
        
                           Johann Karl August Musäus
                                   Briefroman
 Grandison der Zweite oder Geschichte des Herrn von N.
        Erstdruck: Eisenach (Griesbach) 1760-1762, anonym. Später erschien eine
        kritische Umarbeitung unter dem Titel »Der deutsche Grandison, auch eine
        Familiengeschichte«. Eisenach, 1781/82.
 
                           Johann Karl August Musäus
                             Grandison der Zweite,
                                        
                                      Oder
                                        
                          Geschichte des Herrn v. N***
                             in Briefen entworfen.
                                   Erster Teil
                                 Kurze Nachricht
                               des Herausgebers,
        Von den Personen, welche in gegenwärtiger Geschichte vorkommen.
von N. ein alter Edelmann, der von Jugend auf einen Ansatz gehabt hat, ins
    Wunderbare zu fallen. Sein blasses Gesicht, und eine angenommene
    Soldatenmine, nebst einem langen und hagern Körper, machen ihn etwas
    unleidlich. Widersprechen darf ihm keine Seele. In seinem Alter kam er über
    die Geschichte Sir Carl Grandisons. Es überfiel ihn, diesen Engländer
    nachzuahmen. Nunmehro kann er nicht geheilet werden.
Fräulein Kunigunde von N. des vorigen Schwester, ein altes Knochengebäude, die
    weiter kein Leben, als nur noch in der Zunge hat. Sie ist zwar erst 56. Jahr
    alt; will aber dennoch unverheiratet bleiben, und die Wirtschaft ihres
    Bruders besorgen.
Baron von F. ein heimlicher Satiricus, und Kunstrichter von dreizehn umliegenden
    Dörfern. Er hat seinen Scherz mit allen benachbarten Edelleuten: indessen
    lenkt er manchen von ein paar ausgesuchten Torheiten ab, und verdienet
    dadurch den besten Neujahrswunsch seines Herrn Pfarrers.
von S. ein Neveu des Herrn von N. Sonst war er sehr munter. Er soll sich aber in
    fremden Ländern stark geändert haben. Gegenwärtig ist er in Londen.
Fräulein Amalia von S. des vorigen Schwester. Sie hat alle Tugenden und alle
    Fehler ihres Bruders, und macht sich mit ihrem Oncle lustig.
Fräulein Juliane von W. die liebenswürdigste und tugendhafteste Person, die ich
    kenne. Die Ränke ihrer Stiefmutter haben sie etwas gebeugt; sonst würde sie
    bei jeder Gelegenheit munterer erscheinen.
Herr von W. seiner ersten tugendhaften Gemahlin ihr Tirann, und der zweiten
    bösen ihr Sclave. Er hat einen vortreflichen Magen und die besten Zähne von
    der Welt.
Frau von W. des vorigen wilde und mit der ganzen Welt unzufriedene Gattin. Sie
    hat Mut, und versteht die Kunst, ihre reizende Stieftochter zu martern.
Magister Lampert Wilibald, ordentlicher Lehrer der Hochadlichen Jugend zu
    Kargfeld. An diesem teuren Rüstzeuge hat die Natur alles getan, was sie an
    einem Magister tun konnte, der nicht boshaft widerstrebte. Er ist klein,
    aber dick, und da ich dieses schreibe, hat er drittehalb geometrische Schuh
    im Durchmesser. Er versteht die Kunst, einen seltsamen Katzenbuckel zu
    machen, und damit seinen Gegner, im Disputiren, aus der Fassung zu bringen.
    Uebrigens leitet er den Geschmack auf dem Hochadlichem Hofe, und schickt
    sich vollkommen zu seinem Principal.
Magister Wendelin, der Herr Pfarrer zu Kargfeld, ein kreuzbraver Mann. Wenn er
    das Podagra nicht hat, so ist er ziemlich ausgeräumt, und belustiget sich an
Jungfer Sanchen, seiner Tochter, einem angenehmen und brauchbaren Mädchen.
    Magister Lampert hat sie zu seiner Clementine ausersehen, und will sie gern
    in den Roman ziehen; bekömmt aber wider sein Vermuten - - -.
Lorenz Lobesan, ein stöckischer Schulmeister zu Kargfeld. Er wurde geboren, wie
    er sagt, da der Türke vor Wien lag. Sein Grossvater starb vermöge des
    damaligen grossen Kometens. Ob gleich unser Lorenz dem erbaren
    Schneiderhandwerke geweihet wurde; so hatte er dennoch erhabenere Absichten,
    und ein gut Teil Schelmerei in seinem Kopfe. Er lief seinen Eltern davon,
    und wurde bei dem Vater des Herrn von N. Laquai; welcher ihn endlich zur
    Belohnung seiner Dienste zum Schulmeister machte. Er führt einen sehr
    exemplarischen Lebenswandel und hat von Natur ein casuistisches Gewissen.
    Der Himmel erhalte unsern Lobesan noch lange!
Jeremias, sonst Peter Wigand genannt, ein alter lustiger Kutscher des Herrn von
    N. Magister Lampert hat schon verschiedene Jahre an diesem Schlingel
    gebessert; aber er kann ihn noch nicht recht fassen.
Nicolaus Brumhold, der Barbier zu Kargfeld. Wenn ihn ein Bauer beleidigt, so
    schiert er den Bösewicht Sonnabends wider den Strich. Er versteht, ausser
    seiner Barbierkunst, die Chirurgie, und tut an Menschen und Vieh trefliche
    Curen.
    Mehr braucht der Leser von keiner Person zu wissen, wenn er den ersten Teil
dieser Geschichte lesen will. Magister Lampert würde freilich viele Züge in
diesen Schildereien für falsch erklären, und sich als ein anderer Teophrast
folgendergestalt darüber heraus lassen:
Sir Ehrhard Rudolph von N. ist die Blume und Zierde aller deutschen Ritter. Sein
    Gesicht ist männlich, und dabei doch angenehm. Ob er gleich schon viele
    Jahre auf dem Buckel hat; so wird er dennoch von einem heroischen Feuer
    belebt, das Helden eigen ist. Er liebt mich, und andere grundgelehrte
    Männer, von Herzen, und ist, seit einem halben Jahre, gegen das Frauenzimmer
    nicht unempfindlich.
Lady Kunigunde von N. ist etwas beissig, und macht ihrem Herrn Bruder und mir,
    mit abgenötigten Verteidigungen, viel Mühe. Glaubte ich die
    Seelenwanderung; so würde ich behaupten, dass Doctor Eckens seine Seele in
    die alte Kunigunde gefahren wär.
Baron von F. ist ein wenig superklug, ob er gleich weder Griechisch noch
    Hebräisch kann. Ich habe ihn ein paar mal zwischen den Sporen gehabt; und
    seitdem hat er sich nicht mehr an mich gewagt. Ausserdem sind wir ganz gute
    Freunde.
von S. dieser junge Baron hat mir viel zu danken. Ich war sein Mentor, und wusste
    das natürliche Feuer bei ihm durch verschiedene Kunstgriffe zu mässigen. In
    Hebräischen und andern morgenländischen Sprachen, habe ich ihm freilich
    nicht weit bringen können; doch kann er desto mehr lateinisch. Er schreibt
    manchmal mit vieler Hochachtung an mich.
Fräulein Amalia von S. ein loses, loses Ding! Sie macht so gar mit mir ihren
    Spass; aber ich kann nicht böse werden: denn sie ist ein allerliebstes
    Fräulein; und so war sie schon ehedem, da sie noch meinen Hörsaal besuchte.
Von W. ein guter Mann, und ein guter Christ. Von Sorgen wird er niemals grau
    werden. Er kann in unserer Grafschaft das meiste essen und trinken, und
    schläft so lange, bis ihn wieder hungert. Seinen Namen kann er nicht
    schreiben.
Lady W. eine belebte und muntere Dame. Sie hat ein Maul wie ein Schwerd. Sie
    erzieht ihre Töchter sehr vernünftig, und ist in allen Dingen so billig und
    gerecht, wie ein Corpus iuris.
Fräulein Juliane von W. ein stilles gutes Kind: ja, ich würde sie noch mehr
    loben, wenn sie sich nicht zuweilen ihrer Frau Mama widersetzte. Sie ist
    noch jung; ein gesetzter und vernünftiger Mann kann bei ihr noch etwas
    ausrichten.
Magister Wendelin, Pastor Loci. In seinem Amte ist er ganz wohl zu gebrauchen;
    in schweren Wissenschaften aber gibt er mir den Vorzug. Ich habe indessen
    meine Ursachen, wenn ich mit ihm nicht disputire: denn
Jungfer Sannchen ist seine Tochter, und meine Clementine. Ha! ha! ha! O Liebe,
    wie bezauberst du mich! Tange Chloen femel arrogantem! dulce ridentem
    Lalagen amabo, dulce loquentem.
Lorenz Lobesan, ein serpentischer Schulmeister. Kein Händel ist er zwar nicht;
    er kann aber zehn andere Kerls überschreien.
Jeremias könnte weit besser sein, wenn er meinen Lehren nachlebte, und den
    Kutschern in Grossbritannien nachahmte. Mein Commentarius über den Grandison
    wird meinem Herrn und ihm gute Dienste tun.
    So würde Magister Lampert reden, wenn er eine Vorrede schreiben sollte.
    Doch, nichts mehr von ihm! In der Geschichte wird er eine Hauptperson
spielen, und sich näher zu erkennen geben.
    Wir legen der Welt kein Gedichte vor Augen; so erdichtet auch die Geschichte
Sir Carls ist. Die hierinne vorkommende Personen leben, und befinden sich wohl.
Hat nicht Jedermann das Recht, nach seinen Grundsätzen zu handeln? Meine Freunde
haben zeitero die Möglichkeit, Sir Carln nachzuahmen, bestritten.
    Sie haben Recht. Niemals aber wird es an Leuten mangeln, welche dem Herrn
von N. und Magister Lamperten ähnlich zu werden, fähig sind. Lorenze und Wigande
gibt es ohnedem in allen Städten und Dörfern.
    Es werden künftig noch mehrere Personen vorkommen, die aber dem Leser zuvor
sollen geschildert werden. Am Ende will ich mich mit Namen nennen. Den 9ten
Septembr. 1759
 
                                   I. Brief.
                   Der Magister Wilibald an den Baron von S.
                                                         Kargfeld, den 29. März.
        Hochwohlgebohrner Herr,
            Gnädiger Herr,
Die Ehre, die ich ehemals gehabt habe, Sie in allerlei guten Wissenschaften zu
unterrichten; die Erlaubnis, welche Sie mir vor Ihrer Abreise gaben, oft an Sie
zu schreiben, und der ausdrückliche Befehl meiner gnädigen Herrschaft, einen
Briefwechsel mit Ihnen zu unterhalten, berechtigen mich zur Erfüllung meines
eigenen Wunsches, dem Geiste nach Sie auf Ihren Reisen zu begleiten: ob ich
gleich körperlich von Ihnen entfernt bin. Nun sind Sie in Amsterdam, und nun
werden Sie beurteilen können, in wie ferne ich Recht, oder Unrecht hatte, wenn
ich diese berühmte Stadt die Königin aller Handelsstädte nennte. Den fürnehmsten
Teil der vereinigten Provinzen haben Sie bereits besehen, und machen Anstalt,
wie Sie sagen, nach Engelland, dem Vaterlande tiefdenkender Gelehrten; der
Heimat grosser Geister; der Quelle aller Reichtümer Europens, überzuschiffen.
(Hier haben Sie in wenig Worten einen Unterricht von dem, was bei den Britten
Ihre Aufmerksamkeit verdienen muss.) Sein Sie glücklich in allen Ihren
Unternehmungen! Auf Befehl meines gnädigen und hohen Patrons soll ich Ihnen von
unserm motu ciuico, wie ich es nach dem Horaz nennen könnte; oder von der
innerlichen Gährung, welche in unserer kleinen Republik herrschet, eine
Nachricht geben. Ich will meine Erzählung von den Eiern der Leda herholen. Sie
wissen noch nicht, was für ein guter Geschmack in dem Hause Ihres Herrn Oncle,
meines hohen Patrons, sowohl in Ansehung der Wissenschaften; als aller übrigen
Dinge anzutreffen ist. Die Scene hat sich seit Ihrer Abreise sehr geändert. Es
wird niemand in die Gesellschaft, oder in den Dienst der Herrschaft aufgenommen,
der nicht ein Kenner, oder ein Verehrer davon ist. Vom Hofmeister bis auf den
Koch muss man nach den Regeln des Geschmacks urteilen, oder doch darnach
urteilen lernen. Wenn ich aufgeräumt bin, nenne ich deswegen den Hochadelichen
Sitz eine Akademie. Vor einigen Jahren, da Sie sich schon auf dem Carolino
befanden, bekam ich von der gnädigen Herrschaft den Auftrag, bei den
Winterlustbarkeiten, über ein, zu der Zeit mir unbekanntes Buch Vorlesungen zu
halten; oder eigentlich zu reden, in der Versammlung des adelichen Hauses die
Geschichte Herrn Carl Grandisons, die eben damals in unserer Muttersprache zum
erstenmale erschienen war, bei langen Winterabenden vorzulesen. Sie wissen, dass
wohlgeschriebene Bücher jederzeit eine der angenehmsten Zeitkürzungen sowohl
Ihres Herrn Oncle; als auch seiner Fräulein Schwester gewesen sind. Ich
gehorsamste anfangs mit einigem Widerwillen. Ich wusste, wieviel meine Lunge
durch das Geräusche der Spinnräder, welches meine Stimme durchdringen musste, und
durch den schädlichen Staub von der Hechel leiden würde: ich wüsste aber noch
nicht, wie viel mein Verstand davon gewinnen würde. Kein Schlaf kam den
aufmerksamen Zuhörern in die Augen; aber gnug empfindliche Tränen rollten die
Wangen herab, wenn ich ihnen diese rührende Geschichte las, und jedes Wort
derselben durch den gemässen Accent ihren Herzen einprägte. Wenn ich meinen Autor
hinlegte, befand sich alles in einer entzückten Stille, bis wir unsere Geister
wiederum gesammlet hatten: als denn wurde das vorgelesene Pensum nach den Regeln
des Geschmacks beurteilet. Niemand unterstund sich, ein Meisterstück des
menschlichen Witzes (davor hielten wir es anfangs alle, bis ich durch Gründe
überzeugt wurde, dass es eine wahre Geschichte wäre) dem geringsten Tadel zu
unterwerfen, und wenn ja hier und da ein Dubium oder sonst eine Anmerkung
gemacht wurde, so geschahe es mehr exercendi ingenii caussa, als in der Meinung,
wirkliche Fehler zu entdecken. Ich kann nicht leugnen, dass mich oft der Beifall
der ganzen Gesellschaft stolz machte, wenn ich mit einer entscheidenden Mine
Streitigkeiten über diese oder jene Stelle schlichtete. Nur einer der
allerbösgeartesten Menschen - -. Niemals soll es mir aus den Gedanken kommen -
-. Wigand, der lasterhafte Wigand, ehemals ein elender Drescher, hernach
Hochadelicher Leibkutscher bei meinem Herrn Principal, durfte es wagen, mir
einmal öffentlich zu widersprechen. Vergeben Sie, dass ich hier eine kleine
Ausschweifung begehe, und Ihnen eine Begebenheit die zu Grandisons und meiner
Ehre ausschlug, bekannt mache.
    Wir waren einmal des Abends in der Beurteilung des 25sten Briefes aus dem
ersten Buche begriffen, da Wigand zwischen den Federfässern in der Kajüte hervor
in die Versammlung drang, und einen Haufen Scheltworte über den ehrlichen
Jeremias, Sir Carl Grandisons Kutscher, aussties, dass er dem Wagen des Ehr und
Tugend vergessenen Hargravens ausgewichen wär. Er bestritt nach den Gesetzen der
Fuhrleute, dass ein Postillion einem eigenen Kutscher eines grossen Herrn
ausweichen müsste, und machte Mine, auf Sir Carln selbst loszuziehen, wegen eines
unbilligen Befehls, den er seinem Kutscher sollte gegeben haben. Hier lief
meinem gnädigen und von dem Character Grandisons ganz bezauberten Herrn die
Galle über; er sprang auf, und ich glaubte, er würde Wiganden den Hals brechen;
allein er hies ihn nur einen Galgenschwengel, und drohte, ihn sogleich aufhängen
zu lassen, wenn er Sir Carln, als die Zierde der Welt nur im geringsten wieder
antasten würde. Ich aber versiegelte die ganze sehr nachdrückliche Rede meines
Herrn mit den Worten: ne suror vltra crepidam, welche ich ihm in einer
Uebersetzung zurufte, und den Buben endlich durch verschiedene Schlüsse zur Ruhe
brachte. Ich würde Bedenken getragen haben, mich soweit zu erniedrigen, und mit
diesem Unverschämten in einen Wortstreit mich einzulassen, wenn nicht mein
glückliches Gedächtnis mir eben zu rechter Zeit aus dem Martial zugerufen hätte:
Inter Pygmacos non puder esse breuem.
    Damals fieng mein Hochadelicher Herr Principal zugleich mit nur an, grosse
Gedanken von der Geschichte des Grandisons zu hegen, und anstatt dass sich diese
bei Endigung des Buches hätten verlieren sollen, so wurden sie bei uns
dergestalt erhöhet, dass wir nach einer genauen Ueberlegung den Satz bei uns fest
stelleten: es ist unmöglich, dass die Geschichte Herrn Carl Grandisons eine
Erdichtung sei; es ist unmöglich, dass diese Geschichte aus der Erfindung eines
sinnreichen Kopfes, wie eine andere Minerva aus dem Gehirn des Jupiters,
entsprungen sei. Wie gesagt, diese Gedanken wurden von Tag zu Tag reifer, bis
wir uns endlich stark genug fühlten, öffentlich damit hervor zu brechen. Ich
tat es mit Genehmhaltung meines gnädigen Herrn. Wir waren eben insgesammt in
Schöntal bei Ihrem Herrn Schwager zu Gaste. Die Aufmerksamkeit der Zuhörer
ermüdete nicht, obgleich eine Stunde verlief, ehe ich alle Gründe für die
Wahrheit meines Satzes schicklich anbringen und ihnen die logikalische Stärke
geben konnte. Meine Augen waren nunmehro beschäfftiget, einen gerechten Beifall
der hohen Versammlung abzufordern; da Ihr jüngeres Fräulein Schwester mit einem
leichtfertigen Gelächter, als wenn sie vergessen hätte, dass ich jemals ihr
Lehrmeister gewesen wär, meine Beweise seindselig anzugreifen; ja wo es möglich
wär, sie umzustürzen, sich bemühete. In kurzem hatten wir zwo Parteien an der
Tafel, die mehr mit hitzigen als spitzigen Vernunftschlüssen gegen einander zu
Felde zogen. Da wir uns nach Hause begaben, rühmte sich jedes des Sieges. Dero
Herr Oncle und ich wurden durch die schwachen Einwürfe der Gegenpartei in
unserer Hypotese treflich gestärket. Der Streit ist noch nicht beigelegt.
Seitdem ich diesen Zankapfel in Ihre Hochadeliche Familie geworfen habe, fehlt
es unsern Unterredungen niemals an Materie. Vor einiger Zeit sprangen beinahe
alle, bei denen im Anfang meine Gründe Eingang gefunden hatten, von mir ab, und
traten auf die Seite Ihres Fräuleins Schwester. Niemand als der gnädige Herr
hielt noch bei mir aus. Ich war genötiget, nach dem Beispiele des Weingottes,
da er mit den Himmelsstürmern kämpfte, mich bald in einen grausamen Löwen zu
verwandeln; bald eine andere Gestalt anzunehmen, um nicht von der Menge
unterdrückt und zu einem schimpflichen und der Wahrheit nach teiligen
Stillschweigen gebracht zu werden. Nun haben wir uns wieder einen Anhang
gemacht. Hier haben Sie das Verzeichnis von den Anhängern jeder Partei.
Diejenigen, welche unter mir, dem Magister Lampert Wilibald die Geschichte Herrn
Carl Grandisons als wahre Begebenheiten annehmen und verteidigen, sind: Mein
gnädiger und hoher Principal, der, wie er sagt, für die Wahrheit der guten Sache
sterben will.
    Fräulein Kunigunde, Schwester meines gnädigen Herrn. Junker Gangolph von
R.., welcher bei hiesigem Förster die Jägerei lernt, seines Alters zwischen 18.
und 19. Jahren.
    Florian, der Lustgärtner und der ehemals verkehrte, nun aber belehrte
Wigand.
    Diejenigen, welche unter dem Hochwohlgebohrnen Fräulein Amalia von S.. die
Geschichte Herrn Carl Grandisons, als einen Roman annehmen und solches andern
bereden wollen, sind:
    Der Herr Baron von F ... und dessen Frau Gemahlin gebohrne von S..
    Fräulein Fiekgen, Pflegbefohlene meines hohen Gönners.
    Unser Herr Pastor, Wendelin, den ich zum Spas manchmal meinen Senior nenne,
und andere.
    So dringend meine Beweise, und so bündig meine Schlüsse sind, (ich muss an
der Spitze meiner Partei kämpfen;) so wenig habe ich doch dadurch bishero
gewonnen. Man hat uns zwar oft Friedensvorschläge getan: wir können uns aber
darauf nicht einlassen. Man verlangt, wir sollen unserer bessern Ueberzeugung
entgegen, die mehrbesagte Geschichte für eine witzige Erfindung, und einen
nützlichen Roman eines in der gelehrten Welt unbekannten Engelländers erklären.
Neulich tat ich den Vorschlag, man sollte Ihnen den Auftrag tun, ein
Endurteil in dieser Streitigkeit zu fällen. Ich handelte grossmütig, dass ich
den Bruder zum Richter zwischen einer geliebten Schwester und mir anrufte: ich
verliess mich aber auf meine gerechte Sache, und auf ihre Zärtlichkeit für die
Ehre und Wahrheit. Mein Vorschlag wurde angenommen. Ich bekam Befehl, Ihnen
einen kurzen Abriss unsers Processes nebst der Urteilsfrage zu übersenden. Sehen
Sie, gnädiger Herr, das ist der Verlauf der ganzen Sache. Wenn Sie in Londen
glücklich angelanget sind: so erkundigen Sie sich unter der Hand, was man von
der Geschichte des Grandisons urteilt; ob das Publicum auf meiner und Ihres
Herrn Oncle Seite, oder auf Ihres Fräuleins Schwester Seite ist. Vielleicht sagt
man Ihnen, dass die Sache an sich wahr sei, und dass man nur die Namen und gewisse
kleine Umstände erdichtet hat, um die Wahrheit in etwas zu verstecken. Wäre
dieses, so würden Sie zwar einige Schwürigkeiten zu überwinden haben: diese aber
würden Sie nur ämsiger machen, in der aufmerksamen Nachforschung fortzufahren.
So bald Sie das geringste Licht in der Sache bekommen, und auf der rechten Spur
sind: so erteilen Sie uns davon Nachricht. Dero Herr Oncle hat dabei die grösste
Absicht von der Welt; aber es wird noch alles geheim gehalten. Lassen Sie sich
nicht in Ihren Bemühungen zur Ehre der Wahrheit abschrecken; wenn Sie Leute in
Engelland finden, die von der Geschichte des Herrn Grandisons eben so denken,
als Fräulein Amalia, und ihre Partei. Erinnern Sie sich, dass es vielerlei Arten
von Freigeistern giesst. Alle Ihre Anvewandten segnen Sie so, wie
                                      Ihr
                                                            untertäniger Diener
                                                          M. Lampertus Wilibald.
 
                                   II. Brief.
                   Der Herr von S. an den Magister Wilibald.
                                                               den 12ten. April.
        Hochgeehrtester Herr Magister,
Sie hatten ein Recht, an mich zu schreiben: ja, Ihr Brief würde mir willkommen
gewesen sein, wenn Sie auch nur die Hälfte von den Bewegungsgründen, mich im
Geiste zu begleiten, wie Sie sich höchst vortrefflich ausdrücken, angeführtet
hätten. Ihre Freundschaft ist mir alle mal schätzbar: ich werde also Ihre Briefe
in Amsterdam und Londen mit eben der Aufmerksamkeit lesen, mit welcher ich
ehedem Ihre gelehrten Vorlesungen anhörte. Wie würde ich auch sonst im Stande
sein, so viel tiefsinnige Sprüche zu erraten, und so viel strenge Beweise
einzusehen, mit welchen Sie die Wahrheit vortragen und befestigen, wenn ich
Ihrer Sprache nicht bereits gewohnt wär.
    Meine Schwester und der Pfarr werden nicht weiter mit Ihnen disputiren
wollen, vielweniger der Kutscher. Sie haben Wiganden ganz gewiss mit einem Sorite
zu Boden geschlagen; welches Sie mir aber aus Bescheidenheit in Ihrem Briefe
verschweigen. Uebrigens bewundere ich Ihre Herablassung in Ansehung des
Verweises. O hätten Sie mir die Uebersetzung davon beigefügt! Ohne fehlbar ist
es eine Umschreibung gewesen. Ne sutor vltra crepidam. Welcher vortrefliche
Einfall! Sie waren also der Mahler; die Geschichte mit dem Jeremias das Bild,
und Wigand der naseweise Schuster. Wie hat sich aber der Bube unterstehen
dürfen, einem Manne zu widersprechen, welcher gelehrter ist als Aristoteles und
Confucius? Ich wünsche Ihnen unterdessen Glück, dass sie den Heiden bekehrt, und
ihm die Rangordnung zwischen einem Kutscher und einem Postknechte beigebracht
haben.
    Die Nachricht, von dem nunmehro herrschenden Geschmack im Hause meines
Oncle, vergnügt mich. Was kann doch ein Mann von Genie tun! Sie müssen mehr als
eine Seele haben: wenn ich mich anders so ausdrücken darf. Mein Oncle war ja
ehedem kein Liebhaber von Romanen, wenn ich den Don Quixotte ausnehme: daher
auch die Heldentaten, welche er noch als Fähndrich in Italien verrichtet, der
beständige Gegenstand unserer Unterredung sein mussten. Bei den Fräuleins aber
war noch eher etwas auszurichten. Sie sind jung, und wie weiches Wachs, welches
alle Eindrücke anzunehmen fähig ist. Fahren Sie indessen fort, meine Schwester
nach dem Beispiele der Henriette Byron zu bilden. Ich werde Sie noch einmal so
sehr lieben, wenn ich Sie einst in einem so vortrefflichen Lichte erblicken
kann. Ich denke aber, Charlotte oder die vermählte Gräfin G. wird ihr besser
gefallen: denn sie liebt den Scherz, und verliehrt lieber ihren Freund, als
einen sinnreichen Gedanken. Der Einfall, dass Sie den alten Pastor Ihren Senior
nennen, ist so spashaft nicht, als Sie wohl meinen. Ich habe schon ehedem
angemerkt, dass Sie der Tochter dieses ehrlichen Mannes nicht gleichgültig sind.
Sie wird von Ihnen erobert werden, ehe Sie es denkt; und wie wird sie einem
Liebesantrag widerstehen können, wenn Sie solchen mit Ihrer gewöhnlichen
Beredsamkeit tun, und dabei einen Schluss mit dem andern verbinden. Ich küsse
Ihnen die Hände, lieber Herr Magister, wenn Sie Ihren ersten Liebesantrag
entweder drücken lassen, oder doch wenigstens einen Auszug davon in den
gelehrten Zeitungen bekannt machen. Mein Oncle unterstützet Sie als
Kirchenpatron bei jedem Versuch, welchen Sie bei dieser Schöne zu machen willens
sind: damit doch Dero Verdienste um unser Haus einiger masen vergolten werden.
    Sie tun mir viel Ehre an, wenn Sie mich zu einen Schiedsrichter in der
Streitigkeit zwischen Ihnen und meiner Schwester erwählen. Die Sache kann nicht
sein; die Erfahrung aber soll den ganzen Handel entscheiden. So bald als ich
nach Londen komme, werde ich mich um die Wahrheit der Geschichte Sir Carl
Grandisons bekümmern, und Ihnen von jeder gemachten Entdeckung getreue Nachricht
geben. Sie sind zum siegen geboren; und wer wird auch hierbei gerechter
triumphiren, als Sie, Herr Magister? Künftige Woche gehe ich von hier ab.
Amsterdam würde nur besser gefallen, wenn ich ein Kaufmann wär. Das schöne
Geschlecht behauptet hier seinen Vorzug vor dem männlichen. Ich könnte meinen
Brief noch mit einer schönen Stelle aus dem Horaz versiegeln, in welcher er uns
die Sitten der Holländer schildert, ehe diese Republik errichtet würde: es mag
aber unterbleiben. Weit feiner wird sich meine Zuschrift mit der aufrichtigen
Versicherung endigen, dass ich zeitlebens sein werde
                                      Dero
                                                                     ergebenster
                                                                            v.S.
 
                                  III. Brief.
                        Fräulein Amalia an ihren Bruder.
                                                       Schöntal, den 27. April.
Der Magister Lampert weiss sich sehr viel mit dem Briefe, den er aus Amsterdam
von dir erhalten hat. Gestern, da wir eben abgespeiset hatten, kam Jemand in
vollem Galopp in den Schlosshof gesprengt. Wir fuhren alle an die Fenster, es war
der Magister. Er kam die Treppe herauf. Der Baron, der immer seinen Spas mit ihm
hat, fragte, ob der alte Pastor Wendelin gestorben wäre, dass er so aufgeräumet
aussähe? Er verbeugte sich und schüttelte mit dem Kopfe. Reden konnte er noch
nicht; seine Lunge war zu sehr an ausgedehnet. Er sipste und schnappte eine gute
Weile nach Luft, bis die Bedienten abgeräumet hatten. Wir waren begierig, die
Ursache seines ausserordentlichen Bezeigen zu erfahren. Er merkte es, und zog
einen Brief aus der Tasche. Er bat um Erlaubnis, uns ein gnädiges Handschreiben
von dem jungen Herrn Baron v.S. vorzulesen, nachdem er sich diese in einer
wohlfliessenden halbstündigen Rede erbeten hatte. Wir hörten aufmerksam zu. Er
las mit einer Art, die mir gefiel. Das Wasser trat ihm für Freuden in die Augen;
er lächelte und wischte sie mit einer Hand um die andere, wenn er an Stellen
kam, die er für spashaft hielt, oder die ihm angenehme Gedanken erweckten:
manchmal aber mummelte er in den Bart, und las so geschwinde, dass Niemand wusste,
was er haben wollte. Wie, sagte ich, wie war das? Noch einmal diese Stelle. Er
winkte und gebot uns mit der Hand zu schweigen, und las fort. Da er fertig war,
und nach seiner Gewohnheit die Augen zudrückte, um sich auf kritische
Anmerkungen zu besinnen, nahm ich ihm den Brief aus der Hand. Es sind Stellen
darin befindlich, über die ich Sie nicht darf reflectiren lassen, sagte er.
Erlauben Sie, gnädiges Fräulein - - Er wollte mir den Brief wiedernehmen.
    Erlauben Sie, dass ich ihn nicht weggebe, bis ich ihn gelesen und darüber
reflectiret habe.
    Nein, nein, der junge Herr schreibt aufgeweckrund spashaft. Sie dürften an
manchen Orten eine Satire finden, wo keine ist; Sie sind lose.
    Sie werden ihren Brief, sagte ich, nicht eher wieder bekommen, bis ich ihn
ganz gelesen und meine Anmerkungen darüber gemacht habe.
    Ich las ihn laut. Da ich ihn wieder zurück gab, sagte ich, der ganze Brief
ist eine Satire auf Sie.
    Was? Eine Satire? Nichts weniger! Ich kenne den Charakter ihres Herrn
Bruders besser.
    Mein Schwager winkte mir und zog mich bei Seite. Lassen Sie den guten Mann
doch bei seiner Einbildung, wir werden unser Vergnügen dabei finden. Geben Sie
ihm in allem, was er saget, Beifall; der Spas wird vollkommen sein, wenn wir dem
Plane folgen, den wir neulich entworfen hatten.
    Ich ging wieder hinein in den Saal. Er fing gewaltig an, über den Brief zu
disputiren. Zum Scheine hielt ich ihm in etwas Widerpart; endlich räumte ich ihm
alles ein, was er verlangte. Da er weg war, wurde erst die Glocke über ihn
gegossen. Schreiben Sie an unserm Bruder, sagte mein Schwager, er sollte den
Magister und unsern Oncle nicht in der Einbildung, die sie von dem Grandison
hätten, stören. Er sollte die Bitte des Magisters, wie er zu tun geneigt
schiene, erfüllen, und entweder uns, oder ihm selbst, von dem Zustand der
Personen, die in dem Grandison eine Rolle haben, Nachricht geben, wir würden uns
ihm alle für dieses Vergnügen verbunden erkennen. Wir lachten, dass der Baron den
Scherz so weit treiben wollte. Ich glaube aber, wir haben manche Lust zu
erwarten, wenn du die Bitte unsers Schwagers statt finden lässest.
    Den 28ten. Heute Nachmittage legten wir einen Besuch bei unserm Oncle ab.
Mein Schwager tat es mehr, mit dem Magister seinen Scherz zu treiben, als aus
Begierde unsern Oncle zu sehen; den er gleichwohl sehr liebt, so lange er von
seinen Feldzügen schweigt.
    Mein Oncle las uns den Brief, den er gestern von dir erhalten hat. Wir
wünschen unserm geliebtesten Bruder, zu der bevorstehenden Reise nach Engelland,
Glück und eine dauerhafte Gesundheit. Herr Lampert sagte: wenn du einmal des
Steinkohlendampfes in Londen gewohnt wärest, und in den ersten vier Wochen
keinen Ansatz zur Schwindsucht bekämest, so würdest du nicht nur in Engelland
beständig gesund bleiben; sondern auch in Deutschland einmal ein alter Mann
werden. Er wollte heute an dich schreiben, und den Brief in den meinigen
entschliessen; er besonn sich aber anders, und ersuchte mich, ihn zu deiner
Gewogenheit zu empfehlen, und dich für böser Gesellschaft zu warnen. Um
seinetwillen, sagte er, soll der junge Herr keinen Menschen seiner Freundschaft
würdigen, den nicht von dem Grandison gross denkt, oder ein Anverwandter von ihm
ist. Ich biss mich in die Zunge um das Lachen zu verbergen, und versprach, seinen
Auftrag bei dir auszurichten. Gleichwohl konnte ich es nicht unterlassen, einige
Spöttereien über unsers Herrn Vetters und seines Orakels des Magisters Grille zu
sagen, ob es mir gleich von meinem Schwager sehr nachdrücklich verboten war.
Unser Oncle wurde deswegen so sehr gegen mich aufgebracht, dass wir Mühe hatten,
ihn zu besänftigen.
    Ich setze mein Leben zum Pfande, fing Herr Lampert unerwartet an, und schlug
mit der Hand auf den Tisch, dass die Gläser schütterten, ich setze mein Leben zum
Pfande, dass es einen Grandison und eine Henriette Byron gibt. Leugnen sie diese
Wahrheit nicht länger, gnädiges Fräulein, wenn Ihnen etwas an der Gewogenheit
ihres Herrn Oncles gelegen ist. Unser Oncle warf einen zornigen Blick auf mich,
und seine Stirn bekam mehr Falten als ein aufgezogener Vorhang. Mein Schwager
bat beide, so lange sich zu beruhigen, bis zuverlässige Nachrichten aus Londen
wegen dieser Sache einliefen. Er versprach dem Magister eine Hirschhaut, wenn
wir erführen, dass die Geschichte des Grandisons wirkliche Begebenheiten
entielte; er sollte hingegen dem Baron ein paar Wachtelbauer verfertigen, wenn
sie als eine Erdichtung befunden würde; Sie gaben einander die Hände darauf.
Meine Schwester und ich versprachen ihm jede ein paar genehete Manschetten, wenn
er Recht behielte; wenn wir aber den Sieg davon trügen, so verlangte meine
Schwester eine Schnappweife, und mir sollte er ein Sonnenschirmgen drehen. Er
ging alles ein was wir verlangten, und war seiner Sache so gewiss, dass er sich
davon nicht hätte abbringen lassen, wenn man Pferde an ihn gespannet hätte. Jezt
war ich im Begriffe zu schliessen; aber ein Streich von dem wunderlichen
Menschen, der mir eben einfällt, und wenn ich ihn nicht erzählte, mich wie ein
Mühlstein auf dem Herzen drücken würde, hält mich noch davon zurück. Er hat sich
vorgesetzt, in allen Dingen dem D. Bartlett nachzuahmen, und hofft ihm endlich
so ähnlich zu werden, als ein Er dem andern. Neulich hat er den ersten Schritt
in dieser wichtigen Unternehmung gewaget, er ist merkwürdig. Der Magister hat
das grosse Werk von einer Perucke, worinnen er sonsten an hohen Festtagen zu
stolziren pflegte, plötzlich abgeleget, und trägt sein eignes Haar. Nur Schade,
dass es pechschwarz ist! Wenn ich ihm doch riete, er sollte es schwefeln, oder
an der Sonne bleichen, damit des D. Bartletts seinem ähnlicher würde, wer wüsste,
was er täte. Nun muss ich im Ernste schliessen, Fräulein Julgen ist unten. Das
gute Kind wird mir ihr Herz einmal ausschütten wollen. Ihre Stiefmutter plagt
sie recht gottlos. Was kann denn das liebe Mädgen davor, dass sie besser gebildet
ist als ihre schielende Stiefschwester. Ich werde gerufen. Unsere Anverwandten
empfehlen sich dir und erwarten öftere Nachrichten. Ich bin so lange ich lebe
                                     Deine
                                                                     Amalia v.S.
 
                                   IV. Brief.
                      Der Herr von S. an seine Schwester.
                                                           Londen den 24. April.
        Liebe Amalia,
Meine Schwester gefällt mir, wenn sie aufgeräumt ist. Sie hat eine vortrefliche
Gabe zu scherzen, und ich sehne mich oft nach ihren belebenden Umgang. Der
Magister, Lampert, muss, wie ich sehe, noch die nämliche Rolle spielen, die er
ehedem hatte: und es ist kein Wunder, wenn seine Torheiten mit den Jahren
zunehmen, da sich Jedermann Mühe gibt, ihn darinnen zu unterhalten; wiewohl die
natürliche Leichtglaubigkeit und eine stolze Einbildung von seinen seltenen
Verdiensten das meiste dabei tun. Du musst ihm inliegenden Brief selbst
übergeben. Nimm ihm aber zuvor alle schädliche und tödliche Werkzeuge weg,
damit, wenn er in eine Raserei verfällt, er sich nicht die Kehle abschneiden
möge. Gib mir alsdenn eine getreue Nachricht von dem Ausbruch seiner Freude.
    Ich habe hier in Londen eine ganz neue Welt vor mir. Gestern habe ich den
König zum erstenmal gesehen. Er ist schon ein Greiss, aber voller Majestät.
Empfiehl mich allen meinen Freunden und liebe
                                     Deinen
                                                            aufrichtigen Bruder.
 
                                   V. Brief.
                   Der Herr von S. an den Magister Wilibald.
                                                           Londen den 24. April.
Wie wird mein Hochgeehrtester Herr Magister die Nachricht aufnehmen, welche ich
Ihnen geben muss? Bereiten Sie sich zu, meine Sache anzuhören, die Dero sonst
gesetztes Herz durchbohren wird, - - Die ganze Geschichte Sir Carl Grandisons
ist erdichtet. Verdammter Wind! Wem wird man doch in der Welt glauben dürfen?
Niemals hat ein Grandison in Engelland gelebt; niemals eine Henriette Byron. Von
der Frau Shirlei und der alten Tante Lore will auch Niemand etwas wissen. Es ist
ein Roman, lagt man hier; und die Ausländer sind einfältig, wenn sie unsere
Erdichtungen für Wahrheiten halten. Armer Herr Magister, welcher Schmerz wird
Ihr Herz durchdringen! Die Wette ist verloren; alle schöne Anstalten, den
Grandison nachzuahmen, sind vergebens, und Sie werden Ihr Ansehen sowohl bei dem
Gärtner; als auch bei dem Kutscher einbüssen. Nein, das wolle der Himmel nicht!
Triumph, Herr Doctor! ich habe Ihre philosophische Standhaftigkeit prüfen
wollen. Vergeben Sie mir diesen Scherz! Grandison lebt; seine liebenswürdige
Henriette befindet sich wohl. O, wie viel Schönes werde ich Ihnen in kurzen von
diesem ädlen Paare sagen können! Damit ich aber ordentlich verfahre; so erlauben
Sie, dass ich in meiner Erzählung zurück gehe.
    Es war den 21. April, als ich zu Londen ankam. So müde als ich auch war, so
wurden meine Lebensgeister dennoch durch den Anblick dieser ausserordentlichen
Stadt ermuntert und gestärket. Ich liess mich sogleich zu den Herrn v.B. bringen,
dessen Bruder bei der alliirten Armee mein besonderer Freund war. Ich übergab
ihm seine Empfehlungsschreiben; und wurde von ihm und seiner Gemahlinn gütig
aufgenommen. Mein Wirt ist von ädler Geburt; treibt aber, als der zweite Sohn
seines Hauses, aus einem sehr vernünftigen Grundsatze der Britten, die
Handelschaft in Grossen. Er lebt prächtiger als mancher Graf, und ich habe bei
verschiedenen Gelegenheiten die Herrlichkeit seines Hauses gesehen. Ich
erkundigte mich also bald nach Sir Carln. »Sir Carl, sagte er, ist mein Freund.
Jedermann liebt ihn; Das Bild, das Richardson entworfen, sieht ihm sehr ähnlich:
Sie werden ihn aber noch mehr bewundern, wenn Sie ihn persönlich sprechen; in
wenig Tagen werde ich nach Grandisonhall gehen; ihre Gesellschaft wird mir
angenehm sein.«
    Nunmehro, Teurester Herr Magister, wird die Freude bei Ihnen eben so stark,
als vorher der Schmerz sein. Setzen Sie sich, wie ein römischer Held auf eine
Chaise, lassen Sie alle Ihre Gegner vorher gehen; lassen Sie io triumpfe rufen,
und fahren siegprangend, mit Blumen gekrönt, nach Schöntal, um daselbst neue
Lorbeern einzusammlen. Mein Brief aber muss auf einem Kissen, wie ein Document,
getragen werden. Nunmehro wird Ihre Scharfsinnigkeit von keinem Menschen mehr in
Zweifel gezogen werden. Sie können das Wahre von dem Falschen genau
unterscheiden; Sie dringen in das Innerste der Sache; und jeder grosse Geist wird
sich eine Ehre daraus machen, wenn er nur mit Ihnen verglichen wird. Leben Sie
wohl, verehrenswürdiger Freund! Der Geist der alten Chaldäer und Perser ruhe
seiner auf Ihnen. Dieses ist der beständige Wunsch
                                     Ihres
                                                              gehorsamen Dieners
                                                                            v.S.
 
                                   VI. Brief.
                        Fräulein Amalia an ihren Bruder.
                                                          Schöntal den 16. Mai.
        Mein Bruder,
Deine Briefe haben uns ein unglaubliches Vergnügen gemacht. Der Baron war vorige
Woche in der Stadt und erhielt sie da von der Post. Er setzte sich sogleich zu
Pferde, um sie mir zu überbringen. Ich erbrach das Schreiben an mich, worinne
ich das an den Magister eingeschlossen fand. Der Jäger musste den Augenblick
hinüber nach Kargfeld, und unsern Oncle nebst seiner Familie und den Magister zu
uns einladen. Sie kamen etwas später als Herr Lampert, der sich in der Eile auf
das Pferd unsers Jägers geschwungen hatte, und da war, ehe wir daran dachten. Er
war ungedultig, den Brief an sich zu erbrechen; ich gab ihm aber diesen nicht
eher, bis unser Oncle kam. Wir setzten uns nach den ersten Komplimenten um den
Magister herum; er hatte die Stühle in einen halben Zirkel gestellet. Ich will
mir einbilden, ich stünde vor dem römischen Senate, sagte er. Hier soll die
Geschichte des Grandisons, wie dort das Schicksal der halben bevölkerten Welt,
erwogen und beurteilet werden. Er stund, lösete das Siegel auf, nachdem er die
Aufschrift gelesen hatte, und warf einen so hastigen und begierigen Blick in den
Brief, um ihn ganz zu übersehen; als wie ein heishungriger Knabe auf eine
Buttersemmel schielt, um sie auf einmal zu verschlingen. Er las; aber bei dem
ersten Zeilen fing er schon an zu stocken. Kaum hatte er noch so viel Kraft, die
Worte herzustammlen: Die ganze Geschichte Sir Carl Grandisons ist erdichter, da
fiel ihm der Brief aus der Hand. Er stund wie angenagelt; sein Gesichte war
entfärbet, und die Augen gläsern. Auf einmal riss er, mit einem entsetzlichen
Geprassel, wie ich glaube, nach einen Gebrauche der Alten, seine Weste auf. Die
hölzernen Dorlen aus den Knöpfen flogen uns in die Augen. Unser Oncle war ohne
Bewegung. Er hatte sich auf seinen Stock gelehnet; sah mit den Augen starr vor
sich nieder, und schien in dem Augenblicke hinzusterben. Der Magister rung und
wund die Hände, und wiederholte oft einen lateinischen Spruch. Der Baron hat ihn
gemerket: O vanitas vanitatum, heisst er, et omnia vanitas! Er ergriff darauf
seine Halskrause, mir war bange, er würde sie zuziehen und sich erwürgen: er
trocknete aber nur seine Tränen damit ab, die ihm in den Augen stunden.
    Unterdessen hatte ich den Brief ausgehoben, und sprach dem armen trostlosen
Manne einen Mut ein. Sie würden sich vor dem ganzen römischen Senate
verächtlich machen, wenn Sie so wenig Standhaftigkeit zeigen wollten. Fangen Sie
noch einmal an zu lesen, und lesen Sie den Brief ganz, wer weiss was er für einen
Ausgang hat. Ich hatte ein wenig hinein geschielet und noch etwas von von Sir
Carln erblickt.
    Er setzte mit zitternder Stimme noch einmal an, und hatte so viele
Standhaftigkeit, den ersten Absatz, der ihm so schrecklich war, zu lesen. Nun
kam er auf den zweiten. Alle seine Gesichtszüge wurden auf einmal verändert. Ein
Mann mit zwei Gesichtern in einer Minute, dachte ich, das ist der leibhafte
Janus Bifrons aus unserm Orangengarten. Er vergass sich in seiner Freude. Alle
Ausschweifungen zu erzählen, würde mir mehr Mühe kosten, als sie meinen Bruder
vergnügen könnten. Viele lange lateinische Sprüche, die sich alle mit Dii
immortales! anfingen, mussten wir wie die tiefsinnigen Aussprüche der Orakel
hören, ohne sie zu verstehen. Unfehlbar hatte er vergessen, dass mehr Personen
als er in den Saale wären. Er lief hastig hin und wieder; ich sorgte für den
Spiegel und seinen Kopf. Er las den Brief wiederum mit so vieler Aufmerksamkeit,
als wenn er seinen Augen nicht trauen dürfte. Den Namen Grandison drückte er
jedesmal mit seinen Lippen. Bei meinem Oncle hatten wir fast gleiche
Erscheinungen. Er sass nachdenkend auf dem Lehnstuhle, als wenn er das
Gleichgewichte von Europa zu entscheiden hätte; er schüttelte dann und wann den
Kopf, und spielte mit seiner Dose zwischen den Fingern. Aller Augen sahen auf
ihn und den Magister. Diese Pantomime dauerte eine gute Weile. Mein Schwager
brach das Stillschweigen zuerst. Er wollte sich der Gemütsverfassung, dieser
beiden Leute bedienen, sie in ihren Irrtum tiefer einzuwicklen; Er schien eben
so sehr in Erstaunen gesetzt zu sein, als sie. Meine Schwester und ich mussten
auch unsre Rolle spielen.
    Der Magister foderte hierauf Jedermann, der keinen Grandison glaubte; oder
noch einige Zweifel wider die Wahrheit seiner Geschichte vorzubringen hatte, zu
einem gelehrten Gefechte heraus. Er sah uns allen, und besonders mir, steif ins
Gesichte.
    Wie stehet es denn nun, mein naseweises Bäsgen, sagte der Oncle zu mir,
wollen sie hinführo mehr über den Grandison streiten?
    Ich schlug die Augen nieder, und gab mir das Ansehen, als wenn ich beschämt
wäre, ich zwang mich rot zu werden. Mein Schwager rief den Jäger herein: Anton,
hierdurch gebe ich ihm gemessenen Befehl, den ersten jagdbaren Hirsch, der mein
Gehäge betritt, vor den Kopf zu schiessen, mir den Braten in die Küche, und
gegenwärtigem Herrn Magister Wilibald die Haut auf seine Studierstube nach
Kargfeld zu liefern, wornach er sich zu achten hat. Meine Schwester liess das
Kammermädchen rufen, dem Magister das Maas zu den Armbindgen, woran die
Manschetten kommen sollten, zu nehmen: er verbat es aber, und ersuchte uns, die
Manschetten, in Halskrausen zu verwandeln. Er wird in kurzem an dich schreiben,
wenn sein Gemüte etwas ruhiger ist. Niemand hofft begieriger auf die Briefe
ihres geliebtesten Bruders, als
                                     Seine
                                                                     Amalia v.S.
 
                                  VII. Brief.
                      Der Herr v. N. an den Herrn v. S . .
                                                           Kargfeld den 14. Mai.
        Geliebter Neveu,
So ist denn die Geschichte mit Sir Carl Grandisonen wirklich wahr? Ich habe
zeitero, als ein kluger Mann, noch immer daran gezweifelt: weil ich niemals
gewohnt bin, alles bei der Erde weg zu glauben: allein Ihr letzter Brief an den
Magister hat mich völlig convinciret. Dem will ich den verdammten Häls brechen,
welcher nunmehro weiter etwas wieder die Gewisheit der Sache einwenden wird. Vor
allen Dingen, sehn Sie zu, dass Sie den Mann selber sprechen. Der Kaufmann, bei
welchen Sie wohnen, scheint mir nach Ihrem Berichte, ein ehrlicher Pursch zu
sein. Er wird Sie, wie der Engel den Tobias, sicher nach Grandisonhall bringen,
und darauf bedacht sein, dass Sie unterwegs kein Wallfisch frist.
    Wenn Sie dort sind; so machen Sie an den Herrn Grandison und an seine
Henriette von mir ein dienstfreundliches Kompliment. Merken Sie dabei auf alles,
was in seinem Schloss, an seinen Bedienten, und vornehmlich an seiner Person,
anzumerken würdig ist. Ich weiss zwar einen grossen Teil aus dem Buche; allein
Specialia, mein lieber Vetter, Specialia sind es, die ich wissen will. Verstehen
Sie mich wohl? z.E. Hält er viel Jagdhunde? was sind seine Jäger für Kerls? wer
spielt die Orgel, wenn Concert ist? was macht die alte Frau Shirlei? Ist der
Lady G. ihr Meerkätzgen zur Meerkatze geworden? Lebt die alte possierliche Tante
Lore noch. Von allen diesen Dingen dependirt gegenwärtig gar viel: und wenn mein
Vorhaben glücklich von Statten geht; so bin ich zwischen hier und Weinachten
ein zweiter Grandison: ja, vielleicht treibe ich die Sache noch höher. Lassen
Sie Sich aber gegen Niemanden nichts merken. Verschwiegenheit ist das
Wesentliche bei grossen Unternehmungen. Der Magister Lampert tut mir hierbei
gute Dienste. Er ist selbst von der ganzen Affaire so eingenommen, dass ich mir
keinen drolligtern Kerl wünschen könnte, als ihn.
    Mein Rat wär, Sie blieben einige Monate zu Grandisonhall -, manchmal können
Sie auch nach Shirleimanor geben, wenn Ihnen die Zeit zu lang wird. Hüten Sie
Sich aber für dem verdammten Greville: es ist ein Schläger. Fragen Sie doch auch
nach den leidigen Vetter Eberhard, ob er vielleicht in seinem Ehestande auch
untertaucht? Meinen Gruss an den Herrn Reves und Frau Reves, wie auch an den
spasshaften Oncle Selby. Den Mann möchte ich einmal hier bei mir haben, ich
wollte ihm so zusaufen, dass er den drätschen Himmel nicht erkennen sollte.
Adieu, lieber Vetter. Ich bin Ihr guter Freund
                                                                            v.N.
 
                                  VIII. Brief.
                            Von S. an seinen Oncle.
                                                   Grandisonhall den 19. Junius.
Sie tun mir viel Ehre an, dass Sie an mich schreiben, und nochmehr, dass Sie mich
zu Ihren Gesandten an Sir Carln machen. Ich bewundere und verehre Ihren
Einschluss, diesem grossen Britten nachzuahmen; und wer ist auch fähiger, auf eine
ähnliche Art zu denken und zu handeln, als mein hochgeschätzter Herr Oncle? Sie
werden nunmehro Ihrem alten Hause einen neuen Glanz geben, und allen unsern
Ahnen eine wahre Ehre machen.
    Es war den 3ten dieses, als ich zu Grandisonhall ankam. Das Schloss ist
fürstlich, und völlig so, wie es Fräulein Lucia beschreibt.
    Sir Carl empfing mich mit einem grossen freimütigen, aber höchst
einnehmenden Wesen. Er wusste die Lobeserhebungen, die ich ihm höchst verdienter
Weise, als einem berühmten Manne, machte, auf eine sehr bescheidene Art
abzulehnen.
    Es wurden meinen Begleiter und mir zwei Zimmer im andern Stockwerke
angewiesen. Sir Carl verlangt, dass ich etliche Monate bei ihm bleiben soll; ich
denke, ich werde nicht ungehorsam sein.
    Den 5ten. Wir sind heute ungemein vergnügt gewesen. Laly G. stattete nebst
ihrem Gemahle und ihrer nunmehro 10jährigen Meerkatze, einen Besuch bei Sir
Carln ab. Die Tochter ist das wahre Ebenbild von ihrer muntern Mutter. Wär das
Meerkätzgen sieben Jahr älter; so -
    Sir Carl, wendete sich während der Mahlzeit etliche mal an mich. Ihre
Gesundheit wurde in einem grossen Deckelglase ausgebracht, und von allen nach
getrunken. Wollte der Himmel, sagte mein gütiger Wirt, dass ihr Oncle auf ein
halb Jahr herüber kommen könnte! es muss ein vortreflicher Mann sein, wie ich aus
ihrer ganzen Erzählung abnehmen kann. Morgen gehn wir auf die Jagd. Sir Carl
wird seinen grossen Fresco mitnehmen. Der König wollte ihm ein Gut dafür geben,
welches jährlich 600. Pfund einträgt, wenn er ihm diesen seltenen Jagdhund geben
würde; allein er schlug es Ihro Majestät ab.
    Den 6ten. Das war eine Hauptlust! Es ist was übernatürliches mit dem Fresco.
Er fieng ein Schwein, welches 6 Centner wog. Doctor Bartlett, wäre beinahe aus
Versehen erschossen worden. Er will nicht wieder auf die Jagd gehen.
    Den 7ten war wieder grosse Gesellschaft hier. Sir Beauchamp und seine
Aemilia, erschienen auch. Abends war Bal. Wir tanzten bis vier Uhr. Es waren
einige Fräuleins aus der Nachbarschaft da, mit welchen ich tüchtig herumsprang.
Von Ihnen wurde etlichemal gesprochen. Lady G. möchte Sie so gerne tanzen sehen.
    Den 8ten. Nun bin ich auch in der so berühmten Bildergallerie gewesen. Hier
treffe ich das Stücke an, welches Lovelcae gesehen hat. Der Ritter ist im vollen
Harnische, und mit aufgehabenen Händen kniend abgemahlt. Die Gemahlin kniet
gegen über, und hat sechs Mädchens mit molken haften Gesichtern hinter sich; so
wie sich vier dickköpfigte und kurzöhrichte Jungens hinter ihm befinden. Das
fromme Paar sieht gen Himmel, an welchem die Worte mit goldenen Buchstaben
geschrieben sind: in coelo quics. Vielleicht haben sie manchen ehrlichen Zwist
auf Erden gehabt.
    Einer von Sir Carls Ahnen sieht Ihnen, geliebter Herr Oncle, sehr gleich.
Es ist ein alter Obrister, welcher sich in den Kriegen mit den Schottländern,
unter dem König Wilhelm, sehr hervortat. Sir Grandison war ausserordentlich
erfreut, als ich ihm die Gleichheit zwischen Ihnen und dem alten Helden meldete.
Dieses Bild, sagte er, soll mir nunmehro um desto schätzbarer sein.
    Den 9ten. Heute bin ich in der Kirche gewesen. Doctor Bartlett predigte von
den verschiedenen Unglücksfällen, welche den Menschen begegnen könnten. Morgen
werden wir insgesammt aufbrechen, und nach Shirleimanor gehen, welchen
Rittersitz Sir Carl, nach dem Tode der rechtschaffenen Frau Shirlei, geerbet
hat. Sie starb den 1 August 1756. Lady Grandison und ihr Gemahl waren bei dem
Ende dieser Hochachtungswürdigen Matrone gegenwärtig. Der Liebling ihres
Herzens, und Sir Carl empfingen nochmals ihren zärtlichen Segen. Oncle Selby,
hat weinend ganz abscheulige Gesichter gemacht, wie mir Lady G. sagte.
    Den 17ten. Gestern Abends kamen wir von unserer Lustreise wieder zurück. Ich
bin nunmehro mit der ganzen Familie bekannt. Oncle Selby ist noch immer wie
sonsten. Er überlacht dreissig andere, und wenn sie auch noch so sehr lachen
könnten. Vetter Jacob dient als Cornet unter der schweren Cavallerie; Greville
aber ist Obrister unter einem Landregimente. Es soll ihn keiner von allen
Officiers im Fluchen aushalten können.
    Ormen, die Milchsuppe, habe ich auch gesehen. Er ist noch immer kränklich,
und wird wohl schwerlich wieder hergestellt werden. Seine Schwester will ihm zu
Gefallen ledig bleiben, und eine zweite Tante Lore werden. Im Vorbeigehen: Tante
Lore, ist vor vier Jahren sehr ungern gestorben. Sie brachte ihr Leben auf 70
Jahr, drei Monate und 6 Tage.
    Den 19ten. Heute wurde grosses Concert im Musiczimmer gehalten. Viele
benachbarte Edelleute, fanden sich dabei ein. Ich sehe, dass sich der Brittische
Adel ungemein auf die Tonkunst legt. Sir Carl spielte den Generalbass auf der
Orgel. Zuweilen lösete ihn seine Henriette mit dem Flügel ab. Alexanders
Gastmahl wurde auch aufgeführt. Sir Carl wunderte sich, dass Sie kein Instrument
spielten, da Sie doch ausserdem so ein vollkommener Cavalier wären.
    So viel, für diesesmal. Ich habe eine bequeme Gelegenheit meinen Brief fort
zusenden. Ganz Grandisonhall empfiehlt sich Ihrer Gewohnheit und besonders
                                      Dero
                                                             gehorsamster Diener
                                                                            v.S.
 
                                   IX. Brief.
                         Fräul. Amalia an ihren Bruder.
                                                          Schöntal den 23. Mai.
        Lieber Bruder,
Welche Veränderung in unserm Hause! Alles ist metamorphosiret! Kein Bedienter,
kein Bauer darf meinen Oncle mehr gnädiger Herr, oder die alte Kunigunde
gnädiges Fräulein nennen; sondern Sir und Lady müssen sie sprechen. Viele fragen
den Magister um die Bedeutung dieser Titel; und dieser ist allemal bereitwillig,
ihnen zu erklären, wie die Wörter a radice haben. Sein Dorf heist nicht mehr
Kargfeld, sondern N. hall. Wir hatten am Montage alle Mühe, ihn darzu zu
bringen, dass er einen Brief annahm, auf welchen noch a Kargfeld gesetzt war.
Wiganden hat er umgetauft und Jeremias genennet. Der feinste Einfall ist die
Auszierung eines alten Ganges, welchen er nunmehro mit dem prächtigen Namen
einer Bildergallerie beehret hat. Du weisst, dass nur wenige Personen von unsern
Ahnen abgemahlt sind, damit aber die gemeldete Gallerie ganz besetzt werden
möge, so stehen unter andern zusammengeraften Gemählden, auch der weinende
Petrus, Aristoteles mit einem grossen Buche, von welchem der Magister berichtet,
dass es seine Metaphysic wäre, die heilige Veronica, der Kasten Noä, die
Zerstöhrung Jerusalem, und Tomas Münzer mit darunter. Wigand musste sie
aufstellen helffen, und war so boshaft, einige grobe Einwürfe wider diese Ahnen
zu machen; allein, mein Grandisonirender Oncle versiegelte seine kurze Antwort
mit einer entsetzlichen Maulschelle, dass dem Kutscher die Lust, den Streit
weiter zu treiben, vergieng. Hast du Schurke jemals gehört, setzte er hinzu, dass
Jeremias mit seinem Herrn so unverschämt sprechen darf? Wenn du Schlingel länger
bei mir in Diensten sein willst; so musst du weit ehrerbietiger mit mir reden,
woferne ich dir nicht deine schelmische Ohren abschneiden soll. Mit einem Worte,
die Gallerie wurde fertig, und wir müssen in seiner Gesellschaft oft dahin
gehen, und uns von ihm die Taten dieser ehrwürdigen Ahnen erzählen lassen. Er
selbst nimmt in Lebensgrösse zu Pferde den ersten Platz ein. Damit aber sein
heroisches Wesen recht natürlich gebildet wurde, so bestieg er seinen alten
Fuchs, welcher drei Tage zuvor nicht eingespannt, vielmehr reichlich gefünert
wurde, paradirte im Hohe herum, und der Mahler musste die Anlage zum Bilde, unter
freien Himmel verfertigen. Lampert wollte bei dieser Gelegenheit sich auch
mahlen, und bei Münzern oder bei den Aristoteles stellen lassen; Allein seine
Bitte wurde ihm rund abgeschlagen; doch erhielt er den Trost: ich will eine
Bronze aus Sie machen lassen, und Sie in meine Biblioteck stellen. Ich nahm mir
die Freiheit, ihn wegen der Unanständigkeit des Orts einige Vorstellungen zu
tun; welche auch so kräftig waren, dass er das am Ende der Gallerie befindliche
heimliche Gemach, sogleich mit eigener Hand versiegelte. Hier, sprach er, ist
das Medaillencabinet von der Olivia befindlich, welches ich nach und nach in
eine bequemere Stelle bringen werde.
    Das rühmlichste bei seiner Nachahmung ist die Bestimmung einer Stube zur
Hauscapelle, worinne Abends Betstunde gehalten wird, und wobei Lampert die
Stelle des Dr. Bartletts vertritt. Jedermann erfreuet sich darüber: denn du
weisst, dass er sonst niemals von Beten und Singen ein grosser Liebhaber gewesen.
    Kargfeld, den 25. Mai, früh 7. Uhr. Den Augenblick reiset mein Oncle mit dem
Jeremias fort, wir fragten ihn ganz zärtlich: wo er hin wollte; allein wir
bekamen keine Antwort als diese: ich habe auf meinen Irrländischen Gütern eine
Verbesserung vorzunehmen. Wir taten während seiner Abwesenheit einen
Spaziergang. 11. Uhr. Ums Himmelswillen! da kommt Jeremias mit dem Wagen. Was
muss er in aller Welt aufgepackt haben? wir liefen alle an die Fenster, und
Fräulein Kunigunde schrie: Wigand, was bringst du hier? Es ist eine Orgel,
gnädige Lady.
    Tante. Was willst du damit? du führst sie an unrechten Ort.
    Wigand. Nein, Mylady, unser gnädiger Herr hat sie der Gemeine zu Daasdorf
        abgekauft: weil dort eine neue gebauet wird.
    Indem kam Grandison der zweite auch; und da er uns insgesammt erblickte: so
sagte er: nun, Kinder, soll unser Schloss bald ein Grandisonhall werden. Siehst
du wohl, Schwester, dass ich ein Musiczimmer anrichten will? Friedrich, lauf
sogleich zum Cantor, und hole ihn anbei, er soll die Pfeiffen vorsichtig
abpacken, und die Sache in Ordnung bringen. Sie aber, Herr Magister, welcher
eben stand, und in eine grosse Orgelpfeiffe blies, sagte er, können ihm
behülflich sein, damit ein jedes Stück recht ortodox an seinen Ort gebracht
werde.
    Es wurden auch sogleich zwei Bauern beordert, welche die Bälge zur Fröhne
anbei fahren mussten. Das schlimmste ist, fuhr er fort, dass ich die Orgel nicht
spielen kann, sonst wollte ich, wie Sir Carl, zuweilen in das Musiczimmer gehen,
und eine Cantate aborgeln.
    Den 26ten. Bald wird die sogenannte Kinderstube in ein prächtiges
Musiczimmer verwandelt sein. Die Mägde haben ausziehen und in eine andere Stube
wandern müssen. Die Instrumente, womit selbiges ausgezieret ist, sind:
    1.) Ein altes Clavier, das ist der Flügel, worauf seine künftige Henriette
        spielt.
    2.) Eine Violine, woran die Quinte fehlt.
    3.) Ein Bass, welchen mein Oncle von einen Adjuvanten für zwei Martinsgänse
        angenommen.
    4.) Eine Trommel, diese gehört aber eigentlich zum Landregimente.
    Die Orgel ist noch nicht gesetzt; der Orgelmacher aber ist verschrieben. Auf
die künftige Woche soll alles im Stande sein: da wir denn sämmtliche grosse
Veränderung einweihen werden. Nur der Schulmeister ist mit seiner neuen Stelle,
als Hoforganiste, nicht zufrieden. Du wirst seine Zweifel im beiliegenden Briefe
lesen. Wir führen bei diesem reissenden Strohme der Torheiten, welchem sich
nunmehro Niemand widersetzen kann, das angenehmste Leben, und wünschen dir ein
gleiches.
                                                                     Amalia v.S.
 
                                   X. Brief.
                Der Schulmeister von Kargfeld an den Herrn v.S.
                                                          Kargfeld, den 26. Mai.
        Hochwohlgebohrner Herr, Gnädiger Herr,
Eur. Hochwohlgeb. werden verhoffentlich nicht ungnädig aufnehmen, wenn ich als
ein unwürdiger Dorfschulmeister an Sie nach Engelland schreibe; wo Sie Sich,
nach Aussage des Hr. Magisters, aufhalten sollen. Ich habe sonst viel von diesem
Kaisertume gehöret; und einige haben gar sagen wollen, es läg mitten auf einem
grossen Wasser. Wie sind Sie doch in die Welt hinüber gekommen, da Sie das
Schwimmen sonst bei uns nicht gelernet haben? doch es mag sein wie es will; wenn
Sie nur nicht etwa durch verbotene Künste (dafür Sie Gott bewahre) über die
grosse See gegangen sind. Ich hatte viel zu schreiben; ich habe es aber alles
wieder vergessen. Beiläufig - - das Gedächtnis legt mir seit einigen Jahren sehr
ab; und ich bin jetzo willens, bei dem Oberconsistorio in einem Schreiben
anzuhalten, dass wir eine Parucke zu tragen erlaubt sein möge. Sonst bin ich noch
ziemlich gesund, Gott sei Dank! der letzte Durchmarsch von den Türken hat mich
freilich sehr mitgenommen. Da sie kamen, lief ich für Angst in die Kirche,
schloss hinter mir zu, und kroch hinter die Pfeiffen in der Orgel; da mir aber
salsa fenia einfiel, dass ich meine Gemeine nicht verlassen dürfte; so wollte ich
doch wenigstens den Durchmarsch aus dem Turmloche mit ansehen. Dass dich der
Hammer! was waren das für Kerls. Die meisten sahen aus wie die heiligen drei
Könige, welche in unserer Kirche abgemahlt sind. Rote Brustlätze, Hosen bis auf
die Schuh, schreckliche Bärte, Gesichter wie die Mohren! Ich schlug ein Creuz
nach dem andern vor mir; betete und sprach: Herr stürz sie in die Grube hinein.
    Die sie machen den Christen dein.
    Zum guten Glück blieben sie nicht im Dorfe, sondern zogen zur Mistgasse
hinaus; wohin? weiss ich nicht. Einer war dabei, der sass in einer Kutsche.
Niemals habe ich einen so gottlosen Bart gesehen, als der Kerl hatte. Er
bedeckte seinen ganzen Leib: und ich glaubte ganz gewiss, dass er wegen diesen
schweren Barte müsste gefahren werden. Mein Herr Pfarr sagte mir nachhero, es
wären Createn, und keine Türken gewesen; der Schulze aber behaupte, es wären
Panduren welches beides ich an seinen Ort gestellt sein lasse.
    Noch ein Punkt, welchen ich gleich Anfangs melden wollte. Unser gnädiger
Herr, Ihr Herr Vetter, will auf seinem Schloss eine Orgel bauen lassen, und zwar
in das Musiczimmer, wie ers nennt; welche ich denn, wenn er Concert halten
würde, spielen sollte. Ich kam freilich aus meiner Gelassenheit, da er mir
diesen Antrag tat, und diesem meinen Eifer ist auch folgende Antwort
beizumessen. Hören Sie, was ich sagte? Gnädiger Herr, die Orgeln haben schon
seit der Sündflut in die Kirchen gehört, und nicht auf die Edelhöfe. Wer nun
solche heilige Dinge misbraucht, der tut eine Sünde wider das dritte Gebot, und
folglich auch wider alle: wir haben ohnedem eine Landstrafe nach der am der
andern; (hier zielete ich unvermerkt auf die garstigen Türken, welche durchs
Dorf giengen) wollen wir noch mehrere Sünde tun, und gar bei Gastereien die
Orgel schlagen? An Statt, dass er in sich gehen, und von seinem bösen Vorhaben
abstehen sollte; so lachte er mich nur aus, und sagte: dass Hr. Grandison in
Engelland auch eine Orgel im Hause hätte: was jenem Recht wär, das wär ihm
billig, und er müsste eine Orgel im Hause haben, es möchte auch kosten, was es
wollte. Was soll ich nun machen, mein lieber und gestrenger Junker? Unser
gnädiger Herr ist ganz gewiss ein Heide worden. Haben die Edelleute in Engelland
Orgeln, so mögen sie solche für sich haben, wir sollen uns hierinne aber
christlicher aufführen. Es sind ohnedem die letzten Zeiten, wie unser Herr Pfarr
spricht, da alle Laster im Schwange gehen, und also notwendig allerlei
Landplagen erfolgen müssen; wohin ich auch die garstigen Türken rechne, die
durchs Dorf zogen, mir zwei Gänse todtschmissen und mitnahmen, meinem Nachbar
sein Schwein ungerechnet: Wenn wir nun die Kirchensachen misbrauchen, und auf
den adelichen Höfen in Musiczimmern orgeln wollen; was soll zuletzt daraus
entstehen? Ich orgele nicht, und sollte er mir auch meinen grauen Kopf vor die
Füsse legen lassen. Melden Sie mir doch, gestrenger Junker, was es mit der Orgel
des Herrn Grandisons in Ansehung der Register und Bässe für eine Beschaffenheit
habe. Der Pfarr hat zwar noch nichts davon auf der Kanzel gesagt, ich glaube
aber, er bricht gewiss einmal damit hervor, wenn das Werk zu Stande kommen
sollte; oder weiset unsern gnädigen Herrn vom Beichtstuhl ab. Orgeln gehören in
die Kirche! damit holla. Eurer Gnaden wünsche viel Glück und Segen, und bin mit
aller Zucht und Erbarkeit
                                Eur. Gestrengen
                                              demütiger und Ehrendienstwilliger
                                                                 Lorenz Lobesan,
                                                            p. t. ludimoderator.
 
                                   XI. Brief.
                         Der Herr v.N. an den Herr v.S.
                                                        N. hall, den 10. Julius.
        Lieber Vetter,
Ich habe Ihren letzten Brief richtig empfangen. Ihre Nachrichten haben mich
entzückt, so, dass ich wieder jung wie ein Adler werde. Wenn meine Schwester mich
nicht mit tränenden Augen gebeten hätte; so wäre ich, statt dieser Anwort, in
Person nach Grandisonhall gekommen. Ich war schon reisefertig. Jeremias sollte
mich nebst dem Magister begleiten, und ich wollte meine Tour über Hamburg
nehmen. Aber, wie gesagt, meine Schwester, der alte Wurm, Lampert, der Pfarr und
die ganze Gemeine bekamen von meinem Anschlage Wind: sie vereinigten sich
miteinander, und baten mich auf den Knien, keine solche gefährliche Reise in
meinen alten Tagen zu unternehmen. Was sollte ich machen? Ich konnte nicht
widerstehen; und solchergestalt werde ich nun wohl hier bleiben.
    Sir Carl hat mir durch die ausgebrachte Gesundheit viel Ehre erwiesen. Ich
habe sie schon zehenmal nachgeholt. Einem solchen Ball möchte ich einmal
beiwohnen, wenn die verdammten Englischen Tänze täten: denn ich tanze weiter
nichts, als die Menuet und deutsch. Sie hätten Sir Carln meine
Ungeschicklichkeit in der Music nicht entdecken sollen; er wird mich nunmehro
verachten. Ich will aber auch her Rot ein Ende machen. Wissen Sie wohl, dass ich
die alte Orgel aus der Daasdorfischen Kirche gekauft habe? Ich habe sie für
dreissig Gulden erstanden, und in die Kinderstube, oder besser, in mein
Musiczimmer setzen lassen. Der alte Schulmeister machte mir zwar anfangs
allerlei Hasensprünge, und wollte bei unserm Concert nicht spielen; so, dass ich
ihn einmal bald zum Dinge hinaus gepeitscht hätte: er besonn sich aber noch zu
seinem Glücke, und orgelte. Die Claves kann ich bereits miteinander. Schicken
Sie mir nur Alexanders Gastmahl von Händeln; dieses Stück will ich zuerst
lernen.
    Ich hätte bei der Jagd vom 6ten Junius sein mögen! das muss ein verdammter
Hund sein, wenn er Schweine von sechs Centnern halten kann. Wenn Fresco eine
Bätze ist: so lassen Sie sich einen jungen Hund geben, wenn er heckt, und
bringen ihn mit herüber: damit ich die Race auch bekomme. Was hat aber Doktor
Bartlett auf der Jagd zu tun? Er wird ein andermal wegbleiben, denke ich; es
wär indessen Mordschade um den alten Kerl gewesen: zumal, da er sich sowohl in
Sir Carls Humor schicken, und die Mägde und Knechte fromm machen kann. In diesem
Punkte kann ich Lamperten noch nicht recht brauchen: denn er demonstrirt den
Mägden ihre Pflicht so undeutlich, und zuweilen gar lateinisch, dass sie kein
Wort davon verstehen. Wenn ich aber mit der Peitsche hinter sie komme: so
überzeuge ich sie besser, als wenn der Magister zehen Predigten hielt. Im
Vertrauen, ich studire, nunmehro auf eine Reise nach Italien, um Clementinen
abzuholen, wenn sie anders noch ledig ist, und den verwünschten Belvedere nicht
hat nehmen müssen. Unser Barbier soll mit mir gehen und den Jeronimo recht
auscuriren: denn Lowter scheint mir nicht so tackt feste zu sein, als unser
Niclas. Clementine wird nachhero meiner Liebe aus Dankbarkeit Gehör geben, dass
ich ihrem lendenlahmen Bruder geholfen habe. Die Religion soll mir nicht lange
im Wege stehen, ich würde wohl ein Türke, wenn ich Clementinen zur Frau bekommen
könnte. Erkundigen Sie Sich doch unter der Hand, wie die Sachen in Italien
siehen? ich lese zwar den Courier und den Staatsboten; ich finde aber niemals
ein Wort von der Hochzeit der Clementine darin; folglich mutmase ich, dass sie
noch ledig ist. Ich erwarte eine Antwort von Ihnen mit Verlangen, und bitte
meine Empfehlung an Sir Carln und seine Henriette zu machen von
                                     Ihrem
                                                                 getreuen Oncle.
 
                                  XII. Brief.
                        Fräulein Amalia an ihren Bruder.
                                                     Kargfeld, den 13ten Junius.
                                                           Nachmittags um 4 Uhr.
Ich bin sehr neugierig, welchen Ausgang die Torheiten unsers Oncles nehmen
werden? Gegenwärtig erfordert eine Reise nach Italien seine ganze
Aufmerksamkeit. Ein Brief von dir wird der Sache den Ausschlag geben. Lebt die
Clementine noch unverheiratet; so geht er hin, und nimmt sie dem Graf von
Belvedere vor der Nase weg. Ich muss dir eine ganze Unterredung zwischen ihm,
seiner Schwester, mir, dem Magister, dem Barbier und seinem Jeremias mitteilen:
daraus du seinen Anschlag ganz deutlich erkennen kannst. Ein Glas Wein hatte
seine Lebensgeister rege gemacht.
Amalia. Lieber Herr Vetter, warum wollen Sie uns verlassen? wir lieben Sie wie
    unsern Vater, wir werden uns grämen, wenn Sie so weit weggehen; ja, wir
    würden für Bekümmernis sterben, wenn Sie unterwegens ein Unglück haben
    sollten.
v.N. Hören Sie auf zu winseln. Sie machen die Sache dadurch noch nicht anders.
    Soll ich unverheiratet sterben? nicht wahr, das wäre recht für euch? Nein!
    daraus wird nichts. Wie, sollte ich ein Unglück nehmen? Ich gehe in meinem
    Beruf, und das ist das beste.
Amalia. Ich dächte, Sie hätten vielmehr einen Beruf, hier bei den Ihrigen zu
    bleiben, um eine hieländische Lady glücklich zu machen. Gefällt Ihnen denn
    kein Frauenzimmer hier?
v.N. Es sind schon Mädchens hier; aber keine Clementine. Sie haben ja ihre
    Geschichte gelesen: sagen Sie mir einmal, welches Fräulein man mit ihr
    vergleichen könnte?
Amalia. Sie ist nach meiner Meinung stolz und gar zu abergläubisch. Ich will
    also keine Vergleichung anstellen.
v.N. Das sind bei einer Clementine keine Fehler: bei euch Jungfern aber würde
    ich beides nicht leiden können.
Amalia. Nun, das heiss ich erzverliebt - -. Wenn man die Fehler eines Mädgens für
    Schönheiten hält, bloss weil sie eine Ausländerin ist.
v.N. Ja das tu ich, und ich werde mich meiner Liebe niemals schämen. Wer
    Clementinen liebt, tut sich selbst hervor.
Amalia. Noch eins, Herr Oncle, Clementine ist eifrig römisch katolisch. Sie wird
    also jeden Protestanten abweisen. Nehmen Sie ein Beispiel an Sir Carln.
v.N. Sir Carl war zu gewissenhaft. Man muss die Sache nicht so genau nehmen.
    Hätte er Ernst gebraucht: so wär sie damals die Seinige geworden.
Amalia. Sprechen Sie doch lieber wegen diesen Punkte mit Ihrem Pfarr, und hören,
    was er sagt.
v.N. Nein, das mag ich auch nicht. Er würde freilich Ihrer Meinung sein; aber
    mit seiner ganzen Polemic nichts ausrichten. Was soll sich der alte Mann
    vergeblich bemühen.
Amalia. Sie sind ein sehr entschlossener Mann. Der Himmel verhüte nur, dass nicht
    etwa der General - -.
v.N. Wer? der General? dem will ich den Kopf schon zurechte rücken. Mir hätte er
    nicht so naseweis, wie Sir Carln, kommen dürfen; ich hätte ihn garstig
    abführen wollen. Ich fürchte mich für keinem Feldmarlschall, vielweniger für
    einem General. Lass ihn nur herwachsen, ich will ihm nicht aus dem Wege
    gehen. War ich wohl wert, ein Grandison zu heissen, wenn ich mich für einem
    solchen Bramarbas fürchten sollte?
Amalia. Ich weiss, dass Sie Mut haben; aber die Herzhaftesten können zuweilen
    unglücklich sein. Belvedere würde sich ganz gewiss mit ihm vereinigen.
v.N. Belvedere? der Pursch soll bald Reissaus geben. Ich werde ihn nicht wieder
    mit Complimenten nach Hause schicken, wie Grandison: nein ich will ihn auf
    den Pelz brennen, dass er zeitlebens daran denken soll.
Magister. So lange noch Vorschläge zur Güte getan werden können, so lange muss
    man keine Gewalt brauchen. Ich habe schon zwo lateinische Reden, et quidem
    stylo Ciceroniano, ausgearbeitet, davon ich eine an den alten Marggrafen,
    die andere aber an den General halten will. In beiden ist die Sache pro und
    contra untersucht, und ich denke, wir wollen die ganze Familie gewinnen.
v.N. Bravo, mein alter ehrlicher Magister! Sie werden Sich doch hoffentlich mit
    dem Pater Marescotti vertragen können?
Magister. Wer? ich? ein zweiter Doktor Bartlett sollte sich mit so einem Mann in
    Zänkereien einlassen? Wir wollen wie Brüder leben, und alle die Weine
    kosten, in welchen sich Horaz sonst derb besoffen hat.
v.N. Packen Sie unterdessen ein. Sie brauchen nur ein Kleid, ein schwarzes denke
    ich.
Magister. Sonst keines. Ich reite den Schimmel.
Amalia. Sie können sich für einen von den preussischen Todtenköpfen ausgeben, und
    in ganz Welschland ein Aufsehen machen.
                               Zweiter Auftritt.
                     Jeremias, Meister Niclas, die vorigen.
Jeremias. Gnädiger Herr, Meister Niclas ist da, soll er herein kommen?
v.N. Ja, lass ihn herein kommen. - - - - Wo bleibst du alter Quacksalber so
    lange? Habe ich dich nicht bereits vor drei Stunden rufen lassen?
Niclas. Verzeihen Sie, gnädiger Herr, es ist heute Sonnabend, ich habe erstlich
    die ganze Gemeinde geschoren, und dem Cantor sein Fontenell verbunden.
v.N. Du hast immer viel zu tun. Weisst du was, alter Meister Salpeter, du sollst
    eine kleine Reise mit mir tun.
Niclas. Ganz gerne, gnädiger Herr, wir kommen doch morgen Abends wieder?
v.N. Das gehört nicht zur Sache. Verstehst du, einen alten Schaden recht aus dem
    Fundamente zu curiren?
Niclas. Aus dem Fundamente. Ich habe noch letztlich dem Schäfer eine Fistel
    zugeheilt.
v.N. Ich höre, du bist ein geschickter Kerl. Pack deine Zangen, Sägen, Hacken,
    Pflaster, Salben und Büchsen zusammen ein; leg deine gute Hosen und etliche
    Hemden zurechte, dass du alle Stunden aufbrechen kannst. Den Tag kann ich dir
    noch nicht sagen; aber ich erwarte dieserwegen einen Brief: alsdenn sollst
    du Nachricht davon bekommen.
Niclas. Ihr Gnaden werden mir doch den Ort sagen, wo Sie hin wollen?
v.N. Nach Bologna, wenn du weisst, wo das liegt.
Niclas. Nein, das weiss ich nicht. Wie viel Stunden liegt der Ort von hier?
v.N. Tummer Teufel! frag lieber, wie viel hundert Meilen. Hast du niemals was
    von Italien gehört?
Niclas. Bewahr mich Gott für Italien! da wohnt ja der Pabst! Nein, dahin bringt
    mich kein Mensch.
v.N. Der Pabst wird dich alten Esel nicht fressen. Mach mir nur keine
    Schwürigkeiten. Du musst mit, und wenn ich auch in die Türkei ging.
Niclas. Gnädiger Herr, was würde meine Frau sagen? Ich dürfte ihr nicht wieder
    unter die Augen, wenn ich so weit weg ging.
v.N. Hat deine Frau auch ein Votum' bei der Sache? Die kann ganz ruhig sein, und
    Statt deiner die Bauern im Dorfe scheeren.
Niclas. Ja, das könnte sie einiger masen: sie schiert aber Niemanden sonst, als
    mich, und das zwar alles privatim, damit es die andern Barbier nicht
    erfahren und mich strafen.
v.N. Höre, Wurm, kann deine Frau mit deinem Bart zurecht kommen; so kann sie es
    mit andern Männern ihren Bärten auch. Mach nur keine Weitläuftigkeiten, du
    bist mir bei dieser Reise unentberlich; denn du sollst einen vornehmen
    italienischen Herrn curiren. Ich will dich reichlich bezahlen, und es auch
    einstens deinen Kindern geniessen lassen.
Niclas. Alles gut. Wenn es nur nicht zu weit wär. Ich scheue mich für dem
    Wasser, als wenn mich ein toller Hund gebissen hätte. Ach! ich glaube, ich
    wäre des Todes, wenn ich über das rote Meer fahren sollte.
v.N. Da kömmst du nicht hin. Gesetzt aber, wir wären genötiget, über ein Wasser
    zu setzen: so verbinde ich dir die Augen mit einem Schnupftuche, damit du
    nichts siehst. Weisst du es nicht, wie mans mit den Pferden macht? Ich bin
    müde, deine Ausflüchte weiter anzuhören. Willst du nicht mitgehn; so sollst
    du so lange ins Hundeloch kriechen, bis ich wieder zurück komme.
Magister. Geht doch mit, alter wunderlicher Mann. In Italien wächst guter Wein,
    dort könnt ihr euch was bene tun.
Niclas. Ehe ich ins Loch krieche, so reise ich freilich mit. Aber ich kann so
    weit nicht gehen.
v.N. Wer sagt, dass du gehen sollst. Du sollst mein Maultier reiten. Geh nur
    hin, bis ich dich wieder rufen lasse. Du, Schwester, wirst indessen meine
    Wäsche und meine Kleider zurechte legen: damit ich, wenn der Brief aus
    Engelland kommt, sogleich aufbrechen kann.
Fr. Kunigunda. (mit kläglicher Stimme.) Ich will es tun, aber, wollte der
    Himmel, dass ich dieser Arbeit überhoben sein dürfte. Du bist schon bei
    Jahren, lieber Bruder, und willst noch heiraten, und zwar ein katolisch
    Mädchen.
v.N. Das hab ich wohl gedacht, dass du deine Klagelieder auch anstimmen würdest.
    Du wirst doch zeitlebens so eine alte Wehklage bleiben. Ein Wort so gut als
    zehhen, lass dieses die letzte Erinnerung sein, die du mir gibst. A propos,
    meine Sammetosen will ich auch mitnehmen, lass sie rein auskehren, und wo
    etwa hier oder da ein Wurmstich zu finden wär, so nehe es sein sauber zu.
Amalia. Auf solche Art werden der Herr Oncle recht galant erscheinen?
v.N. Ja, das werde ich auch, ohne Ruhm zu melden, tun. Was soll ich viel
    Federlesens machen? Ich will dem Mädchen so zusetzen, dass sie bald Chamade
    schlagen soll.
Amalia. Was werden unsere Freunde in Schöntal sagen, wenn sie Ihre Absicht
    erfahren?
v.N. Die haben nichts darein zu reden. Ich bin mündig. Jetzo ists noch Zeit zu
    heiraten, da ich in meinen besten Jahren bin: Warte ich noch länger, so
    tauge ich hernach gar nichts mehr. Ich denke ohnedem, ich will mir das
    verdammte Podagra durch den Ehestand vom Halse schaffen.
Magister. Sie haben recht. Wär ich an Ihrer Stelle gewesen: so hätte im
    achtzehenden Jahr geheiratet.
v.N. Da giengs bei mir noch nicht an; da war ich im Felde und half die Franzosen
    schlagen.
Amalia. Warum haben aber der Herr Oncle so lange gewartet?
v.N. Ich weiss selbst nicht. Hätte ich Clementinen eher kennen lernen, so wär ich
    vielleicht schon lange ein Papa. Nun solls aber auch desto schärfer gehn.
Amalia. Wollen denn aber der Herr Oncle Clementinen Ihr wahres Alter sagen? Ich
    befürchte, sie macht Einwendungen. Denn nach aller Wahrscheinlichkeit ist
    sie etwa 28. Jahr.
Magister. Hier muss pia fraus gespielt werden. Sie sind munter und gesund; Sie
    kennen sich immer für einen vier und dreisigjährigen Herrn ausgeben.
v.N. Macht euch beide keinen Kummer. Nach meinem Alter wird Niemand fragen. Zum
    Überfluss aber will ich meine Brille zu Hause lassen.
Magister. Das muss ohnedem geschehen. Wollen Sie nach etwas sehen: so nehmen Sie
    das Perspectiv. Der Himmel verhüte nur, dass Sie das Podagra in Italien nicht
    bekommen.
v.N. Es wäre freilich ein alberner Streich: aber ich denke, das Podagra soll
    kein Narr sein, und mich mit der Liebe zugleich plagen. Meine Beine werden
    dort andere Dinge zu tun haben, dass sie also daran nicht denken werden.
Kunigunda. Ach wer weiss, ob ich dich in meinem Leben wieder sehe, wenn du so
    weit weggehest!
v.N. Sei unbekümmert, alte Tante Lore. Siehst du mich hier nicht wieder: so
    geschiehet es dort, wenn du nicht par hazard in die Hölle fährest.
Kunigunda. Rede nicht so unchristlich, Bruder! Wenn alle verliebte Leute so sind
    wie du, so will ich in meinem Leben nicht verliebt werden.
v.N. Ja, es wäre Zeit, wenn du im 56ten Jahr noch verliebt würdest.
Amalia. Plagen Sie doch meine redliche Tante nicht! Sie besitzt das beste Herz.
    Sie ist um Sie wegen der Reise besorgt.
v.N. Die Sorge kann sie sparen. Komm ich glücklich zurück, so soll sie eine neue
    Saloppe und ganz neuen Casper kriegen. Alsdenn wirst du aussehen, wie die
    Marquise von Pompadour.
Kunigunda verneigt sich vor ihrem Bruder.
Amalia. Mich müssen Sie nicht vergessen, Herr Vetter, ich bin eine starke
    Liebhaberin von welschen Galanterien.
v.N. Ihnen will ich den Jeronimo mitbringen, wenn ihn Niclas recht auscuriren
    kann. Die Partie wär so uneben nicht: habe ich erstlich Clementinen weg, so
    lässt sich ihr Bruder vielleicht überreden, und begleitet mich hieher.
Amalia. Ja, das wär vortreflich! Alsdenn wollten wir schon bekannt werden.
    Allein, ich möchte doch nicht gerne einen Mann, der schon so viel Maitressen
    gehabt hätte.
v.N. Ihr Mädchens müsst nicht so eckel sein. Ein Cavallier kann schon einige
    Maitressen haben, und sich dennoch seiner Gemahlin für einen Junggesellen
    verkaufen. Ich war in meinen jüngern Jahren auch nicht von Holz.
Amalia. So recht! das sollten der Herr Oncle gar nicht erzählen. Ich habe Sie
    noch immer für einen reinen Junggesellen gehalten.
v.N. Sie werden auch nicht krank werden, wenn Sie es noch tun. Clementine muss
    indessen nichts davon wissen. Hab ich sie einmal weg, so mag sie hernach
    erfahren, was sie will. Wir wollen aber aufhören zu discuriren. Ich will
    mich heute einmal recht lustig machen. Jeremias! lauf zum Cantor, und sag,
    dass heute Concert gehalten würde. Er soll um 6. Uhr zu mir kommen und noch
    ein paar Adjuvanten mitbringen. Reizend, sanft, in Lydischen Tönen, zum
    Gefühle stiller Lust etc. soll es heute gehen. O du angenehme Dulcinea von
    Bologna! tausend Ducaten wollt ich darum geben, wenn du heute hier wärest.
    Pereat Belvedere tief! (zum Jeremias) Stehst du noch hier, wie eine Säule?
    Geh, und ruf den Cantor, sag ich.
Jeremias. Gleich, gleich, ich wollte nur ihre Rede ganz anhören.
v.N. Das war nicht nötig. Der erste Teil gehörte nur für dich, Bube.
    Hast du also etwas nach Italien zu bestellen, so wird dir unser verliebter
Herr Oncle dienen können. Er nennet es seine geheime Expedition; er will sie
aber glücklich ausführen. Welch eine Reisegesellschaft! der Magister schickt
sich zu ihm, und er zum Magister: Jeremias aber schickt sich zu beiden. Der
Oncle ist voller Verlangen, einen Brief von dir zu bekommen. »Hört! was ich
sage, spricht er, ihr müsst euch die Sache recht soldatisch vorstellen. Zeitero
habt ihr Pulver auf die Pfanne getan, geladen, und den Ladestock wieder an
seinen Ort gebracht. Heute schrie ich: Hoch schlagt an; kommt der Brief aus
Londen; so rufe ich weiter nichts, als Feuer! und denn gehts los. Jeremias muss
noch einmal mit dem schelmischen Barbier reden, damit der Schlingel nicht erst
sich zur Ladung schwenket, wenn ich fort will.
    Was fangen wir mit unserm Oncle an? Nichts fehlt, als dass er noch auf solche
Abenteuer ausgeht. Ich weiss gewiss, jeder Schritt von hier bis nach Bologna
würde mit einer recht besondern Torheit bezeichnet. Allein das muss nicht
geschehen. Wie wird er sich anstellen, wenn du ihm die Vermählung der Clementine
schreibest? Ich denke aber, er hat einen neuen Entwurf im Kopfe, der jenem an
Schönheit nichts nach gibt.
    Abends um 6. Uhr. Die Adjuvanten sind da; der alte Cantor auch, im Mantel,
als wenn er zur Hochzeit bitten wollte. Der Magister hat ihm seine Zweifel wegen
den Orgeln benommen, oder besser: unser Oncle wollte den alten ehrlichen Mann
prügeln.«
    Alleweile höre ich, dass er ihm auf dem Saale einen Unterricht wegen des
Spielens gibt:
    »Höre er, Herr Schulmeister, er muss ein wenig flüchtiger werden auf der
Orgel. Die Finger sind so steif, wie die Trommelstöcke. Habt ihr etwa in euren
jüngern Jahren die Daumenschrauben bekommen? Ach, Ihr Gnaden, ich bin ein
ehrlicher Mann; ich bin niemals auf der Tortur gewesen, wie man sagen möchte.«
    »Sie sind ein alter Narr. Was wär daran gelegen, du bist kein Erzbischoff,
Herr Schulmeister, nicht wahr? Vernehme er, was ich sage. Führt mir keine
Kirchenstücke mehr auf - - denn das schickt sich nicht. Das letzte fieng sich
mit einer Fuge an - - mir deucht, ich hätte es an der Kirmse in der Kirche
gehört. Gnädiger Herr, ich habe freilich keinen grossen Vorrat: allein heute
wollen wir ein Trio machen, und alsdenn einige Menuets und Polonoisen zum
Tanzen; da wird aber nicht dazu georgelt.
    Nein, das versteht sich. Wenn ich Alexanders Gastmahl aus Engelland bekomme:
so lassen Sie es Ihren Adjuvanten lernen. Verstehst du mich wohl?« Gerne, gerne.
Der Magister hat Hanngen anbei geholt, und also werde ich wohl mit tanzen
müssen. Ich will also dieses mal meine Feder niederlegen, dir aber noch sagen,
dass ich dich allemal lieben werde.
                                                                     Amalia v.S.
 
                                  XIII. Brief.
                        Fräulein Amalia an ihren Bruder.
                                                        Schöntal den 27 Junius.
Ich habe unserm Schwager beinahe einen Gewissenspunkt daraus gemacht, dass er uns
alle verleitet hat, unserm Vetter eine Sache vorzuschwatzen, die ihn noch vielen
Verdriesslichkeiten aussetzen kann. Er ist gleichwohl unsrer Mutter Bruder, wir
sollten es nicht getan haben. Mein Schwager hat keine Lust von seinem Vorhaben
abzustehen, und glaubt das Recht zu haben, ihm etwas aufzubürden; weil unser
Oncle seit vielen Jahren ihm von seinen Heldentaten Unwahrheiten gesagt hätte.
Wenn er in seiner Oekonomie dadurch Schaden litte, will der Baron solchen wieder
gut machen. Den Gewissenspunkt bei Seite gesetzt, so ist nicht zu leugnen, dass
der Oncle und der Magister uns so viel lächerliche Auftritte, in dem Nachspiele
des Grandisons liefern, dass wir uns keinen bessern Zeitvertreib wünschen
könnten. Wenn ich diese beiden Leute auf der einen Seite ansehe, so sind sie
wirklich gebessert: betrachtet man sie aber von der andern, so scheinet es, dass
ihr Bisgen Verstand ganz und gar ausgedunstet ist.
    Mein Vetter hatte sonst etwas im Fluchen getan, man konnte ihn stark
darin nennen. Seine neuerfundenen Schwüre und Flüche, die oft Niemand dafür
ansah, wenn es nicht der Nachdruck seiner Stimme und die Gelegenheiten, bei
welchen er sie vorbrachte, zu erkennen gegeben hätte, sind alle auf einen Tag
abgeschaffet worden. Der Magister, ein gewaltiger Feind aller unnützen Worte,
war nicht damit zufrieden, er bewies aus einem lateinischen Kochbuche, wie ich
glaube, dass man die Natur nicht auf einmal zwingen müsste. Der Oncle blieb
demohngeachtet bei feinem Vorsatze und bat Herr Lamperten, ihn freundlich zu
erinnern, wenn ihm ein Wort entführe, das einem Fluche oder Schwure ähnlich
sähe. Er versprach, für diese Bemühung dankbar zu sein, und dieses versprach er
mit einem ihm eigenem Witze. Herr Lampert, sagte er, wenn er so ein garstiges
Tier, als ein Fluch oder Schwur ist, bei mir ansichtig wird; so sei er so gut
und hasche er mir, es vor dem Munde weg. Er kann es in seiner Schreibtafel, oder
in seinem Gedächtnisskasten verwahrlich aufbehalten; wenn wir allein sind, so
soll er mir die Ungeheuer nach einander ausliefern, und für jedes einen Dreier
baar Geld empfangen. Einige mal, besonders letztin, da der Hauptmann von
Hagebusch in Kargfeld war, und seine Weidesprüche schwadronenweise anrücken
liess, kam der Oncle in die Hitze, und donnerte so gewaltig mit Flüchen und neuen
Schwüren, dass der gute Lampert nicht geschwinde genug im Schreiben nachkommen
konnte, und ihm manchen Dreier schenken musste. Den Magister nennt er seinen
väterlichen Freund, obgleich unser Oncle um ein Mandel Jahre älter ist. Jetzt
muss ich abbrechen. Der Wagen ist angespannt; wir fahren hinüber zu unserm
Vetter. Heute Abend wird ein Feuerwerk abgebrannt. Die Ursache davon solltest du
wohl nicht erraten. Es geschiehet dem Grandison und seiner Henriette zu Ehre.
Es ist heute unsers Wissens weder ihr Namenstag noch ihr Geburtstag; es ist aber
gutes Wetter, und es kann doch durch ein solches Festin die Ehrfurcht, welche
man hier für den Namen Grandison und Henriette hat, am besten zu Tage geleget
werden.
    Den 28ten. Gestern, da wir vor dem Edelhofe unsers Vetters Abends um 6 Uhr
eintrafen, wurden wir von ihm im Galakleide empfangen und in den Speisesaal
geführet, wo wir den Herrn v.W. seine Gemahlin und Fräulein Julgen fanden. Der
Pastor Wendelin, dessen Tochter Jungfer Hanngen, in die der Magister aufs
äusserste verliebt ist, der junge Wendelin, ein Student, Junker Gangolph, der
Förster und die Personen vom Hause waren alle da. Ueber Tische wurde beinahe von
nichts als von dem Feuerwerke gesprochen, das der Magister nach morgenländischem
Geschmack entworfen haben wollte. Die neidische Frau v.W. schnitt auf ihre
fromme Stieftochter bei Tische immer sauere Gesichter. Sie hätte in der Tat
mehr Ursache, stolz auf diese gefällige artig gehorsame Tochter, als neidisch
und gebieterisch gegen sie zu sein.
    Bei der zwoten Tracht holte der Magister Grandisons Geschichte, unterdessen
da die Bedienten abtrugen, las er einige Blätter; die Stelle handelte von dem
Heiratsvergleiche des Grandisons und der Clementine. Mein Oncle brachte die
Gesundheit seines Helden aus. Jedermann holte sie nach, bis auf dem Pastor
Wendelin.
    Ich werde mich nie bereden lassen, die Gesundheit eines Mannes zu trinken,
der im Stande ist, seine Kinder, sein eigenes Fleisch und Blut dem Moloch auf
opfern zu wollen.
    Dem Magister starb der Bissen im Munde. Seine Augen wurden so gross wie
Brenngläser. Wie so, mein Herr Pastor, wie so?
    Wie so? Was ist das für eine Frage von Ihnen, mein Herr Magister! Haben Sie
uns nicht eben jetzo vorgelesen, dass der Engelländer, von dem die Geschichte
handelt, sich kein Bedenken machte, wegen einer Weibesperson, die er liebte,
seine mit ihr zuerzielenden Töchter katolisch erziehen zu lassen? War das
christlich, war das vernünftig, ich will nicht sagen väterlich? Nein, ich kann
die Gesundheit eines Ketzers, eines Syncretisten unmöglich nachholen.
    Was? Sir Carl ein Ketzer? - Ein Syncretist? Wo denken Sie hin, mein Herr
Pastor? Sir Carl macht seiner Religion Ehre. Ich hätte Lust, ihn eine Säule der
protestantischen Kirche zu nennen.
    Wo nehmen Sie den Mut her, Herr Magister, einem solchen Ketzer, als dieser
Engelländer ist, das Wort zureden? Ich will Ihnen nur kurz meine Meinung
eröffnen, was ich von Leuten, die Ketzer verteidigen, halte. Ponamus casum: Es
wollte Jemand mein Hanngen hier haben, der einer andern Religion beigetan wäre,
mit der Bedingung, dass die Söhne in der Religion des Vaters und die Töchter in
der Religion der Mutter erzogen würden, und wenn es ein Graf wäre, so würde ich
sie ihm versagen; ja, ich würde sie einem jeden rund abschlagen, von dem ich nur
argwohnete, dass ihm der geringste ketzerische Gedanke im Kopfe stärke. Ja ja,
das würde ich gewiss tun, bei meiner Ehre. (Er sah den Magister an.)
    Herr Lampert wurde feuerrot. Der Oncle mochte ihm winken, ihn treten und
ihm zurufen wie er wollte, er möchte doch den Grandison nicht im Stiche lassen,
es half nichts. Er nahm ein Kelchglas und sagte einen seiner weisen Sprüche:
Beim Schmausen darf man nicht streiten, so heist er auf deutsch. Er trank
Hanngens Gesundheit. Der Streit wurde durch Aufhebung der Tafel geendiget.
    Die ganze Gesellschaft begab sich in den Garten, das Feuerwerk zu sehen.
Zween Adjuvanten hatten sich mit ihren Waldhörnern an den Eingang des Lustauses
gestellet. In Ermangelung der Paucken schlug Junker Gangolph die Trommel darzu.
Der Student hatte die Ehre als ein Fremder die Canonen, welches ein paar alte
Flinten mit deutschen Schlössern waren, los zu brennen. Die Bedienten vom Hause
mussten laden, dann und wann eine Salve aus dem kleinen Gewehr geben, das waren
die Pistolen unsers Oncles. Er war deswegen genötiget, das Signal mit seiner
Kugelbüchse zugeben.
    Herr Lampert sagte, mit einer stolzen Mine: Mit ihrer Erlaubnis, allerseits
höchstzuverehrende Anwesende, werde ich Ihnen mit einem Lauffeuer von meiner
Erfindung aufwarten.
    Den Augenblick erschienen ein halb Dutzend derbe Bauerjungen, mit Hüten von
Pappe, auf welchen ein langes Stück angefeuchtete Pulvermasse befestiget war,
und liefen in einer Entfernung von uns durch einander, in die Runde und in die
Quere.
    Wir jungen Leute konnten es unmöglich unterlassen, in ein lautes Gelächter
bei diesem Anblick auszubrechen. Mein Schwager beredete unsern Oncle, es wäre
dieses ein Zeichen unsers ausserordentlichen Vergnügens, dass wir über die
Erfindung des sinnreichen Magisters empfänden. Er schien damit befriediget zu
sein.
    Die zweite Scene bestund in einer Lampenerleuchtung. 48 Oellampen, die
hochadlichen und die aus der Pfarre mitgerechnet, welche in dem Dorfe mit Mühe
und Zwang waren zusammen geborget worden, erleuchteten die Allee. Am Ende
derselben prangete die schwarze Tafel des Magisters. Er verkündigte uns, dass der
Name des edelsten Paares unter der Sonne im Feuer brennete. Wir verfügten uns
mit vieler Sorgfalt durch die feurige Allee. Wir machten uns so schmeidig als es
möglich war, um nicht eine raschgierige Lampe umzustossen, die uns diese
Beschimpfung gewiss durch einen grässlichen Oelfleck würde vergolten haben. An der
Tafel, woran noch einige hebräische Charakters kenntlich waren, fanden wir die
Buchstaben
                                     VIVANT
                                  C.G. et H.B.
                             in saecula saeculorum.
von vergoldetem Pappier ausgeschnitten, angeklebet, und rund herum mit Lampen
bespicket.
    Nach einigen Freudenschüssen und einem lauten Vivatgeschrei verfügten sich
alle Anwesende nach Hause. Ich fürchte mich in der Nacht zu fahren; ich schlief
deswegen zu Kargfeld. Tante Kunigunden hatte das Feuerwerk über alle massen
gefallen, vielleicht weil es so wenig kostete und doch einen so vornehmen Namen
hatte. Unsern Oncle habe ich nie so munter gesehen als damals. Der Magister hat
sich durch seine kluge (törigte hätte er sagen sollen) Erfindung einen rechten
Stein bei mir heute ins Bret geworfen. Herr Lampert, er ist, mein Seele! ein
verschlagener Kopf, ohne dass er deswegen braucht die Treppe hinunter zu fallen.
    Früh gegen 5 Uhr jagte mich ein unvermuteter Lerm aus dem Bette; ich dachte
nicht anders, es wäre Feuer im Hause. Ein Hause Bauerweiber schmissen sich im
Edelhofe um ihre Lampen; sie waren verwechselt worden; ungeachtet der kluge
Lampert jede mit den Namen der Eigentümer bezeichnet hatte. Um zehn Uhr
Vormittage liess mich mein Schwager in seinem Wagen abholen, um mit ihm und
meiner Schwester nach Wilmershausen zu fahren. Der Herr von W. hat uns gestern
zu sich eingeladen. Unsern Oncle finden wir nicht da, er hat sich wegen
Kopfschmerzen, die ihn sein gestriger Rausch zugezogen hat, entschuldigen
lassen. Es ist Zeit in den Wagen zu steigen, meine Schwester hat schon eine
halbe Stunde auf mich gewartet. Erfreue bald durch deine Briefe
                                     Deine
                                                                     Amalia v.S.
 
                                  XIV. Brief.
                     Der Magister Lampert an den Baron v.S.
                                                       Kargfeld, den 14. Julius.
Tandem bona caussa triumpfat! Dieses, zwar nicht seltene und rare; aber doch
jederzeit wahre Symbolum, welches jener Prinz auf seine Münzen schlagen liess,
ist endlich auch einmal an mir wahr worden. Es gibt einen Grandison, es gibt
eine Henriette Byron; es sind keine Feien Vorstellungen, keine Hirngespinste;
wir haben gewonnen! Jedermann war vor kurzem wider mich; jedermann ist nun mit
mir einerlei Meinung. Mein gnädiger Patron, der ausserordentlich vergnügt ist,
dass unsere Wahrscheinlichkeiten unumstössliche Wahrheiten worden sind,
beschäftiget sich nebst mir in der Nachahmung eines Mannes, der die Ehre des
Zeitpunktes ist, darin wir leben. Jederzeit hatte er viel Hochachtung für den
Namen Grandison, nur die Furcht, einen Schatten, einen Dunst, Einfälle eines
müssigen Kopfes zur Regel seiner Handlung zu machen, nötigten ihn, so lange mit
der Nachahmung dieses grossen Urbildes anzustehen, bis er erfuhr, dieser grosse
Mann sei wirklich in unsrer Welt anzutreffen. Was Grandison, und was Doctor
Bartlett in Engelland sind, das werden der gnädige Herr und ich in Deutschland
sein.
    Von den Einrichtungen, die in dem Hochadlichen Hause ihres Herrn Oncles nach
Massgabe der Residenz des Herrn Grandisons gemacht worden sind, haben Sie bereits
durch Dero Fräulein Schwester und den gnädigen Herrn selbst Nachricht erhalten.
Ich habe noch immer meine Hände voll damit zu tun, und dieses ist die Ursache,
dass ich so lange meine Schuldigkeit, Dero gnädiges Handschreiben an mich zu
beantworten, habe aussetzen müssen.
    Weil der Cantor Loci sich noch immer nicht recht zum Orgelschlagen in dem
Musiczimmer des gnädigen Herrn verstehen will; so soll ich dieses Amt
übernehmen, und dafür eine Zulage meines jährlichen Gehalts bekommen. Ich sagte
bei dem Antrage, den mir der gnädige Herr deswegen tat, nichts weiter, als:
Doctor Bartlett, Sir, ist Sir Carls Hofprediger, aber nicht sein Organist. Er
fand sich getroffen, ergriff meine Hand, drückte sie und sagte: Herr Magister,
Sie sind mein väterlicher Freund. Geben Sie mir doch Nachricht, ob der Doctor
auch manchmal orgelt. Tut er es, so werde ich mir kein Bedenken machen, seinem
Beispiele zu folgen; wo nicht, so spiele ich warlich keine Note, und wenn mir
jede mit tausend Talern sollte bezahlet werden.
    Ueber eine Sache kann ich mich nicht gnug wundern, dass nämlich der Doctor
Sir Carln auf die Jagd begleitet. Wie geht denn das in aller Welt zu? Setzt er
sich in seinem langen schwarzen Mantel zu Pferde? das kann ich nicht glauben.
Nähme er ihn unter den Arm, wie wollte er denn das Pferd und die Peitsche
regieren? Liess er ihn fliegen; so wäre es, wenn der Wind ginge, noch
beschwerlicher; wollte man sagen, er legete seinen geistlichen Habit zu der Zeit
ab, wenn er auf die Jagd gienge; so kann ich das mit einem so ernstaften
frommen Manne auch nicht zusammen reimen. Mit einem Worte, vor einem, der es
nicht gesehen hat, ist die Figur, die der Doctor zu Pferde macht, schwer zu
erraten. Geben Sie mir doch davon eine umständliche Nachricht. In meinem Herzen
wünsche ich oft, dass Bartlett von der Jagd wegbliebe, so dürfte ich auch nicht
wie ein Spürhund, den ganzen Tag mit meinem Patrone im Walde herum laufen.
Jedoch es heist: qui vult finem, vult etiam media.
Wer sich dereinst so gross, als Bartelett will sehen,
Lässt manchen sauren Wind sich ins Gesichte wehen.
    Man muss per aspera ad astra gelangen. Der gute Mann hat es sein Tage sich
wohl eben auch lassen sauer werden.
    Vor einigen Wochen wurde auf Befehl des gnädigen Herrn, dem Götterpaare in
Engelland zu Ehren, ein Feuerwerk von meiner Erfindung in dem Lustgarten
abgebrannt. Es dauerte von 9 Uhr des Abends bis gegen 11 Uhr. Sie können es dem
Herrn Grandison melden, mein Herr verlangt es ausdrücklich; es muss aber nicht
lassen, als wenn sich Ihr Herr Oncle dadurch ein Verdienst bei der Familie der
Grandisonen machen wollte. Bei Gelegenheit dieser Feierlichkeit wurden der
gnädige Herr und ich, wider Vermuten, aufgefodert, Zeugnisse von unserer dem
Herrn Grandison abgelernten Grossmut abzulegen. Einige Untertanen meines
Patrons mussten zur Illumination einer Allee Lampen hergeben; sie wurden
verwechselt. Den Tag nach diesem Feste entstunden des wegen vielerlei
Zänkereien, ich legte solche durch mein Ansehen bei. Nachmittage, da ich vor dem
Hause Nikolaus Brummholds des Baders vorübergehe, kommt dieser Verwegene mit
entblössten Gewehr, durch Anstiften seines Weibes auf mich los. Hier, schrie er,
hier soll sein Gottesacker sein, und setzte mir das blanke Scheermesser an die
Kehle. Schaffe Er meiner Frau ihre Lampe wieder Herr Magister, oder ich ermorde
Ihn auf der Stelle.
    Ich tat einen Sprung auf die Seite, um meinen Degen zwischen den Rockfalten
hervorzuziehen, ihn zuentblössen. Ich sah, dass Peter der Badeknecht, seinen
Herrn beispringen wollte. Er fragte mich, mit einer trotzigen Mine, und mit dem
Scheermesser in der Hand, ob man ehrlichen Leuten so begegnete, und ein Recht
hätte ihnen das ihrige zu entwenden.
    Der freie Himmel ist sein Schutz, Herr Bader, sonst würden diese Pralereien,
wenn Er etwas damit meint, Ihm teuer zustehen kommen.
    Ich bin der Beschützer meiner Frau, mein Herr, Sie haben sie beleidiget,
Herr.
    Habe ich Seine Frau beleidiget, mein Herr? - - Und ich ging auf ihn zu;
aber ich besonn mich noch eben zu rechter Zeit, und bedachte, wo ich mich
befände - -. Nehm Er Sich in Acht, mein Herr Bader - -. Aber hier ist Er sicher.
    Peter, der gewaltige Bewegungen machte, schwur, dass er seinem Herrn bis auf
dem letzten Blutstropfen beistehen wollte. Er stellte sich an eine angreifende
Positur, und zog sein Brodmesser halb aus der Scheide.
    Will Er Sein Gewehr auf Seinem Kopfe zerbrochen haben, so ziehe Er es ganz
    Er tat es mit pralenden Geberden. Der Teufel sollte ihn holen, wenn er das
litte. Er zog sich zurück und setzte sich in eine verteidigende Stellung.
    Der Bader mit seinem Scheermesser in der Hand, machte elende Grimmassen. Ich
glaubte nicht anders, als dass die Männer Mörder wären. Ich schlug Petern mit der
Breite meines Degens auf die Finger, entwaffnete ihn, und warf ihn in eben
diesem plötzlichen Angriffe zu Boden.
    Der Bader, der herum sprang, als wenn er auf Gelegenheit lauerte, einen
Schnitt mit seiner eigenen Sicherheit zu tun, verlohr das Scheermesser durch
den gewöhnlichen Kunstgriff
    Die Frau, welche aus dem Fenster zusah, und mit Scheltworten in die Ferne
kanonirte, lief auf die Gasse.
    Ich brachte beide Männer, einen nach den andern, mit der Verachtung, die sie
verdieneten, in das Haus, die Frau war schon darin. Ich schloss die Türe ab,
und ging ganz gelassen nach Hause.
    Ich erzählte dem gnädigen Herrn den ganzen Handel. Er würde in etwas
aufgebracht, und wollte die ganze Familie ins Loch werfen und sie 8 Tage lang
mit Wasser und Brod speisen lassen. Wir wollen grossmütig handeln, sagte ich, es
wird die Zeit kommen, da diese Leute unbestraft ihre Vergehungen mehr bereuen
werden; als wenn man hart mit ihnen verführe. Lassen Sie mich morgen mit diesen
Leuten in der Sprache Sir Carls reden, was soll es gelten, ich will sie
bekehren. Den folgenden Morgen ging ich zu dem Bader in das Haus. Der verlohrne
Sohn war da, die grossväterliche Erblampe hatte sich gefunden. Ich redete
offenherzig mit ihm und seiner Frau, und brachte sie zu Tränen. Sie bezeugten
ihre Reue wegen ihres Vergehens und versprachen Besserung.
    Frau Sibylle bat mich insonderheit, ein guter Kundmann ihres Mannes zu
bleiben, und meinen Bart keinem andern anzuvertrauen. Ich versprach dieses nicht
nur; sondern erbot mich auch, den Lohn ihres Mannes, wenn er sich wohl gegen
mich aufführen würde, jedes Quartal mit zwei Patzen zu erhöhen:
    Die guten Leute wussten nicht, wo sie Worte finden sollten, ihre Dankbarkeit
gegen mich auszudrücken.
    Bei Abschiede steckte ich dem bussfertigen Bader ein feines Stückgen von
gewonnenen Hirschhaut, welches ich noch übrig hatte, in die Hand, um einen
Streichriemen daraus zu verfertigen. Jedermann segnete mich dafür. Auch mein
gnädiger Patron war so grossmütig, diese Sache, als Gerichtsherr, nicht zu
rügen; ob er gleich den Bader um etliche Taler hätte strafen können. Sit modus
in rebus! Wenn ich meinen Brief nicht schlösse, so würde er noch länger. Glauben
Sie, dass Sir Carl seinen Beauchamp nicht höher schätzen kann, als Sie geschätzet
werden, von
                                     Ihrem
                                                            untertänigen Diener
                                                                  M.L. Wilibald.
 
                                   XV. Brief.
                   Der Herr von S. an den Magister Wilibald.
                                                     Grandisonhall den 5 August.
        Hochgeehrtester Herr Magister,
Ich lobe Ihren Entschluss, den Doctor Bartlett nachzuahmen; Sie sind aber in
gewissen Stücken gar zu zärtlich. Ein Staatskluger muss selbst ein Urbild werden
und sich fortzupflanzen suchen. Ich kann Ihnen nunmehro die Gewissens fragen,
welche Sie an mich tun, um desto leichter beantworten. Sie können, geliebter
Freund, ganz wohl auf der Orgel spielen, ohne dass Doctor Bartlett dergleichen
tut. Es würde sich aber dieser rechtschaffene Geistliche gar kein Bedenken
daraus machen, wenn ihn Sir Carl nur mit einer Mine ersuchte. Sie können auch
nach dem Beispiele Bartletts auf die Jagd reiten, und den Magister dabei eben so
wenig als jener den Doctor vergessen. Das Mäntelgen, das er umtut, ist sehr
kurz, und wie eine Saloppe gemacht, mit welchem er durch alle Hecken rennen
kann. Wie konnte ich aber die Sache mit dem Feuerwerke verschweigen? Sir Carl
war ausserordentlich darüber erfreut, und wird auf künftige Woche, meinem Oncle
zu Ehren, ein Hahnengefechte anstellen, zu welchen Schauspiel alle benachtbarte
Edelleute bereits eingeladen sind. Sir Carl bewundert vornämlich Ihren in Gefahr
unerschrockenen Geist. Zehen andere Magisters wären für dem schelmischen Bader
geflohen, zumal, da ihn sein tölpischer Geselle unterstützte; Allein Sie wissen
die Rotte nicht nur zu entwaffnen; sondern auch zu besänftigen. Dieser einzigen
Begebenheit wegen verdienen Sie unsterblich zu sein: und wenn mein Oncle Sie
nicht nach Verdiensten belohnt, so werde ich mich von ihm lossagen. Wer wird
dabei alle Müh mit mehreren Vergnügen anwenden, als
                                      Dero
                                                                getreuer Freund.
                                                                            v.S.
 
                                  XVI. Brief.
                         Der Herr v.S. an den Herr v.N.
                                                     Grandisonhall, den 5 August
        Hochgeschätzter Herr Oncle,
Ohngeachtet Sir Carl und seine würdige Gemahlin Sie hier in Engelland zu sehen
wünschen; so begreifen Sie die Schwürigkeiten vollkommen, welche mit einer
solchen Reise verknüpft sind. Zwei solche ädle Gemüter sind bereits verbunden;
ob sie gleich tausend Meilen von einander leben. Vielleicht geht Sir Carl nach
Deutschland, um Berlin zu sehen: in diesem Falle würde Ihnen sein Zuspruch gewiss
sein. Sie verlangen in Ihrem letzten Brief einen jungen Hund von dem Fresco und
Alexanders Gastmahl. Mit dem letzten warte also gehorsamst auf: Da aber Fresco
ein Chapeau und noch darzu castrirt ist: so hat man keine Hoffnung, seine Race
zu erhalten. Ihr Anschlag auf Clementinen ist vergeblich. Sie ist verheiratet
und hat bereits drei Kinder von dem Graf von Belvedere. Wer weiss aber, was sie
getan hätte, wenn sie von Ihrer ädlen Neigung zeitiger benachrichtiget werden
wär. Indessen ist Kätchen Holles noch ledig. Ich sprach das angenehme Kind zu
Selbyhaussen, und finde an ihr etwas ungemein sanftes. Besser aber würde sich
Fräulein Orme für Sie schicken; wenn der Fall kommt, dass Sie heiraten müssen.
Sie sind aber gegenwärtig in einer solchen Ruhe, die Sie im Ehestande nicht
haben werden. Ich gehe einige Tage nach Londen, um den Hof und alles merkwürdige
in der Stadt zu besehen; nachhero kehre ich wieder nach dem angenehmen
Grandisonhall zurück.
    Den 9ten. Ein merkwürdiger Umstand: Lady Grandison ist in die Wochen kommen.
Ein schönes Fräulein, sagt man.
    Den 11ten. Immer eine Kutsche nach der andern. Oncle Selby und seine Dame
sind auch da. Der Cornet Jacob hat Urlaub. Ich muss hin und ihm mein Compliment
machen. Die Gevattern sind erwählt. Sir Beauchamp, Lady G. und Sie, mein
Hochgeehrtester Herr Oncle, wie auch der rechtschaffene Doktor Bartlett. Lesen
Sie beikommenden Gevatterbrief von Sir Carln. Ich habe die Uebersetzung dabei
gelegt. Da ich das Absehen auf Dero Person zum Voraus merkte; so ging ich
sogleich nach Londons und liess mir ein prächtiges Kleid machen: damit ich in
eben dem Lichte erschiene, in welchem Sie erschienen sein würden.
    Den 12ten. Nunmehro ist alles glücklich vorbei. Ich trank mir in Ihrem Namen
einen derben Rausch. Oncle Selby war auch nicht nüchtern. Senden Sie nur ein
ansehnliches Patengeschenke: denn man macht sich hier von Ihrem Vermögen eben so
grosse Begriffe, als von Ihrer Freigebigkeit. Der Himmel erhalte Sie gesund und
wohl. Mit vieler Ehrerbietung bin ich
                                      Dero
                                                             gehorsamster Diener
 
                                  XVII. Brief.
                            Amalia an ihren Bruder.
                                                      Schöntal, den 30. August.
        Lieber Bruder,
Du treibst die Sache zuweit mit unserm Oncle. Ein zweiter Don Quixottes, so wahr
ich lebe! Ich will sein ganzes Betragen in einem Lustspiele von einer Handlung
und verschiedenen Auftritten vorstellen; damit ich das viele er sagte, und sie
sagte vermeide.
                                Erster Auftritt.
                           Jeremias und der Magister.
    Der Magister. Wo bleibst du so lange, Jeremias? du hast gewiss vor deiner
Abreise aus der Stadt alle Bierkannen sondiren müssen?
    Jeremias. Ich musste doch erstlich bei der Wärme einen Labetrunk zu mir
nehmen. Hat der gnädige Herr etwa geschmälet?
    Der Magister. Nein, nicht sonderlich. Ich vermute aber, du wirst die
Bastonnade bekommen, wenn du das poculum hilaritatis zu hoch treibst.
    Jeremias. Ich will ihn schon besänftigen: denn ich bringe einen Brief von
der Post mit; vermutlich ist er von dem jungen Herrn aus der neuen Welt. Sehen
Sie einmal das Petschier an, Herr Meister.
    Der Magister. Höre Jeremias, ich habe dir etwas im Vertrauen zu sagen: du
sollst mich künftighin nicht mehr Herr Magister; sondern Herr Doctor nennen.
Denn wer philosophiae magister ist, der ist auch philosophiae doctor; atqui ich
bin philosophiae magister; ergo bin ich auch philosophiae doctor. Verstehst du
mich Jeremias?
    Jeremias. Nein, nicht sonderlich. Denn ich kann nicht begreifen, wie Sie auf
einmal zum Doctor geworden sind? Sie curiren ja nicht, und setzen auch keine
Clystire.
    Der Magister. Du bist so tumm wie ein Wigand. Gibt es denn sonst keine
Doctores, als nur solche, welche Arznei ausgeben? Mit einem Worte, du sollst
mich Doctor nennen, ohne dass ich zuvor einen langen Beweis führe. Gib mir
indessen den Brief her, ich will ihn dem gnädigen Herrn zustellen; doch da kömmt
er selber.
                               Zweiter Auftritt.
                   Der Herr von N. Der Magister und Jeremias.
    Jeremias. Hier ist ein Brief an Sie, Sir.
    Der Magister. Er ist von Ihrem Neven aus Londen, vermute ich.
                   Der Herr von N. bricht ihn auf und liesst:
»Ohngeachtet Sir Carl und seine würdige Gemahlin Sie hier in Engelland zu
    bedienen wünschen; so sehen, sie doch die Schwürigkeiten vollkommen ein,
    welche mit einer solchen Reise verknüpft sind.«
    Ach was Schwürigkeiten! ich bin der Luft gewohnt, und habe eine Natur wie
ein Pferd. Was habe ich nicht sonsten bei meinen Italienischen Feldzuge
ausgestanden! ich will aber weiter lesen:
»Zwei solche ädle Gemüter sind bereits verbunden; ob sie gleich tausend Meilen
    von einander leben. Vielleicht geht Sir Carl nach Deutschland, um Berlin zu
    sehen: in diesem Fall würde Ihnen sein Besuch gewiss sein.
    Zum Henker! was will er in Berlin machen? da ist nichts zu tun. Der lange
Peter hat sonst unter den Preussen gedient; er kann aber wegen der entsetzlichen
Prügel, die er unter den Soldaten bekommen, niemals ohne Tränen an Berlin
denken.« Er liesst weiter.
»Sie verlangen in Ihrem letzten Brief einen jungen Hund von dem Fresco, und
    Alexanders Gastmahl. Mit dem letztern warte Ihnen also gehorsamst auf; da
    aber Fresco ein Chapeau und noch darzu castrirt ist; so hat man keine
    Hoffnung seine Race zu erhalten.«
    Das ist doch ein verwünschter Streich! Solche gute Hunde werden doch selten
geschnitten.
    Der Magister. O ja, das geschieht oft, damit sie desto hurtiger und mutiger
zur Jagd werden.
    Herr von N. Das wäre eben, als wenn man einen Magister verschneiden wollte,
damit er desto hitziger im disputiren wär. Er liest weiter:
    »Ihr Anschlag auf Clementinen (hier hält, er innen, und sagt: Jeremias,
    schier dich hinaus, ich will mit dem Magister etwas heimliches reden.) fährt
    fort im lesen:
    Ihr Anschlag auf Clementinen ist vergeblich. Wer weiss aber, was sie getan
    hätte, wenn sie von Ihrer ädlen Neigung zeitiger benachrichtiget worden wär?
    Ja, das glaub ich selber. Ich hätte ihr schon zu Leibe gehen wollen. Solche
Mädchens, wie Clementine, wollen frisch angegriffen sein. Belvedere war eine
alte Frau; wenn sie gewartet hätte: so - - doch nichts mehr von der Sache.«
Liest weiter:
    »Indessen ist Kätchen Holles noch ledig. Ich sprach das angenehme Kind zu
    Selbyhaussen, und finde an ihr was ungemein sanftes.«
    Nein, die mag ich auch nicht. Es scheint mir eine Gaus zu sein und
einfältige Weibsbilder habe ich niemals leiden können. Er liest:
    »Besser aber würde sich Fräulein Orme für Sie schicken; wenn der Fall kömmt,
    dass Sie heiraten müssten.«
    Ach die schickt sich wieder nicht. Sie würde ihren milzsüchtigen Bruder
mitbringen, und einen solchen Wurm könnte ich nicht um mich herum leiden. Er
liest:
    »Ich gehe einige Tage nach Londen, um den Hof und alles merkwürdige in der
    Stadt zu besehen; nachhero kehre ich wieder nach dem angenehmen
    Grandisonhall zurück. Ein merkwürdiger Umstand: Lady Grandison ist in die
    Wochen kommen. Ein schönes Fräulein, sagt man«
    Herr Magister, rufen Sie meine Schwester und meine Base: damit ich ihnen
diese gute Nachricht sogleich hinterbringe.
    (Hier sprang Lampert fort; und ich konnte kaum von der Tür wegkommen, wo
        ich die ganze Zeit zugehört hatte. Wir giengen also beide hinein, da er
        denn schrie)
                               Dritter Auftritt.
    Schwester, Fräulein Base, Lady Grandison ist in die Wochen kommen. Es ist
eine Fräulein. Ja nun, Mädchens sind auch nicht zu verachten; aber ich denke,
Sir Carl hätte lieber noch einen Jungen gehabt. Meinen Sie nicht, Fräulein Base?
    Amalia. Er hat ja schon einen Junker; und so wird ihm das Mädgen um desto
lieber sein. Er liest fort:
    »Immer eine Kutste nach der andern. Oncle Selby und seine Dame sind auch,
    da. Cornet Jacob hat Urlaub. Ich muss hin und ihnen mein Compliment machen.«
    Das wär ein Mann für Sie, Base. Wer weiss, was Ihr Bruder anstellt.
    Amalia. Lesen Sie nur ruhig fort, ohne zu überlegen, ob sich ein Cornet für
mich, oder ich mich für einen Cornet schicke.
    »Den 11ten. Die Gevattern sind erwählet. Sir Beauchamp, Lady G. und Sie,
    mein Hochgeehrtester Herr Oncle. Lesen Sie hier den Gevatterbrief von Sir
    Carln.«
    (Diesen hatte der Magister noch unerbrochen in Händen)
    Das ist ja ein entsetzlicher Streich! Mich bittet Sir Carl zu Gevattern? Ich
muss doch die Stelle noch einmal lesen. Ja, ja das hat mein Vetter angestört.
Warte du Vogel! er liest fort:
    »Wie auch der würdige Doctor Bartlett.«
    Warum nicht der Superintendent von Londen?
    Hier fiengen wir an, ihm Glück zu wünschen, worauf er ganz gleichgültig
        antwortete: »Es ist wahr, sprach er, mir wiederfährt viel Ehre; aber
        mein Beutel wird es auch empfinden. Was meint ihr, Kinder, was soll ich
        Sir Carln einbinden?«
    Der Magister. Ich dächte, gnädiger Herr, Sie gäben ihm gar nichts. Sir Carl
ist sehr reich; er hat Sie aus Liebe und nicht aus Eigennutz gebeten.
    Der Herr von N. Das ist zwar wahr; aber das Geschenke ist auch nicht für den
Vater, sondern für das Kind, welches nackend auf die Welt kömmt.
    Jeremias, welcher mit uns zugleich hineingieng: Ich dächte, gnädiger Herr,
es wären zwei Taler genug. Lassen Sie einen rechten schönen Kuchen backen, so
will ich beides nach Grandisonhall tragen, und mir ein tüchtiges Trankgeld
verdienen.
    Herr von N. Was meinst du, Schwester, wenn ich mein Portrait von der
Gallerie nähm, etliche Diamanten darum setzen liess, und Jeremiasen damit
fortschickte.
    Fräulein von N. Sei nicht artig, Sir, wer wird solche grosse Bilder mit
Brillanten garniren. Das wär ein Werk von einer Million.
    Herr von N. Du hast Recht; ich will ihm etwas an baaren Gelde schicken; so
viel als ich bei diesen schlechten Zeiten entbehren kann. Funfzehn Gulden sind
hinlänglich. Ich will ihm diese Summe in hiesigen Münzsorten schicken - -
Creutzer sind in Engelland etwas rares - - vielleicht legt sie Sir Carl in
Olivien ihr Medaillencabinet.
    Amalia. Herr Oncle, funfzehn Gulden sind auch gar zu wenig. Wenn Sie Sir
Carln ein Geschenk machen wollen, so müssen es wenigstens hundert Ducaten sein.
    Herr von N. Warum nicht tausend? Wovon sollte ich hernach leben, wenn ich
mich zuvor durch ein solches Patengeschenke zu Grunde richte? Mit einem Worte,
es bleibt bei den funfzehn Gulden, damit kann Herr Grandison zufrieden sein.
    Hören Sie, Herr Magister, setzen Sie Sich gleich und schreiben mir eine
witzige und galante Antwort auf Sir Carls Gevatterbrief. Gehen Sie aber mit den
lateinischen Brocken etwas sparsam um: damit mich der Herr Gevatter für keinen
Schulcollegen hält.
    (Der Magister geht ab, und er liest, indessen weiter:)
    »Lesen Sie beikommenden Gevatterbrief von Sir Carln. Ich habe die
    Uebersetzung dabei gelegt.«
    Wo ist denn der Gevatterbrief? ich habe ja keinen gesehen.
    Amalia. Der Magister ist damit fortgelaufen.
    Herr von N. Es ist wahr, er soll ihn beantworten.
    Darauf fuhr er fort:
    »Da ich das Absehen auf Dero Person zum voraus merkte: so ging ich sogleich
    nach Londen, und liess mir ein prächtiges Kleid machen: damit ich in eben dem
    Lichte erschien, in welchem Sie erschienen sein würden.«
    Da tat er ganz recht: denn ich würde mich wie ein Fürst geputzet haben,
wenn ich gegenwärtig gewesen wäre.
    »Den 12ten. Nunmehro ist alles glücklich vorbei. Ich trank mir in Ihren
    Nahmen einen derben Rausch. Oncle Selby war auch nicht nüchtern.
    Ich denke, es wird Niemand nüchtern gewesen sein. Sollte Sir Carl an einem
solchen Tag nicht ein Räuschgen haben: so sollte es mich sehr wundern. Hätte ich
einmal Kindtaufe, ich tränke, so lange ein Darm hielt.
    Amalia. Das trau ich Ihnen zu; Sie sollten aber überlegen, dass es Niemand
als eine Heldentat ansehen würde.
    Der Herr von N. Nichts? das wär was entsetzliches! Ein Edelmann muss sauffen
können. Wie will er sonst bei Hof zurechte kommen? Mein seliger Vater konnte
einen Eimer Bier in einem Sitze bezwingen: aber heut zu Tage gewöhnen wir uns zu
zärtlich. Ich lobe mir die alten Zeiten. Da war keiner nicht gelitten, der nicht
seinen Stiefel tüchtig saufen konnte
    Amalia. Wir wollen uns über die Vorzüge der alten Welt für der heutigen
nicht zanken. Lesen Sie uns nur den Brief weiter.
    »Senden Sie nur ein ansehnliches Patengeschenke: denn man macht sich hier
    von Ihrem Vermögen eben so grosse Begriffe; als von Ihrer Freigebigkeit.«
    Das ist ein loser Mann! Sie würden Sich die Begriffe nicht machen, wenn er
ihnen keme Gelegenheit dazu gäb. Aber ich kenne Ihren Bruder; es soll bei ihm
alles ins Grosse fallen.
    Es bleibt übrigens bei den funfzehn Gulden.
    Du wirst diese Erzählung so hinnehmen. Der ehrliche Oncle bleibt, wie er
ist. Wir wollen zufrieden sein, wenn er nur nicht schlimmer wird. Ich befürchte
aber, er tut einen Schritt, der uns allen höchst unangenehm ist. So viel für
diesesmal von
                                     Deiner
                                                                treuen Schwester
                                                                   Amalia von S.
 
                                 XVIII. Brief.
                      Der Herr von N. an den Herrn von S.
                                                        N. hall, den 30. August.
        Lieber Vetter,
Uebersetzen Sie beikommenden Brief sogleich ins Englische. Es ist eine Antwort
auf Sir Carls Gevatterbrief. Der Magister hat mir den Aufsatz machen müssen; ich
denke, er soll eben so hoch, als gelehrt sein. Ich habe funfzehn Gulden zu einem
Geschenke beigelegt. Mehr kann ich gegenwärtig nicht entbehren! zumal, da wir
neulich von den Kroaten so mitgenommen worden sind. Ewig Schade, dass ich nicht
in Person habe stehen können. Das ist ein verdammter Streich, dass die Clementine
verheirachet ist. Hätte der Pumpernickel nicht warten können? Fräulein Ormen mag
ich nicht; es scheint mir eine Wehklage zu sein, die einen nur die Ohren
vollwinselt. Nun ist also weiter nichts zu tun, als dass ich mich an Fräulein
Julianen von W. wende. Ich würde sie längstens von meiner Liebe überzeugt haben,
wenn ich nicht in Ansehung der Italienischen Gräfin in Ungewisheit gewesen wär.
Nunmehro aber soll meine Braut eine einheimische Lady sein. Hierinnen bin ich
also Sir Carln nunmehro auch ähnlich. Juliane weiss noch nichts von meinen
Gesinnungen: wie wird aber das gute Kind erstaunen, wenn ich bei ihr ankomme,
und mich zu ihren Füssen werfe? Vielleicht seufzt sie bereits in geheim nach mir.
Ich will also kommen, schönste Juliane! ich komme gleich. Ihre Schwester ist
recht, wie ich sie mir wünsche. Das Mädchen macht mit, und wenn wir auf dem
Kopfe tanzen wollten. So ist auch der Magister; wir leben mit einander wie
Brüder. Das wird mir einmal ein lustiger Beichtvater werden, wenn der alte
Pfarre abgehen sollte. Warum hat aber Sir Carl den Fresco castriren lassen? Ich
wollte gleich noch funfzehn Gulden darum geben, wenn ich einen jungen Hund von
der Race bekommen könnte. Gestern hat mir der Oberförster von Burgtal einen
Hünerhund geschenket; er ist aber noch ziemlich roh; ich denke, der alte
Magister soll ihn schon dressiren. Von unsern übrigen Umständen wird Sie Lampert
benachrichtigen. Schliessen Sie mich als Ihren treuen Oncle in Ihren Abendsegen
ein, wenn Sie anders einen beten, und erwarten von mir ein gleiches. Ich bin
                                      Dero
                                                                getreuer Vetter.
 
                                  XIX. Brief.
                        Fräulein Amalia an ihren Bruder.
                                                           Kargfeld den 4. Sept.
Dein letzter Brief hat meinen Oncle nunmehro ganz und gar gebildet. Sein Rock
ist mit Golde besetzt; er geht beständig im Degen, und zwingt sich zu einem
süssen Lächeln; bisweilen aber sieht er den Magister mit so einer fürchterlichen
Mine an, als wenn er ihn fressen wollte.
    Neulich hat er einen Kerl, welcher mit Zimmtwasser und Bezoartinctur durchs
Dorf ging, seinen ganzen Kasten abgekauft. Das ist meine Apoteke, spricht er,
woraus ich die Bauern kuriren will, wenn etwa die Viehseuche unter sie kömmt.
    Die erste Kur ist indessen nicht wohl abgelaufen; und wenn man nicht noch
einen ordentlichen Arzt zu Rate gezogen hätte; so wär der Elende gestorben. Wir
dürfen uns aber nicht unterstehen, nur den geringsten Zweifel in seine
Geschicklichkeit zu setzen. Mir wollte er vorgestern mit Gewalt Bergöl eingeben:
da ich aber ernstlich aussah, und fortreisen wollte; so liess er ab, seine Kunst
an mir zu versuchen. Das lustigste war ein Ball, den er uns am Mittewochen gab.
Die benachtbarten Edelleute wurden durch den Jeremias eingeladen. Einen hiess er
Oncle Selby, den andern seinen Beauchamp, seine Schwester Tante Loren, Fräulein
Fiekgen seine Aemilia, mich aber, seine Charlotte. Unsere Gäste glaubten
anfangs, er wär rasend geworden.
    Da ich ihnen aber das Geheimnis entdeckte, so wurde sein Vorhaben bewundert,
und er in seiner Torheit gestärkt. Der Schulmeister sollte mit aller Gewalt
Alexanders Gastmahl aufführen: da er nun dieses Singstück nicht einmal den Namen
nach kannte: so hiess ihn mein Oncle einen Bärenhäuter, und jagte ihn zur Tür
hinaus. Er sieng indessen mit fürchterlicher Stimme an: Reitzend, sanft in
Lydischen Tönen etc.
    Der Magister trägt das Seinige zu diesen Torheiten redlich bei. Er will die
Person Grandisons in Italien spielen. Des Pfarrers Tochter ist seine Clementine.
Er sprach noch heute von ihr mit einer affenmässigen Entzückung. Kurz darauf
wiederhohlte er die Zeilen aus den Milton:
                         Nie gestand sie die Liebe etc.
    Wir hielten darauf folgen des Gespräch.
    Amalia. Wissen Sie denn, Herr Magister, dass Hannchen eben die Neigung zu Sie
hat, welche Clementine zu Sir Carln hatte? Sie müssen nicht alle Blicke eines
Mädchens zu ihrem Vorteile auslegen.
    Der Magister. Die Eigenliebe, oder philautia, blendet mich nicht, gnädiges
Fräulein; allein, ich denke, dass ich wegen verschiedener persönlichen
Eigenschaften ein Mädchen rühren kann.
    Amalia. Es ist wahr, sie besitzen Vorzüge, unter welchen derjenige, dass sie
Magister sind, der vornehmste ist. Einige Mädchens aber haben einen wunderlichen
Geschmack, und eine angenehme Bildung gilt bei ihnen mehr, als alle
Gelehrsamkeit, und die dadurch erworbenen Kränze.
    Der Magister. Sie bringen mich eben auf den rechten Punkt. Gefällt Ihnen
meine Bildung nicht? habe ich nicht eine Habichtsnase wie Cyrus, und eine Warze
daran wie Cicero? Mir deucht, dieser Schmuck könnte ein Mädchen bezaubern; zumal
wenn sie von der geheimen Bedeutung grosser und ansehnlicher Nasen etwas gelesen
hat, und ausserdem weiss, welche grosse Männer Cyrus und Cicero gewesen sind.
    Amalia. Sie werden doch jene Leute nicht deswegen hochachten, weil der eine,
eine gebogene Nase, und der andere eine Warze daran hatte. Vielleicht ist die
Nase bei dem einen, und die Warze bei dem andern, ein Fehler gewesen.
    Der Magister. Gut, gnädiges Fräulein, ich sehe dergleichen Nase nicht als
ein Essentiale an: aber mir deucht, ich hätte noch mehr Aehnliches mit dem Cyro,
vornämlich aber mit dem Cicerone.
    Amalia. Wollen Sie eine Vergleichung anstellen; so werden Sie mir eine
besondere Gefälligkeit erzeigen.
    Der Magister. Cicero war ein Redner; ich auch: ja, ich erhalte hier eben den
Beifall, wenn ich den geistlichen Schifsschnabel betrete, welchen Tullius mit
seinen Reden zu Rom erhielt. Jener war ein Patriot, und eifriger Verteidiger
der römischen Freiheit; ich bin beides hier auf diesem adlichen Hofe. Wem hat
man die Verschönerung dieses Rittersitzes anders zu verdanken, als mir? Habe ich
nicht die Wahrheit, dass es einen Grandison gebe, zuerst bekannt gemacht? habe
ich ihn nicht zuerst nachgeahmt?
    Amalia. Ich fühle die Stärke Ihrer Beweise. Sie so den Recht haben; Hannchen
soll Sie lieben, und ich will sie selbst zur Gegenliebe überreden.
    Der Magister. Wo eine Conviction ist, da ist die Persuasion unnötig.
Hannchen ist von meinem Werte überzeugt; sie liebt mich, und würde wie
Clementine närrisch werden, wenn ich unempfindlich wär.
    Amalia. Da die Sache schon so weit gekommen ist; so wär mein Rat, sie
liessen das arme Kind nicht so lange seufzen. Denn sollte das schöne Hannchen in
einen Entusiasmum fallen; so hätten Sie es ewig zu verantworten. Es tun sich
hier keine Schwierigkeiten hervor - der General willigt ein - Sie sind auch
nicht katolisch, dass die Religion also eine Hindernis sein könnte. Gehn Sie
also immer zum alten Vater, und halten um die Tochter an.
    Der Magister. Das will ich tun; aber aufrichtig zu reden, so muss ich
erstlich meinen schwarzen Rock wenden, und nach der Mode machen lassen: damit
die äusserliche Seite der innerlichen die Waage hält. Alsdenn werde ich alle
Hindernisse überwinden, meine Liebe gestehen, und Hannchen glücklich machen. Es
kann unterdessen nicht schaden, wenn sich einige Schwierigkeiten hervor tun: ja
es ist allen Liebhabern angenehm, wenn sie in der Liebe rechte hohe Gebürge
übersteigen müssen.
    Amalia. Sie reden etwas poetisch, Herr Magister; wünschen Sie Sich aber
lieber keine Berge; Sie sind kein Jüngling mehr, und ein einziger Hügel sollte
Ihnen schon Arbeit genug machen. Kommt Hannchen ein junger Stutzer in Weg; so
fällt der Magister Lampert in die Brüche.
    Der Magister. Ach, was Stutzer! Hannchen ist die Tochter eines Geistlichen;
ihr ist geistlich Fleisch gewachsen; ergo muss sie wieder an einen Geistlichen
verheiratet werden.
    Amalia. Das war ein vortreflicher Schluss! Wenn Sie ehedem so geschlossen
haben; so sitzen die Leute, welche Sie zum Magister gemacht haben, leibhaftig in
der Hölle. Ist denn das Fleisch einer Pfarrstochter anders beschaffen, als das
Fleisch einer Prinzessin? Gesetzt aber, Sie meinten ihre Gemütsbeschaffenheit;
so finde ich eben nichts stilles und heiliges an Ihrem Hannchen, wobei mir das
geistliche Fleisch einfallen sollte, Sie ist so munter und lebhaft, wie eine
Soldatentochter. Ein junger Fähndrich würde ihr besser anstehen, als ein alter
Magister.
    Der Magister. Sie machen mir beinahe Angst. Da sich aber die Liebe bei ihr
angefangen hat, so kann ich auch auf ihre Beständigkeit schliessen.
    Amalia. Woher wissen Sie aber, dass Hannchen in Sie verliebt ist? Und wie
wollen Sie von der Beständigkeit einer solchen Leidenschaft urteilen, da wir
oft von derselben wider unsern Willen hingerissen werden.
    Der Magister. Von dem ersten Punkte überzeugen mich ihre reitzenden Blicke.
Einer ist matt, der andere sanfte, der dritte feurig. Die folgenden sind zum
teil schmachtend, zum teil aber bemerken sie ein süsses Bewustsein. Der zweite
Punkt aber, patet per se.
    Amalia. Was heist das, patet per se?
    Der Magister. Das will so viel sagen: wenn ein Mädchen einmal liebt; so kann
sie nicht leicht wieder aufhören.
    Amalia. Sie haben Recht; sie liebt immer; aber nicht einen und eben
denselben Gegenstand: und dieses, glaube ich, wird der wahre Sinn der
angeführten Worte sein.
    Der Magister. Machen Sie mich nicht weiter unruhig. Ich will meinen Herrn
Principal um seinen Vorspruch bei Hannchen bitten. Sein Ansehen und ich zusammen
genommen, wird einen Eindruck sowohl bei dem Vater, als bei der Tochter machen.
    Amalia. Es ist wahr, mein Oncle vermag viel bei dem Pfarr; aber Hannchen
darf nicht überredet, vielweniger gezwungen werden. Es ist ein angenehmes und
munteres Kind, und wir haben einander von Jugend auf geliebt. Suchen Sie ihr zu
gefallen, vielleicht geht die Sache nach ihrem Wunsche.
    Der Magister. Sie haben Recht. Clementine soll von meiner persönlichen
Vortreflichkeit bezaubert und erobert werden. Ich will eine Ode auf sie machen;
ich will sie unter ihrem Fenster absingen. Giebt sie meiner Liebe Gehör; so
stehe ich hier still; wo nicht; so suche ich andere Kunstgriffe hervor. Ich will
sechs Monate blass wie der Tod aussehen; ich will mich in eine Höhle verstecken,
den Bart und die Nägel wachsen lassen; ich will Gras fressen, wie Nebucadnezar:
endlich wird sie doch weich, und überwunden werden!
    Weil mein Oncle seine Charlotte rufte, so mussten wir unsere Unterredung
endigen. Morgen werde ich von hier ab nach Schöntal, und über morgen nach
Wilmershaussen zu meiner Juliane gehen. Dieses gute Kind erkundiget sich oft nach
dir, und freut sich über alle gute Nachrichten, welche ich aus Engelland
erhalte. Sie hat sich zu ihrem Vorteile verändert, und besitzt alle Vorzüge
unsers Geschlechts. Schreibe' mir bald und liebe mich ferner.
                                                                     Amalia v.S.
 
                                   XX. Brief.
                 Der Magister Wilibald an den Doctor Bartlett.
                                                       Kargfeld, den 16. August.
        Hochgeehrtester Herr Doctor,
            Vornehmer Gönner,
Wundern Sie Sich nicht, dass ein Unbekannter, aus einem entfernten Lande, das von
den geheiligten Gränzen der Britten durch einen Arm des grossen Weltmeeres
abgesondert ist, sich die Erlaubnis erbittet, Ihre wichtigen Geschäfte durch ein
kleines Handschreiben zu unterbrechen. Der Ruhm eines Carl Grandison und mit dem
seinigen der Ihrige, hat sich eben sowohl in meinem Vaterlande; als in den
übrigen Teilen der gesirteren Welt ausgebreitet. Das Licht, worinne ich Sie bei
Durchblätterung der Geschichte des grossen Mannes erblickte, hat mich, gleich
einem irrenden Wandrer, auf die Spur eines glücklichen Weges geleitet, und ich
werde mich bemühen ihn zu verfolgen, bis das Stundenglass meines Lebens
ausgelaufen ist. Möchte ich doch so glücklich sein, ihre Freundschaft zu
verdienen! Vielleicht kann ich auf solche einen eben so gerechten Anspruch
machen, als der Pater Marescotti, der doch ein eifriger Papist, und noch dazu
ein Ordensmann ist, unsere Grundsätze stimmen viel genauer mit einander, als mit
den seinigen überein.
    Der Posten, welcher Ihnen von dem Herrn Baronet anvertrauen ist, hat eine
genaue Verwandschaft mit denn, welchen ich seit geraumer Zeit in dem Hause
meines gnädigen Patrons verwalte, und wie ich hoffe, noch lange verwalten werde,
dass ich es nicht habe Umgang nehmen können, mit Ihnen die Maasregeln zu
verabreden, wornach wir in unsern wichtigen Aemtern handeln wollen, um in allen
Stücken desto einförmiger zu sein. Mein Patron hat nur insonderheit anbefohlen,
Sie zu ersuchen, Ihre Geheimnisse ratione der Unterweisung der Kinder, mir
mitzuteilen. Ich denke, es sieht hier kein Brod- und Handwerksneid im Wege,
der Sie etwann zurück haltend gegen mich machen könnte. Wir wollen einmal die
Propositionem indefinitam affirmantem: Figulus figulum odit, in propositionem
particulariter negantem convertiren: Quidam figulus figulum non odit. Ich will
Ihnen doch meinen modum, circa puerorum institutionem procedendi, kürzlich
entwerfen. Vielleicht kommt er Ihnen etwann auf irgend eine Weise zu statten.
    Ob mein Gönner gleich noch unverheiratet ist; so hat es Ihm doch niemals an
Kindern gefehlet, er hat deren drei von seinem Bruder, der zeitig starb,
erzogen. Nunmehro hat er Lust, sich selbst zu verheiraten und Kinder zu zeugen.
Ich soll mich deswegen im Voraus anschicken, diese nach Sir Carls und Ihrem
Geschmacke zu erziehen.
    Es geht nun in das zwanzigste Jahr, dass ich den Pulverem Scholasticum
einschlucke, bei dieser langwierigen Praxi habe ich gefunden, dass es nötig ist,
dass ein Docent, in Gegenwart seiner Untergebenen, eine Amtsmine annehmen müsse,
die Furcht und Gehorsam zu erwecken fähig ist. Wenn ich nach der Mitologie ein
Bild eines klugen Hofmeisters entwerfen sollte; so würde ich solches von dem
Jupiter, Könige der Götter, entlehnen. Wie dieser oft, in düstre Wolken
eingehüllt, bald mit seinen Donnerkeilen um sich wirft; bald einen gewaltigen
Platzregen auf die durstige Erde fallen lässt, um sie zu Hervorbringung guter
Früchte geschickt zu machen; bald durch Sturm und Wirbelwinde, die faulen und
ansteckenden Dünste vertreibt: so muss auch ein weiser Mentor, bald durch den
Ton seiner donnernden Stimme, dem Mutwillen der Untergebenen zu steuren
suchen; will dieses nicht helfen, wohlan! so bläue er ihnen den Rücken, und
lasse einen Platzregen seines Backels nach dem andern darauf fallen. Was gilt
es, für solchen Stürmen werden Bosheit, Faulheit, Mutwille und das ganze Heer
jugendlicher Torheiten zitternd fliehen, und mitin dem Fleisse nebst allen
Tugenden Platz machen. Sehen Sie, Herr Doctor, das ist meine Art mit
Untergebenen umzugehen. Ich kann, ohne mich zu rühmen, versichern, dass ich
solchergestalt, manchen braven Mann gezogen habe, der Herr Baron von S.. ist
davon ein lebendiger Zeuge. Jedoch ich merke, dass Sie auch wissen wollen, was
für Lectiones ich mit meinen Discipeln tractire, ich halte mich verbunden Ihnen
auch hierinne zu willfahren.
    Ehe ich noch die Geschichte Ihres Gönners kannte, begnügte ich mich, meinen
Untergebenen das beizubringen, was andere meines gleichen der hochadlichen
Jugend lehrten. Lesen und schreiben, ein Bisgen Christentum und das Einmaleins
war alles, was ich docirte; so bald ich aber dieses Buch mit Verstande gelesen
hatte, entwarf ich ein ganz neues Informationssistem. Vor allen Dingen merkte
ich mir die Stellen aus der Geschichte, wo ausdrücklich einer Wissenschaft oder
einer Geschicklichkeit, die der grosse Mann besitzt, gedacht wurde; hernach
überlegte ich, was für Wissenschaften, mit den ausdrücklich benenneten, verwandt
wären, und ohne welche jene nicht gründlich könnten erlernet werden. Durch Hülfe
einer gesunden Vernunftlehre brachte ich folgendes Verzeichnis zu Stande. Haben
Sie die Gewogenheit, Herr Doctor, es mit Fleisse durchzugehen, Anmerkungen, wo
Sie es für nötig erachten, hinzuzutun, auch wo ich etwan sollte geirret haben,
welches ich nicht glaube, meinen Aufsatz zu verbessern, ich bin in statu
docilitatis.
Verzeichnis derjenigen Wissenschaften und Geschicklichkeiten Herrn Carl
    Grandison Baronets, zur Nachahmung junger von Adel, aufgezeichnet von einem
    Verehrer des grossen Mannes.
    Sir Carl Grandison besitzt:
    1) Eine feine Stärke in den Grundsätzen der Religion, einfolglich auch in
der Polemik, Kirchenhistorie, Kasuistik und andern damit verknüpften
Wissenschaften.
    2) Verstehet er sich wohl aus die Rechte seines Vaterlandes: Diese gründen
sich ursprünglich auf das natürliche Recht; das natürliche Recht gehört in die
Weltweisheit; alle Wissenschaften der Weltweisheit sind miteinander verbunden:
folglich ist er ein Logicus, Physicus, Metaphysicus, ein Moralist, und s.w.
    3) Ist er ein grosser Oeconom. Die Oeconomie ist ein Teil der Philosophie,
folglich lässt sich sowohl hieraus, als aus dem vorhergehenden Satze deutlich
schliessen, dass er ein guter Philosoph ist.
    Anmerkung. Eben dieses lässt sich auch aus allen Handlungen seines Lebens
        ganz natürlich herleiten.
    4) Er hat eine Hausapoteke, daraus folgt dass er ein Medicus ist, mitin
verstehet er sich auf die Anatomie, Terapie, Patologie, Chirurgie, Botanic,
u.s.w.
    5) Sir Carl spricht ausser seiner Muttersprache Französisch und Italienisch,
mit diesen sind die Spanische und Portugiesische verwandt, folglich verstehe er
auch diese. Er ist in Deutschland gewesen, ergo kann er Deutsch, vermutlich
auch Holländisch, Dänisch, Schwedisch, u.s.w.
    6) Er hat eine vortrefliche Bibliotek. Eine Bibliotek kann nicht
vortreflich sein, wenn nicht lateinische, griechische, hebräische, lyrische und
arabische Bücher darinnen sind. Da es nun bei Sir Carln unmöglich heissen kann:
Salvete libri sine magistro; so folgt, dass er Lateinisch, Griechisch, Hebräisch,
Syrisch, Arabisch, vermutlich auch, Türkisch, Ungrisch, Russisch, u.s.w.
verstehet. Ergo ist er auch ein guter Grammaticus und Criticus.
    7) Er hat verschiedene Veränderungen an seinen Schlössern vornehmen lassen,
er ist ein guter Baumeister, ergo auch ein guter Matematicus.
    8) Er ist viel gereiset, folglich verstehet er die Geographie und Historie.
    9) Er denket vortreflich und erhaben, ergo ist er ein Redner und Poet.
    10) Er ist ein Liebhaber der Antiquitäten, mitin auch der Inscriptionen,
der alten Münzen, Bildsäulen, u.s.w.
    11) Die Heraldic verstehet er meisterlich, folglich auch die Genealogie und
Chronologie.
    12) Er ist reich, und hat seinen Pachtern oft die Rechnung selbst
abgenommen; ergo ist er ein vortreflicher Rechenmeister.
    13) Er tanzt zur Bewunderung der Zuschauer; sitzt vortreflich zu Pferde;
ficht zum Erstaunen, ergo ist er ein Tanzmeister, Bereuter und Fechtmeister.
    14) Er singt wie ein Castrat und spielt wie der selige Händel das Clavier
und die Orgel; er ist also auch ein Musicant. Unfehlbar kann er auch vortreflich
trenschiren, zeichnen, zierlich schreiben, drechseln, schnitzen u.s.w.
    Urteilen Sie, Herr Doctor, ob ich nicht ex ungueleonem erkannt und
abgemessen habe.
    Noch einen Punkt, teurester Kirchenlehrer, ehe ich schliesse. Ich wage es,
eine kühne Frage an Sie ergehen zu lassen, darf ich mir versprechen, dass ich
Vergebung von Ihnen erhalte? Sie sind die Gütigkeit selber, meine
Offenherzigkeit soll mich Ihrer Verzeihung würdig machen.
    Ich empfinde bei mir einen Trieb zum ehelichen Leben, und ich bin Willens
nach meiner Freimütigkeit, Ihnen das Geständnis zu tun, dass mich eine junge
Schöne, die einzige Tochter des hochadlichen Herrn Pastor Wendelins allhier
gefesselt hat. Ich habe bereits oben gesagt, dass Sie das Vorbild aller meiner
Handlungen sind, würden Sie mir wohl Hoffnung machen, sich noch in den Ehestand
zu begeben? Sie scheinen noch ein rüstiger Mann zu sein. Tun Sie es immer. Sir
Carl ist ein Freund des Ehestandes, und Sie haben, wie es scheinet, gnugsames
Auskommen, eine Frau zu ernähren. Kein Teil der Nachahmung Ihrer
verdienstvollen Person würde mir angenehmer und leichter vorkommen als dieser.
Sollten Sie aber, wider Vermuten nicht geneigt sein, ehelich zu werden; so
erzeigen Sie mir wenigstens die Gewogenheit und Ehre, in diesem Stücke der
Abweichung von Ihnen, Dero Dispensation mir zu erteilen. Ich erwarte mit
Verlangen Ihre Entscheidung, um die Präliminarartickel meiner künftigen Ehe zu
unterzeichnen; oder das ganze Werk vor der Hand abzubrechen. Unter der
Wiederholung einer nicht gemeinen Hochachtung gegen Sie, mein wertester Herr
Doctor, und das ganze Haus der Grandisonen nennet sich
                                      Dero
                                                             demütiger Verehrer
                                                                    L. Wilibald.
                                                                Der W.W. Doctor:
 
                                  XXI. Brief.
                      D. Bartlett an den Magister Wilibald
                                                     Grandisonhall, den 12 Sept.
        Hochedler, Hochgelahrter Herr,
            Hochgeehrtester Herr Magister,
Ich war schon durch den Herrn von S. zubereitet, Sie zu lieben und zu verehren:
Ihr Brief aber hat mich ganz bezaubert. Grossbrittannien hat zwar viele grosse
Geister aus seinem Schose hervorgesendet: wenn ich aber gerecht urteilen soll;
so kann man den Herrn M. Lampert Wilibald unserm Neuton getrost an die Seite
setzen. Ewig Schade, dass ein solcher Mann, wie Sie, kein Präsident einer grossen
gelehrten Gesellschaft sein, und dem menschlichen Geschlecht durch seine
Empfindungen den Weg zur Glückseligkeit aufschliessen soll! Sie urteilen von dem
Unterricht eines jungen Edelmannes mit einer unnachahmlichen Scharfsinnigkeit;
und ich glaube, Sie wären im Stande, das Herz und den Verstand eines Cronprinzen
zu bilden, und dennoch einen Aufseher der Lustbarkeiten am Hofe abzugeben, wie
die Kunstfeuer anzuordnen. Ich bin nunmehro alt; allein ich habe dennoch die
Oberaufsicht über den jungen Grandison, und sehe, dass er von seinem Lehrer
gehörig unterrichtet wird. Vielmals aber lege ich selbst mit Hand an, und
vornämlich in den höhern Wissenschaften; ja ich hoffe, dass der junge Herr ein
würdiger Sohn Sir Carls werden werde. Sie werden leicht mutmasen, dass ich dabei
ein geruhiges und höchst angenehmes Leben führe. Diese Ruhe ist mir nunmehro um
desto schätzbarer; weil ich mich einen grossen Teil meines Lebens ausser meinen
Vaterlande aufgehalten, und mit Jacob sagen kann: die Zeit meiner Wallfahrt ist
65. Jahr; wenig und böse ist die Zeit meines Lebens, und langet nicht von der
Zeit meiner Väter in ihrer Wallfahrt. Wie sollte ich mir nunmehro in meinem
Alter eine neue Unruhe über den Hals ziehen, ein Weib nehmen; und wissen Sie,
schätzbarer Freund, ich habe niemals einen rechten Trieb zum Ehestande gehabt,
und ein englischer Geistlicher, wenn er grössere Würden erlangen will, tut wohl,
wenn er ein Junggeselle bleibt. Tillotson war der erste Erzbischoff von
Canterbury, welcher eine Frau hatte. Sein Beispiel aber findet mehrere Tadler
als Nachahmer. Da Sie hingegen in einer ganz anderen Verfassung stehen, und
ausserdem einen heftigen Trieb zum Beiliegen empfinden, so heiraten Sie: um den
Verweisen Pauli zu entgehen. Ihr Freund, der Herr v.S. hat mir ohnedem schon
etwas von Ihrer liebe vertrauet, und wenn Sie die Schwürigkeiten heben können,
so wird Sie Jungfer Hannchen zum glückseligsten Magister von Deutschland machen.
Ihrem Gebet empfiehlet sich hiermit
                                      Dero
                                                 gehorsamster Diener u. Verehrer
                                                                       Bartlett.
 
                                  XXII. Brief.
                     Der Magister an Herrn Carl Grandison.
                                                       Kargfeld, den 17. August.
        Hochwohlgebohrner Herr Baronet,
            Gnädiger Herr,
Wenn ich Eu. Excellenz ganz und gar unbekannt wäre, so würde es nötig sein,
meine Unternehmung, Sie mit einem Schreiben zu belästigen zu rechtfertigen: so
viel ich aber weiss, hat Ihnen der junge Baron v.S. von meinem Herrn Principal
sowohl, als auch von meiner Person, bereits umständliche Nachricht erteilet.
Dieses, und der besondere Auftrag meines gnädigen Herrn, werden mich
entschuldigen, dass ich es wage, die Feder anzusetzen, und Eu. Excellenz
schriftlich von der ausserordentlichen Hochachtung zu versichern, welche sich in
den Herzen eines jeden von dem hochadlichen Hause, se, gegen Sie und die Blume
der Welt, Dero verehrungswürdigen Frau Gemahlin, veroffenbaret.
    Es war vor kurzem Jedermann hier in der äussersten Bestürzung, wegen der
betrübten Nachricht, welche wir neulich von dem jungen Herrn Baron aus Londen
bekamen, dass Dero hochfreiherrliches Haus durch den tödlichen Hinritt, Dero Frau
Grossschwieger-Mutter, der alten Frau Shirlei, in die tiefste Trauer wäre
versetzet worden. Die fromme selige Dame verdiente es, dass unser ganzes Haus in
Tränen schwamm, da diese schreckende Zeitung ankam. Der gnädige Herr trug mir
sogleich auf, ein Condolenzschreiben, welches, wie ich hoffe, Eu. Excellenz
durch den Herrn Baron, wird eingehändiget worden sein, in seinem Namen
aufzusetzen. Ungeachtet dieser hohe Todesfall, sich bereits vor drei Jahren
ereignet hat; so glaubte doch weder mein Herr Patron noch ich, dass es zu späte
wäre, desfalls eine Condolenz abzulegen. Wir wissen, dass, obgleich die
äusserliche Trauer lange aufgehöret hat; Eu. Excellenz und Dero Frau Gemahlin
doch niemals aufhören werden, diese vortrefliche Matrone in ihrem Herzen zu
betrauren. Mein Herr Principal, der sich nunmehro für einem von den Ihrigen
ansiehet, hat es unmöglich von sich erhalten können, diesen Trauerfall mit
Stilleschweigen zu übergehen; er hat sich vielmehr aus allen Kräften bemühet,
seine innerliche Trauer durch die gewöhnlichen äusserlichen Zeichen zu erkennen
zu geben. Allen Untertanen des gnädigen Herrn wurde auf 14 Tage eine allgemeine
Trauer angesaget. Und wenn im Schloss selber eine Leiche gewesen wäre, so
hätten nicht so viele Tränen können vergossen werden, als während diesen 14
Tagen, da von 11 bis zwölf Uhr Vormittage, und von 3 bis 4 Uhr Nachmittage das
Trauergeläute gehöret wurde. Jedermann wünscht, dass das teure Haus der
Grandisonen vor allen dergleichen Trauerfällen, in Zukunft lange bewahret, und
bis in die spätesten Zeiten erhalten werde.
    Es ist mir bekannt, dass Eu. Excellenz ein grosser Kenner der Werke der
Gelehrsamkeie sind; ich weiss dass Dero gelehrtes Tagebuch mit den vortreflichsten
Inscriptionibus, die man bei dem Grutero vergeblich sucht, mit Chronostichis,
Chronodistichis, seltenen Anagrammatibus und andern dergleichen schätzbaren
Dingen, aus den alten und neuern Zeiten pranget, gleich einem prächtigen
Lustgarten, der mit allerlei fremden und seltsamen Gewächsen ausgezieret ist.
Ich schliesse daher sehr sicher, dass Sie ein grosser Liebhaber, und ein eben so
grosser Kenner von dergleichen wichtigen Erfindungen sind. Dadurch wurde ich
bewogen, da mir insbesondere der Todesfall Ihrer Frau Grossschwiegermutter die
beste Gelegenheit darbot, mich in dieses, von mir bishero unbearbeitete Feld
der Gelehrsamkeit zu wagen. Kein andrer Bewegungsgrund, als die Hochachtung
gegen die verdienstvolle selige Matrone hat mich veranlasst, diejenigen
Aufsätze zu verfertigen, welche sich dem scharfsichtigen Auge Eu. Excellenz im
Anschlusse darstellen.
    Könnte ich mir schmeicheln, dass diese meine Geburten Ihnen nicht misfielen,
oder vielleicht gar auf Dero Beifall einen Anspruch machen dürften, so würde
dieses zu einem edlen Stolz verleiten
                                 Eu. Excellenz
                                                             unterhänigen Diener
                                                       und nachahmenden Verehrer
                                                                  M.L. Wilibald.
                                   Anschluss.
                                  Erste Numer.
    Aufschrift eines Epitaphii, welches der seligen Frau Shirlei könnte
errichtet werden.
                                   Q.F.F.Q.S.
                                    VIATOR.
                                 QVICVNQVE. ES.
                                     ADSTA.
                              ET. HOC. MONIMENTO.
                                    MONITVS.
                                VENERARE. MANES.
                             MATRONAE. VENERABILIS.
                              HENRICAE. SHIRLEIAE.
                              EQVITIS. ANGLICANI.
                               EIVSDEM. NOMINIS.
                           VIRI. NON. MINVS. ERVDITI.
                                QVAM. GENEROSI.
                                    VIDVAE.
                           OMNES FELICITATIS. GRADVS.
                                    EMENSA.
                         FELIX. FELICIOR. FELICISSIMA.
                                     FACTA.
                               VIRTVTIBVS. FELIX.
                              RELIGIONE. FELICIOR.
                             INTER. CAELITES. NVNC.
                                  FELICISSIMA.
                           SI. VITAM. QVAERIS. PAVCA.
                                     CAPE.
                           NON. FVIT. FVIT. NON. EST.
                                     ERIT.
                          HAEC. SCIRE. TVA. INTERFVIT.
                                    VIATOR.
                         SED. SCIRE. TVVM. NIHIL. EST.
                                   NI. SCIAS.
                             PROGENERVM. DEFVNCTAM.
                                   HABVISSE.
                              VIRVM. SVI. NOMINIS.
                             CAROLVM. GRANDISONEM.
                            IAM. IN. REM. TVAM. ABI.
                                  AC. MANIBVS.
                                  QVIETEM. P.
                                 Zweite Numer.
    Ein Chronodistichon, welches unmasgeblich auf eine Gedächtnismedaille, der
Wohlseligen zu Ehren, könnte geschlagen werden.
FraV ShIrLeI VVlrD, Der kVrzen Tage satt,
VVIe VVohL genVg betagt, gebraCht In DIese RVhestatt.
                                 Dritte Numer.
    Ein Anagramma, welches etwann unter das Bildnis der seligen Frau, oder sonst
wohin könnte gesetzet werden.
                            Frau Henriette Shirlei.
                            Durch Buchstabenwechsel.
                        Ja, reis' hin! - Fleuch Retter!
                                   Erklärung.
Ja, ja, reis' hin mein Geist nach jenen frohen Auen,
Hier kannst du Canaan nur von dem Nebo schauen;
Dort aber setzest du den Fuss bald selbst hinein,
Dort wird es besser, als hier in der Wüsten sein.
Fleuch Arzt du Retter fleuch und kerkre nicht die Seele
Noch länger, durch die Kunst, in dieses Leibes Höhle.
Sie macht sich Banden los; weg mit der Arzenei,
Der Lebenstocht verglimmt, der Faden reisst entzwei!
    N.S. Ich war eben im Begriff einige lateinische Chronodisticha und
Anagrammata zu verfertigen, um solche zugleich mit an Eu. Excellenz zu
übersenden; ich werde aber eben zur Tafel gerufen, und darf meinen Gönner nicht
auf mich warten lassen. Ich eile, meinen Brief zu siegeln.
 
                                 XXIII. Brief.
                     D. Bartlett an den Magister Wilibald.
                                                     Grandisonhall, den 14 Sept.
        Hochzuverehrender Herr Magister,
Auf Befehl meines gnädigen Herrn, Sir Carl Grandisons, soll Eur Hoch Ed. für die
übersendete Inscription auf das Grabmaal der seligen Frau Shirlei den
verbundensten Dank abstatten. Sie haben wirklich einen glücklichen Einfall
gehabt. Sir Carl ist dadurch ermuntert worden, sogleich einen prächtigen Marmor
über der Gruft berührter Dame setzen, und die von Ihnen verfertigte Aufschrift
einhauen zu lassen. Das Chronodistichon aber und das Anagramma sind Goldeswert,
und werden heilig aufgehoben, und von Kennern für die äusserste Anstrengung des
menschlichen Witzes gehalten. Unsere Nation ist in diesen Künsten noch ganz
unwissend. Wundern Sie Sich also nicht, gelehrter Freund, wenn Sie die
königliche Gesellschaft der Wissenschaften in Londen, zu einem Mitgliede
angenommen hat, und Ihnen durch mich das Patent davon übersendet. Sie sind
dieser Ehre würdig, und Jedermann wünschet Ihnen Glück. Fahren Sie fort,
schätzbarer Freund, die Ehre Deutschlands zu befördern, und der ganzen gelehrten
Welt zu dienen. Denken Sie aber auch dabei an
                                      Dero
                                                            aufrichtigen Freund,
                                                               Bartlett, Doctor.
    N.S. Sobald die Stempel zur Gedächtnismedaille auf die selige Frau Shirlei,
auf welche das wohlausgedachte Chronodistichon, das Sie verfertiget haben,
gesetzet werden den soll, gestochen ist; habe ich das Vergnügen, Ihnen die
ersten Abdrücke dieser Medaille, als eine geringe Erkenntlichkeit für Dero
gelehrte Bemühung, auf Befehl meines Gönners, zu übersenden. In Gold wird sie 10
Ducaten wiegen, an Silber aber wird sie einem Speciestaler gleich sein. Sir
Carl hat auf seinen Gütern 1000 Klaftern Holz schlagen lassen, um die Kosten
dieser Gedächtnismünze davon zu betreiben.
                           Beilage zum vorigen Brief.
Nachdem Wir, Präsident, Director, und übrige Mitglieder der königlichen
Gesellschaft der Wissenschaften, die seltenen Verdienste in sinnreichen
Aufschriften, Buchstabenveränderungen und andern dergleichen Erfindungen, des
Hochedlen und Hochgelahrten Herrn, Herrn Lampertus Wilibalds, der Weltweisheit
Doctors, erfahren, und einige vortrefliche Proben davon gesehen: So haben wir
nach reiflicher Ueberlegung für gut befunden, belobten Herrn Magister Lampert
Wilibald, als ein Mitglied unserer Gesellschaft anzunehmen, und ihm darüber
gegenwärtiges Patent auszuhändigen:
Es kann also gedachter Herr Lampert Wilibald, künftighin aller Rechte eines
    Ehrenmitglieds sich bedienen, den Titel eines Membri honorarii führen, und
    in allen Fällen sich Unsers Schutzes getrösten. dabei aber wird er von Uns
    ermuntert, ersucht und gebeten, dass er ins künftige alle Monate etwas
    sinnreiches ausarbeite und nach Londen an Unseren Secretaire einschicke.
    Als,
    im Januario kann er ein Aenigma, im Februario ein Anagramma, im Martio ein
    Eteostichon, im April, ein Acrostichon, im Maio ein Palindromon oder versum
    cancrinum, im Junio ein Aequidicum, im Junio ein Echo, im Augusto ein
    Logogriphum, im Septrmber ein Epitaphium, im October ein Onomasticum, im
    November ein Sonet, im December ein Madrigal verfertigen, und eine Belohnung
    gewärtig sein.
    Urkundlich haben wir dieses Dekret eigenhändig unterschrieben und mit Unserm
Gesellschaftssiegel bedruckt. Londen den 6 Septemb. 1759
    (L. S.)
                               Horatius Sherbury.
                                                               Natanael Hervei.
                                                          beständiger Secretair.
 
                                  XXIV. Brief.
                      Der Herr v.N. an Sir Carl Grandison.
                                                        N. hall, den 1 Septembr.
        Hochwohlgebohrner Baronet,
            Vornehmer Freund und Gevatter.
Meine Bauern die Schlingel liegen mir heftig an, innliegende Supplik an Sie, mit
einer guten Recommendation zu unterstützen. Ich weiss nicht, wer es den Vögeln
muss weiss gemacht haben, dass Sie der grosse Mann sind, der sich eine Freude daraus
macht, allen armen Teufeln gutes zu tun. Sie haben das gute Vertrauen zu Ihnen,
Sie würden es nicht übel deuten wenn sie den hochgeehrten Herrn Gevatter um eine
Gnade ansprächen, und sie hoffen in Ansehung meines gültigen Vorspruchs keine
abschlägliche Antwort zu erhalten. Ich will selbst die Gewährung dieser Bitte
als das erste Freundschaftsstückgen ansehen. Sie haben mich zwar zu Gevattern
gebeten, und das habe ich auch in allem guten vermerkt: wenn Sie aber meinen
Untertanen wiederum zu einer grossen Schelle auf den Turme helfen wollten; so
würde ich das lieber sehen, als wenn ich von allen ihren Anverwandten die Reihe
herum zu Gevattern gebeten würde.
    Was macht den mein Patgen gutes. Ich habe ein rechtes Verlangen, das kleine
Ding zu sehen. Wenn mir Doctor Faust seinen Mantel borgte, so führe ich noch
heute auf solchen, nach Engelland zu Ihnen. Seitdem Sie mich zu Gevattern
gebeten haben, ist mir eine grosse Lust angekommen, selbst einmal taufen zu
lassen. Ich bin der Jüngsten eben keiner; ich bin aber doch auch kein Hogestolz.
Wenn ich eine Henriette finden kann, so werde ich Ihrem Beispiele folgen und
mich verheiraten. Ich kann es nicht leugnen, es ist ein hübsches Mädgen in
meiner Nachbarschaft, auf die ich ein Auge habe. Es sind tausend Dinge, wonach
ich mich erkundigen wollte, und von denen ich genaue Nachricht haben möchte;
mein Bartlett, der Magister Lampert, soll deswegen an meinen Neffen schreiben,
geben Sie diesem von allen umständliche Nachricht. Machen Sie meine Empfehlung
bei Ihrer Frau Liebste, ich lasse ihr zum glücklichen Kirchgange, wie ich hoffe,
gratuliren. Ihren Schwestern und Schwägern, dem guten ehrlich Oncle Selby und
allen die mich kennen, empfehlen Sie mich. Ich verharre
                         Meines werten Herrn Gevatters
                                                             gehorsamster Diener
                                                                            v.N.
 
                                  XXV. Brief.
               Die Gemeinde zu Kargfeld an Herrn Carl Grandison.
                                                                  den 26 August,
        Hochwohledelgebohrner, Gestrenger Herr,
Eu. Hochwohledelgebohrne und gestrenge Herrlichkeiten wird wohl aus den
öffentlichen Avisen nicht unbekannt sein, welcher Unglücksfall unsern armen Ort,
das Hochadliche Gerichtsdorf Kargfeld am 27 Julius jetztlaufenden Jahres
zwischen 11 und 12 Uhr Vormittage betroffen hat. Es hatte nämlich unser
gestrenger Herr, der Hochwohlgebohrn. Herr Ehrhard Rudolph v.N. Erd-Lehn und
Gerichtsherr auf Kargfeld Dürrenstein et cact. den 19 obbemeldeten Monats eine
ehrbare Gemeinde fordern, und da männiglich im hochadlichem Schlosshofe erschien,
durch den Herrn Hofmeister, Ehrn M. Lampert Wilibald anzeigen lassen: dass eine
gewisse hochadliche Matrone aus der Familie unsres Erbherrn in Engelland Todes
verfahren wäre, und dieserwegen christl. Gebrauch nach, das gewöhnliche
Trauergeläute 14 Tage lang, jeden Tag zwo Stunden, sollte angeordnet werden.
Sämmtliche Gemeinde versprach, nach dem Befehle des gestrengen Junkers sich
gebührend zu achten. Der Herr Schulze forderte alle Tage 2 Fröhner zum Geläute.
Am 27 Julius, da Adam Riese und Georg Velten zur Fröhne litten, börstete die
grosse Glocke. Die Leute machten allerlei Auslegungen darüber, einige wollten
sagen, die beiden Nachbarn, welche damals läuten mussten, hätten die Glocke
gestohlen und eine von Topf davor in den Glockenstuhl gehänget. Nachdem sie aber
von den Geschwornen ist besichtiget worden, hat es sich gefunden, dass die rechte
Glocke zwar noch an Ort und Stelle ist; aber einen grässlichen Riss bekommen hat.
Da nun durch dieses Unglück unsere liebe Kirche ihren Schmuck und der
Kirchturm, seine Bassstimme verloren hat; unsere Gemeinde aber, seit der
Schwedenzeit, wegen vieler Unglücksfälle, die aus dem Kirchenbuch, sub littera A
ausgezeichnet, zu ersehen sind, auf das äusserste herunter gekommen ist, dass es
nicht in ihren Kräften stehet, wiederum eine tüchtige Glocke giessen zu lassen;
das liebe teutsche Vaterland auch durch den schädlichen und landverderblichen
Krieg dergestalt mitgenommen ist, dass wir uns keine sonderliche Beisteuer daraus
versprechen können: so ergehet unsere demütige Bitte an Eu.
Hochwohledelgebohrne und gestrenge Herrlichkeit, Sie wollen durch Ihr
vielgeltendes Vorwort, bei der hohen Obrigkeit Ihres Landes es dahin bringen,
dass in ganz Engelland eine Collecte für unsere arme Kirche eingesammlet, und uns
solche getreulich übersendet werde. Solche hohe Gnade werden wir icht nur mit
geziemenden Danke erkennen; sondern auch dem Glockengiesser anbefehlen, Eu.
Hochwohledelgebohrnen hohen Namen, oben über unser Gerichtsherrn und des Herrn
Pfarrers Namen dankbarlich an die neue Glocke zu setzen. Verharrende
             Eu. Hochwohledelgebohrnen und gestrengen Herrlichkeit
    Kargfeld,
        1759
                                                                    untertänige
                                                                    Hanns Sachs,
                                                                     Schulteiss.
Lorenz Lobesan,
    Ludimagister und
Gemeindeschreiber,
    concepit.
                                                                Tomas Hebebaum,
                                                             Gemeinde Vorsteher.
                                                            Sebastian Kleinmann,
                                                                     Kirchvater.
                                       A.
    Auszug des Kirchenbuches zu Kargfeld, was für Unglücksfälle besagten Ort
seit der Schwedenzeit betroffen, und wodurch die Gemeinde daselbst gar sehr
mitgenommen worden ist.
Anno 1634 den 9 Junius marschirte die schwedische Armee unter dem General Baner
    durch das Dorf, die Bagage ging hinten weg. Die Reuter hausseten sehr übel.
    Sie zogen ihre Pferde in die Stuben, und haben Mattesen ein ganz Gebräude
    Bier ausgesoffen. Im Schloss lag der Stab.
1637 den 3 August kam der General Pallasch, (dieser Name ist sehr undeutlich
    geschrieben, der Herr Pfarr sagt, er hiesse Gallas,) mit einem Corpo
    Kaiserlichen bei hiesigem Dorfe an, und lagerten sich auf dem Gänserasen.
    Die Nachbarn mussten ihnen Essen und Trinken hinaus tragen. Des Nachts hieben
    sie die Satzweiden um und machten viele Wachtfeuer davon. Der Herr Pfarr
    behielt nicht einen Korb voll Rüben auf seinen ganzen Acker. Des Morgens
    fuhr die Herrschaft hinaus ins Lager, welches vielen Leuten nicht gefallen
    wollte.
1642 des Abends vor Petri Stuhlfeier kam ein Trupp Reuter in das Dorf und
    quartierte sich ein. Der Herr Pfarrer musste den Hauptmann einnehmen, der
    schalt ihn einen Pfaffen und seine Frau noch ärger. Des Morgens wollten sie
    Schulzens Ilsen mitnehmen, und hatten sie schon auf ein Pferd gesetzt; sie
    wurde aber wieder losgebeten.
1653 wurde das neue Schloss zu bauen angefangen. Da ging es an ein Fröhnen, alle
    neun Tage kam die Reihe herum.
1657 den 11ten December in der Nacht, kam bei der tollen Aenne Feuer aus,
    welches 9 Häuser mit Scheunen und Ställen verzehrte.
1671 starben viele Leute, das trug mir und dem Herrn Pfarrer etwas ehrliches
    ein.
1677 wurde Marta, Saufsteffens Wittib, wegen des Verdachts, dass sie eine Hexe
    wäre, eingezogen. FH hatte immer wegen ihrer roten Augen kein gutes
    Vertrauen zu ihr. Ob ich gleich von ihren Kindeskindern kein Schulgeld nahm;
    so hat sie mir doch, weil ich das eine Mädchen geschlagen, durch ihr
    giftiges Anhauchen, bei nüchternem Morgen, einen dicken Backen gemacht. Des
    Herrn Pfarrers Gänse hat sie alle in einer Nacht gesterbet, und ihnen die
    Köpfe abgebissen, als wenn es das Ratz getan hätte. Sie konnte sich in eine
    schwarze Katze mit feurigen Augen verwandeln, und hat mir einmal selbst in
    dieser Gestalt, da ich aus der Schenke nach Hause ging, begegnet. Der Böse
    ist in Menschengestal bei ihr ein und ausgegangen; hat seinen Kuhfuss aber
    doch nicht recht verstecken können, ob er gleich oftmals Stiefeln angehabt.
1678 wurde diese Unholdin vor dem Dorfe auf dem Anger verbrannt. Sie ist auf die
    20 und mehrmal auf dem Blocksberge gewesen, und Steffgen ist alle Jahr 2 mal
    bei ihr eingefahren, ob er gleich niemals, ausser das letzte mal, ist gesehen
    worden.
    Fürm Drachen uns bewahre Gott
    Und trage uns aus aller Not.
1680 zu Ende des Jahres und zu Anfang des folgenden, stund ein grosser Comet über
    unserm Dorfe, und kehrte den Schwanz gerade nach dem Edelhofe zu. Etliche
    meinten, der alte Herr würde es wohl nicht lange mehr machen.
1683 rückte der Türke vor Wien, vom 29 August dieses Jahres bis zum 14 des
    Christmonats, da die erste Nachricht in unser Dorf kam, dass die Türken von
    Wien weggeschlagen wären, musste ein Mann aus der Gemeinde Tag und Nacht auf
    dem Turme wachen, um ein Zeichen zu geben, wenn er Türken sähe, damit sich
    Jedermann retten könnte.
1687 im Julius wurden durch ein schweres Ungewitter alle Feldfrüchte in unsrer
    Fluhr verhagelt.
1692 kurz vor der Erndte fiel ein Volk Heuschrecken auf unsere Krautländer,
    deswegen musste die ganze Gemeinde durch schreien, schiessen, trommeln und
    allerhand Geräusche sie zu vertreiben suchen; es wollte aber nichts helfen,
    bis ich selber meine Stimme erhob, und auch so glücklich war, dass ich sie in
    einer halben Stunde alle aus unsrer Flur wegschrie. Davor bekomme ich
    jährlich auf Jacobstag 2 Kannen Bier.
1699 in der Nacht vom 13 auf den 14 Hornung brachen die Diebe im Schloss ein;
    der Nachtwächter und des gnädigen Herrns Bollenbeisser verjagten sie aber,
    dass sie nichts wegbringen konnten.
1709 war so ein grimmig kalter Winter, dass die Orgel mit heissen Steinen musste
    erwärmet werden, damit der Wind in solcher unter der Music nicht einfrieren
    und der Generalbass gehemmet werden möchte.
1713 fiel N.N. der Gemeindevorsteher mit einer Weibsperson von der Bank, und kam
    deswegen vom Dienste.
1719 wurde Herr Lorenz Lobesan Schuldiener und Küster in Kargfeld.
1722 im August wollte der kleine Samuel von einem Kornfuder herunter springen,
    und brach ein Bein.
1728 in diesem Jahre hat das Vieh nicht gedeihen wollen. Es kam ein gewaltiges
    Sterben unter die Bienen, meine zwei Stöcke giengen auch darauf. Bernd dem
    Scheerenschleifer ist im Frühjahr ein Schwein ersoffen. Hin und wieder ist
    auch durch die grossen Wasser vieler Schade geschehen.
1735 den 19 October hätte sich der Herr Schulmeister auf einer Kindtaufe, da er
    einen Braten trenschiren wollte, beinahe den Daumen weggeschnitten.
1744 ging wieder ein Comet knapp über unsern Dorfe weg, wer oben auf der Spitze
    des Kirchturms gewesen wäre, hätte ihn leichtlich mit der Hand erlangen
    können.
1759 den 20 April marschirten etliche Regimenter Kaiserliche Türken durch das
    Dorf, welches Jedermann in grosse Furcht und Schrecken setzte. Mir haben sie
    2 Gänse und dem Schulzen ein Schwein mitgenommen. Das waren, barbarische
    Leute.
                                    il fin.
 
                                  XXVI. Brief.
                        Fräulein Amalia an ihren Bruder.
                                                         Schöntal, den 9. Sept.
Fräulein Julgen ist eben von mir weg, ich schicke mich dahero an, meinem
geliebtesten Bruder von den hiesigen Begebenheiten, meinem Versprechen gemäss,
getreue Nachricht zu erteilen. Ich weiss nicht, ob ich meine Erzählung von dem
Fräulein von W. oder von unserm Oncle anfangen soll, beide geben mir sehr viel
Materie an die Hand. Nur ein paar Worte von Fräulein Julgen. Die gottlose
Stiefmutter will sie durchaus in einen Stift tun, sie kann sie nicht vor Augen
sehen. Die böse Frau ist ein rechtes Marterholz für das gute Kind. Diesen Morgen
kommt sie in ihr Zimmer: Ich werde Ihnen Glück wünschen müssen, liebes Julgen,
der Herr von N. unser guter Freund und Nachbar wird mit ehestem um sie anhalten.
Gestehen Sie es nur, Sie sind Ihm nicht gram, ich merkte es wohl, beim
Feuerwerke, wie Sie doch so schlau lächeln konnten, wenn er scherzte. Nicht
wahr, Sie sind Ihm ein Bisgen gut? Die unverschämte Frau! das liebe Kind mit
einem Liebhaber, der Ihr Grossvater sein könnte, zu peinigen, Sie kann es nicht
verantworten. Sie spricht, Julgen hätte die Wahl, entweder in den Stift zu
gehen, oder den Herrn v.N. zu heiraten. Sie scherzet in der Tat, der Scherz
ist aber so unrecht angebracht, dass das Fräulein sich zu Tode darüber ärgern
möchte. Ich weiss dass du meiner Freundinn dein ganzes Mitleiden schenken wirst.
Ich will diesen traurigen Affect nicht weiter regen; unser Oncle liefert
scherzhaftere Auftritte, durch die Niemand sonderlich beleidiget wird;
inzwischen wünschte ich doch, dass wir nicht auf Kosten des Bruders unsrer Mutter
lachen dürften. Nun ist die Sache nicht mehr zu ändern, wir würden uns vergebens
bemühen, ihm eine Grille, die er sich so feste in den Kopf gesetzt hat,
auszureden. Manchmal kommt es mir vor, als wenn er wirklich Vorteil daraus
gezogen hätte. Er flucht in der Tat nicht mehr so grimmig, wenigstens nicht mit
so anstössigen Worten als ehedem.
    Neulich hat er in seinem Hause wiederum eine Aenderung vorgenommen; der
Coffee ist daraus verbannet worden. Frühe Tee, Nachmittags Tee, auf den Abend
Tee; es mag kommen wer da will, der muss Tee trinken. Warum? Sir Carl Grandison
trinkt vor und Nachmittage Tee, und in Engelland ist es Mode, die Gäste mit
Tee zu bedienen. Unser Oncle trinkt alle Tage eine ziemliche Portion davon.
Nun, denke ich, hat er sich eher für der Wassersucht, als für der Schwindsucht
zu fürchten. Vor einigen Wochen, da er eben anfieng zu grandisoniren, erzählte
er mir, dass er vorgestern den Anfang gemacht hätte, seine Leidenschaften zu
überwältigen, dieses gab uns zu einer Unterredung von einem seltsamen Innhalte
Anlass, der noch einen seltsamern Erfolg hatte. Ich schrieb sie auf, sobald ich
nach Hause kam, um dir solche mitzuteilen. Hier ist sie.
    Der Oncle. Das sollen Sie sehen, Fräulein Base, dass ich alle meine
Leidenschaften, noch vor Ausgang der Woche, völlig in meiner Gewalt haben will.
    Amalia. Das ist ein sehr edler Entschluss, Herr Vetter, der Ihnen wirklich
Ehre macht; gesetzt, dass Sie auch mit dieser Unternehmung nicht so schleunig zu
Werke gehen könnten, als Sie wohl denken.
    Der Oncle. Nein nein, wenn ich mir etwas vornehme, so muss es durchgesetzt
werden, es koste auch was es wolle. Das wäre der Teuf - -, das wäre doch viel,
sage ich, wenn ein Mann der in Italien mehr als 100 Köpfe commandiret hat,
seinen eigenen Schädel nicht könnte zurechte bringen!
    Amalia. Erlauben Sie, Herr Vetter, ich halte es viel leichter, andrer Leute
Köpfe zu commandiren, als seinen eigenen.
    Der Oncle. Was der Donnerstag und das Wetterglas wäre es denn auch für eine
Kunst, wenn es keine Schwürigkeiten hätte. Ich weiss wohl, dass sich meine
Leidenschaften, die Canallien, wider mich empören werden; aber der Himmel sei
ihnen gnädig, wo sie sich regen. Ich habe wohl eher einen Eisenfresser von einem
Kerl, der nur so aussah, als wenn er mit meinem Commando nicht zufrieden wäre,
krumm schliessen, und unter die Pritsche werfen lassen, sollte ich denn nicht
meine närrischen Affecten eben sowohl bezwingen und unter die Bank stecken
können?
    Amalia. Ich habe das beste Zutrauen zu Ihnen; und wenn ich mir gleich nicht
vorstellen kann, dass Sie so geschwinde von sich Meister werden: so hoffe ich
doch, dass Sie es, in kurzer Zeit, mit Bezwingung Ihrer Leidenschaften, sehr weit
bringen werden.
    Der Oncle. Nicht doch, nicht doch! Was ich einmal gesagt habe, dabei bleibt
es. Die Hunde, die bösen Leidenschaften, müssen vor Sonnabend Abend alle dort in
meiner Schwester Strickbeutel stecken. (ich lachte.) - Sie lachen? - Wollen Sie
mir nicht glauben? Wohlan, Sie sollen Wunder und Zeichen sehen. Sie denken, es
wäre etwas, das ich mir gar nicht abgewöhnen könnte - - Der Brandewein - Nicht
wahr? Sie haben Recht, es wird eine grosse Ueberwindung kosten. Das, und noch ein
paar eingewurzelte Hausflüche sind noch Ueberbleibsel von dem Soldatenleben.
Aber bei meiner Ehre, diesen habe ich bereits den Laufzettel gegeben, und mit
jenem werde ich kurz Federlesen machen.
    Ich war in der Tat sehr froh, dass er diesen Vorsatz hatte. Wenn es doch
sein könnte, dachte ich. Ich muss ihn bei diesen guten Gedanken zu erhalten
suchen, ich reizte seine Ehrbegierde.
    Amalia. Alles will ich Ihnen gern glauben; aber dass Sie diesen
heldenmütigen Entschluss glücklich ausführen sollten, das traue ich Ihnen nicht
zu. Indessen ist Ihr Vorsatz, eine Gewohnheit zu unterlassen, die Ihrer Ehre oft
Eintrag getan hat, so vortrefflich, dass er, wenn er auch gleich nicht zur
Wirklichkeit käme, Ihre Ehre doch in meinen Augen wieder herzustellen scheinet.
Ich kann nicht leugnen, Leute die dem Trunke ergeben sind, und besonders ein
Getränke lieben, darin sich nur der Pöbel übernimmt, sind mir verächtlich, sie
mögen sein wer sie wollen. Sehen Sie, ich rede offenherzig, Herr Vetter; ich
rede so mit Ihnen, wie ich mit dem Sir Grandison reden würde, wenn ich ihn
jemals trunken gesehen hätte.
    Mein Oncle stieg stillschweigend auf, und ging aus den Zimmer, ich dachte
er wäre böse. Kurz darauf kam er wieder mit der gewöhnlichen Flasche im linken
Arme, und einem Römer in der Hand. Er setzte Beides auf den Tisch.
    Der Oncle. Nun sollen Sie sehen, dass ich im Stande bin, dasjenige
auszuführen, was ich mir einmal vornehme. Hier an diesen Werkzeugen des Teufels,
(er wies auf die Flasche und das Glas) will ich eine schreckliche Execution
ausüben.
    Er eilte damit zum Fenster, ich hielt ihn zurück. Lassen Sie Ihre Rache
nicht auf die Unschuldigen fallen. Was hat die arme Flasche getan, dass Sie so
barbarisch mit ihr umgehen wollen? Wenn Sie eine Rache üben wollen, so tun Sie
es an ihrem Feinde, denn Getränke, das die Flasche aufbehält, dieses verdienet
ihren Unwillen.
    Ich nahm die Flasche, und wollte den Brandewein zum Fenster hinaus schütten.
    Der Oncle. Leichtfertige Base, was wollen Sie machen, Sie werden doch nicht
Gottes Gabe auf die Gasse schütten?
    Amalia. Ja, das will ich. Es wird in Absicht auf den Misbrauch, der damit
vergehen könnte, ein gutes Werk sein, wenn ich es wegschütte.
    Der Oncle. Nein, ich werde nicht zulassen, dass Sie meinetwegen sündigen. Ich
will das Bisgen Couragewasser, das noch in der Flasche ist, austrinken, dieses
wird meinen Mut stärken, dass ich in dem Vorsatze beharren kann, dieses
schädliche Getränke auf ewig zu verschwören.
    Amalia. Mein gutes Zutrauen gegen Sie wird sich wieder verliehren, wenn Sie
dieses tun. Haben Sie ohne Ihren Leibtrank nicht Mut genug ihre bösen
Leidenschaften zu beherrschen; so werden Sie bei demselbigen noch viel weniger
im Stande sein Ihr Vorhaben ins Werk zu richten.
    Der Oncle. Ha, ha! Bäsgen, über ihre Rockenphilosophie lache ich. Meine Ehre
setze ich zum Pfande, dass ich meinem Leibtranke heute gute Nacht gebe.
    Er schenkte sich in der Geschwindigkeit ein Glas nach dem andern ein, trank
auf ein ewiges Lebewohl, auf Nimmerwiedersehen, auf das glückliche Halsbrechen
seiner Flasche, und s.w. Da sie leer war, schien er tiefsinnig zu werden, er
ging dreimal die Stube auf und ab, mehr als einmal öffnete sich sein Mund zum
Reden, er war aber nicht im Stande ein Wort hervorzubringen. Endlich fieng er
plötzlich an: Nichts! Keine Einwürfe! Entferne dich auf ewig du Ungeheuer von
einer Leidenschaft. (Er ergriff die Flasche.) Lebe wohl du redliche Gefehrtin
meiner Tage. Du mein Labsal hast mich oft ergötzet. Dein Nektar erwärmte mich,
da ich über den kalten Alpen stieg, und erquickte mich, wenn mich die
Sonnenhitze in Italien entkräftet hatte. Ich beweine dein Schicksal, meine beste
Freundinn: aber es ist besser, dass ich dir den Hals breche, als dass du mir eine
betrübte Erinnerung, oder wohl gar wiederum ein quälendes Verlangen nach den
Wohltaten erregest, die ich ehedem aus dir genossen habe. O Grandison,
Grandison! Wüsstest du meinen heroischen Entschluss, du würdest ihn billigen. Er
riss das Fenster auf, und warf die getreue unschuldige Flasche mit dem Römer
wider eine unbarmherzige Mauer, dass beide in tausend Stücke sprangen. Ich liess
ihn gehen. Bis hieher ist er seinem Vorsatze getreulich nachgekommen, und hat
nicht das geringste Verlangen nach seiner Panacee, wie er es nennte, merken
lassen. Dahero trinkt er eine abscheulige Menge Tee und ein gut Glas Wein.
Seine Gesundheit hat nichts gelitten. Manchmal komme ich auf die Gedanken, dass
wir unserm Vetter ein rechtes Freundschaftsstückgen, durch deine Erfindungen
erwiesen haben; manchmal bin ich aber auch auf uns alle böse. Du hattest einmal
in einem Briefe den Tod der Frau Shirlei berichtet, unser Vetter legte deswegen
tiefe Trauer an, wir trauerten nicht, und fuhren nach Kargfeld, um einen Besuch
bei ihm abzulegen. Solltest du wohl glauben, dass er uns den Torweg vor der Nase
zumachen liess? Wir mussten umwenden. Meine Schwester und ich verschworen es,
seine Türschwelle jemals wieder zu betreten. Mein Schwager hat seinen Spass
darüber. Er zog sich den andern Tag schwarz an, als wenn seine Mutter gestorben
wäre, wir mussten unsres Protestirens ungeachtet mit ihm fahren. Verwünscht! Ich
musste eine schwarze Florkappe überhengen; meine Schwester auch. Nic habe ich
mich so sehr geschämet als damals. Das ist wohl die erste alte Frau aus einem
Roman die wirklich ist betrauret worden. Unser Oncle liess gar läuten; und wenn
der Pfarrer wäre zu bewegen gewesen, so hätte die gute Frau eine
Gedächtnisspredigt, und eine Parentation bekommen. Ueber diesen Possen ist die
Glocke in Kargfeld gesprungen, unser Oncle soll eine neue giessen lassen oder die
Bauern wollen ihn verklagen Es geht die Rede, der Magister hätte der Gemeinde
in Kargfeld unter dem Fuss gegeben, sie sollten eine Bittschrift an den Sir
Grandison aufsetzen, und um eine Collecte für die Kirche bei ihm anhalten;
vielleicht ist es etwan schon geschehen. Der Pastor Wendelin hat am Sonntage vor
8 Tagen, unsern Vetter dergestalt abgekanzelt, weil es eben der Text so mit sich
brachte, dass alle Bauern nach dem adlichen Stuhle gesehn haben. Von unsern
Familien Umständen weiss ich nichts zu sagen, als dass meine Schwester immer
bishero gekränkelt hat. Es kann sein, dass unser Oncle in einem halben Jahre
zweimal Gevatter wird. Nun habe ich mich von Neuigkeiten so ausgeleeret, dass ich
nichts mehr zu sagen weiss, als eine alte Wahrheit: dass nie ihren Bruder zu
lieben aufhören wird, dessen
                                                   aufrichtig ergebene Schwester
                                                                     Amalia v.S.
 
                                 XXVII. Brief.
        (Die zwei folgenden Briefe waren in den vorigen eingeschlossen.)
                                                       Schöntal den 6 Septembr.
        Lieber Bruder,
Der Magister Sancho ist ganz unruhig. Seine Clementine will noch nicht so recht
tiefsinnig werden; und er hat sich doch vorgenommen, ihr nicht eher mit seiner
Gegenliebe zu Hülfe zu kommen, als bis sie halb rasend ist.
    Wenn er sie in den Pommeranzenwäldgen antrifft, so geht sie, um ihre Glut zu
verbergen, in den Griechischen Tempel; oder deutlicher zu reden: sie springt
durch die Johannisbeerbüsche in das Gartenhaus. Er verfolgt sie, und sie will
wieder ausreissen. Darauf schreiet er: bin ich denn ein getalischer Löwe, oder
ein grausamer Tieger, dass Sie so vor mir laufen? Sie seufzet, sie sieht ihn
schmachtend an, und spielt ihre Person vollkommen wohl. Dieses verstellte Wesen
macht den grössten Eindruck in ihn. Er kam gestern mit einer tiefsinnigen Mine zu
mir, da ich eben in Kargfeld einen Besuch abstattete, und wir hatten folgende
Unterredung.
    Der Magister. Ach, gnädiges Fräulein! ich muss Ihnen meine ganze Schwäche
entdecken - Hannchen dauert mich, - das gute Kind empfindet die Liebe; sie weiss
aber nicht was ihr fehlt. Sie will wie Clementine blass werden, und sich
auszehren.
    Amalia. Sie sind doch ein grausamer Mensch, dass Sie mit dem guten Kinde so
verfahren. Gehn Sie, und entdecken Sie ihr dasjenige, was Sie empfinden, ehe das
arme Mädchen stirbt.
    Der Magister. Nein, das kann ich noch nicht. Soll der Roman nach
Italienischen Gusto ausgeführet werden; so ist in einem halben Jahre, noch an
keine ausdrückliche Liebeserklärung zu denken.
    Amalia. Ich dächte aber, da weder die Religion noch der General im Wege ist;
so könnte die Sache etwas abgekürzt werden.
    Der Magister. Nein, das geht profecto nicht an. Wenn Sie aber Frau Beaumont
sein, und meine Clementine ausforschen wollen; so tun Sie nur eine Gnade.
    Amalia. Ich bin schon etliche mal die forschende Frau Beaumont gewesen;
Hannchen aber hat nicht die aufrichtige Clementine sein, und mir das Geheimnis
ihres Herzens anvertrauen wollen. So viel aber merke ich: sie ist verliebt.
    Der Magister. Gehn Sie nur recht auf den Grund. Sie müssen ihr Herz bis auf
die ersten Bestandteile analisiren, die sich nicht weiter zergliedern lassen.
Sie müssen meinen Namen nennen, und sehen, ob sie rot wird; Sie müssen meine
Gelehrsamkeit, mein Ansehen in der gelehrten Welt, und die Hoffnung zu grossen
Ehrenstellen rühmen, und auf alle Blicke dieses schlauen Kindes Achtung geben.
Sie wird sich verraten, ich gebe ihn mein Wort, sie wird sich verraten.
    Amalia. Wissen Sie was, Herr Magister! da Sie die Maximen eines Spions so
gut im Kopfe haben; so forschen Sie ihre Clementine selber aus. So viel melde
ich Ihnen: dass Sie Hannchen wahrscheinlicher Weise nicht liebt, sondern einen
andern.
    Der Magister. Wie, sie liebt mich nicht? Beim Jupiter! das tut sie. Ich
würde sonst auf Rache bedacht sein, und meinen Nebenbuhler den Halsbrechen.
    Amalia. Heist das dem Grandison nachgeahmt? O wie fein haben Sie Sich
gebessert!
    Der Magister. Nicht doch! das war meine Meinung auch nicht. Ich will aber
auf jeden Liebhaber meiner Clementine eine Satire machen, und die Kerls so
ärgern, dass sie für Ärgernis sterben sollen.
    Amalia. Machen Sie was Sie wollen. Ich bin eben im Begriffe, einen Besuch
bei Hannchen abzustatten. Vielleicht kann ich etwas für sie tun.
    Der Magister. Höchst vortrefliche Fräulein, tun Sie es, ich küsse Ihnen den
Rock.
    Du siehst geliebter Bruder, wo es dem alten Magister fehlt. Er schickt sich
gut zum ganzen Lustspiele. Ich will nur gerne sehn, wie er sich anstellt, wenn
die Sache mit Hannchen offenbar wird. Lebe wohl
                                                                   Amalia von S.
 
                                 XXVIII. Brief.
                    Jungfer Hannchen an Fräulein Amalia v.S.
                                                           Kargfeld den 3. Sept.
        Gnädiges Fräulein,
Der Magister wird mir zuletzt unerträglich. Ich würde ihn gestern etwas
empfindlicher abgeführt haben, woferne mich der Ort und sein Alter nicht davon
abgehalten hätten. Verliebte Tändeleien verdienen bei jungen und feurigen
Gemütern einige Nachsicht; wenn aber ein Magister von 45 Jahren dergleichen
Possen treibt, denn muss man ihn für einen - - halten. Setzen Sie, mein liebes
Fräulein, ein bequemes Wort an die leere Stelle. Nach diesem Eingange muss ich
Ihnen eine Unterredung bekannt machen, die ich auf dem Saale mit ihm hielt. Ich
ging, wie Sie wissen, aus der Gesellschaft, um unserer Magd etwas zu befehlen.
Kaum war ich vor der Tür; so sprang der alte Lampert hinter mich her,
    Magister. Warum verlassen Sie die Gesellschaft, mein schönes Hannchen, man
spührt es gleich, wenn eine angenehme Person fehlt.
    Ich. Sie täten also besser, wenn Sie dabei blieben: Denn Sie werden den
Mangel zehen angenehmer Personen reichlich ersetzen.
    Magister. Ich will mich eben nicht für unleidlich halten; aber das, was Sie
sagen, scheint mir eine Hyperbole zu sein.
    Ich. Was soll das sein, Hyperbole?
    Magister. Das ist eben so viel, als ein grosses Lob, welches wir dem andern
aus heftiger Liebe geben: ja es könnte auch eine artige Schmeichelei heissen.
    Ich. Eine artige Schmeichelei? das geht noch eher an. Allein ich schmeichele
keinem Menschen, und wenn es auch ein Fürst wär.
    Magister. Loses Kind, wissen Sie nicht, dass Frauenzimmer ihre Liebhaber
schmeicheln? Z.E. der Chapeau sagt: meine Göttin; so spricht sie - - nein, das
wäre Abgötterei: aber eine andere Caresse: er sagt: mein Lamm, und sie - - nein,
das wäre mehr eine Beleidigung: Aber Engel können sie einander vice versa
heissen; denn das Wort Engel ist in Deutschen generis communis. Wie Sie auch
sonsten von mir in der Schule gehört haben, da ich Ihnen den Milton erklärte.
    Ich. Haben Sie mir denn den Milton erklärt? Das ist ja der englische Dichter
welchen Sir Carl der Clementine, aber der Herr Magister nicht mir vorgelesen
hat.
    Magister. Könnte ich nicht Sir Carl, könnte Sie nicht Clementine sein? von
mir will ich jetzo nicht reden; aber Sie übretreffen in meinen Augen eine
Göttin: Sie sind also weit vortreflicher als jene junge Italienische Gräfin.
    Ich. Woher wissen Sie denn, dass ich schöne bin?
    Magister. Das sagen mir meine Augen und meine Empfindung.
    Ich. Da sich Ihre Empfindung ohnfehlbar nach den Augen richtet; so wird Ihre
Empfindung eben so oft betrogen werden als Ihre Augen: denn ich weiss, dass Sie
schon seit etlichen Jahren durch die Brille lesen.
    Magister. Es ist wahr, das beständige Nachtstudieren und die häufigen
Lucubrationes haben mir das Gesichte ein wenig verderbt, dass ich die kleinen
Buchstaben, und zumal im Hebräischen die Punkte, nicht recht mehr erkennen kann.
Aber ein Mädchen von achtzehn Jahren ist ja eben so kleine nicht, dass ich
erstlich mein Auge bewaffnen müsste, wenn ich sie ansehen wollte.
    Ich. Ich habe nichts wider Ihr scharfes Auge in Ansehung achtzehnjähriger
Fractur einzuwenden: es kömmt mir aber sehr wunderbar vor, dass der Herr Magister
auf mich Achtung gibt. Sie waren mir ja sonst in der Schule nicht gewogen.
    Magister. Concedo, mein schönes Hannchen; aber dazumal waren Sie ein loses
Mädchen: und ausserdem musste ich auf Respect halten. Nunmehro aber haben sich die
Zeiten geändert. Sie und ich sind mannbar. Es kömmt darauf an, dass Sie mich
lieben und mir Ihr Herz schenken.
    Ich. Bringen Sie das letztere als eine Frage oder als eine Bitte vor?
    Magister. Als eine Frage und als eine Bitte zugleich.
    Ich. So werde ich auch auf beides mit Nein antworten.
    Magister. Wie, Sie lieben mich nicht? Ich sollte mich betrogen haben? Nein,
Sie müssen scherzen. Ich merke schon, Sie wollen lieben und schweigen - - Sie
wollen mich raten lassen. Sie wollen erstlich meine Beständigkeit prüfen. Sie -
- - -
    Ich. Was haben Sie für Einbildungen! (ich musste wirklich lachen.)
    Magister. Lachen Sie nicht, meine Clementine. Geben Sie mir vielmehr die
gütige Erlaubnis, Dero Herrn Vater, den Herrn Marggrafen, aufzuwarten, mich zu
seinen Füssen zu werfen, und die bewunderswürdige junge Gräfin von seiner Hand
anzunehmen. Ich verlange keinen Pfennig von Ihren grossen Vermögen; ich will
vielmehr sorgen, dass - - doch dieses wird sich schon schicken. Was meinen Sie
wohl, dass der Herr Marggraf sagen würde?
    Ich. Er wird vielleicht eben so lachen als wie ich. Wenn er aber hört, dass
Sie den Herrn Grandison und ich Clementinen vorstellen soll; denn würde er gar
böse werden.
    Magister. Sorgen Sie nicht. Ich bin schlau, ich bin ein alter Hofmann, ich
will ihn schon fassen, oder ich müsste kein 20jähriger Magister sein, und mich
unter Edelleute so lange durchgefressen haben.
    Ich. Ich traue Ihrer Geschicklichkeit sehr viel zu: ich zweifele aber, ob
Sie meinen Vater und mich in diesem Punkte bewegen werden.
    Magister. Da sehe ich Ihren Herrn Vater über den Hof kommen. Ich will ihm
entgegen gehen. Sehen Sie nur, ob er nicht wie ein Erzbischoff einhergehet. O
der teure Marggraf!
Hier lief er fort, und ich befahl indessen unserer Magd, mir einen Boten zu
bestellen. Ich habe das bewusste Schreiben beantwortet; aber mit zitternder Hand.
Wenn ich die gnädige Erlaubnis von Ihnen bekomme, so werde ich Ihnen morgen in
Kargfeld aufwarten, etc. Ich bin mit aller Hochachtung
                                Ew. Hochwohlgeb.
                                                           untertänige Dienerin
                                                               Johanna Wendelin.
 
                                  XXIX. Brief.
                        Fräulein Amalia an ihren Bruder.
                                        Schöntal, den 16 Sept. Abends um 9 Uhr.
Was wirst du denken, mein Bruder, wenn ich dir sage, dass unser Oncle wirkliche
Anstalt macht, sich zu verheiraten. An und vor sich, kannst du eben so wenig
als wir die Sache misbilligen; die Wahl die er getroffen hat, ist auf seiner
Seite vortrefflich; aber wenn die Heirat zu Stande käme, so wäre eine Person
unglücklich, eine Person, die uns allen nicht gleichgültig ist.
    Du kennest sie, sie ist meine beste und angenehmste Freundinn. Wozu dienen
meine Umsch weife, unser Oncle hat die Liebste, die er sich auserlesen hat, in
einem seiner Briefe an dich genennet; ich habe diesen Brief gesehen. Stelle
Fräulein Julianen von W. einmal in Gedanken neben unsern alten Oncle. Ein wohl
übereinstimmendes Paar! Ein Mann, näher bei sechzig als funfzig Jahren, der kein
grosses Vermögen hat, dass die Wehetage der Frau, durch künftige gute Aussichten
versüssen könnte; der noch darzu vor kurzem ein halber Entusiast worden ist, und
durch seine Schwärmerei vielleicht noch um sein übriges Vermögen kommt; und ein
Mädchen, ein allerliebstes Mädchen von 21 Jahren, das so sittsam, so tugendhaft,
so wohl gebildet ist, dass sie mit gutem Rechte eine Byron vorstellen könnte. Ich
gedenke mir nichts grausamers, als eine solche Heirat.
    Behüte Gott! Eher hätte ich das Schlachtfeld bei Minden sehen mögen, als dass
ich meine Freundinn in den Armen dieses Mannes erblicken sollte. Du wirst
glauben, ich stellte die Sache auf einer gar zu schlimmen Seite vor. Wenn
Fräulein Julgen an einem alten Manne ihr Vergnügen finden kann, denkst du; wenn
sie eine Zuneigung zu ihm haben kann, warum sollte ich sie denn bedauern. Der
Regen und die Liebe, fallen so wohl auf Palläste als auf Strohdächer. Es zwingt
sie ja Niemand, den Alten zu nehmen. Wenn Ihre Stiefmutter, auf eine
unbedachtsame Art manchmal mit ihr scherzet, und ihr mit dem Stifte oder mit
unsern Oncle drohet, so muss sie das als Scherz aufnehmen, und mit Scherz
erwiedern. Was wollte ich darum geben, wenn dein Urteil wahr wäre. Die gute
Juliane, es kostet mir viele Tränen, wenn ich daran denke. Sie soll, sie muss
unserm Oncle ihre Hand geben. Ihre verdammte Stiefmutter -. Ich würde ihr die
Augen auskratzen, wenn sie da vor mir stünde, so erbittert bin ich. Sie ist eine
von den gemeinen Stiefmüttern, welche sich eine Pflicht und zugleich ein
Vergnügen daraus machen, die Kinder erster Ehe zu peinigen. Kein Wort mehr von
der verhassten Frau! Beigelegte sechs Briefe werden dir die ganze Sache
aufklären.
    Den 13 kam unser Oncle nach Schöntal, und tat uns eine förmliche
Erklärung, wie er es nennte, dass er Willens wäre, dem Beispiele seines Herrn
Gevatters in Engelland zu folgen, und sich zu verheiraten. Meine häuslichen
Umstände sind nun in Ordnung gebracht, das Musiczimmer, die Bildergallerie und
der meiste Teil meiner Meublen sind nach dem Geschmack meines Freundes in
Engelland eingerichtet. An meiner Person selbst, habe ich so eine Reformation
vorgenommen, dass ich mich kaum noch kenne, wenn ich vor dem Spiegel stehe. Es
fehlet mir nichts mehr als eine Henriette. Die Nachrichten aus Italien, können
nun in meinen Entschliessungen keine Aenderung mehr machen, sie mögen ausfallen
wie sie wollen. Mag doch der Graf von Belvedere, mit seiner Clementine ruhig
leben. Grandison hat ihr durch seine Verheiratung, ein Beispiel gegeben, sie
soll mir eins geben, und ich will denenjenigen eins geben, die mir einmal
nachahmen werden.
    Mein Schwager unterstützte das Vorhaben unsers Vetters, das er für einen
Anfall seiner Schwärmerei hielt, die keine sonderliche Folgen haben würde, durch
seinen Beifall. Meine Schwester und ich, sind nur Maschinen meines Schwagers,
jene aus Liebe, ich aus Freundschaft. Er drohet uns nach seinem Gefallen. Wir
mussten uns stellen, als wenn wir eine grosse Freude darüber hätten, dass unser
Oncle, in seinen alten Tagen, noch ein Papa werden wollte. Wer ist denn die
glückliche Byron, Herr Vetter, fragte ich, die nach Ihnen seufzet. Doch nicht
etwan das Fräulein v.W.
    Der Oncle. Ha, ha, ha! Wer anders als Sie. Dass dich der Bli - -, dass dich
der Blech! wie das Bäsgen raten kann! Wenn Sie kein Fräulein wären, so müssten
Sie einen Bürgermeister nehmen.
    Mein Schwager schien über dieses Geständnis, in etwas betreten zu sein, er
vermutete nicht, wie er nachgehends sagte, dass Fräulein Julgen eine Rolle in
dem Lustspiele unsres Grandisons bekommen sollte; wir schätzen sie alle hoch,
und lieben sie; das gute Kind verdient es.
    Mein Schwager. Daran tun Sie recht, Herr Vetter, dass Sie Ihren Herrn
Gevatter folgen, und sich verheiraten wollen. Ich wünsche Ihnen Glück zu diesem
Vorhaben. Aber mich dünkt, wenn Sie das Fräulein v.W. zu Ihrer Byron machen
wollen; so wird Ihnen Sir Carl die Abweichung in seiner Nachahmung nicht leicht
vergeben können.
    Der Oncle. Wie so, Herr Vetter? das sehe ich nicht ein.
    Der Schwager. Sir Carl war überzeugt, dass er die einzige Mannsperson wäre,
die seine Henriette als ihren Gemahl lieben könnte; er hatte ein Recht auf ihre
Liebe; er war der Beschützer und Erretter ihrer Ehre; er hatte die Bewilligung
aller Anverwandten, ihr Mädchen zu lieben; Jedermann wünschte, dass die zwo
vortrefflichen Personen, ein Paar werden möchten. Bei Ihnen, Herr Vetter, nehmen
Sie es nicht ungütig, dass ich nach meiner Ueberzeugung rede, bei Ihnen ist
keiner von diesen Umständen anzutreffen; Sie würden also bei dieser
Verheiratung, wider Ihren Willen, ein Urbild werden, und das würde Sir Carln
verdrüssen, wenn Sie, so zu reden, über ihn weg sein wollten.
    Der Oncle schien über den Einwurf meines Schwagers sehr verlegen zu sein. Er
wollte antworten; er reusperte sich; ruckte auf dem Stuhle hin und her.
    Herr Lampert, Herr Lampert, warum so stille? Er sieht aus, als wenn er
Flachs säen wollte.
    Der Magister stieg von seinem Stuhle auf, er hatte seine Gedanken gesammlet,
und sah so aus, als wenn ihn etwas auf dem Herzen läge. Wir waren aufmerksam
auf ihn. Endlich öffnete sich sein Mund:
    Nachdem ich dasjenige, was Eu. Gnaden (er bückte sich gegen den Baron)
vorzutragen geruhet haben, hin und wieder sonderiret habe; so kann ich nicht in
Abrede sein, besonders, da der bekannte Canon: Minima circumstantia variat rem,
auf Ihrer Seite zu stehen scheinet, dass die Zweifel Eu. Gnaden, dem ersten
Anscheine nach, einige Stärke haben. Allein, wenn wir die Nuss aus der Schaale
nehmen wollen, so werden wir finden, dass alle diese Einwürfe nicht hinreichen,
meinen gnädigen Herrn Principal, einer Abweichung in der Nachahmung Herrn Carl
Grandisons, schuldig zu machen. Denn was den ersten Satz anlanget: Sir Carl war
überzeugt, dass er die einzige Mannsperson wäre, die seine Henriette als ihren
Gemahl lieben könnte; so gilt dieses vollkommen von meinem gnädigen Herrn. Er
zweifelt im geringsten nicht, dass ihn das Fräulein v.W. als ihren Gemahl lieben
und ehren werde. Der zweite Satz: Sir Carl hätte ein Recht auf Fräulein Byrons
Liebe, er war der Beschützer und Erretter ihrer Ehre; dieser gilt unter einer
kleinen Einschränkung, hier gleichfalls vollkommen. Mein Patron hat ein Recht,
auf des Fräuleins v.W. Liebe. Er ist der Beschützer und Erretter ihrer Ehre,
nämlich in so ferne diese von Jemand sollte angetastet werden. Sir Carln hatte
die Bewilligung aller Anverwandten, ihr Mädchen zu lieben, mein Patron hat diese
Bewilligung von den Eltern des Fräuleins v.W. in der Tasche. Jedermann wünschte
dort, dass die 2 vortrefflichen Personen sollten ein Paar werden. Jedermann
wünscht es auch hier, wenigstens in den Familien von beiden Seiten werden alle
hohe und vortreffliche Glieder derselben eine solche vorteilhafte Vermählung
wünschen. Aus diesem folgt, dass mein hoher Principal von aller Abweichung, in
der Nachahmung Sir Carl Grandisons entfernet ist, und solcher auf keinerlei
Weise kann beschuldiget werden, welches zu erweisen war.
    Der Oncle. Der Geist des Doctor Bartletts, ruhet zwiefältig auf meinem
Magister! So wahr ich lebe, er ist ein ganzer Mann. Ich versichere ihn meines
Wohlwollens. (er drückte die Hand des Bösewichts.)
    Es war Niemand von uns im Stande, ein Wort vorzubringen, das Schrecken
machte uns stumm. Der Oncle nahm unsre Stillschweigung für eine Empfindung einer
Freude an. Ich hatte Lust, ihn diesen Irrtum zu benehmen, doch unterliess ich
es. Die Einwilligung des törigten Vaters, eine vollkommene Tochter durch unsern
Oncle unglücklich zu machen, setzte uns in viele heimliche Sorge. Unser Vetter
zog zween Briefe aus der Tasche: dieses ist mein Anwerbungsschreiben, um das
Fräulein v.W., hier ist auch die Antwort darauf. Herr Lampert, lese er doch
beide. Wir wussten nicht, ob wir Scherz oder Ernst aus der Sache machen sollten,
da der Magister las. Mein Schwager bat sich die Erlaubnis aus, die Briefe
nochmals mit Verstande zu lesen, nachdem er unsern Oncle wegen des Innhalts des
zweiten, einen langen Glückwunsch gemacht hatte, und sich das Ansehen gab, als
wenn ihm seine Wünsche recht von Herzen giengen. Diese Schmeichelei wirkte so
viel, dass der Oncle dem Baron beide Briefe aushändigte, er ging damit in in
sein Cabinet und hat sie abgeschrieben. So bald unser Vetter uns verliess,
brachte ich diese Unterredung zu Pappiere Wir ratschlagten über eine so
unerwartete Begebenheit, bis in die tiefe Nacht. Die Einwilligung - die
schriftliche Einwilligung des Vaters von dem Fräulein v.W. wie viel Sorge machte
uns die!
    Mein Schwager hatte den Vorschlag, wir wollten den Grafen von Belvedere
sterben, und unserm Oncle lieber seine Reise nach Italien unternehmen lassen;
als dass wir zugeben sollten, dass er der Gemahl von Fräulein Julianen würde. Ich
zweifelte, dass diese Erfindung einen guten Erfolg haben würde. Unser Grandison
scheint äusserst in seine Byron verliebt zu sein, und gäbe nun wohl zehen
Clementinen hin, um eine Juliane zu erlangen. Wir stehen in äusserster Furcht
wegen des guten Fräuleins. Du wirst aus beiliegenden Briefen sehen, dass sie ihm
morgen feierlich soll zugesaget werden. Was fangen wir an? - - Ich wollte, ich
weiss nicht was, darum geben, wenn der morgende Tag vorüber wäre. Ich war
Willens, dieses Paquet nicht eher an dich abzuschicken, bis ich von dem Ausgange
der Sachen dir eine Nachricht geben könnte; die Post geht aber morgen
Vormittage ab, und mit dem Frühesten müssen meine Briefe in der Stadt sein. Wenn
du mir versprächest, unsertwegen keine Sorge zu tragen; so wollte ich das Paquet
künftigen Posttag fortschicken; du könntest aber denken, meine Schwester, die
wiederum vollkommen gesund ist, wäre gar gestorben, wenn ich meine Briefe einige
Tage länger zurück behielt. Es ist immer besser eine unvollständige Nachricht,
als gar keine. Eine kleine Nebenabsicht treibet mich zugleich mit an, die
Absendung dieses Briefes, nebst den Einschlüssen in demselben, nicht länger
auszusetzen. Es ist besser, dachte ich, dass wir unsern Bruder in eben der
Ungewissheit lassen, in der wir uns selbst befinden; als dass wir ihm den Anfang
und das Ende der Heiratsgeschichte unsres Oncles auf einmal berichten. Er mag
einige Tage lang eben so, wie wir, zwischen Furcht und Hoffnung schweben, damit
er sich bei einem unglücklichen Ausgang der Sache, zu welchem er schon
vorbereitet ist, nicht so sehr betrübe, und bei einem glücklichen Ausschlage
desto mehr erfreue. Wollte der Himmel, es könnte diese Heirat, die gewiss nicht
im Himmel geschlossen ist, hintertrieben werden. Ich beschliesse meinen Brief mit
einer Bitte von meinen Schwager, er verlangt die Briefe, die wegen der
grandisonischen Händel sowohl von dir, als an dich sind geschrieben worden, in
Abschrift zurück, um sie in einem Zusammenhange zum Zeitvertreibe zu lesen. Der
junge Wendelin, der schon ausstudiret hat, und für langer Weile nichts tut, als
dass er im Dorfe herumgehet und Sperlinge schiesst, kommt manchmal herüber nach
Schöntal, und hat sich erboten, diese Briefe insgesammt sauber abzuschreiben.
Für die baldige Zurücksendung derselben wird insonderheit bei ihren geliebtesten
Bruder ihren Dank abstatten
                                                                     Amalia v.S.
 
                                  XXX. Brief.
               Herr von N. an den Herrn von W. in Wilmershausen.
                                                           N. hall, den 12 Sept.
        Lieber Herr Vetter,
Du hast vielleicht schon Lunde gerochen, und meine Liebe gegen deine älteste
Fräulein Tochter gemerkt: ich muss mich nunmehro über diese wichtige Sache
deutlicher erklären, und hierdurch offenbar gestehen, dass ich Fräulein Julgen
schon längstens in mein Herz geschlossen habe. Ich war zwar Willens, niemals an
eine Frau zu denken; dieser Gedanke aber hat nicht länger, als bis auf die
Bekanntschaft mit Sir Carln gedauert. Da ich nun diesem wunderbaren Manne in
allem nachfolgen muss, wenn ich anders so glücklich, als er, werden will: so
gehört nichts, als eine schöne Henriette zu meiner Vollkommenheit. Es ist also
billig, dass ich mich an Dich und an Deine Frau Gemahlin zuerst wende, und Eure
liebe Fräulein Tochter von Eurer Hand erwarte. Da man wider meine Person,
welche, ohne Ruhm zu melden, nicht unangenehm ist, eben so wenig, als wider mein
jährlich Einkommenen, welches nach englischen Gelde reine 500. Pf. einträgt,
nichts einwenden wird: so hoffe ich von euch beiden, keine abschlägliche Antwort
zu erhalten. Ich weiss zwar, dass sich Julgen ein wenig zieren wird, (das muss sie
tun, wenn sie der vortreflichen Henriette ähnlich sein will,) so hebe Du
indessen dem guten Kinde allen Zweifel. Essen und Trinken schmeckt mir noch ganz
wohl, und zuweilen fresse ich mehr als zwei Bären; munter und stark bin ich
auch: wenn Ihr also Fräulein Julgen, in der Vergleichung mit mir, für zu jung
haltet; so betrügt Ihr euch. Ich steh meinen Mann, und bin noch eben so rüstig,
als Sir Carl immer sein kann. Was brauch ich aber so viel für mich anzuführen?
Julgen scheint mir nicht ungeneigt zu sein; und wenn ich alle ihre Reden, zumal
bei dem Feuerwerke, recht genau überlege: so ist das kleine Närrchen wohl gar
schon verliebt in mich. Ich gäb mein bestes Pferd darum, wenns wahr wär. Denn
Henriette Byron liebte Sir Carln lange zuvor, ehe er ihr noch eine Erklärung
tun konnte. Meine Freunde werde ich durch eine solche Heirat auch verbinden:
denn sie haben zeitero alle meine Anstalten gelobt; und je ähnlicher ich dem
Engländern werde, desto mehr gefalle ich ihnen. Die Hochzeit soll als denn bei
Euch sein in Willmermanor - alles nach Grandisons seiner Art - recht prächtig.
Wir fahren miteinander in Kutschen nach der Kirche, wir viere in einer, wie
leichtlich zu erraten. Aber wieder zur Hauptsache! Nehmt nur das liebe Mädgen
vor, und tut ihr einen Antrag: Als denn bestimmt einen Tag zum Verlöbnisse - -
die Zeit der Copulation aber soll meiner Juliane ganz und gar überlassen werden.
Ich wollte zwar gerne, dass mich der Magister traute; es wird aber wohl nicht
angehen, weil er noch kein Pfarrer ist. Ich bin der glücklichste Mann, und zur
glücklichsten Frau soll Julgen gemacht werden von
                                     Deinem
                                                         aufrichtigen Freund und
                                                             gehorsamster Diener
                                                                            v.N.
 
                                  XXXI. Brief.
                 Der Vater des Fräuleins v.W. an den Herrn v.N.
                                                Wilmershausen, den 13. Septembr.
        Hochgeschätzter Herr Bruder,
            Vielgeehrter Freund und Nachbar,
Aus dem Schreiben, welches Du vom gestrigen Dato an mich abgelassen, habe ich
nebst meiner Frau nicht nur die gute Absicht, welche der vielgeehrte Herr Bruder
gegen mein Haus heget, erkannt, und bin deswegen dankbar; sondern ich habe auch
bereits meiner Juliane vorläufige Nachricht von dem geschehenen Antrage gegeben,
welche zwar Anfangs, wie solche junge Dinger bei dergleichen Gelegenheiten
pflegen, heftig darüber zu erschrecken schien: auf mein und ihrer Mutter Zureden
aber so viel zu verstehen gab, sie würde ihrem Vater in keinem Stücke ungehorsam
sein. Da nun die Ehen im Himmel geschlossen und auf Erden vollzogen werden; auch
weder meine Frau noch ich dem Schlusse des Himmels widerstreben können: so
erteilen wir dem Herrn Bruder unsern älterlichen Consens desto lieber, weil Du
jederzeit ein guter nachbarlicher Freund von mir gewesen bist; Deine Umstände
uns grösstenteils bekannt sind; Du auch überdem die männlichen Jahre lange
erreichet, und das flatterhafte Wesen der Jugend, das an so vielem Unglück der
Ehen Schuld ist, abgeleget hast. Wir haben anbei die gute Hoffnung, dass unsere
Tochter mit Dir ganz wohl fahren soll. Der Himmel beglücke euch beide mit seinem
Segen, und führe das angefangene gute Werk glücklich hinaus. Mir wird es
angenehm sein, wenn ich mich werde nennen können
                     Meines vielgeehrten Herrn Bruders und
                               zukünftigen Eidams
                                                treuer Freund und Schwiegervater
                                                                Hanns Georg v.W.
    N.S. Auf kommenden Dienstag, wird sein der 17. hujus, verfüge Dich zu uns,
und bringe Deine werten Anverwandten mit, da soll die Sache vollends ins reine
gebracht werden.
 
                                 XXXII. Brief.
                     Fräulein Juliane an Fräulein Amalien.
                                                  Wilmershausen den 14 Septembr.
Haben Sie Mitleiden mit mir, liebste Amalia; ich stehe im Begriff, eine sehr
unglückliche Person zu werden. Sie wissen es unfehlbar. Was soll ich daraus
machen, dass Sie mir keinen Wink davon gegeben haben? Sie müssen es wissen, dass
ihr Oncle für sich selbst, bei meinem Vater, um mich geworben hat. Sind Sie so
grausam, dass Sie nebst Ihren Freunden in Schöntal sich wider mich verschworen
haben? Ist es um deswillen geschehen, dass Sie mir nicht eine Silbe von dem
Vorhaben ihres Vetters entdeckt haben, damit man mich desto geschwinder
überraschen, und das, was man will, aus mir machen könnte?
    Ich will Ihnen noch nichts Schuld geben; vielleicht hat Ihr Oncle Ihnen
selbst noch nichts von seinem Vorhaben entdecket; vielleicht haben Sie aus der
ganzen Sache eine Kleinigkeit gemacht, die in der Tat keine ist.
    Ihr Herz mag nun bei dieser Gelegenheit entweder für oder wider mich sein,
so kann ich doch Niemanden als Ihnen das meinige entdecken. Ich will einmal
meinem Argwohn in meinem Gemüte Platz geben; ich will mir einbilden, Sie
wünschten, dass ich Ihre Tante werden möchte, wollten Sie wohl diesem Wunsche
Ihre Freundin aufopfern? Könnten Sie, um Ihrem Oncle gefällig zu sein, Ihre
Freundin in so vielen Verdruss einwickeln? Ich habe viele Mühe, mir dieses zu
bereden, und gleichwohl scheinet es, als wenn Sie nebst andern wider mich
conspiriret hätten. Doch wie gesagt, ich will Ihnen noch nichts Schuld geben.
Ich will lieber glauben, Sie wüssten noch nicht ein Wort von der ganzen Sache,
ich will Sie für neugierig halten und Ihnen den Handel eröffnen. Vorgestern des
Morgens bekam mein Vater einen Brief von dem Herr von N - - durch seinen
Reitknecht. Mein Vater und meine Stiefmutter schienen einige Tage vorher sehr
aufgeräumet, und diese insbesondere war so freundlich gegen mich, dass ich die
Stiefmutter beinahe darüber vergass. Mein Vater zog seine Liebste an ein Fenster;
ich sass an einen andern, und nähete etwas für mich in dem Rahmen. Sie lasen
beide das Schreiben sachte, doch so, dass ich etwas davon verstehen konnte. Ich
hörte dass der Innhalt mich angieng; ich merkte, dass es ein Anwerbungeschreiben
sein sollte; wiewohl ich von der Schreibart des Briefes eben nicht so gar
vorteilhaft auf den Verfasser schliessen konnte. Meine Glieder fiengen an zu
zittern, ich erwartete mit Ungeduld das Ende - Da sehen Sie es nun, mein Schatz,
sagte meine Mutter, dass es sein Ernst ist, der gute N. ist doch wirklich ein
Mann von Parole - Haben Sie es gehört, Julgen, was Ihnen für ein Glücke
bevorstehet? Schätzgen, lesen Sie doch den Brief noch einmal, dass ihn Julgen
höret. (Sie streichelte meinem Vater die Backen, mich dünkt, ich hätte sie nie
so freundlich gesehen.)
    Die ganze Stube ging mit mir herum. Ich dachte, ich müsste vom Stuhle
sinken. Schrecken und Verdruss über die alberne Frage meiner boshaften Siefmutter
setzten mich ganz ausser mich. Die Furcht, den verhassten Brief noch einmal zu
hören, erhielt mir noch das Vermögen zu reden.
    Haben Sie die Gewogenheit gnädiger Papa, sich die Mühe zu ersparen, den
Brief mir vorzulesen, ich habe schon so viel daraus verstanden, als ich wissen
soll. Ich bin versichert, Sie werden ihn, nebst der gnädigen Mama, als einen
Scherz annehmen. Der Herr v. N - - hat seit einiger Zeit viele scherzhafte
Ausschweifungen begangen; in diesem Schreiben scheint er sie am weitesten
getrieben zu haben.
    Nein, nein, meine Tochter, du irrest dich, es ist des Herrn von N. sein
wahrer Ernst. Er hat schon neulich bei mir mündlich um dich angehalten; ich
trauete ihm aber nicht, und dachte, der verliebte Anfall würde bald wieder
überhin gehen. Ich riet ihm, er sollte bedenken, dass das Heiraten ein schwerer
Punkt wäre; er sollte untersuchen, ob er einen rechten Trieb hätte, ehelich zu
werden, da er es so lange versparet hätte. In 14 Tagen sollte er mir von seinem
Entschlusse wieder Antwort geben. Nun hat er schriftlich um dich nach gesuchet.
Er ist von Jugend auf mein guter Freund gewesen, und hat mir manchen Gefallen
erwiesen. Es ist einmal Zeit, dass ich auf eine Vergeltung denke. Wenn du nichts
erhebliches wider ihn einzuwenden hast, so mag er immer dein Gemahl werden.
Behüte Gott! Gnädiger Papa, wenn Sie Ernst aus dem Antrage des Herrn von N.
machen, so setzen Sie ihr Kind in die äusserste Betrübnis. Sie werden mich doch
nicht an einen Mann verheiraten wollen, der über die Jünglingsjahre lange
hinweg war, da ich geboren wurde; an einen Mann, der seit einiger Zeit eine so
wunderbare Aufführung angenommen hat, dass man ihn für einen Romanhelden ansehen
sollte! - Ich habe noch keine Neigung zum Ehestande.
    Reden Sie nicht so unverständig, Julgen, Sie sind kein Kind mehr. Wenn alle
Frauenzimmer so dächten wie Sie, so würde ihr Papa von mir auch einen Korb
bekommen haben. Er war kein Jüngling mehr, da ich ihn heiratete; er war noch
darzu ein Wittwer, mit einer kleinen Wehklage, und ich nahm ihn doch. Wissen Sie
nicht die alte Hausregel: der Mann im Schwade und die Frau im Bade? das ist aber
eine Bosheit von Ihnen, dass Sie den Herrn von N. einen Romanhelden nennen;
dadurch versündigen Sie Sich an ihrem Papa. Die jenigen, die Romanhelden
vorstellen, sind Narren, und wer mit Narren eine Gemeinschaft hat, ist selbst
nicht klug. Ihr Papa liebt den Herrn von N., er ist unser guter Freund.
Schätzgen, so geht es, wenn man die Kinder verhätschelt, hernach spotten sie
die Aeltern. Pfui, schämen Sie Sich, dass Sie so wenig Achtung gegen ihren Papa
bezeigen!
    Mädchen?
    Gnädiger Papa, das ist nicht auszustehen, (ich wollte seine Hände küssen,
ich weinte, er stiess mich von sich. Das hat er noch niemals getan.) Hören Sie
auf mich zu verleumden. Was habe ich Ihnen getan, dass Sie durch so niedrige
Kunstgriffe mir die Gunst meines Vaters entziehen wollen - - Haben Sie Mitleiden
mit mir, gnädiger Papa, ich bin ihre Tochter.
    Höre, Juliane, mit dem albernen Geplaudere richtest du nichts bei mir aus.
Wenn du willst, dass ich dich als meine Tochter ansehen soll; so erkläre dich den
Augenblick, ob du den Herrn v.N. nehmen willst oder nicht? (Ich schwieg) Lass
mich nicht böse werden - du weisst, wenn ich anfange - -.
    Gnädiger Papa (ich konnte vor schluchzen nichts hervorbringe) - - schonen
Sie doch - Sie machen es immer ärger. Sie müssen nicht so verstockt sein,
Julgen, sein Sie gehorsam - Antworten Sie auf ihres Papas Frage.
    Die Worte meiner Stiefmutter durchschnitten mir das Herz. Die boshafte Frau!
Ich war nicht im Stande, ein Wort zu reden. Du - - - (Ich verschweige aus
kindlicher Ehrerbietung die Worte, die der Zorn meinem Vater in diesem
Augenblicke eingab, sie waren nicht väterlich.) Willst du nicht reden, was ist
das für eine Aufführung? - Den Augenblick gehe mir aus dem Gesichte, und komm
mir nie wieder unter die Augen - - Willst du mich mit deinen Starrkopfe unter
die Erde bringen?
    Die letzten Worte kränkten mich aufs äusserste. Ich fiel meinem Vater in die
Arme.
    Gnädiger Papa, ich will mich ihrem Gewissen überlassen. Ich verspreche ihnen
meinen kindlichen Gehorsam, machen Sie aus mir was Ihnen gefällt.
    Willst du es mir angeloben, dass du dich gegen mich in allen Dingen, als eine
gehorsame Tochter hinführo aufzuführen gedenkest; so will ich deine jetzige
Vergehung noch einmal übersehen. Ich gab ihm meine zitternde Hand, und machte,
dass ich aus den Zimmer kam. Ich ging in meine Stube, und warf mich auf das
Canapèe. Ich will Ihnen nicht die Gemütsbewegungen entdecken, die ich empfand,
ich bekam ein entsetzliches Kopfwehe, und war nicht im Stande meine Gedanken
zusammen zu fassen, um den ganzen Verlauf der Sache Ihnen zu berichten, ob ich
es gleich versuchte. Gestern Morgen ging ich hinunter zu meinem Vater, in was
für einer Gemütsverfassung, können Sie Sich leicht vorstellen. Alle meine
Glieder zitterten, da ich die Tür aufmachte. Er war ernstaft; seine Gemahlin
munter, keins aber dachte mit einem Worte an die verhasste Sache. Ich schlich
mich bald wieder fort. Was werde ich nun für ein Schicksal zu erwarten haben?
verlassen Sie mich nicht, meine liebste Amalia, verlassen Sie mich nicht, meine
beste Freundinn; ich weiss zu Niemand anders als zu Ihnen meine Zuflucht zu
nehmen. Können Sie so viele Zeit abmüssigen, so beehren Sie mich mit ein paar
Zeilen, die mir Ihre Gesinnung gegen mich entdecken. Mein Mädchen soll darauf
warten. Sind Sie noch auf meiner Seite, so stehen Sie mir mit Ihrem guten Rate
bei, wie ich mich in diesen verwirrten Umständen zu verhalten habe. Meinem Vater
kann und darf ich nicht ungehorsam sein, und bin ich gehorsam, was für ein
Schicksal habe ich da zu erwarten! Ich sehe der Wiederkunft meines Mädchens, mit
einem zweifelhaften Verlangen, entgegen, um zu erfahren, ob Sie noch unverändert
das sind, was sich von Ihnen verspricht
                                      Dero
                                              aufrichtig und ergebenste Freundin
                                                                 Wilhelmine v.W.
                                 XXXIII. Brief.
                      Fräulein Amalia an das Fräulein v.W.
                                                          Schöntal den 14 Sept.
Wo soll ich anfangen, Ihren Brief zu beantworten? Soll ich mich wegen eines
ungegründeten Verdachts verteidigen, und wegen Ihres garstigen Argwohns auf Sie
schmälen? das werde ich nicht tun. Ihr Gemüte ist nicht in der Verfassung, dass
es jetzo Verweise annehmen kann. Ich muss Ihnen aber doch meine Empfindlichkeit
darüber bezeigen, dass Sie mich für eine Meineidige halten und mir den strafbaren
Eigennutz zutrauen, dass ich das Glück meiner Freundinn auf das Spiel setzen
könnte, um eine gute Tante dadurch zu gewinnen. Warten Sie, warten Sie, das kann
Ihnen nicht so hingehen. Ihr gekränktes Gemüte schützet Sie dieses mal für
einer kleinen Rache, ich würde sonst in der Tat ein bisgen böse tun; doch
diesmal soll Ihnen alles vergeben sein. Sie haben einigermassen Ursache zu dem
Verdachte gehabt, mich für ihre Kupplerin, nein, das ist ein gar zu garstiges
Wort, für eine Unterhändlerin bei ihrer Freierei anzusehen. Ich lasse Ihnen alle
Gerechtigkeit wiederfahren. Meinem Oncle fällt es ein, sich zu verheiraten,
notwendig muss er meinem Schwager und uns Schwestern etwas davon entdecket
haben. Vielleicht bat er uns, ihm eine Partie vorzuschlagen. Wir werden
notwendig so eigennützig gehandelt, und ihm eine Person vorgeschlagen haben,
mit der wir uns wohl auszukommen getrauten, die wir als unsere Tante lieben und
ehren könnten. Kein altes verlebtes Fräulein werden wir nicht erwählet haben; so
eine geschleierte Ziege würde eine schlimme Tante abgeben, sie würde zänkisch
und geizig sein, und uns mit bösen, finstern Gesichtern bewillkommen, wenn wir
nach Kargfeld kämen. Das Fräulein v.W. kennen wir, sie ist unsre Freundin, die
gäbe eine vortreffliche Tante. Ja, ja, es war natürlich, dass wir sie unsern
Oncle vorschlugen. Sie mag sehen, wie sie mit dem alten wunderlichen Manne
auskommt, sie mag bei ihm für ihre Person unglücklich sein; wenn wir nur eine
gute gesellige Tante an ihr bekommen, die nicht ewig an uns etwas zu bessern und
zu tadeln findet. Es blieb dabei, wir schlugen ihm das Fräulein v.W. vor; er
verliebte sich, von dem ersten Augenblicke an, in sie, wie der Narciss in seine
Gestalt, die er im Wasser erblickte. Die Sache wurde so kartiret, dass das liebe
gute Kind nichts davon erfuhr. Die Stiefmutter musste den Vater stimmen; dieser
musste auf einmal mit seiner väterlichen Gewalt auf die arme verkaufte und
verratene Tochter losstürmen, um sie zu zwingen, den verhassten Freier
anzunehmen.
    Nicht wahr, das ist die ganze Fabel, die Sie Sich von Ihren guten Freunden
in in Schöntal in den Kopf gesetzet haben? Das sind böse, ungetreue, meineidige
Freunde! Aber nun will ich Ihnen die rechte Wahrheit erzählen, hernach werden
Sie anders von uns urteilen. Gestern Nachmittage statte unser Oncle bei uns
einen Besuch ab. Er machte uns zum ersten male in seinem Leben bekannt, dass er
feste entschlossen wäre, zu heiraten, er nennte uns seinen geliebten Gegenstand.
Wir erschracken, dass keins von uns im Stande war zu reden, da er Sie nennte. Ich
habe die ganze Unterredung mit unserm Oncle aufgeschrieben, und will sie meinem
Briefe beifügen, Sie können daraus unser ganzes Betragen bei dieser wichtigen
Angelegenheit erkennen. Die meiste Sorge macht uns der Brief Ihres Herrn Vaters
an unserm Oncle. Mein Schwager erhielt die Erlaubnis ihn zu lesen, und hat ihn
abgeschrieben. Unfehlbar ist es Ihnen noch nicht bekannt, dass unser Oncle
bereits von Ihrem Herrn Vater das Jawort hat, Sie würden mir diesen Umstand
nicht verschwiegen haben. Ich übersende Ihnen auch die Abschrift von diesem
Briefe. Schicken Sie mir diesen doppelten Einschluss, wenn es möglich ist, bald
wiederum zurück. Sie haben eben nicht Ursache so sehr über den voreiligen
Consens ihres Herrn Vaters zu erschrecken. Kleinmütigkeit und Verzweiflung kann
der Sache keinem guten Ausgang versprechen, fassen Sie einen Mut, wir arbeiten
alle daran, das Werk zu hintertreiben.
    Gestern hielten wir bis um Mitternacht grossen Rat, und ich war eben im
Begriff, Ihnen einen Besuch zu geben, da Ihr Mädchen kam und mir Ihr Schreiben
brachte. Um allen Verdacht zu vermeiden, stelle ich meinen Besuch ein; Ihro Frau
Stiefmama würde uns auch vermutlich nicht alleine mit einander reden lassen;
ich will Ihnen deswegen das, was zu Ihrem besten beschlossen ist, lieber
schriftlich als mündlich sagen. Wenn es in Ihrer Gewalt ist, so nehmen Sie eine
Gelassenheit an, die der Unempfindlichkeit gleich kommt. Ihre Stiefmutter mag
Ihnen von der verhassten Sache sagen was sie will, so berufen Sie Sich auf Ihren
Herrn Vater, sagen Sie, wie Sie es bereits getan haben, Sie wollten, Sie wären
bereit, Ihm zu gehorsamen. Sollte man in Sie dringen, auf eine verdrüssliche
Sache ja, oder nein zu antworten; so sehen Sie zu, dass Sie auf eine schickliche
Art ausbeugen. Ich dächte, Sie könnten mit der Versprechung des kindlichen
Gehorsams oftmals durchkommen. Künftigen Dienstag haben Sie von unserm Oncle und
uns einen Besuch zu erwarten, Sie werden es aus Ihres Herrn Vaters Briefe sehen.
Wie es scheint, sollen Sie da Ihr Jawort von sich geben; dieses darf durchaus
nicht geschehen. Es ist uns, meine teureste Freundin, nichts nötiger, als dass
wir in etwas Zeit gewinnen, mit einander auf Maasregeln zu sinnen, wie wir
diesem plötzlichen Sturme ausweichen wollen. Wir sind alle überraschet worden.
Lesen Sie den 6ten Band des Grandisons mit Aufmerksamkeit. Wenden Sie die
Gründe, die Henriette braucht, den Hochzeittag zu verspäten, auf den Tag der
Verlobung mit unserm Oncle an. Sie wissen, dass er in allen Stücken dem Grandison
nachahmen will. Wir müssen uns in seine Schwachheit richten, wenn etwas gutes
soll ausgerichtet werden. Wir wollen unsern Oncle zubereiten, Ihnen keine Bitte
abzuschlagen. Ersuchen Sie Ihn um eine Frist von 6 Wochen, ehe Sie Ihr Jawort
von sich geben könnten, diese setzen Sie hernach, wenn er auf einem kürzern
Termine bestehet, auf 4 Wochen herunter. Unter der Zeit getrauen wir uns die
Sache so einzufädeln, dass Ihrer Stiefmutter und unserm Oncle das Concept
ziemlich soll verrücket werden.
    In einem Punkte müssen Sie nur nicht gar zu zärtlich sein, wenn die Sache
einen guten Ausgang haben soll. Es scheinet, Sie wollen Ihrem Herrn Vater, wenn
er darauf bestehet, in der Tat gehorsamen, und sich unsern Oncle zum Gemahle
aufdringen lassen. Sie machen sich den Ungehorsam in diesem Stücke zu einem
Gewissenspunkte, und dieses aus einem Misverstande. Sie erklären Ihren
Catechismus unrecht. Das vierte Gebot will nicht, dass wir den Eltern als Sklaven
eine blinde Untertänigkeit beweisen sollen; es befiehlet uns, Ihnen zu
gehorchen in gerechten und billigen Dingen. Wenn aber ein Vater seine Tochter
zwingen will, einen alten verlebten Mann zu heiraten, und der noch darzu
mehrerer Fehler als das Alter hat; das wäre eben so viel, als wenn er ihr den
Befehl gäbe, in ein Wasser zu springen, oder sich die Kehle abzuschneiden.
Würden Sie denn einem solchen Befehle gehorsamen? Wenn Sie meinem Rate folgen,
so denke ich, es soll das Ungewitter, dass sich über Ihrem Haupte zusammen
gezogen hat, sich wiederum zerteilen. Leben Sie wohl, meine Freundin, machen
Sie Sich nicht so vielen unnötigen Kummer, und sein Sie versichert, dass nichts
in der Welt vermögend ist, diejenige freundschaftliche Gesinnung zu ändern,
welche gegen Sie, meine Werte, bis auf den letzten Tag ihres Lebens beibehalten
wird
                                      Dero
                                              aufrichtig und ergebenste Freundin
                                                                     Amalia v.S.
 
                                 XXXIV. Brief.
                     Das Fräulein v.W. an Fräulein Amalien.
                                                  Wilmershausen den 16 Septembr.
Ich kann Ihnen die zween Anschlüsse Ihres Briefes unmöglich zurück schicken,
ohne meinen Dank für die Mitteilung derselben abzustatten, und zugleich Ihnen
diejenige Beleidigung abzubitten, wozu mich eine gottlose Leidenschaft, der ich
mich ganz und gar nicht fähig glaubte, verleitet hat. In der Tat, der Argwohn
ist so eine schlimme Sache, dass diejenigen, welche damit behaftet sind, so sehr
dadurch bestrafet werden, dass man nicht Ursache hat, Ihnen deswegen Vorwürfe zu
machen, oder eine andere Gnugtuung für geschehene Beleidigungen zu verlangen:
man sollte nur ein gerechtes Mitleiden mit den Unglückseligen haben.
    Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr mich der Gedanke gequälet hat,
Sie wünschten eine Heirat zwischen mir und Ihrem Oncle, und wären bei diesem
Geschäfte selbst eine der vornehmsten Triebfedern. Ich markerte mich in meinem
Gemüte, wie ein armer Missetäter, der seinen Tod vor Augen sieht, und noch
nicht alle Hoffnung zum Leben aufgegeben hat; ich hatte keinen Grund Sie
anzuklagen, ich hatte aber auch keinen, allen Verdacht gegen Sie zu verbannen.
    Durch Ihr tröstendes Schreiben ist mein Herz um ein paar Centner leichter;
es wird aber dennoch von einer sehr grossen Last beschweret. Ihren gütigen Rat
werde ich, so viel mir möglich ist, befolgen; was wird es aber helfen, wenn wir
eine kleine Galgenfrist erhaschen? Wird nicht dadurch meine Marter vergrössert
werden? Glauben Sie, dass ich mehr Ihren Vorschriften folgen werde, um Ihren
Verweisen zu entgehen, wenn die Sache einen widrigen Ausschlag für mich bekäme;
als dass ich einen günstigen Erfolg davon hoffen sollte. Wie sehr würde es mich
kränken, wenn ich Sie einmal sagen hörte: beklagen Sie Sich nicht, warum haben
Sie nicht gefolget, so geht es den Leuten die sich nicht wollen raten noch
helfen lassen. Solche Vorwürfe würden tödliche Stiche in mein Herz sein. Nein,
nein, ich will Ihnen folgen, ich will Ihnen gern gehorsam sein: aber der
Gehorsam gegen meinen Vater darf dadurch nichts verlieren. Sollte ich Ihn durch
meinen Ungehorsam unter die Erde bringen?
    Ach Gott! Jetzt schlägt es 3 Uhr - Wie wird es morgen um diese Zeit
aussehen? - Morgen habe ich einen sauern Tag zu überstehen, ich zittere, wenn
ich daran gedenke.
    Heute frühe, kündigte mir meine Stiefmutter, wie sie sagte, auf Befehl
meines Vaters an: dass morgen der feierliche Verlöbnistag zwischen dem Herrn v.N.
und mir feste gestellet wäre; sie wollte sich nach meiner Entschliessung
erkundigen, ob ich noch der Meinung wäre, den Herrn von N. meine Hand zu geben.
Ich sagte ihr, dass ich in diesem Stücke keine Entschliessung zu fassen hätte,
sondern mich gänzlich nach dem Befehle meines Vaters richten würde.
    Wenn nun ihr Herr Vater will, Sie sollen den Herrn v.N. für ihren künftigen
Gemahl erklären, wollen Sie denn das tun? Diese Frage werde ich Niemand als
meinem Vater selbst beantworten, (ich sah ein wenig sauer aus.)
    Ich will mit unangenehmen Fragen nicht in Sie dringen; ich will Ihnen nur so
viel sagen: ziehen Sie Ihre Klugheit bei Ihrer morgenden Aufführung zu Rate;
damit Ihr Herr Vater nicht bewogen werde, seinen väterlichen Ernst, auf eine
nachdrücklichste und beschämende Art, Ihnen zu zeigen. Sie ging, ohne auf meine
Antwort zu warten und machte die Türe ein wenig unsanfte hinter sich zu.
    Eine tödliche Traurigkeit überfällt mich; die harte Begegnung meines Vaters,
die heimliche Feindschaft meiner Stiefmutter, mein bevorstehendes Schicksal,
beunruhiget meine Gedanken auf äusserste. Wodurch habe ich denn alles dieses
verdienet? Bin ich jemals ein so gar gottloses Kind gewesen? Bedauern Sie mich,
meine Amalia.
    Ihrem redlichen Herrn Schwager, und ihrer guten Frau Schwester empfehlen Sie
mich bestens. Wenn Sie nicht eine fussfällige Abbitte von mir verlangen; so
rücken Sie mir mein Verbrechen gegen Sie ja niemals auf. Ich schliesse, die
innerliche Bekümmernis sucht durch die Tränen einen Ausbruch bei
                                     Ihrer
                                                                    Juliane v.W.
 
                                  XXXV. Brief.
                      Fräulein Amalia an das Fräulein v.W.
                                        Schöntal, den 16 Sept. Abends um 6 Uhr.
Alleweile ist ein Bedienter von Ihrem Herrn Vater da gewesen, und hat uns auf
morgen Mittag eingeladen. Wir werden erscheinen. Mein Schwager ist heute
Nachmittage in Kargfeld bei dem Oncle gewesen, und hat ihm einige gute Lehren
auf morgen gegeben. Er hat ihn erinnert, die wichtigsten Stellen von der
Verheiratung des Herrn Grandisons genau durchzulesen, damit er keine Fehler in
der Nachahmung seines grossen Musters begehe. Amalia, spricht er, ist manchmal
leichtfertig, Herr Vetter, und wird das fehlerhafte in Ihrer Aufführung ihrem
Bruder schreiben, wenn dieser es hernach Sir Carln erzehlte; so würden sie
dadurch bei ihm verächtlich werden, dass sich ihr Herr Gevatter wohl gar Ihrer
schämte. Er bat meinen Schwager, ihm einen Wink zu geben, wenn er etwas in
seinem Bezeigen zu tadeln fände.
    Der Brief, den Ihr Mädchen vor einer Stunde brachte, hat uns sehr gut
gefallen. Wir sind nicht wenig stolz darauf, dass Sie unsern Rat für wichtig
gnug halten ihn zu befolgen. Tun Sie es immer, wir versprechen uns davon viel
gutes. Machen Sie Sich ja keine Sorge, wenigstens nicht so gar viel. Mein
Schwager gibt Ihnen sein Wort, dass Sie morgen den nachdrücklichen und
beschämenden Ausbruch des väterlichen Ernstes gar nicht sollen zu befürchten
haben; Sie können deswegen alle Furcht und Angst aus Ihrem Herzen verbannen. Wir
wünschen, dass der morgende Tag mehr zum Vergnügen, als zu Jemands Verdrusse
ausschlagen möge, wenn man aber doch ja verdrüssliche Gesichter erblicken müsste;
so versichere ich Sie, dass Jedermann lieber ihrer Frau Stiefmutter, als Ihnen
ins Gesichte gucken würde, um die verdriesslichen Züge darinnen zu entdecken.
Schlafen Sie ruhig, mein Julgen, schlafen Sie heute ruhig.
                                                                     Amalia v.S.
 
                                 XXXVI. Brief.
                        Fräulein Amalia an ihren Bruder.
                                                     Schöntal, den 18 Septembr.
        Geliebter Bruder,
Der gefährliche Tag ist vorüber, und hat uns allen den Schmerz und Verdruss
empfinden lassen, den wir fürchteten. Bedaure mit uns die gute Juliane. Alle
Bemühungen ihr unglückliches Schicksal aufzuhalten, oder es von ihr abzuwenden,
sind fruchtlos gewesen. Unser Kabbale war viel zu unkräftig, das liebe Kind
ihrem eifrigen Liebhaber aus der Hand zu spielen. Es ist nicht anders, sie hat
ihm gestern ihr feierliches Jawort geben müssen. Wie werde ich im Stande sein,
eine so verdrüssliche Begebenheit zu erwählen? Ich werde mir den grössten Zwang
antun müssen, alle die einzelnen kleinen Umstände bei diesem Vorgange, wieder
ins Gedächtnis zu rufen. Umsonst werde ich mir es so viele Mühe haben kosten
lassen, sie diese Nacht eines Teils zu verschlafen. Jedoch was tue ich nicht
eines geliebten Bruders wegen! Mache dich also geschickt, dismal den
unangenehmsten meiner Briefe zu lesen, oder überhebe dich dieser Mühe und wirf
ihn, ohne weiter zu lesen, ins Feuer - -. Nein nein; das darf bei Leibe nicht
geschehen, es ist so böse nicht gemeint. Der Magister Lampert ist nun durch mich
an dir gerochen. Verzeihe mir diese kleine Schelmerei, ich habe diese Wendung
dir selbst abgeborget, dass man um eine grössere Freude zu erwecken, erst vorher
die Leute schrecken muss. Der gestrige Tag ist für uns vergnügter gewesen, als
wir vermuten konnten. Ich weiss, dass du eine getreue Erzählung der Begebenheiten
dieses Tages erwartest, ich will deine Neubegierde nicht länger aufhalten.
Vergieb mir diesen kleinen Possen.
    Gestern Vormittags um 9 Uhr, bald hätte ich Lust, von der Nacht meine
Erzählung anzufangen, und die schreckhaften Träume auszukramen, womit die
beunruhigte Einbildungskraft mich ängstigte. Im Vorbeigehen, einmal sollte ich
mich mit dem Magister trauen lassen; Fräulein Juliane war ins Wasser gesprungen;
der Herr v.N. wollte mit unserm Oncle Kugeln wechseln. Doch nichts mehr davon.
Gestern Vormittags um 9 Uhr fuhren wir nach Kargfeld, um, wie die Abrede
genommen war, unsern Oncle abzuholen, und ihn nach Wilmershaussen zu begleiten.
Wir glaubten, ihn in voller Gala anzutreffen. Wir stiegen ab, und sahen uns
allentalben nach ihm um: er wollte aber nicht zum Vorscheine kommen, uns zu
empfangen. Wir waren eben im Begriff, in den Saal zu gehen; da Fräulein
Kunigunde aus der Scheune hervorguckte, und uns einen freundlichen guten Morgen
wünschte. Ich kann nicht läugnen, dass es mich heimlich zu verdrüssen anfieng, dass
der geschäftige Hausmarschall, Lampert, nicht bei der Hand war. Verwünscht!
dachte ich, das tut er aus Stolz. Er ist in seinen Gedanken ein Mitglied der
Gesellschaft der Wissenschaften in London, wer weiss, ob er uns nicht hinführo
den Rang streitig macht. Inzwischen führte uns Tante Kunigunde in das
Wohnzimmer, und ehe wir uns noch nach dem Oncle erkundigten, fragte sie, ob wir
ihn nicht mitbrächten. Wir wollen den Herrn Vetter abholen, um diesen Mittag,
zusammen in Wilmershaussen zu speisen, sagte der Baron, ist er etwan schon
hinüber? Mein Bruder ist diesen Morgen um 2 Uhr, mit dem Herren Lampert und
Wiganden, bei stockfinstrer Nacht in dem ärgsten Regenwetter, abgereiset, um,
wie er sagte, in Schöntal, noch vor Tages Anbruch, etwas wichtiges mit dem
Herrn Baron zu verabreden, und hernach das grosse Werk auszuführen. Was er
darunter verstehet, kann ich eigentlich nicht sagen, (sie weiss noch nichts
gewisses von unsres Oncles Liebe,) wenn er nur nicht etwann gar einen Schatz hat
graben wollen. Seit etlichen Tagen habe ich gemerket, dass mein Bruder und Herr
Lampert bis in die tiefe Nacht gesessen und studiret haben; mein Bruder hat sehr
viel auswendig lernen müssen. Gestern hat er den ganzen Nachmittag in tiefen
Gedanken gesessen, und immer etwas zwischen den Zähnen gemurmelt, welches ich
für Beschwerungsformeln hielt. Gott bewahre! Wenn mein Bruder nicht in Schöntal
ist: so weiss ich nicht was ich denken soll. Wir haben ihn mit keinem Auge
gesehen, sagte meine erschrockne Schwester. Wo muss der Mann hin sein? Umsonst
wird er doch nicht in der Nacht sich auf den Weg gemacht haben? Es hätte nicht
viel gefehlet, so hätten Tante Kunigunde und meine Schwester sich hingesetzt,
und mit einander ein Stückgen geheulet. Mir war bei diesem unerwarteten Handel
selbst nicht wohl. Der Baron lachte über unsere Bestürzung, und dieses brach
unsrer Tante vollends das Herz. Sie liess einige Tränen fallen, nicht so sehr
über ihren Bruder, als vielmehr über ihrem Regenschirm, glaube ich, den Wigand,
wie einen Himmel, über seinen Herrn bei seiner Abreise hatte tragen müssen, und
dessen Verlust sie sehr beklagte. Sie sah ziemlich finster dazu, dass mein
Schwager bei so betrübten Umständen noch scherzen könnte, und nahm kaltsinnig
von uns Abschied. Meine Schwester wollte über die Leichtsinnigkeit ihres Mannes,
auch mit ihm ein Bisgen zanken: er beruhigte uns aber, durch eine
wahrscheinliche Mutmassung von unserm Oncle. Wer weiss, sagte er, ist diese
nächtliche Kavalkade in die Stadt gegangen. Unfehlbar wird der Herr v.N.
daselbst einige Galanterien erhandeln, um seiner Braut damit ein Geschenke zu
machen. Es kann sein, dass er nicht eher als gestern Abend diesen Einfall gehabt
hat, und vielleicht treffen wir ihn bereits bei dem Herrn v.W. an.
    Wie froh war ich, da wir in Wilmershausen anlangten, und Wigand in den
Schlosshofe sein Morgenbrodt verzehrte. Ich hatte mich aber nicht so bald von der
Bestürzung über unsern Oncle erholet; da gedachte ich wieder mit Schrecken an
die Ursache, die uns dismal nach Wilmershausen brachte. Ich glaube, dass ich mich
sehr entfärbte, da ich die Frau v.W. sah, wenigstens fühlte ich, dass alle meine
Glieder zitterten. Sie empfing uns mit dem Herrn v.W., jedoch zu meinem Troste
nicht so vergnügt, als ich hätte vermuten sollen. Man konnte es ihr ansehen,
dass ihr etwas im Kopfe lag, so sehr sie es auch zu verbergen suchte. Weder unser
Oncle, noch der Magister waren bei dem Empfange gegenwärtig. Ich glaubte, dass
diese Peiniger bei dem Fräulein v.W. sich befänden, dieses vermisste ich auch.
Der Baron fragte nach ihnen, und erhielt kaltsinnig zur Antwort, dass sie bereits
diesen Morgen bei guter Zeit angelanget wären. Was muss das steife Wesen bei der
Frau v.W. zu bedeuten haben, dachte ich, es ist ihrem ganzen Character zuwider.
Der Baron sah mich einige mal an, und dadurch wurde ich gewiss, dass er an ihr
auch etwas unnatürliches bemerkte, und dass ich mich, in meinen Gedanken von ihr,
nicht hintergangen hätte. Weil wir etwas frühzeitig angelanget waren, und noch
Niemand von benachbarten Adel, den der Herr v.W. hatte einladen lassen, da war:
so wurde uns ein Frühstück von einigem Backwerk ausgetragen. Wir Schwestern
setzten uns zur Frau v.W. auf das Kanape. Der Baron ging mit ihrem Gemahl in
die Gewehrkammer. Wir drei Frauenzimmer waren alleine, und ich hielt dieses für
die beste Gelegenheit, die Frau v.W. ein wenig auszuforschen, um das
rätselhafte in ihrem Betragen zu entwickeln. Unser Oncle, gnädige Frau, sagte
ich, hat gewiss jetzo die Ehre, dem Fräulein v.W. aufzuwarten, dass wir ihn noch
nicht gesehen haben? Es ist doch etwas wunderbares mit den verliebten Leuten,
man kann aus ihnen nicht klug werden. Gestern wurde die Abrede genommen, wir
sollten ihn heute abholen, um Ihnen aufzuwarten: und da wir nach Kargfeld
kommen, sagt man uns, dass er schon vor Tage weggeritten sei. Ich werde nicht
irren, wenn ich von dieser Eilfertigkeit auf die Heftigkeit seiner Liebe gegen
das Fräulein v.W. schliesse. Sie scheint jetzo sein einziger Gedanke zu sein, und
uns alle hat er darüber vergessen. Wenn er zum Vorschein kömmt, werde ich mich
ein wenig mit ihm zanken. Das würde ein artiges Spiegelfechten sein, sagte die
Frau v.W., ich hätte Lust, es mit anzusehen. Ich habe auch noch etwas mit ihrem
Herr Oncle auszumachen. Heute frühe fehlte wenig daran, dass wir uns nicht in
eine ernstliche Unterredung mit einander eingelassen hätten.
    Sie, gnädige Frau, Sie wollen Sich in eine Zwist mit ihrem Herrn
Schwiegersohne einlassen, an einem Tage, da er erst dieser Ehre teilhaftig
werden soll? Was hat er denn gemacht, dass er ihren Zorn verdienet, wenn es
anders ihr Ernst ist?
    Sie können noch fragen, liebes Fräulein? zu einer andern Zeit würde ich über
diese Frage mit ihnen zürnen müssen. In der Tat, Sie sind eine kleine boshafte
Kreatur, nehmen Sie es nicht übel. (Sie wurde feuerrot, aus Unwillen vermute
ich.) Sie haben den ganzen Possen angestellt, und halten mich noch für blöde
genug, dass ich es nicht einmal einsehen soll.
    Wie? Was gnädige Frau? - Ich bitte - Was ist Ihnen? (Ich weiss nicht, was ich
in der Bestürzung, über eine rätselhafte Beschuldigung, alles vorbrachte. Meine
Schwester, die Furchtsame, lief ans Fenster. Meine Bestürzung brachte die Frau
v.W. heimlich nur noch mehr auf.)
    Wir wollen gute Freunde bleiben, Fräulein Amalgen, (Sie nahm mich bei der
Hand: Die Schlange! dachte ich, sie krümmt sich, um desto gefährlicher zu
stechen) wir wollen gute Freunde bleiben. Ich habe ihnen bereits alles vergeben.
Aber mein! Sagen Sie mir, was ist es doch für ein elendes Vergnügen, die Leute
zu Torheiten zu reizen; seine eignen Anverwandten verächtlich zu machen; die
Kinder gegen die Eltern aufzuhetzen, um über seine boshaften Erfindungen hernach
lachen zu können. Wenn man auch keine Sünde daran täte; so sollte doch ein
Frauenzimmer seiner eigenen Ehre mehr schonen, denn es gibt mehr boshafte Leute
in der Welt, die über anderer ihrer Bosheiten auch wieder lachen. Ich mache
nicht gerne Anwendungen, so viel sage ich nur, dass ihr Herr Oncle allezeit in
meinen Augen ein rechtschaffener, und in seiner Art vollkommener Cavalier ist,
den ich und mein Herr allezeit hoch schätzen, und mit Vergnügen unter unsere
Anverwandten zählen werden; so sehr man auch dieses, durch allerhand listige
Griffe, zu verhindern bemühet ist. Der einzige Fehler ihres Herrn Oncles ist
sein gutes Herz, und bei diesem lässt er sich durch falsche Freunde und törigte
Leute, die um ihn sind, manchmal zu einer kleinen Ausschweifung verleiten; dazu
auch der heutige wunderbare Auftritt kann gerechnet werden, der gewiss zu einer
sehr boshaften Absicht ausgesonnen war, die aber gewiss fehlschlagen soll.
    Ich liess die böse Frau sagen, was sie wollte, ohne ihr ins Wort zu fallen,
ob ich gleich so derbe Pillen einnehmen musste. Ich war froh, dass sie endlich
schwieg. Da ich unter ihrer Harangue Zeit gewann, einen Entschluss, in Ansehung
meines Verhaltens gegen sie, zu fassen, so nahm ich mir vor, in ihrer eignen
Ehrung mit ihr zu reben, liebste gnädige Frau, sagte ich, und druckte ihre Hand,
Sie geben mir überzeugende Beweise von der Aufrichtigkeit ihrer Freundschaft
gegen mich, dass Sie mir sagen, was Sie von mir denken. Wenn Sie weniger
aufrichtig wären, so würden Sie mir ins Gesichte schmeicheln, und doch übel von
mir denken; und auf diese Art würde mir alle Gelegenheit, mich zu rechtfertigen,
benommen sein. Sie halten mich für ein sehr boshaftes Mädchen. Ich bin
unglücklich, dass ich nicht den Augenblick von dem Gegenteile Sie überzeugen
kann, es wird aber auch nicht nötig sein; ich weiss dass ihr jetziges Urteil von
mir, nicht aus einer innren Ueberzeugung, sondern aus einen aufwallenden Geblüte
herrühret. Wenigstens bin ich gewiss, dass Sie keine Beweise meiner Bosheit in
Händen haben. Vielleicht bin ich morgen das tugendhafteste, das beste Mädchen in
ihren Augen. Sie sind sehr wankelmütig, und dieses macht mir alle Ihre
beissenden Vorwürfe so erträglich, dass ich mir keinen geringen Zwang antun
müsste, wenn ich ihnen ein sauer Gesicht machen wollte. Ja, ich würde mich
entschliessen heute recht aufgeräumt zu sein, wenn sie mir nur das rätselhafte
in ihren Reden aufklären wollten. Was vor einen wunderbaren Auftritt hat ihnen
denn heute der Herr v.N. geliefert? Nehmen Sie meine Unwissenheit in der Sache
als einen Beweis meiner Unschuld an. Ich weiss, dass es an sich keiner ist: aber
in dem Falle wird es einer sein, wenn Sie Sich erinnern, dass Sie mir selber
oftmals zugestanden, ich hätte in der Verstellungskunst am wenigsten etwas
getan.
    Schweigen Sie, Falsche, Sie könnten eine Lehrmeisterin darin abgeben. (Sie
schlug mich sanfte mit der Hand, und ihre erste Hitze schien sich etwas
gemindert zu haben.) Ich hatte die beste Hoffnung, meine Neubegierde befriediget
zu sehen: allein die Auflösung dieses Knotens, der einen Weiberzank veranlasst
hatte, war einer andern Person vorbehalten. Der Magister Lampert trat in das
Zimmer, die Frau v.W. machte ihm ein schrecklich böses Gesichte: er schien es
aber nicht zu bemerken. Wissen Sie, sagte er mit einer durchdringenden Stimme,
wissen Sie, meine teuresten Ladys, wo ihr Herr Oncle hingekommen? die Frau v.W.
hat sein Gespenst gesehen, und mit ihm fast eine Stunde gesprochen, und darauf
ist es wieder verschwunden. Erschrecken sie nicht, meine lieben Kinder. Machen
sie sich fertig über die Nachricht, die ich ihnen von seiner Erscheinung, seinen
Reden und Verschwindung geben werde, in Erstaunen zu geraten. Es hat auch der
lieben Frau v.W. nicht geträumet, es eräugnete sich diesen Morgen zwischen Nacht
und Tag. Die Ankunft des Herrn v.W. und des Barons verhinderte, dass der arme
Magister den Ausbruch des Zorns von der Frau v.W. nicht empfand. Sie konnte
seine Gegenwart nicht ertragen, und ging mit einer aufgebrachten Mine weg. Ich
sah es gerne, dass wir auch auf einige Augenblicke von ihr befreit wurden.
    Sie haben heute wieder eine Probe ihres sonderbaren Verstandes abgelegt,
Herr Lampert, sagte der Baron, der bereits von der Begebenheit unterrichtet war.
Wenn sie nicht mit der ersten Post alles an Sir Carln berichten; so sind sie der
Freundschaft des ehrlichen Doctor Bartletts unwürdig, und ich werde es selbst
über mich nehmen, Sie bei ihren Freunden in Engelland zu verklagen. Der Magister
lächelte ganz zufrieden über diesen unerwarteten Lobspruch, und machte einige
wunderbare Posituren, das ist, altväterische Reverenze.
    Der Herr v.W. Ihr Herren habt heute meiner Frau ein Schrecken eingejaget,
das sie noch immer nicht verwinden kann. Ich hätte nimmermehr gedacht, dass der
alte N. noch so lustige Streiche, wie ein junger Pursche, vornehmen könnte. Mein
Seele! das war ein possierlicher Einfall: aber Gefahr war dabei. Es war euer
grosses Glücke, dass meine Pistolen nicht bei der Hand waren; ich hätte warlich
einen von euch aufs Fell gebrennt, dass er die Beine hätte sollen in die Höhe
kehren. Wir dachten alle nicht anders, es wären Diebe da.
    Lampert. Ja, gnädiger Herr, wie sagt der Lateiner? per varios casus, und so
weiter, das heisst auf deutsch: Durch manchen Zufall und durch viel
Gefährlichkeiten, gelangt man endlich ins Lateinerland mit Freuden. Um Sir Carln
in Ansehung einer plötzlichen Erscheinung, bei der Mutter seiner Henriette noch
vor ihrer Verbindung, ähnlich zu werden, liess es sich mein Herr Principal nicht
verdrüssen; nachdem er, bereits vor einigen Tagen, mit mir die Sache reiflich
erwogen hatte, diesen Morgen um zwei Uhr, bei finsterm Himmel und sehr
stürmischen Wetter, von mir und dem getreuen Jeremias begleitet, sich hierher zu
begeben; da dem hiesigen hochadlichen Verwalter, bereits das Verständnis war
eröffnet und mit solchem die Abrede dahin genommen worden, dass das Pförtgen am
Schlosshofe sollte offen gelassen werden. Dieser gute und ehrliche Mann, konnte
freilich nicht anders, als mit vieler Mühe dazu beredet werden. Endlich aber, da
mein gnädiger Herr ihn selber deswegen ersuchte, und ihm aller üble Verdacht
war benommen worden: liess er sich dazu willig finden, und wir gelangten in der
Morgendämmerung hier an. Nachdem wir nun, in Begleitung des Verwalters, welcher
aus überflüssiger Sorge uns nötigte, alles tödliche Gewehr abzulegen, vor das
Schlafzimmer des gegenwärtigen Herrn v.W. und dessen Frau Gemahlin gebracht
worden, pochte der gnädige Herr dreimal stark an die Tür. Wir hörten ein
vernehmliches Werda? welches unserm Jeremias eine solche Furcht einjagte, dass er
mit einem grässlichen Geräusche die Flucht nahm, und im dunkeln und vielleicht
auch aus schreckensvoller Eilfertigkeit einige Stiegen verfehlte, und als ein
schwerer Sack die Treppe hinunter fiel. Ob nun gleich der gnädige Herr über
diesen Lermen eine grosse Unzufriedenheit bezeigte: so suchte ich doch, seine
Unmut sogleich dadurch zu hemmen, indem ich ihm berichtete, dass dieser Fall
unserer Erscheinung einen besondern Nachdruck geben würde; weil mehrmals
beobachtet worden, dass die Erscheinung der Gespenster, gemeiniglich ein starkes
Gerassel von Ketten, ein Gepolter oder ein anderes Geräusche, anzuzeigen und zu
begleiten pfleget. Ich will eben nicht in Abrede sein, dass mein Principal nebst
mir in eine kleine Verlegenheit geriet, da uns, bei wiederholtem Anklopfen, mit
Donner und Blitz, oder deutlicher zu sagen, mit einer Kugel vor dem Kopf
gedrohet wurde, wenn wir nicht giengen. Der Herr v.N. konnte nicht sogleich eine
Entschliessung fassen; deswegen war ich genötiget, in möglichster
Geschwindigkeit ihm anzuraten, das vortreffliche Paar in dem Schlafzimmer nicht
länger in Zweifel zu lassen, sondern sich eiligst zu erkennen zu geben. Durch
diese Gegenwart des Geistes bog ich verschiedenen anscheinenden Gefährlichkeiten
vor. Nach einem kleinen Verzuge wurde das Zimmer geöffnet, und mein Herr trat
als ein zweiter Grandison mit einer geschickten Stellung, nachdem er den Herrn
v.W. zärtlich umarmet, zu dessen Frau Gemahlin, die in dem Lichte der
ehrwürdigen Frau Shirlei würde erschienen sein, wenn sie nicht aus einer allzu
zarten Empfindung für die Ehre, gleich einer erzürnten Juno, in eine Wolke von
Betten sich eingehüllet, und dem forschenden Auge meines gnädigen Herrn sich
entzogen hätte. Sie werden verzeihen, gnädige Frau, sagte er, dass ich mich so
eindringe; und er brachte noch verschiedene feine Sachen, mit einem recht
bescheidenen, recht männlichen Wesen vor. Ihr Charakter und der meinige sind
einander so wohl bekannt; dass, ob ich gleich vorher niemals die Ehre gehabt
habe, mich ihnen auf diese Art zu nähern, ich mir dennoch ihre Verzeihung wegen
dieses Eindringens versprechen darf. Er liess sich darauf in Lobsprüche auf seine
glückliche Freundin heraus. Alsdenn sagte er: Sie sehen einen Mann vor sich, der
sich mit der Bekanntschaft des vortrefflichsten Paares in der Welt, des Stolzes
von Engelland, viel weiss, und der sogar durch das Band einer geistlichen
Verwandschaft, durch die Ehre einer Gevatterschaft, mit ihnen verbunden ist. Sie
wissen, dass er in allen seinen Handlungen dem vortrefflichen Herrn Grandison
nacheifert, und dass er sich glücklich schätzen wird, wenn er diese Bemühungen,
durch eine eben so glückliche Ehe krönen kann.
    Man kennet meine Freundschaft gegen das teure Fräulein v.W. sehr wohl. (Sie
und das Fräulein müssen mich erst berechtigen, es mit einem noch teurern Namen
zu benennen.) Kann es mit ihren Begriffen von der zärtlichen Empfindung für die
Ehre, gnädige Frau, wird es mit Dero Herrn Gemahls seinen bestehen, für einen
Mann das Wort zu reden, der in solchen Umständen ist? Wenn das Fräulein die
Anbietung eines Herzens annehmen kann, welches ihr gewidmet ist; alsdann werden
sie, alsdann wird das Fräulein mich auf eine solche Art verbinden, dass ich mich
nur bemühen kann, es durch die äusserste Dankbarkeit und Zuneigung zu erwiedern.
    Edelmütigster Mann, wollte die Frau v.W. sagen, als er ihr schon zuvor kam,
und den Gevatterbrief Sir Carls aus seiner Tasche hervorzog. Sie werden so gütig
sein, und diesen Brief ihrer Tochter, ihrem Herrn, und wen sie sonst zu der
Beratschlagung zu ziehen für ratsam erachten, vorlesen, um daraus zu erkennen,
in welcher Hochachtung ich bei meinen Freunden in Engelland stehe. Wenn ich nach
Durchlesung desselben kann zugelassen werden, dem Fräulein v.W. meine Aufwartung
zu machen, und solches mit derselben und ihren Begriffen von der zärtlichen
Empfindung für die Ehre bestehen kann: so werde ich glücklicher sein, als der
glücklichste. (Der arme Oncle, wenn er das alles so gesagt hat wie es der
Magister wiederholte, so hat er sein Gedächtnis entsetzlich anstrengen müssen.)
    Auf diese Art vermied dieser höchst vortreffliche Mann, da er sich auf
diesen Brief bezog, alle Prahlereien, die bei dergleichen Gelegenheiten
gemeiniglich Liebhaber von sich vorzubringen pflegen, und als er das gesagt
hatte, war er so eilfertig wegzugehen; dass es die Lebensgeister der Frau v.W.
ein wenig übereilte, und sie nicht im Stande war, ein Wort vorzubringen.
    Und nunmehr, meine liebsten Ladys, wiederhole ich die Frage: wo ist ihr Herr
Oncle hingekommen?
    Der Baron. Er wird doch nicht aus dem Lande geflohen sein, denke ich. Da wir
seinen Liebling bei uns haben, so kann er so weit nicht sein.
    Lampert. Ihnen die Wahrheit zu gestehen, so hatte ich dem Herrn v.N. in der
Tat angeraten, sogleich nach dieser Erscheinung sich nach Schöntal zu ihnen
zu begeben, und daselbst eine Antwort auf seinen Antrag zu erwarten: der Herr
v.W. wollte es aber durchaus nicht zulassen, dass wir uns wieder hinweg begäben.
Jedoch keine Bitte würde diesen Entschluss haben ändern können, wenn nicht der
faule Jeremias die Pferde, gegen die Ordre, welche er hatte, bereits in den
Stall gezogen und abgesattelt hätte. Bei so gestalten Sachen glaubte ich, dass
der Herr v.N. von einer gänzlichen Verschwindung könnte dispensiret werden;
zumal da dieses keine wesentliche Abweichung in der Nachahmung des Herrn
Grandisons war, und man bei jeder Sache ohnedem Umstände, Zeit und Ort wohl in
Erwägung ziehen muss. Wir nahmen aus dieser Ursache das Anerbieten des Herrn v.W.
an, und begaben uns in das angewiesene Zimmer, auf einige Stunden zur Ruhe.
    Ich denke es ist Zeit, dass ich einmal selber die Ruhe suche, und die
Fortsetzung meiner Erzählung bis auf morgen verspare. Du wirst Ursache haben,
mein Bruder, dich bei mir zu bedanken, dass ich mir es lasse so sauer werden,
deine Neugier zu vergnügen.
 
                                 XXXVII. Brief.
                        Fortsetzung des vorigen Briefs.
                                                                den 19 Septembr.
Diesen Morgen habe ich dem Baron meinen Brief vorlesen müssen. Wenn ich seiner
Kritiken nicht schon gewohnt wäre; so würde meine gestrige Arbeit im Feuer
aufgegangen sein. Wahrhaftig! wenn du so viel an meinen Briefen zu tadeln
fändest als unser Schwager; so würde ichs verschwören, wieder eine Feder
anzusetzen. Der lose Mann! wie er über mich gespottet hat, dass ich wegen des
ehrlichen Lamperts eine kleine Rache an dir geübet habe. Bald war ich Willens,
die Zänkerei mit der Frau v.W. wieder auszustreichen. Acht Tage lang würde ich
über kemen von seinen Spassen lachen, wenn ich nicht recht gut wäre. Doch ich bin
wie die Frau v.W. ich vergebe den Leuten alles, wodurch sie mich beleidiget
haben, aber ich sage ihnen erst die Wahrheit. Der Baron und ich sind wieder gute
Freunde. Zur Strafe für seine Spöttereien, hat er mir alle meine Federn schärfen
und angeloben müssen, nicht zu verlangen, dass ich ihm die Fortsetzung meines
Briefes zeigen sollte. Das ist auch sehr gut für ihn, er würde nur seine eigne
Schande darin finden. Die Herren erschienen bei der Gasterei des Herrn v.W.
eben nicht zu ihrem Vorteile; du weisst, dass er seine Gäste gerne bezecht, mehr
brauche ich nicht zu sagen. Doch nüchtern betrinkt man sich nicht leicht; ich
will deswegen auch in meiner Erzälung die Gäste erst speisen lassen. Um zwei Uhr
wurde zur Tafel geblasen. Geblasen? denkst du; in diesem Ausdrucke finde ich
eben nichts wichtiges. Es soll auch kein witziger Gedanke sein, der Herr v.W.
liess wirklich zu Tafel blasen, und zwar mit den Trompeten aus der Kirche. Dem
Himmel sei Dank, dachte ich, ohne zu wissen, was dieser kriegerische Schall zu
bedeuten hatte, da kommen Soldaten, nun ist Fräulein Julgen der Marter los; wer
wird bei dieser Unruhe auf die Ceremonien einer Eheverbindung denken. Doch zu
meinem Verdrusse wurde ich meines Irrtums gar zu bald gewahr. Wir traten in den
Speisesaal. Ich zählte sechzehn Köpfe in der Geschwindigkeit, die Bedienten
nicht mit gerechnet, lauter gute Freunde und Bekannte, ausser dem Major von Ln.
einen Anverwandten der Frau v.W., den ich noch nicht von Person kannte. Unser
Oncle bekam seinen Platz neben dem Fräulein v.W. bei der Tafel, Lampert vertrat
die Stelle eines Hoffouriers, und wies jedem seinen Platz an. Hier sitzen Sie,
gnädiger Herr, neben dem Fräulein v.W., schrie er, gleich und gleich gesellt
sich, und lachte abscheulich. Das vortreffliche gleiche Paar! Fräulein Julgen
hatte ihren besten Putz anlegen müssen. Wahrhaftig ein allerliebstes Mädchen!
Sie muss nicht meine Tante, sie muss meine Schwester werden. Ich drehete mich, ehe
wir uns setzten hin und her, um mit ihr ein Wort alleine reden zu können; es
wollte sich aber nicht füglich tun lassen. Wir würden das Reden auch haben
entbehren und einander doch verstehen können, wenn sie meine Gedanken so gut als
ich die ihrigen erraten hätte. Die Backen glüheten dem guten Kinde vor Angst
und Erwartung ihres Schicksals. Sie schlug fast immer die Augen nieder, und
wagte es nur dann und wann, auf mich einen furchtsamen Blick zu tun. Ich wurde
dadurch so gerühret, dass ich durch nichts anders, als durch eine Kritik über
unsern Oncle, mich von einer merklichen Tiefsinnigkeit befreien konnte. Ein
seltsamer Mann in der Tat! Kennst du den Schulmeister in Wilmershaussen? Du
würdest unsern Oncle davor angesehen haben, wenn du unvermutet in das Zimmer
getreten wärest. Ueber die Comödie! Er reitet in seinem roten Galakleide, mit
seiner englischen Knotenperucke, von dem Regenschirme seiner Schwester bedeckt,
aus Kargfeld. Der Wind ist so unbarmherzig und reisst Wiganden den Schirm aus der
Faust, der geputzte Liebhaber wird badennass. Man bringt ihn, nach seinem
lächerlichen Auftritte in Wilmershausen, zu Bette. Ueber die Beschickung im
Hause, vergisst man andere Kleider aus Kargfeld holen zu lassen. Er schläft bis
gegen Tischzeit, der Magister schnarcht auch bis zu unsrer Ankunft. Da war kein
anderer Rat, sollte unser Oncle nicht im blossen Kopfe erscheinen, oder dem
Magister seine Sammtmütze abborgen; so musste man den Schulmeister ersuchen,
seine Stuzperucke, die sehr ins gelbe fiel, herzugeben. Du weist, dass der Herr
v.W. und der Pastor ihr eigen Haar tragen. Das kurze schwarze Kleid des Herrn
v.W., und die hervorragende rote Tressenweste, gaben ihm das feinste Ansehen.
Das Kleid schien noch die Halbtrauer wegen der Frau Shirlei anzuzeigen,
vielleicht hatte er es auch um deswillen gewählet, und die rote Weste sollte
unfehlbar seine feurige Liebe gegen Fräulein Julgen abbilden.
    Er sprach, so lange ihn der Wein noch nicht erhitzet hatte, wenig; was er
aber sagte, das musste mit einer Redensart aus dem Grandison gewürzet sein, und
wenn er keine fand, die seine Meinung ausdruckte, so sprach er durch Minen. Er
lächelte, nickte oder schüttelte mit dem Kopfe, wie es etwan die Gelegenheit
erforderte. Ich werde es ihm so bald nicht vergeben können, dass er mich einmal
bei Tische rot machte, aus Verdruss wurde ich rot. Er fragte mich lächelnd, wie
mir ein blauer Rock mit roten Aufschlägen gefiel? Konnte ich eine so
treuherzige Frage gleichgültig aufnehmen? Was muss der Major von Ln. dabei
gedacht haben? Ich ärgerte mich über die seltsame Frage, und noch mehr, da ich
fühlte, das mir das Blut ins Gesichte stieg. Sie müssen diese Frage ihrer
Aemilie vorlegen, die wird sie eher beantworten können als ich. Fräulein Fiekgen
ist nicht da, sagte er, heute sind Sie meine Aemilie.
    Der Baron überhob mich einer beschwerlichen Antwort, durch einen von seinen
drei Hasen, welchen er lauffen liess. Das ist eine geheimnisvolle Redensart, du
weisst nicht, was ich damit, sagen will. Die Sache ist von Wichtigkeit, sie
verdient eine Erklärung. Meine Schwester und ich baten den Baron, ehe wir nach
Wilmershaussen fuhren, nochmals inständig, alle seine Kunst anzuwenden, das
Fräulein von der gefahrvollen Versuchung zu befreien, die Hand unsres Oncles
anzunehmen oder auszuschlagen. Dazu habe ich bereits die nötigen Maasregeln
genommen, sagte er. Ich will es, mit einer kleinen Veränderung, machen, wie
Taubmann. Wenn das Fräulein v.W. von ihren Bollenbeissern angefallen wird; wenn
ich merke dass es Ernst werden soll; so werde ich einen Hasen lauffen lassen, ich
werde die Unterredung auf so etwas lenken, darüber man gerne disputirt. Man wird
auf eine kurze Zeit den Liebesantrag des Herrn v.N. vergessen, und nur streiten
und trinken. Wenn ich sehe, dass sich die Gemüter wieder anfangen zu besänftigen;
so werde ich eine neue Materie auf die Bahn bringen, darüber noch ärger
gestritten wird, als über die erste, dabei müssen die Deckelglässer nicht
vergessen werden. So denke ich in zwo Stunden es so weit zu bringen, dass das
Frauenzimmer über uns Männer etwas zu lachen bekommt, und an keinen Ehevertrag
wird können gedacht werden. Drei Materien habe ich durchstudiret. Wenn Not
vorhanden ist, und ich anfange zu reden; so denken Sie nur,dass ich einen von
meinen Hasen losslasse, denn die ganze Gesellschaft hetzen wird.
    Der Baron hielt sein Wort. Er sah mich nicht sobald in einer kleinen
Verlegenheit über dem wunderbaren Betragen des Oncles; sie fiengen an etwas aus
den Zeitungen zu erzählen. Er wusste sich hierüber so glücklich auszubreiten, dass
wir in fünf Minuten die wichtigsten Anmerkungen über die jetzigen Zeitläufte
hörten. Der Geist der Parteilichkeit mischte sich in das Gespräche, die
Meinungen waren geteilt und es gab allerhand Streitigkeiten. Die Herren wurden
so laut, dass man sein eigen Wort nicht mehr hören konnte. Ich habe mir noch nie
die Sprachenverwirrung so deutlich vorgestellt, als bei diesem Geräusche. Alle
sprachen zugleich, und suchten einander durch die Stärke der Stimme zu
überwältigen, und keiner verstund den andern. Mir wurde ganz schwindelnd davon
im Kopfe. Etliche kämpften stehend miteinander, etliche befreieten das rechte
Ohr von der Perucke um desto genauer zu hören. Ich weiss nicht, ob dieser Lerm
sobald würde sein geendiget worden, wenn nicht das Geräusche einiger
umgestossenen Weinglässer einen kleinen Waffenstillstand verursachet hätte. Man
fieng nun an mit weniger Hitze die Staatsund Landesangelegenheiten zu
beurteilen. Der Schauplatz wurde verändert. Nach der Vorstellung eines hitzigen
Kampfes erschien die ehrwürdige politische Versammlung aus dem Kannegiesser. Man
erforschte die Staatsmaximen der hohen Häupter. Man tat Friedensvorschläge. Sie
wurden verworfen. Man lieferte wieder Schlachten. Man belagerte Festungen. Wien
hätte bald ein heftiges Bombardement von einer englischen Flotte ausstehen
müssen. Man setzte Könige ab und ein. Mit einem Worte, man tat alles, man
entschied das Schicksal von Europa mit einem Tone, aus welchem nur Brehmen oder
Götter reden können. Es ging über diesen politischen Betrachtungen eine gute
Zeit hin. Der leichtfertige Einfall des Barons hatte alle die Wirkung, die er
sich davon versprochen hatte. Dieses war ihm aber noch nicht genug; er brachte
zum Beschluss dieses scherzhaften Auftritts, die Gesundheit der hohen kriegenden
Mächte aus. Es war dem Herrn v.W. und unserm Oncle ganz gelegen, dass solches mit
dem grossen Deckelglase geschahe, so vedriesslich auch die Frau v.W. darüber
schien. Sie ist fein, und dabei sehr argwöhnisch; vermutlich hatte sie schon
einen gegründeten Verdacht auf unsern Schwager geworfen, dass er ihren Absichten
hinderlich sein möchte. Indessen konnte sie es doch nicht verhindern, dass ihr
Herr und unser Oncle, da sie bei der Gesundheit der kriegenden Mächte sich ihrer
eignen Feldzüge erinnerten, nicht wegen alter Freundschaft den Pokal zweimal
ausleereten. Sie suchte deswegen ihre Angelegenheiten eiligst in Richtigkeit zu
bringen. Sie druckte eine gnädige Mine nach der andern auf den Magister ab, um
ihn zu bewegen, seinen Herrn aufzumuntern, dass er doch sein Wort anbrächte. Der
Baron hatte sich aber ein eigen Geschäfte daraus gemacht, dem Magister immer
etwas zutun zu geben, um ihn abzuhalten, seinen Herrn an etwas zu erinnern. Er
musste vorschneiden, und die Regelmässigkeit jedes Schnittes aus der
Trenschierkunst beweisen. Er musste griechisch reden, Künste machen, die
Weingläser mit der Faust umwenden, mit verkehrter Hand trinken und was
dergleichen mehr war. Jedermann sah auf den künstlichen Magister, und dieses
verursachte ein allgemeines Stilleschweigen. Bei dieser kleinen Pause war die
Frau v.W. so glücklich, ihm durch einen Wink ihre Sehn sucht, nach dem
Anwerbungscomplimente unsres Oncles zu verstehen zu geben. Er war so witzig, dass
er die Sprache dieser boshaften Frau verstund. Aus einem possierlichen Gaukler
verwandelte er sich, in einem Augenblicke, in einen ehrwürdigen Bartlett. Er
griff mit einer sonderbaren Ernstaftigkeit an seine Sammtmütze, und legte sie
unter den Teller, als wenn er die Danksagung nach Tische sprechen wollte. Er
sah den Oncle starr ins Gesichte, und schien einem Entzückten ähnlich, der
anfangen will zu prophezeihen. Sein Patron hatte aber mehr zutun, als auf ihn
Achtung zu geben, der Wein fieng schon an, bei ihm seine Wirkung zu tun. Die
Sprache Grandisons hatte ihn verlassen. Er machte sich immer etwas mit Fräulein
Julgen zu schaffen, er wollte zärtlich und witzig sein; er wollte sie auf eine
feine Art im Gespräch unterhalten; es waren ihm aber alle Redensarten seines
Herrn Gevatters entwischt, nur noch eine einzige blieb ihm getreu.
    Wenn es mit ihren Begriffen, von der zärtlichen Empfindung für die Ehre
bestehen kann, gnädiges Fräulein, so küsse ich Ihnen die Hand. Das möchte noch
hingehen; aber wie gefällt dir das folgende Compliment? Wenn es mit ihren
Begriffen, von der zärtlichen Empfindung bestehen kann, gnädiges Fräulein, so
belieben sie doch etwas zu speisen. Sie sind gewiss zu feste geschnüret, dass gar
nichts hinter will, machen Sie Sichs doch ein bisgen commode. Fräulein Julgen
musste, bei aller ihrer Angst und Unruhe, über diese feinen Sachen, die er mit
einem recht bescheidenen, recht männlichen Wesen vorbrachte, heimlich lachen. Im
übrigen spielte sie eine vollkommene Pantomime, über zwei Worte, die in ja und
nein bestanden, habe ich den ganzen Tag nichts von ihr gehöret. Der Major, der,
so viel ich weiss, sie noch nicht kannte, muss sie für ein sehr einfältig Mädchen
gehalten haben. Es ist wahr, sie schien sich selbst nicht gleich; aber kann man
es sein, wenn man in so kritischen Umständen sich befindet? Ueber die Bewegungen
des Magisters verlohr sich bei uns beiden wiederum das Lachen. Sie suchte, durch
einen flüchtigen ängstlichen Blick, bei mir Trost und Hülfe, und ich suchte
solche selber bei unserm Schwager. Dieser hatte sich zum Unglück in eine
Unterredung vertieft, bald kehrte er sich zu seiner Nachbarin zur rechten, bald
zur linken Hand. Wir hatten eine bunte Reihe gemacht. Ich sass auf Kohlen. Der
Baron schien einen kleinen Tummel zu haben, und Lampert wagte es nun, da der
Oncle auf seine Minen nicht Achtung gab, Worte zu gebrauchen. Jezt, dachte ich
bei mir, wäre es Zeit, dass der Baron wieder einen Hasen vorspringen liess. Hören
Sie, gnädiger Herr, sagte Lampert, gedenken Sie auch daran, was Herr Grandison
der Grosse tat, da er bei seiner Henriette -? Der Baron brach hier geschwinde
das Gespräch mit seinen Damen ab. Das bitte ich mir aus, Herr Magister,
verschonen Sie den Herr Grandison mit dem Titel des Grossen; ein Mann der keine
Galle hat, ist nicht gross. Ihr Baronet mag ein guter ehrlicher Mann sein; aber
um den Namen eines grossen Mannes zu verdienen, muss man die Welt bezwingen, oder
doch bezwingen wollen. Alexander war gross, Pompejus war gross, und wie die
Weltbezwinger sonst noch heissen mögen. Was rief unser Oncle, wollen Sie meinen
Herrn Gevatter schimpfen? Lassen Sie mir das Ding bleiben, Herr Vetter, wenn Sie
mein guter Freund sein wollen, oder -.
    Ich habe alle Hochachtung für ihren Herrn Gevatter, ich schätze ihn hoch;
dass aber so ein kleiner dicker Schulmeister als ihr Lampert ist, dem Helden ihre
Ehre stehlen will, um einem Privatmann damit zu bereichern: das leide ich nicht,
und wenn ich darüber auf dem Platze bleiben sollte. Nun ging das Disputiren von
neuen an, der vorige Streit über Krieg und Friede war nur ein Scharmützel, jezt
kam es zu einer Schlacht. Bass- Tenor- Diskantstimmen, alles summte durch
einander. Die Frau v.W. tat alles, um diese Streitigkeiten beizulegen. Ihr Herr
war eingeschlafen, und liess sich durch kein Geräusche ermuntern. Lampert glühete
vor Wein und Eifer, er wurde gegen den Baron unhöflich. In diesem hatte der Wein
auch endlich über den Verstand die Uebermacht bekommen. Bald wäre dem armen
Magister ein Weinglas ins Gesichte geflogen, wenn man solches nicht verhindert
hätte. Einige Herrn warfen sich endlich zu Friedensrichter in diesen Zwiste auf.
Nach einigen Schwierigkeiten wurden beide Teile besänftiget, und der Friede
unter den Bedingungen wieder hergestellt, dass der Magister, wegen seiner
Vergehungen, den Baron schriftlich um Verzeihung bitten, und dieser hingegen den
Grandison auf der Stelle für einem grossen Mann erkennen sollte. Dieser Vertrag
wurde mit dem Deckelglase bestätiget. Die Frau v.W. konnte ihren Verdruss nicht
verbergen, dass sie ihre Absicht noch nicht erreicht hatte. Sie moralisirte
ziemlich nachdrücklich über ihren Herrn Schwiegersohn; er liess sich aber durch
nichts aufbringen, und trank dann und wann ihre Gesundheit; doch einmal sagte er
in seiner Begeisterung: Hören Sie auf zu keiffen, alte Frau Shirlei.
Unvergleichliche Henriette, was machen Sie denn mit einer so bösen Stiefmutter?
Wollen Sie mich haben, so will ich Sie von dieser ungeheuren Frau befreien. Das
war vortrefflich, es hätte nichts bessers zu Fräulein Julgens Befreiung können
erdacht werden. Die Frau v.W. wurde dadurch so aufgebracht, dass sie, wider ihre
Neigung, ihm ins Gesichte sagte: ihr Herr und sie, würden das Fräulein keinem
irrenden Ritter geben, es möchte nun Ernst oder Scherz bei ihm sein, so würde
sie ihn nicht zum Schwiegersohne annehmen. Mein Herz wurde nun ganz leichte,
unser Oncle verschlimmerte seine Sachen noch mehr, dass er über den Zorn der Frau
v.W. heftig lachte. Sie sind doch meine Henriette, sagte er zu dem Fräulein, und
sie würde einem derben Kusse nicht haben entgehen können, wenn sie nicht dadurch
vorgebogen hätte, dass sie ganz freundschaftlich bat, ihrer zärtliche Empfindung
für die Ehre zu schonen.
    Es war 6 Uhr da wir vom Tische aufstunden. Der Herr v.W. musste zu Bette
gebracht werden, unser Oncle und der Magister verschwanden auch. Die übrigen
Herren tranken mit dem Frauenzimmer Coffee. Die Frau v.W. verliess uns keinen
Augenblick, sie glaubte vielleicht, dass wir uns, in ihrer Abwesenheit, über sie
lustig machen möchten. Der übrige Teil des Tages, wurde auf unsrer Seite sehr
vergnügt zugebracht, ich wurde mit in ein Tarock gezogen, wir spielten bis um
zehn Uhr. Der Oncle und Lampert kamen da wieder zum Vorschein, sie waren aber
ganz unmunter. Den Herrn v.W. bekamen wir nicht wieder zu Gesichte. Wir
nötigten den Oncle mit in unserm Wagen zu steigen, er wollte mit aller Gewalt
reiten. Am besten wäre es gewesen, er hätte seinen Rausch in Wilmershaussen
ausgeschlafen. Ich wünschte, dass ihn die Frau v.W. bitten sollte, da zu bleiben;
doch sie war so vedriesslich, so mürrisch, dass man es ihr ansehen konnte, dass ihr
etwas nicht nach ihrem Sinne gegangen war. Beim Abschiede hatte Fräulein Julgen
Gelegenheit, mir mit einem recht muntern, recht freudigen Wesen zu sagen, dass
sie mir alles, was sie mir heute nicht mündlich hätte sagen können, bald
schriftlich sagen würde. Vor einer Stunde brachte mein Mädchen ein Briefgen von
ihr; ich habe es noch nicht gelesen; ich werde es aber meinem Briefe, wenn es
etwas merkwürdiges in sich entält, beifügen. Wir nahmen unsern Rückweg durch
Kargfeld, um unsern schlafenden Oncle auszuladen.
    Meine zwei Bogen sind nun wieder voll, und meine Hand ist so steif, dass ich
sie fast nicht mehr bewegen kann. Ich bin von Herzen froh, dass ich mit meinem
Gewäsche fertig bin. Habe ich dir, in der Sprache des Magisters zu reden, die
Nuss in der Schaale geliefert, und allerlei überflüssige Dinge in meine Erzählung
gemischt; so wirst du dir den Zeitvertreib machen können, solche aufzubeissen,
und den Kern heraus zu suchen. Ich bewundere mein glückliches Gedächtnis, dass
ich diesen kleinen Roman, wie ich glaube, ziemlich getreu zu Pappiere gebracht
habe. Jezt lege ich den fünften Bogen auf, um was sich zwischen hier und
Sonnabends noch eräugnen möchte, denn eher werde ich mein Briefpaquet nicht
siegeln, dir zu berichten.
    Sonnabends den 22 September. Gestern haben wir einen Besuch in Kargfeld
abgelegt. Unser Oncle ist krank, er hat einen heftigen Anfall vom Podagra
bekommen, das sind die Nachwehen von dem Schmausse bei dem Herrn v.W. Er ist der
unleidlichste Mann von der Welt. Da wir uns um sein Bette herumgesetzet hatten,
und anfiengen, ihn die Reihe herum zu bedauern; so musste ich einmal niessen. Er
fieng darüber erbärmlich an zu schreien, als wenn ich ihm mit einem Hammer auf
das podagrische Bein geschlagen hätte. Was das ärgste ist, so will er es nicht
Wort haben, dass sich das Podagra bei ihm einquartieret hat. Er würde sich kein
Bedenken machen seine Beine in noch mehrere Küssen einzuhüllen, als er jetzo
tut, gesetzt, dass er davon nicht den geringsten Anstoss hätte: wenn man ihn nur
überzeugen könnte, dass Herr Grandison davon auch manchmal einige Beschwerung
habe. Ich dächte, du liessest ihn mit nächsten an der Krücke der Frau Shirlei
herum hinken, und rühmtest dabei seine ausserordentliche Gedult und seine Diät.
Ich bin versichert, dass du unsern Oncle eher kuriren würdest, als alle Doktor
und Apoteker in unsrer ganzen Gegend. Der Magister bewies aus verschiedenen
Gründen, dass sein Gönner unmöglich das Zipperlein haben könnte, er gab der
Unpässlichkeit unsres Oncles einen verwünschten griechischen Namen, den ich
vergessen habe. Der Baron hatte dasmal keine Lust mit ihm zu streiten; er
behielt also, zu grosser Beruhigung des Patienten, leichtlich Recht. Der
schmerzhafte Fuss des Oncles, liess nicht zu, dass er an seine Henriette denken
konnte, und damit waren wir auch sehr wohl zufrieden. Vorgestern hat ihn der
Herr v.W. auf ein paar Stunden besucht, es scheint aber nicht, dass sie sich von
der Heirat mit einander unterredet haben.
    Du wirst einen Haufen Innlagen in meinem Briefe finden. Vorhin brachte
Jeremias einen ziemlich dicken Brief, von dem Magister an den Doktor Bartlett.
Ich bin so neugierig gewesen, und habe ihn erbrochen, du wirst mich desfalls
schon bei dem Herrn Doktor entschuldigen. Unser Oncle ist ein wunderbarer Mann,
alles Unglück das er hier anstiftet, soll sein Baronet wieder gut machen.
Verschreibe ja nicht etwan den armen Bornseil, unser Oncle würde ihn dir mit
Weib und Kindern schicken, der Baron will ihn gelegentlich versorgen. Wenn ich
dir doch mündlich sagen könnte, dass du die aufrichtigste Freundin besitzest an
                                Deiner Schwester
                                                                     Amalia v.S.
 
                                XXXVIII. Brief.
  (Folgende sieben Briefe hatte Fräulein Amalie in ihr Paquet eingeschlossen).
                  Das Fräulein v.W. an Fräulein Amalien. v.S.
                                                  Wilmershausen den 19 Septembr.
        Schätzbarste Freundin,
Noch nie habe ich Ihnen mit so vieler Aufrichtigkeit diesen schönen Namen
beigeleget, als jetzo. Sie haben ihn allemal verdienet, und ich kann es mir
selbst nicht vergeben, dass ich einmal an der Stärke Ihrer Freundschaft gegen
mich gezweifelt habe; allein nehmen Sie mein offenherziges Geständnis als einen
Beweis eines guten Herzens an, wenn ich Ihnen sage, dass ich Sie erst seit zwei
Tagen für meine schätzbarste Freundin, ohne Ihnen ein Compliment zu machen,
erkenne. Wie werde ich meine Dankbarkeit gegen Sie, wie werde ich das, was mein
Herz für Sie empfindet ausdrücken können? Es ist sehr gut, dass Sie keine
Lobsprüche von mir erwarten, ich würde mich sehr verleugnen müssen, wenn ich
Ihnen alles das Gute entdecken sollte, dass ich von Ihnen denke. Nein nein, das
werde ich nicht tun; ich vermeide gar zu gerne allen Verdacht einer
Schmeichelei. Es ist genug, wenn ich Ihnen gestehe, dass Sie mehr getan haben,
als ich vermuten konnte. Ich würde es für ein Glück gehalten haben, wenn man an
dem ängstlichen Tage nur nicht ein entscheidendes Ja oder Nein von mir gefordert
hätte, das beides mir nicht viel gutes versprach. Ich würde überaus zufrieden
gewesen sein, wenn Ihr erster Plan nach meinem Wunsche wäre ausgeführet worden,
wenn ich weiter nichts als einige Tage oder Wochen eine Entschliessung in einer
so wichtigen Angelegenheit zu fassen erhalten hätte. Doch Sie waren so besorgt
für mich gewesen, einen neuen Plan zu meinem besten zu entwerfen, welcher auch
so gut ausgeführet wurde, dass ich nicht einmal nötig hatte, zu einer
betrüglichen Bitte meine Zuflucht zu nehmen, um einen Vater und einen Mann, der
eine aufrichtige Neigung zu mir hat, zu täuschen. Ich würde mir gewiss viel
Gewalt angetan haben, um diesmal anders zu reden als zu denken. Sie sehen
hieraus, welche Verbindlichkeit Sie mir gegen Sich aufgeleget haben, dass Sie
mich dieser Mühe überhoben. Ihr Herr Schwager hatte schon den grössten Teil
dieses Plans ausgeführet, ehe ich es inne wurde, wohin seine Unternehmungen
abzielten. So sehr mir die Bemühungen des Herrn Barons zustatten kamen, so sehr
ich Ursache habe, ihm gleichfalls verbunden zu sein; so ungern würde ich es doch
unternehmen, die Erfindung und die Ausführung dieses Entwurfs, mich aus einer
Verdriesslichkeit zuziehen, zu loben. Die beste Absicht, dünkt mich, wurde nicht
durch die besten Mittel erreicht. Eine ganze Gesellschaft zu bezechen, um
Aeltern abzuhalten, keinen üblen Gebrauch von ihrer Gewalt über Kinder zu
machen, sollte sich das wohl rechtfertigen lassen? Sie wissen, dass ich in diesem
Stücke etwas zärtlich bin. Das Kopfweh meines Vaters, die Unpässlichkeit des
Herrn v.N. und der Sturz des Rittmeisters von H. mit dem Pferde, alles dieses
steht auf meiner Rechnung, und wenn es gleich alles von keinen Folgen zu sein
scheinet; so empfinde ich doch in meinem Gemüte eine kleine Unruhe darüber.
Wenn ich mich doch davon befreien könnte, so würde ich recht ruhig sein. - -
Aber was mache ich doch? Nicht wahr, ich bin ein ungezogenes Mädchen? Ich sollte
mich wegen Ihrer Mühe, wegen Ihres Eifers für mein Bestes bei Ihnen bedanken;
ich sollte Sie dafür bis in den dritten Himmel erheben: und ich bin so verwegen,
und kritisire die Unternehmungen meiner grossmütigen Beschützerin. Wenn Sie mir
nun Ihren Beistand versagt hätten, wie würde es um mich aussehen? Würde ich
nicht die Ausbrüche des väterlichen Zorns, womit ich bedrohet wurde, empfunden
haben, oder mich jetzo in einer Stellung befinden, die mir ein unzufriednes
Leben verspräche? Das Ungewitter hat sich noch nicht verzogen, es stehet noch am
Horizonte; wer weiss wie bald mich wieder ein unerwarteter Donner erschreckt.
Versagen Sie mir Ihren Schutz ja nicht, meine Freundin. Wenns möglich ist, will
ich nicht mehr ungezogen sein.
    Soll ich Ihnen sagen, wie mir vorgestern zu Mute war? Nein, das wissen Sie
schon. Sie konnten aus meinen Gesichtszügen lesen, was in meinem Herzen vorging.
Ich will Ihnen lieber Nachricht von meinem Zustande geben, seitdem Sie uns
verliessen. Das sage ich Ihnen zum voraus, dass nichts wichtiges vorgefallen ist.
Gestern empfieng mich mein Vater bei dem Morgenbesuche mit den Worten: Guten
Morgen, Fräulein Braut. Ich weiss nicht gnädiger Papa, sagte ich, ob ich diese
Ehre im eigentlichen Verstande annehmen kann? Der Herr von N. der ohne Zweifel
der Mann ist, durch den ich diese Benennung erhalten soll, hat mir, wenn ich
nicht ein und andern Scherz dahin ziehen will, seine Neigung gegen mich noch gar
nicht entdeckt; und wenn auch dieses wäre, so glaube ich, dass noch eins und das
andere müsste berichtiget werden, ehe ich diesen Namen verdiente. Der Papa wurde
etwas ungehalten auf mich, dass ich ihm widersprach. Wenn er Kopfweh hat, so ist
er ein wenig unleidlich; die Mama begütigte ihn aber durch eine weitläuftige
Vorstellung. Wo ich nicht irre, so war dieses das erstemal, dass sie mit mir
übereinstimmte. Sie führte einige Gründe an, warum ich nicht Fräulein Braut
könnte genennet werden. Einige davon waren nicht vorteilhaft für den Herrn v.N.
Wenn ich mit ihrer Gemütsart weniger bekannt wäre; so würde ich hoffen können,
dass meine Verbindung mit ihm noch nicht so gar nahe sei. Ich muss es Ihnen doch
im Vertrauen stecken, dass man einen starken Verdacht auf Sie geworfen hat, dass
Sie so wohl die unerwartete Ankunft Ihres Herrn Oncles; als auch die wunderbaren
Touren bei Tische angegeben hätten; doch findet Ihr Herr Oncle dadurch eben
keine Entschuldigung. Dass Sie von der leztern Erfindung die Urheberin sind, und
Ihrem Herrn Schwager nur die Ausführung davon überlassen haben, daran zweifle
ich nicht mehr; bei der plötzlichen Erscheinung des Herrn v.N. habe ich noch
nicht Licht genug, ob ich solche für eine feine List von Ihnen, oder für einen
Einfall des Herrn Wilibalds halten soll. Ich bin geneigt, das leztere zu
glauben, denn im ersten Fall würden Sie sich in der Tat an Ihrem Herrn Oncle
versündiget haben. Ich ungezognes Mädchen, jezt habe ich Sie schon wieder
beleidiget, Sie sind böse auf mich meine Amalie. Ich wollte Sie gern mündlich um
Verzeihung bitten, wann ich es wagen dürfte, Ihnen in Schöntal aufzuwarten; ich
muss mir aber dieses Vergnügen jetzo versagen, um der Mama keinen widrigen
Verdacht zu erwecken. Geben Sie mir einen schriftlichen Verweis, ich habe ihn
verdienet; lassen Sie es aber auch darbei bewenden. Danken sie dem Herrn Baron,
danken Sie Ihrer Frau Schwester, danken Sie sich selber, für Ihre Gesinnungen,
für Ihre guten Bemühungen für mich. Ich gehöre ganz für Sie, nennen Sie mich.
                                      Ihre
                                                                    Juliane v.W.
 
                                 XXXIX. Brief.
                      Fräulein Amalia an das Fräulein v.W.
                                                         Schöntal, den 20 Sept.
        Schätzbarste Freundin,
Jederzeit habe ich Ihnen mit so vieler Aufrichtigkeit diesen schönen Namen
beigelegt, als ich es noch jetzo tue. Ich kenne Ihre schwache Seite; ich kenne
aber auch Ihr gutes Herz, und dieses macht mir die Vergebung Ihrer Fehler, wenn
Sie welche gegen mich begehen können so leicht, dass ich mir ein Vergnügen daraus
machen würde, Ihnen, ich weis nicht was, zu vergeben. Haben Sie ein Mistrauen in
mich gesetzet, bin ich Ihren Augen ein falsches Mädchen gewesen; so habe ich
mich an Ihnen schon genug dadurch gerochen, dass ich Sie von dem Gegenteile so
genau zu überzeugen mich bemühet habe, dass sich Ihr garstiger Argwohn hat
verstecken müssten. Ich bin nicht wenig stolz darauf, dass Sie inne werden, dass
Sie nicht alleine ein gutes Herz haben, und dass Sie mir eben diese Ehre,
wenigstens in Absicht auf Sich selber, zugestehen müssen: in Absicht auf
andere aber scheint es, als wenn Sie mich für sehr mutwillig, wo nicht gar für
boshaft hielten. Ich muss mich deswegen bei Ihnen rechtfertigen. Sie sind
tungendhaft meine Juliane, Sie haben enges Gewissen, Sie sind gar zu zärtlich.
Wenn ich Ihnen nicht suchte Ihren Irrtum zu benehmen, so würden Sie mich für
das leichtsinnigste Mädchen von der Welt halten, und nichts wäre mir
unleidlicher als dieses. Wer hat Ihnen denn gesagt, dass ich den Plan, wie Sie es
nennen, zu Hintertreibung Ihrer Verbindung mit meinem Oncle entworfen habe? In
der Tat, ich habe ihn gut geheissen; aber er war nicht meine Erfindung. Sie
haben diese, eben so wohl als die Ausführung desselben, einer Person zu danken.
Der Baron ist der Patriot, der den Einfall hatte, die ganze Gesellschaft zu
bezechen, und sich selbst dabei nicht zu vergessen, um Sie von dem Verdrusse
eines unangenehmen Liebesantrags zu befreien. Sie haben nicht Ursache, über den
Kopf Ihres Herrn Vaters, und über das podagrische Bein Ihres Anbeters sich, ein
Gewissen zu machen. Ich würde selbst einige Unruhe darüber empfinden, wenn ich
glaubte, das dieses Unheil, ohne den Antrieb des Barons, wäre vermieden worden;
allein urteilen Sie selber, ob es nicht besser war, dass er sich und seinen
Freunden einen Rausch trank, um ein Unheil zu vermeiden, als dass eben dieses ein
paar Stunden später geschahe, um eine unglückliche Verbindung dadurch zu
befestigen. Aus zwei Uebeln muss man doch allemal das Kleinste erwählen. Geben
Sie sich zufrieden mein Kind, Sie mussten einmal an diesem Tage eine Gelegenheit
sein, dass man den grössern Becher der Frölichkeit, nach der Benennung unsers
Magisters ausleerte. Was liegt Ihnen daran, aus welcher Nebenabsicht dieses
geschahe. Ich bin in meinen Gemüte über diesen Punkt ruhig; ich dächte, Sie
wären es auch. Ueber einen andern Vorwurf den Sie mir gemacht haben, bin ich
nicht so gleichgültig. Ich soll durchaus die Gespensterhistorie des Herr v.N.
erfunden und eingefädelt haben. Mit Ihrer Frau Mutter habe ich deswegen schon
eine Lanze brechen müssen, das fehlte mir noch, dass ich mit der Fräulein Tochter
auch was zu zanken bekäme. Es ist Ihr grosses Glück, dass Sie in dieser wichtigen
Sache nichts entscheiden. Sie verlangen mehreres Licht darin zu haben, ehe Sie
ein Endurteil abfassen, und mich freisprechen oder eine Gewissensrüge anstellen
wollen. Sie können mich ganz sicher freisprechen. Ich werde für meine Unschuld
keinen Beweis führen, nein nein meine Juliane, den verlangen Sie auch nicht.
Wenn es die Rot erforderte, und man zu arglistigen Mitteln seine Zuflucht
nehmen müsste, um Sie von einer unangenehmen Verbindung zu befreien; so könnte es
wohl sein, dass ich aus Freundschaft für Sie eine kleine Bosheit beginge, aber
dismal habe ich in Wahrheit nicht daran gedacht. Sehen Sie diese romanmässige
Unternehmung noch einmal genau an, Sie werden den lächerlichen Magister von
Anfang bis zu Ende darin finden. Suchen Sie diesen ungegründeten Argwohn von
mir Ihrer Frau Mutter gleichfalls zu benehmen: kann es aber nicht sein, so
lassen Sie ihr das Vergnügen, ihre Meinung zu behalten. Bitten Sie mich ja nie
wieder um Verzeihung Ihrer Offenherzigkeit, wenn Sie mich nicht beleidigen
wollen. Wir wollen nie aufhören, einander alles zu sagen, was wir denken, dieses
ist der vollkommenste Beweis einer aufrichtigen Freundschaft. Wenn Sie der
Aufmerksamkeit Ihrer Mama einmal entwischen können; so kommen Sie hieher nach
Schöntal, ich habe grosse Lust, mit Ihnen mich recht satt zu schwatzen. Der
Baron will sich, Ihnen zu gefallen, noch zehnmal einen Rausch trinken. Wir
lieben Sie, wir schätzen Sie hoch; in beiden aber gebühret der Vorzug
                          Ihrer aufrichtigen Freundin
                                                                    Amaliie v.S.
 
                                   XL. Brief.
                    Der Magister Wilibald an den Baron v.F.
                                                       Kargfeld den 19 Septembr.
        Reichsfreihochwohlgebohr.
            Herr, Gnädiger Herr.
Eu. Reichsfreihochwohlgebohr. Gnaden pflegen oftmals diesen sehr weisen Spruch
im Munde zu führen: Ein Wort ein Wort, ein Mann ein Mann, und dieser
vortreffliche Wahlspruch erinnert mich an ein Versprechen, das ich vorgestrigen
Tages Denenselben, in dem Speisesaale des Herrn v.W., in Gegenwart einer
hochansehnlichen Gesellschaft getan habe; und ich erfülle es mit desto grösserm
Vergnügen, teils um dadurch zu beweisen, dass ich ein Mann von Parole bin,
teils um dadurch Gelegenheit zu bekommen, mich in einigen Stücken, die mir sind
zur Last geleget worden, zu rechtfertigen. Ob ich gleich so wenig dabei
gleichgültig sein konnte, da Eu. Hochwohlgebohr. gefiel, von dem grossen Freunde
meines Gönners kein gar zu vorteilhaftes Urteil zu fällen, dass ich dadurch auf
das lebhafteste gerühret wurde: so muss ich es doch herzlich beklagen, dass Sie
einige Worte, die ich in guter Meinung wohl bedächtlich vorbrachte, und welche
gar nicht dahin abzielten, Eu. Hochwohlgebohr. zu beleidigen, ungnädig
empfanden. Ich glaube indessen, dass ich eine vollkommene Vergebung alles dessen,
wodurch ich Hochdieselben beleidiget haben soll, erhalte, wenn ich Sie
aufrichtig versichere, dass es mir nie in den Sinn gekommen ist, Dero Ehre und
Ruhm jemals im geringsten anzutasten. Per me semper honos nomenque Tuum
laudesque manebunt. Dieses habe ich nun meines Erachtens in Richtigkeit
gebracht. Ich sehe Eu. Gnaden wieder als meinen Mäcenan, ich sage gleichsam zu
Ihnen, wie jener grosse Dichter zu diesem: O et praesidium et dulce decus meum!
In diesem Vertrauen gegen Sie, wag ich es, Dero Schutz und Hülfe in einer Sache
anzuflehen, die mich sehr beängstiget. Sein Sie doch, gnädiger Herr, sein Sie
doch, ich bitte Sie, ein grossmütiger Georg, der den Lindwurm, der an meinem
Herzen naget, ritterlich besieget. Ich weiss, dass das Fräulein v.S. gewohnt ist,
an ihren Herrn Bruder in Engelland alles zu berichten, was in unsrer Gegend sich
zuträgt; ich weiss auch, dass der Herr v.S. seine Briefe allen Freunden in
Grandisonhall zeigt. Es ahndet mir, dass das Fräulein alles, was bei der
Gasterei des Herrn v.W. vorgefallen, vom Anfang bis zu Ende, an den jungen Herr
Baron schreiben wird. Sie verstehet die die Kunst, Sachen, die von keiner
Wichtigkeit sind, auf einer Seite vorzustellen, dass sie das Ansehen wichtiger
Begebenheiten erreichen. Wie leicht könnte es sein, dass sie aus Mangel richtiger
Begriffe, den Becher der Fröhlichkeit, welcher bei der Tafel des Herrn v.W.
fleissig herum ging, mit dem Laster der Trunkenheit verwechselte. Nichts würde
mir empfindlicher sein, als wenn der Doctor Bartlett mich, der ich mir eine Ehre
daraus mache, in seine Fusstapfen zu treten, und alle meine Handlungen nach den
seinigen einzurichten, für einen Trunkenbold und Weinsäufer ansehen sollte. Was
würde dieser redliche Mann denken, wenn er solche Dinge von mir hörte? würde er
sich nicht schämen, mir die Ehre eines Mitglieds einer berühmten königlichen
Gesellschaft erworben zu haben? Ich will es zwar gerne zugeben, dass ich mich
eben so wenig bei der Gasterei des Herrn v.W. in statu integritatis befand, als
die übrigen vornehmen Gäste; aber dadurch wird noch keinesweges eingeräumet, dass
man sich an diesen frohen Tage bezecht hätte. Indessen höre ich unter der Hand,
dass die Frau v.W. einige ihrer Gäste, und mich insbesondere, mit solchen
Ehrentiteln überhäuft, die nur für niederträchtige Gemüter und für die Schenke
gehören. Ich weiss, dass die Verwechselung der Begriffe von dem Freudentrunke und
der Trunkenheit, an diesen falschen Urteilen Schuld sind. Um nun diesem Uebel
in Zukunft vorzubeugen, und meine Ehre und guten Namen dadurch, sowohl in
hiesiger Gegend, als auch bei meinen Gönnern in Engellend, aufrecht zu erhalten;
so habe ich es gewagt, angebogne kurze Beantwortung der Frage: Ob bei der
Gasterei des Herrn v.W. der Becher der Fröhlichkeit zuweit sei getrieben worden
oder nicht, zu entwerfen, und diese Abhandlung Eu. Hochwohlgebohr. untertänig
zuzueignen. Werden Sie die Gnade für mich haben, und aus dieser kleinen Schrift
dem Fräulein v.S. für welcher, wenn ich es aufrichtig gesiehen soll, ich mich am
meisten fürchte, ingleichen bei Gelegenheit der Frau v.W. deutliche Begriffe von
dem himmelweiten Unterschiede zwischen einem Trunkenbolde und einem, der den
Becher der Fröhlichkeit kostet, beizubringen sich die Mühe geben. Werde ich
dadurch von der Sorge, dass meinem guten Namen ein Klebesieckgen möchte
angehangen werden, befreit: so verspreche ich nicht nur meine Dankbarkeit gegen
Eu. Gnaden auf alle nur ersinnliche Art und Weise zu Tage zu legen, sondern ich
werde dadurch auch aufgemuntert werden, mehrere dergleichen nützliche
Unternehmungen zu wagen. Ich verharre mit vollkommenster Hochachtung,
                         Eu. Reichsfreihochwohlgebohr.
                             Meines gnädigen Herrn
                                                            untertäniger Diener
                                                            L. Wilibald Phil. D.
                         Einschluss des vorigen Briefs.
Kurze und bescheidene Beantwortung der Frage: Ob bei der Gasterei des Herrn v.W.
      der Becher der Fröhlichkeit zuweit sei getrieben worden oder nicht?
                                     §. 1.
                      Was der Becher der Fröhlichkeit sei.
    Ein Becher wird im weitläuftigen Verstande jedes Gefässe genennet, woraus man
zu trinken pfleget, oder kürzer, ein Becher ist ein Trinkgeschirr. Der Wein ist
ein Saft, welcher aus Trauben gepresset und in grossen Gefässen, die man Fässer
nennet, in unterirrdischen Gewölbern oder Kellern zum Gebrauche aufbehalten
wird. Die Alten hielten es zwar damit anders; sie zogen den Wein auf Flaschen,
und verwahrten ihn in dem obern Teile, oder auf dem Boden ihrer Häuser. Die
Fröhlichkeit ist eine Beschaffenheit des Gemüts, welche uns eine Zeitlang aller
Sorgen vergessen macht, und unsere Gedanken nur mit angenehmen Empfindungen
beschäftiget. Der Becher der Fröhlichkeit (poculum hilaritatis) ist also der
Genuss des Weins, aus einem Trinkgeschirr, den man so lange fortsetzet, bis man
spüret dass das Gemüte vollkommen aufgeräumet ist, oder bis man eine vollkommene
Heiterkeit im Gemüte empfindet.
                                  Anmerkungen.
    Die erste. Weil der Becher der Fröhlichkeit das Gemüte aufheitert, so
werden die, welche ihn trinken, illuminati, das ist, Aufgeheiterte oder
Erleuchtete genennet.
    Die zweite. Einer, der keinen Wein trinket, heisst Abstemius. Leute von der
Art, die sich mutwillig um eine solche Ergötzlichkeit dieses Lebens bringen,
als das Weintrinken ist, sind nicht klug, ergo sind die Türken nicht klug.
                                     §. 2.
                        Wer der Erfinder davon gewesen.
    Noah, der zweite Stammvater des menschlichen Geschlechts, hat den Weinbau
erfunden. Er trank den Wein aus einer doppelten Absicht, erstlich um der
Schwäche seines Magens dadurch zu statten zu kommen, zum andern, um dadurch
seine Bekümmernis, dass er seine guten Freunde hatte sehen im Wasser umkommen,
durch Wein zu lindern. Wenn er seinen Becher aus dieser Absicht ansetzte, so
trank er das poculum hilaritatis, und weil dieses Niemand vor ihm tat, so war
er mitin der erste. Es ist also klar, dass Noah der Erfinder des Bechers der
Fröhlichkeit gewesen ist.
                                     §. 3.
                          Wie vielerlei derselbe sei.
    Wir haben ein zweifaches poculum hilaritatis, ein grösseres (majus) und ein
kleineres (minus). Dieses letztere bestehet darin, wenn man ein Glas Wein mehr
trinket, als es die Notdurft erfordert. Der gemeine Mann nennet dieses einen
Trunk über den Durst. Jenes kann nur Statt finden, wenn man mit dem Vorsatze
trinket, aufgeräumt zu werden, und mitin muss der Genuss des Weins so lange
fortgesetzet werden, bis man diesen Entzweck erreichet hat.
                                     §. 4.
        Wie man beide den grössern und den kleinern Becher brauchen soll.
    Des kleinern Bechers der Frölichkeit kann man sich so oft bedienen als man
will; aus dem grössern aber muss man kein Handwerk machen; sonst wird aus dem
Becher der Fröhlichkeit ein Becher der Trunkenheit. (Poculum hilaritatis
conuertitur in poculum ebrietatis.)
                                  Anmerkungen.
    Die erste. Die Gelehrten, welche mit dem Kopfe arbeiten, und einer
Aufmunterung ihrer Lebensgeister öfterer als andre nötig haben, dürfen den
grössern Becher der Fröhlichkeit so oft versuchen, als sie es gut befinden ihre
Lebensgeister aufzumuntern. Einfolglich gilt bei ihnen eine Ausnahme.
    Die zweite. Das poculum hilaritatis majus ist die Hippokrene der Poeten.
                                     §. 5.
            Das vorhergehende wird weiter ausgeführt und bestätiget.
    Es erhellet aus der Vernunft und Erfahrung, dass man nicht nur Wein trinken
könne, um den Durst zu löschen, sondern dass dieses auch geschehe, um sich zu
erquicken. Man pflegt im Sprichworte zu sagen: Vinum est lae senum, das ist,
Wein tut den Erwachsenen eben die Dienste, als Milch den Säuglingen. Wer sich
nun am Weine erquicket, dessen Gemüte wird munter; wer sein Gemüte durch den
Wein ermuntert, ohne dabei seiner Sorgen zu vergessen, der trinkt den Becher der
Frölichkeit, und zwar den kleinern. Alle Moralisten, sowohl Teologi als
Philosophi stimmen darin überein, dass es erlaubt sei, diesen kleinern Becher,
wenn und so oft man will, zu versuchen, denn er dienet zur Erhaltung des
menschlichen Lebens und der Gesundheit; alleine wegen des grössern sind die
Gelehrten nicht einerlei Meinung. Einige, und zwar die strengsten Moralisten,
verwerfen solche in ihren Schriften ganz; sie tun es aber nur zum Scheine, und
machen sich kein Bedenken, ihn dann und wann selber auszuleeren. Die gelindern
lassen solchen, wiewohl nicht mit offenbaren Worten, (aperte.) jedoch aber
stillschweigend (tacite) zu. Es wird nötig sein, um dieses zu bestätigen, ein
oder anderes Beispiel hiervon aus den Schriften eines grossen Kirchenlehrers
anzuführen. Dieser ernstafte Mann, da er bereits in einem wichtigen Amte stund,
schreibt an einem Orte, in seinem Tractätlein von der Einbildung folgendes. Ich
muss hier, spricht er, Kurzweilitatis gratia erzählen, was sich mit mir
zugetragen, als ich zu Königsberg studirte. Nachdem ich mit vornehmen Bürgern
bekannt worden, wurde ich zuweilen Erlustirens halber, in ihre Lustäuser ausser
der Stadt geführet, und wenn sie ihre Flaschenfutter auftäten, war dieses
allezeit die erste Frage, wie mir der Wein schmeckte? Wenn ich denn den sauern
Wein, so halber Krautlache (war) lobte: soffen sie sich so voll als die
Bürstenbinder, und wurden von lauterer Opinion voll und toll. Hier muss man wohl
bemerken, dass die Redensarten: sich so voll sauffen als die Bürstenbinder, von
lautererer Opinion voll und toll werden, in etwas uneigentlichem Verstande
müssen genommen werden, wie es auch aus der Natur der Sache schon genugsam
erhellet. Denn man weiss, dass sich so arme Leute, als die Bürstenbinder sind,
nicht in Wein bis zur Vollheit bezechen können, und von lauterer Opinion wird
man sich nicht leicht einen Rausch trinken. Wenn also der gelehrte Mann, der
dieses schreibt, jetzo leben sollte, so würde er sagen: und wenn ich den sauren
Wein lobte, so gefiel ihnen dieses sowohl, dass sie darüber ganz lustig wurden,
und den grössern Becher der Frölichkeit mit einander ausleerten. Ich will doch
noch ein Beispiel aus eben diesen Autore von gleichem Schlag anführen, es stehet
gleich auf der folgenden Seite des obenangezogenen Tractätleins, die Worte
lauten also: Gestern, als ich auf meinem grossen Stuhle eingeschlafen (war)
träumte mich, ich war ist einem herrlichen Pallast, da hörte ich den Abdanker
seine Oration halten, in welcher er den Hochzeitgästen Dank sagte, dass sie sich
einstellen und mit ihrer Gegenwart solche (Hochzeit helfen zieren wollen; führte
dabei an, sie wollten bedenken, dass anjetzo das Martinsfest wäre, wollten
demnach wacker herum trinken, dass kein Tropfen darin (in dem Fasse oder
Becher) blieb. Denn, sagte er, der Sauerkopf Seneca, der, der alle Berge eben
tragen wollen, hat selbst zuweilen gesoffen, dass er den Fuchsen geschossen und
über eilfe geworfen, (was diese Ausdrücke bedeuten, ist schon oben bei dem
Bürstenbinder erkläret,) und das sollte eine vortreffliche Medicin sein, aller
vornehmsten Arzenei Doctorn Meinung nach. Alexander der Grosse hat nie eine
Feldschlacht angetreten, er habe denn zuvor tapfer gesoffen. Wer sollte sich
aber dessen schämen, was Seneca, was Alexander M. was Cato getan? Und solche
Vorgänger zu haben, ist nicht allein wohl zu verzeihen, sondern noch wohl
lobenswert. So weit unser Autor. Hieraus leuchtet nun ganz deutlich in die
Augen, dass der Becher der Frölichkeit stilleschweigend gebilliget wird, und
dieses lässt sich hauptsächlich aus drei Gründen beweisen, I.) Weil der Autor
beiden angezogenen Stellen kein ungleiches Urteil beifüget, und also durch sein
Stilleschweigen die Sache billiget, denn qui tacet consentire videtur II.) Weil
er es selbst veranlasst hat, dass die Bürger in Königsberg sich besoffen haben
wie die Bürstenbinder, oder eigentlich zu reden, dass die Bürger in Königsberg
den grössern Becher der Frölichkeit versucht haben. III.) Weil er sich kein
Bedenken macht, einen Traum zu erzählen, der eine Aufmunterung zum Gebrauche
desselben entält. Er würde diesen Traum gewiss verschwiegen haben, wann er
befürchtet hätte, dadurch eine Ärgernis anzurichten, da er aber dieses nicht
getan hat; so ist es ausser allem Streit, dass er nichts darwider einzuwenden
hatte. Welches zu erweisen war.
                                   Anmerkung.
    Wenn es also die Moralisten verstatten, dann und wann so tief in das Glas zu
gucken, dass man den Fuchsen schiesst und über eilfe wirft; so ist es klar, dass es
erlaubt sei, den grössern Becher der Frölichkeit zur Ergötzung des Gemüts zu
gebrauchen.
                                     §. 6.
          Was die Trunkenheit sei, item ein Trunkenbold, Vollzapf etc.
    Die Trunkenheit entstehet entweder durch den gar zu öftern Gebrauch des
Bechers der Frölichkeit, (§. praeced.) wenn man alle Tage will Martini machen,
wie man im gemeinen Leben zu reden pflegt; oder wenn man das poculum hilaritatis
zu weit treibt, dass die Heiterkeit des Gemüts sich verlieret, wenn man durch
die Weindünste benebelt wird. Ein Trunkenbold, gleichsam der dem Trinkbecher
hold ist, oder ein Vollzapf, ist ein Mensch, der eine Fertigkeit besitzt, alle
vollen Gläser auszuleeren, und der also mit trinken nicht eher ablässt, bis er
schwarz und weiss, Tag und Nacht nicht mehr unterscheiden kann.
                                     §. 7.
          Dass die Trunkenheit ein Laster sei, und viel Unglück stifte.
    Wer so viel trinkt, dass die Heiterkeit seines Gemüts dadurch unterdrücket
wird, der verlieret den Entzweck des Bechers der Freudigkeit, und schwächet
dabei seine Gesundheit und sein Vermögen. Es kommt oftmals dahin, dass
solchergestalt ein reicher Crassus ein Friedrich mit der leeren Tasche wird,1
einfolglich beleidigt ein Trunkenbold die Pflichten gegen sich selbst, mitin
ist er lasterhaft, und die Trunkenheit selbst ein Laster. Ein Laster kann nichts
anders als Unheil anstiften, folglich stiftet die Trunkenheit viel Unheil an.
Dass dieser Satz der Wahrheit vollkommen gemäss s.y, solches lehret nicht nur die
tägliche Erfahrung, sondern es kann auch durch sehr viele Beispiele bestätiget
werden. Auszugsweise will ich davon doch etliche anführen. Zu Bacharach, einem
Städtlein in der Pfalz, welches seinen Namen daher erhalten, weil guter
Rheinwein daselbst wächst, und es gleichsam Bacchi ara, oder ein Altar des
Weingottes ist, wohnte vorzeiten ein grosser Schwelger, der sein einziges
Vergnügen in dem Keller nicht anders als ein Fisch im Wasser fand. Einsmals
ging obgedachter Temulent ins Weinhaus, und fing an, die Zeit mir Zechen und
andrer Kurzweile zu vertreiben, übte sich auch so fleissig in der
Gläserausleerung, dass er einen guten Rausch bekam. Immittelst wurde die Weile
seinem schwangern Weibe zu Hause sehr lang, welche sich hin begab, ihren vollen
Nabal heimgehen zu heissen; er verehrte sie aber mit etlichen Maulschellen, und
warf ihr einen Haufen Flüche und Scheltworte an den Hals. Sie ging hierauf ihres
Weges, den gottlosen Mann unter den andern Trunkenbolden lassend. Nach Verlauf
etlicher Viertelstunden hat sie ein überaus abscheuliches Monstrum oder
Missgeburt zur Welt gebracht, welches alle Anwesenden in höchstes Schrecken
versetzte. Dessen Gestalt war also beschaffen: forne an dem obern Teile des
Leibes sah es einem Menschen ähnlich, hinten hinab aber, und unten, einer
Schlange, und hatte einen Schwanz bei drei Ellen lang. Indem man nun nicht weis,
was man mit diesem Ungeheuer anfahen soll, kömmt der volle Zapfen nach Hause.
Die schreckliche Missgeburt gab, so bald sie ihn sah, einen Schlangen ähnlichen
Laut von und warf sich mit grosser Ungestüm an des Fluchers 'Hals, umhüllete
denselben etliche mal mit dem Giftschweife, verwundete ihn auch mit
verschiedenen Stichen; dass der gottlose Mensch seinen Geist aufgab, und die
tolle und volle Seele dem Teufel in die Wäsche schickte2. Ein anders. Nicht weit
von Jena wohnte vorzeiten ein Trunkenbold, der, wenn er sich besoffen hatte, mit
Jedermann zanken und hadern musste. Einsmals begab sichs, dass er toll und rasend
den Wirt in der Schenke mit seinen Gästen fressen wollte. Die Frau heulte und
bat, er sollte mit ihr nach Hause gehen, sie wollten zu Hause ein Kännlein Wein
mit einander ausstechen. Der volle Narr aber wollte nicht, sondern schlug das
Weib gar übel, und lief zum Tische, als wollte er zehn volle Bauern mit einem
Streich erschmeissen; es traf ihn aber einer mit einer Kanne dermassen vor den
Kopf, dass er alsbald umfiel und starb, und weil man zuvor die Leuchter
ausgelöschet hatte, ist noch nicht erfahren worden, wer diesen törigten Hund
erworfen hat3. Noch eins zur Zugabe. Zu Meinigen im Hennebergischen war einmal
ein Mann, Hanns Vierdümpfel benannt, welcher sich lieber in Bier- und
Brandeweinhäusern, als in der Kirche finden lies, dieser hat sich einmal
dermassen mit Brandewein angefüllet, dass ihn derselbe das Herz abgebrannt hat.4.
                                     §. 8.
Ob bei der Gasterei des Herrn von W. der Becher der Frölichkeit oder der Becher
         der Trunkenheit Statt gefunden habe? Letzteres wird verneinet.
    Nachdem nun das nötige zur Beantwortung unserer aufgeworfenen Frage
vorausgesetzet worden, so wird es leicht sein, solche gründlich, und zwar
verneinend, zu beantworten: Das Maas des Bechers der Frölichkeit ist bei der
Gasterei des Herrn v.W. nicht überschritten worden. Dieses beweisen wir so: Nur
der macht sich des Lasters der Trunkenheit schuldig, welcher so viel trinket,
dass die Heiterkeit des Gemüts dadurch unterdrucket wird, oder welches einerlei
ist, dass er Tag und Nacht, schwarz und weiss nicht mehr unterscheiden kann. (per
§. 6 & 7.)
    Bei der Gasterei des Herrn v.W. hat Niemand so viel getrunken, dass dadurch
sein Gemüte dergestalt wäre benebelt worden, dass er schwarz und weiss, Tag und
Nacht, nicht mehr hätte unterscheiden können: (per experient.)
    Also hat sich auch Niemand bei der Gasterei des Herrn v.W. des Lasters der
Trunkenheit schuldig gemacht. Oder auch so: Wenn wahr ist, dass die Trunkenheit
allemal viel Unheil stiftet, wie solches aus dem vorhergehenden §. nicht kann
geleugnet werden: so würde folgen, dass aus der Gasterei des Herrn v.W. vielerlei
Unglück müsste erwachsen sein, wenn bei solcher die Trunkenheit geherrschet
hätte. Da aber bis jetzo noch kein Ungeheuer dadurch ist ausgebrütet, auch
Niemand mit der Kanne dermassen an den Kopf getroffen worden, dass er davon
gestorben wäre; am allerwenigsten aber durch die Vielheit des Getränkes Jemand
um Leib und Leben kommen ist: so bleibet es dabei, dass man die Gränzen des
Bechers der Frölichkeit nicht überschritten hat. Hat sich nun Niemand des
Lasters der Trunkenheit bei der Tafel des Herrn v.W. schuldig gemacht; ist aber
gleichwohl ein Glas Wein mehr getrunken worden, als zu des Leibes Nahrung und
Notdurft gehörte; so folgt daraus, dass der grössere Becher der Frölichkeit,
nicht aber, wie fälschlich vorgegeben wird, der Becher der Trunkenheit von einer
hochansehnlichen Gesellschaft zu einer unschuldigen Gemütsergötzlichkeit
ausgeleeret worden. W.z.e.w.
                                     §. 9.
                                   Beschluss.
    Solchergestalt wäre also die Ehre der vortrefflichen Gesellschaft in
Wilmershausen gerettet, und die hochansehnlichen Glieder derselben von dem
Verdachte eines Fehlers befreit, welchen nur niedrige Gemüter begehen können.
Es ist also nichts anders, als eine pure lautere Verläumdung und Unwahrheit,
wenn man sich nicht entblödet, zu sagen, dass einige der anwesenden Gäste in
Wilmershausen rechte Trunkenbolde und Vollzapfen gewesen wären; ich sage, es ist
dieses nichts anders, als eine Verläumdung und Erdichtung, die bei einer genauen
Untersuchung der Wahrheit nicht Stich hält, und welcher man sicher widersprechen
kann. Denn da zur Gnüge bewiesen worden ist, dass kein Mensch von allen
Anwesenden den Becher der Frölichkeit zu weit getrieben habe; so fällt die
Beschuldigung der Trunkenbolde für sich selber hin. Wo die Trunkenheit nicht
Statt findet, da kann auch kein Trunkenbold sein, cessante caussa cessat
effectus. (Man besehe hiervon Danzii Grammat. hebr. §. 17. caut. 7). Ich weis,
dass das ganze erlauchte Publicum, der Wahrheit gemäs, von diesem Vorgange
urteilen, und mehr dieser aufrichtigen Schutzschrift, als einem flüchtigen
Gerüchte, aus dem Munde übelgesinnter Personen Beifall geben wird. Es ist mir
zwar sehr empfindlich, dass böse Zungen von einer vornehmen Gesellschaft, in
welcher ich mich selbst zu befinden die Ehre hatte, nachteilige Unwahrheiten
auszusprengen, sich kein Bedenken machen, und ich denke mehr als einmal an die
Worte: Dorn und Disteln siechen sehr, falsche Zungen noch vielmehr, noch wollt
ich lieber in Dorn und Disteln baden, als mit falschen Zungen sein beladen.
Inzwischen, da ich es doch nicht dahin bringen werde, allen Leuten das
Afterreden zu verbieten; so will ich zusehen, ob ich wenigstens ihren
offenbaren Spöttereien und üblen Nachreden Einhalt tun kann, wenn ich diesen
Fluch über sie ausspreche, welchen schon vor mir ein berühmter Schriftsteller5,
wegen seiner Neider und Misgünstigen, jenem gekrönten Haupte abgeborget hat:
Honni soit qui mal y pense!
 
                                    Fussnoten
1 Besiehe hiervon P. Lambec. de bibliot. caes. lib. II. c. 8.
2 M. Janson in Mercur. Gallobelgie.
3 M. Wolfgang Bütner in epit. histor.
4 M. Joh. Seb. Günters Meining. Chron.
5 Siehe hiervon Zieglers Vorrede zu seiner Asiatischen Banise.
 
                                  XLI. Brief.
 (Diese drei Briefe, welche hier folgen, hatte der Magister in den seinigen an
                 den Doctor Bartlett abschriftlich eingelegt.)
                               An den Herrn v.N.
                                                      Wilmershausen den 18 Sept.
 Hochwohlgebohrner Hr. Erb-Lehn- und Gerichtsherr auf Kargfeld und Dürrenstein,
        Gnädiger Herr,
Ew. Hochwohlgebohrnen kann ich nicht unverhalten lassen, dass mir die
Ergebenheit, mit welcher ich Ew. Gnaden zugetan bin, ein grosses Unglück über
den Hals gezogen, dass ich die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen muss. Ob ich
gleich meinem Amte als ein rechtschaffener und treuer Haushalter nun in die 19
Jahre bei dem Herrn v.W. vorgestanden habe; so hat er mich doch heute
unvermutet, und da ich ihm nicht die geringste Ursache darzu gegeben habe, aus
seinen Diensten entlassen, und dabei vorgewendet, ich hätte mich von Ihnen
bestechen lassen, und zu ungewöhnlicher Zeit Tür und Tor aufgesperret, und
dadurch verursachet, dass Sie den Herrn und die gnädige Frau auf den Tod
erschrecket hätten. Ich dachte, was für grosse Fische ich dabei fangen würde,
wenn ich gegen Ew. Gnaden so dienstwillig wäre, und mich bereden lies, Ihnen zu
willfahren; aber diese Gutwilligkeit hat mich um meine Versorgung gebracht, und
wenn mir Ew. Gnaden nicht helfen, so habe ich mich zwischen zwei Stühle
niedergesetzt. Die gnädige Frau sagte, da ich sie bat, wegen einer so geringen
Ursache mich doch nicht mit Weib und Kindern aus dem Edelhofe zu verstossen, in
welchem ich länger gewohnt habe, als sie selber, ich sollte mich nur an Sie
halten, Sie brächten mich um mein Stückgen Brodt und müssten mich auch nun
ernähren. Ich tue Ihnen also meinen Unglücksfall zu wissen, in Untertänigkeit
bittende, Ew. Gnaden wollen mir armen verlassenem Manne nebst Weib und Kindern
den nötigen Unterhalt verschaffen; weil Sie doch die alleinige Ursache sind,
dass mein Amt von mir ist genommen worden, sonst würden wir ach und weh! über Sie
schreien müssen. In der Hoffnung, dass Sie mich bald durch eine gute Nachricht
werden erfreuen lassen, verharre ich
                             Ew. Hochwohlgebohrnen
                                                           untertäniger Diener,
                                                                 Peter Bornseil,
                                           gewesener Verwalter in Wilmershausen.
 
                                  XLII. Brief.
                     Der Magister an den Verwalter Bornseil
                                                           Kargfeld den 20 Sept.
        Vielgeehrter guter Freund,
Was derselbe in seinem untertänigen Memorial an meinen gnädigen Sir noch
gesuchet; solches haben sich Se. Hochwohlgeb. von mir gestern referiren lassen,
und haben befohlen, demselben hierauf freundlich zu benachrichtigen: dass mein
Herr Principal an seinem unglücklichen Schicksale vielen Anteil nimmt, und
herzlich bedauret, dass derselbe bei seiner Herrschaft in Ungnade gefallen ist,
und dadurch sein Stückgen Brod verloren hat. Er kann sich darauf verlassen, dass
mein vortrefflicher Sir bei seiner Herrschaft eine nachdrückliche Vorbitte für
ihn einlegen wird, und wenn er etwas beitragen kann, ihm die Gnade des Herrn
v.W. wieder zu erlangen, wird er sich daraus ein grosses Vergnügen machen. Wenn
aber derselbe anverlanget, dass der Herr v.N. ihn nebst seiner Familie versorgen
soll, nachdem er seines Amtes, angeblich wegen der Willfährigkeit gegen meinen
Patron, entsetzet worden: so dient ihm hierauf in freundlicher Antwort, dass
dieses Ansinnen den Herrn v.N. ziemlich befremdet hat; indem noch lange nicht
erwiesen ist, dass der gute Wille gegen meinen Gönner seine Dienstentlassung
verur, sachet habe. Die Gelehrten unterscheiden sehr wohl das consequens von der
consequentia. Lasse er sich diese lateinischen Worte von dem Herrn Pastor in
Wilmershausen erklären, so wird er sehen, dass sein Ansuchen unstattaft ist, und
dass der Herr v.N. keinesweges verbunden sei, ihm mit Weib und Kindern, besonders
jetzo in diesen schweren Zeiten, zu ernähren. Ob er nun gleich von Rechts wegen
nichts von dem Herrn v.N. zu fodern hat; so will dieser doch ein übriges tun,
und ihm ein Expectanzdecret zufertigen lassen, im Fall er sich einstweilen
gedulden, und sich fein fleissig auf die Musik und den Catechismus legen will,
nach dem tödtlichen Hintritt des Herrn Lorenz Lobesans, derzeitigen
treufleissigen Schuldieners zu Kargfeld, solche Bedienung ihm unter dem Prädicate
eines Cantors gnädig angedeihen zu lassen. Kann er aber nicht so lange von der
Schnure zähren, so tut er sehr wohl, wenn er sich nach einer einstweiligen
Versorgung umsiehet. Er kann übrigens auf meines Herrn Principals Vorspruch und
auf meinen guten Rat allemal Staat machen. Hiermit Gott befohlen. Ich verbleibe
                                      Sein
                                                           wohlgeneigter Freund,
                                                                  M.L. Wilibald.
 
                                 XLIII. Brief.
                         Der Verwalter an den Magister.
                                                  Wilmershausen den 20 Septembr.
            Wohlgelahrter
        Guter Freund,
Ihr Brief, den ich vor einer Stunde erhalten habe, hätte mir bald das Garaus
gemacht. Es wäre kein Wunder, ich täte mir ein Leids. Sie geben mir einen gar
schlechten Trost in Ihrem Briefe, und der Herr v.N. kann es sein Tage nicht
verantworten, dass er mich um meine Versorgung gebracht, und es nun nicht einmal
Wort haben will. Ich habe immer so ein gutes Vertrauen zu ihm gehabt, dass ich
Häuser auf ihn gebauet hätte: aber nun sehe ich, dass man heutiges Tages
Niemanden quer über den Weg trauen darf. Ich weiss wohl, dass Ihr Herr so schlimm
an sich nicht ist. Wenn ich die deutsche Wahrheit sagen soll, so stecken sie
darhinter und verhetzen ihren Herrn gegen mich; denn das weiss Jedermann, dass Sie
ihn link und recht machen können: aber Sie werden schon einmal davor Ihren Lohn
bekommen. Nehmen Sie es nicht übel, ich bin ein einfältiger Mann und rede, wie
es mir vom Herzen geht. Sie sind ein hochstudirter Mann und wenn Sie anfangen
zu disputiren, so muss unser einer freilich fünfe lassen gerade sein: das sollen
Sie mir doch nicht weiss machen, dass der Herr von N. nicht sollte Schuld daran
sein, dass mich der Herr von W. abgeschaffet hat. Die gnädige Frau hat mirs
selber unter den Bart gesagt, der glaube ich und kehre mich wenig an Ihre
lateinischen Brocken. Will mich der Herr v.N. nicht versorgen, so muss ich
desperat werden, und unter die dicksten Soldaten gehen, und das liebe Vaterland
mit rujeniren helfen. Ich habe noch dreisig Gülden, dafür will ich meine Frau in
den Spittel kaufen, meine Lise kann einem Herrn dienen, und meine zwei kleinen
Kinder lasse ich dem Herrn v.N. vor die Tür setzen. Will er sich ihrer
annehmen, so ist es gut, wo nicht, so mag er es auch verantworten. Ich bin ein
geschlagener Mann; ehe ich mein Brod vor der Tür suche, will ich lieber einem
grossen Herrn dienen. Auf einen Schulmeister habe ich mein Tage nicht studiret,
und nun ist es zu späte, dass ich erst anfangen sollte, nach Noten singen zu
lernen, und meine Finger sind auch überdem zum Trillern auf der Orgel schon zu
steif. Grüssen Sie Ihren Herrn von meinetwegen, und sagen Sie es ihm nur, dass ich
ihm alles mein Unglück auf den Kopf Schuld gebe, er mag es nun wortaben wollen
oder nicht. Künftige Woche gehe ich in die Stadt zu den Werbern und lasse mich
unterhalten, hernach werde ich nicht mehr nötig haben, ihm viel gute Worte zu
geben. Aber so viel ist richtig, meine zwei Kinder soll ihr Herr ernähren, ich
lasse sie ihm vor die Tür setzen, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin. Uebrigens
verharre ich allstets.
                       Meines vielgeehrten Herrn Magister
                                                                 ergebner Diener
                                                                 Peter Bornseil.
 
                                  XLIV. Brief.
                        Der Magister an den D. Bartlett.
                                                      Kargfeld den 22. Septembr.
    Hochwürdiger Hochgeehrtester
            Herr Doctor,
        Vornehmer Gönner,
Es hat mir gestern das Fräulein v.S. Nachricht gegeben, dass sie heute an ihren
Herrn Bruder schreiben würde, und zugleich habe ich die Erlaubnis erhalten,
ihren Brief mit einem Einschluss beschweren zu dürfen. Ich bediene mich dieser
Erlaubnis gar zu gerne, weil ich dadurch Gelegenheit bekommen, Eu. Hochwürden
eher als ich vermutete, für Dero besondere Gewogenheit gegen mich den
verbundensten Dank abstatten zu können. Vortreflicher Mann! Wo werde ich Worte
finden, die Grösse Ihrer Gewogenheit gegen mich, und meine Dankbarkeit gegen Sie,
damit würdig zu bezeichnen? Wodurch werde ich mich der Ehre, die Sie mir
verschafft haben, ein Mitglied einer berühmten königlichen Gesellschaft geworden
zu sein, würdig machen können? Wenn ich das Feuer eines Horaz, die Anmut des
Ovids und Pindars Stärke der Gedanken besäss; so wollte ich es wagen, Sie durch
ein Lobgedichte zu verewigen. Allein Sie sind bereits über alles Lob erhoben,
und es würde eben so viel sein, als wenn ich einen Mohr bleichen wollte, wenn
ich es unternähme, Sie der Nachwelt zu empfehlen; da Sie bereits in der
Geschichte eines erlauchten Grandisons in einem so schimmernden Lichte
erscheinen, welches die düstern Schatten der entferntesten Zukunft durchdringen,
und die Augen der spätesten Nachkommen rühren wird. Hier will ich aufhören,
mehreres von Dero Ruhme zu gedenken, so gerne ich mich auch damit beschäftige,
damit ich nicht in den Verdacht einer Schmeichelei gerate. Der Auftrag meines
Gönner an Sie verschafft mir noch auf einige Augenblicke das Vergnügen, mich mit
Ihnen zu unterreden. Mein Principal weiss, wie gerne sich der Baronet
notleidender Personen annimmt, und wie viel Sie darzu beitragen können, dass er
das Maas seiner Wohltaten gegen dergleichen Leute vergrössert oder verringert.
Aus einliegenden drei Briefen werden Sie einen Mann kennen lernen, der des
Mitleidens des Herrn Grandisons vor andern würdig ist. Er hat lange Zeit bei dem
Herrn v.W. einem Freunde meines Gönners als Verwalter seiner Güter in Bedienung
gestanden; vor einigen Tagen aber das Unglück gehabt, seine Dimission zu
erhalten. Dieser gute Mann hegt gegen den Herrn v.N. die ungegründeten Gedanken,
als wenn er an seinem Unglücke einige Schuld hätte. Und ob ich gleich die
Unschuld meines gnädigen Herrn durch eine bekannte Distinction gnugsam gerettet
habe; so will doch dieser einfältige. Mann sich davon gar nicht überzeugen
lassen. Vielleicht habe ich Gelegenheit, in kurzem Eu. Hochwürden eine
ausführliche Nachricht von den Unternehmungen meines Patrons, die ihm seinem
grossen Muster ähnlich machen, zu erteilen, hierdurch werde auch in dieser Sache
vollkommenes Licht bekommen. Sie können es indessen auf mein Wort glauben, dass
mein Gönner so wenig geneigt ist, Leute unglücklich zu machen als der Ihrige,
und dass wann es in seine Macht stünde, Jederdermann glücklich sein würde. Um
hiervon auch den unglücklichen Bornseil zu überführen, musste ich ihm allerhand
feine Vorschläge tun, die er aber doch alle verworfen hat; ia er drohete so gar
in der Desperation zwei seiner Kinder meinem Gönner vor die Tür setzen zu
lassen. Da nun dieses in Deutschland für etwas schimpfliches gehalten wird, und
man allerlei ungleiche Urteile darüber fällen könnte, wenn mein Patron auf
solche Art ein Pflegevater werden sollte; so tat ich ihm gestern den Vorschlag,
diesen Mann, der allezeit einen ehrlichen und unbescholtenen Lebenswandel
geführet hat, Eu. Hochwürden und der Gütigkeit des Herrn Baronets zu empfehlen.
Mein Principal fand hierbei nichts einzuwenden. Ich liess deswegen den trostlosen
Bornseil zu mir erfodern, und eröffnete ihm, dass mein gnädiger Herr Willens
wäre, ihm eine gute Versorgung zu schaffen, wenn er sich entschliessen wollte,
ausserhalb seines Vaterlandes solche anzunehmen. Er war über diesen unerwarteten
Antrag ausserordentlich erfreuet, und versicherte mich, dass er bereit wäre, bis
ans Ende der Welt nach seiner Versorgung zu gehen, wenn er sich und seine
Familie nur ehrlich nähren könnte. Ich stellte hierauf ein kurzes Examen mit ihm
an, um zu erfahren, ob er der Recommendation Eu. Hochwürden würdig wäre, und da
habe ich denn nach einem genauen Tentamine befunden, dass er zwar in seinem
Catechismus eben nicht sonderlich beschlagen gewesen; ob ich gleich nicht kann
in Abrede sein, dass er einige Reimgebetlein noch ganz fertig hersagen konnte.
Allein die Regeln der Haushaltungskunst waren ihm desto besser bekannt. Er wusste
eine grosse Menge derselben teils aus dem Becher, teils aus den Colero, in
deutschen Reimen verfasst auf dem Nagel herzusagen. Insbesondere konnte er gleich
ex tempore alle Tage, welche im Kalender mit einem roten Kleeblat bezeichnet
sind, nennen. Nicht minder besitzt er auch eine grosse Erkänntnis öconomischer
Erfahrungen, die Witterung zu beurteilen, und auf viele Wochen Frost und Hitze,
Regen und Sonnenschein vorherzusagen. Eben ein so gutes Zeugnis kann ich ihm
auch in der Rechenkunst erteilen, die schwersten Aufgaben wusste er in kurzer
Zeit genau und glücklich aufzulösen. Die Regel Detri und welsche Practik
verstehet er aus dem Grunde; insbesondere aber hat er etwas in der Regula Falsi
getan. Da nun dieser gute Mann sein Pfund vergraben müsste, wann er sollte
gezwungen sein, dem Kalbfelle nachzuziehen, und da über dieses mein gnädiger
Herr es als eine ganz ausserordentliche Gefälligkeit ansehen würde, wenn Eu.
Hochwürden so viele Achtung für sein Vorbitten haben und diesen unglücklichen
Mann, der es nicht durch sein Schuld geworden ist, Ihrem Gönner recommandiren
wollten: so habe ich das Vertrauen zu Dero bekannten Menschenliebe, dass Sie mich
nicht eine Fehlbitte tun lassen werden, wenn ich mich mit meinen Patron
vereinige, und Sie angelegentlichst ersuche, sich über diesen Verlassenen zu
erbarmen, und ihm wieder zu einer zureichenden Versorgung behülflich zu sein.
Mein unvorgreiflicher Vorschlag ginge unmassgeblich dahin, dass dem ehrlichen
Bornseil die Verwaltung von einen der Güter des Herrn Baronets in Irrland
aufgetragen würde; oder wo dieses nicht sein könnte, dass Sie ihn doch wenigstens
den Herren Commissarien von Neugeorgien und Südcarolina bestens empfehlen
wollten, um ihn einen Wohnplaz in Neuebenezer, oder an einem andern schicklichen
Orte anzuweisen. Ich erwarte mit nächstem von Ihnen Verhaltungsbefehle, wenn
besagter Bornseil mit seiner Familie von hier nach Engelland abreisen soll, und
was Sie etwan sonst noch mir befehlen werden. So viel getraue ich mir mit
Wahrheit dahin zu behaupten, dass ich den grossbrittanischen Staaten einen sehr
nützlichen Bürger verschaffen werde. Es will unter der Hand verlauten, dass Ew.
Hochwürden in kurzem ein erledigtes Bisstum erhalten würden, ich wünsche Ihnen
im voraus Glück dazu. Mein Gönner empfiehlt sich Ihnen nebst mir und ersucht
Sie, eben dieses für ihn bei Sr. Hochwohlgebohrn. dem Herrn Baronet und dessen
vortrefflichen Frau Gemahlin zu tun. Ich empfinde in meinen Herzen allemal ein
rührendes Vergnügen, wenn ich Gelegenheit habe mich zu nennen.
                                Ew. Hochwürden,
                      Meines Hochgeehrtesten Herrn Doctors
                                                             gehorsamsten Diener
                                                                    L. Wilibald,
                                                                        Phil. D.
 
                                  XLV. Brief.
                   Der Herr v.S. an seine Fräulein Schwester.
                                                           London den 11 Octobr.
        Geliebte Schwester,
Wenn mir auch Engelland kein Vergnügen hätte verschaffen können, so würden mir
doch Deine Briefe und der Roman unsres Oncles meinen Aufentalt hier angenehm
gemacht haben. Ich weiss nicht, ob ich bei Besichtigung des Palasts S. James,
oder bei Durchblätterung der Briefe, die die Grandisonische Händel, wie Du sie
nennest, betreffen, vergnügter gewesen bin. Mein Heinrich hat sie alle heften
und abschreiben müssen. Das Original schicke ich in beigefügten Paquet nach
deinem Verlangen zurück. Die Abschrift werde ich selbst behalten, um diesen
Roman zum Zeitvertreibe auf meine Reisen wieder zu lesen. Ich bin einigermassen
verlegen darüber, wie wir es anfangen, dass nach meiner Abreisse von London der
Briefwechsel des Magister Lamperts mit der Grandisonischen Familie nicht
unterbrochen wird. Ich sehe, dass solcher für unsern Oncle von einigem Nutzen
ist. Wenn ich meinen Entschluss nicht noch ändere, so werde ich in einem Monat
aufs längste von hier über Holland nach Strassburg gehen, und daselbst
überwintern; vorher aber will ich noch einmal schreiben, um zu verhüten, dass ich
keinen Brief von dir verfehle, welchen ich bei jezigen Umständen schwerlich
erhalten würde, wenn er einmal nach London ginge. Wenn es sein kann, so bemühe
dich, unsern Oncle und seinen Sancho zu überreden, dass sie die Briefe an ihre
Freunde in Engeland unter einem Umschlage an mich nach Strassburg schicken, ich
will ihnen selbst diesen Vorschlag tun und glaube, dass ich alles von ihnen
erhalten kann, wenn ich sage, dass es Herr Grandison guteisset.
    Das Fräulein v.W. verdienet bedauert zu werden, dass sie in diese Händel ist
verwickelt worden. Wenn ich sie aus ihren Briefen beurteilen soll; so muss ich
ihr einen vorzüglichen Platz unter dem Frauenzimmer ihrer Gegend einräumen. Ich
werde in die Versuchung geraten, sie meiner Amalie an die Seite zu setzen, wenn
ich mehr von ihr lese, und ich muss es gesiehen, dass sie mir vor drei Jahren, da
ich sie das lezte mal sah, in ihren besten Putze nicht so reizend vorkam, als
durch ihre nachlässige und angenehme Schreibart, die ich in den Briefen an ihre
Freundin fand. Ich weiss, dass du nicht eifersüchtig bist über das Lob deiner
Juliane, du weist also über diese Stelle keine Auslegungen machen. Der
Nachricht, dass sich ihr Heirat mit unserm Oncle völlig zerschlagen hat, sehe
ich mit Verlangen entgegen. Es ist nichts weniger als der Eigennutz, der mich
antreibt, dieses zu wünschen; ich habe sonst keine Absicht dabei, als mir den
Verdruss zu ersparen, dieses gute Fräulein misvergnügt zu sehen. Ich gehöre nicht
zu ihrem eigentlichen verehrern; doch wenn du mich darunter zählen wilst, so
setze mich in die Klasse derer, die ein gutes Herz verehren, wo sie es finden,
ohne dabei weiter zu denken. Ich will mich diesmal in keine ordentliche
Beantwortung Deiner zween leztern Briefe einlassen, ich finde dabei nichts mehr
zu sagen, als dass du deinen Endzweck bei mir vollkommen erreichet hast, der
erstere hat mich über acht Tage lang unruhig gemacht, und den Zweiten erbrach
ich in Furcht und Hoffnung. Nun glaube ich es selber, dass man eben nicht
Unrecht hat, wenn man meine Amalie für ein leichtfertiges Frauenzimmer hält.
Wodurch hat denn der Magister Lampert die Ehre verdienet, dass du eine
Beleidigung, die ich ihm zugefügt haben soll, an mir gerochen hast? Ich kann es
zwar eben nicht, eine Beleidigung nennen; ich weiss aber nicht, was man sonst
rächen kann. Der Anfang dieses zweiten Briefs setzte mich in Bestürzung; ich
empfand alles dabei, was der Magister kann empfunden haben, da ich ihn mit der
Nachricht erschreckte, dass ich in Engeland keinen Grandison finden könnte. Es
fehlte wenig, so hätte ich wie er mein Kleid zerrissen. Du konntest in der Tat
für diese kleine Leichtfertigkeit unter keiner andern Bedingung eine vollkommene
Vergebung hoffen, als durch eine getreue und ausführliche Erzählung aller
Umstände, die den 16. September in Wilmershausen merkwürdig machten. Ich erwarte
mit Ungeduld den Verfolg dieser Begebenheiten, und hoffe dass sie zum Vergnügen
des guten Fräuleins v.W. ausschlagen werden. Uebergieb dem Magister einliegende
zwei Briefe, du wirst uns bei Gelegenheit melden, was er und unser Oncle zu dem
Innhalte derselben sagen. Ich werde es als ein Zeichen deiner Gewogenheit
annehmen, wenn du fortfährest, alles was in die Geschichte unsers Grandisons
einschlägt mir zu berichten. Wenn es möglich wäre, meine Liebe gegen dich zu
vermehren, so würde Dir diese Gefälligkeit einen Zuwachs davon versprechen. Wie
vorteilhaft ist es doch, eine Schwester zu besitzen, wie meine Amalie, die mich
durch tausend Proben versichert, dass Sie nie aufhören wird zu lieben.
                                     Ihren
                                                               dankbaren Bruder.
 
                                  XLVI. Brief.
                         Der Herr v.S. an den Magister.
                                                     Grandisonhall den 8 Octobr.
        Hochgeehrtester Herr Magister,
Sie sind es, dem ich mehr als meinen leiblichen Aelter zu verdanken habe, nicht
nur wegen ihres vortrefflichen Unterrichts, den ich vor diesem von Ihnen
genossen habe; sondern auch hauptsächlich, dass sie sich die Mühe genommen, mich
auf meinen Reisen zu begleiten. Sie haben mich auch für allerlei Versuchungen
und Gefährlichkeiten durch diese Begleitung glücklich bewahret. Sie sind mein
weiser Mentor, ich bin Ihr Telemac. Ohne Ihren grossmütigen Schutz würde
Engelland für mich die Zauberinsel der Calypso gewesen sein. Sie empfangen hier
für Ihre Bemühungen für mein Glück, da ich ietzo im Begriff stehe Brittanien zu
verlassen, den verbindlichsten Dank. Hätten Sie mir nicht Gelegenheit gegeben,
nach dem Herrn Grandison zu forschen, hätte ich nicht die Ehre gehabt, mit ihm
bekannt zu werden: so würde ich den Endzweck meiner Reise grössten Teils
verfehlet haben, wenn das wunderbarste und sehenswürdigste von Engelland meiner
Aufmerksamkeit entgangen wäre. Diese meine Nachlässigkeit würde noch auf eine
härtere Art sein bestraft worden. Wenn nicht in dem Hause des Herrn Baronets
immer von Ausübung der strengsten Tugend geprediget würde, und wenn ich nicht
hätte befürchten müssen, das geringste Vergehen gegen solche, mit dem Verlust
der schätzbaren Freundschaft dieses grossen Mannes zu büssen: so würde ich
mancher Versuchung nicht haben widerstehen können; wer weiss, ob ich nicht dann
und wann untergetaucht hätte, wie der leidige Vetter Eberhard. Er hat oft an
mich gesetzt, um mich zu verführen; aber der Baronet hat mich für ihm gewarnet
und mir so gute Lehren gegeben, dass es mir eben nicht schwer ankommt seinen
Versuchungen zu widerstehen. Nicht mehr als ein einzigmal ist es ihm gelungen,
mir das Seil überzuwerfen. Ich will Ihnen doch die Ausschweifung, wozu er mich
verleitet hat, erzählen, und wegen eines Scrupels, der mich wegen dieser
Vergehung sehr ängstiget, Ihr philosophisches Bedenken ausbitten. Es wird nun
ungefehr ein Monat sein, da ich von Grandisonhall nach London gereiset war, um
das sehenswürdige dieser grossen Stadt, die mir noch unbekannt waren in
Augenschein zu nehmen. Einmal, da ich dem Herrn Reeves einen Besuch abstatten
wollte, begegnete mir Herr Eberhard Grandison auf der grossen Brücke über die
Temse. Er nötigte mich in seinen Wagen zu steigen und sagte mir, es hätte ihm
geglückt heute seiner Frau zu entwischen, und er wäre so froh darüber, als ein
Volgel, der aus dem Bauer käme. Er bat mich, meinen Vorsatz den Herrn Reeves zu
besuchen auf zu geben, und mit ihn nach Covengarden zu fahren, um auf einem
Koffehause und etwas vom Kriege vorschwatzen zu lassen. Ich liess mir diesen
Vorschlag gefallen. So bald wir in den Saal traten, wurden alle Lombre- und
Pharotische rege; es waren in einem Augenblicke mehr als ein Dutzend Brüder um
meinen Begleiter herum, die ihn alle umarmten und eine Freude von sich spühren
liessen, als wenn er von einer weiten Reise in sein Vaterland zurück gekommen
wäre. Ich merkte bald, dass ich mich unter seinen Spielern befand, ich tat
deswegen so gleich einen Schwur bei mir, dass ich heute nicht spielen wollte. Ich
brachte also eine von den Regeln in Uebung, die Sie mir einschärften, da ich
noch bei Ihnen in die Schule ging: Wenn man Lust hat etwas zu tun, daraus etwas
böses entstehen kann; so soll man auf der Stelle sich hoch und teuer
verschwören, dass man es nicht tun will. Ich steckte meine Hand in den Schubsack
und hielt meine Börse feste, damit nicht einer von den gefälligen. Herrn, die
mich alle umarmten, nachdem mein Gefehrte mich ihnen vorgestellt hatte, meine
Taschen sondiren möchte. Man nötigte uns beide unser Glück zu versuchen, zu
meinem Vergnügen sagte Herr Grandison, wir würden uns nicht lange aufhalten, und
er wäre heute zu phlegmatisch zum Spiele. Inzwischen sah er doch mit einem
begierigen Auge bald nach dem Spieltische, bald nach mir, und schien auf einmal
ganz niedergeschlagen zu sein. Weil er nicht spielen wollte, so wollte auch
Niemand mehr mit ihn reden. Ein paar mal gab er mit einer nachdenklichen Mine
den Pointeurs einen guten Rat, den sie nicht verlangten, er versicherte sie,
dass der Bube, der König u.s.w. diesmal unfehlbar gewinnen würde; allein er hatte
den Verdruss, dass die Herren die Blätter so gleich zuruck nahmen, wenn er ein
gutes Vertrauen dazu hatte. Dieses kränkte den guten Mann aufs ärgste. Endlich
tat er, was ich schon lange befürchtet hatte, er zog mich auf die Seite und
fragte mich, ob ich ihm zwanzig Guineen vorstrecken könnte. Ich würde wohl
einsehen sagte er, dass seine Ehre Gefahr lief, wenn er nicht ein Blatt setzte
und die Kerls gegen sich im Respect erhielt, er hätte nicht geglaubt diese
Kompanie hier zu finden, deswegen hätte er sich auch nicht mit Gelde versehen,
ich sollte diese Kleinigkeit in einer Stunde mit Danke wieder haben. Mir war bei
diesen Antrage nicht wohl zu Mute, weil er seine Lebensart nicht ändern will;
so hat Sir Karl es dahin gebracht, dass er von seiner Frauen Vermögen nicht das
geringste angreifen darf; sondern er bekommt von ihr nur alle Woche ein gewisses
Taschengeld, das sie nach dem Verhältnis seiner Aufführung gegen sie, entweder
erhöhet oder vermindert. Der geringste Widerspruch ist im Stande ihn auf eine
oder mehrere Wochen seiner Renten zuberauben. Wer ihm also was borget, der muss
sein Geld verloren schätzen, wenn seine Frau nicht für gut befindet, seine Ehre
zu retten und für ihn zu bezahlen. Sein Credit ist dadurch so geschwächt, dass
ihm Niemand einen Taler borget; auch so gar seine Spieler wollen ihm kein Conto
mehr geben.
    Indessen glaubte ich alle Wohlanständigkeit zubeleidigen, wenn ich ihm diese
Gefälligkeit versagte, ich zählte ihn die 20 Guineen zu. Er umarmte mich für
diese Ritterzehrung einigemal, ich war bei diesen freundschaftlichen
Versicherungen ganz kaltsinnig und zweifelte, ob ich mein Geld jemals wieder zu
Gesichte bekommen würde: Er trat hierauf mit einer ernstaften Mine zum
Spieltische, holte fünf Guineen aus der Tasche und sezte sich da, ihm Jedermann
mit Ehrerbietung Platz machte, auf dem ihm angebotnen Stuhl. Er fing an unter
vielen wohlausgesonnen Flüchen sein Glück zu versuchen. Mir wurde in dieser
Gesellschaft Zeit und Weile lang. Ich nahm mir vor zum Zeitvertreibe das
Koffeehaus, welches ein ansehnliches Gebäude schien, etwas genauer zu
besichtigen. Aber hören Sie, wie ich für diese Neugierde büssen musste. Ich gehe
durch den Hof nach einem feinen Hintergebäude, ein wohlgekleideter Bediente
kommet mir da von freien Stücken entgegen und führet mich ohnem ein Verlangen in
ein wohlaufgepuztes Zimmer. Er vermutete, sagte er, dass ich die Dame vom Hause
sprechen wollte, ich sollte mich nur ein wenig gedulden, sie würde in einen
Augenblicke da sein. Ich sagte, es würde mir eine Ehre sein, wenn ich der Madame
aufwarten könnte. Ich vermutetenachts; weniger, als dass ich in den bezauberten
Pallast einer berühmten Conversations-Dame von London geraten wäre. Es
vergingen kaum zwei Minuten, so erschien ein Frauenzimmer von mehr als gemeiner
Schönheit, eine Circe, die im Stande war, wie ich glaube, einen Joseph zu
verführen, und ihn in einen zu allen Ausschweifungen geneigten Jüngling zu
verwandeln. Sie sagte mir allerhand Höflichkeiten und ich konnte nichts tun,
als Reverenze machen. Sie nahm meinen Besuch als etwas bekanntes an, ich hatte
also nicht Ursache über eine Entschuldigung, wegen dieses Eindringens bei ihr,
verlegen zu sein. Endlich entdeckte ich ihr doch durch was für einen Zufall ich
hieher wäre gebracht worden, dass meine Absicht gewesen wäre, dieses Gebäude zu
besehen, ohne mir einzubilden dass ich darin eine so schöne Bewohnerin
antreffen würde. Ich freuete mich, dass ich nach meiner Meinung etwas artiges
vorgebracht hätte; allein die Dame übergieng dieses Kompliment mit einem
kaltsinnigen Lächeln.
    Nach einigen Minuten nahm ich Abschied, und der Bediente, der mich in das
Haus gebracht hatte, führte mich wieder mit vieler Höflichkeit bis an die Tür.
Hier aber veränderte er auf einmal seine Sprache, er packte mich ziemlich derb
bei dem Beine an, da ich eben im Begriff war das Haus zu verlassen, und schlug
die Tür vor mir zu. Sir sagte er, eilen sie nicht so geschwinde, hie bezahlt
man erst seine Zeche ehe man fortgehet. Was, sagte ich, meine Zeche? Ich habe
der Madame von Hause meine Aufwartung gemacht. Es ist doch hier kein Gastof?
Und wenn es auch einer wäre, so habe ich ja nichts verlangt weder Wein noch
Coffee, was soll ich denn bezahlen? Der böse Mensch schlug ein hönisch Gelächter
auf: Sie müssen hier unfehlbar fremde sein, dass Sie nicht wissen, welchen
Gesetzen Sie Sich unterworfen haben, da Sie in dieses Haus getreten sind. Haben
Sie nicht oben in dem Zimmer eine Tafel gesehen, darauf die Gesetze dieses
Hauses geschrieben stehen? Ich beantwortete dieses mit nein. Er nötigte mich
hierauf mit Ungestüm wieder mit ihm hinauf in das Zimmer zu gehen, und wiess mir
über der Tür desselben eine Tafel, die ich vorhero nicht bemerket hatte. So
viel ich mich davon erinnere, war folgendes mit goldenen Buchstaben darauf
geschrieben:
    1) Wer die Ehre haben will, die Madame zu sehen, bezahlt einen halben
Guinee.
    2) Das Vergnügen mit ihr zu sprechen, kostet einen Guinee.
    3) Jeder witzige Gedanke den sie vorbringet, wird mit einem Guinee bezahlet.
    4) Wein, Coffee, allerhand Erfrischlungen und Confituren bekommt man hier,
um den doppelten Preis.
    5) Für die Erlaubnis die Madame das erste mal zu küssen, werden zwei Guineen
erlegt, hernach genüsst man dieses Vergnügen unengeltlich.
    So viel stund auf der ersten Seite, der Kerl fragte mich, ob er die Tafel
umwenden sollte. Auf der andern Seite, sagte er, stehen stärkere Posten; ich
verlangte aber nicht, diese zu sehen. Ich gab ihn einen und einen halben Guinee
und wollte fortgehen; er war damit nicht zufrieden. Sie haben noch die dritte
Post zu bezahlen, sagte er, hernach können Sie hingehen, wohin Sie wollen. Ich
schwor, dass mir die Madame ihren Witz nicht gezeiget hätte, und glaubte, damit
durch zu kommen; es half aber nichts. Sie sind noch ein sehr unerfahrner junger
Herr, wenn Sie nicht wissen, dass alles witzig ist, was ein artig Frauenzimmer
über ja und nein sagt. Ich hatte keine Lust mit dem Flegel zu disputiren; ich
hohlte noch eine Guinee aus meiner Tasche und begab mich voll Verdruss wieder zu
den Spielen. Warlich! dachte ich, ein kleines Vergnügen für zwei Guineen und
einen halben. Ich sah diesen Verlust als eine gerechte Strafe meiner
Verwegenheit an, dass ich mich durch den leidigen Eberhard hatte verführen
lassen, einen Ort zu besuchen, der in allerlei Absicht der Jugend gefährlich
war. Ich tat auf der Stelle eine Gelübde, mich hinführo für aller bösen
Gesellschaft zu hüten, und alle Gelegenheit zur Verführung zu meiden.
    Da ich mich wieder dem Spieltische des Herrn Eberhards nahete, fand ich ihn
in vollem Glücke, er hatte einen Haufen Geld vor sich, dass ich dafür erstaunte.
Er war mit meinen zwanzig Guineen so glücklich, da man das Spiel aufgab, dreissig
gewonnen zu haben. Heute wollen wir uns einmal lustig machen, ihr Herren, sagte
er, ihr habt mich gewinnen lassen, ich will euch dafür tractiren. Es war schon
des Abends um 10 Uhr da der leidige Eberhard diesen Einfall hatte. Wir hatten
auch schon alle etwas von kalter Küche gespeiset, was konnte er also der
Gesellschaft zu gute tun, als dass er sie mit einem Glase Wein bewirtete? Die
Spieltische wurden mit Bouteillen besäet, die Deckelgläser begegneten einander
so oft, dass um die Zeit des zweiten Hahnengeschreies Jedermann einen derben
Rausch hatte. Ich will nur meine Sünde offenherzig gestehen, ich hatte auch
einen ziemlichen Hieb. Wir brachten die Nacht so zu. Bei Tages Anbruch liess der
Wirt, ohne unser Verlangen, Coffee auftragen, um seine Gäste zu ermuntern. Um 8
Uhr da sich die meisten heimlich weggenommen hatten, befahl Herr Eberhard, (ich
will ihn nicht mehr Grandison nennen, er erniedriget diesen schönen Namen,) um 8
Uhr sage ich, befahl Herr Eberhard, einen Wagen kommen zu lassen. Der Wirt
machte die Zeche. Der Sir suchte seine Börse; aber stellen Sie Sich sein
Schrecken für, da er sie nicht fand. Sie war weg. Einer von den gefälligen
Herren, die ihn so oft umarmten, hatte ihm Gewinnst und Capital entführet. Der
Wirt fieng an über die Bestürzung meines Verführers grosse Augen zu machen, er
stjetzte den Arm trotzig in die Seite, und sah uns über die Achsel an. Seine
Pechmütze, die er vorher bescheiden unter dem Arm trug, klebte den Augenblick
auf dem Kopfe, und so viele Höflichkeiten der arme Erberhard ihm erwies; so
wenig konnten diese ihm doch für den Grobheiten dieses ungestümen Mannes
schützen. Mit genauer Not erhielt er es auf vieles Bitten, dass er gegen eine
Handschrift weg kam, der Wirt wollte ihn durchaus zum Unterfande für seine
Bezahlung bei sich behalten. Unter Weges war er so niedergeschlagen, als wenn er
nach dem Tour hätte sollen gebracht werden. Er bereitete sich zu, wie er sagte,
zu Hause ein heftiges Ungewitter auszuhalten. Einmal bat er mich inständig, ihm
eine Lügen erdenken zu helfen, um dem Zorne seiner Frau auszupariren; ich hatte
aber dazu weder Lust noch Geschicklichkeit. Bei meinem Quartiere verliess er
mich, und versicherte unter hundert Schwüren dass er nicht lange mein Schuldner
bleiben wollte; er ist es aber noch immer. Sehen Sie, wertester Freund, wie
leicht die Jugend kann verführet werden in dergleichen Ausschweifungen würde ich
ganz oft gefallen sein, wenn Sie mir nicht in Engelland den Tempel der Tugend,
das Haus des vortreflichen Grandisons, zur sichern Zuflucht gegen alle
Versuchungen gezeiget hätten. Ich höre nie auf deswegen gegen Sie dankbar zu
sein, und Sie werden meine Dankbegierde ausserordentlich vermehren, wenn Sie mir
einen Scrupel benehmen, der mich seit der Ausschweifung, wozu mich der leidige
Eberhard verleitet hat, heftig ängstiget. ich habe eben den rühmlichen Entschluss
gefasset, welchen mein Oncle so glücklich ausführet, Sir Carln nachzuahmen. Wer
kann sich dieses Vergnügen versagen, der nicht pöbelhaft denket? Wollte Gott,
dass alle Leute diesem grossen Muster gleich zu kommen, sich bemüheten! So bald
ich diesen Vorsatz gefasset hatte, stellte ich eine genaue Untersuchung meines
Lebens an. Ich fand in dem zurückgelegten Teil desselben, dem Himmel sei Dank,
nichts, dass ich zu bereuen sonderlich Ursache gefunden hätte. Ich nahm mir vor,
von nun an auf den Wegen unsers gemeinschaftlichen Vorbildes und unsers Gönners
zu wandeln; allein, welche Abweichung! hätte ich doch nie den unglücklichen
Eberhard mit Augen gesehen, wie viele Unruhe würde ich meinem Gemüte dadurch
ersparet haben! Hören Sie nur, wie ich mich selbst anklage. Sir Carl, sage ich
zu mir selber, hat sich nie einen Rausch getrunken, ich habe mir einen Rausch
getrunken: also werde ich nie so vollkommen sein als mein Urbild. Untersuchen
Sie diesen Schluss genau, teurester Freund, Sie haben es weiter in der
Vernunftlehre gebracht als ich. Wie sehr wünsche ich, dass ich fasch geschlossen
hätte! Ein kleiner Ehrgeiz, den ich bei mir empfinde, macht mich bei meinem
Oncle und auf Sie eifersüchtig. Ich weiss, dass Sie es beide in der Nachahmung Sir
Carls schon so weit gebracht haben, dass er selbst sein Vergnügen über einen so
glücklichen Fortgang nicht verbergen kann, und ich sehe mich nun so weit unter
Sie zurückgesetzt. Verlangen Sie nicht, dass ich mich länger bei einer Sache
aufhalte, die mich ganz tiefsinnig macht. Wenn Sie mir einen Gefallen erzeigen
wollen; so bemühen Sie Sich, einen Fehler in meinem Schlusse aufzusuchen, und
überzeugen Sie mich davon aufs eheste.
    Sie glauben mir es ohne eine weitläuftige Versicherung auf mein Wort, ich
bin davon überzeugt, dass ich den vollkommensten Anteil an Ihrem Ruhme nehme.
Wie kann ich es also verschweigen, was man hier zu Ihren Vorteile spricht. Vor
einigen Tagen hatte der Herr Baronet eine auserlesene Gesellschaft bei sich, sie
wurden dadurch desto merkwürdiger, weil der berühmte Richardson sich darunter
befand, der seinen Ruhm, den ihm schon eigne Schriften erworben, durch die
Herausgabe der Geschichte des Herrn Grandisons auf den höchsten Gipfel gebracht
hat. Man ist immer begierig, ausserordentliche Leute von Person kennen zu lernen;
ich würde mir ein Vergnügen daraus machen, ihn nach dem Leben zu schildern, und
von Fuss bis auf die Scheitel zu beschreiben, wenn er nicht diese Mühe mir zu
erspahren die Gütigkeit gehabt hätte. Er versprach, mich mit seinem Portrait zu
beschenken. Sobald ich dieses erhalte, will ich es meinem Oncle in seine
Bildergallerie verehren, wo Sie es zu sehen bekommen werden. Man sieht es diesem
Manne an, dass er einen edlen Ehrgeiz besitzt, unsterblich zu sein. Es scheint,
dass er alles würde unternommen haben, um diesen Zweck zu erreichen, und wenn es
ihm mit der Feder nicht geglücket hätte; so hätte, wie es scheint, der Degen ihm
ein Andenken stiften müssen. Er tut eben nicht stolz auf seinen Ruhm; aber mich
dünkt, er lässt keine Gelegenheit vorbei, solchen immer zu erweitern. Die grossen
Leute sind vermutlich wie die Reichen gesinnet, jemehr sie haben, je mehr sie
sammlen wollen, das Plus vtra ist der Wahlspruch von beiden. Der Baronet wusste
bei der Tafel die Unterredung so artig auf meinen Oncle und auf Sie, teurester
Freund, zu lenken, dass es gar nicht schien, als wenn er eine Ehre darin
suchte, es der Gesellschaft bekannt zu machen, dass er in Deutschland glückliche
Nachahmer seines grossen Charakters gefunden hätte. Er machte dem Herrn
Richardson ein artig Compliment dadurch, das ihm allein die Ehre; zuschrieb, dass
er der Welt nicht ganz unbekannt geblieben wäre. Doctor Bartlett erklärte
hierauf die Meinung seines Gönners etwas deutlicher, und fieng an, durch Ihr und
meines Oncles Beispiel, die Nutzbarkeit der Ausgabe der Geschichte des Herrn
Grandisons zu beweisen. Mich dünkt, ich sah Sie vor mir, da ich den ehrlichen
Doktor so disputiren hörte. Sein Vortrag stimmt mit dem Ihrigen aufs genauste
überein.
    Obgleich Niemand unter der ganzen Gesellschaft daran zweifelte, dass Sir
Carls Geschichte in mancherlei Absicht für die Welt nutzbar wäre: so häufte doch
doch der Doctor dieses zu beweisen, Schluss auf Schluss, und ich wurde überzeuget,
dass es allerdings Mühe kostet, Dinge zu beweisen, die keines Beweises bedürfen.
Dieser Ehrenmann war so eifrig, dass ihm der Schweiss immer über die Backen lief.
Ich dachte mehr als einmal an Sie. Es würde mir viel Mühe kosten, wenn ich
nachzählen sollte, wie viel mal Ihr und meines Oncles Name rühmlich genennet
wurde; so viel ist gewiss, dass ich mir nichts geringes darauf zu gute tat, da
ich es der ganzen Gesellschaft offenbaren konnte, dass ich die Ehre Ihres
Unterrichts genossen hätte, und ein Anverwandter von dem Herrn v.N. wäre. Herr
Richardson machte mir hierbei eine tiefe Verbeugung. Er sass die übrige Zeit bei
der Tafel beständig in Gedanken, und grübelte mit der Gabel auf dem Teller. Ich
glaubte er sönne auf eine Anlage zu einer neuen Pamela. Beim Tee entdeckte ich
endlich die Ursache seiner Tiefsinnigkeit. Er bat mich innständig, ihm die
Briefe, die die vortreflichen Unternehmungen meines Herrn Oncles und seines
klugen Freundes dem Herrn Grandison nachzueifern, entielten, mitzuteilen. Ich
besass nicht Herzhaftigkeit genug, diesem berühmten Manne etwas abzuschlagen; ehe
ich also die Sache genau überlegen konnte, tat ich das übereilte Versprechen,
ihm diese Briefe auszuhändigen, wenn ich die Erlaubnis dazu von meinem Oncle
erhalten hätte. Ich ärgerte mich abscheulich über mein voreiliges Versprechen,
da ich Zeit gewann, diese Sache reiflicher zu überlegen. Herr Richardson schien
über meine Gutwilligkeit ausserordentlicher vergnügt; er legte sein
aristotelisches Gesichte wieder ab, und gab sich das Ansehen eines muntern
Hofmannes. Hieraus konnte ich leicht mutmassen, dass er sich schon mit der
angenehmen Hoffnung schmeichelte, seinen Ruhm durch die Bekanntmachung einer
Sammlung von Briefen, die der Grandisonischen nichts nachgibt, noch mehr
zusteigern. Dieser Gedanke machte meinen Ehrgeiz rege. Ich bin mir selbst der
nächste, dachte ich, Niemand würde etwas von einem Richardson wissen, wenn er
sich nicht durch eigene Schriften bekannt und durch fremde berühmt gemacht
hätte. Ich will mit einem Hiebe zwei Streiche tun. Einen Roman zu schreiben,
das ist meine Sache nicht, ich will die Geschichte meines Oncles ins
Französischen übersetzen, ich will sie in Strassburg drucken lassen, und dadurch
auf einmal bekannt und berühmt werden. Bitten Sie Ihren Principal, dass er mir zu
diesem rühmlichen Vorhaben seine Erlaubnis erteilet, wenn ich diese erhalte; so
werde ich Engelland mit Vergnügen verlassen, und Strassburg als die holde Mutter
meines zukünftigen Ruhms betrachten. Mein Brief wird länger, als ich im Anfang
dachte. Ich würde hier schliessen, wenn ich befürchtete, Sie zu ermüden; allein
ich habe Ihnen noch ein Wort zu sagen, darüber Sie vielleicht nicht misvergnügt
sein werden.
    Neulich bat mich der Doctor Bartlett nebst dem jungen Grandison und seinem
Hofmeister zu sich, der Baronet und seine Gemahlin waren eben nach Schirleimanor
verreisst. Seine Wohnung war aufs beste ausgeschmückt, jedermann war darin
geschäftig. Der Doctor ging mit gravitätischen Schritten in seiner mit Spitzen
bebrämten Turmmütze Trepp auf, Trepp nieder, und hatte auf sein geschäftiges
Gesinde ein wachsames Auge. Wir speissten in seiner Gaststube. Weil ich glaubte,
dass er sich meinetwegen in solche Unkosten gesteckt hätte; so sann ich schon bei
dem ersten Gerichte auf ein Entschuldigungscompliment, dass ich ihm wider
Vermuten so viele Ungelegenheit verursachen sollte; allein ich hatte nicht
nötig, dieses anzubringen. Bei dem ersten Becher Wein, der herum gegeben wurde,
und der eben so wohl als die übrigen nebst dem Flaschen und Kelchgläsern mit
Ephen und Blumenkränzen gezieret war, wurde ich meines Irrtums inne. Der Doctor
nahm einen Becher in die Hand, und nachdem er sich von seinem Stuhle erhoben,
hielt er diese Anrede an uns: Geliebtesten Freunde, Sie werden sich ohne Zweifel
wundern, dass ich heute, da ich mir die Ehre Ihrer Gesellschaft erbeten habe,
wider meine Gewohnheit verschwenderisch in Anschaffung der Speise und des
Trankes gewesen scheine. Sie sehen diese Tafel mit so vielen Gerichten besetzt,
dass solche hinreichend sein würden, alle Innwohner dieses ganzen Dorfes
reichlich davon zu sättigen. Jener Schenktisch zeigt Ihnen einen Vorrat von
Weinflaschen, welche von uns kaum in vier Wochen würden können ausgeleeret
werden. Tadeln Sie mich nicht wegen einer scheinbaren Ueppigkeit, ehe sie das,
was ich zu meiner Rechtfertigung sagen werde, vernommen haben. Der heutige Tag
ist in dem neuen Calender mit einem so vortreffli-Namen bezeichnet, dass ich
glaubte, ein Recht zu haben, mir denselben zu einem Festtage zu machen.
Lampertus, was für ein nachdrückliches, was für ein schätzbares Wort ist dieses
mir, das mich an einen gelehrten, an einen vollkommenen Freund erinnert. Der 17
September wird mir hinführo allemal ein Tag der Freude sein, wie der Geburtstag
meines Gönners und seiner vortrefflichen Gemahlin. Rechtfertigen Sie,
hochansehnliche Gesellschaft, meinen Eifer, den Namenstag eines verdienstvollen
Mannes, mit dem ich durch das Band der Freundschaft aufs engste verbunden bin,
feierlich zu begehen. Es ist nicht die Ehre, Sie bei mir zu bedienen, es ist das
Vergnügen, einen Tag zu feiern, der mit meinem Freunde einerlei Namen führet,
dadurch ich bin angetrieben worden, eine halbjährige Besoldung aufzuopfern, um
durch diese äusserlichen Zeichen, welche Sie hier vor sich sehen und genüssen,
meine Hochachtung gegen einen berühmten Ausländer an den Tag legen zu können.
Lassen Sie uns von dem Guten, das wir hier haben, so viel zu uns nehmen, als
zureichen wird, unsern Hunger und Durst zu stillen; alsdenn helfen Sie mir die
übrigen Brocken den Armen, die sich vor meiner Tür versammlen werden,
austeilen, dass sie dadurch ihr Herz laben und erquicken. Anjetzo aber
vereinigen Sie ihren Wunsch mit dem meinigen: Es lebe der Herr Lampertus
Wilibald! Wir stiessen alle mit den Gläsern zusammen. Ich habe eben vergessen zu
melden, dass einige von den Herren Vicinis des Doctors gegenwärtig waren. Die
ganze Gesellschaft bestund aus zwölf Köpfen. Da ich meinen Hunger gestillet
hatte, bekam ich Zeit, besonders da die Herren Pastores einen armen Ketzer aus
dem Altertume misshandelten, die artige Einrichtung des Doctors bei der Tafel
wahrzunehmen. Im Anfange wunderte ich mich, dass die Tische, woran wir speissten,
so gestellet waren, dass sie die Figur eines Winkelhakens bekamen, ohne dass es
die Gelegenheit des Zimmers zu erfodern schien; nun aber sah ich ein, dass wir
an einer figurirten Tafel speissten, und dass diese ein lateinisches L vorstellte.
Der Doctor hatte auch sogar von dem Conditor des Baronets ein artiges Desert
verfertigen lassen; die Vorstellung davon ist mir entfallen. So viel weiss ich,
dass ich etwas, das Ihrem Wappen ähnlich sah, darauf entdeckte. Der Doctor
sagte, es wäre dieses Wappen von einem Briefsiegel genommen, daher kam es auch,
dass es nicht eben gar zu genau mit dem Original überein stimmte. Der Conditor
hatte aus Unverstand die zwei Sphinxe in zwei gekrönte Löwen, und die Schlange,
welche in ihren Schwanz beisst, dieses alte hierogliphische Bild der Aegypter in
eine Bretzel verwandelt. Da wir nach Tische den Tee getrunken hatten, musste der
Schulmeister anfangen zu läuten, dieses war das Signal, dass sich die Armen vor
dem Hause des Doctors nun versammlen sollten. In wenig Minuten wimmelte der
Pfarrhof von Leuten. Sie mussten sich auf Befehl des Doctors in drei Reihen
stellen, und nachdem er sie Mann für Mann besehen hatte, mussten alle Gäste die
Ausspendung der Wohltaten des Doctors über sich nehmen. Es bekam jedes von
diesen Armen ein Groschenbrod, welches mit einem lateinischen L gezeichnet war,
ein Stück Braten und einen Becher Wein. Ihre Gesundheit wurde hier unter freiem
Himmel über hundertmal von Gichtbrüchigen, Lahmen und Blinden getrunken. Ihr
Name wurde also bei dieser Gelegenheit wieder vielen Leuten bekannt gemacht, und
zwar auf eine solche Art, die im Stande ist, Ihr Andenken lange in Segen zu
erhalten. Leben Sie wohl, berühmter Freund. Ich will hier geschwinde schliessen,
um Ihnen Zeit zu lassen, über so schöne Aussichten in Ansehung Ihres Ruhms sich
zu vergnügen. Für dieses mal leben Sie wohl.
 
                                 XLVII. Brief.
                      Der Doctor Bartlett an den Magister.
                                                        Grandisonhall den 7 Oct.
        Hochgeehrtester Herr Magister,
Wie gerne erfülle ich doch die Befehle meines Gönners, wenn er mir den Auftrag
tut, Ihren Herrn Principal sowohl, als Sie selber, von seiner Hochachtung und
Ergebenheit zu versichern. Er wünschet aufrichtig, mehr als eine schriftliche
Versicherung seiner Freundschaft dem Herrn von N. geben zu können: allein jetzo
sieht er sich in die verdrüssliche Notwendigkeit versetzt, solche durch mich
nochmals schriftlich wiederholen zu lassen; da alle Hoffnung verloren ist,
solches auf eine nachdrücklichere Art zu tun. Ihr Herr Principal hat vor
einiger Zeit die Bittschrift seiner Untertanen an meinen Gönner mit einem
Erzählungsschreiben zu begleiten die Güte gehabt. Sir Carl bezeigte uns sein
empfindliches Mitleiden über die unglücklichen Schicksale, welche seit einem
Jahrhundert und drüber, das ihm zugehörige Dorf Kargfeld betroffen haben. Er
bedauerte hauptsächlich, dass das Absterben der verehrungswürdigen Frau Shirlei
zufälliger Weise zu einem neuen Unglücke Gelegenheit gegeben. Wenn ihn nicht
schon seine Menschenliebe geneigt gemacht hätte, die Bitte dieser Gemeinde zu
erfüllen; so würde doch die Hochachtung gegen seinen Freund, den Herrn v.N., und
die Pflicht gegen die fromme Mutter seiner Gemahlin ihn hierzu angetrieben
haben. Er bemüte sich dahero aus allen Kräften, es dahin zu bringen, dass eine
Collecte für die Kirche in Kargfeld durch ganz Brittanien möchte ausgeschrieben
werden; allein die Sache war zu wichtig, als dass man sie ohne Guteissung des
Parlaments zur Ausführung hätte bringen können. Aus dieser Ursache begab sich
der Herr Baronet selber nach Londen, und besprach sich von dieser
Angelegenheit mit vielen seiner Herren Kollegen, mit vielen Gliedern des
Unterhauses. Er war so glücklich, keine geringe Anzahl derselben auf seine Seite
zu bringen. Die Sache wurde so gut eingeleitet, dass man an einem glücklichen
Erfolg nicht zweifelte. Am 11 Sept. wurde der Bill wegen Einsammlung dieser
Collecte durch ganz Brittannien für die Kirche zu Kargfeld, um ersten male
gelesen, und passirte ohne Widerrede. Den 13. Sept. da er zum andern male gelesen
wurde, setzte es deswegen heftige Streitigkeiten. Die Gemüter wurden gegen
einander erhitzt, und die Sitzung dauerte bis Abends um 9 Uhr. Am 18. da man ihn
zum letzenmale las, wurde die, Einsammlung dieser Collecte mit 284 Stimmen gegen
113. verworfen. Herr Grandison war an diesem Tage in dem Unterhause, davon er
ein Glied ist, und tat alles, die Verwerfung dieses Bills zu hintertreiben;
allein diesmal liefen seine Bemühungen fruchtlos ab.
    Ich gab ihm hierauf den Rat, auf seine eigene Kosten eine mässige Glocke
giessen zu lassen, und solche der Gemeinde in Kargfeld zu verehren. Er folgte
meinem Rate, und war so eilfertig, dieses gute Werk auszuführen, dass solche
schon am 27. September eingeschiffet wurde. Aber wenn Unglück sein soll; so muss
sich alles fügen. Aus Vorsicht war diese Glocke in ein Schlagfass eingepackt;
allein ein vorteilsüchtiger Zollbedienter liess dieses Schlagfass mit Gewalt
öffnen, und da er eine Glocke darinnen erblickte, erklärte er solche alsbald für
Contreband. Sie war verfallen. Ich hatte selbst den Schmerz, sie in Londen in
die Stückgiesserei bringen zu sehen. Es soll eine sechzehnpfündige Kanone daraus
gegossen werden, welche den Namen der Glocke von Kargfeld beibehalten, und
vielleicht in der ersten Belagerung einer Vestung sich berühmt machen wird.
Sehen Sie, geliebtester Freund, dass es also keinesweges an meinem Gönner lieget,
wenn er den Eifer, seinen Freunden in Deutschland Gefälligkeiten zu erzeigen,
nicht, wie er wünschet, tätig erweisen kann. Erwarten Sie nebst mir einen
günstigern Augenblick, der vielleicht alles das zur Wirklichkeit bringt, was
jetzo nur noch blosse Wünsche sind. Sie haben mir in Dero letztern Briefe den
unglücklichen Bornseil empfohlen. Wie nahe geht es mir, dass ich auch in Ansehung
seiner, nichts anders als gute Wünsche tun kann. Ich wollte, dass er hier wäre,
ich wünschte, dass er nur etwas von dem Ueberflusse der Pachter Sir Carls genüssen
könnte, und ich bin versichert, dass er vollkommen zufrieden sein würde. Mit
gutem Gewissen kann ich den ehrlichen Mann nicht raten, eine Reise nach England
zu unternehmen. Gesetzt, dass er der stürmischen See und den Kaperschiffen,
welche um unsre Insel herum schwärmen, entginge; wie schwer würde es ihm werden,
in unsern Häfen sich für grössern Gefährlichkeiten zu hüten. Die Matrosenpressung
wird jetzo hier mit aller Macht getrieben; wenn dieser gute Mann einem
unbarmherzigen Werber in die Hände fiel; so würde er ohne Rettung verloren
sein. Würde er nicht hernach Ursache haben, mit Rechte so wohl über Sie, als
mich, seine Klaglieder anzustimmen? Mein Gönner ist der Meinung, er sollte die
Regel des weisen Sittenlehrers beobachten, in seinem Vaterlande bleiben, und
sich ehrlich nähren; so würde das alte Schprichwort von ihm erfüllet werden:
artem quaevis alit terra. Meine Geschäfte wollen mir das Vergnügen nicht länger
erlauben, mich mit ihnen zu unterreden. Ich kann meinem Briefe nichts weiter
beifügen, als eine Bitte, meinen Gönner und die Seinigen, wozu ich auch gehöre,
dem Herrn von N. bestens zu empfehlen; sich aber selbst zu versichern, dass ich
mir jederzeit ein ausserordentliches Vergnügen daraus machen werde, mit der
vollkommensten Aufrichtigkeit zu sein,
                     Meines Hochgeehrtesten Herrn Magisters
                                               ergebenster Diener und Vorbitter,
                                                          Ambrosius Bartlett. D.
 
                                 Zweiter Teil
                                    I. Brief.
                        Der Hr. von N. an den Hrn. v.W.
                                                          Kargfeld, den 19 Sept.
Ist der Roman schon zu Ende? Denke das ja nicht, lieber Herr Bruder! ich bin
vielmehr bereit, meine Sache entweder als ein Grandison auszuführen, oder zu
sterben. Indessen aber fluche ich auf dich, auf deine Frau, auf den Major, auf
den Magister, und auf alle, welche bei dem vermeinten Verlöbnisse waren. Wenn
mir Lampert die Stelle aus dem Grandison, wo Sir Carl ein Gespenste gewesen,
recht ausgelegt hätte; so würde ich gar nicht auf den Einfall geraten sein,
dich und deine Frau im Schlafe zu stöhren. Ich war aber von der ganzen Sache so
eingenommen und verblendet, dass ich bereits in Gedanken über den zu hoffenden
glücklichen Erfolg triumphirete. Warum habt ihr aber den armen Bornseil davon
gejagt? Der Kerl ist so unschuldig, wie ein Kind in Mutterleibe. Er wollte nicht
einwilligen; er wurde aber überredet. Du weisst, dass, wenn der Magister zu
demonstriren anfängt, ihm weder Menschen noch Vieh widerstehen können. Setze ihn
wieder in sein voriges Amt, damit der arme Teufel nicht betteln gehen, oder mir
seine Kinder vor die Tür legen darf. Tut er es, so lasse ich die Bälge ins
Wasser werfen. Mit deiner Frau bin ich gar nicht zufrieden: sie versteht keinen
Spass. Wär sie meine Frau; so bekäm sie alle Tage ihre Prügel. Du musst ein hartes
Leder haben, dass du so viel ausstehen kannst; wiewohl, wenn man dir am Tage
Essen und Trinken gibt, und des Nachts deine Ruhe lässt; so bist du mit der
ganzen Welt zufrieden.
    Ausserdem merke ich, dass sie der Major sehr wohl leiden kann. Es ist zwar
mehrmals davon gesprochen worden; nunmehro wird mir die Sache immer
wahrscheinlicher. Sage mir doch bona fide, war ich damals stark besoffen? ich
kann es nicht glauben, ohngeacht Lampert dazu schwöret; sollte ja etwas
vorgefallen sein; so ist der Major an allem Schuld gewesen. Wär ich kein
Grandison; so wollte ich den Pursch schon finden, Ich schere mich den Henker um
ihn: er mag deiner Frau ihr Vetter sein oder nicht.
    Ich habe eine tüchtige Delicatesse für die Ehre - doch was weisst du, was
eine Delicatesse in der Ehre ist; da du sie weiter nicht als nur in einer
Pastete und in einem Wildpretsbraten zu suchen gewohn bist. Schreib mir also, ob
sich der Major in Reden wider mich vergangen hat. Der Wein fiel mir damals für
die Ohren, dass ich nicht alles genau vernehmen konnte. Drohen lass ich mir nicht,
das sage ihm. Sir Hargrave und Greville waren andere Kerls als der Major;
indessen wusste sie Herr Gevatter Grandison doch zu bändigen. Was dieser kann,
das kann ich auch. Ich wär längstens wieder zu dir kommen, wenn mich meine alte
Mucke nicht überfallen hätte. Das Podagra ist es nicht, wie der Magister sagt;
sondern eine ganz andere Krankheit; die aber weniger zu bedeuten hat. Schreib
mir ja bald: damit ich sehe, ob du böse bist oder nicht. Auf meiner Seite soll
alles vergeben und vergessen sein. Inliegenden Brief gib deiner Fräulein
Tochter. Du kannst leicht mutmassen, dass verliebte Leute einander immer etwas zu
sagen haben. Lebe wohl! der Himmel behüte deine Beine für allem Uebel! Ich bin
                                      Dein
                                                             aufrichtiger Freund
                                                                            v.N.
N.S. Reiss meinen Brief in Stücken: damit der Teufel sein Spiel nicht hat. Ich
    möchte deine Frau nicht gern böse machen. Adieu!
                                                                       vt supra.
 
                                   II. Brief.
                Einschluss an Fräulein Julianen von dem Hrn. v.N.
                                                          Kargfeld, den 19 Sept.
        Hochwohlgebohrnes Fräulein,
            Gnädiges Fräulein,
Wenn Ihnen mein letzter Auftritt in Wilmershausen misfällig gewesen ist; so
bitte ich dieserwegen hundert Millionen mal um Verzeihung.
    Der Henker hole! es war nicht böse gemeint. Ich wollte wie Sir Carl zum
ersten male als ein Gespenste erscheinen; aber der Magister und der
sappermentische Jeremias verdarben den ganzen Handel. Zum Unglück verstand Ihre
Frau Mama keinen Spass, und so musste denn freilich alles contrair gehen. Ich höre
auch, dass ich damals einen kleinen Rausch soll gehabt haben - - es kann wohl
sein: was ist aber daraus zu machen! der Wein und die Liebe überwältigen oft den
bravsten Kerl von der Welt. Ich biete Ihnen also mein Herz vom neuem an, und
bitte demütig um Ihre Gegenliebe. Schlagen Sie mir diese Bitte nicht ab,
schönstes Fräulein! Erlauben Sie, dass ich kommen, und mich in der Cederstube zu
Dero Füssen werfen darf. Ich will im blauen Hechte absteigen und mich erst
anmelden lassen; ich will der bescheidenste und artigste Mann sein; ich will nur
das poculum hilaritatis minus trinken; ich will Ihnen ein Geschenk machen, das
meinem Vermögen gemäss ist; ja ich will Sie Zeitlebens als eine Göttin verehren,
und alsdenn sterben als
                                      Dero
                                                              getreuester Sclave
                                                                            v.N.
 
                                  III. Brief.
                        Der Herr v.W. an den Herrn v.N.
                                                     Wilmershausen, den 19 Sept.
Du hast schön Zeug mit deinem Briefe gemacht. Weisst du denn nicht, dass ich nicht
schreiben kann, und dass meine Frau alle Briefe erbricht, die an mich einlaufen?
Diesen Brief schreibt mir mein neuer Verwalter, sonst würdest du niemals eine
Antwort erhalten haben. Meine Frau war, wie du leicht denken kannst, bei
Erbrechung deines Briefes ausser sich. Sie gab eine ganze Salve von Flüchen; riss
in der Bosheit ihr Nachtzeug ab, und warf es in eine Ecke. Niemals werde ich den
Auftritt vergessen. Höre was sie sagte: so ein alter verfluchter Bärenhäuter
will sich über mich aufhalten! mich prügeln, wenn ich seine Frau wäre! und hat
mich noch darzu mit dem Major im Verdachte! die Augen will ich dem Hunde
auskratzen. Ich versuchte zwar, dich zu entschuldigen, und sie zu besänftigen;
allein nun fieng sie auch mit mir an, warf mir meine Einfalt, Faulheit und noch
andere Dinge vor, die ich nicht gerne erzählen will. Den Augenblick, sprach sie,
fordern sie den alten Kerl heraus, wenn sie noch für sechs Pfennige Courage im
Leibe haben; sie müssen sich mit ihm schlagen, oder ich lasse mich von ihnen
scheiden.
    Fürchte dich nicht Bruder, ich werde dich nicht heraus fordern. Beiläufig
siehest du, dass aus der Heirat mit meiner Juliane nichts werden wird. Meine
Frau ist zu sehr aufgebracht. Ich bin müde, weiter zu dictiren. Mache was du
willst.
                                                                            v.W.
N.S. Ich höre, dass meine Frau alleweile einen Boten an den Major absendet. Gott
    wende alles zum Besten!
 
                                   IV. Brief.
                        Fräulein Amalia an ihren Bruder.
                                                          Schöntal, den 20 Oct.
Wo werden sich die Torheiten unsers Oncles endigen? Die Frau v.W. ist ganz
rasend. Sie hat den Major aufgehetzt, und dieser ist Willens, sich mit dem alten
Ritter zu schlagen. Hier ist der Fehdebrief:
        Mein Herr,
    Ich würde der Ehre, die Frau von W. meine Base zu nennen, ganz unwürdig
        sein, wenn ich sie von Ihnen wollte beschimpfen lassen. Wie haben Sie
        Sich also unterstehen dürfen, einen so boshaften Brief an ihren Gemahl
        zu schreiben? Es war nicht genug, dass Sie, als ein zweiter Don Quijotte,
        die ehrlichen Leuten des Nachts in der Ruhe stöhrten, und öffentlich zu
        erkennen gaben, dass Sie ein Narr wären; sondern Sie mussten auch nachhero
        die Ehre dieser Dame durch einen ungegründeten Verdacht beleidigen.
    Eine Züchtigung kann Ihnen also nicht schaden. Kommen Sie auf künftigen
        Donnerstag zu Ihrem und meinem Freunde, den Baron von F. wo wir die
        Sache mit ein paar Pistolen ins Reine bringen wollen. Adieu.
                                                                          v. Ln.
    Der Oncle fluchte bei dem Empfange dieser Ausforderung wie ein Botsknecht.
Endlich kam der Geist Grandisons wieder zu ihm. Lampert tat Vorstellungen;
Kunigunde weinte. Ich wusste anfangs selbst nicht, ob es Scherz oder Ernst sein
sollte; aber nunmehro sehe ich, dass der Baron v.F. sich einmal satt lachen will.
Der junge Wendelin soll als Geschwindschreiber mitgenommen werden. Du sollst
also eine sichere und vollständige Nachricht von dem Zweikampfe dieser Männer
erhalten. Lampert hat mir ein Paquet an den eingebildeten Dr. Bartlett gegeben;
Du kannst es lesen und aufheben. Ich sehne mich recht sehr, dich mündlich zu
sprechen, und dir die aufrichtigsten Merkmaale meiner Liebe zu geben. Lebe wohl!
 
                                   V. Brief.
                    Magister Lampert an den Doctor Bartlett.
Ich sehe aus einen Schreiben unsers jungen Cavaliers, dass Ew. Hochwürden meinen
Namenstag in Grandisonhall feierlich begangen haben.
    Teuerer und schätzbarer Gönner, womit verdiene ich eine solche Gewogenheit?
Ich bin gerührt, und es fehlet mir an Worten, Ihnen die dankbarsten Empfindungen
meines Herzens abzuschildern. Nehmen Sie hier einen Abriss der merkwürdigsten
Umstände meines Lebens hochgeneigt an. Sie können es der Königl. Societät der
Wissenschaften in meinen Namen überreichen. Ich arbeite gegenwärtig an einem
grossen Werke.1 Aus Dankbarkeit will ich es gedachter Gesellschaft dediciren.
    Ich komme nunmehro zur Sache selbst, und liefere Ihnen: memoires pour servir
a l'histoire de Monsieur Lampert Vilibald, oder Denkwürdigkeiten der
Lampertischen Geschichte. Ich Lampert Wilibald bin unter freiem Himmel zwischen
Weissenfels und Merseburg auf der sogenannten Michelshöhe den 29 Februarius 1716
geboren worden.
Scholion I. Meine Aeltern waren eben auf der Reise. Meine Mutter glaubte nicht,
    dass ihre Niederkunft so nahe sei; sie wurde also übereilt und nachhero auf
    einem Karn nach Rosbach gebracht, welcher Ort nunmehro in allen Teilen der
    Welt bekannt worden ist.
Schol. II. Das Jahr 1716 war ein Schaltjahr. Da ich nun eben den 29 Febr. das
    Licht der Welt erblickte; so kann ich meinen Geburtstag nur alle vier Jahr
    feiern, welches auch künftiges Jahr 1760 wenn ich anders noch lebe, zu
    Kargfeld geschehen wird.
                                     §. 2.
    Nachdem meine Mutter ihre sechs Wochen zu Rosbach gehalten hatte; so packte
sie mich fein säuberlich in einen Korb, und trug mich nach Hause.
                                     §. 3.
    Im sechsten Jahre meines Alters führte mich mein Vater in die zu Dürrenstein
befindliche Schule, in welcher ich in allen unterrichtet wurde, in quibus
puerilis aetas impertiri debet. Nep. in Attic.
Schol. Der Schulmeister war zugleich ein Metzger; sonst aber sang er einen guten
    Bass durch die Fistel, und schnitt auf Bauernhochzeiten so manierlich vor,
    als ein Trabizius. Der gute Mann prophezeihte immer, dass ich meiner klugen
    Reden wegen frühzeitig sterben würde; es ist aber nicht eingetroffen.
                                     §. 4.
    Ich hatte indessen eine unüberwindliche Neigung zu den Wissenschaften; ich
machte mir heimlich eine Peruque von Werg; ich war allemal der Gerichtsdirector
unter den andern Jungen; und wenn sich einer widerspenstig bezeigte, so
peitschte ich ihn, dass er hätte Oel geben mögen. Dieses letztere ist mir desto
leichter zu vergeben: weil Cyrus in seiner Jugend dergleichen auch getan.
Nunmehro änderten sich die Umstände zu meinem Vorteile, und ich kam von
Dürrenstein weg.
Schol. I. Mein Vater war ein wirklicher Polyhistor. Er riss Zähne aus und setzte
    Zähne ein; stach den Star; verschnitt den Bauern die Haare und musste dem
    Schulzen seinen Bart scheeren. Er konnte aus der Tasche spielen, und tanzte
    meisterlich auf dem Seile.
Schol. II. Dieser mein Vater nun sollte dem Schulmeister einen Zahn ausziehen;
    er kam aber über den unrechten, welchen der ehrliche Mann noch brauchen
    wollte. Dieser albere Streich machte den Küster so wütend, dass er meinen
    Vater in die Haare fiel, und ihm also Gelegenheit gab, den Cantor tüchtig
    abzuprügeln. Sie giengen in dem Entschlusse auseinander, niemals wieder
    Freunde zu werden, und ich wurde sogleich aus der Dorfschule genommen und
    nach G. in das Gymnasium gebracht.
                                     §. 5.
    Auf diesem Gymnasio habe ich bis 1736 alle Classen durchritten. Ich ging in
die Currente; wurde famulus communis, frass täglich drei Pfund schwarz Brodt und
bewiess in meiner Abschiedsrede: Dass Johannes in der Wüsten keine Heuschrecken,
sondern Krebse gegessen habe.
                                     §. 6.
    Nunmehro begab ich mich also nach H. Wer kein Vermögen hat, muss sich hier
durchfressen. Dieses tat ich auf die feinste Art von der Welt. Ausserdem
disputirte ich zweimal publice und schlug mich sechsmal privatim; wurde aber nur
ein einziges mal von einem M. verwundet. 1740 erlangte ich die Würde eines
Magisters, welche ich noch mit Ruhme trage.
Schol. Ich führe noch bis dato von obiger Schlägerei eine ansehnliche Narbe als
    ein Ehrenzeichen auf dem linken Backen.
                                     §. 7.
    In gemeldetem Jahre starb mein Vater. Was sollte ich nun tun? ich begab
mich auf die Wanderschaft. Die Haare würden Ihnen, verehrungswürdiger Gönner, zu
Berge stehen, wenn ich meine verdriesslichen Begebenheiten auf dieser Reise
erzählen wollte. Hunger und Durst musste ich ausstehen. Wie viel mal habe ich
unter freiem Himmel schlafen müssen! Die Handwerksgenossen waren nicht allemal
so höflich, als ich glaubte, dass sie sein sollten. Für mich war also nichts
weiter zu tun, als dass ich 1742 unter die Königl. Preussl. Husaren ging, und
mir einen Bart wachsen liess. Zum Unglück sah mein Rittmeister in dem ersten
Feldzuge ein, dass ich zu keinem Soldaten geboren war. Ich bekam meinen
Abschied, und ging voller Verzweifelung nach Dürrenstein. Hier hatte der Himmel
für mich gesorgt. Der Hr. von N. brauchte einen Informator, und fand in mir alle
Eigenschaften eines solchen Mannes.
                                     §. 8.
    Hier habe ich verschiedene Junkers und Fräuleins erzogen. Die benachbarten
Edelleute erfuhren meine Geschicklichkeit, und taten ihre Kinder bei meinem
Herrn Principal in die Kost. Ich machte mich also eben so berühmt, als
Melanchton und Trotzendorf ehedem gewesen waren.
                                     §. 9.
    An Vermögen fehlt es mir nicht. Die Menschen, welche um mich sind, haben von
Natur muntere Seelen. Alles lacht und scherzt. Nur mein gnädiger Patron hat
manchmal ernstaftere Gedanken; Fräulein Kunigunde lacht schon seit 30 Jahren
nicht mehr: die andern aber sind desto lustiger. Die beständigen Abwechselungen
machen, dass ich mich zeitero nach keiner Pfarrstelle gesehnt habe. Nur eins
liegt mir im Kopfe: ich seufze nach Hanchen ihrer Gegenliebe. Der
unempfindlichste Stoiker müsste bei dem Anblicke dieses reizenden Mädchens
verliebt werden. Vielleicht ändert sich ihre Gesinnung, wenn ich nach den
Versprechen meines Principals ihrem Vater im Amte nachfolge. Wo nicht - - doch
es muss sein, es muss sein.
    Von Natur bin ich ein Sanguineo cholericus. Das Geld ist mir gleichgültig;
ich ziehe die Lustbarkeiten dem Besitze der ganzen Welt vor.
    Hier haben Sie also, teuerster Gönner, eine kurze Nachricht von meinen
Lebensumständen. Sollten Sie diese memoires der Königl. Societät vorlesen; so
melden Sie mir doch, was für Urteile darüber gefällt werden. Doch diesen
letztern §. den ich bloss zu Ihrer Nachricht beigefüget und auf ein besonders
Blatt geschrieben habe, werden Sie vorhero schon davon tun. Ich bin stark
Willens, eine Academie im kleinen, auf dem Rittersitze meines Hrn. Principals,
anzulegen. Die schönen Künste sind ja Kinder des Ueberflusses. An Essen und
Trinken mangelt es uns nicht, und ich habe den Hrn. von N. welcher den Witz
eines grossen Mannes besitzt, bereits darzu aufgemuntert. Es sollen vier Classen
geordnet werden. Die erste wird sich mit der Landwirtschaft beschäftigen.
Erfahrne Verwalter und Bauern können hierinnen nützliche Mitglieder abgeben:
denn diese Männer verstehen von der Oekonomie mehr als die Gelehrten. Die zweite
Classe ist der französischen und lateinischen Sprache gewidmet; die dritte aber
tractirt Staatssachen. In diesen beiden sollen Pastores, Mamsells und politische
Kannengieser angenommen werden. Die vierte heisst die musicalische. Der Grund ist
bereits gelegt: denn es wird wöchentlich bei uns Concert gehalten. Vor drei
Wochen liess sich ein reisender Schulmeister auf der Orgel hören. Mein Principal
verehrte ihm ein paar lederne Hosen, die ihm sehr nötig und angenehm waren. Ich
denke, es sollen mehrere Virtuosen kommen. Da ich Willens bin, den ersten
Präsidenten in der Akademie vorzustellen, so werde Ew. Hochwürden in kurzem
nähere Nachricht durch den ordentl. Secretair, von dem Erfolge der Sache, geben
lassen; bleibe indessen mit Hochachtung
                                      Dero
                                                             gehorsamster Diener
                                                            M. Lampert Wilibald.
 
                                    Fussnoten
1 Es ist eigentlich ein allgemeines historisches Lexicon aller Magister, welche
seit der Reformation in Deutschland gelebt, und sich entweder durch Kinderzeugen
oder Bücherschreiben, berühmt gemacht haben. Dieses Werk wird ohngefehr 30
Alphabete stark werden, und in Leipzig herauskommen.
 
                                   VI. Brief.
                     Das Fräulein v.W. an das Fräulein v.S.
                                                     Wilmershausen, den 26 Sept.
Was werden Sie denken, dass ich eine ganze Woche lang ein tiefes Stillschweigen
beobachtet habe? Wenn Sie meine Briefe auch so lange unbeantwortet lassen
wollten; so würde ich mich mit tausend argwöhnischen Gedanken schlagen. Ich bin
nun einmal so, und ich werde nicht irren, wenn ich mich mit dem Selbstpeiniger
aus dem Terenz vergleiche: ich mache mir einen Haufen Sorge und ängstige mich,
wo ich es nicht nötig habe. Sie besitzen einen glücklichen Charakter. Sie
lachen mit dem Herrn v.F. über die ganze Welt und machen sich nicht eine
ängstigende Vorstellung. Nicht wahr, Sie haben sich nicht einmal über mein
Stillschweigen gewundert? Sie dachten wohl nicht daran, dass die Ursache davon
eine Unpässlichkeit sein könnte; oder dass mir vielleicht gar der Briefwechsel mit
Ihnen, wie der Clarisse mit dem Fräulein Howe könnte untersagt sein. Solche
Vorstellungen würde ich furchtsames Mädchen mir nur haben machen können, wenn
ich an Ihrer Stelle wäre und Sie Sich an der meinigen befänden; aber davon
wissen Sie nichts. Sie haben recht wohl getan, dass Sie Sich keine so unnötige
Sorge machten, ich befinde mich wohl und habe auch noch nicht den grausamen
Befehl erhalten, mit Ihnen keine Briefe mehr zu wechseln. Meine Mutter ist zwar
mit Ihnen ganz und gar nicht zufrieden, und wenn der Herr v.N. noch wohl bei ihr
angeschrieben stünde; so könnte es sein, dass sie sich öffentlich gegen Sie
erklärete: Doch die glückliche Zwietracht zwischen ihr und dem Herrn Oncle von
Ihnen macht sie gegen mich etwas geschmeidiger, sie gestattete es, dass ich unter
der Hand einen Briefwechsel mit Ihnen unterhalten darf; ob sie mir gleich bis
jetzo noch nicht erlauben will, Ihnen selbst meine Aufwartung zu machen.
    Die Ursache meines Stillschweigens ist diese. Ich hatte neulich eben meinen
Brief gesiegelt und solchen meinem Mädchen gegeben, um ihn durch Jobsten
bestellen zu lassen, da ich zu meinem Vater gerufen wurde. Er gab mir einen
entsiegelten Brief der so viele Falten hatte, als wenn er aus Verdruss von jemand
wäre zusammengedruckt worden, er war von dem Herrn v.N. Ich las ihn flüchtig
durch, und war so bestürzt, dass ich zitterte. Er entält, so viel ich mich noch
davon erinnere, eine feierliche Abbitte wegen deinen Beleidigungen, die er mir
dadurch zugefügt zu haben glaubte, dass er sich an einem Tage, an welchem ich die
Seinige werden sollte, im Trunke übernommen hätte; er versprach diesen Fehler zu
verbessern und bat mich Millionen mal um Verzeihung. Wenn mir recht ist, so
gelobte er mir eine ewige Treue. Ehe ich noch den Brief ganz durchgelesen hatte,
trat meine Mutter mit einem verdriesslichen Gesichte in das Zimmer, welches mich
mutmassen liess, dass es einen kleinen Zwist zwischen meinem Vater und ihr müsste
gesetzt haben, der zusammengedruckte Brief sah dem Zankapfel sehr ähnlich. Das
Fräulein hat doch noch, sagte sie, den albernen Misch in die Hände bekommen?
Zerreissen Sie ihn den Augenblick in tausend Stücke und werfen Sie den Plunder
zum Fenster hinaus. Ich war im Begriff, diesen Befehl meiner Mutter zu erfüllen,
Sie wissen, dass Sie von jedermann, dem Sie zu befehlen, ein Recht zu haben
glaubt, einen blinden Gehorsam fordert, und ich wünschte, dass mir nie ein Gebot
von ihr schwerer zu erfüllen sein möchte, als dieses. Allein mein Vater befahl
mir gerade das Gegenteil. Unterstehe dich - willst du - sagte er, da ich eben
das Urteil meiner Mutter vollstrecken wollte, und erhob sich von seinem Stuhle.
Ich werde es nicht zugeben, dass mein Freund von euch Weibesleuten beschimpfet
wird, meine Frau hat ihm ohnedem bereits nicht für einen Pfennig Ehre gelassen.
Gieb du mir den Brief nur wieder her, ich will ihn aufheben. Meine Mutter winkte
mir zwar, ich sollte ihn, ehe ihn mein Vater in die Hände bekam, geschwinde
zerreissen: ich gehorsamte aber meinem Vater. Er legte ihn sehr sorgfältig und in
einer gewissen Entfernung von seiner Gemahlin zusammen, vielleicht aus Beisorge,
dass sie einen Angriff darauf wagen möchte, um sich desselben zu bemächtigen, und
schloss ihn in seinen Schrank. Ich kann nicht erraten, aus was für einer Absicht
sie nicht gestatten wollte, dass ich diesen Brief zu Gesichte bekäme, wenn es
nicht diese ist, mir die Gelegenheit zu benehmen, über sie zu spotten, dass sie
mir einen Mann so sehr angepriesen hat, von dem sie jetzo wünscht, dass sie ihn
nie möchte veranlasst haben, an mich zu gedenken. Sie will, wie es scheint,
alle schriftliche Denkmaale seiner Liebe gegen mich auch aus dieser Ursache
vertilgen: damit diese ihr nicht einmal zu Vorwürfen in ihrem Gewissen
gereichen. Ich glaubte immer, eine Gelegenheit zu finden, dieses Schreiben
wiederum in meine Gewalt zu bekommen, um es ihnen mitzuteilen, weil aber mein
Vater mit keinem Worte wiederum daran gedacht hat: so sehe ich nicht, unter was
für einem Vorwande ich es von ihm zurück fordern soll. Sie sehen also die
Ursache der Verspätung meiner Antwort.
    Der Major Ln. ist beinahe jetzo unser täglicher Gast. Gestern liess ihn meine
Mutter durch einen expressen Boten einladen; er ist aber erst heute gekommen.
Sie unterredet sich eben jetzo mit ihm, und ich höre, dass ihr Gespräch oft sehr
lebhaft wird, ich vermute, es betrifft ihre Familienangelegenheiten. Was der
Mann lachen kann! Man hört ihn weiter als man ihn sieht. Er ist unten im Saale,
und wenn er lacht, so gibt mein Klavier hier neben mir allezeit einen
Wiederschall. Es müssen doch wohl keine Dinge von allzugrosser Wichtigkeit auf
dem Tapet sein. Nun werde ich allem Ansehen nach wohl niemals die Ehre haben,
mich ihre Tante zu nennen; ich bin aber nicht weniger stolz darauf, wenn ich nur
beständig ein Recht habe mich zu nennen
                                      Ihre
                                               aufrichtige Freundin und Dienerin
                                                                    Juliane v.W.
 
                                  VII. Brief.
                     Das Fräulein v.S. an das Fräulein v.W.
                                                         Schöntal, den 29 Sept.
Glauben Sie es nur, ich bin im höchsten Grade auf Sie eifersüchtig. Ich habe
mich immer für das gelehrteste Mädchen in unsrer ganzen Gegend gehalten, Sie
wissen, dass ich zu den Füssen eines grundgelehrten Mannes, eines Lamperts
gesessen habe, der sich über den grossen Haufen gemeiner Lehrmeister, gleichwie
unser Kirchturm hoch über die niedrigen Strohdächer hinausschwinget: allein ich
werde künftig nicht mehr Ursache haben, meiner Eitelkeit zu schmeicheln; ich
sehe dass Sie auch ein Bisgen gelehrt tun können. Sie vergleichen sich mit dem
Selbstpeiniger aus dem Terenz, dieser Vergleich hat ein vielzugelehrtes Ansehen,
als dass ich dabei gleichgültig bleiben sollte. Wenn Sie Sich mit dem
Menschenfeinde des Moliere verglichen hätten, so würde ich es noch haben
hingehen lassen. Doch ich will mich auch nicht deswegen mit Ihnen zanken, weil
sie wissen, dass ein Terenz in der Welt gewesen ist. Sie kennen diesen Mann doch
nicht anders als aus einer Uebersetzung; ich hingegen, ich kann mich rühmen,
unter Anführung meines treflichen Lehrers, ein gutes Stück der Ueberbleibsel
dieses Schriftstellers in der Grundsprache gelesen zu haben. Sehen Sie, wie weit
ich Sie hinter mir lasse? Aber dem ohngeachtet bin ich fest entschlossen, die
erste gelehrte Vergleichung, die Sie wieder machen, mit einem lateinischen
Briefe zu bestrafen. Ich kann noch ziemlich gut dekliniren, Ancilla und Scamnum
macht mir eben keine Schwürigkeiten. Sie haben nun einmal meinen Trieb rege
gemacht, bei aller Gelegenheit etwas gelehrtes auszukramen; schreiben Sie Sich
es also selbst zu, dass Sie diesmal einen Brief, nach den Regeln des
Lampertischen Geschmacks eingerichtet, von mir erhalten, das ist, in welchen so
viele Sprüchwörter und Sentenzen eingestreuet sind, als ich werde aufbringen
können. Eine habe ich schon auf der Zunge, ich will Sie damit bestechen, dass Sie
meinen Scherz nicht für eine Satire aufnehmen. Ihnen gefällt mein aufgeräumtes
Gemüt. Sie nennen es einen glücklichen Charakter, dass ich mich nicht immer mit
einem Haufen Sorgen schlage, und ein Vergnügen darin finde, mich selbst zu
beunruhigen: aber Sie irren Sich. Sie haben bei Ihrer furchtsamen und
ängstlichen Gemütsart, die Sie Sich zueignen, vor mir gar vieles zum Voraus.
Dadurch, dass Sie alles fürchten, werden Sie auf eine genaue Untersuchung aller
Umstände geführet, die Ihnen vorkommen; Sie sehen alle unangenehme Folgen von
weiten, und werden von keinem Verdrusse unbereitet überraschet; Sie können also
mit leichter Mühe vielen Verdriesslichkeiten ausbeugen, worinn mich meine
Leichtsinnigkeit unbemerkt verwickelt. Ihr Mistrauen führet Sie zur Sicherheit.
La mésiance est la Mere de la Sûreté, das ist Richelets Ausspruch, eines Mannes,
der bei mir sehr viel gilt.
    Die Frau v.W. hat nicht gestatten wollen, dass Sie den Brief Ihres Anbeters
zu Gesichte bekämen, Sie versuchen es, ihre Absicht dabei zu entdecken; aber
mich dünkt, Sie sind hierbei nicht sonderlich glücklich gewesen. Ich will Ihnen
das Verständnis eröffnen. Ihre Frau Mutter hasset gegenwärtig meinen Oncle eben
so sehr, als sie ihn vor einigen Wochen hoch schätzte, und sie bemühet sich mit
eben dem Eifer, die Flammen auszutilgen, mit welchem sie solche entzündet hat.
Ist es nicht der Klugheit gemäss, ihm alle Gelegenheit abzuschneiden, sich einen
Zugang zu Ihrem Herzen zu verschaffen? Wie leicht könnten Sie nicht, durch einen
so zärtlichen Brief, als Ihr Anbeter unfehlbar geschrieben hat, zum Mitleiden
gegen ihn bewogen werden? Wenn eine Schöne nur erst einem schmachtenden
Liebhaber ihr Mitleiden schenket, habe ich sagen hören, alsdenn hat er gewonnen
Spiel. Der Herr v.N. hat auf das Ihrige die gerechtesten Ansprüche. Hat er nicht
Ihrentwegen Wind und Wetter auf sich losstürmen lassen? Hat er nicht um
Ihrentwillen Leib- und Lebensgefahr ausgestanden? Hat er nicht Ihnen zu Ehren
sich tapfer bezeigt, und sind Sie nicht die einzige Ursache, dass er auf seinem
Lager unter den Schmerzen seines podagrischen Fusses seufzet? Alle diese
Umstände, wenn ihnen der reizende Liebesbrief noch einiges Gewichte gegeben
hätte, würden ein so sanftes Herz als das Ihrige notwendig erweichet haben.
Untersuchen Sie ob ich die Absichten der Frau v.W. nicht tiefer eingesehen habe,
als Sie selber. Ja ja, das war eine Probe ihrer Staatsklugheit, dass sie Ihnen
den Brief des Herrn v.N. verheelen wollte, sie dachte an das alte Sprüchwort:
petit à petit l'oiseau fait son nid. So ist es! Aus einem kleinen Funken
entstehet oft ein grosses Feuer.
    Aber sagen Sie mir doch, warum Sie immer bereit sind, Ihrer Stiefmutter
einen blinden Gehorsam zu leisten, nicht anders, als wenn sie Ihre Priorin wäre,
sie kann Sie doch nicht mit der Katze essen lassen, wenn Sie es nicht tun? Sie
befiehlt, und Sie erfüllen ihre Befehle pünktlich, auch da, wo es Ihnen viel
beschwerlicher wird, ihr Gehorsam zu leisten, als wenn Sie ihr solchen versagen.
Meine Stiefmutter dürfte sie nicht sein. Der blinde Gehorsam, was für ein
verhasstes Wort! Doch vielleicht würde sich meine Gemütsart besser für sie
schicken, als die Ihrige. Nach einem kleinen Hauskriege von vierzehn Tagen
würden wir die besten Freunde sein. Wagen Sie es einmal, und kündigen Sie ihr
eine Zeitlang allen Gehorsam auf, Sie werden Wunder sehen. Sie muss in ihrem
Elemente angegriffen werden. Wenn sie schnäubt und brausst, so erwiedern Sie
gleiches mit gleichem. Wenn sie mit einer angenommenen Freundlichkeit etwas
bitteres sagt; so geben Sie ihr alles mit eben dieser freundlichen Mine zurück.
Dem Gifte muss durch seinen Gegengift die schädliche Wirkung benommen werden.
Hören Sie, wie ein guter Auctor sich über diese Materie ausdruckt:
Oignez vilain il vous poindra,
Poignez vilain il vous oindra.
    Ich glaube, er hat Recht. Das ist aber wohl Ihrem sanftmütigen Charakter
entgegen, Sie sind ein gutes frommes Kind, Sie wollen lieber Ihre Gebieterin
mit guter Art gewinnen, als mit Sturm überwinden; Sie denken: il faut mieux
plier que rompre. In der Tat, Sie sind auf einem guten Wege, ich billige ihn;
für mich aber wäre er zu langweilig. Die Sonne musste einen Wandrer lange
liedkosen, ehe er ihr zu Gefallen seinen Pelz ablegte; da er aber dem Sturmwinde
eben diese Gefälligkeit versagte: so warf ihn dieser mit sammt seinem Pelze in
einem Graben.
    Was hat denn Ihre Frau Mutter mit dem Major v. Ln. für
Familienangelegenheiten zu berichtigen? Haben sie etwan miteinander eine reiche
Erbschaft getan; oder wollen sie erst einen alten abgelebten Vetter sterben
lassen? Halten Sie mir diese Frage zu gute, ich verlange nicht, dass Sie ihre
Geheimnisse ausforschen sollen; ich bringe sie nur aus Bewunderung vor, dass die
Frau v.W. und der Major noch gute Freunde sind. Sie eiferte ja sonst immer über
ihn, und wünschte sich die Gelegenheit, ihm ihre Meinung einmal unter die Augen
sagen zu können. Es scheint, dass Sie über den Major eine kleine Spötterei
auslassen wollen. Sie scherzen über etwas, das mit zu seinen Vollkommenheiten
gereichet. Ein Soldat, und besonders ein Major muss eine gesunde Lunge haben. Wie
er sein Regiment muss überschreien können; so muss er auch alle Gesellschaften
überlachen können. Ich rate es Ihnen, dass Sie ihn nicht zum Gegenstand Ihres
Witzes machen; er scheint mit alledem ein feiner Mann zu sein. Wenn ihn gleich
nicht der Hof erzogen hat; so besitzt er doch eine gute Lebensart, wenigstens
kann man nicht das Sprüchwort auf ihn anwenden: il est du tems,qu'on se mouchoit
sur la manche. Sie werden denken: la belle plume fait le bel oiseau, der blaue
Rock mit roten Aufschlägen - wie mein Oncle sagte. Nein, dieser erweckt bei mir
kein Vorurteil. Ich denke, es ist Zeit, dass ich meinem Gewäsche ein Ende mache;
wer weiss ob Sie Sich die Mühe nehmen, es zu lesen. Sie sind nicht gewohnt, die
Schönheiten des Lampertischen Geschmacks einzusehen. Ich will es Ihnen gerne
vergeben, wenn Sie den grössten Teil meines Briefes überschlagen, wenn Sie nur
die Versicherung annehmen, dass Sie nie aufhören wird zu lieben
                                      Dero
                                               aufrichtige Freundin und Dienerin
                                                                     Amalia v.S.
 
                                  VIII. Brief.
                     Das Fräulein v.W. an das Fräulein v.S.
                                                                    Den 3 Octob.
        Loses Fräulein,
Wie weit können Sie einen kleinen unschuldigen Ausdruck treiben, von dem ich
kaum glaubte, dass er Ihrer Aufmerksamkeit würdig wäre. Sie bestrafen mich für
eine kleine Pedanterei, darein ich nach Ihrem Urteile soll verfallen sein, mit
einem Briefe nach Lampertischen Geschmack. Eine gnädige Strafe in der Tat! die
mir sehr vieles Vergnügen verschafft hat, und für welche ich glaube, Ihnen
verbunden zu sein. Um aber Ihren Verweisen in Zukunft zu entgehen: so habe ich
mir vorgenommen, mein Pfund ganz und gar zu vergraben. Sie sollen Ihr Tage
nichts wieder von mir hören, das, wie Sie sagen, ein gelehrtes Ansehen hat. Das
mag es sein, was ich Ihnen wegen Ihres leichtfertigen Schreibens sagen wollte.
Bereiten Sie Sich zu, nun eine Sache von Wichtigkeit zu vernehmen. Erschrecken
sie nicht, sagt man, wenn man Jemand recht sehr erschrecken will, ich möchte es
bald zu Ihnen sagen. Denken Sie nur, der Herr v.N. hat den Major in einem Briefe
an meinen Vater aufs empfindlichste beleidiget. Meine Mutter hat ihn in die
Hände bekommen, und nach ihrer Gewohnheit sogleich entsiegelt. Der Herr v. N.
soll sie darin auch nicht geschonet haben, und sie ist darüber so sehr
aufgebracht, dass sie den Major heftig anliegt, seine und ihre Ehre zu retten.
Das ist die Ursache ihrer geheimen Unterredung gewesen; welcher ich in meinem
Briefe gedachte. Ich würde nichts von der ganzen Sache erfahren haben, wenn mir
der Major das Geheimnis nicht selbst entdeckt hätte. Meine Mutter war nicht
zugegen, und mein Vater schlief auf seinem Sorgestuhle. Was werden Sie davon
denken, Fräulein Base, sagte er, wenn ich mit ihrem Verehrer dem Herrn v.N.
Händel bekomme, werde ich dadurch ihre Ungnade verdienen? Der Mann hat es zu arg
gemacht, er verdient eine kleine Züchtigung, und ich hoffe nicht, dass Sie
ungehalten darüber werden, wenn ich ihn ein wenig bessere.
    Wie? der Herr v.N. sollte Sie beleidiget haben? das kann ich nicht
begreifen, Sie haben ihm, so viel ich weiss nicht die geringste Gelegenheit dazu
gegeben. Vielleicht gründet sich ihr Unwille gegen ihn nur auf einen
Misverstand, er legt seine Worte nicht eben allezeit auf die Waage. O nein!
sagte der Major, ich kann mich in der Tat von ihm beleidiget halten, wenn ich
es tun will. Wie ich sehe, so wissen Sie noch nichts von unserm Zwiste; ich
will Ihnen den ganzen Verlauf der Sache erzählen. Er eröffnete mir, was es für
eine Bewandtnis mit dem Briefe hätte, den der Herr v.N. an meinem Vater
geschrieben hat. Er fügte hinzu, seine Base, die Frau v.W. hätte ihm neulich
durch einen expressen Boten einladen lassen, und da er den Tag darauf gekommen
wäre, hätte sie sich aufs heftigste über den Herrn v.N. beklaget; sie hätte ihn
auch eine Abschrift dieses Briefes gezeiget, und wäre so erbittert auf den Herrn
v.N. gewesen, dass sie es gerne würde gesehen haben, wenn er von Stund an sich
nach Kargfeld zu dem podagrischen Greise begeben, und sich mit ihm auf dem Bette
duelliret hätte. Um die ungestüme Frau nur in etwas zu besänftigen und sie
abzuhalten, dass sie ihn nicht einer Feigheit beschuldigen möchte, hätte er in
ihrer Gegenwart ein Cartel gegen den Herrn v.N. aufgesetzt; da ihr aber dieses
viel zu glimpflich geschienen: so hätte sie ihm selber einen verwünschten
Brief dictiret, welcher dem guten Manne das Podagra gewiss in den Leib würde
getrieben haben, wenn er ihm solchen während dieses schmerzhaften Zufalls
zuschicken wollte. Er hätte sich aber ein Gewissen daraus gemacht, die Quaal des
Patienten zu vergrössern, und er würde ihm den Fehdebrief nicht eher einhändigen
lassen, bis er wieder wohl wäre. Ich sagte, es würde am besten sein, wennes ganz
und gar unterblieb, ich wüsste gewiss, dass der Herr v.N. nicht die Absicht gehabt
hätte, ihn in dem Briefe an meinem Vater zu beleidigen, und wenn ja ein und der
andere Ausdruck in demselben könnte gemissdeutet werden; so wäre es doch Niemand
als meine Mutter, die eine schlimme Auslegung darüber machte, und ihrem Urteile
könnte man nicht trauen, da sie jetzo gegen den Herrn v.N. so sehr aufgebracht
wäre. Er würde ganz und gar nichts an seiner Ehre verlieren, wenn er auch gleich
diese Beleidigungen an dem Herrn v.N. nicht rächete, und er sollte selbst
urteilen, was man davon denken würde, wenn er den Grund zu seinen Händeln aus
einem unterschlagenen Briefe herleiten wollte.
    Er erkennte, dass dieses weder für ihn noch für die Frau v.W. sogar
vorteilhaft wäre, da er sich aber einmal gegen diese anheischig gemacht hätte,
ihr und seine beleidigte Ehre gegen den Herrn v.N. zu verteidigen: so läge es
an weiter nichts, als an meiner Erlaubnis hierzu. Es wäre ihm bekannt, wie sehr
ich wünschte, dass jedermann gut von mir urteilen möchte; es könnte aber
leichtlich geschehen, dass der Herr v.N. oder seine Anverwandten auf die Gedanken
kommen könnte, ich hätte ihn aus Unwillen gegen diesen verhassten Anbeter
angestiftet, ihn vor die Klinge zu fordern: deswegen wollte er nichts
unternehmen, bis ich ihm erst meine Meinung hierüber entdeckt hätte.
    Dieser Vorwand schien mir ziemlich gezwungen zu sein, er wollte etwas sagen,
dass das Ansehen hätte, als wenn er wünschte, sich bei mir ein Verdienst zu
machen: im Grunde aber wollte er nichts anders tun, als mir ein höfliches
Kompliment machen. Ich tat mein bestes, eben dieses auch gegen ihn zu
beobachten; zugleich versuchte ich es, ihn dahin zu bewegen, aus dieser
Kleinigkeit keinen Ernst zu machen. Er lächelte, und antwortete so, dass es
schien, als wenn er geneigt wäre, die ganze Sache für einen Scherz aufzunehmen;
doch glaube ich, dass er es mehr tat aus Gefälligkeit gegen mich, um mir nicht
zu widersprechen, als dass es sein rechter Ernst war. Ich hatte mir vorgenommen,
seine wahren Gesinnungen auszuforschen; aber die Wiederkunft meiner Mutter
unterbrach das Gespräche. Sie kennen den Character derselben, sie wird alles
anwenden, das Gemüt des Majors gegen Ihren Oncle zu erhitzen, und ich zweifle
nicht daran dass es ihr gelingen wird. Diese Unterredung mit dem Major schion mir
zu wichtig zu sein, als dass ich sie Ihnen verscheigen sollte; Sie werden nebst
Ihrem Herrn Schwager, von dieser Nachricht also nach ihrer Klugheit den Gebrauch
zu machen wissen, der für ihrem Herrn Oncle der vorteilhafteste ist. Suchen Sie
es wenigstens dahin zu bringen, dass der Herr v.N. sich eine Zeitlang ruhig hält,
bis die erste Hitze vorüber ist, und wo Sie können, so suchen Sie es zu
verhüten, dass er nicht etwa meine Mutter vom neuen erbittert. Diese kleinen
Beleidigungen könnten für ihn von wichtigen Folgen sein. Der Herr Baron und der
Major v. Ln. sind ja sehr gute Freunde von Alters her, ich dächte, wenn sich Ihr
Herr Schwager ins Mittel schlüge; so sollte wohl die ganze Sache so überhin
gehen, ohne dass etwas sonderliches daraus gemacht würde. Dieses ist auch der
aufrichtige Wunsch
                                     Ihrer
                                                            ergebensten Dienerin
                                                                    Juliane v.W.
 
                                   IX. Brief.
                     Das Fräulein v.S. an das Fräulein v.W.
                                                                      Den 5 Oct.
Ich war ganz ausser Atem, da ich Ihren Brief gelesen hatte. Wie Sie mich doch
erschrecket haben mit Ihrem trasonischen Major! Ich kann es Ihnen nicht
vergeben. Er hat meine Achtung verloren, weil er einen Eisenfresser vorstellen
will. Glauben Sie es nur, der Herr v.N. hat nichts von ihm zu fürchten - Nein
ganz und gar nichts! Leute die von ihren Händeln so viel Wesen machen, und immer
erzählen, wieviel sie noch erschlagen wollen, die bringen keinen Menschen ums
Leben. Stellen Sie Sich mein Schrecken auch nur nicht gar zu ausserordentlich
vor; ich freue mich vielmehr, und wünsche, dass das Duell zwischen den beiden
Männern zu Stande kommen möge, ich habe Lust meinem Oncle einen leichten Sieg in
die Hand zu spielen. Er stehet seinen Mann, das weiss ich, und ich darf ihm nur
den Rat geben, den Cäsar einsmals seinen Soldaten gab, um seinen Gegner aus der
Fassung zu bringen. Wissen Sie, worinnen dieser bestund? Wo wollen Sie das
wissen! das sind Dinge, die nur uns gelehrten Mädchens bekannt sind, und davon
haben Sie Sich ausgeschlossen. Gut, ich will es Ihnen dann erzählen, sitzen Sie
fein stille, und hören Sie zu. Cäsar und Pompejus waren einsmals im Begriffe,
einander eine Schlacht zu liefern, um das Schicksal Roms, so wie ihr eigenes, zu
entscheiden. Cäsars Heer bestund aus alten versuchten Soldaten, lauter
Schnurbärten von dem martialischen Ansehen meines Oncles; zu dem Pompejus
hingegen hatte sich der grösste Teil des römischen Adels geschlagen, meistens
feine süsse Herrn, die den ersten Feldzug mit machten, geschickter in dem
zärtlichen Rom, als im Felde Eroberungen zu machen. Die Legionen des Cäsars
wurden durch die Menge und den hitzigen Angriff der jungen Krieger, in etwas
schüchtern gemacht; der General aber hatte ihnen nicht so bald zugerufen:
Soldaten, nach der Stirn führt eure Streiche, so kehrten die jungen Römer dem
Feinde den Rücken, um eben die Larve wieder nach Rom zu bringen, die sie von da
mitgenommen hatten. Was meinen Sie, sollte sich diese Kriegslist nicht hier auch
anwenden lassen? Der Major hat von seiner Bildung, wie es scheint, keine
geringen Begriffe; aber der Herr v.N. hat sein Gesicht bald um zwanzig Jahre
überlebt. Verlassen Sie Sich auf mein Wort, Ihr prahlender Major soll ein
Ehrenzeichen bekommen, oder mein Oncle muss auf dem Platze bleiben -.
    Nun, das nennen Sie gottloss, frommes Kind! Nicht wahr? Es ist auch ein
Bisgen zu arg; wenn ich in dieser Sprache fortreden wollte, so würden Sie mir
bald eine nachdrückliche Strafpredigt halten; oder Sie verdammten wohl gar
meinen Brief zum Feuer. Tun Sie es ja nicht, es ist so böse nicht gemeinet, ich
habe Ihnen nur zeigen wollen, dass Sie nicht unrecht haben, wenn Sie von mir
sagen, ich machte mich über die ernstaftesten Dinge lustig. Es ist wahr, ich
habe einen Hang dazu, über das zu scherzen, worüber andere erschrecken, oder
sich betrüben; diese mutwilligen Anfälle gehen aber sogleich vorüber, wenn ich
Niemand finde, der mit lachen will. Da Sie dieses jetzo gewiss nicht tun werden;
so will ich meine Ernstaftigkeit nun wieder zurück rufen. Es ist andem, Ihr
letztes Schreiben hat uns in etwas bestürzt gemacht. Sie dürfen nicht denken,
dass ich hier in der Sprache grosser. Herren rede, und mich alleine verstehe, der
Baron und meine Schwester lesen Ihre Briefe, und ich glaube, Sie gestatten es.
Zu einem ernstlichen Duell zwischen meinem Oncle und dem Major will es der Baron
durchaus nicht kommen lassen, und wenn er sich selbst mit dem letztern
herumschlagen müsste; indessen denkt er nicht, dass es so gefährlich ist. Er ist
gestern mit dem Major in Reichenberg in Gesellschaft gewesen; er hat sich aber
nicht das geringste von einem Unwillen gegen meinen Oncle merken lassen. Der
Baron glaubt, die Frau v.W. müsste ihm ein Stillschweigen auferlegt haben, damit
er sich nicht zum Schiedsrichter unter den Parteien aufwerfen möchte. Diesem
Vormittag war der Magister hier. Ich machte mich an ihn, um zu erfahren; ob sein
Patron auf dem Brief an den Herrn v.W. eine Antwort erhalten hätte. Er
verwunderte sich ausserordentlich darüber, dass ich wusste, dass der Hr. v.N. an den
Herrn v.W. geschrieben hätte, und er konnte gar nicht begreifen, durch was für
einen Canal ich dieses erfahren hätte. Aus seiner Verwunderung schloss ich, dass
die Sache sehr geheim hatte zugehen sollen. Endlich gestund er, dass sein Gönner
von dem Herrn v.W. eine Antwort erhalten hätte, die ihm aber gar nicht gefällig
wäre. Der Herr v.W. wäre der rechtschaffenste Cavalier von der Welt; seine
Gemahlin aber machte gefährliche molimina, den Herrn v.N. vielen
Verdriesslichkeiten auszusetzen, die er jedoch, so bald er nur wieder einen Fuss
regen könnte, nach dem Beispiele Sir Carls durch grossmütige Bewegungen alle zu
übersteigen hoffte. Die Frau v.W. würde bald dahin gebracht werden, dass Sie, wie
alle Feinde des Baronets, ihre Fehler erkennen und sich derselben schämen würde.
Der Magister stellte zugleich zwischen ihr und der Frau Jervois eine
weitläuftige Vergleichung an. Sie liess sich noch so ziemlich hören, nur darin
schien er es nicht getroffen zu haben, dass er den Major einen von ihren auf eine
Zeitlang angenommenen Männern nennte. Mich dünkt, wenn Sie doch ja nie Henriette
Byron sein sollen: so würde er eher dem Greville ähnlich sein; doch wer weiss,
wie viele Rollen mein Oncle und der Magister diesem guten Manne aus dem
Grandison noch spielen lassen. Ich glaube ganz gewiss, mein Oncle hat einen
ungegründeten und recht bösen Verdacht auf den Major geworfen; die Vergleichung
des Magisters, bringt mich auf diese Gedanken; er sieht aber die Sache nicht
recht ein. Die Gefälligkeiten des Majors gegen die Frau v.W. haben etwas ganz
anderes zum Gegenstande. Er hütet sich, die Dame zu beleidigen, damit sie ihm
nicht den Zutritt zu ihrer Fräulein Tochter versagen soll. Warum will sich denn
der Mann durchaus ein Verdienst bei Ihnen machen? Die täglichen Visiten - die
haben etwas mehr als Familienangelegenheiten zu bedeuten, diese würden keine
täglichen Conferenzen erfordern; aber der Argwohn meines Oncles ist lächerrlich.
Geben Sie nur Achtung, mein Kind, ob nicht der Major den Augen meines Oncles
bald ein Greville oder gar Sir Hargrave Pollexfen sein wird. Ich denke, wir
werden über diesen Punkt noch oftmals etwas zu lachen bekommen, wenn nur erst
der Zwist der beiden Männer in der Güte beigeleget ist. Ich hoffe, der Baron
wird alles zum besten kehren, und da Sie bereits Ihre Bemühungen selbst zu
dieser Absicht angewendet haben; so kann die Sache keinen andern, als einen
guten Ausgang gewinnen. Wir hoffen alle das beste, inzwischen ist dabei am
wenigsten besorgt
                                      Ihre
                                                ergebenste Freundin und Dienerin
                                                                     Amalia v.S.
 
                                   X. Brief.
                      Fräulein Amalia an das Fräulein v.W.
                                                           Kargfeld, den 19 Oct.
Das ist eine schreckliche Verwirrung in dem Hause! Alles läuft wider einander.
Zu keiner ungelegnern Zeit hätte ich einen Besuch in Kargfeld abstatten können
als heute. Um nicht in dem Getümmel erdruckt oder beschädiget zu werden, habe
ich mich in Tante Kunigunden ihre Zelle geflüchtet, und will mich für
langweiliger Zeit mit der Beschreibung dieses unerwarteten Zufalls beschäftigen.
Haben Sie die Geduld, mir zuzuhören, ich will Ihnen die Sache vom Anfang bis auf
den gegenwärtigen Augenblick erzählen. Sie wissen, dass mein Oncle von seiner
Unpässlichkeit vollkommen wieder hergestellet ist. Er liess uns deswegen auf heute
zu sich einladen, um wegen seiner glücklichen Genesung, allerlei Lustbarkeiten
anzustellen. Meine Schwester und ich haben uns eingefunden. Der Baron hatte sich
schon auf heute bei einem Freunde versprochen, und will, wenn er sich von seiner
Gesellschaft lossreissen kann, erst gegen Abend kommen. Alles war bei unserm
Oncle, wie zur Begehung eines Festes zugeschickt. Der Herr v.H. der nie gesünder
gewesen, als seitdem er auf seiner Heimreise von Wilmershausen mit dem Pferde
gestürzet hat, war nebst seinen beiden Brüdern auch zugegen. Mein Oncle wollte
einen Ball anstellen, um jedermann zu zeigen, dass er wieder wohl zu Fusse sei.
Vorhero sollte ein vortrefliches Concert, von der Composition eines Lorenz
Lobesans, wozu der Magister Lampert den Text verfertiget hatte, aufgeführet
werden. Man entdeckte allentalben Zeichen der lebhaftesten Freude. Unter einem
künstlichen Präludio, wozu der Cantor alle sieben Register der Hausorgel meines
Oncles gezogen hatte, wurden bereits die Instrumenten gestimmet; zwölf
Adjuvanten strichen schon die langen goldgelben Haare aus dem Gesichte, um die
Noten desto besser sehen zu können; zwei davon bemüheten sich, alle vorrätige
Luft in dem Musikzimmer einzuatmen, und setzten bereits ihre Waldhörner an, um
sie durch lebhafte Töne wieder auszulassen. Jedermann hatte seinen Platz
eingenommen, und Lampert, der die Partitur führte, war eben im Begriff, den
linken Fuss und die rechte Hand aufzuheben, um durch einen nachdrücklichen Tritt
und Schlag das Zeichen zum Anfange einer lermenden Fuge zu geben: da der Jäger
des Majors v. Ln. in das Zimmer geführet wurde, der meinem Oncle einen Brief
überbrachte, den er mit einer ernstaften und verächtlichen Mine entsiegelte. Er
hatte ihn nicht so bald gelesen; als er seine Cantate voll Verdruss auf den Tisch
warf und eiligst nebst dem Magister das Musikzimmer verliess, um mit ihm, wie er
sagte, über eine Sache von der äussersten Wichtigkeit zu ratschlagen. Jedermann
erwartete ihre Wiederkunft mit einer solchen Begierde, als wenn man hätte wollen
Hanns Norden sehen in seinen Krug steigen. Der Cantor liess dann und wann die
grosse Orgelpfeife brummen, um sie an ihre Rückkehr zu erinnern; allein
vergebens. Tante Kunigunde kam nach Verlauf einer halben Stunde zurück, und
meldete, dass wegen eines wichtigen Zufalls die Aufführung der Cantate diesmal
unterbleiben müsste. Sie sagte dieses mit einer so ängstlichen Stimme, dass der
Cantor mit den weisesten seiner Adjuvanten anfing, die Köpfe zusammen zu
stecken, und allerlei politische Betrachtungen hierüber anzustellen. Wigand,
Jacob, Heinrich liefen unterdessen Trepp auf Trepp nieder, und trugen sich mit
Degen und Pistolen. Die unverständigen Musikanten, die die Ursache dieser
Bewegungen nicht einsehen konnten, verbreiteten auf einmal das furchtbare
Gerüchte, der Feind wäre schon im Anmarsch. Alles geriet darüber in Aufruhr;
jeder wollte der erste bei der Tür sein, um sich zu retten. Die Angst machte,
dass man nur auf seine eigene Sicherheit dachte. Es galt hier kein Ansehen der
Person. Ich schätzte mich also glücklich, dass ich noch zu rechter Zeit, durch
eine Nebentür, mich aus dem Gedränge machen konnte.
    Sie werden leicht einsehen, was diesen Aufruhr veranlasst hat. Mein Oncle
hat den Fehdebrief von dem Major erhalten. Ich bin darüber sehr bestürzt, so
wenig Sie es auch an meinem Briefe wahrnehmen können. Den Scherz bei Seite
gesetzt, so können Sie glauben, dass diese Aufforderung das ganze Haus meines
Oncles in Verwirrung gesetzet hat. Die Aufführung des Concerts wurde dadurch
unterbrochen; aus dem Balle wird auch nichts; die Geiger und Pfeifer sind aus
dem Hause getrieben; das lermende Vergnügen hat auf einmal mit einer traurigen
Stille gewechselt. Mein Oncle befindet sich noch immer nebst dem Herr v.H. und
seinen Brüdern in einer tiefen Beratschlagung. Wigand ist die einzige lebendige
Kreatur, die einiges Geräusche macht. Er sitzt im Hofe und putzt das Gewehr.
Alleweile schleift er einen abscheulichen laugen verrosteten Degen. Ich denke
noch immer, dass die ganze Sache ein blosses Spielgefechte sein soll, und dass sich
der Major, nur um Ihrer Frau Mutter gefällig zu sein, entschlossen hat, meinem
Oncle ein Cartel zuzuschicken. Er scheint doch ein Mann zu sein, der die Geister
prüfen kann, und wird also leicht einsehen, dass seine Ehre bei dieser Schlägerei
nicht viel gewinnen wird. Wenn er es ernstlich meint, so verdient er deswegen
verachtet zu werden, und wir wollen uns beide alsdenn vereinigen, um ihm aus
jeder Mine lesen zu lassen, was er für eine kleine Figur in unsern Augen macht.
Ich erwarte die Ankunft des Barons mit der grössten Ungeduld. Er hat mir sein
Wort gegeben, dass aus diesem Handel kein Unglück entstehen soll; ich werde ihn
dabei halten. Wenn es in seinem Vermögen stehet, so erfüllt er gewiss sein
Versprechen. Sehen Sie, ich bin nicht so schlimm, als Sie denken, ich lasse mir
die Verdriesslichkeit meines Oncles sehr zu Herzen gehen, und ich weiss nicht, was
ich drum geben wollte, wenn ich im Stande wäre, sie den Augenblick zu haben:
aber ich kann mich des Scherzes so wenig dabei entalten, als Tante Kunigunde
der Tränen; doch diese werden die Sache nicht mehr verbessern, als sie mein
Scherz schlimmer macht. Sie würden selber mit lachen, wenn Sie hier wären. Es
werden nicht Anstalten zu einem Duell gemacht, sondern zu einem Kriege. Wenn das
Faustrecht noch im Schwange gienge, so glaubte ich, der Major hätte meinen Oncle
befehdet, mit 30 reissigen Knechten gegen ihn auszuziehen. Es werden alle
Schwerdter, Degen und Pistolen, in ganz Kargfeld zusammen gebracht, dass man, im
Fall der Not, eine Rotte Knechte damit bewaffnen könnte. Man sagt mir, dass mein
Oncle im Begriff sei, einen Boten an Ihren Herrn Vater abzuschicken. Ich bekomme
dadurch eher als ich vermutete, eine Gelegenheit, Ihnen meinen Brief
einhändigen zu lassen. Damit Sie aber doch bei den kritischen Umständen,
worinnen sich mein Oncle befindet, nicht ganz ruhig sein mögen: so will ich Sie
nur daran erinnern, dass Sie die erste Gelegenheit gegeben haben, ihn darein zu
verwickeln. Ich würde Ihnen nicht diese Erinnerung machen, wenn ich nicht
wünschte, dass Sie die Sorge über den bevorstehenden Zweikampf meines Oncles, mit
mir teilen sollten. Wenn ich unruhig bin, so sollte die ganze Welt unruhig
sein, wenn es nach meinem Sinne gienge. Vergeben Sie diese kleine Bosheit, wenn
es ja eine sein soll
                                     Ihrer
                                                           aufrichtigen Freundin
                                                                     Amalia v.S.
 
                                   XI. Brief.
                      Fräulein Amalia an das Fräulein v.W.
                                                          Schöntal, den 22 Oct.
Geben Sie Sich zufrieden, mein Kind, und machen Sie Sich wegen der Händel unsrer
beiden Anverwandten weiter keine Sorge. Wir haben nichts zu fürchten; wenigstens
bin ich seit gestern geneigt, dieses zu glauben. Wissen Sie es schon, dass der
Major uns gestern einen Besuch gegeben hat? Eine wunderbare Frage, als wenn es
Ihnen etwas unbekanntes wäre, ohnfehlbar haben wir Ihnen diesen
freundschaftlichen Besuch zu danken. Doch, wer weiss, Sie hätten mir wohl ein
Wort davon gemeldet. Ich will Ihr Stillschweigen so annehmen, als wenn Sie noch
nichts davon wüssten, und ich werde den Major aus einem vorteilhaftern
Gesichtspunkte betrachten können, wenn ich glaube, dass er aus eigner Bewegung zu
uns gekommen ist. Im Vertrauen, der Baron fing es an, übel zu nehmen, dass er
schon einen Monat hier ist, ohne ihn einen Besuch gegeben zu haben. Er
entschuldigte sich deswegen sogleich bei seiner Ankunft, und seine
Entschuldigung fand Beifall, sie war gegründet. Ich bekam eine bessere Meinung
von ihm als ich bisher gehabt hatte, und ich fange es an zu bereuen, dass ich ihn
einen prahlenden Soldaten genennet habe. Man darf von Ihnen nur so urteilen,
wie Sie es verdienen, um meine Achtung zu erhalten. Glauben Sie es nur, ich liess
meinen Groll gegen den Major sogleich fallen, da er sich für Sie er klärete, und
Ihre Partie gegen Ihre Mutter ergriff. Er liess sich über Sie in viele
Lobsprüche heraus -. Werden Sie nicht ungehalten auf mich, wenn ich jetzo einmal
die Person der Fräulein Anna Howe spiele, und Sie frage: ob Ihnen nicht das Herz
bei diesen Zeilen stärker schlägt? Ich bin sehr verwegen, strafen Sie mich, wenn
ich es verdiene - Ich will nicht weiter in Sie dringen; ich will es Ihnen aber
doch ins Ohr sagen, dass Sie einen eifrigen Verehrer an dem Herrn v. Ln. bekommen
haben. Bei aller seiner Mühe, seine Leidenschaft zu verstecken, kann man ihm bis
auf den Grund des Herzens sehen. Wenn er gegen Ihre Frau Mutter eben so
offenherzig ist, als gegen den Baron: so getraue ich mir im voraus zu
prophezeien, dass die Freundschaft zwischen beiden am längsten gedauert hat. Er
erzählte mit einer lobenswürdigen Freimütigkeit, dass ihn die Frau v.W.
verleitet hätte, unserm Onkle eine Ausforderung zuzuschicken. Er hätte seine
Ursachen gehabt sich nicht durch seine Widerspänstigkeit ihr misfällig zu
machen. Können Sie diese Ursachen wohl einsehen? Ich kann es -. Es wäre gar
nicht seine Absicht, dasjenige, wodurch er sich von dem Herrn v.N. beleidiget
halten könnte, zu rächen. Der Mann hat seine Würmer, sagte er, man muss seine
Schwachheit übersehen. Wenn ihn auch das nicht bereits einer vollkommenen
Verzeihung würdig machte, dass er ein Anverwandter des Barons wäre: so würde ihn
doch sein wunderbarer Charakter genugsam für aller Rache schützen. Er wäre auf
eine sonderbare Art in das Lustspiel gezogen worden, welches mein Oncle zum
Vergnügen seiner Freunde und Nachbarn aufführte: er wünschte nun auch seine
Rolle so zu spielen, dass er sie mit Beifall endigte. Unser Oncle schien keine
Lust zu haben, sich mit ihm herum zu balgen. Er hätte ihm einen Brief
zugeschickt, davon der Magister Lampert schien der Concipient zu sein. Er
suchte, den Zweikampf von sich abzulehnen, und führte allerlei Gründe an, dass
man denken sollte, er wäre unter die Herrnhuter geraten; der Major aber hätte
ihm wieder geantwortet, dass es zwischen ihnen beiden nun einmal so weit gekommen
sei, dass einer den andern aus dem Sattel heben müsste. Schon in dem ersten
Fehdebriefe wäre Schöntal zum Kampfplatze vorgeschlagen worden, obgleich die
Frau v.W. dazu eine Gränzscheide ausersehen gehabt hätte. Der 25 October wäre,
wie dem Baron schon würde bekannt sein, zum Termine des Zweikampfs anberaumt.
Der Baron möchte der Sache nur so einen Schwung geben, dass die Sache auf eine
scherzhafte Art geendiget würde, und dass es so schien, als wenn beide Teile mit
Ehren aus dem Handel geschieden wären.
    Ich konnte nicht immer gegenwärtig sein, um zu hören, was der Major mit dem
Baron vor einen Entwurf machte. So viel weiss ich, dass heute mit dem frühesten
der Baron nach Kargfeld gereiset ist, um alles der Abrede gemäss einzurichten.
Sie sind gewiss eben so begierig als ich, den Ausgang dieses Zwistes zu
vernehmen, ich werde Ihnen mündlich oder schriftlich davon einen getreuen
Bericht abstatten. Das Schreiben meines Oncles an den Major, und die Antwort auf
dasselbige, lege ich hier bei. Senden Sie mir beide, nebst ein paar Zeilen von
Ihrer Hand zurück; angenehmer wird es mir aber sein, wenn Sie Sich die Mühe
nehmen wollen, solche selber zu überbringen
                                     Ihrer
                                                            ergebensten Dienerin
                                                                     Amalia v.S.
 
                                  XII. Brief.
                        Der Hr. v.N. an den Major v. Ln.
                                                           Kargfeld, den 20 Oct.
        Mein Herr,
Was geht Sie mein Brief an, den ich an meinem Freund den Herrn v.W. geschrieben
habe, und wer hat Ihnen das Recht gegeben, die Ehre seiner Gemahlin zu
verteidigen? Habe ich Sie beleidiget, so ist ihr Gemahl Mannes genug, diesen
Schimpf zu rügen, ohne einen fremden Beistand nötig zu haben. Wollen Sie Sich
für Ihre Muhmen und Vettern schlagen, zumal wenn sie einer Verteidigung ganz
unwürdig sind: so werden Sie viel zu schaffen haben, und doch wenig Ehre dabei
erjagen. Dass ich vor einigen Wochen, in Wilmershausen eine kleine Unruhe
verursachet habe, darüber haben Sie gar nichts zu sagen: wenn es der Herr v.W.
als Wirt leiden konnte, so können Sie als ein Gast auch darzu stille schweigen.
Zu dem bin ich für meine Ausschweifung schon gnug bestrafet worden: meine
Knochen haben mir einen Monat lang allen Gehorsam aufgekündiget gehabt, und ich
muss ihnen noch ziemlich gute Worte geben, wenn sie mich ein paar hundert
Schritte fortschleppen sollen. Was ich von Ihnen und der Frau v.W. geschrieben
habe, das sind bloss meine Gedanken gewesen, und Gedanken sind Zollfrei. Ich habe
Ihnen ja nichts Schuld gegeben, und wenn ich es auch getan hätte, was wäre es
denn nun? Wenn Sie ein gut Gewissen haben, so brauchen Sie nichts zu fürchten;
sind Sie aber nicht sicher, so täten Sie besser, Sie schwiegen. Da ich Ihnen
nun also nicht gnugsame Ursache gegeben habe, sich für beleidiget zu halten: so
achte ich mich auch nicht verbunden, Ihre Ausforderung anzunehmen. An meiner
Herzhaftigkeit zweifelt Niemand, und Sie sollten derjenige sein, der sich am
wenigsten an mich wagte, da ich mich noch gar wohl erinnere, dass ich Ihnen bei
dem Herrn v.W. erzählte, wie manchen braven Kerl ich das Lebenslicht ausgeblasen
habe, und dass ich sogar einen meiner Gegner, der für Schrecken zum Fenster
hinaus sprang, zwischen Himmel und Erde, nicht anders als ein Vogel in der Luft,
erlegt habe. Ich würde mit Ihnen gewiss auch kurz Federlesen machen, und nicht
das geringste Bedenken haben, mich noch einmal herum zu schlagen: wenn ich nicht
nach der Zeit verständiger worden wäre, und nunmehro einsähe, dass der Zweikampf
eine alte gotische und barbarische Gewohnheit ist, welche man mehr zu
unterdrücken als aufrecht zu erhalten verbunden ist. Lesen Sie Herr Gevatter
Grandisons Leben; so werden Ihnen die Augen aufgehen, und Sie werden erkennen,
dass ein solcher unchristlicher und abenteuerlicher Gebrauch anfängt, aus der
Mode zu kommen, seitdem vernünftige Männer einen bessern Weg gefunden haben,
ohne Blutvergiessen, ihre Händel durch gütliche Vergleiche beizulegen. Mit einem
Worte, ich komme nicht nach Schöntal als ein Schläger, wenn ich ja noch komme.
Indessen weiche ich Niemand aus, und werde mich meiner Haut tapfer wehren, wo
Sie mich anfallen. Mein Rat wäre, dass Sie es nicht versuchten. Ich denke immer,
die gerechte Sache wird siegen, und es konnte leicht kommen, dass ich Ihnen den
Hals bräche, ehe Sie Sichs versähen. Wie gesagt, beleidigen lass ich mich nicht,
wenn Sie also noch einige Ueberlegung haben: so stehen Sie von Ihrem bösen
Vorhaben ab, und besuchen Sie mich auf eine freundschaftliche Art, damit ich Sie
überzeugen kann, dass ich mir ein Vergnügen daraus mache, zu sein
                                      Ihr
                                                              ergebenster Diener
                                                                            v.N.
 
                                  XIII. Brief.
                       Der Major v. Ln. an den Herrn v.N.
                                                                   Den 21 Octob.
Ihr Brief hat Ihnen ohnfehlbar viel Mühe gemacht. Es scheinet Ihnen leichter,
Fehler zu begehen, als Fehler zu entschuldigen. Warum soll ich meiner Base keine
Satisfaction verschaffen, da Sie ihre Ehre und die meinige zugleich antasten?
Die Art und Weise Sie abzustrafen ist so barbarisch nicht, als Sie denken. Es
ist diese Gewohnheit einmal bei Cavaliers hergebracht, dass sie ihre Streitigten
mit dem Degen in der Faust beilegen; wir haben solche nicht aufgebracht, wir
wollen sie auch nicht wieder abbringen, es mag immer bei dem alten bleiben. Es
ist auch nicht nötig, dass wir erst untersuchen, ob dieser Gebrauch von den
Heiden oder Türken entlehnt sei, gnug, der Adel darf keine Beleidigungen auf
sich sitzen lassen, und nun ist es mit uns einmal so weit gekommen, dass einer
den andern aus dem Sattel heben muss. Ich bin eben kein Feind von der neuen Mode,
und wenn das verdammte Schlagen abkäme: so wäre ich es wohl zufrieden; aber ich
fange diese Mode nicht zuerst an. Ihr Gevatter mag sein wer er will, und wenn er
auch ein abyssinischer Prinz wäre, so soll er mir keine Gesetze vorschreiben. Mit
einem Worte, wir müssen unsere Sache als brave Cavaliers ausmachen, ehe wir
wieder gute Freunde werden. Es kann also unser Zwist nicht durch einen gütlichen
Vertrag, wie Sie Sich einbilden, beigeleget werden; ich lasse mich auch in keine
mündliche Unterredung mit Ihnen ein: vor jetzo kann ich nicht anders als auf
Hokippo mit Ihnen reden. Sie wollen mir durch die Anführung einiger Ihrer
Heldentaten eine Furcht einjagen; allein Sie irrensich. Ich lasse sie zwar alle
auf ihrem Wert und Unwert beruhen; aber wenn ich ihnen auch Glauben beimesse,
so frischen mich solche nur noch mehr an, mit einem so tapfern tapfern und
unüberwindlichen Ritter, ein Speerrennen zu wagen, um zu sehen, wer den letzten
begräbt. Ich könnte, nach der langverjährten Mode, wenn ich meine ritterlichen
Taten den Ihrigen entgegen stellen wollte, Ihnen Hohn sprechen: ich will Ihnen
aber lieber in der Tat zeigen, dass ich ein Mann bin, der sein Herz am rechten
Orte hat. Finden Sie Sich nur auf den 25sten dieses bei dem Herrn Baron v.F.
ein, dort wollen wir einander sprechen, und wenn wir unsere Sache ausgemacht
haben, alsdenn will ich es versuchen, ob ich mich jemals werde überwinden
können, in der Tat zu sein
                                      Ihr
                                                              ergebenster Diener
                                                                          v. Ln.
 
                                  XIV. Brief.
                     Das Fräulein v.W. an das Fräulein v.S.
                                                                     Den 23 Oct.
Sie empfangen hier die beiden Einschlüsse Ihres gestrigen Briefes mit vielem
Danke zurück. Ich traue es dem Major zu, dass er die ganze Sache als ein
Schattenspiel treiben will, um meiner Mutter etwas vorzuspiegeln, dadurch ihre
Rache einigermassen befriediget wird, und dadurch er sich in der guten Meinung
befestiget, die sie jetzo von ihm heget. Sie irren Sich sehr, wenn Sie glauben,
dass er die Freundschaft mit meiner Mutter meinetwegen zu unterhalten suche, ich
muss Ihnen diesen Irrtum benehmen. Ich mache mir schon Sorge, dass ich Ihre
Gewogenheit darüber einbüssen könnte, wenn dieser Gedanke einmal bei Ihnen Wurzel
gefasset hätte. Der Major stehet bei Ihnen ganz wohl angeschrieben, wie ich
merke, ich werde mich also vor Ihrer Eifersucht hüten. Diese werde ich, wie ich
hoffe, nicht zu befürchten haben, wenn Sie die Absicht des Majors wissen, warum
er die Freundschaft meiner Mutter beizubehalten sucht. Sie hat aus dem Lehngute,
welches ihm neulich zugefallen ist, noch ein Capital von 6000 Talern zu
fordern. Sie ist ihm nie recht gut gewesen, weil sie glaubt, dass ihr Oncle, der
Vater des Herrn v. Ln., sie und ihre Schwester bei einer Erbschaft sehr verkürzt
habe. Sie hat ihm deswegen das Capital schon seit einiger Zeit aufgekündiget, um
sich, wegen des alten Verdrusses, einiger massen an ihm zu reiben. Er hat, wie
Sie wissen, vor ein paar Monaten seine Equipage verloren, und ist deswegen
hauptsächlich hieher auf sein Gut gegangen, um sich solche von neuem
anzuschaffen. Dieses und die Anforderung meiner Mutter, wenn sie darauf hätte
bestehen wollen, würden ihn in Weitläuftigkeiten gesetzet haben; er würde ein
starkes Capital haben aufnehmen müssen, um beide Posten davon zu bestreiten. Er
dachte deswegen auf Mittel sich aus dieser Verlegenheit zu ziehen, und suchte
meine Mutter durch ein höfliches Bezeigen zu gewinnen, dass sie jetzo nicht in
ihn dringen möchte, ihr das Capital abzutragen. Einigermassen hat er sie
gewonnen, aber noch nicht völlig; sie verspricht ihm einige Nachsicht zu geben,
wenn es ihre Umstände leiden wollten, das Geld noch eine Zeitlang zu missen.
Sobald er ihr aber die geringste Gelegenheit zu einem Verdrusse gibt: so wird
sie das Geld nicht eine Stunde länger entraten können. Schreiben Sie also
dieser Ursache allein alle seine Beeiferungen zu, sich ihr gefällig zu machen.
    Ich muss Ihnen wegen einer kleinen Schmeichelei verbunden sein, Sie schenken
dem Major Ihre Achtung, weil er so von mir urteilt, wie Sie glauben, dass ich
es verdiene. Sie handeln sehr grossmütig; aber ich denke, er hat mir diese Ehre
nicht alleine zu verdanken; Die persönlichen Eigenschaften tragen zu dem
Urteile, welches man über die Leute fällt, auch oft etwas bei. In einem Stücke
bin ich nicht mit Ihnen zufrieden. Sie haben nicht die besten Begriffe von mir.
Sie fragen mich: ob mir das Herz nicht stärker schlägt, wenn ich höre, dass sich
Jemand in Lobsprüche über mich heraus lässt, wollen Sie mir dadurch einen Vorwurf
meiner allzugrossen Eigenliebe machen? Haben Sie davon Beweise in Händen, dass ich
mir etwas darauf habe zu gute getan, wenn ich bin gelobet worden? Ich denke
nicht, seitdem ich aus der Schule bin, hat man mir nie etwas zu meinen Lobe ins
Gesichte gesagt, darauf ich hätte können stolz sein. Dort verdiente ich manchmal
von meinem Informator eine kleine Lobrede, wenn ich den langen Psalm ohne Anstoss
herbeten konnte. Ich will es Ihnen gedenken, dass Sie mich für ein so
ruhmrätiges Mädchen halten. Warum nicht auch für falsch? Die Ruhmrätigen und
Falschen stehen sonst immer bei einander. Bald hätte ich Lust, eine Lanze mit
Ihnen deswegen zu brechen. Dieser Ausdruck, der Ihnen eigentümlich zustehet,
gefällt mir besser, als das Speerrennen des Majors. Ich muss hier noch ein Wort
von den beiden Briefen der Duellanten gedenken. Halten Sie nicht einen für so
drolligt wie den andern? Wenn der Major so dächte, wie er hier geschrieben hat,
so würden weder Sie noch ich, ihn uns einander zum Anbeter aufdringen wollen.
Ich wenigstens würde glauben, Sie durch einen solchen Scherz zu beleidigen.
Heute las er meiner Mutter das Original des einen, und die Abschrift des andern
Briefes vor. Ich war gegenwärtig; ob mich meine Mutter gleich in ihrem Herzen
weg wünschte. Ich stellte mich, als wenn ich etwas ganz neues hörte, und keine
Abschrift von diesen Briefen zu Gesichte bekommen hätte. Meine Mutter vergnügte
sich so sehr über die Antwort des Majors, dass sie ihn mehr als einmal
Herzensmann nennte. Sie ist die rachsichtigste Frau in ganz Deutschland. Ich
hätte es nicht gedacht, dass ihr Zorn so lange dauern könnte. Ich wagte es, da
der Major das Zimmer verlassen hatte, ihr ein wenig ins Gewissen zu reden. Sie
können sich stellen, gnädige Frau, sagte ich, als wenn es ihr rechter Ernst
wäre, dass der Herr v. Ln. ihren Zwist mit dem Herrn v.N. ausfechten sollte. So
viel ich einsehe, gründet sich ihr Unwille gegen den Herrn v.N. hauptsächlich
auf seine Aufführung bei der neulichen Gasterei. Sie wollen seine Vergehungen
ahnden, und der Major hat sich erboten, diese Beleidigenden so anzunehmen, als
wenn sie ihn selbst angiengen. Ich kann mir nicht einbilden, dass ihn der Herr
v.N. besonders beleidiget hat.
    Ja, das hat er getan! Wenn sie wissen sollten wie er sich vergangen hat, so
würden sie erstaunen - den heillosen Brief - Doch was soll ich ihnen die
albernen Possen erzählen, es ist auch eben nicht nötig, dass Sie alles wissen.
Genug, er muss bestrafet werden.
    Sie müssen ihm eine Schwachheit zu gute halten. Sie kennen ihn ja von vielen
Jahren her, und wissen, dass er es nicht so böse meint, wenn er auch gleich seine
Worte nicht allemal auf die Waagschaale legt.
    Ich glaube, sie nehmen seine Partie? Denkt doch! lässt das nicht, als wenn
Sie in ihn verliebt wären? Nehmen sie ihn! Unter dieser Bedingung will ich mich
wieder mit ihm aussöhnen, um der Freundschaft willen werde ich es freilich so
genau nicht nehmen dürfen. Als Schwiegermutter will ich ihm verzeihen.
    Sie hätte in der Tat diesen Punkt nicht berühren sollen. Beschämte sie sich
nicht dadurch selber, dass sie mir einen Mann hatte aufdringen wollen, der ihr
selbst unleidlich war? Legte sie nicht dadurch ein Zeugnis wider sich selbst ab,
dass sie nur um mich zu peinigen, diese Heirat hatte stiften wollen? Allein das
ist ihre Sache nicht, dass sie so weit herum denken sollte.
    Sie scherzen, sagte ich, und wenn sie scherzen, so ist ihr Zorn vorbei. Ich
habe ohnedem nie recht glauben können, dass es ihr Ernst gewesen ist, wenn Sie
dem Herrn v. Ln. aufgemuntert haben, an den Herrn v.N. Händel zu suchen.
    Wie? was? Ich sollte den Major aufgemuntert haben, an Ihrem Schatze Händel
zu suchen? das ist mir nicht in die Gedanken gekommen. Ich verlange nichts von
ihm, als dass er meine Ehre zugleich mit der seinigen verteidigen soll. Er muss
ihm Satisfaction geben, wenn er ein rechtschaffener Cavalier sein will. Er hat
ihn beleidiget.
    Aber bedenken sie, dass aus diese Sache ein Unglück entstehen könnte, und dass
sie sich ewig ein Gewissen daraus zu machen hätten, wenn - -
    Ha ha! Sie predigen, glaube ich gar? Wie lange ist es, dass sie unter die
Pietisten geraten sind? Machen sie sich aber nur nicht zu viel Sorge um ihren
Liebsten, es wird keiner von beiden auf dem Platze bleiben. Der Major ist so
grimmig nicht, und der furchtsame v.N. wird seinem Gegner auch keine tödtliche
Streiche beibringen. Es ist eben nicht auf Leben und Tod angefangen; aber wenn
man alle Beleidigungen mit dem Mantel der christlichen Liebe zudecken wollte: so
käme es endlich dahin, dass man jedem Unverschämten zum Gespötte diente, das muss
nicht sein.
    Das darf auch nicht sein. Es gibt unterdessen wohl andere Wege, dadurch man
dieses Uebel vermeiden kann. Ich dächte, wenn man den Herrn v.N. wollte zu
erkennen geben, dass man mit seinem Bezeigen nicht zufrieden wäre, so dürfte man
nur seine Gesellschaft vermeiden, und ihn den Zutritt in unser Haus versagen.
Aber zwei Personen wegen einer Kleinigkeit, die man übersehen könnte, in
Lebensgefahr zu setzen, das heisst, die Sache zu weit treiben. Sie glauben, der
Herr v.N. wäre furchtsam, ich will es zugeben; aber die Furchtsamen, wenn sie
sich in Gefahr sehen, sind der Verzweifelung nahe. Wie? wenn nun ein Unglück
entstünde? Solche Vorstellungen muss man sich nicht machen. Es wird nicht gleich
ein Unglück entstehen. Und wenn es auch so wäre, so ist die Sache nicht zu
ändern, davor sind sie Cavaliers. Wissen sie nicht, was der Major in seinem
Briefe an den Herrn v.N. sagt: es ist ein altes Herkommen, dass der Adel keine
Beleidigungen auf sich sitzen lassen darf, wir haben es nicht aufgebracht, wir
wollen es auch nicht wieder abbringen.
    Ich beruhigte mich hierbei, ohne diese Unterredung weiter fortzusetzen, und
schätzte mich ausserordentlich glücklich, dass ich derselben war gewürdiget
worden. Sie scheint nicht so blutgierig als ich geglaubt hatte. In der Tat
sucht sie nichts, als dem Herrn v.N. eine Furcht einzujagen, um ihn gegen sich
in Respect zu erhalten. Wenn es also auch nicht zu einer Schlägerei kommt, und
die Sache nur so beigeleget wird, dass dadurch ihre Ehre wieder hergestellet
scheinet; so wird sie sich, wie ich hoffe, beruhigen. Mein Vater ist seit
einigen Tagen über diese Sache sehr mit ihr zerfallen. Seit dem 19 dieses, da
der Herr v.N. einen Boten an ihn abgeschickt hat, welcher mir zugleich Ihren
Brief von Kargfeld überbrachte, hat er sich in seine Studierstube verschlossen.
Sie werden sich erinnern, dass er seine Werkstatt so nennet, wo er seine
Wachtelgarne stricket, und die künstlichen Vogelbauer verfertiget. Er hat nicht
einmal mit uns gespeiset, sondern sich das Essen hinauf bringen lassen. Die
Verdriesslichkeiten, worein er auf Antrieb seiner Gemahlin seinen Freund
verwickelt sieht, gehen ihm sehr zu Herzen; um aber nicht in einen Hauskrieg
verwickelt zu werden, worinnen er gewiss den kürzern ziehen würde, will er sich
nicht weiter in diese Händel mischen. Der neue Verwalter, und Jacob, unser
Jäger, machen jetzo seine Gesellschaft aus. Seine Gemahlin hat ihn noch nicht in
seiner Einsiedelei besucht. Wenn sie ihm etwas zu hinterbringen hat, so braucht
sie dazu ihre Tochter; und weil ich die nächste Nachbarin meines Vaters bin, wir
wohnen in einen Stockwerke, so lässt er mich meistenteils rufen, wenn er meiner
Mutter etwas zu sagen hat. Was ist es doch für eine elende Gemütsberuhigung für
ein paar Eheleute, die gegen einander aufgebracht sind, wenn sie miteinander
eine Zeitlang schmollen; da sie doch zum Voraus sehen, dass sie sich gewiss wieder
aussöhnen müssen, wenn sie nicht für ihre übrige Lebenszeit unglücklich sein
wollen. Ich bin versichert, dass mein Vater und seine Gemahlin, ihre Aussöhnung
wünschen; aber keines will einen Durchbruch machen, und dem andern das erste
gute Wort geben. Ich will von diesen verdriesslichen Dingen nichts mehr gedenken,
mein angefüllter Bogen erinnert mich an etwas angenehmers, dieses bestehet
darin: dass ich die Ehre habe mit einer unverletzlichen Freundschaft gegen Sie
zu verharren
                                      Dero
                                                             ergebenste Dienerin
                                                                    Juliane v.W.
 
                                   XV. Brief.
                        Fräulein Amalia an ihren Bruder.
                                                                   den 26 Octob.
Das Schauspiel hat sich geendiget, der Vorhang ist zugezogen, die Zuschauer, die
ein Trauerspiel vermuteten, haben ein Lustspiel gesehen und sind nicht
unzufrieden darüber, dass der Coturn seinen hohen Absatz verloren hat. Der
Zwist unsers Oncles und des Majors ist ohne das Geräusche furchtbarer Waffen
beigeleget worden. Alles wurde nach dem Geschmacke Grandisons ausgeführet, und
jerdermann, selbst die rachsüchtige Frau v.W. ist beruhiget. Der Baron hat
keinen Fleiss gesparet den Hauptpersonen ihre Rolle wohl einzuprägen, damit bei
der Ausführung sich kein Fehler einschleichen möchte, der einen komischen
Auftritt in einen tragischen hätte verwandeln können. Vorgestern, am 24sten,
besuchte er Vormittage unsern Oncle, um seine Gesinnungen auszuforschen. Er
blieb dabei, dass er sich nicht in einen Zwiekampf mit seinem Gegner einlassen
würde: er wäre aber entschlossen, in Schöntal zu erscheinen, um ihm, nach dem
Beispiele seines Freundes, aus vernünftigen Gründen, die Torheit eines Duells
darzutun, und ihn durch Gelassenheit und Grossmut zu überwinden. Der Baron
suchte ihn in diesem Vorhaben zu stärken. Da er ging, begleitete ihn der
Magister Lampert, und sagte ihm ins Ohr: es würde wohl getan sein, wenn der
Baron zu seiner eigenen Sicherheit bei einer Sache, wo Mord und eine Inquisition
auf die Hitze folgen könnte, einen Geschwindschreiber irgends wohin versteckte,
der die Unterredung seines Gönners und des Majors nachschreibe. Der Baron hatte
diesen Vorsatz schon lange gefasst, aber nicht aus der Beisorge, dass im Fall ein
Unglück entstünde, er den Rücken frei behielt, und seine Unschuld in der Sache
dadurch dartun könnte, denn dieses befürchte er eben nicht: sondern er wollte
es nur um deswillen tun, damit eine so sonderbare Unterredung nicht möchte
verloren gehen. Unterdessen wollte er dem Magister doch nicht so gleich
beipflichten: Was, sagte er, wollen sie mich zu dem lüderlichen Bagenhall
machen? Ich halte keine Geheimschreiber, es wird auch Niemand den Verdacht auf
mich werfen, dass ich gegen ihren Gönner ein Complot gemacht habe, um ihn in
meinen Hause umbringen zu lassen. Es werden schon Zeugen dabei sein, die ich,
wenn ich in Ungelegenheit kommen sollte, aufstellen kann, dass ich an der ganzen
Sache keinen Teil genommen habe. Lampert beruhigte sich hierbei nicht, sondern
suchte dem Baron die Notwendigkeit eines solchen Geheimschreibers weitläuftig
darzutun, und dieser stellte sich endlich, als wenn er seinen Gründen weichen
müsste, und versprach, alles so einzurichten, wie er es gut befänd. Nachmittags
gab uns der Major einen Besuch. Beigelegte Briefe1 werden dir seinen Charakter
ziemlich genau kennen lernen. Ich würde einen Teil derselben bereits meinem
letzten Schreiben haben anschliessen können, wenn nicht die Eilfertigkeit, in der
ich mich damals befand, mich genötiget hätte, dieses bis zu einer andern
Gelegenheit zu versparen. Du wirst daraus sehen, dass der Major nie geneigt
gewesen ist, Ernst aus dem Zwist mit unsern Oncle zu machen, und dass er nur, um
die Frau v.W. nicht gegen sich aufzubringen und ihre Freundschaft zu verlieren,
ihm ein doppeltes Cartell zugeschicket hat. Er liess sich es gerne gefallen, dass
diese Streitigkeit auf eine scherzhafte Art ohne Duell beigeleget würde. Der
Baron richtete ihn vollkommen zu seinem Auftritte ab, und der Ausgang hat
gewiesen, dass er seine Person gut gespielet hat. Unser Schwager liess alles auf
den folgenden Tag zu einem Schmause veranstalten. Der Major versprach, den Herrn
von W. mitzubringen. Der Herr v.H. sollte auch eingeladen werden. Es wurde
verabredet, dass sich der Major und die übrige Gesellschaft um 9 Uhr des Morgens
einfinden sollte; unser Oncle hatte versprochen erst gegen 10 Uhr da zu sein.
Der Baron liess den jungen Wendelin von Kargfeld herüber holen, um sich seiner
als eines Geschwindschreibers zu bedienen. Ehe ihm dieser wichtige Posten
anvertrauet wurde, sollte er erstlich eine Probe seiner Kunst ablegen; er
versicherte aber, dass er darin ein Meister wäre. Er hätte seine Collegia auf
Universitäten von Wort zu Wort nachgeschrieben, sagte er, und ohngeachtet einige
seiner Docenten sehr geschwind geplaudert hätten: so wäre doch seine Hand so
flüchtig gewesen, dass er noch immer einen kleinen Zeitraum übrig behalten hätte,
um anzumerken, wenn ein Professor seinen Spass belacht hätte. Es kostete Mühe,
einen Platz ausfündig zu machen, wo der Schreiber alles hören und sehen könnte,
was in dem Zimmer vorgieng, und wo er von Niemanden könnte gesehen werden. Ich
tat den Vorschlag, man sollte ihn unter einen grossen Tisch logiren, den man mit
einem Teppich verhängen könnte; allein dieser Ort schien zu unbequem, es hätte
leichtlich ein Jagdhund unter denselben geraten können, wodurch der geheime
Secretär, eben so, wie dort der Liebhaber der saubern Eswara, hätte können
endecket werden. Der Baron sagte, er hätte schon einen schicklichern Ort zur
geheimen Canzelei ausersehen: er wollte sich aber noch nicht weiter darüber
herauslassen. Er beschäftigte sich den übrigen Teil des Tages, den jungen
Wendelin zu unterrichten, damit dieser das Protokoll so führen möchte, wie er es
wünschte. Der junge Wendelin hat dem Baron vor einer Stunde eine Abschrift davon
gebracht, die ich meinem Briefe beilege, du wirst dir gefallen lassen sie an
diesem Orte einzurücken, damit der Verfolg meiner Erzählung nicht unterbrochen
wird.
                                 Das Protokoll.
Ich Johann Caspar Wendelin, juris vtriusque Candidatus et Notarius publ. Caes.
meines Alters zwischen drei und vier und zwanzig Jahr, begab mich am 25 October
jeztlaufenden 17 - - Jahres des Morgens um 7 Uhr, auf hohen Befehl des S.T.
Hochwohlgebohr. Reichsfreiherrn Herrn Joh. Adolph v.F. Erb-Lehn und
Gerichtsherrn auf Schöntal, Güldenau etc. nach dem Hochadlichen Schloss in
Schöntal auf den Weg, und langte um halb 9 Uhr auch wirklich zu Fusse daselbst
an, um eine Unterredung nachzuschreiben, die am besagten Tage zwischen S.T. dem
Hochwohlgebohr. Herrn Herrn Ehrhardt Rudolph v.N. Erb-Lehn-und Gerichtsherrn auf
Kargfeld, Dürrenstein etc. an einer, und dem auch Hochwohlgebohr. Herrn, Herrn
C.F.v. Ln. Sr - - wohlbestallten Major beidem löbl. - - - schen Regimente
Infanterie, an der andern Seite, vorgehen sollte, und davon man Folgen von
grosser Wichtigkeit zu besorgen hatte.
    Nachdem ich meine Lebensgeister durch ein gutes Frühstück gestärket hatte,
liess man mich in ein Zimmer treten, wo sich erwähnter Herr Major v. Ln., der
Herr v.W. und der Herr v.H. befanden, die in einer Unterredung von der jetzigen
veränderlichen Witterung und dem herannahenden Winter begriffen waren, die zu
meinem Zwecke nicht gehörten und die ich also aufzuzeichnen keinen Befehl hatte.
    Damit ich nun die erwartete Unterredung weniger gestöhrt aufzeichnen möchte,
ward ich befehliget, in einen grossen Schrank zu kriechen, der ausdrücklich zu
dieser Absicht war in das Zimmer gebracht worden. Ich hatte die Ehre, dass der
Herr v.F. mich eigenhändig darin verschloss, und den Schlüssel zu sich nahm.
Ungeachtet der Herr v.N. wohl mag gewusst haben, was dieser grosse unschickliche
Schrank in einem Zimmer, das mir seidenen Tapeten ausgeschlagen war, zu bedeuten
hatte: so sollte es doch lassen, als wenn ohne sein Wissen diese Unterredung
nachgeschrieben würde. Ich wurde dahero befehliget, mich ruhig zu halten, weder
zu husten noch zu niesen, vielweniger durch das Anziehen oder Fortsetzen eines
Fusses mit meinen Stiefeln ein Gepoltere oder Geräusche zu erregen; hingegen aber
sollte ich alles, was vorgienge, aufrichtig und redlich nachschreiben, so, dass
ich auf Erfordern die Richtigkeit desselben mit meinem grossen Notariat-Insiegel
bekräftigen könnte.
    Beim Eingange in dies enge Behältnis fand ich, dass der obere Boden des
Schrankes weggenommen war, damit das Licht hinein fallen, und ich auch leichter
vernehmen könnte, was in dem Zimmer gesprochen würde. Zu mehrerer
Bequehmlichkeit, war ein Stuhl hineingesetzet worden, nebst einem Schreibepulte,
welches mit den nötigen Werkzeugen der Schreiberei überflüssig versehen war. In
der Tür fand ich eine Öffnung angebracht, von der Grösse eines Spundloches,
welches von innen mit einem Gork verstopfet war, den ich heraus nehmen konnte,
um alle Bewegungen in dem Zimmer, wenn es nötig wäre, bemerken zu können.
    Ohngefehr um 10 Uhr sagte man, dass der Herr v.N. käme und dass er von dem
Herrn Magister Lampert Wilibald begleitet würde, der einen langen spanischen
Degen an der Seite hatte. Einige Herren lachten hierauf sehr laut, aber was sie
sagten, hielt ich mich nicht befehliget aufzuzeichnen. Der Herr v.W. den ich
daran kennete, weil er allezeit über laut jähnete, ehe er anfieng zu reden,
sagte zu dem Major: bedenken sie, dass der Mann mein Freund ist, tun sie ihm
nichts zu leide, wenn sie der meinige sein wollen.
    Der Major, der sich durch eine männliche und gesetzte Stimme von den übrigen
unterschied, sagte: machen sie sich keine Sorge, ich werde säuberlich mit ihm
fahren, ich stehe für allen Schaden.
    Der Herr v.H. welchen ich an seinen Flüchen erkannte, Sapperment! Wollen sie
von ihm keine Satisfaction haben? Sie haben ihn ja herausgefordert.
    Der Major. Ich werde sie nicht von ihm erzwingen, wenn er sich nicht
freiwillig dazu verstehet.
    Es schien, dass der Herr Baron sich aus dem Zimmer begeben hatte, um den
Herrn v.N. zu empfangen. Ich hörte hierauf, dass ein Fenster geöffnet wurde.
Sehen sie, sagte der Major, der vermutlich am Fenster stand, sieht der Herr
v.N. in seiner grossen weissen Perucke nicht aus, wie der Admiral Byng, da er
sollte arquebusiret worden? Alle Herren rückten hierauf mit den Stühlen, um den
Herrn v.N. zu empfangen.
    Indem zog ich meinen Gork aus der Öffnung, und sah durch solchen den Herrn
v.N. in das Zimmer treten. Er hatte eine sehr entschlossene Miene, und schien
durch solche seinem Gegner eine Furcht einjagen zu wollen. Der Mag. Lampert
folgte ihm mit einem langen Stossdegen bewaffnet, der ihn verhinderte in dem
Zimmer viele Bewegungen zu machen. Er stiess von ungefehr, da er ein Kompliment
machen wollte, mit solchem an die Tür meines Behältnisses, dass ich darüber in
grosses Schrecken geriet. Die Unterredung fing alsdenn folgender massen an.
    Der Hr. v.N. Ihr Diener, meine Herren, ich erfreue mich, sie allerseits wohl
zu sehen.
    Der Major. Ich bin der ihrige. Haben sie die vergangene Nacht wohl geruhet?
    v.N. Nicht gar wohl.
    Der Major. Wie befinden sie sich?
    v.N. So hin. Was gibts guts neues, hört man nichts vom Frieden?
    Der Major. Ganz und gar nichts.
    v.N. Wenn doch die grossen Herren des Blutvergiessens einmal müde würden,
zuletzt gewinnt doch keiner nichts.
    Der Major. Sie fechten für die Ehre und in diesem Stücke werden wir ihnen
heute ähnlich sein.
    v.N. Wir? Keinesweges! Darzu werde ich mich nicht bringen lassen, dass ich
mich mit ihnen schlage, ich komme als Freund und nicht als Feind.
    Der Major. Wir wollen sehen, ob wir heute Freunde werden können, bis jetzo
sind wir es noch nicht. Wir müssen vorhero erst unsere Sachen miteinander
ausmachen.
    v.N. So wahr ich ein Mann bin, will ich nicht! Was ich geschrieben habe,
dabei bleibt es. Ich komme nicht, mich zu schlagen: aber beleidigen lass ich mich
nicht. Wenn meine Person angefallen wird, so weiss ich, wie ich mich verteidigen
soll - Alsdenn nehmen sie sich in Acht.
    Der Major. Das werde ich gewiss tun, ohne dass sie mich daran erinnern. Haben
sie jemanden als einen Secundanten bei sich, so lassen sie ihn herein kommen.
    v.N. Niemanden, als diesen ehrlichen Mann, (er wies auf den Magister
Lampert.)
    Der Magister. Was soll dieser Schulmann hier, soll er secundiren?
    v.N. Das wird nicht nötig sein, er ist mein Waffenträger.
    Hr. Lampert. Ich trage die Waffen meines Gönners zur Verteidigung, aber
nicht zur Beleidigung. Er geht jederzeit defensive und nie offensive, sie haben
also von diesen Waffen nichts zu fürchten, wenn sie solche nicht selbst gegen
sich reizen.
    v.H. Vor dem Donner! Wozu nützen diese Reden? Macht eure Sache mit einander
aus, ihr Herren, wie es braven Cavaliers zustehet, alsdenn könnt ihr schwatzen,
so lange ihr wollt, wenn ihr da noch schwatzen könnt. Bald darzu, bald darvon.
    Der Maj. Nehmen sie eine von diesen beiden Pistolen, Herr v.N. Ich handele
ehrlich, ich lasse ihnen die Wahl. Dort auf dem Acker, den sie hier vor sich
sehen, linker Hand nach dem Gehölze zu, dort wollen wir unsere Sachen ausmachen.
    v.N. Sein sie nicht hitzig, ich rate es ihnen. Der Acker könnte leichtlich
ihr Gottesacker werden. Lassen sie uns frühstücken, bei einer Tasse Koffee wird
sich alles geben.
    v.H. Sapperment, wie stellen sie sich! Weisen sie diesem Herrn, dass sie
Courage haben. Sie reden ja wie eine alte Frau.
    v.N. An meiner Courage wird so leicht niemand zweifeln, und ich rede so, wie
es meine Grundsätze erfordern.
    v.H. Was zum Henker sind das für Grundsätze, die möchte ich sehen! Nach
diesen Grundsätzen getraue ich mir nicht, ein Glas Wein mehr mit ihnen zu
trinken.
    v.N. Das können sie halten, wie sie wollen, ich werde mich dadurch nicht
aufbringen lassen. Wenn sie einmal zu mir kommen und eben durstig sind, werden
sie froh sein, wenn ich ihnen nur ein Glas Wein vorsetze.
    v.H. Der Henker hole! Ihre Sprache hat sich seit einigen Tagen treflich
geändert. Da sie den Ausforderungsbrief von dem Herr Major erhielten, wollten
sie alle Bäume ausreissen, sie liessen Spiesse und Schwerder zusammen tragen, und
taten, als wenn sie ihn fressen wollten, und nun, da es Ernst werden soll, sind
sie verzagt:
    v.N. Ich verzagt? Ich dächte sie kennten mich besser. Habe ich ihnen nicht -
wie lange wird es nun sein? vor ungefehr 10 Jahren gewiesen, dass ich Mut habe?
Sie werden die Zeichen davon wohl mit in ihr Grab nehmen.
    v.H. Dort waren sie ein andrer Mann. Aber ich denke, ich wehrte mich meiner
Haut tapfer, und sie bekamen auch etwas, dass sie an mich denken konnten.
    v.N. Dieses gehöret jetzo nicht hieher. Wenn wir indessen damals gescheut
gewesen wären, so hätten wir nicht nötig gehabt, uns wie die unsinnigen
Menschen herum zu balgen, wir würden unsere Streitigkeit eben so haben beilegen
können, wie ich die meinige mit dem Herrn Major jetzo beizulegen gedenke.
    Der Maj. Sie haben die Wahl, ob dieses auf den Degen oder Pistolen geschehen
soll.
    v.N. Weder auf diese noch auf jene Art, und dieses, hoffe ich, wird mich zu
dem Titel ihres besten Freundes berechtigen, dass ich es abschlage, mich mit
ihnen in einen Zwiekampf einzulassen.
    Der Maj. Wie? Sie halten sich zu den Titel meines besten Freundes
berechtiget, dass sie mir eine rechtmässige Satisfaction, die ich wegen einiger
Beleidigungen von ihnen verlange, versagen? Ist dieses nicht eine offenbare
Verachtung?
    v.N. Nein, das ist die stärkste Probe meiner Freundschaft, die ich ihnen
geben kann. Ich will sie nicht unglücklich machen: denn es würde ihnen eben
nicht besser ergehen, als allen ihren Vorgängern, die ich vor der Klinge gehabt
habe.
    Der Maj. Ich werde also Ursache haben, mich bei ihnen zu bedanken, dass sie
so grossmütig mit mir verfahren, und sie muntern mich auf, ihrem Beispiele zu
folgen. Ich werde sie also, wenn sie mir keine Satisfaction geben wollen, mit
nächsten beleidigen, um hernach, wenn ich ihnen solche gleichfalls versage,
ihnen dadurch einen Beweis meiner Freundschaft geben zu können.
    Hr. Lampert. Was höre ich, welchen Schluss! Beurlauben sie mich gnädiger
Herr, wenn sie nicht wollen, dass mir, als einem Meister in der Kunst zu
schlüssen, bei dergleichen falschen Schlüssen, wenn ich sie nicht widerlegen
darf, eine Ohnmacht zuziehen soll. Ich besorge, es dürfte mir gehen, wie jenem
grossen Kunstrichter, der für heftigen Entsetzen zu Boden sank, da ein Idiot in
seiner Gegenwart einigen Tonkünstlern zurief: Salvete domini Musicantes. (Er
wollte sich wegbegeben)
    v.N. Bleib er hier, Herr Lampert, er muss sich einmal mir zu Gefallen Gewalt
antun. Ich werde schon die falschen Schlüsse widerlegen. Es geschiehet nicht zu
meiner Beschützung, mein Herr, dass ich den Herrn Lampert ersuche, hier zu
bleiben, er soll nur von der Richtigkeit meiner Schlüsse, die ich den ihrigen
entgegen zu setzen gedenke, urteilen. Sie stehen in dem Wahne, ich hätte sie
beleidiget, und wollte ihnen keine Satisfaction geben. Ich beleidige Niemand;
der Grund von unserm Zwiste rühret nur vom Zufalle her. Ich habe auch nie den
Vorsatz gehabt, sie zu beleidigen, wenn man Jemanden beleidigen will, so muss man
- wie soll ich sagen - so muss man Jemanden etwas zu Leide tun. Nicht wahr Herr
Lampert?
    Hr. Lampert. Allerdings, so ist es.
    v.N. Nun habe ich ihnen nie etwas zu Leide getan. Wenn es geschehen wäre,
so sagen sie, bei welcher Gelegenheit: also habe ich sie auch nie beleidiget.
Ist das nicht richtig geschlossen, Herr Lampert?
    Hr. Lampert. Der Schluss ist in Forma richtig.
    v.N. Was sagen sie dazu, Herr Major?
    Der Maj. Sie fangen es sehr fein an, dass sie darauf dringen, die Gelegenheit
zu entdecken, bei welcher sie mich beleidiget haben. Sie wissen wohl, dass ich
Ursache habe, dieses nicht zu tun; es ist aber auch nicht nötig. Mit einem
Worte, ich halte mich von ihnen für beleidiget, und dieses ist genug, Cavalier
Satisfactien za verlangen.
    v.N. Das will ich ihnen nicht wehren, aber ob ich verbunden bin, ihnen
solche zu geben, das ist eine andere Frage. Wenn es genug wäre ohne hinlängliche
Ursache Händel anzufangen, und wenn man denen die solche suchen, allezeit
Satisfaction geben müsste: so hätte man nichts zu tun, als sich immer herum zu
hauen und zu schiessen, und das ist vor jetzo meine Sache nicht.
    v.H. Wo T. muss die plötzliche Veränderung bei dem Manne herkommen! Sie waren
ja vor diesem so eisern nicht, und nur noch vor wenig Tagen hatten sie ganz
andere Gedanken.
    v.N. Ich liess mich damals von den Ausbrüchen meines Zorns, denen ich immer
nicht widerstehen kann, in etwas übereilen, und es war ihr Glück, Herr Major,
dass sie mir den Tag nicht in den Wurf kamen. Da ich aber die Sache etwas genauer
überlegte, und meinen Sirach, so nenne ich die Geschichte des Herrn Grandisons,
zu Rate zog: so stund ich von dem mörderischen Vorhaben ab, mich mit ihnen
herum zu balgen. Wenn sie meinem Rate gefolget, und diese Geschichte gelesen
hätten, so würden sie jetzo meiner Meinung sein.
    Der Maj. Da ich es aber nicht bin, und keine so erleuchteten Einsichten
habe: so müssen sie mir als dem schwächsten Teile nachgeben. Ich handele
ehrlich, dass ich ihnen die Wahl unter diesen Pistolen lasse. Kommen sie, ohne
uns in einen weitern Wortwechsel einzulassen, ich dringe darauf, sie müssen!
    v.N. Sein sie nicht hitzig, wir wollen frühstücken.
    v.W. Ich dächte es wäre Zeit, es geht stark auf den Mittag los.
    v.N. zu dem Major. Nehmen sie eine Buttersemmel, das wird ihnen Zeit geben,
gelassen zu werden.
    Der Maj. Ueber die verdammte Gelassenheit! Ich denke, ich bin lange genug
gelassen gewesen, ich habe noch bei keinem Duell einen solchen Wortwechsel
geführet, als bei diesem. Endlich zerreisst mir der Gedultsfaden. Kurz, ich
bestehe darauf, sie müssen eine von diesen Pistolen wählen.
    v.H. Zeigen sie, dass sie noch Ehre im Leibe haben, sie können es warlich
nicht ausschlagen! Nehmen sie eine.
    Der Herr v.N. stund von seinem Stuhle auf, und nahm beide von dem Major. Er
besah sie lange, endlich sagte er: Die Wahl hält schwer, sowohl die eine als
die andere scheint zum Unglück zubereitet. Ich will nicht an ihnen zum Mörder
werden.
    Der Maj. Wohlan! So soll der Degen unsern Zwist entscheiden.
    v.N. Da es also zugestanden ist, meine Herren, die Pistolen wegzulassen; und
da ihr Anblick schon zum Unglück zu reizen scheinet: so werden sie erlauben, dass
ich sie losbrenne.
    Er öffnete ein Fenster, um sie loszuschiessen, sie versagten aber beide.
Nach der Erzählung ist der Schreiber versichert, dass sie nicht geladen waren. Er
lass also beständig ganz ruhig in seinem Schranke, weil er wusste, dass kein
Unglück vorgehen konnte. Der Major stellte sich, als wenn er es verhindern
wollte, dass die Pistolen nicht losgebrennt würden; der Herr v.N. sah sich also
genötiget, zu Verhütung alles Unglücks, sie zum Fenster hinunter zu werfen. Da
nun eine kleine Bewegung entstund, weil jedermann nach dem Fenster ging, um zu
sehen, was der Lerm zu bedeuten hätte, den man gleich darauf im Hofe hörete: so
glaubte der Herr v.N. man hätte ein Absehen auf ihn. Er legte mit einer
gravitätischen Mine die Hand an den Degen, und sagte ganz gelassen: meine
Freunde nehmen sie sich in Acht, dass ich niemanden beschädige, ich werde meinen
Degen ziehen, wenn man mich anfällt.
    Die Ursache des Lerms im Hofe war diese. Wigand, der Reitknecht des Herrn
v.N. hatte sich unter dem Fenster, aus welchem der Herr v.N. die Pistolen
herunter warf, gesönnet, es war ihm eine davon auf den Buckel gefallen, worüber
er so heftig zu schreien anfieng, dass alles Gesinde zusammen lief. Weil man
Pistolen neben ihn liegen sah, so glaubte man, er hätte einen Schuss bekommen.
    Der Major zu dem Herrn v.N. Wollen sie mir auf den Degen Satisfaction geben?
Das ist gut, endlich entschliessen sie sich doch zu etwas.
    v.N. Ich ziehe ihn nur zu meiner Verteidigung, ich dachte sie wollten sich
über mich hermachen, weil ich ihr mörderisches Gewehr zum Fenster hinausgeworfen
habe.
    Der Major. Ja, das ist eine neue Beleidigung, so verächtlich begegnen sie
mir.
    v.N. Ich habe es nicht aus Verachtung getan, sondern zu ihrem Besten. Sie
sollen ihr Leben nicht durch meine Hand verlieren, sie können es besser
anwenden, wenn sie es dem Vaterlande zum Besten aufopfern; sie haben einen Beruf
für solches zu streiten. In einiger Zeit, wenn sie die Sache ruhig überlegen,
werden sie es vielmehr billigen, dass ich meine Pistolen ihnen aus den Zähnen
gerückt habe, damit sie nicht zu dem Gebrauch könnten angewendet werden, zu dem
sie bestimmt waren.
    Der Maj. Vereiteln sie mir nicht meine Freude, die sie mir dadurch machten,
dass sie die Hand an den Degen legten. Kommen sie hinunter in den Grasgarten,
dort wollen wir ein paar herzhafte Gänge tun, und unsere Sache ausfechten.
    v.N. Ich habe ihnen schon mehr als einmal gesagt, dass ich nicht als Feind,
sondern als Freund hieher kommen bin, um meine gerechte Sache zu verteidigen.
    Der Maj. Mit dem Degen hoffe ich?
    v.N. Keinesweges! Mit dem Degen verteidige ich mich nur gegen Mörder und
Feinde, ich ziehe ihn aber nicht gegen meine Freunde. Meinem irrenden Bruder
helfe ich durch vernünftige Vorstellungen zu rechte. Dieses ist der beste Weg,
den man wählen kann, ihn zu bessern, und ihn zur Erkenntnis seiner Fehler zu
bringen.
    Der Baron. Das ist bei meiner Ehre edel gesprochen!
    Der Maj. Wenn sie immer so gedacht hätten, wie sie jetzo sprechen, so würde
ich die Grösse ihres Geistes bewundern. Da aber ihre Taten nicht mit ihren
Worten übereinstimmen, so setzen sie sich in den Verdacht, als wenn es ihnen an
Mute fehlte, Es scheint, dass sie ihre Furchtsamkeit in die Larve der Grossmut,
die sie ihren Gevattersmanne abgezogen haben, verstecken wollen; aber die
Verstellung ist zu sichtbar. Ein grossmütiger Mann beleidiget niemanden, und
also hat er auch nicht nötig, für angetane Beleidigungen eine Genugtuung zu
verschaffen. Sie aber haben mich beleidiget und wollen mir keine Satisfaction
geben: also schlüsse ich daraus, dass sie nicht grossmütig sind, sondern
furchtsam.
    Hr. Lampert. Heu! quae qualis quanta!
    v.N. Stille! (zu dem Major) hören sie, meiner Ehre wird dadurch nichts
abgehen, sie mögen von mir glauben was sie wollen. So viel will ich ihnen nur
sagen: sie haben ihr Leben meinen Grundsätzen zu danken. Ich bin von Natur
hitzig, ich habe auch vielen Stolz; ich habe aber nach dem edlen Beispiele Sir
Carls beides unterdruckt, und das ist jetzo ihr Glück. Wenn ich der wäre, der
ich ehmals war: so würden ihnen ihre Beschuldigungen teuer zu stehen kommen.
    v.W. (welcher bishero sich beschäftiget gehabt, das Frühstück, welches für
die ganze Gesellschaft aufgetragen war, alleine zu verzehren, und eben jetzo
damit fertig war.) Ich dächte, sie liessen es nicht aufs äusserste ankommen, Herr
Major, wenn v. N, seinen tollen Kopf aufsetzt, so ist er ärger als der T.
Vertragt euch in der Güte miteinander, ihr Herren, zuletzt behält doch keiner
Recht.
    Der Maj. Wenn durch einen gütlichen Vertrag meine Ehre wieder hergestellet
werden könnte, so wollte ich einem Vergleiche gern die Hand bieten. Da aber
meine Ehre, in den Augen der Welt, mehr dabei verlieren als gewinnen würde: so
bin ich entschlossen, die Entscheidung unsers Zwistes auf den Degen ankommen zu
lassen.
    v.N. Ihre Ehre kann nicht wider hergestellet werden, denn sie ist nicht
beleidiget worden. Ich wollte mir eher auf deutschen Fuss die kehle abschneiden,
oder nach englischer Manier, mich an den nächsten Balken hängen, ehe ich
jemanden an seiner Ehre und guten Namen den geringsten Eintrag tun wollte.
    Der Baron. Welch ein vortreflicher Gedanke! Wenn sie nicht mit dieser
Erklärung zufrieden sind, so weiss ich nicht, was sie weiter verlangen.
    v.H. Vor dem Henker! Ich kann aus euch Leuten nicht klug werden. Der eine
schwatzt einen Haufen von Beleidigungen, und will mit der Sprache doch nicht
heraus, worinne sie bestehen sollen, und der andere will durchaus nicht
eingestehen, dass er jenen beleidiget hat. Sie gehen um die Sache herum, wie die
Katze um den heissen Brei, ohne dass etwas ausgemacht wird. Mein Rat wäre, ihr
Herren vertrügt euch entweder in der Güte miteinander, wie es der Herr v.W.
haben will, oder durch den Degen.
    Der Major. Gut, bei diesem Ausspruche soll es bleiben, ich erwähle das
letztere.
    v.N. Ich ergreife das erstere. Sie kennen meine Grundsätze, und bestehen nur
auf dem Duell, weil sie wissen, dass ich mich in kein Duell einlassen will.
    v.H. Aber warum nicht? Der Herr Major hat sie einmal heraus gefordert, und
sie müssen ihm Satisfaction geben.
    v.N. Ich kann diese Ausforderung, wenn ich auch sonst keine Gründe für mich
anzuführen hätte, aus der Ursache nicht annehmen, weil es ein unchristlicher
Gebrauch ist, wegen einer vermeinten, oder auch gegründeten Beleidigung sich den
Hals brechen zu lassen, oder ihn seinem Nebenmenschen brechen zu wollen.
    Der Major. Das sind Worte eines frommen Schwärmers.
    v.N. Die Heiden und Türken verabscheuen eine solche gottlose Gewohnheit, und
die alten Römer.
    v.H. Was T - - gehen uns die alten Graubärte an! Sie reden, als wenn ihr
Magister ihnen die Worte in den Mund geleget hätte.
    v.N. Lassen sie mich zum Worte kommen, die alten Römer haben niemals mit
einander Kugeln gewechselt.
    Der Major. Ja, zu der Zeit war das Pulver noch nicht erfunden, sonst würden
sie sich wohl tapfer herumgeschossen haben.
    v.N. Das sagen sie nicht. Wie hätten denn die Römer so viele Vestungen
einnehmen können, wenn sie kein Pulver gehabt hätten? Aber dieses bei Seite
gesetzt, so will es nicht einmal der Papst leiden, dass sich seine Untertanen
duelliren sollen.
    Der Maj. Was hat uns der Papst zu befehlen, meine Ehre ist mir wichtiger,
als alle päpstliche Bullen.
    v.N. Ein alter Kirchenvater, Namens Concilius Tridentinus, geht noch
weiter, er erkläret alle die, welche in einem Zwiekampf umkommen, für
Selbstmörder, und schlägt ihnen ein christlich Begräbnis ab.
    v.H. Wenn wir die Gesetze der Ehre aus den Kirchenvätern herlangen wollen,
so müssen wir uns freilich auf einen ganz andern Fuss setzen. Wir müssen feige
Memmen werden, und in der Feigheit eine Ehre suchen; unsere Ahnen aber, die sich
durch ritterliche Taten empor geschwungen haben, müssen wir als Mörder und
Strassenräuber verdammen.
    v.N. Wir können eher dieses tun, als dass wir in ihre Fusstapfen treten, und
es eben so arg machen, wie sie. Die Fehler muss man ausrotten, wo man sie findet.
    Der Baron. Der Herr v.N. spricht wie ein Orakel. Ich will heute noch meinen
Degen einleimen lassen, damit ich nie wieder in die Versuchung gerate, ihn
gegen jemand zu ziehen.
    Der Maj. Es ist wahr, die Gründe des Herrn v.N. haben einigen Schein, und
wenn ich ihm weiter zuhörete, so glaube ich, ich dächte eben so wie er. Aber die
Vorurteile der Welt halten mich ab, dass ich ihm nicht beipflichten kann.
    v.N. Ist es aber nicht besser, ein Mann von Ehre zu sein, als dass man in den
Augen der Welt dafür angesehen wird, ohne es zu sein? Um die Vorurteile der
Welt muss man sich nicht bekümmern. Eine wilde und unbändige, ich will nicht
sagen unchristliche Gewohnheit als das Duelliren ist, kann gar keinen Beweis
angeben, dass man auf die Erhaltung seiner Ehre bedacht ist. Denn jeder Schurke,
der nicht für einen Pfennig Ehre besitzt, kann einen braven Mann heraus fordern,
um sich vor der Welt ein Ansehen zu machen.
    Der Major. Sie reden, als wenn es gedruckt wäre, und ich wiederhole es
nochmals, wenn ich mich überzeugen könnte, dass sie so vortreflich dächten als
sie sprechen, so wollte ich mich eher vor ihnen erniedrigen, als vor dem grossen
Magol auf seinem Trone.
    v.N. Sie können es auf mein Wort glauben, dass ich das jederzeit denke, was
ich sage, denn wenn man reden will, so muss man denken; aber ich meine es auch
so, wie ich rede. Kurz, sie können sich darauf verlassen, ich werde ihnen um
meines Gewissens und um meiner Ehre willen keine Satisfaction geben, wenn ich
sie auch wirklich beleidiget hätte, welches doch aber nie geschehen ist. Der
Gebrauch der Waffen stehet nur Königen und Fürsten zu, ich will den Göttern
dieser Erden nicht ins Amt fallen. Privatleute müssen sich in der Güte mit
einander vertragen.
    Der Baron. Ich bin ganz entzückt über ihre Gesinnungen und ich fange beinahe
an überzeugt zu werden, dass alles, was sie gesagt haben, vortreflich und
nachahmungswürdig ist.
    v.H. Der Meinung bin ich auch. Wie es scheint, Herr Baron, so geht es ihnen
eben so, wie es mir manchmal zu gehen pfleget. Wenn ich aus der Kirche komme, so
denke ich, alles was der Pfarr gesagt hat, ist gut, und er hat Recht. Wenn ich
aber alles das tun sollte, was er sagt, so müsste ich ganz und gar umgegossen
werden, und das hält schwer, ich denke, wie meine Vorfahren sind in Himmel
kommen, die alle nicht besser gewesen sind als ich, so getraue ich mir auch
hinein zu kommen. Jezt bin ich durch des Herrn v.N. Predigt abermals ganz und
gar umgewendet, ich denke, er hat vollkommen Recht; aber wenn ein Cavalier doch
gleichwohl soll leben, wie eine alte Frau, das stehet mir nicht an.
    Der Major. So geht es mir ebenfalls. Wenn ich bedenke, dass das Duelliren
eine so abscheuliche Sache ist, dass man darüber um ein ehrliches Begräbnis
kommen kann: so möchte ich es verreden mich jemals wieder in Händel einzulassen.
Aber wenn man darüber in Gefahr geraten sollte, für scheinheilig oder furchtsam
ausgeschrieen zu werden, so will ich lieber den Papst und alle Kirchenväter
wider mich haben, als das Urteil der Welt.
    Der Baron. Weichen sie diesmal der Uebermacht, und erkennen sie sich
überwunden. Sie können eben so wenig dem Winke der Vernunft widerstehen als ich.
Wenn man sich über die Vorurteile des Pöbels hinaussetzen kann, so muss man
notwendig zugestehen, dass es ein törigter und lächerlicher Gebrauch sei, einem
Unheil durch etwas abzuhelfen, woraus ein viel grösseres entstehen kann.
    Der Major. (Zeigt auf den Herrn v.N.) Dieser Mann wird uns noch alle zu
seinen Neubekehrten machen. Aber der T. wenn ich auch einen Heldenmut beweisen,
und meiner Leidenschaft Gewalt antun wollte, mich nicht wegen der Beleidigungen
an ihm zu rächen, so liegt mir noch etwas anders im Wege.
    v.N. Ohne Zweifel ist der Mann ein Held, der seine Leidenschaft überwinden,
und eine wirkliche Beleidigung, geschweige denn eine eingebildete vergessen
kann. Und einem Helden muss nichts im Wege liegen, als was sich für ihm
demütiget, oder was er kaput gemacht hat.
    Der Baron. Höchst vortreflich! Können sie noch widerstehen, Herr Major?
    Der Maj. Nein, ich sehe mich genötiget, ihnen gewisse Vorschläge zu tun,
auf welche ich mich mit ihnen zu vergleichen gedenke. Ich will wenigstens die
Ehre haben, eben so grossmütig gegen sie zu verfahren, als sie gegen mich zu
sein glauben. Ich lasse meine Forderung wegen einer Genugtuung für dasjenige,
wodurch ich mich von ihnen beleidiget halte, fallen; jedoch unter der Bedingung:
dass sie meiner Base, der Gemahlin des Herrn v.W. eine schriftliche Abbitte und
Ehrenerklärung tun, wegen der nachteiligen Reden, die sie von ihr geführet
haben, und alsdenn müssen sie mich überzeugen, dass es ihnen keinesweges an Mute
fehlt. Wenn sie richtige Beweise ihres Mutes anführen können, so will ich mich
alsdenn beruhigen, und glauben, dass sie nach den Grundsätzen ihres Gevatters
handeln.
    v.N. Sie wollen ihre Forderungen gegen mich fallen lassen, und machen immer
neue Forderungen, in der Tat haben sie gar keine an mich zu machen. Weil sie
indessen auf einem guten Wege sind, so will tun, was ich kann, sie dabei zu
erhalten. Ihre zweite Bedingung kann ich ohne Bedenken erfüllen; die erste aber
entstehet aus einem Vorurteile, das leicht zu widerlegen ist. Ich habe die Frau
v.W. nicht beleidiget, also ist auch eine Abbitte unnötig. Was ich von ihr
gesagt habe, das sind nur zufällige Gedanken gewesen, die ich nie vor Wahrheiten
ausgegeben habe. Wenn sie sich dadurch beleidiget glaubt, so muss man ihr als
einem schwachen Werkzeuge ihre Ehre geben, und sie begütigen. Eine
Ehrenerklärung aber wird mir nicht schwer fallen, ich halte jede Dame für eine
Dame von Ehre, bis ich es anders finde. Die Frau v.W. ist die Gemahlin meines
Freundes, ich gestehe ihr alle die Ehre zu, die sie dadurch erhält.
    Der Baron. Getrauen sie sich gegen diese Erklärung ein einziges Wort
aufzubringen?
    Der Major. Nicht ein Wort. Ich bin damit zufrieden, ich sehe dass ein
Misverstand unsern ganzen Zwist erreget hat. Ich ärgere mich nur, dass ich gegen
diesen vortreflichen Mann, der alles so klug zu wenden weiss, dass er immer gegen
mich in Vorteile bleibt, so eine elende Figur mache. Das hätte ich nicht
gedacht, dass ich so würde überwunden werden.
    v.H. Bei meiner Seele! v.N., sie kommen heute gut weg. Ich dachte, es würde
Mord und Todschlag aus dem Handel entstehen, oder sie würden sich doch tapfer
herum hauen müssen, wenn sie den Herrn Major satisfaciren sollten. Ich kann gar
nicht einsehen, wie sich das Ding so gedrehet hat, dass diese Händel einen
gütlichen Vergleiche nahe sind, und jeder bei Ehre bleibt, gleichwohl scheint
es, als wenn es gar nicht anders hätte sein können. Gebt nur einander die Hände,
ihr Herren, es wird aus der Schlägerei doch nichts, vertragt euch in der Güte.
    Der Major. So weit sind wir noch nicht, (zu dem Hrn. v.N.) Sie müssen meiner
zweiten Bedingung noch vorhero Genüge leisten. Sie hatten, wie es scheint, nicht
immer die Grundsätze, die sie jetzo haben; sie zeigten ehedem ihren Gegnern
ihrer Mut in der Tat, so wie sie ihn mir heute durch Worte gezeiget haben. So
viel ich weiss, sind sie mehrmals vor der Klinge gewesen, und vor Zeiten würden
sie sich sehr bedacht haben ihre Händel auf diese Manier wie jetzo beizulegen.
    v.N. Beleidigen habe ich mich niemals lassen, wenn mich einer nur über die
Achsel ansah, so schlug ich ihn hinter die Ohren.
    Der Baron. Damals hatten sie also nicht die Grossmut, die Gelassenheit, die
Standhaftigkeit, die wir jetzo an ihnen bewundern.
    v.N. Damals focht ich noch mit dem ersten Schwerdte, jedermann musste sich
vor mir fürchten.
    Der Major. Ein Beispiel ihres Muts, Herr v.N.!
    v.N. Zehne für ein. Da ich noch unter dem Prinzen Eugen gegen die Franzosen
zu Felde lag, wurde ich einmal mit 50 Mann in ein Dorf commandiret, um Fourage
beizutreiben. Es wohnte daselbst ein Beamter, der ehedem auch ein Soldat gewesen
war. Ungeachtet es in Freundes Land war, so tat ich doch aus Gefälligkeit gegen
meine Leute, als wenn ich dieses nicht wüsste, und liess sie auf Discretion leben.
Der Beamte beschwerte sich deswegen bei mir, und um mir eine Furcht einzujagen,
sagte er, wenn ich diesem Unheil nicht abhelfen wollte, so würde er mich, wenn
ich von meinem Commando zurückberufen wäre, herausfordern. Ich, der ich mich nie
für einen Menschen fürchte, seitdem ich das Wort Mensch buchstabiren kann, gab
ihm zur Antwort, einmal schlagen und ein paar Gläser Wein austrinken, wäre mir
einerlei; ich gab ihm zugleich meinen Handschu und verlangte von ihm, eine Zeit
und Ort zu bestimmen, wo wir einander finden wollten. Er versprach, dieses zu
tun, wenn ich von meinem Commando zurückberufen wäre. Nach einiger Zeit, da wir
in den Winterquartieren lagen, schickte er mir ein Carteil, dass ich mich nebst
zween Secundanten an einem gewissen Gränzorte, auf den und den Tag einfinden
sollte. Ich hielt die Secundanten für überflüssig und nahm nur meinen Reitknecht
zu mir. Mein Gegner war sehr unwillig, dass ich keine Secundanten mitgebracht
hatte, ich sagte: meine Pistolen und mein Degen sind meine Secundanten. Wie,
wenn wir uns nun alle dreie mit ihnen schlagen wollten, sagte er? Dazu bin ich
bereit, ich nehme es mit euch drei Kerls auf einmal an, ihr seid keine
Cavaliers. Sie wurden darüber erbittere; ich aber nicht faul, ergriff mit der
einen Hand die Pistole und mit der andern den Degen. Sie erstaunten über meine
Herzhaftigkeit und machten links um, ich hinter ihn drein wie ein Satan. Einen
davon, der kein so flüchtiges Pferd hatte als die andern, holte ich ein. Nehmen
sie sich in Acht, sagte ich, jetzt werde ich sie auf den Pelz brennen. Er schrie
erbärmlich um Pardon. Gut denn, jagte ich, reiten sie hin mit Frieden, ich will
ihnen das Leben schenken. Er bewunderte meine Grossmut, und ich behielt das
Feld. Ich habe seit der Zeit kein Wort wieder von ihnen gehöret, und glaube die
ersten beiden sind ohne Zweifel in einem grossen Flusse umkommen, durch welchen
sie setzen mussten, um sich zu retten.
    Der Major. Das ist eine ganz ausserordentliche Begebenheit, die sich in den
neuern Zeiten nur alle hundert Jahre einmal zuträgt.
    v.N. Dergleichen Begebenheiten sind mir mehrere begegnet.
    Alle Herren baten ihn hierauf noch einige zu erzählen.
    v.N. In Italien commandirte ich einmal eine Freicompagnie, die mehrenteils
aus Banditen bestund. Ich hielt die Schurken ein bisgen kurz, und sie machten
deswegen eine Meuterei gegen mich. Eines Tages hatte ich sie lassen ein wenig
voraus marschiren, und ich wollte nachkommen. Sie hatten sich meine Abwesenheit
zu Nutze gemacht, und hatten sich zusammen verschworen, mich kalt zu machen,
zugleich hatten sie einen Preis auf meinen Kopf gesetzt, dass derjenige, welcher
sich zuerst an mich wagen würde, mein Nachfolger sein und sie commandiren
sollte. Ein Deuscher verriet mir diesen Anschlag, und gab mir den Rat, mich ja
nicht vor den desperaten Kerls blicken zu lassen, wenn ich nicht wollte auf dem
Platze niedergemacht sein. Ich wie der Wind zu Pferde auf und davon - -
    v.W. Daran tatest du gescheut, Herr Bruder, dass du Reisaus gabest, ich
hätte es selbst so gemacht.
    Der Baron. Ich fühle jetzo sehr lebhaft ihre Gefahr und ihre Entrinnung. In
der Tat ihr Heil bestand damals in der Flucht.
    Herr Lampert. Schweigen sie meine Herren, der Herr v.N. ist noch nicht
fertig, hören sie nur.
    v.N. Ich setzte mich also zu Pferde und suchte die Cujons auf. So bald ich
sie ansichtig wurde, gab ich meinem Gaul die Sporen, und mitten unter sie
hinein.
    v.W. Das ist ein anders.
    Der Maj. Jezt kommt es erst.
    Der Baron. Wie lief es ab? Ich stehe ihrentwegen in grosser Furcht - wenn sie
nur nicht - doch was mache ich mir vor gefährliche Vorstellungen, sie stehen ja
da frisch und gesund vor mir.
    v.N. Hier, Kammeraden bringe ich meinen Kopf selbst, sagte ich, um den Preis
zu verdienen, den ihr darauf gesetzt habt! Wer mir diesen streitig machen will,
der trete heraus. Sie erstaunten über meinen Mut, sie stunden wie die Mauren,
es regte sich keiner. Pursche, streckt das Gewehr! Rief ich ihnen zu und zog
zugleich den Degen. Sie gehorsameten, und ich trieb sie hierauf vor mir weg, wie
eine Heerde Schaafe, bis ins Hauptquartier. Das Gewehr befahl ich auf ein paar
Wagen zu laden, die ihre Tornister führten.
    Der Baron. Nun, was machten sie mit ihren Leuten?
    v.N. Hierauf liess ich ihnen einen kurzen Prozess machen, und sie miteinander
aufhängen.
    Der Maj. Das war zuarg! Sie verfuhren mit den armen Teufeln zu barbarisch,
es ist wohl mancher feine lange Kerl mit darunter gewesen. Sie haben ihrer
Heldentat dadurch einen garstigen Schandfleck gemacht.
    v.N. Ja, die Hunde waren nichts bessers wert, sie hatten mit einander den
Galgen schon zehnmal verdienet.
    Herr Lampert. Ich halte davor, mein Gönner hat den Glanz seiner Heldentat
gar nicht verringert, er hat nichts anders getan, als dass er dem Beispiele
Alexanders des Grossen gefolget ist. Da dieser Tyrus erobert hatte, liess er die
überwundenen Tyrier rund um die Stadt herum aufknüpfen wie die Krammsvögel; oder
eigentlich zu reden, er liess sie nach damaliger Mode kreuzigen. Das Leben der
Kriegsgefangenen stehet in der Hand des Siegers.
    v.N. Ja ja, so ist es.
    Der Major zu dem Hrn. v.N. Was sagte aber ihr General dazu, dass sie ihre
ganze Compagnie aufhängen liessen?
    v.N. Was der sagte? Hm! der hatte nichts darnach zu fragen, ich war Herr
über meine Leute. In acht Tagen hatte ich mir eine andere geworben, die noch
einmal so stark war als die erste. Vorzeiten ging es nicht so ordentlich im
Kriege, wie heutiges Tages, dort tat ein jeder, was er wollte. Aber die Zeit
vergehet.
    Er zog seine Uhr, die einem Dreiersbrodte an Grösse nichts nachgab, aus der
Westentasche. Die Herren baten ihn alle, die Unterredung noch nicht abzubrechen,
so sehr es auch der Schreiber wünschte. Er fuhr also fort.
    In Italien habe ich mehr als einmal die Ehre der Deutschen gerettet Es ist
nicht fein, wenn man immer von sich selber spricht; sie wollen es aber nicht
besser haben, und also bin ich gezwungen, ihnen die merkwürdigsten Auftritte
meines Lebens bekannt zu machen. Zu der Zeit folgte ich meinen alten
Grundsätzen, ich dachte, ich wäre kein Mann von Ehre, wenn ich seine Händel
hätte, und wenn mich Niemand beleidigen wollte, so wurde ich der angreifende
Teil. Unter andern lag ich einmal zu Padua auf Werbung. Die Studenten machen
dort viel Unheil und jedermann fürchtet sich für den jungen Laffen. In der Nacht
kann Niemand auf der Strasse gehen, ohne zu befürchten, dass man von ihnen
angegriffen wird. Ich nahm mir vor, die Buben zu züchtigen und die öffentliche
Ruhe wieder herzustellen.
    Der Baron. Ein grossmütiger Entschluss!
    v.N. Ich stellte mich des Abends unter einen bedeckten Gang. Ein Haufe
lüderlicher Brüder sahen mich von ferne, und erklärten mich in ihren Gedanken
schon für eine gute Prise. Ich dachte: kommt nur angezogen. Kurz darauf
stolperten ein paar von diesen Kerls vor mir vorbei und gaften mir ins Gesichte.
Ihr Herren seid ruhig und geht nach Hause, sagte ich. Schaarwächter, der du
bist, erkühnte sich einer zu fragen, hast du uns etwas zu befehlen? Hier lief
mir die Galle über, ich tat auf den ganzen Haufen einen herzhaften Angriff, und
in eben diesem Augenblicke lagen Degen, Hüte, Perucken und Mäntel, alles durch
einander auf dem Kampfplatze. Zwei machte ich zu Gefangenen. Mit einem unter
diesem Arme und mit dem andern unter diesem, begab ich mich gerade auf die
Bürgerwache, wo ich beide verwahren liess. Den Morgen darauf empfing ich von
einigen Abgeordneten im Namen des Rats ein Danksagungskompliment, nebst einem
Patent als ein Ehrenmitglied des grossen Rats daselbst, weil ich die öffentliche
Ruhe der Stadt wieder hergestellet hätte. Seitdem hat man auch nichts wieder von
einem nächtlichen Unfuge daselbst gehöret.
    Hr. Lampert. Durch die edelmütige Tat hätten sie verdienet, dass ihr
Konterfei, wie das Bild des Miltiades nach dem Siege bei Maraton, öffentlich in
einen solchen bedeckten Gang wäre ausgehänget worden.
    v.N. Gewisser massen habe ich diese Ehre wirklich erhalten. Ein
Peruckenmacher, der ein neues Schild brauchte, liess mich auf solches mit einer
erbeuteten Perucke in der Hand abmahlen: die Studenten aber, denen dadurch ihre
schimpfliche Flucht gleichsam aufgerucket wurde, brachten es dahin, dass er
dieses Schild wieder einziehen musste.
    Der Major. Ich bin ganz bezaubert von ihnen, vortreflicher Mann! Ich sehe,
dass es ihnen nie an Mute gefehlet hat; aber mich dünkt, sie haben ihn an keinem
Orte rühmlicher angewendet als hier, da sie das gemeine Beste dabei zum
Endzwecke hatten.
    v.W. zu dem Hrn. v.N. Ja, wenn deine Worte lauter Evangelien wären, so
wollte ich im geringsten nicht daran zweifeln; aber so muss ich es nur glauben,
weil du es gesagt hast. Ich will die Sache nicht ganz verwerfen; ich denke aber
du erzählest manche Dinge für dich zu vorteilhaft, Herr Bruder.
    Der Maj. Ich bin geneigt, alle dem Glauben beizumessen, was der Herr v.N.
gesagt hat. Ein Nachfolger Sir Carls kann keine Unwahrheiten sagen. Indessen bin
ich versichert, es wird ihnen auch nicht an Beispielen mangeln, wo sie lebendige
Zeugen ihres Mutes für sich anführen können.
    v.N. Daran soll es auch nicht fehlen. Hat Jemand an dem Herrn Magister
Lampert etwas auszusetzen, wenn ich ihn für mich zum Zeugen anführe?
    v.W. Ganz und gar nichts.
    Der Baron. Sein Zeugnis ist das glaubwürdigste.
    Der Maj. Es scheinet ein Mann von Ehre zu sein.
    v.N. Nun so hören sie denn. Ich reiste einmal nach Frankfurt in die Messe,
gegenwärtiger Herr Lampert begleitete mich dahin. Wir speisten täglich in einem
angesehenen Gastofe, wo immer eine starke Gesellschaft von Vornehmen und andern
Fremden, die es bezahlen konnten, anzutreffen war. Wir setzten uns eines Tages
an eine Tafel von mehr als 30 Personen. Nicht wahr Herr Lampert?
    Hr. Lampert. Ja! Es schmeckt mir noch immer gut, wenn ich daran gedenke, wir
wurden recht wohl bewirtet.
    v.N. Nicht lange nach uns kam ein Mann, von dem Ansehen eines Cavaliers, und
setzte sich gleichfalls an unsere Tafel. So bald dieser Mann erschien, hörten
alle Gespräche auf. Es schien, als wenn durch seine Ankunft der Appetit aller
Anwesenden wäre vermehret worden; alle speisten mit der grössten Begierde und
Eilfertigkeit, und eine Zeit darauf verschwand einer nach dem andern. Ich
wunderte mich darüber, und fragte einen Kaufmann, der im Begriff war sich
gleichfalls wegzubegeben, um die Ursache dieser Verschwindung. Sehen sie nicht,
sagte er mir ins Ohr, dort unten den furchtbaren Mann? Ich rate es ihnen,
schleichen sie sich gleichfalls unvermerkt fort, wenn sie nicht wollen in
Unglück kommen. Wenn er sich satt gegessen hat, so fängt er an zu trinken und
hört nicht eher auf, bis ihn der Wein erhitzt hat, alsdenn kritisiret er über
die Gesellschaft. Wer dieses nicht vertragen kann und sich mit ihm abgibt, an
dem sucht er Händel, und drohet mit Degen und Pistolen. Er ist ein vortreflicher
Fechter und ein guter Schütze, und soll schon manchen über den Haufen gesetzet
haben. Ich dachte sogleich, dass dieses eine gute Gelegenheit wäre, Ehre zu
erwerben und mich bei der ganzen Gesellschaft in Ansehen zu bringen. Ich mass ihn
einige mal mit den Augen, und dieses zog bald seine Aufmerksamkeit auf mich. Wir
sprachen eine Zeitlang durch Minen mit einander, er getrauete sich nicht ein
Wort zu sagen, weil er sah, dass ich ihn nicht fürchtete. Endlich fing er an,
mit seinem Heldentaten zu prahlen, ich tat als wenn ich darauf gar nicht Acht
hätte und erzählte, ihm zum Trutze, einige von meinen merkwürdigen
Begebenheiten. Er wollte mich überschreien. Hören sie, sagte ich, wenn ich rede,
so muss es stille sein in dem Zimmer. Er unterstund sich hierauf einen Teller
nach meinem Kopfe zu werfen, welcher aber fehl ging, und beinahe den Magister
erschlagen hätte. Ich sprang auf in voller Wut, als wenn ich alles niedermachen
wollte und über ihn her. Ist dem nicht also, Herr Lampert?
    Hr. Lampert. Allerdings, er kam garstig weg.
    v.N. Er fing an zu schimpfen und zu schelten. Willst du dich noch maussig
machen? sagte ich, und was dergleichen mehr war. Kann er sichs nicht erinnern,
was ich ungefehr noch sagte?
    Hr. Lampert. Sie sprachen noch eins und das andere, zum Exempel: Du hast
wohl nie einen Hund aus dem Ofen gelockt und willst dich an mich wagen?
    v.N. Ja, ich erinnere mich. Gehe, sagte ich, Eisenfresser, der du sein
willst, du hast wohl nie einen Hund aus dem Ofen gelocket und willst dich an
mich wagen, und in eben dem Augenblicke lag er die Länge lang unten vor der
Treppe.
    Der Major. Stellte er sich denn nicht zur Wehre?
    Hr. Lampert. Nicht sonderlich. Er war über den mutigen Angriff erschrocken,
dass er kein Leben hatte, er versah sich dieses ganz und gar nicht.
    Der Major lachte sehr laut.
    v.N. Worüber lachen sie? Herr Lampert, ists nicht alles so, wie ich es
erzählet habe?
    Hr. Lampert. Vollkommen so, auf meine Ehre.
    Der Major. Ich setze in die Wahrheit ihrer Erzählung gar keinen Zweifel, ich
ergötze mich nur an der glücklichen Anwendung des bekannten Sprichworts.
    v.N. Ist das zum Sprichwort worden? haben sie es mehrmals gehöret?
    Der Major. Sehr oft.
    v.N. Das Sprichwort kommt von mir her, ich habe es erfunden. Vor mir hat es,
so viel ich weiss, Niemand gebraucht, und ich weiss selbst nicht, wie es mir
damals eben zu so gelegner Zeit eingefallen ist. Es stunden ein Haufen Leute um
mich, da ich zu meinem Gegner sagte: du hast wohl nie einen Hund aus dem Ofen
gelockt, und wie auf Messen alles bald ausgebreitet wird, so ist auch dieses
bald unter die Leute gebracht worden.
    Der Major. Ey wenn sie ein Mann sind, der Sprichwörter erfinden kann, so muss
man billig Hochachtung für sie haben.
    Der Baron. Ich denke, der Herr v.N. hat ihren Anforderungen nunmehro Genüge
geleistet. Hält sie noch etwas zurück, ihm ihre Hand zu geben, und sich mit ihm
zu versöhnen?
    Der Major. Bei meiner Ehre, er hat alles erfüllt, was ich verlangen konnte,
und das mit so leichter Mühe. Aber auf meiner Seite hält es schwer, ich lebe
noch nach den alten Grundsätzen des Herrn v.N. und seine neuen wollen mir gar
nicht in Kopf - ich kann mich nicht überwinden.
    v.N. Haben sie noch einige Zweifel wegen des Ehrenpunktes, so will ich mich
bemühen sie zu heben.
    Der Major. Das ist nicht nötig, erlauben sie nur, dass ich mit diesen Herren
einen kleinen Abtritt nehme, um ein oder den andern Punkt nochmals zu überlegen.
    v.N. Alles nach ihren Gefallen.
    Die Herren begaben sich hierauf in ein Nebengemach bis auf den Herrn v.N.
und den Hrn. Lampert, diese besprachen sich in Abwesenheit der übrigen folgender
Gestalt.
    v.N. Nun, was meint er, Herr Lampert, wie habe ich bestanden? Habe ich heute
meinem Gevatter Ehre oder Schande gemacht?
    Hr. Lampert. Nichts als Ehre, und der Ausgang weist nunmehro, dass sie dem
Wege, den Herr Grandison zuerst betrat, glücklich nachgespüret haben.
    v.N. Einen Teil des glücklichen Ausganges dieser kützlichen Sache habe ich
ihm zu verdanken. Er hat mich die letzten drei oder vier Tage dressiret wie ein
Schulpferd. Wenn ich nicht wohl wäre gefüttert gewesen, so hätten die Sachen
können schief laufen; nun aber denke ich, soll Herr Grandison von diesem Handel
so viel Ehre haben, als ich selber. Findet er ganz und gar nichts an meiner
heutigen Aufführung auszusetzen.
    Hr. Lampert. Ganz und gar nichts. Einige Kleinigkeiten wollen nichts sagen.
Wenn das Hauptwerk gut ausgeführet wird, so lässt man einige kleine Fehler in
Nebendingen durchschleichen, ohne sie zu bemerken. Quandoque bonus dormitat
Homerus, wenn dieser grosse Dichter Götter und Helden reden lässt, wie sie sollen:
so vergibt man ihm eine kleine Ausschweifung, wenn er auch gleich einmal Pferde
und Schiffschnäbel mit einander schwatzen lässt.
    v.N. Rom ist nicht auf einen Tag gebaut. Wenn ich es noch nicht so weit
gebracht habe als Sie Carl, so werde ich es schon mit der Zeit noch so weit
bringen. Wenn er etwas auf dem Herzen hat, so sag er es nur heraus, sein Tadel,
hoffe ich, soll mich bessern.
    Hr. Lampert zuckte die Achsel mit einem Reverenze. Die Sonne erleuchtet den
ganzen Horizont, und hat doch ihre Flecken.
    v.N. Das weiss ich, sag er nur heraus, was er an mir zu tadeln findet.
    Hr. Lampart. Ich muss ihren Befehlen gehorsamen, und dieser wird meine
Verwegenheit entschuldigen. Ich hätte wohl gewünscht, dass sie nicht ihre ganze
Compagnie, die sie in Italien commandirten, hätten aufknüpfen lassen.
    v.N. Was liegt daran, und wenn ich eine ganze Armee hätte aufknüpfen lassen,
so wären dadurch nicht weniger Menschen worden. Ich weiss aber der Sache schon
abzuhelfen, ich will sagen, meine Compagnie hätte nur aus fünf Mann bestanden,
alsdenn wird die Erzählung ganz wahrscheinlich sein.
    Hr. Lampert. Vermeiden sie es lieber, wo sie können, wieder daran zu denken.
    v.N. Weiter im Text.
    Hr. Lampert. Der Peruckenmacher in Padua hätte die Kosten auch spahren
können, sie auf sein Schild mahlen zu lassen. Diese Erzählung schien ihnen mehr
nachteilig als vorteilhaft zu sein, es können einem allerlei Nebengedanken
dabei einfallen.
    v.N. Ich würde nicht darauf gefallen sein, dieses zu erzählen, wenn mich
nicht seine verwünschte Vergleichung mit dem Miltiades darauf gebracht hätte.
Inzwischen ist doch so etwas eben nicht unmöglich, und wenn ich mir es nicht
abstreiten lasse, so müssen sie es glauben. Weiter.
    Hr. Lampert. Der Concilius Tridentinus schnitt mir durchs Herz. Habe ich
ihnen nicht gestern diese Stelle aus dem Grandison erkläret? Das tridentinische
Concilium war eine Kirchenversammlung und kein Kirchenvater.
    v.N. Kleinigkeiten! Ich bin gut dafür, dass keiner von den Herren jemals
etwas von dem tridentinischen Concilio gehöret hat, ausser was ich ihnen davon
gesagt habe.
    Es schien, dass der Herr Magister Lampert noch viele Anmerkungen im Vorrat
hatte, und dass diese nur als Vorläufer von wichtigern anzusehen waren; es wurde
dieses Gespräche aber durch die Wiederkunft der übrigen
Gesellschaftunterbrochen. Der Herr Baron brachte den Herrn Major bei der Hand in
das Zimmer geführet, welcher etwas zu widerstreben schien, inzwischen lies er es
doch geschehen, dass seine Hand in die Hand des Herrn v.N. geleget wurde, und die
Aussöhnung kam also hierdurch zu Stande.
    Der Major. Verflucht! das hätte ich nicht gedacht, dass ich so würde
überwunden werden.
    Der Baron. Es ist gut, dass es geschehen ist; wir dachten alle nicht, dass
sich die Sache auf eine freundschaftliche Art endigen würde.
    v.H. Ich kann es auch, bei meiner Seele, noch nicht begreifen, wie dieses
zugegangen ist!
    v.W. Ob du es eben begreifest oder nicht, daran ist nicht viel gelegen,
genug es ist geschehen.
    Der Major. Wer kann einem solchen Manne widerstehen, als dieser Herr v.N.
ist? das mag ein andrer tun und ich nicht.
    v.N. Sie haben sich von mir nicht überwinden lassen, sondern von der
gesunden Vernunft.
    Der Baron. Wie edel! Wir werden uns aller ihrer Reden und goldenen Lehren,
die sie uns gegeben haben, erinnern, wenn sie auch nicht gegenwärtig sind.
Dieser Schrank hat sie alle zum Gedächtnis und zu unserer Wiedererinnerung
aufbehalten.
    v.N. Wie verstehen sie das?
    Der Baron. Ich beredete den Herrn Major, zu verstatten, dass ein junger
Mensch, auf dessen geschwinde Faust ich mich verlassen konnte, eine aufrichtige
Erzählung von alle dem, was vorfiele nachschreiben sollte, und er steckt in
diesem Schranke.
    v.N. Das ist etwas sonderbares, ich kann mich nicht genug darüber
verwundern. Inzwischen da die Sache zu dem Vorteile eines jeden ausgefallen
ist, und jeder Teil mit Ehre aus dem Handel scheidet, so dürfen wir kein
Protokoll fürchten.
    Der Baron. Herr Wendelin, ihre Verrichtung ist zu Ende. Sein sie so gut und
kommen sie heraus aus ihrem Schranke, mit dem, was sie geschrieben haben.
    Der Schreiber gehorchte, er hatte sich lange nach seiner Erlösung gesehnet.
Der Herr Baron fragte, ob das Protokoll sollte vorgelesen werden; allein man
sagte, dass es Zeit wäre zur Tafel zu gehen. Der Herr v.N. wollte durchaus nach
Hause, ohngeachtet ihn sehr zu hungern schien, endlich blieb er doch auf vieles
Bitten.
    Der Schreiber bekam hierauf Befehl, das Protokoll einige mal sauber
abzuschreiben, und von dem Herrn Baron v.F. seine Copialien zu erwarten.
Zugleich wurde ihm in geheim anbefohlen, in dem Exemplare, das für den Hrn. v.N.
bestimmt war, die besondere Unterredung desselben mit dem Herrn Lampert
wegzulassen, auch gegen beide zu läugnen, wenn er allenfalls deswegen sollte
befraget werden, dass er sie nachgeschrieben habe. Dieses ist also die richtige
Abschrift von allem, was vorgegangen ist, welches nach seinem besten Vermögen
nachgeschrieben und auf Verlangen Sr. Hochwohlgebohr, dem Herrn Baron v.F.
eingehändiget hat.
                                     Dessen
                                                            untertäniger Diener
                                                           Joh. Caspar Wendelin.
    Ich will nun meine Erzählung da fortsetzen, wo sich des jungen Wendelins
seine endiget. Den ganzen Tag über blieb die Gesellschaft bei uns. Man sah
nichts als Freundschaftsbezeigungen von einer und der andern Seite, unsere
Herren schienen ein Herz und eine Seele zu sein. Unser Oncle liess eine solche
Zufriedenheit über sich selbst blicken, dass ich glaube, er hat diesen Tag unter
die glückseligsten seines Lebens gezählet. Der Herr v.H. war immer in tiefen
Gedanken, der gute einfältige Mann, der den Zusammenhang der Sache nicht
einsah, konnte nicht begreifen, wie ein solcher Zwist friedlich wäre beigeleget
worden. Er sagte, es käme ihm alles wie ein Traum vor. Er hat die Ehre, dass er
der erste ist, den unser Oncle zu seinem Jünger gemacht hat, und wenn er eine
Secte stiftet, so muss der Herr v.H. unter seinen Anhängern oben an stehen. Ehe
wir noch speisten, fertigte der Herr v.W. seinen Jäger an seine Gemahlin ab, um
ihr zu melden, dass alles glücklich vorbei wäre. Ich hatte mir vorgenommen eine
kleine Rache an ihr auszuüben. Ich wollte den Jäger abrichten, dass er sich in
Wilmershausen ganz betrübt stellen sollte, als wenn ihm etwas im Gemüte läge,
das er sich nicht getrauete zu sagen. Er sollte sich gegen das Gesinde verlauten
lassen, sie würden bald eine schlimme Zeitung hören, dadurch sollte die Frau
v.W. auf die Vermutung gebracht werden, dass in Schöntal auf ihr Anstiften ein
grosses Unglück entstanden wäre. Ich unterliess es jedoch hernach, weil mir der
Kerl zu einfältig schien seine Person wohl zu spielen; ich dachte auch die Frau
v.W. würde gegen uns und ins besondere gegen mich nur noch mehr aufgebracht
werden, wenn sie erführe, dass man einen Schreckschuss auf sie getan hätte. Der
Baron ist mit dem Major sehr wohl zufrieden, unser Oncle sieht den letztern als
seinen Neubekehrten an. Der Major nahm es auf sich, der Frau v.W. eine solche
Vorstellung von dem Vorgang der Sache zu machen, die sie völlig zufrieden
stellen wird, und wir sehen bereits von seiner Bemühung gute Wirkungen. Das
Fräulein v.W. meldet mir, dass ihre Mutter mit dem Hrn. v.N. halb und halb wieder
ausgesöhnt zu sein schiene, und diese Versöhnung wird vollkommen werden, wenn er
sie, wie er versprochen hat, schriftlich um Verzeihung bittet. Ob er gleich
feste darauf bestehet, dass er nicht beleidiget hat: so will er sich doch vor ihr
demütigen, und durch diesen Beweis der Grossmut, wie er es nennt, sie
gleichfalls bekehren. Das Protokoll wird sie niemals zu sehen bekommen, und wenn
ihr Gemahl auch etwas davon gegen sie gedenken sollte, so wird man doch
jederzeit eine Entschuldigung finden, um es ihr nicht in die Hände zu geben. Der
Herr v.W. hat sich mit ihr ausgesöhnet, wiewohl auch nicht vollkommen; rechte
gute Freunde werden sie niemals; aber er verschliesst sich doch nicht mehr in
seine Studierstube. Es ist Zeit, dass ich mein aufgeschwollenes Paquet siegele
und fortschicke, ich lasse es nach Strassburg gehen; ich glaubte nicht, dass es
dich noch in London antreffen würde, du wirst es also in Strassburg finden. Unter
den eifrigsten Wünschen, nach glücklich vollendeter Reise, bei vollkommenen
Wohlsein diesen Brief zu erbrechen, empfiehlt sich ihrem geliebtesten Bruder.
                                                                     Amalia v.S.
 
                                    Fussnoten
1 Dieses sind die vorhergehenden Briefe vom 6ten bis auf den 14ten.
 
                                  XVI. Brief.
                   Der Hr. v.N. an den jungen Hrn. Baron v.S.
                                                                   den 23 Octob.
Warum wollen Sie doch England verlassen? Es treibt Sie ja keine Not darzu. Sie
sind bei meinem Herrn Gevatter dem Baronet wohl aufgehoben; so viel ich aus
Ihren Briefen abnehmen kann, hält er Sie wie sein Kind, und er wird es
vermutlich gerne sehen, wenn Sie noch eine Zeitlang bei ihm bleiben. Mein Rat
ist nicht dabei, dass Sie vor Ausgang des Jahres abreisen. Inzwischen muss ich
Ihnen freilich Ihren freien Willen lassen, und wenn Sie es nicht besser haben
wollen, so reissen Sie hin wohin Sie wollen, ich denke, Sie werden wie die
Schweizer, das Heimwehe bekommen haben. Tun Sie mir nur den Gefallen, und
beschmausen Sie die englischen Freunde noch einmal die Reihe herum, und
empfehlen Sie mich einem jeden von denenselben ins besondere. Sie nennen Sich
selbst einen Abgesandten von mir an den Herrn Grandison, Sie sollen es auch bei
seiner ganzen Familie sein, tun Sie Sich nur bei der Abschiedsaudienz nur recht
bene. Machen Sie dem Herrn Richardson von mir ein gross Kompliment, und bedanken
Sie Sich für die Ehre, die er mir erzeigen will, von mir einen Roman zu
schreiben, und solchergestalt mich in England bekannt zu machen. Wenn es mir mit
meiner Henriette gelingen sollte, so bin ich nicht abgeneigt ihm zu willfahren,
er mag alsdenn ein langes und ein breites von mir schreiben; jetzo ist aber die
Sache noch nicht reif genug. Das können Sie Sich unterdessen zur Lehre nehmen,
dass ich niemanden erlauben werde, von mir zu schreiben, als dem Herrn
Richardson.
    Das ist ein verzweifelter Streich mit der Glocke! der verwünschte Zolljude,
der solche für Contreband erkläret hat, wäre wert, dass er bei den Beinen
aufgehangen würde. Hat ihn denn Herr Grandison nicht verklagt? Der Pfarr geht
mir abscheulich zu Leibe, und will mir eine neue Glocke abzwingen: ich werde ihn
aber garstig ablaufen lassen, wenn er sich unterstehet, nur wieder mit einem
Worte an die verhasste Sache zu gedenken. Suchen Sie doch den D. Bartlett zu
bereden, dass er an ihn schreibt, und ihn zur Geduld verweist. Ich habe jetzo
ohnedem meine liebe Not, ich bin in eine recht böse Sache verwickelt, davon
sich nicht viel schreiben lässt. Nur im Vorbeigehen ein Wort davon zu gedenken,
ich soll mich schlagen; aber daraus wird nichts, es wird mir rühmlicher sein,
wenn ich die Sache auf Sir Carls Fuss stelle, und sie in der Güte beilege.
    Hören Sie, noch eins wollte ich gedenken, ehe ich schliesse. Der Magister ist
auf den Einfall geraten, meine Bildergallerien mit den Portraits der Personen,
die in der Geschichte des Herrn Grandisons vorkommen, auszuschmücken. Der
Einfall ist gut und gefällt mir, er hat dabei allerlei gute und heilsame
Absichten. Sehen Sie doch zu, dass Sie diese Portraits beim Leibe bekommen; oder
dass Sie mir wenigstens gute Copieen davon verschaffen. Für die leichte Mühe wird
ihnen sehr verbunden sein
                                      Ihr
                                                                   treuer Vetter
                                                                            v.N.
 
                                  XVII. Brief.
                   Der Herr v.S. an das Fräulein Amalia v.S.
                                                           London den 6 Novembr.
        Geliebte Schwester,
Die letzten Tage meines Aufentalts allhier, habe ich zu Verfertigung eines
Tagebuchs angewendet, welches du mit meinem Briefe empfängst, um es meinem Oncle
zuzustellen. Du wirst aus beigelegtem Schreiben, das ich vor einigen Tagen von
ihm erhielt, ersehen, dass er mich nochmals zu seinem Abgesandten an das ganze
Haus der Grandisonen ernennet hat. Zu einer solchen Gesandtschaft wird viele
Zeit erfordert, und da ich diesen Brief erhielt war es zu spät, dass ich
wahrscheinlicher Weise diesen Posten noch erst hätte verwalten können; ich habe
ihn also beredet, dass ich durch eine glückliche Ahndung seinen Befehl bereits
hätte erfüllt gehabt, ehe ich ihn erhalten. Aus der Dicke dieses Briefes wirst
du auf die Weitläuftigkeit desselben schlüssen können. Ich habe ihn nicht
gesiegelt, damit er in Schöntal kann gelesen werden, wenn es dir oder dem Baron
gefällt, sich diese Mühe zu nehmen. Wenn unser Oncle oder der Magister Lampert
einige Einwürfe bei einer oder der andern Stelle dieses Tagebuchs machen sollte,
so muss man diese zu widerlegen suchen; damit seine Zweifel nicht Wurzel schlagen
und das Spiel verderben. Ich habe meiner Einbildungskraft darin oft den Zügel
gelassen, mein Journal verfällt an manchen Orten ins wunderbare; doch glaube ich
nicht, dass ich die Sphäre meines Oncles überschritten habe: Wer sich getrauet
andern unglaubliche Dinge aufzubürden, der muss auch geneigt sein, etwas von
gleichem Schlage selbst zu glauben.
    Der Magister Lampert will die Bildergallerie unseres Oncles mit den
Porträits der engländischen Freunde ausschmücken, und der Oncle bittet mich sehr
angelegentlich ihm dazu behülflich zu sein. Ich habe ihm diese Bitte nicht
abschlagen wollen, besonders da sich eine gute Gelegenheit zeigte sie leicht zu
erfüllen. Vor einigen Tagen war in meiner Nachbarschaft eine Auction von
allerlei alten Meubles, ich schickte meinem Heinrich dahin, um einige Portraits
zu erstehen, die ich aus dem Verzeichnisse gewählet hatte. Es sind lauter
berühmte Leute gewesen; ich habe sie aber umgetauft, und ihnen Namen aus dem
Grandison beigeleget, die ich auf die Rückseite der Porträits habe schreiben
lassen. Damit man indessen in Schöntal wisse, was für Personen sie eigentlich
vorstellen: so will ich das Verzeichnis davon hiehersetzen.
Nr. 1) Tomas Morus ein englischer Canzler, dieser soll wegen seines grossen
    Bartes den Juden Merceda vorstellen.
2) Olivier Cromwell, dieser hat mir wegen seines kleinen aus der Mode gekommenen
    Zwickbärtgens sehr viel Mühe gemacht, ich wusste nicht, was ich aus ihn
    machen sollte, endlich glaubte ich, der Knight Sir Roland Meredit könnte
    noch wohl dadurch vorgestellt werden, denn er wird auch als ein Mann aus
    der alten Welt beschrieben.
3) Den Herzog v. Marlborugh habe ich wegen seiner langen schwarzen Heldenperucke
    zum spasshaften Oncle Selby gemacht.
4) Wilhelm Pen ein berühmter Quäcker mag wegen seiner andächtigen Mine der
    weinende Herr Orme sein.
5) Dieses Portrait stellet einen italiänischen Abt vor, der ein hauptgelehrter
    Mann soll gewesen sein. In dem Auctionscatalogus wird er Julius Bartoloccius
    genennet. Du wirst es sogleich erraten, dass ich den Pater Marescotti daraus
    gemacht habe. Lampert wird sich freuen, wenn er sieht, dass dieser
    ehrwürdige Pater eben so ein feister Mann ist als er selber. 6) und 7)
    sind die Schildereien zwoer berühmter königlichen Maitressen aus dem vorigen
    Jahrhunderte. Die jüngere heisst Sidlei und wurde hernach zur Gräfin von
    Dorchester erhoben, diese sieht eben so aus wie die Signora Olivia
    beschrieben wird, sie mag es also sein. Die ältere ist die bekannte Herzogin
    von Portsmout, die unter der Regierung Carl des Andern berühmt war. Sie muss
    gemahlet sein, da sie bereits die Sünde verlassen hatte, ich finde ganz und
    gar nichts reizendes an ihr, und bin deswegen genötiget worden, Tante Loren
    aus ihr zu machen.
    Ich hoffe, der Oncle wird mir wegen Uebersendung dieser Porträits sehr
verbunden sein, wenn er sie für ächt erkläret. Unser Schwager wird mein
Schreiben vom 16 October erhalten haben,1 und sich nach der Anweisung wegen
Uebermachung meiner Wechsel richten, ich ersuchte ihn zugleich, keinen Brief
noch Empfang meines Schreibens, nach Londen abgehen zu lassen. Den deinigen vom
20 des vorigen Monats habe ich erhalten, und hoffe den nächstfolgenden in
Strassburg anzutreffen. Die Händel meines Oncles mit dem Major v. Ln. werden
nunmehro sonder Zweifel glücklich und ohne Blut geendiget sein. Man hätte es so
weit gar nicht sollen kommen lassen, wenn inzwischen nur ein Scherz daraus ist
gemacht worden, wie du glaubst, dass es nichts weiter sein werde, so mag es noch
hingehen; wenn aber der Herr v. Ln. Ernst daraus gemacht hat, so ist er in der
Tat kein Original zu dem Porträit, das der Baron ehemals von ihm machte. Ich
will indessen das beste von ihm glauben, bis auf weitere Nachricht, welche von
seiner geliebten Schwester erwartet
                                                                            v. S
 
                                    Fussnoten
1 Dieser Brief ist weggelassen worden, weil er nichts, das zu dieser Geschichte
gehöret, entält.
 
                                 XVIII. Brief.
                         Der Hr. v.S. an den Hrn. v.N.
                                                        Londen den 3. 4. 5. Nov.
Ehe ich noch das Creditiv von Ihnen als Dero Abgesandter an die englischen
Freunde erhielt, hatte ich mich bereits, unter der Hoffnung, dass Sie es billigen
würden, eigenmächtig dazu aufgeworfen. So bald Sir Carl von Shirleimanor zurück
kam, entdeckte ich ihm, dass ich entschlossen wäre, England in kurzem zu
verlassen, und bat mir hierzu seine Erlaubnis aus. Er erteilte mir solche sehr
ungern, und versicherte mich, dass er es gerne sehen würde, wenn ich den Winter
über bei ihm bleiben wollte. Ich merkte, dass er mir von Tag zu Tage gewogener
schiene, vermutlich Ihrentwegen. Ich musste ihm versprechen, wenigstens vor
Ausgang des Octobers nicht abzureisen, wozu ich auch gerne meine Einwilligung
gab. Unterdessen fing ich bereits in der Mitte des abgewichenen Monats an, meine
Abschiedsvisiten zugeben, und damit ich im Stande wäre, Ihnen davon einen
getreuen Bericht abzustatten; so habe ich darüber ein ordentliches Tagebuch
geführet, welches ich Ihnen hier mitteilen will.
    Den 16 October kam ich in Selbyhausen an, um mich der kleinen Colonie der
Anverwandten von der Lady Grandison, die von Grandisonhall am weitesten entfernt
sind, zu empfehlen. Oncle Selby hatte nicht so bald die Ursache meiner Ankunft
erfahren, so sagte er zehnmal in einem Oten: Was der Daus! und wollte nichts
von meinem Abschiede wissen noch hören, seine Dame und Fräulein Lucia baten mich
gleichfalls recht sehr, in England zu überwintern. Fräulein Lucia sagte, sie
hätte sich vorgenommen, den Winterlustbarkeiten in Londen beizuwohnen, und hätte
geglaubt, ich würde sie in die Komödie und auf die Masqueraden begleiten. Ich
schloss daraus, dass sie mir eben nicht abgeneigt wäre. Wenn sie nicht weiter an
vierzig als an dreissig wäre, wer wüsste, ob nicht ein Paar aus uns werden könnte;
ich möchte dem Herrn Grandison gern etwas näher angehen als die Christenheit.
Wäre aber das nicht eine vortrefliche Partie für Sie? Wenn sie meine Tante
werden könnte, so wollte ich mein halbes Vermögen unter die Armen austeilen.
Ihren Charakter kennen Sie, und an ihrer Person ist nichts auszusetzen. Sie hat
sich in allen Briefen an Lady Grandison nach Ihnen erkundiget, und ich musste ihr
Dero Person vom Kopf bis auf die Füsse beschreiben. Sie kann sehr künstlich in
Wachs poussiren und hat nach meiner Beschreibung einen Abdruck von Ihnen
verfertiget, der dem Original ziemlich gleich ist; ja sie hat diesem Bilde sogar
einiger massen ein Leben gegeben; man darf nur an einem Pferdehaar ziehen, so
bewegt es Hand und Fuss und verdrehet auch auf eine verliebte Art die Augen. Von
mir hat sie zwar auch einen Abdruck gemacht: sie hat aber lange nicht so viel
Mühe darauf verwendet, als auf den Ihrigen. Ich habe meine Gedanken darüber
gehabt, ohne Zweifel seufzet das gute Kind nach Ihnen. Machen Sie sie glücklich.
Sie werden bei ihrem Besitz den Himmel auf Erden haben, und Ihr Ruhm wird in
England auf den höchsten Gipfel steigen, wenn Sie dieses unüberwindliche
Fräulein, das mehr als ein halb Schock Körbe ausgeteilet hat, besiegen. Sie
schickt sich zu Ihren Jahren vollkommen, und ist für Sie weder zu jung noch zu
alt. Das Fräulein, welches Sie für Ihre Henriette halten, erscheinet ohnedem
nicht in dem Lichte einer Henriette Byron, da hingegen Lucia von der Lady
Grandison nicht anders als der Mond von der Sonne so viele Strahlen empfangen
hat, dass sie an dem Firmamente der Schönen alle übrige Sterne verdunkelt.
    Den 18. Oct. Heute habe im einen Mann kennen lernen, den ich zu sehen so
lange vergeblich gewünschet habe. Der Oberste Greville stattete bei dem Herrn
Selby einen Besuch ab. Ich entsetzte mich über das furchtbare Ansehen dieses
Mannes, er kam zu Pferde. Da er im Hofe abstieg, schütterten die Fenster von dem
schrecklichen Gewichte seiner Stiefeln. In dem Saale, wo sich die Gesellschaft
befand, ist eine gebrochene Tür. Von ungefehr war nur die eine Hälfte eröffnet,
er brach mit solcher Heftigkeit herein, dass er die andere Hälfte der Tür mit
sich nahm, und das Schloss beschädigte. Er warf seinen Hut, nachdem er gegen die
Gesellschaft ein Kompliment gemacht hatte, mit solcher Heftigkeit auf den Tisch,
dass das eiserne Kreuz davon absprang, und fing dergestalt an auf die Franzosen
zu fluchen, dass mir Angst und bange dabei wurde. Er liegt schon seit drei
Monaten an den Küsten, um eine feindliche Landung zu verwehren, und ärgert sich
ausserordentlich, dass er seine Tapferkeit noch nicht hat zeigen können. Er sagte,
die Rede gienge, sein Regiment sollte mit nach Deutschland übergesetzt werden.
Ich musste ihm deswegen Ihren Namen und Aufentalt sagen, welches er sogleich in
seine Schreibtafel eintrug, um bei seiner Ankunft in Deutschland Ihnen einen
Besuch abzustatten. Ich wundere mich nun nicht mehr, dass er eben so wenig als
Herr Orme in seiner Stutzperucke und roten Augen in dem Herzen einer Henriette
einen Eingang gefunden hat. Zwischen ihm und dem Herrn Grandison ist kein
geringerer Unterschied als zwischen Nacht und Tag. Mit Fräulein Lucien und
Kätchen Holles machte er sich immer etwas zu schaffen; aber er scherzte eben
nicht auf die feinste Art. Da ich es indessen einmal wagte, über einen seiner
Spase, des Frauenzimmers wegen, nicht zu lachen, so gab er mir ein Gesichte, dass
ich dachte, er würde den Augenblick von Leder ziehen. Einmal zog er Fräulein
Lucien eine Nadel aus dem Strumpfe, und da sie darüber unwillig wurde, nahm er
ihr noch darzu den Knaul vom Schosse und liess es seinem Budel einige mal
apportiren. Kätchen Holles musste auch vieles von ihm ausstehen. Er goss ein
ganzes Fläschgen voll Lavendelwasser über sie her, weil sie sich über den Geruch
seiner tranigten Stiefeln beschwerte. Hören sie, sagte er zu mir, was denken
sie von mir, halten sie mich nicht für den unbescheidentsten Mann in England?
Ich machte einen Reverenz und lächelte. Sie haben Recht, fuhr er fort,
vielleicht bin ich es jetzo, besonders gegen das sogenannte schöne Geschlecht;
vor diesem aber war ich es nicht, die Verzweiflung hat mich dazu gebracht, dass
ich dem Frauenzimmer einen unaufhörlichen Krieg angekündiget habe. Bedauern sie
mich, dass ich so unglücklich bin, kein Vergnügen in der Welt zu geniessen, als
dieses einzige, wenn ich das Frauenzimmer gegen mich so aufbringen kann, dass sie
drohen, mich mit den Augen todt zu schlagen. Aber glauben sie wohl, dass mir eine
den Gefallen erweisst und über mich zornig wird? Nein, das Vergnügen kann ich
nicht erleben! So ein unglücklicher Hund bin ich, und so einen abscheulichen
Groll hat das Frauenzimmer jederzeit gegen mich gehabt, dass zu der Zeit, da ich
wünschte, dass mir die Mädchen günstig wären; mich keine lieben wollte und jetzo,
da ich wünschte, dass sie mir alle spinnefeind wären, will mich keine hassen.
Fräulein Lucia und Holles lachten in der Tat über ihn; es schien aber, als wenn
sie unter diesem angenommenen Lächeln nur ihren heimlichen Groll gegen ihn
verbergen wollten. Oncle Selby, der ihm im Herzen nicht günstig ist, belachte,
aus einer furchtsamen Gefälligkeit allen beleidigenden Scherz seines ungestümen
Nachbars über laut. Herr Greville kann es noch bis auf diesen Tag nicht
verwinden, dass ihm Sir Carl einen Arm ausgerenket hat; er ist dergestalt
ausgedehnet worden, dass er eine gute Viertelelle länger ist als der andere. Wenn
er aufgerichtet stehet, so kann er wie Artaxerxes Longimanus das Knie erreichen,
er ist auch bei der Armee unter dem Namen des Langhändigen bekannt. Wenn ich
Lust gehabt hätte, Kriegesdienste anzunehmen, so würde ich unter seinem
Landregimente, das in Kriegszeiten allemal beritten gemacht wird, jetzo Cornet
sein. Er bot mir seine Dienste an und versprach, mit der Zeit einen braven Mann
aus mir zu machen. Er wünschte nichts mehr, sagte er, als Sie kennen zu lernen,
er weiss, dass Sie unter einem Eugen gefochten, und glaubt, dass Sie diesem Helden
alle seine Kunstgriffe und Kriegeslisten abgelernet haben. Er vermass sich hoch
und teuer, wenn er Ihre Kriegswissenschaft besässe, so wollte er mit seinem
Regimente sich nach Amerika überschiffen lassen, diesen Weltteil als ein
zweiter Vespuz erobern, ihn umtaufen und nach seinem Namen nennen. Gegen Abend
verliess er Selbyhausen, und nach seinem Abschiede war es daselbst so stille, als
wenn ein ganzes Regiment Soldaten ausmarschiret wäre. Ich bat Fräulein Lucien,
diesen Kriegsmann gleichfalls in Wachs zu poussiren, und mir damit ein Geschenke
zu machen; sie will ihn aber dieser Ehre nicht würdigen.
    Den 19 taten wir eine kleine Spazierfahrt nach Shirleimanor, um das
prächtige Epitaphium in Augenschein zu nehmen, welches Sir Carl seiner
Schwiegermutter, der selgen Frau Shirlei, errichten lässt. Viele gelehrte Männer
sind der Meinung, dass die vortrefliche Inscription des sinnreichen Herrn M.
Lamperts von ungleich grösserm Wert sei, als die künstliche Arbeit, welche man
hierbei gleichsam verschwendet. Ein italiänischer Baumeister der die Anlage zu
diesem ruhmvollen Denkmaale gemacht hat, und noch bis jetzo die Aufsicht über
das Werk führet, nahete sich mit vieler Ehrerbietung, vielleicht aus Antrieb des
Herrn Selbys zu mir, und ersuchte mich, ihm das Portrait des Herrn Verfassers
der Inscription zu verschaffen; er wäre entschlossen, sagte er, die Gestalt
eines Engels, der oben an die Verzierung angebracht werden sollte, darnach zu
bilden. Ich war über diesen Antrag, die Gestalt meines verdienstvollen Lehrers
verewiget zu wissen, so gerührt, dass ich in der ersten frohen Entzückung mich
beinahe übereilet, und dem Künstler seine Bitte zugestanden hätte. Da ich aber
hernach etwas genauer erwog, dass das Epitaphium aus schwarzen Marmor bestund,
und der gemeine Mann leichtlich aus Irrtum diese ehrwürdige Gestalt des Herrn
Lamperts mit einem Mohren, oder noch mit etwas schlimmern hätte verwechseln
können: so suchte ich eine Entschuldigung diese Bitte abzulehnen.
    Nachdem wir in der Cederstube den Tee getrunken hatten, so schnitt der
freigebige Oncle Selby einen ziemlichen Span aus der Vertäfelung dieses Zimmers
aus, und verehrte mir solchen zu einem Zahnstocher. Diese Ehre wiederfähret auf
Befehl Sir Carls allen Fremden, die von einer edlen Neubegierde angetrieben,
dieses durch seine Geschichte so berühmt gewordene Haus besuchen, und ich fand,
dass bereits ein ganzes Bret weggeschnitten war. Ehe wir wieder auf den Wagen
stiegen, um nach Selbyhausen zurück zu kehren, führte mich Herr Selby noch in
die kleine Hauskapelle; sie wird itzo nicht gebraucht; indessen ist sie so
geräumig, als eine mässige Dorfkirche in Deutschland. Sie hat eine vortrefliche
Orgel, welche Sir Carl vor einem Jahre nach Grandisonhall in sein Musikzimmer
bringen, und die seinige davor in diese Capelle wollte setzen lassen; allein der
Pastor, dem Shirleimanor als ein Filial zustehet, fing heftig an darwider zu
schreien, und drohete, ihn öffentlich für einen Kirchenräuber zu erklären, wo er
sein Vorhaben ausführen würde. Sir Carl hat der Schwachheit dieses Mannes
nachgegeben, und also ist es unterblieben. Das sehenswürdigste Stück in dieser
Kapelle war die Masquenkleidung der Lady Grandison, als einer arkadischen
Prinzessin, worinne sie von Sir Hargrave Pollexfen war entführet worden. Die
selge Frau Shirlei hat sie zum ewigen Andenken hier aufzuhängen befohlen, damit
die Nachkommen bei Erblickung dieser Kleidung an die Gefahr und an die
wunderbare Errettung ihrer Henriette erinnert werden möchten, eben so wie man zu
gleicher Absicht in Deutschland ehemals die Ordenskleider einiger aus den
Klöstern entsprungenen Nonnen in den Kirchen aufbehalten hat.
    Der 20 war zum Abschiede bestimmt. Oncle Selby weinte wie ein Kind, da ich
anfing, mein weitläuftiges und wie ich hoffe wohl ausstudiertes
Abschiedskompliment herzubeten. Er drehete sich mehr als zehnmal unter meiner
Harangue auf dem Absatze herum, um seine Tränen zu verbergen, die ihm aber doch
immer über die dicken Backen herab rolleten. Im Anfang wollte er zwar noch
Scherz machen: verrammelte Tür und Tor, rief zum Fenster hinunter, da ich
aufstund Abschied zu nehmen; da er aber hernach sah, dass es Ernst war, wollte
er sich über meine Abreise nicht zufrieden geben. Seine Dame und die Fräuleins
beobachteten mehrere Anständigkeit. Ich hatte zum Unglück nur auf ein Kompliment
studiret, und konnte für die Fräuleins nicht sogleich ein neues erdenken; ich
bewegte also nur gegen sie die Lippen und machte dazu ein Halbdutzend Reverenze.
Die Fräuleins beobachteten eben dieses gegen mich und beantworteten jeden
Reverenz mit einem ellentiefen Knicks. Hundert Empfehlungen wurden mir von allen
und ins besondere von Fräulein Lucien an Sie aufgetragen. Herr Selby schwur,
wenn er noch vor seinem Ende Sie bei sich zu bewirten das Glück haben könnte,
so wollte er mehr darauf gehen lassen, als Sir Carls Hochzeit gekostet hätte.
    Den 22 liess ich mich bei dem Lord W. melden, nachdem ich Tages vorher in
Londen angelanget war. Er kam mir bis an die Treppe entgegen gefahren. Weil er
als ein Erzpodagrist seine Füsse nicht wohl brauchen kann: so hat er sich einen
Stuhl mit kleinen Rädern verfertigen lassen, der einen Himmel, gleich einem
Baldachin hat. Auf diesem Stuhle ruhet er wie ein asiatischer Prinz auf seinem
Trone. Zween seiner Bedienten, denen er eine Art von Kutschgeschirre hat machen
lassen, müssen ihn im ganzen Hause herum fahren. Diese Erfindung hat mir so wohl
gefallen, dass ich Ihnen das Model davon wünschte. Der Lord versicherte, dass er
wegen dieser Bequemlichkeit seine podagrische Zufälle gar nicht mehr achtete,
und nur wünschte, sich noch zwanzig Jahr dieses Fuhrwerks bedienen zu können. Er
priess sich glücklich, und erhob seinen Neveu, den Baronet, dass er ihm eine
Gemahlin verschafft hätte, die ihm den Rest seines Lebens so angenehm machte,
als er sich solches vorher selbst unangenehm gemacht hätte, und er gab mir den
Rat, wenn ich mich einmal zu verheiraten gedächte, so sollte ich ja keinen
andern als Sir Carln zu meinem Freiersmann wählen. Er eröffnete mir, mit einer
Zufriedenheit über sich selbst, dass seitdem er angefangen hätte, diesen seinen
Neffen als das Vorbild seiner Handlungen zu betrachten, so befänd er sich in
einer recht stoischen Gemütsruhe. Er ersuchte mich zugleich, ihm nur Nachricht
zu erteilen, wie weit es mein Herr Oncle in der Nachahmung dieses grossen
Mannes gebracht hätte. Aus dem Lobe, welches ihm Sir Carl oftmals selbst
beileget, sagte er, mutmase ich, dass er sehr glücklich darin ist. Bezeigen
sie Ihm deswegen meine Beifreude, und muntern sie ihn auf, in seinem guten
Vorhaben fortzufahren. Beim Abschiede begleitete er mich auf eben die Art wie
beim Empfange auf seinem podagrischen Staatswagen mit vieler Höflichkeit über
den Saal bis an die Treppe zurück.
    Den 23 machte ich mich auf den Weg nach Beauchampshire und langte den 24
daselbst an. Sir Beauchamp hatte es sich gar nicht versehen, dass ich noch eine
besondere Reise zu ihm tun würde, um von ihm Abschied zu nehmen und er schien
darüber ganz ausserordentlich vergnügt. Nach den ersten Umarmungen erkundigte er
sich sogleich nach Ihnen, und fragte mich, ob Sie den Zwang noch aushalten
könnten, den Sie Sich unfehlbar, um in den Wegen Sir Carls zu wandeln, antun
müssten. Ich sagte, Sie wäre vollkommen Herr über sich selbst, und also käme es
Ihnen nicht schwerer an, ihr Herz nach dem Herzen Sir Carls zu bilden, als alle
ihre äusserlichen Umstände nach dem Geschmack dieses ausserordentlichen Mannes
einzurichten. Er erstaunte über ihre Standhaftigkeit, und gestund, dass die
Deutschen zur Nachahmung geschickter wären als die Britten. Wenn ich, sagte er,
nach dem Urteile Sir Carls mir schmeicheln kann, ihm einigermassen ähnlich
geworden zu sein: so muss ich zugleich gestehen, dass ich in England der einzige
bin, der den Fusstapfen desselben glücklich gefolget hat. Denken Sie nicht, dass
ich dieses aus Eitelkeit sage, es kann mir daher in keinerlei Absicht ein
Verdienst erwachsen: ich habe nichts getan, als wozu ich bin verbunden gewesen.
Jedermann hat eine Pflicht auf sich, seine innerlichen und äusserlichen
Vollkommenheiten nach Möglichkeit zu befördern: aber nur ein Sir Carl ist im
Stande, diese Pflicht zu erfüllen. Es haben sich in England mehr als tausend
Leute auf dem Pfad der Tugend gemacht, um den Baronet zu folgen; keiner aber hat
diese Laufbahn vollendet, ich selbst folge ihm nur von ferne, wie Petrus. Oder
wollen sie, dass ich die unbändigen Leidenschaften der Menschen mit einem Strome
dergleichen soll, über welchen man schwimmen muss, um an das Gestade der
Vollkommenheit zu gelangen; so ist es an dem, dass viele, da sie Sir Carln haben
landen sehen, kühn genug gleiches gewaget haben: sie sind aber alle von der
Gewalt desselben schnell fortgerissen worden, und ich selbst scheine nur auf
einer Sandbank zu ruhen, da hingegen Ihr Herr Oncle mit Riesenschritten diese
feindseligen Wogen durchwadet und bereits einen Fuss an das Trockene gesetzet hat
- - Wir unterredeten uns noch eine gute Weile über diese Materie, bis wir
endlich beide nichts mehr davon zu sagen wussten, und genötiget wurden, etwas
anderes aufs Tapet zu bringen. Ob ich gleich dem Herrn Beauchamp Dero Schloss,
die Einrichtung des Musikzimmers, die Bildergalerie und alle dazu gehörigen
Stücke sammt und sonders über zehnmal aus den Briefen meiner Schwester und des
Herrn Lamperts beschrieben habe, dass ich dächte, er hätte sich längst müde daran
gehört, so musste ich ihm doch alles von neuem wieder erzählen. Er fragte ins
besondere nach Ihrer Bibliotek. Ich wurde über diesen Punkt in einige
Verlegenheit gesetzt, und fing an mich zu räuspern, damit ich einige Zeit
gewinnen möchte, mich auf eine schickliche Antwort bei dieser Frage zu besinnen.
Die Geschichte des Herrn Grandisons dient meinem Oncle statt aller Bücher, sagte
ich, er hat sich zwölf Exemplare davon binden lassen, und diese erfüllen einige
Schränke, er dienet damit jedermann, der dieses Hauptbuch zu lesen verlangt. Sir
Beauchamp bedauerte, dass dieses vortreffliche Werk nicht gemeinnütziger gemacht,
und auf eine solche Art eingerichtet würde, dass man es dem gemeinen Manne auch
in die Hände spielen könnte, damit die Gesinnungen der Grossmut und der Tugend,
die den Geringen im Volk kaum dem Namen noch bekannt wären allgemeiner würden,
ich gab ihm Beifall. Er hat eine vortrefliche Bibliotek. Die Bronzen des D.
Bartletts und des Pater Marescotti geben solcher keine geringe Zierde, sie
stehen gegen einander über mit offnem Munde, als wenn sie disputirten, der Pater
macht ein schrecklich böses Gesichte. Die Bronze des Doctors ist von einer
vortreflichen Composition, ein fehlgeschlagener Prozess eines Goldmachers hat die
Materie dazu geliefert. Sir Beauchamp führte mich aus der Bibliotek in sein
Musikzimmer, und hatte die Gefälligkeit für mich, eine vortrefliche Motete
abzuorgeln. Da wir aber beide alleine in dem Zimmer waren, so musste ich mir
gefallen lassen, die Stelle eines Calcanten zu vertreten. Bei unsrer Zurückkunft
in das Besuchzimmer fanden wir die Lady Beauchamp daselbst, welche eben von
einem Besuche, den sie bei einer ihrer Nachbarinnen abgeleget hatte,
zurückkommen war. Der kleine Beauchamp musste mir die Hand küssen. Sein Papa
verlangte, ich sollte ihn examiniren, er bestund noch so ziemlich; doch konnte
man es merken, dass sein Lehrmeister weder ein Lampert noch ein Bartlett war.
Seine Mama mit dem Finger in den Augen suchte ihre Freudentränen über das
geschickte Söhngen zu verbergen.
    Den 25. Heute bekam Sir Beauchamp einen unvermuteten Gast an den Lord G.
Seine Seele war von einem Wirbelwinde zerrissen, er hatte mit seiner Gemahlin
Händel bekommen und war entflohen. Vor dem Richterstuhle Sir Carls darf von
diesem unruhigen Paare keine Klage mehr angebracht werden, sie haben deswegen
den Herrn Beauchamp zu ihrem Richter erwählet. Die mutwillige Ader Charlottens
regt sich noch immer, obgleich bei andern Gelegenheiten als ehedem. Der Lord G.
darf jetzo ungestraft in ihr Zimmer dringen, er darf sie auch einmal herzen,
ohne eine Spötterei zu befürchten, über diese Dinge hat sie sich lange müde
gescherzet; es fehlet ihr aber nicht an neuen Erfindungen, kleine Zankereien mit
ihm zu unterhalten, und ihre Leichtfertigkeit ist ihm jetzo desto empfindlicher,
weil sie einige Jahre so fromm wie ein Lamm gewesen ist, und nur seit einiger
Zeit wieder angefangen hat, ihrem Mutwillen den Zügel zu lassen. Diesmal war
die Ursache ihres Zwistes diese: ihr Schosshündgen war von einer Bremse in ihrem
Zimmer erbärmlich gestochen worden, sie stellte sich über dieses Unglück ganz
trostloss. Der Lord wollte sie zufrieden stellen; sie gab ihm aber Schuld, er
hätte das Fenster mit Fleiss offen gelassen, damit er diesem Ungeziefer einen
freien Zugang verschafte, ihr Hündgen zu peinigen. Er schwur, dass er in Jahr
und Tag nicht ein Fenster in ihrem Zimmer geöffnet hätte. Wenn sie in dem Zimmer
wäre, sagte er, so sehnte er sich nicht nach dem elenden Zeitvertreib am Fenster
zu gucken. Weit gefehlt, dass sie durch dieses schmeichelhafte Kompliment wäre
beruhiget worden, so schalt sie ihn einen Arglistigen und einen Boshaften, der
sich ein Vergnügen machte, sie zu tücken, um sie hernach bedauern zu können.
Ohngeachtet der Lord wusste, dass sie nur nach ihrer Art scherzte, durch die Länge
der Zeit hat er endlich ihren Charakter ausstudiret: so wollte er doch diese
Beschuldigung, ob er gleich nur eine scherzhafte Beschuldigung war, nicht auf
sich sitzen lassen. Er fing an sich zu rechtfertigen, sie hielt ihm Widerpart
wie die Frau aus dem Gellert. Er wurde dadurch so aufgebracht, dass er mit
zorniger Eilfertigkeit das Zimmer verliess, seinen Hengst zu satteln befahl und
mit verhengtem Zügel nach Beauchampshire rennte, um seine Gebieterin daselbst zu
verklagen. Herr Beauchamp fällete darauf das Urteil, der Lord sollte so lange
bei ihm bleiben, bis seine Gemahlin ihren Fehler erkennen und zur Strafe selbst
nach Beauchampshire kommen würde, um sich mit ihm auszusöhnen. Dieses geschahe
auch schon den Tag darauf am
    26 October. So bald man Wind davon bekam, dass Lady G. im Anzuge begriffen
wäre, bewaffnete sich der Lord mit einem steifen und ernstaften Gesichte, er
nahm die Gestalt eines erzürnten Ehemannes an, und eine Dame, die weniger Mut
besessen hätte, als die Lady G. würde ohne Zweifel bei dieser Amtsmine in
Ohnmacht gefallen sein. Da sie Herr Beauchamp aus dem Wagen hob, nennte sie ihn
ihren Asmodi weil er ihrem Tyrannen bei sich Unterschleif gegeben hätte, und ihn
mitin in seiner Bosheit verstärkte. So bald sie ihren Herrn ansichtig wurde,
warf sie ihm einen solchen leichtfertigen zärtlichen Blick zu, der in einem
Augenblicke, gleichsam mit einer Zaubermacht, seine Löwengestalt in einen
furchtsamen Hirsch verwandelte. Er eilte hüpfend auf sie zu und druckte ihre
Hand mit seinen Lippen. Nur einen Augenblick vorher rühmte er sich, wenn seine
Gemahlin käme, wollte er aussehen wie Hercules, da er ausgegangen wäre, die
Lernäische Schlange zu erlegen, und da sie kam, war er Hercules bei der Omphale.
In dem Putzzimmer der Lady Beauchamp wurde über dieses seltsame Paar ein
Ehegericht gehalten, und ich erhielt die Stelle eines Beisitzers. Beide Teile
wurden nach einem kurzen Verhör versöhnet, und der Lady G. wurde auferlegt
wenigstens in vier Wochen nicht die geringste Leichtfertigkeit gegen ihren Herrn
auszuüben, widrigenfalls sollte er befugt sein, ein Vierteljahr lang sich von
ihr von Tisch und Bette zu scheiden. Es wurde hierauf beschlossen, den folgenden
Tag in Grandisonhall einen Besuch abzulegen. Weil die Gesellschaft wusste, dass
ich dahin gehen würde, um von Sir Carln Abschied zu nehmen: so versprachen sie,
mich dahin zu begleiten. Lady G. sagte, ich würde daselbst den Lord L. und seine
Gemahlin antreffen, und nicht nötig haben, ihnen eine besondere Visite zu
Kollnebrocke, wo sie sich gemeiniglich aufhalten, abzustatten. Sie versprachen
alle, bis zu meiner Abreise nach Londen bei Sir Carln zu bleiben, um diese
wenigen Tage noch in meiner Gesellschaft zuzubringen. Das war für mich sehr
vorteilhaft gesprochen, und ich sagte dafür das beste Danksagungskompliment,
das mir der Magister Lampert jemals gelernet hat.
    Den 27 trafen wir in Grandisonhall ein. Wir hatten unsere Ankunft bereits
den Tag vorher melden lassen. Ich schrieb einen besondern Brief an Sir Carln,
und erbat mir die Erlaubnis, ihm nochmals meine Aufwartung machen zu dürfen, um
ihm teils meine Danksagung für die freundschaftliche Bewirtung in seinem Hause
mündlich abzustatten; teils aber auch als ein Abgeordneter meines Herrn Oncles
denselben zu Fortsetzung seiner Freundschaft zu empfehlen. Ich hatte mich diesem
meinen Charakter gemäss equipiret, und noch zwei Mietlaqueien angenommen. Sir
Beauchamp borgte mir einige Handpferde mit prächtigen Decken, nebst zween
Maultieren, welche noch von dem Zuge, den er mit aus Italien gebracht hat,
übrig sind. Ob sie gleich nur leere Körbe trugen: so machten sie doch meinem
Aufzuge durch das vortrefliche Geläute, welches aus lauter silbernen Schellen
bestund, und durch ihren hohen Federstutz ein vortrefliches Ansehen. Ich sass
ganz alleine in des Herrn Beauchamps Staatswagen, welchen er so sehr schonet,
dass er ihn seit seiner Vermählung nicht wieder gebraucht hat. Vor mir befanden
sich des Lord G. und des Herrn Beauchamps Kutschen, welche beide Herren die
Gewogenheit hatten, nebst ihren Gemahlinnen mein Gefolge zu vergrössern. Die
Maultiere Pack-und Handpferde eröffneten den Zug, so wie eine Anzahl leerer
Bagagewaagen, die noch aus dem Feldgeräte des Urgrossvaters des Herrn Beauchamps
abstammten, solchem mit einem starken Geräusche beschlossen. Auf der Gränze des
Territorii Sir Carls wurde ich durch einen Ausschuss der angesehensten
Untertanen desselbigen in seinem Namen bewillkommet. Der Bürgermeister eines
Fleckens der dem Baronet zugehöret, befand sich an ihrer Spitze und hielt an
mich eine wohlgesetzte Rede. Er ist seiner Profession nach ein Balbierer und hat
zugleich die Aufsicht über Sir Carls Hausapoteke. Ob er mich gleich sehr genau
kennete, indem ich über ein Halbjahr sein Kundmann gewesen bin: so machte ihn
doch das prächtige Ansehen, worinne er mich jetzo als einen Ambassadeur
erblickte so verwirrt, dass er beim Anfang seiner Rede schon zitterte und bebte
und in der Mitte gar stecken blieb. Ich wurde dadurch gewarnet, mich seinem
Scheermesser nicht wieder anzuvertrauen, er hätte mir aus Ehrfurcht die Kehle
abschneiden können. Ich hielt aus meinem Wagen an diese Abgeordneten wieder eine
kleine Gegenrede, und versicherte sie der Gnade meines Herrn Principals, und
dankte für ihre Bemühung. Sie begleiteten mich hierauf mit entblössten Haupte zu
beiden Seiten meines Wagens als eine Leibwache, bis in den Schlosshof zu
Grandisonhall. Wir passirten durch ein paar Dörfer, die der Gerichtsbarkeit des
Baronets unterworfen sind, und er hatte befehlen lassen, dass man mir zu Ehren
alle Glocken nach englischen Gebrauche läuten musste. Dieses zog das neugierige
Volk häufig herbei, jedermann wollte den Abgesandten sehen, es entstund ein
solches Gedränge um meine Kutsche, dass ich einige mal halten liess, damit nicht
etwann ein Kind möchte ins Rad kommen. Unterdessen machten meine Trabanten
ziemlich Platz. Einer davon tat sich besonders hervor, er hatte einen Reisehut,
der mit einem breiten Aufschlage von Pelzwerk versehen war, da er nun aus
Respect gegen mich sich nicht bedecken durfte: so brauchte er solchen als ein
Gewehr, und schlug die Leute damit auf die Köpfe, wenn sie nicht Platz machten.
Er erregte dadurch eine solche Furcht gegen sich, dass alles von einander flohe,
so bald er nur seinen Reisehut über den Kopf schwung, und alle Zuschauer
bückten sich, nicht anders als ein Volk furchtsame Rebhüner, wenn der Stossvogel
über ihnen schwebt. Sie können sich mein Vergnügen nicht lebhaft genug
vorstellen, welches ich empfand, da jedermanns Auge auf mich gerichtet war, ich
war nicht wenig stolz darauf. Wer weiss, ob ein Spanischer Abgesandter, der
seinen öffentlichen Einzug in Londen hält, sich so viel darauf zu gute tut,
wenn man, um ihn zu sehen, Fenster mietet, als ich bei meinem feierlichen
Einzuge in Grandisonhall. So viel ist gewiss, dass der stolze Michel, wenn ihm
sein Vorhaben Herzog zu werden gelungen wäre, in seinem Staatswagen sich nicht
ärger hätte blähen können als ich es tat. Einige Leute haben aus meiner
nachdenklichen Mine schlüssen wollen, ich müsste Dinge von der grössten Wichtigkeit
bei dem Herrn Grandison anzubringen haben, und ein Gastwirt hat meine Leute den
Tag darauf, da sie zu Biere gegangen waren, durchaus bezechen wollen, um von
ihnen das Geheimnis herauszulocken. Man begnügte sich nicht, mich ans Ende des
Dorfs zu begleiten, das Volk folgte meinem Wagen von einem Dorfe bis zum andern,
und alle Augenblicke sah ich die Menge gleich einem fortgewälzten Schneeball
vergrössert. Wie eine wilde Flut, die den Damm durchbricht mit einem furchtbaren
Getöse daher rauscht und alles, was ihr vorkommt, mit sich fortreisst: so
verschlang auch diese Woge des neugierigen Volks alle Wandrer in sich, die ihr
unterweges aufstiessen. Halten sie mir diese Ausschweifung zu gute, hier regt
sich meine poetische Ader, und meine Gedanken bekommen wider Willen einen
Schwung. Es stehet nicht in meiner Macht, solches zu verhindern, die Erinnerung
dieses glänzenden Auftritts bringt alle meine Lebensgeister in Bewegung, und in
dieser Begeisterung schwingen sich meine Gedanken so kühn wie mein Ausdruck
empor. Die Fusstapfen des Volkes gingen alle nach Grandisonhall zu und keine
ging rückwärts eben wie bei der Höle des Löwens in der Fabel. Ich dachte es
würde meinem Herrn Principal sehr rühmlich sein, und mich in den Augen der
Untertanen Sir Carls in einem noch glänzendern Lichte vorstellen, wenn ich den
guten Leuten, die meinem Wegen nachzufolgen sich die Mühe nahmen, etwas zum
besten gäbe. Mein Heinrich musste deswegen alle Scheidemünze, die er bei sich
hatte, und die sich ungefehr auf zwei Guineen belief, unter das Volk auswerfen;
ich gab ihm aber zugleich die Lehre, solches auf eine anständige Art zu tun,
und nicht mit einem bäuerischen Wesen Fäuste voll wegzuschmeissen, wie man eine
Familie heishungriger Hüner füttert. Er befolgte meinem Befehl genau, und
streuete alle funfzig Schritte nur eine Prise davon aus; ich sah aber mit
Verdruss, dass meine Absicht doch nicht völlig erreicht wurde: der Mann mit seinen
Reisehute wusste das Geld so künstlich damit aufzufangen, dass nur dann und wann
ein Sechser fehl ging und die Erde erreichte. Weil ihn jedermann fürchtete, so
wagte es niemand sich zu dem Ausspänder meine Freigebigkeit zu nahen, um etwas
zu erhaschen. In dem Schlosshofe zu Grandisonhall paradirte die Kompagnie, welche
Sir Carl zum Dienste seines Vaterlandes als ein wahrer Patriot auf seine Kosten
angeworben hat. Ich hatte die Ehre mit klingendem Spiel und fliegender Fahne
empfangen zu werden, die Officiers salutirten mich mit dem Esponton. Sir Carl
empfing mich meinem Charakter gemäss und überhäufte mich Ihrentwegen mit Ehre.
Doctor Bartlett vertrat die Stelle eines Ceremonienmeisters. Ich brachte mein
Wort, unter der vortreflichsten Versammlung, die man finden kann, bei dem
Baronet an, er erkundigte sich, ob Sie noch wohl auf wären, und gab mir die
Versicherung, dass er sich ein wahres Vergnügen daraus machen würde, Ihnen bei
jeder Gelegenheit Beweise seiner Freundschaft zu geben. Lady Grandison, Lord L.
und seine Gemahlin, empfingen mich gleichfalls mit vieler Hochachtung. Wir
gingen hierauf zur Tafel; sie war so prächtig, dass man einen König daran hätte
bewirten können. Alexanders Gastmahl wurde dabei in dem Musikzimmer, welches an
den Speisesaal stösset, aufgeführet. Sir Carl brachte Ihre Gesundheit unter
Trompeten und Pauckenschall aus, dieses war gleichsam ein Intermezzo zu dem
Singestücke. Es wurden hierbei einige kleine Canonen dreimal hintereinander
abgefeuert und die Militz gab zugleich eine Salve aus dem kleinen Gewehr. So oft
Ihre Gesundheit nachgeholet wurde, so oft wurden auch die Salven wiederholet;
weiter aber wurde keine ausgebracht. Der Baronet hat als im weiser Mann sich,
wie es scheint, eine Regel gemacht, nie etwas zu tun, daraus nicht einiger
Nutzen entstehet, nach diesem Gesetze lässt er, wie Sie wissen, seinen Pferden
die Schwänze nicht stutzen, und nach eben diesem Gesetze liess er auch seinen
Leuten nicht mehr Salven geben als nötig war, Ihnen eine Ehre zu erweisen, und
sie zu gleicher Zeit im Feuern zu üben. Lady G. wagre es, ihres Bruders
Gesundheit zu trinken, und wollte durchaus haben, dass dazu sollte gefeuert
werden: der Baronet sagte ihr aber, man wäre aus Liebe gegen das Vaterland
verbunden, ohne Not nichts dazu beizutragen, dass der Preis des Pulvers
gesteigert würde, und damit musste sie sich beruhigen. Mich dünkt, das war von
diesem grossen Manne sehr vortreflich gedacht. Am Rande dieses Tages, welcher
einem so glänzenden Vergnügen gewidmet war, zeigte sich noch eine kleine Wolke,
die aber bald vorüber ging. Nach der Tafel musste die Militz ihre Manoeuvres
machen. Jeder tat sein Bestes, den Beifall der Zuschauer zu verdienen. Sie
waren ziemlich fertig in den Handgriffen, jedoch da sie das Gewehr verkehrt
schuldern sollten, versah es einer, und schlug seinen Cameraden dergestalt mit
der Flintenkolbe vor den Kopf, dass er zu Boden sank. Die Bestürzung über diesen
Zufall war allgemein, es fehlte nicht viel, dass Lady Grandison in Ohnmacht
gefallen wäre. Wer nur ein Schwammbüchsgen bei sich trug, der holte es heraus
und roch daran, um die durch das Schrecken verjagten Lebensgeister, wieder
zurück zu rufen. Zum Glück war der Chirurgus noch bei der Hand, welcher sogleich
aus Sir Carls Hausapoteke mehr als zehn Büchsen herbeiholete, aus welchen er
den Verunglückten so lange salbte, bis er wieder zu sich selber kam. Sir Carl
lässt ihn wegen dieses Unfalls, worzu er die Veranlassung glaubt gegeben zu
haben, auf seine Lebzeit täglich eine Kanne Bier und eine Zeile Semmeln reichen.
    Den 28. Heute hatten wir den artigsten Zeitvertreib, den man erdenken kann.
Herr Grandison unterscheidet sich von dem grössten Teile des englischen Adels
dadurch, dass er keine von den Lustbarkeit, die man in den meisten adelichen
Häusern für unentbehrlich hält, in seinem Hause gestattet. Ehedem war er kein
Feind von den so genannten unschuldigen Ergötzlichkeiten, man machte in seinem
Hause ein Spiel, man sah dann und wann ein Hahnengefechte, er gestattete auch
ein Pferderennen, wiewohl er daran nie einen Gefallen hatte: allein seit einiger
Zeit hat er dem ersten ganz und gar entsaget, seine besten Streitähne sind
geschlachtet und verzehret, und das Wettrennen hat er schon seit einigen Jahren
verschworen. Es darf keine Karte mehr in sein Haus kommen. Der Doctor Bartlett
fand ehemals ein grosses Vergnügen am Lombre, Sie wissen aus der Geschichte Sir
Carls, dass der Doctorn gern spielet; allein er war einmal unglücklich, und
verlohr an die Lady G. seine ganze Jahrbesoldung, welche ihm aber den Tag darauf
das Geld grossmütig zurück gab. Von dieser Zeit an hat er dem Baronet das Spiel
zuwider gemacht, und es wird in ganz Grandisonhall nunmehro für einen
Zeitverderb gehalten. Hingegen wird das Tanzen gestattet: weil es zur
Ermunterung des Gemüts und zur Bewegung des Leibes dienet. Da der Doctor nicht
mehr spielet, so hat er auf Bitte der Lady G. noch in seinen alten Tagen müssen
tanzen lernen, er tanzt nur eine Menuet, aber mit einem recht guten Ansehen.
Musik hört man in Sir Carls Hause alle Tage; jedoch da diese beiden
Ergötzlichkeiten zu wenig sind, eine Gesellschaft zu unterhalten: so hat Sir
Carl auch für eine vielfältigere Abwechselung des Vergnügens seiner Gäste
gesorgt. Wir brachten dismal den Tag folgendergestalt hin. Vormittage beim Tee
wurde die Londener Zeitung zugleich mit herum gegeben, man erzählte daraus die
beträchtlichsten Umstände der ganzen Gesellschaft: denn das Frauenzimmer liess
die Zeitungsblätter für sich vorbeigehen. Der Hauptinnhalt unsres Gesprächs
betraf ein reichbeladenes englisches Schiff, welches in einem französischen
Hafen war aufgebracht worden. Sir Carl erzählte diesen Unglücksfall, und
beklagte als ein Patriot den Verlust, den die Eigentümer des Schiffs und des
Vaterlandes dadurch erlitten hätten. Lord L. der dem Baronet in den
patriotischen Gesinnungen gleich kommen, wo nicht gar ihn übertreffen will,
verwarf diese Nachricht, weil sie etwas nachteiliges für das Vaterland
entielt, als eine Erdichtung. Lord G. fand in seinem Blatte wenige Zeit hernach
aus Deutschland einen Artikel, dass es zwischen den Vortruppen der Alliirten und
Franzosen etwas gesetzt habe, dass sich jene in etwas zurücke ziehen müssen, und
ein Regiment Bergschotten dabei vieles gelitten hätte. Das ist abermals, sagte
der Lord L. eine boshafte Unwahrheit, man sieht es augenscheinlich, dass dem
Zeitungsschreiber von Frankreich aus die Hände sind versilbert worden, man
sollte ihm den Prozess machen. Die Bergschotten sind nicht gewohnt, fügte er
hinzu, die Hände in die Tasche zu stecken, wenn sie gegen den Feind geführet
werden. Lord G. wollte ihn widerlegen und gab sich viele Mühe ihm begreiflich zu
machen, dass, ungeachtet der Tapferkeit seine Landsleute, es doch wohl möglich
wäre, dass sie einmal der Menge gewichen wären; er war aber nicht zu bekehren,
und wurde so eifrig, dass er den Lord G. der wider seine Neigung in der Hitze die
französische Partei nahm, des Hochverrats würde beschuldiget haben, wenn Sir
Carl nicht durch sein Ansehen die Sache noch zu rechter Zeit beigeleget hätte.
Die Tafel war diesmal auf den ordentlichen Fuss eingerichtet, das ist, Sir Carls
Lektor bestieg den kleinen Cateder in dem Speisesaale und las uns einige
Stellen aus den kernhaftesten englischen Schriftstellern vor. Er ersetzte also
die Stelle der Concertisten, die uns den Tag zuvor mit einer prächtigen
Tafelmusik unterhalten hatten. Bei den ersten Gerichten, da die Zuhörer ihre
Gedanken auf die Schüssel gerichtet hatten, würde eine trockene moralische
Abhandlung keine Aufmerksamkeit verdienet haben, Sir Carl hatte deswegen die
Verfügung gemacht, dass zuerst etwas munteres musste vorgelesen werden, wir
bekamen etwas aus Swifts Mährgen von der Tonne zu hören. Nach dem ersten Anbiss
schlug Sir Carl mit der Gabel auf den Tisch, sogleich ergriff der Vorleser ein
andres Buch, es handelte von den Feldzügen der Engländer in Frankreich und mich
dünkt, die damalige Lection begriff den Zeitpunct, welchen das Mädchen von
Orleans berühmt machte. Eine vortrefliche Pastete brachte mich um den grössten
Teil dieser historischen Vorlesung. Bei der letzten Tracht, die meistens in
Schaugerichten bestund, wurde, weil der Magen nunmehro befriediget war, für den
Verstand am meisten gesorgt. Der Baronet gab wieder ein Zeichen mit der Gabel,
und eine von den schönsten Stellen aus dem Milton, welche Herr Grandison selbst
zu erläutern und aufzuklären sich die Mühe gab, machte den Beschluss. Das
Frauenzimmer verliess hernach nach Englischer Mode die Tafel, um in dem
Nebenzimmer den Tee zu trinken, da unterdessen die Tafel für die Herren von
neuem mit Bouteillen besetzt wurde. Alle Arten von Weinen aus des Baronets
Keller wurden ausgeprobt. Er eröffnete der Gesellschaft, dass er entschlossen
wäre, heute die gewöhnlichen Preisse auszuteilen, die er jährlich den
fleissigsten seiner Untertanen, und die sich vor andern besonders hervor tun,
zu verehren pfleget, und ersuchte uns auf eine höchst verbindliche Art, ihm
hierbei mit an die Hand zu gehen. Wir verfügten uns in den untern grossen Saal,
welcher mit allerlei Hausgeräte, Kleidungsstücken und andern Notwendigkeiten,
nicht anders als ein Kaufmannsladen ausgezieret war. Herr Bartlett, des Baronets
Secretär, ein Vetter des Doctors, überreichte Sir Carln das Verzeichnis derer
Personen, welche sich der Preisse würdig gemacht hatten. Die Austeilung geschahe
folgendergestalt:
    1.) Tomas Mumford, Doctor Bartletts Schulmeister, erhielt für sich eine
Bassgeige, und für seine Frau einen Muff: weil dieses Paar unter allen
Untertanen Sir Carls die Welt am meisten vermehret hatte. Die Frau
Schulmeisterin war in Jahresfrist zweimal mit Zwillingen niedergekommen, und
alle vier Kinder waren noch am Leben.
    2.) Marmaduck Stephenson, einer von Sir Carls Pachtern, welcher in diesem
Jahre die meisten Hamster gegraben, und auch die meisten Maulwürfe erlegt hatte,
erhielt eine sauber geschnittene Flasche mit Silber beschlagen, welche mit dem
besten Brandeweine gefüllet war.
    3.) William Amess, ein gewissenhafter Schneider, der am wenigsten in die
Hölle geworfen, und deswegen die meiste Arbeit bekommen hatte, erhielt ein neues
Bügeleisen nebst einem stählernen Fingerhut.
    4.) Anna Burdens, eine bejahrte Frau, welche die meisten Eier zu Markte
geschickt hatte, wurde dafür mit einer Brille und einer Würzschachtel begabt,
und dadurch zur ferneren fleissigen Abwartung ihres Berufs aufgemuntert.
    5.) Samuel Sattock, ein Weinschenke, der in Sir Carls Gebiete den meisten
Wein ausgeschenket hatte, vielleicht weil er ihn am wenigsten verfälschte, wurde
für seine Ehrlichkeit mit einem blechernen Trichter und einem neuen Zählbrete
belohnet.
    6.) Maria Fischers, die im Rufe war, dass sie ein Geheimnis besäss, in der
ganzen Provinz die schmackhafteste Butter zu verfertigen, bekam, ob gleich ihre
Butter von ihren Nachbarinnen für Hexenbutter ausgeschrien wurde, ein halb
Dutzend Muskatennüsse und ein blechernes Reibeisen.
    7) Johann Higgins, ein Töpfer, der auf seine Schüsseln und Telier sehr
künstliche Reime zu setzen pfleget, und auf allen Jahrmärkten deswegen grossen
Abgang seiner Waare hat, wurde von Sir Carln zum Poeten gekrönet, jedoch mit dem
ausdrücklichen Vorbehalt: dass er dieser Ehre sogleich wieder sollte verlustig
sein, wo er seine Verse an einem andern Orte, als auf seinen Schüsseln
anbrächte. Es wurde ihm zugleich ein grosser Bierkrug mit einem zinnernen
Beschläge zu seiner Hippokrene angewiesen und verehret.
    8.) John Hubertorn, einer von des Baronets Forstbedienten, der einen Stahr,
eine Amsel und einen Lübich so abgerichtet hatte, dass sie zusammen ein Trio
pfeifen, bekam ein künstliches Weidemesser, nebst der Anwartschaft auf eine
bessere Bedienung.
    9.) Für einen berühmten Kalendermacher in Londen wurde der Globus bestimmt,
den der Hauptmann Salmonet und Major Ohara bewundert haben. Es gehöret dieser
Mann zwar nicht zu den Untertanen Sir Carls: dieser glaubt aber, dass er eines
Preisses dem ungeachtet würdig sei. Alle Hauswirte in des Baronets Herrschaften
haben nach ihrem einmütigen Geständnis dieses Jahr den grössten Nutzen von
diesem Manne gehabt: Sein Wetterprognosticon ist auf ein Haar eingetroffen, und
mitin haben sie sich mit ihrer Arbeit vollkommen nach der Vorschrift des
Kalenders richten können. Der Lord L. gelobte diesem Ehrenmanne über das
Geschenke des Baronets noch ein vortreffliches Sehrohr, welches er besitzt: weil
dieser Astronom mit der Sternseherkunst die in unsern Tagen so seltne
Wissenschaft eines Astrologen verbindet, und aus der Constellation der Gestirne
eine Prophezeihung von Krieg und Frieden an den diesjährigen Kalender hat
drucken lassen, die bis auf den heutigen Tag sehr pünktlich eingetroffen ist.
    10.) Ein gewisser Mann, der einmal hatte erzählen hören, dass Ludwig der
Grosse an einem Galatage in einem Kleide von Spinnweben erschienen wäre, hatte
durch langwierige Versuche es dahin zu bringen sich bemühet, diesem zarten
Gewebe eine Festigkeit zu geben, um es wie Seide zu spinnen und zu verarbeiten,
zu dem Ende hatte er viele Jahre lang die Wohnungen der Spinnen vergeblich
zerstöret, und dieses unglückliche Geschlechte beinahe aus dem Gebiete des
Baronets vertrieben. Endlich schien es ihm gelungen zu sein, seine Absicht
einigermassen zu erreichen; er drang mit einem grossen Geräusche durch die Menge
von Leuten, welche die Mildtätigkeit des Baronets, teils als Zuschauer, teils
als würdige Besitznehmer seiner Wohltaten, herbeigezogen hatte. Er wurde
eingelassen und forderte einen Preis für seine Erfindung; da er zugleich die
erste Zaspel seines Gespinnstes überreichte. Sir Grandison war geneigt, ihn
solchem nach einer genauen Untersuchung zu erteilen, er bekam eine ansehnliche
Pelzperucke, um seinen Kopf für der Kälte des herannahenden Winters zu schützen,
damit er zu mehrern dergleichen nützlichen Erfindungen geschickt bliebe.
    Wenn würde ich fertig werden, alle die grossmütigen Geschenke, welche der
Baronet allen und jeden machte, die Beweise ihres Fleisses oder ihrer sinnreichen
Erfindungen aufstellen konnten, der Länge nach zu erzählen? Ich habe Ihnen hier
nur einen kleinen Abriss von dem Eifer desselben gemacht, das Gute und Nützliche
auf alle nur ersinnliche Art zu befördern. Die ganze Gesellschaft fand bei der
Austeilung dieser Preisse das vollkommenste Vergnügen. Oft setzte es einen
kleinen Streit über die Wahl derselben; doch überhaupt muss man gestehen, dass die
Belohnungen mit denen Personen, welche sie erhielten, immer ein ziemlich genaues
Verhältnis hatten. Lady G. beschäftigte sich nach ihrer Leichtsinnigkeit über
alle, die in das Zimmer traten, um einen Preis zu bekommen, Anmerkungen zu
machen. Sie betrafen meistens die seltsamen Reverenze, die Lobreden derer auf
Sir Carln, welche Preisse erhielten, ihren Gang und ihre Minen. Mir gefielen sie
meistens, obgleich Sir Carl die wenigsten, weil sie alle sehr mutwillig waren,
belachen wollte. Wenn Niemand ihr zu Gefallen lachte, so sah sie nur ihren
Herrn an, welcher aus einer schmeichelhaften Gefälligkeit sogleich bereit war,
durch sein überlautes Gelächter ihren Scherz bei Ehren zu erhalten. Nach
getaner Arbeit, sagte der Baronet, ist gut feiern, wir begaben uns gegen sieben
Uhr des Abends wieder in den Speisesaal und hernach wurde bis gegen Mitternacht
getanzet. Der Doctor eröffnete den Ball mit Sir Beauchamps Gemahlin, er würde
auch ohne Zweifel bis auf den letzten Mann ausgehalten haben, wenn ihn nicht ein
kleiner Zufall davon abgehalten hätte. Er wollte zu sehr bewundert sein, und
machte in einer Menuet eine so künstliche Wendung auf einem Fusse, dass er ihn
darüber verstauchte. Der Baronet war aber so sorgfältig und liess durch zween
handfeste Bedienten, ungeachtet des Schreiens des guten Mannes, den verstauchten
Fuss so lange ziehen bis er glücklich wieder eingerichtet war. Ich denke, der
Doctor wird sobald nicht wieder tanzen.
    Den 29. Abermal ein neues Vergnügen! Herr Grandison ist in Erfindungen,
seine Gäste zu belustigen, unerschöpflich. Es scheint, dass er allen seinen
Verstand angewendet hat, um mich noch zu guter letzt auf eine Art zu
unterhalten, die fähig ist, von dem Vergnügen in Grandisonhall, mir einen
solchen Eindruck zu machen, dass ich abwesend oftmals daran zurück denken soll.
Er hat heute seinen Welschen Turm, der zu einer Sternwarte bestimmt ist,
eingeweiht. Das ist ein sehr sehenswürdiges Stück; ob er gleich nicht nach dem
ersten Entwurf des Baumeisters ist aufgeführet worden. Dieser Mann hatte den
Einfall, ihn in Gestalt eines Sehrohrs aufzuführen, man sollte ihn auch nach
Belieben vergrössern und verkleinern können, er wollte zu dem Ende ein Stockwerk
in das andere verbergen, nicht anders als ein Perspectiv, das man ausziehen und
auch wieder zusammen schieben und ins kleine bringen kann; Sir Carl aber, der
nicht alleine künstlich, sondern auch dauerhaft bauen wollte, hat diesen
Vorschlag verworfen und es bei dem alten gelassen. Demohngeachtet ist dieses
Gebäude prächtig und kunstreich. Der Knopf wurde unter Trompeten und
Pauckenschall hinaufgezogen, er ist so gross, dass er zu einer Vorratskammer
könnte gebraucht werden. Der Baronet will mit seinen besten Sachen darauf
flüchten, und sich daselbst verstecken, wenn etwann bei jetzigen Kriegszeiten
ein feindlicher Einfall geschehen sollte. Er ersuchte mich, den Herrn Magister
Lampert zu bitten, nebst einem Verzeichnisse von allerlei Merkwürdigkeiten zu
verfertigen, um beides wie gewöhnlich in dem Knopfe dieses Turms für die
Nachkommen aufzubehalten. Sir Carl hatte zwar im Anfang dem Doctor diesen
Auftrag getan: er entschuldigte sich aber und schlug seinen Freund den Magister
Lampert dazu vor, welcher Vorschlag auch sogleich gebilliget wurde. Wegen der
vortreflichen Aussicht speisten wir dismal auf der Sternwarte. Die Speisen
wurden mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, vermöge einer besondern
Maschine, aus der Küche hinaufgezogen, dass also die Bedienten keine Beschwerung
davon haben, wenn es ihrem Herrn beliebt, auf dem Turme zu speisen. Wir liessen
es uns allen auf dem Welschen Turme recht wohl schmecken; ich glaube dass die
reine Luft, welche man oben empfand, vieles dazu beitrug. Weil man nicht so
viele Erddünste verschlucken durfte als in den untern Zimmern: so konnte man
desto mehr Speise genüssen. Ich konnte mich nicht gnug darüber verwundern, dass
alle Gerichte zum Fenster hinein gebracht wurden, und auf eben diese Art trug
man sie auch wieder ab, die leeren Buteillen flogen zum Fenster hinaus, und
einige Augenblicke hernach erschienen sie wieder gefüllt. Es kam mir nicht
anders vor als wenn ich mich in dem Zauberpallaste befänd, von welchen ich
ehemals fast eben dergleichen Wunderdinge gelesen habe. Ein irrender Wandrer,
erzählt man, lagerte sich, da ihm die Nacht in einem Walde übereilte, unter
einen Baum, um den Tag daselbst zu erwarten. Er wunderte sich ungemein, dass er
in einer kleinen Entfernung ein vortrefliches Schloss mit hohen Türmen
erblickte, welches er vorhero nicht bemerket hatte. Erfreut über diesen
unerwarteten Anblick, nahm er sein abgeladenes Bündel wieder auf den Rücken und
seinen Stab in die Hand, und eilte darauf zu, um in solchem eine bequemere
Herberge zu finden. Er war nicht so bald an das Tor gelanget, als sich solches
öffnete, er ging mit einer demütigen Stellung hinein, um sich bei den Bewohnern
desselben eine Nachterberge zu erbitten: allein wie erstaunte er nicht, da er
keine lebendige Seele darin antraf. Es lief ihm ein kalter Schauer nach dem
andern über die Haut, endlich fasste er doch einen Mut und nahm das beste
Zimmer, welches mit den herrlichsten Meubles versehen war, und von einer grossen
Menge Wachslichtern erleuchtet wurde, für sich ein. Wie glücklich wäre man hier,
sagte er zu sich selber, wenn man in einem so prächtigen Pallaste auch eine gute
Mahlzeit zu erwarten hätte. Er hatte dieses kaum gesagt, so öffnete sich das
Fenster und eine Menge vortreflich zugerichteter Speisen kamen in eben dem
Augenblicke durch solches, gleichsam auf den Flügeln des Windes getragen, zu ihm
hinein. Er nahm dieses für eine Einladung zum Genuss derselben an, setzte sich an
eine Tafel und liess es sich wohl schmecken. Nachdem er die besten Weine versucht
und sich mit dem schmackhaftesten Leckerbisslein gesättiget hatte, erhob sich
alles wieder zum Fenster hinaus und verschwand. Ich dachte in der Tat auf der
Sternwarte Sir Carls mehr als einmal an diesen Wandrer und freuete mich, dass ich
beinahe ein gleiches Wunderwerk gesehen hatte. Nach der Tafel liess das
Glockenspiel zum ersten male die vollkommenste Uebereinstimmung seiner
Silbertöne hören. Bei der Melodie einer italiäschen Arie sang Sir Carl den Text
dazu mit einer sehr anmutigen Stimme und vieler Geschicklichkeit ab. Nachdem
Tische und Stühle aus der astronomischen Wohnung waren weggebracht worden, hatte
ich die Ehre, Lady Grandison zum Tanze aufzuziehen. Dieses ist das erste mal,
dass ich nach dem Klange der Glocken getanzet habe. Um nicht eine Treppe von drei
hundert Stufen abzusteigen, fuhr die ganze Gesellschaft eins nach dem andern,
vermittelst der Maschine, durch welche die Speisen waren heraufgezogen worden,
unter Trompeten und Pauckenschall von dem Turme herab. Da ich dieses Luftschiff
bestieg, gedachte ich an die Wunderkiste mit welcher ein morgenländischer
Kauffmann, welcher den Mahomed vorstellen wollte, in den stählernen Pallast
schiffte, worinne ein alter argwöhnischer König seine schöne Tochter verschloss.
Ich wünschte, dass diese, worinn ich mich befand, eben so beschaffen sein möchte,
ich hätte sie dem Baronet gewiss entführt, und wer weiss, an was für einem guten
Orte ich mich jetzo befänd. Dieser Tag endigte sich also mit allgemeinen
Vergnügen; ich konnte aber nicht ohne Grauen an den folgenden gedenken, den ich
zum Abschiedstage bestimmt hatte. So wie ein armer Päbstler, der sich mitten im
Genuss der Güter dieses Lebens zur Abreise in jene Welt anschicken muss, mit
Schrecken dem Feuermeere des Fegefeuers entgegen sieht, auf welchem er
Jahrhunderte hindurch herumschiffen soll: so sah ich mit bestürztem Augo dem
Tage entgegen, welcher mich des Vergnügens in dem glänzenden Grandisonhall
berauben und aus der Gesellschaft tugendhafter Weisen in das Geräusche der Welt
zurück bringen sollte - -. Abermals ein poetisches Bild! Der Abschied in
Grandisonhall hat einen solchen Eindruck bei mir gemacht, dass mein Gemüte noch
voll Bewegung ist.
    Den 30 Octobr. Erwarten Sie nicht von mir, hochgeschätzter Herr Oncle, einen
vollständigen Bericht der Begebenheiten dieses merkwürdigen Tages, mein Gemüte
würde nicht stark genug sein, eine lebhafte Vorstellung der zärtlichen Trennung
von so vielen verehrungswürdigen Freunden noch einmal zu ertragen. Gnug, am 30
October verliess ich unsern gemeinschaftlichen Gönner. Meinem Charakter, als
einem Abgesandten von Ihnen, gemäss, erhielt ich eine öffentliche
Abschiedsaudienz. Die ganze Gesellschaft hatte das Gesichte in weisse
Schnupftücher versteckt, welche seit der Trauer um die selige Frau Shirlei nicht
waren gebraucht worden, um bei meiner beweglichen Abschiedsrede die Tränen
damit aufzufangen. Sir Carl und seine würdige Gemahlin befahlen mir an Sie
tausend Komplimente, und baten sich sehr angelegentlich die Unterhaltung eines
Briefwechsels mit Ihnen aus. Der Doctor Bartlett versicherte, dass ihm nichts
angenehmer sein würde, als wenn er sich mit Ihnen durch den Mund seines
Freundes, des weisen Herrn Magister Lamperts, unterreden, und Sie von der
Hochachtung seines Gönners schriftlich versichern dürfte. Er brachte zugleich
feine Dinge von der nutzbaren Erfindung des Schreibens vor, und rühmte die
Vorteile der Neuern, die sie in dieser Kunst über die Alten erlangt hätten.
Diese, sagte er, hätten sich mit Baumrinde, Eselshaut und Wachstäfelgen behelfen
müssen: da hingegen die edle Schreiberei ein weit besseres Ansehen erhalten
hätte, seitdem das Pappier wäre erfunden worden, und die Gänse uns ihre Kielen
zu den nötigsten Werkzeugen dieser Kunst geliehen hätten. Die ganze
Grandisonische Familie segnete mich und Sie zugleich in meine Seele. Lady G.
warf mir noch, da ich auf den Wagen stieg, einen sanften Kuss zu, um Ihnen
solchen zu übersenden; allein solche Kleinigkeiten lassen sich nicht wohl
einpacken, ich habe solchen also alleine genossen. Lady Beauchamp sah aus, als
wenn sie den Schnuppen bekommen hätte, so dicke rote Augen hatte sie sich
geweint. Alle Herren umarmten mich, und die Ladys winkten mir Abschiedsküsse zu.
Meine Ohren gellen noch von dem Lebewohl, welches mir aus verschiedenen Tönen
akordweise nachgerufen wurde. Ich glaubte, mein Gemüte würde in etwas wieder
aufgemuntert werden, wenn sich in den Dörfern, in welchen ich vor wenig Tagen
bei meiner Herreise nach Grandisonhall einen solchen Aufstand erreget hatte,
wiederum ein Haufen Volk, mich zu sehen, um meinen Wagen versammlen würde; ich
hatte zwar jetzo nicht das ansehnliche Gefolge bei mir: ich machte aber doch
noch eine ganz ansehnliche Figur. Allein dismal erfuhr ich, dass nichts
unbeständiger als der Pöbel. Obgleich in Sir Carls Dörfern mir zu Ehren alle
Glocken geläutet wurden, und das Glockenspiel in Grandisonhall die beweglichsten
Melodien hinter mir her spielte; ungeachtet ich auch meinen Postillion aus allen
Kräften blasen liess: so wollte doch Niemand zum Vorschein kommen, der mich zu
sehen verlangte, einige Bauern ausgenommen, die das Fenster halb aufschoben, und
mit ihrem spitzigen abgegriffenen Hüten mir unter das Gesichte guckten, ohne dass
einer so höflich gewesen wäre, seinen Deckel abzunehmen, oder seine
Tobackspfeife zu verstecken, wenn ich vor seinem Hause vorüber zog.
    Den 31. traf ich wieder in Londen in meinem ordentlichen Quartiere ein. Ich
machte dem ehrlichen Herrn Nerves meinen Abschiedsbesuch und hernach liess ich
mich auch noch zum Vetter Eberhard bringen. Seine runde dicke gebieterische
Frau empfing mich mit einer mittelmässigen Höflichkeit und er erschien einige
Zeit hernach im Schlafrocke. Seine Gebieterin schliesst ihm, wie man sagt,
oftmals die Kleider ein, und macht ihn auf diese Art zum Arrestanten, damit er
ihr nicht unversehens entwischt, und sie ihn hernach auf einem Coffeehause
auslösen muss. Er schien sehr bestürzt über meinen unerwarteten Besuch und
glaubte vielleicht, ich wäre kommen, meine zwanzig Guineen wieder abzuholen. Es
war dieses auch allerdings ein Bewegungsgrund bei mir, ihn zu besuchen. Ich
dachte, er sollte sich selbst seiner Schuld erinnern, und mir solche abtragen:
an dessen Statt aber fing er an lateinisch zu reden, damit es seine Frau nicht
verstehen sollte. So viel ich einsehen konnte, wollte er mich ersuchen, mich
nichts gegen sie merken zu lassen, dass er mein Schuldner wäre; er gab mir aber
seine Meinung so undeutlich und stammlend zu verstehen, dass ich nur raten
musste, was er ungefehr haben wollte; das Latein stund ihm gar nicht zu Gebote.
Ich versicherte ihn in eben dieser Sprache, dass ich mir eine Ehre daraus machte,
ihn in meinem Schuldregister zu finden, er könnte mir das Geld abtragen, wenn es
ihm am bequemsten wäre, ich würde ihn disfalls nie bei seiner Liebste verklagen.
Die Absicht meines Besuchs wäre auch nicht, ihn an meinen Vorschuss zu erinnern,
sondern nur von ihm Abschied zu nehmen, weil ich gesonnen wäre, in wenig Tagen
England zu verlassen. Er stellte sich sehr betrübt an, dass er mich, wie er
sagte, als seinen besten Freund verlieren sollte: ich konnte es ihm aber
ansehen, dass er über meine Abreise sich heimlich sehr erfreute: weil mir dadurch
die Gelegenheit abgeschnitten wurde, ihn öfters zu mahnen. Er wollte durchaus
noch nicht völlig von mir Abschied nehmen, und versprach noch einmal selber in
meinem Quartiere mich zu besuchen: seine Frau benahm ihm aber alle Hoffnung,
sein Versprechen zu erfüllen. So gesund er auch aussah, so schützte sie doch
eine Unpässlichkeit vor, sie würde nicht zugeben, sagte sie, dass er sobald an die
Luft ginge, damit er nicht wieder ein Recitiv bekäme. Ohne Zweifel hat er etwas
grosses verbrochen, dass sie ihn mit einen so langen Arreste bestraft. Ich werde
nun wohl die zwanzig Guineen aus Bein streichen müssen.
    Vorgestern erhielt ich das Schreiben von Ihnen, Hochgeehrtester Herr Oncle,
und erfreute mich nicht wenig, dass ich durch eine glückliche Ahndung das bereits
erfüllet hatte, was Sie mir auftrugen. Ich schreibe von hieraus noch einmal nach
Grandisonhall und werde nach Ihren Befehl den Doktor Bartlett ersuchen, für Sie
ein gutes Vorwort bei dem Pastor Wendelin einzulegen. In zwei Tagen gehe ich von
hier nach Dowers, um von da nach Holland überzuschiffen. In der Mitte dies
Monats hoffe ich zu Strassburg zu sein, daselbst erwarte ich in Zukunft Ihre
Briefe. Da mich die englischen Freunde ihres Briefwechsels würdigen wollen, so
werde ich auch die Briefe an Sie empfangen und ich hoffe, Sie gönnen mir auch in
Zukunft das Vergnügen, die Ihrigen nach England über Strassburg gehen zu lassen,
damit ich sie von da aus gehörigen Orts besorgen kann. Ewig Schade! dass ich dero
Schreiben nicht einige Tage früher erhalten habe, um die verlangten Portraits zu
sammlen. Damit Sie indessen doch meine Bereitwilligkeit sehen, Ihre Befehle zu
erfüllen, so übersende ich Ihnen diejenigen, welche mir von: Herrn Rerves, so
bald er Ihren rühmlichen Anschlag erfuhr, sind verehret worden und die er in
duplo besitzt. Es sind sieben an der Zahl. Auf der Ruckseite derselben werden
Sie finden, welche Personen aus der Grandisonischen Geschichte sie vorstellen.
Zu den übrigen ist mir gute Hoffnung gemacht worden, vielleicht habe ich bald
das Vergnügen Ihnen auch diese zu übersenden. Diesen Augenblick erhalte ich
einen Brief von dem Herrn Richardson, worinne er mich nochmals an mein
Versprechen erinnert, ihm die Briefe mitzuteilen, welche Ihre grossmütigen
Unternehmungen, dem Herrn Grandison nachzuahmen entalten, ich werde ihm ihre
Meinung über diesen Punkt entdecken und ihm dazu Hoffnung machen. Weil es mein
Schicksal nicht erlaubt in der glücklichen Gesellschaft Sir Carls meine Tage
zuzubringen: so will ich doch meine Reisen so bald als möglich suchen zu
vollenden, um bei Ihnen als seinem würdigen Nachfolger das Vergnügen zu finden,
das ich jetzo entbehren muss. Ich sehe der goldnen Zeit mit Verlangen entgegen,
welche mich nach Kargfeld als dem zweiten Grandisonhall führen wird, wo die
Bewunderung Ihres vortreflichen Charakters eine der angenehmsten Beschäftigungen
sein wird
                                      Dero
                                                            gehorsamsten Dieners
                                                                            v.S.
 
                                  XIX. Brief.
                         Der Herr v.N. an die Frau v.W.
                                                                  Den 30 Octobr.
Sie verdienten zwar mit mehrerm Rechte den Titel gestrenge Frau, denn Sie haben
ziemlich strenge mit mir verfahren, und es fehlte einmal nicht viel, so hätten
Sie mich mit Fäusten geschlagen wie Satans Engel: aber ich will Sie dem
ungeachtet gnädige Frau nennen, in der guten Hoffnung, dass Sie in Zukunft sich
bessern und mit mir sich wieder versöhnen werden. Sie sind ein weibliches, das
ist, ein schwaches Werkzeug, und aus dieser Ursache komme ich Ihnen mit
Ehrerbietung zuvor, und tue Ihnen hierdurch zu wissen, dass ich es alles
vergeben und vergessen will, was Sie mir zu Leide getan haben Ich weiss wohl,
dass Niemand anders als Sie selber den Major v. Ln. so sehr wider mich in
Harnisch gejaget, dass er mich heraus gefordert. Es ist bekannt, wenn Sie
anfangen zu griesgramen, so machen Sie es so arg, dass Sie im Stande wären, das
ganze heilige römische Reich zusammen zu hetzen, wenn nur Ihr Gemahl ein Prinz
wäre. Nehmen Sie es nicht übel, dass ich so alles von der Leber wegsage, es ist
nicht böse gemeint. Wenn Sie gut sind, ob es Ihnen gleich selten ankommt, so
sind Sie auch wieder recht gut. Wie gesagt, ich will, um unsern guten
nachbarlichen Frieden wieder herzustellen, Ihnen alles vergeben. Den Major habe
ich bereits durch meine Grundsätze zur Raison gebracht, wir sind wieder gute
Freunde, und ich fasse das gute Vertrauen, dass Sie auf Ihrer Seite auch nicht
ermangeln werden, sich mit mir zu versöhnen. Sehen Sie nur, wie grossmütig ich
handele, ich will nicht nur wegen der vermeintlichen Beleidigung, die ich Ihnen
soll zugefüget haben, hierdurch um Verzeihung bitten; sondern ich will auch noch
ein übriges tun, und Ihnen, wenn Sie es verlangen, Brief und Siegel ausstellen,
dass ich Sie für eine Dame von Ehre halte und nichts anders als gutes von Ihnen
denke. Wenn Sie billig sind, so werden Sie nun Ihren Groll gegen mich fahren
lassen, ich verspreche mir dieses eben so gewiss, als ich hoffe, dass Sie mir
einen Beweis Ihres versöhnlichen Herzens dadurch geben werden, dass Sie mir bald
das Vergnügen verschaffen als meiner Frau Schwiegermutter die Hand zu küssen.
Ich lade mich bei Ihnen auf morgen zu einer guten Mahlzeit ein, um persönlich zu
erfahren, ob Sie wieder mit mir eins sind. Empfehlen Sie mich heute Ihrem Herrn
und meiner unvergleichlichen Henriette. Morgen will ich es selbst tun und mich
zugleich bemühen, Sie zu überzeugen, dass ich mit vieler Hochachtung bin
                                      Dero
                                                             gehorsamster Diener
                                                                            v.N.
 
                                   XX. Brief.
                     Das Fräulein v.W. an das Fräulein v.S.
                                                   Wilmershausen, den 30 Octobr.
Ich freue mich recht sehr, dass wir morgen das Vergnügen haben, Sie, nebst dem
Hrn. v.F. und seiner Gemahlin, hier zu sehen. Jacob hätte mir keine angenehmere
Nachricht geben können, als dass er in einer Stunde nach Schöntal geht, Sie
einzuladen. Wissen Sie wohl, wer dazu Anlass gegeben hat? Lesen Sie innliegende
Abschrift des Schreibens von dem Herrn v.N. an meine Mutter. Dieser Brief ist
eben nicht so abgefasst, wie sie wünschet: sie hat sich aber doch vorgesetzt, den
äusserlichen Frieden mit ihm wieder herzustellen. Der Major hat das meiste dazu
beigetragen, sie wieder zu besänftigen. Der Hr. v.N. hat zum Beweis seines
Verlangens, sie wieder zur Freundin zu haben, sich auf morgen bei uns zu Gaste
gebeten, um von ihr vielleicht eine mündliche Versicherung zu erhalten, dass sie
ihm alles vergeben habe. Mich dünkt ich habe bei diesem Besuche nichts
sonderliches zu fürchten. Ich befinde mich sehr ruhig, und hoffe, der Hr. v.N.
wird sich nicht so viele Freiheiten bei mir heraus nehmen, als das letzte mal,
er muss ein wenig schüchtern tun und sich in einer gewissen Entfernung halten,
morgen wird er gleichsam als ein Fremder in unserm Hause eingeführet, der erst
Bekanntschaft sucht, und dem die kleinen Freiheiten noch nicht verstattet
werden, die eine lange Freundschaft erlaubt. Ich wollte, dass Sie ihm dieses
könnten zu verstehen geben, so wohl meint  wegen, als um der ganzen Gesellschaft
willen. Die Frau v.W. würde, wenn er zu vertraut tun wollte, dieses als eine
neue Beleidigung ansehen, und wohl gar wieder einen neuen Streit erregen, der
allen vedriesslich sein würde. Die Zeile die ich in seinem Briefe unterstrichen
habe, versichert mich, dass er noch immer eine gefährlich Absicht auf mich hat.
Wenn ich jetzo nicht befürchte, dass er sie erreichen wird: so habe ich doch
immer Ursache zu fürchten, dass er eine andere Ausführung gegen mich beobachtet,
als ich wünsche. Wenden Sie doch Ihre guten Bemühungen an, ihn dahin zu bringen,
dass er morgen gar nicht tut, als wenn ich gegenwärtig wäre. Ein Mann, der dem
Grandison nachahmen will, muss ein Philosoph sein, es wird ihm also nicht viel
Mühe kosten, dieses von sich zu erhalten. Doch ich sehe, dass ich mich schon zu
weitläuftig über eine Sache heraus gelassen habe, die ich nur mit zwei Worten
gedenken wollte. Meine Absicht bei diesem Briefe war allein diese, Ihnen das
merkwürdigste zu erzählen, was in unserm Hause seit meinem letzten Schreiben
sich begeben hat, und insonderheit Sie von den Gesinnungen meiner Mutter, die
sie gegenwärtig von Ihnen hegt, zu unterrichten, damit Sie wissen, was Sie für
eine Stellung gegen diese anzunehmen haben. Legen Sie morgen Ihre gewöhnliche
Munterkeit nicht ab, und lassen Sie nichts zurückhaltendes an sich blicken. Sie
wissen, dass sie jede Mine, die ihr nicht natürlich genug scheinet, wider sich
deutet und als eine Beleidigung annimmt. Wenn Ihnen etwas an der Gunst der Frau
v.W. gelegen ist, ich sag es Ihnen zum Troste, dass Sie diese ganz wieder
besitzen, so erscheinen Sie ja recht heiter. Es ist ein seltner Fall, dass man
Sie zur Fröhlichkeit ermuntern muss, Ihr Gemüt ist immer aufgeräumt: aber Sie
können dadurch nur selten so viel Gutes, stiften, als ich mir morgen davon
verspreche. Der Major hat viel dazu beigetragen, dass sie wieder vorteilhaft von
Ihnen urteilt. Er hat Sie gelobt. So ungern sie es sonst verträgt, dass jemand
in ihrer Gegenwart gelobt wird, so willig hat sie ihm doch hierinn Beifall
gegeben. Sie wollte Ihnen zwar Schuld geben, Sie hätten eine unüberwindliche
Neigung, immer allerlei kleine Leichtfertigkeiten auszuüben; sie wollte Ihnen
diese als einen Fehler anrechnen: da sie aber der Major nicht dafür erkannte, so
änderte sie dieses Urteil, und fing an, ihre Leichtfertigkeit zu entschuldigen
und bald hernach zu verteidigen; ja sie munterte ihre kleine Tochter auf, von
Ihnen immer etwas zu lernen, um mit der Zeit so artig zu werden wie Sie. Wenn es
der Herr v.N. nicht mit ihr verdorben hätte, so will ich eben nicht gut dafür
sein, dass sie so bald wieder Ihre Freundin worden wäre. Der Zwist mit ihm hat,
wie es scheint, auch keinen geringen Anteil an der geschwinden Aussöhnung mit
Ihnen. Er wird es aber sobald nicht dahin bringen, dass sie ihm vollkommen wieder
günstig wird, sie ist indessen ganz wohl zufrieden, dass der Streit mit dem Major
sich ohne Zwiekampf geendiget hat. Ich denke, hiervon habe ich Ihnen schon
vorläufig Nachricht gegeben, und jetzt kann ich dieses bestätigen. Die Frau v.W.
schreibt sich einen vollkommenen Triumph in dieser Sache zu, und glaubt, dass
ihre Ehre dergestalt gerettet, und ihr eine Satisfaction wäre verschafft worden,
dass es der Herr v.N. so leichtlich nicht wagen würde, sie wieder zu beleidigen.
Der Major hat mir eine Beschreibung von dem ganzen Vorgange der Sache in
Schöntal gemacht, er hat ihr auch seinen Rapport disfalls schon einige mal
wiederholen müssen, der aber von dem, was er mir erzählte, sehr unterschieden
war. Mein Vater gab ihm in allem Beifall, ich weiss also nicht, ob er mich oder
die Frau v.W. hintergangen hat. Er besitzt die Gabe, alles sehr lebhaft
vorzustellen; ich zähle es unter seine Fehler, Sie tun es gewiss auch, ich weiss
es, sollten Sie es guteissen können, dass er die Reden und Stellungen der
Personen, von welchen er spricht, bosshaft nachzuahmen sucht? Er ist in dieser
Kunst ein Meister, ich gestehe ihm dieses zu: aber er verdient niemals meinen
Beifall, wenn er Beweise davon gibt. Der arme Herr v.N., ich bedaure ihn! Doch
er würde selbst mit haben lachen müssen, wenn er seine und des Herrn v.H. Person
so natürlich hätte spielen sehen. Der böse Mann! Er schonte sogar meinen Vater
nicht, ob er gleich gegenwärtig war, ich ärgerte mich im Herzen sehr darüber,
doch machte er es noch so, dass es jener nicht merkte, wenn er ihn agirte. Die
Frau v.W. war von dieser Scene ganz eingenommen. Da er seine Verdienste gegen
sie durch verschiedene kleine Nebenumstände in der Erzählung zu erhöhen wusste:
so musste sie immer eine Danksagung und einen Lobspruch über den andern parat
halten, um ihn damit zu belohnen. Mein Vater hat ihr etwas von einem Protokoll
gesagt, das in Schöntal über die Händel der beiden Herren soll sein verfertiget
worden. Sie bezeigt ein grosses Verlangen, dieses zu sehen, es scheint aber, dass
es nicht dazu bestimmt ist, ihr vorgelegt zu werden. Ich bemerkte dass der Herr
v. Ln. meinem Vater mit den Augen winkte, da er etwas davon gedachte, und dass
dieser sein Wort gern wieder zurück genommen hätte. Ich muss gestehen, dass meine
Neugierde dadurch sehr ist rege gemacht worden, bringen Sie es doch mit, wenn
ich es sehen darf, oder sagen Sie mir wenigstens, was es damit für eine
Bewandtnis hat. Lassen Sie unsern Briefwechsel ja nicht aufhören, wir können
keine bessere Gelegenheit finden vertraut mit einander zu sprechen, und Sie
können nicht glauben, wie sehr Sie das durch verbinden
                                      Ihre
                                                                    Juliane v.W.
 
                                  XXI. Brief.
                     Das Fräulein v.S. an das Fräulein v.W.
                                                                 den 1. Novembr.
Sie verlangten gestern Abend bei unserm Weggehen meine kritischen Betrachtungen
über unsere Gesellschaft. Ich versprach Ihnen dieses sehr gerne, denn ich hatte
in der Tat einige gemacht und ich bin allemal sehr unzufrieden, wenn ich meine
Gedanken bei mir behalten muss, ohne sie an Mann bringen zu können, Sie sehen
also hier die Erfüllung meiner Zusage. Ich liess mich mit Fleiss nicht in ein
Spiel ziehn, und setzte mich nur als eine Zuschauerin zum Spieltische, um auf
die ganze Gesellschaft desto aufmerksamer zu sein, und über ein und andere
Personen, die sich darinnen besonders ausnahmen, meine Anmerkungen zu machen.
Doch dieses war nur eine Beschäftigung, wenn ich sonst nichts zu tun hatte. Ich
setzte mir schon zu Hause vor, hauptsächlich zweierlei zu beobachten, teils
mich um die Wiedereroberung der Gunst der Frau v.W. zu bewerben; teils die
wahren Gesinnungen des Majors gegen dieselbe so viel möglich auszuforschen. Nun
werden Sie mich schon vor eine Kundschafterin halten. Woher habe ich denn einen
Beruf, mich um die gute Freundschaft des Majors und der Frau v.W. zu bekümmern?
Sein Sie vor jetzo mit der Antwort zufrieden, dass ich allerdings meine Ursachen
dazu hatte. Wenn ich mir nicht selbst zu viel schmeichle, so denke ich, dass ich
in meinen Unternehmungen nicht ganz unglücklich gewesen bin. Sie haben es ohne
Zweifel bemerket, dass ihre Frau Mutter sich rechte Mühe gab, mich von ihrer
Gewogenheit zu überzeugen, sie war so freigebig mit Freundschaftsversicherungen,
dass ich nicht beredt genug war, sie alle zu erwiedern. Wir hatten uns ganz ausser
Atem komplimentiret, und ich fand mich genötiget die Unterredung auf etwas
anders zu lenken, damit ich nicht endlich zum Stillschweigen gebracht würde. Zum
Glück fiel mir ihre Katze, die sich unter den Ofen hingestreckt hatte, in die
Augen, ich lockte diesen Murner zu mir und fing ihn an zu loben. Hierdurch
eröffnete ich ein weites Feld, unsere Unterredung fortzusetzen, und diesen
Lobreden schreibe ich auch grössten Teils die wiedererlangte Gewogenheit der
Frau v.W. zu. Lachen Sie nicht, es ist mein Ernst. Sie erzählte mir die ganze
Lebensgeschichte ihres Lieblings mit dem freundlichsten Gesichte, das sie machen
kann. Die Tugenden und Künste desselben beschäftigten uns ziemlich lange, und
Murner schnurte dazu, als wenn er es verstünde, dass er gelobt würde. Endlich
sehnte ich mich wieder nach der Gesellschaft und wollte mir lassen ein Pfötgen
geben, um diesem Gespräch ein Ende zu machen und von dem geliebten Vieh
freundlich Abschied zu nehmen; aber das garstige Tier war so unbescheiden und
häckelte mich mit den scharfen Krallen dergestalt in die Finger, dass ich hätte
schreien mögen. Davor bekam die Katze von der Frau v. W eine derbe Maulschelle,
und mich bat sie so ängstlich um Vergebung, dass ich ihr würde verziehen habe,
wenn sie mich auch selbst so hämisch gekratzt hätte. Es darf mir leicht jemand
ein gut Wort geben, so verwandele ich das schlimmste Urteil, das ich von einer
Person fällen kann, in ein sehr gutes. Es sind noch nicht vierzehn Tage, da ich
sie für die schlimmste Person aus unserm Geschlecht hielt. Ich las das Leben des
Sokrates von neuem, um einen Vergleich zwischen der Frau v.W. und der Gemahlin
dieses Weltweisen anzustellen. Diese schien mir in einigen Stücken noch
erträglicher, und jetzo wundere ich mich, nie ich nur die geringste Aehnlichkeit
zwischen beiden Damen habe finden können, ich bitte es nun der Frau v.W. in
meinen Gedanken ab, dass ich sie so beleidiget habe. Sie ist in der Tat nicht so
arg, als Sie und ich denken. Sie hat schlimme Zufälle, das ist nicht zu läugnen:
wenn aber ihre gute Stunde kommt, so ist sie leidlich. Die Freundschaft mit dem
Major dürfte wohl von keiner allzulangen Dauer sein, wenn sie inne wird, dass ihn
nicht die persönliche Hochachtung, sondern Klugheit und Vorteil reizen sich ihr
gefällig zu beweisen. Herr Lampert würde ihn einen schlauen Gast nennen, wenn er
ihn genugsam kennte, ich will diesen Ausdruck von ihm entlehnen, um den
Charakter des Herrn v. Ln. damit zu bezeichnen. Er hat, wie es mir vorkommt,
eben nicht die besten Begriffe von seiner Frau Base; er kennt ihre Fehler und
besitzt Herzhaftigkeit genug, ihre diese vorzurücken. In der Tat gibt er bei
ihr einen Sittenlehrer ab, ohne dass sie es merkt, nicht in der Absicht sie zu
bessern, sondern sich und andern etwas dadurch zu lachen zu geben. Das war der
boshafteste Einfall, den man erdenken kann, dass er sie in der gestalt der bösen
westphälischen Wirtin auftreten liess, von der er einen Haufen erzählte, und
darunter niemand anders als die Frau v.W. selbst vorgestellt war. Entsetzten Sie
Sich nicht über die Kühnheit des Mannes? Ich wunderte mich nur, dass die Person,
die am meisten getroffen war, und die doch sonst ziemlich fein ist, nicht das
geringste davon merkte. So geht es, wenn wir einmal glauben, dass jemand
vorteilhaft für uns denkt, so darf er sagen was er will, er meint uns niemals
und wenn er auch mit dem Finger auf uns deuten sollte. Es ist gut für den Hrn.
v. Ln., dass ich nicht an der Stelle der Frau v.W. bin, ich kündigte ihm von
Stund an mein Kapital auf, so schlimm wäre ich, und wenn er das Geld bei den
Juden borgen sollte. Wer weiss, was noch geschiehet, wenn sie einmal auf ihren
Kopf kommt, so wird der Herr v. Ln. für alle Schelmereien büssen müssen. Das
Vergnügen möchte ich haben, diese beiden Leute mit einander streiten zu sehen,
sie ist eine Meisterin darin, spitzige und beissende Reden auszuteilen, und
er sieht mir so aus, als wenn er mit lachendem Munde alles zwiefach zurück geben
könnte. Die Frau v.W. hat doch mit keinem Worte an das Protokoll gedacht,
vielleicht hat sie es vergessen. Wenn sie es auch erinnert hätte, so würde der
Baron sie auf eine andere Zeit vertröstet haben, und diese Vertröstungen sollen
so lange fortgesetzt werden, bis sie sich dabei beruhiget oder das Protokoll mit
Ungestüm fordert, alsdenn soll sie eine Abschrift erhalten, die ihrer Neigung
gemäss eingerichtet ist, und hierbei wird sie sich schon zufrieden stellen
lassen. Wenn Sie das genuine Exemplar, das ich Ihnen gestern heimlich zusteckte
durchgelesen haben, so schicken Sie mir es wieder zu. Um mich recht sehr zu
verbinden, fügen Sie ihre Anmerkungen darüber zugleich mit bei, ich habe es so
oft mit Vergnügen durchlesen, dass ich es beinahe auswendig kann. Gestern machte
ich mir ein eigenes Geschäfte daraus, wie ich Ihnen schon gesagt habe, auf die
merkwürdigsten Personen aus unsrer Gesellschaft aufmerksam zu sein, und allerlei
Betrachtungen über sie anzustellen, diese will ich Ihnen im Voraus als eine
Vergeltung der Ihrigen über das Protokoll mitteilen. Ich suchte einen
sonderbaren lustigen Zeitvertreib dadurch, die Verhältnisse und Stellungen der
Personen unserer Gesellschaft gegen einander zu beobachten. Damit war ich noch
nicht zufrieden, bald beschäftigte sich meine Einbildungskraft, die ganze
Gesellschaft sich im grossen vorzustellen, und da machte ich lauter Prinzen und
Helden daraus; bald liess ich sie wieder ins Kleine fallen und schuf sie zu
Bauern, Schulzen und Gastwirten um, hierzu gab mir die Erzählung des Majors von
der westphälischen Wirtin Anlass. Ich stellte noch allerlei andere
Vergleichungen unter ihnen an, und wenn ich sie auch die sein liess, die sie
wirklich waren, so verschafte mir auch dieses mancherlei Vergnügen. Sie wundern
sich ohne Zweifel über meine Ausschweifungen: aber was tut man nicht, um in
einer Gesellschaft, wo man sich unter einem gewissen Zwange befindet, die Zeit
hinzubringen! Doch ich war nicht die einzige Person aus der Gesellschaft, die
nicht frei genug war: die meisten andern liessen aus ihren Bezeigen etwas fremdes
und ungewöhnliches hervor blicken. Einige schienen zurückhaltend, sie dachten
alles, wie der Papogei, der nicht reden konnte, und spielten stumme Personen.
Andere, die sprechen wollten, wogen jedes Wort auf der Goldwaage ab, als wann
sie Leib und Lebensgefahr davon zu befürchten hätten. Mich befremdete dieses
sonderbare eben nicht; ich hatte es schon vermutet. Notwendig musste das neue
Bündnis der Freundschaft zweier der vornehmsten Glieder einer geschwornen
Gesellschaft als diese war, die durch einen unglücklichen Zwist bald wäre
getrennt worden, wunderbare Erscheinungen hervor bringen. Alle nahmen
gewissermassen Teil daran. Ich bemerkte, dass einige ganz geheimnisvoll aussahen,
da mein Oncle kam, man zischelte einander ins Ohr, dass die Frau v.W. oder ihr
rechtlicher Beistand der Major und der Hr. v.N. neue Händel bekommen würden. Der
Hr. v.H. hatte diesen nicht so bald erblickt, da er gleichsam in einer kleinen
Begeisterung zu sich selber sagte: ja, ja, das wird eine feine Hetze werden,
heute geht der Tanz wieder an. Der Baron, der meinen Oncle abgeholet hatte,
musste diesen so viele Lectionen geben, wie er sich den Tag über verhalten
sollte, dass er, um diese Regeln genau zu beobachten, sichs gar zu sehr merken
liess, dass ihm welche waren eingeschärfet worden. Herr Lampert hatte den Befehl
erhalten, seinen Mund und Zunge den ganzen Tag über zu nichts anders als zum
Essen und Trinken zu gebrauchen und im höchsten Notfall nicht mehr als ja oder
nein zu sagen. Er hat wider seine Gewohnheit dieses Gebot sehr genau befolgt.
Der Baron hat viel Mühe gehabt, den Oncle dahin zu bringen, an den Zwist mit der
Frau v.W. und dem Major nicht zu gedenken. Er hat mit ihr durchaus eben die
Procedur wie mit dem Major vornehmen und sie bekehren wollen, Lampert hat
bereits ein dickes Buch geheftet gehabt, um alle Reden der Frau v.W. und seines
Gönners nachzuschreiben, und nach seinem Ausdruck mit diesem neuen Kleinod den
Wert der glänzenden Tugenden desselben noch mehr zu erhöhen, und die Siege der
Grossmut für die Nachwelt schriftlich aufzubehalten. Das Gesichte der Frau v.W.
verriet auch einigen Zwang, es kostete ihr Mühe, den Anblick meines Oncles zu
ertragen; es wurde ihr aber alsdann unleidlich, wenn Grandison aus ihm sprach.
Sie verdient indessen allerdings ihr Lob, dass sie diesmal vollkommen von sich
Meister blieb, und äusserlich alles beobachtete, was man von ihr verlangen
konnte. Diese verschiedene Charaktere, welche die vorzüglichsten Personen aus
der Gesellschaft an sich nahmen, und die so vielen Zwang und Verstellung
verrieten; die Bedachtsamkeit der Uebrigen, nicht etwas vorzubringen, wodurch
von neuem Oel ins Feuer könnte gegossen und der Groll der streitenden Mächte
wieder erreget werden, breitete über die ganze Versammlung ein gewisses steifes
Wesen aus, das mir desto lächerlicher vorkam, je ungewöhnlicher es sonst bei
derselben anzutreffen ist. Dieses veranlasste mich, Ihr Schloss in das Escurial
und uns alle in Grands voll Spanien zu verwandeln, ich wünschte nur noch, dass
sich die Herren bedecken möchten. Es wurde von nichts als von Ahnen und
Stammregistern gesprochen; lauter Dinge, die zu meiner Vorstellung überaus wohl
passten, und sie so lebhaft machten, dass wenig fehlte, dass ich nicht meinen Oncle
Ihro Majestät genennt hätte. Doch da er hernach im Begriff war, einen seiner
Vorfahren bei der Zerstöhrung Jerusalems Hand anlegen zu lassen, so verschwan
den diese schönen Vorstellungen. Der Herr von H. der keinem Oncle einige Zweifel
hierüber machte, zog meine Aufmerksamkeit auf sich; doch dieser wusste sie so
geschickt aufzulösen, dass ihm der Herr v.H. Recht lassen musste. Ich weiss selbst
nicht, durch was für einen Zufall die Gespräche so geschwind wechselten, dass man
von den Archiven der Ahnen in die Vorratskammer kam; man sprach von der
Oeconomie; es wurden fette und magere Jahre prophezeiet, die Speicher wurden
angefüllt und ausgeleert, beiläufig wurde das Kapitel von Knechten und Mägden
auch abgehandelt; alles, was sich von trägem Gesinde sagen lässt, das wurde
angebracht. Eine solche Unterredung schickte sich nicht für die Grossen eines
Reichs, der Schauplatz hatte sich geändert, und es gefiel mir, ihn in die
Schenke zu versetzen. Nun stellte ich mir die Herren als lauter ehrbare Männer
aus der Gemeinde vor. Weil ich immer bemerkte, dass sie, ungeachtet der
gleichgültigen Materie, davon gesprochen wurde, doch die gewöhnliche
Vertraulichkeit diesmal bei Seite setzten: so kam mir das nicht anders vor, als
wenn ich unsere Gerichtsschöppen und Nachbarn mit einander reden hörte. Diese
sprechen nicht mehr vertraut mit einander, seit dem einer, der seinen Witz zur
Unzeit über die schwarzen Frohnsemmeln ausgelassen, und von andern ist verraten
worden, hat in den Turm kriechen müssen. Jeder sieht jetzo seinen Nachbar als
seinen Verräter an, wenn er ihm auch gleich eines zutrinket. Es ist Zeit, dass
ich meinen Vergleichungen ein Ende mache, um Ihnen noch etwas wichtiges zu sagen
das ich bis hieher versparet habe. Wissen Sie, dass mein Oncle auf den Major
höchst eifersüchtig ist? Seine guten Grundsätze wollen nicht zulangen, ihn gegen
diese Schwachheit zu schützen; ja ich befürchte schon, dass er ihnen eine
Zeitlang Abschied geben wir, um den Major heraus zu fordern; jetzt ist die Reihe
an ihm. Der Herr v.N. hatte sich eigentlich das Plätzgen auf dem Kanape beim
Koffee ausersehen, das für meine Schwester bestimmt war. Er wachte Mine, davon
Besitz zu nehmen, da ihm der Major zuvor kam und es hernach an meine Schwester
überliess. Ich merkte, dass der alte Liebhaber sehr unzufrieden war, sich von dem
jüngern verdrungen zu sehen. Er würde ihn auf eine freimütige Art darüber zur
Rede gesetzt haben, wenn ihn nicht der Baron zurückgehalten hätte. Das war nicht
der einzige Verdruss, den er empfand, er wollte dem Major auch nicht die Ehre
gönnen, im Spiel mit Ihnen Moitié zu machen. Wenn er nur einiger massen billig
gesinnt wäre, so würde er daraus nichts machen, Sie liessen ihn ja an Ihrem
Spiele gewissermassen auch Anteil nehmen, dass Sie ihm erlaubten, Ihnen den
Daumen zu halten. Schenken Sie mir einen Teil des Dankes, den Sie denen willig
erteilen, die es dahin gebracht haben, dass Sie jetzt über einen Freier lachen
können, der Ihnen noch vor kurzer Zeit so furchtbar war. Denken Sie aber nicht,
dass ich diesen Dank fordere, Sie daran zu erinnern, dass ich mich um Sie verdient
gemacht habe, Sie würden sich sehr irren, wenn Sie dieses dächten. Ich verlange
keinen andern Dank von Ihnen, als die Fortsetzung Ihrer Freundschaft und
Gewogenheit gegen mich, diese gibt mir den schönsten Beweis, dass Sie mich für
die halten, die ich wirklich bin, für
                                      Ihre
                                                ergebenste Freundin und Dienerin
                                                                          A.v.S.
 
                                  XXII. Brief.
        Herr Bornseil,
Er ist ein ehrlicher Mann, das ist ausser allem Zweifel, und wenn er es auch
nicht wäre, so könnte er dennoch den Gefallen erweisen, darum ich ihn geziemend
hierdurch ersuche. Ich weiss, dass er ehedem bei dem Herrn v.W. als Verwalter in
Diensten gestanden hat, und ich habe ihn da wohl gekannt, er trug immer einen
grünen Rock mit spitzigen silbernen Knöpfen und einen blauen Brustlatz. Ob er
nun gleich nicht mehr in Wilmershausen wohnet; so hat er doch noch, wie ich
höre, einen freien Zugang auf den Edelhof. Denn er ist nicht wie ein Schelm
fortgejaget worden, sondern böse Leute haben ihm eines bei dem gnädigen Herrn
versetzt, dass er sein Stückgen Brod verloren hat. Jetzo hält er sich, sagt man,
zu Schöntal auf, und der Herr Baron v. F. gibt ihm seinen notdürftigen
Unterhalt, folglich hat er auch daselbst im Schloss einen Zutritt. Ich kann
mich dahero zu Niemand füglicher wenden als an ihn, um innliegende Briefe sicher
an Ort und Stelle zu bringen. Ich hoffe, dass er französisch lesen kann, wo
nicht, so gebe er nur den grössten Brief an das Fräulein v.W. in Wilmershausen,
und den kleinem an das Fräulein v.S. in Schöntal ab. Er wird wohl tun, wenn er
sie selber bestellt, es ist mir an der richtigen Besorgung dieser Briefe sehr
vieles gelegen. Wenn er diese Commission wohl ausrichtet, kann er auf ein gutes
Trankgeld Rechnung machen. Er hat nicht das geringste bei Bestellung der Briefe
zu befürchten, vielmehr wird er beiden Fräuleins willkommen sein, und vielleicht
von ihnen eine Vergeltung seiner Mühe erhalten. Ich glaube, dass es nicht
undienlich sein wird, in ein und andern Stücken ihm einigen Unterricht zu
erteilen, damit dieser Auftrag der Absicht desto gemässer vollbracht werde. Nehm
er folgende fünf Regeln deswegen wohl in Acht:
    1.) Wenn er einem Fräulein ihren Brief einhändiget, so lasse er sichs nicht
merken, dass er auch an die andere einen zu bestellen hat.
    2.) Darf kein Brief einer andern Person in die Hände fallen, als der, an
welcher er gerichtet ist, dahero wird er am besten tun, wenn er das Sprichwort
beobachtet: selber ist der Mann.
    3.) Diesen Punkt merk er sich ja fein, soll er keinen Brief eher weggeben,
bis er Gelegenheit findet, eine von den Fräuleins alleine zu sprechen. Wenn sie
beide in Schöntal oder in Wilmershausen beisammen sind; oder wenn jemand anders
gegenwärtig ist: so lass er sich von seiner Commission ja nichts merken, sonst
würde er um seinen Recompenz kommen, und ich wollte für ein und andere
verdriesslichen Folgen, die leichtlich für ihn daher entstehen könnten, nicht
Bürge sein.
    4.) Wenn man etwann fragen sollte, wo und von wem er die Briefe erhalten: so
kann er nur sagen, es hätte jemand des Abends an sein Fenster gepocht und sie
seiner Tochter hinein gegeben; sich aber sogleich wieder entfernt. Vermutlich
wird er sie auch wirklich auf diese oder eine ähnliche Art erhalten. Er kann
noch dazu dichten, er hätte den Ueberbringer derselben nachlaufen wollen, um zu
sehen, wer er wäre: da er aber unglücklicherweise über einen Stein gestolpert,
so wäre jener entwicht. So viel er bei Mondenschein wahrnehmen können, wäre der
Ueberbringer ein langer Mensch gewesen, der das Ansehen eines Jägero gehabt
hätte, dieses und noch mehreres von diesem Schlag kann er nach Beschaffenheit
der Umstände hinzu fügen, es ist ihm unverwehrt.
    5.) Sollte er wieder Briefe von den Fräuleins an jemand zu bestellen kommen,
so hüte er sich ja, dass er sie nicht der Person selber überbringt, an die
solche gerichtet sind. Ich sage ihm dieses zu seinem eigenen Besten. Sobald er
einen Brief empfängt, so stecke er solchen in seine Tasche, er darf ihn so wenig
von sich legen, als er gewohnt ist, seine Tobacksdose wegzulegen, damit er ihn
gleich aushändigen kann, wenn er abgefodert wird. Diejenige Person, die dieses
zu tun berechtiget ist, wird ihm einen versiegelten Zeddel geben, in welchen
weiter nichts als das einzige Wort Barocco zu lesen ist; keine andere Seele aber
darf die Briefe zu sehen bekommen, als diese. Damit er nun die obigen fünf
Punkte wohl ins Gedächtnis fasst und genau beobachtet, will ich ihm ein
Hülfsmittel bekannt machen, sie desto leichter zu behalten. Er hat an jeder Hand
fünf Finger, nehm er also die fünf Finger seiner linken Hand, die rechte braucht
er vermutlich die Briefe zu übereichen, präge er sich bei jedem Finger einen
Punkt ins Gedächtnis. Vermässe dieser Metode wird er so leicht nichts vergessen,
und wenn er nur genau auf seine Finger Achtung gibt, seine Sache wohl
ausrichten. Noch eins habe ich zu erinnern. Es dürfte vielleicht schwer Halten,
das Fräulein v.W. alleine zu sprechen, sie muss immer um ihrer Frau Stiefmutter
sein, ihr die Zeit zu kürzen, ich habe auch hier ein gutes Mittel ausfündig
gemacht wie er sie besonders sprechen kann. Die Katze der Frau v.W. hat der
Fräulein ihr Rotkehlgen gefressen, sie will gern ein anders haben, nehm er also
das erste das beste und mache er ihr damit ein Geschenke. Er mag nun versichert
sein, dass es singt oder nicht, so lobe er den vortreflichen Gesang seines
Vogels, und unter dem Vorwande, solchen selbst auf ihr Zimmer zu bringen, um ihm
da die Flügel zu stutzen, wird er schon einen günstigen Augenblick ablauren, ihr
das Briefgen unvermerkt zuzustecken. Ich hoffe nicht, dass er Schwürigkeiten
machen wird, der Besorgung der Briefe auf sich zu nehmen. Ich gebe ihm mein
Wort, dass ihm daher nicht die geringste Gefahr erwachsen kann, und will er sich
dabei nicht beruhigen; so hat er ja wohl so viel Verstand in seinem kleinen
Finger, um selbst zu urteilen, dass man an junge Schönen keine Halsbrechenden
Dinge zu schreiben pfleget, und dass der Briefträger also auch nichts zu
befürchten hat. Was ich oben gesagt habe, dass er um seines Besten willen bei
Bestellung der Briefe alles wohl in Acht nehmen sollte, und wenn er durch seine
Unachtsamkeit etwas versehen würde, dass dieses für ihn unangenehme Folgen haben
könnte; so ist dieses nicht zu verstehen, als ob man ihn deswegen würde stöcken
und pflöcken lassen: sondern er würde sich dadurch um eine sehr gute Belohnung
und wohl gar um eine baldige Versorgung bringen. Vielleicht bin ich selbst nicht
weit entfernt, wenn er seinem Auftrage Genüge leistet. Er ist eine kluge Mann
und kann nun schon erraten, wie viel es geschlagen hat, indessen will ich mich
nicht weiter verraten. Mache er sich keine unnötige Sorge deswegen, dass ich
diesmal meinen Namen unter die gewöhnlichen Buchstaben verstecke.
                                                                            N.N.
 
                                 XXIII. Brief.
                     Das Fräulein v.W. an das Fräulein v.S.
                                                                  den 2 Novembr.
Ich bitte Sie tausendmal um Vergebung, mein Schatz, ich habe Sie wider meinen
Willen schrecklich beleidiget, oder glaube doch, dass Sie es leichtlich als eine
Beleidigung ansehen könnten: ich habe einen Brief erbrochen, der Ihnen
zugehöret. Verdammen Sie mich aber nicht durch ein übereiltes Urteil, ich bin
unschuldig! die Aufschrift ist an mich. Sehen Sie? Vermutlich rührt dieses aus
einem unglücklichen Versehn des Verfassers her. Doch das ist nicht mein
Verbrechen alleine, über so etwas, daran der Zufall Anteil hat, können Sie mit
mir nicht zürnen: aber was werden Sie sagen, wenn ich gestehe, dass ich den Brief
auch gelesen habe, vom Anfang bis zu Ende? Verfahren Sie billig mit mir, am Ende
bin ich erst meinen Fehler inne worden, und da warf ich den Brief voller
Bestürzung von mir, aber zu spät. Ich will mich Ihrer Verzeihung durch ein
offenherziges Geständnis meines Irrtums würdig machen. Ich könnte mein Versehen
dreuste leugnen, ich könnte sagen, dass ich gleich bei den ersten Zeilen wäre
inne worden, dass mich der Innhalt des Briefes nicht anginge; ich hätte so viel
Gewalt über mich gehabt, den Brief wieder zu siegeln, ohne weiter zu lesen. Was
wollten Sie machen? Glauben müssten Sie mir es doch, so wenig Lust dazu Sie auch
bezeigen möchten. Ich will sehen, ob ich meinem Fehler noch gar ein Verdienst
beilegen kann: ich will Ihnen aus aufrichtigen Herzen zu Ihren neuen Anbeter
Glück wünschen. Habe ich es nicht schon oftmals gesagt, dass Sie in den Augen des
Majors eben das sind, was ich bin in den Augen des Herrn v.N.? Sehen Sie nur,
wie meine Vermutungen so richtig eingetroffen sind. Wenn ich nicht wüsste, dass
Sie sich nur so gestellet haben, als wenn Sie die Absichten des Majors nicht
merkten: so würde ich stolz darauf sein, und mich für ein sehr kluges Mädchen
halten, auf die Art könnte ich weiter sehen als Sie. Machen Sie mich nur in
Zukunft zur Vertrauten bei Ihrer Liebe, einmal weiss ich doch um Ihr Geheimnis,
und wenn Sie mich auch überreden wollten, dass Sie gegen den Major unerbittlich
wären; so glaubte ich Ihnen dieses eben so wenig, als Sie es tun würden, wenn
ich Ihnen sagte, ich hätte innliegenden Brief nicht ganz gelesen. Brauchen Sie
ja nicht ein so geringes Versehen, als das ist mit der Addresse des Briefes, zum
Vorwande, gegen mich über den Hrn. v. Ln. sich erzürnt anzustellen, ich werde
doch nicht glauben, dass es Ihnen von Herzen geht. Ueberhaupt lege ich diesen
Fehler zu seinem Vorteil aus. Ich habe zwar von den Empfindungen der Liebenden
sehr undeutliche Begriffe: so viel sehe ich aber doch ein, dass seine Neigung
eine der heftigsten sein muss; seine Gedanken mussten sich ganz in Sie verloren
haben; er befand sich ohne Zweifel in einer Art von Entzückung, da er die
Aufschrift auf den ersten Brief an seine Göttin machte. Sein Sie ja nicht
unbarmherzig gegen einen so eifrigen Liebhaber. Hören Sie, was ich sage! Ich
will Sie nicht länger von dem Vergnügen abhalten, das zärtliche Briefgen Ihres
Verehrers zu lesen, vermutlich haben Sie mein Schreiben zuerst in die Hand
genommen. Wenn Sie in Ihrem Herzen noch ein klein Plätzgen übrig haben und sich
Ihr Freund darin nicht schon gar zu breit macht, so heben sie solches auf für
                                      Ihre
                                                                      ergebenste
                                                                       Jul. v.W.
 
                                  XXIV. Brief.
                             Einschluss des vorigen.
                              An das Fräulein v.W.
                                                                 den 1 November.
        Gnädiges Fräulein,
Sie mögen es nun billigen oder nicht, so wage ich es doch, Ihnen mein Herz zu
entdecken. Einem Soldaten ist eine kleine Freiheit anständig, die ein andres
ungestraft sich nicht heraus nehmen darf. Ich verehre Sie. Dieses haben Sie aus
meinem Bezeigen gegen Dero vortrefliche Person bereits schliessen können: ich
fand aber nötig, Ihnen dieses Geständnis auch einmal deutlicher zu tun.
Mündlich würde es mir unendliche Mühe gekostet haben, ich bin in gewissen Fällen
sehr zaghaft, wenn ich gleich ein Soldat bin, und ich fand auch hierzu keine
günstige Gelegenheit; verschweigen konnte ich es noch weniger, darüber hätte ich
mich zu Tode gegrämet. Uebersehen Sie also eine Unternehmung, die an sich nicht
strafbar ist, wenn sie sich auch nicht vollkommen rechtfertigen lässt. Ich
ergreife die Feder, Ihnen die Empfindungen meines Herzens bekannt zu machen, und
meine Zaghaftigkeit verliess mich den Augenblick bei diesem glücklichen
Entschlusse. Ich habe zwei Werkzeuge, die ich nie anders als mit dem Vorsatze
ergreife, zu siegen oder zu sterben, den Degen gegen die Feinde des Königs und
meiner Ehre, und die Feder bei der Liebe. Diese ergreife ich jetzo zum ersten
mal in der Absicht, und von ihnen hängt es ab, welches Schicksal ich zu erwarten
habe. Der glückliche Tag, den ich, so oft er in Zukunft wieder kommt, als einen
Festtag feiern werde, des glückliche Tag, an welchen ich das erste mal Sie zu
sehen die Ehre hatte, machte mir alle die Vorzüge sichtbar, in welchen Sie zur
Ehre des schönen Geschlechts prangen. Dieser erste Augenblick, der mich gegen
Sie in Bewundrung setzte, entzog mir auch meine bisher standhaft verteidigte
Freiheit, und dieser Verlust war mir so reizend, dass ich wünschte, sie nie
wieder zu erhalten. Ich sah diesen Wunsch auch sogleich erfüllt. Nach einer
genauen Untersuchung fand ich, dass mein Herz schon an Sie verschenkt wär, ehe
ich es selbst inne worden war. Ich kann Ihnen also mein Herz nicht antragen, Sie
besitzen es schon und jetzo tue ich in der Tat nichts anders, als dass ich
Ihnen diesen Besitz bekannt mache. Ob Ihnen mit einem so geringen Geschenke
etwas gedient ist, mögen Sie selbst beurteilen, so viel weiss ich, dass mein Herz
mir nicht mehr zugehöret, und dass ich das, was ich einmal verschenkt habe, nie
wieder pflege zurück zu nehmen. Wenn Sie es auch nicht als Ihr Eigentum
betrachten wollten; so würde es Ihnen doch bis in die Gruft zugehören. Sie sind
die einzige Person in der Welt, aus dem schönen Geschlecht, die ich verehre, ich
muss dieses Geständnis nochmals wiederholen. Machen Sie mich so glücklich, durch
eine Zeile von ihrer schönen Hand mich zu unterrichten, ob Sie Sich dadurch
beleidiget finden, und ob ich bei der unverbrüchlichen Ergebenheit, die Ihnen
mein Herz geschworen hat, dennoch so unglücklich bin Ihnen zu misfallen; oder ob
ich mich mit der Hoffnung schmeicheln darf, durch meine unermüdeten Beeiferungen
um Dero schätzbare Gewogenheit, mich derselben würdig zu machen. Schönste
Amalia, o wie sehr entzückt mich dieser reizende Name, ich küsse ihn tausend
mal! Schönstes Fräulein, Sie können nicht grausam sein! Mein Schicksal sei
indessen, welches es wolle, so werde ich es als eine Gnade von Ihnen ansehen,
wenn Sie mein freimütiges Geständnis als ein Geheimnis bewahren. Ich habe dem
Gemahl von Dero Frau Schwester, dem Herrn v.F. den ich als meinen vertrautesten
Freund betrachte, nicht das geringste davon entdecken wollen, bis ich erstlich
von Ihren Gesinnungen unterrichtet wäre. Wenn ich es jemals sagen darf, dass ich
Sie verehre, so gönnen Sie mir das Vergnügen, dass ich davon dem Hrn. v.F. sowohl
als Dero Herrn Oncle und dessen Fräulein Braut die erste Eröffnung tun darf.
Befreien Sie mich bald von einer ängstlichen Ungewissheit, darin ich mich
befinde, und die mich zweifelhaft macht, ob ich im Genuss des vollkommensten
Glücks leben, oder in kurzem ersterben werde als
                                      Dero
                                               untertäniger Diener und Verehrer
                                                                          v. Ln.
 
                                  XXV. Brief.
                 Das Fräulein v.S. an das Fräulein Juliane v.W.
                                                                 Den 2 November.
Ich bitte Sie tausend mal um Vergebung, mein Schatz, ich habe Sie wider meinen
Willen schrecklich beleidiget, oder glaube doch, dass Sie es leichtlich als eine
Beleidigung ansehen könnten: ich habe einen Brief erbrochen, der Ihnen
zugehöret. Wenn ich aufgeräumt wäre, so schrieb ich ihren ganzen Brief ab, er
passet eben so genau auf Sie als auf mich, und ich könnte Ihnen alles das wieder
sagen, was Sie mir gesagt haben: aber ich bin so grimmig, dass ich Lust habe,
mein Nachtzeug vom Kopfe zu reissen, oder meinem Mädchen zu klingeln, um ihr eine
Ohrfeige zu geben, dass ich nur den Zorn auslasse und nicht krank darüber werde.
Nehmen Sie erstlich ein rotes Pulver ein, für die Alteration, hernach lesen Sie
den Einschluss meines Briefes. Lassen Sie uns eine Allianz schliessen, um mit
gesammter Hand unsern gemeinschaftlichen Feind zu bekriegen - So eine
niederträchtige Gemütsart hätte ich dem Major nicht zugetrauet, er verrät sehr
viel Einfalt und törigte Liebe dabei. Wie muss der arme Kerl doch von sich
eingenommen sein, dass er durch ein paar romanmässige Liebesbriefe in einer Stunde
zwei Eroberungen machen will! Ich habe Mitleiden mit ihm, dass er von der
heutigen Lebensart so eine geringe Känntniss besitzt, und eine gemeine
Höflichkeit so vorteilhaft für sich ausleget, dass er sich die stolzen Gedanken
einfallen lässt, wir wären beide für ihn eingenommen. Er muss auch ein sehr böses
Herz besitzen. In einer Stunde von freien Stücken, und ohne dass man es verlangt,
zweien Frauenzimmern eine ewige Treue schwören, das ist der Charakter eines
Bösewichts. Er hat uns beide hintergehen wollen, und hat sich selbst
hintergangen. Dieses würde auch geschehen sein, wenn der Zufall seine boshafte
Absicht nicht offenbaret hätte. Ich hätte Ihnen gewiss das Geheimnis, wie er es
nennet, entdeckt, und Sie würden mir auch nichts verschwiegen haben, und so wäre
alles im kurzen an Tag kommen. Indessen beobachtet er doch eine gewisse
Vorsichtigkeit in seinen Briefen, er will, um sein Spiel desto länger mit uns zu
treiben, dass keine der andern von seinem törigten Liebesantrage etwas sagen
soll. So viel Verstand besass er doch noch voraus zu sehen, dass seine Sache sehr
übel stehen würde, sobald wir seine Bosheit entdeckten. Unstreitig ist es unser
guter Sylphe gewesen, der uns für einen untreuen Liebhaber hat bewahren wollen,
und der ihm die Augen zuhielt oder verblendete, dass er einen so wichtigen
Irrtum bei Ausfertigung seiner Briefe hat begehen können. Ich wollte aber, dass
mein Sylphe mir einen wichtigern Dienst leistete, diesen verdenke ich ihm eben
nicht sonderlich; ich wäre schon selbst so klug gewesen, diesem Fallstrick zu
entgehen. Nun habe ich schon tausend Erfindungen im Kopfe, um uns wegen dieser
unartigen Aufführung zu rächen. Es mag ein Fehler sein oder nicht, so gestehe
ich Ihnen dass ich nicht Grossmut genug besitze, eine solche Beleidigung mit
einer weisen Kaltsinnigkeit zu ertragen, ich hoffe, Sie sind auch meiner
Meinung. Lassen Sie uns aber, mein Kind, zuvor ein wenig wieder zu uns selbst
kommen, jetzo sind unsre Leidenschaften zu sehr rege gemacht, als dass wir einen
festen Enschluss fassen könnten. An keinem Briefe habe ich länger geschrieben als
an diesem, alle Augenblicke werfe ich die Feder hin, Bald denke ich an die kühne
Beleidigung des Majors und ärgere mich darüber, dass ich heule; bald fällt mir
wieder ein Mittel ein, Rache an ihm zu üben, und darüber vergnüge ich mich so
sehr, dass ich anfange zu lachen. Diese Gedanken wechseln so geschwinde, dass ich
oft zu gleicher Zeit lache und weine, alsdann laufe ich zum Spiegel, um zu
sehen, was ich für eine wunderbare Figur mache, hernach setze ich mich wieder
und schreibe ein paar Zeilen, und so geht es immer fort. Urteilen Sie hieraus,
wie sehr ich aufgebracht bin. Ich wollte Ihnen gerne ein paar von meinen
Einfällen, wie wir uns rächen wollen, mitteilen: aber sie sind hierzu noch
nicht reif genug. So viel kann ich Ihnen im Voraus sagen, dass es mir wenigstens
nicht einfällt, nach dem Beispiele der Frau v.W. einen Ritter aufzusuchen, der
unsere Sache ausführen soll, wir wollen schon andere Mittel finden, unsern
Beleidiger eins anzubringen. Jetzo kann ich Ihnen keinen bessern Rat erteilen
als diesen, dass Sie Sich ja nichts merken lassen, dass Sie den Brief von dem
Major erhalten haben, dadurch könnte das Spiel leichtlich verdorben werden.
Morgen werde ich Ihnen vielleicht bestimmter sagen können, was für eine Stellung
wir gegen den verliebten Ritter annehmen wollen. Er hat bei mir den alten
Bornseil zu seinem Liebesboten gebraucht, und ich zweifle nicht, dass dieser auch
den Brief, den Sie mir zugeschickt haben, gebracht hat. Ich habe allerlei
lustige Touren im Kopfe, die ich durch diesen einfältigen Mann spielen möchte,
der sich in diesem Falle vollkommen wohl zu dem Major schickt: allein ich will
mich über diesen Punkt nicht eher heraus lassen, bis sich meine Affecten wieder
vollkommen besänftiget haben, und bis ich sie zur Strafe, dass sie mich jetzo
beunruhigen, in meinen Strickbeutel, wie mein Oncle einmal sagte, zum Arrest
gebracht habe. Ich finde keinen bessern Ausdruck, mein Missvergnügen über Ihren
unartigen Herrn Vettern zu erkennen zu geben, als wenn ich sage, dass ich ihn
eben so sehr verachte, als Sie hochgeschätzt werden von
                                     Ihrer
                                                aufrichtigen zärtlichen Freundin
                                                                          A.v.S.
 
                                  XXVI. Brief.
                              An das Fräulein v.S.
                                                                      Den 1 Nov.
        Schönstes Fräulein,
Es ist eine besondere Ehre für mich, und ich nehme mir es zu einem besondern
vorzüglichen Vergnügen an, dass ich die Erlaubnis habe, mich fast täglich in Dero
angenehmen Gesellschaft zu befunden, und manche vergnügte Stunde dadurch zu
geniessen. Doch bei alle dem Glück empfinde ich eine gewisse Unruhe, die mir
einen Teil desselben wieder entzieht, und die allein daher entstehet, weil mir
bisher immer eine bequeme Gelegenheit gemangelt hat, Ihnen das zu sagen, was ich
empfinde. Darf ich es wohl, ohne Ihren Zorn zu befürchten, wagen, Ihnen mein
Herz zu entdecken, oder welches einerlei ist, ein Herz, das ich Ihnen schon
längstens gewidmet habe, zu Dero Füssen zu legen? Uebersehen Sie einen Fehler,
den ich vielleicht dadurch begehe, dass ich ohne viele Umschweife meine
aufrichtige Neigung so zeitig gestehe, ehe ich noch hierzu durch meine
Bemühungen, mich Ihrer schätzbaren Gewogenheit würdig zu machen, einigermassen
berechtiget bin. Schreiben Sie diesen Fehler ja nicht einem Mangel meiner
untertänigen Hochachtung gegen Sie zu: gönnen Sie mir vielmehr hierinnen eine
kleine Nachsicht. Die Liebe ist für mich bisher ein ganz unbekanntes Feld
gewesen, ich wage mich jetzo zum erstenmale hinein, und glaube, dass ich gegen
viele Regeln dieser Kunst verstosse. Doch dieses geschiehet nicht, weil ich sie
etwan gering schätze, ich würde sie alle aufs genaueste beobachten, wenn sie mir
bekannt wären. Die ich nur einigermassen kenne, suche ich sehr genau zu befolgen.
Es ist mir gesagt worden, dass man sich erstlich der Sprache der Augen bedienen
müsse, ehe man Mund und Feder dürfe reden lassen. Ich habe dieses Gesetz getreu
erfüllt. Meine Augen haben sich Stunden lang mit den Ihrigen besprochen; ich
habe Ihnen mehr als einmal meine Empfindungen dadurch so deutlich entdeckt, als
es diese Sprache zulässt: Sie haben mir aber nie eine Antwort erteilet, die von
aller Zweideutigkeit wäre frei gewesen. Dieses hat mich berechtiget, zu der
Feder meine Zuflucht zu nehmen, um Ihnen, wem die Sprache meiner Augen nicht
wäre redend gnug gewesen, Ihnen durch die Feder das Geständnis deutlicher zu
wiederholen, dass ich Sie anbete. Es stehet in Ihrer Hand, mich zu den
glücklichsten Bewohner der Erden zu machen, wenn Sie meine Wünsche nicht ganz
unerhört sein lassen. Doch bin ich nicht zu unbescheiden, mich in Ihre
Gewogenheit eindringen zu wollen, ehe ich Ihnen Beweise meiner Aufrichkeit
aufgestellet habe? Es ist mir genug, wenn ich nur von Ihnen die Erlaubnis
erhalte, die Zahl Ihrer Verehrer vergrössern zu dürfen, alsdenn will ich sehen,
ob ich andre in dem Eifer, Dero Gunst zu verdienen, übertreffen kann. Und wie
sehr wünschte ich, dass diese durch eine unverletzliche Treue und Beständigkeit
könnte erlangt werden: so dürfte ich an der Erfüllung meiner Hoffnung nicht
einen Augenblick länger zweifeln. So begierig ich schon der Erklärung von Ihnen,
über den Antrag meines Herzens, entgegen sehe: so sehr habe ich Ursache zu
wünschen, dass ich diese nicht mündlich erhalte, damit meine Base, die Frau v.W.
nichts davon erfahre. Der geringste Wink, den sie von meiner Absicht bekäme,
würde mich des angenehmen Umganges mit Ihnen berauben, und den Zutritt zu Ihrem
Hause, das durch Sie, vortrefliches Fräulein, für mich zu einem Louvre wird, auf
einmal versperren. Ich weiss, dass das Fräulein von S. Ihr ganzes Vertrauen
besitzt; allein sollte sie auch wohl verschwiegen genug sein, dass Sie ihr das
Geheimnis, das für mich so wichtig ist, anvertrauen könnten? Doch ich will Ihrer
bekannten Klugheit nichts vorschreiben. Sie kennen den Ueberbringer dieses
Briefes, und wissen, dass er ein redlicher Mann ist, wollen Sie ihm ein paar
Zeilen anvertrauen, die mein Schicksal bestimmen, so werden Sie dadurch
unendlich verbinden
                                      Dero
                                                            untertänigen Diener
                                                                   und Verehrer,
                                                                          v. Ln.
 
                                 XXVII. Brief.
                   Fräulein Amalie v.S. an das Fräulein v.W.
                                                                      Den 2 Nov.
Schon wieder ein Brief von Schöntal, werden Sie sagen, und das noch so spät,
was hat das zu bedeuten? Eben nichts sonderliches, vielleicht aber auch etwas,
das nicht ganz unbeträchtlich ist. Es ist mir allemal sehr angenehm, wenn ich
mich mit Ihnen unterreden kann, es sei nun mündlich oder schriftlich. Ich habe
verschiedene Entdeckungen gemacht, die ich Ihnen doch in der Geschwindigkeit
mitteilen muss, wenn sie auch gleich nicht so gar wichtig sind. Ich bin jetzo
ganz ruhig, mein Affekt hat sich geleget. Da ich meinen Brief fortgeschickt
hatte, trat ich wieder vor den Spiegel, und tat mir allen möglichen Zwang an,
um eine philosophische Mine zu machen. Wenn ich nur die äussere Seite einmal in
meiner Gewalt habe, und so scheinen kann, wie ich scheinen will; so bringe ich
es hernach bald dahin, dass ich auch in der Tat so sein kann, wie ich sein will.
Ich bildete wir ein, dass mein Vorhaben ziemlich gelungen wäre, und warf nun
einen philosophischen Blick auf den fatalen Brief. Ich nahm mir vor, ihn
nochmals mit kaltem Blute zu lesen. Ehe ich mich aber recht daran wagte, fing
ich an, um mein Blut nicht wieder in Wallung zu bringen, ihn von aussen eine
zeitlang zu betrachten. Das Siegel zog zuerst meine Aufmerksamkeit auf sich. Das
Wappen war mir unbekannt. Es fielen mir schon vorher einige seltsame Gedanken
ein, und ich weiss selbst nicht, wie ich auf den wunderbaren Zweifel geriet, ob
der Herrn v. Ln. auch der Verfasser von diesem Briefe wäre. Um mir alle
Gelegenheit zu benehmen, ihn für unschuldig zu erkennen und ihm gegen mich
selbst das Wort zu reden, schnitt ich das Siegel von dem Umschlag und ging damit
zum Baron. Ich fragte, ob ihm dieses Wappen bekannt wäre, er sagte nein. Ich
erkundigte mich, ob er des Herrn v. Ln. Wappen kennete, ich hätte von dem
Fräulein v.W. einen Brief bekommen, der dieses Siegel gehabt hätte, und
vermutete, dass Sie es von dem Major entlehnt hätten, weil Sie bei Ihren Briefen
sonst ein andres Siegel brauchten. Er versicherte, dass dieses des Herrn v. Ln.
Wappen nicht wäre, und hätte auch nicht die geringste Aehnlichkeit damit, jenes
wäre ihm sehr genau bekannt. Es befremdete mich dieses in etwas, ich dachte,
wenn der Herr v. Ln. kein Bedenken getragen hat, seinen Namen unter die Briefe
zu sehen, warum sollte er sein Wappen verleugnen wollen? Doch ich sehe selber
ein, das hieraus nichts zu machen war, es konnte zufälliger Weise geschehen
sein, dass er ein andres Siegel gebraucht hatte. Wenn man sich aber einmal etwas
in den Kopf setzt, so hält es schwer, dass man sich von diesen Gedanken sogleich
wieder lossmachen kann; wenn man auch wahrnimmt, dass sie keinen Grund haben. Ich
wollte es nun einmal so haben, dass der Major die Briefe nicht geschrieben hätte,
und diesen schwankenden Vorstellungen gab das fremde Siegel, so geringe dieser
Umstand auch an sich war, eine ziemliche Festigkeit; wenigstens fiel doch mein
Verdacht nicht mehr auf den Major alleine, ich teilte ihn schon unter mehrere
aus. Nun war meine Neugier so rege gemacht, dieser Sache weiter nachzuforschen,
dass geschäftige Generals nicht begieriger sein können, die geheimsten Anschläge
ihrer Feinde zu entdecken. Ich glaubte, Bornseil, der mir den Brief, der Ihnen
zugehörte überbrachte, könnte mir in der Sache einiges Licht geben. Ich liess ihn
zu mir rufen, und fragte, von wem er den Brief, den er Vormittage brachte,
bekommen hätte. Er schien über diese Frage sehr verwirrt, ein neuer Grund mich
in meinen Gedanken zu bestärken. Er wollte nicht mit der Sprache heraus. Da ich
dieses merkte, setzte ich desto heftiger mit Fragen an ihn, und er schien
oftmals zu zweifeln, ob er sie mit ja oder nein beantworten sollte. Dieses
brachte mich auf die Vermutung, dass ihm eine Rolle war aufgetragen worden, die
er aber sehr schlecht spielte. Bald hatte ihm seine Tochter den Brief ins Haus
gebracht, bald hatte sie ihm ein Unbekannter gegen Abend zum Fenster hinein
gegeben. Bei diesem letzten Geständnis blieb er endlich. Er hat eine sehr
schlechte Gabe zum Lügen, und es ist ein Glück für ihn, dass er in dem jetzigen
Kriege nicht zu einem Spion ist gebraucht worden, das wäre für ihn der nächste
Weg zum Galgen. Wenigstens trieb er dieses Handwerk gewiss nicht so lange als
Käsebier. Um mich völlig zu überzeugen, dass er mir die Wahrheit gesagt hätte,
brachte er mir einen Brief, in welchen die zwei an uns waren eingeschlossen
gewesen. Sie finden das Original selbst in meinem Briefe. Ich las solchen mit
grosser Aufmerksamkeit; tun Sie es ja auch, und fand in jeder Zeile für den
Major eine Verteidigung. Wozu dienet die grosse Sorgfalt, dachte ich, um nicht
entdeckt zu werden, die er ganz vergebens anwenden würde, da er sich in den
Briefen an uns genennet hat? Es könnte sein, dass es wegen der Frau v.W.
geschehen wäre, damit Bornseil nichts ausschwatzen möchte, dass er von dem Major
Briefe an uns zu bestellen hätte. Das liesse sich zwar einiger massen hören: aber
im Grunde ist es nichts. Da der Verfasser der Briefe sich schmeichelt, dass wir
uns mit ihm in einen Briefwechsel einlassen würden; so konnte es geschehen, dass
die Frau v.W. einen Brief auffing. Würde sie nicht, wenn sie den alten Verwalter
in ihrem Hause oft hätte ein und ausgehen sehen, auf seine Verrichtungen
daselbst aufmerksam worden sein, und ihn einmal darum befragt haben? der Major
hatte uns ja nicht untersagt, die Addresse unserer Antwort an ihn zu machen, und
auf die Art erfuhr ja auch Bornseil, wer der Verfasser der Briefe wäre. Hätte
der Major dieses nicht voraus sehen und dabei bedenken sollen, dass ein so
einfältiger Mann, durch ein gutes Wort von seiner vormaligen Gebieterin oder
auch durch eine kleine Bestechung, gesetzt, dass sie auch nur in einem Kruge Bier
bestünde, sich leichtlich würde auslocken lassen, was er in Wilmershausen zu
verrichten habe? Würde er ihr nicht selbst einen Brief in die Hände geliefert
haben? Ueberhaupt schickt sich Bornseil so schlecht zu einem Liebesboten, dass
ich mir nicht einbilden kann, dass ihn der Major dazu sollte gewählet haben. Er
würde eine sehr geringe Belesenheit in den Romanen verraten, die er doch oft
blicken lässt, wenn er nicht wüsste, dass ein getreuer Bedienter und ein
verschmjetztes Kammermädcher die geschicktesten Botschafter in dergleichen
Fällen sind, ohne dass der dritte Mann dabei nötig ist. Das bedenklichste bei
dieser Sache scheint dieses, dass uns Bornseil aufbürden soll, die Briefe wären
ihm von einem Unbekannten gegeben worden, den er wie des Herrn v. Ln. Jäger
beschreiben muss, da sie ihm doch von einem Kerl sind zugesteckt worden, den er
für einen reisenden Handwerkspurschen gehalten, und da er ihm die Briefe
ausgehändiget, geglaubet hat, er reichte ihm seinen Reisepass zum Fenster hinein.
Alles dieses zusammen genommen, macht mir so wahrscheinlich, dass der Major an
dieser Sache keinen Anteil hat, dass ich über diesen Punkt mit mir bereits
ziemlich einig bin. Damit Sie mich nicht für parteiisch halten, will ich ihn
aber doch noch nicht ganz frei sprechen. Unterdessen habe ich mir schon ein paar
Histörgen zusammen gedichtet, um diese Begebenheit daraus zu erklären. Das eine
ist dieses. Die Frau d.W. scheinet heimlich sehr unzufrieden, dass der Major sich
vorgestern um uns so geschäftig erzeigte. Wir machten in der grossen Gesellschaft
eine besondere kleine aus, und sie hat geglaubet, bei dem Major etwas mehr als
Höflichkeit gegen uns wahrgenommen zu haben; wenigstens befürchtete sie so etwas
in Zukunft. Sie wollte also ihre liebe Tochter für aller Versuchung bewahren,
und das Feuer gleich in der Asche ersticken. Sie mischte mich mit in den Handel,
um Ihnen von dem Herrn v. Ln. eine üble Meinung beizubringen. Ihre Erfindung war
eben nicht eine von den besten, sie war auch eben nicht übel ausgesonnen.
Vermutlich trauete sie uns nicht zu, dass wir ihm einen Vorhalt tun würden, dass
er uns beide bosshaft hätte hintergehen wollen: dadurch wäre der Betrug offenbar
worden. Sie sah ein, dass wir aus Klugheit schweigen und ihn nur mit einer
heimlichen Verachtung strafen würden. Wenn wir unsern Verdruss wollten sichtbar
werden lassen, dachte sie, wäre dieses nicht eben so viel, als ein Geständnis,
dass jede von unvorhero seine Gunst gewünscht hätte? Ja ja, dieser Einfall sieht
ihr vollkommen ähnlich. Doch ich habe auch noch andere Gedanken. Sollte wohl
mein Oncle oder sein weiser Ratgeber an dieser Erfindung Teil haben? Lampert
ist arglistig genug zu einer solchen Unternehmung, um seinen Gönner einen in
seinen Augen gefährlichen Rival wegzuschaffen. Ich habe Ihnen schon gesagt, dass
der Major den Herrn v.N. sehr eifersüchtig gemacht hat. Wer weiss, ob uns Lampert
nicht umgauckelt, ich will einmal dieses Wort den Dichtern abborgen, es drückt
seine Unternehmung sehr wohl aus, und die Frau v.W. unschuldig ist. Mein Oncle
hat gewiss an diesem Streiche keinen andern Anteil, als dass er seine
Einwilligung zu Ausführung desselben gegeben hat, und vielleicht die Ursache
ist, dass er ist ausgelacht worden. Wiewohl, es fällt mir schwer zu glauben, dass
er sich aus Kargfeld herschreibt. Nun sehe ich recht deutlich ein, dass die
Verwechselung der Briefe nicht dem Zufall zuzuschreiben, sondern dass dieses mit
Fleiss so geschehen ist. Um aber niemanden hierüber Unrecht zu tun; so lassen
Sie uns jedermann so lange im Verdacht haben, bis wir den Zusammenhang der Sache
vollkommen kennen. Was ich Ihnen schon heute gesagt habe, das wiederhole ich
hier nochmals: Lassen Sie Ihren Verdruss nicht sichtbar werden, damit die
Boshaften nicht frohlocken, dass ihnen ihr Streich gelungen ist. Nur eine kleine
Geduld! Wir werden die finstern Gesichter auch noch brauchen. Wenn wir nur erst
unsere Feinde kennen, alsdenn wollen wir tapfer gegen sie zu Felde ziehen. Ich
werde keine Mühe sparen, sie zu entdecken, und wenn ich darüber zu einer klugen
Frau schicken sollte. Glauben Sie das nur ganz sicher
                                     Ihrer
                                                           aufrichtigen Freundin
                                                                          A.v.S.
 
                                 XXVIII. Brief.
                     Das Fräulein v.S. an das Fräulein v.W.
                                                                  den 5 Novembr.
Das ungezogne Kopfweh! Will es sich denn noch immer nicht legen? Ich bin sehr
böse, dass es Sie nun schon drei Tage quälet, und mich eben so lange des
Vergnügens beraubet hat, von Ihnen ein Briefgen zu erhalten; oder wie ich
hoffte, Sie selbst hier zu sehen. Wenn es doch nur wie der Schnuppen ansteckte,
oder sich durch eine Sympatie fortpflanzen liess; so sollte es gewiss den Urheber
der verhassten Briefe dergestalt ängstigen, dass er es verschwören wurde, seine
Feder bei dergleichen ruchlosen Händeln jemals wieder anzusetzen. Ihre
Unpässlichkeit, denke ich, soll mit dem bösen Wetter Abschied nehmen, und morgen
haben wir, nach dem Wetterglase und Bornseils untrüglichen Prophezeiungen, einen
sehr schönen Tag zu erwarten. Doch ich rede vom Wetter, gerade als wenn ich
sonst nichts zu sagen wüsste. Ich habe mir vorgesetzt Ihnen diesmal etwas sehr
wichtiges zu melden. Was dächten Sie wohl? Vorläufig kann ich Ihnen die
Nachricht geben, dass ich in der Lotterie das Schicksal der mehresten gehabt, und
nichts gewonnen habe. Nun werden Sie wohl erraten, dass meine Entdeckung unsere
Händel betrifft, ich kann sie wohl so nennen; aber vielleicht bilden Sie Sich
nicht ein, dass ich das ganze Geheimnis weiss. Ist das möglich! Auf mein Wort, was
ich Ihnen sage! Hören Sie meinen Bericht hiervon.
    Noch den Abend, da ich meinen letzten Brief geschrieben hatte, machte ich
den Baron zu meinen Vertrauten; ich konnte es ihm unmöglich verschweigen. Nur
verdross mich, dass ich es von freien Stücken heraus sagen musste, ohne dass er mir
es ansehen wollte, dass ich was auf dem Herzen hatte. Doch ich setzte diesmal
alles Ceremoniel bei Seite. Da er mir nicht mit Ehrerbietung zuvor kommen und
mich fragen wollte, warum ich ein so vedriesslich Gesichte machte; so sagte ich
es ihm recht deutlich, dass ich über einer gewissen Begebenheit, die mir heute
zugestossen, sehr empfindlich wäre. Nun schien es, als wenn er seine
Unachtsamkeit wieder einbringen und mir alles auf einmal aus den Augen lesen
wollte. Ich wies ihm die Briefe, und erzählte die Unterredung mit dem Verwalter,
er erstaunte über meine Geschichte. Ich entdeckte ihm meine Gedanken von der
Sache, er hörte mich an, ohne ihnen beizufallen, noch sie zu verwerfen. Er
überdachte alle Umstände nochmals reiflich und mit solcher Aufmerksamkeit, dass
ich glaubte, den Herrn Pitt vor mir zu sehen, wenn er Krieg und Frieden wägt. Er
erklärte den Major gleichsam durch einen Machtspruch für unschuldig, endlich
gefiel es ihm, auch seine Gründe dies falls anzuzeigen. Er glaubte, dass eine so
niederträchtige Handlung dem Charakter des Herrn v. Ln. zuwider sei; er
versicherte zugleich, dass er seine Hand genau kennte, dass aber die Züge des
Briefs davon sehr abwichen. Er war über diese Verwegenheit so unwillig, dass ich
zu der Zeit nicht wünschte, dass er den Verfasser der Briefe entdecken möchte.
Doch wie seine Hitze bald überhingehet; so fing er auch an, diese Sache von der
scherzhaften Seite zu betrachten. Sie ist so verwickelt, sagte er, dass sie dem
Knoten in einer Komödie nicht unähnlich scheinet. Es ist nichts ungewöhnliches,
dass dieser durch eine Tracht Schläge aufgelöset wird, wenn sich die Acteurs
nicht anders helfen können. Wir wollen dieses kräftige Mittel auch hier
anwenden, und dem Ueberbringer der Briefe seine Mühe dadurch belohnen lassen,
der kann sie dem wieder zustellen, der ihm die Briefe gegeben hat, vielleicht
bringt der sie wieder an rechten Mann. Bei meiner Schwester und mir fand dieser
Vorschlag keinen Beifall, der arme Bornseil wäre dabei am schlimmsten wegkommen;
der Schluss fiel deswegen dahin aus, dem Verwalter einzuprägen, denjenigen genau
zu betrachten, der ihm ein verschlossnes Briefgen bringen würde, um eine Antwort
von ihm abzuholen. Es wurden ihm auch noch andere Regeln auf mancherlei Fälle
erteilet. Nun sein Sie aufmerksam, jetzt kommt die Entwickelung. Heute frühe
wurde der Verwalter in die Stadt geschickt, er lässt sich da kaum auf dem Markte
blicken; so ruft ihn ein Weib, die eine ganz bekannte Trödelfrau ist, zu sich,
zeigt ihm ein versiegelt Billet, und fragt, ob er an sie etwas abzugeben hätte.
Bornseil stellt sich erfreut darüber und beantwortet ihre Frage mit ja, sucht
alle seine Taschen durch, endlich, da er nichts findet, tut er sehr bestürzt,
und beklagt, dass er früh im Dunkeln einen unrechten Rock ergriffen habe;
verspricht aber heimzureuten und ihr noch vor Abends einen Brief zu bringen. Der
Baron hatte ihm diese Umstände wohl eingepräget. Er geriet auf die Vermutung,
dass er leichtlich in der Stadt um die Briefe könnte befraget werden. Er kam mit
dieser Nachricht zurück. Wir schickten hierauf den Jäger in die Stadt, welcher
sich allerlei Kleinigkeiten bei dieser Frau kaufen sollte, um bei dieser
Gelegenheit von ihr auszukundschaften, von wem sie das Billet wohl habe; er kann
aber nichts von ihr ausforschen. Unsere Bemühungen wären also beinahe fruchtlos
gewesen, wenn nicht zum Glück bei seiner Anwesenheit ein Mann vor die Bude
kommen wäre und gefragt hätte, ob der Brief da sei, den er mitnehmen sollte. Sie
beantwortet dieses mit nein, und bestellt ihn nach einer Stunde wieder. Der
Jäger schleicht diesem Manne nach, der ihm ohnedem nicht unbekannt ist, und
bringt ihm im Gastofe bei einer freien Zeche zu einem vollkommenen Geständnis,
doch unter der Bedingung, keiner lebendigen Seele etwas davon zu entdecken, weil
es ihm hart verboten wäre, etwas davon zu sagen. Sehen Sie nur, wie listig der
Urheber geheimen Correspondenz an uns sich verborgen hatte. Wenn er nicht durch
einen Zufall wäre entdecket worden; so hätte man seine Verwegenheit nicht einmal
ahnden können. Et hat sich, wie wir aus dem Erfolg sehen, für unsere Rache sehr
gefürchtet, und auf alle mögliche Art sich davor sicher zu stellen gesucht.
Gegenwärtig beschäftigt sich mein Gemüt mit keiner andern Vorstellung, als mit
der, diesen Frevel bestraft zu sehen, und ich bin so erfindungsreich, dass immer
ein Anschlag den andern verdringt, meine Rache auszuführen. Der Baron hat
versprochen, mir mit Rat und Tat an die Hand zu gehn; ich bin aber noch gar
nicht mit mir einig, welches Mittel sich am füglichsten wird anwenden lassen,
den Verwegenen zu züchtigen. Morgen besuche ich Sie, da wollen wir diese Sache
gemeinschaftlich überdenken, wenn uns nicht überflüssige Personen in unsrer
Gesellschaft daran verhindern. Doch ich plaudere sehr viel, und jage immer
nicht, von wem sich der schlimme Streich herschreibt, und daran ist Ihnen
vermutlich am meisten gelegen. Damit ich Ihnen morgen recht sehr willkommen bin;
so habe ich mir vorgenommen, den Urheber, davon nicht anders als mündlich zu
nennen. Ich lasse Sie in einer völligen Ungewissheit, um mir morgen das Vergnügen
zu verschaffen, Sie noch einmal herumraten zu lassen: ich möchte doch sehen,
wen Sie am meisten im Verdacht haben. Wenn Sie eine so unleidliche Neugierde
besässen, als unserm Geschlechte ordentlich zugeschrieben wird, die aber durchaus
ein Fehler einzelner Personen ist, worunter ich gehöre; so würde ich mir es zur
Sünde anrechnen, Sie so lange schmachten zu lassen. Sie sind aber gewiss hierbei
ganz gleichgültig, und übersehen meinen kleinen Eigensinn. Mein Brief ist nun
lang genug, Ihnen ihr Kopfweh zu vertreiben, oder es zu vermehren, deswegen will
ich kein Wort mehr sagen, als dass ich bin
                                      Ihre
                                                            aufrichtige Freundin
                                                                          A.v.S.
 
                                  XXIX. Brief
                        Fräulein Amalia an ihren Bruder.
                                                          Schöntal, den 12 Nov.
        Geliebter Bruder,
Du verlangst, dass ich noch immer auf alles aufmerksam sein soll, was zur
Geschichte unsres Oncles gehöret, in ferne man ihn als Grandisons Jünger
betrachten kann, ich bin auch noch immer geneigt, dein Verlangen zu erfüllen.
Jetzo sehne ich mich recht nach neuen Auftritten, um die langen Winternächte
desto gemächlicher hinzubringen, wenn ich einen Teil davon verschreibe, so wie
ich den andern zu verschlafen gedenke. Wenn mir nur die geringste Gelegenheit
gegeben wird, so bediene ich mich derselben mit Vergnügen, dir von den
Begebenheiten in unserer Gegend Nachricht zu geben: aber eher setze ich auch
keine Feder an. Wenn ich weiter nichts sagen kann, als dass wir gesund sind, so
schweige ich lieber: das kannst du auch von andern erfahren. Jetzo habe ich
einmal wieder etwas erhascht, davon ich so viel zu schreiben gedenke, dass ich
wenigstens ein halb Dutzend Federn stumpf machen werde; es betrifft unsern Oncle
nur mittelbar und geht hauptsächlich den Herrn Lampert an. Der erste ist ganz
ruhig, oder muss es vielmehr sein, er verhält sich wieder passive, wie Lampert
spricht, das ist, er hat einen kleinen podagrischen Anfall; aber desto lebhafter
ist der andere. Es ist, als wenn es diese beiden Leute mit einander abgeredt
hätten, dass wenn der eine etwas seltsames geliefert hat: so tritt der andere
auf, damit die Schaubühne nicht ledig bleibt. Ich bin gewohnt, nicht nur sehr
lange Briefe wegen dieser Händel an dich zu schreiben, sondern ich teile dir
auch alle diejenigen in Abschrift mit, die unter uns diesfalls gewechselt
werden, und welcher ich nur habhaft werden kann. Gegenwärtig erhälst du ein
Stück des Briefwechsels zwischen mir und dem Fräulein v.W. Die ersten davon
entalten an sich eben nichts merkwürdiges, und ich war anfangs zweifelhaft, ob
ich sie mit einschliessen wollte; doch da ich sie nochmals las, schienen sie mir
nicht ganz unbeträchtlich. Sie fassen den merkwürdigen Punkt der
Wiederaussöhnung des Herrn v.N. mit der Frau v.W. in sich; sie entalten auch
einige Anekdoten, daraus man die dermaligen Gesinnungen der Personen, die unsere
gewöhnliche Gesellschaft ausmachen, erkennen kann. In einem davon wird gedacht,
dass der Major unsern Oncle eifersüchtig gemacht hat, und dieses kann als der
Grund von der ganzen Geschichte, die ich zu beschreiben gedenke, angesehen
werden. Da sich unser Oncle einmal eine Ursache zur Eifersucht in den Kopf
gesetzet hatte; so zweifelte er nun, dass das Fräulein v.W. eine Henriette Byron
sein könnte, wenn sie einen andern Mann unserm Oncle in ihrem Herzen vorzöge.
Vermutlich hatte hierüber viele sorgsame Gedanken und Herr Lampert nach seiner
gefälligen Art, machte sich anheischig, geschickte Mittel ausfündig zu machen,
solches zu verhüten. Er geriet auf den boshaften Einfall, im Namen des Herrn v.
Ln. an das Fräulein v.W. und an mich zu schreiben, uns einen verwünschten
Liebesantrag zu tun und diese Briefe mit Fleiss zu verwechseln, um dadurch den
Major bei uns beiden verächtlich zu machen. Ich bilde mir ein, dass ihm diese
Erfindung einige schlaflose Nächte gemacht hat. Er richtete solche in der Tat
ins Werk, und weil ich seitdem ein kleines altmodisches silbernes Dösgen bei ihm
bemerket habe; so glaube ich, der Oncle hat ihn damit für seinen klugen Einfall
beschenket. Wenn ich nicht aus verschiedenen Umständen gemutmasset hätte, dass
diese Briefe erdichtet wären; so hätte ihm sein Vorhaben wenigstens eine
Zeitlang gelingen können, ohne dass dadurch sein Gönner das gerinste würde
gewonnen haben. Im Anfang fiel aller Verdacht auf die Frau v.W. und Fräulein
Julgen hat mir gestanden, dass sie, nachdem ich sie auf diese Spur gebracht, so
feste davon wäre überzeugt gewesen, dass sie es nur für Scherz angenommen, da ich
ihr gesagt hätte, diese Erfindung schriebe sich vielleicht aus Kargfeld her. Sie
wollte dieses mir nicht einmal glauben, da ich zu ihr ging, um ihr den wahren
Urheber davon zu nennen. Wie wir ihn entdeckt haben, solches wirst du aus meinem
letzten Briefe an das Fräulein v.W. sehen. Ueberhaupt erinnere ich, dass du die
Innlagen meines Briefes eher lesen musst als ihn selber, damit dir nichts in
meiner Erzählung unverständlich bleibt. So erbittert wir gegen die Frau v.W.
gewesen wären, wenn wir unsern Verdacht gegen sie gegründet befunden hätten; so
ruhig waren wir nun, da wir den wahren Urheber dieser Kabbale entdeckt hatten.
Das Fräulein v.W. war so grossmütig ihm zu verzeihen, ich hingegen war darauf
bedacht wenigstens auf eine lustige Art mich zu rächen. Der Baron riet mir,
gegen den Oncle und den kühnen Lampert meinen Unwillen zu verbergen. Er nahm es
auf sich, wegen dieser Beleidigung uns vollkommene Genugtuung zu verschaffen.
Leute von dem Charakter eines Lamperts, verdienen in meinen Augen Mitleiden,
wenn man ihre Vergehungen nach der Strenge bestraft. So boshaft ihre
Unternehmungen auch oftmals scheinen; so gehören sie doch zu den unwissendlichen
oder wenigstens zu den Schwachheitssünden. Ich bin überzeugt, dass Lampert gewiss
nicht den Vorsatz gehabt hat, uns zu beleidigen, er sah seine Erfindung als
eine erlaubte List an, seinen Gönner von einem so grossen Uebel als ein
Nebenbuhler ist, zu befreien, und dadurch das Lob eines klugen und
erfindungsreichen Mannes zu verdienen. Ich bin geneigt eine grössere Beleidigung
gleichgültiger zu ertragen, wenn sie mir zugefüget wird, ohne dass man dabei die
Absicht hat, mich zu beleidigen, als eine geringere, womit diese Absicht
verbunden ist. Der Baron hat eben diese Gesinnung. Es wurde dahero in unserm
Rate beschlossen, uns zu stellen, als wenn wir die Briefe gar nicht empfangen
hätten, und wo möglich, diese Gedanken unserm Oncle und dem Magister Lampert
selbst beizubringen. Wenn wir diesem hätten merken lassen, dass seine verwegne
Unternehmung entdeckt wäre; so hätten wir notwendig sehr böse gegen ihn tun
müssen, und wenigstens in Jahrsfrist hätte er uns nicht dürfen ins Gesichte
kommen. Doch dadurch wäre der Baron am meisten gestraft, wenn er in Jahr und Tag
keinen Spass mit ihm treiben sollte. Er nahm sich vor, bei Gelegenheit ihm eins
anzubringen, und ihm jetzo nur allen Argwohn zu benehmen, dass wir hinter das
Geheimnis kommen wären. Bornseil hatte der Unterhändlerin in H. versprochen, ihr
den Brief, den er an sie abzugeben hätte, noch denselben Tag einzuhändigen, der
Baron nahm sich die Mühe ihm einen in die Feder zu dictiren, den er den
folgenden Tag der Frau bringen musste, er wurde in Bornseils Namen abgefasst. Weil
er nicht allzulang ist, will ich ihn einrücken. Die Aufschrift war an Herrn
N.N., welcher Peter Bornseilen einige Briefe hat einhändigen lassen.
        Unbekannter guter Freund,
Nebst einem schönen Grusse melde ich dienstlich, dass ich seinen Brief an unsere
gnädige Fräulein und den an die Fräulein p.W. wie auch den meinigen wohl
erhalten habe, und wenn ich sonst kein Bedenken gehabt hätte; so würden sie auch
richtig sein an Ort und Stelle gebracht worden. Aber nehm er mirs nicht übel,
ich muss ihm hierdurch melden, dass ich sie nicht bestellen kann, und wenn ich ein
Kaisertum damit verdienen sollte. Sie sind nicht mehr in meinen Händen. Es hat
sie mir zwar niemand genommen, ich habe sie auch nicht verloren, noch
vielweniger bereits richtig bestellt: sondern ich habe mich auf eine sonderbare
Manier davon losgemacht. Lass er sichs erzählen, was ich damit vorgenommen habe.
Es befremdete mich nicht wenig, dass mir von einem unbekannten Kerl ein Brief
zugestellet wurde, darinnen ich zwei andere an die Fräuleins fand, es macht mich
ziemlich stutzig, dass sich der Verfasser in dem Briefe an mich nicht genennet
hatte. Ich dachte deswegen, ist dir wohl, so bleib davon, dass du nicht kriegest
bösen Lohn. Es ist gewiss nicht umsonst geschehen, dass der Verfasser sich nicht
genennet hat, das hat seine Ursachen. Wir leben jetzo in gar bedenklichen
Zeiten. Briefe zu bestellen, ohne zu wissen, von wannen sie kommen, ist gar
gefährlich, es kann einer heutiges Tages in Leib-und Lebensgefahr darügeraten.
Was deines Amts nicht ist, lass deinen Fürwitz. Briefe gehören auf die Post; ich
bin aber weder ein Postknecht noch ein Postmeister jemals gewesen, sondern
meiner Profession nach bin ich ein Oeconomus, und wenn ich ihm als ein solcher
einen Gefallen kann erweisen, will ich es gern tun; aber zu weiter versteh ich
mich nichts. Durch andrer Leute Schaden bin ich klug gemacht. Andräs, der
Grossknecht auf hiesigem Edelhofe, hat sich neulich von dem Herrn Schulmeister
auch einen Brief lassen aufschwatzen, solchen in der Stadt zu bestellen, da er
aber damit aus Tor kommt, haben ihn die Soldaten visentiret, den Brief
genommen, aufgebrochen und gelesen. Nicht genug hieran, so haben sie den armen
Andräs von Pilatus zu Herodes herum geführet, dass er bald ein paar Schuhe
darüber zerrissen, und nur noch von Glück zu sagen gehabt, dass sie ihn nicht gar
für einen Spijon angesehen. Darum dachte ich: mit solchen Dingen unbeworren! Ich
hielt auch sogar gefährlich, die Briefe lange in meinem Hause zu haben. Wenn ich
gewusst hätte, wer er wäre, so hätte ich sie ihm noch denselbigen Abend
wiehergebracht. Die ganze Nacht hindurch ist mir kein Schlaf in die Augen
kommen, und wenn sich nur was regte, so dachte ich, es geschähe Haussuchung, man
wollte die Briefe holen, und mich in Ketten und Banden schmieden. Um nun der
Marter los zu werden, nahm ich sie frühe, so bald der Himmel grauete, band sie
an ein paar grosse Steine, und trug sie, wie ein paar junge Katzen, ins Wasser.
Ich hätte zwar den kürzesten Weg gehen und sie verbrennen können; aber ich
sorgte, dieses möchte mir Verdruss bringen, ich habe gehört, dass der Staupbesen
darauf stehet, wenn man die Briefe an andere erbricht, und ein fremdes Siegel
verletzt. Da es nun in diesem Falle nicht ohne Verletzung des Siegels abgegangen
wäre; so warf ich sie lieber ins Wasser. Nehm er es nicht übel, dass ich so
strenge mit den Briefen verfahren bin, es war mir so Angst dabei, dass wenn ich
sie länger in meinem Hause behalten hätte, so wäre ich wohl endlich selber ins
Wasser gesprungen. Ich habe ihm nun als ein ehrlicher Mann gesagt, wo die Briefe
hingekommen sind, und kann einen Eid deswegen ablegen. Er kann ja leichtlich ein
paar andere schreiben, und sie auch auf eine andere Weise als durch mich
bestellen lassen, wenn es nötig ist. Dieses hat ihm nachrichtlich melden wollen
                                                                            P.B.
    Mit diesem Briefe, den der Baron vollkommen nach Bornseils Schreibart
eingerichtet hatte, wurde dieser nach H. geschickt, wo der benennten Frau
solchen auch gegeben, die ihn vermutlich richtig bestellet hat. Nun dachten wir
auf nichts anders, als den Magister Lampert seinen Frevel büssen zu lassen, wir
machten einen Haufen Anschläge, es fanden sich aber bei jeden Schwürigkeiten.
Von ungefehr bot sich hierzu eine Gelegenheit dar, die so wunderbar als
unerwartet kam. Doch ich will hier in meinem Briefe einen kleinen Abschnitt
machen, damit wir beide, du beim Lesen, ich beim Schreiben, ein wenig ausruhen
können.
 
                                  XXX. Brief.
                            Fortsetzung des vorigen.
                                                              Den 13 und 14 Nov.
Es war am Diensttage, da wir Nachricht erhielten, dass einige Esquadrons von der
schweren Englischen Cavallerie in unsere Gegend einrücken würden, Sie trafen
Mittwoch Abends ein, wir bekamen also Gäste. Zwei Officiers ritten gerade in den
Edelhof, der eine war Rittmeister und der andere Cornet. Sie schienen im Anfang
ein paar steife Männer zu sein, der Rittmeister sonderlich hatte eine so
nachdenkliche Mine, als wenn er glaubte, dass er an dem glücklichen Feldzuge
dieses Jahres keinen geringen Anteil hätte. Wer sollte denken, dass dieser Mann
bestimmt gewesen wäre, zwei beleidigte Frauenzimmer zu rächen! Der Baron redete
sie französisch an, Sie antwortete kurz und gebrochen. Ich nahm mir vor, nicht
lange in ihrer Gesellschaft zu bleiben, doch bei Tische fanden wir an dem
Rittmeister einen ganz andern Mann, er wurde aufgeräumt und redete uns plötzlich
in unsrer Muttersprache an. Der Baron war eben im Begriff, ihm seine
Verwunderung darüber zu entdecken, da er ihm zuvor kam und anfing, sein Leben zu
erzählen. Er hat einige mal das Glück gehabt, den König nach Deutschland zu
begleiten, und hat sich ausserdem ziemlich lange aufgehalten. Nachmittage
stattete der Herr v. Ln. einen Besuch bei uns ab. Der Rittmeister war sein
vertrauter Freund. Sie hatten einander lange nicht gesehen, und unterhielten
sich eine Zeitlang von den Begebenheiten, die unterdessen dem einen sowohl als
dem andern zugestossen waren. Die Gespräche wurden hierauf, da diese beiden
einander nichts mehr zu sagen hatten, so mannigfaltig, dass man fast zu gleicher
Zeit vom Kriege, von der Verschiedenheit der Sitten der Deutschen und der
Engländer, und von Romänen sprach. Das Capitel von den letztern war das längste.
Der Major machte dem Rittmeister ein Compliment dadurch, dass er seinen
Landsleuten ihr gehöriges Lob gab, dass sie uns mit verschiedenen artigen Romans
beschenket hätten. Die vornehmsten wurden genennt und beurteilet. Beiläufig
wurde auch unserer übermässigen Verehrer des Grandisons gedacht. Der Rittmeister
war hierbei aufmerksam, und nach dem Geschmacke der Britten vergnügte er sich
ungemein an dem sonderbaren, das diese Leute von sich blicken liessen. Der Major
erzählte ihm mehr davon, als uns Anfangs leib war. Um das Gespräch in etwas zu
verändern, gedachte der Baron, dass einer von Grandisons Jüngern zwei
Frauenzimmer sehr beleidiget hätte, die deswegen auf Rache bedacht wären, und
fragte mich zugleich, warum ich so rot würde, ob ich dadurch meine Rachbegierde
verraten wollte? Hierüber wurde ich in der Tat rot, diesen abgenutzten Spass,
die Männer auf Kosten des Frauenzimmers einmal lachen zu lassen, wendete der
Baron dismal, seiner Gesellschaft zu Ehren, in dieser Absicht an. Ich wollte ihm
wieder eins versetzen; doch ehe er mich zum Worte kommen lies, wendete er sich
zum Major und sagte, er hätte schon in unserer Gegend einmal die gute Sache des
Frauenzimmers mit Ruhme verteidigt, worzu er sich entschlüssen wollte, wenn er
hierzu nochmals aufgefodert würde? Der Herr von Ln. machte seinen besten
Reverenz, er wollte gleich seinen Abschied fordern, sagte er, und aufhören, das
Vaterland verteidigen zu helfen, wenn er die Ehre haben sollte, für die Schönen
zu fechten. Die Unterredung wurde über diesem Punkt ziemlich munter, der
Engelsmann wollte all einem solchen Glück gleichfalls Anteil haben, und sie
zankten sich hierüber lange. Da der Rittmeister hörte, dass eine Fräulein Base
des Majors mit im Spiel wäre, wollte er sich endlich mit ihm dahin vergleichen,
dass sich dieser seiner Fräulein Base annehmen sollte; er hingegen wollte meine
Partie nehmen. Sie waren beide nun nur begierig, den Beleidiger sowohl, als die
Beleidigung zu erfahren, jenen nennte der Baron, und diese, sagte er, bestünde
darin, dass Lampert, um eine Wette von unserm Oncle zu gewinnen, welcher
behauptet hätte, die Freundschaft zwischen mir und dem Fräulein v.W. wäre
unzertrennlich, sich unterstanden hätte, einen Zwist unter uns erregen zu
wollen. Alle stimmten damit überein, dass dieser Frevel müsste bestraft werden.
Der Baron hatte sogleich eine seltsame Erfindung parat, diesen Vorsatz
auszuführen, die von allen belacht wurde; die aber einen so allgemeinen Beifall
erhielt, dass sie der Rittmeister, der dabei hauptsächlich mit eingeflochten war,
durchaus in Erfüllung bringen wollte. Es kostete nicht viel Mühe, den Baron
dahin zu bringen, seinem Gaste dieses Vergnügen zu verschaffen. Die Herren
brachten also den übrigen Teil des Tages damit zu, einander in allem vollkommen
zu unterrichten, was den folgenden Tag ihre Lust vollkommen machen könnte. Ich
schlich mich weg, um Fräulein Julgen Nachricht zu geben, was der Baron dem Major
vorgeschwatzt hatte, damit wir einerlei Sprache führten, wenn der Herr v. Ln.
etwas gegen ist davon gedächte. Des folgenden Tages fand sich dieser sehr zeitig
bei uns ein, hierauf wurde folgendes Billet nach Kargfeld geschickt:
        An Herrn Lampert,
Vernehmen Sie aus meinem Munde die seltsamste Geschichte, mein werter Herr
Magister, die sich seit ihrer Promotion zugetragen hat. Ich habe seit vier und
zwanzig Stunden einen Mann unter meinem Dache, den wir beide aus der Geschichte
Sir Grandisons kennen - Wen meinen Sie wohl? Ich will ihre Seele nicht lang im
Zweifel lassen. Sind sie begierig den Hauptmann Salmonet von Person kennen zu
lernen; so kommen sie eiligst nach Schöntal, er hat ein grosses Verlangen Sie zu
sehen, der Major Ohara hat in einigen Briefen sehr vorteilhaft von Ihnen
geurteilet. Lassen Sie noch zur Zeit ihrem Gönner nichts erfahren von dem, was
ich ihnen jetzo fub rosa gesagt habe, damit er nicht in die Versuchung fällt,
Sie zu begleiten. Es ist heute eine sehr feuchte Luft und ihm zuträglich, dass er
sich warm hält, damit ihm das Podagra nicht in Leib schlägt. Kommen Sie bald,
Sie werden mit Verlangen erwartet von
                                     Ihrem
                                                              geneigten Freunde.
                                                                            v.F.
Entzückt über diese unerwartete Botschaft, macht sich Lampert nach Empfang
dieses Briefgens sogleich reisefertig. Es war so veranstaltet worden, dass er auf
diesem kleinen Wege bereits einige Anfechtungen haben sollte. Einige Reuter
mussten ihn überfallen und für einen französischen Feldprediger ansehen. Er hat
durchaus ein Kriegsgefangener werden sollen. Man hat ihm gesagt, er müsste mit
nach Wilmershaussen in das Staabsquartier folgen. Endlich erhält er auf vieles
Bitten so viel, dass er einer abgelössten Feldpost ein Wahrzeichen mit an uns nach
Schöntal geben darf, damit wir seine Befreiung desto schleuniger auswirken
möchten. In der Angst wählte er hierzu seine Sammtmütze, und er hätte nichts
kenntlichers wählen können. Der Cürassier hatte sie auf seinen blanken Pallasch
gesteckt, da er in Schöntal einritte, und wem Lampert nicht bald darauf selbst
nachkommen wäre, so ahndete mir schon, dass das Gerüchte in der Gemeinde
entstehen würde, er wäre niedergemacht worden. Doch der Rittmeister befahl, dass
man ihn ungehindert sollte passiren lassen, und schalt den Reuter dass er die
Zierde des Hauptes eines deutschen Magisters so sehr misshandelt hätte. Lampert
erschien hierauf noch ganz betäubt von Schrecken. Der Rittmeister nahm sein
steifes Wesen wieder an, die Rolle, die ihm der Major aufgetragen hatte, schien
sehr gut mit ihm zu passen. Nach den ersten Komplimenten, die auf Seiten des
Magisters mit einer furchtsamen Ehrerbietung gegen den Rittmeister begleitet
waren, zog er einen Brief aus der Tasche. Sie haben mir zwar filentium imponirt,
gnädiger Herr, sagte er zum Baron, ich habe meinem Gönner nichts von der
beglückten Ankunft des Herrn Rittmeister Salmonets entdecken sollen: nehmen Sie
es aber nicht ungnädig, ich hielt mich in meinem Gewissen verbunden, ihm einen
Wink davon zu geben. Ich habe mir einmal eine Regel gemacht, kein Geheimnis zu
besitzen das ich ihm nicht entdecken sollte, ich darf solche nicht
überschreiten. Mein Patron bedauert, dass er nicht im Stande ist dem Herrn
Rittmeister persönlich seine Aufwartung zu machen, er empfiehlt sich ihm in
diesem Schreiben. Er übergab es dem Officier, welcher es erbrach und lass. Ich
will es hier einrücken, es veranlasste eine wichtige Unterredung
        Hochgeehrter Herr Rittmeister,
Wenn Sie deutsch verstehen, so ist es gut; wo nicht, so lassen Sie diesen Brief
durch Ueberbringern desselben in eine Sprache übersetzen, in welche sie wollen.
Ich erfreue mich sehr, dass ein Mann, von dem ich in der Geschichte Sir Carl
Grandisons, meines vielgeehrten Herrn Gevatters, so viel gelesen habe, sich in
hiesiger Gegend befindet. Ich möchte Sie gern von Person kennen lernen, und
würde nicht ermangelt haben, Ihnen in Schöntal aufzuwarten, wenn ich nicht das
Bette hüten müsste. Gönnen Sie mir Ihren Besuch, wenn Sie Ihren Posten verlassen
können, Sie werden mir sehr willkommen sein. Inzwischen da man nicht weiss, wie
bald Sie etwan Ordre zum Aufbruch erhalten, und mir viel dran gelegen ist Ihr
Portrait zu besitzen, weil Sie doch auch mit in die Geschichte Sir Carls
gehören; so tun Sie mir doch den Gefallen, und lassen Sie Sich bei Ihrem
jetzigen Aufentalt in Schöntal auf meine Kosten abkonterfeien. Ich habe nur
vorgenommen, alle in dieser Geschichte vorkommende Personen abmahlen zu lassen,
um meine Bildergalerie damit auszuschmücken, ich habe diesfalls auch bereits
nach England geschrieben. Wenn Sie meine Bitte erfüllen, so erzeigen Sie mir
dadurch den grössten Gefallen von der Welt, und wenn ich im Stande bin, Ihnen
Gegengefälligkeiten zu erzeigen; so werde ich mir ein Vergnügen daraus machen.
Ich verharre mit aller Hochachtung
                                      Dero
                                                              ergebenster Diener
                                                                            v.N.
Ja ja, sagte der Rittmeister, das ist der Mann, den mir der Major Ohara
beschrieben hat. Hören sie einmal, was Aemilie Sir Beauchamps Gemahl von ihm
spricht. Lesen. Sie diesen Brief selbst, Herr, sagte er zum Magister, wenn Sie
englisch verstehen; doch ich will ihnen lieber die Uebersetzung davon machen. Er
schlug das erste Blatt um, und stellte sich, als wenn er auf der andern Seite
das fänd, was er suchte. Er las folgendes?
    Wagen sie es ja nicht wieder, Sir Carln nachzuahmen, sie müssen wissen,
sagte er, dass mich Lady Beauchamp mit diesem Briefe beehret hat. Es ist sehr
wohl getan, dass sie diesen Vorsatz aufgegeben haben, da sie an der glücklichen
Ausführung desselben so sehr zweifeln. Dieses würde ihr Gemüt nur in einer
beständigen Unruhe unterhalten haben. Mein Herr gestehet selber, dass er in
vieler Unternehmung nicht vollkommen glücklich gewesen ist, das sage ich zu
ihrem Troste. Wenn man nicht so gut ist als man sein soll, so ist es gnug, wenn
man sich bestrebt, so gut zu sein, als man sein kann. Kein Britte hat bis jetzo
Sir Carln erreichet, vielweniger ein Irrländer. Diese Ehre ist einem Ausländer
vorbehalten gewesen. Sie kennen den Mann aus den Briefen des Gemahls meiner
Mutter. Der Herr v.N., was für ein ehrwürdiger Name, der dem Namen Grandison
gleich kommt! Alle Wetten, die in England sind angestellet worden, dass Sir Carl
unnachähmlich wäre, gehen nunmehro verloren. Zwei Capitalisten in Londen werden
dadurch banquerott. Wir bewundern alle den grossen Deutschen und Sir Carl ist
über ihn vergnügt. Sie wissen, wie oft Herr Richardson mich in der Geschichte
meines Vormundes heulen lässt: jetzo vergiesse ich in der Tat mehrere Tränen,
als mir jemals sind angedichtet worden, lauter Freudentränen, dass Sir Carl der
Gegenstand einer allgemeinen Bewunderung worden ist, und dass man ihn so
glücklich nachahmet.
    Wir haben Ursache einander Glück zu wünschen, sagte der Baron, dass wir so
vielen Anteil an einem Manne haben, den man in Brittannien eben so hoch
schätzt; so sehr man sein Urbild in Deutschland bewundert. Bald bekomme ich
selbst Lust, die Secte der Anhänger des Herrn Grandisons zu vergrössern, bis
jetzo bin ich noch immer neutral gewesen. Was meinen Sie, Herr Rittmeister,
trauen Sie mir wohl zu, dass ich es in der Nachahmung des Baronets weiter bringen
sollte als Sie? Wenn ich die Ehre bedenke, die mir daher erwachsen würde, so
möchte ich es fast wagen - Aber die Schwürigkeiten, die man dabei zu übersteigen
findet - -
    Salmonet. (Ich will ihm nur diesen Namen geben, weil er doch seine Person
vorstellte.) Ja, die canalljösen Schwürigkeiten! Ich habe auch einmal Grandisons
spielen wollen, aber bei meiner Treue! Ich hielt es nicht länger als vier Wochen
aus, und weiss am besten, welchen Zwang ich mir dabei angetan habe. Wenn es
länger gedauret hätte; so wäre ich über den Possen crepirt. Spiegeln sie sich an
meinem Exempel.
    Der Baron. Ich erkenne es, bei uns ist es nun zu spät, dass wir erst anfangen
wollten, uns in eine neue Form zu giessen, und wenn man uns beide zusammen
schmelzt; so würde doch kein Mercur aus uns.
    Lampert. Es ist andem, non ex quovis ligno fit Mercurius. Indessen wenn man
den edelmütigen Entschluss gefasst hat, eine grosse Unternehmung auszuführen; so
muss man sich keine Hindernis davon abschrecken lassen. Man muss an die Worte des
Dichters gedenken: quo bene coepisti, hic pede semper eas. Ich rufe die Sentenz
täglich einmal beim Frühstück meinem Gönner zu, gleich jenem Edelknaben, der
seinen Monarchen auch täglich an einen gewissen Denkspruch erinnern musste, und
dieses macht meinen Gönner so beherzt, dass er alles, was sich seinem edlen
Vorhaben entgegen setzt, glücklich überwindet.
    Salmonet. Grandison wäre der Mann nicht, der er wirklich ist, wenn er den
Doctor Bartlett nicht auf der Seite gehabt hätte; und ihr Gönner würde auch wohl
eine schlechte Figur machen, wenn sie ihn nicht unterstützten.
    Lampert. Sie erzeigen mir viel Ehre, mein Herr Rittmeister; aber ich
versichere, dass ich weiter nichts als eine caussa occasionalis bin, dass mein
Patron dem grossen Britten glücklich nachfolget.
    Salmonet. Sie sind ein sehr bescheidener Mann; mein Herr, und sie verdienen
meine Hochachtung, dass sie das Lob, das ihnen mit Rechte zugehöret, auf eine so
gute und gelehrte Art von sich ablehnen. Aber helfen sie mir doch aus dem
Traume, was hat es denn mit der Bildergalerie ihres Herrn für eine Bewandtnis?
Mich dünkt, sie ist der Bildergalerie Sir Carls sehr unähnlich, dort befinden
sich nur die Ahnen desselben, und hier will ihr Gönner die Portraits aller der
Personen, die in der Geschichte seines Freundes genennet werden, aufstellen.
    Lampert. Mein Gönner hat dabei verschiedene rühmliche Absichten. Er hält
sich für einen aus der Familie Sir Carls, und also glaubt er ein Recht zu haben,
alle verwandten desselben als die Seinigen zu betrachten. Da es nicht
wahrscheinlich ist, dass er die Englischen Freunde jemals von Person wird kennen
lernen; so will er sich doch wenigstens aus dem Gemählde einen Begriff von ihnen
machen. Ferner hat er hat er sich vorgenommen, seinen hochadelichen Sitz zu
einer Schule der Tugend und Weisheit zu machen. Diese Bildergalerie wird also
den beste Hörsaal derselben abgeben. Man wird Gelegenheit haben, wenn man den
Lehrlingen diese Portraits zeigt, auch zugleich den moralischen Charakter der
Personen, die dadurch vorgestellt werden, zu entwerfen. Die Tugend wird ihr
gehöriges Lob, das Laster seinen Tadel finden.
    Salmonet. Der Herr v.N. wird mein Portrait also nicht bekommen. Es ist mir
bekannt, dass ihr Herren eben nicht die besten Begriffe von mir habt. Ich glaube,
ihr wäret im Stande, mich neben den schelmischen Juden Merceda zu stellen, und
jeder, der vorüber ginge, müsste einen Fluch über uns aussprechen. Nein, das wäre
mir ungelegen! Ich will lieber unbekannt bleiben, als auf eine solche Art
berühmt werden.
    Lampert. Sie haben nichts zu fürchten. Es scheinet, dass ihnen Sir Carl
Pardon gegeben, und die Beleidigungen, die er von ihnen und dem Herrn Major
Ohara erhielt, vergessen hat. Es ist also auch unsere Schuldigkeit, dass wir
alles mit dem Mantel der christlichen Liebe zudecken. So bald sie angefangen
haben, den Herrn Grandison zu verehren; so bald sind sie aus den Toren des
Lasters zu den Fahnen der Tugend übergangen. Wenn jetzo Herr Richardson die
Geschichte des Herrn Grandisons fortsetzen sollte, so würde er sie vermutlich
in einem ganz andern Lichte erscheinen lassen.
    Salmonet. Denken sie nicht an den verhassten Richardson. Er hat mich vor der
ganzen Welt beschimpft, und ich hätte ihn gewiss längstens den Hals gebrochen, am
sich Sir Carl seiner nicht annähme. Haben sie denn alles geglaubt, was er von
dem Major und mir bei den Händeln zu St. James quarre geschrieben hat?
    Lampert. Ich hab im geringsten nicht daran gezweifelt, da Sir Carl den
ganzen Vorgang der Sache selber an den Doctor Bartlett berichtet.
    Salmonet. Es ist wahr, Sir Carl hat mit aller Aufrichtigkeit alle Händel
beschrieben, ich habe den Brief im Original gesehen; Sir Richardson aber hat
geglaubt, dass die getreue Mitteilung desselben seinem Helden nicht gar zu
vorteilhaft sein dürfte, deswegen hat er sich die Erlaubnis genommen, viele
Stellen darin zu verbessern. Er hat aber die Sache, wie jedermann, der nur
Menschenverstand hat, leichtlich einsiehet, dergestalt übertrieben, dass seine
Erzählung alle Wahrscheinlichkeit verliehet. Sir Carl macht sich selbst oft
darüber lustig: er weiss am besten, wie wir ihn damals in die Enge getrieben
hatten.
    Lampert. Sollte aber Sir Carl darein gewilliget haben, dass man die Welt so
hinterginge und ihr Unwahrheiten und Erdichtungen von ihm aufbürden dürfte?
    Salmonet. Der Baronet hat hierzu freilich seine Einwilligung nicht gegeben,
er hat alles hinter seinem Rücken getan. Was sollte er aber machen, da es
einmal geschehen war? Er musste es dabei bewenden lassen.
    Der Hr. v. L. Sie hätten in der Tat diesen Schimpf nicht sollen auf sich
sitzen lassen. In Deutschland würde kein Officier mit ihnen getrunken haben, bis
sie ihre Sache ausgemacht hätten. Wenn ich an ihrer Stelle wäre; so verteidigte
ich mich wenigstens in Schriften, und suchte meine Ehre vor der Welt zu retten.
Ich denke, es ist noch immer Zeit.
    Salmonet. Bis jetzo habe ich es auf Bitten des Majors unterlassen, dieser
glaubte, Sir Carl würde ungehalten darüber wer, den, sie wissen wohl, dass er
Ursache hat ihn zum Freunde zu behalten. Der Baronet und Beauchamp sind ein Herz
und eine Seele, dieser letztere, der jetzo Aemiliens Vermögen in Händen hat,
würde der Gemahlin des Majors den Augenblick die freiwilligen Renten einziehen,
wenn ihm Sir Carl nur einen Wink gäbe. Der Major würde also sehr übel dran sein,
wenn er dem Herrn Grandison auf sich unwillig machen wollte. Inzwischen ist sich
jeder selbst der Nächste. Die Freundschaft des Baronets ist mir angenehm: aber
ich will solche doch lieber vermissen als die Achtung der ganzen Welt. Da die
Geschichte des Herrn Grandisons in Deutschland ein so grosses Ansehen erlangt
hat, und ich für die deutsche Nation sehr viele Achtung habe: so kann ich es
unmöglich zugeben, dass man mir unverdienter Weise meine Ehre entzieht. Ich will
mich rechtfertigen. Ich will die aufrichtige Relation der Händel mit Sir Carln
aufsetzen und drucken lassen. Ich will mich gegen unverschämten Herrn Richardson
verteidigen. Weisen sie mir nur einen Gelehrten zu, der die Sache gut
einfädelt: ich bin der deutschen Sprache nicht so mächtig, dass ich mich
getrauete, diesen Aufsatz selber zu verfertigen.
    v. Ln. Einen Gelehrten dürfen sie nicht weit suchen, wenn der Herr Magister
Wilibald in der Gesellschaft ist. Er wird sich ein Vergnügen daraus machen, eine
Caussa occasionalis zu sein, ihren Ruhm, der in den Augen der Deutschen
Schiffbruch gelitten hat, wieder herzustellen, und er wird, wie ich hoffe, ihre
Ehre so tapfer verteidigen, dass man sie in Zukunft für den herzhaftesten
Irrländer halten wird.
    Lampert. Ich verbitte diese Ehre gar sehr. Ich werde warlich gegen den Herrn
Richardson nie eine Feder ansetzen, das ist geschworen! Gesetzt, aber noch nicht
eingestanden, er hätte einiges in den Briefen des Herrn Grandisons an den Doctor
Bartlett geändert; so würde ich doch nicht im Stande sein, das Publicum davon zu
überzeugen. v. Ln. Ich sollte meinen, dieses würde sich leicht tun lassen,
wenigstens ist es wahrscheinlicher, dass zwei so tapfere Männer, als der Herr
Major Ohara und der Herr Rittmeister Salmonet sind, den Herrn Grandison
entwaffnet haben, als dass er beide durch seine Fechterstreiche um Hut und Degen
bringt. Diese Stelle halte ich für die schwerste in dem Grandison, die einer
Aufklärung wohl würdig ist.
    Salmonet. Ich werde nicht mit Bitten bei ihnen nachlassen, mein Herr, bis
sie sich entschlüssen, mir meinen guten Namen wieder zu verschaffen. Ich will
ihnen unter der Mahlzeit den ganzen Verlauf der Sache der Wahrheit gemäss
erzählen, bringen sie es hernach zu Pappier, damit ich diese Schutzschrift in
die nächste Druckerei schicken und hernach in ganz Deutschland bekannt machen
kann. Sie sollen zur Belohnung die Ehre haben, ihren Namen davor setzen zu
dürfen.
    Lampert entschuldigte sich mit einem Haufen Complimenten, und glaubte damit
durchzukommen, dass er vorgab, er würde sich das grösste Gewissen machen, seinen
Eid zu brechen, den er getan hätte, nie eine Feder gegen den Herrn Richardson
anzusetzen: Der Rittmeister aber drang so heftig in ihn, dass ihm ganz Angst
dabei wurde. Bei der Mahlzeit erzählte der Rittmeister ein seines Mährgen, das
schon den Tag zuvor war ausgedacht worden, von seiner Schlägerei mit dem Herrn
Grandison, und sprach davon für sich so vorteilhaft, dass dem guten Lampert kein
Bissen schmeckte. Er wünschte diesmal hundert Meilen von Schöntal und dem
martialischen Britten zu sein dem er nicht, wie er wollte, zu widerlegen sich
getrauete. Es war auch in der Tat gefährlich, diesem Kriegsmanne viel zu
widersprechen, der, wenn man ihm nicht alles glauben wollte, die Stirn in
tausend Falten legte, und grässlich schwur, dass alles wahr wäre, was er sagte.
Unterdessen nennte er den Magister immer seinen besten Freund, und erwies ihm
allerlei Liebkosungen. Beim Koffee wurde der Spass vollkommen, wo nicht gar
übertrieben. Lampert wollte es durchaus nicht unternehmen, den Herrn Salmonet
gegen die Erzählung des Herrn Richardsons zu verteidigen.
    Wollen Sie nicht meiner Bitte Platz geben, mein Herr, sagte der Officier; so
werde ich, wenn sie sich ferner weigern, nach Kriegsgebrauch mit ihnen verfahren
müssen. Corporals, rief er zum Fenster hinunter, haltet ein Dutzend Sättel
bereit. Nehmen Sie es nicht ungütig, mein Herr, es tut mir leid, dass ich ihre
Schultern mit zwölf Sätteln muss beschweren lassen, wenn Sie meine Ehre gegen die
feindseligen Angriffe des Herrn Richardsons nicht verteidigen wollen. Sie
werden sich gefallen lassen, diese Last so lange zu tragen, bis sie sich meinem
Absichten gemäss erklären. Auf diese Art habe ich in meinem Vaterlande die
Hartnäckigkeit von mehr als hundert Quäckern überwunden, und sie in zwo Stunden
glücklich bekehrt. Ich hoffe nicht, dass sie mich in die Notwendigkeit versetzen
werden, ihnen diese kleine Unbequemlichkeit so lange aufzubürden. Versuchen sie
es nur so lange es ihnen gefällt. Sobald sie meine Bitte Statt finden lassen; so
bald werde ich das Vergnügen haben sie von dieser kleinen Beschwerung zu
befreien.
    Verlangen sie nicht Unmöglichkeiten von mir, sagte Lampert in einem
tragischen Tone, und beleidigen sie nicht das Gastrecht, das bei den Alten
heilig war. Ich bin als ein Freund zu ihnen kommen, warum begegnen sie mir als
einem Feinde? Sie werden an mir nie einen Verteidiger, wohl aber einen Ankläger
bei der ganzen ehrwürdigen Familie der Grandisonen finden, wenn sie fortfahren,
einen Mann zu beleidigen, für den die weisesten der Britten selbst eine Achtung
bezeigen, und dessen Bemühungen um die Gelehrsamkeit sie bereits belohnet haben.
    Salmonet. Glauben sie nicht, ehrwürdiger Freund, dass ich sie beleidigen
will, entfernt von mir sei eine so tadelhafte Absicht! Ich werde sie vielmehr
selbst unter der Last der Sättel hoch schätzen. Ich tue nichts, als was die
grössten Helden der alten und neuern Zeiten vor mir getan haben, ich verfahre
mit ihnen nach raison de guerre. Ein General, der ein Volk in seiner Gewalt hat,
lässt sich von solchem alle Unterstützung und Hülfe zu Erhaltung seines
Endzwecks, das ist, zu Beförderung seiner Progressen reichen, die er nur
aufbringen kann. Er ist berechtiget mit militärischer Execution diese
Hülfleistung zu erzwingen, ohne dass er deswegen ein Feind ist, er kann (bei
alledem) sogar ein Freund und Bundsgenosse sein. Was tue ich anders? Sie sind
in meiner Gewalt, ich verlange eine kleine Gefälligkeit von ihnen, die sie mir
auch leicht erweisen können, sie verweigern mir solche: ich bediene mich also
meiner Macht, die mir die Kriegsgesetze erlauben, meinen Endzweck zu erreichen.
Ich bin aber keinesweges ihr Feind, Feind, nein, wir sind die besten Freunde,
hier haben sie meine Hand. Ich bin äusserst gerühret, dass ich mich genötiget
sehe, ihnen auf eine unangenehme Art zu begenen. Sie werden mich ausserordentlich
verbinden, wenn sie mich von der Notwendigkeit befreien, meinem Vorteil der
Heiligkeit des Gastrechts vorzuziehen.
    Lampert zum Major. Sie bringen alles Unglück über mich, Herr Major! Hätten
sie nicht den Vorschlag getan, dass ich die Ehre des Herrn Rittmeisters gegen
die Wahrheit verfechten sollte: so sähe ich mich jetzo nicht in so viele
Verdriesslichkeiten verwickelt. Nun verlasse ich mich auch auf ihren Vorspruch.
    Der Major, zuckt die Achseln.
    Salmonet. Hier gilt kein Vorspruch, entschliessen sie sich, aut, aut. Er
stieg auf vom Stuhle.
    Lampert. Hören sie, Herr von Salmonet, nur ein Wort!
    Salmonet. Was denn?
    Lampert. Gönnen sie mir doch wenigstens nur eine kleine Bedenkzeit, um bei
einer Sache voll solcher Wichtigkeit eine feste Entschliessung zu fassen.
Erlauben sie, dass ich einen kleinen Abtritt nehme.
    Salmonet. Richten sie alles nach ihren Gefallen ein, bester Freund, ich
verstatte ihnen diesen Zeitraum gar gerne, die Sache zu überlegen, bringen sie
nur eine mir gefällige Entschlüssung zurück.
    Lampert ging hierauf in das Nebenzimmer, wir hörten kurz hernach seine
Stimme. Der Baron winkte uns, dass wir stille sein sollten, er nahm seine
Schreibtafel und lehnte sich an die Tür. Hier ist es, was er von dem
Selbstgespräche des Magisters aufgeschrieben hat, man konnte nicht alles
vernehmen.
    Nein! Jedermann würde mich verachten - Welcher Unterschied unter den
Menschen! Grandison der Menschenfreund. Ehre genug seinetwegen ein Märtyrer zu
sein! Wer kann wider Gewalt und Unrecht - -! Aber gleichwohl - keine Einwürfe!
Ein Abschaum von bösen Menschen kann dich nicht beschimpfen. Getrost Lamperte!
Jetzt ist es Zeit, dir ein Verdienst zu machen -, Wohlan, zeige deinen Mut, wie
spricht der Dichter:
Justum ettenacem propositi virum,
Non militum ardor, prava jubentium,
Non vultus (cape tibi hoc!)
Non vultus iustantis tyranni,
Mente quatit solida.
    Aber freilich vor der übelunterrichteten Welt -. Ei kein aber! In Jahr und
Tag ist alles vergessen-. Aber Hannchen wird mir umkehren. Ein schwerer Punkt-
in der Tat, Hic haeret aqua! doch nein, nichts ist im Stande - -
    Weiter konnte man nichts verstehen, es trat in dem Augenblick ein Kürassier
von dem Ansehen eines Bramarbas in das Zimmer, der einen Pass examiniren liess,
und durch das Geräusch seiner Stiefeln uns um den letzten Teil dieses
Selbstgespräches brachte. Der Magister kam einige Augenblicke hernach sehr
bestürzt zurück; er glaubte, der Kürassier wäre seinetwegen da, um gegen ihn
Gewalt zu gebrauchen. Dieses machte eine plötzliche Aenderung in seinem festen
Entschluss. Wozu dienen alle diese Weitläufigkeiten, sagte er, da ich bereit bin,
ihre Absichten zu erfüllen. Der Rittmeister umarmte ihn, und der Kürassier nahm
seinen Abmarsch. Lampert setzte sich in einem Winkel des Zimmers, und nach einer
Stunde überreichte er die verfertigte Schutzschrift, die vollkommen nach dem
Willen des Officiers eingerichtet war. Der Major riet ihm, diesen Aufsatz in
die öffentlichen Zeitungen einrücken zu lassen, weil dieses der leichteste Weg
wäre, solchen allentalben bekannt zu machen. Lampert bat den Rittmeister sehr
angelegentlich, ihn zu beurlauben und ihn mit einem Passe zu versehen, damit
wenn er unterweges einer Patruille wieder in die Hände fiele, man ihn nicht für
eine verdächtige Person halten möchte. Der Rittmeister versicherte, dass er
nichts zu befürchten hatte, weil er aber doch darauf bestund; so gab er ihm
einen Reitknecht zur Bedeckung mit. Er musste versprechen des folgenden Tages
wieder zu kommen, aber er hat sein Wort nicht gehalten. Am Freitage wollte der
Rittmeister unser Oncle besuchen.; er wurde aber durch die Ordre zum Aufbruch
daran verhindert. Jetzo ist es in unserer Gegend wieder ganz ruhig. Der Magister
hat sich, wie der Baron erzählet, der gestern in Kargfeld gewesen ist, zwei Tage
und drei Nächte in einem grossen Schlagfasse auf dem Boden aufgehalten, und
vorgeben lassen, er wäre in Angelegenheiten seines Gönners verreist, damit er
dem Herrn Salmonet nicht wieder unter das Gesichte kommen möchte. Unser Oncle
ist sehr böse auf ihn, dass er dem Rittmeister Gehorsam geleistet, und eine
Schmähschrift gegen den Herrn Grandison, wie er es nennt, aufgesetzt hat. Ich
will das Original davon meinem Briefe mit beifügen, du wirst leicht einsehen,
welchen Zwang der Magister bei Verfertigung dieses Aufsatzes sich hat antun
müssen. Fräulein Julgen ist mit dieser heimlichen Rache gegen den boshaften
Lampert nicht sowohl zufrieden als ich. Sie ist ein liebes frommes Kind, die
keine Beleidigung rächen, sondern nur verzeihen will. Meine sechs Federn sind
nun eben stumpf, ich will also mein Paquet geschwinde zusammen packen. Wenn es
dir in Strassburg nicht so wohl gefällt als in Londen; so verschaffe uns bald das
Vergnügen, dich in Schöntal zu sehen, um von mir die mündliche Versicherung zu
erhalten, dass ich nie aufhören werde zu sein
                                     Deine
                                                                          A.v.S.
 
                                 Avertissement
                                An das Publicum.
Es ist nicht ohne die äusserste Befremdung zu vernehmen gewesen, was massen der
Herausgeber der Geschichte Herrn Carl Grandisons, sich die ungeziehmende
Freiheit genommen hat, einige Briefe in besagter Geschichte nach seinem
Gutdünken zu verändern und zu verfälschen, dergestalt und also, dass er sich
nicht entblödet hat, aus solchen einige wichtige Umstände ganz und gar
wegzulassen, oder zu verdrehen; nicht minder seine eigenen Erdichtungen und
Hirngespinnste an deren Stelle zu setzen, und sie für die reine Wahrheit zu
verkaufen. Da nun durch solche arglistige Griffe sowohl das Publicum auf eine
schändliche Art ist hintergangen, als auch verschiedene Personen durch diese
ungetreue Erzählung an ihrer Ehre und guten Namen heftig sind gekränket worden:
so hat man nicht Umgang nehmen wollen, eine abgenötigte Ehrenrettung, der, von
dem Herrn Herausgeber so feindselig angegriffenen Personen, öffentlich an das
Licht zu stellen, und dadurch ein unparteiisches Publicum von der Wahrheit der
Sache genau zu informiren, die fabelhaften Erdichtungen in ihrer Blösse
darzustellen, und ihre Urheber für seine Verwegenheit dadurch einigermassen büssen
zu lassen.
    Nie ist wohl die Wahrheit mehr gesparet worden, als bei Erzählung des Duells
zwischen Herrn Carl Grandison Baronet an einem, und S.T. Herrn Major Ohara und
dem Herrn Hauptmann Salmonet am andern Teile. Ob man gleich genugsam überzeugt
ist, dass jedem vernünftigen Leser sogleich bei Erblickung dieser Relation,
welche im 3ten Teile der Grandisonischen Geschichte und daselbst im XIII.
Briefe aufgezeichnet zu ersehen ist, die handgreiflichsten
Unwahrscheinlichkeiten, damit am besagten Orte einige Blätter angefüllet sind,
notwendig in die Augen leuchten müssen, und man also die ganze Sache dem
vernünftigen Urteile des billigen Lesers hätte überlassen können: so hat man
doch um der schwachen Brüder willen, die des judicii discretionis sich nicht
sonderlich rühmen können, und aus Liebe zur Wahrheit, einige Umstände dieser
Erzählung in etwas beleuchten wollen, um solche von den vorsetzlichen
Erdichtungen des Verfassers zu säubern, und Licht und Finsternis, das ist,
Wahrheit und Lügen in diesem Chaos von einander abzusondern. Es ist demnach
    1.) Ueberhaupt eine strafbare Verwegenheit, wenn dieser ganze Brief, so wie
er in bemeldter Geschichte dem Publico vor Augen liegt, dem Herrn Carl Grandison
angedichtet wird. Wahr ist es, dass Sir Carl den ganzen Verlauf des Rencontres
mit dem Herrn Major Ohara und dem damaligen Titularhauptmann, jetzigen
wirklichen Rittmeister in Königl. Grossbrittannischen Diensten, Herrn von
Salmonet, an Se. Hochwürden, Herrn D. Bartlett, aufrichtig und mit der Wahrheit
übereinstimmend berichtet hat. Es ist dieser Brief aber von dem Herrn
Herausgeber entweder ganz und gar unterschlagen, oder durch viele erdichtete
Zusätze so verunstaltet worden, dass ihn Sir Carl gar nicht mehr für den seinigen
erkennt, wie er dieses selbst gegen viele glaubwürdige Personen, die allenfalls
alle mit Namen angeführet werden könnten, gestanden hat. So ist auch
    2.) Grundfalsch, wenn der Verfasser dieses untergeschobenen Briefes Sir
Carln mutmassen lässt, die beiden Herren wären gemeine Kerls und keine Officiers,
die von der Frau Jervois nur wären herausgeputzet worden, da doch mehr belobter
Herr Hauptmann Salmonet jetzo in Deutschland unter den englischen Truppen mit
vielem Ruhme ein Geschwader Reuter commandiret, und sich vorgenommen hat, die
Feinde seines Königes und des Vaterlandes zu überwinden, oder zu sterben. Es
konnte auch Sir Carln ganz und gar nicht einfallen, an dem guten Herkommen
dieser beiden Herren zu zweifeln, da der Herr Major gleich nach den ersten
steifen Complimenten, die beide Teile einander machten, sein Geschlechtregister
nebst allen Documenten seines guten irrländischen Adels, welches zusammen im
Druck einen ziemlichen Quartanten ausmachen dürfte, dem Baronet in einer
Schnupftobacksdose darreichte, von welcher doch der Verfasser ein ganz andres
Mährgen erzählet. Man hat nicht Ursache über dieses compendiöse Behältnis eines
so weitläuftigen Werkes in Verwunderung zu geraten, da man ja ungezweifelt
weiss, dass in dem Altertume eine Abschrift der ganzen Ilias des Homers, auf
Pergament geschrieben, in einer Nuss ist aufbehalten worden. Was aber das
Geschlecht des Herrn Salmonets anlangt, so glaubt man, dass jeder von der
Vortrefflichkeit desselben genugsam werde urteilen können, wenn man sagt, dass
der Herr Grossvater oftbenannten Herrn Rittmeisters unter Cromwells Heere eine
ansehnliche Charge hatte, wenn dieser predigte, so versah jener die Stelle
eines Feldcantors. Aus dem Verhältnisse eines Pastoris und Cantoris mit der
Gemeinde, kann man das Verhältnis zwischen dem Protector Cromwell, dem Anherrn
des Herrn Salmonets und andern Gliedern des Brittischen Staats vollkommen
bestimmen. Gleichwie ein Pastor in keinem Dorfe und dessen Filialen der
vornehmste Mann ist, und nach ihm dem Cantori der zweite Platz gehöret: also war
auch Cromwell ein Beherrscher dreier Völker; und Herr Eduard Salmonet war nach
ihm der grösste im Reich. Ferner und zum
    3.) Kann man auch unangemerkt hier nicht vorbeilassen, dass der Verfasser
oftangezogenen untergeschobenen Briefs einen offenbaren Widerspruch begehet,
wenn er erstlich den Herrn Grandison diese beiden Herren für gemeine Kerls
halten, und ihn doch kurz hierauf den Degen gegen beide ziehen lässt. Man könnte
zwar sagen, es wäre dieses eine Notwehre gewesen: Sed quod negatur. Warum liess
er es denn so weit kommen? Warum braviert er die Herren so lange, bis sie
endlich böse werden und vom Leder ziehen? Wenn er sie für keine Cavaliers hielt,
so konnte er ja gleich bei dem ersten Wortwechsel seinem Bedienten klingeln, um
diese Männer, nach dem Ausdruck des Verfassers, mit der Verachtung, welche sie
verdienten, nach ihrem Wagen bringen zu lassen, ohne sich vorhero erst mit ihnen
zu schlagen, und ihnen Cavaliers-Satisfaction zu geben. Man merkt es hier gar zu
deutlich, dass sich der Verfasser selbst vergessen hat, die Unwahrheit guckt
unter seiner Erzählung allentalben hervor. Möchte man ihm dahero nicht mit
Recht zurufen: Mendacem opportet esse memorem? Nicht weniger ist es
    4.) Eine lächerliche Erdichtung, wenn Herr Richardson seinen Helden seine
zwei Gegner mit einer ganz unglaublichen und einer Zauberei ähnlichen
Geschicklichkeit entwaffnen, und als ein paar Kartenmänner zu Boden strecken
lässt. Er begnügt sich nicht an einem Siege, den er seinem Helden so leicht in
die Hände spielt: Sir Carl muss sich auch die Mühe nehmen, beide Männer, einen
nach dem andern, aus dem Zimmer zu bringen. Wie er das angefangen hat, wird
nicht gemeldet, es wäre dieses auch vergeblich gewesen, denn die umständlichste
Beschreibung dieses Vorganges würde jedem vernünftigen Leser doch unbegreiflich
geblieben sein. Wenn man nicht Sir Carln für einen Zauberer halten will, der mit
bannen und feste machen umgehen kann: so wird man gestehen müssen, dass dieser
Auftritt dem Roman so ähnlich sieht, als ein Tropfen Wasser dem andern. Risum
teneatis amici! Noch eins! Warum ruft denn Sir Carl noch zuletzt, da die beiden
Herrn schon entwaffnet waren, ein halb Dutzend handfeste Kerls zu Hülfe? Waren
die beiden Herren so gedultig als sie beschrieben werden; so waren die Bediente
unnütze, sie hätten schon selbst ihren Wagen gesucht, da sie bei Sir Carln
nichts mehr zu tun hatten. War aber die Gegenwart der Bedienten nötig; so ist
dieses ein untrügliches Zeichen, dass Sir Carl mit ihnen alleine nicht fertig
werden konnte. Wer findet hier nicht abermal einen Widerspruch!
    Um dem erlauchten Publico nur einiger massen einen richtigen Begriff von
dieser Affaire zu machen: so ist zu wissen, dass Sir Carl den plötzlichen
Ausbrüchen des Zorns, denen er von seiner ersten Jugend an unterworfen gewesen,
nicht widerstehen konnte, da er in dem unerwarteten Besuche, mehrgedachter
beider Herren Officiers, und der Gemahlin des Herrn Majors, etwas beleidigendes
fand. Grosse Männer haben gemeiniglich auch grosse Fehler, ein Wort gab das
andere; und Officiers, die Mut besitzen, lassen sich, wie man weiss, nicht gerne
beleidigen. Sie waren also genötiget, ihre Ehre mit dem Degen zu verteidigen.
Sir Carl hatte nur einen kleinen Pariser an der Seite, seine Herren Gegner aber
ihre Commandodegen. Es wäre ihnen mitin ein leichtes gewesen, dem Baronet, der
sich bei dem Kamin mit einigen Stühlen verschanzet hatte, eins anzubringen, dass
er genug gehabt hätte. Allein, da er offenbar übermannet war, und mit seinen
Gegnern nicht einmal gleiche Waffen hatte: so war der Herr Major so grossmütig,
ihn ordentlich nach Kriegsgebrauch in seinem Bollwerke aufzufordern. Man
begehrte, er sollte das Gewehr strecken, und sich auf Gnade und Ungnade ergeben.
Weil er nun dieses zu tun sich weigerte: so machte man Mine, ihn hinter seiner
Verschanzung anzugreifen. In diesem Augenblicke aber drang ein Haufe bewaffneter
Bedienten in das Zimmer, ihren Herrn zu entsetzen, der eben im Begriff war,
Chamade zu schlagen. Man bekam mit einem Haufen Feinden zu kämpfen, die allerlei
ungewöhnliche Waffen, als Ofengabeln, Aexte, Feuerschaufeln und dergleichen
führten. Hier war nichts anders zu tun, als sich mit Ehren durchzuschlagen.
Beide Herren taten ihr Bestes, der Major Ohara machte sich Platz bis an die
Tür des Zimmers, doch hier hatte sich ein verwegener Kopf hinpostiret, der
seine Kohlenzange, gleichwie ein Krebs seine Scheere sowohl zu regieren wusste,
dass er damit das Ohr des Majors ergriff und ihn dergestalt zwickte, dass er sich
ergeben musste, nachdem er sowohl als der Herr Salmonet durch einige Gabelstiche
war verwundet worden. Die Ueberwinder trugen beide Herren im Triumph und mit
einem grossen Jubelgeschrei in ihren Wagen. So wie nun alle diese Umstände Herr;
Richardson mit grosser Sorgfalt verschwiegen, und seine romanmässigen Erdichtungen
an deren Stelle gesetzet hat: so schüttet er
    5) Seinen Gift und Galle noch zu guter Letzt über diese Herren aus, nachdem
er sie mit vielen unwahrscheinlichen Umständen in ihren Wagen gebracht hat. Weil
der ganze Handel ziemlich tragisch war, und er doch gern ein Lustspiel daraus
machen wollte: so müssen die beiden Herren, mit denen er bereits so übel
umgesprungen, dass es einem jammert, um dem Leser etwas zu lachen zu geben,
einander nicht anders als ein paar Böcke stutzen. Er lässt ihre Köpfe einander in
der Kutschtür begegnen, und sie müssen sich so derbe Kopfnüsse versetzen, dass
man die Maalzeichen davon unfehlbar noch an der Stirn des Herrn Rittmeisters
entdecken würde, wenn die Sache Grund hätte. Man kann also auch dieser
Erdichtung mit allem Rechte widersprechen, und im Gegenteil weiss man vielmehr,
aus ganz sichern Nachrichten, dass beide Herren mit einer grossmütigen
Standhaftigkeit ihr Schicksal ertragen haben, und nicht einmal den Affront, den
sie von den Bedienten des Baronets erlitten, zu rächen suchten; ja sie waren so
edelmütig, dass sie ihre Hüte und Degen von Sir Carls Bedienten wollten einlösen
lassen, welche Siegeszeichen er ihnen aber unentgeltlich überschickte.
    Dieses ist die autentische Relation, des ganzen Vorganges dieser
berüchtigten Sache, die in Europa hin und wieder vieles Aufsehen gemacht hat.
Man hofft die gegenseitigen Erdichtungen genugsam widerlegt zu haben,
dergestalt, dass ein unparteiisches Publicum nunmehro keinen Anstand nehmen
wird, solche als falsch und ungegründet zu verwerfen, und im Gegenteil die
geschmälerte Ehre des Herrn Majors Ohara und Herrn Hauptmann Salmonets wieder
herzustellen, und alle ungleiche Urteile auf den Verfasser obenangezogenen
Briefs zurückfallen zu lassen. Wobei man sich schlüsslich zur Gewogenheit eines
Publici bestens empfiehlt.
 
                                 Dritter Teil
                                    I. Brief.
                       Lampert Wilibald an den Herrn v.F.
                                                           Kargfeld, den 16 Nov.
Es hat mir gestern das Fräulein v.S. unversichert, dass Eu. Hochwohlgebohrn.
Gnaden heute an den Herrn v.S. ein Schreiben würden abgehen lassen, und ich
glaube dadurch eine erwünschte Gelegenheit zu finden, inneliegenden Brief sicher
nach England zu bringen; da der junge Herr sich anheischig gemacht, von
Strassburg aus den Briefwechsel mit den Brittischen Freunden zu unterhalten. Sie
werden also für meinen Gönner die Gewogenheit und für mich die Gnade haben,
dieses Schreiben mit einzuschliessen; auch beigelegtes Zeugnis zu Rettung meiner
Unschuld mit Dero hohen Namen zu bekräftigen. Ich habe nicht Umgang nehmen
können, die bekannte Affaire mit dem verwünschten Salmonet, welcher in Wahrheit
ein rechter Satan ist, an den Herrn Grandison einzuberichten, damit dieser
Verwegene für seine Bosheit gezüchtiget werde, und meine Unschuld in puncto der
Schmähschrift, welche ich gegen den Herrn Baronet aufzusetzen bin gezwungen
worden, an den Tag komme.
    Es ist zwar andem, dass meine Hand ist gemissbraucht worden, aber mein Herz
ist unschuldig, und dahero hoffe ich, dass dieser grossmütige Mann desto
geneigter sein wird, mir zu verzeihen, je weniger mein Betragen in dieser
gefährlichen Sache nach reiflicher Erwägung der antecedentium, concomitantium et
confequentium mir zur Last geleget werden kann. Hat man, nach dem Urteile
vieler Gelehrten, den Menschen von dem Schriftsteller zu unterscheiden,
dergestalt, dass die Fehler des einen, dem andern nicht zugerechnet werden; so
kann ich mit mehrerem Rechte verlangen, dass man einen Unterschied unter dem
Magister und dem Menschen mache. Hat der letztere aus menschlicher Schwachheit,
oder genauer zu reden, aus Klugheit ein grösseres Uebel, das seiner Ehre eben so
sehr als seinen Schultern drohete, abzuwenden, ein kleineres angerichtet, so hat
der Magister nichts damit zu schaffen. Urteilen sie hieraus, ob mein Herr
Principal nicht zu weit geht, wenn er einen ehrvergessenen Mammelucken aus mir
machen will, weil ich nach den Regeln der Klugheit einmal anders gehandelt als
gedacht habe. Ich hoffe aus England, wohin ich appelliret habe, ein günstiger
Urteil zu erhalten als von meinem Patron, welcher so sehr für die Ehre seines
Herrn Gevatters eingenommen ist, dass er mich aus der Zahl der rühmlichen
Nachfolger dieses grossen Mannes gänzlich ausschliessen will, ungeachtet ich nach
allen Regeln der Beredsamkeit ihn zu überzeugen gesucht habe, dass ich vorzüglich
darunter gehöre. Es ist andem, dass ich an dem unglücklichen Tage, der mich auf
einige Stunden zum Sclaven eines Tirannen machte, mich nicht als einen mutigen
Achill, aber doch gewissermassen als einen verschlagenen Ulyss gezeiget habe.
Temporibus caute est inserviendum. Wenn ich den ganzen Vorgang der Sache ohne
Vorurteil erwäge, so glaube ich mehreres Lob als Tadel zu verdienen.
    Es würde mir indessen zu einer ungemeinen Beruhigung gereichen, wenn Eu.
Gnaden sich hierüber expectoriren wollten, ob ich in der Standhaftigkeit den
Herrn Grandison zu verteidigen hätte fortfahren sollen, oder ob ich weislicher
gehandelt habe, dass ich der Gewalt nachgegeben. Würden sie die Sache zu meinem
Vorteil entscheiden, so hätte ich Hoffnung, wieder an die Tafel meines Patrons
aufgenommen zu werden, jetzo werde ich wie ein Aussätziger geachtet; mein Herr
will weder mit mir essen noch trinken, so lange er in den Gedanken stehet, ich
hätte der Ehre seines Freundes durch mein Verfahren, einigen Eintrag, getan.
Jedoch vermutlich will er nur dadurch meine philosophische Standhaftigkeit
prüfen, und ich werde mich bemühen, zu zeigen, dass ich nicht nur in teoria,
sondern auch in praxi eben so wohl ein Philosoph bin, als von
                                   Eu. Gnaden
                                                      ein untertänigster Diener
                                                                          M.L.W.
 
                                   II. Brief.
   An Herrn Grandison Baronet, von Herrn Lampert Wilibald, der freien Künste
                                   Magister.
                                                           Kargfeld, den 15 Nov.
Dass der Rabe ein Rabe bleibt, wenn man ihm auch gleich alle schwarze Federn
ausrupfen wollte, und dass ein lasterhafter Mensch, dem das Laster zur andern
Natur geworden ist, ein Bösewicht bleibt, wenn die Tugend auch gleich alle ihre
Reizungen anwendet, ihn zu bessern: solches ist eine betrübte aber unumstösliche
Wahrheit. Ein unedles Metall lässt sich durch die Kunst in ein edlers verwandeln;
aber bei einem bössartigen Gemüt ist alle Kunst verloren. Lassen Sie, hoher
Gönner, zur Erläuterung dieser Wahrheit den Rittmeister Salmonet als ein
Beispiel dienen, und erlauben Sie grossgünstig, dass ich Ihnen das erschreckliche
Bild dieses Mannes mit lebendigen Farben abschildern darf. Sein Character ist
Ihnen zwar sattsam bekannt; allein da er gegen Sie niemals seine Bosheit in
ihrem ganzen Umfange hat ausüben können: so schlüsse ich daraus wahrscheinlich,
dass Ihr Begriff von diesem ruchlosen Menschen, wenn ihm dieser letzte Name
anders noch zukommt, und er nicht vielmehr ein Ungeheuer oder Meerwolf genennet
zu werden verdienet, einigermassen unvollständig ist.
    Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, dass er sich unter den königlichen
Truppen in Deutschland befindet. Ein unglückliches Schicksal wollte, dass er mit
seinen ihm untergebenen Leuten auf dem Hochadlichen Rittersitze des Herrn Baron
v.F. zu Schöntal einige Tage sein Quartier bekam. Er legte den Wolfspelz ein
wenig im Anfange bei Seite, und trug Verlangen, die Verehrer Eu. Gnaden, von
welchen er durch den Herrn Major Ohara und die Madame Beauchamp einige Nachricht
erhalten, persönlich kennen zu lernen. Jedermann drang sich zu ihm, um einen
Mann, der zufälliger Weise nichts geringes beigetragen hat, Dero Ruhm in ein
helleres Licht zu setzen, gleich einem ausländischen wilden Tiere in
Augenschein zu nehmen; doch plötzlich riss sich dieser Panter von der Kette,
ersah unter allen Anwesenden mich zum Raube seiner Grausamkeit, sprang nur auf
den Hals und würgete mich wie ein unschuldiges Lamm, das ist, er nötigte mich
unter vielen Drohungen, eine ehrenrührige Schrift wider Eu. Gnaden aufzusetzen,
mit dem Vorsatze, solche der Welt durch den Druck öffentlich vor Augen zu legen,
und dadurch Dero berühmten und heldenmütigen Namen ein Klebesleckgen
anzuhängen. Ich bin versichert, dass Sie mir als Dero eifrigsten Verehrer kaum
werden zutrauen können, dass ich gegen Dero hohe Person die Feder angesetzt haben
sollte; ich entsetze mich gegenwärtig vor mir selber und schlage mich ins
Angesicht, so oft ich daran gedenke. Ich habe die glückliche Gelegenheit, mich
um Sie verdient zu machen, aus den Händen gelassen; ich habe mich durch
Drohungen erschrecken und eintreiben lassen, meinen, und welches ich ohne eitlen
Ruhm sage, Ihren ähnlichen Character zu verläugnen, und doch gleichwohl bin ich,
welches paradox scheinet,
                        integer vitae scelerisque purus.
    Es ist wahr, ich habe mich durch diese Affaire nicht, wie ich wünschte, um
Sie verdient gemacht, und deswegen bin ich auch nicht gesonnen, mich so weiss zu
brennen, dass ich alle menschliche Schwachheit, die ich etwan in dieser Sache
gezeiget, von mir removiren wollte: aber ich habe mich auch keines Hochverrats
gegen Dieselben, wie mir von einigen will aufgebürdet werden, schuldig gemacht.
Vernehmen Sie den ganzen Verlauf der Sache in zwei Worten, und hernach fällen
sie mein Urteil.
    Nachdem der Rittmeister Salmonet sich auf dem Schloss des Herrn v.F. mit
mir in eine weitläuftige Unterredung von der Attaque, welche er, nebst dem Major
Ohara auf Dero Person in London geführet, eingelassen, und seine ganze
Beredsamkeit angewendet hatte, dieser für ihn so nachteiligen Begebenheit durch
allerlei Erdichtungen einen solchen Schwung zu geben, dass sie mehr zu seinem und
seines Consorten als zu Dero Vorteil angeblichermassen sollte ausgefallen sein;
auch hiernächst den Herrn Richardson eines gröblichen Falsi beschuldigte, als
hätte er Dero an den Herrn D. Bartlett abgelassenes Handschreiben, worinnen
diese Sache erzählet wird, unendlicher Weise verfälschet, viele Umstände
herausgelassen, verändert, und die ganze Sache so bemäntelt, dass Dero Ehre zwar
gerettet, seine und des Herrn Majors Ehre aber aufs heftigste dadurch wäre
angegriffen und gemisshandelt worden, und er denn nicht gemeinet sei, länger in
den Augen des ganzen erlauchten europäischen Publici, für einen Poltron gehalten
zu werden, da er insbesondere in dem jetzigen Kriege, bei den Feinden seines
Königes und der Brittischen Nation, durch seine Tapferkeit und Kriegeserfahrung,
sich in eine solche Reputation gesetzt, dass sie ohne Schrecken nicht an ihn
gedenken könnten: so ersuchte er mich, wie er sagte, auf Recommendation des
Herrn v. Ln. seines Freundes, der ein deutscher Cavalier ist, wegen meiner von
diesem ihm angerühmten Geschicklichkeit seine gute Sache vor der ganzen honetten
Welt öffentlich zu verteidigen. Zu dem Ende ersuchte er mich im Anfang auf eine
freundschaftliche Art, eine mit vielen Erdichtungen und unwahrscheinlichen
Umstände ausgeschmückte Nachricht, dem von dem Herrn Richardson Ihrer Geschichte
einverleibten Briefe entgegen zu setzen, und mitin gegen den Herrn Richardson
oder vielmehr gegen Hochdieselben die gelehrten Waffen zu ergreifen. Wie ich nun
dieses höchlich verbat und mich weder durch Verheissungen noch Liebkosungen zu
einen Lügenpropheten wollte missbrauchen lassen: so erschien er plötzlich nach
abgelegten Fuchsbalg in der Löwenhaut, und unterstund sich, durch allerhand
militarische Zwangsmittel, die mir noch, so oft ich daran gedenke, einen
febrilischen Schauer erregen, mich zur Vollstreckung seins Willens zu nötigen.
Ich tat, was man von dem Character eines ehrlichen Mannes verlangen kann, und
widerstund dem Versucher mascule, wie solches angebogenes Testimonium mit
mehrerm bezeiget; jedoch da ich mich in seiner Gewalt befand, und er mit mir
umspringen konnte, wie er nur wollte, auch die Gefahr, in welcher ich mich
befand, vor Augen sah, und zugleich überlegte, dass es mehr eine tadelhafte
Hartnäckigkeit als eine lobenswürdige Tapferkeit sei, sich einer überlegenen
Macht zu widersetzen, und mutwillig den Kopf gegen die Mauer zu stossen: so
erachtete ich der Klugheit gemäss zu sein, mich dismal weislich in die Zeit zu
schicken, und der Gewalt zu weichen. Diesem Entschluss zu Folge verfertigte ich
zwar den mit Gewalt von mir erzwungenen Aufsatz, jedoch mit der ausdrücklichen
Reservatione mentali, dass ich solchen, wenn er auch unter meinem Namen, um ihn,
wie ich vermute, in Deutschland mehreres Ansehen zu verschaffen, sollte aus
Licht treten, niemals für meine Arbeit erkennen, sondern, sobald er mir unter
die Augen treten würde, ihm eine gründliche Beantwortung entgegen stellen
wollte.
    Ob ich nun gleich nach einer genauen Zusammenhaltung aller Umstände mir in
meinem Betragen bei dieser Sache nichts vorzuwerfen habe; so kann ich doch nicht
umhin, Eu. Gnaden untertänig zu entdecken, dass meine philosophische Gemütsruhe
seit dieser Affaire vieles gelitten hat. Ich bin ein rechter Heavtontimorumenos
und diese animi patemata wirken dergestalt auf meinen Körper, dass sie mich
beinahe völlig um meinen guten Appetit und Schlaf gebracht haben, und ich dahero
in Sorgen stehen muss, eins Auszehrung zu bekommen, wenn Hochdenenselben nicht
gefallen wollte, meine Handlung zu rechtfertigen, mich von aller Schuld und
Vergehung gegen Dero hohe Person loszusprechen, auch meinem Patron, dem Herrn
v.N. nachdrückliche Vorstellung zu tun, damit er nicht aus einem übertriebenen
Eifer für Dero Ehre mir täglich so viele beissende Vorwürfe mache. Ich verlasse
mich hierinne gänzlich auf Dero angestammte Grossmut, so wie ich Ihre
Gerechtigkeit auffordere und Sie hierdurch beschwüren will, sich und mich und
die ganze ehrliebende Welt, welche durch die Vorspieglungen des ruchlosen
Salmonets hat hintergangen werden sollen, an diesem Auswurf der Natur und der
rechtschaffenen irrländischen Nation aufs nachdrücklichste zu rächen, und diese
unbeschreibliche Effronterie entweder dem Parlement, oder der hohen Generalität
anzuzeigen, auch ohnmassgeblich dahin anzutragen, dass dieser bösartige Mensch von
seinem Commando avociret, gerichtet und verurteilet werde, dass er wenigstens
auf zehen Jahre aus seinem Vaterlande zu den wilden Iroquoisen nach America,
wohin er sich eher schickt als in das gesittete Deutschland, welches er mit
Uebeltaten erfüllet, verbannet werde.
    Glauben Sie indessen nicht, hoher Gönner, dass ich aus einer Privatrache den
leidigen Salmonet exemplarisch bestraft zu sehen wünschte, ich würde ihrer
Achtung unwürdig sein, wenn ein so strafbarer Affect in mir herrschte, und zu
diesem Wunsche Gelegenheit gegeben hätte. Persönlich habe ich nach Dero
Beispiele ihm alles grossmütig verziehen, ich bedaure ihn wie einen armen
Sünder, den man an die Gerichtsstätte führen sieht, ich wünschte, dass ich alles
mit dem Mantel der christlichen Liebe bedecken könnte. Allein nach dem Triebe
der Gerechtigkeit, welcher mir eigen ist, kann ich solche Vergehung mit
Stilleschweigen nicht übergehen: denn ich halte dieses Mittel, der Bosheit
Einhalt zu tun, nicht zureichend, wenn man sie übersiehet, sondern, wenn man
sie an den Tag bringt, dass sie andern zur Warnung bestraft werde. Aus diesem
Grunde glaube ich, wenn anders Eu. Gn. nicht durch meine Freimütigkeit
beleidiget werden, dass Dero grossmütige Vergebung und Unterdruckung des
strafbaren Attentats, des Majors und des Rittmeisters auf Dero Person, zwar in
tesi lobenswürdig ist, in hypotesi aber und mit kritischen Auge betrachtet,
scheinet, quod pace tua dixerim, diese Grossmut mehr verschwendet als wohl
angewendet gewesen zu sein. Hätten Sie diese beiden Männer der Gerechtigkeit
damals nicht entzogen, so würden sie vielleicht beide dadurch abgehalten worden
sein, neue Uebeltaten zu begehen. Was den Major anlanget, so getraue ich mich
nicht zu entscheiden, ob er wirklich durch Ihro Grossmut ist beschämet worden
und in sich gegangen ist; oder ob seine gute Aufführung, die er nachher
beobachtet hat, nicht eher einer Verstellung als einer wirklichen
Lebensbesserung ähnlich sieht, wenigstens ists es gewiss, dass der Rittmeister
dadurch nur destomehr ist angefrischet worden, neue molimina gegen Hochdieselben
zu unternehmen, wovon ich auch zugleich ein unglückliches Object gewesen bin.
Ich will hiervon nichts weiter gedenken, Sie, hoher Gönner, haben viel zu
erleuchtete Einsichten, als dass Sie nicht hierinne mit mir übereinstimmen
sollten, dass die Bosheit muss bestraft werden, und dass einfolglich dieser
Ruchlose, wenn anders in der Welt noch einige Gerechtigkeit gehandelt wird, den
an Ihnen und mir verübten Frevel wird büssen müssen.
    Ich habe mich anheischig gemacht, den Charakter dieses Mannes zu schildern,
aus dem, was ich bereits gesagt habe, ist er sichtbar genug; doch damit er desto
deutlicher in die Augen falle, so erlauben Eu. Gn. dass ich aus der Geschichte
einige der berühmtesten Bösewichte aufstelle, und sie mit diesem in eine
Vergleichung setze, um zu beurteilen, ob die Uebeltaten der erstern oder des
letztern ein grösseres Gewicht haben.
    Welch abscheulich Gemählde machen die Liebhaber der Altertümer von dem
Herostrat, der den prächtigen Tempel der Diane zu Ephesus in die Asche geleget!
Es ist nicht zu läugnen, er war ein böser Bube, allein was tat er anders, als
dass er einen heidnischen Tempel und abgöttisches Bild verwüstete? der
Rittmeister Salmonet ist ein andrer Mann, er verschwendet seine Bosheit nicht an
leblose Geschöpfe; er wütet gegen lebendige Kreaturen, gegen vernünftige
Bewohner der Erde, gegen Leute von Ehre und Verdienst. Er als ein elender Zwerg
steigt gleichsam den Riesen auf die Schultern, und tritt sie mit Füssen, damit er
nur von andern möge gesehen werden. Er ist wie eine schelmische Mücke, die sich
unterstehet, mit ihren vergifteten Stachel ein edelmütiges Pferd zu verwunden,
das doch im Stande ist, ein solch unedles Insekt mit seinem Otem zu
verschlingen.
    Brutus und Cassius, die Anführer der Rotte, die dem grossen Cäsar den Tod
geschworen hatte, brachten diesen Helden auf eine grausame Art um; aber was war
ihre Absicht? Die Freiheit des Vaterlandes zu retten, und Rom von der
Knechtschaft zu befreien, folglich hatten sie das gemeine Beste zum Augenmerk.
Bin ich gleich nicht ein Held, dass ich, aus diesem Gesichtspunkte betrachtet,
mit dem Cäsar könnte in Vergleichung gesetzet werden, so war es auch kein
Gelehrter, der mit akademischen Ehren pranget, wie ich, und vielleicht bin ich,
welches ich doch nicht sage, um eitlen Ruhm zu suchen, ein nützlicheres Mitglied
des Staates, als dieser grosse Römer, wenigstens habe ich in der Welt nicht so
vielen Schaden angerichtet, und nicht so viele tausend Menschen meiner Sehnsucht
zum Opfer gebracht. Hat er mich gleich nicht auf eine so grobe Art
todtgeschlagen, wie Brutus und Cassius den Cäsar; so hat er mich doch auf eine
subtile Art todtgeschlagen: denn er hat mir meine Ehre geraubt, weil er meinen
Namen gemissbraucht, solchen einer Lästerschrift vorzusetzen, und mich sogar
gezwungen, sie zu entwerfen; er hat mich todtgeschlagen, indem er durch eine so
tirannische Zundtigung, die mit den schrecklichsten Drohungen begleitet war,
mich in solche Gemütsunruhe versetzet, dass es kein Wunder sein würde, wenn ich
wie jener Prinz in einer Nacht grau worden wäre, wie denn meine Gesundheit ein
merkliches dadurch gelitten, und mein Lebensfaden vieles von seiner Länge
verloren hat. Da es also erwiesen ist, dass der Boshafte einen nützlichern
Weltbürger todgeschlagen, als Cassius und Brutus, so ist klar, dass die
Uebeltaten des erstern grösser sind als des letztern, und mitin auch der
nachdrücklichsten Ahndung würdig sind.
    Die mehresten Kaiser der ersten Jahrhunderte werden als abscheuliche
Unmenschen voll den Schriftstellern abgeschildert, die Herren, welche ein so
schreckliches Bild entworfen, haben nie einen Tirannen vor sich gehabt, sie
würden sonst gelinder mit ihnen verfahren sein. Warum muss ein Tiber alle
erdenkliche Schmähreden über sich ergehen lassen, weil er einen Bürgermeister
hinrichten liess, der einige Stücke Geld mit des Kaisers Bildnisse bezeichnet, in
seinen Beinkleidern mit dahin genommen,
               Da, wo man nach der Wand den blossen Rücken kehrt?
    Ein Caligula, weil er die erledigte Oberstelle im römischen Rate seinem
Gaule zugedacht hatte; weil er die Verschwendung so hoch trieb, dass er
Rebhüner-Eier, Pfauenzungen, und das Gehirne der Krammetsvögel speiste? Ein
Nero, dass er einigen Eseln, die besonders bei ihm in Gnaden stunden, goldne
Hufeisen auflegen liess; dass er mit goldnen Netzen fischte, und die Stadt Rom
einmal anzünden liess, um als ein guter Kritikus, eine Stelle des Homers, die
nicht nach der Natur gemahlet schien, zu erläutern? Waren diese Herren
lasterhaft, tirannisch und verschwenderisch, so waren sie Kaiser und keine
Privatpersonen; sie liessen bei allem Unfug, den sie anrichteten, die Gelehrten
in ihren Würden, und wenn ja einmal Nero gegen seinen Lehrmeister grausam ist,
so darf dieses Herr Salmonet mit einem Gelehrten, der ihm nie in irgend einer
Wissenschaft Unterricht gegeben, nicht gleich nachtun. Ueberdieses waren jene
Herren grosse Monarchen, die ihrer Untertanen Leben und Vermögen als ihr
Eigentum betrachteten; allein wodurch hat ein verdammter Irrländer dieses Recht
herbekommen, gegen einen deutschen Gelehrten einen solchen Despotismum
auszuüben? Je weniger sich diese malitiöse Handlung des Verwegenen durch etwas
beschönigen lässt, desto grösser wird die Sittlichkeit derselben, und es muss, ohne
weitern Beweis zu führen, zugegeben werden, dass, da seine Bosheit grösser ist,
als der ruchlosesten Leute, die jemals der Erdboden getragen hat; er auch würdig
wäre, ärger als Damien und andre Ungeheuer der Natur, andern zum Abscheu, wegen
dieser Misshandlung bestraft zu werden. Doch hierinne habe ich der Gerechtigkeit
nichts vorzuschreiben. Eu. Gn. werden nach Dero beiwohnenden Klugheit schon
wissen, Sorge zu tragen, dass er seiner Strafe nicht entgehet. Ich empfehle
Hochdenenselben diese Angelegenheit eben so sehr, als meinen Gönner und die
gesammte Anzahl Dero Verehrer in hiesiger Gegend, worunter ich vorzüglich
gehöre, und verharre mit lebenswäriger Hochachtung
                                    Eu. etc.
                                                            untertäniger Diener
                                                                          M.L.W.
                                    Beilage.
Dass Vorzeiger dieses, Tib. Plen. Herr Lampert Wilibald, der freien Künste
Magister, nicht leichtsinniger Weise oder durch Verheissungen und Geschenke,
sondern vielmehr durch militarische Bewegungsgründe und Androhung schwerer Pön
ist angetrieben worden, auf Verlangen des Rittmeisters Salmonets, jedoch wider
seinen Willen und Neigung, eine der Ehre des hochberühmten Herrn Carl Grandisons
Baronets nachteilige. Schrift abzufassen, solche aber, so bald er es ohne
Leibesgefahr tun können, öffentlich wiederrufen und zum Feuer verdammt; auch
eine Abschrift davon in optima forma, in meiner und anderer glaubwürdigen
Personen Gegenwart, wirklich ins Feuer geworfen und verbrannt hat: solches habe
hierdurch bei meinem Ehrenwort nicht nur bezeugen, sondern auf dessen Verlangen,
gegenwärtiges schriftliches Testimonium hierüber auszustellen, nicht ermangeln
wollen. So geschehen Schöntal, den 16 Nov. 17 - -
                                                                            v.F.
 
                                  III. Brief.
                        Der Herr v.N. an den Baron v.F.
                                                           Kargfeld, den 30 Nov.
        Wertester Freund,
Sie werden sich verwundern, dass ich an Sie schreibe, da wir uns doch mündlich
miteinander besprechen könnten; es ist wahr, ich habe keine Abhaltungen, Sie zu
besuchen, ich werde es auch vielleicht heute oder morgen tun, und es kann sein,
dass ich Ihnen meinen Brief selber zustelle: aber dem ungeachtet wird er nicht
überflüssig sein. Ich will Sie wegen einer gewissen Sache, die mir am Herzen
liegt, zu Rate ziehen, und bitte mir diesen schriftlich aus. Wenn wir uns
mündlich über diese Angelegenheit besprechen wollten, so könnte leichtlich ein
Wort das andere geben, Sie kennen meine Gewohnheit, dass ich mir nicht gern
widersprechen lasse, zum Disputiren hab ich kein sonderliches Talent empfangen,
und unrecht habe ich auch nicht gerne: inzwischen denke ich, einen schriftlichen
Widerspruch eher zu verdauen als einen mündlichen. Lassen Sie Sich also die
Sache vortragen. Sie wissen wohl, dass ich nach dem Beispiele meines Herrn
Gevatters mich habe verheiraten wollen, im Anfang tat ich es nur, um meinem
Muster ähnlich zu werden, und meine Handlungen mit den seinigen vollkommen
übereinstimmend zu machen; Da ich aber endlich einsah, dass meine häuslichen
Umstände es nicht länger leiden wollten, ohne Frau zu leben, und überdieses die
Possen mir anfingen zu gefallen: so tat ich, wie Sie wissen, mit Ernst zur
Sache, und hoffte, damit bald zu Rande zu kommen. Allein ich weiss nicht, wie
sich seit dreissig Jahren die Welt verändert hat, was man damals in einem Tage
ausrichten konnte, dazu braucht man jetzt ein Jahr, und wenn man alles getan
hat, und sich keine Mühe verdrüssen lässet, und endlich das Ding bei Lichte
besiehet, so weiss man nicht, ob man verraten oder verkauft ist. Mir wenigstens
geht es jetzt so, ich weiss nicht, ob ich eine Braut habe oder nicht. Inzwischen
bin ich kein Feind von der Mode, und wenn es so sein muss, dass man bei der Liebe,
wie im Kriege, oft eine ganze Campagne mit dem Feinde harcelliret, ohne dass es
zu einer entscheidenden Action kommt, so lasse ich mir es auch gefallen, wenn
sich nur der Sieg auf meine Seite lenkt. Aber hier ist der Knoten. Hören Sie ein
Wort im Vertrauen! Lampert hat mir wunderliche Dinge von dem Major in den Kopf
gesetzt. Er ist ein schlauer Kaper, und macht Jagd auf das Fahrzeug, das für
meine Rechnung gehöret, ich denke er hat es schon beim Leibe, und wird es bald
für eine gute Prise erklären. Das wäre ein schlimmer Streich, wenn er meine
Byron entführte, es stehet Gefahr dabei, ob ich sie wieder erhaschen würde, wie
Herr Grandison die seinige. Doch diesem Uebel kann schon vorgebogen werden, nur
so, dass ich nicht mit ihm in neue Händel verwickelt werde: das wäre eine
Abweichung von Sir Carln, dieser hat nur einen einzigen Zwist mit Sir Hargraven
gehabt, und hernach blieben sie gute Freunde. Doch das wird sich schon geben.
Was meinen Sie, habe ich die Sache bei meiner Heirat am rechten Orte
angegriffen, oder nicht? Ich versprach mir einen guten Fortgang von meinem
Vorhaben, ich dachte, Herr Grandison hat alle Mädchens fesseln können, eine ist
ihm einige hundert Meilen nachgelaufen, eine andere ist gar über ihn närrisch
geworden, und seine Frau hat vor Sehnsucht einen Anfall der Schwindsucht
bekommen, dass er nicht so bald als sie: gewünschet, Hochzeit gemacht. Ich habe
mein Gedächtnis, meine Leidenschaften, meinen Körper strappaziret wie die Hunde,
um ihm so ähnlich zu werden, als mir möglich gewesen; ich habe meine Wirtschaft,
und überhaupt alles, was nur einer Veränderung fähig ist, nach dem Geschmack des
Herrn Grandisons eingerichtet; von mir bis auf meinem Wigand, den ich Jeremias
nenne, ist alles Grandisonisch, und es fehlet mir nichts, als ein Fresko, den
ich mir auch noch anzuschaffen gedenke: dem ungeachtet will es bei den Mädchens
nicht recht mit mir fort. Ich habe hinüber meine eigene Gedanken, und glaube,
unsere Nymphen sind nicht sein genug, die Schönheiten des Verstandes, die bei
andern Nationen am ersten in die Augen leuchten, zu empfinden. Herr Grandison
ist auch in Deutschland gewesen, aber ich habe in seinem Buche nichts finden
können, dass sich ein deutsches Frauenzimmer in ihn vergafft hätte, und es
scheinet, dass er sich deswegen auch so bald wieder aus unserm Vaterlande
fortgemacht hat, weil er darin nicht sein Conto gefunden. Indessen ist es doch
ein Wunder, dass seine Geschichte bei unserm Frauenzimmer so vielen Beifall
gefunden hat, da man weder das Original noch die Kopie nach Würden schätzet. Ich
vermute daher ganz sicher, dass wenn ich bei dem Fräulein v.W. und ihrer Mutter,
meinen Liebesantrag nach deutschem Gout gemacht, und die Gespenstererscheinung
und dergleichen Possen weggelassen hätte: so würde ich bei der Mutter und
Tochter weit eher zum Zweck kommen sein, denn was den Vater betrifft, der würde
zufrieden gewesen sein, wann ich auch auf türkische Manier um seine Tochter
geworben hätte. Deswegen habe ich den Vorsatz gefasst, ob gleich Lampert sehr
darwider eifert, meinen Kopf einmal aufzusetzen, und wie es Sitte ist in unserm
Lande, um das Fräulein v.W. ordentlich werden zu lassen. Sie sollen noch diesen
Winter bei mir einen Pelz verdienen, und wenn ich ihn auch sollte aus Siberien
holen lassen. Ich habe nicht ein so enges Gewissen, dass ich mir es gleich zu
einem Verbrechen anschreiben sollte, wenn ich auf dem Wege, worauf ich bisher
Fuss vor Fuss dem Herrn Grandison, nach seinem eignen Geständnisse, gefolget bin,
auch dann und wann aussteche, und meine eigne Gleise mache. Mein drolligter Kerl
von einem Magister will dieses zwar nicht gut heissen, und drohet sogar, in
Grandisonhall mich deswegen zu verklagen: aber wenn ich ihm vorwerfe, dass er
sogar ein Pasquill auf den Baronet geschrieben hat, so muss er schweigen. Dieser
Vorwurf ist ein eiserner Rinken für diesen Bär, dadurch ich ihn, wenn er anfängt
zu brummen, sogleich beruhigen kann. Sagen Sie mir doch, ob Sie für nötig
halten, dass ich einen Deputirten an den Herrn v.W. und seine Frau abschicke um
noch einmal für mich um das Fräulein anzuhalten, oder ob ich dieses in eigner
Person tun soll; desgleichen, wie man es heut zu Tage anfängt, sich bei den
Mädchens einzuschmeicheln, ob es noch Mode ist, das Kammermädchen zu bestechen,
Nachtmusiken zu bringen, Bälle anzustellen, und was dergleichen Tändeleien mehr
sind. Ich habe bisher alles dieses unterlassen, weil Herr Grandison bei seiner
Henriette dergleichen nicht getan hat. Entdecken Sie mir richtig ihre Gedanken
über meine Freierei, auch ihren unvorgreiflichen Rat, wie ich es anfangen soll,
dass ich meinen Vogel abschiesse, und nicht etwan die Pferde hinter den Wagen
spanne. Tadeln und loben Sie meine bisherigen Unternehmungen wie Sie wollen.
Widerraten Sie mir aber ja nicht die Fortsetzung meiner Liebe, wenn Sie mein
Vertrauter sein wollen. Fräulein Amalia hat es getan, und mir dadurch ein
heftiges Podagra erregt, wenn Sie auf ihre Seite treten, so bekomme ich den
Schlag. Ich will meinen Willen haben, und eine Frau, wenn ich aber sollte durch
die Körbe springen, wie ein Böttger durch die Reife, so sage ich es Ihnen zum
Voraus, das es mit mir ärger wird als mit allen Mädchens, die sich in Sir Carln
verliebt haben. Machen Sie mir gute Hoffnung, geben Sie mir gute Anschläge,
unterstützen Sie meine Desseins; entwerfen Sie einen ganz neuen Operationsplan,
wenn der bisherige Ihnen unbrauchbar scheinet, und halten Sie mir ein Bein, dass
ich mich völlig in den Sattel schwingen kann. Dadurch will ich sehen, ob Sie die
Ergebenheit für mich haben, die Sie mir so oftmals zugeschworen, da Sie an eben
der Krankheit lagen. Damals war ich Arzt, und schaffte Ihnen eine Frau, schaffen
Sie mir nun auch eine, und leben Sie wohl
                                                                            v.N.
 
                                   IV. Brief.
                        Der Herr v.F. an den Herrn v.N.
                                                          Schöntal, den 21 Nov.
Sie verbinden mich unendlich, dass Sie mich in einer Sache zu Ihrem Vertrauten
machen, von der ein grosser Teil Ihrer Ruhe und Ihres Glückes abhängt, und ich
werde meinen Vorwitz und meine Geschicklichkeit, so viel ich davon besitze,
aufbieten, um Sie zu überzeugen, dass Sie Ihr Vertrauen nicht übel angewendet
haben. Sie haben mir einen doppelten Auftrag getan, Ihnen meine Gedanken über
Ihre bisherigen Unternehmungen in der Liebe gegen das Fräulein v.W. glücklich zu
sein, zu entdecken, und wie Sie Sich ausdrucken, einen neuen Operationsplan zu
entwerfen, um diese Angelegenheit nach Ihrem Wunsche zu Ende zu bringen. Das
erste will ich sogleich nach Ihrem Verlangen befolgen, und an dem andern will
ich Tag und Nacht arbeiten, um ihn so vollkommen zu machen, dass Sie all einem
glücklichen Fortgang nicht zweifeln dürfen. Herr Lampert, den ich als die
Triebfeder aller Versuche ansehe, Ihre Liebe glücklich zu machen, verdient Ihre
Gewogenheit im höchsten Grad, er hat Ihr Vorhaben auf eine wunderbare und ganz
neue Art auszuführen gesucht, und wenn es ihm nicht vollkommen geglückt hat: so
liegt die Schuld ganz und gar nicht an dem Plan und dessen Ausführung, sondern
vielmehr, wie Sie vortreflich anmerken, an dem verdorbenen Geschmack unserer
Schönen, die mehr auf die Person sehen, die Ihre Gunst suchet, als auf die Art
mit welcher sie dieses tut. Unser Frauenzimmer ist noch nicht philosophisch
genug, die Vorzüge des Geistes über die Vorzüge des Körpers zu setzen. An einen
Liebhaber, der ihnen gefällt, ist alles artig, alles sinnreich, und aller Witz
geht verloren, wem die Person nicht gefällt. Wenn Ihre Absicht einigermassen
fehlgeschlagen ist, da an Ihrer Person nichts auszusetzen ist, so kommt dieses
daher, weil Sie gar zu geschwinde Progressen in der Liebe haben machen wollen.
Ich habe Ihnen dieses mehr als einmal zu verstehen gegeben. Hätten Sie das
Fräulein erstlich zu gewinnen gesucht, und wenn Sie von ihrer Gewogenheit
überzeugt gewesen wären, um sie werben lassen: so würden Sie jetzo nicht ungewiss
sein, ob Sie eine Braut haben oder nicht. Sir Carl beobachtete diese Regel
genauer, er wendete sich nicht eher all die Freunde seiner Henriette, bis er
gewiss war, dass sie ihm für allen Mannespersonen den Vorzug gab. Sie haben, wie
ich glaube, nur im Anfang die alte Regel vor Augen gehabt, dass eine günstige
Mutter auch eine günstige Tochter machen kann; allein da Sie hernach nicht
einmal dieser Vorschrift gefolget sind, sondern die Frau v.W. gegen sich
unwillig gemacht haben: so ist es Ihnen desto schwerer worden, Ihre Absicht zu
erreichen. Doch diese Regel der Alten ist heutiges Tages ganz aus der Mode
kommen, die Töchter sind nicht mehr so fromm oder so einfältig, dass sie ihre
Liebe nach den Absichten der Mutter verschenken sollten, sie haben dieses Joch
längstens abgeworfen, und seitdem sind sie so widerspenstig worden, dass sie alle
diejenigen hassen, welche die Mutter sich zu Schwiegersohnen wünschen,
wenigstens lassen sie sich nicht leicht einen Liebhaber anspringen. Sie haben in
der Tat ein böses Spiel in Händen: die Gunst der Mutter ist verloren, und die
Gewogenheit der Tochter haben Sie nie besessen. Sie verstehen mich wohl, dass ich
unter der ersten einen grossen Grad der Freundschaft, und unter der andern eine
wahre Zuneigung meine. Ein Mann, der weniger Herzhaftigkeit besässe als Sie,
würde sich verloren schätzen, und an eine Sache, die so entfernt ist, als der
Friede, gar nicht weiter gedenken. Eine Liebe, die sich nur mit Möglichkeiten
beschäftiget, gehöret unter die süssen Träume und für die Philosophen. Solche
unglückliche Liebhaber sind wie die Goldmacher, die Zeit und Geld verschwenden,
das grosse Geheimnis zu entdecken, und durch den letzten Prozess nicht weiter
kommen, als durch den ersten. Doch hierdurch will ich keinesweges ihre
Unternehmung tadeln, oder den guten Ausgang derselben in Zweifel ziehen, ich
habe vielmehr die beste Hoffnung, dass alles nach Wunsche ausschlagen wird, und
lasse es gegenwärtig meine vornehmste Beschäftigung sein, dieses aufs sicherste
und geschwindeste ins Werk zu sehen. Eine Nacht bin ich darüber schon um den
Schlaf kommen, ohne das geringste zu erfinden, und diesen Vormittag habe ich
auch mit so tiefen Betrachtungen zugebracht, als des Cartes, da er seine Welt
erschuf, ob ich gleich noch nicht die rechte Spur entdeckt habe, wie die Sache,
Ihre Schöne zu fesseln, am besten anzugreifen ist. So viel habe ich durch mein
Nachdenken heraus gebracht, dass das Spiel von neuen muss angefangen werden, wenn
Sie etwas dabei gewinnen wollen. Ich will mich mit Ihrer Erlaubnis hinter Ihren
Stuhl stellen, damit ich es desto leichter übersehen kann, und wenn Sie meinem
Rate folgen, so denke ich, dass Sie noch den Pot ziehen sollen. Ich verfalle
hier auf meine gewöhnliche Anspielung, wir haben hierzu gleiche Fähigkeit, nur
dass wir in Ansehung der Gegenstände von einander abweichen. Es ist nichts in der
Welt, das Sie nicht mit etwas aus der Kriegskunst vergleichen könnten, und ich
finde in allen Dingen etwas ähnliches mit dem Spiele. Erlauben Sie, dass ich
meine Vergleichung fortsetze. Wenn Sie einen geschickten Spieler vorstellen
wollen, so dürfen Sie nicht erschrecken, wenn Sie auch dann und wann einmal
abgetrumpfet werden, die gefährlichsten Spiele gehen oft am besten. Werden Sie
auch nicht ungedultig oder verzagen Sie an ihrem Glück, wenn Ihnen nicht gleich
alles nach Wunsche geht, oder wenn Sie nicht vom Anfang gewinnen, gute Spieler
sehen dieses niemals gerne. Tarazzoni verlohr vor sechs Jahren, im Anfang des
Carnevals zu Venedig zwanzig tausend Ducaten, und hatte beim Schluss achtzig
tausend gewonnen. Ich denke Sie sollen nicht ohne Gewinnst aufsteigen, wenn Sie
nur nicht zu hitzig anfangen, oder wie Sie bisher getan haben, zuviel auf
einmal hazardiren. Dieses würde geschehen, wenn Sie entweder in Person oder
durch einen andern, nochmals um das Fräulein zu voreilig wollten anhalten
lassen, ehe Sie gewiss sind, dass Sie derjenige sind, den sie unter allen
Mannspersonen am meisten schätzt. Setzen Sie auch nicht zu viel Vertrauen in
sich selber, ich will Ihnen schon einen Wink geben, wenn die Reihe an Ihnen
ist, durch den letzten Trumpf, den Sie bis zuletzt in der Hand behalten müssen,
dem Spiel ein Ende zu machen.
    Diese allgemeinen Regeln sind zwar an sich gut genug: aber ihre Anwendung
ist schwer, wenn man sie in der Liebe brauchen will. Ich bemühe mich jetzt, die
Karte so zu mischen, dass ich Ihnen ein leichtes Spiel verschaffe; aber ich
verspreche Ihnen dieses nicht gewiss. So viel kann ich Ihnen sicher versprechen,
dass ich alles tun will, was mir in dieser Sache zu tun möglich ist. Sie fragen
mich, ob die alten Kunstgriffe sich bei den Schönen durch Bälle und andere
Lustbarkeiten in Gunst zu setzen, noch eben die Dienste haben, die sie ehedem
leisteten, ich getraue mir diese Frage mit ja zu beantworten. Das Frauenzimmer
besitzt noch alle die Neigungen, die sie vor dreissig oder vor hundert Jahren
besassen, das Vergnügen ist ihr Leben, und wer ihnen dieses verschafft, den
können sie nicht hassen. Ich rate Ihnen, keine Gelegenheit vorbei zu lassen,
dem Fräulein v.W. alles ersinnliche Vergnügen zu machen, und insonderheit darauf
zu sehen, dass es nach dem besten Geschmack eingerichtet ist. Ich würde Ihnen
keinen Beifall versprechen, wenn Sie nach dem Beispiele unsrer Ahnen mit einer
Citer unter das Fenster Ihrer Gebieterin schleichen, und sie durch eine
traurige und mit vielen harmonischen Seufzern untermischte Arie, im Schlafe
stöhren wollten. Dieser zärtliche Liebesantrag, der ehedem Wunder getan, würde
jetzt mehr schädlich als nützlich sein. Man muss die Sache auf eine andere Art
angreifen, ich will Ihnen einmal einen Vorschlag tun. Künftigen Freitag ist der
Geburtstag des Fräuleins, wie wär es, wenn Sie ihren Hofpoeten, durch ein paar
Gläser ermunterten, ein Glückwünschungsgedichte zu verfertigen, um das Fräulein
damit anzubinden? Sie dürfen mir leicht ein gut Wort geben, so feiere ich das
Geburtsfest hier in Schöntal, und bitte sie alle zu Gaste, aber alsdenn werden
Sie Sich auf eine feine Galanterie gefasst halten, wenn Sie gegenwärtig sein
wollen, die Sie ihrem Glückwunsche beifügen, dadurch sie erkennen kann, wie hoch
sie von Ihnen geschätzt wird, und deswegen finde für gut, dass sich das Geschenke
am Werte nicht unter fünfzig Taler belaufen darf, sonst haben Sie Sich keinen
freundlichen Blick zu versprechen. Wollen Sie aber spärlich haushalten, so
können Sie eine Staatskrankheit annehmen, und alsdenn ist das Gedichte, das aber
mit einem wohlgesetzten Brief muss begleitet sein, schon alleine zureichend. Ich
werde nicht ermangeln, besonders wenn Sie abwesend sind, und ich mich also
keiner Schmeichelei verdächtig mache, Sie aufs beste herauszustreichen, und
diesen klugen Einfall zu loben; auch Ihnen hernach getreulich zu melden, was zu
Ihrem Vorteile gesprochen wird. Ich verspreche mir von diesem Anschlage viel
gutes, wenn er gut ausgeführet wird. Prägen Sie dem Herrn Lampert wohl ein, dass
er in das Gedichte nichts zum Lobe der Frau v.W. mit einfliessen lässt, Sie
wissen, dass das Fräulein nicht gut mit ihr stehet. Doch wenn ein unschuldiger
lustiger Gedanke über sie, der aber doch nicht sonderlich beleidigen kann, mit
darin angebracht würde, so könnte dieses denselben vielleicht desto mehrern
Beifall verschaffen. Noch einen Punkt will ich berühren, ehe ich schliesse, Sie
haben mich in Ihrem Schreiben darauf geführet. Sehen Sie ja zu, dass Sie Sich das
Kammermädchen des Fräuleins günstig machen. Ein solches Mädchen ist eine Person
von Wichtigkeit in dergleichen Angelegenheiten. Diese Kreaturen besitze,
gemeiniglich das Vertrauen ihrer Gebieterin, und ihr Gutachten gibt oft der
Sache einen bessern Ausschlag, als das Responsum einer ganzen Juristenfacultät
einem Prozess. Sie sind eben das in Liebeshändeln, was die femmes gardées im
l'hombre, der Skies und Pakat im Tarock und die Läufer oder Springer im
Schachspiel sind. Es würde nicht überflüssig sein, wenn Sie durch Geschenke das
Mädchen des Fräuleins zu gewinnen suchten; allein weil Sie, wie ich weiss, davon
nicht viel halten, auch leichtlich ein anderer Sie überbieten könnte: so habe
ich einen Vorschlag, der viel sicherer ist, dieses Mädchen in Ihr Interesse zu
ziehen. Der Magister Lampert muss seine Leidenschaft für die Tochter Ihres
Pfarrers Dero Vorteil aufopfern, er muss wenigstens eine Zeitlang sich stellen,
als wenn er eben die Rolle bei der Kammerjungfer spielen wollte, die Sie bei dem
Fräulein haben. Ihm als einem schlauen und gelehrten Manne, der auch seinen
Liebesanträgen eine logikalische Stärke geben kann, wird es nicht schwer fallen,
seinen Endzweck zu erreichen, und alle Anschläge, die vielleicht von der
Gegenpartei auf das Fräulein gemacht werden könnten, zu entdecken, und
fruchtlos zu machen. Sollte Herr Lampert Schwürigkeiten machen, wie ich denn
vermute, dass er eher würde zu bewegen sein, noch ein Pasquill auf den Herrn
Grandison zu verfertigen, als seiner Liebste untreu zu werden: so müsste er auf
ähnliche Art, wie er von dem Rittmeister Salmonet genötiget wurde, seinem
Willen Folge zu leisten, dahin angehalten werden, Ihren Vorteil seiner Neigung
vorzuziehen. Doch dieses alles ist nur, wie Sie auch ausdrücklich von mir
verlanget haben, mein unvorgreiflicher Rat, und es stehet Ihnen frei, in wie
fern Sie ihn befolgen wollen oder nicht. Ich werde mir es indessen zu einer ganz
besondern Ehre anrechnen, wenn Sie davon Gebrauch machen; doch gebe ich mich
zufrieden, wenn Sie andere Maasregeln ergreifen. Gelangen Sie bald zu ihrem
Zweck auf einem Wege, der Ihnen am besten gefällt, dieses ist der aufrichtige
Wunsch
                                     Ihres
                                                              gehorsamen Dieners
                                                                            v.F.
 
                                   V. Brief.
                        Der Herr v.N. an den Herrn v.F.
                                                           Kargfeld, den 23 Nov.
Ich habe Ihren Brief wohl durchstudiret, und daraus ersehen, dass Sie eben kein
schlechtes Geschick haben, eine Sache, der Sie Sich mit Ernste unterziehen, nach
Wunsch zu Stande zu bringen. Es ist mir lieb, dass Sie Sich meine Freierei mit
Ernst lassen angelegen sein, und ich kann Ihnen nicht verhalten, dass Sie Sich
dadurch bei mir in solchen Credit gesetzt haben, als Sir Beauchamp bei dem
Baronet, ich glaube sogar, Sie werden diesen selbst abtreiben, wenn unser
Vorhaben gut ausschlägt. Hier und da haben Sie zwar in Ihrem Briefe etwas
eingestreuet, dadurch Sie eben keinen Dank verdienen, zum Exempel wenn Sie
sagen, dass ich ein schlimmes Spiel in Händen hätte, dass ein andrer sich für
verloren schätzen würde, dass man seinem Mädchen Geschenke machen müsse, die
sich auf fünfzig Taler belaufen. Man findet heutiges Tages das Silbergeld nicht
auf den Gassen, wie unter Salomons Regierung. Es sind schwere Zeiten, und das
Geld liegt an Ketten. Herr Grandison hat zwar seiner Braut grosse Geschenke
gemacht, aber das war ein anderer Umstand, damals war es Friede und wohlfeile
Zeit, und Herr Grandison war auch sicher, dass ihm seine Braut nicht wieder
umkehren würde; ich hingegen stehe in Gefahr, Braut und Maalschatz zu
verliehren. Wenn ich erstlich das Wort von ihr habe, wohlverstanden, ihr
ungezwungenes dürres Jawort, hernach soll sie einen Diamantschmuck bekommen,
dessen keine Fürstin sich schämen dürfte; aber auf geratewohl verdistillire ich
keinen Heller an ihr. Glauben Sie nicht, dass mich der Geiz zurück hält, Ihrer
Metode zu folgen, und durch Bestechungen den Anfang zu machen, das Herz des
Fräuleins zu gewinnen: ich will, wie Herr Grandison, wegen der Person und nicht
wegen der Geschenke geliebt sein, dabei hat es sein Verbleiben. Mit der
eigensinnigen Frau v.W. will ich nichts mehr zu tun haben, ich glaubte, wenn
ich sie und ihren Schatz auf der Seite hätte, so wären alle Aussenwerke und
Defensen der Vestung in einer Gewalt, wenn ich alsdenn hier meine Batterien
anlegte; so würde ich dadurch die Citadelle selbst zu commandiren im Stande
sein, um solche zur baldigen Uebergabe zu zwingen. Allein seitdem ich aus ihrer
Gunst delogiret bin, so habe ich, wie ich sehe, das ganze occupirte Terrain
wieder verloren, und er als ein baufälliges Hornwerk, das noch allein in meiner
Gewalt ist, verspricht mir nicht den geringsten Vorteil, wenn ich von dieser
Seite die Attaque wieder formiren wollte. Ich habe die Belagerung deswegen
bereits meine Bloquade verwandelt, doch habe ich immer ein wachsames Auge in
meinem Lager, und hoffe noch par surprise davon Meister zu werden. Das Spiel ist
so schlimm nicht, als Sie vielleicht denken, über lang oder kurz werde ich doch
reussiren, besonders wenn Sie ein getreuer Alliirter von mir bleiben.
    Sie erweisen mir einen grossen Gefallen, dass Sie mich an den Geburtstag des
Fräuleins erinnern, ich werde nicht unterlassen, sie durch einen Glückwunsch
anzubinden. Lampert hat sich seit gestern in seine Stube eingeriegelt und
geschworen, wie die Churfürsten, wenn sie einen neuen Kaiser machen, nicht ehev
einen Bissen zu essen, bis er das Werk zu Stande gebracht; doch den Trunk hat er
sich erlaubt, und einige Flaschen Wein mit in seine Studierstube verriegelt,
denen er vermutlich fleissig zusprechen wird. Wegen des Geschenkes habe ich mich
schon erkläret, und also muss ich, weil Sie es für gut finden, eine
Staatskrankheit annehmen, ob ich gleich jetzo so gesund bin als ein Hecht. Das
ist eine verdammte Mode, dass man die Mädchen, die man liebt, auf ihren
Geburtstag anbinden muss. Werweiss, ob sie nicht gar zuletzt einen heiligen Christ
verlangen. Ich möchte Fräulein Julgen nicht in die Messe begleiten, vermutlich
würde es da ohne Unkosten auch nicht abgehen. Nein, ich liebe nach englischen
Geschmack, da liebt man gewiss und ohne grossen Aufwand: denn was man der Braut
schenkt, wenn diese Sache einmal ins Reine gebracht ist, das bekommt man mit der
Frau wieder, und ist deswegen für keinen Aufwand zu rechnen.
    Lampert will sich durchaus nicht entschliessen, seiner ersten Liebste untreu
zu werden, er will lieber meine Gunst verlieren, als sein Mädchen, und hat sich
sogar verlauten lassen, dass wenn nochmals mit diesem verwünschten Vorschlag an
ihn gesetzt würde, so wollte er bei Nacht und Nebel einmal fortgehen, und
niemals wieder zum Vorschein kommen. Ich muss deswegen ein Bisgen laviren, er ist
mir gleichwohl unentbehrlich: so einen Hausvogt findet man nicht alle Tage.
Indessen will ich mein Heil noch einmal an ihm versuchen, die Gelehrten sind in
puncto Sexti nicht eben so gar ehrenveste, und treiben es oftmals ärger als die
Edelleute. Ich denke, man kann ja wohl von zwei Bäumen auf einmal Birnen
schütteln. Wenn das Kammermädchen nur nicht eben so garstig wäre, als ihre
Gebieterin schön ist, so würde der Magister meinen Befehl eher respectiren. Er
hat mir indessen versprochen, es auf andere Weise dahin zu bringen, dass sie in
mein Horn blässt, das mag er immer tun, wenn alle Stricke reissen sollten, so
bleibt er dennoch das Stichblatt. Sorgen Sie nur dafür, dass der Geburtstag recht
hoch gefeiert wird, und geben Sie auf alles genau Achtung, damit Sie auf
Erfordern mir einen getreuen Bericht abstatten können. Alleweile kommt der
Magister mit dem Briefe, der in meinem Namen an das Fräulein abgefasst hat, und
welcher das Gedichte begleiten soll. Wenn beides wohl geraten ist, so soll er
den Filialsstock zur Verehrung bekommen, welchen ich ihm längstens zugedacht
habe, der vergangenen Sommer dem Metzger ist abgenommen worden, der sein Vieh
über meine Wiesen hat treiben lassen. Ich bin einmal wie allemal.
                                      Ihr
                                                               gehorsamer Diener
                                                                            v.N.
 
                                   VI. Brief.
                      Von ebendemselben an den Herrn v.F.
                                                                     den 25 Nov.
Sie haben mir gestern wissen lassen, dass Ihre Gäste, die Sie eingeladen haben,
heute alle erscheinen würden. Ich bin darüber erfreut. Den Major Ln. hätten Sie
nur weglassen sollen, er gehöret ohnedem nicht in unsere geschlossene
Gesellschaft. Ueberhaupt dächte ich, er könnte wieder zu seinen: Regiment gehen,
ich wollte der schweren Zeit ungeachtet, gern eine Compagnie Franzosen bei nur
überwintern lassen, wenn er nur dadurch genötiget wurde, die hiesige Gegend zu
verlassen. Man weiss indessen nicht, wie bald sich das Blättchen wenden kann. Ich
halte es zwar allezeit mit den hohen Alliirten, so bald aber mein Vorteil mit
ins Spiel kommt, so trete ich zur französischen Partei. Jetzt würde ich es gerne
sehen, wenn die ersten einmal verlöhren, damit der verwünschte Major mir nur aus
den Augen käme. Wer weiss, ob er es nicht ausspionirt hat, dass heut der
Geburtstag des Fräuleins ist, und sich etwan einfallen lässt, sie mit etwas
angenehmern als ein paar Bogen Pappier anzubinden. Ich stehe disfalls in grosser
Sorge. Das ist sicher, dass er mit der Freundlichkeit und Politesse gegen die
Mutter, die Tochter meint. Er hat die Regel, die ich nach Ihrem Urteil soll
übertreten haben, besser in Acht genommen. Wenn er sich auf kein Angebinde
gefasst gemacht hat, so ist es mir gewissermassen lieb, wenn er sieht, dass ich
ihm den Rang abgelaufen habe. Damit die Freude desto unvermuteter kommt und
grösser wird, so bin ich auf den Einfall geraten, ein Pastetengehäuse
verfertigen zu lassen, worinne der Brief nebst dem Carmen befindlich ist, wie
denn der Ueberbringer dieses Briefs solches in seinem Korbe trägt, welches
sorgfältig muss herausgenommen und auf der Tafel gerade an den Ort gesetzet
werden, wo das Fräulein zu sitzen kommt. Tragen Sie Sorge, dass sich Niemand an
diesem Schaugerichte vergreift, sondern das Fräulein ersucht wird, die Pastete
vorzulegen, da wird sie die Bescheerung schon finden. Sie denken vielleicht, ich
käme mit meinem Angebinde ganz wohlfeil weg, glauben Sie es nicht. Lampert hat
mehr als einen halben Eimer Wein darüber ausgezecht, und deswegen auch, wie ich
vermute, auf allen Seiten sowohl in dem Briefe als in dem Gedichte von Wein
gesprochen. Er hat aber demungeachtet seine Sache treflich gemacht, und
besonders in dem Briefe so viel rührende Stellen angebracht, die das Fräulein
ohne Bewegung nicht hat lesen können. Besonders ist die Auslegung ihres Planeten
recht nach meinem Gusto geraten. Es ist zwar nicht alles so wie in dem Briefe
stehet; aber es ist doch alles gut, und kein Umstand unwahrscheinlich. Wenn ich
gleich ihren Geburtstag noch nie gefeiert habe, so hätte ich es doch tun
können, bekräftigen Sie nur alles recht treuherzig, woran sie etwan zweifelt.
Die Liebenden glaubten ehedem einander alles, was sie sich sagten, wenigstens
taten sie so. Ich zweifle nicht daran, dass dieses auch noch jetzt Mode ist.
Morgen oder aufs längste übermorgen, erwarte ich ihren schriftlichen oder
mündlichen Bericht, wie mein Angebinde ist aufgenommen worden, was man darüber
gesagt hat, und was es für eine Wirkung getan. Mischen Sie aber keine locos
communes, wie der Magister Ihre Betrachtungen nennet in den Brief, sie geraten
Ihnen selten zu meinem Vorteil, und mit verdriesslichen Dingen habe ich nicht
gerne etwas zu schaffen. Trinken Sie dem Herrn v.W. einen guten Rausch zu, und
versichern Sie beiläufig seine Gemahlin, insonderheit aber das Fräulein von
meiner Ergebenheit.
                                                                            v.N.
 
                                  VII. Brief.
                    An das Fräulein v. W von dem Herrn v.N.
                                                                     den 25 Nov.
Unter den Tagen, welche ich als Festtage in meinem Hause feierlich begehe,
stehet Ihr Geburtstag oben an, und Sie können versichert sein, dass ich ihn heute
zum zwanzigsten male, auf eben die Art, wie ich es das erste mal tat, feiern
werde, ob mich gleich eine kleine Unpässlichkeit abhält, dieses in ihrer
Gegenwart zu tun, wie ich mir vorgenommen hatte. Bisher habe ich ein Geheimnis
daraus gemacht, jedermann stund in den Gedanken, ich feierte den 25 November,
weil ich vermutlich an diesem Tage mich einmal in einer gefährlichen Schlacht
befunden; oder in Italien bei einer gewissen Begebenheit, durch einen grossen
Luftsprung aus einem Fenster das Leben gerettet hätte; oder wie andere glauben,
weil mir dieser Tag einmal besonders glücklich müsste gewesen sein. Diese
letztern urteilen nicht unrecht, ob sie gleich niemals haben erraten können,
worinne dieses Glück eigentlich bestanden. Es ist Zeit, dass ich die Neubegierde
der Welt vergnüge, und öffentlich gestehe, dass die glückliche Begebenheit, deren
Andenken ich jährlich an diesem Tage erneure, keine andere ist, als Ihr
Geburtsfest. So bald ich nur von Ihrem Herrn Vater das Notificationsschreiben
erhielt, dass ihm seine Gemahlin mit einem wohlgestalten Fräulein beschenket,
durchdrang mich eine solche lebhafte Freude, die noch grösser hätte sein können,
wenn ich selbst ein Papa worden wäre, und wie ich damals meine Feldzüge noch
nicht verwunden hatte, und eben an einer Krankheit sehr hart darnieder lag: so
fasste ich den Entschluss, durch eine ausserordentlichen Handlung, wenn ich
ungefehr den Weg alles Fleisches gehen müsste, meinen Namen in guten Andenken zu
erhalten, meinen letzten Willen aufzusetzen, und am Tage Ihrer Geburt, Sie zur
Erbin meines ganzen Vermögens ernennen. Doch da sich meine Gesundheit bald
hierauf merklich besserte, so fand ich gut, diesen Anschlag nicht sogleich ins
Werk zu setzen. Ihre Schönheit entwickelte sich hierauf nach und nach, wie eine
Rose, die aus einer kleinen Knospe hervorblühet. Man konnte Sie nicht ansehen,
ohne Ihnen gut zu sein. Sie waren das artigste kleine Fräulein, das jemals
gewesen ist; ihre verführerischen Augen sprachen schon, ehe Sie den Gebrauch der
Zunge kennen lernten. Alle Ihre Minen waren sinnreich und zeugten von einem
lebhaften und durchdringenden Geiste. Ich erinnere mich noch mit vielem
Entzücken derjenigen Liebkosungen, die Sie mir erwiesen, wenn ich Ihnen eine
kleine Spielerei verehrte. Sie hatten mich lieber als ihren Papa. Diese
Gewogenheit behielten Sie so lange für mich bei, bis die Jahre kamen, in welchen
das Frauenzimmer anfängt sich zu schämen. Sie wurden zurückhaltend, und einen
Kuss, den Sie mir sonst würden für einen Apfel gegeben haben, wollten Sie mir
nicht mehr schenken, wenn ich Ihnen eine ganze Toilette angeboten hätte. Jedoch
erlauben Sie, dass ich Ihnen diese Entdeckung mache, je spröder Sie wurden, desto
mehr fing ich an, Ihnen gut zu werden, ich wurde Ihnen so gut, dass ich Sie gar
liebte, und auf diesen Fuss stehet es noch mit uns bis auf den heutigen Tag, Sie
spielen noch immer die Person einer Spröden, und ich die eines Verliebten. Da
ich also in der Stille mir schmeichelte, noch eben den Anteil an Ihrem Herzen
zu haben, den Sie mir ehemals in Ihrer Unschuld freiwillig schenkten, und dahero
Ihr zurückhaltendes Wesen der zärtlichen Empfindung, für die Ehre zuschrieb: so
wollte ich, weil Sie niemals die Versicherungen meiner Ergebenheit annahmen,
solche doch durch etwas bezeigen, ohne dass es jemand und Sie auch selbst eine
Zeitlang gewahr werden sollten, und verfiel darauf, dass da ich sonsten Ihren
Geburtstag zum Spase, mit einem Kuchen celebrirte, darauf ich Sie zu Gaste bat,
solchen nunmehro aufs feierlichste, jedoch in der Stille zu begehen. Erlauben
Sie, dass ich Ihnen von dieser Feierlichkeit, bei der jetzigen Zurückkehr Ihres
Geburtsfestes, eine kleine Beschreibung mache.
    So bald dieser glückliche Tag anbricht, kleide ich mich aufs beste an, als
wenn ich bei Hofe erscheinen wollte. Beim Frühstück trinke ich Ihre Gesundheit,
und wiederhole sie bei der Mittagsmahlzeit und auf den Abend; alles schmeckt und
bekommt mir besser an diesem frohen Tage. Ich trinke oft, um mich Ihrer oftmals
zu erinnern, und jeder Becher wird mit einem neuen Wunsche für Ihr Wohlergehn
begleitet. Eine Begeisterung, die mich bald überrascht, macht mich zum Dichter.
Zwanzig Lobgesänge habe ich Ihnen zu Ehren bereits verfertiget, die ich aber als
Geheimnisse verwahre. Der ein und zwanzigste wagt es endlich, Ihnen unter Augen
zu treten, und wird sich glücklich schätzen und dem Dichter Ehre machen, wenn
Sie einen günstigen Blick darauf werfen. Nach dieser angenehmen Beschäftigung
pflege ich allerlei Werke der Liebe auszuüben. Eine gewisse Anzahl der
dürftigsten meiner Untertanen, die der Zahl Ihrer Lebensjahre gleich ist, wird
in meinem Hause gespeist, und alsdenn jeder mit einem Gedenkgroschen regaliret.
Der gewöhnliche Tanz unter der Linde auf das Kirchenfest ist gleichfalls seit
einigen Jahren auf diesen Tag verleget worden, und um ihn jedermann so vergnügt
zu machen als er mir selbst ist, lasse ich die jungen Bursche nach dem Hammel
laufen, der ihnen zu dieser Lustbarkeit verehret wird. Den Beschluss meiner
Beschäftigung macht der Kalender. Ich schliesse mich in mein Zimmer, und lese mit
Bedacht Ihren Planeten. Hier untersuche ich, in wiefern diese Weissagung, die
gemeiniglich zutrifft, an Ihnen bereits erfullet ist, oder was für Schicksale
noch auf Sie warten. Dismal habe ich meine Neugierde zu befriedigen, diese
Untersuchung zu erst angestellet, und weil ich mir vorgenommen habe, alles was
ich zu Ihrer Ehre auf Ihren Geburtstag unternehme, zu entdecken: so soll Ihnen
die Auslegung Ihres Planeten dismal auch nicht verborgen bleiben.
    Ein Töchterlein im Wintermonat geboren, ist arbeitsam, trifft ein. Sie
können mit aller Arbeit, die sich für Ihren Stand schickt, überaus wohl umgehen,
man sieht Sie niemals die Hände in den Schoss legen. Sie stricken, Sie nähen
und putzen dann und wann Ihren Haubenkopf so schön, als wenn er mit Ihnen zu
Gaste gehen sollte. Von gutem Gedächtnis. Wenn dieses so viel heisst, als beatae
memoriae, dass Sie bei jedermann in guten Andenken stehen, so trifft es
vollkommen ein; wenn aber die Erinnerungskraft dadurch gemeinet ist: so kommt es
Ihnen nur gewisser massen und unter einer Einschränkung zu. Sie behalten das in
frischem Gedächtnis, was Sie behalten wollen; aber Sie vergessen auch alles, was
Sie vergessen wollen, in einem Augenblick. Wenn ich Ihnen, da Sie noch klein
waren, eine Puppe zeigte, und Sie fragte, ob Sie mich auch lieb hätten, und mich
auch lieben wollten, wenn Sie einmal gross würden: so bekräftigten Sie dieses mit
einem dreusten Ja, jetzt wollen Sie nichts mehr davon wissen. Barmherzig, das
sind die Schönen selten, so lang sie schön sind. Seit undenklichen Jahren her
sind die Schönen grausam gewesen, und selbst das glückselige Arkadien har in dem
goldnen Weltalter spröde Schäferinnen aufzuweisen gehabt. Indessen, wie keine
Regel ohne Ausnahme ist, so könnte es sein, dass Sie zu dieser Ausnahme gehörten,
und eine barmherzige Schöne wären. Man sagt, dass einige grosse Herren die
Staatsmaxime gehabt, dass sie, um sich bei ihren Untertanen eine desto grössere
Achtung zu erwerben, erstlich dem Volk schwerere Schatzungen auferleget, hernach
aber solche vermindert hätten, um ihre Gnade sehen zu lassen. Das Frauenzimmer
hat oftmals von dieser Staatsregel Gebrauch gemacht, sie sind grausam, damit sie
hernach desto sanftmütiger sein können, und ihre Gunstbezeugungen mehrern
Eindruck machen. Ich hoffe dieses auch von Ihnen, sonst würde Ihr Planete zum
Lügner werden, und das wäre schade, er ist für Sie sehr vorteilhaft. Betet
fleissig. Ist richtig. Man findet unter dem Frauenzimmer überhaupt weniger
laulichte Personen als unter unserm Geschlecht, sie sind entweder recht
andächtig, oder recht heilloss böse, und denn beten sie gar nicht. Zu der
letzteren Gattung gehören Sie nicht, dafür bin ich Bürge, folglich sind Sie zu
der ersten zu rechnen. Ihre selige Frau Mutter war auch eine fromme Frau, und
die hat Ihnen vermutlich ihre ganze Frömmigkeit vermacht, weil sie wusste, dass
Ihnen der Vater nicht viel hinterlassen würde. Und wird gemeiniglich eine gute
Haushälterin. Wohlgetroffen! Ob Sie gleich noch nicht Ihren eignen Haushalt
führen, und bis jetzo bei Ihrer Frau Stiefmutter Adjudantendienste tun: so bin
ich doch gewiss, dass Sie eben sowohl als die Frau v.W. eine Oeconomie en Chef
commandiren könnten. Eine gewisse Puissance, die Ihnen nicht unbekannt ist,
bewirbt sich um Sie aus allen Kräften, und wenn Sie noch kein Generalcommando
haben, so liegt es bloss an Ihnen, dass Sie es nicht übernehmen wollen; doch wer
weiss, was in diesem Jahre noch geschehen kann. Hält gern mit jedermann
Verträglichkeit. Ist richtig, will aber doch auch cum grano salis verstanden
sein. Zu einer mündlichen Zänkerei sind sie wohl so leicht nicht zu bewegen: Sie
haben lieber Unrecht, als dass Sie Sich in ein Wortgefechte einlassen sollten.
Sie haben auch keine Gelegenheit dazu, wer wollte es wagen Ihnen zu
widersprechen? Die Schönen sind im Stande, die zanksüchtigsten Philosophen zum
Stillschweigen zu bringen. Ein schöner Mund überzeugt, wenn er spricht. Aber so
verträglich Ihr Mund auch ist, so unverträglich sind Ihre Augen, sie drohen, sie
gebieten, sie schelten, sie tadeln, sie kündigen den Krieg an, und machen
Friede, und das oft in einer Viertelstunde. Jedoch, da es nicht erlaubt ist, von
einem einzelnen Teile aufs Ganze zu schliessen; so folgt auch nicht, dass wenn
Ihre Augen manchmal unverträglich sind, dass deswegen die ganze Person
unverträglich sein müsste, und bleibt also der Satz überhaupt richtig, dass Sie
gern mit jedermann verträglich leben. Wird doch durch heimliche Feinde
angefochten. Dieses ist der schwereste Punkt im ganzen Planeten, den ich noch
zur Zeit nicht vollkommen habe erklären können. Um sicher in der Sache zu gehen,
habe ich verschiedene, verständige Männer darüber zu Rate gezogen. Mein
Pfarrer, den ich Herr Dobson nenne, liess ein ganzes Schwadron solcher heimlichen
Feinde des Menschen aufmarschiren, es waren böse Leidenschaften, Begierden und
allerlei von solchem losen Gesindel darunter. Meine Pachter halten die jetzige
teure Zeit für einen heimlichen Feind, der sich alle Tage mit zu Tische setzt,
und von ihrem Brodte isst. Ein andrer kluger Mann sagte, dass dadurch missgünstige
Leute verstanden würden, die andere beneiden, und ihnen, weil sie es nicht
öffentlich wagen dürfen, durch Arglist allerlei Unheil zu machen suchen. Diese
Meinung scheint die vernünftigste, und ob es mir gleich nicht in den Kopf will,
dass Ihnen jemand feind sein könnte: so muss ich es doch glauben, weil es in Ihrem
Planeten stehet; doch hoffe ich, dass diese Feinde Ihnen mit allen Schelmereien
nicht viel anhaben werden. Sie macht sich durch ihre Tugend und Freundlichkeit
bei vielen vornehmen Leuten beliebt. Das trifft auf ein Haar zu! Wer wollte Sie
auch hassen können? Ihre schöne Person bezaubert schon, und ihrer Tugend und
vortreflichen Gemütseigenschaften, kann nichts widerstehen. Wollte der Himmel,
dass alles Gute, was Ihr Planet entält, in diesem Lebensjahre erfüllet, und ich
hierzu als kein untüchtiges Werkzeug mit gebraucht würde! Ich eile meine Gelübde
zu erfüllen, und auf Ihre Gesundheit, die mit Epheu bekränzte Flasche
auszuleeren. Allzuglücklich würde ich mich schätzen, wenn ich von Ihnen die
Erlaubnis erhielt unverbrüchlich zu verharren
                                      Dero
                                                          untertäniger Verehrer
                                                                            v.N.
                                      Ode.
Du, der du im Falerner Weine
Dich oft mit Lust bezechet hast,
Und nicht wie Dichter bloss zum Scheine
Mit deinem Becher hast gespasst;
Du, dem bei Chloen es gelungen
Und niemals fehlgeschlagen ist,
Dass wenn du ihren Reiz besungen,
Sie dich auch wirklich hat geküsst.
Horaz, aus einem Deckelglase
Trink ich jetzt auf Dein Wohlergehn:
Gib mir dafür in reichem Maasse
Das seltne Kunststück zu verstehn,
Wie man mit zauberischen Tönen
Sich in das Herz der Schönen schleicht;
So dass der Eigensinn der Schönen
Die aufgeblassnen Seegel streicht.
Schon fühl ich mich ganz dichtrisch Feuer,
In altem Rheinwein aufgelösst,
Macht sich mein Geist vom Körper freier,
Gedanken sind ihm eingeflösst.
Anakreon, elender Schwätzer,
Im Lieben nur ein Idiot,
Warum treibst du, verdammter Ketzer
Mit dieser Kunst nur deinen Spott?
Mir soll ein besser Lied gelingen,
Wenn ich in reinem Kammerton
Von Iris Reizen werde singen,
Dir Meistersänger dir zum Hohn!
Dann wird sich meine Brust befiedern,
Verwandelt schwing ich mich als Schwan,
Durch Iris Lob, in meinen Liedern,
Zum glänzenden Olymp hinan.
Sie ist das Meisterstück der Götter,
Der Götter Meisterstück m Sie,
Ja, Momus selbst, der Gott der Spötter
Fand an Ihr keinen Tadel nie
Zeos, der auf seinem Adler reitet,
Wenn er den Blitz aus seiner Hand
Auf dick belaubte Eichen leitet,
Hat Ihren Vorzug selbst erkannt.
Um Sie noch schöner auszuschmücken
Hat er den Strahl, der uns verletzt,
Vereiniget mit Ihren Blicken,
Und in Ihr schönes Aug versetzt.
Vom Silbertönenden Metalle,
Das an Apollens Harfe glänzt,
Hat dieser Gott mit schönrem Schalle
Der Stimme Treflichkeit ergänzt.
Die Göttin, die auf wilden Meeren
Ein kleines Muschelschiff geschützt,
Cytere nur kann nichts verehren,
Das Iris nicht bereits besitzt;
Doch hat sie ihrem kleinen Dicken
Den Liebesgotte, wie man sagt,
Den Pfeil befohlen abzudrücken,
Wenn man sich ihr zu nahe wagt.
Vom Schilde, das Medusens Zähne
Aus schlangbehaartem Haupte bläckt,
Ist die vom Witz beseelte Schöne
Selbst durch Minervens Arm bedeckt.
Nie darf, zu einem sichern Zeichen,
Dass sie der Göttin ganz gehört,
Der Pallasvogel von ihr weichen,
Die Eule, die Aten verehrt.
Er glänzt vom Horizont herunter,
Er glänzt, der stolze Tag, der Sie
Der Welt zu ihrem achten Wunder
Und auch zur zehnten Muse lieh,
Noch achtmal zehnmal kehr er wieder,
Eh von Planeten selbst umringt,
Sie dort bei dem Gestirn der Brüder
Beim Castor und beim Pollux blinkt.
 
                                  VIII. Brief.
                      Fräulein Amalia an das Fräulein v.M.
                                                                     den 26 Nov.
Da sehen Sie es nun, dass es nur ein Spass ist. Wie gesagt, Sie sind in das
Lustspiel eingeflochten worden, und müssen Ihre Rolle spielen. Sie mögen nun
wollen oder nicht. Sie sind aber doch in gute Hände gefallen, da der Baron das
Complot unter seinem Commando hat. Mein Oncle hätte nicht schlimmer wählen, und
für Sie hätte diese Wahl nicht besser ausfallen können. Nun sind Sie sicher. Der
Baron hat Ihren Liebhaber Ihnen nicht einmal unter die Augen geführet, weil er
glaubte, dass seine Gegenwart Sie beunruhigen könnte, und er wird dieses allezeit
tun, wenn er es in seiner Gewalt hat. Ich fange jetzo an, wirklich Mitleiden
mit meinem Oncle zu haben, und wenn Sie es nicht wären, so wüsste ich nicht was
ich täte, um ihn glücklich zu machen. Sie sollen unterdessen nach meinem
Wunsche einen Freier bekommen, der Ihnen besser anstehet, aber eben so
aufrichtig liebt als dieser, und daran zweifle ich auch nicht: ihr Planete
verspricht Ihnen dieses. Auf mein Wort, ich glaube vollkommen, dass die Planeten
eintreffen; der Ihrige passt so gut auf Sie, als wenn er Ihretwegen wäre gemacht
worden. Sehen Sie nur, was Lampert für ein sinnreicher Kopf ist! Auch im
Calender findet er etwas artiges, das ein Liebhaber seiner Schönen sagen kann.
Ich muss doch sehen, ob sich mein Planet auch so vorteilhaft erklären lässt, als
der Ihrige. Ich bin im April geboren, gut, ich will mir selbst die beste
Auslegung darüber machen - -. Verwünscht! Bald will ich den April wieder
auskratzen, und einen andern Monat dafür in den Brief setzen. Hätte ich doch nie
die Begierde gehabt meinen Planeten zu lesen. Der Kerl, der den Calender
schreibt, hat, wie ich glaube, mir zum Possen diese schlimme Prophezeiung
erdacht, oder eine grundböse Frau gehabt, die mit mir in einem Monat geboren
worden, und dieses hat ihn bewogen, die böse Gemütsart seiner Frau dem Gestirn
zuzuschreiben, das in dem Monat ihrer Geburt regieret hat. Suchen Sie ja meinen
Planeten nicht auf, sonst lasse ich mich nicht wieder vor Ihnen sehen. Das ist
entsetzlich, dass ich gerade in einem Monat geboren bin, der den Mädchens so
fatal ist! Ich werde künftig meinen Geburtstag verlegen, wie mein Oncle den Tanz
unter der Linde. Ich hatte mir vorgesetzt, wenigstens ein Dutzend Körbe
anzubringen, ehe ich mich der Herrschaft eines Ehetirannen unterwerfen wollte:
aber mein Stolz ist gedemütigt, ich werde nicht einen los werden. Einen
lachenden Freier, das ist nach meiner Erklärung, der nicht einmal rechten Ernst
braucht, darf ich nicht abweisen, wenn ich nicht befürchten will, dass gar keiner
wieder komme. Das schlimmste aus den Planeten, darüber ich mich fast ärgere,
will ich mit Stillschweigen übergehen.
    Nicht wahr, wir waren gestern sehr vergnügt? Ich war es insonderheit, dass
Sie den Spass so wohl aufnahmen. Ha! Ha! Ich muss herzlich lachen, ein Glückwunsch
in einer Pastete, das ist der lustigste Einfall, den man erdenken kann. Sie
wurden über und über rot bei dem Fund, den Sie taten. Ich merkte es, sobald
Sie den Deckel aufhoben, ich vermutete mir aber etwas ganz anders. Ich dachte
der Major hätte den Spass gemacht. Ihnen die Wahrheit zu gestehen, habe ich ganz
und gar nichts davon gewusst, selbst meine Schwester nicht. Sie hat vermutet,
dass ihr Mann, um der Tafel ein besser Ansehen zu geben, die Pastete aus der
Stadt hätte holen lassen. Ich bekümmere mich nicht um die Küche, und wurde nicht
eher aufmerksam darauf, bis man Sie nötigte vorzulegen. Sie sah auch so
ehrlich aus, dass ich ihr keine Schelmerei zutraute. Lampert hat doch manchmal
einen Einfall, der wert ist, belacht zu werden. Der Mann macht gleichwohl
seinen Vers, der nicht zu verachten ist. Der Baron hat ihm unter den Fuss gegeben
gehabt, einen lustigen Gedanken über die Frau v.W. mit einzumischen. Er hat es
getan; aber zum Glück hat er seinen satirischen Einfall so versteckt, dass er
von wenigen bemerkt wurde. Ob ich mich gleich nicht für sonderlich scharfsinnig
halte: so konnte ich doch leicht erraten, was die Eule, die Aten verehrt, zu
bedeuten hatte. Die Auslegung, die der Baron über diesen dunkeln Ausdruck
machte, die fernern Untersuchungen des Majors zu unterbrechen, war sehr weit
hergeholt, und wollte an keinem Orte recht passen. Er sah wohl den wahren
Verstand ein: aber es war nicht ratsam, diesen Text gar zu genau zu erklären.
    Aber hören Sie doch, mein liebes Fräulein, warum suchen Sie den Major immer
gegen mich in Harnisch zu bringen? Sie müssen einen grossen Wohlgefallen daran
haben, mich einmal mit ihm zanken zu sehen, dass Sie uns immer zusammen hetzen.
Nun kann ich Sie doch auch einmal einer Leichtfertigkeit beschuldigen. Warten
Sie, das lass ich Ihnen nicht so hingehen. Es kam mir, ich weiss nicht was für
eine Lust an, Ihnen was ins Ohr zu fliestern, es war eine Kleinigkeit, die ich
vergessen habe. Warum beschuldigen Sie mich denn, ich hätte von dem Major
gesprochen, da ich doch nicht an ihn gedacht hatte? Wollten Sie ihn für seine
Neugierde strafen, dass er unsere Heimlichkeit zu wissen verlangte? Das war
vermutlich Ihre Absicht, aber dadurch wurde ich mehr für meine Verwegenheit
gezüchtiget, dass sich mein Mund Ihrem Ohr genähert hatte, als er für seinen
Vorwitz. Was wird er denken, wenn er sich einbildet, ich hätte mich in seiner
Gegenwart über ihn aufgehalten? Ich glaube nicht, dass er mich gnugsam kennet, um
mir eine solche Unanständigkeit nicht zuzutrauen. Was mögen Sie ihm doch für ein
Mährgen aufgeschwatzt haben? Ich zweifle nicht, dass er Sie wieder darum befragt
hat, weil Sie nicht geschwinde genug eine Unwahrheit erdenken konnten, die Sie
ihm vorschwatzten, da er Sie in meiner Gegenwart befragte, was ich von ihm
gesagt hätte. Sie werden nun Mühe haben meine Unschuld zu retten, und ihm die
Gedanken zu benehmen, worinne er stehet, dass ich mich über ihn aufgehalten
hätte, so unschuldig ich auch bin. Tun Sie ja Ihr bestes all ihm, diese Meinung
zu benehmen, oder wenn Sie es nicht tun, so geben Sie Achtung. Sie werden schon
auch einmal in seiner Gegenwart mit nur heimlich reden, oder ich finde auch wohl
eine andere Gelegenheit, Sie so bat ihn anzugiessen, dass Sie mich verwünschen
sollen. Ich will Ihnen nun die Absicht meines Briefs entdecken, ich hatte mir
vorgenommen, dieses in den ersten Zeilen zu tun, und er ist mir unter der Hand
gewachsen, wie das Werk eines Gelehrten, ohne dass ich daran gedacht habe. Mein
Oncle hat dem Baron aufgetragen, einen getreuen Bericht von der Aufnahme seiner
Glückwünsche abzustatten, was für Urteile darüber gefället worden, und ob sie
bei Ihnen einen für ihn vorteilhaften Eindruck gemacht hätten. Ich übersende
Ihnen den Entwurf davon zur Durchsicht, verbessern und ändern Sie solchen nach
Ihrem Gefallen, schicken Sie ihn aber bald zurück, damit mein Oncle, der sehr
begierig ist, das Schicksal seiner Glückwünsche zu erfahren, befriediget wird.
Ich umarme Sie.
 
                                   IX. Brief.
                      An den Herrn v.N. von dem Herrn v.F.
                                                                     den 26 Nov.
Recht gut so! Ich wünsche Ihnen Glück zu dem guten Anfang Ihres Spiels oder des
Feldzuges, wie Sie Ihre Liebe nennen wollen. Sie haben sich wohl gehalten, und
werden nun bald mehrere Progressen tun. Weil ich Ihnen einen Bericht
abzustatten habe, der Ihnen nicht misfallen kann: so hoffe ich, dass Sie mir
diesmal alle Locos communes, die mir etwan entwischen möchten, gern verzeihen
werden, doch werde ich mich dafür, so sehr ich kann, in Acht nehmen. Ich will
mich eben nicht so genau an Ihre Vorschrift binden, um Ihnen nach der Ordnung zu
melden, wie Ihre Prose und Verse sind aufgenommen worden, was man darüber gesagt
hat, und was die verliebte Mine, die Sie haben anstiegen lassen, für Wirkung
getan: ich will Ihnen aber doch auch keinen Umstand, der Ihnen nur einiger
massen vorteilhaft ist, verschweigen. Der Einfall durch eine Pastete einen
Liebesantrag zu tun, ist der vortreflichste von der Welt, Sie hätten Ihrer
Geliebten solchen nicht artiger in die Hände spielen können. Das Fräulein schien
ganz entzückt, da sie eine so vortrefliche Nahrung für den Geist in einem
Behältnis entdeckte, das nur einige leckerhafte Bissen für den Mund
einzuschliessen schien. Das feindselige Messer hätte zwar beinahe ein grosses
Unglück angerichtet, und den ganzen Planeten von Ihrem Briefe weggeschnitten:
doch der getreue Sylphe des Fräuleins wollte sie nicht um das Vergnügen bringen,
dieses Meisterstück des Witzes und einer gesunden Auslegungskunst zu lesen; der
Brief und das Gedichte kam mit einer kleinen Verwundung, die einem Ehrenzeichen
gliech, davon. Die Neugierde aller Anwesenden war so gross, dass die wichtigsten
Gespräche dadurch unterbrochen wurden, und einige Minuten ein tiefes
Stillschweigen über die Gesellschaft ausgebreitet war, bis sich solches in ein
lautes Gelächter und frohlockendes Händeklatschen verwandelte, das einen
allgemeinen Beifall anzuzeigen schien. Man konnte sich lange nicht vergleichen,
wer die Ehre haben sollte, beides das Gedichte sowohl als das Schreiben
öffentlich vorzulesen. Dass es geschehen sollte, darüber war man einig, obgleich
das Fräulein Einwendungen dagegen machte. Endlich fielen die meisten Stimmen für
den Major aus, welcher beschämt schien, dass er eine so schöne Gelegenheit als
der Geburtstag des Fräuleins war, aus den Händen gelassen, ihr seine Hochachtung
wodurch zu bezeigen, da Sie Sich derselben so vortreflich zu bedienen gewusst
hatten. Zu seiner Bestrafung musste er ein Herold Ihres Witzes werden, er musste
lesen, so gern er diese Ehre verbeten hätte. Zu Ihrem Troste kann ich es sagen,
dass das Fräulein, so lange er las, kein Auge von ihm verwendete, und daraus
machte ich den Schluss, dass ihr alles sehr wohl gefiel. Die ganze Gesellschaft
sprach von Ihnen sehr vorteilhaft, und selbst der Major musste Ihnen
Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Das Fräulein sagte zwar nichts zu Ihrem Lobe:
sie dachte aber desto mehr. Die Frau v.W. gestund, dass sie niemals die Gabe der
Dichtkunst bei Ihnen vermutet hätte, dass sie aber Sie um desto höher schätzte.
Sie wünschte zugleich das Vergnügen zu haben, sich mit Ihnen in einen neuen
Zwist verwickelt zu sehen, damit sie die Ehre hätte, eine poetische Abbitte und
Ehrenerklärung zu erhalten. Ihr Gemahl machte die Lobsprüche, die man Ihnen
erteilte, dadurch desto ansehnlicher, dass er Ihre Gesundheit ausbrachte, die
rund um die Tafel fleissig nachgeholet wurde. Ungeachtet ich alle Mühe angewendet
habe, das Herz des Fräuleins auszukundschaften, um zu erfahren, was Ihr
Angebinde auf solches eigentlich für eine Wirkung getan: so bin ich doch nicht
vollkommen glücklich hierinne gewesen. Wenn ich von den, äusserlichen urteilen
wollte, so könnte ich Ihnen viel versprechen; allein die Schönen sind
Meisterinnen in der Verstellungskunst. Sie wurde rot, da sie den Glückwunsch
auf ihren Geburtstag fand, und lachte, da sie unter dem Schreiben Dero Namen
erblickte. Sie gab auf alles genau Achtung, da der Major las, und da er hernach
beide Stücke ihr wieder auf einem Teller überreichte, so nahm sie solchen mit
einer freundlichen Mine zurück. Alles dieses lässt sich so vorteilhaft für Sie
erklären, als der Planet für das Fräulein. Noch mehr, sie trunk Ihre Gesundheit,
sie lobte Ihre Aufmerksamkeit, dieses war zugleich ein Vorwurf für den Major
wegen seiner Nachlässigkeit, dass er, der sie beständig begleitet wie ein Trabante
seinen Planeten, nicht einmal ihrem Geburtstage nachgespüret hatte. So eine gute
Gelegenheit kommt nicht alle Tage, sein Wort auf eine gute Art anzubringen. Sie
hat Fräulein Amalien gefragt, wie Sie Sich befänden, ob Ihre Krankheit von
Folgen zu sein schien. Man könnte glauben, dass sie diese Frage aus Eigennutz
getan hätte, um die Erbschaft, die Sie ihr zugedacht haben, bald hoffen zu
können, ja man könnte hierinne dadurch bestärket werden, dass sie sich auch unter
der Hand erkundiget, ob Sie seit ihrem ersten Geburtstage, nicht wieder an Ihren
letzten Willen gedacht hätten; allein solche hypochondrische Gedanken müssen
einen Verliebten nicht einfallen, man kann auch von diesen Worten eine
vorteilhafte Auslegung machen. Ueberhaupt lässt sich von dem vortreflichen
Charakter des Fräuleins nicht vermuten, dass sie wünschen sollte bald Ihre Erbin
zu werden. Alle diese Spuren sind mir aber noch nicht hinreichend, einen sichern
Schluss daraus herzuleiten, dass Sie schon ihre Gewogenheit besitzen, ich will
lieber nichts daraus schlüssen, als Gefahr laufen, falsch zu urteilen. Wenn
Ihnen das Glück günstig ist, so wird es uns schon andere Proben liefern, daraus
wir die Zuneigung des Fräuleins vollkommener und sicherer schlüssen können. Wenn
Sie meinem Rate folgen wollen, so verhalten Sie Sich eine Zeitlang nur ruhig,
und wenn Sie auch in ihrer Gesellschaft sind, so beobachten Sie ein
gleichgültiges Wesen: man stürmet nicht immer bei einer Belagerung, man sitzt
auch wieder eine Zeitlang stille, um neue Kräfte zu sammlen, und hernach einen
unvermuteten und desto kräftigern Angriff zu tun. Die Frau v.W. ist Ihnen, so
viel ich ihr habe abmerken können, noch immer nicht recht gut, es liegt nichts
daran, ihre Gunst verspricht Ihnen ohnehin keinen sonderlichen Vorteil. Sie
tun indessen wohl, wenn Sie, als ein Politikus, eine Staatsfreundschaft mit ihr
unterhalten. Wenn Sie bei dem Herrn v.W. einen Besuch abstatten, so will ich Sie
mit Ihrer Erlaubnis begleiten, damit ich jede Mine und jede Bewegung des
Fräuleins ausstudiren kann, um eine Gewissheit dadurch zu erhalten, was für
Gesinnungen sie von Ihnen hegt.
    Fräulein Amalia bringt mir jetzt eine schlimme Nachricht, sie hat eben einen
Brief von dem Fräulein v.N. erhalten, darinnen ihr diese berichtet, dass sie
heute früh aus ihrem Tische ein zusammengerolltes Pappier angetroffen, und bei
Eröffnung desselben, ein vortrefliches französisches Sonnet nebst ein paar
demantnen Ohrenringen gefunden hat. Sie sind abgestochen; Ihr Rival hat einen
höhern Trumpf eingesetzt. Das Fräulein hat eine sehr grosse Freude über das
Geschenke. Ihr Lobgedichte, das sie sehr heilig in ihrem Putzschrank aufzuheben
versprach, fallt nun gewiss in das unterste Fach, wenn es noch drinnen bleibt. Wo
sollten die Ohrengehänge anders herkommen als von dem Major? Ja ja, er hat die
rechten Schliche inne, wie man die Schönen bezaubern kann. Er verstehet das
Spiel aus dem Grunde, jetzt sitzt er im Vorteile und wird sich schwerlich
daraus vertreiben lassen. Doch das Spiel ist noch nicht verloren, Sie sitzen
nur hinter der Hand, und an Ihnen ist nunmehro die Reihe, ihn wieder
abzutrumpfen. Wir wollen die Sache schon wieder ins Gleiss bringen, wenn Sie nur
Standhaftigkeit gnug besitzen, die widrigen Zufälle, die in dergleichen
Umständen sich oft begeben, zu ertragen, ohne an Ihrem Glück zu verzweifeln. Ich
bin immer unglücklich im Vergleichen, so viel Geschmack ich auch daran finde.
Ich habe Ihre Liebe, in so ferne sie tätig ist, mit dem Spiel verglichen:
jetzt, da Sie Sich nach meinem Entwurf etwas leidend verhalten müssen, kommt sie
mir vor wie das Podagra. Gedult und ein wenig Schreien sind hierbei die besten
Arzeneien. Ich rate Ihnen beides, das erste, um der Sache gelassen zuzusehen,
bis das Schicksal Ihren Rival aus der hiesigen Gränze entfernet, und das andere,
um ihre Schöne, wenn sie über Ihre Unempfindlichkeit und Härte klagen, dadurch
zum Mitleiden zu bewegen. Unterdessen dass Sie in einer gewissen Untätigkeit
sich befinden, will ich desto geschwinder sein im Kabinet, und wie die Minister,
wenn die Generals in Winterquartieren schmaussen, den Plan entwerfen, den Sie
hernach ausführen sollen. So bald Sie Ihre Staatskrankheit Abschied nehmen
lassen, so besuchen Sie mich, und bringen Sie Ihren Favoriten den Herrn Lampert
mit, damit wir alles gemeinschaftlich überlegen, und wegen Ihren Angelegenheiten
ordentlichen Rat halten. Ich verspreche Ihnen, allen Fleiss und alle
Aufmerksamkeit anzuwenden, ihre Wünsche zu vergnügen, um Sie dadurch zu
überzeugen, dass ich kein bloss Compliment mache, wenn ich mich nenne
                                      Dero
                                                             gehorsamsten Diener
                                                                            v.F.
 
                                   X. Brief.
                     Das Fraülein v.W. an das Fräulein v.S.
                                                                     den 26 Nov.
Was werden Sie noch aus mir machen, loses Fräulein! Sie, und der Herr Baron,
spielen Comödien, dass man Bücher davon schreiben könnte. Ich glaube, Sie haben
sich beide vorgenommen, Ihre Nachbarschaft rund um sich her in Verwirrung zu
setzen, und Niemand zu schonen, wenn Sie nur etwas zu lachen bekommen. Wenn ich
nur eine sträfliche Mine annehmen könnte, so hätte ich Lust, Ihnen einmal den
Text recht zu lesen. Der Brief mit dem Einschluss, welchen Sie mir heute
zugeschickt haben, hat wunderliche Erscheinungen bei mir hervorgebracht, ich
habe über beide gelacht, den Kopf geschüttelt, ich bin halb erzürnt bei einigen
Stellen gewesen, ich bin wieder gut worden; ich habe sie noch einmal gelesen,
und habe mich niedergesetzt, Ihnen darauf zu antworten; ich bin aber jedesmal
zweifelhaft aufgestanden, ohne zu wissen, was ich über die Innlage für ein
Urteil fällen sollte. Mehr als einmal hab ich einige Stellen darinnen
verbessern wollen, ich hatte bereits die Feder angesetzt, um ganze Seiten
auszustreichen, und sie zu verändern: aber ich habe es immer wieder unterlassen,
weil ich nicht wusste, womit ich den leeren Raum füllen sollte. Nun es mag alles
bleiben, ich will Ihnen aber meine Kritik darüber machen, eben so wie über Ihren
Brief, und dadurch werde ich diesen zugleich beantwortet haben. Ich sehe wohl,
dass es mit der Liebe Ihres Herrn Oncles nur Spass ist, oder dass Sie und der Herr
Baron einen Spass daraus machen wollen, da Sie diese Sache nun unter den Händen
haben, ich bin darüber erfreuet: aber vorher war es in der Tat kein Spass. Es
sind noch nicht gar acht Wochen, da Sie über dieses Capitel mir ein so
zweifelhaftes Gesicht machten, dass ich es Ihnen ansehen konnte, wie sehr Sie
meinetwegen besorgt waren. Wenn Sie und der Herr v.F. nicht alle Kräfte und Ihre
ganze Kunst der Intrigue aufgeboten hätten, mich zu befreien, so würde ich
jetzt sonder Zweifel Frau v.N. Für eine so gute Bemühung muss ich Ihnen ja wohl
etwas zu lachen geben, und wider meinen Willen eine Rolle, die Sie mir in dem
Lustspiele auftragen, übernehmen. Ich verspreche diese so gut zu spielen als mir
möglich ist, nur dass es immer ein Spiel bleibt, und nicht etwan wieder Ernst
daraus wird. Ich bedaure es, wenn Sie meinetwegen den Herrn von N. ein so
schweres Gebot auferleget haben, von der Gesellschaft zu bleiben, dieses wird
ihm vermutlich sehr beschwerlich gewesen sein. Ich verlange nicht, dass er so
eingeschränket werde, sonst stehet er Ihnen gewiss nicht lange zu Gebote. Seine
Gegenwart ist mir niemals beschwerlich, so lange ich nichts davon zu befürchten
habe, welches ich jetzt nicht vermute. Wir werden nächstens einen Besuch in
Kargfeld ablegen, ich werde mitgehen, um dem Herrn v.N. eine unschuldige Freude
zu machen. Prägen Sie ihm nur ein feines, steifes, zurückhaltendes Wesen ein,
und versichern Sie ihn, dass dieses das beste Mittel sei, von mir recht viel
freundliche Gesichter zu bekommen.
    Sie suchen doch auch alle Gelegenheit auf, sich lustig zu machen, und wenn
Ihnen aller Stoff zu fehlen scheinet, so sind Sie es über sich selbst, das ist
in der Tat ein artiger Charakter, der mir gefällt. Das Schicksal entferne uns
nie von einander: wenn ich jemals Ihren Umgang vermissen sollte, so würde ich
das allerschätzbarste, das ich besitze, verlieren. Weil einmal die Planeten
unter uns einiger lustigen Aufmerksamkeit sind gewürdiget worden, so will ich
mir die Freiheit nehmen, über eine Stelle des Ihrigen, eine Anmerkung zu machen,
doch in einen gelehrten Streit lasse ich mich durchaus nicht ein, wenn ich auch
einen Preis von einer Akademie der Wissenschaften dadurch zu verdienen wüsste.
Was machen Sie Sich für einen seltsamen Begriff von einem lachenden Freier! Sie
verstehen darunter einen halbigten Liebhaber, der keinen Ernst braucht?
Unglückliche Deutung! Gehen Sie zum Herrn Lampert, und lassen Sie Sich die Sache
erklären, er wird es Ihnen ganz anders sagen. Sie sind lustig, aufgeräumt, Sie
lachen gerne: gleich und gleich sucht sich. Der Mann, den Sie einmal glücklich
machen sollen, wird in seinem Charakter Ihnen ähnlich sein. Sie bekommen einen
muntern, aufgeräumten, lachenden Freier, er Ihnen das Leben so angenehm macht,
als Sie es allen, die Ihren Umgang geniessen, zu machen wissen. Wollen Sie nun
weiter mit dem ehrwürdigen Sterndeuter zanken, der Ihnen so viel gutes
geweissaget hat? Es hat mir nicht an Neugierde gefehlet, Ihren Planeten ganz zu
lesen, und die bösen Schicksale, die nach Ihrem Urteile darin sollen
entalten sein, zu erfahren, oder ihnen mit einer guten Auslegung zu statten zu
kommen; aber da ich eine sehr schlechte und mangelhafte Edition von einem
Calender habe, darin diese unbetrüglichen Weissagungen fehlen: so muss ich
wider Willen dem Befehle nachleben, Ihren Planeten nicht zu lesen.
    Tun Sie nur nicht so böse, dass ich dem Major etwas von Ihnen vorgeschwatzt
habe. Sie urteilen recht, dass ich ihn dadurch für seinen Vorwitz habe bestrafen
wollen; aber ich bin darin nicht mit Ihnen einerlei Meinung, dass ich daran
Unrecht getan habe. Ich glaube vielmehr allen Verdacht dadurch von Ihnen
entfernt zu haben. Er konnte denken, wir hätten von Ihm gesprochen, da wir
heimlich mir einander redeten; er konnte dieses aber nicht mehr denken, da ich
es ihm öffentlich sagte, dass wir es getan hätten. Wenn es wahr gewesen wäre, so
würde ich es ihm gewiss verschwiegen haben. Vermutlich sah er es ein, dass ich
ihn für seine Neugierde, dadurch habe wollen ein wenig büssen lassen; sollte es
aber nickt geschehen sein, so will ich, wenn er mich wieder fragt, was wir von
ihm gesprochen hätten, meinen Fehler wieder gut zu machen, etwas recht schönes
erdenken, das Sie zu seinem Vorteile sollen gesagt haben. Aber warum dringen
Sie denn so sehr darauf, dass ich Ihre Unschuld retten soll? Fräulein, Fräulein!
wenn Sie mir etwas verheimlichen, so vergebe ich es Ihnen nicht.
    Dem Herrn Baron machen Sie mein bestes Compliment. Sagen Sie ihm, dass ich
seine guten Bemühungen mir vielem Danke erkenne; aber ich bin wenig mit den
Massregeln zufrieden, die er anwendet, seine gute Absicht zu erreichen. Warum
braucht er so zweideutige Ausdrücke, die den Herrn v.N. entweder gegen mich oder
den Major aufbringen können? Wer weiss, ob er nicht dadurch in die Versuchung
gerät, seinem eignen Kopfe zu folgen, und wenn er sich nicht mehr in der Irre
herum führen lässt, die rechte Spuhr wieder zu suchen, wodurch es ihm an, ersten
gelingen könnte, sein Vorhaben auszuführen, oder doch wenigstens mir Angst zu
machen. Ich merke wohl, dass der Herr Baron durch die Verzögerung ihn ermüden
will. Es ist dieses ein sehr guter Einfall, aber wann dem Herrn v.N. etwas in
den Kopf gesetzt wird, das ihn aufbringen kann, so verlässt ihn seine Gedult ganz
sicher, und er wird hernach alles anwenden, sein Schicksal entschieden zu sehen,
welches auf der einen oder der andern Seite Verdruss erwecken könnte, und diesen
vermeide ich gerne. Doch das ist noch nicht alles, was mir am wenigsten gefällt,
ist dieses, dass ich so abgeschildert werde, als wenn der Major in besonderm
Ansehen bei mir stünde. Ich bin in diesem Stück etwas zärtlich, wenn Sie über so
etwas mit mir scherzen, so kann ich gleiches mit gleichem erwiedern, und das
bleibt unter uns; wenn aber mehrere Personen an diesem unschuldigen Scherz
Anteil nehmen, so entstehet daraus ein Gerüchte, und das wünsche ich eben
nicht. Die Auslegung über die unschuldige Frage, wie sich Ihr Herr Oncle
befände, ist höchstleichtfertig. Ich lasse mir diesen Scherz desto leichter
gefallen, da ein solcher Verdacht, dass ich nach einer Erbschaft sollte begierig
sein, nicht leichtlich im Ernste von mir wird gefasst werden, es kann auch dieser
Einfall, in der Absicht, in welcher er ist angewendet worden, vielleicht von
einigem Nutzen sein. Aber ich weiss nicht, was ich mit den Ohrenringen anfangen
soll, ich kann die Absicht, warum der Herr v.F. mich damit hat beschenken
lassen, nicht erraten. Sollte es deswegen geschehen, damit Ihr Herr Oncle
aufgemuntert würde, mir in der Tat ein Geschenke zu machen, so würde ich
dadurch in die äusserste Verlegenheit gesetzet werden, ich könnte es nicht
annehmen, und auch nicht ohne Beleidigung zurück geben, ich würde also auf die
eine und auf die andere Art anstossen. Ueber dieses, wenn der Herr von N. gegen
die Frau v.W. etwas davon gedächte, so würde ich ein scharfes Examen von ihr
auszustehen haben, sie würde es nicht glauben, dass es nur ein Mährgen ist. Sie
wissen, was man für Mühe anzuwenden hat, ihr etwas auszureden, das sie sich zu
glauben oder einzubilden, einmal vorgenommen hat. Wenn Sie nicht versichert
sind, dass ich davon nichts zu befürchten habe, so streichen Sie diese Stelle
ganz aus. Ich ersehe am Ende des Schreibens an den Herrn v.N. dass er nur eine
Staatskrankheit angenommen hat. Nun bedaure ich ihn desto mehr, und wenn es
nicht meine eigne Person beträfe, so wollte ich eben das tun, wozu Sie Sich
anheischig gemacht haben, und alles beitragen, seine Wünsche zu erfüllen. Den
Augenblick erfahre ich etwas ganz neues, der Major bat Befehl erhalten, wieder
zu seinem Regimente zurückzukehren. Er ist nur vor einer Stunde hier gewesen,
und hat es meinem Vater gesagt. Ich bin am Ende meiner Gedanken und meines
Briefs, und kann in der Eil keinen bessern Ausdruck finden, solchen dadurch zu
schlüssen, als die Versicherung, dass ich Sie mit der aufrichtigsten Zärtlichkeit
liebe
                                                                          J.v.W.
 
                                   XI. Brief.
                     Das Fräulein v.S. an das Fräulein v.W.
                                                                     den 30 Nov.
Das ist zum Todlachen! Keinen lustigern Auftritt könnte mein Oncle liefern, als
den er im Begriff ist uns sehen zu lassen. Vernehmen Sie die grosse Begebenheit,
die sich in wenig Tagen ereignen wird. Ich zweifle nicht daran, dass das Vorhaben
wirklich ausgeführt wird. Es kommt nur auf Sie an, und Sie haben Sich einmal
anheischig gemacht, das Spiel nicht zu verderben ich halte Sie nun bei Ihrem
Worte. Sein Sie stolz auf die Ehre, die Ihnen zubereitet wird, mein Oncle
beschäftiget sich gegenwärtig Ihren Namen unsterblich zu machen. So einer edlen
Bemühung werden Sie nicht widerstehen können, ja er wird dadurch Ihr Herz gewiss
erobern. Damit ich Sie nicht, nach meiner Gewohnheit, mit einem langen
Geplaudere aufhalte, und Ihre Neugierde, die ich schon genug gereizt zu haben
glaube, lange quäle; so will ich es Ihnen mit einem Worte sagen, dass der Herr
v.N. entschlossen ist, eine Akademie der Wissenschaften in Kargfeld zu
errichten, die nach Ihrem Namen die Julianen Akademie genennet werden soll. Wenn
es nicht ein so gar artiger Spass wäre, so würde ich nicht zugeben, dass Ihr Name
gemissbraucht wird; doch der Einfall ist zu lustig, dass ich mich bemühen sollte,
dir Ausführung davon zu hintertreiben. Lehnen Sie dem Baron und mir einmal Ihren
Namen, um einen Scherz vollkommen zu machen. Damit Sie an der Sache vollkommenes
Licht erhalten, so hören Sie jetzt meine Erzählung, und hernach lesen Sie die
Innlagen meines Briefs. Es sind deren viere, ein Brief des Herrn Lampers an den
Baron, eine Nachricht von der Einrichtung der Julianen Akademie, ein Verzeichnis
der Mitglieder, die sogleich bei Eröffnung derselben sollen aufgenommen werden,
und die Antwort des Barons. Ich darf Sie nicht erinnern, dass ich mir die
Einschlüsse bald wieder ausbitte, Sie wissen dieses schon. Lassen Sie Sich es
nun erzählen, wie mein Oncle sich diese Gedanken hat einfallen lassen, und warum
er so feste darauf beharret, sein Vorhaben auszuführen. Der Baron fand gut,
Ihrer Kritik ungeachtet, das Schreiben an meinen Oncle so zu lassen, wie er es
entworfen hatte, ohne darin das geringste zu ändern. Sie sind gar zu zärtlich,
und machen sich über Umstände, die ich nicht einmal wahrnehme, einen Hausen
Bedenklichkeiten. Wir sind in Schöntal nicht so gesinnet. Der Baron blieb bei
seinem Entschluss, und schickte meinen Oncle den Brief so, wie Sie ihn gesehen
haben. Den Tag darauf machte er ihm in Person einen Besuch, um zu sehen, wie er
mit dieser Nachricht zufrieden wäre. Er nahm sich zugleich vor, diese Erzählung
zu vermehren und zu vorbessern, wenn er es ratsam finden würde. Der Herr v.N.
ist mit der Art, wie Sie seine Glückwünsche sollen aufgenommen haben, überaus
vergnügt gewesen. Er hat zwar allerlei Betrachtungen angestellet, ob die
vergnügten Bucke, die der Baron Ihnen, bei der Vorlesung der Glückwünsche
angerichtet, mehr diesen oder dem Leser zugeeignet werden könnten: doch Herr
Lampert, der alles gern zu einem Vorteile ausleget, hat das erstere so
geschickt behauptet, dass alle Zweifel verschwunden sind. Sein Vergnügen würde
vollkommen gewesen sein, wenn ihm nicht der Punct von dem Französischen Sonnet
und den demantenen Ohrenringen die Freude sehr gemässiget hätten. Ich hätte mich
mit dem Baron zanken mögen, dass er durch diese Erdichtung das unschuldige
Vergnügen meines Oncles unterbrochen hat. Doch eben dieses hat zu einer neuen
komischen Handlung Gelegenheit gegeben. Der Herr v N. hat den Baron ersucht, ihm
einen Rat zu erteilen, wie er diesen tödtlichen Streich, den sein Gegner durch
ein so glänzendes Geschenke seiner Liebe versetzt zu haben glaubte, fruchtlos
machen könnte. Der Baron hat die Verwegenheit gehabt, ihm das anzuraten, was
Sie so sehr fürchten, dass er Ihnen ein Geschenke machen sollte, das noch zweimal
grösser wäre, als das Sie von seinem Rival erhalten hätten, oder nach seiner
Sprache mich auszudrücken, er sollte einen höhern Matador einsetzen. Fürchten
Sie nichts, dieser Vorschlag ist sogleich verworfen worden. Sie kennen meinen
Oncle nicht, wenn Sie glauben, dass er in die Versuchung geraten dürfte, bei
seiner Liebe grossen Aufwand zu machen. Sie werden nicht leicht durch ein
wichtiges Geschenke von ihm in Verlegenheit gesetzet werden. Er ist gewohnt
seine Anschläge, die alle ins Grosse fallen müssen, um wenigen Kosten
auszuführen. Herr Lampert, der unerschöpflich ist an witzigen Erfindungen, und
alle Absichten meines Oncles gern mit den seinigen verbindet, um sie desto
leichter auszuführen, hat seit einiger Zeit, ich weiss nicht was für wunderliche
Träume gehabt, Kargfeld in einen Sitz der Künste und Wissenschaften zu
verwandeln. Ich wünschte, dass er so reich an Mitteln als an Anschlägen wäre, so
würde er aus diesen Ort gewiss ein Versailles oder Paris machen. Sie wissen, wenn
mein Oncle geheimen Rat hält, dass er darin Sitz und Stimme hat. Seine
Einbildungskraft gibt ihm also bei der Unentschlossenheit, worinne er den Baron
sieht, den Herrn v.N. durch gute Ratschläge zu unterstützen über seinen Gegner
die Oberhand zu gewinnen, sogleich ein Mittel an die Hand, seinen Gönner aus der
Verlegenheit zu ziehen, und dadurch sein Vorhaben, das schon einige mal von uns
auf eine spöttische Art ist herumgenommen worden, zugleich mit auszuführen. Er
wagt es bei einer so günstigen Gelegenheit noch einmal, den Vorschlag von
Errichtung einer Gesellschaft der Wissenschaften en Mignature, zu erneuern, und
solche die Julianen Akademie zu nennen. Der Baron, dem die geschickte Wendung
des Magisters, sein Vorhaben auszuführen, und überhaupt das seltsame in diesem
Anschlage gefällt, ergreift die Partei des Herrn Lamperts mit einem
angenommene, Eifer, und stellet dem Herrn v.N. die Sache aus einem so
vorteilhaften Gesichtspuncte vor, dass dieser ihm mit Vergnügen beifällt, und die
glückliche Stunde mit Sehnsucht erwartet, in welcher sie zur Ehre seiner Göttin
ausgeführet werden soll. Lampert hat zu dieser Absicht die Aufsätze verfertiget,
welche ich Ihnen hierdurch mitteile.
    Es ist auch in der Tat nichts geringes, und ich beneide Sie bald selber,
dass Ihnen zu Ehren eine Akademie errichtet wird. Wenn Sie nicht ganz und gar
stoisch gesinnt sind, so muss eine solche Ehre den lebhaftesten Eindruck in ihr
Herz machen. Der Entschluss meines Oncles ist höchstgrossmütig; er als der
Stifter einer Akademie, hätte das Recht, solche mit seinem Namen zu belegen:
aber wie vortreflich! er tut darauf Verzicht, um sie einem Frauenzimmer zu
widmen, das er liebt. Es ist dieses ein so augenscheinlicher Beweis von seiner
Leidenschaft für Sie, dass demantne Ohrengehänge und ich weiss nicht was für
Kostbarkeiten, damit in gar keine Vergleichung können gesetzet werden.
Wenigstens sind dieses die Gedanken meines Oncles und des Herrn Lamperts, die
Sie ihnen auch selbst nicht würden abstreiten können. Sie dürfen sich nicht
daran stossen, dass diese gelehrte Gesellschaft aus ganz verschiedenen Gliedern
bestehet; die ansehnlichsten sind in keinem Teile der Welt anzutreffen, ausser
nur in einem Romane. Doch wenn diese ehrlichen Leute wirklich wären, so würden
sie sich sehr wundern, dass unsere Schulmeister und Verwalter von ihnen Collegen
sind. Ich habe dieses schon dem Baron vorgeworfen, der auch ein Ehrenmitglied
dieser Gesellschaft abgeben wird, er hat mir aber versichert, dass im Reiche der
Gelehrten, in so fern sie nur als Gelehrte betrachtet werden, kein Rang
beobachtet würde, sondern dass diese Herren auf einen Fuss mit einander lebten,
wie die alten Lacedämonier oder die Brüdergemeine zu Herrenhut, daher käme es,
dass der Geringste in der gelehrten Republick, den angesehensten auf einen
gelehrten Zwiekampf herausfordern dürfte, welches sich oft zutrüge; die
gelehrten Cavaliers bleiben einander mit der Feder so wenig schuldig als die
Adlichen mit dem Degen. In so ferne er sich als einen Gelehrten betrachtete, so
sei es keine Schande einen Schulmeister auf der gelehrten Bank neben sich zu
haben. Was das schlimmste ist, so gehören die meisten Glieder dieser Akademie
nur in sehr uneigentlichem Verstande zu den Gelehrten. Doch, wie gesagt, dieses
alles macht nichts aus, weil unter den Gelehrten kein Rang beobachtet wird,
Lampert aber ein grundgelehrter Mann, alle Mitglieder für gelehrt erkläret hat:
so ist diese Akademie so gut, als wenn sie aus Staatsministern in Ordensbändern,
Prälaten und Superintendenten bestünde, und Sie erhalten also dadurch alle Ehre,
die Ihnen eine kaiserliche Akademie erteilen könnte, wenn sie von Ihnen den
Namen entlehnet hätte. Ich verspreche mir vortrefliche Werke von dieser
Gesellschaft, und mache mir Hoffnung, nicht lange darauf warten zu dürfen, wenn
Sie bei dem Entschluss bleiben, meinen Oncle zu besuchen. Ich könnte meinen Brief
noch ziemlich verlängern, wenn ich heute Lust zu plaudern hätte, oder mich in
eine ordentliche Beantwortung Ihres Schreibens einlassen wollte: ich will aber
beides auf eine mündliche Unterredung spahren. Wenn Sie eben so vielen Geschmack
als ich an dem Witze des Herrn Lamperts fänden, so würden die Innlagen dieses
Briefs Ihnen zu einem artigen Zeitvertreibe dienen. Ich liebe Sie von Herzen. -
- Das sollte eigentlich der Schluss von meinem Briefe sein, aber ich erinnere
mich eben jetzt noch an einen wichtigen Punkt, den ich nicht mit Stilleschweigen
übergehen kann. Sie sagen mir ja auf eine recht ängstliche Art, dass der Major
wieder zu seinem Regiment gerufen ist. Das hat etwas zu bedeuten. Ich hatte Lust
ihn zu einem Mitgliede der gelehrten Akademie meines Oncles aufnehmen zu lassen,
und dachte das Vergnügen, zu haben, ihn sehr schöne Reden halten zu sehen, nun
komme ich auf einmal um diese Freude. Ich verliere ihn nicht gerne aus der
hiesigen Gegend, ich gestehe es. Er ist ein lustiger Mann, der alles aus sich
machen lässt, und um uns etwas zu lachen zu geben, gewiss ein gelehrtes Mitglied
der Akademie worden wäre. Sie lassen ihn auch nicht gleichgültig abreisen, das
ist ausser Zweifel. Die Art, womit Sie mir seinen Abzug verkündigen, verrät
einige Unruhe. Warten Sie, ich habe ein artiges Liedgen gehabt, wenn ich es
finden kann, so sollen Sie es bekommen, ich will es gleich suchen. - - - Da ist
es! Wahrhaftig, es schickt sich vortreflich auf die Abreise des Majors; es passt
aber auch auf Sie wie der Planete. Sie haben den Namen Iris von ihrem Anbeter
erhalten, recht als wenn sie es mir einander abgeredet hätten, das ist lustig!
Eine Abschrift davon will ich behalten, es sind Virtuosen in der Akademie, ich
will einem ein gut Wort geben, oder ich will mich in einer Bittschrift an das
ganze Corpus wenden, damit es collegialisch componiret wird. Die Melodie soll so
rührend ausfallen, dass es einem jammern soll, der es hört. Dichten Sie Sich
unterdessen selbst eine Melodie, wenn ich Sie besuche, wollen wir dieses kleine
Concert aufführen. Sie spielen und ich singe, dabei bleibt es.
                                  CHANSONNETTE
Iris il faut partir!
Mon coeur rempli de larmes
En quittant tous Vos charmes
Ne sait que devenir:
Iris il faut partir.
Je m'en vais à l'Armée,
Ne soyez pas affligée;
Du bruit de nos combats
Ne Vous effrayez pas.
Nous saurons nous defendre,
Avant que de nous rendre,
A de braves François
Ennemis de la paix.
Mon cher Damon allez
Ou l'honeur Vous appelle,
Ne soyez moins fidelle,
Tant que Vous vivrez:
Mon cher Damon allez.
Ayez soin d'une vie,
Qui n'est pas moins cherie,
Et que mon tendre coeur
Aime avec tant d'ardeur.
Complez sur ma constance,
Et ayez l'esperance
Qu'un si parfait amour
Est payé de retour.
                                   XII. Brief
                  Vom Herrn Lampert Wilibald an den Herrn v.F.
                                                                     den 29 Nov.
Wenn es ein Glück zu nennen ist, zu einer Zeit zu leben, die an grossen und
merkwürdigen Begebenheiten fruchtbar ist: so sind die jetzigen Bewohner der Erde
allerdings glücklich zu preisen, dass sie in einem Jahrhunderte leben, das einen
Überfluss an Begebenheiten aufzuweisen hat die die Geschichte dereinst verewigen
wird. Ich will nicht an die Helden gedenken, die die Kriegskunst auf den
höchsten Gipfel der Vollkommenheit gebracht haben; ich will jene grossen Männer,
die sich am Ruder des Staates einen unvergesslichen Namen gemacht haben, in keine
Betrachtung ziehen: ich will nur einen Blick auf die gelehrte Welt tun, und den
Flor der Wissenschaften beschauen, um darzutun, dass unsre Zeiten nicht
schlimmer werden, wie alle verlebte Leute aus Vorurteil glauben, sondern dass
wir in den besten und glückseligsten Zeiten leben.
    Die Ausbreitung der Wissenschaften gehöret ohne Zweifel mit zu den
merkwürdigsten Dingen, die unserm Zeitraume ein so glänzendes Ansehen geben. Wie
viele grosse Männer könnte ich nennen, wenn es hier der Ort wäre, die durch ihre
ausgebreitete Erkenntnis in allen Teilen der Wissenschaften, und besonders
durch die Erfindung wichtiger und neuer Wahrheiten sich ein so ehrwürdiges
Ansehen verschafft haben, dass sie den berühmtesten Gelehrten aus den
berühmtesten Völkern und in den berühmtesten Zeiten die Woge halten, wo sie
solche nicht gar übertreffen. Anstatt aller Beweise darf ich nur die Königin der
Wissenschaften, wie sie von einigen Gelehrten mit Recht ist genennet worden,
oder die Seele aller Künste die herrliche Metaphysik anführen. Wie diese
verehrungswürdige Disciplin den Grund aller menschlichen Erkenntnis erhält, zu
einer jeden wichtigen Handlung aber die mit Vorsatz ausgeführet wird, ein grosser
Grad der Erkenntnis gehöret; so kann sie auch als der Grund aller grossen
Begebenheiten, die unsern Zeitraum merkwürdig machen, angesehen werden. Sie ist
es, durch welche die Fürsten weislich regieren, die Generale Schlachten
gewinnen, Städte in so viel Tagen einnehmen, als man ehedem Jahre dazu brauchte.
Sie ist es, wodurch das Recht der Völker und einzelner Personen entschieden
wird. Wie könnte das Recht gehandhabet werden, seitdem die Sophisten unsrer
Zeiten die Sachwalter und Advokaten auferstanden sind, und der Gerechtigkeit
eine wächserne Nase angesetzet haben, wenn die Metaphysik nebst ihrer getreuen
Gespielin der Vernunftlehre die Menschen nicht unterwiesen hätte, das Wahre von
dem Falschen, und das Licht von dem Schatten zu unterscheiden.
    Doch die Wissenschaften würden noch lange nicht in dem Glänze stehen,
worinne sie sich befinden, wenn nicht gewisse gelehrte Gesellschaften wären
errichtet worden, die mit zusammengesetztem Eifer das Reich der Wahrheiten zu
erweitern sich bemühet hätten. Diese verdienen eine besondere Stelle unter den
Vorzügen, womit unser Zeitraum für andern Zeiten glänzet. Ich habe nur jederzeit
bedauert, dass solche gelehrte Gesellschaften bisher meistens in den Residenzen
grosser Fürsten ihren Sitz gehabt, und nicht auch wie die Musen auf dem Helikon
unter den um sie herumirrenden Schäfern sich niedergelassen haben. Hierdurch
würde ihre Nutzbarkeit viel angenehmer worden sein, wenn sie sich auch bemühet
hätten, die Geringen im Volke und selbst die Erkenntnis; der Landleute zu
erweitern, welche doch unstreitig den grössten Teil der Erdbewohner ausmachen.
Eine geringe Anzahl der Sterblichen weiss alles, und der grössere Teil befindet
sind in der grössten Unwissenheit. Diesem Uebel abzuhelfen, sollte billig die
hohe Landesobrigkeit darauf bedacht sein, die Schütze der Wissenschaften, welche
die Gelehrten sorgfältig gesammlet haben, gleich wie das Geld in Umlauf zu
bringen, und allen und jeden davon mitzuteilen. Ich habe mir die Intendanz des
gemeinen Mannes jederzeit zu Herzen gehen lassen, und mich darüber betrübt, auch
auf Mittel gedacht, diesem Uebel abzuhelfen. Schön seit einigen Jahren habe ich
die Gedanken gefasst, einem grossen Herrn den Vorschlag zu tun, Schulen für
Erwachsene, die sich den Wissenschaften nicht eigentlich gewidmet haben,
anzulegen, darin junge Leute so lange unterwiesen werden könnten, bis sie
heiraten. Insonderheit sollte man sich des schönen Geschlechts besser annehmen,
an jedem Orte sollte für erwachsene Mädchen eine besondere Schule angeleget
werden, darinnen diese edlen Kreaturen so lange einen Unterricht genössen, bis
die Umstände sie nötigten, einen eignen Haushalt zu führen. Sie sollten in der
Haushaltungskunst, in der Weltweisheit, Historie, Poesie und andern dahin
einschlagenden und dem weiblichen Geschlecht anständigen Künsten und
Wissenschaften, teoretisch und praktisch geübt werden, damit der Aberglaube,
der diesem Geschlechte unsern erleuchteten Zeiten zur Schande noch so sehr
anhänget, ausgerottet würde, und sie von ihren Pflichten, davon diese Hälfte des
menschlichen Geschlechts noch so seichte und unvollständige Begriffe hat, eine
vollkommenere Känntniss erhielte. Ich wollte mich selbst einer so nützlichen
Bemühung gern unterziehen, und mit Vergnügen als einen Lehrer Lebenslang
gebrauchen lassen. Doch wie der jetzige landverderbliche Krieg viele
vortrefliche Projekte vereitelt hat, so ist es auch diesem ergangen. Es wird
dieser herrliche Entwurf noch eine Zeitlang inter pia desideria gehören, bis er
einmal in einem ruhigern Zeitpunkte, nach dem Wunsche vieler redlicher Männer,
ausgeführet wird. Inzwischen gereicht es mir zu keiner geringen Freude, dass
mitten unter dem Geräusche der Waffen, unter dem Schutz meines vortreflichen
Gönners, die Musen, die allentalben verscheucht werden, in unsern glücklichen
Gegenden ihre Wohnung aufzuschlagen scheinen: unser Kargfeld nimmt an dem Flor
der Wissenschaften und an dem Gluck unsrer Zeiten, rühmlichen Anteil. In
Zukunft werden nicht allein die Residenzen der Könige mit gelehrten
Gesellschaften prangen, auch unsre Gegend wird eine aufzuweisen haben. Erlauben
Sie, gnädiger Herr, dass ich Ihnen an Namen der ganzen gelehrten Republick, für
die Sorgfalt Dank abstatte, mit welcher Sie meinen Anschlag, eine Akademie der
Wissenschaften im kleinen hier aufzurichten, unterstützet haben, dergestalt, dass
das, was bisher in meinen Gedanken nur als eine caussa exemplaris existiret hat,
nun die Wirklichkeit erhält. Wo finde ich Worte, meine Freude über diesen
grossmütigen und Grandisons Nachfolgern würdigen Entschluss auszudrücken? Fast
möchte ich in die Versuchung gesetzt werden, mit einem Jüngling aus dem Terenz
auszurufen: Ah Jupiter! C'est presentement que je mourrois volontiers de peur
qu'une plus longue vie ne corrompe cette joye par quelque chagrin. Mein Gönner
ist von diesem Vorhaben jetzt so eingenommen, dass er es je eher je lieber
ausgeführt zu sehen wünschet. Seitdem Sie uns gestern verlassen haben, ist
dieses sein und mein einziger Gedanke gewesen, wiewohl wenn ich dem wahren
Grunde seiner Absichten nachspühre, so sind diese nicht so sehr auf die
Ausbreitung der Wissenschaften gerichtet, als vornehmlich nur Dero Vorschlag
auszuführen, und dem Fräulein v.W. zu schmeicheln, wenn diese neue Akademie nach
Ihr wird benennet werden. Dieses tut jedoch der guten Sache keinen Eintrag, und
kann als ein Adiaphoron angesehen werden. Wenn Sie es erlauben meine Ahndung zu
entdecken, so sehe ich aus dieser Knospe für unser wertes Vaterland sehr viel
gutes hervorkeimen. Jedermann, auch die geringsten Landleute die weder lesen
noch schreiben können, gleichwohl aber in manche Teile der Wissenschaften, die
sie ex Praxi erlernen, ein tieferes Einsehen haben, als spekulativisch Gelehrte,
werden dadurch aufgemuntert, ihr Pfund aus dem Schweisstuch hervor zu langen,
ihre besondere Kenntnis in dieser und jener Sache zu offenbaren, und folglich
das gemeine Beste zu befördern. Eine glückliche Aemulation wird alle Innwohner
dieser Gegend antreiben, wenn sie einige aus ihrem Mittel durch besondere
Ehrenzeichen belohnet sehen, die sie durch neue Entdeckungen in allerlei
nützlichen Künsten und Wissenschaften sich erworben haben, gleichfalls etwas
neues und besonderes zu erfinden, damit sie gleicher Ehre teilhaftig werden.
Die Innwohner dieser glücklichen Gegend werden also in einer Zeit von wenig
Jahren klüger sein als an irgend einem Orte, dadurch werden andere Provinzen
aufmerksam gemacht, und in weniger als einem halben Jahrhunderte wird kein
Canton, kein Amt, sein Rittergut, auch wohl sein Dorf anzutreffen sein, wo nicht
eine Akademie der Wissenschaften gefunden wird. Hierdurch wird eine doppelte
Absicht erreicht, die unsern Zeiten Ehre macht. Die Wissenschaften gewinnen,
wenn durch eine unendliche Menge voll neuen Erfahrungen, besonders in der
Naturlehre und Haushaltungskunst, welche diese gelehrte Gesellschaften auf dem
Lande am ersten anzustellen geschickt sind, die Lehrsätze derselben genauer und
richtiger bestimmt werden; der grössere Haufen der Menschen wird dadurch
gewinnen, wenn durch eine Menge von gelehrten Gesellschaften die Gelehrsamkeit
selbst bekannter und beliebter wird, wenn mehrere dadurch gereizet werden die
Wissenschaften kennen zu lernen, und sich also das Glück unsrer Zeiten zu Nutze
zu machen. Doch ich lasse diese angenehmen Vorstellungen noch eine Zeitlang
ruhen, mit mehrerer Begierde sehe ich den Urteilen der Tirannen in der
gelehrten Welt, der gelehrten Zeitungsverfasser, die sie von unsrer Akademie
fällen werden, entgegen. Diese Leute, die nebst dem Ansehen der Censoren die
Macht der Tribunen besitzen, und das gelehrte Rom in ihrer Gewalt haben, die
zugleich allen Neuerungen höchst feind sind, und nach dem Beispiele der
Schöppenstühle auf Akademien ihre Urteile nach den Aussprüchen ihrer Väter
abfassen, werden grosse Augen machen, kann sie die Nachrichten, die ich von
unsrer Societät jährlich in Druck zu geben gedenke, zu Gesichte bekommen werden.
Doch in fine videbitur cujus toni, fangen sie nach ihrer löblichen Gewohnheit an
zu bellen, und ihre Beurteilungen wider uns abzufassen, so sollen sie durch die
Tat widerleget werden, wenn sie diese Akademie in ihrem Flor erblicken werden:
ist ihr Urteil aber für uns, so verdienen sie die Mitglieder von uns zu sein,
und diese Ehre soll ihnen auch wiederfahren. Wenden Sie alles an, vortreflicher
Mäcen, dass ein so wichtiges Project ab dieses ist, bald und glücklich zu Stande
kommt. Sie haben den Sachen der ersten Schwung gegeben, bringen sie auch solche
nun zur Vollkommenheit. Mein unmasgeblicher Rat dabei wäre dieser, dass noch zur
Zeit ein Geheimnis daraus gemacht würde, damit ein so ehrwürdiges und
ansehnliches Gestifte, besonders für den Spöttereien des Fräuleins v.S. und dem
Gifte der Frau v.W. gesichert bliebe, und überhaupt weder ein tadelsüchtiger
Momus noch ein verläumderischer Zoilus sein Mütgen daran kühlen könnte. Die
Ausführung dieses Anschlags gleicht jetzo einer zarten Pflanze, die der
geringste rauhe Wind ersticken kann, die aber wenn sie einmal beklieben ist,
auch die härtesten Stürme verachtet. Eu. Gnaden übersende ich hierdurch den
vorläufigen Plan der zu errichtenden Societät, nebst dem Verzeichnis der hierzu
erwählten Mitglieder, welche beiden Stücke ich meinem Gönner vorzulegen die Ehre
haben werde, so bald sie von denenselben sind gut geheissen worden. Gedrungen
durch eine Menge von Geschäften, die durch dieses neue Departement der Akademie
bei nur vermehret werden, muss ich hier meinem Schreiben ein Ziel setzen, wenn
ich vorher mir die Erlaubnis genommen Eu. Gnaden zu versichern, dass ich nie
aufhören werde zu sein
                                      Dero
                                                            untertäniger Diener
                                                                          M.L.W.
                                     * * *
Entwurf einer auf dem Hochadlichen Rittersitze Kargfeld zu errichtenden kleinen
    Sorbonne, oder einer gelehrten Gesellschaft, welche den Namen der
    Julianen-Akademie führen wird.
    Obwohl das Geschlecht der Gelehrten sich heutiges Tages so vermehret hat,
dass diese Republick, wenn sie nicht durch innerliche Krankheiten und Spaltungen
wie das persische Reich immer getrennet und geschwächt würde, allen Potentaten
höchst fruchtbar sein würde, und dahero aus Staatsabsichten die Gränzen des
gelehrten Reichs mehr eingeschränkt als ausgebreitet werden sollten: so wird man
doch gewahr, dass es vielmehr noch täglich zunimmt und zahlreicher wird, indem
sich immer mehr und mehr Beförderer der Gelehrsamkeit in unserm gelehrten
Jahrhunderte finden, die wie die Herren Commissarien von Pensylvanien unter
fremden und den Musen bisher unbekannten Himmelsstrichen neue Colonien von
Gelehrten errichten, und den Altären der Pallas mehrere Verehrer verschaffen.
Unter diesen Freunden der Gelehrten gehöret billig ein vorzüglicher Platz für
Se. Gnaden den Herrn v.N. Erb-Lehn- und Gerichtsherrn auf Kargfeld und
Dürrenstein etc. Welcher nach reiflicher und genauer Ueberlegung der Sache, und
nach eingeholtem Gutachten vieler verständigen Leute entschlossen ist,
erstbenennten seinen Rittersitz den Musen als ein Eigentum zu widmen, und eine
Akademie der Wissenschaften im Kleinen daselbst anzulegen. Da Hochderselbe nun
im Begriff ist, solche eröffnen zu lassen: so hat man nicht ermangeln wollen,
solches hierdurch öffentlich bekannt zu machen, damit auswärtige Gelehrte, die
Lust haben zu Mitgliedern davon aufgenommen zu werden, solche kennen lernen, und
sich in Zeiten durch eine gelehrte Abhandlung, die sie an innenbenannten
beständigen Secretair derselben einschicken, und dadurch zur Ehre eines
Mitglieds sich melden, worauf sie nach genauer und unparteiischer Prüfung ihrer
Arbeit sich der Aufnahme gewärtigen können. Die Einrichtung dieser gelehrten
Societät ist folgende.
    1.) Es werden darin keine andre als Mannspersonen zu Mitgliedern
aufgenommen. Denn ob man wohl anfänglich entschlossen war, auch das schöne
Geschlecht an diesem Instituto Anteil nehmen zu lassen; besonders da das
Frauenzimmer zu allen Künsten und Wissenschaften vorzüglich geschickt ist; auch
zum Teil die Schönen in der Gelehrsamkeit bei schlechtem Unterricht es sehr
weit bringen, dergestalt, dass wenn auf sie eben die Sorgfalt gewendet würde als
auf unser Geschlecht, die bärtigten Gelehrten gegen die gelehrten Schönen nur
arme Schächer sein würden: so hat man doch das Frauenzimmer von dieser Ehre, in
so fern gänzlich ausgeschlossen, dass sie niemals in der Akademie, wegen
besorglicher Zänkereien, auch neuen Ketzereien in den Wissenschaften, wozu sie
ein ganz besonderes Talent haben, wie dieses aus den Verzeichnissen ketzerischer
und schwärmerischer Weiber zu ersehen, Sitz und Stimme erlangen sollen. Jedoch
wird dem jedesmaligen Präsidenten und übrigen einheimischen Mitgliedern
freigelassen, gelehrte und durch gemeinnützige Schriften bekannte Frauenzimmer,
zu Ehrenmitglieder zu erklären.
    2.) Es gibt zweierlei Arten von Gelehrten, einige treiben die
Wissenschaften als ein Handwerk, und nähren sich davon, welche der gemeine Mann
Studirte nennt, sie selbst geben sich den Namen literati; andere erlangen eine
deutliche Erkenntnis nützlicher Dinge durch die Uebung oder durch eignen Fleiss.
Diese letztern werden Avtodidacti genennt, weil sie nicht zünftig sind und von
den gelehrten Meistern für Pfuscher und Bönhasen angesehen werden. Ob nun gleich
zugegeben wird, dass diese ehrlichen Leute in der gelehrten Republik unter die
Hintersiedler gehören, so ist doch kein Grund vorhanden sie aus solcher ganz und
gar zu verstossen, und mitin wird man auch keinen angeben können, ihnen den
Zutritt zu unsrer neuen Akademie zu versperren. Aus dieser Ursache werden auch
Unstudirte, wenn sie nur eine gute Erkenntnis nützlicher Dinge besitzen, als
nützliche Mitglieder in derselben ihren Platz finden.
    3.) Die zu errichtende Akademie ist nicht einer Wissenschaft allein
gewidmet, folglich ist sie keine Akademie der Bildhauer, der Mahler, der
Wundärzte oder der Naturlehrer: sie wird sich mit allen Wissenschaften und allen
Teilen derselben beschäftigen, damit dieses aber alles in seiner Ordnung und
Masse geschehe, so soll
    4.) dieselbe in drei Classen abgeteilet werden. Die erste ist der höhern
Philosophie gewidmet, wohin alle abgezogene Wahrheiten gehören, sie mögen in
einer Wissenschaft ihren Sitz haben in welcher sie wollen. Hier sollen auch
insonderheit die wichtigsten philosophischen Streitigkeiten untersucht und
entschieden werden, z.B. Der zureichende Grund, die beste Welt, die
vorhergeordnete Uebereinstimmung der Seele und des Leibes, die wahre Gestalt der
Monaden, und des matematischen Punctes u.s.w. Lauter Dinge, die die menschliche
Glückseligkeit in der Welt auf den höchsten Gipfel zu setzen fähig sind. Die
zweite Classe beschäftiget sich mit der praktischen Philosophie, hauptsächlich
mit der Naturlehre und Haushaltungskunst. Die dritte gehöret für die sogenannten
schönen Wissenschaften. Hier werden Sprachen, Antiquitäten, Historie,
Zeitrechnungen, die Wappenkunst, Geschlechtsregister, die Tonkunst und
dergleichen untersucht, erörtert und in ein helleres Licht gesetzt, auch
hauptsächlich die Redekunst und Dichtkunst getrieben.
    5.) Nach der hergebrachten Gewohnheit gelehrter Societäten werden die
Mitglieder dieser Gesellschaft in ordentliche und Ehrenmitglieder abgeteilet.
    6.) Die ordentlichen Mitglieder sind verbunden zu gewissen Zeiten etwas
auszuarbeiten. Diejenigen, welche nicht über drei Stunden von der akademischen
Versammlung sich aufhalten, müssen, wann sie nicht Ehehaften haben, jedesmal
Mittewochs um zwei Uhr Nachmittage in Person, und zwar um allen unnötigen
Auswand zu vermeiden, zu Fusse erscheinen; die aber weiter von hier wohnen, sind
nicht verbunden bei den ordentlichen wöchentlichen Versammlungen gegenwärtig zu
sein; jedoch müssen sie jährlich auf ihren Namens- oder Geburtstag einen
schriftlichen Aufsatz einsenden, und dafür werden sie, wenn ihre Arbeit Beifall
findet, eine Belohnung erhalten. Die Ehrenmitglieder werden mit aller Arbeit
verschonet, jedoch damit sie für diese Freiheit auch wiederum ein Onus haben, so
sind sie gehalten, realiter etwas zur Ausbreitung dieser Societät und folglich
des ganzen Reichs der Gelahrheit beizutragen. Man wird ihnen unter den Fuss
geben, oder gleichsam ein stillschweigendes Gesetz auferlegen, in ihren letzten
Willen diese Gesellschaft reichlich zu bedenken. Dafür haben sie aber nach ihrem
Tode zuverlässig eine Lobrede zu erwarten, auch wird man, nach Beschaffenheit
ihrer guten Gesinnungen, sich entschliessen, ihr rühmliches Andenken jährlich zu
erneuern.
    7.) Nach dem vortreflichen Beispiele des Herrn Carl Grandisons Baronets,
welcher in dem glücklichen Brittannien alle Bewohner seiner Herrschaften
gleichsam zu Akademisten gemacht hat, indem er eine Art von einer Societät
errichtet hat, worinnen anstatt magerer teoretischer Untersuchungen, practische
Redner auftreten, die durch wirkliche Beweise ihres Fleisses in Erfindung und
Verbesserung nützlicher Dinge, einer Belohnung sich würdig machen, hat der
vortrefliche Stifter dieser neuen Akademie der Wissenschaften gleichfalls
beschlossen, die Mitglieder, welche sich durch vorzügliche Proben ihrer
Geschicklichkeit hervortun, auch durch gewisse ausgesetzte Preisse oder
Ehrenzeichen von andern zu unterscheiden. Es ist zwar für jetzo nicht ratsam
erachtet worden, nach dem Beispiele der Neuern durch goldene und silberne
Schaupfennige Preissschriften zu krönen, vielmehr wird man hierinne die Alten
sich zum Muster vorstellen. Wie man bei den Olympischen Spielen die Sieger nur
mit einem Kranze beschenkete, der von ihnen höher als ein goldener Berg
geschätzet wurde, so dass grosse Prinzen nach dieser Ehre strebten: so sollen auch
die Belohnungen dieser neuen Akademie auf diesen Fuss gesetzet werden, dergestalt
dass z.B. die Dichter mit frischen Kränzen von Eichenlaube gekrönet werden, die
Redner welche sich wohl gehalten haben, sollen ein paar Handschuhe oder Perucken
bekommen, die, welche in der Wirtschaft etwas besonders leisten, werden einen
Kranz von Fruchtähren und Feldblumen nach ländlicher Weise erhalten, dergleichen
die Schnitter nach der Erndte verfertigen. Denenjenigen, welche sich in der
Composition musikalischer Stücke, überhaupt in der Tonkunst oder der
Beurteilung derselben hervor tun, soll aus einem besonders dazu gewidmeten
Gesellschaftsbecher der Ehrenwein gereichet werden, u.s.w.
    8.) Damit es endlich dieser Akademie auch nicht an einem Namen fehle, so
soll sie aus besondern und wichtigen Ursachen die Julianen Akademie benennet,
auch sollen jährlich, wenn bei jetzigen schweren Zeitläuften ein Verleger zu
finden ist, die Schriften und Progressen derselben durch den Druck bekannt
gemacht werden. Verfertiget auf dem hochadlichen Rittersitze Kargfeld, den 29
Nov. 17 - -
                                                                    L. Wilibald,
                                                                     Lib. artium
                                     * * *
Verzeichnis der grossmütigen Gönner, Musageten und Gelehrten, welche bei
    Eröffnung der Julianen Akademie zu Mitgliedern derselben sind aufgenommen
    worden.
Herr Ehrhard Rudolph v.N. Erb- Lehn- und Gerichtsherr auf Kargfeld und
Dürrenstein etc. Stifter und zukünftiger Protector der Akademie.
    Herr Hanns George v.W. ist wegen seiner beiwohnenden Gelehrsamkeit und hohen
Meriten zum Präsidenten und Obervorsteher derselben ernennet worden.
    Herr L. Wilibald wird die Stelle eines Oberältesten und Erzschreinhalters
oder beständigen Secretärs versehen.
                              Vornehme Mitglieder.
    Herr Carl Grandison Baronet, Lord L. Lord G. Herr Richard Beauchamp Baronet,
Herr Reeves Esq. D. Bartlett, Herr Dobson, Pfarrer in Grandisonhall, allesammt
in England. Herr Baron v.F. Herr Rittmeister v.H. nebst dessen zween Herren
Brüder, allesammt in Deutschland, Herr v.S. gegenwärtig in Strassburg.
                            Ordentliche Mitglieder.
    Die Classe der höhern Philosophie vacat. Die Classe der Naturlehre und
Haushaltungskunst. Herr Peter Bornseil, ehemaliger hochadlicher Verwalter.
Michael Obentraut, jetziger Verwalter in Wilmershaussen. Herr Martin Schiesslink,
hochadlicher Förster, Herr Nicolaus Brunnhold, hochadlicher Bader, Hanns Sachs,
wohlmeritirter Schulteiss zu Kargfeld.
Nota. Herr Pastor Wendelin hat die Ehre eines ordentlichen Mitgliedes verbeten,
    und die ganze Confraternität aufrührisch gemacht. Vermutlich ist ein
    kleiner Rangstreit die Ursache hiervon: es scheinet, dass sie dem
    Oberältesten nicht gern nachstehen wollen, doch dieses wird sich mit der
    Zeit schon geben.
    Die Classe der schönen Wissenschaften. Herr Wendelin, hochadlicher
Gerichtsactuarius, Herr Lorenz Lobesan, Ludimagister und Schulobrister zu
Kargfeld, Herr Fittich, Cantor zu Schöntal, nebst dem Cantor zu Wilmershaussen
und dem Schulmeister zu Dürrenstein.
 
                                  XIII. Brief.
                  An Herrn Lampert Wilibald von dem Herrn v.F.
                                                                     den 30 Nov.
Sie haben meine Erwartung nicht getäuschet. Ihr Entwurf einer Akademie ist
vortreflich, ich habe ihn nicht so bald gesehen, als ich ihn auch sogleich
gebilliget habe. Vergönnen Sie, werter Freund, dass ich bei allem Hasse gegen
die Vorurteile ein einziges für Sie beibehalte. Ich bin von Ihnen ganz
eingenommen, doch bin ich es nicht allein, jedermann hat für Sie in unsrer
ganzen Gegend ein günstiges Vorurteil, und daher kommt es, wie ich glaube, dass
alles was Sie unternehmen Beifall findet. Sie erzeigen mir viel Ehre, dass Sie
Ihren Entwurf der zu errichtenden gelehrten Gesellschaft, nebst einen
Verzeichnis der Mitglieder meiner Censur überlassen. Wenn Sie dabei die Absicht
gehabt haben, mich zum ersten Bewunderer Ihrer Unternehmungen zu machen, so habe
ich Ursache Ihnen verbunden zu sein: Wenn Sie aber von mir Verbesserungen Ihrer
Einrichtung erwartet haben, so haben Sie es nicht getroffen. Ich muss Ihnen das
Geständnis nochmals wiederholen, dass alles was Sie unternehmen, meinen Beifall
hat. Ich würde überdieses meine Sphäre übersteigen, wenn ich Ihren Entwurf als
die Arbeit eines vortreflichen Meisters der sieben freien Künste verbessern
wollte, ich, der ich nicht in einer freien Kunst Meister bin. Jedoch wenn Sie
durchaus mein Urteil verlangen, so kann ich versichern, dass ich nie etwas
schöneres weder aus den alten noch neuern Zeiten zu Gesichte bekommen habe. Die
Einrichtung Ihrer Akademie ist vortreflich, und ich verspreche mir davon nicht
nur so viel gutes als Sie Sich ahnden lassen: meine Einbildungskraft scheinet
noch lebhafter zu sein als die Ihrige. In meinen Gedanken ist es so gut als
ausgemacht, dass Sie in kurzer Zeit als ein zweiter Melanchton communis doctor
germaniae sein werden. Ja ich sehe in meiner angenehmen Vorstellung Kargfeld
schon in ein Aten verwandelt. Ich gehe Stundenlang in meinem Zimmer mit einer
lächelnden Mine auf und nieder, wenn ich in diesen Entusiasmus gerate, und
alsdenn wirkt meine Einbildungskraft so lebhaft, dass ich weder höre, sehe,
schmecke, fühle, noch rieche, und wenn mir wie den Ritter Marino eine glühende
Kohle auf dem Fuss fiele, so würde ich es eben so wenig als dieser empfinden. Ich
verwandele das Schloss des Herrn v.N. in ein prächtiges Atenäum, die Versammlung
der Gemeinde unter der Linde wird ein ehrwürdiger Areopagus, der Kirchturm eine
Sternwarte, das Wirtshaus eine Realschule, und es fehlet mir nichts als der
Zauberstab der Circe, um allen diesen schönen Vorstellungen die Wirklichkeit zu
geben. Sie haben meinen Ehrgeiz nicht wenig geschmeichelt, dass Sie mir unter
dieser gelehrten Gesellschaft auch einen Platz angewiesen haben. Ob ich gleich
unter so vielen grossen berühmten und gelehrten Männern keine bessere Figur
spielen werde als der leidige Vetter Eberhard unter den Grandisonen: so werde
ich mich doch aufs äusserste bestreben, weil ich der Akademie nicht durch einen
berühmten und gelehrten Namen ein Ansehen machen kann, auf eine andere Art etwas
zu ihrer Verherrlichung beizutragen. Sie können es glauben, dass es mir ziemlich
schwer angekommen ist, bei gesunden Tagen mein Testament zu machen. Dieses
stillschweigende Gesetz, das Sie den Mitgliedern der neuen Akademie auferleget
haben, hat mir viele Ueberwindung gekostet, ehe ich mich stark genug fühlte es
zu erfüllen. Ich will Ihnen nur meine Schwachheit gestehen, ich nahm mir mehr
als einmal vor lieber diese Ehre zu entbehren, als mich mit den fürchterlichen
Gedanken von Errichtung meines Testamentes zu quälen. Sie wissen, dass es
gemeiniglich für ein böses Anzeichen gehalten wird, wenn man seinen letzten
Willen aufsetzt, und dass es vielmals eingetroffen hat, dass solche ehrliche Leute
bald darauf gestorben sind. Ich habe nicht Lust mich zur Reise in die andere
Welt schon fertig zu halten, und hieraus können Sie schlüssen, dass ich nichts
weniger wünsche, als dass der Akademie zum Besten mein letzter Wille bald
erfüllet werde. Ich habe Lust den Ausgang des Krieges zu erleben, nicht aus
Verlangen ein Greiss zu werden, sondern um zu sehen, ob die gerechte Sache
triumphiret. Allein verlassen Sie Sich darauf, mein Testament ist gemacht, die
Akademie ist reichlich bedacht, und ich habe die Ehre dieses stillschweigende
Gesetz zuerst erfüllt zu haben. Jedoch damit Niemand Anlass bekomme sich an mir
zu versündigen und auf meinen Tod zu hoffen: so will ich Ihnen nicht verhalten,
dass ich ausdrücklich verordnet habe, dass alles das Gute, welches ich der
Akademie zugedacht, ihr nur alsdenn zu statten kommen soll, wenn ich nach
Einweihung derselben noch volle dreissig Jahre, das Jahr zu zwölf Monaten, den
Monat zu dreissig und ein und dreissig Tagen, den Tag zu vier und zwanzig Stunden
gerechnet, werde gelebet haben. Sollte mir aber unter der Zeit etwas
menschliches widerfahren, so mag die Gesellschaft sich daran begnügen, an mir
einen grossen Verehres ihrer Einrichtung gehabt zu haben, ohne eine Beisteuer zu
erwarten.
    Es hat Ihnen gefallen mir ein geheimnisvolles Stillschweigen aufzulegen, und
mir zu verbieten, jemanden etwas von dem Anschlage, das unwissende Kargfeld zu
einem Sitze der Wissenschaften zu machen, das geringste zu entdecken, verzeihen
Sie, werter Freund, dass ich dieses Gesetz übertreten habe. Sie haben eine
Gelübde getan, wie Sie sagen, Ihrem Gönner alle Ihre Geheimnisse anzuvertrauen,
ich habe seit meiner Heirat mir gleiches auferleget, in Ansehung mein Frau.
Jetzt gäbe ich den besten Gaul aus meinem Stalle darum, wenn ich diese voreilige
Gelübde wieder zurück nehmen könnte. Ich habe Ursache mich für den glücklichsten
Ehemann zu halten, das will ich niemals leugnen: aber wenn mein Glück allein auf
der Verschwiegenheit meiner Frau beruhete, so würde es sehr mässig sein. Ihnen
muss ich es zum Lobe nachsagen, dass sie durch Ihren höchstvortrefflichen
Unterricht, dafür ich Ihnen noch unendlich verbunden bin, ein sehr vollkommenes
Frauenzimmer werden ist; allein die Natur der Frauenzimmer ist unveränderlich,
sie sind alle, ohne Ausnahme, eben so begierig Heimlichkeiten zu erfahren, als
geneigt sie auszuplaudern. Um meinem Gelübde ein Genüge zu leisten hatte ich
meiner Frau Ihren Anschlag nicht so bald entdeckt, als Fräulein Amalia von allem
aufs genaueste unterrichtet war. Sie wissen wie die beiden Schwestern einander
lieben. Hätten Sie kein Geheimnis daraus gemacht, so würde ich ohne
Schwierigkeiten die Sache haben verschweigen können. Doch machen Sie Sich keine
Sorge, ich habe schon vorgebauet, das Fräulein hat überdieses so viele
Hochachtung für ihren ehemaligen Lehrer, dass sie ihrer mutwilligen Ader
ungeachtet, die sich bei ihr mehr als bei Charlotten zu regen scheinet, alles in
ihrem Herzen billiget, was sich von diesem herschreibt. Wenn sie auch gleich
Ihre Entwürfe manchmal aus einem lächerlichen Gesichtspunkte betrachtet, so ist
sie doch weit entfernt, sich Ihnen in der Tat zu widersetzen. Ich will Ihnen
nach meiner Aufrichtigkeit, das merkwürdigste von ihren Urteilen hierüber
entdecken. Sie ist höchstunzufrieden, dass das schöne Geschlecht von der Ehre
ausgeschlossen ist, unter die Mitglieder der Akademie aufgenommen zu werden, sie
sagte, dass sie dieses von der Hochachtung, die Sie jederzeit gegen die Schönen
hätten blicken lassen, ganz gewiss erwartet hätte, dass Sie aber nun gegen Sie
sehr aufgebracht wäre, und alles anwenden wollte, um im Namen aller Frauenzimmer
sich an Ihnen aufs nachdrücklichste zu rächen. Sie hat einen bösen Anschlag,
Ihre Liebste, die Tochter des Pastor Wendelins, Ihnen abspänstig zu machen, und
sie meinem Gerichtshalter zuzuschanzen. Ich traue Ihr zwar diese
Leichtfertigkeit nicht zu, doch sagte sie dieses mit einem so ernstaften
Ansehen, dass ich Sie warnen will auf Ihrer Hut zu sein, damit Ihnen unser Ihren
gelehrten Zerstreuungen Ihre Beute nicht entführet wird. Sie hat noch hundert
andere Anschläge im Kopfe Sie zu kränken. Dächten Sie es wohl, dass sie sich hat
einfallen lassen, nach Ihrem Beispiele eine Frauenzimmerakademie zu stiften? In
der ersten Hitze erklärte sie zwar nach Gewohnheit der Leute, die in das innere
der Wissenschaften keine Einsicht haben, die ganze Einrichtung Ihrer gelehrten
Gesellschaft für pedantisch: aber hernach wurde sie anderes Sinnes und nahm sich
vor, Ihnen nachzuahmen. Diese Frauenzimmerakademie soll unterdessen auf einen
ganz andern Fuss gesetzt sein, es werden keine gewisse Classen darin Statt
finden, sie glaubt, dass diese aus den Schulen oder Lotterien entlehnet sind und
beiden ist sie gram, den erstern, weil sie nicht ohne Entsetzen an die
sträflichen Gesichter gedenken kann, die Sie ihr ehemals sollen gemacht haben,
und nun die Schulen für das Element der Pedanten hält; die letztern hasset sie,
weil sie jederzeit verliehrt, ob sie gleich die artigsten Devisen wählt. Den
Entwurf hat sie um weniger Mühe zu der Frauenzimmerakademie verfertiget als Sie
den ihrigen, und das ist auch ganz leicht zu begreifen: eine Kopie ist leichter
zu verfertigen als ein Original. Sie soll nur den schönen Wissenschaften
gewidmet sein, das Fräulein will aber weder Zeitrechnung noch Kritik darunter
rechnen, sondern nur solche Künste, die in den Augen der Frauenzimmer schön
sind, das sind die Wissenschaften neue Moden zu erdenken, neue Brühen zu
verfertigen, neue Lustbarkeiten für das Frauenzimmer zu erfinden, folglich
werden in dieser Akademie Putzmacherinnen, Räterinnen, Köchinnen und alles was
sich auf innen endiget, zu Mitgliedern aufgenommen werden, selbst die
Zigeunerinnen, die aus der Koffeetasse prophezeihen oder aus der Hand und der
Stirn gut Glück prophezeien, nicht ausgeschlossen. Ich habe ihr angeraten diese
Gesellschaft eher das Rathaus der Weiber zu nennen als eine Akademie, damit
unsere Gegend, die durchaus dem gelehrten Rom ähnlich werden soll, auch darin
demselben nicht ungleich sei. Das männliche Geschlecht soll zwar nie Sitz und
Stimme darinnen haben, doch sollen diejenigen von unserm Geschlecht, welche zum
besten der Frauenzimmer arbeiten und in ihrer Kunst etwas besonderes leisten, zu
Ehrenmitgliedern aufgenommen werden. Süsse Herren, Paruckenmacher, Schneider,
Schuster und alle, die durch weisen Rat oder durch die Tat etwas beitragen den
Reiz der Schönen zu erhöhen, werden das Diploma erhalten. Ich habe mich bemühet
ihr zu beweisen, dass eine solche Geschaft nicht unter die gelehrten Societäten,
wie Sie eine zu errichten im Begriffe sind, gehörte, wir hielten eine scharfe
Disputation miteinander. Sie verlangte einen Beweis, warum diese ehrlichen
Leute, für welche sie eine Akademie anlegen will, nicht eben sowohl unter die
Gelehrten zu rechnen wären, als der Bader Nikolaus und der Schulmeister zu
Kargfeld. Ich verschwendete alle möglichen Distinctionen, um ihr diesen Irrtum
zu benehmen und ihr den Unterschied unter einem Koch, Peruckenmacher und einem
Bader oder Schulmeister recht deutlich zu machen; allein ich konnte nichts
ausrichten. Ich wollte lieber dreimal Doktor werden, als wieder mit einem
Frauenzimmer disputiren. Ihnen ist es vermutlich vorbehalten, das Fräulein zu
überzeugen, ich habe deswegen den Streit unentschieden gelassen, um in ihrem
Amte keinen Eingriff zu tun. Ich sehe dieser Entscheidung mit eben so vielen
Vergnügen als der Eröffnung Ihrer Akademie entgegen. Wenn es Ihnen mit dieser so
wohl gelingt als mit den Versen bei Fräulein Julgen, so sind Sie nicht mit Gelde
zu bezahlen. Leben Sie wohl, vortreflicher Barde, ich bin
                                      Ihr
                                                                  werter Freund
                                                                            v.F.
 
                                  XIV. Brief.
                     Das Fräulein v.W. an das Fräulein v.S.
                                                                      den 1 Dec.
Gestern Abend ist hier einschrecklicher Diebstahl verübet worden - - -. Das ist
nichts neues, werden Sie denken bei Erblickung dieser Zeilen, es sind heute
Steckbriefe hier gewesen. Ein Knecht stiehlt einem Alten sein Geld und ein
Pferd, um mit seinem Raube desto geschwinder fortzueilen, das wird der Innhalt
eines weitläuftigen Briefes meiner Freundin an mich. Ich glaube, das Mädchen
wird mir noch Mordgeschichte erzählen. Das wäre mir recht, dass ich mich an
solchen nichtswürdigen Dingen blind lesen sollte. Ich wette, das sind Ihre
Gedanken gewesen bei Eröffnung meines Briefes. Ich habe grosses Mitleiden mit dem
armen Manne, der vergangene Nacht einen Teil seines Vermögens verloren hat;
allein Sie haben sich geirret, es war weder meine Absicht Ihnen eine
unglückliche Begebenheit, die Sie vermutlich schon wissen, zu widerholen, noch
weise Betrachtungen darüber anzustellen. Diese darf ich nur anbringen, wenn ich
wünsche, dass meine Briefe sollen ungelesen bleiben. Es können sich an einen Orte
und zu gleicher Zeit Begebenheiten von einerlei Art zutragen, dieses ist
wirklich hier geschehen. Es ist gestern ein doppelter Diebstahl hier verübet
worden, aber nicht von einer Person, noch in einem Hause. Von dem geringern
spricht jedermann, es ist darüber ein Unglück in dem Orte, als wenn eine Million
aus einem königlichen Schatz wäre entwendet worden; der grössere ist nicht einmal
bei den Gerichten angezeiget worden, der Dieb ist noch hier und hat die
Verwegenheit mit seinem gestohlnen Gute sich gross zu machen. Denken Sie nur über
die Begebenheit! Ich erhielt gestern Ihren Brief nebst den verschiedenen
eingeschlossenen Schriften etwas späte. Ich war begierig diese zu lesen und nahm
mir vor das beigelegte Liedgen bis zuletzt zu versparen, nicht als einen
leckerhaften Bissen, den man verzehret, wenn man schon satt ist, sondern weil
ich den Innhalt bereits aus Ihrem Briefe erriet. Ich war noch nicht ganz fertig
mit Lesen, da ich gerufen wurde und sorgte dafür alles in Sicherheit zu bringen,
ehe ich das Zimmer verliess; aber das Liedgen, das ich in das Clavier geleget
hatte, vergass ich unglücklicher Weise. Ich war nicht gerade in das Speisezimmer
gegangen, sondern ich hatte noch eins und das andere im Hause zu besorgen. Diese
Verzögerung macht, dass der Major, welcher gegen Abend wieder zu uns kommen war,
selbst auf meine Stube geht, um mich herunter zu führen, und wie er mich nicht
findet und mein Clavier offen stehet, so spielt er etwan ein Stückgen und findet
das Liedgen. Der Innhalt hat ihn vermutlich bewogen, es zu sich zu nehmen, ich
habe den Verlust auch nicht eher gemerket als heute früh, da ich es lesen
wollte. Ich bin in einer entsetzlichen Verlegenheit deswegen und weil ich den
Innhalt davon aus Ihrem Schreiben schlüssen kann: so werde ich mich heute nicht
für den Major können sehen lassen ohne rot zu werden. Ich wollte lieber einen
Dieb, den ich mit Steckbriefen könnte verfolgen lassen, in meinem Zimmer gesehen
haben als einen, dem ich nicht einmal seinen Diebstahl Schuld geben, oder ihn
der Obrigkeit zur Bestrafung in die Hände liefern darf. Erweisen Sie mir doch,
mein liebes Fräulein, einen zwiefachen Gefallen, ich bitte Sie, geben Sie mir
wegen meiner Unachtsamkeit einen derben Verweis, und schicken Sie mir aufs
eiligste eine andere Abschrift des Liedgens, damit ich daraus sehe, ob ich meine
Unruhe zu vermehren oder zu vermindern Ursache habe. Gewissermassen wäre ich
berechtiget mit Ihnen zu schmälen, dass Sie mir durch Ihre Leichtfertigkeit ein
solches Unheil zugezogen haben. Wenn ich es tun wollte oder Herzhaftigkeit
genug besässe, so hätte ich keine unrechte Erfindung im Kopfe mich ein wenig an
Ihnen disfalls zu rächen. Ich dürfte den Major über seinen Raub nur zur Rede
setzen; ich könnte ihm sagen, ich wäre im Begriff gewesen, Ihnen seine Abreise
zu melden, und weil ich glaubte, dass Sie Sich darüber betrüben würden, so hätte
ich Ihnen zum Trost das Liedgen mitschicken wollen, das er in meinem Clavier
gefunden. Wahrhaftig, ich muss Ihnen diesen Streich spielen, um mich aus dem
Handel zu ziehen. Er dürfte, wenn ich ein gänzliches Stillschweigen beobachtete,
auf die Gedanken geraten, als wenn mir seine Abreise so nahe ging, dass ich ihm
zu Ehren ein Abschiedsliedgen hervorgesuchet hätte. Es ist am besten, dass ich
ihm diese ungegründeten Gedanken benehme, und die Sache für einen Scherz
ausgebe, den ich mit Ihnen habe treiben wollen.
    Sie bedauern, dass Sie durch die Abreise des Majors um das Vergnügen kommen
ihn zu einem Mitgliede in der Akademie des Herrn v.N. aufnehmen zu lassen, um
sich an den schönen Reden, die Sie ihn haben wollen halten lassen, zu erbauen:
Sie können diese Freude noch haben; er wird sich noch einen ganzen Monat hier
aufhalten. Allein wenn Sie ihn auch zu einem Mitgliede ernennen liessen, so
würden Sie doch keine Reden von ihm hören: er würde vermutlich ein
Ehrenmitglied werden. Soviel ich aus dem Aufsatze des Herrn Lamperts ersehen
habe, gehören nur Pachter und Schulmeister unter die ordentlichen Mitglieder der
neuen Akademie. Ich habe mich über diesen Entwurf, und über die Art, wie er soll
ausgeführet werden, überaus vergnügt. Weil ich mich eben so gar sehr darein
vertieft hatte, ging es mir wie es den tiefsinnigen Leuten zu gehen pfleget, da
ich dachte, ich hätte alles aufs beste gemacht, hatte ich das vornehmste
vergessen und mich nicht darauf besonnen das Pappier mit dem Liedgen in meinen
Schrank zu schliessen. Ich will Ihnen Ihre Lust nicht verderben, und es beruhet
nur auf Ihnen, weint Sie die Akademie wollen eröffnen lassen, Sie dürfen mich
nebst meinen Eltern nur einladen. Weil der Herr Baron selber eine Stelle unter
den Mitgliedern einnehmen will, so habe ich nichts darwider einzuwenden, dass Sie
meinem Vater die Präsidentenstelle zugedacht haben. Ich errate Ihren sehr
leichtfertigen Bewegungsgrund hierzu, und Sie tun sich vermutlich auf diesen
Einfall viel zu gute; mir als einer Tochter würde es aber sehr übel anstehen,
wenn ich mit Ihnen zugleich lachen wollte, diese Ernstaftigkeit werden Sie mir
aber gewiss vergeben. Der Herr F. hat in seinem Schreiben all den Herrn Lampert
eine sehr lebhafte Satyre angebracht, über die seltsamen Anschläge desselben.
Der Entwurf einer Frauenzimmerakademie, der Ihnen angedichtet wird, macht den
seinigen sehr lächerrlich, und wenn er dieses nicht einsiehet, so hat er nicht
Ursache sich für scharfsinnig zu halten: wenn er es aber merkt, dass er Ihnen nur
zum Spiele dienen muss, woran ich nicht zweifele: so wird alles dadurch
rückgängig werden, und Sie kommen um alle die schönen Reden, die Sie erwarten.
    Jetzt hat mich eben der hiesige Cantor verlassen, der mich, wie Sie wissen,
im Clavier unterrichtet, ich bin dadurch an der Vollendung meines Briefes
gehindert worden, und nun mag er auch eine Stelle darin einnehmen. Er
entdeckte mir als ein grosses Geheimnis und mit einer Freude, der keine gleich
ist, dass er mich am längsten wurde unterrichtet haben; er hätte einen
anderweitigen Ruf zu einem grossen Ehrenamte. Ich glaubte, dass ihm eine andere
Gemeinde zum Schulmeister verlangte und wünschte ihm hierzu Glück: er eröffnete
mir aber, dass er, so viel er einsehen könnte, Professor auf der neuen Akademie
werden sollte, die der Herr v.N. in Kargfeld errichten würde. Ob er gleich in
der Schule nur bis in die vierte Classe kommen wäre und das Latein niemals hätte
vertragen können: so hätte er doch Lust ein vornehmer und gelehrter Mann zu
heissen. Er zweifelte auch nicht, dass er seinem neuen Amte mit Segen vorstehen
könnte, weil der Herr Magister Lampert ihn versichert hätte, dass er mit Recht
unter die Gelehrten zu zählen sei. Hierbei gab er mir zu verstehen, dass ich mich
zeitig nach einem andern Lehrmeister umsehen könnte, indem es wider seinen
Respect laufen würde, als ein Professor auf dem Clavier zu informiren wie ein
elender Schulmeister. Ueber dieses mangelte ihm hierzu auch die Zeit: er müsste
künftige Woche seine gelehrte Probe tun und eine Lobrede auf einen Virtuosen
halten, der Händel geheissen hätte. Ich verwunderte mich über sein Glück
ungemein, und fragte, was er denn zum Lobe dieses Virtuosen sagen wollte, ob ihm
seine Lebensumstände bekannt gewesen wären, oder ob er etwas von seiner
Composition gesehen hätte. Er verneinte beides und gestund, dass weil es ihm
jetzt noch an guten Büchern fehlte, sein Amt im Anfang ihm sauer ankommen würde,
er ersuchte mich deswegen, weil er sähe, dass ich immer in Büchern läse, ihm
einige zu lehnen, die er bei seiner Arbeit zu Rate ziehen könnte. Es war mir
unmöglich das Lachen hierbei zu verbergen; doch um dem ehrlichen Manne seine
eingebildete Freude nicht zu stöhren, die nach Ihren Grundsätzen, unter allen
Gütern, die wir besitzen, das vorzüglichste ist, liess ich ihn in seinem süssen
Irrtume, und machte ihm nur eine Erklärung von seiner neuen Würde, dass er ohne
Abbruch derselben hier wohnen, Schulmeister bleiben, auch mich ferner informiren
könnte; wegen des verlangten Buches aber verwies ich ihn zum Pfarrer. Allein er
beschwerte sich sehr über diesen, dass er ihn wegen seines Glücks beneidete, ihm
auch den Gebrauch seiner Bücher zu dieser Absicht abgeschlagen, und scharf
verboten hätte, die neue Ehre anzunehmen, vermutlich, wie er hinzufügte, weil
der Herr Pfarr nicht auch zum Professor wäre nichtig befunden worden, und ihn
also gleichfalls von dieser Würde wollte ausgeschlossen sehen. Weil er mir nun
heftig anlag, ihm eilt Buch zu lehnen, und ich kein anderes besitze, das ein
gelehrter Ansehen hat als mein französisch deutsches Wörterbuch, worinne auch
griechische und hebräische Worte mit vorkommen: so packte ich ihm dieses auf,
und er versicherte mich, dass dieses eben das rechte Buch wäre, das er verlangt
hätte. Nun bin ich eben so begierig als Sie, die gelehrte Akademie eröffnet zu
sehen. Ich übersende Ihnen hier zugleich den Brief des Herrn Lamperts an den
hiesigen Cantor, wodurch dieser in die irrige Meinung geraten ist, dass er
sollte Professor werden.
    Ich höre, dass wir diesen Nachmittag einen Besuch in Schöntal ablegen
werden; das hätte ich sollen zwo Stunden eher wissen, um mir die Mühe zu
erspahren einen langen Brief zu schreiben. Doch damit ich nicht etwas
vergebliches unternommen habe, bin ich entschlossen, Ihnen nichts mündlich von
dem, was ich geschrieben habe, zu entdecken, vielleicht schickt es sich auch
nicht, dass wir aus der Gesellschaft gehen, um allein miteinander zu sprechen.
Wenn ich Ihnen meinen Brief in eigner Person bringe, so werde ich dadurch
Gelegenheit bekommen, Ihnen mündlich zu versichern, dass ich bin
                                      Ihre
                                                          aufrichtigste Freundin
                                                                          J.v.W.
 
                                   XV. Brief.
  Lampertus Wilibald, der freien Künste Magister, entbietet seinen Gruss Herrn
    Teobald Ecken, wohlverdientem Schul- und Singemeister zu Wilmershaussen.
        Ehrengeachteter guter Freund,
Gleichwie die hohen Cedern auf dem Libanon und die weitausgebreiteten Eichen in
den Wäldern, nicht allein in das Regnum vegetabile gehören, sondern auch den
Isop auf der Mauer und den verachteten Wacholderstrauch für ihre Mitbrüder und
Reichsgenossen erkennen müssen: also gehören auch nicht allein grosse und
berühmte Lehrer hoher Schulen und in grossen Städten, sondern auch geringe und
verachtete Schulmeister auf dem Lande zu der Republick der Gelehrten. Ja ich
behaupte mit Bestande der Wahrheit, dass diese Dii minorum gentium mehrern Nutzen
stiften, wenn sie der um sie her versammleten Jugend von einem niedrigen
Drehstuhle lehren, wie viel neun mal neun ausmachet, als jene stolzen Männer,
die von einem erhabenen Cateder das x = y + z herabschreien, und weil diese
hottentottische Sprache niemand als sie selbst verstehet, sich eine mehrere
Unfehlbarkeit als der römische Pabst zueignen wollen. Weil es nun so gut als
bewiesen ist, dass er und seine Herren Collegen sammt und sonders, welche ihrem
Amte mit Treue und Eifer vorstehen, zu den Gelehrten gehören: so folgt daraus,
dass er und seine Herren Amtsbilder, an allen Ehren und Lorbeerkränzen, welche
die Gelehrten erhalten, ihren billigen Anteil haben. Es ist zwar nicht zu
läugnen, dass bisher der Neid der Gelehrten, welche in hohen Aemtern sitzen,
keinen von den geringern gelehrten Mitbürgern zu den Altären der Pallas hat
hinzunahen lassen, um für sein Opfer den Cranz zu erhalten. Allein, Dank sei es
unsern erleuchteten Zeiten, dass diese Tirannen aus der gelehrten Republick
verjaget worden sind, und das gelehrte Bürgerrecht jedem die Vorzüge verspricht,
die bisher nur wenige, die sich über andere hinweggedrungen, sich zugeeignet
haben. Ich habe es unternommen, eine Reformation in der gelehrten Welt
vorzunehmen, und die öffentliche Freiheit wieder herzustellen. Damit ich ihm,
werter Freund, viel mit wenigen Worten sage, so soll er es wissen, dass mein
vortreflicher Principal entschlossen ist, nach dem Beispiele anderer grossen
Herren, und ins besondere seines Herrn Gevatters, eines Grossbrittannischen
Baronets, wenn er weiss, was das für ein Mann ist, auf seinem hochadlichen
Rittersitze eine Akademie zu errichten, in welche nicht allein grosse und
vornehme Herren, als Grafen, Edelleute, Räte, Professors, Doctores und
Magistri, sondern auch Pastores, Schulmeister, ja selbst gelehrte Bauern zu
Mitgliedern ausgenommen werden. Nach reiflicher Ueberlegung hat man für gut
befunden, auch ihm eine Stelle in dieser neuen Akademie anzuweisen. Obgleich
keine öffentliche Proben seiner Gelehrsamkeit und tiefen Einsicht in die
Wissenschaften der Welt vor Augen liegen: so hat man doch, wegen seines in der
gelehrten Welt berühmten Namens, ihm dieser Ehre teilhaftig machen wollen; denn
einer von seinen Anherren, der es wenigstens dem Namen nach ist, war vor Zeiten
ein gewaltiger Disputator, dass er sich auch unterstanden hat, mit dem Doctor
Lutern anzubinden. Damit er auch wisse, was es eigentlich heist, ein Mitglied
einer gelehrten Gesellschaft zu sein: so soll er freundlich wissen, dass er, so
bald ihm die Akademie diese Ehre erteilet hat, gleichsam ein Professor worden
ist; denn er hat die Macht, in dieser gelehrten Versammlung wöchentlich einmal
zu erscheinen, und wenn die Reihe an ihm ist, solche mit einer gelehrten
Abhandlung zu unterhalten, da denn alle Anwesende seine Zuhörer sind, und ihn
als den Lehrer betrachten. Es ist dieses keine geringe Ehre, das kann er
glauben, dem Herrn Pfarr ist solche nicht erteilet worden, und wenn er es genau
suchen wollte, so müsste ihn dieser, ausser auf den Amtwegen, zur rechten Hand
gehen lassen, künftige Mittwoche kann er sich in seinem schwarzen Mantel hier
einfinden. Es versteht sich von selbst, dass er sich so schön anputzen muss als
wenn er zur Hochzeit bitten wollte. Damit ihm auch sogleich, beim Eintritt in
die Akademie, eine Ehre widerfähret, so habe ich den Auftrag, ihm hierdurch
anzukündigen, dass er auf diesen Tag eine Vorlesung halten soll, und zwar, weil
man sich wegen seines gelehrten Namens viel von ihm verspricht, so wird ihm
aufgegeben, eine Lobrede auf den selgen Herrn Händel,
königlich-grossbrittannischen Hof- und Leibmusikus, welcher vor einiger Zeit ad
Patres gegangen ist, zu halten, worinne er zugleich erweisen kann, dass die
Natur, und nicht die Kunst, einen Virtuosen bildet. Er wird sich hoffentlich
befleissigen, diese Rede so auszuarbeiten, dass sie allenfalls dein Drucke
übergeben werden kann. Eine weitere Nachricht, besonders von den auszuteilenden
Prämien bin ich mündlich zu erteilen so bereit als willig. Lebe er wohl.
                                     * * *
                                Zu der Eröffnung
Der auf dem hochadlichen Rittersitze zu N. hall errichteten Julianenakademie,
    ladet alle vortrefliche Mitglieder, Beförderer und Liebhaber der
    Wissenschaften hierdurch geziemend ein; und handelt beiläufig von der
    Tirannei der Mode, untersucht und beantwortet auch zugleich hierbei die
    Frage: Ob die Welt allezeit barbarisch gewesen, wenn die Gelehrten Bärte
    getragen haben
                                                                          M.L.W.
Wer da läugnen wollte, dass die Mode nicht einer grausamen Sirene ähnlich sei,
welche durch ihre äusserliche Gestalt die Menschen an sich lockt, und gleich
einem Ungeheuer, wenn sie sich hinzunahen, um es genau zu betrachten, sie
verschlingt: der würde dadurch zu erkennen geben, dass er unter die Abc schützen
aller menschlichen Erkenntnis gehöre. Es ist eine bekannte und von allen
Vernünftigen erkannte Wahrheit, dass die Mode es eben so zu machen pflegt, wie
die Tirannen der griechischen und römischen Republiken. Diese schmeichelten sich
erst bei dem Volke durch allerlei glatte Worte und Versprechungen ein, und wenn
sie die Herrschaft erhielten, als denn war es um die Freiheit getan. Eben die
Bewandtnis hat es mit der Mode, wenn sie durch ihr gefälliges Ansehen die
Menschen bezaubert hat: so herrscht sie despotisch und gebietet über den
Verstand und Willen. Alles muss sich ihr unterwerfen, und selbst die Beherrscher
der Völker dürfen es nicht wagen sie ungestraft zu beleidigen. Ja, da sie über
den Verstand zu herrschen sich unterwindet: Was Wunder! dass sich auch die Sitten
ihr unterwerfen müssen, dergestalt, dass sie solche nach ihrer Fantasie bald
sanfter bald wilder macht, und ihnen mir einer der Zauberkraft der Circe
ähnlichen Macht, bald diese bald jene Gestalt zu geben weiss.
    Die gelehrte Republick, die durchaus keinen Oberherrn vertragen kann, muss
gleichwohl die Gesetze derselben eben so wohl als das schöne Geschlecht
verehren, und je weniger die Gelehrten Gesetze erkennen wollen, desto
nachdrücklicher verlangt sie die Befolgung derselben. Ein Mädchen das sich wider
die Mode auflehnet, wird belacht; ein Gelehrter, der ihre Gesetze verachtet, hat
Leib- und Lebensgefahr deswegen zu besorgen. Wenn Doris in dem Nachtzeuge ihrer
Aeltermutter erscheinen wollte, so würden sie höchstens nur die Kinder auf der
Gasse auszischen; wenn aber ein Gelehrter die aus der Mode gekommenen Lehrsätze
der alten Ketzer oder der Platonischen Philosophen wieder wollte aufleben
lassen, und in Activität setzen, so würde man ihn steinigen.
    Um diese wunderbaren Erscheinungen zu erklären, muss man wissen, dass alles,
womit sich die Mode beschäftiget, das äusserliche oder das innerliche des
Menschen betrifft. Zu der ersten Gattung gehöret die Kleidertracht, allerlei
Gebräuche und Gewohnheiten, die zum Nutzen oder zum Vergnügen und der
Verschönerung des Körpers erfunden werden. Zu der zweiten Gattung aber wird
alles das gerechnet, was die Seele und ihre Eigenschaften, als Verstand, Willen
und Gedächtnis betrifft. Giebt die Mode ein Gesetz von der ersten Gattung, so
werden diejenigen, die darwider handeln, gelinder bestraft; wenn sie aber etwas
feste setzt, dass den zweiten Punkt betrifft, so straft sie die Uebertreter ihrer
Gesetze aufs strengste. Gesetzt sie will, dass der Verstand etwas als wahr oder
falsch erkennen soll, dass der Wille etwas verlangen oder verabscheuen, oder das
Gedächtnis etwas behalten oder vertrigen soll; so muss dieses aufs genaueste
befolgt werden, oder sie übt die strengste Rache an den Ungehorsamen. Wir wollen
dieses durch ein paar Beispiele deutlich machen. Da die Mode wollte, dass man
sich die Erde so rund als einen Teller vorstellen sollte, wurde ein ehrlicher
Bischoff, der sie so rund als eine Kugel machte, und aus dieser Ursache
Gegenfüsser statuiere, verbrannt. Da es einmal Hexen geben sollte, würde der,
welcher sie geläugnet hätte, als ein Bösewicht ihnen auf den Scheiterhaufen
haben Gesellschaft leisten müssen. Heut zu Tage, da sie aufgehöret hat, die
alten Mütter zu verfolgen, darf Niemand Hexen glauben, oder diese und jene
Unholdin der Obrigkeit anzeigen, wenn er gleich versichert ist, dass sie bös
Wetter macht, und Menschen und Vieh bezaubert, widrigenfalls stehet er in
Gefahr, als ein unverschämter Diffamator, in Ketten und Banden geschlossen, oder
wohl gar als ein Injuriant an den Pranger gestellet zu werden. Ein Professor
würde vom Dienste gesetzt werden, wenn er untersuchen wollte, wie viel Engel auf
der Spitze einer Nähnadel tanzen könnten, ehemals da die Mode eine solche
Untersuchung billigte, würde ein Gelehrter dadurch eine Professur nebst dem
Titul eines Doctoris seraphici erhalten haben. Die neuesten Zeitungen melden,
dass ein Student ist entleibet worden, weil er keine Harmoniam praestabilitam hat
glauben wollen; der Baron von Wolf musste Landflüchtig werden, weil er sie
lehrte.
    Wenn die Mode im äusserlichen etwas befiehlt, so verfährt sie mit den
Uebertretern ihrer Gesetze nicht so gar strenge, ob es gleich nicht an
Beispielen fehlet, da sie auch das rauhe herausgekehret hat; doch gemeiniglich
werden sie dadurch gezüchtiget, dass man sie verlacht, oder auszischt. An und für
sich selbst betrachtet, liegt zwar des heiligen römischen Reichs Wohlfahrt nicht
daran, ob man zwei oder drei Zipfel in die Perucken knüpft, ob man den Hut auf
dem Kopfe oder unter dem Arm trägt; ob man den Bart wachsen oder abnehmen lässt:
allein die Mode will ihr Recht haben, und man muss es so machen, wie sie es
befiehlt, wenn man nicht in Schimpf und Schande bestehen will.
    Jedermann wird leicht begreifen, dass wenn die Mode, in der Art zu denken,
etwas verändert, wenn sie neue Lehrsätze oder neue Rechte auf die Bahn bringt,
solche Neuerungen in die Sitten der Menschen grossen Einfluss haben. Ein neuer
Grundsatz, oder ein einziges Gesetz kann die Menschen wild und grausam oder auch
sanft und wohlgesittet machen: die Gelehrten sind aber nicht einerlei Meinung,
ob eine kleine Veränderung der Mode im äusserlichen, auch einen Einfluss auf die
Sitten habe. Was liegt daran, ob das schöne Geschlecht, Sonne, Mond und Sterne
im Gesichte trägt, ob sich die Schönen rote, blaue oder grüne Backen machen, ob
die grossen Perucken, oder die krausen Haare unsrer süssen Herren besser gefallen;
ob wir allein das Recht haben, zu Pferde zu sitzen, oder ob die Schönen auch
reiten dürfen: hierauf aber wird mit Recht geantwortet, dass diese Dinge keine
solche Kleinigkeiten sind, als man gemeiniglich glaubt, dass man allerdings
hieraus das Genie der Menschen, und folglich auch ihre Sitten, beurteilen
könne; ja dass die Kleidertracht, die Sitten vielleicht eher als Lehrsätze zu
reformiren, und sie sanfter oder wilder zu machen, vermögend sei.
    Allein wenn auch alle Gelehrten einerlei Meinung wären, dass von dem
äusserlichen in der Mode ein gewisser Schluss könnte gemacht werden: so würde aus
Mangel der hierzu erforderlichen Regeln, die noch nicht gnugsam entwickelt sind,
doch ein grosser Streit entstehen, ob aus dieser oder jener Gewohnheit eines
Volkes, für die Sitten etwas gutes oder nachteiliges könne geschlossen werden.
Eben deswegen sind die gelehrten Untersuchungen erfunden worden, die entscheiden
sollen, wo bei zweifelhaften und schweren Materien, sich die meisten Gründe der
Wahrscheinlichkeit hinlenken. Denn ob es mit Untersuchung der gelehrten
Streitfragen eben die Bewandtnis hat, als mit den unzähligen Disputationen, die
jährlich auf Akademien gehalten werden, die mehr ein gelehrtes Spiegelfechten,
als ein ängstlicher Kampf für die Ehre der Wahrheit genennet zu werden
verdienen: so sind sie doch nicht ohne allen Nutzen; denn einmal werden
diejenigen, welche solche Untersuchungen anstellen, in ihrer Meinung, sie mag
nun für oder wider die Wahrheit sein, treflich bestärket, dass sie sich
dasjenige, was sie auf dem gelehrten Kampfplatz oder in Schriften verteidigt
haben, sich hernach nicht abstreiten lassen, und wenn sie den Kopf darüber
verlieren sollten. Zum zweiten zeigen solche Schriften von dem Fleisse und der
Scharfsinnigkeit ihrer Verfasser, und verschaffen ihnen oftmals kein geringes
Ansehen.
    Solcher Streitfragen gibt es unter den Gelehrten mehr als Sterne in der
Milchstrasse befindlich sind, und die im vorhergehenden Satz angeführte
Bewegungsgründe haben uns gleichfalls angetrieben, nur die wichtigsten zu
untersuchen. Es ist bekannt, und zum Teil schon oben angeführet, dass die Mode
nicht nur mit den Lehrsätzen der Gelehrten, sondern auch mit dem äusserlichen
Ansehen derselben, oft wunderlich gespielet hat, besonders hat sie sich
belustiget, das Haupt dieser ehrwürdigen Leute, worinne sie den köstlichen
Schatz der Gelehrsamkeit bewahren, bald auf diese bald auf jene Art zu
schmücken, dass es auch einem Proteus schwer fallen sollte, diese verschiedenen
Gestalten alle nachzumachen. Jedes Jahrhundert hat die Gelehrten in einer
andern, ja wohl gar in verschiedenen Gestalten gesehen. Einmal sind sie in
langen Bärten und herabhangenden, ungekämmten Haaren erschienen, ein ander mal
sind beide abgestutzt worden, wieder zu einer andern Zeit hat man Scheitel und
Kinn beschoren. Bald haben sie durch Zipfelperucken und Schnurrbärte sich ein
Ansehen gegeben; bald hat sie ein kleines Zwickbärtgen geschmückt; ein andermal
haben sie den Bart abnehmen lassen und das Haar gekräuselt, und hernach das
Haupt sich bescheeren lassen und den Bart in Locken gelegt. Es fehlet so viel,
dass aus diesen Veränderungen nicht sollte ein sicherer Schluss auf die
Beschaffenheit der Gelehrsamkeit und der Sitten gemacht werden können, dass
solche vielmehr hierzu die vollkommenste Anleitung geben.
    Wir finden verschiedene Epochen, seitdem die Welt bevölkert ist, in welchen
die Menschen gesitteter als zu andern Zeiten gewesen sind, und wir finden auch
im Gegenteil verschiedene schlimme Zeitläufte, in welchen die Welt in ihre
vorige Barberei zurückgefallen ist. Viele Gelehrte sind der Meinung, die guten
Sitten und die Gelehrsamkeit hätten allezeit ihr Haupt empor gehoben gehabt,
wenn das äusserliche Ansehen der Menschen sanfter und zärtlicher gewesen; sie
wären aber aus der menschlichen Gesellschaft verdrungen gewesen, wenn man sich
ein wildes und furchtbares Ansehen gegeben. Da sich noch die Menschen in
Tierhäute kleideten und in Wäldern und Hölen wohnten, waren die Gelehrten nicht
gewohnt in barbara und celerent zu schlüssen. Man wusste zu der Zeit noch nichts
von der Kunst die Haare zu kräuseln oder den Bart zu scheeren. Mit der
Zärtlichkeit der Sitten entstund auch eine gewisse Zärtlichkeit in der Tracht.
Man war nicht mit dem Ansehen zufrieden, das die Natur den Menschen erteilet,
man nahm die Kunst allentalben zu Hülfe. Die natürliche Erkenntnis war nicht
mehr zureichend, sie musste durch die Kunst erweitert werden, und die natürlichen
Sitten, worinne Einfalt und Aufrichtigkeit herrschte, bekamen durch den Anstrich
der Kunst eine freiere aber gefährlichere Gestalt. Wenn die Menschen anfangen zu
künsteln so künsteln sie in allem, und dieses erstreckt sich folglich auch auf
die Gestalt.
    Hieraus folgt, dass man von der äusserlichen Seite des Menschen richtig auf
das innerliche schlüssen kann. Es fragt sich nun hierbei, ob wir unser jetziges
äusserliches Ansehen oder unsere Tracht zum Muster nehmen dürfen, wenn wir die
Sitten der Vorwelt beurteilen wollen? Ueberhaupt wird diese Frage verneinet,
die Kleidertracht ist bei uns so vielen Veränderungen unterworfen und oft so
wunderbar, dass man uns, wenn man überhaupt einen Schluss davon machen wollte,
einen Monat für gesittete Völker halten, und den andern für Tartarn und
Kalmucken erkennen würde, und in eben diesen Fehler würden wir auch verfallen,
wenn wir andere eben so beurteilen wollten. Wenn aber die Frage so bestimmt
wird: ob wir in der äusserlichen Tracht nicht etwas als ein Principium
cognoscendi annehmen können, den Zustand der Sitten und Gelehrsamkeit daraus zu
beurteilen: so wird dieses allerdings von verschiedenen Gelehrten behauptet,
und haben den Bart der Männer als den Erkenntnissgrund des Zustandes der Sitten
und Gelehrsamkeit angenommen, weil dieser nie eine Veränderung erlitten als bis
diese letztere gleichfalls eine Veränderung erlitten haben. Viele neuere
Gelehrte sind der Meinung, dass ein geschornes Kinn allezeit den Wissenschaften
und Sitten vorteilhaft gewesen, dass hingegen der Bart jederzeit ein Zeugnis von
der Barbarei der Menschen abgeleget habe, wie sie denn das Wort Barbarus von
Barba herzuleiten kein Bedenken getragen haben. Da nun die Gelehrten diejenigen
sind, welche in den Zustand der Sitten und der Gelehrsamkeit den grössten Einfluss
haben, und man von den Veränderungen in der Mode, denen sie selbst unterworfen
gewesen, auf jene am sichersten schlüssen kann: so hat man die Streitfrage
aufgeworfen: ob die Welt barbarisch gewesen, wenn die Gelehrten Bärte getragen,
und man hat dieses gemeiniglich bejahet. Ich will jetzo mit Erlaubnis dieser
Herren das Gegenteil dartun, und solches verneinen.
    Um der guten Ordnung keinen Eintrag zu tun, wollen wir erstlich einen
kurzen Auszug von den merkwürdigsten Veränderungen, der Bärte der Gelehrten von
Erschaffung der Welt bis auf unsere Zeiten beibringen, und mit solchen den
Zustand der Sitten und Gelehrsamkeit vergleichen. Wir finden so wenig Ursache
uns dieser Unternehmung zu schämen, dass wir keinen schicklichern Gegenstand zu
dieser Einladungsschrift haben antreffen können. Sollte inzwischen der Zoilus
und Momus ihr ungezäumtes Maul darüber rümpfen: so wollen wir ihnen ins Ohr
sagen, dass ein Gelehrter sogar einen Tractat von den Schuhen der Alten
geschrieben hat, welche doch vermutlich dem Barte den Rang nicht werden
streitig machen. Ja was noch mehr! Haben wir nicht einen gelehrten Vorgänger
aufzuweisen, der ein eignes Buch von dem Barte an das Licht gestellet hat?
    Wir wollen die Untersuchung, ob Adam im Paradiese einen Bart getragen hat,
zu einer eignen Untersuchung verspahren und nur anmerken, dass die alten Väter
alle in Bärten abgemahlet werden. Es war in den alten Zeiten ein grosser Schimpf,
wenn ein Mann seines Bartes beraubet wurde oder wenn er gar keinen hatte, und
kommt mir daher sehr glaublich vor, dass die, welchen die Natur diesen Schmuck
versaget, sich künstliche Bärte ansetzen liessen, und sich damit schmückten, wie
wir heut zu Tage mit den Perucken zu tun pflegen. Man hielt dieses Vorrecht der
Männer für dem schönen Geschlecht in solchen Ehren, dass man den Bart mit Salben
bestrich, oder wenn er im Alter grau wurde, solchen färbte. Die alten
Philosophen suchten sich dadurch in besonderes Ansehen zu setzen. Wer den
grössten Bart unter ihnen besass und den schlechtesten Mantel trug, bekam die
meisten Zuhörer, eben so wie zu unsern Zeiten die Hörsäle am meisten angefüllet
sind, wo die grösste Perucke auf dem Cateder stolziret. Die alten Römer liessen
den Bart stehen und eben so lange stund auch ihre Freiheit und die guten Sitten,
da jene abnahmen, fingen auch diese an in Abnahme zu kommen, bis sie endlich
eben so wie der Bart plötzlich verschwanden. Der Kaiser Hadrian stellte zwar
diesen Schmuck der römischen Bürger aber nicht ihre Freiheit wieder her. Die
Kirchenväter trugen Bärte und dieser Schmuck wurde hernach durch viele
Jahrhunderte beibehalten, bis endlich die Mode nach ihrer Caprice sie bald uns
Exilium schickte, bald wieder zurück berief: sie blieben aber doch im Pessess
ihrer Rechte bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts, da man anfing mit
grausamer Tirannei bald hier bald da etwas davon abzuzwacken, bis sie zu Anfang
des jetzigen Jahrhunderts ganz aus der gelehrten Republick sind verwiesen
worden. Die Schweizer, die das Lob haben, dass sie nicht leicht eine neue Mode
aufkommen, aber auch keine alte gern in Verfall geraten lassen, hielten ehemals
ihre Bärte in solchen Ehren wie ihre Freiheit, dass auch selbst das schöne
Geschlecht ganz davon eingenommen war. Lesenswürdig ist es, was ich bei einem
glaubwürdigen Autor hiervon gefunden. Ein Französischer Abgesandter, der an
einem Schweizer einen ausserordentlich langen Bart bemerkte, wollte ihm solchen,
als eine Rarität, abkaufen, dieser aber hielt ihn für ein Gliedmass seines
Leibes, und folglich war er ihm unschätzbar. Doch nach einer langen Disputation,
mit dem Abgesandten, worinne dieser mit einem Argument von hundert Louis d'ors
bewiess, dass der Bart kein Glied des Leibes wäre, liess der Schweizer sich
überwinden, und verhandelte seinen Bart, welcher noch, wie glaubwürdige Personen
berichten, in der königlichen Kunstkammer zu Paris zu sehen ist. Allein da der
arme Schweizer vergnügt, über den guten Handel, nach Hause kam, so tat seine
Frau das mit seinem Scheitel, was der Abgesandte mit seinem Kinn hatte vornehmen
lassen, sie fiel ihm in die Haare und in kurzer Zeit war sein Kopf so kahl als
sein Gesicht, ja sie liess sich von Tisch und Bette so lang von ihm scheiden, bis
ihm Haar und Bart wieder gewachsen war.
    Aus dem angeführten erhellet, dass die Bärte mehrenteils im Gebrauch
gewesen, und dass man auch ihnen oft grosse Hochachtung erwiesen hat. Lasset uns
nun sehen wie die Sitten und die Gelehrsamkeit beschaffen gewesen, wenn die Welt
bärtig gewesen. In Griechenland blüheten ehemals die Wissenschaften und die
Gelehrten trugen Bärte, wenigstens gilt dieses von den Philosophen, die damals
den grössten Teil von der gelehrten Welt ausmachten. Die Sitten der Griechen
waren so fein, ihre Gesetze so vollkommen, dass Griechenland eine hohe Schule der
Ausländer wurde, und man allentalben die Gesetze dieses Landes einführte. Ein
Beweis, dass gute Sitten und Bärte sich wohl mit einander vertragen können.
    Rom war lang ein gesitteter Staat und die Wissenschaften hatten sich längst
um das Capitol gelagert, ehe man anfing den Männern ihren Schmuck zu rauben und
die Bärte zu verheeren. Zwar könnte man den Einwurf machen, dass eben zu der
Zeit, da Rom anfing auf den Gipfel seiner Grösse zu steigen, die Bärte
abgeschafft wurden, und dass besonders diese Mode in das güldne Zeitalter der
gelehrten Sprache fällt, ja dass eben dieses auch von unsrer Zeit eintrifft.
Jetzt da die Sitten und die Gelehrsamkeit wiederum empor gestiegen, herrscht das
tirannische Scheermesser abermal über unser Kinn; allein nichts ist leichter als
diesen Einwurf zu widerlegen. Erstlich bemerken wir überhaupt, dass er gar nicht
wider unsern Hauptsatz gerichtet ist: denn da wir weiter nichts beweisen wollen,
als dass der Satz falsch sei, wenn vorgegeben wird, dass die Welt allezeit
barbarisch gewesen wäre, wenn die Gelehrten Bärte getragen hätten, so können wir
es zugeben, dass es Zeiten gegeben hat, da die Welt gelehrt und gesittet gewesen,
wenn die Bärte in der gelehrten Republick nicht sind gedultet worden. Aber wir
wollen es nur gestehen, dass wir wirklich die Meinung hegen, dass bärtige Gelehrte
für die Sitten und Gelehrsamkeit jederzeit ein gutes Zeichen gewesen, dass
hingegen ihr plattes Kinn beiden nichts gutes verkündiget habe. Wir geben zu,
dass zu der Zeit, wenn die Gelehrten keinen Bart getragen haben, dann und wann
die Welt gesittet und gelehrt geschienen hat; aber eine andre Frage ist es, ob
sie es auch wirklich gewesen ist, ich, meines Ortes, behaupte das Gegenteil.
Nie hat es in den Wissenschaften so viele Stümper gegeben, und nie ist
Falschheit, Betrug, Verstellung und Bosheit mehr im Schwang gewesen, als wenn
das männliche Geschlecht sich ein weibliches Ansehen gegeben hat. Eben dieses
gilt auch von Rom, da man den Bart ablegte. Es ist wahr, Horaz, Virgil, Cicero,
Cäsar lieferten der Welt Muster der Dichtkunst, Beredsamkeit und Historie; aber
keine Regel ist ohne Ausnahme. Neben, ihnen lebte eine unendliche Menge
Meistersänger, elender Schwätzer und Zeitungsschreiber, und die Sitten waren zu
der Zeit in einem solchen Vorfalle, dass Cicero selbst Mörder, Rebellen und Diebe
verteidigte, Cäsar solche schöne Taten beging und Flaccus die verbuhltesten
Liedergen von seiner Leier hören liess.
    Schade ist es, dass wir diese schöne Materie jetzt nicht weiter verfolgen
können. Unterdessen bleibt unser patriotischer Wunsch dahin gerichtet, dass die
Gelehrten einmal das Joch der Mode, die ihnen ihren ehrwürdigsten Schmuck
geraubet, hat abwerfen, die Bärte wieder aufleben lassen, und dadurch einen
neuen Beweis geben, dass die Welt nicht barbarisch ist, wenn die Gelehrten Bärte
tragen.
    Ich schreite nun mit Vergnügen zum Zweck meiner Abhandlung, welcher dieser
ist, die Eröffnung der gelehrten Gesellschaft, welche Seine Gnaden, Herr Ehrhard
Rudolph v.N., Erb-Lehn und Gerichtsherr auf Kargfeld und Dürrenstein, unter dem
Namen der Julianen Akademie auf erstbemeldetem seinem Rittersitze aufzurichten,
und mit seiner hohen Protection zu beehren entschlossen ist, anzukündigen. Eine
so patriotische Gesinnung als diese, ist zwar über alles Lob erhoben, und ich
würde eine Torheit begehen, wenn ich mich bemühen wollte, diesen edelmütigen
Entschluss, der sein eigner Lobspruch ist, nach den Regeln der Redekunst
herauszustreichen. Vielmehr will ich den aufrichtigsten Wunsch tun, dass diese
gelehrte Gesellschaft, welche seit Erschaffung der Welt die erste, die in
hiesiger Gegend durch eine genauere Verbindung mit der Erweiterung der
menschlichen Erkenntnis sich beschäftiget, gleiche Schicksale mit der römischen
Republick haben möge. In ihrer Entstehung sind beide einander ähnlich, Romulus
zog einen Haufen Leute an sich, die nirgend eine Heimat hatten und in den holen
Wegen die Reisenden um ein Allmosen baten, dass diese ihnen nicht verweigern
durften. Es waren Leute, die wegen ihrer Profession von den alten Innwohnern des
Lateinerlandes verachtet wurden, mit welchen Romulus seinen Staat bevölkerte.
Mein Patron hat es fast auf gleiche Weise gemacht: die gelehrte Gesellschaft
bestehet aus Gliedern, die, einige wenige ausgenommen, das gelehrte Bürgerrecht
nicht erhalten haben, und also bisher in der gelehrten Republick auch keine
Heimat hatten. Er richtet, als ein zweiter Romulus, eine neue Colonie von
Gelehrten an, die jetzo noch von den alten Gelehrten verachtet werden. Doch wie
Rom immer grösser wurde und endlich die Herrschaft über die Welt erhielt: so
wird, wenn mich meine Ahndung nicht täuschet, auch diese kleine Republick der
Gelehrten ihr Ansehen so ausbreiten, dass sie sich nach und nach auf den höchsten
Gipfel ihrer Hoheit empor schwingen wird.
    Morgen ist der merkwürdige Tag, an welchem obenbemeldter Rittersitz des
Herrn v.N. zu einem Heiligtum der Wissenschaften soll eingeweiht werden, und
bei dieser Gelegenheit werden sich zween geschickte und beredte Männer hören
lassen, nämlich: Tit. plen. Herr Baltasar Eccius, wohlmeritirter Cantor zu
Wilmershaussen, wird in einer Lobrede auf den verstorbenen Herrn Händel erweisen,
dass die Natur, und nicht die Kunst, einen Virtuosen bildet. Wenn dieser den
Rednerstuhl verlassen hat, so wird Herr Valentin Striegel, wohlverdienter
Schulmeister in Dürrenstein etwas von den Altertümern dieses Orts auf die Bahn
bringen. Den Beschluss dieser Feierlichkeit wird M.L. Wilibald dadurch machen,
dass er die Statuten der neuen Akademie und die Mitglieder derselben bekannt
machen wird.
    Alle vornehme Gönner, Mäcenaten und Musenfreunde, denen diese
Einladungsschrift zu Gesichte kommt, werden demnach geziemend eingeladen, diese
Feierlichkeit durch ihre zahlreiche Gegenwart zu vermehren, und zwar diejenigen,
die ein Exemplar in Goldpappier eingebunden erhalten, haben die Freiheit, zu
Pferde oder vermittelst eines Fuhrwerks hier zu erscheinen; die aber nur ein
schlechtes bekommen, können sich dieses zur Rachricht dienen lassen, dass man
sie, um allem unnötigen Aufwande vorzubeugen, zu Fusse erwartet. Alle aber
werden gebeten sich aufs späteste um zwei Uhr Nachmittags allhier einzufinden.
Oeffentlich bekannt gemacht, den dritten December.
 
                                  XVI. Brief.
              Fräulein Amalia v.S. an den Herrn v.S. ihren Bruder.
                                                                      den 6 Dec.
Ich bin eine Zeitlang mit meiner Correspondenz ziemlich faul gewesen, und will
mich bei einem Bruder, wegen meiner Nachlässigkeit, nicht rechtfertigen, den ich
geneigter finde sie zu verzeihen, wenn ich meinen Fehler gestehe, als wenn ich
mich durch eine Schutzschrift zu rechtfertigen suchte. Wir sind einander um
hundert Meilen näher, und meine Briefe kommen sparsamer, da du weiter entfernt
warest, schieb ich fleissiger. Ich weiss selbst nicht was ich für Abhaltungen
gehabt habe, dir so lange einen Brief schuldig zu bleiben, wenn dieses nicht
eine gewesen ist, dass ich nach meiner Gewohnheit sehr viel auf einmal habe
schreiben wollen, und nie gnug Materie gehabt habe. Nicht als wenn es an
Auftritten gefehlet hätte, die würdig gewesen deine Aufmerksamkeit zu verdienen,
sondern, weil ich eine ziemlichvollständige Sammlung von Briefen in Händen habe,
die alles, was hier vorgegangen ist, so ausführlich entalten, dass mir kein
Stoff zu einer besondern Erzählung übrig geblieben ist, und ich hatte doch auch
Lust etwas zu erzahlen. Jetzt habe ich einmal Langeweile, sonst würdest du noch
keinen Brief von mir erhalten. Ich will, um mir die Zeit zu kürzen, meine
Erzählung da anfangen, wo das beigeschlossene Paquet aufhöret. Es sind darinnen
fünfzehn Briefe nebst andern Aufsätzen, die in unsern Roman gehören, entalten,
du wirst hieraus leicht den Schluss machen können, dass du diese eher lesen musst,
als meinen Brief, sonst würdest du sehr herumraten müssen, wenn dir nicht ein
grosser Teil desselben sollte unverständlich bleiben. Aus dieser Absicht will
ich einen neuen Abschnitt machen, der alles in sich entält, was zur
Vollständigkeit der in dem Paquet entaltenen Nachrichten gehöret.
    Am vierten dieses hatte der Baron die Freude, das lächerrlichste Stück in der
Comödie unsers Oncles, aufgeführte zu sehen. Der Entwurf der Akademie hat ihn
seit acht Tagen auf eine so lustige Art beschäftiget, dass er so munter aussiehet
als an seiner Hochzeit. Wir fuhren in bester Galla nach Kargfeld, um einem
grossen Schmause, wodurch unser Oncle die Einweihung seiner Akademie feierlicher
machen wollte, beizuwohnen. Von der gewöhnlichen Gesellschaft fehlte Niemand.
Aus einem Hasse, den der Herr v.N. gegen den Herrn v. Ln. aus bekannten Ursachen
heget, war dieser nicht gebeten worden: er erschien aber doch zu Pferde, ob er
gleich kein Programma in Goldpappier eingebunden erhalten hatte. Unser Oncle
bewirtete seine Gäste diesmal sehr gut. Ich bedauerte nur Fräulein Kunigunden,
die wegen vieler Anstalten, die sie machen musste, wie sie sagte, in fünf Tagen
kein Auge zugetan hatte. Das Fräulein v.W. fand an diesem Tage ihren Liebhaber
wie sie ihn wünschte. Es war als Wirt und als Stifter einer Akademie so sehr
beschäftiget, dass ihm keine Zeit übrig blieb, an etwas, das dem Fräulein hätte
vedriesslich sein können, zu gedenken. Vielleicht war er auch um deswillen ein
wenig artiger, weil der Major gegenwärtig war, den er für seinen Rival hält und
mit welchem er in neuen Zwist zu geraten, aufs äusserste zu vermeiden suchet.
Die ganze Gesellschaft war dismal artig, selbst die Frau v.W., der ich es nicht
zugetrauet hatte, dass sie ihren Herrn zum Präsidenten einer gelehrten
Gesellschaft würde machen lassen. Doch sie hatte sich vorgenommen, uns dismal
mit ihrem Gemahl auf Discretion verfahren zu lassen, ordentlich pflegt sie
dieses Vorrecht nur für sich zu behalten und aus ihm zu machen was sie will. Die
den Spass einsahn, waren bemühet ihn nicht zu verderben, und die alles im Ernste
aufnahmen, fingen an grosse Gedanken von unserm Oncle zu bekommen. Der Herr v.H.
konnte sich nicht genug wundern, dass sein Freund noch einen Geschmack an
Wissenschaften fand, die er vor Zeiten aufs äusserste gehasset hatte. Er hörte
die Reden mit einer Aufmerksamkeit an, die ich nie, auch selbst in der Kirche
nicht an ihm bemerket habe. Die Altertümer von Dürrenstein erhielten bei ihm so
vielen Beifall, dass er dadurch aufgemuntert wurde, alle Seltenheiten seines
Rittersitzes der Länge nach zu erzählen. Nur das einzige war ihm rätselhaft,
warum der Herr v.W. zum Präsidenten einer gelehrten Gesellschaft wäre erwählet
worden, der doch seinen Namen nicht zu schreiben wüsste, da ihn aber unser Oncle
sagte, dass es mit einem Präsidenten einer gelehrten Akademie eben die Bewandtnis
hätte, wie mit einem General im Kriege, dieser könnte Vestungen einnehmen, ohne
dass er wüsste, was ein Horn- oder Kronenwerk wäre, ob die Batterien oder die
Laufgraben zuerst müssen angeleget werden, dieses gehörte für die Ingenieurs, so
wie die Gelehrsamkeit für hie Mitglieder einer Akademie; so beruhigte er sich,
ohne disfalls weiter zu streiten. Nach der Tafel wurde in dem Saale, auf
Anordnung des Magister Lamperts, ein kleines Gerüste erbauet, das der
akademische Lehrstuhl hiess. Der Herr v.W. müsste das erste Bret, das dazu sollte
gebraucht werden, entzwei sägen, und unser Oncle tat den ersten Hieb mit dem
Beile in ein Stück Holz woraus die Stützen dieses kleinen Gebäudes verfertiget
wurden. Hierauf brachten ein paar Tischer das Werk in kurzer Zeit zu Stande.
Sobald der Lehrstuhl fertig war, sollte der Saal von den Spähnen wieder
gesäubert werden; doch Herr Lampert untersagte dieses, und wollte durchaus
haben, dass jedes von der Gesellschaft sich einen Spahn zum Andenken der
feierlichen Eröffnung der Julianenakademie, auflesen und behalten sollte. Weil
aber niemand nach dieser Seltenheit ein Verlangen bezeigte: so wurden sie ihm
insgesammt verehret, um sie als eine Rarität aufzuheben, oder sie dem Apoll als
ein Opfer anzuzünden, damit dieser den Lehrstuhl der Akademie in Schutz nähme,
auf dass alle, die sich davon hören liessen, den Beifall der Zuhörer sich
versprechen könnten. Eine solche Zauberei wäre sehr nötig, denn alle Mitglieder
werden natürlicher Weise ihre Zuhörer niemals rühren. Nach dieser Ceremonie
wurde eine andere vollbracht. Ein Cranz von Buchsbaum, in Ermangelung frischer
Eichenblätter, welche im Winter nicht wohl zu haben sind, wurde in das Zimmer
gebracht an welchen Fräulein Julgen und ich einige Bänder knüpfen sollten, und
welcher hernach über den Lehrstuhl, gerade über dem Haupte der Redner, sollte
aufgehangen werden. Allein ob ich gleich kein Mitglied dieser berühmten Akademie
bin, so protestirte ich doch darwider aus allen Kräften. Der Kranz von Buchsbaum
verbreitete eine Art von Todtengeruch in dem Saale, dass mir darüber eine
Ohnmacht anwandelte. Dieses bewog den Baron, meinen Oncle zu bereden, diesen
garstigen Kranz fortzuschaffen. Er liess sich auch mit dem Magister in einen
Streit hierüber ein, und behauptete, dass der Buchsbaum heutiges Tages eben das
sei, was die Myrten oder Cypressen bei den Alten gewesen, und dass man diesen
also nur bei traurigen Begebenheiten brauchen dürfte. Im Gegenteil verträten
die Tannen oder Fichten die Stelle des Epheus der Alten, und könnten bei frohen
Gelegenheiten gebraucht werden. Die Weinschenken pflegten Kränze von
Tannenzweigen auszuhängen, da nun das Zeichen des Weins jederzeit das Zeichen
der Fröhlichkeit gewesen wäre, auch der Wein, oder in Ermangelung desselben, die
blosse Vorstellung davon den Rednern und Dichtern grosse Dienste leistete: so
schlug er vor, man sollte einen Kranz von Tannenzweigen über den Rednerstuhl
aufhängen. Dieser Vorschlag wurde angenommen, und in kurzer Zeit sah man ein
Weinzeichen, das Fräulein Julgen und ich mit verschiedenen Bändern ausgeputzt
hatten, an einer seidenen Schnur über dem Lehrstuhle prangen. Herr Lampert, der
die Ehre haben wollte den Cranz an die Schnure zu bevestigen, hatte aber dabei
das Unglück, da er wieder vom Stuhle steigen wollte, dass er aus dem
Gleichgewichte kam, und einen so grässlichen Fall in die Stube tat, dass ich
glaube, man hat die Erschütterung, die dadurch verursacht wurde, auf eine Meile
weit verspühret. Man machte, wie bei merkwürdigen Begebenheiten alles ominös
scheinet, über diesen Zufall verschiedene Auslegungen, der Baron meinte, die
Akademie würde, wenn sie auf den höchsten Gipfel ihrer Vollkommenheit gestiegen
zu sein glaubte, plötzlich in Verfall geraten und zu Boden liegen. Andere
glaubten, weil am Tage ihrer feierlichen Einweihung, die Grundsäule, worauf das
ganze Gebäude ruhete, umgefallen wäre: so würde es damit keinen Bestand haben,
sondern sie würde in kurzem so zerstöhret werden, dass keine Rudera mehr von
einer Julianenakademie würden vorhanden sein. Herr Lampert machte, ob er gleich
gewaltig hinkte, dennoch von seinem unglücklichen Falle eine vorteilhafte
Auslegung für die Akademie, er sagte: weil er eben gefallen wäre, da er sich zum
Besten derselben beschäftiget hätte, so liesse sich hiervon keine andere
Auslegung machen als diese, dass er, wegen der Akademie, in Zunkunft vieles
leiden würde. Er würde fallen unter böse Zungen: diejenigen Gelehrten welche
nicht unter die Zahl der Mitglieder wären aufgenommen worden, und sich doch in
der hiesigen Gegend befänden, würden ihren Gift über ihn ausschütten und eben so
viele Schmähreden auf ihn erdenken als ehemals die Bücherabschreiber auf Doctor
Fausten erdacht hätten, weil dieser die Buchdruckerei sollte erfunden haben. Er
würde ferner fallen unter den Spott der gelehrten Zeitungeschrieben wenn sie
erfahren würden dass ein Magister eben das unternommen und ausgeführet hätte, was
Kaisern und Königen schweer worden wärs: so würden sie, aus Neid, ihn dergestalt
zwischen die satirischen Sporen fassen, dass er alle seine philosophische
Gelassenheit würde aufbieten müssen, um bei diesen Anfällen gleichgültig zu
sein. Doch wie er ohne sonderlichen Schaden und ohne jemands Hülfe wieder
aufgestanden wäre: so würde seine Ehre und guter Name bei dem Wachstum der
Akademie auch wieder empor steigen und über alle Neider und Misgünstige
triumphiren. Uebrigens fügte er hinzu, wollte er nicht viel Geld nehmen und
diesen Fall nicht getan haben: die Alten hätten sich allezeit gewünscht, dass
bei einem ausserordentlichen Glücke sie auch ein kleines Unglück beträfe, und
wenn ihnen dieses nicht von freien Stücken zugestossen wäre, so hätten sie sich
selbst einen Verdruss oder Schaden verursachet, um die Götter dadurch abzuhalten
mit einem grossen Glück auch ein grosses Unglück zu vereinigen. Crösus hätte einen
Ring von grossen Wert ins Meer geworfen, um den Lauf seines Glücks in etwas zu
hemmen. Er hielt sich für glücklicher als Crösus, dass er sein Vorhaben, Kargfeld
in einen Sitz der Musen zu verwandeln, nunmehro ausgeführet sähe, und ob er
gleich nicht die alten Heiden zum Vorbild seiner Handlungen wählen wollte: so
wäre doch gewiss, dass ein grosses Glück mit einem grossen Unglück, wie aus der
Erfahrung bekannt sei, vergesellschaftet wäre, er glaubte daher, dass er durch
dieses kleine Unglück eine Versicherung von dem Flor der Julianenakademie, bei
welchem er sich glücklicher schätzte, erhalten hätte. Weil der Pastor Wendelin
nicht gegenwärtig war, der ihn wegen seiner heidnischen Grundsätze würde
verketzert haben: so wurde seine Meinung gebilliget, und der Major wünschte, dass
alles Unglück, das die gelehrte Gesellschaft etwas bedrohen könnte, den Magister
treffen möchte, damit ihm die Ehre, ein Märtirer derselben zu heissen, niemand
streitig machen könnte. Nachdem nun der Speisesaal ein gelehrtes Ansehen
erhalten hatte, so verfügte sich das Frauenzimmer, und alle die nicht zu der
gelehrten Versammlung gehörten, in das Nebenzimmer doch sollte die Tür offen
bleiben, damit wir sehen könnten was vorging. Es wurden zu beiden Seiten des
Rednerstuhls Stühle gesetzt, zur rechten Hand für die Ehrenmitglieder, welches
die vornehme Seite hies, und zur linken für die ordentlichen, welches der
Magister die gelehrte nennete. Alle in dem Verzeichnisse benannte innländischr
Mitglieder waren gegenwärtig, und weil die gelehrte Bank meistens aus
Schulmeistern bestehet, so führten diese erstlich eine trefliche Motette auf,
wobei die beiden Redner ihre Stimme singend hören liessen. Hierauf verliess der
Cantor Eck seinen Bass mit einem tiefen Reverenze und betrat den Rednerstuhl. Der
Herr v.W., als Präsident der Akademie, war schon unter der Musik eingeschlafen,
und schnarchte so stark, dass man nichts verstehen konnte, besonders da der
Redner über seine gelehrten Zuhören so bestürzt schien, dass er, ungeachtet
seiner Brille, nicht eine Zeile ohne Stammlen lesen konnte. Diese Rede erhielt
unterlessen den Beifall des Herrn Lamperts und folglich der ganzen Akademie. Der
junge Wendelin hat mir solche, nebst zween Briefen, die sich darauf beziehen,
und wegen ihres Innhalts merkwürdig sind, verschafft, diese Stücke sind, nebst
der Abhandlung von den Altertümern in Dürrenstein, in dem Packt in einem
besondern Bogen eingeschlossen welcher den Titul führet: Etwas zur Zugabe nach
Lesung des Briefes zu eröffnen. Der Schulmeister zu Dürrenstein hat sich lange
nicht wollen bereden lassen nach dem Cantor von Schöntal aufzutreten, weil er
einige Jahre früher als jener ins Amt kommen ist, jener aber hat den Vortritt
verlangt, weil er sich Cantor nennen lässt. Diese Leute, welche viele Jahre in
der vertrautesten Freundschaft gelebet haben, sind über diesen Rangstreit in
solche Uneinigkeit geraten, dass sie einander aufs äusserste hassen. Herr Lampert
soll alle Mühe gehabt haben sie zu vergleichen, welches endlich durch das Loos
geschehen ist, wodurch der Cantor den Vorgang erhalten hat. Nachdem die erste
Session der Akademie geendiget war, verwandelte sich die Scene, und die
gelehrten Akademisten wurden Musikanten, wir hielten einen kleinen Ball. Doch
die Uneinigkeit unsrer Bande verursachte manchen Uebellaut in der Musik. Der
Schulmeister von Dürenstein wollte sich durchaus nicht bereden lassen, ein
musikalisches Instrument anzugreifen, wenn der Cantor von Schöntal die erste
Violine strich, aber der Befehl unsers Oncles der mit verschiedenen Drohungen
vergesellschaftet war, brachte ihn bald zu einer andern Entschliessung. Der Oncle
eröffnete den Ball mit dem Fräulein v.W. und beobachtete die Anständigkeit gegen
sie, die er den ganzen Tag hatte blicken lassen. Doch so viel Macht hatte er
nicht, dass er alle fürchterlichen Blicke gegen seinen Rival hätte zurückhalten
können, er sah ihn oftmals so finster an, dass ich dachte, er würde neue Händel
bekommen, doch hielt er seine Zunge im Zaum und gab ihm, mit der verdrüsslichsten
Mine, die besten Worte von der Welt. Ich will dismal meinen Brief nicht weiter
ausdehnen, er ist lang genug dich um die Zeit zu bringen, die du vermutlich
ohne denselben vergnügter würdest zugebracht haben. Wenn ich nicht schon sehr
müde wäre, so würde ich dir noch das Verlangen schildern, welches wir haben,
dich hier zu sehen. Es stehet bei dir, unsere Wünsche zu erfüllen, und
insonderheit die meinigen, und dadurch werde ich einen Beweis erhalten, dass du
mich so liebest als du geliebt wirst, von deiner Schwester
                                                                          A.v.S.
 
                                  XVII. Brief.
Herr Lorenz Lobesan, Cantor zu Kargfeld an Herrn Baltasar Ecken, wohlverdienten
                   Cantor und Schulmeister zu Wilmershaussen.
        Hochgelahrter Hoch- und Wohlfürsichtiger,
            Hoch- und Kunsterfahrner Herr Collega,
Derselbe wird im Besten vermerken, dass ich ihm mein Anliegen offenbare und mir
seinen guten Rat über eine Sache ausbitte, die mich weder ruhen noch rasten
lässt. Es ist ihm bewusst, dass ich in acht Tagen eine Predigt nach dem Fusse halten
soll, wie er und der Herr Schulmeister gestern in dem Saale unsers gestrengen
Junkers ablegten. Ich habe mir bisher zwar ein Gewissen gemacht, dem Herrn Pfarr
ins Amt zu fallen und einen Hofprediger, auf dem Schloss unsers Junkers,
abzugeben; aber weil sich andere kein Gewissen daraus machen, auch überdem diese
Predigten ganz anders beschaffen sind, als die man in der Kirche hält, und die
Kanzel eine ganz andere Figur hat: so glaube ich, dass mir eben das erlaubt ist,
was andere meines gleichen tun dürfen. Zu dem Ende habe ich mich niedergesetzt
und habe hin und her gesonnen, um eine solche Predigt, wie die seinige war, zu
entwerfen, und den Text, den mir der Herr Magister vorgeschrieben, zu erklären.
Es wird ihm, sonder Zweifel, noch erinnerlich sein, dass mir der Herr Magister
gestern Abend beim Weggehen sagte, ich sollte untersuchen, ob das ut re mi fa
soll la oder das c d e f g zur Benennung der Töne in der Musik bequemer sei. Ich
weiss in meinem Leibe keinen Rat, was ich in dieser kützlichen Materie anfangen
soll. Der Herr Magister ist mir sein Tage nicht recht gut gewesen, darum lässt er
mich über den schwersten Text predigen. Gleichwohl will ich nicht gerne mit
Schimpfe bestehen, und ein paar parfumirte Handschuhe, wie er bekommen hat,
wären mir auch willkommen. Es ist aber nicht recht, dass der Herr Magister mir,
als einem alten Manne, so schweere Dinge aufbürdet, dass mir ganz schwindelt wird
vor den Augen, und ein kalter Schweiss vor die Stirn tritt, wenn ich an diese
Arbeit gedenke. Ich habe überdem noch bei meinem Alter ein gewisses Malheur an
mir, dass mir oftmals die Gedanken vergehen, besonders wenn ich etwas aus dem
Kopfe entwerfen will. Neulich hatte ich einmal vergessen, dass es Sonntag war,
ohngeachtet ich den Tag vorher das Kirchenstück probiret hatte, und wenn mich
der Herr Pfarr nicht an das Läuten hätte erinnern lassen, denn meine Frau hatte
es auch vergessen, so wäre keine Kirche gehalten worden. Einmal mochte ich in
der Kirche ein Bissgen eingeschlummert sein, es war vergangenen Sommer in der
Erndte, und da ich erwachte, hatte ich vergessen, dass der Herr Pfarr auf der
Canzel stund, fing dahero mitten unter der Predigt mir lauter Stimme an den
Choral zu singen, bis ich meinen Irrtum, mit grosser Bestürzung, inne wurde, und
hernach, wegen dieses Naturfehlers vieles ausstehen musste. Das passiret mir
oftmals, wenn ich gar nicht mit dem Kopfe arbeite, geschweige wenn ich Briefe
schreiben oder etwas anders aus dem Kopfe machen soll, wenn ich drei oder vier
Zeilen zusammen gesetzt habe, so bin ich so müde, als wenn ich zur Frohne hätte
dreschen müssen. Die gemeinen Leute wollen es nicht glauben, dass unser einer
auch sein Pfund auf sich hat, und nicht spazieren geht. Der Kirchvater
Kleinmann war neulich bei mir, da sprachen wir eins und das andere, von ungefähr
kamen wir auch auf die Schuldiener zu reden. Herr Cantor, sagte der Tölpel, er
hat ja wohl seine gute Sache, wenn unser einer auf der Strasse liegen und auf der
Kriegsvorspanne sich von den Soldaten muss Rippenstösse geben lassen, so sitzt er
zu Hause auf seinen Drehstuhle wie ein vornehmer Herr, schwatzt den Kindern was
vor, und dafür muss ihn die Gemeinde ernähren. Hört, guter Freund, sagte ich, ihr
redt wie ihrs versteht, wenn ihr einen Tag auf meinem Stuhle sitzen und mit dem
Kopfe arbeiten solltet, so würdet ihr anders schwatzen, Kopfarbeit ist gar eine
schwere Arbeit. Unter uns, ich glaube dass ein Schulmeister ein viel schweerer
Amt hat als ein Pfarrer, der predigt ein paar mal in der Woche, und damit gut.
Wir müssen sechs Tage Schule halten, und den Sonntag müssen wie singen dass wir
schwarz werden möchten. Ja, was das meiste, die Herren Pfarrer haben viele
lateinische und gelehrte Bücher, da können sie leicht etwas daraus herschwatzen,
wir haben aufs höchste den Catechismus und müssen alles aus den Kopfe machen,
dazu kommt die Musik, das Hochzeitbitten und dergleichen, dass einem das Stückgen
Brod sauer genug wird, und doch soll unser einer keine Arbeit haben. Aber dass
ich wieder zur Sache komme, Herr Cantor, wo hat er doch die wunderschöne Rede
hergenommen, die er gestern hielt? Er kann wohl noch gar Pfarrer werden, die
vornehmen Leute hatten an ihm ihre einzige Freude, so schön hat er es gemacht.
Sei er doch so gut und stecke er mir es im Vertrauen, wie er es angefangen hat,
diese schöne Rede zu Stande zu bringen. Es bleibet unter uns, er kann sich
darauf verlassen, dass ich es keinem Menschen mehr sagen will, das Geheimnis soll
mit mir sterben. Wenn er etwan ein Buch hat, worinne dergleichen Reden stehen,
so leihe er mir es ein paar Tage, ich will es ihm ohne Schaden wieder zustellen,
und verspreche nicht mehr daraus zu nehmen, als zu einer Rede nötig ist. Will
er mir aber den Liebesdienst tun, und mir die ganze Rede machen, so will ich es
mit Danke erkennen, und ihm dafür den Telemannischen Jahrgang, darum er mich so
oft gebeten, zur Abschrift mitteilen. In Erwartung gefälliger Antwort,
verharre
                                   Des Herrn
                                                                  dienstwilliger
                                                                     L. Lobesan.
 
                                 XVIII. Brief.
                         Antwort auf den vorigen Brief.
        Ehrengeachteter Hochgelahrter
            Günstiger guter Freund,
Ich hätte wohl Ursache, ihm die Gefälligkeit, warum er mich ersuchet,
abzuschlagen; er weiss es am besten, wie er mich gemartert hat, da ich ehemals an
seine Stelle kommen sollte, weil er bei dem Herrn v.N. in Ungnade gefallen war,
und von seinem Dienste sollte abgesetzt werden. Er biss damals um sich wie ein
wilder Kater, und spielte mir noch dazu den schlimmen Streich, dass er, da ich
die Probe tun musste, das Clavier an der Orgel mit Terpentin oder Vogelleim, was
es war, beschmieret hatte, dass mir die Finger darauf kleben blieben, und ich
glücklich umwarf. Wegen der telemannischen Kirchenstücke habe ich, da der erste
Groll vorbei war und er bei seinem Dienste blieb, wie ich bei dem meinigen, mir
Salvo nore, die Beine bald abgelaufen, ich habe ihm himmelhoch gebeten, mir
solche, gegen ein gutes Gratial, zukommen zu lassen, weil unsere Herrschaft mit
meiner Composition niemals recht ist zufrieden gewesen: aber da half weder
bitten noch flehen, es war als wenn ich zu einem Stein redte. Wenn er politisch
gewesen wäre, so hätte er denken sollen, eine Hand wäscht die andere, wer weiss,
wo ich den ehrlichen Mann auch einmal wieder brauche, ich will ihm aus dieser
Not helfen, wer weiss hilft er mir aus einer andern. Wenn ich gleiches mit
gleichem vergelten wollte, so würde er mit einer abschläglichen Antwort müssen
zufrieden sein, ich bin aber nicht so gesinne, und habe ihn schon lange alles
vergeben, welches er unter andern auch daraus abnehmen kann, dass ich ihm alle
Jahr zur Kirmse habe bitten lassen, ob er gleich wegen der alten Pike noch nicht
über meine Schwelle kommen ist. Um ihn zu überzeugen, dass ich es gut mit ihm
meine, will ich ihm alles getreulich entdecken, wie ich es mit meiner Rede
angefangen habe. Ich höre zwar, dass es unter den Gelehrten Mode ist, dass sie
ihre besten Fechterstreiche gern für sich behalten, und sie niemanden leichtlich
offenbaren: doch weil er mir versprochen hat, verschwiegen zu sein und das
Geheimnis bei sich zu behalten, so will ich ihm kürzlich melden, wie ich es mit
meiner Rede, die der Herr Magister gelobt hat, gemacht habe. Es ging mir im
Anfang eben so wie ihm, ich wusste nicht, wo ich es angreifen sollte, den Text,
den mir der Herr Magister vorgeschrieben hatte, zu erklären. Ich ging zum Herrn
Pfarrer, um mich bei ihm Rats zu erholen, und ihn um ein Buch zu bitten, das
ich bei meiner Arbeit, brauchen könnte; allein dieser war böse, dass er nicht
auch ein Mitglied worden war, und wollte mir durchaus kein Buch leihen, ob er
deren gleich über ein Halbschock besitzt, und manche in Jahr und Tag nicht
braucht. Hierauf verfügte ich mich zu unsern Fräulein und bat sie um das Buch,
das sie braucht, wenn sie Briefe schreibt und ihr nichts einfallen will, sie gab
mir dieses ohne Schwürigkeit. Ich übersende es ihm im Vertrauen, er muss es aber
ja wohl bewahren, dass es nicht schmutzig wird und ein Dinten- oder Oehlfleck
hinein kommt. In diesem Buche sind alle Wörter entalten, die zu einer Rede
gehören, es ist dahero ein vortrefliches Werk, welches alle Arbeit leichte
macht. Man darf nur die Worte aufschlagen, wie sie einen von ungefehr in die
Augen fallen, und diese hernach mit einander verbinden, so ist die Rede fertig.
Da ich gehört habe, dass man sich bei einer Rede, vor allen Dingen, um ein Tema
bekümmern muss, eben so wie in der Musik, welches man hernach ausführet: so
suchte ich erst in dem Buche mein Tema zusammen, das waren die einzelnen Worte
die ich von ungefehr aufschlug. Diese schrieb ich fein ordentlich, wie sie mir
das Glück bescheret hatte, auf ein Pappier, und studirte hieraus meine Rede
zusammen. Es kostete freilich hin und wieder viel Kopfbrechens, weil manche
Worte sich weder zusammen schicken noch reimen wollten, doch da ich mir
vorgenommen hatte, nichts in dem Tema zu ändern, so künstelte ich so lange bis
alles zusammen passte. Damit ihm alles deutlich wird, so habe ich meine Rede
abgeschrieben und derselben das Tema beigefügt, woraus ihm alles verständlich
werden muss. Künftige Mittewoche, wenn ich aus der Akademie komme, will ich bei
ihm einsprechen, und die Kirchenstücke abholen, welche er, sobald sie
abgeschrieben sind, ohne Schaden wieder haben soll. Unser Herr Pastor hat einen
gewaltigen Groll auf mich geworfen, dass ich mit in der Akademie bin und er
nicht. Wie ist denn der seinige diesfalls gegen ihn gesinnet? Ich habe vier
Groschen aus der Kirche für den Weg prätendiret, den ich nun wöchentlich von
hier nach Kargfeld tun muss, aber der Herr Pastor will es durchaus nicht in der
Kirchrechnung passiren lassen, keine Frohndienste lass ich mir warlich nicht
aufbürden. Legt sich der Herr Pfarr mit mir nicht bald zum Zweck, so will ich
ihn schon kriegen, ich habe ihn sein Amt müssen führen lernen, und nun will er
über mich herrschen. Die Welt wird doch immer schlimmer. Nebst einem schönen
Gruss von meiner Frau bin ich
                                   Des Herrn
                                                                  dienstwilliger
                                                                            B.E.
                                     * * *
Dass die Natur und nicht die Kunst einen Virtuosen bildet, erweist in einer Rede
    Baltasar Eck, treufleissiger Cantor und Schuldiener in Schöntal.
        Hokuspokus.
        Affenspiel.
        Advocat.
        Kalendermacher.
        Aufblehen.
        Untervogt.
        Austrinken.
        Saitenspiel.
        Halskaufe.
        Stempel.
        Unterminiren.
        Altfränkisch.
        Zipperlein.
        Bratenwender.
        Heufuder.
        Goldschmidt.
        Holzhacker.
    Die edle Musika ist eine von den freien Künsten und keinesweges ein
verächtliches Handwerk oder eine Brodtlose Kunst, dergleichen es welche gibt,
die Leute ums Geld zu bringen oder sie zu vexiren. Von diesem Schlage sind die
Kartenspiele, die Kartenkünste worauf etliche Leute sich so viel wissen, und was
dergleichen Gaukeleien mehr sind, womit die Hokuspokusmacher umzugehen wissen;
allein sie verdienen nicht einmal den Namen der Künste, sondern sollten vielmehr
Aeffereien oder Affenspiele genennet werden. Ein Musikus ist ein ehrbarer Mann,
der seine Kunst gelernet hat, nicht allein den Leuten die Zeit zu vertreiben,
sondern auch vielerlei Gutes zu stiften: denn man kann, vermöge der Musik,
Krankheiten heilen, die Zauberei vertreiben, gute Gedanken einflössen, und
dergleichen mehr, das ein andrer wohl muss unterwegen lassen. Aber nicht jeder,
der etwas auf einem Instrumente herstümpern kann, ist im Stande dieses zu tun,
sondern nur grosse Musikverständige, die man Virtuosen nennet, können solche
herrliche Dinge ausrichten. Dergleichen Leute werden nun, wie die Erfahrung
lehret, nicht durch die Kunst hervorgebracht, sondern sie müssen von Natur ein
gutes Geschick haben, wenn was rechtes aus ihnen werden soll. Dahero hat die
Musik vor andern Künsten etwas zum Voraus, wem die Natur nicht ein Geschick zur
Musik verliehen hat, der bleibe immer davon oder erwähle ein anderes Metier. Aus
dieser Ursache schickt sich auch nicht jeder zur Musik, es kann einer eher ein
Doctor und Professor werden auf einer Universität, als ein tüchtiger Cantor. Bei
jenen kommt es auf Geld und gute Worte oder auf gute Patronen an, hierdurch kann
einer unter den Gelehrten alles werden was er nur will, aber du magst spendiren
wie du willst, du magst den Schulzen und Kirchpatron zum Paten haben, wenn dir
die Natur keine gute Stimme in die Kehle und keine Hurtigkeit in die Hände und
Füsse gegeben hat, dass du nicht laut genug vorsingen, kein Trillo schlagen und
keine tüchtige Fuge auf der Orgel herrasseln kannst: so nehmen dich die Bauern
nicht zum Cantor, und wenn du könntest die Kieselsteine in Gold verwandeln. Wo
die Kunst alles tut, da ist die Natur überflüssig, und wo die Natur alles
wirket, da braucht es keine grosse Kunst. Ein Advocat, zum Exempel, ist ein arte
factum, er mag eine natürliche Gabe zum Plaudern und Zanken haben, oder von
Natur so sanftmütig sein wie ein Lamm, wenn er in seiner Kunst ausgelernet hat,
so gewinnt er die schlimmsten Processe. Woher kommt das? Aus keiner andern
Ursache, als weil er durch die Kunst aus weiss hat lernen schwarz machen, und
ihm, gleich wie einem Staar, die Zunge gelöset ist, dass er reden kann was er
will. Allein lasst ihn einmal einen Triller schlagen, so werdet ihr sehen, dass er
dieses zu tun nicht im Stande ist, wenn die Natur seine Kehle nicht dazu
aptiret hat. Es hat mit einem Musikus eben die Bewandtnis wie mit einem
Kalendermacher, dieser mag rechnen können wie er will, er mag den Himmel durch
sieben und siebenzig Ferngläser beschauen, dem ungeachtet wird das
Wetterprognosticon nicht zutreffen, oder die Prophezeihung von Krieg und Frieden
in Erfüllung gehen, wenn ihn nicht die Natur zu einen Kalenderschreiber gebildet
und ihm die Gabe, zukünftige Dinge vorherzusagen, verliehen hat. Hieraus
erhellet, was ein Musikus in eigentlichem Verstande, welchen man gemeiniglich
einen Virtuosen nennet, für ein Mann ist, und dass solche Leute billig in Ehren
zu halten sind, auch ihnen ein reichlich Auskommen muss verschaffet werden, denn
sie wachsen nicht so zahlreich wie die Schwämme, und können auch nicht durch die
Kunst hervorgebracht werden wie die Orgelpfeifen, sondern die gütige Natur
bringt sie nur dann und wann hervor, wenn sie ihr Spiel haben, will wie die
Weidenrosen, oder die Kornstengel mit hundert Aehren. Das wissen diese Herren
auch gar wohl, darum blehen sie sich nicht selten auf wie die Untervögte, und
haben ihre Mucken wie die Pferde, die den Sonnenschuss bekommen. Ich könnte von
ihrem Eigensinne manches artige Stückgen anführen, wenn ich mich nicht der Kürze
befleissigen wollte. Nur einger im Vorbeigehen zu gedenken, so sind einige
Virtuosen so eigensinnig, dass sie sich durchaus nicht wollen hören lassen, so
lange sie ein volles Glas im Gesichte haben. Ich kenne einen Schulmeister, der
mein Freund ist, der diesen Wurm auch hat und allen Gläsern erst auf den Boden
sieht, ehe er seine Violine stimmt, welches denen, die von seiner Kunst etwas
hören wollen, oftmals teuer genug zu stehen kommt, weil er auf einen Sitz mehr
austrinken kann als zehen Schnitter in der Erndte. Andere lassen sich nicht
anders als durch Schläge bewegen, ihr Saitenspiel anzurühren, und tun das
gezwungen, was man weder durch gute Worte noch durch Verheissungen von ihnen
erhalten kann. Einige haben die wunderliche Gewohnheit an sich, dass sie sogleich
aufhören zu spielen, wenn sie gelobt werden, und hingegen fortfahren, wenn man
sie für Stümper und Hümpeler hält. Ich habe auch von einem Virtuosen sagen
hören, dass er sich allezeit, wenn er ganz besonders durch seine Geschicklichkeit
sich hätte hervor tun wollen, in den grössten Gesellschaften entkleidet habe,
als wenn er zu Bette gehen wollte. Ein loser Vogel hätte ihm aber einmal, da er
von seiner Kunst ganz bezaubert gewesen, die Kleider versteckt, dass er im kalten
Winter halb nackend hätte nach Hause gehen müssen, und über diesen Spass seine
künstlichen Finger erfrohren hätte. Einmal da sich ein Virtuos in hiesiger
Gegend einfand, habe ich es mit meinen Augen gesehen, dass er seine Perucke an
die Erde warf, die Halskrause abriss, den Rock auszog und die Weste aufknöpfte,
wenn er ein Stück spielte, das sich besonders ausnehmen sollte. Hierauf ging er
in Stube auf und nieder, trat seine Perucke und Kleider mit Füssen, und konnte
es durchaus nicht vertragen, wenn sie jemand aus dem Wege räumen wollte. Es ist
gewiss, dass jedermann, der kein Virtuos ist, für unsinnig würde gehalten werden,
wenn er solche Virtuosenstreiche machen wollte, ohne einer zu sein, aber bei
diesen gehört es mit zu ihrem Wesen, dass sie dann und wann etwas seltsames von
sich blicken lassen, und man muss es mehr unter ihre Tugenden als Fehler rechnen,
grosse und berühmte Leute dürfen sich auch immer etwas mehr herausnehmen als
andere, und ihre Fehler sind wie die Narben, die manche Gesichter mehr
verschönern als verstellen. Unsre Zeiten sind nicht arm an Virtuosen, und unser
Vaterland hat davon auch eine grosse Anzahl aufzuweisen. Viele davon kenne ich
von Person, viele dem Namen nach, einige aus ihren Werken, einige sind mir auch
ganz und gar unbekannt. Wenn sie freilich alle mit einem Stempel gezeichnet
wären, wie die Geleitszeddel, so würde man es jedem ansehen, wer ein Virtuose
ist, oder dafür will gehalten sein. Ich könnte viele mit Namen nennen und sie
dadurch in hiesiger Gegend bekannt machen, doch weil ich sie nicht alle kenne,
so will ich, damit es keinem verdrüsst, alle, ausser einem einzigen, auf den ich
eine Lobrede halten soll, mit Stilleschweigen übergehen. Er heist Herr Händel,
und soll, wenn anders den Zeitungen zu trauen ist, nicht mehr am Leben sein. Ich
habe ihn nie mit Augen gesehen, ob ich gleich in meinem Leben viel Leute gesehen
habe; aber seit einiger Zeit habe ich von ihm reden hören, er soll ein Gastmahl
des grossen Alexander Magnus so künstlich in Musik gesetzt haben, dass einen
alsbald zu hungern anfängt, wenn man dieses Stück spielen hört. Man erzählet
überhaupt von ihm, dass er durch die Harmonie der Saiten die Gemütsneigungen der
Menschen dergestalt hätte unterminiren können, dass jedermann nach seiner Pfeife
habe tanzen müssen, und deswegen ist es ihm auch etwas leichtes gewesen, die
Gunst der grossen Herren zu erhalten. Er durfte nur das Clavier unter seine
Finger und das Pedal unter seine Füsse bekommen, so konnte er mit seinen Zuhörern
machen, was er wollte, spielte er ein trauriges Stück, so klang dieses
erbärmlich, dass jedermann anfing zu weinen, spielte er lustiges, so hüpften
seine Zuhörer wieder wie die Aelstern, wollte er haben, dass sie sich sollten bei
den Köpfen kriegen, so spiele er einen Marsch, und durch eine Aria war er im
Stande sie wieder vollkommen zu besänftigen. Ob er ein Freund von neuen Moden
gewesen, lässt sich nicht gewiss bestimmen, weil er aber am Hofe gelebt hat, so
scheint es, dass er sich auch eben nicht ein altfränkisches Ansehen gegeben.
Obgleich einige vorgeben wollen, er wäre mit dem Zipperlein behaftet gewesen: so
kommt mir dieses doch ganz unglaublich vor, weil ich noch nie einen Menschen
gekennet habe, der davon einigen Anstoss erlitten, wenn er das Pedal fleissig
getreten hat. Dieses mag für dismal genug sein von diesem Ehrenmanne, der unter
die ansehnlichen Mitglieder dieser Akademie gewiss würde sein aufgenommen worden,
wenn er nicht zu frühzeitig aus der Welt hätte wandern müssen. Aus dem
angeführten ist unschwer zu ermessen, dass ein Musikus nichts kleines ist,
sondern dass man ihn vielmehr als ein Wunder der Natur betrachten und in Ehren
halten muss. Es ist zu bedauern, dass nicht alle Leute dieses erkennen, sonst
würden sie nicht gegen einen Musikverständigen so stolz tun. Mancher, der nicht
im Stande ist einen Braten am Spiese herum zu wenden, bildet sich so viel ein,
dass es Rot täte, ein Heufuder wich ihm aus, und gleichwohl nehmen sich solche
Leute immer am ersten die Freiheit, Virtuosen zu beurteilen, sie auszulachen,
uns über sie zu kritisiren. Es ist aber am besten getan, wenn man sich von
diesen Leuten nicht anfechten lässt, und dabei denkt wie Goldschmidts Junge. Das
Reden kann man den Leuten nicht verwehren, auch der geringste Holzhacker redet
oftmals nach seinem Holzhackerverstande, von den wichtigsten Staatsaffairen, dem
ungeachtet verliehren diese dadurch nichts von ihrer Wichtigkeit.
                                     * * *
Die Altertümer in und um Dürrenstein aufgesucht und beschrieben, von Valentin
    Striegeln, Schulmeister daselbst.
Das Alter soll man ehren, dieses ist, hochansehnliche Versammlung, wie ihnen
wohl wird bekannt sein, eine alte Regel und auch eine löbliche und herrliche
Gewohnheit, die aber, leider, nicht allezeit beobachtet, sondern vielmehr von
der mutwilligen Jugend aus den Augen gesetzt und verachtet wird. Leute die es
besser verstehen, haben diese Vorschrift beständig vor Augen, sie ehren nicht
nur die Alten, sondern auch alles was alt ist, oder doch von den lieben Alten
herstammt. Meine selige Grossmutter hatte noch eine Patrontasche aus dem
dreissigjährigen Kriege, die ein Soldat, der bei ihr im Quartier gelegen,
vergessen hatte, diese hielt sie in solchen Ehren, dass sie keinem andern
Behältnis als dieser ihr altes Geld anvertrauen wollte, und in der Erbschaft ist
darüber ein solcher Streit entstanden, dass der Prozess viele Jahre gedauert hat,
nachdem aber Richter und Advocaten sich in das alte Geld, das in solcher
gewesen, ganz friedlich geteilet, ist die leere Patrontasche bei der Familie
geblieben, wie denn solche noch bei mir als eine Seltenheit zu sehen ist. Das
Alter ist klüger als die Jugend, es ist ehrwürdiger, ja es ist überhaupt
vollkommener, als das, was noch jung ist, oder doch noch nicht lange gedauret
hat, aus dieser Ursache muss es also billig höher geschätzt werden, als die
Jugend. Man sieht unter andern dieses auch an dem alten Gelde, solches stehet
in viel grösserm Wert als das neue; der alte Wein wird jederzeit dem jungen
vorgezogen; die alte Liebe rostet nicht, nach dem bekannten Sprichworte, das
ist, sie verlöscht niemals ganz und gar, sondern glimmet immer fort wie das
Feuer unter der Asche. Weil nun das Alter so ehrwürdig ist, so darf es niemanden
verdacht werden, wenn man diejenigen Dinge, welche alt sind, und von unsern
Vorfahren herstammen, besonders hochschätzt, sie oft betrachtet, und ihr
Andenken zu erhalten suchet. Da nun das hochadliche Gerichtsdorf Dürrenstein,
einen besondern reichen Schatz von alten Ueberbleibseln und merkwürdigen Dingen
aufzuweisen hat: so habe ich mir keine Mühe verdrüssen lassen, von allen diesen
Dingen genaue Erkundigung einzuziehen, um mich um diesen Ort, wo ich geboren
bin, und woselbst meine Vorfahren, seit der allgemeinen Völkerwanderung,
gewohnet haben, einiger massen verdient zu machen.
    Billig sollte ich meine Untersuchung von der Kirche anfangen, da aber diese
bei Menschengedenken, durch eine Feuersbrunst ist verzehret worden, und noch bis
jetzo keine neue hat können erbauet werden, so ist von derselben nichts
merkwürdiges übrig geblieben, das unter die Antiquitäten könnte gezählet werden,
als das Kirchenbuch, welches, dem äusserlichen Ansehen nach, sehr alt ist, doch
lässt sich das Jahr, in welchem solches in die Kirche ist gebracht worden, nicht
bestimmen, denn die ersten Blätter sind herausgerissen, und die darauf folgenden
sind, weil meine Vorfahren die Herren Schulmeister, vermutlich oft zum
Zeitvertreibe darin studiret haben, dergestalt makuliret, dass man nur mit
grosser Mühe ein und das andere Wort noch lesen kann. Uebrigens sieht man
daraus, dass Kargfeld schon ehemals gelehrte Schulmeister gehabt; denn einer, der
ungefehr vor hundert und mehr Jahren mag gelebt haben, hat alles, was sich in
dem Dorfe merkwürdiges begeben, nicht nur fleissig eingetragen, sondern auch
gelehrte Anmerkungen, Randglösslein und Verse hinzugesetzt, wie aus folgenden
Beispiel zu ersehen. Den 20. Nov. das Jahr ist nicht hinzugefügt, wurde der
grobe Flegel, Steffen der Schmidt, mit einer Leichenpredigt beerdiget. Hierbei
sind folgende Verse am Rande zu lesen:
Hier liegt der Schmidt zu meiner Freud,
In dieser kleinen Grube.
Macht mir so manches Herzeleid,
Der arge böse Bube.
Tät einst mit einem eisern Stab
Viel Streiche auf mich führen.
Nun da er lieget in den Grab
Kann er kein Glied mehr rühren.
    Ein anders. Den 12 August liess Hanns Höniger, sonst vermutlich Waldesel
genannt, sein Söhnlein Hännsgen taufen, hatte ein loses Maul, dass ich dem grossen
Herrn die Kirche nicht gleich eröffnet, wie er es haben wollen. Am Rande ist
folgendes Glösslein zu lesen. Damit nicht jemand denkt, ich hätte diesem Manne
obigen Namen aus Feindschaft aufgebürdet, so will ich beweisen, dass seine
Vorfahren so geheissen haben. Sein Vater ist Torschreiber gewesen, sein
Grossvater ein Advocat, sein Urgrossvater ein Arzt, er stammt also aus einer
gelehrten Familie. Da es nun sonst gebräuchlich gewesen, dass diese sich
lateinische Namen gegeben, so haben es die Vorfahren dieses Mannes vermutlich
auch so gemacht, sie hiessen Waldesel und nennten sich lateinisch Onager, welches
in der geschwinden Aussprache onger gleichsam oniger geklungen hat, hierzu ist
mit der Zeit noch ein H gesetzt, und das o Wohlklangshalber, in ö verwandelt
worden, da habt ihr Höniger aus Onager ohne Schwürigkeit. Ich wende mich von
diesem Buche zur Schulwohnung, welche nicht mit abgebrannt, und das älteste Haus
im Dorfe ist, so voller Antiquitäten steckt dass das ganze Gebäude als ein
Ueberbleibsel aus dem Altertum angesehen werden kann, besonders da seit
Menschengedenken nichts daran ist gebauet und gebessert worden, dass zu besorgen
ist, es werde einmal unversehens über Haufen fallen, und die Hoffnungsvolle
liebe Schuljugend, nebst allen übrigen Menschen und Vieh, so darin sind,
lebendig begraben. In diesem Schulhause ist noch bei Lebzeiten meines Vaters
eine gebrochene Tür gewesen, welche die Eigenschaft an sich gehabt, dass sich an
solcher eine Art von Gespenstern frühe am Neujahrstage, wenn zum erstenmal in
die Kirche geläutet worden, in Gestalt der Personen, welche das Jahr über
gestorben sind, haben blicken lassen, welche über die untere Hälfte der Tür
hinein in das Haus gesehen haben, und alsbald darauf verschwunden sind. Hieraus
haben die Schulmeister sogleich, einen Ueberschlag machen können, ob das Jahr
fett oder mager an Accidenzien sein werde. Doch seitdem diese Tür Anno Neune
durch einen gewaltigen Sturmwind eingeworfen worden, und eine neue an deren
Stelle kommen ist, will sich heut zu Tage Niemand mehr daran sehen lassen. An
dem alten Kirchturm soll ein Schallloch gewesen sein, wo man, wenn man den Kopf
hindurch gesteckt, alles hören können, was im ganzen Dorfe ist gesprochen
worden, wenn die Leute auch gleich heimlich mit einander geredet haben, aber
dieses Schallloch ist eben so wohl als der Turm mit verbrannt. Der Wetterhahn
auf den Turme ist so künstlich zugerichtet gewesen, dass er allezeit gekrähet
hat, wenn der Schulmeister oder Schulze habe sterben wollen, oder wenn ein
andres grosses Unglück den Ort bevorgestanden hat. In der Nacht vorher, ehe das
Feuer ausgebrochen, hat er auch dreimal laut gekrähet, dass er von vielen Leuten
ist gehöret worden. Vor dem Dorfe auf dem Wege nach Kargfeld, rechter Hand
stehen drei steinerne Kreuze, und man ist nicht einig, was sie eigentlich
bedeuten sollen, einige sagen, es wäre im dreissigjährigen Kriege eine Schlacht
bei Dürrenstein gehalten werden, in welcher drei grosse Generals geblieben, die
an dem Orte wo die Creuze stünden, wären beerdiget worden, andere sagen, diese
Creuze wären in einer Nacht einmal aus der Erde gewachsen, wie die Schwämme,
worauf der dreissigjährige Krieg alsdenn entstanden wäre. Einige schreiben
denenselben allerlei Kräfte zu. Wer zu dreimal dreienmalen um solche herumlaufen
kann, und zwar in einem Oten, der soll einen grossen Schatz heben, der, wie man
sagt, darunter verbogen liegt. Wer zornig ist und über den grössten von diesen
Steinen zwölf mal wegspringt, dem soll die Bosheit vergehen, etliche Innwohner
probiren dieses auch mit ihren bösen Frauen, und nötigen sie darüber zu
springen, so oft sie vorbei gehen, wovon sie unvergleichlich fromm werden
sollen. Zwischen Dürenstein und Schöntal auf halben Wege stehet der sogenannte
Wunderbaum, welcher von einem unglücklichen Prinzen, der seine Liebste, die eine
verwünschte Prinzessin gewesen, hier wieder angetroffen hat, und zum Andenken von
ihm hieher soll sein gepflanzet worden. Die Rede geht, dass er, anstatt der
Birnen, einmal Aepfel tragen würde, und alsdenn würden die Weiber in der ganzen
Welt einen grässlichen Aufstand erregen, um sich die Männer untertänig zu
machen. Bei diesem Baume würde eine grosse Schlacht gehalten werden, und obgleich
die Weiber unterliegen würden, so sollten sie doch die Herrschaft erhalten.
Einige sagen, die Prophezeihung wäre schon erfüllt, andere, sonderlich Weiber,
hoffen noch darauf, und meinen, die Prophezeihung müsste nun bald eintreffen,
weil der Baum, wegen grossen Alters, nicht lange mehr stehen könnte. Baldrion,
der Wagner hat eine seltsame Antiquität in seinem Hause, die er vorzeigt, wenn
man ihm ein gut Wort gibt oder etwas zum Brandeweine spendiret. Es ist solches
ein Nagel, womit sein Grossvater die Pest, welche damals in sichtbarer Gestalt
als ein blauer Dunst im Dorfe herumgegangen, in einer Kammer seines Hauses in
einen kleinen Spalt eingenagelt hat, dass sie nicht wieder herauskann. Der Nagel
steckt noch in der Wand, und habe ich solchen oftmals gesehen. Desgleichen wird
in der Gemeinenlade noch ein Pfefferkuchen gewiesen, der von dem Mehle gebacken
ist, dergleichen es vorzeiten einmal hier geregnet hat. Da sich auch einen als
sehr viele Wölfe in hiesiger Gegend haben sehen lassen, welche in den
Schäfereien grossen Schaden getan, sonderlich auch den jungen Mädchens
nachgeschlichen, solche geherzt und gedrückt, aber ihnen sonst kein Leid
zugefüget: so hat ein Mädchen aus unserm Dorfe einem solchen Wolfe einsmals ein
Ohr abgeschnitten, welches sich hernach in ein Menschenohr verwandelt hat, wie
diese Geschichte in der Gemeindestube abgemahlt noch auf den heutigen Tag zu
sehen ist. Eben daselbst in der Gemeinenlade finden sich auch einige Steine, mit
welchen der Kobold, der in dem Gemeinde-Brauhause seine Wohnung vor Zeiten
aufgeschlagen gehabt, nach den vorübergehenden Leuten geworfen, auch den dasigen
Schulmeister, welcher mit Segensprechen ihn hat vertreiben wollen, eine solche
Kopfnuss versetzet, dass er in einem Backtroge hat müssen nach Hause getragen
werden. Auch könnte man mit unter die Altertümer zählen den üblen Geruch, der
in der grossen Stube in Peter Langhansens Hause anzutreffen ist. Die Ursache
davon ist diese: es waren einmal in dieser Stube in der Osternacht ein Haufen
junger Leute, die früh morgens wollten die Sonne tanzen sehen. Um Mitternacht
kam der Böse mit seinem Pferdefusse und langen Schwanze unter sie getreten, und
fragte, was sie da machten, als sie sich nun fürchteten, und über diesen
hässlichen Anblick sich kreuzigten und segneten, ist er zwar bald wieder
verschwunden, hat aber einen solchen Gestank hinterlassen, der noch immer nicht
aus der Stube kann vertrieben werden, ob man schon mehr als einen Malter
Wacholdern darüber verräuchert hat. Die Reisenden und Antiquarii pflegen sich
aus Curiosität allezeit dahin zu verfügen, um von der Gewissheit dieser Sache
Erkundigung einzuziehen, und bezeugen einmütig, dass sich alles in der Tat so
befinde, und diese Historie keinesweges unter die Mährgen gehöret. Wenn ich
weitläuftig sein wollte, so könnte ich nun zu den lebendigen Antiquitäten
schreiten, und die alten Greisse beiderlei Geschlechts, welche in unserm Orte
ziemlich zahlreich anzutreffen sind, nach einander beschreiben. Weil dieses aber
auch zu einer andern Zeit geschehen kann, so will ich es jetzo unterlassen, und
nur überhaupt anmerken, dass manche grosse Stadt nicht so viele alte Leute
aufzuweisen hat, als unser Dorf. Deswegen stehet auch eine ehrbare Gemeinde in
dem Rufe der Klugheit, wie denn andere Örter, die grösser und ansehnlicher
sind, wenn schwere und wichtige Händel vorfallen, bei uns sich Rats zu erholen
pflegen. Auch verstehen sich unsere Leute meisterlich aufs Wetter, weil wir so
viel hundertjährige Calender aufzuweisen haben. Unser Dürrenstein hat seit
undenklichen Jahren, in Ansehung der Gerichtsbarkeit, zu der Familie unsers
gestrengen Junkers des Herrn von N. gehört, und sich dabei ziemlich wohl
befunden. Wir wünschen dahero nichts mehr, als eine rechtmässige Vermehrung und
Fortpflanzung dieser adlichen Familie, von welcher unser gestrenger Junker der
letzte Zweig ist. Deswegen wünschen wir ihm nicht nur eine junge Gemahlin,
sondern hoffen auch, bei unsern Lebzeiten in diesem ehelichen Lustgarten so
viele Sprösslein zu erblicken, als unser Dorf Altertümer aufzuweisen hat.
 
                                  XIX. Brief.
                   Herr Lampert Wilibald an den Pastor Loci.
                                                           Vom Hause, den 8 Dec.
        Hochgeehrtester Herr Pastor,
Es ist eine Sache von äusserster Wichtigkeit, die mich nötiget, die Feder zu
ergreifen, und Ihnen das schriftlich zu entdecken, was meine Bescheidenheit
mündlich zu tun verbietet. Der Buchstabe wird nicht schamrot, nach dem
Ausdrucke des Fürstens der Redner und Briefsteller aus dem Altertume, ich aber
würde es werden, wenn ich Ihnen das mündlich, sagen sollte, was Sie schon lange
wissen. Die verborgene Flamme, welche bisher nur unter der Asche geglimmet, und
die Sie selbst weislich unterhalten haben, fängt nun an lichterloh zu brennen,
und da ich in Gefahr stehe, davon verzehret zu werden, so rufe ich Sie um Hülfe
an; denn Sie alleine sind im Stande, mich von dem Untergang zu befreien, der
mich zu bedrohen scheinet. Ihnen ist die Neigung, die ich jederzeit gegen Dero
wohlgezogene Jungfer Tochter gespühret habe, zur Gnüge bekannt. Es ist Ihnen
nicht unangenehm gewesen, wenn ich Ihnen verblümt habe zu verstehen gegeben, dass
ich wünschte in Ihnen einen Papa zu verehren. Jetzt ist es einmal Zeit, dass ich
dieses Geständnis, dass ich Jungfer Hannchen liebe, und keine andere, als sie,
jemals für meine Gattin erkennen werde, mit klaren dürren Worten tue, die
keiner Verdrehung unterworfen sind. Ich würde mit dieser Erklärung noch eine
Zeitlang hinter dem Berge gehalten haben, wenn eine gewisse Figur eines
Rechtsgelehrten, der immer um die Pfarre herum schwärmet, mir nicht einige
Unruhe machte, dass ich mich also genötiget sehe, Ihnen diese categorische
Erklärung zu tun, dass ich Ihre Jungfer Tochter liebe, und mir hierauf eine
categorische Antwort ausbitte. Ich sage Ihnen nichts neues, ehemals, da Jungfer
Hannchen noch bei mir in die Schule ging, unterredeten wir uns bereits davon.
Sie nahmen meinen Antrag zwar nur als einen Scherz an, und dachten nicht, dass
ich als ein Philosoph in die Zukunft einen Blick werfen, und darin mein
Schicksal lesen könnte. Ich wendete allen möglichen Fleis bei diesem schönen
Kinde an, um ihr die Grundsätze, welche man von einer tugendhaften Frau
verlanget, wohl einzuprägen, damit ich dereinst durch ihren Besitz mich für den
glücklichsten Mann auf der Erden schätzen könnte. Aus dieser Ursache wollte ich
auch nie einiges Lehrgeld von Ihnen annehmen, weil ich mir feste vorgenommen
hatte, diese Rahel Ihnen selbst abzuverdienen. Da Jungfer Hannchen die Jahre
erreicht hatte, die sie meinem Unterrichte entzogen, unterliess ich nicht, meine
Dienstleistungen gegen Sie zu verdoppeln. Wenn Ihre podagrischen Zufälle Sie
abhielten, Ihr Amt zu verrichten: so war ich immer bereit, Sie zu unterstützen,
und seitdem Sie diese Bereitwilligkeit bei mir bemerkten, wurden Sie das Podagra
fast niemals los. Endlich glaubte ich berechtiget zu sein, mir wenigstens einige
Hoffnung für meine Bemühungen machen zu dürfen, und nahm mir die Freiheit, Ihnen
den Vorschlag zu tun, mich bei Ihrem herannahenden Alter zu Ihrem Amtsgehülfen
annehmen zu lassen. Weil Sie mir aber sagten, dass es damit noch Zeit hätte, und
dass Ihnen der blosse Name eines Substituten unerträglicher ins Gehör fiele, als
der ärgste Fluch, weil Sie eine solche Antipatie gegen diese Art Leute bei sich
verspürten, dass Sie allezeit einen podagrischen Anfall bekämen, wenn sich einer
von dieser Gattung Leute vor Ihnen blicken liess; so gedachte ich von diesem
Vorhaben gegen Sie weiter nichts, und begnügte mich an Ihrer blossen Freundschaft
und an dem Zutritte, den Sie mir in Ihr Haus verstatteten. Seitdem aber mein
Principal auf meine geschehene Vorstellung gut befunden, so wohl an seiner
Person als auch in seinem Hause verschiedene Veränderungen vorzunehmen, so haben
Sie diese für lauter Ketzereien gehalten, und ein besonderes mürrisches Betragen
gegen mich beobachtet, dass ich glaube, wenn Sie ein Ketzerlexicon schrieben, so
würde ich darinnen gewiss einen Platz bekommen. Doch weil ich Ihren wunderlichen
Sinn mehr dem Alter als einem Hasse gegen meine Person beimass, so ertrug ich
alles mit einer mehr als stoischen Gelassenheit, denn Sie gaben mir doch dann
und wann wieder einen freundlichen Blick, wenn ich Ihnen Ihr Amt erleichtern
half. Unterdessen habe ich seit einiger Zeit wahrgenommen, dass Jungfer
Hannschen, wenn ich Sie besuche, so bald Sie ihr nur einen Wink mit den Augen
geben, sich aus der Gesellschaft schleicht, oder wenn sie auch da bleibt, so
präsentiret sie mir nicht mehr einen Fidibus, zum Zeichen, dass ich die Erlaubnis
habe, in ihrer Gegenwart eine Pfeife Toback anzustecken; ja was das meiste, so
hat sie seit einiger Zeit die Gewohnheit, unter meinen Predigten einzuschlafen,
oder gar nicht in die Kirche zu kommen. Sie will auch keinen Spass mehr von mir
vertragen, und meine lustigen Einfälle, die ich dann und wann habe, wenn ich auf
guter Laune bin, werden von ihr nicht mehr belacht, oder wenn sie ihnen den
Beifall nicht versagen kann, so nimmt sie eine so gezwungene lächelnde Mine an,
dass ich daraus deutlich abnehmen kann, dass ihre Gesinnungen gegen mich die sind,
die sie ehmals waren. Aus allen diesen Umständen kann ich für mich eben nichts
vorteilhaftes schliessen, und diese Dinge befremden mich um so mehr, je weniger
ich mir etwas vorzuwerfen habe, dadurch ich eine Kaltsinnigkeit verdienet hätte.
Da Sie mir nun niemals verboten haben, Ihre Jungfer Tochter zu lieben, so mache
ich daraus den sichern Schluss, dass ich hierzu Ihre Einwilligung erhalten habe,
denn qui tacet, consentire videtur, ja Sie haben mich einmal öffentlich auf dem
Schloss allhier, da Sie den Wein mit ausproben halfen, den die fremden Truppen
bei ihrer Retirade im Stiche gelassen, mit dem Namen eines Sohnes beehret. Sie
werden sich noch zu erinnern belieben, dass Sie einmal sagten: Herr Sohn, wir
tun des guten zu viel, ein andermal ein mehreres; ich habe zur Gnüge, lieber
Herr Sohn. Solche günstige Adspecten, verliehre ich nicht gern aus dem Gesichte,
und trug dahero dieses schmeichelhafte Compliment sogleich in mein Diarium ein.
Nun hoffe ich zwar nicht, dass Sie Ihre Neigung von mir abgewendet haben, allein
da mir seit einiger Zeit eines und das andere zu Ohren kommen ist, dass ich mich
weder in Sie noch Dero Jungfer Tochter zu finden weiss; so habe ich nötig
gefunden alles, was in dieser Sache unter uns vorgegangen, durch eine kurze
Wiederholung Ihnen wieder ins Gedächtnis zu bringen, damit, wenn missgünstige
Leute Sie bereden wollten, auf die Hinterbeine zu treten, wie man zu sagen
pflegt, Sie sich eines bessern besinnen, und mir Ihr Wort halten, widrigenfalls
würden Sie einen schweren und langwierigen Prozess mit mir bekommen, welchem Sie
doch grämer sind als einem Substituten. Aus dieser Absicht, und damit ich weiss,
wie ich meine Massregeln einzurichten habe, will ich hierdurch in optima forma
um Ihre Jungfer Tochter nochmals anhalten, und versehe mich bald einer
schriftlichen oder mündlichen Antwort, die, wie ich hoffe, mein Gemüt, das
durch allerlei Gerüchte aus dem Gleichgewichte ist gebracht worden, wiederum
beruhigen werde. Ich tue Ihnen zugleich nochmals den Vorschlag, mich zu Ihren
Amtsgehülfen anzunehmen, und damit Sie sehen, dass mich nicht der Eigennutz
hierzu antreibt, so will ich hiermit Verzicht auf alle Pfarreinkünfte tun, so
lange Sie am Leben sind, welches der Himmel noch lange bewahren wolle. Mein
Principal ist entschlossen, mir die Function, worinnen ich gegenwärtig stehe, zu
lassen, folglich kann ich mich wohl ernähren. Hannchen wird als meine Frau Ihnen
nicht einen Heller mehr Aufwand machen, als jetzo, da sie Ihre Jungfer Tochter
ist, sie bleibet an Ihrem Brode und führet Ihr Hauswesen. Wegen der zu hoffenden
Posterität dürfen Sie sich keine Sorge machen, ehe es so weit kommt, kann sich
vieles ändern, findet sich indessen das Häsgen, so findet sich auch das Gräsgen.
Ich getraue mir übrigens die Pflichten eines Amtsgehülfen von Ihnen, eines
Haushofmeisters und eines Hausvaters ganz commod, und ohne dass eine der andern
Eintrag tut, zu erfüllen. Dass die von den beiden ersten Gattungen sich wohl mit
einander vereinigen lassen, davon habe ich Ihnen schon gnug Beweise gegeben, und
mit der letztern hat es ohnedem keine Schwürigkeit. Machen Sie mich durch eine
Antwort nach meinem Wunsche so vergnügt, als ich Ihre Jungfer Tochter für die
übrige Zeit ihres Lebens vergnügt zu machen gedenke, und geben Sie mir die
Erlaubnis, dass ich mich in der Tat nennen darf
                                     Ihren
                                                                 gehorsamen Sohn
                                                                          M.L.W.
 
                                   XX. Brief.
               Herr Wendelin der Aeltere an Herrn L. Wilibald M.
                                                            Vom Hause den 8 Dec.
Als einsmals der grosse Alexander mit dem Darius, Könige in Persien, Krieg
führte, schickte der letztere dem ersten einen Beutel mit Mohnsaamen, und liess
ihm sagen: Siehe, so viel streitbare Männer kann ich gegen dich ins Feld führen,
als du hier Mohnkörnlein vor dir siehst. Alexander nahm eine Handvoll in den
Mund, und indem er sie verzehrte, sagte er: Die Anzahl ist gross, aber die Kraft
ist geringe. Hierauf schickte er dem Darius einen Beutel voll Pfefferkörner zur
Vergeltung seines Geschenkes, und liess ihm sagen: Versuche diese, die Anzahl ist
geringe, aber die Kraft ist desto grösser. Sie kommen mir vor, wie der Darius,
Sie schütten einen ganzen Sack voll Dienstleistungen und Gefälligkeiten vor mir
aus, die Sie mir wollen erwiesen haben. Ich kann nicht in Abrede sein, dass nach
Ihrer Rechnung eine grosse Anzahl herauskommt, doch die Erheblichkeit davon ist
nicht grösser als die Kraft des Mohnsaamens. Wenn ich mit Ihnen eine Abrechnung
halten wollte, so könnte ich die Gefälligkeiten, die ich Ihnen erwiesen habe,
von vielen Jahren her erzählen, und Ihren kleinen Dienstleistungen, die Sie mir
wollen erwiesen haben, entgegen stellen. Sind jene an der Zahl nicht so gross, so
sind sie es in Ansehung der Wichtigkeit, dass ich sie wohl mit den Pfefferkörnern
des Alexanders vergleichen kann. Legen Sie einige Proben meiner Gewogenheit auf
die Zunge einer gesunden Prüfung, um ihnen einen Geschmack abzugewinnen, so
werden Sie finden, dass sie kräftiger und vortrefflicher sind, als alle Ihre
kleinen Bemühungen für mich, die Sie grösstenteils freiwillig übernommen haben,
und dafür ich Ihnen nur aus Höflichkeit bin verbunden gewesen. Ich sehe dahero
gar nicht ein, aus was für einem Grunde Sie eine Belohnung verlangen, wie der
Erzvater Jacob; Sie haben mir meine Rahel noch lange nicht abverdienet und
werden sie auch ihr Tage nicht verdienen. Nehmen Sie nicht übel, dass ich dieses
rund heraus sage, ich bin nicht fähig mich zu verstellen, ich rede so wie ich es
meine. Zwar kann ich nicht umhin, die christliche Absicht die Sie gegen meine
Tochter hegen, mit Danke zu erkennen, und ich wollte wünschen, dass ich mich im
Stande sähe, Ihnen zu willfahren; allein da Sie jetzt noch keine Versorgung
haben, denn was Ihren Vorschlag betrifft, sich mir substituiren zu lassen, so
heisst es damit, wie gebeten, abgeschlagen; da auch über dieses meine Tochter zu
Ihnen keine besondere Neigung spühret, ob sie Sie gleich übrigens in Ihren
Würden lässt; hiernächst sehr gefährlich scheinet, wenn ich einem Menschen mein
Kind anvertrauen wollte, der die gefährlichsten und irrigsten Grundsätze heget,
wodurch ein schwaches Werkzeug leichtlich kann verführet werden: so können Sie
leicht selbst den Schluss machen, dass wir wohl nie genauer werden vereiniget
werden, als durch das Band der Freundschaft, wenn dieses noch bei Ihren
Grundsätzen länger bestehen kann. Mein unmassgeblicher Rat wäre also dieser, sie
sähen sich nach einer andern Partie um, oder verbanneten noch so lange die
Heiratsgedanken aus Ihrem Gemute, bis Sie eine Frau ernähren könnten.
    Einigermassen finde ich mich von Ihnen beleidiget, dass Sie mir meine Tochter
abdringen wollen, wenn Sie mir unter die Augen sagen, dass Sie bereits meinen
väterlichen Consens, sie zu heiraten, stillschweigend erhalten hätten. Sie
missdeuten ein unschuldiges Wort, das Sie einmal von mir aufgefangen haben, und
ziehen daraus einen höchstirrigen Schluss. Ich will nicht in Abrede sein, dass ich
Ihnen einmal den Namen eines Sohnes beigelegt habe, wiewohl ich mich dessen
nicht erinnere: Ich habe es aber nicht in der Absicht getan, wie Sie sich
einbilden. Habe ich Sie so genennet, so ist dieses in Ansehung meines Alters
geschehen, das mich berechtiget, Sie, der Sie jünger sind als ich, eher einen
Sohn als Bruder zu nennen, und dadurch habe ich Ihnen nur meine Freundschaft
bezeigen wollen. Damit Sie sehen, dass aus diesem Worte gar nichts zu machen ist,
so will ich Ihnen nur das rechte Verständnis eröffnen. Wenn ich Sie meinen Sohn
nenne, so betrachte ich Sie allezeit als meinen Beichtsohn, und in diesem
Verstande nenne ich auch den Schäfer und den Nachtwächter meinen Sohn. Gesetzt,
aber nicht zugegeben, dass ich einmal nicht abgeneigt gewesen wäre, Sie zu meinem
Eidam anzunehmen, so waren Sie damals noch nicht von dem schädlichen und
gefährlichen Gifte der Irrtümer, die Sie jetzt öffentlich verteidigen,
angesteckt, wenigstens brauchten Sie mehrere Vorsichtigkeit, Ihre gefährlichen
Meinungen zu verbergen. Weil ich Ihnen nichts böses zutraute, so verstattete ich
Ihnen dann und wann, zu Ihrer eignen Uebung eine Predigt abzulegen, und diese
Gefälligkeit, die ich Ihnen hierinne erwies, rücken Sie mir nun mit Unrecht als
eine grosse Dienstleistung auf. Wenn ich gewusst hätte, was in Ihrem Herzen
verborgen war, so hätte ich Sie niemals die Canzel betreten lassen, noch
vielweniger würde ich die teuren Pfänder meiner Ehe Ihrem Unterrichte
anvertrauet haben. Meinen Sohn haben Sie völlig verdorben, er disputirt mit mir
oftmals von Dingen, die gar nicht in seinen Kram gehören, und wenn ich ihn
frage, wo er die verdammten ketzerischen Argumente her hat, die er mir vorleget,
so gibt er zwar vor, dass er diese schönen Sächelgen auf der Universität
gelernet habe: aber ich weiss es besser, von Ihnen kommt dieser Unrat. Unsere
Universitäten sind, Gott Lob, noch nicht so verderbt, wie es ehemals die hohe
Schule zu Paris war, wo der Satan in eigener Person soll gelehret haben.
Wenigstens kann ich mir nicht einbilden, dass heutiges Tages solche Dinge auf
hohen Schulen gelehret werden, wie Ihnen im Kopfe stecken. Halten Sie mir diesen
Eifer zu gute, es ist ein gerechter Amtseifer. Meinem Mädchen haben Sie auch,
wie ich jetzt inne werde, verschiedene seltsame Dinge in den Kopf gesetzt, dass
ich das Unkraut, das Sie gesäet haben, nun mit vieler Mühe wieder ausrotten muss.
Sie hat sich noch niemals unterstanden sich mir zu opponiren, aber jetzt tut
sie es auch wie ihr Bruder. Da ich neulich das gottlose Buch, wodurch unser Herr
Kirchpatron eben so wie Sie in viele gefährliche Irrtümer ist gestürzet worden,
bei ihr gewahr wurde und mit Recht vermutete, dass sie leichtlich mit dem
pestilenzialischen Gifte der Neuerungen und Torheiten, wozu dieses Buch
verführet, könnte angestecket werden, so wollte ich ihr solches nehmen und in
den Ofen schmeissen. Sie unterstund sich aber, nicht nur mich davon abzuhalten
und sich meinem Vorhaben zu widersetzen, sondern hatte auch die Verwegenheit,
die Lehrsätze und den Innhalt desselben zu verteidigen, ja mir sogar
zuzumuten, ich sollte die Skarteque, die so vieles Unglück in hiesigem Orte und
besonders auf dem Edelhofe angerichtet hat, selbst lesen. Ich bezeigte ihr aber
über diese Zumutung einen solchen Eifer und erklärte ihr das vierte Gebot so
scharf, dass sie sich seitdem nicht unterstanden hat, wieder einen Blick in das
leichtfertige Buch zu tun. Urteilen Sie hieraus selbst, ob ich Ihnen so grossen
Dank schuldig bin als Sie glauben, und ob Sie eine solche Belohnung, welche Sie
von mir verlangen, verdienet haben oder jemals verdienen können. Meine Kinder
haben Sie mit Irrtümern angefüllet, und ich bin froh, dass ich zu rechter Zeit
hinter Ihre Schliche gekommen bin, damit Sie nicht noch die ganze Gemeinde
verführen. Nach Ihrem bisherigen Betragen, wenn Sie auch entschlossen wären Ihre
Aufführung zu ändern, werde ich Ihnen nie auf eine andere Art den Namen eines
Sohnes erteilen können, als wie Sie ihn bereits erhalten haben. Meine Tochter
ist nicht für Sie und Sie nicht für meine Tochter, ich wiederhole dieses
nochmals. Mit dieser Antwort beruhigen Sie Sich, ohne weiter in mich zu dringen,
ich sage es Ihnen zum Voraus, dass alle Ihre weitern Bemühungen werden, fruchtloss
sein. Gedenken Sie indessen eine Anforderung an mich zu haben, die gerecht und
billig ist, so kommen Sie zu mir, wir wollen unsere Rechnungen gegen einander
machen und zusehen, wer dem andern herausgeben muss.
    Weil ich doch einmal die Feder ergriffen habe, so will ich dieser
Gelegenheit mich bedienen, Ihnen im Vertrauen zu entdecken, dass Sie Sich und
Ihrem Patron keine Ehre durch die Neuerungen machen, die Sie seit einiger Zeit
hier angefangen haben. Sie dienen jedermann zum Gelächter, und die Leute weisen
mit Fingern auf Sie. Neulich kamen ein paar Reisende zu mir, die mit Fleiss durch
hiesigen Ort ihren Weg genommen hatten, um, wie sie sagten, den seltsamen
Magister zu sehen, der sich durch allerlei lächerliche Possen so hervor täte,
dass man von ihm in der ganzen Gegend spräche. Ein guter Freund von mir, der sich
auf der Akademie aufhält, wo sie promoviret haben, berichtete mir neulich, dass
die philosophische Facultät Ihnen den Gradum nebst dem Magisterringe, den Sie
mit so vielen Stolze am Finger führen, wieder abzufordern im Begriff wäre. Ich
kann Ihnen nicht verhalten, dass Sie diese Beschimpfung wohl verdienten.
Gewissenswegen rufe ich Ihnen zu: Lassen Sie ab von den Neuerungen, die nur
Schaden anrichten und unsere Gemeinde verwirren. Sie haben bisher viel böse
Taten ausgeführt: unsern Kirchturm haben Sie um eine Glocke gebracht; den
Schulmeister bei Ihrem Patron so eingeschwärzt, dass der arme Mann bald einmal
Prügel bekommen hätte, welches er mir mit Tränen geklagt. Der Gemeinde haben
Sie viele neue Fröhnen aufgebürdet, der Bader hat Ihretwegen ins Loch kriechen
sollen, jetzt martern Sie die armen Schuldiener in der Nachbarschaft, dass sie
wöchentlich einen beschwerlichen Weg tun müssen, dabei bilden Sie ihnen
wunderliche Dinge und einen seltsamen Stolz ein, dass sie sich gegen ihre
Pfarrherren auflehnen und nicht mehr Gehorsam leisten wollen. Mit einem Worte,
Sie fangen so viel Unheil an, und ich muss täglich so viel Klagen über Sie hören,
dass, wenn dem Unwesen nicht bald gesteuret wird, der gänzliche Ruin unsrer
Gemeinde dadurch zu befürchten stehet. Ich will zwar von Ihnen nach der
christlichen Liebe das beste hoffen, und zweifle noch nicht an Ihrer Besserung;
aber ich kann nicht umhin, Ihnen die Gedanken zu eröffnen, worinne ich stehe,
dass Sie vielleicht gar unter dem Scheine, einige unwissende Leute gelehrt zu
machen, eine alte Ketzerei, wovon Sie, wie es scheinet, vollstecken, unter
diesen einfältigen Leuten aufwärmen wollen. Ich warne Sie als ein guter Freund,
von diesem bösen Vorhaben abzustehen, oder ich kann Ihnen nicht gut dafür sein,
dass Sie sich durch solche gefährliche und weitaussehende Dinge viel Verdruss und
Unheil zuziehen werden. Der ich übrigens, wenn Sie angeloben, sich zu bessern,
verharre
                                      Ihr
                                                             aufrichtiger Freund
                                                                   Wendelin P.L.
 
                                  XXI. Brief.
                        L. Wilibald an Jungfer Hannchen.
                                                                     den 10 Dec.
        Meine Schöne,
Ob ich gleich noch nicht so glücklich bin, Sie zu besitzen, so nenne ich Sie
doch, in guter Hoffnung, die meinige. Ich zweifle nicht, dass Sie für Ihren
demütigen Verehrer noch immer die Gewogenheit haben, die Sie jederzeit gegen
mich haben spüren lassen, wenn gleich ein grausames Schicksal, welches mich
verfolgt, Sie mir zu entziehen drohet. Ich habe es Ihnen mehr als einmal zu
verstehen gegeben, dass ich Sie allen möglichen und allen wirklichen
Frauenzimmern auf der ganzen Welt vorziehe, und ob Sie gleich, nach Ihrer
Schamhaftigkeit sich immer gestellet haben, als wenn Sie meine Sprache nicht
verstünden: so bin ich doch jederzeit scharfsinnig gnug gewesen, einzusehen, dass
Ihre liebenswürdige Unwissenheit, die Sie annahmen, nichts anders als eine
Verstellung war. Wäre ich Ihnen missfällig gewesen, so hätten Sie gewiss nicht
Stand gehalten, wenn ich Ihnen unter dieser oder jener Einkleidung meine Neigung
zu verstehen gab. Sowohl das Stilleschweigen Ihres Herrn Vaters als Ihr eigenes,
gab mir zu verstehen, dass ich solches zu meinem Vorteil auszulegen hätte, ich
habe dieses nach den Regeln einer gesunden Erklärungskunst getan, und habe mich
nicht getäuschet. Ich erwarte nur einen günstigen podagrischen Anfall Ihres
Herrn Vaters, der ihn, nach meiner Vermutung, zu der Entschliessung bringen
würde, mich zu seinen Substituten und zu Ihrem ehelichen Gehülfen anzunehmen;
allein da dieser gewünschte Zufall sich nicht nach Wunsche hat ereignen wollen,
so scheint mein Unstern das Glück, welches ich in kurzer Zeit zu besitzen
hoffte, mir aus den Händen winden zu wollen. Ich habe in Erfahrung gebracht, dass
der Hochadliche Gerichtshalter zu Schöntal, nicht nur lange ein Auge auf Sie
gehabt, sondern auch dieses ohnlängst Ihrem Herrn Vater zu verstehen gegeben
hat. Im Anfang, da mir diese Nachricht zu Ohren kam, lachte ich nur darüber, ich
sagte bei mir selber: von diesem habe ich nichts zu fürchten, Herr Wendelin
ist ein verständiger Mann, und Jungfer Hannchen so klug als schöne, der gute
Advocate wird alle seine Fechterstreiche vergebens anwenden, und als ein Jurist
mir, der ich zur teologischen Facultät gehöre, den Vorzug lassen müssen. Diese
Monade von einem Rechtsgelehrten schien mir zu klein, dass ich mir seinetwegen
den geringsten sorgsamen Gedanken hätte sollen einfallen lassen. Aber wider mein
Vermuten wurde ich gewahr, dass, seitdem er anfing bei Ihnen anzubauen, ich in
Ihrem Hause nicht mehr so wohl als vorher gelitten war. Ich schob dieses zwar
auf das wunderliche Alter Ihres Herrn Vaters und auf seinen übertriebenen Eifer,
mit welchem er die guten Anstalten, welche ich seit einiger Zeit auf dem
Edelhofe gemacht habe, anzutasten pfleget, endlich, dachte ich, wird die gute
Sache doch siegen und den Herrn Pastor Wendelin überzeugen, dass man ein guter
ehrlicher Mann, und dabei ein starker Zelot für das Vorurteil sein kann; doch
da mir gesteckt wurde, dass die Kaltsinnigkeit aus einem andern Grunde
herrührete: so dachte ich, hier liegt die Schlange im Grase, es ist Zeit, dass
ich aufwache und mein Recht behaupte. Von Ihnen, schönes Hannchen, bin ich
völlig überzeugt, dass Sie mir jetzt gewogener sind, als da Sie bei mir in die
Schule giengen, und dass Sie die Treue, die mir Ihre schönen Augen geschworen
haben, nicht brechen, noch vielweniger als die Tochter eines Geistlichen diesen
Stand so sehr verachten werden, dass Sie ihr Herz einen Mitgliede desselben
entziehen und es an einen Rechtsgelehrten schenken sollten. Ich weiss aber,
welchen gefährlichen Nachstellungen junge Frauenzimmer unterworfen sind, und wie
leicht sie in ihren Entschliessungen können wankend gemacht werden. Erlauben Sie
dahero, dass ich Ihnen, da Sie doch lauter gelehrte Liebhaber haben, alle
Gattungen derselben mit wenig Worten schildere, damit Sie hieraus beurteilen
können, welche Partei Sie zu erwählen haben, und welcher Stand sich für Sie am
besten schickt. Ich habe Ihnen mehr als einmal gesagt, da Sie noch meinem
Unterrichte anvertrauet waren, dass es, nach den Sprichwort, verschiedene Arten
von Krebsen gibt, und so ist es auch mit den Gelehrten, es gibt unter ihnen
verschiedene Gattungen, welches Sie auch daher schlüssen können, wenn Sie nur
einige Gelehrte in ihren Verrichtungen gegen einander halten. Zum Exempel, Ihr
Herr Vater ist ein Gelehrter und kann keine Processe vertragen, der
Gerichtshalter ist ein Gelehrter und nährt sich von Processen, kann aber nicht
predigen. Ich bin ein Gelehrter und kann nur, vermöge meiner Wissenschaft, den
Verstand bessern, aber nicht die Gesundheit des Körpers, der Herr Doctor aus H.
kann die Gesundheit des Körpers verbessern, aber nicht den Verstand, und ist
doch gleichwohl auch ein Gelehrter. Sie sollen demnach wissen, dass es viererlei
Gattungen von Gelehrten gibt, die vornehmsten sind die Teologen, oder die
Geistlichen, gegen diese habe ich Ihnen jederzeit Hochachtung eingepräget. Sie
geben auf Akademien oben an, wie denn auch auf dem Lande der Pfarrer der
vornehmste Mann im Dorfe ist, wenn kein Edelmann oder ein Amtmann daselbst
wohnet. Die Geistlichen sind weise, verständige, gelehrte Männer, die sich zu
der Wissenschaft schicken, der sie sich widmen. Sie tun Niemand etwas zuwider,
sondern haben mit jedermann Friede und bücken sich vor dem ärmsten eben so tief
als vor Reichen und Vornehmen. Gegen das Frauenzimmer sind sie selten
unempfindlich, sie verehren das schöne Geschlecht vielmehr aufs äusserste. Wenn
sie sich verheiraten, so haben ihre Gebieterinnen bei ihnen die beste Zeit, ob
sie gleich allen Mannspersonen bei der Trauung die Erlaubnis geben, über ihre
Weiber zu herrschen, so begeben sie sich dieses Vorrechtes gemeiniglich
freiwillig, und beobachten gegen sie einen genauen Gehorsam. Daher kommt es, dass
die Weiber der Geistlichen, weil es ihnen so wohl geht, allezeit hübsch bleiben
und niemals vor der Zeit alt werden. Die Ehen der Geistlichen sind auch
ordentlich sehr gesegnet und dauern gemeiniglich lange. Ueberhaupt ist es eine
allgemeine Anmerkung, dass man ein Frauenzimmer, das einen Geistlichen
geheiratet hat, niemals hat klagen hören. Die Rechtsgelehrten sind von ganz
anderm Schlage. Anstatt dass alle übrigen Wissenschaften sich mit Aufsuchung der
Wahrheit beschäftigen, so bemühen sich diese die Wahrheit zu unterdrucken, sie
sind derselben so gram wie die Fischer den hellen und klaren Wassern, diese
machen solche mit Fleiss trübe und jene suchen mit Fleiss die Wahrheit zu
verstecken. Alle übrigen Wissenschaften beschäftigen sich ferner mit dem Besten
der menschlichen Gesellschaft, um solche zu erhalten und zu befestigen; die
Advocaten und Sachwalter lernen ihre Künste nur, um Zank und Streitigkeiten
unter den Menschen anzuspinnen, oder die entstandenen Irrungen zu vermehren und
zu vergrössern. Wenn die Menschen es mit einander abredeten, nur ein einziges
Jahr in Ruh und Friede zu leben, so würde die ganze juristische Facultät noch
vor Ablauf desselbigen durch den Hunger erloschen sein, und man würde auf den
Gassen nicht mehr mir so grosser Behutsamkeit gehen müssen, um nicht Gefahr zu
laufen, an einen Advocaten, Gerichtshalter, Sachwalter und dergleichen
schädliche Leute anzustossen. Ein Prozess würde alsdenn nicht länger als eine
Stunde dauern, da ihn jetzt die Rechtsgelehrten viele Jahre gangbar zu erhalten
wissen. Weil diesen Leuten die Wahrheit so verhasst ist, so darf man sich nicht
wundern, wenn sie solche meiden und sich wohl hüten ein wahres Wort aus ihrem
Munde gehen zu lassen, das nicht mit Unwahrheit wohl durchwürzt ist. Durch die
lange Uebung werden sie wahrhafte Sceptici, die da zweifeln, ob etwas wahres in
der Welt anzutreffen ist. Man kann ihren Worten folglich nicht trauen, sie sind
wie der Alte in der Fabel, der in seine Hand blies, um sie zu erwärmen, und eben
das tat, um seine Suppe kalt zu machen, sie verteidigen mit eben dem Munde
heute eine Sache, die sie morgen aus allen Kräften bestreiten, was morgen Recht
ist, muss heute Unrecht sein, und was heute gleich ist, das ist morgen krumm. Das
Frauenzimmer hat von diesen Leuten alles zu befürchten, weil sie eine Gabe
haben, durch ihre Beredsamkeit die Wahrheit zu unterdrücken und die Unwahrheit
auf ihren Tron zu setzen, so ist es ihnen leicht, die Begriffe von Ehre und
Tugend nach ihren Gutdünken einzurichten, folglich ist die Reputation eines
Frauenzimmers allezeit in Gefahr, wenn sie einem Rechtsgelehrten anvertrauet
wird. Ihre Treue und ihre Eidschwüre sind wie die Lufterscheinungen, die der
geringste Wind verjaget. Sie lieben indessen das schöne Geschlecht, wie die
Schmetterlinge die Blumen, diese setzen sich in einem Garten bald auf dieses
bald auf jenes Blümchen, verlassen solches aber hierauf wieder und kehren
niemals zu eben demselben zurück. Die Frau eines Rechtsgelehrten ist eine
unglückliche Kreatur, in den ersten Monat der Ehe muss sie alle Advocatenstreiche
wissen und ausüben können, wenn sie nicht eine sehr armselige Figur machen will.
Sie muss lügen, sie mag wollen oder nicht. Ihr Mann darf niemals zu Hause sein,
wenn der Client mit leerer Hand erscheinet; er muss beschäftiget sein, wenn der
Cliente ein Lamm kneipt, dass es schreien muss; lässt er aber einen Ochsen brummen,
so ist der Herr zu Hause, der Client hat die gerechteste Sache von der Welt, und
die Frau setzt ihre Ehre zum Pfande, dass der Prozess gewonnen wird. Die dritte
Gattung der Gelehrten sind die Aerzte, das sind diejenigen Leute, die Sie so
sehr fürchten, und in der Tat sind sie allen lebendigen Geschöpfen furchtbar,
wo nicht auch den leblosen. Ihre Kunst bestehet darin, die Gesunden krank, die
Kranken todt oder gesund zu machen. Wer gesund unter ihre Hände fällt, der muss
so lange schröpfen, aderlassen und purgiren bis er krank wird, und ein Kranker
muss sich ihren Gesetzen so lange unterwerfen, bis er gesund oder todt ist. Man
hat seit langen Jahren nicht gehöret, dass die Aerzte einen Patienten verlassen
haben, um die Schande zu vermeiden, dass sie die Krankheit nicht heben könnten,
kuriren sie ihre Patienten, wenn sie nicht wollen gesund werden, gar zu Tode.
Denn alsdenn kann man ihnen nicht vorwerfen, dass die Krankheit noch fortdauern
sollte, und mitin ist sie gehoben. Nebst dieser Neigung zum kuriren besitzen
sie auch noch die, alles auswendig und innwendig zu begucken, von der Mücke bis
zum Elephanten ist alles ihrem anatomischen Messer unterworfen. Alles was Leben
und Otem hat und in die Gewalt eines nachforschenden Medici fällt, muss seiner
unersättlichen Neugierde zum Opfer dienen, und ist dem Schicksal unterworfen,
das die Fliegen haben, wenn sie sich in eine Spinnewebe verwickeln, nur mit dem
Unterschiede, dass die Spinnen nicht so erfindungsreich an Martern sind, ihre
Feinde umzubringen, als die Aerzte, allerlei Tiere hinzurichten. Was sollte
sich nun wohl ein Frauenzimmer zu einem Manne zu versehen haben, der sich ein
Vergnügen daraus macht, Menschen und Vieh zu martern? In der Tat, es gehöret
eine grosse Entschliessung dazu, einen Arzt zu lieben, nicht zu gedenken, dass er
bei dem geringsten Zwist, oder wenn er es nur sonst ratsam findet, durch ein
kleines requiescat in pace sich von seiner Gattin losmachen kann; wenn es ihm
nur behebet, so hat die Frau eines Arztes zehnerlei Verrichtungen mehr auf sich
als eine andere. Sie muss Pulver reiben, Wurzeln schneiden, Schachteln und Gläser
verpetschiren, Pillen vergolden, Tropfen distilliren und doch dabei alle
Pflichten einer ehelichen Gehülfin erfüllen. Hierzu kommt noch die strenge Diät,
die sie beobachten muss. Alle Leckerbisgen, die dem Manne überaus wohl bekommen,
sind der Frau schädlich. Er trinkt Coffee, sie bekommt Kräutertee. Er trinkt
Wein und für sie bereitet er einen Habertrank. Er lässt für sich sieden und
braten, sie verzehret eine Wassersuppe und Salat.
    Die vierte Classe der Gelehrten bestehet aus Philosophen. Diese werden zwar
unter den Gelehrten für die Geringsten, dem Range nach, gehalten, aber in
Ansehung der Verdienste, sollten sie neben den Teologen stehen, und so war es
auch ehedem bei den Alten, da waren die Philosophen freie Leute, die Aerzte aber
Knechte, die Rechtsgelehrten waren damals unter den Gelehrten noch nicht
zünftig, und hatten also keinen Rang. Seitdem aber diese beiden Gattungen der
Gelehrten ihr Haupt mit vielem Stolz empor gehoben haben, so ist es den guten
Weltweisen ergangen, wie den hölzernen Wegweisen an den Strassen, diese zeigen
jedermann den rechten Weg und kommen selbst niemals von der Stelle. Unterdessen
obgleich die Philosophen keinen grossen Rang haben, so sind sie doch angesehene
Leute und es stehet beinahe das ganze Reich der Gelehrsamkeit ihnen zu Gebote.
Ihre Wissenschaft ist einer Zauberei ähnlich, sie kennen die Leidenschaften der
Menschen aufs genaueste, es ist ihnen also leicht, bald diesen bald jenen Affect
zu erregen. Dahero sind sie auch gemeiniglich in der Liebe glücklich; alle Wege,
sich in das Herz der Schönen einzuschleichen, sind ihnen bekannt, sie wissen
durch ihren Verstand und Witz das schöne Geschlecht zu bezaubern, dass ihnen ein
Mädchen selten aus dem Garne geht, wenn sie auf Eroberungen ausgehen. Diese
Leute sind um deswillen auch bei dem Frauenzimmer wohl gelitten, weil sie eben
so schwatzhaft sind als die Schönen, und sich dahero vollkommen zu ihnen
schicken, über dieses verehren sie das schöne Geschlecht aufs äusserste. Wenn
alle Frauen Sklavinnen ihrer Männer sind, so sind die Frauen der Philosophen
Königinnen. Sie dürfen es wagen die philosophische Gelassenheit ihrer Männer zu
prüfen, ohne daher nachteilige Folgen zu erwarten. Sokrates, einer der
vortrefflichsten Weltweisen aus dem Altertume, hatte eine solche Ehetirannin,
die ihr Andenken durch ihre Bosheiten gegen ihren Herrn bis auf unsre Zeiten
erhalten hat. Da sie einsmals diesen Weltweisen durch eine Ladung von
Schmähreden zwang, sein Haus zu verlassen, und ihm noch darzu ein Geschirr voll
unreines Wasser über den Hals goss, liess dieser Weltweise hierüber keine andere
Empfindlichkeit spühren, als dass er zu seinen Freunden sagte: ich dachte wohl,
dass auf dieses Ungewitter ein Platzregen folgen würde. Sehen Sie, schönes
Hannchen, das ist ein kurzer Abriss aller Gattungen der Gelehrten und ihres
Betragens gegen die Schönen. Ich bin versichert, dass Sie aus allen vier
Facultäten Anbeter haben: denn der Medikus, welcher ihren Herrn Vater dann und
wann in der Kur hat, tut noch allen Gründen der Wahrscheinlichkeit nicht so oft
einen Weg von drei Meilen, seinem Patienten, sondern vielmehr Ihnen einen Besuch
abzustatten. Ich bin aber versichert, dass weder die Profession eines
Rechtsgelehrten noch eines Arztes Ihnen gefallen kann, die beiden andern
Facultäten gefallen Ihnen ohne Zweifel besser. Da ich nun zu beiden gehöre, so
hoffe ich nicht, dass Sie, an einen Mann der zu einer andern Facultät gehöret,
Ihr Herz, das ohnedem nicht mehr Ihr Eigentum ist verschenken werden. Indessen
hat mir, ob ich Ihnen gleich alles Gute zutraue, eine kleine Kaltsinnigkeit, die
Sie seit einiger Zeit gegen mich haben spühren lassen, einige Unruhe
verursachet. Wenn Ihre Absicht dabei gewesen ist meine Liebe nur destomehr
anzufeuern, so will ich Ihnen gestehen, dass Sie diese vollkommen erreicht haben,
ich verehre Sie jetzo mehr als jemals, es ist also Zeit, dass Sie meine Marter
endigen. Das Nadelbüchsgen, das ich Ihnen vor einiger Zeit verehret habe, rufet
Ihnen durch seine Devise, so oft Sie solches in Ihre schönen Hände nehmen, in
meinem Namen zu
Finissez mon martyre,
Vous voyez que j'expire!
    Jedoch vielleicht hat Ihnen auch der Gehorsam gegen Ihren Herrn Vater, der
einige Zeit daher nicht mit mir zufrieden scheinet, diese kleine Vorstellung,
worüber ich mich so sehr beklage, abgenötiget. Wollte der Himmel, dass ich Ihre
kaltsinnige Mine für einen Beweis annehmen dürfte, dass Ihr Herz desto feuriger
liebt! Ich sehe den zureichenden Grund Ihres Betragens nicht vollkommen ein, und
daher laufe ich immer Gefahr, falsche Schlüsse zu machen und mich in meinem
Urteilen zu hintergehen. Um diesem Uebel vorzubeugen, beschwöre ich Sie bei der
Hochachtung, die ich Ihnen gewidmet habe, mir insgeheim in dieser Sache einige
Erläuterungen zu geben, ich hoffe dadurch vollkommen wieder beruhiget zu werden.
Kann ich Ihre holden Blicke verdienen, wenn ich mich bei Ihren Herrn Vater
wieder in Gunst setze: so gebe ich Ihnen die Versicherung, dass ich meine
schönsten Anschläge daran spendiren und eher die Ehre verliehren will eine
gelehrte Gesellschaft gestiftet zu haben, als mich der Gefahr bloss zu stellen,
Ihre Gunst einzubüssen. In der Erwartung einer günstigen Antwort, verharre ich in
der unveränderlichen Hochachtung Ihrer schönen Person
                                      Dero
                                                            getreuester Verehrer
                                                                          M.L.W.
 
                                  XXII. Brief.
                       Lampert Wilibald an den Herrn v.F.
                                                                     den 14 Dec.
Die Neigung zur Billigkeit und Gerechtigkeit ist in Dero Hochadlichem Hause eine
so bekannte Tugend, dass auch Ihre vortrefflichen Ahnen davon verschiedene
Zunahmen erhalten haben. Einer Ihrer löblichen Vorfahren hiess Justus v.F. oder
der Gerechte, ein anderer nennt sich in einem Vertrage, den er mit den Vorfahren
meines Patrons errichtet hat, Aeques, welches ohne Zweifel Aequs, oder der
Billige, heissen soll, und keinesweges, wie einige glauben, eine fehlerhafte
Schreibart des Wortes Eques sein mag, wodurch man diesen Herrn einer groben
Unwissenheit beschuldigen würde. Sie haben sich auch jederzeit, beflissen, die
Gerechtigkeit in den Ihrer Gerichtsbarkeit unterworfenen Orten aufs genaueste
und sorgfältigste auszuüben, und dadurch bewiesen, dass Sie auf eine rühmliche
Art in die Fussstapfen Ihrer vortrefflichen Anherren getreten sind. Der Geringste
Ihrer Untertanen kann sich rühmen, dass ihm nie der Weg zur Gerechtigkeit
versperret ist, und der angesehenste derselben darf sich nicht erkühnen, eine
Ungerechtigkeit zu begehen, wenn er nicht die nachdrücklichste Ahndung davon
besorgen will. Die Gewogenheit, womit Sie mich jederzeit beehret haben, lässt
mich hoffen, dass ich von Ihnen eben das erwarten kann, was Sie dem geringsten
Ihrer Untertanen nicht versagen, und darin bestehet, dass man ihre
Gerechtigkeit anflehen darf, wenn man von bösen Leuten angetastet wird, und
schleuniger Hülfe vonnöten hat.
    Ich sehe mich genötiget, gegen Ihren Gerichtshalter eine gerechte Klage zu
erheben, welcher kein Bedenken trägt, das an mir im Grossen selbst auszuüben, was
er täglich an andern mit so vielem Eifer im Kleinen bestraft. Wenn sich jemand
erkühnet, einige Rüben von dem Acker seines Nachbars sich zuzueignen, so pflegt
er dieses aufs härteste zu bestrafen, wenn er aber selbst das Eigentum eines
andern sich zueignet, so macht er hierüber nach seinem weitläuftigen
juristischen Gewissen sich nicht den geringsten Kummer. Ew. Gnaden kann so wenig
als jemanden in der hiesigen ganzen Gegend unbekannt sein, dass ich schon seit
einigen Jahren ein ehrliches Absehen auf die Jungfer Tochter des Herrn Pfarr
Wendelins allhier gehabt habe, sie zu ehlichen, und mich ihrem Vater als einen
Substituten beifügen zu lassen. Er hat mir auch so viele gute Vertröstungen
diesfalls gegeben, dass ich nicht mehr an der Erfüllung meines Wunsches
zweifelte. Ich glaube nicht, dass ich tadelhaft bin, mich eher um die Quarre als
um die Pfarre beworben zu haben, denn ausserdem dass dieses jetzt die allgemeine
Mode ist, und allezeit von hundert meiner Herren Collegen neun und neunzig sein
werden, die sich ein Bisgen verplämpert haben, ehe sie zu einer Bedienung
gelangen, so kann auch Niemand einsehen, was daher für grosses Unheil erwachsen
sollte. Es ist vielmehr ganz löblich, dass man sich in Zeiten um eine Liebste
bewirbt, denn wenn man einmal ins Amt kommt, und die Geschäfte und Sorgen sich
mehren, so hat man nicht Zeit, ans heiraten zu denken, und ehe man sichs
versiehet, hat man sich ins Hagestolzenrecht geschworen. Genug, ich hatte mir
Jungfer Hannchen zu meiner zukünftigen Gattin ausersehen, allein verschieden
gute Anstalten, womit ich mich einige Zeit zum Besten meines Patrons und des
Publici beschäftigte, setzten das Ziel meiner Wünsche etwas weiter hinaus, als
ich im Anfang dachte. Inzwischen da ich mir schmeichelte, dass mein Glück gewiss
genug wäre, sah ich diese Verzögerung ganz gleichgültig an: weil ich voraus
sah, dass vielerlei nützliche Projecte, deren Ausführung Mühe und Sorgfalt
erforderte, unterbleiben würden, wenn ich einmal verglichet wäre, und im Amte
stünde; doch wider mein Vermuten fand ich mich in dieser süssen Hoffnung
getäuschet. Ich brachte nicht nur in sichere Erfahrung, dass Dero Gerichtshalter,
ungeachtet es ihm zuverlässig bekannt war, dass ich Jungfer Hannchen als mein
Eigentum betrachtete, sich die Freiheit genommen, sie insgeheim zu verehren,
sondern es hat auch derselbe sich erkühnet, durch einen Abgeordneten sein Wort
gestern bei ihrem Vater anbringen zu lassen, und will mir also wider meinen Dank
diesen Bissen vor dem Maule hinwegnehmen. Es heisst zwar nach dem Sprüchworte:
inter arma silent leges, und er scheinet die Absicht zu haben, von diesem alten
Canon Vorteil zu ziehen: allein wenn dem also ist, so wird er selbst bekennen
müssen, dass er jetzo auch unter die unnützen Meublen gehöret, und er kann seine
Gerichtsstube nur immer zuschlüssen. Da ich nun seit vielen Jahren auf dieses
Frauenzimmer eheliche Absicht geheget habe, und zwar ehe er noch an sie hat
denken können; sie auch wegen meines getreuen Unterrichtes, den ich ihr gratis
erteilet, mir mehr als ihrem leiblichen Vater schuldig ist, weil man nach dem
Ausspruche des grossen Alexanders denen Eltern nichts als das liebe Leben, denen
Lehrmeistern aber, dass man wohl lebet, zu verdanken hat: so habe ich gleichsam
ein jus quaesitum auf sie erlanget, und werde mich von meinem Rechte durch einen
andern nicht abtreiben lassen. Zu der Gerechtigkeitsliebe Ew. Gnaden habe ich
das gute Vertrauen, dass Sie ihre Autorität in dieser Sache zu interponiren, und
diesen Verwegenen von seinem bösen Vorhaben abzuhalten Sorge tragen werden. Aus
dieser Ursache ersuche ich Hoch dieselben untertänig, nachdrückliche
Dehortatoria an meinen Rival entweder mündlich oder schriftlich ergehen zu
lassen, damit ein solches unerhörtes Factum der Gerechtigkeit zur Schande nicht
von einer Person, die zur Aufrechtaltung derselben bestimmt ist, vollbracht,
und mir dadurch ein unersetzlicher Verlust verursachet werde. Eine solche Gnade
will ich mit goldenen Buchstaben in das Buch der Unvergesslichkeit eintragen, und
verharre mit der vollkommensten Hochachtung
                                   Ew. Gnaden
                                                            untertäniger Diener
                                                                          M.L.W.
 
                                 XXIII. Brief.
                  Beantwortung des Vorigen von dem Herrn v.F.
                                                                     den 15 Dec.
        Werter Freund,
Ich geriet durch Ihren Brief in grosse Bestürzung, da ich wahrnahm, dass mein
Gerichtshalter sich sollte haben einfallen lassen, Ihnen Ihre Liebste abspänstig
zu machen, und dadurch einem Manne, den ich sehr hochschätze, Gelegenheit zu
geben, sich entweder zu Tode zu grämen, oder doch in Verzweiflung zu geraten.
Weil Sie mir die Ehre antaten und bei mir Hülfe suchten, auch mir und allen
meinen Vorfahren einen sonderbaren Trieb zur Gerechtigkeit beilegten, wodurch
meiner Eigenliebe nicht wenig geschmeichelt wurde: so nahm ich mir von Stund an
vor, Sie zu überzeugen, dass ich nicht aus der Art geschlagen bin, sondern meinen
Vorfahren in der Liebe zur Gerechtigkeit nichts nachgebe, oder wohl gar in
dieser Tugend sie noch übertreffe. Ich liess meinen Gerichtshalter in dem
Augenblicke, da ich Ihren Brief gelesen hatte, zu mir kommen, um ihn wegen
seines bösen Vorhabens Sie zu einen unglücklichen Liebhaber zu machen, zur Rede
zu setzen, und da ich von ihrer gerechten Sache beinahe überzeugt war, so nahm
ich mir vor, ihn alsbald aus meinen Diensten zu entlassen, wenn er nicht in sich
gehen, und von seinem Anschlage in continenti abstehen wollte. Hören Sie nur,
was ich für eine Procedur mit ihm vornahm. Herr Gerichtshalter, sagte ich mit
einem sehr sträflichen Gesichte, habe ich sie nicht in meinem District zum
Richter gesetzt, um die Gerechtigkeit aufs genaueste auszuüben. Er antwortete
ja. Ist es wohl erlaubt, fuhr ich fort, dass der, der über Recht und
Gerechtigkeit halten soll, selbst ungerecht handeln darf? Antwort nein. Warum
haben sie dem Herrn Magister Lampert seine Liebste abgespannet, und dadurch
seine Liebe und alle seine süssen Hoffnungen krebsgängig gemacht? Ich ärgere mich
wenn ich vernehme, dass jemand in meinem Gerichtsbezirk einen Strohhalm sich
zueignet, der ihm nicht gehöret, und sie wollen sich das Herz eines
Frauenzimmers zueignen das der Herr Magister gebildet hat, und darauf er bereits
ein jus quaesitum zu haben glaubt? Anstatt über diesen Vortrag zu erschrecken
fing er an abscheulich zu lachen, wodurch ich noch mehr entrüstet wurde, aber er
liess es hierbei nicht bewenden, er fing an sich so geschickt zu verteidigen und
den statum controversiae dergestalt zu formiren, dass ich den Leviten im Sinne
behalten musste, den ich ihm zu lesen gedachte, und nur froh war, dass er nicht
von mir verlangte alles was er getan hatte, gut zu heissen. Patron, sagte er,
der Herr Lampert muss in der Liebe und in der Kenntnis des menschlichen Herzens,
sehr unerfahren sein, so gelehrt er auch aussiehet, wenn er glaubt dass ihn
Hannchen jemals mit ihrer Gunst beehret hat. Sie ist ihm schon gram gewesen da
sie noch bei ihm in die Schule gegangen ist, und nachher da er angefangen hat
ihr dann und wann etwas verbündliches nach seiner Art zu sagen, ist er ihr ganz
unerträglich worden. Sie hat ihm mehr als einmal mit dürren klaren Worten
gesagt, dass sie lieber den Nachtwächter als ihn lieben wollte; allein nach
seiner Erklärungskunst hat er auch aus diesen Worten etwas vorteilhaftes für
sich erzwingen wollen, oder hat sich wenigstens eingebildet, dass sie sich nur
verstellte. Ich will zwar nicht leugnen, dass der Herr Magister dieses
Frauenzimmer eher geliebt als ich, daran aber liegt ganz und gar nichts, man muss
sehen was auf ihrer Seite geschehen ist. Sie hat mir mehr als einmal gestanden,
dass Herr Lampert jederzeit das Unglück gehabt hätte, ihr als ein Liebhaber zu
misfallen, ob sie ihm gleich übrigens in seinen Würden liess, auch nicht in
Abrede sein wollte, dass sie sich manchmal an ihm belustigte weil er so witzig
wäre, dass kein königlicher lustiger Rat drolligtere Einfälle haben könnte. Da
nun also, fuhr er fort, ihr Herz res nullius war, so hiess es nach der
juristischen Regel cedit prius occupanti, ich suchte es zu erobern und war
hierinne nicht unglücklich. Gegenwärtig gehört es mir zu; Jungfer Hannchen und
ich haben einander eine ewige Treue gelobet, ich habe vor einigen Tagen
ordentlich durch einen guten Freund bei ihrem Vater um sie anhalten lassen,
worauf ich von dem Herrn Pastor Wendelin die Antwort erhalten, dass heiraten ein
schweres Werk sei, er wollte mit seiner Tochter die Sache überlegen und erstlich
beten, in acht Tagen sollte ich darauf selbst nach Karafeld kommen und das
Jawort in eigener Person abholen. Der Herr Pastor sicher schon im prophetischen
Geiste voraus dass unsre Heirat im Himmel gemacht ist, deswegen weiss er bereits
die Wirkung seines Gebetes und hat mir schon einen Termin beschieden, die Sache
ins reine zu bringen. Ich gestehe Ihnen, werter Freund, dass ich über diese
Dinge, welche mein Gerichtshalter vorbrachte noch bestürzter war als über Ihren
Brief, vorhero hatte ich Ihnen vollkommen Recht gegeben und war auf ihrer Seite,
nun schien es, dass Ihr Rival ein besseres und gegründeter Recht als sie zu dem
strittigen Frauenzimmer hätte. Inzwischen wollte ich Ihre Partie nicht sogleich
verlassen, und ersuchte ihn mir den Gefallen zu erweisen, von dieser Heirat
abzustehen und Ihnen die Beute zu überlassen: er beschwor, mich aber bei dem
Triebe zur Gerechtigkeit, den ich von meinen Ahnen ererbet hätte, keine solche
Ungerechtigkeit gegen ihn zu begehen und meine Vorfahren dadurch in der Erde zu
beschimpfen. Ich würde, wenn ich unparteiisch dächte, selbst erkennen, dass er
seine Braut mit dem besten Recht besässe, und drang so heftig auf den angeführten
juristischen Canon, dass ich nicht ein Wort gegen ihn aufbringen konnte. Ich fand
mich von seiner gerechten Sache vollkommen überzeugt, und verschwieg ihm dieses
nur aus Freundschaft gegen Sie. Indessen zweifle ich nicht, dass Sie nach Ihrer
Scharfsinnigkeit im Disputiren im Stande wären, neue Zweifel bei mir zu erregen
und dem Gerichtshalter sein Recht von neuem abzudisputiren, ich tue Ihnen
dahero den Vorschlag einen gelehrten Kampf mit Ihrem Rival hier anzustellen und
die Mitglieder der Julianenakademie, oder in so fern diese Ihrem Gegner
parteiisch scheinen möchten, andere gelehrte Männer zu Schiedsrichtern zu
erwählen, die ich auf einen Tag, der Ihnen beliebt, zu mir will bitten lassen,
alsdenn sollen Sie mit ihrem Contrepart ihre Händel durch einen gelehrten
Zweikampf schlichten, wer den andern die Braut abdisputiret, mag sie heimführen.
Sie sehen, dass ich für Sie nichts weiter tun kann, die gute Sache wird ganz
gewiss nach Ihrem Wahlspruch siegen, ich werde mit Vergnügen sehen, wenn Sie
ihren Gegner so eintreiben, dass er nicht ein Wort mehr gegen Sie aufbringen
kann: sollte ihnen aber dieses widerfahren, so können Sie versichert sein, dass
ich Sie aufrichtig bedaure, und alsdenn wird dieses mein Trost sein, dass ich
eine vortreffliche Satyre von Ihnen zu Gesichte bekomme, die Sie auf denjenigen
zu verfertigen sich entschlossen haben, der bei Hannchen glücklicher sein würde
als Sie. Gelingt Ihnen hierdurch Ihr Vorhaben, dass Ihr Nebenbuhler sich darüber
zu Tode ärgert, so dürfen Sie das Spiel nur da wieder anfangen wo Sie es jetzo
gelassen haben, und alsdenn werden Sie doch auf die eine oder andere Weise in
Ihrer Liebe glücklich sein. Beim Schlusse meines Briefes fällt mir noch ein sehr
gutes Mittel ein, wie Sie sich um Ihre Schöne verdient machen und Ihren Rival
für seine Verwegenheit züchtigen können, Sie haben ja noch den Säbel, den Sie
als Husar ehemals geführet haben, glücklicher Weise hat es sich gefügt dass mein
Gerichtshalter auch einige Jahre unter den Husaren gedienet hat, wie wäre es,
wenn Sie, anstatt sich mit ihm in einen Gelehrten Weltstreit einzulassen, auf
gut husarisch auf den Hieb eins mit Ihm wagten? Es wird mir ein besonderes
Vergnügen sein diesen Scharmützel beizuwohnen. Wenn Sie in meinem Gebiete ihre
Sache ausmachen wollen, so verspreche ich Ihnen, im Fall Sie Ihren Gegner aus
den Sattel heben, frei und sicher Geleit: sollte Ihnen dieses aber selbst
begegnen, so mache ich mich anheischig, ohngeachtet der Aussprüche des
tridentinischen Concilii, Ihnen ein ehrliches Begräbnis zu verschaffen,
wenigstens würde man auf diese Weise am ersten sehen, wer das vollkommenste
Recht zu dem Frauenzimmer hat. Ich überlasse Ihnen die Wahl von diesen
Vorschlägen Gebrauch zu machen oder nicht, und erwarte Ihre Antwort. Uebrigens
verharre ich
                                      Dero
                                                                geneigter Freund
                                                                            v.F.
 
                                  XXIV. Brief.
                     An Herrn Lampert Wilibald vom Herrn G.
                                                           Schöntal den 16 Dec.
        Mein Herr,
Ich müsste niemals ein Soldat gewesen sein, oder diesem Stande eben so wenig Ehre
als Sie gemacht haben, wenn ich die beleidigende Art, womit Sie mir begegnen,
mit Stilleschweigen übersehen wollte. Es ist Ihnen nicht genug meine Braut mir
abspänstig machen zu wollen; Sie haben sich auch vorgenommen, es bei meinem
Principal dahin zu bringen, dass er mich aus seinem Dienst entlassen soll. Es hat
bald das Ansehen, dass Sie mit mir eben so umspringen wollen, als mit dem
Verwalter Bornseil, der so lange er lebet, über Sie seufzet: aber hören Sie,
nehmen Sie sich vor mir in acht, an mir finden Sie Ihren Mann, der Krug geht so
lange zum Wasser, bis er zerbricht. Der geringste Anschein einer Bosheit, die
Sie gegen mich im Sinne haben, bricht Ihnen zuverlässig den Hals. Ich habe meine
Canäle, durch welche ich alles, was Sie gegen mich schmieden, gewiss entdecke,
und damit Sie überführet werden, dass dieses keine leeren Worte sind, so will ich
Ihnen davon Beweise vor Augen legen. Ich weiss, dass Sie einen sehr langen Brief,
der mit den verkehrtesten Einfällen angefüllet ist, an den Herrn Pfarr Wendelin
geschrieben, und in solchem um meine Braut gleichfalls Anwerbung getan haben;
ich weiss auch, dass Sie noch an eben demselben Tage eine abschlägliche Antwort
erhielten. Es ist mir nicht unbekannt, dass Sie hierauf, um Ihren Korb in bester
Form Rechtens zu erhalten, selbst an Jungfer Hannchen geschrieben, und in diesem
Briefe mich und meine Herren Amtsbrüder abscheulich herum genommen haben, dass
wenn ichs genau suchen wollte, Sie als ein Pasquillant mir eine kniende Abbitte
tun sollten; aber ich denke von Ihnen: heu quantum distas ab ego! Ich will mich
mit Ihnen in keine Weitläuftigkeiten einlassen, und meine ganze Rache, die ich
diesfalls an Ihnen suche, soll darin bestehen, dass ich Ihnen melde, dass
Jungfer Hannchen den Brief nicht einmal erbrochen, noch viel weniger gelesen
hat, dahero werden Sie auch vergeblich auf eine Antwort warten müssen. Wenn Sie
nicht eben sowohl ein Gelehrter wären, als ich, so würde ich Sie bereits nach
Verdiensten gezüchtiget haben: da wir aber in Ansehung des Standes einander
gleich sind, so will ich Ihnen alle Rechte eines gelehrten Ritters zugestehen,
und verspreche Ihnen als ein rechtschaffener Mann, wenn Sie etwas an mir zu
suchen, Satisfaction zu geben. Doch weil ich mich nicht lange mit Ihnen
aufzuhalten gedenke, so müssen unsere Händel binnen hier und 24. Stunden
ausgemacht sein. Wenn Sie in dieser Zeit sich nicht hier in Schöntal nach dem
Vorschlage, den Ihnen der Herr von F. bereits getan hat, auf dem Kampfplatze
einfinden, so nehme ich dieses so an, als wenn Sie von allen vermeintlichen
Anforderungen an Jungfer Hannchen abgestanden wären. Regen Sie sich hernach, so
geht es Ihnen übel, und Sie können in angeschlossenem Reglement, das ich zu
Ihrem Besten entworfen habe, ersehen, was Sie bei dem geringsten neuen Angriff,
den Sie wagen, zu erwarten haben. Wollen Sie sich aber mit mir in einen Kampf
einlassen, so haben Sie die Wahl des Gewehres, welches wir brauchen wollen, Sie
können den Säbel oder die Zunge wählen. Der Herr von F. hat sich erboten, bei
unserm Streit aufs gleiche zu sehen, und dem Teile, welcher überwindet, die
Beute zuzusprechen. Machen Sie sich aber ja keine Hoffnung, den Sieg über mich
davon zu tragen, ich verlasse mich auf beides, auf meine gerechte Sache und auf
meine Kunst. Wenn Sie es nicht bereits wissen, so will ich es Ihnen hierdurch
bekannt machen, dass ich die Zunge mit eben der Geschicklichkeit als die Feder
oder den Degen zu regieren weiss. Ich erwarte Ihre Entschliessung, die
entscheiden wird, ob ich mich ihren Freund oder Feind nennen kann.
                                                                              H.
                                   Anschluss.
Zweimal drei nützliche Regeln für den Herrn Lampert Wilibald, welche er in
    Puncto seines Betragens gegen mich und ein junges Frauenzimmer, die meine
    Freundin ist, zu beobachten, oder widrigenfalls die darauf gesetzte
    Bestrafung ohnfehlbar zu gewarten hat.
                                     * * *
1. Soll er weder directe noch indirecte Jungfer Hannchen mit seiner Liebe ferner
behelligen, bei Verlust seines rechten Ohres.
    2. Er soll mir weder bei dieser Schönen noch bei ihrem Vater, am
allerwenigsten aber bei meinem hochgebietenden Herrn v.F. einen bösen Leumund
machen, widrigenfalls wird man ihn nötigen, ein Dutzend Tassen siedendheissen
Koffee zu trinken, wodurch seine verleumderische Zunge dergestalt wird verbrannt
werden, dass er sie niemals wieder wird missbrauchen können.
    3. Er soll sich nicht gelüsten lassen, in der Kirche immer die Augen aus sie
gerichtet zu haben, und sich kühnlich unterfangen, sie durch das Fernglas zu
betrachten, oder man wird ihn auf den rechten Auge blenden lassen.
    4. Wenn ich, als der einzige rechtmässige Verehrer dieses Frauenzimmers,
derselben oder ihren Herrn Vater, meinem insonders hochgeehrten zukünftigen
Herrn Schwiegerpapa einen Besuch abstatte, so soll er sich nicht erkühnen,
heimlich unter das Fenster sich zu schleichen, um zu hören, was gesprochen wird,
widrigenfalls hat er zu erwarten, dass man ihn durch ein paar handfeste Drescher
wird greifen, und ohne Barmherzigkeit zu dienlicher Abkühlung seiner verliebten
Hitze, mit Haut und Haar in die öffentliche Schwämme hinein werfen lassen.
    5. Weil er schon ehemals soll gedrohet haben, gegen denjenigen, welcher
ausser ihm Jungfer Hannchen lieben würde, eine so beissende Satyre abzufassen, dass
der unglückliche Liebhaber sich darüber zu Tode ärgern müsste, und nun unter der
Hand verlauten will, dass er dieses gefährliche Werk wirklich unter der Feder
habe, welches seinen Rival, so bald er es zu Gesichte bekäme, gleich einem
schädlichen Basilisken ums Leben bringen könne: so wird ihm wohlmeinend
angeraten, von dieser bösen Arbeit abzustehen, auch sogleich nach Verlesung
dieses, dasjenige, was er bereits daran ausgearbeitet hat, zu zerreissen und ins
Feuer zu werfen, oder man wird ihn zu zwingen wissen, diese Schrift öffentlich
zu widerrufen, sich ins Angesicht zu schlagen, und solche zu verschlingen.
    6. Wird ihm auferlegt, das Pfarrhaus nicht nur gänzlich zu vermeiden,
sondern auch keine Briefe, weder an den Herrn Pfarr Wendelin, noch dessen
Tochter abgehen zu lassen. Im Uebertretungsfall sollen ihm zweimal zwei und
funfzig Streiche nach türkischer Manier auf die Fusssohlen, durch meinen
Zahlmeister richtig zugezählet werden. Wornach er sich zu achten und für Schaden
und Nachteil zu hüten hat.
 
                                  XXV. Brief.
                        Der Herr v.N. an den Herrn v.F.
                                                                     den 18 Dec.
        Werter Freund,
Sie machen mir die Zeit ziemlich lang, ehe Sie mir einmal wieder Lection geben,
wie ich in meiner Liebe gute Progressen machen soll. Ich habe Ihnen, denke ich,
Zeit genug gelassen Mittel und Wege ausfündig zu machen, wie ich am füglichsten
zu meinem Zwecke gelangen kann, wenn Sie noch nichts erfunden haben so rühmen
Sie sich nicht, dass Sie sinnreich sind. Ich glaubte nicht, dass ich das alte Jahr
als ein Junggeselle beschlüssen würde, und war meiner Sache so gewiss, dass ich
nicht mehr daran zweifelte. Sie wissen, dass ich meine Unternehmungen gern bald
zu Stande bringe, bald dazu und späte davon das ist mein Wahlspruch. Sie haben
eine grosse Gabe zu zaudern, es geht mit ihren Ratschlägen und Unternehmungen
so langsam als auf dem Reichstage zu. Es wäre kein Wunder, wenn ich alt und grau
über meiner Freierer würde. Machen Sie, dass die Sache zu Stande kommt, oder ich
tue zweierlei, Sie verliehren an mir einen Mündel, der sich Ihrer Sorgfalt in
der wichtigsten Angelegenheit seines Lebens anvertrauet, und ich wende mich an
den Baronet und nehme Ihn zum Führer an. Er soll mir eine Vorschrift schicken,
wie ich meinen Angriff auf das Mädchen das ich liebe, veranstalten soll. Ich
traue ihm zwar bei unsern vaterländischen Schönen nicht viel Erfahrung oder
Glücke zu: ich weiss aber doch gewiss, dass ich bei seinem Rache besser fahren
werde als bei dem Ihrigen. Nach dem Sprichwort heisst es zwar, Arzt hilf dir
selber, es wäre wohl am besten, dass ich bei mir selbst Rat nähme, denn zu den
Magister Lampert habe ich, seitdem ihn die Tochter meines Pfarrers hat durch den
Korb fallen lassen, nicht das geringste Vertrauen mehr: allein ich fürchte, dass
ich auch nicht die rechte Metode treffen möchte, mich bei dem Mädchen
einzuschmeicheln. Wenn Sie mir versprechen wollen, künftig eifriger Hand an das
Werk zu legen, so will ich Ihr Kundmann bleiben und Ihrem Rat so genau
befolgen, als wenn ich ihn von den sieben Weisen aus Griechenland bekommen
hätte.
    Ist es denn wahr, was mir neulich Fräulein Amalia sagte, dass der Major
Fräulein Julgen eine prächtige Kutsche geschenket hat? Eine Windkutsche wird es
wohl sein, oder wenn etwas daran ist, so wird es wohl nicht viel mehr als eine
alte Karrete sein, die er einen Marquetender abgekauft hat: Die Officiers sind
sonst nicht gewohnt so gar viel zu verschenken, demantne Ohrengehänge und ein
Staatswagen sind schon Geschenke die etwas sagen wollen, ich weiss nicht was ich
davon glauben soll. Fräulein Amalia, das lose Mädchen, schlug mir vor, ich
sollte Julgen ein paar Pferde vor die Kutsche verehren, diese würden solche
hinziehen wohin ich sie haben wollte, ein feiner Rat! Jetzt sind die Zeiten
darnach, dass man ein Gespanne Pferde verschenken kann, das ist kein Fürst zu
tun im Stande. Sie mag sehen, wo sie Pferde bekommt, von mir hat sie keine zu
hoffen. Wir haben hier einen sehr künstlichen Korbmacher, der sagte mir vor
einigen Tagen, er wollte so natürlich eine Portechaise flechten, wie man sich in
der Stadt zu haben pflegt, was meinen Sie, wenn ich eine machen liess, ich wollte
sie hübsch mahlen und vergulden auch sein ausschlagen, und sie dem Mädchen nebst
ein paar Dreschern, die eher zu haben sind als ein paar Pferde, auf Weinachten
bescheren lassen. Sonntags, da diese Kerls ohnedem das Brodt nicht verdienen,
das sie verzehren, sollen sie allezeit nach Wilmershaussen gehen und Fräulein
Julgen in die Kirche und auch spazieren tragen, alsdenn gehen sie Montags
wieder bei mir in die Arbeit. Wenn dieser Vorschlag Ihren Beifall findet, so
soll er bald ausgeführet werden.
    Sagen Sie mir doch was ich mit meinem Pfarrer anfange, er ist ein grundböser
Mann. Wenn er mich in den Bann tun könnte, so machte er sich kein Gewissen
daraus. Lampert hat ihn bei mir immer die Stange gehalten und mich besänftiget,
wenn ich ihm eins habe versetzen wollen: aber jetzt da er ihn nicht mehr
vertritt, bin ich mehr als jemals gegen ihn aufgebracht. Einige wollen sagen, er
hätte, weil er mir nichts anhaben kann, und doch gleichwohl an mir reiben will,
eiserne Nägel in die Absätze schlagen lassen, und marschirte beständig über den
Grabstein eines meiner Ahnen, der in der Kirche liegt, mit so nachdrücklichen
Schritten hinweg, dass dadurch das Gesicht dieses meines Vorfahren, der, wie Sie
wissen, in Stein ausgehauen ist, sehr wäre beschädiget worden. Ich habe, um
hinter die Wahrheit zu kommen, ihm heute einen Schuh abfordern lassen, solchen
in Augenschein zu nehmen: er hat mir aber diesen verweigert. Ich kann daraus
nichts anders schlüssen, als dass er sich nicht sicher weiss, und das corpus
delicti nicht aushändigen will, weil dadurch die Bosheit an den Tag kommen
würde. Er soll mir aber den Possen nicht umsonst gespielet haben, ich will ihn
verklagen und ihn so hetzen, dass er bald zu Kreuze kriechen soll. Lampert meint,
er käme darüber vom Dienste und das wäre ihm auch gar recht. Lampert, der arme
Teufel ist ganz melancholisch, dass ihm seine Liebste aus dem Garne gegangen ist,
unterdessen will er es mit Ihrem Gerichtshalter weder auf den Hieb noch auf eine
Disputation angehen, um ihm seine Beute strittig zu machen. Sein Unglück hat ihn
seit etlichen Tagen so schmeidig gemacht, dass man ihn wie einen Polzen durch ein
Blasrohr schiessen könnte, da er vorhero in keinem Schlote Raum gehabt hätte.
Wenn Sie Ihren Gerichtshalter dahin bringen könnten, dass er ihn sein Mädchen
wieder abträte, so wollte ich den alten Wendelin verzeihen. Ich erwarte auf
diesen Brief von Ihnen bald eine Antwort und bin
                                      Ihr
                                                             aufrichtiger Freund
                                                                            v.N.
 
                                  XVI. Brief.
                       Der Herrn v.F. an den Herrn von N.
                                                                     den 18 Dec.
Sie sind noch ziemlich ungedultig für einen Liebhaber nach der heutigen Welt.
Wenn ich einige Tage ein tiefes Stillschweigen beobachtet und Ihren Auftrag, Sie
bei Ihrer Liebe mit gutem Rate zu unterstützen, gleichsam vergessen habe, so
dürfen Sie deswegen nicht glauben, dass ich diese Zeit über ganz und gar müssig
gewesen bin: ich habe vielmehr für Sie sehr vieles getan, und will Ihnen jetzo
davon Rechenschaft ablegen. Mein Stillschweigen hat keine andere Absicht gehabt,
als Ihre Gedult zu prüfen, und Sie hätten nur noch einige Tage aushalten sollen,
so würden Sie Ihre Probe gut gemacht haben. Dem ungeachtet verdienen Sie vieles
Lob, dass Sie über 14. Tage lang sich haben patientiren können, ohne einen
Angriff auf Ihre Schöne zu tun, und ich werde Ihnen bald verstatten, einen
neuen Versuch zu wagen. Das Fest scheinet hierzu keine unrechte Gelegenheit an
die Hand zu geben, und ein Geschenk zum heilgen Christ dürfte Ihnen bei dem
Fräulein gute Dienste leisten. Ich will mich hierüber hernach weitlauftiger
erklären, und mich jetzo nur wegen meines Stillschweigens rechtfertigen, auch
zugleich Ihnen einige neue Anmerkungen, die ich diese Zeit über gemacht habe,
mitteilen, welche Ihnen bei Ihrem Vorhaben vermutlich sehr nützlich sein
werden. Um nach dem jetzigen Geschmack ein vollkommener Liebhaber zu sein, muss
man im Anfang der Liebe einen Schüler des Pytagoras vorstellen, dieser
Weltweise liess seine Nachfolger einige Jahr lang ein tiefes Stillschweigen
beobachten, sie mussten ihren Lehrmeister nur bewundern, und das glauben, was er
sagte, ohne ihm zu widersprechen. Heutiges Tages machen es die Anbeter einer
Schönen eben so, sie reden, wenn ihr Herz schon in der vollen Flamme stehet,
noch nicht ein Wort von der Liebe, oder tun dieses doch weder mündlich noch
schriftlich, sondern bedienen sich bloss der Sprache der Augen, die ziemlich
zweideutig ist, und so vielerlei Auslegungen verstattet, als die Gesetze des
Justinians. Dieses Stillschweigen dauret so lange, bis sie der Gunst ihrer
Gebieterin ganz gewiss versichert sind, alsdenn erklären sie sich etwas
deutlicher, sie bedienen sich einer Sprache, die nicht aus Worten bestehet, die
aber gleichwohl die deutlichste, nachdrücklichste und beliebteste Sprache ist,
die gefunden wird, das sind die Geschenke. Ist die Schöne geneigt, den Antrag
ihres Verehrers anzuhören, so nimmt sie solche an, sie macht ihm auch wohl ein
Gegenkompliment mit einem kleinen Geschenke, zum Exempel für einen
Diamantschmuck schenkt sie einen Blumenstrauss, der an ihren Busen halb verwelkt
ist, für eine andere Galanterie, als Ohrengehänge, Dosen, Sonnenfächer,
Lavendelfläschgen und dergl. gibt sie zur Wiedervergeltung ein Bandschleifgen,
ein Schminkpflästergen, oder eine andre Kleinigkeit, die aber doch jederzeit von
dem Liebhaber höher als alle Schätze des Kaisers von Abyssinien müssen geschätzet
werden. Nachdem man diese Sprache genug gebrauchet hat, so bedienet man sich
erstlich der Zunge oder der Feder, man wiederholt das, was man schon zehnmal
gesagt hat, und man erhält die Antwort, die man auch bereits schon einige mal
erhalten hat. Sie stehen, wo ich mich nicht irre, noch in dem ersten Grade der
Liebe, und ich halte noch nicht für ratsam, dass Sie Ihr Wort, das Sie schon
einigemal zur Unzeit mündlich angebracht haben, so frühzeitig auf diese Art
erneuern, sie würden sich davon nicht die geringste gute Folge zu versprechen
haben. Ich erlaube Ihnen unterdessen, da Sie mit dem Munde noch eine Zeitlang
das genaueste Stillschweigen beobachten, der Sprache der Augen sich mit Vorteil
zu bedienen, und wenn dem Fräulein nicht gefällt, auf diese Art sich mit Ihnen
zu besprechen, die Beredsamkeit der Geschenke anzuwenden. Obgleich das Fräulein
sehr stoische Gesinnungen zu haben scheinet, so ist sie doch ein Frauenzimmer,
und dieses macht mir Hoffnung, dass sie endlich hierdurch sich wird überwinden
lassen. Sehen Sie, das sind die Regeln, welchen ich in einem Zeitraume von mehr
als vierzehn Tagen, die ich wie Achilles bei der Belagerung von Troja in einer
völligen Untätigkeit zugebracht zu haben scheine, ausstudiret habe. Es sind
derselben wenig aber sie sind wichtig und für einen Liebhaber sicher, ich habe
die ganze Geschichte des Herrn Grandisons mit diesen Regeln zusammen gehalten,
und habe befunden, dass Herr Grandison in seiner Liebe bei allen Mädchens
glücklich gewesen ist, weil er sie aufs genaueste beobachtete, dass es hingegen
den andern Anbetern des Fräuleins Byron nicht geglückt hat, weil sie solche
übertreten oder verachtet haben. Was fehlte dem tapfern Greeville, dass ihn
Henriette nicht glücklich machte? Nichts anders, als dass er einen Sprung tat in
der Liebe, er hatte nicht schweigen gelernet, er sagte jedermann, dass er sie
liebte, und gab ihr dieses selbst mündlich zu verstehen, da er noch kaum die
Augen durfte reden lassen. Der weinende Herr Orene war schon etwas glücklicher,
das Fräulein schenkte diesem Liebhaber schon ihr Mitleiden, und dieses ist der
erste Schritt zur Erhörung eines Liebhabers. Er wusste zu schweigen wie ein
Pytagoräer, aber weil er seine Augen, die immer voll Tränen stunden, und von
dem Salze derselben wund waren, nicht wohl brauchen konnte, um durch diese den
ersten Liebesantrag tun zu lassen, so musste er unverrichteter Sache wieder
abziehen. Sir Hargrave war gewiss ein Mann, dem die Mädchen nicht lange
Widerstand leisten konnten; allein er machte es zu arg, er führte die Sprache
des Mundes und der Augen zugleich, er redete auch dann und wann andere Sprachen,
die nur in Häusern gebraucht werden, die in keinem guten Rufe stehen; mit einem
Worte, Augen, Mund und Hände waren an ihm redend, und dieses verdarb sein Spiel.
Er wollte wie Cäsar auf einmal kommen, sehen und überwinden, und dieses geht
nicht bei allen Schönen an. Mit einem Worte, alle Liebhaber von Henrietten
übertraten diese Regeln, Herr Grandison, der bei der Kunst zu lieben ein
glückliches Genie hatte, und bei allen seinen Unternehmungen regelhaft verfuhr,
hatte auch davon einen guten Fortgang zu erwarten. Er hatte sich vorgenommen,
der Clementine einen Liebesantrag zu tun, und erklärete ihr den Milton, durch
dieses Mittel, da er ihr erzählte, wie die ersten Eltern das Paradies verloren
hatten, bekam er Gelegenheit, das Paradies zu erobern, oder durch den angenehmen
Umgang mit diesem vortrefflichen jungen Frauenzimmer sich in ihr Herz
einzuschleichen. Er sagte ihr kein Wort von seiner Liebe, aber er schielte dann
und wann über das Buch weg, und liess seine Augen den ihrigen begegnen, sie
lernten einander verstehen, und Herr Grandison erklärte ihr zweierlei auf
einmal, den Milton und seine Liebe. Er hatte schon ein gewonnen Spiel in Händen,
da er seinen Autor weglegte, und ihr mündlich und schriftlich gestund, dass er
sie liebte. Mit der Henriette Byron verfuhr er nicht anders, Sie haben dieses in
einem ihrer Briefe selbst angemerket, dass er in seiner Liebe sehr langsame und
bedenkliche Schritte getan, und den schwindsüchtigen Anfall der Fräulein Byron
keiner andern Ursache beigemessen, als weil Sir Carl nicht so geschwind, als sie
es gewünschet, Hochzeit gehalten hätte, daraus sehen Sie selbst, wie genau er
die Regeln, die ich Ihnen mitteile, befolget hat. Ich bin durch meine eigne
Erfahrung von der Richtigkeit derselben vollkommen überzeugt worden, ich habe
sie erfüllet, ohne dass ich sie damals noch kannte. Ich entdeckte meiner Frau
alle meine Gesinnungen, ohne ein Wort mit ihr davon zu reden; wenn wir vom
Wetter sprachen, so beteuerte ihr der Accent der Worte, und die Art, mit
welchen ich sie vorbrachte, durch tausend Eidschwüre, dass ich sie liebte, und
wenn sie in meiner Gegenwart eine Nadel abstrickte, so war jede Schmasche
beredt: ich sah aus der geschwindern oder langsamern Bewegung ihrer Finger, wie
ihr mein Antrag gefiel. Da ich genugsame Gründe vor mir hatte, ihre Minen für
mich günstig zu erklären, so wendete ich die andere Art der Beredsamkeit bei ihr
an, um sie vollkommen zu überwinden, ich wagte es, ihr verschiedene kleine
Geschenke zu machen, und da sie diese nicht ausschlug, liess ich sie immer höher
steigen, bis ich ihr einen Ring an den Finger practicirte, der mir so hoch zu
stehen kam, dass ich in der Messe damals meine Zeche im Gastofe schuldig bleiben
musste. Sie beschenkte mich davor mit einem vierblättrichten Kleeblat, das sie
eben im Garten gefunden hatte. Da ich dieses erhielt, zweifelte ich nicht mehr
an meinem Glücke, ich schickte, wie Sie wissen, meinen Abgeordneten ab, um das
Fräulein zu werben, und war des guten Ausganges meiner Sache so gewiss, dass ich
diesfalls allezeit tausend Taler gegen einen Groschen hätte setzen wollen.
    Nun sind Sie hoffentlich überzeugt, dass ich meine Zeit nicht müssig
zugebracht, sondern mich vielmehr zu ihrem Vorteile beschäftiget habe. Nach
vielem Kopfbrechen ist es mir endlich gelungen, diese Regeln, die ich Ihnen hier
mitteile, zu erfinden. Ich billige Ihr Vorhaben, dem Fräulein etwas zum heilgen
Christ beschehren zu lassen: nehmem Sie sich aber wohl in acht, ihr eine Korb
Portechaise zu verehren, Sie dürften vielleicht der erste sein, der die Ehre
hätte, darin getragen zu werden. Alle Korbmacherarbeit ist den Liebenden
fatal, und wird von ihnen eben sowohl für ein böses Anzeichen gehalten, als die
unglücklichen Vögel bei den Römern, wenn sie zu Felde zogen. Ich war bei meiner
Liebe so abergläubisch, dass wenn mir jemand mit einem Korbe begegnete, wenn ich
ihr aufwarten wollte, so kehrte ich stehendes Fusses wieder um, und versparte
meinen Besuch bis auf eine glücklichere Zeit. Sie wissen, dass der Unglaube eher
mein Fehler ist, als der Aberglaube. Wenn Sie mir ehemals von Ihren Feldzügen
eine Erzehlung machten, so erregte ich Ihnen so viele Zweifel, dass Sie oftmals
eben so ungewiss waren, als ich, ob sich das wirklich zugetragen hätte, was Sie
erzählten. Man gibt mir also mit Recht den Namen des Ungläubigen, aber bei der
Liebe und beim Spiel verdiene ich ihn nicht, ich bin in beiden sehr
abergläubisch. Der Pabst Sixt der fünfte, ob er gleich Pabst war, hatte doch den
Aberglauben, alle glückliche Begebenheiten seines Lebens ereigneten sich an
einer Mittwoche, und ich habe angemerkt, dass mir das Glück im Spiel zwar alle
Tage hold ist, aber nicht alle Stunden. Die Mitternachtsstunde ist mir für den
übrigen 23. Stunden des Tages besonders günstig, wenn ich das Spiel so weit
dehnen kann, so bin ich Meister, und alsdenn gehe ich ohne Gewinst nicht von der
Stelle. Aus dieser Ursache spiele ich niemals am Tage, sondern jederzeit des
Abends nach der Mahlzeit. Behalten Sie dieses Geheimnis ja bei sich, wenn meine
Spieler dahinter kämen, würden Sie niemals meine Glücksstunde wieder abwarten
wollen. Sie sehen hieraus, dass ich in gewissen Fällen sehr abergläubisch bin,
und mein Aberglaube ist dran Schuld, dass ich Ihnen widerrate, dem Fräulein von
W. eine Korb Portechaise zu schenken, ich zittere schon wegen dieses Einfalls
für Sie, und nehme solchen für ominös an. Ich will Ihnen aber einen andern
Vorschlag tun, weil Sie wegen der jetzigen schweren Zeit, wie Sie sagen, keinen
grossen Aufwand machen wollen, und Ihre Geschenke, die gleichwohl in die Augen
fallen sollen, gern mit wenig Kosten bestreiten, so nehmen Sie in der
Holländischen Lotterie einige Loose und schenken solche dem Fräulein, Sie können
für 100 tl. fünfe bekommen, sie kann sich aber auch mit einem begnügen, wenn
Sie sehr sparsam sein wollen. Gewinnt das Loos, so ist es beinahe so gut, als
wenn Sie ihr eine Summe, die dem Gewinnste gleich ist, geschenket hätten;
verlieret es, so haben Sie weiter nichts als eine Hand voll Geld verloren. Mich
dünkt, dieser Rat ist nicht zu verwerfen. Wollen Sie aber das gewisse fürs
ungewisse nehmen, so kaufen Sie ihr eine Galanterie, und bezaubern Sie die
Schöne zur Vergeltung wieder, die Sie bezaubert hat, wenn Sie sich einer goldnen
Uhr oder einer Sache von gleichem Wert hierzu bedienen, so ist dieses kräftiger
als alle verliebte Blicke, die vor sich eben so wenig Kraft haben, als die
Stäubgen, womit die Sonne spielt, die aber alle zu abgedrückten Pfeilen werden,
welche das Herz eines Frauenzimmers durchdringen, wenn Ihnen ein ansehnliches
Geschenke Gewicht und Nachdruck erteilet.
    Ich denke, dass ich Sie nun in Ansehung Ihrer Liebe befriediget habe, ich
will Ihnen nur noch ein Wort von Ihrem Pfarrer sagen. So wenig dieser ehrwürdige
Mann zu dem Innhalt meines Briefes sich zu schicken scheinet, so muss ich ihn
doch eine Stelle in solchem einräumen. Ich bedaure ihn aufrichtig, dass er Ihre
Gunst verloren hat, ich weiss, dass dadurch seiner Küche mancher Braten entgehet;
allein ich glaube, dass man ihn verleumdet hat, und getraue mir, ihn ganz und gar
von dem Verbrechen freizusprechen, das man ihm beimisst. Wer wollte diesem
Ehrenmann eine solche Bosheit zutrauen, dass er das Bild einer Ihrer Ahnen sollte
verunstaltet haben, den er nie gekannt hat, und der ihn folglich nie beleidiget
hat? Sollte er mit Ihnen nicht allerdings zufrieden sein, so muss man dieses
seiner Schwachheit und seiner geringen Kenntnis der grossen Welt zu gute halten.
Sie bleiben doch Kirchpatron, wenn er Sie auch manchmal auf eine verblümte Art
öffentlich tadelt, oder nach der Sprache des gemeinen Mannes von der Kanzel
wirft, ich muss mir dieses sowohl als Sie gefallen lassen, und befinde mich auf
einen solchen Fall allezeit sehr wohl. Ich kann mir nicht einbilden, dass er
seinen Amtseifer gegen Sie an Ihren Vorfahren ausüben sollte; zudem scheinet
sein Fuss nicht mehr rüstig genug, gegen eine steinerne Bildsäule dergestalt zu
wüten, dass sie davon merklich könnte beschädiget werden, wenn er sich auch
Hufeisen hätte auflegen lassen. Ich habe meine besondern Gedanken über diese
Sache, Herr Lampert ist zur Intrigue gemacht, wer weiss, ob er das nicht selbst
getan hat, was er dem Herrn Wendelin aufbürdet. Diese Vermutung ist nicht
unwahrscheinlich, er ist in seiner Liebe bei der Jungfer Wendelin unglücklich
gewesen, den grössten Philosophen verläst seine Philosophie, wenn er ein
unglücklicher Liebhaber wird, er denkt auf Rache, wenn er auch übrigens so zahm
ist wie ein Lamm. Das Schwerd meines Gerichtshalters hält das seinige in der
Scheide, dass er sich öffentlich weder an ihn, noch an seine Braut wagen darf; er
ist also vermutlich darauf bedacht gewesen, auf eine verborgene Art sich zu
rächen und dem Pfarrer eine Grube zu graben. Vielleicht hat er sich einmal in
die Küche schliessen lassen, und das Monument selbst beschädiget, welches er nun
auf die Rechnung des Pfarrers schreibt. Glauben Sie nur, Herr Wendelin ist ein
ehrlicher Mann, der für Leid in die Grube fahren würde, wenn er die boshafte
Beschuldigung wüsste. Lassen Sie sich, wenn Sie meinem Rate folgen wollen, gegen
ihn nichts merken und übergehen sie die ganze Sache, die ohnedem eine
Kleinigkeit ist, mit Stillschweigen. So gern ich wünschte, Ihr Verlangen zu
erfüllen, und meinen Gerichtshalter zu überreden, seiner Rechte auf Hannchen,
die bereits seine Braut ist, zum Vorteil des Herrn Lamperts sich zu begeben; so
wenig bin ich im Stande, dieses ins Werk zu richten. Mein Gerichtshalter will
eher das Leben verlieren, als seine Braut. Er ist, wie Sie wissen, ein Mann, der
Herzhaftigkeit besitzt und ein gewaltiger Disputator, dass ihr Herr Lampert gewiss
gegen ihn den kürzern ziehen würde, wenn er sich mündlich oder schriftlich, auf
den Hieb oder Schuss mit ihm einlassen wollte. Ueber dieses glaube ich, dass mein
Gerichtshalter dieses artige Mädchen wohl verdient; er hat alle Regeln eines
Liebhabers, der in seinem Vorhaben glücklich sein will, aufs genaueste
beobachtet. Er hat zu rechter Zeit geschwiegen, und zu rechter Zeit seine
Beredsamkeit angewendet; und das ist es alles, was man von einem rechtschaffenen
Verehrer eines Frauenzimmers verlangt. Sein Mitbuhler, der diese Regeln
übertreten hat, muss sich sein unglückliches Schicksal selbst zuschreiben, und
ich hätte ihm dieses prophezeien wollen. Gedult und ein wenig philosophische
Gelassenheit, die schon so viele unglückliche Liebhaber beruhiget und sie von
den gefährlichsten Gedanken abgehalten haben, sich selbst zu ermorden, sind die
einzigen Hülfsmittel, zu welchen er seine Zuflucht nehmen kann, um sein Unglück
sich erträglich zu machen. Ich habe Ihnen nun alles gesagt, was ich mir
vorgenommen hatte, Ihnen zu sagen, es ist mir dahero nichts mehr übrig, als Sie
zu versichern, dass ich mit vieler Hochachtung bin
                                      Dero
                                                             gehorsamster Diener
                                                                            v.F.
 
    