
        
                            Christoph Martin Wieland
                             Geschichte des Agaton
                    - quid Virtus, et quid Sapientia possit
                       Utile proposuit nobis exemplar. -
                                   Erster Teil
                                    Vorbericht
Der Herausgeber der gegenwärtigen Geschichte sieht so wenig Wahrscheinlichkeit
vor sich, das Publicum überreden zu können, dass sie in der Tat aus einem alten
Griechischen Manuscript gezogen sei; dass er am besten zu tun glaubt, über diesen
Punct gar nichts zu sagen, und dem Leser zu überlassen, davon zu denken, was er
will. Gesetzt, dass wirklich einmal ein Agaton gewesen, (wie dann in der Tat, um
die Zeit, in welche die gegenwärtige Geschichte gesetzt worden ist, ein
comischer Dichter dieses Namens den Freunden der Schriften Platons bekannt sein
muss:) gesetzt aber auch, dass sich von diesem Agaton nichts wichtigers sagen
liesse, als wenn er geboren worden, wenn er sich verheiratet, wie viel Kinder er
gezeugt, und wenn, und an was für einer Krankheit er gestorben sei: was würde
uns bewegen können, seine Geschichte zu lesen, und wenn es gleich gerichtlich
erwiesen wäre, dass sie in den Archiven des alten Atens gefunden worden sei?
    Die Wahrheit, welche von einem Werke, wie dasjenige, so wir den Liebhabern
hiemit vorlegen, gefodert werden kann und soll, bestehet darin, dass alles mit
dem Lauf der Welt übereinstimme, dass die Character nicht willkürlich, und bloss
nach der Phantasie, oder den Absichten des Verfassers gebildet, sondern aus dem
unerschöpflichen Vorrat der Natur selbst hergenommen; in der Entwicklung
derselben so wohl die innere als die relative Möglichkeit, die Beschaffenheit
des menschlichen Herzens, die Natur einer jeden Leidenschaft, mit allen den
besondern Farben und Schattierungen, welche sie durch den Individual-Character
und die Umstände einer jeden Person bekommen, aufs genaueste beibehalten;
daneben auch der eigene Character des Landes, des Orts, der Zeit, in welche die
Geschichte gesetzt wird, niemal aus den Augen gesetzt; und also alles so
gedichtet sei, dass kein hinlänglicher Grund angegeben werden könne, warum es
nicht eben so wie es erzählt wird, hätte geschehen können, oder noch einmal
wirklich geschehen werde. Diese Wahrheit allein kann Werke von dieser Art
nützlich machen, und diese Wahrheit getrauet sich der Herausgeber den Lesern der
Geschichte des Agatons zu versprechen.
    Seine Hauptabsicht war, sie mit einem Character, welcher gekannt zu werden
würdig wäre, in einem manchfaltigen Licht, und von allen seinen Seiten bekannt
zu machen. Ohne Zweifel gibt es wichtigere als derjenige, auf den seine Wahl
gefallen ist. Allein, da er selbst gewiss zu sein wünschte, dass er der Welt keine
Hirngespenster für Wahrheit verkaufe; so wählte er denjenigen, den er am
genauesten kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat. Aus diesem Grunde kann er
ganz zuverlässig versichern, dass Agaton und die meisten übrigen Personen,
welche in seine Geschichte eingeflochten sind, wirkliche Personen sind,
dergleichen es von je her viele gegeben hat, und in dieser Stunde noch gibt, und
dass (die Neben-Umstände, die Folge und besondere Bestimmung der zufälligen
Begebenheiten, und was sonsten nur zur Auszierung, welche willkürlich ist,
gehört, ausgenommen) alles, was das Wesentliche dieser Geschichte ausmacht, eben
so historisch, und vielleicht noch um manchen Grad gewisser sei, als irgend ein
Stück der glaubwürdigsten politischen Geschichtschreiber, welche wir aufzuweisen
haben.
    Es ist etwas bekanntes, dass öfters im menschlichen Leben weit
unwahrscheinlichere Dinge begegnen, als der Chevalier de Mouhy selbst zu
erdichten sich getrauen würde. Es würde also sehr übereilt sein, die Wahrheit
des Characters unsers Helden deswegen in Verdacht zu ziehen, weil es öfters
unwahrscheinlich ist, dass jemand so gedacht oder gehandelt habe, wie er. Wenn es
unmöglich sein wird, zu beweisen, dass ein Mensch, und ein Mensch unter den
besondern Bestimmungen, unter welchen sich Agaton von seiner Kindheit an
befunden, nicht so denken oder handeln könne, oder wenigstens es nicht ohne
Wunderwerke, Einflüsse unsichtbarer Geister, oder übernatürliche Bezauberung
hätte tun können: So glaubt der Verfasser mit Recht erwarten zu können, dass man
ihm auf sein Wort glaube, wenn er positiv versichert, dass Agaton wirklich so
gedacht oder gehandelt habe. Zu gutem Glücke finden sich in den beglaubtesten
Geschichtschreibern, und schon allein in den Lebensbeschreibungen des Plutarch
Beispiele genug, dass es möglich sei, so edel, so tugendhaft, so entaltsam,
oder, nach der Sprache des Hippias, und einer ansehnlichen Classe von Menschen
zu reden, so seltsam, so eigensinnig und albern zu sein als es unser Held in
einigen Gelegenheiten seines Lebens ist.
    Man hat an verschiedenen Stellen des gegenwärtigen Werks die Ursachen
angegeben, warum man aus dem Agaton kein Modell eines vollkommen tugendhaften
Mannes gemacht hat. Da die Welt mit ausführlichen Lehrbüchern der Sittenlehre
angefüllt ist, so steht einem jeden frei, (und es ist nichts leichtere) sich
einen Menschen einzubilden, der von der Wiege an bis ins Grab, in allen
Umständen und Verhältnissen des Lebens, allezeit und vollkommen so empfinde,
denkt und handelt, wie eine Moral. Damit Agaton das Bild eines wirklichen
Menschen wäre, in welchem viele ihr eigenes erkennen sollten, konnte er, wir
behaupten es zuversichtlich, nicht tugendhafter vorgestellt werden, als er ist;
und wenn jemand hierin andrer Meinung sein sollte, so wünschten wir, dass er uns
(wenn es wahr ist, dass derjenige der Beste ist, der die besten Eigenschaften mit
den wenigsten Fehlern hat,) denjenigen nenne, der unter allen nach dem
natürlichen Lauf Gebornen, in ähnlichen Umständen, und alles zusammen genommen,
tugendhafter gewesen wäre, als Agaton.
    Es ist möglich, dass irgend ein junger Taugenichts, wenn er sieht, dass ein
Agaton den reizenden Verführungen der Liebe und einer Danae endlich unterliegt,
eben den Gebrauch davon machen kann, welchen der junge Chärea beim Terenz von
einem Gemälde machte, welches eine von den Schelmereien des Vater Jupiters
vorstellte, - und dass er, wenn er mit herzlicher Freude gelesen haben wird, dass
ein so vortrefflicher Mann habe fallen können, zu sich selbst sagen mag: Ego
homuncio hoc non facerem? ego vero illud faciam ac lubens.
    Es ist eben so möglich, dass ein übelgesinnter oder ruchloser Mensch, den
Discurs des Sophisten Hippias lesen, und sich einbilden kann, die Rechtfertigung
seines Unglaubens und seines lasterhaften Lebens darin zu finden: Aber alle
rechtschaffnen Leute werden mit uns überzeugt sein, dass dieser junge Bube, und
dieser ruchlose Freigeist beides gewesen und geblieben wären, wenn gleich keine
Geschichte des Agaton in der Welt wäre.
    Dieses letztere Beispiel führt uns auf eine Erläuterung, wodurch wir der
Schwachheit gewisser gutgesinnter Leute, deren Wille besser ist, als ihre
Einsichten, zu Hülfe zu kommen, und und sie vor unzeitig genommenem Ärgernis
oder ungerechten Urteilen zu verwahren, uns verbunden glauben. Wir gestehen
gerne, dass in das Bewusstsein der Redlichkeit unsrer Absichten eingehüllt, nicht
daran gedacht hätten, dass diese Sorgfalt nötig wäre, wenn uns nicht die
Anmerkung stutzen gemacht hätte, welche einer unsrer Freunde, ohne unser
Vorwissen, auf der Seite pag. * unter den Text zu setzen, gut befunden.
    Diese Erläuterung betrifft die Einführung des Sophisten Hippias in unsere
Geschichte, und den Discurs, wodurch er den Agaton von seinem liebenswürdigen
und tugendhaften Entusiasmus zu heilen, und zu einer Denkungsart zu bringen
hofft, welche er nicht ohne guten Grund für geschickter hält, sein Glück in der
Welt zu machen. Leute, die aus gesunden Augen gerade vor sich hin sehen, würden
ohne unser Erinnern aus dem ganzen Zusammenhang unsers Werkes, und aus der Art,
wie wir bei aller Gelegenheit von diesem Sophisten und seinen Grundsätzen reden,
ganz deutlich eingesehen haben, wie wenig wir dem Mann und dem System günstig
sind; und ob es sich gleich weder für unsere eigene Art zu denken, noch für den
Ton und die Absicht unsers Buches geschickt hätte, mit dem heftigen Eifer gegen
ihn auszubrechen, welcher einen jungen Magister treibt, wenn er, um sich seinem
Consistorio zu einer guten Pfründe zu empfehlen, gegen einen Tindal oder
Bolingbroke zu Felde zieht: So hoffen wir doch bei vernünftigen und ehrlichen
Lesern keinen Zweifel übrig gelassen zu haben, dass wir den Hippias für einen
schlimmen und gefährlichen Mann, und sein System, (in so fern es den echten
Grundsätzen der Religion und der Rechtschaffenheit widerspricht) für ein Gewebe
von Trugschlüssen ansehen, welche die menschliche Gesellschaft zu grunde richten
würden, wenn es moralisch möglich wäre, dass der grössere Teil der Menschen damit
angesteckt werden könnte. Wir glauben also vor allem Verdacht über diesen
Artikel sicher zu sein. Aber da unter unsern Lesern ehrliche Leute sein können,
welche uns wenigstens eine Unvorsichtigkeit Schuld geben, und davor halten
möchten, dass wir diesen Hippias entweder gar nicht einführen, oder wenn dieses
der Plan unsers Werkes ja erfodert hätte, seine Lehrsätze ausführlich hätten
widerlegen sollen: So sehen wir für billig an, ihnen die Ursachen zu sagen,
warum wir das erste getan, und das andere unterlassen haben.
    Weil nach unserm Plan der Character unsers Helden auf verschiedene Proben
gestellt werden sollte, durch welche seine Denkensart und seine Tugend
erläutert, und dasjenige, was darin übertrieben, und unecht war, nach und nach
abgesondert würde; so war es um so viel nötiger ihn auch dieser Probe zu
unterwerfen, da Hippias, bekannter massen, eine historische Person ist, und mit
den übrigen Sophisten derselben Zeit sehr vieles zur Verderbnis der Sitten unter
den Griechen beigetragen hat. Überdem diente er den Charakter und die Grundsätze
unsers Helden durch den Contrast, den er mit selbigen macht, in ein desto
höheres Licht zu setzen. Und da es mehr als zu gewiss ist, dass der grösseste Teil
derjenigen, welche die grosse Welt ausmachen, wie Hippias denkt, oder doch nach
seinen Grundsätzen handelt; so war es auch in dem Plan der moralischen
Absichten, welche wir uns bei diesem Werke vorgesetzt haben, zu zeigen, was für
einen Effect diese Grundsätze machen, wenn sie in den gehörigen Zusammenhang
gebracht werden. Und dieses sind die hauptsächlichsten Ursachen, warum wir
diesen Sophisten (welchen wir nicht schlimmer vorgestellt haben, als er wirklich
war, und seine Brüder noch heutiges Tages sind) in die Geschichte des Agaton
eingeflochten haben.
    Eine ausführliche Widerlegung dessen, was in seinen Grundsätzen irrig und
gefährlich ist: (Denn in der Tat hat er nicht allemal unrecht,) wäre in Absicht
unsers Plans ein wahres hors d'oeuvre gewesen, und schien uns auch in Absicht
der Leser überflüssig; indem nicht nur die Antwort, welche ihm Agaton gibt, das
beste entält, was man dagegen sagen kann; sondern auch das ganze Werk (wie
einem jeden in die Augen fallen wird, sobald man das Ganze wird übersehen
können) als eine Widerlegung desselben anzusehen ist. Agaton widerlegt den
Hippias beinahe auf die nämliche Art wie Diogenes den Sophisten, welcher
leugnete, dass eine Bewegung sei: Diogenes liess den Sophisten schwatzen, so lang
er wollte; und da er fertig war, begnügte er sich vor seinen Augen ganz gelassen
auf und ab zu gehen. Dieses war unstreitig die einzige Widerlegung, die er
verdiente.
    Wir würden dem zweiten Teile, dessen Ausgabe von der Aufnahme des ersten
abhangen wird, den Vorteil der Neuheit und den Lesern zu gleicher Zeit ein
künftiges Vergnügen rauben, wenn wir den Inhalt desselben vor der Zeit bekannt
machten. Genug, dass man unsern Helden in der Folge in eben so sonderbaren und
interessanten Umständen und Verwicklungen sehen wird, als in dem ersten Teil.
Alles, was wir vorläufig von der Entwicklung sagen können, ist dieses: dass
Agaton in der letzten Periode seines Lebens, welche den Beschluss unsers Werkes
macht, ein eben so weiser als tugendhafter Mann sein wird, und (was uns hiebei
das beste zu sein deucht,) dass unsre Leser begreifen werden, wie und warum er es
ist; warum vielleicht viele unter ihnen, weder dieses noch jenes sind; und wie
es zugehen müsste, wenn sie es werden sollten.
 
                                  Erstes Buch
                                 Erstes Capitel
                            Anfang dieser Geschichte
Die Sonne neigte sich bereits zum Untergang, als Agaton, der sich in einem
unwegsamen Walde verirret hatte, von der vergeblichen Bemühung einen Ausgang zu
finden abgemattet, an dem Fuss eines Berges anlangte, welchen er noch zu
ersteigen wünschte, in Hoffnung von dem Gipfel desselben irgend einen bewohnten
Ort zu entdecken, wo er die Nacht zubringen könnte. Er schleppte sich also mit
Mühe durch einen Fussweg hinauf, den er zwischen den Gesträuchen gewahr ward;
allein da er ungefähr die Mitte des Berges erreicht hatte, fühlt er sich so
entkräftet, dass er den Mut verlor den Gipfel erreichen zu können, der sich immer
weiter von ihm zu entfernen schien, je mehr er ihm näher kam. Er warf sich also
ganz Atemlos unter einen Baum hin, der eine kleine Terrasse umschaltete, auf
welcher er die einbrechende Nacht zuzubringen beschloss.
    Wenn sich jemals ein Mensch in Umständen befunden hatte, die man unglücklich
nennen kann, so war es dieser Jüngling in denjenigen, worin wir ihn das erstemal
mit unsern Lesern bekannt machen. Vor wenigen Tagen noch ein Günstling des
Glücks, und der Gegenstand des Neides seiner Mitbürger, befand er sich, durch
einen plötzlichen Wechsel seines Vermögens, seiner Freunde, seines Vaterlands
beraubt, allen Zufällen des widrigen Glücks, und selbst der Ungewissheit
ausgesetzt, wie er das nackte Leben, das ihm allein übrig gelassen war, erhalten
möchte. Allein ungeachtet so vieler Widerwärtigkeiten, die sich vereinigten
seinen Mut niederzuschlagen, versichert uns doch die Geschichte, dass derjenige,
der ihn in diesem Augenblick gesehen hätte, weder in seiner Mine noch in seinen
Gebärden einige Spur von Verzweiflung, Ungeduld oder nur von Missvergnügen hätte
bemerken können.
    Vielleicht erinnern sich einige hiebei an den Weisen der Stoiker von welchem
man ehmals versicherte, dass er in dem glühenden Ochsen des Phalaris zum
wenigsten so glücklich sei, als ein Morgenländischer Bassa in den weichen Armen
einer jungen Circasserin. Da sich aber in dem Lauf dieser Geschichte verschiedne
Proben einer nicht geringen Ungleichheit unsers Helden mit dem Weisen des Seneca
zeigen werden, so halten wir für wahrscheinlicher, dass seine Seele von der Art
derjenigen gewesen sei, welche dem Vergnügen immer offen stehen, und bei denen
eine einzige angenehme Empfindung hinlänglich ist, sie alles vergangnen und
künftigen Kummers vergessen zu machen. Eine Öffnung des Waldes zwischen zween
Bergen zeigte ihm von fern die untergehende Sonne. Es brauchte nichts mehr als
diesen Anblick, um die Empfindung seiner widrigen Umstände zu unterbrechen. Er
überliess sich der Begeisterung, worin dieses majestätische Schauspiel
empfindliche Seelen zu setzen pflegt, ohne eine lange Zeit sich seiner
dringendsten Bedürfnisse zu erinnern. Endlich weckte ihn doch das Rauschen einer
Quelle, die nicht weit von ihm aus einem Felsen hervor sprudelte, aus dem
angenehmen Staunen, worin er etliche Minuten sich selbst vergessen hatte; er
stand auf, und schöpfte mit der hohlen Hand von diesem Wasser, dessen fliessenden
Cristall, seiner Einbildung nach, eine wohltätige Nymphe seinen Durst zu
stillen, aus ihrem Marmorkrug entgegen goss; und anstatt die von Cyprischem Wein
sprudelnde Becher der Atenischen Gastmähler zu vermissen, deuchte ihm, dass er
niemals angenehmer getrunken habe. Er legte sich hierauf wieder nieder,
entschlief unter dem sanftbetäubenden Gemurmel der Quelle, und träumte, dass er
seine geliebte Psyche wieder gefunden habe, deren Verlust das einzige war, was
ihm von Zeit zu Zeit einige Seufzer auspresste.
 
                                Zweites Capitel
                            Etwas ganz Unerwartetes
Wenn es seine Richtigkeit hat, dass alle Dinge in der Welt in der genauesten
Beziehung auf einander stehen, so ist nicht minder gewiss, dass diese Verbindung
unter einzelnen Dingen oft ganz unmerklich ist; und daher scheint es zu kommen,
dass die Geschichte zuweilen viel seltsamere Begebenheiten erzählt, als ein
Romanen-Schreiber zu dichten wagen dürfte. Dasjenige, was unserm Helden in
dieser Nacht begegnete, gibt mir neue Bekräftigung dieser Beobachtung ab. Er
genoss noch der Süssigkeit des Schlafs, den Homer für ein so grosses Gut hält, dass
er ihn auch den Unsterblichen zueignet; als er durch ein lermendes Getöse
plötzlich aufgeschreckt wurde. Er horchte gegen die Seite, woher es zu kommen
schiene, und glaubte, in dem vermischten Getümmel ein seltsames Heulen und
Jauchzen zu unterscheiden, welches von den entgegenstehenden Felsen auf eine
fürchterliche Art widerhallte. Agaton, der nur im Schlaf erschreckt werden
konnte, beschloss diesem Getöse mit eben dem Mut entgegen zu gehen, womit in
spätern Zeiten der unbezwingbare Ritter von Mancha dem nächtlichen Klappern der
Walkmühlen Trotz bot. Er bestieg also den obern Teil des Berges mit so vieler
Eilfertigkeit als er konnte, und der Mond, dessen voller Glanz die ganze Gegend
weit umher aus den dämmernden Schatten hob, begünstigte sein Unternehmen. Das
Getümmel nahm immer zu, je näher er dem Rücken des Berges kam; er unterschied
izt den Schall von Trummeln und das Flüstern regelloser Flöten, und fing an zu
erraten, was dieser Lerm zu bedeuten haben möchte; als sich ihm plötzlich ein
Schauspiel darstellte, welches fähig scheinen könnte, den Weisen selbst, dessen
wir oben erwähnet haben, seiner eingebildeten Göttlichkeit vergessen zu machen.
Ein schwärmender Haufen von jungen Tracischen Weibern war es, welche von der
Orphischen Wut begeistert, sich in dieser Nacht versammelt hatten, die
unsinnigen Gebräuche zu begehen, die das heidnische Altertum zum Andenken des
berühmten Zuges des Bacchus aus Indien eingesetzt hatte. Ohne Zweifel könnte
eine ausschweifende Einbildungskraft, oder der Griffel eines la Fage von einer
solchen Scene ein ziemlich verführerisches Gemälde machen; allein die Eindrücke
die der würkliche Anblick auf unsern jungen Helden machte, waren nichts weniger
als von der reizenden Art. Das stürmisch fliegende Haar, die rollenden Augen,
die beschäumten Lippen und die aufgeschwollnen Muskeln, die wilden Gebärden und
die rasende Fröhlichkeit, mit der diese Unsinnigen in frechen Stellungen, ihre
mit zahmen Schlangen umwundnen Tyrsos schüttelten, ihre Klapperbleche zusammen
schlugen, oder abgebrochne Dityramben mit lallender Zunge stammelten; alle
diese Ausbrüche einer fanatischen Wut, die ihm nur desto schändlicher vorkam,
weil sie den Aberglauben zur Quelle hatte, machten seine Augen unempfindlich,
und erweckten ihm einen Ekel vor Reizungen, die mit der Schamhaftigkeit alle
ihre Macht auf ihn verloren hatten. Er wollte zurück fliehen, aber es war
unmöglich, weil er in eben dem Augenblick, da er sie erblickte, von ihnen
bemerkt worden war. Der unerwartete Anblick eines Jünglings, an einem Ort und
bei einem Feste, welches kein männliches Aug entweihen durfte, hemmte plötzlich
den Lauf ihrer lärmenden Fröhlichkeit, um alle ihre Aufmerksamkeit auf diese
Erscheinung zu wenden.
    Hier können wir unsern Lesern einen Umstand nicht länger verhalten, der in
diese ganze Geschichte einen grossen Einfluss hat. Agaton war von einer so
wunderbaren Schönheit, dass die Rubens und Girardons seiner Zeit, weil sie die
Hoffnung aufgaben, eine vollkommnere Gestalt zu erfinden, oder aus den
zerstreuten Schönheiten der Natur zusammen zu setzen, die seinige zum Muster
nahmen, wenn sie den Apollo oder Bacchus vorstellen wollten. Niemals hatte ihn
ein weibliches Aug erblickt, ohne die Schuld ihres Geschlechts zu bezahlen,
welches die Natur für die Schönheit so empfindlich gemacht zu haben scheint, dass
diese einzige Eigenschaft den meisten unter ihnen die Abwesenheit aller übrigen
verbirgt. Agaton hatte ihr in diesem Augenblick noch mehr zu danken; sie
rettete ihn von dem Schicksal des Penteus. Seine Schönheit setzte diese Mänaden
in Erstaunen. Ein Jüngling von einer solchen Gestalt, an einem solchen Ort, zu
einer solchen Zeit! Konnten sie ihn für etwas geringers halten, als für den
Bacchus selbst? In dem Taumel worin sich ihre Sinnen befanden, war nichts
natürlichers als dieser Gedanke; auch gab er ihrer Phantasie auf einmal einen so
feurigen Schwung, dass, da sie die Gestalt dieses Gottes vor sich sahen, sie
alles übrige hinzudichteten, was ihm zu einem vollständigen Dionysus mangelte.
Ihre bezauberten Augen stellten ihnen die Silenen und die Ziegenfüssigen Faunen
vor, die um ihn her schwärmten, und Tiger und Leoparden die mit liebkosender
Zunge seine Füsse leckten; Blumen, so deucht es sie, entsprangen unter seinen
Fusssohlen, und Quellen von Wein und Honig sprudelten von jedem seiner Tritte
auf, und rannen in schäumenden Bächen die Felsen hinab. Auf einmal erschallte
der ganze Berg, der Wald und die benachbarten Felsen von ihrem lauten Evan,
Evan! mit einem so entsetzlichen Getöse der Trummeln und Klapperbleche, dass
Agaton, bei dem das, was er in diesem Augenblick sah und hörte, alles
überstieg, was er jemals gesehen, gehört, gedichtet oder geträumt hatte, von
Entsetzen und Erstaunung gefesselt, wie eine Bildsäule stehen blieb, indes, dass
die entzückten Bacchantinnen gaukelnde Tänze um ihn her machten, und durch
tausend unsinnige Gebärden ihre Freude über die vermeinte Gegenwart ihres Gottes
ausdrückten.
    Allein die unmässigste Schwärmerei hat ihre Grenzen, und weicht endlich der
Obermacht der Sinnen. Zum Unglück für den Helden unsrer Geschichte kamen diese
Unsinnigen allmählich aus einer Entzückung zurück, worüber sich vermutlich ihre
Einbildungskraft gänzlich algemattet hatte, und bemerkten immer mehr
menschliches an demjenigen, den seine ungewöhnliche Schönheit in ihren trunknen
Augen vergöttert hatte. Etliche, die das Bewusstsein ihrer eignen stolz genug
machte, die Ariadnen dieses neuen Bacchus zu sein, näherten sich ihm, und
setzten ihn durch die Art womit sie ihre Empfindungen ausdrückten in eine desto
grössere Verlegenheit, je weniger er geneigt war, ihre ungestümen Liebkosungen zu
erwidern. Dem Ansehn nach würde unter ihnen selbst ein grimmiger Streit
entstanden, und Agaton zuletzt das tragische Schicksal des Orpheus, der ehmals
aus ähnlichen Ursachen von den tracischen Mänaden zerrissen worden war,
erfahren haben, wenn nicht die Unsterblichen, die das Gewebe der menschlichen
Zufälle leiten, in eben dem Augenblick ein Mittel seiner Errettung
herbeigebracht hätten, da weder seine Stärke, noch seine Tugend ihn zu retten
hinlänglich war.
 
                                Drittes Capitel
                  Unvermutete Unterbrechung des Bacchus-Festes
Eine Schar Cilicischer Seeräuber, welche frisches Wasser einzunehmen bei
nächtlicher Weile an dieser Küste geländet, hatten von fern das Getümmel der
Bacchantinnen gehört, und sogleich für einen Aufruf zu einer ansehnlichen Beute
aufgenommen. Sie erinnerten sich, dass die vornehmsten Frauen dieser Gegend die
geheimnisvollen Orgya um diese Zeit zu begehen pflegten; und dass sie, wenn sie
sich zu solchem Ende versammelten, in ihrem schönsten Putz aufzuziehen pflegten,
ob sie gleich vor Besteigung des Berges sich dessen wieder entledigten, und
alles bis zu ihrer Wiederkunft von einer Anzahl Sclavinnen bewachen liessen. Die
Hoffnung, ausser diesen Weibern, von denen sie die schönsten für die Asiatischen
Harems bestimmten, eine Menge von kostbaren Kleidern und Juwelen zu erbeuten,
schien ihnen wohl wert, sich etwas länger aufzuhalten. Sie teilten sich also in
zween Haufen, davon der eine sich derer bemächtigte, welche die Kleider hüteten,
indessen dass die übrigen den Berg bestiegen, und mit grossem Geschrei unter die
Tracierinnen einstürmend, sich von ihnen Meister machten, ehe sie Zeit oder Mut
hatten, sich zur Wehr zu setzen. Die Umstände waren allerdings so beschaffen,
dass sie sich allein mit den gewöhnlichen und anständigsten Waffen ihres
Geschlechts verteidigen konnten. Allein diese Cilicier waren allzusehr
Seeräuber, als dass sie auf die Tränen und Bitten, noch selbst auf die Reizungen
dieser Schönen einige Achtung gemacht hätten, welche doch in diesem Augenblick,
da Schrecken und Zagheit ihnen die Weiblichkeit (wenn es erlaubt ist, dieses
Wort einem grossen Dichter abzuborgen) wiedergegeben hatte, selbst dem sittsamen
Agaton so verführerisch vorkamen, dass er vor gut befand, seine nicht gerne
gehorchende Augen an den Boden zu heften. Allein die Räuber hatten izt andre
Sorgen, und waren nur darauf bedacht, wie sie ihre Beute aufs schleunigste in
Sicherheit bringen möchten. Und so entging Agaton, für etliche nicht allzufeine
Scherze über die Gesellschaft, worin man ihm gefunden hatte, und für seine
Freiheit, einer Gefahr, aus der er seinen Gedanken nach sich nicht zu teuer
loskaufen konnte. Der Verlust der Freiheit schien ihn in den Umständen worin er
war, wenig zu bekümmern; und in der Tat, da er alles übrige verloren hatte was
die Freiheit schätzbar macht, so hatte er wenig Ursache sich wegen eines
Verlusts zu kränken, der ihm wenigstens eine Veränderung im Unglück versprach.
 
                                Viertes Capitel
                        Agaton wird zu Schiffe gebracht
Nachdem die Cilicier mit ihrer gesamten Beute wieder zu Schiffe gegangen, und
die Teilung derselben mit grösserer Eintracht, als womit die Vorsteher einer
kleinen Republik sich in die öffentlichen Einkünfte zu teilen pflegen, geendiget
hatten; brachten sie den Rest der Nacht mit einem Schmause zu, bei welchem sie
nicht vergassen, sich wegen der mehr als stoischen Unempfindlichkeit, die sie bei
Eroberung der tracischen Schönen bewiesen hatten, schadlos zu halten.
Unterdessen aber, dass das ganze Schiff beschäftiget war, das angefangne
Bacchusfest zu vollenden, hatte sich Agaton unbemerkt in einen Winkel zurück
gezogen, wo er vor Müdigkeit abermals einschlummerte, und den Traum gerne
fortgesetzt hätte, aus welchem ihn das Evan Evan der berauschten Mänaden geweckt
hatte.
 
                                Fünftes Capitel
                                Eine Entdeckung
Die aufgehende Sonne, die von der rosenfingrichten Aurora angekündiget, das
Jonische Meer mit ihren ersten Strahlen vergoldete, fand alle diejenigen, mit
dem Virgil zu reden, von Wein und Schlaf begraben, welche die Nacht durch dem
Bacchus und seiner Göttin Schwester geopfert hatten. Nur Agaton, der gewohnt
war mit der Morgenröte zu erwachen, wurde von den ersten Strahlen geweckt, die
in horizontalen Linien an seiner Stirne hinschlüpften. Indem er die Augen
aufschlug, sah er einen jungen Menschen in einer Sclaven-Kleidung vor sich
stehen, der ihn mit grosser Aufmerksamkeit betrachtete. So schön als Agaton war,
so schien er doch von diesem liebenswürdigen Jüngling an Feinheit der Gestalt
und Farbe übertroffen zu werden; in der Tat hatte er in seiner Gesichtsbildung
und in seiner ganzen Figur etwas so jungfräuliches, dass er, gleich dem schönen
Liebling des Horaz, in weiblicher Kleidung unter einer Schar von Mädchen
gemischt, gar leicht das Auge des schärfsten Kenners betrogen haben würde.
Agaton erwiderte den Anblick dieses jungen Sclaven mit einer Aufmerksamkeit, in
welcher ein angenehmes Erstaunen nach und nach sich bis zur Entzückung erhob.
Eben diese Bewegungen entüllten sich auch in dem anmutigen Gesichte des jungen
Sclaven; ihre Seelen erkannten einander in eben demselben Augenblicke, und
schienen durch ihre Blicke schon in einander zu fliessen, eh ihre Arme sich
umfangen, und die von Entzückung bebende Lippen - Psyche - Agaton, ausrufen
konnten. Sie schwiegen eine lange Zeit; dasjenige, was sie empfanden, war über
allen Ausdruck; und wozu bedurften sie der Worte? Der Gebrauch der Sprache hört
auf, wenn sich die Seelen einander unmittelbar mitteilen, sich unmittelbar
anschauen und berühren, und in einem Augenblick mehr empfinden, als die Zunge
der Musen selbst in ganzen Jahren auszusprechen vermöchte. Die Sonne würde
vielleicht unbemerkt über ihrem Haupt hinweg, und wieder in den Ocean hinab
gestiegen sein, ohne dass sie in den fortdauernden Augenblick der Entzückung den
Wechsel der Stunden bemerkt hätten; wenn nicht Agaton dem es allerdings zukam
hierin der erste zu sein, sich mit sanfter Gewalt aus den Armen seiner Psyche
losgewunden hätte, um von ihr zu erfahren, durch was für einen Zufall sie in die
Gewalt der Seeräuber gekommen sei. Die Zeit ist kostbar, liebste Psyche, sagte
er, wir müssen uns der Augenblicke bemächtigen, da diese Barbaren, von der
Gewalt ihres Gottes bezwungen, zu Boden liegen. Erzähle mir, durch was für einen
Zufall wurdest du von meiner Seite gerissen, ohne dass es mir möglich war zu
erfahren, wie oder wohin? Und wie finde ich dich izt in diesem Sclavenkleid, und
in der Gewalt dieser Seeräuber?
 
                                Sechstes Capitel
                              Erzählung der Psyche
Du erinnerst dich, antwortete ihm Psyche, jener unglücklichen Stunde, da die
eifersüchtige Pytia unsre Liebe, so geheim wir sie zu halten vermeinten,
entdeckte. Nichts war ihrer Wut zu vergleichen, und es fehlte nur noch, dass ihre
Rache nicht mein Leben zum Opfer verlangte; denn sie liess mich einige Tage alles
erfahren, was verschmähte Liebe erfinden kann, eine glückliche Nebenbuhlerin zu
quälen. Ob sie es nun gleich in ihrer Gewalt hatte, mich deinen Augen gänzlich
zu entziehen, so hielt sie sich doch niemals sicher, so lang ich zu Delphi sein
würde. Sie machte bald ein Mittel ausfündig, sich meiner zu entledigen, ohne
einigen Argwohn zu erwecken; sie schenkte mich einer Verwandten, die sie zu
Syracus hatte, und weil sie mich an diesem Orte weit genug von dir entfernt
hielt, säumte sie nicht, mich in der grössten Stille nach Corint, und von da
nach Sicilien bringen zu lassen. Die Törin! kannte sie die Macht der Liebe
nicht, die Agaton einflösst? Wusste sie nicht, dass keine Scheidung der Leiber
durch Länder und Meere meine Seele verhindern könne, aus einer Zone in die andre
zu fliegen, und gleich einem liebenden Schatten um dich her zu schweben? Oder
hoffte sie, reizender in deinen Augen zu werden, wenn du mich nicht mehr neben
ihr sehen würdest? Wie wenig kannte sie unsre Liebe! Nein, wahre Liebe kann so
wenig eifersüchtig sein, als sich selbst fühlende Stärke zittern kann. - Ich
verliess Delphi mit zerrissnem Herzen. Als ich den letzten Blick auf diese
bezauberten Haine heftete, wo deine Liebe mir ein neues Wesen gab, eine neue
Würklichkeit, gegen die mein voriges Leben eine ekelhafte Abwechslung von
einförmigen Tagen und Nächten, ein ungefühltes Pflanzen-Leben war, als ich diese
geliebte Gegend endlich aus den Augen verlor. - Nein, Agaton, ich kann es nicht
beschreiben, du kannst es empfinden, du allein - Als ich mich selbst wieder
fühlte, erleichtert ein Strom von Tränen mein gepresstes Herz. Es war eine Art
von Wollust in diesen Tränen, ich liess ihnen freien Lauf, ohne mich zu
bekümmern, dass sie gesehen würden. Die Welt schien mir ein leerer Raum, und alle
Gegenstände um mich her Träume und Schatten; du und ich waren allein; ich sah,
ich hörte nur dich, ich lag an deiner Brust, ich legte meinen Arm um deinen Hals
ich zeigte dir meine Seele in meinen Augen, ich führte dich in die heiligen
Schatten, wo du mich die Gegenwart der Unsterblichen fühlen lehrtest; ich lag zu
deinen Füssen, und meine an deinen Lippen hangende Seele glaubte den Gesang der
Musen zu hören, wenn du sprächest; wir wandelten Hand in Hand beim sanften
Mondschein durch elysische Gegenden, oder setzten uns unter die Blumen,
stillschweigend, indem unsre Seelen, in ihrer eignen geistigen Sprache sich
einander entüllten, und lauter Licht und Wonne um sich her sahen, und
unsterblich zu sein wünschten, um sich ewig lieben zu können. Unter diesen
Erinnerungen, deren Lebhaftigkeit alle äussre Empfindungen verdunkelte, beruhigte
sich mein Herz allgemach. Ich, die sich selbst nur für einen Teil deines Wesens
hielt, konnte nicht glauben, dass wir immer getrennt bleiben würden. Diese
Hoffnung machte nun mein Leben aus, und bemächtigte sich meiner so sehr, dass ich
wieder heiter wurde. Denn ich zweifelte nicht, ich wusste es, dass du nicht
aufhören könntest, mich zu lieben. Ich überliess dich der glühenden Leidenschaft
einer mächtigen und reizenden Nebenbuhlerin, ohne sie einen Augenblick zu
fürchten. Ich wusste, dass wenn sie es auch so weit bringen könnte, deine Sinnen
zu verführen, sie doch unfähig sei, dir eine Liebe einzuflössen wie die unsrige,
und dass du dich bald wieder nach derjenigen sehnen würdest, die dich allein
glücklich machen, weil sie allein dich lieben kann, wie du geliebt zu sein
wünschest. Unter tausend solchen Gedanken kam ich endlich zu Syracus an. Die
vorsichtige Priesterin hatte Anstalt gemacht, dass ich nirgend Mittel finden
konnte, dir von meinem Aufentalt Nachricht zu geben. Meine neue Gebieterin war
von der guten Art von Geschöpfen, die gemacht sind sich selbst zu gefallen, und
sich alles gefallen zu lassen. Ich wurde zu der Ehre bestimmt, den Aufputz ihres
schönen Kopfes zu besorgen; und die Art, wie ich dieses Amt verwaltete, erwarb
mir ihre Gunst so sehr, dass sie mich beinahe so viel liebte, als ihren
Schosshund. In diesem Zustand hielt ich mich für so glücklich, als ich es ohne
deine Gegenwart in einem jeden andern hätte sein können, bis die Ankunft des
Sohnes meiner Gebieterin die Scene veränderte.
 
                               Siebentes Capitel
                      Fortsetzung der Erzählung der Psyche
Narcissus, so hiess dieser junge Herr, war von seiner Mutter nach Aten geschickt
worden, die Weisen daselbst zu hören, und die feinen Sitten der Atenienser an
sich zu nehmen. Allein er hatte keine Zeit gefunden, weder das eine noch das
andre zu tun. Einige junge Leute, die er seine Freunde nannte, machten jeden Tag
eine neue Lustbarkeit ausbündig, die ihn verhinderte, die schwermütigen
Spaziergänge der Philosophen zu besuchen. Über das hatten ihm die artigsten
Sträussermädchen von Aten gesagt, dass er ein sehr liebenswürdiger junger Herr
wäre; er hatte es ihnen geglaubt, und sich also keine Mühe gegeben, erst zu
werden, was er nach einem so vollgültigen Zeugnis, schon war. Er hatte sich also
mit nichts beschäftiget, als seine Person in das gehörige Licht zu setzen;
niemand in Aten konnte sich rühmen lächerlicher geputzt zu sein, weigere Zähne
und sanftere Hände zu haben als Narcissus. Er war der erste in der Kunst, sich
in einem Augenblick zweimal auf einem Fuss herum zu drehen, einen Fächer
aufzuheben, oder ein Blumensträusschen an die Stirne einer Dame zu stecken. Bei
solchen Vorzügen glaubte er einen natürlichen Beruf zu haben, sich dem
weiblichen Geschlecht anzubieten. Die Leichtigkeit womit seine Verdienste über
die zärtlichen Herzen der Sträussermädchen gesiegt hatten, machte ihm Mut sich an
die Kammermädchen zu wagen, und von diesen Nymphen erhob er sich endlich zu den
Göttinnen selbst. Ohne sich zu bekümmern, wie sein Herz aufgenommen wurde, hatte
er sich angewöhnt zu glauben, dass er unwiderstehlich sei; und wenn er nicht
allemal Proben davon erhielt, so machte er sich dafür schadlos, indem er sich
der Gunstbezeugungen am meisten rühmte, die er nicht genossen hatte. - Wunderst
du dich, Agaton, woher ich so wohl von ihm unterrichtet bin? Von ihm selbst.
Was meine Augen nicht an ihm entdeckten, das sagte mir sein Mund. Denn er selbst
war der unerschöpfliche Inhalt seiner Gespräche, so wie der einzige Gegenstand
seiner Bewunderung. Ein Liebhaber von dieser Art sollte dem Ansehen nach wenig
zu bedeuten haben. Eine Zeit lang belustigte mich seine Torheit; allein er wurde
ungestüm. Er fand es unanständig, dass eine Aufwärterin seiner Mutter
unempfindlich gegen ein Herz bleiben sollte, um welches die Sträusser-Mädchen zu
Aten einander beneidet hatten. Ich ward endlich genötiget, meine Zuflucht zu
seiner Mutter zu nehmen. Allein eben diese leutselige Organisation, welche sie
gütig gegen sich selbst, gegen ihr Schosshündchen und gegen alle Welt machte,
machte sie auch gütig gegen die Torheiten ihres Sohnes. Sie schien es so gar
übel zu nehmen, dass ich von den Vorzügen eines so liebreizenden jungen Herrn
nicht stärker gerührt würde. Die Ungeduld über die Anfälle, denen ich beständig
ausgesetzt war, gab mir tausendmal den Gedanken ein, mich heimlich hinweg zu
stehlen. Allein ich hatte keine Nachricht von dir; ein Reisender von Delphi
hatte uns zwar gesagt, dass du daselbst unsichtbar geworden, aber niemand konnte
sagen wo du seist. Diese Ungewissheit stürzte mich in eine Unruhe, die meiner
Gesundheit nachteilig zu werden anfing; als eben dieser Narcissus, dessen
lächerliche Liebe zu sich selbst mich so lange gequält hatte, mir ohne seine
Absicht das Leben wieder gab, indem er erzählte, dass ein gewisser Agaton von
Aten, nach einem Sieg über die aufrührischen Einwohner von Euböa, diese Insel
seiner Republik wieder unterworfen habe. Die Umstände die er von diesem Agaton
hinzu fügte, liessen mich nicht zweifeln, dass du es seist. Eine Sclavin, die mir
gewogen war, beförderte meine Flucht. Sie hatte einen Liebhaber, der sie beredet
hatte, sich von ihm entführen zu lassen. Ich half ihr, dieses Vorhaben
auszuführen und begleitete sie; der junge Sicilianer verschafte mir zur
Dankbarkeit dieses Sclavenkleid, und brachte mich auf ein Schiff, welches nach
Aten bestimmt war. Ich wurde für einen Sclaven ausgegeben, der seinen Herrn zu
Aten suchte, und überliess mich zum zweitenmal den Wellen, aber mit ganz andern
Empfindungen als das erstemal, da sie nun anstatt mich von dir zu entfernen, uns
wieder zusammen bringen sollten.
 
                                 Achtes Capitel
                        Psyche beschlieft ihre Erzählung
Unsre Fahrt war einige Tage glücklich, ausser dass ein Wind der uns westwärts
trieb, unsre Reise ungewöhnlich verlängerte. Allein am Abend des sechsten Tages
erhob sich ein heftiger Sturm, der uns in wenigen Stunden wieder einen grossen
Weg zurück machen liess; unsre Schiffer waren endlich so glücklich, eine von den
unbewohnten Cycladen zu erreichen, wo wir uns vor dem Sturm in Sicherheit
setzten. Wir fanden in eben der Bucht wohin wir uns geflüchtet hatten, ein
anders Schiff liegen, worin sich eben diese Cilicier befanden, denen wir izt
zugehören. Sie hatten eine griechische Flagge aufgesteckt, sie grüssten uns, sie
kamen zu uns herüber, und weil sie unsre Sprache redeten, so hatten sie keine
Mühe uns so viele Märchen vorzuschwatzen, als sie nötig fanden, uns sicher zu
machen. Nach und nach wurde unser Volk vertraulich mit ihnen; sie brachten
etliche grosse Krüge mit Cyprischem Weine, wodurch sie in wenig Stunden alle
unsre Leute wehrlos machten. Sie bemächtigten sich hierauf unsers ganzen
Schiffes, und begaben sich, so bald sich der Sturm in etwas gelegt hatte, wieder
in die See. Bei der Teilung wurde ich einmütig dem Hauptmann der Räuber
zuerkannt. Man bewunderte meine Gestalt ohne mein Geschlecht zu mutmassen. Allein
diese Verborgenheit half mir nicht so viel, als ich gehofft hatte. Der Cilicier,
den ich für meinen Herrn erkennen musste, verzog nicht lange, mich mit einer
ekelhaften Leidenschaft zu quälen. Er nannte mich Ganymedes, und schwur bei
allen Tritonen und Nereiden, dass ich ihm sein müsste, was dieser trojanische
Prinz dem Jupiter gewesen sei. Wie er sah, dass seine Schmeicheleien ohne Würkung
waren, nötigte er mich zuletzt, ihm zu zeigen, dass ich mein Leben gegen meine
Ehre für nichts halte. Dieses verschafte mir bisher einige Ruhe, und ich fing
an, auf ein Mittel meiner Befreiung zu denken. Ich gab dem Räuber zu verstehen,
dass ich von einem ganz andern Stande sei, als mein Sclavenmässiger Anzug zu
erkennen gäbe, und bat ihn aufs inständigste mich nach Aten zu führen, wo er
für meine Erledigung erhalten würde, was er nur fodern wollte. Allein über
diesen Punkt war er unerbittlich, und jeder Tag entfernte uns weiter von diesem
geliebten Aten, welches, wie ich glaubte, meinen Agaton in sich hielt. Wie
wenig dachte ich, dass eben diese Entfernung, über die ich so untröstbar war, uns
wieder zusammen bringen würde? Aber, ach! in was für Umständen finden wir uns
wieder! Beide der Freiheit beraubt, ohne Freunde, ohne Hülfe, ohne Hoffnung
befreit zu werden; verurteilt ungesitteten Barbaren dienstbar zu sein. Die
unsinnige Leidenschaft meines Herrn wird uns so gar des einzigen Vergnügens
berauben, das unsern Zustand erleichtern könnte. Seitdem ihm meine
Entschlossenheit die Hoffnung benommen seinen Endzweck zu erreichen, scheint
sich seine Liebe in eine wütende Eifersucht verwandelt zu haben, die sich
bemüht, dasjenige was man selbst nicht geniessen kann, wenigstens keinem andern
zu Teil werden zu lassen. Der Barbar wird dir keinen Umgang mit mir verstatten,
da er mir kaum sichtbar zu sein erlaubt. Doch die ungewisse Zukunft soll mir
nicht einen Augenblick von der gegenwärtigen Wonne rauben. Ich sehe dich,
Agaton, und bin glücklich. Wie begierig hätte ich vor wenigen Stunden einen
Augenblick wie diesen mit meinem Leben erkauft! Indem sie dieses sagte, umarmte
sie den glücklichen Agaton mit einer so rührenden Zärtlichkeit, dass die
Entzückung, die ihre Herzen einander mitteilten, eine zweite sprachlose Stille
hervorbrachte; und wie sollten wir beschreiben können, was sie empfanden, da der
Mund der Liebe selbst nicht beredt genug war, es auszudrucken?
 
                                Neuntes Capitel
                 Wie Psyche und Agaton wieder getrennt werden
Nachdem unsre Liebhaber aus ihrer Entzückung zurückgekommen waren, verlangte
Psyche von Agaton eben dieselbe Gefälligkeit, die sie durch Erzählung ihrer
Begebenheiten für seine Neugierde gehabt hatte. Er meldete ihr also, wiewohl ihm
die Zeit nicht erlaubte umständlich zu sein, auf was Weise er von Delphi
entflohen, wie er mit einem Atenienser bekannt geworden, und wie sich entdecket
habe, dass dieser Atenienser sein Vater sei; wie er durch einen Zufall in die
öffentlichen Angelegenheiten verwickelt und durch seine Beredsamkeit dem Volke
angenehm geworden; die Dienste, die er der Republik geleistet; durch was für
Mittel seine Neider das Volk wider ihn aufgebracht, und wie er vor wenig Tagen
mit Verlust aller seiner väterlichen Güter und Ansprüche lebenslänglich aus
Aten verbannt worden; wie er den Entschluss gefasst, eine Reise in die
Morgenländer vorzunehmen, und durch was für einen Zufall er in die Hände der
Cilicier geraten. Sie fingen nun auch an, sich über die Mittel ihrer Befreiung
zu beratschlagen; allein die Bewegungen, welche die allmählich erwachenden
Räuber machten, nötigten Psyche sich aufs eilfertigste zu verbergen, um einem
Verdacht zuvorzukommen, wovon der Schatten genug war, ihren Geliebten das Leben
zu kosten. Sie beklagten izt bei sich selbst, dass sie, nach dem Beispiel der
Liebhaber in den Romanen, eine so günstige Zeit mit unnötigen Erzählungen
verloren, da sie doch voraus sehen konnten, dass ihnen künftig wenig Gelegenheit
würde gegeben werden, sich zu besprechen. Allein was sie hierüber hätte trösten
können, war, dass alle ihre Beratschlagungen und Erfindungen vergeblich gewesen
wären. Denn an eben diesem Morgen erhielt der Hauptmann Nachricht von einem
reichbeladnen Schiffe, welches im Begriff sei, von Lesbos nach Corint
abzugehen, und welches, nach den Umständen die der Bericht angab, unterwegs
aufgefangen werden könnte. Diese Zeitung veranlasste eine geheime Beratschlagung
unter den Häuptern der Räuber, wovon der Ausschlag war, dass Agaton mit den
gefangnen Tracierinnen und einigen andern jungen Sclaven unter einer Bedeckung
in eine Barke gesetzt wurde, um ungesäumt nach Smirna geführt und daselbst
verkauft zu werden; indes, dass die Galeere mit dem grössten Teil der Seeräuber
sich fertig machte, der reichen Beute, die sie schon in Gedanken verschlangen,
entgegen zu gehen. In diesem Augenblick verlor Agaton die Gelassenheit, mit der
er bisher alle Stürme des widrigen Glücks ausgehalten hatte. Der Gedanke, von
seiner Psyche wieder getrennt zu werden, setzte ihn ausser sich selbst. Er warf
sich zu den Füssen des Ciliciers, er schwur ihm, dass der verkleidete Ganymedes
sein Bruder sei; er bot sich selbst zu seinem Sclaven an, er flehte, er weinte.
- Aber umsonst. Der Seeräuber hatte die Natur des Elements, welches er bewohnte,
und die Syrenen selbst hätten ihn nicht bereden können, seinen Entschluss zu
ändern. Agaton erhielt nicht einmal die Erlaubnis, von seinem geliebten Bruder
Abschied zu nehmen; die Lebhaftigkeit, die er bei diesem Anlass gezeigt, hatte
ihn dem Hauptmann verdächtig gemacht. Er wurde also, von Schmerz und
Verzweiflung betäubt, in die Barke getragen, und befand sich schon eine geraume
Zeit ausser dem Gesichtskreis seiner Psyche, eh er wieder erwachte, um den ganzen
Umfang seines Elends zu fühlen.
 
                                Zehntes Capitel
                               Ein Selbstgespräch
Da wir uns zum unverbrüchlichen Gesetze gemacht haben, in dieser Geschichte
alles sorgfältig zu vermeiden, was gegen die historische Wahrheit derselben
einigen gerechten Verdacht erwecken könnte; so würden wir uns ein Bedenken
gemacht haben, das Selbstgespräch, welches wir hier in unserm Manuscript vor uns
finden, mitzuteilen, wenn nicht der ungenannte Verfasser die Vorsicht gebraucht
hätte uns zu melden, dass seine Erzählung sich in den meisten Umständen auf eine
Art von Tagebuch gründe, welches (sichern Anzeigen nach) von der eignen Hand des
Agaton sei, und wovon er durch einen Freund zu Crotona eine Abschrift erhalten.
Dieser Umstand macht begreiflich, wie der Geschichtschreiber habe wissen können,
was Agaton bei dieser und andern Gelegenheiten mit sich selbst gesprochen; und
schützet uns gegen die Einwürfe, die man gegen die Selbstgespräche machen kann,
worin die Geschichtschreiber den Poeten so gerne nachzuahmen pflegen, ohne sich,
wie sie, auf die Eingebung der Musen berufen zu können.
    Unsre Urkunde meldet also, nachdem die erste Wut des Schmerzens, welche
allezeit stumm und Gedankenlos zu sein pflegt, sich geleget, habe Agaton sich
umgesehen; und da er von allen Seiten nichts als Luft und Wasser um sich her
erblickt, habe er, seiner Gewohnheit nach, also mit sich selbst zu
philosophieren angefangen:
    War es ein Traum, was mir begegnet ist, oder sah ich sie würklich, hört' ich
würklich den rührenden Accent ihrer süssen Stimme, und umfingen meine Arme keinen
Schatten? Wenn es mehr als ein Traum war, warum ist mir von einem Gegenstand,
der alle andern aus meiner Seele auslöschte nichts als die Erinnerung übrig? -
Wenn Ordnung und Zusammenhang die Kennzeichen der Wahrheit sind, o! wie ähnlich
dem ungefähren Spiel der träumenden Phantasie sind die Zufälle meines ganzen
Lebens! - Von Kindheit an unter den heiligen Lorbeern des Delphischen Gottes
erzogen, schmeichle ich mir unter seinem Schutz, in Beschauung der Wahrheit und
im geheimen Umgang mit den Unsterblichen, ein stilles und sorgenfreies Leben
zuzubringen. Tage voll Unschuld, einer dem andern gleich, fliessen in ruhiger
Stille, wie Augenblicke vorbei, und ich werde unvermerkt ein Jüngling. Eine
Priesterin, deren Seele eine Wohnung der Götter sein soll, wie ihre Zunge das
Werkzeug ihrer Aussprüche, vergisst ihre Gelübde, und bemüht sich meine
unerfahrne Jugend zu Befriedigung ihrer Begierde zu missbrauchen. Ihre
Leidenschaft beraubt mich derjenigen, die ich liebe; ihre Nachstellungen treiben
mich endlich aus dem geheiligten Schutzort, wo ich, seit dem ich mich selbst
empfand, von Bildern der Götter und Helden umgeben, mich einzig beschäftigt
hatte, ihnen ähnlich zu werden. In eine unbekannte Welt ausgestossen, finde ich
unvermutet einen Vater und ein Vaterland, die ich nicht kannte. Ein schneller
Wechsel von Umständen setzt mich ebenso unvermutet in den Besitz des grössten
Ansehens in Aten. Das blinde Zutrauen eines Volkes, das in seiner Gunst so
wenig Mass hält als in seinem Unwillen, nötigt mir die Anführung seines
Kriegsheers auf; ein wunderbares Glück kommt allen meinen Unternehmungen
entgegen, und führt meine Anschläge aus; ich kehre siegreich zurück. Welch ein
Triumph! Welch ein Zujauchzen! Welche Vergötterung! Und wofür? Für Taten, an
denen ich den wenigsten Anteil hatte. Aber kaum schimmert meine Bildsäule
zwischen den Bildern des Cecrops und Teseus, so reisst mich eben dieser Pöbel,
der vor wenigen Tagen bereit war, mir Altäre aufzurichten, mit ungestümer Wut
zum Gerichtsplatz hin. Die Missgunst derer, die das Übermass meines Glücks
beleidigte, hat schon alle Gemüter wider mich eingenommen, und alle Ohren gegen
meine Verteidigung verstopft; Handlungen, worüber mein Herz mir Beifall gibt,
werden auf den Lippen meiner Ankläger zu Verbrechen, mein Verdammungs- wird
ausgesprochen. Von allen verlassen, die sich meine Freunde genannt hatten, und
kurz zuvor die eifrigsten gewesen waren, neue Ehrenbezeugungen für mich zu
erfinden, fliehe ich aus Aten, mit leichtem Herzen, als womit ich vor wenigen
Wochen, unter dem Zujauchzen einer unzählbaren Menge, durch ihre Tore eingeführt
wurde; und entschliesse mich den Erdboden zu durchwandern, ob ich einen Ort
finden möchte, wo die Tugend, von auswärtigen Beleidigungen sicher, ihrer
eigentümlichen Glückseligkeit geniessen könnte, ohne sich aus der Gesellschaft
der Menschen zu verbannen. Ich nahm den Weg nach Asien, um an den Ufern des Oxus
die Quellen zu besuchen, aus denen die Geheimnisse des Orphischen Gottesdiensts
zu uns geflossen sind. Ein Zufall führt mich unter einen Schwarm rasender
Bacchantinnen, und ich entrinne ihrer verliebten Wut bloss dadurch, dass ich in
die Hände seeräuberischer Barbaren falle. In diesem Augenblicke, da mir von
allem was man verlieren kann nur noch das Leben übrig ist, finde ich meine
Psyche wieder; aber kaum fange ich an meinen Sinnen zu glauben, dass sie es sei,
die ich in meinen Armen umschlossen halte, so verschwindet sie wieder, und ich
finde mich auf diesem Schiffe, um zu Smyrna als ein Sclave verkauft zu werden -
Wie ähnlich ist alles dieses einem Traum, wo die schwärmende Phantasie, ohne
Ordnung, ohne Wahrscheinlichkeit, ohne Zeit oder Ortin Betracht zu ziehen, die
betäubte Seele von einem Abenteur zu dem andern, von der Krone zum
Bettlers-Mantel, von der Wonne zur Verzweiflung, vom Tartarus ins Elysium
fortreisst? Und ist denn das Leben ein Traum, ein blosser Traum, so eitel, so
unwesentlich, so unbedeutend als ein Traum? Ein unbeständiges Spiel des blinden
Zufalls, oder unsichtbarer Geister, die eine grausame Belustigung darin finden,
uns zum Scherz bald glücklich bald unglücklich zu machen? Oder, ist es eben
diese allgemeine Seele der Welt, deren Dasein die geheimnisvolle Majestät der
Natur ankündiget; ist es dieser allesbelebende Geist, der die menschlichen
Sachen anordnet; warum herrschet in der moralischen Welt nicht eben diese
unveränderliche Ordnung und Zusammenstimmung, wodurch die Elemente die Jahres-
und Tages-Zeiten, die Gestirne und die Kreise des Himmels in ihrem
gleichförmigen Lauf erhalten werden? Warum leidet der Unschuldige? Warum sieget
der Betrüger? Warum verfolgt ein unerbittliches Schicksal die Tugendhaften? Sind
unsre Seelen den Unsterblichen verwandt, sind sie Kinder des Himmels; warum
verkennt der Himmel sein Geschlecht und tritt auf die Seite seiner Feinde? Oder
hat er uns die Sorge für uns selbst gänzlich überlassen, warum sind wir keinen
Augenblick unsers Zustandes Meister? Warum vernichtet bald Notwendigkeit, bald
Zufall, die weisesten Entwürfe?
    Hier hielt Agaton eine Zeitlang inne; sein in Zweifeln verwickelter Geist
arbeitete sich loszuwinden, bis ein neuer Blick auf die majestätische Natur die
ihn umgab, eine andre Reihe von Vorstellungen in ihm entwickelte. - Was sind,
fuhr er mit sich selbst fort, meine Zweifel anders, als Eingebungen der
eigennützigen Leidenschaft? Wer war diesen Morgen glücklicher als ich? Alles war
Wollust und Wonne um mich her. Hat sich die Natur binnen dieser Zeit verändert,
oder ist sie minder der Schauplatz einer grenzenlosen Vollkommenheit, weil
Agaton ein Sclave, und von Psyche getrennet ist? Schäme dich, Kleinmütiger,
deiner trübsinnigen Zweifel, und deiner unmännlichen Klagen! Wie kannst du
Verlust nennen, dessen Besitz kein Gut war? Ist es ein Übel, deines Ansehens,
deines Vermögens, deines Vaterlandes beraubt zu sein? Alles dessen beraubt warst
du in Delphi glücklich, und vermisstest es nicht. Und warum nennest du Dinge
dein, die nicht zu dir selbst gehören, die der Zufall gibt und nimmt, ohne dass
es in deiner Willkür steht sie zu erlangen oder zu erhalten? Wie ruhig, wie
heiter und glücklich floss mein Leben in Delphi hin, ehe ich die Welt, ihre
Geschäfte, ihre Sorgen, ihre Freuden und ihre Abwechselungen kannte; eh ich
genötiget war, mit den Leidenschaften andrer Menschen, oder mit meinen eigenen
zu kämpfen, mich selbst und den Genuss meines Daseins einem undankbaren Volke
aufzuopfern, und unter der vergeblichen Bemühung, Toren oder Lasterhafte
glücklich zu machen, selbst unglücklich zu sein! - Meine eigene Erfahrung
widerlegt die ungerechten Zweifel des Missvergnügens am besten. Es waren
Augenblicke, Tage, lange Reihen von Tagen, da ich glücklich war, glücklich in
den frohen Stunden, da meine Seele, vom Anblick der Natur begeistert, in
tiefsinnigen Betrachtungen und süssen Ahnungen, wie in den bezauberten Gärten der
Hesperiden irrte; glücklich, wenn mein befriedigtes Herz in den Armen der Liebe,
aller Bedürfnisse, aller Wünsche vergass, und nun zu verstehen glaubte, was die
Wonne der Götter sei; glücklicher, wenn in Augenblicken, deren Erinnerung den
bittersten Schmerz zu versüssen genug ist, mein Geist in der grossen Betrachtung
des Ewigen und Unbegrenzten sich verlor - Ja du bist, alles beseelende, alles
regierende Güte - ich sah, ich fühlte dich! Ich empfand die Schönheit der
Tugend, die dir ähnlich macht; ich genoss die Glückseligkeit, welche Tagen die
Schnelligkeit der Augenblicke, und Augenblicken den Wert von Jahrhunderten gibt.
Die Macht der Empfindung zerstreut meine Zweifel; die Erinnerung der genossenen
Glückseligkeit heilet den gegenwärtigen Schmerz, und verspricht eine bessere
Zukunft. Alle diese allgemeine Quellen der Freude, woraus alle Wesen schöpfen,
fliessen, wie ehmals, um mich her; meine Seele ist noch eben dieselbige, wie die
Natur, die mich umgibt - O Ruhe meines Delphischer Lebens, und du, meine Psyche!
Dich allein, von allem, was ausser mir ist, nenne ich mein, weil du die wertere
Hälfte meines Wesens bist - Wenn ihr auf ewig verloren wäret, dann würde meine
untröstbare Seele nichts auf Erden finden, dass ihr die Liebe zum Leben wieder
geben könnte. Aber ich besass beide, ohne sie mir selbst gegeben zu haben, und
die wohltätige Macht, die sie gab, kann sie wiedergeben. Teure Hoffnung, du bist
schon ein Anfang der Glückseligkeit, die du versprichst! Es wäre zugleich
gottlos und töricht, sich einem Kummer zu überlassen, der den Himmel beleidigt,
und uns selbst der Kräfte beraubt, dem Unglück zu widerstehen, und der Mittel,
wieder glücklich zu werden. Komm denn, du süsse Hoffnung einer bessern Zukunft,
und fessle meine Seele mit deinen schmeichelnden Bezauberungen! Ruhe und Psyche -
Dieses allein, ihr Götter, so möget ihr Lorbeer-Kränze und Schätze geben, wem
ihr wollt!
 
                                Eilftes Capitel
                 Agaton kommt zu Smyrna an, und wird verkauft
Das Wetter war unsern Seefahrern so günstig, dass Agaton gute Musse hatte, seinen
Betrachtungen so lange nachzuhängen, als er wollte; zumal da seine Reise von
keinem der Umstände begleitet war, womit eine poetische Seefahrt ausgeschmückt
zu sein pflegt. Denn man sah da weder Tritonen, die aus krummen Ammons-Hörnern
bliesen, noch Nereiden, die auf Delphinen, mit Blumen-Kränzen gezäumet, über den
Wellen daherritten; noch Syrenen, die mit halbem Leib aus dem Wasser
hervorragend, die Augen durch ihre Schönheit, und das Ohr durch die Süssigkeit
ihrer Stimme bezaubert hätten. Die Winde selbst waren etliche Tage lang so zahm,
als ob sie es mit einander abgeredet hätten, uns keine Gelegenheit zu irgend
einer schönen Beschreibung eines Sturms oder eines Schiffbruchs zu geben; kurz,
die Reise ging so glücklich von statten, dass die Barke am Abend des dritten
Tages in den Haven von Smyrna einlief, wo die Räuber, nunmehr unter dem Schutz
des grossen Königs gesichert, sich nicht säumten, ihre Gefangenen ans Land zu
setzen, in der Hoffnung, auf dem Sclaven-Markte keinen geringen Vorteil aus
ihnen zu ziehen. Ihre erste Sorge war, sie in eines der öffentlichen Bäder zu
führen, wo man nichts vergass, was dazu dienen konnte, sie den folgenden Tag
verkäuflicher zu machen. Agaton war noch zu sehr von allem demjenigen, was mit
ihm vorgegangen war, eingenommen, als dass er auf das gegenwärtige aufmerksam
sein konnte. Er wurde gebadet, abgerieben, mit Salben und wohlriechenden Wassern
begossen, mit einem Sclaven-Kleid von vielfarbichter Seide angetan, mit allem
was seine Gestalt erheben konnte, ausgeschmückt, und von allen, die ihn sahen,
bewundert; ohne dass ihn etwas aus der vollkommnen Unempfindlichkeit erwecken
konnte, welche in gewissen Umständen eine Folge der übermässigen ist. In
dasjenige vertieft, was in seiner Seele vorging, schien er, weder zu sehen, noch
zu hören; weil er nichts sah, oder hörte, was er wünschte; und nichts als der
Anblick, der sich ihm auf dem Sclaven-Markte darstellte, war vermögend, ihn aus
dieser wachenden Träumerei aufzurütteln. Diese Scene hatte zwar das Abscheuliche
nicht, das ein Sclaven-Markt zu Barbados so gar für einen Europäer haben könnte,
dem die Vorurteile der gesitteten Völker noch einige Überbleibsel des angebornen
menschlichen Gefühls gelassen hätten; allein sie hatte doch genug, um eine Seele
zu empören, die sich gewöhnt hatte, in den Menschen mehr die Schönheit ihrer
Natur, als die Erniedrigung ihres Zustandes; mehr das, was sie nach gewissen
Voraussetzungen sein könnten, als was sie würklich waren, zu sehen. Eine Menge
von traurigen Vorstellungen stieg in gedrängter Verwirrung bei diesem Anblick in
ihm auf; und in eben dem Augenblick, da sein Herz von Mitleiden und Wehmut
zerfloss, brannte es von einem zürnenden Abscheu vor den Menschen, dessen nur
diejenigen fähig sind, welche die Menschheit lieben. Er vergass über diesen
Empfindungen seines eignen Unglücks, als ein Mann von edelm Ansehen, welcher
schon bei Jahren zu sein schien, im Vorübergehn seiner gewahr ward, stehen
blieb, und ihn mit besondrer Aufmerksamkeit betrachtete. Wem gehört dieser junge
Leibeigene? fragte endlich der Mann einen von den Ciliciern, der neben ihm
stand. Dem, der ihn von mir kaufen wird, versetzte dieser. Was versteht er für
eine Kunst? fuhr jener fort. Das wird er dir selbst am besten sagen können,
erwiderte der Cilicier. Der Mann wandte sich also an den Agaton selbst, und
fragte ihn, ob er nicht ein Grieche sei? ob er sich nicht in Aten aufgehalten?
und ob er in den Künsten der Musen unterrichtet worden? Agaton bejahete diese
Fragen: »Kannst du den Homer lesen?« Ich kann lesen; und ich meine, dass ich den
Homer empfinden könne. »Kennst du die Schriften der Philosophen?« Nein, denn ich
verstehe sie nicht. »Du gefällst mir, junger Mensch! Wie hoch haltet ihr ihn,
mein Freund?« Er sollte, wie die andern, durch den Herold ausgerufen werden,
antwortete der Cilicier, aber für zwei Talente ist er euer. Begleite mich mit
ihm in mein Haus, erwiderte der Alte, du sollst zwei Talente haben, und der
Sclave ist mein. Dein Geld muss dir sehr beschwerlich sein, sagte Agaton; woher
weisst du, dass ich dir für zwei Talente nützlich sein werde? Wenn du es nicht
wärest, versetzte der Käufer, so bin ich unbesorgt, unter den Damen von Smyrna
zwanzig für eine zu finden, die mir auf deine blosse Mine hin wieder zwei Talente
für dich geben. Und mit diesen Worten befahl er dem Agaton, ihm in sein Haus zu
folgen.
 
                                  Zweites Buch
                                 Erstes Capitel
                       Wer der Käufer des Agaton gewesen
Der Mann, der sich für zwei Talente das Recht erworben hatte, den Agaton als
seinen Leibeignen zu behandeln, war einer von den merkwürdigen Leuten, die unter
dem Namen der Sophisten in den griechischen Städten umherzogen, sich der
edelsten und reichsten Jünglinge bemächtigten, und durch die Annehmlichkeiten
ihres Umgangs und die prächtigen Versprechungen, ihre Freunde zu vollkommnen
Rednern, Staatsmännern und Feldherren zu machen, das Geheimnis gefunden hatten,
welches die Alchymisten bis auf den heutigen Tag vergeblich gesucht haben. Sie
wurden von aller Welt mit dem ehrenvollen Namen der Sophisten oder Weisen
benennt; allein die Weisheit, von der sie Profession machten, war von der
Socratischen, die durch einige Verehrer dieses Ateniensischen Bürgers so
berühmt worden ist, so wohl in ihrer Beschaffenheit, als in ihren Würkungen
unendlich unterschieden; oder besser zu sagen, sie war die vollkommne Antipode
derselbigen. Die Sophisten lehrten die Kunst, die Leidenschaften andrer Menschen
zu erregen; Socrates die Kunst, seine eigene zu dämpfen. Jene lehrten, wie man
es machen müsse, um weise und tugendhaft zu scheinen; dieser lehrte, wie man es
sei. Jene munterten die Jünglinge von Aten auf, sich der Regierung des Staats
anzumassen; Socrates, dass sie vorher die Hälfte ihres Lebens anwenden sollten,
sich selbst regieren zu lernen. Jene spotteten der Socratischen Weisheit, die
nur in einem schlechten Mantel aufzog, und sich mit einer Mahlzeit für sechs
Pfenninge begnügte, da die ihrige in Purpur schimmerte, und offne Tafel hielt.
Die Socratische Weisheit war stolz darauf, den Reichtum entbehren zu können; die
ihrige wusste, ihn zu erwerben. Sie war gefällig, einschmeichelnd, und wusste alle
Gestalten anzunehmen; sie vergötterte die Grossen, kroch vor ihren Dienern,
tändelte mit den Damen, und schmeichelte allen, welche es bezahlten. Sie war
allentalben an ihrem rechten Platz; beliebt bei Hofe, beliebt an der Toilette,
beliebt beim Spiel-Tisch, beliebt beim Adel, beliebt bei den Finanz-Pachtern,
beliebt bei den Teater-Göttinnen, beliebt so gar bei der Priesterschaft. Die
Socratische war weit entfernt, so liebenswürdig zu sein; sie war trocken und
langweilig; sie wusste nicht zu leben; sie war unerträglich, weil sie alles
tadelte, und immer Recht hatte; sie wurde von dem geschäftigen Teil der Welt für
unnützlich, von dem müssigen für abgeschmackt, und von dem andächtigen gar für
gefährlich erklärt. Wir würden nicht fertig werden, wenn wir diese Gegensätze so
weit treiben wollten, als wir könnten. Genug, dass die Weisheit der Sophisten
einen Vorzug hatte, den ihr die Socratische nicht streitig machen konnte; sie
verschafte ihren Besitzern Reichtum, Ansehen, Ruhm, und ein Leben, das von
allem, was die Welt glücklich nennet, überfloss.
    Hippias (so hiess der neue Herr unsers Agaton) war einer von diesen
Glücklichen, dem die Kunst, sich die Torheiten andrer Leute zinsbar zu machen,
ein Vermögen erworben hatte; wodurch er sich im Stande sah, sich der Ausübung
derselben zu begeben, und die andre Hälfte seines Lebens in den Ergötzungen
eines begüterten Müssiggangs zu zubringen; zu deren angenehmsten Genuss das
zunehmende Alter viel geschickter scheint, als die ungestüme Jugend. Er hatte
sich zu diesem Ende Smyrna zu seinem Wohn-Ort ausersehen, weil die
Annehmlichkeiten des Jonischen Clima, die schöne Lage dieser Stadt, der
Überfluss, der ihr durch die Handlung aus allen Teilen des Erdbodens zuströmte,
und die Verbindung des griechischen Geschmacks mit der wollüstigen Üppigkeit der
Morgenländer ihm diesen Aufentalt vor allen andern, die er kannte, vorzüglich
machte. Hippias hatte den Ruhm, dass ihm in den Talenten seiner Profession wenige
den Vorzug streitig machen könnten. Ob er gleich über fünfzig Jahre hatte, so
war ihm doch von der Gabe zu gefallen, die ihm in seiner Jugend so nützlich
gewesen war, noch genug übrig geblieben, dass sein Umgang von den artigsten
Personen des einen und andern Geschlechts gesucht wurde. Er hatte alles, was die
Art von Weisheit, die er ausübte, verführisch machen konnte; eine edle Gestalt,
eine einnehmende Gesichts-Bildung, einen angenehmen Ton der Stimme, einen
behenden und geschmeidigen Witz, und eine Beredsamkeit, die desto mehr gefiel,
weil sie mehr ein Geschenk der Natur, als eine durch Fleiss Kunst zu sein schien.
Diese Beredsamkeit, oder vielmehr diese Gabe angenehm zu schwatzen, mit einer
Tinctur von allen Wissenschaften, einem feinen Geschmack in dem Schönen und
Angenehmen, und eine vollständige Kenntnis der Welt, war mehr als er nötig
hatte, um in den Augen aller derjenigen, mit denen er umging, (denn er ging mit
keinen Socraten um) für einen Genie vom ersten Rang, für einen Mann zu gelten,
welcher alles wisse; welchem schon zugelächelt wurde, eh man wusste, was er sagen
wollte, und wider dessen Aussprüche nicht erlaubt war, etwas einzuwenden.
Indessen war doch dasjenige, dem er sein Glück vornehmlich zu danken hatte, die
besondere Gabe, die er besass, sich der schönem Hälfte der Gesellschaft gefällig
zu machen. Er war so klug, frühzeitig zu entdecken, wie viel an der Gunst dieser
reizenden Geschöpfe gelegen ist, welche in den policierten Teilen des Erdbodens
die Macht würklich ausüben, die in den Märchen den Feen beigelegt wird; die mit
einem einzigen Blick, oder durch eine kleine Verschiebung des Halstuchs stärker
überzeugen, als Demostenes und Lysias durch lange Reden; die mit einer einzigen
Träne den Gebieter über Legionen entwaffnen, und durch den blossen Vorteil, den
sie von ihrer Gestalt und einem gewissen Bedürfnis des stärkern Geschlechts zu
ziehen wissen, sich zu unumschränkten Beherrscherinnen derjenigen machen, in
deren Händen das Schicksal ganzer Völker liegt. Hippias hatte diese Entdeckung
von so grossem Nutzen gefunden, dass er keine Mühe gesparet hatte, es in der
Anwendung derselben zu dem höchsten Grade der Vollkommenheit zu bringen; und
dasjenige, was er in seinem Alter noch davon hatte, bewies, was er in seinen
schönen Jahren gewesen sein müsse. Seine Eitelkeit ging so weit, dass er sich
nicht entalten konnte, die Kunst, die Zauberinnen zu bezaubern, in die Form
eines Lehr-Begriffs zu bringen, und seine Erfahrungen und Beobachtungen hierüber
der Welt in einer sehr gelehrten Abhandlung mitzuteilen, deren Verlust nicht
wenig zu bedauern ist, und schwerlich von einem heutigen Schriftsteller unsrer
Nation zu ersetzen sein möchte.
    Nach allem, was wir bereits von diesem weisen Manne gesagt haben, wär es
überflüssig, eine Abschilderung von seinen Sitten zu machen. Sein Lehr-Begriff,
von der Kunst zu leben, wird uns in kurzem umständlich vorgelegt werden; und er
besass eine Tugend, welche nicht die Tugend der Moralisten zu sein pflegt; er
lebte nach seinen Grundsätzen.
 
                                Zweites Capitel
                          Absichten des weisen Hippias
Unter andern Neigungen, in deren Befriedigung man den rechten Gebrauch des
Reichtums zu setzen pflegt, hatte Hippias einen besondern Geschmack an allem,
was gut in die Augen fiel. Er wollte, dass die Seinigen, in seinem Hause
wenigstens, sich nirgends hinwenden sollten, ohne einem schönen Gegenstande zu
begegnen. Die schönsten Gemälde, die schönsten Bildsäulen und Schnitzwerke, die
reichsten Tapeten, das schönste Hausgeräte, die schönsten Gefässe befriedigten
seinen Geschmack noch nicht; er wollte auch, dass der belebte Teil seines Hauses
mit dieser allgemeinen Schönheit übereinstimmen sollte; und seine Bediente und
Sclavinnen waren die ausgesuchtesten Gestalten, die er in einem Lande, wo die
Schönheit gewöhnlich ist, hatte finden können. Die Gestalt Agatons möchte also
allein hinreichend gewesen sein, ihm seine Gunst zu erwerben; zumal da er eben
einen Leser nötig hatte, und aus dem Anblick und den ersten Worten desselben
urteilte, dass er sich zu einem Dienst vollkommen schicken würde, wozu eine
gefallende Gesichts-Bildung und eine musicalische Stimme die nötigsten Gaben
sind. Allein Hippias hatte noch eine geheime Absicht, die er durch diesen
Jüngling zu erreichen hoffte. Obgleich die Liebe zu den Wollüsten der Sinne
seine herrschende Neigung zu sein schien, so hatte doch die Eitelkeit nicht
weniger Anteil an den meisten Handlungen seines Lebens. Er hatte, bevor er sich
nach Smyrna begab, um die Früchte seiner Arbeit zu geniessen, den schönsten Teil
seines Lebens zugebracht, die edelste Jugend der griechischen Städte zu bilden;
er hatte Redner gebildet, die durch eine künstliche Vermischung des Wahren und
Falschen, und den klugen Gebrauch gewisser Figuren, einer schlimmen Sache den
Schein und die Würkung einer guten zu geben wussten; Staats-Männer, welche die
Kunst besassen, mitten unter den Zujauchzungen eines betörten Volks die Gesetze
durch die Freiheit und die Freiheit durch schlimme Sitten zu vernichten; um
diejenigen, die sich der heilsamen Zucht der Gesetze nicht unterwerfen wollten,
der willkürlichen Gewalt ihrer Leidenschaften zu unterwerfen; kurz, er hatte
Leute gebildet, die sich Ehren-Säulen dafür aufrichten liessen, dass sie ihr
Vaterland zu Grunde richteten. Allein dieses befriedigte seine Eitelkeit noch
nicht: Er wollte auch jemand hinterlassen, der seine Kunst fortzusetzen
geschickt wäre; eine Kunst, die in seinen Augen allzuschön war, als dass sie mit
ihm sterben sollte. Schon lange hatte er einen jungen Menschen gesucht, bei dem
er das natürliche Geschicke, der Nachfolger eines Hippias zu sein, in derjenigen
Vollkommenheit finden möchte, die dazu erfodert wurde. Seine Gabe, aus der
Gestalt und Mine das Inwendige eines Menschen zu erraten, beredete ihn, im
Agaton zu finden, was er suchte; wenigstens hielt er es der Mühe wert, den
Versuch mit ihm zu machen; und da er von seiner Tüchtigkeit ein so gutes
Vorurteil gefasset hatte, so fiel ihm nur nicht ein, in seine Willigkeit zu den
grossen Absichten, die er mit ihm vorhatte, einigen Zweifel zu setzen.
 
                                Drittes Capitel
                  Verwunderung, in welche Agaton gesetzt wird
Agaton wusste noch nichts, als dass er einem Manne zugehöre, dessen äusserliches
Ansehen ihm gefiel; als er bei dem Eintritt in sein Haus durch die Schönheit des
Gebäudes, die Bequemlichkeiten der Einrichtung, die Menge und die gute Mine der
Bedienten, und durch einen Schimmer von Pracht und Üppigkeit, der ihm
allentalben entgegen glänzte, in eine Art von Verwunderung gesetzt wurde, die
ihm sonst nicht gewöhnlich war, und die nur desto mehr zunahm, wie er hörte, dass
er die Ehre haben sollte, ein Haus-Genosse von Hippias, dem Weisen, zu werden.
Er war noch im Nachdenken begriffen, was für eine Art von Weisheit dieses sein
möchte, als Hippias, der indes seinem Zahlmeister befohlen hatte, den Cilicier
zu befriedigen, ihn in sein Cabinet rufen liess, und ihm seine künftige
Bestimmung in diesen Worten ankündigte: Die Gesetze, Callias, (denn dieses soll
künftig dein Name sein) geben mir zwar das Recht, dich als meinen Leibeigenen
anzusehen; aber es wird nur von dir abhangen, so glücklich in meinem Hause zu
sein, als ich selbst. Alle deine Verrichtungen werden darin bestehen, den Homer
bei meinem Tische, und die Aufsätze, mit deren Ausarbeitung ich mir die Zeit
vertreibe, in meinem Hör-Saal vorzulesen. Wenn dieses Amt leicht zu sein
scheint, so versichre ich dich, dass ich nicht leicht zu befriedigen bin, und dass
du Kenner zu Hörern haben wirst. Ein Jonisches Ohr will nicht nur ergötzt, es
will bezaubert sein. Die Annehmlichkeit der Stimme, die Reinigkeit und das
Weiche der Aussprache, die Richtigkeit des Accents, das Muntre, das
Ungezwungene, das Musicalische ist nicht hinlänglich; wir fodern eine vollkommne
Nachahmung, einen Ausdruck, der jedem Teile des Stücks, jeder Periode, jedem
Vers das Leben, den Affect, die Seele gibt, die sie haben sollen; kurz, die Art,
wie gelesen wird, soll das Ohr an die Stelle aller Übrigen Sinne setzen. Das
Gastmahl des Alcinous soll diesen Abend dein Probstück sein. Die Fähigkeiten,
die ich an dir zu entdecken hoffe, werden meine Absichten mit dir bestimmen; und
vielleicht wirst du in der Zukunft Ursache finden, den Tag, an dem du dem
Hippias gefallen hast, unter deine Glücklichen zu zählen. Mit diesen Worten
verliess er unsern Jüngling, und ersparte sich dadurch die Demütigung zu sehen,
wie wenig der neue Callias durch die Hoffnungen gerührt schien, wozu ihn diese
Erklärung berechtigte. In der Tat hatte die Bestimmung, die Jonischen Ohren zu
bezaubern, in Agatons Augen nicht edels genug, dass er sich deswegen hätte
glücklich schätzen sollen; und über dem war etwas in dem Ton dieser Anrede,
welches ihm missfiel, ohne dass er eigentlich wusste, warum? Inzwischen vermehrte
sich seine Verwunderung, je mehr er sich in dem Hause des weisen Hippias umsah;
und er begriff nun ganz deutlich, dass sein Herr, was auch sonst seine Grundsätze
sein möchten, wenigstens von der Ertödung der Sinnlichkeit, wovon er ehmals den
Plato zu Aten sehr schöne Dinge sagen gehört hatte, keine Profession mache.
Allein wie er sah, was die Weisheit in diesem Hause für eine Tafel hielt, wie
prächtig sie sich bedienen liess, was für reizende Gegenstände ihre Augen, und
was für wollüstige Harmonien ihre Ohren ergötzten, während dass der Schenk-Tisch
mit den ausgesuchtesten Weinen und den angenehm-betäubenden Getränken der
Asiaten beladen, den Sinnen zum Genuss so vieler Wollüste neue Kräfte zu geben
schien; wie er die Menge von jungen Sclaven sah, die den Liebes-Göttern ähnlich
schienen, die Chöre von Tänzerinnen und Lauten-Spielerinnen, die durch die
Reizungen ihrer Gestalt so sehr als durch ihre Geschicklichkeit bezauberten, und
die nachahmenden Tänze, in denen sie die Geschichte der Leda oder Danae durch
blosse Bewegungen mit einer Lebhaftigkeit vorstellten, die einen Nestor hätte
Verjüngern können; wie er die üppigen Bäder, die bezauberten Gärten, kurz, wie
er alles sah, was das Haus des weisen Hippias zu einem Tempel der
ausgekünsteltsten Sinnlichkeit machte, so stieg seine Verwunderung bis zum
Erstaunen; und er konnte nicht begreifen, was dieser Sybarite getan haben müsse,
um den Namen eines Weisen zu verdienen, oder wie er sich einer Benennung nicht
schäme, die ihm, seinen Gedanken nach, eben so gut anstund, als dem Alexander
von Phera, wenn man ihn den Leutseligen, oder der Phryne, wenn man sie die
Keusche hätte nennen wollen. Alle Auflösungen, die er sich selbst hierüber
machen konnte, befriedigten ihn so wenig, dass er sich vornahm, bei der ersten
Gelegenheit dieses Problem dem Hippias selbst vorzulegen.
 
                                Viertes Capitel
 Welches bei einigen den Verdacht erwecken wird, dass diese Geschichte erdichtet
                                      sei
Die Verrichtungen des Agaton liessen ihm so viel Zeit übrig, ja dass er in
wenigen Tagen in einem Hause, wo alles Freude atmete, sehr lange Weile hatte.
Zwar lag die Schuld nur an ihm selbst, wenn es ihm an einem Zeit-Vertreib
mangelte, der sonst die hauptsächlichste Beschäftigung der Leute von seinem
Alter auszumachen pflegt. Die Nymphen dieses Hauses waren von einer so
gefälligen Gemüts-Art, von einer so anziehenden Figur, und von einem so
günstigen Vorurteil für den neuen Haus-Genossen eingenommen, dass es weder die
Furcht abgewiesen zu werden, noch der Fehler ihrer Reizungen war, was den
schönen Callias so zurückhaltend oder umempfindlich machte.
    Verschiedene, die aus seinem Betragen schlossen, dass er noch ein Neuling
sein müsse, liessen sich die Mühe nicht dauern, ihm die Schwierigkeiten, die ihm
seine Schüchternheit, ihren Gedanken nach, in den Weg legte, zu erleichtern; Sie
gaben ihm Gelegenheiten, die den Zaghaftesten hätten unternehmend machen sollen.
Allein (wir müssen es nur gestehen, was man auch von unserm Helden deswegen
denken mag) er gab sich eben so viel Mühe, diese Gelegenheiten auszuweichen, als
man sich geben konnte, sie ihm zu machen. Wenn dieses anzuzeigen scheint, dass er
entweder einiges Misstrauen in sich selbst, oder ein allzugrosses Vertrauen in die
Reizungen dieser schönen Verführerinnen gesetzt habe, so dienet vielleicht zu
seiner Entschuldigung, dass er noch nicht alt genug war, ein Xenocrates zu sein;
und dass er, vermutlich nicht ohne Ursache, ein Vorurteil wider dasjenige gefasst
hatte, was man im Umgang von jungen Personen beiderlei Geschlechts unschuldige
Freiheiten zu nennen pflegt. Dem sei inzwischen wie ihm wolle, so ist gewiss, dass
Agaton durch dieses seltsame Bezeugen einen Argwohn erweckte, der ihm bei allen
Gelegenheiten sehr beissende Spöttereien von den übrigen Hausgenossen, und selbst
von den Schönen zuzog, die sich durch seine Sprödigkeit nicht wenig beleidigt
fanden, und ihm auf eine feine Art zu verstehen gaben, dass sie ihn für
geschickter hielten, die Tugend der Damen zu bewachen, als auf die Probe zu
stellen. Agaton fand nicht ratsam, sich in einen Wett-Streit einzulassen, wo er
besorgen musste, dass die Begierde, recht zu haben, die sich in der Hitze des
Streites auch der Klügsten zu bemeistern pflegt, ihn zu gefährlichen
Erörterungen führen könnte. Er machte daher bei solchen Anlässen eine so alberne
Figur, dass man von seinem Witz eine eben so verdächtige Meinung bekommen musste,
als man schon von seiner Person gefasst hatte; und die Verachtung, in die er
deswegen bei jedermann fiel, trug vielleicht nicht wenig dazu bei, ihm den
Aufentalt in einem Hause beschwerlich zu machen, wo ihm ohnehin, alles, was er
sah und hörte, ärgerlich war. Er liebte diejenigen Künste sehr, über welche,
nach dem Glauben der Griechen, die Musen die Aufsicht hatten. Allein die
Gemälde, womit alle Säle und Gänge dieses Hauses ausgeziert waren, stellten so
schlüpfrige und unsittliche Gegenstände vor, dass er seinen Augen um so weniger
erlauben konnte, sich darauf zu verweilen, je vollkommner die Natur darin
nachgeahmt war, und je mehr sich der Genie bemüht hatte, der Natur selbst neue
Reizungen zu leihen. Eben so weit war die Musik, die er alle Abende nach der
Tafel hören konnte, von derjenigen unterschieden, die seiner Einbildung nach
allein der Musen würdig war. Er liebte eine Musik, welche die Leidenschaften
besänftigte, und die Seele in ein angenehmes Staunen wiegte, oder das Lob der
Unsterblichen mit einem feurigen Schwung von Begeistrung sang, wodurch das Herz
in heiliges Entzücken und in ein schauervolles Gefühl der gegenwärtigen Gotteit
gesetzt wurde; und wenn sie Zärtlichkeit und Freude ausdrückte, so sollte es die
Zärtlichkeit der Unschuld und die rührende Freude der einfältigen Natur sein.
Allein in diesem Hause hatte man einen ganz andern Geschmack. Was Agaton hörte,
waren Syrenen-Gesänge, die den üppigsten Liedern des tejischen Dichters einen
Reiz gaben, der auch aus unangenehmen Lippen verführerisch gewesen wäre;
Gesänge, die durch den nachahmenden Ausdruck des verschiednen Tons der
schmeichelnden, seufzenden und schmachtenden, oder der triumphierenden und in
Entzückung aufgelösten Leidenschaft die Begierde erregten, dasjenige zu
erfahren, was in der Nachahmung schon so reizend war; Lydische Flöten, deren
girrendes, verliebtes Flüstern die redenden Bewegungen der Tänzerinnen ergänzte,
und ihrem Spiel eine Deutlichkeit gab, die der Einbildungs-Kraft nichts zu
erraten übrig liess; Symphonien, welche die Seele in ein bezaubertes Vergessen
ihrer selbst versenkten, und, nachdem sie alle ihre edlere Kräfte entwaffnet
hatte, die erregte und willige Sinnlichkeit der ganzen Gewalt der von allen
Seiten eindringenden Wollust auslieferten. Agaton konnte bei diesen Scenen, wo
so viele Künste, so viele Zauber-Mittel sich vereinigten, den Widerstand der
Tugend zu ermüden, nicht so gleichgültig bleiben, als diejenigen zu sein
schienen, die derselben gewohnt waren; und die Unruhe, in die er dadurch gesetzt
wurde, machte ihm, was auch die Stoiker sagen mögen, mehr Ehre, als dem Hippias
und seinen Freunden ihre Gelassenheit. Er befand also für gut, sich allemal,
wenn er seine Rolle, als Homerist, geendiget hatte, hinweg und an einen Ort zu
begeben, wo er in ungestörter Einsamkeit sich von den widrigen Eindrücken
befreien konnte, die das geschäftige und fröhliche Getümmel des Hauses, und der
Anblick von so vielen Gegenständen, die seine moralischen Sinne beleidigten, den
Tag über auf sein Gemüte gemacht hatten.
 
                                Fünftes Capitel
                            Schwärmerei des Agaton
Die Wohnung des Hippias war auf der mittäglichen Seite von Gärten umgeben, in
deren weitläufigem Bezirk die Kunst und der Reichtum alle ihre Kräfte aufgewandt
hatten, die einfältige Natur mit ihren eignen und mit fremden Schönheiten zu
überladen. Gefilde voll Blumen, die aus allen Teilen der Erde gesammelt, jeden
Monat zum Frühling eines andern Clima machten, Lauben von allerlei
wohlriechenden Stauden, Lust-Gänge von Citronen-Bäumen, Öl-Bäumen und Cedern, in
deren Länge der schärfste Blick sich verlor, Haine von allen Arten der
fruchtbaren Bäume, und Irrgänge von Myrten und Lorbeer-Hecken, mit Rosen von
allen Farben durchwunden, wo tausend marmorne Najaden, die sich zu regen und zu
atmen schienen, kleine murmelnde Bäche zwischen die Blumen hingossen, oder mit
mutwilligem Plätschern in spiegelhellen Brunnen spielten, oder unter
überhangenden Schatten von ihren Spielen auszuruhen schienen. Alles dieses
machte die Gärten des Hippias den bezauberten Gegenden ähnlich, diesen Spielen
einer dichtrischen und malerischen Phantasie, die man erstauntist, ausserhalb
seiner Einbildung zu sehen. Hier war es, wo Agaton seine angenehmsten Stunden
zubrachte; hier fand er die Heiterkeit der Seele wieder, die er dem angenehmsten
Taumel der Sinne unendlich weit vorzog; hier könnt' er sich mit sich selbst
besprechen; hier war er von Gegenständen umgeben, die sich zu seiner
Gemüts-Beschaffenheit schickten, obgleich die seltsame Denk-Art, wodurch er die
Erwartung des Hippias so sehr betrog, auch hier nicht ermangelte, sein Vergnügen
durch den Gedanken zu vermindern, dass alle diese Gegenstände weit schöner wären,
wenn sich die Kunst nicht angemasset hätte, die Natur ihrer Freiheit und
rührenden Einfältigkeit zu berauben. Oft wenn er beim Mond-Schein, den er mehr
als den Tag liebte, so einsam im Schatten lag, erinnert' er sich der frohen
Scenen seiner ersten Jugend, der unbeschreiblichen Eindrücke, die jeder schöne
Gegenstand, jeder ihm neue Auftritt der Natur auf seine jugendlichen
unverwöhnten Sinnen gemacht hatte, der süssen Stunden, die ihm in den
Entzückungen einer ersten und unschuldigen Liebe zu Augenblicken geworden waren.
Diese Erinnerungen, mit der Stille der Nacht, und dem Gemurmel sanfter Bäche und
der sanft wehenden Sommer-Lüfte, wiegten seine Sinnen in eine Art von leichtem
Schlummer ein, worin die innerlichen Kräfte der Seele mit verdoppelter Stärke
würken; dann bildeten sich ihm die reizenden Aussichten einer bessern Zukunft
vor; er sah alle seine Wünsch' erfüllt, er fühlte sich etliche Augenblicke
glücklich; und wenn sie vorbei waren, beredete er sich, dass diese Hoffnungen ihn
nicht so lebhaft rühren, nicht in eine so gelassene Zufriedenheit senken würden,
wenn es nur nächtliche Spiele der Phantasie, und nicht vielmehr innerliche
Ahnungen wären, Blicke, welche der Geist in der Stille und Freiheit, die ihm die
schlummernden Sinne lassen, in die Zukunft und in eine weitere Sphäre tut, als
diejenige, die von der Schwäche ihrer cörperlichen Sinne umschrieben wird.
    In einer solchen Stunde war es, als Hippias, den die Anmut einer schönen
Sommer-Nacht zum Spaziergang einlud, ihn unter diesen Beschauungen überraschte,
denen er, in der Meinung, allein zu sein, sich zu überlassen pflegte. Hippias
blieb eine Weile vor ihm stehen, ohne dass Agaton seiner gewahr wurde; endlich
aber redet' er ihn an, und liess sich in ein Gespräch mit ihm ein; welches ihn
nur allzusehr in dem Argwohn bestärkte, den er von dem Hang unsers Helden zu
demjenigen, was er Schwärmerei nannte, bereits gefasst hatte.
 
                                Sechstes Capitel
                Ein Gespräch zwischen Hippias und seinem Sclaven
HIPPIAS. Du scheinst in Gedanken vertieft, Callias?
AGATHON. Ich glaubte allein zu sein.
HIPPIAS. Ein andrer an deiner Stelle würde sich die Freiheit meines Hauses
    besser zu Nutze machen. Doch vielleicht gefällst du mir um dieser
    Zurückhaltung willen nur desto besser. Aber mit was für Gedanken vertreibst
    du dir die Zeit, wenn man fragen darf?
AGATHON. Die allgemeine Stille, der Mondschein, die rührende Schönheit der
    schlummernden Natur, die mit den Ausdünstungen der Blumen durchwürzte
    Nachtluft, tausend angenehme Empfindungen, deren liebliche Verwirrung meine
    Seele trunken machte, setzte sie in eine Art von Entzückung, worinnen ein
    andrer Schauplatz von unbekannten Schönheiten sich vor mir auftat; es war
    nur ein Augenblick, aber ein Augenblick, den ich um eines von den Jahren des
    Königs von Persien nicht vertauschen wollte.
HIPPIAS lächelt.
AGATHON. Dieses brachte mich hernach auf die Gedanken, wie glücklich der Zustand
    der Geister sei, die den groben tierischen Leib abgelegt haben, und im
    Anschauen des wesentlichen Schönen, des Unvergänglichen, Ewigen und
    Göttlichen, Jahrtausende durchleben, die ihnen nicht länger scheinen als mir
    dieser Augenblick; und in den Betrachtungen, denen ich hierüber nachhing,
    bin ich von dir überraschet worden.
HIPPIAS. Du schliefst doch nicht, Callias; du hast wie ich sehe, mehr Talente
    als du nötig hast; du kannst auch wachend träumen?
AGATHON. Es gibt vielerlei Arten von Träumen, und bei einigen Menschen scheint
    ihr ganzes Leben Traum zu sein; wenn dieses Träume sind, so sind sie
    wenigstens angenehmer als alles, was ich in dieser Zeit wachend hätte
    erfahren können.
HIPPIAS. Du gedenkest also vielleicht einer von diesen Geistern zu werden, die
    du so glücklich preisest?
AGATHON. Ich hoff' es zu werden, und würde ohne diese Hoffnung mein Dasein für
    kein Gut achten.
HIPPIAS. Besitzest du etwan ein Geheimnis, körperliche Wesen in geistige zu
    erhöhen, einen Zaubertrank von der Art derjenigen, womit die Medeen und
    Circen der Dichter so wunderbare Verwandlungen zuwege bringen?
AGATHON. Ich verstehe dich nicht, Hippias.
HIPPIAS. So will ich deutlicher sein. Wenn ich anders dich verstanden habe, so
    hältst du dich für einen Geist, der in einen tierischen Leib eingekerkert
    ist?
AGATHON. Wofür sollt ich mich sonst halten?
HIPPIAS. Sind die vierfüssigen Tiere, die Vögel, die Fische, die Gewürme, auch
    Geister, die in einen tierischen Leib eingeschlossen sind?
AGATHON. Vielleicht.
HIPPIAS. Und die Pflanzen?
AGATHON. Vielleicht auch diese.
HIPPIAS. Du bauest also deine Hoffnung auf ein Vielleicht. Wenn die Tiere
    vielleicht auch nicht Geister sind, so bist du vielleicht eben so wenig
    einer; denn das ist einmal gewiss, dass du ein Tier bist. Du entstehest wie
    die Tiere, wächsest wie sie, hast ihre Bedürfnisse, ihre Sinnen, ihre
    Leidenschaften, wirst erhalten wie sie, vermehrest dich wie sie, stirbst wie
    sie, und wirst wie sie wieder zu einem bisschen Wasser und Erde, wie du
    vorher gewesen warst. Wenn du einen Vorzug vor ihnen hast, so ist es eine
    schönere Gestalt, ein paar Hände, mit denen du mehr ausrichten kannst als
    ein Tier mit seinen Pfoten, eine Bildung gewisser Gliedmassen, die dich der
    Rede fähig macht, und ein lebhafterer Witz, der von einer schwächern und
    reizbarem Beschaffenheit deiner Fibern herkommt; und der doch alle Künste,
    womit wir uns so gross zu machen pflegen, den Tieren abgelernt hat.
AGATHON. Wir haben also sehr verschiedene Begriffe von der menschlichen Natur,
    du und ich.
HIPPIAS. Vermutlich, weil ich sie für nichts anders halte, als wofür meine
    Sinnen und eine Beobachtung ohne Vorurteile sie mir geben. Doch ich will
    freigebig sein; ich will dir zugeben, dasjenige was in dir denkt sei ein
    Geist, und wesentlich von deinem Körper unterschieden. - Worauf gründest du
    die Hoffnung, dass dieser Geist noch denken werde, wenn dein Leib zerstört
    sein wird? Was für eine Erfahrung hast du, eine Meinung zu bestätigen, die
    von so vielen Erfahrungen bestritten wird? Ich will nicht sagen, dass er zu
    nichts werde; aber dein Leib verliert durch den Tod die Form die ihn zu
    deinem Leibe machte; woher hoffest du, dass dein Geist die Form nicht
    verlieren werde, die ihn zu deinem Geiste macht?
AGATHON. Weil ich mir unmöglich vorstellen kann, dass der oberste Geist, dessen
    Geschöpfe oder Ausflüsse die übrigen Geister sind, ein Wesen zerstören
    werde, das er fähig gemacht hat, so glücklich zu sein, als ich es schon
    gewesen bin.
HIPPIAS. Ein neues Vielleicht? Woher kennst du diesen obersten Geist?
AGATHON. Woher kennst du den Phidias, der diesen Amor gemacht hat?
HIPPIAS. Weil ich ihm zusah wie er ihn machte; denn vielleicht könnt ein
    Bildsäule auch entstehe, ohne dass sie von einem Künstler gemacht würde.
AGATHON. Wie so?
HIPPIAS. Eine ungefähre Bewegung ihrer kleinsten Elemente könnte diese Form
    endlich hervorbringen.
AGATHON. Eine regellose Bewegung ein regelmässiges Werk?
HIPPIAS. Warum das nicht? Du kannst im Würfelspiel von ungefähr alle drei
    werfen. So gut als dieses möglich ist, könntest du auch unter etlichen
    Billionen von Würfen einen werfen, wodurch eine gewisse Anzahl Sandkörner in
    eine cirkelrunde Figur fallen würde. Die Anwendung ist leicht zu machen.
AGATHON. Ich verstehe dich. Aber es bleibt allemal unendlich unwahrscheinlich,
    dass die ungefähre Bewegung der Elemente nur eine Muschel, deren so unzählich
    viele an jenem Ufer liegen, hervorbringen; und die Ewigkeit selbst scheint
    nicht lange genug zu sein, nur diese Erdkugel, diesen kleinen Atomen des
    ganzen Weltalls auf solche Weise entstehen zu machen.
HIPPIAS. Es ist genug, dass unter unendlich vielen ungefähren Bewegungen, die
    nichts regelmässiges und dauerhaftes hervorbringen, eine möglich ist, die
    eine Welt hervorbringen kann. Dieses setzt der Wahrscheinlichkeit deiner
    Meinung ein Vielleicht entgegen, wodurch sie auf einmal entkräftet wird.
AGATHON. So viel als das Gewicht einer unendlichen Last, durch die Hinwegnahm
    eines einzigen Sandkorns.
HIPPIAS. Du hast vergessen, dass eine unendliche Zeit in die andere Waagschale
    gelegt werden muss. Doch ich will diesen Einwurf fahren lassen, ob er gleich
    weiter getrieben werden kann; was gewinnt deine Meinung dadurch? Vielleicht
    ist die Welt immer in der allgemeinen Verfassung gewesen, worin sie ist? -
    Vielleicht ist sie selbst das einzige Wesen, das durch sich selbst bestehet?
    Vielleicht ist der Geist von dem du sagtest, durch die wesentliche
    Beschaffenheit seiner Natur gezwungen, diesen allgemeinen Weltkörper nach
    den Gesetzen einer unveränderlichen Notwendigkeit zu beleben? Und gesetzt,
    die Welt sei, wie du meinst, das Werk eines verständigen und freien
    Entschlusses; vielleicht hat sie viele Urheber? Mit einem Worte, Callias, du
    hast viele mögliche Fälle zu vernichten, eh du nur das Dasein deines
    obersten Geistes ausser Zweifel gesetzt hast.
AGATHON. Ich brauche zu meiner eignen Beruhigung keinen so weitläufigen Weg. Ich
    sehe die Sonne, sie ist also; ich empfinde mich selbst, ich bin also; ich
    empfinde, ich sehe diesen obersten Geist, er ist also.
HIPPIAS. Ein Träumender, ein Kranker, ein Wahnwitziger sieht, und doch ist das
    nicht, was er sieht.
AGATHON. Weil er in diesem Zustande nicht recht sehen kann.
HIPPIAS. Wie kannst du beweisen, dass du nicht gerad in diesem Punct krank bist?
    Frage die Ärzte; man kann in einem einzigen Stück wahnwitzig, und in allen
    Übrigen klug sein; so wie eine Laute bis auf eine einzige falsche Saite wohl
    gestimmt sein kann. Der rasende Ajax sieht zwo Sonnen, ein doppeltes Tebe.
    Was für ein untrügliches Kennzeichen hast du, das Wahre von dem was nur
    scheint; das was du würklich empfindest, von dem was du dir nur einbildest;
    das was du richtig empfindest, von dem was eine verstimmte Nerve dich
    empfinden macht, zu unterscheiden? Und wie, wenn alle Empfindung betröge,
    und nichts von allem was ist, so wäre, wie du es empfindest?
AGATHON. Darum bekümmere ich mich wenig. Gesetzt, die Sonne sei nicht so, wie
    ich sie sehe und fühle; für mich ist sie darum nicht minder so, wie ich sie
    sehe und fühle, und das ist für mich genug. Ihr Einfluss in das System aller
    meiner übrigen Empfindungen ist darum nicht weniger würklich, wenn sie
    gleich nicht so ist, wie sie sich meinen Sinnen darstellt, ja wenn sie gar
    nicht ist.
HIPPIAS. Die Anwendung hievon, wenn dirs beliebt?
AGATHON. Die Empfindung, die ich von dem höchsten Geiste habe, hat in das
    innerliche System des meinigen den nämlichen Einfluss, den die Empfindung die
    ich von der Sonne habe, auf mein körperliches System hat.
HIPPIAS. Wie so?
AGATHON. Wenn sich mein Leib übel befindet, so vermehrt die Abwesenheit der
    Sonne das Unbehagliche dieses Zustands. Der wiederkehrende Sonnenschein
    belebt, ermuntert, erquicket meinen Körper wieder, und ich befinde mich
    wohl, oder doch erleichtert. Eben diese Würkung tut die Empfindung des alles
    beseelenden Geistes auf meine Seele; sie erheitert, sie beruhiget, sie
    ermuntert mich; sie zerstreut meinen Unmut, sie belebt meine Hoffnung; sie
    macht, dass ich in einem Zustande nicht unglücklich bin, der mir ohne sie
    unerträglich wäre.
HIPPIAS. Ich bin also glücklicher als du, weil ich alles dieses nicht nötig
    habe. Erfahrung und Nachdenken haben mich von Vorurteilen frei gemacht; ich
    geniesse alles was ich wünsche, und wünsche nichts, dessen Genuss nicht in
    meiner Gewalt ist. Ich weiss also wenig von Unmut und Sorgen. Ich hoffe
    wenig, weil ich mit dem Genuss des Gegenwärtigen zu frieden bin. Ich geniesse
    mit Mässigung, damit ich desto länger geniessen könne, und wenn ich einen
    Schmerz fühle, so leide ich mit Geduld, weil dieses das beste Mittel ist,
    seine Dauer abzukürzen.
AGATHON. Und worauf gründest du deine Tugend? Womit nährest und belebest du sie?
    Womit überwindest du die Hinternisse, die sie aufhalten; die Versuchungen,
    die von ihr ablocken, das ansteckende der Beispiele, die Unordnung der
    Begierden, und die Trägheit, welche die Seele so oft erfährt, wenn sie sich
    erheben will?
HIPPIAS. O Jüngling, lange genug hab ich deinen Ausschweifungen zugehört. In was
    für ein Gewebe von Hirngespinsten hat dich die Lebhaftigkeit deiner
    Einbildungskraft verwickelt? Deine Seele schwebt in einer beständigen
    Bezauberung, in einer Abwechselung von quälenden und entzückenden Träumen,
    und die wahre Beschaffenheit der Dinge bleibt dir so verborgen, als die
    sichtbare Gestalt der Welt einem Blindgebornen. Ich bedaure dich, Callias.
    Deine Gestalt, deine Gaben berechtigen dich nach allem zu trachten, was das
    menschliche Leben glückliches hat; deine Denkungsart allein wird dich
    unglücklich machen. Angewöhnt lauter idealische Wesen um dich her zu sehen,
    wirst du die Kunst niemals lernen, von den Menschen Vorteil zu ziehen. Du
    wirst in einer Welt, die dich so wenig kennen wird als du sie, wie ein
    Einwohner des Monds herum irren, und nirgends am rechten Platze sein, als in
    einer Einöde oder im Fasse des Diogenes. Was soll man mit einem Menschen
    anfangen, der Geister sieht? Der von der Tugend fodert, dass sie mit aller
    Welt und mit sich selbst in beständigem Kriege leben soll? Mit einem
    Menschen, der sich in den Mondschein hinsetzt, und Betrachtungen über das
    Glück der entkörperten Geister anstellt? Glaube mir, Callias, (ich kenne die
    Welt und sehe keine Geister) deine Philosophie mag vielleicht gut genug sein
    eine Gesellschaft müssiger Köpfe statt eines andern Spiels zu belustigen;
    aber es ist eine Torheit sie ausüben zu wollen. Doch du bist jung; die
    Einsamkeit deiner ersten Jugend und die morgenländischen Schwärmereien, die
    etliche griechische Müssiggänger von den Egyptern und Chaldäern nach Hause
    gebracht, haben deiner Phantasie einen romanhaften Schwung gegeben; die
    übermässige Empfindlichkeit deiner Organisation hat den angenehmen Betrug
    befödert; Leuten von dieser Art ist nichts schön genug, was sie sehen,
    nichts angenehm genug, was sie fühlen; die Phantasie muss ihnen andre Welten
    erschaffen, die Unersättlichkeit ihres Herzens zu befriedigen. Allein diesem
    Übel kann noch geholfen werden. Selbst in den Ausschweifungen deiner
    Einbildungskraft entdeckt sich eine natürliche Richtigkeit des Verstandes,
    der nichts fehlt als auf andre Gegenstände angewendet zu werden. Ein wenig
    Gelehrigkeit und eine unparteiische Überlegung dessen, was ich dir sagen
    werde, ist alles was du nötig hast, um von dieser seltsamen Art von Wahnwitz
    geheilt zu werden, die du für Weisheit hältst. Überlass es mir, dich aus den
    unsichtbaren Welten in die würkliche herabzuführen; sie wird dich anfangs
    befremden, aber nur weil sie dir neu ist, und wenn du sie einmal gewohnt
    bist, wirst du die äterischen so wenig vermissen als ein Erwachsner die
    Spiele seiner Kindheit. Diese Schwärmereien sind Kinder der Einsamkeit und
    der Musse; ein Mensch der nach angenehmen Empfindungen dürstet, und der
    Mittel beraubt ist, sich würkliche zu verschaffen, ist genötiget sich mit
    Einbildungen zu speisen, und aus Mangel einer bessern Gesellschaft mit den
    Sylphen umzugehen. Die Erfahrung wird dich hievon am besten überzeugen
    können. Ich will dir die Geheimnisse einer Weisheit entdecken, die zum Genuss
    alles dessen führt, was die Natur, die Kunst, die Gesellschaft, und selbst
    die Einbildung (denn der Mensch ist doch nicht gemacht immer weise zu sein)
    Gutes und Angenehmes zu geben haben; und ich müsste mich ganz mit dir
    betrügen, wenn die Stimme der Vernunft, die du noch niemals gehört zu haben
    scheinst, dich nicht von einem Irrwege zurückrufen könnte, wo du am Ende
    deiner Reise in das Land der Hoffnungen dich um nichts reicher befinden
    würdest, als um die Erfahrung dich betrogen zu haben. Izo ist es Zeit
    schlafen zu gehen; aber der nächste ruhige Morgen den ich habe, soll dein
    sein. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie zufrieden ich mit der Art bin, wie
    du bisher dein Amt versehen hast; und ich wünsche nichts, als dass eine
    bessere Übereinstimmung unsrer Denkungsart mich in den Stand setze, dir
    Beweise von meiner Freundschaft zu geben.
Mit diesen Worten begab sich Hippias hinweg, und liess unsern Agaton in einer
Verfassung, die der Leser aus dem folgenden Capitel ersehen wird.
 
                               Siebentes Capitel
           Worin Agaton für einen Schwärmer ziemlich gut räsonniert
Wir zweifeln nicht, dass verschiedene Leser dieser Geschichte in der Vermutung
stehen werden, Agaton müsse über diese nachdrucksvolle Apostrophe des weisen
Hippias nicht wenig betroffen, oder doch wenigstens in einige Unruhe gesetzt
worden sein. Das Alter des Hippias, der Ruf der Weisheit, worin er stand, der
zuversichtliche Ton, womit er sprach, der Schein von Wahrheit der über seine
Rede ausgebreitet war; und was nicht das wenigste scheint, das Ansehen, welches
ihm seine Reichtümer gaben; alle diese Umstände hätten nicht fehlen sollen,
einen Menschen aus der Fassung zu setzen, der ihm so viele Vorzüge eingestehen
musste, und über das noch sein Sclave war. Allein man kann sich irren. Agaton
hatte diese ganze emphatische Rede mit einem Lächeln angehört, welches fähig
gewesen wäre, alle Sophisten der Welt irre zu machen, wenn die Dunkelheit und
das Vorurteil des Redners für sich selbst es hätten bemerken lassen; und kaum
befand er sich allein, so war die erste Würkung derselben, dass dieses Lächeln
sich in ein Lachen verwandelte, welches er zum Nachteil seines Zwerchfells
länger zurückzuhalten unnötig hielt, und welches immer wieder anfing, so oft er
sich die Mine, den Ton und die Gebärden vorstellte, womit der weise Hippias die
nachdrücklichsten Stellen seiner Rede von sich gegeben hatte. Allein diese
mechanische Bewegung machte bald ernstaftem Gedanken Platz, und es fehlte
wenig, so hätte er sich selbst Vorwürfe darüber gemacht, dass er fähig gewesen
darüber zu lachen, dass ein so grosser Unterschied zwischen Hippias und Agaton
war. Ein Mensch, der so lebt wie Hippias, dacht' er, muss so denken; und wer so
denkt wie Hippias würde unglücklich sein, wenn er nicht so leben könnte. Ich muss
lachen, fuhr er mit sich selbst fort, wenn ich an den Ton der Unfehlbarkeit
denke, womit er sprach. Dieser Ton ist mir nicht so neu, als der weise Hippias
glauben mag. Ich habe Gerber und Sackträger zu Aten gekannt, die sich nicht zu
wenig deuchten, mit dem ganzen Volk in diesem Ton zu sprechen. Du glaubst mir
etwas neues gesagt zu haben, wenn du meine Denkungsart Schwärmerei nennst, und
mir mit der Gewissheit eines Propheten die Schicksale ankündigest, die sie mir
zuziehen wird. Wie sehr betrügst du dich, wenn du mich dadurch erschreckt zu
haben glaubst! O! Hippias, was ist das, was du Glückseligkeit nennest? Niemals
wirst du fähig sein, zu wissen was Glückseligkeit ist. Was du so nennst ist
Glückseligkeit, wie das Liebe ist, was dir deine Tänzerinnen einflössen.. Du
nennst die meinige Schwärmerei; lass mich immer ein Schwärmer sein, und sei du
ein Weiser. Die Natur hat dir diese Empfindlichkeit, diese innerlichen Sinnen
versagt, die den Unterschied zwischen uns beiden machen; du bist einem Tauben
ähnlich, der die fröhlichen Bewegungen, welche die begeisternde Flöte eines
Damon in alle Glieder seiner Hörer bringt, dem Wein oder der Unsinnigkeit
zuschreibt; er würde tanzen wie sie, wenn er hören könnte. Die Weltleute sind in
der Tat nicht zu verdenken, wenn sie uns andre für ein wenig mondsüchtig halten;
wer will ihnen zumuten, dass sie glauben sollen, es fehle ihnen etwas, das zu
einem vollständigen Menschen gehört? Ich kannte zu Aten ein junges
Frauenzimmer, welches die Natur wegen der Hässlichkeit ihrer übrigen Figur durch
sehr artige Füsse getröstet hatte. Ich möchte doch wissen, sagte sie zu einer
Freundin, was diese jungen Gecken an der einbildischen Timandra sehen, dass sie
sonst für niemand Augen haben als für sie? Es ist wahr, sie hat keine unfeine
Farbe, ihre Züge sind so so, ihre Augen wenigstens aufmunternd genug, und sie
ist sehr besorgt, ihre Bewunderer durch Auslegung gewisser schlüpfriger
Schönheiten für die Gleichgültigkeit ihres Gesichts schadlos zu halten; aber was
sie für Füsse hat! Wie kann man einen Anspruch an Schönheit machen, ohne einen
feinen Fuss zu haben? Du hast Recht, versetzte die Freundin, die der Natur nichts
schönes zu danken hatte, als ein paar überaus kleine Ohren; man muss einen Fuss
haben wie du, um schön zu sein; aber was sagst du zu ihren Ohren, Hermia? So
wahr mir Diana gnädig sei, sie würden einem Faunen Ehre machen. So sind die
Menschen, und es wäre unbillig ihnen übel zu nehmen, dass sie so sind. Die
Nachtigall singt, der Rabe krächzt, und er müsste kein Rabe sein, wenn er nicht
dächte, dass er gut krächze; er hat noch recht, wenn er denkt, die Nachtigall
krächze nicht gut; es ist wahr, dann geht er zu weit, wenn er über die
Nachtigall spottet, dass sie nicht so gut krächzt wie er; aber sie würde eben so
Unrecht haben, wenn sie über ihn lachte, dass er nicht singe wie sie; er singt
nicht, aber er krächzt doch gut, und das ist für ihn genug. Aber Hippias ist
besorgt für mich, er bedaurt mich, er will mich so glücklich machen, wie er ist.
Das ist grossmütig! Er hat ausfündig gemacht, dass ich das Schöne liebe, dass ich
gegen den Reiz des Vergnügens nicht unempfindlich bin. Diese Entdeckung war
leicht zu machen; aber in den Schlüssen, die er daraus zieht, könnt' er sich
betrogen haben. Der kluge Ulysse zog sein steinichtes kleines Itaca, wo er frei
war, und sein altes Weib mit der er vor zwanzig Jahren jung gewesen war, der
bezauberten Insel der schönen Calyps vor, wo er unsterblich und ein Sclave
gewesen wäre; und der Schwärmer Agaton würde mit allem seinem Geschmack für das
Schöne, und mit aller seiner Empfindlichkeit für die Ergötzungen, ohne sich
einen Augenblick zu bedenken, lieber in das Fass des Diogenes kriechen, als den
Palast, die Gärten, das Serail und die Reichtümer des weisen Hippias besitzen,
und Hippias sein.
    Immer Selbstgespräche, hören wir den Leser sagen. Wenigstens ist dieses
eines, und wer kann davor? Agaton hatte sonst niemand, mit dem er hätte reden
können als sich selbst; denn mit den Bäumen und Nymphen reden nur die
Verliebten. Wir müssen uns schon entschliessen, ihm diese Unart zu gut zu halten,
und wir sollten es desto eher tun können, da ein so feiner Weltmann als Horaz
unstreitig war, sich nicht geschämt hat zu gestehen, dass er öfters mit sich
selbst zu reden pflege.
 
                                 Achtes Capitel
                          Vorbereitungen zum Folgenden
Agaton hatte noch nicht lange genug unter den Menschen gelebt, um die Welt so
gut zu kennen, als ein Teophrast sie zu der Zeit kannte, da er sie verlassen
musste. Allein was ihm an Erfahrung abging, ersetzte seine natürliche Gabe in den
Seelen zu lesen, die durch die Aufmerksamkeit geschärft worden war, womit er die
Menschen und die Auftritte des Lebens, die er zu sehen Gelegenheit gehabt,
beobachtet hatte. Daher kam es, dass seine letzte Unterredung mit dem Hippias,
anstatt ihn etwas zu lehren, nur den Verdacht rechtfertigte, den er schon einige
Zeit gegen den Character und die Denkungsart dieses Sophisten gefasst hatte. Er
konnte also auch leicht erraten von was für einer Art die geheime Philosophie
sein würde, von welcher er ihm so grosse Vorteile versprochen hatte. Dem
ungeachtet verlangte ihn nach dieser Zusammenkunft, teils weil er neugierig war,
die Denkungsart eines Hippias in ein System gebracht zu sehen, teils weil er
sich von der Beredsamkeit desselben diejenige Art von Ergötzung versprach, die
uns ein geschickter Gaukler macht, der uns einen Augenblick sehen lässt, was wir
nicht sehen, ohne es bei einem klugen Menschen so weit zu bringen, dass man in
eben demselben Augenblick nur daran zweifeln sollte, dass man betrogen wird. Mit
einer Gemütsverfassung, die so wenig von der Gelehrigkeit hatte, welche Hippias
foderte, fand sich Agaton ein, als er nach Verfluss einiger Tage an einem Morgen
in das Zimmer des Sophisten gerufen wurde, welcher auf einem Ruhbette liegend
seiner erwartete, und ihm befahl sich neben ihm niederzusetzen und das Frühstück
mit ihm zu nehmen. Diese Höflichkeit war nach der Absicht des weisen Hippias
eine Vorbereitung, und er hatte, um die Würkung derselben zu befördern, das
schönste Mädchen in seinem Hause ausersehen, sie hiebei zu bedienen. In der Tat
die Gestalt dieser Nymphe, und die gute Art womit sie ihr Amt versah, machten
ihre Aufwartung für einen Weisen von Agatons Alter ein wenig beunruhigend. Das
schlimmste war, dass die kleine Hexe, um sich wegen der Gleichgültigkeit zu
rächen, womit Agaton ihre zuvorkommende Gütigkeit bisher vernachlässiget hatte,
keinen von den Kunstgriffen verabsäumte, wodurch sie den Wert des von ihm
verscherzten Glückes empfindlicher zu machen glaubte. Sie hatte die Bosheit
gehabt, sich in einem so niedlichen, so sittsamen und doch so verführerischen
Morgen konnte zu denken, die Gratien selbst könnten, wenn sie gekleidet
erscheinen wollten, keinen Anzug erfinden, der auf eine wohlanständigere Art das
Mittel, zwischen der eigentlichen Kleidung und ihrer gewöhnlichen Art sich sehen
zu lassen, hielte. Die Wahrheit zu sagen, das rosenfarbe Gewand, welches sie
umfloss, war eher demjenigen ähnlich, was Petron einen gewebten Wind oder einen
leinenen Nebel nennt, als einem Zeug der den Augen etwas entziehen soll; und die
kleinste Bewegung entdeckte Reizungen, die desto gefährlicher waren, da sie sich
gleich wieder in verräterische Schatten verbargen, und der Einbildungskraft noch
mehr als den Augen nachzustellen schienen. Dem ungeachtet würde unser Held sich
vielleicht ganz wohl aus der Sache gezogen haben, wenn er nicht beim ersten
Anblick die Absichten des Hippias und der schönen Cyana (so hiess das junge
Frauenzimmer) erraten hätte. Diese Entdeckung setzte ihn in eine Art von
Verlegenheit, die desto merklicher wurde, je grössere Gewalt er sich antat, sie
zu verbergen; er errötete zu seinem grössten Verdruss bis an die Ohren, er machte
allerlei gezwungne Gebärden, und sah alle Gemälde in dem Zimmer nach einander
an, um seine Verwirrung unmerklich zu machen; aber alle seine Mühe war umsonst,
und die Geschäftigkeit der schalkhaften Cyane fand immer neuen Vorwand seinen
zerstreuten Blick auf sich zu ziehen. Doch der Triumph, dessen sie in diesen
Augenblicken genoss, währte nicht lange. So empfindlich die Augen Agatons waren,
so waren sie es doch nicht mehr als sein moralischer Sinn; und ein Gegenstand,
der diesen beleidigte, konnte keinen so angenehmen Eindruck auf jene machen, dass
er nicht von der unangenehmen Empfindung der andern wäre überwogen worden. Die
Forderungen der schönen Cyane, das Gekünstelte, das Schlaue, das Schlüpfrige,
das ihm an ihrer ganzen Person anstössig war, löschte das Reizende so sehr aus,
und erkaltete seine Sinnen so sehr, dass ein grösserer Grad davon, gleich dem
Anblick der Medusa, fähig gewesen wäre, ihn in einen Stein zu verwandeln. Die
Freiheit und Gleichgültigkeit, die ihm dieses gab, blieb Cyanen nicht verborgen;
und er sorgte dafür, sie durch gewisse Blicke, und ein gewisses Lächeln, dessen
Bedeutung ihr ganz deutlich war, zu überzeugen, dass sie zu früh triumphiert
habe. Dieses Betragen war für ihre Reizungen allzu beleidigend, als dass sie es
so gleich für ungezwungen hätte halten sollen; der Widerstand, den sie fand,
forderte sie zu einem Wettstreit heraus, worin sie alle ihre Künste anwandte,
den Sieg zu erhalten; allein die Stärke ihres Gegners ermüdete endlich ihre
Hoffnung, und sie behielt kaum noch so viel Gewalt über sich selbst, den Verdruss
zu verbergen, den sie über diese Demütigung ihrer Eitelkeit empfand. Hippias,
der sich eine zeitlang stillschweigend mit diesem Spiel belustigte, urteilte bei
sich selbst, dass es nicht leicht sein werde, den Verstand eines Menschen zu
fangen, dessen Herz selbst auf der schwächsten Seite, so wohl befestiget schien.
Allein diese Anmerkung bekräftigte ihn nur in seinen Gedanken von der Metode,
die er bei seinem neuen Schüler gebrauchen müsse; und da er selbst von seinem
System besser überzeugt war, als irgend ein Bonze von der Kraft der Amulete, die
er seinen dankbaren Gläubigen austeilt, so zweifelte er nicht, dass Agaton durch
einen freimütigen Vortrag besser zu gewinnen sein würde, als durch die
rednerischen Kunstgriffe, deren er sich bei schwächern Seelen mit gutem Erfolg
zu bedienen pflegte. Sobald also das Frühstück genommen, und die beschämte Cyane
abgetreten war, fing er nach einem kleinen Vorbereitungs-Gespräch, den
merkwürdigen Discurs an, durch dessen vollständige Mitteilung wir desto mehr
Dank zu verdienen hoffen, da wir von Kennern versichert worden, dass der geheime
Verstand desselben den buchstäblichen an Wichtigkeit noch weit übertreffe, und
der wahre und unfehlbare Prozess, den Stein der Weisen zu finden, darin verborgen
liege.
 
                                  Drittes Buch
                                 Erstes Capitel
                Vorbereitung zu einem sehr interessanten Discurs
Wenn wir auf das Tun und Lassen der Menschen acht geben, mein lieber Callias, so
scheint zwar, dass alle ihre Sorgen und Bemühungen kein andres Ziel haben als
sich glücklich zu machen; allein die Seltenheit dererjenigen die es würklich
sind, oder es doch zu sein glauben, beweiset zugleich, dass die meisten nicht
wissen, durch was für Mittel sie sich glücklich machen sollen, wenn sie es nicht
sind; oder wie sie sich ihres guten Glückes bedienen sollen, um in denjenigen
Zustand zu kommen den man Glückseligkeit nennt. Es gibt eben so viele die im
Schosse des. Ansehens, des Glücks und der Wollust, als solche die in einem
Zustande von Mangel, Dienstbarkeit und Unterdrückung elend sind. Einige haben
sich aus diesem letztem Zustand emporgearbeitet, in der Meinung, dass sie nur
darum unglückselig seien, weil es ihnen am Besitz der Güter des Glücks fehle.
Allein die Erfahrung hat sie gelehrt, dass wenn es eine Kunst gibt, die Mittel
zur Glückseligkeit zu erwerben, es vielleicht eine noch schwerere, zum wenigsten
eine seltnere Kunst sei, diese Mittel recht zu gebrauchen. Es ist daher allezeit
die Beschäftigung der Verständigsten unter den Menschen gewesen, durch
Verbindung dieser beiden Künste diejenige heraus zu bringen, die man die Kunst
glücklich zu leben nennen kann, und in deren würklichen Ausübung, nach meinem
Begriffe, die Weisheit besteht, die so selten ein Anteil der Sterblichen ist.
Ich nenne sie eine Kunst, weil sie von der fertigen Anwendung gewisser Regeln
abhängt, die nur durch die Übung erlangt werden kann: Allein sie setzt wie alle
Künste einen gewissen Grad von Fähigkeit voraus, den nur die Natur gibt, und den
sie nicht allen zu geben pflegt. Einige Menschen scheinen kaum einer grössern
Glückseligkeit fähig zu sein als die Austern, und wenn sie ja eine Seele haben,
so ist es nur so viel als sie brauchen, um ihren Leib eine Zeitlang vor der
Fäulnis zu bewahren. Ein grösserer und vielleicht der grösste Teil der Menschen
befindet sich nicht in diesem Fall; aber weil es ihnen an genügsamer Stärke des
Gemüts, und an einer gewissen Zärtlichkeit der Empfindung mangelt, so ist ihr
Leben gleich dem Leben der übrigen Tiere des Erdbodens, zwischen Vergnügen, die
sie weder zu wählen noch zu geniessen, und Schmerzen, denen sie weder zu
widerstehen noch zu entfliehen wissen, geteilt. Wahn und Leidenschaften sind die
Triebfedern dieser menschlichen Maschinen; beide setzen sie einer unendlichen
Menge von Übeln aus, die es nur in einer betrognen Einbildung, aber eben darum
wo nicht schmerzlicher doch anhaltender und unheilbarer sind, als diejenigen die
uns die Natur auferlegt. Diese Art von Menschen ist keines gesetzten und
anhaltenden Vergnügens, keines Zustandes von Glückseligkeit fähig; ihre Freuden
sind Augenblicke, und ihre übrige Dauer ist entweder ein Wirkliches Leiden, oder
ein unaufhörliches Gefühl verworrener Wünsche, eine immerwährende Ebbe und Flut
von Furcht und Hoffnung, von Phantasien und Gelüsten; kurz eine unruhige
Bewegung die weder ein gewisses Mass noch ein festes Ziel hat, und also weder ein
Mittel zur Erhaltung dessen was gut ist sein kann, noch dasjenige geniessen lässt,
was man würklich besitzt. Es scheint also unmöglich zu sein, ohne eine gewisse
Zärtlichkeit der Empfindung, die uns in einer weitern Sphäre, mit feinem Sinnen
und auf eine angenehmere Art geniessen lässt, und ohne diejenige Stärke der Seele,
die uns fähig macht das Joch der Phantasie und des Wahns abzuschütteln, und die
Leidenschaften in unsrer Gewalt zu haben, zu demjenigen ruhigen Zustande von
Genuss und Zufriedenheit zu kommen, der die Glückseligkeit ausmacht. Nur
derjenige ist in der Tat glücklich, der sich von den Übeln die nur in der
Einbildung bestehen, gänzlich frei zu machen; diejenigen aber, denen die Natur
den Menschen unterworfen hat, entweder zu vermeiden, oder doch zu vermindern -
und das Gefühl derselben einzuschläfern, hingegen sich in den Besitz alles des
Guten, dessen uns die Natur fähig gemacht hat, zu setzen, und was er besitzt,
auf die angenehmste Art zu geniessen weiss; und dieser Glückselige allein ist der
Weise.
    Wenn ich dich anders recht kenne, Callias so hat dich die Natur mit den
Fähigkeiten es zu sein so reichlich begabt, als mit den Vorzügen, deren kluger
Gebrauch uns die Gunstbezeugungen des Glücks zu verschaffen pflegt. Dem
ungeachtet bist du weder glücklich, noch hast du die Mine es jemals zu werden,
so lange du nicht gelernt haben wirst, von beiden einen andern Gebrauch zu
machen als du bisher getan hast. Du wendest die Stärke deiner Seele an, dein
Herz gegen das wahre Vergnügen unempfindlich zu machen, und beschäftigest deine
Empfindlichkeit mit unwesentlichen Gegenständen, die du nur in der Einbildung
siehest, und nur im Traume geniessest; die Vergnügungen, welche die Natur dem
Menschen zugeteilt hat, sind für dich Schmerzen, weil du dir Gewalt antun musst
sie zu entbehren; und du setzest dich allen Übeln aus, die sie uns vermeiden
lehrt, indem du anstatt einer nützlichen Geschäftigkeit dein Leben mit den süssen
Einbildungen wegträumest, womit du dir die Beraubung des würklichen Vergnügens
zu ersetzen suchst. Dein Übel, mein lieber Callias, entspringt von einer
Einbildungskraft, die dir ihre Geschöpfe in einem überirdischen Glanze zeigt,
der dein Herz verblendet, und ein falsches Licht über das was würklich ist
ausbreitet; einer dichterischen Einbildungskraft, die sich beschäftiget schönere
Schönheiten, und angenehmere Vergnügungen zu erfinden als die Natur hat; einer
Einbildungskraft, ohne welche weder Homere, noch Alcamene, noch Polygnote wären;
welche gemacht ist unsre Ergötzungen zu verschönern, aber nicht die Führerin
unsers Lebens zu sein. Um weise zu sein, hast du nichts nötig als die gesunde
Vernunft an die Stelle dieser begeisterten Zauberin, und die kalte Überlegung an
den Platz eines sehr oft betrüglichen Gefühls zu setzen. Bilde dir auf etliche
Augenblick' ein, dass du den Weg zur Glückseligkeit erst suchen müssest; frage
die Natur, höre ihre Antwort, und folge dem Pfade, den sie dir vorzeichnen wird.
 
                                Zweites Capitel
                      Teorie der angenehmen Empfindungen
Und wen anders als die Natur können wir fragen, um zu wissen wie wir leben
sollen, um wohl zu leben? »Die Götter?« Wenn eine Gotteit ist, so ist sie
entweder die Natur selbst, oder die Urheberin der Natur; in beiden Fällen ist
die Stimme der Natur die Stimme der Gotteit. Sie ist die allgemeine Lehrerin
aller Wesen; sie lehrt jedes Tier vom Elephanten bis zum Insect, was seiner
besondern Verfassung gut oder schädlich ist. Um so glücklich zu sein als es
diese innerliche Einrichtung erlaubt, braucht das Tier nichts weiter, als dieser
Stimme der Natur zu folgen, welche bald durch den süssen Zug des Vergnügens, bald
durch das ungedultige Fodern des Bedürfnisses, bald durch das ängstliche Pochen
des Schmerzens es zu demjenigen locker, was ihm zuträglich ist, oder es zur
Erhaltung seines Lebens und seiner Gattung auffordert, oder es vor demjenigen
warnet, was seinem Wesen die Zerstörung dräuet. Sollte der Mensch allein von
dieser mütterlichen Vorsorge ausgenommen sein, oder er allein irren können, wenn
er der Stimme folget, die zu allen Wesen redet? Oder ist nicht vielmehr die
Unachtsamkeit und der Ungehorsam gegen ihre Erinnerungen die einzige wahre
Ursache, warum unter einer unendlichen Menge von lebenden Wesen der Mensch das
einzige Unglückselige ist?
    Die Natur hat allen ihren Werken eine gewisse Einfalt eingedrückt, die ihre
mühsamen Anstalten und eine genaue Regelmässigkeit unter einem Schein von
Leichtigkeit und ungezwungner Anmut verbirgt. Mit diesem Stempel sind auch die
Gesetze der Glückseligkeit bezeichnet, die sie dem Menschen vorgeschrieben hat.
Sie sind einfältig, leicht auszuüben, und führen gerade und sicher zum Zweck.
Die Kunst glücklich zu leben, würde die gemeinste unter allen Künsten sein, wie
sie die leichteste ist, wenn die Menschen nicht gewohnt wären sich einzubilden,
dass man grosse Absichten nicht anders, als durch grosse Anstalten erreichen könne.
Es scheint ihnen zu einfältig, dass alles was ihnen die Natur durch den Mund der
Weisheit zu sagen hat, in diese drei Erinnerungen zusammen fliessen soll:
Befriedige deine Bedürfnisse, vergnüge alle deine Sinnen, und erspare dir so
viel du kannst alle schmerzhaften Empfindungen. Und doch wird dich eine kleine
Aufmerksamkeit überführen, dass die vollständigste Glückseligkeit deren die
Sterblichen fähig sind, in die Linie eingeschlossen ist, die von diesen dreien
Formuln bezeichnet wird.
    Es hat Narren gegeben, welche die Frage mühsam untersucht haben, ob das
Vergnügen ein Gut, und der Schmerz ein Übel sei? Es hat noch grössere Narren
gegeben, welche würklich behaupteten, der Schmerz sei kein Übel, und das
Vergnügen kein Gut; und was das lustigste dabei ist, beide haben Toren gefunden,
die albern genug waren, diese Narren für weise zu halten. Das Vergnügen ist kein
Gut, sagen sie, weil es Fälle gibt wo der Schmerz ein grösseres Gut ist; und der
Schmerz ist kein Übel, weil er zuweilen besser ist als das Vergnügen. Sind diese
Wortspiele einer Antwort wert? Was würd' ein Zustand sein, der in einem
vollständigen unaufhörlichen Gefühl des höchsten Grades aller möglichen
Schmerzen bestünde? Wenn dieser Zustand das höchste Übel ist, so ist der Schmerz
ein Übel. Doch wir wollen die Schwätzer mit Worten spielen lassen, die ihnen
bedeuten müssen was sie wollen. Die Natur entscheidet diese Frage, wenn es eine
sein kann, auf eine Art, die keinen Zweifel übrig lässt. Wer ist, der nicht
lieber vernichtet als unaufhörlich gepeiniget werden wollte? Wer sieht nicht
einen schönen Gegenstand lieber, als einen ekelhaften? Wer hört nicht lieber den
Gesang einer Grasmücke, als das Geheul der Nachteule? Wer zieht nicht einen
angenehmen Geruch oder Geschmack einem widrigen vor? Und würde nicht der
entaltsame Callias selbst lieber auf einem Lager von Blumen in den Rosenarmen
irgend einer schönen Nymphe ruhen, als in den glühenden Armen des ehernen
Götzenbildes, welchem die Andacht gewisser Syrischer Völker, wie man sagt, ihre
Kinder opfert? Eben so wenig scheint es einem Zweifel unterworfen zu sein, dass
der Schmerz und das Vergnügen so unverträglich sind, dass eine einzige gepeinigte
Nerve genug ist, uns gegen die vereinigten Reizungen aller Wollüste
unempfindlich zu machen. Die Freiheit von allen Arten der Schmerzen ist also
unstreitig eine unumgängliche Bedingung der Glückseligkeit; allein da sie nichts
positives ist, so ist sie nicht so wohl ein Gut, als der Zustand, worin man des
Genusses des Guten fähig ist. Dieser Genuss allein ist es, dessen Dauer den Stand
hervorbringt, den man Glückseligkeit nennt.
    Es ist unleugbar, dass nicht alle Arten und Grade des Vergnügens gut sind.
Die Natur allein hat das Recht uns die Vergnügen anzuzeigen, die sie uns
bestimmt hat. So unendlich die Menge dieser angenehmen Empfindungen zu sein
scheint, so ist doch leicht zu sehen, dass sie alle entweder zu den Vergnügungen
der Sinne, oder der Einbildungskraft, oder zu einer dritten Classe, die aus
beiden zusammen gesetzt ist, gehören. Die Vergnügen der Einbildungskraft sind
entweder Erinnerungen an ehmals genossene sinnliche Vergnügen; oder Mittel uns
den Genuss derselben reizender zu machen; oder angenehme Dichtungen und Träume,
die entweder in einer neuen willkürlichen Zusammensetzung der angenehmen Ideen,
die uns die Sinne gegeben, oder in einer dunkel eingebildeten Erhöhung der Grade
jener Vergnügen, die wir erfahren haben, bestehen. Es sind also, wenn man genau
reden will, alle Vergnügungen im Grunde sinnlich, indem sie, es sei nun
unmittelbar oder vermittelst der Einbildungskraft, von keinen andern als
sinnlichen Vorstellungen entstehen können.
    Die Philosophen reden von Vergnügen des Geistes, von Vergnügen des Herzens,
von Vergnügen der Tugend. Alle diese Vergnügen sind es für die Sinnen oder für
die Einbildungskraft, oder sie sind nichts. Warum ist Homer unendlich mal
angenehmer zu lesen als Heraclitus? Weil die Gedichte des ersten eine Reihe von
Gemälden darstellen, die entweder durch die eigentümliche Reizungen des
Gegenstandes, oder die Lebhaftigkeit der Farben, oder einen Contrast, der das
Vergnügen durch eine kleine Mischung mit widrigen Empfindungen erhöhet, oder die
Erregung angenehmer Bewegungen, unsre Phantasie bezaubern. - Da die trocknen
Schriften des Philosophen nichts darstellen, als eine Reihe von Wörtern, womit
man abgezogne Begriffe bezeichnet, von denen sich die Einbildungskraft nicht
anders als mit vieler Anstrengung und einer beständigen Bemühung, die gänzliche
Verwirrung so vieler unbestimmter Schattenbilder einige Ideen machen kann; wenn
anders dasjenige so genennt zu werden verdient, was in Absicht seines würklichen
Gegenstands in der Natur, kaum so viel ist als ein Schatten gegen den Körper der
ihn zu werfen scheint. Es ist wahr, es gibt abgezogene Begriffe, die für gewisse
entusiastische Seelen entzückend sind; aber warum sind sie es? In der Tat bloss
darum, weil ihre Einbildungskraft sie auf eine schlaue Art zu verkörpern weiss.
Untersuche alle angenehmen Ideen von dieser Art, so unkörperlich und geistig sie
scheinen mögen, und du wirst finden, dass das Vergnügen, so sie deiner Seele
machen, von den sinnlichen Vorstellungen entsteht, womit sie begleitet sind.
Bemühe dich so sehr als du willst, dir Götter ohne Gestalt, ohne Glanz, ohne
etwas das die Sinnen rührt, vorzustellen; es wird dir unmöglich sein. Der
Jupiter des Homer und Phidias, die Idee eines Hercules oder Teseus, wie unsre
Einbildungskraft sich diese Helden vorzustellen pflegt, die Ideen eines
überirdischen Glanzes, einer mehr als menschlichen Schönheit, eines ambrosischen
Geruchs, werden sich unvermerkt an die Stelle derjenigen setzen, die du dich
vergeblich zu machen bestrebtest; und du wirst noch immer an dem irdischen Boden
kleben, wenn du schon in den empyreischen Gegenden zu schweben glaubst. Sind die
Vergnügen des Herzens weniger sinnlich? Sie sind die Allersinnlichsten. Ein
gewisser Grad derselben verbreitet eine wollüstige Wärme durch unser ganzes
Wesen, belebt den Umlauf des Blutes, ermuntert das Spiel der Fibern, und setzt
unsre ganze Maschine in einen Zustand von Behaglichkeit, der sich der Seele um
so mehr mitteilet, als ihre eigne natürliche Verrichtungen auf eine angenehme
Art dadurch erleichtert werden. Die Bewunderung, die Liebe, das Verlangen, die
Hoffnung, das Mitleiden, jeder zärtliche Affect bringt diese Würkung in einigem
Grad hervor, und ist desto angenehmer, je mehr er sich derjenigen Wollust
nähert, die unsre Alten würdig gefunden haben, in der Gestalt der
personificierten Schönheit, aus deren Genuss sie entspringt, unter die Götter
gesetzt zu werden. Derjenige, den sein Freund niemals in Entzückungen gesetzt
hat, die den Entzückungen der Liebe ähnlich sind, ist nicht berechtiget von den
Vergnügen der Freundschaft zu reden. Was ist das Mitleiden, welches uns zur
Guttätigkeit treibt? Wer anders ist desselben fähig als diese empfindlichen
Seelen, deren Auge durch den Anblick, deren Ohr durch den ächzenden Ton des
Schmerzens und Elends gequälet wird, und die in dem Augenblick, da sie die Not
eines Unglücklichen erleichtern, beinahe dasselbige Vergnügen fühlen, welches
sie in eben diesem Augenblick an seiner Stelle gefühlt hätten? Wenn das
Mitleiden nicht ein wollüstiges Gefühl ist, warum rührt uns nichts so sehr als
die leidende Schönheit? Warum lockt die klagende Phädra in der Nachahmung
zärtliche Tränen aus unsern Augen, da die winselnde Hässlichkeit in der Natur
nichts als Ekel erweckt? Und sind etwan die Vergnügen der Wohltätigkeit und
Menschenliebe weniger sinnlich? Dasjenige, was in dir vorgehen wird, wenn du dir
die contrastierenden Gemälde einer geängstigten und einer fröhlichen Stadt
vorstellest, die Homer auf den Schild des Achilles setzt, wird dir diese Frage
auflösen! Nur diejenigen, die der Genuss des Vergnügens in die lebhafteste
Entzückung setzt, sind fähig, von den lachenden Bildern einer allgemeinen Freude
und Wonne so sehr gerührt zu werden, dass sie dieselbige ausser sich zu sehen
wünschen; das Vergnügen der Guttätigkeit wird allemal mit demjenigen in
Verhältnis stehen, welches ihnen der Anblick eines vergnügten Gesichts, eines
fröhlichen Tanzes, einer öffentlichen Lustbarkeit macht; und es ist nur der
Vorteil ihres Vergnügens, je allgemeiner diese Scene ist. Je grösser die Anzahl
der Fröhlichen und die Mannigfaltigkeit der Freuden, desto grösser die Wollust,
wovon diese Art von Menschen, an denen alles Sinn, alles Herz und Seele ist,
beim Anblick derselben überströmet werden. Lasst uns also gestehen, Callias, dass
alle Vergnügen, die uns die Natur anbeut, sinnlich sind; und dass die
hochfliegendste, abgezogenste und geistigste Einbildungskraft uns keine andre
verschaffen kann, als solche, die wir auf eine weit vollkommnere Art aus dem
rosenbekränzten Becher, und von den Lippen der schönen Cyane saugen könnten.
    Es ist wahr, es gibt noch eine Art von Vergnügen, die beim ersten Anblick
eine Ausnahme von meinem Satz zu machen scheint. Man könnte sie künstliche
nennen, weil wir sie nicht aus den Händen der Natur empfangen, sondern nur
gewissen Übereinkommnissen der menschlichen Gesellschaft zu danken haben, durch
welche dasjenige, was uns dieses Vergnügen macht, die Bedeutung eines Gutes
erhalten hat. Allein die kleinste Überlegung ist hinlänglich uns zu überzeugen,
dass diese Dinge uns keine andre Art von Vergnügen machen, als die wir vom Besitz
des Geldes haben; welches wir mit Gleichgültigkeit ansehen würden, wenn es uns
nicht für alle die würklichen Vergnügen Gewähr leistete, die wir uns dadurch
verschaffen können. Von dieser Art ist dasjenige, welches der Ehrgeizige
empfindet, wenn ihm Bezeugungen einer scheinbaren Hochachtung oder
Unterwürfigkeit gemacht werden, die ihm als Zeichen seines Ansehens und der
Macht, die ihm dasselbe über andre gibt, angenehm sind. Ein morgenländischer
Despot bekümmert sich wenig um die Hochachtung seiner Völker; sclavische
Unterwürfigkeit ist für ihn genug. Ein Mensch hingegen, dessen Glück in den
Händen solcher Leute liegt, die seines gleichen sind, ist genötiget, sich ihre
Hochachtung zu erwerben. Allein diese Unterwürfigkeit ist dem Despoten, diese
Hochachtung ist dem Republicaner nur darum angenehm, weil sie das Vermögen oder
die Gelegenheit gibt, die Leidenschaften und die Begierden desto besser zu
befriedigen, welche die unmittelbaren Quellen des Vergnügens sind. Warum ist
Alcibiades ehrgeizig? Alcibiades bewirbt sich um einen Ruhm, der seine
Ausschweifungen, seinen Übermut, seinen schleppenden Purpur, seine Schmäuse und
Liebeshändel bedeckt; der es den Ateniensern erträglich macht, den Liebesgott,
mit dem Blitze Jupiters bewaffnet, auf dem Schilde seines Feldherrn zu sehen;
der die Gemahlin eines spartanischen Königs so sehr verblendet, dass sie stolz
darauf ist, für seine Buhlerin gehalten zu werden. Ohne diese Vorteile würde ihm
Ansehn und Ruhm so gleichgültig sein, als ein Haufen Rechenpfennige einem
corintischen Wucherer. Allein, spricht man, wenn es seine Richtigkeit hat, dass
die Vergnügen der Sinne alles sind, was uns die Natur zuerkannt hat, was ist
leichter und was braucht weniger Kunst und Anstalten, als glücklich zu sein?
»Wie wenig bedarf die Natur um zu Frieden zu sein?« Es ist wahr, die rohe Natur
bedarf wenig. Ihre Unwissenheit ist ihr Reichtum. Eine Bewegung, die seinen
Körper munter erhält, eine Nahrung die den Hunger stillt, ein Weib, schön oder
hässlich, wenn ihn die Ungeduld eines gewissen Bedürfnisses beunruhiget, ein
schattichter Rasen, wenn er des Schlafs bedarf und eine Höhle, sich vor dem
Ungewitter zu sichern, ist alles was der wilde Mensch nötig hat, um in dem Lauf
von achtzig oder hundert Jahren sich nur nicht einmal einfallen zu lassen, dass
man mehr brauchen könne. Die Vergnügen der Einbildungskraft und des Geschmacks
sind nicht für ihn; er geniesst nicht mehr als die übrigen Tiere, und geniesst wie
sie. Wenn er glücklich ist, weil er sich nicht für unglücklich hält, so ist er
es doch nicht in Vergleichung mit demjenigen, für den die Künste des Witzes und
des Geschmacks die angenehmste Art der Bedürfnisse der Natur zu geniessen, und
eine unendliche Menge von Ergötzungen der Sinne und der Einbildung erfunden
haben, wovon die Natur in dem rohen Zustande, worin wir sie uns in den ältesten
Zeiten vorstellen, keinen Begriff hat. Diese Vergleichung, es ist wahr, findet
nur in dem Stand einer Gesellschaft statt, die sich in einer langen Reihe von
Jahrhunderten endlich zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit erhoben hat. In
einem solchen aber wird alles das zum Bedürfnis, was der Wilde nur darum nicht
vermisset, weil es ihm unbekannt ist; und ein Diogenes könnte zu Corint nicht
glücklich sein, wenn er nicht ein Narr wäre. Gewisse poetische Köpfe haben sich
ein goldnes Alter, ein Arcadien, ein angenehmes Hirtenleben geträumt, welches
zwischen der rohen Natur und der Lebensart des begüterten Teils eines gesitteten
und sinnreichen Volkes das Mittel halten soll. Sie haben die verschönerte Natur
von allem demjenigen entkleidet, wodurch sie verschönert worden ist, und dieses
idealische Wesen die schöne Natur genannt. Allein ausserdem, dass diese schöne
Natur, in dieser nackten Einfalt, welche man ihr gibt, niemals irgendwo
vorhanden war; wer sieht nicht dass die Lebensart des goldnen Alters der
Dichter, zu derjenigen welche durch die Künste mit allem bereichert und
ausgeziert worden, was der Witz zu erfinden fähig ist, um uns in den Armen einer
ununterbrochnen Wollust, vor dem Überdruss der Sättigung zu bewahren; dass, sage
ich, jene dichtrische Lebensart zu dieser sich eben so verhält, wie die
Lebensart des wildesten Sogdianers zu jener? Wenn es angenehmer ist in einer
bequemen Hütte zu wohnen als in einem hohlen Baum, so ist es noch angenehmer in
einem geräumigen Hause zu wohnen, das mit den ausgesuchtesten und wollüstigsten
Bequemlichkeiten versehen, und, wohin man die Augen wendet, mit Bildern des
Vergnügens ausgeziert ist; und wenn eine mit Bändern und Blumen geschmückte
Phyllis reizender ist als eine schmutzige und zottichte Wilde, muss nicht eine
von unsern Schönen, deren natürliche Reizungen durch einen wohlausgesonnenen und
schimmernden Putz erhoben werden, um eben so viel besser gefallen als eine
Phyllis?
 
                                Drittes Capitel
                  Die Geisterlehre eines echten Materialisten
Wir haben die Natur gefragt, Callias, worin die Glückseligkeit bestehe, die sie
uns zugedacht habe, und wir haben ihre Antwort. Ein schmerzenfreies Leben, die
angenehmste Befriedigung unsrer natürlichen Bedürfnisse, und der abwechslende
Genuss aller Arten von Vergnügen, womit die Einbildungskraft, der Witz und die
Künste unsern Sinnen zu schmeicheln fähig sind. - Dieses ist alles was der
Mensch Lodern kann, und wenn es eine erhabnere Art von Glückseligkeit gibt, so
können wir wenigstens gewiss sein, dass sie nicht für uns gehört, da wir nicht
einmal fähig sind, uns eine Vorstellung davon zu machen. Es ist wahr, der
entusiastische Teil unter den Verehrern der Götter schmeichelt sich mit einer
zukünftigen Glückseligkeit, zu welcher die Seele nach der Zerstörung des Körpers
erst gelangen soll. Die Seele, sagen sie, war ehmals eine Freundin und Gespielin
der Götter, sie war unsterblich wie sie, und begleitete (wie Plato homerisiert)
den geflügelten Wagen Jupiters, um mit den übrigen Unsterblichen die
unvergängliche Schönheiten zu beschauen, womit die unermesslichen Räume über den
Sphären erfüllt sind. Ein Krieg, der unter den Bewohnern der unsichtbaren Welt
entstand, verwickelte sie in den Fall der Besiegten; sie ward vom Himmel
gestürzt, und in den Kerker eines tierischen Leibes eingeschlossen, um durch den
Verlust ihrer ehmaligen Wonne, in einem Zustand, der eine Kette von Plagen und
Schmerzen ist, ihre Schuld auszutilgen. Das unendliche Verlangen, der nie
gestillte Durst nach einer Glückseligkeit, die sie in keinem irdischen Gut
findet, ist das einzige, das ihr zu ihrer Qual von ihrem vormaligen Zustand
übrig geblieben ist; und es ist unmöglich, dass sie diese vollkommne Seligkeit,
wodurch sie allein befriediget werden kann, wieder erlange, eh sie sich wieder
in ihren ursprünglichen Stand, in das reine Element der Geister empor
geschwungen hat. Sie ist also vor dem Tode keiner andern Glückseligkeit fähig
als derjenigen, deren sie durch eine freiwillige Absonderung von allen irdischen
Dingen, durch Ertödung aller irdischen Leidenschaften und Entbehrung aller
sinnlichen Vergnügen, fähig gemacht wird. Nur durch diese Entkörperung wird sie
der Beschauung der wesentlichen und göttlichen Dinge fähig, worin die Geister
ihre einzige Nahrung und diese vollkommne Wonne finden, wovon die sinnlichen
Menschen sich keinen Begriff machen können. Solchergestalt kann sie nur, nachdem
sie durch verschiedne Grade der Reinigung, von allem was tierisch und körperlich
ist, gesäubert worden, sich wieder zu der überirdischen Sphäre erheben, mit den
Göttern leben, und im Unverwandten Anschauen des wesentlichen und ewigen
Schönen, wovon alles Sichtbare bloss der Schatten ist, Ewigkeiten durchleben, die
eben so grenzenlos sind, als die Wonnen, von der sie überströmet werden.
    Ich zweifle nicht daran, Callias, dass es Leute geben mag, bei denen die
Milzsucht hoch genug gestiegen ist, dass diese Begriffe eine Art von Wahrheit für
sie haben. Es ist auch nichts leichtere, als dass junge Leute von lebhafter
Empfindung und feuriger Einbildungskraft, durch eine einsame Lebensart und den
Mangel solcher Gegenstände und Freuden, worin sich dieses übermässige Feuer
verzehren könnte, von diesen hochfliegenden Schimären eingenommen werden, welche
so geschickt sind, ihre nach Vergnügen lechzende Einbildungskraft durch eine Art
von Wollust zu täuschen, die nur desto lebhafter ist, je verworrener und dunkler
die bezaubernden Phantomen sind die sie hervorbringen; allein ob diese Träume
ausser dem Gehirn ihrer Erfinder, und derjenigen, deren Einbildungskraft so
glücklich ist ihnen nachfliegen zu können, einige Wahrheit oder Würklichkeit
haben, ist eine Frage, deren Erörterung nicht zum Vorteil derselben ausfällt,
wenn sie der gesunden Vernunft aufgetragen wird. Je weniger die Menschen wissen,
desto geneigter sind sie, zu wähnen und zu glauben. Wem anders als der
Unwissenheit und dem Aberglauben der ältesten Welt haben die Nymphen und Faunen,
die Najaden und Tritonen, die Furien und die erscheinenden Schatten der
Verstorbnen ihre vermeinte Würklichkeit zu danken? Je besser wir die Körperwelt
kennen lernen, desto enger werden die Grenzen des Geisteo nichts davon sagen, ob
es wahrscheinlich sei, dass die Priesterschaft, die von jeher einen so
zahlreichen Orden unter den Menschen ausgemacht, bald genug die Entdeckung
machen musste, was für grosse Vorteile man durch diesen Hang der Menschen zum
Wunderbaren von ihren beiden heftigsten Leidenschaften, der Furcht und der
Hoffnung, ziehen könne. Wir wollen bei der Sache selbst bleiben. Worauf gründet
sich die erhabne Teorie, von der wir reden? Wer hat jemals diese Götter, diese
Geister gesehen, deren Dasein sie voraussetzt? Welcher Mensch erinnert sich
dessen, dass er ehmals ohne Körper in den eterischen Gegenden geschwebt, den
geflügelten Wagen Jupiters begleitet, und mit den Göttern Nectar getrunken habe?
Was für einen sechsten oder siebenten Sinn haben wir, um die Würklichkeit der
Gegenstände damit zu erkennen, womit man die Geisterwelt bevölkert? Sind es
unsre innerlichen Sinnen? Was sind diese anders als das Vermögen der
Einbildungskraft die Würkungen der äussern Sinnen nachzuäffen? Was sieht das
inwendige Auge eines Blindgebornen? Was hört das innere Ohr eines gebornen
Tauben? Oder was sind diese Scenen, in welche die erhabenste Einbildungskraft
auszuschweifen fähig ist, anders als neue Zusammensetzungen, die sie gerade so
macht, wie ein Mädchen aus den Blumen, die in einem Parterre zerstreut stehen,
einen Kranz flicht; oder höhere Grade dessen was die Sinnen würklich empfunden
haben, von welchen man jedoch immer unfähig bleibt, sich einige klare
Vorstellung zu machen; Denn was empfinden wir bei dem Eherischen Schimmer, oder
den ambrosischen Gerüchen der homerischen Götter? Wir sehen, wenn ich so sagen
kann, den Schatten eines Glanzes in unsrer Einbildung; wir glauben einen
lieblichen Geruch zu empfinden; aber wir sehen keinen eterischen Glanz, und
empfinden keinen ambrosischen Geruch. Kurz, man verbiete den Schöpfern der
überirdischen Welten sich keiner irdischen und sinnlichen Materialien zu
bedienen so werden ihre Welten, um mich eines ihrer Ausdrücke zu bedienen,
plötzlich wieder in den Schoss des Nichts zurückfallen, woraus sie gezogen
worden. Und brauchen wir wohl noch einen andern Beweis, um uns diese ganze
Teorie verdächtig zu machen, als die Metode, die man uns vorschreibt, um zu
der geheimnisvollen Glückseligkeit zu gelangen, welcher wir diejenige aufopfern
sollen, die uns die Natur und unsre Sinnen anbieten? Wir sollen uns den
sichtbaren Dingen entziehen, um die unsichtbaren zu sehen; wir sollen aufhören
zu empfinden, damit wir desto lebhafter phantasieren können. Verstopfet eure
Sinnen, sagen sie, so werdet ihr Dinge sehen und hören, wovon diese tierischen
Menschen, die gleich dem Vieh mit den Augen sehen, und mit den Ohren hören, sich
keinen Begriff machen können. Eine vortreffliche Diät, in Wahrheit; die Schüler
des Hippokrates werden dir beweisen, dass man keine bessere erfinden kann, um
wahnwitzig zu werden. Es scheint also sehr wahrscheinlich, dass alle diese
Geister, diese Welten, welche sie bewohnen, und diese Glückseligkeiten, welche
man nach dem Tode mit ihnen zu teilen hofft, nicht mehr Wahrheit haben, als die
Nymphen, die Liebesgötter und die Grazien der Dichter, als die Gärten der
Hesperiden und die Inseln der Circe und Calypso; kurz, als alle diese Spiele der
Einbildungskraft, welche uns belustigen, ohne dass wir sie für würklich halten.
Die Religion unsrer Väter befiehlt uns einen Jupiter, eine Venus zu glauben;
ganz gut; aber was für eine Vorstellung macht man uns von ihnen? Jupiter soll
ein Gott, Venus eine Göttin sein: Allein der Jupiter des Phidias ist nichts mehr
als ein heroischer Mann, noch die Venus des Praxiteles mehr als ein schönes
Weib; von dem Gott und der Göttin hat kein Mensch in Griechenland den mindesten
Begriff. Man verspricht uns nach dem Tod ein unsterbliches Leben bei den
Göttern; aber die Begriffe die wir uns davon machen, sind entweder aus den
sinnlichen Wollüsten, oder den feinern und geistigem Freuden, die wir in diesem
Leben erfahren haben, zusammengesetzt; es ist also klar, dass wir gar keine echte
Vorstellung von dem Leben der Geister und von ihren Freuden haben. Ich will
hiemit nicht leugnen, dass es Götter, Geister oder vollkommnere Wesen als wir
sind, haben könne oder würklich habe. Alles was meine Schlüsse zu beweisen
scheinen, ist dieses, »dass wir unfähig sind, uns eine richtige Idee von ihnen zu
machen, oder kurz, dass wir nichts von ihnen wissen.« Wissen wir aber nichts,
weder von ihrem Zustande noch von ihrer Natur, so ist es für uns eben so viel,
als ob sie gar nicht wären. Anaxagoras bewies mir einst mit dem ganzen
Entusiasmus eines Sternsehers, dass der Mond Einwohner habe. Vielleicht sagte er
die Wahrheit. Allein was sind diese Mondbewohner für uns? Meinest du, der König
Philippus werde sich die mindeste Sorge machen, die Griechen möchten sie gegen
ihn zu Hülfe rufen? Es mögen Einwohner im Monde sein; für uns ist der Mond weder
mehr noch weniger als eine leere glänzende Scheibe, die unsre Nächte erheitert,
und unsre Zeit abmisst. Hat es aber diese Bewandtnis, wie es denn nicht anders
sein kann, wie töricht ist es, den Plan seines Lebens nach Schimären
einzurichten, und sich der Glückseligkeit deren man würklich geniessen könnte, zu
begeben, um sich mit ungewissen Hoffnungen zu weiden; die Frucht seines Daseins
zu verlieren, so lange man lebt, in Hoffnung sich dafür schadlos zu halten, wenn
man nicht mehr sein wird! Denn dass wir izt leben, und dass dieses Leben auf hören
wird, das wissen wir gewiss; ob ein andres alsdann anfange, ist wenigstens
ungewiss, und wenn es auch wäre, so ist es doch unmöglich, das Verhältnis
desselben gegen das izige zu bestimmen, da wir kein Mittel haben uns einen
echten Begriff davon zu machen. Lass uns also den Plan unsers Lebens auf das
gründen, was wir kennen und wissen; und nachdem wir gefunden haben, was das
glückliche Leben ist, den geradesten und sichersten Weg suchen, auf dem wir dazu
gelangen können.
 
                                Viertes Capitel
                      Worin Hippias bessere Schlüsse macht
Ich habe schon bemerkt, dass die Glückseligkeit, welche wir suchen, nur in dem
Stand einer Gesellschaft, die sich schon zu einem gewissen Grade der
Vollkommenheit erhoben hat, statt finde. In einer solchen Gesellschaft
entwickeln sich alle diese mannichfaltigen Geschicklichkeiten, die bei dem
wilden Menschen, der so wenig bedarf, so einsam lebt, und so wenig
Leidenschaften hat, immer müssige Fähigkeiten bleiben. Die Einführung des
Eigentums, die Ungleichheit der Güter und Stände, die Armut der einen, der
Oberfluss, die Üppigkeit und die Trägheit der andern, dieses sind die wahren
Götter der Künste, die Mercure und die Musen, denen wir ihre Erfindung oder doch
ihre Vollkommenheit zu danken haben. Wie viel Menschen müssen ihre Bemühungen
vereinigen, um einen einzigen Reichen zu befriedigen! Diese bauen seine Felder
und Weinberge, andre pflanzen seine Lustgärten, noch andre bearbeiten den
Marmor, woraus seine Wohnung aufgeführt wird; tausende durchschiffen den Ocean
um ihm die Reichtümer fremder Länder zuzuführen; tausende beschäftigen sich, die
Seide und den Purpur zu bereiten, die ihn kleiden; die Tapeten, die seine Zimmer
schmücken; die kostbaren Gefässe, woraus er isst und trinkt; und die weichen
Lager, worauf er der wollüstigsten Ruhe geniesst. Tausende müssen in schlaflosen
Nächten ihren Witz verzehren, um neue Bequemlichkeiten, neue Wollüste, eine
leichtere und angenehmere Art die leichtesten und angenehmsten Verrichtungen,
die uns die Natur auferlegt, zu tun, für ihn zu erfinden, und durch die
Zaubereien der Kunst, die den gemeinsten Dingen einen Schein der Neuheit zu
geben weiss, seinen Ekel zu täuschen, und seine vom Genuss ermüdeten Sinnen
aufzuwecken. Für ihn arbeitet der Maler, der Tonkünstler, der Dichter, der
Schauspieler, und überwindet unendliche Schwierigkeiten, um Künste zur
Vollkommenheit zu treiben, welche die Anzahl seiner Ergötzungen vermehren
sollen. Allein alle diese Leute, welche für den glücklichen Menschen arbeiten,
würden es nicht tun, wenn sie nicht selbst glücklich zu sein wünschten. Sie
arbeiten nur für denjenigen, der ihre Bemühung für sein Vergnügen belohnen kann.
Der König von Persien selbst ist nicht mächtig genug, den Zeuxes zu zwingen, dass
er ihm eine Leda male. Nur die Zauberkraft des Goldes, welchem eine allgemeine
Übereinkunft der gesitteten Völker den Wert aller nützlichen und angenehmen
Dinge beigelegt hat, kann den Genie und den Fleiss einem Midas dienstbar machen,
der ohne seine Schätze kaum so viel wert wäre, dem Maler, der für ihn arbeitet,
die Farben zu reiben. Die Kunst, sich die Mittel zur Glückseligkeit zu
verschaffen, ist also schon gefunden, mein lieber Callias, sobald wir die Kunst
gefunden haben, einen genugsamen Vorrat von diesem Steine der Weisen zu
bekommen, der uns die ganze Natur unterwirft, der Millionen von unsers Gleichen
zu freiwilligen Sclaven unsrer Üppigkeit macht, und der uns in jedem schlauen
Kopf einen dienstwilligen Mercur, und durch den unwiderstehlichen Glanz eines
goldnen Regens, in jeder Schönen eine Danae finden lässt. Die Kunst reich zu
werden, Callias, ist im Grunde nichts anders, als die Kunst, sich des Eigentums
andrer Leute mit ihrem guten Willen zu bemächtigen. Ein Despot hat unter dem
Schutz eines Vorurteils, welches demjenigen sehr ähnlich ist, womit die Egypter
den Crocodil vergötterten, in diesem Stück einen ungemeinen Vorteil: Da sich
seine Rechte so weit erstrecken als seine Macht, und diese Macht durch keine
Pflichten eingeschränkt ist, weil ihn niemand zwingen kann, sie zu erfüllen; so
kann er sich das Vermögen seiner Untertanen zueignen, ohne sich darum zu
bekümmern, ob es mit ihrem guten Willen geschieht. Es kostet ihn keine Mühe,
unermessliche Reichtümer zu erwerben, und, um mit der unmässigsten Schwelgerei in
einem Tag Millionen zu verschwenden, hat er nichts nötig, als denjenigen Teil
des Volkes, den seine Dürftigkeit zu einer immerwährenden Arbeit verdammt, an
diesem Tage fasten zu lassen. Allein ausser dem, dass dieser Vorteil nur sehr
wenigen Sterblichen zu Teil werden kann, so ist er nicht so beschaffen, dass ein
weiser Mann ihn beneiden könnte. Das Vergnügen höret auf Vergnügen zu sein, so
bald es über einen gewissen Grad getrieben wird. Das Übermass der sinnlichen
Wollüste zerstöret die Werkzeuge der Empfindung; das Übermass der Vergnügen der
Einbildungskraft, verderbt den Geschmack des echten Schönen, indem für unmässige
Begierden nichts reizend sein kann, was in die Verhältnisse und das Ebenmass der
Natur eingeschlossen ist. Daher ist das gewöhnliche Schicksal der
morgenländischen Fürsten, die in die Mauern ihres Serails eingekerkert sind, in
den Armen der Wollust vor Ersättigung und Überdruss umzukommen; indessen, dass die
süssesten Gerüche von Arabien vergeblich für sie duften, dass die geistigen Weine
ihnen ungekostet aus Cristallen entgegenblinken, dass tausend Schönheiten, deren
jede zu Paphos einen Altar erhielte, alle ihre Reizungen, alle ihre buhlerische
Künste umsonst verschwenden, ihre schlaffen Sinnen zu erwecken, und zehen
tausend Sclaven ihrer Üppigkeit in die Wette eifern, um unerhörte und ungeheure
Wollüste zu erdenken, welche fähig sein möchten, wenigstens die glühende
Phantasie dieser unglückseligen Glücklichen auf etliche Augenblicke zu betrügen.
Wir haben also mehr Ursache, als man insgemein glaubt, der Natur zu danken, wenn
sie uns in einen Stand setzt, wo wir das Vergnügen durch Arbeit erkaufen müssen,
und vorher unsre Leidenschaften mässigen lernen, eh wir zu einer Glückseligkeit
gelangen, die wir ohne diese Mässigung nicht geniessen könnten.
    Da nun die Despoten und die Strassenräuber die einzigen sind, denen es,
jedoch auf ihre Gefahr, zusteht, sich des Vermögens andrer Leute mit Gewalt zu
bemächtigen: So bleibt demjenigen, der sich aus einem Zustand von Mangel und
Abhänglichkeit empor schwingen will, nichts anders übrig, als dass er sich die
Geschicklichkeit erwerbe, den Vorteil und das Vergnügen der Lieblinge des
Glückes zu befördern. Unter den vielerlei Arten, wie dieses geschehen kann, sind
einige dem Menschen von Genie, mit Ausschluss aller übrigen, vorbehalten, und
teilen sich nach ihrem verschiednen Endzweck in zwo Classen ein, wovon die erste
die Vorteile, und die andre das Vergnügen des beträchtlichsten Teils einer
Nation zum Gegenstand hat. Die erste, welche die Regierungs-und Kriegs-Künste in
sich begreift, scheint ordentlicher Weise nur in freien Staaten Platz zu finden;
die andre hat keine Grenzen als den Grad des Reichtums und der Üppigkeit eines
jeden Volks, von welcher Art seine Staatsverfassung sein mag. In dem armen Aten
wurde ein guter Feld-Herr unendlichmal höher geschätzt, als ein guter Maler; in
dem reichen und wollüstigen Aten gibt man sich keine Mühe zu untersuchen, wer
der tüchtigste sei, ein Kriegsheer anzuführen; man hat wichtigere Dinge zu
entscheiden; die Frage ist, welche unter etlichen Tänzerinnen die artigsten Füsse
hat, und die schönsten Sprünge macht? ob die Venus des Praxiteles, oder des
Alcamenes die schönere ist? - Die Künste des Genie von der ersten Classe führen
für sich allein selten zum Reichtum. Die grossen Talente, die grossen Verdienste
und Tugenden, die dazu erfodert werden, finden sich gemeinlich nur in armen und
emporstrebenden Republiken, die alles, was man für sie tut, nur mit
Lorbeerkränzen bezahlen. In Staaten aber, wo Reichtum und Üppigkeit schon die
Oberhand gewonnen haben, braucht man alle diese Talente und Tugenden nicht,
welche die Regierungskunst zu erfodern scheint. Man kann in solchen Staaten
Gesetze geben, ohne ein Solon zu sein; man kann ihre Kriegsheere anführen, ohne
ein Leonidas oder Temistokles zu sein Perikles, Alcibiades, regierten zu Aten
den Staat, und führten die Völker an; obgleich jener nur ein Redner war, und
dieser keine andre Kunst kannte, als die Kunst sich der Herzen zu bemeistern. In
solchen Republiken hat das Volk die Eigenschaften, die in einem despotischen
Staate der Einzige hat, der kein Sclave ist; man braucht ihm nur zu gefallen, um
zu allem tüchtig befunden zu werden. Perikles herrschte, ohne die äusserlichen
Zeichen der königlichen Würde zu tragen, so unumschränkt in dem freien Aten,
als Artaxerxes in dem untertänigen Asien. Seine Talente, und die Künste die er
von der schönen Aspasia gelernt hatte, erwarben ihm eine Art von Oberherrschaft,
die nur desto unumschränkter war, da sie ihm freiwillig zugestanden wurde; die
Kunst eine grosse Meinung von sich zu erwecken, die Kunst zu überreden, die Kunst
von der Eitelkeit der Atenienser Vorteil zu ziehen und ihre Leidenschaften zu
lenken; diese machten seine ganze Regierungskunst aus. Er verwickelte die
Republik in ungerechte und unglückliche Kriege, er erschöpfte die öffentliche
Schatzkammer, er erbitterte die Bundsgenossen durch gewaltsame Erpressungen; und
damit das Volk keine Zeit hätte, eine so schöne Staats-Verwaltung genauer zu
beobachten, so bauete er Schauspielhäuser, gab ihnen schöne Statuen und Gemälde
zu sehen, unterhielt sie mit Tänzerinnen und Virtuosen, und gewöhnte sie so sehr
an diese abwechselnden Ergötzungen, dass die Vorstellung eines neuen Stücks, oder
der Wettstreit unter etlichen Flötenspielern zuletzt Staats-Angelegenheiten
wurden, über welchen man diejenigen vergass die es in der Tat waren. Hundert
Jahre früher würde man einen Perikles für eine Pest der Republik angesehen
haben; allein damals würde Perikles ein Aristides gewesen sein. In der Zeit
worin er lebte, war Perikles, so wie er war, der grösste Mann der Republik; der
Mann der Aten zu dem höchsten Grade der Macht und des Glanzes erhub, den es zu
erreichen fähig war; der Mann, dessen Zeit als das goldne Alter der Musen in
allen künftigen Jahrhunderten angezogen werden wird; und, was für ihn selbst das
interessanteste war, der Mann, für den die Natur die Euripiden und Aristophane,
die Phidias, die Zeuxes, die Damonen, und die Aspasien zusammen brachte, um sein
Privatleben so angenehm zu machen, als sein öffentliches Leben glänzend war. Die
Kunst über die Einbildungskraft der Menschen zu herrschen, die geheimen, ihnen
selbst verborgnen Triebfedern ihrer Bewegungen nach unserm Gefallen zu lenken,
und sie zu Werkzeugen unsrer Absichten zu machen, indem wir sie in der Meinung
erhalten, dass wir es von den ihrigen sind, ist also, ohne Zweifel, diejenige,
die ihrem Besitzer am nützlichsten ist, und dieses ist die Kunst welche die
Sophisten lehren und ausüben; die Kunst, welcher sie das Ansehen, die
Unabhänglichkeit und die glücklichen Tage, deren sie geniessen, zu danken haben.
Du kannst dir leicht vorstellen, Callias, dass sie sich in etlichen Stunden weder
lehren noch lernen lässt; allein meine Absicht ist auch für izt nur, dir
überhaupt einen Begriff davon zu geben. Dasjenige, was man die Weisheit der
Sophisten nennt, ist die Geschicklichkeit sich der Menschen so zu bedienen, dass
sie geneigt sind, unser Vergnügen zu befördern, oder überhaupt die Werkzeuge
unsrer Absichten zu sein. Die Beredsamkeit, welche diesen Namen erst alsdann
verdient, wenn sie im Stand ist, die Zuhörer, wer sie auch sein mögen, von allem
zu überreden, was wir wollen, und in jeden Grad einer jeden Leidenschaft zu
setzen, die zu unsrer Absicht nötig ist; eine solche Beredsamkeit ist unstreitig
ein unentbehrliches Werkzeug, und das vornehmste wodurch die Sophisten diesen
Zweck erreichen. Die Grammatici bemühen sich, junge Leute zu Rednern zu bilden;
die Sophisten tun mehr, sie lehren sie Überreder zu werden, wenn mir dieses Wort
erlaubt ist. Hierin allein besteht das Erhabne einer Kunst, die vielleicht noch
niemand in dem Grade besessen hat, wie Alcibiades, der in unsern Zeiten so viel
Aufsehens gemacht hat. Der Weise bedient sich dieser Überredungs-Gabe nur als
eines Werkzeugs zu höhern Absichten. Alcibiades überlässt es einem Antiphon sich
mit Ausfeilung einer künstlichgesetzten Rede zu bemühen; er überredet indessen
seine Landsleute, dass ein so liebenswürdiger Mann wie Alcibades das Recht habe
zu tun, was ihm einfalle; er überredet die Spartaner zu vergessen, dass er ihr
Feind gewesen, und dass er es beider ersten Gelegenheit wieder sein wird; er
überredet die Königin Timea, dass sie ihn bei sich schlafen lasse, und die
Satrapen des grossen Königs, dass er ihnen die Atenienser zu eben der Zeit
verraten wolle, da er die Atenienser überredet, dass sie ihm Unrecht tun, ihn
für einen Verräter zu halten. Diese Überredungskraft setzt die Geschicklichkeit
voraus, jede Gestalt anzunehmen, wodurch wir demjenigen gefällig werden können,
auf den wir Absichten haben; die Geschicklichkeit, sich der verborgensten
Zugänge seines Herzens zu versichern, seine Leidenschaften, je nachdem wir es
nötig finden, zu erregen, zu liebkosen, eine durch die andre zu verstärken, oder
zu schwächen, oder gar zu unterdrücken, sie erfodert eine Gefälligkeit, die von
den Sittenlehrern Schmeichelei genennt wird, aber diesen Namen nur alsdann
verdient, wenn sie von den Gnatonen die um die Tafeln der Reichen sumsen,
nachgeäfft wird, -eine Gefälligkeit, die aus einer tiefen Kenntnis der Menschen
entspringt, und das Gegenteil von der lächerlichen Sprödigkeit gewisser
Phantasten ist, die den Menschen übel nehmen, dass sie anders sind, als wie diese
ungebetenen Gesetzgeber es haben wollen; kurz, diejenige Gefälligkeit ohne
welche es vielleicht möglich ist, die Hochachtung, aber niemals die Liebe der
Menschen zu erlangen; weil wir nur diejenigen lieben können, die uns ähnlich
sind, die unsern Geschmack haben oder zu haben scheinen, und so eifrig sind,
unser Vergnügen zu befördern, dass sie hierin die Aspasia von Milet zum Muster
nehmen, welche sich bis ans Ende in der Gunst des Perikles erhielt, indem sie in
demjenigen Alter, worin man die Seele der Damen zu lieben pflegt, sich in die
Grenzen der Platonischen Liebe zurückzog, und die Rolle des. Körpers durch andre
spielen liess. Ich lese in deinen Augen, Callias, was du gegen diese Künste
einzuwenden hast, die sich so übel mit den Vorurteilen vertragen, die du gewohnt
bist für Grundsätze zu halten. Es ist wahr, die Kunst zu leben, welche die
Sophisten lehren, ist auf ganz andre Begriffe von dem, was in sittlichem
Verstande schön und gut ist gebaut, als diejenigen hegen, die von dem
idealischen Schönen, und von einer gewissen Tugend, die ihr eigner Lohn sein
soll, so viel schöne Dinge zu sagen wissen. Allein, wenn du noch nicht müde bist
mir zuzuhören, als ich es bin zu schwatzen; so denke ich, dass es nicht schwer
sein werde dich zu überzeugen, dass das Idealische Schöne und die Idealische
Tugend mit jenen Geistermärchen, wovon wir erst gesprochen haben, in die
nämliche Classe gehören.
 
                                Fünftes Capitel
                          Der Anti-Platonismus in Nuce
Was ist das Schöne? Was ist das Gute? Eh wir diese Fragen beantworten können,
müssen wir, deucht mich, vorher fragen: Was ist das, was die Menschen schön und
gut nennen? Wir wollen vom Schönen den Anfang machen. Was für eine unendliche
Verschiedenheit in den Begriffen, die man sich bei den verschiedenen Völkern des
Erdbodens von der Schönheit macht! Alle Welt kommt darin überein, dass ein
schönes Weib das schönste unter allen Werken der Natur sei. Allein wie muss sie
sein, um für eine vollkommne Schönheit in ihrer Art gehalten zu werden? Hier
fängt der Widerspruch an. Stelle dir eine Versammlung von so vielen Liebhabern
vor, als es verschiedne Nationen unter verschiednen Himmelsstrichen gibt; was
ist gewisser, als dass ein jeder den Vorzug seiner Geliebten vor den übrigen
behaupten wird? Der Europäer wird die blendende Weisse, der Mohr die rabengleiche
Schwärze der seinigen vorziehen; der Grieche wird einen kleinen Mund, eine
Brust, die mit der hohlen Hand bedeckt werden kann, und das angenehme Ebenmass
einer feinen Gestalt; der Africaner wird die eingedrückte Nase, und die
aufgeschwollnen dickroten Lippen; der Persianer die grossen Augen und den
schlanken Wuchs, der Serer die kleinen Augen, die Kegelrunde Dicke und winzigen
Füsse an der seinigen bezaubernd finden. Hat es mit dem Schönen in sittlichen
Verstande, mit dem was sich geziemt, eine andre Bewandtnis? Die Spartanischen
Töchter scheuen sich nicht, in einem Aufzug gesehen zu werden, wodurch in Aten
die geringste öffentliche Metze sich entehrt hielte. In Persien würd' ein
Frauenzimmer, das an einem öffentlichen Orte sein Gesicht entblösste, eben so
angesehen, als in Smyrna eine die sich nackend sehen liesse. Bei den
morgenländischen Völkern erfodert der Wohlstand eine Menge von Beugungen und
untertänigen Gebärden, die man gegen diejenigen macht, die man ehren will; bei
den Griechen würde diese Höflichkeit für eben so schändlich und sclavenmässig
gehalten werden, als die attische Politesse zu Persepolis grob und bäurisch
scheinen würde. Bei den Griechen hat eine freigeborne ihre Ehre verloren, die
sich den jungfräulichen Gürtel von einem andern, als ihrem Manne auflösen lässt;
bei gewissen Völkern die jenseits des Ganges wohnen, ist ein Mädchen desto
vorzüglicher, je mehr es Liebhaber gehabt hat, die seine Reizungen aus Erfahrung
anzurühmen wissen. Diese Verschiedenheit der Begriffe vom sittlichen Schönen
zeigt sich nicht nur in besondern Gebräuchen und Gewohnheiten verschiedner
Völker, wovon sich die Beispiele ins Unendliche häufen liessen; sondern selbst in
dem Begriff, den sie sich überhaupt von der Tugend machen. Bei den Römern ist
Tugend und Tapferkeit einerlei; bei den Ateniensern schliesst dieses Wort alle
Arten von nützlichen und angenehmen Eigenschaften in sich. Zu Sparta kennt man
keine andre Tugend als den Gehorsam gegen die Gesetze; in despotischen Reichen
keine andre, als die sclavische Untertänigkeit gegen den Monarchen und seine
Satrapen; am caspischen Meere ist der tugendhassteste der am besten rauben kann,
und die meisten Feinde erschlagen hat; und in dem wärmsten Striche von Indien
hat nur der die höchste Tugend erreicht, der sich durch eine völlige
Untätigkeit, ihrer Meinung nach, den Göttern ähnlich macht. Was folget nun aus
allen diesen Beispielen? Ist nichts an sich selbst schön oder recht? Gibt es
kein gewisses Modell, wornach dasjenige, was schön oder sittlich ist, beurteilt
werden muss? Wir wollen sehen. Wenn ein solches Modell ist, so muss es in der
Natur sein. Denn es wäre Torheit, sich einzubilden, dass ein Pygmalion eine
Bildsäule schnitzen könne, welche schöner sei als Phryne, die kühn genug war,
bei den Olympischen Spielen, in eben dem Aufzug worin die drei Göttinnen um den
Preis der Schönheit stritten, das ganze Griechenland zum Richter über die ihrige
zu machen. Die Venus eines jeden Volks ist nichts anders als die Abbildung eines
Weibes, die bei einer allgemeinen Versammlung dieses Volks für diejenige erklärt
würde, bei der sich die National-Schönheit im höchsten Grade befinde. Allein
welches unter so vielerlei Modellen ist denn an sich selbst das schönste? Der
Grieche wird für seine rosenwangichte, der Mohr für seine rabenschwarze, der
Perser für seine schlanke, und der Serer für seine runde Venus mit dem
dreifachen Kinn streiten. Wer soll den Ausschlag geben? Wir wollen es versuchen.
Gesetzt, es würde eine allgemeine Versammlung angestellt, wozu eine jede Nation
den schönsten Mann und das schönste Weib, nach ihrem National-Modell zu
urteilen, geschickt hätten; und wo die Weiber zu entscheiden hätten, welcher
unter allen diesen Mitwerbern um den Preis der Schönheit der schönste Mann, und
die Männer, welche unter allen das schönste Weib wäre: Ich sage also, man würde
gar bald diejenigen aus allen übrigen aussondern, die unter diesen milden und
gemässigten Himmelsstrichen geboren worden, wo die Natur allen ihren Werken ein
feineres Ebenmass der Gestalt, und eine angenehmere Mischung der Farben zu geben
pflegt. Denn die vorzügliche Schönheit der Natur in den gemässigten Zonen
erstreckt sich vom Menschen bis auf die Pflanzen. Unter diesen Auserlesnen von
beiden Geschlechtern würde vielleicht der Vorzug lange zweifelhaft sein; allein
endlich würde doch unter den Männern derjenige den Preis erhalten, bei dessen
Landesleuten die verschiednen gymnastischen Übungen am stärksten, und
Verhältnisweise in dem höchsten Grade der Vollkommenheit getrieben würden; und
alle Männer würden mit einer Stimme diejenige für die schönste unter den Schönen
erklären, die von einem Volke abgeschickt worden, welches bei der Erziehung der
Töchter die möglichste Entwicklung und Cultur der natürlichen Schönheit zur
Hauptsache machte. Der Spartaner würde also vermutlich für den schönsten Mann,
und die Perserin für das schönste Weib erklärt werden. Der Grieche, welcher der
Anmut den Vorzug vor der Schönheit gibt, weil die griechischen Weiber mehr
reizend als schön sind, würde nichts desto weniger zu eben der Zeit, da sein
Herz einem Mädchen von Paphos oder Milet den Vorzug gäbe, bekennen müssen, dass
die Perserin schöner sei; und eben dieses würde der Serer tun, ob er gleich das
dreifache Kinn und den Wanst seiner Landsmännin reizender finden würde. - Lass
uns zu dem sittlichen Schönen fortgehen. So gross auch hierin die Verschiedenheit
der Begriffe unter verschieden Zonen ist, so wird doch schwerlich geleugnet
werden können, dass die Sitten derjenigen Nation, welche die geistreichste, die
munterste, die geselligste, die angenehmste ist, den Vorzug der Schönheit haben.
Die ungezwungne und einnehmende Höflichkeit des Ateniensers muss einem jeden
Fremden angenehmer sein, als die abgemessene, ernstafte und ceremonienvolle
Höflichkeit der Morgenländer; das verbindliche Wesen, der Schein von
Leutseligkeit, so der erste seinen kleinsten Handlungen zu geben weiss, muss vor
dem steifen Ernst des Persers, oder der rauhen Guterzigkeit des Scyten eben so
sehr den Vorzug erhalten, als der Putz einer Dame von Smyrna, der die Schönheit
weder ganz verhüllt, noch ganz den Augen preis gibt, vor der Vermummung der
Morgenländerin oder der tierischen Blösse einer Wilden. Das Muster der
aufgeklärtesten und geselligsten Nation scheint also die wahre Regul des
sittlichen Schönen, oder des Anständigen zu sein, und Aten und Smyrna sind die
Schulen, worin man seinen Geschmack und seine Sitten bilden muss. Allein nachdem
wir eine Regul für das Schöne gefunden haben, was für eine werden wir für das,
was Recht ist finden? wovon so verschiedene und widersprechende Begriffe unter
den Menschen herrschen, dass eben dieselbe Handlung, die bei dem einen Volke mit
Lorbeerkränzen und Statuen belohnt wird, bei dem andern eine schmähliche
Todesstrafe verdient; und dass kaum ein Laster ist, welches nicht irgendwo seinen
Altar und seinen Priester habe. Es ist wahr, die Gesetze sind bei dem Volke,
welchem sie gegeben sind, die Richtschnur des Rechts und Unrechts; allein was
bei diesem Volk durch das Gesetz befohlen wird, wird bei einem andern durch das
Gesetz verboten. Die Frage ist also: Gibt es nicht ein allgemeines Gesetz,
welches bestimmt, was an sich selbst Recht ist? Ich antworte ja, und dieses
allgemeine Gesetz kann kein andres sein, als die Stimme der Natur, die zu einem
jeden spricht: Suche dein Bestes; oder mit andern Worten: Befriedige deine
natürliche Begierden, und geniesse so viel Vergnügen als du kannst. Dieses ist
das einzige Gesetz, das die Natur dem Menschen gegeben hat; und so lang er sich
im Stande der Natur befindet, ist das Recht, das er an alles hat, was seine
Begierden verlangen, oder was ihm gut ist, durch nichts anders als das Mass
seiner Stärke eingeschränkt; er darf alles, was er kann, und ist keinem andern
nichts schuldig. Allein der Stand der Gesellschaft, welcher eine Anzahl von
Menschen zu ihrem gemeinschaftlichen Besten vereiniget, setzt zu jenem einzigen
Gesetz der Natur, suche dein eignes Bestes, die Einschränkung, ohne einem andern
zu schaden. Wie also im Stande der Natur einem jeden Menschen alles recht ist,
was ihm nützlich ist; so erklärt im Stande der Gesellschaft das Gesetz alles für
unrecht und strafwürdig, was der Gesellschaft schädlich ist, und verbindet
hingegen die Vorstellung eines Vorzugs und belohnungswürdigen Verdienstes mit
allen Handlungen, wodurch der Nutzen oder das Vergnügen der Gesellschaft
befördert wird. Die Begriffe von Tugend und Laster gründen sich also eines Teils
auf den Vertrag den eine gewisse Gesellschaft unter sich gemacht hat, und in so
ferne sind sie willkürlich; andern Teils auf dasjenige, was einem jeden Volke
nützlich oder schädlich ist; und daher kommt es, dass ein so grosser Widerspruch
unter den Gesetzen verschiedner Nationen herrschet. Das Clima, die Lage, die
Regierungsform, die Religion, das eigne Temperament und der National-Character
eines jeden Volks, seine Lebensart, seine Stärke oder Schwäche, seine Armut oder
sein Reichtum, bestimmen seine Begriffe von dem, was ihm gut oder schädlich ist;
daher diese unendliche Verschiedenheit des Rechts oder Unrechts unter den
policiertesten Nationen; daher der Contrast der Moral der glühenden Zonen mit
der Moral der kalten Länder, der Moral der freien Staaten mit der Moral der
despotischen Reiche; der Moral einer armen Republik, welche nur durch den
kriegerischen Geist gewinnen kann, mit der Moral einer reichen, die ihren
Wohlstand dem Geist der Handelschaft und dem Frieden zu danken hat; daher
endlich die Albernheit der Moralisten, welche sich den Kopf zerbrechen, um zu
bestimmen, was für alle Nationen recht sei, ehe sie die Auflösung der Aufgabe
gefunden haben, wie man machen könne, dass dasselbe für alle Nationen gleich
nützlich sei.
    Die Sophisten, deren Sittenlehre sich nicht auf abstracte Ideen, sondern auf
die Natur und würkliche Beschaffenheit der Dinge gründet, finden die Menschen an
einem jeden Ort, so, wie sie sein können. Sie schätzen einen Staatsmann zu
Aten, an sich selbst, nicht höher als einen Gaukler zu Persepolis, und eine
ehrbare Matrone von Sparta ist in ihren Augen kein vortrefflicheres Wesen als
eine Lais zu Corint. Es ist wahr, der Gaukler würde zu Aten, und die Lais zu
Sparta schädlich sein; allein ein Aristides würde zu Persepolis, und eine
Spartanerin zu Corint wo nicht eben so schädlich, doch wenigstens ganz
unnützlich sein. Die Idealisten, wie ich diese Philosophen zu nennen pflege,
welche die Welt nach ihren Ideen umschmelzen wollen, bilden ihre Lehrjünger zu
Menschen, die man nirgends für einheimisch erkennen kann, weil ihre Moral eine
Gesetzgebung voraussetzt, welche nirgends vorhanden ist. Sie bleiben arm und
ungeachtet, weil ein Volk nur demjenigen Hochachtung und Belohnung zuerkennt,
der seinen Nutzen befördert oder doch zu befördern scheint; ja sie werden als
Verderber der Jugend, und als heimliche Feinde der Gesellschaft angesehen, und
die Landesverweisung oder der Giftbecher ist zuletzt alles, was sie für die
undankbare Bemühung davon tragen, die Menschen zu entkörpern, um sie in die
Classe der idealischen Wesen, der matematischen Puncte, Linien und Dreiecke zu
erhöhen. Klüger, als diese eingebildeten Weisen, die, wie jener Flötenspieler
von Aspondus, nur für sich selbst singen, überlassen die Sophisten den Gesetzen
eines jeden Volks ihre Bürger zu lehren, was Recht oder Unrecht sei. Da sie
selbst zu keinem besondern Staatskörper gehören, so geniessen sie die Vorrechte
eines Weltbürgers, und indem sie den Gesetzen und der Religion eines jeden
Volkes bei dem sie sich befinden, eine äusserliche Achtung bezeugen, wodurch sie
vor allen Ungelegenheiten mit den Handhabern derselben gesichert werden; so
erkennen und befolgen sie doch in der Tat kein andres als jenes allgemeine
Gesetz der Natur, welches dem Menschen sein eignes Bestes zur einzigen
Richtschnur gibt. Alles wodurch ihre natürliche Freiheit eingeschränkt wird, ist
die Beobachtung einer nützlichen Klugheit, die ihnen vorschreibt ihren
Handlungen die Farbe, den Schnitt und die Auszierung zu geben, wodurch sie
denjenigen, mit welchen sie zu tun haben, am gefälligsten werden. Das moralische
Schöne ist für unsre Handlungen eben das, was der Putz für unsern Leib; und es
ist eben so nötig, seine Aufführung nach den Vorurteilen und dem Geschmack
derjenigen zu modeln, mit denen man lebt, als es nötig ist sich so kleiden wie
sie. Ein Mensch, der nach einem gewissen besondern Modell gebildet worden,
sollte, wie die wandelnden Bildsäulen des Dädalus, an seinen väterlichen Boden
angefesselt werden; denn er ist nirgends an seinem Platz als unter seines
gleichen. Ein Spartaner würde sich nicht besser schicken, die Rolle eines
obersten Sclaven des Artaxerxes zu spielen, als ein Sarmater sich schickte
Polemarchus zu Aten zu sein. Der Weise hingegen ist der allgemeine Mensch, der
Mensch, dem alle Farben, alle Umstände, alle Verfassungen und Stellungen
anstehen, und er ist es eben darum, weil er keine besondre Vorurteile und
Leidenschaften hat, weil er nichts als ein Mensch ist. Er gefällt allentalben,
weil er, wohin er kommt, sich die Vorurteile und Torheiten gefallen lässt, die er
antrifft. Wie sollte er nicht geliebt werden, er, der immer bereit ist sich für
die Vorteile andrer zu beeifern, ihre Begriffe zu billigen, ihren Leidenschaften
zu schmeicheln? Er weiss, dass die Menschen von nichts überzeugter sind, als von
ihren Irrtümern, und nichts zärtlicher lieben als ihre Fehler; und dass es kein
gewisseres Mittel gibt sich ihren Abscheu zuzuziehen, als wenn man ihnen eine
Wahrheit entdeckt, die sie nicht wissen wollen. Weit entfernt also, ihnen die
Augen wider ihren Willen zu eröffnen, oder ihnen einen Spiegel vorzuhalten, der
ihnen ihre Hässlichkeit vorrückte, bestärkt er den Toren in dem Gedanken, dass
nichts abgeschmackter sei als Verstand haben, den Verschwender in dem Wahn, dass
er grossmütig, den Knicker in den Gedanken, dass er ein guter Haushalter, die
Hässlichkeit in der süssen Einbildung, dass sie desto geistreicher, und den Reichen
in der Überredung, dass er ein Staatsmann, ein Gelehrter, ein Held, ein Gönner
der Musen und ein Liebling der Damen sei. Er bewundert das System des
Philosophen, die einbildische Unwissenheit des Hofmanns, und die grossen Taten
des Generals; er gestehet dem Tanzmeister ohne Widerrede zu, dass Cimon der
grösste Mann in Griechenland gewesen wäre, wenn er die Füsse besser zu setzen
gewusst hätte; und dem Maler, dass man mehr Genie braucht, ein Zeuxes als ein
Homer zu sein. Diese Art mit den Menschen umzugehen, ist von unendlich grösserm
Vorteil, als man beim ersten Anblick denken möchte. Sie erwirbt ihm ihre Liebe,
ihr Zutrauen, und eine desto grössere Meinung von seinem Verdienste, je grösser
diejenige ist, die er von den ihrigen zu haben scheint. Sie ist das gewisseste
Mittel, zu den höchsten Stufen des Glücks empor zu steigen. Meinest du, dass es
allein die grössten Talente die vorzüglichsten Verdienste seien, die einen
Archonten, einen Heerführer, einen Satrapen, oder den Günstling eines Fürsten
machen? Sich dich in den Republiken um; du wirst finden, dass dieser sein Ansehen
der lächelnden Mine zu danken hat, womit er die Bürger grüsst; ein andrer der
emphatischen Peripherie seines Wanstes; ein dritter der Schönheit seiner
Gemahlin, und ein vierter seiner brüllenden Stimme. Gehe an die Höfe, du wirst
Leute finden, welche das Glück, worin sie schimmern, der Empfehlung eines
Kammerdieners, der Gunst einer Dame, die sich für ihre Talente verbürgt hat,
oder der Gabe des Schlafs schuldig sind, womit sie befallen werden, wenn der
Vezier mit ihren Weibern scherzt. Nichts ist in diesem Lande der Bezauberungen
gewöhnlicher, als einen unbärtigen Knaben in einen General, einen Pantomimen in
einen Staatsminister, einen Kupplerin einen Oberpriester verwandelt zu sehen;
ein Mensch ohne alle Verdienste kann oft durch ein einziges Talent, und wenn es
auch nur das Talent eines Esels wäre, zu einem Glücke gelangen, das ein andrer
durch die grössten Verdienste vergeblich zu erhalten gesucht hat. Wer könnte
demnach zweifeln, dass die Kunst der Sophisten nicht fähig sein sollte, ihrem
Besitzer auf diese oder jene Art die Gunst des Glückes zu verschaffen?
Vorausgesetzt, dass er die natürlichen Gaben besitze, ohne welche der Mann von
Verstand in der Welt allezeit dem Narren Platz machen muss, der damit versehen
ist. Allein selbst auf dem Wege der Verdienste ist niemand gewisser sein Glück
zu machen, als ein Sophist. Wo ist der Platz, den er nicht mit Ruhm bekleiden
wird? Wer ist geschickter die Menschen zu regieren als derjenige, der am besten
mit ihnen umzugehen weiss? Wer schickt sich besser zu öffentlichen
Unterhandlungen? Wer ist fähiger der Ratgeber eines Fürsten zu sein? Ja, wofern
er nur das Glück auf seiner Seite hat, wer wird mit grösserm Ruhm ein Kriegsheer
anführen als er? Wer wird die Kunst besser verstehen, sich für die
Geschicklichkeit und die Verdienste seiner Subalternen belohnen zu lassen? Wer
wird die Vorsicht, die er nicht gehabt, die klugen Anstalten, die er nicht
gemacht, die Wunden, die er nicht bekommen hat, besser gelten zu machen wissen,
als er?
    Doch es ist Zeit einen Discurs zu enden, der für beide ermüdend zu werden
anfangt. Ich habe dir genug gesagt, um den Zauber zu vernichten, den die
Schwärmerei auf deine Seele gelegt hat; und wenn dieses nicht genug ist, so
würde alles überflüssig sein was ich sagen könnte. Glaube übrigens nicht,
Callias, dass der Orden der Sophisten einen unansehnlichen Teil der menschlichen
Gesellschaft ausmache. Die Anzahl derjenigen die unsre Kunst ausüben, ist in
allen Ständen sehr beträchtlich, und du wirst unter denen die ein grosses Glück
gemacht haben, schwerlich einen einzigen finden, der es nicht einer geschickten
Anwendung unsrer Grundsätze zu danken habe. Diese Grundsätze machen die
gewöhnliche Denkungsart der Hofleute, der Leute die sich dem Dienste der Grossen
gewidmet haben, und überhaupt derjenigen Classe von Menschen aus, die an jedem
Orte die edelsten und angesehensten sind, und (die wenigen Fälle ausgenommen, wo
das spielende Glück durch einen blinden Wurf einen Narren an den Platz eines
klugen Menschen fallen lässt) sind die geschickten Köpfe, die von diesen Maximen
den besten Gebrauch zu machen wissen, allezeit diejenigen, die es auf der Bahn
der Ehre und des Glücks am weitesten bringen.
 
                                Sechstes Capitel
                           Ungelehrigkeit des Agaton
Hippias konnte sich wohl berechtiget halten, einigen Dank bei seinem Lehrjünger
verdient zu haben, da er sich so viele Mühe gegeben hatte, ihn weise zu machen.
Allein wir müssen es nur gestehen, er hatte es mit einem Menschen zu tun, der
nicht fähig war, die Wichtigkeit dieses Dienstes einzusehen, oder die Schönheit
eines Systems zu empfinden, welches seinen vermeinten Empfindungen so zuwider
war. Seine Erwartung wurde also nicht wenig betrogen, als Agaton, wie er sah,
dass der weise wo Hippias zu reden aufgehört hatte, ihm diese kurze Antwort gab:
Du hast eine schöne Rede gehalten, Hippias; deine Beobachtungen sind sehr fein,
deine Schlüsse sehr bündig, deine Maximen sehr practisch, und ich zweifle nicht,
dass der Weg, den du mir vorgezeichnet hast, zu der Glückseligkeit würklich
führe, deren Vorzüge vor meiner Art glücklich zu sein, du in ein so helles Licht
gesetzt. Dem ungeachtet empfinde ich nicht die mindeste Lust so glücklich zu
sein, und wenn ich mich anders recht kenne, so werde ich schwerlich eher ein
Sophist werden, bis du deine Tänzerinnen entlässest, dein Haus zu einem
öffentlichen Tempel der Diana widmest, und nach Indien ziehst, ein Bramine zu
werden. Hippias lachte über diese Antwort, ohne dass sie ihm desto besser gefiel.
Und was hast du gegen mein System einzuwenden? fragte er. Dass es mich nicht
überzeugt, erwiderte Agaton. »Und warum nicht?« Weil meine Erfahrung und
Empfindung deinen Schlüssen widerspricht. »Ich möchte wohl wissen, was dieses
für Erfahrungen und Empfindungen sind, die demjenigen widersprechen, was alle
Welt erfährt und empfindt.« Du würdest beweisen, dass es Schimären sind. »Und
wenn ich es bewiesen hätte?« Du würdest es nur dir beweisen, Hippias; du würdest
nichts beweisen, als dass du nicht Callias bist. »Aber die Frage ist, ob Hippias
oder Callias richtig denkt?« Wer soll Richter sein? »Das ganze menschliche
Geschlecht.« Was würde das wider mich beweisen? »Sehr viel. Wenn zehen Millionen
Menschen urteilen, dass zween oder drei aus ihrem Mittel Narren sind, so sind sie
es; das ist unleugbar.« Aber wie, wenn die zehen Millionen, deren Ausspruch dir
so entscheidend vorkommt, zehn Millionen Toren wären, und die drei wären klug?
»Wie müsste das zugehen?« Können nicht zehn Millionen die Pest haben, und
Socrates allein gesund herum gehen? »Diese Instanz beweist nichts für dich. Ein
Volk hat nicht immer die Pest; Allein die zehn Millionen denken immer so wie
ich. Sie sind also in ihrem natürlichen Zustande, wenn sie so denken; und wer
anders denkt, gehört folglich entweder zu einer andern Gattung von Wesen, oder
zu den Wesen, die man Toren nennt.« So ergeb ich mich in mein Schicksal. »Es
gibt noch eine Alternative, junger Mensch. Du schämest dich, entweder deine
Gedanken so schnell zu verändern, oder du bist ein Heuchler.« Keines von beiden,
Hippias. »Leugne mir zum Exempel, wenn du kannst, dass dir die schöne Cyane, die
uns beim Frühstück bediente, Begierden eingeflösst hat, und dass du verstohlne
Blicke -« Ich leugne nichts. »So gestehe, dass das Anschauen dieser runden
schneeweissen Arme, dieses aus der flatternden Seide hervoratmenden Busens, die
Begierde in dir erregt, ihrer zu geniessen.« Ist das Anschauen kein Genuss? »Keine
Ausflüchte, junger Mensch!« Du betrügst dich, Hippias, wenn es erlaubt ist einem
Weisen das zu sagen; ich bedarf keiner Ausflüchte. Ich mache nur einen
Unterschied zwischen einem mechanischen Instinct, der nicht gänzlich von mir
abhängt, und dem Willen meiner Seele. Ich habe den Willen nicht gehabt, dessen
du mich beschuldigest. »Ich beschuldige dich nichts, als dass du meiner spottest.
Ich denke, dass ich die Natur kennen sollte. Die Schwärmerei kann in deinen
Jahren keine so unheilbare Krankheit sein, dass sie wider die Reizung des
Vergnügens sollte aushalten können.« Deswegen vermeide ich die Gelegenheiten.
»Du gestehest also, dass Cyane reizend ist.« Sehr reizend. »Und dass ihr Genuss ein
Vergnügen wäre?« Vermutlich. »Warum quälest du dich dann, dir ein Vergnügen zu
versagen, das in deiner Gewalt ist.« Weil ich mich dadurch vieler andern
Vergnügen berauben würde, die ich höher schätze. »Kann man in deinem Alter so
sehr ein Neuling sein? Was für Vergnügen, die allen übrigen Menschen unbekannt
sind, hat die Natur für dich allein aufbehalten? Wenn du noch grössere kennest
als dieses, - doch ich merke dich. Du wirst mir wieder von den Vergnügungen der
Geister, von Nectar und Ambrosia sprechen; aber wir spielen izt keine Comödie,
mein Freund. Die Erscheinung einer Cyane in einem von den Gebüschen meiner
Gärten würde fähig sein, so gar deinen Geistern Körper zu geben.« Hippias, ich
rede wie ich denke. Ich kenne Vergnügen, die ich höher schätze als diejenigen,
die der Mensch mit den Tieren gemein hat. »Zum Exempel?« Das Vergnügen eine gute
Handlung zu tun. »Was nennest du eine gute Handlung?« Eine Handlung, wodurch
ich, mit einiger Anstrengung meiner Kräfte, oder Aufopferung eines Vorteils oder
Vergnügens, andrer Bestes befördere. »Du bist also töricht genug zu glauben, dass
du andern mehr schuldig seist, als dir selbst?« Das nicht; sondern ich finde
für gut, ein geringeres Vergnügen dem grössern aufzuopfern, welches ich alsdann
geniesse, wenn ich das Glück meiner Nebengeschöpfe befördern kann. »Du bist sehr
dienstfertig; gesetzt aber es sei so, wie hängt dieses mit demjenigen zusammen,
wovon izt die Rede ist?« Das ist leicht zu sehen. Gesetzt, ich überliesse mich
den Eindrücken, welche die Reizungen der schönen Cyane auf mich machen könnten;
gesetzt, sie liebte mich, und liesse mich alles erfahren, was die Wollust
berauschendes hat; eine Verbindung von dieser Art könnte von keiner langen Dauer
sein; aber würden die Erinnerungen der genossnen Freuden nicht die Begierde
erwecken, sie wieder zu geniessen? »Eine neue Cyane« - würde mir wieder
gleichgültig werden, und eben diese Begierden zurück lassen. »Eine immerwährende
Abwechslung ist also hierin, wie du siehst, das Gesetz der Natur.« Aber auf
diese Art würde ichs gar bald so weit bringen, keiner Begierde widerstehen zu
können. »Wozu brauchst du zu widerstehen, so lange deine Begierden in den
Schranken der Natur und der Mässigung bleiben?« Wie aber, wenn endlich das Weib
meines Freundes, oder welche es sonst wäre, die der ehrwürdige Name einer Mutter
gegen den blossen Gedanken eines unkeuschen Anfalls sicher stellen soll; oder
wie, wenn die unschuldige Jugend einer Tochter, die vielleicht kein andres
Heuratsgut als ihre Unschuld und Schönheit hat; der Gegenstand dieser Begierden
würde, über die ich durch so vieles Nachgeben alle Gewalt verloren hätte? »So
hättest du dich in Griechenland wenigstens vor den Gesetzen vorzusehen. Allein
was müsste das für ein Hirn sein, das in solchen Umständen kein Mittel ausfündig
machen könnte, seine Leidenschaft zu vergnügen, ohne sich mit den Gesetzen
abzuwerfen? Ich sehe, du kennest die Damen zu Aten und Sparta nicht.« O! was
das betrifft, ich kenne so gar die Priesterinnen zu Delphi. Aber ists möglich,
dass du im Ernste gesprochen hast? »Ich habe nach meinen Grundsätzen gesprochen.
Die Gesetze haben in gewissen Staaten, (denn es gibt einige, wo sie mehr
Nachsicht haben) nötig gefunden, unser natürliches Recht an eine jede, die unsre
Begierden erregt, einzuschränken. Allein da dieses nur geschah, um gewisse
Ungelegenheiten zu verhindern, die aus dem ungescheuten Gebrauch jenes Rechts in
solchen Staaten zu besorgen wären, so siehst du, dass der Geist und die Absicht
des Gesetzes nicht verletzt wird, wenn man vorsichtig genug ist zu den Ausnahmen
die man davon macht keine Zeugen zu nehmen.« O Hippias! rief Agaton hier aus,
ich habe dich, wohin ich dich bringen wollte. Du siehest die Folgen deiner
Grundsätze. Wenn alles an sich selbst recht ist, was meine Begierden wollen;
wenn die ausschweifenden Forderungen der Leidenschaft unter dem Namen des
Nützlichen, den sie nicht verdienen, die einzige Richtschnur unsrer Handlungen
sind; wenn die Gesetze nur mit einer guten Art ausgewichen werden müssen, und im
Dunkeln alles erlaubt ist; wenn die Tugend, und die Hoffnungen der Tugend nur
Schimären sind; was hindert die Kinder, sich wider ihre Eltern zu verschwören?
Was hindert die Mutter, sich selbst und ihre Tochter dem Meistbietenden Preis zu
geben? Was hindert mich, wenn ich dadurch gewinnen kann, den Dolch in die Brust
meines Freundes zu stossen, die Tempel der Götter zu berauben, mein Vaterland zu
verraten, oder mich an die Spitze einer Räuberbande zu stellen; und, wenn ich
anders Macht genug habe, ganze Länder zu verwüsten, ganze Völker in ihrem Blute
zu ertränken? Siehest du nicht, dass deine Grundsätze, die du so unverschämt
Weisheit nennest, und durch eine künstliche Vermischung des Wahren mit dem
Falschen scheinbar zu machen suchst, wenn sie allgemein würden, die Menschen in
weit ärgere Ungeheuer, als Hyänen, Tiger und Crocodile sind, verwandeln würden?
Du spottest der Tugend und Religion? Wisse, nur den unauslöschlichen Zügen,
womit ihr Bild in unsre Seelen eingegraben ist, nur dem geheimen und wunderbaren
Reiz, der uns zu Wahrheit, Ordnung und Güte zieht, und den Gesetzen besser zu
starten kommt, als alle Belohnungen und Strafen, ist es zuzuschreiben, dass es
noch Menschen auf dem Erdboden gibt, und dass unter diesen Menschen noch ein
Schatten von Sittlichkeit und Güte zu finden ist. Du erklärst die Ideen von
Tugend und sittlicher Vollkommenheit für Phantasien. Siehe mich hier, Hippias,
so wie ich hier bin, biete ich den Verführungen aller deiner Cyanen, den
scheinbarsten Überredungen deiner Weisheit, und allen Vorteilen, die In mir
deine Grundsätze und dein Beispiel versprechen, trotz. Eine einzige von diesen
Phantasien ist hinreichend die unwesentliche Zauberei aller dieser Blendwerke zu
zerstreuen. Lass die Tugend immer eine Schwärmerei sein, diese Schwärmerei macht
mich glücklich, und würde alle Menschen glücklich, und den ganzen Erdboden zu
einem Himmel machen, wenn deine Grundsätze, und diejenige, welche sie ausüben,
nicht, so weit ihr ansteckendes Gift dringt, Elend und Verderbnis ausbreiteten.
    Agaton wurde ganz glühend, indem er dieses sagte; und ein Maler, um den
zürnenden Apollo zu malen, hätte sein Gesicht in diesem Augenblick zum Urbild
nehmen müssen. Allein der weise Hippias erwiderte diesen Eifer mit einem
Lächeln, welches dem Momus selbst Ehre gemacht hätte, und sagte ohne seine
Stimme zu verändern: Nunmehr glaube ich dich zu kennen, Callias, und du wirst
von meinen Verführungen weiter nichts zu besorgen haben. Die gesunde Vernunft
ist nicht für so warme Köpfe gemacht, wie der deinige. Wie leicht, wenn du mich
zu verstehen fähig gewesen wärest, hättest du dir den Einwurf selbst beantworten
können, dass die Grundsätze der Sophisten und Weltleute verderblich wären, wenn
sie allgemein würden? Die Natur hat schon davor gesorgt, dass sie nicht allgemein
werden, - doch ich würde mir selbst lächerrlich sein, wenn ich deine begeisterte
Apostrophe beantworten, oder dir zeigen wollte, wie sehr auch der Affect der
Tugend das Gesicht verfälschen kann. Sei tugendhaft, Callias; fahre fort dich um
den Beifall der Geister, und die Gunst der Eherischen Schönen zu bewerben; rüste
dich, dem Ungemach, das dein Platonismus dir in dieser Unterwelt zuziehen wird,
grossmütig entgegen zu gehen, und tröste dich, wenn du Leute siehst, die niedrig
genug sind, sich an irdischen Glückseligkeiten zu weiden, mit dem frommen
Gedanken, dass sie in dem andern Leben, wo die Reihe an dich kommt, glücklich zu
sein, sich in den Flammen des Phlegeton wälzen werden.
    Mit diesen Worten stund Hippias auf, warf einen verächtlich mitleidigen
Blick auf den Agaton, und wandte ihm den Rücken zu, um ihm mit einer unter
seines gleichen gewöhnlichen Höflichkeit zu verstehen zu geben, dass er sich
zurückziehen könne.
 
                                  Viertes Buch
                                 Erstes Capitel
      Geheimer Anschlag, den Hippias gegen die Tugend unsers Helden macht
Wir vermuten, dass es einigen Lesern scheinen werde, Hippias habe in seinem
Discurs bei Agaton einen grössern Mangel von Erfahrung und Kenntnis der Welt
vorausgesetzt, als er, nach allem, was bereits mit ihm vorgegangen war, haben
konnte. Wir müssen also zur Entschuldigung dieses Weisen sagen, dass Agaton, aus
Ursachen die uns unbekannt geblieben, für gut befunden habe, von dem glänzenden
Teil seiner Begebenheiten, und sogar von seinem Namen ein Geheimnis zu machen.
Denn sein Name war durch die Rolle, die er zu Aten gespielt hatte, in den
griechischen Städten allzubekannt worden, als dass er es nicht auch dem Hippias
hätte sein sollen; ob dieser gleich, seit dem er in Smyrna wohnte, sich wenig um
die Staatsangelegenheiten der Griechen bekümmerte, die er in den Händen seiner
Freunde und Schüler ganz wohl versorgt hielte. Da nun Agaton so sorgfältig
gewesen war, ihm alles zu verbergen, was einigen Verdacht hätte erwecken können,
dass er jemals etwas mehr als ein Aufwärter in dem Tempel zu Delphi gewesen; so
konnte Hippias mit desto besserm Grunde voraussetzen, dass er noch ein
vollkommner Neuling in der Welt sei, als weder die Denkungsart noch das Betragen
dieses jungen Menschen so beschaffen war, dass ein Kenner auf günstigere Gedanken
hätte gebracht werden sollen. Leute von seiner Art können, in der Tat zehen
Jahre hinter einander in der grossen Welt gelebt haben, ohne dass sie dieses
fremde und entlehnte Ansehen verlieren, welches beim ersten Blick verkündiget,
dass sie hier nicht einheimisch sind; geschweige, dass sie fähig wären, sich
jemals zu dieser edeln Freiheit von den Fesseln der gesunden Vernunft, zu dieser
weisen Gleichgültigkeit gegen alles was die schwärmerischen Seelen Empfindung
nennen, und zu dieser verzärtelten Feinheit des Geschmacks zu erheben, wodurch
die Weltleute sich auf eine so vorteilhafte Art unterscheiden. Solche Leute
können wohl Beobachtungen machen; allein da ihnen dieser Instinct, dieses
sympatetische Gefühl mangelt, mittelst dessen jene einander so schnell und
zuverlässig ausfündig machen; oder deutlicher zu reden, da sie von allem auf
eine andre Art gerührt werden, als jene; und sich, so sehr sie sich auch
anstrengten, niemals an ihre Stelle setzen können: so bleiben sie doch immer in
einem unbekannten Lande, wo ihre Erkenntnis nur bei Mutmassungen stehen bleibt,
und ihre Erwartung alle Augenblicke durch unbegreifliche Zufälle und unverhoffte
Veränderungen betrogen wird. Mit allen seinen Vorzügen war Agaton doch in eben
dieser Classe, und es ist also kein Wunder, dass er, ungeachtet der tiefen
Betrachtungen die er über seine Unterredung mit dem Hippias bei sich selbst
anstellte, sehr weit entfernt war, die Gedanken zu erraten, womit dieser Sophist
izt umging, dessen Eitelkeit durch den schlechten Fortgang seines Vorhabens, und
den Eigensinn dieses seltsamen Jünglings weit mehr beleidiget war, als er sich
hatte anmerken lassen. Agaton, wenn er das würklich wäre, was er zu sein
schien, wäre (dachte der weise Mann nicht ohne Grund) eine lebendige Widerlegung
seines Systems. Wie? sagte er zu sich selbst, (ein Umstand, der ihm selten
begegnete) ich habe mehr als vierzig Jahre in der Welt gelebt, und unter einer
unendlichen Menge von Menschen von allen Ständen und Classen, nicht einen
einzigen angetroffen, der meine Begriffe von der menschlichen Natur nicht
bestätiget hätte, und dieser junge Mensch sollte mich noch an die Tugend glauben
lehren? Es kann nicht sein; er ist ein Phantast oder ein Heuchler. Was er auch
sein mag, ich will es ausfündig machen. - - Gut! Das ist ein vortrefflicher
Einfall! Ich will ihn auf eine Probe stellen, wo er unterliegen muss, wenn er ein
Schwärmer, und wo er die Maske ablegen wird, wenn er ein Comödiant ist. Er hat
gegen Cyane ausgehalten, dies hat ihn stolz und sicher gemacht. Aber das beweist
noch nichts. Wir wollen ihn auf eine stärkere Probe setzen; wenn er in dieser
den Sieg erhält, so muss er - ja, so will ich meine Nymphen entlassen, mein Haus
den Priestern der Cybele vermachen, und an den Ganges ziehen, und in der Höhle
eines alten Palmbaums, mit geschlossnen Augen und den Kopf zwischen den Knien, so
lange in der nämlichen Positur sitzen bleiben, bis ich, allen meinen Sinnen zu
trotz, mir einbilde, dass ich nicht mehr bin! - Dies war ein hartes Gelübde; auch
hielt sich Hippias sehr überzeugt, dass es so weit nicht kommen würde, und damit
er keine Zeit versäumen möchte; so machte er noch an demselbigen Tag Anstalt,
seinen Anschlag auszuführen.
 
                                Zweites Capitel
                   Hippias stattet einer Dame einen Besuch ab
Die Damen zu Smyrna hatten damals eine Gewohnheit, welche ihrer Schönheit mehr
Ehre machte als ihrer Sittsamkeit. Sie pflegten sich in den warmen Monaten
gemeiniglich alle Nachmittage eines kühlenden Bades zu bedienen, und, um keine
lange Weile zu haben, nahmen sie um diese Zeit die Besuche derjenigen
Mannspersonen an, die das Recht eines freien Zutritts in ihren Häusern hatten.
Diese Gewohnheit war in Smyrna eben so unschuldig als es der Gebrauch bei unsern
westlichen Nachbarinnen ist, Mannspersonen bei der Toilette um sich zu haben;
auch kam diese Freiheit nur den Freunden zu statten, und, den besondern Fall
ausgenommen, wenn die hartnäckige Blödigkeit eines noch unerfahrnen Neulings
einiger Aufmunterung nötig hatte, waren die Liebhaber gänzlich davon
ausgeschlossen. Unter einer grossen Anzahl von Schönen, bei denen der weise
Hippias dieses Vorrecht genoss, war auch eine, die unter dem Namen Danae den
ersten Rang in derjenigen Classe von Frauenzimmern einnahm, die man bei den
Griechen Freundinnen, oder noch eigentlicher Gesellschafterinnen zu nennen
pflegte. Diese Gattung von Damen war damals unter ihrem Geschlecht, was die
Sophisten unter dem männlichen; sie stunden in keiner geringern Achtung, und
konnten sich rühmen, dass die vollkommensten Modelle aller Vorzüge ihres
Geschlechts, wenn man die strenge Tugend ausnimmt, die Aspasien, die Leontium
und die Phrynen sich kein Bedenken machten von ihrem Orden zu sein. Was die
Danae betrifft, so machten die Mannspersonen zu Smyrna kein Geheimnis daraus,
dass sie, ihrem Urteil nach, an Schönheit und Artigkeit alle andre Frauenzimmer,
galante und spröde, tugendhafte und andächtige, übertreffe. Es ist wahr, die
Geschichte meldet nicht, dass die Damen sich sehr beeifert hätten, das Urteil der
Mannspersonen durch ihren öffentlichen Beitritt zu bestätigen; allein soviel ist
gewiss, dass keine unter ihnen war, die sich selbst nicht gestanden hätte, dass,
eine einzige Person ausgenommen, die sie niemals öffentlich nennen wollten, die
schöne Danae alle übrigen eben so weit übertreffe, als sie von dieser einzigen
Ungenannten übertroffen werde. In der Tat war ihr Ruhm von dieser Seite so
festgesetzt, dass man das Gerücht nicht unwahrscheinlich fand, welches
versicherte, dass sie in ihrer ersten Jugend den berühmtesten Malern zum Modell
gedient habe; und dass sie bei einer solchen Gelegenheit den Namen erhalten,
unter welchem sie in Jonien berühmt war. Izo hatte sie zwar das dreissigste Jahr
schon zurückgelegt, allein ihre Schönheit hatte dadurch mehr gewonnen als
verloren; und der blendende Jugendglanz, der mit dem Mai des Lebens zu
verschwinden pflegt, wurde durch tausend andre Reizungen ersetzt, welche ihr,
nach dem Urteil der Kenner, eine gewisse Anziehungskraft gaben, die man, ohne
sich eines schwülstigen Ausdrucks schuldig zu machen, in gewissen Umständen für
unwiderstehlich halten konnte. Dem ungeachtet scheute sich, unter der Aegide der
Gleichgültigkeit, worin ihn damals ordentlicher Weise auch die schönsten Figuren
zulassen pflegten, der weise Hippias nicht, seine Tugend öfters dieser Gefahr
auszusetzen. Er war der schönen Danae unter dem Titel eines Freundes vorzüglich
angenehm, und die geheime Geschichte sagt so gar, dass sie ihn ehmals nicht
unwürdig gefunden, ihm eine Zeitlang eine noch interessantere Stelle, bei ihrer
Person anzuvertrauen; eine Stelle die nur von den liebenswürdigsten seines
Geschlechts bekleidet zu werden pflegte. Diese Dame war es, deren Beihülfe
Hippias sich zu Ausführung seines Anschlags wider den Agaton bedienen wollte,
dessen schwärmerische Tugend, seinen Gedanken nach, eine Beschimpfung seiner
Grundsätze war, die er viel weniger leiden konnte, als die allerscharfsinnigste
Widerlegung in forma. Er begab sich also zu der gewöhnlichen Stunde zu ihr, und
war kaum in den Saal getreten, wo sie sich befand, und in den Bedürfnissen des
Bades, von zween jungen Knaben, welche eher ein paar Liebesgötter zu sein
schienen, bedient wurde als sie schon in seinem Gesicht etwas bemerkte, das mit
seiner gewöhnlichen Heiterkeit einen Absatz machte. Was hast du, Hippias, sagte
sie zu ihm, dass du eine so tiefsinnige Mine mitbringst? Ich weiss nicht,
antwortete er, warum ich tiefsinnig aussehen sollte, wenn ich eine Dame im Bade
besuche; aber das weiss ich, dass ich dich noch nie so schön gesehen habe, als in
diesem Augenblick. Gut, sagte sie, das beweist, dass ich recht geraten habe. Ich
bin gewiss, dass ich heute nicht besser aussehe als das letztemal, da du mich
sahest; aber deine Phantasie ist höher gestimmt als gewöhnlich, und du schreibst
den Einfluss, den sie auf deine Augen hat, grossmütig auf die Rechnung des
Gegenstands, den du vor dir hast; ich wollte wetten, dass die hässlichste meiner
Kammermädchen, dir in diesem Augenblick eine Grazie scheinen würde. Ich habe,
versetzte Hippias, keine Ansprüche an eine lebhaftere Einbildungskraft zu machen
als Zeuxes und Aglaophon, welche sich nichts vollkommners zu erfinden getrauten
als Danae. Welche schöne Gelegenheit zu einer neuen Verwandlung, wenn ich
Jupiter wäre! - »Und was für eine Gestalt wolltest du annehmen, um zu gleicher
Zeit meine Sprödigkeit und deine liebe Gemahlin zu hintergehen? Denn ich glaube
kaum, dass unter allen geflügelten, vierfüssigen und kriechenden Tieren eines ist,
das nicht schon einem Unsterblichen hätte dienen müssen, irgend ein ehrliches
Mädchen zu beschleichen.« Ich würde mich nicht lange besinnen, sagte Hippias;
was für eine Gestalt könnte ich annehmen, die dir angenehmer und mir zu meiner
Absicht bequemer wäre, als dieses Sperlings, der deine Liebhaber so oft zu einer
gerechten Eifer sucht reizt; der, durch die zärtlichsten Namen aufgemuntert, mit
solcher Freiheit um deinen Nacken flattert, oder mit mutwilligem Schnabel den
schönsten Busen neckt, und die Liebkosungen allezeit doppelt wieder empfängt,
die er dir gemacht hat. Es ist dir leichter wie es scheint, versetzte die Dame,
einen Sperling an deine Stelle, als dich an die Stelle eines Sperlings zu
setzen; bald könntest du mir die Schmeicheleien meines kleinen Lieblings
verdächtig machen. Aber genug von den Wundern, die du meiner Schönheit
zutrauest; wir wollen von was anderm reden. Weissest du, dass ich meinem Liebhaber
den Abschied gegeben habe? »Dem schönen Hyacintus?« Ihm selbst, und was noch
mehr ist, mit dem festen Entschluss, seine Stelle nimmer zu ersetzen. »Das ist
eine tragische Entschliessung, schöne Danae.« Nicht so sehr als du denkest. Ich
versichre dich, Hippias, meine Geduld reicht nicht mehr zu, alle Torheiten
dieser abgeschmackten Gecken auszustehen, welche die Sprache der Empfindung
reden wollen und nichts fühlen; deren Herz nicht so viel als mit einer
Nadelritze verwundet ist, ob sie gleich von Martern und von Flammen reden; die
unfähig sind etwas anders zu lieben als sich, und denen meine Augen nur zum
Spiegel dienen sollen, um darin den Wert ihrer kleinen unverschämten Figur zu
bewundern. Kaum glauben sie ein Recht an unsre Gütigkeit zu haben, so bilden sie
sich ein, dass sie uns viel Ehre erweisen, wenn sie unsere Liebkosungen mit einer
zerstreuten Mine dulden. Ein jeder Blick, den sie auf mich werfen, sagt mir, dass
ich ihnen nur zum Spielzeug diene; und die Hälfte meiner Reizungen geht an ihnen
verloren, weil sie keine Seele haben, um die Schönheiten einer Seele zu
empfinden. Dein Unwille ist gerecht, versetzte der Sophist; es ist verdriesslich,
dass man diesen Mannsleuten nicht begreiflich machen kann, dass die Seele das
liebenswürdigste an einem schönen Frauenzimmer ist. Aber beruhige dich; nicht
alle Männer denken so unedel, und ich kenne einen, der dir gefallen würde, wenn
du, zur Abwechslung, einmal Lust hättest, es mit einem geistigen Liebhaber zu
versuchen. »Und wer kann das sein, wenn man fragen darf?« Es ist ein Jüngling,
gegen den deine Hyacinte nur Meerkatzengesichter sind, schöner als Adonis. -
»Fi, Hippias, das ist als wie wenn du sagtest, süsser als Honigseim. Du begreifst
nicht, wie sehr mir vor diesen schönen Herren ekelt.« O! das hat nichts zu
bedeuten; ich stehe dir für diesen. Er hat keinen von den Fehlern der schönen
Narcissen, die dir so ärgerlich sind. Kaum scheint er es zu wissen, dass er einen
Leib hat. Das ist ein Mensch wie man nicht viele sieht, schön wie Apollo, aber
geistig wie ein Zephyr; ein Mensch, der lauter Seele ist, der dich, wie du hier
bist, für eine blosse Seele ansehen würde, und der alles auf eine geistige Art
tut, was wir andere körperlich tun. Du verstehst mich ja, schöne Danae? »Nicht
allzuwohl; aber deine Beschreibung gefällt mir nichts desto minder. Du sprichst
doch im Ernst?« In ganzem Ernst: Wenn du Lust hast die metaphysische Liebe zu
kosten, so habe ich deinen Mann gefunden. Er ist platonischer als Plato selbst -
denn ich denke, du könntest uns geheime Nachrichten von diesem berühmten Weisen
geben. »Ich erinnere mich, antwortete Danae lächelnd, dass er einmal mit einer
meiner Freundinnen eine kleine Zerstreuung gehabt hat, die du ihm nicht übel
nehmen musst. Wo ist ein Geist, dem ein hübsches Mädchen von achtzehn Jahren
nicht einen Körper geben könnte?« Du kennest meinen Mann noch nicht, erwiderte
Hippias; die Göttin von Paphos, ja du selbst würdest es bei ihm so weit nicht
bringen. Du kannst ihn Tag und Nacht um dich haben. Du kannst ihn auf alle
Proben stellen, du kannst ihn bei dir schlafen lassen, Danae, ohne dass er dir
Gelegenheit geben wird, nur die mindeste kleine Ausrufung anzubringen; kurz, bei
ihm kann deine Tugend ganz ruhig einschlummern, ohne jemals in Gefahr zu kommen,
aufgeweckt zu werden. »Ach! nun verstehe ich dich; es verlohnte sich der Mühe
nicht, den Scherz so weit zu treiben. Ich verlange keinen Liebhaber der sich nur
darum an meine Seele hält, weil ihm das übrige zu nichts nütze ist.« Auch ist
derjenige, den ich dir anpreise, weit entfernt in diese Classe zu gehören; mache
dir darüber keinen Kummer. Was du für die Folge einer physischen Notwendigkeit
hältst, ist bei ihm die Würkung der Tugend, und der erhabnen Philosophie, von
der er Profession macht. »Du machst mich sehr neugierig ihn zu sehen; aber weisst
du, Hippias, dass meine Eitelkeit nicht zu frieden wäre, auf eine so kaltsinnige
Art geliebt zu sein. Es ist wahr, ich bin dieser mechanischen Liebhaber von
Herzen überdrüssig; aber ich würde mit einem andern eben so übel zu frieden
sein, der gegen dasjenige ganz unempfindlich wäre, wofür jene allein empfindlich
sind. Ein Frauenzimmer findet allezeit ein Vergnügen darin, Begierden
einzuflössen, auch wann sie nicht im Sinn hat, sie zu vergnügen. Die Spröden
selbst sind von dieser Schwachheit nicht ausgenommen. Wozu haben wir nötig, dass
uns ein Liebhaber sagt, dass wir reizend sind? Wir wollen es aus den Würkungen
sehen, die wir auf ihn machen. Je weiser er ist, desto schmeichelnder ist es für
unsre Eitelkeit, wenn wir ihn aus seiner Fassung setzen können. Nein, du
begreifst nicht, wie sehr das Vergnügen, das uns der Anblick aller der Torheiten
macht, wozu wir diese Herren der Schöpfung bringen können, alle andre
übertrifft, die sie uns zu machen fähig sind. Ein Philosoph, der zu meinen Füssen
wie eine Turteldaube girret, der mir zu Gefallen seine Haare und seinen Bart
kräuseln lässt, der so wohl riecht wie ein Arabischer Salbenhändler, der mir den
Hof zu machen, mit meinem Schosshund schwatzt und Oden auf meinen Sperling macht
- ah! Hippias, man muss ein Frauenzimmer sein, um zu begreifen, was das für ein
Vergnügen ist!« - Ich bedaure dich; erwiderte der schalkhafte Sophist, dass du
diesem Vergnügen bei dem Liebhaber, von dem ich rede, entsagen musst. Er hat
seine Proben schon gemacht. Er ist zärtlich wie ein junger Seufzer, aber, wie
gesagt, er ist es nur für die Seele der Schönen; alles übrige macht keinen
grössern Eindruck auf ihn, als ein Gemälde, oder eine Bildsäule. »Das wollen wir
sehen, versetzte Danae; ich verlange schlechterdings, dass du ihn diesen Abend zu
mir bringest; du wirst nur eine kleine Gesellschaft finden, die uns nicht
hindern soll. Aber wer ist denn dieser Ungenannte, von dem wir schon so lange
schwatzen?« Es ist ein Sclave, den ich vor etlichen Wochen von einem Cilicier
gekauft habe, aber ein Sclave, wie man sonst nirgends sieht. Er ist zu Delphi im
Tempel des Apollo erzogen worden, und, so viel ich vermute, wird er sein Dasein
der antiplatonischen Liebe dieses Gottes zu irgend einer artigen Schäferin zu
danken haben, die sich zu weit in seinen Lorbeerhain gewagt haben mag. Er ist
hernach eine geraume Zeit zu Aten gewesen, und die schönen Reden des Plato
haben die romanhafte Erziehung vollendet, die er in den geheiligten Hainen zu
Delphi erhalten. Er geriet durch einen Zufall in die Hände Cilicischer
Seeräuber, und aus diesen in die meinige. Er nannte sich Pytokles; aber weil
ich diese Art von Namen nicht leiden kann, so hiess ich ihn Callias, und er
verdient so zu heissen, denn er ist der schönste Mensch, den ich jemals gesehen
habe. Seine übrigen Gaben bestätigen die gute Meinung, die sein Anblick von ihm
erweckt. Er hat Verstand, Geschmack, und Wissenschaft; er ist ein Liebhaber und
ein Günstling der Musen; aber mit allen diesen Vorzügen ist er doch nichts
weiter als ein wunderlicher Kopf, ein Schwärmer und ein unbrauchbarer Mensch. Er
nennt seinen Eigensinn Tugend, weil er sich einbildet, die Tugend müsse die
Antipode der Natur sein; er hält die Ausschweifungen seiner Phantasie für
Vernunft, weil er sie in einen gewissen Zusammenhang gebracht hat; und sich
selbst für weise, weil er auf eine metodische Art raset. Er gefiel mir beim
ersten Anblick, ich fasste den Entschluss, etwas aus diesem jungen Menschen zu
machen; aber alle meine Mühe war umsonst; und wenn es möglich ist, dass er durch
jemand zu recht gebracht werden kann, so muss es durch ein Frauenzimmer
geschehen; denn ich glaube bemerkt zu haben, dass man nur durch sein Herz in
seinen Kopf kommen kann. Die Unternehmung wäre deiner würdig, schöne Danae, und
wenn sie dir nicht gelingt, so ist er unverbesserlich, und verdient nichts, als
dass man ihn seiner Torheit und seinem Schicksal überlasse.
    Du hast meinen ganzen Ehrgeiz rege gemacht, Hippias, versetzte die schöne
Danae; bringe ihn diesen Abend mit; ich will ihn sehen, und wenn er aus eben
denselben Elementen zusammengesetzt ist, wie andre Erder eine Probe machen, ob
Danae ihrer Lehrmeisterin würdig ist.
    Hippias war sehr erfreut, den Zweck seines Besuchs so glücklich erreicht zu
haben, und versprach beim Abschied, zur bestimmten Zeit diesen wunderbaren
Jüngling aufzuführen, an welchem die schöne Danae so begierig war, die Macht
ihrer Reizungen zu versuchen.
 
                                Drittes Capitel
                          Geschichte der schönen Danae
Die Dame, mit welcher unsre Leser im vorigen Capitel Bekanntschaft gemacht, hat
vermutlich einem guten Teil derselben nicht so übel gefallen, dass sie nicht eine
nähere Nachricht von dem Character und der Geschichte derselben erwarten
sollten; und wir sind desto geneigter, ihrem Verlangen ein Genüge zu tun, je
nötiger der Verfolg unsrer Geschichten zu machen scheint, dass der Leser in den
Stand gesetzt werde, der schönen Danae Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
    Die allgemeine Meinung zu Smyrna war, dass sie eine Tochter der berühmten
Aspasia von Milet sei, die, nachdem sie in ihrer Vaterstadt die Kunst der
Galanterie, wovon sie Profession machte, durch die Verbindung derselben mit der
Philosophie und den Künsten der Musen, zu jenem Grade der Vollkommenheit erhoben
hatte, der sie zur wahren Erfinderin derselben zu machen schien, nach Aten
gezogen war, wo sie sich ihrer seltnen Vorzüge auf eine so kluge Art zu bedienen
gewusst, dass sie sich endlich zur unumschränkten Beherrscherin des grossen
Perikles, der das ganze Griechenland beherrschte, oder wie die comischen Dichter
ihrer Zeit sich ausdrückten, zur Juno dieses ateniensischen Jupiters erhoben
hatte. Allein die Vermutungen, worauf sich diese Meinung von der Abkunft der
Danae gründete, können nicht für hinlänglich angesehen werden, das Zeugnis
verschiedner Geschichtschreiber zu überwägen, welche versichern, dass sie aus der
Insel Scios gebürtig gewesen, und nach dem Tod ihrer Eltern, in ihrem
vierzehnten Jahr mit einem Bruder nach Aten gekommen, um in dieser Stadt, worin
alle angenehmen Talente willkommen waren, durch die ihrigen ihren Unterhalt zu
gewinnen. Die Kunst, welche sie hier trieb, war eine Art von pantomimischen
Tänzen, wozu gemeiniglich nur eine oder zwo Personen erfordert wurden, und worin
die tanzende Person, nach der Modulation einer Flöte oder Leier, gewisse Stücke
aus der Götter- und Heldengeschichte der Griechen, durch Gebärden und Bewegungen
vorstellte. Allein, da diese Kunst wegen der Menge derer die sie trieben, nicht
zureichte sie zu unterhalten, so sah sich die junge Danae genötiget, den
Künstlern zu Aten die Dienste eines Models zu tun; und erhielt dadurch ausser
dem Nutzen, den sie davon zog, die schmeichelnde Ehre, bald als Diana, bald als
Venus auf die Altäre gestellt, die Bewunderung der Kenner und die Anbetung des
Pöbels zu erhalten. Bei einer solchen Gelegenheit trug es sich zu, dass sie von
dem jungen Alcibiades überraschet, und in der Stellung der Danae des Acrisius,
welche sie eben vorstellte, allzureizend befunden wurde, als dass einem geringern
als Alcibiades auch nur der Anblick so vieler Schönheiten erlaubt sein sollte.
Auf der andern Seite wurde die junge Danae von der Figur, den Manieren, dem
Stand und den Reichtümern dieses liebenswürdigen Verführers so sehr eingenommen,
dass er keine grosse Mühe hatte, sie zu bereden sich in seinen Schutz zu begeben.
Er brachte sie also in das Haus der Aspasia, welches zu gleicher Zeit eine
Academie der schönsten Geister von Aten, und eine Frauenzimmer-Schule war,
worin junge Mädchen von den vorzüglichsten Gaben, unter der Aufsicht einer so
vollkommnen Meisterin, eine Erziehung erhielten, welche sie zu der Bestimmung
geschickt machen sollte, die Grossen und die Weisen der Republik in ihren
Ruhestunden zu ergötzen. Danae machte sich diese Gelegenheit so wohl zu Nutze,
dass sie die Gunst, und endlich selbst die Vertraulichkeit der Aspasia erhielt,
welche, weit über die Niederträchtigkeit gemeiner Seelen erhaben, sich mit so
vielem Vergnügen in dieser jungen Person wieder hervorgebracht sah, dass sie
dadurch zu der Vermutung Anlass gab, deren wir bereits Erwähnung getan haben.
Inzwischen genoss Alcibiades allein der Früchte einer Erziehung, wodurch die
natürlichen Gaben seiner jungen Freundin zu einer Vollkommenheit entwickelt
wurden, die ihr den Namen der zweiten Aspasia erwarb; und die schöne Danae legte
sich selbst die Pflicht auf, eine Treue gegen ihn zu beobachten, die er nicht zu
erwidern nötig fand. Da die Liebe zur Veränderung eine stärkere Leidenschaft bei
ihm war, als die Liebe die ihm irgend ein Frauenzimmer einflössen konnte, so
musste auch Danae, nachdem sie sich eine geraume Zeit in dem ersten Platz bei ihm
erhalten hatte, einer andern weichen, die keinen Vorzug vor ihr hatte, als dass
sie ihm neu war. So schwach Danae von einer gewissen Seite sein mochte, so edel
war ihr Herz in andern Stücken. Sie liebte den Alcibiades, weil sie von seiner
Person und von seinen Eigenschaften bezaubert war, und dachte wenig daran, von
seinen Reichtümern Vorteil zu ziehen. Sie würde also nichts von ihm übrig
behalten haben, als das Andenken von dem liebenswürdigsten Mann ihrer Zeit
geliebt worden zu sein; wenn er nicht eben so stolz und freigebig gewesen wäre,
als sie, wider die Gewohnheit ihrer Gespielen, uneigennützig war. Ich verlasse
dich Danae, sagte er zu ihr, allein ich werde nicht zugeben, dass diejenige, die
einst dem Alcibiades zugehörte, jemals genötiget sein soll, dem Reichsten zu
überlassen, was nur dem Liebenswürdigsten gehört. Mit diesen Worten drang er ihr
eine Summe auf, die mehr als zulänglich war, sie von dieser Seite ausser aller
Gefahr zu setzen. Der Tod der Aspasia und die Veränderungen, die er nach sich
zog, bewogen sie, wenige Jahre darauf Aten zu verlassen, und nach etlichen
Begebenheiten, an denen ihr Herz keinen geringen Anteil hatte, Smyrna zu ihrem
beständigen Sitz zu erwählen. Hier hatte sie Gelegenheit dem jüngern Cyrus
bekannt zu werden, dessen liebenswürdige Eigenschaften durch die Feder des
Xenophon eben so bekannt worden sind, als der unglückliche Ausgang der
Unternehmung, wodurch er sich auf den Tron des ersten Cyrus zu schwingen
hoffte. Ihr erster Anblick unterwarf ihr das Herz dieses Prinzen, der so
empfindlich gegen diejenige Art von Reizungen war, wodurch sich die Schülerinnen
der Aspasia von den lebenden Statuen unterschieden, die in den Morgenländern zum
Vergnügen der Grossen bestimmt werden, und in der Tat zu dem einzigen Gebrauch
den diese von ihnen zu machen wissen, wenig Seele nötig haben, allein so
schmeichelhaft diese Eroberung für sie war, so konnte sie doch nichts bewegen,
ihn nach Sardes zu begleiten, und ihre Freiheit der Ehre aufzuopfern, die erste
seiner Sclavinnen zu sein. Sie blieb also in Smyrna zurück, wo sie durch die
grossmütige Freigebigkeit des Cyrus, der sich hierin von keinem Atenienser
übertreffen lassen wollte, in den Stand gesetzt war, ihre einzige Sorge sein zu
lassen, wie sie auf die angenehmste Art leben wollte. Sie bediente sich dieses
Glücks, wie es der Name der zwoten Aspasia erfoderte. Ihre Wohnung schien ein
Tempel der Musen und Grazien zu sein, und wenn Amor von einer so reizenden
Gesellschaft nicht ausgeschlossen war, so war es jener Amor, den die Musen beim
Anacreon mit Blumenkränzen binden, und der sich in dieser Gefangenschaft so wohl
gefällt, dass Venus ihn vergeblich bereden will, sich in seine vorige Freiheit
setzen zu lassen. Die Spiele, die Scherze und die Freuden, (wenn es uns erlaubt
ist, die Sprache Homers zu gebrauchen, wo die gewöhnliche zu matt scheint),
schlossen mit den lächelnden Stunden einen unauflöslichen Reihentanz um sie her,
und Schwermut, Überdruss, und Langeweile waren mit allen andern Feinden der Ruhe
und des Vergnügens aus diesem Wohnplatz der Freude verbannt.
    Wir haben, deucht uns, schon mehr als genug gesagt, um unsre Leser in keine
mittelmässige Sorge für die Tugend unsers Helden zu setzen. In der Tat hatte er
sich noch niemals in Umständen befunden, wo wir weniger hoffen dürfen, dass sie
sich werde erhalten können; die Gefahr worin sie bei der üppigen Pytia, unter
den rasenden Bacchantinnen und in dem Hause des weisen Hippias, welches dem
Stalle der Circe so ähnlich sah, geschwebet hatte, verdient nur nicht neben
derjenigen genannt zu werden, welcher wir ihn bald ausgesetzt sehen werden, und
deren wir ihn gerne überhoben hätten, wenn uns die Pflichten eines
Geschichtschreibers erlaubten, unsrer freundschaftlichen Parteilichkeit für ihn,
auf Unkosten der Wahrheit nachzugeben.
 
                                Viertes Capitel
  Wie gefährlich es ist, der Besitzer einer verschönernden Einbildungskraft zu
                                      sein
Wenn eine lebhafte Einbildungskraft ihrem Besitzer eine unendliche Menge von
Vergnügen gewährt, die den übrigen Sterblichen versagt sind; wenn ihre magische
Würkung alles Schöne in seinen Augen verschönert, und ihn da in Entzückung
setzt, wo andre kaum empfinden; wenn sie in glücklichen Stunden, ihm diese Welt
zu einem Paradiese macht, und in traurigen seine Seele von der Scene seines
Kummers hinwegzieht, und in andre Welten versetzt, die durch die vergrössernden
Schatten einer vollkommnen Wonne seinen Schmerz bezaubern: So müssen wir auf der
andern Seite gestehen, dass sie nicht weniger eine Quelle von Irrtümern, von
Ausschweifungen und von Qualen für ihn ist, wovon er, selbst mit Beihülfe der
Weisheit und mit der feurigsten Liebe zur Tugend, sich nicht eher losmachen
kann, bis er, auf welche Art es nun sein mag, so weit gekommen ist, die
allzugrosse Lebhaftigkeit derselben zu mässigen. Der weise Hippias hatte, die
Wahrheit zu gestehen, unserm Helden sehr wenig Unrecht getan, als er ihm eine
Einbildungskraft von dieser Art zuschrieb; ob wir ihm gleich in Absicht des
Mittels nicht völlig beifallen können, wodurch selbige, seiner Meinung nach, am
besten in das gehörige Gleichgewicht mit den übrigen Kräften der Seele gesetzt
werden könne. Die schlaue Danae hatte sich aus der Beschreibung des Hippias eine
solche Vorstellung von dem Agaton gemacht, dass sie alles gewonnen zu haben
glaubte, wenn sie nur seine Einbildungskraft auf ihre Seite gebracht haben
würde. Hippias, dachte sie, hatte nur darin gefehlt, dass er ihn durch die Sinnen
verführen wollte. Auf diese Voraussetzung machte sie einen Plan, über den sie
nicht wenig vergnügt war; und dachte so wenig daran, dass die Ausführung sie ihr
eignes Herz kosten könnte, als Agaton sich von der Gefahr träumen liess, die dem
seinigen zubereitet wurde. Endlich kam die Stunde, die dem Hippias bestimmt
worden war. Agaton begleitete seinen Herrn, ohne zu wissen wohin. Sie traten in
einen Palast, der auf einer doppelten Reihe von jonischen Säulen ruhte, und mit
vielen vergoldeten Bildsäulen ausgezieret war. Das Inwendige dieses Hauses
stimmte vollkommen mit der Pracht des äusserlichen Anblicks überein. Allentalben
begegnete ihm das geschäftige Gewimmel von unzählichen Sclaven und Sclavinnen,
wovon die erstern alle unter zwölf Jahren zu sein schienen, und so wie die
letztern von ausserordentlicher Schönheit waren. Ihre Kleidung stellte dem Aug'
eine angenehme Verbindung der Einförmigkeit mit der Abwechslung vor; einige
waren weiss, andre in himmelblau, andre in rosenfarb, andre in andre Farben
gekleidet, und jede Farbe schien eine besondere Classe zu bezeichnen, welcher
ihre eigne Dienste angewiesen waren. Agaton, auf den alles lebhaftere Eindrücke
machte, als es nötig war, um nach dem Massstab der Moralisten genug zu sein,
wurde durch alles was er sah, so sehr bezaubert, dass er sich in eine von seinen
idealischen Welten versetzt glaubte. Allein eh er Zeit hatte zu sich selbst zu
kommen, führte ihn Hippias in einen grossen und hellerleuchteten Saal, worin die
Gesellschaft versammelt war, welche sie vermehren sollten. Er hatte kaum einen
Blick auf sie geworfen, als die schöne Danae ihm mit einer Anmut und
Leutseligkeit die ihr eigen war, entgegen kam, und ihm sagte, dass ein Freund des
Hippias das Recht habe, sich in ihrem Hause und in dieser Gesellschaft als
einheimisch anzusehen. Ein so verbindliches Compliment verdiente wohl eine
Antwort in eben diesem Ton; allein Agaton war in diesem Augenblick ausser Stand,
höflich zu sein: Ein Blick, womit man den äussersten Grad des angenehmsten
Erstaunens malen müsste, war alles, was er auf diese Anred' erwidern konnte. Die
Gesellschaft, die er versammelt fand, war aus lauter solchen Personen
zusammengesetzt, welche die Vorrechte des vertrautesten Umgangs in diesem Hause
genossen, und die attische Urbanität, die von der spröden, regelmässigen und
manierenreichen Politesse der heutigen Europäer so sehr verschieden war, in
einem so hohen Grad als Danae selbst, besassen. In einer Gesellschaft nach der
heutigen Art würde Agaton, in den ersten Augenblicken, da er sich darstellte,
zu einer unendlichen Menge von boshaften und spöttischen Anmerkungen Stoff
gegeben haben; allein in dieser war ein flüchtiger Blick alles, was er
auszuhalten hatte. Die Unterredung wurde fortgesetzt, niemand zischelte dem
andern ins Ohr, oder schien das Erstaunen zu bemerken, mit der seine Augen die
schöne Danae zu verschlingen schienen; kurz, man liess ihm alle Zeit die er
brauchte um wieder zu sich selbst zu kommen, wofern sich anders dieser Ausdruck
für die Verfassung schickt, in der er sich diesen ganzen Abend durch befand.
Vielleicht erwartet man, dass wir eine nähere Erläuterung über diesen
ausserordentlichen Eindruck geben sollen, welchen Danae auf unsern allzureizbaren
Helden machte; allein wir sehen uns noch ausser Stand, die Neugierde des Lesers
über einen Punct zu befriedigen, wovon Agaton selbst noch nicht fähig gewesen
wäre, Rechenschaft zu geben: Soviel können wir inzwischen sagen, dass diese Danae
dem Anschein nach niemals weniger erwarten konnte, eine solche Würkung zu
machen; so wenig Mühe hatte sie sich gegeben, durch einen schlauen Putz ihre
Reizungen in ein günstiges Licht zu setzen. Ein Kleid von weissem Taft, mit
kleinen Streifen von Purpur, und eine halberöffnete Rose in ihrem schwarzen
Haar, machte ihren ganzen Staat aus; und von der Durchsichtigkeit, wodurch die
Kleidung der Cyane den Augen unsers Helden anstössig gewesen, war die ihrige so
weit entfernt, dass man mit besserm Recht an ihr hätte aussetzen können, dass sie
zu sehr verhüllt sei. Es ist wahr, sie hatte Sorge getragen, dass ein kleiner
niedlicher Fuss, der an Weisse den Alabaster übertraf, dem Auge nicht immer
entzogen würde; und die ganze Schönheit ihres Gesichts war nicht vermögend, den
Agaton aufmerksam zu erhalten, wenn sich dieser reizende Fuss sehen liess, allein
dieses, und eine schneeweisse Hand mit dem Anfang eines vollkommen schönen Arms
war alles, was das neidische Gewand den vorwitzigen Blicken nicht versagte; was
es also auch sein mochte, was in seinem Herzen vorging, so ist doch dieses
gewiss, dass an der Person und dem Betragen der schönen Danae nicht das mindeste
zu entdecken war, das einige besondere Absicht auf unsern Helden hätte anzeigen
können; und dass sie, es sei nun aus Unachtsamkeit oder Bescheidenheit, nicht
einmal zu bemerken schien, dass Agaton für sie allein Augen, und über ihrem
Anschauen den Gebrauch aller andern Sinnen verloren hatte.
 
                                Fünftes Capitel
                                   Pantomimen
Nach Endigung der Mahlzeit, bei welcher Agaton beinahe einen blossen Zuschauer
abgegeben hatte, trat ein Tänzer und eine junge Tänzerin herein, die nach der
Modulation eben so vieler Flöten die Geschichte des Apollo und der Daphne
tanzten. Die Geschicklichkeit der Tanzenden befriedigte alle Zuschauer; alles an
ihnen war Seele und Ausdruck, und man glaubte sie immer zu hören, ob man sie
gleich nur sah. Wie gefällt dir diese Tänzerin, Callias, fragte Danae den
Agaton, welcher nur mittelmässig aufmerksam auf dieses Spiel zu sein schien, und
der einzige war, der nicht beobachtete, dass die Tänzerin von ungemeiner
Schönheit, und eben so wie Cyane, kaum mit etwas mehr als gewebter Luft umhüllt
war. Mich deucht, versetzte Agaton, der izt erst anfing sie aufmerksamer
anzusehen, mich deucht, dass sie, vielleicht aus allzugrosser Begierde zu
gefallen, den Character verlässt den sie vorstellen soll. Warum sieht sie sich im
Fliehen um? Und mit einem Blick, der es ihrem Verfolger zu verweisen scheint,
dass er nicht schneller ist als sie? - Gut, sehr gut! (fuhr er fort, wie die
Stelle kam, wo Daphne den Flussgott um Hülfe anruft,) unverbesserlich! Wie sie
mitten in ihrem Gebet sich verwandelt! Wie sie erbleicht! Wie sie schauert! Ihre
Füsse wurzeln mitten in einer schreckhaften Bewegung ein; umsonst will sie ihre
ausgebreiteten Arme zurückziehen. - Aber warum dieser zärtlich-bange Blick auf
ihren Liebhaber? Warum diese Träne, die in ihrem Auge zu erstarren scheint? -
Ein allgemeines Lächeln beantwortete die Frage Agatons. Du tadelst gerade,
versetzte zuletzt einer von den Gästen, was wir am meisten bewundern. Eine
gewöhnliche Tänzerin würde nicht fähig gewesen sein, deinen Tadel zu verdienen.
Es ist unmöglich mehr Geist, mehr Feinheit und einen schönern Contrast in diese
Rolle zu bringen, als die kleine Psyche, (so hiess die Tänzerin) getan hat.
Daphne selbst war nicht bestürzter gewesen, da sie sich verwandelt fühlte, als
Agaton in dem Augenblick, als er den Namen Psyche hörte; er stockte mitten in
einem Worte, das er sagen wollte; er errötete, und seine Verwirrung war so
merklich, dass Danae, welche sie der Beschämung seines Tadels zuschrieb, für
nötig hielt, ihm zu Hülfe zu kommen. Der Tadel des Callias, sagte sie, beweist,
dass er den Geist, womit Psyche ihre Rolle gespielt, so gut empfunden hat, als
Phädrias. Aber vielleicht ist er darum nicht minder gegründet. Psyche sollte die
Person der Daphne gespielt haben, und hat ihre eigene gespielt; ist es nicht so,
Psyche? Du dachtest, wie würde mir's an Daphnens Stelle gewesen sein? - Und wie
hätte ichs anders machen können, meine Gebieterin? fragte die kleine Tänzerin.
»Du hättest den Character annehmen sollen, den ihr die Dichter geben, und hast
dich begnügt dich selbst in ihre Umstände zu setzen.« Was für ein Character ist
denn das, erwiderte Psyche. Einer Spröden, sagte der weise Hippias; das ist der
Lieblings-Character des Callias. Abermalige Gelegenheit zum Erröten für den
guten Agaton. Du hast es nicht erraten, sagte er; der Character, den Daphne
nach meiner Idee haben soll, ist Gleichgültigkeit und Unschuld; sie kann beides
haben, ohne eine Spröde zu sein. Psyche verdient also desto mehr Lob, erwiderte
Phädrias (für den sie, wie die Geschichte meldet, noch etwas mehr als eine
Tänzerin war) weil sie den Character verschönert hat, den sie vorstellen sollte.
Der Streit zwischen Liebe und Ehre erfordert mehr Genie um nachgeahmt zu werden,
und ist für den Zuschauer rührender, als die Gleichgültigkeit, die ihr Callias
geben will. Und zudem, wo ist die junge Nymphe, die gegen die Liebe eines so
schönen Gottes wie Apollo ist, gleichgültig sein könnte? Ich bin deiner Meinung,
sagte Hippias. Daphne flieht vor dem Apollo, weil sie ein junges Mädchen ist;
und weil sie ein junges Mädchen ist, so wünscht sie heimlich, dass er sie
erhaschen möge. Warum sieht sie sich so oft um, als um ihm zu verweisen, dass er
nicht schneller sei? Wie er ihr so nahe ist, dass sie nicht mehr entfliehen kann,
so fleht sie dem Flussgotte, dass er sie verwandeln soll. Grimasse! Warum stürzte
sie sich nicht in den Fluss, wenn es ihr Ernst war? Sie tat was eine Nymphe tun
soll, da sie den Flussgott anrief; das war in der Ordnung: Aber wer konnte auch
fürchten, so schnell erhört zu werden? Und in welchem Augenblick konnte sie es
weniger wünschen, als in eben diesem, da sie sich von den begierigen Armen ihres
Liebhabers schon umschlungen fühlte? Hatte sie sich denn aus einem andern Grund
ausser Atem geloffen, als damit er sie desto gewisser erhaschen möchte? Was ist
also natürlicher als der Unwille, der Schmerz und die Traurigkeit, womit sie
sein Betragen erwidert, da sie die Arme, womit sie ihn - zurückstossen will, zu
Lorbeerzweigen erstarret fühlt? Selbst der zärtliche Blick ist natürlich; die
Verstellung hört auf, wenn man in einen Lorbeerbaum verwandelt wird. War nicht
dieses das ganze Spiel der Psyche? Und kann etwas natürlicher sein? Es ist der
Character eines jungen Mädchens; eines von denen jungen Mädchen, versteht sichs,
mein lieber Callias, wie man sie in dieser materiellen Welt findet. Ich ergebe
mich, versetzte Agaton; die Tänzerin hat alles getan, was man von ihr fodern
konnte, und ich war lächerrlich zu erwarten, dass sie die Idee ausführen sollte,
die ich von einer Daphne in meiner Phantasie habe. Agaton hatte dieses kaum
gesprochen, als Danae, ohne ein Wort zusagen, aufstund, der Tänzerin einen Wink
gab, und mit ihr verschwand. In einer kleinen Weile kam die Tänzerin allein
wieder zurück, die Flöten fingen wieder an, und Apollo und Daphne wiederholten
ihre Pantomime. Aber wie erstaunte Agaton als ersah, dass es Danae selbst war,
die in der Kleidung der Tänzerin die Person der Daphne spielte! Armer Agaton!
Allzureizende Danae! Wer hätte es glauben sollen? Ihr ganzes Spiel drückte die
eigenste Idee des Agaton aus, aber mit einer Anmut, mit einer Zauberei, wovon
ihm seine Phantasie keine Idee gegeben hatte. Die Empfindungen, von denen seine
Seele in diesen Augenblicken überfallen wurde, waren so lebhaft, dass er sich
bemühte, seine Augen von diesem zu sehr bezaubernden Gegenstand abzuziehen; aber
vergeblich! Eine unwiderstehliche Gewalt zog sie zurück. Wie edel, wie schön
waren ihre Bewegungen! Mit welch einer rührenden Einfalt drückte sie den
Character der Unschuld aus! Er sah noch in sprachloser Entzückung nach dem Orte,
wo sie zum Lorbeerbaum erstarrte, als sie schon wieder verschwunden war, ohne
das Lob und das Händeklatschen der Zuschauer zu erwarten, welche nicht Worte
genug finden konnten, das Vergnügen auszudrücken, das ihnen Danae durch diese
unerwartete Probe ihres Talents gemacht hatte. In wenigen Minuten kam sie schon
wieder in ihrer eignen Person zurück. Wie sehr ist Callias dir verbunden, schöne
Danae, sagte Phädrias indem sie hereintrat! Du allein konntest seinen Tadel
rechtfertigen, nur diejenige konnte es, die liebenswürdig genug ist, um die
Sprödigkeit selbst reizend zu machen. Wie sehr wäre ein Apollo zu bedauern, für
den du Daphne wärest! Es war glücklich für den guten Agaton, dass er, indem
dieses mit einem bedeutenden Blick gesagt wurde, in dem Anschauen der schönen
Danae so verloren war, dass er nichts hörte; denn sonst würde ein abermaliges
Erröten die Auslegung zu diesem Text gemacht haben. Das Lob dieser Dame, und ein
Gespräch über die Tanzkunst füllte den Überrest der Zeit aus, welche diese
Gesellschaft noch beieinander zubrachte; ein Gespräch, dessen Mitteilung uns der
Leser gerne nachlassen wird, da wir seine Begierde nach angelegenern Materien zu
befriedigen haben. Nur diesen Umstand können wir nicht vorbeigehen, dass Agaton
bei diesem Anlass auf einmal so beredt wurde, als er vorher tiefsinnig und
stillschweigend gewesen war; eine lächelnde Heiterkeit schimmerte um sein ganzes
Gesicht, und noch niemal hatte sein Witz sich mit solcher Lebhaftigkeit
hervorgetan. Er erhielt den Beifall der ganzen Gesellschaft, und die schöne
Danae selbst konnte sich nicht entalten, ihn von Zeit zu Zeit mit einem
Ausdruck von Vergnügen und Zufriedenheit anzusehen; indessen dass in seinen nur
selten von ihr abgewandten Augen etwas glänzte, für welches wir uns umsonst
bemühet haben, in der Sprache der Menschen einen Namen zu finden.
 
                                Sechstes Capitel
                              Geheime Nachrichten
Wir haben von unserm Freunde Plutarch gelernt, dass sehr kleine Begebenheiten
öfters durch grosse Folgen merkwürdig werden, und sehr kleine Handlungen uns
nicht selten tiefere Blicke in das Inwendige der Menschen tun lassen, als die
feierlichen Handlungen, wozu man, weil sie dem öffentlichen Urteil ausgesetzt
sind, sich ordentlicher Weise in eine gewisse mit sich selbst abgeredete
Verfassung zu setzen pflegt. Die Gründlichkeit dieser Beobachtungen hat uns
bewogen, in der Geschichte der Pantomime, welche das vorige Capitel ausfüllt, so
umständlich zu sein; und wir hoffen uns deshalb vollkommen zu rechtfertigen,
wenn wir diese Erzählung durch dasjenige ergänzen, was die liebenswürdige Psyche
betrifft, mit welcher der Leser schon im ersten Buche, wiewohl nur im
Vorbeigehen, bekannt zu werden angefangen hat. Diese Psyche, so wie sie war,
hatte bisher unter allen Wesen, welche in die Sinne fallen, (wir setzen diese
Einschränkung nicht ohne Ursach hinzu, so seltsam sie auch in anti-platonischen
Ohren klingen mag) den ersten Platz in seinem Herzen eingenommen, und er hatte,
seitdem sie von ihm entfernt war, kein Frauenzimmer gesehen, die nicht durch die
blosse Erinnerung an Psyche alle Macht über sein Herz und selbst über seine
Sinnen verloren hätte; deren Bewegungen, wie man weiss, sonst nicht immer mit den
erstern so parallel laufen, als gewisse Romanenschreiber vorauszusetzen
scheinen. Die Wahrheit zu gestehen, so war dieses nicht die Würkung derjenigen
heroischen Treue und Standhaftigkeit in der Liebe, welche in besagten Romanen zu
einer Tugend von der ersten Classe gemacht wird; Psyche erhielt sich im Besitz
seines Herzens, weil ihm die Erinnerungen, die er von ihr hatte, angenehmer
waren, als die Empfindungen, die ihm irgend eine andre Schöne einzuflössen
vermocht, oder weil er bisher keine andre gesehen hatte, die so sehr nach seinem
Herzen gewesen wäre. Eine Erfahrung von etlichen Jahren beredete ihn, dass es
allezeit so sein würde, und daher kam vielleicht die Bestürzung, wovon er
befallen wurde, als der erste Anblick der schönen Danae ihm eine Vollkommenheit
darstellte, die seiner Einbildung nach allein jenseits des Mondes anzutreffen
sein sollte. Er müsste nicht Agaton gewesen sein, wenn diese Erscheinung sich
nicht seiner ganzen Seele so sehr bemeistert hätte, wie wir gesehen haben.
Niemals, deuchte ihn, hatte er in einem so hohen Grad und in einer so seltnen
Harmonie alle diese feinern Schönheiten, von denen gemeine Seelen nicht gerührt
zu werden fähig sind, vereiniget gesehen. Ihre Gestalt, ihre Blicke, ihr
Lächeln, ihre Gebärden, ihr Gang, alles hatte diese Vollkommenheit, welche die
Dichter den Göttinnen zuzuschreiben pflegen. Was Wunder also, dass er in den
ersten Stunden nichts als anschauen und bewundern konnte, und dass seine
entzückte Seele noch keine Zeit hatte auf dasjenige acht zu geben, was in ihr
vorging. In der Tat waren alle ihre übrigen Kräfte so gebunden, dass er wider
seine Gewohnheit in dieser ganzen Zeit sich seiner Psyche eben so wenig
erinnerte, als ob sie nie gewesen wäre. Allein als die junge Tänzerin zum
Vorschein kam, welche die Person der Daphne spielte, so stellte einige
Ähnlichkeit, die sie würklich in der Gesichtsbildung und Figur mit Psyche hatte,
ihm auf einmal, wie wohl ohne dass er sich dessen deutlich bewusst war, das Bild
seiner abwesenden Geliebten vor die Augen; seine Einbildungskraft setzte durch
eine gewöhnliche mechanische Würkung Psyche an die Stelle dieser Daphne, und
wenn er so vieles an der Tänzerin auszusetzen fand, so war es im Grunde nur
darum, weil die Vergleichung den Betrug des ersten Anblicks entdeckte, oder weil
sie nicht Psyche war. So gewöhnlich dergleichen Spiele der Einbildung sind, so
selten ist es, dass man den Einfluss deutlich unterscheidet, den sie auf unsre
Urteile oder Neigungen zu haben pflegen. Agaton selbst, der sich von seiner
ersten Jugend an eine Beschäftigung daraus gemacht hatte, den geheimen
Triebfedern seiner innerlichen Bewegungen nachzuspüren, merkte dennoch nicht
eher, was bei diesem Anlass in seiner Phantasie vorging, bis der Name Psyche,
dieser Name, dessen blosser Ton sonst Musik in seinen Ohren gewesen war, ihn
erschütterte, und in eine Verwirrung von Empfindungen setzte, die er selbst zu
beschreiben Mühe gehabt hat; wenn wir anders hievon nach der besondern
Dunkelheit, die in unsrer Urkunde über diese Stelle liegt, urteilen dürfen. Was
auch die Ursache dieser Bestürzung gewesen sein mag, so ist gewiss, dass er weit
davon entfernt war nur zu argwohnen, der Genius seiner ersten Liebe stutze
vielleicht darüber, eine Nebenbuhlerin in einem Herzen zu finden, welches er von
Psyche allein ausgefüllt zu sehen gewohnt war. Sein Selbstbetrug, wofern es
anders einer war, scheint desto mehr Entschuldigung zu verdienen, weil dieser
geliebte Name würklich in wenig Augenblicken seine ganze Zärtlichkeit rege
machte. Er bemerkte nun erst deutlich die Ähnlichkeiten, welche die beiden
Psychen mit einander hatten; er verglich sie mit einem Vorurteile, welches der
Abwesenden so günstig war, dass die Gegenwärtige ihr nur zum Schatten dienen
musste; ja wir wissen nicht, ob eine so lebhafte Erinnerung nicht endlich der
schönen Danae selbst Abbruch getan hätte, wenn diese, gleich als ob sie durch
eine Art von Divination erraten hätte was in seiner Seele vorging, auf den
glücklichen Einfall gekommen wäre, sich an den Platz der kleinen Tänzerin zu
setzen, um die Vorstellung auszuführen, welche sich Agaton von einer
idealischen Daphne gemacht, und deren die Geschmeidigkeit ihres Geistes sich so
schnell und so glücklich zu bemächtigen gewusst hatte. Einen schlimmern Streich
konnte sie in der Tat der einen und der andern Psyche nicht spielen. Beide
wurden von ihrem blendenden Glanze, wie benachbarte Sterne von dem vollen Mond,
ausgelöscht. Und wie hätte ihn auch das Bild seiner abwesenden Geliebten noch
länger beschäftigen können, da alle Anschauungskräfte seiner Seele, auf diesen
einzigen bezaubernden Gegenstand geheftet, ihm kaum zureichend schienen, dessen
ganze Vollkommenheit zu empfinden; da er diese sittliche Venus mit allen ihren
geistigen Grazien würklich vor sich sah, zu deren blossen Schattenbild ihn Psyche
zu erheben vermocht hatte?
    Wir wissen nicht, ob man eben ein Hippias sein müsste, um zu glauben, dass
gewisse Schönheiten von einer nicht so unkörperlichen, wiewohl in ihrer Art eben
so vollkommenen Natur, weit mehr als Agaton selbst gewahr wurde, zu dieser
Verzückung in die idealischen Welten beigetragen haben könnten, worin er während
dem pantomimischen Tanz der Danae sich befand. Die Nymphen-mässige Kleidung,
welche dieser Tanz erforderte, war nur allzugeschickt diese Reizungen in ihrer
ganzen Macht und in dem mannigfaltigsten Lichte zu entwickeln; und wir müssen
gestehen, die Göttin der Liebe selbst hätte sich nicht zuversichtlicher als die
untadeliche Danae dem Auge der schärfsten Kenner, ja selbst den Augen einer
Nebenbuhlerin, in diesem Aufzug überlassen dürfen. Der Charakter der
ungeschminkten Unschuld, welchen sie so unverbesserlich nachahmte, schien
dadurch einen noch lebhaftern Ausdruck zu erhalten; aber einen so lebhaften, dass
ein jeder andrer als ein Agaton dabei in Gefahr gewesen wäre, die seinige zu
verlieren Freilich hatten die übrigen Zuschauer Mühe genug, sich zu entalten,
die Rolle des Apollo in ganzem Ernste zu machen; aber von unsern Helden hatte
Danae nichts zu besorgen; und sie fand dass Hippias nicht zuviel von ihm
versprochen hatte. Diese materiellen Schönheiten, die er nicht einmal deutlich
unterschied, weil sie in seinen Augen mit den geistigen in Eins
zusammengeflossen waren, mochten den Grad der Lebhaftigkeit seiner Empfindungen
noch so sehr erhöhen, so konnten sie doch die Natur derselben nicht verändern;
niemals in seinem Leben waren sie reiner, Begierden-freier, unkörperlicher
gewesen. Kurz, so widersinnisch es jenen aus gröberm Stoff gebildeten
Erdensöhnen, welche in dem vollkommensten Weibe nur ein Weib sehen, scheinen
mag, so gewiss war es, dass Danae mit einer Gestalt und in einem Aufzug, welcher
(mit dem weisen Hippias zu reden) einen Geist hätte verkörpern mögen, diesen
seltsamen Jüngling in einen so völligen Geist verwandelte, als man jemals
diesseits und vielleicht auch jenseits des Mondes gesehen hat.
 
                                  Fünftes Buch
                                 Erstes Capitel
  Was die Nacht durch in den Gemütern einiger von unsern Personen vorgegangen
Wir haben schon so viel von der gegenwärtigen Gemütsverfassung unsers Helden
gesagt, dass man sich nicht verwundern wird, wenn wir hinzusetzen, dass er den
übrigen Teil der Nacht in ununterbrochenem Anschauen dieser idealen
Vollkommenheit zubrachte, die seine Einbildungskraft mit einer ihr gewöhnlichen
Kunst, und ohne dass er den Betrug merkte, an die Stelle der schönen Danae
geschoben hatte. Dieses Anschauen setzte sein Gemüt in eine so angenehme und
ruhige Entzückung, dass er, gleich als ob nun alle seine Wünsche befriediget
wären, nicht das geringste von der Unruhe, den Begierden, der innerlichen
Gärung, der Abwechslung von Frost und Hitze fühlte, womit die Leidenschaft, mit
der man ihn, nicht ohne Wahrscheinlichkeit, behaftet glauben konnte, sich
ordentlicher Weise anzukündigen pflegt.
    Was die Danae betrifft, welche die Ehre hatte, diese erhabene Entzückungen
in ihm zu erwecken, so brachte sie den Rest der Nacht wo nicht mit eben so
erhabenen doch in ihrer Art mit ebenso angenehmen Betrachtungen zu. Agaton
hatte ihr gefallen, sie war mit dem Eindruck, den sie auf ihn gemacht,
zufrieden; und sie glaubte, nach den Beobachtungen, die ihr dieser Abend bereits
an die Hand gegeben, dass sie sich selbst mit gutem Grunde zutrauen könne, ihn,
durch die gehörigen Gradationen, zu einem zweiten und vielleicht standhaftern
Alcibiades zu machen. Nichts war ihr hiebei angenehmer als die Bestätigung des
Plans, den sie sich über die Art und Weise, wie man seinem Herzen am leichtesten
beikommen könne, gemacht hatte. Es ist wahr, dass der Einfall, sich an die Stelle
der Tänzerin zu setzen, ihr erst in dem Augenblick gekommen war, da sie ihn
ausführte; allein sie würde ihn nicht ausgeführt haben, wenn sie nicht die gute
Würkung davon mit einer Art von Gewissheit vorausgesehen hätte. Hätte sie in dem
ersten Augenblick, da sie sich ihm darstellte, in ihren Gebärden, oder in ihrem
Anzug das mindeste gehabt, das ihm anstössig hätte sein können, so würde es ihr
schwer gewesen sein, den widrigen Eindruck dieses ersten Augenblicks jemals
wieder gut zu machen. Agaton musste in den Fall gesetzt werden, sich selbst zu
hintergehen, ohne es gewahr zu werden; und wenn er für subalterne Reizungen
empfindlich gemacht werden sollte, so musste es durch Vermittlung der
Einbildungskraft und auf eine solche Art geschehen, dass die geistigen und die
materiellen Schönheiten sich in seinen Augen vermengten, und dass er in den
letztern nichts als den Widerschein der ersten zu sehen glaubte. Danae wusste
sehr wohl, dass die intelligible Schönheit keine Leidenschaft erweckt, und dass
die Tugend selbst, wenn sie (wie Plato sagt) in sichtbarer Gestalt
unaussprechliche Liebe einflössen würde, diese Würkung mehr der blendenden Weisse
und dem reizenden Contour eines schönen Busens, als der Unschuld, die aus
demselben hervorschimmerte, zuzuschreiben haben würde. Allein das wusste Agaton
noch nicht; er musste also betrogen werden, und, so wie sie es anging, konnte sie
mit der grössten Wahrscheinlichkeit hoffen, dass es ihr gelingen würde.
    Der weise Hippias hatte zuviel Ursache, den Agaton bei dieser Gelegenheit
zu beobachten, als dass ihm das geringste entgangen wäre, was ihn von dem
glücklichen Fortgang seines Anschlags zu versichern schien. Allein er
schmeichelte sich zuviel, wenn er hoffte, Callias werde, in dem ecstatischen
Zustande, worin er zu sein schien, ihn zum Vertrauten seiner Empfindungen
machen. Das Vorurteil, welches dieser wider ihn gefasst hatte, verschloss ihm den
Mund, so gern er auch dem Strome seiner Begeisterung den Laufgelassen hätte.
Eine Danae war in seinen Augen ein so vortrefflicher Gegenstand, und das was er
für sie empfand, so rein, so weit über die brutale Denkungsart eines Hippias
erhaben; dass er durch eine unzeitige Vertraulichkeit gegen diesen Ungeweihten
beides zu enteiligen geglaubt hätte.
 
                                Zweites Capitel
                     Eine kleine metaphysische Abschweifung
Es gibt so verschiedne Gattungen von Liebe, dass es, wie uns ein Kenner derselben
versichert hat, nicht unmöglich wäre, drei oder vier Personen zu gleicher Zeit
zu lieben, ohne dass sich eine derselben über Untreue zu beklagen hätte. Agaton
hatte in einem Alter von siebzehn Jahren für die Priesterin zu Delphi etwas zu
empfinden angefangen, das derjenigen Art von Liebe glich, die, nach dem Ausdruck
des Fieldings, ein wohlzubereiteter Rostbeef einem Menschen einflösst, der guten
Appetit hat. Diese Liebe hatte, ehe er selbst noch wusste, was daraus werden
könnte, der Zärtlichkeit weichen müssen, welche ihm Psyche einflösste. Die
Zuneigung, die er zu diesem liebenswürdigen Geschöpfe trug, war eine Liebe der
Sympatie, eine Harmonie der Herzen, eine geheime Verwandtschaft der Seelen, die
sich denen, so sie nicht aus Erfahrung kennen, unmöglich beschreiben lässt; eine
Liebe an der das Herz und der Geist mehr Anteil nimmt als die Sinnen, und die
vielleicht die einzige Art von Verbindung ist, welche, (wofern sie allgemein
sein könnte) den Sterblichen einigen Begriff von den Verbindungen und Vergnügen
himmlischer Geister zu geben fähig wäre. Wir sehen voraus, dass unsre meisten
Leser bei dieser Stelle die Nase rümpfen, und zweifeln werden, ob wir uns selbst
verstehen; allein wir lassen uns dieses gar nicht anfechten. Sancho, wenn er
(wie es ihm zuweilen begegnete) eine Menge schöner Sachen vorgebracht hatte,
wovon weder sein Herr noch irgend ein andrer, oder auch er selbst etwas
verstehen konnte, pflegte sich damit zu trösten, dass er sagte: Gott versteht
mich; und der Geschichtschreiber des Agatons kann es ganz wohl leiden, dass
diese und ähnliche Stellen seines Werkes von allen andern Lesern für Galimatias
gehalten werden, da er versichert ist, dass *** ihn versteht - - Agaton könnte
also von dieser gedoppelten Art von Liebe, wovon eine die Antipode der andern
ist, aus Erfahrung sprechen; allein diejenige, worin jene beiden sich in
einander mischen, die Liebe, welche die Sinnen, den Geist und das Herz zugleich
bezaubert, die heftigste, die reizendste und gefährlichste aller Leidenschaften,
war ihm mit allen ihren Symptomen und Würkungen noch unbekannt; und es ist also
kein Wunder, dass sie sich schon seines ganzen Wesens bemeistert hatte, eh es ihm
nur eingefallen war, ihr zu widerstehen. Es ist wahr, dasjenige was in seinem
Gemüte vorging, nachdem er in zween oder drei Tagen die schöne Danae weder
gesehen, noch etwas von ihr gehört hatte, hätte den Zustand seines Herzens einem
unbefangnen Zuschauer verdächtig gemacht; aber er selbst war weit entfernt das
geringste Misstrauen in die Unschuld seiner Gesinnungen zu setzen. Was ist
natürlicher, als das Verlangen, das vollkommenste und liebenswürdigste unter
allen Wesen, nachdem man es einmal gesehen hat, immer zu sehen? Solche Schlüsse
macht die Leidenschaft. »Aber was sagte denn die Vernunft dazu?« Die Vernunft?
O, die sagte gar nichts. Übrigens müssen wir doch, es mag nun zur Entschuldigung
unsers Helden dienen oder nicht, den Umstand nicht aus der Acht lassen, dass er
von der schönen Danae nichts anders wusste, als was er gesehen hatte. Der
Charakter, den ihr die Welt beilegte, war ihm gänzlich unbekannt; er hatte noch
keinen Anlass, und, die Wahrheit zu sagen, auch kein Verlangen gehabt, sich
darnach zu erkundigen.
 
                                Drittes Capitel
        Worin die Absichten des Hippias einen merklichen Schritt machen
Inzwischen waren ungefähr acht Tage verflossen, welche dem stillschweigenden und
melancholischen Agaton, zu grossem Vergnügen des boshaften Sophisten,
achtundert Jahre dauchten, als dieser an einem Morgen zu ihm kam, und mit einer
gleichgültigen Art zu ihm sagte: Danae hat einen Aufseher über ihre Gärten und
Landgüter vonnöten; was sagst du zu dem Einfall, den ich habe, dich an diesen
Platz zu setzen? Mich daucht, du würdest dich nicht übel zu einem solchen Amte
schicken; hast du nicht Lust in ihre Dienste zu treten? Ein Wort, welches
Bestürzung und übermässige Freude, Misstrauen und Hoffnung, Erblassen und Glühen
zu gleicher Zeit ausdrückte, würde uns wohl zustatten kommen, die Verwirrung
auszudrücken, worein diese Anrede den guten Agaton setzte. Sie war zu gross, als
dass er sogleich hätte antworten können. Allein die Augen des Hippias, in denen
er einen Teil der Bosheit lase, die der Sophist zu verbergen sich bemühte, gaben
ihm bald die Sprache wieder. Wenn du Lust hast, dich auf diese Art von mir los
zu machen, versetzte er mit so vieler Fassung als ihm möglich war, so hab ich
nur eine Bedenklichkeit - »Und diese ist?« - dass ich mich sehr schlecht auf die
Landwirtschaft verstehe. Das hat nichts zu bedeuten, antwortete der Sophist; du
wirst Leute unter dir haben, die sich desto besser darauf verstehen, und das ist
genug. Im übrigen glaube ich, dass du mit Vergnügen in diesem Hause sein wirst.
Du liebest das Landleben, und du wirst Gelegenheit haben alle seine
Annehmlichkeiten zu schmecken. Wenn du es zufrieden bist, so geh ich, um diese
Sache in Richtigkeit zu bringen. Du hast dir das Recht erkauft, mit mir zu
machen was du willt, erwiderte Agaton. Die Wahrheit zu sagen, fuhr Hippias
fort, ungeachtet der kleinen Misshelligkeiten unsrer Köpfe, verlier ich dich
ungern: allein Danae scheint es zu wünschen, und ich habe Verbindlichkeiten
gegen sie; sie hat, ich weiss nicht woher, eine grosse Meinung von deiner
Fähigkeit gefasst, und da ich alle Tage Gelegenheit haben werde, dich in ihrem
Hause zu sehen, so kann ich mirs um so eher gefallen lassen, dich an eine
Freundin abzutreten, von der ich gewiss bin, dass dir so begegnet werden wird, wie
du es verdienest. Agaton beharrte in dem Ton der Gleichgültigkeit, den er
angenommen hatte, und Hippias, dem es Mühe genug kostete, die Spöttereien
zurückzuhalten, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen kamen, verliess ihn, ohne
sich merken zu lassen, dass er wüsste, was er von dieser Gleichgültigkeit denken
sollte. Das Betragen Agatons bei diesem Anlass wird ihn vielleicht in den
Verdacht setzen, dass er sich bewusst gewesen sei, dass es nicht richtig in seinem
Herzen stehe, warum hätte er sonst nötig gehabt sich zu verbergen? Allein man
muss sich der Vorurteile erinnern, die er wider den Sophisten gefasst hatte, um zu
sehen, dass er vollkommen in seinem Charakter blieb, indem er Empfindungen vor
ihm zu verbergen suchte, die einem so unverbesserlichen Anti-Platon ganz
unverständlich oder vollkommen lächerrlich gewesen wären. Die Freude, welcher er
sich überliess, so bald er sich allein sah, lässt uns keinen Zweifel übrig, dass er
damals noch nicht das geringste Misstrauen in sein Herz gesetzt habe. Diese
Freude war über allen Ausdruck.
    Liebhaber von einer gewissen Art können sich eine Vorstellung davon machen,
welche der allerbesten Beschreibung wert ist; und den übrigen würde diese
Beschreibung ohngefähr so viel helfen, als eine Seekarte einem Fussgänger. Die
unvergleichliche Danae wieder zu sehen; nicht nur wieder zu sehen, in ihrem
Hause zu sein, unter ihren Augen zu leben, ihres Umgangs zu geniessen, vielleicht
- ihrer Freundschaft gewürdiget zu werden - hier hielt seine entzückte
Einbildungskraft stille. Die Hoffnungen eines gewöhnlichen Liebhabers würden
weiter gegangen sein; allein Agaton war kein gewöhnlicher Liebhaber. Ich liebe
die schöne Danae, sagte Hyacintus, da er nach ihrem Genuss lüstern war; eben
darum liebt ihr sie nicht, würde ihm die Socratische Diotima geantwortet haben.
Derjenige, der in dem Augenblick, da ihm seine Geliebte den ersten Kuss auf ihre
Hand gestattet, einen Wunsch nach einer grössern Glückseligkeit hat, muss nicht
sagen, dass er liebe.
 
                                Viertes Capitel
                             Veränderung der Scene
Danae hatte von der Freigebigkeit des Prinzen Cyrus, ausser dem Hause, welches
sie zu Smyrna bewohnte, ein Landgut, in der anmutigsten Gegend ausserhalb dieser
Stadt, wo sie von Zeit zu Zeit einige dem Vergnügen geweihte Tage zuzubringen
pflegte. Hieher musste sich Agaton begeben, um von seinem neuen Amte Besitz zu
nehmen, und dasjenige zu veranstalten, was zum Empfang seiner Gebieterin nötig
war, welche sich vorgenommen hatte, den Rest der schönen Jahrszeit auf dem Lande
zu geniessen. Wir widerstehen der Versuchung, eine Beschreibung von diesem
Landgut zu machen, um dem Leser das Vergnügen zu lassen, sich dasselbe so
wohlangelegt, so prächtig und so angenehm vorzustellen als er selbst es will.
Alles, was wir davon sagen wollen, ist, dass diejenigen, deren Einbildungskraft
einiger Unterstützung nötig hat, den sechszehnten Gesang des befreiten
Jerusalems lesen müssten, um sich eine Vorstellung von dem Orte zu machen, den
sich diese griechische Armide zum Schauplatz der Siege auswählte, die sie über
unsern Helden zu erhalten hoffte. Sie fand nicht für gut, oder konnte es nicht
über sich selbst erhalten, ihn lange auf ihre Ankunft warten zu lassen; und sie
war kaum angelangt, als sie ihn zu sich rufen liess, und ihn durch folgende
Anrede in eine angenehme Bestürzung setzte: »Die Bekanntschaft, die wir vor
einigen Tagen mit einander gemacht haben, wäre, auch ohne die Nachrichten, die
mir Hippias von dir gegeben, schon genug gewesen, mich zu überzeugen, dass du für
den Stand nicht geboren bist, in den dich ein widriger Zufall gesetzt hat. Die
Gerechtigkeit, die ich Personen von Verdiensten widerfahren zu lassen fähig bin,
gab mir das Verlangen ein, dich aus einer Abhänglichkeit von dem Hippias zu
setzen, welche die Verschiedenheit deiner Denkungsart von der seinigen, dir in
die Länge beschwerlich gemacht hätte. Er hatte die Gefälligkeit, dich mir als
eine Person vorzuschlagen, die sich schickte, die Stelle eines Aufsehers in
meinem Hause zu vertreten. Ich nahm sein Erbieten an, um das Vergnügen zu haben,
den Gebrauch davon zu machen, den ich deinen Verdiensten und meiner Denkungsart
schuldig bin. Du bist frei, Callias, und vollkommen Meister zu tun was du für
gut befindest. Kann die Freundschaft, die ich dir anbiete, dich bewegen bei mir
zu bleiben, so wird der Name eines Amtes, von dessen Pflichten ich dich völlig
freispreche, wenigstens dazu dienen, der Welt eine begreifliche Ursache zu
geben, warum du in meinem Hause bist; wo nicht, so soll das Vergnügen, womit ich
zu Beförderung der Entwürfe, die du wegen deines künftigen Lebens machen kannst,
die Hand bieten werde, dich von der Lauterkeit der Bewegungsgründe überzeugen,
welche mich so gegen dich zu handeln angetrieben haben.« Die edle und
ungezwungene Anmut, womit dieses gesprochen wurde, vollendete die Würkung, die
eine so grossmütige Erklärung auf den Empfindungs-vollen Agaton machen musste.
»Was für eine Art zu denken! was für eine Seele!« Konnt' er weniger tun, als
sich zu ihren Füssen werfen, um in Ausdrücken, deren Verwirrung ihre ganze
Beredsamkeit ausmachte, der Bewundrung und der Dankbarkeit Luft zu machen, deren
Übermass seine Brust zersprengen zu wollen schien. Keine Danksagungen, Callias
unterbrach ihn die grossmütige Danae, was ich getan habe, ist nicht mehr als ich
einem jeden andern, der deine Verdienste hätte, eben sowohl schuldig zu sein
glaubte - Ich habe keine Ausdrücke für das was ich empfinde, anbetungswürdige
Danae, rief der entzückte Agaton, ich nehme dein Geschenk an, um das Vergnügen
zu geniessen, dein freiwilliger Sclave zu sein eine Ehre, gegen die ich die Krone
des Königs von Persien verschmähen würde. Ja, schönste Danae, seitdem ich dich
gesehen habe, kenne ich kein grösseres Glück als dich zu sehen; und wenn alles,
was ich in deinem Dienste tun kann, fähig sein kann, dich von der
unaussprechlichen Empfindung, die ich von deinem Werte habe, zu überzeugen;
würdig sein kann, mit einem zufriednen Blick von dir belohnt zu werden - o
Danae! wer wird denn so glücklich sein als ich? Lasst uns, sagte die bescheidne
Nymphe, ein Gespräch enden, das die allzugrosse Dankbarkeit deines Herzens auf
einen zu hohen Ton gestimmt hat. Ich habe dir gesagt, auf was für einem Fuss du
hier sein wirst. Ich sehe dich als einen Freund meines Hauses an, dessen
Gegenwart mir Vergnügen macht, dessen Wert ich hoch schätze, und dessen Dienste
mir in meinen Angelegenheiten desto nützlicher sein können, da sie freiwillig
und die Frucht einer uneigennützigen Freundschaft sein werden. Mit diesen Worten
verliess sie den dankbaren Agaton, in dessen Erklärung einige vielleicht
Schwulst und Unsinn, oder wenigstens zuviel Feuer und Entzückung gefunden haben
werden. Allein sie werden sich zu erinnern belieben, dass Agaton weder in einer
so gelassenen Gemütsverfassung war, wie sie; noch alles wusste, was sie durch
unsere Indiscretion von der schönen Danae erfahren haben Wir wissen freilich was
wir ungefähr von ihr denken sollen; allein in seinen Augen war sie eine Göttin;
und zu ihren Füssen liegend konnte er, zumal bei der Verbindlichkeit, die er ihr
hatte, natürlicher Weise, diese Danae nicht mit einer so philosophischen
Gleichgültigkeit ansehen, wie wir andern.
    Agaton war nun also ein Hausgenosse der schönen Danae, und entfaltete mit
jedem Tage neue Verdienste, die ihn dieses Glücks würdig zeigten, und die seine
geringe Achtung für den Hippias ihn verhindert hatte, in dessen Hause sehen zu
lassen. Da nebst den besondern Ergötzungen des Landlebens diese feinere Art von
Belustigungen, an denen der Witz und die Musen den meisten Anteil haben, die
hauptsächlichste Beschäftigung war, wozu man die Zeit in diesem angenehmen
Aufentalt anwendete; so hatte er Gelegenheit genug, seine Talente von dieser
Seite schimmern zu lassen; und seine bezauberte Phantasie gab ihm so viele
Erfindungen an die Hand, dass er keine andre Mühe hatte, als diejenigen
auszuwählen, die er am geschicktesten glaubte, seine Gebieterin und die kleine
Gesellschaft von vertrauten Freunden, die sich bei ihr einfanden, zu ergötzen.
So weit war es schon mit demjenigen gekommen, der vor wenigen Wochen es für eine
geringschätzige Bestimmung hielt, in der Person eines unschuldigen Anagnosten
die Jonischen Ohren zu bezaubern.
    In der Tat können wir länger nicht verbergen, dass diese unbeschreibliche
Empfindung (wie er dasjenige nannte was ihm die schöne Danae eingeflösst hatte)
dieses ich weiss nicht was, welches wir, so wenig er es auch gestanden hätte,
ganz ungescheut Liebe nennen wollen, in dem Lauf von wenigen Tagen so sehr
zugenommen hatte, dass einem jeden andern als einem Agaton die Augen über den
wahren Zustand seines Herzens aufgegangen wären. Wir wissen wohl, dass die
Umständlichkeit unsrer Erzählung bei diesem Teile seiner Geschichte, den
Ernstaftern unter unsern Lesern, wenn wir anders dergleichen haben werden, sehr
langweilig vorkommen wird. Allein die Achtung, die wir ihnen schuldig sind, kann
uns nicht verhindern, uns die Vorstellung zu machen, dass diese Geschichte
vielleicht künftig, und wenn es auch nur aus einem Gewürzladen wäre, einem
jungen noch nicht ganz ausgebrüteten Agaton in die Hände fallen könnte, der aus
einer genauern Beschreibung der Veränderungen, welche die Göttin Danae nach und
nach in dem Herzen und der Denkungsart unsers Helden hervorgebracht, sich
gewisse Beobachtungen und Cautelen ziehen könnte, von denen er vielleicht einen
guten Gebrauch zu machen Gelegenheit bekommen möchte. Wir glauben also, wenn wir
diesem zukünftigen Agaton zu Gefallen uns die Mühe nehmen, der Leidenschaft
unsers Helden von der Quelle an in ihrem wiewohl noch geheimen Lauf nachzugehen,
desto eher entschuldiget zu sein, da es allen übrigen, die mit diesen Anecdoten
nichts zu machen wissen, frei steht, das folgende Capitel zu überschlagen.
 
                                Fünftes Capitel
                  Natürliche Geschichte der Platonischen Liebe
Die Quelle der Liebe, sagt Zoroaster, oder hätte es doch sagen können, ist das
Anschauen eines Gegenstandes, der unsre Einbildungskraft bezaubert. Der Wunsch
diesen Gegenstand immer anzuschauen, ist der erste Grad derselben. Je
bezaubernder dieses Anschauen ist, und je mehr die an dieses Bild der
Vollkommenheit angeheftete Seele daran zu entdecken und zu bewundern findet,
desto länger bleibt sie in den Grenzen dieses ersten Grades der Liebe stehen.
Dasjenige was sie hiebei erfährt, kommt anfangs demjenigen ausserordentlichen
Zustande ganz nahe, den man Verzückung nennt; alle andere Sinnen, alle würksamen
Kräfte der Seele scheinen stille zu stehen, und in einen einzigen Blick, worin
man keiner Zeitfolge gewahr wird, verschlungen zu sein. Dieser Zustand ist
zugewaltsam, als dass er lange dauern könnte; langsamer oder schneller macht er
der Empfindung eines unaussprechlichen Vergnügens Platz, welches die natürliche
Folge jenes ecstatischen Anschauens ist, und wovon, wie einige Adepten uns
versichert haben, keine andre Art von Vergnügen oder Wollust uns einen bessern
Begriff geben kann, als der unreine und düstre Schein einer Pechfackel von der
Klarheit des unkörperlichen Lichts, worin, nach der Meinung der Morgenländischen
Weisen, die Geister als in ihrem Elemente leben. Dieses innerliche Vergnügen
äussert sich bald durch die Veränderungen, die es in dem mechanischen Teil unsers
Wesens hervorbringt; es wallt mit hüpfender Munterkeit in unsern Adern, es
schimmert aus unsern Augen, es giesst eine lächelnde Heiterkeit über unser
Gesicht, und gibt allen unsern Bewegungen eine neue Lebhaftigkeit und Anmut: es
stimmt und erhöhet alle Kräfte unsrer Seele, belebt das Spiel der Phantasie und
des Witzes, und kleidet, so zu sagen, alle unsre Ideen in den Schimmer und die
Farbe der Liebe. Ein Liebhaber ist in diesem Augenblick mehr als ein
gewöhnlicher Mensch; er ist (wie Plato sagt) von einer Gotteit voll, die aus
ihm redet und würket; und es ist keine Vollkommenheit, keine Tugend, keine
Heldentat so gross, wozu er in diesem Stande der Begeistrung und unter den Augen
des geliebten Gegenstands nicht fähig wäre. Dieser Zustand dauert noch fort,
wenn er gleich von demselben entfernt wird, und das Bild desselben, das seine
ganze Seele auszufüllen scheint, ist so lebhaft, dass es einige Zeit braucht, bis
er der Abwesenheit des Urbildes gewahr wird. Aber kaum empfindet die Seele diese
Abwesenheit, so verschwindet jenes Vergnügen mit seinem ganzen bezauberten
Gefolge; man erfährt in immer zunehmenden Graden das Gegenteil von allen
Würkungen jener Begeisterung, wovon wir geredet haben; und derjenige der vor
kurzem mehr als ein Mensch schien, scheint nun nichts als der Schatten von sich
selbst, ohne Leben, ohne Geist, zu nichts geschickt als in einöden Wildnissen
wie ein Gespenst umherzuirren, den Namen seiner Göttin in Felsen einzugraben,
und den tauben Bäumen seine Schmerzen vorzuseufzen; ein kläglicher Zustand, in
Wahrheit, wenn nicht ein einziger Blick des Gegenstands, von dem diese seltsame
Bezauberung herrührt, hinlänglich wäre, in einem Wink diesem Schatten wieder
einen Leib, dem Leib eine Seele, und der Seele diese Begeisterung wieder zu
geben, durch welche sie ohne Beobachtung einiger Gradation von der Verzweiflung
zu unermesslicher Wonne übergeht. Wenn Agaton dieses alles nicht völlig in so
hohem Grad erfuhr, als andre von seiner Art, so muss dieses vermutlich allein dem
Einfluss beigemessen werden, den seine werte Psyche noch in dasjenige hatte, was
in seinem Herzen vorging. Allein wir müssen gestehen, dieser Einfluss wurde immer
schwächer; die lebhaften Farben, womit ihr Bild seiner Phantasie ehemals
vorgeschwebt hatte, wurden immer matter; und anstatt dass ihn sonst sein Herz an
sie erinnert hatte, musste es izt von ohngefähr und durch einen Zufall geschehen.
Endlich verschwand dieses Bild gänzlich; Psyche hörte auf für ihn zu existieren,
ja kaum erinnerte er sich alles dessen, was vor seiner Bekanntschaft mit der
schönen Danae vorgegangen war anders, als ein erwachsener Mensch sich seiner
ersten Kindheit erinnert. Es ist also leicht zu begreifen, dass seine ganze
vormalige Art zu empfinden und zu sein, einige Veränderung erlitt, und gleichsam
die Farbe und den Ton des Gegenstands bekam, der mit einer so unumschränkten
Macht auf ihn würkte. Sein ernstaftes Wesen machte nach und nach einer gewissen
Munterkeit Platz, die ihm vieles, das er ehmals missbilliget hatte, in einem
günstigern Lichte zeigte; seine Sittenlehre wurde unvermerkt freier und
gefälliger, und seine ehmaligen guten Freunde, die eterischen Geister, wenn sie
ja noch einigen Zutritt bei ihm hatten, mussten sich gefallen lassen, die Gestalt
der schönen Danae anzunehmen, um vorgelassen zu werden. Vor Begierde der
Beherrscherin seines Herzens zu gefallen, vergass er, sich um den Beifall
unsichtbarer Zuschauer seines Lebens zu bekümmern; und der Zustand der
entkörperten Seelen deuchte ihn nicht mehr so beneidenswürdig, seitdem er im
Anschauen dieser irdischen Göttin ein Vergnügen genoss, welches alle seine
Einbildungen überstieg. Der Wunsch immer bei ihr zu sein, war nun erfüllt, dem
zweiten, der auf diesen gefolget sein würde, dem Verlangen ihre Freundschaft zu
besitzen war sie selbst gleich anfangs grossmütiger Weise zuvorgekommen, und die
verbindliche und vertraute Art, wie sie etliche Tage lang mit ihm umging, liess
ihm von dieser Seite nichts zu wünschen übrig. Er hatte ihre Freundschaft, nun
wünschte er auch ihre Zärtlichkeit zu haben - - Ihre Zärtlichkeit! - - Ja, aber
eine Zärtlichkeit, wie nur die Einbildungskraft eines Agaton fähig ist, sich
vorzustellen. Kurz, da er anfing zu merken, dass er sie liebe, so wünschte er
wieder geliebt zu werden. Allein er liebte sie mit einer so uneigennützigen, so
geistigen, so begierdenfreien Liebe, als ob sie eine Sylphide gewesen wäre; und
der kühnste Wunsch, den er zu wagen fähig war, war nur, in derjenigen
sympatetischen Verbindung der Seelen mit ihr zu stehen, wovon ihm Psyche die
Erfahrung gegeben hatte. Wie angenehm (dacht er) wie entzückungsvoll, wie sehr
über alles, was die Sprache der Sterblichen ausdrücken kann, müsste eine solche
Sympatie mit einer Danae sein, da sie mit Psyche schon so angenehm gewesen war!
Zum Unglück für unsern Platoniker war dieses ein Plan, wozu Danae, welche dieses
mal keine Sylphide spielen wollte, sich nicht so gut anliess, als er es gewünscht
hatte. Sie fuhr immer fort sich in den Grenzen der Freundschaft zu halten, und,
die Wahrheit zu sagen, sie war entweder nicht geistig genug, sich von dieser
intellectualischen Liebe, von der er ihr so viel schönes vorsagte, einen rechten
Begriff zu machen; oder sie fand es lächerrlich, in ihrem Alter und mit ihrer
Figur eine Rolle zu spielen, die, nach ihrer Denkungsart, sich nur für eine
Person schickte die im Bade keine Besuche mehr annimmt; wenn sie gleich allzu
bescheiden war, ihm dieses mit Worten zu sagen, so fand sie doch Mittel genug,
ihm ihre Gedanken über diesen Punct auf eine vielleicht eben so nachdrückliche
Art zu erkennen zu geben. Gewisse kleine Nachlässigkeiten in ihrem Putz, ein
verräterischer Zephyr, oder ihr Sperling, der indem sie neben Agaton auf einer
Ruhebank sass, mit mutwilligem Schnabel an dem Gewand zerrte, das zu ihren Füssen
herabfloss, schienen seiner äterischen Liebe zu spotten, und ihm Aufmunterungen
zu geben, die ein minder bezauberter Liebhaber nicht nötig gehabt hätte. Danae
hatte Ursache mit der Würkung dieser kleinen Kunstgriffe zufrieden zu sein.
Agaton, welcher sich angewöhnt hatte, den Leib und die Seele als zwei
verschiedene Wesen zu betrachten, und in dessen Augen Danae eine geraume Zeit
nichts anders, als (nach dem Ausdruck des Guidi) eine himmlische Schönheit in
einem irdischen Schleier gewesen war, vermengte diese beiden Wesen je länger je
mehr in seiner Phantasie mit einander, und er konnte es desto leichter, da in
der Tat alle körperlichen Schönheiten seiner Göttin so beseelt waren, und alle
Schönheiten ihrer Seele so lebhaft aus diesem reizenden Schleier
hervorschimmerten, dass es beinahe unmöglich war, sich eine ohne die andre
vorzustellen. Dieser Umstand brachte zwar keine wesentliche Veränderung in
seiner Art zu lieben hervor; doch ist gewiss, dass er nicht wenig dazu beitrug,
ihn unvermerkt in eine Verfassung zu setzen, welche die Absichten der schlauen
Danae mehr zu begünstigen als abzuschrecken schien. O du, für den wir aus
grossmütiger Freundschaft uns die Mühe gegeben haben, dieses dir allein gewidmete
Capitel zu schreiben, halte hier ein und frage dein Herz. Wenn du eine Danae
gefunden hast (armer Jüngling! welche Molly Seagrim kann es nicht in deinen
bezauberten Augen sein?) und du verstehest den Schluss dieses Capitels, so kömmt
unsre Warnung schon zu spät, und du bist verloren, fliehe, von dem Augenblick
an, da du sie gesehen fliehe; und erstecke den Wunsch sie wieder zu sehen! Wenn
du das nicht kannst; wenn du, nachdem du diese Warnung gelesen, nicht willst: so
bist du kein Agaton mehr, so bist du was wir andern alle sind; tue was du
willst, es ist nichts mehr an dir zu verderben.
 
                                Sechstes Capitel
     Worin der Geschichtschreiber sich einiger Indiscretion schuldig macht
Die schöne Danae war sehr weit entfernt, gleichgültig gegen die Vorzüge des
Callias zu sein, und es kostete ihr würklich, so gesetzt sie auch war, einige
Mühe, ihm zu verbergen, wie sehr sie von seiner Liebe gerührt war, und wie gern
sie sich dieselbe zu Nutz gemacht hätte. Allein aus einem Agaton einen
Alcibiades zu machen, das konnte nicht das Werk von etlichen Tagen sein, und um
so viel weniger, da er durch unmerkliche Schritte, und ohne, dass sie selbst
etwas dabei zu tun schien, zu einer so grossen Veränderung gebracht werden musste,
wenn sie anders dauerhaft sein sollte. Die grosse Kunst war, unter der Maske der
Freundschaft seine Begierden zu eben der Zeit zu reizen, da sie selbige durch
eine unaffectierte Zurückhaltung abzuschrecken schien. Allein auch dieses war
nicht genug; er musste vorher die Macht zu widerstehen verlieren; wenn der
Augenblick einmal gekommen sein würde, da sie die ganze Gewalt ihrer Reizungen
an ihm zu prüfen entschlossen war. Eine zärtliche Weichlichkeit musste sich
vorher seiner ganzen Seele bemeistern, und seine in Vergnügen schwimmende Sinnen
mussten von einer süssen Unruhe und wollüstigen Sehnsucht eingenommen wer den, ehe
sie es wagen wollte, einen Versuch zu machen, der, wenn er zu früh gemacht
worden wäre, gar leicht ihren ganzen Plan hätte vereiteln können. Zum Unglück
für unsern Helden ersparte ihr seine magische Einbildungskraft die Hälfte der
Mühe, welche sie aus einem Übermass von Freundschaft anwenden wollte, ihm die
Verwandlung, die mit ihm vorgehen sollte, zu verbergen. Ein Lächeln seiner
Göttin war genug, ihn in Vergnügen zu zerschmelzen; ihre Blicke schienen ihm
einen überirdischen Glanz über alles auszugiessen, und ihr Atem der ganzen Natur
den Geist der Liebe einzuhauchen: Was musste denn aus ihm werden, da sie zu
Vollendung ihres Sieges alles anwendete, was auch den unempfindlichsten unter
allen Menschen zu ihren Füssen hätte legen können? Agaton wusste noch nicht, dass
sie die Laute spielte, und in der Musik eine eben so grosse Virtuosin als in der
Tanzkunst war. Die Feste und Lustbarkeiten, in deren Erfindung er unerschöpflich
war, um ihr den ländlichen Aufentalt angenehmer zu machen, gaben ihr Anlass, ihn
durch Entdeckung dieser neuen Reizungen in Erstaunen zu setzen. Es ist billig,
sagte sie zu ihm, dass ich deine Bemühungen, mir Vergnügen zu machen, durch eine
Erfindung von meiner Art erwidre. Diesen Abend will ich dir den Wettstreit der
Sirenen und der Musen geben, ein Stück des berühmten Damons, das ich noch aus
Aspasiens Zeiten übrig habe, und das von den Kennern für das Meisterstück der
Tonkunst erklärt wurde. Die Anstalten sind schon dazu gemacht, und du allein
sollst der Zuhörer und Richter dieses Wettgesangs sein. Niemals hatte den
Agaton eine Zeit länger gedaucht, als die wenigen Stunden, die er in Erwartung
dieses versprochenen Vergnügens zubrachte. Danae hatte ihn verlassen um durch
ein erfrischendes Bad ihrer Schönheit einen neuen Glanz zu geben, indessen dass
er die verschwindenden Strahlen der untergehenden Sonne einen nach dem andern zu
zählen schien. Endlich kam die angesetzte Stunde. Der schönste Tag hatte der
anmutigsten Nacht Platz gemacht, und eine süsse Dämmerung hatte schon die ganze
schlummernde Natur eingeschleiert; als plötzlich ein neuer zauberischer Tag, den
eine unendliche Menge künstlich versteckter Lampen verursachte, den reizenden
Schauplatz sichtbar machte, welchen die Fee dieses Orts zu diesem Lustspiel
hatte zubereiten lassen. Eine mit Lorbeerbäumen beschattete Anhöhe erhob sich
aus einem spiegelhellen See, der mit Marmor gepflastert, und ringsum mit Myrten
und Rosenhecken eingefasst war. Kleine Quellen schlängelten den Lorbeerhain
herab, und rieselten mit sanftem Murmeln oder lächelndem Klatschen in den See,
an dessen Ufer hier und da kleine Grotten, mit Corallenmuscheln und andern
Seegewächsen ausgeschmückt hervorragten, und die Wohnung der Nymphen dieses
Wassers zu sein schienen. Ein kleiner Nachen in Gestalt einer Perlenmuschel, der
von einem marmornen Triton emporgehalten wurde, stund der Anhöhe gegen über am
Ufer, und war der Sitz, auf welchem Agaton als Richter den Wettgesang hören
sollte.
 
                               Siebentes Capitel
                            Magische Kraft der Musik
Agaton hatte seinen Platz kaum eingenommen, als man in dem Wasser ein wühlendes
Plätschern, und aus der Ferne, wie es liess, eine sanft zerflossene Harmonie
hörte, ohne jemand zu sehen, von dem sie herkäme. Unser Liebhaber, den dieser
Anfang in ein stilles Entzücken setzte, wurde, ungeachtet er zu diesem Spiele
vorbereitet war, zu glauben versucht, dass er die Harmonie der Sphären höre, von
deren Würklichkeit ihn die Pytagorischen Weisen beredet hatten; allein, während
dass sie immer näher kam und deutlicher wurde, sah er zu gleicher Zeit die Musen
aus dem kleinen Lorbeerwäldchen und die Sirenen aus ihren Grotten hervorkommen.
Danae hatte die jüngsten und schönsten aus ihren Aufwärterinnen ausgelesen,
diese Meernymphen vorzustellen, die, nur von einem wallenden Streif von
himmelblauem Byssus umflattert, mit Citern und Flöten in der Hand sich über die
Wellen erhuben, und mit jugendlichem Stolz untadeliche Schönheiten vor den Augen
ihrer eifersüchtigen Gespielen entdeckten. Allein kleine Tritonen bliesen, um
sie her schwimmend, aus krummen Hörnern, und neckten sie durch mutwillige
Spiele; indes dass Danae mitten unter den Musen, an den Rand der kleinen
Halbinsel herabstieg, und, wie Venus unter den Gratien, oder Diana unter ihren
Nymphen hervorglänzend, dem Auge keine Freiheit liess, auf einem andern
Gegenstande zu verweilen. Ein langes schneeweisses Gewand floss, unter dem
halbentblössten Busen mit einem goldnen Gürtel umfasst, in kleinen wallenden
Falten zu ihren Füssen herab; ein Kranz von Rosen wand sich um ihre Locken, wovon
ein Teil in kunstloser Anmut um ihren Nacken schwebte; ihr rechter Arm, auf
dessen Weisse die Homerische Juno eifersüchtig hätte sein dürfen, umfasste eine
Laute von Elfenbein. Die übrigen Musen, mit verschiednen Saiteninstrumenten
versehen, lagerten sich zu ihren Füssen; sie allein blieb in einer unnachahmlich
reizenden Stellung stehen, und hörte lächelnd der Aufforderung zu, welche die
übermütigen Syrenen ihr entgegensangen. Man muss ohne Zweifel gestehen, dass das
Gemälde, welches sich in diesem Augenblick unserm Helden darstellte, nicht sehr
geschickt war, weder sein Herz noch seine Sinnen in Ruhe zu lassen; allein die
Absicht der Danae war nur, ihn durch die Augen zu den Vergnügungen eines andern
Sinnes vorzubereiten, und ihr Stolz verlangte keinen geringern Triumph, als ein
so reizendes Gemälde durch die Zaubergewalt ihrer Stimme und ihrer Saiten in
seiner Seele auszulöschen. Sie schmeichelte sich nicht zu viel. Die Sirenen
hörten auf zu singen, und die Musen antworteten ihrer Ausforderung durch eine
Symphonie, welche auszudrucken schien, wie gewiss sie sich des Sieges hielten.
Nach und nach verlor sich die Munterkeit, die in dieser Symphonie herrschte; ein
feierlicher Ernst nahm ihren Platz ein, das Getön wurde immer einförmiger, bis
es nach und nach in ein dunkles gedämpftes Murmeln und zuletzt in eine gänzliche
Stille erstarb. Ein allgemeines Erwarten schien dem Erfolg dieser vorbereitenden
Stille entgegen zu horchen, als es auf einmal durch eine liebliche Harmonie
unterbrochen wurde, welche die geflügelten und seelenvollen Finger der schönen
Danae aus ihrer Laute lockten. Eine Stimme, welche fähig schien, die Seelen
ihren Leibern zu entführen, und Tote wieder zu beseelen (wenn wir einen Ausdruck
des Liebhabers der schönen Laura entlehnen dürfen) eine so bezaubernde Stimme
beseelte diese reizende Anrede. Der Inhalt des Wettgesangs war über den Vorzug
der Liebe, die sich auf die Empfindung, oder derjenigen, die sich auf die blosse
Begierde gründet. Nichts könnte rührender sein, als das Gemälde, welches Danae
von der ersten Art der Liebe machte; in solchen Tönen, dacht Agaton, ganz gewiss
in keinen andern, drücken die Unsterblichen einander aus, was sie empfinden; nur
eine solche Sprache ist der Götter würdig. Die ganze Zeit da dieser Gesang
dauerte, deuchte ihn ein Augenblick, und er wurde ganz unwillig, als Danae auf
einmal aufhörte, und eine der Sirenen, von den Flöten ihrer Schwestern
begleitet, kühn genug war, es mit seiner Göttin aufzunehmen. Allein er wurde
bald gezwungen anders Sinnes zu werden, als er sie hörte; alle seine Vorurteile
für die Muse konnten ihn nicht verhindern, sich selbst zu gestehen, dass eine
fast unwiderstehliche Verführung in ihren Tönen atmete. Ihre Stimme, die an
Weichheit und Biegsamkeit nicht übertroffen werden konnte, schien alle Grade der
Entzückungen auszudrücken, deren die sinnliche Liebe fähig ist; und das weiche
Getön der Flöten erhöhte die Lebhaftigkeit dieses Ausdrucks auf einen Grad, der
kaum einen Unterschied zwischen der Nachahmung und der Wahrheit übrig liess. Wenn
die Sirenen, bei denen der kluge Ulysses vorbeifahren musste, so gesungen haben,
(dachte Agaton) so hatte er wohl Ursache, sich an Händen und Füssen an den
Mastbaum binden zu lassen. Kaum hatten die Sirenen diesen Gesang geendiget, so
erhub sich ein frohlockendes Klatschen aus dem Wasser, und die kleinen Tritonen
stiessen in ihre Hörner, den Sieg anzudeuten, den sie über die Musen erhalten zu
haben glaubten. Allein diese hatten den Mut nicht verloren: Sie er munterten
sich bald wieder, und fingen eine Symphonie an, wovon der Anfang eine spottende
Nachahmung des Gesanges der Sirenen zu sein schien. Nach einer Weile wechselten
sie die Tonart und den Rhytmus durch ein Andante, welches in wenigen Tagen
nicht die mindeste Spur von den Eindrücken übrig liess, die der Syrenen Gesang
auf das Gemüte der Hörenden gemacht haben konnte. Eine süsse Schwermut
bemächtigte sich Agatons; er sank in ein angenehmes Staunen, unfreiwillige
Seufzer entflohen seiner Brust, und wollüstige Tränen rollten über seine Wangen
herab. Mitten aus dieser rührenden Harmonie erhob sich der Gesang der schönen
Danae, welche durch die eifersüchtigen Bestrebungen ihrer Nebenbuhlerin
aufgefordert war, die ganze Vollkommenheit ihrer Stimme, und alle Zauberkräfte
der Kunst anzuwenden, um den Sieg gänzlich auf die Seite der Musen zu
entscheiden. Ihr Gesang schilderte die rührenden Schmerzen einer wahren Liebe,
die in ihren Schmerzen selbst ein melancholisches Vergnügen findet; ihre
standhafte Treue und die Belohnung, die sie zuletzt von der zärtlichsten
Gegenliebe erhält. Die Art wie sie dieses ausführte, oder vielmehr die
Eindrücke, die sie dadurch auf ihren Liebhaber machte, übertrafen alles was man
sich davon vorstellen kann. Sein ganzes Wesen war Ohr, und seine ganze Seele
zerfloss in die Empfindungen, die in ihrem Gesange herrscheten. Er war nicht so
weit entfernt, dass Danae nicht bemerkt hätte, wie sehr er ausser sich selbst war,
und wie viel Mühe er hatte, um sich zu halten, aus seinem Sitz sich in das
Wasser herabzustürzen, zu ihr hinüber zu schwimmen, und seine in Entzückung und
Liebe zerschmolzene Seele zu ihren Füssen auszuhauchen. Sie wurde durch diesen
Anblick selbst so gerührt, dass sie genötiget war, die Augen von ihm abzuwenden,
um ihren Gesang vollenden zu können: Allein sie beschloss bei sich selbst, die
Belohnung nicht länger aufzuschieben, welche sie einer so vollkommenen Liebe
schuldig zu sein glaubte. Endlich endigte sich ihr Lied; die begleitende
Symphonie hörte auf; die beschämten Sirenen flohen in ihre Grotten; die Musen
verschwanden; und der staunende Agaton blieb in trauriger Entzückung allein.
 
                                 Achtes Capitel
      Eine Abschweifung, wodurch der Leser zum Folgenden vorbereitet wird
Wir können die Verlogenheit nicht verbergen, in welche wir uns durch die
Umstände gesetzt finden, worin wir unsern Helden zu Ende des vorigen Capitels
verlassen haben. Sie drohen dem erhabnen Charakter, den er bisher mit einer so
rühmlichen Standhaftigkeit behauptet, und wodurch er sich zweifelsohne in eine
nicht gemeine Hochachtung bei unsern Lesern gesetzt hat, einen Abfall, der
denenjenigen, welche von einem Helden eine vollkommene Tugend fordern, eben so
anstössig sein wird, als ob sie, nach allem was bereits mit ihm vorgegangen,
natürlicher Weise etwas bessers hätten erwarten können.
    Wie gross ist in diesem Stücke der Vorteil eines Romanendichters vor
demjenigen, welcher sich anheischig gemacht hat, ohne Vorurteil oder
Parteilichkeit, mit Verleugnung des Ruhms, den er vielleicht durch Verschönerung
seiner Charakter, und durch Erhebung des Natürlichen ins Wunderbare sich hätte
erwerben können, der Natur und Wahrheit in gewissenhafter Aufrichtigkeit
durchaus getreu zu bleiben! Wenn jener die ganze grenzenlose Welt des Möglichen
zu freiem Gebrauch vor sich ausgebreitet sieht; wenn seine Dichtungen durch den
mächtigen Reiz des Erhabnen und Erstaunlichen schon sicher genug sind, unsre
Einbildungskraft und unsre Eitelkeit auf seine Seite zu bringen; wenn schon der
kleinste Schein von Übereinstimmung mit der Natur hinlänglich ist, die Freunde
des Wunderbaren, welche immer die grösseste Zahl ausmachen, von ihrer Möglichkeit
zu überzeugen; ja, wenn er volle Freiheit hat, die Natur selbst umzuschaffen,
und, als ein andrer Prometeus, den geschmeidigen Ton, aus welchem er seine
Halbgötter und Halbgöttinnen bildet, zu gestalten wie es ihm beliebt, oder wie
es die Absicht, die er auf uns haben mag, erheischet: So sieht sich hingegen der
arme Geschichtschreiber genötiget, auf einem engen Pfade, Schritt vor Schritt in
die Fussstapfen der vor ihm hergehenden Wahrheit einzutreten, jeden Gegenstand so
gross oder so klein, so schön oder so hässlich, wie er ihn würklich findet,
abzumalen; die Würkungen so anzugeben, wie sie vermöge der unveränderlichen
Gesetze der Natur aus ihren Ursachen herfliessen; und wenn er seiner Pflicht ein
völliges Genügen getan hat, sich gefallen zu lassen, dass man seinen Helden am
Ende um wenig oder nichts schätzbarer findet, als der schlechteste unter seinen
Lesern sich ohngefähr selbst zu schätzen pflegt.
    Vielleicht ist kein unfehlbarers Mittel mit dem wenigsten Auf wand von
Genie, Wissenschaft und Erfahrenheit ein gepriesener Schriftsteller zu werden,
als wenn man sich damit abgibt, Menschen (denn Menschen sollen es doch sein)
ohne Leidenschaften, ohne Schwachheit, ohne allen Mangel und Gebrechen, durch
etliche Bände voll wunderreicher Abenteure, in der einförmigsten Gleichheit mit
sich selbst, herumzuführen. Eh ihr es euch verseht, ist ein Buch fertig, das
durch den erbaulichen Ton einer strengen Sittenlehre, durch blendende Sentenzen,
durch Charaktere und Handlungen, die eben so viele Muster sind, den Beifall
aller der guterzigen Leute überraschet, welche jedes Buch, das die Tugend
anpreist, vortrefflich finden. Und was für einen Beifall kann sich ein solches
Werk erst alsdenn versprechen, wenn der Verfasser die Kunst oder die natürliche
Gabe besitzt, seine Schreibart auf den Ton der Begeisterung zu stimmen, und,
verliebt in die schönen Geschöpfe seiner erhitzen Einbildungskraft, die Meinung
von sich zu erwecken, dass ers in die Tugend selber sei. Umsonst mag dann ein
verdächtiger Kunstrichter sich heiser schreien, dass ein solches Werk eben so
wenig für die Talente seines Urhebers beweise, als es der Welt Nutzen schaffe;
umsonst mag er vorstellen, wie leicht es sei, die Definitionen eines Auszugs der
Sittenlehre in Personen, und die Maximen des Epictets in Handlungen zu
verwandeln; umsonst mag er beweisen, dass die unfruchtbare Bewunderung einer
schimärischen Vollkommenheit, welche man nachzuahmen eben so wenig wahren
Vorsatz als Vermögen hat, das äusserste sei, was diese wackere Leute von ihren
hochfliegenden Bemühungen zum Besten einer ungelehrigen Welt erwarten können:
Der weisere Tadler heisst ihnen ein Zoilus, und hat von Glück zu sagen, wenn das
Urteil das er von einem so moralischen Werke des Witzes fällt, nicht auf seinen
eignen sittlichen Charakter zurückprallt, und die gesundere Beschaffenheit
seines Gehirns nicht zu einem Beweise seines schlimmen Herzens gemacht wird. Und
wie sollte es auch anders sein können? Unsre Eitelkeit ist zusehr dabei
interessiert, als dass wir uns derjenigen nicht annehmen sollten, welche unsre
Natur, wiewohl eignen Gewalts, zu einer so grossen Hoheit und Würdigkeit
erhalten. Es schmeichelt unserm Stolze, der sich ungern durch so viele Zeichen
von Vorzügen des Stands, des Ansehens, der Macht und des äusserlichen Glanzes
unter andre erniedriget sieht, die Mittel (wenigstens so lange das angenehme
Blendwerk daurt) in seiner Gewalt zu sehen, sich über die Gegenstände seines
Neides hinauf schwingen, und sie tief im Staube unter sich zurücklassen zu
können. Und wenn gleich die unverhehlbare Schwäche unsrer Natur uns auf der
einen Seite, zu grossem Vorteil unsrer Trägheit, von der Ausübung heroischer
Tugenden loszählt; so ergötzt sich doch inzwischen unsre Eigenliebe an dem süssen
Wahne, dass wir eben so wundertätige Helden gewesen sein würden, wenn uns das
Schicksal an ihren Platz gesetzt hätte.
    Wir müssen uns gefallen lassen, wie diese gewagten Gedanken, so natürlich
und wahr sie uns scheinen, von den verschiednen Classen unsrer Leser aufgenommen
werden mögen: Und wenn wir auch gleich Gefahr laufen sollten, uns ungünstige
Vorurteile zuzuziehen; so können wir doch nicht umhin, diese angefangene
Betrachtung um so mehr fortzusetzen, je grösser die Beziehung ist, welche sie auf
den ganzen Inhalt der vorliegenden Geschichte hat.
    Unter allen den übernatürlichen Charaktern, welche die mehrbelobten
romanhaften Sittenlehrer in einen gewissen Schwung von Hochachtung gebracht
haben, sind sie mit keinem glücklicher gewesen, als mit dem Heldentum in der
Grossmut, in der Tapferkeit und in der verliebten Treue. Daher finden wir die
Liebensgeschichten, Ritterbücher und Romanen, von den Zeiten des guten Bischofs
Heliodorus bis zu den unsrigen, von Freunden, die einander alles, sogar die
Forderungen ihrer stärksten Leidenschaften, und das angelegenste Interesse ihres
Herzens aufopfern; von Rittern, welche immer bereit sind, der ersten Infantin,
die ihnen begegnet, zu gefallen, sich mit allen Riesen und Ungeheuern der Welt
herumzuhauen; und (bis Crebillon eine bequemere Mode unter unsre Nachbarn
jenseits des Rheins aufgebracht hat) beinahe von lauter Liebhabern angefüllt,
welche nichts angelegners haben, als in der Welt herumzuziehen, um die Namen
ihrer Geliebten in die Bäume zu schneiden, ohne dass die reizendesten
Versuchungen, denen sie von Zeit zu Zeit ausgesetzt sind, vermögend wären, ihre
Treue nur einen Augenblick zu erschüttern. Man müsste wohl sehr eingenommen sein,
wenn man nicht sehen sollte, warum diese vermeinten Heldentugenden in eine so
grosse Hochachtung gekommen sind. Von je her haben die Schönen sich berechtiget
gehalten, eine Liebe, welche ihnen alles aufopfert, und eine Beständigkeit, die
gegen alle andre Reizungen unempfindlich ist, zu erwarten. Sie gleichen in
diesem Stücke den grossen Herren, welche verlangen, dass unserm Eifer nichts
unmöglich sein solle, und die sich sehr wenig darum bekümmern, ob uns dasjenige,
was sie von uns fordern, gelegen, oder ob es überhaupt recht und billig sei,
oder nicht. Eben so ist es für unsre Beherrscherinnen schon genug, dass der
Vorteil ihrer Eitelkeit und ihrer übrigen Leidenschaften sich bei diesen
vorgeblichen Tugenden am besten befindet, um einen Artabanus oder einen Grafen
von Comminges zu einem grössern Mann in ihren Augen zu machen, als alle Helden
des Plutarchs zusammengenommen. Und ist die unedle Eigennützigkeit oder der
feige Kleinmut, womit wir (zumal bei jenen Völkern, wo der Tod aus sittlichen
Ursachen mehr als natürlich ist, gefürchtet wird) den grössesten Teil der
bürgerlichen Gesellschaft angesteckt sehen, vielleicht weniger interessiert,
eine sich selbst ganz vergessende Grossmut und eine Tapferkeit, die von nichts
erzittert, zu vergöttern? Je vollkommener andre sind, desto weniger haben wir
nötig es zu sein; und je höher sie ihre Tugend treiben, desto weniger haben wir
bei unsern Lastern zu besorgen.
    Der Himmel verhüte, dass unsre Absicht jemals sei, in schönen Seelen diese
liebenswürdige Schwärmerei für die Tugend abzuschrecken, welche ihnen so
natürlich und öfters die Quelle der lobenswürdigsten Handlungen ist. Alles was
wir mit diesen Bemerkungen abzielen, ist allein, dass die romanhaften Helden, von
denen die Rede ist, noch weniger in dem Bezirke der Natur zu suchen seien als
die geflügelten Löwen und die Fische mit Mädchenleibern; dass es moralische
Grotesken seien, welche eine müssige Einbildungskraft ausbrütet, und ein
verdorbner moralischer Sinn, nach Art gewisser Indianer, destomehr vergöttert,
je weiter ihre verhältniswürdige Missgestalt von der menschlichen Natur sich
entfernet, welche doch, mit allen ihren Mängeln, das beste, liebenswürdigste und
vollkommenste Wesen ist das wir würklich kennen - - und dass also der Held unsrer
Geschichte, durch die Veränderungen und Schwachheiten, denen wir ihn unterworfen
sehen, zwar allerdings, wir gestehen es, weniger ein Held, aber destomehr ein
Mensch, und also desto geschickter sei, uns durch seine Erfahrungen, und selbst
durch seine Fehler zu belehren.
    Wir können indes nicht bergen, dass wir aus verschiednen Gründen in
Versuchung geraten sind, der historischen Wahrheit dieses einzige mal Gewalt
anzutun, und unsern Agaton, wenn es auch durch irgend einen Deum ex Machina
hätte geschehen müssen, so unversehrt aus der Gefahr, worin er sich würklich
befindet, herauszuwickeln, als es für die Ehre des Platonismus, die er bisher so
schön behauptet hat, allerdings zu wünschen gewesen wäre. Allein da wir in
Erwägung zogen, dass diese einzige poetische Freiheit uns nötigen würde, in der
Folge seiner Begebenheiten so viele andre Veränderungen vorzunehmen, dass die
Geschichte Agatons würklich die Natur einer Geschichte verloren hätte, und zur
Legende irgend eines moralischen Don Esplandians geworden wäre: So haben wir uns
aufgemuntert, über alle die ekeln Bedenklichkeiten hinauszugehen, die uns
anfänglich stutzen gemacht hatten, und uns zu überreden, dass der Nutzen, den
unsre verständigen Leser sogar von den Schwachheiten unsers Helden in der Folge
zu ziehen Gelegenheit bekommen könnten, ungleich grösser sein dürfte, als der
zweideutige Vorteil, den die Tugend dadurch erhalten hätte, wenn wir, durch eine
unwahrscheinlichere Dichtung als man im ganzen Orlando unsers Freunds Ariost
finden wird, die schöne Danae in die Notwendigkeit gesetzt hätten, in der Stille
von ihm zu denken, was die berühmte Phryne bei einer gewissen Gelegenheit von
dem weisen Xenocrates öffentlich gesagt haben soll.
    So wisset dann, schöne Leserinnen, (und hütet euch, stolz auf diesen Sieg
eurer Zaubermacht zu sein,) dass Agaton, nachdem er eine ziemliche Weile in
einem Gemütszustand, dessen Abschilderung den Pinsel eines Tomsons oder Gessners
erfoderte, allein zurückgeblieben war, wir wissen nicht ob aus eigner Bewegung
oder durch den geheimen Antrieb irgend eines antiplatonischen Genius den Weg
gegen einen Pavillion genommen, der auf der Morgenseite des Gartens in einem
kleinen Hain von Citronen- Granaten- und Myrtenbäumen auf jonischen Säulen von
Jaspis ruhte; dass er, weil er ihn erleuchtet gefunden, hineingegangen, und
nachdem er einen Saal, dessen herrliche Auszierung ihn nicht einen Augenblick
aufhalten konnte, und zwei oder drei kleinere Zimmer durchgeeilet, in einem
Cabinet, welches für die Ruhe der Liebesgöttin bestimmt schien, die schöne Danae
auf einem Sofa von nelkenfarbem Atlas schlafend angetroffen; dass er, nachdem er
sie eine lange Zeit in unbeweglicher Entzückung und mit einer Zärtlichkeit,
deren innerliches Gefühl alle körperliche Wollust an Süssigkeit übertrifft,
betrachtet hatte, endlich - - - - von der Gewalt der allmächtigen Liebe
bezwungen, sich nicht länger zu entalten vermocht, zu ihren Füssen kniend, eine
von ihren nachlässig ausgestreckten schönen Händen mit einer Inbrunst, wovon
wenige Liebhaber sich eine Vorstellung zu machen jemals verliebt genug gewesen
sind, zu küssen, ohne dass sie daran erwacht wäre; dass er hierauf noch weniger
als zuvor sich entschliessen können, so unbemerkt als er gekommen, sich wieder
hinwegzuschleichen; und kurz, dass die kleine Psyche, die Tänzerin, welche seit
der Pantomime, man weiss nicht warum, gar nicht seine Freundin war, mit ihren
Augen gesehen haben wollte, dass er eine ziemliche Weile nach Anbruch des Tages,
allein, und mit einer Mine, aus welcher sich sehr vieles habe schliessen lassen,
aus dem Pavillion hinter die Myrtenhecken sich weggestohlen habe.
 
                                Neuntes Capitel
           Nachrichten zu Verhütung eines besorglichen Missverstandes
Die Tugend (pflegt man dem Horaz nachzusagen) ist die Mittelstrasse zwischen
zween Abwegen, welche beide gleich sorgfältig zu vermeiden sind. Es ist ohne
Zweifel wohl getan, wenn ein Schriftsteller, der sich einen wichtigern Zweck als
die blosse Ergötzung seiner Leser vorgesetzt hat, bei gewissen Anlässen, anstatt
des zaumlosen Mutwillens vieler von den neuern Franzosen, lieber die bescheidne
Zurückhaltung des jungfräulichen Virgils nachahmet, welcher bei einer
Gelegenheit, wo die Angola's und Versorand's alle ihre Malerkunst verschwendet,
und sonst nichts besorget hätten, als dass sie nicht lebhaft und deutlich genug
sein möchten, sich begnügt uns zu sagen:
                  »Dass Dido und der Held in Eine Höhle kamen.«
Allein wenn diese Zurückhaltung so weit ginge, dass die Dunkelheit, welche man
über einen schlüpfrigen Gegenstand ausbreitete, zu Missverstand und Irrtum Anlass
geben könnte: So würde sie, deucht uns, in eine falsche Scham ausarten; und in
solchen Fällen scheint uns ratsamer zu sein, den Vorhang ein wenig wegzuziehen,
als aus übertriebener Bedenklichkeit Gefahr zu laufen, vielleicht die Unschuld
selbst ungegründeten Vermutungen auszusetzen. So ärgerlich also gewissen
Leserinnen, deren strenge Tugend bei dem blossen Namen der Liebe Dampf und
Flammen speit, der Anblick eines schönen Jünglings zu den Füssen einer selbst im
Schlummer lauter Liebe und Wollust atmenden Danae billig sein mag; so können wir
doch nicht vorbeigehen, uns noch etliche Augenblicke bei diesem anstössigen
Gegenstande aufzuhalten. Man ist so geneigt, in solchen Fällen der
Einbildungskraft den Zügel schiessen zu lassen, dass wir uns lächerrlich machen
würden, wenn wir behaupten wollten, dass unser Held die ganze Zeit, die er (nach
dem Vorgeben der kleinen Tänzerin) in dem Pavillion zugebracht haben soll, sich
immer in der ehrfurchtsvollen Stellung gehalten habe, worin man ihn zu Ende des
vorigen Capitels gesehen hat. Wir müssen vielmehr besorgen, dass Leute, welche
nichts dafür können, dass sie keine Agatons sind, vielleicht so weit gehen
möchten, ihn im Verdacht zu haben, dass er sich den tiefen Schlaf, worin Danae zu
liegen schien, auf eine Art zu Nutze gemacht haben könnte, welche sich
ordentlicher Weise nur für einen Faunen schickt, und welche unser Freund Johann
Jacob Rousseau selbst nicht schlechterdings gebilliget hätte, so scharfsinnig er
auch (in einer Stelle seines Schreibens an Herrn Dalembert) dasjenige zu
rechtfertigen weisst, was er »eine stillschweigende Einwilligung abnötigen«
nennet. Um nun unsern Agaton gegen alle solche unverschuldete Mutmassungen
sicher zu stellen, müssen wir zur Steuer der Wahrheit melden, dass selbst die
reizende Lage der schönen Schläferin, und die günstige Leichtigkeit ihres
Anzugs, welche ihn einzuladen schien, seinen Augen alles zu erlauben, seine
Bescheidenheit schwerlich überrascht haben würden, wenn es ihm möglich gewesen
wäre, der zauberischen Gewalt der Empfindung, in welche alle Kräfte seines
Wesens zerflossen schienen, Widerstand zu tun. Wir wagen nicht zuviel, wenn wir
einen solchen Widerstand in seinen Umständen für unmöglich erklären, nachdem er
einem Agaton unmöglich gewesen ist. Er überliess also endlich seine Seele der
vollkommensten Wonne ihres edelsten Sinnes, dem Anschauen einer Schönheit,
welche selbst seine idealische Einbildungskraft weit hinter sich zurücke liess;
und (was nur diejenigen begreifen werden, welche die wahre Liebe kennen,) dieses
Anschauen erfüllte sein Herz mit einer so reinen, vollkommnen, unbeschreiblichen
Befriedigung, dass er alle Wünsche, alle Ahnungen einer noch grössern
Glückseligkeit darüber vergessen zu haben schien. Vermutlich (denn gewiss können
wir hierüber nichts entscheiden) würde die Schönheit des Gegenstands allein, so
ausserordentlich sie war, diese sonderbare Würkung nicht getan haben; allein
dieser Gegenstand war seine Geliebte, und dieser Umstand verstärkte die
Bewundrung, womit auch die Kaltsinnigsten die Schönheit ansehen müssen, mit
einer Empfindung, welche noch kein Dichter zu beschreiben fähig gewesen ist, so
sehr sich auch vermuten lässt, dass sie den mehresten aus Erfahrung bekannt
gewesen sein könne. Diese namenlose Empfindung ist es allein, was den wahren
Liebhaber von einem Satyren unterscheidet, und was eine Art von sittlichen
Grazien sogar über dasjenige ausbreitet, was bei diesem nur das Werk des
Instinkts, oder eines animalischen Hungers ist. Welcher Satyr würde in solchen
Augenblicken fähig gewesen sein, wie Agaton zu handeln? - - Behutsam und mit
der leichten Hand eines Sylphen zog er das seidene Gewand, welches Amor
verräterisch aufgedeckt hatte, wieder über die schöne Schlafende her, warf sich
wieder zu den Füssen ihres Ruhebettes, und begnügte sich, ihre nachlässig
ausgestreckte Hand, aber mit einer Zärtlichkeit, mit einer Entzückung und
Sehnsucht an seinen Mund zu drücken, dass eine Bildsäule davon hätte erweckt
werden mögen. Sie musste also endlich erwachen. Und wie hätte sie auch sich
dessen länger erwehren können, da ihr bisheriger Schlummer würklich nur
erdichtet gewesen war? Sie hatte aus einer Neugierigkeit, die in ihrer
Verfassung natürlich scheinen kann, sehen wollen, wie ein Agaton bei einer so
schlüpfrigen Gelegenheit sich betragen würde; und dieser letzte Beweis einer
vollkommnen Liebe, welche, ungeachtet ihrer Erfahrenheit, alle Annehmlichkeiten
der Neuheit für sie hatte, rührte sie so sehr, dass sie, von einer ungewohnten
und unwiderstehlichen Empfindung überwunden, in einem Augenblick, wo sie zum
erstenmal zu lieben und geliebt zu werden glaubte, nicht mehr Meisterin von
ihren Bewegungen war. Sie schlug ihre schönen Augen auf, Augen die in den
wollüstigen Tränen der Liebe schwammen, und dem entzückten Agaton sein ganzes
Glück auf eine unendlich vollkommnere Art entdeckten, als es das beredteste
Liebesgeständnis hätte tun können. O Callias! (rief sie endlich mit einem Ton
der Stimme, der alle Saiten seines Herzens widerhallen machte, indem sie, ihre
schönen Arme um ihn windend, den Glückseligsten aller Liebhaber an ihren Busen
drückte,) - - was für ein neues Wesen gibst du mir? Geniesse, o! geniesse, du
Liebenswürdigster unter den Sterblichen, der ganzen unbegrenzten Zärtlichkeit,
die du mir einflössest. Und hier, ohne den Leser unnötiger Weise damit
aufzuhalten, was sie ferner sagte, und was er antwortete, überlassen wir den
Pinsel einem Correggio, und schleichen uns davon.
    Aber wir fangen an, zu merken, wiewohl zu späte, dass wir unsern Freund
Agaton auf Unkosten seiner schönen Freundin gerechtfertiget haben. Es ist
leicht vorauszusehen, wie wenig Gnade sie vor dem ehrwürdigen und glücklichen
Teil unsrer Leserinnen finden werde, welche sich bereden (und vermutlich Ursache
dazu haben) dass sie in ähnlichen Umständen sich ganz anders als Danae betragen
haben würden. Auch sind wir weit davon entfernt, diese allzuzärtliche Nymphe
entschuldigen zu wollen, so scheinbar auch immer die Liebe ihre Vergehungen zu
bemänteln weiss. Indessen bitten wir doch die vorbelobten Lukretien um Erlaubnis,
dieses Capitel mit einer kleinen Nutzanwendung, auf die sie sich vielleicht
nicht gefasst gemacht haben, schliessen zu dürfen. Diese Damen (mit aller
Ehrfurcht die wir ihnen schuldig sind, sei es gesagt) würden sich sehr betrügen,
wenn sie glaubten, dass wir die Schwachheiten einer so liebenswürdigen Kreatur,
als die schöne Danae ist, nur darum verraten hätten, damit sie Gelegenheit
bekämen, ihre Eigenliebe daran zu kitzeln. Wir sind in der Tat nicht so sehr
Neulinge in der Welt, dass wir uns überreden lassen sollten, dass eine jede,
welche sich über das Betragen unsrer Danae ärgern wird, an ihrer Stelle weiser
gewesen wäre. Wir wissen sehr wohl, dass nicht alles, was das Gepräge, der Tugend
führt, würklich echte und vollhaltige Tugend ist; und dass sechszig Jahre, oder
eine Figur, die einen Satyren entwaffnen könnte, kein oder sehr wenig Recht
geben, sich viel auf eine Tugend zu gut zu tun, welche vielleicht niemand jemals
versucht gewesen ist, auf die Probe zu stellen. Wir zweifeln mit gutem Grunde
sehr daran, dass diejenigen, welche von einer Danae am unbarmherzigsten urteilen,
an ihrem Platz einem viel weniger gefährlichen Versucher als Agaton war, die
Augen auskratzen würden: Und wenn sie es auch täten, so würden wir vielleicht
anstehen, ihrer Tugend beizumessen, was eben sowohl die mechanische Würkung
unreizbarer Sinnen, und eines unzärtlichen Herzens, hätte gewesen sein können.
Unser Augenmerk ist bloss auf euch gerichtet, ihr liebreizenden Geschöpfe, denen
die Natur die schönste ihrer Gaben, die Gabe zu gefallen, geschenkt - - ihr,
welche sie bestimmt hat, uns glücklich zu machen; aber, welche eine einzige
kleine Unvorsichtigkeit in Erfüllung dieser schönen Bestimmung so leicht in
Gefahr setzen kann, durch die schätzbarste eurer Eigenschaften, durch das was
die Anlage zu jeder Tugend ist, durch die Zärtlichkeit eures Herzens selbst,
unglücklich zu werden: Euch allein wünschten wir überreden zu können, wie
gefährlich jene Einbildung ist, womit euch das Bewusstsein eurer Unschuld
schmeichelt, dass es allezeit in eurer Macht stehe, der Liebe und ihren
Forderungen Grenzen zu setzen. Möchten die Unsterblichen (wenn anders, wie wir
hoffen, die Unschuld und die Güte des Herzens himmlische Beschützer hat,)
möchten sie über die eurige wachen! Möchten sie euch zu rechter Zeit warnen,
euch einer Zärtlichkeit nicht zu vertrauen, welche, bezaubert von dem
grossmütigen Vergnügen, den Gegenstand ihrer Liebe glücklich zu machen, so leicht
sich selbst vergessen kann! Möchten sie endlich in jenen Augenblicken, wo das
Anschauen der Entzückungen, in die ihr zu setzen fähig seid, eure Klugheit
überraschen könnte, euch in die Ohren flüstern: Dass selbst ein Agaton, weder
Verdienst noch Liebe genug hat, um wert zu sein, dass die Befriedigung seiner
Wünsche euch die Ruhe eures Herzens koste.
 
                                Zehentes Capitel
  Welches alle unsre verheiratete Leser, wofern sie nicht sehr glücklich oder
                  vollkommne Stoiker sind überschlagen können
Die schöne Danae war keine von denen, welche das, was sie tun, nur zur Hälfte
tun. Nachdem sie einmal beschlossen hatte, ihren Freund glücklich zu machen, so
vollführte sie es auf eine Art, welche alles was er bisher Vergnügen und Wonne
genannt hatte, in Schatten und Wolkenbilder verwandelte. Man erinnert sich
vermutlich noch, dass eine Art von Vorwitz oder vielmehr ein launischer Einfall,
die Macht ihrer Reizungen an unserm Helden zu probieren, anfangs die einzige
Triebfeder der Anschläge war, welche sie auf sein Herz gemacht hatte. Die
persönliche Bekanntschaft belebte dieses Vorhaben durch den Geschmack, den sie
an ihm fand; und der tägliche Umgang, die Vorzüge Agatons, und, was in den
meisten Fällen die Niederlage der weiblichen Tugend wo nicht allein verursacht,
doch sehr befördert, die ansteckende Kraft, das Sympatetische der verliebten
Begeisterung, welcher der göttliche Plato mit Recht die wundertätigsten Kräfte
zuschreibt; alles dieses zusammen genommen, verwandelte zuletzt diesen Geschmack
in Liebe, aber in die wahreste, zärtlichste und heftigste, welche jemals gewesen
ist. Unserm Helden allein war die Ehre auf behalten (wenn es eine war) ihr eine
Art von Liebe einzuflössen, worin sie, ungeachtet alles dessen, was uns von ihrer
Geschichte schon entdeckt worden ist, noch so sehr ein Neuling war, als es eine
Vestalin in jeder Art von Liebe sein soll. Kurz, er, und er allein, war darzu
gemacht, den Widerwillen zu überwinden, den ihr die gemeinen Liebhaber, die
schönen Hyacinte, diese tändelnden Gecken, an denen (um uns ihres eigenen
Ausdrucks zu bedienen) die Hälfte ihrer Reizungen verloren ging; gegen alles was
die Mine der Liebe trug, einzuflössen angefangen hatten.
    Die meisten von derjenigen Classe der Naturkündiger, welche mit dem Herrn
von Büffon davorhalten, dass das Physikalische der Liebe das beste davon sei,
werden ohne Bedenken eingestehen, dass der Besitz, oder (um unsern Ausdruck
genauer nach ihren Ideen zu bestimmen) der Genuss einer so schönen Frau als Danae
war, an sich selbst betrachtet die vollkommenste Art von Vergnügungen in sich
schliesse, deren unsre Sinnen fähig sind; eine Wahrheit, welche, ungeachtet einer
Art von stillschweigender Übereinkunft, dass man sie nicht laut gestehen wolle,
von allen Völkern und zu allen Zeiten so allgemein anerkannt worden ist, dass
Carneades, Sextus, Cornelius Agrippa, und Bayle selbst sich nicht getrauet
haben, sie in Zweifel zu ziehen. Ob wir nun gleich nicht Mut genug besitzen,
gegen einen so ehrwürdigen Beweis als das einhellige Gefühl des ganzen
menschlichen Geschlechts abgibt, öffentlich zu behaupten, dass diejenigen
Vergnügungen der Liebe, welche der Seele eigen sind, den Vorzug vor jenen haben:
So werden doch nicht wenige mit uns einstimmig sein, dass ein Liebhaber, der
selbst eine Seele hat, im Besitz der schönsten Statue von Fleisch und Blut, die
man nur immer finden kann, selbst jene von den neuern Epicuräern so hoch
gepriesene Wollust nur in einem sehr unvollkommnen Grade erfahren würde; und dass
diese allein von der Empfindung des Herzens jenen wunderbaren Reiz erhalte,
welcher immer für unaussprechlich gehalten worden ist, bis Rousseau, der
Stoiker, sich herabgelassen, sie in dem fünf und vierzigsten der Briefe der
neuen Heloise, in einer Volkommenheit zu schildern, welche sehr deutlich
beweist, was für eine begeisternde Kraft die blosse halberloschene Erinnerung an
die Erfahrungen seiner glücklichen Jugend über die Seele des Helvetischen
Epictets ausgeübt haben müsse. Ohne Zweifel sind es Liebhaber von dieser Art,
Saint Preux und Agatons, welchen es zukömmt, über die berührte Streitfrage
einen entscheidenden Ausspruch zu tun; sie, welche durch die Feinheit und
Lebhaftigkeit ihres Gefühls eben so geschickt gemacht werden, von den
physicalischen, als durch die Zärtlichkeit ihres Herzens, oder durch ihren
innerlichen Sinn für das sittliche Schöne, von den moralischen Vergnügungen der
Liebe zu urteilen. Und wie wahr, wie natürlich werden nicht diese jene Stelle
finden, die den Verehrern der animalischen Liebe unverständlicher ist als eine
Hetruscische Aufschrift den Gelehrten, - - »O, entziehe mir immer diese
berauschenden Entzückungen, für die ich tausend Leben gäbe! - - Gib mir nur das
alles wieder was nicht sie, aber tausendmal süsser ist als sie« - -
    Die schöne Danae war so sinnreich, so unerschöpflich in der Kunst (wenn man
anders dasjenige so nennen kann, was Natur und Liebe allein, und keine ohne die
andre geben kann) ihre Gunstbezeugungen zu vervielfältigen, den innerlichen Wert
derselben durch die Annehmlichkeiten der Verzierung zu erhöhen, ihnen immer die
frische Blüte der Neuheit zu erhalten, und alles Eintönige, alles was die
Bezauberung hätte auflösen, und dem Überdruss den Zugang öffnen können, klüglich
zu entfernen; dass sie oder eine andre ihres gleichen den Herrn von Büffon selbst
dahin gebracht hätte, seine Gedanken von der Liebe zu ändern, welches vielleicht
alle Marquisinnen von Paris zusammengenommen nicht von ihm erhalten würden.
Diese glückseligen Liebenden brauchten, um ihrer Empfindung nach, den Göttern an
Wonne gleich zu sein, nichts als ihre Liebe: Sie verschmähten izt alle diese
Lustbarkeiten, an denen sie vorher so viel Geschmack gefunden hatten; ihre Liebe
machte alle ihre Beschäftigungen und alle ihre Ergötzungen aus: Sie empfanden
nichts anders, sie dachten an nichts anders, sie unterhielten sich mit nichts
anderm; und doch schienen sie sich immer zum erstenmal zu sehen, zum erstenmal
zu umarmen, zum erstenmal einander zu sagen, dass sie sich liebten; und wenn sie
von einer Morgenröte zur andern nichts anders getan hatten, so beklagten sie
sich doch über die Kargheit der Zeit, welche zu einem Leben, das sie zum Besten
ihrer Liebe unsterblich gewünscht hätten, ihnen Augenblicke für Tage anrechne.
Welch ein Zustand, wenn er dauern könnte! - - ruft hier der griechische Autor
aus.
 
                                Eilftes Capitel
      Eine bemerkenswürdige Würkung der Liebe, oder von der Seelenmischung
Ein alter Schriftsteller, den gewiss niemand beschuldigen wird, dass er die Liebe
zu metaphysisch behandelt habe, und den wir nur zu nennen brauchen, um allen
Verdacht dessen, was materielle Seelen für Platonische Grillen erklären, von ihm
zu entfernen; mit einem Worte, Petronius, bedient sich irgendwo eines Ausdrucks,
welcher ganz deutlich zu erkennen gibt, dass er eine verliebte Vermischung der
Seelen nicht nur für möglich, sondern für einen solchen Umstand gehalten habe,
der die Geheimnisse der Liebesgöttin natürlicher Weise zu begleiten pflege. Jam
alligata mutuo ambitu corpora animarum quoque mixturam fecerant, sagt dieser
Oberaufseher der Ergötzlichkeiten des Kaisers Nero; um vermutlich eben dasselbe
zu bezeichnen, was er an einem andern Ort ungleich schöner also ausdrückt:
Et transfudimus hinc & hinc labellis
Errantes animas - -
Ob er selbst die ganze Stärke dieses Ausdrucks eingesehen, oder ihm so viel
Bedeutung beigelegt habe, als wir; ist eine Frage, die uns (nach Gewohnheit der
meisten Ausleger) sehr wenig bekümmert. Genug, dass wir diese Stellen einer
Hypotese günstig finden, ohne welche sich, unsrer Meinung nach, verschiedene
Phänomena der Liebe nicht wohl erklären lassen, und vermöge welcher wir
annehmen, dass bei wahren Liebenden, in gewissen Umständen, nicht (wie einer
unsrer tugendhaftesten Dichter meint) ein Tausch, sondern eine würkliche
Mischung der Seelen vorgehe. Wie dieses möglich sei zu untersuchen, überlassen
wir billig den weisen und tiefsinnigen Leuten, welche sich, in stolzer Musse und
seliger Abgeschiedenheit von dem Getümmel dieser sublunarischen Welt, mit der
nützlichen Speculation beschäftigen, die Art und Weise ausfündig zu machen, wie
dasjenige was würklich ist, ohne Nachteil ihrer Meinungen und Lehrgebäude,
möglich sein könne. Für uns ist genug, dass eine durch unzähliche Beispiele
bestätigte Erfahrung ausser allen Zweifel setzt, dass diejenige Gattung von Liebe,
welche Schaftesbury mit bestem Recht zu einer Art des Entusiasmus macht, und
gegen welche Lucrez aus eben diesem Grunde sich mit so vielem Eifer erklärt,
solche Würkungen hervorbringe, welche nicht besser als durch jenen Petronischen
Ausdruck abgemalt werden können.
    Agaton und Danae, die uns zu dieser Anmerkung Anlass gegeben haben, hatten
kaum vierzehn Tage, welche freilich nach dem Calender der Liebe nur vierzehn
Augenblicke waren, in diesem glückseligen Zustande, worin wir sie im vorigen
Capitel verlassen haben, zugebracht: als diese Seelenmischung sich in einem
solchen Grade bei ihnen äusserte, dass sie nur von einer einzigen
gemeinschaftlichen Seele belebt und begeistert zu werden schienen. Würklich war
die Veränderung und der Absatz ihrer gegenwärtigen Art zu sein, mit ihrer
vorigen so gross, dass weder Alcibiades seine Danae, noch die Priesterin zu Delphi
den spröden und unkörperlichen Agaton wieder erkannt haben würden. Dass dieser
aus einem speculativen Platoniker ein practischer Aristipp geworden; dass er eine
Philosophie, welche die reinste Glückseligkeit in Beschauung unsichtbarer
Schönheiten setzt, gegen eine Philosophie, welche sie in angenehmen
Empfindungen, und die angenehmen Empfindungen in ihren nächsten Quellen, in der
Natur, in unsern Sinnen und in unsern Herzen sucht, vertauschte; dass er von den
Göttern und Halbgöttern, mit denen er vorher umgegangen war, nur die Grazien und
Liebesgötter beibehielt; dass dieser Agaton, der ehmals von seinen Minuten, von
seinen Augenblicken der Weisheit Rechenschaft geben konnte, izt fähig war (wir
schämen uns es zu sagen) ganze Stunden, ganze Tage in zärtlicher Trunkenheit
wegzutändeln - - Alles dieses, so stark der Abfall auch ist, wird dennoch den
meisten begreiflich scheinen. Aber dass Danae, welche die Schönsten und Edelsten
von Asien, welche Fürsten und Satrapen zu ihren Füssen gesehen hatte, welche
gewohnt war, in den schimmerndsten Versammlungen am meisten zu glänzen, einen
Hof von allem, was durch Vorzüge der Geburt, des Geistes, des Reichtums und der
Talente würdig war, nach ihrem Beifall zu streben, um sich her zu sehen: Dass
diese Danae izt verächtliche Blicke in die grosse Welt zurückwarf, und nichts
angenehmers fand als die ländliche Einfalt, nichts schöners als in Hainen
herumzuirren, Blumenkränze für ihren Schäfer zu winden, an einer murmelnden
Quelle in seinem Arm einzuschlummern, von der Welt vergessen zu sein, und die
Welt zu vergessen - - dass sie, für welche die Liebe der Empfindung sonst ein
unerschöpflicher Gegenstand von witzigen Spöttereien gewesen war, izt von den
zärtlichen Klagen der Nachtigall in stillheitern Nächten bis zu Tränen gerührt
werden - - oder wenn sie ihren Geliebten unter einer schattichten Laube
schlafend fand, ganze Stunden, unbeweglich, in zärtliches Staunen und in den
Genuss ihrer Empfindungen versenkt, neben ihm sitzen konnte, ohne daran zu
denken, ihn durch einen eigenützigen Kuss aufzuwecken, - - dass diese Schülerin
des Hippias, welche gewohnt gewesen war, nichts lächerrlichers zu finden, als die
Hoffnung der Unsterblichkeit, und diese süssen Träume von bessern Welten, in
welche sich empfindliche Seelen so gerne zu wiegen pflegen - - dass sie izt, beim
dämmernden Schein des Monds, an Agatons Seite auf Blumen hingegossen, schon
entkörpert zu sein, schon in den seligen Tälern des Elysiums zu schweben glaubte
- -mitten aus den berauschenden Freuden der Liebe sich zu Gedanken von Gräbern
und Urnen verlieren, dann ihren Geliebten zärtlicher an ihre Brust drückend den
gestirnten Himmel anschauen, und ganze Stunden von der Wonne der Unsterblichen,
von unvergänglichen Schönheiten und himmlischen Welten phantasieren konnte, und,
von den Wünschen ihrer grenzenlosen Liebe getäuscht, in der Hoffnung einer immer
währenden Dauer izt so wenig Ausschweifendes fand, dass ihr kein Gedanke
natürlicher, keine Hoffnung gewisser schien; dieses waren in der Tat Wunderwerke
der Liebe, und Wunderwerke, welche nur die Liebe eines Agatons, nur jene
Vermischung der Seelen, durch welche ihrer beider Denkungsart, Ideen, Geschmack
und Neigungen in einander zerflossen, zuwege bringen konnte. Welches von beiden
bei dieser Vermischung gewonnen oder verloren habe, wollen wir unsern Lesern zu
entscheiden überlassen, von denen der zärtlichere Teil vielleicht der schönen
Danae den Vorteil zuerkennen wird: Aber dieses, deucht uns, wird niemand so roh
oder so stoisch sein zu leugnen, dass sie glücklich waren - felices errore suo -
- glücklich in dieser süssen Betörung, welcher, um dasjenige zu sein, was die
Weisen schon so lange gesucht und nie gefunden haben, nichts abgeht, als dass sie
(wie der griechische Autor hier abermal mit Bedauern ausruft) nicht immer währen
kann.
 
                                 Sechstes Buch
                                 Erstes Capitel
                             Ein Besuch des Hippias
Zufällige Ursachen hatten es so gefüget, dass Hippias sich auf einiche Wochen von
Smirna hatte entfernen müssen, und dass die Zeit seiner Abwesenheit gerade in
diejenige Zeit fiel, worin die Liebe unsers Helden und der schönen Danae den
äussersten Punkt ihrer Höhe erreichte. Dieser Umstand hatte sie gänzlich Meister
von einer Zeit gelassen, welche sie zum Vorteil der Liebe und des Vergnügens so
wohl anzuwenden wussten. Keiner von Danaes ehemaligen Verehrern hatte sich
erkühnt, ihre Einsamkeit zu stören; und die Freundinnen, mit denen sie ehmals in
Gesellschaft gestanden war, hatten zu gutem Glück alle mit ihren eignen
Angelegenheiten so viel zu tun, dass sie keine Zeit behielten, sich um Freunde zu
bekümmern. Zudem war ihr Aufentalt auf dem Lande nichts ungewöhnliches, und der
allgemeine Genius der Stadt Smirna war der Freiheit in der Wahl der Vergnügungen
allzugünstig, als dass eine Danae (von der man ohnehin keine vestalische Tugend
foderte) über die ihrigen, wenn sie auch bekannt gewesen wären, sehr strenge
Urteile zu besorgen gehabt hätte.
    Allein Hippias war kaum von seiner Reise zurückgekommen, so liess er eine
seiner ersten Sorgen sein, sich in eigner Person nach dem Fortgang des Entwurfs
zu erkundigen, den er mit ihr zu Bekehrung des allzuplatonischen Callias
gemeinschaftlich angelegt hatte. Die besondere Vertraulichkeit, worin er seit
mehr als zehn Jahren mit ihr gelebt hatte, gab ihm das vorzügliche Recht, sie
auch alsdann zu überraschen, wenn sie sonst für niemand sichtbar war. Er eilte
also, so bald er nur konnte, nach ihrem Landgute; und hier brauchte er nur einen
Blick auf unsre Liebende zu werfen, um zu sehen, wie viel in seiner Abwesenheit
mit ihnen vorgegangen war. Ein gewisser Zwang, eine gewisse Zurückhaltung, eine
Art von schamhafter Schüchternheit, welche ihm besonders an der Pflegtochter
Aspasiens fast lächerrlich vorkam, war das erste, was ihm an beiden in die Augen
fiel. Wahre Liebe (wie man längst beobachtet hat) ist eben so sorgfältig ihre
Glückseligkeit zu verbergen, als jene frostige Liebe, welche Coquetterie oder
Langeweile zur Mutter hat, begierig ist, ihre Siege auszuposaunen. Allein dieses
war weder die einzige noch die vornehmste Ursache einer Zurückhaltung, welche
unsre Liebenden, aller angewandten Mühe ungeachtet, einem so scharfsichtigen
Beobachter nicht entziehen konnten. Das Bewusstsein der Verwandlung, welche sie
erlitten hatten; die Furcht vor dem comischen Ansehen, welches sie ihnen in den
Augen des Sophisten geben möchte; die Furcht von einem Spott, vor dem sie die
mutwilligen Ergiessungen bei jedem Blicke, bei jedem Lächeln erwarteten; dieses
war es, was sie in Verlegenheit setzte, und was den artigsten Gesichtern in ganz
Jonien etwas Verdriessliches gab, welches von einem jeden andern als Hippias für
ein Zeichen, dass seine Gegenwart unangenehm sei, hätte aufgenommen werden
müssen. Allein dieser nahm es für das auf, was es in der Tat war; und da niemand
besser zu leben wusste, so schien er so wenig zu bemerken, was in ihnen vorging,
machte den Unachtsamen und Sorglosen so natürlich, hatte so viel von seiner
Reise und tausend gleichgültigen Dingen zu schwatzen, und wusste dem Gespräch
einen so freien Schwung von Munterkeit zu geben, dass sie alle erforderliche Zeit
gewannen, sich wieder zu erholen, und sich in eine ungezwungene Verfassung zu
setzen. Wenn Agaton hiedurch so sehr beruhiget wurde, dass er würklich hoffte,
sich in seinen ersten Besorgnissen betrogen zu haben, so war die feinere Danae
weit davon entfernt, sich durch die Kunstgriffe des Sophisten ein Blendwerk
vormachen zu lassen. Sie kannte ihn zu gut, um nicht in seiner Seele zu lesen;
sie sah wohl, dass es zu einer Erörterung mit ihm kommen müsse, und war nur
darüber unruhig, wie sie sich entschuldigen wollte, dass sie, über der Bemühung
den Charakter des Agatons umzubilden, ihren eignen oder doch einen guten Teil
davon verloren hatte. Mit diesen Gedanken hatte sie sich in den Stunden der
gewöhnlichen Mittagsruhe beschäftiget, und war noch nicht recht mit sich selbst
einig, wie weit sie sich dem Sophisten vertrauen wolle; als er in ihr Zimmer
trat, und mit der vertraulichen Freimütigkeit eines alten Freundes ihr
entdeckte, dass es die Neugier über den Fortgang ihres geheimen Anschlags sei,
was ihn so bald nach seiner Wiederkunft zu ihr gezogen habe. Die Glückseligkeit
des Callias (setzte er hinzu) schimmert zu lebhaft aus seinen Augen und aus
seinem ganzen Betragen hervor, schöne Danae, als dass ich durch überflüssige
Fragstücke das reizende Incarnat dieser liebenswürdigen Wangen zu erhöhen suchen
sollte. Und findest du ihn also der Mühe würdig, die du auf seine Bekehrung ohne
Zweifel verwenden musstest? Der Mühe? sagte Danae lächelnd; ich schwöre dir, dass
mir in meinem Leben keine Mühe so leicht geworden ist, als mich von dem
liebenswürdigsten Sterblichen, den ich jemals gekannt habe, lieben zu lassen.
Denn das war doch alle Mühe - - Nicht ganz und gar, (unterbrach sie Hippias)
wenn du so auf richtig sein willt, als es unsrer Freundschaft gemäss ist. Ich bin
gewiss, dass er an keine Verstellung dachte, da er noch in meinem Hause war; und
die Veränderung, die ich an ihm wahrnehme ist so gross, verbreitet sich so sehr
über seine ganze Person, hat ihn so unkenntlich gemacht, dass Danae selbst, auf
deren Lippen die Überredung wohnt, mich nicht überreden soll, dass eine solche
Seelenwandlung im Schlafe vorgehen könne. Keine Zurückhaltungen, schöne Danae,
die Würkungen zeugen von ihren Ursachen; ein grosses Werk setzt grosse Anstalten
voraus; wenn ein Callias dahin gebracht wird, dass er wie ein Liebling der Venus
herausgeputzt ist, dass er mit einer Sybaritischen Zunge von der Niedlichkeit der
Speisen und dem Geschmack der Weine urteilt; dass er die wollüstigsten Läufe
eines in Liebe schmelzenden Liedes mit entzücktem Händeklatschen wiederholen
heisst, und sich die Trinkschale von einer jungen Circasserin mit unverhülltem
Busen eben so gleichgültig reichen lässt, als er sich in die weichen Polster
eines Persischen Ruhebettes hineinsenkt - - wahrhaftig, schöne Danae, das nenn
ich eine Verwandlung, welche in so kurzer Zeit zu bewerkstelligen, ich keiner
von allen unsterblichen Göttinnen zugetraut hätte. Ich weiss nicht, was du damit
sagen willst, erwiderte Danae mit einer angenommenen Zerstreuung; mich deucht
nichts natürlichers, als alles, worüber du dich so verwundert stellst; und
gesetzt, dass du dich in deinem Urteil von Callias betrogen hättest, ist es seine
Schuld? Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll, so kann nichts unähnlichers sein,
als wie du ihn mir abgeschildert, und wie ich ihn gefunden habe. Du machtest
mich einen Pedantischen Toren, den Gegenstand einer Comödie erwarten, und ich
wiederhole es, du magst über mich lachen so lange du willt, Alcibiades selbst im
Frühling seiner Jahre und Reizungen war nicht liebenswürdiger als derjenige, den
du mir für ein comisches Mittelding von einem Phantasten und von einer Bildsäule
gegeben hast. Wenn eine Verschiedenheit zwischen Callias und den Besten ist, für
welche ich ehmals aus Dankbarkeit, Geschmack oder Laune, Gefälligkeiten gehabt
habe, so ist sie gänzlich zu seinem Vorteil; so ist es, dass er edler,
aufrichtiger, zärtlicher ist, dass er mich liebt, da jene nur sich selbst in mir
liebten; dass ihn mein Vergnügen glücklicher macht als sein eignes; dass er das
grossmütigste und erkenntlichste Herz mit den glänzendesten Vorzügen des Geistes,
mit allem was den Umgang reizend macht, vereinigt besitzt. - - Welch ein Strom
von Beredsamkeit, rief Hippias mit dem Lächeln eines Fauns aus; du sprichst
nicht anders als ob du seine Apologie gegen mich machen müsstest; und wenn habe
ich denn was anders gesagt? Beschrieb ich ihn nicht als liebenswürdig? Sagt' ich
dir nicht, dass er dir die Hyacinte, und alle diese artigen gaukelnden
Sommervögel unerträglich machen würde? Aber wir wollen uns nicht zanken, schöne
Danae. Ich sehe, dass Amor hier mehr Arbeit gemacht als ihm aufgetragen war; er
sollte dir nur helfen, den Callias zu unterwerfen; aber der übermütige kleine
Bube hat es für eine grössere Ehre gehalten, dich selbst zu besiegen; diese
Danae, welche bisher mit seinen Pfeilen nur gescherzt hatte. Bekenne, Danae - -
Ja, (fiel sie ihm lebhaft ein) ich bekenne, dass ich liebe wie ich nie geliebt
habe; dass alles was ich sonst Glückseligkeit nannte, kaum den Namen des Daseins
verdient hat; ich bekenne es, Hippias, und bin stolz darauf, dass ich fähig wäre,
alles was ich besitze, alle Ergötzlichkeiten von Smirna, alle Ansprüche an
Beifall, alle Befriedigungen der Eitelkeit, und eine ganze Welt voll Liebhaber
wie eine Nussschale hinzuwerfen, um mit Callias in einer mit Stroh bedeckten
Hütte zu leben, und mit diesen Händen, welche nicht zu weiss und zärtlich dazu
sein sollten, die Milch zuzubereiten, die ihm, vom Felde wiederkommend, weil ich
sie ihm reichte, lieblicher schmecken würde, als Nektar aus den Händen der
Liebesgöttin.
    O, das ist was anders, rief Hippias, der sich nun nicht länger halten
konnte, in ein lautes Gelächter auszubrechen; wenn Danae aus diesem Tone
spricht, so hat Hippias nichts mehr zu sagen. Aber, fuhr er fort, nachdem er
sich die Augen gewischt und den Mund in Falten gelegt hatte; in der Tat, schöne
Freundin, ich lache zur Unzeit; die Sache ist ernstafter als ich beim ersten
Anblick dachte, und ich besorge nun in ganzem Ernste, dass Callias, so sehr er
dich anzubeten scheint, nicht Liebe genug haben möchte, die deinige zu erwidern.
Ich erlasse dem Hippias diese Sorge, sagte Danae mit einem spöttischen Lächeln,
welches ihr sehr reizend liess; das soll meine Sorge sein; und mich deucht,
Hippias, welcher ein so grosser Meister ist, von den Würkungen auf die Ursachen
zu schliessen, sollte ganz ruhig darüber sein können, dass sich Danae nicht wie
ein vierzehnjähriges Mädchen fangen lässt. Die Götter der Liebe und Freude
verhüten, dass meine Worte einen übelweissagenden Sinn in sich fassen, erwiderte
Hippias! Du liebest, schöne Danae; du wirst geliebt; kein würdigers Paar
glücklich zu sein, kein geschickteres sich glücklich zu machen, hat Amor nie
vereiniget. Erschöpfet alles, was die Liebe reizendes hat! Trinket immer neue
Entzückungen aus ihrem nektarischen Becher; und möge die neidenswerte
Bezauberung so lang als euer Leben dauern!
 
                                Zweites Capitel
                  Eine Probe von den Talenten eines Liebhabers
In einem so freundschaftlichen und schwärmerischen Ton stimmte der gefällige
Sophist seine Sprache um, als Agaton hereintrat, und ihnen einen Spaziergang in
die Gärten vorschlug, worin er sich das Vergnügen machen wollte, sie mit einer
in geheim veranstalteten Ergötzung zu überraschen. Man liess sich den Vorschlag
gefallen, und nachdem Hippias eine Reihe von neuen Gemälden, womit die Galerie
vermehrt worden war, gesehen hatte, begab man sich in den Garten, in welchem,
nach Persischem Geschmack, grosse Blumenstücke, Spaziergänge von hohen Bäumen,
kleine Weiher, künstliche Wildnisse, Lauben und Grotten in anmutiger Unordnung
unter einander geworfen schienen. Das Gespräch ward izt wieder gleichgültig, und
Hippias wusste es so zu lenken, dass Agaton unvermerkt veranlasst wurde, die neue
Wendung, welche seine Einbildungskraft bekommen hatte, auf hundertfältige Art zu
verraten. Inzwischen neigte sich die Sonne, als sie beim Eintritt in einen
kleinen Wald von Myrten- und Citronenbäumen, an welchen die Kunst keine Hand
angelegt zu haben schien, von einem versteckten Concert, welches alle Arten von
Singvögel nachahmte, empfangen wurden. Aus jedem Zweig, aus jedem Blatte schien
eine besondere Stimme hervorzugehen; so volltönig war diese Musik, in welcher
die Nachahmung der kunstlosen Natur in der scheinbaren Unregelmässigkeit
phantasierender Töne, die lieblichste Harmonie hervorbrachte, die man jemals
gehört hatte. Die Dämmerung des heitersten Abends, und die eigne Anmut des Orts
vereinigten sich damit, um diesem Lustain die Gestalt der Bezauberung zu geben.
Danae, welche seit wenigen Wochen eine ganz neue Empfindlichkeit für das Schöne
der Natur und die Vergnügungen der Einbildungskraft bekommen hatte, sah ihren
sich ganz unwissend stellenden Liebling mit Augen an, welche ihm sagten, dass nur
die Gegenwart des Hippias sie verhindere, ihre schönen Arme um seinen Hals zu
werfen: als unversehens eine Anzahl von kleinen Liebesgöttern und Faunen aus dem
Hain hervorhüpfte; jene von flatterndem Silberflor, der mit nachgeahmten Rosen
durchwürkt war, leicht bedeckt; diese nackend, ausser dass ein Epheukranz, mit
gelben Rosen durchflochten, ihre milchweissen Hüften schürzte, und um die kleinen
verguldeten Hörner sich schlang, die aus ihren schwarzen kurzlockichten Haaren
hervorstachen. Alle diese kleine Genii streuten aus zierlichen Körbchen von
Silberdraht die schönsten Blumen vor Danae her, und führten sie tanzend in die
Mitte des Wäldchens, wo Gebüsche von Jasminen, Rosen und Acacia eine Art von
halbcirkelndem Amphiteater machten, unter welchem ein zierlicher Tron von
Laubwerk und Blumenkränzen für die schöne Danae bereitet stand. Nachdem sie sich
hier gesetzt hatte, breiteten die Liebesgötter einen Persischen Teppich vor ihr
aus, indem von den kleinen Faunen einige beschäftigt waren, den Boden mit
goldnen und cristallenen Trinkschalen von allerlei niedlichen Formen zu
besetzen, andre unter der Last voller Schläuche mit possierlichen Gebärden
herbeigekrochen kamen, und im Vorbeigehen den weisen Hippias durch hundert
mutwillige Spiele neckten. Auf einmal schlupften die Grazien hinter einer
Myrtenhecke hervor, drei jugendliche Schwestern, deren halbaufgeblühte
Schönheit ein leichtes Gewölk von Gase mehr zu entwickeln als zu verhüllen
eifersüchtig schien. Sie umgaben ihre Gebieterin, und indem die erste einen
frischen Blumenkranz um ihre schöne Stirne wand, reichten ihr die beiden andern
kniend in goldnen Schalen die auserlesensten Früchte und Erfrischungen dar;
indes die Faunen den Hippias mit Epheu kränzten, und wohlriechende Salben über
seine Glatze und seinen halbgrauen Bart heruntergossen. Beide bezeugten ihr
Vergnügen über dieses kleine Schauspiel, welches das lachendste Gemälde von der
Welt machte; als eine zärtliche Symphonie von Flöten aus der Luft, wie es
schien, herabtönend, die Augen zu einer neuen Erscheinung aufmerksam machte. Die
Liebesgötter, die Faunen und die Grazien waren indes verschwunden, und es
öffnete sich der Danae gegenüber die waldichte Scene, um den Liebesgott
darzustellen, auf einem goldnen Gewölke sitzend, welches über den Rosenbüschen
von Zephyren emporgehalten wurde. Ein schalkhaftes Lächeln, das sein liebliches
Gesicht umscherzte, schien die Herzen zu warnen, sich von der tändelnden
Unschuld dieses schönen Götterknabens nicht sorglos machen zu lassen. Er sang
mit lieblicher Stimme, und der Inhalt seines Gesangs drückte seine Freude aus,
dass er endlich eine bequeme Gelegenheit gefunden habe, sich an der schönen Danae
zu rächen. »Gleich der Liebesgöttin, meiner Mutter (sang er) herrscht sie
unumschränkt über die Herzen, und haucht allgemeine Liebe umher: Von ihren
Blicken beseelt, wendet ihr die Natur, als ihrer Göttin, sich zu; verschönert,
wenn sie lächelt, traurig und welkend, wenn sie sich von ihr kehrt: Verlassen
stehn die Altäre zu Paphos, die Seufzer der Liebenden wallen nur ihr entgegen;
und indem ihre siegreichen Augen ringsum sie her jedes Herz verwunden und
entzücken, lacht sie, die Stolze, meiner Pfeile, und trotzt mit unbezwungner
Brust der Macht, vor welcher Götter zittern: Aber nicht länger soll sie trotzen;
hier ist der schärfste Pfeil, scharf genug einen Busen von Marmor zu spalten,
und die kälteste Seele in Liebesflammen hinwegzuschmelzen. Zittre, ungewahrsame
Schöne! dieser Augenblick soll Amorn und seine Mutter rächen! Tiefseufzend
sollst du auffahren, wie ein junges Reh auffährt, das unter Rosen schlummernd
den geflügelten Pfeil des Jägers fühlt; schmerzenvoll und trostlos sollst du in
einsamen Hainen irren, und auf öden Felsen sitzend den schleichenden Bach mit
deinen Tränen mehren.«
    So sang er und spannte boshaft-lächelnd den Bogen; schon war der Pfeil
angelegt, schon zielte er nach ihrem leichtbedeckten Busen: als er plötzlich mit
einem lauten Schrei zurückfuhr, seinen Pfeil zerbrach, den Bogen von sich warf,
und mit zärtlich schüchterner Gebärde auf die schöne Danae zuflatterte. O
Göttin, vergib, (sang er, indem er bittend ihre Knie umfasste) vergib, vergib,
schöne Mutter, dem Irrtum meiner Augen! wie leicht war es zu irren! Ich sah
dich für Danae an.
    In dem nämlichen Augenblick, da er dieses gesungen hatte, erschienen die
Grazien, die Liebesgötter und die kleinen Faunen wieder, und endigten diese
Scene mit Tänzen und Gesängen, zum Preis derjenigen, welche auf eine so
schmeichelhafte Art zur Göttin der Schönheit und der Liebe erklärt worden war.
Dieses überraschende Compliment, welches damals noch den Reiz der Neuheit hatte,
weil es noch nicht an die Daphnen und Chloen so vieler neuern Poeten
verschwendet worden war, schien ihr Vergnügen zu machen; und der doppelt
belustigte Hippias gestand, dass sein junger Freund einen sehr guten Gebrauch von
seiner Einbildungskraft zu machen gelernt habe. Dachte ich nicht, Callias, sagte
er leise zu ihm, indem er ihn auf die Schultern klopfte, dass ein Monat unter den
Augen der schönen Danae dich von den Vorurteilen heilen würde, womit du gegen
Grundsätze eingenommen warest, die du bereits so meisterhaft auszuüben gelernt
hast.
    Der übrige Teil des Abends wurde auf eine eben so angenehme Weise
zugebracht, bis endlich Hippias, welcher den folgenden Morgen wieder in Smirna
sein musste, in einem Zustande, worin er mehr dem Vater Silen als einem Weisen
glich, von den kleinen Faunen zu Bette gebracht wurde.
    Agaton hatte nun nichts dringenders als von Danae zu erfahren, was der
Gegenstand ihrer einzelnen Unterredung mit dem Hippias gewesen sei. Man wird es
dieser Dame zu gut halten können, dass sie die Aufrichtigkeit ihres Berichts
nicht so weit trieb, ihm das Complot einzugestehen, worein sie sich von dem
Sophisten anfangs hatte ziehen lassen; und dessen Ausgang so weit von der Anlage
des ersten Plans entfernt gewesen war. Die zärtlichste und vertrauteste Liebe
verhindert nicht, dass man sich nicht kleine Geheimnisse vorbehalten sollte, bei
deren Entdeckung die Eigenliebe ihre Rechnung nicht finden würde. Sie begnügte
sich also ihm zu sagen, dass Hippias viel Gutes von ihm gesprochen, und sie
versichert habe, dass er ihn weit aufgeweckter und artiger finde als er vorher
gewesen, es hätte sie bedünkt, dass er mehr damit sagen wollen, als seine Worte
an sich selbst gesagt hätten; sie hätte aber eben so wenig daran gedacht ihn zum
Vertrauten ihrer Liebe zu machen, als sie Ursache hätte, eine Achtung zu
verbergen, welche man den persönlichen Verdiensten des Callias nicht versagen
könne, im übrigen hätte sie seine Munterkeit auf die Rechnung der Zeit, welche
das Andenken seiner Unglücksfälle schwäche, und der vollkommnern Freiheit
geschrieben, die er in ihrem Hause hätte. Agaton liess sich durch diese
Erzählung nicht nur beruhigen; sondern, wie seine Einbildungskraft gewohnt war,
ihn immer weiter zu führen, als er im Sinne hatte zu gehen, so fühlte er sich,
nachdem sie eine Zeitlang von dieser Materie gesprochen hatten, so mutig, dass er
sich vornahm den Scherzen des Hippias, wofern es demselben je einfallen sollte
über seine Freundschaft mit Danae zu scherzen, in gleichem Ton zu antworten;
eine Entschliessung, welche (ob er es gleich nicht gewahr wurde) in der Tat mehr
Unverschämteit voraussetzte, als selbst ein langwieriger Fortgang auf den
Abwegen, auf die er verirrt war, einem Agaton jemals geben konnte.
                                Drittes Capitel
             Convulsivische Bewegungen der wiederauflebenden Tugend
Wenige Tage waren seit dem Besuch des Hippias verflossen; als ein Fest, welches
er alle Jahre seinen Freunden zu geben pflegte, Gelegenheit machte, der schönen
Danae und ihrem Freunde eine Einladung zuzusenden. Weil sie keinen guten Vorwand
zu geben hatten, ihr Ausbleiben zu entschuldigen, so erschienen sie auf den
bestimmten Tag, und Agaton brachte eine Lebhaftigkeit mit, welche ihm selbst
Hoffnung machte, dass er sich so gut halten würde, als es die Anfälle, die er von
der Schalkhaftigkeit des Sophisten erwartete, nur immer erfordern könnten.
Hippias hatte nichts vergessen, was die Pracht seines Fests vermehren konnte;
und nach demjenigen, was im zweiten Buch von den Grundsätzen, der Lebensart und
den Reichtümern dieses Mannes gemeldet worden, können unsre Leser sich so viel
davon einbilden als sie wollen, ohne zu besorgen, dass wir sie durch überflüssige
Beschreibungen von den wichtigern Gegenständen, die wir vor uns haben, aufhalten
würden.
    Agaton hatte über der Tafel die Rolle eines witzigen Kopfs so gut gespielt;
er hatte so fein und so lebhaft gescherzt, und bei Gelegenheiten die Ideen,
wovon seine Seele damals beherrscht wurde, so deutlich verraten; dass Hippias
sich nicht entalten konnte, ihm in einem Augenblick, wo sie allein waren, seine
ganze Freude darüber auszudrücken. Ich bin erfreut, Callias (sagte er zu ihm)
dass du, wie ich sehe, einer von den Unsrigen worden bist. Du rechtfertigest die
gute Meinung vollkommen, die ich beim ersten Anblick von dir fasste; ich sagte
immer, dass einer so feurigen Seele wie die deinige, nur würkliche Gegenstände
mangelten, um ohne Mühe von den Schimären zurückzukommen, woran du vor einigen
Wochen noch so stark zu hängen schienest. Zum Glück für den guten Agaton
rettete ihn die Darzwischenkunft einiger Personen von der Gesellschaft, mitten
in der Antwort, die er zu stottern angefangen hatte; aber aus der Unruhe, welche
diese wenige Worte des Sophisten in sein Gemüt geworfen hatten, konnte ihn
nichts retten.
    Alle Mühe, die er anstrengte, alle Zeitkürzungen, wovon er sich umgeben sah,
waren zu schwach ihn wieder aus einer Verwirrung herauszuziehen, welche sogar
durch den Anblick der schönen Danae vermehrt wurde. Er musste einen Anstoss von
Übelkeit vorschützen, um sich eine Zeitlang aus der Gesellschaft wegzubegeben,
um in einem entlegnen Cabinet den Gedanken nachzuhängen, deren auf einmal
daherstürmende Menge ihm eine Weile alles Vermögen benahm, einen von dem andern
zu unterscheiden. Endlich fasste er sich doch so weit, dass er seinem beklemmten
Herzen durch dieses oft abgebrochene Selbstgespräch Luft machen konnte: Wie? - -
Ich bin erfreut, dass du einer von den Unsrigen geworden? - - Ists möglich? Einer
von den Seinigen? - - Dem Hippias ähnlich? - - Ihm, dessen Grundsätze, dessen
Leben, dessen vermeinte Weisheit mir vor kurzem noch so viel Abscheu einflössten?
- - Und die Verwandlung ist so gross, dass sie ihm keinen Zweifel übrig lässt?
Gütige Götter! Wo ist euer Agaton? - - Ach! es ist mehr als zu gewiss, dass ich
nicht mehr ich selbst bin! - - Wie? sind mir nicht alle Gegenstände dieses
Hauses, von denen meine Seele sich ehmals mit Ekel und Grauen wegwandte,
gleichgültig oder gar angenehm worden? Diese üppigen Gemälde - - diese
schlüpfrigen Nymphen - - diese Gespräche, worin alles, was dem Menschen gross und
ehrwürdig sein soll, in ein comisches Licht gestellt wird - - diese
Verschwendung der Zeit - - diese mühsam ausgesonnenen und über die Forderung der
Natur getriebenen Ergötzungen - - Himmel! wo bin ich? An was für einem jähen
Abhang find ich mich selbst - - welch einen Abgrund unter mir - - O Danae,
Danae! - - hier hielt er inn, um den trostvollen Einflüssen Raum zu lassen,
welche dieser Name und die zauberischen Bilder, so er mit sich brachte, über
seine sich selbst quälende Seele ausbreiteten. Mit einem schleunigen Übergang
von Schwermut zu Entzückung, durchflog sie izt alle diese Scenen von Liebe und
Glückseligkeit, welche ihr die letztverflossnen Tage zu Augenblicken gemacht
hatten; und von diesen Erinnerungen mit einer innigen Wollust durchströmt,
konnte sie oder wollte sie vielmehr den Gedanken nicht ertragen, dass sie in
einem so beneidenswürdigen Zustand unter sich selbst heruntergesunken sein
könne. Göttliche Danae, rief der arme Kranke in einem verdoppelten Anstoss des
wiederkehrenden Taumels aus; wie? Kann es ein Verbrechen sein, das Vollkommenste
unter allen Geschöpfen zu lieben? Ist es ein Verbrechen glücklich zu sein? - -
In diesem Ton fuhr Amor, (welchen Plato sehr richtig den grössten unter allen
Sophisten nennt) desto ungehinderter fort ihm zuzureden, da ihm die Eigenliebe
zu Hilfe kam, und seine Sache zu der ihrigen machte. Denn was ist unangenehmers,
als sich selbst zugleich anklagen und verurteilen müssen? Und wie gerne hören
wir die Stimme der sich selbst verteidigenden Leidenschaft? Wie gründlich finden
wir jedes Blendwerk, womit sie die richterliche Vernunft zu einem falschen
Ausspruch zu verleiten sucht? Agaton hörte diese betriegliche Apologistin so
gerne, dass es ihr gelang, sein Gemüte wieder zu besänftigen. Er schmeichelte
sich, dass ungeachtet einer Veränderung seiner Denkungsart, die er sich selbst
für eine Verbesserung zu geben suchte, der Unterscheid zwischen ihm und Hippias
noch so gross, so wesentlich sei als jemals. Er verbarg seine schwache Seite
hinter die Tugenden, deren er sich bewusst zu sein glaubte; und beruhigte sich
endlich völlig mit einem idealischen Entwurf eines seinen eignen Grundsätzen
gemässen Lebens, zu welchem er seine geliebte Danae schon genug vorbereitet
glaubte, um ihr selbigen ohne längern Aufschub vorzulegen. Er kehrte nunmehr,
nachdem er ungefähr eine Stunde allein gewesen war, mit einem so aufgeheiterten
Gesicht zur Gesellschaft, welche sich in einem Saale des Gartens versammelt
hatte, zurück, dass Danae und Hippias selbst sich bereden liessen, seinen vorigen
Anstoss einer vorübergehenden Übelkeit zuzuschreiben. Ergötzlichkeiten folgten
izt auf Ergötzlichkeiten so dicht aneinander, und so mannigfaltig, dass die
überladene Seele keine Zeit behielt sich Rechenschaft von ihren Empfindungen zu
geben; und nach Gewohnheit des Landes wurde die ganze Nacht bis zum Anbruch der
Morgenröte in brausenden Vergnügungen hingebracht. Die Gegenwart der
liebenswürdigen Danae würkte mit ihrer ganzen magischen Kraft auf unsern Helden,
ohne verhindern zu können, dass er von Zeit zu Zeit in eine Zerstreuung fiel, aus
welcher sie ihn, sobald sie es gewahr wurde, zu ziehen bemüht war. Die
Gegenstände, welche seinen sittlichen Geschmack ehmals beleidiget hatten, waren
hier zu häufig, als dass nicht mitten unter den flüchtigen Vergnügungen, womit
sie gleichsam über die Oberfläche seiner Seele hinglitscheten, ein geheimes
Gefühl seiner Erniedrigung seine Wangen mit Schamröte vor sich selbst dem
Vorboten der wiederkehrenden Tugend, hätte überziehen sollen.
    Dieses begegnete insonderheit bei einem pantomimischen Tanze, womit Hippias
seine grösstenteils vom Bacchus glühenden Gäste noch eine geraume Zeit nach
Mitternacht vom Einschlummern abzuhalten suchte. Die Tänzerin, ein schönes
Mädchen, welches ungeachtet seiner Jugend, schon lange in den Geheimnissen von
Cytere eingeweiht war, tanzte die Fabel der Leda. Dieses berüchtigte
Meisterstück der eben so vollkommnen als üppigen Tanzkunst der Alten, von dessen
Würkungen Juvenal in einer von seinen Satyren ein so zügelloses Gemälde macht.
Hippias und die meisten seiner Gäste bezeugten ein unmässiges Vergnügen über die
Art, wie seine Tänzerin diese schlüpfrige Geschichte nach der wollüstigen
Modulation zwoer Flöten, allein durch die stumme Sprache der Bewegung, von Scene
zu Scene bis zur Entwicklung fortzuwinden wusste. - - Zeuxes, und Homer selbst,
riefen sie, konnte nicht besser, nicht deutlicher mit Farben oder Worten, als
die Tänzerin durch ihre Bewegungen malen. Die Damen glaubten genug getan zu
haben, dass sie auf dieses Schauspiel nicht Acht zu geben schienen; aber Agaton
konnte den widrigen Eindruck, den es auf ihn machte, und den innerlichen Granen,
womit sein Gemüt dabei erfüllt wurde, kaum in sich selbst verschliessen. Er
wollte würklich etwas sagen, welches allerdings in der Gesellschaft, worin er
war, übel angebracht gewesen wäre; als ein beschämter Blick auf sich selbst, und
vielleicht die Furcht belacht zu werden, und den ausgelassenen Hippias zu einer
allzuscharfen Rache zu reizen, seine Rede auf seinen Lippen erstickte; und weil
doch die ersten Worte nun einmal gesagt waren, den vorgehabten Tadel in einen
gezwungenen Beifall verwandelten. Er hatte nun keine Ruhe, bis er die schöne
Danae bewogen hatte, sich mit einer von ihren Freundinnen aus einer Gesellschaft
wegzuschleichen, aus welcher die Grazien schamrot wegzufliehen anfingen; und
sein Unwille ergoss sich während dass sie nach Hause fuhren, in eine scharfe
Verurteilung des verdorbenen Geschmacks des Sophisten, welche so lange dauerte,
bis sie bei Anbruche des Tages wieder auf dem Landhause der Danae anlangten, um
die von Ergötzungen abgemattete Natur zu derjenigen Zeit, welche zu den
Geschäften des Lebens bestimmt ist, durch Ruhe und Schlummer wiederherzustellen.
 
                                Viertes Capitel
                     Dass Träume nicht allemal Schäume sind
Die Stoiker, dieser strenge moralische Orden, dessen Abgang der vortreffliche
Präsident von Montesquieu als einen Verlust für das menschliche Geschlecht
ansieht, hatten unter andern Sonderlichkeiten, eine grosse Meinung von der Natur
und Bestimmung der Träume. Sie trieben es so weit, dass sie sich die Mühe gaben,
eben so grosse Bücher über diese Materie zu schreiben, als diejenigen, womit die
gelehrte Welt noch in unsern Tagen, von einigen weisen Mönchen über die erhabne
Kunst, die Gespenster zu prüfen und zu bannen, beschenkt worden ist. Sie teilten
die Träume in mancherlei Gattungen und Arten ein, wiesen ihnen ihre geheime
Bedeutungen an, gaben den Schlüssel dazu, und trugen kein Bedenken, einige Arten
derselben ganz zuversichtlich dem Einfluss derjenigen Geister zuzuschreiben,
womit sie alle Teile der Natur reichlich bevölkert hatten. In der Tat scheinen
sie sich in diesem Stück lediglich nach einem allgemeinen Glauben, der sich von
je her unter allen Völkern und Zeiten erhalten hat, gerichtet, und dasjenige in
die Form einer schlussförmigen Teorie gebracht zu haben, was bei ihren
Grossmüttern ein sehr unsichers Gemische von Tradition, Einbildung und Blödigkeit
des Geistes gewesen sein möchte. Dem sei nun wie ihm wolle, so ist gewiss, dass
wir zuweilen Träume haben, in denen so viel Zusammenhang, so viel Beziehung auf
unsre vergangne und gegenwärtige Umstände, wiewohl allezeit mit einem kleinen
Zusatz von Wunderbarem und Unbegreiflichem, anzutreffen ist; dass wir uns um
jener Merkmale der Wahrheit willen geneigt finden, in diesem letztern etwas
geheimnisvolles und vorbedeutendes zu suchen. Träume von dieser Art den Geistern
ausser uns, oder, wie die Pytagoräer taten, einer gewissen prophetischen Kraft
und Divination unsrer Seele beizumessen, welche unter dem tiefen Schlummer der
Sinne bessere Freiheit habe, sich zu entwickeln: So sinnreiche Auflösungen
überlassen wir denjenigen, welche zum Besitz jener von Lucrez so entusiastisch
gepriesenen Glückseligkeit, die Ursachen der Dinge einzusehen, in einem vollern
Masse gelangt sind als wir. Indessen haben wir uns doch zum Gesetz gemacht, den
guten Rat unsrer Amme nicht zu verachten, welche uns, da wir noch das Glück
ihrer einsichtsvollen Erziehung genossen, unter Anführung einer langen Reihe von
Familienbeispielen, ernstlich zu vermahnen pflegte, die Warnungen und
Fingerzeige der Träume ja nicht für gleichgültig anzusehen.
    Agaton hatte diesen Morgen, nachdem er in einer Verwirrung von uneinigen
Gedanken und Gemütsbewegungen endlich eingeschlummert war, einen Traum, den wir
mit einigem Recht zu den kleinen Ursachen zählen können, durch welche grosse
Begebenheiten hervorgebracht worden sind. Wir wollen ihn erzählen, wie wir ihn
in unsrer Urkunde finden, und dem Leser überlassen, was er davon urteilen will.
Ihn deuchte also, dass er in einer Gesellschaft von Nymphen und Liebesgöttern auf
einer anmutigen Ebne sich erlustige. Danae war unter ihnen. Mit zauberischem
Lächeln reichte sie ihm, wie Ariadne ihrem Bacchus, eine Schale voll Nectars,
welchen er an ihren Blicken hangend mit wollüstigen Zügen hinunterschlürfte. Auf
einmal fing alles um ihn her zu tanzen an; er tanzte mit; ein Nebel von süssen
Düften schien rings um ihn her die wahre Gestalt der Dinge zu verbergen, und
tausend liebliche Gestalten gaukelten vor seiner Stirne, welche wie Seifenblasen
eben so schnell zerflossen als entstunden. In diesem Taumel tanzte und hüpfte er
eine Zeit lang fort, bis auf einmal der Nebel und seine ganze fröhliche
Gesellschaft verschwand: Ihm war als ob er aus einem tiefen Schlaf erwachte; und
da er die Augen aufschlug, sah er sich an der Spitze eines jähen Felsens, unter
welchem ein reissender Strom seine sprudelnden Wellen fortwälzte. Gegen ihm über,
auf dem andern Ufer des Flusses, stand Psyche; ein schneeweisses Gewand floss zu
ihren Füssen herab; ganz einsam und traurig stand sie, und heftete Blicke auf
ihn, die ihm das Herz durchbohrten. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen,
stürzte er sich in den Fluss hinab, arbeitete sich ans andre Ufer hinüber, und
eilte, sich seiner Psyche zu Füssen zu werfen. Aber sie entschlüpfte wie ein
Schatten vor ihm her, ohne dass sie aufhörte, sichtbar zu sein; ihr Gesicht war
traurig, und ihre rechte Hand wies in die Ferne, wo er die goldnen Türme und die
heiligen Haine des delphischen Tempels ganz deutlich zu unterscheiden glaubte.
Tränen liefen bei diesem Anblick über seine Wangen herab; er streckte seine
Arme, flehend, und von unaussprechlichen Empfindungen beklemmt, nach der
geliebten Psyche aus; aber sie floh eilends von ihm weg, einer Bildsäule der
Tugend zu, welche unter den Trümmern eines verfallnen Tempels, einsam und
unversehrt, in majestätischer Ruhe auf einem unbeweglichen Cubus stand. Psyche
umarmte diese Bildsäule, warf noch einen tiefsinnigen Blick auf ihn und
verschwand. Verzweifelnd wollte er ihr nacheilen, als er sich plötzlich in einem
tiefen Schlamme versenket sah; und die Bestrebung, die er anwendete, sich
herauszuarbeiten, war so heftig, dass er daran erwachte.
    Ein Strom von Tränen, in welchen sein berstendes Herz ausbrach, war die
erste Würkung des tiefen Eindruckes, den dieser sonderbare Traum in seiner
erwachten aber noch ganz von ihren Gesichten umgebnen Seele zurückliess. Er
weinte so lange und so heftig, dass sein Hauptküssen ganz davon durchnetzt wurde.
Ach Psyche! Psyche! rief er von Zeit zu Zeit aus, indem er seine gerungenen Arme
wie nach ihrem Bilde austreckte; und dann brach eine neue Flut aus seinen
schwellenden Augen. Wo bin ich, rief er wiederum aus, und sah sich um, als ob er
bestürzt wäre, sich in einem mit Persischen Tapeten behangnen, und von tausend
Kostbarkeiten schimmernden Zimmer auf dem weichsten Ruhbette liegend zu finden -
- O Psyche - - was ist aus deinem Agaton worden? - - O unglücklicher Tag, an
dem mich die verhassten Räuber deinem Arm entrissen! - - Unter solchen
Vorstellungen und Ausrufungen stund er auf; ging in heftiger Bewegung auf und
nieder, warf sich abermal auf das Ruhbette, und blieb eine lange Zeit stumm, und
mit zu Boden starrenden Blicken unbeweglich, wie in Gedanken verloren, sitzen.
Endlich raffte er sich wieder auf, kleidete sich an, und stieg in die Gärten
herab, um in dem einsamsten Teil des Hains die Ruhe zu suchen, welche er nötig
hatte, über seinen Traum, seinen gegenwärtigen Zustand und die Entschliessungen,
die er zu fassen habe, nachdenken zu können. Unter allen Bildern, welche der
Traum in seinem Gemüte zurückgelassen hatte, rührte ihn keines lebhafter als die
Vorstellung der Psyche, wie sie mit ernstem Gesicht auf den Tempel und die Haine
von Delphi wies - - die geheiligten Örter, wo sie einander zuerst gesehen, wo
sie so oft sich eine ewige Liebe geschworen, wo sie so rein, so tugendhaft sich
geliebt hatten, wie sich im hohen Olymp die Unverkörperten lieben.
    Diese Bilder hatten etwas so rührendes, und der Schmerz, womit sie ihn
durchdrangen, wurde durch die lebhaftesten Erinnerungen seiner ehmaligen
Glückseligkeit so sanft gemildert, dass er eine Art von Wollust darin empfand,
sich der zärtlichen Wehmut zu überlassen, wovon seine Seele dabei eingenommen
wurde. Er verglich seinen izigen Zustand mit jener seligen Stille des Herzens,
mit jener immer lächelnden Heiterkeit der Seele, mit jenen sanften und
unschuldsvollen Freuden, zu welchen, seiner Einbildung nach, unsterbliche
Zuschauer ihren Beifall gegeben hatten: Und indem er unvermerkt, anstatt die
Vergleichung unparteiisch fortzusetzen, sich dem schleichenden Lauf seiner
erregten Einbildungskraft überliess; deuchte ihn nicht anders, als ob seine Seele
nach jener elysischen Ruhe, wie nach ihrem angebornen Elemente, sich
zurücksehne. Wenn es auch Schwärmereien waren, rief er seufzend aus, wenn es
auch blosse Träume waren, in die mein halbabgeschiedner, halbvergötterter Geist
sich wiegte - - welch eine selige Schwärmerei! Und wie viel glücklicher machten
mich diese Träume, als alle die rauschenden Freuden, welche die Sinnen in einem
Wirbel von Wollust dahinreissen, und wenn sie vorüber sind, nichts als Beschämung
und Reue, und ein schwermütiges Leeres im unbefriedigten Geist zurücklassen!
    Vielleicht werden unsre Leser aus demjenigen, was damals in dem Gemüte
unsers Helden vorging, sich viel Gutes für seine Wiederkehr zur Tugend
weissagen. Aber mit Bedauern müssen wir gestehen, dass sich eine andre Seele in
seinem Inwendigen erhob, welche die Würkung dieser guten Regungen in kurzem
wieder unkräftig machte; es sei nun, dass es die Stimme der Natur oder der
Leidenschaft war, oder dass beide sich vereinigten, ihn ohne Abbruch seiner
Eigenliebe wieder mit sich selbst und dem Gegenwärtigen auszusöhnen.
    In der Tat war es bei der Lebhaftigkeit, welche alle Ideen und
Gemütsbewegungen dieses sonderbaren Menschens charakterisierte, kaum möglich,
dass der überspannte Affect, worin wir ihn gesehen haben, von langer Dauer hätte
sein können. Die Stärke seiner Empfindungen rieb sich an sich selbst ab; seine
Einbildungskraft pflegte in solchen Fällen so lange in geradem Lauf
fortzuschiessen, bis sie sich genötiget fand, wieder umzukehren. Er fing nun an,
sich zu überreden, dass mehr Schwärmerei als Wahrheit und Vernunft in seiner
Betrübnis sei; er glaubte bei näherer Vergleichung zu finden, dass seine
Leidenschaft für Danae durch die Vollkommenheit des Gegenstands gänzlich
gerechtfertiget würde, und so vorzüglich ihm kurz zuvor die Glückseligkeit
seines delphischen Lebens, und die unschuldigen Freuden der ersten noch
unerfahrnen Liebe geschienen hatten; so unwesentlich fand er sie izt in
Vergleichung mit demjenigen, was ihn die schöne Danae in ihren Armen hatte
erfahren lassen. Das blosse Andenken daran setzte sein Blut in Feuer, und seine
Seele in Entzückung; seine angestrengteste Einbildung erlag unter der Bestrebung
eine vollkommnere Wonne zu erfinden.
    Psyche schien ihm izt, so liebenswürdig sie immer sein mochte, zu nichts
anderm bestimmt gewesen zu sein, als die Empfindlichkeit seines Herzens zu
entwickeln, um ihn fähig zu machen, die Vorzüge der unvergleichlichen Danae zu
empfinden. Er schrieb es einem Rückfall in seine ehmalige Schwärmerei zu, dass er
sich durch einen Traum, welchen er mit aller seiner sonderbaren Beschaffenheit,
doch für nichts mehr als ein Spiel der Phantasie halten konnte, in so heftige
Bewegungen hätte setzen lassen. Das einzige, was ihn noch beunruhigte, war der
Vorwurf der Untreue gegen seine einst so zärtlich geliebte und so zärtlich
wieder liebende Psyche. Allein die Unmöglichkeit von der unwiderstehlichen Danae
nicht überwunden zu werden; (ein Punct, wovon er so vollkommen als von seinem
eignen Dasein überzeugt zu sein glaubte;) der Verlust aller Hoffnung, Psyche
jemals wieder zu finden, (welchen er, ohne genauere Untersuchung, für ausgemacht
annahm,) beides schien ihm gegen diesen Vorwurf von grossem Gewicht zu sein; und
um sich desselben gänzlich zu entledigen, geriet er endlich gar auf den
Gedanken, dass seine Verbindung mit Psyche mehr die Liebe eines Bruders zu einer
Schwester, eine blosse Liebe der Seelen, als dasjenige gewesen sei, was im
eigentlichen Sinn Liebe genennt werden sollte; eine Entdeckung, die ihm bei
Vergleichung der Symptomen dieser beiden Arten von Liebe, unwidersprechlich zu
sein deuchte. Diese Vorstellungen stiegen nach und nach, zumal an einem Orte, wo
jede schattichte Laube, jede Blumenbank, jede Grotte, ein Zeuge genossner
Glückseligkeiten war, zu einer solchen Lebhaftigkeit, dass sie eine Art von Ruhe
in seinem Gemüte wieder herstellten; wenn anders die Verblendung eines Kranken,
der in der Hitze seines Fiebers gesund zu sein wähnt, diesen Namen verdienen
kann. Doch verhinderten sie nicht, dass, diesen ganzen Tag über, ein Eindruck von
Schwermut und Traurigkeit in seinem Gemüte zurückblieb; die Bilder der Psyche
und der Tugend, welche er so lange gewohnt gewesen war zu vermengen, stellten
sich immer wieder vor seine Augen; umsonst suchte er sie durch Zerstreuungen zu
entfernen; sie überraschten ihn in seinen Arbeiten, und beunruhigten ihn in
seinen Ergötzungen; er suchte ihnen auszuweichen, der Unglückliche! und wurde
nicht gewahr, dass eben dieses ein vollständiger Beweis sei, dass es nicht so
richtig mit ihm stehe, als er sich selbst zu überreden suchte.
 
                                Fünftes Capitel
                    Ein starker Schritt zu einer Catastrophe
Danae liebte zu zärtlich, als dass ihr der stille Kummer, der eine wiewohl
anmutige Düsternheit über das schöne Gesicht unsers Helden ausbreitete, hätte
unbemerkt bleiben können; aber aus eben diesem Grunde war sie zu schüchtern, ihn
voreilig um die Ursache einer so unerwarteten Veränderung zu befragen. Es war
leicht zu sehen, dass sein Herz leiden müsse; aber mit aller Scharfsichtigkeit,
welche den Augen der Liebe eigen ist, konnte sie doch nicht mit sich selbst
einig werden, was die Ursache davon sein könne. Ihr erster Gedanke war, dass ihm
vielleicht ein zu weit getriebner Scherz des boshaften Hippias anstössig gewesen
sein möchte. Allein was auch Hippias gesagt haben konnte, schien ihr nicht
genugsam, eine so tiefe Wunde zu machen, als sie in seinem Herzen zu sehen
glaubte. Das Interesse ihres eignen brachte sie bald auf einen andern Gedanken,
dessen sie vermutlich nicht fähig gewesen wäre, wenn ihre Liebe nicht die
Eitelkeit überwogen hätte, welche bei den meisten Schönen die wahre Quelle
dessen ist, was sie uns für Liebe geben wollen. Wie, wenn seine Liebe zu
erkalten anfinge; sagte sie zu sich selbst - - erkalten? Himmel! wenn das
möglich ist, so werde ich bald gar nicht mehr geliebt sein. - - Dieser Gedanke
war zu entsetzlich für ein so völlig eingenommenes Herz, als dass sie ihn
sogleich hätte verbannen können - - wie bescheiden macht die wahre Liebe! - -
Sie, welche gewohnt gewesen war, in allen Augen die Würkungen ihres alles
besiegenden Reizes zu sehen; sie, welche unter den Vollkommensten ihres
Geschlechts nicht Eine kannte, von der sie jemals in dem süssen Bewusstsein ihrer
Vorzüglichkeit nur einen Augenblick gestört worden wäre - - mit einem Wort - -
Danae - - fing an mit Zittern sich selbst zu fragen: ob sie auch liebenswürdig
genug sei, das Herz eines so ausserordentlichen Mannes in ihren Fesseln zu
behalten? Und wenn gleich die Eigenliebe sie von Seiten ihres persönlichen
Wertes hierüber beruhigte; so war sie doch nicht ohne Sorgen, dass in ihrem
Betragen etwas gewesen sein möchte, wodurch das Sonderbare in seiner
Denkungsart, oder die ekle Zärtlichkeit seiner Empfindungen hätte beleidiget
werden können. Hatte sie ihm nicht zuviel Beweise von ihrer Liebe gegeben? Hätte
sie ihm seinen Sieg nicht schwerer machen sollen? War es sicher, ihn die ganze
Stärke ihrer Leidenschaft sehen zu lassen, und sich wegen der Erhaltung seines
Herzens allein auf die gänzliche Dahingebung des Ihrigen zu verlassen? - - Diese
Fragen waren weder spitzfündig noch so leicht zu beantworten, als manches gute
Ding sich einbildet, dem man eine ewige Liebe geschworen hat, und dessen
geringster Kummer nun ist, ob man ihr werde Wort halten können. Die schöne Danae
kannte die Wichtigkeit derselben in ihrem ganzen Umfange; und alles was sie sich
selbst darüber sagen konnte, stellte sie doch nicht so zufrieden, dass sie nicht
für nötig befunden hätte, einen gelegnen Augenblick zu belauschen, um sich über
alle ihre Zweifel ins Klare zu setzen; im übrigen sehr überzeugt, dass es ihr
nicht an Mitteln fehlen werde, dem entdeckten Übel zu helfen, es möchte nun auch
bestehen, worin es immer wollte. Agaton ermangelte nicht, ihr noch an dem
nämlichen Tag Gelegenheit dazu zu geben.
    Schwermut und Traurigkeit machen die Seele nach und nach schlaff, und
eröffnen sie allen weichen und zärtlichen Regungen. Dieser Satz ist so wahr, dass
tausend Liebesverbindungen in der Welt keinen andern Ursprung haben. Ein
Liebhaber verliert einen Gegenstand, den er anbetet; er ergiesst seine Klagen in
den Busen einer Freundin, für deren Reizungen er bisher vollkommen gleichgültig
gewesen war - - Sie bedauert ihn; er findet sich dadurch erleichtert, dass er
sich frei und ungehindert beklagen kann; und die Schöne ist erfreut, dass sie
Gelegenheit hat, ihr gutes Herz zu zeigen: Ihr Mitleiden rührt ihn, und erregt
seine Aufmerksamkeit: Sobald eine Frauensperson zu interessieren anfängt, sobald
entdeckt man Reizungen an ihr: Die Regungen, worin beide sich befinden, sind der
Liebe günstig; sie verschönern die Freundin, und blenden die Augen des Freundes:
Überdem sucht der Schmerz natürlicher Weise eine Zerstreuung, und ist geneigt
sich an alles zu hängen, was ihm Trost und Linderung verspricht: Eine dunkle
Ahnung neuer Vergnügungen; der Anblick eines Gegenstands, der solche geben kann;
die günstige Gemütsstellung, worin man denselben sieht, auf der Einen - - die
Eitelkeit, diese grosse Treibfeder des weiblichen Herzens; das Vergnügen, so zu
sagen, einen Sieg über eine Nebenbuhlerin davon zu tragen, indem man
liebenswürdig genug ist, ihren Verlust zu ersetzen; die Begierde, selbst ihr
Andenken auszulöschen; vielleicht, auch die Guterzigkeit der menschlichen
Natur, und das Vergnügen glücklich zu machen, auf der andern Seite - - wie viel
Umstände, welche sich vereinigen, unvermerkt den Freund in einen Liebhaber, und
die Vertraute in die Hauptperson eines neuen Romans zu verwandeln.
    In einer Gemütsverfassung von dieser Art befand sich Agaton, als Danae,
welche vernommen hatte, dass er den ganzen Abend in der einsamsten Gegend des
Gartens zugebracht, sich nicht mehr zurückhalten konnte ihn aufzusuchen. Sie
fand ihn mit halbem Leib auf einer grünen Bank liegen, das Haupt unterstützt,
und so zerstreut, dass sie eine Weile vor ihm stand, ehe er sie gewahr wurde. Du
bist traurig, Callias, sagte sie endlich mit einer gerührten Stimme, indem sie
Augen voll mitleidender Liebe auf ihn heftete. Kann ich traurig sein, wenn ich
dich sehe? erwiderte Agaton, mit einem Seufzer, welcher seine Frage zu
beantworten schien. Auch gab ihm Danae keine Antwort auf ein so verbindliches
Compliment, sondern fuhr fort, ihn stillschweigend, aber mit einem Gesicht voll
Seele, und Augen die voller Wasser standen, anzusehen. Er richtete sich auf, und
sah sie eine Weile an, als ob er bis in den Grund ihrer Seele schauen wollte.
Ihre Herzen schienen durch ihre Blicke in einander zu zerfliessen. Liebest du
mich, Danae? fragte endlich Agaton mit einer von Zärtlichkeit und Wehmut
halberstickten Stimme, indem er einen Arm um sie schlang, und fortfuhr sie mit
wässrichten Augen anzusehen. Sie schwieg eine Zeit lang. Ob ich dich liebe? - -
War alles was sie sagen konnte; aber der Ausdruck, der Ton, womit sie es sagte,
hätte durch alle Beredsamkeit des Demostenes nicht ersetzt werden können. Ach
Danae! (erwidert Agaton) ich frage nicht, weil ich zweifle - - Kann ich eine
Versichrung, von welcher das ganze Glück meines Lebens abhängt, zu oft von
diesen geliebten Lippen empfangen? Wenn du mich nicht liebtest - - wenn du
aufhören könntest mich zu lieben - - Was für Gedanken, mein liebster Callias?
unterbrach sie ihn: Wie elend wär ich, wenn du sie in deinem Herzen fändest - -
wenn dieses dir sagte, dass eine Liebe wie die unsrige aufhören könne? - - Ein
übelverhehlter Seufzer war alles was er antworten konnte. Du bist traurig,
Callias, fuhr sie fort; ein geheimer Kummer bricht aus allen deinen Zügen hervor
- - Du begreifst nicht, nein, du begreifst nicht, was ich leide, dich traurig zu
sehen, ohne die Ursache davon zu wissen. Wenn mein Vermögen, wenn meine Liebe,
wenn mein Leben selbst hinlänglich ist, sie von dir zu entfernen, mein
Geliebter, o! so verzögre keinen Augenblick, dein Innerstes mir aufzuschliessen -
- Der Ausdruck, die Blicke, der Ton der Stimme, womit sie dieses sagte, rührte
den gefühlvollen Agaton bis zu sprachloser Entzückung. Er wand seine Arme um
sie, druckte sein Gesicht auf ihre klopfende Brust, und konnte lange nur durch
die Tränen reden, womit er sie benetzte.
    Nichts ist ansteckenders als der Affect einer in Empfindung zerfliessenden
Seele. Danae, ohne die Ursach aller dieser Bewegungen zu wissen, wurde so sehr
von dem Zustand gerührt, worin sie ihren Liebhaber sah, dass sie eben so
sprachlos als er selbst, sympatetische Tränen mit den Seinigen vermischte.
Diese Scene, welche für den gleichgültigen Leser nicht so interessant sein kann,
als sie es für unsre Verliebten war, dauerte eine ziemliche Weile. Endlich fasste
sich Agaton, und sagte in einer von diesen zärtlichen Ergiessungen der Seele, an
welchen die Überlegung keinen Anteil hat, und worin man keine andre Absicht hat
als ein volles Herz zu erleichtern: Ich liebe dich zu sehr, unvergleichliche
Danae, und fühle zu sehr, dass ich dich nicht genug lieben kann, um dir länger zu
verhehlen, wer dieser Callias ist, den du, ohne ihn zu kennen, deines Herzens
würdig geachtet hast. Ich will dir das Geheimnis meines Namens und die ganze
Geschichte meines Lebens, so weit ich in selbiges zurückzusehen vermag,
entdecken; und wenn du alles wissen wirst - - ich weiss es, dass ich einer so
grossen Seele, wie die deinige, alles entdecken darf- - Denn wirst du vielleicht
natürlich finden, dass der flüchtigste Zweifel, ob es möglich sein könne deine
Liebe zu verlieren, hinlänglich ist, mich elend zu machen. Danae stutzte, wie
man sich vorstellen kann, bei einer so unerwarteten Vorrede; sie sah unsern
Helden so aufmerksam an, als ob sie ihn noch nie gesehen hätte, und verwunderte
sich izt über sich selbst, dass ihr nicht längst in die Augen gefallen war, dass
weit mehr unter ihrem Liebhaber verborgen sei, als die Nachrichten des Hippias,
und die Umstände, worin sich ihre Bekanntschaft angefangen, vermuten liessen. Sie
dankte ihm auf die zärtlichste Art für die Probe eines vollkommnen Zutrauens,
welche er ihr geben wolle, und nach einigen vorbereitenden Liebkosungen, womit
sie ihre Dankbarkeit bestätigte, fing Agaton die folgende Erzählung an:
 
                                 Siebentes Buch
                                 Erstes Capitel
                         Die erste Jugend des Agatons
Ich war schon achtzehn Jahre alt, eh ich denjenigen kannte, dem ich mein Dasein
zu danken habe. Von der ersten Kindheit an, in den Hallen des delphischen
Tempels erzogen, war ich gewöhnt, die Priester des Apollo mit diesen kindlichen
Empfindungen anzusehen, welche das erste Alter über alle, die für unsre
Erhaltung Sorge tragen, zu ergiessen pflegt. Ich war noch ein kleiner Knabe, als
ich schon mit dem geheiligten Gewand, welches die jungen Diener des Gottes von
den Sclaven der Priester unterschied, bekleidet, und zum Dienst des Tempels,
wozu ich gewidmet war, zubereitet wurde.
    Wer Delphi gesehen hat, wird sich nicht verwundern, dass ein Knabe von
gefühlvoller Art, der beinahe von der Wiegen an daselbst erzogen worden,
unvermerkt eine Gemütsbildung bekommen muss, welche ihn von den gowöhnlichen
Menschen unterscheidet. Ausser der besondern Heiligkeit, welche ein uraltes
Vorurteil und die geglaubte Gegenwart des Pytischen Gottes der ganzen
delphischen Landschaft beigelegt hat, war in den Bezirken des Tempels selbst
kein Platz, der nicht von irgend einem ehrwürdigen oder glänzenden Gegenstand
erfüllt, oder durch das Andenken irgend eines Wunders verherrlichet war. Wie nun
der Anblick so vieler wundervoller Dinge das erste war, woran meine Augen
gewöhnt wurden: So war die Erzählung wunderbarer Begebenheiten die erste
mündliche Unterweisung, die ich von meinen Vorgesetzten erhielt; eine Art von
Unterricht, den ich nötig hatte, weil es ein Teil meines Berufs sein sollte, den
Fremden, von welchen der Tempel immer angefüllt war, die Gemälde, die
Schnitzwerke und Bilder, und den unsäglichen Reichtum von Geschenken, wovon die
Hallen und Gewölbe desselben schimmerten, zu erklären.
    Für ungewohnte Augen ist vielleicht nichts blendenders als der Anblick eines
von so vielen Königen, Städten und reichen Particularen in ganzen Jahrhunderten
zusammengehäuften Schatzes von Gold, Silber, Edelsteinen, Perlen, Elfenbein und
andern Kostbarkeiten: Für mich, der dieses Anblicks gewohnt war, hatte die
bescheidne Bildsäule eines Solon mehr Reiz, als alle diese schimmernde Tropheen
einer abergläubischen Andacht, welche ich gar bald mit eben der verachtenden
Gleichgültigkeit ansah, womit ein Knabe die Puppen und Spielwerke seiner
Kindheit anzusehen pflegt. Noch unfähig, von den Verdiensten und dem wahren Wert
der vergötterten Helden mir einen echten Begriff zu machen, stand ich oft vor
ihren Bildern, und fühlte, indem ich sie betrachtete, mein Herz mit geheimen
Empfindungen ihrer Grösse und mit einer Bewundrung erfüllt, wovon ich keine andre
Ursache als mein innres Gefühl hätte angeben können. Einen noch stärkern
Eindruck machte auf mich die grosse Menge von Bildern der verschiednen
Gotteiten, unter welchen unsre Voreltern die erhaltenden Kräfte der Natur, die
manchfaltigen Vollkommenheiten des menschlichen Geistes und die Tugenden des
geselligen Lebens personificiert haben, und wovon ich im Tempel und in den
Hainen von Delphi mich allentalben umgehen fand. Meine damalige Erfahrung,
schöne Danae, hat mich seitdem oftmals auf die Betrachtung geleitet, wie gross
der Beitrag sei, welchen die schönen Künste zu Bildung des sittlichen Menschen
tun können; und wie weislich die Priester der Griechen gehandelt, da sie die
Musen und Grazien, deren Lieblinge ihnen so grosse Dienste getan, selbst unter
die Zahl der Gotteiten aufgenommen haben. Der wahre Vorteil der Religion, in so
fern sie eine besondere Angelegenheit des priesterlichen Ordens ist, scheinet
von der Stärke der Eindrücke abzuhangen, die wir in denjenigen Jahren empfangen,
worin wir noch unfähig sind, Untersuchungen anzustellen. Würden unsre Seelen in
Absicht der Götter und ihres Dienstes von der Kindheit an leere Tafeln gelassen,
und anstatt der unsichern und verworrenen aber desto lebhaftern Begriffe, welche
wir durch Fabeln und Wunder-Geschichten, und in etwas zunehmendem Alter durch
die Musik und die abbildenden Künste von den übernatürlichen Gegenständen
bekommen, allein mit den unverfälschten Eindrücken der Natur und den Grundsätzen
der Vernunft überschrieben; so ist sehr zu vermuten, dass der Aberglaube noch
grössere Mühe haben würde, die Vernunft als, in dem Falle, worin die meisten sich
befinden, die Vernunft Mühe hat, den Aberglauben von der einmal eingenommenen
Herrschaft zu verdrängen. Der grösste Vorteil, den dieser über jene hat, hanget
davon ab, dass er ihr zuvorkömmt. Aber wie leicht wird es ihm alsdenn sich einer
noch unmündigen Seele zu bemeistern, wenn alle diese zauberische Künste, welche
die Natur im Nachahmen selbst zu übertreffen scheinen, ihre Kräfte vereinigen,
die entzückten Sinnen zu überraschen? Wie natürlich muss es demjenigen werden die
Gotteit des Apollo zu glauben, ja endlich sich zu bereden, dass er ihre
Gegenwart und Einflüsse fühle, der in einem Tempel aufgewachsen ist, dessen
erster Anblick das Werk und die Wohnung eines Gottes ankündet? Demjenigen, der
gewohnt ist den Apollo eines Phidias vor sich zu sehen, und das mehr als
menschliche, welches die Kenner so sehr bewundern, der Natur des Gegenstands,
nicht dem schöpferischen Geiste des Künstlers zuzuschreiben?
    So viel ich die Natur unsrer Seele kenne, deucht mich, dass sich in einer
jeden, die zu einem gewissen Grade von Entwicklung gelangt, nach und nach ein
gewisses idealisches Schöne bilde, welches (auch ohne dass man sich's bewusst ist)
unsern Geschmack und unsre sittliche Urteile bestimmt, und das Modell abgibt,
wornach unsre Einbildungskraft die besondern Bilder dessen was wir gross, schön
und vortrefflich nennen, zu entwerfen scheint. Dieses idealische Modell formiert
sich (wie mich izo wenigstens deucht, nachdem neue Erfahrungen mich auf neue
oder erweiterte Betrachtungen geleitet haben) aus der Beschaffenheit und dem
Zusammenhang der Gegenstände, worin wir zu leben anfangen.
    Daher (wie die Erfahrung zu bestätigen scheint) so viele besondere Denk- und
Sinnesarten als man verschiedene Erziehungen und Stände in der menschlichen
Gesellschaft antrifft. Daher der Spartanische Heldenmut, die Attische Urbanität,
und der aufgedunsene Stolz der Asiaten; daher die Verachtung des Geometers für
den Dichter, oder des speculierenden Kaufmanns gegen die Speculationen des
Gelehrten, die ihm unfruchtbar scheinen, weil sie sich in keine Darici
verwandeln wie die seinigen; daher der grobe Materialismus des plumpen
Handwerkers, der rauhe Ungestüm des Seefahrers, die mechanische
Unempfindlichkeit des Soldaten, und die einfältige Schlauheit des Landvolks;
daher endlich, schöne Danae, die Schwärmerei, welche der weise Hippias deinem
Callias vorwirft; diese Schwärmerei, die ich vielleicht in einem minder erhabnen
Licht sehe, seitdem ich ihre wahre Quelle entdeckt zu haben glaube; aber die ich
nichts desto weniger für diejenige Gemütsbeschaffenheit halte, welche uns, unter
den nötigen Einschränkungen, glücklicher als irgend eine andre machen kann.
    Du begreifest leicht, schöne Danae, dass unter lauter Gegen- ständen, welche
über die gewöhnliche Natur erhaben, und selbst schon idealisch sind, jenes
phantastische Modell, dessen ich vorhin erwähnte, in einem so ungewöhnlichen
Grade abgezogen und überirdisch werden musste, dass bei zunehmendem Alter alles
was ich würklich sah, weit unter demjenigen war, was sich meine Einbildungskraft
zu sehen wünschte. In dieser Gemütsverfassung war ich, als einer von den
Priestern zu Delphi aus Absichten, welche sich erst in der Folg' entwickelten,
es übernahm, mich in den Geheimnissen der Orphischen Philosophie einzuweihen;
der einzigen, die von unsern Priestern hochgeachtet wurde, weil sie die Vernunft
selbst auf ihre Partei zu ziehen, und den Glauben von dessen unbeweglichem
Ansehen das ihrige abhing, einen festern Grund als die Tradition und die Fabeln
der Dichter, zu geben schien.
    Nichts, was ich jemals empfunden habe, gleicht der Entzückung, in die ich
hingezogen wurde, als ich in den Händen dieses Egyptiers, der die geheime
Götterlehre seiner Nation zu uns gebracht hat, in das Reich der Geister
eingeführt, und zu einer Zeit, da die erhabensten Gemälde Homers und Pindars
ihren Reiz für mich verloren hatten, mitten in der materiellen Welt mir eine
Neue, mit lauter unsterblichen Schönheiten erfüllt, und von lauter Göttern
bewohnt, eröffnet wurde.
    Das Alter, worin ich damals war, ist dasjenige, worin wir, aus dem langen
Traum der Kindheit erwachend, uns selbst zuerst zu finden glauben, die Welt um
uns her mit erstaunten Augen betrachten, und neugierig sind, unsre eigne Natur
und den Schauplatz, worauf wir uns ohn unser Zutun versetzt sehen, kennen zu
lernen. Wie willkommen ist uns in diesem Alter eine Philosophie, welche den
Vorteil unsrer Wissensbegierde mit dieser Neigung zum Wunderbaren und dieser
arbeitscheuen Flüchtigkeit, welche der Jugend eigen sind, vereiniget, welche
alle unsre Fragen beantwortet, alle Rätsel erklärt, alle Aufgaben auflöset; eine
Philosophie, welche destomehr mit dem warmen und gefühlvollen Herzen der Jugend
sympatisiert, weil sie alles Unempfindliche und Tote aus der Natur verbannet,
und jeden Atom der Schöpfung mit lebenden und geistigen Wesen bevölkert, jeden
Punct der Zeit mit verborgnen Begebenheiten und grossen Scenen befruchtet, welche
für künftige Ewigkeiten heranreifen; ein System, welches die Schöpfung so
unermesslich macht, als ihr Urheber ist, welches uns in der anscheinenden
Verwirrung der Natur eine majestätische Symmetrie, in der Regierung der
moralischen Welt einen unveränderlichen Plan, in der unzählbaren Menge von
Classen und Geschlechtern der Wesen einen einzigen Staat, in den verwickelten
Bewegungen aller Dinge einen allgemeinen Richtpunct, in unsrer Seele einen
künftigen Gott, in der Zerstörung unsers Cörpers die Wiedereinsetzung in unsre
ursprüngliche Vollkommenheit, und in dem nachtvollen Abgrund der Zukunft helle
Aussichten in grenzenlose Wonne zeigt? Ein solches System ist zu schön an sich
selbst, zu schmeichelhaft für unsern Stolz, unsern innersten Wünschen und
wesentlichsten Trieben zu angemessen, als dass wir es in einem Alter, wo alles
Grosse und Rührende so viel Macht über uns hat, nicht beim ersten Anblick wahr
finden sollten. Vermutungen und Wünsche werden hier zu desto stärkern Beweisen,
da wir in dem blossen Anschauen der Natur zuviel Majestät, zuviel
Geheimnisreiches und Göttliches zu sehen glauben, um besorgen zu können, dass wir
jemals zu gross von ihr denken möchten. Und, soll ich dirs gestehen, schöne
Danae? Selbst izt, da mich glückliche Erfahrungen das Schwärmende und
Unzuverlässige dieser Art von Philosophie gelehrt haben, fühle ich mit einer
innerlichen Gewalt, die sich gegen jeden Zweifel empört, dass diese
Übereinstimmung mit unsern edelsten Neigungen, welche ihr das Wort redet, der
rechte Stempel der Wahrheit ist, und dass selbst in diesen Träumen, welche dem
materialischen Menschen so ausschweifend scheinen, für unsern Geist mehr
Würklichkeit, mehr Unterhaltung und Aufmunterung, eine reichere Quelle von
ruhiger Freude und ein festerer Grund der Selbstzufriedenheit liegt, als in
allem was die Sinne uns angenehmes und Gutes anzubieten haben. Doch ich erinnere
mich, dass es die Geschichte meiner Seele, und nicht die Rechtfertigung meiner
Denkensart ist, wozu ich mich anheischig gemacht habe. Es sei also genug, wenn
ich sage, dass die Lehrsätze des Orpheus und des Pytagoras, von den Göttern, von
der Natur, von unsrer Seele, von der Tugend, und von dem was das höchste Gut des
Menschen ist, sich meines Gemüts so gänzlich bemeisterten, dass alle meine
Begriffe nach diesem Urbilde gemodelt, alle meine Reizungen davon beseelt, und
mein ganzes Betragen, so wie alle meine Entwürfe für die Zukunft, mit dem Plan
eines nach diesen Grundsätzen abgemessenen Lebens, dessen Beurteilung mich
unaufhörlich in mir selbst beschäftigte, übereinstimmig waren.
 
                                Zweites Capitel
               En animam & mentem cum qua Di nocte loquantur!
Der Priester, der sich zu meinem Mentor aufgeworfen hatte, schien über den
ausserordentlichen Geschmack, den ich an seinen erhabnen Unterweisungen fand,
sehr vergnügt zu sein, und ermangelte nicht, meinen Entusiasmus bis auf einen
Grad zu erhöhen, welcher mich, seiner Meinung nach, alles zu glauben und alles
zu leiden fähig machen müsste. Ich war zu jung und zu unschuldig, um das kleinste
Misstrauen in seine Bemühungen zu setzen, bei welchen die Aufrichtigkeit meines
eignen Herzens die edelsten Absichten voraussetzte. Er hatte die Vorsicht
gebraucht, es so einzuleiten, dass ich endlich aus eigner Bewegung auf die Frage
geraten musste, ob es nicht möglich sei, schon in diesem Leben mit den höhern
Geistern in Gemeinschaft zu kommen? Dieser Gedanke beschäftigte mich lange bei
mir selbst; ich fand möglich, was ich mit der grössesten Lebhaftigkeit wünschte.
Die Geschichte der ersten Zeiten schien meine Hoffnung zu bestätigen. Die Götter
hatten sich den Menschen bald in Träumen, bald in Erscheinungen entdeckt;
verschiedene waren so gar glücklich genug gewesen, Günstlinge der Götter zu
sein. Hier kam mir Ganymed, Endymion und so viele andre zu statten, welche von
Gotteiten geliebt worden waren. Ich gab demjenigen, was die Dichter davon
erzählen, eine Auslegung, welche den erhabenen Begriffen gemäss war, die ich von
den höhern Wesen gefasset hatte; die Schönheit und Reinigkeit der Seele, die
Abgezogenheit von den Gegenständen der Sinne, die Liebe zu den unsterblichen und
ewigen Dingen, schien mir dasjenige zu sein, was diese Personen den Göttern
angenehm, und zu ihrem Umgang geschickt gemacht hatte. Ich entdeckte endlich dem
Teogiton (so hiess der Priester) meine lange geheim gehaltene Gedanken. Er
erklärte sich auf eine Art darüber, welche meine Neubegierde rege machte, ohne
sie zu befriedigen; er liess mich merken, dass dieses Geheimnisse seien, welche er
Bedenken trage, meiner Jugend anzuvertrauen: Doch sagte er mir, dass die
Möglichkeit der Sache keinem Zweifel unterworfen sei, und bezauberte mich ganz
mit dem Gemälde, so er mir von der Glückseligkeit derjenigen machte, welche von
den Göttern würdig geachtet würden, zu ihrem geheimen Umgang zugelassen zu
werden. Die geheimnisvolle Mine, die er annahm, so bald ich nach den Mitteln
hiezu zu gelangen fragte, bewog mich, den Vorsatz zu fassen, zu warten, bis er
selbst für gut finden würde, sich deutlicher zu entdecken. Er tat es nicht; aber
er machte so viele Gelegenheiten, meine erregte Neugierigkeit zu entflammen, dass
ich mich nicht lange entalten konnte, neue Fragen zu tun. Endlich führte er
mich einsmals tief im geheiligten Hain des Apollo in eine Grotte, welche ein
uralter Glaube der Bewohner des Landes von den Nymphen bewohnt glaubte, deren
Bilder, aus Cypressenholz geschnitzt, in Blinden von Muschelwerk das Innerste
der Höhle zierten.
    Hier liess er mich auf eine bemooste Bank niedersitzen, und fing nach einer
viel versprechenden Vorrede an, mir, wie er sagte, das geheime Heiligtum der
göttlichen Philosophie des Hermes und Orpheus aufzuschliessen. Unzähliche
religiose Waschungen, und eine Menge von Gebeten, Räucherungen und andre
geheimen Anstalten mussten vorhergehen, einen noch in irdische Glieder
gefesselten Geist zum Anschauen der himmlischen Naturen vorzubereiten. Und auch
alsdenn würde unser sterblicher Teil den Glanz der göttlichen Vollkommenheit
nicht ertragen, sondern (wie die Dichter unter der Geschichte der Semele zu
erkennen gegeben) gänzlich davon verzehrt und vernichtet werden, wenn sie sich
nicht mit einer Art von körperlichem Schleier umhüllen, und durch diese
Herablassung uns nach und nach fähig machen würden, sie endlich selbst,
entkörpert und in ihrer wesentlichen Gestalt anzuschauen. Ich war einfältig
genug alle diese vorgegebene Geheimnisse für echt zu halten; ich hörte dem
ernsten Teogiton mit einem heiligen Schauer zu, und machte mir seine
Unterweisungen so wohl zu Nutze, dass ich Tag und Nacht an nichts anders dachte
als an die ausserordentliche Dinge, wovon ich in kurzem die Erfahrung bekommen
würde.
    Du kannst dir einbilden, Danae, ob meine Phantasie in dieser Zeit müssig war.
Ich würde nicht fertig werden, wenn ich alles beschreiben wollte, was damals in
ihr vorging, und mit welch einer Zauberei sie mich in meinen Träumen bald in die
glücklichen Inseln, welche Pindar so prächtig schildert, bald zum Gastmahl der
Götter, bald in die Elysischen Täler, der Wohnung seliger Schatten, versetzte.
    So seltsam es klingt, so gewiss ist es doch, dass die Kräfte der Einbildung
dasjenige weit übersteigen, was die Natur unsern Sinnen darstellt: Sie hat etwas
glänzenders als Sonnenglanz, etwas lieblichers als die süssesten Düfte des
Frühlings zu ihren Diensten, unsre innern Sinnen in Entzückung zu setzen; sie
hat neue Gestalten, höhere Farben, vollkommnere Schönheiten, schnellere
Veranstaltungen, eine neue Verknüpfung der Ursachen und Würkungen, eine andere
Zeit - - kurz, sie erschafft eine neue Natur, und versetzt uns in der Tat in
fremde Welten, welche nach ganz andern Gesetzen als die unsrige regiert werden.
In unsrer ersten Jugend sind wir noch zu unbekannt mit den Triebfedern unsers
eignen Wesens, um deutlich einzusehen, wie sehr diese scheinbare Magie der
Einbildungskraft in der Tat natürlich ist. Wenigstens war ich damals
leichtgläubig genug, Träume von dieser Art, übernatürlichen Einflüssen
beizumessen, und sie für Vorboten der Wunderdinge zu halten, welche ich bald
auch wachend zu erfahren hoffte.
    Einsmals, als ich nach der Vorschrift des Teogitons acht Tage lang mit
geheimen Ceremonien und Weihungen, und in einer unablässigen Anstrengung mein
Gemüt von allen äusserlichen Gegenständen abzuziehen, zugebracht hatte, und mich
nunmehr berechtiget hielt, etwas mehr zu erwarten, als was mir bisher begegnet
war, begab ich mich in später Nacht, da alles schlief, in die Grotte der
Nymphen, und nachdem ich eine Menge von schwülstigen Liedern und
Anrufungsformeln hergesagt hatte, legte ich mich, mit dem Angesicht gegen den
vollen Mond gekehrt, welcher eben damals in die Grotte schien, auf die Ruhebank
zurück, und überliess mich der Vorstellung, wie mir sein würde, wenn Luna aus
ihrer Silbersphäre herabsteigen, und mich zu ihrem Endymion machen würde. Mitten
in diesen ausschweifenden Vorstellungen, unter denen ich allmählich zu
entschlummern anfing, weckte mich plötzlich ein liebliches Getön, welches in
einiger Entfernung über mir zu schweben schien, und wie ich bald erkannte, aus
derjenigen Art von Saitenspiel erklang, welche man dem Apollo zuzueignen pflegt.
Einem natürlich gestimmten Menschen würde gedeucht haben, er höre ein gutes
Stück von einer geschickten Hand ausgeführt; und so hätte er sich nicht betrügen
können. Aber in der Verfassung, worin ich damals war, hätte ich vielleicht das
Gequäke eines Chors von Fröschen für den Gesang der Musen gehalten. Die Musik,
die ich hörte, rührte, fesselte, entzückte mich; sie übertraf, meiner
eingebildeten Empfindung nach (denn die Phantasie hat auch ihre Empfindungen,)
alles was ich jemals gehört hatte, nur Apollo, der Vater der Harmonie, dessen
Laute die Sphären ihre Götteo überirdische Töne hervorbringen. Meine Seele
schien davon wie aus ihrem Leibe emporgezogen zu werden, und, lauter Ohr, über
den Wolken zu schweben; als diese Musik plötzlich aufhörte, und mich in einer
Verwirrung von Gedanken und Gemütsregungen zurückliess, die mir diese ganze Nacht
kein Auge zu schliessen, gestattete.
    Des folgenden Tages erzählte ich dem Teogiton, was mir begegnet war. Er
schien nichts sehr besonders daraus zu machen doch gab er, nachdem er mich um
alle Umstände befragt hatte, zu, dass es Apollo, oder eine von den Musen gewesen
sein könne. Du wirst lächeln, Danae, wenn ich dir gestehe, dass ich, so jung ich
war, und ohne mir selbst recht bewusst zu sein, warum? Doch lieber gesehen hätte,
wenn es eine Muse gewesen wäre. Ich unterliess nun keine Nacht, mich in der
Grotte einzufinden, um die vermeinte Muse wieder zu hören: Aber meine Erwartung
betrog mich; es war Apollo selbst. Nach etlichen Nächten worin ich mich mit der
stummen Gegenwart der Nymphen von Cypressenholz hatte begnügen müssen, kündigte
mir ein heller Schein, der auf einmal in die Grotte fiel, und durch die
allgemeine Dunkelheit und meinen Wahnwitz zu einem überirdischen Licht erhoben
wurde, irgend eine ausserordentliche Begebenheit an. Urteile, wie bestürzt ich
war, als ich mitten in der Nacht, den Gott des Tages, auf einer hellglänzenden
Wolke sitzend, vor mir sah, der sich mir zu lieb den Armen der schönen Tetis
entrissen hatte. Goldgelbe Locken flossen um seine weissen Schultern; eine Krone
von Strahlen schmückte seine Scheitel; das silberne Gewand, das ihn umfloss,
funkelte von tausend Edelsteinen; und eine goldne Leier lag in seinem linken
Arm. Meine Einbildung tat das übrige hinzu, was zu Vollendung einer idealischen
Schönheit nötig war. Allein Bestürzung und Ehrfurcht erlaubte mir nicht, dem
Gott genauer ins Gesicht zu sehen; ich glaubte geblendet zu sein, und den Glanz
von Augen, welche die ganze Welt erleuchteten, nicht ertragen zu können. Er
redete mich an; er bezeugte mir sein Wohlgefallen an meinem Dienst, und an der
feurigen Begierde, womit ich, mit Verachtung der irdischen Dinge mich den
himmlischen widmete. Er munterte mich auf, in diesem Wege fortzugehen, und mich
den Einflüssen der Unsterblichen leidend zu überlassen; mit der Versicherung,
dass ich bestimmt sei, die Anzahl der Glücklichen zu vermehren, welche er seiner
besondern Gunst gewürdiget habe. Er verschwand, indem er diese Worte sagte, so
plötzlich, dass ich nichts dabei beobachten konnte; und so voreingenommen als
mein Gemüt war, hätte dieser Apollo seine Rolle viel ungeschickter spielen
können, ohne dass mir ein Zweifel gegen seine Gotteit aufgestiegen wäre.
Teogiton, dem ich von dieser Erscheinung Nachricht gab, wünschte mir Glück
dazu, und sagte mir von den alten Helden unsrer Nation, welche einst Lieblinge
der Götter gewesen, und nun als Halbgötter selbst altäre und Priester hätten, so
viel herrliche Sachen vor, als er nötig erachten mochte, meine Betörung
vollkommen zu machen. Am Ende vergass er nicht, mir Anweisung zu geben, wie ich
mich bei einer zweiten Erscheinung gegen den Gott zu verhalten hätte.
Insonderheit ermahnte er mich, mein Urteil über alles zurückzuhalten, mich durch
nichts befremden zu lassen, und der Vorschrift unsrer Philosophie immer
eingedenk zu bleiben, welche eine gänzliche Untätigkeit von uns fodert, wenn die
Götter auf uns würken sollen. Man musste so unerfahren sein, als ich war, um
keine Schlange unter diesen Blumen zu merken. Nichts als die Entwicklung dieser
heiligen Mummerei konnte mir die Augen öffnen. Ich konnte unmöglich aus mir
selbst auf den Argwohn geraten, dass die Zuneigung einer Gotteit eigennützig
sein könne. Ich hatte vielmehr gehofft, die grössesten Vorteile für meine
Wissens-Begierde von ihr zu ziehen, und mit mehr als menschlichen Vorzügen
begabt zu werden. Die Erklärungen des Apollo befremdeten mich endlich, und seine
Handlungen noch mehr; zuletzt entdeckte ich, was du schon lange vorher gesehen
haben musst, dass der vermeinte Gott kein andrer als Teogiton selber war;
welcher, sobald er sein Spiel entdeckt sah, auf einmal die Sprache änderte, und
mich bereden wollte, dass er diese Comödie nur zu dem Ende angestellt habe, um
mich von der Eitelkeit der Teosophie, in die er mich so verliebt gesehen hätte,
desto besser überzeugen zu können. Er zog die Folge daraus: Dass alles, was man
von den Göttern sagte, Erfindungen schlauer Köpfe wären, womit sie Weiber und
leichtgläubige Knaben in ihr Netz zu ziehen suchten; Kurz, er wandte alles an,
was eine unsittliche Leidenschaft einem schamlosen Verächter der Götter eingeben
kann, um die Mühe einer so wohl ausgesonnenen und mit so vielen Maschinen
aufgestützten Verführung nicht umsonst gehabt zu haben Ich verwies ihm seine
Bosheit mit einem Zorne, der mich stark genug machte, mich von ihm loszureissen.
Des folgenden Tags hatte er die Unverschämteit, die priesterlichen
Verrichtungen mit eben der heuchlerischen Andacht fortzusetzen, womit er mich
und jeden andern bisher hintergangen hatte. Er liess nicht die geringste
Veränderung in seinem Betragen gegen mich merken, und schien sich des
Vergangenen eben so wenig zu erinnern, als ob er den ganzen Lete ausgetrunken
hätte. Diese Aufführung vermehrte meine Unruhe sehr; ich konnte noch nicht
begreifen, dass es Leute geben könne, welche, mitten in den Ausschweifungen des
Lasters, Ruhe und Heiterkeit, die natürlichen Gefährten der Unschuld,
beizubehalten wissen. Allein in weniger Zeit darauf befreite mich die
Unvorsichtigkeit dieses Betrügers von den Besorgnissen, worin ich seit der
Geschichte in der Grotte geschwebet hatte. Teogiton verschwand aus Delphi, ohne
dass man die eigentliche Ursache davon erfuhr. Aus dem, was man sich in die Ohren
murmelte, erriet ich, dass Apollo endlich überdrüssig geworden sein möchte, seine
Person von einem andern spielen zu lassen. Einer von unsern Knaben, der ein
Verwandter des Ober-Priesters war, hatte (wie man sagte) den Anlass dazu gegeben.
    Diese Begebenheiten führten mich natürlicher Weise auf viele neue
Betrachtungen; aber meine Neigung zum Wunderbaren und meine Lieblings-Ideen
verloren nichts dabei; sie gewannen vielmehr, indem ich sie nun in mich selbst
verschloss, und die Unsterblichen allein zu Zeugen desjenigen machte, was in
meiner Seele vorging. Ich fuhr fort, die Verbesserung derselben nach den
Grundsätzen der Orphischen Philosophie mein vornehmstes Geschäfte sein zu
lassen. Ich fing nun an zu glauben, dass keine andre als eine idealische
Gemeinschaft zwischen den Höhern Wesen und den Menschen möglich sei; dass nichts
als die Reinigkeit und Schönheit unsrer Seele vermögend sei, uns zu einem
Gegenstande des Wohlgefallens jenes Unnennbaren, Allgemeinen, Obersten Geistes
zu machen, von welchem alle übrige, wie die Planeten von der Sonne, ihr Licht -
und die ganze Natur ihre Schönheit und unwandelbare Ordnung erhalten; und dass
endlich in der Übereinstimmung aller unsrer Kräfte, Gedanken und geheimsten
Neigungen mit den grossen Absichten und den allgemeinen Gesetzen dieses
Beherrschers der sichtbaren und unsichtbaren Welt, das wahre Geheimnis liege, zu
derjenigen Vereinigung mit demselben zu gelangen, welche ich für die natürliche
Bestimmung und das letzte Ziel aller Wünsche eines unsterblichen Wesens ansah.
Beides, jene geistige Schönheit der Seele und diese erhabene Richtung ihrer
Würksamkeit nach den Absichten des Gesetzgebers der Wesen, glaubte ich am
sichersten durch die Betrachtung der Natur zu erhalten; welche ich mir als einen
Spiegel vorstellte, aus welchem das Wesentliche, Unvergängliche und Göttliche in
unsern Geist zurückstrahle, und ihn nach und nach eben so durchdringe und
erfülle, wie die Sonne einen angestrahlten Wasser-Tropfen. Ich überredete mich,
dass die unverrückte Beschauung der Weisheit und Güte, welche so wohl aus der
besondern Natur eines jeden Teils der Schöpfung, als aus dem Plan und der
allgemeinen Oeconomie des Ganzen hervorleuchte, das unfehlbare Mittel sei,
selbst weise und gut zu werden. Ich brachte alle diese Grundsätze in Ausübung.
Jeder neue Gedanke, der sich in mir entwickelte, wurde zu einer Empfindung
meines Herzens; und so lebte ich in einem stillen und lichtvollen Zustand des
Gemüts, dessen ich mich niemals anders als mit wehmütigem Vergnügen erinnern
werde, etliche glückliche Jahre hin; unwissend (und glücklich durch diese
Unwissenheit) dass dieser Zustand nicht dauern könne; weil die Leidenschaften des
reifenden alters, und (wenn auch diese nicht wären) die unvermeidliche
Verwicklung in dem Wechsel der menschlichen Dinge jene Fortdauer von innerlicher
Heiterkeit und Ruhe nicht gestatten, welche nur ein Anteil entcörperter Wesen
sein kann.
 
                                Drittes Capitel
                      Die Liebe in verschiedenen Gestalten
Inzwischen hatte ich das achtzehnte Jahr erreicht, und fing nun an, mitten unter
den angenehmen Empfindungen, von denen meine Denkungs-Art und meine
Beschäftigungen unerschöpfliche Quellen zu sein schienen, ein Leeres in mir zu
fühlen, welches sich durch keine Ideen ausfüllen lassen wollte. Ich sah die
manchfaltigen Scenen der Natur wie mit neuen Augen an; ihre Schönheiten hatten
für mich etwas Herz-rührendes, welches ich sonst nie auf diese Art empfunden
hatte. Der Gesang der Vögel im Haine schien mir was zu sagen, das er mir nie
gesagt hatte, ohne dass ich wusste, was es war; und die neu belaubten Wälder
schienen mich einzuladen, in ihren Schatten einer wollüstigen Schwermut
nachzuhängen, von welcher ich mitten in den erhabensten Betrachtungen wider
meinen Willen überwältiget wurde. Nach und nach verfiel ich in eine weichliche
Untätigkeit: Mich deuchte, ich sei bisher nur in der Einbildung glücklich
gewesen; und mein Herz sehnete sich nach einem Gegenstand, in welchem ich jene
idealische Vollkommenheiten würklich geniessen möchte, an denen ich mich bisher
nur wie an einem geträumten Gastmahle geweidet hatte. Damals zuerst stellten
sich mir die Reizungen der Freundschaft in einer vorher nie empfundenen
Lebhaftigkeit dar: Ein Freund (bildete ich mir ein) ein Freund würde diese
geheime Sehnsucht meines Herzens befriedigen. Meine Phantasie malte sich einen
Pylades aus, und mein verlangendes Herz bekränzte dieses schöne Bild mit allem,
was mir das Liebenswürdigste schien, selbst mit jenen äusserlichen
Annehmlichkeiten, welche in meinem System den natürlichen Schmuck der Tugend
ausmachten. Ich suchte diesen Freund unter der blühenden Jugend, welche mich
umgab. Mehr als einmal betrog mich mein Herz, ihn gefunden zu haben; aber eine
kurze Erfahrung machte mich meines Irrtums bald gewahr werden. Unter einer so
grossen Anzahl von auserlesenen Jünglingen, welche die Liverei des Gottes zu
Delphi trugen, war nicht ein einziger, den die Natur so vollkommen mit mir
zusammen gestimmt hatte, als die Spitzfindigkeit meiner Begriffe es erfoderte.
    Um diese Zeit geschah es, dass ich das Unglück hatte, der Ober-Priesterin
eine Neigung einzuflössen, welche mit ihrem geheiligten Stande und mit ihrem
Alter einen gleich starken Absatz machte; sie hatte mich schon seit geraumer
Zeit mit einer vorzüglichen Gütigkeit angesehen, welche ich, so lang ich konnte,
einer mütterlichen Gesinnung beimass, und mit aller der Ehrerbietung erwiderte,
die ich der Vertrauten des Delphischen Gottes schuldig war. Stelle dir vor,
schöne Danae, was für ein Modell zu einer Bild-Säule des Erstaunens ich
abgegeben hätte, als sich eine so ehrwürdige Person herabliess, mir zu entdecken,
dass alle Vertraulichkeit, die ich zwischen ihr und dem Apollo voraussetzte,
nicht zureiche, sie über die Schwachheiten der gemeinsten Erden-Töchter
hinwegzusetzen. Die gute Dame war bereits in demjenigen Alter, worin es
lächerrlich wäre, das Herz eines Mannes von einiger Erfahrung einer jungen
Nebenbuhlerin streitig machen zu wollen. Allein einem Neuling, wofür sie mich
mit gutem Grund ansah, die ersten Unterweisungen zu gehen, dazu konnte sie sich
ohne übertriebene Eitelkeit für reizend genug halten. Sie war zu den Zeiten des
Heiligen Kriegs in der Blüte ihrer Schönheit gewesen; hatte sich aber, wie die
meisten ihres Standes, so gut erhalten, dass sie noch immer Hoffnung haben
konnte, in einer Versammlung herbstlicher Schönheiten vorzüglich bemerkt zu
werden. Setze zu diesen ehrwürdigen Überbleibseln einer vormals berühmten
Schönheit eine Figur, wie man die blonde Ceres zu bilden pflegt, grosse schwarze
Augen, unter deren affectiertem Ernst eine wollüstige Glut hervorglimmte, und zu
allem diesem eine ungemeine Sorgfalt für ihre Person, und die schlaue Kunst, die
Vorteile ihrer Reizungen mit der strengen Sittsamkeit ihrer priesterlichen
Kleidung zu verbinden: so kannst du dir eine genugsame Vorstellung von dieser
Pytia machen, um den Grad der Gefahr abnehmen zu können, worin sich die Einfalt
meiner Jugend bei ihren Nachstellungen befand.
    Es ist leicht zu erachten, wie viel es sie Mühe kosten musste, die ersten
Schwierigkeiten zu überwinden, welche ein mehr Ehrfurcht als Liebe einflössendes
Frauenzimmer, in den hartnäckigen Vorurteilen eines achtzehnjährigen Jünglings
findet. Ihr Stand erlaubte ihr nicht, sich deutlich zu erklären; und meine
Blödigkeit verstand die Sprache nicht, deren sie sich zu bedienen genötigt war.
Zwar braucht man sonst zu dieser Sprache keinen andern Lehrmeister als sein
Herz; allein unglücklicher Weise sagte mir mein Herz nichts. Es bedurfte der
lange geübten Geduld einer bejahrten Priesterin, um nicht tausendmal das
Vorhaben aufzugeben, einem Menschen, der aus lauter Ideen zusammengesetzt war,
ihre Absichten begreiflich zu machen. Und dennoch fand sie sich endlich
genötigt, sich des einzigen Kunstgriffs zu bedienen, von dem man in solchen
Fällen eine gewisse Würkung erwarten kann; sie hatte noch Reizungen, welche die
ungewohnten Augen eines Neulings blenden konnten. Die Verwirrung, worein sie
mich durch den ersten Versuch von dieser Art gesetzt sah, schien ihr von guter
Vorbedeutung zu sein; und vielleicht hätte sie sich weniger in ihrer Erwartung
betrogen, wenn nicht ein Umstand, von dem ihr nichts bekannt war, meinem Herzen
eine mehr als gewöhnliche Stärke gegeben hätte.
    Unsre Tugend, oder diejenigen Würkungen, welche das Ansehen haben, aus einer
so edeln Quelle zu fliessen, haben insgemein geheime Triebfedern, die uns, wenn
sie gesehen würden, wo nicht alles, doch einen grossen Teil unsers Verdienstes
dabei entziehen würden. Wie leicht ist es, der Versuchung einer Leidenschaft zu
widerstehen, wenn ihr von einer stärkern die Waage gehalten wird?
    Kurz zuvor, eh die schöne Pytia ihren physicalischen Versuch machte, war
das Fest der Diana eingefallen, welches zu Delphi mit aller der Feierlichkeit
begangen wird, die man der Schwester des Apollo schuldig zu sein vermeint. Alle
Jungfrauen über vierzehn Jahre erschienen dabei in schneeweissem Gewand, mit
aufgelösten fliegenden Haaren, den Kopf und die Arme mit Blumen-Kränzen
umwunden, und sangen Hymnen zum Preis der jungfräulichen Göttin. Auch alte halb
verloschne Augen heiterten sich beim Anblick einer so zahlreichen Menge junger
Schönen auf, deren geringster Reiz die frischeste Blum der Jugend war. Urteile,
schöne Danae, ob derjenige, den der bunte Schimmer eines blühenden Blumen-Stücks
schon in eine Art von Entzückung setzte, bei einem solchen Auftritt
unempfindlich bleiben konnte? Meine Blicke irrten in einer zärtlichen Verwirrung
unter diesen anmutsvollen Geschöpfen herum; bis sie sich plötzlich auf einer
einzigen sammelten, deren erster Anblick meinem Herzen keinen Wunsch übrig liess,
etwas anders zu sehen. Vielleicht würde mancher sie unter so vielen Schönen kaum
besonders wahrgenommen haben; denn der schönste Wuchs, die regelmässigsten Züge,
langes Haar, dessen wallende Locken bis zu den Knien herunterflossen, und eine
Farbe, welche Lilien und Rosen, wenn sie ihre eigene Schönheit fühlen könnten,
beschämt hätte, alle diese Reizungen waren ihr mit ihren Gespielen gemein; viele
übertrafen sie noch in einem und dem andern Stücke der Schönheit, und wenn ein
Maler unter der ganzen Schar hätte entscheiden sollen, welche die Schönste sei,
so würde sie vielleicht übergangen worden sein; allein mein Herz urteilte nicht
nach den Regeln der Kunst. Ich empfand, oder glaubte zu empfinden, (und dieses
ist in Absicht der Würkung allemal eins) dass nichts liebenswürdigers als dieses
junge Mädchen sein könne, ohne dass ich daran gedachte, sie mit den übrigen zu
vergleichen; sie löschte alles andre aus meinen Augen aus. So (dacht ich) müsste
die Unschuld aussehen, wenn sie, sichtbar zu werden, die Gestalt einer Grazie
entlehnte; so rührend würden ihre Gesichts-Züge sein; so still-heiter würden
ihre Augen; so holdselig ihre Wangen lächeln; so würden ihre Blicke, so ihr
Gang, so jede ihrer Bewegungen sein. Dieser Augenblick brachte in meiner Seele
eine Veränderung hervor, welche mir, da ich in der Folge fähig wurde, über
meinen Zustand zu denken, dem Übergang in eine neue und vollkommnere Art des
Daseins gleich zu sein schien. Aber damals war ich zu stark gerührt, zu sehr von
Empfindungen verschlungen, um mir meiner selbst recht bewusst zu sein. Meine
Entzückung ging so weit, dass ich nichts mehr von dem Pomp des Festes bemerkte;
und erst, nachdem alles gänzlich aus meinen Augen verschwunden war, ward ich,
wie durch einen plötzlichen Schlag, wieder zu mir selbst gebracht. Izt hatte ich
Mühe, mich zu überzeugen, dass ich nicht aus einem von den Träumen erwacht sei,
worin meine Phantasie, in überirdische Sphären verzückt, mir zuweilen ähnliche
Gestalten vorgestellt hatte. Der Schmerz, eines so süssen Anblicks beraubt zu
sein, konnte das vollkommene Vergnügen nicht schwächen, womit das Innerste
meines Wesens erfüllt war. Selbigen ganzen Abend, und den grössesten Teil der
Nacht, hatten alle Kräfte meiner Seele keine andere Beschäftigung, als sich
dieses geliebte Bild bis auf die kleinsten Züge mit allen diesen namenlosen
Reizen, - - welche vielleicht ich allein an dem Urbilde bemerkt hatte, - - und
mit einer Lebhaftigkeit vorzumalen, die ihm immer neue Schönheiten lehnte; mein
Herz schmückte es mit allem, was die Natur Anmutiges hat, mit allen Vorzügen des
Geistes, mit jeder sittlichen Schönheit, mit allem was nach meiner Denkungs-Art
das Vollkommenste und Beste war, aus - - was für ein Gemälde, wozu die Liebe die
Farben gibt! - - Und doch glaubte ich immer, zu wenig zu tun; und bearbeitete
mich in mir selbst, noch etwas schöners als das Schönste zu finden, um die Idee,
die ich mir von meiner Unbekannten machte, gänzlich zu vollenden, und gleichsam
in das Urbild selbst zu verwandeln. - - Diese liebenswürdige Person hatte mich
zu eben der Zeit, da ich sie erblickte, wahrgenommen; und es war (wie sie mir in
der Folge entdeckte) etwas mit den Regungen meines Herzens Übereinstimmendes in
dem ihrigen vorgegangen. Ich erinnerte mich, (denn wie hätte ich die kleinste
Bewegung, die sie gemacht hatte, vergessen können?) dass unsre Blicke sich mehr
als ein mal begegnet waren, und dass sie sogleich mit einer Scham-Röte, welche
ihr ganzes liebliches Gesicht mit Rosen überzog, die Augen niedergeschlagen
hatte. Ich war zu unerfahren, und in der Tat auch zu bescheiden, aus diesem
Umstand etwas besonderes zu meinem Vorteil zu schliessen; aber doch erinnerte ich
mich desselben mit einem so innigen Vergnügen, als ob es mir geahnet hätte, wie
glücklich mich die Folge davon machen würde. Ich hatte die Eitelkeit nicht,
welche uns zu schmeicheln pflegt, dass wir liebenswürdig seien; ich dachte an
nichts weniger, als auf Mittel, wie ich mich lieben machen wollte. Aber die
Schönheit der Seele, die ich in ihrem Gesichte ausgedrückt gesehen hatte; diese
sanfte Heiterkeit, die aus dem natürlichen Ernst ihrer Züge hervorlächelte,
hauchten mir Hoffnung ein, dass ich geliebt werden würde. - - Und welch einen
Himmel von Wonne eröffnete diese Hoffnung vor mir! Was für Aussichten! Welches
Entzücken! - - Wenn ich mir vorstellte, dass mein ganzes Leben, dass selbst die
Ewigkeiten, in deren grenzenlosen Tiefen, der Glückliche die Dauer seiner Wonne
so gerne sich verlieren lässt, in ihrem Anschauen und an ihrer Seite dahinfliessen
würden!
    So lebhafte Hoffnungen setzten voraus, dass ich sie wieder finden würde; und
dieser Wunsch brachte die Begierde mit sich, zu wissen wer sie sei. Aber wen
konnt' ich fragen? Ich hatte keinen Freund, dem ich mich entdecken durfte; von
einem jeden andern glaubte ich, dass er bei einer solchen Frage mein ganzes
Geheimnis in meinen Augen lesen würde; und die Liebe, die ein sehr guter
Ratgeber ist, hatte mich schon einsehen gemacht, wie viel daran gelogen sei, dass
der Pytia nicht das Geringste zu Ohren komme, was ihr den Zustand meines
Herzens hätte verraten, oder sie zu einer misstrauischen Beobachtung meines
Betragens veranlassen können. Ich verschloss also mein Verlangen in mich selbst,
und erwartete mit Ungeduld, bis irgend ein meiner Liebe günstiger Schutz-Geist
mir zu dieser gewünschten Entdeckung verhelfen würde. Nach einigen Tagen fügte
es sich, dass ich meiner geliebten Unbekannten in einem der Vorhöfe des Tempels
begegnete. Die Furcht, von jemand beobachtet zu werden, hielt mich in eben dem
Augenblick zurück, da ich auf sie zueilen und meine Entzückung über diesen
unverhofften Anblick in Gebärden, und vielleicht in Ausrufungen, ausbrechen
lassen wollte. Sie blieb, indem sie mich erblickte, einige Augenblicke stehen,
und sah mich an.
    Ich glaubte ein plötzliches Vergnügen in ihrem schönen Gesicht aufgeben zu
sehen; sie errötete, schlug die Augen wieder nieder, und eilte davon. Ich durft'
es nicht wagen, ihr zu folgen; aber meine Augen folgten ihr, so lang es möglich
war; und ich sah, dass sie zu einer Tür einging, welche in die Wohnung der
Priesterin führte. Ich begab mich in den Hain, um meinen Gedanken über diese
angenehme Erscheinung ungestörter nachzuhängen. Der letzte Umstand, den ich
bemerkt hatte, und ihre Kleidung, brachte mich auf die Vermutung, dass sie
vielleicht eine von den Aufwärterinnen der Pytia sei, deren diese Dame eine
grosse Anzahl hatte, die aber (ausser bei besondern Feierlichkeiten) selten
sichtbar wurden. Diese Entdeckung beschäftigte mich noch nach der ganzen
Wichtigkeit, die sie für mich hatte, als ich, in der Tat zur ungelegensten Zeit
von der Welt, zu der zärtlichen Priesterin gerufen wurde. - - Die Begierde und
die Hoffnung, meine Geliebte bei dieser Gelegenheit wieder zu sehen, machte mir
anfänglich diese Einladung sehr willkommen; aber meine Freude wurde bald von dem
Gedanken vertrieben, wie schwer es mir sein würde, wenn meine Unbekannte zugegen
wäre, meine Empfindungen für sie den Augen einer Nebenbuhlerin zu verbergen. Die
Künste der Verstellung waren mir zu unbekannt, und meine Gemüts-Regungen
bildeten sich (auch wider meinen Willen) zu schnell und zu deutlich in meinem
Äusserlichen ab, als dass ich mich bei allen meinen Bestrebungen, vorsichtig zu
sein, sicher genug halten konnte. Diese Gedanken gaben mir (wie ich glaube) ein
ziemlich verwirrtes Aussehen, als ich vor die Pytia geführt wurde. Allein, da
ich niemand, als eine kleine Sclavin von neun oder zehen Jahren, bei ihr fand,
erholte ich mich bald wieder; und sie selbst schien mit ihren eigenen Bewegungen
zu sehr beschäftigt, um auf die meinige genau Acht zu gehen, - - oder (welches
wenigstens eben so wahrscheinlich ist) sie legte die Veränderung, die sie in
meinem Gesichte wahrnehmen musste, zu Gunsten ihrer Reizungen aus, von denen sie
sich dieses mal desto mehr Würkung versprechen konnte, je mehr sie vermutlich
darauf studiert hatte, sie in dieses reizende Schatten-Licht zu setzen, welches
die Einbildungs- so lebhaft zum Vorteil der Sinnen ins Spiel zu ziehen pflegt.
Sie sass oder lag (denn ihre Stellung war ein Mittelding von beiden) auf einem
mit Silber und Perlen reich bestickten Ruhe-Bette; ihr ganzer Putz hatte dieses
Zierlich-Nachlässige, hinter welches die Kunst sich auf eine schlaue Art
versteckt, wenn sie nicht dafür angesehen sein will, dass sie der Natur zu Hülfe
komme; ihr Gewand, dessen bescheidene Farbe ihrer eigenen eben so sehr als der
Anständigkeit ihrer Würde angemessen war, wallte zwar in vielen Falten um sie
her; aber es war schon dafür gesorgt, dass hier und da der schöne Contour dessen,
was damit bedeckt war, deutlich genug wurde, um die Augen auf sich zu ziehen,
und die Neugier lüstern zu machen. Ihre Arme, die sie sehr schön hatte, waren in
weiten und halb aufgeschürzten Ärmeln fast ganz zu sehen; und eine Bewegung,
welche sie, während unsers Gesprächs unwissender Weise gemacht haben wollte,
trieb einen Busen aus seiner Verhüllung hervor, welcher reizend genug war, ihr
Gesicht um zwanzig Jahre jünger zu machen. Sie bemerkte diese kleine
Unregelmässigkeit endlich; aber das Mittel, wodurch sie die Sachen wieder in
Ordnung zu bringen suchte, war mit der Unbequemlichkeit verbunden, dass dadurch
ein Fuss bis zur Hälfte sichtbar wurde, dessen die schönste Spartanerin sich
hätte rühmen dürfen. Die tiefe Gleichgültigkeit, worin mich alle diese Reizungen
liessen, machte ohne Zweifel, dass ich Beobachtungen machen konnte, wozu ein
gerührter Zuschauer die Freiheit nicht gehabt hätte. Indes gab mir doch eine Art
von Scham, die ich anstatt der guten Pytia auf meinen Wangen glühen fühlte, ein
Ansehen von Verwirrung, womit die Dame, welche in zweifelhaften Fällen alle mal
zu Gunsten ihrer Eigenliebe urteilte, ziemlich wohl zufrieden schien. Sie
schrieb es vermutlich einer schüchternen Unentschlossenheit oder einem Streit
zwischen Ehrfurcht und Liebe bei, dass ich (ungeachtet des starken Eindrucks, den
sie auf mich machte) ihr keine Gelegenheit gab, die Delicatesse ihrer Tugend
sehen zu lassen. Ich hatte Aufmunterungen nötig, zu welchen man bei einem
geübtern Liebhaber sich nicht herablassen würde. Die Geschicklichkeit, die man
mir in der Kunst, die Dichter zu lesen, beilegte, diente ihr zum Vorwand, mir
einen Zeit-Vertrieb vorzuschlagen, von dem sie sich einige Beföderung dieser
Absicht versprechen konnte. Sie versicherte mich, dass Homer ihr Lieblings-Autor
sei, und bat mich, ihr das Vergnügen zu machen, sie eine Probe meines
gepriesenen Talents hören zu lassen. Sie nahm einen Homer, der neben ihr lag,
und stellte sich, nachdem sie eine Weile gesucht hatte, als ob es ihr
gleichgültig sei, welcher Gesang es wäre; sie gab mir den ersten den besten in
die Hände; aber zu gutem Glücke war es gerade derjenige, worin Juno, mit dem
Gürtel der Venus geschmückt, den Vater der Götter in eine so lebhafte Erinnerung
der Jugend ihrer ehelichen Liebe setzt. - - Von dem dichterischen Feuer, welches
in diesem Gemälde glühet, und dem süssen Wohlklang der Homerischen Verse
entzückt, beobachtete sie nicht, in was für eine verführische Unordnung ein Teil
ihres Putzes durch eine Bewegung der Bewunderung, welche sie machte, gekommen
war. Sie nahm von dieser Stelle Anlass, die unumschränkte Gewalt des
Liebes-Gottes zum Gegenstande der Unterredung zu machen. Sie schien der Meinung
derjenigen günstig zu sein, welche behaupten, dass der Gedanke, einer so
mächtigen Gotteit widerstehen zu wollen, nur in einer vermessenen und ruchlosen
Seele geboren werden könne. Ich pflichtete ihr bei, behauptete aber, dass die
meisten in den Begriffen, welche sie sich von diesem Gotte machten, der grossen
Pflicht, von der Gotteit nur das Würdigste und Vollkommenste zu denken, sehr zu
nahe träten und dass die Dichter durch die allzusinnliche Ausbildung ihrer
allegorischen Fabeln in diesem Stücke sich keines geringen Vergebens schuldig
gemacht hätten. Unvermerkt schwatzte ich mich in einen Entusiasmus hinein, in
welchem ich, nach den Grundsätzen meiner geheimnisreichen Philosophie, von der
intellectualischen Liebe, von der Liebe welche der Weg zum Anschauen des
wesentlichen Schönen ist, von der Liebe welche die geistigen Flügel der Seele
entwickelt, sie mit jeder Tugend und Vollkommenheit schwellt, und zuletzt durch
die Vereinigung mit dem Urbild und Urquell des Guten in einen Abgrund von Licht,
Ruhe und unveränderlicher Wonne hineinzieht, worin sie gänzlich verschlungen und
zu gleicher Zeit vernichtigt und vergöttert wird - - so erhabne, mir selbst
meiner Einbildung nach sehr deutliche, der schönen Priesterin aber so
unverständliche Dinge sagte, dass sie in eben der Proportion, nach welcher sich
meine Einbildungs-Kraft dabei erwärmte, nach und nach davon eingeschläfert
wurde. In der Tat konnte im Prospect eines so schönen Busens, als ich vor mir
sah, nichts seltsamers sein, als eine Lob-Rede auf die intellectualische Liebe;
auch gab die betrogne Pytia nach einer solchen Probe alle Hoffnung auf, mich,
diesen Abend wenigstens, zu einer natürlichen Art zu denken und zu lieben
herumzustimmen. Sie entliess mich also bald darauf, nachdem sie mir, wiewohl auf
eine ziemlich rätselhafte Art, zu vernehmen gegeben hatte, dass sie besondere
Ursachen habe, sich meiner mehr anzunehmen, als irgend eines andern Kostgängers
des Apollo. Ich verstund aus dem, was sie mir davon sagte, so viel, dass sie eine
nahe Anverwandtin meines mir selbst noch unbekannten Vaters sei; dass es ihr
vielleicht bald erlaubt sein werde, mir das Geheimnis meiner Geburt zu
entdecken; und dass ich es allein diesem nähern Verhältnis zu zuschreiben habe,
wenn sie mich durch eine Freundschaft unterscheide, welche mich, ohne diesen
Umstand, vielleicht hätte befremden können. Diese Eröffnung, an deren Wahrheit
mich ihre Mine nicht zweifeln liess, hatte die gedoppelte Würkung - - mich zu
bereden, dass ich mich in meinen Gedanken von ihren Gesinnungen betrogen haben
könne - und sie auf einmal zu einem interessanten Gegenstande für mein Herz zu
machen. In der Tat fing ich, von dem Augenblick, da ich hörte, dass sie mit
meinem Vater befreundet sei, an, sie mit ganz andern Augen anzusehen; und
vielleicht würde sie von den Dispositionen, in welche ich dadurch gesetzt wurde,
in kurzer Zeit mehr Vorteil haben ziehen können, als von allen den Kunstgriffen,
womit sie meine Sinnen hatte überraschen wollen. Aber die gute Dame wusste
entweder nicht, wie viel man bei gewissen Leuten gewonnen, wenn man Mittel
findet, ihr Herz auf seine Seite zu ziehen; oder sie war über mein seltsames
Betragen erbittert, und glaubte, ihre verachteten Reizungen nicht besser rächen
zu können, als wenn sie mich in eben dem Augenblick von sich entfernte, da sie
in meinen Augen las, dass ich gerne länger geblieben wäre. Alles Bitten, dass sie
ihre Gütigkeit durch eine deutlichere Entdeckung des Geheimnisses meiner Geburt
vollkommen machen möchte, war umsonst; sie schickte mich fort, und hatte
Grausamkeit genug, eine geraume Zeit vorbei gehen zu lassen, eh sie mich wieder
vor sich kommen liess. Zu einer andern Zeit würde das Verlangen, diejenigen zu
kennen, denen ich das Leben zu danken hätte, mir diesen Aufschub zu einer harten
Strafe gemacht haben; aber damals brauchte es nur wenige Minuten, wieder allein
zu sein, und einen Gedanken an meine geliebte Unbekannte, um die Priesterin mit
allen ihren Reizen, und mit allem was sie mir gesagt und nicht gesagt hatte, aus
meinem Gemüte wieder auszulöschen. Es war mir unendlich mal angelegener zu
wissen, wer diese Unbekannte sei, und ob sie würklich (wie ich mir schmeichelte)
für mich empfinde, was ich für sie empfand, als in Absicht meiner selbst aus
einer Unwissenheit gezogen zu werden, gegen welche die Gewohnheit mich fast ganz
gleichgültig gemacht hatte: So lange ich das nicht wusste, würde ich die
Entdeckung, der Erbe eines Königs zu sein, mit Kaltsinn angesehen haben. Der
Blick, den sie diesen Abend auf mich geheftet hatte, schien mir etwas zu
versprechen, das für mein Herz unendlich mehr Reiz hatte, als alle Vorteile der
glänzendsten Geburt. Mein ganzes Wesen schien von diesem Blicke, wie von einem
überirdischen Lichte, durchstrahlt und verklärt- - ich unterschied zwar nicht
deutlich, was in mir vorging - aber so oft ich sie mir wieder in dieser
Stellung, mit diesem Blicke, mit diesem Ausdruck in ihrem lieblichen Gesichte
vorstellte, (und dieses geschah allemal so lebhaft, als ob ich sie würklich mit
Augen sähe) so schien mir mein Herz vor Liebe und Vergnügen in Empfindungen zu
zerfliessen, für deren durchdringende Süssigkeit keine Worte erfunden sind. - -
Hier wurde Agaton (dessen Einbildungs-Kraft, von den Erinnerungen seiner ersten
Liebe erhitzt, einen hübschen Schwung, wie man sieht, zu nehmen anfing,) durch
eine ziemlich merkliche Veränderung in dem Gesichte seiner schönen Zuhörerin
mitten in dem Lauf seiner unzeitigen Schwärmerei aufgehalten, und aus seinem
achtzehnten Jahr, in welches er in dieser kleinen Ecstase zurückversetzt worden
war, auf einmal wieder nach Smyrna, zu sich selbst und der schönen Danae
gegenüber, gebracht.
 
                                Viertes Capitel
                         Fortsetzung des Vorhergehenden
Es ist eine alte Bemerkung, dass man einer schönen Dame die Zeit nur schlecht
vertreibt, wenn man sie von den Eindrücken, die eine andre auf unser Herz
gemacht hat, unterhält. Je mehr Feuer, je mehr Wahrheit, je mehr Beredsamkeit
wir in einem solchen Falle zeigen, je reizender unsre Schilderungen, je schöner
unsre Bilder, je beseelter unser Ausdruck ist, desto gewisser dürfen wir uns
versprechen, unsre Zuhörerin einzuschläfern. Diese Beobachtung sollten sich
besonders diejenigen empfohlen sein lassen, welche eine würklich im Besitz
stehende Geliebte mit der Geschichte ihrer ehemaligen verliebten Abenteuer
unterhalten. Agaton, welcher noch weit davon entfernt war, von seiner
Einbildungn Augen verloren, da er einmal auf die Erzählung seiner ersten Liebe
gekommen war. Die Lebhaftigkeit seiner Wiedererinnerungen schien sie in
Empfindungen zu verwandeln; er bedachte nicht, dass es weniger anstössig wäre,
eine Geliebte, wie Danae, mit der ganzen Metaphysik der intellectualischen
Liebe, als mit so entusiastischen Beschreibungen der Vorzüge einer andern, und
der Empfindungen, welche sie eingeflösst, zu unterhalten. Eine Art von Mittelding
zwischen Gähnen und Seufzen, welches ihr an der Stelle, wo wir seine Erzählungen
abgebrochen haben, entfuhr, und ein gewisser Ausdruck von langer Weile, der aus
einer erzwungnen Mine von vergnügter Aufmerksamkeit hervorbrach, machte ihn
endlich seiner Unbesonnenheit gewahr werden; er stutzte einen Augenblick, er
errötete, und es fehlte wenig, dass er den Zusammenhang seiner Geschichte darüber
verloren hätte. Doch erholte er sich noch geschwinde genug wieder, um seiner
Verwirrung irgend einen zufälligen Vorwand zu gehen, und setzte seine Erzählung
fort, indem er fest bei sich beschloss, genauer auf sich selbst Acht zu gehen,
und seine Beschreibungen so sehr abzukürzen, als es nur immer möglich sein
würde; ein Vorsatz, bei welchem unsre Leser sich wenigstens eben so wohl
befinden werden, als die schöne Danae, wenn er anders fähig sein wird, sich
selbst Wort zu halten.
    Die süssen Träume, (fuhr der Held unsrer Geschichte fort) worin mein Herz
sich so gerne zu wiegen pflegte, hatten nicht würkliches genug, diesen
angenehmen Zustand meines Gemütes lange zu unterhalten. Eine zärtliche
Schwermut, welche jedoch nicht ohne eine Art von Wollust war, bemächtigte sich
meiner so stark, dass ich Mühe hatte, sie vor denjenigen zu verbergen, mit denen
ich einen Teil des Tages zubringen musste. Ich suchte die Einsamkeit; und weil
ich den Tag über, nur wenige Stunden in meiner Gewalt hatte, so fing ich wieder
an, den grössten Teil der Zeit, worin andere schliefen, in den angenehmen Hainen,
die den Tempel umgehen, mit meinen Gedanken und dem Bilde meiner Unbekannten zu
durchwachen. In einer dieser Nächte begegnete es, dass ich von ungefähr in eine
Gegend des Hains verirrte, welche das Ansehen einer Wildnis, aber der
anmutigsten, die man sich nur einbilden kann, hatte. Mitten darin liess das
Gebüsche, welches in labyrintischen Krümmungen mit hohen Cypressen und vielen
selbst gewachsenen Lauben abgesetzt, sich um sich selbst herumwand, einen offnen
Platz, der mit einem halben Circul von wilden Lorbeer-Bäumen, von denen sich
immer eine Reue über die andere erhub, eingefasst, auf der andern Seite aber nur
mit niedrigem Myrten Gesträuch und Rosen-Hecken leicht umkränzt war. Mitten
darin lagen einige Nymphen von weissem Marmor, von überhangendem Rosen-Gesträuche
beschattet, welche auf ihren Urnen zu schlafen schienen, indes sich aus jeder
Urne eine Quelle in ein geraumiges Becken von poliertem schwarzem Granit Marmor
ergoss, worin die Frauens-Personen, welche unter dem Schutz des delphischen
Apollo stunden, sich im Sommer zu baden pflegten. Dieser Ort war (einer alten
Sage nach) der Diana heilig; und kein männlicher Fuss durfte, bei Strafe, sich
den Zorn dieser unerbittlichen Göttin zu zuziehen, sich unterstehen, ihrem
geheiligten Ruhe-Platz nahe zu kommen. Vermutlich machte die Göttin eine
Ausnahme zu Gunsten eines unschuldigen Schwärmers, der (ohne den mindesten
Vorsatz, ihre Ruhe zu stören, und ohne einmal zu wissen, wohin er kam,) sich
hieher verirrt hatte. Denn anstatt mich ihren Zorn empfinden zu lassen,
begünstigte sie mich vielmehr mit einer Erscheinung, welche mir angenehmer war,
als wenn sie selbst, mich zu ihrem Endymion zu machen, zu mir herabgestiegen
wäre. Weil ich in eben dem Augenblick, da ich diese Erscheinung hatte, den Ort,
wo ich mich befand, für denjenigen erkannte, der mir öfters, um ihn desto
gewisser vermeiden zu können, beschrieben worden war; so war würklich mein
erster Gedanke, dass es die Göttin sei, welche, von der Jagd ermüdet, unter ihren
Nymphen schlummere. Von einem heiligen Schauer erschüttert, wollte ich schon den
Fuss zurückziehn; als ich beim Glanz des seitwärts einfallenden Mond-Lichts
gewahr wurde, dass es meine Unbekannte war. Ich will es nicht versuchen, zu
beschreiben wie mir in diesem Augenblicke zu Mute war; es war einer von denen,
an welche ich mich nur erinnern darf, um zu glauben, dass ein Wesen, welches
einer solchen Wonne fähig ist, zu nichts geringers als zu der Wonne der Götter
bestimmt sein könne. Izt konnt' ich natürlicher Weise nicht mehr denken, mich
unbemerkt zurückzuziehen; meine einzige Sorge war, die liebenswürdige Einsame zu
einer Zeit und an einem Orte, wo sie keinen Zeugen, am allerwenigsten einen
männlichen vermuten konnte, durch keine plötzliche Überraschung zu erschrecken.
Die Stellung, worin sie an eine der marmornen Nymphen angelegt lag, gab zu
erkennen, dass sie staunte; ich betrachtete sie eine geraume Weile, ohne dass sie
mich gewahr wurde. Dieser Umstand erlaubte mir meine eigene Stelle zu verändern,
und eine solche zu nehmen, dass sie, so bald sie die Augen aufschlüge, mich
unfehlbar erkennen müsste. Diese Vorsicht hatte die verlangte Würkung. Sie
erblickte mich; sie stutzte; aber sie erkannte mich doch zu schnell, um mich für
einen Satyren anzusehen. Meine Erscheinung schien ihr mehr Vergnügen als Unruhe
zu machen. Ein jeder andrer, so gar ein Satyr, würde irgend ein artig gedrehtes
Compliment in Bereitschaft gehabt haben, um seine Freude über eine so reizende
Erscheinung auszudrücken; die Gelegenheit konnte nicht schöner sein, sie für
eine Göttin, oder wenigstens für eine der Gespielen Dianens anzusehen, und
diesem Irrtum gemäss zu begrüssen. Aber ich, von neuen, nie gefühlten,
unbeschreiblichen Empfindungen gedrückt, ich konnte gar nichts sagen. Zu ihren
Füssen hätte ich mich werfen mögen; aber die Schüchternheit, welche (zumal in
meinem damaligen Alter) mit der ersten Liebe so unzertrennlich verbunden ist,
hielt mich zurück; ich besorgte, dass sie sich einen nachteiligen Begriff von der
tiefen Ehrerbietung, die ich für sie empfand, aus einer solchen Freiheit machen
möchte. Meine Unbekannte war nicht so schüchtern; sie hub sich, mit dieser
sittsamen Anmut, wodurch sie sich das erste mal, als ich sie gesehen, in meinen
Augen von allen ihren Gespielen unterschieden hatte, vom Boden auf, und ging ein
paar Schritte gegen mich. Wie finde ich den Agaton hier? sagte sie mit einer
Stimme, die ich noch zu hören glaube; so lieblich, so rührend schien sie
unmittelbar in meine Seele sich einzuschmeicheln. In der süssen Verwirrung, worin
ich war, fand ich keine bessere Antwort, als sie zu versichern, dass ich nicht so
verwegen gewesen wäre, ihre Einsamkeit zu stören, wenn ich vermutet hätte, sie
hier zu finden. Das Compliment war nicht so artig, als es ein junger Atenienser
bei einer solchen Gelegenheit gemacht hätte; aber Psyche (so erfuhr ich in der
Folge, dass meine Unbekannte genennt werde) war zu unschuldig, um Complimente zu
erwarten. Ich erkenne meine Unvorsichtigkeit, wiewohl zu spät, versetzte sie:
Was wird Agaton von mir denken, da er mich an diesem abgelegenen Ort in einer
solchen Stunde allein findet? Und doch (setzte sie errötend hinzu) ist es
glücklich für mich, wenn ich ja einen Zeugen meiner Unbesonnenheit haben musste,
dass es Agaton war. Ich versicherte sie, dass mir nichts natürlicher vorkomme,
als der Geschmack, den sie in der Einsamkeit, in der Stille einer so schönen
Nacht, und in einer so anmutigen Gegend zu finden scheine. Ich setzte noch
vieles von den Annehmlichkeiten des Mondscheins, von der majestätischen Pracht
des sternvollen Himmels, von der Begeistrung, welche die Seele in diesem
feierlichen Schweigen der ganzen Natur erfahre, von dem Einschlummern der Sinne,
und dem Erwachen der innern geheimnisvollen Kräfte unsers unsterblichen Teils,
hinzu - - Dinge, welche bei den meisten Schönen, zumal in einem so anmutigen
Myrten-Gebüsche, und in der einladenden Dämmerung einer so lauen Sommer Nacht,
sehr übel angebracht gewesen wären, aber bei der gefühlvollen Psyche rührten sie
die empfindlichsten Saiten ihres Herzens. Das Gespräch, worin wir uns unvermerkt
verwickelten, entdeckte eine Übereinstimmung in unserm Geschmack und in unsern
Neigungen, welche gar bald ein eben so freundschaftliches und vertrauliches
Verständnis zwischen unsern Seelen hervorbrachte, als ob wir uns schon viele
Jahre geliebt hätten. Mir war, als ob ich alles, was sie sagte, durch eine
unmittelbare Anschauung in ihrer Seele lese; und hinwieder schien das, was ich
sagte, so abgezogen, idealisch und dichterisch, es immer sein mochte, ein blosser
Widerhall oder die Entwicklung ihrer eigenen Empfindungen und solcher Ideen zu
sein, welche als Embryonen in ihrer Seele lagen, und nur den erwärmenden Einfluss
eines geübtern Geistes nötig hatten, um sich zu entfalten, und durch ihre naive
Schönheit die erhabensten und sinnreichsten Gedanken der Weisen zu beschämen.
Die Zeit wurde uns bei dieser Unterhaltung so kurz, dass wir kaum eine Stunde bei
einander gewesen zu sein glaubten, als uns die aufgehende Morgenröte erinnerte,
dass wir uns trennen mussten. Ich hatte durch diese Unterredung erfahren, dass
meine Geliebte von ihrer Herkunft eben so wenig wisse, als ich von der meinigen;
dass sie von ihrer Amme, in der Gegend von Corint bis ins sechste Jahr erzogen,
hernach aber von Räubern entführt, und an die Priesterin zu Delphi verkauft
worden, welche sie in allen weiblichen Künsten, und da sie eine besondere
Neigung zum Lesen an ihr bemerkt, auch in der Kunst die Dichter recht zu lesen,
habe unterrichten lassen, und sie in der Folge zu ihrer Leserin gemacht habe.
Diese Umstände waren für meine Liebe zu der jungen Psyche nicht sehr
schmeichelhaft; allein das Vergnügen der gegenwärtigen Augenblicke liess mich gar
nicht an das Künftige denken; unbekümmert, wohin die Empfindungen, von denen ich
eingenommen war, in ihren Folgen endlich führen könnten, überliess ich mich ihnen
mit aller Guterzigkeit der jugendlichen Unschuld; meine kleine Psyche zu sehen,
zu lieben, es ihr zu sagen, und aus ihrem schönen Munde zu hören, in ihren
seelenvollen Augen zu sehen, dass ich wieder geliebt werde. - - Das waren izt
alle Glückseligkeiten, die ich wünschte, und über welche hinaus ich keine andere
kannte. Ich hatte ihr etwas von den Eindrücken gesagt, die ihr erster Anblick
auf mein Herz gemacht hatte; und sie hatte diese Eröffnungen mit dem Geständnis
der vorzüglichen Meinung, welche ihr das allgemeine Urteil zu Delphi von mir
gegeben hätte, erwidert; aber meine zärtliche und ehrfurchtsvolle Schüchternheit
erlaubte mir nicht, ihr alles zu sagen, was mein Herz für sie empfand. Meine
Ausdrücke waren lebhaft und feuerig; aber sie hatten mit der gewöhnlichen
Sprache der Liebe so wenig ähnliches, dass ich weniger zu sagen glaubte, indem
ich in der Tat unendlich mal mehr sagte, als ein gewöhnlicher Liebhaber, der
mehr von seinen Begierden beunruhigt, als von dem Werte seiner Geliebten gerührt
ist. Allein da wir uns scheiden mussten, würde mich mein allzuvolles Herz
verraten haben, wenn die unerfahrne Jugend der guten Psyche ihr erlaubt hätte,
einiges Misstrauen in Empfindungen zu setzten, welche sie nach der Unschuld ihrer
eigenen beurteilte. Ich zerfloss in Tränen, und setzte ihr auf eine so zärtliche,
so bewegliche Art zu, mir zu versprechen, sich in der folgenden Nacht wieder in
dieser Gegend finden zu lassen, dass es ihr unmöglich war, mich ungetröstet
wegzuschicken. Wir setzen also, da uns alle Gelegenheit, uns bei Tage zu
sprechen, abgeschnitten war, diese nächtliche Zusammenkünfte fort; und unsere
Liebe wuchs und verschönerte sich zusehends, ohne dass wir dachten, dass es Liebe
sei. Wir nannten es Freundschaft; und genossen ihrer reinsten Süssigkeiten, ohne
durch einige Besorgnisse, Bedenklichkeiten oder andre Symptome der Leidenschaft,
beunruhigt zu werden. Psyche hatte sich eine Freundin, wie ich mir einen Freund,
gewünscht; nun glaubten wir beide gefunden zu haben, was wir wünschten. Unsere
Denkungs-Art, und die Güte unserer Herzen, flösste uns ein vollkommenes und
unbegrenztes Zutrauen gegen einander ein. - - Meine Augen, welche schon lange
gewöhnt waren, anders zu sehen, als man sonst in meinen damaligen Jahren zu
sehen pflegt, sahen in Psyche kein reizendes Mädchen, sondern die schönste, die
liebenswürdigste der Seelen, deren geistige Reizungen aus dem durchsichtigen
Flor eines irdischen Gewandes hervorschimmerten; und die wissensbegierige
Psyche, welche nie glücklicher war, als wenn ich ihr die erhabenen Geheimnisse
meiner dichterischen Philosophie entfaltete, glaubte den göttlichen Orpheus oder
den Apollo selbst zu hören, wenn ich sprach. Es ist in der Natur der Liebe (so
zärtlich und uncörperlich sie immer sein mag) so lange zuzunehmen, bis sie das
Ziel erreicht hat, wo die Natur sie zu erwarten scheint. Die unsrige nahm auch
zu, und ging nach und nach durch mehr als eine Verwandlung; aber sie blieb sich
selbst doch immer ähnlich. Nachdem uns der Name der Freundschaft nicht mehr
bedeutend genug schien, dasjenige, was wir für einander empfanden, auszudrücken,
wurden wir eins, dass unter allen Zuneigungen, derer uns die Natur fähig mache,
die Liebe eines Bruders und einer Schwester zugleich die stärkste und die
reineste sei. Die Vorstellung, die wir uns davon machten, entzückte uns; und
nachdem wir oft bedauert hatten, dass uns die Natur diese Glückseligkeit versagt
habe, wunderten wir uns zuletzt, wie wir nicht bälder eingesehen hätten, dass es
nur von uns abhange, ihre Kargheit in diesem Stücke zu ersetzen. Wir waren also
Bruder und Schwester, und blieben es einige Zeit, ohne dass die Vertraulichkeit
und die unschuldigen Liebkosungen; wozu uns diese Namen berechtigten, in unsern
Augen wenigstens, der Tugend, welcher wir zugleich mit der Liebe eine ewige
Treue geschworen hatten, den geringsten Abbruch taten. Wir waren entusiastisch
genug, die Vermutung oder vielmehr die blosse Möglichkeit, einander vielleicht so
nahe verwandt zu sein, als wir wünschten, in den zärtlichen Ergiessungen unserer
Herzen zuweilen für die Stimme der Natur zu halten; zumal da eine würkliche oder
eingebildete besondere Ähnlichkeit unserer Gesichts-Züge diesen Wahn zu
rechtfertigen schien. Da wir uns aber die Betrüglichkeit dieser vermeinten
Sprache des Blutes nicht immer verbergen konnten, so fanden wir desto mehr
Vergnügen darin, die Vorstellungen von einer natürlichen Verschwisterung der
Seelen, einem sympatetischen Zug der einen zu der anderen, einer schon in einem
vorhergehenden Zustand in bessern Welten angefangenen Bekanntschaft
nachzuhängen, und sie in tausend angenehme Träume auszubilden. Aber auch bei
diesem Grade liess uns der phantastische Schwung, den die Liebe unsern Seelen
gegeben hatte, nicht stille stehen. Wir strengten das äusserste Vermögen unserer
Einbildungs-Kraft an, um uns einen Begriff von derjenigen Art zu lieben zu
machen, womit in den überirdischen Sphären die Geister einander liebten. Keine
andere schien uns zu gleicher Zeit der Stärke und der Reinigkeit unserer
Empfindungen genug zu tun, noch für Wesen sich zu schicken, die im Himmel
entsprungen, und dahin wiederzukehren bestimmt wären. Ich gestehe dir, schöne
Danae, dass ich bei der Erinnerung an diese glückselige Schwärmerei meiner ersten
Jugend mich kaum erwehren kann zu wünschen, dass die Bezauberung ewig hätte
dauern können. Und dennoch ist nichts gewissers, als dass sich diese
allzugeistige Empfindungen endlich verzehrt, und die Natur, welche ihre Rechte
nie verliert, uns zuletzt unvermerkt auf eine gewöhnlichere Art zu lieben
geführt haben würde; wenn uns nur die schöne Pytia so viel Zeit, als dazu
erfodert wurde, gelassen hätte. Diese Dame hatte etliche Wochen verstreichen
lassen, ohne (dem Ansehen nach) sich meiner zu erinnern; und ich hatte sie in
dieser Zeit so gänzlich vergessen, dass ich ganz betroffen war, als ich wieder zu
ihr berufen wurde. Ich fand gar bald, dass die Göttin von Paphos, welche sich
vielleicht wegen irgend einer ehemaligen Beleidigung an ihr zu rächen
beschlossen, sie in dieser Zwischen-Zeit nicht so ruhig gelassen hatte, als es
für sie und mich zu wünschen war. Vermutlich hatte sie (wie die tragische
Phädra) allen ihren weiblichen und priesterlichen Stolz zusammengerafft, um eine
Leidenschaft zu unterdrücken, deren Übelstand sie sich selbst unmöglich
verbergen konnte; allein eben so vermutlich mochte sie sich selbst durch die
tröstlichen Trug-Schlüsse, welche Euripides der Amme dieser unglückseligen
Princessin in den Mund legt, wieder beruhigt, und endlich den herzhaften
Entschluss gefasst haben, ihrem Verhängnis nachzugeben. Denn, nachdem sie alle
ihre Mühe, mich das, was sie mir zu sagen hatte, erraten zu lassen, verloren
sah, brach sie endlich ein Stillschweigen, dessen Bedeutung ich eben so wenig
verstehen wollte, und entdeckte mir mit einer Deutlichkeit und mit einem Feuer,
welche mich erröten und erzittern machten; dass sie liebe und wieder geliebt sein
wolle. Der reizende Anzug und die verführische Stellung, worin sie dieses
Geständnis machte, schien ausgewählt zu sein, mich den Wert des mir angebotenen
Glückes mehr als jemals empfinden zu lassen. Ich muss noch izt erröten, wenn ich
an die Verwirrung denke, worin ich mit allen meinen erhabenen Begriffen in
diesem Augenblick war. - - Die menschliche Natur so erniedrigt - - den Namen der
Liebe so entweihet zu sehen! In der Tat, die Pytia selbst konnte von der Art,
wie ich ihre Zumutungen abwies, nicht empfindlicher beschämt und gequält werden,
als ich es durch die Notwendigkeit war, worein ich mich gesetzt sah, ihr so übel
zu begegnen. Ich bestrebte mich, die Härtigkeit meiner Antworten durch die
sanftesten Ausdrücke zu mildern, die ich in der Verwirrung finden konnte. Aber
ich erfuhr bald, dass heftige Leidenschaften sich so wenig als Sturm-Winde durch
Worte beschwören lassen. Die ihrer selbst nicht mehr mächtige Priesterin nahm
für beleidigenden Spott auf, was ich aus der wohl gemeinten, aber allerdings
unzeitigen Absicht, ihrer versinkenden Tugend zu Hülfe zu kommen, sagte. Sie
geriet in eine Wut, welche mich in die äusserste Verlegenheit setzte; sie brach
in Verwünschungen und Drohungen, und einen Augenblick darauf in einen Strom von
Tränen und in so bewegliche Apostrophen aus, dass ich beinahe schwach genug
gewesen wäre, mit ihr zu weinen, ohne mein Herz geneigter zu finden, dem ihrigen
zu antworten. Ich ergriff endlich das einzige Mittel, das mir übrig blieb, mich
der albernen Rolle, die ich in dieser Scene spielte, zu erledigen; ich entfloh.
In eben dieser Nacht sah ich meine geliebte Psyche wieder an dem gewöhnlichen
Orte; mein Gemüt war von der Geschichte dieses Abends zu sehr beunruhigt, als
dass ich ihr ein Geheimnis davon hätte machen können. Wir bedaurten die
Priesterin, so schwer es uns auch war, von der Wut und den Qualen einer Liebe,
welche mit der unserigen so wenig ähnliches hatte, uns eine Vorstellung zu
machen; aber wir bedaurten noch vielmehr uns selbst. Die Raserei, worin ich die
Pytia verlassen hatte, hiess uns das Ärgste besorgen. Wir zitterten eines für
des andern Sicherheit; und aus Furcht, dass sie unsere Zusammenkünfte entdecken
möchte, beschlossen wir, (so hart uns dieser Entschluss ankam) sie eine Zeitlang
seltner zu machen. Dieses war das erste mal, dass die reinen Vergnügungen unserer
schuldlosen Liebe von Sorgen und Unruhe unterbrochen wurden, und wir mit
schwerem Herzen von einander Abschied nahmen. Es war, als ob es uns ahnete, dass
dieses das letzte mal sei, da wir uns zu Delphi sähen; und wir sagten uns wohl
tausend mal Lebe wohl; ohne uns eines aus des andern Armen loswinden zu können.
Wir redeten mit einander ab, uns erst in der dritten Nacht wieder zu sehen.
Zufälliger Weise fügte sichs, dass ich in der Zwischen-Zeit mit der Priesterin in
Gesellschaft zusammenkam. Es war natürlich, dass sie in Gegenwart fremder Leute
ihrem Betragen gegen mich den freundschaftlichen Ton der Anverwandtschaft gab,
welche zwischen uns vorausgesetzt wurde, und durch welche sie nötig befunden
hatte, ihren Umgang mit mir gegen die Urteile strenger Sitten-Richter sicher zu
stellen. Allein ausser diesem bemerkte ich, dass sie etliche mal, da sie von
niemand beobachtet zu sein glaubte, die zärtlichsten Blicke auf mich heftete.
Ich war zu guterzig, Verstellung unter diesen Zeichen der wiederkehrenden Liebe
zu argwohnen; und der Schluss, den ich daraus zog, beruhigte mich gänzlich über
die Besorgnis, dass sie meinen Umgang mit Psyche entdeckt haben möchte. Ich flog
mit ungedultiger Freude zu unserer abgeredeten Zusammenkunft; ich wartete so
lange, dass mich der Tag beinahe überrascht hätte; ich durchsuchte den ganzen
Hain; aber da war keine Psyche. Eben so ging es in der folgenden und dritten
Nacht. Mein Schmerz und meine Betrachtungen waren unaussprechlich. Damals erfuhr
ich zum ersten mal, dass meine Einbildungs-Kraft, welche bisher nur zu meinem
Vergnügen geschäftig war, in eben dem Masse, wie sie mich glücklich gemacht
hatte, mich elend zu machen fähig sei. Ich zweifelte nun nicht mehr, dass die
Priesterin unsere Liebe entdeckt habe; und die Folgen, welche dieser Umstand für
Psyche haben konnte, stellten sich mir mit allen Schrecknissen einer sich selbst
quälenden Einbildung dar. Ich fasste in der Wut meines Schmerzens tausend heftige
Entschliessungen, von denen immer eine die andere verschlang; ich wollte zu der
Priesterin gehen, und meine Psyche von ihr fodern - - ich wollte - - das
Ausschweifendste, was man in der Verzweiflung wollen kann; ich glaube, dass ich
fähig gewesen wäre, den Tempel anzuzünden, wenn ich hätte hoffen können, meine
Psyche dadurch zu retten. Und doch hielt mich ein Schatten von Hoffnung, dass sie
durch zufällige Ursachen habe verhindert werden können, ihr Wort zu halten, noch
zurück, einen unbesonnenen Schritt zu tun, welcher ein bloss eingebildetes Übel
würklich und unheilbar hätte machen können. Vielleicht (dachte ich) weiss die
Priesterin noch nichts von unserm Geheimnis; und wie unselig wär' ich in diesem
Fall, wenn ich selbst der Verräter davon wäre? Dieser Gedanke führte mich zum
vierten mal in den Ruhe-Platz der Diana. Nachdem ich wohl zwo Stunden vergebens
gewartet hatte, warf ich mich, in einer Betäubung von Schmerz und Verzweiflung,
zu den Füssen einer von den Nymphen hin. Ich lag eine Weile, ohne meiner selbst
mächtig zu sein. Als ich mich wieder erholt hatte, sah ich einen frischen
Blumen-Kranz um den Hals und die Arme einer von den Nymphen gewunden; ich sprang
auf, um genauer zu erkundigen, was dieses bedeuten möchte, und fand ein
Briefchen an den Kranz geheftet, worin mir Psyche meldete: dass ich sie in der
folgenden Nacht um eine bestimmte Stunde unfehlbar an diesem Platz antreffen
würde; sie versparete es auf diese Besprechung, mir zu sagen, durch was für
Zufälle sie diese Zeit über verhindert worden, mich zu sehen, oder mir Nachricht
von ihr zu geben; ich dürfte aber vollkommen ruhig und gewiss sein, dass die
Priesterin nichts von unserer Bekanntschaft wisse. Die heftige Begierde, womit
ich wünschte, dass dieses Briefchen von Psyche geschrieben sein möchte, liess mich
nicht daran denken, ein Misstrauen darein zu setzen, ungeachtet mir ihre
Handschrift unbekannt war. Ich ging also plötzlich von dem äussersten Grade des
Schmerzens zu der äussersten Freude über. Ich wand den Glück-weissagenden
Blumen-Kranz um mich herum, nachdem ich die unsichtbaren Spuren der geliebten
Finger, die ihn gewunden hatten, auf jeder Blume weggeküsst hatte. Den folgenden
Abend wurde mir jeder Augenblick bis zur bestimmten Zeit ein Jahrhundert. Ich
ging eine halbe Stunde früher, den guten Nymphen zu danken, dass sie unsere Liebe
in ihren Schutz genommen hatten. Endlich glaubte ich, Psyche zwischen den
Myrten-Hecken hervorkommen zu sehen. Die Nacht war nur durch den Schimmer der
Sterne beleuchtet; aber ich erkannte die gewöhnliche Kleidung der Psyche, und
war von dem ersten Rauschen ihrer Annäherung schon zu sehr entzückt, um gewahr
zu werden, dass die Gestalt, die sich mir näherte, mehr von dem üppigen Contour
einer Bacchantin als von der jungfräulichen Geschmeidigkeit meiner Freundin
hatte. Wir flogen einander mit gleichem Verlangen in die Arme. Die sprachlose
Trunkenheit des ersten Augenblicks verstattet nicht, Bemerkungen zu machen; aber
es währte doch nicht lange, bis ich notwendig fühlen musste, dass ich mit einer
Heftigkeit, welche mit der unschuldigen Zärtlichkeit einer Psyche den stärksten
Absatz machte, an einen kaum verhüllten und ungestüm klopfenden Busen gedrückt
wurde. - - Das konnte nicht Psyche sein. - - Ich wollte mich aus ihren Armen
loswinden aber sie verdoppelte die Stärke, womit sie mich umschlang, zugleich
mit ihren wollüstigen Liebkosungen; und da ich nun auf einmal mit einem
Entsetzen, welches mir alle Sehnen lähmte, meinen Irrtum erkannte; so machte die
Gewalt, die ich anwenden wollte, mich von der rasenden Priesterin loszureissen,
dass wir mit einander zu Boden sanken. Ich wünschte aus Hochschätzung des
Geschlechts, welches in meinen Augen der liebenswürdigste Teil der Schöpfung
ist, dass ich diese Scene aus meinem Gedächtnis auslöschen könnte. - - Die
Bestrebungen dieser Unglückseligen empörten endlich alle meine Geister zu einem
Grimm, der mich ihrer eigenen Wut überlegen machte. Ich hatte alle meine
Vernunft nötig, um nicht alle Achtung, die ich wenigstens ihrem Geschlecht
schuldig war, aus den Augen zu setzen. Aber ich zweifle nicht, dass eine jede
Frauens-Person welche noch einen Funken von sittlichem Gefühl übrig hätte lieber
den Tod, als die Vorwürfe und die Verwünschungen, womit sie überströmt wurde,
ausstehen wollte. Sie krümmete sich, in Tränen berstend zu meinen Füssen. - -
Dieser Anblick war mir unerträglich - - ich wollte entfliehen; sie verfolgte
mich, sie hing sich an, und bat mich, ihr den Tod zu geben. Ich verlangte mit
Heftigkeit, dass sie mir meine Psyche wieder geben sollte. Diese Worte schienen
sie unsinnig zu machen. Sie erklärte mir, dass das Leben dieser Sclavin in ihrer
Gewalt sei, und von dem Entschluss, den ich nehmen würde, abhange. Sie sah die
Veränderung, die diese Drohung auf einmal in meinem ganzen Wesen machte; wir
verstummten beide eine Weile. Endlich nahm sie einen sanftern, aber nicht
weniger entschlossenen Ton an, um mir ihre vorige Erklärung zu bekräftigen. Die
Eifersucht machte sie so vieles sagen, dass ich Zeit bekam mich zu fassen, und
eine Drohung weniger fürchterlich zu finden, zu deren Ausführung ich sie,
wenigstens aus Liebe zu sich selbst, unfähig glaubte. Ich antwortete ihr also
mit einem kalten Blute, welches sie stutzen machte: dass sie auf ihre eigene
Gefahr über das Leben meiner jungen Freundin disponieren könne. Doch ersuchte
ich sie, sich zu erinnern, dass sie selbst mich zum Meister über das Ihrige, und
über das, was ihr noch lieber als das Leben sein sollte, gemacht habe. Das
meinige (setzte ich lebhafter hinzu) hört mit dem Augenblick auf, da Psyche für
mich verloren ist; denn bei dem Gott, dessen Gegenwart dieses heilige Land
erfüllt, keine menschliche Gewalt soll mich aufhalten, ihrem geliebten Geist in
eine bessere Welt zu folgen, wohin uns das Laster nicht folgen kann, unsere
geheiligte Liebe zu beunruhigen! - - Meine Standhaftigkeit schien, den Mut der
Priesterin niederzuschlagen. Sie sagte mir endlich: Sie merkte sehr wohl, dass
ich trotzig darauf sei, dass ich in meiner Gewalt habe, sie zu Grunde zu richten
- - ich könnte tun, was ich wollte; nur sollte ich versichert sein, dass ihr
Psyche für jeden Schritt antworten sollte, den ich machen würde. Mit diesen
Worten entfernte sie sich, und liess mich in einem Zustande, dessen
Abscheulichkeit, nach der Empfindung die ich davon hatte, abgemessen, über allen
Ausdruck ging. Ich wusste nun, dass die Priesterin Mittel gefunden haben müsse,
unser Geheimnis zu entdecken, und dass der Blumen Kranz ein Kunstgriff von ihrer
Erfindung gewesen war. Nach dieser Niederträchtigkeit war keine Bosheit so
ungeheuer, deren ich diese Elende nicht fähig gehalten hätte. Ich besorgte
nichts für mich selbst, aber alles für die arme Psyche, welche ich der Gewalt
einer Nebenbuhlerin überlassen musste, ohne dass mir alle meine Zärtlichkeit für
sie das Vermögen geben konnte, sie davon zu befreien.
 
                                Fünftes Capitel
             Agaton entfliehet von Delphi, und findet seinen Vater
Nachdem ich etliche Tage in der grausamen Ungewissheit, was aus meiner Geliebten
geworden sein möchte, zugebracht hatte, erfuhr ich endlich von einer Sclavin der
Pytia, welche ihre Freundin gewesen war, dass sie nicht mehr in Delphi sei.
Dieses war alle Nachricht, die ich von ihr ziehen konnte; aber es war genug, mir
den Aufentalt von Delphi unerträglich zu machen. Nunmehr bedacht' ich mich
keinen Augenblick, was ich tun wollte. Ich stahl mich in der nächsten Nacht
hinweg, ohne um die Folgen eines so unbesonnenen Schrittes bekümmert zu sein;
oder richtiger zu sagen, in einem Gemüts-Zustande, worin ich unfähig war, einige
vernünftige Überlegung zu machen. Ich irrte eine Zeitlang an allen Orten herum,
wo ich eine Spur von meiner Freundin zu entdecken hoffte; töricht genug mir
einzubilden, dass sie mich, wo sie auch sein möchte, durch die magische Gewalt
der Sympatie unsrer Seelen nach sich ziehen wer de. Aber meine Hoffnung betrog
mich; niemand konnte mir die geringste Nachricht von ihr geben. Unempfindlich
gegen alles Elend, welches ich auf dieser unsinnigen Wanderschaft erfahren
musste, fühlte ich keinen andern Schmerz als die Trennung von meiner Geliebten
und die Ungewissheit, was ihr Schicksal sei; ich würde die Versicherung, dass es
ihr wohl gehe, gerne mit meinem Leben bezahlt haben. Endlich führte mich der Zu
fall oder eine mitleidige Gotteit nach Corint. Die Sonne war eben
untergegangen, als ich von den Beschwerlichkeiten der Reise, und einer Diät,
deren ich nicht gewohnt war, äusserst abgemattet, vor dem Hofe eines von den
prächtigen Landgütern ankam, welche die Küsten des Corintischen Meeres
verschönern. Ich warf mich unter eine hohe Cypresse nieder, und verlor mich in
den Vorstellungen der natürlichen, und dennoch in der Hitze der Leidenschaft
nicht vorhergesehenen Folgen meiner Flucht von Delphi. In der Tat war meine
Situation fähig, den herzhaftesten Mut niederzuschlagen. In eine Welt
ausgestossen, worin mir alles fremd war, ohne Freunde, unwissend wie ich ein
Leben werde erhalten können, dessen Urheber mir nicht einmal bekannt war - -
warf ich traurige Blicke um mich her - die ganze Natur schien mich verlassen zu
haben - - auf dem weiten Umfang der mütterlichen Erde sah ich nichts, worauf ich
einen Anspruch machen konnte als ein Grab, wenn mich die Last des Elends endlich
aufgerieben haben würde, und selbst dieses konnte ich nur von der Frömmigkeit
irgend eines mitleidigen Wanderers hoffen. Diese melancholischen Gedanken wurden
durch die Erinnerung meiner vergangnen Glückseligkeit, und durch das Bewusstsein,
dass ich mein Elend durch keine Bosheit des Herzens oder irgend eine entehrende
Übeltat verdient hätte, noch empfindlicher gemacht. Ich sah mit tränenvollen
Augen um mich her, als ob ich ein Wesen in der Natur suchen wollte, dem mein
Zustand zu Herzen ginge. In diesem Augenblick erfuhr ich den wohltätigen Einfluss
dieser glückseligen Schwärmerei, welche die Natur dem empfindlichsten Teil der
Sterblichen, zu einem Gegenmittel gegen die Übel, denen sie durch die Schwäche
ihres Herzens ausgesetzt sind, gegeben zu haben scheint. Ich wandte mich an die
Unsterblichen mit denen meine Seele schon so lange in einer Art von unsichtbarer
Gemeinschaft gestanden war. Der Gedanke dass sie die Zeugen meines Lebens, meiner
Gedanken, meiner geheimsten Neigungen gewesen seien, goss lindernden Trost in
mein verwundetes Herz. Ich sah meine geliebte Psyche unter ihre Flügel
gesichert. Nein, rief ich aus, die Unschuld kann nicht unglücklich sein, noch
das Laster seine Absichten ganz erhalten! In diesem majestätischen All, worin
Sphären und Atomen sich mit gleicher Unterwürfigkeit nach den Winken einer
weisen und wohltätigen Macht bewegen, wär es Unsinn und Gottlosigkeit, sich
einer entnervenden Kleinmut zu überlassen. - Mein Dasein ist der Beweis, dass ich
eine Bestimmung habe. - - Hab' ich nicht eine Seele welche denken kann, und
Gliedmassen, welche ihr als Sclaven zur Ausrichtung ihrer Gedanken zugegeben
sind? - - Bin ich nicht ein Grieche? Und wenn mich mein Vaterland nicht erkennen
will, bin ich nicht ein Mensch? Ist nicht die Erde mein Vaterland? Und gibt mir
nicht die Natur ein unverlierbares Recht an Erhaltung und jedes wesentliche
Stück der Glückseligkeit, sobald ich meine Kräfte anwende die Pflichten zu
erfüllen, die mich mit der Welt verbinden? - - Diese Gedanken beschämten meine
Tränen, und richteten mein Herz wieder auf. Ich fing an, die Mittel zu
überlegen, die ich in meiner Gewalt hatte, mich in bessere Umstände zu setzen;
als ich einen Mann von mittlerm alter gegen mich herkommen sah, dessen Ansehen
und Mine mir beim ersten Anblick Zutrauen und Ehrerbietung einflössten. Ich
raffte mich sogleich vom Boden auf, und beschloss mit mir selbst, ihn anzureden,
ihm meine Umstände zu entdecken, und mir seinen Rat auszubitten. Er kam mir
zuvor. - - Du scheinest vom Weg ermüdet zu sein, junger Fremdling, sagte er zu
mir, mit einem Ton, der ihm sogleich mein Herz entgegen wallen machte; und da
ich dich unter dem wirtschaftlichen Schatten meines Baumes gefunden habe, so
hoffe ich, du werdest mir das Vergnügen nicht versagen, dich diese Nacht in
meinem Hause zu beherbergen. Dieser Mann, den ich hieraus für den Herrn des
Hauses, welches ich vor mir sah, erkannte, betrachtete mich mit einer
sonderbaren Aufmerksamkeit, indem ich ihm für seine Leutseligkeit dankte, und
mit einer Offenherzigkeit, welche von meiner wenigen Kenntnis der Welt zeugte,
bekannte; dass ich im Begriff gewesen sei, ihn um dasjenige zu ersuchen, was er
mir auf eine so edle Art anbiete; nachdem ich durch einen Zufall in diese
Gegenden, wo ich niemand kenne, geraten sei. Ich weiss nicht, was ihn zu meinem
Vorteil einzunehmen schien; mein Aufzug wenigstens konnte es nicht sein; denn
ich hatte, aus Sorge entdeckt zu werden, meine Delphische Kleidung gegen eine
schlechtere vertauscht, welche auf meiner Wanderschaft ziemlich abgenutzt worden
war. Er wiederholte mir wie angenehm es ihm sei, dass mich der Zufall vielmehr
ihm als einem seiner Nachbarn zugeführt habe; und so folgte ich ihm in sein
Haus, dessen Weitläufigkeit, Bauart und Pracht einen Besitzer von grossem
Reichtum und vielem Geschmack ankündigte. Der Saal in dem wir zuerst abtraten,
war mit Gemälden von den berühmtesten Meistern, und mit einigen Bild-Säulen und
Brust-Bildern von Phidias und Alcamenes ausgeziert. Ich liebe wie dir bekannt
ist, die Werke der schönen Künste bis zur Schwärmerei, und mein langer
Aufentalt in Delphi hatte mir einige Kenntnis davon gegeben. Ich bewunderte
einige Stücke, setzte an andern dieses oder jenes aus, nannte die Künstler,
deren Hand oder Manier ich erkannte, und nahm Gelegenheit von andern
Meisterstücken zu reden, die mir von ihnen bekannt waren. Ich bemerkte, dass mein
Wirt mich mit Verwunderung von neuem betrachtete, und so aussah, als ob er
betroffen wäre, einen jungen Menschen, den er in einem so wenig versprechenden
Aufzug unter einem Baum liegend gefunden, mit so vieler Kenntnis von Künsten
sprechen zu hören, von denen gemeiniglich nur Leute von Stand und Vermögen im
Ton der Kenner zu reden pflegen. Nach einer kleinen Weile wurde gemeldet, dass
das Abend-Essen aufgetragen sei. Er führte mich hierauf in einen kleinen Saal,
dessen Mauern von einem der besten Schüler des Parrhasius mit Wasser-Farben
niedlich übermalt waren. Wir speiseten ganz allein. Die Tafel, das Geräte, die
Aufwärter, alles stimmte mit dem Begriff überein, den ich mir bereits von dem
Geschmack und dem Stande des Haus-Herrn gemacht hatte. Unter dem Essen trat ein
junger Mensch von feinem Ansehen und zierlich gekleidet, auf, und recitierte ein
Stück aus der Odyssee mit vieler Geschicklichkeit. Mein Wirt sagte mir, dass er
bei Tische diese Art von Gemüts-Ergötzung den Tänzerinnen und Flötenspielerinnen
vorzöge, womit man sonst bei den Tafeln der Griechen sich zu unterhalten pflege.
Das Lob das ich seinem Leser beilegte, gab zu einem Gespräch über die beste Art
zu recitieren, und über die Griechischen Dichter Anlass, wobei ich meinem Wirte
abermal Gelegenheit gab, zu stutzen, und mich immer aufmerksamer, und wie mich
deuchte, mit einer Art von zärtlicher Gemüts-Bewegung anzusehen. Er sah dass ich
es gewahr wurde, und sagte mir hierauf, dass mich die Verwunderung womit er mich
von Zeit zu Zeit betrachte, weniger befremden würde, wenn ich die
ausserordentliche Ähnlichkeit meiner Gesichts-Bildung und Mine mit einer Person,
welche er ehmals gekannt habe, wisste; doch du sollst selbst hievon urteilen,
setzte er hinzu, und hierauf fing er an von andern Dingen zu reden, bis der Wein
und die Früchte aufgestellt wurden. Bald darauf stunden wir auf, und nachdem wir
eine Weile in einer langen Galerie, die auf einer doppelten Reihe Corintischer
Säulen von buntem Marmor ruhte, und prächtig erleuchtet war, auf und abgegangen
waren, führte er mich in ein Cabinet, worin ein Schreibtisch, ein Büchergestell,
einige Polster, und ein Gemälde in Lebensgrösse auf welches ich nicht gleich acht
gab, alle Möbeln und Zieraten ausmachten. Er hiess mich niedersitzen, und nachdem
er das Bildnis, welches ihm gegenüber hing, eine ziemliche Weile mit Bewegung
angesehen hatte, redete er mich also an: Deine Jugend, liebenswürdiger
Fremdling, die Art wie sich unsere Bekanntschaft angefangen, die Eigenschaften
die ich in dieser kurzen Zeit an dir entdeckt, und die Zuneigung die ich in
meinem Herzen für dich finde, rechtfertigen mein Verlangen, von deinem Namen,
und von den Umständen benachrichtiget zu sein, welche dich in einem solchen
Alter von deiner Heimat entfernt und in diese fremde Gegenden geführt haben
können. Es ist sonst meine Gewohnheit nicht, mich beim ersten Anblick für jemand
einzunehmen. Aber bei deiner Erblickung hab ich einem geheimen Reiz, der mich
gegen dich zog nicht widerstehen können, und du hast in diesen wenigen Stunden
meine voreilige Neigung so sehr gerechtfertiget, dass ich mir selbst Glück
wünsche, ihr Gehör gegeben zu haben. Befriedige also mein Verlangen, und sei
versichert, dass die Hoffnung, dir vielleicht nützlich sein zu können, weit mehr
Anteil daran hat, als ein unbescheidener Vorwitz. Du siehest einen Freund in
mir, dem du dich, ungeachtet der kurzen Dauer unsrer Bekanntschaft, mit allem
Zutrauen eines langwierigen und bewährten Umgangs entdecken darfst. Ich wurde
durch diese Anrede so sehr gerührt, dass sich meine Augen mit Tränen füllten - -
ich glaube, dass er darin lesen konnte was ihm mein Herz antwortete, ob ich
gleich eine Weile keine Worte finden konnte. Endlich sagte ich ihm, dass ich von
Delphi käme; dass ich daselbst erzogen worden; dass man mich Agaton genennt
hätte; dass ich niemalen habe entdecken können, wem ich das Leben zu danken habe;
und dass alles was ich davon wisse, dieses sei, dass ich in einem Alter von vier
oder fünf Jahren in den Tempel gebracht, mit andern Knaben, welche man dem
Dienst des Gottes zu Delphi gewidmet, erzogen, und nachdem ich zu mehrern Jahren
gekommen, von den Priestern mit einer vorzüglichen Achtung angesehen, und in
allem was zur Erziehung eines freigebornen Griechen erfordert werde, geübet
worden sei. Stratonicus (so wurde mein Wirt genannt) hatte während dass ich
dieses sagte, Mühe sich ruhig zu halten; sein Gesicht veränderte sich; er wollte
anfangen zu reden, schien sich aber wieder anders zu bedenken, und ersuchte mich
nur, ihm zu sagen, warum ich Delphi verlassen hätte. So natürlich die
Aufrichtigkeit sonst meinem Herzen war, so konnte ich doch dieses mal unmöglich
über die Bedenklichkeiten hinaus kommen, welche mir über meine Liebe zu Psyche
den Mund verschlossen. Einem Freunde von meinen Jahren, für den ich mein Herz
eben so eingenommen gefunden hätte, als für den Stratonicus, würde ich das
Innerste meines Herzens ohne Bedenken aufgeschlossen haben, so bald ich hätte
vermuten können, dass er meine Empfindungen zu verstehen fähig sei: Aber hier
hielt mich etwas zurück, davon ich mir selbst die Ursache nicht recht angehen
konnte. Ich schob also die ganze Schuld meiner Entweichung von Delphi auf die
Pytia, indem ich ihm so ausführlich, als es meine jugendliche Schamhaftigkeit
gestatten wollte, von den Versuchungen, in welche sie meine Tugend geführt
hatte, Nachricht gab. Er schien sehr wohl mit meiner Aufführung zufrieden, und
nachdem ich meine Erzählung bis auf den Augenblick, wo ich ihn zuerst erblickt,
und dasjenige was ich sogleich für ihn empfunden, fort geführt; stund er mit
einer lebhaften Bewegung auf, warf seine Arme um meinen Hals, und sagte mit
Tränen der Freude und Zärtlichkeit in seinen Augen; - - Mein liebster Agaton,
siehe deinen Vater - - hier, setzte er hinzu, indem er mich sanft umwendete, und
auf das Gemälde wies, welchem ich bisher den Rücken zugekehrt hatte, - - hier,
in diesem Bilde, erkenne die Mutter, deren geliebte Züge mich beim ersten
Anblick in deiner Gesichts-Bildung gerührt, und diese Bewegung erregt haben, die
ich nun für die Stimme der Natur erkenne. Du kennest mich zu gut, liebenswürdige
Danae, um dir meine Empfindungen in diesem Augenblicke nicht lebhafter
einzubilden, als ich sie beschreiben könnte. Solche Augenblicke sind keiner
Beschreibung fähig; für solche Freuden hat die Sprache keine Namen, die Natur
keine Bilder, und die Phantasie selbst keine Farben. - - Das Beste ist, zu
schweigen, und den Zuhörer seinem eigenen Herzen zu überlassen. Mein Vater
schien durch meine Entzückung, welche sich lange Zeit nur durch Tränen und
sprachlose Umarmungen und abgebrochene Töne der zärtlichsten Regungen, deren die
Natur fähig ist, ausdrücken konnte, doppelt glücklich zu sein. Das Vergnügen,
womit er mich für seinen Sohn erkannte, schien ihn selbst wieder in die
glücklichsten Augenblicke seiner Jugend zu versetzen, und Erinnerungen wieder
aufzuwecken, denen mein Anblick ein neues Leben gab. Da er natürlicher Weise
voraussetzen konnte, dass ich begierig sein werde, die Ursachen zu wissen, welche
meinen Vater, der mich mit so vielem Vergnügen für seinen Sohn erkannte, hatten
bewegen können, mich so viele Jahre von sich verbannt zu halten; so gab er mir
hierüber alle Erläuterungen, die ich nur wünschen konnte, durch eine
umständliche Erzählung der Geschichte seiner Liebe zu meiner Mutter. Seine
Bekanntschaft mit ihr hatte sich zufälliger Weise in einem Alter angefangen,
worin er noch gänzlich unter der väterlichen Gewalt stund. Sein Vater war das
Haupt eines von den edelsten Geschlechtern in Aten. Meine Mutter war sehr jung,
sehr schön, und eben so tugendhaft als schön, unter der Aufsicht einer alten
Frau, die sich ihre Mutter nannte, dahin gekommen. Die strenge Eingezogenheit,
worin sie sehr kümmerlich von ihrer Hand-Arbeit lebte, verwahrte die junge
Musarion vor den Augen und vor den Nachstellungen der müssigen reichen Jünglinge,
welche gewohnt sind, junge Mädchen, die keinen andern Schutz als ihre Unschuld,
und keinen andern Reichtum als ihre Reizungen haben, für ihre natürliche Beute
anzusehen. Dem ungeachtet konnte sie nicht verhintern, durch einen Zufall, den
ich übergehen will, meinem Vater bekannt zu werden, welcher sich durch seine
gesittete und bescheidene Lebens-Art von den meisten jungen Ateniensern seiner
Zeit unterschied. Sein tugendhafter Character konnte ihn nicht verwahren, von
den Reizungen der jungen Musarion gerührt zu werden; aber er machte, dass seine
Liebe die Eigenschaft seines Characters annahm. Sie war tugendhaft, bescheiden,
und eben dadurch stärker und dauerhafter. Sein Stand, sein guter Ruf und sein
zurückhaltendes Betragen gegen den unschuldigen Gegenstand seiner, Liebe gaben
zusammengenommen einen Beweg-Grund ab, der die Nachsicht entschuldigen konnte,
womit die Alte seine geheime Besuche duldete, ob sie gleich immer häufiger
wurden. Nichts kann natürlicher sein, als dasjenige, was man liebt, dem Mangel
nicht ausgesetzt sehen zu können; aber nichts ist auch in den Augen der Welt
zweideutiger, als die Freigebigkeit eines jungen Menschen gegen eine junge
Person, welche das Unglück hat, durch ihre Annehmlichkeiten den Neid, und durch
ihre Armut die Verachtung des grossen Haufens zu erregen. Man kann sich nicht
bereden, dass in einem solchen Fall derjenige, welcher gibt, nicht eigennützige
Absichten habe; oder diejenige, welche annimmt, ihre Dankbarkeit nicht auf
Unkosten ihrer Unschuld beweise. Stratonicus gebrauchte deswegen die äusserste
Vorsichtigkeit, um die Wohltaten, womit er diese kleine Familie von Zeit zu Zeit
unterstützte, vor aller Welt und vor ihnen selbst zu verbergen. Allein sie
entdeckten doch zuletzt ihren unbekannten Wohltäter; und diese neue Proben
seiner edelmütigen Sinnes-Art vollendeten den Eindruck, den er schon lange auf
das unerfahrne Herz der zärtlichen Musarion gemacht hatte, und gewannen es ihm
gänzlich. Niemals würde die Liebe von der zärtlichsten Gegenliebe erwidert, zwei
Herzen glücklicher gemacht haben, wenn die Umstände der jungen Schönen einer
gesetzmässigen Vereinigung nicht Schwierigkeiten in den Weg gelegt hätten, welche
ein jeder anderer als ein Liebhaber für unüberwindlich gehalten hätte. Endlich
war Stratonicus so glücklich, zu entdecken, dass seine Geliebte würklich eine
Ateniensische Bürgerin sei, die Tochter eines zwar armen, aber rechtschaffenen
Mannes, welcher im Pelopponesischen Kriege sein Leben auf eine rühmliche Art
verloren hatte. Nunmehr wagte er es, seinem Vater das Geheimnis seiner Liebe zu
entdecken; er wandte alles an, seine Einwilligung zu erhalten; aber der Alte,
welcher alle Reizungen und alle Tugenden der jungen Musarion für keinen
genugsamen Ersatz des Reichtums, der ihr fehlte, ansah, blieb unerbittlich.
Stratonicus liebte zu inbrünstig, um dem Befehl, nicht weiter an seine Geliebte
zu denken, gehorsam zu sein; er würde sich selbst für den Unwürdigsten unter den
Menschen gehalten haben, wenn er fähig gewesen wäre, ihr nur das Wenigste von
seinen Empfindungen zu entziehen. Die Widerwärtigkeiten und Hinternisse, womit
seine Liebe kämpfen musste, taten vielmehr die Würkung, welche sie in einem
solchen Falle bei edeln und wahrhaftig eingenommenen Gemütern allemal tun
werden; sie concentrierten das Feuer ihrer gegenseitigen Zuneigung, und bliesen
eine Flamme, welche, so lange sie von Hoffnung genährt wurde, drei Jahre lang
sanft und rein fortgebrannt hatte, zu der heftigsten Leidenschaft an. Das Herz
ermüdet endlich durch den langen Kampf mit seinen süssesten Regungen; es verliert
die Kraft zu widerstehen; und je länger es unter den Qualen einer zugleich
verfolgten und unbefriedigten Liebe geseufzet hat, je heftiger sehnet es sich
nach einer Glückseligkeit, wovon ein einziger Augenblick genugsam ist, das
Andenken aller ausgestandenen Leiden auszulöschen, das Gefühl der gegenwärtigen
zu ersticken, und die Augen, von der süssen Trunkenheit der glücklichen Liebe
benebelt, gegen alle künftige Not blind zu machen. Ausser diesem hatte Musarion
noch den Beweg-Grund einer Dankbarkeit, von deren drückender Last ihr Herz sich
zu erleichtern suchte. Kurz: Sie schwuren einander eine ewige Treue, überliessen
sich dem sympatetischen Verlangen ihres Herzens, und bedienten sich der Gewalt,
die ihnen die Liebe gab, einander glücklich zu machen. Die Glückseligkeit,
welche eines dem andern zu danken hatte, unterhielt und befestigte die zärtliche
Vereinigung ihrer Herzen, anstatt sie zu schwächen oder gar aufzulösen; denn
noch niemals ist der Genuss das Grab der wahren Zärtlichkeit gewesen. Ich, schöne
Danae, war die erste Frucht ihrer Liebe. Glücklicher Weise fiel meinem Vater
eben damals durch den letzten Willen eines Oheims ein kleines Vorwerk auf einer
von den Insuln zu, welche unter der Botmässigkeit der Atenienser stehen. Dieses
musste meiner Mutter zur Zuflucht dienen; ich wurde daselbst geboren, und genoss
drei Jahre lang ihrer eigenen Pflege; bis sie mir durch eine Schwester entzogen
wurde, deren Leben der liebenswürdigen Musarion das ihrige kostete. Stratonicus
hatte inzwischen manchen Versuch gemacht, das Herz seines Vaters zu erweichen;
aber allemal vergebens. Es blieb ihm also nichts übrig, als seine Verbindung mit
meiner Mutter und die Folgen derselben geheim zu halten. Ihr frühzeitiger Tod
vernichtete die Entwürfe von Glückseligkeit, die er für die Zukunft gemacht
hatte, ohne die zärtliche Treue, die er ihrem Andenken widmete, zu schwächen.
Die Sorge für das, was ihm von ihr übrig geblieben war, hielt ihn zurück, sich
einer Traurigkeit völlig zu überlassen, welche ihn lange Zeit gegen alle Freuden
des Lebens gleichgültig, und zu allen Beschäftigungen desselben verdrossen
machte. Der Tempel zu Delphi schien ihm der tauglichste Ort zu sein, mich zu
gleicher Zeit zu verbergen, und einer guten Erziehung teilhaft zu machen. Er
hatte Freunde daselbst, denen ich besonders empfohlen wurde, mit dem
gemessensten Auftrag, mich in einer gänzlichen Unwissenheit über meinen Ursprung
zu lassen. Sein Vorsatz war, so bald der Tod seines Vaters ihn zum Meister über
sich selbst und seine Güter gemacht haben würde, mich von Delphi abzuholen, und
nach Aten zu bringen, wo er so dann seine Verbindung mit meiner Mutter bekannt
machen, und mich öffentlich für seinen Sohn und Erben erklären wollte. Aber
dieser Zufall erfolgte erst wenige Monate vor meiner Flucht, und seit demselben
hatten ihn dringendere Geschäfte genötigt, meine Abholung aufzuschieben.
    Nachdem mein Vater diese Erzählung geendigt hatte, liess er einen alten
Freigelassenen zu sich rufen, und fragte ihn: Ob er den kleinen Agaton kenne,
den er vor vierzehn Jahren dem Schutz des Delphischen Apollo überliefert habe?
Der gute Alte, dessen Züge mir selbst nicht unbekannt waren, erkannte mich desto
leichter, da er binnen dieser Zeit von meinem Vater etliche male nach Delphi
abgeschickt worden war, sich meines Wohlbefindens zu erkundigen. Nunmehr wurde
in wenigen Augenblicken das ganze Haus mit allgemeiner Freude erfüllt; die
Zufriedenheit meines Vaters über mich, und das Vergnügen, womit alle seine
Haus-Genossen mich, als den einzigen Sohn ihres Herrn, bewillkommten, machte die
Freude vollkommen, die ich bei einem so unverhofften und plötzlichen Übergang
von dem Elend eines sich selbst unbekannten, nackten und allen Zufällen des
Schicksals preis gegebenen Flüchtlings zu einem so blendenden Glücks-Stand
notwendig empfinden musste. Blendend hätte er wenigstens für manchen andern sein
können, der durch die Art seiner Erziehung weniger als ich vorbereitet gewesen
wäre, einen solchen Wechsel mit Bescheidenheit zu ertragen. Inzwischen bin ich
mir selbst die Gerechtigkeit schuldig, zu sagen, dass die Versicherung, ein
Bürger von Aten, und durch meine Geburt und die Tugend meiner Voreltern zu
Verdiensten und schönen Taten berufen zu sein, mir ungleich mehr Vergnügen
machte, als der Anblick der Reichtümer, welche die Gütigkeit meines Vaters mit
mir zu teilen so begierig war, und welche in meinen Augen nur dadurch einen Wert
erhielten, weil sie mir das Vermögen zu geben schienen, desto freier und
vollkommener nach den Grund-Sätzen, die ich eingesogen hatte, leben zu können.
Ich unterhielt mich nun mit einer neuen Art von Träumen, welche durch ihre
Beziehung auf meine neu entdeckten Verhältnisse für mich so wichtig, als durch
ihre Ausführung eben so viele Wohltaten für das menschliche Geschlecht zu sein
schienen. Ich machte Entwürfe, wie die erhabenen Lehr Sätze meiner idealischen
Sitten-Lehre auf die Einrichtung und Verwaltung eines gemeinen Wesens angewendt
werden könnten. Diese Betrachtungen, welche einen guten Teil meiner Nächte
wegnahmen, erfüllten mich mit dem lebhaftesten Eifer für ein Vaterland, welches
ich nur aus Geschichtschreibern kannte; ich zeichnete mir selbst, auf den
Fussstapfen der Solons und Aristiden, einen Weg aus, bei welchem ich an keine
andere Hinternisse dachte, als solche, die durch Mut und Tugend zu überwinden
sind. Dann setzte ich mich in meinen patriotischen Entzückungen an das Ende
meiner Laufbahn, und sah in Aten, nichts geringers als die Hauptstadt der Welt,
die Gesetzgeberin der Nationen, die Mutter der Wissenschaften und Künste, die
Königin des Meers, den Mittelpunct der Vereinigung des ganzen menschlichen
Geschlechts. - Kurz, ich machte ungefähr eben so schimärische, und eben so
ungeheure Projecte, als Alciabiades; aber mit dem wesentlichen Unterscheid, dass
ein von Güte und allgemeiner Wohltätigkeit beseeltes Herz die Quelle der
meinigen war. Sie hatten noch dieses Besondere, dass ihre Ausführung, (die
moralische Möglichkeit derselben vorausgesetzt,) keiner Mutter eine Träne, und
keinem Menschen in der Welt mehr, als die Aufopferung seiner Vorurteile, und
solcher Leidenschaften, welche die Ursachen alles Privat-Elends sind, gekostet
hätten. Ihre Ausführung schien mir, weil ich mir die Hinternisse nur einzeln,
und nicht in ihrem Zusammenhang und vereinigtem Gewichte vorstellte, so leicht
zu sein, dass ich nur allein darüber verwundert war, dass ein Perikles unter den
kleinfügigen Bemühungen Aten zur Meisterin von Griechenland zu machen, habe
übersehen können, wie viel leichter es sei, es zum Tempel eines ewigen Friedens
und der allgemeinen Glückseligkeit der Welt zu machen. Diese schönen
Speculationen gaben etliche mal den Stoff zu den Unterredungen ab, womit ich
meinem Vater des Abends die Zeit zu verkürzen pflegte. Die Lebhaftigkeit meiner
Einbildungskraft schien ihn eben so sehr zu belustigen, als sein Herz, dessen
Ebenbild er in dem meinigen erkannte, sich an den tugendhaften Gesinnungen
vergnügte, welche er, wie ich selbst, (vielleicht beide ein wenig zu parteiisch)
für die Triebfedern meiner politischen Träume hielt. Alles, was er mir von den
Schwierigkeiten ihrer Ausführung, die er mit der Quadratur des Cirkels in eine
Classe setzte, sagen konnte, überzeugte mich so wenig, als einen Verliebten die
Einwendungen eines Freundes, der bei kaltem Blut ist, überzeugen werden. Ich
hatte eine Antwort für alle; und dieser neue Schwung, den mein Entusiasmus
bekommen hatte, wurde bald so stark, dass ich es kaum erwarten konnte, mich in
Aten, und in Umständen zu sehen, wo ich die erste Hand an dieses grosse Werk,
wozu ich gewidmet zu sein glaubte, legen könnte.
 
                                Sechstes Capitel
             Agaton kommt nach Aten, und widmet sich der Republik
    Eine Probe der besondern Natur desjenigen Windes, welcher vom Horaz aura
                            popularis genennet wird
Mein Vater hielt sich nur so lange zu Corint auf, als es seine Geschäfte
erfoderten, und eilte selbst, mich so bald es nur möglich war, in dieses Aten
zu versetzen, welches sich meiner verschönernden Einbildung in einem so
herrlichen Lichte darstellte. Ich gestehe dir, Danae, (und hoffe, die fromme
Pflicht gegen meine Vaterstadt nicht dadurch zu beleidigen) dass der erste
Anblick mit dem was ich erwartete einen starken Absatz machte. Mein Geschmack
war zu sehr verwöhnt, um das Mittelmässige, worin es auch sein, möchte,
erträglich zu finden; er wollte gleichsam alles in diese feine Linie
eingeschlossen sehen, in welcher das Erhabene mit dem Schönen zusammenfliesst;
und wenn er diese Vollkommenheit an einzelnen Teilen gewahr wurde, so wollte er,
dass alle zusammenstimmen, und ein sich selbst durchaus ähnliches, symmetrisches
Ganzes ausmachen sollten. Von diesem Grade der Schönheit war Aten, so wie
vielleicht eine jede andere Stadt in der Welt, noch weit entfernt; indessen
hatte sie doch der gute Geschmack und die Verschwendung des Perikles, mit Hülfe
der Phidias, der Alcamenen, und andrer grosser Meister, in einen solchen Stand
gestellt, dass sie mit den prächtigsten Städten des politesten Teils der Welt um
den Vorzug streiten konnte; und ich hielt mit Recht davor, dass die Ergänzung und
Vollendung dessen, was ihr von dieser Seite noch abging, der leichteste Teil
meiner Entwürfe, und eine natürliche Folge derjenigen Veranstaltungen sein
werde, welche sie, meiner Einbildung nach, zum Mittelpunct der Stärke, und der
Reichtümer des ganzen Erdbodens machen sollten.
    Sobald wir in Aten angekommen waren, liess mein Vater seine erste Sorge
sein, mich auf eine gesetzmässige und öffentliche Art für seinen Sohn erkennen,
und unter die Ateniensischen Bürger aufnehmen zu lassen. Dieses machte mich
eine Zeit lang zu einem Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit. Die
Atenienser sind, wie dir nicht unbekannt ist, mehr als irgend ein anders Volk
in der Welt geneigt, sich plötzlich mit der äussersten Lebhaftigkeit für oder
wider etwas einnehmen zu lassen. Ich hatte das Glück, ihnen beim ersten Anblick
zu gefallen; die Begierde mich zu sehen, und Bekanntschaft mit mir zu machen,
wurde eine Art von epidemischer Leidenschaft unter Jungen und Alten; jene
machten in kurzem einen glänzenden Hof um mich, und diese fassten Hoffnungen von
mir, welche mich, ohne es an mir selbst gewahr zu werden, mit einem geheimen
Stolz erfüllten, und die allzuhochfliegende Meinung, die ich ohnehin geneigt
war, von meiner Bestimmung zu fassen, bestätigten. Dieser subtile Stolz, der
sich hinter meinen besten Neigungen und tugendhaftesten Gesinnungen verbarg, und
dadurch meinem Bewusstsein sich entzog, benahm mir nichts von einer
Bescheidenheit, wodurch ich vor den meisten jungen Leuten meiner Gattung mich zu
unterscheiden schien; und ich gewann dadurch, nebst der allgemeinen Achtung des
geringern Teils des Volkes, den Vorteil, dass die Vornehmsten, die Weisesten und
Erfahrensten mich gerne um sich haben mochten, und mir durch ihren Umgang, eine
Menge besondere Kenntnisse mitteilten, welche mir bei meinem frühzeitigen
Auftritt in der Republik sehr wohl zu statten kamen. Die Reinigkeit meiner
Sitten, der gute Gebrauch, den ich von meiner Zeit machte, der Eifer, womit ich
mich zum künftigen Dienst meines Vaterlandes vorbereitete, die fleissige
Besuchung der Gymnasien, und der Preis, den ich in den Übungen vor den mehresten
meines Alters davon trug: Alles dieses vereinigte sich, das günstige Vorurteil
zu unterhalten, welches man einmal für mich gefasst hatte; und da mir noch die
Verdienste meines Vaters, und einer langen Reihe von Voreltern den Weg zur
Republik bahnten; so ist es nicht zu verwundern, dass ich in einem Alter, worin
die meisten Jünglinge nur mit ihren Vergnügungen beschäftiget sind, den Mut
hatte, in den öffentlichen Versammlungen aufzutreten, und das Glück, mit einem
Beifall aufgenommen zu werden, welcher mich in Gefahr setzte, eben so schnell,
als ich empor gehoben wurde, so wohl durch meine eigene Vermessenheit, als durch
den Neid meiner Nebenbuhler wieder gestürzt zu werden.
    Die Beredsamkeit ist in Aten, und in allen Freistaaten, wo das Volk Anteil
an der öffentlichen Verwaltung hat, der nächste Weg zu Ehrenstellen, und das
gewisseste Mittel sich auch ohne dieselben Ansehen und Einfluss zu verschaffen.
Ich liess es mir also sehr angelegen sein, die Geheimnisse einer Kunst zu
studieren, von deren Ausübung und dem Grade der Geschicklichkeit, den ich mir
darin erwerben würde, die glückliche Ausführung aller meiner Entwürfe abzuhangen
schien. Denn wenn ich bedachte, wozu Perikles und Alciabades die Atenienser zu
bereden gewusst hatten: So zweifelte ich keinen Augenblick, dass ich sie mit einer
gleichen Geschicklichkeit zu Massnehmungen würde überreden können, welche,
ausserdem, dass sie an sich selbst edler waren, zu weit glänzendern Vorteilen
führten, ohne so ungewiss und gefährlich zu sein. In dieser Absicht besuchte ich
die Schule des Platons, welcher damals zu Aten in seinem grössesten Ansehen
stund, und indem er die Weisheit des Socrates mit der Beredsamkeit eines Gorgias
und Prodicus vereinigte, nach dem Urteil meiner alten Freunde, weit geschickter,
als diese Wortkünstler, war, einen Redner zu bilden, der vielmehr durch die
Stärke der Wahrheit, als durch die Blendwerke und Kunstgriffe einer
hinterlistigen Dialectik sich die Gemüter seiner Zuhörer unterwerfen wollte. Der
vertrautere Zutritt, den mir dieser berühmte Weise vergönnte, entdeckte eine
Übereinstimmung meiner Denkungsart mit seinen Grundsätzen, welche die
Freundschaft, die ich für ihn fasste, in eine fast schwärmerische Leidenschaft
verwandelte. Sie würde mir schädlich gewesen sein, wenn man damals schon so von
ihm gedacht hätte, wie man dachte, nachdem er, durch die Bekanntmachung seiner
metaphysischen Dialogen, bei den Staatsleuten, und selbst bei vielen, welche
seine Bewundrer gewesen waren, den Vorwurf, welchen Aristophanes ehemals
(wiewohl höchst unbillig) dem weisen Socrates gemacht, sich mit besserm Grund
oder mehr Scheinbarkeit zugezogen hatte. Aber damals hatte Plato weder seinen
Timäus noch seine Republik geschrieben. Indessen existierte diese letztere doch
bereits in seinem Gehirne; sie gab sehr oft den Stoff zu unsern Gesprächen in
den Spaziergängen der Academie ab; und er bemühete sich desto eifriger, mir
seine Begriffe von der besten Art, die menschliche Gesellschaft einzurichten,
und zu regieren, eigen zu machen, da er das Vergnügen zu haben hoffte, sie
wenigstens in so fern es die Umstände zulassen würden, durch mich realisiert zu
sehen. Sein Eifer in diesem Stücke mag so gross gewesen sein, als er will, so war
er doch gewiss nicht grösser, als meine Begierde, dasjenige auszuüben, was er
speculierte. Allein, da meine Vorstellung von der Wichtigkeit der Pflichten,
welche derjenige auf sich nimmt, der sich in die öffentlichen Angelegenheiten
mischet, der Lauterkeit und innerlichen Güte meiner Absichten proportioniert
war, und ich desto weiter von Ehrsucht, und andern eigennützigen Leidenschaften
entfernt zu sein glaubte, je gewisser ich mir bewusst war, dass ich (wenn ich es
für erlaubt gehalten hätte, mich in der Wahl einer Lebensart bloss meiner
Privatneigung zu überlassen,) eine von dem Städtischen Getümmel entfernte Musse,
und den Umgang mit den Musen, die ich alle zugleich liebte, der Ehre, eine ganze
Welt zu beherrschen, vorgezogen hätte: So glaubte ich mich nicht genug
vorbereiten zu können, eh ich auf einem Teater erschiene, wo der erste Auftritt
gemeiniglich das Glück des ganzen Schauspiels entscheidet. Ich widerstund bei
etlichen Gelegenheiten, welche mich aufzufodern schienen, so wohl dem Zubringen
meiner Freunde, als meiner eigenen Neigung, ob es gleich, seit dem Alcibiades
mit so gutem Erfolg den Anfang gemacht hatte, nicht an jungen Leuten fehlte,
welche, ohne sich durch andre Talente, als die Geschicklichkeit ein Gastmahl
anzuordnen, sich zierlich zu kleiden, zu tanzen, und die Citar zu spielen,
bekannt gemacht zu haben, vermessen genug waren, nach einer durchgeschwärmten
Nacht aus den Armen einer Buhlerin in die Versammlung des Volks zu hüpfen, und
von Salben triefend mit einer tändelhaften Geschwätzigkeit von den Gebrechen des
Staats, und den Fehlern der öffentlichen Verwaltung zu plaudern.
    Endlich ereignete sich ein Fall, wo das Interesse eines Freundes, den ich
vorzüglich liebte, alle meine Bedenklichkeiten überwog. Eine mächtige Cabale
hatte seinen Untergang geschworen; er war unschuldig; aber die Anscheinungen
waren gegen ihn; die Gemüter waren wider ihn eingenommen; und die Furcht, sich
den Unwillen seiner Feinde zu zuziehen, hielt die wenigen, welche besser von ihm
dachten, zurück, sich seiner öffentlich anzunehmen. In diesen Umständen stellte
ich mich als sein Verteidiger dar. Da ich von seiner Unschuld überzeugt war, so
würkten alle diese Betrachtungen, wodurch sich seine übrigen Freunde abschrecken
liessen, bei mir gerade das Widerspiel. Ganz Aten wurde aufmerksam, da es
bekannt wurde, dass Agaton, des Stratonicus Sohn, auftreten würde, die Sache des
schon zum voraus verurteilten Lysias zu führen. Die Zuneigung, welche das Volk
zu mir trug, veränderte auf einmal die Meinung, die man von dieser Sache gefasst
hatte; die Atenienser fanden eine Schönheit, von der sie ganz bezaubert waren,
in der Grossmut und Herzhaftigkeit, womit ich (wie sie sagten) mich für einen
Freund erklärte, den alle Welt verlassen und der Wut und Übermacht seiner Feinde
preis gegeben hatte. Man tat nun die eifrigsten Gelübde, dass ich den Sieg davon
tragen möchte, und der Entusiasmus, womit einer den andern ansteckte, wurde so
gross, dass die Gegenpartei sich genötigt sah, den Tag der Entscheidung so weit
hinauszusetzen, als sie für nötig hielten, um die erhitzen Gemüter sich wieder
abkühlen zu lassen. Sie sparten inzwischen keine Kunstgriffe, wodurch sie sich
des Ausgangs zu versichern glaubten; allein der Erfolg vereitelte alle ihre
Massnehmungen. Die Zujauchzungen, womit ich von einem grossen Teil des Volkes
empfangen wurde, munterten mich auf; ich sprach mit einem gesetztern Mut, als
man sonst von einem jungen Menschen erwarten konnte, der zum ersten mal vor
einer so zahlreichen Versammlung redete; und vor einer Versammlung, wo der
geringste Handwerksmann sich für einen Kenner und rechtmässigen Richter der
Beredsamkeit hielt. Die Wahrheit tat auch hier die Würkung, die sie alle mal
tut, wenn sie in ihrem eigenen Lichte und mit derjenigen Lebhaftigkeit, welche
die eigene Überzeugung des Redners gibt, vorgetragen wird; sie überwältigte alle
Gemüter. Lysias wurde losgesprochen, und Agaton, der nunmehr der Held der
Atenienser war, im Triumph nach Hause begleitet. Von dieser Zeit erschien ich
öfters in den öffentlichen Versammlungen; die Leidenschaft, welche das Volk für
mich gefasst hatte, und der Beifall, der mir, wenn ich redete, entgegen flog,
machten mir Mut, nun auch an den allgemeinen Angelegenheiten Teil zu nehmen; und
da das Glück beschlossen zu haben schien, mich nicht eher zu verlassen, bis es
mich auf den Gipfel der Republicanischen Grösse erhoben haben würde; so machte
ich auch in dieser neuen Laue Gunst, worin ich bei dem Volk stund, das Ansehen
der Mächtigsten zu Aten im Gleichgewicht erhielt; und dass meine heimlichen
Feinde selbst, um dem Volk angenehm zu sein, genötigt waren, öffentlich die Zahl
meiner Bewunderer zu vermehren. Der Tod meines Vaters, der um diese Zeit
erfolgte, beraubte mich eines Freundes und Führers, dessen Klugheit mir in dem
gefahrvollen Ocean des politischen Lebens unentbehrlich war. Ich wurde dadurch
in den Besitz der grossen Reichtümer gesetzt, mit denen er nur dadurch dem Neid
entgangen war, weil er sie mit grosser Bescheidenheit gebrauchte. Ich war nicht
so vorsichtig. Der Gebrauch, den ich davon machte, war zwar an sich selbst edel
und löblich; ich verschwendete sie, um Gutes zu tun; ich unterstützte alle Arten
von Bürgern, welche ohne ihre Schuld in Unglück geraten waren; mein Haus war der
Sammel- der Gelehrten, der Künstler und der Fremden; mein Vermögen stund jedem
zu Diensten, der es benötigt war; aber eben dieses war es, was in der Folge
meinen Fall beförderte. Man würde mir eher zu gut gehalten haben, wenn ich es
mit Gastmählern, mit Buhlerinnen und mit einer immerwährenden Abwechslung
prächtiger und ausschweifender Lustbarkeiten durchgebracht hätte. Indes stund es
eine geraume Zeit an, bis die Eifersucht, welche ich durch eine solche Lebens
Art in den Gemütern der Angesehensten unter den Edeln zu Aten erregte, es wagen
durfte, in sichtbare Würkungen auszubrechen. Das Volk, welches mich vorhin
geliebt hatte, fing nun an, mich zu vergöttern. Der Ausdruck, den ich hier
gebrauche, ist nicht zu stark; denn da ein gewisser Dichter, der sich meines
Tisches zu bedienen pflegte, sich einst einfallen liess, in einem grossen und
elenden Gedicht mir den Apollo zum Vater zu gehen, so fand diese mir selbst
lächerliche Schmeichelei bei dem Pöbel (dem ohnehin das Wunderbare allemal
besser als das Natürliche einleuchtet) so grossen Beifall, dass sich nach und nach
eine Art von Sage unter dem Volk befestigte, welche meiner Mutter die Ehre
beilegte, den Gott zu Delphi für ihre Reizungen empfindlich gemacht zu haben. So
ausschweifend dieser Wahn war, so wahrscheinlich schien er meinen Gönnern aus
der untersten Classe; dadurch allein glaubten sie die mehr als menschliche
Vollkommenheiten, die sie mir zuschrieben, erklären, und die ungereimten
Hoffnungen, welche sie sich von mir machten, rechtfertigen zu können. Denn das
Vorurteil des grossen Haufens ging weit genug, dass viele öffentlich sagten, Aten
könne durch mich allein zur Gebieterin des ganzen Erdbodens gemacht werden, und
man könne nicht genug eilen, mir eine einzelne und unumschränkte Gewalt zu
übertragen, von welcher sie sich nichts geringers als die Wiederkehr der
göldenen Zeit, die gänzliche Aufhebung des verhassten Unterscheids zwischen Armen
und Reichen, und einen seligen Müssiggang mitten unter allen Wollüsten und
Ergötzlichkeiten des Lebens versprachen. Bei diesen Gesinnungen, womit in
grösserm oder kleinerm Grade der Schwärmerei das ganze Volk zu Aten für mich
eingenommen war, brauchte es nur eine Gelegenheit, um sie dahin zu bringen, die
Gesetze selbst zu Gunsten ihres Lieblings zu überspringen. Diese zeigte sich, da
Euböa und einige andre Insuln sich des ziemlich harten Joches, welches ihnen die
Atenienser aufgelegt hatten, zu entledigen, einen Aufstand erregten; worin sie
von den Spartanern heimlich unterstützt wurden. Man konnte (diejenige Teorie,
welche man zu Hause erwerben kann, ausgenommen) des Kriegs Wesens nicht
unerfahrner sein, als ich es war. Ich hatte das Alter noch nicht erreicht,
welches die Gesetze zu Bekleidung eines öffentlichen Amts erfoderten; wir hatten
keinen Mangel an geschickten und geübten Kriegs-Leuten; ich selbst wandte alles
Ansehen, das ich hatte, an, um einen davon, den ich, seines moralischen
Characters wegen, vorzüglich hoch schätzte, zum Feld-Herrn gegen die Empörten
erwählen zu machen; aber das alles half nichts gegen die warme Einbildungs-Kraft
des lebhaftesten und leichtsinnigsten Volks in der Welt. Agaton, welchem man
alle Talente zutraute, und von welchem man sich berechtigt hielt, Wunder zu
erwarten, - - war allein tauglich, die Ehre des Ateniensischen Namens zu
behaupten, und die hochfliegenden Träume der politischen Müssiggänger zu Aten,
welche bei diesem Anlass in die Wette eiferten, wer die lächerlichsten Projecte
machen könne, in die Würklichkeit zu setzen. Diese Art von Leuten war so
geschäftig, dass es ihnen gelang, den grössesten Teil ihrer Mitbürger mit ihrer
Torheit anzustecken. Jede Nachricht, dass sich wieder eine andere Insul
aufzulehnen anfange, verursachte eine allgemeine Freude; man würde es gerne
gesehen haben, wenn das ganze Griechenland an dieser Sache Anteil genommen
hätte; auch fehlte es nicht an Zeitungen, welche das Feuer grösser machten, als
es war, und endlich so gar den König von Persien in den Aufstand von Euböa
verwickelten, um dem Agaton einen desto grössern Schau-Platz zu geben, die
Atenienser durch Heldentaten zu belustigen und durch Eroberungen zu bereichern.
Ich wurde also (so sehr ich mich entgegensträubte) mit unumschränkter Gewalt
über die Armee, über die Flotten, und über die Schatz-Kammer, zum Feld-Herrn
gegen die abtrünnigen Insuln ernannt; und da ich nun einmal genötigt war, dem
Eigensinn meiner Mitbürger nachzugeben, so entschloss ich mich, es mit einer
guten Art zu tun, und die Sache von derjenigen Seite anzusehen, welche mir eine
erwünschte Gelegenheit zu geben schien, den Anfang zur Ausführung meiner eigenen
Entwürfe zu machen. Da ich wusste, dass die Insulaner gerechte Klagen gegen Aten
zu führen hatten, und eine Regierung nicht lieben konnten, von der sie
unterdrückt, ausgesogen, und mit Füssen getreten wurden; so gründete ich meinen
ganzen Plan ihrer Beruhigung und Wiederbringung auf den Weg der Güte, auf
Abstellung der Missbräuche, wodurch sie erbittert worden waren, auf eine billige
Mässigung der Abgaben, welche man gegen ihre Freiheiten und über ihr Vermögen,
von ihnen erpresst hatte; und auf ihre Wiedereinsetzung in alle Rechte und
Vorteile, deren sie sich als Griechen und als Bunds-Genossen, vermöge vieler
besondern Verträge, zu erfreuen haben sollten. Allein ehe ich von Aten abreisen
konnte, war es um so nötiger, die Gemüter vorzubereiten und auf einen Ton zu
stimmen, der mit meinen Grund-Sätzen und Absichten übereinkäme, da ich sah, wie
lebhaft die ausschweifenden Projecte, womit die Eitelkeit des Alcibiades sie
ehemals bezaubert hatte, bei dieser Gelegenheit wieder aufgewacht waren. Ich
versammelte also das Volk, und wandte alle Kräfte der Rede-Kunst, welche bei
keinem Volk der Welt so viel vermag, als bei den Ateniensern, dazu an, sie von
der Gründlichkeit meiner Entwürfe zu überzeugen, von welchen ich sie so viel
sehen liess, als zu Erreichung meiner Absicht nötig war. Nachdem ich ihnen die
Grösse und den Flor, wozu die Republik, vermöge ihrer natürlichen Vorteile und
innerlichen Stärke, gelangen könne, mit den reizendesten Farben abgemalt hatte;
bemühte ich mich zu beweisen, dass weitläufige Eroberungen, ausser der Gefahr,
womit sie durch die Unbeständigkeit des Kriegs-Glücks verbunden seien, den Staat
endlich notwendiger Weise unter der Last ihrer eigenen Grösse erdrücken müssten;
dass es einen weit sicherern und kürzern Weg gebe, Aten zur Königin des
Erdhodens zu machen, indem etwas unleugbares sei, dass allezeit diejenige Nation
den Übrigen Gesetze vorschreiben werde, welche zu gleicher Zeit die klügste und
die reichste sei; dass der Reichtum allezeit Macht gebe, so wie die Klugheit den
rechten Gebrauch der Macht lehre; dass Aten in beidem allen andern Völkern
überlegen sein werde, wenn sie auf der einen Seite fortfahre, die Pfleg-Mutter
der wissenschaften und aller nützlichen und schönen Künste zu sein; auf der
andern aber alle ihre Gedanken darauf richte, sich in der Herrschaft über das
Meer fest zu setzen; nicht in der Absicht Eroberungen zu machen, sondern sich in
eine solche Achtung bei den Auswärtigen zu setzen, dass jedermann ihre
Freundschaft suche, und niemand es wagen dürfe, ihren Unwillen zu reizen; dass
für einen am Meer gelegenen Frei-Staat ein gutes Vernehmen mit allen übrigen
Völkern, und eine so weit als nur möglich ausgebreitete Handlung, der natürliche
und unfehlbare Weg sei, nach und nach zu einer Grösse zu gelangen, deren Ziel
nicht abzusehen sei, dass aber hiezu die Erhaltung seiner eigenen Freiheit, und
zu dieser die Freiheit aller übrigen, sonderheitlich der benachbarten, oder
wenigstens ihre Erhaltung bei ihrer alten und natürlichen Form und Verfassung,
nötig sei; dass Bündnisse mit seinen Nachbarn, und eine solche Freundschaft,
wobei der andere eben so wohl seinen Vorteil finde, als wir den unsrigen, einem
solchen Staat weit mehr Macht, Ansehen und Einfluss auf die allgemeine Verfassung
des politischen Systems der Welt geben müssten, als die Unterwerfung derselben,
weil ein Freund allezeit mehr wert sei, als ein Sclave; dass die Gerechtigkeit
der einzige Grund der Macht und Dauer eines Staats, so wie das einzige Band der
Gesellschaft zwischen einzelnen Menschen und ganzen Nationen, sei; dass diese
Gerechtigkeit fodre, eine jede politische Gesellschaft (sie möge gross oder klein
sein) als unsers gleichen anzusehen und ihr eben die Rechte zu zugestehen,
welche wir für uns selbst foderten; dass ein nach diesen Grund-Sätzen
eingerichtetes Betragen das gewisseste Mittel sei, sich ein allgemeines Zutrauen
zu erwerben, und anstatt einer gewaltsamen, und mit allen Gefahren der Tyrannie
verknüpften Oberherrschaft eine freiwillig eingestandene Autorität zu behaupten,
welche in der Tat von allen Vorteilen der erstern begleitet sei, ohne die
verhasste Gestalt und schlimmen Folgen derselben zu haben. Nachdem ich alle diese
Wahrheiten in ihrer besondern Anwendung auf Griechenland und Aten, in das
stärkste Licht gesetzt, und bei dieser Gelegenheit die Torheit der Projecte des
Alcibiades und andrer ehrsüchtiger Schwindelköpfe ausführlich erwiesen hatte:
Bemühte ich mich darzutun, dass der Aufstand der Inseln, welche bisher unter dem
Schutz der Atenienser gestanden, in neuerlichen Zeiten aber durch Schuld
einiger böser Ratgeber der Republik, als unterworfene Sclaven behandelt worden
seien, die glücklichste Gelegenheit anbiete, auf der einen Seite das ganze
Griechenland von der gerechten und edelmütigen Denkungsart der Atenienser zu
überzeugen, auf der andern durch eine ansehnliche Vermehrung der Seemacht, wovon
die Unkosten durch die grössere Sicherheit und Erweiterung der Handelschaft
reichlich ersetzt würden, sich in ein solches Ansehen zu setzen, dass niemand
jenes gelinde und grossmütige Verfahren, mit dem mindesten Schein, einem Mangel
an Vermögen sich Genugtuung zu verschaffen, werde beimessen können. Ich
unterstützte diese Vorschläge mit allen den Gründen, welche auf die lebhafte
Einbildungskraft meiner Zuhörer den stärksten Eindruck machen konnten, und hatte
das Vergnügen, dass meine Rede mit einem Beifall, der meine Erwartung weit
übertraf, aufgenommen wurde. Ausserdem, dass die Atenienser, ihrer Gemütsart
nach, sich von Wahrheit und gesunden Grundsätzen eben so leicht einnehmen
liessen, als von den Blendwerken einer falschen Staatskunst, wenn ihnen jene nur
in einem eben so reizenden Licht, und mit eben so lebhaften Farben vorgetragen
wurden, als sie verwöhnt worden waren, von einem jeden, der zu den öffentlichen
Angelegenheiten redete, zu fodern; so waren sie gleichgültig, durch was für
Mittel Aten zu derjenigen Grösse gelangen möge, welche das Ziel aller ihrer
Wünsche war; und ein grosser Teil der Bürger, denen der Friede mehr Vorteile
brachte, als der Krieg, liessen sichs vielmehr wohlgefallen, dass dieses Ziel
ihrer Eitelkeit auf eine mit ihrem Privatnutzen übereinstimmigere Art erhalten
werde. Meine heimlichen Feinde, welche nicht zweifelten, dass diese Expedition
auf eine oder andere Art Gelegenheit zu meinem Fall geben würde, waren weit
entfernt, meinen Massnehmungen öffentlich zu widerstehen; aber (wie ich in der
Folge erfuhr) unter der Hand desto geschäftiger, ihren Erfolg zu hemmen,
Schwierigkeiten aus Schwierigkeiten hervor zu spinnen, und die missvergnügten
Insulaner selbst durch geheime Aufstiftungen übermütig, und zu billigen
Bedingungen abgeneigt zu machen. Die Verachtung, womit man anfangs diesen
Aufstand zu Aten angesehen hatte; das ansteckende Beispiel, und die Ränke
andrer Griechischen Städte, welche die Obermacht der Atenienser mit
eifersüchtigen Augen ansahen, hatten zu wege gebracht, dass indessen auch die
Attischen Colonien, und der grösseste Teil der Bundesgenossen kühn genug worden
waren, sich einer Unabhänglichkeit anzumassen, deren schädliche Folgen sie sich
selbst unter dem reizenden Namen der Freiheit verbargen; es war die höchste
Zeit, einer allgemeinen Empörung und Zusammenverschwörung gegen Aten
zuvorzukommen; und meine Landsleute, welche bei Annäherung einer Gefahr, die
ihnen in der Ferne nur Stoff zu witzigen Einfällen und Gassenliedern gegeben
hatte, sehr schnell von der leichtsinnigsten Gleichgültigkeit zu einer eben so
übermässigen Kleinmütigkeit übergingen, vergrösserten sich selbst das Übel so
sehr, dass ich genötiget wurde unter Segel zu gehen, ehe die Zurüstungen noch zur
Hälfte fertig waren. Ich hatte die Vorsichtigkeit gebraucht, meinen Freund, über
welchen mir die Gunst des Volks einen so unbilligen Vorzug gegeben hatte, als
meinen Unterbefehlshaber mitzunehmen; die Bescheidenheit, womit ich mich des
Ansehens, welches mir meine Commission über ihn gab, bediente, kam einer
Eifersucht zuvor, die den Erfolg unsrer Unternehmung hätte vereiteln können; wir
handelten aufrichtig, und ohne Nebenabsichten, nach einem gemeinschaftlich
abgeredeten Plan, und das Glück begünstigte uns so sehr, dass in einer einzigen
Expedition alle Inseln, Colonien und Schutzverwandte der Atenienser nicht nur
beruhiget, und wieder in die alte Schranken gesetzt, sondern durch die
Abstellung alles dessen, wodurch sie unbilliger Weise beschweret worden waren,
und durch die Bestätigung ihrer Freiheiten, die ich ihnen bewilligte, mehr als
jemals geneigt gemacht wurden, die Freundschaft der Atenienser allen andern
Verbindungen, die ihnen angetragen worden waren, vorzuziehen. In allem diesem
folgte ich, ohne besondere Verhaltungsbefehle einzuholen, meiner eignen
Denkungsart mit desto grössrer Zuversicht, da ich den ehemaligen Missvergnügten
nichts zugestanden hatte, was sie nicht so wohl nach dem Naturrecht als in Kraft
älterer Verträge zu fodern vollkommen berechtiget waren, hingegen durch diese
Nachgiebigkeit neue und sehr beträchtliche Vorteile für die Atenienser
erkaufte; Vorteile, welche dem ganzen gemeinen Wesen zuflossen, da hingegen
aller Nutzen der Unterdrückung, worunter sie geseufzet hatten, lediglich in die
Cassen einiger Privatleute und ehmaligen Günstlinge des Volks geleitet worden
war.
    Ich kehrete also mit dem Vergnügen, Gutes getan zu haben, mit dem Beifall
und der lebhaftesten Zuneigung der sämtlichen Colonien und Bundesgenossen, und
mit der vollen Zuversicht, dass ich die Belohnung, die ich verdient zuhaben
glaubte, in der Zufriedenheit meiner Mitbürger einernten würde, an der Spitze
einer dreimal stärkern Flotte, als womit ich ausgelaufen war, nach Aten zurück.
Ich schmeichelte mir, dass ich mir durch eine so schleunige Beilegung einer
Unruhe, welche so weit aussehend und gefährlich geschienen, einiges Verdienst um
mein Vaterland erworben hätte. Ich hatte aus unsern Feinden, Freunde, und aus
unsichern Untertanen, zuverlässige Bundesgenossen gemacht, deren Treu desto
weniger zweifelhaft sein musste, da ich ihre Sicherheit und ihren Wohlstand durch
unzertrennliche Bande mit dem Interesse von Aten verknüpft hatte; ich hatte,
des gemeinen Schatzes zu schonen, mein eignes Vermögen zugesetzt, und durch mehr
als hundert ausgerüstete Galeeren, die ich von dem guten Willen der wieder
beruhigten Insulaner erhalten, unsrer Seemacht eine ansehnliche Verstärkung
gegeben; ich hatte das Ansehen der Atenienser befestiget, ihre Neider
abgeschreckt, und ihrer Handlung einen Ruhestand verschafft, dessen Fortdauer
nunmehr, wenigstens auf lange Zeiten, von ihrem eigenen Betragen abhing. Das
Vergnügen, welches sich über mein Gemüt ausbreitete, wenn ich alle diese
Vorteile meiner Verrichtung überdachte, war so lebhaft, dass ich über alle andere
Belohnung, ausser dem Beifall und Zutrauen meiner Mitbürger, weitinaus sah: Aber
die Atenienser waren, in dem ersten Anstoss ihrer Erkenntlichkeit, keine Leute,
welche Mass halten konnten. Ich wurde im Triumph eingeholt, und mit allen Arten
der Ehrenbezeugungen in die Wette überhäuft; die Bildhauer mussten sich Tag und
Nacht an meinen Statuen müde arbeiten; alle Tempel, alle öffentlichen Plätze und
Hallen wurden mit Denkmälern meines Ruhms ausgeziert; und diejenige, welche in
der Folge mit der grössesten Heftigkeit an meinem Verderben arbeiteten, waren izt
die eifrigsten, übermässige und zuvor nie erhörte Belohnungen vorzuschlagen,
welche das Volk in dem Feuer seiner schwärmerischen Zuneigung guterziger Weise
bewilligte, ohne daran zu denken, dass mir diese Ausschweifungen seiner
Hochachtung in kurzem von ihm selbst zu eben so vielen Verbrechen gemacht werden
würden.
    Da ich sah, dass alle meine Bescheidenheit nicht zureichend war, dem
überfliessenden Strom der popularen Dankbarkeit Einhalt zu tun; so glaubte ich am
besten zu tun, wenn ich mich eine Zeitlang von Aten entfernte, und bis die
Ateniensische Lebhaftigkeit durch irgend eine neue Comödie, einen fremden
Gaukler, oder eine frisch angekommene Tänzerin einen andern Schwung bekommen
haben würde, auf meinem Landgut zu Corint in Gesellschaft der Musen und Grazien
einer Musse zu geniessen, welche ich durch die Arbeiten eines ganzen Jahres
verdient zu haben glaubte. Ich dachte wenig daran, dass ich in einer Stadt, deren
Liebling ich zu sein schien, Feinde habe, die indessen, dass ich mich mit aller
Sorglosigkeit der Unschuld den Vergnügungen des Landlebens, und der geselligen
Freiheit überliess, einen eben so boshaften als wohlausgesonnenen Plan zu meinem
Untergang anzulegen beschäftiget seien.
    Alles, womit ich mir bei der schärfsten Prüfung meines öffentlichen und
Privatlebens in Aten, bewusst bin, mein Unglück, wo nicht verdient, doch
befödert zu haben, ist Unvorsichtigkeit, oder der Mangel an einer gewissen
Republicanischen Klugheit, welche nur die Erfahrung geben kann. Ich lebte nach
meinem Geschmack, und nach meinem Herzen, weil ich gewiss wusste, dass beide gut
waren, ohne daran zu denken, dass man mir andre Absichten bei meinen Handlungen
andichten könne, als ich wirklich hatte. Ich lebte mit einer gewissen Pracht,
weil ich das Schöne liebte, und Vermögen hatte; ich tat jedermann gutes, weil
ich meinem Herzen dadurch ein Vergnügen verschafte, welches ich allen andern
Freuden vorzog; ich beschäftigte mich mit dem gemeinen Besten der Republik, weil
ich dazu geboren war, weil ich eine Tüchtigkeit dazu in mir fühlte, und weil ich
durch die, Zuneigung meiner Mitbürger in den Stand gesetzt zu werden hoffte,
meinem Vaterland und der Welt nützlich zu sein. Ich hatte keine andere
Absichten, und würde mir eher haben träumen lassen, dass man mich beschuldigen
werde, nach der Krone des Königs von Persien, als nach der Unterdrückung meines
Vaterlands zu streben. Da ich mir bewusst war niemands Hass verdient zu haben, so
hielt ich einen jeden für meinen Freund, der sich dafür ausgab, um so mehr, als
kaum jemand in Aten war, dem ich nicht Dienste geleistet hatte. Aus eben diesem
Grunde dachte ich gleich wenig daran, wie ich mir einen Anhang mache, als wie
ich die geheimen Anschläge von Feinden, welche mir unsichtbar waren, vereiteln
wolle. Denn ich glaubte nicht, dass die Freimütigkeit, womit ich, ohne Galle oder
Übermut, meine Meinung bei jeder Gelegenheit sagte, eine Ursache sein könne, mir
Feinde zu machen. Mit einem Wort, ich wusste noch nicht, dass Tugend, Verdienste
und Wohltaten gerade dasjenige sind, wodurch man gewisse Leute zu dem
tödlichsten Hass erbittern kann. Eine traurige Erfahrung konnte mir allein zu
dieser Einsicht verhelfen; und es ist billig, dass ich sie wert halte, da sie mir
nicht weniger, als mein Vaterland, die Liebe meiner Mitbürger, meine schönsten
Hoffnungen, und das glückselige Vermögen, vielen Gutes zu tun, und von niemand
abzuhangen, gekostet hat.
 
                               Siebentes Capitel
                        Agaton wird von Aten verbannt
Der Zeitpunct meines Lebens, auf den ich nunmehr gekommen bin, führt
allzuunangenehme Erinnerungen mit sich, als dass ich nicht entschuldiget sein
sollte, wenn ich so schnell davon wegeile, als es die Gerechtigkeit zulassen
wird, die ich mir selbst schuldig bin. Es mag sein, dass einige von meinen
Feinden aus Beweggründen eines republicanischen Eifers gegen mich aufgestanden
sind, und sich durch meinen Sturz eben so verdient um ihr Vaterland zu machen
geglaubt haben, als Harmodius und Aristogiton durch die Ermordung der
Pisistratiden. Aber es ist doch gewiss, dass diejenige, welche die Sache mit der
grössesten Wut betrieben, keinen andern Beweggrund hatten, als die Eifersucht
über das Ansehen, welches mir die allgemeine Gunst des Volkes gab, und welches
sie, nicht ohne Ursache, für ein Hinternis ihrer ehrgeizigen und gewinnsüchtigen
Absichten hielten. Die meisten glaubten auch, dass sie Privatbeleidigungen zu
rächen hätten. Einige nährten noch den alten Groll, den sie bei meinem ersten
Auftritt in der Republik gegen mich fassten, da ich meinen rechtschaffenen
Freund, den Wirkungen ihrer Bosheit entriss; andere schmerzte es, dass ich ihnen
bei der Wahl eines Befehlshabers gegen die Empörten Inseln vorgezogen worden
war; viele waren durch den Verlust des Vorteils, welchen sie von den ungerechten
Bedrückungen derselben gezogen hatten, beleidiget worden. Bei diesen allen half
mir nichts, dass ich keine Absicht gehabt hatte sie zu beleidigen, und dass es nur
zufälliger Weise dadurch geschehen war, dass ich meiner Überzeugung und meinen
Pflichten gemäss gehandelt hatte. Sie beurteilten meine Handlungen aus einem ganz
andern Gesichtspuncte, und es war bei ihnen ein ausgemachter Grundsatz, dass
derjenige kein ehrlicher Mann sein könne, der ihren Privatabsichten Schranken
setzte. Zum Unglück für mich, machten diese Leute einen grossen Teil von den
Edelsten und Reichesten in Aten aus. Hiezu kam noch, dass ich meiner immer
fortdauernden Liebe zu Psyche, die vorteilhaftesten Verbindungen, welche mir
angeboten worden waren, aufgeopfert, und mich dadurch der Unterstützung und des
Schutzes beraubet hatte, den ich mir von der Verschwägerung mit einem mächtigen
Geschlechte hätte versprechen können. Ich hatte nichts, was ich den Ränken und
der vereinigten Gewalt so vieler Feinde entgegen setzen konnte, als meine
Unschuld, einige Verdienste, und die Zuneigung des Volks; schwache Brustwehren,
welche noch nie gegen die Angriffe des Neides, der Arglist und der
Gewalttätigkeit ausgehalten haben. Die Unschuld kann verdächtig gemacht, und
Verdiensten selbst durch ein falsches Licht das Ansehen von Verbrechen gegeben
werden; und was ist die Gunst eines entusiastischen Volkes, dessen Bewegungen
immer seinen Überlegungen zuvorkommen; welches mit gleichem Übermass liebt und
hasset, und wenn es einmal in eine fiebrische Hitze gesetzt ist, gleich geneigt
ist, dieser oder einer entgegengesetzten Direction, je nachdem es gestossen wird,
zu folgen? Was konnte ich mir von der Gunst eines Volkes versprechen, welches
den grossen Beschützer der griechischen Freiheit im Gefängnis hatte verschmachten
lassen? Welches den tugendhaften Aristides, bloss darum, weil er den Beinamen des
Gerechten verdiente, verbannet, und in einer von seinen gewöhnlichen Launen so
gar den Socrates zum Gift-Becher verurteilt hatte, weil er der weiseste und
tugendhafteste Mann seines Jahrhunderts war. Diese Beispiele sagten mir sogleich
bei der ersten Nachricht, die ich von dem über mir sich zusammenziehenden
Ungewitter erhielt, zuverlässig vorher, was ich von den Ateniensern zu erwarten
hätte; sie machten, dass ich ihnen nicht mehr zutraute, als sie leisteten; und
trugen nicht wenig dazu bei, mich ein Unglück mit Standhaftigkeit ertragen zu
machen, in welchem ich so vortreffliche Männer zu Vorgängern gehabt hatte.
    Derjenige, den meine Feinde zu meinem Ankläger auserkoren hatten, war einer
von diesen witzigen Schwätzern, deren feiles Talent gleich fertig ist, Recht
oder Unrecht zu verfechten. Er hatte in der Schule des berüchtigten Gorgias
gelernt, durch die Zaubergriffe der Rede-Kunst den Verstand seiner Zuhörer zu
blenden, und sie zu bereden, dass sie sähen, was sie nicht sahen. Er bekümmerte
sich wenig darum, dasjenige zu beweisen, was er mit der grössesten Dreistigkeit
behauptete; aber er wusste ihm einen so lebhaften Schein zu geben, und durch eine
zwar willkürliche, aber desto künstlichere Verbindung seiner Sätze die Schwäche
eines jeden, wenn er an sich und allein betrachtet würde, so geschickt zu
verbergen, dass man, so gar mit einer gründlichen Beurteilungs-Kraft, auf seiner
Hut sein musste, um nicht von ihm überrascht zu werden. Der hauptsächlichste
Vorwurf seiner Anklage sollte, seinem Vorgeben nach, die schlimme Verwaltung
sein, deren ich mich als Ober-Befehlshaber in der Angelegenheit der empörten
Schutz Verwandten schuldig gemacht haben sollte; denn er bewies mit grossem
Wort-Gepränge, dass ich in dieser ganzen Expedition nichts getan hätte, das der
Rede wert wäre; dass ich vielmehr, anstatt die Empörten zu züchtigen und zum
Gehorsam zu bringen, ihren Sachwalter vorgestellt; sie für ihren Aufruhr
belohnt; ihnen noch mehr, als sie selbst zu fodern die Verwegenheit gehabt,
zugestanden; und durch diese unbegreifliche Art zu verfahren, ihnen Mut und
Kräfte gegeben hätte, bei der ersten Gelegenheit sich von Aten gänzlich
unabhängig zu machen; er bewies (sage ich) alles dieses nach den Grundsätzen
einer Politik, welche das Widerspiel von der meinigen war, aber den
Leidenschaften der Atenienser und eines jeden andern Volks allzusehr
schmeichelte, um nicht Eingang zu finden. Er hatte noch die Bosheit, nicht
entscheiden zu wollen, ob ich aus Unverstand oder geflissentlich so gehandelt
habe; doch erhub er auf der einen Seite meine Fähigkeiten so sehr, und legte so
viel Wahrscheinlichkeiten in die andere Waag-Schale, dass sich der Ausschlag von
selbst geben musste. Dieses führte ihn zu dem zweiten Teil seiner Anklage,
welcher in der Tat (ob er es gleich nicht gestehen wollte) das Hauptwerk davon
ausmachte. Und hier wurden Beschuldigungen auf Beschuldigungen gehäuft, um mich
dem Volk als einen Ehrsüchtigen abzumalen, der sich einen Plan gemacht habe,
sein Vaterland zu unterdrücken, und unter dem Schein der Grossmut, der
Freigebigkeit und der Popularität, sich zum unumschränkten Herrn desselben
aufzuwerfen. Eine jede meiner Tugenden war die Maske eines Lasters, welches im
Verborgenen am Untergang der Freiheit und Glückseligkeit der Atenienser
arbeitete. In der Tat hatte die Beredsamkeit meines Anklägers hier ein schönes
Feld, sich zu ihrem Vorteil zu zeigen, und seinen Zuhörern das republicanische
Vergnügen zu machen, eine Tugend, welche mir zu grosse Vorzüge vor meinen
Mitbürgern zu gehen schien, heruntergesetzt zu sehen. Indessen, ob er gleich
keinen Teil meines Privat-Lebens (so untadelhaft es ehemals meinen Gönnern
geschienen hatte) unbeschmjetzt liess; so mochte er doch besorgen, dass die
Kunstgriffe, deren er sich dazu bedienen musste, zu stark in die Augen fallen
möchten. Er raffte also alles zusammen, was nur immer fähig sein konnte, mich in
ein verhasstes Licht zu stellen; und da es ihm an Verbrechen, die er mir mit
einiger Wahrscheinlichkeit hätte aufbürden können, mangelte, so legte er mir
fremde Torheiten, und selbst die ausschweifenden Ehren-Bezeugungen zur Last,
welche mir in der Flut meines Glückes und meiner Gunst bei dem Volk aufgedrungen
worden waren. Ich musste izt so gar für die elenden Verse Rechenschaft geben,
womit einige Dichter, denen ich aus einem vielleicht zu weit getriebenen
Mitleiden erlaubte, mir täglich um die Essens-Zeit ihren Besuch abzustatten, mir
die Dankbarkeit ihres Magens, auf Unkosten ihres Ruhms und des meinigen, zu
beweisen gesucht hatten. Man beschuldigte mich in ganzem Ernst, dass ich
übermütig und gottlos genug gewesen sei, mich für einen Sohn des delphischen
Apollo auszugeben; und mein Ankläger liess diese Gelegenheit nicht entgehen, über
meine wahre Geburt Zweifel zu erregen, und, unter vielen scherzhaften Wendungen,
die Meinung derjenigen wahrscheinlich zu finden, welche (wie er sagte)
benachrichtigt zu sein glaubten, dass ich mein Dasein den verstohlenen
Liebes-Händeln irgend eines delphischen Priesters zu danken hätte. In dieser
ganzen Rede ersetzte ein von Bosheit beseelter Witz den Abgang gründlicher
Beweise; aber die Atenienser waren schon lange gewohnt, sich Witz für Wahrheit
verkaufen zu lassen, und sich einzubilden, dass sie überzeugt würden, wenn ihr
Geschmack belustigt und ihre Ohren gekitzelt wurden. Sie machte also allen den
Eindruck, und vielleicht noch mehr, als meine Feinde sich davon versprochen
hatten. Die Eifersucht, welche sie in den Gemütern anblies, verwandelte die
übermässige Zuneigung, deren Gegenstand ich zwei Jahre lang gewesen war, in einer
Zeit von zwo Stunden in den bittersten Hass. Die Atenienser erschraken vor dem
Abgrund, an dessen Rand sie sich, durch ihre Verblendung für mich, unvermerkt
hingezogen sahen. - - Sie erstaunten, dass sie meine Unfähigkeit zur
Staats-Verwaltung, meine Begierde nach einer unumschränkten Gewalt, meine weit
aussehenden Absichten, und mein heimliches Verständnis mit ihren Feinden nicht
eher wahrgenommen hätten; und da es nicht natürlich gewesen wäre, die Schuld
davon auf sich selbst zu nehmen, so schrieben sie es lieber einer Bezauberung
zu, wodurch ich ihre Augen eine Zeitlang zu verschliessen gewusst hätte. Ein jeder
glaubte nun, durch die verderblichen Anschläge, welche ich gegen die Republik
gefasst habe, von der Dankbarkeit vollkommen losgezählt zu sein, die er mir für
Dienste oder Wohltaten schuldig sein mochte; welche nun als die Lockspeise
angesehen wurden, womit ich die Freiheit, und mit ihr das Eigentum meiner
Mitbürger, wegzuangeln getrachtet. Kurz: Eben dieses Volk, welches vor wenigen
Monaten mehr als menschliche Vollkommenheiten an mir bewunderte, war izt
unbillig genug, mir nicht das geringste Verdienst übrig zu lassen; und eben
diejenigen, welche auf den ersten Wink bereit gewesen wären, mir die
Oberherrschaft in einem allgemeinen Zusammenlauf aufzudringen, waren izt
begierig, mich einen Anschlag, den ich nie gefasst, gegen eine Freiheit, deren
sie sich in diesem Augenblicke selbst begaben, mit meinem Blute büssen zu sehen.
Mein Urteil war zu eben der Zeit, da mir die gewöhnliche Frist zur Verantwortung
gegeben wurde, durch die Mehrheit der Stimmen schon gefällt; und das Vergnügen,
womit ich von einer unzählbaren Menge Volks ins Gefängnis begleitet wurde, würde
vollkommen gewesen sein, wenn die Gesetze gestattet hätten, mich, anstatt dahin,
ohne weitere Prozess-Förmlichkeiten, zum Richt-Platz zu führen.
    So glücklich meinen Feinden ihr Anschlag von statten gegangen war, so
glaubten sie doch, sich meines Untergangs noch nicht genug versichert zu haben;
sie fürchteten die Unbeständigkeit eines Volks, von welchem sie allzuwohl
wussten, wie leicht es in entgegengesetzte Bewegungen zu setzen war. Es blieb
möglich, dass ich mit einer blossen Verbannung auf einige Jahre durchwischen
konnte; und diese liess eine Veränderung der Scene besorgen, bei welcher weder
ihr Hass gegen mich, noch ihre Sicherheit, ihre Rechnung fanden. Man musste also
noch eine andere Mine springen lassen, durch die mir, wenn ich einmal aus Aten
vertrieben wäre, alle Hoffnung, jemals wieder zurückzukommen, abgeschnitten
würde. Man musste beweisen, dass ich kein Bürger von Aten sei; dass meine Mutter
keine Bürgerin, und Stratonicus nicht mein Vater gewesen; dass er mich, in
Ermanglung eines Erben von seinem eigenen Blute, aus Hass gegen denjenigen, der
es, den Gesetzen nach, gewesen wäre, angenommen und unterschoben habe; und dass
also die Gesetze mir kein Recht an seine Erbschaft zugestünden. Da es zu Aten
an Leuten niemal fehlt, welche gegen eine proportionierte Belohnung alles
gesehen und gehört haben, was man will; und da alle diejenigen gestorben waren,
welche der Wahrheit das beste Zeugnis hätten geben können: so war es meinen
Gegnern ein Leichtes, alles dieses eben so gut zu beweisen, als sie meine
Staats-Verbrechen bewiesen hatten. Es wurde also eine neue Klage angestellt.
Derjenige, der sich zum Kläger wider mich aufwarf, war ein Neffe von meinem
Vater, durch nichts als durch die lüderlichste Lebens-Art bekannt, wodurch er
sein Erb Gut schon vor einigen Jahren verprasset hatte. Seine
Unverbesserlichkeit hatte ihn endlich der Freundschaft meines Vaters, so wie der
Achtung aller rechtschaffenen Leute, beraubt; und dieses Umstands bediente er
sich nun, mich um eine Erbschaft zu bringen, die er, als der nächste Erbe, eh
mich Stratonicus für seinen Sohn erklärte, in seinen Gedanken schon verschlungen
hatte. Die Geschicklichkeit des Redners, dessen Dienste er zu Ausführung seines
Bubenstücks erkaufte, der mächtige Beistand meiner Feinde, die Umstände selbst,
in denen er mich unvermutet überfiel, und vornehmlich die Gefälligkeit seiner
Zeugen, alle die Unwahrheiten zu beschwören, welche er zu seiner Absicht nötig
hatte: Alles dieses zusammen genommen, versicherte ihn des glücklichen Ausgangs
seiner Verräterei; und die Reichtümer, die ihm dadurch zufielen, waren in den
Augen eines gefühllosen Elenden, wie er war, wichtig genug, um mit Verbrechen,
die ihn so wenig kosteten, erkauft zu werden.
    Dieser letzte Streich, der vollständigste Beweis, auf was für einen Grad die
Wut meiner Feinde gestiegen war, und wie gewiss sie sich des Erfolgs hielten,
liess mir keine Hoffnung übrig, die ihrige zu Schanden zu machen. Denn alle meine
vermeinten Freunde, bis auf wenige, deren guter Wille ohne Vermögen war, hatten,
so bald sie mich vom Glück verlassen sahen, mich auch verlassen; andere, welche
zwar von dem Unrecht, das mir angetan wurde, überzeugt waren, hatten den Mut
nicht, sich für eine Sache, welche sie nicht unmittelbar anging, in Gefahr zu
setzen; und der einzige, dessen Character, Ansehen und Freundschaft mir
vielleicht hätte zu statten kommen können, befand sich seit einiger Zeit am Hofe
des jungen Dionysius zu Syracus. Ich gestehe, dass ich, so lange die ersten
Bewegungen dauerten, mein Unglück in seinem ganzen Umfang fühlte. Für ein
redliches, und dabei noch wenig erfahrnes Gemüt ist es entsetzlich zu empfinden,
dass man sich in seiner guten Meinung von den Menschen betrogen, habe, und sich
zu der abscheulichen Wahl genötiget zu sehen, entweder in einer beständigen
Unsicherheit vor der Schwachheit der einen, und vor der Bosheit der andern zu
leben, oder sich gänzlich aus ihrer Gesellschaft zu verbannen. Aber die
Kleinmütigkeit, welche eine Folge meiner ersten melancholischen Betrachtungen
war, dauerte nicht lange. Die Erfahrungen, die ich seit meiner Versetzung auf
den Schauplatz einer grössern Welt, in so kurzer Zeit gemacht hatte, weckten die
Erinnerungen meiner glücklichen Jugend in Delphi mit einer Lebhaftigkeit wieder
auf, worin sie sich mir unter dem Getümmel des Städtischen und politischen
Lebens niemals dargestellt hatten. Die Bewegung meines Gemüts, die Wehmut, wovon
es durchdrungen war, die Gewissheit, dass ich in wenigen Tagen von allen den
Gunstbezeugungen, womit mich das Glück so schnell, und mit solchem Übermass
überschüttet hatte, nichts, als die Erinnerung, die uns von einem Traum übrig
bleibt, und von allem, was ich mein genannt hatte, nichts als das Bewusstsein
meiner Redlichkeit, aus Aten mit mir nehmen würde; setzten mich auf einmal
wieder in diesen glückseligen Entusiasmus, worin wir fähig sind, dem Äussersten,
was die vereinigte Gewalt des Glücks und der menschlichen Bosheit gegen uns
vermag, ein standhaftes Herz und ein heiters Gesicht entgegen zu stellen. Der
unmittelbare Trost, den meine Grundsätze über mein Gemüt ergossen, die Wärme und
neubeseelte Stärke die sie meiner Seele gaben, überzeugten mich von neuem von
ihrer Wahrheit. Ich verwies es der Tugend nicht, dass sie mir den Hass und die
Verfolgungen der Bösen zugezogen hatte; ich fühlte, dass sie sich selbst belohnt.
Das Unglück schien mich nur desto stärker mit ihr zu verbinden; so wie uns eine
geliebte Person desto teurer wird, je mehr wir um ihrentwillen leiden. Die
Betrachtungen, auf welche mich diese Gesinnungen leiteten, lehrten mich, wie
geringhaltig auf der Waage der Weisheit, alle diese schimmernden Güter sind,
welche ich im Begriff war, dem Glück wieder zurückzugeben, und wie wichtig
diejenige seien, welche mir keine republicanische Cabale, kein Dekret des Volks
zu Aten, keine Macht in der Welt nehmen konnte. Ich verglich meinen Zustand in
der höchsten Flut meines Glückes zu Aten mit der seligen Ruhe des
contemplativen Lebens, worin ich in einer glücklichen Unwissenheit des
glänzenden Elends und der wahren Beschwerden einer beneideten Grösse, meine
schuldlose Jugend hinweggelebt; worin ich meines Daseins, und der innern
Reichtümer meines Geistes, meiner Gedanken, meiner Empfindungen, der
eigentümlichen und von aller äusserlichen Gewalt unabhängigen Wirksamkeit meiner
Seele froh geworden war, - und glaubte bei dieser Vergleichung, alles gewonnen
zu haben, wenn ich mich, mit freiwilliger Hingabe der Vorteile, die mir indessen
zugefallen waren, wieder in einen Zustand zurückkaufen könnte, den mir meine
Einbildungskraft mit ihren schönsten Farben, und in diesem überirdischen Lichte,
wenn er dem Zustande der himmlischen Wesen ähnlich schien, vormalte. Der
Gedanke, dass diese Seligkeit nicht an die Haine von Delphi gebunden sei, dass die
Quellen davon in mir selbst lägen, und dass eben diese vermeintlichen Güter,
welche mir mitten in ihrem Genuss so viel Unruhe zugezogen, und mich in einem
immerwährenden Wirbel von mir selbst hinweggerissen hatten, die einzigen
Hinternisse meines wahren Glücks gewesen seien. Dieser Gedanke setzte mich in
eine Entzückung, die mich, zum Erstaunen meiner wenigen noch übriggebliebenen
Freunde, gegen alle Bitterkeiten meines widrigen Schicksals unempfindlich
machte; und dieses ging zuletzt so weit, dass ich nach dem Tage meiner
Verurteilung ganz ungeduldig wurde.
    Allein eben diese Denkart, welche mir so viel Gleichgültigkeit gegen den
Verlust meines Ansehens und Vermögens gab, machte, dass ich das Betragen der
Atenienser in einem moralischen Gesichtspunct ansah, aus welchem es mir Abscheu
und Ekel erweckte. Meine Freunde schienen mir durch die Leidenschaften, von
denen sie getrieben wurden, einigermassen entschuldiget zu sein: Aber das Volk,
welches bei meinem Umsturz nichts gewann, welches so viele Ursachen hatte, mich
zu lieben, welches mich wirklich so sehr geliebt hatte, und izt durch eine blosse
Folge seiner Unbeständigkeit und Schwachheit, ohne selbst recht zu wissen,
warum, sich dummer Weise zum Werkzeug fremder Leidenschaften und Absichten
machen liess; dieses Volk wurde mir so verächtlich, dass ich kein Vergnügen mehr
an den Gedanken fand, ihm Gutes getan zu haben. Diese Atenienser, die auf ihre
Vorzüge vor allen andern Nationen der Welt so eitel waren, stellten sich meiner
beleidigten Eigenliebe, als ein abschätziger Haufen blöder Toren dar, die sich
von einer kleinen Rotte verschmitzter Spitzbuben bereden liessen, weiss für
schwarz anzusehen; die bei aller Feinheit ihres Geschmacks, wenn es darauf
ankam, über die Versification eines Trinklieds, oder die Füsse einer Tänzerin zu
urteilen, weder Kenntnis noch Empfindung von Tugend und wahrem Verdienst hatten;
die bei der heftigsten Eifersucht über ihre Freiheit, niemals grössere Sclaven
waren, als wenn sie ihr schimärisches Palladium am tapfersten behauptet haben;
die sich jederzeit der Führung ihrer übelgesinntesten Schmeichler mit dem
blindesten Vertrauen überlassen, und nur in ihre tugendhaftesten Mitbürger, in
ihre zuverlässigsten Freunde, das grösseste Misstrauen gesetzt hatten. Sie
verdienen es, sagte ich zu mir selbst, dass sie betrogen werden; aber diesen
Triumph sollen sie nicht haben, zu erleben, dass Agaton sich vor ihnen demütige.
Sie sollen fühlen, was für ein Unterschied zwischen ihm und ihnen ist; sie
sollen fühlen, dass er nur desto grösser ist, wenn sie ihm alle diese kindischen
Zieraten von Flittergold, womit sie ihn, wie Kinder, eine auf kurze Zeit
geliebte Puppe, umhängt haben wieder abnehmen; und eine zu späte Rene soll sie
vielleicht in kurzem lehren, dass Agaton ihrer leichter, als sie des Agatons
entbehren können. Du siehest, schöne Danae, dass ich mich nicht scheue, dir auch
meine Schwachheiten zu gestehen. Dieser Stolz, der zu einer desto riesenmässigern
Gestalt aufschwoll, je mehr mich die Atenienser zu Boden drücken wollten, hatte
ohne Zweifel einen guten Teil von eben der Eitelkeit in sich, welche ich ihnen
zum Verbrechen machte; aber vielleicht gehört er auch unter die Triebfedern,
womit die Natur edle Gemüter versehen hat, um dem Druck widerwärtiger Zufälle
mit gleich starker Reaction zu widerstehen, und sich dadurch in ihrer eigenen
Gestalt und Grösse zu erhalten. Die Atenienser rühmten ehmals meine
Bescheidenheit und Mässigung zu einer Zeit, da sie alles taten, was mich diese
Tugenden verlieren machen konnte; diese Bescheidenheit hatte mit dem Stolz, der
ihnen izt so anstössig an mir war, dass er vielleicht mehr, als alle Bemühungen
meiner Feinde zu meinem Fall beitrug, einerlei Quelle; ich war mir eben so wohl
bewusst, dass ich ihre Misshandlungen nicht verdiente, wie ich ehmals fühlte, dass
die Achtung übertrieben war, die sie mir bewiesen; desto bescheidener, je mehr
sie mich erhuben; desto stolzer und trotziger, je mehr sie mich herunter setzen
wollten.
    Meine Freunde hatten sich inzwischen in der Stille so eifrig zu meinem
Besten verwendet, dass sie mir Hoffnung machten, alles könne noch gut gehen, wenn
ich mich entschliessen könne, meine Apologie nach dem Geschmack, und der
Erwartung des Volks einzurichten. Ich sollte mich zwar von Punkt zu Punkt so
vollständig rechtfertigen, als es immer möglich wäre; aber am Ende sollte ich
mich doch den Ateniensern auf Gnade oder Ungnade zu Füssen werfen; meinen
Feinden dürfte ich nach aller Schärfe des Selbstverteidigungs- und
Wiedervergeltungsrechts begegnen; aber den Ateniensern sollte ich schmeicheln,
und anstatt ihre Eigenliebe durch den mindesten Vorwurf zu beleidigen, sollte
ich bloss ihr Mitleiden zu erregen suchen. Es ist zu vermuten, dass der Erfolg
diesen Rat meiner Freunde, der sich auf die Kenntnis des Characters eines freien
Volks gründete, gerechtfertiget hätte: Wenigstens ist gewiss, dass die erste
Bewegungen dieser Unbeständigen bereits angefangen hatten, dem Mitleiden und den
Regungen ihrer vormaligen Liebe zu weichen. Ich lase es, da ich das Gerüste
bestieg, von welchem ich zu dem Volk redete, in vieler Augen, wie sie nur darauf
warteten, dass ich ihnen einen Weg zeigen möchte, mit guter Art, und ohne etwas
von ihrer democratischen Majestät zu vergeben, wieder zurück zu kommen. Aber sie
fanden sich in ihrer Erwartung sehr betrogen. Die Verachtung, womit mein Gemüt
beim Anblick dieses Volkes erfüllt wurde, welches mich vor wenigen Tagen mit so
ausschweifender Freude ins Gefängnis begleitet hatte, und das Gefühl meines
eigenen Wertes, waren beide zu lebhaft; die Begierde, ihnen gutes zu tun, welche
die Seele aller meiner Handlungen und Entwürfe gewesen war, hatte aufgehört; ich
würdigte sie nicht, eine Apologie zu machen, die ich für eine Beschimpfung
meines Characters und Lebens gehalten hätte; aber ich wollte ihnen zum
letztenmal die Wahrheit sagen: Ehmals, wenn es darum zu tun gewesen war, sie von
ihren eignen wahren Vorteilen zu überzeugen, hatte ich aller meiner Beredsamkeit
aufgeboten; aber izo, da die Rede bloss von mir selbst war, verschmähte ich den
Beistand einer Kunst, worin der Ruf mir einige Geschicklichkeit zuschrieb. In
diesem Stücke blieb ich meinem gefassten Vorsatz getreu; aber nicht der Kürze und
Gelassenheit, die ich mir vorgeschrieben hatte; der Affect, in den ich
unvermerkt geriet, machte mich weitläufig und etlichemal bitter.
    Meine Rede entielt eine zusammengezogene Erzählung meines ganzen
Lebenslaufs in Aten; der Grundsätze, welchen ich in der Republik gefolgt war;
und meiner Gedanken von dem wahren Interesse der Atenienser. Ich ging bei
dieser Gelegenheit ein wenig strenge mit ihren Urteilen und Lieblingsprojecten
um; und sagte ihnen, dass ich in der Sache der Schutzverwandten eine Probe
gegeben hätte, nach was für Maximen ich jederzeit in Verwaltung des Staats
gehandelt haben würde; und da diese Maximen so weit von ihrer
Gemütsbeschaffenheit und Denkart entfernt wären: So würden sie sehr weislich
handeln, einen Menschen aus ihrem Mittel zu verbannen, welcher nicht gesonnen
sei, der Wahrheit und den Pflichten eines allgemeinen Freunds der Menschen zu
entsagen, um ein guter Bürger von Aten zu sein.
    Der Schluss meiner Rede liegt mir noch so lebhaft im Gedächtnis, dass ich ihn,
zu einer Probe des Ganzen, wiederholen will. Die Götter, (sagte ich) haben mich
zu einer Zeit, da ich es am wenigsten hoffte, meinen Vater finden lassen: Sein
Ansehen und seine Reichtümer gaben mir viel weniger Freude, als die Entdeckung,
dass ich mein Leben einem rechtschaffenen Mann zu danken hatte. Aten wurde durch
ihn mein Vaterland. Ich sah es als den Platz an, den mir die Götter angewiesen,
um das Beste der Menschen zu befödern. Das Interesse dieser einzelnen Stadt, war
in meinen Augen ein zu kleiner Gegenstand, um dem allgemeinen Besten der
Menschheit vorgesetzt zu werden; aber ich sah beides so genau mit einander
verknüpft, dass ich nur alsdenn gewiss sein konnte, jenes wirklich zu erhalten,
wenn ich dieses beföderte. Nach diesen Grundsätzen habe ich in meinem
öffentlichen Leben gehandelt, und diese Handlungen, deren sich selbst
belohnendes Bewusstsein mir in eine bessere Welt, den unvergänglichen Wohnplatz
der tugendhaften Seelen, folgen wird; diese Handlungen haben mir euern Unwillen
zugezogen. Die Atenienser wollen auf Unkosten des menschlichen Geschlechts gross
sein; und das werden sie so lange sein wollen, bis sie in Ketten, welche sie
sich selbst schmieden, und deren sie würdig sind, sobald sie über Sclaven
gebieten wollen, allen ihren Ehrgeiz auf den rühmlichen Vorzug einschränken
werden, die besten Sprachlehrer, und die gelenkigsten Pantomimen in der Welt zu
sein. Aber Agaton ist nicht dazu gemacht, euern Lauf auf diesem Wege, den die
Gefälligkeit eurer Redner mit Blumen bestreut, beschleunigen zu helfen. Mein
Privatleben hat euch bewiesen, dass die Grundsätze, nach welchen ich eure
öffentlichen Handlungen zu leiten gewünscht hätte, die Massregeln meines eigenen
Verhaltens sind. Mein Vermögen hat mehr zum Gebrauch eines jeden unter euch, als
zu meinem eigenen gedienet. Ich habe mir Undankbare verbindlich gemacht, und
diese Erfahrung lehrt mich, Güter mit Gleichgültigkeit zurückzulassen, welche
ich übel anwendete, da ich sie am besten anzuwenden glaubte. Dieses, ihr
Atenienser, ist alles, was ich zu meiner Verteidigung zu sagen habe. Ihr seid
nun, weil euch die Menge eurer Arme zu meinen Herren macht, Meister über meine
Umstände, und wenn ihr wollt, über mein Leben. Verlangt ihr meinen Tod, so
meldet mir nur, was ich in euerm Namen, dem weisen und guten Socrates sagen
soll, zu dem ihr mich schicken werdet. Begnügt ihr euch aber, mich aus euern
Augen zu verbannen, so werde ich mit dem letzten Blicke nach einem einst
geliebten Vaterland, eine Träne auf das Grab eurer Glückseligkeit fallen lassen;
und, indem ich aufhöre ein Atenienser zu sein, in der Welt, die mir offen
steht, in einem jeden Winkel, wo es der Tugend erlaubt ist, sich zu verbergen,
ein besseres Vaterland finden.
    Es ist leicht zu vermuten, schöne Danae, dass eine Apologie aus diesem Ton
nicht geschickt war, mir ein günstiges Urteil auszuwirken. Die Erbitterung, die
dadurch in den Gemütern der meisten erregt wurde, welche das angenehme
Schauspiel, mich vor ihnen gedemütigt zu sehen, zu geniessen erwartet hatten,
war auf ihren Gesichtern ausgedrückt. Dem ungeachtet sah ich niemal eine grössere
Stille unter dem Volk, als da ich aufgehört hatte zu reden. Sie fühlten, wie es
schien, wider ihren Willen, dass die Tugend auch ihren Hässern Ehrfurcht
einpräget; aber eben dadurch wurde sie ihnen nur desto verhasster, je stärker sie
den Vorzug fühlten, den sie dem beklagten, verlassenen und von allen
Auszierungen des Glücks entblössten Agaton über die Herren seines Schicksals
gab. Ich weiss selbst nicht, wie es zuging, dass mir mein guter Genius aus dieser
Gefahr heraushalf: Aber, wie die Stimmen gesammelt wurden, so fand sich, dass die
Richter, gegen die Hoffnung meiner Ankläger sich begnügten, mich auf ewig aus
Griechenland zu verbannen, die Hälfte meiner Güter zum gemeinen Wesen zu ziehen,
und die andere Hälfte meinen Verwandten zuzusprechen. Die Gleichgültigkeit,
womit ich mich diesem Urteil unterwarf, wurde in diesem fatalen Augenblick, der
alle meine Handlungen in ein falsches Licht setzte, für einen Trotz aufgenommen,
welcher mich alles Mitleidens unwürdig machte; doch erlaubte man meinen
Freunden, sich um mich zu versammeln, mir ihre Dienste anzubieten, und mich aus
Aten zu begleiten: welches ich, ungeachtet mir eine längere Frist gegeben
worden war, noch in eben der Stunde, mit so leichtem Hetzen verliess, als wie ein
Gefangener den Kerker verlässt, aus dem er unverhofft in Freiheit gesetzt wird.
Die Tränen der wenigen, welche mein Fall nicht von mir verscheucht hatte, und
meiner guten Hausgenossen, waren das einzige, was bei einem Abschiede, den wir
auf ewig von einander nahmen, mein Herz erweichte; und ihre guten Wünsche alles,
was ich von den Wirkungen ihrer mitleidigen und dankbaren Sorgfalt annahm.
    Ich befand mich nun wieder ungefähr in eben den Umständen, worin ich vor
einigen Jahren unter dem Cypressenbaum im Vorhofe meines noch unbekannten Vaters
zu Corint gelegen war. Die grossen Veränderungen, die manchfaltigen Scenen von
Reichtum, Ansehen, Gewalt und äusserlichem Schimmer, durch welche mich das Glück
in dieser kurzen Zwischenzeit herumgedreht hatte, waren nun wie ein Traum
vorüber; aber die wesentlichen Vorteile, die von allen diesen Begegnissen in
meinem Geist und Herzen zurückgeblieben waren, überzeugten mich, dass ich nicht
geträumt hatte. Ich fand mich um eine Menge nützlicher und angenehmer
Kenntnisse, um die Entwicklung meiner Fähigkeiten, um das Bewusstsein vieler
guten Handlungen, und um eine Reihe wichtiger Erfahrungen, reicher als zuvor.
Ich hatte den Geist der Republiken, den Character des Volks, und die
Eigenschaften und Wirkungen vieler mir vorher unbekannten Leidenschaften kennen
gelernt, und Gelegenheiten genug gehabt, vieler irrigen Einbildungen los zu
werden, welche man sich von der Welt zu machen pflegt, wenn man sie nur von
Ferne, und ohne selbst in ihre Geschäfte eingeflochten zu sein, betrachtet. Zu
Delphi hatte man mich (zum Exempel) gelehrt, dass sich das ganze Gebäude der
Republicanischen Verfassung auf die Tugend gründe; die Atenienser lehrten mich
hingegen, dass die Tugend an sich selbst nirgends weniger geschätzt wird, als in
einer Republik; den Fall ausgenommen, da man ihrer vonnöten hat; und in diesem
Fall wird sie unter einem jeden Tyrannen eben so hoch geschätzt, und oft besser
belohnt. Überhaupt hatte mein Aufentalt in Aten, die erhabene Teorie von der
Vortrefflichkeit und Würde der menschlichen Natur, wovon ich eingenommen war,
sehr schlecht bestätiget; aber ich fand mich nichts desto geneigter von ihr
zurückzukommen. Ich legte alle Schuld auf die Contagion allzugrosser
Gesellschaften, auf die Mängel der Gesetzgebung, auf das Privatinteresse,
welches bei allen policierten Völkern, durch ein unbegreifliches Versehen ihrer
Gesetzgeber, in einem beständigen Streit mit dem gemeinen Besten liegt. Kurz,
ich dachte darum nicht schlimmer von der Menschheit, weil sich die Atenienser
unbeständig, ungerecht und undankbar gegen mich bewiesen hatten; aber ich fasste
einen desto stärkern Widerwillen gegen eine jede andere Gesellschaft, als eine
solche, welche sich auf übereinstimmende Grundsätze, Tugend und Bestrebung nach
moralischer Vollkommenheit gründete. Der Verlust meiner Güter, und die
Verbannung aus Aten schien mir die wohltätige Veranstaltung einer für mich
besorgten Gotteit zu sein, welche mich dadurch meiner wahren Bestimmung habe
wiedergeben wollen. Es ist sehr vermutlich, dass ich durch Anwendung gehöriger
Mittel, durch das Ansehen meiner auswärtigen Freunde, und selbst durch die
Unterstützung der Feinde der Atenienser, welche mir gleich anfangs meines
Processes, heimlich angeboten worden war, vielleicht in kurzem wieder Woge
gefunden haben könnte, meine Gegner in dem Genuss der Früchte ihrer Bosheit zu
stören, und im Triumphe wieder nach Aten zurück zu kehren. Allein solche
Anschläge, und solche Mittel schickten sich nur für einen Ehrgeizigen, welcher
regieren will, um seine Leidenschaften zu befriedigen. Mir fiel es nicht ein,
die Atenienser zwingen zu wollen, dass sie sich von mir gutes tun lassen
sollten. Ich glaubte durch einen Versuch, der mir durch ihre eigene Schuld
misslungen war, meiner Pflicht gegen die bürgerliche Gesellschaft ein Genüge
getan zu haben, und nun vollkommen berechtiget zu sein, die natürliche Freiheit,
welche mir meine Verbannung wieder gab, zum Vorteil meiner eigenen
Glückseligkeit anzuwenden. Ich beschloss also den Vorsatz, welchen ich zu Delphi
schon gefasst hatte, nunmehr ins Werk zu setzen, und die Quellen der
morgenländischen Weisheit, die Magier, und die Gymnosophisten in Indien zu
besuchen, in deren geheiligten Einöden ich die wahren Gotteiten meiner Seele,
die Weisheit und die Tugend, von denen, wie ich glaubte, nur unwesentliche
Phantomen unter den übrigen Menschen herumschwärmten, zu finden hoffte.
    Aber eh ich auf die Zufälle komme, durch welche ich an der Ausführung dieses
Vorhabens gehintert, und in Gestalt eines Sclaven nach Smyrna gebracht wurde;
muss ich mich meiner jungen Freundin wieder erinnern, die wir seit meiner
Versetzung nach Aten aus dem Gesichte verloren haben.
 
                                 Achtes Capitel
                         Agaton endigt seine Erzählung
Die Veränderung, welche mit mir vorging, da ich aus den Hainen von Delphi auf
den Schauplatz der geschäftigen Welt, in das Getümmel einer volkreichen Stadt,
in die unruhige Bewegungen einer zwischen der Democratie und Aristocratie hin
und her treibenden Republik, und in das moralische Chaos der bürgerlichen
Gesellschaft, worin Leidenschaften mit Leidenschaften, Absichten mit Absichten,
in einem allgemeinen und ewigen Streit gegen einander rennen, und unter dem
unharmonischen Zusammenstoss unförmlicher Missgestalten, nichts beständiges, noch
gewisses ist, nichts das ist, was es scheint, noch die Gestalt behält die es
hat, - diese Veränderung war so gross, dass ich ihre Wirkung, auf mein Gemüt durch
nichts anders zu bezeichnen weiss, als durch die Vergleichung mit der Betäubung,
worin nach meinem Freunde, Plato, unsre Seele eine Zeit lang, von sich selbst
entfremdet, liegen bleibt, nachdem sie aus dem Ocean des reinen ursprünglichen
Lichts, der die überhimmlischen Räume erfüllet, plötzlich in den Schlamm des
groben irdischen Stoffes heruntergestürzt worden ist. Die Menge der neuen
Gegenstände, welche von allen Seiten auf mich eindrang, verschlang die
Erinnerung derjenigen, welche mich so viele Jahre umgeben hatten; und zuletzt
hatte ich fast Mühe, mich selbst zu überreden, dass ich eben derjenige sei, der
im Tempel zu Delphi den Fremden die Merkwürdigkeiten des selben gewiesen und
erklärt hatte. So gar das Andenken meiner geliebten Psyche wurde eine Zeit lang
von diesem Nebel, der meine Seele umzog, verdunkelt, allein dieses dauerte nur
so lange, bis ich des neuen Elements, worin ich izt lebte, gewohnt worden war;
denn da vermisste ich ihre Gegenwart desto lebhafter wieder, je grösser das Leere
war, welches die Beschäftigungen und selbst die Ergötzungen meiner neuen
Lebensart in meinem Herzen liessen. Die Schauspiele, die Gastmähler, die Tänze,
die Musikübungen, konnten mir jene seligen Nächte nicht ersetzen, die ich in den
Entzückungen einer zauberischen Schwärmerei, an ihrer Seite zugebracht hatte.
Aber, so gross auch meine Sehnsucht nach diesen verlornen Freuden war, so
beunruhigte mich doch die Vorstellung des unglücklichen Zustands noch weit mehr,
worein die rachbegierige Eifersucht der Pytia sie vermutlich versetzt hatte.
Den Ort ihres Aufentalts ausfündig zu machen, schien beinahe eine
Unmöglichkeit; denn entweder hatte die Priesterin sie (fern genug von Delphi, um
uns alle Hoffnung des Wiedersehens zu benehmen,) verkaufen, oder gar an irgend
einer entlegnen barbarischen Küste ausetzen und dem Zufall Preis geben lassen.
Allein da der Liebe nichts unmöglich ist, so gab ich auch die Hoffnung nicht
auf, meine Psyche wieder zu bekommen. Ich belud alle meine Freunde, alle
Fremden, die nach Aten kamen, alle Kaufleute, Reisende und Seefahrer mit dem
Auftrag, sich allentalben, wohin sie kämen, nach ihr zu erkundigen; und damit
sie weniger verfehlt werden könnte, liess ich eine unzählige Menge Copeien ihres
Bildnisses machen, das ich selbst, oder vielmehr der Gott der Liebe mit meiner
Hand in der vollkommensten Ähnlichkeit, nach dem gegenwärtigen Original,
gezeichnet hatte, da wir noch in Delphi waren; und diese Copeien teilte ich
unter alle diejenigen aus, welche ich durch Verheissung grosser Belohnungen,
anzureizen suchte, sich für ihre Entdeckung Mühe zu gehen. Ich gestehe dir so
gar, dass das Verlangen meine Psyche wieder zu finden, (anfänglich wenigstens)
der hauptsächlichste Bewen suchte. Denn, nachdem mir alle andre Mittel
fehlgeschlagen hatten, schien mir kein andres übrig zu bleiben, als meinen Namen
so bekannt zumachen, dass er ihr zu Ohren kommen müsste; sie möchte auch sein, wo
sie wollte. Dieser Weg war in der Tat etwas weitläufig; und ich hätte zwanzig
Jahre in einem fort grössere Taten tun können, als Hercules und Teseus, ohne dass
die Hyrcanier, die Massageten, die Hibernier, oder die Lästrigonen, in deren
Hände sie inzwischen hätte geraten können, mehr von mir gewusst hätten, als die
Einwohner des Mondes. Zu gutem Glück fand der Schutz-Geist unsrer Liebe einen
kürzern Weg, uns zusammenzubringen; aber in der Tat nur, um uns Gelegenheit zu
geben, auf ewig von einander Abscheid zu nehmen. - - - -
    Hier fuhr Agaton fort, der schönen Danae die Begebenheiten zu erzählen, die
ihm auf seiner Wanderschaft bis auf die Stunde, da er mit ihr bekannt wurde,
zugestossen, und wovon wir dem geneigten Leser bereits im ersten und zweiten
Buche dieser Geschichte Rechenschaft gegeben haben; und nachdem er sich auf
Unkosten des weisen Hippias ein wenig lustig gemacht, entdeckte er seiner
schönen Freundin (welche seine ganze Erzählung nirgends weniger langweilig fand,
als an dieser Stelle,) alles, was von dem ersten Augenblick an, da er sie
gesehen, in seinem Herzen vorgegangen war. Er überredete sie mit eben der
Aufrichtigkeit, womit er es zu empfinden glaubte, dass sie allein dazu gemacht
gewesen sei, seine Begriffe von idealischen Vollkommenheiten und einem
überirdischen Grade von Glückseligkeit zu realisieren; dass er, seit dem er sie
liebe, und von ihr geliebt sei, ohne seiner ehemaligen Denkungs-Art ungetreu zu
werden, von dem, was darin übertrieben und schimärisch gewesen, bloss dadurch
zurückgekommen sei, weil er bei ihr alles dasjenige gefunden, wovon er sich
vorher, nur in der höchsten Begeisterung einer Einbildungs-Kraft einige
unvollkommene Schatten-Begriffe habe machen können; und weil es natürlich sei,
dass die Einbildungs-Kraft, als der Sitz der Schwärmerei zu würken aufhöre, so
bald der Seele nichts zu tun übrig, als anzuschauen und zu geniessen. Mit einem
Wort: Agaton hatte vielleicht in seinem Leben nie so sehr geschwärmt, als izt,
da er sich in dem höchsten Grade der verliebten Betörung einbildete, dass er
alles das, was er der leichtgläubigen Danae vorsagte, eben so gewiss und
unmittelbar sehe und fühle, als er ihre schönen, von dem ganzen Geist der Liebe
und von aller seiner berauschenden Wollust trunknen Augen auf ihn geheftet sah,
oder das Klopfen ihres Herzens unter seinen verirrenden Lippen fühlte. Er
endigte damit, dass er ihr aus seiner ganzen Erzählung begreiflich gemacht zu
haben glaube, warum es, nachdem er schon so oft bald von den Menschen, bald vom
Glücke, bald von seinen eigenen Einbildungen betrogen worden, entsetzlich für
ihn sein würde, wenn er jemals sich in der Hoffnung betrogen fände, so
vollkommen und beständig von ihr geliebt zu werden, als es zu seiner
Glückseligkeit nötig sei. Er gestund ihr mit einer Offenherzigkeit, welche
vielleicht nur eine Danae ertragen konnte, dass eine lebhafte Erinnerung an die
Zeiten seiner ersten Liebe, zugleich mit der Vorstellung aller der seltsamen
Zufälle, Veränderungen und Catastrophen, die er in einem Alter von fünf und
zwanzig Jahren bereits erfahren habe, ihn auf eine Reihe melancholischer
Gedanken gebracht, worin er Mühe gehabt habe, seine gegenwärtige Glückseligkeit
für etwas würkliches, und nicht für ein abermaliges Blendwerk seiner Phantasie,
zu halten. Eben das Übermass derselben, sagte er, eben dies ist es, was mich
besorgen machte, jemals aus einem so schönen Traum aufzuwachen. - - Kannst du
mich verdenken, liebenswürdige Danae, o du, die durch die Reizungen deines
Geistes, auch ohne diese Liebeatmende Gestalt, ohne diese Schönheit, deren
Anschauen himmlische Wesen dir gegenüber anzufesseln vermögend wäre, durch die
blosse Schönheit deiner Seele, und den magischen Reiz eines Geistes, der alle
Vorzüge, alle Gaben, alle Grazien in sich vereinigt, meinen Geist aus dem Himmel
selbst zu dir herunterziehen würdest. - - Könntest du mich verdenken, dass ich,
vor dem Gedanken, deine Liebe jemals verlieren zu können, wie vor der
Vernichtung meines ganzen Wesens, erzittre? - - Lass mich, lass mich die
Gewissheit, dass es nie geschehen werde, dass es unmöglich sei, immer in deinen
Augen lesen, immer von deinen Lippen hören, und in deinen Armen fühlen; und wenn
diese vergötternde Bezauberung jemals aufhören soll, so nimm, im letzten
Augenblick, alle deine Macht zusammen, und lass mich vor Entzückung und Liebe zu
deinen Füssen sterben. - -
    Von der Antwort, womit Danae diese Ergiessungen einer glühenden Zärtlichkeit
erwiderte, lässt sich das Wenigste mit Worten ausdrücken; und dieses kann sich,
nach allem, was wir bereits von ihren Gesinnungen für unsern Helden gesagt
haben, der kaltsinnigste von unsern Lesern so gut vorstellen, als wir es ihm
sagen könnten - - oder sich's auch nicht vorstellen, wenn es ihm beliebt. Dass
sie ihm übrigens sehr höflich für die Erzählung seiner Geschichte gedankt, und
eine ungemeine Freude darüber empfunden habe, in diesem Sclaven, der die
Alcibiaden und den liebenswürdigen Cyrus selbst aus ihrem Herzen ausgelöscht
hatte, den ruhmvollen Agaton, den Mann, den das Gerüchte zum Wunder seiner Zeit
gemacht hatte, zu finden; und dass sie ihm hierüber viel schönes gesagt haben
werde- - verstehet sich von selbst. Dieses und alles, was eine jede andere, die
keine Danae gewesen wäre, in den vorliegenden Umständen auch gesagt hätte,
wollen wir, nebst allen den feinen Anmerkungen und Scherzen, wodurch sie in
gewissen Stellen seine Erzählung unterbrochen hatte, überhüpfen, um zu andern
Dingen, die in ihrem Gemüte vorgingen, zu kommen, welche der grösseste Teil
unserer Leserinnen (wir besorgen es, oder hoffen es vielmehr,) nicht aus sich
selbst erraten hätte, und welche wichtig genug sind, ein eigenes Capitel zu
verdienen.
 
                                Neuntes Capitel
               Ein starker Schritt zur Entzauberung unsers Helden
Die vertrauliche Erzählung, welche Agaton seiner zärtlichen Freundin von seinem
ganzen Lebens-Lauf gemacht; die Offenherzigkeit, womit er ihr die innersten
Triebfedern seiner Seele aufgedeckt; und die vollständige Kenntnis, welche sie
dadurch von einem Liebhaber erhalten hatte, an dessen Erhaltung ihr so viel
gelegen war; liessen sie gar bald einsehen, dass sie vielleicht mehr Ursache habe,
über die Beständigkeit seiner Liebe beunruhigt zu sein, als er über die Dauer
der ihrigen. So schmeichelhaft es für ihre Eitelkeit war, von einem Agaton
geliebt zu sein; so hätte sie doch für die Ruhe ihres Herzens lieber gewollt,
dass er keine so schimmernde Rolle in der Welt gespielt hätte. Sie besorgte nicht
unbillig, dass es schwer sein würde, einen jungen Helden, der durch so seltene
Talente und Tugenden zu den edelsten Auftritten des geschäftigen Lebensbestimmt
schien, immer in den Blumen-Fesseln der Liebe und eines wollüstigen Müssiggangs
gefangen zu halten. Nun schien zwar die Art seiner Erziehung, der sonderbare
Schwung, den seine Einbildungs-Kraft dadurch erhalten, seine herrschende Neigung
zur Unabhängigkeit und Ruhe des speculativen Lebens, welche durch die Streiche,
die ihm das Glück in einer so grossen Jugend bereits gespielt, eine neue Stärke
bekommen hatte; und der Hang zum Vergnügen, welcher, im Gleichmass mit der
ausserordentlichen Empfindlichkeit seines Herzens, die Ruhm-Begierde und die
Ambition bei ihm nur zu subalternen Leidenschaften machte - - alles dieses
schien ihr zwar in dem Vorhaben, ihn der Welt zu rauben, und für sich selbst zu
behalten, nicht wenig beförderlich zu sein; aber eben diese schwärmerische
Einbildungs-Kraft, eben diese Lebhaftigkeit der Empfindungen schienen ihr, auf
einer andern Seite betrachtet, mit einer gewissen natürlichen Unbeständigkeit
verbunden zu sein, von welcher sie alles zu befürchten hätte. Konnte sie, mit
aller Eitelkeit, wozu sie das Bewusstsein ihrer selbst und der allgemeine Beifall
berechtigte, sich selbst bereden, dass sie diese idealische Vollkommenheit
würklich besitze, welche die bezauberten Augen ihres entusiastischen Liebhabers
an ihr sahen? Und da nicht sie selbst, sondern diese idealische Vollkommenheit
der eigentliche Gegenstand seiner Liebe war, auf was für einen unsichern Grund
beruhete also eine Hoffnung, welche voraussetzte, dass die Bezauberung immer
dauern werde?
    Diese letzte Betrachtung machte sie zittern; - - denn sie fühlte mit einer
immer zunehmenden Stärke, dass Agaton zu ihrer Glückseligkeit unentbehrlich
geworden war. - - Aber (so ist die betrügliche Natur des menschlichen Herzens!)
eben darum, weil der Verlust ihres Liebhabers sie elend gemacht haben würde,
hatten alle Vorstellungen, welche ihr mit seinem beständigen Besitz
schmeichelten, doppelte Kraft ein Herz zu überreden, welches nichts anders
suchte, als getäuscht zu sein. Sie bildete sich also ein, dass der Hang zu
demjenigen, was man die Wolllust der Seele nennen kann, den wesentlichsten Zug
von der Gemüts-Beschaffenheit unsers Helden ausmache. Seine Philosophie selbst
schien ihr diese Meinung zu bestätigen, und, bei aller ihrer Erhabenheit über
den groben Materialismus des grössten Haufens der Sterblichen, in der Tat mit den
Grundsätzen des Aristippus, welche vormals ihre eigenen gewesen waren, in dem
nämlichen Punct zusammenzulaufen. Der ganze Unterscheid schien ihr darin zu
liegen, dass dieser die Wolllust, welche er zum letzten Ziel der Weisheit machte,
mehr in der angenehmen Bewegung der Sinnen, den Befriedigungen eines geläuterten
Geschmacks, und den Ergötzlichkeiten eines von allen unruhigen Leidenschaften
befreiten geselligen Lebens - - Agaton hingegen diese feinere Wollust, von
welcher er in den stillen Hainen des Delphischen Tempels sich ein so
liebenswürdiges Phantom in den Kopf gesetzt hatte, mehr in den Vergnügen der
Einbildungs-Kraft und des Herzens suchte; eine Philosophie, bei welcher er (nach
der scharfsinnigen Beobachtung unsrer Schönen) so gar von Seiten der sinnlichen
Lust mehr gewann, als verlor; indem diese von den verschönernden Einflüssen
einer begeisterten Einbildung und den zärtlichen Rührungen und Ergiessungen eines
gefühlvollen Herzens ihren mächtigsten Reiz erhält. Dieses als gewiss
vorausgesetzt, glaubte sie von der Unbeständigkeit, welche sie, nicht ohne
Grund, als eine Eigenschaft einer allzuwürksamen und hoch gespannten
Einbildungs-Kraft ansah, nichts zu besorgen zu haben; so lange es ihr nicht an
Mitteln fehlen würde, seinen Geist und sein Herz zugleich und, mit einer solchen
Abwechslung und Mannigfaltigkeit zu vergnügen, dass eine weit längere Zeit, als
die Natur dem Menschen zum Geniessen angewiesen hat, nicht lange genug wäre, ihn
eines so angenehmen Zustandes überdrüssig zu machen. Sie hatte Ursache, dieses
um so mehr zu glauben, da sie aus Erfahrung wusste, dass die Würksamkeit der
Einbildungs-Kraft desto mehr abnimmt, je weniger leeres der Genuss würklicher
Vergnügungen im Herzen zurücklässt, und je weniger ihm Zeit gelassen wird, etwas
angenehmers als das Gegenwärtige zu wünschen.
    Es ist dermalen noch nicht Zeit, dass wir über diese Grundsätze der schönen
Danae unsere eigenen Gedanken sagen. Sie mochten, von einer Seite betrachtet,
richtig genug sein; aber wir besorgen sehr, dass sie sich in dem Gebrauch der
Mittel, wodurch sie ihren Zweck zu erhalten hoffte, von der Liebe betrogen
finden werde. In der Tat liebte sie zu aufrichtig und zu heftig, um gute
Schlüsse zu machen; und ihr Herz führte sie nach und nach, ohne dass sie es
gewahr wurde, weit über die Grenzen der Mässigung weg, bei welcher sie sich
anfangs so wohl befunden hatte. Vielleicht mochte auch eine geheime Eifersucht
über die gute Psyche (so wenig sie gleich, aller Wahrscheinlichkeit nach, zu
befürchten hatte, dass sie jemals persönlich auftreten, und das Herz ihres
Liebhabers von ihr zurückfodern werde) sich mit ins Spiel gemischt, und sie
begierig gemacht haben, so gar die Erinnerung an die Freuden seiner ersten
Liebe, welche ihr vielleicht noch allzulebhaft zu sein schien, aus seinem
Gedächtnis auszulöschen. So viel ist gewiss, dass sie (vor lauter Begierde, unsern
Helden mit Glückseligkeiten zu überschütten,) ihm eine grenzenlose Liebe zu
zeigen, und ihn einen solchen Grad von Wonne, über welchem dem Herzen nichts zu
wünschen, und der Phantasie nichts zu denken übrig bliebe, erfahren zu machen, -
- einen Weg einschlug, auf welchen sie ihres Zwecks fast notwendig verfehlen
musste. Der vortreffliche Brief des liebenswürdigsten Moralisten der neuern
Zeiten, des Saint Evremond, in den Briefen der Ninon Lenclos an den Marquis von
Sevigne, überhebt uns der Mühe, dem unerfahrnen Teil unserer schönen Leserinnen
zu erklären, wie es zugehe, dass die Liebe von allzuvieler Nahrung abzehrt; und
dass ein unvorsichtiges Übermass von Zärtlichkeit gerade das gewisseste Mittel
ist, einen Ungetreuen zu machen. Wir wollen sie also auf die bemeldete
Unterweisung eines der besten Kenner des menschlichen Herzens verwiesen haben,
und uns begnügen, ihnen zu sagen, dass Agaton, nachdem er (dem neuen Plan seiner
mehr zärtlichen als behutsamen Geliebten zufolge) etliche Wochen lang von allem,
was die Liebe süsses und entzückendes hat, mehr erfahren hatte, als selbst die
glühende Einbildungs-Kraft des Marino fähig war, seinen Adon in den Armen der
Liebes-Göttin geniessen zu lassen, unvermerkt in eine gewisse Mattigkeit der
Seele verfiel, welche wir nicht kürzer zu beschreiben wissen, als wenn wir
sagen, dass sie vollkommen das Widerspiel von der Begeisterung war, worin wir ihn
bisher gesehen haben. Man würde sich vermutlich sehr irren, wenn man diese
Entgeisterung einer so unedeln Ursache beimessen wollte, als diejenige war,
welche den verachtenswürdigen Helden des Petronius nötigte, seine Zuflucht zu
den Beschwörungen und Brenn-Nesseln der alten Enotea zu nehmen. Nach allem, was
wir von unserm Helden wissen, kann kein Verdacht von dieser Art auf ihn fallen.
Wir finden weit wahrscheinlicher, dass die wahre Ursache davon in seiner Seele
lag, und aus einer Überfüllung mit Vergnügen, auf welche notwendig eine Art von
Betäubung folgen musste, ihren Ursprung nahm. Unsere Seele (mit Erlaubnis
derjenigen Philosophen, welche von der grenzenlosen Capacität und
Unersättlichkeit ihrer Begierden so viel schönes zu sagen wissen,) ist doch nur
eines gewissen Masses von Vergnügen fähig, und kann einen anhaltenden Zustand von
Entzückung eben so wenig ertragen, als eine lange Dauer des äussersten
Schmerzens. Beides spannt endlich ihre Nerven ab, und bringt sie zu einer Art
von Ohnmacht, in welcher sie gar nichts mehr zu empfinden fähig ist. Was
indessen auch die Ursache einer für die Absichten der Danae so nachteiligen
Veränderung gewesen sein mag; so ist gewiss, dass die Würkungen derselben in
kurzer Zeit so sehr überhand nahmen, dass Agaton selbst Mühe hatte, sich in sich
selbst zu erkennen, oder zu begreifen, wie es mit dieser seltsamen Verwandlung
der Scene zugegangen sei. Ein magischer Nebel schien vor seinen erstaunten Augen
wegzufallen; die ganze Natur zeigte sich ihm in einer andern Gestalt, verlor
diesen reizenden Firnis, den ihr der Geist der Liebe gegeben hatte; diese
Gärten, vor wenigen Tagen der geliebte Aufentalt, aller Freuden und
Liebes-Götter, diese elysischen Haine, diese mäandrischen Rosen-Gebüsche, worin
die lauschende Wollust sich so gerne verborgen hatte, um das Vergnügen zu haben,
sich erhaschen zu lassen - - erweckten izt durch ihren Anblick nichts mehr, als
jeder andre schattichte Platz, jedes andre Gebüsche; die Luft, die er atmete,
war nicht mehr dieser süsse Atem der Liebe, von dem jeder Hauch die Flammen
seines Herzens stärker aufzuwehen schien; Danae war bereits von der idealischen
Vollkommenheit zu dem gewöhnlichen Wert einer jeden andern schönen Frau
herabgesunken; und er selbst, der vor kurzem sich an Wonne den Göttern gleich
geschätzet hatte, fing an, sehr starke Zweifel zu bekommen: Ob er in dieser
weibischen Gestalt, worein ihn die Liebe verkleidet hatte, den Namen eines
Mannes verdiene? Man wird nicht zweifeln, dass in diesem Zustand die Erinnerungen
dessen, was er ehemals gewesen war - - der wundervolle Traum, den er je länger
je mehr für die Würkung irgend eines wohltätigen Geistes, und vielleicht des
abgeschiedenen Schattens seiner geliebten Psyche selbst, zu halten bewogen war -
- die Stimme der Tugend, die er einst angebetet, und welcher er alles
aufgeopfert hatte - - und die Vorwürfe, die sie ihm schon vor einiger Zeit über
ein in müssiger Wollust unrühmlich dahin schmelzendes Leben zu machen angefangen,
- - gute Gelegenheit hatten, sein Herz, dessen beste Neigungen selbst auf ihrer
Seite waren, mit vereinigter Stärke wieder anzugreifen. Sie hatten es fast
gänzlich wieder eingenommen, als er erst deutlich gewahr wurde, wohin ihn die
Betrachtungen, denen er sich überliess, notwendig führen mussten. Er erschrak, da
er sah, dass ihm nichts als die Flucht von dieser allzureizenden Zauberin seine
vorige Gestalt wieder geben könne. Sich von Danae zu trennen! Auf ewig zu
trennen! - - Dieser Gedanke benahm seiner Seele auf einmal alle die Stärke
wieder, welche sie wieder in sich zu fühlen anfing, und weckte alle
Erinnerungen, alle Empfindungen seiner entschlummerten Leidenschaft wieder auf
Sie, die ihn so inbrünstig liebte, - - sie, die ihn so glücklich gemacht hatte -
- zu verlassen - - für alle ihre Liebe, für alles was sie für ihn getan hatte,
und auf eine so verbindliche, so edle Art getan hatte, den Qualen einer mit
Undank belohnten Liebe preis zu geben - -: Nein, zu einer so niederträchtigen,
so hässlichen Tat, (wie diese in seinen Augen war) konnte sich sein Herz nicht
entschliessen. Die Tugend selbst, welcher er seine eigene Befriedigung
aufzuopfern bereit war, konnte ein so undankbares und grausames Verfahren nicht
gut heissen. - - Wir überlassen es der Entscheidung kalter Sitten-Lehrer: ob die
Tugend das konnte, oder nicht; aber unser Held war von dem letztern so lebhaft
überzeugt, dass er, anstatt auf Gründe zu denken, womit er die Sophistereien der
Liebe hätte vernichten können, in vollem Ernst auf Mittel bedacht war, das
Interesse seines Herzens und die Tugend, welche ihm nicht unverträglich zu sein
schienen, auf immer mit einander zu vereinigen.
    Die zärtliche Danae hatte inzwischen, wie leicht zu erachten ist, die
Veränderung, welche in der Seele unsers Helden vorgegangen war, im ersten
Augenblick, da sie merklich wurde, wahrgenommen. Allein die gute Dame war weit
entfernt, seinem Herzen die Schuld davon zu geben; sie betrog sich selbst über
die wahre Ursache, und glaubte, dass die Veränderung des Orts, und vielleicht
eine kleine Entfernung, ihm in kurzem alle die Lebhaftigkeit der Empfindung
wieder geben würde, die er verloren zu haben schien. Die Wiederkehr in die
Stadt, wo sie einander nicht immer sehen würden, wo ihre Liebe sich zu verbergen
genötigt sein, und dadurch den Reiz eines geheimen Verständnisses erhalten
würde, die Zerstreuungen des Stadt Lebens, die Gesellschaft, die Lustbarkeiten,
würden ihn (glaubte sie) bald genug wieder so feuerig als jemals wieder in ihre
Arme führen. Sie überredete ihn also, mit ihr nach Smyrna zurückzugehen,
obgleich die schöne Jahrs-Zeit noch nicht ganz zu Ende war. Hier wusste sie,
(ohne dass es schien, dass sie Hand dabei habe,) eine Menge Gelegenheiten zu
veranstalten, wodurch sie einander seltner wurden; wenn sie sich wieder allein
befanden, flog sie ihm zwar eben so zärtlich in die Arme, als ehemals; aber sie
vermied alles, was zu jener allzuwollüstigen Berauschung (in welche sie ihn,
wenn sie wollte, durch einen einzigen Blick setzen konnte) geführt hätte, und
tat es mit einer so guten Art, dass er keinen besondern Vorsatz dabei gewahr
werden konnte: Kurz, sie wusste die feurigste Liebe unvermerkt so geschickt in
die zärtlichste Freundschaft zu verwandeln, dass Agaton, welcher weder Kunst
noch Absicht unter ihrem Betragen argwohnte, ganz treuherzig in die Schlinge
fiel, und in kurzem wieder so zärtlich und dringend wurde, als ob er erst
anfangen müsste, sich um ihr Herz zu bewerben. Zwar war es nicht in ihrer Gewalt,
ihm diese Begeisterung mit allem ihrem zauberischen Gefolge wieder zu geben,
welche, wenn sie einmal verschwunden ist, nicht wieder zu kommen pflegt; aber
die Lebhaftigkeit, womit ihre Reizungen auf seine Sinnen, und die Empfindungen
der Dankbarkeit und Freundschaft auf sein Herz würkten, brachten doch ungefähr
die nämliche Phänomena hervor; und da man gewohnt ist, gleiche Würkungen
gleichen Ursachen zu zuschreiben, so ist es nicht unbegreiflich, wie beide sich
eine Zeitlang hierin betrügen konnten, ohne nur zu vermuten, dass sie betrogen
würden.
    Es ist sehr zu vermuten, dass es bei dieser schlauen Mässigung, wodurch die
schöne Danae die Folgen ihrer vorigen Unvorsichtigkeit wieder gut zu machen
wusste, um unsern Helden geschehen gewesen wäre; und dass seine Tugend unter
diesem zweifelhaften Streit mit seiner Leidenschaft, bei welchem wechselsweise
bald die eine, bald die andere die Oberhand behielt, endlich gefällig genug
worden wäre, sich mit ihrer schönen Feindin in einen vielleicht nicht
allzurühmlichen Vergleich einzulassen, und die Glückseligkeit der
liebenswürdigen Danae dadurch auf immer sicher zu stellen; wenn nicht der
unglücklichste Zufall, der ihr mit einem so sonderbaren Mann, als Agaton war,
nur immer begegnen konnte, sie auf einmal mit seiner Hochachtung alles dessen
beraubt hätte, was sie noch im Besitz seines Herzens erhalten hatte. Eine einst
geliebte Person behält (auch wenn das Fieber der Liebe vorbei ist) noch immer
eine grosse Gewalt über unser Herz, so lange sie unsere Hochachtung nicht
verloren hat. Agaton war zu edelmütig, die schöne Danae für die Schwachheit,
welche sie gegen ihn gehabt hatte, (das einzige, was die Hochachtung hätte
vermindern können, welche sie durch so viele schöne Eigenschaften des Geistes
und des Herzens verdiente,) dadurch zu bestrafen, dass er ihr deswegen nur das
mindeste von der seinigen entzogen hätte. Aber so bald es dahin gekommen war,
dass er sich in seiner Meinung von ihrem Character und moralischen Werte betrogen
zu haben glaubte; so bald er sich gezwungen sah, sie zu verachten; hörte sie
auf, Danae für ihn zu sein; und durch eine ganz natürliche Folge wurde er in dem
nämlichen Augenblick wieder Agaton.
                             Ende des ersten Teils
 
                                  Zweiter Teil
                                   Achtes Buch
                                 Erstes Capitel
                           Vorbereitung zum Folgenden
Die Laune eines Dichters, die Treue einer Buhlerin, und die Freundschaft eines
Hippias, sind vielleicht die drei unzuverlässigsten Dinge unter allen in der
Welt; es wäre denn, dass man die Gunst der Grossen für das Vierte halten wollte,
welche gemeiniglich eben so leicht verloren als gewonnen wird, und mit den
Gunstbezeugungen gewisser Nymphen noch diese Ähnlichkeit hat, dass derjenige,
welcher unvorsichtig genug gewesen ist davon zu kosten, einen kurzen Traum von
Vergnügen gemeiniglich mit langwierigen Schmerzen bezahlen muss.
    Hippias nannte sich einen Freund der schönen Danae, und wurde von ihr dafür
gehalten; eine Bekanntschaft von mehr als zwölf Jahren hatte dieses beiden zur
Gewohnheit gemacht. Hiezu kam noch die natürliche Verwandtschaft, welche unter
Leuten von Witz und feiner Lebenr Denkungs-Art, und Neigungen; vielleicht auch
die besondere Vorrechte, die er, der gemeinen Meinung nach, eine Zeit lang bei
ihr genossen. Alles dieses hatte diese Art von Vertraulichkeit unter ihnen
hervorgebracht, welche von den Weltleuten, aus einem Missverstande dessen sie
sich nur nicht vermuten, für Freundschaft gehalten wird, und auch in der Tat
alle Freundschaft, deren sie fähig sind, ausmacht; ob es gleich gemeiniglich
eine bloss mechanische Folge zufälliger Umstände, und im Grunde nichts bessers
als eine stillschweigende Übereinkommnis ist, einander so lange gewogen zu sein,
als es einem oder dem andern Teil gelegen sein werde; und daher auch
ordentlicher Weise keinen Augenblick länger daurt, als bis sie auf irgend eine
Probe, wobei sich die Eigenliebe einige Gewalt antun müsste, gesetzt werden
wollte.
    Die schöne Danae, deren Herz unendlich mal besser war als des Sophisten
seines, ging inzwischen ganz aufrichtig zu Werke, indem sie in die vermeinte
Freundschaft dieses Mannes nicht den mindesten Zweifel setzte. Es ist wahr, er
hatte einen guten Teil von ihrer Hochachtung, und also zugleich von ihrem
Vertrauen verloren, seitdem die Liebe so sonderbare Veränderungen in ihrem
Character gewürkt hatte. Je mehr Agaton gewann, je mehr musste Hippias
verlieren. Allein das war so natürlich und kam so unvermerkt, dass sie sich
dessen kaum, oder nur sehr undeutlich bewusst war; und vielleicht so wenig, dass
sie, ohne die mindeste Besorgnis, er werde tiefer in ihr Herz hineinschauen als
sie selbst, an nichts weniger dachte, als einige Vorsichtigkeit gegen ihn zu
gebrauchen. Ein Beweis hievon ist, dass sie, anstatt ihm bei ihrem Liebhaber
schlimme Dienste zu tun, sich vielmehr bei jedem Anlass bemühete, ihn bei
demselben in bessere Achtung zu setzen. Und dieses war ihr auch, bei der
besondern Sorgfalt, womit der Sophist seit einiger Zeit ihre Bemühung
beförderte, so wohl gelungen, dass Agaton anfing eine bessere Meinung von seinem
Character zu fassen, und sich unvermerkt so viel Vertrauen von ihm abgewinnen
liess, dass er kein Bedenken mehr trug, sich so gar über die Angelegenheiten
seines Herzens in vertrauliche Unterredungen mit ihm einzulassen.
    Unsre Liebende verliefen sich also mit der sorglosesten Unvorsichtigkeit,
welche sich Hippias nur wünschen konnte, in die Fallstricke die er ihnen legte;
und liessen sich nicht einfallen, dass er Absichten haben könne, eine Verbindung
wieder zu vernichten, die gewissermassen sein eigenes Werk war. Diese
Sorglosigkeit könnte vielleicht desto tadelhafter scheinen, da beiden so wohl
bekannt war, nach was für Grundsätzen er lebte. Allein es ist eine Beobachtung,
die man alle Tage zu machen Gelegenheit hat, dass edle Gemüter mit Leuten von dem
Character unsers Sophisten betrogen werden müssen, sie mögen es angehen, wie sie
wollen. Sie mögen die Denkens-Art dieser Leute noch so gut kennen, noch so viele
Proben davon haben, dass derjenige, dessen Neigungen und Handlungen allein durch
das Interesse seiner eigennützigen Leidenschaften bestimmt wird, keines
rechtschaffenen Betragens fähig ist; es wird ihnen doch immer unmöglich bleiben,
alle Krümmen und Falten seines Herzens so genau auszuforschen, dass nicht in
irgend einer derselben noch eine geheime Schalkheit lauren sollte, deren man
sich nicht versehen hatte, wenn sie endlich zum Vorschein kömmt. Agaton und
Danae, zum Exempel, kannten den Hippias gut genug, um überzeugt zu sein, dass er
sich, sobald sein Interesse dem Vorteil ihrer Liebe entgegenstunde, nicht einen
Augenblick bedenken würde, die Pflichten der Freundschaft seinem Eigennutzen
aufzuopfern. Denn was sind Pflichten für einen Hippias? Hingegen konnten sie
nicht begreifen, was für einen Vorteil er darunter haben könnte, ihre Herzen zu
trennen; und dieses machte sie sicher. In der Tat hatte er keinen; auch hatte er
eigentlich die Absicht nicht sie zu trennen. Aber er hatte ein Interesse, ihnen
einen Streich zu spielen, welcher, dem Character des Agaton nach, notwendig
diese Würkung tun musste. Und das war es, woran sie nicht dachten.
    Wir haben im vierten Buche dieser Geschichte die Absichten entdeckt, welche
den Sophisten bewogen hatten, unsern Helden mit der schönen Danae bekannt zu
machen. Der Entwurf war wohl ausgesonnen, und hätte, nach den Voraussetzungen,
die dabei zum Grunde lagen, ohnmöglich misslingen können, wenn man auf irgend
eine Voraussetzung Rechnung machen dürfte, sobald sich die Liebe ins Spiel
mischt. Dieses mal war es ihm gegangen, wie es gemeiniglich den Projectmachern
geht; er hatte an alles gedacht, nur nicht an den einzigen Fall, der ihm seine
Absichten vereitelte. Wie hätte er auch glauben können, dass eine Danae fähig
sein sollte, ihr Herz an einen Platonischen Liebhaber zu verlieren? Ein
gleichgültiger Philosoph würde darüber betroffen gewesen sein, ohne böse zu
werden; aber es gibt sehr wenig gleichgültige Philosophen. Hippias fand sich in
seinen Erwartungen betrogen; seine Erwartungen gründeten sich auf Schlüsse;
seine Schlüsse auf seine Grundsätze, und auf diese das ganze System seiner
Ideen, welches (wie man weiss) bei einem Philosophen wenigstens die Hälfte seines
geliebten Selbsts ausmacht. Wie hätte er nicht böse werden sollen? Seine
Eitelkeit fühlte sich beleidiget. Agaton und Danae hatten die Gelegenheit dazu
gegeben. Er wusste zwar wohl, dass sie keine Absicht ihn zu beleidigen dabei
gehabt haben konnten; allein darum bekümmert sich kein Hippias. Genug, dass sein
Unwille gegründet war; dass er einen Gegenstand haben musste; und dass ihm nicht zu
zumuten war, sich über sich selbst zu erzürnen. Leute von seiner Art würden eher
die halbe Welt untergehen sehen, eh sie sich nur gestehen würden, dass sie
gefehlt hätten. Es war also natürlich, dass er darauf bedacht war, sich durch das
Vergnügen der Rache für den Abgang desjenigen zu entschädigen, welches er sich
von der vermeinten und verhofften Bekehrung unsers Helden versprochen hatte.
    Agaton liebte die schöne Danae, weil sie, selbst nachdem der äusserste Grad
der Bezauberung aufgehört hatte, in seinen Augen noch immer das vollkommenste
Geschöpfe war, das er kannte. Was für ein Geist! was für ein Herz! was für
seltene Talente! welche Anmut in ihrem Umgang! was für eine Manchfaltigkeit von
Vorzügen und Reizungen! wie hochachtungswert musste sie das alles ihm machen! wie
vorteilhaft war ihr die Erinnerung an jeden Augenblick, von dem ersten an, da er
sie gesehen, bis zu demjenigen, da sie von sympatetischer Liebe überwältiget
die seinige glücklich gemacht hatte! Kurz alles was er von ihr wusste, war zu
ihrem Vorteil, und von allem was seine Hochschätzung hätte schwächen können,
wusste er nichts.
    Man kann sich leicht vorstellen, dass sie so unvorsichtig nicht gewesen sein
werde, sich selbst zu verraten. Es ist wahr, sie hatte sich nicht entbrechen
können, die vertraute Erzählung, welche er ihr von seinem Lebens-Lauf gemacht,
mit Erzählung des ihrigen zu erwidern; aber wir zweifeln sehr, dass sie sich zu
einer eben so gewissenhaften vertraulichkeit verbunden gehalten habe. Und woher
wissen wir auch, dass Agaton selbst, mit aller seiner Offenherzigkeit, keinen
Umstand zurück gehalten habe, von dem er vielleicht, wie ein guter Maler oder
Dichter, vorausgesehen, dass er der schönen Würkung des Ganzen hinderlich sein
könnte. Wer ist uns Bürge dafür, dass die verführische Priesterin nicht mehr über
ihn erhalten habe, als er eingestanden? Wenigstens hat einigen von unsern
Lesern, (welche vielleicht vergessen haben, dass sie keine Agatons sind) die
tiefe Gleichgültigkeit etwas verdächtig geschienen, worin ihn, bei einer
gewissen Gelegenheit, Reizungen, die, ihrer Meinung nach, in seiner blossen
Beschreibung schon verführen könnten, gelassen haben sollen. In der Tat; man mag
so schüchtern oder so Platonisch sein als man will; eine schöne Frau, welche
sich vorgenommen hat, die Macht ihrer Reizungen an uns zu prüfen, selbst von dem
Gott der Liebe begeistert, und was noch schlimmer ist, eine Priesterin - - in
einer so belaurenden Stellung, mit so schwarzen Augen, mit einem so schönen
Busen - ist ganz unstreitig ein gefährlicher Anblick für einen jeden, der (wie
Phryne sagt) keine Statue ist: Und die Poesie müsste die magischen Kräfte nicht
haben, welche ihr von jeher zugeschrieben worden sind, wenn in einer solchen
Situation das Lesen einer Scene, wie die Verführung Jupiters durch den Gürtel
der Venus in der Iliade ist, den natürlichen Würkungen eines damit so
übereinstimmenden Gegenstands, nicht eine verdoppelte Stärke hätte geben sollen.
Allein dem sei nun wie ihm wolle, so ist gewiss, dass Danae, in der Erzählung
ihrer Geschichte mehr die Gesetze des Schönen und Anständigen als die Pflichten
einer genauen historischen Treue zu ihrem Augenmerk genommen, und sich kein
Bedenken gemacht, bald einen Umstand zu verschönern, bald einen andern gar
wegzulassen, so oft es die besondere Absicht auf ihren Zuhörer erfodern mochte.
Denn für diesen allein, nicht für die Welt, erzählte sie; und sie konnte sich
also durch die strengen Forderungen, welche die Letztere (wie wohl vergebens) an
die Geschichtschreiber macht, nicht so sehr gebunden halten. Nicht, als ob sie
ihm irgend eine hauptsächliche Begebenheit ihres Lebens gänzlich verschwiegen,
oder ihn statt der würklichen durch erdichtete hintergangen hätte. Sie sagte ihm
alles. Allein es gibt eine gewisse Kunst, dasjenige was einen widrigen Eindruck
machen könnte, aus den Augen zu entfernen; es kömmt soviel auf die Wendung an;
ein einziger kleiner Umstand gibt einer Begebenheit eine so verschiedene Gestalt
von demjenigen, was sie ohne diesen kleinen Umstand gewesen wäre; dass man ohne
eine merkliche Veränderung dessen was den Stoff der Erzählung ausmacht, tausend
sehr bedeutende Treulosigkeiten an der historischen Wahrheit begehen kann. Eine
Betrachtung, die uns (im Vorbeigehen zu sagen) die Geschichtschreiber ihres
eignen werten Selbsts, keinen Xenophon noch Marcus Antoninus, ja selbst den
offenherzigen Montaigne nicht ausgenommen, noch verdächtiger macht, als irgend
eine andre Classe von Geschichtschreibern.
    Die schöne und kluge Danae hatte also ihrem Liebhaber weder ihre Erziehung
in Aspasiens Hause, noch ihre Bekanntschaft mit dem Alcibiades, noch die
glorreiche Liebe, welche sie dem Prinzen Cyrus eingeflösst hatte, verhalten. Alle
diese, und viele andre nicht so schimmernde Stellen ihrer Geschichte machten ihr
entweder Ehre, oder konnten doch mit der Geschicklichkeit, worin sie die zweite
Aspasia war, auf eine solche Art erzählt werden, dass sie ihr Ehre machten.
Allein was diejenigen Stellen betraf, an denen sie alle Kunst, die man auf ihre
Verschönerung wenden möchte, für verloren hielt; es sei nun, weil sie an sich
selbst, oder in Beziehung auf den eigenen Geschmack unsers Helden, in keiner Art
von Einkleidung, Wendung oder Licht gefallen konnten: über diese hatte sie
klüglich beschlossen, sie mit gänzlichem Stillschweigen zu bedecken; und daher
kam es dann, dass unser Held noch immer in der Meinung stund, er selbst sei der
erste gewesen, welchem sie sich durch Gunst-Bezeugungen von derjenigen Art,
womit er von ihr überhäuft worden war, verbindlich gemacht hätte. Ein Irrtum,
der nach seiner spitzfündigen Denkens-Art zu seinem Glücke so notwendig war, dass
ohne denselben alle Vollkommenheiten seiner Dame zu schwach gewesen wären, ihn
nur einen Augenblick in ihren Fesseln zu behalten. Ihm diesen Irrtum zu
benehmen, war der schlimmste Streich, den man seiner Liebe und der schönen Danae
spielen konnte; und dieses zu tun, war das Mittel, wodurch der Sophist an beiden
auf einmal eine Rache zu nehmen hoffte, deren blosse Vorstellung sein boshaftes
Herz in Erzückung setzte. Er laurte dazu nur auf eine bequeme Gelegenheit, und
diese pflegt zu einem bösen Vorhaben selten zu entgehen.
    Ob dieses letztere der Geschäftigkeit irgend eines bösen Dämons zu
zuschreiben sei, oder ob es daher komme, dass die Bosheit ihrer Natur nach eine
lebhaftere Würksamkeit hervorbringt als die Güte; ist eine Frage, welche wir
andern zu untersuchen überlassen. Es sei das eine oder das andere, so würde eine
ganz natürliche Folge dieser fast alltäglichen Erfahrungs-Wahrheit sein, dass das
Böse in einer immer wachsenden Progression zunehmen, und, wenigstens in dieser
sublunarischen Welt, das Gute zuletzt gänzlich verschlingen würde; wenn nicht
aus einer eben so gemeinen Erfahrung richtig wäre, dass die Bemühungen der Bösen,
so glücklich sie auch in der Ausführung sein mögen, doch gemeiniglich ihren
eigentlichen Zweck verfehlen, und das Gute durch eben die Massregeln und Ränke,
wodurch es hätte gehindert werden sollen, weit besser befördern, als wenn sie
sich ganz gleichgültig dabei verhalten hätten.
 
                                Zweites Capitel
                             Verräterei des Hippias
Unter andern Eigenschaften, welche den Character der Danae schätzbar machten,
war auch diese, dass sie eine vortreffliche Freundin war. So gleichgültig sie,
bis auf die Zeit da sich Agaton ihres Herzens bemeisterte, gegen den Vorwurf
der Unbeständigkeit in der Liebe auch immer gewesen war: so zuverlässig und
standhaft war sie jederzeit in der Freundschaft gewesen. Sie liebte ihre Freunde
mit einer Zärtlichkeit, welche von Leuten, die bloss nach dem äusserlichen
Ausdruck urteilen, leicht einem eigennützige Affect beigemessen werden konnte;
denn diese Zärtlichkeit stieg bis zum würksamsten Grade der Leidenschaft, sobald
es darauf ankam, einem unglücklichen Freunde Dienste zu leisten. Es war kein
Vergnügen, welches sie nicht in einem solchen Falle den Pflichten der
Freundschaft auf geopfert hätte.
    Eine Veranlassung von dieser Art (wovon die Umstände mit unsrer Geschichte
in keiner Beziehung stehen) hatte sie auf einige Tage von Smyrna abgerufen.
Agaton musste zurückbleiben, und die guterzige Danae, mit dem Beweise
zufrieden, den ihr sein Schmerz bei ihrem Abschied von seiner Liebe gab,
versüsste sich ihren eigenen durch die Vorstellung, dass die kurze Trennung ihm
den Wert seiner Glückseligkeit weit lebhafter zu fühlen geben werde, als eine
ununterbrochene Gegenwart. Ruhig über den Besitz seines Herzens empfahl sie ihm
desto eifriger, sich während ihrer Abwesenheit den Freuden, welche das reiche
und wollüstige Smyrna verschaffen konnte, zu überlassen, je gewisser sie war,
dass sie von dergleichen Zerstreuungen nichts zu besorgen habe.
    Allein Agaton hatte bereits angefangen, den Geschmack an diesen
Lustbarkeiten zu verlieren. So lebhaft, so manchfaltig, so berauschend sie sein
mögen, so sind sie doch nicht fähig einen Geist wie der seinige war, lange
einzunehmen. Als eine Beschäftigung betrachtet, können sie es nur für Leute
sein, die sonst zu nichts taugen; und Vergnügungen bleiben sie nur solange als
sie neu sind. Je lebhafter sie sind, desto bälder folgen Sättigung und Ermüdung;
und alle ihre anscheinende Manchfaltigkeit kann bei einem fortgesetzten Gebrauch
das Einförmige nicht verbergen, wodurch sie endlich selbst der verdienstlosesten
Classe der Weltleute ekelhaft werden. Die Abwesenheit der Danae benahm ihnen
vollends noch den einzigen Reiz, den sie noch für ihn gehabt hätten, das
Vergnügen sie daran Anteil nehmen zu sehen. Er brachte also bei nahe die ganze
Zeit ihrer Abwesenheit in einer Einsamkeit zu, von welcher ihn das beschäftigte
Leben zu Aten und die wollüstige Musse zu Smyrna schon etliche Jahre entwöhnet
hatten. Hier ging es ihm anfangs wie denen welche aus einem stark erleuchteten
Ort auf einmal ins Dunkle kommen. Seine Seele fühlte sich leer, weil sie
allzuvoll war; er schrieb dieses der Abwesenheit seiner Freundin zu; er fühlte
dass sie ihm mangelte, und dachte nicht daran, dass er sie weniger vermisst haben
würde, wenn die Nerven seines Geistes durch die Gewohnheit einer wollüstigen
Passivität nicht eingeschläfert worden wären. Die ersten Tage schlichen für ihn
in einer Art von zärtlicher Melancholie vorbei, welche nicht ohne Anmut war.
Danae war beinahe der einzige Gegenstand, womit seine in sich selbst
zurückgezogene Seele sich beschäftigte; oder wenn seine Erinnerung in
vorhergehende Zeiten zurück ging, wenn sie ihm das Bild seiner Psyche, oder die
schimmernden Auftritte seines Republicanischen Lebens vorhielt, so war es nur,
um den Wert der unvergleichlichen Danae und die ruhige Glückseligkeit eines
allein der Liebe, der Freundschaft, den Musen, und den Göttinnen der Freude
geweihten Privatlebens in ein höheres Licht zu setzen. Seine Liebe belebte sich
aufs neue. Sie verbreitete wieder diese begeisternde Wärme durch sein Wesen,
welche die Triebfedern des Herzens und der Einbildungs-Kraft so harmonisch
zusammenspielen macht. Er entwarf sich die Idee einer Lebens-Art, welche (Dank
seiner dichterischen Phantasie!) mehr das Leben eines Gottes, als eines
Sterblichen schien. Danae glänzte darin aus einem Himmel von lachenden Bildern
der Freude und Glückseligkeit hervor. Entzückt von diesen angenehmen Träumen,
beschloss er bei sich selbst, sein Schicksal auf immer mit dem ihrigen zu
vereinigen. Er hielt sie für würdig, diesen Agaton glücklich zu machen, welcher
zu stolz gewesen wäre, das schimmerndste Glück aus der Hand eines Königs
anzunehmen. Dieser Entschluss, welcher bei tausend andern eine nur sehr
zweideutige Probe der Liebe sein würde, war in der Tat, nach seiner Art zu
denken, der Beweis, dass die seinige auf den höchsten Grad gestiegen war.
    In einem für die Absichten der Danae so günstigen Gemüts-Zustand befand er
sich, als Hippias ihm einen Besuch machte, um sich auf eine Freundschaftliche
Art über die Einsamkeit zu beklagen, worin er seit der Entfernung der schönen
Danae lebte. Danae sollte zu frieden sein, sagte er in scherzhaftem Ton, den
liebenswürdigen Callias für sich allein zu behalten, wenn sie gegenwärtig sei;
aber ihn auch in ihrer Abwesenheit der Welt zu entziehen, das sei zuviel, und
müsse endlich die Folge haben, die Schönen zu Smyrna in eine allgemeine
Zusammenverschwörung gegen sie zu ziehen. Agaton beantwortete diesen Scherz in
dem nämlichen Ton; unvermerkt wurde das Gespräch interessant, ohne dass der
Sophist eine besondere Absicht dabei zu haben schien. Er bemühte sich seinem
Freunde zu beweisen, dass er Unrecht habe, der Gesellschaft zu entsagen, um sich
mit den Dryaden von seiner Liebe zu besprechen, und die Zephyrs mit Seufzern und
Botschaften an seine Abwesende zu beladen. Er malte ihm mit verführischen Farben
die Vergnügungen vor, deren er sich beraube, und vergass auch das Lächerliche
nicht, welches er sich durch eine so seltsame Laune in den Augen der Schönen
gebe. Seiner Meinung nach sollte ein Callias sich an einer einzigen Eroberung,
so glänzend sie auch immer sein möchte, nicht begnügen lassen; er, dem seine
Vorzüge das Recht geben, seinem Ehrgeiz in dieser Sphäre keine Grenzen zu
setzen, und der nur zu erscheinen brauche um zu siegen. Er bewies die Wahrheit
dieser Schmeichelei mit den besondern Ansprüchen, welche einige von den
berühmtesten Schönheiten zu Smyrna auf ihn machten; seinem Vorgeben nach, lag es
nur an Agaton, seine Eitelkeit, seine Neubegier und seinen Hang zum Vergnügen
zu gleicher Zeit zu befriedigen, und auf eine so mannichfaltige Art glücklich zu
sein, als sich die verzärteltste Einbildung nur immer wünschen könne.
    Agaton hatte auf alle diese schöne Vorspieglungen nur Eine Antwort - -
seine Liebe zu Danae. Der Sophist fand sie unzulänglich. Eben diese Ursachen,
welche seine Liebe zu Danae hervorgebracht hatten, sollten ihn auch für die
Reizungen andrer Schönen empfindlich machen. Seiner Meinung nach machte die
Abwechselung der Gegenstände das grösseste Glück der Liebe aus. Er behauptete
diesen Satz durch eine sehr lebhafte Ausführung der besondern Vergnügungen,
welche mit der Besiegung einer jeden besondern Classe der Schönen verbunden sei.
Die Unwissende und die Erfahrne, die Geistreiche und die Blöde, die Schöne und
die Hässliche, die Cokette, die Spröde, die Tugendhafte, die Andächtige - - kurz
jeder besondere Character beschäftige den Geschmack, die Einbildung, und so gar
die Sinnen (denn von dem Herzen war bei ihm die Rede nicht) auf eine eigene
Weise - - erfordre einen andern Plan, setze andre Schwierigkeiten entgegen, und
mache auf eine andre Art glücklich. Das Ende dieser schönen Ausführung war, dass
es unbegreiflich sei, wie man so viel Vergnügen in seiner Gewalt haben, und es
sich nur darum versagen könne, um die einförmigen Freuden einer einzigen, mit
romanhafter Treue in gerader Linie sich fortschleppenden Leidenschaft bis auf
die Hefen zu erschöpfen.
    Agaton gab zu, dass die Abwechselung, wozu ihn Hippias aufmuntre, für einen
müssigen Wollüstling ganz angenehm sein möge, der aus dieser Art von Zeitvertreib
das einzige Geschäfte seines Lebens mache. Er behauptete aber, dass diese Art von
Leuten niemalen erfahren haben müsste, was die wahre Liebe sei. Er überliess sich
hierauf der ganzen Schwärmerei seines Herzens, um dem Hippias eine Abschilderung
von demjenigen zu machen, was er von dem ersten Anblick an bis auf diese Stunde
für die schöne Danae empfunden; er beschrieb eine so wahre, so delicate, so
vollkommene Liebe, breitete sich mit einer so begeisterten Entzückung über die
Vollkommenheiten seiner Freundin, über die Sympatie ihrer Seelen, und die fast
vergötternde Wonne, welche er in ihrer Liebe geniesse, aus, dass man entweder die
Bosheit eines Hippias oder die freundschaftliche Harterzigkeit eines Mentors
haben musste, um fähig zu sein, ihn einem so beglückenden Irrtum zu entreissen.
    Die Reizungen der schönen Danae sind zu bekannt, versetzte der Sophist, und
ihre Vorzüge in diesem Stücke werden sogar von ihrem eigenen Geschlecht so
allgemein eingestanden, dass Lais selbst, welche den Ruhm hat, dass die Edelsten
der Griechen und die Fürsten ausländischer Nationen den Preis ihrer Nächte in
die Wette steigern, lächerrlich sein würde, wenn sie sich einfallen lassen
wollte, mit ihr um den Preis der Liebenswürdigkeit zu streiten. Aber dass sie
jemals die Ehre haben würde, eine so ehrwürdige, so metaphysische, so über alles
was sich denken lässt erhabene Liebe einzuflössen - - dass der Macht ihrer
Reizungen noch dieses Wunder aufbehalten sei, das einzige welches ihr noch
abging - - das hätte sich in der Tat niemand träumen lassen können, ohne sich
selbst über einen solchen Einfall zu belachen.
    Hier ging unserm Helden, welcher die boshafte Vergleichung mit der
Corintischen Lais schon auf die befremdlichste Art ärgerlich gefunden hatte,
die Geduld gänzlich aus. Er setzte den Sophisten mit aller Hitze eines in dem
Gegenstande seiner Anbetung beleidigten Liebhabers wegen des zweideutigen Tons
zu Rede, womit er sich anmasse, von einer Person wie Danae zu sprechen; und sein
Unwille sowohl als seine Verwirrung stieg auf den äussersten Grad, da ein
Satyr-mässiges Gelächter die ganze Antwort des Hippias war.
    Es ist so leicht voraus zu sehen, was für einen Ausgang diese Scene nehmen
musste, dass wir nach allem was von den Absichten des Sophisten bereits gesagt
worden ist, den Leser seiner eignen Einbildung überlassen können. Ungeduldige
Fragen auf der einen - - Ausflüchte und schalkhafte Wendungen auf der andern
Seite; bis sich Hippias auf vieles Zureden endlich das Geheimnis des wahren
Standes der schönen Danae, und derjenigen Anecdoten, welche wir (wiewohl aus
unschuldigern Absichten) unsern Lesern schon im dritten Capitel des vierten
Buches verraten haben, mit einer Gewalt, welcher seine vorgebliche Freundschaft
für Agaton nicht widerstehen konnte, abnötigen liess.
    Wir haben schon bemerkt, wie viel es bei Erzählung einer Begebenheit auf die
Absicht des Erzählers ankomme, und wie verschieden die Wendungen seien, welche
sie durch die Verschiedenheit derselben erhält. Danae erzählte ihre Geschichte
mit der unschuldigen Absicht zu gefallen. Sie sah natürlicher Weise ihre
Aufführung, ihre Schwachheiten, ihre Fehltritte selbst in einem mildern, und
(lasset uns die Wahrheit sagen) in einem wahrern Licht als die Welt; welche auf
der einen Seite von allen den kleinen Umständen, die uns rechtfertigen oder
wenigstens unsre Schuldvermindern könnten, nicht unterrichtet, und auf der
andern Seite boshaft genug ist, um ihres grössern Vergnügens willen das Gemälde
unsrer Torheiten mit tausend Zügen zu überladen, um welche es zwar weniger wahr
aber desto comischer wird. Unglücklicher Weise für sie erforderte die Absicht
des Hippias, dass er diese schalkhafte Kunst, eine Begebenheit ins Hässliche zu
malen, so weittreiben musste, als es die Gesetze der Wahrscheinlichkeit nur immer
erlauben konnten.
    Unser Held glich während dieser Entdeckungen mehr einer Bild-Säule oder
einem Toten als sich selbst. Kalte Schauer und fliegende Glut fuhren
wechselsweise durch seine Adern. Seine von den widerwärtigsten Leidenschaften
auf einmal bestürmte Brust atmete so langsam, dass er in Ohnmacht gefallen wäre,
wenn nicht Eine davon plötzlich die Oberhand behalten, und durch den heftigsten
Ausbruch dem gepressten Herzen Luft gemacht hätte. Das Licht, worin ihm Hippias
seine Göttin zeigte, machte mit demjenigen, worin er sie zu sehen gewohnt war,
einen so beleidigenden Contrast; der Gedanke, sich so sehr betrogen zu haben,
war so unerträglich, dass es ihm unmöglich fallen musste, dem Sophisten Glauben
beizumessen. Der ganze Sturm, der seine Seele schwellte, brach also über den
Verräter aus. Er nannte ihn einen falschen Freund, einen Verleumder, einen
Nichtswürdigen - - rief alle rächende Gotteiten gegen ihn auf- - schwur, wofern
er die Beschuldigungen, womit er die Tugend der schönen Danae zu beschmitzen
sich erfrechete, nicht bis zur unbetrüglichsten Evidenz erweisen werde, ihn als
ein das Sonnenlicht befleckendes Ungeheuer zu vertilgen, und seinen verfluchten
Rumpf unbegraben den Vögeln des Himmels preis zu geben.
    Der Sophist sah diesem Sturm mit der Gelassenheit eines Menschen zu, der die
Natur der Leidenschaften kennt; so ruhig, wie einer der vom sichern Ufer dem
wilden Aufruhr der Wellen zusieht, dem er glücklich entgangen ist. Ein
mitleidiger Blick, dem ein schalkhaftes Lächeln seinen zweideutigen Wert
vollends benahm, war alles, was er dem Zorn des aufgebrachten Liebhabers
entgegensetzte. Agaton stutzte darüber. Ein schrecklicher Zweifel warf ihn auf
einmal auf die entgegengesetzte Seite. Rede, Grausamer, rief er aus, rede!
Beweise deine hassenswürdigen Anklagen so klar als Sonnenschein; oder bekenne,
dass du ein verrätrischer Elender bist, und vergeh vor Scham! - Bist du bei
Sinnen, Callias, antwortete der Sophist mit dieser verruchten Gelassenheit,
welche in solchen Umständen der triumphierenden Bosheit eigen ist--komm erst zu
dir selbst; sobald du fähig sein wirst, Vernunft anzuhören, will ich reden.
    Agaton schwieg; denn was kann derjenige sagen, der nicht weiss was er denken
soll?
    Wahrhaftig, fuhr der Sophist fort, ich begreife nicht, was für eine Ursache
du zu haben glaubst, den rasenden Ajax mit mir zu spielen. Wer redet von
Beschuldigungen? Wer klagt die schöne Danae an? Ist sie vielleicht weniger
liebenswürdig, weil du weder der erste bist der sie gesehen, noch der erste, der
sie empfindlich gefunden hat? Was für Launen das sind! Glaube mir, jeder andrer
als du hätte nichts weiter nötig gehabt als sie zu sehen, um meine Nachrichten
glaubwürdig zu finden; Ihr blosser Anblick ist ein Beweis. Aber du forderst einen
stärkern; du sollst ihn haben, Callias. Was sagtest du, wenn ich selbst einer
von denen gewesen wäre, welche sich rühmen können, die schöne Danae empfindlich
gesehen zu haben? - - Du? rief Agaton mit einem unglaubigen Erstaunen, welches
eben nicht schmeichelhaft für die Eitelkeit des Sophisten war. Ja, Callias; ich;
erwiderte jener; ich, wie du mich hier siehest, zehn oder zwölf Jahre
abgerechnet, um welche ich damals geschickter sein mochte, den Beifall einer
schönen Dame zu erhalten. Du glaubest vielleicht ich scherze; aber ich bin
überzeugt, dass deine Göttin selbst zu edel denkt, um dir wenn du sie mit guter
Art fragen wirst, eine Wahrheit verhalten zu wollen, von welcher ganz Smyrna
zeugen könnte.
    Hier fuhr der barbarische Mensch fort, ohne das geringste Mitleiden mit dem
Zustande, worein er den armen Agaton durch seine Prahlereien setzte, die
Glückseligkeiten, welche er in den Armen der schönen Danae (der Himmel weiss mit
welchem Grunde) genossen zu haben vorgab, von Stück zu Stück mit einem Ton von
Wahrheit, und mit einer Munterkeit zu beschreiben, welche seinen Zuhörer beinahe
zur Verzweiflung brachte. Es ist vorbei, fiel er endlich dem Sophisten mit einer
so heftigen Bewegung in die Rede, dass er in diesem Augenblick mehr als ein
Mensch zu sein schien - - Es ist vorbei! O Tugend, du bist gerochen! - -
Hippias, du hast mich unter der lächelnden Maske der Freundschaft mit einem
giftigen Dolch durchbohret - - aber ich danke dir - - deine Bosheit leistet mir
einen wichtigern Dienst als alles was deine Freundschaft für mich hätte tun
können. Sie eröffnet mir die Augen - - zeigt mir auf einmal in den Gegenständen
meiner Hochachtung und meines Zutrauens, in dem Abgott meines Herzens und in
meinem vermeinten Freunde, die zwei verächtlichsten Gegenstände, womit jemals
meine Augen sich besudelt haben. Götter! die Buhlerin eines Hippias! Kann etwas
unter diesem untersten Grade der Entehrung sein? Mit dieser Apostrophe warf er
den verachtungsvollesten Blick, der jemals aus einem Menschlichen Auge gebljetzt
hat, auf den betroffenen Sophisten, und begab sich hinweg.
 
                                Drittes Capitel
                           Feigen des Vorhergehenden
Die menschliche Seele ist vielleicht keines heftigern Schmerzens fähig, als
derjenige ist, wenn wir uns genötiget sehen, den Gegenstand unsrer zärtlichsten
Gesinnungen zu verachten. Alles was man davon sagen kann ist zu schwach, die
Pein auszudrücken, die durch eine so gewaltsame Zerreissung in einem gefühlvollen
Herzen verursacht wird. Wir wollen also lieber gestehen, dass wir uns unvermögend
finden, den Tumult der Leidenschaften, welche in den ersten Stunden nach einer
so grausamen Unterredung in dem Gemüte Agatons wüteten, abzuschildern, als
durch eine frostige Beschreibung zu gleicher Zeit unsre Vermessenheit und unser
Unvermögen zu verraten.
    Das erste was er tat, sobald er seiner selbst wieder mächtiger wurde, war,
dass er alle seine Kräfte anstrengte, sich zu überreden, dass ihn Hippias betrogen
habe. War es zuviel, das Schlimmste von einem so ungeheuern Bösewicht zu denken,
als dieser Sophist nunmehr in seinen Augen war? Was für eine Gültigkeit konnte
ein solcher Zeuge gegen eine Danae haben? - Oder vielmehr, was für einen
mächtigen Apologisten hattest du, schöne Danae, in dem Herzen deines Agaton!
Was hätte Hyperides selbst, ob er gleich beredt genug war, die Atenienser von
der Unschuld einer Phryne zu überzeugen, stärkers und scheinbarers zu deiner
Verteidigung sagen können, als was er sich selbst sagte? - - Vermutlich würde
die Vernunft allein von dieser sophistischen Beredsamkeit der Liebe überwältiget
worden sein: Aber die Eifersucht, welche ihr zu Hülfe kam, gab den Ausschlag.
Unter allen Leidenschaften ist keine, welcher die Verwandlung des Möglichen ins
Würkliche weniger kostet als diese. In dem zweifelhaften Lichte, welches sie
über seine Seele ausbreitete, wurde Vermutung zu Wahrscheinlichkeit und
Wahrscheinlichkeit zu Gewissheit; nicht anders als wenn er mit der spitzfündigen
Delicatesse eines Julius Cäsars die schöne Danae schon darum schuldig gefunden
hätte, weil sie bezüchtiget wurde. Er verglich ihre eigene Erzählung mit des
Hippias seiner, und glaubte nun, da das Misstrauen sich seines Geistes einmal
bemächtiget hatte, hundert Spuren in der ersten wahrzunehmen, welche die
Wahrheit der letztern bekräftigten. Hier hatte sie einem Umstand eine
gekünstelte Wendung geben müssen; dort war sie, (wie er sich zu erinnern
glaubte) verlegen gewesen, was sie aus einem andern machen sollte, der ihr
unversehens entschlüpft war.
    Mit einem eben so schielenden Auge durchging er ihr ganzes Betragen gegen
ihn. Wie deutlich glaubte er izt zu sehen, dass sie von dem ersten Augenblick an
Absichten auf ihn gehabt habe! Tausend kleine Umstände, welche ihm damals ganz
gleichgültig gewesen waren, schienen ihm izt eine geheime Bedeutung gehabt zu
haben. Er besann sich, er verglich und combinierte so lange, bis es ihm ganz
glaublich vorkam, dass alles was bei dem ersten Besuche, den er ihr mit Hippias
gemacht, bis zu seinem Übergang in ihre Dienste vorgegangen, die Folgen eines
zwischen ihr und dem Sophisten abgeredeten Plans gewesen seien. Wie sehr
vergiftete dieser Gedanke alles was sie für ihn getan hatte! wie gänzlich benahm
er ihren Handlungen diese Schönheit und Grazie, die ihn so sehr bezaubert hatte!
Er sah nun in diesem vermeinten Urbild einer jeden idealen Vollkommenheit nichts
mehr als eine schlaue Buhlerin, welche von einer grossen Fertigkeit in der Kunst
die Herzen zu bestricken den Vorteil über seine Unschuld erhalten hatte! Wie
verächtlich kamen ihm izt diese Gunstbezeugungen vor, welche ihm so kostbar
gewesen waren, so lang er sie für Ergiessungen eines für ihn allein empfindlichen
Herzens angesehen hatte! Wie verächtlich diese Freuden, die ihn in jenem
glücklichen Stande der Bezauberung den Göttern gleich gemacht! Wie zürnte er izt
über sich selbst, dass er töricht genug hatte sein können, in ein so sichtbares,
so handgreifliches Netz sich verwickeln zu lassen!
    Das Bild der liebenswürdigen Psyche konnte sich ihm zu keiner ungelegnern
Zeit für Danae darstellen als izt. Aber es war natürlich, dass es sich
darstellte; und wie blendend war das Licht, worin sie ihm izt erschien! Wie
wurde sie durch die verdunkelte Vorzüge ihrer unglücklichen Nebenbuhlerin
herausgehoben! Himmel! wie war es möglich, dass die Beischläferin eines
Alcibiades, eines Hippias - - eines jeden andern, der ihr gefiel, fähig sein
konnte, diese liebenswürdige Unschuld auszulöschen, deren keusche Umarmungen,
anstatt seine Tugend in Gefahr zu setzen, ihr neues Leben, neue Stärke gegeben
hatten? - - Er trieb die Vergleichung so weit sie gehen konnte. Beide hatten ihn
geliebt; aber, welch ein Unterschied in der Art zu lieben! welch ein Unterschied
zwischen jener Nacht - - an die er sich izt mit Abscheu erinnerte - - wo Danae,
nachdem sie alle ihre Reizungen, alles was die schlaueste Verführungn der Musik
aufgeboten, seine Sinnen zu berauschen und sein ganzes Wesen in wollüstige
Begierden aufzulösen, sich selbst mit zuvorkommender Güte in seine Arme geworfen
hatte - - und den elysischen Nächten, die ihm an Psychens Seite in der reinen
Wonne entkörperter Geister, wie ein einziger himmlischer Augenblick,
vorübergeflossen waren! - - Arme Danae! So gar die Reizungen ihrer Figur
verloren bei dieser Vergleichung einen Vorzug, den ihnen nur das parteilichste
Vorurteil absprechen konnte. Diese Gestalt der Liebes-Göttin, bei deren
Anschauen seine entzückte Seele in Wollust zerflossen war, sank izt, mit der
jungfräulichen Geschmeidigkeit der jungen Psyche verglichen, in seiner
gramsüchtigen Einbildung zu der üppigen Schönheit einer Bacchantin herab- -der
Wut eines Wein-triefenden Satyrs würdiger als der zärtlichen Entzückungen,
welche er sich izt schämte, in einer unverzeihlichen Betörung seiner Seele, an
sie verschwendet zu haben.
    Ohne Zweifel werden unsre tugendhafte Leserinnen, welche den Fall unsers
Helden nicht ohne gerechten Unwillen gegen die feine Buhler-Künste der schönen
Danae betraurt haben, von Herzen erfreut sein, die Ehre der Tugend, und gewisser
massen das Interesse ihres ganzen Geschlechts an dieser Verführerin gerochen zu
sehen. Wir nehmen selbst vielen Anteil an dieser ihrer Freude; aber wir können
uns doch, mit ihrer Erlaubnis nicht entbrechen zu sagen, dass Agaton in der
Vergleichung zwischen Danae und Psyche eine Strenge bewies, welche wir nicht
allerdings billigen können, so gerne wir ihn auch von einer Leidenschaft
zurückkommen sehen, deren längere Dauer uns in die Unmöglichkeit gesetzt hätte,
diesen zweiten Teil seiner Geschichte zu liefern.
    Danae mag wegen ihrer Schwachheit gegen unsern Helden so tadelnswürdig sein,
als man will, so war es doch offenbar unbillig, sie zu verurteilen, weil sie
keine Psyche war; oder, um bestimmter zu reden, weil sie in ähnlichen Umständen
sich nicht vollkommen so wie Psyche betragen hatte. Wenn Psyche unschuldiger
gewesen war, so war es weniger ein Verdienst, als ein physicalischer Vorzug,
eine natürliche Folge ihrer Jugend und ihrer Umstände: Danae war es vermutlich
auch, da sie, unter der Aufsicht ihres edeln Bruders, mit aller Naivität eines
Landmädchens vor vierzehen Jahren bei den Gastmählern zu Aten, nach der Flöte
tanzte, oder den Alcamenen, für die Gebühr, das Model zu dem halbaufgeblühten
Busen einer Hebe vorhielt. War es ihre Schuld, dass sie nicht zu Delphi erzogen
worden? Oder, dass sich die ersten Empfindungen ihres jugendlichen Herzens für
einen Alcibiades, und nicht für einen Agaton entfalteten? - - Psyche liebte
unschuldiger; wir geben's zu; aber die Liebe bleibt doch in ihren Würkungen
allezeit sich selbst ähnlich. Sie erweitert ihre Foderungen so lange bis sie im
Besitz aller ihrer Rechte ist; und die treuherzige Unerfahrenheit ist am
wenigsten im Stande, ihr diese Forderungen streitig zu machen. Es war glücklich
für die Unschuld der zärtlichen Psyche, dass ihre nächtliche Zusammenkünfte
unterbrochen wurden, eh diese auf eine so geistige Art sinnliche Schwärmerei,
worin sie beide so schöne Progressen zu machen angefangen hatten, ihren höchsten
Grad erreichte. Vielleicht noch wenige Tage, oder auch später, wenn ihr wollt;
aber desto gewisser würden die guten Kinder, von einer unschuldigen Ergiessung
des Herzens zur andern, von einem immer noch zu schwachen Ausdruck ihrer
unaussprechlichen Empfindungen zum andern, sich endlich, zu ihrer eignen grossen
Verwunderung, da gefunden haben, wo die Natur sie erwartet hätte; und wo würde
da der wesentlichste Vorzug der Unschuld geblieben sein? - - Ein andrer Umstand,
worin Psyche glücklicher Weise den Vorteil über Danae hatte, war dieser, dass ihr
Liebhaber eben so unschuldig war als sie selbst, und bei aller seiner
Zärtlichkeit nur nicht den Schatten eines Gedankens hatte, ihrer Tugend
nachzustellen. Wissen wir, wie sie sich verhalten hätte, wenn sie auf die Probe
gestellt worden wäre? Sie würde widerstanden haben; daran ist kein Zweifel;
aber, setzet hinzu; so lang es ihr möglich gewesen wäre. Denn dass sie stark
genug gewesen wäre ihn zu fliehen, ihn gar nicht mehr zu sehen, das ist nicht zu
vermuten. Sie würde also endlich doch von den süssen Verführungen der Liebe
überschlichen worden sein, so weit sie auch den Augenblick ihrer Niederlage
hätte zurückstellen mögen. Man könnte sagen: Gesetzt auch, sie würde die Probe
nicht ausgehalten haben, so hätte sie doch widerstanden; Danae hingegen habe
ihren Fall nicht nur vorausgesehen, und beschleunigt, sondern er sei sogar das
Werk ihrer eignen Massnehmungen gewesen; und wenn sie ihn aufgezogen habe, so sei
es allein des Vorteils ihrer Liebe und ihres Vergnügens wegen, nicht aus Tugend,
geschehen. Alles das ist nicht zu leugnen; allein vorausgesetzt, dass sie sich
endlich doch ergeben haben würde, (welches auf eine oder die andere Art doch
allemal der stillschweigende Vorsatz einer jeden ist, die sich in eine
Liebes-Angelegenheit waget) wozu würde ein langwieriger eigensinniger Widerstand
gedient haben, als sich selbst und ihrem Liebhaber unnötige Qualen zu
verursachen? Genung, dass der strengeste Wohlstand der heutigen Welt nicht halb
soviel Zeit fodert, als sie anwandte, dem Agaton seinen Sieg zu erschweren. Und
glauben wir etwan, dass sie sich keine Gewalt habe antun müssen, einen so
vollkommenen Liebhaber, einen Liebhaber dessen ausserordentlicher Wert die
Heftigkeit ihrer Neigung so gut rechtfertigte, so lange schmachten zu lassen?
oder dass die Selbstverleugnung, welche dazu erfordert wurde, eine Person, deren
Einbildungs-Kraft mit den lebhaftesten Vergnügungen der Liebe schon so bekannt
war, nicht zum wenigsten eben soviel gekostet habe, als einer noch unerfahrenen
Person der ernstlichste Widerstand kosten kann?
    Wir sagen dieses alles nicht, um die schöne Danae zu rechtfertigen; sondern
nur zu zeigen, dass Agaton in der Hitze des Affects zu strenge über sie
geurteilt habe. Es war unbillig, ihr eine Gütigkeit zum Verbrechen zu machen,
welche ihn so glücklich gemacht hatte, als er elend gewesen sein würde, wenn sie
schlechterdings darauf beharret wäre, die heftige Leidenschaft, von der er
verzehrt wurde, bloss allein durch die ruhigen Gesinnungen der Freundschaft
erwidern zu wollen. Allein das Vorurteil, von welchem er nun eingenommen war,
machte ihn unfähig ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Gedanke, dass sie
einen Hippias eben so begünstiget habe als ihn, machte ihm alles verdächtig, was
ihn hätte überzeugen können, dass wenn ihm gleich andere in dem Genuss ihrer
Gunstbezeugungen zuvorgekommen, er doch der erste gewesen sei, der ihr Herz
wahrhaftig gerührt habe. Kurz, er sah nun nichts in ihr als eine Buhlerin,
welche in dem Gesichtspunct, worin sie ihm izt erschien, vor den übrigen ihrer
Classe keinen andern Vorzug hatte, als dass sie gefährlicher war.
    Indessen konnte sein Unwille gegen sie nicht so heftig sein als er war, ohne
sich gegen sich selbst zu kehren. Die Vorstellung, dass er die Stelle eines
Hippias, eines Hyacints, bei ihr vertreten habe, machte ihn in seinen eigenen
Augen zum verächtlichsten Sclaven; er schämte sich vor seinem ehmaligen bessern
Selbst, wenn er an die Rechenschaft dachte, welche er sich von seinem Aufentalt
zu Smyrna schuldig sei. Würde er so gar, wenn Danae würklich diejenige gewesen
wäre, wofür er sie in der Trunkenheit der Leidenschaft gehalten hatte, vor dem
Gerichtstuhl der Tugend haben bestehen können? Was wollte er dann nun antworten,
da er sich selbst anklagen musste, eine so lange Zeit ohne irgend eine
lobenswürdige Tat, verloren für seinen Geist, verloren für die Tugend, verloren
für sein eigenes und das allgemeine Beste, in untätigem Müssiggang, und, was noch
schlimmer war, in der verächtlichen Bestrebung den wollüstigen Geschmack einer
Danae zu belustigen, ihre Begierden, ihre von dem Rest des üppigen Feuers ihrer
Jugend noch erhitzte Einbildung zu befriedigen, unruhmlich verschwendet zu
haben? Er trieb die Vorwürfe, welche er bei diesen gelbsüchtigen Vorstellungen
sich selbst machte, so weit als sie der Affect einer allzufeurigen, aber mit
angeborner Liebe zur Tugend durchdrungenen Seele treiben kann. Die Schmerzen
wovon sein Gemüt dadurch zerrissen wurde, waren so heftig, dass er die ganze
Nacht, welche auf diesen traurigen Tag folgte, in einer fiebrischen Hitze
zubrachte, welche, mit dem Zustande, worin sich seine Seele befand,
zusammengenommen, ein sehr fügliches Bild derjenigen Pein hätte abgeben können,
worin, nach dem allgemeinen Glauben aller Völker, die Lasterhaften in einem
andern Leben die Verbrechen des gegenwärtigen büssen.
    Wir haben schon einmal angemerkt, dass das Missvergnügen über uns selbst ein
allzuschmerzhafter Zustand sei, als dass ihn unsre Seele lange ausdauern könnte.
Es ist natürlich, dass die Selbstliebe allen ihren Kräften aufbeut, um sich
Linderung zu verschaffen; und wenn wir betrachten, wie wenig Gutes ein
anhaltendes Gefühl von Scham und Verachtung seiner selbst würken kann, und wie
nachteilig im Gegenteil Gram und Niedergeschlagenheit, natürliche Folgen, der
wiederkehrenden Tugend sein müssen: so haben wir vielleicht Ursache, die
Geschäftigkeit der Eigenliebe, uns bei uns selbst zu entschuldigen, für eine von
den nötigsten Springfedern unsrer Seele, in diesem Stande des Irrtums und der
Leidenschaften, worin sie sich befindet, anzusehen. Die Reue ist zu nichts gut,
als uns einen tiefen Eindruck von der Hässlichkeit eines törichten oder
unsittlichen Verhaltens, dessen wir uns schuldig fühlen, zu geben. Sobald sie
diese Würkung getan hat, soll sie aufhören; ihre Dauer würde uns nur die Kräfte
benehmen, uns in einen bessern Zustand emporzuarbeiten, und dadurch eben so
schädlich werden als eine allzugrosse Furcht, die zu nichts dient, als uns dem
Übel desto gewisser auszuliefern, welchem wir behutsam entfliehen oder mutig
widerstehen sollten.
    Agaton hatte desto mehr Ursache, diesen wohltätigen Eingebungen der
Eigenliebe Gehör zu geben, da ihm seine allezeit zu warme Einbildungs-Kraft
seine Vergehungen und den Gegenstand derselbigen würklich in einem weit
hässlichern Lichte gezeigt hatte, als die gelassene und unparteiische Vernunft
getan haben wurde. Die seltsame Abwechselung dieser launischen Zauberin, und wie
wenig ihr der plötzliche Übergang von dem äussersten Grad eines Affects zum
entgegen gesetzten kostet, wird vermutlich einem guten Teil unsrer Leser aus
eigner Erfahrung so wohl bekannt sein, dass sie sich nicht verwundern werden, zu
vernehmen, dass die Begierde sich selbst in seinen eignen Augen zu rechtfertigen,
oder doch wenigstens soviel möglich zu entschuldigen, unsern Helden unvermerkt
dahin gebracht habe, auch der schönen Danae einen Teil der Gerechtigkeit wieder
angedeihen zu lassen, der ihr von den strengesten Verehrern der Tugend nicht
versagt werden kann. Es war schwer, sehr schwer, würde ein Socrates gesagt
haben, den Reizungen eines so schönen Gegenstandes, den Verführungen so vieler
vereinigter Zauberkräfte zu widerstehen; die Flucht war das einzige sichere
Rettungs-Mittel; es war freilich fast eben so schwer; aber das Vermögen dazu war
wenigstens anfangs in eurer Gewalt; und es war unvorsichtig an euch, nicht zu
denken, dass eine Zeit kommen würde, da ihr keine Kräfte mehr zum fliehen haben
würdet. So ungefähr möchte derjenige gesagt haben, der den Critobulus, weil er
den schönen Knaben des Alcibiades geküsst hatte, einen Wagehals nannte; und dem
jungen Xenophon riet, vor einem schönen Gesichte so behende wie vor einem
Basilisken davon zu laufen. Allein so bescheiden und so wahr klang die Sprache
der Eigenliebe nicht. Es war unmöglich, sagte sie unserm Helden, so mächtigen
Reizungen zu widerstehen; es war unmöglich zu entfliehen. Sie nahm die ganze
Lebhaftigkeit seiner Einbildungs-Kraft zu hülfe, ihm die Wahrheit dieser
tröstlichen Versicherungen zu beweisen; und wenn sie es nicht so weit brachte,
ein gewisses innerliches Gefühl, welches ihr widersprach, und welches vielleicht
das gewisseste Merkmal der Freiheit unsers Willens ist, gänzlich zu betäuben, so
gelang es ihr doch unvermerkt, den Gram aus seinem Gemüte zu verbannen, und
dieses sanfte Licht wieder darin auszubreiten, worin wir ordentlicher Weise
alles, was zu uns selbst gehört, zu sehen gewohnt sind.
    Allein Danae gewann wenig bei dieser ruhigern Verfassung seines Herzens.
Ihre Vollkommenheiten rechtfertigten zwar die hohe Meinung die er von ihrem
Character gefasset hatte, und beides; die Grösse seiner Leidenschaft; er vergab
sich selbst, sie so sehr geliebt zu haben, so lang er Ursache gehabt hatte, die
Schönheit ihrer Seele für eben so ungemein zu halten als es die Reizungen ihrer
Person waren: Aber sie verlor mit dem Recht an seine Hochachtung alle Gewalt
über sein Herz. Der Entschluss sie zu verlassen war die natürliche Folge davon,
und dieser kostete ihn, da er ihn fasste, nur nicht einen Seufzer; so tief war
die Verachtung, wovon er sich gegen sie durchdrungen fühlte. Die Erinnerung
dessen was er gewesen war, das Gefühl dessen was er wieder sein könne, sobald er
wolle, machte ihm den Gedanken unerträglich, nur einen Augenblick länger der
Sclave einer andern Circe zu sein, die durch eine schändlichere Verwandlung als
irgend eine von denen welche die Gefährten des Ulysses erdulden mussten, den
Helden der Tugend in einen müssigen Wollüstling verwandelt hatte.
    Bei so bewandten Umständen war es nicht ratsam, ihre Wiederkunft zu
erwarten, welche, nach ihrem Bericht, längstens in dreien Tagen erfolgen sollte.
Denn sie hatte keinen Tag vorbeigehen lassen, ohne ihm zu schreiben; und die
Notwendigkeit, ihr eben so regelmässig zu antworten, setzte ihn, nach der grossen
Revolution die in seinem Herzen vorgegangen war, in eine desto grössere
Verlegenheit, da er zu aufrichtig und zu lebhaft war, Empfindungen vorzugeben,
die sein Herz verleugnete. Seine Briefchen wurden dadurch so kurz, und verrieten
so vielen Zwang, dass Danae auf einen Gedanken kam, der zwar nicht sehr
wahrscheinlich, aber doch der natürlichste war, der ihr einfallen konnte. Sie
vermutete, ihre Abwesenheit könnte eine von den Schönen zu Smyrna verwegen genug
gemacht haben, ihr einen so beneidenswürdigen Liebhaber entführen zu wollen.
Wenn ihr Stolz zu einem so vermessenen Vorhaben lächelte; so liebte sie doch zu
zärtlich, um so ruhig dabei zu sein, als man aus der muntern Art, womit sie über
seine Erkältung scherzte, hätte schliessen sollen. Indessen behielt doch das
Bewusstsein ihrer Vorzüge die Oberhand, und liess ihr keinen Zweifel, dass es nur
ihre Gegenwart brauche, um alle Eindrücke, welche eine Nebenbuhlerin auf der
Oberfläche seines Herzens gemacht haben könne, wieder auszulöschen. Und wenn sie
dessen auch weniger gewiss gewesen wäre, so war sie doch zu klug, ihn merken zu
lassen, dass sie ein Misstrauen in sein Herz setze, oder fähig sein könnte, sich
ihm jemals durch eine grillenhafte Eifersucht beschwerlich zu machen. Bei allem
dem beschleunigte dieser Umstand ihre Zurückkunft; und der Gedanke, dass es ihr
vielleicht einfallen könnte, ihn durch eine frühere Ankunft, als sie in ihrem
letzten Briefe versprochen hatte, überraschen zu wollen, (ein Gedanke, den wir
sehr geneigt sind der Eingebung des Schutzgeistes seiner Tugend zu zuschreiben,
so prophetisch war er) stellte ihm die Notwendigkeit der schleunigsten Flucht so
dringend vor, dass er sich, sobald er den Boten der Danae abgefertiget hatte,
nach dem Haben begab, sich um ein Schiff um zu sehen, welches ihn noch in dieser
Nacht von Smyrna entfernen möchte.
 
                                Viertes Capitel
                            Eine kleine Abschweifung
Unsere Leser werden, wenn sie diese Geschichte mit etwas weniger Flüchtigkeit
als einen Französischen Roman du jour zu lesen würdigen, bemerkt haben, dass die
Wiederherstellung unsers Helden aus einem Zustande, in welchem er diesen Namen
allerdings nicht verdient hat, eigentlich weder seiner Vernunft noch seiner
Liebe zur Tugend zu zuschreiben sei; so angenehm es uns auch gewesen wäre, der
einen oder der andern die Ehre einer so schönen Cur allein zu zuwenden. Mit
aller der aufrichtigen Hochachtung, welche wir für beide hegen, müssen wir
gestehen, dass wenn es auf sie allein angekommen wäre, Agaton noch lange in den
Fesseln der schönen Danae hätte liegen können; ja wir haben Ursache zu glauben,
dass die erste gefällig genug gewesen wäre, durch tausend schöne Vorspiegelungen
und Schlüsse die andre nach und nach gänzlich einzuschläfern, oder vielleicht
gar zu einem gütlichen Vergleich mit der Wollust, ihrer natürlichen und
gefährlichsten Feindin, zu bewegen. Wir leugnen hiemit nicht, dass sie das ihrige
zur Befreiung unsers Freundes beigetragen; indessen ist doch gewiss, dass
Eifersucht und beleidigte Eigenliebe das meiste getan haben, und dass also, ohne
die wohltätigen Einflüsse zwoer so verschreiter Leidenschaften, der ehmals so
weise, so tugendhafte Agaton ein glorreich angefangenes Leben, allem Anscheinen
nach, zu Smyrna unter den Rosen der Venus unrühmlich hinweggescherzet haben
würde.
    Wir wollen durch diese Bemerkung dem grossen Haufen der Moralisten eben nicht
zugemutet haben, gewisse Vorurteile fahren zu lassen, welche sie von ihren
Vorgängern, und diese, wenn wir um einige Jahrhunderte bis zur Quelle
hinaufsteigen wollen, von den Mönchen und Einsamen, womit die Morgenländer von
jeher unter allen Religionen angefüllt gewesen sind, durch eine den Progressen
der gesunden Vernunft nicht sehr günstige Überlieferung geerbt zu haben
scheinen. Hingegen würde uns sehr erfreulich sein, wenn diese gegenwärtige
Geschichte die glückliche Veranlassung geben könnte, irgend einen von den echten
Weisen unsrer Zeit aufzumuntern, mit der Fackel des Genie in gewisse dunkle
Gegenden der Moral-Philosophie einzudringen, welche zu beträchtlichem Abbruch
des allgemeinen Besten, noch manches Jahr-Tausend unbekanntes Land bleiben
werden, wenn es auf die vortrefflichen Leute ankommen sollte, durch deren
unermüdeten Eifer seit geraumen Jahren die deutschen Pressen unter einem in alle
mögliche Formen gegossenen Mischmasch unbestimmter und nicht selten
willkürlicher Begriffe, schwärmerischer Empfindungen, andächtiger Wortspiele,
grotesker Charactern, und schwülstiger Declamationen zu seufzen gezwungen
werden. Für diejenigen, welche unsern frommen Wunsch zu erfüllen geschickt sind,
uns darüber deutlicher zu erklären, oder ihnen den Weg zur Entdeckung dieser
moralischen Terra incognita genauer andeuten zu wollen, als es hie und da in
dieser Geschichte geschehen sein mag, würde einer Vermessenheit gleich sehen,
wozu uns die Empfindung unsrer eignen Schwäche oder vielleicht unsre Trägheit
wenig innerliche Versuchung lässt. Wir lassen es also bei diesem kleinen Winke
bewenden, und begnügen uns, da wir nunmehr, allem Ansehen nach, unsern Helden
aus der grössesten der Gefahren, worin seine Tugend jemals geschwebt hat, oder
künftig geraten mag, glücklich herausgeführt haben, einige Betrachtungen darüber
anzustellen - - doch nein; wir bedenken uns besser - - was für Betrachtungen
könnten wir anstellen, dass nicht diejenige welche Agaton selbst, sobald er Musse
dazu hatte, über sein Abenteur machte, um soviel natürlicher und interessanter
sein sollten, als er sich würklich in dem Falle befand, worein wir uns erst
durch Hülfe der Einbildungs-Kraft setzen müssten, und die Gedanken sich ihm
freiwillig darboten, ja wohl wider Willen aufdrangen, welche wir erst aufsuchen
müssten. Wir wollen also warten, bis er sich in der ruhigern Gemütsverfassung
befinden wird, worin die sich selbst wiedergegebene Seele aufgelegt ist, das
Vergangene mit prüfendem Auge zu übersehen. Nur mög' es uns erlaubt sein, eh wir
unsre Erzählung fortsetzen, zum besten unsrer jungen Leser, zu welchen wir uns
nicht entbrechen können eine vorzügliche Zuneigung zu tragen, einige Anmerkungen
zu machen, für welche wir keinen schicklichern Platz wissen, und welche
diejenigen, die wie Schah Baham keine Liebhaber vom moralisieren sind, füglich
überschlagen, oder, bis wir damit fertig sind, sich indessen, wenn es ihnen
beliebe, die Zeit damit vertreiben können, die Spitze ihrer Nase anzuschauen.
    Was würdet ihr also dazu sagen, meine jungen Freunde, wenn ich euch mit der
Amts-Mine eines Sittenlehrers auf der Cateder, in geometrischer Metode
beweisen würde, dass ihr zu einer vollkommnen Unempfindlichkeit gegen diese
liebenswürdige Geschöpfe verbunden seid, für welche eure Augen, euer Herz, und
eure Einbildungs-Kraft sich vereinigen, euch einen Hang einzuflössen, der, so
lang er in einem unbestimmten Gefühl besteht, euch immer beunruhiget, und so
bald er einen besondern Gegenstand bekömmt, die Seele aller eurer übrigen Triebe
wird?
    Dass wir einen solchen Beweis führen, und was noch ein wenig grausamer ist,
dass wir euch die Verbindlichkeit aufdringen könnten, keines dieser anmutsvollen
Geschöpfe, so vollkommen es immer in euern bezauberten Augen sein möchte, eher
zu lieben, bis es euch befohlen wird, dass ihr sie lieben sollt - - ist eine
Sache, die euch nicht unbekannt sein kann. Aber eben deswegen, weil es so oft
bewiesen wird, können wir es als etwas ausgemachtes voraussetzen; und uns
deucht, die Frage ist nun allein, wie es anzufangen sei, um euer widerstrebendes
Herz für Pflichten gelehrig zu machen, gegen welche ihr tausend scheinbare
Einwendungen zu machen glaubt, wenn ihr uns am Ende doch nichts anders gesagt
habt, als ihr habet keine Lust, sie auszuüben.
    Die Auflösung dieser Frage deucht uns die grosse Schwierigkeit, worin uns die
gemeinen Moralisten mit einer Gleichgültigkeit stecken lassen, die desto
unmenschlicher ist, da wenige unter ihnen sind, welche nicht auf eine oder die
andere Art erfahren hätten, dass es nicht so leicht sei einen Feind zu schlagen,
als zu beweisen, dass er geschlagen werden solle.
    Indessen nun, bis irgend ein wohltätiger Genius ein sicheres, kräftiges und
allgemeines Mittel ausfündig gemacht haben wird, diese Schwierigkeiten zu heben,
erkühnen wir uns, euch einen Rat zu geben, der zwar weder allgemein noch ohne
alle Ungelegenheiten ist, aber doch, alles wohl überlegt, euch bis zu Erfindung
jenes unfehlbaren moralischen Laudanums, in mehr als einer Absicht von
beträchtlichem Nutzen sein könnte.
    Wir setzen hiebei zwei gleich gewisse Wahrheiten voraus: die eine; dass die
meisten jungen Leute, und vielleicht auch ein guter Teil der Alten, entweder zur
Zärtlichkeit oder doch zur Liebe im popularen Sinn dieses Wortes, einen stärkern
Hang als zu irgend einer andern natürlichen Leidenschaft haben. Die andere: dass
Socrates, in der Stelle, deren in dem vorigen Capitel erwähnt worden, die
schädlichen Folgen der Liebe, in so ferne sie eine heftige Leidenschaft für
irgend einen einzelnen Gegenstand ist; (denn von dieser Art von Liebe ist hier
allein die Rede) nicht höher getrieben habe, als die tägliche Erfahrung
beweiset. Du Unglückseliger! (sagt er zu dem jungen Xenophon, welcher nicht
begreifen konnte, dass es eine so gefährliche Sache sei, einen schönen Knaben,
oder nach unsern Sitten zu sprechen, ein schönes Mädchen zu küssen; und
leichtsinnig genug war zu gestehen, dass er sich alle Augenblicke getraute,
dieses halsbrechende Abenteuer zu unternehmen) was meinst du dass die Folgen
eines solchen Kusses sein würden? Glaubst du, du würdest deine Freiheit
behalten, oder nicht vielmehr ein Sclave dessen werden, was du liebest? Wirst du
nicht vielen Aufwand auf schädliche Wollüste machen? Meinst du, es werde dir
viel Musse übrig bleiben, dich um irgend etwas grosses und Nützliches zu
bekümmern, oder du werdest nicht vielmehr gezwungen sein, deine Zeit auf
Beschäftigungen zu wenden, deren sich so gar ein Unsinniger schämen würde? - -
Man kann die Folgen dieser Art von Liebe, in so wenigen Worten nicht
vollständiger beschreiben - - Was hälf' es uns, meine Freunde, wenn wir uns
selbst betrügen wollten? Selbst die unschuldigste Liebe, selbst diejenige,
welche in jungen entusiastischen Seelen so schön mit der Tugend zusammen
zustimmen scheint, führt ein schleichendes Gift bei sich, dessen Würkungen nur
desto gefährlicher sind, weil es langsam und durch unmerkliche Grade würkt - -
Was ist also zu tun? - - Der Rat des alten Cato, oder der, welchen Lucrez nach
den Grundsätzen seiner Secte gibt, ist, seinen Folgen nach, noch schlimmer als
das Übel selbst. So gar die Grundsätze und das eigne Beispiel des weisen
Socrates sind in diesem Stücke nur unter gewissen Umständen tunlich - - und
(wenn wir nach unsrer Überzeugung reden sollen) wir wünschten, aus wahrer
Wohlmeinenheit gegen das allgemeine System, nichts weniger als dass es jemals
einem Socrates gelingen möchte, den Amor völlig zu entgöttern, seiner Schwingen
und seiner Pfeile zu berauben, und aus der Liebe eine blosse regelmässige Stillung
eines physischen Bedürfnisses zu machen. Der Dienst, welcher der Welt dadurch
geleistet würde, müsste notwendig einen Teil der schlimmen Würkung tun, welche
auf eine allgemeine Unterdrückung der Leidenschaften in der menschlichen
Gesellschaft erfolgen müsste.
    Hier ist also unser Rat - - die Tartüffen, und die armen Köpfe, welche die
Welt bereden wollen, die Excremente ihres milzsüchtigen Gehirns für Reliquien zu
küssen, mögen ihre Köpfe schütteln so stark sie können! - - Meine jungen
Freunde, beschäftiget euch mit den Vorbereitungen zu eurer Bestimmung - oder mit
ihrer würklichen Erfüllung. Bewerbet euch um die Verdienste, von denen die
Hochachtung der Vernünftigen und der Nachwelt die Belohnung ist; und um die
Tugend, welche allein den innerlichen Wohlstand unsers Wesens ausmacht - Haltet
ein, Herr Sittenlehrer, rufet ihr; das ist nicht was wir von euch hören wollten,
alles das hat uns Claville besser gesagt, als ihr es könntet, und Abbt besser
als Claville - - euer Mittel gegen die Liebe? - - Mittel gegen die Liebe? dafür
behüte uns der Himmel! - - oder wenn ihr dergleichen wollt, so findet ihr sie
bei allen moralischen Quacksalbern, und - - in allen Apoteken. Unser Rat geht
gerade auf das Gegenteil. Wenn ihr ja lieben wollt oder müsst - - nun, so kommt
alles, glaubt mir, auf den Gegenstand an - - Findet ihr eine Aspasia, eine
Leontium, eine Ninon - - so bewerbet euch um ihre Gunst, und, wenn ihr könnt, um
ihre Freundschaft. Die Vorteile, die ihr daraus für euern Kopf, für euern
Geschmack, für eure Sitten - - ja, meine Herren, für eure Sitten, und selbst für
die Pflichten eurer Bestimmung, von einer solchen Verbindung ziehen werdet,
werden euch für die Mühe belohnen - - Gut! Aspasien! Ninons! die müssten wir im
ganzen Europa aufsuchen - - Das raten wir euch nicht; die Rede ist nur von dem
Falle, wenn ihr sie findet - - Aber, wenn wir keine finden? - So suchet die
vernünftigste, tugendhafteste und liebenswürdigste Frau auf, die ihr finden
könnet - - Hier erlauben wir euch zu suchen, nur nicht (um euch einen Umweg zu
ersparen) unter den Schönsten; ist sie liebenswürdig, so wird sie euch desto
stärker einnehmen; ist sie tugendhaft, so wird sie euch nicht verführen; ist sie
klug, so wird sie sich von euch nicht verführen lassen. Ihr könnet sie also ohne
Gefahr lieben- - Aber dabei finden wir unsre Rechnung nicht; die Frage ist, wie
wir uns von ihr lieben machen - - Allerdings, das wird die Kunst sein; der
Versuch ist euch wenigstens erlaubt; und wir stehen euch dafür, wenn sie und ihr
jedes das seinige tut, so werdet ihr euern Roman zehen Jahre durch in einer
immer nähernden Linie fort führen, ohne dass ihr dem Mittelpunct näher sein
werdet als anfangs - - Und das ist alles, was wir euch sagen wollten.
 
                                Fünftes Capitel
Schwachheit des Agaton; unverhoffter Zufall, der seine Entschliessungen bestimmt
Wir kommen zu unserm Agaton zurück, den wir zu Ende des dritten Capitels auf
dem Wege nach dem Haven von Smyrna verlassen haben.
    Man konnte nicht entschlossener sein, als er es beim Ausgehen war; das erste
Fahrzeug, das er zum Auslaufen fertig antreffen würde, zu besteigen, und hätte
es ihn auch zu den Antipoden führen sollen. Allein - - so gross ist die Schwäche
des menschlichen Herzens! - - da er angelangt war, und eine Menge von Schiffen
vor den Augen hatte, welche nur auf das Zeichen den Anker zu heben wartete: So
hätte wenig gefehlt, dass er wieder umgekehrt wäre, um, anstatt vor der schönen
Danae zu fliehen, ihr mit aller Sehnsucht eines entflammten Liebhabers in die
Arme zu fliegen.
    Doch, wir wollen billig sein; eine Danae verdiente wohl, dass ihn der
Entschluss sie zu verlassen, mehr als einen flüchtigen Seufzer kostete; und es
war sehr natürlich, dass er, im Begriff seinen tugendhaften Vorsatz ins Werk zu
setzen, einen Blick ins Vergangene zurückwarf, und sich diese Glückseligkeiten
lebhafter vorstellte, denen er nun freiwillig entsagen wollte, um sich von
neuem, als ein im Ocean der Welt herumtreibender Verbannter, den Zufällen einer
ungewissen Zukunft auszusetzen. Dieser letzte Gedanke machte ihn stutzen; aber
er wurde bald von andern Vorstellungen verdrängt, die sein gefühlvolles Herz
weit stärker rührten als alles was ihn allein und unmittelbar anging. Er setzte
sich an die Stelle der Danae. Er malte sich ihren Schmerz vor, wenn sie bei
ihrer Wiederkunft seine Flucht erfahren würde. Sie hatte ihn so zärtlich
geliebt! - - Alles Böse, was ihm Hippias von ihr gesagt, alles was er selbst
hinzugedacht hatte, konnte in diesem Augenblick die Stimme des Gefühls nicht
übertäuben, welches ihn überzeugte, dass er wahrhaftig geliebt worden war. Wenn
die Grösse unsrer Liebe das natürliche Mass unsrer Schmerzen über den Verlust des
Geliebten ist, wie unglücklich musste sie werden! Das Mitleiden, welches diese
Vorstellung in ihm erregte, machte sie wieder zu einem interessanten Gegenstand
für sein Herz. Ihr Bild stellte sich ihm wieder mit allen den Reizungen dar,
deren zauberische Gewalt er so oft erfahren hatte. Was für Erinnerungen! Er
konnte sich nicht erwehren, ihnen etliche Augenblicke nach zuhängen; und fühlte
immer weniger Kraft, sich wieder von ihnen loszureissen. Seine schon halb
überwundene Seele widerstand noch, aber immer schwächer. Amor, um desto gewisser
zu siegen, verbarg sich unter die rührende Gestalt des Mitleidens, der Grossmut,
der Dankbarkeit - - Wie? er sollte eine so inbrünstige Liebe mit so schnödem
Undank erwidern? Einer Geliebten, in dem Augenblick, da sie in die getreue Arme
eines Freundes zurück zu eilen glaubt, einen Dolch in diesen Busen stossen,
welcher sich von Zärtlichkeit überwallend an den seinigen drücken will? - - in
der Tat, eine rührende Vorstellung; und wie viel mehr wurde sie es noch durch
die unvermerkt sich einschleichende Erinnerung, was für ein Busen das war! - -
Sie verlassen; sich heimlich von ihr hinweg stehlen - - würde sie den Tod von
seiner Hand, in Vergleichung mit einer solchen Grausamkeit, nicht als eine
Wohltat angenommen haben? So würde es ihm gewesen sein, wenn er sich an ihren
Platz setzte; und das tut die Leidenschaft allezeit, wenn sie ihren Vorteil
dabei findet.
    Allen diesen zärtlichen Bildern stellte sein gefasster Entschluss zwar die
Gründe, welche wir können, entgegen: Aber diese Gründe hatten von dem Augenblick
an, da sich sein Herz wie der auf die Seite der schönen Feindin seiner Tugend
neigte, die Hälfte von ihrer Stärke verloren. Die Gefahr war dringend: jede
Minute war, so zu sagen, entscheidend. Denn die Wiederkunft der Danae war
ungewiss; und es ist nicht zu zweifeln, dass sie, wofern sie noch zu rechter Zeit
angelangt wäre, Mittel gefunden hätte, alle die widrigen Eindrücke der
Verräterei des Sophisten aus einem Herzen, welches so viel Vorteil dabei hatte
sie unschuldig zu finden, auszulöschen.
    Ein glücklicher Zufall - - doch, warum wollen wir dem Zufall zuschreiben,
was uns beweisen sollte, dass eine unsichtbare Macht ist, welche sich immer
bereit zeigt, der sinkenden Tugend die Hand zu reichen - - fügte es dass Agaton,
in diesem zweifelhaften Augenblick unter dem Gedränge der Fremden, welche die
Handelschaft von allen Wel, einen Mann erblickte, den er zu Aten vertraulich
gekannt, und durch beträchtliche Dienstleistungen sich zu verbinden Gelegenheit
gehabt hatte. Es war ein Kaufmann von Syracus, der mit den Geschicklichkeiten
seiner Profession, einen rechtschaffenen Character, und, was bei uns, in der
einen Hälfte des deutschen Reichs wenigstens, eine grosse Seltenheit ist, mit
beiden die Liebe der Musen verband; Eigenschaften, welche ihn dem Agaton desto
angenehmer, so wie sie ihn desto fähiger gemacht hatten, den Wert Agatons zu
schätzen. Der Syracusaner bezeugte die lebhafteste Freude über eine so angenehm
überraschende Zusammenkunft, und bot unserm Helden seine Dienste mit derjenigen
Art an, welche beweist, dass man begierig ist, sie angenommen zu sehen; denn
Agatons Verbannung von Aten war eine zu bekannte Sache, als dass sie in irgend
einem Teil von Griechenlande hätte unbekannt sein können.
    Nach einigen Fragen, und Gegenfragen, wie sie unter Freunden gewöhnlich
sind, die sich nach einer geraumen Trennung unvermutet zusammenfinden,
berichtete ihm der Kaufmann als eine Neuigkeit, welche würklich die
Aufmerksamkeit aller Europäischen Griechen beschäftigte, die ausserordentliche
Gunst, worin Plato bei dem jüngern Dionysius zu Syracus stehe; die
philosophische Bekehrung dieses Prinzen; und die grossen Erwartungen, mit welchen
Sicilien den glückseligen Zeiten entgegensehe, die eine so wundervolle
Veränderung verspreche. Er endigte damit, dass er den Agaton einlud, wofern ihn
keine andre Angelegenheit in Smyrna zurückhielte, ihm nach Syracus zu folgen,
welches nunmehr im Begriff sei, der Sammelplatz der Weisesten und
Tugendhaftesten zu werden. Er meldete ihm dabei, dass sein Schiff, welches er mit
Asiatischen Waren beladen hatte, bereit sei, noch diesen Abend abzusegeln.
    Ein Funke, der in eine Pulvermine fällt, richtet keine plötzlichere
Entzündung an, als die Revolution war, die bei dieser Nachrichtin unserm Helden
vorging. Seine ganze Seele loderte, wenn wir so sagen können, in einen einzigen
Gedanken auf - - Aber was für eine Gedanke war das! - - Plato, ein Freund des
Dionysius - - Dionysius, berüchtiget durch die ausschweifendeste Lebens-Art, in
welcher sich eine durch unumschränkte Gewalt übermütig gemachte Jugend dahin
stürzen kann - der Tyrann Dionysius, ein Liebhaber der Philosophie, ein Lehrling
der Tugend - - und Agaton, sollte die Blüte seines Lebens in müssiger Wollust
verderben lassen? Sollte nicht eilen, dem Göttlichen Weisen, dessen erhabene
Lehren er zu Aten so rühmlich auszuüben angefangen hatte, ein so glorreiches
Werk vollenden zu helfen, als die Verwandlung eines zügellosen Tyrannen in einen
guten Fürsten, und die Befestigung der allgemeinen Glückseligkeit einer ganzen
Nation? - - was für Arbeiten! was für Aussichten für eine Seele wie die seinige!
Sein ganzes Herz wallte ihnen entgegen; er fühlte wieder, dass er Agaton war - -
fühlte diese moralische Lebens-Kraft wieder, die uns Mut und Begierden gibt, uns
zu einer edeln Bestimmung geboren zu glauben; und diese Achtung für sich selbst,
welche eine von den stärksten Schwingfedern der Tugend ist. Nun brauchte es
keinen Kampf, keine Bestrebung mehr, sich von Danae loszureissen, um mit dem
Feuer eines Liebhabers, der nach einer langen Trennung zu seiner Geliebten
zurückkehrt, sich wieder in die Arme der Tugend zu werfen. Sein Freund von
Syracus hatte keine Überredungen nötig; Agaton nahm sein Anerbieten mit der
lebhaftesten Freude an. Da er von allen Geschenken, womit ihn die freigebige
Danae überhäuft hatte, nichts mit sich nehmen wollte, als das wenige, was zu den
Bedürfnissen seiner Reise unentbehrlich war, so brauchte er wenig Zeit, um
reisefertig zu sein. Die günstigsten Winde schwellten die Segel, welche ihn aus
dem verderblichen Smyrna entfernen sollten; und so herrlich war der Triumph, den
die Tugend in dieser glücklichen Stunde über ihre Gegnerin erhielt, dass er die
anmutsvollen Asiatischen Ufer aus seinen Augen verschwinden sah, ohne den
Abschied, den er auf ewig von ihnen nahm, nur mit einer einzigen Träne zu
zieren.
    So? - - Und was wurde nun (so deucht mich hör' ich irgend eine junge Schöne
fragen, der ihr Herz sagt, dass sie es der Tugend nicht verzeihen würde, wenn sie
ihr ihren Liebhaber so unbarmherzig entführen wollte) - - was wurde nun aus der
armen Danae? Von dieser war nun die Rede nicht mehr? Und der tugendhafte Agaton
bekümmerte sich wenig darum, ob seine Untreue, ein Herz welches ihn glücklich
gemacht hatte, in Stücken brechen werde oder nicht? - - Aber, meine schöne Dame,
was hätte er tun sollen, nachdem er nun einmal entschlossen war? Um nach Syracus
zu gehen, musste er Smyrna verlassen; und nach Syracus musste er doch gehen, wenn
sie alle Umstände unparteiisch in Betrachtung ziehen; denn sie werden doch nicht
wollen, dass ein Agaton sein ganzes Leben wie ein Veneris Passerculus (lassen
Sie Sich das von Ihrem Liebhaber verdeutschen) am Busen der zärtlichen Danae
hätte hinweg buhlen sollen? Und sie nach Syracus mit zunehmen, war aus mehr als
einer Betrachtung auch nicht ratsam; gesetzt auch, dass sie um seinetwillen
Smyrna hätte verlassen wollen. Oder meinen Sie vielleicht er hätte warten, und
die Einwilligung seiner Freundin zu erhalten suchen sollen? - - Das wäre alles
gewesen, was er hätte tun können, wenn er eine geheime Absicht gehabt hätte, da
zu bleiben. Alles wohl überlegt, konnte er also, deucht uns, nichts mehr tun als
was er tat. Er hinterliess ein Briefchen, worin er ihr sein Vorhaben mit einer
Aufrichtigkeit entdeckte, welche zugleich die Rechtfertigung desselben ausmacht.
Er spottete ihrer nicht durch Liebes-Versicherungen, welche der Widerspruch mit
seinem Betragen beleidigend gemacht hätte; hingegen erinnerte er sich dessen,
was sie um ihn verdient hatte zu wohl, um sie durch Vorwürfe zu kränken. Und
dennoch entwischte ihm beim Schluss ein Ausdruck, den er vermutlich grossmütig
genug gewesen wäre, wieder auszulöschen, wenn er Zeit gehabe hätte, sich zu
bedenken; denn er endigte sein Briefchen damit, dass er ihr sagte; er hoffe, die
Hälfte der Stärke des Gemüts, womit sie den Verlust eines Alcibiades ertragen,
und den Armen eines Hyacints sich entrissen habe, werde mehr als hinlänglich
sein, ihr seine Entfernung in kurzem gleichgültig zu machen. Wie leicht, setzte
er hinzu, kann Danae einen Liebhaber missen, da es nur von ihr abhängt, mit
einem einzigen Blicke so viele Sclaven zu machen, als sie haben will! - - das
war ein wenig grausam - - Aber die Gemüts-Verfassung, worin er sich damals
befand, war nicht ruhig genug, um ihn fühlen zu lassen, wie viel er damit sagte.
    Und so endigte sich also die Liebes-Geschichte des Agaton und der schönen
Danae; und so, meine schöne Leserinnen, so haben sich noch alle
Liebes-Geschichten geendigt, und so werden sich auch künftig alle endigen,
welche so angefangen haben.
 
                                Sechstes Capitel
                      Betrachtungen, Schlüsse und Vorsätze
Wer aus den Fehlern, welche von andern vor ihm gemacht worden, oder noch täglich
um ihn her gemacht werden, die Kunst lernte selbst keine zu machen; würde
unstreitig den Namen des Weisesten unter den Menschen mit grösserm Recht
verdienen als Confucius, Socrates oder König Salomon, welcher letzte, wider den
gewöhnlichen Lauf der Natur, seine grössesten Torheiten in dem Alter beging, wo
die meisten von den ihrigen zurückkommen. Unterdessen bis diese Kunst erfunden
sein wird, deucht uns, man könne denjenigen immer für weise gelten lassen, der
die wenigsten Fehler macht, am bäldesten davon zurückkommt, und sich gewisse
Cautelen für zukünftige Fälle darauszieht, mittelst deren er hoffen kann,
künftig weniger zu fehlen.
    Ob und in wie fern Agaton dieses Prädicat verdiene, mögen unsre Leser zu
seiner Zeit selbst entscheiden; wir unsers Orts haben in keinerlei Absicht
einiges Interesse ihn besser zu machen, als er in der Tat war; wir geben ihn für
das was er ist; wir werden mit der bisher beobachteten historischen Treue
fortfahren, seine Geschichte zu erzählen; und versichern ein für allemal, dass
wir nicht dafür können, wenn er nicht allemal so handelt, wie wir vielleicht
selbst hätten wünschen mögen, dass er gehandelt hätte.
    Er hatte während seiner Fahrt nach Sicilien, welche durch keinen widrigen
Zufall beunruhiget wurde, Zeit genung, Betrachtungen über das, was zu Smyrna mit
ihm vorgegangen war anzustellen. Wie? rufen hier einige Leser, schon wieder
Betrachtungen? Allerdings, meine Herren; und in seiner Situation würde es ihm
nicht zu vergeben gewesen sein, wenn er keine angestellt hätte. Desto schlimmer
für euch, wenn ihr, bei gewissen Gelegenheiten, nicht so gerne mit euch selbst
redet als Agaton; vielleicht würdet ihr sehr wohl tun, ihm diese kleine
Gewohnheit abzulernen.
    Es ist für einen Agaton nicht so leicht, als für einen jeden andern, die
Erinnerung einer begangenen Torheit von sich abzuschütteln. Braucht es mehr als
einen einzigen Fehler, um den Glanz des schönsten Lebens zu verdunkeln? Wie
verdriesslich, wenn wir an einem Meisterstücke der Kunst, an einem Gemälde oder
Gedichte zum Exempel, Fehler finden, welche sich nicht verbessern lassen, ohne
das Ganze zu vernichten? Wie viel verdriessliche, wenn es nur ein einziger Fehler
ist, der dem schönen Ganzen die Ehre der Vollkommenheit raubt? Ein Gefühl von
dieser Art war schmerzhaft genug, um unsern Mann zu vermögen, über die Ursachen
seines Falles schärfer nachzudenken. Wie errötete er izt vor sich selbst, da er
sich der allzutrotzigen Herausforderung erinnerte, wodurch er ehmals den Hippias
gereizt, und gewissermassen berechtiget hatte, den Versuch an ihm zu machen, ob
es eine Tugend gebe, welche die Probe der stärksten und schlauesten Verführung
aushalte - - Was machte ihn damals so zuversichtlich? - - die Erinnerung des
Sieges, den er über die Priesterin zu Delphi erhalten hatte? Oder das
gegenwärtige Bewusstsein der Gleichgültigkeit, worin er bei den Reizungen der
jungen Cyane geblieben war? Die Erfahrung, dass die Versuchungen, welche seiner
Unschuld im Hause des Sophisten auf allen Seiten nachstellten, ihn weniger
versucht als empört hatten? - - der Abscheu vor den Grundsätzen des Hippias - -
und das Vertrauen auf die eigentümliche Stärke der seinigen? - - Aber, war es
eine Folge, dass derjenige, der etliche mal gesiegt hatte, niemals überwunden
werden könne? War nicht eine Danae möglich, welche das auszuführen geschickt
war, was die Pytia, was die Trazischen Bacchantinnen, was Cyane, und
vielleicht alle Schönen im Serail des Königs von Persien nicht vermochten, oder
vermocht hätten? - - Und was für Ursache hatte er, sich auf die Stärke seiner
Grundsätze zu verlassen? - - Auch in diesem Stücke schwebte er in einem subtilen
Selbstbetrug, den ihm vielleicht nur die Erfahrung sichtbar machen konnte.
Entzückt von der Idee der Tugend, liess er sich nicht träumen, dass das Gegenteil
dieser intellectualischen Schönheit jemals Reize für seine Seele haben könnte.
Die Erfahrung musste ihn belehren, wie betrüglich unsere Ideen sind, wenn wir sie
unvorsichtig realisieren - - Betrachtet die Tugend in sich selbst, in ihrer
höchsten Vollkommenheit - - so ist sie göttlich, ja (nach dem kühnen aber
richtigen Ausdruck eines vortrefflichen Schrift-Stellers) die Gotteit selbst. -
- Aber welcher Sterbliche ist berechtigt, auf die allmächtige Stärke dieser
idealen Tugend zu trotzen? Es kömmt bei einem jeden darauf an wie viel die
seinige vermag. - - Was ist hässlicher als die Idee des Lasters? Agaton glaubte
sich also auf die Unmöglichkeit, es jemals liebenswürdig zu finden, verlassen zu
können, und betrog sich, - - weil er nicht daran dachte, dass es ein
zweifelhaftes Licht gibt, worin die Grenzen der Tugend und der Untugend
schwimmen; worin Schönheit und Grazien dem Laster einen Glanz mitteilen, der
seine Hässlichkeit übergüldet, der ihm sogar die Farbe und Anmut der Tugend gibt?
und dass es allzuleicht ist, in dieser verführischen Dämmerung sich aus dem
Bezirk der letztern in eine unmerkliche Spiral-Linie zu verlieren, deren
Mittel-Punct ein süsses Vergessen unsrer selbst und unsrer Pflichten ist.
    Von dieser Betrachtung, welche unsern Helden die Notwendigkeit eines
behutsamen Misstrauens in die Stärke guter Grundsätze lehrte; und wie gefährlich
es sei, sie für das Mass unsrer Kräfte zu halten; ging er zu einer andern über,
die ihn von der wenigen Sicherheit überzeugte, welche sich unsre Seele in diesem
Zustand eines immerwährenden moralischen Entusiasmus versprechen kann, wie
derjenige, worin die seinige zu eben der Zeit war, als sie in dem feingewebten
Netze der schönen Danae gefangen wurde. Er rief alle Umstände in sein Gemüte
zurück, welche zusammen gekommen waren, ihm diese reizungsvolle Schwärmerei so
natürlich zu machen; und erinnerte sich der verschiednen Gefahren, denen er sich
dadurch ausgesetzt gesehen hatte. Zu Delphi fehlte es wenig, dass sie ihn den
Nachstellungen eines verkappten Apollo preis gegeben hätte - - zu Aten hatte
sie ihn seinen arglistigen Feinden würklich in die Hände geliefert. Doch, aus
diesen beiden Gefahren hatte er seine Tugend davon gebracht; ein unschätzbares
Kleinod, dessen Besitz ihn gegen den Verlust alles andern, was ein Günstling des
Glückes verlieren kann, unempfindlich machte. Aber durch eben diesen
Entusiasmus unterlag sie endlich den Verführungen seines eignen Herzens eben so
wohl als den Kunstgriffen der schönen Danae. War nicht dieses zauberische Licht,
welches seine Einbildungs-Kraft gewohnt war, über alles, was mit seinen Ideen
übereinstimmte, auszutreiben; war nicht diese unvermerkte Unterschiebung des
Idealen an die Stelle des Würklichen, die wahre Ursache, warum Danae einen so
ausserordentlichen Eindruck auf sein Herz machte? War es nicht diese begeisterte
Liebe zum Schönen, unter deren schimmernden Flügeln verborgen, die Leidenschaft
mit sanftschleichenden Progressen sich endlich durch seine ganze Seele
ausbreitete? War es nicht die lange Gewohnheit sich mit süssen Empfindungen zu
nähren, was sie unvermerkt erweichte, um desto schneller an einer so schönen
Flamme dahinzuschmelzen? Musste nicht der Hang zu phantasierten Entzückungen, so
geistig auch immer ihre Gegenstände sein mochten, endlich nach denenjenigen
lüstern machen, vor welchen ihm ein unbekanntes, verworrenes, aber desto
lebhafteres innerliches Gefühl den würklichen Genuss dieser vollkommensten Wonne
versprach, wovon bisher nur vorüberblitzende Ahnungen seine Einbildung berührt,
und durch diese leichte Berührung schon ausser sich selbst gesetzt hatten? Hier
erinnerte sich Agaton der Einwürfe, welche ihm Hippias gegen diesen
Entusiasmus, und diejenige Art von Philosophie, die ihn hervorbringt und
unterhält, gemacht hatte; und befand sie izt mit seiner Erfahrung so
übereinstimmend, als sie ihm damals falsch und ungereimt vorgekommen waren. Er
fand sich desto geneigter, der Meinung des Sophisten, von dem Ursprung und der
wahren Beschaffenheit dieser hochfliegenden Begeisterung Beifall zu geben; da es
ihm, seitdem er sie in den Armen der schönen Danae verloren hatte, unmöglich
geblieben war, sich wieder in sie hineinzusetzen; und da selbst das lebhaftere
Gefühl für die Tugend, wovon sein Herz wieder erhitzt war, weder seinen
sittlichen Ideen diesen Firnis, den sie ehemals hatten, wiedergeben, noch die
dichterische Metaphysik der Orphischen Secte wieder in die vorige Achtung bei
ihm setzen konnte. Er glaubte durch die Erfahrung überwiesen zu sein, dass dieses
innerliche Gefühl, durch dessen Zeugnis er die Schlüsse des Sophisten zu
entkräften vermeint hatte, nur ein sehr zweideutiges Kennzeichen der Wahrheit
sei; dass Hippias eben soviel Recht habe, seinen tierischen Materialismus und
seine verderbliche Moral, als die Teosophen ihre geheimnisvolle Geister-Lehre
durch die Stimme innerlicher Gefühle und Erfahrungen zu autorisieren; und dass es
vermutlich allein dem verschiednen Schwung unsrer Einbildungs-Kraft beizumessen
sei, wenn wir uns zu einer Zeit geneigter fühlen, uns mit den Göttern, zu einer
andern mit den Tieren verwandt zu glauben; wenn uns zu einer Zeit alles sich in
einem ernstaften, und schwärzlichten, zu einer andern alles in einem fröhlichen
Lichte darstellt; wenn wir izt kein wahres und gründliches Vergnügen kennen, als
uns mit stolzer Verschmähung der irdischen Dinge in melancholische Betrachtungen
ihres Nichts, in die unbekannten Gegenden jenseits des Grabes, und die
grundlosen Tiefen der Ewigkeit hineinzusenken; ein andermal kein reizenderes
Gemälde einer beneidenswürdigen Wonne, als den jungen Bacchus, wie er, sein
Epheu-bekränztes Haupt in den Schoss der schönsten Nymphe zurückgelehnt, und mit
dem einen Arm ihre blendenden Hüften umfassend, den andern nach der düftenden
Trinkschale ausstreckt, die sie ihm lächelnd voll Nectars schenkt, von ihren
eignen schönen Händen aus strotzenden Trauben frisch ausgepresst; indes die
Faunen und die fröhlichen Nymphen mit den Liebes-Göttern mutwillig um ihn her
hüpfen, oder durch Rosengebüsche sich jagen, oder müde von ihren Scherzen, in
stillen Grotten zu neuen Scherzen ausruhen. Der Schluss, den er aus allen diesen
Betrachtungen, und einer Menge andrer, womit wir unsre Leser verschonen wollen,
zog, war dieser: Dass die erhabnen Lehrsätze der Zoroastrischen und Orphischen
Teosophie, wahrscheinlicher Weise (denn gewiss getraute er sich über diesen
Punct noch nichts zu behaupten) nicht viel mehr Realität haben könnten, als die
lachenden Bilder, unter welchen die Maler und Dichter die Wollüste der Sinnen
vergöttert hatten; dass die ersten zwar der Tugend günstiger, und das Gemüte zu
einer mehr als menschlichen Hoheit, Reinigkeit und Stärke zu erheben schienen,
in der Tat aber der wahren Bestimmung des Menschen wohl eben so nachteilig sein
durften, als die letztern; teils, weil es ein widersinniges und vergebliches
Unternehmen scheine, sich besser machen zu wollen, als uns die Natur Laben will,
oder auf Unkosten des halben Teils unsers Wesens nach einer Art von
Vollkommenheit zu trachten, die mit der Anlage desselben im Widerspruch steht;
teils weil solche Menschen, wenn es ihnen auch gelänge, sich selbst zu
Halbgöttern und Intelligenzen umzuschaffen, eben dadurch zu jeder gewöhnlichen
Bestimmung des geselligen Menschen desto untauglicher würden. Aus diesem
Gesichtspunct deuchte ihn der Entusiasmus des Teosophen zwar unschädlicher als
das System des Wollüstlings; aber der menschlichen Gesellschaft eben so
unnützlich: indem der erste sich dem gesellschaftlichen Leben entweder gänzlich
entzieht (welches würklich das Beste ist, was er tun kann) oder wenn er von dem
beschaulichen Leben ins würksame übergeht, durch Mangel an Kenntnis einer ihm
ganz fremden Welt, durch abgezogene Begriffe, welche nirgends zu den
Gegenständen, die er vor sich hat, passen wollen, durch übertrieben moralische
Zärtlichkeit, und tausend andre Ursachen, die ihren Grund in seiner vormaligen
Lebens-Art haben, andern wider seine Absicht öfters, sich selbst aber allezeit
schädlich wird.
    In wie fern diese Sätze richtig seien, oder in besondern Fällen einige
Ausnahmen zulassen, zu untersuchen, würde zu weit von unserm Vorhaben abführen,
genug für uns, dass sie dem Agaton begründet genug schienen, um sich selbst
desto leichter zu vergeben, dass er, wie der Homerische Ulyss in der Insel der
Calypso, sich in dem bezauberten Grunde der Wollust hatte aufhalten lassen, sein
erstes Vorhaben, die Schüler des Zoroasters und die Priester zu Sais zu
besuchen, sobald als ihm Danae seine Freiheit wieder geschenkt hatte, ins Werk
zu setzen. Kurz, seine Erfahrungen machten ihm die Wahrheit seiner ehemaligen
Denkungs-Art verdächtig, ohne ihm einen gewissen geheimen Hang zu seinen alten
Lieblings-Ideen benehmen zu können. Seine Vernunft konnte in diesem Stücke mit
seinem Herzen und sein Herz mit sich selbst nicht recht einig werden; und er war
nicht ruhig genug, oder vielleicht auch zu träge, seine nunmehrige Begriffe in
ein System zu bringen, wodurch beide hätten befriedigt werden können. In der Tat
ist ein Schiff eben nicht der bequemste Ort, ein solches Werk, wozu die Stille
eines dunkeln Hains kaum stille genug ist, zu Stande zubringen; und Agaton mag
daher zu entschuldigen sein, dass er diese Arbeit verschob, ob es gleich eine von
denen ist, welche sich so wenig aufschieben lassen, als die Ausbesserung eines
baufälligen Gebäudes, denn so wie dieses mit jedem Tage, um den seine
Wiederherstellung aufgeschoben wird, dem gänzlichen Einsturz näher kommt; so
pflegen auch die Lücken in unsern moralischen Begriffen und die Misshelligkeiten
zwischen dem Kopf und dem Herzen immer grösser und gefährlicher zu werden, je
länger wir es aufschieben sie mit der erforderlichen Aufmerksamkeit zu
untersuchen, und eine richtige Verbindung und Harmonie zwischen den Teilen und
dem Ganzen herzustellen.
    Doch dieser Aufschub war in dem besondern Falle, worin sich Agaton befand,
desto weniger schädlich, da er, von der Schönheit der Tugend und der
unauflöslichen Verbindlichkeit ihrer Gesetze mehr als jemals überzeugt, eine auf
das wahre allgemeine Beste gerichtete Würksamkeit für die Bestimmung aller
Menschen, oder wofern ja einige Ausnahme zu Gunsten der bloss contemplativen
Geister zu machen wäre, doch gewiss für die seinige hielt. Vormals war er nur
zufälliger Weise, und gegen seine Neigung in das active Leben verflochten
worden: izo war es eine Folge seiner nunmehrigen, und wie er glaubte geläuterten
Denkungs-Art, dass er sich dazu entschloss. Ein sanftes Entzücken, welches ihm in
diesen Augenblicken den süssesten Berauschungen der Wollust unendlich vorzuziehen
schien, ergoss sich durch sein ganzes Wesen bei dem Gedanken, der Mitarbeiter an
der Wiedereinsetzung Siciliens in die unendlichen Vorteile der wahren Freiheit
und einer durch weise Gesetze und Anstalten verewigten Verfassung zu sein -
Seine immer verschönernde Phantasie malte ihm die Folgen seiner Bemühungen in
tausend reizende Bilder von öffentlicher Glückseligkeit aus er fühlte mit
Entzücken die Kräfte zu einer so edeln Arbeit in sich; und sein Vergnügen war
desto vollkommener, da er zugleich empfand, dass Herrschsucht und eitle
Ruhm-Begierde keinen Anteil daran hatten; dass es die tugendhafte Begierde, in
einem weiten Umfang gutes zu tun, war, deren gehoffete Befriedigung ihm diesen
Vorschmack des göttlichsten Vergnügens gab, dessen die menschliche Natur fähig
ist. Seine Erfahrungen, so viel sie ihn auch gekostet hatten, schienen ihm izt
nicht zu teuer erkauft, da er dadurch desto tüchtiger zu sein hoffte, die
Klippen zu vermeiden, an denen die Klugheit oder die Tugend derjenigen zu
scheitern pflegt, welche sich den öffentlichen Angelegenheiten unterziehen. Er
setzte sich fest vor, sich durch keine zweite Danae mehr irre machen zu lassen.
Er glaubte sich in diesem Stücke desto besser auf sich selbst verlassen zu
können, da er stark genug gewesen war, sich von der ersten loszureissen, und es
mit gutem Fug für unmöglich halten konnte, jemals auf eine noch gefährlichere
Probe gesetzt zu werden. Ohne Ehrgeiz, ohne Habsucht, immer wachsam auf die
schwache Seite seines Herzens, die er kennen gelernt hatte, dachte er nicht, dass
er von andern Leidenschaften, welche vielleicht noch in seinem Busen
schlummerten, etwas zu besorgen haben könne. Keine übelweissagende Besorgnisse
störten ihn in dem unvermischten Genusse seiner Hoffnungen; sie beschäftigten
ihn wachend und selbst in Träumen; sie waren der vornehmste Inhalt seiner
Gespräche mit dem syracusischen Kaufmanne, sie machten ihm die Beschwerden der
Reise unmerklich, und entschädigten ihn überflüssig für den Verlust der ehemals
geliebten Danae; einen Verlust der mit jedem neuen Morgen kleiner in seinen
Augen wurde; und so führten ihn günstige Winde und ein geschickter Steuermann
nach einer kurzen Verweilung in einigen griechischen See-Städten, wo er sich
nirgends zu erkennen gab, glücklich nach Syracus, um an dem Hof' eines Fürsten
zu lernen, dass auf dieser schlüpfrigen Höhe die Tugend entweder der Klugheit
aufgeopfert werden muss, oder die behutsamste Klugheit nicht hinreichend ist, den
Fall des Tugendhaften zu verhindern.
 
                               Siebentes Capitel
                           Eine oder zwo Digressionen
Wir wünschen uns Leserinnen zu haben; (denn diese Geschichte, wenn sie auch
weniger wahr wäre, als sie ist, gehört nicht unter die gefährlichen Romanen, von
welchen der Verfasser des gefährlichsten und lehrreichsten Romans in der Welt
die Jungfrauen zurückschreckt) und wir sehen es also nicht gerne, dass einige
unter ihnen, welche noch Geduld genug gehabt, dieses achte Buch bis zum Schluss
zu durchblättern - - in der Meinung, dass nun nichts interessantes mehr zu
erwarten sei, nachdem Agaton durch einen Streich von der verhasstesten Art,
durch eine heimliche Flucht der Liebe den Dienst aufgesagt habe - den zweiten
Teil seiner Geschichte ganz kaltsinnig aus ihren schönen Händen entschlüpfen
lassen, und - - vielleicht den Sopha, oder die allerliebste kleine Puppe des
Hrn. Bibiena ergreifen, um die Vapeurs zu zerstreuen, die ihnen die Untreue und
die Betrachtungen unsers Helden verursachet haben.
    Woher es wohl kommen mag, meine schönen Damen, dass die meisten unter Ihnen
geneigter sind, uns alle Torheiten, welche die Liebe nur immer begehen machen
kann, zu verzeihen, als die Wiederherstellung in den natürlichen Stand unsrer
gesunden Vernunft? Gestehen Sie, dass wir Ihnen desto lieber sind, je besser wir
durch die Schwachheiten, wozu Sie uns bringen können, die Obermacht Ihrer
Reizungen über die Stärke der männlichen Weisheit beweisen - - Was für ein
interessantes Gemälde ist nicht eine Deanira mit der Löwes nervichten Liebhabers
umgeben, und mit seiner Keule auf der Schulter, wie sie einen
triumphierend-lächelnden Seitenblick auf den Bezwinger der Riesen und Drachen
wirft, der, in ihre langen Kleider vermummt, mitten unter ihren Mädchen mit
ungeschickter Hand die weibische Spindel dreht? - Wir können eine oder zwo, auf
welche diese kleine Exclamation nicht passt; aber wenn wir ohne Schmeichelei
reden sollen, (welches wir freilich nicht tun sollten, wenn wir die Klugheit zu
Rate zögen,) so zweifeln wir, ob die Weiseste unter allen, zu eben der Zeit, da
sie sich bemüht, den Torheiten ihres Liebhabers Schranken zu setzen, sich
erwehren kann, eine solche kleine still-triumphierende Freude darüber zu fühlen,
dass sie liebenswürdig genug ist, einen Mann von Verdiensten seines eignen Werts
vergessen zu machen.
    Eine alltägliche Anmerkung werden Kenner denken, welche weder mehr noch
weniger sagt, als was Gay in einer seiner Fabeln tausend mal schöner gesagt hat,
und was wir alle längst wissen - - dass die Eitelkeit die wahre Triebfeder aller
Bewegungen des weiblichen Herzens ist - - Wir erkennen unsern Fehler, ohne
gleichwohl den Kennern einzugestehen, dass unsre Anmerkung so viel sage. Aber
nichts mehr hievon!
    Hingegen können wir unsern besagten Leserinnen, um sie wieder gut zu machen,
eine kleine Anecdote aus dem Herzen unsers Helden nicht verhalten, und wenn er
auch gleich dadurch in Gefahr kommen sollte, die Hochachtung wieder zu
verlieren, in die er sich bei den ehrwürdigen Damen, welche nie geliebt haben,
und, Dank sei dem Himmel! nie geliebt worden sind, wieder zu setzen angefangen
hat. Hier ist sie -
    So vergnügt Agaton über seine Entweichung aus seiner angenehmen
Gefangenschaft in Smyrna, und in diesem Stücke mit sich selbst war; so wenig die
Bezauberung, unter welcher wir ihn gesehen haben, die characteristische
Leidenschaft schöner Seelen, die Liebe der Tugend, in ihm zu ersticken vermocht
hatte; so aufrichtig die Gelübde waren, die er tat, ihr künftig nicht wieder
ungetreu zu werden; so gross und wichtig die Gedanken waren, welche seine Seele
schwellten; so sehr er, um alles mit einem Wort zu sagen, wieder Agaton war: So
hatte er doch Stunden, wo er sich selbst gestehen musste, dass er mitten in der
Schwärmerei der Liebe und in den Armen der schönen Danae - - glücklich gewesen
sei. Es mag immer viel Verblendung, viel Überspanntes und Schimärisches in der
Liebe sein, sagte er zu sich selbst, so sind doch gewiss ihre Freuden keine
Einbildung - - ich fühlte es, und ich fühl' es noch, so wie ich mein Dasein
fühle, dass es wahre Freuden sind, so wahr in ihrer Art, als die Freuden der
Tugend - - und warum sollt' es unmöglich sein, Liebe und Tugend mit einander zu
verbinden? Sie beide zu geniessen, das würde erst eine vollkommne Glückseligkeit
sein.
    Hier müssen wir zu Verhütung eines besorglichen Missverstandes eine kleine
Parentese machen, um denen, die keine andre Sitten kennen, als die Sitten des
Landes oder Ortes, worin sie geboren sind, zu sagen, dass ein vertrauter Umgang
mit Frauenzimmern von einer gewissen Classe, oder (nicht so französisch, aber
weniger zweideutig zu reden) welche mit dem was man etwas uneigentlich Liebe zu
nennen pflegt, ein Gewerbe treiben, bei den Griechen eine so erlaubte Sache war,
dass die strengesten Väter sich lächerrlich gemacht haben würden, wenn sie ihren
Söhnen, so lange sie unter ihrer Gewalt stunden, eine Liebste aus der bemeldten
Classe hätten verwehren wollen. Frauen und Jungfrauen genossen den besondern
Schutz der Gesetze, wie allentalben, und waren durch die Sitten und Gebräuche
dieses Volkes vor Nachstellungen ungleich besser gesichert, als sie es bei uns
sind. Ein Anschlag auf ihre Tugend war so schwer zu bewerkstelligen, als die
Bestrafung eines solchen Verbrechens strenge war. Ohne Zweifel geschah es, diese
in den Augen der Griechischen Gesetzgeber geheiligte Personen, die Mütter der
Bürger, und diejenige welche zu dieser Ehre bestimmt waren, den Unternehmungen
einer unbändigen Jugend desto gewisser zu entziehen, dass der Stand der Phrynen
und Laiden geduldet wurde; und so ausgelassen uns auch der asotische Witzling
Aristophanes die Damen von Aten vorstellet, so ist doch gewiss, dass die Weiber
und Töchter der Griechen überhaupt sehr sittsame Geschöpfe waren; und dass die
Sitten einer Vermählten und einer Buhlerin bei ihnen eben so stark mit einander
absetzten, als man dermalen in gewissen Hauptstädten von Europa bemüht ist, sie
mit einander zu vermengen.
    Ob diese ganze Einrichtung löblich war, ist eine andre Frage, von der hier
die Rede nicht ist; wir führen sie bloss deswegen an, damit man nicht glaube, als
ob die Reue und die Gewissens-Bisse unsers Agaton aus dem Begriff entstanden,
dass es unrecht sei mit einer Danae der Liebe zu pflegen. Agaton dachte in
diesem Stücke, wie alle andern Griechen seiner Zeit. Bei seiner Nation (die
Spartaner vielleicht allein ausgenommen) durfte man, wenigstens in seinem Alter,
die Nacht mit einer Tänzerin oder Flötenspielerin zubringen, ohne sich deswegen
einen Vorwurf zu zuziehen, in so ferne nur die Pflichten seines Standes nicht
darunter leiden mussten, und eine gewisse Mässigung beobachtet wurde, welche nach
den Begriffen dieser Heiden, die wahre Grenzlinie der Tugend und des Lasters
ausmachte. Wenn man dem Alcibiades übel genommen hatte, dass er sich im Schoss der
schönen Nemea, als wie vom Siege ausruhend, malen liess, oder dass er den
Liebesgott mit Jupiters Blitzen bewaffnet in seinem Schilde führte; (und
Plutarch sagt uns, dass nur die ältesten und ernstaftesten Atenienser sich
darüber aufgehalten; Leute, deren Eifer öfters nicht sowohl von der Liebe der
Tugend gegen die Torheiten der Jugend gewaffnet wird, als von dem verdriesslichen
Umstand, beim Anblick derselben zu gleicher Zeit, wie weit sie von ihrer eignen
Jugend entfernt und wie nahe sie dem Grabe sind, erinnert zu werden): Wenn man,
sage ich, dem Alcibiades diese Ausschweifungen übel nahm, so war es nicht sein
Hang zu den Ergötzungen oder seine Vertraulichkeit mit einer Person, welche
durch Stand und Profession, wie so viel andre, allein dem Vergnügen des Publici
gewidmet war; sondern der Übermut, der daraus hervorleuchtete, die Verachtung
der Gesetze des Wohlstandes, und einer gewissen Gravität, welche man in freien
Staaten mit Recht gewohnt ist von den Vorstehern der Republik, wenigstens
ausserhalb dem Cirkel des Privatlebens, zu fodern. Man würde ihm, wie andern,
seine Schwachheiten, oder seine Ergötzungen übersehen haben; aber man vergab ihm
nicht, dass er damit prahlte; dass er sich seinem Hang zur Fröhlichkeit und
Wollust, bis zu den unbändigsten Ausgelassenheiten überliess. Dass er, von Wein
und Salben triefend, mit dem vernachlässigten und abgematteten Ansehen eines
Menschen, der eine Winternacht so durchschweigt hatte, noch warm von den
Umarmungen einer Tänzerin, in die Rats-Versammlungen hüpfte, und sich, so übel
vorbereitet, doch überflüssig tauglich hielt, (und vielleicht war ers würklich)
die Angelegenheiten Griechenlands zu besorgen, und den grauen Vätern der
Republik zu sagen, was sie zu tun hätten: Das war es, was sie ihm nicht vergeben
konnten, und was ihm die schlimmen Händel zuzog, von denen der Wohlstand Atens
und er selbst endlich die Opfer wurden.
    Überhaupt ist es eine längst ausgemachte Sache, dass die Griechen von der
Liebe ganz andere Begriffe hatten als die heutigen Europäer - - denn die Rede
ist hier nicht von den metaphysischen Spielwerken oder Träumen des göttlichen
Platons - Ihre Begriffe scheinen der Natur, und also der gesunden Vernunft näher
zu kommen, als die unsrigen, in welchen Scytische Barbarei und Maurische
Galanterie auf die seltsamste Art mit einander contrastieren. Sie ehrten die
ehliche Freundschaft; aber von dieser romantischen Leidenschaft, welche wir im
eigentlichen Verstande Liebe nennen, und welche eine ganze Folge von
Romanschreibern bei unsern Nachbaren jenseits des Rheins und bei den Engländern
bemühet gewesen ist, zu einer heroischen Tugend zu erheben; von dieser wussten
sie eben so wenig als von der weinerlich-comischen, der abenteurlichen
Hirngeburt einiger Neuerer, meistens weiblicher Scribenten, welche noch über die
Begriffe der ritterlichen Zeiten raffiniert, und uns durch ganze Bände eine
Liebe gemalt haben, die sich von stillschweigendem Anschauen, von Seufzern und
Tränen nährt, immer unglücklich und doch selbst ohne einen Schimmer von Hoffnung
immer gleich standhaft ist. Von einer so abgeschmackten, so unmännlichen, und
mit dem Heldentum, womit man sie verbinden will, so lächerrlich abstechenden
Liebe wusste diese geistreiche Nation nichts, aus deren schöner und lachender
Einbildungskraft die Göttin der Liebe, die Grazien, und so viele andre Götter
der Fröhlichkeit hervorgegangen waren. Sie kannten nur die Liebe, welche
scherzt, küsst und glücklich ist; oder, richtiger zu reden, diese allein schien
ihnen, unter gehörigen Einschränkungen, der Natur gemäss, anständig und
unschuldig. Diejenige, welche sich mit allen Symptomen eines fiebrischen
Paroxysmus der ganzen Seele bemächtiget, war in ihren Augen eine von den
gefährlichsten Leidenschaften, eine Feindin der Tugend, die Störerin der
häuslichen Ordnung, die Mutter der verderblichsten Ausschweifungen und der
hässlichsten Laster. Wir finden wenige Beispiele davon in ihrer Geschichte; und
diese Beispiele schert wir auf ihrem tragischen Teater mit Farben geschildert,
welche den allgemeinen Abscheu erwecken mussten; so wie hingegen ihre Comödie
keine andre Liebe kennt, als diesen natürlichen Instinct, welchen Geschmack,
Gelegenheit und Zufall für einen gewissen Gegenstand bestimmen, der, von den
Grazien und nicht selten auch von den Musen verschönert, das Vergnügen zum Zweck
hat, nicht besser noch erhabener sein will als er ist, und wenn er auch in
Ausschweifungen ausbrechend, sich gegen den Zwang der Pflichten aufbäumt, doch
weniger Schaden und leichter zu bändigen ist, als jene tragische Art zu lieben,
welche ihnen vielmehr von der Fackel der Furien als des Liebesgottes entzündet,
eher die Würkung der Rache einer erzürnte Gotteit als dieser süssen Betörung
gleich zu sein schien, welche sie, wie den Schlaf und die Gaben des Bacchus, des
Gebers der Elende, für ein Geschenke der wohltätigen Natur, ansahen, uns die
Beschwerden des Lebens zu versüssen, und zu den Arbeiten desselben munter zu
machen.
    Ohne Zweifel würden wir diesen Teil der Griechischen Sitten noch besser
kennen, wenn nicht durch ein Unglück, welches die Musen immer beweinen werden,
die Comödien eines Alexis, Menander, Diphilus, Philemon, Apollodorus, und andrer
berühmter Dichter aus dem schönsten Zeit-Alter der attichen Musen ein Raub der
mönchischen und Saracenischen Barbarei geworden wäre. Allein es bedarf dieser
Urkunden nicht, um das was wir gesagt haben zu rechtfertigen. Sehen wir nicht
den ehrwürdigen Solon noch in seinem hohen Alter, in Versen welche des Alters
eines Voltaire würdig sind, von sich selbst gestehen, »dass er sich aller andern
Beschäftigungen begeben habe, um den Rest seines Lebens in Gesellschaft der
Venus, des Bacchus und der Musen auszuleben, der einzigen Quellen der Freuden
der Sterblichen?« Sehen wir nicht den weisen Socrates kein Bedenken tragen, in
Gesellschaft seiner jungen Freunde, der schönen und gefälligen Teodota einen
Besuch zu machen, um über ihre von einem aus der Gesellschaft für
unbeschreiblich angepriesene Schönheit den Augenschein einzunehmen? Sehen wir
nicht, lass er seiner Weisheit nichts zu vergeben glaubt, indem er diese
Teodota, auf eine scherzhafte Art in der Kunst Liebhaber zu fangen
unterrichtet? War er nicht ein Freund - und Bewunderer, ja, wenn Plato nicht
zuviel gesagt hat, ein Schüler der berühmten Aspasia, deren Haus, ungeachtet der
Vorwürfe, welche ihr von der zaumlosen Frechheit der damaligen Comödie gemacht
wurden, der Sammelplatz der schönsten Geister von Aten war? So entaltsam er
selbst, bei seinen beiden Weibern, in Absicht der Vergnügen der Paphischen
Göttin immer sein mochte; so finden wir doch seine Grundsätze über die Liebe mit
der allgemeinen Denkungsart seiner Nation ganz übereinstimmend. Er unterschied
das Bedürfnis von der Leidenschaft; das Werk der Natur, von dem Werk der
Phantasie; er warnte vor dem Letztern, wie wir im vierten Capitel schon im
Vorbeigehen bemerkt haben; und riet zu Befriedigung der ersten (nach Xenophons
Bericht) eine solche Art von Liebe, (das Wort dessen sich die Griechen
bedienten, drückt die Sache bestimmter aus) an welcher die Seele so wenig als
möglich Anteil nehme. Ein Rat, welcher zwar seine Einschränkungen leidet; aber
doch auf die Erfahrungs-Wahrheit gegründet ist; dass die Liebe, welche sich der
Seele bemächtiget, sie gemeiniglich der Meisterschaft über sich selbst beraube,
entnerve, und zu edeln Anstrengungen untüchtig mache.
    »Und wozu, (hören wir den scheinheiligen Teogiton mit einem tiefen Seufzer,
in welchem ein halbunterdrücktes Anatema murmelt, fragen) - - wozu diese ganze
schöne Digression? Ist vielleicht ihre Absicht, die ärgerlichen Begriffe und
Sitten blinder, verdorbener Heiden unsrer ohnehin zum Bösen so gelehrigen Jugend
zum Muster vorzulegen?« Nein, mein Herr; das wäre unnötig; der grösseste Teil
dieser Jugend, welche unser Buch lesen wird (es müsste dann in die Gewürzbuden
kommen) hat schon den Horaz, den Ovid, den Martial, den Petron, den Apulejus,
vielleicht auch den Aristophanes gelesen; und was noch sonderbarer scheinen
könnte, hat seine Bekanntschaft mit diesen Schriftstellern, welche nach Dero
Grundsätzen lauter Seelengift sind, in den Schulen gemacht. Wir haben also
dieser Jugend nicht viel neues gesagt; und gesetzt, wir hätten? Alle Welt weiss,
dass andre Verfassungen, andre Gesetze, eine andre Art des Gottesdiensts, auch
andre Sitten hervorbringen und erfodern. Aber das verhindert nicht, dass es nicht
gut sein sollte, auch zu wissen, nach was für Begriffen man ausserhalb unserm
kleinen Horizont, unter andern Himmelsstrichen und zu andern Zeiten gedacht und
gelebt hat - - »Und wozu sollte das gut sein können?« - - Vergebung, Herr
Teogiton! das sollten Sie wissen, da Sie davon Profession machen, die Menschen
zu verbessern; und das hätten Sie, nehmen Sie's nicht übel, vorher lernen
sollen, ehe Sie Sich unterfangen hätten, einen Beruf zu übernehmen, worin es so
leicht ist, ein Pfuscher zu sein - - Doch genug; Sie sollen hören, warum diese
kleine Abschweifung notwendig war. Es ist hier darum zu tun, den Agaton zu
schildern; ein wenig genauer und richtiger zu schildern, als es ordentlicher
Weise in den Personalien einer Leichenpredigt geschieht - - Sie schütteln den
Kopf, Herr Teogiton - beruhigen Sie Sich; man malt solche Schildereien weder
für Sie, noch für die guten Seelen, welche sich unter Ihre Direction begeben
haben; Sie müssen ja den Agaton nicht lesen; und, die Wahrheit zu sagen, Sie
würden wohl tun gar nicht zu lesen, was Sie nicht zu verstehen fähig sind - -
Aber Sie sollen glauben dass es sehr viele ehrliche Leute gibt, die nicht unter
Ihrer Direction stehen, und einige von diesen werden den Agaton lesen, werden
alles in dem natürlichen, wahren Lichte sehen, worin ungefälschte, gesunde Augen
zu sehen pflegen, und werden sich - seufzen Sie immer soviel Sie wollen - -
daraus erbauen. Für diese also haben wir uns anheischig gemacht, den Agaton,
als eine moralische Person betrachtet, zu schildern. Es ist hier um eine
Seelen-Malerei zu tun - Sie lächeln, mein Herr? - Nicht wahr, ich errate es, dass
ihnen bei diesem Worte die punctierte Seele in Comenii Orbe picto einfällt? Aber
das ist nicht was ich meine; es ist darum zu tun, dass uns das Innerste seiner
Seele aufgeschlossen werde; dass wir die geheimern Bewegungen seines Herzens, die
verborgenern Triebfedern seiner Handlungen kennen lernen - - »Eine schöne
Kenntnis! und die etwan viel Kopf zerbrechens braucht? - - Ein Herz zu kennen,
von dem ich Ihnen, kraft meines Systems, gleich bei der ersten Zeile Ihres Buchs
hätte vorhersagen können, dass es durch und durch nichts taugt« - - Ich bitte
Sie, Herr Teogiton, nichts mehr; Sie mögen wohl Ihr System nicht recht gelernt
haben, oder - - das muss ein System sein! Aber; in unserm Leben nichts mehr, wenn
ich bitten darf. Ich sehe, die Natur hat Ihnen das Werkzeug versagt, wodurch wir
uns gegen einander erklären könnten. Ich hatte Unrecht, Ihnen von geheimen
Triebfedern zu sprechen - - Sie kennen nur eine einzige Gattung derselben, die
in der Casse der guten Seelen liegt, die sich Ihrer Führung überlassen haben;
und diese rechtfertiget freilich Ihr System besser als alles was Sie zu seinem
Behuf sagen könnten - - Also zu unserm Agaton zurück!
    Nach den gewöhnlichen Begriffen seiner Zeit wäre es so schwer nicht gewesen,
Liebe und Tugend mit einander zu verbinden; auch unsre jungen Moralisten hätten
hierzu gleich ein Recipe fertig, oder es wimmelt vielmehr würklich von
dergleichen in allen Buchläden. Aber Agaton hatte grössere und feinere Begriffe
von der Tugend - - Die Begriffe einer gewissen idealischen Vollkommenheit waren
zu sehr mit den Grundzügen seiner Seele verwebt, als dass er sie sobald verlieren
konnte, oder vielleicht jemals verlieren wird. Was ist für eine delicate Seele
Liebe ohne Schwärmerei? Ohne diese Zärtlichkeit der Empfindungen, diese
Sympatie welche ihre Freuden vervielfältiget, verfeinert, veredelt? Was sind
die Wollüste der Sinnen, ohne Grazien und Musen? - - Das Socratische System über
die Liebe mag für viele gut sein; aber es taugt nicht für die Agatons. Agaton
hätte diese Art zu lieben, wie er die schöne Danae geliebt hatte, und wie er von
ihr geliebt worden war, gerne mit der Tugend verbinden mögen; und von diesem
Wunsch, sah er alle Schwierigkeiten ein. Endlich deuchte ihn, es komme alles auf
den Gegenstand an; und hier erinnerte ihn sein Herz wieder an seine geliebte
Psyche. Ihr Bild stellte sich ihm mit einer Wahrheit und Lebhaftigkeit dar, wie
es ihm seit langer Zeit, seinen Traum ausgenommen, niemals vorgekommen war. Er
errötete vor diesem Bilde, wie er vor der gegenwärtigen Psyche selbst errötet
haben würde; aber er empfand mit einem Vergnügen, wovon das überlegte Bewusstsein
ein neues Vergnügen war, dass sein Herz, ohne nur mit einem einzigen Faden an
Danae zu hangen, wieder zu seiner ersten Liebe zurückkehrte. Seine wieder ruhige
Phantasie spiegelte ihm, wie ein klarer tiefer Brunnen die Erinnerungen der
reinen, tugendhaften, und mit keiner andern Lust zu vergleichenden Freuden vor,
die er durch die zärtliche Vereinigung ihrer Seelen in jenen elysischen Nächten
erfahren hatte. Er empfand izt alles wieder für sie was er ehemals empfunden,
und diese neben Empfindungen noch dazu, welche ihm Danae eingeflösst hatte; aber
so sanft, so geläutert durch die moralische Schönheit des veränderten
Gegenstandes, dass es nicht mehr eben dieselben schienen. Er stellte sich vor,
wie glücklich ihn eine unzertrennliche Verbindung mit dieser Psyche machen
würde, welche ihm eine Liebe eingehaucht, die seiner Tugend so wenig gefährlich
gewesen war, dass sie ihr vielmehr Schwingen angesetzt hatte - er versetzte sich
in Gedanken mit Psyche in den Ruheplatz der Diana zu Delphi - - und liess den
Gott der Liebe, den Sohn der himmlischen Venus, das überirdische Gemälde
ausmalen. Eine süsse weissagende Hoffnung breitete sich durch seine Seele aus; es
war ihm, als ob eine geheime Stimme ihm zulisple, dass er sie in Sicilien finden
werde. Psyche schickte sich vortrefflich in den Plan, den er sich von seinem
bevorstehenden Leben gemacht hatte - - was für eine Perspective stellte ihm die
Verbindung seiner Privat-Glückseligkeit mit der öffentlichen vor, welcher er
alle seine Kräfte zu widmen entschlossen war! Aber er wollte erst verdienen
glücklich zu sein - - Und nun, sagen sie mir, meine schönen Leserinnen, verdient
nicht ein Mann, der so edel denkt glücklich zu sein? - - verdient er nicht die
beste Frau? - - Seien Sie ruhig; er soll sie haben, sobald wir sie finden
werden.
 
                                  Neuntes Buch
                                 Erstes Capitel
                             Veränderung der Scene
           Character der Syracusaner, des Dionysius und seines Hofes
Da wir im Begriff sind, unserm Helden auf einen neuen Schauplatz zu folgen, wird
es nicht überflüssig sein, denenjenigen, welche in der alten Geschichte nicht so
gut bewandert sind, als vielleicht im Feen-Lande, einige vorläufige Nachrichten
von den Personen zu geben, mit welchen man ihn in diesem und dem folgenden Buche
verwickelt sehen wird.
    Syracus, die Hauptstadt Siciliens, verdiente in vielerlei Betrachtungen den
Namen des zweiten Aten. Nichts kann ähnlicher sein, als der Character ihrer
Einwohner. Beide waren im höchsten Grad eifersüchtig über eine Freiheit, in
welcher sie sich niemals lange zu erhalten wussten, weil sie Müssiggang und
Lustbarkeiten noch mehr liebten, als diese Freiheit; und man muss gestehen, dass
sie ihnen durch den schlechten Gebrauch, den sie von ihr zu machen wussten, mehr
Schaden getan hat, als ihre Tyrannen zusammengenommen. Die Syracusaner hatten
den Genie der Künste und der Musen; sie waren lebhaft, sinnreich und zum
spottenden Scherze aufgelegt; heftig und ungestüm in ihren Bewegungen, aber so
unbeständig, dass sie in einem Zeitmass von wenigen Tagen von dem äussersten Grade
der Liebe zum äussersten Hass, und von dem würksamsten Entusiasmus zur
untätigsten Gleichgültigkeit übergehen konnten; lauter Züge, durch welche sich,
wie man weiss, die Atenienser vor allen andern griechischen Völkern ausnahmen.
Beide empörten sich mit eben so viel Leichtsinn gegen die gute Regierung eines
einzigen Gewaltabers, als sie fähig waren mit der niederträchtigsten Feigheit
sich an das Joch des schlimmesten Tyrannen gewöhnen zulassen: Beide kannten
niemals ihr wahres Interesse, und kehrten ihre Stärke immer gegen sich selbst:
Mutig und heroisch in der Widerwärtigkeit, allezeit übermütig im Glück, und
gleich dem äsopischen Hund im Nil, immer durch schimmernde Entwürfe verhindert,
von ihren gegenwärtigen Vorteilen den rechten Gebrauch zu machen; durch ihre
Lage, Verfassung, und den Geist der Handelschaft, der Spartanischen Gleichheit
unfähig, aber eben so ungeduldig, an einem Mitbürger grosse Vorzüge an
Verdiensten, Ansehen oder Reichtum zu ertragen; daher immer mit sich selbst im
Streit, immer von Parteien und Factionen zerrissen; bis, nach einem langwierigen
umwechslenden Übergang von Freiheit zu Sklaverei und von Sklaverei zu Freiheit,
beide zuletzt die Fesseln der Römer geduldig tragen lernten; und sich weislich
mit der Ehre begnügten, Aten die Schule, und Syracus die Korn-Kammer dieser
Majestätischen Gebieterin des Erdbodens zu sein.
    Nach einer Reihe von so genannten Tyrannen, das ist, von Beherrschern,
welche sich der einzelnen und willkürlichen Gewalt über den Staat bemächtiget
hatten, ohne auf einen Beruf von den Bürgern zu warten, war Syracus und ein
grosser Teil Siciliens mit ihr endlich in die Hände des Dionysius gefallen; und
von diesem, nach einer langwierigen Regierung, unter welcher die Syracusaner
gewiesen hatten, was sie zu leiden fähig seien, seinem Sohne, dem jüngeren
Dionysius endlich angefallen. Das Recht dieses jungen Menschen an die königliche
Gewalt, deren er sich nach seines Vaters Tod (den er selbst durch einen
Schlaftrunk beschleuniget hatte) anmasste, war noch weniger als zweideutig; denn
sein Vater konnte ihm kein Recht hinterlassen, das er selbst nicht hatte. Aber
eine starke Leibwache, eine wohlbefestigte Citadelle, und eine durch die
Beraubung der reichesten Sicilianer angefüllte Schatzkammer ersetzte den Abgang
eines Rechts, welches ohnehin alle seine Stärke von der Macht zieht, die es
gelten machen muss, und aus eben diesem Grunde dessen leicht entbehren kann.
Hiezu kam noch, dass in einem Staat, worin der Geist der politischen Tugend schon
erloschen ist, und grenzenlose Begierden nach Reichtümern, und der
schmeichelhaften Freiheit alles zu tun, was die Sinne gelüsten (der einzigen Art
von Freiheit, welche von der Tyrannie eben so sehr begünstiget als sie von der
echten bürgerlichen Freiheit ausgeschlossen wird) die Oberhand gewonnen haben;
dass, sage ich, in einem solchen Staat, eine ausgelassene und allein auf
Befriedigung ihrer Leidenschaften erpichte Jugend sich mit gutem Grunde von der
unumschränkten Regierung eines Einzigen ihrer Art, unendlich mehr Vorteile
versprach als von der Aristocratie, deren sich die ältesten und
Verdienstvollesten bemächtigen; oder von der Democratie, worin man ein
abhängiges und ungewisses Ansehen mit soviel Beschwerlichkeiten, Cabalen, Unruh
und Gefahr, oft auch mit Aufopferung seines Vermögens teurer erkaufen muss, als
es sich der Mühe zu verlohnen scheint.
    Der junge Dionysius setzte sich also durch einen Zusammenfluss günstiger
Umstände, in den ruhigen Besitz der höchsten Gewalt zu Syracus; und es ist
leicht zu erachten, wie ein übelgezogner, und vom Feuer seines Temperaments zu
allen Ausschweifungen der Jugend hingerissener Prinz, unter einem Schwarme von
Parasiten, dieser Macht sich bedient haben werde. Ergötzungen, Gastmähler,
Liebeshändel, Feste welche ganze Monate dauerten, kurz eine stete Berauschung
von Schwelgerei, machten die Beschäftigungen eines Hofes von törichten
Jünglingen aus, welche nichts angelegeners hatten, als durch Erfindung neuer
Wollüste sich in der Zuneigung des Prinzen fest zu setzen, und ihn zu gleicher
Zeit zu verhindern, jemals zu sich selbst zu kommen, und den Abgrund gewahr zu
werden, an dessen blumichtem Rand er in unsinniger Sorglosigkeit herumtanzte.
    Man kennt die Staatsverwaltung wollüstiger Prinzen aus ältern und neuern
Beispielen zu gut, als dass wir nötig hätten, uns darüber auszubreiten. Was für
eine Regierung ist von einem jungen Unbesonnenen zu erwarten, dessen Leben ein
immerwährendes Bacchanal ist? Der keine von den grossen Pflichten seines Berufs
kennt, und die Kräfte, die er zu ihrer Erfüllung anstrengen sollte, bei
nächtlichen Schmäusen und in den feilen Armen üppiger Buhlerinnen verzettelt?
Der, unbekümmert um das Beste des Staats, seine Privat-Vorteile selbst so wenig
einsieht, dass er das wahre Verdienst, welches ihm verdächtig ist, hasset, und
Belohnungen an diejenigen verschwendet, die unter der Maske der eifrigsten
Ergebenheit und einer gänzlichen Aufopferung, seine gefährlichen Feinde sind?
Von einem Prinzen, bei dem die wichtigsten Stellen auf die Empfehlung einer
Tänzerin oder der Sclaven, die ihn aus- und ankleiden, vergeben werden? Der sich
einbildet, dass ein Hofschranze, der gut tanzt, ein Nachtessen wohl anzuordnen
weiss, und ein überwindendes Talent hat, sich bei den Weibern in Gunst zu setzen,
unfehlbar auch das Talent eines Ministers oder eines Feldherrn haben werde;
oder, dass man zu allem in der Welt tüchtig sei, sobald man die Gabe habe ihm zu
gefallen? - - Was ist von einer solchen Regierung zu erwarten, als Verachtung
aller göttlichen und menschlichen Gesetze, Missbrauch der Formalitäten der
Gerechtigkeit, Gewaltsamkeiten, schlimme Haushaltung, Erpressungen,
Geringschätzung und Unterdrückung der Tugend, allgemeine Verdorbenheit der
Sitten? - - Und was für eine Staatskunst wird da Platz haben, wo Leidenschaften,
Launen, vorüberfahrende Anstösse von lächerrlichem Ehrgeiz, die kindische Begierde
von sich reden zu machen, die Convenienz eines Günstlings oder die Intriguen
einer Buhlerin - - die Triebfedern der Staats-Angelegenheiten, der Verbindung
und Trennung mit auswärtigen Mächten, und des öffentlichen Betragens sind? Wo,
ohne die wahren Vorteile des Staats, oder seine Kräfte zu können, ohne Plan,
ohne kluge Abwägung und Verbindung der Mittel - - doch, wir geraten unvermerkt
in den Ton der Declamation, welcher uns bei einem längst erschöpften und doch so
alltäglichen Stoffe nicht zu vergeben wäre. Möchte niemand, der dieses liest,
aus der Erfahrung seines eignen Vaterlands wissen, wie einem Volke mitgespielt
wird, welches das Unglück hat, der Willkür eines Dionysius preis gegeben zu
sein!
    Man wird sich nach allem, was wir eben gesagt haben, den Dionysius als einen
der schlimmsten Tyrannen, womit der Himmel jemals eine mit geheimen Verbrechen
belastete Nation gegeisselt habe, vorstellen; und so schildern ihn auch die
Geschichtschreiber. Allein ein Mensch der aus lauter schlimmen Eigenschaften
zusammengesetzt wäre, ist ein Ungeheuer, das nicht existieren kann. Eben dieser
Dionysius würde Fähigkeit genug gehabt haben, ein guter Fürst zu werden, wenn er
so glücklich gewesen wäre, zu einer Bestimmung gebildet zu werden. Aber es
fehlte soviel, dass er die Erziehung die sich für einen Prinzen schickt, bekommen
hätte, dass ihm nicht einmal diejenige zu teil wurde, die man einem jeden jungen
Menschen von mittelmässigem Stande gibt. Sein Vater, der feigherzigste Tyrann der
jemals war, liess ihn, von aller guten Gessellschaft abgesondert, unter niedrigen
Sclaven aufwachsen, und der präsumtive Tronfolger hatte kein andres Mittel sich
die Langeweile zu vertreiben, als dass er kleine Wagen, hölzerne Leuchter,
Schemel und Tisch'gen verfertigte. Man würde unrecht haben, wenn man diese
selbstgewählte Beschäftigung für einen Wink der Natur halten wollte; es war
vielmehr der Mangel an Gegenständen und Modellen, welche dem allen Menschen
angebornen Trieb Witz und Hände zu beschäftigen, der sich in ihm regete, eine
andere Richtung hätten geben können: Er würde vielleicht Verse gemacht haben,
und bessere als sein Vater, (der unter andern Torheiten auch die Wut hatte, ein
Poet sein zu wollen) wenn man ihm einen Homer in seine Clause gegeben hätte. Wie
manche Prinzen hat man gesehen, welche mit der Anlage zu Augusten und Trajanen,
aus Schuld derjenigen, die über ihre Erziehung gesetzt waren, oder durch die
Unfähigkeit eines dummen, mit klösterlichen Vorurteilen angefüllten Mönchen, dem
sie auf Discretion überlassen wurden in Nerone und Heliogabale ausgeartet sind?
- - Eine genaue und ausführliche Entwicklung, wie dieses zugehe; wie es unter
gewissen gegebenen Umständen nicht anders möglich sei, als dass durch eine so
fehlerhafte Veranstaltung das beste Naturell, in ein Caricaturenmässiges
moralisches Missgeschöpfe verzogen werden müsse, wäre, wie uns deucht, ein sehr
nützlicher Stoff, den wir der Bearbeitung irgend eines Mannes von Genie
empfehlen, der bei philosophischen Einsichten eine hinlängliche Kenntnis der
Welt besässe. Unsre aufgeklärten und politen Zeiten sind weder dieses noch jenes
in so hohem Grade, dass ein solches Werk überflüssig sein sollte; und wenn die
Ausführung der Würde des Stoffes zusagte, so zweifeln wir nicht, dass es
glücklich genug werden könnte, von mancher Provinz die lange Folge von Plagen
abzuwenden, welche ihr vielleicht durch die fehlerhafte Erziehung ihrer noch
ungebornen Beherrscher in den nächsten hundert Jahren bevorstehen.
 
                                Zweites Capitel
                 Character des Dion. Anmerkungen über denselben
                                Eine Digression
Die Syracusaner waren des Jochs schon zu wohl gewohnt, um einen Versuch zu
machen, es nach dem Tode des alten Dionysius abzuschütteln. Es war nicht einmal
soviel Tugend unter ihnen übrig, dass einige von denen, welche besser dachten als
der grosse Haufen, und die verächtliche Brut der Parasiten, den Mut gehabt
hätten, sich durch diese letztern hindurch bis zu dem Ohre des jungen Prinzen zu
drängen, um ihm Wahrheiten zu sagen, von denen seine eigene Glückseligkeit eben
so wohl abhing, als die Wohlfahrt von Sicilien. Ganz Syracus hatte nur einen
Mann, dessen Herz gross genug hiezu war; und auch dieser würde sich vermutlich in
eben diese sichere aber unrühmliche Dunkelheit eingehüllet haben, worein
ehrliche Leute unter einer unglückweissagenden Regierung sich zu verbergen
pflegen; wenn ihn seine Geburt nicht berechtiget, und sein Interesse genötiget
hätte, sich um die Staat
    Dieser Mann war Dion, ein Bruder der Stiefmutter des Dionys, und der Gemahl
seiner Schwester; der Nächste nach ihm im Staat, und der Einzige, der sich durch
seine grosse Fähigkeiten, durch sein Ansehen bei dem Volke, und durch die
unermessliche Reichtümer, die er besass, furchtbar und des Projects verdächtig
machen konnte, sich entweder an seine Stelle zu setzen, oder die republicanische
Verfassung wiederherzustellen. Wenn wir den Geschichtschreibern, insonderheit
dem tugendhaften und guterzigen Plutarch einen unumschränkten Glauben schuldig
wären, so würden wir den Dion unter die wenigen Helden und Champions der Tugend
zählen müssen, welche sich, (um dem Plato einen Ausdruck abzuborgen) zu der
Würde und Grösse guter Dämonen, oder Beschützender Genien und Wohltäter des
Menschen-Geschlechts emporgeschwungen haben - - welche fähig sind, aus dem
erhabenen Beweggrunde einer reinen Liebe der sittlichen Ordnung und des
allgemeinen Besten zu handeln, und über dem Bestreben, andere glücklich zu
machen, sich selbst aufzuopfern, weil sie unter dieser in die Sinne fallenden
sterblichen Hülle ein edleres Selbst tragen, welches seine angeborne
Vollkommenheit desto herrlicher entfaltet, je mehr jenes animalische Selbst
unterdrückt wird - welche im Glück und im Unglück gleich gross, durch dieses
nicht verdunkelt werden, und von jenem keinen Glanz entlehnen, sondern immer
sich selbst genugsam, Herren ihrer Leidenschaften, und über die Bedürfnisse
gemeiner Seelen erhaben, eine Art von sublunarischen Göttern sind. Ein solcher
Character fällt allerdings gut in die Augen, ergötzt den moralischen Sinn (wenn
wir anders dieses Wort gebrauchen dürfen, ohne mit Hutchinson zu glauben, dass
die Seele ein besonderes geistiges Werkzeug, die moralische Dinge zu empfinden
habe) und erweckt den Wunsch, dass er mehr als eine schöne Schimäre sein möchte.
Aber wir gestehen, dass wir, aus erheblichen Gründen, mit zunehmender Erfahrung,
immer misstrauischer gegen die menschlichen - - und warum also nicht gegen die
übermenschlichen Tugenden werden.
    Es ist wahr, wir finden in dem Leben Dions Beweise grosser Fähigkeiten, und
vorzüglich einer gewissen Erhabenheit und Stärke des Gemüts, die man
gemeiniglich mit gröbern, weniger reizbaren Fibern und derjenigen Art von
Temperament verbunden sieht, welches ungesellig, ernstaft, stolz und spröde zu
machen pflegt. An jede Art von Temperament grenzen wie man weisst, gewisse
Tugenden; und wenn es sich noch fügt, dass die Entwicklung dieser Anlage zu
demselben durch günstige Umstände befördert wird, so ist nichts natürlichers,
als dass sich daraus ein Character bildet, der durch gewisse hervorstechende
Tugenden blendet, die eben darum zu einer völligern Schönheit gelangen, weil
kein innerlicher Widerstand sich ihrem Wachstum entgegensetzt. Diese Art von
Tugenden finden wir bei dem Dion in grossem Grade: Aber ihm, oder irgend einem
andern ein Verdienst daraus zu machen, wäre eben so viel, als einem Atleten die
Elasticität seiner Sehnen, oder einem gesunden blühenden Mädchen ihre gute Farbe
und die Wölbung ihres Busens als Verdienste anrechnen, welche ihnen ein Recht an
die allgemeine Hochachtung geben sollten. Ja, wenn Dion sich durch diejenige
Tugenden vorzüglich unterschieden hätte, zu denen er von Natur nicht aufgelegt
war; und wenn er es so weit gebracht hätte, sie mit eben der Leichtigkeit und
Grazie auszuüben, als ob sie ihm angeboren wären - - aber wie viel daran fehlte,
dass er der Philosophie seines Lehrers und Freundes Platon soviel Ehre gemacht
hätte, davon finden wir in den eigenen Briefen dieses Weisen, und in dem
Betragen Dions in den wichtigsten Auftritten seines Lebens die zuverlässigsten
Beweise: Niemals konnte er es dahin bringen, oder vielleicht gefiel es ihm
nicht, den Versuch zu machen, und beides läuft auf Eines hinaus, diese
Austerität, diese Unbiegsamkeit, diese wenige Gefälligkeit im Umgang, welche die
Herzen von sich zurückstiess, zu überwinden. Vergebens ermahnte ihn Plato den
Huldgöttinnen zu opfern, und erinnerte ihn, dass Sprödigkeit sich nur für
Einsiedler schicke; Dion bewies durch seine Ungelehrigkeit über diesen Punct,
dass die Philosophie ordentlicher Weise uns nur die Fehler vermeiden macht, zu
denen wir keine Anlage haben, und uns nur in solchen Tugenden befestiget, zu
denen wir ohnehin geneigt sind.
    Indessen war er nichts desto weniger derjenige, auf welchen ganz Sicilien
die Augen gerichtet hatte. Die Weisheit seines Betragens, seine Abneigung von
allen Arten der sinnlichen Ergötzungen, seine Mässigung, Nüchternheit und
Frugalität, erwarben ihm desto mehr Hochachtung, je stärker sie mit der
zügellosen Schwelgerei und Verschwendung des Tyrannen contrastierte. Man sah,
dass er allein im Stande war, ihm das Gleichgewicht zu halten, und man erwartete
das Beste von ihm, es sei nun dass er sich der Regierung für sich selbst, oder
die jungen Söhne seiner Schwester bemächtigen, oder sich begnügen würde, der
Mentor des Dionysius zu sein.
    Die natürliche Unempfindlichkeit Dions gegen die Reizungen der Wollust,
welche den Syracusanern soviel Vertrauen zu ihm gab, blendete in der Folge auch
die Griechen des festen Landes, zu denen er sich vor dem Tyrannen zu flüchten
genötiget wurde. Selbst die Academie, diese damals so berühmte Schule der
Weisheit, scheint stolz darauf gewesen zu sein, einen so nahen Verwandten des
wiewohl unrechtmässigen Beherrschers von Sicilien, unter ihre Pflegsöhne zählen
zu können. Die königliche Pracht, welche er in seiner Lebensart affectierte, war
in ihren Augen (so gewiss ist es, dass auch weise Augen manchmal durch die
Eitelkeit verfälscht werden) der Ausdruck der innern Majestät seiner Seele; sie
schlossen ungefähr nach eben der Logik, welche einen Verliebten von den
Reizungen seiner Dame auf die Güte ihres Herzens schliessen macht; und sahen
nicht, oder wollten nicht sehen, dass eben dieser von den republicanischen Sitten
so weit entfernte Pomp ein sehr deutliches Zeichen war, dass es weniger einer
Erhabenheit über die gewöhnlichen Schwachheiten der Grossen und Reichen, als dem
Mangel der Begierden zu zuschreiben sei, wenn derjenige gegen die Vergnügungen
der Sinne gleichgültig war, der sich von der Eitelkeit dahinreissen liess, durch
ein Gepränge mit Reichtümern, deren er sich als der Früchte seiner Verhältnisse
mit der Familie des Tyrannen vielmehr hätte schämen sollen, unter einem freien
Volke sich unterscheiden zu wollen.
    Doch, indem ich diese Gelegenheit ergreife, die übertriebene Lobsprüche zu
mässigen, welche an die Günstlinge des Glückes verschwendet zu werden pflegen,
sobald sie einigen Schimmer der Tugend von sich werfen; begehre ich nicht in
Abrede zu sein, dass Dion, so wie er war, einen Tron eben so würdig erfüllt
haben würde, als wenig er sich schickte, mit einem durch die lange Gewohnheit
der Fesseln entnervten Volke, in dem Mittelstand zwischen Sklaverei und
Freiheit, worein er dasselbe in der Folge durch die Vertreibung des Dionysius
setzte, so sanft und behutsam umzugehen, als es hätte geschehen müssen, wenn
seine Unternehmung für die Syracusaner und ihn selbst glücklich hätte
ausschlagen sollen. Plutarch vergleicht dieses Volk, in dem Zeitpunct, da es das
Joch der Tyrannie abzuschütteln anfing, sehr glücklich mit Leuten, die von einer
langwierigen Krankheit wieder aufstehen, und, ungeduldig sich der Vorschrift
eines klugen Arztes in Absicht ihrer Diät zu unterwerfen, sich zu früh wie
gesunde Leute betragen wollen. Aber darin können wir nicht mit ihm einstimmen,
dass Dion dieser geschickte Arzt für sie gewesen sei. Sehr wahrscheinlich hat die
platonische Philosophie selbst, von deren idealischer Sitten- und Staats-Lehre
er ein so grosser Bewunderer war, sehr vieles dazu beigetragen, dass er weniger
als ein Andrer, der nicht nach so sehr abgezogenen Grundsätzen gehandelt hätte,
zum Arzt eines äusserst verdorbenen Volkes geeigenschaftet war. Vielfältige
Erfahrungen zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Völkern haben es
gewiesen, dass die Dion, die Caton, die Brutus, die Algernon Sidnei allemal
unglücklich sein werden, wenn sie einen von alten bösartigen Schaden
entkräfteten und zerfressenen Staats-Körper in den Stand der Gesundheit wieder
herzustellen versuchen. Zu einer solchen Operation gehören viele Gehülfen; und
Männer von einer so ausserordentlichen Art sind unter einer Million Menschen
allein: Es ist genug, wenn das Ziel, wie Solon von seinen Gesetzen sagte, das
Beste ist, das in den vorliegenden Umständen zu erreichen sein mag; und Sie
wollen immer das Beste, das sich denken lässt: Alle Mittel welche zugleich am
gewissesten und bäldesten zu diesem Ziel führen, sind die Besten; und Sie wollen
keine andre gebrauchen, als welche nach den strengesten Regeln einer oft
allzuspitzfündigen Gerechtigkeit und Güte, rechtmässig und gut sind. Löblich,
vortrefflich, göttlich! - - rufen die schwärmerischen Bewunderer der heroischen
Tugend - - Wir wollten gerne mitrufen, wenn man uns nur erst zeigen wollte, was
diese hochgetriebene Tugend dem menschlichen Geschlecht jemals geholfen habe - -
Dion zum Exempel, von den erhabenen Ideen seines Lehrmeisters eingenommen,
wollte dem befreiten Syracus eine Regierungs-Form geben, welche so nah als
möglich an die Platonische Republik grenzte - - und verfehlte darüber, zu seinem
eignen Untergang, die Mittel, ihr diejenige zu geben, deren sie fähig war.
Brutus half den Grössesten der Sterblichen, den Fähigsten, eine ganze Welt zu
regieren, der jemals geboren worden ist, ermorden; weil ihm, in Rücksicht auf
die Mittel wodurch er zur höchsten Gewalt gelanget war, die Definition eines
Tyrannen zukam. Brutus wollte die Republik wiederherstellen. Noch einen Dolch
für den Marcus Antonius, (wie es der nicht so erhaben aber richtiger denkende
Cassius verlangte) so wären Ströme von Blut, so wäre das edelste Blut von Rom,
das kostbare Leben der besten Bürger gesparet worden, und der glückliche Ausgang
der ganzen Unternehmung versichert gewesen. Hätte sich derjenige, der dem
vermeinten allgemeinen Besten seines Vaterlandes ein so grosses Opfer gebracht
hatte als Cäsar war, ein Bedenken machen sollen, seinem majestätischen Schatten
einen Antonius nachzuschicken? - - Um eine Tat, welche, ohne Success wie sie
blieb, in den Augen seiner Zeitgenossen ein verabscheuungswürdiger Meuchelmord
war, und der unparteiischern Nachwelt im gelindesten Lichte betrachtet,
wahnsinniger Entusiasmus scheinen muss, zu einer so glorreichen Unternehmung zu
machen, als jemals die grosse Seele eines Römers geschwellt hatte. Aber Brutus
hatte Bedenklichkeiten, welche ihm eine unzeitige Güte eingab; sein Ansehen
entschied; Antonius bedankte sich für sein Leben, und begrub den Platonischen
Brutus unter den Trümmern, der auf ewig umgestürzten Republik. Was half also
sein Platonismus dem Vaterlande? Wir haben uns vielleicht zu lange bei dieser
Betrachtung aufgehalten; aber die Beobachtung, die uns dazu verleitet hat, so
alt sie ist, scheint uns wichtig und an practischen Folgerungen fruchtbar, deren
Nutzbarkeit sich über alle Stände ausbreiten, und besonders bei denjenigen
welche mit der Regierang und moralischen Disciplinierung der Menschen
beschäftiget sind, sich vorzüglich äussern würde, wenn sie besser eingesehen und
mit eben so viel Redlichkeit als Klugheit angewendet würden. Vielleicht würden
die Augen derjenigen, welche weder durch einen Nebel noch durch gefärbte Gläser
sehen, mit dem weinerlichlächerrlichen Schauspiel von so vielen ehrlichen Leuten
verschont bleiben, die aus allen Kräften und mit der feirlichsten
Ernstaftigkeit leeres Stroh dreschen, und wenn sie das ganze Jahr durch
gedreschet haben, sich sehr verwundern, dass nichts als Stroh auf der Tenne liegt
- der Patriotische Phlegon würde sich durch den allzuhitzigen Eifer, seine in
allen Teilen verdorbene Republik auf einmal durch eben so hitzige Mittel wieder
gesund zu machen, nicht so viel Verdruss zuziehen, und durch diesen Verdruss und
die Vergeblichkeit seiner undankbaren Bemühungen nicht veranlasst werden, sich
zu Tode - zu trinken - Der redliche Macrin würde sich nicht auf Unkosten seiner
Freiheit und vielleicht seines Lebens in den Kopf setzen, aus einem Caligula
einen Marc Aurel zu machen - Der wohlmeinende Diophant würde einsehen, wie wenig
Hoffnung er sich zu machen habe, Leute, welche noch sehr weit entfernt sind
erträgliche Menschen zu sein, in eine Engelähnliche Vollkommenheit hinein zu
declamieren - Doch genug von einer Materie, welche um gehörig ausgeführt zu
werden, eine eigene Abhandlung erfoderte.
    Wie leicht es doch ist, seine nichts übels besorgende Leser in einen
Labyrint von Parentesen und Digressionen hineinzuführen, wenn man sich einmal
über eine abergläubische Regelmässigkeit hinausgesetzt hat! Zwar haben wir die
Unsrigen schon lange benachrichtiget, dass wir uns bei Gelegenheit dergleichen
Freiheiten erlauben würden - - Und doch wollen wir so ehrlich sein und gestehen,
dass wir uns weder in diesem Stück, noch, die Wahrheit zu sagen, in irgend einem
andern, Nachahmer zu bekommen wünschen. Nicht als ob uns bange davor sei, man
werde Ordnung und Zusammenhang in dieser unsrer pragmatisch-critischen
Geschichte vermissen; sondern weil es in der Tat unendlich mal leichter ist
Miscellanien zu schreiben, als ein ordentliches Werk, und es daher leicht
geschehen könnte, dass ein junger Scribent, der sich seiner bessern
Bequemlichkeit wegen unsrer Metode bedienen wollte, sich die Horazische Frage
zuziehen könnte: Currente rota cur urceus exit? Und wenn auch dieses nicht zu
besorgen wäre, so gibt es sehr wackere Leute, denen es schwer fällt, sich aus
dergleichen mäandrischen Abschweifungen wieder herauszuhelfen, und, sobald es
dem Verfasser beliebt, wieder auf dem Punct zu stehen, wo er mit ihnen
ausgegangen ist. Was hat man uns, werden solche Leser, zum Exempel fragen, in
diesem ganzen Capitel denn eigentlich sagen wollen? - - Merken sie auf, meine
Herren, das war es - dass dieser Dion von dem die Rede war, und um den Sie Sich
übrigens, wie ich vermute, sehr wenig bekümmern, eine ganz gute Art von Prinzen,
aber doch nicht ganz so sehr ein Held von Tugend gewesen sei, wie ihn ein
gewisser ehrlicher Ober-Priester zu Chäronea sich eingebildet - - oder wenn man
ihm auch eingestehen wollte, dass er's gewesen sei, eben dadurch an seinem Platz
nicht soviel getaugt habe, als Sie, meine Herren, indem Sie ihrem Hauswesen wohl
vorstehen, sich wohl mit ihrer Gemahlin betragen, ihr Rechnungs-Buch in guter
Ordnung halten, und was dergleichen mehr ist - - Nun verstehen wir einander
doch?
 
                                Drittes Capitel
      Eine Probe, dass die Philosophie so gut zaubern könne, als die Liebe
Die vorläufigen Nachrichten, welche wir dem Leser zu geben haben, entfernen uns
ziemlich lange von unserm Helden; allein, für Eins, so sind sie zum Verständnis
des Folgenden unentbehrlich; und fürs Andere, so hätten wir auch dermalen nichts
wichtigers von ihm zu sagen, als dass er im Begriff sei, den Hausgöttern seines
Freundes, des Kaufmanns, eine andächtige Libation zu bringen; mit seiner Familie
Bekanntschaft zu machen, und nach einer leichten Abendmahlzeit von den
Beschwerden der Seefahrt auszuruhen.
    Dion sah die Ausschweifungen des Dionys mit der Verachtung eines
kaltsinnigen Philosophen an, der keine Lust hatte Teil daran zu nehmen; und mit
dem Verdruss eines Staatsmannes, der sich in Gefahr sah, durch einen Haufen
junger Wollüstlinge, Lustigmacher, Pantomimen und Narren, welche kein anderes
Verdienst hatten, als den Prinzen zu belustigen, von dem Ansehen, und dem Anteil
an der Regierung, der ihm aus so guten Gründen gebührte, nach und nach
ausgeschlossen zu werden. Bei solcher Bewandtnis hatte der Patriotismus das
schönste Spiel, und die grossen Beweggründe der allgemeinen Wohlfahrt, die
uneigennützige Betrachtung der verderblichen Folgen, welche aus einer so
heillosen Beschaffenheit des Hofes über den ganzen Staat daherstürzen mussten,
wurden durch jene geheimern Triebfedern so kräftig unterstützt, dass er den
festen Entschluss fasste, alles zu versuchen, um seinen Verwandten auf einen
bessern Weg zu bringen.
    Er urteilte, den Grundsätzen Platons zufolge, dass die Unwissenheit des
Dionysius, und die Gewohnheit unter dem niedriggesinntesten Pöbel (es waren mit
alle dem junge Herren von sehr gutem Adel darunter) zu leben, die Haupt-Quelle
seiner verdorbenen Neigungen sei. Diesem nach hielt er sich seiner Verbesserung
versichert, wenn er die beste Gesellschaft um ihn her versammeln, und ihm diese
edle Wissensbegierde einflössen könnte, welche bei denenjenigen, die von ihr
begeistert sind, die animalischen Triebe wo nicht gänzlich zu unterdrücken, doch
gewiss zu dämmen und zu mässigen pflegt. Er liess also keine Gelegenheit vorbei
(und die unzählichen Fehler, welche täglich in der Staats-Verwaltung gemacht
wurden, gaben ihm Gelegenheit genug) dem Tyrannen die Notwendigkeit
vorzustellen, Männer von einem grossen Ruf der Weisheit um sich zu haben; und er
führte so viele Beweggründe an, dass er, unter einer Menge sehr erhabener, die an
einem Dionysius verloren gingen, endlich auch den einzigen traf, der seine
Eitelkeit interessierte. Doch selbst dieser schlüpfte nur leicht an seinen Ohren
hin, und ob er gleich dem Dion immer Recht gab, und die besondern Unterredungen,
welche sie über dergleichen Materien hatten, allemal mit der Versicherung
beschloss, dass er nicht ermangeln werde, von so gutem Rat, Gebrauch zu machen; so
würde doch schwerlich jemals mit Ernst daran gedacht worden sein, wenn nicht ein
kleiner physicalischer Umstand dazu gekommen wäre, der den Vorstellungen des
weisen Dion eine Stärke gab, die nicht ihre eigene war.
    Dionysius hatte, man weiss nicht aus welcher Veranlassung, seinem Hof, der an
Glanz und verschwenderischer Üppigkeit es mit den Asiatischen aufnehmen konnte,
ein Fest gegeben, welches, nach der Versicherung der Geschichtschreiber, drei
Monate in einem fort daurte. Die ausschweifendeste Einbildungs-Kraft kann nicht
weiter gehen, als auf der einen Seite, Pracht und Aufwand, und auf der andern
Schwelgerei und asotische Freiheit an diesem langwierigen Bacchanal getrieben
wurden; denn diesen Namen verdiente es um so mehr, weil, nachdem alle andre
Erfindungen erschöpft waren, die letzten Tage des dritten Monats, welche in die
Weinlese fielen, zu einer Vorstellung des Triumphes des Bacchus und seiner
ganzen poetischen Geschichte angewendet wurden. Dionys, der durch eine
Anspielung auf seinen Namen den Bacchus machte, trieb die Nachahmung so weit
über das Original selbst, dass die Feder eines Aretin und der Griffel eines la
Fage sich unvermögend hätten bekennen müssen, weiter zu gehen. Die Quellen der
Natur wurden erschöpft, und die unmächtige Begierde ihre Grenzen zu erweitern -
- Doch, wir wollen kein Gemälde machen, das bei Gegenständen dieser Art die
Absicht, Abscheu zu erwecken, bei manchen verfehlen möchte. Genug dass Dionys mit
den Silenen, Nymphen, Faunen und Satyren, seinen Gehülfen, die Tibere und
Neronen der spätern Zeiten in die Unmöglichkeit setzte, etwas mehr als blosse
Copisten von ihm zu sein. Wer sollte sich vorstellen, dass aus einer so
schlammichten Quelle die heftigste Liebe der Philosophie, und eine Reformation,
welche ganz Sicilien und Griechenland in Erstaunen setzte, habe entspringen
können? - - Aber im Himmel und auf Erden sind eine Menge Dinge, wovon kein Wort
in unserm Compendio steht- - sagt der Shakespearische Hamlet zu seinem
Schulfreunde, Horazio.
    Das unbändigste Temperament kann auf die Weise, wie es Dionysius anging,
endlich zu paaren getrieben werden. Unsre Bacchanten fanden sich von der
Unmässigkeit, womit sie eine so lange Zeit den Göttern der Freude geopfert, und
von der Wut womit sie ihre Orgya beschlossen hatten, so erschöpft, dass sie
genötiget waren, aufzuhören. Insonderheit befand sich Dionys in einem Stande der
Vernichtung, der ihm weder Hoffnung noch Begierden übrig liess, jemals wieder
eine solche Rolle zu spielen. Zum ersten mal seit dem berauschenden Augenblicke,
da er sich im Besitz der Gewalt, allen seinen Leidenschaften den Zügel zu lassen
sah, fühlte er ein Leeres in sich, in welches er mit Grauen hineinschaute - -
Zum ersten mal fühlte er sich geneigt, Reflexionen zu machen, wenn er das
Vermögen dazu gehabt hätte. Aber er erfuhr, mit einem lebhaften Unwillen über
sich selbst und alle diejenigen, welche ihn zu einem Tier zu machen geholfen
hatten, dass er nichts in sich habe, das er dem Ekel vor allen Vergnügungen der
Sinne, und der Langenweile, worin er sich verzehrte, entgegenstellen könnte.
Alles was er indessen sehr lebhaft fühlte, war dieses, dass er mitten unter
lauter Gegenständen, welche ihm seine scheinbare Grösse und Glückseligkeit
ankündigten, in dem Zustande worin er war, sich selbst gegen über eine sehr
elende Figur machte. Kurz, alle Fibern seines Wesens hatten nachgelassen er
verfiel in eine Art von dummer Schwermut, aus welcher ihn alle seine Höflinge
nicht herauslachen, und alle seine Tänzerinnen nicht heraustanzen konnten.
    In diesem kläglichen Zustande, den ihm die natürliche Ungeduld seines
Temperaments unerträglich machte, warf er sich in die Arme des Dions, der sich
während der letzten drei Monate in ein entferntes Landgut zurückgezogen hatte;
hörte seine Vorstellungen mit einer Aufmerksamkeit an, deren er sonst niemals
fähig gewesen war; und ergriff mit Verlangen die Vorschläge, welche ihm dieser
Weise tat, um so gross und glückselig zu werden, als er izt in seinen eignen
Augen verächtlich und elend war. Man kann sich also vorstellen, dass er nicht die
mindeste Schwierigkeiten machte, den Plato unter allen Bedingungen, welche ihm
sein Freund Dion nur immer anbieten wollte, an seinen Hof zu berufen; er, der in
dem Zustande, worin er war, sich von dem ersten besten Priester der Cybele hätte
überreden lassen, mit Aufopferung der wertern Hälfte seiner selbst in den Orden
der Corybanten zu treten.
    Dion wurde bei so starken Anscheinungen zu einer vollkommenen
Sinnes-Änderung des Tyrannen von seiner Philosophie nicht wenig betrogen. Er
schloss zwar sehr richtig, dass die Rasereien des letzten Festes Gelegenheit dazu
gegeben hätten; aber darin irrte er sehr, dass er aus Vorurteilen, die einer
Philosophie eigen sind, welche gewohnt ist die Seele, und was in ihr vorgeht,
allzusehr von der Maschine in welche sie eingeflochten ist, abzusondern, nicht
gewahr wurde, dass die guten Dispositionen des Dionys ganz allein von einem
physicalischen Ekel vor den Gegenständen, worin er bisher sein einziges
Vergnügen gesucht hatte, herrühreten. Er hielt die natürlichen Folgen der
Überfüllung für Würkungen der Überzeugung, worin er nunmehr stehe, dass die
Freuden der Sinne nicht glücklich machen können; er setzte voraus, dass eine
Menge Sachen in seiner Seele vorgegangen seien, woran Dionysens Seele weder
gedacht hatte, noch zu denken vermögend war; kurz, er beurteilte, wie wir fast
immer zu tun pflegen, die Seele eines andern nach seiner Eigenen, und gründete
auf diese Voraussetzung ein Gebäude von Hoffnungen, welches zu seinem grossen
Erstaunen zusammenfiel, sobald Dionys - - wieder Nerven hatte.
    Die Berufung des Plato war eine Sache, an welcher schon geraume Zeit
gearbeitet worden war; allein er hatte grosse Schwierigkeiten gemacht, und würde,
ungeachtet des Zuspruchs seiner Freunde, der Pytagoräer in Italien, welche die
Bitten Dions unterstützten, auf seiner Verweigerung bestanden sein, wenn die
erfreulichen Nachrichten, die ihm Dion von der glücklichen Gemüts-Verfassung des
Tyrannen gab, und die dringenden Einladungen, die in desselben Namen an ihn
ergingen, ihm nicht Hoffnung gegeben hätten, der Schutzgeist Siciliens, und
vielleicht der Stifter einer neuen Republik nach dem Model derjenigen, die er
uns in seinen Schriften hinterlassen hat, werden zu können.
    Plato erschien also am Hofe zu Syracus mit aller Majestät eines Weisen, dem
die Grösse seines Geistes ein Recht gibt, die Grossen der Welt für etwas weniger
als seines gleichen anzusehen. Denn ob es gleich damals noch keine Stoiker gab,
so pflegten doch die Philosophen von Profession bereits sehr bescheidentlich zu
verstehen zu geben, dass sie in ihren eigenen Augen, eine höhere Classe von Wesen
ausmachten, als die übrigen Erdenbewohner. Diesesmal hatte die Philosophie das
Glück eine Figur zu machen, deren Glanz dieser hohen Einbildung ihrer Günstlinge
gemäss war. Plato wurde wie ein Gott aufgenommen, und würkte durch seine blosse
Gegenwart eine Veränderung, welche, in den Augen der erstaunten Syracusaner, nur
ein Gott zu würken mächtig genug schien. In der Tat glich das Schauspiel welches
sich demjenigen, der diesen Hof vor wenigen Wochen gesehen hatte, nunmehro
darstellte, einem Werke der Zauberei - - Aber - - o! cæcas hominum mentes! Wie
natürlich geht auch das ausserordentlichste zu, sobald wir die wahren Triebräder
davon kennen!
    Der erste Schritt, welchen der göttliche Plato in den Palast des Dionysius
tat, wurde durch ein feirliches Opfer, und die erste Stunde, worin sie sich mit
einander besprachen, durch eine Reforme, welche sich sogleich über den ganzen
Hof ausbreitete, bezeichnet. In wenigen Tagen glaubte Plato selbst in seiner
Academie zu Aten zu sein, so bescheiden und eingezogen sah alles in dem Hause
des Prinzen aus. Die Asiatische Verschwendung machte auf einmal der
philosophischen Einfalt Platz. Die Vorzimmer, welche vorher von schimmernden
Gecken, und allen Arten lustigmachender Personen gewimmelt hatten, stellten izt
academische Säle vor, wo man nichts als langbärtige Weise sah, welche einzeln
oder paarweise, mit gesenktem Haupt und gerunzelter Stirne, in sich selbst und
in ihre Mäntel eingehüllt auf und ab schritten, bald alle zugleich, bald gar
nichts, bald nur mit sich selbst sprachen, und wenn sie vielleicht am wenigsten
dachten, eine so wichtige Mine machten, als ob der geringste unter ihnen mit
nichts kleinerm umginge, als die beste Gesetzgebung zu erfinden, oder den
Gestirnen einen regelmässigern Lauf anzuweisen. Die üppigen Bankette, bei denen
Comus und Bacchus mit tyrannischem Scepter die ganze Nacht durch geherrschet
hatten, verwandelten sich in Pytagorische Mahlzeiten, wo man sich bei einem
Braten und Salat mit sinnreichen Gesprächen über die erhabensten Gegenstände des
menschlichen Verstandes, erlustigte; Statt frecher Pantomimen und wollüstiger
Flöten liessen sich Hymnen zum Lob der Götter und der Tugend hören; und den Gaum
zum Reden anzufeuchten, trank man aus kleinen Socratischen Bechern Wasser mit
Wein vermischt.
    Dionys fasste eine Art von Leidenschaft für den Philosophen; Plato musste
immer um ihn sein, ihn aller Orten begleiten, zu allem seine Meinung sagen. Die
begeisterte Imagination dieses sonderbaren Mannes, welche vermöge der
natürlichen Ansteckungs-Kraft des Entusiasmus sich auch seinen Zuhörern
mitteilte, würkte so mächtig auf die Seele des Dionys, dass er ihn nie genug
hören konnte; ganze Stunden wurden ihm kürzer, wenn Plato sprach, als ehemals in
den Armen der kunsterfahrensten Buhlerin. Alles, was der Weise sagte, war so
schön, so erhaben, so wunderbar! - erhob den Geist so weit über sich selbst - -
warf Strahlen von so göttlichem Licht in das Dunkel der Seele! In der Tat konnte
es nicht anderst sein, da die gemeinsten Ideen der Philosophie für Dionysen den
frischesten Reiz der Neuheit hatten. Und nehmen wir zu allem diesem noch, dass er
das wenigste recht verstund (ob er gleich, wie viele andere seines gleichen, zu
eitel war, es merken zu lassen) noch alles verstehen konnte, weil der
begeisterte Plato sich würklich zuweilen selbst nicht allzuwohl verstund; nehmen
wir ferner die erstaunliche Gewalt, welche ein in schimmernde Bilder
eingekleidetes Galimatias über die Unwissenden zu haben pflegt; so werden wir
begreifen, dass niemals etwas natürlichers gewesen, als der ausserordentliche
Geschmack, welchen Dionys an dem Gott der Philosophen, (wie ihn Cicero nennt)
gefunden; zumal da er noch über dies ein hübscher und stattlicher Mann war, und
sehr wohl zu leben wusste.
    Ohne dass sich die Überredungs-Kunst des göttlichen Plato, oder die Contagion
der Philosophischen Schwärmerei darein mischte, teilte sich die plötzliche
Wissens-Begierde des Dionys, so bald man sah, dass es Ernst war, eben so
plötzlich allen seinen Höflingen mit. Nicht, als ob ihnen viel daran gelegen
gewesen wäre, ihre kleinen Affen-Seelen nach dem göttlichen Modell der Ideen
umzubilden, oder als ob sie sich darum bekümmert hätten, was in den
überhimmlischen Räumen zu sehen sei; aber sie taten doch dergleichen; der Ton
der Philosophie war nun einmal Mode; man musste Metaphysik in geometrischen
Ausdrücken reden, um sich dem Fürsten angenehm zu machen. Man trug also am
ganzen Hofe keine andre als philosophische Mäntel; alle Säle des Palasts waren,
nach Art der Gymnasien mit Sand bestreut, um mit allen den Dreiecken, Vierecken,
Pyramiden, Achtecken und Zwanzigecken überschrieben zu werden, aus welchen Plato
seinen Gott diese schöne runde Welt zusammenleimen lässt; alle Leute, bis auf die
Köche, sprachen Philosophie, hatten ihr Gesicht in irgend eine geometrische
Figur verzogen, und disputierten über die Materie und die Form, über das was ist
und was nicht ist, über die beiden Enden des Guten und Bösen, und über die beste
Republik. Alles dieses machte freilich ein ziemlich seltsames Aussehen, und
konnte den Verdacht erwecken, als ob Plato an dem Syracusischen Hofe eher die
Rolle eines aufgeblasenen Pedanten unter einem Haufen unbärtiger Scholaren
gespielt habe, als eines weisen Mannes, der sich einen grossen Zweck vorgesetzt
hat, und die Mittel dazu, nach den Umständen des Orts, der Zeit und der
Personen, klüglich zu bestimmen weiss. Aber man würde sich irren. Er hatte an den
lächerlichen Ausschweifungen der Hofleute wenig Anteil; ob er gleich ganz gern
sah, dass diese unnütze Hummeln, welche er nicht auf einmal austreiben konnte,
auf solche Spielwerke verfielen, die doch immer als eine Art von Vorübungen
angesehen werden konnten, wodurch sie unvermerkt von ihren vorigen Gewohnheiten
abgezogen, und durch den Geschmack an Wissenschaft zu der allgemeinen
Verbesserung, welche er zu bewürken hoffte, vorbereitet wurden. Allein seine
eigene hauptsächlichsten Bemühungen bezogen sich unmittelbar auf den Dionysius
selbst; und indem er ihn durch die Reizungen seines Umgangs und seiner
Beredsamkeit zu humanisieren, und an sich zu gewöhnen suchte, trachtete er, ohne
es allzudeutlich zu erkennen zu geben, dahin, ihm die Verachtung seines vorigen
Zustandes, die Liebe der Tugend, Begierden nach ruhmwürdigen Taten; kurz, solche
Gesinnungen einzuflössen, welche ihn durch unmerkliche Grade von sich selbst auf
die Gedanken bringen würden, ein unrechtmässiges Diadem von sich zu werfen, und
sich an der Ehre, der erste unter seines gleichen zu sein, genügen zu lassen.
Die Anscheinungen liessen ihn den vollkommensten Success hoffen. Dionys schien in
wenigen Tagen nicht mehr der vorige Mann. Seine Wissens-Begierde, seine
Gelehrigkeit gegen die Räte des Philosophen, das Sanfte und Ruhige in seinem
ganzen Betragen übertraf alles, was sich Dion von ihm versprochen hatte. Ganz
Syracus empfand sogleich die Würkungen dieser glücklichen Veränderung. Er ging
mit einer unglaublichen Behendigkeit von dem höchsten Grade des tyrannischen
Übermuts zu der Popularität eines Ateniensischen Archonten über; setzte alle
Tage einige Stunden aus, um jedermann mit einnehmender Leutseligkeit anzuhören,
nannte sie Mitbürger, wünschte sie alle glücklich machen zu können; machte
würklich den Anfang, verschiedene gute Anordnungen zu veranstalten, und erweckte
durch so viele günstige Vorzeichen die allgemeine Erwartung einer glückseligen
Revolution, welche nun auf einmal der Gegenstand aller Wünsche, und der Inhalt
aller Gespräche unter dem Volke wurde.
    Es könnte genug sein, gegen diejenige, die eine so grosse und schnelle
Verwandlung eines Prinzen, den wir für ein kleines Ungeheuer von Lastern und
Ausschweifungen gegeben haben, unglaublich vorkommen möchte, uns auf die
einhellige Aussage der Geschichtschreiber zu berufen; aber wir können noch mehr
tun; es ist leicht, die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit derselben begreiflich
zu machen. Aufmerksame Leser, welche einige Kenntnis des menschlichen Herzens
haben, werden die Gründe hierzu in unsrer bisherigen Erzählung schon von
selber entdeckt haben. In einem Gemüts-Zustande, worin die Leidenschaften
schweigen, wo uns vor den Ergötzungen der Sinne ekelt, und der Mangel an
angenehmen Eindrücken uns in einen beschwerlichen Mittelstand zwischen Sein und
Nichtsein versenkt - - in einem solchen Zustande, ist die Seele begierig, einen
jeden Gegenstand zu umfassen, der sie aus diesem unleidlichen Stillstand ihrer
Kräfte ziehen kann, und also am besten aufgelegt, den Reiz sittlicher und
intellectualischer Schönheiten zu empfinden. Allerdings würde ein trockner
Zergliederer metaphysischer Begriffe sich nicht dazu geschickt haben, solche
Gegenstände für einen Menschen zu zurichten, der zu einer scharfen
Aufmerksamkeit eben so ungeduldig als unvermögend war. Allein die Beredsamkeit
des Homers der Philosophen wusste sie auf eine so reizende Art für die
Einbildungs-Kraft zu vercörpern, wusste die Leidenschaften und innersten Triebe
des Herzens so geschickt für sie ins Spiel zu setzen, dass sie nicht anders als
gefallen und rühren konnten. Hiezu kam noch die Jugend des Tyrannen, welche
seine noch nicht verhärtete Seele neuer Eindrücke fähig machte. Warum sollte es
also nicht möglich gewesen sein, ihm unter solchen Umständen auf etliche Wochen
die Liebe der Tugend einzuflössen, da hiezu weiter nichts nötig war, als seinen
Neigungen unvermerkt andre Gegenstände an die Stelle derjenigen, deren er
überdrüssig war, zu unterschieben - - Denn in der Tat war seine Bekehrung nichts
anders, als dass er nunmehr, anstatt irgend einer Wollustatmenden Nymphe, ein
schönes Phantom der Tugend umarmte, und statt in Syracusischem Weine sich in
platonischen Ideen berauschte - - und dass eben diese Eitelkeit, welche ihn vor
weniger Zeit angetrieben hatte, mit dem Bacchus und einer andern Gotteit,
welche wir nicht nennen dürfen, in die Wette zu eifern, sich izt durch die
Vorstellung kitzelte, als Regent und Gesetzgeber den Glanz der berühmtesten
Männer vor ihm zu verdunkeln, die Augen der Welt auf sich zu heften, sich von
allen bewundert, und von den Weisen selbst vergöttert zu sehen.
    Dass dieses Urteil von der Bekehrung des Dionys richtig sei, hat sich in der
Folge würklich bewiesen; und man hätte, deucht uns, ohne die Gabe der Divination
zu besitzen, voraussehen können, dass eine so plötzliche Veränderung keinen
Bestand haben werde. Aber wie sollten die in einer grossen Angelegenheit
verwickelten Personen fähig sein, so gelassen und uneingenommen davon zu
urteilen, wie entfernte Zuschauer, welche das Ganze bereits vor sich liegen
haben, und bei einer kalten Untersuchung des Zusammenhangs aller Umstände sehr
leicht mit vieler Zuverlässigkeit beweisen können, dass es nicht anders habe
gehen können, als wie sie wissen, dass es gegangen ist? Plato selbst liess sich
von den Anscheinungen betrügen, weil sie seinen Wünschen gemäss waren, und ihm zu
beweisen schienen, wieviel er vermöge. Die voreilige Freude über einen Success,
dessen er sich schon versichert hielt, liess ihm nicht zu, sich alle die
Hindernisse, die seine Bemühungen vereiteln konnten, in der gehörigen Stärke
vorzustellen, und in Zeiten darauf bedacht zu sein, wie er ihnen zuvorkommen
möchte. Gewohnt in den ruhigen Spaziergängen seiner Academie unter gelehrigen
Schülern idealische Republiken zu bauen, hielt er die Rolle, die er an dem Hofe
zu Syracus zu spielen übernommen hatte, für leichter als sie in der Tat war. Er
schloss immer richtig aus seinen Prämissen; aber seine Prämissen setzten immer
mehr voraus, als war; und er bewies durch sein Exempel, dass keine Leute mehr
durch den Schein der Dinge hintergangen werden, als eben diejenige welche ihr
ganzes Leben damit zubringen, inter Sylvas Academi dem was wahrhaftig ist
nachzuspähen. In der Tat hat man zu allen Zeiten gesehen, dass es den
speculativen Geistern nicht geglückt hat, wenn sie sich aus ihrer
philosophischen Sphäre heraus und auf irgend einen grossen Schauplatz des
würksamen Lebens gewaget haben. Und wie hätte es anders sein können, da sie
gewohnt waren, in ihren Utopien und Atlantiden zuerst die Gesetzgebung zu
erfinden, und erst wenn sie damit fertig waren, sich so genannte Menschen zu
schnitzeln, welche eben so richtig nach diesen Gesetzen handeln mussten, wie ein
Uhrwerk durch den innerlichen Zwang seines Mechanismus die Bewegungen macht,
welche der Künstler haben will. Es war leicht genug zu sehen (und doch sahen es
diese Herren nicht) dass es in der würklichen Welt gerade umgekehrt ist. Die
Menschen in derselben sind nun einmal wie sie sind; und der grosse Punct ist,
diejenige die man vor sich hat, nach allen Umständen und Verhältnissen so lange
zu studieren, bis man so genau als möglich weiss, wie sie sind. Sobald ihr das
wisst, so geben sich die Regeln, wornach ihr sie behandeln müsst, wenn ihr euern
Zweck erhalten wollt, von sich selbst; dann ist es Zeit moralische Projecte zu
machen - - aber wenn, ihr grossen Lichter unsers alleraufgeklärtesten
Jahrhunderts, wenn glaubt ihr, dass diese Zeit für das Menschen-Geschlecht kommen
werde?
 
                                Viertes Capitel
                            Philistus und Timocrates
Während, dass die Philosophie und die Tugend durch die Beredsamkeit eines
einzigen Mannes eine so ausserordentliche Veränderung der Scene an dem Hofe zu
Syracus hervorbrachte, waren die ehmaligen Vertrauten des Dionysius sehr weit
davon entfernt, die Vorteile, welche sie von der vorigen Denkungs Prinzen
gezogen hatten, so willig hinzugeben, als man es aus ihrem äusserlichen Bezeugen
hätte schliessen sollen. Als schlaue Höflinge wussten sie zwar ihren Unmut über
die sonderbare Gunst, worin Plato bei demselben stund, sehr künstlich zu
verbergen. Gewohnt sich nach dem Geschmacke des Prinzen zu modeln, und alle
Gestalten anzunehmen, unter welchen sie ihm gefallen oder zu ihren geheimen
Absichten am besten gelangen konnten, hatten sie, so bald sie die neue Laune
ihres Herrn gewahr werden waren, die ganze Aussenseite des philosophischen
Entusiasmus mit eben der Leichtigkeit angenommen, womit sie eine
Maskeraden-Kleidung angezogen hätten. Sie waren die ersten, die dem übrigen Hofe
hierin mit ihrem Beispiel vorgingen; sie verdoppelten ihre Aufwartung bei dem
Prinzen Dion, dessen Ansehen seit Platons Ankunft ungemein gestiegen war; sie
waren die erklärten Bewunderer des Philosophen; sie lächelten ihm Beifall
entgegen, so bald er nur den Mund auftat; alle seine Vorschläge und Massnehmungen
waren bewundernswürdig; sie wussten nichts daran auszusetzen, oder wenn sie ja
Einwürfe machten, so war es nur um sich belehren zu lassen, und auf die erste
Antwort sich seiner höhern Weisheit überwunden zu gehen. Sie suchten seine
Freundschaft so gar mit einem Eifer, worüber sie den Fürsten selbst zu
vernachlässigen schienen; und besonders liessen sie sich sehr angelegen sein, die
Vorurteile zu zerstreuen, die man von der vorigen Staats-Verwaltung wider sie
gefasst haben könnte. Durch diese Kunstgriffe erreichten sie zwar die Absicht,
den weisen Plato sicher zu machen, nicht so vollkommen, dass er nicht immer
einiges gerechtes Misstrauen in die Aufrichtigkeit ihres Bezeugens gesetzt hätte;
er beobachtete sie genau; allein da sie gar nicht zweifelten, dass er es tun
würde, so war es ihnen leicht davor zu sein, dass er mit aller seiner
Scharfsichtigkeit nichts sah. Sie vermieden alles, was ihrem Betragen einen
Schein von Zurückhaltung, Zweideutigkeit und Geheimnis hätte geben können, und
nahmen ein so natürliches und einfaches Wesen an, dass man entweder ihres
gleichen sein, oder betrogen werden musste. Diese schöne Kunst ist eine von
denen, in welchen nur den Hofleuten gegeben ist, Meister zu sein. Man könnte die
Tugend selbst herausfordern, in einem höhern Grad und mit besserm Anstand Tugend
zu scheinen, als diese Leute es in ihrer Gewalt haben, so bald es ein Mittel zu
ihren Absichten werden kann, die eigenste Mine, Farbe, und äusserliche Grazie
derselben an sich zu nehmen.
    Was wir hier sagen, versteht sich insonderheit von zweenen, welche bei
dieser Veränderung des Tyrannen am meisten zu verlieren hatten. Philistus war
bisher der vertrauteste unter seinen Ministern, und Timocrates sein Liebling
gewesen. Beide hatten sich mit einer Eintracht, welche ihrer Klugheit Ehre
machte, in sein Herz, in die höchste Gewalt, wozu er nur seinen Namen hergab,
und in einen beträchtlichen Teil seiner Einkünfte geteilt. Izt zog die
gemeinschaftliche Gefahr das Band ihrer Freundschaft noch enger zusammen. Sie
entdeckten einander ihre Besorgnisse, ihre Bemerkungen, ihre Anschläge; sie
redeten die Massregeln mit einander ab, die in so critischen Umständen genommen
werden mussten; und gingen, weil sie die schwache Seite des Tyrannen besser
kannten, als irgend ein andrer, mit so vieler Schlauheit zu Werke, dass es ihnen
nach und nach glückte, ihn gegen Platon und Dion einzunehmen, ohne dass er
merkte, dass sie diese Absicht hatten.
    Wir haben schon bemerkt, dass die Syracusaner, vermöge einer Eigenschaft,
welche aller Orten das Volk characterisiert, der Hoffnung durch Vermittlung des
Platon ihre alte Freiheit wieder zu erlangen, mit einer so voreiligen Freude
sich überliessen, dass die bevorstehende Staats-Veränderung der Inhalt aller
Gespräche wurde. In der Tat ging die Absicht Dions bei Berufung seines Freundes
auf nichts geringers. Beide waren gleich erklärte Feinde der Tyrannie und der
Democratie; von denen sie (mit welchem Grunde, wollen wir hier nicht
entscheiden) davorhielten, dass sie unter verschiedenen Gestalten, und durch
verschiedene Wege, am Ende in einem Puncte, nämlich in Mangel der Ordnung und
Sicherheit, Unterdrückung und Sklaverei zusammenliefen. Beide waren für
diejenige Art der Aristocratie, worin das Volk zwar vor aller Unterdrückung
hinlänglich sicher gestellt, folglich die Gewalt der Edeln, oder wie man bei den
Griechen sagte, der Besten, durch unzerbrechliche Ketten gefesselt ist; hingegen
die eigentliche Staats-Verwaltung nur bei einer kleinen Anzahl liegt, welche
eine genaue Rechenschaft abzulegen verwunden sind. Es war also würklich ihr
Vorhaben, die Tyrannie, oder was man zu unsern Zeiten eine uneingeschränkte
Monarchie nennt, aus dem ganzen Sicilien zu verbannen, und die Verfassung dieser
Insel in die vorbemeldte Form zu giessen. Dem Dionys zu gefallen, oder vielmehr,
weil nach Platons Meinung die vollkommenste Staats-Form eine Zusammensetzung aus
der Monarchie, Aristocratie und Democratie sein musste, wollten sie ihrer neuen
Republik zwei Könige geben, welche in derselben eben das vorstellen sollten was
die Könige in Sparta; und Dionys sollte einer von denselben sein. Dieses waren
ungefähr die Grundlinien ihres Entwurfs. Sie liessen keine Gelegenheit vorbei,
dem Prinzen die Vorteile einer gesetzmässigen Regierung anzupreisen; aber sie
waren zu klug, von einer so delicaten Sache, als die Einführung einer
republicanischen Verfassung war, vor der Zeit zu reden, und den Tyrannen, eh ihn
Plato vollkommen zahm und bildsam gemacht haben würde, durch eine unzeitige
Entdeckung ihrer Absichten in seine natürliche Wildheit wieder
hineinzuschrecken.
    Unglücklicher Weise war das Volk so vieler Mässigung nicht fähig, und dachte
auch ganz anders über den Gebrauch, den es von seiner Freiheit machen wollte.
Ein jeder hatte dabei eine gewisse Absicht, die er noch bei sich behielt, und
die gerade zu auf irgend einen Privat-Vorteil ging. Jeder hielt sich für mehr
als fähig, dem gemeinen Wesen gerade in dem Posten zu dienen, wozu er die
wenigste Fähigkeit hatte, oder hatte sonst seine kleine Forderungen zu machen,
welche er schlechterdings bewilliget haben wollte. Die Syracusaner verlangten
also eine Democratie; und da sie sich ganz nahe bei dem Ziel ihrer Wünsche
glaubten, so sprachen sie laut genug davon, dass Philistus und seine Freunde
Gelegenheit bekamen, den Tyrannen aus seinem angenehmen Platonischen
Entusiasmus zu sich selbst zurückzurufen.
    Das erste was sie taten, war, dass sie ihm die Gesinnungen des Volkes, und
die zwar von aussen noch nicht merklich in die Augen fallende, aber innerlich
desto stärker gärende Bewegung desselben mit sehr lebhaften Farben, und mit
ziemlicher Vergrösserung der Umstände vormalten. Sie taten dieses mit vieler
Vorsichtigkeit, in gelegenen Augenblicken, nach und nach, und auf eine solche
Art, dass es dem Dionys scheinen musste, als ob ihm endlich die Augen von selbst
aufgingen; und dabei versäumten sie keine Gelegenheit, den Plato und den Prinzen
Dion bis in die Wolken zu erheben; und besonders in Ausdrücken, welche von der
schlauesten Bosheit ausgewählt wurden, von der ausserordentlichen Hochachtung zu
sprechen, worein sie sich bei dem Volke setzten. Um den Tyrannen desto
aufmerksamer zu machen, wussten sie es durch tausend geheime Wege, wobei sie
selbst nicht zum Vorschein kamen, dahin einzuleiten, dass häufige und zahlreiche
Privat-Versammlungen in der Stadt angestellt wurden, wozu Dion und Plato selbst,
oder doch immer jemand von den besondern Vertrauten des einen oder des andern
eingeladen wurde. Diese Versammlungen waren zwar nur auf Gastmähler und
freundschaftliche Ergötzungen angesehen; aber sie gaben doch dem Philistus und
seinen Freunden Gelegenheit mit einer Art davon zu reden, wodurch sie den Schein
politischer Zusammenkünfte bekamen; und das war alles was sie wollten.
    Durch diese und andre dergleichen Kunstgriffe gelang es ihnen endlich, dem
Dionys Argwohn beizubringen. Er fing an, in die Aufrichtigkeit seines neuen
Freundes ein desto grösseres Misstrauen zu setzen, da er über das besondere
Verständnis, welches er zwischen ihm und dem Dion wahrnahm, eifersüchtig war;
und damit er desto bälder ins Klare kommen möchte, hielt er für das Sicherste,
den seit einiger Zeit vernachlässigten Timocrates wieder an sich zu ziehen; und
so bald er sich versichert hatte, dass er, wie vormals auf seine Ergebenheit
zählen könne ihm seine Wahrnehmungen und geheime Besorgnisse zu entdecken. Der
schlaue Günstling stellte sich anfangs, als ob er nicht glauben könne, dass die
Syracusaner im Ernste mit einem solchen Vorhaben umgehen sollten; wenigstens
(sagte er mit der ehrlichsten Mine von der Welt) könne er sich nicht vorstellen,
dass Plato und Dion den mindesten Anteil daran haben sollten; ob er gleich
gestehen müsste, dass seit dem der erste sich am Hofe befinde, die Syracusaner von
einem seltsamen Geiste beseelt würden, und zu den ausschweifenden Einbildungen,
welche sie sich zu machen schienen, vielleicht durch das ausserordentliche
Ansehen verleitet würden, worin dieser Philosoph bei dem Prinzen stehe: Es sei
nicht unmöglich, dass die Republicanisch-Gesinnte sich Hoffnung machten,
Gelegenheit zu finden, indessen, dass der Hof die Gestalt der Academie gewänne,
dem Staat unvermerkt die Gestalt einer Democratie zu geben; indessen müsse er
gestehen, dass er nicht Vertrauen genug in seine eigene Einsicht setze, seinem
Herrn und Freunde in so delicaten Umständen einen sichern Rat zu geben; und
Philistus, dessen Treue dem Prinzen längst bekannt sei, würde durch seine
Erfahrenheit in Staats-Geschäften unendlichmal geschickter sein, einer Sache von
dieser Art auf den Grund zu sehen.
    Dionysius hatte so wenig Lust sich einer Gewalt zu begeben, deren Wert er
nach Proportion, dass seine Fibern wieder elastischer wurden, von Tag zu Tag
wieder stärker zu empfinden begann; dass die Einstreuungen seines Günstlings ihre
ganze Würkung taten. Er gab ihm auf, mit aller nötigen Vorsichtigkeit, damit
niemand nichts davon gewahr werden könnte, den Philistus noch in dieser Nacht in
sein Cabinet zu führen, um sich über diese Dinge besprechen, und die Gedanken
desselben vernehmen zu können. Es geschah; Philistus vollendete was Timocrat
angefangen hatte. Er entdeckte dem Prinzen alles was er beobachtet zu haben
vorgab, und sagte gerade so viel, als nötig war, um ihn in den Gedanken zu
bestärken, dass ein geheimes Complot zu einer Staats-Veränderung im Werke sei,
welches zwar vermutlich noch nicht zu seiner Reife gekommen, aber doch so
beschaffen sei, dass es Aufmerksamkeit verdiene. Und wer kann der Urheber und das
Haupt eines solchen Complots sein, fragte Dionys? - - Hier stellte sich
Philistus verlegen - er hoffe nicht, dass es schon so weit gekommen sei - - Dion
bezeuge so gute Gesinnungen für den Prinzen - - Rede aufrichtig, wie du denkst,
fiel ihm Dionys ein; was hältst du von diesem Dion? Aber keine Complimenten,
denn du brauchst mich nicht daran zu erinnern, dass er meiner Schwester Mann ist;
ich weiss es nur zu wohl - - Aber ich traue ihm nicht desto besser - er ist
ehrgeizig - - »Das ist er« - - immer finster, zurückhaltend, in sich selbst
eingeschlossen - - In der Tat, so ist er, nahm Philist das Wort, und wer ihn
genau beobachtete, ohne vorhin eine bessere Meinung von ihm gefasst zu haben,
würde sich des Argwohns kaum erwehren können, dass er missvergnügt sei, und an
Gedanken in sich selbst arbeite, die er nicht für gut befinde, andern
mitzuteilen - - Glaubst du das, Philistus? fiel Dionys ein; so hab' ich immer
von ihm gedacht; wenn Syracus unruhig ist, und mit Neuerungen umgeht, so darfst
du versichert sein, dass Dion die Triebfeder von allem ist - - wir müssen ihn
genauer beobachten - - Wenigstens ist es sonderbar, fuhr Philistus fort, dass er
seit einiger Zeit, sich eine Angelegenheit davon zu machen scheint, sich der
Freundschaft der angesehensten Bürger zu versichern - (Hier führte er einige
Umstände an, welche, durch die Wendung die er ihnen gab, seine Wahrnehmung
bestätigen konnten.) Wenn ein Mann von solcher Wichtigkeit, wie Dion, sich
herablässt eine Popularität zu affectieren, die so gänzlich wider seinen
Character ist, so kann man glauben, dass er Absichten hat - und wenn Dion
Absichten hat, so gehen sie gewiss auf keine Kleinigkeiten - Was es aber auch
sein mag, so bin ich gewiss, setzte er hinzu, dass Platon, ungeachtet der engen
Freundschaft, die zwischen ihnen obwaltet, zu tugendhaft ist, um an heimlichen
Anschlägen gegen einen Prinzen, der ihn mit Ehren und Wohltaten überhäuft, Teil
zu nehmen - - Wenn ich dir sagen soll was ich denke, Philistus, so glaub' ich,
dass diese Philosophen, von denen man so viel Wesens macht, eine ganz unschuldige
Art von Leuten sind; in der Tat, ich sehe nicht, dass an ihrer Philosophie so
viel gefährliches sein sollte, als die Leute sich einbilden; ich liebe, zum
Exempel, diesen Platon, weil er angenehm im Umgang ist; er hat sich seltsame
Dinge in den Kopf gesetzt, man könnte sichs nicht schnakischer träumen lassen,
aber eben das belustiget mich; und bei alle dem muss man ihm den Vorzug lassen,
dass er gut spricht; es hört sich ihm recht angenehm zu, wenn er euch von der
Insel Atlantis, und von den Sachen in der andern Welt eben so umständlich und
zuversichtlich spricht, als ob er mit dem nächsten Marktschiffe aus dem Mond
angekommen wäre (hier lachten die beiden Vertrauten, als ob sie nicht aufhören
könnten, über einen so sinnreichen Einfall, und Dionys lachte mit) ihr möcht
lachen so lang ihr wollt, fuhr er fort; aber meinen Plato sollt ihr mir gelten
lassen; er ist der guterzigste Mensch von der Welt, und wenn man seine
Philosophie, seinen Bart und seine hieroglyphische Physionomie zusammennimmt, so
muss man gestehen, dass alles zusammen eine Art von Leuten macht, womit man sich,
in Ermanglung eines bessern, die Zeit vertreiben kann - (o göttlicher Platon!
du, der du dir einbildetest, das Herz dieses Prinzen in deiner Hand zu haben, du
der sich das grosse Werk zutraute, einen Weisen und tugendhaften Mann aus ihm zu
machen warum standest du nicht in diesem Augenblick hinter einer Tapete, und
hörtest diese schmeichelhafte Apologie, wodurch er den Geschmack, den er an dir
fand, in den Augen seiner Höflinge zu rechtfertigen suchte!) In der Tat, sagte
Timocrates, die Musen können nicht angenehmer reden als Plato; ich wisste nicht,
was er einen nicht überreden könnte, wenn er sichs in den Kopf gesetzt hätte -
Du willst vielleicht scherzen, fiel ihm der Prinz ein; aber ich versichre dich,
es hat wenig gefehlt, dass er mich letztin nicht auf den Einfall gebracht hätte,
Sicilien dahinten zu lassen, und eine philosophische Reise nach Memphis und zu
den Pyramiden und Gymnosophisten anzustellen, die seiner Beschreibung nach eine
seltsame Art von Kreaturen sein müssen - wenn ihre Weiber so schön sind, wie er
sagt, so mag es keine schlimme Partie sein, den Tanz der Sphären mit ihnen zu
tanzen; denn sie leben in dem Stand der vollkommen schönen Natur, und treten
dir, allein mit ihren eigentümlichen Reizungen geschmückt, das ist, nackender
als die Meer-Nymphen, mit einer so triumphierenden Mine unter die Augen, als die
schönste Syracusanerin in ihrem reichesten Fest-Tags-Putz. - Dionys war, wie man
sieht, in einem Humor, der den erhabenen Absichten seines Hof-Philosophen nicht
sehr günstig war; Timocrates merkte sichs, und baute in dem nämlichen Augenblick
ein kleines Project auf diese gute Disposition, wovon er sich eine besondere
Würkung versprach. Aber der weiter sehende Philistus fand nicht für gut, seinen
Herrn in dieser leichtsinnigen Laune fortsprudeln zu lassen. Er nahm das Wort
wieder: Ihr scherzet, sprach er, über die Würkungen der Beredsamkeit Platons; es
ist nur allzugewiss, dass er in dieser Kunst seines gleichen nicht hat; aber eben
dieses würde mir keine kleine Sorgen machen, wenn er weniger ein rechtschaffner
Mann wäre, als ich glaube dass er ist. Die Macht der Beredsamkeit übertrifft alle
andre Macht; sie ist fähig fünfzigtausend Arme nach dem Gefallen eines einzigen
wehrlosen Mannes in Bewegung zu setzen, oder zu entnerven. Wenn Dion, wie es
scheint, irgend ein gefährliches Vorhaben brütete, und Mittel fände, diesen
überredenden Sophisten auf seine Seite zu bringen, so besorg ich, Dionysius
könnte das Vergnügen seiner sinnreichen Unterhaltung teuer bezahlen müssen. Man
weiss was die Beredsamkeit zu Aten vermag, und es fehlt den Syracusanern nichts
als ein paar solche Wortkünstler, die ihnen den Kopf mit Figuren und lebhaften
Bildern warm machen, so werden sie Atenienser sein wollen, und der Erste Beste,
der sich an ihre Spitze stellt, wird aus ihnen machen können was er will.
    Philistus sah, dass sein Herr bei diesen Worten auf einmal tiefsinnig wurde;
er schloss daraus, dass etwas in seinem Gemüt arbeitete, und hielt also inn; was
für ein Tor ich war, rief Dionys aus, nachdem er eine Weile mit gesenktem Kopf
zu staunen geschienen hatte. Das war wohl der Genius meines guten Glücks, der
mir eingab, dass ich dich diesen Abend zu mir rufen lassen sollte. Die Augen
gehen mir auf einmal auf - - Wozu mich diese Leute mit ihren Dreiecken und
Schlussreden nicht gebracht hätten? Kannst du dir wohl einbilden, dass mich dieser
Plato mit seinem süssen Geschwätze beinahe überredet hätte, meine fremden
Truppen, und meine Leibwache nach Hause zu schicken? Ha! nun seh ich wohin alle
diese schönen Vergleichungen mit einem Vater im Schosse seiner Familie, und mit
einem Säugling an der Brust seiner Amme, und was weiss ich, mit was noch mehr,
abgesehen waren! Die Verräter wollten mich durch diese süssen Wiegenliedchen erst
einschläfern, hernach entwaffnen, und zuletzt wenn sie mich mit ihren
gebenedeiten Maximen so fest umwunden hätten, dass ich weder Arme noch Beine nach
meinem Gefallen hätte rühren können, mich in ganzem Ernst, zu ihrem Wickelkind,
zu ihrer Puppe, und wozu es ihnen eingefallen wäre, gemacht haben! Aber sie
sollen mir die Erfindung bezahlen! Ich will diesem verrätrischen Dion - - bist
du töricht genug, Philistus, und bildest dir ein, dass er sich nur im Traum
einfallen lasse, diese Spiessbürger von Syracus in Freiheit zu setzen? Regieren
will er, Philistus; das will er, und darum hat er diesen Plato an meinen Hof
kommen lassen, der mir, indessen dass er das Volk zur Empörung reizen, und sich
einen Anhang machen wollte, so lange und so viel von Gerechtigkeit, und Wohltun,
und goldnen Zeiten, und väterlichem Regiment, und was weiss ich von was für
Salbadereien vorschwatzen sollte, bis ich mich überreden liesse, meine Galeeren
zu entwaffnen, meine Trabanten zu entlassen, und mich am Ende in Begleitung
eines von diesen zottelbärtigen Knaben, die der Sophist mit sich gebracht hat,
als einen Neuangeworbenen nach Aten in die Academie schicken zu lassen, um
unter einem Schwarm junger Gecken darüber zu disputieren, ob Dionysius recht
oder unrecht daran getan habe, dass er sich in einer so armseligen Mausfalle habe
fangen lassen - - Aber ists möglich, fragte Philistus mit angenommener
Verwunderung, dass Plato den sinnlosen Einfall haben konnte, meinem Prinzen
solche Räte zu geben? - Es ist möglich, weil ich dir sage, dass ers getan hat.
Ich habe selbst Mühe zu begreifen, wie ich mich von diesem Schwätzer so
bezaubern lassen konnte - - Das soll sich Dionys nicht verdriessen lassen,
erwiderte der gefällige Philistus; Plato ist in der Tat ein grosser Mann in
seiner Art; ein vortrefflicher Mann, wenn es darauf ankommt, den Entwurf zu
einer Welt zu machen, oder zu beweisen, dass der Schnee nicht würklich weiss ist;
aber seine Regierungs-Maximen sind, wie es scheint, ein wenig unsicher in der
Ausübung. In der Tat, das würde den Ateniensern was zu reden gegeben haben, und
es wäre wahrlich kein kleiner Triumph für die Philosophie gewesen, wenn ein
einziger Sophist, ohne Schwertschlag, durch die blosse Zauberkraft seiner Worte
zu Stande gebracht hätte, was die Atenienser mit grossen Flotten und
Kriegs-Heeren vergeblich unternommen haben - Es ist mir unerträglich nur daran
zu denken, sagte Dionys, was für eine einfältige Figur ich ein paar Wochen lang
unter diesen Grillenfängern gemacht habe; hab ich dem Dion nicht selbst
Gelegenheit gegeben, mich zu verachten? Was mussten sie von mir denken, da sie
mich so willig und gelehrig fanden? - - Aber sie sollen in kurzem sehen, dass sie
sich mit aller ihrer Wissenschaft der geheimnisvollen Zahlen gewaltig
überrechnet haben. Es ist Zeit, der Comödie ein Ende zu machen - - Um Vergebung,
mein Gebietender Herr, fiel ihm Philistus hier ins Wort; die Rede ist noch von
blossen Vermutungen; vielleicht ist Plato, ungeachtet seines nicht allzuwohl
überlegten Rats, unschuldig; vielleicht ist es so gar Dion; wenigstens haben wir
noch keine Beweise gegen sie. Sie haben Bewunderer und Freunde zu Syracus, das
Volk ist ihnen geneigt, und es möchte gefährlich sein, sie durch einen
übereilten Schritt in die Notwendigkeit zu setzen, sich diesem
Freiheit-träumenden Pöbel in die Arme zu werfen. Lasset sie noch eine Zeitlang
in dem an genehmen Wahn, dass sie den Dionysius gefangen haben. Gebet ihnen,
durch ein künstlich verstelltes Zutrauen Gelegenheit, ihre Gesinnungen
deutlicher herauszulassen - - Wie, wenn Dionysius sich stellte, als ob er Lust
hätte die Monarchie aufzugeben, und als ob ihn kein andres Bedenken davon
zurückhielte, als die Ungewissheit, welche Regierungs-Form Sicilien am
glücklichsten machen könnte. Eine solche Eröffnung wird sie nötigen, sich selbst
zu verraten; und indessen, dass wir sie mit academischen Fragen und Entwürfen
aufhalten, werden sich Gelegenheiten finden, den regiersüchtigen Dion in
Gesellschaft seines Ratgebers mit guter Art eine Reise nach Aten machen zu
lassen, wo sie in ungestörter Musse Republiken anlegen, und ihnen, wenn sie
wollen, alle Tage eine andre Form geben mögen.
    Dionys war von Natur hitzig und ungestüm; eine jede Vorstellung, von der
seine Einbildung getroffen wurde, beherrschte ihn so sehr, dass er sich dem
mechanischen Trieb, den sie in ihm hervorbrachte, gänzlich überliess; aber wer
ihn so genau kannte als Philistus, hatte wenig Mühe, seinen Bewegungen oft durch
ein einziges Wort, eine andere Richtung zu geben. In dem ersten Anstoss seiner
unbesonnenen Hitze waren die gewaltsamsten Massnehmungen, die ersten, auf die er
fiel: Aber man brauchte ihm nur den Schatten einer Gefahr dabei zu zeigen, so
legte sich die auffahrende Lohe wieder; und er liess sich eben so schnell
überreden, die sichersten Mittel zu erwählen, wenn sie gleich die
niederträchtigsten waren.
    Nachdem wir die wahre Triebfeder seiner vermeinten Sinnes-Änderung oben
bereits entdeckt haben, wird sich niemand verwundern, dass er von dem Augenblick
an, da sich seine Leidenschaften wieder regten, in seinen natürlichen Zustand
zurücksank. Was man bei ihm für Liebe der Tugend angesehen, was er selbst dafür
gehalten hatte, war das Werk zufälliger und mechanischer Ursachen gewesen; dass
er ihr zu lieb seinen Neigungen die mindeste Gewalt hätte tun sollen, so weit
ging sein Entusiasmus für sie nicht. Die ungebundene Freiheit worin er vormals
gelebt hatte, stellte sich ihm wieder mit den lebhaftesten Reizungen dar; und
nun sah er den Plato für einen verdriesslichen Hofmeister an, und verwünschte die
Schwachheit, die er gehabt hatte, sich so sehr von ihm einnehmen, und in eine
Gestalt, die seiner eigenen so wenig ähnlich sah, umbilden zu lassen. Er fühlte
nur allzuwohl, dass er sich selbst eine Art von Verbindlichkeit aufgelegt hatte,
in den Gesinnungen zu beharren, die er sich von diesem Sophisten, wie er ihn izt
nannte, hatte einflössen lassen: Er stellte sich vor, dass Dion und die
Syracusaner sich berechtiget halten würden, die Erfüllung des Versprechens von
ihm zu erwarten, welches er ihnen gewisser massen gegeben hatte, dass er künftig
auf eine gesetzmässige Art regieren wolle. Diese Vorstellungen waren ihm
unerträglich, und hatten die natürliche Folge, seine ohnehin bereits erkaltete
Zuneigung zu dem Philosophen von Aten in Widerwillen zu verwandeln; den Dion
aber, den er nie geliebt hatte, ihm doppelt verhasst zu machen. Dieses waren die
geheimen Dispositionen, welche den Verführungen des Timocrates und Philistus den
Eingang in sein Gemüt erleichterten. Es war schon so weit mit ihm gekommen, dass
er vor diesen ehmaligen Vertrauten sich der Person schämte, die er einige Wochen
lang, gleichsam unter Platons Vormundschaft, gespielt hatte; und es ist zu
vermuten, dass es von dieser falschen und verderblichen Scham herrührte, dass er
in so verkleinernden Ausdrücken von einem Manne, den er anfänglich beinahe
vergöttert hatte, sprach, und seiner Leidenschaft für ihn einen so spasshaften
Schwung zu geben bemüht war. Er ergriff also den Vorschlag des Philistus mit der
begierigen Ungeduld eines Menschen, der sich von dem Zwang einer verhassten
Einschränkung je bälder je lieber loszumachen wünscht; und damit er keine Zeit
verlieren möchte, so machte er gleich des folgenden Tages den Anfang, denselben
ins Werk zu setzen. Er berief den Dion und den Philosophen in sein Cabinet, und
entdeckte ihnen mit allen Anscheinungen des vollkommensten Zutrauens, und indem
er sie mit Liebkosungen überhäufte, dass er gesonnen sei, sich der Regierung zu
entschlagen, und den Syracusanern die Freiheit zu lassen, sich diejenige
Verfassung zu erwählen, die ihnen die angenehmste sein würde.
    Ein so unerwarteter Vortrag machte die beiden Freunde stutzen. Doch fassten
sie sich bald. Sie hielten ihn für eine von den sprudelnden Aufwallungen einer
noch ungeläuterten Tugend welche gern auf schöne Ausschweifungen zu verfallen
pflegt und hoffeten also, dass es ihnen leicht sein werde, ihn auf reifere
Gedanken zu bringen. Sie billigten zwar seine gute Absicht; stellten ihm aber
vor, dass er sie sehr schlecht erreichen würde, wenn er das Volk, welches immer
als unmündig zu betrachten sei, zum Meister über eine Freiheit machen wollte,
die es, allem Vermuten nach, zu seinem grössesten Schaden missbrauchen würde. Sie
sagten ihm hierüber alles was die gesunde Politik sagen kann; und Plato
insonderheit bewies ihm, dass es nicht auf die Form der Verfassung ankomme, wenn
ein Staat glücklich sein solle, sondern auf die innerliche Güte der
Gesetzgebung, auf tugendhafte Sitten, auf die Weisheit desjenigen, dem die
Handhabung der Gesetze anvertraut sei. Seine Meinung ging dahin, dass Dionys
nicht nötig habe, sich der obersten Gewalt zu begeben, indem es nur von ihm
abhange, durch die vollkommene Beobachtung aller Pflichten eines weisen und
tugendhaften Regenten die Tyrannie in eine rechtmässige Monarchie zu verwandeln;
welcher die Völker sich desto williger unterwerfen würden, da sie durch ein
natürliches Gefühl ihres Unvermögens sich selbst zu regieren, geneigt gemacht
würden, sich regieren zu lassen; ja denjenigen als eine gegenwärtige Gotteit zu
verehren, welcher sie schütze, und für ihre Glückseligkeit arbeite.
    Dion stimmte hierin nicht gänzlich mit seinem Freunde überein. Die Wahrheit
war, dass er den Dionys besser kannte, und weil er sich wenig Hoffnung machte,
dass seine guten Dispositionen von langer Dauer sein würden, gerne so schnell als
möglich einen solchen Gebrauch davon gemacht hätte, wodurch ihm die Macht Böses
zu tun, auf den Fall, dass ihn der Wille dazu wieder ankäme, benommen worden
wäre. Er breitete sich also mit Nachdruck über die Vorteile einer wohlgeordneten
Aristocratie vor der Regierung eines Einzigen aus, und bewies, wie gefährlich es
sei, den Wohlstand eines ganzen Landes von dem zufälligen und wenig sichern
Umstand, ob dieser Einzige tugendhaft sein wolle oder nicht, abhangen zu lassen.
Er ging so weit, zu behaupten, dass von einem Menschen, der die höchste Macht in
Händen habe, zu verlangen, dass er sie niemalen missbrauchen solle, eine Forderung
sei, welche über die Kräfte der Menschheit gehe; dass es nichts geringers sei,
als von einem mit Mängeln und Schwachheiten beladenen Geschöpfe, welches keinen
Augenblick aufs ich selbst zählen kann, die Weisheit und Tugend eines Gottes zu
erwarten. Er billigte also das Vorhaben des Dionys, die königliche Gewalt
aufzugeben, im höchsten Grade; aber darin stimmte er mit seinem Freunde überein,
dass anstatt die Einrichtung des Staats in die Willkür des Volks zu stellen, er
selbst, mit Zuzug der Besten von der Nation, sich ungesäumt der Arbeit
unterziehen sollte, eine daurhafte und auf den möglichsten Grad des allgemeinen
Besten abzielende Verfassung zu entwerfen; wozu er dem Prinzen allen Beistand,
der von ihm abhange, versprach. Dionys schien sich diesen Vorschlag gefallen zu
lassen. Er bat sie, ihre Gedanken über diese wichtige Sache in einen
vollständigen Plan zu bringen, und versprach, so bald als sie selber darüber,
was man tun sollte, einig sein würden, zur Ausführung eines Werkes zu schreiten,
welches ihm, seinem Vorgeben nach, sehr am Herzen lag.
    Diese geheime Conferenz hatte bei dem Tyrannen eine gedoppelte Würkung. Sie
vollendete seinen Hass gegen Dion, und setzte den Platon aufs Neue in Gunst bei
ihm. Denn ob er gleich nicht mehr so gern als anfangs von den Pflichten eines
guten Regenten sprechen hörte; so hatte er doch sehr gerne gehört dass Plato sich
als einen Gegner des popularen Regiments, und als einen Freund der Monarchie
erklärt hatte. Er ging aufs neue mit seinen Vertrauten zu Rat, und sagte ihnen,
es komme nun allein darauf an, sich den Dion vom Halse zu schaffen. Philistus
hielt davor, dass eh ein solcher Schritt gewaget werden dürfe das Volk beruhiget
und die wankende Autorität des Prinzen wieder fest gesetzt werden müsse. Er
schlug die Mittel vor, wodurch dieses am gewissesten geschehen könne; und in der
Tat waren dabei keine so grosse Schwierigkeiten; denn er und Timocrat hatten die
vorgebliche Gärung in Syracus weit gefährlicher vorgestellt, als sie würklich
war. Dionys fuhr auf sein Anraten fort, eine besondere Achtung für den Plato zu
bezeugen, einen Mann, der in den Augen des Volks eine Art von Propheten
vorstellte, der mit den Göttern umgehe und Eingebungen habe. Einen solchen Mann,
sagte Philistus, muss man zum Freunde behalten, so lange man ihn gebrauchen kann.
Plato verlangt nicht selbst zu regieren; er hat also nicht das nämliche
Interesse wie Dion; seine Eitelkeit ist befriediget, wenn er bei demjenigen, der
die Regierung führt, in Ansehen steht, und Einfluss zu haben glaubt. Es ist
leicht, ihn, so lang es nötig sein mag, in dieser Meinung zu unterhalten, und
das wird zugleich ein Mittel sein, ihn von einer genauern Vereinigung mit dem
Dion zurückzuhalten. Der Tyrann, der sich ohnehin von einer Art von Instinct zu
dem Philosophen gezogen fühlte, befolgte diesen Rat so gut, dass Plato davon
hintergangen wurde. Insonderheit affectierte er, ihn immer neben sich zu haben,
wenn er sich öffentlich sehen liess; und bei allen Gelegenheiten, wo es Würkung
tun konnte, seine Maximen im Munde zu führen. Er stellte sich als ob es auf
Einraten des Philosophen geschähe, dass er dieses oder jenes tat, wodurch er sich
den Syracusanern angenehm zu machen hoffte; ungeachtet alles die Eingebungen des
Philistus waren, der ohne dass es in die Augen fiel, sich wieder einer gänzlichen
Herrschaft über sein Gemüt bemächtiget hatte. Er zeigte sich ungemein leutselig
und liebkosend gegen das Volk; er schaffte einige Auflagen ab, welche die
unterste Classe desselben am stärksten drückten; er belustigte es durch
öffentliche Feste, und Spiele; er beförderte einige von denen, deren Ansehen am
meisten zu fürchten war, zu einträglichen Ehrenstellen, und liess die übrigen mit
Versprechungen wiegen, die ihn nichts kosteten, und die nämliche Würkung taten;
er zierte die Stadt mit Tempeln, Gymnasien, und andern öffentlichen Gebäuden:
Und tat alles dieses, mit Beistand seiner Vertrauten, auf eine so gute Art, dass
Plato alles sein Ansehen dazu verwandte, einem Prinzen, der so schöne Hoffnungen
von sich erweckte, und seine philosophische Eitelkeit mit so vielen öffentlichen
Beweisen einer vorzüglichen Hochachtung kitzelte, (ein Beweggrund, den der gute
Weise sich vielleicht selbst nicht gerne gestund) alle Herzen zu gewinnen.
    Diese Massnehmungen erreichten den vorgesetzten Zweck vollkommen. Das Volk,
welches nicht nur in Griechenlande, sondern aller Orten, in einer immerwährenden
Kindheit lebt, hörte auf zu murmeln; verlor in kurzer Zeit den blossen Wunsch
einer Veränderung; fasste eine heftige Zuneigung für seinen Prinzen; erhob die
Glückseligkeit seiner Regierung; bewunderte die prächtige Kleidung und Waffen,
die er seinen Trabanten hatte machen lassen; betrank sich auf seine Gesundheit;
und war bereit allem was er unternehmen wollte, seinen dummen Beifall zu
zuklatschen.
    Philistus und Timocrat sahen sich durch diesen glücklichen Ausschlag in der
Gunst ihres Herrn aufs neue befestiget; aber sie waren nicht zufrieden, so lange
sie selbige mit dem Plato teilen mussten, für welchen er eine Art von Schwachheit
behielt, die ihren Grund vielleicht in der natürlichen Obermacht eines grossen
Geistes über einen Kleinen hatte. Timocrat geriet auf einen Einfall, wozu ihm
die geheime Unterredung in dem Schlafzimmer des Dionys den ersten Wink gegeben
hatte, und wodurch er zu gleicher Zeit sich ein Verdienst um den Tyrannen zu
machen, und das Ansehen des Philosphen bei demselben zu untergraben hoffen
konnte.
    Dionys hatte, von ihm aufgemuntert, angefangen, unvermerkt wieder eine
grössere Freiheit bei seiner Tafel einzuführen; die Anzahl und die Beschaffenheit
der Gäste, welche er fast täglich einlud, gab den Vorwand dazu; und Plato,
welcher bei aller erhabenen Austerität seiner Grundsätze, einen kleinen Ansatz
zu einem Hofmanne hatte, machte es, wie es gewisse ehrwürdige Männer an gewissen
Höfen zu machen pflegen; er sprach bei jeder Gelegenheit von den Vorzügen der
Nüchternheit und Mässigkeit, und ass und trank immer dazu, wie ein andrer. Diese
kleine Erweiterung der allzuengen Grenzen der academischen Frugalität, von
welcher der Vater der Academie selbst gestehen musste, dass sie sich für den Hof
eines Fürsten nicht schicke, erlaubte den vornehmsten Syracusanern, und jedem,
der dem Prinzen seine Ergebenheit bezeugen wollte, ihm prächtige Feste zu geben;
wo die Freude zwar ungebundener herrschte, aber doch durch die Gesellschaft der
Musen und Grazien einen Schein von Bescheidenheit erhielt, welcher die Strenge
der Weisheit mit ihr aussöhnen konnte. Timocrat machte sich diesen Umstand zu
Nutz. Er lud den Prinzen, den ganzen Hof, und die Vornehmsten der Stadt ein, auf
seinem Landhause die Wiederkunft des Frühlings zu begehen, dessen alles
verjüngende Kraft, zum Unglück für den ohnehin übelbefestigten Platonismus des
Dionys, auch diesem Prinzen die Begierden und die Kräfte der Jugend wieder
einzuhauchen schien. Die schlaueste Wollust, hinter eine verblendende Pracht
versteckt, hatte dieses Fest angeordnet. Timocrat verschwendete seine Reichtümer
ohne Mass, mit desto fröhlicherm Gesichte, da er sie eben dadurch doppelt wieder
zu bekommen versichert war. Alle Welt bewunderte die Erfindungen und den
Geschmack dieses Günstlings; Dionys bezeugte, sich niemals so wohl ergötzt zu
haben; und der göttliche Plato, der weder auf seinen Reisen zu den Pyramiden und
Gymnosophisten, noch zu Aten so etwas gesehen hatte, wurde von seiner
dichterischen Einbildungs-Kraft so sehr verraten, dass er die Gefahren zu
vergessen schien, welche unter den Bezauberungen dieses Orts, und dieser
Verschwendung von Reizungen zum Vergnügen, laurten. Der einzige Dion erhielt
sich in seiner gewöhnlichen Ernstaftigkeit, und machte durch den starken
Contrast seines finstern Bezeugens mit der allgemeinen Fröhlichkeit, Eindrücke
auf alle Gemüter, welche nicht wenig dazu beitrugen, seinen bevorstehenden Fall
zu befördern. Indes schien niemand darauf acht zu geben; und in der Tat liess die
Vorsorge, welche Timocrat gebraucht hatte, dass jede Stunde, und beinahe jeder
Augenblick ein neues Vergnügen herbeiführen musste, wenig Musse, Beobachtungen zu
machen. Dieser schlaue Höfling hatte ein Mittel gefunden, dem Plato selbst, bei
einer Gelegenheit, wo es so wenig zu vermuten war, auf eine feine Art zu
schmeicheln. Dieses geschah durch ein grosses pantomimisches Ballet, worin die
Geschichte der menschlichen Seele, nach den Grundsätzen dieses Weisen, unter
Bildern, welche er in einigen seiner Schriften an die Hand gegeben hatte, auf
eine allegorische Art vorgestellt wurde. Timocrat hatte die jüngsten und
schönsten Figuren hierzu gebraucht, welche er zu Corint und aus dem ganzen
Griechenlande hatte zusammenbringen können. Unter den Tänzerinnen war eine,
welche dazu gemacht schien, dasjenige, was der gute Plato in etlichen Monaten an
dem Gemüte des Tyrannen gearbeitet, in etlichen Augenblicken zu zerstören. Sie
stellte unter den Personen des Tanzes die Wollust vor; und würklich passten ihre
Figur, ihre Gesichtsbildung, ihre Blicke, ihr Lächeln, alles so vollkommen zu
dieser Rolle, dass das anacreontische Beiwort Wollustatmend ausdrücklich für sie
gemacht zu sein schien. Jedermann war von der schönen Bacchidion bezaubert; aber
niemand war es so sehr als Dionys. Er dachte nicht einmal daran, der Wollust,
welche eine so verführische Gestalt angenommen hatte, um seine erkaltete
Zuneigung zu ihr wieder anzufeuren, Widerstand zu tun; kaum dass er noch so viel
Gewalt über sich selbst behielt, um von demjenigen was in ihm vorging nicht
allzudeutliche Würkungen sehen zu lassen. Denn er getraute sich noch nicht,
wieder gänzlich Dionysius zu sein, ob ihm gleich von Zeit zu Zeitkleine Züge
entwischten, welche dem beobachtenden Dion bewiesen, dass er nur noch durch einen
Rest von Scham, dem letzten Seufzer der ersterbenden Tugend, zurückgehalten
werde. Timocrat triumphierte in sich selbst; seine Absicht war erreicht; die
allzureizende Bacchidion bemächtigte sich der Begierde, des Geschmacks und so
gar des Herzens des Tyrannen: Und da er den Timocrat zum Unterhändler seiner
Leidenschaft, welche er eine Zeitlang geheim halten wollte, nötig hatte, so war
Timocrat von diesem Augenblick an wieder der nächste an seinem Herzen. Der weise
Plato bedaurte zu spät, dass er zu viel Nachsicht gegen den Hang dieses Prinzen
nach Ergötzungen getragen hatte; er fühlte nun gar zu wohl, dass die Gewalt
seiner metaphysischen Bezauberungen durch eine stärkere Zaubermacht aufgelöst
worden sei, und fing an, um sich nicht ohne Nutzen beschwerlich zu machen, den
Hof seltner zu besuchen. Dion ging weiter: Er unterstund sich, dem Dionys wegen
seines geheimen Verständnisses mit der schönen Bacchidion, Vorwürfe zu machen
und ihn seiner Verbindlichkeiten mit einem Ernst zu erinnern, den der Tyrann
nicht mehr ertragen konnte. Dionys sprach im Ton eines asiatischen Despoten, und
Dion antwortete wie ein Missvergnügter, der sich stark genug fühlt, den Drohungen
eines übermütigen Tyrannen Trotz zu bieten. Philistus hielt den Dionys zurück,
der im Begriff war alles zu wagen, indem er seiner Wut den Zügel schiessen lassen
wollte. Allein in den Umständen worin man mit dem beleidigten Dion war, musste
ein schleuniger Entschluss gefasst werden. Dion verschwand auf einmal, und erst
nach einigen Tagen machte Dionys bekannt: Dass ein gefährliches Complot gegen
seine Person, und die Ruhe des Staats, woran Dion in geheim gearbeitet, ihn
genötiget hätte, denselben auf einige Zeit aus Sicilien zu entfernen. Es
bestätigte sich würklich, dass Dion in der Nacht unvermutet in Verhaft genommen,
zu Schiffe gebracht und in Italien ans Land gesetzt worden war. Um das
angebliche Complot wahrscheinlich zu machen, wurden verschiedene Freunde Dions,
und eine noch grössere Anzahl von Kreaturen des Philistus, welche gegen diesen
Prinzen zu reden bestochen waren, in Verhaft genommen. Man unterliess nichts, was
seinem Prozess das Ansehen der genauesten Beobachtung der Justiz-Formalitäten
geben konnte; und nachdem er durch die Aussage einer Menge von Zeugen überwiesen
worden war, wurde seine Verbannung in ein förmliches Urteil gebracht, und ihm
bei Strafe des Lebens verboten, ohne besondere Erlaubnis des Dionys, Sicilien
wieder zu betreten. Dionys stellte sich, als ob er dieses Urteil ungern und
allein durch die Sorge für die Ruhe des Staats gezwungen unterzeichne; und um
eine Probe zu geben, wie gern er eines Prinzen, den er allezeit besonders
hochgeschätzt habe, schonen möchte, verwandelte er die Strafe der Confiscation
aller seiner Güter in eine blosse Zurückhaltung der Einkünfte von denselben: Aber
niemand liess sich durch diese Vorspieglungen hintergehen, da man bald darauf
erfuhr, dass er seine Schwester, die Gemahlin des Dion, gezwungen habe, die
Belohnung des unwürdigen Timocrat zu werden.
    Plato spielte bei dieser unerwarteten Catastrophe eine sehr demütigende
Rolle. Dionys affectierte zwar noch immer, ein grosser Bewunderer seiner
Wissenschaft und Beredsamkeit zu sein; aber sein Einfluss hatte so gänzlich
aufgehört, dass ihm nicht einmal erlaubt war, die Unschuld seines Freundes zu
verteidigen. Er wurde täglich zur Tafel eingeladen; aber nur, um mit eignen
Ohren anzuhören, wie die Grundsätze seiner Philosophie, die Tugend selbst, und
alles was einem gesunden Gemüt ehrwürdig ist, zum Gegenstand leichtsinniger
Scherze gemacht wurden, welche sehr oft den echten Witz nicht weniger
beleidigten als die Tugend. Und damit ihm alle Gelegenheit benommen würde, die
widrigen Eindrücke, welche den Syracusanern gegen den Dion beigebracht worden
waren, wieder auszulöschen, wurde ihm unter dem Schein einer besondern
Ehrenbezeugung eine Wache gegeben, welche ihn wie einen Staats-Gefangenen
beobachtete und eingeschlossen hielt. Der Philosoph hatte denjenigen Teil seiner
Seele, welchem er seinen Sitz zwischen der Brust und dem Zwerch-Fell angewiesen,
noch nicht so gänzlich gebändiget, dass ihn dieses Betragen des Tyrannen nicht
hätte erbittern sollen. Er fing an wie ein freigeborner Atenienser zu sprechen,
und verlangte seine Entlassung. Dionys stellte sich über dieses Begehren
bestürzt an, und schien alles anzuwenden, um einen so wichtigen Freund bei sich
zu behalten; er bot ihm so gar die erste Stelle in seinem Reich, und, wenn
Plutarch nicht zuviel gesagt hat, alle seine Schätze an, wofern er sich
verbindlich machen wollte, ihn niemals zu verlassen; aber die Bedingung, welche
er hinzusetzte, bewies, wie wenig er selbst erwartete, dass seine Erbietungen
angenommen werden würden. Denn er verlangte, dass er ihm seine Freundschaft für
den Dion aufopfern sollte; und Plato verstund den stillschweigenden Sinn dieser
Zumutung. Er beharrete also auf seiner Entlassung, und erhielt sie endlich,
nachdem er das versprechen von sich gegeben hatte, dass er wieder kommen wolle,
so bald der Krieg, welchen Dionys wider Cartago anzufangen im Begriff war,
geendigt sein würde. Der Tyrann machte sich eine grosse Angelegenheit daraus,
alle Welt zu überreden, dass sie als die besten Freunde von einander schieden;
und Platons Ehrgeiz (wenn es anders erlaubt ist, eine solche Leidenschaft bei
einem Philosophen vorauszusetzen) fand seine Rechnung zu gut dabei, als dass er
sich hätte bemühen sollen, die Welt von dieser Meinung zuheilen. Er gehe, sagte
er, nur Dion und Dionys wieder zu Freunden zu machen. Der Tyrann bezeugte sich
sehr geneigt hierzu, und hob, zum Beweis seiner guten Gesinnung den Beschlag
auf, den er auf die Einkünfte Dions gelegt hatte. Plato hingegen machte sich zum
Bürgen für seinen Freund, dass er nichts widriges gegen Dionysen unternehmen
sollte. Der Abschied machte eine so traurige Scene, dass die Zuschauer, (ausser
den wenigen, welche das Gesicht unter der Maske kannten) von der Guterzigkeit
des Prinzen sehr gerührt wurden; er begleitete den Philosophen bis an seine
Galeeren, erstickte ihn fast mit Umarmungen, netzte seine ehrwürdigen Wangen mit
Tränen, und sah ihm so lange nach, bis er ihn aus den Augen verlor: Und so
kehrten beide, mit gleich erleichtertem Herzen; Plato in seine geliebte
Academie, und Dionys in die Arme seiner Tänzerin zurück.
    Dieser Tyrann, dessen natürliche Eitelkeit durch die Discurse des
Ateniensischen Weisen zu einer heftigen Ruhmbegierde aufgeschwollen war, hatte
sich unter andern Schwachheiten in den Kopf gesetzt, für einen Gönner der
Gelehrten, für einen Kenner, und so gar für einen der schönen Geister seiner
Zeit gehalten zu werden. Er war sehr bekümmert, dass Plato und Dion den Griechen,
denen er vorzüglich zu gefallen begierig war, die gute Meinung wieder benehmen
möchten, welche man von ihm zu fassen angefangen hatte; und diese Furcht scheint
einer von den stärksten Beweggründen gewesen zu sein, warum er den Plato bei
ihrer Trennung mit so vieler Freundschaft überhäuft hatte. Er liess es nicht
dabei bewenden. Philistus sagte ihm, dass Griechenland eine Menge von
speculativen Müssiggängern habe, welche so berühmt als Plato, und zum teil
geschickter seien, einen Prinzen bei Tische oder in verlornen Augenblicken zu
belustigen als dieser Mann, der die Schwachheit habe ein lächerrlich ehrwürdiges
Mittelding zwischen einem Egyptischen Priester, und einem Staatsmanne
vorzustellen, und seine unverständlich-erhabene Grillen für Grundsätze wornach
die Welt regiert werden müsse, auszugeben. Er bewies ihm mit den Beispielen
seiner eigenen Vorfahren, dass ein Fürst sich den Ruhm eines unvergleichlichen
Regenten nicht wohlfeiler anschaffen könne, als indem er Philosophen und Poeten
in seinen Schutz nehme; Leute, welche für die Ehre seine Tischgenossen zu sein,
oder für ein mässiges Gehalt, bereit seien, alle ihre Talente ohne Mass und Ziel
zu seinem Ruhm und zu Beförderung seiner Absichten zu verschwenden. Glaubest du,
sagte er, dass Hieron der wundertätige Mann, der Held, der Halbgott, das Muster
aller fürstlichen, bürgerlichen und häuslichen Tugenden gewesen sei, wofür ihn
die Nachwelt hält? Wir wissen was wir davon denken sollen; er war was alle
Prinzen sind, und lebte wie sie alle leben; er tat was ich und ein jeder andrer
tun würde, wenn wir zu unumschränkten Herren einer so schönen Insel, wie
Sicilien ist, geboren wären - Aber er hatte die Klugheit, Simoniden und Pindare
an seinem Hofe zu halten; sie lobten ihn in die Wette, weil sie wohl gefüttert
und wohl bezahlt wurden; alle Welt erhob die Freigebigkeit dieses Prinzen, und
doch kostete ihn dieser Ruhm nicht halb soviel, als seine Jagdhunde Wer wollte
ein König sein, wenn ein König das alles würklich tun müsste, was sich ein
müssiger Sophist auf seinem Faulbette oder Diogenes in seinem Fasse einfallen
lässt, ihm zu Pflichten zu machen? Wer wollte regieren, wenn ein Regent allen
Forderungen und Wünschen seiner Untertanen genug tun müsste? Das meiste, wo nicht
alles, kömmt auf die Meinung an, die ein grosser Herr von sich erweckt; nicht auf
seine Handlungen selbst, sondern auf die Gestalt und den Schwung, den er ihnen
zu geben weiss. Was er nicht selbst tun will, oder tun kann, das können witzige
Köpfe für ihn tun. Haltet euch einen Philosophen, der alles demonstrieren, einen
sinnreichen Schwätzer, der über alles scherzen, und einen Poeten, der über alles
Gassenlieder machen kann. Der Nutzen, den ihr von dieser kleinen Ausgabe zieht,
fällt zwar nicht sogleich in die Augen; ob es gleich an sich selbst schon
Vorteils genug für einen Fürsten ist, für einen Beschützer der Musen gehalten zu
werden. Denn das ist in den Augen von neun und neunzig hundertteilen des
menschlichen Geschlechts ein untrüglicher Beweis, dass er selbst ein Herr von
grosser Einsicht, und Wissenschaft ist; und diese Meinung erweckt Zutrauen, und
ein günstiges Vorurteil für alles was er unternimmt. Aber das ist der geringste
Nutzen, den ihr von euern witzigen Kostgängern zieht. Setzet den Fall, dass es
nötig sei eine neue Auflage zu machen; das ist alles was ihr braucht, um in
einem Augenblick ein allgemeines Murren gegen eure Regierung zu erregen; die
Missvergnügten, eine Art von Leuten, welche die klügste Regierung niemals
gänzlich ausrotten kann, machen sich einen solchen Zeitpunct zu nutze; setzen
das Volk in Gärung, untersuchen eure Aufführung, die Verwaltung eurer Einkünfte,
und tausend Dinge, an welche vorher niemand gedacht hatte; die Unruhe nimmt zu,
die Repräsentanten des Volks versammeln sich, man übergibt euch eine
Vorstellung, eine Beschwerung um die andere; unvermerkt nimmt man sich heraus
die Bitten in Forderungen zu verwandeln, und die Forderungen mit
ehrfurchtsvollen Drohungen zu unterstützen; kurz, die Ruhe euers Lebens ist,
wenigstens auf einige Zeit, verloren, ihr befindet euch in critischen Umständen,
wo der kleinste Fehltritt die schlimmesten Folgen nach sich ziehen kann, und es
braucht nur einen Dion, der sich zu einer solchen Zeit einem missvergnügten Pöbel
an den Kopf wirft, so habt ihr einen Aufruhr in seiner ganzen Grösse. Hier zeigt
sich der wahre Nutzen unsrer witzigen Köpfe. Durch ihren Beistand können wir in
etlichen Tagen allen diesen Übeln zuvorkommen. Lasst den Philosophen
demonstrieren, dass diese Auflage zur Wohlfahrt des gemeinen Wesens unentbehrlich
ist, lasst den Spassvogel irgend einen lächerlichen Einfall, irgend eine lustige
Hof- Anecdote oder ein boshaftes Märchen in der Stadt herumtragen, und den
Poeten eine neue Comödie und ein paar Gassenlieder machen, um dem Pöbel was zu
sehen und zu singen zu gehen: So wird alles ruhig bleiben; und indessen dass die
politischen Müssiggänger sich darüber zanken werden, ob euer Philosoph recht oder
unrecht argumentiert habe, und die kleine ärgerliche Anecdote reichlich
ausgeziert und verschönert, den Witz aller guten Gesellschaften im Atem erhält:
Wird der Pöbel ein paar Flüche zwischen den Zähnen murmeln, seinen Gassenhauer
anstimmen, und - bezahlen. Solche Dienste sind, deucht mich wohl wert, etliche
Leute zu unterhalten, die ihren ganzen Ehrgeiz darin setzen, Worte zierlich
zusammenzusetzen, Sylben zu zählen, Ohren zu kitzeln und Lungen zu erschüttern;
Leute, denen ihr alle ihre Wünsche erfüllt, wenn ihr ihnen so viel gebt, als sie
brauchen, kummerlos durch eine Welt, an die sie wenig Ansprüche machen,
hindurchzuschlentern, und nichts zu tun, als was der Wurm im Kopf, den sie ihren
Genie nennen, ihnen zum grössesten Vergnügen ihres Lebens macht.
    Dionys befand diesen Rat seines würdigen Ministers vollkommen nach seinem
Geschmack. Philistus übergab ihm eine Liste von mehr als zwanzig Candidaten, aus
denen man, wie er sagte, nach Belieben auswählen könnte. Dionys glaubte, dass man
dieser nützlichen Leute nicht zuviel haben könne, und wählte alle. Alle schönen
Geister Griechenlands wurden unter blendenden Verheissungen an seinen Hof
eingeladen. In kurzer Zeit wimmelte es in seinen Vorsälen von Philosophen und
Priestern der Musen. Alle Arten von Dichtern, Epische, Tragische, Comische,
Lyrische, welche ihr Glück zu Aten nicht hatten machen können, zogen nach
Syracus, um ihre Leiern und Flöten an den anmutigen Ufern des Anapus zu stimmen,
und - sich satt zu essen. Sie glaubten, dass es ihnen gar wohl erlaubt sein
könne, die Tugenden des Dionys zu besingen, nachdem der göttliche Pindar sich
nicht geschämt hatte, die Maulesel des Hieron unsterblich zu machen. So gar der
cynische Antistenes liess sich durch die Hoffnung herbeilocken, dass ihn die
Freigebigkeit des Dionys in den Stand setzen würde, die Vorteile der
freiwilligen Armut und der Entaltsamkeit mit desto mehr Gemächlichkeit zu
studieren; Tugenden, von deren Schönheit, nach dem stillschweigenden Geständnis
ihrer eifrigsten Lobredner, sich nach einer guten Mahlzeit am beredtesten
sprechen lässt. Kurz, Dionys hatte das Vergnügen, ohne einen Plato dazu nötig zu
haben, sich mitten an seinem Hofe eine Academie für seinen eignen Leib zu
errichten, deren Vorsteher und Apollo er selbst zu sein würdigte, und in welcher
über die Gerechtigkeit, über die Grenzen des Guten und Bösen, über die Quelle
der Gesetze, über das Schöne, über die Natur der Seele, der Welt und der Götter,
und andere solche Materien, welche nach den gewöhnlichen Begriffen der Weltleute
zu nichts als zur Conversation gut sind, mit so vieler Schwatzhaftigkeit, mit so
viel Subtilität und so wenig gesunder Vernunft disputiert wurde, als es in
irgend einer Schule der Weisheit der damaligen Zeiten zu geschehen pflegte. Er
hatte das Vergnügen sich bewundern, und wegen einer Menge von Tugenden und
Helden-Eigenschaften lobpreisen zu hören, die er sich selbst niemals zugetraut
hätte. Seine Philosophen waren keine Leute, die, wie Plato, sich herausgenommen
hätten ihn hofmeistern, und lehren zu wollen, wie er zuerst sich selbst, und
dann seinen Staat regieren müsse. Der strengeste unter ihnen war zu höflich,
etwas an seiner Lebensart auszusetzen, und alle waren bereit es einem jeden
Zweifler sonnenklar zu beweisen, dass ein Tyrann der Zueignungs-Schriften, und
Lobgedichte so gut bezahlte so gastfrei war, und seine getreuen Untertanen durch
den Anblick so vieler Feste und Lustbarkeiten glücklich machte, der würdigste
unter allen Königen sein müsse.
    In diesen Umständen befand sich der Hof zu Syracus, als der Held unsrer
Geschichte in dieser Stadt ankam; und so war der Fürst beschaffen, welchem er,
unter ganz andern Voraussetzungen, seine Dienste anzubieten gekommen war.
 
                                Fünftes Capitel
                    Agaton wird der Günstling des Dionysius
Agaton erfuhr die hauptsächlichsten Begebenheiten, welche den Inhalt des
vorhergehenden Capitels ausmachen, bei einem grossen Gastmahl, welches sein
Freund der Kaufmann, des folgenden Tages gab, um Agatons Ankunft in Syracus,
und seine eigene Wiederkunft feirlich zu begehen. Der Name eines Gastes, der
eine Zeit lang den Griechen so viel von sich zu reden gegeben hatte, zog unter
andern Neugierigen auch den Philosophen Aristippus herbei, der sowohl wegen der
Annehmlichkeiten seines Umgangs, als wegen der Gnade, worin er bei dem Tyrannen
stund, in den besten Häusern zu Syracus sehr willkommen war. Dieser Philosoph
hatte sich, bei jener grossen Migration der schönen Geister aus Griechenland nach
Syracus, auch dahin begeben, mehr um einen beobachtenden Zuschauer abzugeben,
als in der Absicht, durch parasitische Künste die Eitelkeit des Dionys seinen
Bedürfnissen zinsbar zu machen. Agaton und Aristippus hatten einander zu Aten
gekannt; aber damals contrastierte der Entusiasmus des Ersten mit dem kalten
Blut, und der Humoristischen Art zu philosophieren des Andern zu stark, als dass
sie einander wahrhaftig hätten hochschätzen können, obgleich Aristipp sich
öfters bei den Versammlungen einfand, welche damals aus Agatons Haus einen
Tempel der Musen, und eine Academie der besten Köpfe von Aten machten. Die
Wahrheit war, dass Agaton mit allen seinen schimmernden Eigenschaften in
Aristipps Augen ein Phantast, dessen Unglück er seinen Vertrauten öfters
vorhersagte - und Aristipp mit allem seinem Witz nach Agatons Begriffen ein
blosser Sophist war, den seine Grundsätze geschickter machten, weibische
Sybariten noch sybaritischer, als junge Republicaner zu tugendhaften Männern zu
machen. Der Eindruck, welcher beiden von dieser ehmals von einander gefassten
Meinung geblieben war, machte sie stutzen, da sie sich nach einer Trennung von
drei oder vier Jahren so unvermutet wieder sahen. Es ging ihnen in den ersten
Augenblicken, wie es uns zu gehen pflegt, wenn uns deucht, als ob wir eine
Person kennen sollten, ohne uns gleich deutlich erinnern zu können, wer sie ist,
oder wo und in welchen Umständen wir sie gesehen haben. Das sollte Agaton - -
das sollte Aristipp sein, dachte jeder bei sich selbst, war überzeugt, dass es so
sei, und hatte doch Mühe, seiner eigenen Überzeugung zu glauben. Aristipp suchte
im Agaton den Entusiasten, welcher nicht mehr war; und Agaton glaubte im
Aristipp den Sybariten nicht mehr zu finden; vielleicht allein, weil seine Art,
Personen und Sachen ins Auge zu fassen, seit einiger Zeit eine merkliche
Veränderung erlitten hatte. Ein Umgang von etlichen Stunden lösete beiden das
Rätsel ihres anfänglichen Irrtums auf, zerstreute den Rest des alten Vorurteils,
und flösste ihnen Dispositionen ein, bessere Freunde zu werden. Unvermerkt
erinnerten sie sich nicht mehr, dass sie einander ehmals weniger gefallen hatten;
und ihr Herz liebte den kleinen Selbstbetrug, dasjenige was sie izt für einander
empfanden, für die blosse Erneuerung einer alten Freundschaft zu halten. Aristipp
fand bei unserm Helden, eine Gefälligkeit, eine Politesse, eine Mässigung, welche
ihm zu beweisen schien, dass Erfahrungen von mehr als einer Art eine starke
Revolution in seinem Gemüte gewürkt haben mussten. Agaton fand bei dem
Philosophen von Cyrene etwas mehr als Witz, einen Beobachtungs-Geist, eine
gesunde Art zu denken, eine Feinheit und Richtigkeit der Beurteilung, welche den
Schüler des weisen Socrates in ihm erkennen liessen. Diese Entdeckungen flösseten
ihnen natürlicher Weise ein gegenseitiges Zutrauen ein, welches sie geneigt
machte, sich weniger vor einander zu verbergen, als man bei einer ersten
Zusammenkunft zu tun gewohnt ist. Agaton liess seinem neuen Freunde sein
Erstaunen darüber sehen, dass die Hoffnungen, welche man sich zum Vorteil
Siciliens von Platons Ansehen bei dem Dionys gemacht, so plötzlich, und auf eine
so unbegreifliche Art, vernichtet worden. In der Tat bestund alles was man in
der Stadt davon wusste, in blossen Mutmassungen, die sich zum Teil auf allerlei
unzuverlässige Anecdoten gründeten, welche in Städten, wo ein Hof ist von
müssigen Leuten, die sich das Ansehen geben wollen, als ob sie von den
Geheimnissen und Intriguen des Hofes vollkommene Wissenschaft hätten, von
Gesellschaft zu Gesellschaft herumgetragen zu werden pflegen. Aristipp hatte in
der kurzen Zeit, seit dem er sich an Dionysens Hofe aufhielt, die schwache Seite
dieses Prinzen, den Character seiner Günstlinge, der Vornehmsten der Stadt, und
der Sicilianer überhaupt so gut ausstudiert, dass er, ohne sich in die
Entwicklung der geheimern Triebfedern (womit wir unsre Leser schon bekannt
gemacht haben) einzulassen, den Agaton leicht überzeugen konnte, dass ein
gleichgültiger Zuseher von den Anschlägen, Dions und Platons, den Dionys zu
einer freiwilligen Niederlegung der monarchischen Gewalt zu vermögen, sich
keinen glücklichern Ausgang habe versprechen können. Er malte den Tyrannen von
seiner besten Seite als einen Prinzen ab, bei dem die unglücklichste Erziehung
ein vortreffliches Naturell nicht habe verderben können; der von Natur
leutselig, edel, freigebig, und dabei so bildsam und leicht zu regieren sei, dass
alles bloss darauf ankomme, in was für Händen er sich befinde. Seiner Meinung
nach war, eben diese allzubewegliche Gemütsart und der Hang für die Vergnügungen
der Sinnen die fehlerhafteste Seite dieses Prinzen. Plato hätte die Kunst
verstehen sollen, sich dieser Schwachheiten selbst auf eine feine Art zu seinen
Absichten zu bedienen; aber das hätte eine Geschmeidigkeit, eine kluge Mischung
von Nachgiebigkeit und Zurückhaltung erfordert, wozu der Verfasser des Cratylus
und Timäus niemals fähig sein werde. Überdem hätte er sich zu deutlich merken
lassen, dass er gekommen sei, den Hofmeister des Prinzen zu machen; ein Umstand,
der schon für sich allein alles habe verderben müssen. Denn die schwächsten
Fürsten seien allemal diejenigen, vor denen man am sorgfältigsten verbergen
müsse, dass man weiter sehe als sie; sie würden sich's zur Schande rechnen, sich
von dem grössesten Geist in der Welt regieren zu lassen, so bald sie glauben, dass
er eine solche Absicht im Schilde führe; und daher komme es, dass sie sich oft
lieber der schimpflichen Herrschaft eines Cammerdieners oder einer Maitresse
unterwerfen, welche die Kunstgriffe besitzen, ihre Gewalt über das Gemüt des
Herrn unter sclavischen Schmeicheleien oder schlauen Liebkosungen zu verbergen.
Plato sei zu einem Minister eines so jungen Prinzen zu spitzfündig, und zu einem
Günstling zu alt gewesen; zudem habe ihm seine vertraute Freundschaft mit dem
Dion geschadet, da sie seinen heimlichen Feinden beständige Gelegenheit gegeben,
ihn dem Prinzen verdächtig zu machen. Endlich habe der Einfall, aus Sicilien
eine platonische Republik zu machen, an sich selbst nichts getaugt. Der
National-Geist der Sicilianer sei eine Zusammensetzung von so schlimmen
Eigenschaften, dass es, seiner Meinung nach, dem weisesten Gesetzgeber unmöglich
bleiben würde, sie zur republicanischen Tugend umzubilden; und Dionys, welcher
unter gewissen Umständen fähig sei ein guter Fürst zu werden, würde, wenn er
sich auch in einem Anstoss von eingebildeter Grossmut hätte bereden lassen, die
Tyrannie aufzuheben, allezeit ein sehr schlimmer Bürger gewesen sein. Diese
allgemeine Ursachen seien, was auch die nähern Veranlassungen der Verbannung des
Dion und der Ungnade oder wenigstens der Entfernung des Platon gewesen sein
mögen, hinlänglich begreiflich zu machen, dass es nicht anders habe gehen können;
sie bewiesen aber auch (setzte Aristipp mit einer anscheinenden Gleichgültigkeit
hinzu) dass ein Anderer, der sich die Fehler dieser Vorgänger zu Nutzen zu machen
wisste, wenig Mühe haben würde, die unwürdigen Leute zu verdrängen welche sich
wieder in den Besitz des Zutrauens und der Autorität des Tyrannen geschwungen
hätten.
    Agaton fand diese Gedanken seines neuen Freundes so wahrscheinlich, dass er
sich überreden liess, sie für wahr anzunehmen. Und hier spielte ihm die
Eigenliebe einen kleinen Streich, dessen er sich nicht zu ihr vermutete. Sie
flüsterte ihm so leise, dass er ihren Einhauch vielleicht für die Stimme seines
Genius, oder der Tugend selber hielt, den Gedanken zu - wie schön es wäre,
wenn Agaton dasjenige zu Stande bringen könnte, was Plato vergebens unternommen
hatte. Wenigstens deuchte es ihn schön, den Versuch zu machen; und er fühlte
eine Art von ahnendem Bewusstsein, dass eine solche Unternehmung nicht über seine
Kräfte gehen würde. Diese Empfindungen (denn Gedanken waren es noch nicht)
stiegen, während dass Aristippus sprach, in ihm auf; aber er nahm sich wohl in
Ach, ihn das geringste davon merken zu lassen; und lenkte, aus Besorgnis von
einem so schlauen Höflinge unvermerkt ausgekundschaftet zu werden, das Gespräch
auf andre Gegenstände. Überhaupt vermied er alles, was die Aufmerksamkeit der
Anwesenden vorzüglich auf ihn hätte richten können, desto sorgfältiger, da er
wahrnahm, dass man einen ausserordentlichen Mann in ihm zu sehen erwartete. Er
sprach sehr bescheiden, und nur so viel als die Gelegenheit unumgänglich
erfoderte, von dem Anteil, den er an der Staats-Verwaltung von Aten gehabt
hatte, liess die Anlässe entschlüpfen, die ihm von einigen mit guter Art (wie sie
wenigstens glaubten) gemacht wurden, um seine Gedanken von Regierungs-Sachen,
und von den Syracusanischen Angelegenheiten auszuholen; sprach von allem wie ein
gewöhnlicher Mensch, der sich auf das was er spricht versteht, und begnügte sich
bei Gelegenheit sehen zu lassen, dass er ein Kenner aller schönen Sachen sei, ob
er sich gleich nur für einen Liebhaber gab. Dieses Betragen, wodurch er allen
Verdacht, als ob er aus besondern Absichten nach Syracus gekommen sei, von sich
entfernen wollte, hatte die Würkung, dass die Meisten, welche mit einem
Erwartungsvollen Vorurteil für ihn gekommen waren, sich für betrogen hielten,
und mit der Meinung weggingen, Agaton halte in der Nähe nicht, was sein Ruhm
verspreche: Ja, um sich dafür zu rächen, dass er nicht so war, wie er ihrer
Einbildung zu lieb hätte sein sollen, lieben sie ihm noch einige Fehler, die er
nicht hatte, und verringerten den Wert der schönen Eigenschaften, welche er
entweder nicht verbergen konnte, oder nicht verbergen wollte; gewöhnliches
Verfahren der kleinen Geister, wodurch sie sich unter einander in der
tröstlichen Beredung zu stärken suchen, dass kein so grosser Unterscheid, oder
vielleicht gar keiner, zwischen ihnen und den Agatonen sei- und wer wird so
unbillig sein, und ihnen das übel nehmen?
    Sobald sich unser Mann allein sah, überliess er sich den Betrachtungen, die
in seiner gegenwärtigen Stellung die natürlichsten waren. Sein erster Gedanke,
sobald er gehört hatte, dass Plato entfernt, und Dionys wieder in der Gewalt
seiner ehemaligen Günstlinge und einer neuangekommenen Tänzerin sei, war
gewesen, sich nur wenige Tage bei seinem Freunde verborgen zu halten, und sodann
nach Italien überzufahren, wo er verschiedne Ursachen hatte zu hoffen, dass er in
dem Hause des berühmten Archytas zu Tarent willkommen sein würde. Allein die
Unterredung mit dem Aristippus hatte ihn auf andre Gedanken gebracht. Je mehr er
dasjenige, was ihm dieser Philosoph von den Ursachen der vorgegangenen
Veränderungen gesagt hatte, überlegte; je mehr fand er sich ermuntert, das Werk,
welches Plato aufgegeben hatte, auf einer andern Seite, und, wie er hoffte, mit
besserm Erfolg, anzugreifen. Von tausend manchfaltigen Gedanken hin und her
gezogen, brachte er den grössesten Teil der Nacht in einem Mittelstand zwischen
Entschliessung und Ungewissheit zu, bis er endlich mit sich selbst einig wurde, es
darauf ankommen zu lassen, wozu ihn die Umstände bestimmen würden. Inzwischen
machte er sich auf den Fall, wenn ihn Dionys an seinen Hof zu ziehen suchen
sollte, einen Verhaltungs-Plan; er stellte sich eine Menge Zufälle vor, welche
begegnen konnten, und setzte die Massregeln bei sich selbst feste, nach welchen
er in allen diesen Umständen handeln wollte. Die genaueste Verbindung der
Klugheit mit der Rechtschaffenheit war die Seele davon. Sein eigner Vorteil kam
dabei in gar keine Betrachtung; dieser Punct lag durch aus zum Grunde seines
ganzen Systems; er wollte sich durch keine Art von Banden fesseln lassen,
sondern immer die Freiheit behalten, sich so bald er sehen würde, dass er
vergeblich arbeite, mit Ehre zurückzuziehen. Das war die einzige Rücksicht, die
er dabei auf sich selbst machte. Die lebhafte Abneigung, die er, aus eigener
Erfahrung gegen alle populare Regierungs-Arten gefasst hatte, liess ihn nicht
daran denken, den Sicilianern zu einer Freiheit behülflich zu sein, welche er
für einen blossen Namen hielt, unter dessen Schutz die Edeln eines Volkes und der
Pöbel einander wechselweise ärger tyrannisieren als es irgend ein Tyrann zu tun
fähig ist; der so arg er immer sein mag, doch durch seinen eigenen Vorteil
abgehalten wird, seine Sclaven gänzlich aufzureiben; - da hingegen der Pöbel,
wenn er die Gewalt einmal an sich gerissen hat, seinen wilden Bewegungen keine
Grenzen zu setzen fähig ist. Diese Reflexion traf zwar nur die Democratie; aber
Agaton hatte von der Aristocratie keine bessere Meinung. Eine endlose Reihe von
schlimmen Monarchen schien ihm etwas, das nicht in der Natur ist; und ein
einziger guter Fürst, war, nach seiner Voraussetzung, vermögend, das Glück
seines Volkes auf ganze Jahrhunderte zu befestigen; da hingegen (seiner Meinung
nach) die Aristocratie anders nicht als durch die gänzliche Unterdrückung des
Volks auf einen dauerhaften Grund gesetzt werden könne, und also schon aus
dieser einzigen Ursache die schlimmste unter allen möglichen Verfassungen sei.
So sehr gegen diese beide Regierungs-Arten eingenommen als er war, konnte er
nicht darauf verfallen, sie mit einander vermischen, und durch eine Art von
politischer Chemie aus so widerwärtigen Dingen eine gute Composition
herausbringen zu wollen. Eine solche Verfassung deuchte ihn allzuverwickelt, und
aus zu vielerlei Gewichtern und Rädern zusammengesetzt, um nicht alle
Augenblicke in Unordnung zu geraten, und sich nach und nach selbst aufzureiben.
Die Monarchie schien ihm also, von allen Seiten betrachtet, die einfacheste,
edelste, und der Analogie des grossen Systems der Natur gemässeste Art die
Menschen zu regieren; und dieses vorausgesetzt, glaubte er alles getan zu haben,
wenn er einen zwischen Tugend und Laster hin und her wankenden Prinzen aus den
Händen schlimmer Ratgeber ziehen; durch einen klugen Gebrauch der Gewalt, die er
über sein Gemüt zu bekommen hoffte, seine Denkungs-Art verbessern; und ihn nach
und nach durch die eigentümlichen Reizungen der Tugend endlich vollkommen
gewinnen könnte. Und gesetzt auch, dass es ihm nur auf eine unvollkommene Art
gelingen würde; so hoffte er, wofern er sich nur einmal seines Herzens
bemeistert haben würde, doch immer im Stande zu sein, viel gutes zu tun, und
viel Böses zu verhindern, und auch dieses schien ihm genug zu sein, um beim
Schluss der Action mit dem belohnenden Gedanken, eine schöne Rolle wohl gespielt
zu haben, vom Teater abzutreten. In diesen sanfteinwiegenden Gedanken
schlummerte Agaton endlich ein, und schlief noch, als Aristippus des folgenden
Morgens wiederkam, um ihn im Namen des Dionys einzuladen, und bei diesem Prinzen
aufzuführen.
    Die Seite, von der sich dieser Philosoph in der gegenwärtigen Geschichte
zeigt, stimmt mit dem gemeinen Vorurteil, welches man gegen ihn gefasst hat, so
wenig überein, als dieses mit den gewissesten Nachrichten, welche von seinem
Leben und von seinen Meinungen auf uns gekommen sind. In der Tat scheint
dasselbe sich mehr auf den Missverstand seiner Grundsätze und einige ärgerliche
Märchen, welche Diogenes von Laerte und Atenäus, zween von den
unzuverlässigsten Compilatoren in der Welt, seinen Feinden nacherzählen, als auf
irgend etwas zu gründen, welches ihm unsre Hochachtung mit Recht entziehen
könnte. Es hat zu allen Zeiten eine Art von Leuten gegeben, welche nirgends als
in ihren Schriften tugendhaft sind; Leute, welche die Verdorbenheit ihres
Herzens, und ihre geheimen Laster durch die Affectation der strengesten
Grundsätze in der Sittenlehre bedecken wollen; moralische Pantomimen, qui Curios
simulant & Bacchanalia vivunt; Leute, welche sich das Ansehen einer
ausserordentlichen Delicatesse der Ohren in moralischen Dingen geben, und von dem
blossen Schall des Worts Wollust, mit einem heiligen Schauer, errötend - - oder
erblassend, zusammenfahren; kurz, Leute, welche jedermann verachten würde, wenn
nicht der grösseste Haufen dazu verurteilt wäre, sich durch Masken-Gesichter,
Minen, Gebärden, Inflexionen der Stimme, verdrehte Augen, und- - weisse
Schnupftücher betrügen zu lassen. Diese vortrefflichen Leute, (welche wir etwas
genauer beschrieben haben, weil es nicht mehr gebräuchlich ist, denenjenigen
einen Bündel Heu vor die Stirne zu binden, denen man nicht allzunahe kommen
darf,) taten schon damals ihr Bestes, den guten Aristipp für einen Wollüstling
auszuschreien, dessen ganze Philosophie darin bestehe, dass er die Forderungen
unsrer sinnlichen Triebe zu Grundsätzen gemacht, und die Kunst gemächlich und
angenehm zu leben, in ein System gebracht habe.
    Es ist hier der Ort nicht, die Unbilligkeit und den Ungrund dieses Urteils
zu beweisen; und dieses ist auch so nötig nicht, nachdem bereits einer der
ehrwürdigsten und verdienstvollesten Gelehrten unsrer Zeit, ein Mann der durch
die Eigenschaften seines Verstandes und Herzens den Namen eines Weisen verdient,
wenn ihn ein Sterblicher verdienen kann, ungeachtet seines Standes den Mut
gehabt hat, in seiner critischen Geschichte der Philosophie diesem würdigen
Schüler des Socrates Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
    Ohne uns also um Aristipps Lehrsätze zu bekümmern, begnügen wir uns, von
seinem persönlichen Character so viel zu sagen als man wissen muss, um die
Person, die er an Dionysens Hofe vorstellte, richtiger beurteilen zu können.
Unter allen den vorgeblichen Weisen, welche sich damals an diesem Hofe befanden,
war er der einzige, der keine heimliche Absichten auf die Freigebigkeit des
Prinzen hatte; ob er sich gleich kein Bedenken machte, Geschenke von ihm
anzunehmen, die er nicht durch parasitische Niederträchtigkeiten erkaufte. Durch
seine natürliche Denkungs-Art eben so sehr als durch seine, in der Tat ziemlich
gemächliche Philosophie, von Ambition und Geldgierigkeit gleich entfernt,
bediente er sich eines zulänglichen Erbguts, (welches er bei Gelegenheit durch
den erlaubten Vorteil, den er von seinen Talenten zog, zu vermehren wusste) um,
nach seiner Neigung, mehr einen Zuschauer als einen Acteur auf dem Schauplatz
der Welt vorzustellen. Da er einer der besten Köpfe seiner Zeit war, so gab ihm
diese Freiheit, worin er sich sein ganzes Leben durch erhielt, Gelegenheit sich
einen Grad von Einsicht zu erwerben, der ihn zu einem scharfen und sichern
Beurteiler aller Gegenstände des menschlichen Lebens machte. Meister über seine
Leidenschaften, welche von Natur nicht heftig waren; frei von allen Arten der
Sorgen, und in den Tumult der Geschäfte selbst niemals verwickelt, war es ihm
nicht schwer, sich immer in dieser Heiterkeit des Geistes, und in dieser Ruhe
des Gemütes zu erhalten, welche die Grundzüge von dem Character eines weisen
Mannes ausmachen. Er hatte seine schönsten Jahre zu Aten, in dem Umgang mit
Socrates und den grössesten Männern dieses berühmten Zeitalters zugebracht; die
Euripiden und Aristophane, die Phidias und die Polygnote, und die Wahrheit zu
sagen, auch die Phrynen, und Laiden, Damen, an denen die Schönheit die geringste
ihrer Reizungen war, hatten seinen Witz gebildet, und jenes zarte Gefühl des
Schönen in ihm entwickelt, welches ihn die Munterkeit der Grazien mit der
Severität der Philosophie auf eben diese unnachahmliche Art verbinden lehrte,
die ihm den Neid aller philosophischen Mäntel und Bärte seiner Zeit auf den Hals
zog. Nichts übertraf die Annehmlichkeit seines Umgangs; niemand wusste so gut wie
er, die Weisheit unter der gefälligen Gestalt des lächelnden Scherzes und der
guten Laune in solche Gesellschaften einzuführen, wo sie in ihrer eignen Gestalt
nicht willkommen wäre. Er besass das Geheimnis, den Grossen selbst die
unangenehmste Wahrheiten mit Hülfe eines Einfalls oder einer Wendung erträglich
zu machen, und sich an dem langweiligen Geschlechte der Narren und Gecken, wovon
die Höfe der (damaligen) Fürsten wimmelten, durch einen Spott zu rächen, den sie
dumm genug waren, mit dankbarem Lächeln für Beifall anzunehmen. Die
Lebhaftigkeit seines Geistes und die Kenntnis, die er von allen Arten des
Schönen besass, machte dass er wenige seines Gleichen hatte, wo es auf die
Erfindung sinnreicher Ergötzlichkeiten, auf die Anordnung eines Festes, die
Auszierung eines Hauses, oder auf das Urteil über die Werke der Dichter,
Tonkünstler, Maler und Bildhauer ankam. Er liebte das Vergnügen, weil er das
Schöne liebte; und aus eben diesem Grunde liebte er auch die Tugend: Aber er
musste das Vergnügen in seinem Wege finden, und die Tugend musste ihm keine
allzubeschwerliche Pflichten auflegen; dem einen oder der andern seine
Gemächlichkeit aufzuopfern, so weit ging seine Liebe nicht. Sein vornehmster
Grundsatz, und derjenige, dem er allezeit getreu blieb, war; dass es in unsrer
Gewalt sei, in allen Umständen glücklich zu sein; des Phalaris glühenden Ochsen
ausgenommen; denn wie man in diesem sollte glücklich sein können, davon konnte
er sich keinen Begriff machen. Er setzte voraus, dass Seele und Leib sich im
Stande der Gesundheit befinden müssten, und behauptete, dass es als dann nur
darauf ankomme, dass wir uns nach den Umständen richten; anstatt, wie der grosse
Haufe der Sterblichen, zu verlangen, dass sich die Umstände nach uns richten
sollen, oder ihnen, zu diesem Ende Gewalt antun zu wollen. Von dieser
sonderbaren Geschmeidigkeit kam es her, dass er das vielbedeutende Lob verdiente,
welches ihm Horaz gibt, dass ihm alle Farben, alle Umstände des günstigen oder
widrigen Glückes gleich gut anstunden; oder wie Plato von ihm sagte, dass es ihm
allein gegeben war, ein Kleid von Purpur, und einen Kittel von Sackleinwand mit
gleich guter Art zu tragen.
    Es ist kein schwacher Beweis, wie wenig es dem Dionys an Fähigkeit das Gute
zu schätzen gefehlt habe, dass er Aristippen um aller dieser Eigenschaften willen
höher achtete, als alle andern Gelehrten seines Hofes; dass er ihn am liebsten um
sich leiden mochte, und sich öfters von ihm durch einen Scherz zu guten
Handlungen bewegen liess, wozu ihn seine Pedanten mit aller ihrer Dialectik und
schulgerechten Beredsamkeit nicht zu vermögen fähig waren.
    Diese characteristische Züge vorausgesetzt, lässt sich, deucht uns, keine
wahrscheinlichere Ursache angeben, warum Aristipp, so bald er unsern Helden zu
Syracus erblickte, den Entschluss fasste, ihn bei dem Dionys in Gunst zu setzen,
als diese; dass er begierig war zu sehen, was aus einer solchen Verbindung
werden, und wie sich Agaton in einer so schlüpfrigen Stellung verhalten würde.
Denn auf einige besondere Vorteile für sich selbst konnte er dabei kein Absehen
haben, da es nur auf ihn ankam, ohne einen Mittelsmann zu bedürfen, sich die
Gnade eines Prinzen zu Nutzen zu machen, der in einem Anstoss von prahlerhafter
Freigebigkeit fähig war, die Einkünfte von einer ganzen Stadt an einen
Luftspringer oder Citarspieler wegzuschenken.
    Dem sei indessen wie ihm wolle, so hatte Aristipp nichts angelegners, als
des nächsten Morgens den Prinzen, dem er bei seinem Aufstehen aufzuwarten
pflegte, von dem neuangekommenen Agaton zu unterhalten, und eine so
vorteilhafte Abschilderung von ihm zu machen, dass Dionys begierig wurde, diesen
ausserordentlichen Menschen von Person zu kennen. Aristipp erhielt also den
Auftrag, ihn unverzüglich nach Hofe zu bringen; und er vollzog denselben, ohne
unsern Helden merken zu lassen, wieviel Anteil er an dieser Neugier des Prinzen
gehabt hatte.
    Agaton sah eine so bald erfolgende Einladung als ein gutes Omen an, und
machte keine Schwierigkeit sie anzunehmen. Er erschien also vor dem Dionys, der
ihn mitten unter seinen Hofleuten auf eine sehr leutselige Art empfing. Er
erfuhr bei dieser Gelegenheit abermal, dass die Schönheit eine stumme Empfehlung
an alle Menschen, welche Augen haben, ist. Diese Gestalt des Vaticanischen
Apollo, die ihm schon so manchen guten - - und schlimmen - - Dienst getan, die
ihm die Verfolgungen der Pytia und die Zuneigung der Atenienser zugezogen, ihn
in den Augen der trazischen Bacchantinnen zum Gott, und in den Augen der
schönen Danae zum liebenswürdigsten der Sterblichen gemacht hatte - - Diese
Gestalt, diese einnehmende Gesichts-Bildung, diese mit Würde und Anstand
zusammenfliessende Grazie, welche allen seinen Bewegungen und Handlungen eigen
war - - taten ihre Würkung, und zogen ihm beim ersten Anblick die allgemeine
Bewunderung zu. Dionys, welcher als König zu wohl mit sich selbst zufrieden war,
um über einen Privat-Mann wegen irgend einer Vollkommenheit eifersüchtig zu
sein, überliess sich dem angenehmen Eindruck, den dieser schöne Fremdling auf ihn
machte. Die Philosophen hofften, dass das Inwendige einer so viel versprechenden
Aussenseite nicht gemäss sein werde, und diese Hoffnung setzte sie in den Stand,
mit einem Nasenrümpfen, welches den geringen Wert, den sie einem solchen Vorzug
beilegten, andeutete, einander zu zuraunen, dass er - - schön sei Aber die
Höflinge hatten Mühe ihren Verdruss darüber zu verbergen, dass sie keinen Fehler
finden konnten, der ihnen den Anblick so vieler Vorzüge erträglich gemacht
hätte. Wenigstens waren dieses die Beobachtungen, welche der kaltsinnige
Aristipp bei dieser Gelegenheit zu machen glaubte.
    Agaton verband in seinen Reden und in seinem ganzen Betragen so viel
Bescheidenheit und Klugheit mit dieser edeln Freiheit und Zuversichtlichkeit
eines Weltmannes, worin er sich zu Smyrna vollkommen gemacht hatte; dass Dionys
in wenigen Stunden ganz von ihm eingenommen war. Man weiss, wie wenig es oft
bedarf, den Grossen der Welt zu gefallen, wenn uns nur der erste Augenblick
günstig ist. Agaton musste also dem Dionys, welcher würklich Geschmack hatte,
notwendig mehr gefallen, als irgend ein anderer, den er jemals gesehen hatte;
und das, in immerzunehmendem Verhältnis, so wie sich, von einem Augenblick zum
andern, die Vorzüge und Talente unsers Helden entwickelten. In der Tat besass er
deren so viele, dass der Neid der Höflinge, der in gleicher Proportion von Stunde
zu Stunde stieg, gewisser massen zu entschuldigen war; die guten Leute würden
sich viel auf sich selbst eingebildet haben, wenn sie nur diejenigen
Eigenschaften, in einem solchen Grad, einzeln besessen hätten, welche in ihm
vereinigt, dennoch den geringsten Teil seines Wertes ausmachten. Er hatte die
Klugheit, anfänglich seine gründlichere Eigenschaften zu verbergen, und sich
bloss von derjenigen Seite zu zeigen, wodurch sich die Hochachtung der Weltleute
am sichersten überraschen lässt. Er sprach von allem mit dieser Leichtigkeit des
Witzes, welche nur über die Gegenstände dahinglitscht, und wodurch sich oft die
schalesten Köpfe in der Welt (auf einige Zeit wenigstens) das Ansehen, Verstand
und Einsichten zu haben, zu gehen wissen. Er scherzte; er erzählte mit Anmut; er
machte andern Gelegenheit sich hören zu lassen; und bewunderte die guten
Einfälle, welche dem schwatzhaften Dionys unter einer Menge von mittelmässigen
und frostigen zuweilen entfielen, mit einer Art welche, ohne seiner
Aufrichtigkeit oder seinem Geschmack zuviel Gewalt anzutun, diesen Prinzen
überzeugte; dass Agaton unendlich viel Verstand habe.
    Die grossen Herren haben gemeiniglich eine Lieblings-Schwachheit, wodurch es
sehr leicht wird, den Eingang in ihr Herz zu finden. Der grosse Tanzai von
Scheschian, ein Kenner übrigens von Verdiensten, kannte doch kein grösseres als
die Leier gut zu spielen. Dionys hegte ein so günstiges Vorurteil für die
Citar, dass der beste Citar-Spieler in seinen Augen der grösseste Mann auf dem
Erdboden war. Er spielte sie zwar selbst nicht; aber er gab sich für einen
Kenner, und rühmte sich die grössesten Virtuosen auf diesem wundertätigen
Instrument an seinem Hofe zu haben. Zu gutem Glücke hatte Agaton zu Delphi die
Citar schlagen gelernt, und bei der schönen Danae, welche eine Meisterin auf
allen Saiten-Instrumenten der damaligen Zeit war, einige Lectionen genommen, die
ihn vollkommen gemacht hatten. Kurz, Agaton nahm das dritte oder vierte mal, da
er mit dem Dionys zu Nacht ass, eine Citar, begleitete darauf einen Dityramben
des Damon, (der von einer feinen Stimme gesungen, und von der schönen Bacchidion
getanzt wurde) und setzte seine Hoheit dadurch in eine so übermässige Entzückung,
dass der ganze Hof von diesem Augenblick an für ausgemacht hielt, ihn in kurzem
zur Würde eines erklärten Günstlings erhoben zu sehen. Dionys überhäufte ihn in
der ersten Aufwallung seiner Bewunderung mit Liebkosungen, welche unserm Helden
beinahe allen Mut benahmen. Himmel! dachte er, was werde ich mit einem König
anfangen, der bereit ist, den ersten Neuangekommenen an die Spitze seines Staats
zu setzen, weil er ein guter Citarschläger ist? Dieser erste Gedanke war sehr
gründlich, und würde ihm vieles Ungemach erspart haben, wenn er seiner Eingebung
gefolget hätte. Aber eine andere Stimme (war es seine Eitelkeit, oder der
Gedanke ein grosses Vorhaben nicht um einer so geringfügigen Ursache willen
aufzugeben? - - oder war es die Schwachheit, die uns geneigt macht, alle
Torheiten der Grossen, welche Achtung für uns zeigen, mit nachsichtvollen Augen
einzusehen?) flüsterte ihm ein: Dass der Geschmack für die Musik, und die
besondere Anmutung für ein gewisses Instrument, eine Sache sei, welche von
unsrer Organisation abhange; und dass es ihm nur desto leichter sein werde, sich
des Herzens dieses Prinzen zu versichern, je mehr er von den Geschicklichkeiten
besitze, wodurch man seinen Beifall erhalten könne.
    Die Gunst, in welche er sich in so kurzer Zeit und durch so zweideutige
Verdienste bei dem Tyrannen gesetzt, stieg bald darauf, bei Gelegenheit einer
academischen Versammlung, welche Dionys mit grossen Feierlichkeiten
veranstaltete, zu einem solchen Grade, dass Philistus, der bisher noch zwischen
Furcht und Hoffnung geschwebet hatte, seinen Fall nunmehr für gewiss hielt.
    Dionys hatte vom Aristipp in der Stille vernommen, dass Agaton ehmals ein
Schüler Platons gewesen, und während seines Glücksstandes zu Aten für einen der
grössesten Redner in dieser schwatzhaften Republik gehalten worden sei. Erfreut,
eine Vollkommenheit mehr an seinem neuen Liebling zu entdecken, säumte er sich
keinen Augenblick, eine Gelegenheit zu veranstalten, wo er aus eigner Einsicht
von der Wahrheit dieses Vorgebens urteilen könnte; denn es kam ihm ganz
übernatürlich vor, dass man zu gleicher Zeit ein Philosoph, und so schön, und ein
so grosser Citarschläger sollte sein können. Die Academie erhielt also Befehl
sich zu versammeln, und ganz Syracus wurde dazu, als zu einem Fest eingeladen,
welches sich mit einem grossen Schmaus enden sollte. Agaton dachte an nichts
weniger, als dass er bei diesem Wettstreit eines Haufens von Sophisten (die er
nicht ohne Grund für sehr überflüssige Leute an dem Hofe eines guten Fürsten
ansah) eine Rolle zu spielen bekommen würde; und Aristipp hatte, aus dem
obenberührten Beweggrunde, der der Schlüssel zu seinem ganzen Betragen gegen
unsern Helden ist, ihm von Dionysens Absicht nichts entdeckt. Dieser eröffnete
als Präsident der Academie (denn seine Eitelkeit begnügte sich nicht an der
Ehre, ihr Beschützer zu sein) die Versammlung durch einen übel
zusammengestoppten, und nicht allzuverständlichen, aber mit Platonismen reich
verbrämten Discurs, welcher, wie leicht zu erachten, mit allgemeinem Zujauchzen
begleitet wurde; ungeachtet er dem Agaton mehr das ungezweifelte Vertrauen des
königlichen Redners in den Beifall, der ihm von Standes wegen zukam, als die
Grösse seiner Gaben und Einsichten zu beweisen schien. Nach Endigung dieser Rede,
nahm die philosophische Hetze ihren Anfang; und wofern die Zuhörer durch die
subtilen Geister, die sich nunmehr hören liessen, nicht sehr unterrichtet wurden,
so fanden sie sich doch durch die Wohlredenheit des einen, die klingende Stimme
und den guten Accent eines andern, die paradoxen Einfälle eines dritten, und die
seltsamen Gesichter, die ein vierter zu seinen Distinctionen und Demonstrationen
machte, erträglich belustiget. Nachdem dieses Spiel einige Zeit gedauert hatte,
und ein unhöfliches Gähnen bereits zwei Dritteile der Zuhörer zu ergreifen
begann, sagte Dionys: Da er das Glück habe, seit einigen Tagen einen der
würdigsten Schaler des grossen Platons in seinem Hause zu besitzen; so ersuchte
er ihn, zufrieden zu sein, dass der Ruhm, der ihm allentalben vorangegangen sei,
den Schleier, womit seine Bescheidenheit seine Verdienste zu verhüllen suche,
hinweggezogen, und ihm in dem schönen Agaton einen der beredtesten Weisen der
Zeit entdeckt habe: Er möchte sich also nicht weigern, auch in Syracus sich von
einer so vorteilhaften Seite zu zeigen, und sich mit den Philosophen seiner
Academie in einen Wettstreit über irgend eine interessante Frage aus der
Philosophie einzulassen. Zu gutem Glücke sprach Dionys, der sich selbst gerne
hörte, und die Gabe der Weitläufigkeit in hohem Masse besass, lange genug, um
unserm Manne Zeit zu geben, sich von der kleinen Bestürzung zu erholen, worein
ihn diese unerwartete Zumutung setzte. Er antwortete also ohne Zaudern: Er sei
zu früh aus den Hörsälen der Weisen auf den Markt-Platz zu Aten gerufen, und in
die Angelegenheiten eines Volkes, welches bekannter massen seinen Hofmeistern
nicht wenig zu schaffen mache, verwickelt worden, als dass er Zeit genug gehabt
haben sollte, sich seine Lehrmeister zu Nutzen zu machen; indessen sei er, wenn
es Dionys verlange, aus Achtung gegen ihn bereit, eine Probe abzulegen, wie
wenig er das Lob verdiene, welches ihm aus einem allzugünstigen Vorurteil
beigelegt worden sei.
    Dionys rief also den Philistus auf, (man weiss nicht, ob von ungefähr oder
vermög einer vorhergenommenen Abrede, wiewohl das letztere nicht wahrscheinlich
zu sein scheint,) eine Frage vorzuschlagen, für und wider welche von beiden
Seiten gesprochen werden sollte. Dieser Minister bedachte sich eine kleine
Weile, und in Hoffnung den Agaton, der ihm furchtbar zu werden anfing, in
Verlegenheit zu setzen, schlug er die Frage vor - - welche Regierungs-Form einen
Staat glücklicher mache, die Republicanische oder die Monarchische? - - Man
wird, dachte er, dem Agaton die Wahl lassen, für welche er sich erklären will;
spricht er für die Republik, und spricht er gut, wie er um seines Ruhms willen
genötiget ist, so wird er dem Prinzen missfallen; wirft er sich zum Lobredner der
Monarchie auf, so wird er sich dem Volke verhasst machen, und Dionys wird den Mut
nicht haben, die Staats-Verwaltung einem Ausländer anzuvertrauen, der bei seinem
ersten Auftritt auf dem Schauplatz, einen so schlimmen Eindruck auf die Gemüter
der Syracusaner gemacht hat. Allein dieses mal betrog den schlauen Mann seine
Erwartung. Agaton erklärte sich, ungeachtet er die Absicht des Philistus
merkte, mit einer Unerschrockenheit, welche diesem keinen Triumph prophezeite,
für die Monarchie; und nachdem seine Gegner, (unter denen Antistenes und der
Sophist Protagoras alle ihre Kräfte anstrengeten, die Vorzüge der Freistaaten zu
erheben) zu reden aufgehört hatten, fing er damit an, dass er ihren Gründen noch
mehr Stärke gab, als sie selbst zu tun fähig gewesen waren. Die Aufmerksamkeit
war ausserordentlich; jedermann war mehr begierig, zu hören, wie Agaton sich
selbst, als wie er seine Gegner würde überwinden können. Seine Beredsamkeit
zeigte sich in einem Lichte, welches die Seelen der Zuhörer blendete, die
Wichtigkeit des Augenblicks, der den Ausgang seines ganzen Vorhabens entschied,
die Würde des Gegenstandes, die Begierde zu siegen, und vermutlich auch die
herzliche Abneigung gegen die Democratie, welche ihm aus Aten in seine
Verbannung gefolget war; alles setzte ihn in eine Begeisterung, welche die
Kräfte seiner Seele höher spannte; seine Ideen waren so gross, seine Gemälde so
stark gezeichnet, mit so vielem Feuer gemalt, seine Gründe jeder für sich selbst
so schimmernd, und lieben einander durch ihre Zusammenordnung so viel Licht; der
Strom seiner Rede, der anfänglich in ruhiger Majestät dahinfloss, wurde nach und
nach so stark und hinreissend; dass selbst diejenigen, bei denen es zum voraus
beschlossen war, dass er Unrecht haben sollte, sich wie durch eine magische
Gewalt genötiget sahen, ihm innerlich Beifall zu geben. Man glaubte den Mercur
oder Apollo reden zu hören, die Kenner (denn es waren einige zugegen, welche
davor gelten konnten) bewunderten am meisten, dass er die Kunstgriffe
verschmähte, wodurch die Sophisten gewohnt waren, einer schlimmen Sache die
Gestalt einer guten zu geben - Keine Farben, welche durch ihren Glanz das
Betrügliche falscher oder umsonst angenommener Sätze verbergen mussten; keine
künstliche Austeilung des Lichts und des Schattens. Sein Ausdruck glich dem
Sonnenschein, dessen lebender und fast geistiger Glanz sich den Gegenständen
mitteilt, ohne ihnen etwas von ihrer eigenen Gestalt und Farbe zu benehmen.
    Indessen müssen wir gestehen, dass er ein wenig grausam mit den Republiken
umging. Er bewies, oder schien doch allen die ihn hörten zu beweisen, dass diese
Art von Gesellschaft ihren Ursprung in dem wilden Chaos der Anarchie genommen,
und dass die Weisheit ihrer Gesetzgeber sich mit schwachem Erfolg bemühet hätte,
Ordnung und Consistenz in eine Verfassung zu bringen, welche ihrer Natur nach,
in steter Unruh und innerlicher Gärung alle Augenblicke Gefahr laufe, sich durch
ihre eigene Kräfte aufzureiben, und welche des Ruhestandes so wenig fähig sei,
dass eine solche Ruhe in derselben vielmehr die Folge der äussersten Verderbnis,
und gleich einer Windstille auf dem Meer, der gewisse Vorbote des Sturms und
Untergangs sein würde. Er zeigte, dass die Tugend, dieses geheiligte Palladium
der Freistaaten, an dessen Erhaltung ihre Gesetzgeber das ganze Glück derselben
gebunden hätten, eine Art von unsichtbaren und durch verjährten Aberglauben
geheiligten Götzen sei, an denen nichts als der Name verehrt werde; dass man in
diesen Staaten einen stillschweigenden Vertrag mit einander gemacht zu haben
scheine, sich durch den Namen und ein gewisses Phantom von Gerechtigkeit,
Mässigung, Uneigennützigkeit, Liebe des Vaterlandes und des gemeinen Besten von
einander betrügen zu lassen; und dass unter der Maske dieser politischen
Heuchelei, unter dem ehrwürdigen Namen aller dieser Tugenden, das Gegenteil
derselben nirgends unverschämter ausgeübt werde. Es würden, meinte er, eine
Menge besonderer Umstände, welche sich in etlichen tausend Jahren kaum einmal in
irgend einem Winkel des Erdbodens zusammenfinden könnten dazu erfordert, um eine
Republik in dieser Mittelmässigkeit zu erhalten, ohne welche sie von keinem
Bestand sein könne: Und daher dass dieser Fall so selten sei, und von so vielen
zufälligen Ursachen abhange, komme es, dass die meisten Republiken entweder zu
schwach wären, ihren Bürgern die mindeste Sicherheit zu gewähren; oder dass sie
nach einer Grösse strebten, welche nach einer Folge von Misshelligkeiten, Cabalen,
Verschwörungen und Bürgerkriegen endlich den Untergang des Staats nach sich
ziehe, und demjenigen, welcher Meister vom Kampf Platze bliebe, nichts als
Einöden zu bevölkern und Ruinen wieder aufzubauen überlasse. So gar die
Freiheit, auf welche diese Staaten mit Ausschluss aller andern Anspruch machten,
finde kaum in den despotischen Reichen Asiens weniger Platz; weil entweder das
Volk sich demütiglich gefallen lassen müsse, was die Edeln und Reichen, ihrem
besondern Interesse gemäss, schlössen und handelten; oder wenn das Volk selbst
den Gesetzgeber und Richter mache, kein ehrlicher Mann sicher sei, dass er nicht
morgen das Opfer derjenigen sein werde, denen seine Verdienste im Wege stehen,
oder die durch sein Ansehen und Vermögen reicher und grösser zu werden hoffeten.
In keinem andern Staat sei es weniger erlaubt von seinen Fähigkeiten Gebrauch zu
machen, selbst zu denken, und über wichtige Gegenstände dasjenige was man für
gemeinnützlich halte, ohne Gefahr, bekannt werden zu lassen; alle Vorschläge zu
Verbesserungen würden unter dem verhassten Namen der Neuerungen verworfen, und
zögen ihren Urhebern geheime oder öffentliche Verfolgungen zu. Selbst die
Grundpfeiler der menschlichen Glückseligkeit, und dasjenige, was den gesitteten
Menschen eigentlich von dem Wilden und Barbaren unterscheide, Wahrheit, Tugend,
Wissenschaften, und die liebenswürdigen Künste der Musen, seien in diesen
Staaten verdächtig oder gar verhasst; würden durch tausend im Finstern
schleichende Mittel entkräftet, an ihrem Fortgang verhindert, oder doch gewiss
weder aufgemuntert noch belohnt; und allein zu Unterstützung der herrschenden
Vorurteile und Missbräuche verurteilt - - Doch genug! - - wir haben zu viel
Ursache günstiger von freien Staaten zu denken - - wenn es auch nur darum wäre,
weil wir die Ehre haben unter einer Nation zu leben, deren Verfassung selbst
republicanisch ist, und in der Tat die wunderbarste Art von Republik vorstellt,
welche jemals auf dem Erdhoden gesehen worden ist - - als dass wir diesen Auszug
einer für den Ruhm der Freistaaten so nachteiligen Rede ohne Widerwillen sollten
fortsetzen können. Es geschah aus diesem nämlichen Grunde, dass wir, anstatt den
Discurs des Agaton seinem ganzen Umfange nach aus unsrer Urkunde abzuschreiben,
uns begnügt haben, einige Züge davon, als eine wiewohl sehr unvollkommene Probe
des Ganzen anzuführen. Ferne soll es allezeit von uns sein, irgend einem
Erdenbewohner die Stellung worin er sich befindet, unangenehmer zu machen, als
sie ihm bereits sein mag; oder Anlass zu geben, dass die Gebrechen einiger längst
zerstörten Griechischen Republiken, aus denen Agaton seine Gemälde hernahm, zur
Verunglimpfung derjenigen missbraucht werden könnten, welche in neuern Zeiten als
ehrwürdige Freistätte und Zufluchts-Plätze der Tugend, der gesunden
Denkungs-Art, der öffentlichen Glückseligkeit und einer politischen Gleichheit,
welche sich der natürlichen möglichst nähert, angesehen werden können. Unsrer
übrigens ganz unmassgeblichen Meinung nach, gehört die Frage, über welche hier
disputiert wurde, unter die wichtigen Fragen - - ob Scaramuz, ob Scapin besser
tanze - - und so viele andre von diesem Schlage, (wenn sie gleich ein
ernstafteres Ansehen haben) worüber bis auf unsre Tage so viel Zeit und Mühe -
von Gänsespulen, Papier und Dinte nichts zu sagen - - verloren worden, ohne dass
sich absehen liesse, wie, worin oder um wieviel die Welt jemals durch ihre
Auflösung sollte gebessert werden können. Wir könnten diese unsre Meinung
rechtfertigen; aber es ist unnötig; ein jeder hat die Freiheit anders zu meinen
wenn er will, ohne dass wir ihn zur Rechenschaft ziehen werden; hanc veniam
petimus, damusque vicissim; denn in der Tat, ein Buch würde niemalen zu Ende
kommen, wenn der Autor schuldig wäre, alles zu beweisen, und sich über alles zu
rechtfertigen. Wir übergehen also auch, aus einem andern Grunde, den wir den
Liebhabern der Rätsel und Logogryphen zu erraten geben, die Lobrede, welche
Agaton der monarchischen Staats-Verfassung hielt. Die Beherrscher der Welt
scheinen (mit Recht, würde Philistus sagen, denn ich machte es an ihrem Platz
auch so) ordentlicher Weise sehr gleichgültig über die Meinung zu sein, welche
man von ihrer Regierungs-Art hat - - Es gibt Fälle, wir gestehen es, wo dieses
eine Ausnahme leidet - - aber diese Fälle begegnen selten, wenn man die
Vorsichtigkeit gebraucht, hundert und fünfzigtausend wohlbewaffnete Leute bereit
zu halten, mit deren Beistand man sehr wahrscheinlich hoffen kann, sich über die
Meinung aller friedsamen Leute in der ganzen Welt hinwegsetzen zu können. Sind
nicht eben diese hundert und fünfzigtausend - - oder wenn ihrer auch mehr sind;
desto besser! - - ein lebendiger, augenscheinlicher, ja der beste Beweis, der
alle andre unnötig macht, dass eine Nation glücklich gemacht wird? - - Genug also
(und dieser Umstand allein gehört wesentlich zu unsrer Geschichte) dass diese
Rede, worin Agaton alle Gebrechen verdorbener Freistaaten und alle Vorzüge
wohlregierter Monarchien, in zwei contrastierende Gemälde zusammendrängte, das
Glück hatte, alle Stimmen davon zu tragen, alle Zuhörer zu überreden, und dem
Redner eine Bewunderung zu zuziehen, welche den Stolz des eitelsten Sophisten
hätte sättigen können. Jedermann war von einem Manne bezaubert, welcher so
seltne Gaben mit einer so grossen Denkungs-Art und mit so menschenfreundlichen
Gesinnungen vereinigte. Denn Agaton hatte nicht die Tyrannie, sondern die
Regierung eines Vaters angepriesen, der seine Kinder wohl erzieht und glücklich
zu machen sucht. Man sagte sich selbst, was für goldene Tage Sicilien sehen
würde, wenn ein solcher Mann das Ruder führte. Er hatte nicht vergessen, im
Eingang seines Discurses dem Verdacht vorzukommen, als ob er die Republiken aus
Rachsucht schelte, und die Monarchie aus Schmeichelei und geheimen Absichten
erhebe: Fr hatte bei dieser Gelegenheit zu erkennen gegeben, dass er entschlossen
sei, nach Tarent überzugehen, um in der ruhigen Dunkelheit des Privatstandes,
welchen er seiner Neigung nach allen andern vorziehe, dem Nachforschen der
Wahrheit und der Verbesserung seines Gemüts obzuliegen - - (Redensarten, die in
unsern Tagen seltsam und lächerrlich klingen würden, aber damals ihre Bedeutung
und Würde noch nicht gänzlich verloren hatten.) Jedermann tadelte oder bedaurte
diese Entschliessung, und wünschte, dass Dionys alles anwenden möchte, ihn davon
zurückzubringen. Niemalen hatte sich die Neigung des Prinzen mit den Wünschen
seines Volkes so gleichstimmig befunden wie dieses mal. Die starke Zuneigung,
die er für die Person unsers Helden, und die hohe Meinung, die er von seinen
Fähigkeiten gefasset hatte, war durch diesen Discurs auf den höchsten Grad
gestiegen. So wenig beständiges auch in Dionysens Character war, so hatte er
doch seine Augenblicke, wo er wünschte, dass es weniger Verleugnung kosten
möchte, ein guter Fürst zu sein. Die Beredsamkeit Agatons hatte ihn wie die
übrige Zuhörer mit sich fortgerissen; er fühlte die Schönheit seiner Gemälde,
und vergass darüber, dass eben diese Gemälde eine Art von Satyre über ihn selbst
entielten. Er setzte sich vor, dasjenige zu erfüllen, was Agaton auf eine
stillschweigende Art von seiner Regierung versprochen hatte; und um sich die
Pflichten, die ihm dieser Vorsatz auferlegte, zu erleichtern, wollte er sie
durch eben denjenigen ausüben lassen, der so gut davon reden konnte. Wo konnte
er ein tauglicheres Instrument finden, den Syracusanern seine Regierung beliebt
zu machen? Wo konnte er einen andern Mann finden, der so viele angenehme
Eigenschaften mit so vielen nützlichen vereinigte? - - Dionys hatte sich, wie
wir schon bemerkt haben, angewöhnt, zwischen seine Entschliessungen und ihre
Ausführung so wenig Zeit zu setzen als möglich war. Alles was er einmal wollte,
das wollte er hastig und ungeduldig; denn, in so fern er sich selbst überlassen
blieb sah er eine Sache nur von einer Seite an; und dieses mal entdeckte er sich
niemand als dem Aristipp, der nichts vergass, was ihn in seinem Vorhaben
bestärken konnte. Dieser Philosoph erhielt also den Auftrag, dem Agaton
Vorschläge zu tun. Agaton entschuldigte sich mit seiner Abneigung vor dem
geschäftigen Leben, und bestimmte den Tag seiner Abreise. Dionys wurde
dringender. Agaton bestand auf seiner Weigerung, aber mit einer so bescheidenen
Art, dass man hoffen konnte, er werde sich bewegen lassen. In der Tat war seine
Absicht nur, die Zuneigung eines so wenig zuverlässigen Prinzen zuvor auf die
Probe zu stellen, eh er sich in Verbindungen einlassen wollte, welche für das
Glück anderer und für seine eigene Ruhe so gute oder so schlimme Folgen haben
konnten.
    Endlich, da er Ursache hatte zu glauben, dass die Hochachtung die er ihm
eingeflösst hatte, etwas mehr als ein launischer Geschmack sei, gab er seinem
Anhalten nach; aber nicht anders als unter gewissen Bedingungen, welche ihm
Dionys zugestehen musste. Er erklärte sich, dass er allein in der Qualität seines
Freundes an seinem Hofe bleiben wollte, so lange als ihn Dionys dafür erkennen,
und seiner Dienste nötig zu haben glauben würde; er wollte sich aber auch nicht
fesseln lassen, und die Freiheit behalten sich zurückzuziehen, so bald er sähe,
dass sein Dasein zu nichts nütze sei. Die einzige Belohnung, welche er sich
befügt halte für seine Dienste zu verlangen, sei diese, dass Dionys seinen Räten
folgen möchte, so lange er werde zeigen können, dass dadurch jedesmal das Beste
der Nation, und die Sicherheit, der Ruhm und die Privat-Glückseligkeit des
Prinzen zugleich befördert werde. Endlich bat er sich noch aus, dass Dionys
niemals einige heimliche Eingebungen oder Anklagen gegen ihn annehmen möchte,
ohne ihm solche offenherzig zu entdecken, und seine Verantwortung anzuhören.
    Dionys bedachte sich um so weniger, alle diese Bedingungen zu
unterschreiben, da er entschlossen war ihn zu haben, wenn es auch die Hälfte
seines Reichs kosten sollte. Agaton bezog also die Wohnung, welche man im
Palast aufs prächtigste für ihn ausgerüstet hatte; Dionys erklärte öffentlich,
dass man sich in allen Sachen an seinen Freund Agaton, wie an ihn selbst, wenden
könne; die Höflinge stritten in die Wette, wer dem neuen Günstling seine
Unterwürfigkeit auf die sclavenmässigste Art beweisen könne; und Syracus sah mit
froher Erwartung der Wiederkunft der Saturnischen Zeiten entgegen.
    Wir machen hier eine kleine Pause, um dem Leser Zeit zu lassen, dasjenige zu
überlegen, was er sich selbst in diesem Augenblick für oder wider unsern Helden
zu sagen haben mag. Vermutlich mag einigen der Eifer missfällig gewesen sein,
womit er, aus Hass gegen sein undankbares Vaterland, wider die Republiken
überhaupt gesprochen; indessen dass vielleicht andere sein ganzes Betragen, seit
dem wir ihn an dem Hofe des Königs Dionys sehen, einer gekünstelten Klugheit,
welche nicht in seinem Character sei, und ihm eine schielende Farbe gebe,
beschuldigen werden. Wir haben uns schon mehrmalen erklärt, dass wir in diesem
Werke die Pflichten eines Geschichtschreibers und nicht eines Apologisten
übernommen haben; indessen bleibt uns doch erlaubt, von den Handlungen eines
Mannes, dessen Leben wir zwar nicht für ein Muster, aber doch für ein
lehrreiches Beispiel geben, eben so frei nach unserm Gesichtspunct zu urteilen,
als es unsre Leser aus dem ihrigen tun mögen. Was also den ersten Punct
betrifft, so haben wir bereits erinnert, dass es unbillig sein würde, dasjenige
was Agaton wider die Republiken seiner Zeit gesprochen, für eine, von ihm gewiss
nicht abgezielte, Beleidigung solcher Freistaaten anzusehen, welche (wie er als
möglich erkannt hat) unter dem Einfluss günstiger Umstände, durch ihre Lage
selbst vor auswärtigem Neid, und vor ausschweifenden Vergrösserungs-Gedanken
gesichert, durch weise Gesetze, und was noch mehr ist, durch die Macht der
Gewohnheit, in einer glückseligen Mittelmässigkeit fortdauern, und die Gebrechen
kaum dem Namen nach kennen, welche Agaton an den Republiken seiner Zeit für
unheilbar angesehen. Ob er aber diesen letztern zuviel getan habe, mögen
diejenigen entscheiden, welche mit den besondern Umständen ihrer Geschichte
bekannt sind. Hat die Empfindung des Unrechts, welches ihm selbst zu Aten
zugefügt worden, etwas Galle in seine Critik gemischt; so ersuchen wir unsre
Leser (nicht dem Agaton zu lieb; denn was kann diesem durch ihre Meinung von
ihm zu- oder abgehen?) sich an seinen Platz zu stellen, und sich alsdann zu
fragen, wie wert ihnen ein Vaterland sein würde, welches ihnen so mitgespielt
hätte? Sie mögen sich erinnern, dass es insgemein nur auf eine kleine Beleidigung
ihrer Eigenliebe ankommt, um ihre Hochachtung gegen eine Person in Verachtung,
ihre Liebe in Abscheu, ihre Lobsprüche in Schmähreden, ihre guten Dienste in
Verfolgungen zu verwandeln. Wie oft, meine Herren, hat sich schon um einer
nichts bedeutenden Ursache willen, ihre ganze Denkungs-Art von Personen und
Sachen geändert? - - Antworten Sie Sich selbst so leise als Sie wollen; denn wir
verlangen nichts davon zu hören; und wenn Sie, nach diesem kleinen Blick in sich
selbst, unserm Helden nicht vergeben können, dass er ein Vaterland nicht liebte,
welches alles mögliche getan hatte, sich ihm verhasst zu machen: So müssen wir
zwar die Strenge ihrer Sittenlehre bewundern; aber - - doch gestehen, dass wir
Sie noch mehr bewundern würden, wenn Sie so lange, bis Sie gelernt hätten etwas
weniger Parteilichkeit für sich selbst zu hegen, etwas mehr Nachsicht gegen
andre sich empfohlen sein lassen wollten.
    Überhaupt hat man Ursache zu glauben, dass Agaton gesprochen habe wie er
dachte, und das ist zu Rechtfertigung seiner Redlichkeit genug. Und warum
sollten wir an dieser zu zweifeln anfangen? Sein ganzes Betragen, während dass er
das Herz des Tyrannen in seinen Händen hatte, bewies, dass er keine Absichten
hegete, welche ihn genötiget hätten, ihm gegen seine Überzeugung zu schmeicheln.
Es ist wahr, er hatte Absichten, bei allem was er von dem Augenblick, da er den
Fuss in Dionysens Palast setzte, tat; sollte er vielleicht keine gehabt haben?
Was können wir, nach der äussersten Schärfe, mehr fodern, als dass seine Absichten
edel und tugendhaft sein sollen; und so waren sie, wie wir bereits gesehen
haben. Es scheint also nicht, dass man Grund habe, ihm aus der Vorsichtigkeit
einen Vorwurf zu machen, womit er, in der neuen und schlüpfrigen Situation,
worin er war, alle seine Handlungen einrichten musste, wenn sie Mittel zu seinen
Absichten werden sollten. Wir geben zu, dass eine Art von Zurückhaltung und
Feinheit daraus hervorblickt, welche nicht ganz in seinem vorigen Character zu
sein scheint. Aber das verdient an sich selbst keinen Tadel. Es ist noch nicht
ausgemacht, ob diese Unveränderlichkeit der Denkungs-Art und Verhaltungs-Regeln,
worauf manche ehrliche Leute sich so viel zu gute tun, eine so grosse Tugend ist,
als sie sich vielleicht einbilden. Die Eigenliebe schmeichelt uns zwar sehr
gerne, dass wir so wie wir sind, am besten sind; aber sie hat Unrecht uns so zu
schmeicheln. Es ist unmöglich, dass indem alles um uns her sich verändert, wir
allein unveränderlich sein sollten; und wenn es auch nicht unmöglich wäre, so
wär' es unschicklich. Andre Zeiten erfordern andre Sitten; andre Umstände, andre
Bestimmungen und Wendungen unsers Verhaltens. In moralischen Romanen finden wir
freilich Helden, welche sich immer in allem gleich bleiben - - und darum zu
loben sind - - denn wie sollte es anders sein, da sie in ihrem zwanzigsten Jahre
Weisheit und Tugend bereits in eben dem Grade der Vollkommenheit besitzen, den
die Socraten und Epaminondas nach vielfachen Verbesserungen ihrer selbst kaum im
sechzigsten erreicht haben? Aber im Leben finden wir es anders. Desto schlimmer
für die, welche sich da immer selbst gleich bleiben - - Wir reden nicht von
Toren und Lasterhaften - - die Besten haben an ihren Ideen, Urteilen,
Empfindungen, selbst an dem worin sie vortrefflich sind, an ihrem Herzen, an
ihrer Tugend, unendlich viel zu verändern. Und die Erfahrung lehrt, dass wir
selten zu einer neuen Entwicklung unsrer Selbst, oder zu einer merklichen
Verbesserung unsers vorigen innerlichen Zustandes gelangen, ohne durch eine Art
von Medium zu gehen, welches eine falsche Farbe auf uns reflectiert, und unsre
wahre Gestalt eine Zeitlang verdunkelt. Wir haben unsern Helden bereits in
verschiedenen Situationen gesehen; und in jeder, durch den Einfluss der Umstände,
ein wenig anders als er würklich ist. Er schien zu Delphi ein blosser
speculativer Entusiast; und man hat in der Folge gesehen, dass er sehr gut zu
handeln wusste. Wir glaubten, nachdem er die schöne Cyane gedemütigt hatte, dass
ihm die Verführungen der Wollust nichts anhaben könnten, und Danae bewies, dass
wir uns betrogen hatten; es wird nicht mehr lange anstehen, so wird eine neue
vermeinte Danae, welche seine schwache Seite ausfündig gemacht zu haben glauben
mag, sich eben so betrogen finden. Er schien nach und nach ein andächtiger
Schwärmer, ein Platonist, ein Republicaner, ein Held, ein Stoiker, ein
Wollüstling; und war keines von allen, ob er gleich in verschiedenen Zeiten
durch alle diese Classen ging, und in jeder eine Nüance von derselben bekam. So
wird es vielleicht noch eine Zeitlang gehen - - Aber von seinem Character, von
dem was er würklich war, worin er sich unter allen diesen Gestalten gleich
blieb, und was zuletzt, nachdem alles Fremde und Heterogene durch die ganze
Folge seiner Umstände davon abgeschieden sein wird, übrig bleiben mag - - davon
kann dermalen die Rede noch nicht sein. Ohne also eben so voreilig über ihn zu
urteilen, wie man gewohnt ist, es im täglichen Leben alle Augenblicke zu tun - -
wollen wir fortfahren, ihn zu beobachten, die wahren Triebräder seiner
Handlungen so genau als uns möglich sein wird auszuspähen, keine geheime
Bewegung seines Herzens, welche uns einigen Aufschluss hierüber geben kann,
entwischen lassen, und unser Urteil über das Ganze seines moralischen Wesens so
lange zurückhalten, bis - - wir es kennen werden.
                                 Zehentes Buch
                                 Erstes Capitel
                                   Von Haupn
                  Betragen Agatons am Hofe des Königs Dionys
Man tadelt an Shakespear - - demjenigen unter allen Dichtern seit Homer, der die
Menschen, vom Könige bis zum Bettler, und von Julius Cäsar bis zu Jack Fallstaff
am besten gekannt, und mit einer Art von unbegreiflicher Intuition durch und
durch gesehen hat - - dass seine Stücke keinen, oder doch nur einen sehr
fehlerhaften unregelmässigen und schlecht ausgesonnenen Plan haben; dass comisches
und tragisches darin auf die seltsamste Art durch einander geworfen ist, und oft
eben dieselbe Person, die uns durch die rührende Sprache der Natur, Tränen in
die Augen gelockt hat, in wenigen Augenblicken darauf uns durch irgend einen
seltsamen Einfall oder barokischen Ausdruck ihrer Empfindungen wo nicht zu
lachen macht, doch dergestalt abkühlt, dass es ihm hernach sehr schwer wird, uns
wieder in die Fassung zu setzen, worin er uns haben möchte. - Man tadelt das -
-und denkt nicht daran, dass seine Stücke eben darin natürliche Abbildungen des
menschlichen Lebens sind.
    Das Leben der meisten Menschen, und (wenn wir es sagen dürften) der
Lebenslauf der grossen Staats-Körper selbst, in so fern wir sie als eben so viel
moralische Wesen betrachten, gleicht den Haupt- und Staats-Actionen im alten
gotischen Geschmack in so vielen Puncten, dass man beinahe auf die Gedanken
kommen möchte, die Erfinder dieser letztern seien klüger gewesen als man
gemeiniglich denkt, und hätten, wofern sie nicht gar die heimliche Absicht
gehabt, das menschliche Leben lächerrlich zu machen, wenigstens die Natur eben so
getreu nachahmen wollen, als die Griechen sich angelegen sein liessen sie zu
verschönern. Um izo nichts von der zufälligen Ähnlichkeit zu sagen, dass in
diesen Stücken, so wie im Leben, die wichtigsten Rollen sehr oft gerade durch
die schlechtesten Acteurs gespielt werden - - was kann ähnlicher sein, als es
beide Arten der Haupt- und Staats-Actionen einander in der Anlage, in der
Abteilung und Disposition der Scenen, im Knoten und in der Entwicklung zu sein
pflegen. Wie selten fragen die Urheber der einen und der andern sich selbst,
warum sie dieses oder jenes gerade so und nicht anders gemacht haben? Wie oft
überraschen sie uns durch Begebenheiten, zu denen wir nicht im mindesten
vorbereitet waren? Wie oft sehen wir Personen kommen und wieder abtreten, ohne
dass sich begreifen lässt, warum sie kamen, oder warum sie wieder verschwinden?
Wie viel wird in beiden dem Zufall überlassen? Wie oft sehen wir die grössesten
Würkungen durch die armseligsten Ursachen hervorgebracht? Wie oft das Ernstafte
und Wichtige mit einer leicht sinnigen Art, und das Nichtsbedeutende mit
lächerlicher Gravität behandelt? Und wenn in beiden endlich alles so kläglich
verworren und durch einander geschlungen ist, dass man an der Möglichkeit der
Entwicklung zu verzweifeln anfängt; wie glücklich sehen wir durch irgend einen
unter Blitz und Donner aus papiernen Wolken herabspringenden Gott, oder durch
einen frischen Degen-Hieb den Knoten auf einmal zwar nicht aufgelöst, aber doch
aufgeschnitten, welches in so fern auf eines hinaus lauft, dass auf die eine oder
andere Art das Stück ein Ende hat, und die Zuschauer klatschen oder zischen
können, wie sie wollen oder - - dürfen. Übrigens weiss man, was für eine wichtige
Person in den comischen Tragödien, wovon wir reden, der edle Hans Wurst
vorstellt, der sich, vermutlich zum ewigen Denkmal des Geschmacks unsrer
Voreltern, auf dem Teater der Hauptstadt des deutschen Reichs erhalten zu
wollen scheint. Wollte Gott, dass er seine Person allein auf dem Teater
vorstellte! Aber wie viele grosse Aufzüge auf dem Schauplatze der Welt hat man
nicht in allen Zeiten mit Hans Wurst - - oder, welches noch ein wenig ärger ist,
durch Hans Wurst - - aufführen gesehen? Wie oft haben die grössesten Männer, dazu
geboren, die schützenden Genii eines Trons, die Wohltäter ganzer Völker und
Zeitalter zu sein, alle ihre Weisheit und Tapferkeit durch einen kleinen
schnakischen Streich von Hans Wurst, oder solchen Leuten vereitelt sehen müssen,
welche ohne eben sein Wams und seine gelben Hosen zu tragen, doch gewiss seinen
ganzen Character an sich trugen? Wie oft entsteht in beiden Arten der
Tragi-Comödien die Verwicklung selbst lediglich daher, dass Hans Wurst durch
irgend ein dummes oder schelmisches Stückchen von seiner Arbeit den gescheiten
Leuten, eh sie sich's versehen können, ihr Spiel verderbt? - - Manum de tabula!
- - Aber wenn diese Vergleichung, wie wir besorgen, ihren Grund hat; so mögen
wir wohl den Weisen und Rechtschaffenen Mann bedauern, den sein Schicksal dazu
verurteilt hat, unter einem schlimmen, oder - - welches ist ärger? - unter einem
schwachen Fürsten, in die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten verwickelt
zu sein? Was wird es ihm helfen, Einsichten und Mut zu haben, nach den besten
Grundsätzen und nach dem richtigsten Plan zu handeln; wenn das verächtlichste
Ungeziefer, wenn ein Sclave, ein Kuppler, eine Bacchidion, oder etwas noch
schlimmers, irgend ein Parasite, dessen ganzes Verdienst in Geschmeidigkeit,
Verstellung und Schalkheit besteht, es in ihrer Gewalt haben, seine Massregeln zu
verrücken, aufzuhalten, oder gar zu hintertreiben? Indessen bleibt ihm, wenn er
sich einmal an ein so gefahrvolles Abenteuer gewagt hat, wie zum Exempel
dasjenige, welches Agaton würklich zu bestehen hat, kein andres Mittel übrig,
sich selbst zu beruhigen, und auf alle Fälle sein Betragen vor dem
unparteiischen Gericht der Weisen und der Nachwelt rechtfertigen zu können - -
als dass er sich, eh er die Hand ans Werk legt, einen regelmässigen Plan seines
ganzen Verhaltens entwerfe. Wenn gleich alle Weisheit eines solchen Entwurfs ihm
für den Ausgang nicht Gewähr leisten kann; so bleibt ihm doch der tröstende
Gedanke, alles getan zu haben, was ihn, ohne Zufälle die er entweder nicht
vorhersehen, oder nicht hintertreiben konnte, des glücklichen Erfolgs hätte
versichern können.
    Dieses war also die erste Sorge unsers Helden, nachdem er sich anheischig
gemacht hatte, die Person eines Ratgebers und Vertrauten bei dem Könige Dionys
zu spielen. Er sah alle, oder doch einen grossen Teil der Schwierigkeiten, einen
solchen Plan zu machen, der ihm durch den Labyrint des Hofes und des
öffentlichen Lebens zum Leitfaden dienen könnte. Aber er glaubte, dass der
mangelhafteste Plan besser sei, als gar keiner; und in der Tat war ihm die
Gewohnheit, seine Ideen worüber es auch sein möchte, in ein System zu bringen,
so natürlich geworden, dass sie sich, so zu sagen, von sich selbst in einen Plan
ordneten, welcher vielleicht keinen andern Fehler hatte, als dass Agaton noch
nicht völlig so übel von den Menschen denken konnte, als es diejenigen
verdienten, mit denen er zu tun hatte. Indessen dachte er doch lange nicht mehr
so erhaben von der menschlichen Natur, als ehmals; oder richtiger zu reden, er
kannte den unendlichen Unterschied zwischen dem metaphysischen Menschen, welchen
man sich in einer speculativen Einsamkeit erträumt; dem natürlichen Menschen, in
der rohen Einfalt und Unschuld, wie er aus den Händen der allgemeinen Mutter der
Wesen hervorgeht; und dem gekünstelten Menschen, wie ihn die Gesellschaft, ihre
Gesetze, ihre Gebräuche und Sitten, seine Bedürfnissen, seine Abhänglichkeit,
der immer währende Contrast seiner Begierden mit seinem Unvermögen, seines
Privat-Vorteils mit den Privat-Vorteilen der übrigen, die daher entspringende
Notwendigkeit der Verstellung, und immerwährenden Verlarvung seiner wahren
Absichten, und tausend dergleichen physicalische und moralische Ursachen in
unzähliche betrügliche Gestalten ausbilden - - er kannte, sage ich, nach allen
Erfahrungen, die er schon gemacht hatte, diesen Unterschied der Menschen von dem
was sie sein könnten, und vielleicht sein sollten, bereits zu gut, um seinen
Plan auf platonische Ideen zu gründen. Er war nicht mehr der jugendliche
Entusiast, der sich einbildet, dass es ihm eben so leicht sein werde, ein grosses
Vorhaben auszuführen, als es zu fassen. Die Atenienser hatten ihn auf immer von
dem Vorurteil geheilt, dass die Tugend nur ihre eigene Stärke gebrauche, um über
ihre Hässer obzusiegen. Er hatte gelernt, wie wenig man von andern erwarten
kann; wie wenig man auf sie Rechnung machen, und (was das wichtigste für ihn
war) wie wenig man sich auf sich selbst verlassen darf. Er hatte gelernt,
wieviel man den Umständen nachgeben muss; dass der vollkommenste Entwurf an sich
selbst oft der schlechteste unter den gegebenen Umständen ist; dass sich das Böse
nicht auf einmal gut machen lässt; dass sich in der moralischen Welt, wie in der
materialischen, nichts in gerader Linie fortbewegt, und dass man selten anders
als durch viele Krümmen und Wendungen zu einem guten Zweck gelangen kann - -
Kurz, dass das Leben, zumal eines echten Staats-Mannes, einer Schiffahrt gleicht,
wo der Pilot sich gefallen lassen muss, seinen Lauf nach Wind und Wetter
einzurichten; wo er keinen Augenblick sicher ist durch widrige Ströme
aufgehalten oder seitwärts getrieben zu werden; und wo alles darauf ankommt,
mitten unter tausend unfreiwilligen Abweichungen von der Linie, die er sich in
seiner Carte gezogen hat, endlich dennoch, und so bald und wohlbehalten als
möglich, an dem vorgesetzten Ort anzulangen.
    Diesen allgemeinen Grundsätzen zufolge bestimmte er die Absichten bei allem
was er unternahm, den Grad des Guten, welches er sich zu erreichen vorsetzte,
und sein Verhalten gegen diejenige, welche ihm dabei am meisten hinderlich oder
beförderlich sein könnten - - jenes, nach dem Zusammenhang aller Umstände, worin
er die Sachen antraf - - dieses nach Beschaffenheit der Personen mit denen er's
zu tun hatte, oder richtiger zu reden, nach der zum teil wenig sichern
Vorstellung, die er sich von ihrem Character machte.
    Er konnte, seit dem er den Dionys näher kannte, nicht daran denken, ein
Muster eines guten Fürsten aus ihm zu machen; aber er hoffte doch nicht ohne
Grund, seinen Lastern ihr schädlichstes Gift benehmen, und seiner guten
Neigungen, oder vielmehr seiner guten Launen, seiner Leidenschaften und
Schwachheiten selbst, sich zum Vorteil des gemeinen Besten bedienen zu können.
Diese Meinung von seinem Prinzen war in der Tat so bescheiden, dass er sie nicht
tiefer herabstimmen konnte, ohne alle Hoffnung zu Erreichung seiner Entwürfe
aufzugeben; und doch zeigte sich in der Folge, dass er noch zu gut von ihm
gedacht hatte. Dionys hatte in der Tat Eigenschaften, welche viel gutes
versprachen; aber unglücklicher Weise hatte er für jede derselben eine andere,
welche alles wieder vernichtete, was jene zusagte; und wenn man ihn lange genug
in der Nähe betrachtet hatte, so befand sich's, dass seine vermeinten Tugenden
würklich nichts anders als seine Laster waren, welche von einer gewissen Seite
betrachtet, eine Farbe der Tugend annahmen. Indessen liess sich doch Agaton
durch diese guten Anscheinungen so verblenden, dass er die Unverbesserlichkeit
eines Characters von dieser Art, und also den Ungrund aller seiner Hoffnungen
nicht eher einsah, als bis ihm diese Entdeckung zu nichts mehr nutzen konnte.
    Die grösseste Schwachheit des Prinzen, seiner Meinung nach, war sein
übermässiger Hang zur Gemächlichkeit und Wollust. Er hoffte dem ersten dadurch zu
begegnen, dass er ihm die Geschäfte so leicht und so angenehm zu machen suchte
als möglich war; und dem andern, wenn er ihn wenigstens von den wilden
Ausschweifungen abgewöhnte, zu denen er sich bisher hatte hinreissen lassen.
Unsre Vergnügungen werden desto feiner, edler und sittlicher, je mehr die Musen
Anteil daran haben. Aus diesem richtigen Grundsatz bemühte er sich, dem Dionys
mehr Geschmack an den schönen Künsten beizubringen, als er bisher davon gehabt
hatte. In kurzem wurden seine Paläste, Landhäuser und Gärten, mit Meisterstücken
der besten Maler und Bildhauer Griechenlandes angefüllt. Agaton zog die
berühmtesten Virtuosen in allen Gattungen von Aten nach Syracus; er führte ein
prächtiges Odeon nach dem Muster dessen, worauf Perikles den öffentlichen Schatz
der Griechen verwendet hatte, auf; und Dionys fand so viel Vergnügen an den
verschiedenen Arten von Schauspielen, womit er, unter der Aufsicht seines
Günstlings, fast täglich auf diesem Teater belustiget wurde, dass er, seiner
Gewohnheit nach, eine Zeitlang allen Geschmack an andern Ergötzlichkeiten
verloren zu haben schien. Indessen war doch eine andre Leidenschaft übrig, deren
Herrschaft über ihn allein hinlänglich war, alle guten Absichten seines neuen
Freundes zu hintertreiben. Gegenwärtig befand sich die Tänzerin Bacchidion im
Besitz derselben; aber es fiel bereits in die Augen, dass die unmässige Liebe,
welche sie ihm beigebracht, sehr viel von ihrer ersten Heftigkeit verloren
hatte. Es würde vielleicht nicht schwer gehalten haben, die Würkung seiner
natürlichen Unbeständigkeit um etliche Wochen zu beschleunigen. Aber Agaton
hatte Bedenklichkeiten, die ihm wichtig genug schienen, ihn davon abzuhalten.
Die Gemahlin des Prinzen war in keinerlei Betrachtung dazu gemacht, einen
Versuch, ihn in die Grenzen der ehlichen Liebe einzuschränken, zu unterstützen.
Dionys konnte nicht ohne Liebeshändel leben; und die Gewalt, welche seine
Maitressen über sein Herz hatten, machte seine Unbeständigkeit gefährlich.
Bacchidion war eines von diesen gutartigen fröhlichen Geschöpfen, in deren
Phantasie alles rosenfarb ist, und welche keine andre Sorge in der Welt haben,
als ihr Dasein von einem Augenblick zum andern wegzuscherzen, ohne sich jemals
einen Gedanken von Ehrgeiz und Habsucht, oder einigen Kummer über die Zukunft
anfechten zu lassen. Sie liebte das Vergnügen über alles; immer aufgelegt es zu
gehen und zu nehmen, schien es unter ihren Tritten aufzusprossen; es lachte aus
ihren Augen, und atmete aus ihren Lippen. Ohne daran zu denken, sich durch die
Leidenschaft des Prinzen für sie wichtig zu machen, hatte sie aus einer Art von
mechanischer Neigung, vergnügte Gesichter zu sehen, ihre Gewalt über sein Herz
schon mehrmalen dazu verwandt, Leuten die es verdienten, oder auch nicht
verdienten (denn darüber liess sie sich in keine Untersuchung ein) gutes zu tun.
Agaton besorgte, dass ihre Stelle leicht durch eine andere besetzt werden
könnte, welche sich versuchen lassen möchte, einen schlimmern Gebrauch von ihren
Reizungen zu machen. Er hielt es also seiner nicht unwürdig, mit guter Art, und
ohne dass es schien, als ob er einige besondere Aufmerksamkeit auf sie habe, die
Neigung des Prinzen zu ihr mehr zu unterhalten als zu bekämpfen. Er verschafte
ihr Gelegenheit, ihre belustigende Talente in einer Mannichfaltigkeit zu
entfalten, welche ihr immer die Reizungen der Neuheit gab. Er wusste es zu
veranstalten, dass Dionys durch öftere kleine Entfernungen verhindert wurde, sich
zu bald an dem Vergnügen zu ersättigen, welches er in den Armen dieser
angenehmen Kreatur zu finden schien. Er ging endlich gar so weit, dass er bei
Gelegenheit eines Gesprächs, wo die Rede von den allzustrengen Grundsätzen des
Plato über diesen Artikel war, sich kein Bedenken machte, zu sagen: Dass es
unbillig sei, einen Prinzen, welcher sich die Erfüllung seiner grossen und
wesentlichen Pflichten mit gehörigem Ernst angelogen sein lasse, in seinen
Privat-Ergötzungen über die Grenzen einer anständigen Mässigung einschränken zu
wollen. Alles, was ihm hierüber wiewohl in allgemeinen Ausdrücken, entfiel,
schien die Bedeutung einer stillschweigenden Einwilligung in die Schwachheit des
Prinzen für die schöne Bacchidion zu haben, und in der Tat war dieses sein
Gedanke. Wir lassen dahin gestellt sein, ob die gute Absicht die er dabei hatte,
hinlänglich sein mag, eine so gefährliche Äusserung zu rechtfertigen; aber es ist
gewiss, dass Dionys, der bisher aus einer gewissen Scham vor der Tugend unsers
Helden sich bemüht hatte, seine schwache Seite vor ihm zu verbergen, von dieser
Stunde an weniger zurückhaltend wurde, und aus dem vielleicht unrichtigen aber
sehr gemeinen Vorurteil, dass die Tugend eine erklärte Feindin der Gotteiten von
Cytere sein müsse, einen Argwohn gegen unsern Helden fasste, wodurch er um
einige Stufen herab, und mit ihm selbst und den übrigen Erdenbewohnern, in
Absicht gewisser Schwachheiten, in die nämliche Linie gestellt wurde - - ein
Verdacht, der zwar durch die sich selbst immer gleiche Aufführung Agatons bald
wieder zum Schweigen gebracht, aber doch nicht so gänzlich unterdrückt wurde,
dass sein geheimer Einfluss in der Folge den Beschuldigungen der Feinde Agatons,
den Zugang in das Gemüt eines Prinzen nicht erleichtert hätte, welcher ohnehin
so geneigt war, die Tugend entweder für Schwärmerei oder für Verstellung
zuhalten. Indessen gewann Agaton durch seine Nachsicht gegen die
Lieblings-Fehler dieses Prinzen, dass er sich desto williger bewegen liess, an den
Geschäften der Regierung mehr Anteil zu nehmen, als er gewohnt war; und wir an
unserm teil können es ihm verzeihen, dass er das viele Gute welches er dadurch
erhielt, für eine hinlängliche Vergutung des Tadels ansah, den er sich durch
diese Gefälligkeit bei gewissen Leuten von strengen Grundsätzen zuzog, welche in
der weiten Entfernung von der Welt, worin sie leben, gute Weile haben, an andern
zu verdammen, was sie an derselben Platz, vielleicht noch schlimmer gemacht
haben würden.
    Ausser der schönen Bacchidion, welche, wie wir gesehen haben, allen ihren
Ehrgeiz darein setzte, das Vergnügen eines Prinzen, den sie liebte, auszumachen
- - war Philistus, durch die Gnade, worin er bei Dionysen stund, die
beträchtlichste Person unter allen denjenigen, mit denen Agaton in seiner neuen
Stelle mehr oder weniger in Verhältnis war. Dieser Mann spielt in diesem Stück
unsrer Geschichte eine Rolle, welche begierig machen kann, ihn näher kennen zu
lernen. Und über dem ist es eine von den geheiligten Pflichten der Geschichte,
den verfälschenden Glanz zu zerstreuen, welchen das Glück und die Gunst der
Grossen sehr oft über nichtswürdige Kreaturen ausbreitet, um der Nachwelt, zum
Exempel, zu zeigen, dass dieser Pallas, welchen so viele Dekrete des Römischen
Senats, so viele Statuen und öffentliche Ehren-Mäler eben dieser Nachwelt als
einen Wohltäter des menschlichen Geschlechts, als einen Halb Gott ankündigen,
nichts bessers noch grössers als ein schamloser lasterhafter Sclave war. Wenn
Philistus in Vergleichung mit einem Pallas oder Tigellin nur ein Zwerg gegen
einen Riesen scheint, so kommt es in der Tat allein von dem unermesslichen
Unterschied zwischen der Römischen Monarchie im Zeitpunct ihrer äussersten Höhe,
und dem kleinen Staat, worin Dionys zu gebieten hatte, her. Eben dieser Teufel,
der seinem schlimmen Humor Luft zu machen, eine Herde Schweine ersäufte, würde
mit ungleich grösserm Vergnügen den ganzen Erdboden unter Wasser gesetzt haben,
wenn er Gewalt dazu gehabt hätte: Und Philistus würde Pallas gewesen sein, wenn
er das Glück gehabt hätte, in den Vorzimmern eines Claudius aufzuwachsen. Die
Proben, welche er in seiner kleinen Sphäre von dem was er in einer grössern fähig
gewesen wäre, ablegte, lassen uns nicht daran zweifeln. Ein geborner Sclave, und
in der Folge einer von den Freigelassenen des alten Dionys, hatte er sich schon
damals unter seinen Cameraden durch den schlauesten Kopf und die geschmeidigste
Gemüts-Art hervorgetan, ohne dass es ihm jedoch einigen besondern Vorzug bei
seinem Herrn verschaffet hätte. Philistus grämte sich billig über diese wiewohl
nicht ungewöhnliche Laune des Glücks; aber er wusste sich selbst zu helfen.
Glücklichere Vorgänger hatten ihm den Weg gezeigt, sich ohne Mühe und ohne
Verdienste zu dieser hohen Stufe emporzuschwingen, nach welcher ihm eine Art von
Ambition, die sich in gewissen Seelen mit der verächtlichsten Niederträchtigkeit
vollkommen wohl verträgt, ein ungezähmtes Verlangen gab. Wir haben schon
bemerkt, dass der jüngere Dionys von seinem Vater ungewöhnlich hart gehalten
wurde. Philistus war der einzige, der den Verstand hatte zu sehen, wieviel
Vorteil sich aus diesem Umstande ziehen lasse. Er fand Mittel, die Nächte des
jungen Prinzen angenehmer zu machen als seine Tage waren. Brauchte es mehr, um
als ein Wohltäter von ihm angesehen zu werden, dessen gute Dienste er niemals
genug werde belohnen können? Philistus liess es nicht dabei bewenden; er fiel auf
den Einfall, zu gleicher Zeit, und durch einen einzigen kleinen Handgriff, sich
dieser Belohnung würdiger und bälder teilhaft zu machen. Eine bösartige Colik,
wozu er das Recept hatte, beschleunigte das Ende des alten Tyrannen; Philistus
war der erste, der seinem jungen Gebieter die freudige Nachricht brachte, und
nun sah er sich auf einmal in dem geheimesten Vertrauen eines Königs, und in
kurzem am Ruder des Staats. Diese wenigen Anecdoten sind zureichend, uns einen
so sichern Begriff von dem moralischen Character dieses würdigen Ministers zu
geben, dass er nunmehr das ärgste dessen ein Mensch fähig ist, begehen könnte,
ohne dass wir uns darüber verwundern würden. Aber was für ein Physiognomist müsste
der gewesen sein, der diese Anecdoten in seinen Augen hätte lesen können? Es ist
wahr, Agaton dachte anfangs nicht allzuvorteilhaft von ihm; aber wie hätte er,
ohne besondere Nachrichten zu haben, oder selbst ein Philistus zu sein, sich
vorstellen sollen, dass Philistus das sein könnte, was er war? Wenige kannten die
inwendige Seite dieses Mannes; und diese wenige waren zu gute Hofmänner, um
ihren bisherigen Gönner eher zu verraten, als sein Sturz gewiss war, und sie
wissen konnten, was sie dadurch gewinnen würden; und Aristipp, für den sein
wahrer Character gleichfalls kein Geheimnis war, hatte sich vorgesetzt, einen
blossen Zuschauer abzugehen. Agaton konnte also desto leichter hintergangen
werden, da Philistus alle seine Verstellungs-Kunst anstrengte, sich bei ihm in
Achtung zu setzen. Zu seinem grossen Missvergnügen konnte er mit aller Kenntnis,
die er (nach einem gewöhnlichen, wiewohl sehr betrüglichen Vorurteil der
Hofleute) von den Menschen zu haben glaubte, die schwache Seite unsers Helden
nicht ausfündig machen. Es blieb ihm also kein andrer Weg übrig, als durch eine
grosse Arbeitsamkeit und Pünctlichkeit in den Geschäften sich bei dem neuen
Günstling in das Ansehen eines brauchbaren Mannes, und durch Tugenden, die er
eben so leicht als man eine Maskerade-Kleidung anzieht, affectieren konnte, so
bald er ihrer vonnöten hatte, sich endlich so gar in das Ansehen eines ehrlichen
Mannes zu setzen. Da zu diesen Eigenschaften, welche Agaton in ihm zu finden
glaubte, noch die Achtung, welche Dionys für ihn trug, und die Betrachtung
hinzukam, dass es für den Staat weniger sicher sei, einen ehrgeizigen Minister
abzudanken, als ihn mit scheinbarer Beibehaltung seines Ansehens in engere
Schranken zu setzen: So geschah es, dass sich diejenige in ihrer Meinung betrogen
fanden, welche den Fall des Philistus für eine unfehlbare Folge der Erhebung
Agatons gehalten hatten. Das Ansehen desselben schien sich eher zu vermehren,
indem er zum Vorsteher aller der verschiednen Tribunalien ernennt wurde, unter
welche Agaton, mit der erforderlichen Einschränkung und Subordination,
diejenige Gewalt verteilte, welche vormals von den Vertrauten des Prinzen
willkürlich ausgeübt worden war: In der Tat aber wurde er dadurch beinahe in die
Unmöglichkeit gesetzt, böses zu tun, wofern ihn etwan eine Versuchung dazu
ankommen sollte; da er bei allen seinen Handlungen von so vielen Augen
beobachtet, und verbunden war, von allem Rechenschaft zu geben, und nichts ohne
die Einstimmung des Prinzen, oder, welches eine Zeitlang einerlei war, seines
Repräsentanten, zu unternehmen.
    Wir könnten ohne Zweifel viel schönes von der Staats-Verwaltung Agatons
sagen, wenn wir uns in eine ausführliche Erzählung aller der nützlichen
Ordnungen und Einrichtungen ausbreiten wollten, welche er in Absicht der
Staats-Oeconomie, der Einziehung und Verwaltung der öffentlichen Einkünfte, der
Policei, der Landwirtschaft, des Handlungs-Wesens, und (welches in seinen Augen
eines der wesentlichsten Stücke war) der öffentlichen Sitten und der Bildung der
Jugend, teils würklich zu machen anfing, teils gemacht haben würde, wenn ihm die
Zeit dazu gelassen worden wäre. Allein alles dieses gehört nicht zu dem Plan des
gegenwärtigen Werkes; und es wäre in der Tat nicht abzusehen, wozu ein solcher
Détail in unsern Tagen nutzen sollte, worin die Kunst zu regieren einen Schwung
genommen zu haben scheint, der die Massregeln und das Beispiel unsers Helden eben
so unnütz macht, als die Projecte des guten Abbts von Saint Pierre,
patriotischen Gedächtnisses. Die Art, wie sich Agaton ehmals seines Ansehens
und Vermögens zu Aten bedient hat, kann unsern Lesern einen hinlänglichen
Begriff davon geben, wie er sich einer beinahe unumschränkten Macht und eines
königlichen Vermögens bedient haben werde.
    Nur einen Umstand können wir nicht vorbeigehen, weil er einen merklichen
Einfluss in die folgende Begebenheiten unsers Helden hatte. Dionys befand sich,
als Agaton an seinen Hof kam, in einen Krieg mit den Cartaginensern
verwickelt, welche durch verschiedene kleine Republiken des südlichen und
westlichen Teils von Sicilien unterstützt, unter dem Schein sie gegen die
Übermacht von Syracus zu schützen, sich der innerlichen Zwietracht der
Sicilianer, als einer guten Gelegenheit bedienen wollten, diese für ihre
Handlungs-Absichten unendlich vorteilhaft gelegene Insel in ihre Gewalt zu
bringen. Einige von diesen kleinen Republiken wurden von so genannten Tyrannen
beherrscht; und diese hatten sich bereits in die Arme der Cartaginenser
geworfen; die andren hatten sich bisher noch in einer Art von Freiheit erhalten,
und schwankten, zwischen der Furcht von Dionysen überwältiget zu werden, und dem
Misstrauen in die Absichten ihrer anmasslichen Beschützer, in einem Gleichgewicht,
welches alle Augenblicke auf die Seite der letztern überzuziehen drohte.
Timocrates, dem Dionys die oberste Befehlhabers-Stelle in diesem Kriege
anvertraute, hatte sich bereits durch einige Vorteile über die Feinde den oft
wohlfeilen Ruhm eines guten Generals erworben; aber mehr darauf bedacht, bei
dieser Gelegenheit Lorbeern und Reichtümer zu sammeln, als das wahre Interesse
seines Prinzen zu besorgen, hatte er das Feuer der innerlichen Unruhen Siciliens
mehr ausgebreitet als gedämpft, und durch seine Aufführung sich bei
denenjenigen, welche noch keine Partei genommen hatten, so verhasst gemacht, dass
sie im Begriff waren sich für Cartago zu erklären. Agaton glaubte, dass seine
Beredsamkeit dem Dionys in diesen Umständen grössere Dienste tun könne, als die
ganze, wiewohl nicht verächtliche Land- und Seemacht, welche Timocrates unter
seinen Befehlen hatte. Er hielt es für besser Sicilien zu beruhigen, als zu
erobern; besser es zu einer Art von freiwilliger Übergabe an Syracus zu bewegen,
als es den Gefahren und verderblichen Folgen eines Kriegs ausgesetzt zu lassen,
der, wenn er auch am glücklichsten für den Dionys ausfiele, ihm doch nichts mehr
als den zweideutigen Vorteil verschaffen würde, seine Untertanen um eine Anzahl
gezwungner und missvergnügter Leute vermehrt zu haben, auf deren guten Willen er
keinen Augenblick hätte zählen können. Dionys konnte den Gründen, womit Agaton
sein Vorhaben, und die Hoffnung des gewünschten Ausgangs unterstützte, seinen
Beifall nicht versagen. Überhaupt galt es ihm gleich, durch was für Mittel er zu
ruhigem Besitz der höchsten Gewalt in Sicilien gelangen könnte, wenn er nur dazu
gelangte; und ob er gleich klein genug war, sich auf die zwar wenig
entscheidende aber desto prahlerischer vergrösserte Siege seines Feldherrn eben
so viel einzubilden, als ob er sie selbst erhalten hätte; so war er doch auch
feigherzig genug, sich zu dem unrühmlichsten Frieden geneigt zu fühlen, so bald
er mit einiger Aufmerksamkeit an die Unbeständigkeit des Kriegs-Glückes dachte.
Die edlern Beweggründe unsers Helden fanden also leicht Eingang bei ihm, oder
richtiger zu reden, Agaton schrieb die gefällige Disposition, die er bei ihm
fand, dem Eindruck seiner eignen Vorstellungen zu, ohne wahrzunehmen, dass sie
ihren eigentlichen Grund in der niederträchtigen Gemütsart des Prinzen hatte. Er
begab sich also ingeheim (denn es war ihm daran gelegen, dass Timocrates von
seinem Vorhaben keinen Wink bekäme) in diejenige Städte, welche im Begriff
stunden, die Partei von Cartago zu verstärken. Es gelang ihm, die widrigen
Vorurteile zu zernichten, womit er alle Gemüter gegen die gefürchtete Tyrannie
Dionysens eingenommen fand; er überzeugte sie so vollkommen davon, dass das Beste
eines jeden besondern Teils von dem Besten des ganzen Sicilien unzertrennlich
sei; machte ihnen ein so schönes Gemälde von dem glücklichen Zustande dieser
Insel, wenn alle Teile derselben durch die Bande des Vertrauens und der
Freundschaft, sich in Syracus als in dem gemeinschaftlichen Mittelpunct
vereinigen würden - - dass er mehr erhielt als er gehofft hatte, und so gar mehr
als er verlangte. Er wollte nur Bundsgenossen, und es fehlte wenig, so würden
sie in einem Anstoss von überfliessender Zuneigung zu ihm, sich ohne Bedingung zu
Untertanen eines Prinzen ergeben haben, von dessen Minister sie so sehr
bezaubert waren.
    Die Veränderung, welche hiedurch in den öffentlichen Angelegenheiten gemacht
wurde, brachte den Krieg so schnell zu Ende, dass Timocrates keine Gelegenheit
bekam, durch ein entscheidendes Treffen (es möchte allenfalls gewonnen oder
verloren sein) Ehre einzulegen. Man kann sich vorstellen, ob Agaton sich
dadurch die Freundschaft dieses Mannes, den sein grosses Vermögen und die
Verschwägerung mit dem Prinzen zu einer wichtigen Person machte, erworben; und
mit welchen Augen Timocrates den allgemeinen Beifall, die frohlockenden
Segnungen der Nation, welche unsern Helden nach Syracus zurückbegleiteten, die
Merkmale der Hochachtung, womit er von dem Prinzen empfangen wurde, und das
ausserordentliche Ansehen, worin er sich durch diese friedsame Eroberung
befestigte, angeschielt haben werde. Genötigt, seinen Unwillen und Hass gegen
einen so siegreichen Nebenbuhler in sich selbst zu verschliessen, laurte er nur
desto ungeduldiger auf Gelegenheiten, in geheim an seinem Untergang zu arbeiten;
und wie hätte es ihm an einem Hofe, und an dem Hofe eines solchen Fürsten, an
Gelegenheiten fehlen können?
 
                                Zweites Capitel
                Beispiele, dass nicht alles, was gleisst, Gold ist
Wenn Agaton während einer Staats-Verwaltung, welche nicht ganz zwei Jahre
daurte, das vollkommenste Vertrauen seines Prinzen und die allgemeine Liebe der
Nation, welche er regierte, gewann, und sich dadurch auf diese hohe Stufe des
Ansehens und der scheinbaren Glückseligkeit emporschwang, welche unverdienter
Weise, der Gegenstand der Bewunderung aller kleinen, und des Neides aller
zugleich boshaften Seelen zu sein pflegt: So müssen wir gestehen, dass diese
launische unerklärbare Macht, welche man Glück oder Zufall nennt, den wenigsten
Anteil daran hatte. Die Verdienste, die er sich in so kurzer Zeit um den Prinzen
sowohl als die Nation machte, die Beruhigung Siciliens, das befestigte Ansehen
von Syracus, die Verschönerung dieser Hauptstadt, die Verbesserung ihrer
Policei, die Belebung der Künste und Gewerbe, und die allgemeine Zuneigung,
welche er einer vormals verabscheueten Regierung zuwandte - - alles dieses legte
ein unverwerfliches Zeugnis für die Weisheit seiner Staats-Verwaltung ab; und da
alle diese Verdienste durch die Uneigennützigkeit und Regelmässigkeit seines
Betragens in ein Licht gestellt wurden, welches keine Missdeutung zu zulassen
schien; so blieb seinen heimlichen Feinden, ohne die ungewisse Hülfe irgend
eines Zufalls, von dem sie selbst noch keine Vorstellung hatten, wenig Hoffnung
übrig, ihn so bald wieder zu stürzen, als sie es für ihre Privat-Absichten
wünschen mochten.
    Die heimlichen Feinde Agatons - - wie konnte ein Mann, der sich so
untadelich betrug, und um jedermann Gutes verdiente, Feinde haben? - - werden
diejenige vielleicht denken, welche bei Gelegenheit, zu vergessen scheinen, dass
der weise Mann notwendig alle Narren, und der Rechtschaffene, unvermeidlicher
Weise, alle die es nicht sind, zu öffentlichen, oder doch gewiss zu
immerwährenden heimlichen Feinden haben muss. Eine Wahrheit, welche in der Natur
der Sachen so gegründet, und durch eine nie unterbrochene Erfahrung so
bestätiget ist, dass wir weit bessere Ursache zu fragen haben: Wie sollte ein
Mann, der sich so wohl betrug, keine Feinde gehabt haben? Es konnte nicht anders
sein als dass derjenige, dessen beständige Bemühung dahin ging, seinen Prinzen
tugendhaft, oder doch wenigstens seine Schwachheiten unschädlich zu machen, sich
den herzlichen Hass dieser Höflinge zuziehen musste, welche (wie Montesquieu von
allen Hofleuten behauptet) nichts so sehr fürchten, als die Tugend des Fürsten,
und keinen zuverlässigern Grund ihrer Hoffnungen kennen, als seine
Schwachheiten. Sie konnten nicht anders als den Agaton für denjenigen ansehen,
der allen ihren Absichten und Entwürfen im Wege stund. Er verlangte zum Exempel,
dass man vorher Verdienste haben müsse, eh man an Belohnungen Ansprüche mache;
sie wussten einen kürzern und bequemern Weg; einen Weg auf welchem zu allen
Zeiten (die Regierungen der Antonine und Juliane ausgenommen) die
nichtswürdigsten Leute an Höfen ihr Glück gemacht haben - - kriechende
Schmeichelei, blinde Gefälligkeit gegen die Leidenschaften unsrer Obern,
Gefühllosigkeit gegen alle Regungen des Gewissens und der Menschlichkeit,
Taubheit gegen die Stimme aller Pflichten, unerschrockne Unverschämteit sich
selbst Talente und Verdienste beizulegen, die man nie gehabt hat; fertige
Bereitwilligkeit jedes Bubenstück zu begehen, welches eine Stufe zu unsrer
Erhebung werden kann - - und diesen Weg hatte ihnen Agaton auf einmal
versperrt. Sie sahen, so lange dieser seltsame Mann den Platz eines Günstlings
bei Dionysen behaupten würde, keine Möglichkeit, wie Leute von ihrer Art sollten
gedeihen können. Sie hasseten ihn also; und wir können versichert sein, dass in
den Herzen aller dieser Höflinge eine Art von Zusammen-Verschwörung gegen ihn
brütete, ohne dass es dazu einiger geheimen Verabredung bedurfte. Allein von
allem diesem wurde noch nichts sichtbar. Die Maske, welche sie vorzunehmen für
gut fanden, sah einem Gesicht so gleich, dass Agaton selbst dadurch betrogen
wurde; und sich gegen die Philiste und Timocrate, und ihre Kreaturen eben so
bezeugte, als ob die Hochachtung, welche sie ihm bewiesen, und der Beifall, den
sie allen seinen Massnehmungen gaben, aufrichtig gewesen wäre. Diese wackern
Männer hatten einen gedoppelten Vorteil über ihn - dass er, weil er sich nichts
Böses zu ihnen versah, nicht daran dachte, sie scharf zu beobachten - - und dass
sie, weil sie sich ihrer eigenen Bosheit bewusst waren, desto vorsichtiger waren,
ihre wahren Gesinnungen in eine undurchdringliche Verstellung einzuhüllen.
Versichert wie sie waren, dass ein Mensch notwendig eine schwache Seite haben
müsse, gaben sie sich alle mögliche Mühe die seinige zu finden, und stellten
ihn, ohne dass er einen Verdacht deswegen auf sie werfen konnte, auf alle
mögliche Proben. Da sie ihn aber gegen Versuchungen, denen sie selbst zu
unterliegen pflegten, gleichgültig oder gewaffnet fanden; so blieb ihnen, bis
auf irgend eine günstige Gelegenheit nichts übrig, als ihn durch den magischen
Dunst einer subtilen Schmeichelei einzuschläfern, welche er desto leichter für
Freundschaft halten konnte, da sie alle Anscheinungen derselben hatte; und je
mehr er berechtiget war, in einem Lande, worin er sich um alle verdient machte,
einen jeden für seinen Freund zu halten. Diese Absicht gelang ihnen, und man muss
gestehen, dass sie dadurch schon ein grosses über ihn gewonnen hatten.
    Übrigens können wir nicht umhin, es mag nun unserm Helden nachteilig sein
oder nicht, zu gestehen, dass zu einer Zeit, da sein Ansehen den höchsten Gipfel
erreicht hatte; da Dionys ihn mit Beweisen einer unbegrenzten Gunst überhäufte;
da er von dem ganzen Sicilien für seinen Schutzgott angesehen wurde, und das
seltne, wo nicht ganz unerhörte Glück zu geniessen schien, in einem so blendenden
Glücksstande lauter Bewundrer und Freunde, und keinen Feind zu haben - - die
Damen zu Syracus die einzigen waren, welche ihre wenige Zufriedenheit mit seinem
Betragen ziemlich deutlich merken liessen. Mit einer Figur wie die seinige, mit
allem dem was den Augen und Herzen nachstellt in so ausserordentlichem Grade
begabt, war es sehr natürlich, dass er die Aufmerksamkeit der Schönen auf sich
ziehen musste. Die Damen zu Syracus hatten so gut Augen wie die zu Smyrna - - und
Herzen dazu - - oder wenn sie keine hatten, so hatten sie doch etwas, dessen
Bewegungen sehr gewöhnlich mit den Bewegungen des Herzens verwechselt werden;
oder wenn sie auch das nicht hatten, so hatten sie doch Eitelkeit, und konnten
also nicht gleichgültig gegen die eigensinnige Unempfindlichkeit eines Mannes
sein, welcher eben dadurch ein Feind wurde, dessen Überwindung seine Siegerin
zur Liebenswürdigsten ihres Geschlechts zu erklären schien. In den Augen der
meisten Schönen ist der Günstling eines Monarchen allezeit ein Adonis; wie
natürlich war also der Wunsch, einen Adonis empfindlich zu machen, der noch dazu
der Liebling eines Königs, und in der Tat, den Namen, und eine gewisse Binde um
den Kopf ausgenommen, der König selbst war? Man kann sich auf die
Geschicklichkeit der schönen Sicilianerinnen verlassen, dass sie nichts vergessen
haben werden, seiner Kaltsinnigkeit auch nicht den Schatten einer anständigen
Entschuldigung übrig zu lassen. Und womit hätte sie wohl entschuldiget werden
können? Es ist wahr, ein Mann, der mit der Sorge für einen ganzen Staat beladen
ist, hat nicht so viel Musse als ein junger Herr, der sonst nichts zu tun hat,
als sein Gesicht alle Tage ein paarmal im Vorzimmer zu zeigen, und die übrige
Zeit von einer Schönen, und von einer Gesellschaft zur andern fortzuflattern.
Aber man mag so beschäftiget sein als man will, so behält man doch allezeit
Stunden für sich selbst, und für sein Vergnügen übrig; und obgleich Agaton sich
seinen Beruf etwas schwerer machte, als er in unsern Zeiten zu sein pflegt,
nachdem man das Geheimnis erfunden hat, die schweresten Dinge mit einer gewissen
unsern plumpern Vorfahren unbekannten Leichtigkeit - - vielleicht nicht so gut,
aber doch artiger - - zu tun; so war es doch Augenscheinlich, dass er solche
Stunden hatte. Der Einfluss, den er in die Staats-Verwaltung hatte, schien ihm so
wenig zu schaffen zu machen; er brachte so viel Freiheit des Geistes, so viel
Munterkeit und guten Humor zur Gesellschaft, und zu den Ergötzlichkeiten, wo ihn
Dionys fast immer um sich haben wollte, dass man die Schuld seiner seltsamen
Aufführung unmöglich seinen Geschäften beimessen konnte. Man musste also sie
begreiflich zu machen auf andere Hypotesen verfallen. Anfangs hielt eine jede
die andere im Verdacht, die geheime Ursache davon zu sein; und so lange dieses
daurte, hätte man sehen sollen, mit was für Augen die guten Damen einander
beobachteten, und wie oft man in einem Augenblicke eine Entdeckung gemacht zu
haben glaubte, welche der folgende Augenblick wieder vernichtigte. Endlich
befand sich's, dass man einander Unrecht getan hatte; Agaton war gegen alle
gleich verbindlich, und liebte keine. Auf eine Abwesende konnte man keinen
Argwohn werfen; denn was hätte ihn bewegen sollen, den Gegenstand seiner Liebe
von sich entfernt zu halten? Es blieben also keine andre als solche Vermutungen
übrig, welche unserm Helden auf die eine oder andre Art nicht sonderliche Ehre
machten; ohne dass sie den gerechten Verdruss vermindern konnten, den man über ein
so wenig natürliches und in jeder Betrachtung so verhasstes Phänomen empfinden
musste.
    Unsre Leser, welche nicht vergessen haben können, was Agaton zu Smyrna war,
werden so gleich auf einen Gedanken kommen, welcher freilich den Damen zu
Syracus unmöglich einfallen konnte - - nämlich, dass es ihnen vielleicht an
Reizungen gefehlt habe, um einen hinlänglichen Eindruck auf ein Herz zu machen,
welches nach einer Danae (welch ein Gemälde macht dieses einzige Wort!) nicht
leicht etwas würdig finden konnte, seine Neugier rege zu machen. Allein wenn die
Nachrichten, denen wir in dieser Geschichte folgen, Glauben verdienen, so hat
eine den mehr bemeldten Damen so wenig schmeichelnde Vermutung nicht den
geringsten Grund: Syracus hatte Schönen, welche so gut als Danae, den Polycleten
zu Modellen hätten dienen können; und diese Schönen hatten alle noch etwas dazu,
das die Schönheit gelten macht; einige Witz, andre Zärtlichkeit; andre
wenigstens ein gutes Teil von dieser edeln Unverschämteit, welche eine gewisse
Classe von modernen Damen zu characterisieren scheint, und zuweilen schneller
zum Zweck führt als die vollkommensten Reizungen, welche unter dem Schleier der
Bescheidenheit versteckt, ein nachteiliges Misstrauen in sich selbst zu verraten
scheinen. Es konnte also nicht das sein - - Gut! So wird er sich etwan des
Socratischen Geheimnisses bedient, und in den verschwiegenen Liebkosungen irgend
einer gefälligen Cypassis das leichteste Mittel gefunden haben, sich vor der
Welt die Mine eines Xenocrates zu geben? - - Das auch nicht! wenigstens sagen
unsre Nachrichten nichts davon. Ohne also den Leser mit vergeblichen Mutmassungen
aufzuhalten, wollen wir gestehen, dass die Ursache dieser Kaltsinnigkeit unsers
Helden, etwas so natürliches und einfältiges war, dass, so bald wir es entdeckt
haben werden, Schah Baham selbst sich einbilden würde, er habe wo nicht eben
das, doch ungefähr so etwas erwartet.
    Der Kaufmann, mit welchem Agaton nach Syracus gekommen war, war einer von
denjenigen, welchen er ehmals zu Aten das Bildnis seiner Psyche zu dem Ende
gegeben hatte, damit sie mit desto besserm Erfolg aller Orten möchte auf gesucht
werden können. Gleichwohl erinnerte er sich dieses Umstands nicht eher, bis er
einsmals bei einem Besuch, den er ihm machte, dieses Bildnis von ungefähr in dem
Cabinet seines Freundes ansichtig wurde. Dasjenige was Agaton in diesem
Augenblick empfand, war wenig von dem unterschieden, was er empfunden hätte,
wenn es Psyche selbst gewesen wäre. Die Ideen seiner ersten Liebe wurden dadurch
wieder so lebhaft, dass er, so schwach auch seine Hoffnung war, das Urbild jemals
wieder zu sehen, sich aufs Neue in dem Entschluss bestätigte, ihrem Andenken
getreu zu bleiben. Die Damen von Syracus hatten also würklich eine
Nebenbuhlerin, ob sie gleich nicht erraten konnten, dass diese zärtlichen
Seufzer, welche jede unter ihnen seinem Herzen abzugewinnen wünschte, in
mitternächtlichen Stunden vor einer gemalten Gebieterin ausgehaucht wurden.
    Unter allen denjenigen, welche sich durch die Unempfindlichkeit unsers
Helden beleidiget fanden, konnte keine der schönen Cleonissa in Absicht aller
Vollkommenheiten, welche Natur und Kunst in einem Frauenzimmer vereinigen
können, den Vorzug streitig machen. Eine vollkommen regelmässige Schönheit ist
(mit Erlaubnis aller derjenigen, welche dabei interessiert sein mögen, die
Grazien ihrer Königin vorzuziehen) unter allen Eigenschaften, die eine Dame
haben kann, diejenige welche den allgemeinsten, geschwindesten und stärksten
Eindruck macht; und für tugendhafte Personen hat sie noch diesen Vorteil; dass
sie das Verlangen von der Besitzerin eines so seltnen Vorzugs geliebt zu sein,
in dem nämlichen Augenblick durch eine Art von mechanischer Ehrfurcht
zurückscheucht deren sich der verwegenste Satyr kaum erwehren kann. Cleonissa
besass diese Vollkommenheit in einem Grade, der den kaltsinnigsten Kennern des
Schönen nichts daran zu tadeln übrig liess; es war unmöglich sie ohne Bewunderung
anzusehen. Aber die ungemeine Zurückhaltung, welche sie affectierte, das
Majestätische, das sie ihrer Mine, ihren Blicken und allen ihren Bewegungen zu
geben wusste, mit dem Ruf einer strengen Tugend, worein sie sich dadurch gesetzt
hatte, verstärkte die bemeldte natürliche Würkung ihrer Schönheit so sehr, dass
niemand kühn genug war, sich in die Gefahr zu wagen, den Ixion dieser Juno
abzugehen. Die Mittelmässigkeit ihrer Herkunft, und sowohl der Stand als die
Vorsicht eines eifersüchtigen Ehmannes, hatten sie während ihrer ersten Jugend
in einer so grossen Entfernung von der Welt gehalten, dass sie eine ganz neue
Erscheinung war, als Philistus (der sie, wir wissen nicht wie, aufgespürt, und
Mittel gefunden hatte, sie mit guter Art zur Witwe zu machen) sie in Qualität
seiner Gemahlin an den Hof der Princessinnen brachte; unter welchen Namen die
Mutter, die Gemahlin, und die Schwestern des Dionys begriffen wurden. Nicht viel
geneigter als sein Vorgänger, eine Frau von so besondern Vorzügen mit einem
andern, und wenn es Jupiter selbst gewesen wäre, zu teilen, hatte er anfangs
alle Behutsamkeit gebraucht, welche der geizige Besitzer eines kostbaren
Schatzes nur immer anwenden kann, um ihn vor der schlauesten Nachstellung zu
verwahren. Aber die Tugend der Dame, und die herrschende Neigung, welche Dionys
in den ersten Jahren seiner Regierung für diejenige Classe von Schönen zeigte,
welche nicht so viel Schwierigkeiten machen; vielleicht auch eine gewisse
Laulichkeit, welche die Eigentümer dieser wundertätigen Schönheiten gemeiniglich
nach Verfluss zweier oder dreier Jahre, oft auch viel früher, unvermerkt zu
überschleichen pflegt; hatten seine Eifersucht so zahm gemacht, dass er in der
Folge kein Bedenken trug, sie den Princessinnen so oft sie wollten zur
Gesellschaft zu überlassen. Wir wollen nicht untersuchen, ob Cleonissa damals
würklich so tugendhaft war, als die Sprödigkeit ihres Betragens gegen die
Manns-Personen und die strengen Maximen, wornach sie andre von ihrem Geschlecht
beurteilte, zu beweisen schienen. Genug dass die Princessinnen, und was noch mehr
ist, ihr Gemahl, vollkommen davon überzeugt waren, und dass sich noch keiner von
den Höflingen unterstanden hatte, eine so ehrwürdige Tugend auf die Probe zu
setzen. Während der Zeit, da Plato in so grossem Ansehen bei Dionysen stund, war
Cleonissa eine von den eifrigsten Verehrerinnen dieses Weisen, und diejenige,
welche den erhabenen Jargon seiner Philosophie am geläufigsten reden lernte. Es
mag nun aus Begierde sich durch ihren Geist eben so sehr als durch ihre Figur
über die übrigen ihres Geschlechts zu erheben, (eine ziemlich gewöhnliche
Schwachheit der eigentlich so genannten Schönen,) oder aus irgend einem reinern
Beweggrunde geschehen sein; so ist gewiss, dass sie alle Gelegenheiten den
göttlichen Plato zu hören mit solcher Begierlichkeit suchte, eine so ausnehmende
Hochachtung für seine Person, einen so unbedingten Glauben an seine Begriffe von
Schönheit und Liebe, und alle übrige Teile seines Systems zeigte, und mit einem
Wort, in kurzer Zeit, an Leib und Seele einer Platonischen Idee so ähnlich sah:
Dass dieser weise Mann, stolz auf eine solche Schülerin, durch den besondern
Vorzug, den er ihr gab, die allgemeine Meinung von ihrer Weisheit unendlich
erhöhte. Es ist wahr, es wäre nur auf ihn angekommen, bei gewissen Gelegenheiten
gewisse Beobachtungen in ihren schönen Augen zu machen, welche ihn ohne eine
lange Reihe von Schlüssen auf die Vermutung hätten bringen können, dass es nicht
unmöglich sein würde, diese Göttin zu humanisieren. Aber der gute Plato hatte
damals schon über sechzig Jahre, und machte keine solche Beobachtungen mehr.
Cleonissa blieb also in dem Ansehen eines lebendigen Beweises des Platonischen
Lehrsatzes, dass die äusserliche Schönheit ein Widerschein der intellectualischen
Schönheit des Geistes sei; das Vorurteil für ihre Tugend hielt dem Eindruck,
welchen ihre Reizungen hätten machen können, das Gleichgewicht; und sie hatte
das Vergnügen, die vollkommne Gleichgültigkeit, welche Dionys für sie behielt,
der Weisheit ihres Betragens zu zuschreiben, und sich dadurch ein neues
Verdienst bei den Princessinnen zu machen.
    Aber - - o! wie wohl lässt sich jener Solonische Ausspruch, dass man niemand
vor seinem Ende glücklich preisen solle, auch auf die Tugend der Heldinnen
anwenden! Cleonissa sah den Agaton, und - - hörte in diesem Augenblick auf
Cleonissa zu sein - - Nein, das eben nicht; ob es gleich nach dem Platonischen
Sprachgebrauch richtig gesprochen wäre; aber sie bewies, dass die Princessinnen,
und sie selbst, und ihr Gemahl, und der Hof, und die ganze Welt, den göttlichen
Plato mit eingeschlossen, sich sehr geirret hatten, sie für etwas anders zu
halten als sie war, und als sie einem jeden mit Vorurteilen unbefangenen
Beobachter, einem Aristipp zum Exempel, in der ersten Stunde zu sein scheinen
musste.
    Sich über einen so natürlichen Zufall zu verwundern, würde unserm Bedünken
nach, eine grosse Sünde gegen das nie genug anzupreisende Nil admirari sein, in
welchem (nach der Meinung erfahrner Kenner der menschlichen Dinge) das
eigentliche grosse Geheimnis der Weisheit, dasjenige was einen wahren Adepten
macht, verborgen liegt. Die schöne Cleonissa war ein Frauenzimmer, und hatte
also ihren Anteil an den Schwachheiten, welche die Natur ihrem Geschlecht eigen
gemacht hat, und ohne welche diese Hälfte der menschlichen Gattung weder zu
ihrer Bestimmung in dieser sublunarischen Welt so geschickt, noch in der Tat, so
liebenswürdig sein würde als sie ist. Ja wie wenig Verdienst würde selbst ihrer
Tugend übrig bleiben, wenn sie nicht durch eben diese Schwachheiten auf die
Probe gesetzt würde?
    Dem sei nun wie ihm wolle, die Dame fühlte, so bald sie unsern Helden
erblickte, etwas, das die Tugend einer gewöhnlichen Sterblichen hätte
beunruhigen können. Aber es gibt Tugenden von einer so starken Complexion, dass
sie durch nichts beunruhiget werden; und die ihrige war von dieser Art. Sie
überliess sich den Eindrücken, welche ohne Zutun ihres Willens auf sie gemacht
wurden, mit aller Unerschrockenheit, welche ihr das Bewusstsein ihrer Stärke
geben konnte. Die Vollkommenheit des Gegenstandes rechtfertigte die
ausserordentliche Hochachtung, welche sie für ihn bezeugte. Grosse Seelen sind am
geschicktesten, einander Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; und ihre
Eigenliebe ist so sehr dabei interessiert, dass sie die Parteilichkeit für
einander sehr weit treiben können, ohne sich dadurch besonderer Absichten
verdächtig zu machen. Ein so unedler Verdacht konnte ohnehin nicht auf die
erhabene Cleonissa fallen; indessen war doch nichts natürlicher, als die
Erwartung, dass sie in unserm Helden eben diesen, wo nicht einen noch höhern Grad
der Bewunderung erwecken werde, als sie für ihn empfand. Diese Erwartung
verwandelte sich eben so natürlich in ein mit Unmut vermischtes Erstaunen, da
sie sich darin betrogen sah; und was konnte aus diesem Erstaunen anders werden,
als eine heftige Begierde, ihrer durch seine Gleichgültigkeit äusserst
beleidigten Eigenliebe eine vollständige Genugtuung zu verschaffen? Auch wenn
sie selbst gleichgültig gewesen wäre, hätte sie mit Recht erwarten können, dass
ein so feiner Kenner ihren Wert zu empfinden, und eine Cleonissa von den
kleinern Sternen, welchen nur in ihrer Abwesenheit zu glänzen erlaubt war, zu
unterscheiden wissen werde. Wie sehr musste sie sich also beleidiget halten, da
sie mit diesem edeln Entusiasmus, womit die privilegierte Seelen sich über die
kleinen Bedenklichkeiten gewöhnlicher Leute hinwegsetzen, ihm entgegengeflogen
war, und die Beweise ihrer sympatetischen Hochachtung nicht so lange
zurückzuhalten gewürdiget hatte, bis sie von der seinigen überzeugt worden wäre?
Da es nur von ihrer Eigenliebe abhing, die Grösse des Unrechts nach der
Empfindung ihres eignen Werts zu bestimmen; so war die Rache, welche sie sich an
unserm Helden zu nehmen vorsetzte, die grausamste, welche nur immer in das Herz
einer beleidigten Schönen kommen kann. Sie wollte die ganze vereinigte Macht
aller ihrer intellectualischen und körperlichen Reizungen, verstärkt durch alle
Kunstgriffe der schlauesten Coketterie (wovon ein so allgemeines Genie als das
ihrige wenigstens die Teorie besitzen musste) dazu anwenden, ihren Undankbaren
zu ihren Füssen zu legen; und wenn sie ihn durch die gehörige Abwechslungen von
Furcht und Hoffnung endlich in den kläglichen Zustand eines von Liebe und
Sehnsucht verzehrten Seladons gebracht, und sich an dem Schauspiel seiner
Seufzer, Tränen, Klagen, Ausrufungen und aller andern Ausbrüche der verliebten
Torheit lange genug ergötzt haben würde- - ihn endlich auf einmal die ganze
Schwere der kaltsinnigsten Verachtung fühlen lassen. So wohlausgesonnen diese
Rache war; so eifrig und mit so vieler Geschicklichkeit wurden die Anstalten
dazu ins Werk gesetzt; und wir müssen gestehen, dass wenn der Erfolg eines
Projects allein von der guten Ausführung abhinge, die schöne Cleonissa den
vollständigsten Triumph hätte erhalten müssen, der jemals über den Trotz eines
widerspenstigen Herzens erhalten worden wäre. Ob diese Dame, wenn Agaton sich
in ihrem Netze gefangen hätte, fähig gewesen wäre, die Rache so weit zu treiben
als sie sich selbst versprochen hatte? - - ist eine problematische Frage, deren
Entscheidung vielleicht sie selbst, wenn der Fall sich ereignet hätte, in keine
kleine Verlogenheit gesetzt haben würde. Aber Agaton liess es nicht so weit
kommen. Er legte eine neue Probe ab, dass es nur einer Danae gegeben war, die
schwache Seite von seinem Herzen ausfündig zu machen. Cleonissa hatte bereits
die Hälfte ihrer Künste erschöpft, ehe er nur gewahr wurde, dass ein Anschlag
gegen ihn im Werke sei; und von dem Augenblick, da er es gewahr wurde, stieg
sein Kaltsinn, nach dem Verhältnis wie ihre Bemühungen sich verdoppelten, auf
einen solchen Grad; oder deutlicher zu reden, der Absatz, den ihre zuletzt bis
zur Unanständigkeit getriebene Nachstellungen mit der affectierten Erhabenheit
ihrer Denkungs-Art, und mit der Majestät ihrer Tugend machten, tat eine so
schlimme Würkung bei ihm, dass die schöne Cleonissa sich genötiget sah, die
Hoffnung des Triumphs, womit sich ihre Eitelkeit geschmeichelt hatte, gänzlich
aufzugeben. Die Wut, in welche sie dadurch gesetzt wurde, verwandelte sich nach
und nach in den vollständigsten Hass, der jemals (mit Shakespear zu reden) die
Milch einer weiblichen Brust in Galle verwandelt hat. Alles was sie ihrer Tugend
in diesen Umständen zu tun gab, war, die Bewegungen dieser Leidenschaft so
geschickt zu verbergen, dass weder der Hof noch Agaton selbst gewahr wurde, mit
welcher Ungeduld sie sich nach einer Gelegenheit sehnte, ihn die Würkungen davon
empfinden zu lassen.
    In dieser Situation befanden sich die Sachen, als Dionys, des ruhigen
Besitzes der immer gefälligen Bacchidion, und ihrer Tänze überdrüssig, sich zum
ersten mal einfallen liess, die Beobachtung zu machen, dass Cleonissa schön sei.
Er hatte sie noch nicht lange mit einiger Aufmerksamkeit beobachtet, so deuchte
ihn, dass er noch nie keine so schöne Kreatur gesehen habe; und nun fing er an
sich zu verwundern, dass er diese Beobachtung nicht eher gemacht habe. Endlich
erinnerte er sich, dass die Dame sich jederzeit durch eine sehr spröde Tugend und
einen erklärten Hang für die Metaphysik unterschieden hatte; und nun zweifelte
er nicht mehr, dass es dieser Umstand gewesen sein müsse, was ihn verhindert
habe, ihrer Schönheit eher Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Eine Art von
maschinalischer Ehrfurcht vor der Tugend, die von seiner Indolenz und der
furchtbaren Vorstellung herkam, welche er sich von den Schwierigkeiten sie zu
besiegen in den Kopf gesetzt hatte, würde ihn vielleicht auch diesesmal in den
Grenzen einer untätigen Bewunderung gehalten haben, wenn nicht einer von diesen
kleinen Zufällen, welche so oft die Ursachen der grössesten Begebenheiten werden,
seine natürliche Trägheit auf einmal in die ungeduldigste Leidenschaft
verwandelt hätte. Da dieser Zufall jederzeit eine Anecdote geblieben ist, so
können wir nicht gewiss sagen, ob es (wie einige Sicilianische Geschichtschreiber
vorgeben) der nämliche gewesen, wodurch in neuern Zeiten die Schwester des
berühmten Herzogs von Marlborough den ersten Grund zu dem ausserordentlichen
Glück ihrer Familie gelegt haben soll; oder ob er sie vielleicht von ungefähr in
dem Zustand überrascht haben mochte, worin der Actäon der Poeten das Unglück
hatte, die schöne Diana zu erblicken. Das ist indessen ausgemacht, dass von
dieser geheimen Begebenheit an, die Leidenschaft und die Absichten des Dionys
einen Schwung nahmen, wodurch sich die Tugend der allzuschönen Cleonissa in
keine geringe Verlegenheit gesetzt befand, wie sie in einer so schlüpfrigen
Situation dasjenige, was sie sich selbst schuldig war, mit den Pflichten gegen
ihren Prinzen vereinigen wollte. Dionys war so dringend, so unvorsichtig - - und
sie hatte so viele Personen in Acht zu nehmen - - sie, die in jedem andern
Frauenzimmer eine Nebenbuhlerin hatte, und bei jedem Schritt von hundert
eifersüchtigen Augen belauret wurde, welche nicht ermangelt haben würden, den
kleinsten Fehltritt, den sie gemacht hätte, durch eben so viele Zungen der
ganzen Welt in die Ohren flüstern zu lassen. Auf der einen Seite, ein von Liebe
brennender König zu ihren Füssen, bereit eine unbegrenzte Gewalt über ihn selbst
und über alles was er hatte, um die kleinste ihrer Gunstbezeugungen hinzugeben -
- auf der andern, der glänzende Ruhm einer Tugend, welche noch kein Sterblicher
für fehlbar zu halten sich unterstanden hatte, das Vertrauen der Princessinnen,
die Hochachtung ihres Gemahls - - Man muss gestehen, tausend andre würden sich
zwischen zweien auf so verschiedene Seiten ziehenden Kräften nicht zu helfen
gewusst haben. Aber Cleonissa wusste es, ob sie sich gleich zum ersten mal in
dieser Schwierigkeit befand, so gut, dass der ganze Plan ihres Betragens sie
schwerlich eine einzige schlaflose Nacht kostete. Sie sah beim ersten Blick, wie
wichtig die Vorteile waren, welche sie in diesen Umständen von ihrer Tugend
ziehen konnte. Das nämliche Mittel, wodurch sie ihren Ruhm sicher stellen, und
die Freundschaft der Princessinnen erhalten konnte, war unstreitig auch
dasjenige, was den unbeständigen Dionys, bei dem vorsichtigen Gebrauch der
erforderlichen Aufmunterungen, auf immer in ihren Fesseln behalten würde. Sie
setzte also seinen Erklärungen, Verheissungen, Bitten, Drohungen, (zu den feinern
Nachstellungen wer er weder zärtlich noch schlau genug) eine Tugend entgegen,
welche ihn durch ihre Hartnäckigkeit notwendig hätte ermüden müssen, wenn das
Mitleiden mit dem Zustand, worein sie ihn zu setzen gezwungen war, sie nicht zu
gleicher Zeit vermocht hätte, seine Pein durch alle die kleinen Palliative zu
lindern, welche im Grunde für eine Art von Gunstbezeugungen angesehen werden
können, ohne dass gleichwohl die Tugend, bei einem Liebhaber wie Dionys war,
dadurch zuviel von ihrer Würde zu vergeben scheint. Die zärtliche
Empfindlichkeit ihres Herzens - - die Gewalt welche sie sich antun musste, einem
so liebenswürdigen Prinzen zu widerstehen - die stillschweigenden Geständnisse
ihrer Schwachheit, welche zu eben der Zeit, da sie ihm den entschlossensten
Widerstand tat, ihrem schönen Busen wider ihren Willen entflohen - - o!
tugendhafte Cleonissa! Was für eine gute Actrice warest du! - - Was hätte Dionys
sein müssen, wenn er bei solchen Anscheinungen die Hoffnung aufgegeben hätte,
endlich noch glücklich zu werden?
    Inzwischen war, ungeachtet aller Behutsamkeit, welche Cleonissa, und Dionys
selbst gebrauchte, die Leidenschaft dieses Prinzen, und die unüberwindliche
Tugend seiner Göttin, ein Geheimnis, welches der ganze Hof wusste, wenn man schon
nicht dergleichen tat, als ob man Augen oder Ohren hätte. Cleonissa hatte die
Vorsicht gebraucht, die Schwestern des Prinzen, von dem Augenblicke, da sie an
seiner Leidenschaft nicht mehr zweifeln konnte, zu ihren Vertrauten zu machen;
diese hatten wieder im Vertrauen alles seiner Gemahlin entdeckt, und die
Gemahlin seiner Mutter. Die Princessinnen, welche seine bisherigen
Ausschweifungen immer vergebens beseufzet, und besonders gegen die arme
Bacchidion einen Widerwillen gefasst hatten, wovon sich kein andrer Grund, als
die launische Denkungs-Art dieser Damen angeben lässt, waren erfreut, dass seine
Neigung endlich einmal auf einen tugendhaften Gegenstand gefallen war. Die
ausnehmende Klugheit der schönen Cleonissa machte ihnen Hoffnung, dass es ihr
gelingen würde, ihn unvermerkt auf den rechten Weg zu bringen. Cleonissa
erstattete ihnen jedes mal getreuen Bericht von allem was zwischen ihr und ihrem
Liebhaber vorgegangen war - - oder doch von allem, was die Princessinnen davon
zu wissen nötig hatten; alle Massregeln, wie sie sich gegen ihn betragen sollte,
wurden in dem Cabinet der Königin abgeredet; und diese gute Dame, welche das
Unglück hatte, die Kaltsinnigkeit ihres Gemahls gegen sie lebhafter zu
empfinden, als es für ihre Ruhe gut war, gab sich alle mögliche Bewegungen, die
Bemühungen zu befördern, welche von der tugendhaften Cleonissa angewandt wurden,
den Prinzen in die Schranken der Gebühr zurückzubringen. Alles dieses machte
eine Art von Intrigue aus, bei welcher, ungeachtet der anscheinenden Ruhe, der
ganze Hof in innerlicher Bewegung war. Der einzige Philistus, derjenige der am
meisten Ursache hatte, aufmerksam zu sein, wusste nichts von allem was jedermann
wusste; oder bewies doch wenigstens in seinem ganzen Betragen eine so seltsame
Sicherheit, dass wir, wenn uns das ausserordentliche Vertrauen nicht bekannt wäre,
welches er in die Tugend seiner Gemahlin zu setzen Ursache hatte, fast notwendig
auf den Argwohn geraten müssten, als ob er gewisse Absichten bei dieser
Aufführung gehabt haben könnte, welche seinem Character keine sonderliche Ehre
machen würden.
    Alles ging wie es gehen sollte; Dionys setzte die Belagerung mit der
äussersten Hartnäckigkeit und mit Hoffnungen fort, welche der tapfre Widerstand
der weisen Cleonissa ziemlich zweideutig machte - - die Liebe schien noch wenig
über ihre Tugend erhalten zu haben, obgleich diese allmählich anfing, von ihrer
Majestät nachzulassen, und zu erkennen zu geben, dass sie nicht ganz ungeneigt
wäre, unter hinlänglicher Sicherheit sich in ein geheimes Verständnis, in so
fern es eine blosse Liebe der Seele zur Absicht hätte, einzulassen - - Die
Princessinnen sahen mit dem vollkommensten Vertrauen auf die keuschen Reizungen
ihrer Freundin, der Entwicklung des Stücks entgegen - - und Philistus war von
einer Gefälligkeit, von einer Indolenz, wie man niemals gesehen hat: Als
Agaton, zum Unglück für ihn und für Sicilien, durch einen Eifer, der an einem
Staats-Mann von so vieler Einsicht kaum zu entschuldigen war, sich verleiten
liess, den glücklichen Fortgang der verschiedenen Absichten, welchen Dionys- -
Cleonissa- - die Princessinnen- und vielleicht auch Philistus - - schon so nahe
zu sein glaubten, durch seine unzeitige Dazwischenkunft zu unterbrechen.
 
                                Drittes Capitel
  Grosse Fehler wider die Staats-Kunst, welche Agaton beging - - Folgen davon
Die Vertraulichkeit, worin Dionys mit seinen Günstlingen zu leben pflegte, und
das natürliche Bedürfnis eines Verliebten, jemand zu haben, dem er sein Leiden
oder seine Glückseligkeit entdecken kann - - hatten ihn nicht erlaubt, dem
Agaton aus seiner neuen Liebe ein Geheimnis zu machen; und dieser trieb die
Gefälligkeit anfänglich so weit, sich von dem schwatzhaftesten Liebhaber, der
jemals gewesen war, mit den Angelegenheiten seines Herzens ganze Stunden durch
Langeweile machen zu lassen, in denen es dem guten Prinzen kein einziges mal
einfiel, dass diese Angelegenheiten einem dritten unmöglich so wichtig vorkommen
könnten, als sie ihm selbst waren. Ohne seine Wahl geradezu zu missbilligen
(wovon er eine schlechte Würkung hätte hoffen können) begnügte er sich anfangs,
ihm die Schwierigkeiten, welche er bei einer Dame von so strenger und
systematischer Tugend finden würde, so fürchterlich abzumalen, dass er ihn von
einer Unternehmung, welche sich dem Ansehen nach, wenigstens in eine
entsetzliche Länge hinausziehen würde, abzuschrecken hoffte. Wie er aber sah,
dass Dionys anstatt durch den Widerstand, über den er sich beklagte, ermüdet zu
werden, von Tag zu Tag mehr Hoffnung schöpfte, diese beschwerliche Tugend durch
hartnäckig wiederholte Anfälle endlich selbst abzumatten: So glaubte er der
schönen Cleonissa nicht zu viel zu tun, wenn er sie im Verdacht eines
gekünstelten Betragens hätte, welches die Leidenschaft des Prinzen zu eben der
Zeit aufmunterte, da sie ihm alle Hoffnung zu verbieten schien. Je schärfer er
sie beobachtete, je mehr Umstände entdeckte er; welche ihn in diesem Argwohn
bestärkten; und da seine natürliche Antipatie gegen die majestätischen Tugenden
das ihrige mit beitrug, so hielt er sich nun vollkommen überzeugt, dass die weise
und tugendhafte Cleonissa weder mehr noch weniger als eine Betrügerin sei,
welche durch einen erdichteten Widerstand zu gleicher Zeit sich in dem Ruf der
Unüberwindlichkeit zu erhalten, und den leichtglaubigen Dionys desto fester in
ihrem Garn zu verstricken im Sinne habe. Nunmehr fing er an die Sache für
ernstaft anzusehen, und sich so wohl durch die Pflichten der Freundschaft für
einen Prinzen, für den er bei allen seinen Schwachheiten eine Art von Zuneigung
fühlte, als aus Sorge für den Staat, verbunden zu halten, einem Verständnis,
welches für beide sehr schlimme Folgen haben könnte, sich mit Nachdruck zu
widersetzen. Bacchidion, welche, ohne eine so regelmässige Schönheit zu sein, in
seinen Augen unendlichmal liebenswürdiger war als Cleonissa, schien ihm ihres
Herzens - - oder richtiger zu reden, ihrer glücklichen Organisation wegen - -
ungeachtet des gemeinen und gerechten Vorurteils gegen ihren Stand, in
Vergleichung mit dieser tugendhaften Dame eine sehr schätzbare Person zu sein:
Und da sie in der Unruhe, worein sie die immer zunehmende Kaltsinnigkeit des
Prinzen zu setzen anfing, ihre Zuflucht zu ihm nahm, so machte er sich desto
weniger Bedenken, sich ihrer mit etwas mehr Eifer als die Würde seines
Characters vielleicht gestatten mochte, anzunehmen. Dionys liebte sie nicht
mehr; aber er masste sich noch immer Rechte über sie an, welche nur die Liebe
geben sollte. Die schöne Bacchidion wurde nur zu deutlich gewahr, dass sie nur
die Stelle ihrer Nebenbuhlerin in seinen Armen vertreten sollte; und ob sie
gleich nur eine Tänzerin war, so deuchte sie sich doch zu gut, Flammen zu
löschen, welche eine andere angezündet hatte. Dionys schien bei der anhaltenden
Strenge seiner neuen Gebieterin, einer solchen Gefälligkeit mehr als jemals
benötiget zu sein; und eben darum gab ihr Agaton den Rat, an ihrem Teil auch
die Grausame zu machen, und zu versuchen, ob sie durch ein sprödes und
läunisches Betragen, mit einer gehörigen Dosi von Coketterie vermischt, nicht
mehr als durch zärtliche Klagen und verdoppelte Gefälligkeit gewinnen würde.
Dieser Rat hatte einen so guten Erfolg, dass Agaton, der sich des Sieges zu früh
versichert hielt, izo den gelegenen Augenblick gefunden zu haben glaubte, dem
Dionys offenherzig zu gestehen, wie wenig Achtung er für die angebliche Tugend
der Dame Cleonissa trage. Die Folgen der geheimen Unterredung, welche sie mit
einander über diese Materie hatten, entsprachen der Erwartung unsers Helden
nicht. Alles Nachteilige, was Agaton dem Prinzen von seiner neuen Göttin sagen
konnte, bewies höchstens, dass sie nicht so viel Hochachtung verdiene als er
geglaubt hatte; aber es verminderte seine Begierden nicht; desto besser für
seine Absichten, wenn sie nicht so tugendhaft war. Diesen edlen Gedanken liess er
zwar den Agaton nicht sehen; aber Cleonissa wurde ihn desto deutlicher gewahr.
Dionys hatte nicht so bald erfahren, dass die Tugend der Dame nur ein Popanz sei,
so eilte er was er konnte, Gebrauch von dieser Entdeckung zu machen, und setzte
sie durch ein Betragen in Erstaunen, welches mit seinem vorigen, und noch mehr
mit der Majestät ihres Characters, einen höchst beleidigenden Contrast machte.
Er war zwar Discret genug, ihr nicht geradezu zu sagen, was für Begriffe man ihm
von ihr beigebracht habe; aber sein Bezeugen sagte es so deutlich, dass sie nicht
zweifeln konnte, es müsste ihr jemand schlimme Dienste bei ihm geleistet haben.
Dieser Umstand setzte sie in der Tat in keine geringe Verlegenheit, wie sie
dasjenige was sie ihrer beleidigten Würde schuldig war, mit der Besorgnis, einen
Liebhaber von solcher Wichtigkeit durch allzuweit getriebene Strenge gänzlich
abzuschrecken, zusammenstimmen wollte. Allein ein Geist wie der ihrige weiss sich
aus den schwierigsten Situationen herauszuwickeln; und Dionys ging überzeugter
als jemals von ihr, dass sie die Tugend selbst, und allein durch die Stärke der
Sympatie, wodurch ihre zum ersten mal gerührte Seele gegen die seinige gezogen
werde, fähig werden könnte, die Hoffnungen dereinst zu erfüllen, welche sie ihm
weder erlaubte noch gänzlich verwehrte. Von dieser Zeit an nahm seine
Leidenschaft und das Ansehen dieser Dame von Tag zu Tag zu; die schöne
Bacchidion wurde förmlich abgedankt; und Agaton würde in den Augen seines
Herren gelesen haben, wenn er es nicht aus seinem eignen Munde vernommen hätte,
dass er gute Hoffnung habe, in wenigen Tagen den letzten Seufzer der sterbenden
Tugend von den Lippen der zärtlichen, und nur noch schwach widerstehenden
Cleonissa aufzufassen. Izo glaubte er, dass es die höchste Zeit sei einen Schritt
zu tun, der nur durch die äusserste Notwendigkeit gerechtfertiget werden konnte,
aber seiner Meinung nach, das unfehlbarste Mittel war, dieser gefährlichen
Intrigue noch in Zeiten ein Ende zu machen. Er liess also den Philistus zu sich
ruhen, und entdeckte ihm mit der ganzen Vertraulichkeit eines ehrlichen Mannes,
der mit einem ehrlichen Manne zu reden glaubt, die nahe Gefahr, worin seine Ehre
und die Tugend seiner Gemahlin schwebe. Freilich entdeckte er dem edeln
Philistus nichts, als was dieser in der Tat schon lange wusste; aber Philistus
machte nichts desto weniger den Erstaunten; indessen dankte er ihm mit der
lebhaftesten Empfindung für ein so unzweifelhaftes Merkmal seiner Freundschaft,
und versicherte, dass er auf ein schickliches Mittel bedacht sein wollte, seine
Gemahlin, von welcher er übrigens die beste Meinung von der Welt habe, gegen
alle Nachstellungen der Liebesgötter sicher zu stellen.
    Man hat wohl sehr recht, uns die Lehre bei allen Gelegenheiten
einzuschärfen, dass man sich die Leute nach ihrer Weise verbindlich machen müsse,
und nicht nach der unsrigen. Agaton glaubte sich kein geringes Verdienst um den
Philistus gemacht zu haben, und würde nicht wenig über die Apostrophen erstaunt
gewesen sein, welche dieser würdige Minister an ihn machte, so bald er sich
wieder allein sah. In der Tat musste es diesen notwendig ungehalten machen, sich
durch eine so unzeitige Vorsorge für seine Ehre auf einmal aller Vorteile seiner
bisherigen discreten Unachtsamkeit verlustiget zu sehen. Indessen konnte er nun,
ohne sich in Agatons Augen zum Verräter seiner eigenen Ehre zu machen, nicht
anders; er musste den Eifersüchtigen spielen. Die Comödie bekam dadurch auf
etliche Tage einen sehr tragischen Schwung - - Wie viel Mühe hätten sich die
Haupt-Personen dieser Farce ersparen können, wenn sie die Maske hätten abnehmen,
und sich einander in puris naturalibus zeigen wollen? Aber diese Leute aus der
grossen Welt sind so pünctliche Beobachter des Wohlstands! - - und sind darum zu
beloben; denn es beweiset doch immer, dass sie sich ihrer wahren Gestalt schämen,
und die Verbindlichkeit etwas bessers zu sein als sie sind, stillschweigend
anerkennen - Cleonissa rechtfertigte sich also gegen ihren Gemahl, indem sie
sich auf die Princessinnen, als unverwerfliche Zeugen der untadelhaften Unschuld
ihres Betragens berief Niemals ist ein erhabneres und patetischeres Stück von
Beredsamkeit gehört worden, als die Rede war, wodurch sie ihm die Unbilligkeit
seines Verdachts vorhielt; und der gute Mann wusste sich endlich nicht anders zu
helfen, als dass er den Freund nannte, von dem er, wiewohl aus guter Absicht, in
diesen kleinen Anstoss einer, wie er nun vollkommen erkannte, höchst unnötigen
und sträflichen Eifersucht gesetzt worden sei. Die Wut einer stürmischen See - -
einer zur Rache gereizten Hornisse - - oder einer Löwin, der ihre Jungen geraubt
worden, sind nur schwache Bilder in Vergleichung mit der Wut, in welcher
Cleonissens tugendhafter Busen bei Nennung des Namens Agaton aufloderte.
Würklich war nichts mit ihr zu vergleichen, als die Wollust, womit der Gedanke
sie berauschte, dass sie es nun endlich in ihrer Gewalt habe, die lange
gewünschte Rache an diesem undankbaren Verächter ihrer Reizungen zu nehmen. Sie
misshandelte den Dionys, (den sie für die unerträgliche Beleidigung, welche sie
von ihrem Gemahl erduldet hatte, zur Rechenschaft zog) so lange und so grausam,
bis er ihr, wiewohl ungern, (denn er wollte seinen Günstling nicht aufopfern)
entdeckte, wie wenig sie dem Agaton für seine Meinung von ihr verbunden sei.
Nunmehr klärte sich, wie sie sagte, das ganze Geheimnis auf; und in der Tat
musste sie sich nur über ihre eigene Einfalt verwundern, da sie sich eines
bessern zu einem Manne versehen hatte, von dessen Rache sie natürlicher Weise
das Schlimmste hätte erwarten sollen - - Wenn Dionys bei diesen Worten stutzte,
so kann man sich einbilden, was er für eine Mine machte, da sie ihm, vermittelst
einer Confidenz, wozu sie durch ihre eigene Rechtfertigung gezwungen war,
umständlich entdeckte, dass der Hass Agatons gegen sie allein daher entsprungen
sei, weil sie nicht für gut befunden habe, seine Liebe genehm zu halten. Dieses
war nun freilich nicht nach der Schärfe wahr. Aber da sie nun einmal dahin
gebracht war, sich selbst verteidigen zu müssen, so war natürlich, dass sie es
lieber auf Unkosten einer Person, die ihr verhasst war, als auf ihre eigene tat.
So viel ist gewiss, dass sie ihre Absicht dadurch mehr als zu gut erreichte.
Dionys geriet in einen so heftigen Anfall von Eifersucht über seinen unwürdigen
Liebling - - dieser Mann, der der Liebe eines Dionys unwürdig war, war Agaton!
- - dass Cleonissa, (welche besorgte, dass ein plötzlicher Ausbruch zu
missbeliebigen Erläuterungen Anlass geben könnte) alle ihre Gewalt über ihn
anwenden musste, ihn zurückzuhalten. Sie bewies ihm die Notwendigkeit, einen
Mann, der zu allem Unglück der Abgott der Nation wäre, vorsichtig zu behandeln.
Dionys fühlte die Stärke dieses Beweises, und hassete den Agaton nur um so viel
herzlicher. Die Princessinnen mischten sich auch in die Sache, und legten unserm
Helden sehr übel aus, dass er, anstatt den Prinzen von Ausschweifungen
abzuhalten, eine Kreatur wie Bacchidion mit so vielem Eifer in seinen Schutz
genommen hatte. Man scheuete sich nicht, diesem Eifer so gar einen geheimen
Beweggrund zu leihen; und Philistus brachte unter der Hand verschiedene Zeugen
auf, welche in dem Cabinet des Prinzen verschiedene Umstände aussagten, die ein
zweideutiges Licht auf die Entaltsamkeit unsers Helden und die Treue der
schönen Bacchidion zu werfen schienen. Dieser Minister fand vermutlich die
Absichten seines Herrn auf seine tugendhafte Gemahlin so rein und unschuldig,
dass es anstössig, und lächerrlich gewesen wäre, über die Freundschaft, womit er
sie beehrte, eifersüchtig zu sein. Ein täglicher Zuwachs der königlichen Gunst
rechtfertigte und belohnte eine so edelmütige Gefälligkeit. Timocrat fand bei
diesen Umständen Gelegenheit, sich gleichfalls wieder in das alte Vertrauen zu
setzen; und beide vereinigten sich nunmehr mit der triumphierenden Cleonissa,
den Fall unsers Helden desto eifriger zu beschleunigen, je mehr sie ihn mit
Versicherungen ihrer Freundschaft überhäuften. Wir haben in diesem und dem
vorigen Capitel ein so merkwürdiges Beispiel gesehen, (und wollte Gott! diese
Beispiele kämen uns nicht so oft im Leben selbst vor) wie leicht es ist, einem
lasterhaften Character, einer schwarzen, hassenswürdigen Seele, den Anstrich der
Tugend zu gehen. Agaton erfuhr nunmehr, dass es eben so leicht ist, die reineste
Tugend mit verhassten Farben zu übersudeln. Er hatte dieses zu Aten schon
erfahren; aber bei der Vergleichung die er zwischen jenem Fall und seinem izigen
anstellte, schienen ihm seine Ateniensische Feinde, im Gegensatz mit den
verächtlichen Kreaturen, denen er sich nun auf ein mal aufgeopfert sah, so weiss
zu werden, als sie ihm ehmals, da er noch keine schlimmere Leute kannte, schwarz
vorgekommen waren. Vermutlich verfälschte die Lebhaftigkeit des gegenwärtigen
Gefühls sein Urteil über diesen Punct ein wenig; denn in der Tat scheint der
ganze Unterschied zwischen der republicanischen und höfischen Falschheit darin
zu bestehen, dass man in Republiken genötiget ist, die ganze äusserliche Form
tugendhafter Sitten anzunehmen; da man hingegen an Höfen genug getan hat, wenn
man den Lastern, welche des Fürsten Beispiel adelt, oder wodurch seine Absichten
befördert werden, tugendhafte Namen gibt. Allein im Grunde ist es nicht
ekelhafter, einen hüpfenden, schmeichelnden, untertänigen, vergoldeten Schurken
zu eben der Zeit, da er sich vollkommen wohl bewusst ist, nie keine Ehre gehabt
zu haben, oder in diesem Augenblick im Begriff ist, wofern er eine hätte, sie zu
verlieren - - von den Pflichten gegen seine Ehre reden zu hören; als einen
gesetzten, schwerfälligen, gravitätischen Schurken zu sehen, der unter dem
Schutz seiner Nüchternheit, Eingezogenheit und pünctlichen Beobachtung aller
äusserlichen Formalitäten der Religion und der Gesetze, ein unversöhnlicher Feind
aller derjenigen ist, welche anders denken als er, oder nicht zu allen seinen
Absichten helfen wollen, und sich nicht das mindeste Bedenken macht, so bald es
seine Convenienz erfordert, eine gute Sache zu unterdrücken, oder eine böse mit
seinem ganzen Ansehen zu unterstützen. Unparteiisch betrachtet, ist dieser noch
der schlimmere Mann; denn er ist ein eigentlicher Heuchler: Da jener nur ein
Comödiant ist, der nicht verlangt, dass man ihn würklich für das halten solle,
wofür er sich ausgibt; vollkommen zufrieden, wenn die Mitspielenden und
Zuschauer nur dergleichen tun, ohne dass es ihm einfällt sich zu bekümmern, ob es
ihr Ernst sei, oder nicht.
    Agaton hatte nunmehr gute Musse, dergleichen Betrachtungen anzustellen; denn
sein Ansehen und Einfluss nahm zusehends ab. Äusserlich zwar schien alles noch zu
sein, wie es gewesen war. Dionys und der ganze Hof liebkoseten ihm so sehr als
jemals, und die Dame Cleonissa selbst schien es ihrer unwürdig zu halten, ihm
einige Empfindlichkeit zu erkennen zu geben. Aber desto mehr Missvergnügen wurde
ihm durch geheime, schleichende, und indirecte Wege gemacht. Er musste zusehen,
wie nach und nach, unter tausend falschen und nichtswürdigen Vorwänden, seine
besten Anordnungen als schlecht ausgesonnen, überflüssig, oder schädlich, wieder
aufgehoben, oder durch andere unnütze gemacht - - wie die wenigen von seinen
Kreaturen, welche in der Tat Verdienste hatten, entfernt - - wie alle seine
Absichten missdeutet, alle seine Handlungen aus einem willkürlich falschen
Gesichts-Punct beurteilt, und alle seine Vorzüge oder Verdienste lächerrlich
gemacht wurden. Zu eben der Zeit, da man seine Talente und Tugenden erhob,
behandelte man ihn eben so, als ob er nicht das geringste von den einen noch von
den andern hätte. Man behielt zwar noch, aus politischen Absichten (wie man es
zu nennen pflegt) den Schein bei, als ob man nach den nämlichen Grundsätzen
handle, denen er in seiner Staats-Verwaltung gefolget war: In der Tat aber
geschah in jedem vorkommenden Falle gerade das Widerspiel von dem, was er getan
haben würde; und kurz, das Laster herrschte wieder mit so despotischer Gewalt
als jemals.
    Hier wäre es Zeit gewesen, die Clausul gelten zu machen, welche er seinem
Vertrag mit dem Dionys angehängt hatte, und sich zurückzuziehen, da er nicht
mehr zweifeln konnte, dass er am Hofe dieses Prinzen zu nichts mehr nütze war.
Und dieses war auch der Rat, den ihm der einzige von seinen Hoffreunden, der ihm
getreu blieb, der Philosoph Aristippus gab. Du hättest, sagte er ihm in einer
vertraulichen Unterredung über den gegenwärtigen Lauf der Sachen, du hättest
dich entweder niemals mit einem Dionysius einlassen, oder an dem Platz, den du
einmal angenommen hattest, deine moralische Begriffe - oder doch wenigstens
deine Handlungen nach den Umständen bestimmen sollen. Auf diesem Teater der
Verstellung, der Betrügerei, der Intriguen, der Schmeichelei und Verräterei, wo
Tugenden und Pflichten blosse Rechen-Pfenninge, und alle Gesichter Masken sind;
kurz, an einem Hofe, gilt keine andre Regel als die Convenienz, keine andre
Politik, als einen jeden Umstand mit unsern eignen Absichten so gut vereinigen
als man kann. Im übrigen ist es vielleicht eine Frage, ob du so wohl getan hast,
dich um einer an sich wenig bedeutenden Ursache willen mit Dionysen abzuwerfen.
Ich gestehe es, in den Augen eines Philosophen ist die Tänzerin Bacchidion viel
schätzbarer, als diese majestätische Cleonissa, welche mit aller ihrer
Metaphysik und Tugend weder mehr noch weniger als eine falsche, herrschsüchtige
und boshafte Kreatur ist. Bacchidion hat dem Staat keinen Schaden getan, und
Cleonissa wird unendlich viel Böses tun - - Aus dieser Betrachtung (unterbrach
ihn Agaton) habe ich mich für jene und gegen diese erklärt - Und doch war es
leicht vorherzusehen, dass Cleonissa siegen würde, sagte Aristipp - - Aber ein
rechtschaffener Mann, Aristipp, erklärt sich nicht für die Partei, welche siegen
wird, sondern für die, welche Recht, oder doch am wenigsten Unrecht hat - - Mein
lieber Agaton, ein rechtschaffener Mann muss, so bald er an einem Hofe leben
will, sich eines guten Teils von seiner Rechtschaffenheit abtun, um ihn seiner,
Klugheit zu zulegen. Ist es nicht Schade, dass so viel Gutes, das du schon getan
hast, so viel Gutes, das du noch getan haben würdest, bloss darum verloren sein
soll, weil du eine schöne Dame nicht verstehen wolltest, da sie dir's so
deutlich, dass es der ganze Hof (einen einzigen ausgenommen) verstehen konnte, zu
erkennen gab, dass sie schlechterdings - - geliebt sein wollte. Doch dieser
Fehler hätte sich vielleicht wieder gut machen lassen, wenn du nur gefällig
genug gewesen wärest, ihre Absichten auf Dionysen zu befördern. Wolltest du auch
dieses nicht, war es denn nötig ihr entgegen zu sein? Was für Schaden würde
daraus erfolgt sein, wenn du neutral geblieben wärest? Die kleine Bacchidion
würde nicht mehr getanzt haben, und Cleonissa hätte die Ehre gehabt, ihren Platz
einzunehmen, bis er ihrer eben so wohl überdrüssig geworden wäre als so vieler
andrer. Das wäre alles gewesen. Und gesetzt, du hättest auch die Gewalt über ihn
mit ihr teilen müssen; so würdest du ihr wenigstens das Gleichgewicht gehalten,
und noch immer Ansehen genug behalten haben, viel Gutes zu tun. Dem Schein nach
in gutem Vernehmen mit ihr, würde dir dein Platz, und die Vertraulichkeit mit
dem Prinzen tausend Gelegenheiten gegeben haben, sie, so bald ihre
Gunstbezeugungen aufgehört hätten, etwas neues für ihn zu sein, unvermerkt und
mit der besten Art von der Welt wieder auf die Seite zu schaffen - - Aber ich
kenne dich zu gut, Agaton; du bist nicht dazu gemacht dich zu Verstellung,
Ränken und Hofkünsten herabzulassen; dein Herz ist zu edel, und wenn ich es
sagen darf, deine Einbildungs-Kraft zu warm, um dich jemals zu der Art von
Klugheit zu gewöhnen, ohne welche es unmöglich ist, sich lange in der Gunst der
Grossen zu erhalten. Auch kenne ich den Hof nicht, welcher wert wäre, einen
Agaton an seiner Spitze zu haben. Das alles hätte ich dir ungefähr vorher sagen
können, als ich dich überreden half, dich mit Dionysen einzulassen; aber es war
besser durch deine eigne Erfahrung davon überzeugt zu werden. Ziehe dich izt
zurück, ehe das Ungewitter, das ich aufsteigen sehe, über dich ausbrechen kann.
Dionys verdient keinen Freund wie du bist. Wie sehr hättest du dich betrogen,
wenn du jemals geglaubt hättest, dass er dich hochachte! Woher sollte denen von
seiner Art die Fähigkeit dazu kommen? Selbst damals, da er am stärksten für dich
eingenommen war, liebte er dich aus keinem andern Grunde, als warum er seinen
Affen und seine Papagaien liebt - - weil du ihm Kurzweil machtest. Seine Gunst
hätte eben so leicht auf einen andern Neuangekommenen fallen können, der die
Citer noch besser gespielt hätte als du. Nein, Agaton, du bist nicht gemacht,
mit solchen Leuten zu leben, ziehe dich zurück; du hast genug für deine Ehre
getan. Die Torheit der neuen Staats-Verwaltung wird die Weisheit der deinigen am
besten rechtfertigen. Deine Handlungen, deine Tugenden, und ein ganzes Volk,
welches deine Zeiten zurückwünschen, und dein Andenken segnen wird, werden dich
am besten gegen die Verleumdungen und den albernen Tadel eines kleinen Hofes
voll Toren und schelmischer Sclaven verteidigen, deren Hass dir mehr Ehre macht
als ihr Beifall. Du befindest dich in Umständen, in einem unabhängigen
Privatstande mit Würde leben zu können. Deine Freunde zu Tarent werden dich mit
offnen Armen empfangen. Ich wiederhole es, Agaton, verlass einen Fürsten, der
seiner Sclaven, und Sclaven die eines solchen Fürsten wert sind; und denke nun
daran, wie du selbst des Lebens geniessen wollest, nachdem du den Versuch
gemacht, wie schwer, wie gefährlich, und insgemein wie vergeblich es ist, für
andrer Glück zu arbeiten.
    So sprach Aristipp; und Agaton würde wohl getan haben, einem so guten Rate
zu folgen. Aber wie sollte es möglich sein, dass derjenige, welcher selbst eine
Haupt-Rolle in einem Stücke spielt, so gelassen davon urteilen sollte, als ein
blosser Zuschauer? Agaton sah die Sachen aus einem ganz andern Gesichts-Punct.
Er betrachtete sich als einen Mann, der die Verbindlichkeit auf sich genommen
habe, die Wohlfahrt Siciliens zu befördern. Warum kam ich nach Syracus? - -
sagte er zu sich selbst - - und mit welchen Absichten übernahm ich das Amt eines
Freundes und Ratgebers bei diesem Tyrannen? Tat ich es, um ein Sclave seiner
Leidenschaften, oder ein Werkzeug der Tyrannie zu sein? Oder hatte ich einen
grossen und rechtschaffenen Zweck? Würde ich mich jemals mit ihm eingelassen
haben, wenn er mir nicht Hoffnung gemacht hätte, dass die Tugend endlich die
Oberhand über seine Laster erhalten würde? Er hat mich betrogen, und die
Erfahrungen, die ich von seiner Gemüts-Art habe, überzeugen mich, dass er
unverbesserlich ist. Aber würde es edel von mir gehandelt sein, ein Volk, dessen
Wohlfahrt der Endzweck meiner Bemühungen war, ein Volk, welches mich als seinen
Wohltäter ansieht, den Launen dieses weibischen Menschen, und der Raubsucht
seiner Schmeichler und Sclaven Preis zu geben? Was für Pflichten hab' ich gegen
ihn, welche sein undankbares, niederträchtiges Verfahren gegen mich nicht auf
gehoben, und vernichtet hätte? Oder wenn ich noch Pflichten gegen ihn habe; sind
nicht diejenigen unendlichmal heiliger, welche mich an ein Land binden, das
durch meine Wahl, und die Dienste, die ihm ich geleistet habe, mein zweites
Vaterland worden ist? - - Wer ist denn dieser Dionys? Was für ein Recht hat er
an die höchste Gewalt, der er sich anmasst? Wem anders als dem Agaton hat er das
einzige Recht zu danken, worauf er sich mit einigem Schein berufen kann? Seit
wenn ist er aus einem von aller Welt verabscheueten Tyrannen ein König geworden,
als seit dem ich ihm durch eine gerechte und wohltätige Regierung die Liebe des
Volks zugewandt habe? Er liess mich arbeiten; er verbarg seine Laster hinter
meine Tugenden; eignete sich meine Verdienste zu, und genoss die Früchte davon,
der Undankbare! - - und nun, da er sich stark genug glaubt, mich entbehren zu
können, überlässt er sich wieder seinem eigenen Character, und fängt damit an,
alles Gute das ich in seinem Namen getan habe, wieder zu vernichten; gleich als
ob er sich schäme, eine Zeitlang aus seinem Character getreten zu sein, und als
ob er nicht genug eilen könne, die ganze Welt zu belehren, dass es Agaton, nicht
Dionys gewesen sei, der den Sicilianern eine Morgenröte bessrer Zeiten gezeigt,
und Hoffnung gemacht, sich von den Misshandlungen einer Reihe schlimmer Regenten
wieder zu erholen. Was würd' ich also sein, wenn ich sie in solchen Umständen
verlassen wollte, wo sie meiner mehr als jemals benötiget sind? Nein - - Dionys
hat Beweise genug gegeben, dass er unverbesserlich ist, und durch die Nachsicht
gegen seine Laster nur in der lächerlichen Einbildung bestärkt wird, dass man
ihnen Ehrfurcht schuldig sei. Es ist Zeit der Comödie ein Ende zu machen, und
diesem kleinen Teater Könige den Platz anzuweisen, wozu ihn seine persönliche
Eigenschaften bestimmen.
    Unsere Leser sehen aus dieser, Probe der geheimen Gespräche, welche Agaton
mit sich selbst hielt, dass er noch weit davon entfernt ist, sich von diesem
entusiastischen Schwung der Seele Meister gemacht zu haben, der bisher die
Quelle seiner Fehler sowohl als seiner schönsten Taten gewesen ist. Wir haben
keinen Grund in die Aufrichtigkeit dieses Monologen einigen Zweifel zu setzen;
seine Seele war gewohnt, aufrichtig gegen sich selbst zu sein. Wir können also
als gewiss annehmen, dass er zu dem Entschluss, eine Empörung gegen den Dionys zu
erregen, durch eben so tugendhafte Gesinnungen getrieben zu werden glaubte, als
diejenigen waren, welche fünfzehn Jahre später einen der edelsten Sterblichen,
die jemals gelebt haben, den Timoleon von Corint, aufmunterten, die Befreiung
Siciliens zu unternehmen. Allein es ist darum nicht weniger gewiss, dass die
lebhafte Empfindung des persönlichen Unrechts, welches ihm zugefüget wurde, der
Unwille über die Undankbarkeit des Dionys, und der Verdruss sich einer
verachtenswürdigen Buhler-Intrigue aufgeopfert zu sehen, einen grossen Einfluss in
seine gegenwärtige Denkens-Art gehabt, und zur Entzündung dieses heroischen
Feuers, welches in seiner Seele brannte, nicht wenig beigetragen habe. Im Grunde
hatte er keine andre Pflichten gegen die Sicilianer, als welche aus seinem
Vertrag mit dem Dionys entsprangen, und vermöge eben dieses Vertrags auf hörten,
so bald diesem seine Dienste nicht mehr angenehm sein würden. Syracus war nicht
sein Vaterland. Dionys hatte durch die stillschweigende Anerkenntnis der
Erbfolge, kraft deren er nach seines Vaters Tode den Tron bestieg, eine Art von
Recht erlangt. Agaton selbst würde sich nicht in seine Dienste begehen haben,
wenn er ihn nicht für einen rechtmässigen Fürsten gehalten hätte. Die nämlichen
Gründe, welche ihn damals bewogen hatten, die Monarchie der Republik
vorzuziehen, und aus diesem Grunde sich bisher den Absichten des Dion zu
widersetzen, bestunden noch in ihrer ganzen Stärke. Es war sehr ungewiss, ob eine
Empörung gegen den Dionys die Sicilianer würklich in einen glücklichern Stand
setzen, oder ihnen nur einen andern, und vielleicht noch schlimmern Herrn gehen
würde, da sie schon so viele Proben gegeben hatten, dass sie die Freiheit nicht
ertragen könnten. Dionys hatte Macht genug, seine Absetzung schwer zu machen;
und die verderblichen Folgen eines Bürgerkriegs waren die einzigen gewissen
Folgen, welche man von einer so zweifelhaften Unternehmung voraussehen konnte -
- Alle diese Betrachtungen würden kein geringes Gewicht auf der Waagschale einer
kalten unparteiischen Überlegung gemacht, und vermutlich den entgegenstehenden
Gründen das Gleichgewicht gehalten haben. Aber Agaton war weder kalt noch
unparteiisch; er war ein Mensch. Seine Eigenliebe war an ihrem empfindlichsten
Teil verletzt worden. Der Affect, in welchen er dadurch gesetzt werden musste,
gab allen Gegenständen, die er vor sich hatte, eine andre Farbe. Dionys, dessen
Laster er ehmals mit freundschaftlichen Augen als Schwachheiten betrachtet
hatte, stellte sich ihm izt in der hässlichen Gestalt eines Tyrannen dar. Je
besser er vorhin von Philistus gedacht hatte, desto abscheulicher fand er izt
seinen Character, nachdem er ihn einmal falsch und niederträchtig gefunden
hatte; es war nichts so schlimm und schändlich, das er einem solchen Manne nicht
zutraute. Die reizenden Bilder, welche er sich von der Glückseligkeit Siciliens
unter seiner Verwaltung gemacht hatte, erhielten durch den Unmut, sie vor seinen
Augen vernichten zu sehen, eine desto grössere Gewalt über seine
Einbildungs-Kraft. Es war ihm unerträglich, Leute, welche nur darum seine Feinde
waren, weil sie Feinde alles Guten, Feinde der Tugend und der öffentlichen
Wohlfahrt waren, einen solchen Sieg davontragen zu lassen. Er hielt es für eine
allgemeine Pflicht, sich den Unternehmungen der Bösen zu widersetzen, und die
Stelle, welche er beinahe zwei Jahre lang in Sicilien behauptet hatte, machte
(wie er glaubte) seinen Beruf zur besondern Ausübung dieser Pflicht in
gegenwärtigem Falle unzweifelhaft. Diese Betrachtungen hatten, ausser ihrer
eigentümlichen Stärke, noch sein Herz und seine Einbildungs- Kraft auf ihrer
Seite; und mussten also notwendig alles überwägen, was die Klugheit dagegen
einwenden konnte.
    Sobald Agaton seinen Entschluss genommen hatte, so arbeitete er an der
Ausführung desselben. Dion, welcher sich damals zu Aten befand, hatte einen
beträchtlichen Anhang in Sicilien, durch welchen er bisher alle mögliche
Bewegungen gemacht hatte, seine Zurückberufung von dem Prinzen zu erhalten. Er
hatte sich deshalben vorzüglich an den Agaton gewandt, so bald ihm berichtet
worden war, in welchem Ansehen er bei Dionysen stehe. Aber Agaton dachte damals
nicht so gut vor dem Character Dions als die Academie zu Aten. Eine Tugend,
welche mit Stolz, Unbiegsamkeit und Austerität vermischt war, schien ihm, wo
nicht verdächtig, doch wenig liebenswürdig; er besorgte mit einiger
Wahrscheinlichkeit, dass die Gemüts- Art dieses Prinzen ihn niemals ruhig lassen,
und dass er, ungeachtet seiner republicanischen Grundsätze, eben so ungelehrig
sein würde, das höchste Ansehen im Staat mit jemand zu teilen, als ohne Ansehen
zu leben. Er hatte also, anstatt seine Zurückberufung bei dem Dionys zu
befördern, diesen der äussersten Abneigung, die er davor zeigte, überlassen, und
sich durch diese Aufführung einiges Missvergnügen von Seiten der Freunde Dions
zugezogen, welche es ihm eben so übel nahmen, dass er nichts für diesen Prinzen
tat, als ob er gegen ihn agiert hätte. Allein seitdem seine eigene Erfahrung das
schlimmste, was Dionysens Feinde von ihm denken konnten, rechtfertigte, hatte
sich auch seine Gesinnung gegen den Dion gänzlich umgewandt. Dieser Prinz,
welcher unstreitig grosse Eigenschaften besass, stellte sich ihm izt unter dem
Bilde eines rechtschaffenen Mannes dar, in welchem der langwierige Anblick des
gemeine Elendes unter einer heillosen Regierung, und die immer vergebliche
Bemühung, dem reissenden Strom der Verderbnis entgegen zu arbeiten, einen
anhaltenden gerechten Unmut erregt hat, der ungeachtet des Scheins einer
gallsüchtigen Melancholie, im Grunde die Frucht der edelsten Menschenliebe ist.
Er beschloss also, mit ihm gemeine Sache zu machen. Er entdeckte sich den
Freunden Dions, welche, erfreut über den Beitritt eines Mannes, der durch seine
Talente und seine Gunst beim Volke ihrer Partei das Übergewicht zu geben
vermögend war, ihm hinwieder die ganze Beschaffenheit der Angelegenheiten Dions,
die Anzahl seiner Freunde, und die geheimen Anstalten entdeckten, welche in
Erwartung irgend eines günstigen Zufalls, bereits zu seiner Zurückkunft nach
Sicilien gemacht worden waren: Und so wurde Agaton in kurzer Zeit aus einem
Freund und ersten Minister des Dionys, das Haupt einer Conspiration gegen ihn,
an welcher alle diejenigen Anteil nahmen, die aus edlern oder eigennützigern
Bewegursachen, mit der gegenwärtigen Verfassung unzufrieden waren. Agaton
entwarf einen Plan, wie die ganze Sache geführt werden sollte; und dieses setzte
ihn in einen geheimen Briefwechsel mit Dion. Wodurch die bessere Meinung, welche
einer von dem andern zu fassen angefangen hatte, immer mehr befestiget wurde.
Der Hof, in Lustbarkeiten und ein wollüstiges Vergessen aller Gefahren
versunken, begünstigte den Fortgang der Conspiration durch eine Sorglosigkeit,
welche so wenig natürlich schien, dass die Zusammenverschwornen dadurch
beunruhiget wurden. Sie verdoppelten ihre Wachsamkeit, und (was bei
Unternehmungen von dieser Art am meisten zu bewundern, und dennoch sehr
gewöhnlich ist) ungeachtet der grossen Anzahl derjenigen, die um das Geheimnis
wussten, blieb alles so verschwiegen, dass dem Ansehen nach niemand auf einigen
Argwohn verfallen wäre, wenn nicht auf der einen Seite die Unwahrscheinlichkeit
dass Agaton seinen Fall würklich so gleichgültig ansehen könne als er es zu tun
schien; und auf der andern die Nachrichten, welche von den nicht sehr geheimen
Zurüstungen des Dion eingingen, den von Natur misstrauischen Philistus endlich
aufmerksam gemacht hätten. Von diesem Augenblick an wurde Agaton und alle
diejenige, welche als Freunde Dions bekannt waren, von tausend unsichtbaren
Augen aufs schärfste beobachtet; und es glückte endlich dem Philist, sich eines
Sclaven zu bemächtigen, der mit Briefen an Agaton von Aten gekommen war. Aus
diesen Briefen, welche die Ursachen entielten, warum Dion die vorhabende
Landung in Sicilien nicht sobald, als es unter ihnen verabredet gewesen,
ausführen könne, erhellete zwar deutlich, dass Agaton und die übrigen Freunde
Dions an der eigenmächtigen Wiederkunft desselben Anteil hätten; aber von einem
Anschlag gegen die gegenwärtige Regierung und die Person des Dionys, war ausser
einigen unbestimmten Ausdrücken, welche ein Geheimnis zu verbergen scheinen
konnten, nichts darin entalten. Man kann sich die Bewegung vorstellen, welche
diese Entdeckung in dem Cabinet des Dionys verursachte. Man war sich Ursachen
genug bewusst, das ärgste zu besorgen; aber eben darum hielt Philistus für
ratsamer, die Sache als ein Staats-Geheimnis zu behandeln. Agaton wurde, unter
dem Vorwande verschiedener Staats-Verbrechen in Verhaft genommen, ohne dass dem
Publico etwas bestimmtes, am allerwenigsten aber die wahre Ursache, bekannt
wurde. Man fand für besser, die Partei des Dion, (welche man sich aus Panischem
Schrecken grösser vorstellte als sie vürklich war) in Verlegenheit zu setzen, als
zur Verzweiflung zu treiben; und gewann indessen, dass man sich begnügt sie aufs
genaueste zu beobachten, Zeit, sich gegen einen feindlichen Überfall in gehörige
Verfassung zu setzen.
    Wir sind es schon gewohnt, unsern Helden niemals grösser zu sehen als im
widrigen Glücke. Auf das ärgste gefasst, was er von seinen Feinden erwarten
konnte, setzte er sich vor, ihnen den Triumph nicht zu gewähren, den Agaton zu
etwas das seiner unwürdig wäre, erniedriget zu haben. Er weigerte sich
schlechterdings, dem Philistus und Timocrates, welche zu Untersuchung seiner
angeblichen Verbrechen ernannt waren, Antwort zu geben. Er verlangte von dem
Prinzen selbst gehört zu werden, und berief sich deshalb auf den Vertrag, der
zwischen ihnen errichtet worden war. Aber Dionys hatte den Mut nicht, eine
geheime Unterredung mit seinem ehmaligen Günstling auszuhalten. Man versuchte
es, seine Standhaftigkeit durch eine harte Begegnung und Drohungen zu
erschüttern; und die schöne Cleonissa würde ihre Stimme zu dem strengesten
Urteil gegeben haben, wenn die Furchtsamkeit des Tyrannen, und die Klugheit
seines Ministers gestattet hätten, ihren Eingebungen zu folgen. Sie musste sich
also durch die Hoffnung zufrieden stellen lassen, die man ihr machte, ihn,
sobald man sich den Dion, auf eine oder die andere Art, vom Halse geschafft
haben würde zu einem öffentlichen Opfer ihrer Rache-dürstenden Tugend zu machen.
    Inzwischen stunden die Freunde Agatons seinetwegen in desto grössern Sorgen,
da sie seinen Feinden Bosheit genug zutrauten, dem Tyrannen das ärgste gegen ihn
einzugeben; und diesem Schwachheit genug, sich von ihnen verführen zu lassen.
Denn das Unvermögen ihren Lieblingen zu widerstehen, macht öfters wollüstige
Fürsten, wider ihre natürliche Neigung, grausam. Sie wendeten also unter der
Hand alles an, was ohne einen Aufstand zu wagen, dessen Erfolg allzu unsicher
gewesen wäre, die Rettung Agatons befördern konnte. Dion gab bei dieser
Gelegenheit eine Probe seiner Grossmut, indem er durch ein freundschaftliches
Schreiben an Dionysen sich verbindlich machte, seine Kriegs-Völker wieder
abzudanken, und seine Zurückberufung als eine blosse Gnade von dem guten Willen
seines Prinzen zu erwarten, in so fern Agaton freigesprochen würde, dessen
einziges Verbrechen darin bestehe, dass er sich für seine Zurückkunft in sein
Vaterland interessiert habe. So edel dieser Schritt war, und so wohlfeil dem
Dionys dadurch die Aussöhnung mit dem Dion angetragen wurde; so würde er doch
dem Agaton wenig geholfen haben, wenn seine italiänischen Freunde nicht geeilet
hätten, dem Tyrannen einen noch dringendern Beweggrund vorzulegen. Aber zu eben
dieser Zeit langten Gesandte von Tarent an, um im Namen des Archytas, welcher
alles in dieser Republik vermochte, die Freilassung seines Freundes zu bewürken,
und im Notfall zu erklären, dass diese Republik sich genötiget sehen würde, die
Partei Dions mit ihrer ganzen Macht zu unterstützen, wofern Dionys sich länger
weigern wollte, diesem Prinzen sowohl als Agaton vollkommne Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen. Dionys kannte den Character des Archytas zu gut, um an
dem Ernst dieser Drohung zweifeln zu können. Er hoffte sich also am besten aus
der Sache zu ziehen wenn er unter der Versicherung, dass er von einer Aussöhnung
mit seinem Schwager nicht abgeneigt sei, in die Entlassung Agatons einwilligte.
Aber dieser erklärte sich, dass er seine Entlassung weder als eine Gnade von dem
Dionys annehmen, noch der Fürbitte seiner Freunde zu danken haben wolle. Er
verlangte, dass die Verbrechen, um derentwillen er in Verhaft genommen worden,
öffentlich angezeigt, und in Gegenwart des Dionys, der Gesandten von Tarent und
der Vornehmsten zu Syracus, untersucht, seine Rechtfertigung gehört, und sein
Urteil nach den Gesetzen ausgesprochen werden sollte. Da er sich bewusst war, dass
ausser seinen neuerlichen Verbindungen mit dem Dion, welche leicht zu
rechtfertigen waren, seine boshaftesten Hässer nichts mit einigem Schein der
Wahrheit gegen ihn aufbringen könnten; so hatte er gut auf eine so feierliche
Untersuchung zu dringen. Aber dazu konnten es die Cleonissen und die Philiste,
und der Tyrann selbst, der bei allem diesem sehr verlegen war, nicht kommen
lassen; und da die Tarentiner ihnen keine Zeit lassen wollten, die Sache in die
Länge zu ziehen; so sah Dionys sich endlich genötiget, öffentlich zu erklären:
Dass eine starke Vermutung, als ob Agaton sich in eine Conspiration gegen ihn
habe verwickeln lassen, die einzige Ursache seines Verhafts gewesen sei; und dass
er keinen Augenblick anstehen wolle, ihm seine Freiheit wiederzugeben, sobald er
sich, unter Verbürgung der Tarentiner, durch ein feirliches Versprechen, auf
keinerlei Weise künftighin gegen Dionysen etwas zu unternehmen, sich von diesem
Verdacht am besten gereiniget haben werde. Die Bereitwilligkeit, womit die
Gesandten von Tarent sich diesen Antrag gefallen liessen, bewies, dass es dem
Archytas allein um die Befreiung Agatons zu tun war; und wir werden vielleicht
in der Folge den Grund entdecken, warum dieses Haupt einer in diese Sache nicht
unmittelbar verwickelten Republik, sich dieses Puncts mit so ausserordentlichem
Eifer annahm. Aber Agaton, der seine Freiheit keinem unedeln Schritt zu danken
haben wollte, konnte lange nicht überredet werden, eine Erklärung von sich zu
geben, welche als eine Art von Geständnis angesehen werden konnte, dass er die
Partei, die er genommen hatte, verleugne. Doch diese in Ansehung seiner
Umstände, in der Tat allzuspitzfündige Delicatesse musste endlich der
gründlichern Betrachtung weichen, dass er durch Ausschlagung eines so billig
scheinenden Verglichs sich selbst in Gefahr setzen würde, ohne dass seiner Partei
einiger Vorteil dadurch zuginge; indem Dionys viel eher einwilligen würde, ihn
in der Stille aus dem Wege räumen zu lassen, als zu zugeben, dass er mit soviel
neuen Reizungen zur Rache die Freiheit bekommen sollte, der Faction des Dions
wieder neues Leben einzuhauchen, und sich mit diesem Prinzen zu seinem Untergang
zu vereinigen. Die reizenden Schilderungen, so ihm die Tarentiner von dem
glücklichen Leben machten, welches in dem ruhigen Schosse ihres Vaterlandes, und
in der Gesellschaft seiner Freunde auf ihn warte, vollendete die Würkung, welche
natürlicher Weise der gewaltsame Zustand von Unruhe, Sorgen und heftigen
Leidenschaften, worin er einige Zeit her gelebt hatte, auf ein Gemüte wie das
seinige machen musste; und gaben ihm zu gleicher Zeit den ganzen Abscheu vor dem
geschäftigen Leben, welchen er nach seiner Verbannung von Aten dagegen gefasst,
und den ganzen Hang, welchen er zu Delphi für das Contemplative gehabt hatte
wieder. Er bequemte sich also endlich, einen Schritt zu tun, der ihm von den
Freunden Dions für eine feigherzige Verlassung der guten Sache ausgelegt wurde;
in der Tat aber das einzige war, was ihm in den Umständen, worin er sich befand,
vernünftiger Weise zu tun übrig blieb. Wie viel dunkle Stunden würde er sich
selbst, und wie viele Sorgen und Mühe seinen Freunden erspart haben, wenn er dem
Rate des weisen Aristippus ein paar Monate früher gefolget hätte!
    Einer von den zuverlässigsten und seltensten Beweisen der Tugend eines
ersten Ministers ist, wenn er armer oder doch wenigstens nicht reicher in seine
einsame Hütte zurückkehrt, als er gewesen war, da er auf den Schauplatz des
öffentlichen Lebens versetzt wurde. Die Epaminondas, die Walsinghams, die More,
und Tessins sind freilich zu allen Zeiten selten; aber wenn etwas, welches den
verstocktesten Tugend-Leugner, einen Hippias selbst, zwingen muss, die
Würklichkeit der Tugend zu gestehen, und auch wider seinen Willen ihre
Göttlichkeit zu erkennen: So sind es die Beispiele solcher Männer. Der Himmel
verhüte, dass ich die Hippiasse jemals einer andern Widerlegung würdigen sollte!
Sie mögen nach Aekerö reisen! Und wenn sie den einzigen Anblick unter dem
Himmel, auf welchen (nach dem Ausdruck eines weisen Alten) die Gotteit selbst
mit Vergnügen herabsieht, wenn sie den ehrwürdigen Greis gesehen haben, der
daselbst, zufrieden mit der edeln beneidenswürdigen Armut des Fabricius und
Cincinnatus, doch zu tugendhaft um stolz darauf zu sein, die einzige Belohnung
eines langen, ruhmwürdigen, Gott, seinem Könige und seinem Vaterland
aufgeopferten Lebens in dem stillen Bewusstsein seiner Selbst, und (so oft er
seinen Telemach erblickt) in der Hoffnung, nicht ganz umsonst gearbeitet zu
haben, findet - - und, vergessen, vielleicht so gar verfolgt von einer
undankbaren Zeit, sich ruhig in seine Tugend und den Glauben einer bessern
Unsterblichkeit einhüllt - - wenn sie ihn gesehen haben, diesen wahrhaftig
grossen Mann, und dieser Anblick nicht zu wege bringt, was alle Discurse der
Platonen und Seneca nicht vermocht haben - - Nun, so mögen sie glauben was sie
wollen, und, tun, was sie ungestraft tun können; sie verdienen eben so wenig
Widerlegung, als ihre Besserung möglich ist - - Und du, ruhmvoller und
liebenswürdiger alter Mann, empfange dieses wie wohl allzuvergängliche Denkmal
von einem, dessen Feder niemals durch feiles, oder gewinnsüchtiges Lob der
Grossen dieser Welt entweiht worden ist - - Ich habe keine Belohnung, keinen
Vorteil von dir zu hoffen - - du wirst dieses niemals lesen - - Meine Absicht
ist rein, wie deine Tugend - empfange schwache Merkmal einer aufrichtigen
Hochachtung von einem, der wenig Hochachtungswürdiges unter der Sonne sieht - -
diese, und die Dankbarkeit für die stillen Tränen der Entzückung, die ihm (in
einem Alter, wo seine Augen zu dieser reinsten Wollust der Menschlichkeit noch
nicht versieget waren) das Lesen deiner Tugend-atmenden Briefe aus den Augen
lockte - - diese Empfindungen allein haben ihn bei dieser Gelegenheit
dahingerissen - - er hat sich nicht entschliessen können, seinem Herzen Gewalt
anzutun - - und bittet niemand, der dieses Buch lesen wird, wegen dieser
Abschweifung um Verzeihung.
    Agaton hatte über den Sorgen für die Wohlfahrt Siciliens, und über der
Bemühung andre glücklich zu machen, sich selbst so vollkommen vergessen, dass er
nicht reicher aus Syracus gegangen wäre, als er gewesen war, da er Delphi
verliess, oder da er aus Aten verbannt wurde; wenn ihm nicht zu gutem Glücke,
bald nach seiner Erhebung zu einer Würde, welche ihm allen in Griechischen
Staaten kein geringes Ansehen gab, ein Teil seines väterlichen Vermögens wieder
zugefallen wäre. Die Atenienser waren damals eben zu gewissen
Handlungs-Absichten der Freundschaft des Königs Dionys benötiget; und fanden
daher für gut, ehe sie sich um die Vermittlung Agatons bewarben, ihm durch ihre
Abgesandte ein Dekret überreichen zu lassen, kraft dessen nicht nur sein
Verbannungs-Urteil aufgehoben, sondern auch der ganze Prozess, wodurch er ehmals
seines väterlichen Erbguts beraubt worden war, cassiert, und der unrechtmässige
Inhaber desselben verurteilt wurde, ihm alles unverzüglich wieder abzutreten.
Agaton hatte zwar grossmütiger Weise nur die Hälfte davon angenommen; und diese
war nicht so beträchtlich, dass sie für die Bedürfnisse eines Alcibiades oder
Hippias zureichend gewesen wäre: Aber es war noch immer mehr, als ein Weiser
selbst von der Secte des Aristippus, nötig hätte, um frei, gemächlich und
angenehm zu leben; soviel war für einen Agaton genug.
    Unser Held verweilte sich, nach dem er wieder in Freiheit war, nicht längere
Zeit zu Syracus, als er gebrauchte, sich von seinen Freunden zu beurlauben.
Dionys, welcher (wie wir wissen) den Ehrgeiz hatte, alles mit guter Art tun zu
wollen, verlangte, dass er in Gegenwart seines ganzen Hofes Abschied von ihm
nehmen sollte. Er überhäufte ihn, bei dieser Gelegenheit, mit Lobsprüchen und
Liebkosungen, und glaubte, einen sehr feinen Staatsmann zu machen, indem er sich
stellte, als ob er ungern in seine Entlassung einwilligte, und als ob sie als
die besten Freunde von einander schieden. Agaton hatte die Gefälligkeit, diesen
letzten Auftritt der Comödie mitspielen zu helfen; und so entfernte er sich, in
Gesellschaft der Gesandten von Tarent, von jedermann beurteilt, von vielen
getadelt, und von den wenigsten, selbst unter denen, welche günstig von ihm
dachten, gekannt, aber von allen Rechtschaffenen vermisst und oft zurückgeseufzt,
aus einer Stadt und aus einem Lande, worin er das Vergnügen hatte, viele
Denkmäler seiner ruhmwürdigen Administration zu hinterlassen; und aus welchem er
nichts mit sich hinausnahm, als eine Reihe von Erfahrungen, welche ihn in dem
Entschluss bestärkten - - keine andre von dieser Art mehr zu machen.
 
                                Viertes Capitel
                             Nachricht an den Leser
Dank sei (so ruft hier der Autor des griechischen Manuscripts, als einer, dem es
auf einmal ums Herz leichter wird, aus) Dank sei den Göttern, dass wir unsern
Helden aus dem gefährlichsten aller schlimmen Orte, wohin ein ehrlicher Mann
verirren kann, unversehrt, und was beinahe unglaublich ist, mit seiner ganzen
Tugend davon gebracht haben! Er hat allerdings von Glück zu sagen, fährt das
Manuscript fort; aber - - beim Hund (dem grossen Schwur des weisen Socrates) was
hatte er auch an einem Hofe zutun? Er, der sich weder zu einem Sclaven, noch zu
einem Schmeichler, noch zu einem Narren geboren fühlte, was wollte er am Hofe
eines Dionysius machen? - - Was für ein Einfall - und wenn ist jemals ein
solcher Einfall in das Gehirn eines klugen Menschen gekommen? - - einen
lasterhaften Prinzen tugendhaft zu machen! - - Oder welcher rechtschaffene Mann,
der einen Fond von gesunder Vernunft und gutem Willen in sich gefühlt, ist
jemals damit an einen Hof gegangen, wenn er im Sinne hatte, von dem einen oder
dem andern Gebrauch zu machen? - - Man muss gestehen, es ist eine ganz hübsche
Sache um den Entusiasmus - - - - eines Lycurgus, der aus einem Monarchen ein
Bürger wird, um sein Vaterland glücklicher zu machen - - oder eines Leonidas,
der mit dreihundert eben so entschlossenen Männern als er selbst, sich dem Tode
weiht, um eben so vielen Myriaden von Bartaren den Mut, mit Griechen zu fechten,
zu benehmen. Doch so gross, so schön diese Taten sind; so sind sie durch die
Kräfte der Natur möglich, und diejenige, welche sie unternahmen, konnten sich
versprechen, dass sie ihre Absichten erreichen würden. Aber wenn hat man jemals
gehört, dass ein Mensch, oder ein Held, der Sohn einer Göttin, oder eines Gottes,
oder ein Gott selbst, dasjenige zu Stande gebracht hätte, was Agaton unternahm,
da er mit der Citer in der Hand sich überreden liess, der Mentor eines Dionys zu
werden.
    Auf diesen humoristischen Eingang, womit unser Autor dieses Capitel beginnt,
folget eine lange, und wie es scheint, ein wenig milzsüchtige Declamation gegen
diejenige Classe der Sterblichen, welche man grosse Herren nennt; mit
verschiedenen Digressionen über die Maitressen - - über die Jagdhunde - und über
die Ursachen, warum es für einen ersten Minister gefährlich sei, zuviel Genie,
zuviel Uneigennützigkeit, und zuviel Freundschaft für seinen Herrn zu haben - -
So viel man sehen kann, ist dieses Capitel eines von den merkwürdigsten, und
sonderbarsten in dem ganzen Werke. Aber unglücklicher Weise befindet sich das
Manuscript an diesem Ort halb von Ratten aufgegessen; und die andre Hälfte ist
durch Feuchtigkeit so übel zugerichtet worden, dass es leichter wäre, aus den
Blätter der Cumäischen Sibylle, als aus den Bruchstücken von Wörtern, Sätzen und
Perioden, welche noch übrig sind, etwas Zusammenhängendes herauszubringen. Wir
gestehen, dass uns dieser Verlust so nahe geht, dass wir uns eher der sinnreichen
Ergänzungen, welche Herr Naudot zum Petronius in seinem Kopfe gefunden hat, oder
der sämtlichen Werke des Ehrwürdigen Paters *** beraubt wissen wollten. Indessen
ist doch dieser Verlust in Absicht des Lobes der grossen Herren um so leichter zu
ertragen, da wir über den weiten Umfang der Einsichten, die Grösse der Seelen,
die edlen Gesinnungen und den guten Geschmack, welcher ordentlicher Weise die
grossen Herren von den übrigen Erden-Söhnen zu unterscheiden pflegt, in dem
besten und schlimmsten Buche (je nachdem es Leser bekommt; welches wir übrigens
ganz unpräjudicierlich und niemand zu Leide gesagt haben wollen) das in unserm
Jahrhundert zur Welt gekommen ist, in dem Buche des Herrn Helvetius, alles
gesagt finden, was sich über einen so reichen und edeln Stoff nur immer sagen
lässt. Eine gleiche Bewandtnis hat es mit der Digression über die Maitressen, und
über die Jagdhunde; über welche Materien der geneigte Leser in des Grafen Anton
Hamiltons Beiträgen zur Histoire amoureuse des Hofes Carls des zweiten von
England, und in den bewundernswürdigen Schriften eines gewissen neuern
Staatsmannes (den wir seiner Bescheidenheit zu schonen, nicht nennen wollen)
mehr als hinlängliche Auskunft finden kann. Aber den Verlust der dritten
Digression bedauern wir von Herzen, indem, (nach der Versicherung eines der
grössesten Bücher-Kenner von Europa) dermalen noch kein Buch in der Welt ist, in
welchem diese interessante und ziemlich verwickelte Materie recht
auseinandergesetzt und gründlich ausgeführt wäre. Zum Unglück ist dieses Capitel
eben an diesem Ort am mangelhaftesten. Doch lässt sich aus einigen Worten, welche
zum Schlusse dieser Digression zu gehören scheinen, abnehmen, dass der Verfasser
neun und dreissig Ursachen angegeben habe; und wir gestehen, dass wir begierig
wären, diese neun und dreissig Ursachen zu wissen.
 
                                Fünftes Capitel
                       Moralischer Zustand unsers Helden
Der Autor der alten Handschrift, aus welcher wir den grössesten Teil dieser
Geschichte gezogen zu haben gestehen, triumphiert, wie man gesehen hat, darüber,
dass er seinen Helden mit seiner ganzen Tugend von einem Hofe hinweggebracht
habe. Es würde allerdings etwas sein, dass einem Wunder ganz nahe käme, wenn es
sich würklich so verhielte; aber wir besorgen, dass er mehr gesagt habe, als er
der Schärfe nach zu beweisen im Stande wäre. Wenn es nicht etwan moralische
Amulete gibt, welche der ansteckenden Beschaffenheit der Hofluft auf eben die
Art widerstehen, wie der Krötenstein dem Gift, so deucht uns ein wenig
unbegreiflich, dass das Getümmel des beschäftigten Lebens, die schädlichen Dünste
der Schmeichelei, welche ein Günstling, er wolle oder wolle nicht, unaufhörlich
einsaugt - - die Notwendigkeit, von den Forderungen der Weisheit und Tugend
immer etwas nachzulassen, um nicht alles zu verlieren - - und was noch
schädlicher als dieses alles ist, die unzählichen Zerstreuungen, wodurch die
Seele aus sich selbst herausgezogen wird, und über der Aufmerksamkeit auf eine
Menge kleiner vorbeirauschender Gegenstände, die Aufmerksamkeit auf sich selbst
verliert - - nicht einige nachteilige Einflüsse in den Character seines Geistes
und Herzens gehabt haben sollten. Indessen müssen wir gestehen, dass es ihm
hierin eben so erging, wie es, vermöge der täglichen Erfahrung, allen andern
Sterblichen zu gehen pflegt. Er wurde diese eben so unmerkliche als unleugbare
Einflüsse, und die Veränderungen, welche sie verstohlner Weise in seiner Seele
verursacheten, eben so wenig gewahr, als ein gesunder Mensch die geheimen und
schleichenden Zerrüttungen empfindet, welche die Unbeständigkeit der Witterung,
die kleinen Unordnungen in der Lebensart, die heterogene Beschaffenheit der
Nahrungr Leidenschaften, stündlich in seiner Maschine verursachen. Die
Veränderungen, die in unsrer innerlichen Verfassung vorgehen, müssen
beträchtlich sein, wenn sie in die Augen fallen sollen; und wir fangen
gemeiniglich nicht eher an, sie deutlich wahrzunehmen, bis wir uns genötigt
finden, zu stutzen, und uns selbst zu fragen, ob wir noch eben dieselbe Person
seien, die wir waren? Aus diesem Grunde geschah es vermutlich, dass Agaton die
Progressen, welche die schon zu Smyrna angefangene Revolution in seiner Seele
während seinem Aufentalt zu Syracus machte, ohne das mindeste Misstrauen in sie
zu setzen, ganz allein den neuen oder bestätigten Erfahrungen zuschrieb, welche
er in dieser ausgebreiteten Sphäre zu machen, so viele Gelegenheiten hatte.
    Es ist unstreitig einer der grössesten Vorteile, wo nicht der einzige, den
ein denkender Mensch aus dem Leben in der grossen Welt mit sich nimmt, wofern es
ihm jemals so gut wird, sich wieder aus derselben herauswinden zu können - - dass
er die Menschen darin kennen gelernt hat. Es lässt sich zwar gegen diese Art von
Kenntnis der Menschen, aus guten Gründen eben so viel einwenden, als gegen
diejenige, welche man aus der Geschichte, und den Schriften der Dichter,
Sittenlehrer, Satyristen und Romanenmacher zieht - - oder gegen irgend eine
andere: Aber man muss hingegen auch gestehen, dass sie wenigstens eben so
zuverlässig ist, als irgend eine andre; ja dass sie es noch in einem höhern Grade
ist, wenn anders das Subject, bei dem sie sich befindet, mit allen den
Eigenschaften versehen ist, die zu einem Beobachter erfordert werden. Denn
freilich kann nichts lächerlicher sein als ein Geck, der nachdem er zehn oder
fünfzehn Jahre seine Figur durch alle Länder und Höfe der Welt herumgeführt,
etliche Dutzend zweideutige Tugenden besiegt, und eben so viel schale Histörchen
oder verdächtige Beiträge zur Chronique scandaleuse eines jeden Ortes, wo er
gewesen ist, zusammengebracht hat, mit deren Hülfe er zween oder drei Tage eine
Tischgesellschaft lachen oder gähnen machen kann - - sich selbst mit dem Besitz
einer vollkommenen Kenntnis der Welt und der Menschen schmeichelt, und
denjenigen mit dummem Hohnlächeln von der Seite ansieht, der vermöge einer
vieljährigen tiefen Erforschung der menschlichen Natur, gelegenheitlich von
Charactern und Sitten urteilt, ohne die sieben Türme gesehen, oder der
Vermählung des Doge von Venedig mit dem adriatischen Meer beigewohnt zu haben.
Wir wissen nicht, wie gross ungefähr die Anzahl der so genannten Welt-Leute sein
mag, die in diese Classe gehören: Aber das scheint uns gewiss zu sein, dass ein
Mann von Genie und aufgeklärtem Verstande (denn die blosse Empirie reicht hier so
wenig zu, als in irgend einer andern practischen Wissenschaft) durch das Leben
in der grossen Welt, (in so fern wir dieses Wort in seiner echten Bedeutung
nehmen) durch die Verhältnisse, worin er an einem beträchtlichen Platze mit
allen Arten von Ständen und Charactern kömmt, durch die häufigen Gelegenheiten
die er hat, diejenige so er beobachtet, unter allerlei Umständen, mit und ohne
Maske zu sehen, sie auf allerlei Proben zu setzen, und so wohl durch den
Gebrauch, den man von ihnen macht, als den sie von andern zu machen suchen, ihre
herrschenden Neigungen und geheime Springfedern ausfündig zu machen - - dass er
dadurch zu einer unmittelbarern, ausgebreitetern und richtigern Kenntnis der
Menschen gelangt, als andre, welche ihre Teorie lediglich den
Geschichtschreibern, Metaphysikern und Moralisten (drei sehr wenig zuverlässigen
Gattungen von Lehrern) zu danken - - oder welche ihre Beobachtungen nur in dem
Microcosmus ihres eigenen Selbst angestellt haben.
    Es ist oben schon bemerkt worden, dass Agaton bei seinem Auftritt auf dem
Schauplatz, von dem er nun wieder abgetreten ist, lange nicht mehr so erhaben
und idealisch von der menschlichen Natur dachte, als zu Delphi; denn es macht
einen beträchtlichen Unterschied, ob man unter Bildsäulen von Göttern und
Helden, oder unter Menschen lebt; aber nachdem er die Beobachtungen, die er zu
Aten und Smyrna schon gesammelt, noch durch die nähere Bekanntschaft mit den
Grossen, und mit den Hofleuten bereichert hatte, sank seine Meinung von der
angebornen Schönheit und Würde dieser menschlichen Natur, von Grade zu Grade so
tief, dass er zuweilen in Versuchung geriet, gegen die Stimme seines Herzens
(welche eben so wohl, dachte er, die Stimme der Eigenliebe oder des
Vorurteilssein könnte,) alles was der göttliche Plato erhabenes und herrliches
davon gesagt und geschrieben hatte, für Märchen aus einer andern Welt zu halten.
Unvermerkt kamen ihm die Begriffe, welche sich Hippias davon machte, nicht mehr
so ungeheuer vor, als damals, da er sich in den Garten dieses wollüstigen Weisen
in den Mondschein hinsetzte, und Betrachtungen über den Zustand der entkörperten
Geister anstellte. Endlich kam es gar so weit, dass ihm diese Begriffe
wahrscheinlich genug deuchten, um sich vorstellen zu können, wie Leute, die in
ihrem eigenen Herzen nichts fanden, das ihnen eine edlere Meinung von ihrer
Natur zu geben geschickt wäre, durch einen langen Umgang mit der Welt dazu
gelangen könnten, sich gänzlich von der Wahrheit desselben zu überreden.
    Soweit hätte Agaton gehen können, ohne die Grenzen der weisen Mässigung zu
überschreiten, welche uns in unsern Urteilen über diesen wichtigen Gegenstand,
und alles was sich auf ihn bezieht, langsam und zurückhaltend machen sollen.
Aber in Stunden, da der Unmut seine schönsten Hoffnungen durch die Torheit oder
Bosheit derjenigen mit denen er leben musste, vor seinen Augen vernichten zu
sehen, eine mehr als gewöhnliche Verdüsterung in seiner Seele verursachte, ging
er noch um einen Schritt weiter. Nein, sagte er dann zu sich selbst, die
Menschen sind nicht wofür ich sie hielt, da ich sie nach mir selbst, und mich
selbst nach den jugendlichen Empfindungen eines gefühlvollen Herzens, und nach
einer noch ungeprüften Unschuld beurteilte. Meine Erfahrungen rechtfertigen das
Schlimmste, was Hippias von ihnen sagte; und wenn sie nichts bessers sind, was
für Ursache habe ich, mich darüber zu beschweren, dass sie sich nicht nach
Grundsätzen behandeln lassen, die in keinem Ebenmass mit ihrer Natur stehen? An
mir war der Fehler, an mir, der einen Mercur aus einem knotichten Feigenstock
schnitzeln wollte. Sagte er mir nicht vorher, dass ich nichts anders zu gewarten
hätte, wenn ich den Plan meines Lebens nach meinen Ideen einrichten würde. Seine
Vorhersagung hätte nicht richtiger eintreffen können. Hätte ich seinen
Grundsätzen gefolgt, hätte ich mich ehmals zu Aten, oder hier zu Syracus so
betragen, wie Hippias an meinem Platze getan haben würde - so würde ich meine
Absichten ausgeführt haben; so würde ich glücklich gewesen sein - - und der
Himmel weiss, ob es den Sicilianern desto schlimmer ergangen wäre. Dieses ist nun
das zweite mal, dass Philistus, ein echter Anhänger des Systems meines Sophisten,
ob er gleich nicht fähig wäre es so zusammenhängend und scheinbar vorzutragen,
über Weisheit und Tugend den Sieg davon getragen hat. - - Und habe ich noch der
Erfahrung vonnöten, um zu wissen, dass er eben so gewiss über einen andern Plato,
und über einen andern Agaton siegen würde? - - Wieviel liess ich von meinen
Grundsätzen nach, wie tief stimmte ich mich selbst herab, da ich die
Unmöglichkeit sah, diejenigen mit denen ich's zu tun hatte, so weit zu mir
heraufzuziehen? Wozu half es mir? - - ich konnte mich nicht entschliessen
niederträchtig zu handeln, ein Schmeichler, ein Kuppler, ein Verräter an dem
wahren Interesse des Fürsten und des Landes zu werden - - und so verlor' ich die
Gunst des Fürsten, und die einzige Belohnung, die ich für meine Arbeiten
verlange, die Vorteile, welche dieses Land von meiner Verwaltung zu geniessen
anfing, auf einmal, weil ich mich nicht dazu bequemen konnte, alles für
anständig und recht zu halten, was nützlich ist - - O! gewiss Hippias, deine
Begriffe und Maximen, deine Moral, deine Staatskunst, gründen sich auf die
Erfahrung aller Zeiten. Wenn sind die Menschen jemals anders gewesen? Wenn haben
sie jemals die Tugend hochgeschätzt, als wenn sie ihrer Dienste benötigt waren;
und wenn ist sie ihnen nicht verhasst gewesen, so bald sie ihren Leidenschaften
im Lichte stund?
    Diese Betrachtungen führten unsern Helden bis an die äusserste Spitze des
tiefen Abgrunds, der zwischen dem System der Tugend, und dem System des Hippias
liegt; aber der erste schüchterne Blick, den er hinunter wagte, war genug, ihn
mit Entsetzen zurückfahren zu machen. Die Begriffe des wesentlichen Unterschieds
zwischen Recht und Unrecht, und die Ideen des sittlichen Schönen, hatten zu
tiefe Wurzeln in seiner Seele gefasst, waren zu genau mit den zartesten Fibern
derselben verflochten und zusammengewachsen, als dass es möglich gewesen wäre,
dass irgend eine zufällige Ursache, so stark sie immer auf seine Einbildung und
auf seine Leidenschaften würken mochte, sie hätte ausreuten können. Die Tugend
hatte bei ihm keinen anderen Sachwalter nötig als sein eignes Herz. In eben dem
Augenblick, da eine nur allzugegründete Misantropie ihm die Menschen in einem
verächtlichen Lichte, und vielleicht wie gewisse Spiegel, um ein gutes Teil
hässlicher zeigte, als sie würklich sind, fühlte er mit der vollkommensten
Gewissheit, dass er, um die Krone des Monarchen von Persien selbst, weder Hippias
noch Philistus sein wollte; und dass er, sobald er sich wieder in die nämliche
Umstände gesetzt sähe, eben so handeln würde, wie er gehandelt hatte, ohne sich
durch irgend eine Folge davon erschrecken zu lassen. Hingegen konnte es nicht
wohl anders sein, als dass diese Betrachtungen, denen er sich seit seinem Fall,
und sonderheitlich während seiner Gefangenschaft, fast gänzlich überliess, den
Überrest des moralischen Entusiasmus, von dem wir ihn bei seiner Flucht aus
Smyrna erhitzt gesehen haben, vollends verzehren mussten. Der Gedanke für das
Glück der Menschen, für das allgemeine Beste der ganzen Gattung zu arbeiten,
verliert seinen mächtigen Reiz, sobald wir klein von dieser Gattung denken. Die
Grösse dieses Vorhabens ist es eigentlich, was den Reiz derselben ausmacht - -
und diese schrumpft natürlicher Weise sehr zusammen, sobald wir uns die Menschen
als eine Herde von Kreaturen vorstellen, deren grössester Teil seine ganze
Glückseligkeit, den letzten Endzweck aller seiner Bemühungen auf seine
körperliche Bedürfnisse einschränkt, und dabei dumm genug ist, durch eine
niederträchtige Unterwürfigkeit unter eine kleine Anzahl der schlimmsten seiner
Gattung, sich fast immer in den Fall zu setzen, auch dieser bloss tierischen
Glückseligkeit nur selten oder auf kurze Zeit, bittweise oder verstohlner Weise
habhaft zu werden. Jedes Tier sucht seine Nahrung - - gräbt sich eine Höhle,
oder baut sich ein Nest - - begattet sich - - schläft - - und stirbt. Was tut
der grösseste Teil der Menschen mehr? Das beträchtlichste Geschäfte, das sie von
den übrigen Tieren voraus haben, ist die Sorge sich bekleiden, welche die
hauptsächlichste Beschäftigung vieler Millionen ausmacht. Und ich sollte, (sagte
Agaton in einer von seinen schlimmsten Launen zu sich selbst) ich sollte meine
Ruhe, meine Vergnügungen, meine Kräfte, mein Dasein der Sorge aufopfern, damit
irgend eine besondere Herde dieser edeln Kreaturen besser esse, schöner wohne,
sich häufiger begatte, sich besser kleide, und weicher schlafe als sie zuvor
taten, oder als andere ihrer Gattung tun? - - Ist das nicht alles was sie
wünschen? Und gebrauchen sie mich dazu? Was sollte mich bewegen, mir diese
Verdienste um sie zu machen? Ist vielleicht nur ein einziger unter ihnen, der
bei allem was er unternimmt, eine edlere Absicht hat, als seine eigne
Befriedigung? Bin ich ihnen etwan einige Hochachtung oder Dankbarkeit dafür
schuldig, dass sie für meine Bedürfnisse oder für mein Vergnügen arbeiten? Ich
bin schuldig, sie dafür zu bezahlen; das ist alles was sie wollen, und alles was
sie an mich fordern können.
    Himmel! - - so deucht mich, höre ich hier einige rührende Stimmen ausrufen -
- ist's möglich? Konnte Agaton so denken? So klein, so unedel - - So kalt,
meine schönen Damen, so kalt! Und sie werden mir gestehen, dass man in einer
Einkerkerung von zween oder drei Monaten, die man sich ganz allein durch grosse
und edle Gesinnungen zugezogen, gute Gelegenheit hat, sich von der Hitze der
grossmütigen Schwärmerei ein wenig abzukühlen - - Aber was wird nun aus der
Tugend unsers Helden werden? - - Was ist die Tugend ohne dieses schöne Feuer,
ohne diese erhabene Begeisterung, welche den Menschen über die übrigen seiner
Gattung, welche ihn über sich selbst erhöht, und zu einem allgemeinen Wohltäter,
zu einem Genius, zu einer subalternen Gotteit macht? - - Wir gestehen es, sie
ist ohne diese äterische Flamme ein sehr unansehnliches, sehr wenig glänzendes
Ding - - »Und wie traurig ist es, die Tugend unsers Helden gerade da unterliegen
zu sehen, wo sie sich in ihrer grössesten Stärke zeigen sollte? - - Wie? - -
erliegen, weil man Widerstand findet? Die gute Sache aufgeben, weil man, und
vielleicht ohne Not, an einem glücklichen Ausgang verzweifelt? Was ist denn die
wahre Tugend anders, als ein immerwährender Streit mit den Leidenschaften,
Torheiten und Lastern - - in uns, und ausser uns?« - - Vortrefflich! - - und in
Bunyans Reise so wohl ausgeführt, meine Herren, dass ihr uns hier weiter nichts
zu sagen braucht. Es ist bedaurlich, dass unser Held seine Rolle nicht besser
behauptet - - Aber allem Ansehen nach, war er wohl niemals ein Held - - und wir
hatten Unrecht ihm einen so ehrenvollen Namen beizulegen - - »Das eben nicht; er
fing vortrefflich an; er war ein Held, da er sich den zudringlichen Liebkosungen
der verführischen Pytia entriss« - - Das konnte die scheue und schamhafte
Unschuld der unbärtigen Jugend getan haben; und liebte er damals nicht die
schöne Psyche? - - »So verdiente er doch ein Held genennt zu werden, als er den
Mut hatte, sich eines verlassenen Unschuldigen gegen eine mächtige Partei
anzunehmen?« - - Ihr könntet vielleicht eben soviel aus Ehrgeiz - - oder aus Hass
gegen einen der Feinde eures Clienten- - oder aus einer geheimen Absicht auf die
Gemahlin eures Clienten - - oder um vierzig tausend Livres aus der Casse eures
Clienten tun? - - und ihr hättet in keinem von diesen Fällen eine Heldentat
getan. Dass Agaton damals aus edeln Gesinnungen handelte, wissen wir - - von ihm
selbst; und wir haben Gründe, es ihm zu glauben - - aber er konnte sich mit der
grössesten Wahrscheinlichkeit einen glänzenden Success versprechen; und was für
ein Triumph war das für die Ruhmbegierde eines Jünglings von zwanzig Jahren? -
»Nun, so war er doch gewiss ein Held, da er gleichmütig und unerschütterlich sich
dem ungerechten Verbannungs-Urteil der Atenienser unterzog, und lieber das
äusserste erdulden, als seine Lossprechung einer Niederträchtigkeit zu danken
haben wollte! - - So war er's damals, da er von sich sagen konnte: Ich verwies
es der Tugend nicht, dass sie mir den Hass und die Verfolgungen der Bösen
zugezogen hatte; ich fühlte, dass sie sich selbst belohnt.« - - In der Tat, er
war in diesem Augenblick gross; aber wir müssen nicht vergessen, dass er sich
damals in einem ausserordentlichen Zustande, auf dem äussersten Grade dieses
Entusiasmus der Tugend befand, der den Menschen vergessen macht, dass er nur ein
Mensch ist. Diese Art von Heldentum daurt natürlicher Weise nicht länger, als
der Paroxysmus des Affects. Agaton war sich damals, als er so dachte, einer
unbefleckten Tugend bewusst; und zu was für einem Stolz musste dieses Gefühl seine
Seele in einem Augenblick aufschwellen, da sich ganz Aten zusammenverschworen
zu haben schien, ihn zu demütigen; in einem Augenblick, da dieser Stolz der
ganzen Last seines Unglücks das Gleichgewicht halten musste, und ihm den Triumph
verschafte, die Herren über sein Schicksal die ganze Obermacht, die ihm seine
Tugend über sie gab, fühlen zu lassen? Diese Art von Stolz gleicht in ihren
Würkungen der Wut eines tapfern Mannes der zur Verzweiflung getrieben wird. Die
Gewissheit des Todes; in den er sich hineinstürzt, macht, dass er Taten eines
Unsterblichen tut. Aber Agaton hatte dermalen nicht mehr soviel Ursache, auf
seine Tugend stolz zu sein. Eben diese entusiastische Gemüts-Beschaffenheit,
welche ihm bei seiner Verbannung zu Aten die Gesinnungen eines Gottes
eingehaucht, hatte ihn zu Smyrna den Schwachheiten eines gemeinen Menschen
ausgesetzt. Er dachte nicht mehr so gross von sich selbst, und da ihm nun, in
ähnlichen Umständen, dieser heroische Stolz nicht mehr zu statten kommen konnte,
so musste sich derselbe notwendig in diejenige Art von Misantropie verwandeln,
welche sich über die ganze Gattung erstreckt. In diesem Stücke, wie in vielen
andern, ist die Geschichte Agatons die Geschichte aller Menschen. Wir denken so
lange gross von der menschlichen Natur, als wir gross von uns selber denken;
unsere Verachtung hat alsdann nur einzelne Menschen oder kleinere Gesellschaften
zum Gegenstand. Aber sobald wir in unsrer Meinung von uns selbst fallen, sinkt
durch eine innerliche Gewalt über welche wir nicht Meister sind, unsre Meinung
von der ganzen Gattung zu welcher wir gehören; wir verwundern uns, dass wir nicht
eher wahrgenommen, dass die Torheiten, die Laster derjenigen, unter denen wir
leben, Gebrechen der Natur selbst sind, denen (mehr oder weniger, auf diese oder
eine andre Art, je nachdem Zeit, Umstände, Temperament und Gewohnheit es mit
sich bringen) ein jeder unterworfen ist; je genauer wir die Menschen
untersuchen, je mehr Gründe finden wir, so zu denken; und diese Denkungsart
flösset uns, zu eben der Zeit, da sie uns eine gewisse Geringschätzung gegen die
ganze Gattung gibt, mehr Nachsicht gegen die Fehler und Gebrechen der einzelnen
Personen, und besondern Gesellschaften, mit denen wir in Verhältnis stehen, ein;
so dass wir das, was wir an jenem tugendhaften Schwulst, welchen die Einfalt
übereilter Weise für die Tugend selbst hält, verlieren, zu eben der Zeit an den
notwendigsten und liebenswürdigsten Tugenden, an Geselligkeit und Mässigung
gewinnen: Tugenden, welche zwar nichts blendendes haben, aber desto mehr Wärme
gehen, und uns desto geschickter machen, unter Geschöpfen zu leben, welche ihrer
alle Augenblicke benötiget sind.
    Es ist ein gemeiner und oft getadelter Fehler des menschlichen Geschlechts,
dass sie das Wunderbare mehr lieben als das Natürliche, und das Glänzende mehr
als was nicht so gut in die Augen fällt, wenn es gleich brauchbarer und
dauerhafter ist. Diese Art von dem Werte der Sachen zu urteilen ist nirgends
betrüglicher, als wenn sie auf moralische Gegenstände angewendet wird. Der
Schluss, den man öfters von der Erhabenheit der Begriffe und Empfindungen einer
Person, und von der Fertigkeit eine gewisse Sprache der Begeistrung zu reden,
welche (wie die homerische Göttersprache) allen Dingen andre Namen gibt, ohne
dass die Dinge selbst darum etwas anders sind, als sie unter ihren gewöhnlichen
Namen sind, auf eine ausserordentliche Vortrefflichkeit des Characters dieser
Person zu machen pflegt, ist eben so falsch, als das Vorurteil, welches viele
gegen eine gelassene und bescheidene Tugend gefasst haben, welche, ohne sich
durch feirliches Gepränge, hochfliegende Ideen, anmassliche Privilegien von den
Gebrechen der menschlichen Natur, und unerbittliche Strenge gegen dieselben
anzukündigen, nur darum weniger zu versprechen scheint, um im Werke selbst desto
mehr zu leisten. Dieses vorausgesetzt könnten wir vielleicht mit gutem Grunde
behaupten, dass die Tugend unsers Helden, durch die neuerliche Veränderung, die
in seiner Denkensart vorging, in verschiedenen Betrachtungen, grosse Vorteile
erhalten habe. Aber (wir wollen es nur gestehen) was sie dabei auf einer Seite
gewann, verlor sie auf einer andern wieder. Die Begriffe, welche wir uns von
unsrer eignen Natur machen, haben einen entscheidenden Einfluss auf alle unsre
übrigen Begriffe. So irrig, so lächerrlich und kindisch es ist, wenn wir uns
einbilden (und doch bilden sich das die Meisten ein) dass der Mensch die
Hauptfigur in der ganzen Schöpfung, und alles andere bloss um seinetwillen da sei
- - So natürlich ist hingegen, dass er es in dem besondern System seiner eignen
Ideen ist. In dieser kleinen Welt ist und bleibt er, er wolle oder wolle nicht,
der Mittelpunct - der Held des Stücks, auf den alles sich bezieht, und dessen
Glück oder Fall alles entscheidet. Alles ist gross, wichtig, interessant, wenn
die Hauptperson wichtig ist, und eine grosse Rolle zu spielen hat; aber wenn
Scapin oder Harlekin der Held ist, was kann das ganze Stück anders sein, als
eine Farce?
    Man erinnert sich vermutlich noch der Zweifel, worin sich Agaton verwickelt
fand, als er die bezauberten Ufer von Jonien verliess, wo er, vielleicht zu
seinem Vorteil, erfahren hatte, dass die Ideen, welche sich in den Hainen zu
Delphi seiner jugendlichen Seele bemächtiget, und durch den Unterricht und
Umgang des göttlichen Platons zu Aten noch mehr darin befestiget hatten, ihm
bei einer Gelegenheit, wo er sich mit vollkommner Sicherheit auf ihre Stärke und
beschützende Kraft verlassen hatte, mehr nachteilig als nützlich gewesen waren,
ja sich endlich (zu einem billigen Verdacht gegen ihre Realität) von ganz
entgegengesetzten so unmerklich und gutwillig hatten verdrängen lassen, dass er
die Veränderung nicht eher wahrgenommen, als da sie schon völlig zu Stande
gekommen war. Agaton hatte damals keine Zeit, dieser Zweifel wegen mit sich
selbst einig zu werden; er glaubte zwar, oder hoffte vielmehr überhaupt, dass
dasjenige was in seinen vormaligen Grundsätzen wahres sei, sich mit seinen
neuerlangten Begriffen sehr wohl vereinigen lassen werde - - aber er sah doch
noch nicht deutlich genug, wie? - und wurde beim ersten Anblick Lücken gewahr,
welche ihm desto mehr Sorge machten, je weniger er geneigt war, sie nach dem
Exempel der Meisten, die sich in dieser Schwierigkeit befinden, mit dem ersten
Besten, es möchte Stroh, Leimen, Lumpen oder was ihm sonst in die Hände fiele,
sein, auszustopfen. Indes hatten doch damals seine vorigen Lieblings-Ideen noch
einen starken Anhang in seinem Herzen, und er beruhigte sich, auf die
Eingebungen desselben hin, mit der Hoffnung, dass es ihm, sobald er in ruhigere
Umstände käme, leicht sein würde, die Harmonie zwischen seinem Kopf und seinem
Herzen vollkommen wieder herzustellen. Allein die Geschäfte und die
Zerstreuungen, welche zu Syracus alle seine Zeit verschlangen, hatten ihn
genötigt, eine für ihn so wichtige Arbeit lange genug aufzuschieben, um sie
durch immer neu hervorbrechende Schwierigkeiten ungleich schwerer zu machen, als
sie anfangs gewesen wäre. Die umgereimte und lächerliche Seite der menschlichen
Meinungen, Leidenschaften, und Gewohnheiten ist gemeiniglich die erste, welche
sie einem Manne von Verstand und Witz zeigen, der die Musse nicht hat, sie mit
anhaltender Aufmerksamkeit zu betrachten. Agaton gewöhnte sich also unvermerkt
an diese Art, die Sachen anzuschauen; die natürliche Heiterkeit und
Lebhaftigkeit seiner Sinnesart disponierte ihn ohnehin dazu; und die
Syracusaner, deren Character eine Vermischung des Ateniensischen und
Corintischen, oder eine Composition von den widersprechendesten Eigenschaften,
welche ein Volk nur immer haben kann, ausmachte - -und ein Hof, wie Dionysens
Hof war - - versahn ihn so reichlich mit comischen Charactern, Bildern und
Begebenheiten, dass der Absatz, welchen der gegenwärtige Ton seiner Seele (wenn
man uns dieses malerische Kunst-Wort hier erlauben will) mit seinem ehmaligen
machte, von Tag zu Tag immer stärker werden musste. Der Oromasdes und Arimanius
der alten Persen werden uns nicht als tödlichere Feinde vorgestellt, als es der
comische Geist, und der Geist des Entusiasmus sind; und die natürliche
Antipatie dieser beiden Geister wird dadurch nicht wenig vermehrt, dass beide
gleich geneigt sind, über die Grenzen der Mässigung hinauszuschweifen. Der
Entusiastische Geist sieht alles in einem strengen feierlichen Licht; der
Comische alles in einem milden und lachenden; nichts ist dem ersten leichter als
so weit zugehen, bis ihm alles, was Spiel und Scherz heisst, verdammlich
vorkommt; nichts dem andern leichter, als gerade in demjenigen, was jener mit
der grössesten Ernstaftigkeit behandelt, am meisten Stoff zum Scherzen und
Lachen zu finden.
    Nehmen wir zu diesem noch, dass der leichtsinnige und scherzhafte Ton von
jeher den Höfen vorzüglich eigen gewesen ist - und den besondern Umstand, dass
die anmasslichen Academisten, oder Hof-Philosophen des Dionys, den einzigen
Aristipp ausgenommen, eine Art von Tragi-comischen Narren vorstellten, welche
recht mit Fleiss dazu ausgesucht zu sein schienen, um die erhabenen
Wissenschaften, für deren Priester und Mystagogen sie sich ausgaben, so
verächtlich zu machen, als sie selbst waren - - Nehmen wir alles dieses
zusammen, so werden wir uns kaum verwundern können, wie es möglich gewesen, dass
unser Held nach und nach sich endlich auf einem Punct befand, wo ihn damals, da
er in der Grotte der Nymphen auf Erscheinungen der Götter wartete - - oder da er
die Grundsätze, die Verheissungen und die Freundschaft des Sophisten Hippias mit
einem so feurigen Unwillen von sich stiess - - vermutlich niemand, oder nur die
schlauesten Kenner des menschlichen Herzens erwartet haben mögen - - nämlich da,
wo ihm ein grosser Teil seiner vormaligen Ideen, an denen er zu Smyrna nur zu
zweifeln angefangen hatte, nun selber ganz schimärisch und belachenswert, und
diejenigen, deren Gegenstände ihm zwar ehrwürdig bleiben mussten, doch
subjectivisch betrachtet, in der barokischen Gestalt, wie sie in der Einbildung
der Sterblichen verkleinert, verzerrt, vermischt oder verkleidet werden, zu
nichts anderm zu taugen schienen, als lustig damit zu machen.
    Unsere nachdenkenden Leser werden nunmehr ganz deutlich begreifen, warum wir
Bedenken getragen haben, dem Urheber der Griechischen Handschrift in seinem
allzugünstigen Urteil von dem gegenwärtigen moralischen Zustande unsers Helden,
Beifall zu geben. Wir können uns nicht verbergen, dass dieser Zustand für seine
Tugend gefährlich ist, und desto gefährlicher, je mehr man in demselben durch
eine gewisse Behaglichkeit, Munterkeit des Geistes, und andre Anscheinungen
einer völligen Gesundheit, sicher gemacht zu werden pflegt, sich in seinem
natürlichen Zustande zu glauben. Nicht als ob es uns eben so leid sei, unsern
Helden (den wir mit allen seinen Fehlern eben so sehr lieben, als ob er ein Sir
Carl Grandison wäre) auf dem Wege zu sehen, von allen Arten der Schwärmerei von
Grund aus geheilt zu werden - - Denn so viel schönes und gutes sich immer zu
ihrem Vorteil sagen lassen mag, so bleibt doch gewiss, dass es besser ist gesund
sein, und keine Entzückungen haben, als die Harmonie der Sphären hören, und an
einem hitzigen Fieber liegen - aber wir besorgen billig, dass die allzustarke
Nachlassung, welche in der Seele eben sowohl als im Leibe, auf eine übermässige
Spannung zu folgen pflegt, seinem Herzen wenigstens so nachteilig werden könnte,
als es die liebenswürdige Schwärmerei, womit wir ihn behaftet gesehen haben,
seiner Vernunft sein mochte. Der neue Schwung, den seine Denkungsart zu Syracus
bekam, würde uns ziemlich gleichgültig sein, wenn die Veränderung sich bloss auf
speculative Begriffe oder den Ton und die Verteilung des Lichts und Schattens in
seiner Seele erstreckte: Aber wenn er dadurch weniger rechtschaffen, weniger ein
Liebhaber der Wahrheit, weniger empfindlich für das Beste des menschlichen
Geschlechts, weniger edelgesinnt, und wohltätig, weniger zur vorzüglichen
Teilnehmung an der Glückseligkeit irgend einer besondern Gesellschaft (ohne
welche die anmassliche Welt-Bürgerschaft gewisser Leute blosse Grosssprecherei oder
höchstens eine Art von Don-Quischotterie ist) und zur Freundschaft, diesem
Lieblings- Phantom schöner Seelen, weniger aufgelegt würde - - erlaubet mir, ihr
strengen Anti-Platonisten, denen alles Schimäre heisst, was sich nicht
geometrisch beweisen lässt, erlaubet mir noch weiter zu gehen - - wenn dieser
schöne, herzerhöhende, wohltätige, und der Tugend so vorteilhafte Gedanke - -
für eine grössere Sphäre als dieses animalische Leben, für eine edlere Art von
Existenz, für vollkommnere Gegenstände, und zu einer vollkommnern Art von
Activität, als unsre dermalige bestimmt zu sein - - und die begeisternden,
wiewohl träumerischen Aussichten, die uns dieser Beste aller Gedanken gibt - -
wenn er keinen Reiz, keine Macht auf seine Seele mehr hätte - - O! Agaton,
Agaton! dann würdest du, nicht unsern Hass, nicht eine lieblose Beurteilung,
nicht eine triumphierende Freude über deinen Fall, aber - - unser Mitleiden
verdienen.
    Die Gemüts-Verfassung worin wir ihn in diesem Capitel gesehen haben, scheint
allerdings nicht sehr geschickt zu sein, uns über diesen Punct seinetwegen ausser
Sorgen zu setzen. Es ist eine so unbeständige Sache um die Begriffe, Meinungen
und Urteile eines Menschen! Die Umstände, der besondere Gesichts-Punct, in den
sie uns stellen, die Gesellschaft worin wir leben, tausend kleine Einflüsse, die
wir einzeln nicht gewahr werden, haben soviel Gewalt über dieses unerklärbare,
launische, widersinnische Ding, unsre Seele! - - dass wir nicht Bürge dafür sein
wollten, was aus unserm Helden hätte werden können, wofern er mit solchen
Dispositionen in eine Gesellschaft von Hippiassen und Alcibiaden, oder zurück in
die schöne Welt zu Smyrna versetzt worden wäre. Zu gutem Glück sehen wir ihn im
Begriff, zu Leuten zukommen, welche ihn mit der Menschheit wieder aussöhnen, und
seinem schon erkaltenden Herzen diese beseelende Wärme wieder mitteilen werden,
ohne welche die Tugend eine blosse Speculation ist, die zwar einen
unerschöpflichen Stoff zu scharfsinnigen Betrachtungen gibt, aber unter den
vielerlei chymischen Processen, welche die allzuspitzfündige Vernunft mit ihr
vornimmt, endlich ein so abgezogenes, so feines, so delicates Ding wird, dass
sich kein Gebrauch davon machen lässt.
    So sehr sich auch die Einbildungs-Kraft unsers Helden abgekühlt hat, so
unzuverlässig, übertrieben und grillenhaft er die Geister-Lehre und die
metaphysische Politik seines Freundes Plato zu finden glaubt; so comisch ihm
seine eigene Ausschweifungen in dem Stande der Bezauberung, worin er sich
ehemals befunden, vorkommen; so klein er überhaupt von den Menschen denkt, und
so fest er entschlossen zu sein vermeint, von dem schönen Phantom, wie er es izo
nennt, von dem Gedanken, sich Verdienste um seine Gattung zu machen, in seinem
Leben sich nicht wieder täuschen zu lassen; so ist es doch bei weitem noch nicht
an dem, dass er diese zarte Empfindlichkeit der Seele, und diesen eingewurzelten
Hang zu dem idealischen Schönen verloren haben sollte, der das geheime
Principium seiner ehemaligen Begeisterung, und aller der manchfaltigen
Schwärmereien, Bezauberungen und Entzückungen, in deren magischem Labyrinte sie
ihn, nach Massgabe der Umstände, herumgeführt, gewesen ist. Die verstohlnen
Blicke, die er noch so gerne in die Scenen seiner glücklichen Jugend wirft; das
Bild der liebenswürdigen Psyche, welches durch alle Veränderungen, die in seiner
Seele vorgegangen, nichts von seinem Glanze verloren hat; die Erinnerung dieser
reinen, unbeschreiblichen, fast vergötternden Wollust, in welcher sein Herz
zerfloss, als er es noch in seiner Gewalt hatte, Glückliche zu machen; und als
die Reinigkeit dieser göttlichen Lust noch durch keine Erfahrungen von der
Undankbarkeit und Bosheit der Menschen verdüstert und trübe gemacht wurde - -
diese Bilder, denen er sich noch so gerne überlässt - welche sich selbst in
seinen Träumen seiner gerührten Seele so oft und so lebhaft darstellen - - die
Seufzer, die Wünsche, die er diesen geliebten verschwindenden Schatten
nachschickt - - alle diese Symptomen sind uns Bürge dafür, dass er noch Agaton
ist; dass die Veränderung in seinen Begriffen und Urteilen, die neue Teorie von
allem dem, was würklich ein Gegenstand unsrer Nachforschung zu sein verdient,
oder von Eitelkeit und Vorwitz dazu gemacht worden, welche sich in seiner Seele
zu entwickeln angefangen, die edlern Teile seines Herzens nicht angegriffen
habe; kurz, dass wir uns Hoffnung machen können, aus dem Streit der beiden
widerwärtigen und feindlichen Geister, wodurch seine ganze innerliche Verfassung
seit einiger Zeit erschüttert, verwirrt und in Gärung gesetzt worden, zuletzt
eine eben so schöne Harmonie von Weisheit und Tugend hervorkommen zu sehen, wie
nach dem System der alten Morgenländischen Weisen, aus dem Streit der Finsternis
und des Lichts, diese schöne Welt hervorgegangen sein soll.
 
                                  Eilftes Buch
                                 Erstes Capitel
                        Apologie des griechischen Autors
Bis hieher scheint die Geschichte unsers Helden, wenigstens in den
hauptsächlichsten Stücken, dem ordentlichen Lauf der Natur, und den strengesten
Gesetzen der Wahrscheinlichkeit so gemäss zu sein, dass wir keinen Grund sehen, an
der Wahrheit derselben zu zweifeln. Aber in diesem eilften Buch, wir müssen es
gestehen, scheint der Autor aus dieser unsrer Welt, welche, unparteiisch von der
Sache reden, zu allen Zeiten nichts bessers als eine Werkel-Tags-Welt (wie
Shakespear sie irgendwo nennt) gewesen ist, ein wenig in das Land der Ideen, der
Wunder, der Begebenheiten, welche gerade so ausfallen, wie man sie hätte
wünschen können, und um alles auf einmal zu sagen, in das Land der schönen
Seelen, und der utopischen Republiken verirret zu sein. Es stehet bei den
Lesern, ihm hierin soviel Glauben beizumessen, als sie gerne wollen; wir an
unserm Teil nehmen uns der Sache weiter nichts an; unsere Absichten sind bereits
erreicht, und die glücklichen oder unglücklichen Umstände, welche dem Agaton
noch bevorstehen mögen, haben nichts damit zu tun. Indessen glauben wir doch,
dass der Autor allen den guterzigen Leuten, welche sich für den Helden einer
solchen Geschichte nach und nach interessieren, und gerne haben, wenn sich am
Ende alles zu allerseitigem Vergnügen, mit Entdeckungen, Erkennungen,
glücklichem Wiederfinden der verlornen Freunde, und etlichen Hochzeiten endet,
einen Gefallen getan habe, seinen Helden, nachdem er eine hinlängliche Anzahl
guter und schlimmer Abenteuer bestanden hat, endlich für seine ganze übrige
Lebens-Zeit glücklich zu machen. Es mag sein, dass der Verfasser der griechischen
Handschrift hierin seinem guten Naturell den Lauf gelassen hat; denn in der Tat,
scheint es ein Zeichen eines harten und grausamen Herzens zu sein, welches ein
Vergnügen an der Qual und den Tränen seiner unschuldigen Leser findet, wenn man
alles anwendet, uns für den Helden und die Heldin einer wundervollen Geschichte
einzunehmen, bloss um uns zuletzt durch einen so jämmerlichen Ausgang, als eine
schwermütige, menschenfeindliche Imagination nur immer erdenken kann, in einen
desto empfindlichern und unleidlichern Schmerz zu versenken, da es lediglich bei
dem guten Willen des Autors stund, uns desselben zu überheben. Gleichwohl aber
scheint uns unser edler gesinnte Verfasser noch eine andre Absicht dabei gehabt
zu haben, welche er, ohne sich einer noch grössern Unwahrscheinlichkeit schuldig
zu machen, nicht wohl anders als durch diese nicht allzuwahrscheinliche
Verbindung glücklicher Umstände, worein er seinen Helden in diesem Buche setzt,
erreichen konnte - - Und was für eine Absicht mag das wohl sein? - - Ich will es
ihnen unverblümt und ohne Umschweife sagen, meine Herren und Damen, ob ich
gleich besorgen muss, dass die ungewöhnliche Offenherzigkeit, welche ich ihnen in
dem ganzen Laufe dieses Werkes habe sehen lassen, mir von einem oder dem andern
aus ihrem Mittel übel aufgenommen werden möchte - - Unser Verfasser wollte dem
Vorwurf ausweichen, welchen Horaz gleichnisweise in dem bekannten Verse - -
Amphora coepit
Institui - - currente rota cur urceus exit? - -
denjenigen Dichtern macht, in deren Werken das Ende sich nicht zu dem Anfang
schickt. Er wollte in seinem Helden, dessen Jugend und erste Auftritte in der
Welt so grosse Hoffnungen erweckt hatten, nachdem er ihn durch so viele
verschiedene Umstände geführt, als er für nötig hielt seine Tugend zu prüfen, zu
läutern und zu der gehörigen Consistenz zu bringen, am Ende einen so weisen und
tugendhaften Mann darstellen, als man nur immer unter der Sonne zu sehen
wünschen, oder nach Gestalt der Sachen, erwarten könnte. Der Entusiasmus, der
die eigentliche Anlage seines Helden zu einem mehr als gewöhnlichen Grade
moralischer Vollkommenheit entielt, verhinderte ihn zu eben der Zeit da er
seine Tugend erhöhte, so weise zu sein, als man sein muss, um nicht mit den
erhabensten Begriffen, und den edelsten Gesinnungen, von sich selbst und von
andern betrogen zu werden. Eine Art zu denken, welche ihn zu einer höhern Classe
von Wesen als die gewöhnlichen Menschen sind, zu erheben schien, setzte ihn dem
Neid, der verkehrten Beurteilung, den Nachstellungen und Verfolgungen dieser
Menschen aus; und machte ihn, welches für seine Tugend das Schlimmste war,
unvermerkt vergessen, dass er im Grunde doch immer weder mehr noch weniger sei,
als ein Mensch. Die Erfahrungen, die er endlich hierüber bekam, öffneten ihm die
Augen, und zerstreuten einen Teil der Bezauberung; er lernte sich selbst besser
kennen; aber er kannte die Welt noch nicht genug. Ein neues und grosses Teater,
auf welches er versetzt wurde, half diesem Mangel ab; eine immer weiter
ausgebreitete und vervielfältigte Erfahrung stimmte seine allzuidealische
Denk-Art herab, und überführte ihn, dass er, wie der grossmütige, tugendhafte und
tapfre Ritter von Mancha (dieses lehrreiche Bild der Schwachheiten und
Verirrungen des menschlichen Geistes !) Windmühlen für Riesen, Wirtshäuser für
bezauberte Schlösser, und Dorf-Nymphen für göttliche Dulcineen angesehen hatte.
Er wurde weiser, aber auf Unkosten seiner Tugend. So wie die Bezauberung seiner
Einbildungs-Kraft verging, hörte auch die Begierde auf, grosse Taten zu tun,
allem Unrecht in der Welt zu steuern, mit den Feinden der allgemeinen
Glückseligkeit sich herumzuschlagen, und die Menschen, wider ihren Dank und
Willen, glücklich machen zu wollen. Nun sage man mir, nachdem es mit unserm
Helden dazu gekommen war, (und, alles wohl erwogen, musste es auf eine oder
andere Art endlich dazu kommen; denn die edelste, die liebenswürdigste
Schwärmerei, wenn sie gar zu lange dauert, und sich so gar durch die
Maul-Esel-Treiber von Jangois nicht austreiben lassen will, wird endlich zu
Narrheit,) was sollte, was konnte unser Autor nun weiter mit ihm anfangen? Einen
misantropischen Einsiedler aus ihm machen? - - Dazu war sein Kopf zu heiter und
sein Herz zu schwach - - oder zu zärtlich - - oder zu gut; was ihr wollt; und
zudem mochte unser Autor, der ein Grieche war, und wenigstens in die Zeiten des
Alciphrons gesetzt werden muss, (wie die Gelehrten ohne unser Erinnern bemerkt
haben) vermutlich von der Vortrefflichkeit einer einsiedlerischen Tugend die
erhabenen Begriffe nicht haben, welche man sich in den wundervollen Zeiten des
dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts bis zu unsern philosophischen Zeiten
davon gemacht hat, und (allem Ansehen nach) in einigen Ländern noch lange machen
wird. Ihn wieder in die weite Welt zurückzuführen, wäre nichts anders gewesen,
als ihn der augenscheinlichsten Gefahr aussetzen, in seiner antiplatonischen
Denk-Art durch immer neue Erfahrungen bestärkt, und durch die Gesellschaft
witziger und liebenswürdiger Leute, welche entweder gar keine Grundsätze, oder
nicht viel bessere als der weise Hippias, gehabt hätten, nach und nach auch um
diesen kostbaren Überrest seiner ehemaligen Tugend gebracht zu werden, den er
glücklicher Weise aus der verpesteten Luft der grossen Welt noch davon gebracht
hat. Vielleicht hätte er in solchen Umständen noch immer eine Art von Mittel
zwischen Weisheit und Torheit, eine mehr lächerliche als hassenswürdige
Composition von kühnem Witz und unschlüssiger Vernunft, von wahren und
willkürlichen Begriffen, von Aberglauben und Unglauben, von guten und bösen
Leidenschaften, Gewohnheiten und Launen, von gleich betrüglichen Tugenden und
Lastern; kurz, eine so vortreffliche Art von Geschöpfen werden können, wie
ungefähr die meisten von uns andern sind, wir mögen es nun einsehen - - und wenn
wir's einsehen, eingestehen - - oder nicht. Bei so bewandten Umständen, und da
es (wie gesagt) nun einmal die Absicht des Autors war, aus seinem Helden einen
tugendhaften Weisen zu machen, und zwar solchergestalt, dass man ganz deutlich
möchte begreifen können, wie ein solcher Mann - - so geboren - - so erzogen - -
mit solchen Fähigkeiten und Dispositionen - - mit einer solchen besondern
Bestimmung derselben - - nach einer solchen Reihe von Erfahrungen, Entwicklungen
und Veränderungen - - in solchen Glücks-Umständen - - an einem solchen Ort und
in einer solchen Zeit - - in einer solchen Gesellschaft - - unter einem solchen
Himmels-Strich - - bei solchen Nahrungs-Mitteln (denn auch diese haben einen
stärkern Einfluss auf Weisheit und Tugend, als sich manche Moralisten einbilden)
- - bei einer solchen Diät - - kurz, unter solchen gegebenen Bedingungen, wie
alle diejenigen Umstände sind, in welche er den Agaton bisher gesetzt hat, und
noch setzen wird - - ein so weiser und tugendhafter Mann habe sein können, und
(diejenigen, welche nicht gewohnt sind zu denken, mögen es nun glauben oder
nicht,) unter den nämlichen, oder doch sehr ähnlichen Umständen, es auch noch
heutzutage werden könnte: Da, sage ich, dieses seine Absicht war, so blieb ihm
freilich kein andrer Weg übrig, als seinen Helden in diesen Zusammenhang
glücklicher Umstände zu setzen, in welchen er sich nun bald, zu seinem eigenen
Erstaunen, befinden wird. Freilich ist ein solcher Zusammenfluss glücklicher
Umstände allzuselten, um wahrscheinlich zu sein. Aber wie soll sich ein armer
Autor helfen, der (alles wohl überlegt) nur ein einziges Mittel vor sich sieht,
aus der Sache zu kommen, und dieses ein gewagtes? Man hilft sich wie man kann,
und wenn es auch durch einen Sprung aus dem Fenster sein sollte. Der kleine Held
der Königin von Golconde ist nicht der erste, der sich durch dieses Mittel
helfen musste: Julius Cäsar würde ohne einen solchen Sprung das Vergnügen nicht
gehabt haben, als Herr der Welt (wie man, zwar lächerrlich genug, zu sprechen
gewohnt ist,) durch die Strassen Roms ins Capitolium einzuziehen.
    Und soviel mag dann zur Rechtfertigung unsers Autors gesagt sein; wenn es
anders zu seiner Rechtfertigung dienen kann, welches wir den Kunstrichtern
überlassen müssen. Das Urteil mag indessen ausfallen wie es will, so beladet
sich der Herausgeber, wie er schon erklärt hat, dessen im geringsten nicht. Die
Absichten, warum er die alte Urkunde, welche zufälliger Weise in seine Hände
gekommen ist, in einen Auszug von derjenigen Form und Beschaffenheit, wie die
vorhergehenden zehen Bücher weisen, gebracht hat, sind bereits erreicht. Es ist
verhoffentlich unnötig, sich hierüber näher zu erklären. Doch soviel können wir
wohl sagen, dass er niemalen daran gedacht hat, einen Roman zu schreiben, wie
sich vielleicht manche, ungeachtet des Titels und der Vorrede, zu glauben in den
Kopf gesetzt haben mögen - - und da dieses Buch, in so fern der Herausgeber Teil
daran hat, kein Roman ist, noch einer sein soll; so hat er sich auch um die so
genannte Schürzung des Knotens, und ob der Verfasser der Urkunde seinen Knoten
geschickt oder ungeschickt entwickelt oder zerschnitten hat, wenig zu bekümmern.
 
                                Zweites Capitel
          Die Tarentiner. Character eines liebenswürdigen alten Mannes
Archytas, durch dessen nachdrückliche Verwendung Agaton der Hände seiner Feinde
zu Syracus entrissen worden, war ein vertrauter Freund seines Vaters Stratonicus
gewesen; ihre beiden Familien waren durch die Bande des Gastrechts (welches
bekannter massen den Griechen sehr heilig war) von uralten Zeiten her verbunden;
der ausgebreitete Ruhm, welchen sich der Philosoph von Tarent, als der Würdigste
unter den Nachfolgern des Pytagoras, als ein tiefer Kenner der Geheimnisse der
Natur und der mechanischen Künste, als ein weiser Staatsmann, als ein
geschickter und allezeit glücklicher Feldherr, und was allen diesen Vorzügen die
Krone aufsetzt, als ein rechtschaffener Mann, in der vollkommensten Bedeutung
dieses Worts erworben, hatte den Namen des Archytas unserm Helden schon lange
ehrwürdig gemacht; und hiezu kam noch, dass dessen jüngerer Sohn, Critolaus, in
den Zeiten des höchsten Wohlstandes Agatons zu Aten zwei Jahre in seinem Hause
zugebracht, und mit allen ersinnlichen Freundschafts-Erweisungen überhäuft, eine
Zuneigung von derjenigen Art für ihn gefasst hatte, welche in schönen Seelen
(denn damals gab es noch schöne Seelen) sich nur mit dem Leben endet. Diese
Freundschaft war zwar durch zufällige Ursachen, und den Aufentalt Agatons zu
Smyrna eine Zeitlang unterbrochen, aber sogleich nach seinem Entschluss, bei dem.
Dionys zu leben, wieder erneuert, und seiter sorgfältig unterhalten worden.
Agaton hatte während seiner Staats-Verwaltung sich öfters bei der weisen
Erfahrenheit des Archytas Rats erholt; und die verschiedenen Verhältnisse, worin
die Tarentiner und Syracusaner, besonders in Absicht der Handelschaft, mit
einander stunden, hatten ihm öfters Gelegenheit gegeben, sich um die ersten
verdient zu machen. Bei allen diesen Umständen ist leicht zu ermessen, dass er
den zärtlichen und dringenden Einladungen seines Freundes Critolaus um so
weniger widerstehen konnte, als die Pflichten der Erkenntlichkeit gegen seine
Erretter ihm keine Freiheit zu lassen schienen, andere Beweggründe bei der Wahl
seines Aufentalts in Betrachtung zu ziehen.
    In der Tat hätte er sich auch keinen zu seinen nunmehrigen Absichten
bequemern Ort erwählen können als Tarent. Diese Republik war damals gerade in
dem Zustande, worin ein jeder patriotischer Republicaner die seinige zu sehen
wünschen soll - zu klein, um ehrgeizige Projecte zu machen, und zu gross, um den
Ehrgeiz und die Vergrössrungs-Sucht ihrer Nachbarn fürchten zu müssen; zu
schwach, um in andern Unternehmungen, als in den Künsten des Friedens, ihren
Vorteil zu finden; stark genug, sich gegen einen jeden nicht allzuübermächtigen
Feind (und solche Feinde hat eine kleine Republik selten) in ihrer Verfassung zu
erhalten. Archytas hatte sie, in einer Zeit von mehr als dreissig Jahren, in
welcher er sieben mal die Stelle des obersten Befehlhabers in der Republik
bekleidete, an die weisen Gesetze, die er ihnen gegeben hatte, so gut angewöhnt,
dass sie mehr durch die Macht der Sitten als durch das Ansehen der Gesetze
regiert zu werden schienen. Der grösseste Teil der Tarentiner bestund aus
Fabricanten und Handelsleuten. Die Wissenschaften und schönen Künste stunden in
keiner besondern Hochachtung bei ihnen; aber sie waren auch nicht verachtet.
Diese Gleichgültigkeit bewahrte die Tarentiner vor den Fehlern und
Ausschweifungen der Atenienser, bei denen jedermann, bis auf die Gerber und
Schuster, ein Philosoph und Redner, ein witziger Kopf und ein Kenner sein
wollte. Sie waren eine gute Art von Leuten, einfältig von Sitten, emsig,
arbeitsam, regelmässig, Feinde der Pracht und Verschwendung, leutselig und
gastfrei gegen die Fremden, Hässer des Gezwungnen, Spitzfündigen und
Übertriebenen in allen Sachen, und aus eben diesem Grunde, Liebhaber des
Natürlichen und Gründlichen, welche bei allem mehr auf die Materie als auf die
Form sahen, und nicht begreifen konnten, dass eine fein gearbeitete Schüssel aus
corintischem Erz besser sein könne, als eine schlechte aus Silber, oder dass ein
Narr liebenswürdig sein könne, weil er artig sei. Sie liebten ihre Freiheit, wie
eine Gattin, nicht wie eine Beischläferin, ohne Leidenschaft, und ohne
Eifersucht; sie setzten ein billiges Vertrauen in diejenige, denen sie die
Vormundschaft über den Staat anvertrauten; aber sie forderten auch, dass man
dieses Vertrauen verdiene. Der Geist der Emsigkeit, der dieses achtungswürdige
und glückliche Volk beseelte - der unschuldigste und wohltätigste unter allen
sublunarischen Geistern, die uns bekannt sind - machte, dass man sich zu Tarent
weniger, als in den meisten mittelmässigen Städten zu geschehen pflegt, um andre
bekümmerte; in so fern man sie durch keine gesetzwidrige Tat, oder durch einen
beleidigenden Contrast mit ihren Sitten ärgerte, konnte jeder leben wie er
wollte. Alles dieses zusammengenommen, machte, wie uns deucht, eine sehr gute
Art von republicanischem Character; und Agaton hätte schwerlich einen Freistaat
finden können, welcher geschickter gewesen wäre, seinen gegen dieselbe gefassten
Widerwillen zu besänftigen. Ohne Zweifel hatte dieses Volk auch seine Fehler,
wie alle andre; aber der weise Archytas, unter welchem der National-Character
der Tarentiner erst eine gesetzte und feste Gestalt gewonnen hatte, wusste
diejenige Art derselben, welche man die Temperaments-Fehler eines Volks nennen
kann, so klüglich zu behandeln, dass sie durch die Vermischung mit ihren
Tugenden, beinahe auf hörten, Fehler zu sein - - eine notwendige und vielleicht
die grösseste Kunst eines Gesetzgebers, deren genauere Untersuchung und Analyse
wir, beiläufig, denenjenigen empfohlen haben wollen, welche zu der schweren, und
vermutlich spätern Zeiten aufbehaltnen, aber möglichen Auflösung eines Problems,
welches nur von Lilliputtischen Seelen für schimärisch gehalten wird, der
Aufgabe, welche Gesetzgebung unter gegebenen Bedingungen, die beste sei? etwas
beizutragen sich berufen fühlen.
    Agaton entdeckte beim ersten Blick an die Italischen Ufer, seinen Freund
Critolaus, der mit einem Gefolge der edelsten Jünglinge von Tarent ihm
entgegengeflogen war, um ihn in einer Art von freundschaftlichem Triumph in eine
Stadt einzuführen, welche sich's zur Ehre rechnete, von einem Manne wie Agaton,
vor andern zu seinem Aufentalt erwählt zu werden. Die angenehme Luft dieser von
einem günstigen Himmel umflossenen Ufer, der Anblick eines der schönsten Länder
unter der Sonne, und der noch süssere Anblick eines Freundes, von dem er bis zur
Schwärmerei geliebt wurde, machten unsern Helden in einem einzigen Augenblick
alles Ungemach vergessen, das er in Sicilien und in seinem ganzen Leben
ausgestanden hatte. Ein frohes ahnendes Erwarten der Glückseligkeit, die in
diesem zum erstenmal betretenen Lande auf ihn wartete, verbreitete eine Art von
angenehmer Empfindung durch sein ganzes Wesen, welche sich nicht beschreiben
lässt. Die unbestimmte Wollust, welche alle seine Sinnen zugleich einzunehmen
schien, war nicht dieses seltsame zauberische Gefühl, womit ihn die Schönheiten
der Natur und die Empfindung ihrer reinsten Triebe, in seiner Jugend
durchdrungen hatte - dieses Gefühl, diese Blüte der Empfindlichkeit, diese
zärtliche Sympatie mit allem was lebt oder zu leben scheint; dieser Geist der
Freude, der uns aus allen Gegenständen entgegenatmet; dieser magische Firnis der
sie überzieht, und uns über einem Anblick, von dem wir zehn Jahre später kaum
noch flüchtig gerührt werden, in stillem Entzücken zerfliessen macht - dieses
beneidenswürdige Vorrecht der ersten Jugend verliert sich mit dem Anwachs unsrer
Jahre unvermerkt, und kann nicht wieder gefunden werden; aber es war etwas, das
ihm ähnlich war; seine Seele schien dadurch wie von allen verdüsternden Flecken
seines unmittelbar vorhergehenden Zustandes ausgewaschen, und zu den zärtlichen
Eindrücken vorbereitet zu werden, welche sie in dieser neuen Periode seines
Lebens bekommen sollte.
    Eine seiner glückseligsten Stunden, (wie er in der Folge öfters zu
versichern pflegte) war diejenige, worin er die persönliche Bekanntschaft des
Archytas machte. Dieser ehrwürdige Greis hatte der Natur und der Mässigung,
welche von seiner Jugend an ein unterscheidender Zug seines Characters gewesen
war, den Vorteil einer Lebhaftigkeit aller Kräfte zu danken, welche in seinem
Alter etwas seltnes ist, aber bei den alten Griechen lange nicht so selten war,
als bei den meisten Europäischen Völkern unsrer Zeit, bei denen es zur
Gewohnheit zu werden angefangen hat, die erste Hälfte des Lebens so unbesonnen
zu verschwenden, dass man in der andern die geheimsten Kräfte der Arznei-Kunst zu
Hülfe rufen muss, um einen schmachtenden Mittelstand von Sein und Nichtsein, von
einem Tag zum andern erbettelter Weise fortschleppen zu können. So erkaltet als
die Einbildungs-Kraft unsers Helden war, so konnte er doch nicht anders als
etwas idealisches in dem Gemische von Majestät und Anmut, welches über die ganze
Person dieses liebenswürdigen Alten ausgebreitet war, zu empfinden - - und es
desto stärker zu empfinden, je stärker der Absatz war, den dieser Anblick mit
allem demjenigen machte, woran sich seine Augen seit geraumer Zeit hatten
gewöhnen müssen - - Und warum konnte er nicht anders? Die Ursache ist ganz
simpel; weil dieses idealiche nicht in seinem Gehirne, sondern in dem
Gegenstande selbst war. Stellet euch einen grossen stattlichen Mann vor, dessen
Ansehen beim ersten Blick ankündiget, dass er dazu gemacht ist, andre zu
regieren, und dem ihr ungeachtet seiner silbernen Haare noch ganz wohl ansehen
könnet, dass er vor fünfzig Jahren ein schöner Mann gewesen ist - - Ihr erinnert
euch ohne Zweifel dergleichen gesehen zu haben; aber das ist es noch nicht -
Stellet euch vor, dass dieser Mann in dem ganzen Laufe seines Lebens ein
tugendhafter Mann gewesen ist; dass eine lange Reihe von Jahren seine Tugend zu
Weisheit gereift hat; dass die unbewölkte Heiterkeit seiner Seele, die Ruhe
seines Herzens, die allgemeine Güte wovon es beseelt ist, das stille Bewusstsein
eines unschuldigen und mit guten Taten erfüllten Lebens, sich in seinen Augen
und in seiner ganzen Gesichts-Bildung mit einer Wahrheit, mit einem Ausdruck von
stiller Grösse und Würdigkeit abmalt, dessen Macht man fühlen muss, man wolle oder
nicht - das ist, was ihr vielleicht noch nicht gesehen habt - das ist das
idealische, das ich meinte; und das war es was Agaton sah - Ihr erinnert euch
doch der guten alten Frau Shirlei? - welche ich, für meinen Teil, so reizend und
selbst idealisch auch immer die Henrietten Byrons, und ihre Rivalinnen sind,
dennoch in gewissen Stunden einem ganzen Serail von Henrietten, Clementinen und
Emilien, (die Charlotten, Olivien und alle andern Göttinnen von dieser Art,
zusamt der schönen Magellone, mit eingerechnet,) vorziehen wollte - Gut; ein
Gemälde von dieser nämlichen alten Frau, von der Hand eines van Dyk, (wenn es
noch einen van Dyk gäbe) würde ein Cabinetstück machen, um welches ich alle
Liebes-Göttinnen und Grazien der Vanloos und Bouchers, so wenig ich sonst ein
Feind von ihnen wäre, mit Freuden geben würde. Archytas, von der Hand eines
Apelles (wenn zu seiner Zeit ein Apelles gewesen wäre) würde das Gegenbild davon
sein. Agaton hatte nichts nötig, als ihn anzusehen, um überzeugt zu sein, dass
er endlich gefunden habe, was er so oft gewünscht, aber noch nie gefunden zu
haben geglaubt hatte, ohne dass er in der Folge auf eine oder die andere Art
seines Irrtums überführt worden wäre - - einen wahrhaftig weisen Mann, einen
Mann, der nichts zu sein scheinen wollte, als was er würklich war, und an
welchem das scharfsichtigste Auge nichts entdecken konnte, das man anders hätte
wünschen mögen. Die Natur schien sich vorgesetzt zu haben, durch ihn zu
beweisen, dass die Weisheit nicht weniger ein Geschenke von ihr sei, als der
Genie; und dass, wofern es gleich der Kunst nicht unmöglich ist, ein schlimmes
Naturell zu verbessern, und aus einem Silen, so der Himmel will, einen Socrates
zu machen, (ein Triumph, den die Kunst gleichwohl sehr selten davon trägt,) es
dennoch der Natur allein zukomme, diese glückliche Temperatur der Elemente,
woraus der Mensch zusammengesetzt ist, hervorzubringen, welche, unter einem
Zusammenfluss eben so glücklicher Umstände, endlich zu dieser vollkommnen
Harmonie aller Kräfte und Bewegungen des Menschen, worin Weisheit und Tugend in
Einem Punct zusammenfliessen, erhöht werden kann. Archytas hatte niemalen weder
eine glühende Einbildungs-Kraft, noch heftige Leidenschaften gehabt; eine
gewisse Stärke, welche den Mechanismus seines Kopfs und seines Herzens
characterisierte, hatte von seiner Jugend an die Würkung der Gegenstände auf
seine Seele gemässiget; die Eindrücke, die er von ihnen bekam, waren deutlich und
nett genug, um seinen Verstand mit wahren Bildern zu erfüllen, und die
Verwirrung zu verhindern, welche in dem Gehirne derjenigen zu herrschen pflegt,
deren allzuschlaffe Fibern nur schwache und matte Eindrücke von den Gegenständen
empfangen; aber sie waren nicht so lebhaft und von keiner so starken
Erschütterung begleitet, wie bei denjenigen, welche, durch zärtlichere Werkzeuge
und reizbarere Sinnen zu den entusiastischen Künsten der Musen bestimmet, den
zweideutigen Vorzug einer zauberischen Einbildungs-Kraft und eines unendlich
empfindlichen Herzens durch die Tyrannie der Leidenschaften, der sie, mehr oder
weniger, unterworfen sind, teuer genug bezahlen müssen. Archytas hatte es dem
Mangel dieses eben so schimmernden, als wenig beneidenswerten Vorzugs zu danken,
dass er wenig Mühe hatte, Ruhe und Ordnung in seiner innerlichen Verfassung zu
erhalten; dass er anstatt von seinen Ideen und Empfindungen beherrscht zu werden,
allezeit Meister von ihnen blieb, und die Verirrungen des Geistes und des
Herzens nur aus der Erfahrung andrer kannte, von denen das schwärmerische Volk
der Helden, Dichter und Virtuosen aller Arten aus seiner eigenen sprechen kann.
Und daher kam es auch, dass die Pytagoräische Philosophie, in deren Grundsätzen
er erzogen worden war - eben diese Philosophie, welche in dem Gehirne so vieler
andrer zu einem seltsamen Gemische von Wahrheit und Träumerei wurde, - sich
durch Nachdenken und Erfahrung in dem seinigen zu einem System von eben so
simpeln, als fruchtbaren und practischen Begriffen ausbildete; zu einem System,
welches der Wahrheit näher zu kommen scheint, als irgend ein anders; welches die
menschliche Natur veredelt, ohne sie aufzublähen, und ihr Aussichten in bessere
Welten eröffnet, ohne sie fremd und unbrauchbar in der gegenwärtigen zu machen;
welches durch das Erhabenste und Beste, was unsre Seele von Gott, von dem
Welt-System, und von ihrer eigenen Natur und Bestimmung zu denken fähig ist,
ihre Leidenschaften reiniget und mässiget, ihre Gesinnungen verschönert, und (was
kein so kleiner Vorteil ist, als neunhundert und neun und neunzig Menschen unter
tausenden sich einbilden,) sie von der tyrannischen Herrschaft dieser
pöbelhaften Begriffe befreit, welche die Seele verunstalten, sie klein,
niederträchtig, furchtsam, falsch und sclavenmässig machen; jede edle Neigung,
jeden grossen Gedanken abschrecken und ersticken, und doch darum nicht weniger
von politischen und religiosen Demagogen unter dem grössten Teile des
menschlichen Geschlechts, aus Absichten, woraus diese Herren billig ein
Geheimnis machen, eifrigst unterhalten werden.
    Die zuverlässigste Probe über die Güte der Philosophie des weisen Archytas
ist, wie uns deucht, der moralische Character, den ihm das einstimmige Zeugnis
der Alten beilegt. Diese Probe, es ist wahr, geht bei einem System von
metaphysischen Speculationen nicht an; aber die Philosophie des Archytas war
ganz practisch. Das Exempel so vieler grossen Geister, welche in der Bestrebung,
über die Grenzen des menschlichen Verstandes hinauszugehen, verunglückt waren,
hätte ihn in diesem Stücke vielleicht nicht weiser gemacht, wenn er mehr
Eitelkeit und weniger kaltes Blut gehabt hätte; aber so wie er war, überliess er
diese Art von Speculationen seinem Freunde Plato, und schränkte seine
Nachforschungen über die bloss intellectualischen Gegenstände lediglich auf diese
einfältigen Wahrheiten ein, welche das allgemeine Gefühl erreichen kann, welche
die Vernunft bekräftiget, und deren wohltätiger Einfluss auf den Wohlstand unsers
Privat-Systems so wohl als auf das allgemeine Beste allein schon genugsam ist,
ihren Wert zu beweisen. Es lässt sich also ganz sicher von dem Leben eines
solchen Mannes auf die Güte seiner Denkens-Art schliessen. Archytas verband alle
häuslichen und bürgerlichen Tugenden, mit dieser schönsten und göttlichsten
unter allen, welche sich auf keine andre Beziehung gründet, als das allgemeine
Band, womit die Natur alle Wesen verknüpft. Er hatte das seltene Glück, dass die
untadeliche Unschuld seines öffentlichen und Privat-Lebens, die Bescheidenheit,
wodurch er den Glanz so vieler Verdienste zu mildern wusste, und die Mässigung,
womit er sich seines Ansehens bediente, endlich so gar den Neid entwaffnete, und
ihm die Herzen seiner Mitbürger so gänzlich gewanne, dass er (ungeachtet er sich
seines hohen Alters wegen von den Geschäften zurückgezogen hatte) bis an sein
Ende als die Seele des Staats und der Vater des Vaterlands angesehen wurde, und
in dieser Qualität eine Autorität beibehielt, welcher nur die äusserlichen
Zeichen der königlichen Würde fehlten. Niemals hat ein Despot unumschränkter
über die Leiber seiner Sclaven geherrschet, als dieser ehrwürdige Greis über die
Herzen eines freien Volkes; niemals ist der beste Vater von seinen Kindern
zärtlicher geliebt worden. Glückliches Volk! welches von einem Archytas regiert
wurde, und den ganzen Wert dieses Glücks so wohl zu schätzen wusste! - Und
glücklicher Agaton, der in einem solchen Mann einen Beschützer, einen Freund,
und einen zweiten Vater fand.
 
                                Drittes Capitel
                          Eine unverhoffte Entdeckung
Archytas hatte zwei Söhne, deren wetteifernde Tugend die seltene und verdiente
Glückseligkeit seines Alters vollkommen machte. Diese liebenswürdige Familie
lebte in einer Harmonie beisammen, deren Anblick unsern Helden in die selige
Einfalt und Unschuld des goldnen Alters versetzte. Niemals hatte er eine so
schöne Ordnung, eine so vollkommne Eintracht, ein so regelmässiges und schönes
Ganzes gesehen, als das Haus des weisen Archytas darstellte. Alle Hausgenossen,
bis auf die unterste Classe der Bedienten, waren eines solchen Hausvaters
würdig. Jedes schien für den Platz, den es einnahm, ausdrücklich gemacht zu
sein. Archytas hatte keine Sclaven; der freie, aber sittsame Anstand seiner
Bedienten, die Munterkeit, die Genauigkeit, der Wetteifer, womit sie ihre
Pflichten erfüllten, das Vertrauen, welches man auf sie setzte, bewies, dass er
Mittel gefunden hatte, selbst diesen rohen und mechanischen Seelen ein Gefühl
von Ehre und Tugend einzuflössen; die Art wie sie dienten, und die Art, wie ihnen
begegnet wurde, schien das unedle und demütigende ihres Standes auszulöschen;
sie waren stolz darauf, einem so vortrefflichen Herrn zu dienen, und es war
nicht einer, der die Freiheit auch unter den vorteilhaftesten Bedingungen
angenommen hätte, wenn er der Glückseligkeit hätte entsagen müssen, ein
Hausgenosse des Archytas zu sein. Das Vergnügen mit seinem Zustande leuchtete
aus jedem Gesicht hervor; aber keine Spur dieses üppigen Übermuts, der
gemeiniglich den müssiggängerischen Haufen der Bedienten in grossen Häusern
bezeichnet; alles war in Bewegung; aber ohne dieses lärmende Geräusch, welches
den schweren Gang der Maschine ankündiget; das Haus des Archytas glich dem
inwendigen Mechanismus des animalischen Körpers, in welchem alles in rastloser
Arbeit begriffen ist, ohne dass man eine Bewegung wahrnimmt, wenn die äussern
Teile ruhen.
    Agaton befand sich noch in diesem angenehmen Erstaunen, welches in den
ersten Stunden, die er in einem so sonderbaren Hause zubrachte, sich mit jedem
Augenblick vermehren musste, als er auf einmal, und ohne dass ihn die mindeste
innerliche Ahnung dazu vorbereitet hätte, durch eine Entdeckung überrascht
wurde, welche ihn beinahe dahin gebracht hätte, alles was er sah, für einen
Traum zu halten.
    Das Gynäceum war, wie man weiss, bei den Griechen den Fremden, welche in
einem Hause aufgenommen wurden, ordentlicher Weise, eben so unzugangbar als der
Harem bei den Morgenländern. Aber Agaton wurde in dem Hause des Archytas nicht
wie ein Fremder behandelt. Dieser liebenswürdige Alte führte ihn also, nachdem
sie sich ein paar Stunden, welche unserm Helden sehr kurz wurden, mit einander
besprochen hatten, in Begleitung seiner beiden Söhne in das Innerste des Hauses,
welches von dem weiblichen Teil der Familie bewohnt wurde; um, wie er sagte,
seinen Töchtern ein Vergnügen, worauf sie sich schon so lange gefreuet hätten,
nicht länger vorzuentalten. Stellet euch vor, was für eine süsse Bestürzung ihn
befiel, da die erste Person, die ihm beim Eintritt in die Augen fiel, seine
Psyche war! - Augenblicke von dieser Art lassen sich besser malen, als
beschreiben - diese Erscheinung war so unerwartet, dass sein erster Gedanke war,
sich durch eine zufällige Ähnlichkeit dieser jungen Dame mit seiner geliebten
Psyche betrogen zu glauben. Er stutzte; er betrachtete sie von neuem; und wenn
er nunmehr auch seinen Augen nicht hätte trauen wollen, so liess ihm das, was in
seinem Herzen vorging, keinen Zweifel übrig. Und doch kam es ihm so wenig
glaublich vor, dass er glücklich genug sein sollte, nach einer so langen
Abwesenheit und bei so wenigem Anschein, sie jemals wieder zu sehen, sie in dem
Gynäceo seiner Freunde zu Tarent wieder zu finden! Ein andrer Gedanke, der in
diesen Umständen sehr natürlich war, vermehrte seine Verwirrung, und hielt ihn
zurück, sich der Freude zu überlassen, welche ein eben so erwünschter als wenig
verhoffter Anblick über seine Seele ergoss. Psyche sah nicht so aus, als ob sie
eine Sclavin in diesem Hause vorstelle; was konnte er also anders denken, als
dass sie die Gemahlin eines von den Söhnen des Archytas sein müsste? Es ist wahr,
er hätte eben so wohl denken können, dass sie seine wiedergefundene Tochter sein
könnte; aber in solchen Umständen bildet man sich immer das ein, was man am
meisten fürchtet. In der Tat erriet er die Sache aufs erstemal; Psyche war seit
einigen. Monaten die Gemahlin des Critolaus.
    Unsere Leser sehen nun auf den ersten Blick, was für schöne Gelegenheit zu
patetischen Beschreibungen und tragischen Auftritten uns dieser kleine Umstand
gibt - - was für eine Situation! Den Gegenstand der zärtlichsten Neigung seines
Herzens, seine erste Liebe, nach einer langen schmerzlichen Trennung unverhofft
wieder finden, aber nur dazu wieder finden, um sie in den Armen eines andern,
und was uns nicht einmal das Recht zu klagen, zu wüten und Rache zu schnauben
übrig lässt, in den Armen unsers liebsten Freundes zu sehen! - - Zu gutem Glück
für unsern Helden - - und für den Autor - - waren diejenigen, welche in diesem
Augenblick Zeugen von seiner Bestürzung waren, keine so passionierte Liebhaber
patetischer Auftritte, dass sie hätten fähig sein können, an seiner Qual
Vergnügen zu finden. Sie wollten sich ein Vergnügen daraus machen, ihn zu
überraschen; aber es würde grausam gewesen sein, eine Tragödie mit ihm zu
spielen, so glücklich auch am Ende die Entwicklung immer hätte sein mögen. Die
zärtliche Psyche sah etliche Augenblicke seiner Verwirrung zu; aber länger
konnte sie sich nicht zurückhalten. Sie flog ihm mit offnen Armen entgegen, und
indem ihre Freuden-Tränen seine glühende Wangen betauten, hörte er sich mit
einem Namen benennen, der ihre zärtlichste Liebkosungen selbst in Gegenwart
eines Gemahls rechtfertigte.
    Wäre die Liebe, welche sie ihm in dem Hain zu Delphi eingeflösst hatte,
weniger platonisch gewesen, so würde die Entdeckung einer Schwester in der
Geliebten seines Herzens nicht so erfreulich gewesen sein, als sie ihm war. Aber
man erinnert sich noch, dass ihre Liebe, so ausnehmend zärtlich sie auch gewesen
war, doch mehr der Liebe, welche die Natur zwischen Geschwistern von
übereinstimmender Gemüts-Art stiftet, als derjenigen geglichen hatte, welche
sich auf die Zauberei eines andern Instincts gründet, von dessen fiebrischen
Symptomen die ihrige allezeit frei geblieben war. Sie hatten damals schon ein
sonderbares Vergnügen daran gefunden, sich einzubilden, dass ihre Seelen
wenigstens einander verschwistert seien, da sie nicht Grund genug hatten, so
sehr sie es auch wünschten, die unschuldige Anmutung, welche sie für einander
fühlten, der Würkung der Sympatie des Blutes zu zuschreiben. Agaton befand
sich also über alles was er hätte wünschen können, glücklich, da er, nach den
Erläuterungen, welche ihm gegeben wurden, nicht mehr zweifeln konnte, in Psyche
eine Schwester, welche er nach der ehmaligen Erzählung seines Vaters für tot
gehalten hatte, wieder zu finden, und durch sie ein Teil einer Familie zu
werden, für welche sein Herz bereits so eingenommen war, dass der Gedanke sich
jemals wieder von ihr zu trennen, ihm unerträglich gewesen sein würde. Nun meine
zärtlichen Leserinnen, mangelte ihm, um so glückselig zu sein, als es Sterbliche
sein können, nichts als dass Archytas - nicht irgend eine liebenswürdige Tochter
oder Nichte hatte, mit der wir ihn vermählen könnten. Aber unglücklicher Weise
für ihn hatte Archytas keine Tochter; und wofern er Nichten hatte, welches wir
nicht für gewiss sagen können, so waren sie entweder schon verheiratet, oder
nicht dazu gemacht, das Bild der schönen Danae, und die Erinnerungen seiner
ehmaligen Glückseligkeit, welche von Tag zu Tag wieder lebhafter in seinem.
Gemüte wurden, auszulöschen.
    Diese Erinnerungen hatten schon zu Syracus in melancholischen Stunden wieder
angefangen einige Gewalt über sein Herz zu bekommen; der Gram, wovon seine Seele
in der letzten Periode seines Hof-Lebens, ganz verdüstert und niedergeschlagen
wurde, veranlasste ihn, Vergleichungen zwischen seinem vormaligen und nunmehrigen
Zustande anzustellen, welche unmöglich anders als zum Vorteil des ersten
ausfallen konnten. Er machte sich selbst Vorwürfe, dass er das liebenswürdigste
unter allen Geschöpfen, in einem Anstoss von schwärmerischem Heldentum, aus so
schlechten Ursachen, auf die blosse Anklage eines so verächtlichen Menschen als
Hippias, über welche sie sich vielleicht, wenn er sie gehört hätte, vollkommen
hätte rechtfertigen können, verlassen habe. Diese Tat, auf welche er sich
damals, da er sie für einen herrlichen Sieg über die unedlere Hälfte seiner
selbst, für ein grosses Versöhn-Opfer, welches er der beleidigten Tugend brachte,
ansah, so viel zu gut getan hatte, schien ihm izt undankbar und niederträchtig;
es schmerzte ihn, wenn er dachte, wie glücklich er durch die Verbindung seines
Schicksals mit dem ihrigen hätte werden können; und der Entusiasmus gewann
nichts dabei, wenn er zugleich dachte, durch was für schimärische Vorstellungen
und Hoffnungen er ihn um seine Privat-Glückseligkeit gebracht habe. Aber der
Gedanke, dass er durch ein so schnödes Verfahren die schöne Danae gezwungen habe,
ihn zu verachten, zu hassen, sich der Zärtlichkeit, die er ihr eingeflösst,
niemals anders als wie einer unglücklichen Schwachheit zu erinnern, deren
Andenken sie mit Gram und Reue erfüllen musste - dieser Gedanke war ihm ganz
unerträglich; Danae, so sehr sie auch beleidigt war, konnte ihn unmöglich so
sehr verabscheuen, als er in den Stunden, da diese Vorstellungen seine Vernunft
überwältigten, sich selbst verabscheuete. Allein diese Stunden gingen endlich
vorüber, und das ungeduldige Gefühl der gegenwärtigen Übel trug nicht wenig dazu
bei, ihm die Ursachen und Umstände seiner Entfernung von Smyrna in einem so
splenetischen Lichte vorzustellen. Die glückliche Veränderung, welche die
Versetzung in den Schoss der liebenswürdigsten Familie, die vielleicht jemals
gewesen ist, in seinen Umständen hervorbrachte, veränderte notwendiger Weise
auch die Farbe seiner Einbildungs-Kraft. Hätte er Danae nicht verlassen, so
würde er weder seine Schwester gefunden, noch mit dem weisen Archytas persönlich
bekannt worden sein. Diese Folgen seiner tugendhaften Untreue machten den
Wunsch, sie nicht begangen zu haben, unmöglich; aber sie beförderten dagegen
einen andern, der in den Umständen, worin er zu Tarent lebte, sehr natürlich
war. Die heitre Stille, welche in seinem ohnehin zur Freude aufgelegten Gemüt in
kurzem wieder hergestellt wurde; die Freiheit von allen Geschäften und Sorgen;
der Genuss alles dessen, womit die Freundschaft ein gefühlvolles Herz beseligen
kann; der Anblick der Glückseligkeit seines Freundes Critolaus, welche im Besitz
der liebenswürdigen Psyche alle Tage zu zunehmen schien; der Mangel an
Zerstreuungen, wodurch die Seele verhindert wird, sich in die Sphäre ihrer
angenehmsten Ideen und Empfindungen zu concentrieren; die natürliche Folge
hievon, dass diese Ideen und Empfindungen desto lebhafter werden müssen - alles
dieses vereinigte sich, ihn nach und nach wieder in Dispositionen zu setzen,
welche die zärtlichste Erinnerungen an die einst so sehr geliebte Danae
erweckten, und ihn von Zeit zu Zeit in eine Art von sanfter wollüstiger
Melancholie setzten, worin sein Herz sich ohne Widerstand in diese zauberischen
Scenen von Liebe und Wonne zurückführen liess, welche - - aus Ursachen, die wir
den Moralisten zu entwickeln überlassen wollen - - durch die in seiner Seele
vorgegangene Revolution ungleich weniger von ihrem Reiz verloren hatten, als die
abstractern und bloss intellectualischen Gegenstände seines ehmaligen
Entusiasmus. Können wir ihn verdenken, dass er in solchen. Stunden die schöne
Danae unschuldig zu finden wünschte - - dass er dieses so oft und so lebhaft
wünschte, bis er sich endlich überredete, sie für unschuldig zu halten - - und
dass die Unmöglichkeit, ein Gut wieder zu erlangen, dessen er sich selbst so
leichtglaubig und auf eine so verhasste Art beraubt hatte, ihn zuweilen in eine
Traurigkeit versenkte, die ihm den Geschmack seiner gegenwärtigen Glückseligkeit
verbitterte, und sich nur desto tiefer in sein Gemüt eingrub, weil er sich nicht
entschliessen konnte, sein Anliegen denjenigen anzuvertrauen, denen er, diesen
einzigen Winkel ausgenommen, das Innerste seiner Seele aufzuschliessen pflegte -
- Wohin uns diese Vorbereitung wohl führen soll? - - werden vielleicht einige
von unsern scharfsinnigen Lesern denken - - ohne Zweifel wird man uns nun auch
die Dame Danae von irgend einem dienstwilligen Sturmwind herbeiführen lassen,
nachdem uns, ohne zu wissen, wie? das gute Mädchen Psyche, durch einen wahren
Schlag mit der Zauberrute, aus dem Gynäceo des alten Archytas entgegengesprungen
ist - - »Und warum nicht? - - nachdem wir nun einmal wissen, wie glücklich wir
unsern Freund Agaton dadurch machen könnten« - Aber wo bleibt alsdann das
Vergnügen der Überraschung, welches andre Autoren ihren Lesern mit so vieler
Mühe und Kunst zu zuwenden pflegen. Es bleibt aus, meine Herren; und Diderot
kann Ihnen, wenn Sie wollen, sagen, warum Sie wenig oder nichts dabei verlieren
werden. Inzwischen ist uns lieb, erinnert worden zu sein, dass wir Ihnen einige
Nachricht schuldig sind, wie Psyche (welche wir, in einen Ganymed verkleidet, in
den Händen eines Seeräubers verlassen hatten,) dazu gekommen sei, die Gemahlin
des Critolaus und die Schwester Agatons zu werden. Ein kurzer Auszug aus der
Erzählung, welche dem Agaton teils von seiner Schwester selbst, teils von ihrer
Amme gemacht wurde, (und die letzte hatte den Fehler, ein wenig weitläufiger in
ihren Erzählungen zu sein, als wir selbst,) wird hinlänglich sein, dero gerechte
Wissens-Begierde über diesen Punct zu befriedigen.
    Ein heftiger Sturm ist ein sehr unglücklicher Zufall für Leute, die sich
mitten auf der offenen See, nur durch die Dicke eines Brettes von einem feuchten
Tode geschieden finden; aber für die Geschichtschreiber der Helden und Heldinnen
ist es beinahe der glücklichste unter allen Zufällen, welche man herbeibringen
kann, um sich aus einer Schwierigkeit herauszuhelfen. Es war also ein Sturm,
(und Sie haben sich nicht darüber zu beschweren, meine Herren, denn es ist,
unsers Wissens, der erste in dieser Geschichte,) der die liebenswürdige Psyche
aus der fürchterlichen Gewalt eines verliebten Seeräubers rettete. Das Schiff
scheiterte an der Italiänischen Küste, einige Meilen von Capua; und Psyche, von
den Nereiden oder Liebes-Göttern beschirmt, war die einzige Person auf dem
Schiffe, welche auf einem Brette glücklich von den Zephyrn ans Land getragen
wurde. Die Zephyrn allein wären hiezu vielleicht nicht hinreichend gewesen; aber
mit Hülfe einiger Fischer, welche glücklicher Weise bei der Hand waren, hatte
die Sache keine Schwierigkeit. Das war nun alles sehr glücklich; aber es ist
nichts in Vergleichung mit dem, was nun folgen wird. Einer von den Fischern (der
mitleidigste ohne Zweifel) führte die verkleidete Psyche, welche sehr vonnöten
hatte, sich zu trocknen, und von dem ausgestandenen Ungemach zu erholen, zu
seinem Weib in seine Hütte. Die Fischerin, (eine hübsche, dicke Frau von drei
oder vier und vierzig Jahren) welche die Mine hatte, in ihrer Jugend kein
unempfindliches Herz gehabt zu haben, bezeugte ungemeines Mitleiden mit dem
Unglück eines so liebenswürdigen jungen Herrn, als die schöne Psyche zu sein
schien; sie pflegte seiner, so gut es nur immer möglich war, und konnte sich
nicht satt an ihm sehen. Es war ihr immer, sagte sie, als ob sie schon einmal
ein solches Gesicht gesehen hätte, wie das seinige; und sie konnte es kaum
erwarten, bis der schöne Fremdling im Stande war, nach eingeführter Gewohnheit,
seine Geschichte zu erzählen. Aber Psyche hatte der Ruhe vonnöten; sie wurde
also zu Bette gebracht; und bei dieser Gelegenheit entdeckte die Fischerin,
welche auf die kleinsten Umstände aufmerksam war, dass der vermeinte Jüngling ein
überaus schönes Mädchen - - aber doch nicht mehr so schön war, als sie in ihren
Manns-Kleidern ausgesehen hatte. Es war natürlich, über diese Verwandlung im
ersten Augenblick ein wenig missvergnügt zu sein; aber dieser kleine
vorübergehende Unmut verwandelte sich bald in die lebhafteste und zärtlichste
Freude - kurz, es entdeckte sich, dass die Fischerin Clonarion, die Amme der
schönen Psyche war, welche, mit Hülfe dieses Namens, ihrer geliebten Amme sich
wieder eben so gut zu erinnern glaubte, als diese aus den Gesichts-Zügen der
Psyche, aus ihrer Ähnlichkeit mit ihrer Mutter, Musarion, und besonders aus
einem kleinen Mal, welches sie unter der linken Brust hatte, ihre allerliebste
Pflegtochter erkannte. Clonarion war die vertrauteste Sclavin der Mutter unsrer
Heldin gewesen, und ihrer Pflege wurde nach dem Tode derselben die kleine
Psyche, oder Philoclea, wie sie eigentlich hiess, anvertraut; denn Psyche war nur
ein Liebkosungs-Name, den ihr ihre Amme aus Zärtlichkeit gab, und welchen die
kleine Philoclea, weil sie sich niemals anders als Psyche oder Psycharion nennen
gehört hatte, in der Folge als ihren würklichen Namen angab. Stratonicus hatte
der Clonarion mit der noch unmündigen Psyche eine hinlängliche Summe Gelds
übergeben, und befohlen, sie in der Nähe von Corint zu erziehen, weil er dort
die beste Gelegenheit hatte, sie von Zeit zu Zeit unerkannt zu sehen. Die junge
Psyche, die Freude und der Stolz ihrer zärtlichen Amme, von der sie wie ihr
eigenes Kind geliebt wurde, wuchs so schön heran, dass man nichts
liebenswürdigers sehen konnte. Die Hoffnung des Gewinsts reizte endlich einige
Bösewichter, sie, da sie ungefähr fünf bis sechs Jahre alt war, heimlich
wegzustehlen, und an die Priesterin zu Delphi zu verkaufen. Ein Halsgeschmeide,
woran ein kleines Bildnis ihrer Mutter hing, und womit die junge Psyche allezeit
geschmückt zu sein pflegte, wurde zugleich mit ihr verkauft, und diente in der
Folge zur Bestätigung, dass sie würklich die Tochter des Stratonicus sei.
Clonarion raufte sich einen guten Teil ihrer Haare aus, da sie ihre Psyche
vermisste; und nachdem sie eine ziemliche Zeit zugebracht hatte, sie allentalben
(ausser da, wo sie würklich war,) zu suchen, wusste sie kein ander Mittel, sich
bei ihrem. Herrn von der Schuld einer strafbarn Nachlässigkeit entledigen zu
können, als vorzugeben, dass sie gestorben sei; und Stratonicus konnte desto
leichter hintergangen werden, weil er damals eben in Geschäfte verwickelt war,
welche ihn lange Zeit hinderten, nach Corint zu kommen. Inzwischen hatte die
allentalben herumirrende Clonarion eine Menge Abenteuer, welche sich endlich
damit endigten, dass sie die Gattin eines schon ziemlich bejahrten Fischers aus
der Gegend von Capua wurde, in dessen Augen sie damals wenigstens so schön als
Tetis und Galatea war. Sie hatte ihre geliebte Pflegtochter in so zärtlichem
Andenken behalten, dass sie einer Tochter, von der sie selbst entbunden wurde,
den Namen Psyche gab, bloss um sich derselben beständig zu erinnern. Der Tod
dieses Kindes, der beinahe in eben dem Alter erfolgte, worin Psyche geraubt
worden war, riss die alte Wunde wieder auf; und da ihr durch diese Umstände das
Bild der jungen Psyche immer gegenwärtig blieb, so hatte sie desto weniger Mühe,
sie wieder zu erkennen, ungeachtet vierzehn oder fünfzehn Jahre einige
Veränderung in ihren Gesichts-Zügen gemacht haben mussten. Unsre Heldin vermehrte
also nunmehr die kleine Familie des alten Fischers, welcher seinen Aufentalt
veränderte, und in die Gegend von Tarent zog, wo er sie, weil sie alle unbekannt
waren, für seine Tochter ausgeben konnte. Psyche bequemte sich so gut in die
schlechten Umstände, worin sie bei ihrer Pflegmutter leben musste, als ob sie
niemals in bessern gelebt hätte, und liess sich nichts angelegner sein, als ihr
durch emsiges Arbeiten die Last ihres Unterhalts zu erleichtern. Endlich fügte
es sich zufälliger Weise, dass der junge Critolaus unsre Heldin zu Gesicht bekam,
welche in ihrem bäurischen, aber reinlichen Anzug, und mit frischen Blumen
geschmückt, demjenigen, dem sie in einem Haine begegnete, eher eine von den
Gespielen der Diana, als die Tochter eines armen Fischers scheinen musste.
Critolaus fasste die heftigste Leidenschaft für sie; weil seine Liebe eben so
tugendhaft, als zärtlich war, so brachte er bald die mitleidige Clonarion auf
seine Seite; und da Psyche selbst nunmehr wusste, dass Agaton ihr Bruder sei, so
war kein Grund, warum sie gegen die Zuneigung eines so liebenswürdigen jungen
Menschen unempfindlich hätte sein sollen. In der Tat war Critolaus in mehrern
Absichten der zweite Agaton; allein die Umstände liessen so wenig Hoffnung zu,
dass eine rechtmässige Verbindung zwischen ihnen möglich sein könnte, dass Psyche
sich verbunden hielt, ihm dasjenige, was zu seinem Vorteil in ihrem Herzen
vorging, desto sorgfältiger zu verbergen, je entschlossener er war, seiner Liebe
alle andre Betrachtungen aufzuopfern. Endlich wusste er sich nicht anders zu
helfen, als dass er das Geheimnis seines Herzens demjenigen entdeckte, dessen
Beifall er am wenigsten zu erhalten hoffen konnte. Die ganze Beredsamkeit der
begeisterten Liebe würde über einen Weisen, wie Archytas war, wenig vermocht
haben; aber Critolaus sagte so viel ausserordentliches von dem Geist und der
Tugend seiner Geliebten, dass sein Vater endlich aufmerksam zu werden anfing.
Archytas hatte die Macht des Dämons der Liebe nie erfahren; aber er war
menschlich, gütig, und über die gemeine Vorurteile und Absichten erhaben. Ein
schönes und tugendhaftes Mädchen war in seinen Augen ein sehr edles Geschöpfe,
dessen Wert durch den Schatten der Niedrigkeit und Armut nur desto mehr erhoben
wurde. Kaum wurde der junge Critolaus gewahr, dass sein Vater zu wanken anfing;
so wagte er's, ihm das Geheimnis der Geburt seiner Geliebten zu entdecken,
welches ihm Clonarion, in Hoffnung, dass es gute Folgen haben könnte, ohne Wissen
der schönen Psyche vertraut hatte. Archytas, welchem Stratonicus ehmals seine
heimliche Verbindung mit Musarion entdeckt hatte, war über diesen Zufall nicht
wenig erfreut; er wünschte nichts mehr, als dass diejenige, für welche sein Sohn
so heftig eingenommen war, die Tochter seines liebsten Freundes sein möchte;
aber er wollte gewiss sein, dass sie es sei; und hiezu schien ihm das blosse
Zeugnis eines Fischer-Weibs zu wenig. Er veranstaltete es, dass er Psychen und
ihre angebliche Amme selbst zu sehen bekam; er glaubte, in der Gesichtsbildung
der ersten einige Züge von ihrem Vater zu entdecken; und die Unterredung, die er
mit ihr hatte, bestätigte den günstigen Eindruck, den ihr Anblick auf sein Gemüt
gemacht hatte. Er liess sich ihre Geschichte mit allen Umständen erzählen, und
fand nun immer weniger Ursache, an der Wahrheit dessen zu zweifeln, was sein
Sohn auf die blosse Aussage der Amme, ohne die mindeste Untersuchung, für die
ausgemachteste Wahrheit hielt. Das Halsgeschmeide, welches Psyche in den Händen
der Pytia hatte zurücklassen müssen, schien ihm allein noch abzugehen, um ihn
gänzlich zu überzeugen. Er schickte deswegen einen seiner Vertrauten nach Delphi
ab; und die Pytia, da sie sah, dass ein Mann von solcher Wichtigkeit sich des
Schicksals ihrer ehemaligen Sclavin annahm, machte keine Schwierigkeiten, dieses
Merkzeichen der Abkunft derselben auszuliefern. Nunmehr glaubte Archytas
berechtigt zu sein, Psyche als die Tochter eines Freundes, dessen Andenken ihm
teuer war, anzusehen; und nun hatte er selbst nichts angelegners, als sie je
eher je lieber in seine Familie zu verpflanzen. Sie wurde also die Gemahlin des
glücklichen Critolaus; und diese Verbindung gab natürlicher Weise neue
Beweggründe, sich der Befreiung Agatons mit so lebhaftem Eifer anzunehmen, als
es, obenerzählter massen, geschehen war.
 
                                Viertes Capitel
               Etwas, das man ohne Divination vorhersehen konnte
Agaton hatte zwar viel früher zu leben angefangen, als es gemeiniglich
geschieht; aber er war doch noch lange nicht alt genug, um sich von der Welt
gänzlich zurückzuziehen. Indessen hielt er sich, nachdem er schon zu zweien
malen eine nicht unansehnliche Rolle auf dem Schauplatz des öffentlichen Lebens
gespielt, und sie für einen jungen Mann gut genug gespielt hatte, berechtiget,
so lange er keinen besondern Beruf erhalten würde, seiner Nation zu dienen, oder
so lange sie seiner Dienste nicht schlechterdings vonnöten hätte, sich in den
Cirkel des Privat-Lebens zurückzuziehen; und hierin stimmten die Grundsätze des
weisen Archytas völlig mit seiner Art zu denken überein. Ein Mann von mehr als
gewöhnlicher Fähigkeit, sagte Archytas, hat zu tun genug, an seiner eigenen
Besserung und Vervollkommnung zu arbeiten; er ist am geschicktesten zu dieser
Beschäftigung, nachdem er durch eine Reihe beträchtlicher Erfahrungen sich
selbst und die Welt kennen zu lernen angefangen hat; und indem er solchergestalt
an sich selbst arbeitet, arbeitet er würklich für die Welt, indem er dadurch um
soviel geschickter wird, seinen Freunden, seinem Vaterland, und den Menschen
überhaupt, nützlich zu sein, und es sei nun mit vielem oder wenigem Gepränge, in
einem grössern oder kleinern Cirkel, auf eine öffentliche oder nicht so merkliche
Art, zum allgemeinen Besten des Systems mitzuwürken.
    Dieser Maxime zufolge beschäftigte sich Agaton, nachdem er zu Tarent
einheimisch zu sein angefangen hatte, hauptsächlich mit den matematischen
Wissenschaften, mit Erforschung der Kräfte und Eigenschaften der natürlichen
Dinge, mit der Astronomie, kurz mit demjenigen Teil der speculativen
Philosophie, welche uns, mit Hülfe unsrer Sinnen und behutsamer
Vernunft-Schlüsse zu einer zwar mangelhaften, aber doch zuverlässigen Erkenntnis
der Natur und ihrer majestätisch-einfältigen, weisen und wohltätigen Gesetze
führt. Er verband mit diesen erhabenen Studien, worin ihm die Anleitung des
Archytas vorzüglich zu statten kam, das Lesen der besten Schriftsteller von
allen Classen, insonderheit der Geschichtschreiber, und das Studium des
Altertums, welches er, so wie die Verbal-Critik, für eine der edelsten und
nützlichsten, oder für eine der nichtswürdigsten Speculationen hielt, je nachdem
es auf eine philosophische oder bloss mechanische Art getrieben werde. Nicht
selten setzte er diese anstrengenden Beschäftigungen bei Seite, um, wie er
sagte, mit den Musen zu scherzen; und der natürliche Schwung seines Genie machte
ihm diese Art von Gemüts-Ergötzung so angenehm, dass er Mühe hatte sich wieder
von ihr loszureissen. Auch die Malerei und die Musik, die Schwestern der
Dichtkunst, deren höhere Teorie sich in den geheimnisvollesten Tiefen der
Philosophie verliert, hatten einen Anteil an seinen Stunden, und halfen ihm, das
allzueinförmige in den Beschäftigungen seines Geistes, und die schädlichen
Folgen, die aus der Einschränkung desselben auf eine einzige Art von
Gegenständen entspringen, zu vermeiden.
    Die häufigen Unterredungen, welche er mit dem weisen Archytas hatte, trugen
viel und vielleicht das Meiste bei, seinen Geist in den tiefsinnigern
Speculationen über die metaphysischen Gegenstände, von Abwegen zurückzuhalten.
Agaton, welcher ehmals, da alles in seiner Seele zur Empfindung wurde, seinen
Beifall zu leicht überraschen liess; fand izt, seitdem er mit kälterm Blute
philosophierte, beinahe alles zweifelhaft; die Zahl der menschlichen Begriffe
und Meinungen, welche die Probe einer ruhigen, gleichgültigen und genauen
Prüfung aushielten, wurde alle Tage kleiner für ihn; die Systeme der
dogmatischen Weisen verschwanden nach und nach, und zerflossen vor den Strahlen
der prüfenden Vernunft, wie die Luft-Schlösser und Zauber-Gärten, welche wir
zuweilen an Sommer-Morgen im düftigen Gewölke zu sehen glauben, vor der
aufgehenden Sonne. Der weise Archytas billigte den bescheidnen Scepticismus
seines Freundes; aber indem er ihn von allzukühnen Reisen im Lande der Ideen zu
den wenigen einfältigen, aber desto schätzbarern Wahrheiten zurückführte, welche
der Leitfaden zu sein scheinen, an welchem uns der allgemeine Vater der Wesen
durch diesen Labyrint des Lebens sicher hindurchführen will - - verwahrte er
ihn vor dieser gänzlichen Ungewissheit des Geistes, welche eine eben so grosse
Unentschlossenheit und Mutlosigkeit des Willens nach sich zieht, und dadurch
eine Quelle so vieler schädlicher Folgen für die Tugend und Religion, und also
für die Ruhe und Glückseligkeit unsers Lebens wird, dass der Zustand des
bezaubertesten Entusiasten dem Zustand eines solchen Weisen vorzuziehen ist,
der aus immerwährender Furcht zu irren, sich endlich gar nichts mehr zu bejahen
oder zu verneinen getraut. In der Tat gleicht die Vernunft in diesem Stück ein
wenig dem Doctor Peter Rezio von Aguero; sie hat gegen alles, womit unsre Seele
genährt werden soll, soviel einzuwenden, dass diese endlich eben sowohl aus
Inanition verschmachten müsste, wie die unglücklichen Stattalter der Insel
Barataria bei der Diät, wozu sie das verwünschte Stäbchen ihres allzuscrupulosen
Leibarztes verurteilte. Das beste ist in diesem Falle, sich wie Sancho zu
helfen. Der Instinct und dieses am wenigsten betrügliche Gefühl des Wahren und
Guten, welches die Natur allen Menschen zugeteilt hat, können uns am besten
sagen, woran wir uns halten sollen; und dahin müssen, früher oder später, die
grössesten Geister zurückkommen, wenn sie nicht das Schicksal haben wollen, wie
die Taube des Altvaters Noah allentalben herumzuflattern und nirgends Ruhe zu
finden.
    Bei allen diesen manchfaltigen Beschäftigungen, womit unser ehmaliger Held
seine Musse zu seinem eigenen Vorteil erfüllte, blieben ihm doch viele Stunden
übrig, welche der Freundschaft und dem geselligen Vergnügen gewidmet waren - -
und für seine Ruhe nur allzuviele, in denen eine Art von zärtlicher Schwermut,
deren er sich nicht erwehren konnte, seine Seele in die bezauberten Gegenden
zurückführte, deren wir im vorigen Capitel schon Erwähnung getan haben. In einer
solchen Gemüts-Disposition liebt man vorzüglich den Aufentalt auf dem Lande, wo
man Gelegenheit hat, seinen Gedanken ungestörter nachzuhängen, als unter den
Pflichten und Zerstreuungen des geselligern Stadt-Lebens. Agaton zog sich also
öfters in ein Landgut zurück, welches sein Bruder Critolaus, ungefähr zwo
Stunden von Tarent besass, und wo er sich in seiner Gesellschaft zuweilen mit der
Jagd belustigte. Hier geschah es einsmals, dass sie von einem Ungewitter
überrascht wurden, welches wenigstens so heftig war, als dasjenige, wodurch, auf
Veranstaltung zwoer Göttinnen, Aeneas und Dido in die nämliche Höhle
zusammengescheucht wurden - -
    Aber da zeigte sich nirgends keine wirtschaftliche Höhle, welche ihnen
einigen Schirm angeboten hätte; und das schlimmste war, dass sie sich von ihren
Leuten verloren hatten, und eine geraume Zeit nicht wussten, wo sie waren; ein
Zufall, der an sich selbst wenig ausserordentliches hat, aber wie man sehen wird,
eines der glücklichsten Abenteuer veranlassete, das unserm Helden jemals
zugestossen ist. Nachdem sie sich endlich aus dem Walde herausgefunden hatten,
erkannte Critolaus die Gegend wieder; aber er sah zugleich, dass sie etliche
Stunden weit von Haus entfernt waren. Das Ungewitter wütete noch immer fort, und
es fand sich kein näherer Ort, wohin sie ihre Zuflucht nehmen konnten, als ein
einsames Landhaus, welches seit mehr als einem Jahr von einer fremden Dame von
sehr sonderbarem Character bewohnt wurde. Man vermutete aus einigen Umständen,
dass sie die Witwe eines Mannes von Ansehen und Vermögen sein müsse; aber es war
bisher unmöglich gewesen, ihren Namen und vorigen Aufentalt, oder was sie
bewogen haben könnte, ihn zu verändern, und in einer gänzlichen Abgeschiedenheit
von der Welt zu leben, auszuforschen. Das Gerüchte sagte Wunder von ihrer
Schönheit; indessen war doch niemand der sich rühmen konnte, sie gesehen zu
haben. Überhaupt hatte man eine Zeit lang vieles und desto mehr von ihr
gesprochen, je weniger man wusste; allein da sie fest entschlossen schien, sich
nichts darum zu bekümmern; so hatte man endlich auf einmal aufgehört von ihr zu
reden, und es der Zeit überlassen, das Geheimnis, das unter dieser Person und
ihrer sonderbaren Lebens-Art verborgen sein möchte, zu entdecken. Vielleicht,
sagte Critolaus, ist es eine zweite Artemisia, die sich, ihrem Schmerz ungestört
nachzuhängen, in dieser Einöde lebendig begraben will. Ich bin schon lange
begierig gewesen sie zu sehen; dieser Sturm hoff' ich, soll uns Gelegenheit dazu
geben. Sie kann uns eine Zuflucht in ihrem Hause nicht versagen; und wenn wir
nur einmal drinnen sind, so wollen wir wohl Mittel finden, vor sie zu kommen, ob
wir gleich die ersten in dieser Gegend wären, denen dieses Glück zu Teil würde.
Man kann sich leicht vorstellen, dass Agaton, so gleichgültig er auch seit
seiner Entfernung von der schönen Danae gegen die Damen war, dennoch begierig
werden musste, eine so ausserordentliche Person kennen zu lernen. Sie kamen vor
dem äussersten Tor eines Hauses an, welches einem verwünschten Schloss ähnlicher
sah, als einem Landhause in Jonischem oder Corintischem Geschmacke. Das
schlimme Wetter, ihr anhaltendes Bitten, und vielleicht auch ihre gute Mine
brachte zuwegen, dass sie eingelassen wurden. Einige alte Sclaven führten sie in
einen Saal, wo man sie mit vieler Freundlichkeit nötigte, alle die kleinen
Dienste anzunehmen, welche sie in dem Zustande, worin sie waren, nötig hatten.
Die Figur dieser Fremden schien die Leute des Hauses in Verwundrung zu setzen,
und die Meinung von ihnen zu erwecken, dass es Personen von Bedeutung sein
müssten; aber Agaton, dessen Aufmerksamkeit bald durch einige Gemälde angezogen
wurde, womit der Saal ausgeziert war, wurde nicht gewahr, dass er von einer
Sclavin mit noch weit grösserer Aufmerksamkeit betrachtet wurde. Diese Sclavin,
(wie Critolaus in der Folge erzählte, denn anfangs hielt er's bloss für eine
Würkung der Schönheit unsers Helden) schien einer Person gleich zu sehen, welche
nicht weiss, ob sie ihren Augen trauen soll; und nachdem sie ihn einige Minuten
mit verschlingenden Blicken angestarrt hatte, verlor sie sich auf einmal aus dem
Saal. Sie lief so hastig dem Zimmer ihrer Gebieterin zu, dass sie ganz ausser Atem
kam. Und wer meinen sie wohl, gnädige Frau, keuchte sie, dass unten im Saal ist?
Hat es ihnen ihr Herz nicht schon gesagt? - - Diana sei mir gnädig! Was für ein
Zufall das ist! Wer hätte sich das nur im Traum einbilden können? Ich weiss vor
Erstaunen nicht wo ich bin - - In der Tat deucht mich, du bist nicht recht bei
Sinnen, sagte die Dame ein wenig betroffen; und wer ist denn unten im Saal? - -
O! bei den Göttinnen! ich hätte es bei nahe meinen eignen Augen nicht geglaubt -
- aber ich erkannte ihn auf den ersten Blick, ob er gleich ein wenig stärker
worden ist; es ist nichts gewisser - - er ist es, er ist es! - - Plage mich
nicht länger mit deinem geheimnisvollen Galimatias, rief die Dame, immer mehr
bestürzt; rede Närrin, wer ist es? - - Aber sie erraten doch auch gar nichts,
gnädige Frau - - wer ist es? - - Ich sage ihnen, dass Agaton unten im Saal ist,
ja Agaton, es kann nichts gewisser sein - - er selbst, oder sein Geist, eines
von beiden unfehlbar, denn die Mutter die ihn geboren hat, kann ihn nicht besser
kennen, als ich ihn erkannt habe, sobald er den Mantel von sich warf, worin er
anfangs eingewickelt war - - Das gute Mädchen würde noch länger in diesem Ton
fortgeplaudert haben, denn ihr Herz überfloss von Freude - - wenn sie nicht auf
einmal wahrgenommen hätte, dass ihre Gebieterin ohnmächtig auf ihren Sopha
zurückgesunken war. Sie hatte einige Mühe sie wieder zu sich selbst zu bringen;
endlich erholte sich die schöne Dame wieder, aber nur, um über sich selbst zu
zörnen, dass sie sich so empfindlich fand. Sie machen einem ja ganz bange, Madam,
rief die Sclavin - - wenn sie schon bei seinem blossen Namen in Ohnmacht fallen,
wie wird es ihnen erst werden, wenn sie ihn selbst sehen? - - Soll ich gehen,
und ihn geschwinde heraufholen? - - Ihn heraufholen? versetzte die Dame; nein
wahrhaftig; ich will ihn nicht sehen! - - Sie wollen ihn nicht sehen, Madam? Was
für ein Einfall! Aber es kann nicht ihr Ernst sein! O! wenn sie ihn nur sehen
sollten - - er ist so schön - - so schön als er noch nie gewesen ist, deucht
mich; ich hätte ihn mit den Augen aufessen mögen; sie müssen ihn sehen, Madam -
- das wäre ja unverantwortlich, wenn sie ihn wieder fortgehen lassen wollten,
ohne dass er sie gesehen hätte - - wofür hätten sie sich dann - - Schweige,
nichts weiter, rief die Dame; verlass mich - - aber untersteh dich nicht wieder
in den Saal hinunter zu gehen; wenn er es ist, so will ich nicht, dass er dich
erkennen soll; ich hoffe doch nicht, dass du mich schon verraten haben solltest?
- - Nein, Madam, erwiderte die Vertraute; er hat mich noch nicht wahrgenommen,
denn er schien ganz in die Betrachtung der Gemälde vertieft, und mich deuchte,
ich hörte ihn ein oder zweimal seufzen; vermutlich - - Du bist nicht klug, fiel
ihr die Dame ins Wort; verlass mich - - ich will ihn nicht sehen, und er soll
nicht wissen, in wessen Hause er ist; wenn er's erfährt, so hast du eine
Freundin verloren - - Die Sclavin entfernte sich also, in Hoffnung, dass ihre
Gebieterin sich wohl eines bessern besinnen würde, und - - die schöne Danae
blieb allein.
    Eine Erzählung alles dessen, was in ihrem Gemüte vorging, würde etliche
Bogen ausfüllen, ob es gleich weniger Zeit als sechs Minuten einnahm. - - Was
für ein Streit! Was für ein Getümmel von widerwärtigen Bewegungen! Sie hatte ihn
bis auf diesen Augenblick so zärtlich geliebt - - und glaubte izt zu fühlen, dass
sie ihn hasse - - Sie fürchtete sich vor seinem Anblick - - und konnte ihn kaum
erwarten. Was hätte sie vor einer Stunde gegeben, diesen Agaton zu sehen, der,
auch undankbar, auch ungetreu, über ihre ganze Seele herrschte; dessen Verlust
ihr alle Vorzüge ihres ehmaligen Zustandes, den Aufentalt zu Smyrna, ihre
Freunde, ihre Reichtümer, unerträglich gemacht hatte - - dessen Bild, mit allen
den zauberischen Erinnerungen ihrer ehmaligen Glückseligkeit, das einzige Gut,
das einzige Vergnügen war, welches sie noch zu empfinden fähig war. Aber nun da
sie wusste, dass es in ihrer Gewalt war, ihn wieder zu sehen, wachte auf einmal
ihr ganzer Stolz auf, und schien etliche Augenblicke sich nicht entschliessen zu
können ihm zu vergeben. Und wenn auch einen Augenblick darauf die Liebe wieder
die Oberhand erhielt; so stürzte sie die Furcht, ihn unempfindlich zu finden,
sogleich wieder in die vorige Verlegenheit. Zu allem diesem kam noch eine andre
Betrachtung, welche vielleicht bei der schönen Danae allzuspitzfündig scheinen
könnte, wenn wir nicht zu ihrer Rechtfertigung sagen müssten, dass die Flucht
unsers Helden, die Entdeckung der Ursachen, welche ihn zu einem so gewaltsamen
Entschluss getrieben, der Gedanke dass ihre eigene Fehltritte sie in den Augen des
einzigen Mannes, den sie jemals geliebt, verächtlich gemacht - - eine
Veränderung in ihrer ganzen Denkens-Art hervorgebracht hatte, wozu sie durch
den. Umgang mit Agaton und jene Seelen-Mischung, wovon wir bereits im fünften
Buche gesprochen haben, vorbereitet worden war. Danae liess sich durch die
Vorwürfe, welche sie sich selbst zu machen hatte, und von denen vielleicht ein
guter Teil auf ihre Umstände fiel, nicht von dem edeln Vorsatz abschrecken, sich
in einem Alter, wo dieser Vorsatz noch ein Verdienst in sich schloss, der Tugend
zu widmen. In der Tat hatte eine Art von verliebter Verzweiflung den grössesten
Anteil an dem ausserordentlichen Schritt, sich aus einer Welt, worin sie
angebetet wurde, freiwillig in eine Einöde zu verbannen, wo die Freiheit, sich
mit ihren Empfindungen zu unterhalten, das einzige Vergnügen war, welches sie
für den Verlust alles dessen, was sie aufopferte, entschädigen musste. Aber es
gehörte doch eine grosse, und zur Tugend gebildete Seele dazu, um in den
glänzenden Umständen, worin sie lebte, einer solchen Verzweiflung fähig zu sein,
und in einem Vorsatz auszuhalten, unter welchem eine jede schwächere Seele gar
bald hätte erliegen müssen. Wäre Danae nur wollüstig gewesen, so würde sie zu
Smyrna, und allentalben Gelegenheit genug gefunden haben, sich wegen des
Verlusts ihres Liebhabers zu trösten. Aber ihre Liebe war, wie man sich
vielleicht noch erinnern wird, von einer edlern Art, und so nahe mit der Liebe
der Tugend selbst verwandt, dass wir Ursache haben, zu vermuten, dass in der
gänzlichen Abgeschiedenheit, worin unsre Heldin lebte, jene sich endlich
gänzlich in dieser verloren haben würde. Allein eben darum, weil ihre Liebe zur
Tugend aufrichtig war, machte sie sich ein gerechtes Bedenken, bei dem
Bewusstsein der unfreiwilligen Schwachheit ihres Herzens für den
allzuliebenswürdigen Agaton, sich der Gefahr auszusetzen, durch eine nur
allzumögliche Wiederkehr seiner ehmaligen Empfindungen mit dahin gerissen zu
werden; ein Gedanke, der ohne eine übertriebne Meinung von ihren Reizungen zu
haben, in ihr entstehen konnte, und durch das Misstrauen in sich selbst, womit
die wahre Tugend allezeit begleitet ist, kein geringes Gewicht erhalten musste.
Solchergestalt kämpften Liebe, Stolz und Tugend für und wider das Verlangen, den
Agaton zu sehen, in ihrem unschlüssigen Herzen - - mit welchem Erfolg lässt sich
leicht erraten. Die Liebe müsste nicht Liebe sein, wenn sie nicht Mittel fände,
den Stolz und die Tugend selbst endlich auf ihre Seite zu bringen. Sie flösste
jenem die Begierde ein, zu sehen wie sich Agaton halten würde, wenn er so
plötzlich und unerwartet der einst so sehr geliebten, und so grausam beleidigten
Danae unter die Augen käme; und munterte diese auf, sich selbst Stärke genug zu
zutrauen, von den Entzückungen, in welche er vielleicht bei diesem Anblick
geraten möchte, nicht zu sehr gerührt zu werden. Kurz; der Erfolg dieses
innerlichen Streites war, dass sie eben im Begriff war, ihre Vertraute (die
einzige Person, welche sie bei ihrer Entfernung von Smyrna mit sich genommen
hatte) hereinzurufen, um ihr die nötige Verhaltungs-Befehle zu geben; als diese
Sclavin selbst hereintrat, und ihrer Dame sagte, dass die beiden Fremden durch
einen von den Sclaven, von denen sie bedient worden waren, auf eine sehr
dringende Art um die Erlaubnis anhalten liessen, vor die Frau des Hauses gelassen
zu werden - - Neue Unentschlossenheit, über welche sich niemand wundern wird,
der das weibliche Herz kennt. In der Tat klopfte der guten Danae das ihrige in
diesem Augenblick so stark, dass sie nötig hatte, sich vorher in eine ruhigere
Verfassung zu setzen, ehe sie es einer so schweren Probe auszustellen sich
getrauen durfte.
    Unterdessen, bis diese schöne Dame mit sich selbst einig wird, wozu sie sich
entschliessen, und wie sie sich bei einer so erwünschten, und so gefürchteten
Zusammenkunft verhalten wolle, kehren wir einen Augenblick zu unserm Helden in
den Saal zurück. Je mehr Agaton die Gemälde betrachtete, womit die Wände
desselben behänget waren, je lebhafter wurde die Einbildung, dass er sie in dem
Landhause der Danae zu Smyrna gesehen habe. Allein er konnte sich so wenig
vorstellen, wie sie von dem Orte, wo er sie vor zweien Jahren gesehen hätte,
hieher gekommen sein sollten, dass er für weniger unmöglich hielt, von seiner
Einbildung betrogen zu werden. Zudem konnte ja der nämliche Meister
unterschiedliche Copien von seinen Stücken gemacht haben. Aber wenn er wieder
die Augen auf ein Stück heftete, welches die Göttin Luna vorstellte, wie sie mit
Augen der Liebe den schlafenden Endymion betrachtet - - so glaubte er es so
gewiss für das nämliche zu erkennen, vor welchem er in einem Garten-Saal der
Danae zu Smyrna oft Viertelstunden lang in bewundernder Entzückung gestanden,
dass es ihm unmöglich war, seiner Überzeugung zu widerstehen. Die Verwirrung, in
die er dadurch gesetzt wurde, ist unbeschreiblich - Sollte Danae - aber wie
könnte das möglich sein? - Und doch schien alles das Sonderbare, was ihm
Critolaus von der Dame dieses Hauses gesagt hatte, den Gedanken zu bekräftigen,
der in ihm aufstieg, und den er sich kaum auszudenken getrauete. Die schöne
Danae hätte zufrieden sein können, wenn sie gesehen hätte, was in seinem Herzen
vorging. Er hätte nicht erschrockner sein können, vor das Antlitz einer
beleidigten Gotteit zu treten, als er es vor dem Gedanken war, sich dieser
Danae darzustellen, welche er seit geraumer Zeit gewohnt war, sich wieder so
unschuldig vorzustellen, als sie ihm damals, da er sie verliess, verächtlich und
hassenswürdig schien. Allein das Verlangen sie zu sehen, verschlang endlich alle
andre Empfindungen, von denen sein Herz erschüttert wurde. Seine Unruhe war so
sichtbar, das Critolaus sie bemerken musste. Agaton würde besser getan haben,
ihm die Ursache davon zu entdecken; aber er tat es nicht, und behalf sich mit
der allgemeinen Ausflucht, dass ihm nicht wohl sei. Dem ungeachtet bezeugte er
ein so ungeduldiges Verlangen, die Dame des Hauses zu sehen, dass Critolaus aus
allem was er an ihm wahrnahm, zu mutmassen anfing, dass irgend ein Geheimnis
darunter verborgen sein müsse, dessen Entwicklung er begierig erwartete.
Inzwischen kam der Sclave, den sie abgeschickt hatten, sie bei seiner Gebieterin
zu melden, mit der Antwort zurück, dass er Befehl habe sie in ihr Zimmer zu
führen. Und hier ist es, wo wir mehr als jemals zu wünschen versucht sind, dass
dieses Buch von niemand gelesen werden möchte, der keine schönen Seelen glaubt.
Die Situation, worin man unsern Helden in wenigen Augenblicken sehen wird, ist
vielleicht eine von den delicatesten, in welche man in seinem Leben kommen kann.
Wäre hier die Rede von solchen phantasierten Charactern, wie diejenige, welche
aus dem Gehirn der Verfasserin der geheimen Geschichte von Burgund, und der
Königin von Navarra hervorgegangen sind, so würden wir uns kaum in einer
kleinern Verlegenheit befinden, als Agaton selbst, da er mit pochendem Herzen
und schweratmender Brust dem Sclaven folgte, der ihn ins Vorgemach einer
Unbekannten führte, von der er fast mit gleicher Heftigkeit wünschte und
fürchtete, dass es Danae sein möchte. Allein da Agaton und Danae so gut
historische Personen sind als Brutus, Portia, und hundert andre, welche darum
nicht weniger existiert haben, weil sie nicht gerade so dachten, und handelten
wie gewöhnliche Leute: So bekümmern wir uns wenig, wie dieser Agaton und diese
Danae, vermöge der moralischen Begriffe des einen oder andern, der über dieses
Buch gut oder übel urteilen wird, hätten handeln sollen, oder gehandelt haben
würden, wenn sie nicht gewesen wären, was sie waren. Das Recht zu urteilen kann
und soll niemandem streitig gemacht werden; unsre Pflicht ist zu erzählen, nicht
zu dichten; und wir können nichts dafür, wenn Agaton bei dieser Gelegenheit
sich nicht weise und heldenmässig genug, um die Hochachtung strenger
Sittenrichter zu verdienen, verhalten; oder wenn Danae die Rechte des weiblichen
Stolzes nicht so gut behaupten sollte, als viele andre, welche dem Himmel
danken, dass sie keine Danaen sind, an ihrem Platze getan haben würden.
    Die schöne Danae erwartete, auf ihrem Sopha sitzend, den Besuch, den sie
bekommen sollte, mit so vieler Stärke als eine weibliche Seele nur immer zu
haben fähig sein mag, welche zugleich so zärtlich und lebhaft ist, als eine
solche Seele sein kann - Ob es wohl weibliche Seelen gibt? - O mein Herr, ich
sagte ihnen ja, dass der letzte Teil dieses Capitels nicht für sie geschrieben
sei - Sie mögen vielleicht überall in Zweifel ziehen, ob die Weiber Seelen
haben; denn wenn sie Seelen haben, so sind es weibliche Seelen, der Himmel
bewahre uns vor den Pentesileen und Männinnen, an denen nichts als die Figur
weiblich ist! - Doch darüber wollen wir izt nicht streiten. Danae erwartete also
den Anblick ihres Flüchtlings mit ziemlicher Standhaftigkeit; aber was in ihrem
Herzen vorging, mögen unsre zärtlichen Leserinnen, welche fähig sind, sich an
ihre Stelle zu setzen, in ihrem eigenen Herzen lesen. Sie wusste, dass Agaton
einen Gefährten hatte, und dieser Umstand kam ihr zu statten; aber Agaton
befand sich wenig dadurch erleichtert. Die Türe des Vorzimmers wurde ihnen von
der Sclavin eröffnet - er erkannte beim ersten Anblick die Vertraute seiner
Geliebten, und nun konnte er nicht mehr zweifeln, dass die Dame, die er in
einigen Augenblicken sehen würde, Danae sei. Er raffte seinen ganzen Mut
zusammen, indem er zitternd hinter seinem Freunde Critolaus fortwankte - Er sah
sie, wollte auf sie zugehen, konnte nicht, heftete seine Augen auf sie, und
sank, vom Übermass seiner Empfindlichkeit überwältiget, in die Arme seines
Freundes zurück. Auf einmal vergass die schöne Danae alle die grossen
Entschliessungen von Gelassenheit und Zurückhaltung, welche sie mit so vieler
Mühe gefasst hatte. Sie lief in zärtlicher Bestürzung auf ihn zu, nahm ihn in
ihre Arme, liess dem ganzen Strom ihrer Empfindungen den Lauf, und dachte nicht
daran, dass sie einen Zeugen davon hatte, der über alles was er sah und hörte,
erstaunt sein musste. Allein die Güte seines Herzens, und diese Sympatie, welche
schöne Seelen in wenigen Augenblicken vertraut mit einander macht, gab ihm in
einer Situation, auf die er sich so wenig hatte gefasst machen können, gerade die
nämliche Art des Betragens ein, die er hätte haben können, wenn er schon von
Jahren her ihr Vertrauter gewesen wäre. Er trug seinen Freund auf den Sopha, auf
welchen sich Danae neben ihn hinwarf, und da er nun schon genug wusste, um zu
sehen, dass er hier weiter nichts helfen konnte, so entfernte er sich unvermerkt
weit genug, um unsre Liebenden von dem Zwang einer Zurückhaltung zu entledigen,
welche in so sonderbaren Augenblicken ein grösseres Übel ist, als die
unempfindlichen Leute sich vorstellen können. Allmählich bekam Agaton, an der
Seite der gefühlvollen Danae, und von einem ihrer schönen Arme umschlungen, das
Vermögen zu atmen wieder; sein Gesicht ruhte an ihrem Busen, und die Tränen,
welche ihn zu benetzen anfingen, waren das erste, was ihr seine wiederkehrende
Empfindung anzeigte. Ihre erste Bewegung war, sich von ihm zurückzuziehen; aber
ihr Herz versagte ihr die Kraft dazu; es sagte ihr, was in dem seinigen vorging,
und sie hatte den Mut nicht, ihm eine Linderung zu entziehen, welche er so nötig
zu haben schien, und in der Tat nötig hatte. Allein in wenigen Augenblicken
machte er sich selbst den Vorwurf, dass er einer so grossen Gütigkeit unwürdig sei
- er raffte sich auf, warf sich zu ihren Füssen, umfasste ihre Knie mit einer
Empfindung, welche mit Worten nicht ausgedrückt werden kann, versuchte es sie
anzusehen, und sank, weil er ihren Anblick nicht auszuhalten vermochte, mit
Tränen beschwemmtem Gesicht, auf ihren Schoss nieder. Danae konnte nun nicht
zweifeln, dass sie geliebt werde, und es kostete sie, die Entzückung
zurückzuhalten, worin sie durch diese Gewissheit gesetzt wurde; aber es war
notwendig, dieser allzuzärtlichen Scene ein Ende zu machen. Agaton konnte noch
nicht reden - und was hätte er reden sollen? - Ich bin zufrieden, Agaton, sagte
sie mit einer Stimme, welche wider ihren Willen verriet, wie schwer es ihr
wurde, ihre Tränen zurückzuhalten - Ich bin zufrieden - du findest eine Freundin
wieder - und ich hoffe du werdest sie künftig deiner Hochachtung weniger
unwürdig finden, als jemals - Keine Entschuldigungen mein Freund, (denn Agaton
wollte etwas sagen, das einer Entschuldigung gleich sah, und woraus er sich in
der heftigen Bewegung, worin er war, schwerlich zu seinem Vorteil gezogen hätte)
du wirst keine Vorwürfe von mir hören - wir wollen uns des Vergangenen nur
erinnern, um das Vergnügen eines so unverhofften Wiedersehens desto vollkommner
zu geniessen - Grossmütige, göttliche Danae! rief Agaton in einer Entzückung von
Dankbarkeit und Liebe - Keine Beiwörter, Agaton, unterbrach ihn Danae, keine
Schwärmerei! Du bist zu sehr gerührt; beruhige dich - wir werden Zeit genug
haben, uns von allem, was seitdem wir uns zum letzten mal gesehen haben,
vorgegangen ist, Rechenschaft zu geben - Lass mich das Vergnügen dich wieder
gefunden zu haben unvermischt geniessen; es ist das erste, das mir seit zweien
Jahren zu Teil wird.
    Mit diesen Worten (und in der Tat hätte sie die letztern für sich selbst
behalten können, wenn es möglich wäre, immer Meister von seinem Herzen zu sein)
stund sie auf, näherte sich dem Critolaus, und liess dem mehr als jemals
bezauberten Agaton Zeit, sich in eine ruhigere Gemütsfassung zu setzen.
    Coetera intus agentur - Unsere schönen Leserinnen wissen nun schon genug, um
sich vorstellen zu können, was diese zärtliche Scene für Folgen haben musste.
Danae und Critolaus wurden gar bald gute Freunde. Dieser junge Mann gestund,
seine Psyche ausgenommen, nichts vollkommners gesehen zu haben, als Danae; und
Danae erfuhr mit vielem Vergnügen, dass Critolaus der Gemahl der schönen Psyche,
und Psyche die wiedergefundene Schwester Agatons sei. Sie hatte nicht viel Mühe
ihre Gäste zu bereden, das Nachtlager in ihrem Hause anzunehmen; unsre Liebenden
hätten also die Schuld sich selbst beimessen müssen, wenn sie keine Gelegenheit
gefunden hätten, sich umständlich zu besprechen, und gegen einander zu erklären.
Die schöne Danae meldete ihrem Freunde, dass sie die Verräterei des Hippias, und
die Ursache der heimlichen Entweichung Agatons, bei ihrer Zurückkunft nach
Smyrna bald entdeckt habe. Sie verbarg ihm nicht, dass der Schmerz ihn verloren
zu haben, sie zu dem seltsamen Entschluss gebracht, der Welt zu entsagen, und in
irgend einer entlegenen Einöde sich selbst für die Schwachheiten und Fehltritte
ihres vergangenen Lebens zu bestrafen; jedoch setzte sie hinzu, hoffe sie, dass
wenn sie einmal Gelegenheit haben würde, ihm eine ganz aufrichtige und
umständliche Erzählung der Geschichte ihres Herzens bis auf die Zeit, da sein
Umgang und die Begeistrung, worein sie durch ihn allein zum ersten mal in ihrem
Leben gesetzt worden, ihrer Seele wie ein neues Wesen gegeben, zu machen - er
Ursache finden würde sie, wo nicht immer zu entschuldigen, doch mehr zu bedauern
als zu verdammen. Die Furcht, den Gedanken in ihr zu veranlassen, als ob sie
durch das was ehmals zwischen ihnen vorgegangen war, von seiner Hochachtung
verloren hätte, zwang unsern Helden eine geraume Zeit, die Lebhaftigkeit seiner
Empfindungen in seinem Herzen zu verschliessen. Danae wurde indessen mit der
Familie des Archytas bekannt, man musste sie lieben, sobald man sie sah; und sie
gewann desto mehr dabei, je besser man sie kennen lernte. Es war überdies eine
von ihren Gaben, dass sie sich sehr leicht und mit der besten Art in alle
Personen, Umstände und Lebens-Arten schicken konnte. Wie konnte es also anders
sein, als dass sie in kurzem durch die zärtlichste Freundschaft mit dieser
liebenswürdigen Familie verbunden werden musste? Selbst der weise Archytas liebte
ihre Gesellschaft, und sie machte sich ein Vergnügen daraus, einem alten. Manne
von so seltnen Verdiensten die Beschwerden des hohen Alters durch die
Annehmlichkeiten ihres Umgangs erleichtern zu helfen. Aber nichts war der Liebe
zu vergleichen, welche Psyche und Danae einander einflössten. Niemalen hat
vielleicht unter zwo Frauenzimmern, welche so geschickt waren, Rivalinnen zu
sein, eine so zärtliche, und vollkommne Freundschaft geherrschet. Man kann sich
einbilden, ob Agaton dabei verlor. Er sah die schöne Danae alle Tage; er hatte
alle Vorrechte eines Bruders bei ihr - aber wie sollte es möglich gewesen sein,
dass er sich immer daran begnügt hätte? - Es gab Augenblicke, wo er, von den
Erinnerungen seiner ehmaligen Glückseligkeit berauscht, sich die Rechte eines
begünstigten Liebhabers herausnehmen wollte. Aber Danae wurde durch den
vertrauten Umgang mit so tugendhaften Personen, als diejenigen waren, mit denen
sie nunmehr lebte, in ihrer neuen Denkungs-Art so sehr bestärkt, dass die
zärtlichsten Verführungen der Liebe nichts über sie erhielten. In diesem Stücke
wollte sie nicht mehr Danae für ihn sein. Das ist unwahrscheinlich, werden die
Kenner sagen; unwahrscheinlich, antworte ich, aber möglich. Mit einem Worte,
Danae bewies durch ihr Exempel, dass es einer Danae möglich sei; und Agaton
erfuhr es so sehr, dass Psyche endlich selbst Mitleiden mit ihm zu haben anfing.
Sie wusste die geheime Geschichte ihrer Freundin; Danae hatte Tugend genug
gehabt, ihr eine aufrichtige Erzählung davon zu machen. Die Bedenklichkeiten
sind leicht zu erraten, welche der Glückseligkeit dieser Liebenden, welche so
ganz für einander geschaffen zu sein schienen, im Wege stunden. Aber waren sie
wichtig genug, um ihrentwillen unglücklich zu sein? - Hatte er nicht das
Beispiel des grossen Perikles vor sich? Verdiente Danae nicht in allen
Betrachtungen das Schicksal der Aspasia? - - Es wäre uns leicht, unsern Lesern
hierüber aus dem Wunder zu helfen; aber wir überlassen es ihnen zu erraten, was
er tat - - oder auszumachen, was er hätte tun sollen.
                                Fünftes Capitel
                                   Abdankung
Und nun, nachdem wir in diesem letzten Buche zu Gunsten unsers Helden alles
getan zu haben glauben, was die zärtlichsten Freunde, die er sich erworben haben
kann, (und wir hoffen, dass er einige haben werde,) nur immer zu seinem Besten
wünschen konnten - - Nachdem er so glücklich ist, als es vielleicht noch kein
Sterblicher gewesen ist - - oder es doch in seiner Gewalt hat, glücklich zu sein
- - Nun bleibt uns nichts übrig, als unsern Lesern und Leserinnen, welche Geduld
genug gehabt haben, bis zu diesem. Blatte fortzulesen - - dafür zu danken - -
und sie zu versichern, dass es uns sehr angenehm sein sollte, wenn sie soviel
Geschmack an dieser Geschichte gefunden hätten, um sie noch einmal zu lesen - -
und noch angenehmer, wenn sie weiser oder besser dadurch geworden sein sollten.
Indessen ist das ihre Sache. Der Herausgeber dieser Geschichte schmeichelt sich
wenigstens, (und wer schmeichelt sich nicht?) dass er ihnen viele Gelegenheit zu
dem einen und zu dem andern gegeben habe; und wofern der Erfolg seiner Erwartung
nicht entsprechen sollte, so wird er sich durch das tägliche Beispiel so vieler
tausend Anstalten und Bemühungen, welche ihren Zweck verfehlen, beruhigen, und
mit Horaz, sich in die Tugend seiner Absicht einwickeln.
    Übrigens kann er nicht umhin, seinen Freunden im Vertrauen zu entdecken, dass
ihn das griechische Manuscript, welches er in Händen hat, in den Stand setzt,
noch einige Nachträge oder Zugaben zu der Geschichte des Agaton zu liefern,
welche ihrer Neugier vielleicht nicht unwürdig sein möchten. Es ist zum Exempel
nicht unmöglich, dass sie begierig sein könnten, das System des weisen Archytas
genauer zu kennen; oder zu wissen, wie Agaton in seinem fünfzigsten Jahre über
alles was im Himmel und auf Erden ein Gegenstand unsers Nachforschens, unsrer
Gedanken - - Neigungen - - Wünsche - - oder Träume zu sein verdient, gedacht
habe. Vielleicht möchte es ihnen auch nicht unangenehm sein, die Geschichte der
schönen Danae (so wie sie den Mut gehabt, sie dem Agaton zu einer Zeit zu
erzählen, da er nicht mehr so entusiastisch, aber desto billiger dachte) in
einer ausführlichen Erzählung zu lesen? - - Mit allem diesem könnten wir dem
Verlangen unsrer Freunde ein Genüge tun - - wenn wir erst gewiss davon wären, dass
sie ein solches Verlangen hätten - - und wenn wir einige Ursache finden sollten
zu hoffen, dass dem Publico durch diese Nachträge nur ein halb so grosser Dienst
geleistet würde, als der französische Verfasser des Tractats von den
Nachtigallen (dessen Helvetius erwähnt) dem menschlichen Geschlechte durch sein
Buch geleistet zu haben glaubte.
                                      Ende
 
    