
        
                         Christian Fürchtegott Gellert
                             Leben der schwedischen
                                 Gräfin von G**
                                   Erster Teil
Vielleicht würde ich bei der Erzählung meines Geschlechts ebenso beredt oder
geschwätzig als andre sein, wenn ich anders viel zu sagen wüsste. Meine Eltern
sind mir in den zartesten Jahren gestorben, und ich habe von meinem Vater, einem
Livländischen von Adel, weiter nichts erzählen hören, als dass er ein
rechtschaffener Mann gewesen ist und wenig Mittel besessen hat.
    Mein Vetter, der auch ein Landedelmann war, doch in seiner Jugend studiert
hatte, nahm mich nach meines Vaters Tode zu sich auf sein Landgut und erzog mich
bis in mein sechzehntes Jahr. Ich habe die Worte nicht vergessen können, die er
einmal zu seiner Gemahlin sagte, als sie ihn fragte, wie er es künftig mit
meiner Erziehung wollte gehalten wissen. »Vormittags«, fing er an, »soll das
Fräulein als ein Mann und nachmittags als eine Frau erzogen werden.« Meine Muhme
hatte mich sehr lieb, zumal weil sie keine Tochter hatte, und sie sah es gar
nicht gern, dass ich, wie ihre jungen Herren, die Sprachen und andere
Pedantereien, wie sie zu reden pflegte, erlernen sollte. Sie hätte mich dieser
Mühe gern überhoben; allein ihr Gemahl wollte nicht. »Fürchten Sie sich nicht«,
sprach er zu ihr, »das Fräulein lernt gewiss nicht zuviel. Sie soll nur klug und
gar nicht gelehrt werden. Reich ist sie nicht, also wird sie niemand als ein
vernünftiger Mann nehmen. Und wenn sie diesem gefallen und das Leben leicht
machen helfen soll, so muss sie klug, gesittet und geschickt werden.« Dieser
rechtschaffene Mann hat keine Kosten an mir gesparet; und ich würde gewiss noch
etliche Jahre eher vernünftig geworden sein, wenn seine Frau einige Jahre eher
gestorben wäre. Sie hat mich zwar in Wirtschaftssachen gar nicht unwissend
gelassen; allein sie setzte mir zu gleicher Zeit eine Liebe zu einer solchen
Galanterie in den Kopf, bei der man sehr glücklich eine stolze Närrin werden
kann. Ich war freilich damals noch nicht alt; allein ich war alt genug, eine
Eitelkeit an mich zu nehmen, zu der unser Geschlecht recht versehen zu sein
scheint. Aber zu meinem Glücke starb meine Frau Base, ehe ich noch das zehnte
Jahr erreicht hatte, und gab meinem Vetter durch ihren Tod die Freiheit, mich
desto sorgfältiger zu erziehen und die übeln Eindrücke wieder auszulöschen,
welche ihr Umgang und ihr Beispiel in mir gemacht hatten. Ich hatte von Natur
ein gutes Herz, und er durfte also nicht sowohl wider meine Neigungen streiten
als sie nur ermuntern. Er lieh mir seinen Verstand, mein Herz recht in Ordnung
zu bringen, und lenkte meine Begierde zu gefallen nach und nach von solchen
Dingen, die das Auge einnehmen, auf diejenigen, welche die Hoheit der Seele
ausmachen. Er sah, dass ich wusste, wie schön ich war; um desto mehr lehrte er
mich den wahren Wert eines Menschen kennen und an solchen Eigenschaften einen
Geschmack finden, die mehr durch einen geheimen Beifall der Vernunft und des
Gewissens als durch eine allgemeine Bewunderung belohnt werden. Man glaube ja
nicht, dass er eine hohe und tiefsinnige Philosophie mit mir durchging. O nein,
er brachte mir die Religion auf eine vernünftige Art bei und überführte mich von
den grossen Vorteilen der Tugend, welche sie uns in jedem Stande, im Glücke und
Unglücke, im Tode und nach diesem Leben bringt. Er hatte die Geschicklichkeit,
mir alle diese Wahrheiten nicht sowohl in das Gedächtnis als in den Verstand zu
prägen. Und diesen Begriffen, die er mir beibrachte, habe ich's bei reifern
Jahren zu verdanken gehabt, dass ich die Tugend nie als eine beschwerliche Bürde,
sondern als die angenehmste Gefährtin betrachtet habe, die uns die Reise durch
die Welt erleichtern hilft. Ich glaube auch gewiss, dass die Religion, wenn sie
uns vernünftig und gründlich beigebracht wird, unsern Verstand ebenso
vortrefflich aufklären kann, als sie unser Herz verbessert. Und viele Leute
würden mehr Verstand zu den ordentlichen Geschäften des Berufs und zu einer
guten Lebensart haben, wenn er durch den Unterricht der Religion wäre geschärft
worden! Ich durfte meinem Vetter nichts auf sein Wort glauben, ja er befahl mir
in Dingen, die noch über meinen Verstand waren, so lange zu zweifeln, bis ich
mehr Einsicht bekommen würde. Mit einem Worte, mein Vetter lehrte mich nicht die
Weisheit, mit der wir in Gesellschaften prahlen, oder, wenn es hoch kommt,
unsere Ehrbegierde einige Zeit stillen, sondern die von dem Verstande in das
Herz dringt und uns gesittet, liebreich, grossmütig, gelassen und im stillen
ruhig macht. Ich würde nichts anders tun als beweisen, dass mein Vetter seine
guten Absichten sehr schlecht bei mir erreicht hätte, wenn ich mir alle diese
schönen Eigenschaften beilegen und sie als meinen Charakter den Lesern
aufdringen wollte. Es wird am besten sein, wenn ich mich weder lobe noch tadle
und es auf die Gerechtigkeit der Leser ankommen lasse, was sie sich aus meiner
Geschichte für einen Begriff von meiner Gemütsart machen wollen. Ich fürchte,
wenn ich meine Tugenden und Schwachheiten noch so aufrichtig bestimmte, dass ich
doch dem Verdachte der Eigenliebe oder dem Vorwurfe einer stolzen Demut nicht
würde entgehen können.
    Ich war sechzehn Jahre alt, da ich an den schwedischen Grafen von G.
verheiratet wurde. Mit dieser Heirat ging es folgendermassen zu. Der Graf hatte
in dem Livländischen Güter, und zwar lagen sie nahe an meines Vetters
Rittersitze. Das Jahr vor meiner Heirat hatte der Graf nebst seinem Vater eine
Reise aus Schweden auf diese Güter getan. Er hatte mich etlichemal bei meinem
Vetter gesehen und gesprochen. Ich hatte ihm gefallen, ohne mich darum zu
bestreben. Ich war ein armes Fräulein; wie konnte ich also auf die Gedanken
kommen, einen Grafen zu fesseln, der sehr reich, sehr wohlgebildet, angesehen
bei Hofe, schon ein Obrister über ein Regiment und vielleicht bei einer
Prinzessin willkommen war? Doch dass ich ihm nicht habe gefallen wollen, ist
unstreitig mein Glück gewesen. Ich tat gelassen und frei gegen ihn, weil ich mir
keine Rechnung auf sein Herz machte, anstatt dass ich vielleicht ein gezwungenes
und ängstliches Wesen an mich genommen haben würde, wenn ich ihm hätte kostbar
vorkommen wollen. In der Tat gefiel er mir im Herzen sehr wohl; allein so sehr
ich mir ihn heimlich wünschen mochte, so hielt ich's doch für unmöglich, ihn zu
besitzen.
    Nach einem Jahre schrieb er an mich, und der ganze Inhalt seines Briefes
bestund darinnen, ob ich mich entschliessen könnte, seine Gemahlin zu werden und
ihm nach Schweden zu folgen. Sein Herz war mir unbeschreiblich angenehm, und die
grossmütige Art, mit der er mir's anbot, machte mir's noch angenehmer. Es gibt
eine gewisse Art, einem zu sagen, dass man ihn liebt, welche ganz bezaubernd ist.
Der Verstand tut nicht viel dabei, sondern das Herz redet meistens allein.
Vielleicht wird man das, was ich sagen will, am besten aus seinem Briefe selber
erkennen:
                                »Mein Fräulein!
Ich liebe Sie. Erschrecken Sie nicht über dieses Bekenntnis, oder wenn Sie ja
über die Dreistigkeit, mit der ich's Ihnen tue, erschrecken müssen: so bedenken
Sie, ob dieser Fehler nicht eine Wirkung meiner Aufrichtigkeit sein kann. Lassen
Sie mich ausreden, liebstes Fräulein. Doch was soll ich sagen? Ich liebe Sie;
dies ist es alles. Und ich habe Sie von dem ersten Augenblicke an geliebt, da
ich Sie vor einem Jahre gesehen und gesprochen habe. Ich gestehe Ihnen
aufrichtig, dass ich mich bemüht habe, Sie zu vergessen, weil es die Umstände in
meinem Vaterlande verlangten; aber alle meine Mühe ist vergebens gewesen und hat
zu nichts gedienet, als mich von der Gewissheit meiner Liebe und von Ihren
Verdiensten vollkommen zu überzeugen. Ist es möglich, werden Sie durch meine
Zärtlichkeit beleidiget? Nein, warum sollte Ihnen die Liebe eines Menschen
zuwider sein, dessen Freundschaft Sie sich haben gefallen lassen. Aber werden
Sie es auch gelassen anhören, wenn ich Ihnen mein Herz noch deutlicher entdecke?
Darf ich wohl fragen, ob Sie mir Ihre Liebe schenken, ob Sie mir als meine
Gemahlin nach Schweden folgen wollen? Sie sind zu grossmütig, als dass Sie eine
Frage unbeantwortet lassen sollten, von deren Entscheidung meine ganze
Zufriedenheit abhängt. Ach, liebste Freundin, warum kann ich nicht den
Augenblick erfahren, ob ich Ihrer Gewogenheit würdig bin, ob ich hoffen darf?
Überlegen Sie, was Sie, ohne den geringsten Zwang sich anzutun, einem Liebhaber
antworten können, der in der Zärtlichkeit und Hochachtung gegen Sie seine
grössten Verdienste sucht. Ich will Ihr Herz nicht übereilen. Ich lasse Ihnen zu
Ihrem Entschlusse soviel Zeit, als Sie verlangen. Doch sage ich Ihnen zugleich,
dass mir jeder Augenblick zu lang werden wird, bis ich mein Schicksal erfahre.
Wie inständig müsste ich Sie nicht um Ihre Liebe bitten, wenn ich bloss meiner
Empfindung und meinen Wünschen folgen wollte! Aber nein, es liegt mir gar zuviel
an Ihrer Liebe, als dass ich sie einem andern Bewegungsgrunde als Ihrer freien
Einwilligung zu danken haben wollte. So entsetzlich mir eine unglückliche
Nachricht sein wird, so wenig wird sie doch meine Hochachtung und Liebe gegen
Sie verringern. Sollte ich deswegen ein liebenswürdiges Fräulein hassen können,
weil sie nicht Ursachen genug findet, mir ihr Herz auf ewig zu schenken? Nein,
ich werde nichts tun, als fortfahren, Sie, meine Freundin, hochzuschätzen, und
mich über mich selbst beklagen. Wie sauer wird es mir, diesen Brief zu
schliessen! Wie gern sagte ich Ihnen noch hundertmal, dass ich Sie liebe, dass ich
Sie unaufhörlich liebe, dass ich in Gedanken auf Ihre geringste Miene bei meinem
Bekenntnisse Achtung gebe, aus Begierde, etwas Vorteilhaftes für mich darinnen
zu finden! Leben Sie wohl! Ach, liebstes Fräulein, wenn wollen Sie mir
antworten?«
Der Vater des Grafen hatte zugleich an meinen Vetter geschrieben. Kurz, ich war
die Braut eines liebenswürdigen Grafen. Ich wollte wünschen, dass ich sagen
könnte, was von der Zeit an in meinem Herzen vorging. Ich hatte noch nie
geliebt. Wie unglaublich wird dieses Bekenntnis vielen von meinen Leserinnen
vorkommen! Sie werden mich deswegen wohl gar für einfältig halten, oder sich
einbilden, dass ich weder schön noch empfindlich gewesen bin, weil ich in meinem
sechzehnten Jahre nicht wenigstens ein Dutzend Liebeshändel zählen konnte. Doch
ich kann mir nicht helfen. Es mag nun zu meinem Ruhme oder zu meiner Schande
gereichen, so kann man sich darauf verlassen, dass ich noch nie geliebt hatte, ob
ich gleich mit vielen jungen Mannspersonen umgegangen war. Nunmehr aber fing
mein Herz auf einmal an zu empfinden. Mein Graf war zwar auf etliche vierzig
Meilen von mir entfernt; allein die Liebe machte mir ihn gegenwärtig. Wo ich
stand, da war er bei mir. Es war nichts Schöneres, nichts Vollkommeneres als er.
Ich wünschte nichts als ihn. Ich fing oft mit ihm an zu reden. Er erwies mir in
meinen Gedanken allerhand Liebkosungen, und ich weigerte mich mit einer
verschämten Art, sie anzunehmen. Vielen wird dieses lächerrlich vorkommen, und
ich habe nicht viel dawider einzuwenden. Eine unschuldige, eine recht zärtliche
Braut ist in der Tat eine Kreatur aus einer andern Welt, die man nicht ohne
Erstaunen betrachten kann. Ihr Vornehmen, ihre Sprache, ihre Mienen, alles wird
zu einem Verräter ihres Herzens, je sorgfältiger sie es verbergen will. Ich ass
und trank beinahe viele Wochen nicht, und ich blühete doch dabei. Ich sage es im
Ernste, dass ich glaube, die Liebe kann uns einige Zeit erhalten. Ich ward viel
reizender, als ich zuvor gewesen war.
    Mein Vetter machte sich nunmehr mit mir auf die Reise nach Schweden. Es
begleiteten mich verschiedene junge Herren und Fräuleins einige Meilen, und der
Abschied von ihnen ward mir gar nicht sauer. Unsre Reise ging glücklich
vonstatten; und es ist mir auf einem Wege von etlichen vierzig Meilen nicht das
geringste begegnet, ausser dass mir jeder Augenblick bis zum Anblicke meines
Grafen zu lange ward.
    Ich kam also, wie ich gesagt habe, in Begleitung meines Vetters glücklich
auf dem Landgute des Grafen an. Ich fand ihn viel liebenswürdiger, als er mir
vor einem Jahre vorgekommen war. Man darf sich darüber gar nicht verwundern.
Damals wusste ich noch nicht, dass er mich liebte; jetzt aber wusste ich's. Eine
Person wird gemeiniglich in unsern Augen vollkommner und verehrungswürdiger,
wenn wir sehen, dass sie uns liebt. Und wenn sie auch keine besondern Vorzüge
hätte, so ist ihre Neigung zu uns die Vollkommenheit, die wir an ihr
hochschätzen. Denn wie oft lieben wir nicht uns in andern? Und wo würde die
Beständigkeit in der Liebe herkommen, wenn sie nicht von unserm eigenen
Vergnügen unterhalten würde?
    Mein Bräutigam, mein lieber Graf, erwies mir bei meiner Ankunft die
ersinnlichsten Liebkosungen; und ich glaube nicht, dass man glückseliger sein
kann, als ich an seiner Seite war. Unser Beilager wurde ohne Gepränge, mit einem
Worte, sehr still, aber gewiss sehr vergnügt vollzogen. Manches Fräulein wird
diese beiden Stücke nicht zusammenreimen können. Dem zu Gefallen muss ich eine
kleine Beschreibung von meinem Beilager machen. Ich war etwan acht Tage in
Schweden und hatte mich völlig von der Reise wieder erholet, als mein Graf mich
bat, den Tag zu unserer Vermählung zu bestimmen. Ich versicherte ihn, dass ich
die Ehre, seine Gemahlin zu heissen, nie zu zeitig erlangen könnte; doch würde
mir kein Tag angenehmer sein als der, den er selber dazu ernennen würde. Wir
setzten, ohne uns weiter zu beratschlagen, den folgenden Tag an. Er kam des
Morgens zu mir in mein Zimmer und fragte mich, ob ich noch entschlossen wäre,
heute seine Gemahlin zu werden. Ich antwortete ihm mit halb niedergeschlagnen
Augen und mit einem freudigen und beredten Kusse. Ich hatte nur einen leichten,
aber wohlausgesuchten Anzug an. »Sie gefallen mir vortrefflich in diesem
Anzuge«, fing der Graf zu mir an. »Er ist nach Ihrem Körper gemacht, und Sie
machen ihn schön. Ich dächte, Sie legten heute keinen andern Staat an.« - »Wenn
ich Ihnen gefalle, mein lieber Graf,« versetzte ich, »so bin ich schön genug
angeputzt.« Ich war also in meinem Brautstaat, ohne dass ich's selber gewusst
hatte. Wir redten den ganzen Morgen auf das zärtlichste miteinander. Ich trat
endlich an das Clavecin und spielte eine halbe Stunde und sang auf Verlangen
meines Grafen und meines eigenen Herzens dazu. Auf diese Art kam der Mittag
herbei. Der Vater meines Grafen (denn die Mutter war schon lange gestorben, und
die einzige Schwester auch) kam nebst meinem Vetter zu uns. Sie statteten ihren
Glückwunsch ab und sagten, dass der Priester schon zugegen wäre. Wir gingen
darauf herunter in das Tafelzimmer. Die Trauung ward sehr bald vollzogen, und
wir setzten uns zur Tafel, nämlich wir viere und der Priester. Die Tafel war
etwan mit sechs oder acht Gerichten besetzt. Dieses waren die Anstalten meiner
Vermählung. Sie wird mancher Braut lächerrlich und armselig vorkommen. Gleichwohl
war ich sehr wohl damit zufrieden. Ich war ruhig, oder, besser zu reden, ich
konnte recht zärtlich unruhig sein, weil mich nichts von dem rauschenden Lärmen
störte, der bei den gewöhnlichen Hochzeitfesten zur Qual der Vermählten zu sein
pflegt. Nach der Tafel fuhren wir spazieren, und zwar zu dem Herrn R., der
meinen Gemahl auf seinen Reisen begleitet hatte und jetzt auf einem kleinen
Landgute, etliche Meilen von uns, wohnte. Mein Gemahl liebte diesen Mann
ungemein. »Hier bringe ich Ihnen«, fing er zu ihm an, »meine liebe Gemahlin. Ich
habe mich heute mit ihr trauen lassen. Ist es nicht wahr, ich habe vortrefflich
gewählt? Sie sollen ein Zeuge von meinem und ihrem Vergnügen sein; kommen Sie,
und begleiten Sie uns wieder zurück!« Wir fuhren also in seiner Gesellschaft
wieder auf unser Landgut zurück, ohne uns aufzuhalten. Kurz, der Abend verstrich
ebenso vergnügt als der Mittag.
    Itzt wundre ich mich, dass ich meinen Gemahl noch nicht beschrieben habe. Er
sah bräunlich im Gesichte aus und hatte ein Paar so feurige und blitzende Augen,
dass sie einem eine kleine Furcht einjagten, wenn man sie allein betrachtete.
Doch seine übrige Gesichtsbildung wusste dieses Feuer so geschickt zu dämpfen,
dass nichts als Grossmut und eine lebhafte Zärtlichkeit aus seinen Mienen
hervorleuchtete. Er war vortrefflich gewachsen. Ich will ihn nicht weiter
abschildern. Man verderbt durch die genauen Beschreibungen oft das Bild, das man
seinen Lesern von einer schönen Person machen will. Genug, mein Graf war in
meinen Augen der schönste Mann.
    Nicht lange nach unserer Vermählung musste mein Gemahl zu seinem Regimente.
Sein Vater, der bei einem hohen Alter noch munter und der angenehmste Mann war,
wollte mir die Abwesenheit meines Gemahls erträglich machen und reisete mit mir
auf seine übrigen Güter. Auf dem einen traf ich eine sehr junge und schöne Frau
an, die man für die Witwe des Oberaufsehers der Güter ausgab. Die Frau hatte so
viel Reizendes an sich und so viel Gefälliges und Leutseliges in ihrem Umgange,
dass ich ihr auf den ersten Anblick gewogen und in kurzer Zeit ihre Freundin
ward. Ich bat, sie sollte mich wieder zurückbegleiten und bei mir leben. Sie
sollte nicht meine Bediente, sondern meine gute Freundin sein. Und wenn sie
nicht länger bei mir bleiben wollte, so wollte ich ihr eine ansehnliche
Versorgung schaffen. Sie nahm diesen Antrag mit Tränen an und schützte bald
ihren kleinen Sohn, bald die Lust zu einem stillen Leben vor, warum sie mir
nicht folgen könnte. Sie ging mir indessen nicht von der Seite und bezeigte so
viel Ehrerbietung und Liebe gegen mich, dass ich sie hundertmal bat, mir zu
sagen, womit ich ihr dienen könnte. Allein sie schlug alle Anerbietungen recht
grossmütig aus und verlangte nichts, als meine Gewogenheit. Der alte Graf wollte
wieder fort, und indem mich die junge Witwe an den Wagen begleitete, so sah ich
ein Kind in dem untersten Gebäude des Hofes am Fenster stehen. Ich fragte, wem
dieses Kind wäre. Die gute Frau kam vor Schrecken ganz ausser sich. Sie hatte
mich beredt, dass ihr Sohn unlängst die Blattern gehabt hätte. Und damit ich mich
nicht fürchten sollte, so hatte sie mir ihn bei meinem Dasein, ungeachtet meines
Bittens, nicht wollen sehen lassen. Allein ich sah, dass diesem Knaben nichts
fehlte, und ich liess nicht nach, bis man ihn vor mich brachte. Hilf Himmel! wie
entsetzte ich mich, als ich in seinem Gesichte das Ebenbild meines Gemahls
antraf. Ich konnte kein Wort zu dem Kinde reden. Ich küsste es, umarmte zugleich
seine Mutter und setzte mich den Augenblick in den Wagen. Der alte Graf merkte
meine Bestürzung und entdeckte mir mit einer liebreichen Aufrichtigkeit das
ganze Geheimnis. »Die Frau,« sprach er, »die Sie gesehen haben, ist die
ehemalige Geliebte Ihres Gemahls. Und wenn Sie dieses Geständnis beleidiget, so
zürnen Sie nicht sowohl auf meinen Sohn als auf mich. Ich bin an der Sache
schuld. Ich habe ihn von Jugend auf mit einer besondern Art erzogen, die Ihnen
in manchen Stücken ausschweifend vorkommen dürfte. Mein Sohn musste in mir nicht
sowohl seinen Vater, als seinen Freund lieben und verehren. Er durfte mich nicht
fürchten, als wenn er mir etwas verschwieg. Daher gestund er mir alles, und ich
erhielt dadurch Gelegenheit, ihn von tausend Torheiten abzuziehen, ehe er sie
beging, oder doch, ehe er sich daran gewöhnete. Ich wusste, ehe ich meinen Sohn
auf Reisen schickte, dass er ein gewisses Frauenzimmer von bürgerlichem Stande
liebte, welches meine Schwester als eine Waise sehr jung zu sich genommen und,
weil das Kind viel Lebhaftigkeit besass, in der Gesellschaft ihrer einzigen
Tochter wohl hatte erziehen lassen. Mein Sohn hatte mir aus dieser Liebe nie ein
Geheimnis gemacht. Er bat mich, da er seine Reisen antrat, dass ich ihm erlauben
möchte, dieses Frauenzimmer als seine gute Freundin mitzunehmen. Kurz, ich war
entweder zu schwach, ihm diese Bitte abzuschlagen, oder ich willigte mit Fleiss
darein, um ihn von den gefährlichen Ausschweifungen der Jugend durch ihre
Gesellschaft abzuhalten. Und dieses ist ebendas Frauenzimmer, das Sie jetzt
gesehen und nach der gemeinen Rede für eine Witwe gehalten haben. Sie besitzt
sehr gute Eigenschaften, und ich habe ihr zehntausend Taler ausgesetzt, damit
sie heiraten kann, wenn es ihr beliebet. Für ihren Sohn habe ich auch etwas
Gewisses zu seiner Erziehung bestimmt. Und wenn Ihnen diese Frau gefährlich
scheint, so will ich sie binnen wenig Tagen nach Livland auf meine Güter
schicken und ihr daselbst alle mögliche Versorgung verschaffen.«
    Man glaube ja nicht, dass ich die ehemalige Geliebte meines Gemahls zu hassen
anfing. Nein, ich liebte sie, und die Liebe besänftigte die Eifersucht. Ich bat,
dass er sie mit einer anständigen Heirat versorgen und sie entfernen möchte. Bei
unserer Zurückkunft traf ich meinen Gemahl schon an. So sehr ich von der
Gewissheit seiner Liebe versichert war, so konnte ich doch nicht ruhig werden,
bis ich ihn durch allerhand kleine Kaltsinnigkeiten nötigte, ein Geheimnis aus
mir herauszulocken, das mein Herz nicht umsonst entdecket haben wollte. Er
erschrak und beklagte sich über die Unvorsichtigkeit seines Vaters, dass er mich
an einen Ort geführt hätte, der unsrer Zärtlichkeit so nachteilig sein könnte.
Er gab den Augenblick Befehl, dass man dieses Frauenzimmer nebst ihrem Sohne
entfernen und alles, was sie verlangte, zu ihrem Unterhalte ausmachen sollte.
Dieses geschah auch binnen acht Tagen. Ich konnte keine deutlichere Probe von
seiner Treue verlangen, und es war mir unmöglich, ihn wegen dieser Sache auch
nur einen Augenblick zu hassen, ob ich mich gleich von aller Unruhe nicht
freisprechen will.
    Er gestund mir, dass er dieses Frauenzimmer gewiss zu seiner Gemahlin erwählet
haben würde, wenn er die Einwilligung vom Hofe hätte erhalten können. In der Tat
verdiente sie dieses Glück so wohl als ich. Ich sah beinahe keinen Vorzug, den
ich vor ihr hatte, als dass ich adlig geboren war. Und wie gering ist dieser
Vorzug, wenn man ihn vernünftig betrachtet! Sie hatte sich gar nicht aus
Leichtsinn ergeben. Die Ehe war der Preis gewesen, für den sie ihr Herz und sich
überlassen hatte. Der Vater des Grafen hatte die Liebe und die Wahl seines
Sohnes gebilliget. Sie kannte das edelmütige Herz ihres Geliebten. Sie war von
der Aufrichtigkeit seiner Zärtlichkeit überzeugt. Ein Frauenzimmer, das sich
unter solchen Umständen in eine vertrauliche Liebe einlässt, verdienet eher
Mitleiden als Vorwürfe. Mein Gemahl erzählte mir einen Umstand, der Karolinens
Wert, so will ich seine Geliebte künftig nennen, sehr verschönert. Sobald sie
gesehen, dass er die Einwilligung, sich mit ihr zu vermählen, nicht würde
erhalten können, ohne dabei sein Glück in Gefahr zu setzen und die Gnade des
Hofes zu verlieren, so hatte sie sich des Rechts auf sein Herz freiwillig
begeben. Er zeigte mir folgenden Brief von ihr, der mich wegen seines
grossmütigen Inhalts ungemein gerühret hat.
                               »Mein lieber Graf!
Ich höre, dass man Ihnen den Entschluss, mich für Ihre Gemahlin zu erklären, sehr
sauer macht. Sie dauern mich, weil ich gewiss weiss, dass Sie mich lieben, und dass
Sie ebensoviel Überwindung brauchen, mir Ihr Wort nicht zu halten, als es mich
Mühe kostet, meine Ansprüche auf das edelste und grossmütigste Herz fahren zu
lassen. Doch wenn ich einmal meinen Graf verlieren soll, so will ich ihn mit
Ruhm verlieren. Kurz, mein liebster Graf, ich opfre Ihrem Glücke und Ihrem
Stande meine Liebe und meine Zufriedenheit auf und vergesse das schmeichelhafte
Glück, Ihre Gemahlin zu werden, auf ewig. Sie sind frei und können sich zu einer
Wahl entschliessen, welche Ihnen nur immer gefällt. Ich bin alles zufrieden, wenn
ich nur sehe, dass Sie glücklich wählen und die Zufriedenheit an der Seite Ihrer
Gemahlin erhalten, die ich Ihnen durch meine Liebe habe verschaffen wollen.
Dieses ist, wie der Himmel weiss, mein grösster Wunsch. Und was gehört mehr zu der
Aufrichtigkeit eines solchen Wunsches, als dass man Sie liebt? Ich mache Ihnen
nicht den geringsten Vorwurf. Sie haben in meinen Augen Ihr Wort vollkommen
gehalten; denn ich bin überzeugt, dass Sie es erfüllen würden, wenn es bei Ihnen
stünde. Ich werde mich auch nie über mich selbst beklagen. Ich bin die Ihrige
unter der Bedingung gewesen, dass Sie mich einst öffentlich dafür erklären
würden. Ich habe Ihnen also bei aller meiner Zärtlichkeit doch nie meine Tugend
aufgeopfert. Nein, das Andenken meiner Liebe wird mir allemal die grösste
Beruhigung geben, so traurig auch mein künftiges Schicksal der Welt vorkommen
wird. Vermählen Sie sich, mein lieber Graf, und denken Sie künftig nur an mich
als an Ihre Freundin. Diese Belohnung verdiene ich. Leben Sie wohl, und lassen
Sie mir auf einem Ihrer Güter einen Platz anweisen, wo ich nebst meinem Sohne in
der Stille leben kann. Verlieren Sie weiter kein Wort. Ich bleibe bei meinem
Entschlusse, Ihnen zu beweisen, dass ich Ihr Glück meiner Wohlfahrt vorziehe.
Leben Sie wohl, mein lieber Graf!«
    Karolinens grossmütigem Entschlusse hatte ich's also zu danken, dass mir der
Graf zuteil worden war. Sie hatte sich nach diesem Briefe nicht mehr als noch
einmal von ihm sprechen lassen und sich sogleich auf das Landgut begeben, wo ich
sie antraf. Er versicherte mich, dass er sie seit andertalb Jahren nicht
gesehen, und ich hätte ihr gern das Vergnügen gegönnt, den Grafen vor ihrer
Abreise nach Livland noch einmal zu sprechen, wenn es der Wohlstand hätte
erlauben wollen.
    Mein Graf verdoppelte seine Bemühungen, mir zu gefallen; und der Himmel
weiss, dass er der liebenswürdigste Mann war, den man kaum zärtlicher und edler
denken konnte. Er war vernünftig und gesittet gewesen, ehe er ein Soldat
geworden war, und daher hatte er nicht das geringste von dem Rohen und Wilden an
sich genommen, das dieser Lebensart sonst eigen zu sein pflegt. Er war die
Guteit und Menschenliebe selbst, und dennoch ward er im ganzen Hause so
gefürchtet, dass der kleinste Wink an seine Leute die Wirkung des
nachdrücklichsten Befehls tat. Er schien mir vollkommen zu gehorchen; es war ihm
unmöglich, mir etwas abzuschlagen; er hielt alles für genehm, was ich verlangte.
Allein mitten in dieser zärtlichen Untertänigkeit wusste er sich bei mir in einer
gewissen Ehrfurcht zu erhalten, dass ich bei aller meiner Herrschaft nicht sowohl
meinen Willen als vielmehr sein Verlangen in Gedanken zu Rate zog und in der Tat
nichts unternahm, als was er befohlen haben würde, wenn er hätte befehlen
wollen. Er war der ordentlichste Mann in seinen Geschäften und band sich doch
selten an die Zeit. Er arbeitete, sobald er sich geschickt zur Arbeit fühlete,
und arbeitete so lange fort, als er sich in dieser Verfassung merkte. Allein er
liess auch von seinen Verrichtungen nach, sobald er keine Lust mehr dazu
verspürete. Daher war er stets munter, weil er sich niemals zu sehr ermüdete,
und hatte stets Zeit zu den Vergnügungen übrig, weil er die Zeit niemals mit
vergebnen Bemühungen, zu arbeiten, verschwendete. Er hatte eine sehr schöne
Bibliotek auf seinen Reisen gesammlet. Ich verstund Französisch und etwas
Latein und Italienisch. Der Büchersaal ward mir in kurzer Zeit an der Seite
meines Gemahls der angenehmste Ort. Er las mir aus vielen Büchern, die teils
historisch, teils witzig, teils moralisch waren, die schönsten Stellen vor und
brachte mir seinen guten Geschmack unvermerkt bei. Und ob ich's gleich nicht
allemal sagen konnte, warum eine Sache schön oder nicht schön war, so war doch
meine Empfindung so getreu, dass sie mich selten betrog. Unsere Ehe selbst war
nichts als Liebe und unser Leben nichts als Vergnügen. Wir hatten fast niemanden
zu unserm Umgange als uns. Mein Gemahl unterhielt mich, ich ihn, und unser alter
Vater uns alle beide. Dieser Mann von siebenzig Jahren vertrat die Stelle von
sechs Personen. Seine Erfahrung in der Welt, seine brauchbare Gelehrsamkeit und
sein zufriednes und redliches Herz machten ihn stets munter und belebt in seinen
Gesprächen. Ich kann sagen, dass ich diesen Greis in drei Jahren fast keine
Stunde unruhig gesehen habe; denn so viele Jahre waren in meiner Ehe
verstrichen, als er starb. Gott, wie lehrreich war das Ende dieses Mannes! Er
bekam sieben Tage vor seinem Tode Schwulst in den Beinen. Diese trat immer
weiter, und er sah mit jedem Tage sein Ende näher kommen. Er fragte den Arzt,
wie lange es noch mit ihm dauern würde. »Wahrscheinlicherweise«, antwortete
dieser, »über drei Tage nicht.« - »Recht gut«, versetzt der alte Graf. »Gott sei
gedankt, dass meine Wallfahrt so glücklich abgelaufen ist! Also habe ich nur noch
drei Tage von dem Leben zuzubringen, von dem ich meinem Schöpfer Rechenschaft
geben soll? Ich werde sie nicht besser anwenden können, als wenn ich durch meine
Freudigkeit den Meinigen ein Beispiel gebe, wie leicht und glückselig man
stirbt, wenn man vernünftig und tugendhaft gelebt hat.« Er liess darauf alle
seine Bediente zusammenkommen. Er rühmte ihre Treue und bat sie als ein Vater,
dass sie die Tugend stets vor Augen haben sollten. »Ich«, fing er an, »bin euer
Herr und Aufseher gewesen. Der Tod hebt diesen Unterschied auf, und ich gehe in
eine Welt, wo ihr so viel als ich sein werdet, und wo ihr für die Erfüllung
eurer Pflichten ebenso viel Glück erhalten werdet, als ich für die Erfüllung der
meinigen. Lebt wohl meine Kinder! Wer mich lieb hat und mir vor meinem Tode noch
ein Vergnügen machen will, der verspreche mir mit der Hand, dass er meine Lehren
und meine Bitten erfüllen will.« Er befahl darauf, einem jedweden eine gewisse
Summe Geldes auszuteilen. Er liess diesen und den folgenden Tag die meisten von
seinen Untertanen zu sich kommen und redete mit ihnen ebenso wie mit seinen
Bedienten. Wem er Geld zu seiner Nahrung vorgestrecket hatte, dem erliess er's;
und alle durften sich etwas von ihm ausbitten. Die Anzahl der Armen war sehr
klein; denn er hatte seine Wohltaten und seine Vorsorge gegen die Untertanen
nicht bis an sein Ende versparet. Man kann sich die Wehmut dieser Leute leicht
vorstellen. Ein jeder beweinte in ihm den Verlust eines Vaters. Nach dieser
Verrichtung fragte der sterbende Graf, ob noch jemand in seinem Hause wäre, der
nicht Abschied von ihm genommen hätte. Ich sagte ihm, dass ich niemanden wüsste,
ausser die Soldaten, die mein Gemahl bei sich hätte. »Auch diese«, sagte er,
»sind mir liebe Leute. Sie brauchen am meisten, den Tod kennen zu lernen, weil
sie ihn vor andern unvermutet gewärtig sein müssen. Lasst sie herein kommen!«
Hierauf traten vier Leute herein, denen die Wildheit und Unerschrockenheit aus
den Augen sah. Der alte Graf redete sie liebreich an; und er hatte kaum
angefangen, so weinten diese dem Anscheine nach so beherzte und barbarische
Männer wie die Kinder. Er fragte sie, wie lange sie gedienet hätten. Sie hatten
fast alle zwanzig Jahre die Waffen getragen. »O,« fing der Graf an, »ihr
verdient, dass ihr die Ruhe des Lebens schmeckt, weil ihr die Unruhe so lange
ausgehalten habt. Mein Sohn mag euch den Abschied erteilen. Und ihr sollt euch
in meinem Dorfe niederlassen und, solange ihr lebet, noch so viel bekommen, als
eure ordentliche Löhnung austrägt.« Einer von diesen Leuten hat nach dem meinem
Gemahle einen sehr wichtigen Dienst geleistet.
    Die Nacht vor seinem letzten Ende brach nunmehr an. Er fragte den Doktor
noch einmal um die Zeit seines Todes, und er hörte mit der grössten
Standhaftigkeit, dass er kaum vierundzwanzig Stunden noch auf der Welt sein
würde. Er forderte darauf zu essen. Er ass und liess sich auch ein Glas Wein
reichen. »Gütiger Gott!« fing er an, »es schmeckt mir bei meinem Ende noch so
gut, als es mir vor funfzig Jahren geschmeckt hat. Hätte ich nicht mässig gelebt,
so würden meine Gefässe zu dieser Erquickung nicht mehr geschickt sein. Nun«,
fuhr er fort, »will ich mich zu meinem Aufbruche aus der Welt noch durch einige
Stunden Schlaf erholen.« Er schlief drei Stunden. Alsdann rief er mich und bat,
ich sollte ihm aus seinem Schreibetische ein gewisses Manuskript holen. Dieses
war ein Verzeichnis seines Lebens seit vierzig Jahren. Und dieses musste ich ihm
bis zu anbrechendem Tage vorlesen. Als wir fertig waren, so tat er das
brünstigste Gebet zu Gott und dankte ihm für die Güte und Liebe, welche er ihn
in der Welt hatte geniessen lassen, auf eine ganz entzückende Weise und bat, dass
er ihn in der künftigen Welt die Wahrheit und Tugend, der er hier unvollkommen
nachgestrebt, möchte vollkommen erreichen lassen. Er liess seinen Sohn rufen,
nahm uns beide in die Arme und fing an zu weinen. »Dieses«, sagte er, »sind seit
vierzig und mehr Jahren die ersten Tränen, die ich vergiesse. Sie sind keine
Zeichen meiner Wehmut und Furchtsamkeit, sondern meiner Liebe. Ihr habt mir mein
Leben angenehm gemacht; allein das Glück, das ich nach meinem Tode hoffe, macht
mir den Abschied von euch sehr erträglich. Liebt getreu und geniesst das Leben,
das uns die Vorsehung zum Vergnügen und zur Ausübung der Tugend geschenkt hat.«
Er gab mir noch allerhand Regeln, wie ich meine Kinder ziehen sollte, wenn unsre
Ehe fruchtbar sein würde. Und in eben der Bemühung, auch seine Nachkommen durch
eine weise Vorsorge noch glücklich zu machen, starb er.
    Wir lebten darauf noch einige Jahre in der grössten Zufriedenheit auf unserm
Landgute. Endlich erhielt mein Gemahl Befehl, am Hofe zu erscheinen, und ich
folgte ihm dahin.
    Ich war kaum bei Hofe angekommen, so ward ich verehrt und bewundert. Es war,
wie es schien, niemand schöner, niemand geschickter und vollkommener als ich.
Ich konnte vor der Menge der Aufwartungen und vor dem süssen Klange der
Schmeicheleien kaum zu mir selber kommen. Zu meinem Unglücke bekam mein Gemahl
Ordre zum Marsche, und ich musste zurückbleiben. Es hiess, ich sollte ihm bald
nachfolgen; allein es vergingen drei Monate, ehe ich ihn zu sehen bekam. Ich
hatte meine ganze Philosophie nötig, die ich bei meinem Vetter, meinem Gemahle
und seinem Vater gelernt hatte, wenn ich nicht eitel und hochmütig werden
wollte. Die Ehre, die mir allentalben erwiesen ward, war eine gefährliche Sache
für eine junge und schöne Frau, die den Hof zum ersten Male sah.
    Ein gewisser Prinz von S..., der bei Hofe alles galt, der schon eine
Gemahlin und unstreitig nicht die erlaubtesten Absichten gegen mich hatte,
suchte sich die Abwesenheit meines Gemahls zunutze zu machen. Er bediente mich
bei aller Gelegenheit mit einer ungemeinen Ehrerbietung und mit einem Vorzuge,
der recht prächtig in die Augen fiel. Er wagte es zuweilen, mir von einer
Neigung zu sagen, die ich verabscheute. Dennoch wusste ich der Ehrerbietung, die
er stets mit untermengte, nicht genug zu widerstehen. Ich war so treu, als man
sein kann; allein vielleicht nicht strenge genug in dem äusserlichen Bezeigen.
Hierdurch machte ich den Prinzen nur beherzter. Er kam an einem Nachmittage
unangemeldet zu mir. Er machte mir allerhand kleine Liebkosungen; doch bei der
ersten Freiheit, die er sich herausnahm, sagte ich zu ihm: »Erlauben Sie mir,
dass ich es Ihrer Gemahlin darf melden lassen, dass Sie bei mir sind, damit sie
mir das Glück ihrer Gegenwart auch gönnt!« - »Sie ist schon in den Gedanken bei
mir«, fing er an. - »Und mein Gemahl«, antwortete ich, »ist auch bei mir, wenn
er gleich im Felde ist.« Darauf machte er mir ein frostig Kompliment und ging
fort. Wie rachgierig dieser Herr war, wird die Folge ausweisen.
    Mein Gemahl kam wieder zurück, und nach seiner Ankunft ward ihm der Hof
verboten. Dieses war die erste Rache eines beleidigten Prinzen. Wir gingen
darauf auf unser Landgut. Ich entdeckte meinem Gemahle ohne Bedenken die Ursache
der erlittenen Ungnade und bat ihn tausendmal um Vergebung. »Ich bin sehr wohl«,
sprach er, »mit meinem Unglücke zufrieden. Fahren Sie nur fort, mich durch Ihre
Tugend zu beleidigen; ich will Ihnen zeitlebens dafür danken. Ich habe es
vorausgesehen, dass Ihnen der Hof gefährlich sein würde. Ich konnte mir
einbilden, dass man Sie bewundern, und dass Ihr Herz der Versuchung der Lobsprüche
und Ehrenbezeugungen nicht gleich den ersten Augenblick widerstehen würde. Die
erlittene Ungnade ist nichts als ein Beweis, dass ich eine liebenswürdige und
tugendhafte Frau habe.«
    Wir lebten auf unserm Landgute so ruhig und zärtlich als jemals. Und damit
wir den Verlust unsers klugen Vaters desto weniger fühlten, so nahm mein Gemahl
seinen ehemaligen Reisegefährten, den Herrn R..., zu sich. Er war noch ein
junger Mann, der aber in einer grossen Gesellschaft zu nichts taugte, als einen
leeren Platz einzunehmen. Er war stumm und unbelebt, wenn er viel Leute sah.
Doch in dem Umgange von drei oder vier Personen, die er kannte, war er ganz
unentbehrlich. Seine Belesenheit war ausserordentlich und seine Bescheidenheit
ebenso gross. Er war in der Tugend und Freundschaft strenge bis zum Eigensinne.
So traurig seine Miene aussah, so gelassen und zufrieden war er doch. Er schlug
kein Vergnügen aus; allein es schien, als ob er sich nicht sowohl an den
Ergötzlichkeiten selbst als vielmehr an dem Vergnügen belustigte, das die
Ergötzlichkeiten andern machten. Sein Verlangen war, alle Menschen vernünftig
und alle Vernünftige glücklich zu sehen. Daher konnte er die grossen
Gesellschaften nicht leiden, weil er so viel Zwang, so viel unnatürliche
Höflichkeiten und so viel Verhinderungen, frei und vernünftig zu handeln,
darinnen antraf. Er blieb in allen seinen Handlungen uneigennützig und gegen die
Glücksgüter und gegen alle Ehrenstellen fast gar zu gleichgültig. Die
Schmeichler waren seine ärgsten Feinde. Und er glaubte, dass diese Leute der
Wahrheit und den guten Sitten mehr Schaden täten als alle Ketzer und
Freigeister. Einem geringen Manne diente er mit grössern Freuden als einem
vornehmen. Und wenn man ihn um die Ursache fragte, so sagte er: »Ich fürchte,
der Vornehme möchte mich bezahlen und durch eine reiche Belohnung mich zu einem
Lastträger seiner Meinungen und zu einem Beförderer seiner Affekten erkaufen
wollen.« Er hatte einen geschickten Bedienten, der ihm aber des Tages nicht mehr
als etliche Stunden aufwarten durfte. Als er seinen Herrn in unsrer Gegenwart
einmal fragte, ob er nichts zu tun hätte, so sagte er: »Denkt Ihr denn, dass Ihr
bloss meinetwegen und meiner Kleider und Wäsche wegen in der Welt seid? Wollt Ihr
denn so unwissend sterben, als Ihr geboren seid? Wenn Ihr nichts zu tun habt, so
setzt Euch hin und überlegt, was ein Mensch ist, so werden Euch Beschäftigungen
genug einfallen.« Er gab ihm verschiedene Bücher zu lesen. Und wenn er ihn
auskleidete, so musste er ihm allemal sagen, wie er den Tag zugebracht hätte.
»Wer sich schämt,« sagte er, »einen Menschen vernünftig und tugendhaft zu
machen, weil er geringe ist, der verdient nicht, ein Mensch zu sein.« Mein
Gemahl liebte den Herrn R... als seinen Bruder, und wir beschlossen niemals
etwas Wichtiges, ohne ihn zu Rate zu ziehen.
    Um diese Zeit bekam mein Gemahl Befehl zum Marsche, weil Schweden mit der
Krone Polen in einen Krieg verwickelt wurde. Nunmehr ging mein Elend an. Mein
Gemahl hatte einen engen und gefährlichen Pass verteidigen sollen. Allein er
hatte das Unglück gehabt, ihn und fast alle seine Mannschaft zu verlieren. Man
glaubte, der Prinz von S..., der mit zu Felde war, hätte ihn mit Fleiss zu dieser
gefährlichen Unternehmung bestimmt, um ihn zu stürzen. Genug, mein Gemahl ward
zur Verantwortung gezogen. Man gab ihm schuld, er hätte seine Pflicht nicht in
acht genommen, und es ward ihm durch das Kriegsrecht der Kopf abgesprochen.
Gott, in welch Entsetzen brachte mich folgender Brief von meinem Gemahle!
»Lebt wohl, liebste Gemahlin, lebt ewig wohl! Es hat der Vorsicht gefallen,
meinen Tod zu verhängen. Er kömmt mir nicht unvermutet; doch würde mich die Art
meines Todes erschrecken, wenn ich meinen Ruhm mehr in der Ehre der Welt als in
einem guten Gewissen suchte. Gerechter Gott! Ich soll durch das Schwert sterben,
weil ich es nicht beherzt genug für das Vaterland geführt habe. Der Himmel weiss,
dass ich unschuldig bin. Und fünf Wunden, die ich bei meiner Gegenwehr empfangen
habe, mögen Zeugen sein, ob ich meiner Pflicht nachgelebt. Der Prinz von S...,
den Ihr durch Eure Tugend beleidiget habet, ist ohne Zweifel die Ursache meines
gewaltsamen Todes. Vergebt es ihm, dass er Euch Euren Gemahl entreisst. Es ist
weit weniger, als wenn er Euch Eure Tugend entrissen hätte. Lebt wohl, meine
Gemahlin, und betet, dass ich bei dem Anblicke meines Todes so beherzt sein mag,
als ich jetzt bin! Meine Wunden sind gefährlich. Wollte Gott, dass sie tödlich
wären und mich der Schmach entrissen, als ein Verbrecher vor den Augen der Welt
zu sterben. In fünf Tagen soll mein Urteil vollstreckt werden. Nehmet von dem
redlichen R... in meinem Namen Abschied. Er wird Euch in Eurem Unglücke nicht
verlassen. Ich habe den König in einem Bittschreiben ersucht, dass er Euch meine
Güter lassen soll; aber ich glaube nicht, dass es geschehen wird. Seid
unbekümmert, meine Getreue! Flieht, wohin Ihr wollt, nur dass Ihr den
Nachstellungen des Prinzen entgeht. Lebt wohl! Ach, wenn doch der fünfte Tag
schon da wäre! O, warum muss ich denn ein Schlachtopfer meiner Feinde werden?
Doch es ist eine Schickung. Ich will meinen Tod mit Standhaftigkeit erwarten.
Lebt noch einmal wohl, liebste Gemahlin! Ich fühle den Augenblick eine
ausserordentliche Schwachheit in meinem Körper ... Mein Feldprediger kömmt. Ich
will ihn bitten, dass er Euch diesen Brief zustellen lässt. Fasst Euch. Ich liebe
Euch ewig, und ich sehe Euch in der künftigen Welt gewiss wieder.«
Meinen Schmerz über diese Nachricht kann ich nicht beschreiben. Die Sprachen
sind nie ärmer, als wenn man die gewaltsamen Leidenschaften der Liebe und des
Schmerzes ausdrücken will. Ich habe alles gesagt, wenn ich gestehe, dass ich
etliche Tage ganz betäubt gewesen bin. Alle Trostgründe der Religion und der
Vernunft waren bei meiner Empfindung ungültig, und sie vermehrten nur meine
Wehmut, weil ich sah, dass sie solche nicht besänftigen konnten. Der angesetzte
Todestag meines Gemahls brach an. Ich brachte ihn mit Tränen und Gebete zu und
fühlte den Streich mehr als einmal, der meinem Gemahle das Leben nehmen sollte.
Niemand stund mir in meinem Elende redlicher bei als der Herr R... Er klagte und
weinte mit mir und erwarb sich durch seine Traurigkeit den Vorteil, dass ich die
Trostgründe anhörte, mit denen er mich nunmehr anfing aufzurichten.
    Binnen acht Tagen kam der Reitknecht meines Gemahls und brachte mir die
Post, dass sein Herr drei Tage vor dem Tage des Urteils an seinen Wunden
gestorben wäre. Diese Nachricht vergnügte mich, so betrübt sie war, doch
unendlich. »So ist er denn als ein Held an seinen Wunden gestorben!« rief ich
aus. »So hat er die traurigen Zubereitungen zu einem gewaltsamen Tode, welche
ärger als der Tod selber sind, nicht mitansehen dürfen! Nunmehr bin ich ruhig!«
Ich fragte, ob man ihn ohne Schimpf zur Erden bestattet hätte. Er sagte mir, dass
dieses gar nicht hätte geschehen können, weil in der Nacht, da er gestorben
wäre, die Feinde das Dorf angefallen und das Bataillon, bei dem mein Gemahl
gefangen gesessen, genötiget hätten, sich in der grössten Eil' und mit Verlust
zurückzuziehen. In ebendieser Unordnung wäre er mitgewichen, und der
Feldprediger von meines Gemahls Regiment hätte ihm Gelegenheit geschafft, mit
einem Detachement zurückzugehen und mir die Nachricht und etliche Kleinodien von
meinem Gemahle zu überbringen.
    Der Feldprediger hatte selbst an mich geschrieben und mir in meines Gemahls
Namen geraten, Schweden so bald zu verlassen, als es möglich wäre, damit ich
nicht der Rache des Prinzen oder seiner Wollust weiter ausgesetzt sein möchte.
Der Befehl wegen der Einziehung unserer Güter war, wie ich erfuhr, schon vor
meines Gemahls Tode unterzeichnet worden. Ich entschloss mich also zur Flucht und
bat den Herrn R..., Schweden mit mir zu verlassen. Wir gaben in unserm Hause
eine Reise auf die andern Güter vor und nahmen nichts als die Schatulle, in
welcher etwan tausend Dukaten waren (denn mein Gemahl hatte sein bares Vermögen
der Krone vorgestreckt), nebst dem Geschmeide und den Kleinodien mit uns. Alles
Silbergeschirr liessen wir im Stiche und kamen in Begleitung des vorhin gedachten
Reitknechts und des Bedienten des Herrn R..., glücklich über die Grenzen. Wir
erfuhren bald darauf, dass man die Güter eingezogen, und dass man mir etliche
Meilen hatte nachsetzen lassen. Wir waren nunmehr in Livland; allein ich war
deswegen noch nicht sicher. Der Prinz wollte mich in seiner Gewalt haben. Mein
Vetter, der mich nach Schweden gebracht hatte, war tot, und ich wusste nicht,
welches Land ich zu meinem Aufentalte aussuchen sollte. Mein getreuer Begleiter
sollte mein Ratgeber werden. Er schlug mir Holland vor, weil er in Amsterdam
Freunde hatte, und er versicherte mich, dass es mir an diesem Orte gefallen
würde. »Hier können Sie sich«, sagte er, »ein paar Jahre aufhalten, bis sich die
Umstände in Schweden ändern. Vielleicht glückt es Ihnen, dass Sie durch Vorbitte
mit der Zeit einen Teil von Ihres Gemahls Vermögen zurückbekommen.«
    
    Die Furcht, in des rachgierigen Prinzen Hände zu fallen, machte mir alle
Länder angenehmer als mein Vaterland. Ich entschloss mich also, mit ihm nach
Amsterdam zu gehen, und ich wünschte, dass mich die ehemalige Geliebte meines
Gemahls dahin begleiten möchte. Wir waren etwa achtzehn Meilen von ihr
entfernet; denn wir bildeten uns ein, dass sie noch auf meines Gemahls Gütern
wäre, die er in Livland hatte. Herr R... reisete also dahin ab, um sich nach ihr
zu erkundigen. Er war kaum weg, so brachte mir der Reitknecht die Nachricht, dass
er Karolinen in der Kirche des Dorfes, in welchem ich mich ingeheim aufhielt,
gesehen, aber nicht gesprochen hätte. Ich schickte ihn fort, und binnen wenig
Stunden sah ich sie zu meinem grössten Vergnügen bei mir. Sie hatte binnen den
acht Jahren, da ich sie nicht gesehen, etwas von ihren äusserlichen Reizungen,
doch nichts von ihrer Annehmlichkeit im Umgange verloren. Ich erzählte ihr mein
Schicksal und fragte sie, ob sie mit mir nach Amsterdam gehen wollte. Sie vergoss
tausend Tränen über mein Unglück und über die Liebe, die ich noch gegen sie
hatte. »Sie verfahren«, sprach sie, »gar zu liebreich mit mir. Sie bezeigen mir
die stärkste Gewogenheit und hätten doch vielleicht Ursache, mich zu hassen. Ich
halte es für mein grösstes Unglück, dass ich Ihnen nicht folgen kann; allein ich
bin seit einem Jahre - denn so lange ist es, dass ich mich von Ihres Gemahls
Gütern an diesen Ort begeben habe - sehr krank gewesen, und Sie werden mir es
leicht ansehen, dass es mir unmöglich ist, eine so weite Reise mit Ihnen zu tun.
Indessen schwöre ich Ihnen zu, dass mich, wofern ich wieder gesund werde, nichts
in der Welt abhalten soll, Ihnen nachzufolgen. Und damit ich Sie von der
Gewissheit meines Versprechens desto stärker überführe, so will ich Ihnen meinen
Sohn mitgeben, wenn er Ihnen nicht zur Last wird. Er ist bei mir. Ich habe mir
für das Geld, das der Herr Vater Ihres Gemahls zu meiner und meines Kindes
Erhaltung ausgesetzt hat, ein kleines Landgut hier in diesem Dorfe gekauft, und
ich biete es Ihnen nicht allein zu ihrem Aufentalte, sondern mit dem grössten
Vergnügen zu Ihrem Eigentume an. Wollte Gott! Sie blieben unerkannt bei mir, wie
ruhig wollten wir nicht leben! Das Verlangen, Ihnen zu dienen, sollte mich
wieder gesund und munter machen.«
    Ich wagte es, mich auf ihren kleinen Rittersitz zu begeben. Ich traf keinen
Reichtum, keinen Überfluss da an; aber Ordnung und Bequemlichkeit, die von dem
guten Geschmacke der Besitzerin zeugten. Ich fand eine Menge schöner Bücher in
ihrer besten Stube. Und sie war so bescheiden, dass sie sagte, sie gehörten ihrem
Sohne, da ich doch leicht merken konnte, dass sie ihr selber zugehörten. Es waren
fast alle die französischen und schwedischen Bücher, welche mein Gemahl
hochzuhalten pflegte, und ich konnte leicht erraten, wem sie diesen guten
Geschmack zu danken hatte. Unter ihrem Spiegel hing das Bildnis meines Gemahls.
Sobald sie merkte, dass mir's in die Augen fiel, so überreichte sie mir's zum
Geschenke und gestund mir, dass sie es selber gemalet hätte; denn sie konnte
vortrefflich in Miniatür malen. Ich hielt es für eine Grausamkeit, sie um dieses
Andenken zu bringen. Darum bat ich sie, das Bild noch einmal zu malen und dieses
so lange zu behalten.
    Ihr Sohn war noch nicht völlig dreizehn Jahre alt. Er war ein sehr artiger
und lebhafter Knabe. Sie hatte ihn schon in seinen zartesten Jahren einem
geschickten Manne zur Aufsicht anvertraut und ihn jetzt nur auf etliche Wochen zu
sich kommen lassen, weil sie wegen der anhaltenden Krankheit ihr Ende vermutet.
Sie gestund mir zu gleicher Zeit, dass sie von meinem verstorbenen Gemahle auch
eine Tochter gehabt hätte. Sie wäre mit ihr in Holland darniedergekommen und
hätte sie bei ihrem Bruder, einem Kaufmanne im Haag, teils auf sein Bitten,
teils aus andern Ursachen zurückgelassen; dieses Kind aber wäre in seinem
sechsten Jahre gestorben, wie ihr Bruder geschrieben hätte. »Ich wollte
wünschen,« fuhr sie fort, »dass Sie Ihren Aufentalt in Holland bei meinem Bruder
nehmen könnten. Doch, soviel ich weiss, ist er nicht mehr in den besten
Umständen. Ich habe lange keine Nachricht von ihm und weiss nicht, ob er sich von
seinem starken Bankerotte wieder erholet hat oder nicht.«
    Der Herr R... kam unterdessen von seiner vergebenen Reise wieder. Es war
Zeit, dass wir uns von einem Orte wegmachten, wo wir länger nicht wohl verborgen
bleiben konnten. Ehe wir noch fortgingen, so starb der Bediente des Herrn R...,
dessen Verlust uns nicht wenig daurete. Dieser redliche Mensch gab seinem Herrn
vor seinem Tode vierhundert Stück Dukaten. »Dieses Geld«, sagte er, »habe ich in
Ihrem Dienste und durch Ihre Freigebigkeit gesammlet, und ich bin froh, dass ich
es Ihnen wiedergeben kann. Ihrer Güte, Ihrem Unterrichte und Ihrem Exempel habe
ich's zu danken, dass ich jetzt gelassen und freudig sterben kann. Wenn Sie nur
wieder einen Menschen hätten, auf den Sie sich verlassen könnten.« So gewiss
ist's, dass man auch den niedrigsten Menschen edelmütig machen kann, wenn man ihn
nicht bloss als seinen Bedienten und Sklaven, sondern als ein Geschöpf ansieht,
das unserer Aufsicht anvertraut und zu einem allgemeinen Zwecke nebst uns
geboren ist.
    Wir verliessen nunmehr Karolinen in Begleitung ihres Sohnes. Sie versprach,
sobald es möglich wäre, uns zu folgen und ihr Landgütchen zu verkaufen. Wir
kamen glücklich in Amsterdam an. Der Vetter des Herrn R..., bei dem wir uns
aufhalten wollten, war zwar gestorben, doch lebte seine Tochter noch. Sie kannte
den Herrn R..., sobald sie ihn sah: denn er war, wie ich schon gesagt habe, mit
meinem Gemahle ehedem durch Holland gereiset. Sie nahm uns sehr gütig auf, und
ihr Ehemann war ebenfalls ein vernünftiger und dienstfertiger Mann. Ich
entdeckte mich ihnen und bat, dass sie meinen Stand nicht allein verschwiegen
halten, sondern ihn auch vergessen und mich nicht mehr als eine Gräfin, sondern
als eine unglückliche Freundin betrachten möchten. Sie hatten von dem Schicksale
meines Gemahls schon durch die Zeitungen gehöret. Und wenn ich auch keine
Eigenschaften gehabt hätte, mich bei diesen Leuten in Gewogenheit und Ansehen zu
setzen, so war doch mein Unglück schon die beste Empfehlung. Ja, ich erfuhr, dass
ein grosses Unglück in den Gemütern vieler Menschen fast ebendie Wirkung
hervorbringt, welche sonst ein grosses Glück zu verursachen pflegt. Man schätzt
uns hoch, weil wir viel erlitten oder viel verloren haben, und man macht unsern
Unfall zu unserm Verdienste, sowie man oft unser Glück, ob wir gleich dazu
nichts beigetragen haben, als unsre Vollkommenheit ansieht. Mit einem Worte,
diese Leute erwiesen mir, ehe ich sie noch kannte, mehr Hochachtung und
Gefälligkeit, als ich fordern konnte. Sie gaben mir einen ganzen Teil von ihrem
Hause zu meiner Wohnung ein: ich nahm aber nicht mehr als ein paar Zimmer. Und
damit ich diesen guttätigen Leuten nicht zur Last werden möchte, so entdeckte
ich dem Herrn R..., dass ich willens wäre, meine Juwelen zu Gelde zu machen und
das Geld in die Handlung seiner Frau Muhme zu legen. Er sagte, dass er es mit
seinen vierhundert Dukaten, die ihm sein Bedienter gegeben, schon also gemacht
hätte. Mein dienstwilliger Wirt verhandelte die Juwelen für zwölftausend Taler
und sagte, dass er mir keine Interessen, sondern den ordentlichen Gewinst davon
abgeben wollte; der bei der Rechnung in seinem Handel auf dieses Kapital fallen
würde. Ich bat ihn, dass er mir keine Rechnung ablegen, sondern mich und meine
beiden Reisegefährten anstatt der Interessen erhalten sollte. Ich lebte hier so
ruhig, dass ich mir keinen andern Ort wünschte. Herr R... hatte den Sohn von
Karolinen bei sich. Weil er kein Amt hatte, so gab er sich selber eins und zog
diesen jungen Menschen mit so vieler Sorgfalt auf, als ein Mann tun kann, der in
dem Bewusstsein edler Absichten und nützlicher Taten seine Belohnung sucht. Und
wie sehr würden nicht die Grossen viel niedrige und unberühmte Männer beneiden,
wenn sie die Belohnung kennten, welche solchen Leuten das Gedächtnis ihrer
rühmlichen Absichten und guten Taten zu schenken pflegt! Er unterrichtete den
jungen Menschen in den Sprachen und Künsten und brachte ihm die edelsten
Meinungen von der Religion und Tugend bei. Was sein Unterricht nicht tat, das
richtete sein Exempel aus. Der Schüler ward seinem Lehrer ähnlich und belohnte
dessen Mühe durch einen fähigen Verstand und durch ein gutes Herz. Ich brachte
meine Zeit meistens mit Studieren zu, wenn anders ein Frauenzimmer ohne
Eitelkeit dieses von sich sagen kann. Ich redte des Tages gemeiniglich eine
Stunde mit unserm jungen Schüler und suchte ihm das Wohlanständige beizubringen,
das junge Mannspersonen oft am ersten von einem Frauenzimmer lernen können. Ich
suchte sein flüchtiges und feuriges Wesen der Jugend durch meine Ernstaftigkeit
zu mässigen. Ich tat stets fremd gegen ihn und stellte verschiedne Personen vor,
damit er meinen Umgang nicht zu gewohnt werden und in meiner Gesellschaft immer
etwas Neues finden sollte. Mit der Tochter meiner Wirtin, welche ein Mädchen von
etwa acht Jahren war, vertrieb ich mir manche Stunde. Ich lehrte sie
Französisch, zeichnen, sticken und auch singen. Kurz, ich führte eine sehr
ruhige Lebensart. Mein Wirt und seine Frau bequemten sich nach meinem Geschmacke
und lernten mir die Vergnügungen ab, mit welchen sie mich unterhalten wollten.
Sie brachten mich niemals in grosse Gesellschaften. Sie störten mich nicht in
meiner Einsamkeit, als bis ich gestört sein wollte. Ich durfte weder befehlen
noch bitten, wenn ich ein Vergnügen haben wollte. Ich durfte nur wählen. Man
hielt mich in unserm Hause für eine Anverwandtine der Wirtin. Und wer sonst mit
mir umging, wusste es auch nicht besser. Mein verschwiegner Stand nötigte mich
also nicht, den glänzenden und sehr beschwerlichen Charakter einer Standesperson
in Gesellschaften zu behaupten, und dieses zu meinem grossen Vorteile. Hätte man
gewusst, dass ich eine Gräfin wäre, so würde man, anstatt mich zu bewundern, nur
mein Gutes für einen notwendigen Anteil meines Standes angesehen haben. Oder
wenn es hoch gekommen wäre, so würde man mich nur verehret haben, da man mich
gegenteils jetzt zugleich verehrte und liebte und meinen Umgang suchte.
    Vier Jahr hatte ich nunmehr in Amsterdam zugebracht und zu verschiedenen
Malen an Karolinen geschrieben und sie an ihr Versprechen, zu mir zu kommen,
erinnert; allein sie blieb aus.
    Ihr Sohn sollte sich nunmehr eine Lebensart erwählen, welche er wollte. Er
bezeigte Lust zu dem Soldatenstande, und der Herr R... war so wenig dawider, dass
er seine Wahl vielmehr billigte. »Gesittete und geschickte Leute«, sagte er,
»sind nirgends nötiger und nützlicher, als wo es viele Ungesittete gibt. Werden
Sie ein Soldat und zeigen Sie, dass man unerschrocken, tapfer, strenge - und doch
auch weise, vorsichtig und liebreich sein kann. Solange Sie die Religion und ein
gutes Gewissen haben werden, so lange werden Sie den Tod zwar nicht gleichgültig
ansehen, aber doch ohne Entsetzen erwarten und nie aus Zagheit vermeiden. Dieses
ist die wahre Tapferkeit.« Wir kauften ihm eine Fähndrichsstelle; und er ging zu
seinem Regiment ab, welches nachmals an die Grenze von Holland zu stehen kam.
    Nunmehr kommt eine von den wundersamsten Begebenheiten meines Lebens, welche
mir von Leuten, die den Stand lieben und die Menschen nicht nach ihren Neigungen
und Eigenschaften, sondern stets nach der Geburt und nach dem Range
untereinander vergleichen, schwerlich wird vergeben werden. Ich war noch in
meinen besten Jahren, und die Annehmlichkeiten in meiner Bildung waren noch
nicht verloren gegangen oder höchstens zum Teile nur so verloschen wie die
kleinen Züge in einem Gemälde, die man nicht sehr vermisst. Es fanden sich
verschiedene Holländer von Ansehen und grossem Vermögen, die mich zur Frau
begehrten. Allein ihr Suchen war umsonst. Wer einen so liebenswürdigen und
vortrefflichen Gemahl als ich gehabt, konnte in der Liebe wohl etwas eigensinnig
sein. Ob nun gleich keiner von meinen Freiern seine Absicht erreichte, so
weckten sie doch die Erinnerung von der Süssigkeit der Liebe bei mir wieder auf.
»Du willst,« dachte ich, »um dieser Herren los zu werden, dich selbst zu einer
Wahl entschliessen.« Diese Ursache zu einer Ehe ist etwas weit hergeholet.
Indessen war es gewiss, dass ich sie bei mir selber vorwand, weil es mein Herz
haben wollte. Der Herr R... kam an einem Nachmittage zu mir auf meine Stube und
fragte mich, ob ich mich bald der Ehe zum besten entschlossen hätte. »Raten Sie
mir denn,« sprach ich, »dass ich wieder heiraten soll?« - »Nicht ehe,« versetzte
er, »als bis ich sehe, dass es Ihnen Ihr eigen Herz geraten hat. Sie kennen meine
Aufrichtigkeit, und Sie wissen, dass ich nichts für ein Glück halte, was man
nicht verlangt und freiwillig wählt. Unter der grossen Anzahl Männer, die sich um
Ihr Herz bemühen, gefällt mir keiner besser als der Herr von der H..., nicht
deswegen weil er sehr gelehrt ist, sondern weil er ausser seinen Wissenschaften
und seiner wichtigen Bedienung sehr viele Vorteile hat, die ihm Liebe erwerben
und ihn zur Liebe geschickt machen. Ich habe gewiss Recht, dass er ein
liebenswürdiger Mann ist; allein diesem Urteile dürfen Sie darum nicht trauen.
Ich betrachte den Mann zwar nach einerlei Begriffen mit Ihnen, aber nicht nach
einerlei Empfindungen. Ich liebe ihn als einen Freund, und als ein Freund kann
er Ihnen angenehm und liebenswert vorkommen, aber darum noch nicht als ein
Ehemann. Unser Herz ist oft so beschaffen, dass es die Liebe gegen eine angenehme
Person zurückhält, sobald es auf das genaueste mit ihr verbunden werden soll.
Vielleicht«, fuhr er fort, »gefällt Ihnen einer von den andern Herren besser zur
Liebe, ob Ihnen dieser gleich zu einem guten Freunde besser gefällt.«
    Ich versicherte ihn, dass ich mich seines Rats bedienen würde, sobald ich
meine eigne Neigung zu Rate gezogen hätte. »Warum«, fuhr ich fort, »heiraten Sie
denn nicht?« - »O,« sagte er, »ich würde es gewiss getan haben, wenn meine
Umstände und die Liebe mir zur Ehe geraten hätten. Die Liebe und meine
Philosophie sind einander gar nicht zuwider. Eine recht zufriedne Ehe bleibt,
nach allen Ansprüchen der Vernunft, die grösste Glückseligkeit des
gesellschaftlichen Lebens. Zeigen Sie mir eine Person, die mir anständig ist,
und die Ihnen die Versicherung gibt, dass sie mich zu besitzen wünscht: so werde
ich sie, sobald ich sie kenne, mit der grössten Zufriedenheit zu meiner Gattin
wählen. Wir haben alle eine Pflicht, uns das Leben so vergnügt und anmutig zu
machen, als es möglich ist. Und wenn es wahrscheinlich ist, dass es durch die
Liebe geschehen kann, so sind wir auch zur Liebe und Ehe verbunden.« - »Allein«,
versetzte ich, »Sie haben ja, solange ich Sie kenne, gegen unser Geschlecht sehr
gleichgültig zu sein geschienen; wie kömmt es denn, dass Sie der Liebe jetzt das
Wort reden?« - »Ich bitte,« sprach er, »vermengen Sie die Bescheidenheit nicht
mit der Gleichgültigkeit. Ich weiss, dass man dem andern mit seiner Liebe oft so
beschwerlich fallen kann als mit seinem Hasse. Und aus diesem Grunde bin ich
stets behutsam, aber darum nicht gleichgültig gegen das Frauenzimmer.« - »Ich
weiss eine Person,« hub ich an, »die Sie liebt, und ich glaube nicht, dass sie
Ihnen missfallen wird. Allein deswegen weiss ich auch noch nicht, ob es eben
diejenige ist, mit der Sie das genauste Band der Liebe schliessen wollen.« Er
ward bestürzt und fragte mich wohl zehnmal, wer sie wäre. Ich hielt ihn lange
auf, und endlich versprach ich ihm, dass er sie nachmittage zu sehen bekommen
sollte. Nachmittage schickte ich ihm mein Porträt und schrieb ein Billett
ungefähr dieses Inhalts an ihn:
»So hat die Person in ihrer Jugend ausgesehn, die Sie liebt. Erst hat sie nur
Freundschaft und Erkenntlichkeit gegen Sie empfunden. Die Zeit und Ihr Wert hat
diese Regungen in Liebe verwandelt. Der liebste Freund meines Gemahls hat das
erste Recht auf mein Herz. Sie sind so grossmütig und tugendhaft mit mir
umgegangen, dass ich Sie lieben muss. Antworten Sie mir schriftlich! Entschuldigen
Sie sich nicht mit Ihrem Stande! Sie haben die Verdienste; was geht die
Vernünftigen die Ungleichheit des Standes an? Um die Unvernünftigen dürfen wir
uns nicht kümmern, weil hier niemand von meinem Stande weiss.«
Er kam den Augenblick zu mir. Und ebender Mann, der sowohl bei meines Gemahls
Lebzeiten als nach seinem Tode nie so getan hatte, als ob er mir eine Liebkosung
erweisen wollte, wusste mir jetzt seine Zärtlichkeit mit einer so anständigen und
einnehmenden Art zu bezeigen, dass ich ihn würde zu lieben angefangen haben, wenn
ich ihn noch nicht geliebt hätte. »Nunmehr«, sagte er, »haben Sie mir das Recht
gegeben, Ihnen mein Herz sehen zu lassen. Und nunmehr kann ich Ihnen ohne Fehler
das gestehen, was mich die Ehrerbietung sonst hat verschweigen heissen. Ich habe
an das Glück, das Sie mir jetzt anbieten, wie der Himmel weiss, kaum gedacht. Und
wenn ich auch daran gedacht hätte, so würde mich meine wenige Eigenliebe niemals
diesen Gedanken haben fortsetzen lassen. Es fehlt zu meiner Zufriedenheit
nichts, als dass Sie mich überzeugen, dass ich Ihrer wert bin: so will ich mich
für den glücklichsten Menschen schätzen.« Kurz, wir gingen zu unserer Wirtin,
wir sagten ihr unsern Entschluss, und sie war nebst ihrem Manne über diese
unvermutete Nachricht ausnehmend erfreut. Unsere kleinen Kapitale hatten sich
binnen sechs Jahren in der Handlung fast um noch einmal soviel vermehret, und
wir hätten beide sehr gemächlich davon leben können. Allein unser
freundschaftlicher Wirt wollte uns nicht aus seinem Hause lassen. Er behielt
unser Geld und erwies uns wie zuvor alle mögliche Gefälligkeiten. Also war Herr
R... mein Gemahl oder, wenn ich nicht mehr standesmässig reden soll, mein lieber
Mann. Ich liebte ihn, wie ich aufrichtig versichern kann, ganz ausnehmend und so
zärtlich als meinen ersten Gemahl. An Gemütsgaben war er ihm gleich, wo er ihn
nicht noch in gewissen Stücken übertraf. Aber an dem Äusserlichen kam er ihm
nicht bei. Er war wohlgewachsen; allein er hatte gar nicht das Einnehmende an
sich, das gleich auf das erstemal rührt. Nein, man musste ihn etlichemal gesehen,
man musste ihn gesprochen haben, wenn man ihm recht gewogen sein wollte. Ich will
deswegen nicht behaupten, dass er sich für alle Frauenzimmer geschickt haben
würde. Genug, er gefiel mir, und ich fand jeden Tag in seinem Umgange eine neue
Ursache, ihn zu lieben. Er war nahe an vierzig Jahre, und er hatte seit der
Zeit, dass ich ihn bei meinem Gemahle kennen lernen, sich gar nicht von Person
geändert. Seine ordentliche und stille Lebensart erhielten ihn so gesund, als ob
er erst zu leben anfing. Wer war glücklicher, als wir! Unser Glück fiel
niemanden in die Augen, und desto ruhiger konnten wir es geniessen. Wir lebten,
ohne zu befehlen und ohne zu gehorchen. Wir durften niemanden von unsern
Handlungen Rechenschaft geben als uns selbst. Wir hatten mehr, als wir
begehrten, und also genug, andern wohlzutun. Wir hatten eine Gesellschaft, die
sich zu unsern Neigungen schickte. Wir lebten an dem volkreichsten Orte in der
grössten Stille. Dieses war unser Verlangen. Wir konnten uns beide mit dem
edelsten Zeitvertreibe, mit Lesen und Denken, unterhalten. Wir studierten, ohne
dass uns deswegen jemand bewundern sollte. Wir studierten zu unserer eigenen
Ruhe. Und dass ich alles mit einmal sage, wir wussten in unsrer Ehe von keinem
andern Wechsel, als von Gefälligkeiten und Gegengefälligkeiten. Viele können es
nicht vertragen, wenn sie die Liebe verehlichter Personen so zärtlich
abgeschildert sehen als die Liebe zwischen unverehelichten, weil man sieht, dass
die meisten Ehen die Liebe eher auslöschen als vermehren. Doch solche Leute
wissen nicht, was Klugheit und Behutsamkeit in der Ehe für Wunder tun können.
Sie erhalten die Liebe und befördern ihren Fortgang, wie das Herz durch seine
Bewegung den Umlauf des Geblüts. Es ist wahr, eine beständige und sich stets
gleiche Zärtlichkeit ist in der Ehe nicht möglich. Doch wenn nur auf beiden
Seiten eine gegründete Liebe vorhanden ist, so kann sie bis in die spätesten
Jahre feurig und lebhaft bleiben. Unsere Empfindungen können wohl etwas
abnehmen, allein diese Abnahme heisst wenig. Derjenige hat allemal genug
Vergnügen, solange er so viel hat, als das Mass seiner Empfindungen verlangt.
Genug, wir sind nach vielen Jahren noch so verliebt ineinander gewesen, als wenn
wir uns erst zu lieben angefangen hätten. Man denke ja nicht, weil wir die
Wissenschaften liebten, dass wir an uns nur unsere Seelen geliebt hätten! Ich
habe bei allen meinen Büchern über die metaphysische Geisterliebe nur lachen
müssen. Der Körper gehört so gut als die Seele zu unserer Natur. Und wer uns
beredet, dass er nichts als die Vollkommenheiten des Geistes an einer Person
liebt, der redet entweder wider sein Gewissen, oder er weiss gar nicht, was er
redet. Die sinnliche Liebe, die bloss auf den Körper geht, ist eine Beschäftigung
kleiner und unfruchtbarer Seelen. Und die geistige Liebe, die sich nur mit den
Eigenschaften der Seele gattet, ist ein Hirngespinste hochmütiger Schulweisen,
die sich schämen, dass ihnen der Himmel einen Körper gegeben hat, den sie doch,
wenn es von den Reden zu der Tat käme, um zehn Seelen nicht würden fahren
lassen.
    Ich komme wieder zu meiner Geschichte. Wir lebten, wie ich gesagt habe, so
vergnügt, als man nur leben kann. Wir meldeten Carlsonen - so hiess Karolinens
Sohn, der Fähndrich - unsere Heirat und baten ihn, dass er uns besuchen sollte,
wenn es möglich wäre; denn wir hatten ihn nun wohl in vier Jahren nicht gesehen.
Er schrieb uns, dass er Leutnant geworden wäre, dass es ihm sehr wohl ginge, und
dass er sich vor wenig Wochen mit einem Frauenzimmer, die ihm zu Gefallen das
Kloster heimlich verlassen, verheiratet hätte. Von ihrem Stande könnte er uns
nichts sagen, weil sie in dem sechsten Jahre in das Kloster gekommen und
darinnen bloss unter dem Namen Mariane bekannt gewesen wäre. Sie möchte indessen
von dem niedrigsten Herkommen sein: so wäre sie doch so liebenswürdig, dass er
sich nur einen hohen Stand wünschen wollte, um seine Geliebte dareinsetzen zu
können. Denn Carlson wusste nichts weiter von seiner Geburt, als dass sein Vater
ein Aufseher auf den Gütern meines ersten Gemahls gewesen und ihm jung gestorben
wäre. Er bat uns unbeschreiblich, dass wir nach dem Haag kommen sollten, von
welchem Orte er jetzt nur etliche Meilen weit in dem Quartiere stünde. Diese
Nachricht erschreckte uns fast mehr, als sie uns erfreuete. Wir vermuteten bei
dieser Ehe zwar genug Liebe, aber nicht genug Überlegung. Indessen schickten wir
ihm etliche hundert Dukaten, dass er seine Umstände desto bequemer einrichten
könnte. Wir versprachen auch, ihn so bald zu besuchen, als es die Jahreszeit und
meine Umstände erlauben würden; denn ich war mit einer Tochter
darniedergekommen. Wir reiseten den folgenden Frühling nach dem Haag ab. Wir
fanden an unserm Carlson und seiner Frau ein Paar Eheleute, die einander wert
waren. Sie war blond und hatte ein Paar grosse blaue und schmachtende Augen, die
sich zu schämen schienen, dass sie die Verräter von einem sehr zärtlichen Herzen
sein sollten. Und wenn auch die übrigen Teile ihres Gesichts nicht so ausnehmend
wohlgestaltet und recht abgemessen gewesen wären: so hätte sie doch bloss ihrer
Augen wegen den Namen einer Schönheit verdient. Von ihrem Verstande will ich
nicht viel sagen. Sie war in dem Kloster erzogen. Ihr unschuldiges und
aufrichtiges Herz hätte auch den Mangel des Witzes tausendmal ersetzt, wenn sie
gleich weniger Einsicht gehabt hätte, als sie in der Tat hatte. Es hing ihr noch
etwas Schüchternes aus dem Kloster an; allein selbst diese Schüchternheit
schickte sich so wohl zu ihrer Unschuld, dass man sie ungerne würde vermisst
haben. Ja, ich sage noch mehr, man liebte sogar an ihr die Schüchternheit; so
wie oft ein Fehler unter gewissen Umständen zu einer Schönheit werden kann.
    Ich suche die Worte vergebens, mit denen ich ihre Zärtlichkeit gegen ihren
Mann beschreiben will. Man stelle sich einen sehr einnehmenden, feurigen und
blühenden Mann (denn dieses war Carlson) und dann ein von Natur zärtliches
Frauenzimmer vor, die von Jugend auf eine Nonne gewesen war, und bei der die
süssen Empfindungen nur desto mächtiger geworden waren, weil sie an der strengen
Lebensart und an den Regeln einer hohen Keuschheit einen beständigen Widerstand
gefunden hatten: so wird man die inbrünstige und schmachtende Liebe dieser
jungen Frau einigermassen denken können. Ich war sowohl mit unsers Carlsons Wahl
zufrieden als mein Mann, und wir vergnügten uns an der Zufriedenheit dieses
Paares so sehr, dass wir nicht wieder von ihnen kommen konnten. Wir liessen Geld
aus Amsterdam kommen und blieben ein ganzes Jahr und länger bei diesen
zärtlichen Eheleuten. Nichts fehlte uns, als Carlsons redliche Mutter. Wir
hatten Briefe von ihr, dass es sich mit ihrer Gesundheit gebessert hätte, und dass
sie imstande wäre, bald zu uns zu kommen. Wir schickten auch den Reitknecht, der
mir ehemals die Post von meines Gemahls Tode gebracht hatte, fort, dass er sie
abholen und zu uns bringen sollte. Er hatte sie bereits unterwegs angetroffen,
und sie war bei uns, ehe wir es vermuteten. Sie zeigte sich recht vergnügt, und
sie ward durch die Freude über ihres Sohnes Glück und mein Vergnügen alle Tage
belebter und munterer. Indessen versicherte uns diese rechtschaffene Frau, dass
ihr Vergnügen gar zu gross sei, als dass es lange Bestand haben könnte. Mariane
ward mit einer Tochter entbunden. Auch dieses diente uns zu einer neuen Freude.
Doch je mehr wir Ursache hatten, mit Marianen zufrieden zu sein, desto
begieriger wurden wir, etwas Gewisses von ihrer Herkunft zu erfahren. Gleichwohl
war alle unsere angewandte Mühe vergebens, uns dieses Geheimnis zu entdecken.
Mariane hatte ihrem Manne zuliebe das Kloster heimlich verlassen, und wir mussten
bei unserer Nachforschung sehr behutsam gehen, damit wir sie nicht in Gefahr
setzten, entdeckt zu werden. Im Kloster fertigte man diejenigen, die wir
insgeheim nachfragen liessen, mit der Antwort ab, dass ihnen Marianens Stand und
Geburt unbekannt wäre, dass sie in ihrem sechsten Jahre von einem gemeinen Manne
in das Kloster gebracht worden, der ein gewisses Geld zu ihrer Erziehung
dagelassen und nichts gesagt hätte, als dass sie die Tochter eines unglücklichen
Holländers wäre, der sie nicht in der reformierten Religion erziehen lassen
wollte. Vielleicht könnte er der Äbtissin mehr vertraut haben, diese aber wäre
tot. Kurz, wir erfuhren nichts, und es konnte sein, dass man in dem Kloster
selbst nichts Gewisses von Marianens Herkunft wusste. Denn wie viele Kinder
werden nicht unter einem fremden Namen in die Klöster gebracht und durch
unbekannte Hände erhalten!
    Endlich mussten wir uns doch entschliessen, wieder nach Amsterdam
zurückzugehen. Unsere Umstände forderten diese Trennung. Karoline begleitete uns
nach dem Haag. Sie erkundigte sich hier, ob sie nicht jemanden antreffen könnte,
der ihr von ihrem Bruder Andreas Nachricht geben könnte. Allein sie erfuhr
nichts weiter, als was wir schon wussten, nämlich, dass er nach seiner Frauen Tode
unglücklich in seiner Handlung geworden und, weil er sein Vermögen eingebüsst
hätte, mit einem Schiffe nach Ostindien gegangen wäre, sein Glück von neuem zu
versuchen. Wir blieben noch etliche Tage in dem Haag und nahmen unsere
Reisegelder in Empfang. Und eben da wir fort wollten, liess uns der Kaufmann, der
sie uns ausgezahlt hatte, sagen, dass in Amsterdam vor etlichen Tagen ein
Ostindienfahrer, und auf diesem Schiffe zugleich Herr Andreas, der Kaufmann,
nach dem wir ehedem gefragt hätten, zurückgekommen und heute bei ihm gewesen
wäre. Diese Zeitung war zu wichtig, als dass wir unsere Reise hätten fortsetzen
sollen, ohne den Herrn Andreas zu sprechen. Aber wollte der Himmel, dass wir ihn
in unserm Leben nicht gesehen hätten! Er kam den andern Tag zu uns. Karolinens
erste Frage war, warum er ihr denn vor seiner Abreise nach Ostindien nichts
Ausführliches von dem Tode ihrer Tochter geschrieben hätte? »Ist denn Mariane
tot?« rief er. - »Was willst du denn mit der Mariane?« versetzte seine
Schwester. »Meine Tochter hiess ja, wie ich, Karoline. Wo ist sie denn? Ist sie
nicht tot? Ach, wenn doch dieses Gott wollte!« - »Ja doch,« sprach Andreas, »ich
weiss es wohl, sie hiess Karoline; aber aus Liebe zu meiner Frau, und weil ich sie
an Kindes Statt angenommen hatte, nennte ich sie nach meiner Frau Mariane. Ich
will dir alles erzählen; aber versprich mir, dass du mir auch alles vergeben
willst. Meine liebe Frau starb mir, wie ich dir vor zehen Jahren gemeldet habe.
Mariane war ebenfalls tödlich krank, und ich hielt sie schon für verloren.
Allein es besserte sich mit ihr. Indessen nötigte mich mein Bankerott, mein
Glück anderwärts zu versuchen. Ich ging nach Ostindien. Du weisst, dass ich der
katolischen Religion zugetan bin. Ich liebte deine Tochter, oder vielmehr meine
an Kindes Statt angenommene Mariane, recht väterlich. Um sie nun teils in meiner
Religion erziehen zu lassen, teils sie wohl zu versorgen: so nahm ich, was ich
noch hatte, und tat dieses liebe Kind vor meiner Abreise, und ohne jemandem
etwas zu sagen, in ein Kloster an der Grenze der Österreichischen Niederlande.
Ich war eben im Begriffe, dahin zu reisen, um zu sehen, ob Mariane noch lebte,
als ich hierher gerufen ward. Ich kann nicht länger warten, ich muss wissen, ob
sie noch lebt. Komm mit«, sprach er zu Karolinen. »Wir wollen den Augenblick in
das Kloster fahren. In drei Tagen sind wir wieder hier.« Und ohne ein Wort
weiter zu sprechen, gingen sie beide fort. Mein Mann und ich hatten kaum das
Herz, uns anzusehen, geschweige zu reden. Ein heimlicher Schauer lief mir durch
alle Glieder. »Gott! was soll das werden,« fing endlich mein Mann an: »Mariane,
das Kloster - und nicht weit von der Grenze! Was sind dieses für entsetzliche
Nachrichten! Ach, der arme, der unglückliche Carlson! Möchte doch dieses Mal
unsere Mutmassung falsch sein! Wäre doch Andreas wieder da, oder wäre er vielmehr
nimmermehr wieder nach Europa gekommen! Seine Gegenwart wird uns ganz gewiss das
traurige Geheimnis offenbaren, das uns ewig hätte verborgen bleiben sollen. Wird
nicht Karoline, um ihre Tochter wiederzufinden, sie als Frau aus den Armen ihres
eignen Sohnes reissen müssen?« Mit diesen grausamen Vorstellungen quälten wir
uns, bis Andreas mit seiner Schwester, der Karoline, wieder zurückkam. Ihr
Anblick liess uns zu unserm Unglücke die Sache auf einmal erraten. Karoline
zerfloss fast in Tränen. Sie tat untröstlich, und ihr Bruder, als ein harter
Mann, liess zwar äusserlich keine Traurigkeit spüren; allein er sass ganz betrübt.
Wir konnten aus beiden lange Zeit kein Wort bringen. Sie hatten, mit einem
Worte, in dem Kloster erfahren, dass eine Nonne, mit Namen Mariane, welche um das
und das Jahr (Tag und Jahr traf beides ein) in das Kloster gebracht wäre, vor
andertalb Jahren dasselbe heimlich verlassen und, soviel man wüsste, sich mit
einem jungen von Adel verheiratet hätte. Was war zu tun? Wir mussten, anstatt
nach Amsterdam zu reisen, wieder zurück nach Carlsons Quartier. Wir sahen alle
viere nur mehr als zu gewiss, dass diese Nonne niemand anders als Carlsons Frau
sein würde. Doch man müsste das menschliche Herz nicht kennen, wenn man glaubte,
dass wir zu unserm Troste keine Ausflüchte gewusst hätten. Eine Nachricht, von der
uns die Gewissheit erschreckt und das Gegenteil erfreut, mag noch so
wahrscheinlich sein, als sie will, so sind wir doch sinnreich genug, sie
zweifelhaft zu machen. »Sollte ich«, sagte Karoline, »denn mein Kind, mein
leiblich Kind, nicht kennen? Sollte es denn keine Ähnlichkeit mit mir haben?«
Gleichwohl hatte sie es verlassen, da es kaum einige Monate alt gewesen war.
»Ein junger von Adel,« fing mein Mann oft unterwegs an, »ein junger von Adel?
Wenn hat sich denn Carlson dafür ausgegeben? Er ist viel zu bescheiden, als dass
er sich einen Stand andichten sollte, in dem er nicht erzogen worden ist.« -
»Nein, nein,« sprach ich, »das wolle Gott nicht! Hätte er sich auch für einen
Edelmann ausgegeben, warum hätte er nicht gesagt, dass er ein Offizier wäre?
Vielleicht ist in ebendem Jahre noch ein Kind in das Kloster gekommen, das
ebenfalls den Namen Mariane gehabt hat.« Andreas, der der Philosophie wegen
nicht nach Ostindien gereiset war, meinte, es läge schon in der Natur, dass ein
Paar so nahe Blutsfreunde einander nicht als Mann und Frau lieben könnten. Ich
glaube, dass wir uns alle Augenblicke auf dieser Reise widersprachen, ohne es zu
merken. Voll Zittern und Hoffnung kamen wir also bei unserm Carlson wieder an.
Wir hatten uns vorgenommen, recht behutsam zu gehen und die Ursache unserer
Zurückkunft weder ihm noch ihr merken zu lassen. Wir wollten sagen, dass wir aus
Vergnügen über die Ankunft des Herrn Andreas wieder mit umgekehrt wären. Wenn
auch, sprachen wir alle, Mariane die rechte Mariane sein sollte: so würden diese
zärtlichen Eheleute doch beide in Verzweiflung geraten, wenn wir ihnen dieses
traurige Geheimnis auf einmal entdeckten. »Nein,« fing ich an, »wir bringen
Marianen auf diese Art um das Leben. Ist sie die wahre Karoline: so will ich sie
bitten, dass sie mir zuliebe auf einige Zeit mit nach Amsterdam reisen soll. Ihr
Mann wird ihr dies Vergnügen nicht abschlagen. Ist sie einmal in Amsterdam: so
wird es Zeit sein, ihr das Geheimnis nicht sowohl zu entdecken, als es sie nach
und nach selbst entdecken zu lassen. Weiss es Mariane: so soll es Carlson auch
erfahren. Er muss sie in seinem Leben nicht wieder zu sehen bekommen. Dieses wird
der einzige Trost sein, mit dem wir ihm in seinem mitleidenswürdigen Irrtume
beistehen können. Er kennt die Religion und hört die Vernunft. Die Tochter aus
dieser unglücklichen Ehe will ich erziehen lassen, damit Mariane den traurigen
Beweis einer so zärtlichen und nunmehr unerlaubten Liebe nicht vor Augen hat.«
In dieser Beratschlagung langten wir bei Carlson an. Er trat in die Türe, indem
wir ankamen, und lief uns mit Verwunderung entgegen. Wir heiterten unsere
Gesichter so gut auf, als es möglich war, und sagten ihm, dass Herr Andreas,
Karolinens Bruder, den wir in dem Haag von seiner Wiederkunft aus Indien
angetroffen hätten, die Ursache unserer Zurückkunft wäre. Wer war froher als er!
Wir traten in die Stube zu seiner Marine. Kaum hatte Andreas Marianen erblickt:
so fiel er ihr um den Hals und schrie mit einem entsetzlichen Tone: »Ach, dass
Gotter barme, sie ist es, sie ist es! Ich unglücklicher Mann, ich bin an allem
schuld!« Dieses war die Erfüllung von dem Vorsatze, bei der Sache behutsam zu
gehen. Karoline lief, als verzweifelnd, zur Türe hinaus. Mariane wollte sich von
dem Andreas losmachen; allein er liess sie nicht aus seinen Armen. Ich hatte
nicht so viel Gewalt über mich, dass ich hingehen und ihn von ihr losreissen
konnte. Carlson blieb auf einer Stelle stehen und fragte hundertmal, was es
wäre. Mein Mann wollte es ihm sagen und kehrte doch bei jedem Wort wieder ein.
Mariane kam endlich auf mich zu. Ich sollte ihr entdecken, was es wäre. Ich fing
an zu reden, ohne zu wissen was. Ich bat sie um Vergebung. Ich versicherte sie
meiner ewigen Freundschaft. Ich umarmte sie. Dieses war es alles. Indessen kam
ihr Mann und wollte sie aus meinen Armen nehmen. »Nein, nein,« schrie ich.
»Mariane ist nicht Ihre Frau, Mariane ist Ihre Schwester.« In diesem Augenblicke
sank Mariane nieder, und ich erwachte darüber, wie aus einem unruhigen Schlafe.
Ich und mein Mann waren am ersten wieder bei uns selbst. Wir brachten Marianen
auf ein Bette, und sie erholte sich aus einer Ohnmacht, um in die andere zu
fallen. Wir brachten sie den ganzen Tag nicht wieder zu sich selbst.
    Mein Mann war indessen nach Karolinen gegangen, die wir, seitdem sie aus der
Stube gelaufen war, nicht wieder gesehen hatten. Er hatte sie in dem Gartenhause
auf den Knien angetroffen. Ich will gleich auf den anderen Tag kommen. Das
Gewaltsame unsers Affekts hatte sich gelegt, und sich statt dessen das Bange der
Traurigkeit eingestellt. Tränen und Seufzer, welche die Bestürzung gestern
zurückgehalten, hatten nun ihre Freiheit, und wir suchten unsern Trost in Klagen
und im Mitleiden. Carlson kam vor das Bette seiner Mariane, und mit ihm Wehmut,
Furcht, Scham, Reue und gekränkte Zärtlichkeit. Es war erbärmlich anzusehen, wie
sich diese beiden Leute gegeneinander bezeigten. Die Religion hiess sie die Liebe
der Ehe in Schwester- und Bruderliebe verwandeln, und ihr Herz verlangte das
Gegenteil. Sie hatten einander unbeschreiblich geliebt. Sie waren noch in dem
Frühlinge ihrer Ehe, und sie sollten dieses Band jetzt ohne Anstand zerreissen.
Sie hatten einander in ihrem Leben nicht gesehen, und also kam ihnen die
Vertraulichkeit nicht zu Hilfe, die sonst die Liebe unter Blutsverwandten
auszulöschen pflegt. Ihre Natur selbst tat den Ausspruch zu ihrem Besten. Wie
konnten sie etwas in sich fühlen, das ihre Liebe verdammte, da sie den Zug der
Blutsfreundschaft nie gefühlt hatten. »Ach, mein Bruder,« rief Mariane einmal
über das andere aus, »verlasst mich, verlasst mich! Unglückseliger Gemahl, fangt
mich an zu hassen. Ich bin Eure Schwester. Doch nein! Mein Herz sagt mir nichts
davon. Ich bin Euer, ich bin Euer. Uns verbindet die Ehe. Gott wird uns nicht
trennen.« Ihr Gemahl war nicht besser gesinnt. Er hörte die Stimme der
Leidenschaften, um den Befehl der Religion nicht zu hören. Er hütete sich genau,
sie nicht seine Schwester zu nennen. Er hiess sie seine Mariane. Er war beredt
und unerschöpft in Klagen, die bis in das Herz drangen, weil sie das Herz
hervorbrachte. Er fing zuweilen mitten in seinen Klagen an zu philosophieren,
und wie man leicht glauben kann, sehr eigennützig. Er erwies, dass ihre Ehe vor
Gott erlaubt wäre, wenn sie auch die Welt verdammte. Und er tat doch nichts, als
dass er zehnmal nacheinander sagte, dass sie öffentlicht verbunden wären, und dass
nichts als der Tod dieses Bündnis trennen sollte. Er wünschte unzähligemal in
der Sprache des Affekts, dass Andreas gestorben sein möchte, ehe er den Atem zur
Entdeckung dieses Geheimnisses hätte schöpfen können. Dieser sass da, als ob er
sein Todesurteil anhören sollte. Ich glaube, dass er gern mit etlichen Jahren von
seinem Leben das zerstörte Vergnügen dieser Zärtlichkeit wiedererkauft hätte.
Karoline trat endlich zu Marianen an das Bette und hiess Carlsonen weggehen.
»Meine Tochter,« fing sie an, »ich habe dich wiedergefunden, um dich aus den
Armen deines Bruders zu reissen. Wollte Gott, dass ich dieser betrübten Pflicht
zeitlebens hätte überhoben sein können! Vielleicht ist es die Strafe, dass ich
..., doch Gott hat es verhänget. Ihr seid beide keines Verbrechen schuldig. Eure
Unwissenheit rechtfertigt eure Liebe, und die Gewissheit verbeut sie nunmehr. Ich
bin eure Mutter und liebe euch als meine Kinder; aber ich verabscheue euch, wenn
ihr das Band der Ehe dem Bande des Bluts vorzieht.« Die Anrede war sehr fromm;
allein sie war zu heftig und zu früh angebracht. Sie weckte die Verzweiflung in
beiden von neuem auf. Mein Mann erwählte einen gelindern Weg, die zärtlichen
Gemüter zu besänftigen. Er bediente sich eines Scheingrundes, der in der Stunde
des Affekts ebensoviel Kraft zu haben pflegt als die Wahrheit. Er sagte, es wäre
eine Gewissenssache, die wir nicht entscheiden könnten. Wir wollten den
Ausspruch verständigen Gottesgelehrten überlassen. Er glaubte, dass die Ehe
vielleicht noch stattfinden könnte. Dieses war eine Arznei, welche die Wehmut
der beiden Leute verminderte und zugleich ihrer Liebe Widerstand tat. Sie
entschlossen sich, sich dem Ausspruche der Geistlichen zu unterwerfen; aber
gewiss nicht aus Überzeugung, sondern aus Verlangen, desto ruhiger ihre Liebe
fortsetzen zu können. Wir machten uns indessen ihre Bereitwilligkeit zunutze und
ermunterten Marianen, uns, sobald es ihre Umstände zuliessen, nach Amsterdam zu
folgen; vielleicht wäre es möglich, dass man von Rom Dispensation erlangen
könnte. Ihr Mann sollte sich Urlaub auf ein halb Jahr ausbitten und, wenn er ihn
erhielte, uns nachkommen. Alles dieses liessen sich die beiden Leute gefallen. Es
strichen einige Tage dahin, und Mariane war in den Umständen, die Reise mit
anzutreten. Indem wir uns dazu anschickten: so erhielt Carlson Ordre, sich
unverzüglich und bei Verlust seiner Stelle zu dem Regimente zu verfügen, weil es
marschieren sollte. Diese Nachricht tat eine ungleiche Wirkung. Carlson war
darüber erfreut, und Mariane ward von neuem niedergeschlagen. Kaum sah sie
seine Zufriedenheit über diese Post: so machte sie ihm die grausamsten Vorwürfe.
Sie hiess ihn einen Ungetreuen, der ihrer los zu sein wünschte. Sollte man wohl
glauben, dass eine Frau, die da wusste, dass ihr Mann ihr Bruder war, noch auf
einen solchen Verdacht fallen könnte? Allein, was ist in der Liebe und in dem
Traume wohl unmöglich? Wir sahen also leider nur mehr als zu deutlich, wie
heftig Mariane ihren Mann noch liebte, und wie sie in ihrem Herzen nichts
weniger beschlossen hatte, als ihn fahren zu lassen. Carlson versicherte sie mit
den grössten Beteuerungen, dass er sie noch unendlich liebte, und dass er über die
Nachricht zum Marsche nur deswegen vergnügt wäre, weil er ihn als eine
Gelegenheit ansähe, die der Himmel bestimmt hätte, der Sache den Ausschlag zu
geben. »Vielleicht«, sprach er, »verliere ich mein Leben, wenn es zu einem
Feldzuge kömmt. Und wer ist alsdann glücklicher als wir? Soll ich den Tod nicht
geringer schätzen als die Qual, Euch zu sehen und nicht zu lieben? Und wollt Ihr
nicht lieber mit Gewalt von mir getrennet sein, als die Pein ausstehen, mich
freiwillig zu verlassen und doch diese Freiheit niemals von Eurer Liebe zu
erhalten? Seid getrost, liebe Mariane! Komme ich wieder zurück: so ist es ein
Zeichen, dass der Himmel unsere Ehe billiget. Verliere ich mein Leben: so ist es
ein Beweis, dass Ihr einen Mann verloren habt, der nur Euer Bruder, und nicht
Euer Ehemann sein sollte.« Welche glückselige Dienste leistet nicht der Irrtum
in gewissen Umständen! und wie gut ist es nicht oft, dass wir das Vergnügen
haben, uns selbst zu betrügen! Genug, Carlsons Irrtum war in Ansehung des
Erfolgs vortrefflich. Er beruhigte ihn und endlich auch Marianen. Sie liessen die
Sache auf den Himmel ankommen; und sie versprachen sich von diesem Richter
nichts, als was sie wünschten. Sie flehten Gott um Beistand an, nicht anders,
als ob ihnen die Menschen unrecht täten. Kurz, sie waren voll Zuversicht und
Vertrauen, die alle Wahrheit nicht würde zuwege gebracht haben. Carlson reisete
fort, als ob er in dem Treffen seine Mariane gewinnen sollte, und Mariane tat so
gesetzt, als ob sie ihn von sich liesse, um ihn auf ewig wiederzubekommen. Sobald
er fort war, so folgte sie uns ganz getrost nebst ihrer Tochter und ihrer Mutter
nach Amsterdam. Andreas, der sich in Ostindien wieder ein kleines Vermögen
erworben hatte, blieb in dem Haag, um von neuem seinen Handel anzufangen, wozu
ihm Karoline einen Teil von ihren Geldern gab, die sie aus Deutschland
mitgebracht hatte. Wir trafen unsern gütigen Wirt in Amsterdam noch in seinen
vorigen Umständen an. Wir gaben Marianen für Carlsons Frau aus, und Karoline war
seine Mutter.
    In wenig Monaten erhielten wir die Nachricht, dass Carlson zwar nicht gegen
den Feind, sondern an einer hitzigen Feldkrankheit geblieben wäre. Karoline, ich
und mein Mann bedauerten ihn sehr; aber wenn wir an seine Ehe dachten; so war
uns sein Tod eine erwünschte Nachricht. Denn wer konnte die gefährliche Sache
besser schlichten als der Tod? Die Aussprüche der Geistlichen würden ganz gewiss
wider diese Ehe gewesen sein. Und Mariane und ihr Mann hätten entweder einander
nicht verlassen oder ohne einander das unglückseligste Leben geführet.
Gleichwohl war uns für Marianen noch sehr bange. Sie hatte sich zwar dem
Endurteile des Himmels ergeben; aber, wie ich schon erinnert, in keiner andern
Hoffnung, als dass es vorteilhaft für sie ausfallen würde. Wir sahen, dass
Marianens Verzweiflung von neuem wieder aufwachen würde. Dennoch musste sie es
erfahren. Wir liessen sie auf unser Zimmer rufen, und mein Mann nahm es über
sich, ihr ihres Mannes Tod zu entdecken. »Nicht wahr, Mariane,« fing er an, »Sie
erraten schon, was ich Ihnen hinterbringen will? Erschrecken Sie nur, denn Sie
müssen doch erschrecken. Hier ist ein Brief aus dem Lager.« - »Sagen Sie mir
nichts mehr«, versetzte Mariane. »Ich kann den Inhalt des Briefs schon wissen.
Mein Gemahl ist tot. Ich unglückselige Frau! Doch bin ich zufrieden, dass mir ihn
nicht die Welt, sondern der Himmel entzogen hat. Nun sehe ich, dass es Gott nicht
hat haben wollen. Wie ist er denn gestorben? Ist er im Treffen geblieben?«
    Wir erstaunten über diese unvermutete Gelassenheit, die einer
Gleichgültigkeit nicht unähnlich sah. Wir hatten uns auf die besten Trostgründe
vergebens gefasst gemacht. Gleichwohl wussten wir auch nicht, ob wir Marianen
trauen durften. Indessen tat sie gelassen und betrauerte ihren Mann mehr durch
stille Tränen, als durch eine tobende Wehmut und Ungeduld. In etlichen Tagen
erhielten wir wieder einen Brief, und die Aufschrift war Carlsons Hand. Soll
ich's aufrichtig gestehen, so erschrak ich weit mehr, dass er noch lebte, als ich
zuerst über seinen Tod erschrocken war. Gott, dachte ich, was wird dieses wieder
werden? Carlson wird seiner Krankheit wegen das Lager verlassen und wohl gar
abgedankt haben. Die Liebe wird ihn wieder zu Marianen rufen. Mariane nur war
vor Freuden ganz ausser sich. Der Brief war an sie, und sie brach ihn nicht etwa
gleich auf. O nein, so viel Zeit liess ihr ihre vergnügte Unruhe nicht. Sie gab
ihn uns auch nicht zu erbrechen. Sie behielt ihn in den Händen als einen
unbekannten Schatz, den man nicht eröffnen will, bis man sich zehnmal
vorgestellt hat, wieviel darinnen sein könnte. Da sie ihn endlich erbrach: so
war der Brief schon viele Wochen älter, als derjenige, der uns Carlsons Tod
berichtet hatte. Kurz, es war ein Abschiedsbrief an Marianen. Ich will die
Abschrift hersetzen.
                               »Liebste Mariane!
Dieses sind seit vier Wochen die ersten Stunden, da ich mich besinnen und Euch
meine Krankheit melden kann. Wie glückselig bin ich, dass ich krank gewesen und
dem Tode so nahegekommen bin ohne beides zu wissen! Wieviel würde ich
Eurentwegen binnen der Zeit ausgestanden haben, wenn ich meiner mächtig gewesen
wäre! Gott sei für diese Art des Todes gedankt! Ich bin völlig ausgezehrt,
völlig entkräftet. Und ich sehe die Stunden, da ich mir wieder bewusst bin, für
nichts als Augenblicke an, die mir Gott gönnt, mich noch einmal in der Welt und
in meiner eignen Seele umzusehen und an das Zukünftige zum letzten Male zu
denken. So lebt denn wohl, Mariane, lebt ewig wohl! Beweint mich nicht als Euren
Mann, sondern als Euern Bruder! Trauriger Name! Verschweigt unserer Tochter
unser Schicksal, wenn sie leben bleibt. Verbergt es, wenn es möglich ist, vor
Euch selbst. Mein Gewissen macht mir keinen Vorwurf, dass ich Euch geliebt habe;
allein es beunruhiget mich, dass ich Euch nach der traurigen Entdeckung als meine
Frau zu lieben nicht habe aufhören wollen. Gott, wieviel anders denken wir auf
dem Todbette als in unserm Leben! Was sieht nicht unsere Vernunft, wieviel sieht
sie nicht, wenn unsere Leidenschaften stille und entkräftet sind! Ja, ja, ich
sterbe, ich sterbe getrost. Doch Gott! ich soll Euch nicht wiedersehen? Ich soll
Euch verlassen, liebste Mariane? Ich soll sterben? Welche entsetzliche
Empfindungen fangen jetzt in mir an zu entstehen! Ach, ich kann nicht mehr
schreiben! - So weit war ich vor einer halben Stunde gekommen. Ich bin wieder
beruhiget. Die Liebe zum Leben hat sich zum letzten Male geregt. Lebt wohl,
meine Mariane! Grüsst meine Mutter und meine beiden grossmütigen Freunde. Mein
liebster Freund Dormund, den Ihr so vielmal bei mir gesehen habt, ist jetzt bei
mir. Er will mich nicht eher verlassen, als bis ich tot bin. Könnt Ihr Euch
entschliessen, wieder zu lieben: so vergesst nicht, dass Euer sterbender Mann Euch
niemanden gegönnet hat als ihm. Er wird Euch meine Uhr mit Eurem Porträt
überbringen. Die andern Sachen habe ich meinen armen Soldaten geschenkt. Ich
fühle meinen Tod. Lebt wohl!«
Sobald sie gesehen hatte, dass es ein Abschiedsbrief war, und dass sie sich in der
bei dem Titel gefassten Hoffnung betrogen: so ging das Wehklagen erst recht an.
Ich will ihre Trostlosigkeit und etliche schlimme Folgen, die für sie und uns
daraus entstunden, nicht erzählen. Es sind Umstände, an denen wir teilnahmen,
weil wir gleichsam dareingeflochten waren. Sie waren in Ansehung unserer
Empfindung wichtig. Allein ich würde übel schliessen, wenn ich glauben wollte,
dass sie deswegen dem Leser merkwürdig vorkommen und ihn rühren würden: Ich will
daher vieles übergehen.
    Wir lebten wieder ruhig. Es schien, als ob uns der Himmel mit Gewalt reich
machen wollte. Unsere Kapitale brachten mehr ein, als wir verlangten, und weit
mehr, als wir brauchten. Und ich dachte nicht einmal daran, meine bei der Krone
stehenden Gelder zu fordern. Ich war vielmehr ruhig, wenn ich nicht an dieses
Land denken durfte. Über dieses war es auch durch den Krieg ganz erschöpft und
entblösst. Genug, ich lebte unbekannt und zufrieden. Ich war die Frau eines
angenehmen und klugen Mannes. Das Unglück, das uns zeiter betroffen, hatte
unsere Gemüter gleichsam aufgelöset, die Ruhe nunmehr desto stärker zu
schmecken. Man dürfte fast sagen, wer lauter Glück hätte, der hätte gar keines.
Es ist wohl wahr, dass das Unglück an und für sich nichts Angenehmes ist; allein
es ist es doch in der Folge und in dem Zusammenhange. Wenigstens gleichet es den
Arzeneien, die unserm Körper einen Schmerz verursachen, damit er desto gesünder
wird.
    Mitten in unsrer Zufriedenheit, die nunmehr über ein Jahr gedauert hatte,
kam Herr Dormund, Carlsons guter Freund, und überbrachte Marianen die in dem
Briefe erwähnte goldne Uhr mit ihrem Porträt. Mariane hatte ihn oft bei ihrem
Manne, wir ihn aber noch gar nicht gesehen. Doch was brauchte er zu seiner
Empfehlung mehr, als den Namen eines guten Freundes von unserm Carlson? Er war
ein Holländer von Geburt, und von Person sehr angenehm. Er gewann unsere
Vertraulichkeit sehr bald. Er war ein Stabsoffizier, hatte nunmehr abgedankt und
wollte von seinen Renten für sich leben. Er war noch jung. Er hatte nicht
studiert; allein er hatte doch etlichen Büchern und dem Umgange einen gewissen
Witz zu danken, der im Anfange sehr einnahm. Er konnte etliche Sprachen und auch
gut Deutsch. Er liess sich in Amsterdam nieder, und wir konnten seine Absicht
leicht merken. Mariane war sein Wunsch, und Mariane verdiente in der Tat, dass
man ihrentwegen Feld und Hof verliess. Sie war noch vollkommen schön. Das Unglück
hatte ihr von ihren äusserlichen Reizungen nichts entzogen und zu der Schönheit
ihres Gemüts noch vieles hinzugesetzt. Sie war durch den Umgang nur noch
liebenswürdiger geworden. Sie war erst achtzehn oder neunzehn Jahr alt und noch
in ihrem völligen Frühlinge. Dormund wusste sich bald bei ihr gefällig zu machen.
Vielleicht liebte sie in dem Freunde ihres verstorbenen Mannes noch ihren Mann.
Genug, er gewann ihr Herz. Sie kam einmal zu mir und fing mit einer viel
bedeutenden Stimme an: »Madame, es wäre doch wohl billig gewesen, dass wir Herr
Dromunden die Uhr, die er mir von meinem Manne überbracht, zu einem Andenken
gelassen hätten. Ich würde es gewiss getan haben, wenn mein Porträt nicht darin
gewesen wäre; allein so schickt's sich wohl nicht.« Ich verstund diese Sprache
sehr gut. »Mariane,« sagte ich, »was machen Sie sich für ein Bedenken, dem Ihr
Porträt zu geben, dem Sie unstreitig Ihr Herz schon überlassen haben? Ich merke,
Sie wollen Herrn Dormunden gern eine Gefälligkeit erweisen, die das Ansehen
einer Erkenntlichkeit haben sollte, ob sie gleich die Liebe zum Grunde hat. Ich
will Ihnen bald aus der Sache helfen. Geben Sie mir die Uhr! Es wird sich schon
eine Gelegenheit zeigen, die nicht studiert lässt; bei der ich sie ihm anbieten
kann.« Auf die Übergabe der Uhr folgte bald die Übergabe des Herzens. Mariane
ward Dormunden zuteil, und sie schienen beide einander zum Vergnügen geboren zu
sein. Und wenn ja Mariane ihren Mann zuweilen beunruhigte: so geschahe es doch
aus einem Grunde, den ein Ehemann schwerlich übelnehmen kann. Ihr Fehler war die
Eifersucht, der erbliche Fehler unsers Geschlechts. Ich besinne mich, dass
Mariane einmal mit Tränen auf meine Stube kam. Sie konnte vor Wehmut nicht
reden, und ich befürchtete, das grösste Unglück von ihr zu hören. Allein, was kam
endlich heraus? Sie seufzete über die Gleichgültigkeit ihres Ehemannes und hätte
lieber von seiner Untreue gesprochen. Ich fragte nach der Ursache. Da erfuhr ich
folgende Kleinigkeiten. Ihr Mann hätte kurz vorher Briefe geschrieben; sie wäre
zu ihm an den Tisch getreten; sie hätte ihn einigemal recht zärtlich geküsset,
er aber hätte ihr weder mit einem Gegenkuss noch mit einem Blicke geantwortet,
sondern immer fortgeschrieben, nicht anders, als wenn er sie nicht sehen wollte.
»Ach Gott!« fuhr sie fort, »wer weiss, an wen der Untreue schreibt?« - »Konnten
Sie denn nichts in dem Briefe lesen?« fing ich an. - »Nein, nichts, nichts, als
dass der Anfang hiess: Mein Herr«. Wer sollte wohl glauben, dass eine vernünftige
Frau keine andere Ursache zur Eifersucht nötig hätte, als so eine? Doch, warum
kann ich noch fragen? Wie oft tut nicht die Liebe einen Schritt über die Grenzen
der Vernunft! Und wenn dieser Schritt getan ist: so hilft es nichts, dass wir
eine gute Vernunft haben. Überhaupt entstehen wohl die meisten Uneinigkeiten,
die in der Ehe vorkommen, aus Kleinigkeiten. Sie heissen im Anfange nichts;
allein sie nehmen im Fortgange unsere Einbildung und andere Dinge zu Hilfe, und
werden alsdann wichtige Ursachen zur Gleichgültigkeit oder zur Eifersucht.
    Marianens Ehe hatte nunmehr etwa drei Vierteljahre gedauret, als ihr Mann
gefährlich krank ward. Er stund zween Monate grosse Schmerzen aus, und man merkte
sehr deutlich, dass ihn eine Gemütsunruhe ebenso stark quälte als die Krankheit.
Er bat seine Frau oft mit Tränen, dass sie ihn verlassen sollte. Er konnte auch
Karolinen nicht leiden, viel weniger Marianens Kind, das sie mit Carlsonen
erzeuget hatte. Ich und mein Mann sollten ohne Aufhören bei ihm bleiben und ihm
Trost zusprechen. Er wollte getröstet sein, und wir wussten doch nicht, was ihn
beunruhigte, viel weniger hatten wir das Herz, ihn zu fragen. Sein Ende schien
immer näher herbeizukommen, und die Ärzte selbst kündigten es ihm an. Es war um
Mitternacht, da er uns beide plötzlich zu sich rufen liess. Er rang halb mit dem
Tode. Alles musste aus der Stube. Darauf fing er mit gebrochenen und erpressten
Worten an, sich und die Liebe auf das abscheulichste zu verfluchen. Gott, wie
war uns dabei zumute! Er nannte sich den grössten Missetäter, den die Welt
gesehen hätte. »Ich bin«, schrie er, »Carlsons Mörder. Ich habe ihm mit eigener
Hand Gift beigebracht, um Marianen zu bekommen. Ich Unsinniger! Welche
Gerechtigkeit, welches Urteil wartet auf mich! Ich bin verloren! Ich sehe ihn,
ich sehe ihn! Bringt mich um«, rief er wieder. Mein Mann redte ihm zu, er sollte
sich besinnen, er würde in einer starken Phantasie gelegen haben. »Nein, nein,«
rief er, »es ist mehr als zu gewiss. Mein Gewissen hat mich lange genug
gemartert. Ich bin der Mörder meines besten Freundes; ich Barbar! ich Bösewicht!
Carlson besserte sich nach dem Abschiedsbriefe an Marianen wieder; und weil ich
mir schon Hoffnung auf seinen Tod und auf Marianen gemacht hatte: so brachte ich
ihm Gift bei.« Mein Mann nahm alle seine Vernunft und Religion zu Hilfe, und
suchte diesem Unglückseligen damit beizustehen. Seine Verzweiflung wollte sich
nicht stillen lassen. Er verlangte Marianen noch einmal zu sehen und ihr seine
Bosheit selbst zu entdecken. Wir baten ihn um Gottes willen, dass er Marianen
diese Tat nicht offenbaren sollte; er würde seinem Gewissen dadurch nichts
helfen und durch sein Bekenntnis nur noch einen Mord begehen. Mariane kam, ehe
sie gerufen ward. Dormund redete sie an; allein sie hörte und sah vor Wehmut
nicht. Er nahm sie bei der Hand und wollte das entsetzliche Bekenntnis
wiederholen. Ich hielt ihm den Mund zu. Wir fingen an zu beten und zu singen.
Doch er schrie nur desto mehr. Mariane musste es erfahren, was er getan hatte. Er
wiederholte seinen Mord umständlich. Er berief sich auf den Regimentsfeldscherer
und auf den Feldmedicum, die Carlsonen, weil er es befohlen, nach seinem Tode
geöffnet und das Gift gefunden und geglaubt hatten, dass er sich selbst damit
vergeben. Mariane geriet in eine ordentliche Raserei. Sie stiess die grausamsten
Namen wider ihn aus. Wir mussten sie endlich mit Gewalt beiseite bringen. Er
schlief zween Tage und Nächte nacheinander, ohne sich zu ermuntern. Wir glaubten
auch gewiss, dass er nicht wieder aufwachen würde; allein er erholte sich. Wir
kamen zu ihm. Wir mussten ihn als einen Mörder hassen; doch die allgemeine
Menschenliebe verband uns auch zum Mitleiden. Er war ruhiger als zuvor und bat
uns mit tausend Tränen um Vergebung. Er versicherte uns, wenn er leben bliebe,
dass er uns nicht zum Entsetzen vor den Augen herumgehen, sondern sich den
entlegensten Ort zu seinem Aufentalte und zur Reue über seine Schandtat
aussuchen wollte. Er bat, dass wir ihn Marianen nicht möchten wiedersehen lassen.
Diese war auch schon in unsrer Wohnung; denn Dormund hatte ein Haus allein
bezogen. Wir hatten nun genug an Marianen zu trösten und konnten Dormunden in
zween Tagen nicht besuchen. Doch hörten wir, dass es sich besserte. Mein Mann
ging den dritten Tag zu ihm. Allein Dormund war fort und hatte folgenden Brief
an ihn zurückgelassen:
»Ich gehe so weit, als mich die Rache des Himmels kommen lässt. Mariane soll mich
nicht wieder sehen! O Gott, wozu kann einen nicht die Liebe verleiten! Der
Schatten meines ermordeten Freundes wird mich auf allen Schritten verfolgen.
Doch ich will lieber alles ausstehen, als diesen Mord durch einen Selbstmord
häufen. Verfluchen Sie mein Gedächntis in Ihrem Herzen. Ich bin es wert; doch
entdecken Sie meine Schande der Welt nicht! Ich bin bestraft genug, dass ich
Marianen und ihre grossmütigen Freunde verlassen muss. Ich will wieder in den
Krieg gehen. Vielleicht verliere ich bald ein Leben, das mir eine Marter ist.
Mein zurückgelassenes Vermögen soll Marianen. Wollte Ihnen doch Gott die
Freundschaft vergelten, die Sie mir in meiner Krankheit erwiesen haben! Doch Sie
haben sie ja einem Unmenschen erwiesen. Ich bin nicht wert, dass Sie mich
bedauern. Ach, die unglückselige Mariane!«
Dormund war fort, ohne dass wir wussten, wohin. Unsere Mariane war in eine
ordentliche Schwermut geraten. Sie weinte Tag und Nacht, und wir mussten ihr auf
einmal zwo Adern schlagen lassen. Sie schlief in meiner Stube und versicherte
mich, dass ihr viel besser zumute wäre, und dass sie diese Nacht wohl zu schlafen
hoffte. Der Morgen wies diese Prophezeiung aus. Ich warf kaum die Augen auf ihr
Bette: so sah ich ganze Ströme Blut davon herunterlaufen. Was konnte ich anders
vermuten, als dass ihr die Adern im Schlafe aufgegangen sein würden? Mariane lag
in einem fühllosen Schlummer, oder vielmehr in einer Ohnmacht. Ich schrie nach
Hilfe, und wir banden ihr die Adern zu. Das Entsetzlichste war, dass die Binden
nicht abgefallen, sondern mit Fleiss aufgemacht zu sein schienen. Mariane kam
gegen Abend etwas wieder zu sich. Sie gestund, dass sie die Binden aus Lust zum
Tode selbst aufgemacht hätte, und wünschte nichts mehr, als dass ihr Ende bald
dasein möchte. Sie küsste mich und sank, ohne ein Wort weiter zu reden, in einen
Schlummer, und in etlichen Stunden darauf war sie tot.
    Mir ging es wie denen Leuten, die in einer Gefahr heftig verwundet werden
und es doch nicht eher fühlen, bis sie aus der Gefahr sind. Sobald Mariane tot
war: so ging erst meine Marter an. Ich hätte mir lieber die Schuld von ihrem
Tode beigemessen, weil ich dieselbe Nacht nicht genauer auf sie Achtung gegeben
hatte. Allein welche menschliche Klugheit kann alles voraussehen? Ich hatte
Marianen in der Tat zur Heirat mit Dormunden geraten. Ich sah, dass dieser Mann
schuld an ihrem Selbstmorde war. Ich dachte an Marianens Schicksal in der andern
Welt. Und ich würde noch tausendmal mehr ausgestanden haben, wenn mir die Liebe
zu Marianen verstattet hätte, sie für unglücklich zu halten. Ihre Mutter war
noch weit gelassner als ich. Ich weiss nicht, wem sie ihren Beistand zu danken
hatte; vermutlich der Religion. Sie sah alles für ein Verhängnis an, dessen
Ursachen sie nicht ergründen könnte. Sie tröstete sich mit der Weisheit und Güte
des Schöpfers und verherrlichte ihr Unglück durch Standhaftigkeit. Es ist gewiss,
dass der Beistand der Religion in Unglücksfällen eine unglaubliche Kraft hat. Man
nehme nur den Unglücklichen die Hoffnung einer bessern Welt: so sehe ich nicht,
womit sie sich aufrichten sollen.
    Unser Unglück schien nunmehr besänftiget zu sein. Wir schmeckten die Ruhe
eines stillen Lebens nach und nach wieder. Wir kehrten zu unsern Büchern zurück,
und die Liebe versüsste uns das Leben und benahm den traurigen Erinnerungen des
Vergangenen ihre Stärke. Mein Mann schrieb um diese Zeit ein Buch: »Der
standhafte Weise im Unglück«. Etwan ein Vierteljahr nach Marianens Tode starb
unser Wirt, und seine Frau hatte auch bereits die Welt verlassen. Dieser
Todesfall machte eine grosse Veränderung in unsern Umständen. Wir mussten unsre
Kapitale übernehmen, die durch Dormunds Verlassenschaft sehr hoch angewachsen
waren. In der Tat war dieses eine sehr grosse Last für uns. Weder ich noch mein
Mann noch Karoline wussten recht mit dem Gelde umzugehen. Und ich glaube, wir
hätten eher die Hälfte weggeschenkt, als dass wir es in unserer Verwahrung hätten
behalten sollen. Andreas, Karolinens Bruder, hatte wieder eine Handlung in dem
Haag angefangen. Wir schenkten ihm einige tausend Taler, und von dem übrigen
Gelde boten wir ihm die Hälfte in seine Handlung an; mit der andern Hälfte
dienten wir guten Freunden. Wenn die Vorsichtigkeit bei dem Gelde eine Tugend
ohne Ausnahme ist: so muss ich sagen, dass wir oft nachlässig damit umgingen. Es
war uns oft genug, es hinzugeben, wenn wir wussten, dass derjenige, der uns darum
bat, ein rechtschaffner Mann war, der das Geld nötiger brauchte als wir. Ein
Wort galt bei meinem Manne soviel als ein Wechsel. Wir haben in der Tat auf
diese Art viel Geld eingebüsst; aber wir sind niemals darum betrogen worden.
Unsre Schuldner hatten ein gutes Herz; aber wenig Glück. Sie wollten gern
wiederbezahlen, je mehr sie unsere Dienstfertigkeit sahen. Und sie machten uns
durch ihre Aufrichtigkeit freigebig, wenn wir es auch von Natur nicht gewesen
wären. Man glaubt es kaum, was es für ein Vergnügen ist, wenn man wackern Leuten
dienen kann. Und es gehört, wie mich deucht, weit mehr Überwindung dazu, das
Vermögen, zu dienen, zurückzuhalten als es zu befriedigen.
    Endlich verliessen wir aus verschiednen Ursachen Amsterdam und wandten uns
mit unserer Tochter nebst Karolinen und Carlsons Tochter nach dem Haag zu dem
Herrn Andreas. Unser verstorbener Wirt hatte uns bei seinem Tode seine Tochter
als die unsrige anbefohlen. Diese nahmen wir also mit uns. Ihr Vermögen blieb in
Amsterdam in guten Händen. Dieses Frauenzimmer, welches nunmehr etwan funfzehn
Jahr alt war, sah eben nicht schön aus: sie hatte aber sehr gute natürliche
Gaben. Sie gefiel, ohne dass sie sich einbildete, gefallen zu haben. Die
Artigkeit vertrat bei ihr die Stelle der Schönheit. Und wenn man die Wahl hat,
ob man ein schönes Frauenzimmer, das nicht artig ist, oder ein artiges, das
nicht schön ist, lieben soll: so wird man sich leicht für das letzte
entschliessen. Ich kann ohne Prahlerei sagen, dass ich dieses Kind, welches
Florentine hiess, meistens erzogen hatte. Und wenn ich gestehe, dass sie
ausserordentlich viel Geschicklichkeit besass: so will ich nicht sagen, dass ich
sie ihr beigebracht, sondern ihr nur zur Gelegenheit gedienet habe, sich solche
zu erwerben. Sie hatte Karolinen und dem Umgange mit meinem Manne sehr vieles zu
danken. Sie war mehr unter Mannspersonen als unter ihrem Geschlechte
aufgewachsen. Dieses halte ich allemal für ein Glück bei einem Frauenzimmer.
Denn wenn es wahr ist, dass die Mannspersonen in dem Umgange mit uns artig und
manierlich werden: so ist es ebenfalls wahr, dass wir in ihrer Gesellschaft klug
und gesetzt werden. Ich meine aber gar nicht solche Mannspersonen, die insgemein
für galant ausgeschrien werden, und die sich bemühen, ein junges Mädchen durch
niederträchtige Schmeicheleien zu vergöttern; die ihm durch jeden Blick, durch
jede Bewegung des Mundes und der Hand von nichts als einer abgeschmackten Liebe
sagen. Solche Leute müssen freilich nicht die Sittenlehrer der Frauenzimmer
werden, wenn man haben will, dass eine junge Schöne keine Närrin werden soll. Mir
wäre es am wenigsten zu vergeben gewesen, wenn ich Florentinen nicht so wohl
erzogen hätte, als es sein kann, da ich Zeit, Gelegenheit und ihre gute
Fähigkeit vor mir hatte und seit ihrem siebenten Jahre fast beständig um sie
gewesen war. Ihre guten Eigenschaften machten sie nachgehends zur Frau eines
Mannes, der in Holland eine der höchsten Ehrenstellen bekleidete, und an dem
sein Stand noch das wenigste war, was ihn gross und hochachtungswert machte. Doch
ich will von unserer Florentine ein andermal reden!
    Wir waren kaum einige Monate in dem Haag: so lief ein Schiff aus Russland mit
Waren für unsern Andreas ein. Er bat uns, dass wir mit an Bord gehen und die
Ladung ansehen möchten. Wir liessen uns diesen Vorschlag gefallen und fuhren dem
ankommenden Schiffe etwan eine halbe Stunde auf der See entgegen.
    Nunmehr komme ich auf einen Perioden aus meinem Leben, der alles übertrifft,
was ich bisher gesagt habe. Ich muss mir Gewalt antun, indem ich ihn beschreibe;
so sehr weigert sich mein Herz, die Vorstellung einer Begebenheit in sich zu
erneuern, die ihm so viel gekostet hat. Ich weiss, dass es eine von den
Haupttugenden einer guten Art zu erzählen ist, wenn man so erzählt, dass die
Leser nicht die Sache zu lesen, sondern selbst zu sehen glauben und durch eine
abgenötigte Empfindung sich unvermerkt an die Stelle der Person setzen, welcher
die Sache begegnet ist. Allein ich zweifle, dass ich diese Absicht erhalten
werde. Wir fuhren, wie ich gesagt habe, dem ankommenden Schiffe eine halbe
Stunde entgegen. Es waren zehn bis zwölf deutsche Reisende auf demselben, und
auch etliche Russen. Diese stiegen in unserm Angesichte ans Land und
gratulierten dem Herrn Andreas zur glücklichen Ankunft seines Schiffes, weil sie
hörten, dass er der Herr davon war. Andreas, der die See stets in Gedanken hatte,
hörte ihnen begierig zu. Nur mir ward die Zeit zu lang. Ich trat daher mit
meinem Manne auf die Seite und bat ihn, dass er wieder zurückfahren möchte. Da
ich noch mit ihm rede, so kömmt einer von den Passagieren auf mich zugesprungen,
umarmt mich und ruft: »Ja, ja, Sie sind es, ich habe meinen Augen nicht trauen
wollen; aber Sie sind meine liebe Gemahlin.« Er drückte mich einige Minuten so
feste an sich, dass ich nicht sehen konnte, wer mir diese Zärtlichkeit erwies.
Das Schrecken kam darzu, und ich glaubte nicht anders, als dass ein unsinnig
Verliebter mich angefallen hätte. Aber, ach Himmel! wen sah ich endlich in
meinen Armen? Meinen Grafen in russischer Kleidung, meinen ersten Mann, den ich
zehen Jahre für tot gehalten hatte. Ich kann nicht sagen, wie mir ward. So viel
weiss ich, dass ich kein Wort aufbringen konnte. Mein Graf stund und weinte. Er
erblickte endlich seinen ehemaligen Freund als meinen itzigen Mann. Er umarmte
ihn; doch von beiden habe ich kein Wort gehört oder vor Bestürzung nichts
verstehen können. Unser Wagen hielt gleich neben uns. Nach diesem lief ich zu,
ohne meine beiden Männer mitzunehmen; aber beide folgten mir nach. Ich umarmte
den Grafen unzähligemal in dem Wagen; was ich ihm aber gesagt habe, das ist mir
unbekannt. Wir waren nunmehr in unserer Behausung, und ich fing an, mich wieder
selbst zu verstehen. Mein Graf bezeigte eine unendliche Zufriedenheit, dass er
mich wiedergefunden hatte, und zwar an einem Orte, wo er mich am wenigsten
vermutet. Er sagte mir wohl tausendmal, dass ich noch ebenso liebenswürdig wäre,
als da er mich verlassen hätte. Sein Vergnügen war um desto stärker, weil er
mich für tot gehalten hatte, da ich ihm auf etliche Briefe nicht geantwortet. Er
glaubte, ich hätte es erfahren, dass er noch am Leben wäre. Kurz, er hatte von
mir ebensowenig gewusst als ich von seinem Leben. Herr R.. hatte uns verlassen,
ohne dass wir es gemerkt. Wir waren also ganz allein. Mein Graf erzählte mir sein
gehabtes Schicksal, davon ich bald reden will, und verlangte nunmehr zu wissen,
wie es mir gegangen wäre. Er fragte mich hundertmal, und ich konnte ihm mit
nichts als Tränen und Umarmungen antworten. Liebe und Scham machten mich
sprachlos. Einen Mann hatte ich wiedergefunden, den ich ausnehmend liebte, und
einen sollte ich verlassen, den ich nicht weniger liebte. Man muss es fühlen,
wenn man wissen will, das es heisst, von zween Affekten zugleich bestürmt zu
werden, von denen einer so gross als der andere ist. Mein Gemahl mutmasste aus
meiner Wehmut etwas Widriges für sich. Er hielt noch inständiger an, dass ich ihm
mein Herz entdecken und ihm sein Glück oder Unglück wissen lassen sollte. Aber
umsonst! Was konnte ich ihm sagen, wenn ich nicht sagen wollte, dass ich
verheiratet wäre? Ich schwieg, ich seufzte; doch dieses war genug gesagt. »Sind
Sie nicht mehr meine Gemahlin?« fing er an. »Das wolle Gott nicht! Lieber meinen
Tod, als diese Nachricht!« In ebendem Augenblicke trat meine kleine Tochter, ein
Kind von fünf Jahren, in das Zimmer und vermehrte meine Bestürzung und entdeckte
zu gleicher Zeit das Geheimnis, vor welchem ich zitterte. Sie sah mich weinen;
sie trat zu mir. »Was fehlt Ihnen denn, liebe Mama,« fing sie an, »dass Sie
weinen? Ich komme von dem Papa, der weint auch und will gar nicht mit mir reden.
Ich habe Ihnen doch nichts getan.« - »Mein Gott,« sprach der Graf zu mir, »Sie
sind verheiratet! Ich unglückseliger Mann! Habe ich Sie darum wiederfinden
müssen, damit meinem Herzen keine Art von Marter unbekannt bliebe? Wer ist denn
Ihr Gemahl? Sagen Sie mir's nur. Ich will Sie durch meine Gegenwart nicht länger
quälen. Ich will Sie gleich verlassen. Sie sind mir nicht ungetreu worden. Sie
haben mich für tot gehalten. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe. Niemand ist an
meinem Unglücke schuld als das Verhängnis. Vielleicht ist dieses die Strafe für
die Liebe mit Karolinen. Überwinden Sie sich und reden Sie mit mir«, fuhr er
fort. »Ich kann es von niemanden als von Ihnen anhören, wer Ihr Mann ist.« Ich
sprang von dem Stuhle auf und fiel ihm in die Arme, aber ich sagte noch kein
Wort. »Nein,« fing er an, »erweisen Sie mir keine Zärtlichkeiten! Ich verdiene
sie, das weiss mein Herz; aber Ihr itziger Ehegemahl kann Ihre Liebe allein
fordern, und ich muss dem Schicksale und der Tugend mit meiner Liebe weichen.«
Durch dieses Geständnis brachte er mich nur mehr in Bewegung. Er fragte endlich
das kleine Kind, wo der Papa wäre, und warum er nicht hereinkäme? »Er ist ja mit
Ihnen in dem Wagen gekommen«, hub sie an. »Er ist in seiner Stube und weint.« -
»Also«, fing der Graf zu mir an, »ist mein liebster Freund Ihr Gemahl? Dieses
macht mein Unglück noch erträglich.« Darauf bat er meine kleine Tochter, dass sie
ihren Papa rufen sollte. Allein er kam nicht, sondern schickte durch ebendieses
Kind dem Grafen ein französisches Billett von diesem Inhalte:
                               »Mein lieber Graf!
Sie dauern mich unendlich. Ich habe Sie durch die unschuldigste Liebe so sehr
beleidigt, als ob ich Ihr Feind gewesen wäre. Ich habe Ihnen Ihre Gemahlin
entzogen. Können Sie dieses wohl von mir glauben? Der Irrtum, oder vielmehr die
Gewissheit, dass Sie nicht mehr am Leben wären, hat mir den erlaubten Besitz Ihrer
Gemahlin gegönnt. Ihre Gegenwart aber verdammt nunmehr das sonst so tugendhafte
Band. Sie sind zu grossmütig, und wir zu unschuldig, als dass Sie uns mit Ihrem
Hasse bestrafen sollten. Unsere Unschuld verringert Ihr Unglück; allein sie hebt
es nicht auf. Das einzige Mittel, mich zu bestrafen, ist, dass ich fliehe. Ich
verlasse Sie, liebster Graf und werde mich zeitlebens vor mir selber schämen.
Wollte Gott, dass ich durch meine Abwesenheit und durch die Marter, die ich
ausstehe, Ihren Verlust ersetzen könnte! Entfernen Sie das Kind, das Ihnen
diesen Brief bringt, damit Sie das traurige Merkmal Ihres Unglücks nicht vor den
Augen haben dürfen. Ist es möglich, so denken Sie bei diesem Briefe zum letzten
Male an mich. Sie sollen mich nicht wieder sehen.«
Der Graf verliess mich, sobald er diesen Brief gelesen hatte, und suchte meinen
Mann. Doch, er war fort, und niemand wusste, wohin. Diese Nachricht setzte mich
in eine neue Bestürzung. Mein ganzes Herz empörte sich. Ich hatte meinen ersten
Mann wiedergefunden. Ich wusste, dass ich sie beide nicht besitzen konnte; allein
welcher Trieb hört die Vernunft weniger als die Liebe? Es war in meinen Augen
die grausamste Wahl, wenn ich daran dachte, welchen ich wählen sollte. Ich
gehörte dem letzten sowohl als dem ersten zu. Und nichts war mir entsetzlicher,
als einen von beiden zu verlassen, so gewiss ich auch von dieser Notwendigkeit
überzeugt war. Der Herr R... war indessen fort, und der Graf wollte nicht ruhen,
bis er seinen Freund wiedersähe. Er schickte sogleich nach dem Hafen, damit er
nicht etwan mit einem Schiffe abgehen sollte. Ich hatte ihm indessen erzählt,
dass ich den Herrn R... freiwillig zu meinem Manne erwählt, und dass ich seine
grossmütige Freundschaft nicht besser zu belohnen gewusst hätte als durch die
Liebe. »Ich weiss genug,« fing der Graf an, »weder Sie noch mein Freund haben
mich beleidiget. Es ist ein Schicksal, das wir nicht erforschen können.« In
wenig Stunden kam Herr R... zurück. Er war schon im Begriffe gewesen, mit einem
Schiffe fortzugehen. Er dankte dem Grafen auf das zärtlichste, dass er ihn wieder
hätte zurückrufen lassen. »Ich will nichts als Abschied von Ihnen nehmen,« fing
er an, »von Ihnen und Ihrer Gemahlin. Gönnen Sie mir diese Zufriedenheit noch,
es wird gewiss die letzte in meinem Leben sein.« Sogleich nahm er mich bei der
Hand und führte mich zu dem Grafen. »Hier«, sprach er, »übergebe ich Ihnen meine
Gemahlin und verwandle meine Liebe von diesem Augenblicke an in Ehrerbietung.«
Hierauf wollte er Abschied nehmen; doch der Graf liess ihn nicht von sich.
»Nein,« sagte er, »bleiben Sie bei mir. Ich fange auf Ihr Verlangen mit meiner
Gemahlin die zärtlichste Ehe wieder an. Sie ist mir noch so kostbar als ehedem.
Ihr Herz ist edel und beständig geblieben. Sie hat nicht gewusst, dass ich noch
lebe. Nein, mein lieber Freund, bleiben Sie bei uns. Wollen Sie mich etwan darum
verlassen, dass ich nicht eifersüchtig werden soll: so beleidigen Sie die Treue
meiner Gemahlin und mein Vertrauen. Bitten Sie ihn doch, Madame,« fing er zu mir
an, »dass er bleibt!« Ich hatte kaum so viel Gewalt über mich, dass ich zu ihm
sagte: »Warum wollen Sie uns verlassen? Mein lieber Gemahl bittet Sie ja, dass
Sie hierbleiben sollen. Und ich müsste Sie niemals geliebt haben, wenn mir Ihre
Entfernung gleichgültig sein sollte. Bleiben Sie wenigstens in Amsterdam, wenn
Sie nicht in unserm Hause bleiben wollen. Ich werde Sie lieben, ohne es Ihnen
weiter zu sagen; und ob ich gleich aufhören werde, die Ihrige zu sein: so
untersagt mir doch die Liebe zu meinem Gemahle nicht, Ihnen beständig Zeichen
der Hochachtung und Freundschaft zu erkennen zu geben.« Er blieb auf unser
Bitten auch wirklich in Amsterdam. Er speiste oft mit uns, und seine Aufführung
war so edel, als man nur denken kann. Wenn ich auch weniger tugendhaft gewesen
wäre: so hätte mich doch sein grossmütiges Bezeigen tugendhaft erhalten müssen.
Er tat gar nicht, als ob er jemals mein Mann gewesen wäre. Kein vertrauliches
Wort, keine vertrauliche Miene durfte ihm entfahren. Wie er vor meiner Ehe mit
mir umgegangen war, so ging er jetzt mit mir um. Er unterhielt mich mit
Freundschaft und Hochachtung und beförderte mein und meines Grafen Vergnügen mit
Aufopferung des seinigen. Er war oft ganze Tage bei mir allein. Ich glaube, dass
ich so viel Schwachheit gehabt hätte, ihn anzuhören, wenn er an die vorigen
Zeiten gedacht hätte. Und wer weiss, ob ich ihm nicht wider meinen Willen durch
manchen Blick ein stummes Bekenntnis von meiner Liebe getan habe, so
gewissenhaft ich auch mit ihm umging, und so sehr ich meinen Grafen liebte. Über
die Gegenwart der Karoline erstaunte der Graf sehr. Er hätte es lieber gesehen,
wenn sie unsre Wohnung verlassen hätte. Allein ich bat ihn, dass er mir ihre
Gesellschaft nicht entziehen sollte. »Können Sie meiner Tugend trauen,« sagte
ich zu ihm: »so müssen Sie wissen, dass ich der Ihrigen gewiss bin.« Das Schicksal
der beiden Kinder, die er mit Karolinen erzeugt, war eine Sache, die ihn oft
ganze Stunden niedergeschlagen machte. Er führte sich indessen gegen Karolinen
sehr liebreich auf. Er scherzte oft mit uns beiden; allein sein Scherz war so
behutsam, dass er weder sie kränken noch mich beleidigen konnte. Wie es uns
ferner gegangen, will ich künftig erzählen. Itzt muss ich nur von meines Gemahls,
des Grafen, Abwesenheit, noch kürzlich so viel erwähnen. Die Russen hatten von
dem Dorfe Besitz genommen, darin mein Gemahl auf den Tod gelegen und von den
Schweden als tot war zurückgelassen worden. Da er nach und nach wieder gesund
worden, hatte man ihn als einen gefangenen Offizier mit nach Russland geschickt.
Er hatte seinen Namen aus Furcht, dass man ihn desto eher an die Schweden
ausliefern möchte, verschwiegen und sich für einen Kapitän ausgegeben. Seine
erlittenen Unglücksfälle, und wie er fünf Jahre in Siberien hat zubringen
müssen, damit will ich die Fortsetzung von meiner Geschichte anfangen. Der arme
Graf hat viel ausstehen müssen. Er starb ... Doch ich will jetzt nichts mehr
sagen.
 
                                  Zweiter Teil
Ich bin gegen das Elend, das der Graf in Russland ausgestanden, zu empfindlich,
als dass ich's nach seiner Länge erzählen und in eine gewisse Ordnung bringen
sollte. Allein ich brauche auch diese betrübte Mühe nicht. Ich habe ein halb
Jahr nach seiner Zurückkunft noch zween von denen Briefen erhalten, die er in
seiner Gefangenschaft an mich geschrieben. Den einen hatte er an einen
Geistlichen auf seinen Gütern in Livland adressieret, der aber nichts von meinem
Aufentalte erfahren können. Den andern brachte mir ein Jude, wie man in dem
Verfolge dieser Erzählung sehen wird. Diese Briefe entalten den grössten Teil
von dem, was ihm in Moskau und Siberien begegnet ist. Ich will sie also
unverändert hier einrücken. Es ist immer, als wenn man mehr Anteil an einer
Begebenheit nähme, wenn sie der selbst erzählet, dem sie zugestossen ist. Sie
werden über dieses den edlen Charakter des Grafen und seine beständige Liebe
gegen mich in ein grösser Licht setzen. Wie gross ist sie nicht gewesen! Und eben
zu der Zeit, da er mich so brünstig geliebt und alles für mich gefühlt hat, was
nur sein Elend hat vergrössern können, habe ich in den Armen eines andern Gemahls
der Freuden der Liebe und des Lebens genossen. Wieviel tausend Tränen hat mich
dieser Gedanke schon gekostet, und wie oft bin ich vor meiner unschuldigen Liebe
zu dem Herrn R... als vor einem Verbrechen errötet!
    Der erste Brief ist aus der Stadt Moskau geschrieben.
»Euer unglücklicher Gemahl lebt noch. Wollte doch Gott, dass Ihr diese Nachricht
schon wüsstet oder sie wenigstens durch einen Brief erführet! Ein plötzlicher
Überfall, den die Russen drei Tage vor meiner angesetzen Hinrichtung auf das
Dorf taten, in welchem ich gefangen und krank lag, hat mir das Leben errettet.
Ja, liebste Gemahlin, diese Vorsehung ist eine Frucht Eurer Tränen und meiner
Unschuld. Ich habe etliche Tage nach dem geschehenen Überfall kaum mehr gewusst,
dass ich lebte. Nachdem ich von meiner Krankheit wieder zu mir selber kam und
mich in den Händen der Russen sah: so gab ich mich zu meiner Sicherheit für
einen Kapitän aus und nannte mich Löwenhoek. Unter allen denen Gefangenen, mit
welchen ich bald in diese, bald in jene Festung, und endlich nach der Stadt
Moskau geschleppt worden bin, sind nicht mehr als zween Offiziere, die mich
kennen. Sie sind beide Engelländer von Geburt, und die treuesten und besten
Gefährten meines Elends, die ich mir nur wünschen kann. Der eine von ihnen
Steelei, hat vor wenig Tagen die Freiheit erhalten, einige von seinen
Landsleuten, die hier handeln, zu sprechen, und durch diese hat er mir, einen
Brief nach Livland zu bestellen, die sicherste Gelegenheit ausgemacht. Wenn er
doch schon in Euren Händen wäre! Wenn ich doch nur eine von den Tränen der
Freude sehen sollte, die Euch die Nachricht von meinem Leben auspressen wird! Wo
habt Ihr Euch denn nach meinem letzten traurigen Briefe hingewandt? Hat Euch die
Rache des ungerechten Prinzen nicht verfolgt? Ist mein Freund R.. mit Euch
geflüchtet? Und wohin? Arme und unglückliche Gemahlin! Gönnt mir doch den Trost,
dass ich alle mein gegenwärtiges Unglück und das noch künftige Eurer Tugend und
Eurer Liebe gegen mich zuschreiben darf. Nichts als diese Ursache ist vermögend,
mir mein Elend zu versüssen und mir die Schande und das schreckliche Andenken
eines gewaltsamen Todes, den mir der Prinz zugedacht, zu erleichtern. Ertraget
meine Abwesenheit gelassen, ich bitte Euch bei unserer Liebe, und hofft, wir
werden uns gewiss wiedersehen. Aber, o Gott! wenn? Und ach, wo weiss ich denn, ob
Ihr mein Unglück habt überleben können? Schrecklicher Gedanke, den ich ohne
Zittern nicht niederschreiben kann! Nein, mein einziger Wunsch in der Welt, Ihr
lebt noch. Mein Herz sagt mir's, und es verspricht mir die Wollust, Euch noch
einmal, ehe ich sterbe, zu umarmen. Um diese Glückseligkeit bitte ich die
Vorsehung alle Tage und in dem Augenblicke, da ich dieses schreibe. Kann mir
Gott mein Leben wohl zu einem geringern Vergnügen gelassen haben, als dass ich
noch einen Teil davon, und wenn es auch nur etliche Tage wären, mit Euch
zubringen soll? Stellt Euch doch die Zufriedenheit vor, die wir schmecken
werden, wenn uns die Zeit einander wiedergeben wird. Wie lange werden wir vor
Entzückung nicht reden! und wie lange werden wir nach tausend Umarmungen
sprechen, ehe wir uns satt reden und unser Herz und unser Schicksal einander
ausschütten werden! Bekümmert Euch nicht zu sehr um mich! Mir fehlt zur
Erleichterung meines Elends nichts als die Nachricht von Euch und meinem lieben
Freunde R... Erlauben es Eure Umstände: so überschickt mir einen Wechsel, ob ich
vielleicht dadurch meine Zurückkunft bewerkstelligen kann. Ich bin seit meinem
Arreste von allem entblösst gewesen. Ich habe alle Beschwerlichkeiten
ausgestanden, die einem Gefangenen auf einem Wege von mehr als hundert Meilen
begegnen können. Eben der kümmerliche Proviant, der noch etliche hundert gemeine
Mitgefangene gesättiget hat, ist die ganze Zeit über gut genug für mich gewesen.
Die Erbitterung der Russen gegen die schwedische Nation hat uns das Elend,
gefangen zu sein, am beschwerlichsten gemacht. Sie nennen ihre Sorglosigkeit
gegen uns, ihre Unempfindlichkeit gegen unsere Klagen eine gerechte Vergeltung
für das barbarische Bezeigen, womit unser König, wie sie sagen, den gefangenen
Russen begegnen liess. Das Schrecklichste, was wir, nachdem wir über die
polnischen Grenzen waren, erfahren haben, ist der Mangel an frischem Wasser
gewesen, weil wir oft, um die Moräste zu umgehen, einen Umweg durch sandichte
Gegenden nehmen mussten.
    Mein ganzes Vermögen seit meiner Gefangenschaft hat in zwanzig Talern
bestanden, mit denen mich ein gemeiner schwedischer Soldat unlängst beschenkt
hat. Er starb einen Monat zuvor, ehe wir in der Stadt Moskau ankamen, an einer
Wunde, und zwar in einer Nacht, die wir unter freiem Himmel zubringen mussten. Er
hatte mir auf dem Marsche viele Dienste erwiesen, und ich belohnte seine Treue
dadurch, dass ich die ganze Nacht bei ihm blieb und auf sein Verlangen mit ihm
betete. Er hatte in seinem Brusttuch ein Goldstück von zwanzig Talern eingenäht,
womit ihn seine Braut in Stockholm bei seinem Abschiede beschenkt. Dieses gab er
mir und bat mich, wenn ich wieder nach Stockholm kommen sollte, seiner Braut
seinen Tod zu melden und ihr einige Wohltaten zu erzeigen. Ich schicke Euch den
Zeddel, in welchem das Geld eingewickelt war, und in welchem der Braut ihr Name
steht. Wenn es möglich ist: so lasst ihr den Tod ihres Bräutigams melden, und
schickt ihr für die zwanzig Taler, die mir und meinem lieben Steelei so viele
Dienste getan haben, hundert. Als mein Landsmann, der mich bis auf den letzten
Augenblick bei der Hand hielt, tot war: so schlief ich neben ihm ein. Damals
träumte mir, Ihr kämet mir an einem Flusse entgegen. Wie erschrakt Ihr, meine
Liebenswürdige, wie schön entsetztet Ihr Euch, mich wiederzufinden! Ich erwachte
über diesem Traume und lag auf dem toten Landsmanne und dankte dem Himmel, ehe
ich noch aufstund, für diesen glücklichen Traum. Die Freundschaft, die ich dem
Sterbenden erwies, brachte mir die Liebe von sechs andern gemeinen Schweden
zuwege, die bei seinem Tode zugegen waren. Es gefiel ihnen, dass ich ihren
Kameraden so wohl zum Tode bereitet hatte. Sie baten mich, dass ich ebendas an
ihnen tun möchte, wenn sie etwan auf dem Marsche sterben sollten; sie beeiferten
sich recht von diesem Tage an, mir zu dienen, und darbten sich oft das frische
Wasser ab, damit sie es mir und Steelein im Notfalle anbieten könnten. Ich ward
kurz darauf krank und konnte nicht mehr gehen, so hinfällig war ich. Allein ehe
mich meine sechs Landsleute zurückliessen: so trugen sie mich lieber etliche Tage
lang in Stöcken; an Stricken gebunden und mit Binsen durchflochten, fort und
nahmen alle die Mühe aus gutem Herzen über sich, zu der sie ausserdem weder
Furcht noch Belohnung würde fähig gemacht haben. Ich habe in dieser Krankheit
insonderheit den grossen Unterschied gesehen, der unter den Diensten ist, die man
uns aus Gehorsam und Hoffnung erzeigt, und unter denen, die man dem andern aus
einem geheimen Triebe der Freundschaft und des Mitleidens erweiset. Ihre
Begierde, zu dienen, wuchs mit meiner Gefahr, und Leute, die niemals sinnreich
in Anschlägen, noch geübt in Gefälligkeiten gewesen waren, wurden sorgfältig und
sinnreich an Mitteln, mir das Leben zu erhalten, weil sie es gern erhalten
wissen wollten. Dieses ist die einzige Krankheit gewesen, die mir auf dem Wege
nach Russland zugestossen. Vor sechs Wochen sind wir hier in der Stadt Moskau
angekommen und die ersten gefangenen Schweden in diesem Kriege gewesen, an denen
die wilden Einwohner dieses Orts ihre rachsüchtigen Augen befriedigt haben. Wir
mochten unsrer wohl drei- bis vierhundert sein, die man in einem sehr traurigen
Aufzuge dem Pöbel einen halben Tag lang öffentlich darstellte. Er würde uns mit
Freuden umgebracht haben, wenn wir nicht von einer starken Wache umgeben gewesen
wären. Indem wir eine Zeitlang auf einem freien Platze gestanden und tausend
Schimpfreden, die wir aus den Gebärden unsrer Feinde erraten konnten, angehört
hatten: drängte sich eine alte Frau zu einem Russen, der mit uns angekommen war.
Sie fragte, wo sein Kamerad, ihr Sohn, wäre. Der Russe, der vielleicht nicht
wusste, nach wem sie fragte, antwortete ihr, dass ihn die Schweden totgeschlagen
hätten. In dem Augenblicke fuhr sie auf mich und schrie: Was? hast du meinen
Sohn umgebracht? und riss mich, der ich vor Mattigkeit mich kaum selbst mehr
aufrecht halten konnte, zur Erde, bis die Soldaten mich von ihrer Wut befreiten.
Bedenkt nur, meine liebe Gemahlin, wie mir damals zumute gewesen sein muss. In
ebender Stadt, in welcher mein Vater in seiner Jugend die Ehre eines königlichen
Abgesandten genossen, war ich ein nichtswürdiger Schwede, und vielleicht auf
ebendem Platze, wo er seinen Einzug gehalten, war sein Sohn jetzt der Raserei
eines Weibes ausgesetzt.
    Wodurch habe ich doch das traurige Schicksal verdient, fern von Euch, in
einer öden Mauer eingeschlossen zu sein, in einem Behältnisse, in dem ich ausser
der Gesellschaft meines Steelei alles entbehre, was das Leben angenehm macht,
und von keiner Freude weiss als von der, mich Eurer mit ihm zu erinnern und mit
ihm über unser Schicksal zu seufzen? Er hat, wie ich Euch schon gesagt, durch
ein Geschenke, das er dem Aufseher über die Gefangnen von dem Reste unsrer
zwanzig Taler gemacht, endlich die Freiheit erhalten, mit einigen Kaufleuten aus
London zu sprechen. Diese haben ihm hundert Taler vorgeschossen und alles für
ihn zu tun versprochen. Durch dieses Geld hoffen wir uns von unserm Gebieter
zuweilen den Schatten einer Freiheit zu erkaufen denn durch Geld lassen sie
sich, wenn sie anders mitleidig sein könnten, am ersten mitleidig machen. Er
brachte mir bei seiner Zurückkunft eine Flasche Wein und etwas Zwieback mit. Ihr
denkt etwan, sprach er, da er die Flasche aus der Tasche zog, dass ich bei meinen
Landsleuten schon Wein getrunken habe? Nein, mein lieber Graf, ich würde mir
nicht die Freude entzogen haben, das erst Glas in Eurer Gesellschaft zu trinken.
Ich habe noch keinen Tropfen gekostet. Aber nun kommt, nun kann ich nicht länger
warten. Kommt, wir wollen unser Unglück einige Augenblicke vergessen und die
Freuden des Weins fühlen und uns alles das als gewiss vorstellen, was wir
wünschen. Wir tranken ein Glas. Welche Wollust war das für uns! Wir ehrten durch
unsre Entzückung den Gott, der dem Weine die Kraft geschenkt, unsere Herzen zu
begeistern, und dankten ihm durch ein stilles Nachdenken für ein Vergnügen, das
wir seit ganzen Jahren nicht genossen hatten. Wir brachten einen ganzen
Nachmittag über unsrer Flasche Wein zu. Wir wollten nicht an unser ausgestandnes
Schicksal denken; aber es war uns unmöglich. Es war, als ob uns eine grosse
Zufriedenheit fehlte, dass wir nicht mit einem Blicke die Reihe unsrer betrübten
Begebenheiten übersehen sollten. Wir wiederholten sie einander, als ob wir sie
einander noch nicht gesagt hätten. Wir richteten uns bei unsern Klagen mit der
Wahrheit auf, dass ein gütiger und weiser Gott dieses Schicksal über uns verhängt
hätte, dass wir uns unser Elend nicht leichter machen könnten, als wenn wir uns
seinen Schickungen geduldig überliessen, bis es ihm gefiele, uns das Unglück oder
das Leben zu nehmen. Wir gaben einander die Hände darauf, alles, was uns
begegnen würde, mit einer uns anständigen Gelassenheit zu ertragen. Aber, fing
Steelei an, indem er meine Hand betrachtete, dürfen wir denn nicht wünschen,
diese Hände denen noch einmal zu reichen, die wir in unserm Vaterland lieben?
Und wenn Gott dieses nicht wollte, werden wir auch da gelassen bleiben? - Wenn
Gott dieses nicht wollte ..., sprach ich und konnte nichts mehr sprechen. Es
ward finster in meinem Verstande. Ich sah keine Gründe zur Gelassenheit mehr,
aber Ursachen genug, mich zu beklagen und Euern Verlust zu beseufzen. Wir
schwiegen eine Zeitlang still, als ob wir uns schämten, den Entschluss zu
widerrufen, den wir nach langen Betrachtungen gefasst hatten. Wie Gott will, fing
endlich mein Freund mit einem Tone an, der doch die grösste Unruhe verriet, wie
Gott will! Ich will durch meine Gelassenheit gar nicht einen Anspruch machen,
dass er seine Schickungen nach meinem Wunsche einrichten soll. Nein, er soll sie
ordnen. Aber ist denn das Verlangen, unser Vaterland wiederzusehen und aus
dieser Barbarei erlöset zu sein, ein ungerechter Wunsch? Sollen wir denn in
diesem kläglichen Zustande unser ganzes Leben zubringen und nur den Tod hoffen?
So sah es mit unserer Gelassenheit aus, und so ist es uns oft gegangen. Wenn wir
uns bemüht haben, recht ruhig zu sein, sind wir am unzufriedensten geworden. Man
sieht, wenn man den Betrachtungen über die Vorsehung nachhängt, die
Unmöglichkeit, sich selbst zu helfen, deutlicher, als wenn man sich seinen
Empfindungen überlässt; man sieht die Notwendigkeit, sich ihren Führungen zu
überlassen, und man will doch zugleich nicht von dem Plane seiner eigenen
Wünsche abgehen. Man will ihn gewiss, man will ihn bald ausgeführet wissen, und
man sieht doch, dass die Umstände dazu nicht in unserer Gewalt stehen. Für diese
traurige Entdeckung will sich unser Herz gleichsam durch die Unzufriedenheit
rächen, und es umnebelt den Verstand, damit es von seinem Lichte nicht noch mehr
zu befürchten habe.
    Zur Arbeit hat man uns, wie die gemeinen Gefangnen, noch nicht gezwungen,
und gleichwohl verstattet man uns nicht die geringste Freiheit, auszugehen. Mein
erstes Geschäfte in meinem itzigen Gefängnisse ist dieser Brief; und dass wir
keine Geschäfte haben, über denen wir uns zuweilen vergessen könnten, dieses
macht unser Elend vollkommen. Wenn auch die Erlaubnis, die sich Steelei erkauft
hatte, seine Landsleute einige Stunden zu sehen, uns nichts zuwege gebracht
hätte als etliche Bogen Papier und Dinte und Feder: so würde sie uns doch schon
kostbar genug sein; denn dieses haben wir für alles Geld nicht erhalten können.
Sidne, Steeleis Landsmann und Vetter, ist zu unserm Unglücke in ein ander Teil
der Stadt gelegt worden; und so elend wir beide daran sind: so muss es ihm doch
noch weit kümmerlicher gehen, da er von allem Gelde entblösst ist. Steelei grüsst
Euch tausendmal und ist so sehr Euer Freund als der meinige. Wenn ich ihn nicht
hätte: so würde mir die Gefangenschaft eine Hölle sein. Er hat bei einem
redlichen und zärtlichen Herzen gewisse Fehler, für die ich ihm recht verbunden
bin, weil sie oft unsere traurige Stille unterbrechen und uns etwas zu tun
geben. Er liebt die Verdienste seiner Nation auf Unkosten der übrigen Völker.
Diese Parteilichkeit, ein natürlicher Ungestüm und der Fehler des Widersprechens
machen mir ihn notwendig und zugleich schätzbarer. Seine Widersprüche kommen aus
einer Fülle des Geistes und der Lebhaftigkeit, aus einer Liebe zur Freiheit im
Denken, aus einem Hasse gegen alles niederträchtige Nachgeben und aus einem
Überflusse der Aufrichtigkeit und leicht aufwallender Empfindungen her. In
seinem Charakter und in seinem Munde verliert also das Widersprechen das meiste
von seiner beleidigenden Natur und wird eine Quelle zu vertrauten Gesprächen und
kleinen Zänkereien, deren Mangel uns die lange Zeit und die Gefangenschaft noch
weit verdriesslicher machen würde. Kurz, wir sind füreinander gemacht. Seine
Fehler sind von den meinigen das Gegengewicht und machen seine guten
Eigenschaften nur desto sichtbarer. Er ist sehr vorteilhaft gebildet, und seine
Miene ist so lebhaft als sein Herz. Er ist noch jung. Das Unglück in der Liebe
ist Ursache, dass er sein Vaterland verlassen und wider seine Neigung, bloss aus
Unzufriedenheit, in Schweden Kriegsdienste angenommen hat. Ich will Euch sein
Unglück kurz erzählen und ihm Euer Mitleiden dadurch verdienen. Als er nebst
seinem Vetter Sidne die Universität zu Oxford verlassen, begibt er sich auf
seines Vaters Landgut, etliche Meilen von London, um desto ruhiger studieren zu
können. Hier wird er mit einem liebenswürdigen Frauenzimmer, der Tochter eines
benachbarten Landedelmannes, bekannt und fängt an, das erstemal zu lieben. Nach
zwei Jahren, nach tausend besiegten Hindernissen und nach tausend Beweisen ihrer
Treue, erhält er endlich von ihren Eltern das Ja und von seinem Vater die
Einwilligung. Der Tag zur Vermählung mit seiner geliebten Antonia wird
angesetzt. Sie soll morgen auf seines Vaters Landgute vor sich gehen, und heute
reist er mit ihm zu ihr, um sie nebst den Ihrigen abzuholen. Sie kommen um die
Mittagsmahlzeit an, und nach derselben soll die Rückreise erfolgen. Er sitzt mit
seiner Antonia in der zärtlichsten Vertraulichkeit unter einer Laube, als man
ihnen meldet, dass die Wagen angespannet würden. Verlasst mich einen Augenblick,
fängt sie zitternd zu ihm an, und wenn alles fertig ist: so holet mich ab. Er
kömmt wieder und fordert sie zur Abreise auf. Nun bin ich, spricht sie, indem
sie ihm die Hand reicht, bereit, Euch zu folgen. Es war mir so bange, und ich
weiss nicht warum. Bin ich denn nicht glücklich genug, da ich in Euern Armen der
Zufriedenheit der Ehe entgegeneile? Kommt, ich bin die Eurige! Er setzt sich
darauf mit ihr in die Kutsche, und die übrigen folgen in zween andern Wagen
nach. Die Liebe, die unschuldigste und seligste Liebe, ihr Ursprung, ihr
Fortgang, alles, was sie füreinander gefühlt haben, ist in dem Wagen ihr
Gespräch. Indem sie noch so reden und etwan noch eine Stunde bis auf seines
Vaters Landgut haben, zieht sich ein Gewitter auf. Im kurzen wird der ganze
Himmel schwarz, und ein Schlag folgt auf den andern. Der Donner erschlägt eins
von ihren Pferden. Antonia springt darauf in der grössten Angst aus dem Wagen und
reicht Steelein die Hand, ihr nachzufolgen und mit ihr in das nächste Dorf zu
eilen. Indem sie ihn bei der Hand nimmt, tut es einen entsetzlichen Schlag, und
er sinkt in den Wagen zurück. Als er wieder zu sich selbst kömmt, sieht er seine
Braut noch an der Türe des Wagens, vom Blitze getötet, lehnen, so wie sie ihm
die Hand reichte. Kann wohl ein grösser Unglück sein? Der arme Freund! Ein halb
Jahr darauf nötigte ihn sein Vater, eine Reise vorzunehmen, um seine Schwermut
zu zerstreuen. Er tut ihn in das Gefolge des englischen Gesandten, der nach
Stockholm geht, und gibt ihm seinen Vetter zum Gefährten mit. Und eben in dieser
Stadt entschliesst er sich aus Schwermut und aus Verdruss gegen sein Leben, ohne
Wissen des Gesandten, Kriegsdienste anzunehmen, und muntert seinen Vetter zu
ebendiesem Entschlusse auf. Er hat nunmehr an diesen Gesandten geschrieben und
ihm sein Unglück und seine Gefangenschaft geklagt und zugleich für mich unter
dem Namen des Kapitäns Löwenhoek gebeten. Vielleicht vermag dieser Mann etwas zu
unserer Befreiung. Adressiert Eure Briefe nach der beigelegten Abschrift an den
Sekretär dieses Gesandten; er ist Steeleis guter Freund. Ich würde noch nicht zu
schreiben aufhören, wenn wir mehr Papier hätten. Wird Euch denn dieser Brief
auch antreffen? Ja, ich hoffe es und tröste mich schon mit einer Antwort von
Euch.« -
Mein Gemahl hat, wie er mir erzählte, in allen dreimal an mich geschrieben.
Zweimal aus Moskau und einmal aus Siberien. Der andere Brief aus Moskau ist ganz
verloren gegangen. Er ist ohngefähr ein Jahr nach dem vorhergehenden und zu
einer Zeit geschrieben gewesen, in der es ihm in seiner Gefangenschaft am
erträglichsten gegangen. Steelei hatte nämlich durch seine Landsleute und durch
ihr Geld den Aufseher der Gefangenen immer mehr gewonnen. Er hatte es so weit
gebracht, dass sein Vetter Sidne ihm und meinem Gemahle beigesellet worden war.
Durch den Beitritt dieses Unglückseligen, von dem in dem folgenden Briefe eine
traurige Nachricht entalten ist, war ihr Ungemach einige Zeit sehr gemildert
worden. Mein Gemahl hat mir von diesem Sidne nicht Gutes genug erzählen können.
Er war von Natur liebreich und furchtsam gewesen und bloss Steelein zuliebe ein
Soldat geworden. Er hatte nach seiner natürlichen Beschaffenheit die
Beschwerlichkeiten der Gefangenschaft empfindlicher gefühlt als sie beide; und
so traurig er selbst gewesen war: so war er doch, wenn Steelei und mein Gemahl
ihren Mut verloren hatten, aus Liebe für sie gelassen und ihr Beruhiger
geworden. Der Brief, den mein Gemahl aus der Stadt Tobolskoy in Siberien an mich
geschrieben, ist folgender:
                               »Liebste Gemahlin!
Ich hoffe, dass Ihr noch lebet, weil es mein Herz wünscht, und ich hoffe sogar,
dass dieser Brief, den ich in dem entferntesten und schrecklichsten Teile der
Welt schreibe, gewiss in Eure Hände kommen soll. Ein polnischer Jude, der nach
Tobolskoy handelt und im Begriffe steht, wieder nach Polen abzureisen, ist mein
Freund und grosser Wohltäter geworden, und vielleicht wird er gar mein Befreier
aus der Gefangenschaft. Ich habe ihm vor einem Jahre in einem nah an der Stadt
gelegenen Gehölze, wo ich nach dem Willen meines Schicksals noch, wie andere
Unglückliche, auf Zobel ausgehen musste, das Leben erhalten und ihn aus dem
Schnee, in den er mit dem Pferde gefallen und fast schon erfroren war, mit der
grössten Gefahr gerettet. Dieser Mann ist auf die edelste Art dankbar gewesen und
hat mir bewiesen, dass es auch unter dem Volke gute Herzen gibt, das sie am
wenigsten zu haben scheint. Er hat nicht eher geruht, bis er mich vor den
Gouverneur gebracht, bei dem er seines Reichtums wegen in Ansehen steht. Herr,
sprach er, dieser schwedische Offizier hat mir, wie Ihr wisst, das Leben
erhalten, und ich habe Dankbarkeit und Geld genug, ihn zu ranzionieren. Der
Gouverneur antwortete, dass dieses nicht bei ihm stünde, und dass er ohne Befehl
von dem Hofe keinen Menschen freigeben könnte. Darauf gab ihm der Jude einen
Beutel mit Golde und bat, dass er mir die beschwerlichen Dienste eines ins Elend
Verwiesenen erlassen möchte. Der Gouverneur versprach ihm dieses, doch unter der
Bedingung, dass er täglich etliche Kopeken für mich erlegen sollte. Mein
Wohltäter bezahlte das Geld mit Freuden auf ein ganzes Jahr voraus und bat sich
zugleich aus, dass er mich in dem Gefangenhofe einen Tag um den andern besuchen
dürfte. Doch ehe ich Euch meine itzigen Umstände weiter beschreibe: so muss ich
Euch erst sagen, wie mir's seit drei Jahren in Siberien gegangen ist, und wie
ich in dieses Land gekommen bin.
    Wenn Ihr meinen letzten Brief aus Moskau erhalten habt: so werdet Ihr
wissen, dass Sidne, Steeleis Anverwandter, nunmehr mit uns an einem Orte
verwahret wurde. Das Geld, das Steelei von seinen Landsleuten aufs neue
bekommen, langte einige Monate zu, unsere äusserlichen Umstände zu verbessern.
Wir durften nicht bloss von der elenden Kost leben, die man den Gefangnen
reichte. Wir konnten wenigstens zu Mittage etwas Bessers haben. Wir hatten dem
Aufseher lange angelegen, uns einige englische oder französische Bücher zum
Lesen zu verschaffen: allein wir erhielten keine. Er gab uns etliche russische
Chroniken und einen Popen oder Geistlichen, der uns diese Sprache lehren sollte.
Wie froh waren wir, dass wir etwas zu tun bekamen! Es waren sehr mittelmässige
Bücher, und dennoch lasen wir sie wohl zehnmal durch. Wir konnten wenigstens,
solange wir sie lasen, nicht an unser Elend denken, und dieser Vorteil war gross
genug für die Mühe, die wir anwenden mussten, wenn wir die Geschichte der alten
barbarischen Fürsten in Russland verstehen wollten. Unser Pope vertrieb uns durch
seinen Unterricht in der Sprache alle Tage etliche Stunden für ein geringes
Geld. Er brachte endlich einige kleine Bücher mit, welche von der griechischen
Religion handelten. Er war so unwissend darin, als man nur sein kann. Steelei
widersprach ihm nach seiner Gemütsart sehr oft, und so wenig er noch das
Russische sprechen konnte: so konnte er doch genug, um ihn zu widerlegen. Ich
und Sidne baten ihn oft, es nicht zu tun, weil wir nach und nach viel Bosheit
bei dem Popen merkten. Da endlich unser Geld alle wurde und der Pope auf die
Letzt meistens betrunken zu uns kam: so dankten wir diesen Geistlichen ab.
Dieses verdross ihn. Er schalt auf Steelein und den armen Sidne, der ihm das
letzte Geld für seine Unterweisung auszahlte. Wir suchten ihn bald durch gute
Worte, bald durch Stillschweigen zu besänftigen; aber vergebens. Der Branntwein
und eine niederträchtige Seele tobten aus ihm, und er lärmte und schrie, bis die
Wache hereintrat. Sie fragte, wer es wäre, und der Bösewicht beschuldigte uns,
dass wir wider den Zar und die Kirche gesprochen hätten. Die Wache ward über
diese Beschuldigung so rasend, dass wir in der Gefahr waren, umgebracht zu
werden. Der Oberaufseher kam und versprach dem Popen Genugtuung; wir aber wurden
gleich als die grössten Missetäter geschlossen. Ach, meine Gemahlin, soll ich
Euch unsere damalige Angst beschreiben? Soll ich Euch alles sagen? Wir wurden
den andern Tag zum Verhör gebracht. Der Pope, dessen Wort unbetrüglich war,
wiederholte seine Beschuldigung zuerst gegen Steelein. Mein Freund berief sich
auf seine Unschuld; aber vor diesem erschrecklichen Gerichte galt sie nicht. Man
verfuhr nach ihrer barbarischen Gewohnheit, die Wahrheit vor Gerichte
herauszubringen. Man liess ihn niederwerfen und ihm die Bodoggen geben, damit er
bekennen sollte. Er stund diese Marter vor unsern Augen standhaft aus und liess
unter den Händen der Barbaren, die ihn mit zween Stäben auf den blossen Leib
schlugen, nicht die geringste Klage hören. Als seine Qual vorüber war, ohne dass
man ihm ein Geständnis hatte abzwingen können: so kam die Reihe an den
unglückseligen Sidne. Der Pope bekannte wider ihn, und Sidne, der mit tausend
Tränen und Bitten dieser Marter vergebens zu entgehen suchte, ward endlich
niedergerissen. Ich wollte das Gesicht wegwenden, um seiner Qual nicht mit
zuzusehen; allein die Wütriche nötigten mich, der nächste Zeuge davon zu sein.
Er erduldete sie, ohne sie zu überleben. Sobald man ihm die gesetzte Zahl von
Streichen gegeben hatte: so lag er ohne Bewegung da. Man nahm ein Geschirr mit
Wasser und goss es ihm über das Gesicht, um ihn wieder zu sich selbst zu bringen;
doch es war kein Leben in ihm; und dieses befremdete unsere Richter um desto
weniger, weil viele von den Angeklagten unter dieser Marter das Leben einbüssen.
Steelei war wegen seines Unvermögens beiseite geschafft! Sidne war tot, und ich
erwartete, ohne mir recht bewusst zu sein, mein Schicksal. Der boshafte Pope
verlor entweder mit dem Leben des Sidne seine Rachbegierde, oder er hielt sich
von mir am wenigsten beleidiget. Er beschuldigte mich keiner Lästerungen wider
den Staat, er begehrte nur, dass ich gestehen sollte, dass meine beiden Kameraden
welche ausgestossen hätten. Ich verteidigte mich, dass ich von nichts wüsste. Man
befahl, eben die Marter an mir vorzunehmen. Man legte mich auf die Erde und
fragte noch einmal, ob ich nichts gehöret hätte. Die Furcht vor der Pein und vor
dem Tode bestürmten mich entsetzlich. Dennoch beschloss ich, eher zu sterben, als
durch ein falsches Bekenntnis mir das Leben zu retten und es Steelein vielleicht
zu nehmen. Ich weiss nicht, ob mein trauriger Anblick den Popen zum Erbarmen
bewegte; genug, er bat für mich um Gnade und sagte, dass ich vielleicht die
Lästerungen nicht könnte verstanden haben, weil ich nicht so viel Russisch
könnte, als die beiden andern. Man liess mich also wieder aufstehen und brachte
mich in unser Gefängnis zurück, in welchem ich Steelein sinnlos antraf. Ich warf
mich zu ihm auf das harte Lager und umarmte ihn mit der einen Hand; denn mit der
andern war ich noch geschlossen. Er sprach die ganze Nacht kein Wort und lag in
einem gefühllosen Schlummer. Der Morgen brach an. Ich redte auf meinen Freund,
und er schlug endlich zu meiner Freude die Augen auf und reichte mir die Hand.
Unser Aufseher kam und erkundigte sich, ob Steelei noch lebte. Er liess mir die
Banden abnehmen und schien uns beide zu bedauern. Ich versicherte ihn bei allem,
was heilig ist, dass mein Freund so unschuldig wäre als ich. Das hilft euch
nichts, sprach er. Das Zeugnis des Popen als eines Geistlichen gilt, und ihr
seid beide verurteilet, nach Siberien geschickt zu werden. Gott helfe euch! Ich
kann euch nicht helfen, sonst muss ich alles von dem Popen befürchten. Seid
zufrieden, wenn euch die Zunge nicht aus dem Halse geschnitten wird, ehe ihr
nach Siberien verwiesen werdet; denn dieses widerfährt denen, die wider den
Staat oder die Kirche gesprochen haben. Warum seid ihr so unvorsichtig gewesen
und habt den Popen beleidigt? In ein paar Tagen wird man euch nebst andern
Gefangnen nach Siberien schicken. Ich werde euch wohl nicht wieder sehen. Ich
warf mich neben Steelein nieder, der immer noch in seiner Betäubung lag und
wenigstens jetzt glücklicher war als ich, weil er sich seiner nicht mehr bewusst
zu sein schien. Anstatt, dass der Aufseher mir einen Trost hätte zusprechen
sollen: so forderte er für die grausame Nachricht, und für seine Dienste
überhaupt, noch eine Belohnung. Ich griff in Steeleis Taschen, um für ihn etwas
zu suchen; allein die Wache hatte ihm alles genommen. Da der Aufseher kein Geld
mehr sah: so schien der Schatten von seinem Mitleiden zu verschwinden. Er ging
missvergnügt fort und liess mich in einem Zustande liegen, den ich Euch nicht
beschreiben kann. Ich versank in Schwermut und Traurigkeit. Von Gott und
Menschen in meinen Gedanken verlassen und feindselig im Herzen wider beide,
schlief ich, schrecklicher Mensch, ein, indem ich mir den Tod tausendmal
wünschte. Es war viele Nächte kein Schlaf in meine Augen gekommen, und meine
zerstörten und ermatteten Glieder hatten eine lange Ruhe nötig, wenn sie wieder
zu sich selbst kommen sollten. Ich glaube, dass ich länger als vierundzwanzig
Stunden in einem Stücke geschlafen habe. Ich erwachte und sah meinen Freund mit
aufgeschlagenen Augen neben mir liegen. Er fragte mich, wo Sidne wäre; denn er
war weggeschafft worden, ehe Sidne starb. Ich konnte ihm nicht antworten. Ist er
tot? ach, wenn doch Gott das wollte; so wäre er glücklicher als wir! So ist er
nicht mehr in den Händen der Henker? Ich sagte ihm, dass er tot wäre. Ich fragte
ihn, ob er noch grosse Schmerzen empfände, und er fragte mich, ob ich sie noch
sehr fühlte; denn er glaubte, dass ich seine Marter ebenfalls ausgestanden hätte.
Also hat man Euch verschont? fing er nach meiner Erzählung an. Nun bin ich
doppelt zufrieden. Sidne ist tot, und Ihr habt meine Qual nicht gefühlt. Für
beides müssen wir Gott danken.
    Ich konnte ihm die Nachricht von unsrer Verweisung nach Siberien nicht
länger verschweigen. Ich sagte ihm, was ich von dem Aufseher gehöret hatte. Er
schien durch das erlittene Unglück schon so unempfindlich geworden zu sein, dass
ihn Siberien nicht mehr schreckte. Als ich aber davon anfing, dass man uns
vielleicht noch grausamer begegnen würde: so rang er die Hände. Nein, nein,
schrie er, lieber den Tod, tausendmal lieber, als jenes! Wollt Ihr noch leben,
wenn man Euch so misshandelt? Wir überliessen uns der Wut und der Verzweiflung vom
neuen. Indem trat der Aufseher in unser Gefängnis und kündigte uns an, dass man
uns morgen früh nach Siberien abführen würde. Wird man uns, rief Steelei, noch
etwas mehr tun? - Nein, sprach der Russe, nichts mehr, ihr seid beide nur
verurteilt, nach Siberien zur Arbeit verwiesen zu werden. Nun schien uns das
grösste Elend geringe zu sein, da wir nur hörten, dass man keine weitere Gewalt an
uns ausüben wollte; und wir fanden in dem Verluste dieser Furcht eine Art des
Trostes, den uns alles andre nicht hätte geben können. Steelei wollte dem
Aufseher noch eine Belohnung geben, allein sein Geld war ihm genommen. Nachdem
er lange gesucht, fand er endlich noch zween Rubel. Er stund vor Freuden zum
ersten Male von seinem Lager auf und sagte dem Aufseher, dass er seinen Reichtum
mit ihm teilen wollte. Dieser war auch so menschlich, dass er ihm die Hälfte
zurückgab. Steelei fragte darauf, wo man den toten Körper des Sidne hingetan
hätte, ob er ihn nicht noch einmal sehen könnte. Der Russe antwortete, dass man
ihn schon an dem Orte eingescharret hätte, wo die Missetäter begraben würden. Er
liege, wo er wolle, fing er mit einem tränenden Ungestüm an, er ist doch ein
ehrlicher Mann und mein Freund: es ist ihm unrecht geschehen. - Ich rief ihm zu,
dass er schweigen und sich aus Liebe zu seinem toten Freunde nicht noch
unglücklicher machen sollte. Er fragte, ob es nicht noch möglich wäre, einen von
seinen Landsleuten zu sprechen; aber daran war nicht mehr zu denken. Nunmehr
nahm unser Aufseher Abschied. Wir dankten ihm unaussprechlich für seine
Menschenliebe, ob wir sie gleich meistens erkauft hatten. Wir umarmten ihn und
fragten ihn immer, ob es auch gewiss wäre, dass man uns nichts weiter tun würde.
Er versicherte uns dieses mit dem grössten Eide, den sie in ihrer Sprache haben.
Wir wollten ihm noch etwas Geld geben, dass er uns zu essen schaffen sollte; denn
es war wohl der dritte Tag, dass wir nichts zu uns genommen hatten. Auf einmal
ward er grossmütig und sagte, dass er uns zu essen und auch ein Glas Branntwein
auf unsere traurige Reise und Steelein ein Pflaster über den Leib bringen
wollte, welches ihm gute Dienste tun würde. Er hielt sein Wort und brachte uns,
was er uns versprochen hatte. Wir assen den Abend ziemlich ruhig und ergaben uns
in alles, was uns begegnen würde, weil wir sicher waren, dass uns fast nichts
Schrecklichers begegnen konnte. Der Schmerz, den Steelei noch in dem Leibe
fühlte, minderte sich durch das empfangne Pflaster. Der Morgen brach an, ohne
dass wir geschlafen hatten, und man forderte uns zur Reise auf. Der Aufseher
empfahl uns dem Offizier, der uns zu den übrigen acht Gefangnen führte, welche
mit uns nach Siberien sollten gebracht werden, und welche, wie ich nachdem
erfuhr, meistens vornehme Russen und wegen der Rebellion verdächtig waren. Wir
wurden alle zehen auf zwei Fahrzeuge verteilt, und ich hatte gleich das Unglück,
dass man Steelein von mir trennte und auf den andern Wagen wies. Mehr hatte zu
meinem Elende nicht gefehlt. So wie wir auf einer Station ankamen, mussten wir
auch wieder fortgebracht werden; also kam Steelei niemals zu mir, und ich habe
auf dem ganzen Wege nichts als einzelne Worte mit ihm sprechen können. Drei von
meinen Gefährten waren Russen, und ihre Herzen waren so wild als ihre Gesichter.
Ihr Unfall machte ihre Gemüter nur mehr erbittert, und sie schämten sich, dass
sie, als russische Knees, mit einem Schweden und einem Franzosen, denn dieser
war mein vierter Gefährte, ein gleiches Unglück teilen sollten. Der Franzose,
der Major gewesen war und sich unglücklicherweise seinem Obersten mit dem Degen
widersetzt hatte, ward bald mein Vertrauter, und wir waren um desto glücklicher,
weil die Russen kein Französisch verstunden. Er hatte die edlen Meinungen einer
guten Erziehung im Felde nicht verloren; und so unterschieden seine Gemütsart
von der meinigen war: so machte uns doch das Unglück schon halb zu Freunden. Er
hatte ein von Natur ehrliches Gemüt, und das Misstrauen, das ich anfangs bei ihm
merkte, verlor sich völlig, da er mein Herz kennen lernte. Ich bildete ihn auf
unserm elenden und beschwerlichen Wege so, wie ich ihn haben wollte, und wie er
sein musste, wenn er mir Steeleis Verlust einigermassen ersetzen sollte. Je näher
wir Siberien kamen, desto unfreundlicher wurden wir an denen Orten aufgenommen,
wo man uns weiter fortschaffen musste. Wir achteten die Niederträchtigkeiten, ich
und Remour - so hiess der Franzose - kaum mehr, mit denen man uns begegnete. Wir
bleiben doch rechtschaffne Leute, sprach der Major immer zu mir, wenn uns gleich
der Pöbel verunehrt. Er, ich und die vornehmen Russen, wir waren einer so arm
als der andere; und wenn wir auch etwas gehabt hätten: so würde uns doch der
Pöbel oder unsere eigene Bedeckung nichts gelassen haben: so feindselig geht man
mit denen um, die das Unglück haben, nach Siberien bestimmt zu sein. Wir hatten
nichts als trocknes Brot, und auch damit waren wir zufrieden. Die Kälte quälte
uns am meisten. Niemand empfand sie mehr als der arme Steelei an seinem
misshandelten Körper. Nach ungefähr sechs oder sieben Wochen kamen wir in
Tobolskoy an, wohin wir verwiesen waren. Wir fanden, dass ich's kurz sage, hier
alles, was eine Gegend fürchterlich und das Elend eines ins Elend Verwiesenen
traurig machen kann. Wir wurden dem Gouverneur vorgestellt, und ich hatte das
Unglück, von meinem lieben Steelei getrennt zu werden; doch blieb mir Remour.
Der Gouverneur legte uns allen nach der eingeführten Gewohnheit einerlei
Schicksal auf, nämlich die elende Beschäftigung, Zobel zu fangen, deren Felle an
den russischen Hof geliefert werden. Stellt Euch vor, was ein Mann von meinem
Stande und von meiner Gemütsart fühlen muss, der sich zu der niedrigsten
Verrichtung verdammt sieht, der mit stumpfen Pfeilen in den Wäldern herumirren
und Zobel erlegen oder sie mit Fallen fangen und unter den Befehlen solcher
Menschen stehen muss, die nicht viel vernünftiger und oft grausamer als Tiere
sind. Wenn nicht die grösste Plage durch die Länge der Zeit etwas von ihrer Last
verlöre; wenn nicht die grössten Beschwerlichkeiten dem Körper endlich zur
Gewohnheit würden oder - dass ich mehr sage -, wenn Gott denen, die ohne ihre
Schuld unglücklich sind, nicht selbst ihr Schicksal durch ihre Unschuld und
durch die geheimen Vergnügungen eines guten Gewissens in gewissen Stunden
erleichterte: so würde mein Zustand in Siberien ein Stand der Verzweiflung
gewesen sein. So elend jeder Tag verstrich: so fand ich doch wenigstens alsdann
eine Beruhigung, wenn ich meinen Remour sehen und sprechen und das, was mir
begegnet war, und auch das, was ich schon hundertmal gesagt hatte, in seine
Seele ausschütten konnte. Ein Sklave zu sein, bleibt allemal das grösste Unglück;
allein einen Freund in diesem Elende zum Gefährten zu haben, ist zugleich die
grösste Wohltat. Eine Umarmung, ein Wort, ein Blick von ihm, alles ist ein Trost,
der sich nicht ausdrücken lässt, alles ist Mitleiden; und was sucht ein
unglückliches Herz, das der Notwendigkeit, elend zu sein, unterworfen ist, mehr
als Mitleiden? Ich würde undankbar gegen mein Schicksal sein, wenn ich, da ich
Euch mein Ungemach erzähle, nicht auch der kleinen Annehmlichkeiten gedächte,
die der Elendeste noch in seinen Umständen zuweilen empfindet. Die Natur der
Dinge scheint sich, dem Unglücklichen zu Gefallen, oft zu verändern; und das,
was mir im Glücke eine Betrübnis gewesen sein würde, war mir im Unglücke ein
Trost. Ich habe, seitdem ich so glücklich bin, weniger ein Sklave zu sein,
diesen Spuren der Vorsehung oft mit tiefer Ehrfurcht, obgleich mit einem
innerlichen Schauer nachgedacht. Vielmal habe ich, wenn ich der Verzweiflung am
nächsten war und in der Ferne einen andern Verwiesenen erblickte, in diesem
Augenblicke einen Trost gefunden. Der Tod selbst, der uns sonst so schrecklich
scheint, ist mir tausendmal zur Wollust geworden, und der Gedanke von ihm, der
uns sonst niederschlägt, hat mich unter der Last, unter der ich seufzte, recht
göttlich aufgerichtet. Ich bin in der Vorstellung, dass ich in dieser oder jener
Nacht vielleicht sterben könnte, oft so freudig eingeschlafen, als ob ich alles
hätte, was ich wünschte. Und wenn ich um und neben mir kein Vergnügen erblicken
konnte: so brachte mir die Religion doch oft die Freuden aus einer andern Welt
herüber. Nachdem ich also drei Jahre in einer vollkommnen Knechtschaft
zugebracht und gleich den andern Gefangnen mir das Brot aus den Händen meiner
Gebieter durch eine gewisse bestimmte Anzahl der Tiere, die wir fingen, erkaufen
müssen: so ereignete sich diese Begebenheit mit dem polnischen Juden. Dieser
dankbare Mann, wie ich Euch schon erzählt habe, hat mich durch seine Fürbitte
bei dem Gouverneur und durch sein erlegtes Geld von der Arbeit befreit. Er hat
es nach und nach so weit gebracht, dass ich in ein lichter und geraumer Behältnis
gekommen bin. Sobald ich dieses nur hatte: so suchte er mir meine Gefangenschaft
noch mehr zu erleichtern. Er brachte mir ein bequemes Kleid und entriss mich dem
groben und wilden Anzuge, in welchem ich nun schon so lange gegangen war.
Schreckliches Kleid, das noch hier vor meinen Augen hängt und mich an das vorige
Unglück erinnert! Er brachte mir allerhand Decken und Pelzwerke zum Schlafen,
wiewohl mich diese anfangs nur an dem Schlafe hinderten. Seine lange Gewohnheit,
hart zu liegen, hatte sie fast unnützlich für mich gemacht. Er besuchte mich
oft, und niemals, ohne mir eine Guttat zu erweisen. So sehr mein Zustand von dem
vorigen unterschieden war: so war er mir doch nicht angenehm genug, weil ich ihn
nicht mit Steelein oder mit Remourn teilen konnte. Von Steelein hatte mein
Wohltäter auf mein Bitten die Nachricht eingezogen, dass er nach Pohem, vierzehn
Tagereisen von Tobolskoy, gebracht worden wäre; ob er aber noch lebte, das
konnte ich nicht erfahren. Der Jude hat mir ein Geschenk von einem Dutzend
Dukaten gemacht, damit ich in seiner Abwesenheit etwas zu meiner Versorgung
hätte. Ich wagte es und bat ihn, dass er drei davon Remourn überbringen oder ihm
einige Erquickung dafür schaffen möchte, die übrigen hub ich in Gedanken für
Steelein auf. Er tat es, und das war nicht genug: er brachte es noch denselben
Tag dahin, dass Remour etliche Stunden zu mir gelassen wurde. Ich teilte mein
Herz mit ihm und alles, was ich hatte. Ich hoffte dieses Vergnügen noch mehrmal
zu geniessen: allein er ward darauf krank und starb; und ich erhielt nicht eher
als etliche Stunden vor seinem Tode die Erlaubnis, ihn zu besuchen, da er kaum
noch etliche Worte stammeln konnte. Der Jude setzte, wie er mir versprochen
hatte, seine Besuche fleissig fort. Er gab mir allerhand Anschläge, allerhand
Nachrichten von dem Gouverneur und sagte mir, dass er bei dem Zar in grossen
Gnaden stünde, dass er mit ihm in Deutschland gewesen wäre, dass seine Gemahlin
aus Kurland gebürtig und eine Vertraute der Katarina gewesen sei. Er erzählte
mir ferner, dass der Gouverneur ein grosser Liebhaber vom Bauen wäre, und dass ich,
wenn ich etwas von der Baukunst verstünde, mir vielleicht gar seine Gnade
erwerben würde. Dies war mir eine sehr angenehme Nachricht. Ich sagte ihm, dass
ich zeichnen und Risse zu Gebäuden machen könnte; und wenn er mir die nötigen
Sachen schaffte: so würde ich wenigstens eine Beschäftigung in meiner Einsamkeit
mehr haben. Er tat es, und ich übte mich einige Wochen. Sobald ich einen nicht
ungeschickten Riss fertig hatte, so trug ihn der Jude zum Gouverneur. Den andern
Tag wurde ich schon zu ihm geholt. Er verstund zu meinem Glücke etwas von der
Baukunst und würdigte mich als mein Befehlshaber etlicher freundlicher Mienen
und unterredete sich mit mir bald auf deutsch, bald im gebrochnen Latein. Er
erschrak, dass ich so fertig Latein sprechen konnte, und von diesem Augenblicke
an schien er mich zu bedauern. Wenn es bei mir stünde, sprach er, so wollte ich
Euch die Freiheit schenken; allein Ihr seid auf zeitlebens nach Siberien
verbannet, und ich kann nichts tun als Euch Eure Gefangenschaft erträglicher
machen. Solange ich lebe, soll Euch alle Arbeit der Gefangnen erlassen sein,
ohne dass der Jude etwas weiter für Euch bezahlt. Seid Ihr damit zufrieden? Ich
bedankte mich sehr ehrerbietig und sah ihn beweglich an. Ihr könnt leicht
denken, warum ich ihn nunmehr bat. Ich nahm alle meine Beredsamkeit zusammen, um
ihn zu bewegen, dass er einem Freunde von mir, der zugleich mit mir nach Siberien
verwiesen worden und Steelei hiesse, ebendie Grossmut erzeigen sollte, die er mir
erwiesen hätte. Ihr bittet mehr, fing er an  als mir zu tun freisteht. Ich will
mich entschliessen. Itzt könnt Ihr gehen und mir den Riss von dem Gebäude machen,
von dem ich mit Euch gesprochen habe. Indem er dieses noch sagte, trat ein sehr
schönes Frauenzimmer mit einer viel versprechenden und grossmütigen Miene in das
Zimmer. Wartet, rief er mir zu. Hier, meine Gemahlin, fuhr er fort, ist der
unglückliche Schwede, von dem ich Euch neulich gesagt habe. Wenn es Euch
gefällt, so könnt Ihr selbst mit ihm reden und ihm etwas zu essen reichen
lassen. Ich will ein paar Stunden auf die Jagd reisen. Er ging fort, und seine
Gemahlin redte auf eine sehr liebreiche Art mit mir und sagte, dass sie Ursache
hätte, an meinem Unglücke teilzunehmen, weil ich, wie sie hörte, ein halber
Landsmann von ihr wäre. Sie tat tausend Fragen an mich und belohnte meine
Erzählungen mit einer mitleidigen Aufmerksamkeit und mit einer Höflichkeit, die
mir alle Furcht benahm, frei und edel mit ihr zu reden. Nichts hörte sie lieber
als die vorteilhaften Beschreibungen, die ich ihr von Euch machte, und die
Wünsche, Euch, meine Gemahlin, wiederzusehen. Ich bedaure Sie, fing sie an,
nachdem sie wohl zwo Stunden mit mir gesprochen hatte; und ich würde Ihren
Verdiensten ein besser Schicksal anweisen, wenn ich dem Hofe näher wäre.
Vielleicht ist es möglich, dass ich mit der Zeit etwas zur Rückkehr in Ihr
Vaterland beitragen kann. Die ausnehmende Liebe, die Sie wider die Gewohnheit
Ihres Geschlechts für Ihre Gemahlin haben, und Ihr Unglück sind genug, mich zu
Ihrer Freundin zu machen, und ich kann Ihnen meine Hochachtung nicht entziehen,
wenngleich Ihre Gebieter Ihnen als einem Sklaven begegnen. Gefällt Ihnen mein
Mitleiden: so beruhigen Sie sich damit in einem Lande, wo die Barbarei die
Stelle der Tugend zu vertreten scheint. Ich würde diesen Mittag mit Ihnen
speisen, wenn ich meinem Willen folgen dürfte. Darauf langte sie von der Tafel,
die schon gedeckt war, eine Flasche Wein und trank mir Eure Gesundheit zu. Ich
ward von ihrer Grossmut bis zu den Tränen gerührt, und es war mir unmöglich, ihr
meinen wahren Namen länger zu verschweigen. Ich warf mich zu ihren Füssen.
Madame, fing ich an, Sie verdienen, dass ich Ihnen auf den Knien für die
Freundschaft danke, die Sie mir Unglücklichem schenken. Ich muss Ihnen alles
sagen, wenn auch mein Bekenntnis mit der Gefahr meines Lebens verknüpft sein
sollte. Alles ist wahr, was ich Ihnen erzählt habe, allein ich heisse nicht
Löwenhoek. Nein, ich bin der Graf von G..., und ich bitte Sie bei Ihrer edlen
Seele und bei meiner Gemahlin, meinen Namen nicht zu entdecken. Sie hob mich
freundlich auf, und ich erzählte ihr mein Unglück bei der Armee. O Gott! rief
sie, sind Sie der Graf von G...? Mein Gemahl hat Ihren Vater als Gesandten in
Moskau gekannt. Unglücklicher Graf! Sagen Sie ihm ja nichts davon! Soviel ich
Ursache habe, mit seiner Aufführung gegen mich zufrieden zu sein: so hat er doch
gegen andere ein hitziges, rachgieriges Herz, und wie bald könnte es nicht
geschehen, dass Sie ihn wider Ihren Willen beleidigten! Begegnen Sie ihm ja
allezeit mit einer tiefen Unterwerfung, und alsdann am allermeisten, wenn er am
gnädigsten mit Ihnen umgeht; ausserdem stehen Sie in der Gefahr, noch weit mehr
zu erfahren. Er liebt das Geld, und es wird gut für Sie sein, wenn ihm der Jude
von Zeit zu Zeit ein Geschenk macht. Ich habe kein Geld, fuhr sie fort, um Ihnen
zu dienen; allein ich habe Juwelen, von denen mein Gemahl nichts weiss; davon
will ich Ihnen einige holen. Der Jude ist ein ehrlicher Mann und wird Ihnen doch
wenigstens die Hälfte so viel dafür geben, als sie wert sind; allein ich wollte
es nicht gern, dass Sie ihm sagten, von wem Sie solche bekommen hätten. Sie
brachte mir darauf zwo goldne Einfassungen, die, wie ich mussmasste, von ein paar
Porträts abgenommen waren. Sie waren mit kostbaren Steinen besetzt. Nehmen Sie,
sprach sie, dieses Geschenk als einen Beweis an, dass es mir nicht an dem Willen
fehlt, Ihr Elend zu mindern. Ich zweifle, dass ich jemals wieder die Gelegenheit
erhalten werde, Sie allein zu sprechen; darum wiederhole ich Ihnen mein
Mitleiden und meine Hochachtung und bitte Sie, auch alsdann in mir eine Freundin
zu erkennen, wenn ich genötigt sein werde, die Person einer Gebieterin
anzunehmen. Begeben Sie sich nunmehr wieder in Ihren einsamen Aufentalt. Ich
will sehen, ob ich's bei meinem Gemahle so weit bringen kann, dass Ihr Freund,
von dem Sie mir erzählt haben, zu Ihrer Gesellschaft hieherverlegt wird. Gewiss
kann ich's Ihnen nicht versprechen. Gehen Sie und leben Sie wohl, armer Graf!
Ich kehrte als im Triumphe zurück und hielt mich nunmehr unter den Händen der
Barbaren für geehrt und glücklich; so sehr erfüllte das Mitleiden dieser so
grossmütigen Seele mein Herz mit Hoheit und Hoffnung. Mein Jude besuchte mich den
Tag darauf. Und ehe ich ihm erzählte, wie ich von dem Gouverneur aufgenommen
worden: so sagte ich ihm, dass ich so glücklich gewesen wäre, in dem alten Kleide
meines verstorbenen Freundes, das er, da er bei mir war, zurückliess, weil ich
ihm ein neues gab, und das ich jetzt vor mir hingelegt hatte, einige
Kostbarkeiten zu finden, wodurch ich ihm vielleicht die Kosten ersetzen könnte,
die er als mein Freund für mich zeiter aufgewandt hätte. Er betrachtete die
beiden Einfassungen mit Erstaunen und schien mein Vorgeben zu glauben. Das sind
fürstliche Kostbarkeiten, fing er an, und ich kann Euch meine Aufrichtigkeit
nicht besser beweisen, als dass ich Euch sage, dass sie fünf- bis sechstausend
Taler wert sind. Wollt Ihr mir sie anvertrauen: so will ich sie Euch bei einem
Juden, der Steine einkauft, verhandeln. - Ein Mann, sprach ich, der mir so viel
Gutes erwiesen hat, wie Ihr, verdient das grösste Vertrauen. - Allein, versetzte
er, was wollt Ihr mit so vielem Gelde anfangen? Man könnte es Euch über lang
oder kurz nehmen. Wisst Ihr, was ich machen will? Ich will das Geld, das ich
dafür bekomme, bei einem Juden, der hier wohnhaft ist, niederlegen; er soll Euch
nicht um einen Groschen betriegen. Ich will ihm und, wenn ich binnen acht Tagen
wieder zurück nach Polen reise, auch dem Gouverneur sagen, dass ich Euch als dem
Erhalter meines Lebens soundsoviel zu Eurer Versorgung und, wenn es möglich
wäre, zu Eurer baldigen Befreiung zurückgelassen hätte. Kurz, ich war alles
zufrieden. Er verkaufte die Juwelen für fünftausend Taler und brachte mir
tausend bar und das übrige durch eine Anweisung mit. Ich bot ihm für seine
treuen Dienste zweihundert Taler an; allein er nahm sie unter keiner andern
Bedingung, als dass er sie bei seiner Abreise dem Gouverneur schenken wollte,
damit er mir günstig bliebe. Dies ist geschehen. Er hat mir durch meinen lieben
Juden versprechen lassen, dass ich Steelein gewiss zu mir bekommen sollte, zumal
wenn er auch etwas von der Baukunst verstünde. Der Jude selbst steht nunmehr im
Begriffe fortzureisen. Ich verliere sehr viel an diesem treuherzigen Manne; doch
ich will ihn gern verlieren, wenn er das Werkzeug ist, durch den Ihr von mir und
ich von Euch eine Nachricht erhalte. Er kennt meinen wahren Stand, und er hat
mir's auf die heiligste Art versprochen, weder mich zu verraten noch zu ruhen,
bis er Euren Aufentalt in Livland ausfindig gemacht. In dieser letzten Absicht
hat er hundert Taler zu Reisekosten von mir angenommen. Er kömmt, der ehrliche
Mann, und will Abschied nehmen und seinen Brief haben. Ich umarme Euch, wo Ihr
auch seid, mit der treuesten Liebe. Möchten doch meine Umstände so bleiben, wie
sie jetzt sind! so hoffe ich noch, Euch wiederzusehen und all mein ausgestandnes
Elend in Euren Armen zu vergessen. Bittet den Himmel um diese Glückseligkeit.
Ja, meine liebste Gemahlin, er wird sie uns noch schenken.
    P.S. Ich habe, weil Steelei noch nicht zugegen ist, an seinen Vater nach
London und auch an den englischen Gesandten nach Stockholm geschrieben und unter
dem Namen Löwenhoek beiden von meines Freundes neuem Unglücke Nachricht
gegeben.«
Dieses sind die beiden Briefe, die mein Gemahl in seiner Gefangenschaft an mich
geschrieben. Er hat, von dem Abgange des letzten Briefes an, ungefähr noch
andertalb Jahr in Siberien zugebracht. Ich will das übrige so erzählen, wie er
mir's mündlich erzählet hat.
    »Einige Wochen nach des Juden Abreise«, sprach er, »ward ich zum Gouverneur
geholt. Ich übergab ihm mit vieler Demut den Riss, den er mir zu machen befohlen
hatte. Er war ziemlich wohl damit zufrieden; allein er war doch der Gouverneur
und ich sein Gefangner. Kurz, er schämte sich, mir eine Art der Hochachtung
äusserlich sehen zu lassen, die er mir vielleicht im Herzen nicht ganz abschlagen
konnte. Er fragte mich, ob mir der Jude soundsoviel Geld zurückgelassen hätte,
und ich beantwortete es mit ja. Darauf befahl er, dass der Gefangne hereintreten
sollte; dieses war mein lieber Steelei, den ich fast seit vier Jahren nicht
gesehen hatte. Ich vergass vor Freuden, dass ich vor dem Gouverneur stand, und
lief auf Steelein mit offenen Armen zu. Er soll Euer Gesellschafter sein, fing
der Gouverneur an; allein wie lange, das kann ich Euch nicht sagen. Ich verstund
diese Sprache und bat, ob er sich nicht wollte gefallen lassen, dass ich tausend
Taler zum Unterhalte meines Freundes erlegen dürfte. Er sagte, dass er sie zum
Pfande, dass wir seine Gnade nicht missbrauchen würden, annehmen wollte. Der Jude,
von dem ich die Anweisung bei mir hatte, ward gefordert und bezahlte die tausend
Taler. Er erhielt zugleich die Erlaubnis, mich anstatt des abgereisten Juden zu
besuchen und mich mit dem Notwendigen zu versehen. Nunmehr durfte ich an der
Hand meines Steeleis, der noch wie in einem Traume war und nichts als etliche
abgebrochne Worte zu mir gesprochen hatte, nach meinem Behältnisse eilen. Unsere
erste Beschäftigung, als wir allein waren, bestund darin, dass wir einander
eine lange Zeit ansahen, ohne ein Wort zu sprechen. Alsdann suchte ich ihm
Wäsche und eine Kleidung, womit mich der Jude noch vor der Abreise versorget
hatte; allein er war nicht vermögend vor trunkner Freude, sich allein
anzukleiden, ich musste ihm helfen. Er sah die Sachen, die ich ihm gab, recht mit
Erstaunen an, als ob er ihren Gebrauch vergessen hätte. Da er endlich
angekleidet war: so betrachtete er sich mit unersättlichen Augen und weinte. Ich
hatte ihn schon oft gefragt, wie es ihm gegangen wäre; und er hatte mir nichts
geantwortet als: wie es mir gegangen ist, mein lieber Graf, wie es mir gegangen
ist? Ja, ich würde ihm, ungeachtet meiner Neugierigkeit, doch nicht haben
zuhören können, wenn er mir auch meine Fragen beantwortet hätte; so bestürmt war
ich von den Trieben der Freundschaft und der Freude. Ich reichte ihm ein halbes
Glas Wein, denn mehr hatte ich nicht, und erinnerte ihn, wie er mich einmal in
Moskau damit traktiert hätte. Wir wurden nach und nach unsrer mächtig. Wir
hatten einander so viel zu erzählen, dass wir nicht wussten, wo wir anfangen
sollten. Unter diesen Unterredungen verstrichen ganze Tage und Nächte, und
ebensoviel unter den Wiederholungen unserer Begebenheiten. Steelei hatte in
seinem Elende weit mehr erlitten als ich. Ohne Mitleiden, ohne Freund, war er
die ganze Zeit ein Sklave und, was noch mehr ist, ein Gefährte des boshaften
Mitgefangnen, des Knees Eskin, gewesen. Dieses Ungeheuer hat ihm seine Hütte des
Abends zur Hölle gemacht, wenn er den Tag über die Last der Sklaverei
überstanden. Von tausend niederträchtigen Streichen, vor welchen die Natur
erschrickt, will ich nur einen erzählen. Steelei war krank worden und hatte sich
etliche Tage nicht von seinem Lager aufrichten können. Er hatte sich also
genötigt gesehen, da Eskin des Abends aus den Wäldern zurückgekommen, ihn zu
ersuchen, dass er ihm das Gefäss mit Wasser reichen möchte, weil ihn sehr
durstete. Also durstet Euch recht sehr? spricht Eskin. Das ist mir lieb. Es hat
mich vielmal auch gedurstet, und Ihr seid gegen einen Fürsten doch nur ein
Nichtswürdiger. Darauf nimmt er das Trinkgeschirr und trinkt, und alsdann wirft
er's Steelein vor die Füsse und lacht: Da! so viel gehört Euch! Braucht man wohl
mehr zur Verzweiflung, als so einen Unmenschen um sich zu haben? Nach einer Zeit
von einem Jahre und nach unzähligen Beleidigungen wird dem Eskin, der sich gegen
einen von seinen Aufsehern in der Raserei vergangen, so übel mitgefahren, dass
man ihn halbtot in sein Behältnis schleppen muss. Man entzieht ihm zween Tage das
Brot; aber Steelei ist so grossmütig und teilt das seinige mit ihm. Er reicht
ihm, sooft er kann, das Trinken. Er wäscht ihm sogar die Wunden aus; und damals
hat ihm der Russe die Hand gedrückt und zu ihm gesagt: Vergebt mir's, dass ich
nicht ebenso an Euch gehandelt, als Ihr an mir tut. Er hat ihm nach diesem
weniger Verdruss angetan. Sein ganzes Glück, das ihm in seiner Abwesenheit von
mir begegnet ist, besteht in einer kleinen Freundschaft, die ihm ein kosakisches
Mädchen in dem letzten Jahre vor seiner Zurückkunft nach Tobolskoy erwiesen. Sie
beweist, dass es auch unter dem wildesten Volke noch edle und empfindliche Herzen
gibt. Steelei war eines Tages auf seinem Reviere um Pohem so glücklich gewesen,
die gesetzte Zahl seiner Zobel bald zu fangen. Auf dem Rückwege nach der Stadt
hatte er sich, um auszuruhen, bei einer Quelle niedergeworfen. Darauf kömmt ein
wohlgebildetes Mädchen zu ihm und sieht ihn lange starr an. Endlich setzt sie
sich nieder und trinkt mit der hohlen Hand aus der Quelle. Armer Fremdling,
fängt sie an, wollt Ihr nicht auch trinken? Steelei sagt, dass er's schon getan
hätte. Aber, spricht sie, wollt Ihr denn nicht einen Trunk Wasser aus meiner
Hand annehmen? Tut es doch, Ihr dauert mich, sooft ich Euch gehen sehe; und ich
bin nicht hiehergekommen, um zu trinken, sondern um Euch dieses zu sagen. -
Steelei erschrickt und weiss selbst nicht, was er sagen soll. Ach, fährt sie
fort, Ihr wollt mir nicht antworten? Nun dauert mich's, dass ich Eurentwegen
hiehergegangen bin. Wartet nur, ich will nicht wiederkommen! Er sieht sie darauf
traurig an und sagt, dass er ihr für ihr Mitleiden recht sehr verbunden wäre, und
reicht ihr zur Dankbarkeit die Hand. Diese drückt sie bald an den Mund, bald an
die Brust. Sie spielt mit seinen schwarzen Haarlocken und wiederholt ihre
Liebkosung auf zehnerlei Art. Er will nunmehr fortgehen. O, spricht sie, wartet
doch, ich kann mich an Euch gar nicht satt sehen. Ich wollte, dass alle Männer in
diesem Lande so aussähen wie Ihr; alsdann würde es recht hübsch in Siberien
sein. Und wenn Ihr ja gehen müsst, werdet Ihr Euch nicht bald wieder
hierhersetzen? Ich habe Euch so viel zu sagen, und ich weiss nicht, was es ist.
Ich wusste es; ehe ich zu Euch kam, und nun habe ich's über Euren Haaren
vergessen. Indem sieht sie in die klare Quelle und sieht ihr Bild darin. Aber
sagt mir nur, spricht sie, sehe ich denn wirklich so, wie hier im Wasser? Ich
habe ja auch schwarze Augen wie Ihr. Eure gefallen mir, gefallen Euch denn meine
auch? Sind meine Zähne auch so weiss wie Eure? - Ja, spricht er, Ihr seid schön,
aber lasst mich gehen, ich bin ein unglücklicher Mensch. Darauf geht sie mit
tränenden Augen fort. Als Steelei den andern Morgen wieder in sein Revier geht:
so sitzt sie schon an der Quelle und wartet auf ihn. Sie nötigt ihn, dass er sich
niedersetzen und ein Stück Honig und Brot aus ihrer Hand essen muss. Seht Ihr,
spricht sie, ich ässe gern selbst; aber ich gönne es Euch doch noch lieber. Und
hier habe ich Euch auch etliche Zobel mitgebracht, womit mich meine Liebhaber
beschenkt haben. Nun habt Ihr den ganzen Tag nichts zu tun. Sie sollen mir nun
alle Tage welche schenken müssen, und ich will sie Euch bringen. Seht mich doch
freundlich an! Ihr hört ja, wie gut ich's mit Euch meine. Sie spielt darauf
wieder ganz bescheiden mit seinen Haaren und bittet um eine Locke und zeigt ihm
eine Schere, die sie zu dieser Absicht mitgebracht. Steelei, dem die treuherzige
und doch ehrbare Liebe dieser wilden Kosakin nicht missfällt, erlaubt ihr diese
Bitte. Sie belohnt ihn durch etliche freiwillige Küsse und zeigt ihm von fern
eine Hütte, welches die Hütte ihres Vaters wäre. Darauf nimmt sie ein Blatt von
einem Baume und bläst. Nunmehr wird mein Bruder kommen. Ich hatte ihn bestellt.
Wenn du mir die Locke nicht im guten gegeben hättest: so hätten wir dich dazu
gezwungen. Fürchte dich nicht, er ist wie ich; er tut dir kein Leid. - Siehst
du, spricht sie, da der Bruder, ein Mensch mit einem ehrlichen wilden Gesichte,
näher kömmt, das ist der Fremdling, dem ich so gut bin. Betrachte ihn nur und
sage es ihm, wie oft ich von ihm mit dir rede. Zeige ihm doch die Gegenden, wo
er mit leichter Mühe die Zahl von Zobeln zusammenbringen kann. Ich will auch
alles für dich tun. Suche mir hier in der Nähe eine Höhle oder einen Baum aus,
wo ich dem armen Fremden künftig etwas Honig und Fisch und Brot hineinlegen
kann. Der Bruder verspricht es ihr und geht mit Steelein fort und weist ihm
verschiedene Vorteile und auch einen Ort, wie ihn seine Schwester verlangt
hatte. Diesen hatte sie zur Vorratskammer von ihren kleinen Wohltaten gemacht
oder Steelein vielmehr entweder des Morgens oder des Abends da erwartet. Sie ist
oft ganze halbe Tage bei ihm geblieben, und alsdann hat ihr Bruder ihres
Liebhabers Arbeit verrichten müssen. Da Steelei das vortreffliche Herz seiner
Schönen wahrgenommen: so hat er sich alle Mühe gegeben, sie zu bilden und ihre
edeln Empfindungen von den rauhen Eindrückungen ihrer Erziehung zu reinigen. Sie
hat, durch die Liebe ermuntert, im kurzen seine Meinungen und seine Sitten
angenommen und so viel Verstand bekommen, dass er sich keine Gewalt mehr hat
antun dürfen, ihr gewogen zu sein. Allein dieses Vergnügen hat für beide nicht
lange gedauret, weil Steelei nach drei Monaten nebst etlichen andern Gefangnen
in eine andre Gegend, zwanzig Werste von Pohem, verlegt worden. Von da ist er
nach dem nach Tobolskoy abgerufen worden und hat also seine Freundin nie
wiedergesehn.
    Wir richteten, da wir nunmehr wieder beisammen waren, unsre Lebensart so gut
ein, als es unsre Umstände zuliessen. Der Gouverneur hatte mir ein Reisszeug
gegeben, und ich musste durch meine kleine Kenntnis, die ich in der Matematik
hatte, seine Gewogenheit zu behaupten suchen. Ich unterwies Steelein in dem, was
ich von diesen Dingen wusste, und da er die Rechenkunst, die ihm sein eigener
Vater beigebracht, noch sehr gut verstund: so war er in einem halben Jahre in
allen diesen Übungen so geschickt als ich. Wir arbeiteten also um die Wette, und
der Gouverneur würde uns keine grössere Strafe haben antun können, als wenn er
uns befohlen hätte, diese Beschäftigung nicht zu treiben und müssig zu sein.
Allein er liess es uns nicht an Arbeit fehlen. Er gab uns Rechnungen, er gab uns
tausend alte Risse, die wir abkopieren mussten; und ich glaube, dass kein
verfallnes Schloss in Siberien und ganz Moskau mehr war, das wir nicht
abgezeichnet haben. Er liess uns zwar nicht zu sich kommen; allein er besuchte
uns fast alle Wochen selbst einmal. Wir belohnten diese Gnade mit der
möglichsten Demut, und er belohnte sich für seine Herablassung dadurch, dass er
alles besser wusste als wir und uns unmittelbar nach einem zu freundlichen Worte,
das ihm entwischt war, einmal gebieterisch anfuhr. Steelei, so sehr ihn sonst
der Geist des Widerspruchs und der Stolz seiner Nation belebt hatte, war jetzt
viel gelassner. Er schwieg, sobald ihn der Gouverneur tadelte; allein damit war
dieser nicht allemal zufrieden. Nein, Steelei musste reden und ihm in der
unwahrsten Sache recht geben. Dieses ward ihm sehr sauer, und er tat es mit
einer so gezwungnen Art, dass ihm oft der Schweiss darüber ausbrach, und dass ich
würde haben laut lachen müssen, wenn wir an einem andern Orte, als in Siberien
gewesen wären. Einsmals traf er uns an, dass wir Schach spielten. Steelei hatte
die Steine mit dem Messer geschnitzt, und sie waren freilich nicht gar zu sauber
gemacht. Der Gouverneur besah sie und hielt ihm eine lange Rede, dass keine
Symmetrie und keine Sauberkeit darin zu finden wäre. Mein Freund gab es gern
zu und entschuldigte sich, dass er keine Instrumente gehabt hätte. Aber das half
alles nicht. Wenn sie recht schön sein sollten, sprach der Gouverneur, so müssten
sie sein, als wenn sie gedrechselt wären, und Ihr seht doch wohl, dass sie nicht
so sind, dass sie hier zuviel, dort zuwenig, mit einem Worte, grob und schlecht
geschnitten sind. Dergleichen Anmerkungen konnte er ganze Stunden fortsetzen,
und Steelei zitterte auf die Letzt vor dem Besuche dieses gebietrischen
Pedanten. Er setzte sich oft, wenn wir zeichneten, neben uns und stopfte sich
eine Pfeife von unserm Tabake ein. Wenn er ihn endlich mit vielem Appetit
aufgeraucht hatte: so warf er die Pfeife hin und tat einen grossen Schwur, dass
unser Tabak nicht das geringste taugte. Zuweilen pries er uns seine Wohltat, dass
er uns die ordentlichen Arbeiten erlassen hätte, und nötigte uns dadurch, ihn
demütig zu bitten, dass er uns nicht wieder den andern Sklaven gleichmachen
möchte. Oft kam er in dem grössten Zorne zu uns und fluchte auf die Gefangnen,
ohne zu sagen, was geschehen war, und wir mussten seine unsinnige Hitze mit
Ehrerbietung anhören. Ob wir ihm nun gleich unsere verbesserten Umstände zum
Teil zu danken hatten: so war er doch bei allen unsern Vorteilen noch unser
beständiges Schrecken. Wir kannten seine unmässige Gemütsart und mussten alle Tage
fürchten, dass es ihm einfallen könnte, uns voneinander zu trennen und wieder
unter die andern Gefangnen zu stecken. Um diesem Unglücke zu entgehen, liess ich
ihm durch den Juden, der mein Geld in den Händen hatte, ein kleines Geschenk
nach dem andern machen.
    Ein Jahr war verflossen, seitdem Steelei wieder bei mir lebte. Ich hoffte
nun von einem Tage zum andern auf Briefe von Euch, weil der Jude, dem ich den
meinigen mitgegeben, nach Tobolskoy handelte und mir also leicht eine Antwort
übermachen konnte; allein ich hoffte vergebens. Steelei hatte ebenfalls binnen
dieser Zeit nach London und an den englischen Gesandten nach Schweden
geschrieben und keine Antwort erhalten. Die Gemahlin des Gouverneurs hatte ich
seit der Zeit, da sie mir das grossmütige Geschenk gemacht, mit einem Worte, seit
dem ersten Male nicht wiedergesehen. Alles dieses machte uns niedergeschlagen;
und je erträglicher unsere Gefangenschaft war, desto mehr meldete sich der
Wunsch in uns, ihrer gar los zu sein. Und mit was für Rechte konnten wir dies
hoffen, da der Krieg mit den Russen und Schweden noch immer fortdauerte? Ich
stand eben um die Mittagszeit mit Steelein an unserm kleinen Fenster, als ich
den Juden mit schnellen Schritten über den Hof durch den tiefsten Schnee laufen
sah. Er pflegte um diese Zeit nie zu kommen, und ich schloss aus seiner freudigen
Miene, dass er mir einen Brief von seinem Korrespondenten, dem polnischen Juden,
bringen würde. Er brachte mir auch einen Brief, aber von der Gemahlin des
Gouverneurs. Sie schrieb mir folgendes.«
    Der Graf las mir darauf einen Brief, den ich noch besitze. Ich will ihn hier
einrücken.
                                   Mein Herr!
Ich melde Ihnen eine Nachricht, die ich Ihnen lieber mündlich erteilen möchte,
damit ich das Vergnügen hätte, Ihre Freude mit anzusehen und zu geniessen. Sie
sind frei. Der Befehl wegen Ihrer Befreiung ist gestern mit den neu angelangten
Gefangnen angekommen, und Sie sollen morgen nebst vier andern Verwiesenen wieder
auf die Art zurück nach der Stadt Moskau gebracht werden, wie Sie hiehergebracht
worden sind. Alsdann haben Sie die Erlaubnis, sich hinzuwenden, wo Sie hin
wollen. Ich habe Ihnen Ihre Freiheit durch eine von meinen Freundinnen bei Hofe
ausgewirkt. Mein Gemahl weiss es nicht, dass ich mich Ihres Unglücks angenommen
habe, und er soll es auch nicht wissen; auch nicht die Welt. Ich bin zufrieden,
dass Sie es wissen. Und vielleicht wäre mein Dienst viel grossmütiger, wenn ich
Ihnen solchen nicht selbst bekanntgemacht hätte. Ich war es willens; allein ich
war zu schwach; und ich sehe, dass es leichter ist, eine gute Tat zu unternehmen
als sie zu verschweigen. Vergessen Sie diese kleine Eitelkeit, durch die ich
mich für meine guten Absichten selbst belohnt habe. Ich zweifle, dass ich das
Vergnügen haben werde, Sie vor Ihrer Abreise noch zu sprechen, wenigstens doch
nicht allein. Ich wünsche Ihnen also mit der grössten Aufrichtigkeit das Glück,
Ihre Gemahlin bald wiederzufinden. Wie wird sie mich lieben, dass ich ihr ihren
Grafen wiedergeschaft habe! Für Ihren Freund, den Sie hier zurücklassen, will
ich sorgen. Leben Sie wohl und schreiben Sie mir künftig, ob Sie Ihre Gemahlin
angetroffen haben. Wenn meine Wünsche erfüllet werden: so hoffe ich das betrübte
Land, aus dem Sie eilen, noch mit meinem Vaterlande zu verwechseln. Doch nein,
ich Unglückliche werde wohl hier mein Leben beschliessen müssen. Schreiben Sie
mir ja! Ich habe noch eine Stiefschwester in Kurland, an die ich Ihnen den
beiliegenden Brief mitgebe. Sollten es Ihre Umstände verlangen: so glaube ich,
dass Sie sehr gut bei ihr aufgehoben sind. Sie ist eine Witwe; doch habe ich seit
zwei Jahren keine Nachricht von ihr. Leben Sie noch einmal wohl!
                                                                     Amalia L...
Diesen Brief las ich und taumelte vor Freuden in Steeleis Arme und wollte ihm
sagen, was darin stünde; allein er wartete meine Entzückungen nicht ab. Er riss
mir ihn aus der Hand und las ihn. Ich legte mich mit dem Kopfe auf seine Achsel,
um die Bewegungen nicht mit anzusehen, die ihm die Nachricht von meiner
Befreiung und seiner fortdauernden Gefangenschaft verursachen würde. Ihr seid
frei, fing er an, und ich verliere Euch und bleibe noch ein Gefangner und werde
noch unglücklicher als zuvor? Das ist schrecklich. Hat Euch der Himmel lieber
als mich? Doch ich werde Zeit genug zu meinen Klagen haben, wenn Ihr nicht mehr
bei mir seid. Ich weiss, dass es Euch unmöglich ist, mich zu vergessen. Nein, fiel
er mir um den Hals, Ihr vergesst mich nicht! Ich konnte ihm vor Wehmut lange
nicht antworten, und mein Stillschweigen, das doch nichts als Liebe war, machte
ihn so hitzig, als ob ich schon die grösste Untreue an ihm begangen hätte. Ich
liess seinen Affekt ausreden, und nach einem kleinen Verweise sah ich ihn
beschämt und gelassen genug, ihm mein Herz zu entdecken und ihn zu überführen,
wie unvollkommen mir meine Freiheit ohne die seinige wäre. Ich nahm mit dem
Juden die Abrede, dass er mir das Drittel von meinem Gelde zur Reise geben und
das übrige für Steelein zurückbehalten und uns für seine Mühe, soviel er wollte,
abziehen sollte. Der Jude war vorsichtiger als ich. Er sagte mir, dass ich wenig
Bargeld mitnehmen sollte, weil ich in der Gefahr stünde, auf der Reise nach
Moskau zehnmal darumzukommen. Er gab mir etwas weniges bar und tausend Taler und
darüber in vier Wechseln an Juden in Moskau, damit ich, wenn ich einen verlöre,
doch nicht um alles käme; so ehrlich handelte dieser Mann an mir. Ich ward noch
vor dem Abend zu dem Gouverneur gerufen. Er lag an dem Podagra krank und
kündigte mir meine Freiheit auf dem Bette im Beisein seiner Gemahlin an. Er
reichte mir die Hand und sagte: Ich habe Befehl, Euch wieder nach Moskau zu
schicken, und es soll morgen zu Mittage geschehen. Ich verliere Euch zwar
ungern; aber reiset mit Gott und seid glücklicher, als Ihr bisher gewesen. Ich
küsste ihm die Hand aus einer wahren Dankbarkeit und bat um seine fernere Gnade
für Steelein. Wenn ich lebe, sprach er, so soll es ihm nicht schlechter ergehen
als zeiter. Er hiess mich niedersitzen (eine Ehre, die er mir zum ersten Male
erwies) und sagte, dass er noch viel mit mir zu reden hätte; allein seine
Schmerzen meldeten sich so heftig, dass er mir winkte, ihn zu verlassen. Ich tat
es und wiederholte seiner Gemahlin im Herausgehen durch eine dankbare Miene die
Grösse meiner Verbindlichkeit und ihrer Wohltat. Lebt wohl, mein Herr, sprach sie
und wandte sich den Augenblick wieder zu ihrem Gemahle. Sobald ich wieder bei
Steelein war, so schrieb ich an meine Erretterin, weil ich dieser grossmütigen
Seele nicht mündlich hatte danken können. Ich gab den Brief dem Juden, der
unterdessen die Wechsel besorgt und mir Pelze und andere Notwendigkeiten
geschafft hatte, um mich vor der grossen Kälte zu schützen. Nunmehr war alles
verrichtet, und nun überliess ich mich meinem Freunde die ganze Nacht hindurch.
Wir redeten, wir weinten und empfanden alles, was wir nach unsern verschiedenen
Umständen empfinden konnten. Der Morgen übereilte uns und ebenso der Mittag, und
wir hatten bis auf den letzten Augenblick einander noch, ich weiss nicht was, zu
sagen. Der Jude kam und sagte, dass die Schlitten, die mich nebst den übrigen
Befreiten fortführen sollten, gleich zugegensein würden. Wir nahmen Abschied,
ohne zu reden, und ich vergass mich in den Armen meines redlichen Steeleis, bis
mich die Aufforderung der Wache von ihm losriss. Er stiess mich fort, und in dem
Augenblicke wollte er mir auch nachlaufen; allein man verschloss die Türe, und
mein Jude führte mich bis in den Schlitten und rief mir noch die
freundschaftlichsten Wünsche nach.
    Ich ward nebst drei andern auf einen Schlitten gesetzt, denen Hoffnung und
Freude aus den Augen leuchteten. Ich kann nicht sagen, was in den ersten
Stunden, ja fast in den ganzen ersten beiden Tagen in meiner Seele vorging. Ein
Übermass von freudigen Wallungen und betrübten Regungen überströmte mein Herz
wechselweise. Man begegnete uns an den Orten, wo wir frische Renntiere bekamen,
nicht so verächtlich als damals, da wir auf dem Wege nach Siberien waren. Meine
Gesellschafter waren drei Russen. Sie hatten Geld und versorgten sich an allen
Orten mit so vielem Branntweine, dass sie auf der ganzen Reise fast nicht
nüchtern wurden. Sie haben mich indessen nie mit Willen beleidigt, und ich würde
ihre Freundschaft erhalten haben, wenn ich mit ihnen getrunken hätte. Wir waren
zu Ende des Märzes in Moskau. Ich ward in ebendas Haus gebracht, in dem ich vor
fünf Jahren verwahrt gesessen hatte, und fand den vorigen Gefangenwärter noch.
In drei Tagen ward ich völlig losgelassen und bekam einen Pass, und nun konnte
ich mich hinwenden, wo ich hin wollte. Ich hatte meine Wechsel noch alle und
begab mich nunmehr zu den englischen Kaufleuten, welche Steelein vor dem
beigestanden hatten, und übergab dem einen, welcher Tompson hiess, ein Billett
von ihm. Er nahm mich sehr liebreich auf und sagte mir, dass ihm Steeleis
Unglück, nach Siberien verwiesen zu werden, durch den Gefangenwärter wäre
hinterbracht worden, dass er's alsbald nach London an seine Freunde gemeldet und
seit drei Jahren verschiedene Briefe an den englischen Agenten in Moskau
erhalten hätte. Zu diesem gingen wir den andern Tag. Der Agent war der
liebreichste Mann von der Welt. Er wies mir die beweglichsten Briefe, die
Steeleis Vater an ihn geschrieben hatte. Er wies mir die Memoriale, durch die er
bei dem Senate um meines Freundes Befreiung angehalten, und versicherte mich,
dass er sie bei der Zurückkunft des Zars, die bald erfolgen sollte, gewiss
auszuwirken hoffte. Der englische Gesandte in Schweden hatte ebenfalls an ihn
geschrieben und ihn gebeten, alles zu Steeleis Befreiung beizutragen. Er gab mir
die Briefe, die er aus London an ihn erhalten hatte, und Tompson führte mich
nunmehr zu den Juden, um meine Wechsel zu heben. Ich bekam binnen zehn Tagen
mein Geld, zu dem mir Tompson doch wenig Hoffnung gemacht hatte, und büsste nicht
mehr als einen Wechsel von hundertundfunfzig Rubeln ein. Der Jude, der mir ihn
bezahlen sollte, war in die elendesten Umstände geraten, und seine Mitbrüder
versicherten mich, dass sie binnen einem Jahre das Geld für ihn erlegen wollten,
wenn er's nicht tun könnte. Ich zerriss darauf den Wechsel und gab dem armen
Juden noch zehen Taler von dem übrigen Gelde. Ich bat sie, dass sie mir etliche
Briefe an ihren Korrespondenten nach Siberien, von dem ich die Wechsel
empfangen, bestellen sollten. Sie sagten mir, dass drei von ihnen ihrer Geschäfte
wegen selbst nach Tobolskoy reisen würden, und wenn ich mich zween Monate hier
aufhalten könnte: so wollten Sie mir durch die Antwort beweisen, ob sie ihr Wort
gehalten hätten. Ich schrieb an meinen Freund; doch ehe der Brief fortging, liess
mich der Agent rufen und sagte mir, dass er endlich so glücklich gewesen wäre,
sich um seinen Landsmann verdient zu machen; seine Befreiung wäre in dem Senate
unterzeichnet worden, und er hatte das Versprechen erhalten, dass Steelei binnen
drei oder vier Monaten aus Siberien zurückgebracht und freigelassen werden
sollte. Ich dankte dem Agenten nicht anders, als ob er mir diese Wohltat selbst
erwiesen hätte, und eilte, meinem Freunde diese freudige Nachricht zu melden.
Die Juden reisten ab, und ich war wirklich willens, Steeleis Ankunft zu
erwarten. Doch die Liebe siegte über die Freundschaft, und das Verlangen, Euch
zu suchen, machte mir meinen Aufentalt in Moskau unerträglich. Ich wollte fort,
ohne zu wissen wohin. Der Handel in die schwedischen Lande war noch verboten.
Ich wollte nach Dänemark, weil ich mir einbildete, dass Ihr Euch vielleicht dahin
gewendet haben würdet; allein Tompson beredete mich, dass ich mit einem
holländischen Schiffe, dessen Ladung er in Kommission hatte, und das in
Archangel segelfertig lag, nach Holland gehen sollte. Er gab mir eine Adresse an
den Kaufmann mit, dem die Waren des Schiffs gehörten, und versprach mir, dass er
die Briefe von Steelein an ihn einschlagen wollte; ich aber sollte bei diesem
Manne die Nachricht zurücklassen, wo ich mich von Holland aus hinwenden würde,
damit mich Steelei bei seiner Zurückkunft zu finden wüsste. Ich ging also in der
sechsten Woche nach meiner Ankunft in Moskau mit dem Schiffe fort, das mich so
unvermutet und glücklich zu Euch gebracht hat. Ehe ich Moskau noch verliess: so
gab ich Tompson funfzig Taler, um sie nach meiner Abreise unter etliche von
meinen gefangenen Landsleuten auszuteilen.«
    Dies ist das meiste von dem, was mir mein Gemahl über seine schriftlichen
Nachrichten von seinem Aufentalte in Siberien erzählt hat. Ich habe es hin und
wieder zusammengezogen und das, was zur Geographie oder zur Historie dieses
Lands gehört, mit Fleiss übergangen, weil ich keine Reisebeschreibung machen
wollen. Es hat sich auch seit der Zeit in diesem Reiche vieles verändert,
besonders seit der Erbauung der Stadt Petersburg und den grossen Anstalten Peters
des Ersten, die sowohl in die Natur des Landes als in die Gemütsart der
Einwohner einen grossen Einfluss gehabt haben.
    Ich eile nunmehro zu dem letzten Perioden dieser Geschichte, nämlich zu dem,
was nach der Rückkunft meines Gemahls erfolgt ist. Wir lebten in unserer zweiten
Ehe, wenn ich so reden darf, vollkommen zufrieden, und mein Gemahl schmeckte auf
sein erlittenes Ungemach die Freuden der Liebe und der Ruhe gedoppelt. Er
blühete in meinen Armen wieder auf und bekam die erste Lebhaftigkeit wieder, von
der ihm das Unglück einen grossen Teil entzogen hatte. Die ersten Monate
verstrichen uns in der Gesellschaft der Karoline und des Herrn R... meistens
unter wechselseitigen Erzählungen. Nichts war kläglicher, als da ich ihm
einsmals meine Heirat und die Geschichte meiner Ehe mit dem Herrn R..., und zwar
in dem Beisein desselben umständlich erzählen sollte. Der Graf hatte mich die
ganze Zeit über bei der Hand, als wollte er mir einen Mut einsprechen. Ich fing
die Erzählung mit vieler Dreistigkeit an. Ich war von der Liebe meines Grafen
völlig überzeugt. Ich wusste, dass ich ihm niemals untreu geworden sein würde,
wenn ich nur die geringste Nachricht von seinem Leben gehabt hätte. Allein alles
dieses langte nicht zu, mich in meiner Erzählung zu unterstützen. Ich wollte
aufrichtig und doch auch behutsam sprechen; und je mehr ich redete, desto mehr
fühlte ich, wieviel Beleidigendes diese Geschichte für den Grafen in sich hatte,
und wieviel Kränkendes für mich und für den Herrn R... Ich ward verzagt. Der
Graf gab mir die teuersten Versicherungen, dass er durch nichts beleidiget würde;
allein ich kam nicht weiter, als bis auf die Geburt meiner Tochter. Ich sammelte
alle meine Kräfte; ich fing zehnmal wieder an; doch mein ganzes Herz weigerte
sich, mich fortfahren zu lassen; ich schwieg. »Nun«, sprach der Graf mit einer
liebreichen Miene, »diese kleine Marter, die ich Euch jetzt gemacht habe, das
soll die Strafe für Eure Untreue sein,« und umarmte mich. »Und Ihr, mein lieber
R...«, fuhr er fort, »schlagt Eure Augen immer wieder auf und seht zu Eurer
Strafe Eure vorige Gemahlin in meinen Armen.« Er küsste ihn, und ich musste es
auch tun. »Nein,« sprach er, »sie hat Euch geliebt, und Ihr habt es verdient,
und wenn ich sterbe, so liebt sie Euch wieder. Wir haben uns alle kein Vergehen,
sondern nur das Unglück vorzuwerfen. Karoline (sie sass bei mir), seht nur, wie
Euch meine Gemahlin betrachtet. Kann sie sich wohl besser an mir rächen, als
durch Eure Gegenwart?«
    Ich war unermüdet, dem Grafen alle die Augenblicke zu ersetzen, die er ohne
mich zugebracht. Ich kam selten von seiner Seite und sann bei jeder
Gefälligkeit, die ich ihm erweisen konnte, schon auf eine neue. Wenn wir unser
Herz ausgeredet hatten: so las ich ihm etwas vor, und wenn ich nicht mehr lesen
konnte, so tat er's. Diese glückliche Beschäftigung mit dem Geiste der besten
Skribenten, die der Graf so lange entbehrt hatte, nahm uns den grössten Teil des
Tages weg und breitete ihr Vergnügen über unsere Gespräche, über unsere
Mahlzeiten und über alle unsere Zärtlichkeiten aus. Wir hielten keine
Gesellschaften und fühlten doch nie die Beschwerlichkeit der Langenweile. Wenn
wir mitten in unsern Vergnügungen recht empfindlich gerührt sein sollten: so
dachten wir unserm Schicksale nach. Diejenigen, die niemals unter grossen
Unglücksfällen geseufzt haben, wissen gar nicht, was für eine Wollust in diesen
Betrachtungen zu finden ist. Man entkleidet sich in solchen Augenblicken von
allem seinen natürlichen Stolze; man sieht, indem man sein Schicksal
durchschaut, sein Unvermögen, sich selber glücklich zu machen, und überlässt sich
den Entzückungen der Dankbarkeit, die uns nicht länger wollen nachdenken lassen.
Der Graf setzte zuweilen ganze Tage zu dieser Absicht aus und wandte sie zu
Werken der Guttätigkeit an. Er erkundigte sich nach elenden und unglücklichen
Personen; mit einem Worte, Arme, Kranke und Gefangne an diesen Tagen zu
erquicken und aufrichten zu lassen, das war seine Zufriedenheit. Oft liess er
auch einige von denen, die schon unter dem Elende grau geworden waren, zu sich
rufen und sie an einem Tische zusammen speisen. Es war ihm freilich lieb, wenn
er wusste, dass es Leute waren, welche die Guttat verdienten; allein er stellte
deswegen nicht die strengsten Untersuchungen an. »Vielleicht«, sprach er,
»lassen sie sich durch die Wohltaten bessern, wenn sie boshaft gewesen sind;
lasst sie auch der Wohltat unwert sein; sie sind doch Menschen.« Wenn er hörte,
dass sie mit dem Essen bald fertig waren: so ging er zu ihnen und liess sich ihr
Schicksal erzählen. Fand er eine Person darunter, die ein edles Herz hatte: so
nahm er sich ihrer insbesondere an. R... war sein Gehilfe in dieser Tugend, und
wem sie beide nicht als Wohltäter dienen konnten, dem dienten sie doch als
vernünftige Ratgeber. Wir fuhren gemeiniglich an diesen Tagen etliche Stunden in
die Felder oder in die Gärten spazieren. Einmal hörten wir des Abends, indem wir
bei dem Mondenscheine durch die Wiesen gingen und den Wagen am Wege halten
liessen, ein jämmerliches Gewinsel. Wir näherten uns ungeachtet des tiefen Grases
dem Orte, wo der Schall herkam, und fanden eine junge Weibsperson, welche die
Schmerzen der Geburt kaum überstanden hatte und in einem hilflosen Zustande
dalag. Herr R..., der bei uns war, fuhr den Augenblick in das nächste Landhaus,
um ein Weib und andere Bedürfnisse für die Geburt herbeizuholen, und ich machte
mich indessen um die Unglückliche so verdient, als es die Notwendigkeit
erforderte. Ich konnte aus ihrem Anzuge schliessen, dass sie keine der Vornehmsten
und keine der Geringsten war; und ihre Jugend und ihre gute Bildung war genug,
uns einen Teil von ihrem Schicksale zu erklären, weil sie selbst nichts als
etliche unvernehmliche Worte hervorbringen konnte. Herr R... kam mit einigen
Weibern zurück, und wir liessen die unbekannte Elende auf unserm Wagen in das
nächste Dorf bringen und kehrten zu Fusse in die Stadt. »Nun«, sprach der Graf,
indem wir zurückgingen, »dieser Spaziergang ist viel wert. Wie schön wird sich's
auf den Gedanken einschlafen lassen, dass wir zwoen Personen das Leben auf einmal
erhalten haben! Das arme Mädchen ist vermutlich aus Furcht der Schande von ihrem
Geburtsorte geflüchtet. Wer weiss, welcher Betrüger sie unter dem Versprechen der
Ehe um ihre Unschuld gebracht hat.« Ich fuhr mit anbrechendem Tage nebst
Karolinen auf das Dorf, und wir fanden die Unglückliche, mit ihrem Kinde auf den
Armen, in Tränen zerfliessen. Sie war nicht allein wohlgebildet, sie war
ausnehmend schön, und eine gewisse schamhafte Miene entschuldigte ihren Fehler
zum voraus. »Die Liebe«, sprach sie, »oder vielmehr ein Liebhaber hat mich
unglücklicher gemacht, als ich zu sein verdiene. Ich habe mich mit ihm seit zwei
Jahren versprochen; allein ein bejahrter Vormund, unter dem ich stehe, und der
mir sein eigen Herz aufdringen wollte, hat unsre Verbindung verhindert. Mein
Bräutigam, eines Pachters Sohn bei Leiden, hat mich mit meinem Willen entführt
und mir versprochen, sich im Haag mit mir niederzulassen und die Handlung zu
treiben. Als wir gestern morgens in die Gegend kamen, wo ihr mich angetroffen,
sah ich mich durch eine Unpässlichkeit genötiget, vom Wagen abzusteigen. Mein bis
dahin getreuer Liebhaber führte mich in dem Feld herum, um mich durch die
Bewegung wieder zu mir selber zu bringen. Ich musste mich endlich niedersetzen,
und sobald er sah, was mir vor ein Schicksal bevorstund, verliess mich der
Boshafte unter dem Vorwande, mir jemanden zu Hilfe zu rufen. Ich habe also den
ganzen Tag auf seine Zurückkunft vergebens gewartet und bin mehr durch das
Entsetzen über seine Untreue als durch die unglückliche Frucht meiner Liebe in
den sinnlosen Zustand gekommen, in dem ihr euch gestern meiner so grossmütig
angenommen. Man kann keine grössere Bosheit begehen, als er an mir begangen hat.
Er hat mir mein Geschmeide, das mein ganzer Reichtum war, und das wir im Haag zu
Gelde machen wollten, mitgenommen. Dennoch hasse ich ihn noch nicht, ja ich
würde es ihm mit Freuden vergeben, dass er mich mit der Gefahr meines Lebens
verlassen hat, wenn ich nur wüsste, dass es ihn reute.« - Ich suchte sie zu
beruhigen und versprach ihr, wenn ihr Liebhaber binnen acht Tagen nicht
wiederkäme, sie zu mir zu nehmen und sie und ihr Kind zu versorgen. Er kam
nicht, und ich erfüllte mein Wort und liess das Kind auf dem Dorfe erziehen.
    Der Graf war nunmehr ein halb Jahr lang bei mir und hatte nicht das
geringste Verlangen, in sein Vaterland zurückzufahren, wenn ihm auch die
Erlaubnis dazu wäre angeboten worden. Über dieses wusste er, dass der Prinz, dem
er sein Unglück zu danken hatte, noch lebte und bei dem Könige in dem grössten
Ansehen stund; und was brauchte er mehr, als dieses zu wissen, um an keine
Rückkehr zu denken? Aber dass Steelei nicht kam, und dass er auf alle seine Briefe
an ihn noch nicht die geringste Antwort erhalten, dieses beunruhigte ihn desto
mehr. Von Steeleis Vater hatte er zwar aus London schon vor etlichen Monaten die
Nachricht bekommen, dass sein Sohn durch die Bemühungen des englischen Gesandten
und durch ein Strafgeld von etlichen tausend Talern seiner Verweisung nach
Siberien entlassen worden wäre, von ihm selbst aber hätten er und seine
Landsleute in Moskau keine Briefe. Indessen dass der Graf vergebens auf Steelein
hoffte, begegnete ihm ein andrer vergnügter Zufall. Er war eine Stunde vor der
Mahlzeit, wie er zu tun pflegte, mit dem Herrn R... auf das Kaffeehaus gegangen,
wo die meisten Fremden einzusprechen pflegten. Kurz darauf liess er mir sagen, er
würde mir einen Gast mitbringen, für den ich ein Zimmer zurechtmachen lassen
sollte. Er kam, und der Gast war der ehrliche Jude, der ihm in Siberien so viele
Menschenliebe erwiesen, und den seine Geschäfte nach Holland zu gehen genötigt
hatten. Mein Gemahl war ausserordentlich erfreut, dass er diesem wackern Manne
einige Gefälligkeiten erzeigen konnte, und er selbst war ebenso froh, dass er
meinen Gemahl so unvermutet und so glücklich angetroffen. Er überreichte mir den
Brief aus Siberien, den ich schon eingerückt habe, und versicherte mich, dass er
sich in Livland und Dänemark sehr sorgfältig nach mir erkundigt und doch nicht
das geringste von meinem Aufentalte hätte erfahren können. Sein Herz war
wirklich seiner ehrlichen und einfältigen Miene gleich, und seine Sitten
gefielen durch sein Herz. Er war schon bei Jahren, und sein grauer Bart und sein
langer polnischer Pelz gaben ihm ein recht ehrwürdiges Ansehen. Die
freundschaftliche Art, mit der wir mit ihm umgingen und ihm unsere
Erkenntlichkeit zu bezeichnen suchten, rührte ihn ausnehmend. Als wir das
erstemal von der Tafel aufstunden: so ward der gute Mann ganz betrübt. Mein
Gemahl fragte ihn um die Ursache. »Ach,« sprach der Alte, »wenn ich nur so
glücklich sein könnte, noch etliche Stunden bei Ihnen zu bleiben! Ich habe mein
Tage kein solch Vergnügen gehabt, und niemand ist noch so grossmütig mit mir
umgegangen, als Sie tun.« Der Graf nahm ihn bei der Hand und führte ihn in das
Zimmer, das für ihn zubereitet war. »Seht Ihr,« sprach er, »meine Gemahlin gibt
Euch ihr bestes Zimmer ein. Glaubt Ihr nun wohl, dass Ihr uns angenehm seid? Ihr
dürft nicht daran denken, uns unter acht Tagen zu verlassen. Nicht wahr, ich
wohne hier besser, als in Siberien? Dort habt Ihr mich bedienet, und hier wollen
ich und meine Gemahlin Euch bedienen.« Wir taten es; und wir alle, Karoline
sowohl als R..., bestrebten uns recht, diese acht Tage unserm Gaste zu Tagen des
Vergnügens zu machen. Wenn die Sonne unterging, schlich er sich in sein Zimmer
und blieb meistens eine halbe Stunde aus. Wir fragten ihn, als dieses etlichemal
geschah, um die Ursache, und er wandte allerhand kleine Verrichtungen vor, bis
ihn endlich Herr R... einmal überraschte und auf den Knien beten fand. Als diese
acht Tage unter tausend kleinen Vergnügen verstrichen waren: so bat er uns,
unsere Wohltaten einzuschränken und ihn wieder fortreisen zu lassen. Er verliess
uns einen Tag, um seine Geschäfte zu besorgen, und kam den andern wieder, um
Abschied von uns zu nehmen. »Nun«, sprach er, »will ich mit Freuden fortreisen,
Herr Graf, und Gott auf meiner Reise danken, dass ich Sie angetroffen habe. Ich
bin alt, und ich werde Sie alle in dieser Welt wohl nicht wiedersehen. Ich habe
keine Kinder, und wenn ich nicht bei meinem Weibe sterben wollte: so würde ich
mich auf meine alten Tage hier niederlassen.« Wir nahmen alle als von einem
Vater Abschied von ihm. »Ach Herr Graf,« fing er endlich ganz furchtsam an, »Sie
haben mich für meine Dienste reichlich belohnet: aber ich bin gegen Sie noch
nicht dankbar genug gewesen, dass Sie mir das Leben mit Ihrer eignen Gefahr
erhalten haben. Sie wissen, dass ich mehr Vermögen habe, als ich und meine Frau
bedürfen. Ich habe hier in der Bank ein Kapital von zehntausend Talern zu heben.
Erlauben Sie mir die Freude, dass ich's Ihrer kleinen Tochter schenken darf, und
nehmen Sie den Schein von mir an.« Wir versicherten ihn, dass unsere Umstände so
beschaffen wären, dass wir nicht Ursache hätten, ihm einen Teil von seinem
Vermögen zu entziehen; allein er beklagte sich, dass wir seine Gutwilligkeit
verachten wollten, und zwang uns, das Geschenk anzunehmen. Er ging darauf zu
unsrer Tochter und knüpfte ihr noch ein sehr kostbares Halsband um den Hals. Er
beschenkte auch das unglückliche Mädchen, was ich zu mir genommen hatte, sehr
reichlich und eilte alsdann, was er konnte, um sich seinen Abschied nicht noch
saurer zu machen. Der rechtschaffne Mann! Vielleicht würden viele von diesem
Volke bessere Herzen haben, wenn wir sie nicht durch Verachtung und listige
Gewalttätigkeiten noch mehr niederträchtig und betrügerisch in ihren Handlungen
machten und sie nicht oft durch unsere Aufführung nötigten, unsere Religion zu
hassen. R... begleitete den Alten etliche Meilen und konnte gar nicht aufhören,
seinen uneigennützigen und grossen Charakter zu bewundern. Unter allen Merkmalen
der Freundschaft, die wir ihm erwiesen, rührte ihn nichts so sehr als dieses,
dass ihn der Graf abmalen und das Bild in seine Studierstube setzen liess.
    Auf diese Freude folgte in einigen Wochen eine noch grössere und ebenso
unvermutete. Andreas, Karolinens Bruder, war gewohnt, alle Jahre seinen
Geburtstag zu feiern. Er kam einstens sehr frühe zu uns und sagte, weil er
genötiget wäre, auf etliche Wochen zu verreisen, und weil sein Geburtstag morgen
einfiele: so wollte er ihn heute feiern und uns bitten, uns gleich mit ihm auf
eine Gondel zu setzen und einmal einen ganzen Tag in seinem Hause zuzubringen.
Wir liessen es uns gefallen, und weil wir bei dem Tee gleich mit dem Briefe
beschäftigt gewesen waren, den mir der Graf durch den Juden aus Siberien
geschickt: so baten wir den Andreas, uns nur so lange Zeit zu lassen, bis ich
diesen Brief vollends laut hergelesen und der Graf uns das, was wir noch
umständlicher wissen wollten, erzählt hätte; denn Karoline und R... sassen bei
uns. »Ach,« schrie er ganz ängstlich, »das könnt ihr in meinem Hause auch tun;
nehmet den Brief mit und verderbet mir meine Freude nicht, oder ich reise gleich
heute fort und traktiere euch gar nicht.« Dieses treuherzige Kompliment nötigte
uns, ihm gleich zu folgen. Alles war in seinem Hause wider seine Gewohnheit
aufgeputzt, und wir konnten uns in seine grossen Anstalten gar nicht finden. »Ich
weiss nicht,« sprach Karoline, »was ich von meinem Bruder denken soll. Wenn nur
nicht etwan aus diesem Geburtstage ein Hochzeittag wird. Er tut mir zu froh und
zu geheimnisvoll.« Wir scherzten mit ihm darüber, als er uns den Tee auftrug,
und er lachte auf eine Art, als ob er es gern sähe, dass wir seine kleine List
errieten. »Leset nur euren Brief vollends durch,« fing er an, »ich will indessen
meine Braut holen oder wenigstens meinen Flaschenkeller zurechtemachen.« Er ging
in das Nebenzimmer, und wir vertieften uns wieder in den Brief. Ich fragte nach
tausend Kleinigkeiten, welche die Gemahlin des Gouverneurs angingen, deren Brief
an ihre Stiefschwester nach Kurland mein Gemahl wieder zurückbekommen hatte,
weil sie tot war. R... wollte immer mehr von den wunderlichen Gemütsarten des
Gouverneurs wissen, und Karoline blieb bei aller Gelegenheit bei Steelein
stehen. Andreas trat aus der Nebenstube wieder herein, als wollte er uns
zuhören. »Habe ich ihn Euch denn noch nicht genug beschrieben?« sagte mein
Gemahl zu Karolinen. »Habt Ihr Euch denn gar in ihn verliebt? Freilich sah er
vorteilhaft aus, sonst würde ihm das kosakische Mädchen nicht so gut gewesen
sein. Er hatte grosse schwarze Augen wie Ihr, und -« In dem öffnete Andreas, der
nah an der Türe stund, das Nebenzimmer und rief, nach seinen Gedanken, ganz
sinnreich: »Sah er etwan wie dieser Herr aus?« und in dem Augenblicke stund
Steelei vor uns. Der Graf zitterte, dass er kaum von dem Sessel aufstehen konnte,
und wir sahen ihren Umarmungen mit einem freudigen Schauer lange zu. »Nun,«
schrie endlich Steelei, »nun sind wir für alle unser Elend belohnet«, und riss
sich von dem Grafen los, und ich eilte ihm mit offenen Armen entgegen. »Ach
Madame,« fing er an, »ich - ich - ja, ja, Sie sind es - « und das war sein
ganzes Kompliment. Der Graf kam auf uns zu, und wir umarmten uns alle drei
zugleich. O was ist das Vergnügen der Freundschaft für eine Wollust, und wie
wallen empfindliche Herzen einander in so glücklichen Augenblicken entgegen! Man
sieht einander schweigend an, und die Seele ist doch nie beredter als bei einem
solchen Stillschweigen. Sie sagt in einem Blicke, in einem Kusse ganze Reihen
von Empfindungen und Gedanken auf einmal, ohne sie zu verwirren. Karoline und
der Herr R... teilten ihre Freude mit der unsrigen, und wir traten alle viere um
Steelei und waren alle ein Freund. Dem Andreas mochte unsere Bewillkommnung zu
lange dauern; er zog mich und Karolinen beiseite. »Ihr Leute«, sprach er ganz
bestrafend, »vergesst doch nicht, dass ihr Frauenzimmer seid und ... Setzt euch
alle nieder, sonst muss ich den ganzen Tag euern Umarmungen zusehen. Tut es, wenn
ich nicht dabei bin. Wir wollen heute lustig und nicht so niedergeschlagen
sein.« Und damit mussten wir uns niedersetzen. »Herr Graf,« fuhr er darauf fort,
»habe ich's nicht listig gemacht?« Wir merkten, dass er für seine Erfindung
belohnt sein wollte, und er war es wert, dass wir ihm unser eigen Vergnügen
etliche Minuten aufopferten. Mein Gemahl hatte schon zehen Fragen an Steelein
getan; allein Andreas liess ihn zu keiner Erzählung kommen. »Seid doch
zufrieden,« sprach er, »dass ihr ihn habt, und dass ich ihn euch geschafft habe.
Ihr sollt ihn auf den Abend mit zu euch nehmen, alsdann könnte ihr miteinander
reden bis wieder auf meinen Geburtstag. Itzt will ich das Vergnügen haben, dass
ihr bei mir recht aufgeräumt sein und recht laut werden sollt.« Wir wünschten
unstreitig alle, von unserm gebieterischen und uns so unähnlichen Wirte bald
entfernt zu sein; allein wir mussten uns ihm aus Dankbarkeit preisgeben, und
Steelei schien selbst jetzt keine Lust zu haben, uns seine Begebenheiten zu
erzählen, ausser dass er den Tod des Gouverneurs etlichemal erwähnte. »Und von
seiner Gemahlin«, fuhr er zum Grafen fort, »habe ich einen Brief an Euch. Die
grossmütige Seele! Ich will Euch den Brief aus meinem Koffer langen.« Er ging und
Andreas mit ihm. Wir waren es zufrieden, dass uns Steelei einige Augenblicke
verliess, nur damit wir das Verlangen befriedigen konnten, einander unsere
Lobsprüche von ihm mitzuteilen. »Ist er meiner Liebe wert,« sprach der Graf zu
mir, »und gefällt er Euch?« Karoline liess mich nicht zu Worte kommen. »Herr
Graf,« rief sie, »Ihre Gemahlin kann nicht urteilen, sie ist nur von Ihnen
eingenommen. Fragen Sie doch mich, ich will's Ihnen aufrichtig sagen, ich und
das Mädchen in Siberien, wir -« Hier trat Steelei, mit einem Frauenzimmer an der
Hand, herein, aus deren Gesichte Anmut und Freude lachten. Sie ging in
Amazonenkleidern, und jeder Zug in ihrer Bildung war ein Abdruck der
Gefälligkeit und der Liebe. »Ach Gott!« rief der Graf, »wen sehe ich? Ist es
möglich, Madame? oder betrügen mich meine Augen? Das ist zuviel Glück auf einen
Tag!« - »Madame,« redete mich Steelei an, indem ich noch vor Erstaunen immer auf
einer Stelle stund, »hier bringe ich Ihnen meine liebe Reisegefährtin und bitte
für sie um Ihre Freundschaft.« Ich wusste noch nicht, wen ich umarmte, oder
wollte es doch nicht so bald wissen, um mein Vergnügen zu verlängern. Sie selbst
schien mich aus ebender Ursache in der Ungewissheit zu lassen. »Glaubt es doch,«
rief mir endlich mein Gemahl zu, »sie ist es, der ich meine Befreiung zu danken
habe; sie hat mich Euch wiedergegeben.« - »Ja, Madame,« fing sie an, »für diesen
Dienst suche ich jetzt die Belohnung bei Ihnen, und ich bitte nicht um Ihre
Freundschaft, sondern ich fordere sie von Ihnen. Ist es Ihnen denn recht lieb,
dass Sie mich sehen? Ja, ich sehe es, Sie fühlen ebensoviel als ich, dass ich Sie
nunmehr kenne. Ach, Herr Graf, also sind wir nicht mehr in Siberien? Wieviel
habe ich Ihnen zu erzählen! Ihr Freund, den Sie mir hinterlassen haben, hat mir
viel zuwider getan (hier sah sie Steelein mit dem zärtlichsten Blick an), und er
mag es Ihnen selber sagen. Aber«, fing sie ganz sachte zu meinem Gemahle an,
»wer ist das Frauenzimmer und der Herr?« (sie meinte Karolinen und R...). Der
Graf erschrak und wusste nicht, was er in der Eile sagen sollte. »Sie sind - sie
sind unsre Freunde und auch die Ihrigen.« Ich nahm darauf Karolinen bei der Hand
und führte sie zu ihr, und der Graf tat mit R... ebendas. Wir glaubten, dass
Andreas das Geheimnis vor unsrer Zusammenkunft schon verraten hätte: denn die
Verschwiegenheit war seine Sache nicht. Allein er hatte - entweder, um uns zu
schonen, oder weil er nicht daran gedacht hatte - geschwiegen. Er hatte nicht
die Geduld gehabt, unsere Bewillkommung ganz anzuhören. Itzt kam er wieder
herein und half uns zum Teil aus unsrer Verwirrung. »Das ist,« fing er zu der
Fremden an, »das ist meine liebe Schwester.« In dem Augenblicke ging R... mit
niedergeschlagenen Augen aus der Stube, weil er glaubte, dass Andreas auch von
ihm anfangen würde. »Geht nicht,« rief ihm dieser nach, »ich will nichts sagen.
Der Herr Graf wird es schon selbst erzählen.« - »Ach, mein lieber Graf,« sprach
Steelei, »was ist das für ein Geheimnis? Darf ich's und die Madame nicht wissen?
Wer ist der Herr R...?« - »Er ist einer von meinen ältesten Freunden, und wenn
ich Ihnen alles sagen soll ...« hier sah er mich an und schwieg. »Er war mein
Gemahl,« sprach ich zu meiner neuen Freundin, »ehe ich wusste, dass mein Graf noch
lebte. Sie hassen mich doch deswegen nicht? Nein Madame, ich verdiene Ihr
Mitleiden und mein Graf« ... »Dieser liebt Euch«, fuhr er fort, »ebenso zärtlich
als jemals.« Sie sah mich beschämt an und eilte, mir durch eine mitleidige
Umarmung diese traurigen Augenblicke zu verkürzen. Steelei schien wirklich bei
dieser Nachricht etwas von seiner Hochachtung gegen mich zu verlieren. Er sah
bald mich, bald den Grafen an. »Ist sie denn nicht mehr Eure Gemahlin?« sprach
er ganz heftig. - »Sie ist meine Gemahlin,« antwortete ihm der Graf; »beunruhigt
Euch nicht. Ich weiss, dass Ihr mich liebt, und mir hat zu meinem Glücke nichts
als der heutige Tag gefehlt.« Hierauf ging unsre Freude wie vom neuen an.
    Unser stürmischer Wirt nötigte uns alsbald zur Mahlzeit. Ein jedes Wort von
uns war eine Liebkosung, und anstatt zu essen sahen wir einander an. »Madame,«
fing endlich Steelei zu mir an, »Ihre Augen fragen mich alle Augenblicke etwas.
Beneiden Sie mich etwan wegen meiner liebenswürdigen Reisegefährtin? Oder wollen
Sie wissen, warum sie nach Holland gegangen ist? Sie will die Juwelen
wiederholen, die sie dem Herrn Grafen in Siberien gegeben hat. Wir erfuhren in
Moskau, dass wir ihn hier finden würden, und sie wird so lange bei Ihnen bleiben,
bis sie ersetzt sind.« - »Ja,« sprach ich, »wir sind dazu verbunden; aber warum
nehmen Sie sich der Madame so eifrig an? Erfordert dieses die Pflicht der
Reisegesellschaft?« - »Sie hören wohl,« versetzte sie, »dass er das Geheimnis
meiner Reise gern entdeckt wissen will; ich soll Ihnen sagen, dass ich ihn liebe,
und dass ich ihn aus Liebe hieher begleitet habe. Er verdient und besitzt mein
Herz, und ihm meine Hand zu geben, habe ich bloss auf Ihre Gegenwart versparet.«
Steelei stund auf und umarmte sie. »Also sind Sie meine Braut?« rief er. - »Ja,«
sagte sie, »und um es zu werden, würde ich noch eine See durchreisen. Und Ihnen,
mein lieber Herr Graf, Ihnen bin ich mein Glück schuldig, denn ohne Sie würde
ich meinen Geliebten nie haben kennen lernen. Sie haben mir ihn in Ihrem ersten
Gespräche mit mir so edel beschrieben, dass ich ihm gewogen war, ehe ich ihn sah.
Die Vorsehung hat mir mein Unglück durch ihn belohnt, und ich will das seinige
durch meine Liebe belohnen. Ich bleibe bei Ihnen; und Sie, Madame, sollen das
Recht haben, unsere Verbindung zu vollziehen und einen Tag zu unserer Vermählung
anzusetzen, welchen Sie wollen. Ich will meinen künftigen Gemahl von Ihren
Händen empfangen.« - »Und ich,« sprach der Graf, »meine Gemahlin von den
Ihrigen. Ich will mir sie, da ich die zweite Ehe mit ihr angefangen habe, auch
noch einmal vermählen lassen, und dieses soll an dem Tage geschehen, da Sie Ihre
Verbindung vollziehen.« Amalie, so hiess Steeleis Braut, liess darauf einen Pokal
und einen Flaschenkeller Wein aus ihrem Zimmer langen. »Kennen Sie das Glas,
Herr Graf? Daraus habe ich Ihnen in Siberien die Gesundheit Ihrer Gemahlin
zugetrunken. Und aus diesem Glase und von dem Weine, der nicht weit von diesem
Lande gewachsen ist, wollen wir sie zum andern Male in Holland trinken. O wie
gut wird mir's schmecken!« Sie trank und reichte mir's. Ich sah das Glas und den
Wein an und sah meinen Gemahl zugleich in Siberien und in den unglücklichsten
Umständen von einer grossmütigen Seele bedauert und geschützt; ich sah sie an und
trank, und Tränen fielen in den Wein. Kein Wein hat mir in meinem Leben so gut
geschmeckt als dieser. Wir schwiegen vor Vergnügen alle still, bis Andreas
endlich unser Stillschweigen unterbrach. »Aber, Madame,« fing er lachend an,
»wie sah denn der Herr Graf damals aus, da er als ein Gefangner vor Ihnen stund?
Sah er vornehm oder nicht? Sah er traurig?« - »Seine Miene«, sprach sie,
»richtete sich nach der Art, mit der ich mit ihm redte. Wenn ich ihn recht
freundschaftlich bedauerte: so sah er mich zur Dankbarkeit sehr demütig an; und
wenn ich einen Augenblick unempfindlich gegen sein Elend schien: so warf er mir
mein kaltes Herz mit einer stolzen Miene vor, die mich leicht erraten liess, dass
er aus Unschuld unglücklich und im Elende auch noch grossgesinnt war.« - »Aber
wie war er gekleidet?« - »Schlechter als ich wünschte. Ein deutsches Unterkleid,
sehr abgenutzt, und ein schwarzer russischer Pelz und ein paar Halbstiefeln
waren sein Staat. Sein kurzes aufgelaufnes Haar gab indessen seinem Gesichte bis
auf etliche Spuren von Kummer, die aus seinen Augen nicht vertrieben werden
konnten, ein unerschrocknes Ansehn. Nie war er beredter und in meinen Augen
grösser, als da er von seiner Gemahlin sprach; und ich tat von diesem Augenblicke
an heimlich ein Gelübde, ihm die Freiheit auszuwirken.« - »Aber Ihr verstorbner
Gemahl und der Herr Graf«, sprach Andreas, »waren wohl nicht allezeit die besten
Freunde?« - »Was dieser getan hat, das bitte ich dem Grafen jetzt ab. Ach,
vergeben Sie ihm die Fehler seiner Gemütsart und seines Volks, die ich,
ungeachtet seiner Neigung gegen mich, mehr als Sie empfunden habe. Unsre Ehe war
ein Bündnis, das der Hof schloss, und das ich aus Gehorsam nicht auschlagen
durfte. Indessen ehre ich sein Andenken; so wie ich mein Schicksal an seiner
Seite geduldig ertragen und mir, wenn ich's sagen darf, vielleicht durch meine
Geduld ein besseres verdient habe.«
    Andreas ward zu unserm Glücke durch seine Geschäfte von uns gerufen, und
seine Abwesenheit liess uns vertraulicher werden. Steelei wollte dem Grafen
erzählen, was seit seiner Abreise aus Tobolskoy vorgegangen; allein er stund
alle Augenblicke vor gar zu grosser Empfindung still, und wir waren zufrieden,
dass wir dieses Mal das Wichtigste von dem erfuhren, was uns Amalie nach dem
umständlicher auf folgende Art erzählt hat.
    »Wenig Tage nach des Herrn Grafen seiner Abreise«, fing sie auf unser Bitten
an, »starb mein Gemahl an dem zurückgetretenen Podagra. Ich berichtete seinen
Tod nach Hofe und bat zugleich um die Erlaubnis, nach Moskau zurückzukehren. Die
Gewalt, die ich bis zur Ernennung eines neuen Gouverneurs in den Händen hatte,
gab mir Gelegenheit, verschiedene harte Verordnungen aufzuheben, die mein Gemahl
in Ansehung der Gefangenen ergehen lassen. Ihrem zurückgelassenen Freunde, Herr
Graf, konnte ich mehr Bequemlichkeit verschaffen. Ich befahl dem Juden, ihn mit
allem zu versorgen, was er nötig hätte, und liess ihn mutmassen, als ob er ein
Anverwandter von mir wäre. Damals waren meine Wohltaten wohl blosse Wirkungen des
Mitleidens. Ich hatte ihn nicht mehr als einmal, und noch dazu in den
traurigsten Umständen gesehen, als er auf Ihre Fürbitte durch meinen Gemahl nach
Tobolykoy zurückberufen ward. Ich hörte es gern, wenn mir der Jude seine
Danksagung für meine Fürsorge überbrachte; und was ich nicht wohl durch Befehle
ausrichten konnte, das musste der Jude durch das Geld, das ich ihm gab, bei den
Unteraufsehern zu bewerkstelligen suchen. Er war in ein besser Behältnis
gebracht, und ich hatte schon allerhand Mittel ausgesonnen, wie ich ihm bei
meiner Rückreise nach Moskau diese erträglichen Umstände dauerhaft machen
wollte. Ungefähr nach vier Wochen kam ein Befehl an meinen verstorbenen Gemahl,
dass Steelei frei sein und bei der ersten Gelegenheit, die man ihm verschaffen
könnte, mit einem Passe versehen und für sein Geld fortgebracht werden sollte.
Ich liess den Morgen darauf den Juden zu mir kommen und sagte ihm, dass er Steelei
eiligst zu mir bringen sollte, und dass ich unter der Zeit, da er ihm dieses
meldete, die Wache nachschicken wollte, ihn abzuholen. Er kam, und ich liess ihn
nebst dem Juden zu mir ins Zimmer treten. Er stattete mir die Danksagung für
meine bisherige Fürsorge auf eine sehr ehrerbietige und gefällige Weise ab und
blieb an der Türe des Zimmers stehen. Ich fragte ihn, ob er keine Nachricht von
dem Grafen hätte? ob er mit seinen Umständen zufrieden wäre? Er beantwortete das
erste mit einem traurigen Nein und das andere mit einem gelassenen Ja. Ich bat
ihn, mir eine kurze Erzählung von seinem Schicksale zu machen. Er tat es, und je
mehr er redte, desto mehr nötigte er mir durch seine Worte und durch seine
Mienen Aufmerksamkeit und Hochachtung ab. Er sah weit besser aus als vor zwei
Jahren, und ich weiss nicht, ob ich mir's beredte, oder ob es wahr war, dass ihm
der siberische Pelz recht schön liess. Ich hörte aus seiner Art zu reden nunmehr
sehr wohl, dass er ein edelmütiges Herz hatte; und wenn ich ja noch einige
Augenblicke daran gezweifelt hatte: so war es vielleicht deswegen geschehen,
weil ich bei meinem Zweifel gern widerlegt sein wollte. Der Graf, dachte ich,
hat recht, dass er ihn so sehr liebt und so sehr für ihn gebeten hat. Er verdient
Hochachtung und Mitleiden; und es ist deine Pflicht, einem so rechtschaffenen
und unglücklichen Manne zu dienen. Ich merkte, je mehr er redte, dass etwas in
meinem Herzen vorging; allein ich hatte keine Lust, es zu untersuchen, und ich
hütete mich zugleich, mein Herz nicht zu stören. Ich nannte meine Regungen bei
mir selbst Wirkungen seiner Unglücksfälle und setzte mich in Gedanken nieder und
liess ihn lange fortreden, ohne ein Wort zu sagen. Als er mir die Grausamkeit
erzählte, die man in der Stadt Moskau an ihm und dem Sidne begangen: so fühlte
ich weit mehr, als da sie mir der Graf erzählt hatte. Es war mir unmöglich, die
Tränen zurückzuhalten, und ich wollte doch auch nicht, dass er meine Wehmut sehen
sollte. Ich fragte ihn in der Angst, wie alt sein Vater wäre, und wie lange er
ihn nunmehr nicht gesehen hätte, nur damit ich das Wort: der arme Mann! das mir
mein Herz für ihn abnötigte, nebst einigen Tränen bei seinem Vater anbringen
konnte. Ich führte ihn durch ziemlich neugierige Fragen in die Umstände seiner
Familie und seiner Jugend zurück. Er fing endlich an, von der traurigen
Begebenheit mit seiner Braut in Engelland zu erzählen, und ich ward so gerührt,
dass ich recht gewaltsam von meinem Stuhl aufsprang und ganz nahe zu ihm trat;
vielleicht hatte ich das letzte schon gewünscht. Er ward bei dieser Erzählung
sehr weichmütig und endigte sie mit einem Ach Gott! das mir durch die Seele
ging. Er schlug die Augen nieder, und es war mir nicht anders, als ob ich sie
ihm wieder öffnen sollte. Er sah mich endlich auf einmal mit einer klagenden
Miene an, und ich erschrak, als ob er mir ein Verbrechen vorrückte. Mein Herr,
fing ich an, ich will gleich weiter mit Ihnen reden. Ich ging in das
Nebenzimmer, um den Befehl wegen seiner Befreiung zu holen. Ich suchte ihn lange
vergebens, ob er gleich vor mir lag. Ich schämte mich vor meiner Unruhe und
glaubte zu meinem Troste, dass sie von den traurigen Erzählungen herstammte, und
dass sie durch die Freude, die Steelei über seine Erlösung haben würde, sich bald
verlieren sollte. Ich sah in den Spiegel, ehe ich wieder in das andre Zimmer
trat, und ich sah jeden Blick die Unruhe meines Herzens verraten. Ich hatte
indessen bei aller meiner Unruhe noch die Geduld, etwas an meinem Kopfputze zu
verbessern; und mitten in dem Verlangen, Steelein seine Befreiung anzukündigen,
überlegte ich noch, wie seine unglückliche Braut ausgesehen hatte, und hielt ihr
Bild im Spiegel gleichsam gegen das meinige. Ich bereitete mich auf eine kleine
Anrede und öffnete das Zimmer und ging auf Steelein zu. Ich fühlte, da ich
anfangen wollte zu reden, dass mir der Atem fehlte, und dass ich die Worte nicht
wiederfinden konnte, die ich in meinem Gedächtnisse gesammelt hatte. Ich tat
also an den Juden etliche gleichgültige Fragen, bis ich mich wieder erholte. Ich
will nicht länger ungerecht sein, fing ich endlich an, und Ihnen eine Nachricht
vorentalten, die Sie vielleicht schon lange zu hören gewünscht haben. Verstehen
Sie Russisch? Er antwortete mir ängstlich ja, ja und zitterte und machte, dass
ich einen kleinen Schauer fühlte. Ich setzte mich nieder und bat ihn, dass er's
auch tun sollte. Er weigerte sich, und ich hielt mich für verbunden, ihm selbst
einen Sessel zu reichen und mich dadurch an dem mir schon beschwerlichen
Zeremoniell zu rächen. Ich las ihm den Befehl vor und sagte endlich zu ihm: Von
dieser Stunde an haben Sie Ihre Freiheit, und ich bin sehr vergnügt, dass ich die
Person habe sein sollen, die sie Ihnen erteilen muss. Sehen Sie mich nicht als
Ihre Gebieterin, sondern als Ihre gute Freundin an! Er sprang vom Stuhle auf und
küsste mir mit einer unaussprechlichen Freude die Hand; ich liess ihn diese
Dankbarkeit sehr oft wiederholen, als fürchtete ich, ihn zu beleidigen, wenn ich
die Hand zurückezöge. Er stammelte etliche Worte vor Freuden hervor, und auch
diese Sprache gefiel mir. Ich liess dem Aufseher der Gefangenen Steeleis
Befreiung gleich anzeigen und die Wache, die ihn begleitet hatte, zurückgehen.
Ich wollte Ihnen, fuhr ich fort, gern mein Haus zum Aufentalte anbieten, bis
Sie mit einer sichern Gelegenheit nach Moskau zurückkehren können; allein meine
Umstände scheinen es zu verbieten. Der Jude wird Ihnen schon eine Wohnung
ausmachen. Sie dürfen um nichts bekümmert sein, solange ich noch hier bin. Er
nahm Abschied, und ich sah in seinen Augen, dass er mir weit mehr zu sagen hatte,
als er sagte, und kränkte mich, dass der Jude zugegen war. Diesem befahl ich, dass
er nach der Tafel wieder zu mir kommen sollte. Also war dieser erste Besuch
geendiget. Ich trat an das Fenster und wollte ihm nachsehen, und ich fragte mich
in diesem Augenblicke, warum ich dieses täte; aber ich tat es doch. Ich setzte
mich zur Tafel, und es reuete mich, dass ich ihn nicht bei mir behalten hatte.
Der Jude blieb mir schon zu lange, und ich hätte es sicher genug wissen können,
dass ich Steelein mehr als bedauerte; allein ich fand es für gut, mich zu
hintergehen. Ich stellte mir vor, dass Steelei vielleicht mit einer Karawane
handelnder Kaufleute durch Hilfe des Juden in wenig Tagen von hier abgehen
könnte, und ich verwehrte es ihm in meinen Gedanken schon und wünschte, dass er
in meiner Gesellschaft möchte zurückreisen können. Der Jude kam und versicherte
mich, dass er seinen Gast sehr wohl aufgehoben und ihn in das Haus gebracht
hätte, das er meinem verstorbenen Gemahle vor zwei Jahren abgekauft. Ich
erschrak über diese Nachricht, als ob sie von einer Vorbedeutung wäre, und ich
war zugleich mit seiner Anstalt zufrieden. Ich rief den alten deutschen
Bedienten, der mir von Kurland aus nach Moskau und von Moskau nach Siberien
gefolgt war, und den ich jetzt noch bei mir habe, und befahl ihm, dass er mit dem
Juden gehen und sehen sollte, was der Herr, der heute aus dem Arreste gekommen,
in seiner Wohnung brauchte, weil er nach dem Befehle des Hofs bis zu seiner
Abreise als eine Standsperson versorgt werden sollte. Er kam wieder und sagte
mir, dass er bis auf das weisse Geräte und eine Matratze zum Schlafen mit den
nötigsten Möbeln versehen wäre. Ich reichte ihm alles selbst, was er forderte,
und zwar von jeder Art das Kostbarste, und war unwillig, dass der Bediente nicht
mehr verlangte. Ich sagte ihm, dass er die Stücke genau zählen sollte, damit
keines verloren ginge, und mein Herz wusste doch nicht das geringste von dieser
wirtschaftlichen Sorgfalt. Ich hiess ihn noch ein Flaschenfutter Wein mitnehmen.
Und wenn Ihr von ihm geht, fuhr ich fort, so könnt Ihr in Eurem Namen fragen, ob
er noch etwas zu befehlen hätte. Er kam nicht eher als mit dem Abend wieder. Ich
fragte ihn, wo er so lange geblieben wäre. Ach, hub er in seiner treuherzigen
Sprache an, man kann von dem Herrn gar nicht wieder loskommen. Es ist ein
rechter lieber Herr; alles, was er sagt, nimmt einem das Herz. O, wenn Sie's nur
hätten hören sollen, wie er dem Himmel dankt, dass er ihn aus der Gefangenschaft
errettet hat! Er mag recht fromm sein, und ich weiss nicht, wie ihn der liebe
Gott nach Siberien hat führen können. Ich wollte ihn, als ich ging, auskleiden
helfen. Ach, sprach er, mein lieber Christian, gebt Euch keine Mühe, ich habe
mich in Siberien selber bedienen lernen. Es ging mir recht nahe. Er hat auch ein
recht gutes Ansehen. Wer weiss, wie vornehm er von Geburt ist, und hat doch in
diesem verwünschten Lande so viel ausstehen müssen! Wenn Sie mir's erlauben, so
will ich ihn alle Tage etliche Stunden bedienen, damit es ihm wieder wohl gehe.
Bei Ihnen lässt er sich für alle Gnade, die Sie ihm erzeigen, ganz untertänigst
bedanken und um nichts als ein Buch bitten. Es wird auf diesem Zeddel stehen.
Dieser Zeddel war ein französisch Billett von diesem Inhalte:
Mein Glück scheint mir nur ein Traum zu sein; und Sie überhäufen mich mit so
vieler Gnade, dass ich gar nicht weiss, wie ich dankbar genug sein soll. Ich
erzähle es dem Grafen und allen meinen Freunden und allen meinen Landsleuten
schon in Gedanken, dass ich das grossmütigste Herz in Siberien angetroffen habe.
Ach, Madame, wodurch verdiene ich Ihre Sorgfalt? und wodurch kann ich sie in dem
Reste meines unglücklichen Lebens verdienen? Durch nichts, als durch
Ehrerbietung -
Dieser kurze Brief gefiel mir sehr wohl. Ich brachte einen grossen Teil der Nacht
mit einer geheimen Auslegung dieses Briefs zu. Wodurch soll ich Ihre Sorgfalt in
dem Reste meines unglücklichen Lebens verdienen? durch Ehrerbietung. Ich gab
diesem Worte eine Bedeutung, wie sie mein Herz verlangte. Ich freute mich, da
ich erwachte, dass der Tag schon da war. Ich eilte und beschloss, Steelein des
Mittags mit mir speisen zu lassen. Ich konnte den Bedienten nicht finden. Ich
vermutete, dass er bei seinem neuen Herrn sein würde, und ich hatte recht. In
kurzem kam er. Ich warf ihm vor, dass er mich bald über seinem neuen Herrn
vergessen würde, und schickte ihn mit zwei französischen Büchern wieder an
Steelein und liess ihn bitten, zu Mittage mit mir zu speisen. Ich liess etliche
wenige Gerichte nach deutscher Art zurichten und ihn zu Mittag in einem
Schlitten abholen. Ich hatte mich nicht vornehm gekleidet, um ihm desto
ähnlicher zu sein, doch war ich sorgfältig genug gewesen, eine gute Wahl in
meinem Anzuge zu treffen. Bei dieser Mahlzeit wollte ich, sozureden, hinter mein
eigen Herz kommen und erfahren, ob meine Empfindungen mehr als Freundschaft
wären. Mein Gast kam, und seine Miene war heitrer als die gestrige und, wie mich
dünkte, weit gefälliger. Er war besser, obgleich noch russisch, gekleidet als
gestern. Dankbarkeit und Ehrerbietung redete aus ihm. Ich tat, als ob meine
Fürsorge für ihn eine Verordnung des Hofs wäre, und setzte mich ganz allein mit
ihm zu Tische. Wir brachten über unsrer kleinen Mahlzeit wohl drei Stunden zu,
und es schien mir, dass sie ihm ebenso kurz ward als mir. Er konnte sich noch
nicht recht in das Zeremoniell, mit einer Dame und vornehm zu speisen, finden,
und ich hatte das Vergnügen, ihn alle Augenblicke durch eine kleine Höflichkeit
zu erschrecken; ja, ich erfreute mich, dass ich ihn in der Wohlanständigkeit
übertraf, weil ich merkte, dass er mir am Geiste überlegen war. Er musste mir
seine Begebenheiten noch einmal erzählen, und sie rührten mich, als ob ich sie
noch nicht gehört hätte. Wir sprachen von dem Grafen, und er bezeigte ein so
grosses Verlangen, ihn wiederzusehen, dass ich lieber eifersüchtig geworden wäre.
Mit einem Worte, mein Gast gefiel mir nach wenig Stunden so sehr, dass ich mir
alle Gewalt antun musste, mich zu verstellen. Ich wünschte in denen Augenblicken,
da uns unser Bedienter verliess, dass er mir etwas Verbindliches sagen möchte, nur
um zu wissen, ob ich ihm gefiele. Allein er blieb bei der Sprache der
Ehrerbietung, und seine Augen redten ebendie Sprache. Er nahm aus einer
unglücklichen Höflichkeit, als wir vom Tische aufstunden, Abschied, und ich
hatte das Herz nicht, ihn zu bitten, dass er länger bleiben sollte, weil ich mich
zu verraten glaubte. Ich liess ihn also wieder in sein Quartier bringen. Und nun
wusste ich's, ob ich ihm gewogen war. Ich war beleidigt, dass er mich schon
verlassen hatte. Ich ward unruhiger als zuvor, und ich war es nur mehr, je
weniger ich's sein wollte. Ich stellte mir vor, dass ich ihm nicht gefiele, und
kränkte mich, dass ich nicht reizend genug war, mehr als Hochachtung von ihm zu
verdienen. Ich ward über diese Vorstellung kleinmütig und rächte mich durch
Geringschätzung an mir selber. Gleichwohl wollte ich nicht alle Hoffnung fahren
lassen und meine Liebe zu ihm mir auch nicht verbieten. Ich beschloss, ihn in
drei Tagen wieder zu mir zu bitten. O, was waren das für lange Tage für mich!
Der Bediente erzählte mir binnen dieser Zeit, dass sein Herr in seiner Einsamkeit
ganz tiefsinnig würde. Wie lieb war mir diese Nachricht! Ich war schwach genug,
ihn zu fragen, ob er nichts von mir gesprochen hätte? Er lobt Sie über die
Massen, sprach er, und fragt mich, sooft ich komme, wie Sie sich befinden, und
fragt nach allen Kleinigkeiten.
    Nach drei Tagen war er wieder auf die vorige Art mein Gast. Er kam, und die
Unruhe hatte sich in alle seine Blicke verteilt. Er hatte sich durch den Juden
ein Kleid nach deutscher Art machen lassen und sah noch einmal so jung aus. Ja,
ja, dachte ich, er ist schön, er ist liebenswert, aber nicht für dich. Ich
glaubte, ich hätte alles Bange aus meinem Gesichte vertrieben, als er mich bei
der Tafel um die Ursache fragte, warum er mich nicht so zufrieden sähe als das
letztemal. Ich erschrak über mein verräterisches Gesicht und über die
Aufmerksamkeit, mit der er mich betrachtete, und schob die Schuld darauf, dass
ich die Erlaubnis noch nicht vom Hofe bekommen hätte, nach Moskau
zurückzukehren. Aber, fuhr ich fort, was fehlet Ihnen? Die Freude über Ihre
Befreiung herrscht nicht mehr in Ihrem Gesichte. Ist es das Verlangen nach Ihrem
Vaterlande, das Sie beunruhiget? - Ja, Madame, sprach er mit niedergeschlagnen
Augen. O! wie war mir dieses Ja angenehm, das der Ton, mit dem er's aussprach,
zu einem Nein machte. Haben Sie vielleicht, fuhr ich fort, noch eine Braut in
Ihrem Vaterlande, die Sie erwartet? Warum entziehen Sie sich und mir das
Vergnügen, von ihr zu sprechen? Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich Ihnen mit der
Hälfte meines Vermögens dienen will, um Ihre Reise zu beschleunigen und Sie von
meiner Freundschaft zu überzeugen. Er antwortete mir mit einem verschämten
Blicke und sagte weiter kein Wort. Ich wollte nunmehr mein Glück oder Unglück
mit einem Male wissen. Sie schweigen? Also haben Sie eine Braut in London? -
Nein, rief er, Madame, der Himmel weiss es, dass ich seit dem Tode meiner Braut
ohne Liebe gewesen bin. Wie könnte ich Ihnen etwas verschweigen? Ach, wie könnte
ich dieses? Ich bitte Sie, vermindern Sie Ihre Gütigkeit gegen mich! Ich bin
unruhig, dass ich sie nicht verdiene. Dies ist die wahre Ursache. Nunmehr war ich
zufrieden, und er hätte aus meiner plötzlichen Veränderung leicht mein Herz
erraten können; allein meine Freude tat bei ihm eine entgegengesetzte Wirkung.
Er ward nur trauriger, je mehr ich ruhig war. Ich redte fast allein, und ich
studierte seine Augen und sein Herz aus. Er liebt dich, fing ich zu mir selbst
an, und nichts als die Gesetze der Dankbarkeit und Ehrerbietung legen seiner
Liebe ein Stillschweigen auf. Er ist verschämt, das wünschest du; und er
wünschet, dass du ihn zu dem Fehler nötigen sollst, dir seine Liebe zu gestehen;
und dieses verdient er. Ich verdoppelte meine Gefälligkeit, ohne sie über die
Schranken der Freundschaft zu treiben. Mein Gemahl hatte ein kostbares Haus
gebauet. Ich liess alle Zimmer auf der Galerie einheizen und führte ihn nach der
Tafel in alle, nur damit ich eine Gelegenheit hätte, ihn länger bei mir zu
behalten. Als wir in das grösste kamen, in welchem die Risse und Abzeichnungen
von Festungen und Landschaften hingen; so fragte ich ihn, ob er nicht auch einen
Teil von seinen Arbeiten hier finde. Ich sah, dass er nicht auf die
Abzeichnungen, sondern auf mich achtgab, und belohnte ihn gleich dafür. Ich will
Ihnen Ihre Stücke zeigen, sprach ich. Mein Gemahl hat mir's gesagt, dass die,
unter welchen ein S stände, von Ihnen wären. Er mag Sie mit diesen Arbeiten wohl
recht gequält haben. - Ach, sprach er, Madame, Sie könnten mich für alle meine
Mühe auf einmal belohnen! Aber nein ... Ich wusste in der Tat nicht, was er
verlangte, und ich bat ihn recht inständig, dass er mir's sagen sollte. Wollen
Sie mir's vergeben, rief er, wenn ich's Ihnen gestehe? Denn es ist eine
Verwegenheit. - Ja, sagte ich. Er öffnete darauf die Türe von dem vorhergehenden
Zimmer und wies auf mein Porträt. Madame, dieses Geschenk wollte ich mir
wünschen, wenn ich Siberien verlasse. Diese Bitte war mir das Angenehmste, was
ich von ihm gehöret hätte. Ich gab ihm durch die Art, mit der ich sie anhörte,
das Recht, sie zu wiederholen, und er hatte schon das Herz, mich bei der Hand zu
fassen und meiner Hand durch die seine, ich weiss nicht was für verbindliche
Dinge zu sagen. Ich begab mich geschwind mit ihm in das Tafelzimmer zurück, um
gleichsam der Gewalt zu entfliehen, die er meinem Herzen antat. Er merkte seinen
Sieg nicht und glaubte vielmehr, mich beleidiget zu haben. Er war von der Zeit
an fast ganzer acht Tage hindurch nichts als ein Freund, der mir durch eine
strenge Ehrerbietung gefallen, oder ein Gast, der durch eine dankbare
Schamhaftigkeit meine Höflichkeiten, die ich ihm alle Mittage erwies, bezahlen
wollte. Ich konnte mich in das Geheimnis unsrer Herzen nicht finden. Wir hatten
die Erlaubnis, alle Tage miteinander umzugehen. Wir durften uns vor niemanden
scheuen als vor uns selbst. Alles stund unter meinen Befehlen, und ich war
denen, die um mich lebten, zu gross, als dass ich von ihnen bemerkt zu werden
hätte fürchten dürfen. Demungeachtet schienen wir beide bei aller unsrer
Freiheit und bei unserm täglichen Umgange, anstatt dass wir vertrauter hätten
werden sollen, einander nur desto fremder zu werden. Er hütete sich, mir die
geringste Liebkosung zu machen, und ich nahm mich viel mehr als im Anfange in
acht, ihm Gelegenheit dazu zu geben. Wir sahen beide nicht, dass die
Behutsamkeit, die wir in unsern Reden und in unsern Handlungen beobachteten,
nichts als die stärkste Liebe war; oder besser, wir fühlten die Liebe so sehr,
dass wir genötiget wurden, uns strenge Gesetze vorzuschreiben. Ich ahmte ihm
nach, und er ahmte an Bescheidenheit mir nach; und was war dieser Zwang anders
als die Sorge, einander zu gefallen, und die Ungewissheit, wie wir dieses
einander ohne Fehler zu erkennen geben wollten? Alle Augenblicke erwartete ich
ein vertrauliches Bekenntnis von ihm und hinderte ihn doch durch mein Bezeigen
daran und befriedigte meinen Verdruss mit neuer Hoffnung. Wir hatten uns durch
einen Umgang von zehen oder zwölf Tagen so ausgeredet, dass wir fast nichts mehr
wussten, und wir wurden desto ärmer an Gesprächen, je weniger wir unser Herz
wollten reden lassen. Wir spielten gemeiniglich nach der Tafel Schach, ein
Spiel, das für Verliebte eher eine Strafe als ein Vergnügen ist, und das uns
sehr beschwerlich gewesen sein würde, wenn es uns nicht das Recht erteilt hätte,
einander genauer als ausser dem zu beoachten. Ich liess meine Hand mit Fleiss immer
lange auf dem Steine liegen, als wenn ich noch ungewiss wäre, ob ich ihn
fortrücken wollte; und ich liess sie doch nur für seine Augen da. Unsere Spiele
wurden alle bald aus. Ich verstund es wirklich besser als er; allein ein Blick
in seine redlichen und zärtlichen Augen und eine kleine Röte oder ein
verschämter Seufzer, den ich ihm abnötigte, war genug, mich zu dem einfältigsten
Zuge zu bewegen. Wir wiederholten diesen Zeitvertreib ganze Stunden, ohne zehn
Worte zu reden, und wir befanden uns so gut dabei, dass wir recht von der Tafel
eilten, um zum Schache zu kommen. Unser Umgang hatte nunmehr ungefähr vier
Wochen gedauert, und binnen dieser Zeit hatten wir einander nicht länger als
fünf Tage nicht gesehen, und dennoch waren wir, so sehr wir einander gefielen,
nicht vertrauter als im Anfange; und wir würden unstreitig diesen Charakter noch
länger behauptet haben, wenn unsre Herzen nicht durch einen Zufall übereilet
worden wären. Der Jude besuchte uns nämlich unvermutet bei Tische und kündigte
Steelein an, dass morgen eine Lieferung für den Hof nach Moskau abgehen würde,
und dass er für soundsoviel Geld sicher und ziemlich bequem mit fortkommen
könnte. Ich erschrak über diese Nachricht, dass ich nicht ein Wort sagen konnte,
und Steelei ebensosehr. Wenn, rief er, wenn soll ich fort? Geht nur in mein
Quartier, ich will gleich nachkommen. Der Jude verliess uns. Und nun ging eine
traurige Szene an. Ach, Madame, fing Steelei an, und schon liefen ihm die Tränen
über die Wangen; ach, Madame, ich soll schon fort? Morgen schon? - Und was macht
Ihnen denn die Abreise so sauer? Er entsetzte sich über diese Frage und geriet
in eine kleine Hitze. Sie fragen mich noch, was mir meinen Abschied sauer macht?
Sie! Sie! und auf einmal ward er still und suchte seine Wehmut zu verbergen. Mit
welcher Entzückung sah ich mich von ihm geliebt! Ich schwieg still oder konnte
vielmehr nicht reden. Er wollte fortgehen, und ich nahm ihn in der Angst bei der
Hand. Wo wollen Sie hin? - Ich will mich, sprach er, für meine Verwegenheit
bestrafen, die ich jetzt begangen habe, und Abschied von Ihnen nehmen und ... -
Aber wenn ich Sie nun ersuchte, noch nicht fortzureisen, wollten Sie nicht bei
mir bleiben? Wollten Sie nicht Ihr Vaterland, Ihre Freunde einige Zeit später
sehen? - Ach, Madame, rief er, ich will alles, ich will mein Vaterland ewig
verlassen, für Sie vergessen. Sagen Sie mir nur, ob Sie mich - ob Sie mich
hassen? - Ich liebe Sie, fing ich an, es ist nicht mehr Zeit, mich zu verbergen;
und wenn Sie mich lieben: so bleiben Sie hier und reisen Sie in meiner
Gesellschaft! Nunmehr wagte er die erste Umarmung, und o Himmel! was war dieses
nach einem so langen Zwange für ein unaussprechliches Vergnügen! Wieviel
tausendmal sagte er mir, dass er mich liebte, und wievielmal sagte ich's; und
durch wie viele Küsse, durch wie viele Seufzer wiederholten wir unser
Bekenntnis! Nun redte unser Herz allein. Er fragte mich, ob ich seine Liebe
nicht gemerkt hätte, und ich fragte ihn ebendas. Wir erzählten einander die
Geschichte unsrer Empfindungen, und unser Umgang war von dieser Stunde an Liebe
und Freude. Die Lieferung ging fort, und mein Liebhaber blieb mit tausend
Freuden zurück. Ich schickte noch ein Memorial an den Hof mit ab, um die
Erlaubnis zu meiner Abreise zu beschleunigen.
    Waren wir vorher nur halbe Tage beisammen gewesen: so wurden uns nunmehr
ganze noch zu unserer Liebe zu kurz. Er suchte meine Liebe, die er schon gewiss
besass, durch die bescheidne Art, mit der er sie genoss, erst zu verdienen; und
ich, die ich acht Jahre vermählt gewesen, ohne die Liebe zu kennen, lernte ihren
Wert unter den unschuldigsten Liebkosungen erst schätzen. Ich versprach ihm,
wenn er mir nicht nach Kurland folgen wollte, mit ihm in sein Vaterland zu
gehen, und wenn ich in Moskau die Erlaubnis dahin zurückzukehren, nicht erhalten
könnte, mich mit ihm ins geheim wegzubegeben. Bis auf diese Zeit, sprach ich,
bin ich Ihre Braut und, sobald wir uns an einem Orte niederlassen, Ihre
Gemahlin.
    Wir unterhielten uns mit den Vorstellungen von unserm künftigen Glücke noch
vierzehn Tage, als ich endlich die Erlaubnis und die Passeporte vom Hofe
erhielt, mich nach Moskau zurückzubegeben. Mein Liebhaber war gleich bei mir.
Und wie eilten wir, aus diesem traurigen Lande zu kommen! Der Kommendant von
einem nah gelegenen Schloss war zum Nachfolger meines Gemahls ernannt. Ich
übergab ihm binnen acht Tagen die Rechnungen meines Gemahls; allein er sah sie
nicht an. Ihr Gemahl, sprach er, war mein guter Freund und auch ein Freund des
Hofs. Er wird schon gut hausgehalten haben, und ich bin alt genug, ihm bald im
Tode nachzufolgen. Ich bat ihn, dass er Befehl zu meiner Abreise geben und die
Möbel und das Haus meines Gemahls von mir zum Abschiede annehmen sollte. Ich
nehme es an, sprach er; Sie aber haben die Freiheit, was Ihnen gefällt, mit sich
zu nehmen; die Ihrem Stande gemässe Bedeckung ist alle Stunden zu Ihren Diensten.
    Ich reiste also mit zween Wagen unter einer starken Bedeckung in der Mitte
des Junius fort. Mein Gemahl hatte mir über hunderttausend Rubeln meistens an
Golde und Juwelen hinterlassen. Die eine Hälfte nahmen wir auf unsern Wagen und
die andre auf den, wo unser Christian nebst einigen befreiten Gefangnen sass.
Steelei liess, ehe wir abreisten, alle Gefangne in und um Tobolskoy herum
kleiden, sie drei Tage speisen und jedem etliche Rubeln geben. Es mochten ihrer
etliche fünfzig sein.
    Wir kamen nach einer beschwerlichen Reise von fünf Wochen, die wir Tag und
Nacht fortsetzten (weil die Nacht in den warmen Monaten fast so hell wie der Tag
bleibt), glücklich in Moskau an. Ich wollte nicht öffentlich bei Hofe
erscheinen, und ich suchte nichts, als der Geliebten des Zars, deren Fräulein
ich gewesen war, ins geheim aufzuwarten. Die grossmütige Katarina empfing mich
auf dem Lustschlosse Taninska sehr liebreich. Ich musste acht Tage bei ihr
bleiben; allein alle die Gnade, die sie mir unter dieser Zeit erwies, war mir
ohne meinen Geliebten eine unerträgliche Last. Sie hörte, dass ich nichts
wünschte als das Glück, nach Kurland zurückzukehren, und sie verschafte mir's,
weil sie nur befehlen durfte. Ich eilte nach der Stadt zurück und liess meinen
lieben Reisegefährten, der bei dem englischen Kaufmann abgetreten war,
aufsuchen. Mein Christian brachte mir die betrübte Nachricht, dass er krank und
nicht imstande wäre, zu mir zu kommen. Ich liess mich den Augenblick zu ihm
fahren. Seine Krankheit war nichts als der Kummer um mich. Ach, rief er mir
entgegen, habe ich Sie nicht verloren? Sind Sie noch meine beständige Freundin?
Ich bewies es ihm und blieb den ganzen Tag bei ihm. Er zeigte mir Briefe aus
London und insonderheit die, welche der Herr Graf an ihn zurückgelassen hatte.
Es war wirklich mein Vorsatz, nach Kurland zu gehen, und nichts als die
Schwachheit meines Geliebten hinderte die Abreise. Endlich erhielt er Briefe von
dem Herrn Grafen. Ach, sprach er zu mir, er hat seine Gemahlin wiedergefunden,
er lebt mit ihr in Holland. Wollen wir nicht zu ihm reisen? Wie glücklich würden
wir bei ihm sein! Mehr brauchte er nicht, um mich meinem Vaterlande zu
entziehen.
    Nun war es beschlossen, wir gingen nach Holland. Ich setzte mich mit ihm zu
Ende des Augusts zu Schiffe, und auch die See ward mir durch die Liebe angenehm.
Wir haben nichts als eine kleine Seekrankheit und etliche Stürme ausgestanden,
die uns nichts getan, als dass sie uns ein paar Wochen länger auf der See
aufgehalten haben. Wir sind schon vor vier Tagen ans Land gestiegen und gestern
früh zu Lande hier angekommen.«
    Dies war die Geschichte von Amaliens und Steeleis Liebe.
    Die beiden ersten Tage verstrichen uns unter lauter Erzählungen, und der
dritte war der Vermählungstag. Ich und Karoline kleideten unsere Braut an und
verliebten uns recht in sie, so reizend war sie; allein der, für den sie so
reizend war, hatte nicht weniger männliche Schönheiten. Wir führten sie in sein
Zimmer. »Jetzt«, sprach sie, »ist es noch Zeit, wenn Sie Lust haben, eine andere
zu wählen«, und umarmte ihn. R... kam bald darauf mit seinem guten Freunde,
einem Prediger bei der französischen Gemeine, der sie vermählen sollte. Er hatte
ihm die Umstände von beiden gesagt. Wir setzten uns nieder, und wir wussten
nicht, dass unser Geistlicher eine Rede halten würde. Er tat es mit so vieler
Beredsamkeit und mit so vielem Geiste, dass wir alle ausser uns kamen und uns
keine grössere Wollust auf diesen Tag hätten erdenken können. Er redte von den
wunderbaren Wegen der Vorsehung bei dem Schicksale der Menschen. Man stelle sich
den Grafen und Steelein mit allen ihren Unglücksfällen, seine Braut, mich, kurz,
uns alle vor, wenn man wissen will, was diese vernünftige Rede für einen
Eindruck in unsere Herzen machte. Unsere Seele erweiterte sich durch die hohen
Vorstellungen, um den Umfang der göttlichen Ratschlüsse in Ansehung unsers
Schicksals zu übersehen, und die Empfindungen der Verwunderung und der
Dankbarkeit wuchsen mit unsern erhabnen Vorstellungen. Leuten, die niemals im
Unglücke gewesen, Leuten, die zu frostig sind, andrer Unglück zu fühlen, wird
das Vergnügen, das wir aus dieser Rede schöpften, als ein scheinheiliges Rätsel
vorkommen. Sie werden sich nicht einbilden können, wie sich solche ernstafte
Betrachtungen zu einem Tage der Freude und der Liebe schicken; allein sie werden
mir auch nicht zumuten, dass ich ihnen eine Sache beweisen soll, die auf die
Empfindung ankömmt.
    So verging der Vormittag, und Steelei und Amalie waren verbunden, und unser
Bündnis war auch wieder erneuert. Unser Geistlicher, der uns ein recht lieber
Gast gewesen sein würde, wollte nicht bei uns bleiben, so sehr wir ihn auch
baten. Er sagte, dass er den Nachmittag bei einem jungen Menschen zubringen
würde, der sich aus Schwermut das Leben hätte nehmen wollen, aber noch an dem
Selbstmorde gehindert worden wäre. Er bat uns, ob wir nicht zur Verbesserung
seiner elenden Umstände etwas beitragen und ihn mit einigen Arzneien versehen
lassen wollten, damit nicht die Krankheit des Gemüts durch ein verdorbnes Blut
noch mehr unterhalten würde. Weil es schien, dass er die besondern Umstände
dieses Menschen mit Fleiss verschwieg: so wollten wir nicht zur Unzeit neugierig
sein. Wir fragten also nichts, als wo er anzutreffen wäre Er nannte uns eine
alte Schifferin, die ihn, wie er gehört, nur vor etlichen Tagen in ihre Hütte
aus Mitleiden eingenommen, in der er sich gestern durch ein Messer, doch ohne
Lebensgefahr, verwundet hätte. Wir sagten ihm, dass er nicht bitten, sondern uns
vorschreiben sollte, wie er's mit dem Kranken gehalten wissen wollte; weil wir
gar keine Überwindung nötig hätten, einem Elenden mit einem Teile von unserm
Vermögen zu dienen. Wir schickten ihm, sobald der Geistliche weg war, Betten und
andere Sachen. Unser Doktor musste kommen; und das unglückliche Mädchen, von der
ich oben geredt habe, und die jetzt Aufseherin in meinem Hause war, musste ihn zu
dem Kranken begleiten, um zu hören, was er für Anstalten wegen der Speisen und
des Getränks machen würde, damit sie alles nach seiner Vorschrift einrichten
könnte.
    Wir setzten uns zur Tafel, und wir wären eines solchen Tages nicht wert
gewesen, wenn wir ihn nicht zu geniessen gewusst hätten. Eins war zu dem Vergnügen
des andern sinnreich; und Kleinigkeiten, die andre aus Mangel der
Vertraulichkeit oder auch des Geschmacks vorübergehen, dienten uns in unsrer
Gesellschaft zu neuen Unterhaltungen und erhielten durch die Art, mit der wir
uns ihrer bedienten, den Wert, den die prächtigsten Mittel der Freude am
wenigsten haben. Kleine Zänkereien, die Amalie mit Steelein wegen des
kosakischen Mädchens anfing, kleine Vorwürfe, womit wir einander erschreckten,
beseelten unsere Vertraulichkeit, und jeder unschuldige Scherz gab uns eine neue
Szene des Vergnügens. Die Aufseherin, die wir zu dem Kranken geschickt hatten,
kam mit offnen Armen zurück und erzählte uns, dass sie ihren ungetreuen Liebhaber
wiedergefunden, und dass es der Elende selbst wäre, für den wir gesorgt hätten.
»Er«, rief sie, »hat mir alles mit tausend Tränen abgebeten; und ich habe ihm
alles vergeben, und ich bitte für ihn. Sein Gewissen hat ihn mehr als zu sehr
bestraft!« Er sagte mir, dass er sich, da er mich so boshaft verlassen, nach
Harlem gewendet und sich allen Ausschweifungen überlassen hätte, um nicht an das
zu gedenken, was er getan. Einige Monate sei es ihm gelungen, nach dem aber
hätte er sich der entsetzlichen Vorstellungen, dass er mich und die Frucht unsrer
Liebe durch seine Untreue vielleicht ums Leben gebracht, nicht länger erwehren
können. Sie hätten ihn genötiget, an den Ort zurückzukehren, wo er mich
verlassen, und da er weder das Herz gehabt, sich genau nach mir zu erkundigen,
noch auch gewusst hätte, wo er es tun sollte: so hätte ihn endlich eine alte
Schifferin auf ebender Wiese, wo er von mir gewichen, und auf der er schon zween
Tage zugebracht, in der grössten Verzweiflung angetroffen und ihn mit sich in
ihre Hütte genommen. Hier hätte er, da er ohne dies nichts mehr zu leben gehabt,
sein Elend durch den Selbstmord endigen und sich zugleich für seine Bosheit
bestrafen wollen. »Es steht bei Ihnen,« fuhr sie fort, »ob Sie ihm durch Ihre
Wohltaten das Leben und mich wiedergeben wollen. Ich liebe ihn, als ob er mich
nie beleidiget hätte; allein (hier sah sie mich an) Sie zu verlassen, das kann
ich nicht ...« Sie verdiente unsere Gewogenheit und unser Vergnügen über ihr
Glück. Wir liessen ihren Liebhaber in das Haus neben uns bringen und besuchten
ihn den Abend noch. Seine Wunde war nicht gefährlich, und die Freude, seine
Geliebte wiedergefunden zu haben, hatte ihm so viel Lebhaftigkeit erteilt, dass
er mit uns sprechen und uns seinen Fehler abbitten konnte. Er wollte uns alles
erzählen: allein wir waren mit seiner Reue zufrieden und erliessen ihm die Scham,
sein eigner Ankläger zu werden. Wir sahen in seinem zerstreuten und ausgezehrten
Gesichte noch Spuren genug von einer angenehmen Bildung und einem zärtlichen
Herzen. Er war noch nicht vierundzwanzig Jahre alt und wegen seiner Jugend der
Vergebung und des Mitleids desto würdiger.
    Den Rest des Abends brachten wir mit einer Musik zu, die wir uns selber
machten. Ich spielte den Flügel, und bald sang ich selbst, bald Amalie oder
Karoline dazu. Meine kleine Tochter, die in das sechste Jahr ging, war so
verwegen, Steelein zu einem Tanze aufzufordern, und sie hätte uns bald alle zu
dieser Lust verführt. Wir führten endlich unsre beiden Vermählten in ihr
Schlafzimmer und überliessen sie den Wünschen der Liebe.
    Als ich mich den Morgen darauf noch mit dem Grafen beratschlagte, was wir
unserm Paare heute für ein Vergnügen machen wollten, trat ein Bedienter herein
und sagte, dass ein Engelländer meinen Gemahl sprechen wollte. Sobald er die Tür
öffnete, so sagte uns sein Gesicht, dass es Steeleis Vater wäre. Er hatte ein
eisgraues Haupt; aber seine muntern Augen, sein rotes Gesicht und trotziger Gang
widerlegten seine Haare. »Ich suche«, fing er auf französisch an, »meinen Sohn
bei Ihnen; oder da ich in meinem Leben wohl nicht so glücklich sein werde, ihn
wiederzusehen: so will ich wenigstens hören, ob Sie nicht wissen, wo er ist.
Meine Nachricht aus Moskau geht nicht weiter, als dass ich gewiss weiss, dass er aus
seinem Elende in Siberien hat sollen befreit werden. Und aus Verlangen, einen so
teuren Freund von meinem Sohne zu sprechen, bin ich in meinem
neunundsiebenzigsten Jahre noch einmal zur See gegangen.« - »Ihre Reise«, fing
mein Gemahl an, »soll Sie nicht gereuen. Ich habe Briefe von Ihrem Sohne aus
Moskau und kann Ihnen die erfreuliche Nachricht von seiner baldigen Ankunft zum
voraus melden. Wie lange können Sie sich hier aufhalten?« - »Das ganze Jahr
hindurch,« sprach der Alte, »und noch länger, wenn ich meinen Sohn erwarten
kann.« Mein Gemahl befriedigte seine väterliche Neubegierde mit einigen
besonderen Nachrichten, und ich eilte zu unserm zärtlichen Paare, um zu sehen,
ob sie angekleidet wären. Sie gingen beide noch in ihren Schlafkleidern, und ich
liess dem Grafen heimlich sagen, dass sie aufgestanden wären. »Mein Gemahl«,
sprach ich nach einigen kleinen Fragen, »wird gleich kommen und Sie zu einer
Spazierfahrt einladen.« Indem öffnete er schon die Türe und trat mit dem Alten
herein. In dem Augenblick riss sich Steelei von seiner Gemahlin, die ihn in den
Armen hatte, los und lief auf seinen Vater zu. Der Alte sah ihn nach der ersten
Umarmung lange an, ohne ein Wort zu sagen. »Ja,« rief er endlich, »du bist mein
Sohn, du bist mein lieber Sohn. Gottlob! nun will ich gern sterben. Mein Sohn,
gib mir einen Stuhl, meine Füsse wollen mich nicht mehr halten!« Amalie langte
ihm einen, und wir traten alle vor ihn. Seine erste Frage war, wer Amalie wäre.
»Seit gestern«, sprach sie, »bin ich die Gemahlin Ihres Sohnes. Sind Sie mit
seiner Wahl zufrieden?« Er nahm sie recht liebreich bei der Hand. »Ist es gewiss,
dass Sie meine Tochter sind: so küssen Sie mich und sagen Sie mir, aus welchem
Lande Sie sind!« Er machte ihr darauf die grössten Liebkosungen und tat allerhand
Fragen, die seinem ehrlichen Charakter gemäss und uns deswegen angenehm waren,
wenn sie gleich nicht die wichtigsten waren. Es missfiel ihm, da er hörte, dass
wir nicht getanzt hätten. »Nicht getanzt?« fing er an, »wie traurig muss diese
Hochzeit gewesen sein! Nein, was unsere Vorfahren für gut befunden haben, dass
muss man nicht abkommen lassen. An seinem Hochzeittage muss man froh sein. Wenn
wir nach London kommen: so will ich alles so anordnen, wie es an meiner Hochzeit
war. Es sind, gottlob! schon fünfzig Jahre verstrichen, und ich weiss alles noch
so genau, als ob es erst gestern geschehen wäre. Es ist wahr,« sprach er zu
Amalien, »Sie sehen viel schöner aus als meine selige Frau an ihrem Brauttage
sah; aber sie war viel besser angezogen.« Er beschrieb ihr mit der Freude eines
Alten, dem das gefällt, was in seiner Jugend Mode gewesen, den ganzen Anzug
seiner Frau, und sie versprach ihm, wenigstens um den Kopf und den Hals einen
Teil von diesem Staate nachzuahmen. Sie tat es auch; und in einem engen Leibchen
und grossen weiten Ärmeln, drei- oder viermal mit Bande gebunden, und in Locken,
die bis auf die Schultern hingen, gefiel sie ihm erst recht wohl. Sein Sohn
musste ihm sein Schicksal erzählen. Er weinte die bittersten Tränen, wenn Steelei
auf eine betrübliche Begebenheit kam; und mitten unter den Tränen machte er hier
und da noch allerhand Anmerkungen. Er fuhr ihn z.E. bei dem Anfange seiner
Geschichte recht väterlich an, dass er den Gesandten verlassen hätte und ein
Soldat geworden wäre. Bald darauf umarmte er ihn, dass er so rechtschaffen an dem
Grafen gehandelt hätte, als er auf dem Wege krank geworden. »Da erkenne ich
meinen Sohn«, rief er. »Gott weiss es, ich hätte es ebenso gemacht; das heisst
seinen Freunden in der Not dienen! « Bei der Begebenheit mit dem Popen in
Russland machte er ihm keine Vorwürfe. »Deine Liebe zur Wahrheit«, sprach er,
»ist dir freilich übel bekommen, und ich wünschte, es wäre nicht geschehen; aber
es ist doch allemal besser, seine Meinung frei herauszusagen, als mit einer
niederträchtigen Furchtsamkeit zu reden. Ich sehe dich, weil die Sache von der
Religion hergekommen ist, als einen Märtyrer an; und ich danke Gott für den Mut,
den er dir gegeben hat.« Bei den grossen Diensten, die der Graf Steelein in
Siberien erwiesen, nahm er eine recht majestätische Miene an. »Nun,« sprach er,
»das ist Grossmut! Mehr kann kein Freund an dem andern tun. Ach, Herr Graf, Sie
haben noch ein redlicher Herz als ich und mein Sohn. Ihnen habe ich meinen Sohn
zu danken. Ja, in meinem ganzen Leben, noch in jenem Leben will ich Sie rühmen!«
Die Geschichte der Liebe mit Amalien trug Steelei auf der Seite vor, wo er
wusste, dass sie seinen Vater am meisten rühren würde. Er liess alles Freundschaft
in ihrem Umgange sein und die Liebe nicht eher als kurz vor der Abreise aus
Moskau entstehen. Alles gefiel ihm, alles war schön an Amalien und je mehr er
aus der ganzen Erzählung schloss, dass Amalie vor ihrer Vermählung seinem Sohne
keine vertrauliche Liebe erlaubt desto freudiger ward er, und desto mehr
Hochachtung bezeigte er ihr. Da die Erzählung geendigt war, umarmte er Amalien
noch einmal. »Ach,« sprach er, »mein Sohn ist Ihrer nicht wert. Er verdienet
eine liebe Frau; aber wodurch hat er Sie verdienet? Kommen Sie mit nach London,
ich habe ein grosses Haus, und es ist in der ganzen Welt nicht besser als in
London!« - »Was,« fing sie an, »als in London?« - »Und hier bei Ihnen«, fuhr er
lächelnd fort und fragte mich, ob ich ihn denn auch etliche Tage bei mir
behalten und mir seine Art zu leben, die nicht nach der Welt wäre, gefallen
lassen wollte. Er war wirklich bei allen seinen kleine Fehlern ein recht
liebenswürdiger Mann, und die Aufrichtigkeit, mit der er sie beging, machte sie
angenehm. Er war dreist, ohne die Höflichkeit zu beleidigen, und seine
Vorurteile waren entweder unschuldig oder doch dem Umgange nicht beschwerlich.
Wir begingen diesen und den folgenden Tag das Hochzeitfest nach seinem Plane. Er
war auf die anständigste Art munter und weckte uns alle durch sein Beispiel auf.
Sein Leibspruch war: man kann fromm und auch vergnügt sein. »Mein Sohn«, sprach
er, »hat mir viel bekümmerte Stunden gemacht, nun soll er mir freudige Tage
machen.« Er tanzte denselben Abend bis um eilf Uhr und war gegen R... und den
Grafen und gegen seinen Sohn selbst ein Jüngling. »Das heisst«, fing er an,
»recht ausgeschweift. So spät bin ich seit vierzig Jahren nicht zu Bette
gegangen. Aber ist doch das Tanzen keine Sünde! Wenn ich nun auch diese Nacht
stürbe: so würde mir meine Freude doch nichts schaden.« R... fragte ihn bei
dieser Gelegenheit, wie er sich denn bis in sein hohes Alter so munter erhalten,
und wodurch er die Furcht vor dem Tode besiegt hätte, da er ihm nach seinen
Jahren so nahe wäre. »Dass ich noch so munter bin,« sprach er, »das ist eine Gabe
von Gott und eine Wirkung eines ordentlichen Lebens, zu dem ich von den ersten
Jahren an gewöhnet worden bin. Und warum sollte ich mich vor dem Tode fürchten?
Ich bin ein Kaufmann; ich habe meine Pflicht in acht genommen; und Gott weiss,
dass ich niemand mit Willen um einen Pfennig betrogen habe. Ich bin gegen die
Notleidenden gütig gewesen, und Gott wird es auch gegen mich sein. Die Welt hier
ist schön; aber jene wird noch besser sein ...« Musste man einen solchen Mann
nicht lieben, der von Jugend auf mit dem Gewinne umgegangen war und doch ein so
edelmütiges Herz hatte? Er bezeigte über das grosse Vermögen, das Amalie besass,
keine besondere Freude. »Mein Sohn,« sprach er, »du hast ein Glück mehr als
andere Leute; aber du hast auch eine Last mehr, wenn du dein Glück recht
brauchen willst.«
    Nachdem er das Vergnügen eingesammelt hatte, das sich ein Vater in seinen
Umständen wünschen konnte: so waren alle unsere Bitten nicht vermögend, ihn von
der Rückkehr in sein Vaterland abzuhalten. »Ich will in London sterben«, sprach
er, »und bei meiner Frau begraben werden; lassen Sie mich reisen, ehe die See
stürmisch wird. Ich will Ihnen meinen Sohn zurücklassen und zufrieden sein, wenn
er künftiges Jahr zu mir kömmt.« Der junge Steelei wollte seinen Vater nicht
allein reisen lassen und sich doch auch nicht von uns trennen. Mit einem Worte:
wir entschlossen uns alle, Karolinen ausgenommen, ihn nach London zu begleiten
und den Winter über dazubleiben. Dieses hatte der Alte gewünscht, aber nicht das
Herz gehabt, es uns anzumuten. Ehe wir fortgingen, stifteten wir noch ein gutes
Werk. Wid, so hiess der junge Mensch, der seine Geliebte ehemals verlassen hatte,
war völlig von seiner Krankheit wiederhergestellt. Er wünschte nichts als seine
Braut zu besitzen und mit seinem Vater wieder ausgesöhnt zu werden. Wir hatten
an ihn geschrieben; aber er wollte nichts von seinem Sohne mehr wissen und
versicherte uns, dass er ihn, so geringe sein Vermögen wäre, doch schon enterbt
hätte. Der junge Wid dauerte uns, und wir sahen, dass er die Torheit seiner
Jugend in seinen männlichen Jahren wieder gutmachen würde. Er hatte in Leiden
bis in sein siebenzehntes Jahr studiert und nach dem auf seines Vaters Willen in
ein Kontor gehen müssen. Andreas war auf das erste Wort willig, ihn in seine
Handlung zu nehmen. Wir machten ihm eine kleine Hochzeit. Amalie stattete die
Braut sehr reichlich aus, und der alte Steelei und der Graf gaben ihm auch
tausend Taler. Wir streckten ihm überdies noch ein Kapital in die Handlung vor
und meldeten alles dieses seinem Vater, um ihn desto eher zu gewinnen. Wir
überliessen also Karolinen unsre Tochter und unser Haus zur Aufsicht und gingen
zwölf Tage nach des alten Steelei Ankunft zur See. Der Wind war uns so günstig,
dass wir in wenig Tagen nur noch etliche Meilen von London waren. Wir trafen ein
Paketboot an, und um eher am Lande zu sein, setzten wir uns in dieses; allein zu
unserm Unglücke. Wir waren alle in dem Boot bis auf den alten Christian der
Amalie. Dieser wollte seinem Herrn die Schatulle, in welcher der grösste Teil von
Amaliens Vermögen an Kleinodien und Golde war, von dem Schiffe zulangen. Steelei
und ein Bedienter des Grafen griffen auch wirklich darnach; allein vergebens.
Christian, es mag nun seine Unvorsichtigkeit oder das Schwanken des Schiffes
schuld gewesen sein, liess vor unsern Augen die Schatulle in die See fallen und
schoss in dem Augenblicke, entweder aus Schrecken, oder weil er sich zu sehr über
Bord gehoben hatte, selbst nach. Wir hatten alle Mühe, ihm das Leben zu retten,
und ein Schatz von mehr als funfzigtausend Talern war in einem Augenblicke
verloren. »Bin ich Ihnen«, fing endlich Amalie zu ihrem Manne an, »noch so lieb
als zuvor?« Steelei beteuerte es ihr mit einem heiligen Schwure, und nun war sie
zufrieden. Der alte Steelei, sowenig er das Geld liebte, konnte doch den Zufall
nicht vergessen Er hielt dem alten Christian eine lange Strafpredigt. Endlich
nahm er Amalien bei der Hand. »Sei'n Sie getrost,« sprach er, »ich habe,
gottlob! so viel, dass Sie beide nach meinem Tode ohne Kummer miteinander werden
leben können.« Den armen Christian kostete diese Begebenheit dennoch das Leben.
Er kam krank nach London und starb bald nach unsrer Ankunft. Amalie und Steelei
hatten eine ausserordentliche Liebe für diesen Menschen, und sie liessen ihn den
verursachten Verlust so wenig entgelten, dass sie ihn vielmehr für seine Treue
auf die grossmütigste Art noch auf seinem Sterbebette belohnten. Sobald sie vom
Doktor höreten, dass wenig Hoffnung zu seinem Aufkommen übrig wäre: so liessen sie
ihn in ein Zimmer neben dem ihrigen legen, um ihn recht sichtbar zu überführen,
dass sie nicht auf ihn zürnten; denn dieses war sein Kummer. Kurz vor seinem Tode
besuchte ich ihn noch mit Amalien. Der alte Steelei kam auch und setzte sich vor
das Bette des Kranken, um ihn sterben zu sehen. »Er hat ein sanftes Ende,« fing
er zu uns an, »und wenn es sein müsste, ich wollte gleich mit ihm sterben.«
    Der Sterbende schien sich noch einmal aufrichten zu wollen, und in dem schoss
ihm ein Strom vom Blute aus dem Munde, und Christian war tot. »Bin ich nicht
erschrocken!« rief der Alte zitternd. Wir wollten ihn in das andere Zimmer
führen; allein er konnte sich nicht aufrecht erhalten, und wir mussten ihn
hineintragen lassen. »Lasst mir meinen Grossvaterstuhl bringen,« fing er an, »in
diesem will ich sterben, ich fühle mein Ende.« Man brachte ihm den Stuhl, und er
liess ihn vor das Fenster, das nach dem Garten ging, setzen, damit er den Himmel
ansehen könnte. Er hub seine Hände auf und bat uns (wir waren alle zugegen), dass
wir ihn nicht stören sollten. Nachdem er sein Gebet verrichtet, rief er seinen
Sohn: »Ich fühle es,« sprach er, »dass ich bald sterben werde. Der gute Christian
hat mich recht erschreckt; aber wer kann dafür! Hier hast du den Schlüssel zu
meinem Schreibtische. Gott segne dir und deiner Frau das Vermögen, das ich euch
hinterlasse; es ist kein Heller von unrechtmässigem Gute dabei.« Der Doktor, nach
dem wir geschickt hatten, kam und öffnete ihm eine Ader, wozu der Alte anfangs
gar nicht geneigt war. Doch es ging kein Blut. Er schlug ihm eine an dem Fusse,
und auch da kam keines. »Sieht Er,« sprach der Alte, »dass Seine Kunst nichts
hilft, wenn Gott nicht will? Was hat Er nunmehr für Hoffnung?« - »Keine«, sprach
der Medikus. - »So gefällt Er mir,« war seine Antwort, »wenn Er aufrichtig
redt.« - »Bedienen Sie sich«, fuhr der Doktor fort, »der guten Augenblicke, wenn
Sie noch einige Anstalten zu treffen haben.« Der Alte lächelte: »Als wenn ich in
achtzig Jahren nicht Zeit genug gehabt hätte, die Anstalten zu meinem Tode zu
treffen. Gott«, fuhr er fort, »kann mich rufen, wenn er will, ich bin fertig bis
auf das Abschiednehmen. Wo sind meine Kinder und meine lieben Gäste?« Wir traten
alle mit tränenden Augen vor ihn, und er nahm von einem jeden insbesondere
Abschied. »Ach,« fing er darauf an, »wie schön wird's in jener Welt sein! Ich
freue mich recht darauf; und wen werde ich von Ihnen am ersten da umarmen? - Es
wird mir ganz dunkel vor den Augen; aber sonst ist mir recht wohl, recht - « Bei
diesen Worten überfiel ihn eine Ohnmacht, und bald darauf starb er.
    Der Anfang unsers Aufentalts in London war also traurig, und das Geräusche
der Stadt und der Besuch war uns so beschwerlich, dass wir uns gleich nach der
Beerdigung entschlossen, den Rest des Herbsts und den Winter selbst auf Steeleis
Landgute, das etliche Meilen von London war, zuzubringen.
    Wir lebten daselbst sechs Monate recht zufrieden und meistens einsam, ausser
dass wir zuweilen die Schwester von der ehemaligen Braut unsers Steeleis
besuchten und wieder von ihr besuchet wurden. Sie war von ihrer ganzen Familie
noch allein am Leben und entschlossen, niemals zu heiraten. Niemand als sie
wusste, wer mein Gemahl war; denn die andern Nachbarn kannten ihn nicht anders,
als unter dem Namen des Herrn von Löwenhoek. Dieses Frauenzimmer, die nichts
weniger als schön war, besass doch die liebenswürdigsten Eigenschaften. Amalie,
sie und ich brachten manche Stunde bei der Gruft ihrer Schwester zu und ehrten
ihr Andenken mit unsern Tränen.
    Es war Frühling, und viele Familien aus London besuchten nunmehr das Land.
Das nächste Gut an dem unsrigen gehörte dem Staatssekretär Robert. Dieser hatte
mit Steelein ehemals in Oxford studiert, und Steelei war sehr begierig, ihn nach
so vielen Jahren einmal wiederzusehen. Er schrieb an ihn, sobald er hörte, dass
er auf dem Landgute angekommen war, und bat um die Erlaubnis, dass er ihn nebst
seiner Frau und noch ein paar guten Freunden besuchen dürfte. Robert, der noch
gar nicht gewusst hatte, dass Steelei wieder aus Moskau zurückgekommen war,
schickte ihm den andern Tag eine Antwort voller Sehnsucht und Freundschaft und
zugleich seinen eigenen Wagen. R... war unpass, und wir fuhren also ohne ihn zu
Roberten und kamen kurz vor der Mittagsmahlzeit an. Er empfing uns mit vieler
Höflichkeit, und Steelei präsentierte ihm meinen Gemahl unter seinem
angenommenen Namen als einen Freund, den er mit aus Siberien gebracht. Unser
Wirt, der ganz allein war, nötigte uns ohne Verzug zur Tafel, damit er ungestört
mit uns reden könnte. Wir hatten uns kaum niedergesetzt und ausser den
Komplimenten noch nichts gesprochen, als der Bediente des Staatssekretärs
hereintrat und jemanden anmeldete, aber so sachte, dass wir nichts als das Wort
Abgesandter verstehen konnten. »Müssen wir denn gestört werden?« fing Robert
ganz zornig an, und eilte den Augenblick nebst dem Bedienten aus dem Zimmer. Wir
blieben sitzen und erwarteten mit grösstem Verdruss den neuen Gast; aber, o
Himmel! was für ein Augenblick war das für mich und den Grafen, als Robert den
Prinzen von S... hereingeführt brachte! Wir sprangen beide von der Tafel auf und
wussten nicht, ob wir in dem Zimmer bleiben sollten. Der Prinz trat auf mich zu,
als ob er seinen Augen nicht trauen wollte; in dem sah er den Grafen und
erschrak, dass er blass wurde. Robert merkte nichts von diesem Geheimnisse und
nötigte den Prinzen und uns, die er seine Freunde nannte, an die Tafel. Der
Prinz bedankte sich und sagte, dass er schon gefrühstücket hätte und nur gekommen
wäre, sich einige Stunden mit der Jagd zu vergnügen. Robert antwortete, dass er
ihm Gesellschaft leisten wollte; allein er nahm es nicht an. »Geben Sie mir
Ihren Jäger mit,« sprach er ganz zerstreut; »auf den Abend will ich gewiss Ihr
Gast sein.« In dem machte er uns allen ein Kompliment, und Robert begleitete
ihn. »Ach,« fing mein Gemahl zu Steelein an, »wo haben Sie uns hingeführt? Wie
wird mir's und meiner Gemahlin ergehen? Das war der Prinz von S... Er wird in
den Verrichtungen seines Königs hier sein, und ich, ich - « Robert kam mit einer
unruhigen Miene wieder. »Ich weiss nicht,« sprach er, »warum der Prinz so
bestürzt war. Er muss jemanden von Ihnen kennen oder zu kennen sich einbilden. Er
fragte insonderheit nach Ihnen (er meinte den Grafen); allein ich sagte ihm, dass
ich mit meinen Gästen selbst noch nicht bekannt wäre. Er ist in den
Angelegenheiten des Königs von Schweden seit kurzer Zeit hier und wird
vermutlich bald wieder von hier zur Armee abgehen.« Unser Wirt schloss aus unsrer
Bestürzung auf ein Geheimnis und bat, dass wir ihm die Sache entdecken sollten,
wenn sie nicht von Wichtigkeit wäre. »Ich will Ihnen alles sagen«, fing der Graf
an, »und zum voraus um Ihren Schutz bitten, wenn ich ihn verdiene. Ich bin der
Graf von G... Mein Name wird Ihnen durch mein Unglück vielleicht schon bekannt
sein. Ich bin vor zehen Jahren als ein schwedischer Obrister so unglücklich
gewesen, dass mir das Leben durch das Kriegsrecht abgesprochen worden ist.«
Darauf erzählte er ihm das übrige, und wie er zu seiner Sicherheit als ein
Gefangner der Russen den Namen Löwenhoek angenommen. »Der Prinz«, fuhr er fort,
»ist mein Feind, und meine Verurteilung ist vielleicht eine Wirkung seiner Rache
gewesen. Ich will Ihnen die Ursache nicht sagen, wodurch er bewogen worden,
meinen Untergang zu suchen. Sie ist ihm vielleicht nachteiliger als seine Rache
selbst. Ich schliesse aus seiner Bestürzung dass er mich für tot muss gehalten
haben, und wer weiss, ob nicht die Zeit seinen Hass gegen mich vertrieben hat. Bin
ich«, schloss er endlich, »nicht so unschuldig, als ich Ihnen gesagt habe: so
lasse mich Gott noch durch die Verfolgung dieses Prinzen sterben!« Unser Wirt,
dem das Blut vor edler Empfindung in das Gesicht trat, reichte dem Grafen die
Hand. »Bleiben Sie bei mir«, sprach er. »Ich will alle mein Ansehen bei Hofe zu
Ihrer Sicherheit anwenden, und wenn das nicht hilft, mein Leben. Verlassen Sie
sich auf mein Wort, ich bin ein ehrlicher Mann. Ich will dem Prinzen in etlichen
Stunden entgegenfahren und ihn zurückholen, und bei meiner Zurückkunft will ich
Ihnen sagen, was Sie tun sollen. Erzählen Sie mir indessen alles, was zu Ihrem
Schicksale gehöret; denn ich sehe doch; dass wir jetzt nicht essen können.« Wir
taten es. »Ich bin Ihr Freund,« fing Robert endlich an, »mehr kann ich Ihnen
nicht sagen; ich will es Ihnen aber beweisen.« Er fuhr nunmehr dem Prinzen
entgegen und bat, dass wir uns bis zu seiner Zurückkunft in dem Garten aufhalten
sollten. Wir erwarteten ihn daselbst zwischen Furcht und Hoffnung und waren
beinahe entschlossen, ohne seine Erlaubnis wieder zurückzukehren. Endlich sahen
wir ihn nebst dem Prinzen in den Garten kommen, und mein ganzes Herz empörte
sich über diesen Anblick. Der Prinz ging gerade auf den Grafen zu, der die Augen
niederschlug, und umarmte ihn, nachdem er mir und Amalien ein Kompliment
gemacht. »Ich bin Ihr Freund,« sprach er, »wenn ich's auch nicht immer gewesen
bin, und ich wünschte, dass Sie der meinige werden möchten. Wir haben Sie alle
für tot gehalten. Ich weiss, dass Ihnen bei der Armee zuviel geschehen ist, und es
kömmt auf Sie an, was Sie für eine Genugtuung fordern wollen.« - »Keine«,
antwortete der Graf, »als diejenige, die Sie mir schon erteilt haben, nämlich,
dass ich unschuldig und der Gnade des Königs nicht unwert bin.« - »Sie sind ihrer
so wert,« versetzte der Prinz, »dass ich Ihnen in seinem Namen zweierlei zum
voraus verspreche. Wollen Sie mit nach Schweden und zur Armee zurückkehren: so
biete ich Ihnen die Stelle eines Generals an. Dies wird die beste Ehrenerklärung
für das sein, was Ihnen als Obristen schuld gegeben worden ist. Wollen Sie dies
nicht: so bleiben Sie hier. Ich will es bei dem Könige so weit bringen, dass Sie
als schwedischer Envoyé bei meiner Abreise zurückbleiben sollen. Sagen Sie ja,
Herr Graf, damit ich das Vergnügen habe, Sie zu überzeugen, dass ich Sie
hochschätze und das Vergangene wieder gutmachen will.« Der Graf schlug beides
aus. »Ich bin zufrieden,« sprach er, »dass Sie mein Freund sind und mich in die
Gnade des Königs von neuem setzen wollen; mehr verlange ich nicht. Sollte ich
mich noch einmal in die grosse Welt wagen und glücklich sein, um vielleicht
wieder unglücklich zu werden? Ich will mein Leben ohne öffentliche Geschäfte
beschliessen.« Robert mengte sich endlich in das Gespräch, und unsre Furcht vor
dem Prinzen verminderte sich. Es sei nun, dass seine Rache gesättigt war, oder
dass ihn sein Gewissen gequält hatte: so bezeigte er den ganzen Abend eine
ausserordentliche Freude, dass der Graf noch lebte, den er so viele Jahre hindurch
für tot gehalten hatte. Mein Gemahl tat so grossmütig gegen ihn, als ob er nie
von ihm wäre beleidigt worden. Der Prinz nahm noch denselben Abend von uns
Abschied, weil er sehr früh wieder zurück nach London wollte. »Wenn Sie mein
Freund sind,« sprach er zum Grafen: »so besuchen Sie mich noch diese Woche, oder
ich komme zu Ihnen.« Der Graf versprach es ihm, allein er konnte sein Wort nicht
halten; die Zeit war da, dass ich ihn zum andern Male verlieren sollte. Denn in
ebendieser Nacht bekam er einen Anfall von einem Fieber. Wir eilten den andern
Tag von unserm grossmütigen Wirte auf unser Landgut zurück, und das Fieber liess
den armen Grafen kaum mehr aufdauern. Er ward in wenig Tagen so entkräftet, dass
er die Hoffnung zum Leben aufgab. Ich kam bis in den neunten Tag weder Tag noch
Nacht von seiner Seite und suchte mir ihn recht wider den Willen des Schicksals
zu erhalten: so vollkommen liebte ich ihn noch. Drei Tage vor seinem Ende
wünschte er, dass ihn der Prinz besuchen möchte. Wir liessen's ihm eiligst melden,
und er war den Tag darauf schon zugegen. »Sehen Sie,« sprach der Graf, »dass ich
keine Gnade des Königs mehr nötig habe? Ich will nur Abschied von Ihnen nehmen
und Sie und mich überzeugen, dass ich als Ihr Freund sterbe.« Der Prinz war so
gerührt und zugleich so beschämt, dass er ihm wenig antworten konnte. Er blieb
wohl eine halbe Stunde vor dem Bette sitzen und drückte ihm die Hand und fragte,
ob er ihm denn mit nichts mehr dienen könnte als mit seinem Mitleiden. Der Graf
ward so schwach, dass er kaum mehr reden konnte, und bat den Prinzen, ihn zu
verlassen. Der Prinz ging mit grösster Wehmut fort und wagte es nicht, von mir
Abschied zu nehmen. Den andern Tag kam der Graf aus einem tiefen Schlafe eine
Stunde lang wieder zu sich selber. Amalie, Steelei und R..., der doch selbst
noch krank war, traten alle zu ihm. »Bald«, sprach er zu mir, »hätte ich Euch
nicht wiedergesehen. Ach, meine Gemahlin, der Tod ist nicht schwer; aber Euch
und meine Freunde zu verlassen, das ist bitter. Ich sterbe; und Ihnen, mein
lieber R..., überlasse ich meine Gemahlin.« Er starb auch an ebendem Tage. Ich
will meinen Schmerz über seinen Tod nicht beschreiben. Er war ein Beweis der
zärtlichsten Liebe und bis zur Ausschweifung gross. Ich fand eine Wollust in
meinen Tränen, die mich viele Wochen an keine Beruhigung denken liess, und Amalie
klagte mit mir, anstatt dass sie mich trösten sollte. R... musste die Zeit über
das Bette hüten, und auch dieses vermehrte meinen Schmerz. Steelei allein sann
auf meine Ruhe und nötigte mich, da die beste Zeit des Jahres verstrichen war,
mit ihm nach London zurückzukehren.
    Das erste, was mir da wieder begegnete, war ein Vorfall mit dem Prinzen. Er
war im Begriffe, von London wegzugehen, und wagte es, in Roberts Gesellschaft
bei unsrer Ankunft mir die Kondolenz abzustatten. Er wiederholte seinen Besuch
binnen zween Tagen etlichemal und begehrte, dass ich ihm eine Bittschrift an den
König mitgeben und um die Ersetzung der eingezogenen Güter meines Gemahls
anhalten sollte. Ich gab ihm eine, bloss um ihn nicht zu beleidigen. Noch an
ebendem Tage erhielt ich einen Besuch von dem Staatssekretär. »Ich will Ihnen«,
fing er nach etlichen Komplimenten an, »die Ursache meines Besuchs kurz
entdecken. Ich bin ein Abgeordneter des Prinzen, und ich weiss nicht, ob Sie mich
ohne Unwillen anhören werden. Wissen Sie, dass ihm seine Gemahlin vor etlichen
Jahren gestorben ist? Er wünscht, Sie als Gemahlin mit nach Schweden nehmen zu
können, und es ist nichts Gewissers, als dass er Sie auf das äusserste liebt. Mit
einem Worte: er will durch mich erfahren, ob er hoffen darf oder nicht. Nunmehr
habe ich Ihnen alles gesagt, und Sie dürfen sich bei Ihrer Antwort nicht den
geringsten Zwang antun.« Steelei und Amalie und R... waren zugegen, als er mir
den Antrag tat; und R... erschrak, als ob er mich schon verloren hätte. Ich
entsetzte mich selbst über die Verwegenheit des Prinzen und antwortete dem Herrn
Robert nichts als dieses: »Hier ist mein Gemahl«, und wies auf den Herrn R... In
der Tat war er mir noch so schätzbar, dass ich ihn allen andern vorgezogen haben
würde, wenn ich mich hätte entschliessen können, mich wieder zu vermählen. Und
vielleicht wäre ich, soll ich sagen zärtlich oder schwach genug dazu gewesen,
wenn er länger gelebt hätte. Er starb bald darauf an seiner noch fortdauernden
Krankheit, und die Betrübnis über seinen Verlust überführte mich, wie sehr ihn
mein Herz noch geliebt hatte.
 
    