weiss wo aufsuchen müssen.« Hier ward Sebaldus durch ein heftiges Geschrei
unterbrochen, welches sich auf der Landstrasse einige hundert Schritte von dem
Postwagen erhob. Der Postillon trieb die Pferde an, um zu sehen, was es bedeute.
Was dieses nun für ein Geschrei gewesen, wollen wir künftig berichten und indes
zur Geschichte Marianens und Säuglings zurückkehren.
 
                                  Fünftes Buch
                                Erster Abschnitt
Mariane ward bei ihrer Ankunft auf dem Gute der Gräfin von *** mit offnen Armen
empfangen. Diese Dame, welche in der schönen Jahreszeit häufige Besuche hatte,
fand sich mehrenteils vom Eintritte der rauhen Herbstwitterung an einsam. Alle
ihre Nachbarn, denen kaum der heitere Sonnenschein und die grünenden Bäume den
Landaufentalt hatten erträglich machen können, eilten nach der Residenzstadt,
um zu Vergnügungen zurückzukehren, die ihnen angemessener waren: zu Cour Tagen,
wo man sich tief neiget, um seinen Stolz zu zeigen; zu Bällen, wo jeder sich bis
über die Zähne vermummt, obgleich keiner mit einer Maske spricht oder tanzt, die
er nicht kennet; zu grossen Mittagsmahlen, wozu man alles, was vornehm und
angesehen ist, zusammenbittet, um vier Stunden Langeweile zu haben; und zu
feinen Abendmahlzeiten, zu welchen man sich mit leichtsinnigen oder sittenlosen
Leuten einschliesst, um sich ein paar Stunden lang einzubilden, man sei vergnügt
gewesen. Die Gräfin, welche alle diese herrlichen Vergnügungen jahrelang
geschmeckt hatte und davon sehr bald war gesättigt worden, trug kein Verlangen,
im Winter ihre Güter zu verlassen. Sie hatte gelernt, sich selbst genug sein.
Die Besorgung ihrer Angelegenheiten, kleine weibliche Arbeiten und die Lektur
konnten sehr wohl den grössten Teil ihrer Zeit beschäftigen. Nur fehlte ihr noch
eine Gesellschafterin ihres Geschlechts von unbescholtenen Sitten und die
Verstand und Geist genug besässe, um an derselben bei Spaziergängen (die sie auch
in schönen Wintertagen nicht verabsäumte) und bei ihren wohltätigen Besuchen
ihrer Untertanen eine Gefährtin zu haben, in deren Gesellschaft sich der Geist,
der in der Einsamkeit erschlafft, zu angenehmer Unterhaltung wieder anspannen
könne. Eine solche Gesellschafterin fand sie an Marianen, welche ihr daher alle
Tage werter ward.
    Mariane auf ihrer Seite lebte sehr glücklich. Die Gräfin verbannte aus ihrer
Gesellschaft alle Art von Dienst; sie bedurfte einer Freundin. So verflossen die
Wintermonate unter gemeinschaftlichen Arbeiten, Lektur und Unterhaltung. Es ist
leicht zu erachten, dass der Umgang mit einer Dame, welche so viel Verstand mit
so viel Erfahrung und Weltkenntnis verknüpfte, Marianen zu ihrer Bildung
ungemein lehrreich sein musste. Die von der Gräfin sehr wohl gewählte Lektur trug
das ihrige dazu bei; und obgleich Mariane dadurch belesener ward, so wusste die
Gräfin doch durch feinen Scherz sie von der kleinen Torheit, ihre Belesenheit in
Gesellschaft zu zeigen, in kurzem ganz zu heilen.
    Die einzige Störung der Reihe von sanften Vergnügungen, worin Mariane lebte,
war das Andenken an Säugling; und vielleicht ist eine solche Störung einem
jungen und lebhaften Frauenzimmer behaglich, weil dadurch die Einförmigkeit
ihrer Empfindungen mannigfaltiger wird. Sie dachte sehr oft an den schnellen
Abschied, wodurch sie getrennt worden, und war zuweilen ungehalten, dass er ihr
keine Nachrichten von sich gebe; dann überlegte sie wieder, dass er ihren
Aufentalt nicht wissen werde, und indem sie ganz leise den Gedanken dachte, dass
sie an ihn schreiben könne, errötete sie als vor einem ihr unanständigen
Schritte. Sie klagte sodann wieder in Gedanken über die Unmöglichkeit, von ihm
Nachricht zu erhalten, dann fiel ihr ein, dass sie der Frau von Hohenauf
versprochen hatte, alle Verbindung mit Säugling aufzuheben; und dann entschloss
sie sich, ihn völlig zu vergessen. Indem sie aber diesen Entschluss recht zu
befestigen suchte, ward sein Bild unvermerkt in ihrer Einbildungskraft
lebhafter, und sie vernichtete ihren Vorsatz selbst, indem sie ihn auszuführen
dachte.
    Säugling, auf seiner Universität, zerbrach sich nicht weniger den Kopf über
Marianens Zustand. Er hatte vermittelst des Kammermädchens nichts weiter
erfahren können, als dass Mariane in der Nacht in einem Wagen wäre weggebracht
worden. Er spannte seine ganze Einbildungskraft an, um zu mutmassen, wohin sie
geraten sei, aber vergebens. Er musste sich begnügen, an ihr geliebtes
Schattenbild die zärtlichsten Seufzer abzusenden. So verging der Winter damit,
dass er an Marianen dachte, ihren Namen in Ermangelung eines Baums in sein
Schreibepult schnitt, wenn er sie besingen wollte, und über beides von Rambold
geschraubt ward.
    Im Frühlinge, nachdem er auf dieser zweiten Universität ein Jahr gewesen
war, berief ihn sein Vater, der sich nach geendigtem Kriege in Westfalen ein
Landgut gekauft hatte, nach Hause. Er reisete mit Rambold ab und nahm seinen Weg
über den Landsitz seiner Tante, die sich stellte, als hätte sie den Vorfall mit
Marianen ganz vergessen, und ihn mit vieler Freundlichkeit aufnahm.
Demungeachtet wagte er nicht, sich nach Marianen zu erkundigen. Aber die Tante
selbst nahm einst Gelegenheit, mit lächelndem Munde eine Neuigkeit zu sagen, die
wie ein Blitz in seine Seele fuhr: dass die Mariane, die einst ein flüchtiger
Gegenstand seiner Neigung gewesen, in Franken bei einem Edelmanne französische
Mamsell worden und kürzlich den Informator, dem der gnädige Herr eine erledigte
Pfarre gegeben hätte, geheiratet habe.
    Sie erdichtete diese Nachricht nicht ohne besondere Absichten. Zufolge ihrer
beständigen Leidenschaft, ihre Familie zu erheben, wünschte sie, dass ihr Neffe
eine Adelige heiraten möchte. Ihre Augen waren dabei auf das Fräulein von
Ehrenkolb gerichtet, die von altem Adel, aber nicht von grossem Vermögen war und
mit ihrer Mutter, einer Witwe, auf einem kleinen Gute in der Nachbarschaft
wohnte. Die Frau von Hohenauf zweifelte nicht, dass die Frau von Ehrenkolb durch
den grossen Reichtum, welchen der junge Säugling als ein einziger Sohn zu
erwarten hatte, leicht bewogen werden könne, in diese Heirat zu willigen. Sie
sah schon in Gedanken, der alte Säugling, da er bereits ein Rittergut besitze,
werde sich adeln lassen und seinem Sohne eine ansehnliche Bedienung kaufen; und
nun wiegte sie sich schon im voraus mit dem angenehmen Traume, dass durch ihn
ihre Familie in ein paar Generationen zu den angesehensten des Landes gezählet
werden könne.
    Die Frau von Hohenauf hatte ihrem Neffen von diesen ihren politischen
Absichten noch nichts gesagt; und er konnte sich ihm so fremde Gedanken nicht
aus eignem Triebe in den Kopf kommen lassen: denn er war bloss mit seinen
Gedichten und mit seiner Liebe zu Marianen beschäftigt. Seitdem er von ihr so
plötzlich war geschieden worden, gang er gar fleissig an sie gerichtete Lieder
und las sie in der Deutschen Gesellschaft des Ortes vor. Diese Sammlung hatte er
kurz vor seiner Abreise unter die Presse gegeben. Er war, wie jeder junge Autor,
über den Gedanken, dass seine Gedichte gedruckt würden, vor Freuden ausser sich
und ergötzte sich dabei mit den angenehmsten Träumen, welche zärtliche Szenen
erfolgen würden, wenn er einmal von Marianen Nachricht erhalten und ihr diese
Folge von Gedichten überreichen sollte. Man urteile also, wie gross sein Schmerz
sein musste, zu hören, dass Mariane seine Liebe leichtsinnigerweise sollte
vergessen haben und dass folglich alle diese zärtlichen Liebesseufzer ihre
Wirkung verfehlen würden. Zwar gehörte er nicht zu den starken, selbständigen
Seelen, welche, wenn ihnen ihre Geliebte vor dem Munde weggeheiratet wird, sich
notwendig erschiessen oder in einen Fluss stürzen müssen; dennoch irrte er oft
trostlos in dem nahe gelegenen Walde, achtete weder Wind noch Regen, sondern
klagte dem Echo und den murmelnden Bächen seine Not. Er sang manche Lieder voll
verliebter Verzweiflung und endlich eins, worin er der Liebe ganz und gar
entsagte. Dies letztere gefiel ihm ausserordentlich, denn es schien ihm
feierlicher als alle seine vorigen Lieder. Sein verliebter Schmerz brachte also
neue Geisteswerke hervor und ward durch das Wohlgefallen daran nach und nach
gelindert.
 
                               Zweiter Abschnitt
Die Frau von Ehrenkolb nebst ihrem Fräulein Tochter begaben sich auf geschehene
Einladung nach dem Gute der Frau von Hohenauf. Das Fräulein stand in der Blüte
ihrer Jahre, denn sie war noch nicht völlig achtzehn alt. Ihre standesmässige
Erziehung hatte sie der Aufsicht einer Französin zu danken, die in ihrem
Vaterlande eine Trödelkrämerin gewesen war, in Deutschland aber, mit dem Reste
ihrer Bude ausgeschmückt, sich zur Komtesse erhob. Nachdem diese Pariserin
verschiedene deutsche Höfe besucht und auf maskierten Bällen und auf
Lustschlössern mit Herzogen und Reichsfürsten gegessen und gespielt hatte, liess
sie sich endlich, des Hoflebens satt, aus angeborner Guterzigkeit bereden, ein
deutsches Landfräulein zur Dame umzuschaffen und es auf den guten Ton zu
stimmen, den sie selbst in Paris gelernt hatte, obgleich freilich nur aus der
dritten oder vierten Hand. Das Fräulein machte einem so trefflichen Unterrichte
ungemeine Ehre, indem sie alles, was ihr die Französin anpries, noch zu
übertreiben wusste. Sie konnte mit geläufiger Zunge jedermann Rede angewinnen,
alles verachten, sich zu allem drängen, sich nichts übelnehmen, dreierlei auf
einmal sprechen und tun, um in Gesellschaft die Aufmerksamkeit auf sich zu
ziehen; widersprechen, um eigensinniger Laune Lauf zu lassen, die oft für
lebhaften Geist genommen wird; nachgeben, um mit Zierlichkeit schmollen zu
können; in einem Nachmittage an sechs Orten und allentalben abwesend sein; in
der ganzen Gesellschaft am lautesten reden und am wenigsten sagen; sich putzen,
schminken, spielen, tanzen, liebäugeln und Sentiments plaudern, alles zugleich
und ohne daran zu denken. Kurz, sie besass den bon ton vollkommen und hatte sich,
um ihn an Mann zu bringen, den vergangenen Winter an einem benachbarten
fürstlichen Hofe zum erstenmal als eine ausgemachte Petitemaîtresse gezeigt. Sie
war mit ihrem Anfange selbst nicht übel zufrieden, denn sie hatte mehr Aufsehen
gemacht als irgendein anderes Fräulein; einige ihrer Moden waren nachgeahmt
worden, die Schönheiten des vorigen Winters kamen gegen sie nicht mehr in
Betrachtung, die Anbeter drängten sich um sie, Geschenke, Nachtmusiken, Bälle,
wovon sie die Königin war, folgten sich unaufhörlich, und sie besass wirklich ein
sehr grosses Paket Liebesbriefe von den bestfrisierten Köpfen des Hofes.
    Die Frau von Ehrenkolb gehörte zu den guten Müttern, die sich selbst in
ihren Töchtern geniessen. Dass ihr Fräulein Aufsehn machte und gerühmt wurde,
gefiel dem mütterlichen Herzen; und wenn sich ihre Erfahrung auch wider manche
Frivolität setzte, so war doch die kleinste Liebkosung der Tochter hinlänglich,
die schwache Frau nachgebend zu machen, ja ein ruhiger Nachmittag war genug, ihr
einzubilden, ihre Tochter wäre gesetzt und weise.
    So ungelegen dem Fräulein der verdriessliche Frühling kam, der sie aus der
fürstlichen Residenz aufs Land trieb, so angenehm war ihr die Einladung zur Frau
von Hohenauf. Sie hatte bei derselben schon oft grosse glänzende Gesellschaften
gesehen und hoffte also, daselbst wieder viel schöne Welt und unter derselben
viele Anbeter zu finden. Sie probierte schon in Gedanken die Rollen, welche sie
spielen wollte, und träumte schon viel von zahlreichen Partien, vom Neide
anderer Damen und von einer muntern Jugend, die sie mit einem Blicke an ihrem
Siegeswagen hinter sich zog. Wie sehr erschrocken war sie daher, als sie niemand
antraf, denn den schüchternen Säugling, der eine so rauschende Petite-maîtresse
als ein nie gesehenes Wundertier anstaunte und eine Reverenz über die andere
machte, rechnete sie wirklich für nichts. Sie sah sich einige Tage lang in der
traurigen Notwendigkeit, drei Stunden nach Sonnenaufgange aufzustehn, sich zu
putzen, ohne gesehen zu werden, den lieben langen Tag in frischer Luft und in
grünen Auen herumzugehn und des Abends sich zu einer einsamen Whistpartie zu
setzen, wobei sie keine andere Beschäftigung hatte, als aufs Spiel achtzugeben.
    Da indes die Frau von Hohenauf ihren Neffen soviel möglich in dem besten
Lichte darzustellen suchte und er selbst, dem es zur andern Natur geworden war,
holdselig gegen jedes Frauenzimmer zu sein, an Achtsamkeiten gegen das Fräulein
nichts ermangeln liess, so fasste sie ihn endlich in die Augen und wollte, da sie
an seiner Kleidung einen ziemlichen Geschmack bemerkte, aus Langerweile
versuchen, ob aus ihm etwas zu machen wäre. Dies gelang ihr über Vermuten; denn
kaum hatte sie den ersten Bogen von Säuglings gedruckten Gedichten gelobt,
welche er nicht ermangelte, ihr vorzulesen, so zeigte er sich gleich als einen
ganz andern Menschen. Seine weibische Schüchternheit hatte der ungestüme Rambold
durch Schrauberei wegzuspotten vergebens versucht, aber sie verschwand, da er
einer petillierenden Petite-maîtresse gefiel und ihr wieder gefallen wollte. Er
fing an, zu schwatzen, zu widersprechen, sich dreimal in einer Minute
herumzudrehen, zu antworten, ehe die Frage vorbei war, und zu fragen, ohne
Antwort zu verlangen, jedermann dreist in die Augen zu sehen und sich des c'est
pour cela!, eh mais!, tant pis! und tant mieux! so geschickt zu bedienen, dass
man schier hätte glauben mögen, er habe monde. dabei war, weil er seine liebe
Poesie nie vergass, das Fräulein der Gegenstand aller seiner Gedichte; ja weil er
überhaupt (wie mehrere junge Poeten und alte Poeten, die lange jung bleiben) nur
allzu geneigt war, seine poetischen Phantasien ins wirkliche Leben zu
übertragen, so dünkte ihm oft, dass er etwas für das Fräulein empfinde, welches
er ohne Bedenken würde Liebe genannt haben, wenn ihm nicht sein gutes Herzchen
augenblicklich geklopft und ihn erinnert hätte, dass er seine obgleich ungetreue
Mariane noch nicht vergessen müsse. Das Fräulein ihrerseits betrachtete ihn als
ihre Kreatur und triumphierte, einen Anbeter, und zwar einen Anbeter von einer
so neuen Gattung, als ihr ein Poet war, erworben zu haben. Denn sie hatte noch
nie deutsche Verse gesehen, noch weniger Verse, deren Gegenstand sich auf sie
selbst bezog. Diese neue Seltsamkeit war hauptsächlich die Ursach, warum sie
Säuglings Gedichte so allerliebst fand, obgleich der Verfasser wirklich glaubte,
die Vortrefflichkeit seiner Verse hätte das allein bewirkt. Ein sehr
gewöhnlicher Irrtum! Denn wenn zum Beispiel unsere deutschen Hofleute neben
ihrer gewöhnlichen standesmässigen französischen Lektur zuweilen auch ein
deutsches Buch durchblättern und davon reden, so geschieht es gemeiniglich bloss
deshalb, weil sie dadurch am Hofe einen gewissen Anstrich von Sonderbarkeit zu
erhalten meinen, der sie unter den übrigen flachen Hofgesichtern ein wenig
hervorziehen könnte; indes halten dies unsere guterzigen deutschen Genien doch
für einen wirklichen Beifall und träumen wohl gar, die Zeit sei nahe, da sich
der reichste und wollüstigste Teil der Nation des witzigsten und verständigsten
nicht mehr schämen wird.
    Säugling, dem kein Zweifel über die Wirkung seiner Gedichte einfallen
konnte, schwamm in dem Vergnügen, seine Geisteswerke von einem so schönen
Fräulein bewundert zu sehen. In dieser Entzückung kam er auf den Gedanken, ihr
seine Sammlung von Gedichten zuzueignen, da deren Abdruck eben geendigt werden
sollte. Dies setzte ihn ganz in die Gunst des Fräuleins. Ihren Namen gedruckt zu
erblicken, sich vor dem ganzen Heiligen Römischen Reiche Deutscher Nation für
schön und witzig erklärt zu sehen (denn Säugling hatte in seiner
Zueignungsschrift die poetischen Floskeln nicht gespart) war ihr so
schmeichelhaft, dass ihr Säugling ein homme adorable schien und sie bei sich
Kraft fühlte, ihn wirklich vierzehn Tage nacheinander zu lieben.
    Nun waren beide unzertrennlich. Obgleich diese beständigen Zusammenkünfte
eigentlich nur Galanterie und Eigenliebe zum Grunde hatten, so hielt sich doch
die Frau von Hohenauf fest versichert, dass Liebe im Spiele wäre; denn sie hatte
das Pärchen vom Anfange an mit aufmerksamen Augen betrachtet und trauete sich
nicht wenig Geschicklichkeit zu, die Geheimnisse anderer zu erraten. Sie freute
sich insgeheim, dass ihr Anschlag fast ohne ihre Bemühung anfinge, so gut
vonstatten zu gehen.
    Als nun die Frau von Ehrenkolb nebst ihrem Fräulein nach einiger Zeit auf
die Rückreise nach ihrem Gute dachte, tat Frau von Hohenauf schlau genug den
Vorschlag, dass ihr Neffe nebst seinem Hofmeister in ihrer Gesellschaft reisen
sollte, weil der Wohnort der Frau von Ehrenkolb wirklich auf dem Wege nach
Westfalen lag, den jene zu machen hatten. Dass dem Fräulein dieser Vorschlag
angenehm gewesen sei, ist leicht zu erachten; und die Mutter war gleichfalls
damit zufrieden, denn Säugling hatte auch ihre Gunst erlangt, indem er sich
zuweilen zu ihr setzte, mit ihr zu schwatzen, und, wenn sie im Tambour stickte,
ihre Arbeit zu loben wusste.
    Übrigens fand die Frau von Hohenauf noch nicht für gut, der Frau von
Ehrenkolb ihre Absichten zu entdecken. Ihren Neffen aber liess sie kurz vor der
Abreise ihren Willen vernehmen, der dazu nicht nein sagen durfte, aber auch
nicht ja sagte. Ein schönes Fräulein, und das seine Gedichte liebte, war zwar
eine sehr verführerische Anlockung, allein das Andenken an seine Mariane
verstattete es ihm noch nicht, in völligem Ernste an eine andere Verbindung zu
denken.
    Sie reiseten nunmehr sämtlich nach dem Landsitze der Frau von Ehrenkolb.
Hier ging Säuglings Umgang mit dem Fräulein anfänglich auf die ehemalige Art
fort, bis nach einigen Tagen die Ankunft eines jungen Obersten, den das Fräulein
vorigen Winter bei Hofe hatte kennenlernen, den Sachen ein etwas anderes Ansehen
gab. Er war dreiundzwanzig Jahre alt, wohlgebildet, plapperte im Tone der grossen
Welt, trug eine glänzende Uniform und eine reiche Schulterschleife, fuhr mit
sechsen, hielt einen Läufer und vier Lakaien: alles Dinge, die ihm bei einem
jungen Fräulein nach der Welt einen grossen Vorzug vor dem armen Säugling zuwege
bringen mussten, denn dieser hatte ausser seiner kleinen netten, geschniegelten
Person, einem geringen Anfange von Weltmanieren und vielen Gedichten dem
Obersten nichts entgegenzusetzen. Er stellte also von dem Augenblicke an, da
jener erschien, nur die zweite Person vor. Glücklicherweise ward er dieses nicht
einmal gewahr; denn das Fräulein verstand nicht allein die Kunst sehr wohl, sich
mit mehr als einem Anbeter zu unterhalten, sondern der Oberste, ein feiner
Weltmann, der alle Dinge so zu nehmen wusste, wie sie waren, wollte auch nicht
umsonst mit einem ihm so neuen Geschöpfe wie ein deutscher Poet vierzehn Tage
lang in Gesellschaft gewesen sein. Er hatte sich schon seit einiger Zeit in der
am Hofe so nützlichen Kunst geübt, sich anzustellen, als ob er jedes Ding
verstehe oder daran Anteil nehme, was er etwa zu verstehen oder woran er Anteil
zu nehmen scheinen wollte. Diese von vielen Hofleuten für ein grosses politisches
Geheimnis geachtete Kunst besteht im Grunde bloss in einigen Gebärden und kahlen
Gemeinsprüchen, welche, wie in manchen Ländern geringhaltige Münze, in der
grossen Welt für vollgültig angenommen werden. Die Hofschranzen sehen zuletzt
diese Grimasse für etwas Wirkliches an und bilden sich ein, sie verständen viel
und nähmen an vielen Dingen Anteil, merken aber nicht, dass sie gemeiniglich von
denen durch und durch gesehen werden, welche sie am meisten getäuscht zu haben
glauben.
    Vermittelst dieser falschberühmten Kunst stellte sich der Oberste, als ob er
von Gedichten entzückt würde, woran ihm eigentlich nichts gelegen war und wovon
er weder etwas verstand noch empfand. Säugling war sehr zufrieden, da er eben
nicht weit sah und besonders gern glaubte, man müsse es aufrichtig meinen, wenn
man seine Gedichte lobte. Der Oberste war es auch, weil er seine
Geschicklichkeit genoss, einen andern zu überlisten. Das Fräulein auch, weil sie
anstatt eines Anbeters zwei hatte. Und endlich die Frau von Ehrenkolb auch, weil
sie glaubte, es könne zwischen ihrer Tochter und dem reichen Obersten eine
Vermählung geschlossen werden. Denn dass Säugling, ein bürgerlicher Poet, auf
ihre Tochter sollte Anspruch machen wollen, kam ihr gar nicht in den Sinn; und
Säugling selbst hatte mit gutem Herzen, was ihm die Frau von Hohenauf darüber
gesagt hatte, völlig vergessen. Sein ganzer Geist war von dem Vergnügen, seine
Gedichte täglich vorzulesen und gelobt zu hören, so eingenommen, dass er selbst
nur in wenigen, der Phantasie gewidmeten Minuten an seine ungetreue Mariane
denken konnte.
 
                               Dritter Abschnitt
Die Sachen standen auf diese Art in dem Schloss der Frau von Ehrenkolb, als sie
sich vornahm, die Gräfin von *** zu besuchen, welche einige Meilen von ihr
wohnte. Ihre Tochter hatte schon einigemal diese Reise hintertrieben, weil ihre
Gesinnungen mit den Gesinnungen der Gräfin gar nicht übereinstimmten und sie
sich von dem Aufentalte bei ihr nicht das geringste Vergnügen versprach. Jetzt
bestand aber die Mutter darauf, und die Tochter durfte nicht ferner
widersprechen.
    Die ganze Gesellschaft fuhr also ab; und Säugling wiegte sich mit dem
Gedanken, vor der Gräfin, deren guten Geschmack er schon kannte, mit seinen
gedruckten Gedichten zu glänzen, unwissend, dass seiner ganz andere Vorfälle
warteten.
    Die Gräfin empfing sie bei ihrer Ankunft in einem offnen Gartensaale. Der
Oberste führte die Frau von Ehrenkolb, Säugling das Fräulein. Kaum hatte die
Gräfin ihre Freundin umarmen können, als das Fräulein von Säuglings Hand auf sie
zurauschte und sich mit einem: »Ah, ma chère Comtesse, que je suis ravie de vous
embrasser, c'est un million d'années qu'on ne vous a pas vue« in ihre Arme warf.
Indem dieses geschah, erblickte Mariane Säuglingen und ward feuerrot; Säugling
warf zu gleicher Zeit die Augen auf Marianen und stand mit einem Male wie eine
Salzsäule, so dass er auch weder die Gräfin noch Marianen grüsste. Die Gräfin
redete ihn an, er ward blass und rot, wollte seine Verwirrung verbergen und sah
noch dämischer aus. Sie stellte ihm Marianen als eine vorige Bekanntschaft vor,
er fing an zu stammeln und nannte sie Madame. Die Gräfin lachte und fragte, ob
er seine ehemalige Freundin nicht kenne. Säugling stotterte abermal - und besann
sich zu spät, zu sagen, dass er sich im Gesichte geirret hätte, wusste aber noch
nicht, welche Miene er annehmen sollte.
    Nachdem er sich von seiner ersten Bestürzung ein wenig erholt hatte, sah er
wohl ein, er sei von seiner Tante hintergangen worden, konnte auch die Absicht
ihrer List leicht erraten. Nun entbrannte seine Liebe zu Marianen wieder viel
stärker als zuvor. Er hing wieder an ihren Augen, seine Gedichte waren wieder an
sie gerichtet, und er schrieb ihr fast täglich Briefe, indem er sehr selten das
Glück genoss, sich mit ihr unter vier Augen zu unterreden.
    Mariane hingegen war gegen ihn ungemein zurückhaltend. Sie hatte der Gräfin,
mit der sie sonst auf einem sehr vertraulichen Fuss lebte, nichts von ihrer
Neigung zu Säugling, noch weniger von den Verdriesslichkeiten, die sie deshalb
erfahren hatte, entdeckt, wollte sich also nunmehr auch keinem Verdachte
aussetzen. Dies war die Ursache, die sie sich selbst angab, aber sie hatte noch
eine andere und geheimere. Sie bemerkte nämlich an Säugling eine grosse
Veränderung, wodurch er nicht wenig gewonnen hatte. Sonst war er ängstlich
bescheiden, in der Meinung, dem Frauenzimmer gefalle das Sanfte; jetzt hatte er
einer rauschenden Hofschönheit gefallen wollen und war lebhafter und
ungezwungner geworden. Mariane war scharfsichtig genug, diese Veränderung der
rechten Ursache zuzuschreiben, zumal da ihr gewisse Achtsamkeiten Säuglings
gegen das Fräulein nicht unbemerkt entgehen konnten und da sie, sonderlich im
Anfange, des Fräuleins Augen oft auf Säuglings Augen gerichtet fand. Dies nebst
der gedruckten Zueignungsschrift, die ihr auch nicht verborgen bleiben konnte,
schien sie von einer nähern Verbindung zwischen Säugling und dem Fräulein zu
überzeugen und erregte bei ihr eine kleine Eifersucht, zu deren Verbergung das
Frauenzimmer gemeiniglich eine kalte Zurückhaltung am dienlichsten hält und
dadurch dieselbe gemeiniglich am ersten verrät.
    Auf der andern Seite fiel Mariane auch dem Obersten in die Augen. Da nun in
seinem Herzen für mehr als eine Liebe Raum genug war und er es, vermöge der
hohen Meinung von seiner eignen Person, nicht für möglich hielt, dass ihm ein
Frauenzimmer widerstehen sollte, so glaubte er, Mariane könne gar wohl ein
flüchtiger Gegenstand seiner Neigung werden und sein Zweck müsse bei ihr bald zu
erreichen sein. Er griff sie mit der zuversichtlichen Stellung eines Hofmannes
an, so wie ein kühner Eroberer eine Festung stürmt, ohne sie aufzufordern oder
Laufgräben zu eröffnen. Gleichwie aber ein Belagerer, wenn ihm ein zu früher
Sturm abgeschlagen worden, oft nicht weiss, welche Miene er gegen den Belagerten
annehmen soll, so war auch der Oberste durch die kalte und verächtliche Art,
womit Mariane seine Liebeserbietungen ausschlug, um deutsch zu reden, ziemlich
aus der Fassung gebracht und deshalb, um undeutsch zu reden, nicht wenig
intrigiert.
    Das Fräulein übersah mit einem Blicke, dass ihr Mariane ihre beiden Liebhaber
raubte, und setzte alle Kräfte der Schönheit und der Koketterie in Bewegung, um
den Sieg über sie davonzutragen.
    Indes alle diese Personen ihre kleinen Entwürfe machten, dachte Rambold,
Säuglings Hofmeister, einen Meisterstreich auszuführen. Rambold war ein
schwarzhaariger, rotbackiger, wohlbewadeter Magister, der auf Universitäten zwar
sehr locker gelebt, aber doch auch mit Hilfe eines offnen Kopfes so viel von den
Wissenschaften erschnappt hatte, dass er ziemlich fertig davon plaudern konnte.
Er hielt sich selbst für sehr gelehrt, weil er mit der Selbstgenügsamkeit eines
Gecken, der von allem hat reden hören und über nichts nachgedacht hat, über
alles entscheiden konnte. Sein Eigendünkel trieb ihn, jedermann zu hohnnecken,
auch den, der klüger war als er, und zu widersprechen, ehe er hoch wusste, was er
sagen wollte. Stimmte jemand seiner Meinung bei, so war dies genug für ihn, um
das Gegenteil zu behaupten; denn er glaubte seinen Witz zu zeigen, wenn er den
andern niederschreien, und seinen Scharfsinn, wenn er auch den ungereimtesten
Satz verteidigen konnte. Ob er wahr oder falsch sei, war ihm einerlei, denn
seine Philosophie hatte entschieden, dass Wahrheit sowohl als Schönheit und
Tugend nur relative Begriffe wären. Diesen Satz glaubte er nicht nur, sondern
wendete ihn auch im gemeinen Leben fleissig an, daher er in der Wahl der Mittel,
seine Absichten auszuführen, eben nicht delikat war.
    Dieser feine Mann hatte auf Marianen ein Auge geworfen und ging damit um,
sie zu heiraten, wovon er ihr doch nicht ein Wort sagte, weil er durch einen
Umweg seinen Zweck besser zu erreichen meinte. Er war von dem Plane der Frau von
Hohenauf sehr wohl unterrichtet. Sie hatte ihm sogar eine einträgliche Pfarre
versprochen, die auf ihren Gütern nächstens offen werden musste, wenn er etwas
dazu beitragen würde, dass Säugling das Fräulein von Ehrenkolb heiratete. Daher
glaubte er zwei Schläge mit einem Streiche zu tun, wenn er der Frau von Hohenauf
von Säuglings und Marianens Zusammenkunft Nachricht gäbe und die Folgen
derselben zu verhindern suchte.
    Er schrieb ihr also: sie müsse Marianen, welche sie aus weisen Absichten von
ihrem Schloss entfernt hätte, auch hier wegschaffen, weil ihr Neffe, solange er
ihren Aufentalt wisse, auch nach seiner Abreise nicht von ihr ablassen würde.
Er tat dabei den unmassgeblichen Vorschlag, sie solle insgeheim einen Wagen mit
drei starken Kerlen senden, und er nahm es auf sich, ohne grosses Aufsehen
Marianen in ihre Hände zu liefern. Zuletzt gab er zu verstehen, dass, wenn nur
erst die bewusste Pfarre vakant wäre, sich auch ein anständiger Ehemann für
Marianen finden würde, wodurch denn Säuglings unbedachtsamer Liebe und Ihro
Gnaden Furcht auf einmal könnte ein Ende gemacht werden.
    Er schmeichelte sich, Mariane solle es vermöge seiner klugen Einrichtung nie
merken, dass er an der Entführung teilhabe; und sobald er nur seinen jungen Herrn
nach Hause gebracht hätte, nahm er sich vor, zurückzukehren und aus den Händen
der Frau von Hohenauf eine reiche Pfarre und eine schöne Frau zu erhalten; denn
dass sich etwa Mariane weigern könnte, seine Hand anzunehmen, fiel ihm gar nicht
ein.
 
                               Vierter Abschnitt
Nachdem Rambold auf diese Art sein Plänchen so einfach als künstlich angelegt
hatte, erwartete er ruhig den erwünschten Erfolg, sehr zufrieden mit seiner
schlauen Erfindung. Die übrigen Personen hingegen wurden durch ihre Lage
unvermerkt immer unruhiger, unzufriedener und unwilliger gegeneinander.
    Marianen missfiel es, dass ihr der Oberste beständig nachfolgte und fortfuhr,
sie mit vieler Dreistigkeit seiner Liebe zu versichern, so trocken und frostig
sie ihn auch abgewiesen hatte. Nicht weniger unzufrieden war sie mit Säugling,
den sie im Verdachte hielt, dass er das Fräulein heimlich liebte; und weder seine
Briefchen, worauf sie nie antwortete, noch seine Verschen, von denen sie
argwohnte, dass sie mehr aus der Phantasie als aus dem Herzen herrührten, konnten
sie zufriedenstellen.
    Das Fräulein war äusserst erbittert, alle Versuche, ihre beiden Liebhaber
wieder zu sich zurückzubringen, fruchtlos zu sehen. Weil sie aus Politik ihren
Zorn nicht ganz auslassen durfte, so blieb nichts übrig als der armselige
Behelf, Marianen das Übergewicht eines höhern Standes fühlen zu lassen. Dies
veranlasste verschiedene kleine unangenehme Szenen, wodurch doch die üble Laune
des Fräuleins nicht vermindert ward, da sie Marianen nur kränkten, ohne sie zu
demütigen.
    Der Oberste war nicht wenig verdriesslich, weil das Fräulein seiner Liebe
gegen Marianen im Wege stand, welche er gern mit seiner Liebe gegen das Fräulein
vereinigt hätte, zumal da er die Verbindung mit der letztern anständigerweise
nicht ganz und gar aufheben konnte. Säuglingen war er herzlich gram, weil er
sich einbildete, dieser sei bei Marianen besser gelitten als er; und mit
Marianen war er auch nicht sonderlich zufrieden, weil dies kleine Mädchen,
welcher er die Ehre einer gelegentlichen Eroberung zugedacht hatte, sich gegen
eine Person von seinen Verdiensten so gar spröde bezeigte, dass es noch ungewiss
schien, ob sie nicht auch einer förmlichen Belagerung würde widerstehen wollen.
    Säugling war unglücklich, denn er liebte Marianen herzlich, daher konnte er
ihre Zurückhaltung nicht ertragen, die er bloss einer wirklichen Abneigung gegen
ihn zuzuschreiben wusste, da er ihre verborgene Eifersucht nicht merkte. Dies
kostete ihm viele Seufzer und nicht wenig Verse. Aber eben sein zweites Unglück
war, dass seine Gedichte, deren gute Aufnahme in dieser Gesellschaft ihm bisher
eine so seltne Glückseligkeit verschafft hatte, nun sehr zu fallen anfingen,
wovon er die Ursachen gar nicht einzusehen vermochte. Sie waren gleichwohl sehr
natürlich. Mariane schwieg davon gemeiniglich ganz still, weil sie sich
fürchtete, ihre geheimen Bewegungen unvermerkt zu verraten, welche sie zu
verbergen so wichtige Ursachen fand. Das Fräulein hatte immer etwas daran zu
tadeln, weil ihr die Eifersucht eingab, sie wären an Marianen gerichtet oder
spielten auf sie an; und der Oberste, der sich nie im Ernste um Verse bekümmert
hatte, fand nicht nötig, wie vormals sich zu stellen, als ob sie ihm gefielen,
vielmehr pflegte er in seiner jetzigen üblen Laune sich oft geradezu darüber
aufzuhalten. Zum Unglücke für Säugling ward er darin zuweilen von der Gräfin
unterstützt, deren feiner Geschmack schon längst in Säuglings Liedern eine
gewisse Einförmigkeit und Schlaffheit wahrgenommen hatte, wofür ihm selbst der
Sinn fehlte. Da er nun unablässig fortfuhr, täglich neue Gedichte vorzulesen, so
nahm sich die Gräfin im Ernste vor, dem sonst unbescholtenen guten Jünglinge die
kleine Torheit des Versemachens abzugewöhnen.
    Als einst die Frau von Ehrenkolb Mittagsruhe hielt und die übrige
Gesellschaft im Garten spazierte, ergriff die Gräfin Säuglings Arm, führte ihn
in einen Gang besonders, und nachdem sie das Gespräch auf Lektur gebracht hatte,
sagte sie ihm geradeheraus: Gedichte wären nicht die Lektur, die sie am meisten
liebte.
    Säugling, nicht wenig beschämt und bestürzt, versetzte mit stammelnder
Stimme: »Ew. Gnaden scherzen vielleicht. Es schien mir doch sonst, als ob Sie
die schöne Literatur liebten.«
    Gräfin: O ja, ich liebe sie ungemein. Aber Sie wissen, sie hat einen weiten
Umfang, und die Poesie ist nur ein Teil davon. Diesen zu hassen, bin ich weit
entfernt. Ich liebe vielmehr Gedichte herzlich, aber nur, wenn sie vortrefflich
sind; sie wirken alsdann mit unbeschreiblichem Reize auf mich und bleiben meiner
Seele tief eingeprägt. Aber Sie wissen, der ganz vortrefflichen Gedichte sind
nur sehr wenige. Was die übrigen anbetrifft, so sind sie ganz gute Dingerchen,
die man allenfalls einmal anhören, aber auch entbehren kann; und mich dünkt
immer, die Augenlider sind einem leichter, wenn man sie entbehrt.
    Säugling: Vielleicht sprechen Ew. Gnaden nicht ganz im Ernste; die Damen
pflegen doch sonst, wenigstens glaube ich es so gefunden zu haben, unter aller
übrigen Lektur am meisten Gedichte zu lieben ...
    Gräfin: Glauben Sie das nicht, mein lieber Säugling; oft kaum, wenn wir
darin gelobt werden, finden wir sie erträglich. Unter uns gesagt, wir haben oft
herzliche Langeweile, wenn man sie uns vorlieset. Wir gähnen innerlich und
trauen uns nicht, den Mund aufzutun.
    Säugling: Ach, ich merke schon, hier ist ein kleines Missverständnis. Sie
wollen sagen:
Die grossen Verse, welche man
Auf einem grossen Amboss schmiedet,
Die lies't man nicht, man wird ermüdet;
Ihr Donner störet unsre Ruh.
So grosser Lärm, wozu? wozu?
Allein die kleinen niedlichen Verse:
Die kleinen Dingerchen, die sich
Gefällig zu Gedanken schmiegen,
Zwar nicht bis an den Himmel fliegen,
Jedoch auch nicht, dahin verstiegen
Und dann gestürzet, jämmerlich
Zerschmettert auf der Erde liegen:
Die kleinen Dingerchen lieb ich!
Sie pflegen sich mit Artigkeit
In das Gedächtnis einzuschleichen,
Darin zu bleiben und nicht weit
Den grossen Versen auszuweichen.
Gräfin: Ach, das ist meine Meinung gar nicht; am wenigsten, wenn die kleinen
Dingerchen voll kalter Tändeleien sind! Meinen Sie denn, dass dem Frauenzimmer
das Süsse und Tändelhafte so sehr gefällt? Wir sind nun freilich, weil es Ihrem
Geschlechte so beliebt, das schwächere; aber glauben Sie mir, wir lieben an uns
selbst die Schwäche nur, insofern sie uns schön und niedlich macht, und wer
weiss, ob's nicht gar blosse Eitelkeit bei uns ist, dass wir die Mannspersonen
nicht niedlich sehen mögen? Wissen Sie wohl, Säugling, dass Sie zu schön sind und
dass ich auf Sie eifersüchtig bin? Wenn Sie mich beruhigen wollen, waschen Sie
sich und Ihre Gedichte nicht mehr mit Essenzen und lassen sich lieber ein wenig
von der Sonne verbrennen. Hören Sie wohl! Schreiben Sie mir eine gute derbe
Prose, so für den gesunden Menschenverstand, ohne Niedlichkeit. Oder, nehmen Sie
sich in Acht, wenn Sie mich böse machen, verdamme ich Sie zum grossen Amboss ...
    Indem die Gräfin dieses sagte, erblickte sie das Fräulein und den Obersten,
die aus einer benachbarten Allee auf sie zukamen.
    »Kommen Sie«, rief sie, weil sie den armen Säugling ein wenig quälen wollte,
»kommen Sie, meine Liebe, helfen Sie mir die kleinen tändelnden Liederchen gegen
den Herrn von Säugling verteidigen. Stellen Sie sich nur vor, er will ihnen
entsagen! Wenn wir ihn gehenlassen, so wird er grosse, mächtige Hexameter
schmieden wollen, und dann ist er für uns verloren.«
    Das Fräulein antwortete mit sauersüsser Miene: »Ach nein, dazu ist der Herr
von Säugling viel zu zärtlich! Er wird nur merken, was ich schon lange gedacht
habe, dass die deutsche Sprache überhaupt zu bäurisch ist, um liebliche Ideen
auszudrücken. Er wird künftig französisch schreiben für die grosse Welt, nicht
für die ungeschliffenen deutschen Bürger. Er liebt ja ohnedies die französische
Nation vor allen andern.« Hiebei blickte sie Marianen, die aus einer andern
Allee zu ihnen kam, spöttisch über die Achsel an.
    Die Gräfin verstand den Stich, wollte ihn aber nicht verstehen, fuhr daher
im scherzenden Tone fort:
    »Nein, Säugling, wenn doch einmal das Schicksal beschlossen hat, dass es
Ihnen unglücklich gehen soll, so werden Sie lieber ein Original als ein solches
Mittelding, wie die meisten Schriftsteller sind, die in Deutschland französisch
schreiben: in Frankreich fremd, in Deutschland nicht zu Hause. C'est à Paris
qu'il faut écrire! ruft der Franzose mit vollen Backen, und wenn er von seiner
Sprache redet, mag er immer recht haben.«
    Unter diesem Gespräche erreichten sie eine Laube, wo sie sich niedersetzten,
und kurz darauf kam ein Bedienter, der Gräfin zu melden, dass von der
durchfahrenden Landkutsche ein wohlgebildetes, aber todkrankes Frauenzimmer bei
dem Prediger sei abgesetzt worden. Die Gräfin, bei welcher Handlungen der
Wohltätigkeit allen Vergnügungen vorgingen, begab sich sogleich dahin und nahm
Marianen mit sich.
    In ihrer Abwesenheit nahm das Gespräch eine nicht sehr angenehme Wendung.
Das Fräulein hatte mit dem Obersten über ihr beiderseitiges Missvergnügen kurz
vorher eine Erläuterung unter vier Augen gehabt, wodurch ihre gute Laune eben
nicht vermehrt worden war. Von Natur eigensinnig und auffahrend, wie sich's auch
für eine Petite-maîtresse gebührt, war sie nun äusserst bitter darüber, dass man
ihren Reizungen den Sieg streitig machen wollte, und liess jetzt ihren Zorn durch
eine Menge Spöttereien über Säuglings unveränderliche Ergebenheit gegen Marianen
ausbrechen. Der Oberste, ganz froh, dass ihre Pfeile nur auf Säugling gerichtet
waren, hielt sich ausser dem Schusse und sagte bloss etwa hie und da ein Wort.
Säugling aber bekam Mut von seiner Liebe, und da er sich ohnedies vorgenommen
hatte, mit dem Fräulein, das er nie geliebt hatte, ganz zu brechen, so
verteidigte er sich nachdrücklich, obgleich anständig; ja sein offnes Herz floss
von Marianens Lobe über, wovon es immer voll war. Das Fräulein verlor darüber
alle Geduld und Fassung und rückte auf dem Stuhle hin und her, aus Verdruss
stillschweigend.
    Gerade zu dieser Zeit kam Mariane zurück, ohne etwas von diesem Gespräche zu
wissen. Sie erzählte, indem sie sich die Augen trocknete: »Das unglückliche
Frauenzimmer ist höchst zu bedauern. Sie ist eine Person bürgerlichen Standes
von guter Herkunft. Sie hat einen Leutnant aus Liebe geheiratet, der kurz vor
dem Frieden in einem Scharmützel tötlich verwundet ward. Er erhielt zwar wegen
seines Wohlverhaltens eine Kompanie, aber das Regiment ward nach erfolgtem
Frieden abgedankt. Sie hat, in seinem langwierigen Krankenlager, was sie gehabt,
zu seiner Heilung verwendet, und nun ist er gestorben. Sie steht im Begriffe, zu
weit entfernten Verwandten ihre Zuflucht zu nehmen. Von Gram und Nachtwachen
entkräftet, ist sie unterwegs so krank geworden, dass sie ohne Lebensgefahr nicht
weiterreisen kann. Den Beweis dieser Aussage haben wir in einigen Briefschaften
der Kranken gefunden. Die Gräfin ist sehr gerührt und hat mich vorausgeschickt,
um einen Reitknecht nach der Stadt zu einem Arzte zu senden und einen Wagen
anspannen zu lassen, denn sie will die Kranke selbst nach dem Schloss
begleiten. Sie lässt sich bei der Gesellschaft ihres langen Aussenbleibens wegen
entschuldigen.«
    Säuglingen trat eine mitleidige Träne ins Auge, der Oberste drehte sich auf
einem Absatze herum, und das Fräulein, dessen innerer Unmut aufs höchste
gestiegen war, fuhr hart heraus: »Die Gräfin beweiset in der Tat übertriebene
Gütigkeit, dass sie alles Gesindel bei sich aufnimmt. Eine Person von der
Landstrasse! Am Ende geht's Personen so, die sich über ihren Stand erheben
wollen. Wer weiss, wo sie Kammermädchen oder Gesellschaftsjungfer gewesen ist. -
Es ist Zeit, dass wir abreisen, denn die Gesellschaft ...« Hier nahm sie eine
Prise zur Kontenance, liess ihre Dose fallen und rief Marianen: »Mein Kind, nehme
Sie mir doch die Dose auf!« Mariane, über die ganze Szene erstaunt, stand
sprachlos da, denn soweit hatte das Fräulein die Unhöflichkeit noch nie
getrieben. Säugling sprang auf und überreichte dem Fräulein die Dose.
    »Lassen Sie«, rief sie, »lassen Sie, Herr von Säugling, Mariane wird sie
schon ...«
    Säugling nahm allen seinen Ernst zusammen und versetzte: »Verzeihen Sie,
gnädiges Fräulein! Ihnen aufzuwarten halte ich nur für meine Schuldigkeit.«
    Das Fräulein mass ihn mit den Augen von oben bis unten und schlug ein
bitteres Gelächter auf.
    Mariane, welche empfand, dass die Demütigung, wodurch sie bis zu einer
gemeinen Dienstmagd heruntergesetzt werden sollte, zu den Beleidigungen gehöre,
wofür man keine Worte hat, um sich darüber zu beschweren, so grob sie auch sind,
konnte nicht verhindern, dass sich nicht eine Träne in ihr Auge drängte, und ging
stillschweigend ab, doch nicht ohne auf Säugling einen Blick zu werfen, worin er
ihr ganzes Herz las.
    Der Oberste, ob er schon an sich Marianen diese Demütigung erspart hätte,
war doch wohl damit zufrieden, weil er glaubte, sie würde Säuglingen verdriessen,
den er hasste, weil er ihn von Marianen geliebt glaubte. Um ihn noch mehr zu
kränken, spottete er unhöflich über Marianen, nachdem sie weggegangen war.
    Beleidigungen, die stufenweise steigen, können endlich den geruhigsten
Menschen aufbringen, und wenn er edel denkt wie Säugling, so wird er die
Beleidigung seiner Geliebten höher empfinden als seine eigene.
    Säugling antwortete also dem Obersten lauter und entschlossener als jemals;
der Oberste fuhr im hohnneckenden Tone immer weiter fort, bis ihm Säugling sehr
trocken sagte:
    »Ich kann Ihnen in Gegenwart des Fräuleins hierauf weiter nicht gehörig
antworten, aber wir wollen uns deshalb besonders sprechen.«
    Der Oberste lachte ihm in die Zähne und rief spöttisch: »Mein gutes
Herrchen, trotz des kleinen Federhuts, den es Ihnen zu tragen beliebt, sind Sie
nicht von solchem Stande, dass ich Ihnen Satisfaktion geben werde.«
    »So«, rief Säugling, »Sie halten mich für wehrlos und erlauben sich doch,
mich anzugreifen? Ist dies wie ein Mann von Ehre gedacht? Aber ich bin nicht
wehrlos. Wenn Sie mir nicht Genugtuung geben wollen, werde ich sie mir nehmen,
oder Sie müssten jede kahle Stichelei doppelt von mir zurückbekommen und es ruhig
ertragen wollen.«
    Der Oberste ward lauter, Säugling auch. Das Fräulein sass ruhig und wiegte
sich mit dem Gedanken, auszusprengen, dass um ihretwillen ein Zweikampf geschehen
wäre. Die Gräfin kam zurück, nachdem sie die Kranke bis in das für sie bereitete
Zimmer begleitet hatte, forschte nach der Ursache des Streits, gab dem Obersten
unrecht und vereinigte beide um soviel leichter, weil der Oberste eben kein
Liebhaber vom Halsbrechen war und sich wirklich eingebildet hatte, der sanfte
Säugling sei ein blosses Jungferngesicht und werde, was es auch sei, ohne Antwort
einstecken.
    Unterdes ging Mariane im Garten herum, um sich zu fassen, weil sie die
Gräfin mit Erzählung des unangenehmen Vorfalles nicht kränken wollte, zumal da
sie wusste, die Ehrenkolbische Familie werde nächstens abreisen. Rambold
begegnete ihr, indem er, voll von seinem Projekte, im Garten irrte. Sie gab ihm
den Arm, weil sie durch seine Unterhaltung ihre Gedanken am geschwindesten zu
zerstreuen hoffte. Rambold schwatzte, wie schon gedacht, vielerlei von gelehrten
Sachen, war voll von Anekdoten und Journalhistörchen, und die gute Mariane, mit
einem ziemlichen Ansatze, eine Gelehrte vorzustellen, mochte gern diese
gelehrten Diskurse hören, um soviel mehr, da aus der Gesellschaft der Gräfin
alles Ansehen von Belesenheit verbannt war.
    Rambold hub also an die lange Geschichte von der Regierung Königs Johann
Christoph des Dummen und Königs Johann Jakob des Gescheuten53 und von ihrem
Streiten um die Monarchie und von ihren Schlachten und wie sie gewannen, indem
sie verloren, und verloren, indem sie gewannen. Und wie unter vielem Getümmel
und fruchtlosem Streben nach der Alleinherrschaft der Geist der Freiheit erwacht
sei unter dem Volke und entstanden seien Demagogen, die Literaturbriefsteller,
die laut gerufen, das ganze Volk habe gleiches Recht, seine Meinung zu sagen
über alle Vorfälle; und wie keine Oberherrschaft sei gewesen und wie jedermann
habe gedacht und getan, was ihm recht deuchte; und wie man die Demagogen im
Verdachte gehabt habe, dass sie wollten Könige werden und Ephoren der Könige; und
wie diese schwachen Köpfe nicht daran gedacht, sondern ihre Hantierung getrieben
hätten, ohne ins Forum zu kommen, und wie da gar keine Zucht und Ordnung sei
gewesen unter der Menge. Und wie sich da hätten weise und erlauchte Männer
zusammengetan und hätten festgesetzt, dem Volke sei es nützlich, wenn es
beherrscht werde. Hätten ausgemacht, dass stattliche und ernstafte Männer
sollten am Regimente sein, sollten umtun lange Feierkleider und aufsetzen grüne
Eichenkränze, sollten sitzen auf breiten Stühlen und sollte ihnen jedermann
tiefe Reverenzen machen und desgleichen mehr. Hätten auch Ratsfahrten angesetzt
und Gerichtstage, Gesetze gemacht und Strafen verordnet; und wäre nunmehr alles
richtig: nur, wer regieren solle, wisse man noch nicht, darüber wären die Herren
sehr uneins; und solange diese Uneinigkeit dauere, habe mancher noch Hoffnung,
in den Rat zu kommen; und würden darüber heimliche Unterhandlungen gepflogen,
woran er, Rambold, vielen Anteil habe und gewiss glaube, wegen seiner
weitläuftigen Verbindung mit vielen Zunftmeistern und Ausrufern noch ein
ansehnliches Ehrenamt davonzutragen.
    Alle diese Nachrichten hörte Mariane an, bloss weil sie ihr ganz neu waren,
ob sie gleich sonst an diesen gelehrten Reichsangelegenheiten, bei aller ihrer
Liebe zur Lektur, keinen Teil zu nehmen wusste; so wie etwa wunderbare
Geschichten von neuentdeckten Völkern im Südmeere der Sonderbarkeit wegen
Aufmerksamkeit erregen auch bei denen, die sonst nicht Lust haben, diese fremden
Völker zu besuchen, die sich weder von den otaheitischen Jungfern voll Süssigkeit
wollen liebkosen noch von den neuseeländischen Herren voll Stärke wollen fressen
lassen.
    Unter diesem langen Gespräche hatte sie Rambold unvermerkt in das an den
Garten stossende Wäldchen geführt; sie waren in demselben schon eine ziemliche
Strecke fortgegangen, als plötzlich einige starke Kerle hinter einem Baume
hervorsprangen und Marianen ergriffen. Rambold war unbewaffnet. Er suchte zwar
von einem Baume einen Knüttel abzureissen, hielt sich aber so lange dabei auf,
dass Mariane gemächlich in einen nahe stehenden sechsspännigen Wagen geschleppt
werden konnte, der sogleich eiligst fortfuhr. Rambold lief zwar hinterher, und
Mariane, die ihn erblickte, suchte herauszuspringen, aber sie ward festgehalten,
und der Wagen kam ihm bald aus dem Gesichte. Er verweilte noch einige Zeit im
Walde, damit die Entführer Zeit hätten, sich zu entfernen; hernach eilte er
zurück, um ausser Atem und mit erschrocknem Gesichte Marianens Entführung zu
verkündigen. Die ganze Gesellschaft erstaunte. Säugling, dessen Nerven durch den
Zank mit dem Obersten schon ziemlich erschüttert waren, bekam eine Anwandlung
von Ohnmacht, erholte sich aber augenblicklich und eilte in den Stall, um ein
Pferd satteln zu lassen, sosehr ihm auch Rambold dies zuwiderraten suchte, der
endlich, als Säugling auf seinem Sinne blieb, selbst mit ihm Marianen nachritt.
Der Oberst wollte ein gleiches tun, aber das Fräulein verlangte seinen Arm und
seine Gesellschaft, führte ihn in den grossen Saal und zwang ihn, Pikett zu
spielen.
 
                               Fünfter Abschnitt
Säugling kam den folgenden Tag ermüdet und trostlos zurück, ohne Marianen
gefunden zu haben, welches sehr natürlich zuging, weil Rambold ihn auf einen
ganz andern Weg geführt hatte, als den der Wagen nahm. Er fand einen Brief von
seiner Tante. Diese wollte nunmehr, nachdem Mariane aus dem Wege geschafft war,
weiter keine Zeit verlieren und empfahl ihm, alles anzuwenden, damit seine
Verbindung mit dem Fräulein zustande käme. Dies war aber bei seinem jetzigen,
ganz neuen Schmerze über Marianens Verlust eine Sache, woran er weder denken
konnte noch mochte. Die Frau von Hohenauf schrieb zu gleicher Zeit einen Brief
an die Frau von Ehrenkolb, worin sie derselben die Absichten ihres Neffen auf
das Fräulein ziemlich deutlich zu verstehen gab. Aber auch dieser Brief kam sehr
zur Unzeit. Denn teils hatte sich die Frau von Ehrenkolb niemals vorgestellt,
dass ein Mensch wie Säugling, der nicht von Familie war, an ihre Tochter denken
dürfte, teils hatte sie jetzt ein viel notwendigeres Geschäft im Sinne. Das
Fräulein von Ehrenkolb verband mit allen Launen einer verfehlten
Petite-maîtresse noch allen Eigensinn eines verzärtelten Muttertöchterchens. Sie
hatte daher den vorigen Abend dem Obersten, der ihrer beständigen Eifersucht
ohnedies überdrüssig war und den Marianens unvermutete Entfernung noch
verdiesslicher machte, so übel mitgespielt, dass er ganz kurz mit ihr abbrach, den
andern Morgen sich der Gesellschaft empfahl und nach seinem Gute zurückreisete.
Das Fräulein vermisste in ihm nur einen Anbeter, dessen Verlust sie zwar in der
jetzigen Einsamkeit bemerkte, aber künftig bald zu ersetzen vermeinte; ihre
Mutter hingegen, welche die Sache vom Anfange an viel ernstafter ansah,
befürchtete, einen reichen Schwiegersohn zu verlieren, der ihre verschuldeten
Güter wieder instand setzen könnte. Die Mutter hatte also mit der Tochter eine
lange Konferenz über diese wichtige Sache, und die letztere ward endlich so
gründlich überzeugt, welch ein nützliches Ding ein Mann von Range und Reichtum
für eine Dame sei, die am Hofe leben will, dass sie mit ihrer Mutter übereinkam,
den Liebeshandel mit dem Obersten von neuem wieder anzuknüpfen. Aus allen diesen
Ursachen antwortete die Frau von Ehrenkolb der Frau von Hohenauf in kalten und
stolzen Ausdrücken und reisete den folgenden Tag mit ihrer Tochter nach ihrem
Gute zurück, wobei Säugling kaum ein mässiges Kopfneigen beim Abschiede erhielt.
    Der Gräfin hatte Säuglings Liebe gegen Marianen nicht verborgen bleiben
können. Da sie mit Marianen auf einem sehr vertraulichen Fusse lebte, so hatte
sie auch derselben Neigung gegen ihn zu erforschen gesucht; Mariane war aber in
diesem Stücke gegen sie sehr zurückhaltend gewesen. Jetzt aber glaubte sie,
durch die Entführung schnell ein Licht in dieser Sache zu erlangen. Sie war sehr
geneigt, Säuglingen für den Urheber dieser Freveltat zu halten, worin, wie sie
glaubte, Mariane möchte gewilligt haben. Sie ward in dieser Vermutung bestärkt,
da sie unter Marianens Sachen viele zärtliche Briefe und Gedichte, von Säuglings
Hand geschrieben, fand, nebst verschiedenen Entwürfen zu Briefen von Marianens
Hand, die zwar nicht waren abgesendet worden, aber jetzt doch ein
unwiderlegliches Zeugnis wider sie abzulegen schienen. Die Gräfin war daher
gegen die arme Mariane äusserst entrüstet und ebenso zornig auf Säuglingen,
welcher, wie sie glaubte, die Gastfreiheit schändlich beleidigt und eine
romanhafte Liebe vorgegeben hätte, um ihr ihre Gesellschafterin aus ihrem
Schloss zu entführen, wobei sie ihm, seines züchtigen Anstandes ungeachtet,
eben nicht die reinsten Absichten zutraute. Sie setzte Rambolden über die
Aufführung seines Zöglings zur Rede, der ihr in allen ihren Vermutungen recht
gab, um nur den Verdacht von sich abzuwälzen. Er unterliess nicht, Marianen noch
stärker anzuklagen, und erzählte die Geschichte ihrer Entlassung von der Frau
von Hohenauf auf eine ihr sehr unvorteilhafte Art. Die Gräfin hielt nun ihre
Vermutung für vollkommen bewiesen, und ohne sich näher zu erklären, liess sie den
unschuldigen Säugling so viel Unwillen merken, dass er, ob er gleich weder die
Ursache davon begriff noch darnach zu fragen wagte, sich entschloss, unverzüglich
seinen Weg weiter fortzusetzen. In diesem Vorhaben ward er von Rambold gar sehr
bestärkt, der nichts mehr wünschte, als ihn nur erst zu seinem Vater nach Wesel
gebracht zu haben, damit er bald zur Frau von Hohenauf zurückkehren und die
Früchte seiner Treulosigkeit einernten könnte. Sie nahmen also von der Gräfin
Abschied und wurden von ihr bloss mit kalten Höflichkeitsbezeugungen entlassen.
    Auf diese Art ward die Gesellschaft plötzlich zerstreut, und jeder war
einzeln für sich missvergnügt: bis auf den boshaften Rambold, der sich heimlich
freute, dass sein Anschlag so gut zu gelingen schien; und bis auf Säuglingen, der
einen schwachen Trost darin fand, während der Reise über seine Entfernung von
Marianen einige Stanzen in seine Schreibtafel zu schreiben.
 
                               Sechster Abschnitt
Unterdessen dies vorging, war Mariane mit ihren Entführern einen Tag und eine
Nacht lang fortgefahren, ohne dass sie durch öftere Fragen hätte erfahren können,
wohin sie sollte gebracht werden. Die Landstrassen wurden soviel möglich
vermieden und nur auf abgelegenen Vorwerken schon bestellte Pferde gewechselt,
ohne dass Mariane aussteigen durfte. Den zweiten Tag mussten sie notwendig quer
über einen Hochweg. Mariane erblickte auf demselben einen Postwagen. Sie schrie,
so stark sie konnte. Ihre Begleiter wollten sie zwar zurückhalten und riefen dem
Kutscher, er solle eilen, welches auch geschah; aber auf Marianens fortdauerndes
Geschrei fuhr der Postwagen nicht allein geschwinder, sondern ein Mann zu
Pferde, der neben demselben ritt, kam immer näher und holte in kurzem die
Kutsche ein. Er gebot dem Kutscher zu halten, der sich aber daran nicht kehrte,
und aus der Kutsche ward eine Büchse auf den Reiter gerichtet; allein indem sie
losgedrückt wurde, schlug er sie mit seinem Hirschfänger herunter, so dass sie
ihn nur am Fusse mit grobem Hagel verwundete. In diesem Augenblicke öffnete
Mariane auf der andern Seite den Schlag und sprang heraus. Der auf dem Bocke
sitzende Bediente traute sich nicht, dieses zu hindern, weil der Postwagen ganz
nahe kam, von dem vier oder fünf Reisende absprangen und zu Hilfe eilten, daher
der Kutscher mit verhängtem Zügel davonjagte.
    Mariane war im Springen gefallen, doch ohne Schaden. Der eine Reisende, der
mit einem spanischen Rohre in der Hand vorangelaufen war und den Wagen beinahe
erreicht hätte, hob sie auf. Sie erkannte ihn sogleich für ihren Freund
Hieronymus; und kaum erholte sie sich von ihrem ersten Erstaunen, so erblickte
sie ihren Vater und lag in dessen Armen. Während beide sich ihrer Freude über
diese unerwartete Zusammenkunft überliessen, besichtigten die übrigen Reisenden
den Verwalter, den das Schrot nahe am Schienbeine gestreift hatte. Sie hoben ihn
vom Pferde und auf den Postwagen, welchen Mariane gleichfalls bestieg; das Pferd
ward an den Wagen gebunden, und so zogen sie fort bis in das nächste, nicht weit
entlegene Städtchen.
    Hier blieben sie liegen, um ihren Verwundeten verbinden zu lassen, dessen
Beschädigung, nachdem den andern Tag der Verband abgenommen war, nicht
gefährlich befunden ward. Sie beschlossen also, zur Gräfin zurückzukehren, zumal
da der Verwalter in der Nachbarschaft wohnte. Hieronymus mietete dazu einen
halbbedeckten dreisitzigen Wagen. In denselben setzte sich Mariane und der
Verwundete vorwärts; Hieronymus musste den Rücksitz einnehmen, denn Sebaldus,
durch die Freude, seine Tochter wiedergefunden zu haben, ganz verjünget, setzte
sich, alles Zuredens ungeachtet, auf des Verwalters Pferd und trabte frisch
neben dem Wagen her. Da ihm dies in kurzem beschwerlich ward, so kam er auf den
Gedanken, voranzureiten und in dem Dorfe, wo sie mittags anzuhalten gedachten,
die Mahlzeit zu bestellen. Der Kutscher bezeichnete es ihm sehr genau und
versicherte, der Weg sei nicht zu verfehlen. Sebaldus stiess also sein Tier in
die Seite, und sie verloren ihn bald aus dem Gesichte.
    Als sie mittags im Dorfe ankamen, fanden sie nicht nur keine Mahlzeit
bestellt, sondern, was noch mehr, auch Sebaldus war nicht zu sehen. Mariane und
Hieronymus wurden dadurch nicht wenig beunruhigt. Nachdem sie ein paar Stunden
vergeblich auf seine Ankunft gehofft hatten, schickten sie einige Bauern auf
verschiedenen Wegen aus, die aber zurückkamen, ohne etwas von ihm gehört zu
haben, wodurch sich ihre Angst nicht wenig vermehrte. Sie warteten noch diesen
und den folgenden Tag auf ihn; da er aber nicht erschien, so reiseten sie in
grosser Bekümmernis weiter, nachdem sie eine Nachricht für ihn zurückgelassen
hatten.
    Sie gelangten in kurzem auf dem Gute der Gräfin an. Mariane begab sich
sogleich mit Hieronymus nach dem Schloss. Sie hoffte von der Gräfin mit
Vergnügen empfangen zu werden; aber diese Dame war, besonders durch Rambolds
tückische Einblasungen, sehr wider die gute Mariane eingenommen, welche daher
von ihr sehr kalt bewillkommt wurde. In der Tat war der äusserliche Anschein ganz
wider Marianen. Auf die Frage der Gräfin, wie die Entführung veranlasst worden,
konnte sie nichts mehr antworten, als sie sei von unbekannten Leuten auf einen
unbekannten Weg geführet, ohne dass sie die geringste Veranlassung dazu gegeben
habe. Dies klang unwahrscheinlich, und es tat Marianen im Gemüte der Gräfin noch
mehr Schaden, dass sie schien die Wahrheit wissentlich verhehlen zu wollen. Die
Gräfin warf ihr vor, dass sie ihr ungeachtet ihres vertraulichen Umgangs aus den
Vorfällen bei der Frau von Hohenauf und aus ihrer Verbindung mit Säuglingen ein
Geheimnis gemacht hätte, obgleich aus Säuglings gefundenen Briefen die
Beschaffenheit der beiderseitigen Verbindung genugsam erhelle. Sie erinnerte
Marianen an ihre und seine Verlegenheit bei seiner Ankunft und an viele andere
kleine, vorher nicht bemerkte Umstände, wozu noch der ungewohnte Eifer kam,
womit Säugling sie gegen den Obersten verteidigt hatte. Alles dies zeugte wider
Marianens Aussage, die sich durch nichts rechtfertigen konnte als durch ihre
Tränen; und die Gräfin wusste wohl, dass Tränen oft die Waffen der Unschuld, aber
ebenso oft auch der Deckmantel der Verstellung sind. Hieronymus' Vorstellungen,
dem überdies alle vorgefallenen Begebenheiten unbekannt waren, konnten wenig
Gewicht haben.
    Die Gräfin brach endlich kurz ab und sagte zu Marianen: »Es ist in dieser
Sache ein Geheimnis, das ich nicht aufzuklären vermag. Ich liebe Sie und wünsche
daher, Sie möchten unschuldig sein. Sind Sie es, so erinnern Sie sich doch aufs
künftige, dass ein Frauenzimmer jedem Manne einen ungebührlichen Vorteil über
sich einräumt, mit dem sie sich in einen geheimen verliebten Briefwechsel
einlässt, wäre es auch in der unschuldigsten Absicht, und dass dadurch Verdacht
erregt werden kann, wo sie es am wenigsten wünschet. Eine solche kleine Intrige
kömmt einem jungen Mädchen, ich weiss wohl, gar allerliebst empfindsam vor; es
dünkt sich so vom gemeinen Haufen unterschieden, einer Sappho oder Hero so
ähnlich, wenn es an seinen Phaon oder Leander denken und schreiben kann. Dieses
romantische Wesen aber (wozu Sie, liebe Mariane, einige Anlage haben) ist zwar
in Büchern und in Gedichten schön und gut; allein wenn es ins gemeine Leben
gebracht wird, verursacht es, dass sich niemand in die Lage schickt, in die er
vom Schicksale gesetzt ist, sondern eine eigne Welt für sich allein haben will.
Ich wenigstens bin keine Liebhaberin der Seltsamkeit und verlange eine
Gesellschafterin, die davon ganz frei ist. Die unbekannte Person, die sich für
Sie so stark interessiert, wird nicht sogleich ablassen; und dies könnte sich in
eine neue Entführung oder sonst in eine unvermutete romanhafte Szene endigen,
dergleichen ich in meinem Hause nicht erfahren mag. Wir können also nicht auf
dem vorigen Fusse zusammenbleiben. Indes sollen Sie nicht verstossen sein. Bleiben
Sie bei mir, bis Sie auf eine anständige Art versorgt werden; und wenn Sie sich
über den letztern unerklärlichen Vorfall rechtfertigen können, will ich selbst
für Ihr ferneres Glück Sorge tragen.«
    Mariane weinte bitterlich, dass sie erst ihren Vater und nun auch ihre
Gönnerin verloren hatte und dass sie, ohne ihr Verschulden, in einen Verdacht
kam, den sie nicht widerlegen konnte und der noch dazu unglücklicherweise
wahrscheinlich war. Sie überlegte mit Hieronymus, was in ihren jetzigen
Umständen zu tun sei, oder vielmehr Hieronymus überlegte es allein; denn die
gute Mariane lag in ihrem Zimmer halb sinnlos auf einem Lehnstuhle, in Tränen
zerfliessend. Hieronymus dachte auf verschiedene Vorschläge, die er wieder
verwarf. Endlich besann er sich auf den Freiherrn von D. Dieser würdige Mann
veranlasste eigentlich Wilhelminens Heirat mit Sebaldus54, und Mariane war seine
Pate. Er hatte, als er noch am Hofe war, den unüberlegten Vorsat gefasst, ein
ehrlicher Mann zu sein, nie zu schmeicheln, keinen mächtigen Bösewicht erheben
und keinen rechtschaffnen Mann unterdrücken zu helfen. Es konnte also nicht
fehlen, dass er nicht endlich ein Opfer der List und der Ränke der Hofschranzen
werden musste und in Ungnade kam; wenn man es Ungnade nennen kann, der
Abhängigkeit entzogen und sich selbst, seinen Gütern und seiner Familie
wiedergegeben zu werden. Der Herr von D. lebte seitdem auf seinen Gütern im
Hildesheimischen im Schosse seiner Familie und als Vater seiner Untertanen. Er
hatte sich noch kürzlich nach seiner Pate erkundigt, der er in ihrer ersten
Jugend sehr gewogen gewesen war, welches den Hieronymus auf die Gedanken
brachte, dass Mariane bei ihm die sicherste Zuflucht finden könnte.
    Er überlegte abends mit seinem Reisegefährten, dem Verwalter, wie dieser
Vorsatz am besten auszuführen sei. Denn seine Geschäfte riefen ihn auf einen
entgegengesetzten Weg; und hier wollte er Marianen auch nicht lassen, weil er
wirklich das Geheimnis der Entführung nicht ergründen konnte und noch mehrere
Folgen davon befürchtete. Der Verwalter, dem Marianens Unfall sehr zu Herzen zu
gehen schien, bestärkte ihn in diesen Gedanken; und um ihn noch mehr zu
beruhigen, schlug er vor, er wolle Marianen mit sich nach Hause nehmen, wo sie
so lange bei seiner Frau bleiben könne, bis seine Wunde völlig geheilt sei;
alsdann wolle er sie selbst zum Herrn von D. bringen, der ihm sehr wohl bekannt
sei, auch denselben vorher benachrichtigen.
    Hieronymus billigte diesen Vorschlag, mit dem auch die Gräfin, die Marianen
im Grunde herzlich liebte und des Herrn von D. vortreffliche Eigenschaften
kannte, sehr wohl zufrieden war. Sie nahm von Marianen den freundschaftlichsten
Abschied, gab ihr mit mütterlicher Fülle des Herzens die weisesten Lehren und
beschenkte sie mit einer ansehnlichen Summe. Mariane empfand, was sie an dieser
edlen Dame verlor, küsste ihr weinend die Hände, umarmte ihren Freund Hieronymus,
und so stieg sie mit schwerem Herzen in den Wagen und kam in kleinen Tagesreisen
in der Wohnung des Verwalters an.
 
                              Siebenter Abschnitt
Der Verwalter gehörte zu den Leuten, von denen man zu sagen pflegt, dass sie
wissen, wie es in der Welt zugeht. Dergleichen Leute glauben bemerkt zu haben,
dass diejenigen am weitesten kommen, die sich um den Nutzen anderer viel weniger
als um ihren eignen bekümmern, die niemand Gutes tun, als den sie zu brauchen
gedenken, und also den hilflosen Unglücklichen liegenlassen, wenn er vor ihren
Füssen niederfällt, ohne ihn anzusehen, und sich zu dem drängen, der sie ein paar
Schritte weiterbringen kann. Mit diesen brauchbaren Grundsätzen war er in der
Welt ziemlich fortgekommen; denn er hatte sich aus dem allerniedrigsten Stande
bis zur Stelle eines Verwalters ansehnlicher adeliger Güter geschwungen und
verwaltete diese mit so gutem Erfolge, dass er die Möglichkeit sah, in einigen
Jahren einen Teil davon zu kaufen. dabei hielt er freilich Recht und Unrecht für
Dinge, womit man entweder etwas vor sich bringen oder in Gefängnis und
Geldstrafe geraten kann; solange er also dieses nur nicht zu befürchten hatte,
war sein Augenmerk beständig auf jenes gerichtet. Marianens Entführung, wovon
sie selbst die Veranlassung nicht anzugeben wusste, hatte ihn neugierig gemacht;
daher er, während Mariane und Hieronymus auf dem Schloss waren, einige Bediente
der Gräfin ausfragte, die sich in der Schenke einfanden, wo er abgetreten war.
Aus den ihm erzählten Begebenheiten von der Gesellschaft, die zuletzt auf dem
Schloss gewesen war, und aus allen Umständen zog er nun den Schluss: der
Oberste, dessen Neigung zu hübschen Mädchen er sehr wohl kannte, werde die ganze
Sache veranstaltet haben. Er hütete sich aber wohl, davon etwas gegen Hieronymus
und Marianen zu erwähnen; denn er glaubte sich durch diese Entdeckung für das
Pferd, mit welchem Sebaldus verlorengegangen war, und für die Wunde, die ihm
seine unbefugte Neugier (denn was ging es ihn eigentlich an, dass jemand auf der
Landstrasse entführt wurde?) zugezogen hatte, reichlich bezahlt zu machen.
Anstatt also Marianens Aufentalt dem Freiherrn von D. zu melden, meldete er
denselben lieber mündlich dem Obersten und benannte ihm zugleich den Preis, um
welchen er sie an einen ihm beliebigen Ort bringen wollte. Er ging hiebei
deshalb so offenherzig zu Werke, weil er im Laufe der Welt schon oft erfahren
hatte, dass vornehmere Leute als er, wenn er sie seiner Absichten wegen zu
bestechen nötig fand, sobald es wirklich ihr Ernst gewesen war, Wort zu halten,
lieber geradezu vorher um den Preis ihrer Protektion hatten handeln als sich auf
eine ungewisse Freigebigkeit verlassen wollen.
    Der Oberste, der sich das Glück nicht träumen liess, Marianen so bald
wiederzusehen, noch weniger, sie in seiner Gewalt zu haben, ging alle
Bedingungen ein. Der Verwalter holte also Marianen ab, unter dem Vorwande, sie
zum Herrn von D. zu bringen, und nahm ein Nachtlager auf einem der Güter des
Obersten. Es war bereits in der Schenke bestellt, dass sie nicht aufgenommen
werden könnten, weil alles schon besetzt wäre; der Verwalter fuhr also nach dem
herrschaftlichen Hause, wo er den Aufseher zu kennen vorgab. Hier verliess er des
Nachts heimlich Marianen, und den folgenden Morgen bekam sie unvermutet den
Obersten zu sehen.
    Der Oberste war ein Männchen, das, wie wir schon bemerkt haben, von seiner
Person eine nicht geringe Meinung hegte. Er hatte zwei Jahre auf Universitäten
reiten lernen und Billard gespielt, darauf etwa ein halbes Jahr vor erfolgtem
Frieden sich ein Regiment gekauft, das er bei verschiedenen wohlbedeckten
Furagierungen und bei einigen Rückmärschen in der Avantgarde kommandiert und es
darauf wohlbehalten in die Winterquartiere geführt hatte, worauf er dann die
folgende Zeit meist am Hofe zubrachte. Aus diesem glorreichen Lebenslaufe,
glaubte er, müsse erhellen, dass er ein Mann sei, gelehrt, tapfer und voll
Weltkenntnis. Er suchte alle Dinge zu affektieren, die ihm die Natur versagt zu
haben schien. Ungeachtet sein ganzes Wesen flüchtig und läppisch war, pflegte er
doch gemeiniglich eine weise Miene anzunehmen und den Zeigefinger an die Nase zu
legen, als sagte er etwas gar Tiefsinniges. Ungeachtet ihm die Bequemlichkeit
über alles ging und seine Launen jede Stunde wechselten, redete er doch
beständig von Standhaftigkeit, von Anstrengung und Anspannung der Kräfte, von
festen Vorsätzen, die man unverrückt ausführen müsste. Obgleich durch frühzeitige
Ausschweifungen fast zu allen Wollüsten untüchtig, war doch Genuss immer sein
drittes Wort. Nach dieser Beschreibung sollte man kaum glauben, dass ein solcher
feierlicher Hasenfuss in der menschlichen Gesellschaft habe erträglich sein
können, wenn man nicht täglich sähe, dass eine vornehme Geburt, reiche Einkünfte,
eine engländische Kutsche mit einem Zuge von sechsen und ein ziemlich leidliches
Angesicht ebenso grosse und grössere Toren zu liebenswürdigen Kerlchen machten.
    Unser Mann hegte übrigens den erspriesslichen Grundsatz, man müsse in allen
Vorfällen um sein selbst willen handeln, daher derjenige, der Kraft habe,
denjenigen, der schwächer sei, ohne Bedenken zwingen dürfe, seinen, des
Stärkern, Absichten zu folgen. Da nun das weibliche das schwächere Geschlecht
ist, so folgerte er ganz natürlich, dass alle Mannspersonen ein
unwidersprechliches Recht hätten, alle Frauenzimmer nach eignem Willen zu
behandeln. Zwar gab er zu, dass Stand, Erziehung, Stolz, Sprödigkeit und
Eigensinn dem Frauenzimmer eine gewisse Art von zufälliger Stärke geben könnten,
die man Tugend nenne; aber er meinte auch, wenn ein Mann neben der seinem
Geschlechte eigentümlichen Kraft noch genugsamen Verstand habe, die schwache
Seite eines Frauenzimmers zu finden, werde er unfehlbar über sie triumphieren.
Da er sich nun Verstand in hohem Masse zutrauete, so sieht man leicht, wie
überzeugt er war, kein Frauenzimmer könne ihm widerstehen.
    Er dachte daher, auch bei Marianen leicht zu seinem Zwecke zu gelangen. Ihre
bisherige Zurückhaltung hielt er für Stolz. Diesem zu schmeicheln, glaubte er,
würde das Hauptsächlichste sein. Er begegnete ihr daher vom Anfange an mit der
grössten Höflichkeit, selbst mit Unterwürfigkeit. Er ersuchte sie, sein Haus als
das ihrige anzusehen, bis der Verwalter zurückkäme, der, wie er vorgab, wegen
eines unvermuteten Geschäftes eine Reise von einigen Meilen habe tun müssen, und
versprach, sie allenfalls in seiner eignen Kutsche weiterzubringen. Mariane liess
sich aber in dieser Falle nicht fangen. Sie bestand darauf, unverzüglich auf dem
ersten, dem besten Bauerwagen oder auch zu Fusse weiterzugehen. Sie sagte dies so
ernstaft, dass er seinen Angriff änderte. Seine glühende, überschwengliche Liebe
wurde vorgebracht und seine Anbetung einer Göttin, zu deren Füssen er sich und
sein ganzes Vermögen niederlegen wollte. Mariane, voll edlen Unwillens, würdigte
ihn keiner Antwort, sondern wollte stehendes Fusses weggehen; das äussere Zimmer
aber war verschlossen. Er sagte ihr auf die höflichste Weise, sie solle in allen
Dingen über ihn und sein Haus zu befehlen haben, den einzigen Punkt ausgenommen,
dass sie sich nicht wegbegeben müsse. Mariane, voll Unwillen, fragte, wer das
Recht habe, sie aufzuhalten. Er wendete wieder seine Liebe vor; er bat, er
beschwor sie, er versicherte auf den Knien, sie habe von ihm nichts
Unanständiges zu besorgen; selbst ihrer Gesellschaft, so angenehm sie ihm sei,
wolle er sich entziehen, wenn er ihr beschwerlich falle. Mariane warf sich in
einen Stuhl und weinte, er fuhr fort, zu bitten und zu versprechen, sie musste
der Gewalt nachgeben und wider ihren Willen dableiben.
    Sie begab sich in das ihr angewiesene Zimmer und untersuchte sorgfältig, ob
irgendwo ein verdeckter Eingang sein könne, aber es war alles sicher. Sie
frühstückte allein. Nachher ging sie in den Garten. Sie bemerkte wohl, dass sie
von verschiedenen Personen von fern beobachtet ward und dass sie nicht werde
entfliehen können; aber der Oberste liess sich nicht sehen. Es vergingen einige
Tage, in denen sie alles empfand, was ihr jetziger Zustand Schreckliches und die
Aussicht ins Künftige Beunruhigendes hatte. Der Oberste, der seinen Anschlag nie
aus dem Sinne liess, fand sich unvermutet auf ihren Spaziergängen, wo ihm nicht
auszuweichen war. Er begegnete ihr mit grösster Ehrfurcht. Sie konnte ihm zuletzt
nicht abschlagen, zuweilen bei Tische oder bei einem kurzen Spaziergange in
seiner Gesellschaft zu sein. Er fuhr fort zu beteuren, dass er sie auf das
innigste liebe und dass er ihre Gegenliebe nicht zu erzwingen, sondern zu
verdienen suchen wolle. Mariane fuhr fort, ihn aufs entschlossenste zu
versichern, dass er ihre Gegenliebe auf keine Weise erhalten werde, dass er sie
also nicht ferner quälen, sondern sie wegreisen lassen möchte; und sie selbst
sann beständig auf ein Mittel, sich aus dieser unangenehmen Lage zu ziehen.
    Der Oberste ward durch einen so starken Widerstand, den er nicht vermutet
hatte, noch mehr erhitzt und fing an, andere Pläne zu entwerfen, um seinem
Zwecke näherzukommen. Er wiederholte sich in Gedanken alle sinnreiche Mittel
entflammter Liebhaber, die widerspenstige Gebieterinnen zähmen wollen: zum
Beispiel die Ehe zu versprechen und sein Wort nicht zu halten oder sich durch
einen verkleideten Kammerdiener trauen zu lassen, seiner Geliebten einen
Schlaftrunk zu geben und sich zu ihr zu schleichen, im Fussboden ihres Zimmers
eine Falltüre machen zu lassen oder durch einen Kamin hineinzusteigen und so
weiter. Weil ihm diese aber sämtlich nicht gefielen, nahm er seine Zuflucht zur
Lesung der Geschichte der Clarissa Harlowe, um seine Einbildungskraft durch den
Charakter des Lovelace anzufeuern, einen Charakter, den er beständig äusserst
bewundert hatte, und nicht ohne Ursache, da ihm selbst Leibes-und Geisteskräfte
zum Guten und zum Bösen fehlten, um ein Lovelace zu sein. Bei dieser Lektur fiel
ihm auf, dass er das, was Lovelacen der Zufall gewährte55, durch ausdrückliche
Anstalt erlangen könnte. Er liess wirklich eines Morgens, kurz vor Anbruch des
Tages, in Marianens Vorzimmer ein paar Vorhänge und ein paar Bunde Stroh
anzünden und pochte nachher mit grossem Getöse an ihr Zimmer, um sie aufzuwecken.
Er glaubte gewiss, sie in dem allerleichtesten Nachtanzuge zu treffen. Er irrte
sich aber, denn Mariane, von Anfang an sehr misstrauisch, hatte in ihren
gewöhnlichen Kleidern geschlummert. Sie öffnete die Tür voll Entsetzen, und da
allentalben Rauch und Flammen hereinschlugen, ergriff sie nur ihre Tasche und
Uhr und folgte dem Obersten, der seine Beute durch Dampf und Funken nach einem
abgelegenen Gartenhause schleppte, wo sich Mariane atemlos niedersetzte. Der
Oberste wollte ihre erste Bestürzung nutzen, fiel ihr zu Füssen und wiederholte
seine Liebeserklärung feuriger als jemals; aber da er in kurzem unbescheiden
ward, stiess ihn Mariane mit beiden Händen so heftig von sich, dass das Männchen,
zwar in Worten, aber nicht an Kräften ein Herkules, rücklings zu Boden fiel. Ehe
er, vom Falle betäubt, noch aufstehen konnte, sprang Mariane in den Garten.
Dieser war von dem daranstossenden weitläufigen Parke durch eine grüne, aber hin
und wieder etwas verdorrte Hecke gesondert. Diese Stellen hatte sich Mariane bei
ihren Spaziergängen schon längst gemerkt. Sie Schafte sich durch die dürren,
zerbrechlichen Sträuche einen Weg in den Park, und da sie schnell das Ende
desselben erreicht hatte, so lief sie geradeaus ins Feld, ohne sich umzusehen.
 
                                 Sechstes Buch
                                Erster Abschnitt
Es ist Zeit, dass wir zum Sebaldus zurückkehren, den wir auf dem Pferde des
Verwalters verlassen haben, auf dem er voranritt, um in dem nächsten Dorfe für
die nachkommende Gesellschaft eine Mittagsmahlzeit zu bestellen. Der Fuhrmann
hatte ihn versichert, der Weg sei nicht zu verfehlen. Dies war auch vielleicht
einem Kutscher nicht möglich, aber wohl einem Manne wie Sebaldus, der selten
ganz genau auf die Dinge um ihn her Achtung gab, am wenigsten auf das Gleis
einer Landstrasse. Er war kaum einige hundert Schritte fortgeritten, als er sich
in eine Betrachtung über die zweite Posaune in der Apokalypse vertiefte, wogegen
sein Pferd, dem der Zügel an der Mähne hinabhing, sich kurz darauf an einen vier
Schritte vom Wege stehenden Heuschober machte. Nach einigen Minuten merkte
Sebaldus, dass das Pferd nicht fortging, und spornte es an, ohne es zu lenken. Es
trabte daher gerade fort über Wiesen und Brachfelder, bis es wieder auf einen
Weg kam. Nachdem Pferd und Mann auf demselben ein paar Stunden fortgeeilt waren,
wunderte sich Sebaldus, noch kein Dorf vor sich zu sehen; doch liess er sich
nicht träumen, dass er den rechten Weg könne verfehlt haben. Nach einiger Zeit
erblickte er ein Dorf. Er zweifelte gar nicht, dass es das rechte wäre, ritt vor
die Schenke, stieg vom Pferde und übergab es einem vor dem Hause stehenden
Knechte, der es seitwärts nach dem Stalle zu führte. Er selbst trat sogleich ins
Haus, bestellte die Mittagsmahlzeit für vier Personen und setzte sich in die
Gaststube, um auszuruhen. Nachdem er so eine Weile unter einem Geräusche von
vielen Menschen gesessen hatte, stand er auf, um seiner Gesellschaft
entgegenzugehen, weil er aus der Länge der verflossnen Zeit schloss, sie müsste
schon dicht vor dem Dorfe sein. Er wanderte fort, das Gemüt voll von dem
doppelten Vergnügen, seine Tochter bald wiederzusehen und eine neue Erklärung
der zweiten Posaune erfunden zu haben. Er hing sonderlich diesem letztern
Vergnügen so stark nach, dass er erst nach geraumer Zeit aus untrüglichen
Kennzeichen merkte, er sei auf einem ganz andern Wege, als auf dem er gekommen
war; denn er befand sich dicht vor einem andern Dorfe und sah aus der Höhe der
Sonne, es sei wirklich Mittag. Er eilte also zurück und fand zu seinem grossen
Erstaunen, dass die Gesellschaft noch nicht angekommen war. Er befürchtete, ihr
möchte ein Unglück begegnet sein, und forderte sein Pferd, um ihr
entgegenzureiten; aber noch mehr erstaunte er, da niemand von seinem Pferde
etwas wissen wollte. Er hatte einen fremden Kerl für einen Knecht aus dem Hause
angesehen und ihm sein Pferd gegeben, der sich aber, sobald Sebaldus ins Haus
gegangen war, darauf geschwungen und es fortgeritten hatte. So war er also um
seine Gesellschaft und um sein Pferd gekommen und hatte zum Troste nichts als
seine apokalyptische Entdeckung und ein übergares Mittagsessen auf vier
Personen, davon er bei allem seinen Appetite sich doch nicht zu essen getraute,
weil er immer noch auf die Ankunft seiner Gesellschaft hoffte. Endlich nötigte
ihn der Hunger, sein Anteil davon zu verzehren, und die Wirtin nötigte ihn, das
Ganze zu bezahlen.
    Er wartete den Tag und noch ein paar folgende auf seine Gesellschaft und war
in der grössten Verlegenheit, da sie nicht ankam. Weil er weder den Namen des
Dorfes, wo sie ihn einholen sollte, noch den Namen der Gräfin, noch den Namen
ihres Gutes behalten hatte, so sah er sich auf einmal wieder in die weite Welt
versetzt. Sein einziger Trost war, dass er des Hieronymus Empfehlungsbrief an den
Kammerjunker in Holstein und noch so viel Geld bei sich hatte, um dahin zu
reisen. Da er erfuhr, dass der Postwagen nach Holstein den folgenden Tag durch
dies Dorf gehen würde, so setzte er sich ohne ferneres Verweilen darauf.
    In wenigen Tagen kam er bei dem weiland Kammerjunker an. Dieser hatte am
Hofe den Mangel des Verstandes durch reiche Kleider56 zu ersetzen gesucht.
Nachdem er aber mit einer reichen alten Witwe verheiratet und dadurch in Stand
gesetzt war, den Hof zu verlassen, begab er sich auf seiner Frauen Güter und
verdeckte nun den obengedachten, noch immer fortdauernden Mangel durch eine
andere Art von Virtu. Er sammelte antike und moderne Münzen und Gemmen, Kopien
und Abgüsse alter Statuen und Basreliefe und allerhand echte und unechte
griechische und römische Altertümer. Diese Sammlung zu vermehren, zu ordnen,
seinen Besuchern zu zeigen und darüber zu schwatzen war seine hauptsächlichste,
einer verständigen und gelehrten so ähnlich scheinende Beschäftigung, dass er
sich selbst oft einbildete, er habe Verstand und Gelehrsamkeit. Freilich ging es
ihm mit seinem Kabinette zuweilen wie ehemals mit seinem Kleiderputze. Bei
diesem musste oft Strass anstatt Juwelen, Plüsch statt Sammet und ein bunter Lack
von Martin statt Goldes dienen. Ebenso war auch jenes, anstatt wahrer Altertümer
Münzen und Gemmen, meist mit allerhand Lumpenzeuge angefüllt, welches er nur
aufbewahrte, weil es alt, zerbrochen, beschmutzt und unbrauchbar aussah. Der
kleine Mann war aber in allen antiquarischen Kenntnissen, wodurch er hätte auf
den Verdacht kommen können, seine Altertümer wären unecht, glücklicherweise so
unwissend, dass ihm seine alten Lampen, Urnen, Opferbeile, Scheidemünzen und
Petschafte völlig ebendas Vergnügen machten, was sie einem echten
Altertumskenner würden gemacht haben, wenn sie tausend Jahre älter gewesen
wären. Er besass weiter keine Kenntnisse, als die sich aus Kompendien und
Journalen aufraffen lassen und die ihm die Verkäufer von Münzen und Gemmen
einprägten. Auch fand er diese zu seinem Zwecke, sich als eine wichtige Person
zu fühlen, so vollkommen hinlänglich, dass er nicht daran dachte, andere und
bessere zu erwerben, zumal da er noch dabei die glückliche Gabe besass, wenn er
gelehrte Leute reden hörte, stillzuschweigen und, was sie gesagt hatten, in der
nächsten Viertelstunde wörtlich als seine eignen Gedanken zu wiederholen. Dies
tat ihm, wie so vielen andern reichen Sammlern, in vielen Vorfällen beinahe
ebendie Dienste, als ob er selbst gedacht und geurteilt hätte.
    Der hochwohlgeborne Kenner empfing den Sebaldus mitten in seinem Kabinette,
wo alle seine Herrlichkeiten zur Schau ausgestellt waren, sitzend auf einer
Sella curulis, nicht zwar von Elfenbein, doch aber von weiss angestrichnem Holze,
mit blossem, halbgeschornem Haupte, wie ein römischer Konsul, und in einem
Schlafrocke, zugeschnitten nach dem echten Modell einer Trabea, welches ihm
gegen reichliche Bezahlung von einem gelehrten Professor war mitgeteilt worden,
der ausdrücklich die Schneiderkunst gelernt hatte, um den echten Schnitt dieses
römischen Feierkleides endlich einmal herauszubringen. Dieses ist bekanntlich
vielen sonst grundgelehrten Leuten, die über die Kleidung der Alten geschrieben
haben, noch bisher nicht gelungen, vielleicht bloss deswegen, weil sie alle nicht
wussten, ob man einen Pelzmantel in die Länge oder in die Quere des Zeuges
zuschneiden muss.
    Nachdem der Kammerjunker des Hieronymus Brief gelesen hatte, versicherte er
den Sebaldus zwar sehr ernstaft seiner Gnade (denn seitdem er reich geworden,
ergriff er gern jede Gelegenheit, wobei er den Mäzen spielen konnte), doch
bedauerte er, einen so grundgelehrten Mann wie Sebaldus nicht zu seinem
Bibliotekar haben zu können. Diese Stelle war nämlich bereits durch einen
gelehrten Magister besetzt worden, den Schwestersohn eines Mannes, der ihm viele
Altertümer und noch kürzlich eine rare Kamee, im echten Ambra (dergleichen der
ehemals berühmte Klotz besass), und nicht etwa in Bernstein geschnitten, verkauft
hatte.
    Indes lud er doch den Sebaldus auf den andern Morgen zum Frühstücke ein,
hauptsächlich sich selbst zu Gefallen. Denn weil es seinen Nachbarn, die
ohnedies von allen Altertümern aufs höchste alte Pokale und alte Bankotaler
liebten, schon bekannt war, dass unser gelehrter Landjunker diejenigen, die er
einmal in sein Kabinett bekommen konnte, sobald nicht wieder herausliess, so
konnte er nur selten jemand finden, der es besehen wollte.
    Der gute Sebaldus, obgleich von aller Kennerschaft weit entfernt, musste denn
auch unter manchem Gähnen und Räuspern wirklich über fünf Stunden aushalten.
Zuerst ward er in einen Saal geführt, wo verschiedene Abgüsse von berühmten
antiken Bildsäulen aufgestellt waren. »Man muss damit«, sagte der Besitzer,
»schon zufrieden sein, weil man die Originale nicht haben kann.« Er ging
ziemlich geschwind dabei vorüber; doch fuhr er seiner Venus von Medici sanft
über den Rücken herunter und fragte den ganz erstaunten Sebaldus, ob ihm
derselben Hinterteile auch so wohl gefielen als dem gelehrten Smollett57. Ohne
Antwort zu erwarten, wandte er sich schnell zu seinen geliebten Antiken, bei
deren Deutung er sich weitläufig aufhielt. Da war mehr als eine dickbäuchige
Venus und dickplünschige Minerva, desgleichen verschiedene Apolle, die wie
Schneidergesellen aussahen, breitschultrige Merkure und Jupiter mit spitzen
Stirnen und aufgestutzten Nasen. Sodann kamen sie in verschiedene Zimmer voll
zerbrochner Urnen, Töpfe und Teller, voll rostiger Degenklingen und Beile und
einer unzähligen Menge unbrauchbaren Hausgerätes, woraus mit Verwunderung zu
ersehen sein sollte, dass die Leute vor tausend Jahren Messer, Schnallen und
Schlüssel gehabt hätten, beinahe ebenso wie wir. Von da traten sie ins
Allerheiligste, wo die Gemmen und Münzen aufbehalten wurden. Mitten im Zimmer
stand des berühmten Lipperts Sammlung von Abdrücken auf einem zierlichen
Gestelle. Der Kammerjunker zog ein paar Schubladen davon nachlässig auf und
sagte: »Sie sind ganz artig, aber doch nur Abdrücke, ich halte auf Originale.«
Er besass wirklich eine grosse Menge von plumpen und verzerrten Gesichtern, sehr
stumpf in allerhand Steine geschnitten, denen er einen grossen Wert beilegte.
Auch zeigte er seine Münzen, auf deren vielen er den Sebaldus den edlen Rost
bemerken liess. Sie waren alle unverfälscht antik und zu mehrerer Bequemlichkeit
in sehr dicke Pappen gefasst, so dass man Seite und Rückseite, nicht aber die
Ränder sehen konnte58. Er versicherte, dass diese Einrichtung sehr niedlich wäre
und dass ihm die ganze Sammlung von einem gelehrten Antiquare so gefasst sei
verkauft worden. Was er aber mehr als alles andere zu schätzen schien, war eine
Sammlung von Belagerungs- und Notmünzen. Er hatte in der Tat viele Stückchen
gestempeltes Blech, Zinn und Leder nebst Stückchen von silbernen Tellern mit
allerlei Figuren. Er sagte, mit erhabener Nase, er besitze nicht wenig Münzen
dieser Art, die selbst der berühmte Klotz in seinem gelehrten Werke »De numis
obsidionalibus« nicht gekannt habe, und er hoffe, in kurzem ein kapitales Stück
zu erhalten, nämlich eine Notmünze, in einer der Festungen geschlagen, die der
berühmte Oberste Shandy durch seinen Feuerwerksmeister Trim mit ledernen Kanonen
beschiessen liess.
    Indem er so mit grossem Eifer seine Seltenheiten herausstrich, erblickte er
von ungefähr an des Sebaldus Finger dessen Petschierring, worin ein Anker
gegraben war.59
    »Ei«, rief er aus, »was für eine schöne Antike haben Sie da?«
    Sebaldus versicherte ihn, dass der Ring sehr modern sei und von einem
Petschierstecher in einer kleinen Stadt in Türingen sei gegraben worden.
    Der Antiquar versetzte mit sonderbar schlauer Miene: »Ja, ja! Aber, ob er
gleich modern ist, so möchte ich ihn doch wohl haben. Die geschnittenen Steine
von eine gewissen Farbe, von einem edlen Ziegelrot, gefallen mir. Ich will ihn
Ihnen abkaufen.«
    Sebaldus antwortete: er habe den Ring bisher zum Andenken seiner Wilhelmine
getragen, wenn er aber würdig sei, in dieses Kabinett aufgenommen zu werden, so
wolle er ihm solchen schenken. Der Kammerjunker liess sich die Schenkung nochmals
mit einem Handschlage bestätigen; und nun konnte er seine versteckte Freude
nicht mehr bergen. Er drückte dem Sebaldus die Hand, zeigte ihm hin und wieder
ein Pünktchen auf dem Steine, versicherte mit selbstzufriedener Miene, er sei
ein Kenner antiker Arbeit; der Stein sei ungezweifelt echt antik und für ihn
unschätzbar, weil er eine Form von Ankern abbilde, die weder Bayfius noch
Amnelius in ihren Werken »De re nautica veterum« angeführt hätten. Und nunmehr
nahm er den Sebaldus, welcher verstummte und sich nicht getraute, dem gelehrten
Kenner zu widersprechen, im Ernste in seine Protektion, gab ihm sogleich ein
Zimmer in seinem Schloss ein und verschafte ihm in wenig Tagen die Stelle
eines Hofmeisters bei dem Sohne eines Pfarrers in einem benachbarten Städtchen.
    Sebaldus schrieb an seinen Freund Hieronymus, um ihm die Unfälle seiner
Reise, seine Ankunft beim Kammerjunker und seine Beförderung zu melden, bat ihn
um Nachrichten von Marianens Aufentalte und ging darauf nach seinem neuen
Posten zum Archidiakon Mackligius ab.
 
                               Zweiter Abschnitt
Der Archidiakon Mackligius hatte weder viel gute noch viel böse Eigenschaften
und nur gerade so viel studiert, als zum Predigen und zum Beichtesitzen nötig
waren: das heisst sehr wenig. Er predigte aber von seinen Kandidatenjahren an
einen sehr hellklingenden, vernehmlichen Tenor, welcher der sämtlichen
erbgesessenen Bürgerschaft sehr gefallen musste, denn er war frühzeitig zum
Diakon an einer Kirche seiner Vaterstadt erwählt worden. Mit der Zeit rückte er
nicht nur in die Archidiakonatsstelle, sondern ein Edelmann, der die Pfarre
eines nahe an der Stadt gelegenen kleinen Fleckens zu vergeben hatte, welche
gewöhnlich das Filial eines Stadtpredigers war, gab ihm dieselbe noch nebenher
zu verwalten.
    Mackligius hatte beim Antritte seines Amts alle Bücher, die man in diesem
Winkel Holsteins für symbolisch hielt, unbesehen beschworen und, was in der
besondern Formula committendi seines Städtchens von jedem Prediger verlangt
wurde, ohne Umstände unterschrieben. Er war dabei sehr beruhigt, weil er nunmehr
durch einen heiligen Eid alles Nachdenkens über die sämtlichen in den
symbolischen Büchern entaltenen Lehren überhoben zu sein glaubte. Zwar wusste er
wohl, es sei noch erlaubt, dieselben in der Absicht ferner zu untersuchen, um
mehrere Beweisgründe dazu aufzufinden, hielt aber weislich für gut, dies zu
unterlassen, weil er gar nicht einsehen konnte, wozu noch mehrere Beweisgründe
nötig sein sollten. Denn es hatten ja alle Geistlichen einen schweren Eid
geleistet, sie zu lehren, und man wusste seit mehr als hundert Jahren in den
Marschländern kein Beispiel, dass ein Laie einen Zweifel darüber gehabt hätte;
überdies war in unvermutetem Falle leicht abzusehen, dass man einen solchen durch
Versagung der Absolution und Wegweisung vom Abendmahle genugsam würde im Zaume
halten können. Er hielt sich also im Gewissen verbunden, die Zweifel, die ihm,
obwohl sehr selten, aufstiessen, denen zur Verantwortung zu überlassen, von denen
er war vereidet worden. Da er also bloss zu lehren, nicht aber zu untersuchen
hatte, so konnte er sein Amt beinahe ganz mechanisch ausüben. Die Zeit, die ihm
davon übrigblieb, brachte er zur Motion mit Graben und Pflanzen in seinem
Pfarrgarten zu; er war nämlich ein grosser Kenner und Liebhaber von allen raren
Nelkenarten und Tulpenzwiebeln und zog sie in grosser Vollkommenheit. Eine
unverdächtige Beschäftigung, denn man will bemerkt haben, dass die Liebhaber
derselben weder in der Kirche noch in dem Staate Unruhen zu erregen pflegen. Er
hielt auch viel auf Federvieh, welches er täglich selbst zu füttern und seine
tolligen Hühner, eine nach der andern, beim Namen zu sich zu rufen pflegte.
Daneben hatte er noch einen schönen Taubenschlag, der ihm manche halbe Stunde
vertrieb. Bibelfest war er sehr und pflegte bei aller Gelegenheit Sprüche
anzuführen, welches ihm, wenn sich der Inhalt auch gar nicht zur Sache schickte,
sondern nur etwa ein Wort einen ähnlichen Klang hatte, nicht unerbaulich schien.
Sonst las er eben nicht in Büchern, und weil er meist aus dem Stegreife
predigte, so kam auch das Schreiben selten an ihn, ausser dass er akkurate Listen
von allen bei ihm beichtenden Kommunikanten hielt und selbige wöchentlich
nachtrug. Diese hatte er in so guter Ordnung, dass mit einem Blicke zu übersehen
war, wer im letzten Vierteljahre nicht gebeichtet hatte. Ein solches Beichtkind
zeichnete er sich an, um bei demselben, sobald sich's tun liess, einen Hausbesuch
abzustatten, wobei er dann gegen die Verächter der Beichte ein wenig zu eifern
pflegte, weil er wirklich auf diesen Glaubensartikel am strengsten hielt. Sonst
tat er niemand etwas Böses; und ob er gleich, wenn es sein Evangelium mit sich
brachte, auch von der Kanzel weidlich auf die Sünder zu schelten wusste, so war
er doch im gemeinen Leben ein ganz umgänglicher Mann, der, wenn sich jemand an
ihn wendete, gern mit Rat an die Hand ging, auch zuweilen mit Tat, nur nicht mit
Gelde, welches, wie wir der Wahrheit zur Steuer bekennen müssen, dem ehrlichen
Mackligius ziemlich fest ans Herz gewachsen war.
    Eben auch die Begierde, seine Einkünfte nicht zu vermindern, bewog ihn, den
Sebaldus in sein Haus zu nehmen, und der Unterricht seines Sohnes war eigentlich
nur eine Nebensache. Denn da Ehrn Mackligius der heilsamen alten Meinung war,
dass man auf Schulen die menschlichen Studien (Humaniora), das heisst bloss
Wortkenntnis treiben müsse, dass hingegen die wenige Sachenkenntnis, die ein
Teologe braucht, sehr füglich bis zur Universität verspart werden könne, so
bestand die Unterweisung des jungen Heinz Mackligius beinahe bloss darin, dass er
wechselsweise ein Pensum aus Dietericii »Institutionibus catecheticis«, aus
Rhenii »Grammatica latina« und aus Wellerii »Grammatica graeca« auswendig lernen
musste und nebenher ein wenig Hebräisch buchstabierte. Nun besass Heinz Mackligius
(der, nach dem zu urteilen, was man in frühen Jugendjahren an ihm bemerkt hat,
gewiss noch ein Pfeiler der ortodoxen Kirche werden muss) eine so glückliche
Gabe, Regeln, die er nicht verstand, auswendig zu lernen, dass er seinem
Lehrmeister beinahe gar keine Mühe machte. Sein Vater hatte daher dessen
Unterricht neben seinem Predigtamte, Gartenbaue und Hühnerfüttern ganz
gemächlich abwarten können, würde also auch wohl nicht daran gedacht haben, für
denselben einen Hofmeister anzunehmen, wenn ihm nicht bei herannahendem Alter
das Predigen in seinem Filiale allzu beschwerlich gefallen wäre. Der Weg war
weit, und wenn er nach geendigter Predigt in der Sakristei den Klingebeutel
ausschüttete, so schien er ihm nicht halb bezahlt zu sein. Das verdross ihn
dergestalt, dass er einst das Filial ganz aufgeben wollte. Nachdem er aber
überlegt hatte, dass die Artikel des Beichtgeldes, der Taufen, Trauungen und
Beerdigungen in der Haushaltung ein Loch machen würden, wenn sie ausblieben,
ungerechnet noch die Käse und die Butter nebst den fetten Hammeln und Gänsen,
woran die gottseligen Marschlandsbauren ihre Seelenhirten keinen Mangel leiden
liessen, so ward er ganz unruhig und wusste nicht, wozu er sich entschliessen
sollte.
    Endlich fiel er auf den glücklichen Gedanken, dass er einen Hofmeister für
seinen Sohn annehmen und demselben die sonntäglichen und meisten festtäglichen
Predigten im Filiale auftragen wollte. Die Einkünfte des Klingebeutels dachte er
ihm zum Hofmeistergehalte anzuweisen; das Beichtgeld hingegen nebst den Tauf-,
Trauungs- und Leichengebühren behielt er sich selbst vor. Auf diese Art
berechnete er klaren Vorteil. Er wälzte den Unterricht seines Sohnes und die
beschwerlichen Filialpredigten von sich ab, und doch wurden seine Einkünfte nur
um etwas sehr weniges vermindert.
    Dieses sehr wenige war indes nebst freier Wohnung und Kost für den
genügsamen Sebaldus völlig hinreichend. Er trat also sein doppeltes Amt mit
herzlicher Zufriedenheit an, unterwies seinen Zögling und predigte jeden Sonntag
fleissig. So lebte er einige Wochen lang sehr zufrieden, bis ein kleiner Umstand
seine Ruhe störte und in dem ganzen Städtchen einen unvermuteten Rumor erregte.
 
                               Dritter Abschnitt
Es hatten damals die Herren Landprediger zwei Meilen in der Runde um dieses
Städtchen ein sehr nützliches Institut angefangen, das wir allen Landpredigern
innerhalb und ausserhalb Holstein zur Nachahmung höchlich anpreisen wollen. Es
ist ein sehr gemeiner und oft nicht ungegründeter Vorwurf, den man diesen
Landgeistlichen macht, dass sie endlich selbst zu Bauern würden und gänzlich
vergässen, dass sie Gelehrte sind. Die Hauptursache davon ist wohl, dass sie selten
zusammenkommen, ausser etwa auf Synodalversammlungen oder auf
Witwenkassenberechnungen. Sie erfahren daher nichts von dem, was in der
gelehrten Welt vorgehet, und verlieren alle Lust, sich um gelehrte Sachen zu
bekümmern, die ganz ausser ihrem Gesichtskreise liegen.
    Diesem Übel vorzubeugen, war auf Veranlassung des jüngsten Diakonus in der
Stadt, Ehrn Pypsnövenius, unter den sämtlichen Landpredigern dieser Diözes die
Verabredung getroffen worden, dass sie, besonders im Sommer, alle Freitage
nachmittags zur Stadt kamen. Sie liessen sich zuförderst sämtlich barbieren, auch
sollen sie wohl unterderhand Dispositionen von vorjährigen Predigten
gegeneinander ausgewechselt haben, die dadurch auf dieses Jahr wieder brauchbar
wurden. Alsdann begaben sie sich zu Ehrn Pypsnövenius, wo sie die neuen Stücke
der »Hamburgischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit«60 allemal auf
dem Tische fanden. Wenn diese gelesen und darüber diskutiert worden war, so
wurden wohl, wenn es die Zeit erlaubte, noch andre neue oder nützliche Bücher
vorgelesen: zum Beispiel des Herrn Doktor Heins »Patriotischer Medikus«,
verschiedene deutsche Schriften des Herrn Doktor Crusius, als der »Gnomon oder
Zeiger zum richtigen Verstande des Propheten Jesaias«, der »Plan der Offenbarung
Johannis«, die »Prophetische Teologie« und andere mehr; die neuesten
lateinischen Verse der hamburgischen Gymnasiasten, auch wohl einige ungedruckte
neue exegetische Entdeckungen des Herrn Erichson in Storkow oder neue politische
Remarken und Epigramme vom Herrn Westphal in Tönning.
    Wenn dieses abgetan war, wurde um sechs Uhr, damit die fremden Gäste
beizeiten nach ihrer Heimat zurückreisen konnten, gegen eine gesetzte Zeche von
sechs Lübschschillingen eine Abendmahlzeit von holsteinischem Rauchfleische und
Schlackwürsten nebst gutem Eutiner Biere aufgetragen. dabei zeigte sich die
Gesellschaft fröhlich, und jeder der Gäste erzählte dann, was an seinem Orte
Merkwürdiges vorgefallen war. Jubelhochzeiten, Zwillinge oder Drillinge, Kälber
mit sechs Füssen oder Hunde mit zwei Köpfen, Mordgeschichten und Hagelschaden
wurden nicht leicht übergangen. Eine Neuerung in der Lehre oder in der
Kirchenzucht aber durfte kaum irgendwo aufducken, so ward sie unfehlbar in
dieser Versammlung angezeigt, die auswärtigen herzlich beseufzet, die
inländischen aber (die freilich sehr selten vorfielen) zur Ahndung empfohlen.
Durch diese Anstalt ward die Reinigkeit der Lehre in dem ganzen Kirchsprengel
nicht wenig befördert; denn Ehrn Pypsnövenius trug das, was in der Versammlung
berichtet worden war, jederzeit am folgenden Sonntage nach geendigter Vesper dem
Kirchenpropste Ehrn Doktor Puddewustius zu, der sodann nach Beschaffenheit der
Umstände die weisesten Massregeln nehmen konnte.
    Einst berichtete auch in dieser Versammlung einer der Landprediger, Ehrn
Suursnutenius, dass sein Schulmeister, ein Leinweber und feiner wachsamer Mann,
der die symbolischen Bücher ad unguem auswendig wisse, am vergangnen Sonntage in
dem Filiale Ehrn Mackligii von dessen Informator eine Predigt gehört habe, worin
behauptet worden: man müsse die Christen von andern Religionsparteien als seine
Brüder lieben. Ehrn Suursnutenius setzte für sich hinzu: Hieraus würde folgen,
man müsse auch die Kalvinisten als seine Brüder lieben; welcher Satz bei
jetzigen Umständen um so viel bedenklicher sei, da ja bekanntlich, aller
Vorstellungen Rev. Ministerii ungeachtet, verschiedene kalvinische Tuchmacher in
der Stadt das Bürgerrecht erhalten hätten, zum grossen Schaden und Ärgernisse der
alt-evangelischen Einwohner, die noch wohl würden in Hütten und Keller weichen
oder gar den Wanderstab ergreifen müssen, wenn's so fortginge Noch wolle der
Schulmeister erzählen, der Informator habe auch gepredigt: Gott sehe aufs Herz
und nicht auf die Lehre; man müsse daher auch tugendhafte Juden und Heiden nicht
geradezu verdammen. Er, Suursnutenius, aber wolle, weil es, gar zu arg sein
würde, der christlichen Liebe gemäss glauben, der Schulmeister könne hierin wohl
falsch gehört haben.
    Die Gesellschaft ging auseinander. Aber diese Nachricht ward, wie
gewöhnlich, den folgenden Sonntag von Ehrn Pypsnövenius dem Kirchenpropste
Doktor Puddewustius wiedererzählt. Doktor Puddewustius schüttelte ziemlich den
Kopf, fragte nochmals nach den Umständen und schüttelte wieder. Er stiess manches
Hum und Hem aus, legte zwei- oder dreimal den linken Zeigefinger an die Nase,
und nach reifer Überlegung entschloss er sich, beim Archidiakonus Ehrn Mackligius
selbst nähere Anfrage zu tun.
    Um bei der Untersuchung solcher wichtigen Angelegenheit desto weniger
Aufsehen zu erregen, besuchte der Propst und der Diakon den Archidiakon am
Montage nach Tische, als ob es nur von ungefähr im Vorbeigehen geschähe. Sie
fanden ihn im Garten, im Kamisole, eine alte Nachtmütze auf dem Kopfe und eine
Schürze vorgebunden, den Spaten in der Hand, beschäftigt, den vorher auf ein
Salatfeld ausgebreiteten Dünger unterzugraben.
    Bei der unvermuteten Ankunft des Propstes war zwar der Archidiakon ziemlich
betroffen, holte aber gar bald aus dem nahe liegenden Gartenhause eine genähte
baumwollne Perücke nebst einer alten Summarie, die ihm im Hause statt eines
Schlafrocks diente, so dass es, weil der Kirchenpropst sehr langsam einherging
und der Archidiakon sich sehr geschwind umzog, nicht lange währte, bis letzterer
imstande war, seinen geistlichen Obern zu empfangen.
    Nach den ersten Bewillkommungskomplimenten, nachdem die Materie vom schönen
Wetter abgehandelt und die Nachfrage nach dem Flusse in der Schulter und den
Rückenschmerzen, denen Se. Hochwürden zuweilen unterworfen waren, geendigt
worden, folgte die Klage über die schlechten, verderbten Zeiten, bei welchen die
in der Stadt angesetzten kalvinischen Tuchmacher erwähnt wurden; und hiervon kam
Doktor Puddewustius ganz natürlich auf die Predigt, die Sebaldus von der Liebe
gegen Mitglieder anderer Religionsparteien sollte gehalten haben. Ehrn
Mackligius war über den Inhalt derselben nicht wenig bestürzt. Er versicherte,
er würde an keinem seiner Hausgenossen solche irrige Lehre dulden und wolle
sogleich den Informator rufen lassen, dass er sich selbst in Gegenwart Sr.
Hochwürden verantworte. Der Propst aber wollte dies nicht gestatten, damit es
nicht etwa in der Stadt ein Aufsehen geben möchte. Er ermahnte nur Ehrn
Mackligium, seinen Informator insgeheim zu vernehmen, ob er wohl wirklich so
gepredigt habe, und ihn vor fernerer Neuerung in der Lehre ernstlich zu warnen,
im weitern Übertretungsfalle aber ihn gleich abzuschaffen. Er versicherte, aus
der Erfahrung zu haben, dass die Hornviehseuche durchs Totschlagen der kranken
Häupter und die Heterodoxie durch Absetzen und Wegschaffen der irrigen Lehrer am
sichersten vertilgt würden und dass in beiden Fällen alle anderen Mittel zu
weitläuftig und überdies zu unkräftig wären. Hiermit nahmen die beiden
Geistlichen Abschied.
 
                               Vierter Abschnitt
Mackligius liess den Sebaldus sofort rufen und befragte ihn über seine am
Sonntage vor acht Tagen gehaltene Predigt. Sebaldus leugnete gar nicht, dass der
Inhalt so gewesen, wie ihn der Küster angegeben hatte. Der Archidiakonus
erstaunte zwar nicht wenig, weil er aber sonst mit seinem Informator wohl
zufrieden war und auf so leidliche Bedingungen nicht so bald einen andern zu
erhalten hoffen konnte, gab er sich die Mühe, die er sich sonst nicht leicht
gab, einen Versuch zu machen, ihn zu überzeugen, dass er sich auf einer
gefährlichen Lehre habe betreten lassen, der er notwendig absagen müsse.
    Sebaldus: Und was wäre denn an dieser Lehre Verwerfliches? Gebietet uns
nicht die Schrift, unsern Nächsten zu lieben als uns selbst? Ist davon der
Nebenmensch ausgenommen, der in Glaubenssachen anders denkt als wir?
    Mackligius: Dies will ich nun freilich eben nicht sagen; nur dünkt mich, in
Absicht auf die Sektierer ist's kat' antiprasin gesagt, dass sie unsere Nächsten
sein sollen. Wir mögen sie immer lieben, wenn sie nur weit weg sind. Wenigstens
in dieser guten Stadt ist's nun einmal der Grundverfassung gemäss, dass bloss
rechtgläubige Luteraner darin wohnen können, und dabei muss man festalten. Es
ist also hier sehr bedenklich zu predigen, man solle die Irrgläubigen lieben;
denn wenn sie erst wissen, dass wir sie lieben, werden sie auch bei uns wohnen
wollen, und sodann geht's immer weiter. Dann würden auch die symbolischen Bücher
kaum mehr helfen, und es würde keine Einigkeit und Reinigkeit der Lehre mehr
dasein. Haben sich nicht so bei uns die kalvinischen Tuchmacher eingenistelt?
Was half das Widersprechen? Selbst der billige Vorschlag wurde verworfen, dass
jede kalvinistische Feuerstelle dem Pastor ihres Kirchspiels jährlich einen
Portugalöser abgeben sollte, weil doch sonst die Jura stolae litten, indem auf
ebendemselben Flecke ein rechtgläubiger Luteraner hätte wohnen können. Ach,
lieber Herr Magister, bei der einmal festgesetzten Grundverfassung muss man
halten, es geht sonst nicht.
    Sebaldus: Und doch steht von solchen Grundverfassungen, die unserm
Nebenmenschen nicht die Luft gönnen wollen, im ganzen Neuen Testamente nicht ein
Wort. Jura stolae, symbolische Bücher und dergleichen Dinge mehr sind auch darin
nicht geboten.
    Viel Disputierens war Mackligius' Sache nicht. Er wollte sich also weiter
nicht auf Gründe einlassen, sondern rief nur ängstlich aus: »Die Grundverfassung
unsrer Stadt ist einmal nicht zu ändern! Auf die symbolischen Bücher sind wir
auch verpflichtet! Man muss keine Neuerungen gestatten! Die Verbindung ist einmal
unverbrüchlich festgesetzt und eidlich bestätiget, dass wir bei der alten Lehre
bleiben und uns jeder fremden Lehre standhaft widersetzen wollen; und nun kann
man nicht erst untersuchen, sondern die Sache muss ganz und gar ihr Bewenden
haben! Wir können nun einmal keine Irrlehrer, Kalvinisten und dergleichen bei
uns zugeben; also muss man auch nicht lehren, dass man sie lieben müsse.«
    Sebaldus mochte immer einwenden, die Vernunft sage uns, eine ungereimte
Verfassung könne gar wohl verändert werden, und eine Verbindung, die sich auf
Unwahrheit stütze, könne nicht verbindlich sein. Vergebens! Mackligius blieb
dabei, man müsse in Glaubenssachen bei einer einmal eingegangenen Verbindung
fest verharren, sie sei beschaffen, wie sie wolle; auf die Vernunft aber müsse
man in Glaubenssachen gar nicht achten, sondern sich dem fügen, was die
Voreltern festgesetzt hätten. Und so drang er dem Sebaldus einen Handschlag ab,
dass er ferner den Irrgläubigen vorteilhafte Lehren gar nicht predigen, sondern
sie lieber ganz mit Stillschweigen übergehen wolle.
 
                               Fünfter Abschnitt
Einige Tage darauf sollte im Filiale das Kind eines Schiffers getauft werden.
Mackligius ging mit dem Sebaldus hinaus. Als der erstere an den Taufstein trat,
erblickte er einen Paten, den er nicht kannte. Er liess ihn in die Sakristei
treten, um sich näher zu erkundigen, und erfuhr zu seiner nicht geringen
Bestürzung, dass er ein reformierter Kaufmann aus Bremen sei. Mackligius sagte
ihm darauf geradeheraus, er könne ihn nicht zum Taufzeugen annehmen, weil Rev.
Ministerium noch kürzlich sich verbunden habe, niemals einen reformierten Paten
bei irgendeiner Taufe zuzulassen. Der Kaufmann wunderte sich hierüber nicht
wenig, und der Schiffer erschrak sehr, denn der Kaufmann war Sein Reeder und ihm
zu Gefallen ausdrücklich von Bremen zum Kindtaufen gekommen. Man suchte den
Mackligius zu überreden, man ward hitzig; aber er blieb unbeweglich.
    Der Kaufmann fasste sich endlich und sagte: »Wollen Sie mir nicht erklären,
Herr Pastor, was bei einem Taufzeugen das Wesentliche und was dabei das
Zufällige ist?«
    »Ich merke schon«, rief Mackligius, »dass Sie etwas von Mitteldingen, von
Adiaphoris schwatzen wollen; das gehört aber gar nicht hieher.«
    »Nicht doch«, versetzte der Kaufmann, »vom Wesentlichen und
Ausserwesentlichen wollen wir reden. Meinen Sie nicht, das Wesentliche eines
Taufzeugen sei, zu bezeugen, wenn es nötig ist, dass das Kind getauft worden, und
in Ermangelung der Eltern und Vormünder für des Täuflings Erziehung zu sorgen?«
    Mackligius konnte dies nicht leugnen.
    »Und nun«, fuhr der Kaufmann fort, »ist nicht das Opfer, das ins Becken
geworfen wird, etwas Zufälliges bei der Taufe?«
    Mackligius, nach einigem Stocken, bejahte es.
    »Gut«, sagte der Kaufmann, »hören Sie also einen Vorschlag zum Vergleiche:
Ich will, weil es denn Rev. Ministerium nicht anders haben will, allen
wesentlichen Pflichten eines Taufzeugen entsagen. Ich will jedermann in
Ungewissheit lassen, ob das Kind getauft worden; ich will mich hüten, für seine
Erziehung zu sorgen, und wenn es auch Vater und Mutter verlieren und von seinen
Vormündern verlassen werden sollte. Kann mir denn nun wenigstens nicht erlaubt
werden, das Zufällige eines Taufzeugen zu verrichten und nach vollbrachter
Handlung diese Dukaten ins Becken zu opfern?«
    Mackligius war in keiner geringen Verlegenheit. Endlich bewog ihn die
Distinktion des Kaufmanns und das Bitten des Vaters, für dieses Mal einen
reformierten Taufzeugen zuzulassen.
    Kaum waren sie wieder zu Hause angekommen, so rückte ihm Sebaldus vor, dass
er nicht nach seinen eignen Grundsätzen handele. Denn wenn eine feierliche
Verbindung jederzeit unverbrüchlich müsse gehalten werden, so würde er unrecht
haben, wider dieselbe einen reformierten Taufzeugen anzunehmen.
    »Ja«, rief Mackligius ein wenig verlegen, »hier war eine Ausnahme. Zudem sah
ich wohl, der Bremer war ein ganz guter Mann, der sich gerade bei uns nicht wird
niederlassen wollen.«
    Sebaldus: Ei, nun sei Gott Dank! Wenn nur ein Mitglied einer andern
Konfession ein guter Mann ist, so mögen's auch wohl mehrere sein. Ich kann also
auch wohl eine Ausnahme von dem Ihnen getanen Versprechen machen; denn warum
sollten wir solche gute Leute nicht lieben, wie der Bremer Kaufmann und seine
Glaubensgenossen sind?
    Mackligius: Herr Magister! Ich bitte Sie sehr, fangen Sie ja nicht wieder
an, dergleichen zu predigen; Sie können sonst sich und mich unglücklich machen.
Weshalb wollen wir denn die Kalvinisten und dergleichen Leute so sehr lieben?
Wozu? Im Lande dürfen sie sich doch nicht weiter ausbreiten, als sie leider
bereits getan haben; denn es muss ein Glaube, ein Hirt und eine Herde im Lande
sein, sonst kömmt alles in Unordnung.
    Sebaldus: Oh, damit schrecken Sie mich nicht! Ich komme eben jetzt aus dem
Brandenburgischen, wo Menschen von zwanzigerlei Religionsgesinnungen meist ganz
friedlich nebeneinander leben; und wenn sie sich ja zuweilen ein wenig zanken,
so bleibt doch alles im Staate in sehr guter Ordnung. Lassen Sie uns nur nicht
wähnen, alle Wahrheit und gute Gesinnung sei ausschliessend bei unserer
Religionspartei; lassen Sie uns vielmehr untersuchen, ob diejenigen, die wir für
Irrlehrer halten, nicht mehr Wahrheit mögen erkannt haben und lobenswürdiger
leben als wir: und dann finden wir vielleicht, dass wir sie verehren und lieben
müssen. Ich wiederhole nochmals, lassen Sie uns untersuchen, und lassen Sie
keine Verabredung, kein Lehrgebäude, kein symbolisches Buch uns aufhalten, wenn
wir Wahrheit suchen und finden können.
    Mackligius: Ach, mein lieber Herr Magister, Sie wollen doch immer soviel
spekulieren! Diese Sucht mögen Sie wohl aus dem leidigen brandenburgischen Lande
mitgebracht haben. Da soll's arg zugehen; da soll alles voll Rotten und Sekten
sein. Das kömmt her von dem unchristlichen Vernünfteln! Da wird immer einer an
dem andern irre! Wenn einem ja auch hin und wieder ein Zweifel einfällt, so
ist's besser, man unterdrückt ihn gleich. Dies ist viel kürzer und besser, als
davon soviel Redens zu machen, darüber dann andere auch irregehen. Nein, lassen
Sie mir immer die Lehrformeln und die symbolischen Bücher in Ehren. Sie sind,
aufs wenigste gerechnet, ein notwendiges Übel. Da ist ja so vieles in der Bibel,
woraus man sich sogleich nicht finden kann, und so würde man während seiner
ganzen Lebenszeit untersuchen müssen, was man glauben soll, wenn's nicht schon
in der »Augspurgischen Konfession« vorgeschrieben wäre.
    Sebaldus: Schön! Aber dies ist ebendasselbe Argument, das die Katoliken für
die unfehlbare Autorität der Kirche anführen! Wir selbst können, sagen sie, die
Bibel nicht hinlänglich erklären, dies tut die Kirche für uns; darum müssen wir
glauben, was die Kirche glaubt. Also hätten wir bei der Reformation nur eine
Unfehlbarkeit mit der andern verwechselt, der wir blindlings trauen müssten? Wenn
also der Papst die »Augspurgische Konfession« gemacht hätte, so würden Sie, Herr
Pastor, ohne Bedenken ein Papist sein!
    Mackligius: Behüte mich Gott, was reden Sie? Herr Magister! Herr Magister!
Sie wissen ja, dass ich der echten, ungeänderten evangelischen Lehre zugetan bin.
    Sebaldus: Ja, dem Buchstaben nach, aber nicht im wahren Geiste. Eine blinde
Unterwürfigkeit unter die Aussprüche der geistlichen Obern ist nicht der wahre
Geist des Protestantismus. Was wir glauben sollen, davon müssen wir überzeugt
sein. Die blosse Annehmung einer Lehre, weil sie in einem Buche verzeichnet ist,
es mag dies Buch Bibel, symbolisches Buch oder wie man sonst will heissen, ist
keine Überzeugung. Sollen wir überzeugt werden, so müssen wir untersuchen, und
erst dann, wann wir einen Satz durch vernünftige Untersuchung für wahr erkennen,
kann er moralische Wirkungen veranlassen.
    Mackligius: Aber, Herr Magister, wohin würden wir kommen, wenn wir erst von
neuem anfangen wollten zu untersuchen? Müsste man da nicht sein ganzes Leben lang
studieren? Zumal in unsern jetzigen letzten, betrübten Zeiten, da, wie man aus
den »Hamburgischen Nachrichten« zuweilen sieht, an der Ober-Elbe so viele
neuerungssüchtige Leute sind, die nichts wollen als untersuchen, die uns eine
ganz neue Teologie, ja sogar eine ganz neue Bibel machen wollen? Ja wahrhaftig,
eine neue Bibel! Da schickt mir der Postmeister neulich mit den Zeitungen einen
Zettel, dass ich 234 Mark auf eine Bibel pränumerieren soll, die einer in England
(ich glaube, der Mensch heisst Kennikott) will drucken lassen. Ja, dass Gott
erbarm'! 234 Mark in diesen schweren Zeiten! Und da sollen in dieser Bibel viele
tausend Stellen ganz anders sein als in unserer luterischen Bibel! Nun sehen
Sie einmal selbst, was das für eine Verwirrung in unserm guten Holstein geben
würde, wenn man nicht schon wüsste, was man zu glauben hätte.
    Sebaldus: Ich habe von dieser Bibel auch gehört, glaube aber, sie wird ganz
und gar keine Verwirrung anrichten, sondern kann vielmehr einen sehr grossen
Nutzen haben. Denn wenn die Teologen, wie es nicht unterbleiben wird, über die
Menge der Varianten, die der arbeitsame Engländer für seine fünfzigtausend Taler
zusammengelesen hat, sich fünfzig Jahre lang werden müde disputiert haben, so
wird man endlich wohl einsehen, dass die Glückseligkeit des menschlichen
Geschlechts, die Gott bei seiner Offenbarung zum Zwecke gehabt haben muss, nicht
auf Schreibfehlern und Varianten, Mutmassungen und Wortklaubereien beruhen kann.
Also auch von dieser Untersuchung über Varianten will ich niemand abschrecken.
Ich glaube, die wahre Religion kann und wird die strengsten Untersuchungen von
aller Art aushalten; darum mag man in Gottes Namen fortfahren, alle Meinungen
der Menschen zu Sichten und den Weizen von der Spreu zu sondern.
    Mackligius rief sehr erschrocken: »Nein, nein! Die Menschen müssen nicht zu
vorwitzig sein. Wenn wir nicht der Untersuchungssucht ein Ziel setzen, wer weiss,
wohin wir noch geraten. Da können wir noch Synkretisten und Indifferentisten, ja
endlich gar Naturalisten werden.«
    Sebaldus: Ich glaube nicht, dass uns die Untersuchung so weit führen werde;
aber ich für meine Person folge dem Wege der Wahrheit ganz gelassen, wohin er
mich auch führet.
    Mackligius: Ach, Herr Magister, Herr Magister! Ich will ja lieber bleiben,
wo ich bin, als mich so weit wagen. Ich werde gar zu unruhig, wenn ich an solche
Dinge denke; darum vermeide ich sie, und das tun Sie nur fein auch.
    Sebaldus: Wenigstens will ich niemand zureden, hierin weiter zu gehen, als
ihn seine Neigung führt. Indes erhellet aus allem diesen so viel, dass wir uns
die Unfehlbarkeit in Glaubenssachen nicht zueignen können und also die
Andersdenkenden lieben dürfen und wenigstens tolerieren müssen.
    Mackligius: Nun ja, tolerieren ist auch viel kürzer, als wenn man soviel
untersucht. Wir wollen sie, wie Sie ganz recht sagen, lieber tolerieren. Doch um
wieder aufs Vorige zu kommen, tun Sie mir's immer zu Gefallen und predigen nicht
ferner davon, dass man sie lieben müsse. Sehen Sie, wir haben hier in unserer
Stadt unsere besondere Verfassung; und dann ist's bedenklich wegen der Neuerung
mit den kalvinischen Tuchmachern.
    Sebaldus: Sehr gern! Ich habe überhaupt nicht geglaubt, dass die Lehre, die
ich predigte, so neu wäre, dass dadurch Aufsehen erregt werden könnte; ich meinte
wahrlich nur eine schon bekannte nützliche Lehre weiter einzuschärfen. Freilich,
wenn die Ermahnung, unsere Brüder von andern Konfessionen mehr zu lieben, den
Erfolg haben sollte, dass man sie mehr hasste, so ist's besser, ganz davon zu
schweigen.
    Mackligius gab ihm von ganzem Herzen darin recht, dass schweigen hier das
beste wäre, und versicherte ihn, er kenne die rechtgläubigen Holsteiner und
wisse gewiss, dass die Ermahnung, die Kalvinisten zu lieben, bei ihnen nur Hass
zuwege bringen werde. Der ehrliche Sebaldus beseufzete eine so unchristliche
Gemütsverfassung und geriet in das Lob einer wahren christlichen Toleranz, und
Mackligius, wohl zufrieden, dass er nur den Hauptpunkt wegen des Predigens von
ihm erlangt hatte, stimmte ihm in allem bei. Sebaldus fuhr fort: dass sich die
Menschen über allerhand Meinungen, die noch nicht ausgemacht wären und auch wohl
nicht ausgemacht werden könnten, nicht hassen, sondern sich vielmehr
untereinander ertragen sollten; und Mackligius sagte ja, einmal über das andere.
    Indem sie in diesem Gespräche begriffen waren, trat ein Jude aus Rendsburg
ins Zimmer, welcher beim Mackligius Geld umzusetzen und sonst zu handeln
pflegte. Die beiden Geistlichen hatten sich durch die schönen Träume von
christlicher Toleranz die Einbildung so erhitzt und das Gemüt in eine so
selbstgefällige wohltätige Lage gebracht, dass sie sich stark genug fühlten,
dieses Juden Bekehrung zu versuchen. Mackligius bewies ihm mit vielen Gründen,
der Messias sei schon gekommen. Der Jude versetzte: es könne sehr wohl ein
Messias gekommen sein, nur nicht der Messias der Juden, wofür er zum
unwiderleglichen Grunde anführte, dass widrigenfalls er, der Jude, ein vornehmer
Mann sein müsste, hingegen Mackligius vielleicht würde alte Kleider kaufen und
Zerbster Drittel einwechseln müssen. Sebaldus hielt sich an das himmlische
Jerusalem; der Jude aber wollte nur vom irdischen Jerusalem hören, wohin alle
Juden in der Welt, wie er gewiss glaubte, noch einst würden versammelt werden.
Alle drei wurden sehr hitzig. Endlich brach der Jude kurz ab: wenn der Herr
Pastor heute nichts zu handeln habe, wolle er ein andermal wiederkommen, und
ging zur Tür hinaus. Mackligius schalt nicht wenig über den blinden und
verstockten Juden. Sebaldus sass eine Weile, den Kopf auf den Tisch gestützt;
endlich schlug er sich an die Brust und rief aus:
    »Ach, er ist ein Mensch wie wir, glaubt von seiner Meinung überzeugt zu sein
wie wir, die ihn mit sich zufrieden macht wie uns die unsrige. Lassen Sie uns,
dem barmherzigen Gott gleich, der uns alle erträgt, unsre Toleranz nicht nur auf
alle Christen, sondern auch auf Juden und alle andere Nichtchristen ausdehnen!«
 
                               Sechster Abschnitt
Der Vorfall mit dem reformierten Taufzeugen erregte in der Stadt kein geringes
Aufsehen. Der Pastor Ehrn Lic. Wulkenkragenius eiferte in den
Vormittagspredigten wider einen solchen grundstürzenden Irrtum, und der
Archidiakon Ehrn Macklagius, ob er gleich sonst am Streiten keinen Gefallen
hatte, war doch genötigt, da seine Reinigkeit in der Lehre seinen Beichtkindern
verdächtig zu werden anfing, sich in den Nachmittagspredigten zu verteidigen.
Die Erbitterung nahm täglich zu. Das ehrwürdige Ministerium teilte sich in zwei
Parteien, wovon die grössere Hälfte wider Mackligius war, und man fasste einen
Ministerialschluss, vermittelst dessen sowohl der Archidiakon als der Informator
vor dem Konsistorium wegen falscher Lehre verklagt wurden.
    Während dieses auf Tapet kam, starb ein reicher Brauer, welcher mit der
ganzen Schule, mit Wachslichtern und Schildern und mit einer Leichenpredigt
begraben ward. Das ganze geistliche Ministerium ging mit zur Leiche. Da war der
Propst Ehrn Doktor Puddewustius, der Pastor Ehrn Buhkvedderius, der Pastor Ehrn
Lic. Wulkenkragenius, der Archidiakonus Ehrn Weelsteertius, der Archidiakonus
Ehrn Mackligius, der Diakonus Ehrn Mag. Slabörderius und der Diakonus Ehrn
Pypsnövenius.
    Ehrn Wulkenkragenius hielt eine Leichenpredigt von der Bewahrung der reinen
Lehre. Er rühmte den Abscheu, welchen der Seligverstorbene beständig vor den
kalvinischen Greueln gehegt habe, so dass die mit Unrecht der Stadt
aufgedrungenen Kalvinisten gewiss würden haben verdursten müssen, wenn alle
andere Brauer wie er dem Eifer für die Rechtgläubigkeit den weltlichen Vorteil
nachgesetzt hätten. Nach geendigter Leichenpredigt und verrichteter Beerdigung
kamen sie sämtlich im Trauerhause zur Trauermahlzeit zusammen, wo diese Materie
wieder vorgenommen und die Indifferentisterei, dass man reformierte Taufzeugen
zuliesse, sehr bitter gerügt wurde. Ehrn Weelsteertius nahm sich des bedrängten
Mackligius an. Der Streit ward sehr heftig; beide Teile schrien so stark, dass
keiner den andern verstand; und weil die ministerialische Partei die heftigste
und auch die stärkste war, so würde es vielleicht gar zu Tätlichkeiten gekommen
sein, wenn nicht die Minorität, ihrer Schwäche sich bewusst, am Ende der Mahlzeit
nach der Haustüre geeilt wäre. Doch hatte das Gezänk auch auf der Gasse noch
kein Ende. Der Pöbel lief zusammen, nahm an dem Streite der geistlichen Herren
Anteil, und da, gerade als der Eifer für die Rechtgläubigkeit angezündet war,
unglücklicherweise ein kalvinischer Tuchmacher über die Strasse ging, so ward
derselbe zur Bestätigung der rechtgläubigen Lehre mit Füssen getreten und ihm ein
Auge ausgeschlagen.
    Dieser Vorgang, wobei sich die Regierung zu Glückstadt sehr
unortodoxerweise der Kalvinisten annahm und dem geistlichen Ministerium mehrere
Verträglichkeit und Behutsamkeit empfahl, machte des Mackligius Sache bei seinen
Kollegen eben nicht besser. Lic. Wulkenkragenius, ein cholerischer Mann, der
nicht verwinden konnte, dass ihm von der Obrigkeit, die doch nur aus Laien
bestand, so ein trockner Verweis war gegeben worden, arbeitete eifrig daran, den
guten Mackligius ganz und gar vom Amte abzusetzen. Hierin stand ihm unterderhand
Diakon Pypsnövenius nicht wenig bei, als welcher durch den mächtigen Beistand
seines Gönners, des Kirchenpropstes Doktor Puddewustius, in die
Archidiakonatsstelle zu rücken dachte. Aber Archidiakon Weelsteertius und Diakon
Slabörderius, welche zur Gegenpartei gehörten und überdem von der Vakanz, die
durch Mackligius' Absetzung entstanden sein würde, keinen Vorteil ziehen
konnten, wussten ihre Bekanntschaften in vornehmen Häusern, wo sie Hofmeister
gewesen waren, dergestalt zu benutzen, dass aus dem Oberkonsistorialgerichte bloss
ein Befehl an Mackligius erging, seinen Informator nie wieder die Kanzel
besteigen zu lassen und sich der Reinigkeit der Lehre wegen mit einem neuen Eide
zu verbinden. Diesen leistete er zwar ungesäumt, verlor aber nichtsdestoweniger
sein Filial. Denn der Edelmann, der sich für die Reinigkeit der Lehre hätte
erstechen lassen, hatte von ihm durch die heimlichen Einblasungen des Diakons
Pypsnövenius eine so widrige Meinung bekommen, dass er ihn weiter auf seinem
Erbgute nicht dulden wollte. Er verlieh daher seine Filialpfarre dem
Landprediger Ehrn Suursnutenius, einem ehrbaren, konkordanzfesten Manne, zu
nicht geringem Missvergnügen des Diakons Ehrn Pypsnövenius, welcher, da ihm die
Archidiakonatsstelle zu Wasser ward, durch die kräftige Rekommandation des
Kirchenpropstes das Filial gewiss nicht zu verfehlen gedachte. Gleichwie man aber
leider mehrere Beispiele hat, dass die Kirche der Küche weichen muss, so war auch
hier die Rekommandation des Propstes nicht so kräftig als die Rekommandation der
Haushälterin des Edelmanns, welcher Suursnutenius von ihrer Base war empfohlen
worden, die da war eine Halbschwester eines Dingvogts, dessen Mutter Gevatterin
war von einem Geschwisterkinde der Frau eines Kammerdieners, dessen gnädige Frau
eine Kammerjungfer hatte, welche Beichtkind war eines Predigers in einer andern
Stadt, dessen Kinder Ehrn Suursnutenius eine Zeitlang unentgeltlich unterrichtet
hatte. Dies verursachte zwischen Ehrn Suursnutenius und Ehrn Pypsnövenius
einigen Wortwechsel und nachher nicht geringen Kaltsinn, welches endlich Anlass
gab, dass die gewöhnliche Freitagsversammlung sich ganz und gar zerschlug. Der
Himmel weiss, wie es seitdem mit der Kenntnis der neuen Literaturgeschichte und
mit den Bärten der Landprediger in diesem Teile Holsteins beschaffen sein mag.
    Doch mit dem guten Sebaldus war es auf alle Weise noch viel schlechter
beschaffen. Da Ehrn Mackligius ihn bloss des Filials wegen zu sich genommen
hatte, so wusste er ihn nunmehr ferner gar nicht zu gebrauchen, sondern dankte
ihn unverzüglich ab. In der Stadt wollte niemand einen Mann unter sein Dach
nehmen, der die gottlose Irrlehre gepredigt hatte, man müsse alle seine
Nebenmenschen lieben, wenn sie auch von anderer Religion wären. Der
Kammerjunker, ein Mann von feiner politischer Weisheit, hielt es seinem guten
Vernehmen mit verschiedenen Männern, die im Lande ansehnliche Ämter bekleideten,
nicht zuträglich, einen Heterodoxen zu beschützen. Sebaldus würde also unter
freiem Himmel haben verschmachten müssen, wenn nicht der Schiffer, dessen Kind
in Beisein eines reformierten Taufzeugen getauft worden war, ihm freiwillig sein
Haus angeboten hätte.
    Kaum war dies geschehen, so erhielt er von seinem Freunde Hieronymus auf den
an ihn geschriebenen Brief eine Antwort, welche seine Betrübnis vollkommen
machte. Hieronymus hatte sich bei dem Verwalter nach Marianen erkundigt und
weiter nichts zur Antwort erhalten, als sie sei mit Zurücklassung aller ihrer
Sachen, die er für das vom Sebaldus mitgenommene Pferd zurückbehalten habe,
entlaufen, niemand wisse wohin.
    Diese Nachricht brach dem Sebaldus gänzlich das Herz. Von seinem Sohne hatte
er schon seit vielen Jahren keine Nachricht. Seine Tochter war nunmehr auch für
ihn verloren, und ihre Aufführung schien seiner unwürdig zu sein. Er selbst
hatte bloss dem Mitleiden ein Obdach zu verdanken, und er sah keine Aussicht, wie
er sein mühseliges Leben auch nur kümmerlich fortschleppen könnte.
    Der Schiffer, dem sein Zustand zu Herzen ging, schlug ihm vor, dass er nach
Ostindien gehen solle, der allgemeinen Zuflucht unglücklicher Europäer, und
erbot sich, ihn nach Amsterdam, wohin sein Schiff eben absegelte, umsonst
mitzunehmen. Dieser Vorschlag ward von dem bekümmerten Sebaldus mit beiden
Händen ergriffen, da er nun nichts mehr hatte, was ihn in diesem Weltteile
zurückhalten konnte. Er nahm schriftlich von Hieronymus, seinem einzigen
Freunde, den letzten Abschied und empfahl ihm, seinen Kommentar über die
Apokalypse in Verwahrung zu behalten, bis er aus Ostindien von ihm Nachricht
bekäme. Darauf fuhr er mit dem Schiffer nach Brunsbüttel, wo dessen Schiff lag.
Er stieg an Bord, und in wenig Tagen lichteten sie die Anker, erreichten
Kuxhaven und stachen mit gutem Winde in die See.
 
                                 Siebentes Buch
                                Erster Abschnitt
Das Schiff, worauf sich Sebaldus befand, segelte eine Zeitlang mit gutem Winde
und näherte sich schon der holländischen Küste. Plötzlich aber stieg in Osten
ein Sturm auf, schleuderte das Schiff, Vlie und Texel vorbei, und warf es an die
nordholländische Küste, wo es, da der Wind in Nordwest lief, unweit Egmont
scheiterte. Der Schiffer und die vornehmsten Personen wollten sich in einem
Boote retten, aber es sprangen zu viele hinein, und das Boot sank in dem
Augenblicke, da die darin befindlichen Unglücklichen das auf dem Sande
festsitzende Schiff von den Wellen zerschmettert sahen.
    Jeder arbeitete mit äusserster Anstrengung gegen die ungestümen Wogen, aber
die meisten ermatteten und gingen zugrunde. Sebaldus war unter den wenigen, die
von den Wellen ans flache sandige Ufer geworfen wurden. Er kroch mit äusserster
Mühe den Strand hinan, denn durch den heftigen Regen und Wind, das verschluckte
Seewasser und die ausgestandenen Mühseligkeiten waren seine Kräfte beinahe ganz
erschöpft. Nahe bei ihm ward der Körper des Schiffers ans Land geworfen. Der
halbtote Sebaldus strengte sich an, um seinem Wohltäter zu helfen; umsonst, es
war kein Zeichen des Lebens an dem Körper hervorzubringen. Dieser neue Kummer
überwältigte die geringen Lebenskräfte des kaum noch Atem schöpfenden Sebaldus.
Er sank in Ohnmacht, worin er eine geraume Zeit liegenblieb. Als er ein wenig zu
sich selbst kam, sah er in dem schrecklichsten Wetter, da sich nur das äusserste
Wüten des Sturms gelegt hatte, einige Strandbewohner beschäftigt, die
Überbleibsel der Ladung des zertrümmerten Schiffes aufs eilfertigste plündern,
ehe sie der Schout in Egmont etwa ertappen könnte; um ihn aber bekümmerte man
sich so wenig als um die toten Körper. So lag der hilflose Mann den Rest des
Tages, verlassen von der ganzen Natur. Trostlos, das Leben, dessen er schon
vorher satt war, nicht weiter wünschend, fiel er endlich aus gänzlicher
Ermattung in ein taubes Hinbrüten zwischen Schlummer und Ohnmacht; sein letztes
Bewusstsein war der Wahn, dass sein Hinsinken des Todes Anfang sei.
    Mit Tagesanbruche erwachte er, nur zu empfinden den erwärmenden Strahl der
Sonne und die Ruhe des besänftigten Meeres, aber ohne Kraft, sich zu bewegen,
ohne Anschein von Hilfe, in der Totenstille der Gegend; die Hoffnung des nahen
Todes sein einziger Gedanken.
    So fand ihn nach einigen Stunden ein guterziger nordholländischer Fischer.
Da an ihm noch einige Zeichen des Lebens zu spüren waren, schleppte ihn der
Fischer weiter den Strand hinauf, erquickte ihn, so gut er konnte, und fand
endlich Mittel, ihn bis in seine Hütte zu bringen. Hier verpflegte ihn der
mildtätige Nordholländer, wie es seine eigene Armut erlaubte, so dass der Kranke
bald wieder an Kräften zunahm.
    Beide konnten nur mit vieler Mühe einander verstehen, durch Hilfe des
Plattdeutschen, das Sebaldus in Holstein gelernet hatte. Dieser verhehlte seine
Verlegenheit nicht, von allem Notwendigen entblösst, die weite Reise nach
Ostindien zu unternehmen, die in dem gegenwärtigen Elende noch seine einzige
Hoffnung war. Da der Fischer vernahm, dass Sebaldus luterisch und ein Prediger
sei, schlug er ihm vor, ihn zu einem luterischen Prediger nach Alkmar zu
bringen, der ihm zu fernerem Fortkommen behilflich sein werde.
    »Weg«, rief Sebaldus, durch mannigfaltiges Unglück erbittert, »weg mit den
Geistlichen, sie sind an allen meinen Leiden schuld! Wehe mir, wenn ich mich
wieder an sie wenden sollte!«
    »Aber dieser«, sagte der Fischer, »ist ein frommer, wohltätiger Mann.«
    »Wohltätig?« rief Sebaldus voll Unwillen. »Ich kenne sie! Sind sie nicht
kalt und harterzig, so tun sie nur denen Gutes, die mit ihnen im gleichen engen
Zirkel ihrer Lehrmeinungen herumgehen; ausser demselben bestreiten sie,
verdammen, lassen Hungers sterben, sosehr sie vermögen.«
    »Dieser ist aber doch ein recht guter Mann«, versetzte der Fischer. »Der
vorige Prediger hat immer mit der ehrwürdigen Klassis viel Streit gehabt; dieser
aber verträgt sich mit den Reformierten und mit den Mennoniten so wie mit seinen
eignen Glaubensbrüdern.«
    »Er ist verträglich?« rief Sebaldus. »Wohl, so lasst uns zu ihm gehen. -
Doch, lieber Mann«, sagte er seufzend, indem sie fortgingen, »wisst Ihr nicht
einen guterzigen Krämer oder Bauern? Zu dem würde ich mehr Zutrauen haben.« Der
Fischer wusste sonst niemand, und sie gingen nach Alkmar.
    Als sie in des Predigers Haus traten und ihn zu sprechen verlangten, rief
ihnen die Magd entgegen: »Ihr werdet ihn jetzt nicht sprechen können, denn er
ist eben von dem Leichenbegängnisse seines einzigen Sohnes zurückgekommen und
noch ganz in Traurigkeit versunken.« Doch als sie die Fremdlinge anmeldete,
wurden sie vorgelassen.
    Der Fischer sagte ihm kurz, er bringe ihm einen auf der See verunglückten
luterischen Prediger aus Deutschland, der nach Ostindien habe gehen wollen,
weil er sonst nirgend habe Hilfe finden können.
    Der Prediger fragte den Sebaldus lateinisch, was ihn bewogen habe, sein
Vaterland zu verlassen.
    »Unglück und Mangel«, antwortete Sebaldus, sich nicht getrauend, gegen den
Prediger eine nähere Veranlassung anzugeben.
    »Aber Unglück und Mangel lässt sich besser in der Nähe abhelfen, ohne die
Seinigen zu verlassen.«
    »Ach, mir ist niemand übrig, der mich vermissen könnte, niemand ist« (die
Tränen flossen ihm über die abgehärmten Wangen) »in diesem ganzen Weltteile, den
ich den Meinigen nennen könnte.«
    »Du bist also nicht verheiratet, Freund, hast keine Kinder?«
    Er sah den Sebaldus starr an und seufzte.
    »Ach, meine Frau ist längst vor Kummer gestorben. Kinder? Ach ja, leider,
ich habe Kinder. Eine Tochter, die meiner ganz unwürdig ist; einen Sohn, der in
der Welt herumirret, seinen Vater längst vergessen hat - oder vielleicht auch« -
setzte er verzweifelnd hinzu - »nicht mehr herumirret, denn seit zwei Jahren
habe ich keine Nachricht von ihm.«
    »Und du nennest dich unglücklich, Freund, da du Kinder hast? Sieh mich an!«
Er bedeckte sein Angesicht mit der Rechten. »Mein einziger Sohn ist tot, die
Stütze meines Alters ist dahin! - Wollte Gott, er irrte noch in der Welt herum.
- Ich wollte auf ihn warten, jahrelang warten! Hätte er Fehler begangen, welches
göttliche Vergnügen, ihn zu bessern, ihm in meinen väterlichen Armen zu
vergeben! Du hast unrecht, Freund! Dein Sohn wird von seinen Wanderungen
zurückkehren, deine Tochter wird den Irrweg verlassen, ins väterliche Haus, zur
Tugend zurückkehren wollen - und das väterliche Haus ist leer! Ihr Vater ist von
ihnen geflohen! - Ach, Freund, sie sind unglücklicher als du!«
    »Für mich ist kein Haus mehr da!« - Er sah den Prediger mit starrer
Verzweiflung an. - »Nicht einmal ein Obdach in diesem ganzen Weltteile!« Sein
Haupt senkte sich, und er legte seine gefalteten Hände auf die Knie.
    »Und wer hat es dir genommen?« sagte der Prediger mit einem Tone voll
holländischer Kälte, die Sebaldus für Gleichgültigkeit nahm.
    »Priester haben mich verfolgt«, versetzte Sebaldus auffahrend, »weil ich die
Wahrheit bekannte« - er stand hitzig auf -, »haben mich von Lande zu Lande
gejagt, wollen mich nicht einen Bissen Brot essen lassen.«
    »Und, Freund, du bist gewürdigt worden, um der Wahrheit willen zu leiden,
und nennest dich unglücklich? Weisst du nicht, welcher Lohn deiner dort wartet? -
Wer waren die Feinde, die dich verfolgten? Vermutlich herrschsüchtige Prälaten,
blutgierige Mönche, die Gott einen Dienst zu tun glauben, wenn sie die Ketzer
vom Erdboden vertilgen? Unsere reformierte Brüder in Deutschland denken wohl zu
gut, um ihre protestantischen Brüder zu verfolgen, wie hierzulande noch
bisweilen geschieht.«
    »Ach, Reformierte? Luteraner waren es, der Reformation Erstgeborne, die
auch nur allein die reine Lehre geerbt zu haben glauben.«
    Und nun, weil der gute Mann durch den Anblick der niederdrückenden Last
seiner Unglücksfälle seine gewöhnliche Sanftmut und mit der Hoffnung eines
bessern Zustandes auch seine Besonnenheit verloren hatte, kam seine ganze
Geschichte und alle seine heterodoxen Meinungen an den Tag.
    Der Prediger, voll Erstaunen, sass einige Minuten stille, schlug die Hände
zusammen und rief:
    »Wie? Keine Genugtuung, keine Erbsünde, keine ewigen Strafen? Freund, du
behauptetst verderbliche Irrtümer, die mit dem einzigen Wege zur Seligkeit nicht
bestehen können!«
    Sebaldus hob ungeduldig die Augen empor und redete den Fischer in
gebrochenem Holländisch an:
    »Kennt Ihr keinen Handwerker oder Taglöhner, der noch nichts vom einzigen
Wege zur Seligkeit gehört hat, der wird vielleicht noch einen Bissen Brot mit
mir teilen. Ich sagt's Euch ja gleich, dass wir hier nichts ausrichten würden.«
    Damit wandte er sich zornig um und wollte zur Türe hinausgehen.
    Der Prediger sprang auf, drehte den Sebaldus mit beiden Händen herum, hielt
ihn fest, schaute ihm gerade ins Gesicht und rief:
    »Mensch! Warum verabscheust du einen Menschen, der den Weg zur Seligkeit für
einzig hält? Warum hassest du ihn, ehe du ihn kennest?«
    Sebaldus, bei dem der schnelle Zorn allemal der Übergang zur
Selbsterkenntnis war, antwortete mit sehr gemässigter Stimme:
    »Ich hasse niemand; aber, Gott weiss es, diese Priester, welche
ausschliessende Seligkeit an Lehrformeln binden, haben mich gezwungen, sie zu
verabscheuen, weil sie jeden hassen und verfolgen, der, so wie ich, glaubt, dass
Leben und nicht Lehre hier rechtschaffen und dort selig mache.«
    »Und wenn du«, erwiderte der Prediger, indem er die Hände sinken liess und
seine Rechte auf Sebaldus' Schulter legte, »glaubst, dass man bei jeder
Lehrmeinung rechtschaffen sein kann, warum willst du, dass man es nur bei der
ortodoxen luterischen Lehre nicht sein könne, welche fromme Leute in Form
gebracht haben, welche die Kirche angenommen und die Obrigkeit bestätigt hat?«
    »Guter Alter«, versetzte Sebaldus etwas stammelnd, »wenn du soviel Ungemach
von herrschenden Rechtgläubigen erlitten hättest als ich, so würdest du die
Frage nicht tun. Sie verdammen den, der anders denkt als sie, in alle Ewigkeit,
und hier auf Erden hassen sie ihn als einen Verdammten und vertreiben ihn,
soweit sie ihn erreichen können.«
    »Und das tun alle? Kennst du sie alle? Freilich, mein Freund, wer herrschen
will, wird verfolgen. Auch ich lebe unter einer herrschenden Kirche, die
verfolgt, soweit es die Obrigkeit zulässt. Aber dazu treibt nicht Lehre, sondern
Herrschsucht und Rechtaberei. Du hast Ungemach erlitten von heftigen und
herrschsüchtigen Männern, die ortodox waren. Freund! Hast du noch keinen
Heterodoxen gesehen, der auch herrschsüchtig war? - Dann hättest du weniger
Erfahrung als ich. Ich habe schon oft mit dem ersten Keime der Heterodoxie auch
Eigendünkel und Rechtaberei aufsprossen sehen.«
    Sebaldus, beschämt, vermeinte: die böse Lehre von der ewigen Verdammnis
mache doch die Gemüter so sehr geneigt, denjenigen, den man schon als einen
künftig ewig Verdammten ansieht, auch schon hier zu verabscheuen.
    »Mein Freund«, rief der Prediger, »die dordrechtischen Rechtgläubigen dieses
Landes haben nebst der Ewigkeit der Höllenstrafen noch die unbedingte
Prädestination. Und dennoch ist in Alkmar so mancher brave Kalvinist, der mich
nicht für prädestiniert hält, aber doch mich herzlich liebt. Ich bin lange in
Amsterdam gewesen, wo hundert Sekten sich ihrem Lehrsysteme nach verdammen und
friedlich nebeneinander leben.«
    »Ich bin«, fiel ihm Sebaldus hastig ins Wort, »in Berlin gewesen, wo auch
Religionsverwandten aller Art friedlich miteinander umgehen, und ich habe dort
nichts vom Verdammen gehört - ausgenommen etwa einmal.«
    »Ei«, rief der Prediger, »wenn du es auch nur einmal gehört hast, so wird es
doch wohl auch dort mehrmal geschehen. Höre meine Meinung: Nach meinem
Lehrsysteme, das ich jahrelang durchgedacht habe, bist du - ich kann es nicht
bergen - in Irrtümern, die deiner künftigen Seligkeit hinderlich sind, wenn
Gottes Gnade nicht viel weiter geht als die Einsichten, die ich aus seinem Worte
schöpfen kann. Hierüber getraue ich mir aber nicht zu bestimmen. Sei also Gott
und deinem Gewissen überlassen! Und nun? Warum sollt ich dich nicht lieben, wenn
du sonst Liebe verdienst? Ich sagte vorher, wenn mein Sohn, dessen Tod ich
beweine, bloss verirrt wäre und endlich wieder zu mir käme, würde ich ihm
vergeben und ihn zu bessern suchen. So halte ich auch jeden verirrten
Glaubensbruder ebenso gewiss, als ich wünsche, dass jeder Glaubensbruder, wenn ich
mich verirre, gegen mich so handele. Auch dich, Freund, sehe ich als meinen
Bruder an! Nicht dieser ganze Weltteil hat dich verstossen; hier ist noch ein
Ort, und er ist hoffentlich nicht der einzige, wo Einfalt der Sitten, Eintracht
und Gastfreundschaft herrschen. Bleib bei mir, mein Bruder! Mein Haus ist das
deinige, und meinen Bissen teile ich mit dir, solange ich selbst noch einen
Bissen habe.«
    Hiemit schloss er ihn in seine Arme, und Sebaldus, beschämt wegen seiner
Übereilung, stumm vor freudigem Erstaunen, konnte nur durch Tränen antworten.
    Der Prediger hielt redlich, was er versprochen hatte. Er nahm den Sebaldus
in sein Haus auf und versah ihn mit den notwendigsten Erfordernissen. Sie hatten
den freundschaftlichsten Umgang. Freilich konnte es nicht fehlen, dass nicht
beide sehr bald über Erbsünde, Wiedergeburt und Genugtuung zu disputieren
anfingen, aber dies machte in den menschenfreundlichen Gesinnungen des Predigers
keine Änderung, selbst alsdann noch nicht, wann Sebaldus Argumente vorbrachte,
bei denen der gute Prediger einige Minuten stillschweigen und sich erst auf
Gegenargumente besinnen musste.
    Auf diese Art gingen einige Wochen vorbei, bis ein Kaufmann aus Rotterdam,
der eine Partei Güter auf dem gestrandeten Schiffe gehabt hatte, deshalb nach
Egmont kam und sich bei dieser Gelegenheit einige Tage in Alkmar aufhielt, wo er
den luterischen Prediger, seinen alten Bekannten, besuchte. Er sah daselbst den
Sebaldus, und nach näherer Erkundigung trug er diesem die Erziehung seines
zweiten Sohnes unter vorteilhaften Bedingungen an. Sebaldus beurlaubte sich also
bei seinem Wohltäter und reisete mit dem Kaufmanne nach Rotterdam.
 
                               Zweiter Abschnitt
Der Kaufmann hatte bereits in seinem Hause einen Hofmeister, der zur Erziehung
seiner beiden Söhne gar wohl hätte hinlänglich sein können. Allein er hatte eine
luterische Frau, und in den Ehepakten war festgesetzt, dass das erste Kind
reformiert und das zweite luterisch erzogen werden sollte. Seine Frau, eine
gutmütige Matrone, mit der er in allen Dingen, auch selbst in Absicht der
zwischen ihnen verschiedenen Konfession in grösster Eintracht lebte, würde mit
dem einen Hofmeister, ob er gleich reformiert war, sehr wohl zufrieden gewesen
sein, wenn nicht Domine Ter Breidelen, ihr luterischer Gewissensrat, ihr die
Nichterfüllung dieses Teils der Ehepakten so oft zu einer Gewissenssache gemacht
und über diese Beeinträchtigung der reinen Lehre bei ihren mitluterischen
Vettern und Muhmen so oft bittere Klagen geführt hätte, dass Frau Elsabe endlich
anfangen musste, ihrem Manne über diese Sache in den Ohren zu liegen. Dieser
würde auch zu Befestigung des Hausfriedens sowie des Kirchenfriedens schon
längst ihrem Verlangen ein Genüge getan haben. Bloss der Mangel eines dazu
fähigen luterischen Kandidaten war bisher daran hinderlich gewesen.
    Es ward also der zweite Sohn des Kaufmanns dem Sebaldus übergeben, zu nicht
geringem Missvergnügen des reformierten Hofmeisters Meester Puistma, der den
Knaben schon als sein Eigentum betrachtete und der es als ein Misstrauen gegen
einen so gelehrten Mann auslegte, dass man einem andern das Kind anvertrauen
wollte, dessen Erziehung er schon angefangen hatte. Wahr ist es, er besass ganz
besondere Talente zu Erziehung der Jugend. Er war nicht umsonst fünf Jahre in
Groningen und in Utrecht gewesen, um daselbst alle Worte der berühmtesten
Hochlehrer nachzuschreiben und den reichsten Schatz holländischer
Schulgelehrsamkeit und holländischer Rechtgläubigkeit einzusammeln. Er hatte
alle Spitzfindigkeiten der Voetischen und Coccejanischen Teologie durchkrochen
und wusste so genau, in wie mancherlei Sinne alle mögliche Teologanten in den
sieben vereinigten Provinzen die Haushaltungen des göttlichen Gnadenbundes
geordnet und verstanden hatten, dass er noch eine neue Haushaltung hätte erdenken
können. Er konnte auf ein Haar bestimmen, ob Christus im Alten Testamente nur
ein Bürge und Fidejussor für das menschliche Geschlecht gewesen oder noch etwas
anderes. dabei hatte Meester Puistma einen besondern Fleiss auf die gesegnete
Lehre von der Prädestination gewendet und konnte trotz einem von Miltons
philosophischen Teufeln über Vorherbestimmung und freien Willen disputieren.61
Ja was noch mehr ist! Da nach Miltons Berichte selbst die Teufel sich aus dem
Dispute über diese Materien nicht herausfinden könnten, schien dieser
holländische Teologant einen höheren Scharfsinn zu besitzen; denn ihm standen
so genau zusammengekettete Schlussfolgen zu Gebot, um den partikularsten
Partikularismus zu behaupten, dass er sogar sich selbst der Verdammnis würde
übergeben haben, wenn ihm hätte bewiesen werden können, dass er nicht
prädestiniert wäre.
    Diese teologantische Weisheit hatte Puistma denn auch unverzüglich bei
seinen beiden Zöglingen an den Mann gebracht und sie bereits ziemlich tief in
die Haushaltungen hineingeführt. Zugleich, da er sich erinnerte, dass diese
Knaben einst Bürger eines Freistaates werden sollten, war er bemüht, ihnen die
nützlichsten Stücke der vaterländischen Geschichte zu erklären. Dahin gehörte
besonders die Geschichte des Synods zu Dordrecht mit seinen politischen und
teologischen Veranlassungen und wie wohl man getan, die Remonstranten lieber
nicht zu hören, damit man sie desto gemächlicher verdammen konnte, desgleichen
die Vorfälle mit der sogenannten Loevesteinschen Partie nebst der löblichen
Hinrichtung des unruhigen Oldenbarnevelt und so weiter. Als er aber einst
wahrnahm, dass die Knaben, indem er patetischerweise beklagte, dass das Schloss
Loevestein nicht jetzt noch zum Gefängnisse für die widerspenstigen
Unrechtsinnigen gebraucht würde, indes unter dem Tische mit Keulchen und
papiernen Vögeln spielten, so ward er dadurch nicht wenig entrüstet und
erklärte, nach dem Beispiele erfahrner Pädagogen, welche unartigen Knaben die
Leckerbissen versagen, ihnen das köstliche Fest dieser Erzählungen künftig so
lange zu entziehen, bis sie selbst hungrig darnach würden.
    Daher bestand zu der Zeit, als Sebaldus ins Haus kam, der Unterricht der
beiden Knaben bloss darin, dass sie täglich aus dem Heidelbergischen Katechismus
ein Pensum der Abteilung von des Menschen Elende auswendig lernen und hersagen,
dabei täglich ein Kapitel aus Bezas lateinischer Übersetzung des Neuen
Testaments exponieren mussten und von einem besondern Lehrmeister in den fünf
Spezien der Rechenkunst unterrichtet wurden, weil, wie leicht zu erachten, ein
so gelehrter Mann wie Meester Puistma sich mit so gemeinen Dingen nicht abgeben
konnte.
    Sebaldus verfuhr bei seinem Zöglinge auf eine andere Art. Er lehrte ihn
nebst dem Katechismus, der lateinischen und hochdeutschen Sprache und dem
Schönschreiben noch die Geschichte und die Erdbeschreibung. Dieses gefiel den
Eltern, obgleich der gelehrte Puistma über die unnützen Dinge seine Verachtung
bezeugte. Als aber Sebaldus sich freiwillig erbot, beide Knaben das Rechnen und
die Musik zu lehren, fing Meester Puistma darüber Feuer, lief zu dem
reformierten Domine Dwanghuysen und klagte, dass man den ältesten Knaben
luterisch zu machen suche, indem ihm der luterische Informator Stunden geben
solle. Domine Dwanghuysen war mit dieser Neuerung freilich nicht zufrieden; weil
indes der Kaufmann gedeputeerde Ouderling oder Kirchenvorsteher war, so wollte
er ihn in etwas schonen und sprach noch vorjetzt den eifrigen Puistma zufrieden.
    Noch schlimmer ward es, als Sebaldus anfing, seinen Zögling im Griechischen
zu unterweisen, und der Kaufmann seinem ältesten Sohne, aus dem er einen
gelehrten Mann machen wollte, befahl, diesen Lehrstunden beizuwohnen. Sebaldus
liess darin Xenophons »Denkwürdigkeiten des Sokrates« lesen und übersetzen und
erklärte auch einige Stellen aus Antonins »Betrachtungen«. Er nahm hierbei
Gelegenheit, den Knaben gute moralische Grundsätze einzuprägen und sie ihnen
durch Erklärung dieser vortrefflichen Bücher anschaulich zu machen. Allein
hierüber setzte Puistma, in Gegenwart beider Eltern, den neuen Lehrer aufs
heftigste zur Rede. Er sagte sonder Scheu: wenn Sebaldus ein rechter Christ
wäre, so würde er den Kindern nichts als die gewyde Bladeren62 und andere
christliche Bücher vorlegen, ihnen aber nicht solche ungeweihte blinde Heiden
wie Sokrates und Antonin zu Beispielen vorstellen, deren Tugend schon der
heilige Augustin als blendende Laster verdammt habe. Sebaldus verteidigte sich;
aber was konnte vernünftige Verteidigung bei einem Manne wie Puistma helfen?
Dieser schrie, ohne Gründe anzuhören, und lief voll Wut abermals zu Domine
Dwanghuysen, ihm diese neue Ketzerei zu berichten.
    Menschliche Tugenden, besonders die Tugenden der Heiden standen zu der Zeit
in Rotterdam eben nicht im besten Rufe. Zwar hatte Domine Hofstede damals noch
nicht die Laster der berühmten Heiden angezeigt, zum Beweise, wie unbedachtsam
man dieselben seliggepriesen.63 Es ist aber leicht zu erachten, dass die
unsinnige Behauptung, die grössten Männer des Altertums wären, ohne Ausnahme,
lasterhaft gewesen, nicht auf einmal in eines Menschen Gehirn kommen kann, ohne
dass vorbereitende Torheiten anderer Leute vorhergegangen sind. Wirklich war
schon seit geraumer Zeit in Friesland und durch das ganze Südholland die Meinung
gänge und gäbe gewesen, das menschliche Geschlecht sei von Natur elend, dumm und
zum Guten unfähig. Wenn jemand auf irgendeine Art das Gegenteil behaupten,
besonders wenn er sich etwa auf die guten Handlungen der Heiden berufen wollte,
so war es sehr gewöhnlich, von Arminianischer Ansteckung, Pelagianischem
Sauerteige und Socinianischem Gifte zu reden, auch wohl zu schreiben. Domine
Dwanghuysen war nicht der Geringste unter den rechtsinnigen Verdammern der
Heiden; also begreift man leicht, in welche Bewegung ihn Meester Puistmas Klage
gesetzt haben mag.
    Er ging unverzüglich zum Kaufmanne, und in dessen Gegenwart fuhr er den
Sebaldus heftig an: wie er der Jugend heidnische Schriften in die Hände geben
könne, um ihr daraus Beispiele der heidnischen, sündlichen Tugend zur Nachahmung
vorzustellen? Er entschied, dass weder Xenophon noch Sokrates, noch Antonin
prädestiniert gewesen, dass sie wegen ihrer bloss scheinbaren Tugenden kein
Gegenstand der göttlichen Barmherzigkeit sein könnten und also in dem höllischen
Schwefelpfuhle ewig braten müssten. Sebaldus unternahm es unbedachtsamerweise,
jene grosse Männer wider dies harte Verdammungsurteil zu verteidigen, machte aber
dadurch das Übel viel ärger; denn Dwanghuysen ward sehr heftig ergrimmt, dass man
gegen ihn als einen Seelenhirten ohne Scheu solche seelenverderbliche Meinungen
behaupten wolle, und schrie, indem er aus dem Zimmer schritt, dem Kaufmanne zu,
einen solchen heidnischen Unchristen nicht einen Augenblick unter seinem Dache
ferner zu dulden, weil er sonst für nichts stehen könne, wenn der seinen Hirten
liebende Pöbel, sobald er ein solches Anatema Maran Ata64 verspüre, Unheil
anfangen sollte.
    Der Kaufmann, der Frieden haben wollte und wohl wusste, mit welcher
Heftigkeit Domine Dwanghuysen das durchzusetzen pflegte, was er einmal
beschlossen hatte, wäre sehr geneigt gewesen, von Sebaldus zu scheiden. Aber
seine Frau nahm ihren Hofmeister in Schutz und wollte ihn eher nicht
wegschaffen, bis auch ihr luterischer Gewissensrat sein Gutachten darüber
gegeben hätte.
 
                               Dritter Abschnitt
Domine Ter Breidelen ward demnach ersucht, am folgenden Tage in dem Hause des
Kaufmanns zu erscheinen; und der eifrige Dwanghuysen, welcher dies sogleich von
Meester Puistma erfuhr, fand sich ungebeten dazu ein.
    Die Sitzung wurde damit eröffnet, dass sich Ter Breidelen den ganzen Kasus
vortragen liess, welches Meester Puistma mit vieler Redseligkeit verrichtete.
Darauf sagte der Domine viel triftige Dinge von der Unnützlichkeit der
heidnischen Weisheit und sprach förmlich das Urteil der ewigen Verdammnis über
Sokrates und Antonin aus. Sebaldus wollte ihre Tugend und folglich ihre
Seligkeit verteidigen, aber dadurch zog er sich selbst den Ausspruch der
Verdammung zu. Domine Dwanghuysen neigte sich hierauf freundlichst gegen Domine
Ter Breidelen und zeigte in einer wohlgesetzten Rede: so herzlich er sonst auch
seine luterischen Brüder liebe, könne er doch eine so gefährliche Lehre, wie
Sebaldus hege, auf keine Weise entschuldigen. Ter Breidelen rief: Sebaldus sei
kein Luteraner, sondern ein Synergist und Pelagianer, der die echte luterische
Lehre von der geistlichen Verderbnis der menschlichen Natur verschmähe.
Dwanghuysen erwiderte: fast sollte man denselben der Holland so schädlichen
Sekte der Arminianer beigetan halten, weil er zu behaupten schiene, die
bekehrende Gnade sei lenis suasio oder eine sanfte Überredung, welche Lehre in
den Kanonen des Dordrechtschen Synods, Kap. IV, 7, verdammet worden. Ter
Breidelen rümpfte ein wenig die Nase bei Erwähnung des Dordrechtschen Synods.
Sebaldus, erschrocken, dass er bei Behauptung der unschuldigsten Wahrheiten
verdammt ward, und durch vorhergehende Verfolgung furchtsam gemacht, suchte,
soweit es anginge, sich dem angenommenen Lehrbegriffe gemässer auszudrücken. Dies
verursachte einen weitläuftigen polemischen Wortwechsel, in welchem beide Domine
sehr hart aneinandergerieten. Denn ob sie gleich völlig einig waren, den
Sebaldus zu verdammen, so wurden sie doch durch seine Verteidigung über die
Ursache der Verdammung wieder uneins. Ter Breidelen besorgte nämlich, die
Meinung des Sebaldus führe zu der schädlichen Lehre von der Prädestination;
Dwanghuysen hingegen vermeinte, sie führe zu weit von dieser heilsamen Lehre ab.
Dies brachte sie in einen langen Disput über den Vorzug der »Augspurgischen
Konfession« und des Dordrechtischen Synods, wobei sie von Sebaldus' Meinungen
ganz abgerieten und nur endlich, da die Mittagsglocke sie ans Weggehn erinnerte,
übereinkamen, dass Sebaldus nach keinem von beiden lehre. Er ward also abermals
unwiderruflich verdammt. Dwanghuysen ermahnte, als sie zur Tür hinausgingen,
seinen Kirchenvorsteher und Ter Breidelen sein Kirchkind, einen so heillosen
Menschen, der mit keinem einzigen Symbolum übereinstimmte, sogleich von sich zu
lassen; und Dwanghuysen besonders erwähnte nochmals beiläufig des
hirtenliebenden Jan Hagel.
    Gutmütige Laien, welche aufmerksam zuhören, wenn geistliche Herren über die
Ortodoxie und Heterodoxie eines andern streiten, befinden sich ungefähr in der
Lage, als wenn gewöhnliche Menschen bei der Konsultation gelehrter Ärzte über
den ungewissen Zustand eines Kranken zugegen sind. Nicht allein trauen sie dem
Patienten bald alle die fremden Krankheiten zu, deren griechische Namen ihm von
beiden Seiten zugeworfen werden, sondern es fängt sie wohl selbst an, ein
Schwindel, Kopfweh oder Gliederreissen anzuwandeln, wenn man die ganze Patologie
so vor ihnen die Musterung passieren lässt.
    So ging es dem Kaufmanne und seiner Frau, die voll Betäubung den ganzen
Streit angehört hatten. Sie blickten bald ganz furchtsam den Sebaldus darüber
an, dass er wider alles Vermuten so grässliche Lehren behaupte; bald wollten sie
ihn entschuldigen mit dem vielen Guten, das sie sonst an ihm bemerkt hatten;
bald fingen sie an, für sich selbst zu fürchten, ob sie wohl in ihrem
Christentume so lau geworden, um die Irrlehren nicht zu fühlen; bald gereute es
sie, dass die wohlangefangene Erziehung ihrer Kinder wieder liegenbleiben sollte.
    So herrschte beim Mittagsmahle ein totes Stillschweigen, und einer sah den
andern ängstlich an, bis Meester Puistma, der nach so wohl vollbrachter
Verrichtung sich Essen und Trinken sehr gut hatte schmecken lassen, noch
zeitiger als sonst zu seinem gewöhnlichen Mittagsschläfchen vom Tische
wegschlich.
    Als er fort war, sagte Frau Elsabe zu Sebaldus mit niedergeschlagnen Augen:
»Aber lieber Meister, warum habt Ihr auch meinen Kindern heidnische Bücher
vorgelegt?«
    »Weil Eure Kinder Griechisch lernen sollten und diese Bücher gut griechisch
geschrieben sind.«
    »Aber warum habt Ihr ihnen so böse, gottlose Leute zur Nachahmung
vorgestellt?«
    »Urteilt selbst«, versetzte Sebaldus, »ob sie böse und gottlos gewesen.«
Hier erzählte er ausführlich die Geschichte des Sokrates und schilderte den
Charakter des Antonin. Er fragte, ob es nicht vielmehr gottlos sei, einen
Fürsten zu verdammen, der nach seiner eignen Nachricht von seinem Grossvater
gelernet: leutselig zu sein und sich nicht zu erzürnen; von seinem Vater:
bescheiden und männlich zu werden; von seiner Mutter: Gottesfurcht und
Freigebigkeit und nicht nur nichts Böses zu tun, sondern es auch nicht einmal zu
denken65, und so weiter.
    Der Kaufmann und seine Frau hörten aufmerksam zu.
    Frau Elsabe gestand, wenn dieser Heide so gesinnet gewesen, könne es wohl
nicht verdammlich sein, ihn zum Beispiele darzustellen. Ja sie möchte sich
selbst nicht unterstehen, einen so guten Heiden zu verdammen.
    Hiermit stimmte der Kaufmann überein. »Aber dies ist nicht meine Sorge«,
sagte er zu Sebaldus, »denn die Domine wissen mit dem Verdammen geschwinder
umzuspringen als unsereiner. Das schlimmste ist, dass ich Euch wider Willen der
Domine nicht im Hause behalten kann, weil sie allen Leuten sagen werden, dass Ihr
keine rechte gewisse Religion habt.«
    »Eine rechte gewisse Religion? Mein Herr, die habe ich, Gottlob, denn ich
weiss, an wen ich glaube. Aber dass mein Glauben mit dem, was verschiedene andere
Leute glauben oder was sie andern Leuten als Formulare zu glauben vorschreiben,
zuweilen nicht übereinstimmt, ist nicht meine Schuld. Der Glauben ist eine
Gewissenssache, welche nicht kann geboten werden. Ich lasse gern einen jeden
glauben, wovon er überzeugt zu sein meint ; warum wollt Ihr mir dieses nicht
auch frei lassen?«
    »Ich wohl«, versetzte der Kaufmann, »aber die Domine schwerlich. Die lassen
sich nicht gern widersprechen. Wenn Ihr einmal nicht für rechtsinnig gehalten
werdet, werden sie beständig gegen Euch was einzuwenden haben; und auch gegen
mich, wenn ich Euch in meinem Hause behalte.«
    »Und wenn Ihr nicht recht luterisch seid«, rief Frau Elsabe, »wird's immer
heissen, unsern Ehepakten sei kein Genüge geschehen, denen zufolge doch mein
zweiter Sohn recht luterisch erzogen werden muss.«
    »Luterisch!« rief Sebaldus aus. »Sind es denn etwa luterische
Glaubensartikel, worüber gestritten worden? Ja wäre auch nur überhaupt der
geringste Streit entstanden, wenn Euer Meester Puistma nicht einen so
unvernünftigen Lärmen gemacht hätte? Ich sondere mich ja von der luterischen
Kirche nicht ab. Und wenn ich es auch täte! Sind denn die Menschen jeder
Konfession durchaus auch in eine ebenso eingeschränkte bürgerliche Gesellschaft
eingeschlossen? Muss der, welcher sich von dieser oder jener Lehrmeinung nicht
überzeugen kann, deshalb auch aller bürgerlichen Gemeinschaft entsagen? Darf man
ohne den genauesten Glauben an teologische Formulare nicht die alten Sprachen
oder die Geographie lehren? Macht ein Verdacht des Pelagianismus auch eine
Wechselrechnung unrichtig oder eine Leibrentenberechnung unsicher? Wie weit wird
endlich die Einschränkung durch Bekenntnisbücher gehen? Fragt man nicht fast
schon, wenn man einen Bälgentreter, Pedell oder Einheizer braucht, ob er auch
rechtsinnig sei? Endlich wird man nicht Luft schöpfen oder einen Tritt ins Land
tun dürfen, wenn man nicht erst die symbolischen Bücher unterschreibt!«
    »Nein«, versetzte der Kaufmann, »da geht Ihr zu weit, mein lieber Meister!
Unsere hochmögenden und edelmögenden Herren dulden in den sieben vereinigten
Provinzen jedermann, wes Glaubens er auch sei. Nur freilich unsere ehrwürdigen
Herren examinieren diejenigen genauer, die sich in den Häusern der Rechtsinnigen
aufhalten. Wenn Ihr nicht in meinem Hause wäret, könntet Ihr glauben, was Ihr
wolltet. - Aber da Euch nun die Domine anklagen, kann ich Euch freilich nicht
bei mir behalten, denn mit dem hirtenliebenden Jan Hagel mag ich nichts zu tun
haben.«
    »Wahr ist's«, sagte Frau Elsabe mit einem Seufzer, »Domine Ter Breidelen
würde es mir bei allen Hausbesuchen vorhalten.«
    »Ja«, fuhr der Kaufmann fort, »und Domine Dwanghuysen würde es mir in den
kerkelyken Zamenkomsten beständig zu hören geben, dass ich einen Arminianer
herbergte.«
    »Grosser Gott!« rief Sebaldus, die Hände gen Himmel hebend. »Gütigstes Wesen
voll allgemeiner Liebe, voll allmächtigen Wohltuns! Wie ist's möglich, dass die,
welche sich deine Diener nennen, beinahe selbst die Sonne, die du über Gerechte
und Ungerechte scheinen lässest, denen entziehen wollen, die dir auch dienen,
nur nicht nach fremder Vorschrift, sondern nach eigenem Gewissen, dass sie sie
aus der Welt stossen möchten, wenn's anginge!« Er legte seine Stirn in seine
linke Hand.
    Frau Elsabe sagte, indem sie die Augen trocknete: »Nicht aus der Welt,
lieber Meister! Es wird sich für Euch ein anderer Aufentalt finden.«
    »Und ich will«, setzte der Kaufmann hinzu, »Euch dazu alle mögliche
Anleitung geben. Wollt Ihr nach Alkmar zurück oder sonst nach einer andern
Stadt?«
    Sebaldus, ohne ihn zu hören, fuhr in seinem Selbstgespräche fort:
    »Was sollte deine vernünftige Geschöpfe zu Verträglichkeit und Liebe mehr
vereinigen als dein Dienst; und was trennt sie mehr zu bitterm Zanke und
Feindschaft!«
    Der Kaufmann nahm ihn bei der Hand und sagte: »Beruhigt Euch. Hört mich!
Wollt Ihr zurück nach Alkmar zu dem guten Pfarrer, oder wollt Ihr wieder nach
Deutschland, oder denkt Ihr noch nach Ostindien zu fahren? Es sei, wo es sei!
Ich will Euch Rat, Empfehlung, Unterstützung geben.«
    Sebaldus sah ihn an, schlug die Augen wieder nieder und sagte staunend:
»Nach Alkmar? - Ja, da war ein guter lieber Mann - so gut - wie Ihr, mein Herr!
- Aber wer steht mir dafür, dass irgendein Eiferer nicht auch ihn, so wie Euch,
nötiget, mir einen Platz unter seinem Dache zu versagen? - Nach Deutschland?
Soll ich da schmerzliche Erinnerungen an das, was mir lieb war, holen und
vielleicht noch eine neue Art von Verfolgern kennenlernen? - Nein, lieber nach
Ostindien, so weit und so gefährlich der Weg auch ist. Vielleicht ist man dort
noch vertragsam. Wo das Schulgezänk noch nicht Menschen gegeneinander aufgehetzt
hat, wird wohl die Liebe nicht an Konfessionen gebunden sein. Vielleicht fände
sich da eine Gesellschaft, die, streitige Lehrmeinungen beiseite setzend, nur
gemeinsam erkannte Wahrheiten nutzen wollte, die, ohne nach Lehrformeln zu
fragen, sich versammelte, um sich gemeinschaftlich zum Lobe Gottes zu ermuntern,
sich gemeinschaftlich an gemeinnützige Pflichten zu erinnern. Welches Glück für
mich, eine solche Gesellschaft anzutreffen! Welches Vergnügen, sie zu errichten!
Oder ist's nur ein schöner Traum? Mag's doch! Dort ist wenigstens möglich, was
in Europa durch Konfessionen und Synoden unmöglich gemacht wird.«
    »Unmöglich? Doch wohl nicht ganz«, versetzte der Kaufmann. »Wenn Ihr, lieber
Freund, sonst keine Ursachen habt, nach Ostindien zu gehen, als eine solche
Gesellschaft zu suchen, so könnt Ihr sie viel näher, bei uns finden ...«
    »Wie? Wo?« fiel ihm Sebaldus hastig ins Wort.
    »In den vereinigten Provinzen und selbst auch hier in Rotterdam. Sie heissen
Kollegianten oder Reinsburger, von einem Dorfe bei Leiden, wo sie jährlich
zweimal zusammenkommen, um das Abendmahl zu halten. Man findet sie besonders in
Amsterdam, wo sie auch ein Waisenhaus haben. Daselbst bin ich bei ihren
gottesdienstlichen Versammlungen auf der Kaisersgracht im Oranienapfel oft mit
inniger Erbauung gegenwärtig gewesen.«
    Der Kaufmann erzählte nun dem Sebaldus auf Verlangen kürzlich die Geschichte
und die Verfassung dieser bisher in ihrer Art einzigen Gesellschaft.
    Sie entstand um 161966, als wegen politischer Ursachen, denen die Religion
zum Vorwande dienen musste, die Remonstranten so sehr verfolgt wurden, dass man
ihnen auch nicht verstatten wollte, Gottesdienst zu halten. Damals stifteten
vier Brüder, Männer von unsträflichem Wandel, um der Härte der Gesetze zu
entgehen, anstatt der verbotenen Kirchen Kollegien oder Zusammenkünfte, wovon
die Gesellschaft den Namen behalten hat. In der Folge gesellten sich zu ihnen
viele von den friedsamen Taufgesinnten, doch nicht sie allein; denn die
Kollegianten lassen zu ihren brüderlichen Versammlungen alle Christen, ohne auf
besondere Lehrmeinungen oder Konfessionen zu sehen, weil sie sagen, dass man in
die Stadt Gottes durch verschiedene Tore eingehen könne.67 Jeden unbescholtenen
Mann und der keine Meinungen vorträgt, die ausdrücklich der Bibel zuwider sind,
lassen sie nicht allein zum gemeinschaftlichen Genusse des Abendmahls, sondern
verstatten ihm auch, öffentlich über gemeinnützige Wahrheiten zu reden, wozu sie
keine besonders bestellte Lehrer haben. Denn jeder, der Kraft in sich fühlt,
nützliche Lehren zu geben, trägt sie ohne Lehrton wie ein Freund an Freunde vor
und pflegt am Ende seiner Rede die Versammlung bescheiden zu fragen: ob jemand
wider diesen Vortrag etwas einzuwenden habe oder zur fernern Aufklärung der
Wahrheit noch etwas beitragen wolle. Und hierauf fährt fort, wer will, mit
gleicher Bescheidenheit seine Gedanken zu eröffnen.
    Sebaldus war entzückt über diese Nachricht und wünschte nichts, als bald ein
Glied einer Versammlung zu sein, die mit seinen Wünschen so vollkommen
übereinstimmte. Da er in Rotterdam weder bleiben wollte noch konnte, so bekam er
von dem Kaufmanne, nachdem er für seine Hofmeisterschafte anständig belohnet
worden, Empfehlungsschreiben an einen ihm wohlbekannten Kollegianten in
Amsterdam. Sebaldus suchte sogleich seine Sachen zusammen, die ein mässiges
Päckchen ausmachten, fuhr nach Gouda, setzte sich daselbst in die Nachtschuit
und liess sich unter den frohesten Erwartungen fortziehen.
 
                               Vierter Abschnitt
Er langte des Morgens früh um fünf Uhr vor Amsterdam, an dem Utrechter Tore, an.
Gleich bei dem Aussteigen aus der Schuit kam ihm ein Deutscher entgegen, der ihn
sehr dienstfertig: »Herr Landsmann!« anredete und sich erbot, ihn in eine gute
Herberge zu bringen.
    Sebaldus versetzte: »Wenn sie nur nicht zu kostbar ist, denn meine Barschaft
ist gering. Ich bin ein armer abgesetzter Prediger.«
    »Sie sollen sehr billig behandelt und doch gut bedienet werden«, rief der
Herr Landsmann und griff nach Sebaldus' Reisesack, den er dienstwillig auf die
Schulter nahm.
    So traten sie bei Eröffnung des Tores in die Stadt. Sebaldus konnte nicht
umhin, seine Freude zu bezeugen, dass er einen Deutschen gefunden, der ihn in
dieser grossen Stadt zurechteweise, zumal da er der Sprache noch nicht gänzlich
kundig sei.
    »Ach ja, ehrwürdiger Herr«, sagte sein Begleiter, »es ist mir Ihretwegen
selbst lieb, dass ich mich von ungefähr am Tore befunden. Sie können gar nicht
glauben, ehrwürdiger Herr, wie gefährlich es in dieser Stadt ist. Insonderheit
gibt es böse Leute, die man Seelenverkäufer nennet, welche die unerfahrnen
Fremden, besonders Deutsche, mit List in ihre Häuser locken, um sie nach
Ostindien in ein unbeschreibliches Elend zu verkaufen.«
    Sebaldus erstaunte, dass es so boshafte Menschen geben könne. Indem schrie
sie ein gemeines Weib auf holländisch heftig an:
    »Sieh den verdammten Seelhund, da hat er wieder eine Seele!«
    »Kommen Sie geschwind«, raunte ihm sein Begleiter ins Ohr, »dies ist eine
Kreatur der Seelenverkäufer, welche mit uns Zank anfangen will, damit Sie im
Tumulte den Bösewichtern in die Hände fallen sollen.«
    Sie verdoppelten also ihre Schritte, um diesem Unglücke zu entgehen, und
kamen endlich an das Haus, wo die Herberge sein sollte. Sie gingen eilig hinein.
Die Tür ward hinter ihnen zugeschlossen. Wie erschrak aber Sebaldus, als ihn
sein Begleiter in eine Art von Unterkammer stiess, wo ungefähr dreissig elende
Menschen auf Stroh lagen. Er brach in die heftigsten Vorwürfe gegen seinen
Begleiter aus, die dieser, nachdem er ihm einigemal in trotzigem Tone
stillzuschweigen geboten hatte, durch derbe Schläge mit einem dicken Seile
beantwortete, wovon Sebaldus ganz betäubt auf das Strohlager niederfiel.
    Als er sich ein wenig erholte, sah er um sich eine Anzahl elender Schatten
ähnlicher Menschen, durch Hunger, Blösse, Schläge, Krankheit und Kummer ganz
ausgemergelt, von ihrem Strohlager aufkriechen. Neben ihm lag ein Mensch,
günstigen Ansehens, aber vom Fieber ganz abgezehrt, der ihm auf seine laute
Klagen mit matt aufgehobener Hand und schwacher Stimme hochdeutsch zusprach:
»Sei geduldig, Freund, denn es wartet dein noch mehr Elend; das meinige ist
hoffentlich bald zu Ende.«
    Sebaldus fiel wieder in schwermütiges Staunen, aus welchem er ungefähr nach
einer Stunde erweckt wurde, da man ihn holte, um vor dem Seelenverkäufer zu
erscheinen, der nicht längst aufgestanden war.
    Er fand diesen Mann in einem sauber aufgeputzten Seitenzimmer, mit Huysums
und Mignons Meisterstücken ausgeziert, das von dem Elende, womit im Keller
Menschen gequält wurden, sowenig Spur zeigte als das wohlbeleibte Ansehen des
harterzigen Besitzers. Dieser nahm mit zufriedner Gebärde sein Frühstück zu
sich, und vor ihm lagen Erbauungsbücher, aus denen er eben seine Morgenandacht
hergelesen hatte. Denn Bücher dieser Art sind dem Schurken und dem schwachen
ehrlichen Manne gleich behaglich. Der letztere zieht Trost im Unglücke und
Befestigung frommer Entschliessungen aus ihnen; jener aber, der den Mangel
innerer Rechtschaffenheit durch äussere Religion ersetzen will und tägliche
Gottlosigkeit unstrafbar gemacht zu haben glaubt, wenn er sie morgens und abends
in vorgeschriebenen Gebeten bereuet, sucht die Unruhe seines Gewissens in der
Ruhe einer selbstgefälligen Andacht zu ersticken.
    Auch dieser Bube, der mit kalter Fühllosigkeit jeden Menschen im Elende
konnte schmachten sehen, liess es dabei an keiner äusserlichen Religionsübung
mangeln. Er war in der gangbaren Landesteologie sehr bewandert und fand sogar
durch dieselbe eine Hintertür, alles Böse, was ihn zu tun gelüstete, mit seiner
phlegmatischen Gewissensruhe zu vereinigen; denn er hatte sich überzeugt, alles
sei absolut notwendig, er sei daher prädestiniert, die Moffen68 zu schinden, und
die Moffen seien prädestiniert, sich von ihm schinden zu lassen. Deshalb konnte
er mit ebender Gleichmütigkeit einen Moffen in seinen Keller stossen sehen, womit
der Koch einen lebendigen Krebs in den siedenden Kessel wirft.
    Er fragte den Sebaldus, dessen geistlichen Stand er von seinem Unterhändler
erfahren hatte, zuvorderst nach der Geschichte seiner Absetzung und nach seinen
folgenden Begebenheiten; und da er dadurch dessen heterodoxe Meinungen erfuhr,
liess er sich mit ihm in einen teologischen Disput ein, dessen Ende war, zu
behaupten, dass die dem Sebaldus aufgestossnen widrigen Begegnisse eine Folge der
göttlichen Strafgerechtigkeit wären, deren unwürdiges Werkzeug er jetzt auch
sein solle. Er führte ihm dabei zu Gemüte, dass er Gott versuchen würde, wenn er
lieber zu den stinkenden Ketzern, den Kollegianten, gehen wollte als nach
Batavia, der ortodoxen Stadt, wohin sich noch nie eine Ketzerei habe wagen
dürfen. Er legte also dem Sebaldus einen schon aufgesetzten Kontrakt zur
Unterschrift vor. Allein dieser weigerte sich, weil ihm die Art, wie er zu
dieser Reise gezwungen werden sollte, eine schreckliche Aussicht gab, und
verlangte endlich nach verschiedenem Hinundwiderreden wenigstens Bedenkzeit,
welche ihm auch bis auf den morgenden Tag, aber länger nicht, verstattet ward,
worauf ihn der Seelenverkäufer entliess und sich wieder ruhig zu seinem
Erbauungsbuche kehrte.
    Als Sebaldus in den Keller zurückkam, sah er das Stroh aufgeräumt und seine
Unglücksgefährten teils in stummem Kummer, teils in fühlloser Sorglosigkeit,
teils in tobender Verzweiflung. Nur sein vorheriger Nachbar lag noch in grosser
Schwachheit. Da Sebaldus' geistlicher Stand schon bekannt war, so verlangte der
Kranke seinen Zuspruch, den ihm dieser, so trostlos er auch selbst war, von
ganzem Herzen gewährte. Der Kranke wurde dadurch in etwas erquickt und konnte
nun die Erzählung und die Klagen des Sebaldus anhören, dem noch alles, was ihm
diesen Morgen begegnet war, als ein Traum vorkam und der besonders sich noch
nicht zu überreden wusste, dass Menschen so tief sinken könnten, ihre
Nebenmenschen vorsätzlich ins Elend zu stürzen.
    »Was bewegt diese Leute zu solcher Ungerechtigkeit?« rief er zuletzt aus.
»Warum sind wir hier wie Übeltäter eingeschlossen? Was will man mit uns
anfangen? Darf man in diesem Lande der Freiheit den friedsamen Wanderer
unverschuldet ins Gefängnis schleppen? Ist bei der Obrigkeit kein Schutz wider
so scheussliche Unterdrückung zu finden?«
    »Er würde gewiss zu finden sein«, sagte der Kranke mit schwacher Stimme,
»wenn ihr unsere Not nur bekannt werden könnte. Aber während der sechs Wochen,
die ich in diesem abscheulichen Loche zugebracht habe, merkte ich genugsam,
welche sichere Massregeln unsere Peiniger nehmen, um dies unmöglich zu machen.
Von aussen hat diese Einrichtung das Ansehen, als ob der Zweck sei, ganz armen
Leuten, die von allen Hilfsmitteln entblösset sind und freiwillig nach Ostindien
gehen wollen, bis zur Abfahrt Nahrung und Equipierung zu reichen und sich durch
das Handgeld, welches die Ostindische Kompanie gibt, und durch eine Verpfändung
des künftigen Soldes wieder bezahlt zu machen. Es kann sein, dass die Absicht im
Anfange ganz gut gewesen, aber jetzt wird sie durch die List harterziger
Bösewichter fast immer zu schändlichem Missbrauche. Wenige gehen freiwillig,
viele werden durch Ränke ins Garn gelockt, durch Peinigungen zur Unterschrift
gezwungen, in Gefängnisse gesperrt, mit der elendesten Kost kaum beim Leben
erhalten und zuletzt oft, von übler Begegnung und Kummer abgemergelt, anstatt
aller Erfordernisse zu einer Seereise von einigen tausend Meilen kaum mit ein
paar groben Hemden versehen. Und für diese elende Verpflegung werden so grosse
Kosten angesetzt, dass das unglückliche Schlachtopfer in Ostindien wohl sechs
oder sieben Jahre nicht für sich, sondern für den Seelhund arbeiten muss. Oh,
könnte doch die christliche Obrigkeit dieses Landes solche unmenschliche
Begegnung allezeit wissen, sie würde gewiss die Gerechtigkeit, die sie sonst
immer ausübt, auch hier ausüben. Sie hat wirklich schon in den wenigen Fällen,
die zu ihrer Kenntnis gekommen sind, exemplarisch gestraft. Könnte die edle
Ostindische Kompanie doch nur erfahren, wie unerhört man oft ihren Namen
missbraucht, sie würde zu ihrem Ruhme und zu ihrem Nutzen den Bösewichtern dies
schändliche Handwerk dadurch legen, dass sie selbst auf dem ostindischen Hause
diejenigen, die sich ihrem Dienste widmen wollen, öffentlich und freiwillig
annehmen und unter der Aufsicht redlicher Leute unterhalten und ausrüsten liesse.
Aber bis einst ein Menschenfreund die Stimme solcher Notleidenden zu den Ohren
derer bringt, die dem Elende bis in die geheimsten Winkel nachspüren und ihm
abhelfen können, wäre sehr zu wünschen, dass diese schreienden Ungerechtigkeiten
wenigstens in Deutschland nicht unbekannt blieben. Man sollte sie dort in den
Seestädten, auf allen Strassen, in allen Wirtshäusern, bei allen Zünften
bekanntmachen, man sollte auf den Kanzeln davor warnen. Denn die Bösewichter
schicken ihre Unterhändler nicht nur bis an die Stadttore Amsterdams, nicht nur
bis an die Grenze, sie schicken sie nach Hamburg, Bremen und Stade. Sie
gebrauchen unzählige Ränke, um den unvorsichtigen Seemann, den einfältigen
Handwerker, den treuherzigen Bauer in ihre Schlingen zu ziehen. Ich selbst bin
von ihnen aus Bremen durch die süssesten Vorspiegelungen weggelockt und in diesen
elenden Zustand gebracht worden; ich habe aber zur Vorsicht das Vertrauen, dass
er sich nun bald endigen wird.«
    Hier schwieg der Kranke aus Entkräftung, und Sebaldus war wieder seinen
traurigen Gedanken überlassen. Er blieb darin den ganzen übrigen Tag, die Zeit
ausgenommen, da eine sparsame Mahlzeit verzehrt wurde, die zugleich so
beschaffen war, dass kaum der härteste Hunger den Widerwillen dagegen bezwingen
konnte. Abends musste er sich unter den übrigen auf das elende Strohlager
hinstrecken.
    Den andern Morgen ward er wieder vor den Seelenverkäufer gebracht. Dieser
suchte ihn durch freundliches Zureden und durch starkes Getränk zur Unterschrift
zu verleiten. Da Sebaldus sich aber standhaft weigerte und aus seiner
ungerechten Gefangenschaft entlassen zu werden verlangte, so hiess es endlich: er
möchte vierzehn Gulden für Wohnung und Kost des gestrigen Tages zahlen, dann
könne er frei weggehen. Sebaldus, froh, griff in die Tasche; aber ein
angestellter Bube hatte ihm in der Nacht sein Geld gestohlen. Er ward nunmehr
hart angefahren und ihm nur noch bis auf den Abend Bedenkzeit gegeben; und als
er auch da noch bei seiner Weigerung blieb, ward er auf den Söller geführt, an
einen Pfosten gebunden und so lange unbarmherzig gegeisselt, bis die Schmerzen
ihn nötigten, endlich die verlangte Einwilligung zu geben.
    Er ward in den Keller zurückgebracht und konnte die ganze Nacht kein Auge
schliessen, teils wegen Schmerzen, teils wegen der Seufzer seines kranken
Nachbars, welcher mit dem Tode rang und gegen Morgen starb. Sebaldus fiel in die
stumpfe Fühllosigkeit, durch die der tiefste Jammer erduldet wird, und erwartete
sonder Bewegung, in welches unbekannte Land man ihn schleppen würde und welchem
unbekannten Elende er noch entgegensehen sollte.
    Indes verschafte der Tod des einen Unglücklichen den übrigen unvermutet
einige Erleichterung, denn der Geiz allein konnte den Seelenverkäufer etwas
menschlicher machen. Er glaubte ein Kapital verloren zu haben, indem er den
Verstorbenen sechs Wochen vergebens genährt hatte. Bei einigen Übergebliebenen
äusserten sich noch dazu Schwachheiten, wodurch die Furcht entstand, es möchte
ein ansteckendes Fieber unter ihnen einreissen. Dies bewirkte den Entschluss, sie
sämtlich, nachdem sie mit Wein und starken Getränken etwas erquickt worden,
frische Luft schöpfen zu lassen. Vorher ward jeder, der unterweges nur mucksen
würde, mit der schärfsten Strafe bedrohet; und so liess sie der Seelenverkäufer,
unter Begleitung sechs seiner Knechte und Unterhändler, ausgehen: wenn das
Schleichen solcher durch Krankheit und Kummer abgezehrten Gestalten noch Gehen
benennet werden kann. Mancher ehrliche Bürgersmann sah ihnen mit Mitleiden nach.
Hin und wieder zuckte ein Vornehmer über sie die Achsel und rief: »'s sind ja
nur Mofjes!« So zogen sie durch die schattigen Gänge der Plantage endlich zum
Muider-Tore hinaus, um auf dem Dyk nach Seeburg reine Luft zu geniessen.
    Sebaldus' Geist, obgleich von tiefem Elende niedergedrückt, erhob sich bei
Erblickung der Aussicht, die nirgend ihresgleichen hat: auf dem Y und auf der
Südersee tausend Segel, das ganze Gewühl des arbeitsamen Fleisses; auf der
Landseite grünende Wiesen und Gärten, die ruhige Schönheit der Natur.
    Die Gesellschaft warf sich ins Gras und ruhte eine Stunde lang, erquickt von
dem kühlen Wehen der Luft und dem frischen Geruche des federweichen Lagers.
Sebaldus, insonderheit an Geist und Körper erfrischt, brach, in der Fülle seines
Herzens, endlich in ein lautes Lob des Allmächtigen aus, der für seine
geplagtesten Kreaturen in den einfachsten Genuss seiner Schöpfung Trost und
Stärkung legte.
    Der Schall des Dankgebets erweckte die Aufmerksamkeit zweier Geistlichen,
die in der Gegend spazierengingen. Sie hatten vorher die unglückliche
Gesellschaft nur mit der allgemeinen Teilnehmung betrachtet, welche die
Menschenliebe keinem Elenden versagt. Jetzt traten sie näher, durch Sebaldus'
Stimme und Gebärden gerührt, ob sie gleich seine Worte nicht verstehen konnten.
Sie betrachteten ihn aufmerksam, besonders schien der Ältere von beiden sehr
bewegt, hob endlich die Hände empor, tat einen Ausruf und wollte auf den
Sebaldus zugehen. Der andere hielt ihn zurück, und man hörte, dass er sagte:
»Lasst es sein, Ihr würdet es sonst nur noch schlimmer machen.« Sie kehrten sich
darauf um und sprachen einander ins Ohr.
    Sebaldus, in frommer Entzückung, hatte diesen Vorfall nicht einmal bemerkt,
aber seine Gefährten fingen an, die Köpfe zusammenzustecken. Dies war genug für
die argwöhnischen Wächter, den ganzen Trupp sogleich aufstehen zu lassen und ihn
nach Hause zu führen. Die beiden Geistlichen, nachdem der Zug sich in etwas
entfernt hatte, folgten demselben von weitem bis an des Seelenverkäufers Haus,
das sie auf diese Art entdeckten.
 
                               Fünfter Abschnitt
Der Geistliche, welcher den Sebaldus anreden wollte, war niemand anders als der
rechtschaffene Prediger aus Alkmar. Er hatte wegen der Erbschaft eines Waisen
eine Reise nach Amsterdam tun müssen - und erblickte bei diesem zufälligen
Spaziergange den Mann, dessen Elend er schon einmal gemildert hatte, in noch
grösserer Not.
    Er war zu dessen abermaliger Errettung jetzt nicht minder tätig als vorher.
Es währte nicht eine Stunde, so hatte er schon bei dem Hoofd-Offizier Anzeige
getan und kam in Begleitung eines Gerichtsdieners in des Seelenverkäufers Haus,
den Sebaldus zu fordern. Nur um wenig Minuten hätte er später kommen dürfen, so
war seine menschenfreundliche Bemühung vergeblich. Denn da die Knechte wohl
merkten, dass die beiden Geistlichen, aller ihrer Vorsicht ungeachtet, dem Zuge
nicht ohne Ursach nachfolgten, so war der Seelenverkäufer eben im Begriffe zu
tun, was sonst geschah, wenn er eine Entdeckung befürchtete: nämlich in das Haus
eines seiner Mitgenossen den Gefangenen zu schicken, um ihn den Nachforschungen
der Obrigkeit zu entziehen. Auch jetzt sollte er verleugnet werden, aber der
Gerichtsdiener, der dieses Haus der Tyrannei schon kannte, liess sich durch keine
Einwendungen abweisen. Der Seelenverkäufer hatte daher kaum Zeit, in der grössten
Verwirrung in den Keller zu laufen, dem Sebaldus seinen Reisesack wiederzugeben
und auf die kriechendste Weise denselben fast fussfällig zu bitten, ihn nicht
unglücklich zu machen, als ihm schon der Gerichtsdiener mit dem Geistlichen
folgte. Der rechtschaffne Prediger umarmte den Sebaldus, und da er aus andern
Vorfällen die Gewohnheit eines solchen Hauses wohl kannte, so zahlte er sogleich
dem Seelenverkäufer ohne Einwendung eine beträchtliche Summe, die für das Elend
von sechs oder sieben Tagen gefordert ward. Aber sobald dieses geschehen, sagte
er ihm auch ins Gesicht, dass er alles anwenden würde, seine gewissenlose
Behandlung unschuldiger Menschen zur Bestrafung ans Licht zu ziehen. Er liess
sich weder durch des Seelenverkäufers vielfältige Entschuldigungen noch selbst
durch Sebaldus' Bitten zurückhalten. Er tat dem Hoofd-Offizier noch eine
ausführlichere Anzeige, worauf dieser, seinem Amte gemäss, auf dem Stadtause vor
den Schöppen den Seelenverkäufer anklagte. Sebaldus ward über alle Umstände der
erlittenen grausamen Begegnung vernommen. Der Seelenverkäufer ward in Verhaft
gezogen und nach völliger Untersuchung der Sache ins Raspelhaus gesetzt,
obgleich der Prediger vor Endigung des Prozesses nach Alkmar zurückreisen musste
und Sebaldus, frei von aller Rachbegierde, deshalb weiter keinen Schritt tat.
    Indes führte der Prediger den Sebaldus, sobald er ihn aus den Händen des
Bösewichts erlöset hatte, in das Haus seines Freundes, mit dem er vorher
spazierengegangen war. Dieser, ein mennonitischer Lehrer, ein Mann von Verstand
und Redlichkeit, stand mit den Kollegianten in Bekanntschaft, unterrichtete den
Sebaldus von der Verfassung dieser friedsamen Gesellschaft noch näher und ging
nun selbst mit ihm und dem luterischen Prediger in derselben gottesdienstliche
Versammlung. Da stimmten sie alle, die Verschiedenheit ihres Lehrbegriffs und
alle streitige Fragen vergessend, in gemeinsamer Andacht das Lob Gottes an und
betrachteten gemeinsam erkannte Wahrheit zu ihrer Erbauung. Eine Art des
Gottesdienstes, die Sebaldus' Wünsche ganz befriedigte.
    Nach der Versammlung begleiteten sie ihn, um das Empfehlungsschreiben aus
Rotterdam an den Kollegianten abzugeben, welcher krankheitshalber nicht zugegen
gewesen war. Er nahm den Empfohlnen als ein Vater und als ein Freund in sein
Haus auf, so dass derselbe bei dieser liebreichen Begegnung in kurzem seine
vorigen Widerwärtigkeiten vergass.
    Der Kollegiant war ein wohlhabender Mann, dabei aber auch von ausgebreiteter
Gelehrsamkeit und von edlen Gesinnungen, der seine Musse zum Besten der Wahrheit
und Tugend anwendete. Er hatte schon verschiedene schätzbare Werke auf seine
Kosten drucken lassen und eben jetzt eine gelehrte Zeitschrift angefangen, in
der Absicht, den Weg zu bahnen, dass gemeinnützige Religionsbegriffe von leeren
Schulspitzfindigkeiten gesondert würden. Er schrieb sie in lateinischer Sprache,
weil damals in Holland die Vorurteile für eine hergebrachte Ortodoxie noch so
stark waren, dass sich niemand so wie jetzt69 getrauete, Meinungen, die nicht im
Kompendium stehen, in der Landessprache vorzutragen. Denn die Gottesgelehrten in
allen Ländern lassen immer noch eher geschehen, dass man in der gelehrten Sprache
neue Meinungen und Zweifel für sie allein bekanntmache, um ihrer Streitkunst
eine stattliche Übung zu verschaffen, als in der Muttersprache, um gemeinnützige
Wahrheiten in die Gemüter aller Einwohner eines Landes zu verbreiten.
    Sebaldus, der die Arbeit liebte, erbot sich in kurzem selbst, seinem Wirte
in dessen Beschäftigungen behilflich zu sein. Er tat dadurch zugleich seiner
vorzüglichsten Neigung Genüge, Ideen, die ihm wichtig waren, zu entwickeln und
auszubilden.
    Der Kollegiant hingegen musste einen Mann bald liebgewinnen, dessen Neigungen
mit den seinigen so sehr übereinstimmten. Sie arbeiteten über verschiedene
Materien im Anfange gemeinschaftlich, bald aber blieb die Arbeit dem Sebaldus
allein überlassen, da die Krankheit des Kollegianten schnell zunahm. Der
rechtschaffene Mann ward immer schwächer und starb nach einigen Monaten. Vorher
noch vermachte er seinem Freunde den Vorrat und das Verlagsrecht seiner
sämtlichen Werke, besonders der gelehrten Zeitschrift, welche anfing Aufsehen zu
machen und daher sehr viel gelesen ward.
    Sebaldus beweinte von Herzen den Tod seines Freundes und Wohltäters. Ob er
gleich dessen Umgang sehr vermisste, so war doch nun sein Zustand ganz seinen
Wünschen gemäss. Er hatte durch den Verkauf der ihm vermachten Werke und durch
die Fortsetzung der periodischen Schrift ein zwar sehr mässiges, aber für ihn
hinlängliches Auskommen, war unabhängig, konnte seine Lieblingsneigung, die
Spekulation, befriedigen, konnte in Frieden seiner Überzeugung gemäss Gott dienen
und war noch nicht wegen Religionsmeinungen angefeindet worden.
    So wünschenswert nun diese Lage war, so schien es doch Sebaldus' Schicksal
zu sein, dass er, wenn er am meisten Nutzen zu schaffen glaubte, durch einen
gering scheinenden Zufall selbst Gelegenheit geben musste, seinen Zustand zu
verschlimmern.
    Er hatte schon beim Leben seines Wohltäters sich in der holländischen
Sprache festzusetzen gesucht. Nachher trieb ihn die Einsamkeit langer
Winterabende auf die Lesung engländischer Bücher, die er schon in seiner Jugend
geliebt hatte. Er fand unter andern ein Buch70, dessen Inhalt ihm grösstenteils
so wohl gefiel, dass er auf den Gedanken kam, es zu übersetzen, weil er meinte,
dass es auch den Holländern nützlich sein könnte.
    Er beschäftigte sich einige Monate lang mit dieser Arbeit; und da er meist
damit fertig war, ging er zu Mynheer van der Kuit, dem Buchhändler, der bisher
den Verkauf der sämtlichen Werke des verstorbenen Kollegianten und auch des
gelehrten Tagebuchs besorgt hatte, um ihm diese Übersetzung zum Verlage
anzubieten.
    Van der Kuit unterliess nicht, die gewöhnlichen Schwierigkeiten zu machen:
dass er mit Verlag überhäuft, dass der Handel gefallen sei, dass Druck und Papier
immer teurer werde, dass man vorher etwas von dem Werke sehen, dass man es
allenfalls gelehrten Leuten zur Prüfung übergeben und besonders dass man, der
Kunstrichter wegen, erforschen müsse, ob nicht wider die Reinigkeit der
holländischen Sprache gefehlet sei.
    Auf diese Erklärung zog Sebaldus einige Hefte seiner Übersetzung aus der
Tasche. Indem dieses geschah, trat Domine de Hysel, ein gelehrter reformierter
Prediger, herein, welchen Sebaldus kannte, weil er ihn oft im Buchladen gesehen
hatte. Sebaldus erbot sich also, beiden etwas von seiner Arbeit vorzulesen. Sie
traten sämtlich in die Schreibstube des Buchhändlers, und der Übersetzer las wie
folget:
 
                               Sechster Abschnitt
»Dass viele Prediger alle Neununddreissig Artikel71 beschwören, ohne sie alle zu
glauben, liegt am Tage, und man muss es entschuldigen. Wer ein Hausvater ist und
sich und seine Familie um ungerechter Formalien willen nicht in die bitterste
Not stürzen will, sei von mir nicht verdammt. Verdamme ihn ein harterziger
Rechtgläubiger, wenn er's vermag!
    Aber wie steht's um die Wahrheit? Muss die noch immer weg den Neununddreissig
Artikeln nachstehen? Wäre es nicht die Pflicht der gesetzgebenden Macht, zu
sorgen, dass durch keine Formulare die Ausbreitung der Wahrheit gehindert werde,
und sollten die Bischöfe nicht selbst die Hand dazu bieten? Wenn jene Artikel
die Kette sind, welche die äusserste Weite misst, worin der Verstand eines
Geistlichen sich bewegen darf, so ist es vergeblich, nach Wahrheit zu forschen.«
                                       *
»Ist's nicht höchst seltsam, dass man denjenigen, welche sich über die Strenge
der Neununddreissig Artikel beklagen, vorsagen will, ihre Klage sei ungerecht?
Denn, heisst es, nachdem sie die besten Jahre ihres Lebens angewendet haben, um
sich zu einem geistlichen Amte geschickt zu machen, dürfen sie ja nur kein
geistliches Amt suchen oder es niederlegen, wenn sie es schon angetreten haben.
    Dies ist also die Gnade, die man uns anbietet? Die Uniformitätsakte
verursachte, dass im Jahre 1662 am Bartolomäustage an zweitausend dissentierende
Prediger auf einen Tag ihr Amt niederlegten, daher zweitausend Familien ohne
Brot und zweitausend Gemeinden ohne Gottesdienst waren. Einen solchen
Bartolomäustag für England, so traurig als für Frankreich die
Bartolomäusnacht, wünscht Ihr also wieder, die Ihr so kalt daherplaudern könnt:
damit gar kein Gewissenszwang da sei, wäre nur nötig, dass jeder, der nicht
nachbeten will, sein Amt niederlege. Das nennt Ihr Schonung der Dissenter? Das
nennt Ihr Toleranz und Sanftmut?
    Bei Gott, diese Sanftmut der Verteidiger der Neununddreissig Artikel gemahnt
mich wie die Schonung der Rabbinen, die dem Verurteilten nur neununddreissig
Streiche geben. Wahrlich, ob er gleich den vierzigsten nicht bekommt, so
schmerzt doch deshalb keiner von den neununddreissigen weniger.«
                                       *
»Die Schriftgelehrten - gleich den scholastischen Philosophen - - haben von
jeher ihre Lehrgebäude so künstlich angelegt, dass jeder das seine trotz aller
Widerlegung beweisen kann. Sie gleichen Bergschlössern, die noch dazu mit hohen
Wällen und tiefen Graben umgeben sind, so dass derjenige, der darin ist, sich
ewig verteidigen und derjenige, der draussen ist, sie nimmer mit Vorteile
angreifen kann. Aber wie, wenn wir diese Festungen, die uns eigentlich nichts
hindern, liegenliessen und mit der gesunden Vernunft geradezu ins Land drängen?
Die Priester hatten bis ins sechzehnte Jahrhundert ihr System in gar künstliche
dialektische Schlingen verwickelt. Luter liess sie und ging gerade auf die
Bibel, die er allen, die lesen konnten, in der Landessprache in die Hände gab.
Die fleissige Lesung dieses Buchs erwärmte das Herz und erleuchtete den Verstand
dadurch, dass sie das Nachdenken beförderte. Wollen wir auf einem gleichen Wege
nicht weiter fortgehen? Freies Nachdenken und Überlegen führen sicherer zur
Wahrheit als spitzfindige Lehrgebäude.«
                                       *
»Man setzet immer die Vernunft der Offenbarung entgegen. Dies mag der nötig
finden, der an eine unerklärliche Teopneustie glaubt. Ich hoffe aber, es sei
niemand jetzt mehr so einfältig, sich einzubilden, Gott habe die heiligen Bücher
unmittelbar und übernatürlich eingehaucht. Es sind Bücher, welche zu schreiben
Vernunft hat müssen angewendet werden und zu deren Lesen und Verstehen auch
Vernunft gehört.«
                                       *
»Samuel Werenfels72, einer der gelehrtesten und rechtschaffensten
Gottesgelehrten in der Schweiz, schrieb in seine Bibel:
    Hic liber est, in quo sua quaerit dogmata quisque;
    Invenit et pariter dogmata quisque sua.
Dass dieses wahr sei, lehret die Kirchengeschichte aller Sekten. Wer viel und wer
wenig glaubt, der Rechtgläubige wie der Schwärmer suchen und finden ihre Lehre
in der Bibel. Wie nun? Ich meine, was geschehen ist, sei nicht ohne weise
Absichten der göttlichen Vorsehung geschehen. Gott hat aber weder das Alte
Testament noch das Neue Testament selbst unmittelbar aufgezeichnet. Er hat gute
Leute ausersehen, welche Bücher geschrieben haben, die durch verschiedene
Vorfälle bei einem grossen Teile des menschlichen Geschlechts in solches Ansehen
kamen, dass derselbe aus ihnen seine Pflichten hat kennenlernen wollen. Die
Bücher aber sind so eingerichtet, dass diese Erkenntnis nicht ohne Betrachtungen
und Schlüsse, folglich nicht ohne Nachdenken erlanget werden kann. Also sind
diese Bücher insofern eine Quelle der Wahrheit, als sie das Nachdenken über
Wahrheit befördern. Mögen immer die Schlüsse und Folgerungen aus denselben
verschieden sein! Wenn sie nur alle zuletzt in gemeinsame Wahrheit
zusammenfliessen, wollen wir uns gern beruhigen. Der heilige Hieronymus73 hat
schon gesagt: Das Wort Gottes ist eine Perle. Jawohl, eine Perle! Denn gleichwie
die Künstler die Perlen, wo es ihnen gut dünkt, durchbohren, so haben alle
Sekten Gottes Wort nach ihrem Sinne ausgelegt - und es auf den Faden ihres
Lehrsystems gereihet.
    Die heiligen Bücher sollen mir beständig Quellen des Nachdenkens über
Wahrheit bleiben; aber nie werde ich den verdammen, der andere Quellen des
Nachdenkens über Wahrheit zu finden glaubt, besonders wenn er mit mir auf
gleiche gemeinsame Wahrheit zurückkommt. Verdamme, wer will, fast ganz Asien und
Afrika und den grössten Teil von Amerika. Millionen ihrer Einwohner kennen diese
Bücher nicht; und doch hat sie der allgemeine Vater gewiss nicht ohne Wahrheit
und ohne Glückseligkeit, die Folge derselben, lassen wollen.«
                                       *
»Wenn ich in den heiligen Büchern eine Stelle finde, in welcher von einem Gott
die Rede ist, und lese, erst nach Jahrhunderten sei gefunden worden, dass ein
durch ein zu dünnes Pergament durchgeschlagener Querstrich74 diesen Gott
veranlasst hat - wenn ich lese, dass nach Jahrhunderten entdeckt worden, es habe
sich ein nicht75 in den Text geschlichen, so dass anstatt der nicht sündigenden
die sündigenden verstanden werden müssen: bin ich verdammenswert, weil ich
glaube, die blossen Buchstaben einer Offenbarung, welche so vielen Veränderungen
unterworfen waren, über deren wahre Lesarten man noch nicht einig ist, können
nicht bloss und allein den Grund der Wahrheit und meiner künftigen Glückseligkeit
entalten?
    Wenn ich in der Kirchengeschichte lese, man habe jahrhundertelang
gestritten, welche Bücher kanonisch sein sollten und welche nicht - wenn ich
finde, dass der Kanon auf Konzilien bestimmt worden, und aus der
Kirchengeschichte weiss, wie die Konzilien beschaffen waren - wenn ich das Buch
des weisen Sirach unter den apokryphischen und ein anderes Buch voll mystischer
Bilder unter den kanonischen finde: kann ich mich entalten, zu zweifeln und
weiter zu untersuchen? Und was kann ich dazu brauchen als meine Vernunft, die
auch eine Gabe Gottes ist?
    Wenn ich in einem der geoffenbarten Bücher lese76: Wer übertritt und bleibet
nicht in der Lehre Christi, der hat keinen Gott ... So jemand zu euch kömmt und
bringt diese Lehre nicht, den nehmet nicht zu Hause und grüsset ihn nicht, denn
wer ihn grüsset, der macht sich teilhaftig seiner bösen Werke - wenn ich in einem
andern lese77: Der HErr brachte um, die da nicht glaubeten: bin ich
verfluchenswert, weil ich nicht mit blindem Köhlerglauben alles annehme, wie es
buchstäblich dastehet, sondern vermeine, dass in diesen Büchern vieles nicht für
die allgemeine Menschheit, vieles nicht für mich geschrieben sei, aber dennoch
alles das Gute und Nützliche, was ich in diesen Büchern finde, zu der Masse der
Erkenntnis schlage, die ich aus Natur und Erfahrung geschöpft habe?«
                                       *
»Wenn ich zurückdenke, was man ein paar Jahrtausende lang mit der Bibel
vorgenommen hat, um alles, was man wollte, darin zu finden, so muss ich
erstaunen. Man hat sie dogmatisch, exegetisch, typisch, mystisch, prophetisch
erklärt. Man hat sie übersetzt und kommentiert, parallelisiert und analysiert,
abgekürzt und wieder paraphrasiert!
But tat's78 no news to the poor injur'd page;
It has been us'd as ill in every age, -
And is constrain'd wit patience all to take,
For what defence can Greek and Hebrew make!«
                                       *
»Ist zwischen blindem Glauben an die Offenbarung und schändlichem Unglauben gar
kein Mittelweg? Ist jeder Freidenker verwünschenswürdig? O Waterland! Waterland!
79 Wenn du gleich den Biedermann Herbert und den Sittenlehrer Shaftesbury mit
Rochester, Eterege und Villiers in eine Klasse wirfst, glaube mir, es kommt
eine Zeit, wo weise Gottesgelehrten einem Tindal den Beweis, dass das Christentum
so alt als die Welt ist, verdanken werden.«
                                       *
»Das folgende Kapitel soll Doktor Pococke in einem zu Kairo befindlichen Kodex
anstatt des 22. Kap. des I. Buchs Mose gefunden haben. Kanonisch oder nicht, ich
gebe das erste bis neunte Kapitel des ersten Buchs der Chroniken dafür.
1. Nach diesen Geschichten begab sich's,
dass Abraham sass in der Tür seines Hauses,
da der Tag am heissesten war.
2. Und siehe, ein Mann kam von der Wüsten her.
Er war gebückt vor Alter,
und sein schneeweisser Bart hing ihm bis auf seinen Gürtel
und er lehnete sich auf einen Stab.
3. Und da ihn Abraham sah, stand er auf
und lief ihm entgegen von der Tür seiner Hütte und sprach:
4. Komm herein, ich bitte dich.
Man soll dir Wasser bringen, deine Füsse zu waschen,
und du sollst essen und die Nacht bleiben,
morgen aber magst du deinen Weg ziehen.
5. Und der Mann sagte:
Nein, ich will unter diesem Baume bleiben.
6. Aber Abraham bat ihn sehr;
da wandte er sich und ging in die Hütte.
7. Und Abraham trug auf Butter und Milch und Kuchen,
und sie assen und wurden satt.
8. Da aber Abraham sah, dass der Mann nicht Gott segnete,
sprach er zu ihm:
Warum ehrest du nicht den allmächtigen Gott,
den Schöpfer des Himmels und der Erden?
9. Und der Mann sprach: Ich ehre nicht deinen Gott,
auch rufe ich seinen Namen nicht an;
denn ich habe mir selbst Götter gemacht,
die in meinem Hause wohnen
und hören mich, wenn ich sie anrufe.
10. Und Abrahams Zorn entbrannte gegen den Mann,
und er stand auf und fiel auf ihn
und trieb ihn fort in die Wüsten.
11. Und Gott rief Abraham; und er antwortete:
Hie bin ich!
12. Und der Herr sprach:
Wo ist der Fremdling, der bei dir war?
13. Und Abraham antwortete und sprach:
Herr, er wollte dich nicht ehren und deinen Namen anrufen,
darum habe ich ihn von meinem Angesichte getrieben in die Wüsten.
14. Und der Herr sprach zu Abraham:
Habe ich ihn nicht ertragen diese hundertundachtundneunzig Jahre
und habe ihm gegeben Nahrung und Kleider,
ob er sich gleich gegen mich auflehnet,
und du konntest ihn nicht eine Nacht ertragen?
15. Und Abraham sprach:
Lass den Zorn des Herrn nicht entbrennen gegen seinen Knecht.
Siehe, ich habe gesündigt,
vergib mir, ich bitte dich.
16. Und Abraham stand auf und ging fort in die Wüsten
und rief und suchte den Mann und fand ihn
und kehrte mit ihm zurück in seine Hütte
und tat ihm gütlich,
und den andern Morgen früh liess er ihn ziehen in Frieden.«
                                       *
»Doktor Tornton sagt in seiner Verteidigung der Neununddreissig Artikel: Zu
behaupten, es sei nicht nötig, dass die Meinungen der Prediger mit den
symbolischen Büchern übereinstimmen müssten, würde ebenso ungereimt sein, als zu
behaupten, es sei besser, dass die Decken auf den viereckigen Tischen, welche
mitten in unsern Zimmern stehen, schief und zipfelig lägen als gerade und
rechtwinklig. - Wahr ist's, zu den Zeiten der Königin Elisabet war unser
Religionssystem wie unsere Philosophie einem unansehnlichen viereckigen Tische
ähnlich, den wir dennoch mitten im Zimmer stehenliessen. Er hatte also die Decke
sehr nötig, und sie passte auch ganz wohl darauf. Aber seit einiger Zeit sieht
man, besonders bei Leuten nach der Welt, gar keine Tische in der Mitte des
Zimmers, sondern an den Wänden zierlich ausgeschweifte Marmorplatten, die auf
vergoldeten Füssen ruhen. Die bedürfen aber keiner Decke, und wollte man die alte
Decke darauf legen, so würde sie ebendeswegen zipfelig hangen, weil sie
viereckig ist. Hat aber noch jemand einen Tisch nach der alten Art in seinem
Zimmer, der lege meinetwegen auch die alte Decke darauf.«
                                       *
»Der du einen neuen, geraden Weg bahnen willst, höre mich! Du wirst auf Hügel
stossen. Lass dich keine Mühe reuen, sie abzutragen, um den schönen Weg nach der
Schnur zu führen. Aber wenn dein neuer Weg auf ein Haus stösset, reiss es nicht
um, solange Menschen darin wohnen; achte nicht, dass der Weg lieber etwas
gekrümmt daneben weggehe! Es kommt in der Zukunft wohl noch eine Zeit, dass das
Haus wegen Baufälligkeit oder aus andern Ursachen neu muss gebauet werden;
alsdann wird ein kluger Mann nicht versäumen, es auf eine andere Stelle zu
setzen und den Weg ganz gerade zu machen. Sei mit dem zufrieden, was du nach dem
Masse deiner Kräfte und der Umstände hast tun können, und überlass das übrige der
Nachkommenschaft.«
 
                              Siebenter Abschnitt
Hier hielt Sebaldus mit Lesen inne und fragte seine beiden Zuhörer, was ihnen
von dem Buche dünke.
    Van der Kuit antwortete: »Hm, solch Buch sollte sich wohl verkaufen« und sah
dabei mit sonderbar schlauer Miene den Domine an.
    Domine de Hysel versetzte mit niedergeschlagenen Augen:
    »Das mag mein Herr van der Kuit am besten verstehen.«
    Van der Kuit tat noch einige Fragen, um den Domine auszuholen. Dieser aber
wich aus, kam auf eine andere Rede, fragte, ob von Sebaldus' Journale nicht ein
neues Stück herausgekommen sei, sah nach seiner Uhr, sagte, er müsse eilen,
empfahl sich und ging fort.
    Sebaldus liess seine fertigen Hefte in den Händen des Buchhändlers, bat ihn,
die Sache zu überlegen, und weil eben einer der ersten Frühlingstage war, machte
er, sehr zufrieden, seinen Lieblingsspaziergang auf dem Dyk nach Seeburg, um
sich an der Aussicht auf das Y zu laben.
    Der Buchhändler, nachdem er sowohl den Domine als den Sebaldus bis vor die
Tür seines Ladens begleitet hatte, ging bedächtig in seine Schreibstube zurück,
um zu überlegen, ob nicht eine Spekulatie zu machen sei.
    Mynheer van der Kuit war ein Buchhändler, der das Handwerk verstand, und
trieb es auch als ein Handwerk. Ein Buch sah er als ein Ding an, das verkauft
werden könnte; weiter kümmerte ihn nichts dabei. Aber hierzu wusste er auch alle
Vorteile zu suchen und, noch besser, sich dabei vor allem Nachteile zu hüten.
dabei bemühte er sich nicht etwa um kleine gemeine Vorteile: zum Beispiel für
ein neues Buch einen pfiffigen Titel zu ersinnen, über ein verlegenes Buch nebst
einer neuen Jahrzahl einen neumodischen Titel zu schlagen, sich des
Verlagsrechts eines zu übersetzenden Buches dadurch zu versichern, dass man es
ankündigt, ehe es noch im Originale erschienen ist, und dergleichen mehr. Nein!
Mynheer van der Kuit spekulierte ins grosse. Er war von weitem her achtsam auf
alles, was ihm einmal dienen könnte, und tat, als ob die Leute, die er zu nichts
zu nutzen wusste, ja selbst als ob die Bücher, die er nicht hatte, nicht in der
Welt wären. Sein Hauptgrundsatz war, was er selbst brauchen könne, müsse ein
anderer nicht haben. Hierzu wusste er, oft durch die vierte Hand, Maschinen in
Bewegung zu setzen und konnte nachher ganz unbefangen dabei aussehen, als ob ihm
die Sachen so ganz natürlicherweise in die Hände gelaufen wären. Es ist wahr, er
handelte dabei nicht allemal ganz genau nach den gewöhnlichen Grundsätzen der
Ehrlichkeit und der Menschenliebe. Er hatte aber seine Partie dergestalt
genommen, dass er von Ehrlichkeit und Menschenliebe ganz fein zu reden wusste; und
da man ihm weder die Ehrlichkeit absprechen konnte, dass er seine Schulden
richtig bezahlte und auch ebenso pünktlich eintrieb, noch die Menschenliebe, dass
er keinen Bedürftigen ohne Almosen weggehen liess, wenn jemand zugegen war, und
keinen Schuldner verklagte, von dem er vorher sah, dass er nicht würde bezahlen
können, so stand keinesweges zu beweisen, dass er mit seiner Schlangenklugheit
nicht auch die Falschlosigkeit einer Taube verbinde.
    Dieser Mann hatte lange mit Widerwillen angesehen, dass er bei dem Drucke der
so gut verkäuflichen Werke des Kollegianten nichts als nur der Namenleiher sein
sollte. Besonders war ihm dieses bei dem gelehrten Tagebuche aufgefallen, wovon
er monatlich eine grosse Anzahl Exemplare absetzte, zu seinem Missvergnügen, weil
ihm bei jedem Exemplare einfiel, dieses Werk sollte eigentlich sein Eigentum
sein und nicht des Kollegianten, der dabei nur die Kleinigkeit tat, dass er es
schrieb. Indes da der Kollegiant ein reicher und angesehener Mann war und der
eine zahlreiche Bibliotek hielt, so musste van der Kuit schon sein Missvergnügen
in sich schlucken. Da aber Sebaldus, ein armer unbekannter Fremdling, das
Eigentum dieses Werks erhielt, sah der erfahrne Buchhändler keinen Grund, warum
er mit demselben ferner ebensoviel Nachsicht haben sollte. Er setzte also bei
sich fest, er müsse dieses Werk einst ganz an sich ziehen. Zu diesem Behufe
hatte er dem Sebaldus einige wohlausgesonnene Vorschläge getan, welche dieser,
der in Geschäften ziemlich kurzsichtig war, sich sehr leicht würde haben
gefallen lassen; wenn nicht van der Kuit, der zu viel Absichten auf einmal
erreichen wollte, ihm zugleich ein paar Mitarbeiter hätte aufdrängen wollen, die
zwar nach van der Kuit's, nicht aber nach Sebaldus' Absichten würden gearbeitet
haben. Er bekam also eine ausdrückliche abschlägige Antwort. Diese
Widerspenstigkeit eines Autors brachte ihn nicht wenig auf und bestärkte ihn in
seinem löblichen Entschlusse, das Journal zu besitzen und zugleich es nach
eigenem Gefallen zu regieren.
    Dieser Plan lag ihm beständig im Sinne, zumal da er seine Ehre dabei
interessiert glaubte, nachdem einmal ein Schritt deshalb von ihm getan war. Da
er nun jetzt über das Schicksal von Sebaldus' Übersetzung spekulierte und
einesteils wohl erwog, sie möchte verkäuflich sein, andernteils aber auch
Verdriesslichkeiten mit der Geistlichkeit besorgte, durch deren Kundschaft er so
manche schöne uitlegkundige Vermaaklykheeden, Verklaaringen und Leer-Reeden
verkaufte, so konnte er mit sich gar nicht einig werden, wie der Gewinn davon
mit rechter Vorsicht und doch unbeschnitten könnte erlangt werden.
    Mit einem Male fing seine Spekulation an, einen andern Weg zu nehmen. Er
hängte das Angesicht, krümmte die Unterlippe, legte den Zeigefinger der linken
Hand an die Nase, und endlich schien es ihm ganz natürlich vor Augen zu stehen,
dass durch diese Übersetzung, auch wenn sie nicht gedruckt würde, das gelehrte
Tagebuch sein Eigentum werden müsste. Diese wichtige Entdeckung machte ihn
unruhig; er ging aus seiner Schreibstube in den Laden, aus dem Laden in die
Schreibstube, schnalzte mit den Fingern, rückte die Perücke, zog die Beinkleider
auf, rieb sich die Hände, eilte mit Sebaldus' Übersetzung nach Hause, die er,
ohne ans Abendessen zu denken, ganz durchlas, die nötigen Stellen mit einem
Kniffe bezeichnete, sein Projekt nochmals durchdachte und sich darauf voller
Zufriedenheit zu Bette legte.
    Den folgenden Tag, bei früher Morgenzeit, verfügte er sich zu Domine de
Hysel, dem er die ganze Übersetzung vorlegte und ihm zugleich die Beschaffenheit
des Buchs erklärte. Er las ihm jede angezeichnete Stelle, worin er eine derbe
Ketzerei zu finden vermeinte. Er versicherte, er wisse, dass Sebaldus gefährliche
Absichten gegen die Landesreligion im Schilde führe und dass er ein Socinianer
sei. Er suchte zugleich den Domine zu bewegen, dieses gefährliche Buch der
Obrigkeit anzuzeigen. Oder, wenn man aus Menschenliebe dies noch unterlassen
wollte, so gab er zu verstehen, der Domine werde doch in seiner Gegenwart dem
Sebaldus das Gewissen rühren wegen der gottlosen Meinungen, die, wie er
vernommen, auch schon hin und wieder in dem Journale zutage lägen und, wenn
dieses, wie zu befürchten wäre, nicht helfen sollte, allenfalls bei der
Obrigkeit zeugen, dass er einen Teil dieses bösen Buchs vorlesen hören und dass es
habe zum Drucke befördert werden sollen.
    Mynheer van der Kuit hoffte den besten Erfolg von dieser wohlausstudierten
Rede. Wider Vermuten aber antwortete Domine de Hysel auf verschiedene Fragen gar
nichts und erklärte endlich mit zerstreuter Miene, dass er gestern wirklich nicht
recht achtgegeben habe, als das Heft vorgelesen worden. Im Grunde sei manches
doch auch nicht so schlimm und könne besser ausgelegt werden, ob er's gleich
auch nicht verteidigen wolle. Da das Buch noch nicht gedruckt sei, wäre es
ohnedies zu hart, die Bestrafung von der Obrigkeit zu verlangen. Er dürfe dem
Herrn Notanker ja nur den Verlag abschlagen - welches er ihm zwar auch nicht
eigentlich raten wolle. - Kurz, er bäte ihn, zu glauben, dass er gestern gar
nicht achtgegeben habe, und niemand ihre heutige Unterredung zu entdecken. - Er
könne sich nicht wohl in die Sache mischen. Und bei diesem allen liess er
deutliche Zeichen der Verlegenheit merken.
    Van der Kuit konnte gar nicht begreifen, wie die Entdeckung eines Ketzers
auf diesen rechtsinnigen Geistlichen so wenig Eindruck machen könne, denn er
hatte gewiss geglaubt, ihn ganz bei seiner Schwäche zu fassen. Da er nun merkte,
dass der Beistand verfehlt war, den er gewiss von dem Domine zu erhalten hoffte,
und nicht dienlich fand, demselben die wahre Ursache seines Antrags näher zu
erklären, so ging er, nachdem er sich dienstlich empfohlen, ziemlich betroffen
zur Tür hinaus.
    Wollte der geneigte Leser etwa aus diesem Vorfalle schliessen, dass Domine de
Hysel heimlich heterodoxe Gesinnungen geheget, so würde er sich irren; denn der
Domine wollte an keinem einzigen Schlusse des Dordrechtschen Synods etwas
geändert wissen.
    Wollte man etwa vermeinen, der Domine habe die Meinungen des Buchs für
unschädlich gehalten und geglaubt, man könne sie dulden, so würde man noch das
rechte Ziel nicht treffen; denn er war gar nicht geneigt, sie zu billigen.
    Kurz, um alles zu erklären, darf man nur wissen, dass Domine de Hysel, so wie
mehrere ehrwürdige Männer, sich bloss deswegen mit teologischen Studien
beschäftigt hatte, um ein geistliches Amt zu erhalten. Da nun dieser Zweck
erreicht war, bekümmerte er sich, seine notwendigsten Amtsgeschäfte ausgenommen,
um geistliche Angelegenheiten ganz und gar nicht und war daher gegen Ortodoxie
und Heterodoxie, gegen Duldung und Verfolgung eigentlich völlig gleichgültig. Er
würde durch Aufmerksamkeit auf diese Dinge auch nur an seiner
Lieblingsbeschäftigung, an dem süssen Umgange mit den lieblichen Musen Latiens,
gehindert worden sein; denn er wendete alle seine Zeit auf das Studium der
lateinischen Sprache, die er in gesuchter Reinigkeit schrieb. Besonders machte
er die zierlichsten lateinischen Gedichte, und er hatte kürzlich einen Band
davon drucken lassen, wovon er nur vor acht Tagen dem ehrlichen Sebaldus als
Verfasser eines gelehrten Journals ein schön gebundenes Exemplar gesendet hatte,
mit einer hineingeschriebenen Carmine elegiaco abgefassten Epistel ad Sebaldum
Aporiagkyrobolion V. Cl. Nun befürchtete er, dass wenn er sich in diese Sache
mengen wollte, wovon er ohnedies keinen Zweck absah, könnten seine Gedichte, für
die er eine grosse Zärtlichkeit hegte, einem widrigen Urteile ausgesetzt sein;
daher hielt er's fürs sicherste, in dieser Sache nicht mit zu erscheinen.
    Übrigens sagte er darin keine Unwahrheit, dass er vorigen Tag auf Sebaldus'
Vorlesung nicht achtgegeben habe; denn da er kein Liebhaber von Prose, am
allerwenigsten von holländischer war, so hatte er während dem Lesen eine
sapphische Ode auf den Dordrechtschen Synod zu Ende bringen wollen, wozu ihm
noch ein paar Ausgänge von Strophen fehlten. Wirklich vernahm er also damals
wenig von dem Inhalte der Handschrift und wusste es jetzt dem Buchhändler
schlechten Dank, dass er ihn damit bekannt machte; ja er würde sich vor demselben
haben verleugnen lassen, wenn er dessen Anbringen nur hätte vermuten können.
    Van der Kuit ging voll Kopfschüttelns über seine fehlgeschlagene Erwartung
nach Hause, als ihm plötzlich einfiel, dass noch nichts verloren wäre, wenn
Sebaldus nur glauben wollte, dass Domine de Hysel wirklich gesagt hätte, was van
der Kuit wünschte, dass er gesagt haben möchte. Er kehrte wieder um und ging zum
Sebaldus, den er nach dem gestrigen Spaziergange und einem ruhigen Schlafe
wohlbehaglich bei Durchlesung eines neuen Buchs antraf, worin er so viel gute
Gedanken, so viel menschenfreundliche Gesinnungen fand, dass dadurch sein Herz zu
allen angenehmen Eindrücken geöffnet war.
    Der Buchhändler erzählte ihm gleich, mit angenommener ängstlicher Miene, dass
Domine de Hysel erst die Handschrift und nachher ihn selbst habe zu sich holen
lassen, dass er ihm darin viel gottlose Meinungen gewiesen und sich hoch
vermessen habe, den Übersetzer bei der Obrigkeit anzugeben, um ihn zur Strafe zu
ziehen.
    Eine schreckliche Nachricht macht desto stärkern Eindruck, je mehr das Gemüt
vorher dem Vergnügen geöffnet gewesen. Sebaldus war daher ganz betäubt; und da
van der Kuit fortfuhr, grässliche Märchen zu lügen, von der Strenge, womit man in
diesem Lande gegen die Ketzer verfahre, dass man sie in Zuchtäuser bringe, zur
Festungsarbeit anschmiede, in entfernte Kolonien verbanne und dergleichen mehr,
so ward der gute Mann, der in Weltändeln völlig unerfahren war und sich nie um
die Verfassung irgendeines Landes bekümmert hatte, ganz ausser Fassung gebracht.
Es stellten sich ihm zugleich Dwanghuysen, Puistma, der Seelenverkäufer,
Stauzius, Wulkenkragenius, der Präsident und alle widrige Begebenheiten seines
Lebens so schreckenvoll dar, dass er den treulosen van der Kuit bei der Hand
ergriff und ängstlich ausrief:
    »Ach, mein Gott, was ist das! Könnte ich doch nur aus diesem grausamen Lande
entfliehen, ich wollte gehen, so weit mich meine Füsse tragen könnten.«
    Van der Kuit war eigentlich nur willens gewesen, da er Sebaldus' geringe
Weltkenntnis übersah, ihn durch einen eingebildeten Rechtshandel so in
Verlegenheit zu bringen, dass er sich ganz in seine Arme werfen müsste, wodurch
denn der Zweck wegen des Tagebuchs und der unterzuschiebenden Mitarbeiter desto
leichter zu erlangen sein müsste. Da ihm aber Sebaldus aus übertriebener
Ängstlichkeit noch ein sichereres Mittel an die Hand gab, so fasste er, als ein
weltkluger Mann, gleich dessen Gedanken auf und sagte mit treuherzig scheinender
Miene, er glaube in der Tat, es sei für ihn kein Heil als in einer schnellen
Flucht zu finden.
    »Freilich«, rief Sebaldus, herzlich beklemmt, »ich muss weg! Aber wohin? Wie
soll ich so schnell und auch unerkannt aus dem Lande kommen? Ich weiss weder Weg
noch Steg, habe auch kein Geld! Nach Ostindien zu gehen, habe ich allen Mut
verloren. Nach Deutschland? Wie soll ich dahin zurückkommen? Grosser Gott, was
wird aus mir werden.«
    Diesen Zeitpunkt nahm van der Kuit wahr, ihn mit vielen schönen Worten zu
versichern, dass ein jeder ehrlicher Mann dem andern beistehen müsse. Er setzte
hinzu, er wolle mit ebender Ehrlichkeit und Freundschaft, womit er ihn vor
Unglücke gewarnt habe, ihm nicht allein zur Flucht nach Deutschland behilflich
sein, sondern sogar auch mit Gelde helfen, wenn ihm Sebaldus nur den Vorrat und
das Verlagsrecht der Werke des Kollegianten, besonders des gelehrten Tagebuchs,
abtreten wolle. Sie wurden bald um etwa hundert Gulden einig, worüber van der
Kuit, mit der ihm eignen Tätigkeit in Geschäften, sogleich eine Verschreibung
aufsetzte und auch unverzüglich das Geld auszahlte.
    Darauf eilte van der Kuit dienstfertigerweise, den Sebaldus unter fremdem
Namen auf die Post nach Arnheim einschreiben zu lassen, ging auch hernach nicht
einen Augenblick von ihm, bis er ihn den andern Morgen früh um sechs Uhr nach
dem Cingel80 gebracht hatte und ihn und sein weniges Gepäck wohlbehalten auf dem
Postwagen sah.
    Sebaldus fuhr in grosser Herzensangst fort und sah sich beständig um, ob
nicht ein Wagen mit Gerichtsdienern hinter ihm käme, um ihn einzuholen. Diese
heftige Gemütsbewegung hatte auf seine Gesundheit einen solchen Einfluss, dass er
abends ein heftiges Fieber hatte, als er in Arnheim ankam. Er wollte sich
dennoch, der eingebildeten Gefahr wegen, nicht einen Augenblick aufhalten.
Gleichwohl war es zu spät, annoch wieder aus der Stadt zu kommen; er musste also
voll Sorge und Bekümmernis die Nacht aushalten. Des Morgens aber, mit
Tagesanbruche, ging er in grösster Eil zu Fusse nach dem zwei Stunden entlegenen
ersten klevischen Städtchen Sevenaer, wo er, von Fieberhitze und Ermattung
übernommen, liegenblieb.
    Die Krankheit ward gefährlich, und da er nach etlichen Wochen zu genesen
anfing, war durch die Kosten der Reise, des Wirts und des Arztes sein Geldvorrat
fast gänzlich aufgezehret, so dass er in grosser Schwachheit und Armut
weiterschlich. So kurz seine Tagereisen waren, so musste er fast immer einen Tag
um den andern wegen grosser Mattigkeit liegenbleiben, bis er endlich in einem
Dörfchen wieder vom Fieber ergriffen wurde, so dass er nicht weiterkonnte. Er
liess den Mut gänzlich sinken, erwartete alle Nächte ruhig den Tod, bei Tage aber
hatte er kaum so viel Kraft, sich bis an den Eingang des Dorfs zu schleppen, wo
er beflissen war, den Reisenden das Heck aufzumachen, und von ihrem geringen
Almosen nur kümmerlich sein Leben hinhalten konnte, dessen er nun völlig satt
war.
 
                                  Achtes Buch
                                Erster Abschnitt
Die frische Luft und der wohltätige Einfluss der Sonne gaben unvermerkt dem
matten Körper des Sebaldus wieder einige Kräfte. dabei ward auch sein Geist
ruhiger, und er fing an, seinen elenden Zustand zu ertragen.
    Eines Tages sah er zwei Leute zu Pferde von weitem ankommen, einen mit einem
blauen Frack bekleidet, auf einem mutigen Hengste, und den andern in einem
rosenroten Rocke mit silbernen Fransen, auf einem gemächlichen Passgänger. Er
eilte, so geschwind als es seine Schwachheit erlaubte, das Heck aufzumachen, und
zeigte, indem er seine Mütze abzog, sein vor Alter, Ungemach und Gram gereiftes
Hauptaar.
    Als die Reiter näher kamen, meinte der Blaurock für seinen Stüber noch den
dienstfertigen Torwächter hohnnecken zu dürfen.
    »Alter Knasterbart«, rief er, in einem Tone, der spasshaft sein sollte, »was
für einen zureichenden Grund hast du, das Heck aufzumachen?«
    »Ich habe einen determinierenden Grund«, sagte der Alte mit bescheidener
Miene. »Krankheit und Mangel haben mich auf diesen Posten gestellt.«
    »Determinierend?« schrie der Blaurock mit einem lauten Gelächter. »Ich
glaube wahrhaftig, in dem zerrissenen Kittel steckt ein verdorbner Crusianer.
He, weisst du nicht auch 'ne kleine Weissagung aus der Apokalypse?«
    »Ja«, sagte Sebaldus und sah ihn ernstaft an. »Siehe, ich komme bald, und
mein Lohn mit mir, zu geben einem jeglichen, wie seine Werke sein werden.«81
    »Ha! Ha! Ha!« rief der Blaue. »Er moralisiert auch! Wahrhaftig, Herr
Säugling« (denn die beiden Reiter waren niemand anders als Säugling und
Rambold), »siehe da, eine Szene für ihren empfindsamen Roman, der Kerl hat einen
wahren Lorenzokopf! Hat er nicht?«
    Dieses zu verstehen, muss man wissen, dass Säugling, seitdem ihm die Gräfin
abgeraten hatte, Verse zu machen, auf den Gedanken gekommen war, einen Roman zu
schreiben, worin ihn Rambold bestärkte, damit er Gelegenheit hätte, ihn täglich
damit aufzuziehen.
    Rambold warf seinen Stüber hin und sprengte fort; Säugling ritt vorbei,
indem der Alte sich bückte, aber kaum war er vier Schritte weg, so kehrte er um
und steckte dem Alten, mit einem herzlich mitleidigen Blicke, einen Gulden in
die Hand.
    Ob er der Armut oder der schönen Szene oder dem Lorenzokopfe das Almosen
gegeben habe, kann niemand, auch vielleicht der Geber selbst nicht bestimmen.
Genug, Sebaldus rief:
    »Gott segne Sie, junger Herr! Auch den Segen eines armen alten Mannes lässt
Gott auf einem mitleidigen Jünglinge ruhen.«
    Säugling spornte sein Pferd, und da er Rambolden einholte, floss ihm eine
Träne sanft die Wange herunter.
    »Ich glaube gar, Sie weinen«, spottete Rambold. »Pfui, wer wird so weibisch
sein!«
    Säugling verteidigte seine Empfindsamkeit, Rambold fiel in seine gewöhnliche
Schrauberei, und so ritten sie weiter.
    Der Leser wird vermutlich wissen wollen, wie Säugling und Rambold hier so in
der Nähe erschienen. Sie waren von dem Schloss der Gräfin gerade nach Wesel
gegangen, wohin sie Säuglings Vater beschieden hatte, weil er sich daselbst
Geschäfte wegen eine Zeitlang aufhielt. Nach deren Endigung ging er, obgleich
der Herbst schon eintrat, mit seinem Sohne und dessen ehemaligem Hofmeister nach
einem Gute, das er in der dortigen Gegend gekauft hatte. Säugling war seitdem
beständig bei seinem Vater geblieben, wo er seinen poetischen Phantasien
ungestört nachhangen konnte. Rambold hingegen, der weiter keine Hoffnung hatte,
durch die Frau von Hohenauf befördert zu werden, nachdem zu seinem Erstaunen
Mariane gleichsam verschwunden war, rechnete zwar einigermassen auf den alten
Säugling; weil aber der Aufentalt bei demselben, besonders im Winter, für
seinen unruhigen Geist viel zu einförmig war, so machte er Bekanntschaft mit dem
Herrn von Haberwald, einem benachbarten Edelmanne. Dieser war, so wie Rambold,
ein Liebhaber des Trunks, des Spiels und der Jagd und hielt, so wie jener, eben
nicht auf die strengste Sittenlehre, daher durch diese Gleichheit der Neigungen
die Freundschaft sehr bald so heiss ward, dass der Herr von Haberwald nicht einen
Augenblick ohne seinen Rambold sein konnte und ihn vermochte, ganz zu ihm zu
ziehen. Zuweilen besuchte indes Rambold noch seinen ehemaligen Zögling, und eben
an diesem Tage war er mit ihm spazierengeritten, um einen sehr schönen Sommertag
zu geniessen.
    Als sie nach Hause kamen und Rambold gegen Abend nach dem Rittersitze des
Herrn von Haberwald zurückgekehrt war, beschäftigte sich Säugling den Rest des
Abends mit Sebaldus' Figur, die in sein weiches Herz einen tiefen Eindruck
gemacht hatte. Er liess den andern Morgen ein Kariol anspannen und fuhr allein
nach dem Dorfe, wo Sebaldus wieder am Hecke zu finden war. Auf Verlangen
erzählte ihm der Alte seine vornehmsten Unglücksfälle. Säugling war zu gutmütig,
um einen solchen Mann länger in einem so traurigen Zustande schmachten zu sehen.
Er liess ihn neben sich ins Kariol sitzen, fuhr mit ihm nach seines Vaters Dorfe
zurück, befahl ihn einem Pachter an, versorgte ihn mit reiner Wäsche und
Kleidern und mit nötigen Nahrungsmitteln.
    Beim Mittagstische erzählte er seinem Vater die Begebenheiten des
unglücklichen Alten und zugleich, dass er denselben bei dem Pachter untergebracht
habe. Ob die Befriedigung der kleinen Eitelkeit, seine gute Handlung auch andern
kundzutun, an dieser Erzählung mehr oder weniger Anteil könne gehabt haben als
die Begierde, seinen Vater zur fernern Wohltätigkeit gegen Sebaldus zu
veranlassen, wird jeder Schreiber einer teologischen Moral, je nachdem die
Falschheit der menschlichen Tugenden mit seinem Lehrgebäude mehr oder weniger
verbunden ist, zu bejahen oder zu verneinen wissen. Genug, des alten Säuglings
Neugier ward erregt, und er begehrte den Sebaldus selbst zu sprechen.
 
                               Zweiter Abschnitt
Säugling der Vater war ein Mann, der weder grosse Tugenden noch grosse Laster
hatte. Sein natürliches Phlegma verliess ihn nur bloss in dem Falle, wenn er im
Handel einen sichern Gewinn vor sich sah. Daher hatte er vom ersten Anfange des
Krieges an viel mit Lieferungen für die Armeen zu tun, wodurch er einen Reichtum
erwarb, der selbst seine Erwartungen überstieg. Den Wert des Geldes kannte er
zwar so gut als jemand, doch war er eben nicht geizig, ob er gleich auch nichts
vom Verschwenden hielt. Sobald der Krieg zu Ende zu gehen schien und er die
Möglichkeit sah, dass ein Lieferant Schaden haben könnte, entsagte er allen
fernern Unternehmungen und kaufte dieses Rittergut, wo er nunmehr seine grossen
Reichtümer geniessen wollte. Er fand aber bald, dies möchte, sonderlich mit einem
Geiste ohne Kenntnisse und ohne Tätigkeit, schwerer sein, als er wohl anfänglich
gedacht hatte. Er fing an zu bauen, ward aber sehr bald fertig, mit einem Hause,
das schon grösser war, als er es brauchte. Es fanden sich zu ihm bald
Kunstkenner, fleissige, betriebsame Personen, welche ausdrücklich für reiche
Leute, die keine Kenntnisse haben, aus Werken der Stümper und Lehrlinge Gemälde
der grössten Meister verfertigen lassen und sie durch verdorbenen Firnis und
verschossenes Kolorit meisterhafterweise zu erheben wissen. Diese verfehlten
aber bei ihm gänzlich ihren Zweck, weil sie ihm den ersten allen reichen
Kunstliebhabern nötigen Schritt nicht abgewinnen konnten, nämlich ihm
einzubilden, dass er Geschmack besitze. Sie vermochten daher nicht, ihn dahin zu
bringen, sich ein Kabinett anzuschaffen, weil er ihnen immer mit dummer
Ehrlichkeit ins Gesicht gestand, dass er an ihren so schön gepriesenen Rubens,
van Dyk, Guercino und Luca Giordano keine Augenweide finden könne und dass ihm
die Bildnisse seiner Voreltern mit ihren Kragen, güldnen Ehrenketten und
Knotenperücken viel besser gefielen. Alles, was ihnen übrigblieb, war, ihm ein
paar von Jakobs van der Laenen oder Jan Steens Fratzengemälden anzuschwatzen,
bei denen nicht viel verdient wurde, weil sie wirklich echt waren. Sie verliessen
ihn also, mit vielem Achselzucken über seine unbegreifliche Unwissenheit. Es
fanden sich zwar andere Leute von Geschmack, welche ihn lehren wollten, seinen
Garten nach der neuesten englisch-chinesischen Art anzulegen, die damals in
Westfalen noch ganz unerhört war. Da aber zu diesem Behufe der grösste Teil
seines Parks umgehauen und, zufolge der erhabenen Nachahmung der Natur, ein
chinesischer Turm und hinter demselben verschiedene Wildnisse, Felsen und
Abgründe gerade auf dem Platze angelegt werden sollten, wo sein bestes Franzobst
und alle seine Spargelbeete befindlich waren, so folgte er wieder seiner
einfältigen Überlegung, dass er vermittelst dieser Verbesserung viele Jahre lang
weder Spargel noch Obst kosten und vielleicht zeitlebens nie wieder Schatten und
Kühlung geniessen würde, und liess alles, wie es war. Er hätte zwar gern
Gesellschaften gehabt und setzte sich daher auf den Fuss, offne Tafel zu halten,
aber es kam selten jemand, weil ihn der benachbarte Adel über die Achsel ansah.
Der Herr von Haberwald, welcher ihn freilich wegen der Rehe und Hasen seiner
Wildbahn und wegen des guten Weins in seinem Keller oft besuchte, war ihm zu
lärmend so wie Rambold zu spitzfindig und höhnisch. Sein Sohn blieb folglich
seine einzige Gesellschaft. Er hörte dessen Gedichte auch wohl bei seiner
Nachmittagspfeife an und freuete sich, wenn er bei seiner Morgenpfeife in den
Zeitungen zuweilen schwarz auf weiss las, dass derselbe ein grosser Poet wäre; aber
dies wollte doch gegen seine grosse Portion von Langerweile nicht aushalten,
wowider er nach langem Nachsinnen nichts erdenken konnte, als dass er begann, da
die Winterabende allzu melancholisch wurden, wöchentlich dreimal Betstunde zu
halten.
    Da er nun den Sebaldus kennenlernte, warf er die Augen auf ihn als einen
Mann, der geschickt wäre, ihm beständig Gesellschaft zu leisten. Sebaldus war
ungefähr von gleichem Alter, von gleichem ruhigem Gemüte, er konnte beständig um
ihn sein, konnte von sehr vielen Sachen sprechen, die dem alten Säugling doch
einige Beschäftigung darboten, ohne seinen zur Bemühung nicht gewohnten Geist
durch Anstrengung zu ermüden.
    Er trug also dem aufgefundenen Armen nebst freier Kost und Wohnung ein
jährliches Gehalt an, welches, wie leicht zu erachten, sehr willig angenommen
ward. Dieser kam dadurch aus dem tiefsten Elende in einen Stand der Ruhe und
Gemächlichkeit, der ihn aufs neue zum Genusse des Lebens empfindlich machte. Der
Hauch vaterländischer deutscher Luft erweckte wieder das Verlangen nach seiner
Tochter und nach seinem Sohne. Bloss der gänzliche Mangel an Nachricht von diesen
geliebten Kindern unterbrach zuweilen die Behaglichkeit, in der er lebte und die
seine leicht zu befriedigende Wünsche sonst ganz erschöpfte.
    Seine vornehmste Pflicht war, beim Frühstücke die Zeitungen aller Art
vorzulesen. Der alte Säugling hatte diese Lektur von der ersten Zeit seiner
Einsamkeit an als ein hauptsächliches Hilfsmittel wider die Langeweile
gebraucht. Die Zeitungen geben undenkenden Köpfen eine so unschuldige
Gelegenheit, ihre wenigen Seelenkräfte auf eine halbe Stunde in eine Art von
Bewegung zu setzen, und veranlassen wohl noch ein viertelstündiges Gespräch bei
der Mittagstafel, wo ihnen oft der Bissen viel leichter in den Mund als das Wort
aus dem Munde zu gehen pflegt, dass sie ihnen des Morgens zu einer ebenso
notwendigen Seelenatzung geworden sind als das Kartenspiel des Abends. Dazu kam,
dass die Zeitungsschreiber damals wenigstens monatlich ein paarmal Besorgnis
wegen eines bevorstehenden Krieges äusserten. So oft dieses geschah, berechnete
der alte Säugling in Gedanken und oft auch auf dem Papiere, wieviel Lieferungen
von mancherlei Art für die Armeen nötig sein möchten, und machte Entwürfe, wie
sie in den verschiedenen Ländern, wo der Schauplatz des Krieges vorausgesetzet
ward, könnten herbeigeschaft werden. Denn ob er gleich gar nicht willens war,
selbst wieder etwas zu unternehmen, so waren doch Spekulationen dieser Art, wie
er aus der Erfahrung sehr wohl wusste, ein sicheres Mittel, seinen Geist in der
anspannungslosen Tätigkeit zu erhalten, wodurch der Körper, die vornehmste Sorge
reicher müssiger Leute, so wohlbehaglich genähret wird, dass alle sechs
nichtnatürlichen Dinge82 in der besten Ordnung vonstatten gehen.
    Ein gleiches wirksames Hilfsmittel waren die vielen Zahlenlotterien, wovon
ihm die Zeitungen Nachricht mitteilten. Er setzte in alle. Die Spekulationen
über die an verschiedenen Orten herausgekommenen und noch herauszukommenden
Zahlen, die Komponierung und Dekomponierung verschiedener Einsetzungsarten und
dergleichen mehr führten ihn in so mancherlei ernstaft aussehende Rechnungen,
aus denen so viele sonderbar scheinende Resultate entsprangen, dass er zuweilen
verleitet ward, seine Hirngespinste mit Wohlgefallen für matematische
Einsichten zu halten. Dazu kam, dass die geringe Furcht, zu verlieren, und die
grössere Hoffnung, zu gewinnen, der Verdruss, die Zahlen verfehlet, und die
Freude, sie erraten zu haben, seine sonst so leere Seele mit etwas
Leidenschaftähnlichem erfüllten, welches machte, dass er weniger träge zu denken
und lebhafter zu sprechen begann, und wodurch zugleich seine Säfte in so
ordentlicher Wirkung und Gegenwirkung erhalten wurden, dass er nie weniger von
Indigestionen zu befürchten hatte als kurz vor und kurz nach den verschiedenen
Ziehungstagen. Man kann also leicht erachten, wie sehr er in guter Gesundheit
erhalten worden, da verschiedene Patrioten in verschiedenen Provinzen
Deutschlands sorgen, dass keine Woche vorbeigeht, ohne dass irgendwoher den
Reichen ein so stattliches Digestivmittel dargeboten werde, für sie allemal
wohltätig oder unschuldig und nur bloss den Armen zuweilen etwas allzu drastisch.
    Wenige Tage nachdem Sebaldus in sein Amt eines Zeitungslesers eingesetzt
worden war, stand in einer Zeitung die Gewinnliste ich weiss nicht welcher
Zahlenlotterie. Er musste sie ganz vorlesen, weil sie dem alten Säugling wegen
vieler Spekulationen über die Folge der Zahlen in dieser Lotterie sehr
interessant war. Sebaldus verstand ebensowenig davon, als ob sie polnisch
geschrieben wäre. Der alte Säugling hingegen, der schon mehrmal, wenn er in den
Zeitungen über manche Namen und Sachen zweifelte, Sebaldus' historische und
geographische Kenntnisse nachgebend hatte annehmen müssen, tat sich jetzt was
Rechts darauf zugute, ihm erklären zu können, was Ambe und Terne und andere zur
Lotterie gehörige Worte bedeuteten. Er geriet dabei in solchen Eifer, dass er dem
Sebaldus anlag, sich fünf Zahlen auszulesen und auf dieselben zu setzen.
Sebaldus hatte keine Lust und verirrte sich in die Logik der Wahrscheinlichkeit,
um zu beweisen, dass keine Zahl vor der andern mehr Wahrscheinlichkeit
herauszukommen habe und dass er also keine vor der andern zu wählen wisse. Der
alte Säugling, voll Begierde, vermeinte auf dem rechten Wege zu sein, indem er
den Inhalt des »Arabischen Lotteriewahrsagers« und des »Vademecums für
Zahlenlotterien« mit seinen daraus gezogenen Deutungen und Verbindungen dem
Sebaldus vorerzählte. Zuletzt, nach vielem Hinundwiderreden, verblieb Säugling -
wie es einem reichen Manne gegen seinen Hausgenossen gebühret - auf seiner
Meinung und verlangte: Sebaldus sollte nur eine Zahl anzeigen, die er im Sinne
hätte, so wolle er ihm die übrigen vier daraus ziehen.
    Sebaldus sagte: »In meinem Sine ist gar keine Zahl als die Zahl 666.«
    »Gut!« rief der alte Säugling. »Sehen Sie - 6 und 66 ist drin, verdoppeln
Sie die erste und teilen Sie die letztere, kommt 12 und 33, ziehen Sie diese
beiden voneinander ab, bleibt 21. Sehen Sie: 6, 12, 21, 33, 66. - Da haben wir's
- aber wahrhaftig schlechte Zahlen. Die einzige 21 ist gut. Sie verstehen's
Spiel noch nicht, Herr Notanker, das sieht man. Die geraden Zahlen kommen
dieses Jahr in dieser Lotterie nicht heraus, am wenigsten in dem ersten Fünfzig.
Aber so ist's, solche junge Anfänger müssen Lehrgeld geben. Bleiben Sie nur bei
Ihren Zahlen. Ich will Ihnen meine nicht sagen, aber die 21 ist dabei. Wir
wollen sehen, über drei Wochen, wenn die Ziehung vorbei ist! Die 21 kommt heraus
und noch eine Zahl. Aber st! - Lassen Sie uns die Sätze regulieren. Sie sollen
sechs Taler setzen, dies ist allemal mein Satz in jeder Lotterie.«
    Der alte Säugling besorgte den Einsatz nebst seinem eigenen und stellte dem
Sebaldus den Schein zu. Zugleich machte er bei Vergleichung der Sätze seiner
Einsicht nochmals ein Kompliment und spekulierte, wie gewöhnlich, noch einige
Tage über verschiedene Verbindungen der Zahlen, wogegen Sebaldus die Sache
vergass, da sie kaum geschehen war.
 
                               Dritter Abschnitt
Einige Zeit darauf fiel Säugling der Vater, als er nur seinen gewöhnlichen
Frühlingsschnupfen zu erhalten vermeinte, plötzlich in ein starkes Fieber,
welches ihn einige Tage bettlägerig hielt. Da er sich besserte und einmal
nachmittags ruhen wollte, machte Sebaldus in Gesellschaft des jungen Säugling
einen kleinen Spaziergang. Eben unter der Zeit kam Rambold angeritten. Als er
auf diese Art niemand sprechen konnte, durchlief er aus Langerweile die
Zeitungen und überlas die Aufschriften der Briefe, die der Postbote vor kurzem
gebracht hatte und die noch auf dem Tische lagen. Er fand unter den Briefen
einen an den jungen Säugling, dessen Handschrift ihm bekannt schien, und steckte
ihn zu sich, um einen Schabernack damit zu machen, wovon er, wie wir schon
wissen, ein Liebhaber war. Ehe er sich aber recht darauf bedenken konnte, kam
der junge Säugling schon zurück, und mit ihm Sebaldus, den er hier noch nicht
gesehen hatte. Dieser entfernte sich sogleich wieder, um nach dem Kranken zu
sehen, und liess Rambolden freies Feld, Säuglingen wegen seiner Neigung zu einem
Bettler gewöhnlicher Art nach aufzuziehen. Dennoch hörte er Säuglings Erzählung
von Sebaldus' Namen, Stand und Begebenheiten mit besonderer Aufmerksamkeit an,
fragte auch selbst, mit mehr als gewöhnlicher Neugier, nach verschiedenen
Umständen. Da indes Säugling fortfuhr, mit warmer Teilnehmung die Geschichte zu
erzählen, schien Rambold etwas betroffen zu sein, ward wider seine Gewohnheit
ernstaft, stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder, lehnte sich
unruhig ins Fenster, nahm, ohne daran zu denken, den Brief aus der Tasche,
erbrach ihn in der Zerstreuung, las ihn, ward feuerrot, nahm mit einem Male eine
ganz andere, vergnügte Miene an, schlug in die Hände, sah nach der Uhr, brach
kurz ab, rief aus dem Fenster, man solle sein Pferd gleich satteln, sagte, er
müsse unumgänglich gleich wieder nach Hause, umarmte Säuglingen, schwang sich
aufs Pferd und ritt schnell davon.
    Säugling wusste nicht, welcher Veranlassung er Rambolds plötzlichen Aufbruch
zuschreiben sollte; da er indes an demselben schon mancherlei Launen gewohnt
war, so dachte er weiter nicht daran oder glaubte vielleicht wirklich, Rambold
werde durch ein Geschäft nach Hause gerufen. Dieser hingegen ritt einen ganz
andern Weg; wie berichtet werden soll, wenn wir erst zurückgesehen haben, wo
Mariane blieb, von der wir, seitdem sie dem Obersten entsprang, keine Nachricht
erhalten haben.
 
                               Vierter Abschnitt
Nachdem Mariane beinahe eine halbe Meile lang, so geschwind sie konnte, gelaufen
war, musste sie sich endlich, unweit der Landstrasse, aus Mangel des Atems
niedersetzen. Als sie sich ein wenig erholet hatte, fing sie an, ihren Zustand
zu überdenken. Sie sah sich in einer unbekannten Gegend, von jedermann
verlassen, und musste befürchten, ihrem Nachsteller, der sie vermutlich verfolgen
lassen würde, wieder in die Hände zu geraten. Als sie indes in ihrer Tasche ihr
Geld wiederfand, so verzweifelte sie nicht an der Möglichkeit, sich geschwinder
zu entfernen; und da eben ein Bauerwagen vorbeifuhr, setzte sie sich auf
denselben und liess sich unverzüglich weiterbringen. Sie kam auf diese Art,
beinahe ohne auszuruhen, von Dorfe zu Dorfe, in der Absicht, des Freiherrn von
D. Güter zu erreichen. Da sie aber selbst den Weg dahin nicht recht wusste und
niemand als Bauern darum fragen konnte, deren Kenntnis sich gemeiniglich nicht
weiter als einige Tagesreisen in die Runde erstrecket, so ward sie anstatt ins
Hildesheimische tief in Westfalen hineingefahren. Nach einer ununterbrochenen
Reise von acht Tagen fiel ihr das eingefallne Regenwetter beschwerlich, da sie
nur ganz leicht bekleidet war. Indes bestand sie doch darauf weiterzufahren, bis
ein Platzregen und Ungewitter sie nötigte, in ein im Walde stehendes einzelnes
Haus abzutreten. Der Regen hörte den ganzen Tag nicht auf; der Bauer wollte
nicht warten, weil er morgen einen Hofdienst zu tun hatte; und da sie von dem
Bewohner des Hauses, der in seiner Jugend Soldat gewesen war und daher die
Gegend weit und breit kannte, auf ihre Erkundigung nach dem Wege vernahm, dass
sie sehr weit von dem Hildesheimischen entfernt sei, so entschloss sie sich kurz,
den Bauer abzulohnen und bis zur Besserung des Wetters in diesem Hause zu
bleiben.
    Es ward von einem Greise, seiner Frau und seiner Tochter bewohnt, die sich
teils vom Spinnen erhielten, der gewöhnlichen Winternahrung der westfälischen
Hausleute, teils die Milch einer Kuh und die Früchte eines Krautgartens
verzehrten, der durch ihren eignen Fleiss war urbar gemacht worden. Der alte
Hauswirt verband mit der treuherzigen Ehrlichkeit eines Landmanns die
Weltkenntnis, welche durch lange Feldzüge erlangt wird. Er hatte mit seinem
Gutsherrn, der sein Oberster gewesen war, alle Gefahren der Feldzüge in Brabant
geteilt und in allen Vorfällen sich ihm so ergeben gezeigt, dass der Gutsherr aus
edler Dankbarkeit das Schicksal seines treuen Kriegskameraden zu verbessern
suchte. Er ward im Alter auf Leibzucht83 gesetzt, der Hof aber seinem Sohne
gegeben. Der Markenherr verlieh seinem ehemaligen Kriegsgefährten nicht allein
aus der Mark einen beträchtlichen Zuschlag und liess dessen Tochter, von
Hofediensten frei, mit auf die Leibzucht ziehen, sondern baute ihm auch in einem
angenehmen Sundern84 ein eignes bequemeres Haus mit einem Schornsteine, so dass
sich der Leibzüchter nicht, wie seine Nachbarn, mit seinen Schinken zugleich
räuchern durfte. dabei hatte er unter seinem Strohdache eine besondere
abgeschlagene Kammer, welche eigentlich diente, seinen Wintervorrat zu
verwahren, jetzt aber Marianen zur Schlafkammer angewiesen ward.
    Sie genoss darin, nach einer ungewohnt langen Reise, die erste Nacht eine
süsse Ruhe. Des Morgens stand sie erquickt auf, das Wetter hatte sich abgeklärt,
sie sah aus dem Fenster das Wäldchen im schönsten Laube und hinter demselben
grünende Wiesen. Als sie herunterkam, ward sie von den Hausleuten mit ländlicher
Gastfreundschaft empfangen. Nach dem Frühstücke spazierte sie in der umliegenden
Gegend, wo sie die Natur in aller ihrer Schönheit fand. Sie irrte auf einem
Fusssteige, der zwischen dichten Büschen zu einem kleinen grün bewachsenen Hügel
führte, neben dem sich ein klarer Bach schlängelte. Diese Gegend schien ihr
ungemein reizend. Sie bestieg den kleinen Hügel, von welchem sie in dem Wäldchen
umherschauen konnte und in der Ferne die Aussicht auf wallende Getreidefelder
hatte. Hier überlegte sie ihren Zustand. Sie sah, dass sie von dem Zwecke ihrer
Reise weit entfernt war, dass sie, wenn sie auch wieder zurückkehren wollte,
nicht gewiss wissen könne, in welchen Gesinnungen sie den Herrn von D. finden
möchte, dass sie vielleicht von ungefähr dem Obersten wieder in die Hände fallen
könne und dergleichen mehr. Dagegen schien ihr dieser Winkel der Erde ganz
paradiesisch zu sein. Es dünkte also ihrem ohnedies etwas zum Romantischen
geneigten Geiste das zuträglichste, wenn es möglich wäre, in diesem Aufentalte
der Ruhe und der Unschuld von der ganzen Welt abgesondert zu leben.
    Sie entdeckte diesen Vorsatz ihren Wirtsleuten, welche sich denselben wohl
gefallen liessen, falls sie mit ihrem Hauswesen, so wie es war, vorliebnehmen
wollte. Mariane war vielmehr entzückt darüber. Ihr Wirt, mit seinem ehrwürdigen
schneeweissen Haupte und mit seiner ungekünstelten Aufrichtigkeit, kam ihr nebst
seiner redlichen Hausfrau wie Philemon und Baucis vor, das Häuschen wie ein
Tempel und die Gegend wie eine arkadische Flur. Alles verschönerte sich in ihren
Augen. Wenn sie mit Spinnen und andern häuslichen Arbeiten einen Tag zubrachte,
einen andern mit Besorgung der Milchkammer oder wenn sie einmal ihr eigenes
Gericht pflücken und in den Topf werfen konnte, glaubte sie aus dem Prunke eines
verderbten Zeitalters zur Einfalt und auch zur Unschuld der ersten Welt
zurückgekehrt zu sein. Wenn sie am Abende mit der Tochter ihres Wirtes, einem
guten Mädchen, nach dem Hügel spazierte oder sich mit ihr am Rande des Baches
ins Gras setzte, schien sie sich zu den Nymphen Dianens zu gehören; und wenn sie
sang, welches oft geschah, schienen ihr die Hamadryaden aus dem Walde von fern
zu antworten.
    Wahr ist's inzwischen, dass diese reizenden Vorstellungen, wie mehrere
poetische Phantasien, ins gemeine Leben gebracht, nicht allzulange stichhielten
und dass nach einem Monate die gute Mariane ihre Einbildungskraft schon
anstrengen musste, wenn sie in das seelenvolle Gefühl übergehen wollte, das ihr
anfänglich so natürlich war. Als aber vollends der späte Herbst die Blätter
streifte und der Nordwind mit ungestümem Brausen jeden Schritt ausser dem Hause
verwehrte, sank Philemon in ihrer Idee wirklich zu einem gemeinen Bauern herab
und Baucis zu einer westfälischen Hausmutter, die auch wohl, wenn ihr in der
Wirtschaft nicht alles nach Sinne ging, schelten und schmollen konnte. Der
Tempel ward wieder eine enge und unbequeme Hütte, in welcher zuweilen die harte
Kost nicht schmecken wollte, sosehr sie der Einfalt unschuldiger Hirtenvölker
gemäss war. Ja Mariane hat nachher gestanden, sie sei zuweilen, ihrer
phantasiereichen Vorstellungen ungeachtet, bei einem patriarchalischen Milchbrei
in einer hölzernen Satte nach einem wohlfiltrierten Kaffee in meissnischer Schale
lüstern gewesen.
    In den ersten Tagen dieser ländlichen Einsamkeit hatte sie sich, in
liebliche Ideen von arkadischer Unschuld versenkt, bereden wollen, dass ihr Herz
von Liebe frei sei. Aber ebendiese kleinen empfindsamen Schwärmeleien öffneten
es jedem süssen Eindrucke. Sie lebte die vorigen glücklichen Zeiten in Gedanken
noch einmal, sie erinnerte sich ihres Säuglings ehrerbietiger, zärtlicher,
inbrünstiger Gesinnungen, sie besann sich, wie er sich ihrer bei einer
schimpflichen Beleidigung angenommen hatte. Dann machte sie sich Vorwürfe, dass
sie ihm, wider ihre Neigung, so kalt begegnet sei, und konnte nun nicht
begreifen, wie sie ihr Herz vor ihm nicht habe ausgiessen wollen.
    Diese Erinnerung war ihr einziger Trost, als im Winter durch Langeweile und
Widerwillen ihr Geist täglich mehr zu erschlaffen begann. Sie wiegte sich in dem
Gedanken, dass Säugling sie wirklich noch liebe, dass sie noch einst mit ihm
vereinigt und glücklich sein werde. Sie mass seinen Schmerz, von ihr entfernt zu
sein, nach dem ihrigen ab und fand oft Wollust darin, wenn sie, indem sie ihren
eignen Schmerz beweinte, den Schmerz ihres Geliebten zu beweinen glaubte.
    Als bei herannahender milderer Witterung alle ihre Empfindungen heiterer
wurden, drangen mit jedem Frühlingshauche die zärtlichen Gefühle tiefer in ihre
Brust. Säuglings Bild spiegelte sich ihr in jedem hervorgrünenden Blatte, in
jeder entfalteten Knospe. Bei ihren einsamen Spaziergängen nach dem Bächlein
begleitete es sie. Dann sass sie in wonnetrunknem Staunen, dann glaubte sie es zu
umfassen, dann sprang sie auf, errötend vor ihrem eignen Phantome. Dann wandelte
sie am Ufer und sang Lieder, die er auf sie gemacht hatte, zu dem Falle des
kleinen Stroms, der über glatte Kiesel hinabrieselte und, indem er sich
ausbreitete, den lieblichen Wiesengrund zu Entsprossung neuer Blumen
befeuchtete.
    Mit diesen anmutsreichen Phantasien verband sie auch Betrachtungen über
ihren gegenwärtigen Zustand. Sie fühlte, es sei ihr unmöglich, noch einen Winter
in diesem Hause zuzubringen; gleichwohl sah sie auch kein Mittel, wie sie auf
eine anständige Art ihre Lage verändern könne. Sie schien sich einzeln und von
der Welt ausgeschlossen zu sein, besonders nachdem sie auf einen Brief an
Hieronymus schon seit ein paar Monaten keine Antwort erhalten hatte, vermutlich
weil er ihm nicht zu Händen gekommen war. Da nunmehr ihre Liebe zu Säuglingen
sich ihrer ganzen Seele bemächtigte und sich das Verlangen, von seinen
Gesinnungen gegen sie unterrichtet zu sein, in ihre innerste Gedanken einflocht,
so entschloss sie sich endlich nach vielem vergeblichem Zaudern, ihm nach Wesel,
wohin sie wusste, dass er mit Rambolden hatte reisen sollen, ihren Aufentalt zu
melden.
    Der Entwurf dieses Briefes kostete verschiedene Tage. Sie hatte sich fest
vorgenommen, alle Merkmale der Liebe daraus wegzuwischen und bloss als ein
unglückliches Frauenzimmer zu schreiben, das sich, von jedermann verlassen, an
einen edelmütigen Jüngling wenden muss. Aber sie hatte die Spuren ihrer
Empfindungen nicht ganz auslöschen können; denn die Liebe, wie ein süsser Geruch,
duftet unvermerkt um sich. Säugling, dessen Gesinnungen den ihrigen so sehr
entsprachen, würde auch gewiss unnennbare Wollust gefühlet haben, wenn er so
glücklich gewesen wäre, diesen Brief zu erhalten. Der Brief ward vom Postamte zu
Wesel nach seines Vaters Gute gesendet und war ebenderselbe, welchen Rambold
erst aus Schäkerei einsteckte und nachher aus Zerstreuung erbrach. Als er
Marianens Wohnort daraus ersah, wollte er nicht einen Augenblick säumen, zu ihr
zu eilen, indem ihr Aufentalt kaum eine Meile entlegen war.
    Rambold tat, als ob ihn ein ungefährer Zufall dahin geführt hätte, und
hütete sich wohl, von dem gelesenen Briefe etwas zu erwähnen. Mariane
verwunderte und freute sich, ihn zu sehen, in der Hoffnung, durch ihn Nachricht
von ihrem Säugling zu erhalten. Aber er schwieg; und da sie endlich mit einigen
Umschweifen nach demselben fragte, nahm er eine betrübte Miene an und
versicherte, weil ihm eben nichts anders einfiel, dass Säugling gestorben sei.
Diese Nachricht setzte Marianen ausser sich. Rambold war zwar sehr bemüht, sie zu
bereden, dass sie sich diesen Tod nicht gar zu sehr zu Sinne ziehen möchte, weil
Säugling ein Häschen gewesen, der allen Frauenzimmern Süssigkeiten vorgesagt
hätte, allein bei Marianen wollten diese leidigen Trostgründe keinen Eingang
finden, daher kürzte er seinen Besuch ab und ritt nach Hause.
    Er unterliess indes nicht, oft wiederzukommen, und ward von der bekümmerten
Mariane gern gesehen, weil er sie an Säuglingen erinnerte, von dem er ihr auf
ihre Fragen allerhand Märchen erzählte, welche, so unbeträchtlich sie waren,
doch in Marianens zum Trauern gestimmter Einbildungskraft ein mitleidiges
Wohlgefallen erregten.
    Der Herr von Haberwald merkte Rambolds öftere Abwesenheit und unterliess
nicht, ihn darüber zu hohnnecken. Rambold musste endlich gestehen, dass er ein
hübsches Mädchen besuche, welches er zu seiner Frau machen würde, wenn er eine
Versorgung hätte. Herr von Haberwald spitzte hierbei die Ohren und bestand
darauf, dass er ihn mitnehmen sollte. Dies geschah, und weil Rambold dem Herrn
von Haberwald einen Wink gegeben hatte, so wusste er sich so ehrbar und klug zu
betragen, dass Mariane an beider Aufführung nichts auszusetzen haben konnte.
    Als nach ihrer Zurückkunft bei einigen Flaschen Wein Marianens Schönheit von
beiden Teilen war gepriesen worden, ward von dem Herrn von Haberwald die weise
Anmerkung gemacht, dass eine hübsche Frau Pastorin in einem Kirchenspiele eine
nützliche Sache wäre. Vermittelst dieser Äusserung eröffnete sich eine kleine
Unterhandlung, die, umständlich auf dem Papiere beschrieben, Lesern von feinen
Empfindungen niederträchtig und widerwärtig scheinen könnte, obgleich im Laufe
der Welt unter manchen Leuten ohne Bedenken dergleichen stattfindet, eben weil
sie keine feine Empfindungen haben. Das Resultat derselben war, dass der Herr von
Haberwald feierlich versprach: sobald Rambold von Marianen das Jawort erhalten
hätte, sollte er die Adjunktur des abgelebten Pfarrers mit einem bestimmten
Gehalte bekommen.
    Rambold warb nun im Ernste um sie. Mariane gab ihm zwar eine ausdrückliche
abschlägige Antwort und brachte in ihrem Herzen dem Andenken ihres Säuglings
dieses Opfer. Indes wiederholte Rambold, obgleich ohne Hoffnung einigen Erfolgs,
so oft einen Antrag, über den an sich ein junges lediges Frauenzimmer niemals
zornig wird, er müsste denn geradezu wider ihre Absichten streiten, dass ihn
Mariane mit einiger Nachsicht anhörte. Die Heldin eines Romans hätte freilich
eine unverletzte Beständigkeit an den Tag legen und sich eher töten lassen
müssen, als sich einem Gegenstande zu ergeben, für den sie nicht die heisseste
Liebe fühlte. Aber im gemeinen Leben haben wir häufige Beispiele, dass
wohlgezogene Frauenzimmer, selbst in nicht so misslicher Lage wie Mariane, wenn
sie gleich zur innigsten Leidenschaft Zunder in sich fühlten, dennoch mit kalter
Vernunft überlegt haben, was vieles junge Volk nicht wissen will, dass feurige
Liebe nicht ewig in gleicher Anspannung dauern kann und dass neben der Liebe, so
wünschenswert sie ist, noch mehrere Gegenstände in der Welt sind, woran edle
Seelen auch denken dürfen. Da nun Rambold von Person nicht widrig war, da er
sich seit der ersten Zeit seines Umgangs mit Marianen in ihre Gemütsart
geschickt und sich dabei so fein zu verstellen gewusst hatte, dass sie von seiner
schlechten Seite fast nichts merken konnte, so ist schwer zu entscheiden, wozu
sie vielleicht noch endlich sich möchte entschlossen haben, wenn das Schicksal,
welches, wie die Poeten versichern, beständig über Verliebte wachen soll, ihr
die Nachricht von Säuglings Leben fortdauernd verweigert hätte.
 
                               Fünfter Abschnitt
Säugling, der seit Marianens Entführung von allen ihren Begebenheiten nichts
wusste, blieb in der Zuneigung gegen seine Geliebte beständig. Sie war noch
immerfort der Gegenstand aller seiner einsamen Phantasien. An sie waren alle
verliebte Verse gerichtet, die er nicht unterlassen konnte, von Zeit zu Zeit zu
machen. Er gab sich Mühe, obwohl fruchtlos, Nachricht von ihr einzuziehen. Er
beklagte sich deshalb oft bei dem treulosen Rambold, welcher aber, besonders in
den letzten Zeiten, seine Liebe zu einer abwesenden Person, die vielleicht wer
weiss wo in der Welt herumschweifen möchte, mit gewöhnlicher Narrenteiding zu
bespötteln suchte. Doch dieses konnte auf das Gemüt des treuen Säuglings, so
empfindlich er sonst auch gegen das Lächerliche war, keinen Eindruck machen.
    Ob nun gleich Mariane immer die Königin seines Herzens blieb, der alle seine
Gedanken gewidmet waren, so würde doch seine so weiblich gestimmte Seele
unglücklich gewesen sein, wenn er nicht mit einem gegenwärtigen Frauenzimmer oft
hätte umgehen können. Auf dem Gute seines Vaters aber war kein weibliches
Geschöpf seiner Achtsamkeit würdig; ein Glück für ihn also, dass sich bald eine
Gelegenheit fand, mit einem jungen Frauenzimmer in der Nachbarschaft bekannt zu
werden!
    Die Betstunden, welche Säugling der Vater zu halten anfing, machten ihn mit
der Frau Gertrud bekannt, einer reichen Witwe, die in einem benachbarten
Städtchen wohnte. Ihr seliger Gemahl, Herr Gertrud, war ein betriebsamer Mann
und beständig bedacht gewesen, sein kleines Talent so gut wie möglich, und zwar
hauptsächlich zu seinem eigenen Vorteile zu nutzen. Weil er wusste, wieviel
leichter es ist, auf gutmütigen Menschen zu reiten als pfiffige Kunden zu
überlisten, und weil er von Natur ein ehrbares und bedächtiges Ansehen hatte, so
trieb er sein Wesen hauptsächlich unter verschiedenen entusiastischen und
separatistischen Religionsparteien. Er fügte sich ganz in ihre Einrichtungen,
drang sehr geflissentlich in die ihnen am Herzen liegenden Glaubenspunkte ein,
besorgte ihre Angelegenheiten, korrespondierte mit den entfernten Brüderschaften
und verteilte ihre Almosen. So hatte er sich lange bei den Herrnhutern
aufgehalten und war nur erst alsdann von ihnen geschieden, da man ihn über
gewisse Verwaltungen brüderlich befragen wollte, über welche er brüderlich zu
antworten nicht gemeinet war. Seine Frau war ihm, ehe dies geschah, durchs Los
des Heilandes zugefallen, und dieses Los behagte ihm sehr wohl; denn sie war in
ihrem neunzehnten Jahre, hatte eine feine Haut, ein wohlbeleibtes Ansehen und
grosse blaue Augen, die sie bei geistlichen und weltlichen Entzückungen andächtig
zu verdrehen pflegte. Als er starb, liess er seiner Witwe nebst einem Vermögen
von fünfzigtausend Talern eine einzige Tochter, die Jungfer Anastasia Gertrud.
Diese war jetzt in ihrem achtzehnten Jahre und sah ungefähr ebenso aus als ihre
Mutter zu der Zeit, da sie dem Vater durchs Los zufiel. Sie hatte das
gebenedeite Ansehn, welches der Frömmling aus der Zerknirschung des Herzens
herleitet und der Weltling zuweilen in ganz anderm Verstande nimmt. Ihre Augen
waren fast immer niedergeschlagen; doch wenn sie zuweilen aufsahen, war ihr
Blick sehr durchdringend, sank aber sogleich wieder ehrbarlich nieder. Sie trieb
keine Kleiderpracht und ging weder in Samt noch Seide; jedoch das allerfeinste
Leinen, die ausgesuchtesten Spitzen, die Zitse erster Sorte, obgleich sittsamer
Farbe, dienten, eine sehr zarte Haut und eine volle Wange zu erhöhen, die, ohne
dass es das Ansehn hatte, doch sehr sorgfältig gepflegt wurden. Sie sprach wenig,
eigentlich weil sie nicht viel zu sprechen wusste; aber diese Einfalt diente ihr
zu einer frommen Koketterie. Sie schien aus verschämter Zurückhaltung zu
schweigen, indem sie sanft seufzete und das Haupt langsam seitwärts sinken liess.
    Mit diesem jungen Frauenzimmer unterhielt sich Säugling der Sohn, wenn ihre
Mutter seinen Vater oder er sie besuchte, welches fast wöchentlich geschah.
Unterdes die Frau Gertrud mit seinem Vater die Materie von Hypoteken und
Schuldscheinen durchging oder mit Sebaldus über teologische Materien
disputierte, wie sie denn in der Dogmatik so gut wie in der Polemik bewandert
war, pflegte Säugling mit der Jungfer Anastasia die süssen Gedanken zu teilen,
die wie Honig von seinen Lippen flossen. Dass sie von ihr nicht verstanden
wurden, tat wenig zur Sache; sie machte doch einen bescheidenen Knicks, als
begriffe sie etwas davon, schlug ihre grossen Augen kurz auf und wieder nieder
und errötete zuweilen, wenn etwas von Liebe oder heidnischer Mytologie vorkam.
Säugling, der, einem Frauenzimmer zu gefallen, gern alle Gestalten annahm,
versuchte einige geistliche Lieder nach bekannten Melodien zu machen. Dieses
gelang ihm über Vermuten. Denn die Jungfer Anastasia begann sie nicht allein mit
vieler Begierde zu lesen, und ihr schöner Mund sang sie ihm vor, sondern die
Frau Gertrud fand auch so viel Salbung darin, dass sie, aus eignem Betriebe, sich
dahin zu verwenden versprach, diese Lieder sollten in ein Gesangbuch eingerückt
werden, wovon man eben im Herzogtume Jülich eine verbesserte und vermehrte
Auflage besorgte. Eine Hoffnung, welche Säuglings kleiner Eitelkeit nicht wenig
schmeichelte. Auf diese Art ward der Umgang zwischen dem Dichter und der frommen
Anastasia täglich genauer, und es ward die schüchterne Jungfer, obgleich in
aller Ehrbarkeit, etwas gesprächiger und unterhaltender, welches beiderseits
Eltern sehr wohl gefiel. Denn Säugling der Vater, welcher den Reichtum der Frau
Gertrud kannte, berechnete bald, dass sein Sohn keine bessere Partie treffen
könnte; und Frau Gertrud, welche auch wohl wusste, wie warm der alte Säugling
sass, fing an, der Sache etwas näherzutreten, indem sie zuweilen bemerkte, dass
die Ehen im Himmel geschlossen würden und dass die Menschen, sobald dies
ersichtlich sei, dem Himmel nicht widerstreben müssten.
    Säugling der Sohn argwohnte alle diese Absichten gar nicht, sondern der
Umgang mit einem Frauenzimmer diente ihm nur, wie einer Uhr das Öl, um seine
zärtlichen Phantasien in gleichem Gange zu erhalten. Er lebte mit der Jungfer
Anastasia ganz unbefangen und widmete nichtsdestoweniger beständig seiner
abwesenden Mariane die zärtlichste Liebe.
 
                               Sechster Abschnitt
Nachdem Säugling der Vater von seiner Krankheit genesen war, wurde er einst mit
seinem Sohne zu der Frau Gertrud in die Stadt zu Mittage eingeladen. Die schöne
Anastasia, welche gleich ihrer Mutter des jungen Säuglings Achtsamkeiten ganz
ernstaft auslegte, hatte diesen Tag alle ihre sittsame Reizungen aufgeboten,
weil sie nunmehr zuträglich hielt, sein Herz ganz zu fesseln. Man fand an ihr
heute nicht bloss die andächtige Selbstgenügsamkeit wohlbegüterter Betschwestern,
nicht nur das ihnen sonst gewöhnliche selbstbehagliche Achtgeben auf gesundes
Ansehen, auf Weiche der Haut, auf Glätte der Bekleidung, auf Gelindigkeit der
ganzen Person, welches sogar bei Nonnen die Stelle alles weltlichen Putzes
vertritt, sondern ihr mit brabantischen Spitzen besetztes Häubchen war auch
einen halben Zoll höher auf die Stirne gerückt, sie schlug die Augen öfter
lieblich empor und liess sie mit langsamerm Schmachten niedersinken, und ihre
immer weichlich lispelnde Stimme erstarb heute auf ihren Lippen mit einer holdem
Lächeln nahekommenden Freundlichkeit.
    Alle diese schmachtende Reize liess sie, mit der andächtelnden Mädchen so
eignen zurückhaltenden Innigkeit, auf Säuglingen wirken, als sie nach dem
Mittagsmahle mit ihm allein im Garten spazierenging. Jungfer Anastasia, die bald
in seinen Augen die unverstellten Merkmale des Wohlgefallens las, glaubte
sichere Zeichen ihres geheimen Sieges zu finden und ihrem wohlmeinenden Zwecke,
aus einem weltlichen Jünglinge einen frommen Ehemann zu bilden, ziemlich nahe zu
sein.
    Doch da sie nun mit stillem Herzklopfen einer zärtlichen Erklärung
entgegensah, liess sich Säugling - weit gefehlt, dass er seiner einzig geliebten
Mariane nur einen Augenblick hätte untreu werden sollen - durch ihre anmutige
Vertraulichkeit zu nichts anders bewegen, als dass er einige von seinen
Lieblingsliedern über die Freuden des Lebens aus der Tasche zog, die er sich
bisher noch nicht getrauet hatte, ihr vorzulesen. Sie hörte sie an, mit völliger
Ergebung in ihr Schicksal. Bei feinen Gedanken, die sie nicht verstand, sah sie
freilich ein wenig dämisch aus; aber dies ward durch das sanfte Lächeln
vergütet, welches zugleich diente, ihre schönen Zähne und die Grübchen in ihren
runden Wangen zu zeigen. Bei verliebten Stellen errötete sie nicht gleich wie
sonst, sondern schlug die Augen seitwärts auf, mit einem Blicke zwischen
Verschämteit und Sehnsucht, und wenn sie dann im Herabsinken dem auf ihren
Beifall gierigen Blicke Säuglings begegneten, stieg ein sanftes Rot auf ihre
vollen Wangen, indem ihre Augen nochmals furchtsam aufblinzten.
    Indem dieses vorging, hatte sich ein mitgebetener Freund der Frau Gertrud
des alten Säugling bemächtigt und ihn nach Tische ebenfalls in eine andere
Gegend des Gartens geführet. Er brachte, ungezwungnerweise, das Gespräch auf die
Jungfer Anastasia und breitete sich ausführlich über das grosse Heiratsgut aus,
das sie zu gewarten habe. Er erzählte zugleich, es hätten sich schon viele
Partien gefunden, die aber, weil sie Weltkinder gewesen, von der Frau Gertrud
wären abgewiesen worden, bis sich kürzlich erst ein annehmlicher Bräutigam,
sogar ein Edelmann, gefunden hätte, dessen Ansuchen jetzt wirklich in Erwägung
gezogen würde.
    Diese Nachricht tat auf den alten Säugling die begehrte Wirkung. Er ward
etwas still, blies einige Minuten lang den Rauch aus seiner Pfeife langsamer von
sich und fragte, so gleichgültig als er konnte, ob denn der bewusste Bräutigam
schon das Jawort erhalten habe.
    »Bis jetzt noch nicht«, sagte der Freund des Hauses, »die Sache ist noch in
Überlegung und verdient sie.«
    »Ich wünschte«, sagte der alte Säugling, nachdem er wieder einige Minuten
pausieret hatte, »dass ich eher etwas davon gewusst hätte; denn ich muss gestehen,
dass ich die Jungfer Anastasia immer für eine schickliche Partie für meinen Sohn
gehalten habe.«
    Der Hausfreund versicherte, dass hierbei noch nichts verloren wäre; man sei
mit dem andern Bräutigam auf keine Weise gebunden, und obgleich derselbe ein
rechtes frommes Gnadenkind geworden, so sei er doch ein Mann von Stande und ein
Offizier, und man wisse wohl, dass Leute dieser Art am leichtesten in Rückfall
geraten könnten; daher werde die Frau Gertrud seinem Sohne gewiss den Vorzug
geben, nur müsse er, wie leicht zu erachten, sich sehr bald deshalb erklären.
    Der alte Säugling ward über diese Nachricht ungemein vergnügt und
versicherte, er werde morgen unverzüglich mit seinem Sohne reden, welcher ihm
schon längst eine besondere Neigung zur Jungfer Anastasia zu haben schiene; und
da er gar nicht zweifelte, derselbe werde zu dieser Heirat die grösseste Begierde
zeigen, so nahm er zugleich mit dem Hausfreunde die Abrede, dass dieser nebst der
Frau Gertrud und ihrer Tochter auf den übermorgenden Tag zum Mittagsessen
gebeten werden solle, damit alsdann der erste Antrag geschehen und vielleicht
gar die Sache gleich in Richtigkeit gebracht werden könne. Der Freund der Frau
Gertrud bestärkte den alten Säugling sehr in diesem Vorsatze und fuhr fort, ihm
über das Vermögen derselben eine ausführliche Auskunft zu geben nebst andern
dahin einschlagenden, dem Alten ungemein angenehmen Gesprächen. Es entspann sich
daher zwischen beiden eine wechselseitige Vertraulichkeit, und sie hatten
einander so viel zu sagen, dass, als gegen Abend die Zeit zur Abfahrt herankam,
der alte Säugling sich ohne Umstände in den Wagen des fremden Herrn setzte,
damit sie in ihrem Gespräche fortfahren und ihre Ratschläge und Entwürfe ferner
ins reine bringen könnten.
    Der junge Säugling fuhr also ganz allein. Dieser war durch die Lieblichkeit
der Jungfer Anastasia und durch den Weihrauch, den sie seinen Gedichten
angezündet hatte - denn er hielt ihr Seufzen und Erröten bloss für eine starke
Wirkung seiner Gedichte -, in die wohlgefälligste Laune gesetzt worden. Es war
einer der schönsten Sommerabende. Er stieg daher aus dem Wagen, als der Weg
neben einem Walde vorbeiging, um im Grünen zu spazieren. Der Kutscher beschrieb
ihm einen Fusssteig, der nach einer Viertelmeile wieder aus dem Walde
herausführe. Dahin ward der Wagen beschieden, und Säugling ging in das Gebüsch,
um, mit der Schreibtafel in der Hand, unter den Einflüssen der schönen Gegend
einer Szene in seinem empfindsamen Romane nachzudenken.
    Er war schon eine geraume Zeit in aller Wollust der Autorempfängnis
fortgewandelt, als er, ungefähr dreissig Schritte vom Fusssteige ab, im Walde
einen angenehmen Gesang zu hören glaubte. Noch mehr ward er aufmerksam gemacht,
da ihm die Melodie bekannt war; noch mehr, da es ihm bei näherm Hinzugehen eines
seiner Lieder zu sein schien; noch mehr, da ihm die Stimme wie Marianens Stimme
vorkam. Er eilte durch das Gesträuch. Es war wirklich Mariane, die bei ihrem
gewöhnlichen einsamen Abendspaziergange sich am Ufer des kleinen Baches
niedergesetzt hatte, um ihren schwermütigen Gedanken über ihren geliebten, ihr
so frühzeitig geraubten Säugling nachzuhangen, und in diesem süssen Staunen ein
von demselben ehemals an sie gerichtetes Lied sang.
    Als sie Säuglingen erblickte, sprang sie auf und tat einen lauten Schrei,
weil sie glaubte, ein Gespenst zu sehen. Er überzeugte sie aber bald, dass er
lebte, da er sie aufs feurigste in seine Arme schloss und den ersten Kuss auf ihre
jungfräulichen Lippen drückte. Unnennbare Freude zitterte aus beiden in dieser
Umarmung, zu innig für alle Beschreibung. Marianens ganze Zurückhaltung zerfloss
in diesem Gefühle, wie Eis beim Blicke der Sonne im Mai. Sie schwor, die Seinige
zu sein, sie war die Seinige.
    In dieser wonnevollen Unterhaltung verstrich eine Stunde, ohne dass sie es
merkten. Säuglings Bedienter, der am abgeredeten Orte mit dem Wagen so lange
gewartet hatte, ward endlich unruhig, suchte seinen Herrn im Walde, fand ihn und
erinnerte ihn, nach Hause zu fahren.
 
                              Siebenter Abschnitt
Säugling langte so spät an, dass er seinen Vater diesen Abend nicht mehr sprechen
konnte. Nach einer Nacht voll unruhigen Schlafs liess er bei frühem Morgen seinen
Passgänger satteln und ritt ganz allein nach dem Hause im Walde. Wie ihn Mariane
empfangen habe, in deren Herzen nach langem freudelosem Harren die heisseste
Liebe wallte, kann nicht beschrieben werden und ist unnötig zu beschreiben.
Beide waren im ersten Taumel wechselseitig gestandener Liebe, wo jedes halb
gestammelte Wort Entzückung ist und jeder Blick ein Gelübde, dass diese
Entzückung ewig dauern soll. Ihre gestrige Zusage, einander auf immer treu zu
bleiben, ward durch den heissesten Kuss besiegelt. Säugling steckte ihr einen
brillantenen Ring an den Finger, der beim Drucke einer kleinen Feder aufsprang
und ein Sinnbild entdeckte, mit der Überschrift: Ewig treu. Mariane schenkte ihm
ebenden kleinen Demantring in Form eines flammenden Herzens, den ihre Mutter
einst ihrem Vater am Tage ihrer Verlobung gab85 und den sie bisher als ein
wertes Andenken an ihrem Finger getragen hatte.
    Auf diese Art kam der Mittag heran, da sie ein ländliches Mahl unter den
bäurischen Glückwünschungen der ehrlichen Hausleute mit herzlicherm
Wohlgeschmacke verzehrten, als die teure Küche des liebeentbehrenden Schwelgers
gewähren kann.
    Erst nachmittags konnte Mariane ihrem Säugling Rambolds Betrug, wovon sie
freilich den schändlichsten Teil nicht wusste, ausführlich erzählen. In den
ersten wonnetrunknen Ausbrüchen der Liebe hatte sie ihn kaum mit wenig Worten
berührt. Beide entbrannten über seine niederträchtige Erdichtung, wodurch ihr
Glück so lange war zurückgehalten worden. Als ihr Unmut gegen ihn aufs höchste
gestiegen war, sahen sie ihn unvermutet selbst ankommen, um einen seiner
gewöhnlichen Besuche abzulegen. Er war nicht wenig betroffen, Säuglingen zu
finden, und wollte sich erst mit seiner gewöhnlichen Hohnneckerei heraushelfen;
da ihm aber sowohl von Säuglingen als von Marianen seine Niederträchtigkeit mit
den bittersten Worten vorgeworfen ward, brachte ihn der Zorn darüber und der
Verdruss, sein Projekt gänzlich misslungen zu sehen, so ausser aller Fassung, dass
er unversehens und fast ehe Säugling sich in Verteidigung setzen konnte, mit
blossem Degen über ihn herfiel. Mariane warf sich zwischen beide; aber vielleicht
würde dies dem erbosten Rambold doch nicht Einhalt getan haben, wenn nicht der
alte Hauswirt, welcher ein Zeuge dieses Auftritts war, der auf einem grünen
Platze vor dem Hause vorging, mit einer Wagenrunge so wirksam nach Rambolds
Schulter gefahren wäre, dass dieser sein Schwert einsteckte und unter vielen
Flüchen sein Pferd wieder bestieg und davonjagte.
    Dieser Vorfall unterbrach in etwas das Vergnügen des Tages; als sich aber
Mariane von ihrem Schrecken erholet hatte, ward er ein Quell noch zärtlicherer
Empfindungen. Beide verloren sich in der Vorstellung des Glücks einer ewigen
Verbindung, wozu Säugling, als er spät gegen Abend endlich Abschied nehmen
musste, die Einwilligung seines Vaters in möglichster Geschwindigkeit zu erlangen
versprach.
 
                                  Neuntes Buch
                                Erster Abschnitt
Des andern Morgens liess Säugling der Vater, welcher schon den ganzen vorigen Tag
mit Ungeduld nach seinem Sohne gefragt hatte, denselben sehr früh zum Tee rufen.
    »Ich fürchte mich«, sagte der Alte, »du möchtest mir sonst heute wieder
wegreisen wie gestern.«
    »Ich möchte auch wohl«, versetzte der Sohn, »nur erst muss ich Ihnen von
meiner gestrigen Reise wichtige Dinge erzählen, bester Vater!«
    Vater: Lass sein! Ich habe dir noch viel wichtigere Dinge zu sagen. Hör nur,
ob du gleich meinst, du machst alle deine Dinge so heimlich, dass es niemand
merkt, so hab ich dir's doch lange angesehen, dass du eine Zuneigung zur Jungfer
Gertrud hast. Ich habe sie heute nebst ihrer Mutter zu Mittage gebeten. - Nun,
wie wär's, wenn ich für dich heute um sie anhielte? He?
    Säugling (erstaunt): Aber, liebster Vater! Wie können Sie darauf kommen, dass
ein Mensch von Talenten mit einem einfältigen, ganz unkultivierten Mädchen sein
ganzes Leben werde zubringen wollen? Welche Gesellschaft für einen Geist wie
ich!
    Vater: Einen Geist wie du? Da schweben wir wieder oben im hohen Himmel! Aber
glaub mir, hienieden kenne ich für einen Müssiggänger - und das bist du doch wohl
-, der wohl zeitlebens nicht auf eine Entreprise denken wird, keine bessere
Gesellschaft als fünfzigtausend Taler, und die wird die Jungfer Gertrud einmal
wohlgezählt von ihrer Mutter erben. Hörst du! Fünfzigtausend Taler!
    Säugling: Nein! Reichtum kann mich nicht glücklich machen. Mich, zum Umgange
mit Musen und Grazien gewöhnt - nur Liebe, überschwengliche Liebe ...
    Vater: Und wie überschwenglich muss dann die Liebe sein? Ihr wart doch
beständig gern beieinander, hattet auch immer was zu flüstern, und wenn du die
Jungfer Anastasia acht Tage lang nicht gesehen hattest, so war's dann, als ob
dir was fehlte. - Das sah mir doch so ziemlich wie Liebe aus.
    Säugling: Liebe? Dies geschah bloss, weil in dieser Einsamkeit kein anderes
junges Frauenzimmer zu finden war. Mir ist aber wirklich der Umgang mit einem
Frauenzimmer notwendig, damit in meinem Herzen sanfte und gefällige Empfindungen
herrschen und in meine Gedichte hinüberfliessen mögen.
    Vater: Ei nun, so heirate die Jungfer Gertrud, so wird dir ihr Umgang noch
aus einer Ursach notwendig. Zeit ist's ohnedies, dass du heiratest.
    Säugling: Das ist auch mein Vorsatz, mein bester Vater! Dies war die
wichtige Nachricht, die ich Ihnen von meiner gestrigen Reise erzählen wollte.
Ich habe sie wiedergefunden, die Göttin meiner Seele, die ich schon lange liebe,
die nun auch mich liebt, die meiner ganzen Liebe würdig ist. Jung! Schön! Edel!
Verständig! Witzig! Sie lebt eine Meile von hier in einer Schäferhütte im Walde,
in aller Unschuld des Goldnen Zeitalters! Ihr habe ich ewige Treue geschworen,
und nie soll eine andere dies Herz rühren, dies Herz voll von brennendem
zärtlichem Gefühle gegen die göttliche Schöne.
    Vater: Was redst du da? Was für ein romanhaftes Geschwätz? Eine Göttin, die
in einer Hütte lebt? Ei nun ja, die wird freilich auch wohl kein Geld haben,
denn das braucht man weder im Himmel noch im Goldnen Zeitalter. - Aber sage mir
nur, ist's möglich, dass du mir solche Streiche machst? Gleich sag heraus: Wer
ist das Mensch?
    Säugling: Aber, lieber Papa! - Aber wirklich - Sie sprechen in Ausdrücken
... von dem edelsten, süssesten Mädchen. - Es ist doch auch nicht ein bisschen ...
Sie machen mich wahrhaftig ganz verwirrt.
    Vater: So, der Herr Sohn meint, ich brauchte nicht Respekt genug! Gar fein!
Wer ist denn also deine Göttin? - Wem gehört sie an?
    Säugling: Bester, liebster Vater! Es ist die schönste Seele in dem schönsten
Körper, sanft, gut, gefällig ...
    Vater: Bester, liebster Herr Sohn! Wem sie angehört? Wer ihre Eltern sind,
möchte ich wissen.
    Säugling: Sie ist die Tochter eines würdigen Mannes, eines redlichen
Predigers, eines unglücklichen Mannes, der von den Feinden vertrieben worden.
Sie hat unschuldig viele Verfolgungen ausstehen müssen, die Vorsicht hat sie mir
nach langer Abwesenheit wieder zugeführt. Ich habe sie nun, ich liebe sie mit
innigster Zärtlichkeit und werde nimmer von ihr lassen.
    Der Alte liess vor Schrecken seine Pfeife zu Boden fallen. Den schönen
Entwurf, seinen Sohn mit einem reichen Frauenzimmer zu verbinden, den er für
ganz ausgemacht hielt, sah er mit einem Male vernichtet; sein Sohn war in ein
armes Mädchen vergafft, das, Gott weiss woher, in eine benachbarte Hütte sollte
gekommen sein, und was das schlimmste war - denn sein Phlegma stellte sich
allemal die nächsten Verlegenheiten als die grössten vor -, er wusste gar nicht,
was er mit der Frau Gertrud, mit ihrer Tochter und dem Freiwerber anfangen
sollte, die er heute zum Mittagessen gebeten hatte, um den Heiratsantrag zu tun,
in der ganz zuverlässigen Voraussetzung, dass sein Sohn nichts lieber wünsche.
    Endlich ermannte er sich, um dem Sohne zu beweisen, dass es sich für ihn gar
nicht schicke, ein armes Mädchen zu nehmen; und sein Sohn ermangelte nicht, mit
vielen Gegengründen darzutun, dass ein Mädchen, die er liebe, das einzige Glück
seines Lebens machen werde. In diesem Streite ward die kaltsinnige Ruhigkeit des
Vaters bald von der feurigen Heftigkeit des Sohnes betäubt. Da Säugling also
merkte, dass sein Vater stiller ward, bekam er mehr Mut und bot alle seine
Beredsamkeit auf, um denselben zu überzeugen. Indem er nun mit heller Stimme für
seine Meinung kämpfte und dabei mit den Händen focht, erblickte der Vater den
Ring mit dem flammenden Herzen an der linken Hand seines Sohnes.
    »He da!« rief er und nahm ihn bei der Hand: »Lass sehen, Junge! Ich glaube,
du hast dich im ganzen Ernste verplempert! Ich will nicht hoffen, dass du den
Ring von dem Mädchen hast?«
    »Ja, von ihr!« rief der Sohn und küsste den Ring, indem er ihn dem Vater
vorhielt. »Sie ist die süsseste Seele, voll Unschuld und Liebe, weiss und glänzend
wie diese Steine.«
    »Wahrhaftig«, sagte der Vater bedächtig, indem er den Ring gegen das Fenster
kehrte, »der Mittelbrillant ist vom ersten Wasser. Höre nur, das Mädchen kann
doch wohl nicht ganz arm sein, wenn sie solche Ringe verschenkt. - Sehen Sie,
Herr Pastor, einen schönen Stein, einen ausbündigen Stein ...«, fuhr er gegen
Sebaldus fort, der eben mit den Zeitungen in der Hand hereintrat.
    Sebaldus hatte kaum den Stein erblickt, als er voll Erstaunen ausrief:
    »Gott! Woher haben Sie den Ring? Er gehört meiner Tochter!«
    »Ihrer Tochter?« riefen Vater und Sohn.
    »Ich habe den Ring«, fuhr der Sohn fort, »von dem besten, edelsten Mädchen,
das ich unaussprechlich liebe und ewig lieben werde. Ist sie Ihre Tochter? -
Wohl mir! - So ist sie die Tochter eines sehr redlichen Mannes.«
    Der junge Säugling erzählte einige Umstände, die dem Sebaldus keinen Zweifel
mehr übrigliessen. Sebaldus bat den Alten, ihn sogleich zu seiner Tochter fahren
zu lassen; der junge Säugling bat seinen Vater fussfällig, dass er mitfahren
dürfe. Dieser bewilligte endlich beides, nur mit dem Bedinge, dass sie zur
Mittagsmahlzeit wiederkämen und dass sie sich gegen die Frau Gertrud und ihre
Tochter von allem Vorgefallnen nichts sollten merken lassen, wodurch er sich
wenigstens aus seiner heutigen Verlegenheit zu ziehen hoffte. Der junge Säugling
sprang gleich fort, um selbst die geschwinde Anspannung eines Wagens zu
besorgen. Unterdes verlangte Säugling der Vater vom Sebaldus einen Handschlag,
dass er die Heirat seines Sohnes mit Marianen nicht befördern wolle. Sebaldus gab
ihm deshalb ausdrücklich sein Wort; und der alte Herr, der Sebaldus' ehrliche
Denkungsart kannte, machte seiner eignen Klugheit insgeheim ein Kompliment,
indem er dadurch seinem Sohne einen starken Schritt abgewonnen zu haben glaubte.
    Sebaldus fuhr in Gesellschaft des jungen Säugling nach dem Hause im Walde.
Sobald Mariane den Wagen ankommen sah, flog sie ihrem Liebhaber entgegen; er war
aber kaum aus dem Wagen gesprungen, als sie ihren Vater erblickte. Allzuviel
Freude auf einmal zu ertragen, ist ein menschliches Herz zu schwach. Sie fiel in
Ohnmacht. Kaum war sie einigermassen wieder zu sich gekommen, so stürzte sie, mit
Wonne ohne Mass, in ihres Vaters Arme, welche er mit väterlicher Inbrunst um sie
schloss. Aber bald mischten sich traurige Empfindungen in ihre Freude. Ihr Vater
hielt ihr seine jetzige Lage gegen den alten Säugling vor. Er gab ihr zu
überlegen, ob er nicht dessen Guttätigkeit mit Undank belohnen und die
heiligsten Rechte der Gastfreundschaft verletzen müsse, wenn er - wie es allemal
scheinen würde, aus Eigennutz - zu ihrer Heirat mit dem jungen Säugling wider
des Vaters Willen seine Einwilligung geben wolle. Er erklärte ihr endlich, dass
er dem Alten förmlich deshalb sein Wort gegeben habe, und nun forderte er auch
von ihr ein ausdrückliches Versprechen, alle Gedanken daran fahrenzulassen.
    Marianens innrer Streit war sehr heftig. Sie war noch nie ihrem Vater
ungehorsam gewesen, sie fühlte, es würde unedel sein, ihm jetzt in demjenigen
nicht zu gehorchen, was er mit väterlichem Ernste und aus guten Gründen
verlangte; aber sie fühlte auch, es heisse sich das Herz ausreissen, wenn man dem
einzig Geliebten plötzlich ganz entsagen soll. Kindliche Pflicht siegte endlich
in der edlen Seele, obgleich, wie Pflicht über Leidenschaft allemal: mit Mühe.
Sie benetzte ihres Vaters Hand mit Tränen und schwor, nichts wider seinen Willen
zu tun, nichts, das ihr und ihm unanständig wäre.
    Sie ermahnte selbst Säuglingen, mit einem Strome von Tränen, standhaft zu
sein, sie zu vergessen. Aber der hohe Schmerz selbst, womit ihr Auge, bei ihrer
grossmütigen Entsagung, auf ihn blickte, beförderte seine Liebe bis auf den
höchsten Grad. Er geriet in die heftigste Leidenschaft; er schwor zu ihren
Füssen, nimmer von ihr zu lassen; er schwor, weder ihr noch sein Vater würden
seiner Liebe Hindernisse entgegensetzen; er schloss sie in seine Arme und bot der
ganzen Welt Trotz, sie von ihm zu reissen. Marianens tränende Bitten, gemischt
aus allem, was Liebe Bitteres und Süsses hat, Sebaldus' beweglichste
Vorstellungen halfen nichts. Er schloss sie nochmals in seine Arme und beteuerte
mit den heftigsten Schwüren, sie solle ewig die Seinige sein.
    Sebaldus hatte sich noch nie in so unaussprechlicher Verlegenheit befunden.
Er liebte sein Kind zärtlich, und doch bewogen ihn Vernunft und Pflicht, ihr zu
versagen, was sie glücklich machen würde, wie er wohl einsah; auch war nicht
abzusehen, wenn gleich Mariane gehorsamte, wie die heftige Leidenschaft des
Jünglings zu zähmen sein möchte.
    Indes verstrich die Zeit, und Sebaldus, eingedenk des Versprechens, zur
Mittagsmahlzeit zurückzukehren, erinnerte Säuglingen an die Abreise. Säugling
aber war durch keine Vorstellung zu bewegen, sich von Marianen zu trennen, und
schwor abermal, nicht eher zu seinem Vater zurückzukehren, bis er dessen
Einwilligung zu seiner Verbindung erhalten hätte. Sebaldus sah endlich, nach
vielen fruchtlosen Versuchen, der Jüngling sei jetzt zur Rückreise nicht zu
zwingen; und ihn zurückzulassen, hielt er sehr bedenklich, weil sonst in so
konvulsivischer Leidenschaft heftige unüberlegte Ratschläge zu fürchten waren.
Er entschloss sich also in dieser äussersten Verwirrung der Sache (ob er gleich
nicht wusste, wie dies der alte Säugling ansehen möchte), seine Tochter
mitzunehmen und bei sich zu behalten, weil er vermeinte, auf solche Art den
weitern Gang dieser Angelegenheit besser zu übersehen und gemeinschaftlich mit
dem Alten die zuträglichsten Massregeln ergreifen zu können.
    Verliebte sind wie Kinder. Kaum vernahm Säugling des Sebaldus Entschluss, als
er von der äussersten Wut zur äussersten Freude überging. Mit seiner Mariane,
deren gegenwärtige Trennung von ihm seine Leidenschaft als das äusserste Unglück
darstellte, nun unter ebendem Dache zu wohnen schien ihm das äusserste Glück. Er
umarmte den Sebaldus, er küsste dessen Hand, er bat ihn um Vergebung wegen aller
unüberlegten Worte, die er in der Wut ausgestossen hatte. Sein Gemüt war
plötzlich umgestimmt, vernünftigen Vorstellungen Gehör zu geben; er versprach,
sich zu mässigen, versprach, seinen Vater zu schonen, versprach alles; Marianens
Gesellschaft überwog alles, füllte seine Seele ganz, liess keinem andern Gefühle
Raum.
    Sie setzten sich sämtlich in den Wagen und fuhren zurück, äusserlich
beruhigt.
 
                               Zweiter Abschnitt
Säugling der Vater befand sich in ziemlicher Unruhe, teils weil sein Sohn zur
gesetzten Zeit nicht nach Hause kam, teils wegen seiner Ungewissheit, wie er sich
gegen die Frau Gertrud und deren Tochter betragen sollte, die mittags erwartet
wurden und von dem grossen Hindernisse der gemeinschaftlichen Absichten noch gar
nichts ahnen konnten. Indes ward ihm ein Teil dieser Verlegenheit benommen, da
die Jungfer Anastasia nicht erschien. Entweder Säuglings Gedichte oder die
Furcht und Hoffnung wegen seiner Entschliessung oder andere Ursachen mochten auf
ihre zarten Nerven allzu stark gewirkt haben. Sie war denselben Morgen mit
Kopfweh, Übelkeiten und Zittern der Glieder befallen worden, eine Krankheit,
weswegen ihre Mutter in ziemlichen Sorgen zu sein schien.
    Kurz nachher kam auch der junge Säugling mit seiner Gesellschaft an. Mariane
ward indes in Sebaldus' Zimmer geführt, bis man dem Alten den Vorgang berichten
konnte.
    Bei Tische war die ganze Gesellschaft nicht sonderlich aufgeräumt. Alle
suchten ihre innerliche Verlegenheit zu verbergen und dachten ihren besondern
Entwürfen nach. Nach Tische zog der Feind der Frau Gertrud den alten Säugling in
das Fenster eines Nebenzimmers, wo sie bald in ein tiefes Gespräch über die
Heiratssache gerieten. Der junge Säugling schlich sich, ohne dass jemand darauf
achtatte, zu seiner Mariane; und die Frau Gertrud blieb mit Sebaldus auf einem
Kanapee sitzen, weil sie sich heute vorgenommen hatte, die wichtige Lehre von
dem geistlichen Verderben der menschlichen Natur mit ihm aus dem Grunde
abzuhandeln. Sebaldus hatte in allen vorigen Disputen der menschlichen Natur
Kräfte zur Besserung zugestanden, die Frau Gertrud aber schrieb hierbei alles
der Gnade zu. Sie war schon einigemal vom Sebaldus mit verschiedenen Argumenten
ziemlich eingetrieben worden, heute aber hatte sie sich vorbereitet, ihn
schlechterdings daniederzuschlagen. Da das Geschnatter einer
Religionskontroversistin, zumal sobald es zu einer gewissen Stärke kommt, schwer
zu überwältigen ist und da der gute Sebaldus ohnedies von Marianens kritischer
Lage den Kopf voll hatte, so konnte dieses Mal die Frau Gertrud viel leichter
gewonnenes Spiel haben. Sie hieb also alle menschliche Tugenden unbarmherzig
nieder, um der Gnade daraus ein Siegeszeichen zu errichten. Sie erzählte mit
geläufiger Zunge alle Wunder, die an unwiedergebornen Menschen, im Leben und auf
dem Todbette, je haben durch die Gnade verrichtet sein sollen. Sie plünderte die
düstern Schriften eines Hans Engelbrecht, Gerber, Reiz, Bogatzky und anderer;
und zuletzt, weil doch jeder Heiliger gern ein Wunder von seinem eignen
Machwerke zu haben pflegt, erzählte sie, dass in dem Wirtshause, ihrer Wohnung
gegenüber, ein junger Fähnrich im Quartier liege, der zwar immer ein natürlich
guter, aber doch ein unwiedergeborner Mensch gewesen sei; nachdem er nun aber,
seit länger als einem halben Jahre, die Erbauungsstunden besucht habe, die sie
in ihrem Hause halte, sei er von der Gnade so kräftig ergriffen worden, dass sie
seine merkwürdige Bekehrungsgeschichte aufgezeichnet und nach Magdeburg
geschickt habe, wie sie in das geistliche Magazin, den Ungläubigen zur
Beschämung, eingerückt werden solle.
    Unter diesen Gesprächen fuhr ein Wagen vor die Türe, aus welchem der Herr
von Haberwald halbbetrunken heraustaumelte. Die Frau Gertrud wollte mit solchem
Weltkinde nichts zu tun haben, liess sich also vom Sebaldus in den Garten führen,
ehe der Herr von Haberwald heraufkam. Dieser, nachdem er sich mit einer Flasche
Wein erfrischt hatte, legte sich in den Lehnstuhl und fing an zu schwatzen:
    »Ich komme da vom Landtage zurück, wo der Sechsundzwanziger geflossen ist,
und dann hatte der Prälat von *** ein Öhmchen Neuner, so just für 'nen Kenner.
Doch haben wir auch übers Landes Beste die Köpfe zusammengesteckt; denn so wahr
ich lebe, Nachbar Säugling, was mich betrifft, ich bin weise wie Sankt Paulus,
wenn ich getrunken habe. - Ja nun, was wollte ich doch sagen ... der Landtag war
aus; so muss man doch auch 'n bisschen sehen, wie's zu Hause aussieht - so fahren
wir denn zurück, und ich komme heute um halb elfe nach ***, da hab ich im,
'Roten Löwen' bei dem putzigen Wirte mit der Stumpfnase gegessen. Der Kerl hat
Burgunder so gut wie in Lüttich. Force! Feuer! Wer ihn nicht versteht, den wirft
er untern Tisch. - Ja was wollte ich doch sagen ... Gegenüber wohnt, du weisst's,
Nachbar Säugling, die alte reiche Hexe, die Gertrud; mit einem Male, wie wir im
besten Trinken sind, wird ein Lärm im Hause, die Leute laufen vor der Türe
zusammen und wir ans Fenster ...«
    »Wieso?« fragte der Freiwerber. »Es war doch wohl nicht Feuer im Hause?«
    »Ei, warum nicht gar! Aber vor neun Monaten mag wohl Feuer gewesen sein, da
kriegt nun die Tochter jetzt 'nen Zufall ... Hi! Hi! Und die Mutter ist nicht
'nmal zu Hause, drüber wird 'n Aufruhr, 's Mädchen holt 'n Doktor, ja, der tut's
noch nicht. He, schrie Stumpfnase und wies mir 'n alt Weib auf der Strasse, da
haben sie Mutter Ilsen von der andern Ecke geholt, die wird's in Gleis bringen;
und der Fähnrich, der bei mir im Quartiere liegt, ist auch schon
herübergeschlichen. - Ei, dass dich übern Fähnrich, wenn doch unsereiner auch
'nmal so im Quartiere läge!«
    Hierbei schlug Haberwald eine wiehernde Lache auf; und der Freiwerber, dem
sich während der ganzen Erzählung die Kinnbacken verlängert hatten, eilte in den
Garten, um der Frau Gertrud diesen für ihre Absichten so verdriesslichen Vorfall
mit möglichster Vorsicht zu hinterbringen.
    Er störte sie in einer sehr glücklichen Lage; denn da sie ihre heutige
Überlegenheit über Sebaldus vermerkte, hatte sie ihn warmgehalten und war jetzt
eben im Beweise begriffen, dass die dritte Posaune in der Apokalypse86 die
Indifferentisten bedeute, welche von Erbsünde und Wiedergeburt nichts wissen
wollen und dadurch eine bittere Religionsmengerei verursachen, wogegen Sebaldus,
der aber gar nicht zum Worte kommen konnte, vermeinte, dass gewiss dadurch die
französischen Ateisten angedeutet würden, welche die ersten Quellen der
menschlichen Glückseligkeit vergiften.
    Der Freiwerber raunte der Frau Gertrud die unglückliche Nachricht ins Ohr,
wodurch sie aus aller Fassung gebracht ward. Sie fiel beinahe in Ohnmacht, kam
wieder zu sich, ward in ihren Wagen gepackt und nach Hause gefahren.
    Der Herr von Haberwald machte sich mit noch ein paar Flaschen vollends
fertig und ward in ein Bette gebracht, um seinen Rausch auszuschlafen. Seine
Pferde aber, die nüchterner waren, gingen mit Rambold nach Hause.
    Des alten Säuglings Nerven, keiner Anstrengung gewohnt, waren durch die
mannigfaltigen Begebenheiten dieses Tages dermassen erschüttert, dass er sich halb
betäubt auf seinen Sorgestuhl warf. Gleichwohl sollte er noch nicht zur Ruhe
kommen; denn der junge Säugling stellte ihm, wider alles Vermuten, Marianen vor.
Beide warfen sich ihm zu Füssen. Sein Sohn, mit der grössten Heftigkeit flehend,
in ihre Verbindung zu willigen; Mariane, mit Tränen versichernd: sosehr sie
seinen Sohn liebe, werde sie doch ohne seine Einwilligung nie demselben ihre
Hand geben. Ihr Vater bestärkte sie in diesem Entschlusse und setzte beiläufig
den Undank ins Licht, dessen sie beide sich sonst schuldig machen würden.
    Der alte Säugling hob Marianen auf, versicherte sie, dass er sie und ihren
Vater hochachte, aber ihre Heirat mit seinem Sohne nicht zugeben könne. Übrigens
bat er alle, ihn nur heute ruhig zu lassen; denn er könne nun kein Wort weiter
sagen.
    Der Abend nahte heran, und die ganze Hausgenossenschaft ging beizeiten zu
Bette; aber niemand schlief ruhig als der Herr von Haberwald, welcher im Dunste
des lüttichschen Burgunders nach Herzenslust schnarchte.
    Der alte Säugling schlief nicht, weil ihm der Querstrich mit der Jungfer
Anastasia im Kopfe lag und weil er gar nicht absehen konnte, wie er seinen
lieben Sohn zufriedenstellen sollte. Er konnte leicht erachten, derselbe werde
von seiner Liebschaft nicht so leicht ablassen, und er konnte sich doch auch
nicht entschliessen, in die Heirat seines einzigen Erben mit einem armen Mädchen
zu willigen. Nach langem Hinundhersinnen wollte ihm nichts Bessers beifallen,
als dass er seine väterliche Autorität zusammennehmen und seinem Sohne rundheraus
sagen müsse: aus der Sache werde nichts. Nachdem er diesen Entschluss genommen
hatte, ward er etwas ruhiger und schlief endlich ein.
    Sebaldus konnte nicht einschlafen, weil ihm Marianens misslicher Zustand am
Herzen lag. Doch war an seiner Unruhe auch nicht wenig schuld, dass die Frau
Gertrud seine Erklärung der dritten Posaune so schnöde verworfen hatte. Er fing
an, sich die Gründe für seine Meinung ausführlich zu wiederholen. Je mehr er
darüber nachdachte, desto richtiger fand er sie und desto mehr beruhigte er sich
über den Widerspruch der ungelehrten Frau, so dass er endlich einschlief.
    Der junge Säugling und Mariane hatten jedes für sich eine schlaflose Nacht,
und zwar aus einerlei Ursach: nämlich weil sie verliebt waren und weil ihrer
Liebe ein beinahe unübersteigliches Hindernis im Wege lag. Sie beschäftigten
sich, jeder besonders, wer weiss wieviel spanische Schlösser in die Luft zu
bauen, und taten darüber bis an den hellen Morgen kein Auge zu.
 
                               Dritter Abschnitt
Des folgenden Tages erschien Säugling der Sohn ungerufen sehr früh beim
Teetische seines Vaters. Seine heftige Leidenschaft hatte nun einiger Überlegung
Raum gegeben. Er sah ein, dass ohne seines Vaters Einwilligung nichts
auszurichten sei, und suchte ihn nun auf irgendeine Art zu bewegen. Er hatte
ausgerechnet, dass sein Vater ihn liebe und sonst eben nicht allzu standhaft sei.
Er suchte also die Nacht über alle schwache Seiten auf, die er seinem Vater
abgewinnen könnte, und griff ihn diesen Morgen mit einer Inbrunst und
Beredsamkeit an, die er für unwiderstehlich hielt.
    Er betrog sich aber. Der Vater runzelte, seinem genommenen Entschlusse
gemäss, die Stirn und gebot ihm in einem verdriesslichen Tone, von dieser Sache
kein Wort mehr zu reden, weil es sich für ihn nun einmal nicht schicke, ein
Mädchen ohne alles Vermögen zu heiraten.
    Der Sohn wollte Einwendungen machen, aber der Vater setzte trockenerweise
hinzu, die Sache sei so klar, dass er Marianens eignen Vater zum Schiedsrichter
annehmen wolle.
    Sebaldus fiel ihm völlig bei. Der junge Säugling, dem, trotz seiner schönen
Rede, wovon er sich die kräftigste Wirkung versprochen hatte, von beiden
zukünftigen Schwiegervätern seine Braut abgesprochen wurde, stand starr da wie
eine Bildsäule.
    Der alte Säugling ersuchte den Sebaldus, die Zeitungen zu lesen, um nur von
diesem unangenehmen Diskurse abzukommen.
    Nachdem verschiedene Nachrichten durchgelaufen waren, kam Sebaldus endlich
auf folgende Stelle:
    »Bei der ***sten Ziehung der Königlichen ***schen privilegierten
Zahlenlotterie, welche den ***ten dieses Monats mit gewöhnlichen Formalitäten
öffentlich vollzogen worden, sind die Nummern 33, 42, 12, 66, 6 aus dem
Glücksrade gekommen.«
    »Lass sehen«, rief der alte Säugling, indem er seine Lose aus dem Schranke
holte und nachsah, »wahrhaftig wieder nicht eine einzige Zahl. - Der verdammte
Arabische Lotteriewahrsager! - Und doch sind mir die Nummern so bekannt, ich
dächte, ich hätte sie raten müssen. - Wie ist's denn? Von Ihren Zahlen wird auch
wohl keine heraus sein? Sehen Sie doch nach, Herr Pastor!«
    Sebaldus nahm seinen Zettel aus der Schreibtafel; der alte Säugling las die
Zahlen ab und verglich jede mit der Zeitung.
    Sein Auge ward starr, sein Gesicht lang. Endlich rief er: »Was zum Teufel:
33, 12, 66, 6. Ist's möglich! Eine Quaterne! Sie sind ein Glückskind, Herr
Pastor!«
    
    »Habe ich was damit gewonnen?« fragte Sebaldus ruhig.
    »Gewonnen?« rief der Alte und ergriff Bleistift und Papier, um auszurechnen
»Lass sehen:
1 Quaterne à 41/2 Stüber 4500 Rtlr. -
4 Ternen à 30 Stüber 10600 - -
6 Amben à 33/4 Stüber 101 - 15 St.
Macht wahrhaftig
                                                             15201 Rtlr. 15 St.
Dass dich doch! Bin ich nicht ein Schöps, dass ich nicht die Nummern genommen
habe?«
    »Wie? Was? Fünfzehntausend Taler!« rief der junge Säugling, indem er sich
seinem Vater zu Füssen warf. »Nun sagen Sie nicht, dass meine Mariane arm ist. Ich
umfasse Ihre Knie und stehe eher nicht auf, bis Sie mir Ihre Einwilligung geben.
Nun ist alle Hindernis gehoben!«
    »Mein Sohn«, rief der Alte, »du denkst bloss an deine Heirat - davon ist
jetzt die Rede nicht -, ich denke an den verwünschten Lotteriewahrsager!« (Indem
warf er das Buch unwillig ins Kaminfeuer, und das Lotterievademecum flog
hinterher.) »Dass dich doch! - Aber wie war's dann, Herr Pastor? Ist Mamsell
Mariane Ihr einziges Kind?«
    Sebaldus antwortete seufzend: »Ich habe noch einen Sohn, von dem ich aber
keine Nachricht habe, seit er in den Krieg gegangen ist.«
    »Sie sehen«, rief Säugling der Sohn, der seines Vaters Meinung erriet,
»meine Mariane ist das einzige Kind. Wer weiss, bei welcher Aktion der Sohn
geblieben ist. - Fünfzehntausend Taler! - Hätte ich doch nicht geglaubt, dass mir
Geld Vergnügen machen könnte! - Ich bitte Sie, liebster Vater, bedenken Sie, dass
Mariane übrig reich für mich ist!«
    »Lass mich gehen, mein Sohn! - Wer weiss, ob auch das Geld richtig ausgezahlt
wird?«
    »Liebster Papa! Bedenken Sie doch - eine Königliche Lotterie sollte nicht
bezahlen!«
    Damit sprang er auf, um Marianen ihr beiderseitiges Glück zu hinterbringen.
    Als er weg war, sassen die beiden Alten stockstille. Der alte Säugling fuhr
fort, sich zu ärgern, dass er die Zahlen nicht für sich gewählt hatte, und mass an
der Entzückung, die er in Sebaldus' Augen las, die Freude ab, worin er selbst
gewesen sein würde, wenn er die Quaterne gewonnen hätte.
    Sebaldus sass wirklich ganz entzückt da, aber nicht über das gewonnene Geld;
denn ob ihm gleich die vorteilhafte Wendung der Sachen erfreulich war, so rührte
doch eigentlich seine Wonne daher, dass ihn die Zahlen durch verwandte Ideen an
die Apokalypse und an seinen Kommentar erinnerten. Er überdachte seine Meinung,
dass alle bösen Menschen, durch Strafen gebessert, in dem neuen Jerusalem gut und
glücklich sein würden, welche reizende Vorstellung ihn allemal in die innigste
Freude versetzte.
    Säugling der Sohn kam bald mit Marianen zurück. Beide warfen sich zu seines
Vaters Füssen, der, nach wenigen Schwierigkeiten, seine Einwilligung gab, welche
Sebaldus auch bekräftigte.
 
                               Vierter Abschnitt
Die beiden Liebenden gingen in den Garten, und die Alten blieben zusammen:
Säugling der Vater, um dem Sebaldus einen Brief wegen Bezahlung der Quaterne zu
diktieren, und Sebaldus, um ihn zu schreiben.
    Kaum war diese Arbeit fertig, als Rambold angefahren kam, um den Herrn von
Haberwald abzuholen. Dies war seine gewöhnliche Verrichtung, wenn sein Gönner
sich so wohl tat, dass er nicht nach Hause kommen konnte. Weil dieser aber noch
schnarchte, so trat er zum alten Säugling ein.
    Er entfärbte sich nicht wenig, als er den Sebaldus wieder erblickte, den er
seit der letzten Zusammenkunft87 nicht gesehen hatte. Dennoch wollte er diese
Gelegenheit nicht vorbeilassen, seine Rache gegen den jungen Säugling
auszuführen. Er nahm eine scheinheilige Miene an und sagte, sein Gewissen, da er
ehemals der Hofmeister des jungen Herrn gewesen, verbinde ihn, dem alten Herrn
eine unangenehme Nachricht zu geben, nämlich dass der junge Herr Säugling sich an
eine Landläuferin gehänget habe, die sich demselben zu Gefallen in einem nicht
weit entlegenen Hause aufhalte.
    Der Alte sagte lächelnd: »Ich weiss es wohl. Aber eine Landläuferin ist sie
nicht, sondern ein Mädchen, das gute fünfzehntausend Taler hat.«
    Rambold schlug eine laute Lache auf: »Lassen Sie sich doch so etwas von
Ihrem Sohne nicht einbilden. Sie hat gar nichts. Kein Mensch weiss, wem sie
angehört.«
    Der alte Säugling, der sich bei diesem Missverständnisse genoss, sagte mit
belehrender Gebärde: »Wenn's kein Mensch weiss, so weiss ich's doch. Sehen Sie,
das Mädchen, das Sie für eine Landläuferin halten, ist des Herrn Pastors hier
einzige Tochter. Er hat in der letzten Ziehung der ***schen Lotterie eine
Quaterne von fünfzehntausend Talern gewonnen. Sie ist meines Sohnes Braut, denn
ich habe meine Einwilligung gegeben und ihr Vater auch. Also kommt Ihr guter Rat
zu spät, mein lieber Herr Rambold.«
    Rambold war äusserst betreten. Seine natürliche Unverschämteit verliess ihn.
Er ward bald blass, bald rot, sah bald voll Verwirrung den Sebaldus an, bald
wieder weg, biss sich die Nägel, schien etwas sagen zu wollen, ohne dass er etwas
herausbringen konnte. Murmelte endlich: »Aber wirklich - fünfzehntausend Taler
hat dieser Herr gewonnen!«, sah wieder nach Sebaldus mit betroffner Miene und
schlug halb beschämt die Augen nieder, wollte wieder zu reden anfangen, und das
Wort schien ihm auf dem Munde zu vergehen.
    Während dies vorging, traten Säugling der Sohn und Mariane ins Zimmer.
    »Kommen Sie, meine Tochter«, rief der alte Säugling schmunzelnd.
»Verteidigen Sie sich! Hier dieser Herr wollte mich eben vor Ihnen als vor der
Verführerin meines Sohnes warnen.«
    »Nichtswürdiger!« rief Mariane und sah Rambolden mit einem Blicke voll
tiefster Verachtung an. »Du denkst schändlich genug, um zur Verfolgung noch
Verleumdung hinzuzutun. - Deine niederträchtige Liebe, die nur Bosheit war ...«
    »Und doch sollen Sie mich gewiss noch lieben«, fiel ihr der faselhafte
Rambold greiflachend ins Wort, gewohnt, bei einer Geckerei, die ihm in den Kopf
kam, alle ernstafte Gedanken zu vergessen.
    »Wie?« rief Mariane höchst erzürnt. »Nimmermehr!«
    »Aber doch gewiss, liebstes Marianchen!« neckte Rambold weiter.
    Mariane erblasste vor Zorn über diese unglaubliche Unverschämteit und
wiederholte: »Nimmermehr! Niederträchtiger!«
    »Ja gewiss!« erwiderte Rambold, der seine Geckenmiene in eine ernstafte
verwandeln wollte und unbeschreiblich einfältig aussah. »Zwar nicht als
Liebhaber, aber doch als Bruder. - Ich bin Ihr Sohn«, rief er und warf sich zu
Sebaldus' Füssen. - »Ich fühle die grösste Reue, dass ich Ihnen nicht geschrieben
und mich Ihnen hier nicht eher zu erkennen gegeben habe. - Ich wollte aber mein
Glück erst festsetzen, ehe ich meinen im Kriege angenommenen Namen88 verliesse. -
Ich bin weit herumgeirrt. - Ich habe, nachdem Sie von Hause vertrieben worden,
nie Nachricht von Ihnen gehabt. - Erst ganz kürzlich habe ich erfahren, wer Sie
waren. - Da war ich gleich ausserordentlich unruhig. - Ich wollte ... Ich wusste
nicht recht ...« Hier stammelte er noch einige kahle Entschuldigungen, an denen
es schlechten Leuten nie fehlet.
    Alle erstaunten. Sebaldus fasste sich nach einigen Augenblicken und sagte:
»Mein Sohn! Du kanntest mich also doch? Edler wäre es gewesen, wenn du mich
nicht verschmähet hättest, als ich noch in elenden Umständen war! Aber ich
vergebe dir.« Er hob ihn auf und umarmte ihn.
    Auch der junge Säugling umarmte ihn. Mariane tat ein gleiches, aber nicht
mit der Fülle des Herzens, womit sie sonst einen Bruder würde umarmet haben.
    Rambold hingegen war guter Dinge, als ob alles so recht wäre, und da der
Herr von Haberwald endlich auch aus seinem Schlafzimmer hervorkam, erzählte er
ihm lachend, dass er seinen Vater und seine Schwester gefunden habe, und stellte
ihm dieselben vor.
 
                               Letzter Abschnitt
Die Quaterne wurde bezahlt und Säugling kurz darauf mit Marianen verbunden. Die
ersten Honigmonate verflossen in allen Entzückungen einer zärtlichen Liebe.
Säugling machte sich den schönsten Plan zu einem arkadischen Schäferleben, voll
Zärtlichkeit, Unschuld, Liebe und besonders voll lieblicher Gedichte; doch ging
es in der folgenden Zeit nicht ganz nach diesem schön ausgesonnenen Plane.
Mariane hatte während ihres einsamen Winteraufentaltes in dem Hause im Walde
und sonst Gelegenheit genug gehabt zu erfahren, wie eitel poetische Phantasien
sind, wenn sie ins gemeine Leben gebracht werden. Ihr kleiner Hang zu
romantischen Gesinnungen und ihre von Jugend an so gern gehegten Aufwallungen
der Einbildung verschwanden, da sie in die wichtigen Verhältnisse des wirklichen
Lebens trat. Ihre süssen empfindsamen Phantasien machten wirklicher Liebe Platz,
unbestimmte Aussichten auf überschwengliche himmlische Seligkeiten wurden durch
gemässigtes, aber wahres Wohlbefinden ersetzt. Gespräche vom Wohltun gingen nun
in wohltätige Geschäfte über. Sie weihte sich ganz ihren Pflichten, ward eine
Landwirtin, versorgte ihr Haus und erzog ihre Kinder. Sie verschmähte auch nicht
die kleinen Unannehmlichkeiten, die das häusliche Leben mit sich führt, denn
ihrem edlen Geiste ward dadurch von seiner feinen Empfindung nichts entzogen,
die vielmehr dadurch mehr Kräfte gewann. Mariane ward nunmehr inne, wie weit
sentimentales Gefühl, im wirklichen Leben tätig angewendet, das leichte
Geschwätz davon überwieget. Sie merkte bald, dass Hausfrau und Mutter zu sein
Wohlwollen mit sich führt, das keine jugendliche Phantasei erreichen kann, so
weit sie auch zu fliegen scheint.
Säugling, immer gewohnt, dem Frauenzimmer zu folgen, modelte sich unvermerkt
nach Marianen. Er erinnerte sich, dass er ein Mann, nicht mehr ein Jüngling sei.
Er entsagte, freilich nach einigen kleinen Kämpfen, erst seiner allzu genauen
Achtsamkeit auf den Kleiderputz, dann seinen zierlichen Gesinnungen und endlich
selbst seinen Gedichten. Nicht nur hatte er sogar an seinen empfindsamen Roman
nicht weiter gedacht, sondern ist auch allmählich ein völliger Landwirt
geworden. Er steht mit dem Morgen auf, teilt seinen Leuten ihr Tagewerk aus,
reitet in aller Witterung zu ihnen aufs Feld und hat sich durch unablässige
Tätigkeit eine solche praktische Kenntnis des Ackerbaues erworben, dass er auf
seines Vaters Gütern die wichtigsten Verbesserungen zustande bringt. Indes da
sich lange angewöhnte Untaten selten ganz ausrotten lassen und weil einmal
geschrieben stehet:
Qui a bu, boira!
Qui a écrit, écrira!,
so ist er doch unterderhand wieder ein Schriftsteller geworden; denn es wird
nächstens von ihm eine Abhandlung vom Bau der Kartoffeln gedruckt werden, welche
er nach einer ihm eignen Metode zu vervielfältigen weiss und womit er in den
teuren Jahren die armen Heuerleute seiner Gegend aus eignem Vorrate beinahe ganz
erhalten hat.
Als der Frau von Hohenauf die vorhabende Verbindung zwischen ihrem Neffen und
Marianen gemeldet ward, antwortete sie in kaltem Tone, sie wisse längst, dass ihr
Bruder beständig nur niedrig denke und ihre Bemühungen, die Familie aus dem
Staube zu heben, nie gehörig geschätzt habe. Da kurz darauf ihr Gemahl starb,
vermählte sie sich abermals, mit einem wohlgewachsnen unmittelbaren
Reichsritter, dessen alter stiftsfähiger Adel allein schon aus den Akten eines
weitläuftigen, über hundert Jahre bei dem Reichskammergerichte schwebenden
Konkursprozesses zu beweisen stand. Um die Güter ihres Gemahls, wo möglich, von
Schulden zu befreien, ging sie mit demselben nach Wetzlar mit
Empfehlungsschreiben an den hernach durch die Reichskammergerichtsvisitation
berühmt gewordenen Juden Natan. Da ihr aber zu Wetzlar, wo man auf das Recht
des Heiligen Römischen Reichs und auf das Recht alter Ahnen zu halten weiss, in
den Assembleen einige Kränkungen begegneten und ihr Mann - nachdem er sich, in
Ansehung seines alten Adels und seiner zärtlichen Liebe gegen die schöne Witwe,
in den Ehepakten völlige Gewalt über ihr Vermögen hatte verschreiben lassen -
mit einer durchreisenden Tänzerin nach Paris ging, so kehrte sie
unverrichtetersachen nach ihres Gemahls Herrschaft zurück. Sie bringt daselbst,
weil ihre altadligen Nachbarn aus Etikette mit ihr nicht umgehen mögen, einsam
und unmutig ihre Tage damit zu, dass sie alle Sonntage und Festtage die Kirche
besucht, um für den Kaiser und für die gnädige Gutsherrschaft bitten zu hören,
und dass sie in der einen Hälfte der Werkeltage ihre Kammermädchen ausschilt und
in der andern mit einem armen Fräulein von guter Familie Pikett spielt.
Die Gräfin von ***, nachdem sie die wahren Umstände von Marianens Entführung
erfahren hatte, liess derselben Charakter die vollkommenste Gerechtigkeit
widerfahren und ward wieder ihre wahre Freundin. Beide haben sich einigemal
persönlich gesehen und unterhalten einen freundschaftlichen Briefwechsel.
Doktor Stauzius fiel um diese Zeit, nach dem Tode des Präsidenten, wegen einiger
allzu scharfen Gesetzpredigten in die Ungnade des Fürsten. Man setzte ihm daher,
ohne sein Verlangen, einen Adjunkt, einen schönen Geist, welcher nach damals
neuester Art in morgenländischen Bildern und in abgebrochenen Kraftphrasen bloss
für das Gefühl predigte. Dieser Vizegeneralsuperintendent bediente sich auch in
seinen Predigten vieler Prosopopöien, Fragen und Ausrufungen, aber alles in
einer so melodiereichen Aussprache, dass der Fürst, welcher zuweilen schnell
aufgefahren war, wenn Stauzius die Ewigkeit der höllischen Strafen
herausbrüllte, nun bei höchstem Wohlsein in seiner Loge auf seinem Polsterstuhle
unter der Predigt sanft ruhen konnte. Der Neuling kam daher in so grosse Gnade,
dass Stauzius, als er sich über einige von dessen Anordnungen beschweren wollte,
aus höchsteigener Bewegung, gänzlich pro emerito erklärt ward. Dies ging ihm
sehr nahe, zumal da er, ausser dem öffentlichen Verluste seines Ansehens, zu
Hause seiner Unvorsichtigkeit halber von seiner Frau täglich die bittersten
Vorwürfe hören musste. Diese Unglücksfälle machten, dass er des Lebens satt und
dadurch vielleicht auch gegen seine Feinde versöhnlicher wurde. Da er von
Hieronymus die Glücksveränderung des Sebaldus vernahm, liess er deshalb an ihn
ein höfliches Gratulationsschreiben gelangen, welches aber unbeantwortet blieb.
Hieronymus nahm wahren Anteil an der glücklichen Lage seines Freundes Sebaldus
und an Marianens Verbindung. Er besuchte sie persönlich und brachte zugleich
seinem alten Freunde nebst dem ebengedachten Gratulationsschreiben des Doktor
Stauzius auch den bisher treulich verwahrten Kommentar über die Apokalypse mit.
Notanker der Sohn, alias Rambold, veruneinigte sich bald mit dem Herrn von
Haberwald wegen einer Spielschuld und verlor also alle Hoffnung, sich dem alten
Pfarrer desselben adjungiert zu sehen. Daher ist er auf andere Ratschläge zu
seiner Versorgung gefallen. Er hat sich in den Kopf gesetzt, Professor der
praktischen Philosophie oder der schönen Wissenschaften auf irgendeiner
Universität oder allenfalls an einem akademischen Gymnasium zu werden, weil er
sich einbildet, in diesen Wissenschaften wichtige Entdeckungen gemacht zu haben.
Wenn er eine solche Stelle eher erhält, als der Fähnrich den gesuchten Abschied
bekömmt, so könnte er auch wohl etwa noch die Jungfer Anastasia heiraten, bei
welcher er seit einiger Zeit, wie es scheint, nicht ohne Absicht, fleissig aus
und ein geht. Indes lebt er bei seinem Vater und lässt sich seit einigen Jahren
gefallen, dessen Kommentar über die Apokalypse ins reine zu schreiben, so wie er
fertig wird. dabei ist er in Nebenstunden beflissen, Abhandlungen und
Rezensionen in verschiedene Journale und Zeitungen einzusenden. Wenn man
irgendwo schielende und ungereimte Urteile lieset über Dinge, wovon, wie
offenbar zu sehen ist, der Verfasser nichts verstanden hat; wenn dabei verdiente
Männer mit naseweisem Geschnatter fein superklug über die ersten Gründe der
Kunst oder Wissenschaft, worin sie vorzüglich gross sind, belehrt werden; wenn
unbescheidner Eigendünkel für deutsche Freimütigkeit, ungehobelter Gernwitz für
Laune und plumpe Exzentrizität für hohes Genie verkauft wird; wenn verstandloses
vonvorniges Gewäsch über jede Wahrheit entscheiden und verwirrtes Träumen einer
angebrannten Einbildungskraft der höchste Schwung der Dichterei sein soll; wenn
besonders dabei pompöse und sinnleere Waidsprüche und Floskelchen gebraucht
werden, worauf sich diejenigen etwas einzubilden pflegen, die sich auf weiter
nichts etwas einbilden können: so wird man, wenn sonst nicht etwa sicher bekannt
ist, welcher andere Geck die Feder geführt hat, nicht unwahrscheinlich schliessen
können, dass der Rambold dahintersteckt.
Sebaldus hat sich in der Nachbarschaft seines Schwiegersohns ein kleines Gut
gekauft, wo er, vergnügt und geehrt, in ruhigem und glücklichem Alter lebt. Er
teilt seine Zeit unter die Besorgung seiner Angelegenheiten, unter die
Gesellschaft seiner Kinder und weniger Freunde, unter wohltätige Unterstützung
seiner bedürftigen Nachbarn und unter fleissiges Studieren, das er nun völlig
seiner Neigung gemäss treiben kann.
Verschiedene denkende Männer unter seinen Freunden, welche, ohne selbst sehr
konsequent zu sein, nicht leiden mögen, dass andere Leute inkonsequent sind,
haben sich viel Mühe gegeben, ihn sowohl von der Crusiusschen Philosophie
(welcher, ihrer Meinung nach, kein Mensch mehr beigetan sein sollte) als auch
von seinem Irrglauben an die Apokalypse zu bekehren. Da aber niemand sein System
zu ändern pflegt, wenn er über fünfzig Jahre alt ist, so sind diese Dispute so
unglücklich ausgeschlagen, dass Sebaldus, anstatt bekehrt zu werden, in seinen
Meinungen vielmehr bestärkt worden ist.
Verschiedene dieser seiner Freunde haben ihm beweisen wollen, dass von einigen
Wahrheiten, die er für ungezweifelt hält, sogar nach den Sätzen der Crusiusschen
Philosophie gerade das Gegenteil folgen würde. Sie sind aber ganz an ihm irre
geworden, da er auf eine eigne, ihm geläufige Weise alles aus der Crusiusschen
Philosophie bewiesen hat, was sie meinten nur aus der Wolffischen oder
Federischen oder wer weiss aus welcher noch neueren, folglich zehn Jahre lang
noch wahreren Philosophie folgern zu können.
Einige haben daher den alten Mann, obgleich mit einigem Kopfschütteln, sein
lassen, wie er ist. Andere hingegen, weise, systematische Männer, haben ihn
dadurch völlig in die Enge zu treiben vermeint, dass sie ihm demonstrierten, sein
eigner Charakter (in welchem ohnedies, wenn man die in dem Gedichte »Wilhelmine«
befindlichen Nachrichten für historisch richtig annehme, vieles bedenklich sein
müsse) könne gar nicht zusammenhangen, wenn er bei seinen herrlichen
teologischen Einsichten zugleich an ein so ungereimtes Ding, wie die Apokalypse
sei, ferner glauben wolle. Aber hierbei ist der gute Sebaldus, wider Vermuten,
ungeduldig geworden, welches diese tiefen Kenner der menschlichen Natur wiederum
mit seinem sonst so sanften Charakter nicht zusammenzureimen wussten.
Sie haben vielleicht dabei nur nicht gleich an eine sehr gemeine Bemerkung
gedacht, welche durch das Beispiel des seligen Don Quijote und durch das
Beispiel verschiedener noch lebender deutscher Genies bestärkt wird, nämlich:
dass ein Mensch sehr wohl in allen Dingen so denken und handeln könne, dass ihn
die ganze übrige Welt für verständig gelten lässt, dabei aber in einem einzigen
so, dass man ihn für einen Toren halten möchte.
Sie hätten sich auch wohl erinnern können, dass der beste und bescheidenste
Mensch ein Ding, worüber er seine Geisteskräfte einmal bis zu einer gewissen
Anspannung angestrengt hat, sich nicht so leicht werde nehmen lassen; dass daher
ein Gelehrter ein Buch, besonders ein biblisches Buch, worüber er eine ihm
wichtig scheinende Hypotese erfunden hat, niemals ganz werde fahrenlassen
wollen.
Sie mögen übrigens deshalb unbesorgt sein, dass des Sebaldus vermeintliche
abergläubische Achtung gegen das, was sie für Fratzen halten, seinen andern
guten Eigenschaften und guten Meinungen schaden werde. Der Mann, der seine
Menschenliebe und seine Toleranz durch die bildliche Vorstellung des neuen
Jerusalems noch fester begründet, zumal wenn er ein scharfsinniger Kopf ist,
wird seine Teorie von Eingebung und Prophezeiung auch schon so zu modeln
wissen, dass seinen menschenfreundlichen Gesinnungen dadurch kein Eintrag
geschieht. Und warum sollte dies an sich schwerer sein, als solche Teorien so
zu formen, dass sie zu herrschsüchtigen und verdammenden Absichten gemissbraucht
werden können?
Wirklich beschäftigt sich Sebaldus seit einiger Zeit mehr als jemals mit der
Apokalypse und hat seinen Kommentar darüber beinahe völlig geendigt. Er hat auch
schon seinem Freunde Hieronymus den Verlag desselben angetragen, welchen dieser
aber, mit aller Schonung gegen einen Autor, der zugleich ein Freund ist, zu
verbitten gewusst hat. Hieronymus mag freilich wohl einsehen, was Sebaldus noch
nicht glauben will, dass, seitdem Öder und nach ihm Semler die Echteit dieses
Buchs verdächtig gemacht haben, niemand mehr etwas über die Apokalypse lesen
mag; sogar nicht einmal in Schwaben, wo jetzt, statt der vorherigen allgemeinen
Beschäftigung mit diesem sonst für das Buch der Bücher geachteten Buche, durch
eine für die teologischen Wissenschaften glückliche Veränderung, so weit man
Neckarwein trinkt, das Variantensammeln und arabisch Exponieren89 eingetreten
ist.
Diese abschlägige Antwort seines Freundes hat Herrn Sebaldus Notanker auf die
Gedanken gebracht, seine Erklärung und Auslegung über die Offenbarung Johannes,
die Frucht einer Arbeit von mehr als dreissig Jahren, nach dem Beispiele anderer
grossen Gelehrten, auf Subskription drucken zu lassen.
Es wird daher hierdurch bekanntgemacht, dass sie drei starke Bände in Grossquart
betragen wird und auf feines weisses Druckpapier abgezogen werden soll. Sobald
sich eine hinlängliche Anzahl Subskribenten meldet, allenfalls auch nur zu einer
kleinen Auflage von etwa zweitausend Exemplaren, wird der Druck sogleich
angefangen werden und vier Monate nachher die Ablieferung des ersten Teils
geschehen.
 
                             Zuverlässige Nachricht
                          von einigen nahen Verwandten
                              des Herrn Magisters
                               Sebaldus Notanker
                  Aus ungedruckten Familiennachrichten gezogen
Unsers Sebaldus Vater war ein ehrlicher Handwerksmann in einem kleinen Städtchen
in Türingen, der durch Fleiss und Sparsamkeit sich ein Vermögen von einigen
hundert Talern erworben hatte und ein solches Ansehen in seiner Vaterstadt
erhielt, dass er zum Ratmanne und zum Vorsteher des Gotteskastens erwählt ward.
Indes brachten diese Ehrenstellen, die verschiedene von seinen Vorgängern
bereichert hatten, ihm gar keinen Nutzen. Denn er war ein so schlechter Wirt,
dass er nicht allein für seine Arbeit auf dem Ratause und bei der Kirche keine
Einkünfte annehmen wollte, sondern auch zum gemeinen Besten verschiedenes
aufwendete, wozu er gar nicht hätte können gezwungen werden. Es kann also der
ökonomische Leser leicht ermessen, dass des ehrlichen Mannes Vermögen sich habe
verringern müssen, da er bei seinen Ämtern keine Einnahme und nicht wenig
Ausgaben hatte. Den Überrest zehrte die Vormundschaft über verschiedene arme
Waisen auf, die er freiwillig übernahm, so dass er bei seinem Tode gerade so viel
hinterliess, um begraben werden zu können.
    Er war Vater von drei Söhnen: Erasmus, Sebaldus und Elardus, welche seine
Frau Hedwig, die mehr ihrer Frömmigkeit als ihres Verstandes wegen bekannt war,
schon in Mutterleibe dem geistlichen Stande widmete.
    Erasmus, der Älteste, war fünf Fuss und zehn Zoll hoch, breitschultrig,
wohlgewachsen und weiss und rot im Gesichte. Von seiner ersten Jugend an liebte
er seine eigene Person und hatte von seinen Talenten eine hohe Meinung. Nach
geendeten Universitätsjahren brachte ihm sein schlanker Körper eine
Hofmeisterstelle in einem vornehmen Hause zuwege, wo man wohlgewachsene Leute
liebte. Darauf ward er Prediger in einer Stadt, wo ihm seine ansehnliche
Leibesgestalt, sein ernstafter, wohlbedächtiger Gang und seine vornehmliche
Stimme unter seinen Kirchkindern nicht wenig Liebe und Ehrfurcht erwarben. In
kurzem wusste er eine junge, reiche Witwe von einundzwanzig Jahren, sein
Beichtkind, so zu gewinnen, dass sie ihn heiratete. Von der Zeit an legte Erasmus
sein Amt nieder, ob er gleich den geistlichen Stand beibehielt, des Ansehens
wegen, das er dadurch in der Stadt zu erhalten vermeinte. Er genoss nunmehr
seinen Reichtum und wendete ihn zu mancherlei Dingen an, wodurch von ihm geredet
werden konnte. Er liess Waisenkinder erziehen, stiftete Stipendien, liess Kirchen
ausputzen und Altäre kleiden, pränumerierte auf alle Bücher, denen die Namen der
Pränumeranten vorgedruckt wurden, nahm Zueignungsschriften gegen bare Bezahlung
an, schenkte Geld zum Baue der Kirchtürme und Orgeln und dergleichen mehr. An
bestimmten Tagen teilte er Geld und Brot unter die Armen aus, welche sich
scharenweise vor seiner Tür versammelten. Und weil er nicht allein seinen
Reichtum, sondern auch seinen Verstand und seine Person zur Schau tragen wollte,
pflegte er freiwillig alle sechs oder acht Wochen eine zierliche Predigt zu
halten, bei welcher sich alle seine Klienten einfinden mussten und nicht
unterliessen, nach Beschaffenheit der Umstände, durch Weinen in der Kirche oder
durch lautes Lob ausser derselben sich in seine fernere Gunst einzuschmeicheln.
    Elardus, ein mageres, blasses Männchen, vier Fuss und zwei Zoll hoch, war,
als das jüngste Kind, das geliebte Söhnchen seiner Mutter, die ihn von seiner
ersten Jugend an täglich wohl mit Speisen stopfte und mit dem Lernen nicht sehr
angreifen liess. Indes glaubte er doch in seinem fünfundzwanzigsten Jahre genug
gelernt zu haben, um eine Predigerstelle bekleiden zu können, welche zu erlangen
sein äusserster Wunsch war. Dies wollte ihm aber, soviel Mühe er sich auch
deshalb gab, auf keine Weise gelingen, daher er dreissig Jahre alt ward, ehe er
recht wusste, was er einmal in der Welt vorstellen sollte. Zwar bekam er einst,
durch Empfehlung seines älteren Bruders, den Antrag, Rechnungsführer bei einer
Stuterei und Hundezucht zu werden, welche ein benachbarter Fürst zum Besten
seiner Parforcejagd angelegt hatte, ein Amt, wozu nur Rechnen und Schreiben
gefordert ward und das doch an achtundert Gulden eintrug. Elardus aber, der die
Würde des gelehrten Standes gehörig zu schätzen wusste, wies ein solches
Anerbieten mit Verachtung von sich. Indes liess er sich nach nochmaligem
zweijährigem Harren bereden, die Stelle eines Konrektors an einer lateinischen
Schule anzunehmen, die ebenderselbe Fürst, um des ungestümen Anhaltens seiner
Landstände loszuwerden, in seiner Residenz gestiftet hatte. Hier waren ihm
zwanzig Gulden fixes Gehalt, ein halber Wispel Roggen, etwas Flachs und andere
Naturalien nebst freier Wohnung ausgesetzt, welche letztere aber vorderhand
wegen Baufälligkeit nicht gebraucht werden konnte. Alles war ungefähr auf
achtzig Gulden geschätzt, weil der Fürst der gnädigsten Meinung war, den Lehrern
der Jugend in seiner Residenz nur ungefähr den zehnten Teil dessen zukommen zu
lassen, was die Erzieher seiner Pferde und Hunde forderten. Die Geheimen Räte
des Fürsten hielten dies für sehr billig; teils weil es ungleich leichter sein
müsse, vernünftige Menschen zu erziehen als unvernünftige Bestien abzurichten,
teils weil jedes Schulkind noch wohl wöchentlich einen oder zwei Groschen
Schulgeld geben könne, welches die Füllen und jungen Hunde nicht aufzubringen
vermöchten.
    Unglücklicherweise hatte der ehrliche Elardus nicht recht gelernt, was zu
einem tüchtigen Schulmanne erforderlich ist. Im Hebräischen war er beim kleinen
Danz stehengeblieben, im Griechischen konnte er zwar ziemlich ohne Anstoss das
Neue Testament und die goldenen Sprüche des Pytagoras exponieren, mehr aber
nicht; und ob er zwar Lateinisch ganz gut verstand, um es zu lesen, so wollte es
doch mit der lateinischen Schreibart nicht recht fort, und Verse konnte er in
dieser Sprache gar nicht machen. Es ist wahr, er besass einen ziemlich guten
natürlichen Verstand, hatte ferner seine Muttersprache so gut in seiner Gewalt,
dass er einen ganz artigen deutschen Aufsatz machen konnte, welches er auch seine
Schüler lehrte und sich dabei alle Mühe gab, ihnen von Geographie, Geschichte,
Sittenlehre und andern Sachen, wovon er glaubte, dass sie in der Welt zu brauchen
sein möchten, einige Begriffe beizubringen. Weil aber die Einwohner der Residenz
ihre Söhne in der längst erwünschten neuen lateinischen Schule nun auch zu recht
gelehrten Leuten erzogen wissen wollten, so hatten sie zu des Elardus deutscher
Lehrart gar kein Vertrauen, sondern schickten ihre Kinder in die Privatstunde
zum Rektor, einem grundgelehrten Manne, der alle halbe Jahre ein lateinisches
Programm schrieb, der die Altertümer lehrte und ausser den gewöhnlichen gelehrten
Sprachen noch Syrisch, Arabisch und Samaritanisch verstand. Der gute Elardus
musste sich also sehr schlecht behelfen, wenigstens des Tages zwölf Stunden
öffentlich lehren und Privatunterricht im Deklinieren, im Rechnen und so weiter
geben. Daneben, weil er nie seinen sehnlichen Wunsch vergass, sich einst aus dem
Schulstaube zu dem Predigerstande zu erheben, arbeitete er bis nach Mitternacht
an geistlichen Reden und bestieg fast alle Sonntage die Kanzel, bald für diesen,
bald für jenen Prediger. Allein er war, wie schon gesagt, nur klein von Person,
hatte eine schwache Stimme, und aus Mangel gründlicher Gelehrsamkeit, weil er
weder die Philologie studiert noch die Dogmatik, Polemik und Hermeneutik
genugsam getrieben hatte, waren seine Predigten bloss moralisch; daher fanden sie
keinen Beifall, und er hatte zu seiner unbeschreiblichen Kränkung meist die
leeren Chöre und Kirchenstühle vor sich. So brachte der gute Elardus sein Leben
in Gram und Kummer zu und starb an der Schwindsucht im sechsunddreissigsten Jahre
seines Alters.
    Erasmus hatte einen einzigen Sohn, Cyriakus genannt, einen Polyhistor und
schönen Geist. Alles wusste Cyriakus, und was er nicht wusste, dünkte er sich zu
wissen. Er selbst dachte eben nicht viel, aber wohl wiederholte er so oft, was
andere gedacht hatten, dass er meinte, er habe es selbst gedacht. Er las sehr
viel, und alles, was er las, gefiel ihm, und was ihm gefiel, wollte er
nachmachen. Daher versuchte er alle Schreibarten und schrieb wechselsweise hoch
wie Klopstock, sanft wie Jakobi, fromm wie Lavater, pomphaft wie Clodius,
tiefdunkel wie Herder, popular wie Sturm. In allen Wissenschaften und schönen
Künsten war er gleich stark. Man hat einmal von ihm in einer Messe eine Schrift
von den Dudaim des Ruben, einen Band anakreontischer Gedichte, eine Abhandlung
von der Natur der Seele und ein halbes Alphabet historischer Erzählungen
gelesen. Ein Amt hat Cyriakus nie bekleidet; denn in seiner Jugend war sein
Vater ein reicher Mann, und er glaubte also sich nicht auf Brotwissenschaften
legen zu dürfen. Nachdem aber Erasmus durch viele Unternehmungen, die seinen
Namen verewigen sollten, sein Vermögen sehr verringert und nach dessen Tode sein
Sohn Cyriakus den Rest davon aus Liebe zu den schönen Künsten und Wissenschaften
auf der Universität verschwendet hatte, so befand sich der letztere in sehr
bedürftigen Umständen. Er trieb sich an verschiedenen Orten herum, so dass von
mehrern Jahren seines Lebens die zuverlässigen Nachrichten fehlen. Soviel weiss
man, dass er eine Zeitlang Hofpoet bei einem jovialischen Abte in einem Kloster
in Franken gewesen, dass er hernach Lehrer der Philosophie bei einem
Kreisregimente geworden, dessen Offiziere, weil sie sonst nichts zu tun hatten,
Gelehrte werden wollten, und dass er zuletzt bei einer kleinen gelehrten Republik
auf einer sichern deutschen Universität, welche in Ermanglung eines Eichenhains
ihre Landtage in einem Kaffeegarten vor dem Tore hielt, als Nasenrümpfer
gestanden hat.
    Diese Familiennachrichten dem Publikum mitzuteilen, wird man veranlasst
durch eine Schrift, betitelt: »Predigten des Herrn Magister Sebaldus Notanker,
aus seinen Papieren gezogen«90. Leipzig, in der Weigandschen Buchhandlung, 1774,
Oktav.
    Es könnte schon sehr sonderbar scheinen, dass ein Fremder diese Predigten aus
den Papieren des Herrn Magisters Sebaldus Notanker sollte gezogen haben, da
dieser im Jahre 1774 noch bei gutem Wohlsein lebte, seine sämtlichen Papiere
besass und nie geneigt gewesen ist, etwas daraus, am wenigsten aber Predigten,
herauszugeben. Wären indes diese Predigten nur dem Charakter des Herrn Magisters
Sebaldus Notanker gemäss geschrieben, so würde man sein Urteil noch zurückhalten
und dahingestellt sein lassen, ob etwa die Handschrift derselben auf eine
unbekannte Art dem Herausgeber möchte in die Hände geraten sein; allein wer den
Herrn Magister Sebaldus etwas genauer und persönlich gekannt hat, wird sich bald
überzeugen, dass jene Predigten unmöglich von diesem guten Manne herrühren
können.
    Wenn man nur S. L der Vorrede die Anmerkungen lieset, die am Rande der
Handschrift der Predigten sollen gestanden haben, so sieht man gleich, dass darin
ein unerträglicher Egoismus herrschet, der dem von allem Eigendünkel entfernten
Charakter des Sebaldus ganz zuwider ist.
    Zum Beispiel: »Ich danke meinem Gott alle Tage, dass er mich in einen Stand
gesetzt hat, in welchem ich zur Erleuchtung des Landmannes so viel beitragen
kann.« So hätte Sebaldus nie von sich geredet, der in aller Einfalt seine
Pflicht tat und Gutes stiftete, soviel er konnte, ohne zu glauben, dass er so
viel täte, ohne feierlich auszurufen: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie
andere Leute!
    Ebenso ist die Anmerkung S. LII beschaffen. »Ich gebe meine Predigten nicht
für Muster aus, wonach meine Kollegen sich bilden sollten. Wenn sie nur daraus
absehen, was ungefähr sie vortragen ...« usw., usw.
    Oh, wie hätte der bescheidene Sebaldus, der, wenn er predigte und seine
Kirchkinder tröstete und sie zum Guten ermahnte, nur ganz gewöhnlicherweise
seine Pflicht getan zu haben glaubte, sich auch nur die Idee in den Sinn kommen
lassen, er könne jemand ein Muster werden oder es könnten andere von ihm etwas
absehen!
    Dass ferner bei diesen Predigten keine biblischen Texte vorhanden sind, zeigt
auch genugsam, dass sie weder Sebaldus noch irgend sonst ein Prediger, der die
Gesinnungen der Landleute kennet, gemacht haben kann. Sebaldus wusste viel zu
gut, wieviel Gewalt auch nur der blosse Ton eines biblischen Spruchs über die
Seele eines Bauern hat, als dass er ein so unschädliches Hilfsmittel, nützliche
Wahrheiten einzuprägen, hätte vernachlässigen sollen.
    Doch selbst aus der Nachricht des Herausgebers, wie er zu der Handschrift
dieser Predigten gekommen sei, erhellet nicht allein deutlich, dass sie nicht
wohl vom Sebaldus gewesen sein könnten, sondern wir kommen dadurch auch auf eine
sehr wahrscheinliche Vermutung, wo sich diese Papiere eigentlich herschreiben
mögen.
    Es heisst S. XLV der Vorrede »Vor einiger Zeit kam ein dessauischer Jude zu
mir, der, nebst andern Waren, verschiedene Paar schwarze seidne Strümpfe,
Halskrausen und so weiter, fast alles in beschriebenes Papier eingewickelt, mir
zum Verkaufe anbot. Aber, mein guter Mann, sprach ich, wie kommt Er denn zu
christlichen Halskrausen? - In einem Dorfe, nicht weit von hier, antwortete er,
hat sie mir ein Bauer verkauft, der sie vor einigen Jahren, nebst dem übrigen,
an der Landstrasse gefunden zu haben vorgab. Kurz vorher hatte ich Notankers
Geschichte gelesen. Gleich fiel mir's aufs Herz, ob diese Sachen nicht von dem
geplünderten Postwagen sein möchten.«
    Ist diese Erzählung richtig, so hätte auf den Titel gesetzt werden sollen:
Aus dem Makulatur eines dessauischen Juden abgedruckt, nicht aber: Aus Sebaldus'
Papieren gezogen, denn dies letztere Vorgeben ist durch nichts erwiesen. Der
Herausgeber hat bei seiner Mutmassung, die er bloss auf seine Erzählung bauet, in
der Tat sehr wenig historische Kritik gezeigt, worin wir Deutsche doch sonst so
stark sind. Hätte er nur mehr auf die Chronologie, welche die Fackel der
Geschichte ist, geachtet! Ist es wohl wahrscheinlich, dass Kleidungsstücke,
welche 1763 auf einem Postwagen verlorengegangen sind, noch 1773 unverkauft, mit
dem Papiere, worin sie anfänglich gewickelt gewesen, in den Händen eines Juden
sein sollten? Und warum tat denn der unbekannte Herr an den Juden die unnötige
Frage, wie er zu christlichen Halskrausen komme? Es ist ja bekannt, dass die
Juden abgetragene christliche Kleider mit ebensowenig Bedenken in ihre Laden
aufnehmen, als die Christen manche abgetragene jüdische Lehre in ihre Dogmatik
aufgenommen haben! Und wie kann er auf des Juden unbestimmte und unbewiesene
Antwort das geringste bauen? Wären auch alle die Sachen, die der Jude zum
Verkaufe anbot, wirklich auf der Landstrasse gefunden worden, so können sie doch
sicherlich nicht unserm Sebaldus gehört haben. Wie wäre er, der zeitlebens in
einer ländlichen Einfalt gelebt hatte und der aus Not seine besten Sachen hatte
verstossen müssen, zu seidnen Strümpfen gekommen? Wozu hätte er wohl, nachdem er
abgesetzt worden, Halskrausen91 mit sich geführt Und da er bei seiner Abreise,
wie S. 134 des ersten Teils seines Lebens berichtet worden, seinen ihm so werten
Kommentar über die Apokalypse bei seinem Freunde Hieronymus zurückliess, ist es
wohl wahrscheinlich, dass er die Konzepte von alten Predigten solle mitgenommen
haben?
    Die Mutmassung des ungenannten Herausgebers ist also höchst unwahrscheinlich.
Wenn man nun aber hingegen aus den sichersten Familiennachrichten weiss, dass
Cyriakus seines Vaters Kleider, Halskrausen und Manuskripte sowie auch den
geringen Nachlass des frühzeitig verstorbenen Elardus geerbt hat, wenn ferner
unwidersprechlich bewiesen werden kann, dass Cyriakus, als er 1772 von Leipzig
wegreisen wollte, seine sämtliche Kleidung, Bücher und Papiere zu einem Trödler
getragen hat, der vor dem Grimmischen Tore in der Gegend des Richterschen
Kaffeegartens wohnt und seinen hauptsächlichen Abzug an dessauische Juden hat,
so wird es nun vielmehr sehr wahrscheinlich, dass die dem ungenannten Herausgeber
so zufälligerweise in die Hände geratenen Predigten, wenn sie gleich nicht von
Sebaldus Notanker sind, dennoch sehr wohl von Erasmus Notanker, von Elardus
Notanker und von Cyriakus Notanker herrühren können.
    Diese Mutmassung wird beinahe zur Gewissheit, wenn man die innere
Beschaffenheit dieser Predigten betrachtet. Gleich der erste Absatz der ersten
Predigt, von der Einigkeit in der Ehe, kann ganz unmöglich aus Sebaldus' Feder
geflossen sein; denn es kömmt darin, ob er gleich nur eine halbe Seite lang ist,
sechzehnmal das liebe Ich vor. Man höre: »Nichts wünsche Ich so sehr, als dass
ihr glücklich sein möget. Ihr werdet es von Mir überzeugt sein, Meine lieben
Zuhörer, dass Ich dieses aufrichtig wünsche; denn ihr wisst, wie Ich zu euch eile,
um euch zu trösten, wenn ihr traurig seid, und wie gern Ich auch an euren
Freuden Anteil nehme, wenn ihr einen fröhlichen Tag habt. Mein Amt und Mein Herz
macht Mir dieses zur Pflicht. Mein Amt, weil es Mir zunächst aufgetragen ist,
euch an Meiner Hand durch die Bahn dieses Lebens zu führen und euch zu einem
seligen Leben, das euch nach diesem erwartet, zu bereiten. Aber auch Mein Herz
macht es Mir zur Pflicht, weil Ich euch aufs herzlichste liebe. Ein Hirt kann
nicht so sehr seine Schafe, ein Vater nicht so sehr seine Kinder lieben als Ich
euch.«
    So ein grober Egoist war der bescheidene Sebaldus keineswegs. Er sprach
nicht so viel von sich. Er liebte seine Kirchkinder; aber diese Liebe trug er
nicht öffentlich zur Schau. Er stand seinem Amte vor, er tat seine Pflicht; aber
er hatte sein wichtiges Amt, seine teure Pflicht, nicht immer auf der Zunge, um
seinem guten Herzen ein Kompliment zu machen. Hingegen der ruhmsüchtige Erasmus,
der hauptsächlich nur deswegen predigte, um sich von der Kanzel herab in seiner
Grösse zu zeigen, redete beständig von sich selbst, von seinem guten Willen gegen
seine Zuhörer, von seinem Herzen, von seiner Liebe, von seinem Vertrauen; kurz,
er predigte sich selbst, um sein Selbst willen.
    Wenn ferner diese Predigt vom Sebaldus oder auch nur von irgendeinem andern
Landprediger an Bauern gehalten wäre, so würde darin nicht so mancherlei
vorkommen: von Geld und Gut; von einem Geizhalse, der einen Freier abweiset,
wenn er nicht soviel Gut und Geld hat als seine Tochter; von einem unehrbaren
Mädchen, das man nicht heiraten sollte, wenn sie auch noch soviel Geld hätte.
Wenn Sebaldus über diese Gegenstände zu reden gehabt hätte, so würde er von
Vieh, Äckern, Wiesen und Gärten gesprochen haben; denn darin bestand das
Vermögen seiner Bauern, so wie der allermeisten Bauern in der Welt. Dass
Sebaldus' Vaterland zwar fruchtbar, aber ohne bares Geld gewesen, kann der Leser
schon aus der Art schliessen, wie der ehrliche Hieronymus seinen Buchhandel
treiben musste.
    Ebenso heisst es S. 4: »Ich will euch jetzt nichts davon sagen, dass der
Reichtum öfters eurer Seele höchst schädlich ist, dass er eine Versuchung ist zu
allem Bösen und dass unser weisester Lehrer sagt, dass die Reichen nicht in das
Reich Gottes kommen werden. Daran will ich euch jetzt nicht erinnern, weil ich
unlängst von der Schädlichkeit des Reichtums ausführlich zu euch geredet habe.«
Dies ist ein klarer Beweis, dass Sebaldus nicht der Verfasser dieser Predigt sein
könne; denn man kann sich für ihn sicher verbürgen, dass er ein ungeschmacktes
Postillengeschwätz von der Schädlichkeit des Reichtums seinen Zuhörern nie werde
vorgeredet haben. Er war vielmehr beständig beflissen, seinen Bauern zu
predigen, dass sie früh aufstehen, ihr Vieh fleissig warten, ihren Acker und
Garten aufs beste bearbeiten sollten, alles in der ausdrücklichen Absicht, dass
sie wohlhabend werden, dass sie Vermögen erwerben, dass sie reich werden sollten.
Sebaldus wusste nur allzuwohl, dass die niederdrückende Dürftigkeit, welche
notwendig stattaben muss, wenn der Bauer nicht wohlhabend sein soll, eine
fruchtbarere Mutter der Barberei und verderbter Sitten ist als der bäurische
Reichtum, der bloss eine Folge des Fleisses sein kann, wer daher den Bauern von
der Schädlichkeit des Reichtums predigen wollte, ihnen ausdrücklich die Faulheit
empfehlen müsste. Dagegen weiss man, dass Erasmus, seitdem er selbst reich geworden
war, den erbaulichen Gemeinort von der Nichtigkeit und Schädlichkeit des
Reichtums sehr oft im Munde geführt habe, einen Gemeinort, über den sich in der
Tat am zierlichsten reden lässt, wenn man an nichts Mangel leidet.
    Noch eine andere Stelle gibt die stärkste Vermutung an die Hand, dass niemand
anders als Erasmus Notanker der Verfasser dieser Predigt sein könne. S. 6 heisst
es: »Es entspringt viele Uneinigkeit unter euch daher, dass ihr gemeiniglich mit
euren Schwiegereltern unter einem Dache wohnet. Es ist mir leid, dass ich es
sagen muss, aber leider ist es durch die Erfahrung gegründet, dass nur sehr wenige
Eheleute in Einigkeit leben, wenn sie ihre Schwiegereltern bei sich im Hause
haben. Ihr würdet euch öfters nicht zanken, wenn nicht zuweilen eines der
Schwiegereltern Öl ins Feuer gösse. Die Schwiegereltern glauben, man könne sie
nicht zu gut halten und ihnen nicht dankbar genug sich beweisen. Sie sind
überzeugt, in allen Stücken alles besser zu wissen als die jungen Eheleute, und
wollen alles im Hause anordnen. Nichts kann man ihnen recht tun. Hiezu kömmt
noch, dass das Alter sie ohnehin mürrisch und verdriesslich und mit sich selbst
und der ganzen Welt unzufrieden macht. Haben nun die Eheleute einen kleinen
Zwist untereinander, so tritt der Schwiegervater oder die Schwiegermutter auf
die eine oder andere Seite und vergrössert den Streit, statt dass diese Alten ihn
schlichten und die streitenden Parteien versühnen sollten.«
    Lässt es sich wohl denken, dass der sittsame Sebaldus auf eine so plumpe Art
alle Schwiegereltern, die bei ihren Kindern wohnen, habe öffentlich von der
Kanzel herab beschimpfen wollen? Dass er dieses vor Bauern habe tun wollen,
welche ihre Schwiegereltern gewiss bloss, wenn sie aus Armut oder aus Alter und
Schwachheit ihren eigenen Acker nicht mehr bauen können, bei sich haben werden?
Zwar wird S. 12 den Zuhörern empfohlen, dass sie ihre Schwiegereltern in Ehren
halten, ihrem guten Rate folgen und sie pflegen sollen; aber wie werden sie das
tun, wie werden sie ihre Schwiegereltern auch nur im Hause leiden wollen, wenn
der Prediger diese schon vorher als die bösartigsten, verdriesslichsten,
zänkischsten Geschöpfe abgeschildert hat, die zu den Hauptursachen der ehelichen
Uneinigkeit gehören, die bei den häuslichen Zwistigkeiten Öl ins Feuer giessen,
die einen Streit vergrössern, anstatt ihn zu schlichten? Dieses unbedachtsame
Epiphonema sieht dem stolzen Erasmus sehr ähnlich, der wirklich mit seiner
Schwiegermutter anfänglich in einem Hause wohnte, hernach aber mit ihr in
beständiger Uneinigkeit lebte, nachdem sie ihm sehr vernünftige Vorstellungen
darüber gemacht hatte, dass er das Vermögen ihrer Tochter aus Eitelkeit
verschwende, daher er sie wohl oft mag abgekanzelt haben.
    Auch von der folgenden Predigt wider die Prozesse ist derselbe
höchstwahrscheinlich der Verfasser. Man findet darin S. 18 unter andern folgende
sehr anstössige Stelle: »Der Advokat müsse ein allzu uneigennütziger Mann sein,
wenn er euren Rechtshandel nicht so lange auszudehnen suchte, als es möglich
ist, um recht vieles von euch einzunehmen. Es hat zwar den Anschein, als wenn
kein Advokat diese Absicht hätte, denn zuerst sucht er euch gemeiniglich mit
eurem Gegner zu vergleichen, oder es wird, wie man sich ausdrückt, ein Termin
zur Güte angestellt. Habt ihr aber jemals gehört, dass ein Termin zur Güte einen
erwünschten Erfolg gehabt hätte? Der Advokat müsste seinen Vorteil gar nicht
verstehen, wenn er nicht, statt euch mit eurem Gegner zu vergleichen, in euch
eine grössere Lust erweckte, dem Rechte seinen Lauf zu lassen.« Ferner S. 22:
»Der grösste Teil der Leute von diesem Stande scheint den Eigennutz zu seinem
Gott gemacht zu haben, den er allein anbetet und dem er Ehre, Gewissen,
Redlichkeit, alles aufopfert ...« und so weiter.
    Wie wäre es möglich, dass der sanftmütige Sebaldus einen ganzen dem gemeinen
Wesen nötigen und nützlichen Stand auf eine so bittere und zugleich so tölpische
Weise habe öffentlich verunglimpfen wollen? Sollte wohl ein verständiger Mann
zweifeln können, ob jemals ein Termin zur Güte den erwünschten Erfolg gehabt
habe? Dies sieht wirklich viel weniger einem unbefangenen Dorfprediger wie
Sebaldus ähnlich als einem aufgeblasenen Rentenierer wie Erasmus, der verlangte,
dass sich jedermann vor ihm beugen und nach seinem Willen handeln solle, und
deshalb eine Menge Prozesse hatte, in welchen freilich kein einziger Termin zur
Güte jemals einen erwünschten Erfolg haben konnte: ganz natürlich, weil Erasmus
beständig seinem Eigensinn folgen und niemals vernünftigen Vorstellungen Gehör
geben wollte.
    Die Predigten wider den Aberglauben, von der Zufriedenheit, von der
Gesundheit, von der Kinderzucht, von der Glückseligkeit des Landmannes scheinen
von Elardus Notanker, dem jüngern Bruder unsers Sebaldus, herzurühren. Es sind
ganz leidliche, gutgemeinte, etwas weltschweifige Homilien, die den
Predigtlesern in Städten ganz gut gefallen mögen; nur findet man darin freilich
Spuren, dass sie nicht vor Bauern gehalten worden oder für Bauern bestimmt
gewesen. Wie würde man zum Beispiel (S. 57) darauf kommen, diesen vorzusagen:
»Geld und Ehre machen nicht wahrhaftig glücklich«? Der Bauer hat ja gemeiniglich
kein Geld und verlangt keine Ehre.
    Die beiden Fragmente der Predigten von der Ewigkeit der Höllenstrafen und
vom Tode fürs Vaterland haben ohne Zweifel den witzigen Cyriakus zum Verfasser.
Es ist schon oben gesagt worden, dass er in allen Schreibarten Versuche machte,
und man sieht es diesen Fragmenten nur allzusehr an, dass sie Versuche sind, und
zwar Versuche eines jungen Menschen. Ein Mann, der so viel Überlegung besass wie
Sebaldus, würde seinen Bauern nicht von der Endlichkeit der Höllenstrafen eine
ausdrückliche Predigt gehalten haben, wenigstens sicherlich nicht auf die Art
wie hier. Er hätte gewiss bedacht: ehe er über diese Materie mit Nutzen predigen
könnte, würde er noch vorher in den grossen Vorstellungen seiner Bauern von
göttlichen Strafen, von den Folgen der Untugend, von dem Zusammenhange der Dinge
überhaupt, von Vergebung und Besserung sehr viel ändern und berichtigen müssen.
Hierbei, fühlte er wohl, hätte er für einen gemeinen Bauerverstand leicht zu
subtil werden können, weshalb er, wie wir von ihm selbst erfahren haben, von
dieser Materie seinen Bauern niemals etwas gesagt, sondern ihnen nur Gott als
ein allgerechtes und allgütiges Wesen vorgestellt hat, das seine Strafen nach
weisen Absichten verhängt und dessen Plan dabei allemal das wahre Wohl des
Menschen ist - ohne sich in die transzendenten Begriffe von Ewigkeit und
Endlichkeit einzulassen, die kein Bauer recht genau fassen wird und die ihm zur
Besserung des Lebens, welche Sebaldus für den einzigen Zweck seiner Predigten
hielt, nichts helfen können.
    Das Fragment der Predigt vom Tode fürs Vaterland ist gleichfalls gewiss nicht
vom Sebaldus, welches schon daraus erhellet, dass man in diesem Fragmente nichts
von dem entusiastischen Feuer findet, in welchem nach S. 40 des ersten Teils
seiner wahrhaften Lebensgeschichte diese Predigt gehalten worden, so dass, wenn
sie so kahl und kalt gewesen wäre als dieses Fragment, schwerlich nur ein
einziger Bauerkerl dadurch würde bewogen worden sein, Kriegsdienste zu nehmen.
Es scheint, Magister Cyriakus hat bloss einen Versuch machen wollen, zu zeigen,
wie etwa die Predigt, um welcher willen sein Oheim Sebaldus abgesetzt worden,
möge ausgesehen haben. Allein dieser Versuch misslang, weil Cyriakus nicht
Sebaldus ist, obgleich beide Notanker heissen.
    Übrigens will man freilich den Satz, dass Erasmus Notanker, Elardus
Notanker und Cyriakus Notanker die Verfasser der sogenannten Notankerschen
Predigten sind, für weiter nichts als für eine wahrscheinliche Mutmassung
ausgeben. Wen dies zu wenig dünkt, der bedenke, dass die Resultate der
tiefsinnigsten historischen Untersuchungen oft weiter nichts als blosse
Mutmassungen sind, wogegen mit unserer Mutmassung noch die unstreitige Wahrheit
verbunden ist, dass gedachte Predigten, ihr Verfasser sei auch, wer er wolle,
wenigstens gewiss nicht von Sebaldus Notankern sind.
    Man hat auch ferner aus sichern Privatnachrichten erfahren, dass hin und
wieder auf den Webestühlen einiger gelehrten Manufakturen zu verschiedenen
Zeugen die Ketten angedreht worden sind, wozu der ehrliche Sebaldus Notanker
und seine Bekannten den Einschlag geben sollen. Zum Beispiel Sebaldus Notankers
Beicht-, Bet- und Kommunionbuch; Sebaldus Notankers Betrachtungen auf alle Tage
im Jahre; Sebaldus Notankers Sonn- und Festtagspredigten über alle Evangelien
und Episteln; Sebaldus Notankers schrift-, und vernunftmässige Auslegung der
Offenbarung Johannes; des Herrn Doktor Stauzius Aufmunterung zur Bewahrung der
Rechtgläubigkeit und Warnung vor falscher Lehre; Kochbuch von 5000 Speisen nach
der Anlage Seiner Exzellenz des Herrn Grafen von Nimmer nebst einem Anhange von
Fastenspeisen; Rambolds philosophisch-ästetisches Lehrbuch; Hieronymus'
Tischreden, Einfälle und Meinungen und anderes mehr. Daher will man das Publikum
warnen, sich durch diese und andere dergleichen verfängliche Titel nicht
hintergehen zu lassen. Denn Herr Sebaldus Notanker würde, was er etwa der Welt
vorlegen wollte, schon selbst herausgegeben haben; von den übrigen Personen aber
möchten wohl keine echten Schriften zu erwarten sein.
    Zuletzt ist der geneigte Leser zu benachrichtigen, dass ein kurzweiliger Mann
darauf gefallen ist, »Das Leben und die Meinungen des Herrn Magisters Sebaldus
Notanker«, ohne die geringsten Nachrichten davon zu besitzen, aus seinem
eigenen Gehirne fortzusetzen und einen sogenannten zweiten Band unter dem
Druckorte Frankfurt und Leipzig, 1774, drucken zu lassen, welcher zu Hamburg in
der Zeitungsbude der Frau Witwe Tramburgin im Brodtschrangen nebst andern
Zeitungsblättern öffentlich verkauft wird. Der geneigte Leser kann freilich in
dem unechten zweiten Bande den wahren ferneren Verlauf der Geschichte des Herrn
Magisters Sebaldus Notanker nicht finden, weil der ungenannte Verfasser selbst
nichts davon wusste; aber wem daran gelegen ist, kann allenfalls daraus ersehen,
was für eine Vorstellung vom Sebaldus Notanker in dem Kopfe eines solchen
Menschen, wie der ungenannte Verfasser ist, existieren mag.
    Diese unechte Fortsetzung kann auch noch einen andern Nutzen haben. In dem
echten zweiten Bande wird man, der Wahrheit gemäss, sehr viele Meinungen und nur
sehr wenige Handlungen antreffen, weil der ehrliche Sebaldus wirklich meistens
nur gedacht, hingegen wenig gehandelt hat. Sollte es nun Leser geben, welche
wünschten, dass man ihnen lieber Handlungen als Meinungen erzähle, so können sie
versuchen, ob sie vielleicht ihre Rechnung bei dem unechten zweiten Bande finden
möchten, worin alles voll Bewegung und Handlung ist, und zwar voll ganz ungemein
merkwürdiger Handlungen. Zum Beispiel: Wie Sebaldus, nachdem ihm die Räuber auf
dem Postwagen ein Loch in den Kopf geschlagen haben, ein Glas Kirschbranntwein
trinkt, welches alle Grillen vertrieb. - Wie Tuffelius die Frau seines
Schulmeisters verführt, welcher ihn dafür durchs ganze Dorf peitscht. - Wie sich
eine alte Jungfer Sibylle in Sebaldus verliebt und ihn nachts in seinem Bette
besucht. - Wie Säugling mit Marianen heimliche Zusammenkünfte hält, wobei die
Vertraulichkeit zu dem Grade steigt, sich so laut zu küssen, dass man es in einer
ziemlichen Entfernung höret. - Wie Hieronymus den Doktor Stauzius auf einem
Wagen in einen Kasten setzt, worin Schweine und Gänse gewesen, wobei Stauzius
sehr andächtig singt: »So fahre fort und schone dort« nebst nicht wenig
Hochzeiten und andern possierlichen Begebenheiten, woraus abzunehmen ist, dass
der Verfasser, der solche schnackische Dinge hat erdenken können, ein
pudelnärrisches Menschengesicht sein müsse.
 
                                    Fussnoten
1 Diese gelehrte Frau ist in Adelungs Gelehrtenlexikon und in Schlichtegrolls
Nekrolog nicht angeführt. Sie war eine geborene Boué aus Hamburg und Gattin des
Herrn Johann de la Fite, welcher im Jahre 1781 als Kapellan des Stattalters und
Prediger der wallonischen Kirche im Haag starb. Sie führte im Jahre 1780 in
Gesellschaft des Herrn Geheimen Legationsrats Renfner die mit sehr grossen
Schwierigkeiten verknüpfte Übersetzung des ersten Teils von Lavaters grosser
Physiognomik sehr glücklich aus. Da Madame de la Fite aber nach dem Tode ihres
Mannes den Ruf als Vorleserin der Königin von England erhielt (in welchem Amte
sie im Jahre 1795 zu London starb), so übersetzte Herr Renfner den zweiten und
dritten Band allein, welche auch gedruckt wurden. Den vierten Band hat er auch
halb übersetzt; aber schon seit dem Jahre 1790 hat Herr Lavater aus unbekannten
Ursachen die Herausgabe dieser Übersetzung ganz abgebrochen und hat nicht
bewogen werden können, den Abdruck des mit so vieler Mühe und Kosten
angefangenen Werks in französischer Sprache beendigen zu lassen.
2 Siehe »Wilhelmine«, S. 105.
3 Ein Lehnstuhl mit vorstehendem Sessel, um darauf die Füsse zu legen.
4 Eine Art von kleinem Tische.
5 So weit berühmt ist dieser Kuchenbäcker nicht als sein Namensvetter, der
Musiker. Doch hat Goete ein Gedicht zu dessen Lobe gesungen, welches aber nicht
in seine Werke aufgenommen ist. Es beginnt:
O Händel! dessen Ruhm vom Süd zum Norden reicht,
Vernimm den Päan, der zu deinen Ohren steigt.
Du bäckst, was Gallier und Briten emsig suchen,
Mit schöpfrischem Genie originale Kuchen.
6 Kaum kennt jetzt jemand noch: Kidders Beweis, dass der Messias gekommen ist,
Stackhousens dicke Dogmatik und biblische Geschichte, Nelsons antideistische
Bibel, Doddridgens Paraphrasis des Neuen Testaments in mehrern dicken Bänden;
aber sie sind wirklich, so wie viele andere dicke, nun vergessene Bücher aller
Art, vor dreissig und mehr Jahren ins Deutsche übersetzt worden, mit stattlichen
Vorreden der damaligen rüstigen Übersetzungsunternehmer.
7 Wie bekannt, wurden die ersten Bände der allgemeinen Weltistorie, die
Biographia Britannica, die Geschichte der Länder und Völker von Amerika und
andere aus dem Engländischen und Französischen übersetzte dicke Bücher
mancherlei Art von einem hochwürdigen Herrn en entreprise ausgegeben. Seit
siebenundzwanzig Jahren, da obiges geschrieben ward, haben sich dergleichen ganz
dicke übersetzte Bücher ziemlich aus der deutschen Literatur verloren, indem
jetzt von den deutschen gelehrten Handwerkern dickdünne Originale fabriziert
werden. Daher geht auch die Tendenz unserer neuern Büchermacher so mutig auf
Originalität! Sind nicht Rittergeschichten, Naturrechte, von dem selbstgesetzten
Ich gesetzt, und höchst weise vonvornige Politik und Ästetik die Wunder unsers
Jahrzehents?
8 Seitdem obiges geschrieben ward, haben auch die deutschen Parterres hin und
wieder an Mut so zugenommen, dass es wirklich zuweilen mit einem übersetzten oder
originalen Schauspiele bis zum Auspfeifen kam. Ob nicht viel zuwenig und ob
immer am rechten Orte gepfiffen worden, kann hier nicht untersucht werden.
9 Auch hierin hat sich viel verändert. In unserm glücklichern Jahrzehente leben
wirklich eine Menge Schriftsteller en hommes de lettres in geschäftiger Musse.
Alle freilich werden nicht in ihrer Kunst gross, sogar einige, welche allzu
geschwind gross wurden, erschienen in jedem neuen Buche, das sie schrieben, immer
kleiner.
10 Dass diese Erfahrung des Tirolers auch schon im vorigen Jahrhunderte richtig
befunden worden, zeigt die weise Frau Verlegerin eines höchst wichtigen türkisch
geschriebenen Geschlechtregisters, mit dessen Übersetzung und Kommentierung
Wilhelm Schickard, Professor zu Tübingen, im Jahre 1628 die orientalische
Geschichte aufklären wollte. Schickard glaubte gewiss, sein Buch würde viel
Käufer haben, weil es nicht zu den gemeinen, alle Tage vorkommenden Büchern
gehörte, sondern er darin den Gelehrten von einer neuen und fremden Materie viel
Neues und Fremdes berichten konnte. Aber aus dieser Ursache befürchtete die Frau
Verlegerin das Gegenteil. Sie versicherte, aus der Erfahrung zu wissen, dass die
Bauerkalender viel häufiger verkauft würden als die astronomischen Ephemeriden,
aus denen sie gemacht sind. Siehe Lessings »Beiträge zur Geschichte und
Literatur«. Erster Beitrag, S. 91
11 Der Verfasser, als ein Deutscher, der sich dessen, was deutsch ist, in nichts
schämet, bekennt gern, dass auch dieses Werk von diesem Geruche nicht wenig an
sich hat. Er warnet alle Weltleute, nicht zu wagen, es zu lesen.
12 Bloss von 1782 bis 1798 sind in Deutschland vielleicht fünfhundert Bände und
Bändchen über die kritische Philosophie geschrieben worden, worüber grösstenteils
schon im Jahre 1799 der Schleier der Vergessenheit ruhet.
13 Dass hierin, seitdem dieses zuerst geschrieben ward, in Deutschland viel
verbessert worden, ist sehr zu rühmen. Aber doch ist zu beklagen, dass im ganzen
unsere Schriftsteller noch immer am liebsten auf einseitige
Spekulationimaginationen ausgehen und die Leser nicht kennen, für die sie
schreiben. Es ist daher auch unsere deutsche Literatur den Bedürfnissen
deutscher Leser bei weitem nicht angemessen genug, hat daher immer noch auf die
dreissig Millionen Menschen, welche deutsch reden, viel weniger Einfluss, als sie
haben sollte.
14 Diejenigen, denen etwa die Anzahl der Übersetzungen und Journale
verhältnismässig allzu stark dünken sollte, müssen bedenken, dass es eine
Michaelmesse war. Denn wenn auch einige Schriftsteller im Sommer spazierengehen,
so arbeiten doch Übersetzer und Journalisten im Sommer und Winter mit gleicher
Tätigkeit fort.
15 Man s. Lavaters »Kleine Physiognomik«, II. T., S. 117 u. folg.
16 Siehe ebendaselbst, S. 36.
17 Avaleurs de couleuvres - toad-eaters.
18 Ungelehrten Vätern und Müttern zugute sei hier angemerkt, dass die Gelehrten
mit diesem griechischen Worte die Kunst der Erziehung andeuten. Diese feierliche
Benennung wird gebraucht, seitdem die Gelehrten diese Kunst in verschiedene
Systeme gebracht haben, deren jedes - gleich den philosophischen Systemen - für
sich sehr genau zusammenhängt und dem andern schnurstracks widerspricht.
19 Unmodischen Lesern und Leserinnen sei kund, dass dies eine Art eines kleinen
Kopfzeuges ist, das, glaubwürdigen Nachrichten zufolge, im Winter 1772/1773
allgemein getragen ward. Es ist zu hoffen, ausser den Buchgelehrten werde
jedermann in Deutschland wissen, dass ein Komete ein kleiner Kopfputz war, unter
welchem ganz frisierte Haare getragen wurden. Aux zéphyrs aber ward dieser
Komete benannt, weil daran hinterwärts gewisse haarigte Zieraten (von der Art,
die in der Putzmachersprache chenilles oder Raupen heisst) frei herunterhingen,
womit die angenehmen Zephyren sehr leicht spielen konnten, wenn sie nur im
Winter geweht hätten.
20 Weil zu vermuten ist, dass eher Buchgelehrte als gens du bon ton dieses Werk
lesen werden, so müssen, wegen der Unwissenheit der erstern, hier schon einige
Wörter erklärt werden, die sonst jedermann versteht, dès qu'il entre dans le
monde. Ein bonnet en demi-ajusté ist ein Kopfzeug, unter dem eine Dame halb
frisiert sein muss. Ein assassin ist nichts als ein Schönpflästerchen, das aber
seiner Grösse wegen, wenn ein gemeines Schönfleckchen verwundet, gar wohl
totschlagen kann. Ein postillon d'amour ist eine grosse Brustschleife von Band,
welche weder Pferd noch Horn hat. Eine respectueuse ist eine Bedeckung des
Busens mit Spitzen, Filet und anderm durchsichtigen Zeuge, die vermutlich den
Namen davon führt, weil sie nicht Ehrfurcht veranlasst.
21 Wir haben im Deutschen für das französische »absurde« das Wort abgeschmackt,
für »fade«, insofern es von Speisen gebraucht wird, haben wir unschmackhaft,
dies Wort aber wird nicht wohl zu brauchen sein, wenn der Begriff des
französischen auf Geistesbeschaffenheit angewendet wird. Man kann nicht füglich
sagen ein unschmackhafter Mensch. Daher möchte es wohl dienlich sein, das Wort
ungeschmackt zu brauchen. Adelung, in seinem Wörterbuche, ist der Meinung, man
müsse schreiben und sprechen ungeschmack. So wichtig auch sonst dessen Autorität
ist, so wäre doch zu zweifeln, dass ihm jemand hierin beifallen möchte.
22 Die deutsche Sprache, an Konversationsausdrücken sehr arm, hat kein
eigentliches Wort für Sostenutezza, und doch ist an vielen gnädigen und
nichtgnädigen deutschen Herren und Damen die Sostenutezza eine der
gewöhnlichsten Eigenschaften.
23 Nach der Ausgabe Leipzig 1768, S. 119.
24 Ramlers lyrische Gedichte. Berlin 1772, S. 266.
25 Woltersdorfs sämtliche neue Lieder. Berlin 1768, S. 37.
26 Der Pietist hatte diese Worte buchstäblich aus den »Büdingischen Sammlungen«,
8. St., S. 257, genommen.
27 Der Leser glaube nicht etwa, dass ein solches Lied zum Behufe dieses Gesprächs
erdichtet worden. Er darf auch nicht glauben, dass es etwa ein unbedeutender
Schwärmer für den Winkel eines fanatischen Konventikels verfertigt habe. Nein!
Dies Lied steht Seite 792 eines in vielen evangelisch-luterischen Kirchen der
Kurmark eingeführten Gesangbuchs, betitelt: »Geistliche und liebliche Lieder,
welche der Geist des Glaubens durch Doktor M. Luter, Joh. Hermann, Paul Gerhard
und andere seiner Werkzeuge in den vorigen und itzigen Zeiten gedichtet und die
bisher in den Kirchen und Schulen der Königl. Preuss. und Kurf. Brandenb. Lande
bekannt« und so weiter, herausgegeben von Johann Porst, Königl. Preuss.
Konsistorialrat, Probst und Inspektor zu Berlin. Gedruckt zu Berlin, in
Langduodez. - Unter mehrern Gemeinden entstanden im Jahre 1781 die grössten
Bewegungen, als man anstatt dieses schlechten Gesangbuchs ein vernünftigeres und
folglich besseres einführen wollte.
28 Manchem eifrigen Gottesgelehrten mag es wohl nicht so anstössig sein als dem
ehrlichen Sebaldus, dass die Seligen im Himmel die ewige Qual der Verdammten ganz
geruhig, ohne Mitleid ansehen sollen. Zum Beispiel in M. Cyriacus Höfers »Kurzem
und richtigem Himmelsweg«, wie ein Kind in vierundzwanzig Stunden lernen kann,
wie es soll der Höllen entgehen und ewig selig werden, in 735 Fragen und
Antworten, einem Katechismus, der im Kurfürstentume Sachsen und vielleicht auch
in andern Provinzen in vielen Schulen zur Unterweisung der Jugend gebraucht wird
und der noch im Jahre 1797 zu Leipzig mit gnädigstem Privilegium gedruckt
worden, findet man Seite 97 folgende Fragen und Antworten:
»Wenn du welche der Deinen würdest in der Hölle sehen, würde dir die Marter zu
Herzen gehen, oder würde sie dir nicht zu Herzen gehen?«
Antwort: »Sie würde mir nicht zu Herzen gehen.«
»Warum wird sie dir nicht zu Herzen gehen?«
Antwort: »Weil alsdann mein Willen mit dem Willen Gottes übereinstimmen wird.«
Solange wir noch solche Ungereimteiten durch unsere Katechismen in den Schulen
lehren, dürfen wir Voltairen nicht anklagen, der einem Kapuziner die Worte in
den Mund legt:
Et moi prédestiné,
Je rirai bien quand vous serez damné.
29 Er soll, wie verschiedene Nachrichten bezeugen, den frommen Wunsch hinzugetan
haben, dass ihnen, wenn das eiskalte Fieber ihre Glieder zerrüttete, weder bittre
Essenz noch Kirchengebet helfen möchten; welchen Wunsch der Verfasser des
Gedichts »Wilhelmine«, der, nach Art der Dichter, wegen der genauen Bestimmung
der Zeiten und Personen wohl die ungedruckten Urkunden nicht eben mag
nachgeschlagen haben, dem Sebaldus beilegt (s. »Wilhelmine«, S. 97). Es ist aber
um so unwahrscheinlicher, dass Sebaldus einen solchen Wunsch sollte getan haben,
da aus sichern Nachrichten erhellet, er sei der Meinung gewesen, dass das
Kirchengebet überhaupt keine Krankheiten lindere.
30 Haller hat schon das Wort Staunen für das französische »rêver« gebraucht. Wir
haben kein anderes Wort dafür; denn Nachsinnen sagt zuviel, und
In-Gedanken-Stehen ist weitschweifig.
31 Die sel. Feldmarschallin von Spaen setzte zuerst ein Kapital zu einer
Freischule aus, die im Jahre 1699 eröffnet ward. Auch die folgenden Freischulen
sind bloss durch Vermächtnisse und freiwillige Beiträge edelmütiger Wohltäter
bestanden. Im Jahre 1797 wurden in denselben 1567 Kinder umsonst unterrichtet.
32 Im Jahre 1772 ist ein Teil dieser Wiese bebauet worden, aber wenigstens ein
kleiner Teil der schönen Weidenbäume sind glücklicherweise stehengeblieben, von
denen der Naturkundige Schreber sagt, dass er sie von solcher Höhe und Schönheit
auf seinen Reisen noch nirgend gesehen habe.
33 Ein Buch in vier dicken Quartbänden.
34 Berlin ist vielleicht die einzige Stadt in der Welt, wo man auf den Einfall
geraten ist, in Versen zu predigen. Verschiedene Prediger versuchten dies zu
verschiedenen Zeiten mit Beifall der Zuhörer, bis endlich durch einen
ausdrücklichen Befehl des Oberkonsistoriums das Predigen in Versen verboten
ward.
35 Diese harmlose Religionspartei unterscheidet sich rühmlich durch sehr
ansehnliche Almosen (zuweilen von einigen tausend Talern), die sie gibt, und
zwar mehrenteils so unbekannterweise, dass man die Geber nur mutmassen kann.
36 Fig. 1.
37 Fig. 2.
38 Matt. XXIII, 5.
39 Fig. 2.
40 Fig. 3.
41 Fig. 4.
42 Fig. 5.
43 Fig. 6.
44 Unter andern fanden in einer gewissen Kirche, in welcher wechselsweise
luterisch, und reformiert gepredigt ward, beide Gemeinden Ursache, sich über
diese Neuerung zu beklagen. Es war bisher die Gewohnheit gewesen, dass der
Prediger, ehe er in die Sakristei trat, aussen neben der Tür derselben seinen Hut
anhängte, woraus die Zuhörer gleich abnehmen konnten, an welcher Konfession die
Reihe wäre. Nachdem aber der Hut seine symbolische Kraft verloren hatte, so
konnten die irregemachten Kirchkinder nunmehr weiter an keinem Kennzeichen
unterscheiden, ob die Predigt, die sie hörten, luterisch oder reformiert sei.
45 Fig. 7.
46 Fig. 8.
47 Diese Meinung des Sebaldus, welche von vielen eifrigen Gottesgelehrten als
nach Ketzerei schmeckend verdammt werden möchte, hegte auch ein sehr
verständiger und gottseliger Mann. Er sagt: »So ist es im Heidentume den
Epikureern, und im Judentume den Sadducäern ergangen. Wobei mir ein öfters
eingekommener Gedanke wieder einfällt: was doch die Ursache sein müsse, dass
unser Heiland, der bei allen Gelegenheiten die Pharisäer so hart anlässet, weit
gelinder mit den Sadducäern umgeht, die doch, weil sie die Auferstehung und ein
anderes Leben, wo das Gute belohnt und das Böse bestraft wird, das Dasein der
Geister, mitin auch gute und böse Engel leugneten, den Grund aller Religion
umstiessen. Ich erinnere mich nicht, irgendwo etwas Gründliches darüber gelesen
zu haben. Sollte vielleicht daraus zu schliessen sein, dass in Gottes Augen die
Heuchelei, der geistliche Hochmut und der verstockte Aberglauben für grössere
Fehler angesehen werden, als die blossen Irrtümer des Verstandes, wenn sie auch
noch so wichtige Gegenstände betreffen?« (Siehe von Bünau. »Betrachtungen über
die Religion«, Leipzig 1769, in Oktav, 1. Buch, S. 90)
48 Wenn die Chronologie, welche in unserer wahren Geschichte das Hauptwerk ist,
nur auf irgendeine Art, sollte es auch durch eine Hypotese sein, sich
vereinigen liesse, so würde im übrigen diese ganze Beschreibung vollkommen auf
den verehrungswürdigen Herrn v. Rochow auf Rekahn passen, welcher durch seine
Schulen und durch seinen Versuch eines Schulbuchs für Landleute alles das oben
Erzählte und noch mehr getan hat.
49 Siehe »Wilhelmine«, S. 99.
50 Dieses sehr gelehrten und sehr aufrichtigen Mannes Gedanken, wie man der
arabischen Literatur aufhelfen könne und solle, stehen in den von ihm
verfertigten Zusätzen zu den Abhandlungen der k. Akademie der schönen
Wissenschaften zu Paris, die den elften Teil der deutschen Übersetzung (Leipzig
1751., Grossoktav) ausmachen. Diese kleine Schrift verdiente, bekannter zu sein
und von vielen gelesen zu werden, zumal zu jetziger Zeit, da wieder allentalben
stark aus der arabischen Gaukeltasche gespielt wird. (Anmerkung der ersten
Auflage) - Jetzt sind auf den teologischen Jahrmärkten Deutschlands mit der
arabischen Gaukeltasche keine Zuschauer zusammenzubringen. Dagegen wird jetzt
gar behende gespielt, aus der Gaukeltasche der Religion innerhalb den Grenzen
der blossen Vernunft. Aus derselben hält man uns ein in der Philosophie
postuliertes (d.h. auf deutsch, unbewiesen angenommenes) kategorisches
Moralgesetz vor und heisst es uns hier als das Gebot Gottes betrachten, nachdem
man uns vorher in der Kritik der praktischen Vernunft versichert hat: Gott sei
nichts als eine Idee, welche der Mensch wegen des in ihm liegenden kategorischen
Moralgesetzes notwendig annehmen müsse. Das Gebot einer Idee kann wohl nichts
als ein Gaukelspiel sein. Als daher im Jahre 1797 Magister Nietammer in Jena
auf das Fundament dieser Lehre Doktor der Teologie ward, versicherten die
teologischen Philosophen auf eben dieser Universität: »Da Nietammer behauptet
habe: Man könne von dem teologischen Standpunkte aus die christliche
Religionslehre für Offenbarung ansehen, so sei dies mehr ein erschlichenes
Kompliment des neuen Doktors der Teologie an eine christliche Universität als
Überzeugungen«, und sie fügen hinzu: »Der Mensch schaffet die Gotteit und die
Offenbarung aus sich selbst und für sich allein.« (Siehe die jenaische
»Allgemeine Literaturzeitung«, 1797, Nr. 413, S. 805) [Anmerkung der vierten
Auflage].
51 Wenn der Fremde wieder zum Worte gekommen wäre, so hätte er vermutlich
standhaft behauptet, dass keine einzige Bedeutung eines einzigen arabischen Worts
jemals sich verändert hätte. Dies versicherte wenigstens im Jahre 1771 Magister
Schelling, welcher, sitzend in seiner Studierstube im herzoglichen Stifte zu
Tübingen, unwidersprechlich überzeugt war, dass die arabische Sprache »noch jetzt
eben dieselbe ist, die sie bald nach der Zeit ihrer Entstehung war«, und ein
feines Kapitel »von der wunderbaren Erhaltung der Arabischen Sprache in ihrer
ersten Reinigkeit von den allerältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag« zu
erzählen weiss, wie aus seiner »Abhandlung von der Arabischen Sprache« (Stuttgart
1771, Oktav), besonders S. 16 bis 21, des mehrern zu ersehen. Freilich der
Reisende Niebuhr, welcher in Arabien gewesen ist, berichtet, die jetzige
arabische Sprache sei von der alten wie das Italienische vom Lateinischen
unterschieden; die jetzigen arabischen Gelehrten müssten die Sprache des Alkorans
und anderer Schriften in ihren Schulen als eine tote Sprache lernen; die jetzige
arabische Sprache sei so wie alle Sprachen des Erdbodens in viele Dialekte
verteilt und dergleichen mehr. Aber was tut das zur Sache? Niebuhr ist ja ein
ungelehrter Ingenieur und kein gelehrter Philologe!
52 Der gelehrte Engländer Sir William Jones hat in der Vorrede zu seiner
persischen Grammatik schon einen Wink gegeben, den ein deutscher Professor der
Philologie, der vor seinen Zuhörern mit neuen Entdeckungen glänzen will, bald
wird missbrauchen können
53 Gelehrte Meinungen, wenn sie auch eine Zeitlang noch so erheblich scheinen,
und noch mehr die gelehrten Streitigkeiten darüber werden gemeiniglich bald
vergessen. Daher ist's vielleicht nicht überflüssig, zu bemerken, dass sich
Rambold und Mariane hier von Johann Christoph Gottsched und von Johann Jakob
Bodmer und von einigen folgenden Begebenheiten in der gelehrten Republik
unterhielten, wovon jetzt gar nicht mehr die Rede ist.
54 Siehe »Wilhelmine«, S. 100.
55 Siehe »Geschichte der Clarissa«, deutsche Übersetzung, V. Teil, 7. Brief, S.
70 u.f.
56 Siehe »Wilhelmine«, S. 99.
57 Man s. Smolletts »Reisen«, nach der deutschen Übersetzung, S. 297.
58 Es ist bekannt, dass die betriebsamenLeute, welche den Kunstkennern viele
Wunder aufheften, auch erfunden haben, Münzen auseinanderzusägen und die
Hauptseite und Kehrseite verschiedener Stücke zusammenzusetzen, woraus denn ganz
neue, sonderbare Münzen entstehen. Dergleichen haben schon zu sehr gelehrten
Erklärungen Gelegenheit gegeben, welche nur durch genaue Betrachtung der Ränder
zu widerlegen waren.
59 Man s. »Wilhelmine«, S. 50
60 Diese gelehrte Zeitung ist eigentlich ängst vergessen, aber so wie manche
Sträucher nicht unter dem Linnéischen, wohl aber unter dem Trivialnamen bekannt
sind, möchten sich vielleicht noch einige des Trivialnamens der schwarzen
Zeitungen erinnern. [Anmerkung der vierten Auflage.]
61 Oters apart sat on a hill retir'dIn toughts more elevate, and reason'd high
Of providence, foreknowledge, will, and fate,
Fix'd fate, free will, foreknowledge absolute,
And found no end, in wandring mazes lost.
Milton's »Paradise lost«, Buch II, Vers 557.
62 Geweihte Blätter, d.h. die Bibel.
63 Dieses Buch ist ins Deutsche übersetzt. Leipzig 1769, Oktav.
64 I. Kor., XVI., 22. - In dem Streite über die Seligkeit der Heiden, welcher
damals in Holland sehr hitzig geführt ward, drohte der eifrige Domine Hofstede
und sein Anhang sehr oft denen, welche es möglich hielten, dass tugendhafte
Heiden selig würden, mit dem Jan Hagel oder Pöbel, der, wie sie sagten, seine
Hirten, d.h. Domine Hofstede und Konsorten, sehr liebe.
65 Man s. Antonins »Betrachtungen über sich selbst«, I. Buch, im Anfange.
66 Wer von dieser vortrefflichen Gesellschaft umständlichere Nachrichten
verlangt, kann sie finden in S.F. Rues' »Nachrichten von dem gegenwärtigen
Zustande der Mennoniten oder Taufgesinnten, wie auch der Kollegianten oder
Reinsburger«. Jena 1743, Oktav, S. 241 u.f.
67 Man s. Rues, S. 277.
68 So pflegt der niederländische Pöbel die Deutschen, besonders die
Niedersachsen und Westfälinger, zu nennen.
69 In den »Vaterlandsen Letter-Oeffeningen«, einer gelehrten Zeitschrift, die in
den siebenziger Jahren in Holland herauskam. Die vornehmsten Verfasser derselben
waren Kollegianten.
70 »Remarks on men, manners, and tings«, by the Autor of »Te Life of John
Buncle«, London, Grossoktav. Doktor Amory soll ein Buch unter diesem Titel
geschrieben haben, welches aber, wenn es existiert, so rar geworden ist, dass es
sich selbst in grossen engländischen Buchhandlungen und Biblioteken nicht
findet. Der Verfasser dieser Geschichte bekennet jetzt, dass die Stellen, welche
unten als aus diesem Buche übersetzt angeführt werden, von ihm selbst sind;
ausgenommen das 22. Kapitel des I. Buchs Mose, welches von dem berühmten
Franklin ist, der es dem Perser Saadi soll nacherzählt haben. (Man s. die
»Berlinische Monatsschrift«, 1783, Oktober, S. 307) [Anmerkung der vierten
Auflage.]
71 Das Glaubensbekenntnis der engländischen bischöflichen Kirche ist im Jahre
1562 unter der Regierung der Königin Elisabet auf 39 Artikel festgesetzt und
1571 durch eine Parlamentsakte bestätigt worden. Wer irgendein Amt von der
Regierung erhält, muss sie beschwören. Sie sind das, was in den meisten deutschen
Provinzen die symbolischen Bücher sind.
72 Siehe Sam. Werenfelsii »Opuscula teologica philosophica et philologica«.
Lausannae 1739, 4to, Tom. II., p. 509. Lessing hat diese Verse folgendermassen
übersetzt:
Von Gott gemacht ist dieses Buch,
Dass jeder seine Lehr' drin such',
Und so gemacht, dass jedermann
Auch seine Lehr' drin finden kann.
73 Siehe Hieronymus in Epistolis: Margaritum est Verbum Dei, ex omni parte
forari potest. Nimirum ut Diatraetarii margaritas, prout commodum visum fuerit,
perforant: ita haeretici verba Dei pro captu suo interpretantur, ut volunt. (Man
s. Fried. Lindenbrogii Var. Quaest. n. 2. adj. Altercationi Hadriani Aug. et
Epicteti Philosophi. Francof. 1628, Oktav)
74 Im Alexandrinischen Kodex scheint der mittelste Querstrich des ersten E, in
dem Worte EYCE-BEIAC, durch das Pergament gerade an der Stelle durch, wo der
Spruch I. Tim. III, 16 geschrieben ist. Dadurch scheint das O in OC ein T zu
sein, deshalb man lange Zeit TC gelesen, welches die Abbreviatur von T;e;o;s
ist. (Man s. Wetstenii Proleg. in N.T. Edit. Halens., S. 54 u. folg.)
75 Clericus warf zuerst Röm. V, 14 das m;h aus dem Texte, in einem Briefe,
welcher der zweiten Ausgabe von Mills N.T. vorgedruckt ist, und in Arte crit. P.
III. Sect 1 c. XV. § 15. Unter den deutschen Auslegern hat Semler ebendieses aus
guten Gründen getan. (Man s. dessen Apparat ad libr. N.T. interpr., S. 59, und
dessen Paraphrase dieser Stelle)
76 2. Brief Joh V, 9 - 11.
77 Brief Juda V, 5.
78 Nach Sebaldus' Übersetzung:
    Das arme Buch! Was muss es nicht ertragen!
    Von jeher hat es sich geduldig lassen plagen
    Und schief verzerrn nach jedes Lehrers Lehren;
    Griech'sch und Hebräisch kann sich ja nicht wehren!
79 Doktor Waterland war ein eifriger Verteidiger der anglikanischen Ortodoxie.
80 Ein Platz in Amsterdam, wo alle Morgen die Post nach Arnheim abfährt.
81 Offenb. Joh. XXII, 12.
82 Die Ärzte begreifen unter dieser Benennung: Atemholen, Speise und Trank,
Ausführungen, Schlaf, Bewegung, Leidenschaften.
83 Leibzucht heisst in Westfalen die Wohnung eines vom Hofe abgegangenen Bauers.
84 Ein Sundern heisst in Westfalen ein beträchtliches Gehölz, welches in Absicht
der Viehweide offen, aber, was das Holz betrifft, davon gesondert oder einem
Herrn zuständig ist. (Man s. Mösers »Patriotische Phantasien«, II. T., S. 493)
85 Siehe Wilhelmine, S. 50.
86 Offenb. Joh. VIII, 10.
87 Man s. [Achtes Buch, Dritter Abschnitt].
88 Man s. [Erstes Buch, Ende des zweiten Abschnitts].
89 Das war damals der Fall. Auf das arabisch Exponieren ist zu unsern Zeiten im
schwäbischen und unschwäbisschen Deutschlande bekanntlich das Exponieren der
kritischen Philosophie nebst dem Setzen des absoluten Ichs eingetreten, worauf
sicherlich einmal etwas anders folgen wird. [Anmerkung der vierten Auflage.]
90 In Meusels »Gelehrtem Deutschlande« wird berichtet, der Verfasser dieser
Predigten sei Herr Professor Seibold, ehemals in Buchsweiler, jetzt in Tübingen.
Es ist aber nicht zu vermuten, dass diese Nachricht gegründet ist. Denn teils
würde der Herr Professor vermutlich besser geschrieben haben, teils sind die
folgenden Mutmassungen von dem wahren Verfasser der Predigten viel glaubwürdiger,
da sie aus den Notankerischen Familiennachrichten herstammen. [Anmerkung der
vierten Auflage.]
91 In einigen deutschen Provinzen würde das Wort Halskrausen bloss Halstücher
bedeuten, aber der Zusatz christliche Halskrausen scheint anzudeuten, dass es
runde Priesterkragen oder Wolkenkragen gewesen, die man in Sachsen Krausen
nennet.
 
    