
        
                              Albrecht von Haller
                                     Usong
                Eine Morgenländische Geschichte, in vier Büchern
                                       Dem
                                        
                         Durchlauchtigsten Fürsten und
                                        
                                     Herrn
                                        
                             Peter Friedrich Ludwig
                                        
                                    Herzoge
                                        
                             von Holstein Gottorp,
                                        
                              Erben von Norwegen.
 
Der grösste Ruhm unsrer Zeiten ist die bessere Auferziehung junger zur Regierung
gebohrner Herren. Man bildet sie nicht mehr zu Jägern, sie sollen über Menschen
herrschen. Man zieht nicht bloss Krieger aus ihnen, auch wenn er nötig ist,
bleibt der Krieg ein Uebel, und das Ziel aller Arbeiten weiser Fürsten ist der
Friede. Wenn man die Geschichte zu Rat zieht, und die christlichen Fürsten des
fünfzehnten Jahrhuntes mit den meisten jetztlebenden Fürsten vergleicht, so
freuet sich ein redlicher Europäer über den Vorzug unsrer Zeilen. Das Licht
dringt täglich bei den Mächtigsten unter den Menschen durch; sie sind überzeugt,
dass ihre Glückseligkeit mit dem Wohlsein ihrer Untertanen, und dieses mit der
Tugend ihres Fürsten, unzertrennlich verbunden ist. Erlauben Sie also,
Durchlauchtigster Herr, Sie, aus dessen erlauchten Stamme alle die Beherrscher
des Nordentz entsprungen sind, dass ein Bürger einer durch Ihre Gegenwart ehemals
beehrten Republik, Ihrem erhabenen Namen die Wünsche eines Menschenfreundes
zuschreibe; denn was ist Usong anders als das Bild eines Fürsten, wie ihn ein
Menschenfreund wünschet, und wie ihn die Tugenden hoffen lassen, die wir an Euer
Durchlaucht verehret haben.
                                                                  Der Verfasser.
 
                                    Vorrede.
Die Larve ist nicht mehr nötig, mit welcher sich Usong in der ersten Auflage
bedeckt hat. Man weiss überall, und ich begehre es nicht zu verhehlen, dass ich
einige Gedanken über die vornehmsten Regierungsformen in eben so vielen
Geschichten vorzutragen mir vorgenommen gehabt habe. Die Misbräuche der
Despotischen Gewalt, und einige Räte diese fürchterliche Art der Regierung zu
mildern, schien sich die Geschichte eines Morgenländischen Fürsten am besten zu
schicken, da eben die unumschränkte Macht die einzige ist, die diese Gegenden
vom Anfange der Dinge her kennen, so dass sie ein Erbe der ältesten Zeiten, und
nicht eine neuerliche auf den Untergang der Freiheit gegründete Gewalt ist. Die
Wahl des Fürsten war freilich in meiner Willkühr, ich wählte auch einen König,
der würklich grosse Eigenschaften besass, und dessen wesentliche Geschichte, eben
diejenige ist, unter welcher ich meine Gedanken vortrage. Er, und seine Art zu
regieren, waren nicht so allgemein bekannt, dass der Wohlstand mich zu sehr hätte
einschränken können, wann ich etwas mehr von ihm und von seinen Anstalten
schreibe, als die ernstafte Geschichte mir vorsagt. Ich blieb aber dennoch bei
den morgenländischen Sitten, und selbst die Einrichtung des Staates ist entweder
nach China geschildert, oder sie ist würklich unter den Enkeln Usongs in Persien
wahr gewesen: denn das costume zu verletzen ist eine Freiheit, die man auch dem
Racine verdacht hat, wann er sie nahm. Wann man einer Erdichtung die Würde einer
Geschichte geben will, so muss man sie allerdings der Geschichte so ähnlich
machen, dass der Unterscheid nicht zu anstössig in die Augen fällt.
    In dieser jetzigen Auflage ist etwas weniges verändert und vermehrt worden.
Ich hatte bittere Kritiken vor mir liegen, die mir Anlass hätten geben können,
mich zu bessern, wenn sie auf die würklich fehlhaften Stellen meines kleinen
Werks gefallen wären. Auch den Druckfehlern, die man als Verbrechen mir
angeschrieben hat, werde ich schwerlich entgehen. Nur die Engelländer, die über
den Mangel an Einbildungskraft geklagt haben, verfehlen gänzlich meines Zweckes,
der auf keine Geschöpfe der Einbildung geht. Freunde der Tugend, der Freiheit,
und des Glückes der Menschen, werden vielleicht der Absicht zu lieb die Fehler
verzeihen, die andre begierig samlen.
    Bern den 9. Junii
            1777.
                                                                         Haller.
 
                                  Erstes Buch.
Zweimal hatten sich die Geschlechter der Menschen erneuert, seitdem der
kaiserliche Stamm der Iwen von dem Trone in China war verdrungen worden. Die
Enkel des vergötterten Oguz und des mächtigen Tschengis waren in ihre ehmalige
Mittelmässigkeit zurückgesunken. Sie waren zahlreich, und ein jeder Fürst lebte
mit seiner Horde von der Viehzucht und von der Jagd. Die Reichtümer von China,
die kostbaren Feierkleider, der Palankine Pracht, das Gefolg unzählbarer
Mandarine, der Glanz des Trones war verschwunden, und ein von einem reissenden
Tiere erfochtener Pelz war der Putz der Nachkommen des Besitzers der Welt.
    Einer von ihnen, ein Haupt des ältesten Zweiges des grossen Kublai, der kühne
Timurtasch, spannte im Winter seine Zelten an dem westlichen Ufer des Kokonors1
auf. Seine zahlreichen Heerden bedeckten ein breites Gefilde, und seine getreuen
Untertanen lebten unter ihm in Vertraulichkeit und innerlichem Frieden. Im
Sommer zog er sich nach und nach in die Ulanischen Gebürge, wo Schatten und
Weide für seine Pferde und sein Vieh waren. Timurtasch erinnerte sich, dass er
ein Abkömmling der Iwen2 war, die durch ihre Abhängigkeit an die Bonzen
geschwächt, und durch einen Bonzenknecht, den glücklichen Hungwu, vom Trone
gestürzt worden waren: in seinem Herzen wallete ein unversöhnlicher Hass gegen
die Priester, deren Aberglauben die männlichen Tugenden der Tschengiden
erweicht, und deren Eigennutz den Fürsten zu den Wollüsten verleitet hatte.
Timurtasch konnte auch dem Geschlechte des Ming nicht verzeihen, dass die Enkel
eines verächtlichen Pfaffendieners auf dem schönsten Trone der Welt sitzen, und
alle die Vorzüge eines Sohnes des Himmels geniessen sollten, die er für sein Erbe
ansah.
    So schwach die Zahl seiner Mongalen war, so übte dennoch Timurtasch begierig
die Rache aus, die er für seine Pflicht hielt. Er bekriegte gegen Westen
unaufhörlich den vergötterten Priester, der sich zu Lassa anbeten lässt: und nach
Osten streifte er in die benachbarten Provinzen von China. Die unversöhnlichen
Kriege, die er wider die Feinde seiner Voreltern führte, gewöhnten seine Horden
zu den Waffen; sie wurden die tapfersten unter allen den Stämmen, die den Enkeln
des Tschengis gehorchten. Der Sieg belohnte ihren Mut, sie waren allen ihren
Nachbarn fürchterlich, und die Zuversicht, die sie zu sich selber gefasst hatten,
machte sie fast unüberwindlich.
    Einmal hatte Timurtasch einen Einfall gegen Westen getan; er war mit einer
auserlesenen Reuterei bis an den See Zila gekommen: als er von einem sanften
Hügel ein grosses Begleit von Tibetern herunterkommen sah, das mit einer in
diesen Wüsten ungewöhnlichen Pracht gegen Lassa seinen Weg nahm. Auf einen
Elephanten war ein glänzender Tron gesetzt, und mit seidenen Vorhängen war die
Person bedeckt, die diesen königlichen Sitz einnahm. Eine Anzahl bemalter Wagen
schien mit Frauenzimmer besetzt zu sein; andere Fuhrwerke führten Kostbarkeiten
und fürstliches Geräte; viele Fahnen zierten diesen Aufzug, und selbst die
Gewaffneten, die ihn bedeckten, waren weit kostbarer bekleidet, als sonst die
Untertanen des Dalai Lama sind.
    Wie ein Falk, der auf den erschrockenen Reiger stösst, stürzte Timurtasch
unter die Völker des Priesters. Sie flohen, und hinterliessen die unschätzbare
Beute dem Ueberwinder.
    Der Fürst näherte sich dem Elephanten, begierig seine Beute näher zu kennen.
Die Vorhänge wurden geöfnet; eine Schöne im königlichen Schmucke zeigte sich,
und rief in einer unbekannten Sprache den Sieger um Verschonung an. Timurtasch
hatte nie geliebt, er hatte auch unter seinen mongalischen Frauen keine Gestalt
gesehen, die ihn hätte reitzen können. Die gefangene Fürstinn war von einer
Schönheit, dagegen alles ungestalt schien, was Timurtasch gesehen hatte. Sie
hatte die schlanke Gestalt, die erhabenen Augenbraunen, die grossen und
funkelnden Augen, und die edlen Züge einer Einwohnerinn von Kaschmir: sie war
aber eben so sehr über die Schönen ihres Landes durch ihre eigenen Reitze
erhoben, als sie es durch die Geburt war; denn sie war eine Tochter des Königes
dieses glücklichen Landes, die man Dalai Lama3, einem neulich vergötterten
Jünglinge, als Braut zuführte.
    Timurtasch fühlte Bewegungen im Herzen, die ihm neu waren. Sein Herz hatte
nichts empfunden, als das Wallen eines Siegers, und das rohe Vergnügen, das eine
gesättigte Rache gibt. Auf einmal fühlte er, dass grössere Vergnügungen sein
konnten; er hoffete nunmehr von der Liebe unendlich mehr Glückseligkeit, als er
vom Ruhme und von der Rache genossen hatte. Er begegnete der Fürstinn, mit der
Höflichkeit, die aus dem Herzen quillt, und die an keine Sitten und an keine
Gewohnheiten gebunden ist. Seine Augen und seine Geberden sagten ihr, sie habe
nichts von ihm zu besorgen, und würde bei den Mongalen eben die Verehrung
antreffen, die sie in Lassa hätte hoffen können. Er entliess den grössten Teil
ihres Gefolges, und nahm nur diejenigen von ihren Frauen mit sich, die die
Fürstinn selber wählte. Er brachte sie auf ein flüchtiges Pferd, und eilte mit
ihr dem Gebürge zu.
    Die ganze Horde betete den siegreichen Timurtasch an, und jedermann
bestrebte sich der schönen Gefangenen seine Ehrerbietung zu beweisen, da des
Fürsten Liebe für dieselbe kein Geheimnis war. Sie lernte die Sprache dir
Mongalen von ihrem Liebhaber; er war noch jung, und obwohl seine Züge die
Kennzeichen eines Mongalen trugen, so gab doch seine muntere Seele seiner ganzen
Person ein Leben und eine Würde. Die Fürstinnen im Morgenland sind gewohnt, sich
demjenigen zu ergeben, dem sie das Schicksal zuführt; sie sind niemals in den
Umständen, dass sie Vergleichungen anstellen, und eine Wahl sich erlauben können.
Scheheristani, so hiess die Königstochter von Kaschmir, liess sich die
ungekünstelten Liebesbezeugungen ihres Siegers gefallen, und wurde seine
Gemahlinn.
    Timurtasch hatte nunmehr die Tibeter aufs heftigste beleidiget; er
verdoppelte seine Einfälle wider ein Volk, von dem er die bitterste Rache zu
befürchten hatte, und sein ganzes Leben war eine Reihe kleiner Siege. Seine
schöne Gemahlinn kam mit einem Fürsten nieder, der ihr Ebenbild war. Er hatte
nichts vom Mongalen, als die dauerhafte Stärke eines unermüdlichen Leibes: sonst
war sein Wuchs ungewöhnlich, und zog ihm den Namen des langen4 zu; seine Augen,
seine Züge, seine Farbe, glichen seiner liebenswürdigen Mutter, und der Adel
seiner Seele leuchtete aus seiner ganzen Bildung, und aus allen seinen Geberden
hervor.
    Sein Vater zog ihn selbst zu den Uebungen eines scytischen Fürsten. Niemand
unter den Mongalen schoss gewisser, niemand zähmte ein feuriges Pferd mit mehrerm
Mute, niemand rang mit grösserer Geschicklichkeit, und niemand widerstund den
kühlen Wellen des Kokonors im Schwimmen beständiger. Er folgte mit Entzücken
seinem Vater, wenn er den fürchterlichen Tieger im Dickicht reizte, und sein
ganzes Heer wallete, wann die Lanze des Timurtaschs dem Ungeheuer durchs Herz
drang. Usong, so hiess der junge Sohn der Scheheristani, gewöhnte den Schongar5
zum Raube, er dauerte in seiner ersten Jugend auf der Jagd unermüdet aus, und
lachte der Gefahr und der Mühe entgegen.
    Timurtasch hatte unter seinen Angehörigen noch einige Enkel der getreuen
Chinesen, die der unrechtmässigen Gewalt des Ming sich nicht hatten unterwerfen
wollen, und die lieber im Unglücke die Gefährten der flüchtigen Iwen geblieben
waren. Ein weiser Mann aus diesem Geschlechte, der des Kongfuzee6 Lehren eben
sowohl ausübte, als wohl er sie im Gedächtnisse besass, wurde gewählt, das Gemüt
des jungen Fürsten zu bilden. Begierig sog Usong die Lehren ein, die mit seinen
edlen Neigungen übereinkamen; er fand in seiner Natur selbst, dass gerecht, dass
gütig, dass grossmütig sein denjenigen glücklich machte, der es wäre. Sein Herz
brannte nach dem edelsten Ruhme, der beste, der weiseste, der rechtschaffenste
unter denjenigen zu sein, die man mit ihm auferzog. Er fiel mit eben der Lust
auf die Auszierung seiner Seele, die ihn zu den Uebungen des Leibes antrieb. Er
las einen Teil des Schuking's7, und schrieb die zierlichsten Züge. Sein Herz
war gross genug, die Tugenden und die Vorzüge verschiedener Zeiten und
verschiedener Völker zu fassen.
    Unter den Aufmunterungen seiner bewundernden Eltern, war Usong nunmehr
vierzehnjährig worden: aber seine Kräfte waren zu einer mehrern Reifigkeit
gekommen, als sein Alter zu gestatten schien. Er glühte vor Begierde, in einem
wahren Kriege Ruhm und Erfahrenheit zu erwerben, und dennoch hatte er keine
Hoffnung, die Erlaubnis dazu von seinem liebenden Vater zu erlangen. Seine
Mongalen bereiteten sich eben damals zu einem Einfalle in Schensi: die
auserlesenste Mannschaft rüstete sich zu diesem Feldzuge wider die alten Feinde
der Tschengiden. Usong entschloss sich heimlich diesem Streife beizuwohnen. Er
versah sich mit Pferd und Waffen, und einer verstellenden Kleidung, und nahm
niemand mit, als seinen vertrauten Scherin, der an Tugenden und Leibesstärke ihm
ähnlicher, als sonst kein Mongale, aber etwas älter war. Er gab eine Jagd nach
einem Gefilde vor, das von dem Wege nach Schensi am entlegensten war. Er nahm
die Zeit in acht, da die nach China bestimmten Mongalen eine Tagreise von den
Zelten seines Vaters lagen, und ereilte sie auf dem Wege. Sie nahmen ihn als
einen von einer freundschaftlichen Horde ihnen zugezogenen Mongalen an, und der
Zug ging vor sich, dieweil der bekümmerte Timurtasch in allen westlichen
Gegenden den vermissten Sohn ängstlich suchen liess.
    Die Scyten schwammen durch den gelben Fluss, und vermieden die grosse Mauer.
Sie streiften durch die Wohnsitze eines reichen und in Sicherheit seinem Gewerbe
nachgehenden Volkes, und sammelten eine unermessliche Beute. Aber ein rächender
Feind wartete auf sie.
    Liewang war Zongtu in Setschuen und Schensi, ein weiser und gerechter Herr,
der mit den Vorzügen des Herzens alle Gaben des Verstandes vereinigte: ein
würdiger Urenkel des Kongfuzee. Er unterstund sich nicht, der ersten Mut der
Mongalen sich entgegen zu setzen. Aber er erwartete ihren Rückzug, wann sie mit
einem beschwerenden Gepäcke, in der grösten Sicherheit, und mit der
Nachlässigkeit, die die Folge derselben ist, wieder nach ihren Wüsten zurückkehren
würden. Er wählte ein enges Tal, zwischen waldichten Hügeln, durch welches der
Weg die Scyten führte. Er bot die geübtesten von seinen Kriegsleuten auf, die
in dieser bergichten Provinz herzhafter als im südlichen China sind: er nahm
eine Menge von denjenigen Kriegern mit sich, die aus eisernen Röhren bleierne
Kugeln durch die Gewalt des entzündeten Staubes trieben, ein Gewehr, das weit
tödtlicher verwundete, als die Pfeile der Scyten, das die Mongalen nicht
kannten, und dem sie nichts gleich mörderisches entgegen zu setzen hatten. Er
führte auch grosse metallene Röhren mit sich, die von Pferden fortgebracht
wurden, und schwere steinerne Kugeln mit einer Gewalt von sich schleuderten,
welcher keine Mauer widerstehen konnte, und die unter einer gedrungenen Schaar
eine zernichtende Zerstörung anrichten.
    Die ihren Feind verachtenden Mongalen kamen ohne Sorge in das unglückliche
Tal, wo ihr Untergang ihnen zubereitet war. Sie durchzogen es langsam, wegen
der Menge der Gefangenen und des reichen Gepäckes, womit ihr Zug beschweret war.
Plötzlich ertönete das Gebürge vom Knallen der tödtlichen Feuerröhre; der Tod
regnete auf die tapfern Scyten von den Hügeln und aus dem Gebüsche herab; sie
genossen nicht einmal den Trost ihren Feind zu sehen, und fechtend zu sterben.
Usong, den sein ungeübter Mut, aus einem angebohrnen Triebe, an die
gefährlichste Stelle, und an die Hinterhut geführet hatte, ermunterte die
nächsten seiner Freunde. Eilt, rief er, aus dem Tale des Mordes zurück, und
fallt dem Feinde in den Rücken. Eine geringe Anzahl der kühnsten folgten ihm,
und er stiess auf die Leibwache des Zongtu. Der junge Held öffnete sich den Weg
mit dem Säbel, und drang auf den vergüldeten Drachen, das Zeichen der obersten
Macht des Unterköniges; er schmeichelte ihm selber mit der Hoffnung den
Feldherrn selbst zu stürzen, und sich den Weg zum Rückzuge über die erlegten
Feinde zu bahnen. Aber die Zahl der kühnen Folger des Fürsten war zu gering, sie
wurden umringt, ein Teil fand an den Spiessen der Chinesen den Tod, und die
übrigen wurden entwaffnet.
    Usong war dem Zongtu so nahe gekommen, dass dieser Unterkönig seine
Gesichtszüge erkennen konnte. Liewang sah ihn für einen aus dem entfernten
Westen entsprungenen Fremden an, und konnte sich nicht entalten, seine Bildung
zu bewundern. Er befahl, den schönen Jüngling gefangen zu nehmen, und der Befehl
wurde leicht erfüllt, da Usong unter sein erlegtes Pferd zu fallen gekommen war.
Man brachte ihn und seinen Freund mit andern Gefangenen nach der Hauptstadt in
Schensi, dem unermesslichen Singan, das dem kaiserlichen Sitze zu Pecking an der
Grösse nicht weicht. Liewang wurde als der Erretter des Landes empfangen, und das
Volk, das so viele Tugenden an ihm bewundert hatte, fand nunmehr an seiner
sieghaften Klugheit im Kriege neue Gründe, ihn zu verehren.
    Der Lerm der Geschäffte hatte den Unterkönig gehindert, den gefangenen
Fremdling zu sprechen; nur hatte er ihn befragen lassen, wie sein Vaterland
hiesse, und warum er in das friedliche Reich eingefallen wäre? Usong kannte die
mistrauischen Gesetze von China; sich für einen Iwen erkennen zu lassen, war ein
wider ihn ausgesprochenes Todesurteil. Er liess also den Unterkönig in seinem
Irrtum, und man hielt ihn für einen Mongalen, von einer weit entlegenen und
besser gebildeten Horde. Man wies ihm seinen Aufentalt bei dem Gärtner des
Pallastes an, wo er zugleich die fremden und seltenen Tiere zu besorgen hatte,
die der Unterkönig vornemlich zum Zeitvertreibe seiner Tochter hielt.
    Liosua war zehn Jahr alt, die einzige Tochter, und die einzige Lust, des
weisen Vaters. Sie hatte ihre Mutter, eine Fürstinn aus dem kaiserlichen Stamme
der Ming, sehr früh verloren. Liewang vereinigte nunmehr alle die Zärtlichkeit
seines Herzens in der Liebe dieses angenehmen Kindes. Ihre Bildung war
ausserordentlich schön, aber das Gemüt erfullte alle Wünsche des kennenden
Vaters. Mildigkeit, Grossmut, und kindliche Liebe, waren mit dem schärfesten
Witze, und mit den lebhaftesten Gaben des Verstandes, begleitet. Sie übte sich
in den Wissenschaften des Reiches, und füllete ihr Gedächtnis mit den Lehren dir
alten Weisen an, der Halbgötter, die zuerst unter den Menschen Ordnung und
Gesetze erfunden hatten8.
    Die Flüchtlinge der geschlagenen Mongalen kamen indessen traurig zu dem
Ulanischen Gebürge zurück, und aus der Beschreibung des verlornen Jünglings
musste Timurtasch die unglückliche Gewissheit abnehmen, dass auch sein edler Sohn
das Leben eingebüsst habe. Usong wusste kein Mittel, seinen Eltern seine
Erhaltung einzuberichten: die Bekanntschaft mit einem Erben der Iwen wäre für
ihn, und selbst für den Boten tödtlich gewesen. Der junge Fürst zwang sich unter
sein Schicksal. Die angeborne Munterkeit seines Gemüts machte ihm den niedrigen
Zustand erträglich, und seine Neugierigkeit fand eine angenehme Nahrung an den
Blumen, und an den Tieren, die er zu warten hatte. Er blieb aber nicht lang in
dieser demütigenden Beschäftigung.
    Des Unterkönigs Pallast hatte hinter sich weit ausgedähnte Gärten liegen.
Aus einem9 nahen Hügel quollen häufige Wasser, die bald in Teiche gesammelt,
seltenen Fischen, oder schön gefiederten Wasservögeln zum Aufentalte dieneten,
und bald als schlänglichte Ströme durch die Waldung schlichen, die aus einer
Verschiedenheit von Bäumen bald einzeln, bald in kleinen Klumpen, bald auch in
Reihen gepflanzet waren. Ein Tal, umringt mit bewachsenen Hügeln, wurde von
einem reinen Bache durchflossen, und endigte sich durch einen Felsen, den aber
auch die Kunst aufgeführt hatte, und wodurch ein heimlicher Gang, gekrümmt, zu
einem zweiten Garten führte. Diesen beschloss ein Gebüsch, das unzugänglich
schien, und dennoch einem Fusssteige offen war, der nach einem Tempel auf dem
Hügel leitete.
    Liosua hatte in dem nächsten Garten bei ihren Zimmern Goldfische, die sie
aus ihrer Hand die Speisen holen gelehrt hatte; ihre unschuldige Jugend fand ein
Vergnügen, auch stumme Geschöpfe glücklich zu machen, die nicht danken konnten.
Sie beschäftigte sich eben mit diesem Spiele ihrer Mildheit, als sie sich etwas
zu niedrig bog; das Fräulein stürzte in den Teich, und wurde plötzlich vom
Wasser verschlungen. Ihre Frauen schrien und eilten, wie die verstümmelten Füsse
es dem Chinesischen Frauenzimmer zuliessen, dem unglücklichen Teiche zu; sie
wären aber zu spät gekommen, wenn Usong nicht eiliger gewesen wäre.
    Ihm, und allem was nicht weiblich war, war der Garten freilich verboten, der
zu des Fräuleins Vergnügen war auserlesen worden. Aber in einem nahen Gebüsche
war er eben beschäftigt, ein entkommenes Goldhun zu fangen, dessen glühende
Farben es unter dem Laube verrieten, als er das Geschrei der ohnmächtigen
Weiber vernahm. Sein Feuer liess ihm keine Ueberlegung zu: er schwang sich über
das Gitterwerk, warf sich in den Teich, und in einem Augenblicke war er mit der
geretteten Fürstinn am Lande.
    Sie war ohne Empfindung, und er musste sie umfassen, um sie in die Höhe zu
heben. Er sah ihre schmachtenden halbgeschlossenen Augen, und eine
unnachahmliche Anmut auf dem selbst im Schrecken milden Angesichte. Sie holte
endlich einen Seufzer, indem er sie zu ermuntern suchte, und blickte ihren
Retter mit einer Freundlichkeit an, in welche sich eine zärtliche Schattirung
von Schamhaftigkeit mischte, und die blassen Wangen, mit einer schwachen
Rosenfarbe übergoss. Usong übergab sie den frohlockenden Wärterinnen, und
entfernte sich aufs eiligste, denn er kannte die Sitten des Reichs, und die
strenge Eifersucht, mit welcher die Gesetze über die Zucht des Frauenzimmers
wachen.
    Man brachte das Fräulein in ihr Zimmer, und in die Arme des liebenden
Vaters. Liewang war ein Verehrer der Sitten, aber seine Seele war zu gross, als
dass er die Uebertretung derselben an einem Fremden hätte rächen sollen, der sich
in die offenbarste Gefahr gestürzet hatte, dasjenige zu retten, was dem
Unterkönige das Leben erträglich machte. Er liess den Usong rufen. Junger
Fremdling, sagte er, ich bin dir unendlich viel schuldig, wie kann ich dich
belohnen?
    Usong sah den Unterkönig mit dem edlen Anstand an, den eine erhabenere
Geburt ihm gab, und bedachte sich einen Augenblick. Seinem lebhaften Gemüte
stellte sich zugleich die Freiheit und das Vergnügen seiner Eltern, aber auch
der Vorteil dar, in der Weisheit der Chinesen sich ausbilden zu lassen.
Heimlich mischte sich auch das anmutvolle Bild der jungen Fürstin in seinen
Entschluss, und gab den Ausschlag. Ehrwürdiger Herr, sagte er, ich bin ein
Fremdling, ich kenne etwas von der Weisheit des Landes: aber ich bin jung, gönne
mir, dass ich mich in den Gesetzen, in den Gebräuchen, und den Wissenschaften
eines Reiches unterweisen lasse, das seit den ersten Zeiten der Mittelpunkt der
Ordnung und der öffentlichen Glückseligkeit ist.
    Es war dem edlen Jünglinge nicht entgangen, wie viele Vorzüge das reiche,
das bevölkerte, das angebaute, das gelehrte, das weise China vor seinem
verwilderten Vaterlande hatte. Er begriff, dass die Gemüter seiner Mongalen noch
unverdorben, und eben so unschuldig waren, als die Hand der Natur sie erschaffen
hatte: er sah ein, dass bloss der Mangel an Einrichtungen, und an Wissenschaften,
sie zu Barbaren machte, und dass sie alle Anlagen zu einem glücklichen Volke
hätten, wenn ein Gesetzgeber das viele Gute anzuwenden wüsste, das in diesen
rohen Edelsteinen verborgen lag. Und dieser Guttäter meines Volks kann ich
sein, sagte sein Herz, nicht mit Worten, aber mit der lebhaftesten Empfindung,
die ohne Zeitfolge, und ohne Worte, die Sprache des Herzens ist.
    Junger Fremdling, sagte der Unterkönig, du verlangest nach Weisheit, du
sollst sie erlangen; du bist frei, und ich werde sorgen, dass du unterrichtet
werdest.
    Die Freigebigkeit des Unterkönigs erstreckte sich auch auf den getreuen
Scherin; er erhielt seine Freiheit: auf dass dem beliebten Usong kein Wunsch
übrig bleiben möchte. Dieser junge Fürst befliss sich unter den vortreflichen
Meistern, die ihm der Zongtu gab, die Weisheit der alten Herrscher von China,
sich nützlich zu machen; er fand in der Billigkeit dieser Fürsten, in ihrer
Bemühung ihres Volkes Glück zu bewirken, in ihrer Entfernung von allem
Eigennutze, in ihrem Geiste der Ordnung, einen Reiz, der sein Herz erhöhete. So
hätte ich gedacht, das hätte ich getan, sagte Usong zu sich selber, ihn dünkte,
nichts wäre schwer, was gut wäre. Er kannte die Schwierigkeit noch nicht, die
ein Menschenfreund findet, wenn er Gutes tun will.
    Ob ihn wohl die Sitten der Chinesen abhielten, die liebenswürdige Liosua zu
sehen: so war sie doch die angenehmste Beschäftigung seines Herzens. Er fand
tausend Mittel eine Art eines Zuganges zu ihr sich zu öffnen; und da alle ihre
Dienerinnen in ihm den Retter einer angebeteten Fürstin liebten: so
erleichterten sie willig seine Absichten. Bald fand er seltene Blumen in den
Gebürgen, und blühende Nipponische Bäume in den Gärten der Grossen, und liess sie
der Fräulein zubringen; bald waren es die farbenreichsten Vögel, deren Fang
einen Teil seiner scytischen Auferziehung ausgemacht hatte; bald neue
Gedichte, die er bei seinen Meistern abschrieb. Er vernahm ihren Geburtstag, der
im Pallast ein Fest war, und heftete heimlich an eine Spitzsäule in dem Garten
des Fräuleins einige Verse an, worinn er das Glück der Ming10 beneidete, unter
denen der Phönix geboren wäre. Das Fräulein lächelte, und nahm was von Usong
kam, mit einer jugendlichen Unschuld freundschaftlich an.
    Dennoch vergass er nicht, dass er ein Fürst, und geboren war, für sein Volk
zu sorgen. Er versäumte die Verhörstunden des Unterkönigs niemals: er
bewunderte, wie die erfahrne Weisheit in den Rechtssachen den Knoten im
Augenblick auflösete, der die Wahrheit umschlang, und den Schlüssel ausfündig
machte, der aus dem Labyrinte führte. Er sah mit Vergnügen die Anstalten, mit
welchen Liewang dem Mangel wehrte: er erkannte die Klugheit, mit welcher er die
Rechte des Ackermanns in einem Gleichgewichte gegen den Vorteil des Bürgers
hielt, und sowohl den Schweiss des Bauern zu belohnen, als dem armen
Handwerksmanne die Notdurft des Lebens in einem billigen Preise zu verschaffen
wusste. Usong fühlte, dass er diese edelste der Schulen nicht immer geniessen
würde, und eilte sich mit dem Lichte aufzuklären, das die Einsicht des
Unterkönigs von sich gab.
    Aber der Fürst war zu jung, und zu feurig, als dass seine Liebe lang hätte
verschwiegen bleiben können. Er hatte zwei Jahre zu Singan zugebracht, als
endlich sein beständiges Bestreben dem Fräulein gefällig zu werden, den
ernstaftern unter ihren Frauen zu missfallen anfieng. Schon hatte er sich
unterwunden, den eigenen Garten zu betreten, in welchem die Fürstin sich
erlustigte, und der für ihn ein verbotenes Heiligtum war. Er erfand immer neue
Anlässe, die seine Freiheit entschuldigen konnten. Unter den Blumen, die er ihr
zutragen liess, waren öfters Verse verborgen, deren allgemeine Ausdrücke doch
allemal Zeichen behielten, die nur der jungen Schönheit sich zueignen liessen,
die er verehrete. Er liess Zeugnisse seiner Liebe im hellesten Feuer brennen; er
weihete selbst die Stellen, die Liosua berührte, mit zärtlichen Sinnbildern ein.
    Endlich hielten sich die Frauen verpflichtet, die Unbedachtsamkeit des
Fremdlings dem Unterkönige anzuzeigen. Der weise Herr erwog, was die Sitten des
Reichs und seine Eher erforderten, und dann, was Usongs liebenswürdige
Eigenschaften, und glückliche Dienste, dagegen vermögen sollten. Er liess den
Sohn des Timurtasch vor sich fordern, und sagte zu ihm: Jüngling, der Sohn der
Schlange bewarb sich um die Tochter des Drachen; aber der Drache fragte ihn, wo
sind deine Flügel? In dem Herzen des Fürsten hob sich auf einmal das Angedenken
des Oguz und des Tschengis, die Herrlichkeit des Kublai,11 und die ganze Grösse
seines Geschlechts empor; er antwortete mit gesetztem Anstande: der Sohn der
Schlange hatte Flügel, aber man sah sie nicht. Diese Antwort misfiel dem
ernstaften Herrn. Wenn der Fremdling deutlicher unterrichtet werden muss, so
wird er sich erinnern, dass die Tochter der durchlauchtigen Ming nicht geboren
ist, unter einem scytischen Zelte zu wohnen. Usong wird sein Vergehen einsehen,
und nicht, da er die Gesetze und die Sitten des Reiches zu lernen hier wohnet,
durch unerlaubte Triebe sich des Mittels berauben, weiser zu werden. Hastig fuhr
der Jüngling bei diesem Verweise auf; er riss seine Oberkleider entzwei, und
zeigte dem Unterkönig den gelben Gürtel, das Wahrzeichen des kaiserlichen
Geblütes, das er niemals abgelegt hatte. Er stund in der Majestät eines
beleidigten Kaisersohnes da. Der Sohn der Iwen, der Enkel des Tschengis, darf
keine Vergleichung mit dem Ming befürchten. Nun schicke mich zum Tode hin, denn
deine Verachtung ist bitterer für mich.
    Liewang liebte den Jüngling; er erschrack über die gefährliche Erklärung,
und wollte keinen übereilten Entschluss fassen. Er liess den von Zorn errötenden
Usong in ein Zimmer führen, und ohne Beleidigung sorgfältig verwahren. Am
folgenden Tage rief er den Fürsten wieder vor sich, und sagte zu ihm mit dem
gesetzten Wesen, das der grösste Vorzug der chinesischen Staatsbedienten ist, und
sonst wohl oft die Weisheit selber bei ihnen ersetzen muss; der fremde Jüngling
kann im Reiche nicht mehr leben, ihn beschützen wäre eine Untreu, die ich am
Sohne des Himmels12 begehen würde. Auch in sein Vaterland zurück zu kehren kann
ihm nicht erlaubt werden. Die Iwen sind vom Verhängnisse zum Untergange
bestimmt. Wenn aber der Fremdling in einem entfernten Lande, am äussersten Ende
der Welt, sein Leben zuzubringen sich verpflichten wird, so kann vielleicht der
Saamen der Weisheit bei ihm zur Reife gelangen, und bei einem andern Volke
Früchte tragen.
    Usong antwortete mit der Grösse eines wahren Tschengiden: Dasjenige Land
wird mir am liebsten sein, das am entferntesten vom Trone der Ming ist.
    Liewang liess den Jüngling von sich; er schrieb unverzüglich an den
Unterkönig von Quangtscheu13 »ein Fremder würde aus wichtigen Ursachen aus dem
Reiche verbannet; weil aber derselbe Zeichen der Tugend von sich gegeben hätte,
so wäre der Zongtu14 vom Liewang gebeten, diesen Fremdling auf einem nach den
entferntesten Abendländern abgehenden Schiffe wegbringen zu lassen: doch möchte
er ihm dasjenige mitgeben, was Liewang ihm zu den Notdürftigkeiten des Lebens
abfolgen liesse.«
    Usong sah sich nunmehr gezwungen, die geliebte Liosua ewig zu meiden; jung,
wie er war, konnte er sich nicht entalten zu versuchen, den letzten Abschied
von ihr zu nehmen. Er und sein Freund Scherin späheten alle Augenblicke aus, in
welchen die junge Schöne in den Gärten sich befinden würde, und es gelang dem
Usong, eben bei dem Teiche, aus welchem er sie gerettet hatte, unvermutet vor
ihre Füsse sich zu werfen. Tochter des Himmels,15 sagte er, Usongs Tugend, und
nicht seine Abkunft, war deiner nicht würdig. Warum habe ich nicht die Vorzüge
eines Schung! Warum kann ich nicht hoffen, der Sohn eines neuen Yu zu werden!16
Er schwieg, und Tränen stiegen das erstemal in seine glühenden Augen.
    Die gerührte Liosua erinnerte sich, was die Strenge der Sitten erforderte,
sie entfernte sich, und sagte im Gehen: Usong ist ein Fremdling, und kennt unsre
Gebräuche nicht, man muss ihm verzeihen. Da sie aber langsam sich ihren Frauen
näherte, konnte sie sich der Wehmut nicht erwehren, da sie sich von einem
liebenswürdigen Fürsten trennen sollte, der an eben dem Orte, mit der Gefahr
seines eigenen Lebens, das ihrige gerettet hatte. Sie sah sich noch einmal nach
ihm um, ihre Augen sagten ihm, mit einem sittsamen Schmachten, aufs deutlichste,
sie verlöre ihn nicht gern.
    Usong verstand die Sprache; das Herz lernt sie von der Natur; er sprang auf,
und eilte halb entzückt, und halb verzweifelnd ins Gebüsch.
    Der Tag kam, da er mit dem getreuen Scherin verreisen musste. Er fand in
Quangtscheü Reichtümer an Golde, an seidenen Zeugen, und an allen den Werken
der in China so arbeitsamen Künste. Auch der Schuking, und die geheiligten fünf
Bücher der alten Weisen, waren unter den Geschenken des Liewangs, und in einem
derselben fand er einen Brief von dem Unterkönige.
    Nun ich des edlen Usongs Angesicht nicht mehr sehen werde: so ermahne ich
ihn, wie ein Vater einen auf ewig sich entfernenden Sohn ermahnet, die Weisheit
und die Tugend unverrückt zu lieben. Usong hat Gaben, die ihn zum nützlichen
Fürsten machen können: wird er diese Kräfte anwenden, so kann er vom Himmel
hoffen, ein Werkzeug der Güte desselben zu werden.
    Usong küsste dankbar und wehmütig dieses Vermächtnis eines Guttäters, der
seiner Liosua Vater war. Die Schiffahrt ging ohne Hindernisse fort, und der
Kaufmann setzte ihn mit seinen Schätzen zu Atschin aus: denn weiter giengen aus
dem Reiche keine Schiffe. Der junge Fürst hatte sich in der Einsamkeit des
Schiffes einen Grundriss zu seinem künftigen Leben entworfen: er nahm sich vor,
Länder zu besuchen, wo er sich ausbilden könnte, Reiche, wo die Weisheit
blühete, und wo eine Regierung wäre, die die Untertanen glücklich machte. Er
hatte zu Singan, und noch jetzt durch die Bücher der Alten, und durch Liewangs
glänzendes Vorbild, sich ganz mit der Begierde angefüllt, sich tüchtig zu
machen, am Glücke der Menschen zu arbeiten. Ihm blieb kein andrer Trieb, neben
der unschuldigen Sehnsucht nach der bescheidenen tugendhaften Liosua.
    Atschin stand unter einem kriegerischen und grausamen Könige. Usong hatte in
China die Schonung liebgewonnen, mit welcher man, selbst wider die rächenden
Gesetze, das Leben eines jeden Menschen verteidigt, so lang als er die
Gesellschaft seiner Mitbürger nicht unerträglich störet. Hier sah er alle Tage
auf einen blossen Befehl des Königes, ohne Verhör, ohne Verantwortung, ohne
Ueberführung, und oft ohne Schuld, diejenigen den Elephanten vorwerfen, oder
unter dem Säbel sterben, auf die der Unwillen des Herrschers gefallen war. So
würde ein Tiger herrschen, sagte er, wenn der Himmel zugeben könnte, dass Tiger
herrscheten. Auch fand er in einem nicht unähnlichen Lande nichts von den
Zierraten von China, keine durch die Hand des Fleisses zubereitete Gräben zur
innern Schiffart, keine stuffenweise eingeteilte und bebaute Berge, keine den
Reichtum der Einwohner verratende Gebäude, keine Schulen der Gelehrten, und
nichts als Wälder, oder Hütten, worinn Sclaven sich schmiegten.
    Bei dem chinesischen Kaufmanne, in dessen Haus ihn der Befehlshaber des
Schiffes aus Quangtscheu gelassen hatte, fand er einen Mollah, einen für heilig
gehaltenen Hadschi,17 der von der Reise nach Mecca zurückgekommen war, und etwas
von der chinesischen Sprache verstund. Die Gestalt des jungen Fürsten sprach
selbst für ihn, und sein freundschaftliches und edles Wesen gewann ihm alle
Herzen. Der Mollah vernahm vom Usong, er suche ein Land, wo die Einwohner
glücklich wären, und wo die Tugend im Ansehen stünde. Jüngling, sagte der
Mollah, alle diese Morgenländer stehen unter harten Herren, und unter keinen
andern Gesetzen, als unter dem Willen der Herrscher. Aber fern in Westen, liegt
ein Reich, Misr18 ist sein Namen, das mit deinem China eine Aehnlichkeit hat,
aber weit kriegerischer ist. Es ist, wie Taising mit Gräben durchschnitten; ein
Fluss kömmt vom innersten Süden, und füllt an einem gesetzten Tage diese Gräben,
und durch sie das ganze Land, mit einem segnenden Wasser an, wodurch es
fruchtbar wird. So weit das Auge reicht, wird Aegypten zum Garten, wo die gütige
Natur mit der geringsten Hülfe dreissigfach den Saamen wiederbringt. Edle
Palmenbäume bekleiden seine Büsche, und eine ausgedehnte Schiffahrt füllt seine
Häfen mit den Arbeiten des Morgenlandes, und mit den Werken des Fleisses der
künstlichen Völker, die noch weiter nach Abend liegen.
    Aber Misr hat noch einen grössern Vorzug: nur das Verdienst macht daselbst
Fürsten, und aus den Fürsten Könige. Unter vier und zwanzig Fürsten ist das
Reich eingeteilt; keiner folget seinem Vater, sie sind alle die Söhne ihrer
Taten. Einer von ihnen, dessen Vorzüge ihn zur Wahl auszeichnen, steigt auf den
Tron; er ist allemal ein Fremdling, und mehrenteils ein Sclav,19 der durch den
Gehorsam durch die Not, zur Anstrengung seiner Kräfte gezogen, und durch die
Geschäfte selber gebildet worden ist. Misr ist das Vaterland des Verdienstes,
und der Tempel der belohnten Tugend.
    Usong liess sich die Räte des Mollah gefallen. Sobald die Jahreszeit günstig
war, schiffete er sich nach Dschidda ein, wodurch einige Mahometaner eine
Wallfahrt nach Mecca unternahmen, und der Mollah, sein Freund, ging selbst zum
zweitenmale zum Grabe seines Propheten. Die Musse einer langen Schiffahrt
brachte Usong zu, die arabische Sprache sich bekannt zu machen, worinn ihn der
Mollah unterwies. Er las den Koran mit innigem Vergnügen. Das natürliche Licht
führte ihn zu einem einigen Gott, und er fand, dass die chinesischen Weisen zu
selten, zu kalt, und zu fremd von Gott sprechen. Der Tien, sagte Usong, ist der
Schutzgott des Reiches20 und des Kaisers: aber hier finde ich einen Gott, der
mein Gott, und eines jeden Menschen Gott ist. Nur die Wunder, davon Usong in
China auch nicht den Namen gehört hatte, und die, in dem Glauben der Bonzen
eingewoben, die Abscheu der Weisen waren, verstatteten ihm nicht, dem Koran
einen völligen Glauben zu geben.
    Zu Dschidda trennte sich Usong von seinem mahometanischen Freunde, dem
Mollah, und fand ein Fahrzeug, das ihn zu Suez aussetzte. In Alkähirah21 kam er
eben zu der Zeit an, da der Soldan mit aller der Pracht eines reichen Königes
den Befehl erteilte, den Kanal zu öffnen, der das Wasser vom Nil einlässt. Die
Fürsten des Reiches, und die Befehlshaber der zirkassischen Krieger, erschienen
in den kostbarsten Kleidungen, und auf den edelsten arabischen Pferden. Ganz
Aegypten begieng sein grösstes Freudenfest, und die allgemeine Wonne drückte sich
in tausend Spielen aus. Usong selbst fand etwas prächtiges in dem Befehle, den
ein Mensch gab, dass ein Reich fruchtbar werden sollte. Er glaubte einen
Augenblick an alle die Vorzüge, die der Mollah Aegypten zugeschrieben hatte.
    Aber, als er das verworrene, das unreinliche Alkähirah sah: wie er die in
Aegypten herrschende Unordnung mit der genauen Policei der Chinesen verglich:
wie er den Übermut der zirkassischen Kriegsleute gewahr wurde, die das übrige
Volk wie Sclaven hielten: wie so viele Aufläufe unter den herrschenden
Mammelucken selber entstanden, und wie bald dieser und bald jener Bei von seinen
Gegnern überfallen und getödtet wurde: wie Usong erfahren musste, dass der
Diebstahl die allgemeine Gewohnheit der Einwohner war, und dass anstatt der
Gesetze nur der Wille der Mächtighen herrschte; so wurde seine Seele mit Unmut
gerührt. Sollte denn Weisheit und Tugend allein in China, dem Reiche der Ming,
gefunden werden, sagte er, und seufzete!
    Er fand auch bald bei seinem Aufentalte in Misr, dass nicht der Verdienst,
sondern die Gewalttätigkeit hier zum Glücke führte, und derjenige unter den
Fürsten den Tron bestieg, dessen Säbel sich am grausamsten in dem Blute seiner
Brüder gefärbet hatte. Usongs in der Liebe zum Rechte und Guten erzogene Seele
verabscheute ein Land, wo er keines von beiden fand.
    Er machte sich indessen die Fremdlinge von allen Völkern bekannt, die die
Handlung nach Aegypten rief; sein Zweck war auszuforschen, ob unter den
abendländischen Reichen denn keines wäre, wo er Weisheit und Tugend anzutreffen
hoffen könnte? Er fand sich in den Sälen ein, wo die Kaufleute von den
entferntesten Ländern sich bei dem neuerfundenen Getränke versammelten, das als
ein unschuldiges Labsal der müden Seele gesucht wurde:22 und daselbst geriet er
in einigen Umgang mit einem Edlen aus Venedig, der mit dem Gesandten dieses
Freistaates seinem Oheim, nach Alkähirah gereiset war; sein Name war Katarin
Zeno.
    Usongs Wesen war einnehmend, und er reizte die Neugier selbst durch die
Entfernung, aus welcher er herkam; ein Einwohner von China, für den man ihn
hielt, war für einen Europäer eine nie gesehene Seltenheit.
    Usong kam mit dem Zeno auf die abendländischen Staatsverfassungen zu
sprechen. Kömmt denn der edle Zeno nicht aus einem Lande, wo man die
Wissenschaften ehret, und die Würde der Sitten kennt? Aus seinem Betragen sollte
man schliessen, es gäbe Völker, denen der Namen der Barbaren mit Unrecht
beigelegt wird, sagte der Fürst auf arabisch. Zeno lächelte: wann uns die
Morgenländer für ungesittet ansehen, so erwiedern wit ihnen diese Unbilligkeit
mit der unsrigen. Einer von uns (Marc Pol,) hat etwas von der Grösse und der
Weisheit von Katai uns erzählt, aber insgemein halten sich die Europäer für
einzig gesittet. Und gewiss, wann Usong die Gesetze, die Ordnung, den
Gottesdienst, die Künste, die Kriegszucht zu Venedig wird gesehen haben: so wird
er uns eingestehen, wir haben vor dem Volke, bei welchem wir beide jezt leben,
dennoch ächte Vorzüge.
    Die Vaterstadt des Zeno erweckte Usongs nachfragende Neugier, und er
bezahlte seinen neuen Freund mit Nachrichten aus China. Er sah selbst aus den
Waaren, die aus den Schiffen dieser freien Stadt nach Alexandria kamen, den
blühenden Zustand der Künste. Die Schiffe waren besser gebaut, und wurden
geschickter gelenkt, als in China, und an allem Geräte erkannte man Geschmack
und Erfindung. Usong entschloss sich leicht, da des Zeno Oheim eben seine Jahre
geendigt hatte, mit beiden Edeln nach Venedig zu segeln. Er legte sich mit
seinem gewöhnlichen Feuer auf die welsche Sprache, und auf die Kenntnis der
Buchstaben: eine durch viele Windstillen verlängerte Schiffahrt half ihm, sich
in beiden zu üben, und zu Venedig war er bald im Stande, seine Gedanken zu
erklären.
    Diese stolze Stadt stund damals auf dem höchsten Gipfel des Wohlstandes.
Niemals hatte Tyrus eine solche Uebermacht in der Handlung erworben. Unter dem
Herzoge Tomas Mocengio besass, kurz vor des Usongs Ankunft, Venedig über drei
tausend Schiffe, die mit sechs und dreissig tausend Seeleuten besetzt waren. Sein
Reichtum war fast unermesslich. Es verschickte alle Jahre Waaren für den Wert
von zehn Millionen Goldmünze in fremde Häfen, und gewann an der blossen Fracht
zwo Millionen. Der ganze Handel von Indien ging über Alexandria nach Venedig,
und die Venetianer waren die allgemeinen Kaufleute aller abendländischen Völker.
    Usong erstaunte in der Tat, als er die hohen Türme von Venedig sich
allmählig aus den Wellen erheben sah. Er hatte in China grössere Städte gesehen,
aber der blosse Gedanke, mitten ins Meer eine Hauptstadt, die Beherrscherin
ganzer Königreiche, zu bauen, war für ihn mehr als menschlich. Er fand mehr
Festigkeit in den steinernen Gebäuden, in den Tempeln mehr Pracht, reichere
Zeughäuser, und einen Gottesdienst, der mehr Anstand hatte, als der kindische
Götzendienst der Bonzen, und mehr Andacht zeigte, als die kalte Verehrung der
Voreltern.
    Nichts bestürzte aber den jungen Usong mehr, als die Staatsverfassung. Der
Begriff eines Freistaates war im despotischen China noch nicht entstanden. Man
glaubte viele Götter, aber stellte sich nur einen König als möglich vor. Dass
aber Edle mit gleicher Gewalt neben einander herrschen, und der Grösste auch vom
Geringsten abhangen könnte, kam dem Usong wie eine Erscheinung aus dem Reiche
der Geister, und als eine Nachricht aus einer andern Erdkugel vor. Seine
Erstaunung vermehrte sich, da er vernahm, in den Abendländern wären ehmals alle
Völker frei gewesen, und durch ihre eigenen, von ihnen selbst gewählten
Obrigkeiten, beherrschet worden. Er konnte den Grund nicht einsehen, warum eben
in diesen Ländern eine der übrigen Welt unbekannte Art zu herrschen üblich wäre:
und begriff nicht, wie unter vielen gleichmächtigen einmütige Befehle und
Maasregeln verfasst werden konnten. Er sah zwei Völker; ein herrschendes, das das
kleinere war, und ein grösseres, das gehorchte, und niemals zum herrschen
gelangte.
    So stark sein Vorurteil wider die Regierung der Edlen war: so fand er doch
in Venedig, dass sie mit dem allgemeinen Wohlsein bestehen konnte: denn das Volk
schien reich zu sein, es wohnte in bequemen Häusern, und seine Arbeit war nicht
übermässig. Die Künste blühten wie in China, alles was zu der Menschen Nutzen und
Vergnügen dienen konnte, wurde hier verfertigt. Die Edlen schienen bei ihrer
Obermacht bescheiden zu sein, die Gesetze galten auch wider sie, und ihr Vorzug
verhinderte ihre Bestrafung nicht, wann sie schuldig waren. Er sah die
knechtische Unterwerfung nicht mehr, die in China Menschen gegen Menschen
bezeigen; die Geissel war nicht, wie dort, der Zepter der Gesetze.
    Der Fürst der Mongalen fand sehr bald, dass der Kriegsstand besser
eingerichtet war, als in dem gepriesenen Reiche der Ming: es herrschete unter
den Kriegsleuten mehr Ordnung, mehr Geschicklichkeit, mehr Kriegszucht, und er
lernte einen Trieb kennen, der den morgenländischen Kriegsleuten noch fremd war:
die Ehre. Er vernahm, dass die Europäer dm gewissesten Tod der Schande vorzögen,
und das Fliehen bei vielen Völkern für die grösste der Missetaten angesehen
würde.
    Er liess sich belehren, dass die in China so gemeine Hungersnot ein überaus
seltenes Uebel wäre, das in Venedig die wenigsten Menschen erlebten; dass die
Staatsverfassung seit etlichen Jahrhunderten nicht die geringste Erschütterung
erlitten hätte: und dass überhaupt die herrschenden königlichen Häuser in Europa
auf ihren Tronen ausstürben, und fast niemals einen Umsturz zu fürchten hätten;
da in China so vielmal ein geringer Aufrührer, ein Tschu, das kaiserliche Haus
verdrungen, und den beraubten Tron des Tschengis und des Kublai seinen im
Pöbelstande gebohrnen Söhnen überlassen hatte.
    Je mehr Usong sich überzeugte, dass in den abendländischen Sitten, Gesetzen,
und Grundsätzen ein Keim des allgemeinen Besten, ein Grund zur Ruhe und
Sicherheit, und dennoch ein Trieb war, der die Menschen zu edlen Handlungen
antrieb, je mehr bestrebte er sich, diese Vorzüge genauer zu kennen, die er den
Europäern zugestehn musste.
    Zeno erinnerte den neugierigen Usong, die despotische Herrschaft in den
Morgenländern erniedrige die Gemüter des Volkes. Wenn man den Ruhm aller edeln
Taten dem Fürsten zuschreibt; wenn auch der erhabenste Untertan durch den
Blick des Herrschers in den Staub gestürzet wird; wenn schimpfliche Bestrafungen
willkührlich über das Volk verschwendet werden: da sinkt der Trieb durch eigne
Taten sich zu erheben. Ausgeschlossen von dem Wege zum Ruhme, lernt ein Volk
sich unter das Joch beugen, und da es nichts hoffet, und alles befürchten muss,
so gewöhnt es sich, mit Schmeicheln die Mächtigen zu versöhnen, und setzt an die
Stelle der Ehre, woran es verzweifelt, den Gewinnst, den man ihm gönnet, und die
Wollust, die es erkaufet.
    In den meisten Ländern des Morgens dämpft die Härte der Regierung alle die
Triebe, die das Herz des Volkes erhöhen sollten. In China haben die ersten
Kaiser unter dem Volke die Tugend aufgesucht, um sie dem Trone zu nähern; sie
haben mit Ausschliessung ihrer Söhne, das Zepter dem Würdigsten abgetreten;
lange haben die Kaiser den Rat der Untertanen willig angenommen, ihre Fehler
erkannt, und dem treuen Diener den Ruhm gelassen, dass die bessern Taten des
Fürsten von seinen Warnungen herkämen. Aber auch in China ist die alte Einfalt
der Herrscher durch die Schmeichler verdrungen; Usong gestund es. Die
Belohnungen werden durch den Rat unwürdiger Verschnittenen ausgeteilt, der
obersten Mandarinen Unterdrückungen übersehen, und das Joch auf das Volk
erschweret. Noch gewinnen zuweilen die glänzenden Beispiele tugendhafter Kaiser,
und die siegreiche Beredsamkeit alter Weisen, das Herz eines Fürsten, und
bereden ihn, sein Vergnügen, im Glücke des Landes zu suchen. Aber das Uebel ist
geschehen, das Herz des Volkes ist in den Kot getreten, und keiner edlen
Begierden mehr fähig.
    Bei den Abendländern ist die Gleichheit der Bürger viel länger beibehalten
worden, über welche die Könige nur als blosse Feldherren, als die besten Jäger,
zu Anführern gesetzt worden, aber über ihr Volk keine Gewalt gehabt haben. Was
ein jedes Mitglied der Gesellschaft ihr zum Besten verrichtete, war sein
Eigentum, und der Ruhm seiner Tat blieb ihm gesichert. Tausenderlei
Ermunterungen, und die vornehmste von allen, die laute Hochachtung der
Mitbürger, belohnte einen jeden Tugendhaften, da der neidische Despot alles Lob
als einen Weihrauch ansieht, der nur den Göttern und ihm zugehört. Nicht gewohnt
Beschimpfungen zu erdulden, bleiben freie Völker gegen eine jede Schande höchst
empfindlich, und ziehn ihr den Tod vor: weil ohne Ehre zu leben ein
fortwährendes Elend ist.
    Aber warum sind eben Freistaate in den Abendländern, und im Morgen
unumschränkte Herrschaften entstanden?
    Zeno versetzte: so viel ich von der Geschichte der Welt kenne, so sind in
den äusserst unfruchtbaren Ländern, wo die Menschen wegen der sparsamen Nahrung
überaus zerstreuet wohnen, weder Fürsten noch Obrigkeiten. Man hat unter dem
nördlichen Angelstern23 Völker entdeckt, die unter einem eisernen Himmel leben,
deren Erde nur Stein und Eis ist, und die bloss das stürmische Meer ernährt.
Diese Völker sind alle vollkommen ohne Obrigkeiten, und leben ohne Gesetze und
ohne Strafe. Da die Erde für sie zu gross ist, und sie selten mit einander zu
streiten haben, da, sie nichts gemeinschaftliches besitzen, so leben sie, fast
wie die ihnen ähnlichen Tiere, ungesellig und ohne Regierung.
    In kalten, aber doch zur Jagd gelegenen Ländern, leben die Menschen näher
beisammen, und die Furcht vor den reissenden Tieren hat sie gezwungen, durch
ein gesellschaftliches Leben sich zu verstärken. Diese Völker sind auch frei,
und alle Glieder der Gesellschaft einander gleich. Ihre zu allen Beschwerden
abgehärteten Gemüter lassen sich weder schrecken noch zwingen, und sie
übergeben das angebohrne Vorrecht der Freiheit keinem Tyrannen. Nur hat ein
Anführer eine eingeschränkte Macht, die vormals mit der Notwendigkeit zu Ende
ging. Auf diese Grundsätze waren ursprünglich alle europäische Herrschaften
gegründet.
    In den mildesten Gegenden, wo wenige Morgen Acker viele Hausgesinde ernähren
können, wohnten die Menschen dichter beisammen, und bauten die ersten Städte.
Der Wert des Besitzes war hier grösser, und der Streit zwischen den Bürgern,
und einer jeden Stadt mit den benachbarten Städten, war gemeiner. Die Natur
macht die Einwohner der mildern Gegenden für die Wollust empfindlicher und
begieriger, in ihrem Zorn und in ihrem Hasse grausamer, und in allen ihren
Trieben unmässiger. Die Heftigkeit der Leidenschaften in diesen Gegenden würde
sie zu Missetaten führen; die Eifersucht und die Rachbegierde, würden die Bande
der Gesellschaft zerreissen, wenn sie nicht mit Zwangmitteln gezäumet würden.
Hier entstunden Könige, denen man eine schnelle Ausführung der Macht
anvertraute, weil sie schnellen Uebeln, und den Ausbrüchen wütender
Leidenschaften, Einhalt tun mussten. Aber einmal mit Macht gewaffnet, erhielten
sie über die weichlichen Gemüter der Morgenländer eine uneingeschränkte
Herrschaft, weil der Schrecken alles auf dieselben vermochte, und ihre Glieder
weder durch die rauhe Luft, noch durch die zu ihrer Nahrung unvermeidliche
Arbeit, wie bei den nördlichen Völkern, abgehärtet worden waren. Hier entstunden
zuerst erbliche, und willkührlich gebietende Einzelherren; das feige Volk ist
des Joches gewohnt, und lernt den Namen der Freiheit von seinen knechtischen
Eltern nicht.
    Usong belehrte sich täglich um desto leichter, je besser er sich nunmehr in
der Landessprache ausdrücken konnte. Er unternahm kleine Schiffahrten im
adriatischen Seebusen, und sah mit Vergnügen die Ordnung und die Leichtigkeit,
mit denen ein Schiffshauptmann sein Volk lenkt: hier sieht man, sagte er, den
Ursprung und den Nutzen einer unwidersprochenen Macht: sie wird notwendig, wo
der geringste Verschub des Gehorsams die Gesellschaft umstürzt.
    Er besah die Heere, die aus Venedig gegen den benachbarten Herzog zu Meiland
auszogen, und begleitete sie als ein Freiwilliger. Mit Verwunderung sah er, wie
die Europäer, die seit einer sehr kurzen Zeit, das Geschütz kannten, es so viel
besser als die Chinesen zu gebrauchen wussten. Auch dieser Vorzug, sagte Zeno zu
seinem Freunde, ist die Folge der Freiheit, und des Triebes zur Ehre. Durch ihn
werden alle Künste lebend, sie steigen in die Höhe, weil jeder Künstler seine
Mitbrüder zu übertreffen strebet. In China bleibt der Sohn bei den Handgriffen
seines Vaters, er stellt sich nicht vor, dass jenseit der Weisheit seiner
Voreltern etwas zu entdecken sein könne, er entdeckt auch nichts, und übergibt
seinem Sohne seine Kunst, wie er sie von Vater empfangen hat.
    Die geraden Glieder, in welche in Europa die Kriegsleute traten, ihre
Ordnung im Gehen, im Stehen, die genaue Aufsicht, und die Staffeln der Gewalt,
die ungeschwächt vom obersten Feldherrn zum untersten Kriegsknechte geht, der
Mut in den Stürmen, und im freiwilligen Unternehmen der gefährlichsten
Angriffe, alles entzückte den tapfern Usong. Gegen die Europäer kamen ihm seine
Mongalen wie streitbare, aber bloss von der Natur gewaffnete Tiere, die Chinesen
aber wie Sclaven vor, denen man Waffen leihen, aber keinen Mut mitteilen kann.
    Usong fand die Policei und die Uebungen der Gerechtigkeit nicht schlechter
als in China. Die Ehre hält, sagte er selbst, die Richter hier ab, der
Ungerechtigkeit sich zu überlassen, die die Nachrede bestrafen würde. In jenem
Reiche ists nur eine ausserordentliche Tugend, die einen Richter gerecht macht.
Liewang war gerecht, aber selten schenkt der Himmel dem Lande einen Liewang, und
täglich straft er es mit feilen Mandarinen.
    Er begriff endlich, wie in einem Rate gleichmächtiger Edeln die Einigkeit
Platz haben kann, indem sich alle dem Schlusse der mehrern unterziehn. Er sah
ein, dass die Obermacht unter freien Miterrschern einzig durch die Obermacht in
den Gaben erhalten werden kann, und dass Tausende ihre Neigung nicht einem
einzigen unterwerfen, wenn er nicht durch die Stärke seiner Gründe sie
bezwingen, oder durch seine Beredsamkeit sie gewinnen kann. Auch hierinn liegt
ein Mittel, den Trieb zur Vollkommenheit zu erhöhen, da sie der Weg nicht nur
zur Ehre, sondern auch zur Gewalt wird.
    Aber Zeno selbst gestund nicht ohne Kummer seinem einsichtsvollen Freunde,
alle diese Vorteile würden verschwinden, wenn jemals die Anzahl der Edlen zu
klein würde. Ein Freistaat ist nur so lange glücklich, als seine Herrscher von
einander unabhängend sind, und durch keine andere Bande zusammen verknüpft
werden, als durch das allgemeine Beste. In einem zahlreichen Regierungsrate
gleicher Edlen können die kleinen Verbindungen des Blutes und der Freundschaft,
keinen grossen und schädlichen Einfluss haben, er dehnet sich auf wenige aus,
denen die vielen Unabhängenden leicht widerstehen. Wann aber die Anzahl der
Miterrscher gering würde, so könnten eben diese kleinern Verbindungen die
Entschlüsse der Regierung nach dem Willen der Wenigen lenken, die sich zu eben
dem Zwecke vereinigten. Es könnte alsdann das Blut, die Freundschaft, der
gemeinschaftliche Vorteil, eine solche Macht zusammenknüpfen, deren die übrigen
unabhängenden Edlen nicht zu widerstehn vermöchten, und alsdann würden die
besondern Absichten mächtiger Bürger stärker sein, als der gemeine Nutzen des
Staates. Ferne sei von meinem Leben, sagte der Redliche, die Stunde, in welcher
ein Edler einen andern Vorteil, als den Vorteil des Vaterlandes, einzugestehn
sich entblöden wird!
    Der Fürst von Kokonor las, besah und verglich, er wuchs täglich an Einsicht
und Kenntnis. Aber ein Krieg, in den die Republik mit dem mächtigen Morad
geriet, rief ihn von Venedig weg.
    Georg Castriot, der Erbe Tomas des Fürsten in Epirus, war durch seine fast
fabelhafte Tapfekeit der Liebling des Sultans geworden. Georg war ein Held, sein
Mut war so gross als seine Leibeskräfte, und gegen beide war niemand zu
vergleichen. Er fühlte seine Rechte, er trennte sich in einer Schlacht vom
Morad, und entriss ihm den Sieg. Er erpresste von demjenigen, der des Sultans
Siegel bewahrte, einen Befehl, dass man dem Erben von Epirus Croja, seine
Hauptstadt, übergeben sollte, und eilte diesen Befehl zur Wirklichkeit zu
bringen. Es gelang ihm; aber Morad drang auf ihn mit der Uebermacht geübter
Kriegsleute: die Jenjitscheri waren schon damals der Schrecken der Völker. Die
Republik sah an den Osmannen Sturmwolken, die noch von weitem drohten, aber
täglich sich näherten, und bald über sie mit zerstöhrenden Strahlen losbrechen
würden: die Klugheit riet, dieses Ungewitter von ihren Grenzen entfernt zu
halten. Venedig schickte dem tapfern Castrioten die verlangte Hülfe, und Usong
konnte der Begierde nicht widerstehen, einem Helden zu dienen, der eben so
grosse Taten wirklich vollbracht hatte, als die Poeten erdichtet haben.
    Der Feldzug war lebhaft, und Georgs tapfere Faust vernichtete alle
Vorteile, die die Menge und die Erfahrung den Osmannen gab. Zwei junge
Venetianer, die nicht sowol Usongs Freigebigkeit, als der Reiz seiner Sitten
gewonnen hatte, begleiteten ihn, und waren mit dem getreuen Scherin nachwerts
die Gefährten seiner Reisen, und seiner Taten. Usong folgte mit allem Feuer der
Jugend dem Fürsten von Empirus ins dickste des Gefechtes, und fühlte, nicht ohne
Vergnügen, sein Herz am höchsten schlagen, wann der Tod auf allen Seiten auf ihn
drang. Einmal stürmte er auf den Sultan selbst mit einer Heftigkeit zu, die auch
von den tapfern Albaniern nicht nachgeahmet werden konnte; er wurde umringt, und
würde unter den Augen des Sultans sein Leben eingebüsst haben, winn dieser Herr
nicht eben so gütig gewesen wäre, als sieghaft er war.
    Zum zweitenmale hielt die Tapferkeit und die ausnehmende Bildung des
Tschengiden24 das tödliche Schwerdt zurück, das über seinem Kopfe schwebte.
Morad befahl, man sollte den Jüngling schonen. Nach dem Treffen liess er ihn vor
sich bringen, und fragte ihn, warum er eines Sultans Feind wäre, der einen
Aufrührer zu bestrafen sich gewaffnet hätte: denn Usongs Züge verrieten gleich,
dass er nicht in Europa geboren war.
    Der Fürst bückte sich ehrerbietig; ich bin an den äussersten Gränzen des
Morgens geboren, ich reisete nach dem letzten Abende, Tugend und Tapferkeit zu
lernen, und beides hab ich bei meinem Ueberwinder gefunden.
    Morad, dessen Herz so mild, als unerschrocken sein Mut war, lächelte gegen
den Jüngling, und fragte ihn, ob er denn einem Fürsten nicht dienen wollte, an
dem er gute Eigenschaften erkennte. Usong gestund freimütig, er habe zu Venedig
die grossmütigste Begegnung erfahren, und würde sich entehren, wenn er seinen
Degen wider seine Freunde zöge.
    Nun so sollst du doch auch den Osmannen nicht gefährlich sein. Ich werde
dich wieder nach Morgenland schicken, mich dünkt, fuhr Morad lächelnd fort, du
hast den Krieg gelernt.
    Der Sultan25 liess für ihn seine Güter beim Feldherrn der Venediger
abfordern, und befahl ihn nach Escander26 einzuschiffen, den Hafen von welchem
er durch Halep nach Persien sich begeben sollte.
    Usong hätte gern mehrere Staaten in Europa gesehn, und die Verfassung der
Reiche sich bekannt gemacht, die von Königen beherrschet wurden.
    Aber er unterzog sich seinem Schicksale. Scherin brachte ihm seine Schätze,
und beide kamen über Escander in dem volkreichen Halep an, das sich stuffenweise
auf seinen Hügeln erhebt.
    Usong hatte in der kurzen Zeit, die er in Morads Lager und bei den Osmannen
zubrachte, auf die zunehmende Grösse dieses fürchterlichen Reiches seine
Aufmerksamkeit gerichtet. Unter sechs Fürsten waren die Türken aus einem
unbekannten Volke zu Herrschern von klein Asien, und von dem östlichen Teile
von Europa geworden. Vieles hatte dazu die innere Grösse ihrer Sultanen
beigetragen, die fast alle tapfere und unermüdete Feldherren gewesen waren.
Morad übertraf alle seine Vorgänger an den Vorzügen der Seele. Er war in der
Brust der mildeste, der grossmütigste der Menschen, und er sass auf dem Trone
wider die geheimen Wünsche seines nach Ruhe strebenden Herzens. Morad war ein
aufrichtiger Anbeter Gottes: zweimal trat er vom Trone, um sich ganz den
Pflichten der Religion zu weihen, zweimal zwang ihn der vereinigte Ruf der
Osmannen, sich wieder an die Spitze der Völker zu stellen, weil sie keinen Sieg
hofften, wenn Morad sie nicht anführte. Morad besass den kühlen Mut, der mitten
in den Gefahren sich besitzt, und nicht nur fähig ist, eine Schaar ins Feuer der
Schlacht zu führen, sondern ein ganzes Heer beständig in seinen Augen zu
behalten vermag, der jedes Treffen allgegenwärtig zu lenken, sich aller
Vorteile zu bedienen, und allen Gefahren die besten Anstalten entgegen zu
setzen weiss.
    Die Sultanen lebten beständig bei dem Heere, sie kannten keine von den
Süssigkeiten des Harems27, worinn andere morgenländische Fürsten ihre
Glückseligkeit suchten. Die Osmannen verehrten in ihren Fürsten nicht nur ihre
Erbherren, sondern vornemlich auch die tapfersten und die geübtesten
Befehlshaber unter ihrem kriegerischen Volke. Jeder Sultan hatte seine Söhne bei
sich im Lager auferzogen, und von der ersten Jugend an, sie wie junge Löwen, zum
Streite und zum Siege angeführt.
    Aber noch fürchterlicher schien dem nachdenkenden Usong die Einrichtung der
Jenjitscheri28. Man las die stärksten, die muntersten Jünglinge aus; man übte
sie unaufhörlich in den Waffen; sie wurden vom Ehestand, von allen Arbeiten des
bürgerlichen Lebens ausgeschlossen, und auch im Frieden waren ihre Kammern nur
grössere Zelten. Sie hatten schon durch wiederholte Siege den Stolz angenommen,
der wiederum zu Siegen führt. Sie hielten sich für unüberwindlich, und eben
deswegen konnte ihnen niemand widerstehen. Unter den damaligen Völkern waren sie
im Gebrauche des noch neuen Geschützes die geübtesten, und man konnte kein
Fussvolk finden, das wider sie zu stehen vermochte. Bei allem dem angebohrnen
Mute der abendländischen Völker, konnten sie den grimmigen Anfall der
Jenjitscheri nicht ausstehen, weil diese einzig unter allen Kriegern beständig
in der Uebung der Waffen blieben, und nicht, wie die europäischen Völker,
geworben und abgedankt wurden, sondern unter den Fahnen ihr Leben ununterbrochen
zubrachten. Der ausserordentliche Mut eines Castrioten, und die unzählbare
Menge der timurischen Reuter, konnten den Osmannen einen Sieg abringen: aber in
der Dauer musste der Jenjitscheri niemals verminderte Kriegszucht allen andern
Völkern überlegen sein, die die Waffen nur in einer Not ergreiffen, und nach
der Gefahr wieder ablegten.
    Usong nahm sich vor, zu Basra sich einzuschiffen, und durch Indostan in die
Gegenden zu reisen, wo noch Tschengiden herrschten. Dem tapfersten, oder
weisesten derselben, wollte er seine Dienste weihen, und das übrige überliess er
dem Verhängnisse, dessen Lenkung ein Sterblicher nicht vorsehn, und dessen
Gewalt er nicht widerstehen kann.
    Er reisete gewaffnet durch die grosse Wüste, die zwischen Halep und Basra
liegt: er hatte die Palmenstadt29 besehen, in deren Schutt sich die Spuren der
alten Pracht reicher Bürger mit den traurigen Beweisen der Grausamkeit der
Ueberwinder vereinigen, und wo die streifenden Araber ihre Zelten zwischen dem
marmornen Gemäuer verfallener Triumphbogen aufrichten. Er reisete durch die
schwülen Sandstriche des öden Arabiens die Nacht durch, und wollte bei dem
Aufgange der Sonne unter einem nahen Palmenwalde die Ruhe suchen, als er einen
ehrwürdigen Greiss, mit einem wohlgebildeten Jünglinge begleitet, an dem Rande
des Busches hervor treten sah.
    Eben hob die Sonne ihre blendende Scheibe über die östlichen Gebürge von
Arabien empor, da die beiden Araber sich auf die Erde niederwarfen, und der
Greiss sagte mit gefalteten Händen, und mit einer Stimme, die die innerste
Rührung seiner Seele ausdrückte30:
    Herr aller Völker, aller Welten, aller Zeiten! wiederum schickst du den
Herold deiner Güte, dich den Sterblichen mit Wohltaten zu verkündigen. Für
menschliche Augen zu strahlend, aber lauter Güte, die Quelle alles Lebens, alles
Segens, und Schönheit, ist die Sonne das echte Sinnbild ihres unermesslichen
Schöpfers. O dass doch das Licht der ewigen Sonne unsre Herzen durchstrahlte, dass
alle Sterbliche fühlen möchten, wie deine Gnade ihr einziges Glück, wie die
Ewigkeit der Zweck ihres Lebens ist!
    Der Emir, denn er war ein Fürst eines arabischen Stammes, und ein
Nachkömmling des Ali, wurde hier durch das Geschrei einiger Sonnischen Bedwinen
unterbrochen; Stirb, riefen die blinden Eiferer, du Ungläubiger, der die
Nachfolger des Propheten verflucht31. Schon rannten sie mit ihren gesenkten
Speeren auf die unbewaffneten Anbeter zu. Aber Usong fühlte mit der edlen
Ungeduld eines grossmütigen Herzens die Unwürdigkeit eines unverdienten Mordes,
er sprengte mit seinem tapfern Gefolge unter die Räuber: die kühnsten fielen,
und die übrigen zerstreuten sich.
    Der Geist, der angebetet hatte, streckte seine Arme gegen seinen Erretter.
Gesegnet sei Gott, sagte er, der in ein so liebenswürdiges Geschöpf eine so
erhabene Seele gesetzet hat. Der Sohn, denn es war der Erbe des Emirs, warf sich
vor dem Helden nieder, und seine Dankbarkeit strömte in Lobeserhebungen aus.
    Komm in unsre Gezelte, sagte der Alte, dass ich dich segne, edles Werkzeug
der göttlichen Güte. Er ging, und Usong folgte ihm in ein Tal nach, wo um eine
Quelle die schwarzen Zelte des Stammes gespannt waren, der unter dem Emir stand.
Alle Morgen sönderte sich der Rechtschaffene von seinen Folgern ab, und betete
in der Einsamkeit zu Gott: sein Name war Hassan, und er hatte alle die
Untergebenen überlebt, die seinem Vater gehorcht hatten. Was die dankbare
Freigebigkeit des Fürsten vermochte, das schüttete er freudig zu den Füssen
seines Befreiers aus, der nichts annahm, als einen kurzen Aufentalt bei seinen
Erretteten.
    Hassans Herz überfloss vom Preise Gottes. Ich hoffe ihn bald zu sehen, sagte
er: schon jetzt hebt mich dieser wallende Gedanke von der Erde, sie sinkt unter
mir. Tapfrer Jüngling, fuhr er fort, du hast vielleicht im lachenden Frühling
deiner Jahre noch nicht genug dich mit Gott bekannt gemacht, lass die letzten
Reden eines sterbenden Freundes die Belohnung deiner Wohltat sein.
    Der Ruhm, der Reichtum, die Wollust, sind Spielwerke unerfahrner Kinder,
die der grosse Vater ihnen nicht misgönnt, weil sie Kinder sind. Aber sie sollen
nicht ewig Kinder bleiben; jenseits des Grabes erwartet sie ein Leben, ein
unveränderliches, ein ohne Ziel dauerndes Leben, dessen Würde keine Spiele mehr
verträgt, dessen Ernst alle die Puppen verächtlich macht, womit irrdische
Fürsten ihre Jahre vertändeln. In diesem Leben deine Gnade gewinnen, ist die
einzige Weisheit; dich, überschwengliches gütiges Wesen zu kennen, dich zu
lieben, deine Worte zu hören, zu erfüllen, darzu haben wir den unsterblichen
Geist empfangen, dessen die Erde nicht wert ist.
    Tränen drangen dem Ehrwürdigen aus den Augen, sie quollen auch aus des
muntern Jünglings empfindlicher Seele. Hassan unterhielt täglich den
aufmerksamen Usong von der Grösse der Tugend, von dem Werte des Guten, von dem
Glücke der Frommen. Usong fand sich gerührt: ohne Muhammeds gewalttätige
Erhebung zu billigen, betete er zu dem einigen Gott, und hielt sich zu den
Anrufern des obersten Wesens: er liess sich den Namen Hassan beilegen, und sah
sich als einen Sohn des Rechtschaffenen an, der ihn Gott kennen gelehrt hatte.
    Usong setzte endlich seine Reise fort. Schon sah er von weitem Anah, eine
lange Stadt an beiden Ufern des Euphrats, das Ziel der Wüste, wo die Erde
wiederum ihren Schmuck annimmt, den die Arbeit der Menschen verbessert.
Dattelnbüsche, Felder mit dem vortreflichsten Getreide trächtig, blühende
Gärten, Quellen des Ueberflusses, glänzten um den edlen Strom.
    Aber die Menschen genossen nichts von dem Guten, das die Natur ihnen anbot.
In diesen unglücklichen Zeiten sah man täglich Gewalttaten ausüben. Usong traf
auf der Strasse einen Emir mit grauem Haupte an, der seine Kleider zerriss, und
alle Zeichen der Verzweiflung von sich gab. Ach! sie haben meine Tochter
geraubet, die Enkelin der Helden, die reine Perle meines Stammes: da schleppen
sie sie hin, zum Bette der Unehre, zur ewigen Schmach. Und ich Armer sehe sie
vernichten, und vermag sie nicht zu retten. So sagte der Greis zu dem fragenden
Usong.
    Der Enkel des Tschengis hob die Augen auf, und sah auf dem Wege nach der
Stadt einen Staub aufgehn, zwischen welchem er zuweilen ein rennendes Kameel
erblickte, das seine Führer zur Eil antrieben. Er verfolgte ungesäumt diese
Spur, und fand die junge Förstin, die sich die schwarzen Haare ausriss, und
erbärmlich um Hülfe schrie, so oft sie den Mund frei machen konnte. Eine Schaar
berittener Räuber umringte sie.
    Die Zahl war ungleich, und der Angriff gefährlich. Aber Usong mass seine
Unternehmungen nicht nach seinen Kräften; sein Herz folgte den edeln
Empfindungen, die es überströmten. Er fiel wie eine Löwin, welcher man die
Jungen wegführt, die Diener des Fürsten von Anah an: denn diese hatten die
Tochter des Emirs ihrem Vater geraubt, und eilten sie den Wollüsten ihres Herrn
zu übergeben, der ein Sohn eines der Krieger des mächtigen Timurs war. Mit
bessern Waffen, mit vottreflichern Pferden, mit mehrerer Uebung im Streite, und
insonderheit mit der Flamme seines vom Anblicke des Unrechts sich entzündenden
Mutes, überwand Usong, und rettete das Fräulein.
    Sie war das reizendeste Frauenzimmer, das Usongs Augen gesehn hatten.
Schönste der Fürstentöchter, rief er, eile deinen verzweifelnden Vater zu
trösten. Er lenkte das Kameel, und die Tochter des Emirs, die fürs erstemal ohne
Schleier einen fremden Jüngling ansah, errötete wie eine aufblühende Rose:
schamhaft liess sie sich führen, schlug die Augen nieder, und unterstund sich
nicht, ihrem Retter zu danken.
    Sie ereilten den alten Vater bald, den sein Unmut aufhielt, und der sich
seinen Klagen überliess. Er sah die Geliebte seiner Seele, und traute seinem
Glücke kaum. Bist du es meine Emete? sagte er, seh ich dich unbefleckt wieder,
soll dein Stamm ohne Schande bleiben, und kann dein Vater zu Grabe gehn, ohne
seine Ehre verloren zu haben!
    Die Stelle ist gefährlich, sagte er gleich nach diesem ersten Ausdrucke
seiner Freude. Eile, edler Fremdling, lass mich meinen wieder gefundenen Schatz
in die Sicherheit bringen. Er führte den Usong zu einem Walde, der zuerst dünn
war, sich aber nach und nach verdickte, und endlich keinen Durchgang mehr
zeigte. Aber der Emir kannte den gewundenen Steig, der zwischen den Palmbäumen
durchführte, und ihn zu einem Tale brachte, das der Wald verbarg, und in
welchem seine Gezelte gespannt waren.
    Emete' verbarg ihr beschämtes Angesicht in dem Schoose ihrer Mutter.
Vergieb, sagte sie, vergieb deinem Kinde, dass es sich entschleiert hat: es war
unter den Händen der Barbaren, die keine Sitten kennen. Die Mutter benetzte ihr
Kind mit Freudentränen. Zierde deines Stammes, rief sie, komm in die
verschlossene Hütte wieder, noch bist du meine Tochter.
    Der edle Abuschir, so hiess der Emir, hatte die Rache und die Uebermacht des
Fürsten von Anah zu befürchten: er selbst wallete vor Rachbegierde: ein Araber,
den man an der Ehre, und zugleich an seiner Liebe angreift, ist ein gereizter
Tieger. Er schickte zu allen den Stämmen der Wüste, von Basra bis gen Halep
Boten aus. Edle Emire, liess er ihnen sagen, wollt ihr euch eure Töchter, eure
Ehre rauben lassen; wollt ihr zugeben, dass euer Stamm in die Schande sinke?
    Das Feuer, das im Herzen des alten Abuschirs wallte, steckte die arabischen
Fürsten mit gleicher Rachbegierde an. Sie hassten ohnedem die Fürsten der Städte,
von denen sie allerlei Zunötigungen erlitten hatten, und die ihre Macht durch
gedungene Kriegsvölker erhielten, unter denen keine Kriegszucht, und keine
Einschränkung der Lüste bekannt war.
    Die Emire versammelten sich bei dem rachgierigen Abuschir, und in wenig
Wochen wurden sie zu einem Heer. Auch Dschuneid, der Sohn des ehrwürdigen
Hassans, kam mit einer auserwählten Mannschaft, und freute sich seinen Brüdern
die Rettung anrühmen zu können, die er dem grossmütigen Usong zu danken hatte.
Er umarmte seinen Freund, denn Usongs Liebe hatte er durch seine unschuldige
Tugend gewonnen, und brachte ihm Segen des dankbarenden Hassans.
    Usong war bei seinen neuen Freunden nicht müssig: seine Taten, und der Adel,
der alles begleitete, was er vornahm, gab ihm bei ihnen ein verdientes Ansehn.
Er ermahnte die zwanglosen Araber, sich wider einen Feind vorzubereiten, der in
allem, nur nicht im Kriegswesen, verächtlich war. Da alle die Einwohner der
Wüste zu Pferde kriegen, so lehrte er sie in Gliedern sich bilden, und in
geschlossenen Reihen mit gesenkten Speeren in den Feind setzen: er sah vor, dass
dem Einbruche ihrer mutigen Pferde und ihrer fürchterlichen Lanzen nichts
widerstehen würde.
    Der Fürst von Anah war ein Räuber und ein Wollüstling, er hatte den Emir
aufs heftigste beleidigt, und dennoch glaubte er sich berechtiget, Rache zu
suchen. Man hatte ihm den Vorwurf seiner unordentlichen Begierden entrissen, und
er war gewohnt, alles für sein Eigentum anzusehen, was sein Säbel bezwingen
konnte. Er sammelte seine Kriegsleute, und erhielt Hülfe von andern Fürsten, die
in andern Teilen des zerrissenen Persiens herrschten, und von eben der Abkunft
waren, da sie durchgehends von Timurs Befehlshabern abstammten.
    Beide Heere begegneten einander bald, da sie beide einander suchten. Usong
erhielt von den Emiren, dass sie eine auserlesene Schaar unter seinem Freunde,
dem Dschuneid, hinter eine Anhöhe verbargen, die auf der Seite des
Schlachtfeldes lag: es ward ihm nicht leicht zu erhalten, dass die Araber sich
bis zu einer Kriegslist erniedrigten.
    Die Emire führten ihre Reuterei Gliederweise, mit verhängtem Zügel, und mit
gesenkten Speeren, an die Feinde, und warfen sie im Augenblicke übern Haufen.
Aber hinter den Reutern stund ein Treffen zu Fuss, das den Arabern aus seinen
Röhren ein fürchterliches Feuer entgegen schickte, und sie in Unordnung zu
weichen zwang. Allein in eben dem Augenblicke fiel Dschuneid diesem Fussvolke in
die Seite, und warf es ohne Widerstand zu Boden. Dis Schlacht dauerte nicht
lang, die zerstreuten Araber kamen zurück, und wenige unter den Feinden konnten
sich retten, da kein andres Pferd einem arabischen entgehen kann.
    Die Fürsten eilten gegen Anah, nicht in der Absicht die Stadt für sich zu
erobern, kein Araber wagt sich zwischen Mauren, sondern mit dem Vorsatze, ihren
Feind auszurotten. Aber der räuberische Herr von Anah war im Treffen zertreten
worden, und die Einwohner zogen den Emiren mit Palmenzweigen, und mit allen
Zeichen der lebhaftesten Freude entgegen: sie erkannten die Sieger für ihre
Erretter: denn sie hatten unter dem härtesten Joche geschmachtet, und weder das
Gut, noch die Ehre, noch das Leben eines einzigen von ihnen, war unter der
eisernen Hand ihres Fürsten in Sicherheit gewesen.
    Beim Anblicke dieser Eroberung rief Abuschir: wir Araber verlangen keine
Städte, lasst uns aber dankbar sein: wir sind den Sieg den Räten des Fremdlings
schuldig, er hat das Leben und die Ehre eurer Brüder gerettet. Edle Freunde,
erwerbet einen freundschaftlichen Nachbar, schenkt ihm das willige Anah; was kann
rühmlicher für die Araber sein, als die Tugend belohnen; was können sie den
Einwohnern selber für eine grässere Wohltat erzeigen als wenn sie ihnen einen
edelmütigen Herrn geben.
    Der Rat des alten Abuschirs wurde von allen Emiren wiederholt, ein
allgemeiner Beifall bestätigte das Geschenk, und Usong wurde Fürst zu Anah.
    Der Emir erfreute sich über die Erhebung seines Freundes: er setzte seiner
Dankbarkeit keine Schranken, und dachte dem Usong die schöne Emete zu, die
dieser junge Fürst gerettet hatte. Arabien hatte nichts vollkommeners
hervorgebracht, und Usong war in dem Alter, wo der Eindruck schöner Augen auf
das Herz die gröste Macht ausübet. Aber Dschuneid hatte bei einer seltenen
Gelegenheit sie gesehn, die sich von ungefehr den Tag ereignet hatte, da
Abuschir zur Schlacht sich waffnete, und ihm seine schöne Tochter einen Talisman
32 umhieng, der einen geliebten Vater vor aller Gefahr bewahren sollte.
Dschuneid verliebte sich aufs heftigste, und vertraute sich dem edeln Enkel des
Tschengis. Usong blieb allemal seiner selbst würdig: er wandte bei dem Emir die
Verbindlichkeit an, in welcher der Vater der schönen Emete gegen ihn stand, er
erhielt sie für seinen Freund, und rettete ihm, so sagte Dschuneid, zum
zweitenmale das Leben.
    Er nahm nunmehr sein Fürstentum in Besitz: er erinnerte sich an die letzten
Worte des weisen Liewangs, und sah Anah als eine Prüfung des Himmels an, der ihm
einen Anlass gab zu zeigen, ob er zu herrschen würdig wäre. Mit solchen
Gesinnungen zur Herrschaft zu gelangen, ist der unfehlbare Vorbot einer
rühmlichen Regierung.
    Usong befliss sich, die weisesten und erfahrensten von seinen Untertanen zu
kennen: er holte die Meinung eines jeden Hauptes eines Geschlechtes ein, er rief
alle diejenigen zu sich, deren gute Eigenschaften man ihm anrühmte, er sprach
mit ihnen, er ergründete ihre Denkungsart mit angemessenen Fragen, er trug
alles, was er von den Tugendhaften vernommen, und was er selber bemerk hatte,
ist ein Buch der Würdigen ein. Er gab denjenigen, die einen Vorzug zeigten,
zuerst Aufträge, die durch ihre eigene Beschaffenheit auf eine Zeit
eingeschränkt waren: er wachte aufmerksam über ihr Begehen, und wenn sie seiner
Hoffnung entsprachen, so zog er sie zu beständigen Aemtern.
    Er nahm Richter unter den weisesten von Anah an; aber er kam alle Tage
selbst in den Gerichtssaal, liess sie über die Rechtsfrage sich erklären,
widerlegen und antworten: hörte ihr Urteil an, und bestätigte es mit einem
freundschaftlichen Guteissen, oder verbesserte es, nachdem er die Gründe
eröfnet hatte, warum er von den Richtern abgieng.
    Er hielt sich eine kleine Leibwache, die er aus den edelsten Jünglingen
wählte, und die er durch den Scherin, und durch die welschen Gefehrten seiner
Reisen, den Riva und den Antonino, in den Waffen üben liess. Oft führte er sie
selber an, er machte ihnen die besten Bewegungen vor: er lehrte sie Glieder und
Ordnung halten, und das europäische Feuergewehr gebrauchen: er setzte Preise
aus, und beförderte diejenigen, die sich durch ihre Geschicklichkeit und durch
ihren Fleiss ausnahmen.
    Da er keine Pracht liebte, wenige Kriegsvölker besoldete, und keinen Harem
hatte, so war sein Aufwand gering: hierdurch befreiete er sich von der
Notwendigkeit grosse Steuern zu fordern, er erliess dem Volke die Hälfte der
Auflagen, die Anah bezahlt hatte, und sicherte die Einwohner wider alle die
Erpressungen, die unter ihren vorigen Herren ein jeder ihnen abtrotzte, der
einige Gewalt hatte.
    Er suchte die Elenden und Armen in ihren Hütten auf: jenen gab er gegen eine
geringe Arbeit, die ihnen am wenigsten schwer wurde, den nötigen Unterhalt: und
diesen wies er Land und Vieh an, womit ihn die dankbaren Emire überflüssig
versehen hatten. Da sein Gebiet nicht gross war, so kannte er bald einen jeden
seiner Untertanen, und munterte die Tugendhaften durch seinen Beifall, und
durch allerlei Vorteile auf: so wie er die Lasterhaften und Trägen zuerst
warnte, ihnen dann sein Misfallen, und endlich seine Strafe fühlen liess.
    Die Tugend eines Fürsten ist das Glück seines Landes, und die Untertanen
mussten den Fürsten lieben, der für sie so kräftig sorgte, der einer jeden Klage
den Zugang verstattete, jeder Not abhalf, und keine gute Eigenschaft unbelohnet
liess. Der Ruhm des vortreflichen Usongs stieg aus dem Herzen des Volkes in die
Höhe, und breitete sich unter allen Gegenden aus, die einen Umgang mit Anah
hatten. Verschiedene kleine Länder machten sich von ihren Tyrannen los, und
suchten unter dem einzigen Fürsten Schutz, der seit der Jugend der ältesten
Greise Mesopotamien geliebt hatte.
    Persien war damals im verwirrtesten Zustande. Die nördlichen Provinzen
stunden unter dem Abusaid, dem Enkel Timurs, einem gewalttätigen Herrscher.
Schehan Schach, ein Turkuman, beherrschete mit einem eisernen Zepter
Aderbeitschan, Irak, Fars, und Kerman; Schiras stund unter dem Mirza Jusuf;
Bagdad, Basra, und viele andere Städte und Landschaften hatten kleine Fürsten,
die in beständigen Kriegen gegen einander lebten, und den Untertanen ihr ganzes
Vermögen abpresseten, grosse Heere und zahlreiche Harem zu halten. So weit als
Persien war, hörte der Himmel nichts als Klagen der Unterdrückten.
    Diarbekir33 warf sich begierig in die Arme des Usongs. Bagdad und Basra
flehten um das Glück ihn zum Fürsten zu haben: er musste seine Sorgen teilen,
und seine Kriegsmacht vergrössern. Aber die Munterkeit seines Geistes wachte ihm
alle Arbeit leicht, und die Absicht, die er nie aus den Augen liess, ein Werkzeug
der segnenden Vorsicht zu werden, umschuf für ihn die wachsende Beschwerde du
Herrschaft zur reinesten Wollust.
    Es fanden sich allgemach aus ganz Persien weise und redliche Männer ein, die
den Usong aufforderten, sich der bedrängten Menschlichkeit anzunehmen, und
nicht, fast unter seinen Augen, so viele tausende von Unschuldigen unter der
Unterdrückung schmachten zu lassen. Usongs Edelmut fand einen Reiz in der
grossen Unternehmung, Persiens Heiland zu sein: aber so jung er war, so fühlte
er doch die Schwierigkeit der Bezwingung mächtiger Tyrannen, und erschrack über
den Wert des Blutes, das sie kosten würde.
    Er fragte endlich den ehrwürdigen Hassan um Rat: er eröfnete ihm die
Anträge, die ihm gemacht waren, und verlangte des Anbeters Gottes Meinung, ob er
die Befreiung Persiens unternehmen sollte. Hassan sah in dieser Heldenpflicht
nichts als das Glück ganzer Millionen: Die Morgenländer sind gewohnt, das kleine
Beste einzelner Menschen zu verachten, wo ein allgemeines Gut zu erhalten ist,
das Blut einiger Redlichen schien dem frommen Hassan nicht zu teuer, Persiens
Lösegeld zu werden. Er munterte selbst den Usong zur Annahme des Anerbietens der
Perser auf.
    Nun war der Enkel des Tschengis entschlossen, da der Tugendhafteste unter
den Menschen seine Unternehmung gut hiess. Er warb bei seinen Freunden, den
arabischen Fürsten, um auserlesene und freiwillige Reuter, und erhielt sie
leicht: sie eilten ihrem verehrten Anführer zu dienen. Dschuneid riss sich aus
den Armen der wunderschönen Emete', und führte eine erwählte Schaar rüstiger
Araber an. Aus dem benachbarten Kurdistan erhielt Usong ein vortrefliches
Hülfsvolk, das lange nach ihm unveränderlich der persischen Fürsten sicherste
Macht ausgemacht hat. Ganz Diarbekir und Algezira wollte für den geliebten
Helden zu den Waffen greifen; Usong wählte aber nur den streitbarsten und
muntersten. Er brachte also ein kleines und auserlesenes Heer zusammen, das er
selbst in den Waffen übte, und über welches er diejenigen Kriegsleute zu
Befehlshabern setzte, die er zu Anah gebildet hatte.
    Der erste Tyrann, der seine Waffen fühlte, war Schehan Schach, aus dem
Geschlechte des schwarzen Schafes. Er war schon bei Jahren, und ein grausamer
Fürst, der sich dennoch seinen geilen Lüsten und der Trunkenheit unbereut
überliess. Er wollte den wachsamen Usong mit einem fliegenden Heere überfallen;
aber sein unordentliches Leben stürzte ihn in die Grube. Usong überfiel ihn, da
ihn der Wein ausser Stand gesetzt hatte, zu widerstehen. Der Enkel des Tschengis
liess die Zelten seines Feindes in Brand stecken: in einer schrecklichen Nacht
sahen die unglücklichen Völker des Turkumanns sich von den Flammen und vom
Schwerdte umringt. Ihr Fürst fiel selber in der Schlacht, und von seinem Heere
entrannen nur wenige Flüchtlinge; die erpressten Reichtümer des turkumannischen
Wüterichs fielen in die Hände der Araber und der Kurden, und frischten sie zu
neuen Siegen an.
    Hassan Ali, des Schehans ähnlicher Sohn, brachte ein zahlreiches Heer
zusammen, das zehnmal stärker war, als die Völker des Usongs. Aber es schien,
die Vorsehung führe den Tschengiden mit sichtbaren Kräften auf den Tron des
Cyrus und des Nuschirwans. Usong traf den Hassan Ali schon überwunden an.
Abusaid, ein Enkel des siegreichen Timurs, war wider ihn zu Felde gezogen, und
die Völker dieses unglücklichen Fürsten, hatten ihn gröstenteils verlassen.
Usong fand keine Schwierigkeit die übrigen zu schlagen, und Hassan Ali blieb im
Treffen.
    Der mächtige Abusaid, rückte indessen bis in Aderbeitschan, und Usongs Heer
war viel zu klein eine Schlacht gegen ihn zu wagen. Aber der kluge Fürst von
Anah kannte den Vorteil, den seine flüchtige arabische Reuterei ihm geben
konnte. Er verteilte sie in verschiedene Haufen, denen Usong ihre Stellorte
vorschrieb, und deren jeder eine Gegend hatte, worinn er täglich herumschweifte;
und dann einen Ort, wo sich die zertrennten Schaaren wiederum versammelten. Die
Araber schnitten dem Abusaid alle Zufuhr ab: sie bemächtigten sich alles
Vorrates, den man ihm zubrachte. Wann die schwere Reuterei des Timuriden wider
sie auszog, so zerstreuten sich die Araber, und in wenigen Tagen, waren sie
wieder versammelt, und taten einen neuen Anfall. Usong hatte zu Carabag eine so
vorteilhafte Stellung genommen, dass Abusaid ihn anzugreifen unmöglich fand.
    Die morgenländischen Heere haben kein anderes Band, als den Fortgang ihrer
Waffen; das Unglück macht sie mutlos, und zertrennet sie; sie entfernen sich
von dem Fürsten, dessen Gestirn zu schwach ist, sie zum Siege zu leiten. Abusaid
wurde von seinen Mangel leidenden Völkern verlassen, und gefangen vor den
grossmütigen Usong gebracht. Enkel des Timurs, sprach er zu dem Ueberwundenen,
ich bedaure dein Schicksal, ob du mich wohl ungereizt angegriffen hast; bleib bei
mir, und bieg dich unter dein Verhängnis. Aber die edle Gesinnung des Siegers
erreichte ihren Zweck nicht; einige Perser, deren Rachgier durch die gewaltsame
Herrschaft des Abusaids war gereizt worden, ergriffen eine Gelegenheit, da Usong
abwesend war, und brachten den Gefangenen um34.
    Usong verfolgte nunmehr die Ueberbleibsel des Stammes mit dem schwarzen
Schafe, und eroberte Fars fast ohne Schwerdtschlag. Khorossan stund unter
verschiedenen Timuriden, die einander durch innerliche Kriege entkräftet hatten;
bei der Annäherung der persischen Völker entflohen die einen zu den Usbecken,
und Badizzaman ergab sich selbst dem Sieger, dessen Gütigkeit der Welt bekannt
war: er wurde zu Tabris königlich unterhalten. Mirza Jusuf, der zu Schiras
herrschete, war ein leichtes Opfer der siegreichen Waffen. Die Europäer finden
es schwer, die Geschwindigkeit zu begreifen, mit welcher in den Morgenländern
ganze Reiche erobert werden. Aber es waren keine Festungen in Persien, das Herz
des Volkes eilte dem geliebten Usong entgegen35, die vielen kleinen Herrscher
waren die Geisel und der Abscheu der Perser, und das weite Reich war erobert,
ohne dass der Sieger fast einen Freund verloren hatte.
    Er berief nunmehr nach Caswin die Vornehmsten der Perser, die Aeltesten des
Volkes, die Häupter der Stämme, und die Weisen des Landes. Sie versammelten sich
in einer breiten Fläche, und die unzählbare Menge ihrer Pferde bedeckte die
Erde. Das Heer, das unter dem Usong so manche Feinde überwunden hatte, umringte
seinen Feldherrn mit triumphirender Pracht. Sie trugen die zahlreichen Fahnen,
die sie erobert hatten, die Rüstungen der erlegten Fürsten, die Zeichen der
obersten Herrschaft der Timuriden. Ihr unaufhörlicher Zuruf verkündigte den
versammelten Persern ihre Verehrung gegen den weisen, den gütigen, den tapfern
Anführer, der durch alle Gefahren eines grossen Krieges sie ohne Verlust zum
Siege geleitet hatte.
    Usong erschien unter ihnen in dem kriegerischen Schmucke, der seine
zierliche Bildung aufs vorteilhafteste darstellte. Edle Perser, sagte er, ihr
seid versammelt, eurem Reiche ein Haupt zu geben. Es war in zwanzig
Früstentümer zerstreut; die Barbaren traten das älteste Reich der Welt mit
Füssen! jetzt ist es vereiniget. Wählt euch einen Herrscher, der Persien seinen
alten Glanz wieder gebe. Lange lebe Usong Padischah36, so sieghaft als Cyrus, so
weise als Nuschirwan; er herrsche so lange als Sapor37, war der Ruf, der von
einem Ende der unübersehbaren Menge bis zum andern erschallte, und nicht ein
Perser war, der dem allgemeinen Zurufe seine Stimme entzog.
    Usong neigte sich gegen sein Volk. Euer Zutrauen ist gross, edle Perser,
sagte er gerührt, es möge ihm Usong entsprechen: die einzige Absicht seines
Lebens wird euer Glück sein!
    Unter dem lautesten Freudengeschrei bestieg er den Tron des Cyrus, und
gürtete Rustans38 Schwerdt um, des Helden, das als ein Heiligtum bewahret
wurde. Er verteilte alles was er besass, unter seine Freunde die Araber, unter
die Kurden, und unter seine getreuen Perser, und hielt sich mit der Hoffnung
reich genug. Die Emire zogen vergnügt und bereichert nach ihren Zelten, nur
Dschuneid, dem indessen ein Sohn war geboren worden, konnte sich nicht so
geschwind dem Umgange seines erhabenen Freundes entziehn.
 
                                    Fussnoten
1 Ein grosser See in der Mongalei, westwärts von Schensi.
2 Siehe die allgemeine Weltgeschichte, u.s.w.
3 Der Dalai Lama ist noch zu unsern Zeiten ein vergötterter Mensch. Die Lama,
oder die Priester der Tanguter und Tibeter, lehren das Volk, der Fo beseele den
Dalai Lama; wann der vermeinte Gott stirbt, so wird ein Jüngling, der dem
Verstorbenen ähnlich ist, zur Ehre erwählt, vom Fo besessen zu werden. Einem
solchen Jünglinge führte man die Fürstinn von Kaschmir zu: denn in Ansehung der
Lüste der Sinne ist er ein Mensch.
4 Hassan al Tawil.
5 Ein nordischer hochgeschätzter Geierfalk.
6 Confucius.
7 Schuking ist eines der kanonischen Bücher der Chinesen, worinn die weisen
Räte der alten Kaiser, und ihrer Minister, vom Confucius verzeichnet worden
sind.
8 Yao, Schung-Yu, Wuwang, Wenwang.
9 So sind die Gärten und Palläste in China beschaffen.
10 Der Kaiserstamm der Enkel des Tschengis hiess Iwen, das Haus des Hongwu, das
bis zum izigen Kaisertume herrschte, hiess Ming. Die Chinesen haben auch ihren
fabelhaften Fonghoang, einen Phönix, von dem sie glauben, er zeige sich nur
unter den glückhaftigen Beherrschern des Reiches.
11 Des ersten chinesischen Kaisers vom Stamme Iwen.
12 Der Kaiser.
13 Das Canton der Europäer.
14 Unterkönig zweier Provinzen.
15 Als eine Enkelinn der Söhne des Himmels, der Kaiser.
16 In der zweiten Dynastie nahm Yu den Schung wegen seiner Tugend zum
Schwiegersohn und zum Tronfolger an.
17 So heissen diejenigen, die nach Mecca die Wallfahrt verrichtet haben.
18 Der morgenländische Namen von Aegypten.
19 Man hat dieses geleugnet; aber in den Zeiten Usongs, und bis zum Umsturze der
Mammeluckischen Regierung, wurden allerdings lauter Sclaven auf den Tron
gesetzt: auch unter den Osmannen blieb dieses Gesetz für die Beie, die Aegypten
unter dem Pascha beherrschten, mehrenteils in Uebung. Ali-Bei, der neuliche
Soldan, ist ein Sclav gewesen.
20 Der Kaiser allein opfert dem Tien.
21 Cairo.
22 Dem in den damaligen Zeiten eingeführten Kaffee.
23 Grönland.
24 Enkel des Tschengis, des grossen Siegers, den die Abendländer Zengis Kan
heissen.
25 Amurat II.
26 Alexandrette.
27 Serrail.
28 Janitscharen.
29 Palmyra.
30 Von dem Eifer der Mahometaner in ihrem Gebete, siehe Guys Voy. liter. da la
Gréce I. s. 416.
31 Die Aliden verfluchten den Abukeker, Omar, und Otmann, als unrechtmässige
Tronfolger des Mahomeds, die den Ali von seinem Erbrechte verdrungen haben.
32 Die Araber waren zu allen Zeiten diesem Aberglauben ergeben.
33 Bizzaro de reb. pers.
34 Die Abendländer sagen, ein Kriegsrat habe ihn zum Tode verurteilt.
35 Diese Geschwindigkeit, mit welcher Usong Persien in zwei Jahren eroberte,
findet man in allen abendländischen Geschichtschreibern, nur setzen sie die
Eroberung einige Jahre später.
36 Dieses Wort ist der uralte Titel der Könige der Parter, und findet sich im
zweiten Jahrhunderte auf des Moneses Münzen: (Swinton Phil. Trans. Vol. L.P.I.)
Der türkische Sultan führt ihn, und übersetzt den Kaisertitel der Europäer durch
Padischah. Die Beherrscher von Persien, aus dem Stamme der Aliden, haben ihn
beständig geführt.
37 Siebenzig Jahre.
38 Eines Helden der ersten Perser, von dem man viele colossalische Denkmale
findet.
 
                                 Zweites Buch.
Die ersten Tage des neuen Kaisers waren sehr unruhig. Mit der freigebigen
Hoffnung der Jugend hatte sich Usong auf Persiens Tron geschwungen: jetzt aber
fühlte er das Gewicht, dem er sich unterzogen hatte. Ein Fremdling, ohne
angestammte Rechte des Blutes, nur seit zwei Jahren in Persien bekannt, übernahm
ein unermessliches Reich zu regieren, das seit Jahrhunderten zerrüttet, weder
Gesetze, noch Ordnung, noch Verfassung gekannt hatte, und unter schwachen
Fürsten beständig unglücklich, gegen seine Beherrscher aber abgeneigt geworden
war. Das Kriegswesen, die Steuersachen, die Gerechtigkeit, die Sitten waren in
der grössten Verwirrung, und alles musste, und musste auf einmal, in Ordnung
gebracht werden.
    Mitten unter diesen Sorgen, wachte dennoch der angenehmen Liosua Angedenken
auf. Die Ahndung Liewangs ist erfüllt, sagte Usong zum erfreuten Scherin, geh'
trage diese Geschenke, und diesen Brief, an den erlauchten Zongtu von Schensi,
und an seine tugendhafte Tochter. Der Kaiser belud seinen Vertrauten mit den
Seltenheiten, die er aus Europa gebracht hatte, und mit den edelsten Früchten
Persiens; und Scherin verreisete. Er hatte auch den Auftrag dem ehrwürdigen
Timurtasch die Erhebung seines Sohnes zu verkündigen; mehrere Boten, die Usong
von Anah aus zu den Mongalen abgeschickt hatte, waren bei den Unordnungen in
Persien, und in den Wüsten der Tartarei verunglückt, ohne Timurtaschs Zelten
erreichen zu können.
    Zugleich schrieb der Kaiser an die weisen Herrscher zu Venedig, und fertigte
den Riva mit einem wichtigen Auftrage, und mit kostbaren Geschenken ab.
    Er aber überdachte nunmehr, wie Persiens elender Zustand zu verbessern wäre.
Er sammelte alles in sein Gedächtnis, was er von den alten Weisen in China
gelernt, und was er sonst vom erfahrnen Liewang gehört hatte. Er verglich es mit
dem Lichte, das ihm auf seinen Reisen bei der klugen Herrschaft zu Venedig, und
bei dem tugendhaften Morad aufgegangen war. Seine eigene Scharfsinnigkeit
leitete ihn durch den Labyrint, und einige alte Perser, deren Verdienste er
entdeckt hatte, halfen ihm zu einem Leitfaden.
    Zuerst entwarf er die Ordnung seines eigenen Lebens. Mit der Sonne stund er
auf, er liess alle Tore der Burg öffnen, und in der Ordnung, wie ein jeder sich
angezeigt hatte, die Perser eintreten. Diejenigen, die Bittschriften eingaben,
hatten das Vergnügen, sie dem Kaiser selber einzuhändigen, und nach einiger Zeit
den Entschluss abzuholen. Die Rechtssachen wurden in seiner Gegenwart vorgetragen
und geschlichtet. Nach diesem öffentlichen Verhöre arbeitete Usong mit seinen
Staatsbedienten über die Geschäffte des Reiches, die nach der Abteilung, die er
gemacht hatte, in Tage verteilt waren. Auf den Abend ritt er aus, zeigte sich
dem Volke, erkundigte sich um alle Umstände der Policei und der Gerechtigkeit:
seine Vertrauten, die er täglich abwechselte, blieben bis in die Nacht, und
gaben ihm von allen wichtigen Geschäfften die nötige Nachricht. Usong fand kein
Vergnügen an der Jagd, am Spiele, an den Mahlzeiten, an der Musik; eines Fürsten
Stunden, sagte er, gehören alle seinem Reiche. Sein Vergnügen bestand in einem
freundschaftlichen Umgange, und in den Büchern der Geschichte, zu denen er die
heissern und untätigen Stunden des Tages anwandte.
    Persien, das er nunmehr zu beherrschen hatte, war unendlich grösser als
Anah. Usong konnte nicht mehr hoffen, die letzten und äussersten Zweige der
untern Geschäffte des Reiches selber einzuschauen: ihm blieb übrig, getreue
Diener auszusuchen, durch deren Augen er sehen könnte. Er schickte in eine jede
Provinz einen Abgesandten aus1: denn so hiess er ihn, und hierzu bediente er sich
mehrenteils der Männer, deren Rechtschaffenheit er in Mesopotamien erfahren
hatte. Ihr Befehl war, des Volkes Huldigung anzunehmen, und ihm anzusagen, der
Kaiser würde bis zum ersten Naurus2 die Steuern einrichten und ausschreiben
lassen, die der Glanz des Trones und die Bedürfnisse des Reiches erforderten;
indessen erwartete er von einem jeden Perser eine freiwillige Steuer, die aber
derselbe nach seinen Mitteln berechnen, und dabei sich allemal die Notdurft
seines Hauses vorbehalten sollte.
    Ganz Persien wurde über die Mildigkeit des neuen Beherrschers gerührt, und
die Steuer übertraf, was Usong gefordert haben würde, wenn er sie selber
ausgeschrieben hätte.
    Hierbei hatten die Abgesandten Befehl, dass ein jeder in seiner Provinz sich
erkundigen sollte, wer an jedem Ort für redlich, für fähig, für tugendhaft
angesehen würde. Die Männer sollten sie vor sich kommen lassen, ihre Gaben
prüfen, nach ihrer Rechtschaffenheit sich immer sorgfältiger erkundigen, und aus
denselben einen Vorschlag zu obrigkeitlichen Aemtern, und zu Richtern machen, so
dass dem Kaiser zu jeder Stelle eine Wahl von drei Männern, und die Gründe zum
Vorschlag eines jeden vorgetragen würden. Diese Wahl sollten sie bereit halten,
wann der Kaiser das Land durchreisen würde, auf dass die Vorgeschlagenen sich vor
ihm stellen möchten.
    Usong verhielt den Abgesandten nicht, er würde es keinem vergeben, der ihn
betröge, und keiner würde sein Angesicht wieder sehen, der ihm einen
untugendhaften oder einen untüchtigen Mann vorschlüge; oder von dem der Kaiser
ausfinden würde, dass er sich durch Gaben hätte gewinnen lassen.
    Der Kaiser trat seine Reise etliche Monate vor dem Naurus an: er durchzog
alle fünfzehn Landschaften seines weiten Reichs, er hielt sich in allen
Hauptstädten einige Tage auf, er nahm alle Bittschriften an, liess sich die
Bedürfnisse des Landes vortragen, und prüfte selber die zu den Aemtern
vorgeschlagenen Männer, von denen er für ein Jahr denjenigen erwählte, der in
seinen Reden am meisten Weisheit, und die lebhaftesten Empfindungen zur Tugend
gezeigt hatte. Alle Vorgeschlagene wurden in die Bücher der Würdigen
eingetragen, und alle Jahre mussten die Abgesandten eingeben, was für Verdienste,
und was für Mängel, sie an einem jeden wahrgenommen hatten, und mit wem sie ihre
Zahl zu vermehren Gründe fänden.
    Usong fand die meisten Städte verfallen, viele Dörfer verlassen, und die
Wasserleitungen eingegangen3, ohne die Persien eine dürre Wüste ist: Das sind
die Früchte, sagte er seufzend zum Dschuneid, der untüchtigen Herrscher, die
ihre Untertanen nicht geliebt haben. Eiligst liess er die Wassergräben räumen
und aufgraben: er setzte Preise auf das Ausfinden neuer oder eingegangener
Quellen: er liess tausende von Schafen und Ochsen von seinen Freunden den Kurden
einkaufen, und lieh sie den mangelnden Untertanen ohne Zinse, so dass sie nach
drei Jahren solche an die Krone zu bezahlen anfangen sollten, und noch drei
Jahre von dieser Schuld sich frei zu machen übrig behielten. Er befahl von den
Flüssen des innern Persiens das Wasser durch woleingerichtete Gräben und
Schleussen in die dürre Fläche zu leiten. Andre Preise setzte er auf fruchtbare
Bäume, und zumal auf den Pflegvater der Seidenwürmer, den Maulbeerbaum, und
versprach sie demjenigen, der am meisten von diesen Bäumen pflanzen wurde, halb
im ersten Jahre, und die andre Hälfte für die Zahl reichen zu lassen, die nach
drei Jahren übrig bleiben würde.
    Zum Wiederherstellen der schadhaften Häuser bot er eine Beisteuer an. Die
verabsäumten Landstrassen und Brücken sollten, wiewol erst in mehrern Jahren,
alle in den besten Stand gesetzt werden, wozu die Krone zwei Drittel beizutragen
versprach, und das Land die Arbeit für den letzten Drittel tun sollte. Er
versprach eine jede Provinz öfters zu besuchen, und der wird mein Freund sein,
sagte er, der seinen Acker am besten baut, und die meisten wolerzogenen Kinder
dem Staate schenkt.
    Ueberall berief er die Künstler und die Handelsleute; er ermunterte sie, ihm
anzuzeigen, was Kunst und Natur an jedem Orte hervorbrächten, was beide mehrers
hervorbringen könnten, was die Lage und die Eigenschaften jeder Gegend für
Waaren am leichtesten und wolfeilsten zu zeugen versprächen: und die Mittel,
wodurch diese Früchte des Fleisses, und der göttlichen Güte, verbessert und
vermehret werden könnten. Alle Vorschläge wurden aufgezeichnet, und mit
Verschweigung der Angeber andrer Verständigen Anmerkungen über einen jeden
eingeholt. Persien ist arm, sagte Usong, aber es hat die Wurzeln zum Reichtum
in sich selber.
    Die Steuern schienen ihm die eilfertigste der Einrichtungen zu sein, die er
zu machen hatte. Er erinnerte sich der Pachten, die bei den Osmannen im
Gebrauche waren, und der Verwaltung, die er in China gesehen hatte. Er fand
unter seinen Räten einige, die zu den Pachten rieten. Ein kleiner Staat,
sagten sie, kann die Kammersachen verwalten, der Fürst kann die Rechnungen
durchsehen, und den Unterschleif verhüten. Aber in einem unermessenen
Kaisertume, wie Persien, ist keine Wachsamkeit des Fürsten zureichend, zu
hindern, dass das Gold der Untertanen an den Händen gieriger Steuereinnehmer
klebe: und wenn der Geiz sie nicht zu einer tätigen Besorgung ihrer Pflichten
aufweckt, so entzieht ihre Saumseligkeit dem Fürsten die Hälfte seiner
Einkünfte. Durch Pachten kann der Kaiser auf einmal die Einnahme seines weiten
Reiches übersehen, und auch den Klagen der Untertanen vorkommen, wenn er die
Pachten auf kurze Zeit hingibt, und die Strafe der Abänderung auf alle
Erpressungen legt.
    Usong hatte in China gelernt, dass der Kaiser der Vater seines Volkes ist,
und sein Herz fühlte diese Pflicht mit den lebhaftesten Wallungen. Nimmermehr,
sagte er, werde ich das Vorrecht aus meinen Händen lassen, meinem Volke Gutes zu
tun. Wann die Heuschrecken4 eine Landschaft verwüsten, soll sie dennoch die
Steuern bezahlen? wann der Landmann durch eine Seuche sein Ackervieh verliert,
soll er doch die Grundzinse seines Ackers entrichten, ob er schon weder pflügen
noch erndten kann? Der Pachter verdoppelt alle Auflagen; er zählt auf alle nur
mögliche Ungewissheit, und zieht jede nur wahrscheinliche Gefahr von dem
Pachtgelde ab, das er dem Fürsten erlegen soll: so verliert der Fürst, und dem
Volke presst der Pachter durch tausend Künste so viel aus, dass er bei einer
fürstlichen Pracht dasjenige seinen Lüsten aufopfern kann, wovon des Landmanns
Kinder leben sollten. Usong hatte bei den Osmannen die Unbilligkeit der Pachter,
und das Schmachten der Untertanen, unter einem weisen und gütigen Sultan,
mitleidig angesehn.
    Der Kaiser entschloss sich, China und Indostan nachzuahmen, und seine Steuern
von dem Acker zu beziehen5. In Persien hatte man in den meisten Provinzen, schon
seit der Regierung des weisen Nuschirwans, alle Felder des weiten Reiches in
Büchern verzeichnet, und mit ihren Massen ausgemarchet, weil die unentbehrlichen
Wasserleitungen nach dem Maasse eines jeden Ackers abgeteilt werden mussten.
Usong erinnerte sich, dass in Indostan die alten Könige, die man wegen ihrer Güte
vergöttert hat, drei Zehendtel von den Früchten des Feldes für ihren Anteit
genommen hatten, und bei dieser Steuer fanden die Völker ihre güldenen Zeiten.
Persien kann minder tragen, sagte er, als die Reissfelder am reichen Ganges und am
Caweri6: ein ärmeres Volk bedarf Hülfe und Nachsicht, und die Bedürfnisse des
Staates erfordern keine grössere Auflage. Er belegte einen jeden Morgen
fruchtbaren Landes jährlich mit einer halben Unze. Silbers, die nicht völlig den
zwölften Teil des Betrages der Erndte machte, und es blieb noch eine
unermessliche Strecke Landes übrig, die man als Krongüter verpachten, oder andere
öffentliche Ausgaben darauf anweisen, oder endlich den Leidenden damit
beispringen konnte.
    Die Steuern in einem Reiche, sagte Usong zu seinen Räten, müssen so einfach
sein, dass sie von den Stadtobrigkeiten bezogen werden können. Sobald sie, wie in
Europa, vielfach und verwickelt sind, so erfordern sie eigene Bedienten, und so
entsteht ein Heer von Geiern, die das Herz der Untertanen verzehren, und die
der Fürst dennoch ernähren muss. In Persien soll ein jeder Landmann, nach dem
Maasse seiner Güter, das Silber dem Rate in der nächsten Stadt entrichten:
dieser soll es dem Schatzmeister der Provinz zustellen, und also soll die
Abgabe, ohne Abzug und ohne Last, des Herrn oder des Volkes, in den allgemeinen
Schatz der Krone kommen. Da die Auflage durch das Maas der Aecker unveränderlich
bestimmt ist, so ist kein Irrtum möglich, und die Behändigung hat keine
Schwierigkeit. Bei der mässigen Auflage wird Persien nicht verarmen, und der
Kaiser dennoch reich sein7.
    Geht ein strafendes Ungewitter über eine Landschaft; schickt die zürnende
Gotteit ihre Heere aus, alles wachsende aufzuzehren; versagt der eiserne Himmel
der Erde seinen Regen, und seine Wärme, so ist es dem Kaiser ein leichtes, durch
die Abgesandten die Klagen seines Volkes zu erforschen, die Grösse ihres
Unglücks zu ermessen, und ihrem Untergange durch eine väterliche Schonung
vorzukommen.
    Neben dieser Auflage soll keine andere sein8. Freilich könnte der arbeitsame
Fleiss der Künstler etwas von seinem Erworbenen entbehren; freilich könnte der
reiche Wechsler zur Notdurft des Staates von seinem Ueberflusse einen Teil
abgeben. Aber die Schätzung des Erworbenen würde zu willkührlich, und die
Billigkeit unmöglich sein. Ein Künstler würde abgeschreckt, seinen Verdienst zu
vergrössern, wenn er die Frucht seines Fleisses mit dem Kaiser teilen müsste,
und nichts ist unerträglicher, als Auflagen, die kein gesetztes Maas haben, die
die Gunst erleichtern, und der Hass verdoppeln kann.
    Der Landmann selbst soll bei der Vermehrung seiner Erndten der Erhöhung der
Steuer nicht unterworfen sein, der Gewinnst soll sein Eigentum bleiben: so wie
dem Nachlässigen zur Strafe dienen wird, dass er von dem durch seinen Fehler
unfruchtbar gewordenen Acker eben so viel Silber abzutragen hat, als vorher, da
er in gutem Stande war.
    Eine einzige Auflage behielt Usong neben der Landsteuer bei, die Zölle beim
Eintritte der Waaren in das Reich. Sie wurden aber auf das geringste Maas
herunter gesetzt. Des Kaisers Absicht war nicht, Schätze von der Handelschaft zu
erpressen; dieser Zoll belehrte ihn aber von der Menge der ausgehenden und
eingehenden Waaren. Usong machte durch denselben die Wunden ausfündig, wodurch
Persien seinen Lebenssaft verlohr, und wurde gewarnt, sie zu stopfen. Er
vernahm, was für Waaren ins Reich kamen, die man entbehren, oder die man durch
persische Waaren ersetzen konnte. Denn Usong hatte allzuviel Einsicht, dass er
nicht die Notwendigkeit gefühlt hätte, die Waagschaale bei der Handlung
aufrecht zu halten. Kein Reich kann einigen Wohlstand hoffen, das einen mehrern
Wert an Waaren von den Fremden jährlich annimmt, als es verschickt.
    Dieses war der erste Entwurf des Kaisers in Absicht auf die Kammersachen.
Sein nächster Blick ging auf die Gerechtigkeit, und auf die Policei.
    Er hatte zu Venedig deutlich eingesehen, dass das Gleichgewicht zwischen dem
Kriegsstande und dem bürgerlichen, eine der ersten Sorgen des weisen Fürsten
ist. Dieser Freistaat, der fast beständig Kriege führte, hatte dennoch von den
Kriegsvölkern niemals die geringste Unruhe erlitten: da hingegen zu Rom so oft
der Tron bald durch die Leibwache, und bald durch andere Legionen, war
umgestürzt worden, und Kartago nach dem Sicilischen Kriege mehr Gefahr von
seinen eigenen Heeren, als von den siegenden Römern, erlitten hatte.
    Venedig wählte allemal fremde Feldherren, die keinen Anhang und keine
Verbindungen im Lande hatten, und die es nur für gewisse Jahre annahm, wohl
belohnte, und streng bestrafte. Alle Stattalterschaften, die völlige Regierung,
die Gerechtigkeit, die Policei, die Steuerkammer, die Obrigkeiten, stunden
niemals unter den Kriegsleuten: so blieb das ganze Volk unabhangend, und ein
genugsames Gleichgewicht gegen den Ehegeiz oder die Gewalt der Kriegsmacht war
erhalten.
    Zu Rom war die Kriegsmacht alles. Wann der Rat zuweilen den Geist der
Freiheit fühlte, und sich seiner alten Grösse erinnerte, so unterdrückte das
Schwerdt der Leibwache gleich die aufsteigende Wallung. Wenige Kriegsleute
stürzten den edlen Galba vom Trone, und setzten auf denselben den gefälligen
Gefährten der Wollüste des verabscheuten Nero. Der Rat und das Volk war
entwaffnet und ohne Kräfte. Eine zahlreiche Leibwache in einem festen Lager war
für die Hauptstadt ein Joch, das sie abzuwerfen nicht vermögend war.
    Usong sah es als einen Fehler an, der der Ottomannen Reich zerstören würde,
dass die Stadtalter der Provinzen zugleich auch die Feldherren und die Häupter
des Kriegsvolkes wären. Hier blieb gar kein Gleichgewicht, und das Volk
schmachtete in der Sklaverei, es blieben keine zwei Machten, die einander
beobachten und in den Schranken erhalten konnten. Der Stattalter war dem Trone
um desto gefährlicher, je härter die Urteile morgenländischer Fürsten sind. Ein
bewaffneter Stattalter hat bei der Auflehnung wider den Sultan nichts mehr zu
befürchten, als von der leisen Verleumdung eines schwarzen Beschnittenen: der
giftige Hauch des letzten ist eben so tödtlich, als das bei einem Aufstande
siegende Schwerdt des Fürsten. Bei seiner Aufruhr findet der Pascha keinen
unabhängenden Oberbeamten, der ihm widerstehen kann, er opfert das Volk der
Kriegsmacht auf, und herrscht durch dieselbe ohne Aufsicht und unumschränkt. So
lang ein Bajazid, ein Morad an der Spitze seiner Heere steht, selbst befiehlt,
selbst ficht, und den Glanz des Trones durch eigne Vorzüge verherrlicht, so
lang hat das Reich der Osmannen nichts zu besorgen. Aber alle Kaiserstämme in
China, sagte der kluge Zuhörer Liewangs, fiengen bei Helden an, und giengen
unter Schwelgern zu Grunde. Die Wollüste des Harems, die berauschenden
Vergnügungen der Sinne, werden die Sultanen nicht verschonen, ihr Reich wird
sich zergliedern, und jeder Pascha selbst ein Sultan werden.
    Diesen Mangel der morgenländischen Regierungen suchte Usong aufs
sorgfältigste zu verhüten. Er trennte von der Kriegsmacht alle Verwaltung der
Schätze, der Gerechtigkeit, und der Policei. Die Bewaffneten hatten am
Stattalter der Provinz, am Oberrichter, am Schatzmeister, und am wirksamsten an
dem Abgesandten des Kaisers so viele wachsame Aufseher, die die ersten
aufsteigenden Gedanken zu einer Auslehnung verraten würden. Usong vermied auch,
grosse Feldherren in den Provinzen zu behalten; er liess sie am Hofe und in des
Kaisers Aufentalt leben: und die Kriegsmacht blieb unter vielen Obersten
zerteilt. Er wollte auch Cohorten haben, und keine Legionen. Die Wirkung des
Misvergnügens eines so grossen und innigst verbundenen Haufens ist zu gross und
zu gefährlich.
    Zur Policei liess er sich durch den Abgesandten im Anfange in jedem Dorfe ein
Haupt, in jeder Stadt zu den unmittelbaren Anstalten und derselben Ausführung
einen Begewältigten, mit einigen Beisitzern zu den minder eilfertigen Geschäften
vorschlagen. In den grossen Städten war ein Daroga, in den kleinern ein
Kalentar, selbst in jedem Dorfe ein Aeltester. Diese Obrigkeiten stunden unter
dem Stattalter, der mehrenteils aus ihrem Mittel, und unter denjenigen
genommen wurde, die in den untern Stellen Fähigkeit und Tugend bewiesen hatten.
Usong wollte, dass alle Wahlen nach Hof kämen: er begriff zwar, dass die Last für
den Kaiser eines so weiten Reiches zu gross sein würde, alles selbst zu
übersehen, und überliess dem Stattalter und dem Abgesandten durchgehends die
untern Wahlen. Aber dennoch glaubte er, es wäre nützlicher, dass beide diese
Vorgesetzten bei einem jeden Falle erwarten möchten, der Kaiser würde die
eingeschickten Gründe erforschen, und ihre Standhaftigkeit einsehen wollen.
Usong tat es auch sehr oft, bald bei dieser und bald bei jener Provinz, oder er
übergab die Prüfung seinen Vertrauten; und niemals würde es sicher gewesen sein,
ihn betrügen zu wollen: denn in diesem Falle war er unversöhnlich.
    Eben die Obrigkeiten hatten die Einnahme der Steuern, und Usong wies ihnen
nach ihrem Stande allemal zureichende Besoldungen an, die sie von der Versuchung
befreiten, in unrechtmässigen Mitteln ihre Unterhaltung zu suchen; hingegen, liess
er ihnen nicht die allergeringste Möglichkeit zu andern Einkünften.
    Die Gerechtigkeit hatte nunmehr ihre eigene Richter. Alles war in Persien
willkührlich, und es war kein Gesetz gewesen, als die Gewalt. Usong liess die
Gesetze des weisen Nuschirwans sammlen, er befahl zu ergänzen, wo die
veränderten Zeiten notwendig eine Abänderung erfoderten, und jedem Gerichtshofe
eine Abschrift zu geben, nach welcher die Richter urteilen mussten. Er behielt
in allen Hauptstädten der Provinzen einen Gerichtshof, wozu er niemals die
Obrigkeiten des Ortes wählte. Der Richter einziges Geschäfte sollte die
Gerechtigkeit sein. Sie wurden ansehnlich besoldet, und vom Kaiser selber
geehrt. Die Mehrheit der Stimmen gab den Ausschlag, und der Weiseste, den man
ausfinden konnte, hatte den Vorsitz und die Leitung. Geringe Sachen blieben bei
diesem Gerichte, grössere kamen an das kaiserliche Divan, und vor die
Oberrichter des Hofes, bei denen sehr oft, und an ungewissen Tagen, der Kaiser
selbst auf dem Trone sass, und die Gründe der Klagenden anhörte.
    Er setzte auf die bei den Morgenländern so gewöhnliche Annehmung der
Geschenke nicht den Tod, denn Usong schonte des Blutes der Untertanen, wie
seines eigenen, aber die Entsetzung und die Ehrlosigkeit; er hielt auf diesem
Gesetze mit unerbittlicher Strenge. Er verbot auch ihm selber einiges Geschenk
zu bringen, das von einigem Wert wäre: denn sobald der Kaiser Geschenke
annimmt, wird der Grosse sie gedoppelt vom Volke erpressen.
    Alle Jahre giengen die Abgesandten durch die Provinzen. Sie liessen sich die
Bücher aufschlagen, worin die Gründe der Urteile verwahrt lagen: sie
untersuchten einen Teil der Sprüche, und wann sie Ursache fanden, der Richter
Schlüsse zu misbilligen, so wurden dieselben gewarnet, bei wiederholten Fehlern
aber vor den Kaiser gefodert, die Sache von den obersten Richtern, auch wohl vom
Kaiser selber, untersucht, und bei wiederholten und schweren Fällen die Richter
entlassen, dabei aber dem Reiche bekannt gemacht, worinn sie sich vergangen
hätten. Das ganze Volk hat einen angebohrnen Anspruch auf die Gerechtigkeit des
Herrschers: das ganze Volk, sagte Usong, muss belehret werden, dass ich mich
bestrebe, die Ungerechtigkeit von ihm abzuwenden. Auch die Unwissenheit ist ein
Laster, wann sie unterdrückt.
    Persien erinnerte sich an die Tage der ersten Kaiser; sie sind, sagte das
Volk, wieder erneuert. Tausend Jahre lang hat seit dem Nuschirwan9 die
Gerechtigkeit das Reich verlassen, aber Usong hat sie vom Himmel wieder zu uns
gebracht.
    Das Kriegswesen bekümmerte den Kaiser. Er konnte sich selber nicht
verbergen, dass eine stehende Kriegsmacht einen Teil der Bürger dem Pfluge
entzieht, sie vom Ehestande abruft, und in Pflichten verweiset, die nur ihre
Zeiten haben: da hingegen eben diese besondern Pflichten des Kriegsmanns, die
beständigen Pflichten eines nützlichen Bürgers verhindern. Der grosse Aufwand,
den der Kriegsstaat erfodert, macht schwere Steuren unvermeidlich, und ist die
härteste Last für die Untertanen.
    Und dennoch fand Usong, Persien könnte sich ohne eine solche Kriegsmacht
nicht erhalten. Die Osmannen waren noch in den entfernten Abendländern
beschäfftigt; aber es war leicht abzusehen, dass das täglich schwindende Bysanz
in wenigen Jahren fallen würde. Schon blieb dem Erben des Constantins jenseits
den Mauern seiner Hauptstadt nichts mehr eigenes, ein Kadi hatte selbst neben
seinem Trone seinen Richterstuhl aufgerichtet. Wann nun die Osmannen das schon
entwaffnete Bysanz würden bezwungen haben, so sah Usongs Vorsicht leicht ein,
dass der Ehrgeiz dieser Sieger ihre Waffen gegen Morgen lenken würde: er kannte
alles, was diese Feinde fürchterlich machte, und Persien konnte ihnen nicht ohne
eine Kriegesmacht widerstehen, die beständig in den Waffen geübt wäre. Dieses
Heer musste mit Fussvolk und mit Feuergewehr versehen sei, wenn es den
Jenjitscheri die Stirn bieten sollte. Die Waffen waren aber den Persern
unbekannt, und im Fussvolke zu dienen, bezeugten sie einen allgemeinen
Widerwillen.
    Korassan lag den Usbekischen Tataren offen, einem unter zwanzig Fürsten
zerteilten Volke, mit dem man keinen standhaften Frieden schliessen konnte; das
zwar nicht Länder zu bezwingen, aber die Einwohner der Gränzen elend zu machen
fähig war. Diese Gränze erforderte eine leichte und allzeit fertige Reuterei.
    Kandahar hatte an den Afganen gefährliche Nachbarn, einem streitbaren Volke,
das durch seine Siege in Indien mehr als einmal eigene Reiche aufgerichtet
hatte, wo es unter dem Namen der Patanen, der Schrecken der Götzendiener war.
Auch hier waren die besten Völker nötig, ein härteres Geschlecht, als die
Perser waren, in den Schranken zu halten.
    Usong suchte Mittel, seinem Reiche die Sicherheit zu verschaffen, ohne es zu
drücken, oder zu entvölkern. Er hatte die Kurden10 kennen lernen, ein hartes
Bergvolk, ungastfrei und kühn, frei und ohne Fürsten, das an der westlichen
Gränze von Persien unter den Zelten lebte, und von der Viehzucht seinen
Unterhalt hatte. Usongs Namen machte alle Unterhandlungen leicht; er schloss mit
diesen Bergleuten einen Vergleich: sie blieben in ihren Gränzen frei, und gaben
an das Reich einige tausend streitbare Männer ab, die den Kern der persischen
Macht ausmachten. Eine Auswahl der kernhaftesten diente dem Kaiser als eine
Leibwache, und unter denselben bildete Usong die meisten seiner Feldherren. Die
übrigen wohnten unter den Zelten an der westlichen Gränze, aber unter der
Kriegeszucht und in beständiger Uebung der Waffen. Sie bedeckten die westlichen
Provinzen von Persien, mit dem stärkesten aller Wälle, der standhaften Brust
eines streitbaren Volkes. Usong erfreute sich, dass durch erträgliche Guttaten,
um einen geringen Sold, und noch mehr durch die Hoffnung der Beförderung, er
eine Macht erwarb, wodurch Persien sein bestes Blut ersparen konnte.
    Georgien stand noch nicht unter Persien. Die Gewissheit des Soldes, die
schmeichelnde Ehre unter dem grössten Fürsten von Asien zu dienen, die unfehlbare
Belohnung geleisteter Dienste, bewogen aber dennoch die Georgier, häufig aus
ihren Bergen zu kommen: und Usong brachte aus ihnen eine Reuterei zusammen, die
in ganz Asien die beste war, und welcher er das wichtige Kandahar anvertraute.
    In Khorassan befestigte er einige Bergschlösser, wohin das Landvolk seine
Zuflucht nahm, und bei einem plötzlichen Einfalle der Usbecken seine Kinder und
seine beste Haabe in Sicherheit bringen konnte. Er verlegte an die Gränze die
persische Reuterei, die mit den edelsten Pferden, und mit Säbeln vom schärfsten
Stahle versehen, unter einem jede Tugend freigebig belohnenden Fürsten, den
gefürchteten Usbecken in wenigen Jahren überlegen wurde. Usong liess auf den
Bergen, in gewissen Entfernungen, Holzhäuffen aufrichten, wobei eine Wacht
wohnte. Bei einem Einfalle der flüchtigen Tataren wurde der Holzstoss angezündet,
und das ganze Land war in einer Stunde von der Gefahr gewarnt. Die Perser
sammleten sich in angewiesenen Plätzen, und giengen auf den Feind los, dessen
Stellung der erste aufsteigende Rauch verriet. Die Usbecken, bei denen kein
Trieb zur Ehre die Furcht des Todes verminderte, verloren gar bald die Lust, den
Säbeln der Perser sich bloszugeben, und liessen von ihren Streifereien ab.
    Die Kriegsvölker aufzumuntern, versammelte sie Usong bei seinen jährlichen
Reisen: er liess sie unter seinen Augen allerlei Kriegsübungen vornehmen, ziehen,
schlagen, belagern: er gab Preise für die Gemeinen, teilte Turbane, silberne
Palmzweige, Kränze und rühmliche Schaumünzen aus: er beförderte die
Befehlshaber, er erhob die Verdienten zu den höchsten Stuffen der Ehre, und
alles dieses konnte er mit einer sichern Wahl tun, weil er eines jeden Mannes
Vorzüge selbst beobachtet hatte.
    Aber Usong hatte grössere Absichten. Er wollte die Sicherheit seines Reiches
nicht den Fremden anvertrauen, deren Ehrgeitz sich die Ohnmacht der ungeübten
Perser hätte zu Nutz machen können. Er suchte alle Perser zu Soldaten ihres
Vaterlandes zu bilden. Er befahl, dass in den Zeiten, wo der Ackerbau nicht eine
beständige Arbeit erfoderte, alle acht Tage, am Tage der Ruh, der dritte Teil
der Erwachsenen sich mit den Waffen versammeln, sich in denselben üben, und
allen den Anstalten sich unterwerfen sollten, wodurch die Kriegszucht streitbare
Männer erschafft. Folglich wurde die ganze Nation, ohne einen fühlbaren Verlust
der nötigen Zeit, in dem Gebrauche der Waffen unterrichtet. Die Landleute
erhielten ihre eigenen Hauptleute und Befehlshaber, aus der Zahl der Sieger, die
unterm Usong Persien befreit hatten. Ihnen waren, wie den ordentlich
besoldeten, Preise und Ehrenzeichen zur Aufmunterung ausgesetzt. Der Kaiser
erschien auch bei ihren Uebungen, und zeigte ihnen eben die Zuneigung, die er
den Besoldeten bewies. Von der unzählbarn Menge Perser, die die Waffen zu tragen
fähig waren, wurde der hundertste Mann genommen, und aus diesem Ausschusse der
fertigsten und stärksten Männer, entstund ein zahlreiches Heer11, das in die
Städte verlegt in Friedenszeiten Dienste tat. Alle drei Jahre wurden alle
diejenigen, die es verlangten, entlassen, und andere an ihre Stelle ausgehoben:
diejenigen aber, die sich hervorgetan hatten, wurden unter die Besoldeten
aufgenommen, und zu höhern Stellen befördert. Alle Perser erhielten durch diese
Anstalt eine Geschicklichkeit in den Waffen, die in Kriegszeiten sehr bald zu
einer völligen Fertigkeit erhöhet werden konnte; das Gemüt selbst erhob sich
durch das Vertrauen, das der Kaiser seinem Kriegsvolke zeigte, sie sahen sich
nicht mehr als Knechte eines harten Herrn, sondern als Beschützer des
Vaterlandes, als Persiens Krieger an.
    Unermüdet in der Arbeit, allzeit munter und froh seinem grossen Berufe genug
zu tun, fuhr Usong fort, täglich die Einrichtung seines Reiches zu verbessern,
da Riva von Venedig wieder kam, und eine zahlreiche Gesellschaft, samt vielem
Feuergewehre mit sich brachte.
    Dieser Diener des grossen Usongs hatte desselben Briefe an den Herzog und an
die Herrschaft zu Venedig abgegeben. Der Kaiser tat dem Freistaate seine
Erhebung zu wissen; er bezeugte ein verbindliches Angedenken wegen der mit
verschiedenen Edeln gepflogenen Freundschaft: er trug dem Rate sein Bündnis an,
und liess merken, dass die Osmannen für Venedig, und für Persien, gleich
gefährlich wären: er ersuchte um die Erlaubnis einen Vorrat an Gewehren aus
Brescia, und einige Künstler mitzunehmen, die Feuergewehre für den Kaiser
verfertigen sollten.
    Venedig fand seinen Vorteil mit dem Vorteil von Persien verbunden: ein
ehrerbietiges Antwortschreiben versprach dem Kaiser eine Botschaft, die näher
mit ihm über das gemeine Beste beider Staaten sich besprechen sollte, und die
Waffen und Waffenschmiede wurden dem Riva vergönnt mitzunehmen.
    Der, eben wie Venedig, gegen die Osmannen eifersüchtige Soldan von Egypten
öfnete den Gesandten willig die syrischen Häfen, und der erfreute Usong
verteilte die Waffen unter seine verschiedenen Leibwachen: die Künstler aber
wurden in eigenen Gebäuden, mit Stahl und Eisen, und mit allen zu ihren Arbeiten
erforderten Zubehöre versehen, wo sie beständig sich mit Verfertigung des
Feuergewehres, und mit dem Giessen der grössern metallenen Röhren beschäftigten,
die schon damals gebraucht wurden, das Schicksal der Schlachten zu entscheiden,
und die Mauern der festesten Städte niederzuwerfen.
    Unter den Briefen aus Westen war auch ein Brief des Zeno, der in der
Zwischenzeit in dem Rate der Republik seinen Sitz genommen hatte. Er bezeugte
dem ehmaligen Fürsten von Kokonor seine aufrichtige Freude, und liess verspüren,
er hoffte das Vergnügen, seinen ehmaligen Freund wieder zu sehen.
    Aber eine wichtigere Zeitung verdoppelte Usongs Glückseligkeit. Puldan, ein
Nowian12 aus seinem eigenen Stamme, brachte auf einem flüchtigen Pferde dem
Kaiser Briefe vom unermüdeten Scherin. Dieser Freund seines Herrn hatte sich
über Atschin nach Quangtscheü begeben, wo er bei dem Kaufmann abtrat, der ehmals
auf Liewangs Veranstaltung dem edeln Usong die Notwendigkeiten zum Einschiffen
verschafft hatte: er fand ihn beim Leben, und vernahm, der Zongtu von Schensi
stehe noch in seiner Würde, da das allgemeine Verlangen der Landschaft bei dem
Kaiser diese Gnade ausgewürkt habe. Scherin setzte seine Reise nach Singan fort,
und hörte mit grossem Vergnügen, die Tochter des Zongtu sei noch unvermählt.
Verschiedene ansehnliche Freier hatten sich um diese Zierde ihres Hauses bemüht,
sie hatten ganze Schätze für ihren Besitz angeboten: aus Ursachen aber, die man
nicht absehen konnte, hatte der Zongtu alle Anträge abgelehnt.
    Scherin war in Liewangs Pallast so bekannt, dass er bald zu einem Verhöre
gelangte. Er übergab dem ehrwürdigen Herrn mit der gebührenden Ehrerbietung ein
Schreiben. Usong, Kaiser in Persien, dem würdigen Liewang. Eines Weisen
Mutmassungen sind Weissagungen. Usong beherrscht eines der grösten Reiche der
Welt. Aber er wird erst alsdann sich glücklich schätzen, wann er seinen Tron
mit der tugendhaften Liosua teilen kann.
    Scherin übergab zugleich die Geschenke des Kaisers, die das Maas seiner
Hochachtung ausdrückten. Unter denselben waren verschiedene Bücher der
Abendländer über die Gesetze, und die Geschichte ihrer Reiche. Scherin, der an
der guten Auferziehung seines Fürsten Teil gehabt hatte, war der Uebersetzer
dieser Werke, die für den weisen Liewang ein neuer und unerwarteter Schatz
waren, und die er weit über alle Perlen von Bahrein schätzte, weil sie die
Früchte der Weisheit entlegener Völker waren, die man in China für Barbaren
hielt.
    Die Bedachtsamkeit, die in China herrschet, erlaubte dem Freunde Usongs
nicht, eine schleunige Antwort zu hoffen. Er verreisete, dieweil sich Liewang
Zeit zum Bedenken nahm, zu den Mongalen: er eilte zum alten Timurtasch, dem, und
der Fürstin, er die fröhliche Nachricht der Erhaltung und der Erhebung Usongs
brachte, und die für seine Eltern vom Kaiser mitgegebenen Briefe und Geschenke
übergab. Die Freude so viele Jahre nach dem Verluste eines ihrer Liebe so
würdigen Sohnes zu vernehmen, dass er eine der Grösse seines Anherrn, des
gefürchteten Tschengis, entsprechende Würde bekleide, zogen bei den Eltern
Freudentränen, und bei der ganzen Horde tausend Bezeugungen des allgemeinen
Vergnügens nach sich. Verschiedene Nowiane machten sich bereit, ihrem erlauchten
Verwandten ihre Dienste anzubieten, und tausend der tapfersten Mongalen waren
ihre Begleiter. Dieses ansehnliche Gefolge näherte sich dem Wege nach Kandahar,
und erwartete am See Tsarich die Kaiserin; denn Scherin hatte dem Fürsten
Timurtasch nicht verschwiegen, dass er hoffte, die Gemahlin des mächtigen Usongs
ihm zuzuführen.
    Nach einigen Monaten kam Scherin nach Singan zurück, und brachte Briefe vom
Fürsten Timurtasch mit, worinn er den Zongtu um seine Tochter begrüssete, und
bezeugte, er würde eine so tugendhafte Fürstin mit Vergnügen in das Hans des
Tschengis eintreten sehen.
    Liewang zweifelte an der Einwilligung der vernünftigen Liosua nicht, die
nunmehr ihr achtzehntes Jahr erreicht, und durch tausenderlei Ausflüchte die
vorgeschlagenen Vermählungen bei dem liebreichen Vater abgebeten hatte. Die
Liebe des Fürsten von Kokonor, seine grossen Eigenschaften, und der Adel seiner
Bildung, hatten auf das sanfte Herz der nachdenkenden Schönen einen grossen
Eindruck gemacht. Von welcher Seite sie den Usong mit ihren Chinesen verglich,
so fand sie, alle andere Menschen schienen erschaffen zu sein, dass Usong über
sie herrschete. Die kleinen Tugenden die in China durch die Sitten erzielt
werden, verschwanden gegen die natürliche Grösse, die aus allen Eigenschaften
des nunmehrigen Beherrschers von Persien strahlte.
    Dennoch trug Liewang diese Vermählung seiner Tochter, als eine
Entschliessung vor, die er einzig von ihr erwartete. Ich weiss, sagte er, dass
deine Hand zu vergeben das Recht eines Vaters ist; aber das Herz ist dein: ich
liebe dich viel zu zärtlich, dich dahin zu geben, wohin dein Herz nicht mitgeht.
    Der Zongtu hatte in der Tat seine Bedenken. Der Stamm Iwen, wovon Usong
eines der Häupter war, konnte von den Ming nicht anders als wie ein feindliches
Haus angesehen werden. Und obwohl in China alles, was das Frauenzimmer betrifft,
in dem Umfange der innern Wohnungen bleibt, und niemals ins Gespräch der Leute
kömmt, so konnte doch Liewang nicht hoffen, dass eine Ehe, die bei den Mongalen
so ein allgemeines Aufsehen gemacht hatte, bei Hofe verschwiegen bleiben würde.
    Die Fürstin errötete über den Antrag ihres ehrwürdigen Vaters, sie schlug
die Augen sittsam nieder, kniete und sprach: Einen Zweig von Iwen in sein Haus
aufzunehmen, könnte meinen gnädigen Herrn in Gefahr setzen. Man vernehme den
Willen des Kaisers.
    Swen Zong war ein löblicher Fürst, obwol schon damals die Krankheiten
anfiengen, die endlich den Stamm der Ming zum Verderben führten. Er antwortete:
der Sohn der Iwen ist zu äusserst nach Abend entfernt, was kann er dem Reiche
schaden? Liewang ist Herr über die Hand der Fürstin: so hiess sie der Kaiser,
weil sie aus seinem Hause abstammte.
    Liewang hatte nun kein Bedenken mehr: denn obwol er mit seiner Tochter das
ganze Vergnügen seines Lebens hingab, und ob er wohl ein einsames Alter vorsah,
wenn er die liebenswürdige Schmeichlerin würde verloren haben, so war er zu
weise zu verlangen, dass das Vergnügen der wenigen Jahre eines sterbenden Greises
gegen das Glück einer blühenden Tochter vorwägen sollte. Liosua versprach ihrem
Vater ohne Widerstand allen Gehorsam, und der Zongtu liess den Scherin vor sich
rufen. Hier ist die Antwort an den Beherrscher von Persien. Mein Kind würde
China wegen eines Trones nicht verlassen, aber sie folget dem Reize der Tugend.
Denn es war dem Zongtu nicht unbekannt geblieben, dass Usong mit aller Weisheit
der ersten Kaiser das Reich des Cyrus verwaltete.
    Die Fürstin bereitete sich festlich, nach den gesetzten Sitten des Landes
zum Abzuge: sie machte aber nicht nur blosse Anstalten zum Schmucke und zu der
Pracht, mit welcher eine kaiserliche Braut erscheinen sollte. Sie hatte sich vom
Scherin belehren lassen, was für Künste in China blüheten, die Persien noch
nicht kannte, und sie nahm sich vor, einen würdigern Brautschatz mitzubringen,
als Perlen und Rubinen.
    Scherin legte nunmehr die Geschenke des Kaisers zu ihren Füssen. Alle
prächtige Steine, aller fürstliche Schmuck, und die Seltenheiten, die durch so
viele Siege in Usongs Hände gefallen waren, wurden vor der Fürstin
ausgeschüttet. Aber was der zärtlichen Liosua schätzbarer als die Diamanten war,
las sie aus des Kaisers Schreiben. Das Glück, sagte er, hat den Usong auf den
Tron geführt, aber was ist ein Tron, wenn ihm die Tugend ihre Liebe versagte?
Nein, sprach die nunmehr freimütig gewordene Schöne, nein Liosua hat in dem
edeln Usong die Morgenröte der Tugend geliebt: was muss sie fühlen, da der Glanz
seiner Verdienste von seiner völligen Höhe die Welt überstrahlet.
    Der Tag kam, der dennoch peinliche Tag, da Liosua von ihrem grauen Vater den
letzten Abschied nehmen sollte. Segne doch, gnädiger Herr, dein Kind, sagte sie,
auf den Knien, und in Tränen schwimmend. O wie fühle ich, dass alles Glück der
Welt unvollkommen ist! Liebe mich, liebe mich immer, ewig werde ich deine
liebende, deine zärtliche Tochter sein. Liewang musste fast mit Gewalt sie aus
seinen Armen reissen lassen, und alle Würde der Weisheit konnte seine Tränen
nicht unterdrücken.
    Sie verreisete mit ihrem Gefolge, und mit dem vertrauten Scherin, der durch
ihre Frauen ihr tausend edle Taten ihres Gemahls erzählte, die der Wehmut
nicht zuliessen, sie einzig zu beschäfftigen. Sie traf am See Tsarich die
Nowiane, und die Begleitung an, die mit ihr nach Persien gehen sollte. Die
Sitten ihres Vaterlandes erlaubten ihr nicht, sich sehen zu lassen: aber tausend
Freudentöne erschallten mit aller der Wildheit der ungezierten Natur täglich um
ihren Palankin, den ihre neuen Untertanen frolockend umgaben: und sie war nahe
an den Gränzen von Kandahar, als Puldan sie verliess, und die frohe Botschaft dem
Kaiser brachte.
    Dem edeln Usong wallte das Herz vor Freuden bei dem Anbringen des Nowians:
er umarmte ihn, und versicherte ihn von seiner unveränderlichen Freundschaft.
Nunmehr, sagte er zu seinem Freunde, dem Dschuneid, nunmehr bin ich für meine
Bemühungen belohnt. Freudig will ich dem Wohlsein des Reiches die Tage
aufopfern, da mich alle Abend die Gesellschaft der weisesten, der
tugendhaftesten Schönen erwartet, die nicht zu einer blossen Buhlschaft
erniedriget ist, und deren aufgeheiterter Geist meine ermüdeten Sinnen mit
Gesprächen ermuntern wird, worin die Anmut sich mit den Vorzügen des Geistes
vereiniget.
    Er liess seinen Persern durch seine Abgesandten wissen, der Kaiser fodere von
ihnen bei seiner Vermählung keine Steuer, und keinen Aufwand. Seine Gemahlinn
sei zu edel gesinnet, als dass sie Feierlichkeiten verlangen sollte, wobei sein
Volk auch nur die zu seinem eigenen Vergnügen dienenden Mittel zusetzen würde.
Aber er würde es als ein Zeichen der Liebe der Perser ansehen, wenn sie mit
Blumen, mit Gesängen, mit Tänzen und mit den Zeichen einer ungekünstelten Freude
ihre künftige Kaiserin empfiengen.
    Die Perser ergriffen mit Freuden die Gelegenheit, an den Tag zu legen, wie
feurig sie ihren Kaiser verehrten. Sobald Liosua die persische Gränze betreten
hatte, reisete sie durch eine ununterbrochene Reihe von grünen Lustbögen, von
belaubten Mayen, und von blühenden Bäumen, durch eine triumphsingende Menge
frölicher Landleute hin. Die ödesten Berge waren mit dem Zulaufe ihrer
Untertanen bevölkert, die ihr den Ruhm ihres Gemahls zuriefen. Die schönsten
Töchter der ländlichen Dörfer traten in glänzende Reihen auf beiden Seiten ihres
Palankins, und bestreuten sie mit Blumen. Die leutselige Fürstin rief oft die
artigsten zu sich, liess sich sehen, und teilte ihnen chinesische Geschenke aus.
    Der Kaiser war im Feuer seiner Jahre, sein Herz eilte seiner Geliebten
entgegen; aber er wollte den Sitten ihres Vaterlandes nicht zu nahe treten, die
keiner Braut zulassen, ihrem Bräutigam sich zu zeigen, ehe sie getraut ist. Sie
kam endlich, die erwartete Schöne, und der Seder von Persien verband das edle
Paar, dieweil Schiras mit unaufhörlichem Freudenzurufe erschallte. Die sittsame
Liosua hob nunmehr den Schleier auf, und zeigte dem Usong die Züge der Anmut,
auf denen die Tugend und die Liebe zugleich herrschten. Sie war in ihrer Blüte,
China hatte nichts schöneres gezeugt; aber die edle Seele, die alle ihre Reize
belebte, erhob sie über alle Vergleichung. Sie wollte vor dem Kaiser auf die
Knie fallen; er umarmte sie aber aufs zärtlichste. Sei willkommen, sagte er,
edelste der Gaben des freigebigen Himmels, herrsche ewig über Persien, und im
Herzen deines Usongs.
    Der Kaiser hatte Schiras zum Wohnplatze seiner Gemahlin ausersehen. Die
milde Luft, die schönen Bäche vom reinsten Wasser, die in den Rosen blühende,
und in den edelsten Trauben fruchtbare Natur, die lachenden Gärten, der
Überfluss des vortreflichsten Obstes, die königlichen Granatbäume, die güldenen
Aepfel, machten diese Stadt zur angenehmsten in Persien. Usong hatte sie mit
starken Mauern wider den Anfall der Feinde sicher gesetzt. Liosua dachte nunmehr
an die Erfüllung ihres Entwurfes. Sie sorgte, dass an dürren Orten, wo kleine
Kiesel kein Gras spriessen liessen, Maulbeerbäume in geraden Zeilen ausgesäet
würden, die man unter der Zucht der Schere behielt, und wobei erfahrne Chinesen
die Perser lehren sollten, den Seidenwurm ohne Pflege sich aushecken, sich
füttern, und sich einspinnen zu lassen. Sie machte sich ein Vergnügen, die
Anfängerinnen selbst in dem Seidenbaue zu unterrichten, und arbeitete ihnen vor.
So hatte die Gemahlin des vergötterten Fohi gelebt.
    Sie liess sich zuweilen auf das Land tragen, dieweil ihre Bedienten das Volk
abhielten, wie es die Sitten erforderten. Sie sah eine grasichte Fläche ab,
wohin man aus dem Corremderrhe13 reichliches Wasser ableiten konnte; hier befahl
sie Häuser für die Spinner, Bleicher, Weber und Mahler der feinsten baumwollenen
Tücher, zu bauen, eines Zeuges, das Koromandel an alle Morgenländer sonst
verkaufte.
    Sie fand durch die Erfahrnen, die sie mitgebracht hatte, die zwei nötigen
Erdarten aus, davon die eine zu Glas schmelzen würde, wenn die andere das
Verglasen nicht hinderte: die erforderlichen Schmelzöfen wurden gebaut, und ob
man wohl die Vollkommenheit der chinesischen Waare nicht gänzlich erreichte, so
erwuchs doch hieraus ein Arbeitshaus, wo man Geschirre verfertigte, die selbst
auf der kaiserlichen Tafel an die Stelle des Goldes und des Silbers gebraucht
wurden.
    Die leutselige Fürstin erkundigte sich nach allen den Elenden, die keine
Hülfe hatten: sie schickte den blinden, den bettlägrichten, den schwachen und
mit Kindern beladenen Wittwen, wöchentliche Geschenke. Sie erforschete unter den
Landsleuten den fleissigsten Ackermann, die sorgfältigste Mutter, und ihre
Freigebigkeit suchte den demütigen Verdienst in seinen Hütten auf. Sie tat das
Gute ohne Geräusch, ohne den Dank zu erwarten.
    Die Gemahlinnen, und die Töchter der Grossen, denen ihr Stand einen Zutritt
zu der Kaiserinn öfnete, lernten von ihr die Tugend über alles schätzen. Sie
erhob vor ihnen das Glück eines Gewissens, das kein Laster beunruhiget; die
Würde einer Gemahlinn, deren einziger Zweck das Vergnügen ihres Gatten ist; die
Süssigkeit der Eintracht in den Familien; sie zeigte das kleine in der Pracht und
im Schmucke, der den Pöbel verblendet, und fast allemal ein Zeichen ist, dass die
Auszierung des Gemütes verabsäumet wird. Liosua war die liebreichste Lehrerin
der Tugend, die Anmut ihres Vortrages machte ihre Lehren reitzend, und ihr
Beispiel leicht.
    Täglich erfand sie neue unschuldige Erlustigungen für den arbeitsamen Usong,
wann er von den Sorgen des Reiches ermüdet in ihren Armen Ruhe suchte. Sie
wiederholte ihm, was sie neues, was sie ehrwürdiges in ihren Büchern gelesen
hatte; sie liess durch ihre Frauen Schauspiele vorstellen, worinn die Beispiele
der erhabensten Tugend rührend erneuert wurden; sie sammelte Seltenheiten, daran
Usong ein Vergnügen empfand, Werke der Natur, der Künste, und des Witzes. Selbst
der Unterscheid zwischen dem sanften Gemüte der Fürstin, und dem Feuer des
Gemahls, und die Fremdheit der Liosua in den abendländischen Gebräuchen, gaben
den Unterredungen des erhabenen Paares Neuigkeit und Leben.
    Sie trug schon die Hoffnung von Persien unter dem Herzen, da Zeno, der
Freund Usongs, als Botschafter von Venedig anlangte. Er nahm noch mehr als ein
Verehrer der Verdienste des neuen Kaisers, als wie der Gesandte eines
freundschaftlichen Staates, einen wahren Anteil an der Erhöhung des edeln
Tschengiden. Er brachte dem Kaiser verschiedene Geschenke, worunter diesem Herrn
die neuen Bücher am besten gefielen, die ohne Feder und mit einer Kunst gedruckt
waren, die Liosua der Chinesischen noch vorzog, weil eben die Buchstaben
tausendmal dienen konnten, da in China die geschnittene Tafel zu keiner neuen
Zusammensetzung tüchtig ist.
    Zeno brachte auch neue und bequemere Erfindungen, des Feuergewehres Gebrauch
zu beschleunigen, und auch gröberes Geschütü, das zwar kleinere Kugeln schoss,
aber geschwinder im abschiessen war. Er hatte aus dem unerschöpflichen Europa
das neueste mitgenommen, was zur Bequemlichkeit des Lebens, und zur Pracht eines
Hofes dienen konnte.
    Er erteilte dem Kaiser die Nachricht von dem Waffenstillstande, den die
Republik mit dem weisen Morad geschlossen hatte. Denn so wenig Venedig sich über
die Grösse der Osmannen erfreute, so konnte man dennoch diesem Sultane die
Verehrung nicht versagen, die die Belohnung wahrer Tugend ist, und zum Feinde
war er so fürchterlich, als zuverlässig seine Freundschaft war.
    Venedig liess herbei dennoch dem Kaiser die allgemeine Gefahr vorstellen, die
Europa und Asien von diesem siegreichen Hause drohte. Morad hatte nun schon
Tracien und Macedonien bezwungen, und den Sitz seines Reiches nach Edrene'14
verlegt, das dem zitternden Constantinopel aus der Nähe drohete. Byzanz war ohne
Kräfte und Hülfe. Europa war unter eine Menge von Fürsten zerteilt; um die
geringsten Vorteile hatten sie unaufhörliche Fehden mit einander, die kurze und
unsichere Verträge mehr einschläferten als endigten. Kein Fürst hatte durch
seine Taten, oder nur durch seine Bemühungen Taten zu verrichten, die Hoffnung
erweckt, dass er die allgemeine Freiheit wider die drohenden Osmannen zu schützen
vermöchte. Castriot und der Hunniade waren mehr unerschrockene Freibeuter, als
Monarchen: mit ihrem Tode verlohr Europa alles, was den siegreichen Morad
einschränken konnte. Venedig war wachsam und gewaffnet, seine Seemacht war den
Osmannen noch überlegen, aber zu Lande war es viel zu schwach, den zahlreichen
Heeren geübter Kriegsvölker zu widerstehen.
    Noch war sonst des Rates herrschender Grundsatz, alle Gefahren lieber zu
übernehmen, als etwas einzugehn, das die Ehre der Republik schmälerte. Die
Gefahr, sagten die Edeln, wird durch eine Niederträchtigkeit nicht abgewandt,
sie verdoppelt sich durch den Mut des Feindes, den sie vermehrt, und durch die
Verachtung, die sie bei den Nachbarn erweckt. Byzanz hatte es erfahren, jeder
schimpfliche Frieden hatte es geschwächt, und es war, ohne Schlachten zu
verlieren, zu nichts geworden. Ein Feldzug, den der Sultan unternehmen würde,
musste der letzte sein.
    Die Herrschaft hat den mächtigen Usong zu betrachten, wie nah ihm selber die
Gefahr wäre. Sie warnte ihn selber ehrerbietig, als den einzigen Beschützer des
Gleichgewichtes der Welt, im Frieden seine Kräfte zu vermehren, um zu dem Kriege
gerüstet zu sein, den Persien nicht lange vermeiden würde. Sie trug dem Kaiser
ihre Freundschaft, und alles an, was sie zu seiner Verstärkung, beitragen
könnte.
    Usong war über diesen Vortrag aufmerksam; den würdigen Morad anzugreifen, so
lange Persien keine Beleidigung von ihm erlitten hatte, war wider die Liebe zur
Gerechtigkeit, die alle Triebe des Kaisers beherrschte. Er sah sich auch noch
nicht gerüstet. Seine Perser wollten sich zum Gebrauche der Feuerrohre nicht
gewöhnen; sie verabscheuten zu Fuss zu dienen, nicht weil sie die Gefahr
fürchteten, sondern weil die Mühe in den heissen Himmelsstrichen das grösste
Uebel ist, das die Morgenländer scheuen. Kaum hatte Usong einige wenige Kurden
und Perser gewonnen, die unter seiner eigenen Aufsicht in eine Gesellschaft
getreten waren, deren Geschäft und Belustigung die Uebung mit dem Feuergewehr
war.
    Bei seinen Bemühungen für Persiens Glücke, liess der muntere Usong den Mut
niemals sinken; mit unablässigem Bestreben hofte er, wird die Hindernis endlich
überwunden, die die ersten Anfälle nicht bezwingen können. Ein Bach bat einen
Felsen, sagte er zu seinen Persern, ihm den Durchgang zu gönnen. Stillschweigend
widersetzte sich der Fels. Der Bach liess nicht ab, diesen Durchgang zu
erzwingen: er arbeitete ganze Menschenleben durch, ehe man eine Rinne im Felsen
gewahr ward: aber endlich brach der unermüdliche Strom durch, er nahm den Weg,
den seine Standhaftigkeit ihm eröfnet hatte, und umschuf ein dürftiges Gefilde
zu den schönsten Wiesen.
    Das grobe Geschütz wurde zwar gegossen: aber die Perser zweifelten, dass es
durch die engen Wege, und über die steilen Gebürge würde gebracht werden können.
Auch liess der Kaiser kleinere Stücke verfertigen, die auf Kameele geladen werden
konnten, und die in den Schlachten von einem ausnehmenden Nutzen waren.
    Die Werkhäuser der Waffen fanden tausend Hindernisse: alle Künste sind
verschwistert, und die eine kann nicht aufblühen, wenn sie den Schutz der andern
entbehren muss. Tausenderlei Werkzeuge mangelten in Persien den in Welschland
angeworbenen künstlichen Europäern; ein Teil von ihnen starb unter einem
ungewohnten Himmel, und die überlebenden arbeiteten mit Verdruss, weil die
Hoffnung sie nicht aufmunterte, in ihrer Unternehmung zur Vollkommenheit zu
gelangen.
    Usong verbarg seine Sorgen dem Zeno nicht, und versprach sich von der
Republik, sie würde ihm mit kundigen Arbeitern, mit Werkzeugen, und mit
Geschütze beistehen. Die itzigen Künstler munterte er mit Geschenken, mit
freundlichem Zuspruche, und noch am meisten mit den Proben seiner eigenen
Kenntnis auf: denn einen Künstler kann nichts kräftiger aufmuntern, als die
Versicherung, für einen Herrn zu arbeiten, der seine Geschicklichkeit zu
schätzen weiss.
    Die Zeit kam, da sich Usong vorgesetzt hatte sein Reich zu besehen: er nahm
diesesmal sich vor, bis nach Eriwan zu gehen, und Irak, Aderbeitschan, Diarbekir
und Algezira zu besehen. Dschuneid und Zeno begleiteten ihn mit einer
auserlesenen Gesellschaft der aufmerksamsten Perser, und einiger Nowiane, alle
zu Pferde, mit kriegerischem Ernste, und ohne dem Pomp der morgenländischen
Monarchen. Nirgends liess Usong sich bewirten, er trat bei keinem Grossen ab,
und wohnte beständig unter Zelten: er vermied allen Aufwand, der das Volk hätte
drücken können, das allemal es schmerzlich fühlt, wenn die Könige prächtige
Feierlichkeiten begehen. Das Reich soll seinen Herrscher zu sehen wünschen, und
nicht fürchten, sagte Usong; die Pracht eines Hosts würde eine neue Last für
mein Volk sein.
    Er riss sich aus den liebenden Armen seiner sehnenden Gemahlin, und eilte
nach Tschehelminar, dem kaiserlichen Sitze der mächtigen Hystaspiden. Sie hatten
sich eine fruchtbare Fläche erwählt, wodurch tausend erfrischende Bäche rannen,
und wo die schönsten Blumen, ohne die Hülfe der Kunst aufkeimten, und die Augen
an sich lockten. Zeno musste den Stolz dieser Schuttaufen bewundern, deren
Altertum jenseits aller Geschichte hinaufstieg, und, die Ueberreste von
Palästen waren, deren Riesengrösse die Kruft der menschlichen Hände zu
übersteigen schienen. In den Felsen waren die grossen Taten der alten
persischen Heiden in kolossalischer Gestalt eingegraben.
    Usong fand auf den alten Denkmälern verschiedene Sinnbilder, die er auch in
Aegypten wahrgenommen hatte, und zumal die geflügelte Kugel, die er für ein
Zeichen der Gotteit hielt. Er sah die von etlichen Männern kaum zu
umklafternden Säulen für die Ueberbleibsel des Palastes an, worinn Cyrus seinen
Tron gesetzt hatte: und Zeno als ein Kenner, bewunderte zwar nicht den
Geschmack der Zeichnung, aber die feinste Ausarbeitung der härtesten Steine.
Alle gestunden, kein heutiger Fürst würde solche Gebäude zu unternehmen
genugsame Schätze besitzen, und auch bei den erfindsamsten Völkern würden die
Werkzeuge mangeln, die ungeheuren Lasten zu verfahren und aufzurichten.
    Indem des Kaisers Gesellschaft sich unter dem Marmor und dem Porphyr
verweilte, sah Dschuneid auf einem öden Berge ein Feuer aufgehn15. Er fragte,
wozu doch auf dem dürren Felsen, ein so grosses Feuer unterhalten würde? Die
Perser antworteten, er sähe ein ewiges Feuer der Gebern, das ihnen zum Tempel
diente. Dschuneid fühlte, dass ein Alide war, er fuhr auf: ists möglich sagte er
zum Kaiser, dass ein Verehrer Gottes diese Anbeter der Elemente duldet?
    Usong lächelte. Diese prachtvollen Ruinen waren der Sitz der Magen, und
Cyrus war ein Geber. Persien zu befreien, hat seine erhabene Tugend ein langes
Leben in beständigen Kriegen durchgearbeitet, und wir geniessen nach zwanzig
Jahrhunderten die Früchte seiner Bemühung. Aber im Ernst, sagte er zu seinem
Freunde: sollte Persien viele tausend arbeitsame Hünde missen, die besten
Ackersleute verbannen, und ganze Länder zur Wüste machen, weil die armen Gebern
in ihrem Gottesdienste irren? Hat Ali, hat Mahomet nicht die Christen geduldet,
die er für Götzendiener ansah? Hat Omar selbst nicht des Abu Obeidah mildere
Befehle gebilliget, der der Christen Blut schonte, und das siegreiche Schwerdt
aus der Faust des unüberwindlichen Khaleds gerissen16, eben weil es allzugierig
unter den Ungläubigen würgte?
    Persien, fuhr er fort, ist mehr als halb eine Wüstenei; die Natur hat es
gesegnet; es ist am ärmsten an Menschen. Nur arbeitende Hände können den Segen
der Erde erwerben, und sie zu dem Zwecke bringen, den Menschen zu ernähren, wozu
sie erschaffen worden ist. Die Gebern sind friedfertig und geduldig; vielleicht
werden viele von ihnen die Wahrheit eines körperlosen und unermessenen Gottes
von uns abnehmen, die hingegen Götzen von Erde und Leim anbeten würden, wenn wir
sie zwängen, nach Indostan zu fliehen.
    Usong kam in die lachenden Gegenden um Mayn, den Sitz der reinsten und
reichsten Wasserquellen, durch das uralte Yezdekast, wo die Erde das edelste
Getraide hervorbringt, und in das grosse Ispahan. Diese Stadt, sagte er, ist zur
Hauptstadt von Persien gebildet: sie liegt fast von allen Gränzen gleich
entfernt, und der Senderud würde die gesammelten tausende der Perser ohne Mühe
nähren, indem er der ganzen Fläche eine unerschöpfliche Fruchtbarkeit
mitteilte. Aber die mildere Luft, deren Gelindigkeit der zärtlichen Liosua
unentbehrlich geworden war, zog Schiras den Vorzug zu, und die Kriege riefen
bald hernach den Kaiser nach Tabris.
    Kaschan zog die Augen des Fürsten nach sich, weil es der Sitz der
Seidenarbeiter war, die einen Teil des Morgenlandes mit den schönsten Stoffen
versorgten, und Zeuge verarbeiteten, die ausser seinen Mauern niemand zu
verfertigen wusste. Hier nahm Usong die mit menschlichen Bildern durchwobenen
Sammte, die er seiner verbündeten Republik schenkte, und die dieser Sitz der
abendländischen Künste bewunderte, und eingestehen musste, Venedig hätte keine
Hände, welche die Geschicklichkeit der Perser nachahmen könnten.
    Usong hatte zu Kaschan einen unerwünschten Anlass zu zeigen, dass er wert
war, auf des gerechten Nuschirwans Trone zu sitzen. Zeno sah ihn einen Abend
ungewöhnlich niedergeschlagen. Was mag das widrige Schicksal so zerschmetterndes
im Rüstause seines Zornes haben, dass Usong unter der Gewalt erliegen sollte?
Morgen wird mein Freund es sehen, sagte der Kaiser. Er hielt seinen Diwan in der
Burg der alten Könige; die Fürsten und die Grossen stunden neben seinem Trone,
und ein unzählbares Volk umringte den Pallast. Man rief einen Mustassem, einen
Gärtner, der in der Vorstadt von Kaschan wohnte. Sieh dich um Mustassem: kennst
du den Beklagten? Der Perser warf sich vor dem Kaiser nieder: hier ist er, sagte
er, und wies auf einen Nowian, dessen Namen Kulkas war, und der als einer der
Hauptleute einen Teil der kaiserlichen Leibwache anführte.
    Kulkas, mein Vetter, sagt der Mann wahr? fragte Usong mit einer ernstaften
Stimme, die kein Perser noch an ihm gehört hatte. Der Nowian sah beschämt auf
die Erde, und sein Verstummen bewies seine Schuld.
    Kulkas, sagte der Kaiser, wir sind nicht von den Ufern des einsamen Kokonors
gekommen, die Perser zu unterdrücken. Gott hat mich auf den Tron gesetzt, sein
Stattalter zu sein. Ersetze, was du an der Tochter des Gärtners begangen hast,
lass sie dir antrauen, wirf ihr den grössten Wittwenschatz aus, den du einer
Fürstin aus dem Hause des Tschengis anbieten würdest: morgen sollst du mir
Zeugen bringen, dass du gehorcht hast.
    Der Mowian warf sich auf die Erde nieder, und ging mit den Geberden weg,
die eine völlige Unterwerfung bezeugten.
    Den andern Morgen erschien er, und Mustassen mit ihm; hier ist der Ehebrief,
sagte Kulkas, hier ist das Vermächtnis.
    Ist Mustassen zufrieden? Er verbeugte sich. Aber das Gesetz ist es nicht.
Kulkas, rief der Kaiser, Persien hat mich zu seinem Richter berufen. Die
Gerechtigkeit ist die grosse Beilage, die Gott mir anvertrauet hat. Sollen
freier Männer unbefleckte Töchter unter den Augen des Kaisers geraubet werden,
und soll er nicht zürnen? Ich werde das Blut des grossen Tschengis nicht
vergiessen. Aber fliech Kulkas, suche Länder, wo die Gewaltsamkeit herrscht, und
wo der Mächtige des Schwachen Ehre ungehindert unter die Füsse tritt. Meide
meine Augen und Persien. Der Nowian entfernte sich, und floh zu den wilden
Usbecken.
    Bei der freundschaftlichen Abendtafel erzählte der Kaiser, was Dschneid und
Zeno zwar errieten. Ich ritt einsam aus, sagte er, und hörte eine laute Klage
aus einem wohlgebauten Garten erschallen, der voll der schönsten Blumen war.
Mich wunderte es, vom Spitze der unschuldigen Wollust solches Winseln aufsteigen
zu hören. Ich liess die Leute rufen: Herr, sagte der verzweifelnde Vater, der
mich für einen Befehlshaber aus der Leibwache ansah, einer eurer Brüder hat
meine Tochter mit Gewalt aus meinen Armen gerissen: sie war unbefleckt in der
ersten Blüte ihrer Jugend, ich war zu schwach zu widerstehen, und die Schmach
wird mein Tod sein.
    Ich befahl ihm im Diwan zu erscheinen, und sich durch den Scherin, der mit
mir ritt, bei dem Kaiser melden zu lassen.
    Nun ermessen meine Freunde, wie mein Herz zwischen meiner Pflicht, und der
Liebe, meines eigenen Blutes, beklemmt war. Der Mowian war mir nahe verwandt;
ich beleidige vielleicht alle die Mongalen, die der Name eines Tschengiden aus
den Gränzen der Welt zu mir gelocket hat, und deren Liebe die Stütze meines
Trones sein sollte. Und dennoch wie konnte ich anders handeln? Ist ein Nutzen
möglich, der der Pflicht vorgeht.
    Zeno erwiederte: in meinem Vaterlande schützt kein Namen wider die Gesetze.
Ein Zeno, es war mein Ahnvater, war der Retter seines Vaterlandes gewesen,
niemand konnte leugnen, dass seine Tapferkeit die siegreiche Macht des
feindlichen Genua bezwungen hatte. Er begieng einen geringen Fehler, wenn es ja
ein Fehler war; seine Lorbern beschirmten ihn vor der Strafe nicht, er wurde
gefangen gesetzt, verwiesen, und von allen den Belohnungen ausgeschlossen, die
sein Verdienst erwarten sollte. Diese Strenge ist unvermeidlich, fuhr Zeno fort,
und der Kaiser hat heute seinen Tron befestiget. Denn nirgends als auf die
Herzen seiner Untertanen kann ein König seine Herrschaft mit Sicherheit gründen.
    Zu Kom betete Dschuneid auf den Gräbern der Imamsade', oder der Nachkommen
des Ali, die in dieser Stadt begraben lagen, und die dieser Fürst unter seine
Ahnen zählte. Usong besah die Werkstätte der Waffen, und war über die Gewehre
vergnügt, die man daselbst aus einem überaus harten Stahl verfertigte.
    Kaswin, eine der Hauptstädte des mächtigen Partiens, war damals verfallen,
und Usong dachte an die Mittel, der alten Stadt aufzuhelfen: er nahm sich vor,
eine Zeitlang seinen Tron daselbst aufzuschlagen. Ihm missfiel, dass die
morgenländischen Fürsten eine einzige Stadt zu ihrem Sitze wählten, wodurch sie
die entfernten Provinzen aller Nahrung beraubten, und erödeten, und dem Reiche
ein ungeheures Haupt gaben, das den Gliedern den Lebenssaft entzog.
    Bei Sultanie fand der Kaiser einen Teil der grossen Stutereien, die wegen
der fruchtbaren Wiesen und des reinem Wassers, schon seit den alten Königen der
Parter hier angelegt worden waren. Noch schöner aber sind die grossen Flächen,
die von Aderbeitschan nach Tabris führen, wo unabsehliche Felder mit dem
edelsten Futterkraute bedeckt sind, das eben aus dieser Gegend sich in die
Abendländer ausgebreitet hat, und wo viele tausende der schönsten Pferde von
Persien weiden17.
    Das weit ausgedehnte Tabris war damals die grösste Stadt im Reiche: aber wie
alle andere persischen Städte ohne alle Befestigung. Usong sah ein, dass es den
Waffen der Osmannen bloss gesetzt sein würde, und befahl eine Festung daselbst zu
erbauen, wohin er einen Teil seines groben Geschützes bringen liess: er sah sich
auch eine Stelle zu einer königlichen Wohnung aus, wo er einen Pallast
aufzuführen die Anstalten machte. Er tat eine kurze Reise nach Amadan, dem Sitz
des Trones des Dejoces, nunmehr in ein weites Dorf verfallen.
    Er kam nach Irwan, einer Gränzstatt, die den Osmannm noch mehr ausgesetzt
war, und entwarf drei einander einfassende Festungen, die alle höher als die
Stadt, auf dem Wege nach den beschneiten Gebürgen lagen, worauf der gemeinen
Sage nach, der Kasten zur Ruhe kam, worin der zweite Urheber der Menschen in der
allgemeinen Ueberschwemmung ist gerettet worden.
    Hier, fast am abendlichen Ende des Reiches, wurden Klagen über den
Abgesandten des Kaisers geführt, der von der Entlegenheit vom Hofe eine
Straflosigkeit hoffete, Geschenke nahm, und untüchtige Leute zu verschiedenen
Richterstellen dem Kaiser vorgeschlagen hatte. Usong hatte freilich niemals
erwartet, unter fehlervollen Menschen lauter rechtschaffene zu wählen, er liess
seinen Scherin zurück, der die Klagenden gegen den Abgesandten verhören, und wie
allemal geschah, ein Urteil samt den Gründen zur Einsicht des Kaisers entwerfen
sollte. Der Abgesandte wurde schuldig erfunden. Usong überzeugte sich von den
Vergehungen desselben durch seine eigene Untersuchung, und liess ihn vor den
Diwan fodern.
    Du warst, liess der Kaiser dem Schuldigen durch den zu den höchsten Aemtern
erhobenen Scherin sagen, der Vertraute des Kaisers: er ist nicht Gott, und muss
durch die Augen der Menschen sehen. Er hoffte von dir die Wahrheit, du warest
zum rühmlichen Amte eines Fürsprechers des Volkes auserwählt, du solltest seine
Klagen vor den Tron tragen, und den Ruhm geniessen, dass durch dich den
Gedrückten Hülfe wiederführe. Aber was verdient der, der eine Arznei geben soll,
und Gift gibt? Der Kaiser heisst dich von seinen Augen fliehn; gehe nach Kerman,
und überschreite die Gränze dieser Provinz niemals: dort allein lässt dir das
Gesetz das verwirkte Leben.
    Von Irwan eilte Usong nach Mausel, dem ehemaligen Haupte der Assyrischen
Macht: und von da nach Anah, das seiner Reise Ziel war. Hier sammelte sich ein
unzählbares Volk um seinen Diwan, und das Lob dieses glücklichen Fürsten
erscholl bis an den Himmel. Von seinen alten Untertanen zu Anah war nicht ein
einziger, der durch die Erhebung seines Herrn nicht glaubte, selbst glücklicher
worden zu sein. Jeder ehmaliger Diener, jeder Bürger drängte sich zu ihm, und
war erst zufrieden, wenn er den Saum seines Rockes geküsst hatte. Usong wurde
durch die treue Liebe seines Volkes gerührt, und versprach sich selber, sie noch
besser zu verdienen.
    Die Arabischen Fürsten, die Mitgefährten seiner ersten Kriege, besuchten
ihn, und erhielten von ihm prächtige Geschenke. Der alte Abuschir wiederholte,
wie viel er dem Usong schuldig war: nur Hassans graues Alter gönnte ihm die
Kräfte zu dieser Reise nicht. Usong liess Anah, die Furt des Euphrats, in einen
guten Wehrstand setzen, und beurlaubte sich hier vom Zeno, und vom Dschuneid,
die mit einander die Reise bis zur Palmenstadt fortsetzten. Dem Zeno gab er die
Antwort an seinen Staat, vertraut und aufrichtig: er würde aufmerksam auf die
Unternehmungen der Osmannen sein, und ihrem Ehrgeitze Schranken setzen, wenn er
die Klauen zeigen wollte. Venedigs getreuester Bundsgenosse würde er bleiben. Er
gab bem Zeno Geschenke mit, reiche Seidenzeuge, kostbare Teppiche, heilsame
Mumie, die aus den Felsen von Khorossan quillt, und alle Wunden heilt, echte
Bezoarsteine, wahres Rosenöl, das von Schiras kömmt, und an Wert das Gold
übersteigt, Türkisse aus dem alten Felsen Firuz-Kuh, Perlen von Bahrein, edle
Pferde, und Säbel vom besten Stahl. Er umarmte ihn: Usong wird ewig derjenige
gegen Zeno bleiben, der er zu Alkahirah war, sagte der Kaiser. Den
liebenswürdigen Dschuneid beurlaubte er mit zärtlichen Ausdrücken seiner Liebe:
sage dem Diener Gottes, dem Hassan, Usong sei sein Sohn, und dein Bruder. Hiemit
trennten sich beide Freunde, und Usong ging über den Euphrat, nach Bagdad.
    Dieser Sitz der der mächtigen Befehlshaber der Gläubigen war durch den
Halaku halb verwüstet, und unter den schlechten Fürsten noch mehr eingegangen.
Aber seine Lage, die den Tiger beherrschete, und zu einer Vormauer des
südwestlichen Persiens dienen konnte, bewog den Kaiser, Bagdad aufs stärkste
befestigen zu lassen, und hier liess er eine der zahlreichsten Besatzungen von
Persern.
    Er verfügte sich nach Basra, dem Sitze der Seehandlung des Reiches. Erliess
sich aufs genaueste unterrichten, was für Kaufleute dahin kämen, was sie für
Waaren aus den Morgenländern brächten, was wiederum von Persien ausgeführt
würde. Er nahm Entwürfe mit, wie auch auf der See der persische Namen furchtbar
gemacht werden könnte, und hoffte die Obermacht in dem Meerbusen ernst zu
behaupten. Er sah ein, wie nachteilig es für Persien war, dass man lauter fremde
Schiffe zu Basra sah, und die Perser von der Willkühr der Ausländer abhingen,
die ihre Waaren in ihrem eigenen Preise den Persern aufdrangen, und hingegen sie
nötigten, die Waaren des Reiches ihnen niedriger, als ihr Wert war, zu
überlassen; weil das Reich keinen andern Ausweg hatte, die Früchte der Natur
oder der Kunst auszuführen. Aber Usong war zu Einsichtsvoll, als dass er alles
auf einmal übernommen hätte, und Portugalls Seemacht hinderte unter seinen
Nachfolgern Persien, die seinige zu vergrössern.
    Von Bagdad kam der Kaiser nach Jondisabur, dem ehemaligen Sitze der
Wissenschaften unter den Sassanischen Herrschern, das aber nunmehr verfallen,
und öde war; und nach Suster, dem prächtigen Sitze des grossmächtigen Ahaswers.
Er eilte über Tschehelminar nach Schiras zurück, um bei der Niderkunft seiner
Gemahlin gegenwärtig zu sein.
    Er gab der Tochter, die sie ihm schenkte, den Namen Nuschirwani: sie sollte
ein neues Pfand sein, dass er sich den grossen Herrscher zum Vorbilde nähme, der
diesen Namen getragen hätte. Gerecht im Frieden, siegreich in den Kriegen
aufmerksam auf alle Teile des allgemeinen Wohlstandes, war Nuschirwan gewesen,
und war nunmehr Usong.
    Der zarte Bau des Leibes, der mit dem sanften Gemüte der Kaiserin
übereinstimmte, litt bei ihren Niederkunften, und den Geburten der Nuschirwani,
und her zwei Fürsten, die auf dieselbe folgeten. Liosua nahm täglich ab; sie
überwand aber die Schwachheit ihrer Glieder, und zeigte dem Kaiser nichts als
die angenehme Gelassenheit, die allem ihrem Wesen angebohren war. Sie bat sich
einmal seine Gesellschaft aus, und wies ihm ihre Seidenhecken, ihre
Porcellanöfen, ihre Baumwollenmalereien, und die übrigen Anstalten, die unter
ihrer Aufmunterung erwachsen waren. Der Kaiser sah mit Vergnügen ein, dass die
blosse Natur ohne einige Hülfe der Kunst zureichte, das kostbare Gewürme
auszuhecken, und sein Gespinnst zum brauchbaren Stande zu bringen. Er berechnete
leicht, mit der richtigen Einsicht, die ihm eigen war, dass diese Seide
wohlfeiler, als die von zahmen und mit Menschenhänden gefütterten Würmern
erzielte Seide, und folglich eine Waare sein würde, die Persiens Seidenstoffen
einen Vorzug geben müsste. Er liess die Erfindung, in freier Luft auf den Bäumen
die Würmer, ohne Zutun des Menschen, spinnen zu lassen, durch alle seine
Abgesandten bekannt machen, und verteilte durch die bequemsten Provinzen einen
Teil der chinesischen Arbeiter, die den Persern die leichten Handgriffe zeigen
sollten, zu dieser freiwilligen Gabe der Natur zu gelangen.
    Eben so vergnügt war er mit den vortreflich gemahlten, und an Feinheit alle
abendländische Webereien übertreffenden baumwollenen Zeugen, deren Farben
unnachahmlich schön waren. Er gab das Beispiel, sie zu leichten Sommerkleidern
zu brauchen: der Hof und das Volk, das seinene Kaiser anbetete, verschaften den
Werkhäusern einen solchen Abgang, dass man die Arbeiter vermehren, und neue aus
China verschreiben musste. Persien gewann dabei grosse Schätze, die sich sonst
jährlich nach Masulipatan und Surat verloren hatten.
    Der Kaiser sagte zu seiner Geliebten, indem er sie innig umarmte: die
Hütten, die meine Liosua hat aufführen lassen, sind dem Reiche nützlicher, als
die Riesensäulen zu Tschehelminar, und als die Pyramiden zu Gize. Die wahre
Grösse ist im Nutzen, und derjenige Fürst verherrlicht seinen Namen, der die
Untertanen durch Fleiss und Anschlägigkeit glücklich macht. Denn es wäre ein
Unsinn, wenn eine Königin der Peris18 mir schon Häuser voller Gold und Diamanten
zuwürfe, und ich dadurch jeden Perser reich, und alle Arbeit entbehrlich machen
wollte. Ich wünsche mir ein wohlhabendes Volk, aber das bloss durch seine Arbeit
reich werde. Liosua bereichert Persien zugleich an neuen Künsten, und an
ersparten Schätzen.
    Die Kaiserin besass alle Gaben des Verstandes: sie machte sich die persische
Sprache in kurzer Zeit eigen, und da sie in den Gedichten des Saadi eine
Aehnlichkeit mit der Weisheit der Chineser gefunden hatte, so liess sie dem
Sittenlehrer, dessen Ueberbleibsel nahe bei Schiras lagen, ein ansehnliches
Grabmal aufführen: sie hiess sein Lob auf eine marmorne Spitzsäule schreiben, und
bestellte zu seinem Grabe einen gelehrten Mollah, der alle Tage einige Verse des
weisen Dichters der Jugend vorlesen, und darüber Erklärungen beifügen sollte,
welche die Tugend reitzend abmahlten.
 
                                    Fussnoten
1 Intendans nennt sie Ohardin; Missi dominici hiessen sie bei den Karlowingen.
2 Das Neujahrsfest.
3 Dieses wurde im 17. Jahrhunderte von einem weisen Wazir für ein allgemeines
Unglück gehalten.
4 In Persien eilten noch im vorigen Jahrhunderte, nach einer allgemeinen
Landplage, die Landleute an den Hof, und legten dem Kaiser die ledigen Aehren
und die Heuschrecken vor, von denen ihre Aecker waren verwüstet worden. Sie
erhielten allemal eine Nachlassung.
5 Ich glaubte, wie ich dieses schrieb, dem Herrn Poivre in seinem Voyageur
philosophique, China kenne keine andere Auflage als die Landsteuer. Aber P.
Navarette, der lang in China gelebt, und die Sprache verstanden hat, belehrt
mich nunmehr eines andern. Man hat in China eine Kopfsteuer, man bezahlt Zölle,
und andre Auflagen. Nur in Indostan ist freilich die Landsteuer die einzige
Auflage, die aber unter den jetzigen fremden und harten Herrschern bis auf
sieben Zehntel der ganzen Landesfrüchte gestiegen ist, und dennoch die Höhe noch
nicht erreicht hat, auf welche die Landsteuren in verschiedenen Provinzen
Frankreichs gebracht worden sind.
6 Ein Fluss im Koromandel, mit welchem man die Reissfelder wässert.
7 Nach einer mässigen Berechnung Omina belaufen sich diese Einkünfte auf
1,500,000 Mark Silbers.
8 In einem Lande dessen Einkünfte durchgehends in den Früchten des Landes
bestehen, kann die einzige Steuer angehn: In Holland, wo die Manufacturen einen
eben so grossen Teil der Steuern aufbringen müssen, wäre die Landsteuer
unzureichend.
9 Ist der grosse Cosroes der Griechen, der Ueberwinder des Belisarius, dessen
Siege, aber die Perser minder verehren, als seine Gerechtigkeit.
10 Die Abendländer nennen anstatt der Kurden die Turkumannen. Diese wilden
Räuber scheinen aber der Kriegszucht unfähig, und die Kortschi waren lange die
tapfersten Völker von Asien. Saladin und Kelaun, zween Stammväter egyptischer
Soldane, waren beide Kurden.
11 Schach Abbas konnte zu Tabris sechzigtausend Mann den fremden Bottschaftern
auf einmal zeigen, davon keiner ein eigentlicher Soldat war. Della Valle.
12 Fürst vom Geblüte bei den Tschengiden.
13 Dem Flusse der durch Schiras läuft.
14 Adrianopel.
15 Um Tschelminar sieht man verschiedene Feuertempel der Gebern.
16 Aus der arabischen Geschichte des Oklei.
17 Medien.
18 Feien der Mahometaner.
 
                                 Drittes Buch.
Usong liebte den Frieden, weil er sein Volk liebte; aber die Ehre Persiens war
ihm noch teurer als der Frieden, weil ohne dieselbe kein Friede bestehen
konnte. Er sah sich gezwungen, zu den Waffen zu greifen. Zeno wurde zu Halep von
einem gierigen Stattalter des neuen egyptischen Soldans angehalten, mishandelt,
und eines Teils der Geschenke beraubt, die er nach Venedig bringen sollte.
Ungeachtet Usong dem Zeno einen Abgeordneten mitgegeben hatte, der mit ihm nach
Venedig reisen musste, und allen Vorstellungen zuwider, die der Perser bei den
zirkassischen Räubern tat, war weiter nichts zu erhalten gewesen, als dass Zeno,
halb geplündert entlassen wurde.
    Usong konnte die Beleidigungen nicht ungeahndet lassen, die dem Botschafter
einer freundschaftlichen Macht widerfuhren, der unter seinem Schutze gereiset
war. Er konnte auch die Gemeinschaft mit Venedig nicht entbehren, die zu seinen
grossen Absichten unentbehrlich war. Er schickte einen der Hauptleuten seiner
Leibwache, den Merwan, einen gesetzten und standhaften Perser nach Alkahirah. Er
stellte dem ohnlängst erwählten Soldan Ol Malek ot Taher vor, Persien und
Aegypten seien durch die Natur selbst verbündet, da sie beide einen
gemeinschaftlichen Feind an den Osmannen hätten. Das gute Verständnis, das
zwischen Persien und Venedig herrsche, hätte eben die Absicht, ein Gegengewicht
wider die zunehmende Macht dieses unternehmenden Reiches auszumachen. Usong
verlangte bloss, dass der Soldan seines Stattalters Frevel für ein Unrecht
erklärte, woran er selbst keinen Anteil hätte.
    Der Stattalter von Halep war einer der vier und zwanzig Fürsten, die aus
Sclaven zu Herren von Egypten worden waren. Er stund unter seinen Brüdern in
grossem Ansehen, und er hatte zu der Erhebung des Soldans nicht wenig
beigetragen. Dieser gekrönte Sclave hatte weder den Willen, noch den Mut, die
Uebeltat seines Freundes zu bestrafen. Er liess den Abgeordneten des Kaisers
lang ohne Antwort, und gab endlich eine Entschuldigung für die Beraubung des
Zeno, die fast so beleidigend, als die Tat selber war. Am ägyptischen Hofe
hatten keine gesetzten Beratschlagungen Platz. Der Soldan müssigte sich vom
Genusse seiner Wollust selten ab, und dann nahm er eine schleunige
Entschliessung, wie sie ihm von den Verschnittenen, oder von einem gefürchteten
Bei angeraten wurde.
    Merwan eilte nach Schiras, und Usong machte, so ungern er das Blut der
seinigen versprjetzte, Anstalt zum Kriege. Die unter den Zelten dienenden Kurden
wurden aufgeboten. Zu Tabris stiess eine auserlesene Reuterei aus Georgien zum
Lager, und die Hälfte der persischen stehenden Völker führte der Kaiser an, der
die wenigen Büchsenschützen mitnahm, die er selbst unterrichtet hatte. Das
auserlesene Heer vereinigte sich in den fetten Wiesen von Aderbeitschan. Usong
führte es durch Erbil und Merdin gegen Halep und drohete der Stadt Orsa, die
unter dem Soldan stund. Dschuneid eilte mit den freiwilligen Arabern zu seinem
Freunde.
    Die alten Zirkassen waren zwar durch die Wollüste von Aegypten erweicht, da
aber alle Jahre neue Schwärme von Nogaiern, und Crimeern, von Kabardinern und
Zirkassen die mamelukischen Völker ergänzten, so unterhielten diese rohen Leute
den Mut der Nation durch die Herzhaftigkeit, die unverdorbener Völker Vorzug
ist. Der Soldan kam mit einem mächtigen Heere, worinn viel Geschütz, und ganze
Schaaren mit Feuerröhren bewafnet waren.
    Usong kannte seine Perser. Dieses sinnreiche und nicht unedle Volk ist dem
Triebe der Ehre gehorsam, und fällt den Feind tapfer an, aber sein Mut sinkt
beim Unglück allzuleicht. Er nahm eine vorteilhafte Stellung, und liess durch
seine Reuterei täglich kleine Treffen wagen, worin der persische Säbel, und die
bessere Ordnung der Glieder, fast allemal den Sieg erhielt. Er brachte hierdurch
seinem Heere ein Zutrauen zu sich selber bei, und machte es dem Feinde
fürchterlich. Täglich liess er seine Völker vor dem Lager ausrücken, und sich in
Schlachtordnung stellen. Die Aegyptier taten ein gleiches; ehe es aber zum
schlagen kam, zog Usong seine Völker ins Lager zurück, das durch verschanzte
Anhöhen bedeckt, durch das grobe Geschütz beschirmt war, und keinen Angriff zu
befürchten hatte. Zehn Tage nach einander rückte er vor, und zog wiederum
zurück, bis endlich die Zirkassen dieser unbedeutenden Bewegungen gewohnt
wurden, und es als ein Spiel ansahen, wann schon die Perser in ihrer
Schlachtordnung ausruckten. Aber den eilften Tag, da die Mammeluken nunmehr
sicher geworden waren, rückte Usong zwei Stunden vor dem Aufgange der Sonne aus,
und da dieselbe eben ihre ersten Strahlen zeigte, gab er das Zeichen zum
Angriffe. Persiens Sinnbild war die aufsteigende Sonne. Usong rief den Häuptern
seines Heeres zu: denkt dass Persien auf euch sieht, eure Taten zählt, und mit
ewiger Hochachtung belohnen wird. Das Wort war Persiens Ehre. Die Perser
brachen, wie neu beseelt in die unbereiteten Feinde, viele tausende fielen, und
die übrigen verliessen ganz Obersyrien und Halep1 dem Ueberwinder.
    Usong führte sein siegendes Heer durch die schönsten Provinzen Asiens, gegen
Syrien hin: seine Absicht war aber nicht, Aegypten allzusehr zu schwächen, ein
Reich, das er als eine Vormauer von Persien ansah. Er erfuhr mit Vergnügen, dass
Abgeordnete von Alkahirah kamen, und Friedensvorschläge taten: Usong foderte
nach dem Siege nicht mehr, als er zuerst gefodert hatte: der Stattalter von
Alep wurde seiner Würde entsetzt, er verlohr seine Stelle unter den vier und
zwanzig Fürsten: man suchte die Kostbarkeiten zusammen, die man dem Zeno
entwendet hatte, und gab sie zurück. Nur machte Usong es zum Bedinge des
Friedens, dass seine Unterhandlungen mit Venedig künftig ohne Hindernis durch die
Länder und Häfen des Soldans fortgesetzt, und Leute und Waaren frei
durchgelassen werden sollten. Der eroberte Teil von Algezira blieb den Persern.
    Usong hatte seinen Zweck erreicht, des Reiches Ruhm war behauptet, und die
edle Absicht war fast ohne Blut erhalten worden. Er verlangte keine mehrere
Länder, da Persien auch für einen grössern Ehrgeitz weit genug war; er entliess
die Gefangenen, und verteilte sein Heer in den Flächen um Tabris. Aber ehe es
sich trennte, teilte er angemessene Geschenke und Ehrenbezeugungen unter die
Fürsten, unter die Befehlshaber, und unter die Gemeinen aus: er hatte sich genau
nach jeder lobwürdigen Tat erkundigt, und liess keine unbelohnt. Er sprach zu
den Verdientesten selbst, er dankte ihnen im Namen Persiens, und die Feldherren
mussten dem ganzen Heere des Kaisers Vergnügen und Hochachtung bezeugen.
    Der Kaiser eilte in die Arme seiner Liosua, und fand die chinesische Colonie
mit vielen neuen Künstlern vermehrt. Der Abgeschickte war zurückgekommen, und
Briefe vom weisen Liewang warteten auf den Kaiser. Der ehrwürdige Zongtu hatte
alle seine Aemter niedergelegt, und sich nach Kiosö, in die Geburtsstadt seines
grossen Ahnherrn des Kong-fu-tse begeben, wo er, wie er sagte, über den Uebungen
der Weisheit den Tod erwartete. Er liess merken, dass das Verderben am Hofe
zunahm. YngZong war ein Kind, die Tataren verwüsteten das Reich, der Kaiser
selbst wurde eine kurze Zeit hernach von den Mongalen in einer Hauptschlacht
gefangen, und in die Tatarei weggeführt. Liewang sah den Untergang des Reiches,
der zwar lange hernach erst vollendet wurde, dessen Ursachen aber schon jetzt
wirksam und unheilbar waren.
    Von Timurtasch kamen auch Nachrichten, der an den Siegen einen grossen
Anteil hatte, die über China errungen wurden. Aber Usongs Wohlstand vergnügt
mich mehr als alle Siege, sagte der liebende Vater.
    Zu eben der Zeit kam ein angesehener Araber mit einem Schreiben vom
ehrwürdigen Hassan: er hatte Befehl es in die eigenen Hände des Kaisers
abzugeben. Der alte Alide wünschte dem Sohne seiner Liebe zu allem dem Guten
Glück, das die Welt an ihm rühmte. Eines fehlete an der Vollkommenheit seiner
Einrichtungen; Hasan fände nicht, dass etwas für die Religion wäre getan worden.
Die Meschiden waren öde, man hörete kein Wort der Vermahnung. Das Volk
verwilderte, es vergässe nicht nur den Propheten, sondern Gott selber.
    Usong hatte für das höchste Wesen die aufrichtigste Ehrerbietung: von des
Propheten Wundern war er nicht überzeugt, ob er wohl glaubte, die Welt sei dem
Mahomet verpflichtet, weil er dem Götzendienste Einhalt getan, und seine Araber
den einigen Gott anrufen gelehrt hätte. Er hatte auch den Gottesdienst nicht
vergessen; zu wohl wusste der weise Herrscher, dass die Religion das wahre Band
der menschlichen Gesellschaft ist, dass sie die sterblichen zu Brüdern macht, und
dass sie die Völker am kräftigsten gewinnt, dem Fürsten als dem Stattalter
Gottes zu gehorchen. Zu sehr hatte er sich in China überzeugt, dass ohne die
Furcht des obersten Wesens die Menschen zwar eine äusserliche Ehrbarkeit
beobachten, aber ihren Begierden kein genugsam kräftiges Gleichgewicht entgegen
setzen können.
    Hassans Klagen waren gegründet. Aber Usong hatte die Unmöglichkeit erfahren,
würdige Diener der Gotteit zu finden. Er traf in Persien keine Schulen an, wo
man ein Lehrer der Religion bilden konnte, und keinen Imam, dessen Wissenschaft
und Sitten die Würde gehabt hätten, die zu einem Vorsteher des Gottesdienstes
erfodert wird.
    Usong bat den ehrwürdigen Aliden, dass er selbst die Anstalten möglich machen
wollte, die er so eifrig anriet. Er möchte unter den frömmsten in Arabien
Männer aussuchen, die man bei den Meschiden2 der Hauptstädte dem Gottesdienste
vorsetzen könnte. Er möchte auch um Gelehrte sich bemühen, die der Jugend die
Gesetze des Glaubens und andere Wissenschaften beizubringen fähig wären. Usong
erkannte die äusserste Notwendigkeit, das Herz und den Verstand des Volkes zu
bilden, und zu verbessern. Er verbarg aber dem eifrigen Hassan nicht, dass sein
Absehen auf den Dienst eines einigen Gottes, und nicht auf die Zänkereien
zwischen den Secten der Gläubigen gienge: und bat seinen alten Freund, auf
Männer zu sehen, zu deren Auswahl, des wahren Gottes Kenntnis, und ein
gottesfürchtiges Leben die einzige Absicht wären. Er verachtete die unschuldigen
Gebräuche, und das gottesdienstliche Waschen nicht, nur dass er für kindisch
hielt, Gott mit etwas gefallen zu wollen, das auch von einem bösen Herzen
verrichtet werden könnte.
    Er liess indessen die Meschiden in den Städten wieder in den Stand setzen,
dass die Gläubigen sich in denselben versammeln konnten. Er suchte durch seine
Abgesandten ehrbare Männer auf, die an den Feiertagen diejenigen Abschnitte des
Korans dem Volke vorlasen, die Mollah Abdul von Tabris3, und Mollah Mahomed Raze
Emuni, der Schüler desselben, ausgezeichnet hatten: und worinn die grossen
Eigenschaften Gottes, die Pflicht sich nach der Vorschrift des obersten Wesens
zu bilden, und die Mittel angezeigt wurden, zu diesem heilsamsten der Zwecke zu
gelangen. Er erlaubte diesen Vorlesern, aus den allgemeinen Gesetzen der Natur,
und aus der Sittenlehre, die Beweggründe beizufügen, die im Koran mangeln
möchten. Die fünf täglichen Gebete wurden allen Gläubigen anbefohlen.
    Allen Dienern des Gottesdienstes wies Usong einen genugsamen Lebensunterhalt
an: sie erhielten den zehnten Teil der Landsteuer: Usong wollte ihnen aber
weder das Richteramt übergeben, wie es bei den Osmannen eingeführt war, noch sie
dem gewohnten Richterstuhle entziehn. Er hatte in der Geschichte der Abendländer
gesehen, was für entsetzliche Folgen der Fehler der nazarenischen Fürsten gehabt
hatte, durch deren Schwachheit die Geistlichen zu einem eigenen Orden, und
endlich zu einem Reiche erwachsen waren, welches das Volk von Mitteln
erschöpfte, alle Freiheit unterdrückte, und den Tron der Fürsten umzustürzen
stark genug war, die dem Gehorsam gegen das Oberhaupt der Priester Schranken
setzen wollten. Der oberste Mollah an der Meschid des Kaisers war in Persien
nicht sowohl das Haupt der Geistlichkeit, als des Fürsten Oberaufseher über
dieselbe.
    Hassan erfuhr, wie schwer es war, Menschen zu finden, deren Herz von den
Wahrheiten durchdrungen wäre, die ihr Mund lehrete. Er tat aber, was ihm das
allgemeine Verderben zuliess; er wählte selbst die ehrbarsten Geistlichen aus, er
lockte aus den Einöden diejenigen Weisen, die sich ganz der Betrachtung
übergeben hatten, und die kleine Zahl, die er hatte auswählen können, schickte
er, nachdem sie durch ihn selbst geprüft worden waren, dem Kaiser zu, der ihnen
die königlichen Meschiden in den vornehmsten Städten übergab. Die meisten waren
Aliden aus dem Geschlechts Hassans, des Propheten, und ihre Nachkommen behielten
auch noch lange hernach die oberste Stelle unter der Geistlichkeit.
    Mit grösserm Fortgange richtete Usong überall in den Städten Schulen auf.
Der Perser ist scharfsinnig, und zu den Wissenschaften von Natur zubereitet, die
zur Sittenlehre, zum Witze, und zur Rechenkunst gehören. Das Reich hatte
erhabene Dichter, gründliche Sittenlehrer, und grosse Sternkündiger zu allen
Zeiten erzeugt. Usong richtete auch obere Schulen auf, in welchen anshnlichere4
Männer, auch wohl die Grossen von Persien, die höhere Aemter bedient hatten, der
Jünglinge weitere Ausbildung übernahmen, und die Jugend war eben so bereit, die
Lehren der Weisheit anzuhören. Des Kaisers gnädige Aufsicht, und seine
Aufmerksamkeit, die geschicktesten Jünglinge zu befördern, gab allen Anstalten
ein wirksames Leben. Er liess sie in den Wissenschaften, denen sie oblagen,
öffentliche und unvermutete Proben über Fragen ablegen, die ihnen durchs Loos
vorgelegt worden waren. Er selbst, und wo er nicht sein konnte, sein
Abgesandter, waren bei den Proben gegenwärtig: das Verhalten der jungen Leute
wurde öffentlich in Gegenwart aller Anwesenden in Bücher eingetragen, und wer
dreimal ein rühmliches Zeugnis verdient hatte, konnte seiner Beförderung gewiss
sein. Usong liess aus solchen Jünglingen Richter nehmen, die drei Jahre bei dem
nächsten Gerichtshofe zuhören mussten, und nach einer neuen, aber auch
öffentlichen Probe, wirklich auf die Bank zu sitzen kamen. Der Kaiser hatte die
chinesische Einrichtung gesehen, aber er verhütete, dass Bestechung und Geschenke
nicht der Ungeschicklichkeit den Ruhm zukünsteln konnten, der die Belohnung des
wahren Verdienstes sein soll.
    Usong hoffte von dem Zulaufe der neugierigen Perser, und von ihrem scharfen
Witze, welcher der bemerkten Fehler zu schonen nicht gewohnt war, diese
öffentlichen Proben würden dem Einflusse der Gunst und der Geschenke vorbeugen.
Jeder Richter, jeder Abgesandter des Kaisers musste sich schämen, vor kundigen
Zeugen ein Urteil über die Fähigkeit eines Geprüften einschreiben zu lassen,
das der Wahrheit entgegen wäre. Die allgemeinen Grundsätze des Kaisers waren,
streng zu strafen, wer ihn zu betriegen sich unterstand, und hier konnte der
Betrug sich nicht verbergen, eine ganze Stadt hatte über die Proben die
Aufsicht. Das Loos hinderte gleichfalls alle strafbare Begünstigung: es wurde am
Abend geworfen und versiegelt, und sobald die Sonne aufgieng, erfolgten die
Proben.
    Aber Usong errichtete noch andere Schulen, davon Persien kein Exempel bei
einem andern Volke gefunden hatte. Er liess grosse5 Gebäude aufführen, in welchen
verschiedene Künstler mit kaiserlichen Besoldungen unterstützt für den Hof
arbeiteten: er zog diejenigen Künste vor, wobei eine gewisse Erfindungskraft
erfordert wurde, und worinn der Verstand, und nicht einzig die Uebung, der Kunst
eine mehrere Vollkommenheit geben konnte. Er erhielt Mahler und Baumeister: man
fand in eigenen Wohnungen andere Künstler, die aus Stahl und Erzt Gewehre für
den Kaiser zubereiteten; andere stickten und ahmten mit Seide die Blumen der
Natur nach; andere fassten mit Geschmack die Edelsteine des benachbarten
Indostans, und die persischen Perlen in Gold und Silber ein; noch andere woben
Sammte, deren Güte kein ander Volk erreichen konnte; wiederum andere gaben der
Seide und der Wolle die Hellesten und dennoch beständigsten Farben, die den
erfahrnen Europäern mangeln. Die geschicktesten wurden ansehnlich besoldet, und
der Lohn von aller ihrer Arbeit wurde ihnen unvermindert überlassen, sie waren
auch der kaiserlichen Güte für ihr ganzes Leben gewiss. Durch diese weise Anstalt
erhielt Persien auf einmal nicht nur eine Menge wirklich ausnehmender Künstler,
sondern auch eine vortrefliche Schule für das ganze Reich. Es genoss mehrere
Jahrhunderte nach dem Tode Usongs die Früchte seiner Weisheit. Da sonst die
Perser keine Erfinder sind, und die Bequemlichkeit den Gebrauch ihrer Gaben
dämpfet, so konnte man durch fremde und einberufene Erfinder, und durch
anschlägige Europäer, den Persern Muster vorstellen, die ihre nachahmende
Gemütsart zu leiten dienten. Man konnte von jedem Reiche Vorgänger in
denjenigen Künsten borgen, die in denselben einen bekannten Vorzug besassen.
    Persien brachte es in der Tat in vielen Künsten auf eine ansehnliche Höhe.
Man verfertigt daselbst noch heut zu Tage die kostbarsten Goldstücke. Man webet
zu Yezd Stoffe, deren Zoll auf vier und zwanzig6 Unzen Silber zu stehen kömmt.
Die persischen Tapeten sind ein Zierat für alle Reiche der Welt. Die
halbdurchsichtigen feinen irdenen Geschirre wurden härter als die von
Tschingtetsching, und die Farben höher. Die Gärberei, das Drechslen, die
zinnernen und küpfernen Gefässe, die Waffen, der Bogen, die Stahlarbeit, haben
in Persien einen Varzug vor dem ganzen Morgenlande. Die Seide machte in den
folgenden Zeiten die reichste Waare zur Ausfuhr von Persien aus: das Reich nahm
für dieses kostbare Gespinnst jährlich über tausend Centner Silber ein. Alle
diese Quellen ersetzten, was Persien aus andern Ländern zur Notdurft, oder zur
Pracht bedurfte, die so vieles überflüssiges zur Notwendigkeit macht: es
bereicherte sich, und zugleich seinen Beherrscher.
    Auch nicht das bloss Angenehme entgieng des Kaisers Aufmerksamkeit. Er liess
zu Schiras, und hernach zu Tabris und zu Ispahan, königliche Gärten anlegen.
Hohe Reihen von schattigten Tschinaren, reine Wasserleitungen, sprudelnde
Springbrunnen, reiche Fruchtbäume, wurden dem Volke zur Lust zubereitet; denn
der Kaiser verbot, einen Perser zu hindern, das Vergnügen in seinen Gärten, oder
das Obst zu geniessen, das für sein Volk gepflanzet war7.
    Persien fühlte nach und nach sein neues Wohlsein, und aus allen Provinzen
kamen vergnügende Nachrichten ein. Die unterirdischen Wassergräben waren
erneuert, die Persiens Nil sind, und ohne die es eine dürre Wüste wäre. Sie
werden mit einer diesem Volke eigenen, und durch die Notwendigkeit vollkommen
gewordenen Kunst, zwölf Faden tief unter der Erde eine ganze Tagreise weit
fortgeführt. Man hatte auch verschiedene neue Quellen in den bergigten Teilen
Persiens entdeckt, und Strecken Landes fruchtbar gemacht, die verlassen gewesen
waren. Um den Bendemir, um den Senderud, und um andere persische Flüsse war die
Fläche zu einem unermesslichen Garten geworden, da nunmehr das lechzende Erdreich
die erquickende Kraft des Wassers empfand. Zu diesen Ländern fanden sich bald
Einwohner, die das Glück suchten, unter einer gütigen Herrschaft zu wohnen. Die
Bücher, worinn die zinsbaren Ländereien den Zahlen und der Ordnung der
Wassergräben nach eingetragen waren, schwollen täglich an. Persien erhielt neue
Bürger, und die Einkünften der Krone vermehrten sich mit den Kräften des Reichs,
und dem Glücke des Untertanen.
    Usong entschloss sich zu einer neuen Reise: sie war mühsam und gefährlich:
aber eine jede Pflicht war für diesen Fürsten eine Notwendigkeit, von welcher
keine Schwierigkeit ihn lossprechen konnte. Er nahm seinen Weg gerade nach
Kerman: diese Provinz war ohne Wasser, und fast ein blosses Sandmeer, wo die
Winde die Strassen alle Augenblicke mit neuem Sande bedeckten. Usong musste das
nötige Wasser auf Kameelen nachtragen lassen; er wollte aber nicht, dass jemand
nach ihm leiden sollte, was er selber gelitten hatte. Er liess Brunnen aufgraben,
die an entfernten Stellen aus einigen Felsen sparsam quollen; er befahl
öffentliche Ruhstätte nach der Gewohnheit der Morgenländer bei den Wassern zu
bauen, und die Strassen wurden mit hohen Säulen ausgezeichnet, die so nahe an
einander gesetzt wurden, dass man allemal die nächstfolgende sehen konnte.
Siebenzehn Tage hatte er ohne alle Bequemlichkeit unter dem schwülsten Himmel
zugebracht, da er Kerman, ein zerstreutes Dorf erreichte.
    Seine gütige Absicht war belohnt worden. Die fast ganz verödete Landschaft
war nunmehr bebaut und bewohnt. Die Gebern hatten das Gebiet der Patanen8 und
Balluschen9 häufig verlassen, und unter dem Schutze Usongs ein ruhiges Leben
gesucht. Ihr Fleiss hatte die Erde verbessert, sie war wie ein Garten bebaut, und
die Wüste selbst wimmelte von unzählbaren Schaafen, deren feine Wolle beim
Gebrauche des frischen Grases von sich selber abfällt; ein neuer Reichtum für
Persien, der fast dem Werte der Seide gleich kömmt. Denn die leichten, aus
dieser Wolle gewobenen, Zeuge werden den seidenen gleich geschätzt. Usong fand
auch feine irdene Waare, die man daselbst verfertigte.
    Er hatte hier einen Streit zu schlichten, der zwischen seinem Abgesandten
und den Benjanen entstanden war. Der Abgesandte foderte dieses älteste unter den
Völkern auf, in seiner Reihe die Waffen zu tragen, und sich in denselben zu
üben. Die Benjanen verabscheuten alles Blutvergiessen, und folglich die
Werkzeuge des Krieges, die Waffen. Usong erinnerte sich, dass sie die
nützlichsten Untertanen von Persien waren; er wollte sie zu nichts zwingen, das
ihr Gewissen beleidigte. Nimmermehr, sagte der Gütige, muss man die Menschen in
die Versuchung setzen, zwischen dem zeitlichen und ewigen Wohl zu wählen. Er
entliess die Friedliebenden vom Tragen der Waffen, gegen eine kleine Auflage, die
man auf jeden Kopf legte, und die unter die Perser verteilt wurde, die allein
die Last der Waffen tragen sollten. Die Benjanen warfen sich zu des Usongs
Füssen, und verehrten den Nachfolger des Cyrus und des Gustasps10.
    Usong eilte von Kerman durch eben dergleichen öde Sandfelder nach Gomron. Er
sah die Hengisehstaude, und den geduldigen Geber täglich eine neue Scheibe von
der entblösseten Wurzel abschneiden, deren Saft zu einer in Indien
hochgeschätzten Waare wurde, und eine Quelle des Reichtums der Perser war. Aber
die Kräfte des zu allem Ungemach abgehärteten Usongs reichten doch nicht zu, der
schwülen Luft, dem schlechten Wasser, und den giftigen Dünsten der Erde zu
widerstehen: er fiel zu Gomron an einem gefährlichen Fieber krank, da er eben
die Perlenfischerei zu Bahrein selbst besehen wollte. Man trug den schmachtenden
Kaiser unverweilt in die Palmenwälder, die am Fusse der Berge Genau und Gerun
liegen, wo die Luft gesund ist, wo die reinsten Bäche die Erde erfrischen, und
ein beständiger Frühling herrscht. Er kam kaum noch atmend in diese glückselige
Gegend; aber die erfahrnen Aerzte von Lar11 setzten dem tödtlichen Fieber die
Zitronen dieser heissen Gegend, und der kühlenden Melonen labendes Wasser
entgegen: und die Veränderung der Luft dämpfte langsam das Feuer, das Usongs
Lebenskräfte verzehrte.
    Im ganzen Reiche erscholl die Gefahr des Kaisers, und das eilfertige Gerücht
kündigte bald darauf seinen Tod an. Ganz Persien zitterte über den
unersetzlichen Verlust: das Reich hatte vieler Menschen Leben durch unter bösen
Fürsten gelitten, kein Greiss konnte sich an einen Herrscher erinnern, der nicht
ein Tyrann gewesen wäre. Und nun sollte es den Herrn verlieren, dessen erste
Jahre das Reich nur für die Morgenröte hielt, die vor dem fruchtbarn Tage
hergieng, in welchem eine segenreiche Sonne mit vollem Glanze über Persien ihre
Strahlen ausschütten würde. Die Mütter riefen ihre Kinder zum Flehen auf; wir
müssen vor euch sterben, aber nun stirbt auch der, der nach unserm Tode euer
Vater gewesen wäre. Man schrie, der Gerechte, der Gütige, der Weise, der
Sieghafte, das Ebenbild Gottes wird uns entzogen, wer wird ihn ersetzen! Hundert
eilende Läufer rannten von allen Teilen des grossen Reiches, eine Nachricht vom
Zustande des Kaisers einzuholen, nach welcher man mit Zittern verlangte. Die
Stimme der Freude wurde nicht mehr gehört. Die Hände der Arbeit stunden still,
der Liebe Spiele verstummten, ein banges Erwarten herrschte durch das
erschrockene Persien, wie vor dem allgemeinen Gerichte.
    Man konnte die entsetzliche Zeitung der Kaiserinn nicht verheelen. Ich will
gehen, rief sie aus, und mit ihm sterben. Niemand kennte sie abhalten, die
gefährliche Reise zu unternehmen, die kein Dienst der Menschen erleichtern
konnte. Sie liess sich auf einen Palankin bringen, da weder Pferde noch Kameele
die unwegsamen Gebürge ersteigen können. Sie eilte, ohne sich einige Ruhe zu
gönnen, mit abgewechselten Trägern, über das Gebürge, an entsetzlichen
Abstürzen, wo der schmale Steg über den Felsen, und über die in der Tiefe kaum
sichtbarn Schlünde hängt: sie trank das bittere Wasser, das die Natur sparsam
hergibt: sie achtete die schwülen Winde um Lar nicht, die oft wie feurige
Schlangen den Reisenden im Augenblicke tödten: sie hauchte die heissen und
erstickenden12 Dünste, die aus der Erde steigen, und atmete die gesalzene Luft,
die einen unauslöschlichen Durst verursachet: sie setzte zu Kurestun über den
gefährlichen Bendemir, der oft wie ein Meer sich plötzlich ergiesst, und in
wenigen Stunden das ganze Land einnimmt: sie langte in unglaublicher Eile in den
Dattenwäldern an, und warf sich in die Arme ihres schwachen Gemahls. Nun, rief
sie, will ich leben, da ich meinen Usong wieder sehe.
    Des Kaisers fühlendes Herz vernahm nicht ohne Rührung die Liebe seines
Volkes, und sah nicht ohne die innigste Empfindung die alle Gefahren verachtende
Treu seiner Gemahlin: ihre Umarmungen, ihre holde Pflege, ihre unermüdet
sorgende Bemühung, ihm einige Erquickung zu schaffen, schienen ihm Kräfte zu
geben; er genas, wiewohl langsam, und liess sich noch schwach und verfallen nach
Schiras tragen.
    Hier versammelte sich ganz Persien. Alle Provinzen schickten ihre
angesehensten Männer, dem wieder auflebenden Kaiser die Verlängerung der Tage
anzuwünschen, die Persiens güldene Zeiten waren: sie brachten die wahren Opfer
der getreuen Herzen der Untertanen, und ihre Rührung strahlte aus den mit
Tränen glänzenden Augen. Tausend Freudensbezeugungen waren das allgemeine
Geschäfte aller Perser, und von den Tempeln so vieler verschiedenen
Glaubensgenossen stieg ein allgemeiner Dank zu dem obersten Wesen auf.
    Scherin, der Freund der Jugend Usongs, hatte mit dem Glücke der Perser
Sitten angenommen. Er hielt sich ein zahlreiches Harem, das mit den teuersten
Schönen aus Georgien bevölkert war, und fand in ihrem Genusse seine
Glückseligkeit. Innigst liebte er den Kaiser; an einem der Abende, die Usong
wechselsweise seinen Freunden gab, bat ihn Scherin, von einem aufrichtigen
Diener eine Frage anzuhören.
    Was kann Usong vom Scherin nicht anhören? was kann er ihm versagen? bin ich so
klein geworden, dass mich der Stolz undankbar mache? Scherin neigte sich: wir
danken dem Tien, der uns den Trost Persiens wieder schenkt: der auch dem Usong
Erben seines Trones gegeben hat, von denen wir die Tugenden des Usongs und des
Tschengis erwarten können. Aber die Ruhe der Welt beruht auf wenigen Augen. Wie
bald können durch die abissinische Krankheit die jungen Blumen verwelken, ehe
ihre Zeit kömmt, für Persien Früchte zu tragen. Warum entzieht sich der Kaiser
in seiner muntersten Jugend das Recht, das alle Beherrscher der Morgenländer
schon vor dem Cyrus genossen haben? warum schränkt er die Hoffnung der Erde auf
eine einzige Gemahlin ein? warum unterstützt er das Haus, nicht mehr des
Tschengis, sondern des würdigern Usongs, nicht mit mehrern Söhnen, die ihn die
Natur hoffen liesse?
    Mein Scherin, lächelte der Kaiser, gibt mir ein Zeichen seiner echten
Freundschaft, er wünscht den Usong so glücklich zu sehen, als er selbst ist.
Doch Usong ist es schon: er findet mehr Vergnügen im Umgange mit einer einzigen
Geliebten, die Reitze genug für ihn hat, aber deren Sitten, deren Auferziehung,
deren Witz, und deren Wissenschaft, sie zum Umgange angenehmer machen, als
erkaufte Sclavinnen, die nichts als die leichte Kunst zu buhlen gelernt haben.
    Aber Scherin kennt die chinesische Geschichte, er weiss das Ende der Enkel
des furchtbaren Timurs, er hat mit mir den Schutt des Palastes der Kalife zu
Bagdad besehen; er ist auch in den Abendländern mit mir gewesen. Scherin wird
sich erinnern, dass seit Jahrhunderten ein einziges königliches Haus unter den
Nazarenern durch das Schwerdt ausgelöscht worden13 ist, das war aber eine Tat
des unversöhnlichen Hasses eines gekrönten Priesters. Sonst sterben die
herrschenden Häuser auf dem Trone ihrer ersten Ahnen aus, oder stehen, wie die
Capetiden, viele Jahrhunderte durch unerschüttert.
    Oft habe ich überdacht, warum in China, in dem gesitteten, in dem gelehrten
China, der ein und zwanzigste Kaiserstamm herrsche; warum so manches
vergöttertes Haus mit allen seinen Zweigen, durch das Schwerdt ausgerottet
worden sei; warum es einem verwegenen Bonzenknechte so leicht gewesen sein möge,
die Enkel des Tschengis vom Trone zu verdrängen. Ich wiederhole eben die Frage
bei den Kalifen, bei den Gasnewiden, bei allen königlichen Stämmen in Asien,
davon noch keiner zweihundert Jahre im Besitze des Trones geblieben ist.
    Die Enkel der Helden, die ihren Stamm durch ihre grossen Eigenschaften auf
den Tron erhoben, sammlen sich ein Harem, sie finden in den Armen der Schönen
eine Glückseligkeit, die leichter zu erwerben ist, als die schwere Kunst, seiner
Untertanen Wohlstand zu ersorgen. Ein Kaiser fängt an schläfrig zu werden, noch
erwacht er zu Zeiten, und hat den Mut, seinen Schönen zu entgehen. Sein Sohn
schläft tiefer, und der Enkel erwacht nicht mehr. Der Monarch bleibt auch im
Alter ein Jüngling, was seine Veränderung sein sollte, wird sein Geschäfte. Die
Verschnittenen, die Wazire, die Häupter der Leibwache herrschen für ihn,
tausenderlei Unterdrückungen nehmen unter dem Schutze Gaben nehmender Grossen
überhand. Der leidende Untertan findet keine Hülfe, er hat sein ganzes Leben
durch den Kaiser nicht gesehen, und seine helfende Hand nie gefühlt. Eifersucht
und Furcht rät an, die Beschützer des Landes selber zu stürzen; die schwachen
Regenten verlangen nicht mehr kriegerische Feldherren, die ihnen gefährlich sein
könnten. Alle Arme der Regierung werden gelähmt: das Herz des Volkes ist
verloren. Hier wird ein Türke, eine Buide, der erbliche Oberherr der
angebeteten Kaliffen: dort stürzt ein Tschu den unentschlossenen Tauwang Timur
vom ersten Trone der Welt, und treibt ihn in die Wüsteneien Scytiens. Unter
den streitbaren Usbecken reiben die Enkel des mächtigen Timurs einander grimmig
auf. Musste nicht Ulugbeg, der weise, noch neulich von den Händen eines
Vatermörders sterben? Wo ist nun der Vorzug der vielen Frauen, der zahlreichen
Enkel?
    Usong hoffet, der junge Dschuneid werde durch den Unterricht weiser Männer,
und durch die Ermahnungen seiner vortreflichen Mutter, zu einem Fürsten
erwachsen, bei dem die Völker den Usong vergessen. Er schmeichelt sich sein
Stamm werde frei vom Brudermorde bleiben: und eine gute Auferziehung ist, nach
seinen Gedanken, die wahre Stütze eines herrschenden Erbhauses.
    Scherins Herz ergab sich nicht, das sanfte Gift der Wollust hatte ihn
bezaubert, aber sein Verstand fand keine Antwort.
    Doch wagte er noch einen Angriff auf seinen erhabenen Freund. Ist es
möglich, sagte er, dass Usongs Kräfte der Arbeit widerstehen, deren er sich
unterzieht? wird er nicht an den Jahren eines abgekürzten Lebens mehr Stunden
verlieren, als er jetzt sich selber, seiner billigen Erquickung missgönnt? Ist
denn der Tron ein Ort der Strafe, wovon die Ruhe verbannt ist, wo kein Lust dem
erschöpften Herrscher sich nähern darf?
    Das sollten mein Freund und ich überlegt haben, als wir von Anah auszogen,
unsere Hoffnungen bis zu Persiens Trone sich schwingen hiessen, und die
Besorgung so vieler Millionen Menschen ehrsüchtig übernahmen. Itzt ists zu spät,
sich der Mühe zu entziehn, die zur Pflicht geworden ist. Doch ich öfne dir mein
Herz. Ich fühle keine Last, mir ist der Zepter nicht schwer. Ich sehe jede
Stunde wie eine Gnade an, die das oberste Wesen auf mich fallen lässt,
tropfenweise fallen lässt, auf dass ich nicht viele Stunden auf einmal
verschwende. Aber eben diese Stunden sind gezählt, sie sind Schulden, die ich
gegen den Ewigen eingegangen bin, wofür ich Rechnung abzulegen habe. Mich rührt
kein Ehrgeitz, meinen Namen zu vergrössern, ich sehe das kindische des Nachruhms
nach meinem Tode in seiner verächtlichen Kleinheit. Aber jeden Tag will ich
anwenden, jede Stunde will ich etwas Gutes verrichten, jeder Gedanke soll das
Wohlsein Persiens zum Zwecke haben. So freue ich mich des Morgens, wie die ihrer
segnenden Macht bewusste Sonne, den Lauf eines Tages anzutreten, den ich mit
einer guten Tat auszuzeichnen hoffe: so freue ich mich jeden Abend, den
verstrichenen Tag mit nützlichen Handlungen bestreut zu finden: so werde ich im
Alter, wenn die Welt mich verlässt, auf mein angewandtes Leben zurück schauen,
und kummerlos sterben: ich werde nicht auf eine mit Müssiggang oder Lastern
verdornete Wüste, sondern auf ein Feld zurück sehen, woran ich mühsam
gearbeitet, und dessen Früchte ich erschwjetzt habe, den Zins, den ich dem Herrn
schuldig war, dessen Lehen mein Tron ist.
    Der Abgeordnete, den der Kaiser mit dem Zeno nach den Abendländern geschickt
hatte, kam endlich zurück. Er brachte Briefe vom Rate zu Venedig, und vom Zeno:
sie entielten die Vermehrung der Sorgen, die die Siege der Osmannen erweckten.
Ein nazarenischer König hatte mit Vorteil den älternden Morad bekriegt, und ihn
zum Frieden gezwungen, den der stille Morad um desto lieber eingegangen war,
weil er beschlossen hatte, den Tron seinem Sohne einzuräumen. Der christliche
König14 brach den beschwornen Frieden, auf das Anhalten eines mächtigen
Priesters, er drang bis ans schwarze Meer. Die Jenjitscheri kannten den jungen
Machmud noch nicht, sie glaubten, sein Arm wäre nicht stark genug, des Hunniaden
Schwerdte zu widerstehen. Sie erbaten vom Morad, dass er sich an die Spitze der
Osmannen stellte. Machmud wich bescheiden, stieg vom Trone, und focht unter
seinem Vater. In einer grossen Schlacht wankten die Osmannen, und Morad sah sich
dem Untergange ganz nahe. Er rief den Gott an, auf dessen angebetenen Namen die
Christen den Frieden beschworen hatten. Er bat, der Himmel wolle doch ein
Zeichen geben, dass die Untreu ihm missfiele, und andere Fürsten abschrecken, die
Versprechungen zu brechen, welche der Gotteit Namen geheiliget hätte. Der Mut
kam bei den wankenden Jenjitscheri wieder, der König wurde erschlagen, und der
gefürchtete Hunniade geriet in der Türken Hände15. Morad hatte nach dem Siege
den Tron wiederum verlassen, und beide Sultane hatten das in den Morgenländern
seltene Beispiel gegeben, dass die kindliche Ehrfurcht so stark als die
väterliche Liebe, und beide mächtiger als der Reiz des Zepters sein können.
    Der junge Monarch der Türken war im Lager geboren, und so feurig, als
gesetzt Morad gewesen war. Er dürstete nach Ruhm und Siegen. Man zweifelte
nicht, seine erste Unternehmung würde der Umsturz des Reiches zu Byzanz sein.
Venedig sah den Sturm im fernen donnern, und warnte nochmals den Kaiser.
    Man schickte ihm Modelle von neuen Erfindungen die Geschütze furchtbarer zu
machen, die kleinern Feuergewehre schneller abzuschiessen, und aus grossen
erztenen Mörsern schwere Kugeln, mit innerm Feuer schwanger, über alle Mauren zu
werfen. Einige Waffenschmiede von Brescia kamen mit dem Abgeordneten, die Usong
in seine neue Schule nötiger Künste aufnahm. Aber die Perser blieben bei ihrem
Bogen, den sie am besten von allen Völkern zu verfertigen wissen, und der unterm
Cyrus, wie sie meinten, Asien bezwungen, und unterm Nuschirwan Rom zum Zittern
gebracht hatte. Das grobe Geschütz war noch weniger nach dem Schwunge des
Gemüts dieses Volkes, und keine Aufmunterung war vermögend, sie in dem
Gebrauche desselben geübt zu machen.
    Eine noch traurigere Zeitung kam aus den Morgenländern. Der alte Hofmeister
des ehrwürdigen Liewangs kam nach Schiras, und trat bei seinem Freunde dem
Scherin-Kan ab. Ich habe Schriften und Päcke bei mir, die dem Kaiser gehören,
aber bereite sein Gemüt, und zumal das Herz der Kaiserin, zu einer traurigen
Botschaft.
    Usong erlag nicht unter einer Sorge: aber der Kaiserin musste geschont
werden, deren Gesundheit durch die mühsame Reise nach den Dattelbüschen noch
schwächer geworden war. Man sagte ihr, Liewang sei krank. Tod ist er, rief die
liebende Tochter, und sank auf ein Soffa halb ohnmächtig hin. Es war umsonst das
Uebel verhehlen zu wollen. Liewang war in einem hohen Alter in der Vaterstadt
des Weisen gestorben, die auch die seine war. Er hatte vor seinem Hinscheiden
seine Ahnentafel an die Kaiserin geschickt; an ihr ists, hatte er gesagt, den
Ahnen die schuldige Ehre zu beweisen, sie ist mir mehr als ein Sohn. Er schickte
dem Kaiser einige die Kunst zu herrschen lehrende Schriften des Kongfutsee mit
seinen eigenen Anmerkungen, und der Kaiserin einige Seltenheiten aus dem Reiche.
Der Tien, schrieb er, hat den Usong zu grossen Dingen ausersehen, wozu hätte er
sonst die ausserordentlichen Gaben, und die grösste der Gaben empfangen, die
Vorzüge seines Geistes zum Guten anzuwenden. Die Kaiserin versicherte er seiner
unveränderlichen Liebe, und ihr Namen war das letzte Wort gewesen, womit sich
sein Mund beschäftiget hatte.
    Liosua fand, wie zarte Herzen pflegen, ein Vergnügen, sich mit der Ursache
ihrer Traurigkeit zu beschäftigen: sie verlangte die Umstände zu wissen, mit
denen Liewang aus dem Leben geschieden wäre.
    Gelassen und kaltsinnig, wie Kongfutsee, sagte der Hofmeister: er hatte an
Kräften nun schon lang abgenommen, und sah deutlich, dass die übeln Umstände des
Reichs, und eine geheime Sehnsucht, seine Kräfte noch mehr erschöpften, als die
Jahre. Den letzten Morgen, nach einer schlaflosen Nacht, liess er sich aus dem
Saale der Voreltern seine Ahnentafel bringen: er durchgieng die grossen Namen,
die in einem Zeitraume von dreissig Menschenleben auf dieser Tafel schimmerten:
er hielt sich bei dem grossen Kongfutsee etwas auf und lächelte. Mein Stamm
löscht aus, sagte er, vielleicht wären meine Enkel ihrer Ahnen nicht wert
gewesen. Aber ich hinterlasse eine Tochter, die ist ihrer wert. Segne sie, Herr
des Himmels, sie war eine gehorsame Tochter, sie erfüllte alle Pflichten, und
lebte nach allen Regeln des Weisen.
    Diese Beschäftigung hatte den Ehrwürdigen ermüdet, er fühlte, dass seine
Kräfte verschwanden. Meine Zeit ist zu Ende, sagte er leise, du weisst, o Tien,
ob ich sie nach deinem Willen angewandt habe. Doch du kennest die Menschen,
keiner ist zu allen Stunden weise, keiner ist dem Bilde ähnlich, das du in den
alten Weisen ihnen zum Muster gegeben hast. Aber du liebest die willigen, breite
auch über mich deine verschonende Gnade, aus: und hiermit verschied er, ohne
Furcht, ohne Ungeduld, ohne Zucken, wie die reife Frucht Litschi, wann die Natur
sie von ihrem Baume ruft, oder wie die Sonne in der Abendsee untergeht.
    Liosua nahm, mit dem Beifalle des Kaisers, die grosse Trauer an: sie liess
auch ein Zimmer mit der ernstaftesten Würde für die Ahnentafel einrichten,
dessen ganzes Geräte aus China kam, und wohin sie ihre Büchersammlung
versetzte. Hieher begab sie sich fast alle Tage, ihren Verlust zu beweinen, und
sich das Gemüt mit dem erlauchten Beispiele ihrer würdigen Ahnen anzufüllen.
    Aber Usong sah, dass die Geschäfte des Reichs unumgänglich seine Tätigkeit
erfoderten, und fuhr fort, alle seine Augenblicke dazu anzuwenden. Er umarmte
die Kaiserin aufs zärtlichste: Freude meines Lebens, sagte er, traure so, dass du
dich erinnerst, deinem Usong könne ohne dich nichts die Last des Lebens
erträglich machen.
    Mit dem Hofmeister des würdigen Liewangs war ein Mandarin der Wissenschaften
gekommen, der arm schien, und von des Kongfutsee Nachkommen war. Es ist so
selten, einen Bürger von China an einem fremden Hofe zu sehen, dass Usong den
Mandarin bemerkte, und etwas an ihm fand, das ihm unterhaltend vorkam. An einem
der Abende, die Usong seinen Freunden gab, fragte er den Fremdling, was doch die
Ursachen sein möchten, warum er sein gesittetes Vaterland verlassen hätte, und
bei einem Volke Ruhe suchte, das er von Jugend auf für barbarisch angesehen
haben müsste?
    Oel-fu antwortete, nirgends kann die Barbarei herrschen, wo Usong auf dem
Trone sitzt. Ich bin zu Kio-sö, des Weisen Vaterstadt, in der Provinz
Schang-tong geboren: ich wurde zu den Wissenschaften erzogen, und durchgieng
die gewöhnlichen Stufen. Ich muss flehen, sagte er ferner mit einer tiefen
Verbeugung, wenn der Kaiser meine Geschichte verlangt, dass ich frei reden dörfe.
Die Arbeit, die man mir vorlegte, schien mir allemal zu leicht, und die Proben
nicht schwer genug: ich hätte das Werk eines Jahres in einer Stunde verrichten
mögen, um die Wissenschaft zu erlangen, nach welcher meine Seele hungerte. Ich
trachtete die zwölf Pflichten zu erfüllen, und da ich viel schrieb, so empfahl
ich über alles die Tugend, als den einzigen Weg zum Vergnügen. Ich wurde bald,
und jung, in einige Betrachtung gezogen; aber die Beförderung wurde mir schwer
gemacht. Wann eine Stelle aus den schönen Wissenschaften ledig war, so hiess es,
ich sei ein Sternenkenner: waren es Aemter die zur Staatskunst gehörten, so war
ich ein Dichter.
    Endlich wurde in einer von meiner Vaterstadt entlegenen Provinz eine
Mandarinstelle in den Wissenschaften ledig: ich kannte niemand daselbst, und
wurde berufen. Nunmehr verdoppelte ich meine Bestrebung, der Hoffnung des Zongtu
zu entsprechen. Man gab mir das Amt eines Richters der Bücher: ich musste sie
lesen, in einen Auszug bringen, und mit einem Zeichen unterscheiden, ob ich die
Schriften gut hiess. Ich zog einen blauen Kreis um den Namen des Verfassers, wenn
sein Werk mir missfiel, und die Billigung drückte ich mit einem roten Kreise aus.
    Ich tat nach meiner besten Einsicht, ich sparte dennoch aus
Menschenfreundschaft meinen blauen Pinsel, und brauchte immer mehr Rot, als ich
nach der Strenge hätte tun sollen. Dennoch wurde es bekannt, dass ich der
Bücherrichter war, und alle Gelehrte verschwuren sich wider mich: ich wurde mit
Verteidigungen, mit Widerlegungen, und mit Spottschriften umringt, und fast
unterdrückt. Ein Freund riet mir: entweder lege den Pinsel nieder, oder
entschlage dich der blauen Farbe. Ich zog das erstere vor: und glücklich war
ich; denn der Zongtu, der dir mein Amt anvertraut hatte, war schon entschlossen,
mir es wieder zu entziehen: er schmeichelt, sagte der ernstafte Greis, und
vergisst seine Pflicht gegen das allgemeine Beste.
    Ich kam in eine andere Provinz, wo man mir eine angemessene Stelle
versprach. Aber die Bonzen lehnten sich wider mich auf: der Zongtu war ihnen
ergeben. Der Mann glaubt an keinen Gott, riefen sie, und mein Glück verschwand
mir unter den Händen. Die Bonzen schütteten tausend Verleumdungen wider mich
aus.
    Ich tröstete mich, weil die Beschuldigung ungegründet war: und kam nach
Fokien, wo die Bonzen verhasst waren. Der Zongtu nahm mich unter seine Freunde
auf, und ich war der Gefährte seiner Abendstunden. Er glaubte aber selbst an den
Tien nicht; und nach seiner Meinung war kein Richter der Menschen, und kein
Unterscheid des Guten und des Bösen. Er hielt mich für einen Anhänger des
Laokings16. Da ich aber nicht verbergen wollte, dass ich den Tien verehrte, und
die Tugend dem Laster vorzog, so verlohr ich auch diese Stelle: der Zongtu
erniedrigte sich so weit, dass er in harten Ausdrücken wider mich schrieb, ob er
wohl meine Schriften niemals gelesen hatte.
    Ich kam nach Peking, und wurde in Staatsgeschäften gebraucht: es wurden
Schriften mir anvertraut, die von der grössten Wichtigkeit waren; ich musste des
Reiches Rechte zu den Inseln Liu Kiu verteidigen, die Nipon in Anspruch
genommen hatte. Nun, dachte ich, hab ich das Vertrauen meiner Obern erworben:
aber meine Eitelkeit wurde sehr bald bestraft. Ich hatte Nipons Rechte nach
allem meinem Vermögen entkräftet, und man rief, er ist ein Niponier.
    Ich warf mich in den Schoos der Wissenschaften, und suchte bei ihnen meinen
Trost; ich fand ihn, und erfreute mich über einen Schatz, der zu meinem Glücke
zureichte, und den mir niemand rauben konnte. Aber auch diese Zuflucht wurde mir
abgeschnitten. Man setzte sich mit Nipon; die Höflinge, die für dieses Reich
waren, verfolgten mich nunmehr, weil ich Taisings Rechte verfochten hatte, und
ich empfand bei allen Gelegenheiten ihren Hass.
    Der Tien, sagte ich endlich, spricht zu den Menschen durch keinen Mund eines
Sterblichen. Der Herold seines Willens ist seine Verfügung; er befiehlt mir
China zu meiden, dem ich auf keine Weise mich gefällig machen kann. Und wohin
würde ich geflohen sein, als zum grossen Muster der Weisheit und der Güte; denn
Liewang, der ihm sein geliebtes Kind anvertrauet hat, verheelte mir seine
Hochachtung für den Sohn seiner Wahl nicht.
    Usong antwortete: bei den Sterblichen die Belohnung der Tugend suchen zu
wollen, ist ein eiteles Verlangen: die Weisen eifern täglich über der Menschen
Leidenschaften und über ihre Laster, und wie können sie sich verwundern, wenn
sie erfahren, dass ihr Gemälde dem Urbilde ähnlich ist? Ich bin dem Oel-fu
verpflichtet, der gehoft hat, Hülfe bei mir zu finden. Usong brauchte den
Chinesen zu geheimen Bedenken: er übergab ihm Geschäfte zu entwickeln, die er
niemand gern vertraute: und weil der Kaiser diese Aufsätze selbst durchlas, so
erkannte er einen brauchbaren Diener am Oel-fu, an dem man in China so viele
widersprechende Laster gefunden hatte. Aber Usong hatte selber aus des Oel-fu
Unglücken auf seine Tugenden geschlossen. Oel-fu war beständig seiner
Ueberzeugung gefolget, und hatte dadurch wechselsweise die einen oder die andern
beleidiget, die nicht das gemeine Beste, sondern ihre eigenen Absichten zu
befördern suchten. Die Mächtigen lieben nur denjenigen, der allemal mit ihnen
dahin sich umlenket, wohin ihr Vorteil führet.
    Der Kaiser beschäftigte sich unermüdet mit der Wohlfahrt seines Reiches. Die
weisen Männer, denen er die Arbeit aufgetragen hatte, waren mit der Uebersetzung
der Gesetze Nuschirwans fertig geworden. Der Kaiser durchsah sie mit der grössten
Aufmerksamkeit, und suchte alle Worte so richtig zu bestimmen, dass sie niemals
zweierlei Deutung haben könnten. Er sorgte, dass sie einfach wären, dass sie aus
den allgemeinsten Fällen durch ordentliche Treppen auf die besondern herunter
stiegen, dass sie mit einander in ein harmonisches Ganzes übereinstimmten, und
dass sie viele Fälle entschieden, ohne dieselben einzeln zu nennen. Der
Gesetzgeber muss alle einzelne Fälle sich vorstellen, und sein Gesetz so
einrichten, dass es sie alle entscheidet, und über dasjenige spricht, das allen
Fällen gemein ist. Usong gab allen Gesetzen einen Hang zum Besten der Armen, der
Waisen und des Untertanen. Des Kaisers Zepter ist ein Schwerdt, sagte er; des
Grossen Macht ist sein Schild; das Gesetz muss für die Wehrlosen sorgen. Er
versah, dass niemand von diesen Gesetzen sollte ausgenommen sein: die Priester,
die Kriegsleute, des Kaisers eigentümliche Landgüter und seine Vorrechte, waren
eben den Gesetzen unterworfen, denen sich ein Bauer unterziehen musste. Die
Ordnung die Streitsachen zu entscheiden, war auf gewisse Tage eingeschränkt: sie
bestund in wenigen Klagen und in kurzen Zwischenzeiten. Die Geschenke waren bei
Strafe der Entehrung den Richtern untersagt. Der Kaiser fuhr fort, zwei Tage in
der Woche dem obersten Gerichtshofe beizuwohnen.
    Kurz hernach gab Usong die Kriegsgesetze aus; sie bezogen sich bloss auf die
Geschäfte der Waffen, und auf die Kriegszucht: in andern Streitigkeiten und in
allen Fehlern gegen die gemeine Sicherheit, setzte er die besoldeten Kriegsleute
unter die gemeinen Richter. Die Obermacht der Krieger ist, zumal auch in den
Morgenländern, zu gross, und würde unerträglich, wenn man Kriegsleute vor
Kriegsleuten belangen müsste. Auf den Gehorsam gegen die Befehle, auf die
Entaltung von aller Vergewältigung, auf die Standhaftigkeit in der Gefahr,
wurde mit der grössten Strengigkeit gehalten. Wenn der Feldherr selbst das Panier
von Persien nicht zurück rief, so war ein Weichender des Todes schuldig: und das
Zerstreuen von der Fahne wurde auch beim befohlenen Rückzuge mit dem Tode
geahndet. Usong wusste, dass selbst die freiesten Völker in den Abendländern sich
durch die Strenge ihrer Kriegszucht unüberwindlich gemacht hatten, und
dasjenige, was allemal und ohne Schonen gestraft wird, endlich nicht mehr in den
Gedanken der Menschen aufsteigt, und nicht mehr widerfährt17.
    Der Kaiser brachte es dahin, dass die Untertanen18 die Gegenwart der
Kriegsvölker für ein Glück hielten, die sonst in andern Ländern fast so
verderblich als die Feinde sind. Der persische Kriegsmann konnte von seinem
Solde reichlich leben, ein edler Stolz hielt ihn von allen Gewalttaten ab. Er
würde sich als entehrt angesehen haben, wenn er eine Frucht ohne Erlaubnis vom
Baume abgerissen hätte. Lasst die Osmannen ihr eigenes Volk berauben, wir sind
Persiens Beschützer.
    Nuschirwani war nunmehr in ihrem zehnten Jahre. Usong befahl, dass sie eben
die Auferziehung erhalten sollte, die für ihre jungen Brüder bestimmet war, wenn
sie die zärteste Jugend würden überstanden haben. Sie wurde in der Geschichte,
in den Gesetzen, in der Kenntnis des Landes, und der Früchte der Kunst und der
Natur, in den Einrichtungen, wodurch die öffentliche Sicherheit, der Überfluss,
und die Gerechtigkeit gesichert wird, und in allen Tugenden eines Fürsten
unterwiesen. Die junge Kaisertochter hatte die Standhaftigkeit ihres Vaters, und
eine Bildung, die eine Aehnlichkeit mit dem sanften Gemüte der Liosua mässigte.
Ihrem Verstande war nichts zu schwer, und Usong sah mit entzückendem Vergnügen,
dass, auf welchen Tron das Schicksal seine Tochter führte, sie für ihr Reich ein
Geschenk des Himmels sein würde.
    Er rüstete sich zu einer neuen Reise, und ging mit seinem vertrauten
Gefolge nach Persiens nordwestlichen Provinzen ab. Aller Orten liess er sich die
Bücher der Gerichte vorlegen, und selten fand er Ursache zu ändern. Er musterte
sowohl die ordentlichen Kriegsvölker, als die gewaffnete Landmacht Persiens:
beide fand er, mit Ausnahme der Feuerrohre, geschickt und geübt. Er besah die
Werkhäuser der Künste, und liess sich von den Bergwerken, von den Stahlgruben in
Masanderan, von den Türkissen des Berges Firuzkuh, und von andern Quellen des
persischen Reichtums, die genaueste Nachricht erteilen. Er erfreute sich über
die vermehrten Maulbeerbäume, und über die neuen Gärten und Wiesen, die er in
allen Provinzen antraf. Ueberall sah er neue Häuser, und in allen Städten den
Schutt weggeräumt, den die ehemaligen Zerstörer verursacht hatten: und neue
Gebäude stiegen aus den erödeten Plätzen auf. Von seiner Strengigkeit liess er
wenige und unvermeidliche Spuren, von seiner Gnade und Freigebigkeit unzählbare
nach sich.
    An einem einsamen Orte, auf dem Wege nach Masanderan, entfernte er sich mit
Fleiss von seinem Gefolge, und ritt einer mit Stroh bedeckten Hütte zu, die vom
Wege entfernt auf einem Hügel lag. Dieser Hügel war durch kleine leimerne Mauren
in Stuffen abgeteilt, und jede Höhe war mit den dazu sich schickenden Gewächsen
bepflanzt. Den Kaiser befremdete der Anblick des Hügels in der Ferne, der Fleiss
des Bewohners zog ihn an sich, es war eine Nachahmung der chinesischen
Aemsigkeit. Ein uralter Greis sass unter seinen Enkeln, und gab ihnen seine Räte
bei der Arbeit, an welcher sie mit einem freudigen Eifer sich beschäftigten.
Guter Alter, sagte Usong, wieviel sind deiner Jahre? Herr, ihrer sind viele, ich
habe auf dem Felde, von dem du kömmst, Timurs Gezelt gespannt gesehen. Wie waren
die ehemaligen Zeiten? wie gefallen dir die itzigen? Das Rohr, sagte der Alte,
wird nicht ausgewurzelt, weil es sich beugt. Ich habe den Timur gesehen: er
herrschte wie der Löwe, er griff nur den Raub an, der ihm widerstehen konnte,
der Schwachen schonte er. Es folgten Fürsten, sie herrschten wie die Schakalen19
, sie zerrissen auch den, der nicht widerstund, der wie ein Todter alles leiden
musste. Nun dünkt mich, herrscht der Elephant, der von den Geschenken der Erde
lebt, der niemand beraubet und dennoch gross ist. Timurs Kriegsleute nahmen uns
die Lebensmittel: aber unter seinen Enkeln war die Unschuld unsrer Kinder vor
ihrem Raube nicht sicher. Itzt sind die Kinder, das Vieh, und die Früchte meines
Schweises alle mein. Wenn Usong lebt, soll dieser ganze Hügel ein Garten, und
diese Hütte ein Dorf werden, das meine Enkel einzig bevölkern. Der Greis war ein
Mongal, der als ein Gefangener nach China geführt worden war, und daselbst den
vollkommenern Bau der Erde gelernt hatte. Usong lächelte vergnügt, und
hinterliess dem glücklichen Alten Zeichen seiner Güte. Der Tartar vernahm
niemals, dass der Beherrscher von Persien unter seine demütige Hütte abgetreten
war.
    Usong eilte nach Masanderan, um im Frühlinge diese Provinz durchzureisen, zu
einer Zeit, da sie durch die vielen Bäche erfrischt zum Paradiese wird. Die
Blumen, die Tulpen, die die Gärten der Osmannischen Herrscher zieren, die
Hyacinten, die Pracht der abendländischen Gärten, allen Schmuck der Erde gibt
die Natur hier ungesäet und ungewartet hervor. Die Weinstöcke schlingen sich aus
eigenem Triebe an die Bäume, sie kennen das Schneidemesser und die Hacke nicht,
und tragen dennoch die edelsten Trauben, woraus man den besten der Weine presst.
Schattichte Wälder bekränzten die Hügel, wo sonst in Persien eine traurige Dürre
herrscht. Usong fand die fruchtbare Provinz in der jugendlichen Pracht der
schönsten Jahreszeit.
    Er nahm einen grossen Umweg, die Wüste zu vermeiden, die er mit Bedauern
einen beträchtlichen Teil seines Reiches einnehmen sah20: er ging über Caswin,
und musste dennoch die beschwerlichsten Gebürge, durch die gefährlichsten Wege,
übersteigen, ehe er nach Estrerabad kommen konnte. Er liess daselbst einige
Festungswerke aufführen, und erwählte einen Standort für eine genugsame Zahl
Reuter, die sowohl die zur Unruh geneigten Hirkanier, als die benachbarten
wilden Truchmannen in den Schranken halten sollten. Er rühmte den Fleiss der
Bürger des blumichten Reschd, die mehr Mittel sich zu erwerben wussten, als ganze
Provinzen. Er belobte in Gilan die Emsigkeit der wohlgebildeten Weiber, die in
dieser fruchtbaren Landschaft einen grossen Teil der Landarbeit übernehmen. Er
folgte dem caspischen Meere, und wandte sich weiter nach Westen; er befahl dem
Abgesandten, den äusserst verdorbenen Sitten der Bergleute um Kuawer zu steuren,
wo von undenklichen Zeiten her die hässlichsten Laster im Schwang giengen, und wo
die Einwohner alles Gefühl der Schaam verloren hatten. An den Schuldigsten
wollte er ein Beispiel seiner Abscheu gezeigt, und die übrigen bedrohet wissen,
dass sie gänzlich ausgerottet werden sollten, wenn sie fortführen ein Schandfleck
Persiens zu sein. Er verlegte auch dahin eine genugsame Macht streitbarer
christlicher Georgier, die der Gerechtigkeit Hände stärken sollten. Er setzte
über den berühmten Araxis, und besuchte Schirwan, und das den Lesgiern zu nah
gelegene Schamachie.
    Zu Baku hielt er sich auf, und glaubte, es würde keine zu niedrige
Beschäftigung sein, wenn er die Wunder der Schöpfung auf der Halbinsel Okesra
betrachtete. Er fand ein Vergnügen an allen Seltenheiten der reichen Natur. Er
besah die ewigen Feuer, die an vielen Stellen aus der Erde hervorbrechen; die
Quellen des weissen Naphta, dessen Dunst Feuer fängt, und unauslöschlich
fortbrennet; den brausenden See der beständig Bergöl in die Höhe stösst, und den
Hügel Jugtopa, aus dessen Spitze ein fetter Leim unaufhörlich hervor dringt, und
auch wohl in die Luft, wie ein steigendes Wasser, wütend aufsprudelt21.
    Das Ziel der Reise des Kaisers war das uralte Derbent. Usong empfieng
daselbst die Abgeordneten der Lesgier, und diese streitbaren Bergvölker begaben
sich, durch die blosse Verehrung seiner Tugenden gerührt, unter den Schutz des
Kaisers: wobei sie ihre niemals verlohrnen Freiheiten vorbehielten. Er liess
diese von dem grossen Alexander angelegte Stadt, als den nordlichen Schlüssel
von Persien, befestigen, das Schloss in den besten Stand setzen, und einen Teil
seiner kurdischen Völker dahin verlegen.
    Wiederum über unwegsame und über die Wolken sich erhebende Gebürge kam der
Kaiser nach dem in blumichten Wiesen erbauten Ardewil zurück, wo viele
Ueberbleibsel alter Gräber der geheiligten Aliden sind, und wo die schönsten
Schaafweiden von Persien liegen.
    Der Kaiser traf bei seiner Zurückkunft seinen Freund Dschuneid an, der
seinen ehrwürdigen Vater verloren, und seine Trauer eben zu Ende gebracht
hatte. Er stellte dem Kaiser seinen Sohn, den jungen Haider vor, das Ebenbild
der schönen Emete'.
    Aber eben damals fieng Usongs Glückseligkeit an abzunehmen. Das Verhängnis,
das ihn aus der Gefangenschaft auf den Tron von Persien geleitet hatte, wollte
nunmehr auch im Unglücke seine Standhaftigkeit prüfen, nachdem er den
Glücksstand so würdig ertragen hatte. Kurz nach seiner Zurückkunft brachen die
abissinischen Blattern22 mit einer Wut in Schiras ein, die sie seit vielen
Jahren nicht gezeigt hatten. Tausende der schönsten Frauen, und unzählbare
Kinder wurden weggeraft. Endlich drang die mörderische Seuche in die Burg des
Kaisers: Dschuneid und Rustan, seine zwei hoffnungsvolle Söhne, wurden
angesteckt. Liosua schätzte die Gefahr ihres eigenen Lebens gering, man konnte
die liebende Mutter von dem Lager ihrer Kinder nicht abhalten. Sie wartete ihnen
in der eckelhaften Krankheit bis zu ihrem Tode ab, sie hauchte den giftigen
Dunst der Fäulung, der aus dem ganzen Leibe der Sterblichen stieg, und wurde
zwar nicht angesteckt, aber ihre Gesundheit litt dennoch dabei, und der
zärtliche Bau ihres Lebens näherte sich merklich seiner Auflösung.
    Usong sah bestürzt die Hoffnung des Reiches aus seinen Armen sinken, ihm
blieb kein Erb übrig, als die edle Nuschirwani: er betrauerte seinen Verlust
noch mehr wie ein Kaiser, der sein Volk liebte, als wie ein Vater, der die
holdesten Kinder begräbt. Er fieng an zu befürchten, alle seine Arbeit möchte
verloren sein, und sein Reich in die alte Unordnung zurückfallen; er sah kein
Mittel wider ein so grosses Uebel, als die Vermählung seiner Erbtochter.
    Da er mit ihrer Hand den Zepter von Persien zu vergeben hatte, so sah er
sorgfaltig sich um einen Fürsten um, der ihrer würdig wäre, und von dem er
hoffen könnte, dass unter dem Zepter desselben das Glück seiner Völker gesichert
sein würde.
    Er verwarf alle die Beherrscher eigener Reiche. Persien, das den Kaiser so
aufrichtig liebte, sollte keine Provinz eines andern Landes werden, sollte nicht
unter die gierigen Hände fremder Grossen kommen, die nicht seine Söhne wären,
und die es als eine Beute ansehen würden.
    Seine eigenen Blutsverwandten, die Tschengiden, schloss der rechtschaffene
Herr ebenfalls aus. Die Nowianen seines Hofes hatten sein väterlich gegen sein
Volk gesinntes Herz öfters betrübt: diese Mongalen hatten nicht gelernt, ihren
Leidenschaften zu widerstehen, und konnten sich nicht unter das Joch der Gesetze
beugen. Ihr rauher Sinn war des zärtlichen Gefühles unfähig, ohne welches ein
Fürst kein Vater seines Volkes wird.
    Usongs Hoffnung blieb auf dem jungen Haider stehen, einem Enkel des Ali, und
des Ismaels, dessen Glauben mit dem Glauben der meisten Perser übereinstimmte,
den die Hosseniden, und alle Geistlichen, als ein Geschenk des Himmels dem Volke
anpreisen würden, den Usong durch seinen Unterricht und durch seine Anführung
glaubte ausbilden zu können, und bei dessen sanftem Gemüte, und reitzender
Bildung, er hoffen durfte, dass Nuschirwani glücklich sein würde.
    Er liess zuerst die junge Fürstin von allen Provinzen zur Erbtochter von
Persien annehmen. Es war kein Perser, der dem angebeteten Vater etwas hätte
abschlagen können. Sie kannten ihn zu wohl, als dass ihnen ein Zweifel hätte
übrig bleiben sollen; sobald Usong in seinem Ausschreiben versicherte, er wäre
von der Fähigkeit und von der Tugend seiner Tochter so überzeugt, dass er,
unbesorgt für das Glück seines Volkes, sie als seine Erbin vorschlüge. Er
versprach zugleich; er würde bei ihrer Vermählung eine solche Wahl treffen, wie
sie des Reiches Wohlfart erfoderte. Er liess bei allen Gerichtshöfen, und in
allen den verschiedenen Abteilungen der Rechte, des Kriegswesens, der Policei
und Kammer, und der Religion sie als Erbfürstin des Reiches nächst seinem
eigenen Namen den Büchern des Staates einverleiben.
    Er eröfnete hiernächst seine Gedanken, indem er sie innig umarmte, der noch
immer traurenden Liosua, und bat sie, die Fürstin zu der beschlossenen
Verehlichung zuzubereiten, auch es so einzurichten, dass Nuschirwani, ohne sich
bloszusetzen, den edeln Anstand des jungen Aliden selber bemerken könnte.
    Das letztere geschah, indem einige Ritterspiele in den innern Höfen der
kaiserlichen Burg unter den Söhnen der Grossen veranstaltet wurden, die eben die
Festsetzung der Erbfolge zum Vorwand hatten, wodurch Persien Usongs Tochter zu
seiner Beherrscherin angenommen hatte.
    Nuschirwani war in ihrem dreizehnten Jahre, ihr Leib und ihr Verstand war
weit besser ausgebildet, als es dieses Alter sonst verspricht. Sie hatte ein
fühlendes Herz und lebhafte Empfindungen. An dem jungen Fürsten war nichts, das
nicht liebenswürdig war, sein Alter übertraf das Alter der kaiserlichen Schönen
um vier Jahre.
    Die Kaiserin nahm die Zeit wahr, ihrer Tochter die grosse Veränderung zu
eröfnen, die ihr erhabner Vater für sie beschlossen hatte. Nuschirwani, sagte
die liebreiche Mutter, wäre würdig und fähig selber Usongs Zepter zu tragen.
Aber die Vorurteile der Völker erfodern Nachsicht. Usong hat einen Fürsten
ausersehen, der die Last der Regierung der Erbfürstin erleichtern soll; seine
Wahl vereiniget alles, was Persien, und was das Herz seiner Tochter wünschen
kann.
    Nuschirwani errötete, sie schwieg einige Augenblicke, warf sich vor ihrer
vortreflichen Mutter auf die Knie, küsste ihre Hand, benetzte sie mit einigen
Tränen, und bat sich, in einer Sache, von welcher ihr Schicksal, und das Glück
von so vielen tausenden abhienge, einige Bedenkzeit aus.
    Liosua hatte ein viel zu durchdringendes Auge, als dass sie diesen Aufschub
für eine blosse Wirkung einer jungfräulichen Zurückhaltung hätte ansehen sollen;
sie sah, dass etwas im Herzen der Erbfürstin herrschete, das sich wider dieses
Band auflehnte.
    Sie wollte doch diese Bedenkzeit der über die Kindheit längst erhabenen
Fürstin nicht misgönnen. In acht Tagen wird Nuschirwani sich erklären; aber
nimmermehr will ich von ihr hoffen, dass sie einen andern Willen haben werde, als
den Willen eines weisen und liebenden Vaters, der ihr Kaiser ist.
    Die acht Tage waren für die verlegene Fürstin allzugeschwind vorbei. Sie
kniete nochmals vor ihrer liebreichen Mutter nieder. Meine Hand und mein Leben
ist des Kaisers; wenn er verlangt, dass ich beide ihm aufopfere, so bin ich zum
Gehorsam bereit.
    Und warum spricht Nuschirwani von ihrem Leben? Weil ich es nicht zu behalten
hoffe, wenn ich meine Hand an den Haider vergeben muss.
    Die Kaiserin kannte an ihrer Tochter eine Entschlossenheit, dadurch sie
ihrem standhaften Vater gleich kam: Liosua verlangte zu wissen, was der Fürstin
an dem jungen Haider missfallen könnte.
    Nuschirwani unterdrückte lang ihren geheimen Widerwillen, sie konnte aber
der Liebe ihrer Mutter nicht widerstehen, und endlich gestund sie: wenn sie sich
vermählen sollte, so würde sie ihrem Gemahl ihre ganze Liebe uneingeschränkt
gewähren: sie erwarte aber eben auch ein ungeteiltes Herz von einem Gemahl: sie
kenne die Freiheiten wohl, die in den Morgenländern der Gemahl sich heraus
nehme: sie sei aber von Kindheit an gewohnt, den Kaiser niemand neben der sein
ganzes Herz verdienenden Liosua lieben zu sehen: sie hätte immer angemerkt, wie
sehr das Glück der Kaiserin auf diesen so rühmlichen Vorzug sich gründete, und
sie selbst würde ohne eben dieses Glück die elendeste Fürstin der Welt, und um
so viel unglücklicher sein, je zärtlicher ihre Empfindungen für ihren Gemahl
sein würden.
    Sie hatte von einer ihrer Frauen von dem jungen Aliden sprechen gehört, noch
eher als Haider sich hatte schmeicheln dörfen, um die Hand der edlen Nuschirwani
zu werben. Sulime', hatte sie vernommen, eine Georgierin, deren Schönheit
vollkommen, und deren Gemüt eben so anmutig als ihre Bildung ist, besitzt
Haiders Herz unumschränkt. Selbst in der Gesellschaft seines Vaters hat er sie
mitgebracht, weil er ohne sie nicht leben kann. Ich denke meinen Gemahl zu
lieben, fuhr die Erbfürstin fort: ohne diese Hoffnung würde der Brautkranz mir
schwerer als eiserne Fesseln sein. Ich kann die Erwartung nicht vertragen, die
eckelhafte Frau eines überdrüssigen Gemahls zu sein, dessen Herz bei einer andern
sein würde, dieweil er mich zu umarmen sich zwänge. Eben so wenig kann ich es als
ein erträgliches Schicksal ansehen, wenn ich meiner Rechte eingedenk, mich
rächen, und die Feindin desjenigen sein sollte, den man mir als das Werkzeug
meines wahren Glückes vermählt hätte.
    Die Kaiserin war betreten, sie entliess die junge Fürstin. Man wird trachten,
sagte sie mit freundlichem Ernste, dass der Nuschirwani Gehorsam nicht ihr
Unglück werde: sie wird sich aber auch erinnern, dass Usongs Aussichten grösser
sind, als dass sie den Bedenklichkeiten weichen sollten, die einer Fräulein
vergönnt, aber für die Erbtochter von Persien zu jugendlich wären.
    Liosua liess den Kaiser glauben, Nuschirwani setzte dem Rate ihrer Mutter
Verzüge der Schamehaftigkeit entgegen, und schickte ihre Vertrauteste zur
schönen Sulime': die Kaiserin verlangt die Zierde Arabiens zu sprechen, sagte
die Abgeschickte, und ohne die erschrockene Schöne sprechen zu lassen; Sulime'
kann von der bekannten Sanftmut der Kaiserin nichts zu besorgen haben; aber die
Unterredung ist unvermeidlich.
    Die geliebte Sclavin musste gehorchen; sie warf sich vor die Knie der
Kaiserin: ich bin des Todes wert, weinte sie: soll die erkaufte Sulime' das
Herz eines Fürsten der Erbtochter von Persien streitig machen? denn sie
zweifelte an der Ursache nicht, um welche die Kaiserin sie hatte verfodern
lassen.
    Die schöne Sulime', sagte die leutselige Kaiserin mit ihrer alles
bezwingenden Anmut, verbindet mich, indem sie mir ihr Herz eröfnet. Aber ich
verdiene auch ihr Vertrauen. Höre mich, Geliebte des Haiders, höre mich, wie man
eine liebende Mutter höret.
    Sulime' wird nicht erwarten, dass Dschuneid seinem Stamme den Tron des Cyrus
entziehen werde, damit sein Sohn eine junge Schöne ungeteilt lieben könne. Die
Heirat wird vor sich gehen; die Reitze der einnehmenden Sulime' werden ihr
vielleicht eine Zeitlang das Herz des jungen Haiders versichern: aber was wird
ihr Schicksal sein? Ganz Persien wird die Zauberkraft ihrer Schönheit hassen,
durch welche seine Erbtochter, die Tochter Usongs, unglücklich sein wird.
Dschuneid wird ernstaft die väterliche Gewalt anwenden, einen Sohn von seiner
Geliebten zu trennen: die ganze Welt wird wider Sulime', und niemand für sie
sein, als das Herz eines Jünglings. Wird dieses Herz den Folgen des Genusses,
der vereinigten Gewalt der väterlichen, der ehlichen, und der freundschaftlichen
Liebe widerstehen? Wenn es endlich so vielen verehrungswürdigen Ratgebern, und
dem Wunsche aller Perser nachgibt, was wird dann Sulime' werden, deren Herze
die Liebkosungen eines liebenswürdigen Fürsten zur Notwendigkeit geworden sind?
    Doch Sulime' hat eben so viel Verstand als Schönheit: sie wird einsehen, dass
die Liebe eines Jünglings einige Jahre dauert, und dass ihr übriges Leben eine
Wüste ohne Trost sein wird. Sie wird dem allgemeinen Glücke eine Liebe
aufopfern, die die blosse Flüchtigkeit der unbeständigen Jugend ohnedem so
leicht auslöschen kann. Und Persien hat nichts an Ehr und an Glücke, das sie
nicht zu erwarten habe, wenn sie das Hindernis wegräumt, das der Ruhe des Reichs
entgegen ist.
    Sulime' hörte bedächtlich zu; sie besann sich, doch nicht allzu lange; sie
küsste ehrerbietig den Rock der Kaiserin. Was bin ich, sagte sie, dass ich mein
Schicksal gegen das Schicksal von Persien abwegen soll? die Befehle der
verehrungswürdigen Liosua werden meine Richtschnur sein.
    Die Kaiserin behielt sie im Harem, und gab ihr eine angesehene Stelle an
ihrem Hofe. Die Gnade, womit sie die Georgierin überschüttete, sowohl als die
Reitze der schönen Sulime', bewogen einen Grossen vom Hofe, um sie zu werben:
sie wurde als eine Freundin der Kaiserin ausgestattet, und ein dauerhaftes Glück
war die Belohnung der Aufopferung einer jugendlichen Liebe.
    Haider liebte seine Sulime' mit dem Feuer eines Jünglings und eines Arabers.
Aber er durfte seine Regungen durch kein Zeichen gegen seinen Vater merken
lassen, der das Glück der Aliden, die Ausbreitung des wahren Glaubens, und den
Tron seines Sohnes mit einer lebhaften Entzückung sich vorstellte. Haider
reichte ohne Widerstand seine Hand der schönen Nuschirwani, und sie machte auch
keine Schwierigkeit mehr, den Gemahl anzunehmen, den Usongs Weisheit für sie
ausersehen hatte.
    Sie bemühte sich, das Herz des jungen Fürsten zu gewinnen, und sie
beherrschte es sehr bald uneingeschränkt durch die vereinigten Reitze ihrer
Züge, und ihres mit allen den Gaben des Witzes und der Wissenschaften gezierten
Verstandes.
    Noch einmal brach Usong auf, und durchreisete die östlichen Provinzen, und
zumal auch das wichtige Kandahar. Er besah zuerst das wegen seiner Schönen
berühmte Yezd, das wie eine fruchtbare Insel mitten in den Sandwüsten liegt. Es
bereitet das kostbare Rosenöl, das ein schätzbares Geschenk morgenländischer
Könige ist: und verfertigt die reichsten Goldstücke. Usong kaufte eine
beträchtliche Menge dieser teuren Stoffe, so wie er überall tat, wo eine
gemeinnützige Anstalt zu begünstigen war. Er durchreisete das einsame Segestan,
und kam ins Gebürge nach Kandahar. Er empfing Besuche von den Afganischen
Fürsten, die ihn freiwillig für ihren Schutzherrn erkannten, doch dass sie
unabhängig blieben. Der Kaiser wandte alle die Kräfte seiner angebohrnen
Leutseligkeit an, und streute die Zeichen seiner Freigebigkeit häufig unter
diese streitbare Barbaren aus. Er liess aber nichts desto weniger Kandahar mit
einem dreifachen Umfange starker Mauern befestigen, die den ganzen Raum zwischen
den Gebürgen einnahmen, und den Durchgang nach Indien vollkommen beherrschten:
er hielt auch ein beständiges Lager von etlich tausend Georgiern zu Pferd in der
Nähe der Festung: denn seine Weisheit durchdrang die Zeiten, und sah die Gefahr
ein, die dem Reiche von diesen wilden Bergleuten bevorstund, wenn jemals der
Zepter von Persien in schwächere Hände fallen sollte23.
    Indostan war damals in der grössten Verwirrung, und es würde dem
wohlbewafneten Persien ein leichtes gewesen sein, einige Provinzen dieses
geschwächten Reiches an sich zu reissen. Aber Usong dachte beides edler und
weiser: er sah überhaupt den Krieg für eine Strafe Gottes, und für den
Schauplatz unvermeidlicher Grausamkeiten an: nichts als die Notwendigkeit
konnte, nach des Kaisers Meinung, einen Fürsten entschuldigen, der so viel Elend
unter die Menschen brächte. Er sah dabei Persien für nur allzuweitläuftig an,
und die Gebürge machten gegen Osten eine natürliche Gränze aus, die nur ein
blinder Ehrgeitz zu überschreiten anraten könnte.
    Die Zeit war nunmehr gekommen, da Usong den grössten Unfall leiden sollte,
der noch sein Leben betroffen hatte. Liosua war, seitdem sie nach Persien
gekommen war, immer etwas schwächlich gewesen. Selbst zu Schiras war ihr die
Luft zu rauh und zu bergicht. Schwere Entbindungen, und den Verlust ihres
Vaters, und ihrer Söhne, hatten die zärtliche Verfassung ihrer Glieder noch
tiefer angegriffen. Sie fühlte sich abnehmen, ohne eigentlich krank zu sein: und
sie sah den Tod als unvermeidlich an. Da sie die Liebe ihres Gemahls kannte, und
die Beunruhigung seines rechtschaffenen Gemütes für das Grösste aller Uebel
ansah, so verbarg sie, was sie fühlte, und ermunterte sich in seiner Gegenwart
mit einer solchen Aufmerksamkeit, dass der Kaiser zwar seine Gemahlin abfallen
sah, aber es bald zufälligen Ursachen zuschrieb, und bald mit einer Besserung
sich schmeichelte, die niemals erfolgen konnte.
    Sie lag ihm nunmehr selbst an, die wichtige Provinz Khorossan zu besuchen,
die ganz auf den nordöstlichen Gränzen lag, und die unruhigen Usbecken zu
Nachbarn hatte, von deren Streifereien sie niemals viele Jahre frei blieb. In
eben die Zeit sollte die Niederkunft der Nuschirwani einfallen, und auch dieser
ihrer Tochter wollte Liosua das traurige Schauspiel ihres Todes ersparen. Sie
liess sich nach Fagrabad in einen Lustgarten bringen, wo sie sich erholen würde,
wie sie versicherte, und die zum Reisen allzuweit schon gekommene Erbfürstin
blieb zu Schiras.
    Der Kaiser kam nach Khorossan, er besah die grosse und fruchtbare Provinz,
er bedauerte die weit ausgedehnten Sandflächen. Er besuchte zu Meschet das Grab
des Imam Reza, eines der vornehmsten Aliden, und sah eine grosse Handelsstadt,
fähig die Vermittlerin zwischen den Schätzen von Bockhara und von Indien, und
den Früchten des Fleisses der Perser zu werden. Er kam nach Nisabur, in dessen
Nähe die Türkisberge sind, und das wegen seiner Tapeten berühmte Herat.
Verschiedene Usbeckische Fürsten besuchten ihn: er empfieng sie mit allen
Zeichen der Freundschaft, und kannte dabei die Unbeständigkeit dieses Volkes
viel zu wohl, als dass er einiges Vertrauen auf sie hätte setzen sollen. Der
Kaiser hatte Marschirhar wohl befestigt, etliche unersteigliche Schlösser
erbaut, und Waffenplätze angelegt, wo ein beständiges Heer stehen sollte. Er war
schon auf dem Rückwege nach Schiras, als er die erschrecklichste aller Zeitungen
empfieng.
    Liosua, ihrer Auflösung gewiss, behielt bei einem schmachtenden Leibe die
heitere Stille ihres gesetzten Gemütes. Sie liess ihre Zimmer mit frischen
Blumen auszieren, und wählte Kleider von hellern Farben. Alle Abende liess sie
einige von ihren Frauen in ihrem Schlafzimmer singen, und in verschiedener Musik
in ihrer Gegenwart sich üben. Ihre Absicht war, vor dem ganzen Hofe den
drohenden Zustand ihrer Gesundheit zu verbergen.
    Sie brachte einen Tag mit Schreiben zu, und versiegelte die Briefe. Die
Nacht darauf war sie so schwach, dass sie ihr Lager nicht mehr verlassen konnte.
Sie behielt nur die vertrautesten unter ihren Frauen bei sich. Sieh nun, schöne
Sulime', wozu die Tugend nützt, sieh mich ruhig von dem Trone, und von meinem
Gemahle mich trennen, der mir teurer als alle Tronen ist.
    Du hast mir den Weg zum Leben und zum Tode gezeigt, weiser Liewang, ich
fühle den Wert deiner Lehre. Empfange, o Tien, deine Tochter, die du mit Gnaden
überschüttet hast. Beschütze die Nuschirwani, belohne das Gute, das du in meinen
Usong selbst geleget hast. Sie sprach und starb im Lächeln. Das letzte Bild, das
ihre Einbildung füllte, war Usong, so wie er der erste Gegenstand ihrer Liebe
gewesen war.
    Und nun war der grosse Unfall nicht mehr zu verbergen. Ein Läufer eilte dem
Kaiser entgegen, und brachte ihm das kurze Schreiben, das die letzten Worte der
holdseligen Liosua in sich hielt.
    Wenn Usong dieses Siegel erbrechen wird, so wird Liosua nicht mehr auf Erden
sein. O erinnere dich, Grösster der Sterblichen, des Guten, das du vom Tien
empfangen hast. Zürne nicht über meinen Hinscheid. Die Erde ist die Schaubühne,
worauf der oberste Herrscher die Menschen Proben vom Gebrauche seiner Gaben
ablegen lässt. Niemals ist Usong minder gross am Willen, als an den erhabenen
Eigenschaften gewesen, die ihm der Tien geschenket hat. Sei ferner, Teurester
meiner Seele, auch in dieser schweren Tugend das Beispiel der Sterblichen.
Ertrage mit Gelassenheit die Leitung eines niemals irrenden Verfugers. Schenke
deiner Liosua eine getreue Zähre, und erscheine wiederum den unzählbaren deines
Volkes zum Troste, mit der wahren Munterkeit eines sein Volk einzig liebenden
Beherrschers. Die Tränen von den Augen der Bedrückten abwischen, ist der
würdigste Trost eines Usongs.
    Usongs geübtes Herz widerstund dem unvorgesehenen Schlage nicht; er
verschloss sich in sein Gezelt; er verbot jemanden vorzulassen, und blieb einen
langen Tag und eine schreckliche Nacht in der Betrachtung seines Verlustes
stumm. Er fühlte den Wert, den unersetzlichen Wert des Schatzes, den er
verlohr, mit aller der Empfindlichkeit des zärtesten Gemüts: er sah in seinem
Leben eine Wüste vor sich, wo nichts als Arbeit, ohne Belohnung, für ihn blieb,
wo nach seinen bemühten Tagen er traurige und einsame Abende, zu erwarten hatte,
und wo er die einzige Freundin missete, welcher er alles vertrauen konnte, und
die unerschöpflich an Mitteln war, jede Sorge ihm zu versüssen.
    Dschuneid, der den Kaiser begleitet hatte, fand in den ersten Tagen keinen
Zutritt zu seinem Herzen. Usong sprach nicht, weinte nicht, und brütete mit
Gefälligkeit seinen ewigen Kummer. Nuschirwani wäre vielleicht die einzige
Trösterin gewesen, die der liebende Vater angehört hätte: sie war aber entfernt,
und man musste auch vor ihr die traurige Zeitung verheelen.
    Aus dem Schlummer des untätigen Unmuts weckte ein Donnerschlag den Kaiser
von Persien. Ein schneller Bote brachte von den westlichen Gränzen des Reichs
die gewisse Nachricht, Machmud der zweite habe, nachdem Morad den Tron noch
einmal verlassen, Byzanz mit stürmender Hand erobert. Der letzte Nachfolger
Constantins habe sein Leben für den sinkenden Tron der Griechen zugesetzt, und
alle osmannische Länder erschallen vom Frohlocken des Sieges, vom Ruhme des
jungen Kaisers zu Rom, und vom Gejauchze der Hoffnung zur allgemeinen Herrschaft
der Welt.
    Usong musste nun dem Kummer, den er liebte, und den er für eine Pflicht eines
nicht unnatürlich verhärteten Herzens hielt, unumgänglich sich entschlagen: er
sah, dass er an das Ruder treten musste, da der fürchterlichste Sturm sich
näherte. Er kam nicht nach Schiras zurück, wo man die Ueberbleibsel der
vollkommensten der Frauen mit stiller Pracht beisetzte, er verfügte sich nach
Tabris, und durcheilte noch einmal die westlichen Gränzen des Reiches. Er
verstärkte die georgische Reuterei mit neuen Anwerbungen, er setzte die Zahl der
kurdischen Gränzvölker bis auf siebenzigtausend24, er liess das gegossene grobe
Geschütz nach Wan und Irwan bringen; er befahl, dass man die jährliche Landmacht
der sechszigtausend gewafneten Perser aufs doppelte erhöhen sollte. Durchs ganze
Reich liess er zu den Waffenübungen doppelte Tage nehmen, und bei den
Waffenwerkstätten die Tage durch die Nächte verlängern. Er schickte eigene
Abgeordnete nach Alkahirah, und liess den schlummernden Fürsten der Zirkassen
auffodern, die allgemeine Gefahr zu beherzigen, die den Aegyptiern so nah
drohete. Vier Bottschafter giengen nach Venedig, und hatten eben denselben
Auftrag. Er fand einen neuen, aber allzuschwachen Verbündeten am David, dem
sogenannten Kaiser von Trapezunt.
    Man musste endlich auch der Fürstin den Hinscheid ihrer durchlauchtigsten
Mutter gestehen, da sie unaufhörlich nach derselben fragte. Sie ertrug dieses
Unglück mit wenigerer Standhaftigkeit als man gehoft hatte; gute Gemüter fühlen
ihre eigenen Leiden minder, als die Leiden derer, die sie lieben. Nuschirwani
konnte lange nicht zu ihrer Munterkeit wieder gelangen; Haider war abwesend, ihr
verehrungswürdiger Vater mit Sorgen und Gefahren umringt, und das im Abend
drohende Ungewitter schien immer näher zu kommen.
    Sobald sie sich erholt hatte, so bat sie den Kaiser ihr zu erlauben, ihm
nach Tabris zu folgen. Sie fiel dem untröstbaren Vater zu Füssen. Nimm, gnädiger
Herr, deiner Tochter Dienste gütig an, lass sie einen Teil des Verlustes
ersetzen, den dir niemand würdig ersetzen wird. Der Kaiser liebte die junge
Fürstin als ein Vater, und schätzte sie wegen ihren grossen Einsichten hoch; er
gewöhnte sich wechselsweise die Abendtafel bei ihr zu halten, und Nuschirwani
sammelte aus allen Ländern Nachrichten und Seltenheiten ein, womit sie den
Kaiser einen Augenblick seinen Sorgen entziehen konnte. Der Hof blieb eine lange
Zeit in Tabris.
    Die völlige Bezwingung des griechischen Europa, und verschiedene schwere
Feldzüge an die Donau, beschäftigten den feurigen Machmud noch einige Jahre, und
Persien blieb in einer Ruhe, deren Süssigkeit doch durch die Erwartung eines
unvermeidlichen Krieges verbittert wurde.
    Die junge Erbin von Persien hatte Gelegenheit, vieles von den guten
Eigenschaften der Fürstin Marta, der sogenannten Despoina, oder der Kaisers
Tochter von Trapezunt zu hören. Ihr Gemüt wäre mild und gütig, ihre Gestalt
reizend und fein, ihre Züge auf griechisch schön25. Die Unglücksfälle die sie
befürchtete, hatten sie zu einer Demut bewogen, die unter Fürstinnen selten zu
hoffen war. Nuschirwani fiel auf ein Mittel, eine liebenswürdige Freundin für
sich selber zu erlangen, dieselbe aus dem bevorstehenden Umsturze ihres Hauses
zu erretten, und des Kaisers Gedanken in eine andere Stellung zu bringen. Die
Grossmütige hofte auch, die Erbfolge von Persien zu versichern. Sie unternahm,
die Fürstin von Trapezunt mit dem Kaiser zu vermählen.
    Da sie einen täglichen Umgang mit ihm hatte, so bezeigte sie, wie sehr sie
wünschte, dass die schweren Sorgen des Reiches durch das Vergnügen versüsset
werden möchten, das eine treue Liebe einzig einem edlen Gemüte versprechen kann.
Sie gewann nach und nach den Kaiser: David erhielt den Antrag durch einen
Gesandten. So tief Trapezunt gesunken war, so erinnerte sich doch David der
Grösse Constantins, und legte dem anwerbenden Usong zum ersten Bedinge vor, dass
die Fürstin bei dem christlichen Gottesdienste frei bleiben sollte. Usong war
nicht abergläubisch, er fand bei den Christen das Wesentliche aller Religionen,
die Anbetung eines einzigen Gottes, der alles regieret, ein künftiges Leben, für
die Guten eine ewige Belohnung, und eine der vollkommensten Gerechtigkeit Gottes
angemessene Bestrafung der Lasterhaften.
    Die wirklich liebenswürdige Despoina wurde dem Kaiser zugeführt, und durch
den armenischen Patriarchen von Ekmiasin in den Zimmern der Nuschirwani getraut.
Usong fand an ihr eine lenksame und tugendhafte Gemahlin: aber ihre Auferziehung
hatte ihren Geist in engen Schranken gehalten: sie war den kleinen
Feierlichkeiten ergeben, die das Entbehrliche der Religion ausmachen, und ihr
mangelten die Kenntnisse, die sie zum Umgange und zur Unterhaltung des alles
übersehenden Usongs hätten auszieren sollen. Nuschirwani war ihre Freundin, und
ersetzte, was zur Anmut und der Lebhaftigkeit des Umganges der neuen Kaiserin
mangelte. Marta hatte ihre noch in der kindischen Unschuld blühende Schwester
Eudoxia mit sich an den persischen Hof gebracht.
    Nuschirwani kam, dieweil der Krieg mit den Osmannen wie aufgeschoben war,
mit einem Fürsten nieder, und diese Begebenheit half des Kaisers Kummer
besänftigen. Der Kaiser liess den jungen Erbfürsten Ismael nennen, welches der
Namen des Urhebers der Koreischiten, und des Stammvaters des Mohammeds und des
Ali war. Er sah nunmehr die Tronfolge befestiget, und erfreute sich, dass
hierdurch so vieles Uebel abgewandt wurde. Ein einziges Leben rettet in diesem
Falle das Leben von Millionen, und wendet von ganzen Reichen die Zerrüttung ab.
    Ein unglücklicher Zufall beschleunigte den Bruch mit den Osmannen. Machmud
hatte die Sultane von Karamanien bekriegt, sie geschlagen, und sich ihrer Länder
bemächtigt. Einer von ihnen, Pir Hamet, entfloh, und suchte Schutz beim
grossmütigen Usong.
    Der alles vor sich niederfallen zu sehen gewöhnte Machmud foderte durch
einen Kriegsbedienten den unglücklichen Fürsten ab, und der trotzige Osmann liess
sich einige Drohworte entfallen.
    Der siegreiche Usong fühlte die Unwürdigkeit dieser Begegnung: der Truchmen,
sagte er gegen seine Grossen, bleibt allemal ein Viehhirte, wie zu Timurs26
Zeiten. Ihn verhöhnte, dass ein Fürst, dessen Voreltern vor zwei Jahrhunderten in
den Gefilden von Turkestan von der Viehzucht gelebt hatten, und durch Untreu und
Meineid auf den Fürstentron gestiegen waren, dem Enkel des Tschengis trotzen
sollte, dessen Ahnen sich in die Dunkelheit der ersten Zeiten der Welt
verloren. Aber Usong war ein Weiser, und liebte sein Volk. Er schickte einen
Gesandten an den Machmud, und liess ihm vorstellen, die Pforte des Kaisers der
Perser sei die Zuflucht der Welt, und seine Ehre lasse ihm nicht zu, denjenigen
zum Tode auszuliefern, der günstig genug von ihm gedacht hätte, Schutz bei ihm
zu suchen. Der Kaiser erbot sich sonst zum Frieden, und zur Freundschaft, mit
dem Sultane der Osmannen. Er bat, Machmud möchte Karamanien und Trapezunt
verschonen, und kostbare Geschenke begleiteten die Bitte.
    Die Antwort des durch das Glück verwöhnten Machmuds war rauh: er könne
denjenigen nicht für seinen Freund ansehen, der seine Feinde beherbergete. Er
rückte mit vieler Bitterkeit dem Kaiser seinen Bund mit den ungläubigen
Nazarenern vor, die auszurotten Usong dem Sultan billig behülflich sein sollte.
Er fuhr fort, Karamanien zu verwüsten, er bemächtigte sich des reichen Tocats,
und die osmannischen Völker verschonten der angränzenden Kurden, und des Teiles
von Armenien nicht, der unter Persien stund: der Pascha von Amasia rückte auch
in die Lande des Kaisers von Trapezunt ein.
    Eine grosse Gesandschaft kann indessen von Venedig. Der Botschafter schloss
mit dem Kaiser einen engen Bund; er versprach im Namen seiner Herrschaft, die
venetianische Flotte sollte sich auf den Küsten von Karamanien zeigen, die
Seestädte angreifen, und den Sultan nötigen, seine Macht zu teilen: es sollten
auch diejenigen Kriegsnotwendigkeiten nach Persien geschickt werden, die dieses
Reich selbst nicht erzeugte.
    Der unbeständige Hof von Aegypten wollte sich durch keine Vorstellungen
aufwecken lassen, und liess sich nicht bewegen, der allgemeinen Gefahr zu
steuren, eh dass sie unwiderstehbar würde: die nazarenischen Fürsten blieben auch
bei ihrer Gewohnheit, die wichtigsten Angelegenheiten zu versäumen, und über
kleinen Vergrösserungen die allgemeine Sicherheit von Europa zu verabsäumen.
    Usong sah die Schwierigkeiten und Gefahren dieses Krieges vor. Schon hatte
Machmud seinen Sohn, den jungen Bajazid, mit einem alten und versuchten
Feldherrn, und mit einem auserlesenen Heere, nach Karamanien abgeschickt. Er
selbst folgte nach, und mit ihm die ganze Kriegsmacht, die in Europa gelegen
war, und die den Kern seiner Heere ausmachte. Denn die Bosnier, die Bergleute,
die zwischen Ungarn und Griechenland leben, die Epiroten, die Macedonier, sind,
wie ihr Land und ihr Himmel, härter, als die Einwohner des mildern Asiens.
Machmud brachte auch eine grosse Macht der im Feuer geübten Jenjitscheri, und
ein zahlreiches grobes Geschütz mit sich. Seine Kriegsvölker hatten seit vielen
Jahren keinen Frieden gekannt, und die Gefahr und die Mühseligkeiten waren ihnen
zur Natur geworden: ihre beständigen Siege hatten ihnen auch den Mut erhöhet,
sie sahen sich für unüberwindlich an, weil sie noch immer überwunden hatten.
Machmud war auch bei aller der Härte seines Gemütes, ein versuchter und kühner
Feldherr, und sein Geist war durch die Wissenschaften viel aufgeklärter worden,
als die ihm gehässigen Abendländer eingestehen. Sein Ehrgeitz, und seine Liebe
zum Kriege, waren freilich Fehler an ihm, die aber selber zum Siege führten.
    Der Kaiser von Persien hatte den Osmannen seine Kurden entgegen zu setzen,
eine versuchte und abgehärtete Reuterei. Seine Georgier waren auch die besten
Völker zu Pferd, die Asien kannte, aber sie waren nicht zahlreich. Die persische
Landmacht hatte selten den Krieg gesehen, und Usong konnte von ihnen die
Standhaftigkeit alter Kriegsleute nicht hoffen. Die grösste Ungleichheit war in
den Waffen. Zu Pferd, und mit dem Säbel in der Faust, hofte Usong die Oberhand
zu behaupten, und ein Perser hielt sich für besser, als zwei Osmannen. Aber
Persien hatte so wenig Fussvolk, dass der Kaiser nicht einsah, wie er der
gedrungenen Phalanx der Jenjitscheri widerstehen würde: noch weniger konnte er
diesen stolzen Siegern ein gleiches Feuer entgegen setzen, und bei dem groben
Geschütze war weder die Zahl, noch die Uebung der Perser, den Osmannen zu
vergleichen.
    Nichts blieb dem weisen Usong übrig, als er selbst. Er versprach sich durch
einen klugen Gebrauch seiner Kräfte, und durch die vollkommene Liebe seines
Volkes, den Osmannen das Vorrücken, den Unterhalt, und den Krieg so sehr zu
erschweren, dass sie in einer von der Hauptstadt ihres Reichs so entlegenen
Landschaft nicht lang die unendlichen Unbequemlichkeiten würden aushalten
können, die er ihnen zubereitete. Er kannte dabei die Osmannen, die wütende
Anfälle wagen, aber die Standhaftigkeit eines Feindes zu bezwingen leicht müde
werden.
    Der erste Feldzug geschah durch die leichte Reuterei, die er dem feurigen
Pir Hamet mitgab, und die bald mit einer Menge Karamanier verstärkt wurde, die
ihrem Fürsten frohlockend zufielen. Usong hatte den jungen Fürsten gewarht, er
hatte sogar befohlen, keine Feldschlacht mit den Osmannen zu wagen. Pir Hamet
war eine Zeitlang glücklich: das ganze Land war wider die Feinde, und keine Hand
blieb, die sich nicht für ihren Fürsten wafnete. Er hatte bald ein zahlreiches
Heer, und schlug verschiedene Schaaren der Osmannen. Der alte Achmet nahm bei
Tocat eine vorteilhafte Stellung: er lagerte sich auf einem gelinden Hügel, der
das Gefild übersah, und den er mit dem Geschütze fürchterlich bepflanzte. Unter
ihm giengen bis in die Fläche abhangende Weinberge mit schmalen Strassen
durchzogen: auch diese Zugänge besetzte er mit seinen Jenjitscheri. Hinter ihm
lag das grosse Tocat, und versicherte seinen Rücken.
    Pir Hamet war so blind, so voll jugendlicher Hoffnung, dass er glaubte, auch
in dieser Lage würden die Osmannen ihm nicht widerstehen. Er griff wütend mit
der Reuterei die Weinberge an. Ein Hagel von tödtlichem Blei regnete von der
Höhe, und von jeder Mauer; die kühnsten blieben, die übrigen Karamanier flohen,
und litten im Rückzuge noch sehr vieles von dem Donner des groben Geschützes.
Der Unfall benahm den ungeübten Untertanen des Pir Hamets den allzugeschwind
gewachsenen Mut, sie zerstreuten sich. Ihr Fürst musste sein Lager und seine
Erblande verlassen, und floh mit den wenigen übriggebliebenen nach Tabris, wo
ihn die Schaam so sehr niederschlug, dass er es nicht wagen wolle, vor dem Kaiser
zu erscheinen.
    So weislich Usong die Gefahr zu vermeiden hatte, so unerschrocken war er,
wann sie ihn umringte. Er hiess den Pir Hamet an den Hof kommen, und sprach ihm
Mut ein. Mein Freund, sagte der Kaiser, hat erfahren, dass die gerechte Sache
auch die schwächere sein kann; ich hoffe aber, er soll wiederum ein Zeuge sein,
dass das Glück sich durch die Geduld lenken lässt.
    Usong drang in Karamanien ein; Bajazid und der alte Achmet waren
triumphirend zum Machmud gestossen, und der feurige Vater freute sich, da er
hoffen durfte, der Osmannen Ruhm würde unter seinem Sohne nicht abnehmen. Ein
andrer Feldherr, Morad27, ein abgefallener Christ, aus dem kaiserlichen Geblüte
der Paleologen, führte die Osmannen an. Ehrgeitz und Jugend hatten den
ehemaligen Fürsten von Byzanz verleitet, seinen Glauben zu verlassen, und eben
dieser Ehrgeitz machte ihn niederträchtig genug, dem Zerstörer seines Hauses zu
dienen.
    Der Kaiser von Persien befolgte seinen Entwurf: er teilte sein Heer, das in
blosser Reuterei bestand, in viele Haufen. Alle Nächte gab er dem Haupte eines
jeden Haufens seine Vorschrift, wohin er eilen, und wo er wieder zu andern
Haufen stossen sollte. Die Perser waren aller Orten, und doch konnten die
Osmannen sie nirgends antreffen. Usongs Reuter hieben alles nieder, was von dem
Haupteere sich entfernte. Wollte der Seraskier eine Zufuhr von Kriegsnotdurft
an sich ziehen, so stiessen drei persische Haufen zusammen, übermannten die
Bedeckung, erschlugen die Osmannen, und nahmen den Vorrat weg. Gieng Morad auf
sie los, so zerstreute sich das persische Heer in mehrere Haufen, und die
vortreflichen Pferde brachten sie sehr bald aus den Augen der Osmannen. Ein
jeder Karamanier wurde ein Ausspäher, kein Schritt der Feinde war den Persern
unbekannt, dieweil Morad in einer beständigen Ungewissheit blieb.
    Die Osmannen wurden täglich auf diese Weise abgemattet, und Morad, der den
Tod eben so sicher zu Byzanz, als in den Flächen von Tocat, vor sich sah, fasste
den verzweifelten Entschluss, an allen Orten, wo er ihn nur anträfe, den Kaiser
anzugreifen.
    Usong vernahm die Verlegenheit, und den Entschluss des Seraskiers,
augenblicklich. Nun ist es Zeit zu schlagen, sagte er zu Pir Hamet. Er rief alle
die geteilten Schaaren seines Heeres zusammen, in eine Fläche, die hinter
seiner itzigen Stellung lag. Der Zurückzug des Kaisers vermehrte den Mut des
abtrünnigen Feldherren: er drang mit aller Beschleunigung auf die weichenden
Perser.
    Da die Osmannen noch zwei Farsangen28 weit von der Perser Hintertreffen
waren, so liess der Kaiser plötzlich den allgemeinen Befehl ergehen, ohne
kriegerisches Spiel, und mit dem wenigsten Geräusche vorzurücken. Da er an
Völkern nunmehr überlegen war, so teilte er sie in drei Teile. Zwei Flügel
umringten die Osmannen auf den Seiten, und Usong griff den Seraskier vor der
Stirn an. Er befahl, seine Völker sollten, ausser der Macht des Feuergewehrs,
sich in Ordnung stellen, und dann mit verhängtem Zügel, und mit dem Säbel in der
Faust, auf allen drei Seiten einbrechen. Die Osmannen sahen ihren Untergang vor
Augen, und den Tod auf allen Seiten an sie dringen. Sie riefen verzweifelnd, es
ist das Schicksal29, und verloren allen Gebrauch ihrer Kräfte. Sie wurden im
Augenblicke zertrennt, viele tausende niedergemacht, und die übrigen bis auf
wenige Flüchtlinge gefangen, die am wenigsten verdient hatten, dem Tode zu
entgehn. Morad sand den Tod minder fürchterlich, als den zornigen Anblick seines
Herrn, er suchte ihn auf der Wahlstadt30. Persien erkaufte den grossen Sieg mit
so wenigem Blute, dass Usong sagen konnte, sein Triumph koste keine Tränen.
    Er kam nach Tabris triumphirend zurück, nachdem sich fast ganz Karamanien in
seine Arme geworfen, und die osmannischen Besatzungen aus den meisten Städten
verjagt hatte. Der Kaiser fand es der Weisheit angemessen, hier eine Pracht zu
zeigen, die sonst weit unter seinem Gemüte war. Der Perser Mut zu erhöhen,
liess er die Gefangenen mit ihren Waffen auf den unermesslichen Platz zu Tabris
einrücken; sie giengen in geschlossenen Gliedern, mit den Feuerröhren, zwischen
zwei Reihen geharnischter persischer Reuter. Das gröbe Geschütz, die Fahnen, die
Rossschweife, die Befehlstäbe, und alle Zeichen der kriegerischen Pracht folgeten
den Gefangenen. Mitten auf dem Platze sass Usong auf einem erhabenen Sofa, das
Panier von Persien flatterte über seinem Tronhimmel. Die Feldherren, die
Fürsten der Mongalen, die Grossen aus Persien, umringten den Tron in den
prächtigsten Kleidungen. Der junge Ismael stund selbst gewafnet neben seinem
grossen Ahnherrn. Vor den Augen des Kaisers mussten die Gefangenen die Waffen
ablegen, und wurden abgeführt, um in alle Provinzen verteilt zu werden, auf dass
alle Perser die Zeugnisse des Sieges vor ihren Augen haben möchten. Hierauf
erschienen diejenigen Krieger vor dem Trone, deren Taten in dem Feldzuge der
Kaiser selbst angesehen, oder von denen ihm sonst angezeigt worden war, dass sie
zu dem grossen Siege tapfere Werkzeuge gewesen wären. Sie erhielten von dem
Kaiser prächtige Geschenke, edle mit dem kostbarsten Zeuge behangene Pferde,
Säbel die von Edelsteinen schimmerten, Fahnen die ihren Ruhm bis zu den
Nachkommen aufbewahren sollten, Helme mit glänzenden Federbüschen, stählerne
Rüstungen, Lorbeerzweige, in welchen kostbare Steine eingestochen waren.
    Das grosse Tabris erschallte von einem Triumphgeschrei, das ganze Stunden
dauerte: es lebe der neue Cyrus, der Herr der Welt, der Schatten Gottes.
    Das Gerücht trug Usongs Ruhm bis in die entferntesten Gegenden. Die durch so
viele Gebürge, und durch unermessliche Wüsten von Persien abgesonderten Mongalen,
jauchzten über das Glück eines Enkels des Tschengis. Indostan schickte ihm
Gesandte, und in den Abendländern stieg die Hoffnung auf, der Held sei gefunden,
der dem Ehrgeitze der Osmannen Gränzen setzen würde.
    Der folgende Feldzug war nicht so blutig, aber dennoch siegreich. Usong
bemächtigte sich des übrigen Teiles von Karamanien, und erlegte etliche
tausende in kleinen Treffen. Aber ihr Feldherr hatte den strengsten Befehl vom
Sultan31, eine Schlacht zu vermeiden, und nahm auf den Bergen, womit dieses Land
angefüllet ist, solche Stellungen, dass Usong es abermal unmöglich fand, mit
seiner von Fussvolk entblössten Reuterei die Feinde anzugreifen.
    Aber nun war die Donnerwolke, die sich langsam vom Abend her fortgewälzt
hatte, endlich bis zur Gränze von Persien gekommen. Das grosse Heer des nach
Rache lechzenden Machmuds war in Karamanien, unter des Sultans eigener
Anführung, eingerückt: ein ungläublich grosser Zug von grobem Geschütze folgte
dem Heere. Der Kern aller Osmannen, die Jenjitscheri, die europäischen Völker,
rückten in fürchterlicher Menge an, die krimmischen und nogahischen Tataren
schwebten auf den Flügeln des weit ausgedehnten Lagers, und versicherten seine
Seiten. Alles was unter den Türken tapfer war, alle die versuchten Feldobersten
Morads, kamen aus ihren Ruhplätzen, und drängten sich unter die Fahne des
kriegerischen Sultans.
    Usong hatte alle Kräfte von Persien an sich gezogen, nur musste er Tabris und
das kaiserliche Haus zu bedecken, ein kleines Heer in dieser Stadt lassen. Was
aber den Kaiser am meisten bekümmerte, war die Langsamkeit der venetianischen
Hülfe. Die Republik hatte allerdings ihre Schiffmacht an die Küste von Cicilien
geschickt, wo sie öftere Landungen tat, und etliche Seeplätze einnahm; der
Befehlshaber hatte auch zur Vorschrift, alles zu tun, was Usong ihm auftragen
werde. Der Botschafter brachte viel güldenes und silbernes Geschirr zum
Geschenke, wovon die Arbeit den Wert des Metalles übertraf32; und hundert
Büchsenmeister begleiteten das grobe Geschütz unter ihrem Hauptmanne Tomas von
Imola. Er brachte einen Überfluss an dem Zugehöre zum Gebrauche dieser zu den
Belagerungen fester Städte gegossenen Stücke. Es kamen auch zahlreiche
Büchsenschmiede, und andere Künstler mit, deren Persien bedürftig war. Aber der
Anführer der Venediger war zu langsam gewesen, und diese ganz wichtige Hülfe kam
erst nach der blutigen Schlacht an, die Asiens Schicksal entscheiden sollte.
    Usong zog dem wütenden Machmud entgegen. Der ergrimmte Sultan liess alles
verbrennen, und verwüsten. Vor seinem Heere, sagten die Osmannen selber, war das
Land ein Paradies, und hinter ihm eine rauchende Wüste. Er rückte bis zehn
Tagreisen von Tabris vor, und drohete dieser grossen und blühenden Stadt, in
welche Usong alle die Notwendigkeiten verlegt hatte, die zur Unterhaltung eines
grossen Heeres erfodert werden.
    Gern hätte der kluge Kaiser eine Schlacht vermieden: seine Meinung war
unveränderlich, die Osmannen in kleinen Treffen abzumatten, und ihnen die
Lebensmittel abzuschneiden. Aber die grössten Männer sind die Bescheidensten.
Usong gab endlich dem Rate des feurigen Haiders, des Pir Hamets, der
unerschrockenen Nowianen, und der Grossen von Persien nach, die alle ihre
Stimmen vereinigten, dem Kaiser vorzustellen, der Verlust von Tabris würde der
Untergang von Persien sein. Viele tausende getreuer Untertanen würden
jämmerlich ermordet werden, und die Mittel, den Krieg fortzuführen, würden
verloren gehen. Die Eiferer für des Ali Geschlecht entsetzten sich vor dem
blossen Gedanken, die heiligen Gräber zu Ardewil möchten von den Sonniten
entweiht werden. Mit der Reuterei könnte man keine Zugänge verwehren, keine
Stellungen nehmen, wohin die Jenjitscheri nicht eindringen könnten. Sie
erinnerten den Kaiser an seine zahlreichen Siege, und baten ihn, an dem Mute
der Perser nicht zu zweifeln, davon der letzte sein Blut hingeben würde, ehe dass
er Usongs Kriegsruhm würde bestecken lassen.
    Der Kaiser gab nach, und rückte gegen den Feind, den er in der Gegend von
Arzendgan antraf, in einer grossen Fläche unweit des Euphrats, wo sich die
persische Reuterei ausbreiten konnte.
    Machmud stand mitten in einem gevierten Treffen von fünfzigtausend
Jenjitscheri, die um sich das grobe Geschütz hatten, das den Tod ganzer Tausende
um sich schleuderte. Sie giengen in fünfzig Gliedern, eine unzertrennliche,
fürchterliche Feuersäule. Auf den Flügeln waren die Spahi, und die krimischen
Tataren, die ihr Kan anführte.
    Usong nahm mit den Kurden, und mit den auserlesensten Persern, seinen Stand
gegen die Jenjitscheri, die übrige Reuterei verteilte sich auf die Flügel. Er
gab eben die Befehle, wie in der sieghaften Schlacht wider den Pascha Morad, er
rückte langsam fort, bis er die Entfernung erreicht hatte, wo das feindliche
Geschütz anfieng tödtlich zu werden. Er hob die Augen gen Himmel, den er, wie es
schien, um seinen Schutz anrief, und gab dann zum Feldgeschrei, Persiens Heil.
Hiermit befahl er dem Reichspanier ihn nie zu verlassen, und rannte durch den
Dampf des schmetternden Geschützes in den Feind.
    Die beiden Flügel warfen die Reuterei der Türken und Tatarn im Augenblicke
übern Haufen: sie fielen nach dem erhaltenen Befehl, den Osmannen in die Seite,
nachdem sie einen genugsamen Haufen in voller Schlachtordnung hatten stehen
lassen, die versicherten, dass die feindlichen Flügel sich nicht erholen konnten.
    Den Säbel in der Faust zertrennten die Perser einige Glieder der
Jenjitscheri. Aber diese geübten Kriegsleute wandten ihre Feuergewehre gegen
alle Seiten, und alle Augenblicke fielen die herzhaftesten unter ihren
Angreifern. Usong sah den Sultan im dicksten Haufen zu Pferde halten: ein mit
Zobel verbrämter Mantel, und die drei Reigerbüsche machten ihn kenntlich. Sieben
Rossschweife mit güldenen Knöpfen stunden neben ihm in die Höhe. Der Kaiser von
Persien sah kein Mittel zum Siege, als die Erlegung des Sultans: er drang gegen
ihn mit allen den vereinigten Kräften des Mutes und einer halben Verzweiflung.
Aber der tödtlichste Blitz schlug aller Orten ihm entgegen. Der Kern der Perser
fiel, die meisten Fürsten aus dem Hause des Tschengis, Pir Hamet selbst, für
dessen Sache dieses Blutbad entstanden war, wurden an der Seite des Kaisers
getödtet. Dschuneid, der Freund des Kaisers, setzte das Leben für ihn zu33.
Endlich fuhr ein feindliches Blei auf die Brust des edlen Haiders, und
zerschmetterte sein treues Herz neben dem Pferde des Kaisers. Usong sah den
Fall, und suchte den Tod.
    Er würde ihn in wenigen Augenblicken gefunden haben. Scherin trug das
Reichspanier von Persien. Der Getreue fiel dem Kaiser in den Zaum, und drehte
sein Pferd um. Vergib deinem alten Diener, sagte er, aber Persien kann nach einer
Niederlage sich erholen, nach Usongs Tode nicht: er befahl auf den beiden
grossen Trommeln das Zeichen zum Abzug zu geben, ohne des Kaisers Antwort zu
erwarten. Der Rückzug war so gefährlich, als der Anfall, noch mancher Held musste
unter dem Geschütze fallen; doch hieb sich der persische Säbel einen Weg durch
die dicken Glieder der Jenjitscheri, und der Kaiser kam in Sicherheit.
    Scherin warf sich zu seinen Füssen, und erkannte sich des Todes schuldig,
weil er den Abzug anzubefehlen über sich genommen, und selbst dem Kaiser
einigermassen Gewalt angetan hatte. Aber der dankbare Usong übersah die
Umständlichkeiten, und drang in die innere Absicht des eifrigen Dieners, er
umarmte ihn, und dankte ihm, dass er sich in einem Augenblicke besässen hätte, wo
Haiders Tod den Kaiser aus aller Verfassung gebracht hatte.
    Der Sultan unterstund sich nicht, die Feinde zu verfolgen: sein Fussvolk war
unbedeckt, wenn seine dicke Phalanx sich getrennt hätte, so war sein Untergang
unvermeidlich. Er sah in geschlossenen Linien auf beiden Seiten einen Teil der
Perser stehen: er schloss selbst seine zerbrochenen Glieder, liess aus dem groben
Geschütze ein allgemeines Feuer, als ein Siegeszeichen machen, und blieb in
Schlachtordnung. Die Osmannen34 hatten weit mehr Volk verloren, als die Perser.
Aber den grossen Usong vom Schlachtfelde getrieben zu haben, schien dem Machmud
genug, seinen Namen zu verewigen.
    Die Perser zogen sich, nach dem Entwurfe des Kaisers, in eine Stellung
zurück, wo sie Wasser und Lebensmittel fanden. Seufzend musste er so manchen
Freund, so manche Stütze seines Reichs unbegraben lassen. Und wer wird meine
Nuschirwani trösten, sagte er selber trostlos? Er kannte noch nicht ihre ganze
Grösse.
    Er verteilte sein Heer auf beide Flügel der Osmannen, und gab den vorigen
Befehl, die Lebensmittel abzuschneiden, und die einzelnen Schaaren, die der
Feind wegen des Futters ausschicken schicken musste, mit Vorsicht anzufallen.
Denn das Schlachtfeld war ein dürrer Anger35.
    In drei Tagen hatte ein vom Scherin abgeschickter Bote die unglückliche
Zeitung nach Tabris gebracht. Die grosse Stadt wallte, wie ein Meer im Sturme,
von der Furcht fürs künftige, und vom Entsetzen über das vergangene. Nuschirwani
hörte ohne Tränen alles das zertrümmernde, das in der Zeitung lag. Hier ist
keine Zeit zum Weinen, sagte sie, und begab sich auf den weiten Meidan, auf
einen zum Kriege ausgerüsteten Elephanten. Sie liess durch die grossen Trommeln
die Häupter der zu Tabris liegenden Völker versammeln, und zugleich die
Vornehmsten der volkreichen Stadt zusammenfodern. Das Heil von Persien, sagte
sie durch einen Herold, beruht auf dem Gebrauche dieses Augenblickes. In einer
Stunde müssen die Kriegsvölker aufbrechen, zum Kaiser zu stossen: morgen möchte
er von der Obermacht der Feinde erdrückt sein. Und wer unter den Einwohnern des
grossen Tabris sein Vaterland, und seine Kinder liebt, der wird mich begleiten:
ohne neue Kräfte, womit der Kaiser die Feinde aufhalten kann, ist in wenigen
Tagen Tabris ein angezündeter Schuttaufen, worinn die Leichen seiner Bürger zu
Asche werden.
    Tabris griff zu den Waffen, zehntausend streitbare Männer, der Ausbund
seiner tausenden, vereinigten sich mit der Kriegsmacht, und zogen augenblicklich
gegen Arzendgan. Alle Greise, die Persien hatten befreien helfen, griffen zur
Lanze, und stellten sich vor die Gewafneten. Eilende Boten flogen voran, den
Kaiser aufzusuchen, und ihm anzukündigen, dass die Verstärkung anrückte. Andere
Boten beriefen auf flüchtigen Pferden Persiens Landmacht zusammen. Nuschirwani
zog mitten unter den Kriegern aus, ihren Vater zu retten. Hat doch Ajeschah,
sagte sie, in einer weit schlimmern Sache, auf einem Kameele die Schlagenden
angefrischt36.
    Sie sorgte für die Gemahlin ihres edlen Vaters, und liess sie, halb
verschmachtend, mit einer genugsamen Bedeckung, auf das Schloss Karpurt37
bringen, dessen feste Lage es vor einem feindlichen Ueberfalle sicher stellte.
    Machmund rückte langsam und zweifelhaft fort. Seine Reuterei war vernichtet,
ein Teil seiner Jenjitscheri war unter den Säbeln der verzweifelnden Perser
gefallen, er besorgte ohne Wasser und ohne Mundvorrat zu sein, und sah in
einiger Entfernung die persischen Heere ihn beobachten.
    In wenigen Tagen vereinigte sich das neue Heer mit dem Kaiser, und alle
Stunden kamen Verstärkungen an, die eine Wirkung der von der standhaften
Nuschirwani ausgesandten Boten waren. Ganz Persien stund auf, ein einziger Wille
herrschte in dem grossmütigen Volke; den Kaiser und des Vaterlandes Ehre retten,
war der einzige Wunsch, gegen den die Liebe des Lebens verstummete.
    Nuschirwani liess sich ungesäumt zu ihrem erlauchten Vater bringen. Alles ist
gerettet, da Usong lebet, sagte sie, und eilte zu seinen Füssen. Der Kaiser sah
keinen weiblichen Zug in ihrem Angesichte, keine Spur der Furcht oder der
Niedergeschlagenheit, sie atmete nichts als Grossmut, und die Bestrebung das
Reich zu retten, glänzte in ihren Angen. Usong umarmte sie aufs zärtlichste. Mit
einer solchen Tochter, sagte er mit Wehmut lächelnd, wer könnte Söhne wünschen!
    Machmud hatte keine Hoffnung mehr Tabris zu erobern, er musste befürchten,
seine ermüdeten Völker würden umringt, und ein Raub des Schwerdtes werden. Er
zog sich langsam zurück, und kein Haus rauchte in Persien von den Fackeln des
siegenden Heeres. Aber Machmud war grausam, er liess die verwundeten und auf dem
Schlachtfeld aufgehobenen Perser niedermetzeln, und wollte keine gemeine Rache
ausüben, sondern liess auf einen jeden Tag hundert dieser Unglücklichen ermorden
38. Er zog sich nach Karamanien, verwüstete was noch verschont geblieben war,
und führte sein Heer gegen das schwache Trapezunt.
    David war ausser Stand dem Sieger zu widerstehen, er übergab sich dem
Machmud, der ihm sein Leben versicherte. Aber dieser blutdürstige Sultan kannte
die wahre Ehre und die Würde seines Wortes nicht, er liess den ganzen
kaiserlichen Stamm der Comnenen ausrotten.
 
                                    Fussnoten
1 Bizarrs hat diesen Sieg angemerkt.
2 Moscheen.
3 Unter den Aliden blieb diese Einrichtung.
4 Chardin in seiner Reisebeschreibung.
5 Chardin descr. d'Ispahan.
6 Chardin T.V.
7 Della Valle T. II.
8 Völker im Gebürge zwischen Persien und Multan.
9 Völker zwischen Kerman und Sind.
10 Darius der Sohn des Hydaspes.
11 Auch Della Valle rühmt sie.
12 Chardins Reise.
13 Schwaben.
14 Uladislaus, König in Polen und Ungarn.
15 Die Schlacht bei Varna.
16 Des chinesischen Epicurs.
17 Im Jahr 1409 rückten die freien Helvetier durch den halb gefrornen Rhein
gegen die Oesterreicher an: wie sie im Strome stunden, so siel etwas vor, das
nicht zuliess, sie fortrücken zu lassen. Diese tapfern Männer, die keinen
Feldherrn, und ihre Kinder und Brüder zu Hauptleuten hatten, stunden die Kälte
und die Ungeduld ganze Stunden aus, und zogen nicht eher ans Ufer, als bis es
ihnen etwa befohlen würde.
18 Della Valle T. IV. & V.
19 Raubtiere, die des Nachts die Leichen auswühlen.
20 Das kaspische Meer schwillt aus den persischen Ufern, und macht das nächste
Land zum ungesunden Sumpfe.
21 Kämpfer.
22 Kinderpocken.
23 Unter dem Mir Wais und Machmud.
24 So waren sie vor dem Schach Abbas.
25 Dieses Volk besitzt von den alten Zeiten her, und noch jetzt, den Vorzug der
edelsten Züge.
26 Timur hatte eben so vom Bajazid gesprochen.
27 Bizarro.
28 Starke Stunden.
29 Dieses ist der Gebrauch der Türken bei Uebeln, wider die sie kein Mittel
wissen.
30 Bizarro hat diese Schlacht.
31 Bizarro erzählt den Feldzug, als ob Machmud selber die Türken angeführt
hatte. Der hitzige Sieger würde schwerlich seinem Feinde ausgewichen sein.
32 Zu Paris gemacht, sagt die Geschichte.
33 Die abendländischen Geschichtschreiber machen diesen Dschuneid zum Sohne des
Usongs. Marco Guazzo schreibt eben diesem Dschuneid, den er Dschenial nennt, den
Befehl in der Schlacht, und seiner Verwegenheit zu, dass Persien dieselbe
verloren habe. Usong hätte ihm verboten zu schlagen. Der junge Fürst, der zwei
Pascha überwunden hatte, wäre aber wider den väterlichen Willen vorgerückt, von
Machmud umringt, und mit dem ganzen Heere erlegt worden. Aber des Bizarro
Erzählung ist gläublicher, und höchst unwahrscheinlich, dass der erfahrne Usong
bei einer so wichtigen Gelegenheit den Befehl des persischen Heeres einem jungen
Herrn überlassen habe.
34 40000 Mann gegen 8000 Perser. Bizarro
35 Gänsefelder nennt es Bizarro.
36 In der Schlacht des Kameels, wo die Syrer vom Ali geschlagen wurden.
37 Bizarro.
38 Bizarro.
 
                                 Viertes Buch.
Das persische Heer lagerte sich in den Wiesen um Tabris. Usong hielt es nicht
der Klugheit gemäss, einen sieghaften Feind zu verfolgen, der die Kräfte nicht
verloren hatte, wodurch er den Persern war überlegen gewesen. Der Kaiser hatte
immer eingesehen, dass ohne Fussvolk eine standhafte Säule von Jenjitscheri nicht
zu bezwingen war, und nunmehr hatte die Erfahrung das ahnden seiner Weisheit
bestätiget. Er erhielt zwar die späte Hülfe von Venedig, aber sie ersetzte den
Mangel an Völkern nicht, die im Gebrauche der Feuergewehre geübt wären.
    Eine schaudrichte Stille herrschte in den Zusammenkünften, und auch im
kaiserlichen Hause. In jenen durfte niemand sich nach dem Schicksale der
Kriegsbedienten erkundigen, weil er selbst eine leidige Zeitung zu vernehmen,
oder andere in Betrübnis zu setzen befürchten musste. Ganz Persien war in Trauer,
und kein angesehenes Haus war, das nicht einen würdigen Abkömmling verloren
hatte.
    Nuschirwani hatte gesagt, nun darf ich weinen, und hatte sich
eingeschlossen, ihr Unglück zu betrauern. In den Jahren, wo sie hoffen sollte,
das Vergnügen einer glücklichen Ehe lange zu geniessen, verlor sie einen
liebenden Gemahl, den sie mit allem dem Feuer liebte, das in ihrem Gemüte
herrschete. Sie sah des Kaisers Munterkeit abnehmen, seit dem Tode der
holdseligen Liosua hatte ihn niemand fröhlich gesehen. Ihre ganze Zärtlichkeit
vereinigte sich auf den jungen Ismael, dessen Auferziehung sie selbst übernahm,
ob sie wohl dabei die weisesten und tugendhaftesten Perser sich helfen liess.
    Sie verliess den alles versprechenden Knaben fast niemals. Sie hatte von der
Kindheit an ihn lallend angenommen, und selber unterwiesen. Die ersten Gründe
der Weisheit hatte sie ihm aus den Fabeln beigebracht, die Locman oder Saadi
hinterlassen, oder sie selbst erfunden hatte. So wie er anwuchs, wurden die
Fabeln zu Erzählungen, in denen er allemal die Tugend loben und belohnen,
allemal das Laster schelten und bestrafen hörte.
    Die Erbfürstin machte einen nützlichen Gebrauch von der Kunst der Mahler1:
sie wusste, dass sinnliche Bilder die Kinder mehr aufwecken, und unendlich mehr
anziehen, als abgezogene Begriffe. Sie fand Mittel, fast die ganze Sittenlehre
in Gemählde einzukleiden, die eine Erzählung erklärte. Der künftige Held gewann
an dieser Art ihn zu unterrichten einen solchen Geschmack, dass man ihn nicht
ersättigen konnte. Bald stellte ein Gemählde einen Sultan vor, der in ein ödes
Zimmer trat, wo nichts als ein Schäferkleid und ein Hirtenstab war: der Sultan
sah erzürnt die ihm nachfolgenden Höflinge an. Nuschirwani erklärte das Bild
durch die bekannte Geschichte des persischen Staatsdieners aus Kerman. Sie liess
dann den Fürsten selber seine Schlüsse aus der Geschichte ziehen, und half ihm
zur Anwendung. Ismael sieht, sagte sie, dass ein Fürst den Verleumdungen der
Neider unterworfen ist, und dass er sich hüten soll, als wahr anzunehmen, was
nicht erwiesen ist. Denn der getreue Diener liess sich nicht bewegen, zum
zweitenmale seines Herrn Wankelmütigkeit sich bloszustellen, und der König
verlor die Stütze seines Reiches. Mehemet Ali Bei war der treueste Diener, und
seine Tugend konnte ihn nicht vor dem Neide schützen. Der König sollte sich aber
erinnert haben, dass es eine blosse Sage war, das verschlossene Zimmer verheele
grosse Schätze. Hätte er die Pflicht eines weisen Fürsten beobachtet, so hätte er
aus den Rechnungen des Ali Bei's selber wissen können, ob dieser Wasir untreu
wäre.
    Auf einem andern Blatte sah man in einer Entfernung Byzanz in seiner
Herrlichkeit liegen, und Timur, dessen Bildung kenntlich, und auch dem jungen
Erbfürsten bekannt war, die Augen von der prächtigen Aussicht abwenden. Was
sagte Timur, der Schrecken der Welt? Er wurde von dem griechischen Kaiser
gebeten, seinen Hof zu besuchen; denn Timur hatte ihn vom Bajazid errettet, dem
Ahnherrn Machmuds. Aber Timur antwortete: die Stadt ist zu schön, ich möchte
versucht werden, sie behalten zu wollen. Er zog ab, und nahm kein Dorf für den
Lohn seiner Hülfe an, die doch vielen tausenden mutigen Tartaren das Leben
gekostet hatte.
    Auf diese Weise füllte sich Ismaels Gemüt mit den glänzenden Bildern der
Tugend, bis dass sie ihm zur Natur wurde. Auch in Bildern lernte er die
verschiedenen Geschöpfe, womit die Welt ausgezieret ist, die Reiche, in welche
die Menschen die Erde geteilt haben, die einem jeden Lande eigenen Reichtümer,
und die Ordnung der Himmel. Oefters schlug ihm die Kaiserstochter zur Strafe ab,
ihm eine Geschichte zu erklären, und lernen war seine Belohnung.
    Andere auserwählte Männer unterrichteten ihn in den Leibesübungen, die einem
Fürsten zur Zierde dienen. Aber man sorgte aufs genaueste, dass unter seinen
Meistern kein untugendhafter sich einschleichen konnte, und dass kein Wort
gesprochen wurde, das in der reinen Seele des Knaben einen Flecken gelassen
hätte.
    So wie er älter wurde, lehrte man ihn sein künftiges Volk, und eine jede
Landschaft von Persien kennen, und ihre wichtigsten Städte, und die Früchte der
Natur und der Kunst unterscheiden. Nuschirwani brachte bei einer jeden gelesenen
Stelle eine edle Geschichte an. Hier wurde die schöne Pantea gefangen, und
ihrem Gemahle wieder unberührt zugeschickt: und dieser Gemahl setzte hernach das
Leben für den entaltsamen Cyrus zu. Das gewinnt man, sagte Nuschirwani, mit der
Tugend, sie erwirbt uns die Zuneigung der Völker, und ist der einzige Preis, um
welchen man die unschätzbare Treu wahrer Freunde erkaufen kann.
    Nunmehr war Ismael reif von Gott zu hören. Nuschirwani brachte ihm die
unumschränkten Begriffe bei, die doch nur einen Teil der Grösse von Gott
ausdrücken. Sein Sinn wurde mit lebhafter Liebe gegen den Guttäter der Menschen
belebet, und er lernte mit Zittern den Namen des Richters der Welt verehren, vor
dem die Kaiser Menschen sind. Die Kaiserstochter arbeitete unermüdet, dem Gifte
der Schmeichler vorzukommen, und den Erben von Persien zu überzeugen, dass der
Tron nur darin seinem Besitzer eine wahre Grösse gebe, weil er auf demselben
mehr Gutes tun könne. Gott, sagte sie, erwartet aber auch von demjenigen am
meisten, dem er seine Macht anvertrauet hat. Wehe dem, der in der Beilage
ungetreu ist, für die er ewig antworten soll?
    Sie lehrte ihn die Anfänger der kaiserlichen Häuser kennen, den Cyrus, den
Ardeschir2, den Yao, den Wuwang, den Oguz. In der Tugend dieser Helden, in ihrem
unermüdeten Eifer für das Wohlsein ihrer Völker lag die Wurzel ihrer Grösse, und
ihres ewigen Ruhmes. Auf eben die Weise zeigte sie ihm die Fürsten, unter denen
die grössten Reiche zu Grunde gegangen waren, den Sardanpul, den Balschazzar, den
Tscheü, die letzten Abassischen Kalifen. Die Wollust, sagte sie, erniedrigt das
Herz, und beugt es in die Zunft der Tiere. Ein Fürst, der sich ihr übergibt,
verliert das Zutrauen der Völker, und er verfällt in die heimliche Verachtung
der Schmeichler selber, die ihn beherrschen: unter seinem Sohne sinkt der
wankende Tron ein, den seines Vaters Untugend erschüttert hat.
    Sieh deinen Ahnherrn, sagte die edle Nuschirwani mit Entzücken, sieh ihn,
einen kleinen Fürsten der Mongalen, einen Gefangenen, einen Sclaven, sich durch
seine Tugend auf den Tron von Persien schwingen. Dieser Tugend ist mein Ismael
die Erwartung des schönsten Trones der Welt schuldig. Usong ist durch sie für
sich selbst glücklich geworden, und seine Enkel geniessen den Lohn seiner
Verdienste. Und was kostet ihn dieser Tron? Nichts als die willige Befolgung
seiner Pflichten, wobei er mehr Vergnügen fand, als die elenden Kalifen bei
ihren Buhlschaften, unter dem eisernen Stabe ihrer Veziere, unter dem drohenden
Säbel ihrer eigenen Leibwache, und unter der täglich sich erneuernden Furcht,
noch vor dem folgenden Morgen vom Trone in einen umgitterten Turm gestossen zu
werden. Usong wird von der Liebe seiner Untertanen wie mit flammenden
Schwerdtern bewacht: sein Herz gibt ihm das einzig überzeugende Zeugnis seiner
innern Würde: es fühlt keine Triebe, die es vor der Tugend zu verbergen
wünschte: sein Feuer wird für die Welt lauter Licht und fruchtbare Wärme. Die
ganze Erde wiederholt das Zeugnis seines Herzens, und von dem Munde hundert
Völker umschallt den Usong der Ruhm seiner grossen Eigenschaften.
    Das Herz brannte dem edlen Knaben: soll ich ein Enkel Usongs, und nicht
tugendhaft sein, nicht den Ruhm der Welt verdienen, nicht dem obersten Wesen
gefallen, ein unwürdiger Mensch, er Verworfner vor Gott, der Welt und den
Nachkommen sein?
    Der Krieg wider die Osmannen wurde zwar durch keinen Frieden geendigt, aber
ohne Hitze geführt. Machmud hielt seine Eroberungen besetzt, ohne Persien
anzugreifen, und hatte eine Wüste zwischen ihm und dem Usong gemacht, die keiner
von beiden mit einem Heere durchziehen konnte, ohne sich dem Untergange
bloszusetzen. Usong hatte nach Pir Hamets Tode keine Ursache mehr, Karamanien in
Besitz zu nehmen, er kannte die Schwierigkeiten des Krieges, und die Schatten
der unersetzlichen Freunde schwebten beständig vor seinen Augen, die bei
Arzendgan gefallen waren. Doch tat er einen Feldzug wider einige georgische
Fürsten, die den Löwen gerejetzt hatten, den sie für tod hielten. Aber Usong
bewies ihnen sehr bald, dass Persien nichts von seiner Macht verloren hatte, und
zwang die Fürsten Gorgora und Pancraz, jährlich ein vorgeschriebenes Gewicht
Gold zum Zeichen ihrer Unterwerfung ihm zu bringen3.
    Der Hof zu Tabris vergrösserte sich durch die Ankunft einer zahlreichen
Botschaft vom mächtigen Könige der Patanen. Sie brachte ansehnliche Geschenke,
Elephanten und andere seltene Tiere, die Usong mit Vergnügen sah. Der Patan
hatte bei dieser Botschaft keine andere Absicht, als die Begierde, einen
Herrscher näher zu kennen, von dem das Gerücht so viel erhabenes ausbreitete.
    Eine andere Botschaft kam im Namen verschiedener Stämme der Mongalen. Sie
brachten die Zeitung vom Absterben des Timurtaschs, und vereinigten sich, die
Herrschaft ihrer Horden seinem erhabenen Sohne anzubieten, dessen grosse Taten
bis zu ihnen, in die Wüsten der östlichen Tartarei, durchgedrungen waren.
    Usong erklärte sich gegen die Untertanen seines Vaters nach einigem
Bedenken: Euer Glück, sagte er, edle Brüder, erfordert einen gegenwärtigen
Fürsten: mich hat das Schicksal auf den Tron von Persien abgerufen. Euer
Zutrauen rühret mich, ich werde ihm entsprechen. Tarkemisch, aus dem Blute des
Tschengis, ist der getreue Gefährte meiner Gefahren gewesen, er ist bei
Arzendgan verschont worden, da so viele Helden von eurem Blute fielen. Ihn
schlag ich euch zum Khane vor. Er hat Tugenden, die euer Eigentum sein werden.
Usong müsste euch durch andere raten. Tarkemisch wurde auf einen Schild erhoben,
den die Edlen unter den Mongalen mit ihren Köpfen stützten, und reisete mit
ihnen ab. Er schwur dem grossmütigen Usong eine ewige Dankbarkeit zu, und der
Kaiser erinnerte sich des Versprechens, das Liewang von ihm gefodert hatte,
niemals der Nachbar von China zu werden.
    Die Botschafter hielten sich eine lange Zeit zu Tabris auf. Usong liess sie
zu den freundschaftlichen Abendmahlzeiten bitten, die er wechselsweise seinen
Vertrauten, und denjenigen gab, deren Verdienste er auszeichnen wollte. Ein
Freund des Kaisers zu sein, war der Preis erhabener Eigenschaften, und das Ziel
der tugendhaften Ehrbegierde. Der Kaiser war in dieser auserlesenen Gesellschaft
freimütig, und sah auch gern, wenn die Gäste ihm den Anlass gaben, über die
wichtigsten Angelegenheiten der Regierung sich zu erklären.
    Der Patan fieng an: Herr der Zeiten4, sagte er, wie ich bei der Pforte
deiner Burg anlangte, so fragte ich nach deinem Wasir, dem wollte ich die Briefe
von dem Wasir meines Herrn, und die Geschenke übergeben, die der hohen Stelle
angemessen waren, auf welcher Persiens Polstern erhoben ist5. Man kennt hier
keinen Wasir, war die Antwort. Ich glaubte, vielleicht hat Persien seine Kolas,
oder seine Häupter in einer jeden Abteilung der verschiedenen Geschäfte des
Reiches. Ich fragte nach dem Haupte des Kriegswesens: es fand sich keines, und
eben so ging es mit den Kammersachen, der Gerechtigkeit, und der innern
Ordnung.
    Gott hat dem weisen Usong seines Ahnherrn, des gefürchteten Tschengis, Geist
gegeben, er übersieht, wie die Sonne, sein ganzes ausgebreitetes Reich auf
einmal. Ist aber Usong, wie die Sonne, unermüdlich? Sie glänzt heute über dem
Haupte des Kaisers eben so lebhaft, als sie über dem Oguz glänzete. Kann aber
ein Sterblicher sich schmeicheln, unermessliche Lasten zu tragen, und niemals zu
ermüden? Das Wesen, das den Usong von allen Sterblichen mit so grossen
Eigenschaften unterschieden hat, lässt ihn dennoch in der Reihe der Sterblichen,
deren Oberster er ist! Möchte es deine Tage verlängern, wie die Tage der ersten
Kaiser, wie die Tage des Cajumaras6! Aber Usong muss alt werden, er wird einen
Nachfolger haben. Werden die Kräfte des ehrwürdigen Greises die Last tragen
können, welcher der jüngere Usong gewachsen war? Werden deine Nachfolger eben
die Riesenschultern der Bürde, des Staates unterziehen, mit denen Usong Persiens
Wohlfart stützet? Verzeihe, Weisester der Herrscher, wenn der Diener deines
Freundes einen Zweifel äussert, der eine Wirkung der aufrichtigsten Teilnehmung
an deinem Wohlstand ist. Könnte Usong nicht, wie andere Herren, Hülfe in treuen
Dienern finden, er, der scharfsichtig, sie wohl zu wählen, und aufmerksam wäre,
sie ihren Pflichten getreu zu erhalten?
    Usong sagte mit der Freundlichkeit, die bei ihm nach dem Tode der geliebten
Liosua die Stelle seines fröhlichen Lächelns vertretten musste: Ich erkenne es
als eine Glückseligkeit, dass auch weise Freunde mich lieben: es wolle der Khan
meine Antwort hören.
    Einen Wasir Azem7 wurde ich nimmermehr annehmen, so eingeschränkt meine
Kräfte sind. Ich will von meinem Volke geliebt sein: ich will, dass es glücklich
sei. Ist der Wasir ein würdiger Verweser des Staates, so bleibt der Dank des
Volkes bei ihm stehen, so wie die Wohltaten von ihm kommen. Der Wasir wacht
über den Gesetzen, er erhält die Ordnung, seine sind die Siege, sein die
Erhörung der Bittschriften, sein die Gerechtigkeit. Ein solcher Wasir wäre eine
Wolke zwischen mir und meinem Volke. Die Perser sähen an ihm den Glanz, ich
bliebe ungesehen und verborgen. Mein Ehrgeitz ist, gutes zu tun, ich muss also
selbst sehen, selbst befehlen.
    Hat der Wasir Fehler, ist er unfähig, ist er habgierig, beredet ihn sein
Ehrgeitz Eroberungen zu machen, lässt er sich von seinen Günstlingen einnehmen,
drückt er die allzuschimmernden Verdienste anderer Diener des Reiches: hat das
Volk Ursache zu gerechten Klagen, so trift den Usong die Schuld, den unweisen
Usong, der übel gewählt hat, den trägen Usong, der auf dem Trone sitzen will,
aber die Pflichten des Zepters zu schwer findet. Usong ist unglücklich, sein
Volk liebt ihn nicht mehr. Aber er ist noch viel elender, denn sein Volk ist
unglücklich. Und wenn er schon erwacht, wenn er den Wasir stürzt, der das Volk
zu murren gezwungen hat, so ist vieles Gutes verabsäumt, das ohne den
Untüchtigen hätte geschehen können, viel Böses geschehen, das ein minder
mächtiger Diener nicht würde gewagt haben, das nicht geschehen wäre, wenn Usong
selbst die Geschäffte gekannt und geleitet hätte. Und wo ist die Sicherheit, dass
ein zweiter Wasir ohne Fehler sein werde?
    Ein Fürst hat keine Ursache geitzig zu sein, er sinkt unter dem Ueberflusse.
Er soll nicht eifersüchtig über gute Diener sein, von ihnen kann er nicht
verdrungen werden, er hat sie nicht zu befürchten. Ein jedes Verdienst im Reiche
macht den Herrscher grösser, weil es das Reich glücklicher macht. Kein fleissiger
Landmann ergräbt eine neue Quelle, die mich nicht bereichere: kein Pflug
entsteht, dessen Arbeit ich nicht geniesse: kein Zweig der Handlung erweitert
sich, ohne den Glanz meines Trones zu vermehren. Usong leidet hingegen von
allen Fehlern seiner Bedienten. Er ist also innigst durch sein eigenes Glück
verbunden, alle Guten zu lieben, alle Bösen zu entfernen, alle Teile des
öffentlichen Wohlseins zu vermehren, alle Arten von Ungemach vom Reiche
abzuwenden: denn die Ruhe seines Gemütes, und die Liebe der Perser ist sein
teurestes Eigentum. Wird ein anderer besser für den Usong sorgen, als Usong
für sich selber?
    Ich will die Geschichte nicht anführen, worinn ich doch die Folgen erwiesen
finde, die der Fürsten Fehler oder Tugenden haben. In den Abendländern dulden
die Völker auch böse Fürsten viel ruhiger, und sie leiden sie als Strafen des
Höchsten, wie die Blitze, und den Hagel, den Gott als Zeichen seines Zornes auf
schuldige Länder ausschickt. Und doch selbst in den Abendländern habe ich
gefunden, dass die Tugenden und die Laster der grossen Staatsdiener die Tronen
umgestürzt haben. Drei mächtige Wasire drungen bei den Franken die Enkel ihrer
Helden vom Trone weg8, und erniedrigten sie in den Stand geschorner Derwische:
und schlimme Staatsverweser haben andere Reiche von ihren Schätzen entblösst, ihr
wahres Wohl verabsäumt, und das Schiff des Staates, woran sie das Steuer
führten, gerade an die Klippen geleitet.
    So lang Usong Kräfte fühlt, für sein Volk zu arbeiten, so lang wird diese
Arbeit seine Wollust sein. Das hat die Tugend vor der Wollust bevor, dass beide
durch die Gewohnheit zur Natur werden: dass aber die Tugend den Menschen erhebt,
und die Wollust ihn erniedrigt; dass bei jener das Vergnügen durch die Gewohnheit
zunimmt, und bei dieser die Empfindung täglich schwächer, und endlich zum Eckel
wird. Usong ist dabei nicht zu bedauern: er geniesst, was ihn einzig vergnügen
kann, den täglichen Anblick des Wohlstandes seiner Perser. Welche Georgische
Schöne kann den Reitz haben, den ich bei einer Stadt finde, die aus ihrem
Schutte steigt, oder bei einem neuen Dorfe geniesse, dessen Einwohner
wohlgekleidet, freudig ihren Pflug mit starken Ochsen treiben, und am Abende
unterm Schatten eines Tschinars ihrer Kinder Vergnügen, und die Aufnahme ihrer
Felder überdenken.
    Meine späten Nachfolger kann ich nicht kennen, meine Verpflichtung geht
nicht so weit, ihre Fehler sich nicht die meinigen. Davon ist aber Usong
überzeugt, dass unter einem Fürsten keine Völker glücklich sein können, der nicht
selbst arbeitet, nicht selbst für sie sorget. Alles, was ich tun kann, ist,
meinen nächsten Nachfolger so zu bilden, dass ich hoffen könne, er werde ein
Kaiser, und nicht die Larve eines Kaisers sein, durch die ein andrer sprechen
und befehlen müsse. Die gute Auferziehung des Tronerben ist das einzige Mittel,
das einen herrschenden Stamm auf dem Trone befestigen, und den Wohlstand des
Reiches verewigen kann.
    Usong sprach mit einem Feuer, das in alle Gemüter drang, und eine
dauerhafte Verehrung seiner Tugend bei den erlauchten Fremden bewirkte. Dennoch
brachte der Gesandte von Venedig seine Zweifel an. Er war ein Sohn der Freiheit,
der die Härte der Regierung, und die despotische Gewalt verabscheute: ihm war
unbegreiflich, wie eine Herrschaft gerecht geführt werden könnte, wo ein
einziger Wille für alle zum Gesetze würde. Verzeih, erhabner Freund der Tugend,
sagte er, wenn ein in entfernten Ländern gebohrner mit befremdeten Augen die
morgenländischen Staatsverfassungen ansieht. Gewähre mir die Gnade, die Zweifel
aufzulösen, die in meinem Herzen wider die Regierung eines einzigen, vielleicht
durch blosse Vorurteile erzeuget, geherrschet haben. Wenn jemals die
unumschränkte Gewalt einen sieghaften Verteidiger finden kann, so wird es Usong
sein, der diese Gewalt so offenbar zum Besten der Welt anwendet.
    Aber wie manchen Usong wird die Geschichte unter den unumschränkten
Herrschern der Morgenländer finden? Mir kömmt die Regierung eines einzigen wie
eine gesetzliche Tyrannei vor, die ihre grausamen Wirkungen unfehlbar ausübt,
wenn nicht ein Wunder der Welt auf dem Trone sitzt. Ich habe mir Haruns
Alraschids, ich habe mir Timurs, und so vieler andern morgenländischen Helden
Geschichte bekannt gemacht: sie waren grosse Fürsten, herzhaft, edelmütig,
öfters auch gerecht: sie beschützten die Wissenschaften, und hatten überhaupt
einen Gefallen an der Tugend, und an den Gemütsgaben ihrer Untertanen. Aber
diese guten Eigenschaften erfüllen noch nicht die Pflichten eines Beherrschers,
sie versichern das Leben und das Glück der Völker nicht. Wie grausam hat nicht
Harun aus einer niederträchtigen Eifersucht den edlen Giafar, und das würdigste
Geschlecht unter den Arabern, die Barmekiden, unterdrückt? Würde ein solches
Unrecht möglich gewesen sein, wenn sein Rat über das Blut des unschuldigen
Giafars gerichtet hätte, der bloss die Rechte der Natur einem unsinnigen Verbote
vorgezogen hatte9? Wie oft hat Timur ganze Völker ausgerottet, wie oft hat er
den ihre Schlüssel bringenden Städten Gnade versprochen, und dennoch dem
Schwerdte den Lauf gelassen: Wie manche Kriege hat bloss der Ehrgeitz bei den
gesetzfreien Fürsten erweckt? Wie haben die Osmannen halb Asien verwüstet, und
Europa mit den rauchenden Spuren der Verheerung angefüllt, bloss weil ein Sultan
nach dem Namen eines Gazi10, und nach dem Rechte einer Dschiami11 lüstern war?
    In freien Staaten werden alle Entschlüsse von vielen genommen. Es ist nicht
leicht möglich, dass ein ungerechter Entschluss von vielen ungleich denkenden, von
vielen mit einander eifernden Männern angenommen werde, dabei nicht mancher,
oder dabei gar keiner, seinen eigenen Vorteil sieht. Der heimliche Stolz, der
auch in tugendhaften Herzen keimt, waffnet die Beredsamkeit derjenigen, die den
Verfechter eines ungerechten Anschlages nicht lieben; es wird schwerlich
geschehen können, dass er zugleich dem Hasse seiner Gegner, und der Wahrheit zu
widerstehen vermöge, die der Beweggrund des uneingenommenen ist.
    Aber bei einem unumschränkten Herrscher ist der Zorn eines Augenblickes ein
Todesurteil, eine aufwallende Leidenschaft zerstöret eine Stadt, und der Grimm
über ein hartes Wort wird zur Kriegeserklärung. Der Strahl fällt augenblicklich
nach dem Blitze, und die Reu kömmt nach dem Unglücke.
    Ich sehe, dass Usong nach den Gewohnheiten Persiens unumschränkt herrscht,
dass er auch eine eigentümliche Herrschaft besitzt, die ihren Sitz in den Herzen
der Völker hat. Wie hat aber seine Tugend das Mittel gefunden, dass unter einer
keinen Gesetzen unterworfenen Macht niemand leidet, niemand klaget, und so viel
tausend Münde sich alle zu seinem Lobe vereinigen?
    Eine aus vielen weisen Männern bestehende Regierung kann nicht auf einmal
verfallen. Der Tod des einen würdigen lässt sich verschmerzen, wo so viele andere
übrig sind. Zeno starb, aber Venedig blieb blühend. Unter Monarchen hängt das
Glück des Reiches am Atem eines Sterblichen. Kaum hat die Welt einen Timur
bewundert, so folgen auf ihn unwürdige Enkel, wollüstige, träge, unfähige
Fürsten. Die Wahl, die in einem freien Staate den verachteten, den ehrlosen, den
untüchtigen ausschliesst, hat keine Kraft wider die Rechte der Geburt. Ein grosses
Volk muss sich einem Wütriche, einem Sardan-Pul unterziehen, und geht mit ihm zu
Grunde. So sind die Timuriden verschwunden, die Enkel der Geisel der Welt.
    Usong sprach: Ich will den abendländischen Weisen nicht die
Ungerechtigkeiten entgegen setzen, die durch den Rat freier Staaten nicht eben
selten begangen worden sind. Ich will nicht darauf dringen, dass zu Rom der
Ehrgeitz den Rat, und selbst einen tugendhaften Cato, eben so oft zu
ungerechten Kriegen aufgebracht hat, als bei den Osmannen oder beim Timur die
Lust zur Vergrösserung. Ich gestehe es auch ein, dass es gefährlich ist, einem
Menschen eine unumschränkte Macht zu lassen; bei Gott ist die Allmacht an ihrer
Stelle, denn er ist allweise, und allgütig. Ich finde selbst, dass mein Herz sich
wider die plötzlichen und unüberlegten Todesurteile erhebet, die in den
Morgenländern so gemein sind; diese schleunige Ausübung mörderischer Befehle ist
für den Untertan unerträglich, und auch für den Herrscher gefährlich. Wann es
nichts kostet als zu wollen, so werden die Menschen immer zu viel wollen, und
durch eben diese willkührliche Anwendung ihrer Gewalt verlieren die Fürsten das
Zutrauen ihrer Untertanen, und werden zuletzt durch den gesammelten allgemeinen
Hass wie reissende Tiere überwältiget. Mir ist das Blut des geringsten Persers
unschätzbar: niemand hat die Macht es zu vergiessen, als das Gesetz.
    In Persien habe ich getrachtet eine Staatsverfassung einzuführen, die für
den Herrscher nicht gefährlich wäre, und wobei das Volk die Ausbrüche
willkührlicher Leidenschaften nicht zu besorgen hätte. Eine freie
Staatsverfassung scheint den Morgenländern nicht angemessen (Hier bückte sich
der Patan, und bezeugte durch seine Geberden, dass er eine Einwendung hätte,
schwieg aber mit Ehrerbietung); ihre heftigen Leidenschaften scheinen also
Schranken zu bedürfen, die nur die monarchische Macht nachdrücklich behaupten
kann. Es blieb übrig, die Perser vor der Unterdrückung sicher zu stellen.
    Ein jeder Untertan, ein jeder Gerichtshof, ein jeder Teil der
Staatsverwaltung, muss das Recht haben, sich an den Kaiser zu wenden: sie müssen
nicht nur ihre eigenen Angelegenheiten zu betreiben, sondern auch die Notdurft
des Reiches zu beherzigen frei sein: über alle Zweige der Regierung nimmt hier
der Beherrscher ungeahndet und ungestraft Vorstellungen an.
    Der Kaiser verdammt niemand, auch diejenigen nicht zum Tode, die so frech
wären, ihn persönlich zu beleidigen. Alle Strafen, alle Verurteilungen werden
von den Gerichtshöfen überlegt, und darüber die mehrern Meinungen eingeholt. Ein
guter Kaiser hat nicht zu befürchten, dass derjenige ungestraft hingehen werde,
der gegen ihn gefrevelt hat. Er behält dabei das Recht zu begnadigen, und ein
kluger Fürst wird es willig ausüben. Das Gesetz bestraft den Schuldigen, und dem
Herrscher bleibt das edle Vorrecht, zu vergeben.
    Die Abteilungen der Staatsverfassung bleiben von einander unabhängend: der
Gottesdienst, das Kriegswesen, die Gerechtigkeit und die Kammersachen mit der
Policei, sind völlig getrennte Körper, bei denen jeder Befehl von den obersten
Häuptern zu den untersten gehorchenden, ungestört hinabsteigt. Der Kaiser ist
der einige Mittelpunkt, wo sich die Vorträge aller dieser Abteilungen
vereinigen. Die Trennung der Machten in einem Reiche versichert den Tron der
Fürsten, und verhindert die Verbindungen, die wider ihn entstehen könnten. Es
wird zwischen den verschiedenen Staatsgliedern allemal einige Eifersucht, und
einige Fremdheit bleiben.
    Der Kaiser verfügt in keiner dieser Einteilungen der Reichsverwaltung
einige neue Verordnung, ohne eben diejenige angehört zu haben, in die das
Geschäfft gehört. Dreimal soll der Kaiser ihre Gründe anhören und untersuchen
lassen, und die Ausschreibung der Befehle soll stille stehen: endlich aber muss
des Kaisers Befehlen Gehorsam geleistet werden, weil doch ein Ende des Zweifels
sein muss.
    Der Kaiser findet seine Sicherheit auch in seinen Abgesandten. Sie machet
keinen Teil eines der Staatsglieder aus, und haben keine Beisitzer auch keine
eigene Macht, als die Ausführung zu hemmen, wann sie glauben, dieselbe würde
nachteilig sein, und einen Bedienten des Staates in die Untätigkeit zu
versetzen, beides, bis des Kaisers Wille eröffnet ist. Der Kaiser wird auch über
des Abgesandten Vorstellungen die Gründe des Hofes anhören, wohin die Sache
gehöret. Sonst soll der Abgesandte über alles ohne Aufnahme wachen, was zum
Besten des Reiches abzwecket, und über alles an den Kaiser uneingeschränkt
einberichten. Er wird auch auf dasjenige seine Aufmerksamkeit richten, was nicht
eigentlich in die grossen Abteilungen gehört; die Handlung, die Schiffahrt, die
Gelehrsamkeit, werden seiner Aufsicht anbefohlen.
    In allen Befehlen sollen die nötigen Feierlichkeiten beobachtet werden,
alles wird man in die erforderlichen Bücher eintragen. An diesen äusserlichen
Einschränkungen ist alles gelegen: sie unterscheiden eine ordentliche Regierung
von der Herrschaft der barbarischen Gewalt.
    Mit diesen Vorsorgen glaubte ich, wäre der Uebereilung gesteuert: und der
Wahrheit bliebe der Zugang zum Trone offen: und dennoch bleibt dem Usong mehr
Gewalt, als er auszuüben gedenkt.
    Endlich wird mein Freund zugeben, dass eine monarchische Herrschaft einen
wesentlichen Vorzug über die Regierung von vielen hat. Die letztere sinkt
langsamer ins Verderben, aber dieses Verderben ist unheilbar, keine
Heldentugenden einzelner Männer können dem zum Untergang hinreissenden Wirbel
widerstehen. Die Tugenden eines Agis, eines zweiten Cato sind in dem verdorbenen
Sparta und Rom verloren, und führen beide zu spät gebohrne Rechtschaffene ohne
Nutzen für ihr Vaterland in das Verderben. Die Sparsamkeit wird lächerrlich. Die
Strengigkeit zieht dem Gerechten den Hass seiner Mitbürger zu, und das heimliche
Geständnis ihrer Unwürdigkeit macht alle diejenige zu unversöhnlichen Feinden
des Tugendhaften, deren Niederträchtigkeit sein glänzendes Beispiel beschämt.
Hingegen kann ein einziger Monarch, wann er ernstlich will, ein in die gröste
Unordnung geratenes Reich wieder in den besten Zustand bringen. Vespasian
heilte die Wunden, die sechs böse Herrscher seinem Rom geschlagen hatten, und
nach dem heimtückischen Domitien lebte es mit verdoppeltem Glanze unter dem
Trajan auf. Aber die Republik sank von den Gracchen an immer tiefer, und eilte
unrettbar zu ihrer Zerstörung. Da die Herzen verdorben waren, so liessen sich die
Gesetze selbst zur Unterdrückung der Freiheit missbrauchen, und die
Staatsverfassung wurde unter dem Vorwand ihrer Erhaltung gestürzt.
    Der Kaiser schwieg, aber es stiegen doch in seinen Gedanken Entwürfe einiger
Verbesserungen auf, die er nachwärts ins Werk setzte. Er wandte sich gegen den
Patan, und fragte ihn, was er für ein Bedenken bei dem Satze hätte, dass keine
Freistaaten in den Morgenländern sich haben erhalten können.
    Ein neues Volk erscheint seit einiger Zeit an dem Ufer des Indus, sagte der
Patan, das allerdings im genauesten Verstande ein Freistaat ist. Man hält dafür,
es sei aus Tibet entsprungen. Diese Fremdlinge sind zahlreich, und in zwölf
Stämme abgeteilt. Im Frieden haben sie kein Oberhaupt; ihr Gesetzbuch liegt auf
einem Altare, und nach demselben richten ihre Aeltesten. Im Kriege wählen sie
einen obersten Feldherrn. Sie haben sich fast des ganzen Indus bis an die See
bemächtigt. Ihre Liebe zur Freiheit herrschet bis in den Gottesdienst: sie
kennen keine äusserlichen Feierlichkeiten, und beten in der Stille einen einigen
Gott an12. Usong dankte dem Botschafter für die Neuigkeit, und wandte sich
gegen den Botschafter von Venedig. Nun haben die Helvetier einem dem ihrigen
ähnlichen Bund in Indostan: denn Usong kannte jenes Volk auch insbesondre wegen
der Kriegszucht, die bei demselben neben der vollkommensten Freiheit dennoch
überaus scharf war, und, wie der Kaiser anmerkte, das meiste zu den Siegen
dieser Bergleute beigetragen haben mochte.
    Der Kaiser vernahm bald darauf Machmuds Tod, den ein schmerzhaftes Uebel
gewaltsam weggeraft hatte. Der Sultan hatte seine Waffen gegen die Abendländer
gewandt, und einen Einfall in Italien getan; er schien das alte Rom zerstören
zu wollen, so wie er das neue bezwungen hatte. Seinen Tron bestieg Bajazid, ein
friedfertiger Herr, der mit seinem eigenen Bruder zu kämpfen hatte, und alle
Gedanken ablegte, Persien zu beunruhigen.
    Usong hielt nunmehr seine Gegenwart zu Tabris nicht mehr für nötig. Geheime
Triebe zogen ihn nach Schiras, wo er eine mildere Luft für sein annahendes Alter
zuträglich zu sein glaubte, und wo der Sitz der Künste war, die unter seiner
unmittelbaren Aufsicht stunden, und durch seine Freigebigkeit unterstützt
wurden. Das Frauenzimmer ging mit dem Tronfolger dahin ab: der Kaiser aber
bereisete zum letztenmale die westlichen Provinzen, und besuchte die Städte die
er noch nicht gesehen hatte.
    Er sah das den Persern unterworfene Armenien, das wichtige, und durch seine
Lage befestigte Tiflis, und die Gegenden, wo der Euphrat und der Tiger ihren
Ursprung nehmen. Er hatte einen täglichen Anlass zu dem wahrhaftigsten Vergnügen.
Alle Aecker waren bebaut, unzählbare Pflüge machten Gefilde fruchtbar, wo
einzelne Antilopen geweidet hatten.
    Die Flüsse im heissen Mesopotamien, und in Irak, waren überall zum wässern
abgegraben, und eine segensreiche Fruchtbarkeit durch die durstigen Flächen
verteilt. In allen Dörfern sah Usong neue Häuser, wohlgekleidete Bauern, mit
ihren Weibern, mit Silber geschmückt, die Stimme der Freude und des Frohlockens
stieg aus allen Hütten. Usong war nicht mehr einer sinnlichen Freude fähig, aber
das Herz des Helden schwoll dennoch von Vergnügen auf, das so viele
Glückseligkeit erweckte, woran er einen so wesentlichen Anteil hatte. Zuweilen
musste er dennoch bestrafen.
    Er fand unweit Amadan einen Landmann, der ein wohl zugerüstetes Pferd
leitete, und vernahm, dass es einem der Richter dieser Stadt zugeführt wurde. Der
Richter war in den persischen Dichtern wohl belesen, selbst scharfsinnig, und
wegen seines angenehmen Witzes dem Kaiser vorteilhaftig bekannt worden. Usong
liess auf den Landmann achten, und vernahm bald, das Geschenk sei angenommen, und
das Geschäfft vor dem Richter beträfe eine der Wasserleitungen, die unter den
Landleuten allemal die heftigsten Zwiste veranlassen. Beide wurden vor den Diwan
gefodert: sie mussten ihren Fehler eingestehen. Du, sprach der Kaiser zum
Landmann, hast einen nützlichen Mann verführt, der alle Eigenschaften zu einem
einsichtigen Richter besass: du hast Persien beraubt; was hat es teurers als
tugendhafte Männer? du sollst in Mogostan leben, und dein erster Fehler soll
dein Tod sein. Usong wandte sich hierauf nach dem zitternden Gelehrten: Wer hat
besser gewusst als du, dass Geschenke ärger als Räubereien sind, dass sie aus den
Händen der Unschuld ihr rechtmässiges Eigentum reissen, und es dem Verführer
zuteilen? du sollst auch in Mogostan, in eben dem Dorfe mit demjenigen wohnen,
von dem du dich hast bestechen lassen: so oft ihr einander sehet, soll euer
Anblick euch erinnern, dass kein Laster in Persien unbestraft bleibet.
    Usong kam endlich in Schiras zurück. Seine Künstler hatten manche Jahre
ihres Beschützers entbehrt, und kein Geld befruchtet die Künste, wie das Auge
des Herrn. Er suchte Hülfe für diejenigen Werke, die geschwächt waren, er
munterte die Fleissigen auf, er belud sich mit einem grossen Teil der Waaren, die
sie verfertigten. Die Chinesen hatten nun ganze Dörfer mit fruchtbaren
Maulbeerhecken, und mit Schildereien baumwollener Tücher besetzt: und die
chinesischen Geschirre wurden in Persien an vielen Orten vortreflich nachgeahmt,
auch wohl an Festigkeit, am lebhaften Firnisse, und an gutem Geschmacke
übertroffen.
    Der erste Befehl des Kaisers war, seiner geliebten Liosua ein Denkmal
aufzurichten. Er erwählte dazu einen Hügel, auf den man vom Palaste eine freie
Aussicht hatte. Das Grabmahl wurde nach dem chinesischen Geschmacke ausgeführt,
und in silbernen Lampen brannte Tag und Nacht weisses Naphta um den Sarg.
Einige der ältesten Diener der Kaiserinn wurden zu Hütern gesetzt, denen das
leichte Amt zum Troste ihres Alters dienete.
    Usong gab hier verschiedene Verordnungen aus: denn der bemühte Kaiser
beschäftigte sich mit einer jeden Angelegenheit seines unermesslichen Reiches,
und eines jeden Teils desselben, als wenn er nur etliche Dörfer zu beherrschen
gehabt hätte13. Er sah die Handlung blühen, die Karawanen kamen von Halep, mit
den Waaren der Abendländer beladen, nach Mosul. Die tatarischen Schätze wurden
von Bockhara nach Mesched gebracht, und aus Indostan giengen die Reichtümer
dieser fruchtbaren Gegenden über Kandahar nach Schiras. Die Schiffe aus Arabien,
aus Gusurat und Atschin brachten nach Basra die Früchte ihrer Länder, und die
Reichtümer des glücklichen Serendibs14.
    Usong wusste, wie die Handlung die zweite Stütze des Reiches ist, denn dem
Ackerbau gab er den Vorzug, der so unmittelbar unentbehrlich ist. Einige
Karawanen waren angegriffen worden, die Usbeken streiften noch dann und wann,
und schadeten dem Handel nach Bockhara. Usong gab ein Gesetz, nach welchem er
versprach, dem Ueberwältigten aus dem Schatze alle die geraubten Güter zu
bezahlen, die auf der Landstrasse mit Gewalt weggenommen würden, und der
Stattalter sollte von der Landschaft die Ersetzung desjenigen wieder verlangen,
das inner ihren Gränzen geraubet worden wäre. Dieses grossmütige Gesetz, das
auch die gesittetesten Völker nachzuahmen nicht uneigennützig genug sind, ist in
Persien15 auch unter den gewaltsamsten Regierungen heilig geblieben. Die
Landschaften fanden ein leichtes Mittel, dass keine Räuberei mehr so leicht ihnen
zur Last gereichen konnte. Sie nahmen Strassenreuter16 an, deren Anzahl der
Gefahr nach bestimmt wurde, und diese leichte Anstalt reinigte sehr bald die
Strassen so vollkommen, dass man mit unbedecktem Gelde von Orsa bis nach Kandahar
reisen konnte, ohne einen Angriff zu befürchten. Denn da diese Reuter auf allen
Landstrassen beständig hin und her eilten, da man die Fremden nötigte, bei
jeder Stadt Zeugnisse zu nehmen, und ohne dergleichen Scheine niemand
durchgelassen wurde, so verloren die Räuber alle Hoffnung, unverfolgt zu
bleiben, und vermieden mit der grössten Sorgfalt die persischen Gränzen. Alle
Perser, und insbesondre die ganze Landmacht hatte Befehl, den Strassenreutern
beizustehen, und Usong würde den Stolz der Kriegsleute streng bestraft haben,
die von dem Reiche sich besolden liessen, aber zu dessen inneren Ruhe nicht
hätten dienen wollen. Alle die Unbequemlichkeit der Räuberei fiel nun auf die
keiner Ordnung fähigen Osmannen, deren Länder von ganzen Schaaren von
Freibeutern geplündert wurden.
    Der Kaiser erinnerte sich an den Einwurf des Patanischen Botschafters, sein
zunehmendes Alter erforderte einige Verminderung seiner Arbeit. Er gab nunmehr
den grossen Abteilungen der Reichsverwaltung Häupter; eine jede hatte einen
Vorgesetzten, der mit dem Kaiser arbeitete. Vier Tage waren für diese vier
obersten Staatsbedienten bestimmt, an den übrigen arbeitete er in Gegenwart
aller der Häupter über die allgemeinen Geschäffte des Reiches. Da nicht alle
dieser Abteilungen gleich viel Geschäffte anbrachten, so blieb die übrige Zeit
für die Schreiben der Abgesandten. Jedes Haupt hatte vier Beisitzer, alle aber
wurden aus eben der Abteilung genommen, deren sie vorgesetzt waren. In dem
gewöhnlichen Laufe trug das Haupt dem Kaiser vor: alle Beweise mussten bei der
Hand sein. Denn sehr oft, und zumal auf die Warnung hin eines Abgesandten,
untersuchte der Kaiser auf der Stelle, ob der Vortrag mit den Beilagen
übereinkäme, und er war unerbittlich, wann er im geringsten Umstande eine
Unrichtigkeit verspürte. War das Geschäfft zu weitläuftig, so liess er sich alle
Urkunden geben, und untersuchte es, sobald er Zeit fand, oder gab es einem
Vertrauten zu untersuchen. Er blieb beim Gebote, dass vor dem endlichen
Entschlusse ein jedes Haupt, und alle Beisitzer, ihre Meinung schriftlich von
sich geben sollten: das Aufbehalten der Schriften machte sie behutsam im
Anführen des Verlaufs, da nicht die geringste Unrichtigkeit übrig bleiben musste.
Usong hob aber das Recht nicht auf, das ein jeder Untertan hatte, sich an den
Kaiser zu wenden, und die öffentlichen Verhöre giengen täglich vor sich.
    Ismael war so weit herangewachsen, dass er zu wichtigern Lehren tüchtig war.
Der Kaiser gab ihm aus jeder Abteilung einen geschickten und dennoch angenehmen
Mann zum Lehrer, und fugte einen fünften bei, der über die allgemeinen
Angelegenheiten des Reiches den Erbfürsten unterrichtete. So lernte er von
Jugend auf den Gottesdienst, den Kriegsstaat, die Rechte, die Steuersachen, und
die Policei des ihm zugedachten Reiches im innersten kennen. Zu den
Kriegsübungen der kaiserlichen Leibwache, auch der um die Städte verlegen
Landmacht wurde er zugezogen, weil doch die Jugend am besten durch die Sinne
sich unterrichten lässt. Man zeigte ihm die nötigen Künste, das Giessen des
Geschützes, die Werkstätte der Waffen, und der vornehmsten Waaren. Der Kaiser
liess den Schach Sadu den Rechtsfragen beiwohnen, und die Beweise der
vortragenden Richter, und die Gründe anhören, worauf sich das Urteil gründete.
Zu den Uebungen im Reiten, im Fechten, sogar im Schwimmen, wurde er angeführt.
Sein Gemüt war zugleich feurig und biegsam, er flog zur Ehre durch alle Wege,
und das Beispiel seines grossen Ahnherrn spornte ihn zur Vollkommenheit an.
    Usong liess ihn die jährlichen Reisen unternehmen, die nunmehr dem Kaiser zu
beschwerlich waren. Ihm wurden auserlesene Begleiter mitgegeben, die seine
Aufmerksamkeit auf alle würdige Gegenstände richteten. Er tat selber den
Vortrag an den Kaiser, und brachte die Anmerkungen über alles an, was er in den
vier Abteilungen wichtiges gesehen hatte. Das Volk liebt allemal seine jungen
Fürsten, und ein günstiges Vorurteil entsteht in allen Herzen, wenn sie mit der
Blüte der Jahre die Keime der Weisheit vereinigt finden. Leutselig wie sein
Ahnherr, fähig wie Nuschirwani, schön wie Haider, gewann Ismael aller Herzen,
und frohlockete über die Zeichen der Liebe, mit denen man ihn überschüttete.
    Usong war zu gross, eifersüchtig zu sein; er wollte, dass Ismael auch im
Kriege sich üben sollte. Die Aufruhr einiger Balluschen, eines wilden
Bergvolkes, das ein Stamm der Patanen ist, aber weiter nach Süden wohnt,
nötigte den Kaiser, ein kleines Heer wider sie auszuschicken. Der erfahrne
Scherin führte es an, und Ismael ging als ein Freiwilliger mit zu Felde.
Scherin zeigte ihm die Absicht eines jeden Befehls, den er gab, und eines jeden
Schrittes, den das Lager tat.
    Der Khan drang sehr vorsichtig in die Gebürge, machte sich allemal aller
Anhöhen Meister, ehe das Hauptlager vorrückte, und das Feuergewehr, so wenig er
desselben hatte, machte ihn sehr bald den halb ungewaffneten Wilden so
fürchterlich, dass sie sich unterwerfen mussten. Sie legten vor einem Rasenhügel
die Waffen nieder, worauf Ismael in einer prächtigen Rüstung stund, und gaben
Geisel. Man führte an den nötigsten Orten einige Befestigungen auf, die man
besetzte, und ein fliegendes Lager blieb einige Jahre am Eingang der Gebürge
stehen. Ismael kam voll jugendlicher Freude wieder, seinem Ahnherrn die
Begebenheiten des Feldzugs zu erzählen: sein Herz wallete vom mächtigen Gefühle
des ersten Sieges. Usong umarmte den liebenswürdigen Erbfürsten, und zog ihn
nunmehr zu den Versammlungen der vier Abteilungen; er fragte ihn zuweilen um
seine Meinung, billigte sie, oder brachte ihn liebreich zurechte, und bog ihn
unter die Last, die ihm nunmehr nach dem Laufe der Natur bald auffallen musste.
    Nuschirwani war unermüdet besorgt, die anwachsenden Jahre ihrem grossen Vater
angenehm zu machen. Bald liess sie wilde Tiere mit einander streiten, womit sich
der Kaiser belustigte, weil doch allemal, wie er sagte, ein Räuber starb. Sie
liess die seltensten Tiere zusammenbringen; man fand an Usongs Hofe den mit
einer Mähne dem Löwen sich nähernden Baburat, dessen rötlichter Pelz17 mit
schwarzen Flecken beworfen war. Die ätiopische Giraffa, mit dem Kameelhalse und
den Pamherflecken zeigte in der fremdesten Gestalt die mildesten Sitten. Bald
liess die Erbfürstin die verschiedenen Leibwachen sich in den Waffen üben: bald
erschien eine Menge Arbeiter, deren jeder die Waaren trug, die er verfertigt
hatte, und wobei Nuschirwani allemal etwas neues und unerwartetes anzubringen
wusste. Bald wurden dem Kaiser indische Edelsteine gebracht, deren Wert und
Fehler er sehr wohl kannte, und mit denen er in einer müssigen Viertelstunde sich
beschäfftigte. Bald liess man Dichter kommen, die ihre Gesänge ablasen. Sie liess
auch einige Kämpfer um Preise streiten, ohne einander zu verletzen; andere
Preise wurden dem schnellsten Läufer, und auch wohl dem flüchtigsten Pferde
ausgeteilt. Diese letztern Kämpfe hielt Usong für nützlich, weil sie die Perser
anfrischeten, ihre edle Pferde mit arabischen Hengsten zu verbessern, die man
den persischen noch vorzieht.
    Usong sah wohl, dass diese Veränderungen lauter Künste der sorgfältigen Liebe
der klugen Nuschirwani waren; er zeigte auch eben deswegen ein mehreres
Vergnügen an allen diesen Schauspielen, als wie er würklich fühlte. Er hatte
seine Munterkeit niemals wieder erhalten, nachdem er seine Gemahlinn verloren
hatte: obwohl er mit der Trapezuntischen Despoina als ein liebreicher Gemahl
lebte, und sie um desto glücklicher zu machen suchte, je härter, auch wohl
Usongs wegen, ihres Hauses Schicksal gewesen war. Auch die Gesundheit hatte bei
seiner ehemaligen Krankheit gelitten. Er fühlte seine Kräfte abnehmen, und ein
allgemeiner Eckel gewann bei ihm die Oberhand. Man sah ihn oft des Nachts nach
dem Grabmahle der Liosua sehen, und ob er wohl zu gütig war, mit seinem Kummer
seine Gemahlinn zu betrüben, so merkte man doch wohl, dass er nicht mehr lang von
seiner Verstorbenen getrennt zu bleiben hoffte.
    Eine neue Gesandschaft von Venedig unterbrach des Kaisers Schwermut. Joseph
Barbaro, ein Edler, wurde von Venedig abgeschickt, um des Kaisers beharrliche
Freundschaft anzusuchen. Er brachte wiederum Kriegsvorrat und Leute mit, die in
der Verfertigung der Waffen, und im Gebrauche des Geschützes erfahren waren. Ihn
begleitete Nicolo Crespo, Herzog einiger Inseln im ägeischen Meere, ein junger
und liebenswürdiger Herr, der die Anmut der europäischen Sitten mit den grösten
Vorzügen der Bildung verband.
    Zeno lebte noch; er schickte seinem durchlauchtigsten Freunde eine Anzahl
Bücher, die nach der nicht mehr seltenen Erfindung mit zinnernen Buchstaben
abgedruckt waren. Die besten Geschichtschreiber von Italien, und vom alten Rom
waren unter der Zahl derselben. Der edle Zeno bezeugte sein Vergnügen, dass er
unter den ersten gewesen wäre, die innere Grösse des jungen Usongs zu kennen, und
ihn zu lieben.
    Die Gemahlinn des Kaisers genoss alle Freiheit, die sie bei den
morgenländischen Christen würde gehabt haben: sie hatte eine eigene Kirche,
worinn sie ihre Andacht verrichtete. Ihre jüngere Schwester, die schöne Eudoxia,
begleitete sie bei einer der grossen Feierlichkeiten der Christen. Crespo fand
sich auch dabei ein, und bemerkte die aus der bescheidensten Kleidung
ausbrechenden Reitze der jungen Fürstin von Trapezunt. Es war ein anmutiges
Gemische von Andacht, von Demut, und von einer fürstlichen Würde. Der Herzog
von Naxos sah ihre Schönheit nicht unempfindlich an; ihm gefielen noch über die
reizenden Züge die Spuren der Tugend, die er in dem ganzen Wesen der jungen
Schönen wahrnahm. Er fand noch mehrere Gelegenheit sie zu sehen, und entzündete
sich täglich mehr.
    Die kaiserliche Gemahlinn sah alle Christen als ihre Verwandten an, und gab
dem Fürsten von Naxos den Vorzug, den seine Geburt und seine angenehmen
Eigenschaften verdienten. Durch ihre Güte aufgemuntert, wagte er es der Despoina
zu eröffnen wie sehr er wünschte, ihrer liebenswürdigen Schwester Hand zu
verdienen. Usongs Gemahlinn trennte sich ungern von ihrer Schwester, sie fand
aber unendlich mehr Hoffnung zu der Glückseligkeit der jungen Eudoxia bei einem
christlichen Fürsten, als bei irgend einer Vermählung mit einem Mahometaner. Sie
selbst hatte den Unterschied des Glaubens nicht zu büssen gehabt; sie wusste
aber, wie sehr sonst die morgenländischen Fürsten auf die Annehmung ihrer
Grundsätze bei allen den schönen Einwohnerinnen ihres Harems zu dringen
pflegten. Sie machte dem Crespo Hoffnung, und leitete es dahin ein, dass er der
jungen Fürstin seine innigste Liebe zu erkennen geben konnte. Crespo gewann
einen so grossen Anteil an ihrer Hochachtung, dass Eudoxia kein anderes Beding
vorschrieb, als die Einwilligung ihres Beschützers, des Usongs. Sie war nicht
schwer zu erhalten. Seine weise Güte sah nur auf das wahre Glück derer die er
liebte; er fand keinen gültigen Einwurf wider des Crespo Ansuchen, und die
Trauung sollte in der Stille vor sich gehen: aber ein tiefes Stillschweigen
herrschte über die ganze Sache, da es im Morgenlande einer bescheidenen Fräulein
schon misfällt, auch nur genannt zu werden.
    Die schöne Eudoxia besuchte einmal die tugendhafte Nuschirwani, als
unvermutet Ismael in seiner geliebten Mutter Zimmer trat, bei welcher er eine
jugendliche Bitte anzubringen hatte. Die fürstliche Fräulein konnte nicht
entweichen, sie war ohne Schleier, und in aller Freiheit, die der Besuch einer
vertrauten Freundinn gibt. Ismael sah sie nur zu wohl, und fand an ihr eben die
Reitze, die der griechische Fürst verehrte. Sie verliess zwar, sobald es ihr
möglich war, das Zimmer der Kaiserstochter: aber ihre Augen hatten ihre
unglückliche Macht schon ausgeübt. Ismael war mit aller der Lebhaftigkeit eines
Jünglings, und mit der Heftigkeit eines Morgenländers entflammt, und sah kein
Glück mehr vor sich, als in dem Besitze der schönen Griechinn.
    Er konnte seine Leidenschaft nicht bezwingen, und bat seine erlauchte Mutter
um ihre Fürsprache beim Kaiser. Da er doch Persiens einziger Tronerbe wäre, da
er nicht unvermählt bleiben würde, so hoffte er, man würde ihm die einzige Braut
nicht versagen, bei welcher er glücklich zu sein hoffen könnte.
    Nuschirwani liebte ihren Sohn, aber noch mehr die Tugend: sie hatte eben das
zarte Gefühl der Gerechtigkeit, wodurch jener Kaiser so berühmt worden war,
dessen Namen sie trug. Sie belehrete den feurigen Ismael über die wahren
Umstände, und suchte ihn zu überzeugen, Eudoxia sei nicht mehr frei, und seine
Liebe sei den Gesetzen entgegen. Er stiess die bittersten Klagen aus: und selbst
die Verehrung seiner Mutter konnte ihn nicht verhindern, wider seinen Mitbuhler
sich einige Worte zu erlauben, die heimliche Drohungen waren. Man vernahm auch
von seinen Vertrauten, er hätte die heftigste Leidenschaft geäussert, sobald er
von seiner Mutter zurück in seine Zimmer gekommen wäre.
    Nuschirwani hoffte, der grosse Usong würde den feurigen Fürsten besänftigen,
und einem Ausbruche vorkommen, der dem Kaiser sehr unangenehm sein würde, ihm
der die Mildigkeit selbst war, und in dessen erlauchtem Hause noch niemals eine
Leidenschaft war bekannt worden, welche die Tugend hätte missbilligen können.
    Usong liess den Erbfürsten von Persien vor sich kommen. Ismael, sagte der
ehrwürdige Monarch, zweifelt an meiner Liebe nicht: er ist der einzige Zweck
aller meiner Arbeiten: alles, was ich für Persien tue, das tue ich für ihn,
und in der Absicht, ihm ein ruhiges und glückliches Reich zu verlassen. Aber ich
liebe den tugendhaften, den sich zu einem guten Herrscher bereitenden Ismael:
einen ungerechten, einen gewalttätigen Ismael würde ich nicht lieben, auch
nicht wenn er meiner Nuschirwani Sohn wäre.
    Ismael ist nur zwei Schritte vom Trone entfernt, er wird in wenig Jahren
selbst fühlen, wie schwer der Zepter ist. Dennoch ist es möglich, diese Last zu
erleichtern. Wann Ismael mit dem Ruhme eines tugendhaften Fürsten den Tron
besteigt, wann Persien von ihm sein Glück hoffen kann, so werden ihm alle Herzen
entgegen gehen, und alle seine Befehle werden der Wille des Volkes sein.
    Wie aber, wenn derjenige, der auf mich folgen soll, ein Fürst wäre, der
seine Begierden der Gerechtigkeit vorzieht, der versprochene Bräute ihren
Verlobten entreissen, und Bande trennen will, die keine Menschen mehr auflösen
sollen? was wird Persien von Ismael erwarten, wann der junge Tieger an der Kette
der väterlichen Gewalt schon raubet, schon seinem Grimme die noch zarten Klauen
leihet? wer wird vor dem erschrecklichen Wütriche sicher sein, wenn ihn kein
Gesetz, keine Ehrerbietung mehr einschränken wird?
    Aber so unglücklich wird Ismael nicht sein: er wird für den Einfall eines
Augenblickes die Ehre nicht verscherzen, ein tugendhafter Fürst zu sein: eine
jugendliche Begierde wird nicht mehr auf ihn vermögen, als die Hoffnung einer
glücklichen Regierung, der Beifall aller seiner Perser, und das Glück eines
ganzen lange vor ihm ausgedähnten Lebens.
    Ismael war feurig, aber tugendhaft: er bückte sich, küsste des Kaisers Hand,
ihm blieb die einzige Bitte, abwesend zu sein, wenn er die edle Eudoxia auf ewig
verlieren sollte. Vor seinen Augen sie in die Arme eines geliebten Mitbuhlers
gehen zu sehen, wäre für seine schwache Tugend zu viel.
    Die Usbecken hatten nach einer langen Ruhe unter neuen und gierigen Fürsten
einen Einfall in Khorassan getan, und Usong liess unter dem Nortimur, einem der
wenigen übriggebliebenen Nowianen, ein fliegendes Heer wider sie zu Felde gehen.
Ismael zog mit den Persern wider die Räuber, seine Erfahrung in Kriegssachen zu
vermehren. Nortimur wollte die Usbecken nicht nur zurücktreiben, Persien würde
nur eine kurze Ruhe genossen haben. Er nahm sich vor sie zu bestrafen, und für
eine lange Zeit abzuschrecken, ihre friedlichen Nachbaren zu reizen.
    Sie waren, sobald sie den Anzug der Perser vermerkt, gegen ihre Gränzen
zurückgewichen. Die Flächen von Khorassan lagen hinter ihnen, und sie hatten
sich eines engen Tales zwischen gähen Felsen bemächtigt, das sie gegen ihre
Lande führte.
    Nortimur versah sich mit einer Heerde Pferde, dem angenehmsten Raube für die
Usbecken. Er lagerte sich in der Fläche, die hieher des vom Feinde besetzten
Tales war. Er zog seine Völker nahe zusammen, so dass der Haufen klein schien.
Die Pferde liess er zwischen ihm und dem Feinde unter einer schwachen Bedeckung
grasen. Die Räuber, deren Begierden nichts, als die Furcht zähmen konnte,
glaubten eine leichte Beute zu finden. Sie fielen aus ihrem festen Lager, und
bemächtigten sich der Pferde begierig, deren Bedeckung entfloh; Nortimur selbst
zog sich um etwas zurück.
    Er sah die Usbecken nunmehr beschäfftiget, die flüchtigen Pferde zu haschen;
ein jeder von ihnen hatte fast ein Pferd zu schleppen, das seinem unbekannten
Meister ungern folgete, als Nortimur das Panier von Persien vorrücken hiess. Die
Völker kannten das Wahrzeichen, und brachen mit verhängtem Zügel, und dem
hirkanischen Säbel in der Faust, in die zerstreuten Usbecken. Sie fanden wenig
Widerstand bei den mit ihrer Beute bemühten Feinden; die Räuber flohen nach der
Enge, wodurch sie sich zurückbegeben mussten. Da sie aber fast nur einzeln
durchkommen konnten, so wurden die meisten von den Persern der Rache
aufgeopfert, die sie oft gereizt hatten, und wenige konnten entkommen.
    Der Feldherr rückte ihnen nach, und besetzte ihre besten Städte; denn nichts
ist feiger, als geschlagene Räuber. Seine Absicht war nicht, Persiens Gränzen
auszudähnen, aber er gewährete den bestürzten Feinden nicht eher den Frieden,
bis sie ihm eine Anzahl ihrer Mursen zu Geiseln gegeben hatten, die sie alle
drei Jahre gegen eine gleiche Zahl verwechseln sollten. Die Geisel wurden in die
festen Plätze von Khorossan verteilt, und genossen, ausser der Freiheit, sonst
alle Mildigkeit von Seiten der Perser. Usong wollte versuchen, ihre Herzen zu
gewinnen, und es gelang ihm bei vielen.
    Dieweil Persiens Ehre vom Nortimur behauptet wurde, und Ismael den
beschäftigten Eifer eines herzhaften Jünglings mit dem Ruhme sättigte, den er
durch seine Tapferkeit und Kriegswissenschaft erwarb, wurde die schöne Eudoxia
getraut, und verliess Schiras. Ihr Haus setzte sich zu Venedig, und ihre Töchter
18 vermälten sich nachwärts in die edelsten Geschlechter der Republik. Usong
beschenkte die Schwester seiner Gemahlinn mit einer Freigebigkeit, die seiner
würdig war: und als Ismael frohlockend zurück kam, waren alle Vorwürfe seiner
Leidenschaft entfernet.
    Usongs vornehmstes Geschäffte war nunmehr der Unterricht, den er für seinen
Tronfolger selbst aufsetzte, und davon er eine Abschrift bei jeder der vier
Abteilungen der Staatsverfassung niederlegte, auf dass das Reich wissen möchte,
was Usongs Staatsregeln wären, und auf dass Ismael erwarten müsste, man würde
seine Regierung gegen die Räte seines grossen Ahnherrn halten, und so von ihm
urteilen, wie er diese Räte befolgen würde. Ich habe kein Geheimnis, sagte der
edle Usong: möchte doch jeder Perser in mein Herz schauen, und die Triebe
einsehen, die es lenken! Die vornehmste Urkunde hatte er sich vorgenommen, dem
Ismael bei einer Feierlichkeit zu übergeben, die in seinen Gedanken schon
festgesetzt war: sie war von Usongs eigener Hand geschrieben, und sie entielt
wesentlich, was man in diesem Auszuge lieset.
 
                           Usongs, Kaisers der Perser
                                  Letzte Räte
                              Schach Sade' Ismael.
Usong gibt seinem geliebten Enkel die Räte, die er selbst heilsam gefunden
hat. Er hat lang gelebt und lang geherrscht, und allemal gefunden, dass die
Tugend Weisheit ist.
    Fürchte nichts so sehr, mein Sohn, als deine eigene Macht: sie ist
unumschränkt, Persien hat mich mit völligem Vertrauen über sich gesetzt, ohne
mir Bedinge vorzuschreiben. Diese grosse Macht ist nur alsdann ein Gut, wann die
Weisheit sie lenkt; sie wird zu deines Volkes Unglücke, sobald dein Wille der
Beweggrund deiner Taten sein wird. Schränke dich selbst ein, teile deine Macht
mit den Gesetzen mit den Feierlichkeiten, mit der Staatsverfassung, behalte nur
so viel, als das allgemeine Beste zu bewirken erfodert wird. Beleuchte eine jede
Foderung deines Willens, eine jede aufsteigende Begierde, ehe sie zur Tat wird:
verwirf sie, sobald du sie nicht deinem Volke bekennen darfst, sie ist deine
Feindinn.
    Gedenk, dass wir dasjenige lieben, wodurch wir glücklich werden. Wann die
Perser unter deiner Herrschaft in Ruhe und Freiheit leben, wann kein äusserer
Feind sie beunruhigt, wann die Frucht ihres Schweises ihr Eigentum ist, wann
sie die Gerechtigkeit in den Gerichtshöfen finden, wann niemand leidet, als wen
das Gesetz bestraft: dann werden alle Perser den Kaiser lieben, unter dem sie so
viel Gutes geniessen, und auch fremde Völker werden unter deinen Flügeln Schutz
zu suchen, herzueilen.
    Aber dass dein Reich wohl verwaltet werde, so must du selbst herrschen. Der
Wasir, der unter einem aufmerksamen Könige klug und gerecht das Reich verwaltet,
würde unter einem unachtsamen Herrscher, dem Tugend und Laster an seinem
Bedienten gleichgültig ist, entweder träg oder ein Tyrann. Erwarte nicht, dass
ein anderer treuer für dich arbeite, als du selbst. Liebe also die Arbeit, setze
allen Geschäfften ihre Zeit aus: versäume keine der Stunden, die du dem Staate
versprochen hast, es wäre ein Diebstahl, den du an Persien begiengest. Wenn du
dich gewöhnest, deiner Pflicht treu zu sein, so wird sie dir leicht und angenehm
werden. Wenn du sie mehrmalen verabsäumtest, so würdest du sie bald beständig
verabsäumen; die Unordnung macht unordentlich.
    Fürchte die Arbeit nicht, sie ist die Mutter der Ehre, und die Ehre zeuget
die Sicherheit. Bleibst du der Tugend getreu, so wirst du mit Recht dir selber
Beifall geben, und deine innere Würde wird die Stimme des Lasters wegschrecken;
es wird sich deinem Herzen nicht nähern dörfen, worinn es kein heimliches
Verständnis findet. Wirst du den Wollüsten nachhängen, so wirst du dich selber
nicht mehr ehren können, und wie werden dich andere ehren, wann du selbst dich
verachten musst?
    Die Trägheit ist eines Fürsten grösster Fehler. Er verrät sein Volk, er
verkauft es, den Müssiggang für sich selbst zu erhandeln, und liefert es in die
Hände seiner Diener. Er entsagt dem Ruhme, die Quelle des allgemeinen
Wohlstandes zu sein, und erniedriget sich bis zu dem Stande eines Schattens, der
einen Mann vorstellt, aber nur fremden Bewegungen folget. Unter einem trägen
Fürsten leiden die Untertanen mehr als unter einem bösen, weil die
Unterdrückung so vieler losgelassenen untern Bedienten sich in die Hütten eines
jeden Landmannes erstreckt, und die Wut eines Tyrannen nur dem Höflinge
gefährlich ist19. Ein arbeitsamer Fürst kann niemals ein ganz schlimmer Fürst
sein. Das Wohlsein der Untertanen ist das Wohl des Staates, der des Fürsten
Erbgut ist. Dieses zu befördern wird er, wenn er die Mängel kennt, sich selbst
zu Liebe trachten. Da er die Arbeit liebt, so reissen ihn die Wollüste nicht
hin, sein Glück vom Glücke des Staates zu trennen. Seine Untergebenen werden
nicht mehr das Volk drücken, weil der Fürst es sieht, der die Verwüster seines
Erbes bestrafen würde.
    Lerne den Unterscheid eines gütigen Fürsten, und eines guten Königs. Gütig
nennt das irrig urteilende Volk den Fürsten, der unter diejenigen Geschenke
austeilt, die um ihn sind, der zuweilen einem Elenden aus der Not hilft, wann
das Ungefehr ihn vor die mitleidigen Augen des Fürsten bringt. Enge sind die
Schranken dieser Tugend. Der gute König sorget für aller seiner Untertanen
Wohlsein, für die, die er nie gesehen hat, für die künftige Enkel seines Volkes.
Er leitet sie zur Tugend, zum Fleisse, er öffnet ihnen die Wege zur Nahrung, zum
Vergnügen, das auf die Arbeit folgen soll. Er entblösst nicht sein Volk, wenige
Glückseelige doppelt zu bedecken. Ardeschir20 der Hystaspide war ein gütiger
Herr, Nuschirwan der Gerechte war ein guter König.
    Es wird dem Kaiser in Persien weder an schönen Frauen, noch an edeln
Früchten mangeln. Aber lass das sinnliche Vergnügen nicht deinen Zweck sein: es
würde dich zum ernstaften und zur Arbeit untüchtig machen, ohne die dein Tron
nur ein Faulbette sein wird, worauf du deine Ehre und deine Glückseligkeit
verschläfst.
    Setze dein Vergnügen in dem Glücke der Untertanen, freue dich, wenn du
ihren Wohlstand siehest, schätze dich reicher, wann ihre Anzahl sich vermehret,
und herrlich, wann ein jeder deiner Perser seiner Nahrung gewiss ist.
    Steh früh auf, ein Tag ist verloren, der spät anfängt. Verhöre alle Tage
alle deine Untertanen, die sich schon halb getröstet glauben, wann du ihre
Klage gehöret hast. Bezwinge dich, wann es dir ekelt, auf deinem Reichstrone zu
sitzen, lass nicht den Unmut dein Gesicht verstellen: denk, dass jede angewandte
Stunde zehn andere Stunden glücklich, und jede verabsäumte zehn andere elend
macht.
    Ergieb dich der Jagd nicht, dein Leben ist zu edel, die Stunden davon zu
verschleudern: ein jeder Tag, den du aufs Gewild wendest, kostet dich das Glück
vieler Untertanen.
    Beratschlage dich alle Tage mit den Häuptern der Staatsverwaltung: eine der
Säulen des Reiches würde sinken, sobald du eine der Abteilungen verabsäumtest.
    Du kannst nicht alles selbst sehen, aber doch vieles. Lass bei keinem Diener
die Hoffnung entstehen, er werde das Unrecht dir anraten können, und nicht
entdeckt werden. Wache über sie, plötzlich überfall sie, und prüfe in einem
Geschäffte ihre Rechtschaffenheit.
    Nimm keine Geschenke an: lass nicht zu, dass jemand Geschenke annehme. Sie
sind für die Grossen ein Gift, für das Volk eine unerträgliche Last; denn auf
ihm liegt die Bürde, wann der Grosse den Hof beschenkt. Lass es ganz Persien
wissen, dass du lieber Räubereien als Geschenke dulden willst21.
    Belege deine Untertanen selten mit neuen Vorschriften, lass sie den Gesetzen
gehorchen, aber vermehre ihre Pflichten nicht. Mische dich nicht in ihre
Hausgeschäffte, miss ihnen die Kleider nicht vor, umschränke sie nicht mit
entbehrlichen Befehlen. Alle Gesetze schränken den freien Willen des Menschen
ein, viele hindern sie am Genuss des von der Natur ihnen angebotenen Gutes: nur
die Notwendigkeit kann einen guten Fürsten verleiten, seinem Volke Fesseln
anzulegen, und weiter als die Notwendigkeit wird er sie nicht einschränken.
Gesetze die den Trieben der Natur entgegen streben, werden mit Unwillen
befolget. Sie müssen mit Strenge im Strafen zur Ausübung verstärkt werden, oder
sie werden hindan gesetzt. Jenes erreget Unwillen, dieses macht die Regierung
verächtlich: das Volk, das in einem Gesetze lernt des Fürsten Befehle zu
verachten, wird gereizt, auch in andern ungehorsam zu werden, und die ganze
Regierung nähert sich entweder der Tyrannei, oder wird zu einer verachteten
Aufdringung unwürksamer Vorschriften.
    Die Perser lieben die Pracht: die Pracht erfodert Unkosten, sie macht die
Grossen arm und haabgierig, der Reichtum wird durch die zur einzigen Tugend, und
Verdienste werden verachtet, wenn sie mit äusserlichem Glanze nicht schimmern.
Der Arme, der kaum das Nötige hat, muss den Überfluss des Mächtigen bezahlen,
und hungern, auf dass der Grosse verschwenden könne. Der Glanz des Trones
erfodert beim Kaiser eine Pracht, des Pöbels Aufmerksamkeit zu erwerben. Aber
rühme die Pracht niemals an deinen Dienern, gieb niemals reichen Kleidern einen
Vorzug, ehre den nicht, der mit Diamanten schimmert. Lass dein ganzes Volk
wissen, dass du die Verschwender hassest, und keine Uneigennützigkeit von einem
Diener hoffest, den eine unersättliche Notdurft drückt.
    Liebe die Wissenschaften, sie sind zugleich angenehm und nützlich; sie
erhöhen die Seele, sie halten ihr beständig den umstrahlten Kranz vor, den die
Verehrung der Welt der Tugend des würdigen Herrschers aufsetzt. Hilf den
Wissenschaften auch beim Volke auf; niemand ist aufrührischer, als Barbaren, und
gesittete Völker lassen sich mit einer Schnur lenken, da bei jenen ein Gebiss
nötig ist.
    Suche dein Reich nicht zu vergrössern. Ein Reich ist weit genug, wenn es
seine Nachbarn nicht zu fürchten hat, und die Eroberungen sind des Unglückes
nicht wert, was ein Sieger auf sein Volk bringt. Greif niemand an, aber
verteidige dich standhaft, wenn man deine Untertanen drückt, oder des Reiches
Ehre kränket, beides bist du schuldig.
    Vertiefe dich nicht in Schulden, bezahle unverzüglich, unternimm nichts,
wozu du die Gelder nicht bereit hast. Die Schulden eines Staates zwingen den
Fürsten sein Volk zu unterdrücken: wenn der Krieg sie notwendig gemacht hat, so
bleibt die Last des Krieges auch im Frieden auf dem Volke liegen.
    Halt aufs genaueste Treu und Glauben. Die Untreu kann zuweilen in einem
Augenblicke vorteilhaft sein, aber sie hinterlässt ein dauerhaftes Uebel. Ein
König, der sein Versprechen nicht hält, hat alle Nachbarn zu heimlichen Feinden.
Setze ihn in Gefahr, er wird keinen Freund finden.
    Vermeide allen Stolz gegen andere Fürsten. Mancher grosse Herrscher hat sich
dadurch gestürzt, dass er allen umliegenden Herren seine Verachtung bezeigt
hatte. Einer lehnte sich wider den stolzen Fürsten auf, und alle fielen ihm bei.
Warum solltest du tun, was du von andern nicht leiden willst?
    Habe keinen Liebling: dein Ohr ist eines jeden deiner Untertanen, deine
Gerechtigkeit muss für alle gleich wachen, deine Belohnungen dem Verdienste eigen
bleiben. Deinen Liebling würde deine Gunst berauschen, sie ist zu stark, wenn
sie nicht verteilt wird. Deine Geschenke würden ihn bereichern, aber dein Volk
bezahlt diese Geschenke.
    Verändere die Verfassung von Persien nicht, auch bei den scheinbarsten
Gründen, ohne den Rat aller vier Abteilungen: und auch diesen lass dir
unterschrieben geben; und dennoch nimm dir Zeit, den Vorschlag noch einmal zu
überlegen. Alle Gesetze berasen sich, und erhalten langsam vom Volke eine
Verehrung, die auf ihre Dauerhaftigkeit sich gründet: Neue Gesetze sind ein
Geständnis, dass der Gesetzgeber gefehlt hat, und warum sollte er nicht wiederum
fehlen können?
    Hüte dich jemals zuzugeben, dass ein Amt erblich werde. Durch diesen Fehler
haben die mächtigsten Fürsten in den Abendländern ihr Reich verloren. Verlege
auch keine Besoldungen auf die Einkünfte einiger Dörfer22; deine Untertanen
würden von mächtigen Dienern unterdrückt, und der schwächere Beamte an seinem
Lohne verkürzet. Zahle alles aus dem Schatze.
    Ehre den Gottesdienst, besuche die öffentliche Meschid. Deine Untertanen
werden dich ehren, und dir nachahmen. Verachtest du den Gottesdienst, so wird
die Gottesfurcht bei deinen Untertanen sich verlieren.
    Bleib bei dem Glauben deines Ahnherrn des Ali; vertraue auf einen einigen
Gott, und erinnere dich, dass er dich sieht, und Rechenschaft von dir fodern
wird. Aber dulde alle andere Glaubensverwandte, so werden sie sich vereinigen,
für dich anzubeten. Drückest du sie, so machst du dir tausende zu Feinden, deren
Treu du in deinen Händen hattest. Und warum solltest du Feinde haben, du, der du
des Volkes Vater bist?
    Halt auf die Schulen: erwähle fromme Mollah; wie kann der die Tugend in
anderer Herzen erwecken, der sie aus dem seinigen verbannet hat?
    Brauche die Geistlichen nicht zu weltlichen Geschäfften. Sie haben eine
schwere Pflicht, die Ewigkeit ist ihr Geschäfft. Sie würden schlechte Geistliche
werden, und enge Begriffe in der Verwaltung des Staates beibehalten. Hüte dich
vor dem Beispiele der Osmannen; ein Mufti, der durch ein Fetfah einem Wasir das
Leben abspricht, wird lernen, seinen Sultan verurteilen.
    Muntere die Derwische nicht auf, sich zu vermehren: warum solltest du dein
Reich entvölkern? Ein Verehlichter hat einen Anteil am Wohl des Staates, seiner
Kinder erben an dem allgemeinen Wohlstande. Er gibt aber auch dem Vaterlande
Pfänder, sie müssen zugleich leiden, wenn es dem Staate nicht wohl geht.
    Liebe den Frieden, aber lerne das Kriegswesen, denn nur durch eine gute
Verfassung zum Kriege wirst du Frieden erhalten. Alle Uebungen, alle Anstalten
zum Kriege müssen dir bekannt sein. Führe selbst deine Völker an. In der
Gegenwart seines Kaisers wird der Perser mit doppeltem Mute fechten. Belohnung
und Ehre ist bei einem Feldherrn ungewiss. Der Feldherr hat Freunde, seine Gunst
ist eingeschränkt; der Kaiser hat Untertanen, er liebt sie alle.
    Ehre gute Feldobersten, aber keinem vertraue das Ganze. Belohne die
Kriegsleute, besolde sie mit der vollkommensten Richtigkeit; verschaffe ihnen
einen reichlichen Unterhalt, aber erlaube niemals dass sie den Untertan
unterdrücken. Sollten die Beschützer eines Volkes wie seine Feinde handeln?
Halte auf der Mannszucht unerbittlich, doch schone des Blutes. Das Leben kömmt
nicht von dir, von dem Sold und Ehre kömmt.
    Lass deine Völker sich unaufhörlich in den Waffen üben: wohlgeübte und
fertige Völker müssen einer wilden Herzhaftigkeit allemal überlegen bleiben.
Bemühe dich der Europäer Kriegsanstalten zu lernen, sie erfinden und verbessern.
    Trachte Fussvolk zu bilden: der Mangel daran kann Persiens Untergang sein.
Waffne lieber Sclaven23, wann der bequeme und stolze Perser auf dem Pferde
beharret. Vermehre den Gebrauch des Feuergewehres und des Geschützes, sonst
wirst du die Schmach dulden müssen, die Osmannen zu fürchten.
    Lass den Verdienst den gemeinsten Reuter in die höchste Stelle heben. Aber
erhöhe ihn allgemach, und nicht mit willkührlichen Sprüngen: ein vortrefflicher
Hauptmann könnte ein elender Feldherr werden. Erfinde noch mehrere Preise und
Ehrenzeichen: sie feuern den Mut an, und fallen dem Lande nicht zur Last.
    Halt die Gränzen nach Osten, nach Westen und nach Norden wohl bewahrt.
Befestige die Städte daselbst, und versehe sie mit Besatzungen. Das Innere des
Reiches beschwere weder mit Schanzen, noch mit stehenden Völkern.
    Lass die Kriegsmacht nicht eingehen, du würdest verächtlich werden: vermehre
sie nicht zu sehr, du müsstest dein Volk unterdrücken.
    Die Gerechtigkeit ist die Stütze deines Trones: deine erste Sorge sei, dass
du sie deinem Volke unverfälscht und leicht verschaffest.
    Sei aufmerksam auf die Richter. Verstosse keinen, ohne dass seine Fehler
erwiesen seien. Der Richter muss sicher sein, dass keine Ungunst der Grössesten
ihn stürzen kann. Aber bleib unerbittlich gegen diejenigen, die das Recht um
eines Vorteils willen gebogen haben.
    Bezeuge den Oberrichtern die gröste Achtung: ihr Beistand wird dich beim
Volke vertreten, sie werden nicht zugeben, dass eine ungesittete Macht den Tron
stürze, von dessen Strahlen auch sie selber leuchten. Vertraue ihnen deine
eigene Sache. Lass die Gerichtshöfe zwischen dir und einem Landmann mit Freiheit
sprechen; lobe sie, wenn sie dich mit Grund verurteilen. Ein Verlust von
einigen Morgen wird tausendfältig durch das Zutrauen ersetzt werden, das das
Volk zu einem Herrscher hat, bei dem die Gerechtigkeit mehr als sein Schatz
gilt.
    Halte heiliglich über die Feierlichkeiten des Rechtes, sonst wird alles
willkürlich. Beobachte die gesetzten Tage unverletzlich, du könntest keinen
Bürger begünstigen, dass nicht ein anderer litte.
    Niemals empfiel eiste Sache einem Richter, du würdest tun, was der Feind
Gottes zu tun sucht, einen Gerechten verführen. Niemals erwähle du eigene
Richter zu einer Bestrafung: dein Volk würde auch die Schuldigen für unschuldig
halten, wenn sie durch ein willkührliches Gericht verurteilt würden.
    Sitze oft im obersten Gerichte, untersuche zuweilen eine Rechtssache selber.
Eine geringe Mühe wird die Richter unsträflich machen, weil sie allemal deine
Gerechtigkeit fürchten müssen.
    Strafe nicht hart, nicht grausam; aber lass auch kein Verbrechen ungestraft.
Spare das Blut; und wo du das Leben des Schuldigen beibehältest, so trachte es
so zu gebrauchen, dass es dem gemeinen Wesen nützlich sei, und ihm selbst zur
Verbesserung dienen könne.
    Erlaube nicht, dass man unter einigem Vorwande Schatzungen auflege, oder die
Steuern vermehre. Wirst du reicher sein, wann dein Volk ärmer worden ist? Der
erträgliche Zustand des Landmanns in Persien wird ihm Kräfte übrig lassen, dass
er das gebaute Land erweitern, und Wüsten zu Aeckern machen kann. Der Fremde,
von harten Fürsten unterdrückt, wird flehen, dass man ihm erlaube, Persiens öde
Gefilde zu bebauen. Auf beide Weisen wirst du eben deswegen deine Einkünfte
vermehren, weil du sie nicht erhöhest. Freue dich, wann dem Perser über das
Unentbehrliche etwas zum Vergnügen übrig bleibt. Sie sind Menschen, und
empfinden wie du.
    Erhalte die Strassen rein, bequem und sicher. Schütze die Kaufleute, sie
sind Stützen des Staates. Ehre sie, der Glanz deines Trones ist die Frucht
ihrer Arbeit.
    Usong hat keine Zeit gefunden, der Schiffahrt aufzuhelfen, und Persiens
Küsten sind Wüsteneien. Erinnere dich, dass die Handlung zu Land Schranken hat,
zur See aber sich ins Unendliche erweitern kann. Sie hat Venedig aus einer
Fischerinsel zur Königinn gemacht.
    Beschütze alle Künste, unterstütze sie mit Preisen, mit Besoldungen, mit
Ehrenbezeugungen: nicht mit Darleihen, die einen Anfänger stürzen, weil sie ihn
bewegen, mehr zu unternehmen, als seine Kräfte zureichen. Sieh den Erfinder
eines bessern Pfluges als einen Wohltäter des Reiches an, und der sei dein
Bruder, der dich lehrt, auf einem Morgen mehr Garben zu schneiden. Zieh einen
wohlgebauten Acker allen Lustgärten vor, halt einen Waizenhalm für schöner als
die Blume Mogori24. Aller Vorzug kömmt vom Beitrage zum allgemeinen Besten.
    Du wirst reich und mächtig sein, wenn Persien reich an Menschen ist. Die
Schlachten werden durch die Hände gewonnen, und die Schätze durch Hände
erworben. Ein unbewohntes Paradies ist unfruchtbar. Besorge niemals, die Erde
werde ihre zahlreichen Einwohner nicht nähren können, sie wird lieber aus einem
Acker zum Garten werden. Je weiter ein Land ist, je schwächer ist es, wenn ihm
die Menschen mangeln, seine Gränzen sind schwach, und die Hülfe entfernt.
    Die Stattalter sollen des Kaisers Ansehen, vorstellen: ihnen gehört eine
Pracht, die der Geringern Gehorsam erleichtert. Die Policei der Provinz, das
Glück der Völker, die Aufnahme der Handlung und des Ackerbaues ist ihnen
aufgetragen. Wähle sie wohl, o Kaisers Sohn, aus ihnen wird Persien von dir
urteilen. Du wirst ihnen einen umständlichen Unterricht geben25, wie zahlreich
die Einwohner ihrer Provinz, was die Einkünfte, die Früchte des Fleisses oder
der Natur seien, was die Handlung nähre. Die Regeln müssen ihnen vorgeschrieben
werden, nach welchen sie regieren sollen. Das öde Kerman muss man nicht regieren
wollen, wie die reichen Gefilde um Tabris; der Geber gehorcht dem Kaiser, und
der Kurde ist sein Freund.
    Die Städte sind der Sitz des Reichtums in einem Lande: nicht dass man das
Land verachten solle. Es ist vorteilhafter für das Reich, dass der Landmann sein
Brod erwerben müsse: er wird durch die Gewohnheit hart, und durch die Mässigkeit
gesund, bei ihm ist die Pflanzschule der Krieger. Er ist unter einem guten
Fürsten der glücklichste Teil der Nation, weil seine Hoffnungen so gross als
seine Begierden sind. Wer ist frölicher als der Schnitter unter der brennenden
Sonne, als der Winzer, der den Weinberg im Herbste pflücket. Der Landmann
besitzt Gesundheit und Kräfte, die bei den städtischen Arbeiten niemals sich
erhalten können: er verdient das rühmliche Vorrecht das Vaterland zu
verteidigen.
    Die Städte gehören den Handwerken und der Handlung zu: die Künste gedeihen
besser, wann sie beisammen sind, und eine jede arbeitet für ihre Schwestern.
Ohne die Städte würden tausenderlei Bequemlichkeiten des Lebens nicht verfertigt
werden können: und sie würden zum Tribute, den Persien den Fremden, und
vielleicht seinen Feinden bezahlen müsste. Sie sind die Vormauern gegen die
Feinde, deren Raub ohne sie das flache Land sein würde. Die Städte müssen den
Landmann ernähren, indem sie ihm seine erarbeiteten Früchte abnehmen, und gegen
seine Notdurften austauschen; ohne sie würde die mildeste Natur zwar die
Nahrung, aber niemals die Mittel verschaffen können, die Metalle und andere
Unentbehrlichkeiten zu erhalten.
    Schütze also die Städte; sorge, dass sie tüchtige Calantar, und die
Hauptstädte erfahrne Daroga haben. Nimm sie aus der Zahl ihrer Beisitzer, alle
Menschen müssen sich durch die Geschäffte unterweisen lassen. Besolde sie, dass
sie keiner Nebengewinnste bedürfen, lass sie hoffen, durch gute Dienste höher zu
steigen: aus ihnen nimm die Abgesandten, doch lass niemand in seiner väterlichen
Provinz dieses Amt verwalten.
    Tausend Kleinigkeiten beschäfftigen die Handhaber der Policei, eine gewisse
Länge musst du dem Leitseile geben, womit du diese untersten Teile der
Verwaltung lenkest. Aber dennoch lass alle diese Bedienten unter der Furcht der
Abgesandten und der Untersuchung stehen: sie werden dein Volk nicht
unterdrücken, wann sie gegen kleine Gewinnste unfehlbare Strafen zu erwarten
haben.
    Hilf den Städten mit einigen Beisteuern auf: rechne ein schönes Bürgershaus
für einen deiner Paläste, es trägt noch mehr zum Besten des Reiches bei, als die
Colossalischen Säulen der Hystaspiden. Gute Häuser sind Rosenfesseln für die
Bürger, die sie unter deinem Zepter behalten, und wer zu verlieren hat, macht
sich minder leicht strafbar.
    Persien ist heiss, und seine Strassen öde; die Hügel sind ohne Waldung:
muntere dein Volk auf, Bäume zu pflanzen: waldichte Berge werden wiederum Wasser
sammlen, und Wüsteneien werden bebauet werden können, wenn du Bäche erschaffest.
Ein Acker, den du der Unfruchtbarkeit entziehest, ist zwanzig Aecker wert, die
du einem Feinde abgewinnst.
    Deine Abgesandten sind deine Augen: aber deine Hände lass sie nicht sein.
Wenn du die Strafen ihnen anvertrautest26, so würde ihre willkührliche Gewalt
zur Tyrannei werden. Aber sie sollen auf die Geistlichkeit, auf die Kriegsmacht
die Gerechtigkeit, die Policei, die Steuern, auf alle Wurzeln des gemeinen
Besten wachen, und die Uebel zeitig anzeigen, die diese Wurzeln anstecken
möchten. Beschütze sie standhaft, so lange sie die Wahrheit sagen: unter deinem
Schatten sollen sie das Drohen des Feldherrn, die Künste des Staatsmanns, auch
das Murren des Volkes selbst, nicht zu befürchten haben. Auf die Stimme des
Volkes horcht zwar ein weiser Herrscher mit Aufmerksamkeit; es sind entfernte
Donner, die in Strahlen ausbrechen, wenn sie nicht zerteilt werden. Aber noch
ehrwürdiger ist die Stimme der Wahrheit, die erwarte von deinem Abgesandten. Er
soll weder die Gewalttat der Grossen, noch die Trägheit der Vorgesetzten der
Städte, noch die Gierigkeit der Steuereinnehmer verschweigen: er soll jedem
Seufzer des Unterdrückten bis zum Trone helfen. Dein ist alsdann die Pflicht,
die Anzeige zu untersuchen, und durch Warnungen und Strafen dem einschleichenden
Uebel zu wehren.
    Der Abgesandte ist dir die grösste Wirksamkeit, und die reinste Wahrheit
schuldig. Entspricht er seinem wichtigen Berufe, so sei er der nächste bei
deinem Trone. Misbraucht er die hohe Beilage deines Vertrauens, so sei seine
Strafe die härteste.
    Ich habe dir mein Geliebter, die Wege zum wahren Glücke eröffnet, die mir
bekannt sind, und Usong wird willig sterben, wenn er sich versprechen kann, dass
es deine Wege sein werden.
    Usong machte auch eine Verordnung für die Auferziehung eines Tronfolgers,
der seinen Vater zu früh verloren hätte. Persiens Wohlfahrt, sagte er, hängt
einzig von der Weisheit und von der Arbeitsamkeit seiner Beherrscher ab: ein so
weites Reich muss unumgänglich in eine verderbende Unordnung geraten, wenn es
einen unachtsamen, oder unwissenden Kaiser hat. Wenn also Persien verwaisen
sollte, so sollen die Häupter der Abteilungen der Staatsverwaltung, mit der
Mutter des unmündigen Kaisers, seiner Auferziehung vorstehen: die Mutter wird
die Sicherheit des Schwachen beschützen; die Häupter besitzen Weisheit, ihn zu
einem würdigen Beherrscher eines grossen Volkes zu bilden. Sie, die auf der
obersten Stelle im Reiche stehen, sollen die grosse Beilage heilig bewahren, die
ihnen anvertrauet ist. Sie sollen die fähigsten und tugendhaftesten Männer
auslesen, die dem jungen Erbfürsten die Tugend, die Liebe zum Volke, und die
Wissenschaft beibringen, es werktätig zu lieben. Die Häupter sollen wachen, dass
die teuren Stunden nicht verloren gehen, in welchen das zarte Gemüt gelenkt
werden kann; sie sollen mit heiligem Abscheu die Schmeichler ansehen, die dem
künftigen Kaiser seine Fehler verschweigen, oder ihn dem Unterrichte zu
entziehen nachgeben würden. Allerdings wird zu dieser Standhaftigkeit gegen
seinen Herrn mehr Mut erfordert, als zu Schlachten und Siegen. Aber ein treuer
Sohn seines Vaterlandes soll das Heil desselben seinem Leben vorziehen. Und ein
vernachlässigter Fürst wird seinen Vormündern gefährlich, ein zum Guten
umgebogener Fürst aber für ihren grossmütigen Ernst dankbar sein.
    In der Tat nahm Usong sichtbarlich ab, sein Alter wurde mit einem kleinen
Fieber begleitet, das nach und nach seine Kräfte verzehrte. Man nahm einige
Monate nachher wahr, dass ein gewisser Nazarener oft um ihn war, sein Nahme war
Veribeni. Er war ein Waffenschmied, der von Brescia nach Persien mit dem Tomas
von Imola gekommen war. In den Tälern zwischen Frankreich und Welschland war er
geboren, und stund nunmehr als das Haupt diesen Künstlern vor. Alle Tage
besprach sich der Kaiser ganze Stunden mit ihm, und allemal ohne Zeugen. Man
merkte nicht, dass Veribeni einige Geschäffte zu betreiben hätte, er verlangte
auch niemals einige Gnade: seine Kleidung war seinem Stande angemessen, und sein
Anstand immer ernstaft, ohne das geringste Gemische von Traurigkeit. Man fand
im Anfange dieser Vertraulichkeit, dass Usong trauriger wurde, man sah ihn
seufzen, und die Augen gegen den Himmel wehmütig aufheben.
    Nuschirwani, deren einzige Sorge die Erhaltung ihres erlauchten Vaters war,
konnte das Geheimnis nicht vertragen, das zwischen ihm und diesem unbekannten
Fremdlinge war. Sie wagte es, dem Kaiser ihre Besorgnis zu eröffnen, Veribeni
möchte zu dem Unmute beitragen, der an ihrem unschätzbaren Vater merklich wäre,
und vor der Zeit seine Tage abzukürzen drohte. Usong umarmte seine geliebte
Tochter, aber bat sie, nicht in ihn zu dringen; du sollst wissen, worüber ich
mit dem Christen spreche, die Zeit ist aber noch nicht gekommen.
    Nach und nach erheiterte sich Usongs Angesicht, er blieb ernstaft, aber mit
einer Ruhigkeit, die auf seiner Stirn sich zeigte, und über alles sein Tun
leuchtete. Seine Gesundheit wurde nicht besser, aber es schien eine reine und
erhabene Hoffnung in seinem Herzen zu herrschen, vor welcher heilsamen Strahlen
der Unmut verschwunden war.
    Usong hatte längst gefühlt, dass sein Leib einsank, und sich seiner Verwesung
näherte: er sah sich durch einen unwiderstehbaren Strom zur Ewigkeit hinreissen.
Seine Einsicht war zu gründlich, als dass er sich hätte verbergen können, dass in
der Ewigkeit die Zeit der Vergeltung sein würde, wo das oberste Wesen seinen
Beifall, oder sein Misfallen, seinen denkenden Geschöpfen zeigen müsste, da er
beide in diesem Leben verbirgt, und oft den Tugendhaften leiden, den Bösen aber
in einem beständigen Glücksstande hie leben lässt.27
    So tugendhaft Usong war, so weislich er Persien beherrschte, so fühlte er
doch, dass er mit diesen äusserlichen Tugenden seine Schuld gegen das oberste
Wesen nicht abgetragen hatte. Sein Gewissen, durch seine Weisheit gestärkt,
hielt ihm seine Fehler vor, und den grösten aller Fehler, dessen sich die
meisten, und die besten der Menschen schuldig machen, den Undank gegen Gott, die
Kälte in der Liebe und in der Verehrung des Gebers alles Guten, die Anhängigkeit
an das gegenwärtige, das heimliche Zutrauen auf das zerstreuende der Eitelkeit.
    Mit einem entfremdeten Herzen gegen Gott, mit einem an den vergänglichen
Geschäfften des Lebens einzig hängenden Gemüte, hoffte Usong nicht Gott
gefallen zu können, dem er sein Herz niemals anders als ungerecht geteilt
geschenkt hatte. Und wie sollten seine Fehler vergeben werden. Wer konnte die
ewige Gerechtigkeit Gottes abhalten, dasjenige mit Misfallen anzusehen, was ihr
Misfallen verdiente, und dieses Misfallen Gottes ist die Hölle.
    Lange arbeiteten im Herzen Usongs diese nagende Gedanken, und schlugen alle
seine Hoffnungen zu Boden. Da er einmal mit tiefem Unmut in die Werkstätte der
Waffen kam, und mit abwesenden Augen die sonst ihm so angelegenen Zubereitungen
übersah, wagte es endlich Veribeni, der seines gütigen Herrn Schwermut nun
schon lange angesehen hatte, und warf sich zu des Kaisers Füssen.
    Was bin ich, sagte der alte Ehrwürdige, dass ich mich unterstehe, in des
Kaisers Herz sehen zu wollen? Und dennoch kann ich nicht widerstehn, ich muss
frech sein, und sollte ich den Tod verdienen, ich muss fragen, was doch für ein
Kummer des grossen Usongs Herz einnehme: vielleicht bin ich das geringe, und
dennoch das ausersehene Werkzeug, etwas zur Befriedigung seiner Sorgen
beizutragen.
    Usong antwortete gütig und öffnete sich dem liebenden Fremdlinge noch nicht.
Aber sein Herz hatte einen Vertrauten nötig, er sah beim Veribeni Ernst,
Gründlichkeit, Rechtschaffenheit, und Verschwiegenheit, er gestund ihm bald
hernach was ihm am Herzen nagete, und alle Ruhe von seinem Gemüte verscheuchte.
    Veribeni war ein ächter Christ, der nicht in Feierlichkeiten, nicht in
äussern dem verdorbensten Herzen leichten Taten seine eigene Beruhigung suchte,
der seine Zuversicht auf die Versprechungen Gottes setzte, und den Weg zur
Rettung da suchte, wo ihn die geoffenbarten Bücher zeigten. Er leitete nach und
nach den Kaiser auf die völlige Kenntnis der Verdorbenheit des Menschen, auf
sein Unvermögen der göttlichen Gerechtigkeit genug zu tun, auf die Mittel, die
die Erbarmung des Richters erfunden hatte, mit seiner Gerechtigkeit die Rettung
des Sündigers zu vereinigen. Usong trat begierig in die Bahn, die einzig zur
Hoffnung führte, er glaubte, und von dem Augenblicke an verschwanden seine
Sorgen: eine Aussicht in eine endlose Glückseligkeit öffnete sich seinen
aufgeschlossenen Augen, und er sah mit Gefälligkeit die Annäherung einer
Ewigkeit, die ihn zu einem versöhnten Gott zurück führte.
    Nicht lang hernach erklärte sich der Kaiser, er wäre gesinnet, dem Schach
Sade' den Tron abzutreten. Die Geschäffte der Reichsverwaltung wären ihm zu
schwer geworden, er wollte sie nicht verabsäumen, und sein Volk nicht ohne ein
tätiges Haupt lassen. Usong hätte für sich selber ein wichtiges Geschäffte, das
alle seine Kräfte und seine Stunden erfoderte, vielleicht würde diese Ruhe,
sagte er freundlich gegen die bekümmerte Nuschirwani, seine Tage um etwas zu
verlängern.
    Der Tag wurde angesetzt; die Feldherren, die Häupter aller Abteilungen, die
Abgesandten, die vornehmsten Richter, die Daroga, die Stattalter in den
Provinzen, die noch übrigen Nowiane, erschienen vor dem grossen Diwan. Ein Tron
wurde in den grossen offenen Saal gesetzt, die Seiten des Meidans besetzten die
besten Krieger des Reiches, und den Raum ein unzählbares Volk. Usong trat mit
allem Pomp eines orientalischen Kaisers auf den Tron, neben ihm und niedriger
sass der Tronfolger.
    Häupter der Perser, sprach Usong, indem er aufstund, heute sind fünfzig
Jahre verflossen, seitdem ihr mich auf diesen Tron setztet: habt Dank für euer
Vertrauen, habt Dank für eure Treu. Kein Perser hat den Usong mit seinem
Widerwillen betrübt, keinen Perser hat er zum Feinde gehabt. Ich bin nicht mehr
derjenige, der für euch zu Felde zog, meine Arme sind schlapp geworden, meine
Augen sehen dunkler, meine Stimme wird undeutlich, und in kurzer Zeit würde ich
ein blosser Schatten eines Herrschers sein.
    Zum letztenmale seht ihr mich: ich werde aber Persien nicht verwaiset
verlassen. Ich habe alles getan, einen würdigen Tronfolger zu bilden, empfangt
ihn mit Vertrauen, liebt ihn, wie ihr mich geliebt habt. In ihm vereinigt sich
das edelste Blut unter den Menschen, des Ismaels, und des Tschengis. Es lebe
Ismael Padischa, der Kaiser der Perser! Hiermit stieg er herunter, er gürtete
seinem Enkel Rustans geweihetes Schwerdt um, und leitete ihn auf den erledigten
Tron.
    Halb bestürzt, wehmütig, und dennoch durch des wohlgebildeten Jünglings
edeln Anstand gerührt, gewohnt alle Räte des Usongs als die Aussprüche der
Weisheit zu verehren, rief das Volk: Es lebe Ismael Padischa, er herrsche wie
Usong!
    Die Grossen bezeugten, nach der Weise der Morgenländer, dem neuen Kaiser ihre
Ehrerbietung, und Usong suchte ermattet die Ruhe.
    Veribeni verliess ihn selten mehr: die Kräfte nahmen täglich ab, und täglich
füllten sich seine Augen mit einem höhern Vergnügen, dessen Quelle nicht in der
Welt entsprang. Er liess zum letztenmal seinen Nachfolger zu sich bitten. Ismael
ist jung, er liebt aber die Tugend. Höre, mein Sohn, die Räte deiner Mutter,
dein Ahnherr hat sie gehört, und nützlich gefunden, wer wird dich besser lieben?
Traue nicht zu viel auf deine Kräfte, zieh zu Rat, erwäge und dann entschliesse.
Ich habe getrachtet, die Aemter mit würdigen Männern zu füllen, verändere sie
nicht plötzlich. Liebe deines Ahnherrn Freunde, sie sind ihm treu gewesen, und
die Erfahrung hat sie weise gemacht. Er umarmte den bestürzten Ismael, wandte
sich zur weinenden Nuschirwani, und sagte mit dem zärtlichsten Anblicke: Fahre
wohl, meine Tochter, die würdig war meine Freundinn zu sein. Brauche alle die
sieghafte Anmut deines Geistes, deinen Sohn im Vertrauen gegen dich zu
behalten, das Schicksal von Persien beruht auf eurer Freundschaft. Nach meinem
Hinscheide wird Veribeni dir die Worte sagen, die mir den Tod zum Wunsche
gemacht haben. Fahre wohl, sterbe wie Usong.
    Er umarmte die in Tränen schwimmende Gemahlinn, und bat sie, in der
Nuschirwani Freundschaft ihren Trost zu suchen. Er beurlaubte sich vom getreuen
Scherin, und von seinen Vertrautesten. Er ersuchte hernach, dass man ihn allein
lassen möchte: ich kann nicht mehr, sagte er schmachtend. Nur Veribeni blieb:
man hörte den Kaiser zuweilen auf einige Zureden des ehrbarn Waldensers
antworten; es blieb bald bei einem blossen ja, und endlich redete Veribeni
allein.
    Nuschirwani, die im nächsten Zimmer war, konnte sich nicht mehr halten, und
stürzte vor das Bette des Sterbenden. Mein Vater, rief sie mit ringenden Händen!
Usong sah sie mit einem Antlitz an, auf dem der Glanz der himmlischen Freude
sich verbreitete, still, aber ohne Wolken; der Blick war der letzte, sterbend
heftete er sein Auge auf die Geliebte, und schloss sie auf ewig.
    Man bot dem Veribeni, zur Vergeltung seiner treuen Dienste, alle Geschenke
einer kaiserlichen Freigebigkeit an. Nein, sagte er, was ich getan habe, wird
seinen Belohner finden, ich werde frölich sterben, der Gröste der Menschen hat
die Wahrheit erkannt. Aber niemand muss mich verdächtigen, dass ich zeitliche
Absichten gehabt habe. Diese einzige Bitte bleibt mir: nimm, durchlauchtigste
Nuschirwani, diese einfältige Erzählung der letzten Stunden deines verklärten
Vaters an, sie ist sein letztes Vermächtnis. Veribeni begab sich in eine
Einsamkeit, sein Wunsch wurde erfüllt, er starb bald hernach ohne Freunde, ohne
Zeugen, ohne menschlichen Trost; aber derjenige blieb bei ihm, der in Ewigkeit
keine Tränen in die Augen seiner Geliebten kommen lässt.
 
                                    Fussnoten
1 Nach der Strenge des Korans sollten keine Gemählde bei den Mosiemim Platz
haben. Aber die Malerei hat zu allen Zeiten im Morgenland eine Ausnahme
genossen. Ich habe beim Ritter Sloane alle Grossen des Hofes von Indostan, und
den Aureng Zeb von einem persischen Mahler geschildert gesehen; die Arbeit war
vom grössten Fleisse, nur zu flach, und ohne genugsamen Schatten.
2 Artaxerxes, der erste der Sassaniden, die auf die Parten folgeten.
3 Bizarro.
4 So hiessen die Morgenländer den Tschengis und den Timur, sie verstunden dadurch
das Gestirn, dar eben zu derselben Zeit alles beherrschte.
5 Der Titel des ersten Ministers.
6 Des ersten Menschen in der fabelhaften Geschichte von Persien. Er soll etliche
hundert Jahre geherrscht haben.
7 Grossvezier.
8 Karl Martel und beide Pipine.
9 Harun hatte ihm seine geliebte Schwester Abassai vermählt, aber ihm den
Gebrauch der Rechte untersagt, die die Ehe gibt.
10 Eroberers. Die sieghaften Sultane fügen ihn ihren Titeln bei.
11 Einer eigenen Meschid, die nur derjenige Sultan erbauen darf, der die Gränzen
des Reiches erweitert hat.
12 Die heut zu Tage mächtigen Scheiken.
13 Dieses sagte noch Della Valla vom ersten Abbas.
14 Zeilon.
15 Noch Schach Nadir hat der englischen Gesellschaft die zu Asterabad von den
Aufrührern geraubten Güter ersetzt.
16 Rahdar Della Valle T. VI.
17 Aus den Gesandschaften des Contarini und Barbaro an den Usong.
18 Bizarro.
19 Tiberius, Hadrianus, Abas waren gefährliche Fürsten für ihre Höflinge und für
die Grossen, dabei aber gute und nützliche Regenten für das Reich.
20 Artaxerxes mit der lagen Hand.
21 Das Geschenknehmen ist der grosse Fehler, und der Untergang aller
morgenländischen Staatsverfassungen.
22 Diese Tyul sind einer der grössten Saaatsfehler in Persien. Chardin T. VI.
23 Das haben Usongs Nachfolger getan.
24 Den grossen gefüllten wohlriechenden Jasmin.
25 Chardin T. VI.
26 Wie da, wo die Intendans besiegelte Briefe in ihrer Gewalt haben.
27 In dieser Traurigkeit hat Abas der Grosse seine letzten Jahre hingelegt.
 
    