
        
                            Johann Michael von Loën
                           Der Redliche Mann am Hofe
                                    Oder die
                      Begebenheiten des Grafens von Rivera
        In einer auf den Zustand der heutigen Welt gerichteten Lehr- und
                               Staats-Geschichte
                                   Vorbericht.
Gegenwärtige Blätter sind in gleicher Absicht, als die Begebenheiten des
Telemachs, des Cyrus und des Getos geschrieben; ob sie gleich in der Art des
Vortrags so weit davon abgehen, als die jetzige Welt von der alten unterschieden
ist. Der Verfasser beschreibet hier die Menschen, wie sie heut zu Tage sind, und
wie er selber hat Gelegenheit gehabt, sie kennen zu lernen.
    Er hat den Hof, als die gröste Schule der Welt, zu seinem vornehmsten
Schauplatz gemacht; andere Stände und Lebens-Arten aber gleichsam als
Zwischen-Spiele mit eingeführet; damit ein jeder Leser etwas finden möchte, das
er sich zueignen könnte. Die Laster und Torheiten der Menschen haben nicht
allein etwas trauriges, sondern auch etwas lächerliches. Ein Heraclytus hatte
ehedessen solche beweinet und ein Democritus belachet. Der Verfasser scheinet
hier bald der Ernstaftigkeit des einen, bald der Munterkeit des andern zu
folgen, und sich in Ansehung des letztern nach dem Geschmack solcher Leute zu
richten, die nur zum blossen Zeitvertreib lesen, und denen auf eine andere Art
keine Wahrheit nicht wohl beizubringen ist.
    Im menschlichen Leben kommen allerhand Umstände vor; der Verfasser hat hier
meistens solche Personen aufgeführet, die durch ihr Exempel lehren. Der Graf von
Rivera zeigt einer jungen Standes-Person, wie sie, bei den Erhebungen ihres
Glückes, sich mässigen und ihre Begierden einschräncken soll. Er kann in einer so
durchaus verdorbenen Welt vielleicht zum Muster der Unschuld und der Redlichkeit
dienen. Dergleichen Menschen sind heutiges Tages rar. Man glaubt nicht mehr,
dass sich die Tugend noch für artige Leute, am wenigsten aber, dass sie sich an
Hof schicke; Es ist auch wahr, dass sie da insgemein eine gar schlechte Figur zu
machen pflegt. Die Aufführung des Grafens von Rivera zeigt uns nichts desto
weniger, dass sie allentalben zu Hause sei; und dass, wo sie nur ein wenig
Klugheit begleitet, sie alle und jede Menschen zu ihrer Verehrung zwinget.
    Man sieht in dem Character der Gräfin von Monteras eine junge Dame von
einer hohen und zärtlichen Gemüts-Art, die eine Krone verachtet, um einem
Cavalier ihre Gunst vorzubehalten, welchen sie derselben seiner Tugenden halber
am würdigsten schätzet.
    Der Einsiedler gibt ein lebhaftes Beispiel von einem ruchlosen Menschen,
welcher durch eine ausserordentliche Gnade ist bekehret worden; und welcher
dahero auch im Stand ist, die besten Lehren zu geben.
    Der Herr von Riesenburg hat dem Ansehen nach etwas leichtsinniges und
flatterhaftes; im Grund aber das beste Hertz, und eine würckliche Liebe zur
Tugend.
    Der Herr von Greenhielm hingegen zeigt etwas gründliches und ernstaftes,
welches zugleich mit einer besondern Anmut und Lebhaftigkeit begleitet ist:
man sieht in seiner Jugend einen Eifer die Welt und die Menschen zu kennen; und
in seinen reiffen Jahren.
 
                                     Inhalt
                            Inhalt des ersten Buchs.
Der Graf von Rivera wird an den Aquitanischen Hof beruffen: er entdecket darüber
seine Zweifel dem Herrn von Bellamont, welcher ihm solche benimt, und durch die
Erzehlung seines Lebens ein Beispiel gibt, dass man auch durch die
Auffrichtigkeit in der Welt sein Glück machen könnte. Der Graf begibt sich darauf
nach Hof; findet aber an demselben eine solche Unordnung, dass ihm darüber bange
wird. Er verirret sich auf einem Spatziergang in einem Wald und kommt zu einem
frommen Einsiedler.
                            Inhalt des andern Buchs.
Der Einsiedler erzählt seinen Lebens-Lauf: Einige Bubenstücke, die er verübet,
jagen ihn aus seinem Vaterland: er begibt sich nach Licatien in Kriegs-Dienste,
ersticht einen im Zweikampf, und flüchtet nach Aquitanien: er kommt durch seinen
Verstand bei Hofe empor, missbrauchet ihn aber zu allem Bösen. Er vergibt seiner
Frauen mit Gift und verliebt sich darauf in eine tugendhafte Dame welche die
erste Gelegenheit zu seiner Bekehrung ist. Er verlässt endlich den Hof, fällt in
grosse Anfechtungen, wird von einem Franciscaner zurecht gewiesen, und gibt
Anlass zu Erbauung der Königlichen Einsiedelei.
                           Inhalt des dritten Buchs.
Der König von Aquitanien verliebt sich in die junge Gräfin von Monteras: Diese
aber hatte sich schon von dem Grafen von Rivera einnehmen lassen: sie erzählt
diese Begebenheit ihrer Gesellschafts-Fräulein: der Graf von Rivera, der auf
gleiche Art sich von ihr gerühret fand, entdecket an dem König seinen Mitbuhler.
Die Gräfin begibt sich auf ihr Land-Gut nach Prato: der König besucht sie
daselbst in Begleitung des Grafens von Rivera. Die Hertzogin von Salona eröffnet
einer listigen Frauen, Namens Corinna, ihre Liebe für den Grafen von Rivera;
welche ihr verspricht denselben in ihre Hände zu spielen.
                           Inhalt des vierdten Buchs.
Der König sendet den Grafen von Rivera, als seinen vertauten, nach Prato zu der
Gräfin von Monteras; der Graf aber wird von ihr auf die Erwähnung des Königs
ziemlich verächtlich empfangen, und von einem Cammer-Diener des Königs
ausgelauret: dieser verrät den Grafen bei dem König, dass er darüber in Ungnade
fällt, und nach der Vestung Rozzomonte gebracht wird. Welchen Zufall die Gräfin
von Monteras sich dergestalt zu Gemüte ziehet, dass sie darüber heftig
erkrancket.
                           Inhalt des funften Buchs.
Der Graf wird von dem Commendanten auf der Vestung wohl empfangen, und trifft
allda eine lustige Gesellschaft an. Corinna tut unterdessen dem Hertzogen von
Sandilien einen Vorschlag, den Grafen an die Hertzogin von Salona zu vermählen,
um dadurch dem König die Eyfersucht zu benehmen: der Hertzog williget darein,
und lässet dem Grafen durch den Herrn von Ridelo den Vortrag tun; welcher aber
mit allen seinen Vorstellungen nichts bei ihm ausrichten kann.
                           Inhalt des sechsten Buchs.
Der Graf von Rivera kommt in Bekanntschaff mit dem Freiherrn von Riesenburg:
dieser erzählt seine Begebenheit, wie er auf der Reise nach Monaco sich in die
Fräulein von Turris verliebet, sie vom Closter abwendig gemacht, sich mit ihr
versprochen; darauf aber ihren Bruder, der diese Heirat nicht zugeben wollte, im
Zweikampf erschossen hätte.
                          Inhalt des siebenden Buchs.
Der König wird von neuem auf den Grafen erzörnet, da er vernimmt, dass er sich zu
der vorgeschlagenen Heirat nicht verstehen will: er suchet deswegen den Grafen
heimlich aus dem Weg zu schaffen, und befiehlt dem Graf Lesbo, seinem ältesten
Generalen, denselben im Krieg der grösten Gefahr auszusetzen: der Graf wirbt ein
eigen Regiment, und führet darin eine treffliche Kriegs-Zucht ein. Der General
Lesbo sucht ihm darauf allerhand Schlingen zu legen; aus welchen ihn aber die
Vorsehung rettet: der General erstickt im Morast auf der Flucht. Der Graf im
Gegenteil erhält die völlige Ehre des erfochtenen Sieges: Der Freiherr von
Riesenburg rettet ihm das Leben, und der Graf dasjenige eines feindlichen
Befehlhabers. Welche drei zusammen darauf sich nach Hof verfügen.
                            Inhalt des achten Buchs.
Unterwegs erzählt der Herr von Greenhielm, als des Grafens Gefangener, seinen
Lebens-Lauf: er findet bei einer seiner Basen eine Zusammenkunft der andächtigen
Leute: seine Schwester eröfnet ihm ihre Liebes-Geschicht mit ihres Pachters
Sohn: der Herr von Greenhielm störet deswegen die Versammlung dieser
Schein-Frommen; er führet mit seiner Basen ein nachdenckliches Gespräch von der
wahren Frömmigkeit; und erzählt hernach seine getane Reisen, seine Beforderung
bei Hofe und seine mit einer Dame unglücklich ausgeschlagene Liebe.
                           Inhalt des neundten Buchs.
Der Freiherr von Riesenburg erzählt die Begebenheit seines Hofmeisters. Der
Graf von Rivera kommt nach Hofe, und findet den König kranck; er beredet ihn auf
die Einsiedelei zu gehen, und bringt ihn durch die Mässigkeit und durch die
Bewegung wieder zurecht. Er führet dabei ein Gespräch mit dem alten Einsiedler
über die Ergötzlichkeiten dieses Lebens. etc. etc.
                           Inhalt des zehenden Buchs.
Der Graf verreiset nach Licatien, um den Frieden mit dem König dieses Namens zu
schliessen. Unterwegs kommt er auf ein Dorf, wo Kirchweih ist, und findet
daselbst die Gräfin von Monteras: die Umstände davon, wie auch die bisherige
Begebenheiten dieser Gräfin werden erzählt. Der Graf eröffnet seine
Friedens-Vorschläge dem König von Licatien, welcher aber den Grafen damit an
seinen Staats-Minister verweiset: der Graf kann bei diesem nichts ausrichten, und
bedienet sich deswegen anderer Wege, um zu seinem Zweck zu gelangen.
                           Inhalt des eilften Buchs.
Der Graf reiset, nachdem er den Frieden mit den Licatiern zu Stande gebracht, zu
dem Fürsten von Argilia, und besiehet den, von ihm nach einer vernünftigen und
Christlichen Policei errichteten neuen Ort Christianopolis. Der Graf findet im
Gastause einen verunglückten Kaufmann: er rettet ihn von der Verzweiffelung und
komt darauf, als ein Artz nach Hof.
                          Inhalt des zwölfften Buchs.
Der Herr von Güldenblech, als ein verunglückter Kaufmann, erzählt dem Grafen
seinen Lebens-Lauf: er wird in aller Weichlichkeit erzogen, und hernach auf hohe
Schulen geschickt. Seine Mutter, als eine adeliche von Geburt, beredet seinen
Vater, ihm ein Rittergut zu kauffen; die wilde Aufführung der Land-Juncker ist
ihm zu wider. Die Annehmlichkeiten des Stadt-Lebens bewegen ihn seines Vaters
Handlung zu übernehmen; ohneracht aber, dass er mit seiner Frauen ein grosses Gut
zusammen gebracht, so geht solches doch in kurtzer Zeit durch seine kostbare
Hausshaltung und durch die viele Missbräuche, welche er weitläuftig erzählt,
dergestalt zusammen, dass er, nach einiger dabei gehabten Unglücks-Fällen,
banckerut wird.
                         Inhalt des dreizehenden Buchs.
Der Graf erscheinet als ein Königl. Abgesandter an dem Argilischen Hof, und gibt
sich der Fräulein von Turris als ein Vertrauter von ihrem Geliebten zu
erkennen. Die Prinzessin und die Fräulein finden den Grafen den andern Morgen im
Garten: diese erzählt ihre Begebenheiten, und wie sie an den Argilischen Hof
gekommen wär. Der Fürst hält einige nachdenckliche Gespräche mit dem Grafen,
worauf ihm dieser seine Absichten, wegen der Prinzessin seiner Tochter
entdecket.
                         Inhalt des vierzehenden Buchs.
Der Graf kommt wieder nach Aquitanien: er zeigt dem König verschiedene
Bildnüsse; rühmet aber die Schönheit der Prinzessin von Argilia vor allen. Der
König geht nach Aquana, um solche zu sehen. Verräterei eines Fürsten von Kön.
Haus, der dem Herzog von Sandilien mit Gift vergeben wollte. Dieser verspricht
seine Base dem Grafen, welcher mit dem König nach Aquana verreiset: der König
verliebt sich in die Prinzessin von Argilia. Das Beilager wird auf dem Lande in
einem gräfl. Schloss gehalten: und die Liebe des Hn. von Riesenburg und der
Fräulein von Turris wird dabei mit glücklich gemacht.
                        Inhalt des fünffzehenden Buchs.
Der Ritter von Castagnetta erzählt dem Graf seine sonderbare Begebenheiten:
dessen vernünftige u. tugendhafte Erziehung: die Zärtlichkeit seines Vaters für
ihn vermehren die Missgunst seines Bruders: er geht nach Hof und wird in den
Geschäfften des ersten Staats-Ministers gebraucht. Die grossmütige Neigungen in
der Liebe und in der Freundschaft bringen ihm Unglück: er verwundet den Sohn
des ersten Staats-Ministers in einem gezwungenen Duell: Kommt auf seines Vaters
Schloss, da dieser eben seinen Geist hatte aufgegeben, und geht nach Sicilien.
Er bekommt ein Commando auf der See, wird als ein Gefangener nach Tunis
gebracht, gewinnet die Gunst des Bay, unterredet sich mit ihm vom christlichen
Glauben und erhält endlich dessen Tochter, welche aber kurtz darauf in Sicilien
stirbt. Er verheiratet sich zum andernmahl, aber unglücklich, und verlässt
darauf den Hof, seine Frau und Sicilien.
                        Inhalt des Sechszehenden Buchs.
Der König hält mit der neuen Königin in Panapolis einen prächtigen Einzug, und
erblickt an einem Fenster die Gräfin von Monteras: der Graf hat eine starcke
Partei gegen sich, und entfernet sich deswegen eine Zeitlang von Hofe: Er sucht
die Alpiner, welche zu ihm ihre Zuflucht genommen hatten, in ihren innerlichen
Misshelligkeiten aus einander zu setzen, wobei die üble Ratschläge eines
Bürgerlichen Regiments und ihre unglückliche Folgen vorgestellt werden.
                        Inhalt des Siebenzehenden Buchs.
Der Graf gewinnet bei Hof die zwei geschickteste Staats-Bediente, welche ihm
bisher entgegen waren: dessen Heurat mit der Gräfin von Monteras wird fest
gestellet: Ein lächerlicher Zufall zwischen ihr und dem König, beschleuniget
solche. Der Graf bezeiget seine Grossmut gegen den jungen Edelmann welcher
bisher in seinen Diensten gestanden hatte, und freiet ihm die Fräulein von
Bellamont. Dieser Edelmann erzählt dem Grafen die Geschichten seiner Vorfahren:
Ihrer beider Vermählung geschiehet zugleich auf einen Tag, und der Graf erhält
die Würden, Güter und Titul des Hertzogs von Sandilien.
 
                   Die Begebenheiten des Grafens von Rivera.
                                  Erstes Buch.
Es wohnte nächst an den Adriatischen See-Küsten ein junger Graf, Namens Menander
von Rivera. Die Natur hatte ihm alle grosse Eigenschaften gegeben welche einen
Menschen über andere erheben. Er war von einer überaus angenehmen Bildung, von
einer etwas mehr als mittelmässigen Länge und durchaus schön gewachsen. Aus
seinen Augen blitzte so viel Anmut als Ernst. Wer ihn sah, der fand sich von
etwas gerühret; er konnte einem nicht wohl gleichgültig sein. Man musste mit ihm
die Annehmlichkeiten teilen, wenn er vergnügt war und man empfand nicht minder
eine gewisse Unruh, wenn man ihn leiden sah. So künstlich flösste die Natur
dasjenige andern ein, was bei ihm die Gerechtigkeit und Liebe wirkten. Er war
nicht allein in den Wissenschaften des Staats, sondern auch in der Welt-Weisheit
und schönen Künsten gründlich gelehrt. Sein Verstand war zu allem aufgelegt, er
besass so viel Witz, als Einsicht und Uberlegung: er hatte dabei das beste Herz,
und dessen Neigungen waren um so viel reiner und tugendhafter, weil sie durch
eine verborgene Gottesfurcht regieret wurden.
    Nachdem er einige fremde Länder gesehen und darauf eine Zeitlang sich an dem
Aquitanischen Hof aufgehalten hatte; zog ihn die Begierde zu den Studien wieder
nach seiner Herrschaft zurück. Er hatte bereits ein Jahr darauf in süssester
Ruhe zugebracht, als der König von Aquitanien sich seiner erinnerte, und ihn
verlangte bei sich an Hofe zu haben. Er übersandte ihm zu dem Ende den güldnen
Schlüssel, und machte ihn zu seinem wirklichen Cammer-Herrn.
    Dieses war den Absichten des Grafens ganz entgegen. Er liebte die Freiheit,
die Bücher und das Land-Leben. Die Göttliche Vorsehung aber lässet nicht leicht
grosse Gemüter geboren werden, ohne sich ihrer zu wichtigen Sachen in der Welt
zu bedienen; Sie hatte den Grafen von Rivera zu einem Werkzeug bestimmet, einen
lasterhaften Hof zu verbessern und ein ganzes Reich glücklich zu machen.
    Doch wie der Graf wenig von sich selber hielt, so waren ihm auch
dergleichen hohe Absichten von Seiten der Vorsehung verborgen. Er wurde also
über diesen unverhofften Beruf bestürzt, und konnte sich nicht entschliessen,
sein angenehmes Land-Leben zu verlassen. Was soll ich, sprach er bei sich
selbst, am Hofe machen, wo man derjenigen Einfalt spottet, die ich liebe; und wo
Man keine Sitten für verächtlicher hält, als die nach der Redlichkeit und Tugend
schmecken? O nein! geliebtes Feld, du vergnügest mich mehr als aller unruhige
Pracht des Hofs, und als alle gezwungene Hoheit deiner blinden Anbeter.
    In diesen zweifelhaften Gedanken liess sich der Graf ein paar Pferde sattlen,
und ritt in Begleitung eines Dieners nach dem Schloss des Herrn von Bellamont,
welches ungefehr zwo Stunden von dem seinigen entfernet lag. Dieser Cavallier
war schier von Jugend auf bei Hofe gewesen, und besass, nebst der dabei erlangten
Erfahrung, alle Eigenschaften eines klugen und aufrichtigen Mannes. Der Graf
liebte ihn als seinen Vater: er fand ihn längst dem Ufer des Meers in tiefen
Gedanken. Er warf sich ihm um den Hals, da dieser ihn noch kaum hatte auf sich
zukommen sehen. Der Herr von Bellamont empfand darüber einen angenehmen
Schrecken: er gab dem Grafen seine Freude über dessen Ankunft mit den
lebhaftesten Ausdrücken zu erkennen; und führte ihn darauf nach seinem
Wohn-Sitz.
    Man wird nicht leicht in der Welt ein so bequemes Land-Haus und eine so
lustreiche Gegend finden; man komt dahin durch einen breit ausgehauenen Weg, der
einen kleinen Wald durchschneidet. Sehr hohe Bäume bedecken den Hof von Seiten
des Mittags. In dessen Eingang zeigt sich ein zwar niedliches aber doch nicht
gar kostbares Gebäude, welches von hinten nach der Abend-Seite, über einen
abhängigen Lust-Garten, eine entzuckende Aussicht in die offene See entdecket.
    Der Herr von Bellamont brachte den Grafen in einen Saal dessen Fenster bis
zur Erden reichten, ein mit grünen Wasen und kraussen Bux zierlich
durchschlungener Pomerantzen-Garten stiess hier bis an die breite Schwellen des
Saals: das sprudelnde Geräusch einiger durch Kunst geleiteten Wasser-Röhren,
welche sich teils in kleine Kumpen von Alabaster, teils in einen grossen
Behälter mit einem süssen Gemürmel ausstürzten, schien diesen stillen Ort
gleichsam zu beleben.
    Hier entdeckte der Graf dem Herrn von Bellamont, dass ihn der König nach Hofe
berufen, und zu seinem Cammer-Herrn ernannt hätte; und dass er deswegen zu ihm
gekommen war, in einer so wichtigen Sache sich seines guten Rahts zu bedienen.
Der Herr von Bellamont schien über diese Nachricht verwundert zu sein; der
König, sprach er, hat bisher nur lasterhafte und wilde junge Leute geliebt; was
ist ihm ankommen, dass er den Grafen von Rivera bei sich haben will? Er befahl
darauf seinen Leuten, ihn mit dem Grafen allein zu lassen, und nur ein kleines
Abend-Essen für sie beide aufzutragen.
    Die Sonne war bereits hinter den Gebirgen. Ein lieblich-falbes Grau
schimmerte auf den unbegränzten Tiefen des Oceans. Auf dem Lande war es finster;
doch glänzte noch auf den Gipfeln der Berge ein Gold-gelbes mit Purpur
vermengtes Licht, welches nach und nach in rote Strahlen sich verwandelte und
seine Klarheit auf der andern Seite des Horizonts abdruckte. Es wurde Nacht. Die
Sterne loderten mit einem funckelnden Schein. Der Mond stieg als eine feurige
Kugel aus dem weiten Busen des Meers, und warf seine auf den Fluten spielende
Strahlen in einer schiessenden Länge bis an das Ufer.
    Niemals hatte noch der Graf von Rivera einen lebhaftern Eindruck von der
Schönheit der Natur bei sich empfunden. O mehr als angenehmes Land! fing er
darüber seufzend an auszurufen; O süsses Feld-Leben! soll ich dich verlassen?
Der Herr von Bellamont lachte über diese lebhafte Entzückung des Grafens. Meinen
sie denn, Herr Graf, sagte er, der Hof habe nicht auch seine Annehmlichkeiten?
Bilden sie sich ein, dass die Sonne dort nicht so schön unterging, oder dass der
Mond mit weniger Anmut den dunklen Erden-Kreis beleuchtete? Solten sie nicht
noch andere Belustigungen allda finden, welche diejenige, die man auf dem Lande
hat, noch weit übertreffen? Halten sie die schöne Künste und Wissenschaften, die
daselbst bis zur Vollkommenheit getrieben werden; wie auch die Schauspiele, die
Aufzüge, dem Umgang mit allerhand Menschen, nebst unzehligen Veränderungen und
Lustbarkeiten für eitel solche Dinge, die ein Weiser verachten müsse? Ich
glaube, fuhr der Herr von Bellamont fort, wir können hierinnen leicht zu
ernstaft und zu gezwungen sein; Man verschmähet insgemein aus Hochmut, was
andere preisen. Man will sich über alle äusserliche. Dinge hinaus setzen, und
dadurch die Grösse seines Geistes zeigen, dessen ganze Tugend doch öfters nur
darin bestehet, dass er sich selbst gefällt und deswegen alles andere gering
schätzet, was nicht zu seiner eigenen Erhöhung dienet. Wie glücklich wären wir
nicht, wenn wir in allen Dingen nur das Böse absonderten und das Gute allein uns
zu Nutz zu machen wüssten?
    Also raten sie mir, fragte hierauf der Graf den Herrn von Bellamont, dass
ich dem Beruf des Königs folgen, und mich nach Hof begeben soll? Allerdings,
erklärte sich dieser. So sehr ich auch von den Annehmlichkeiten ihres bisherigen
Umgangs eingenommen bin, und so wehrt mir auch ihre Freundschaft ist, deren
Genuss ich einigermassen durch dero Abwesenheit verliehren muss, so kann ich doch
mit gutem Gewissen ihnen solches nicht wohl abraten. GOtt hat ihnen, allem
Ansehen nach, so grosse und besondere Gaben, als sie besitzen, nicht zu dem Ende
verliehen, dass sie solche auf ihren Gütern vergraben sollen; Ich merke allzu
deutlich, dass sie zu etwas grösseres geschaffen sind. Es ist wahr, sprach der
Herr von Bellamont weiter, das Land-Leben hat etwas überaus süsses für einen
Geist, welcher die Unschuld, die Freiheit und die Ruhe liebt; Allein, wenn alle
tugendhafte und geschickte Leute nur bloss auf ihre eigene Vergnügung denken und
auf dem Lande leben wollten, wer würde in der Welt durch seine Beispiele andere
erbauen? Wer würde den Ausbrüchen der wildesten Laster Einhalt tun? Wer würde
den Hof, das Land und den Staat regieren helfen? helfen? Ich bin zwar nicht der
Meinung, fügte der Herr von Bellamont hinzu, dass man sein eigenes Vergnügen
dabei aus den Augen setzen müsse. Ich habe vielmehr gefunden, dass diese Art zu
denken insgemein einen verborgenen Hochmut zum Grunde hat, und die sicherste
Heuchler zu machen pfleget. Es ist nichts natürlicher und den Absichten des
Schöpfers gemässer, als dass ein jeder Mensch seine Glückseligkeit zu befördern
sucht. Es gibt aber auch zugleich einige grosse Gemüter die das mit für ihre
Glückseligkeit halten, wenn sie andre können helfen glückselig machen. Man
nennet solche Leute Helden, und es ist gewiss, dass ihr Eifer von dem Himmel
selbst entzündet wird. Man sieht sie mit einem tapfern Mut wider die Bosheit
und Tyrannei sich waffnen, und für die Rechte der Menschheit streiten. Man
sieht sie immer geschäfftig, den einreissenden Unordnungen zu steuren und den
allgemeinen Wohlstand des Staats zu befördern. Sie tun desgleichen, mein
wertester Herr Graf, sie gehen nach Hof, sie bewerben sich um die Gunst des
Königs; Er hat sich von den Lastern einnehmen lassen, machen sie, dass er zurück
kehre und die Tugend liebe. Mit diesen und dergleichen Gesprächen verbrachten
diese beide Herren den Abend mit dem grösten Vergnügen.
    Nach einigen Tagen besuchte der Herr von Bellamont nebst seiner Gemahlin und
dessen noch unerwachsenen einzigen Sohn, den Grafen und dessen Frau Mutter zu
Rivera. Der Graf war ihnen die Hälfte des Wegs entgegen gefahren; Er sass auf
einem offenen Wagen den zwei Apfelgraue Hengste zogen, welche er selbst
regierte. Es war noch nicht Mittag. Der Graf, nachdem er seine Gäste auf das
freundlichste empfangen hatte, bat den Herrn von Bellamont, sich zu ihm auf sein
leichtes Fuhrwerck zu setzen, und dessen Frau Gemahlin mit einem jungen Vettern,
den er bei sich hatte, voraus fahren zu lassen.
    Bevor ich sie, sprach der Graf zu dem Herrn von Bellamont, zu meiner Frau
Mutter bringe, wird es ihnen gefallen, mir noch eine Schwierigkeit zu benehmen,
die mich zweifeln macht, ob ich noch bei dem Vorsatz, nach Hofe zu gehen,
verharren soll. Bei Hofe muss man sich zu verstellen wissen. Ich kann solches
nicht; ich mag mir auch die gröste Gewalt von der Welt antun, meine wahre.
Empfindungen zu verbergen; sie brechen aus meinen Augen, und ich kann mir nicht
so viel Herz geben eine Umwahrheit standhaftig vorzubringen.
    Dieses ist in der Tat, sagte der Herr von Bellamont, eine Gemüts-Art, die
sich, nach der gemeinen Meinung nicht wohl nach Hofe schicket; allein, ich
unterstehe mich zu behaupten, dass diejenige, die sich in der Welt der grösten
Verstellungs-Künste gebrauchen, sich öfters noch in weit- verdriesslichere
Umstände gebracht sehen, als diejenige, die gerad durchgehen, und sich der
Aufrichtigkeit befleissen Mein eignes Exempel kann solches einigermassen
bezeugen. Ich hatte von Natur eine solche Gemüts-Art, die beinahe allen den
Schwachheiten unterworfen war, durch welche die Menschen sich unglücklich
machen. Mein Herz stunde allen Leidenschaften offen; ich war empfindlich,
leichtsinnig, wollustig und ein grosser Plauderer; ich urteilte frei von allen
Dingen, ich mochte sie verstehen oder nicht. Ich liebte einen muntern Scherz und
den Umgang mit allerhand Leuten. Ich hielte jedermann für aufrichtig, und hatte
keine Geheimnisse. Wer mit mir umging, der wusste schier alles, was ich dachte,
was ich liebte und was ich suchte. Bei allem dem verriet ich niemalen, was mir
andere vertraueten, und aller meiner Leichtsinnigkeit ungeacht, so war niemand,
der besser sein Wort hielt und ehrlicher zahlte. Viel Leute bedienten sich
dieser meiner Redlichkeit zu ihrem Vorteil; doch, da meine Sachen so beschaffen
waren, dass ich mehr Hülfe bei andern suchen musste, als andere von mir erwarten
konten, so war mein Verlust selten von einiger Bedeutung.
    Solten sie wohl glauben, dass eine so einfältige und bis zur Schwachheit
getriebene Aufrichtigkeit mein Glück gemacht hätte? weil ich nach den auf hohen
Schulen, erlernten Wissenschaften keine meiner Geburt anständige Bedienung für
mich finden konnte; so entschloss ich mich Kriegs-Dienste zu nehmen. Polemon, ein
so grosser General, als geschickter Staats-Mann, nahm mich auf, und schenckte
mir eine Fahne. Ich war nicht lang unter seinem Regiment, als er von mir auf
eine Art sprechen hörte, die ihn neugierig machte, mich näher zu kennen; Er
nötigte mich deswegen öfters bei sich zur Tafel, und ich hatte noch kein Jahr
gedienet, so bekam ich schon mit der Stelle eines Unter-Hauptmanns, die
Anwartung auf eine Compagnie. Dises war nicht genug: Polemon, so klug er auch
immer war, wurde dennoch von seinen Leuten sehr hintergangen; dieses verdross ihn
überaus. Er meinte wenn er nur einen redlichen Menschen bei sich hätte, dem er
seine Sachen anvertrauen könnte; er wollte ihn wie sein eigen Kind halten.
    Ich hatte das Glück ihm zu gefallen: meine Redlichkeit schien ihm keinen
Argwohn zu geben: Er nahm mich zu sich. Ich hatte an ihm einen grossen
Wohltater, aber auch zugleich einen scharfen Zuchtmeister. Er liess mich wenig
von sich, befahl mir schweigen zu lernen, und junger Leute Umgang, so viel es
der Wohlstand litte, zu meiden. Er besorgte immer, sie mögten meiner Gemüts-Art
missbrauchen, und mich zu allerhand Ausschweifungen verleiten.
    Ich bekam bald darauf eine Compagnie, und endlich, nachdem ich in die funf
Jahr bei ihm gewesen war, seine einzige Tochter zur Ehe. Es wurde Frieden: mein
Schwiegervatter begab sich auf sein Land-Gut, welches ich noch jetzo mit meiner
Frauen bewohne. Er hatte damahlen einen Bruder bei Hofe: er wollte durch ihn mein
Glück befördern: er schickte mich mit seiner Tochter dahin: Kinder, sagte er zu
uns geht, suchet noch dem König und dem Staat zu dienen, es ist noch zu früh
für euch die Ruh zu wählen. Wir reisten also nach Hof. Unser Vetter war schon
alt: empfing uns freundlich: und weil er keine Kinder hatte, so nahm er uns zu
sich ins Haus.
    Es währte nicht lange so bat er den König, ihn seiner Dienste zu entlassen,
und mir dessen Stelle zu geben. Der König bewilligte solches. Ich wurde also
Ober-Aufseher der Königlichen Gebäude und Lust-Häuser: Ich verwaltete dieses Amt
biss in die zwanzig Jahr: Ich bediente mich dabei keiner andern Politic als
meiner natürlichen Aufrichtigkeit: ich entbehrte lieber etwas an meinen
Einkünften, als dass ich mich im geringsten durch den Genuss gewisser Vorteile
hätte in Verdacht setzen sollen. Meine Feinde, deren ich wenig hatte und solche
weniger noch kante, fanden also keine Gelegenheit mir zu schaden. Ich mengete
mich in keine fremde Händel ich schlug mich zu keiner Partie: ich diente dem
König allein: ich schmeichelte keinem Menschen und zeigte öfters gewissen Leuten
eine etwas rauhe Stirne, wenn sie mich in ihre Banden mit einflechten wollten und
ich ihrer nicht anders als durch mein trockenes Bezeigen los werden konnte.
    Sie sehen hier mein wertester Herr Graf, einen Hofmann, der durch eine den
Höfingen so ungewöhnliche Aufführung, sich, an einem sonst schlüpfrigen Hof,
länger in Günst gehalten hat, als andere mit allen ihren Verstellungen und
Künsteleien. Ich verheiratete endlich meine älteste Tochter an den Herrn von
Ridelo, und erhielte für meinen Tochtermann eben diejenige Vorteile, welche mir
ehedessen der alte Vetter übertragen hatte.
    Ich geniesse nunmehro der Ruh aus dem Lande, allwo ich gleichsam zwischen
der Welt und dem Himmel einen Mittel-Stand finde: Ich suche mir darinnen die
Angelegenheiten der einen gering, und die Bestrebung nach dem andern desto
wichtiger zu machen. Meine Feinde haben mich vergessen, und meine Freunde haben
meiner nicht mehr nötig. Meine Frau und mein noch unerwachsener Sohn nebst
seinem Lehrmeister sind mir zur Gesellschaft genug; meine beide Töchter werden
sie zu Panopolis antreffen. Wenn man alles in der Welt hätte, was man wünschte,
so würden sie so weit nicht reisen müssen, ihnen diejenige Freundschaft zu
erkennen zu geben, damit sie bisher ihren Vatter beehret haben.
    Der Graf von Rivera war durch diese Erzehlung des Herrn von Bellamont in
seinen redlichen Absichten nicht wenig gestärket; er umarmte denselben, indem er
ihm und seinem Haus eine beständige Freundschaft schwur.
    Sie waren nicht weit mehr fortgefahren, so kamen sie in eine Gegend, wo die
Natur schiene ihre seltsamste Schönheiten vereiniget zu haben: Man sah von der
einen Seiten hohe Gebirge, welche unten mit wilden Sträuchen und Gebüschen
bewachsen waren, und oben einen kahlen mit allerhand färbigten Steinen bedeckten
Wipfel zeigten. Man entdeckte darzwischen tiefe Abgründe und fürchterliche
Hölen, wo hin und wieder grose überhängende Stücke Felsen sich abzureissen und
in Grund zu werfen droheten. Auf der andern Seiten stürzte sich ein Wasser-Fall,
von einer steilen Höle, als ein lichter Strahl herunter, der hernach über
verschiedene Abhänge mit einem sanften Rauschen sich fortwälzte; und endlich
nach einem schlänglichten Umschweif in ein liebliches Tal sich ergosse; wo man
in einer halbstündigen Entfernung den schönen Wohn-Sitz des Grafens von Rivera
auf einem flachen Land-Strich liegen sah.
    Der Graf hatte hier am Fuss der Gebirge unter den weit sich ausstreckenden
Aesten einer alten Ulmen, ein offenes Gezelt aufschlagen lassen; wo dessen Frau
Mutter und beide Gräfinnen Schwestern, der neu ankommenden Gesellschaft
erwarteten. Die Gemahlin und der junge Sohn des Herrn von Bellamont waren
bereits da angekommen. Die alte Gräfin, nachdem sie diese ihre Gäste auf das
freundlichste empfangen hatte, gab darauf dem Herrn von Bellamont ihr
Missvergnügen zu erkennen, dass er ihren Sohn beredet hätte, nach Hof zu gehen. Er
entschuldigte sich darüber so gut er konnte. Ich erkenne mich, gnädige Frau,
sagte er, in so weit straffällig: ich habe dem Herrn Sohn den Rat gegeben, der
wahren Ehr und dem Trieb seiner eigenen Tugend zu folgen; ich leide aber selbst
darunter, weil mich dessen Entfernung der angenehmsten Gesellschaft beraubet,
die ich bisher bei meinem Land-Leben genossen habe.
    Hierauf kamen auch die beide junge Gräfinnen und baten den Herrn von
Bellamont, mit denen beweglichsten Gebehrden, ihrem Herrn Bruder einzureden, dass
er sie nicht verlassen möchte. Er wusste sich nicht anders von ihnen losszuwickeln,
als dass er ihnen sagte, sie hätten ihren Herrn Bruder nicht recht lieb, weil sie
ihm sein Glücke nicht gönneten. Das ist wohl ein grosses Glück, versetzte darauf
die älteste Gräfin, mit einem verächtlichen Ton, hier ist mein Bruder sein
eigener Herr, und bei Hof muss er einen Diener abgeben; hier steht ihm alles zu
Gebott, und dort muss er selbst gehorsamen; hier ist er sicher und von uns allen
geliebt, und dort schwebet er in täglicher Gefahr, gehasst und verfolgt zu
werden. Nein, nein, geliebter Bruder, sezte sie mit Tränen in den Augen hinzu,
wir lassen euch nicht weg; unser Vergnügen ist mit dem eurigen so genau
verbunden, dass wir nicht ruhig sein können, so lange wir wissen, dass ihr in
Gefahr lebet. Der Graf schien von den lebhaften Vorstellungen seiner Schwester
gerührt; er veränderte aber deswegen sein Vorhaben nicht, seinem Beruf zu folgen
und nach Hofe zu gehen.
    Das Gespräch wurde darauf allgemein; Man sezte sich zur Tafel; zwei Jäger
stiessen in ihre krumme Hörner, wo der Wiederhall ihre Töne nicht allein
nachstimte, sondern auch halb verloren wieder zurück brachte: Sie
verwechselten, solche mit einer neu erfundenen Art von Feld-Schalmeien,
derenheller Laut zugleich zärtlich und durchdringend war. Ein sanftes Murmeln
des nah vorbeifliessenden Bachs, welcher zwischen Rohr und Steinen
durchrieselte, schiene die gekünstelte Töne der Blasenden noch zu übertreffen.
Die stille Bewegungen der hier sich selbst belustigenden Natur verdienten noch
mehr Aufmerksamkeit. Von weitem braussete der von den Bergen sich herabstürzende
Wasser-Fall. Die in den Gebüschen versteckte Vögel vermengten damit ihre muntere
Kehlen, und besangen gleichsam die Ehre des Schöpfers und die Schönheit der
Natur. Unsere Zuhörer vergassen nicht ein so unschuldige Ergötzlichkeit zu
preisen; sie beklagten nur die Entfernung ihres geliebten Grafens, welche sie
nun als unvermeidlich vor sich sahen.
    Man verbrachte auf solche Art nach dem Mittagsmahl noch einige Stunden in
dieser angenehmen Einöde. Endlich brach die Gesellschaft auf, und begab sich
zusamen nach Rivera. Der Herr von Bellamont, seine Gemahlin und sein Sohn
hielten sich daselbst einige Tage auf, und genossen bei der höflichsten
Bewirtung, alle Lustbarkeiten und Veränderungen, die man sich an einem so
angenehmen Ort und in der besten Gesellschaft von der Welt, versprechen konnte.
    Endlich kam die Zeit herbei, da der Graf von Rivera seine Reise nach
Panopolis antrat. Der Abschied war beweglich; er kostete so wohl der alten
Gräfin, als ihren beiden Töchtern mehr als tausend Tränen. Der Herr von
Bellamont begleitete ihn bis auf das erste Nachtlager. Sie schieden voneinander,
nachdem sie sich nochmahlen die verbindlichste Versicherungen einer
immerwährenden Freundschaft gegeben hatten.
    Der Graf kam glücklich nach Panopolis und trat bei dem Herrn von Ridelo, dem
Schwieger-Sohn des Herrn von Bellemont, ab. Dieser sowohl als dessen Gemahlin
empfiengen den Grafen, als ob er einer ihrer nächsten Anverwandten wär. Der Herr
von Ridelo war kein Mann von grossem Ansehen; er war einfältig von Gemüt, aber
durchdringend von Verstand; er redete wenig; was er aber sagte, war voller Geist
und Nachdenken. Er kam nicht nach Hofe, als wann ihn seine Geschäffte dahin
forderten. Seine Frau hingegen war von einem sehr aufgeräumten Gemüt. Sie
liebte die Gesellschaft und alle erlaubte Belustigungen; sie schien für die
Menschen, ihr Mann aber nur für weise Menschen geschaffen zu sein. Ihre
Schwester, die junge Mariana, war eine von den wachsenden Schönheiten, die bei
einem stillen und eingezogenen Wesen doch weder Mangel an Feuer noch Geist
hatte.
    In dieser angenehmen Gesellschaft sah sich der Graf von Rivera beständig,
so lang er zu Panopolis war; die verschiedene Gemüts-Art dieser dreien Personen
vereinigte sich für denselben in einerlei Hochachtung.
    Der Graf begab sich gleich nach seiner Ankunft zu dem König: er küsste mit
Demut den Saum seines Rocks, dankte ihm für die Gnad, dass er ihn zum
Cammerherrn ernennet hatte und wünschte, dass demselben seine Dienste angenehm
sein mögten. Der König empfing ihn mit der grösten Leutseligkeit: er sagte, dass
er sich selbst seiner erinnert und geglaubt hätte, dass eine Person von seinen
Verdiensten, so wohl ihm als dem Staat nützlich sein konnte.
    Der König war von Natur nicht ganz bösartig; Er war zu keinem Tyrannen
geboren: Er hatte viel gute Eigenschaften; sie waren aber durch eine üble
Erziehung verdorben worden: er war der Unordnung, der Schwelgerei und den
Wohllüstigen ergeben; Er meinte nur deswegen König zu sein, um seinen Begierden
desto freier nachzuleben. Die Regierungs-Last schien ihm zu beschwehrlich: Wenn
er in einem Morgen zehen bis zwanzigmal seinen Namen unterzeichnen sollte, so
waren dieses allzugrosse Bemühungen für einen König, der in den Gedanken stunde,
die Lust der Krone sei für ihn, und die Last der Regierung für seine Räte.
    Der Herzog von Sandilien, dessen oberster Staats-Minister, hatte alle grosse
Eigenschaften, die ins Auge fallen und bei andern Ehrfurcht und Hochachtung
erwecken. Er war von einer ansehnlichen Gestalt, und hatte etwas grossmütiges
und glückliches in seiner Bildung: seine Gebehrden waren edel und ungezwungen;
er war dabei überaus prächtig und wusste sich ungemein wohl zu kleiden. Es
mangelten ihm aber diejenige Wissenschaften, die zu einem grossen
Staats-Minister erfordert wurden; Er erhielte sich auf diesem hohen Posten durch
seinen Eifer für den König und durch seine Gefälligkeiten für andere. Er liess
einen jeden tun, was er wollte; wo zwei Staats-Bedienten sich über einige
Vorteile entzweiten, da wurde die Sache durch ihn, auf Unkosten des Staats,
beigelegt. Er lenkte sich zu keiner Partei; sondern suchte das Haupt von allen
zu sein: Auf solche Weise war einer jeden an seiner Erhaltung gelegen.
    Die Kriegs-Leute liebten ihn, weil er ihnen viel Freiheit und Mutwillen
verstattete. Die Staats-Räte und Hof-Bedienten waren durchgehends mit ihm wohl
zufrieden, weil er von ihnen keine Rechenschaft forderte und einem jeden in
seiner Verrichtung freie Hand liess. Die Geistlichkeit verehrte an ihm einen
guten Christen, weil er in ihre Glaubens-Händel sich nicht mischte: Die
Gelehrten auf hohen Schulen fanden auch nichts an ihm auszusetzen, weil er ihnen
gute Besoldungen gab; und die Dichter, die von der Schmeichelei leben müssen,
reimten sich ihm zu Ehren fast zu tode, weil er ihnen für ihre Lob-Sprüche
stattliche Geschenke reichen liess.
    Nur der Staat litte allein; das Land wurde bei Hof verzehret, und der
Landmann, durch die schwere Geld-Erpressungen ganz entkräftet, begunte an
etlichen Orten den Pflug zu verlassen, und sich teils aufs Plündern, teils
aufs Bettlen zu legen. Die Pachter und Beamten aber, welche das arme Volk wie
die Blut-Igeln aussogen, schleppten ihre feiste Wänste und gefüllete Beutel in
die Städte und wurden zu des Landes Verderben vornehme Herren. Schifffahrt und
Handlung lagen darnieder: Die Schulden wurden nicht bezahlt: der Kauffmann musste
seine Waaren borgen, und die Handwerker verprassten auf den Sonn- und Fest-Tägen,
was sie an den Werktägen verdienten.
    Den Soldaten war die Zeit und sie dem Staat zur Last; sie waren blosse
Müssiggänger, und wenn sie etwas taten, so geschahe solches zu ihrem und anderer
Leute Verderben. Der junge Adel lebte in der grösten Uppigkeit: wer das Herz
hatte wider alle Gesetze zu handeln und mit der Religion sein Gespött zu
treiben, der wurde für den besten Edelmann gehalten.
    In den Gerichts-Höfen sah es jämmerlich aus: viel tausend Wortfechter und
Causenmacher nährten sich auf Unkosten der unglückseligen Parteien: das Recht
selbst wurde durch sie in eine unendliche Verwirrung gebracht: das Geld und die
Geschenke trieben allein auf einen günstigen Spruch.
    In den Tempeln regierte die eingebildete Weisheit der Schriftgelehrten bis
zum Aberwitz; an statt das Volck zu erbauen und zu GOtt zu führen, zankte man
darin um Meinungen und Auslegungen, die niemand verstunde. Einige unlehrsame
Köpfe, welche diese Mängel sahen, wollten es besser machen, sie warfen sich
selbst zu neuen Aposteln auf und verliessen deswegen als widerspenstige Schafe
ihre stolze Hirten: sie schimpften und schmähten auf die äusserliche Kirche,
nannten solche einen Götzendienst, versammleten sich in ihren Häusern und gaben
Gelegenheit zu allerhand Unordnungen und Schwärmereien. Kurz, die Unordnung
herrschte in allen Ständen; es war schier weder Treu, noch Tugend, noch Glauben
mehr unter den Einwohnern von Panopolis.
    Der Graf von Rivera sah dieses; er wurde darüber tiefdenkend: ein
angstliches Grauen überfiel seinen sonst standhaften Mut. Warum, sprach er bei
sich selbst, hab ich mein ruhiges Landleben verlassen? was soll ich hier bei
Hofe machen? Soll ich mich auf diesem gefährlichen Strohm mit fortreissen
lassen? Soll ich meinen Eifer für das gemeine Wesen, soll ich meine Unschuld und
Liebe zur Tugend zeigen? Armseliger Graf! was würdest du damit ausrichten? man
würde deiner spotten. Du bist noch zu jung andere zu unterrichten und dem König
Ratschläge zu geben. Wirst du auch den süssen Reizungen der Lüste an einem Hof
widerstehen können: wo man nur darauf sinnet, die Begierden recht anzufeuren und
ihnen alle Nahrung zu geben? Wird dich deine Ehrsucht nicht verleiten? wird sie
nicht alles entschuldigen und gut heissen, was dem König gefällt, damit du bei
ihm dich einschmeicheln und in Gunst setzen mögtest? Ach! in welcher Gefahr
finde ich mich allhier? O Bellamont, Bellamont, wer wird mir hier Rat
erteilen.
    Der Graf von Rivera war in diesen Betrachtungen aus einem der Königlichen
Lust-Gärten in den daran stossenden Wald gegangen; er hatte sich darin so sehr
als in seinen Gedanken vertieft. Er wurde gewahr, dass er sich in den Gebüschen
verirret; er rief seinen Leuten; allein, sie hörten ihn nicht: der Graf
verdoppelte desshalben seine Schritte, um wieder auf den rechten Weg zu gelangen,
er geriet aber immer tiefer ins Gehölz; die Nacht überfiel ihn: es leuchteten
diesem verirrten Wanderer weder Mond noch Sterne: er konnte den Himmel, die Erde
und die Bäume kaum mehr unterscheiden; doch setzte er seinen Fuss beständig fort:
er liess gleich einem Blinden seinen Stab den Weg suchen, und folgte demselben in
sachten Tritten nach.
    Endlich erblickte er durch das Gebüsche ein schimmerendes Licht: er ging
darauf zu, und fand ein kleines Haus; er klopfte an; ein alter Greiss, dessen
Angesicht mit einem langen Bart bewachsen war, öffnete ihm die Türe. Verzeihet
mir, Ehrwürdiger Alter, war des Grafens Anrede, dass ich euch in eurer Einsamkeit
stöhre: ich habe mich in diesem Wald verirret: ihr werdet so gut sein und mir
bei euch einen Aufentalt vergönnen, bis der Tag mir verstatten wird, wieder
nach Panopolis zurückzukehren. Wer sie auch sind, mein Herr! antwortete der
Alte, so haben sie hier bei mir zu befehlen. Er nötigte ihn darauf sich an ein
Feuer zu setzen, welches im Camin brante, und liess ihm durch einen jungen
Menschen, den er bei sich hatte, verschiedene Erfrischungen reichen, welche der
Graf hier anzutreffen sich nicht vermutet hatte: sie kamen ihm ganz zu rechter
Zeit: sein ungewöhnlicher Spatziergang hatte ihm solche doppelt-annehmlich
gemacht.
    Der Alte konnte den Grafen nicht genug ansehen; so viel Jahre er auch in der
Welt gelebet hatte, so dünkte ihm doch kein Mensch von solcher Gestalt noch
vorgekommen zu sein. Er betrachtete ihn mit einer solchen tiefen Aufmerksamkeit,
dass der Graf, der solches wahrnahm, ihn fragte, für wem er ihn hielte. Mein
Herr! antwortete jener ganz lebhaft, ich halte sie für mehr, als sie sich selber
halten: ihre Kleidung gibt mir wohl einen vornehmen Herrn zu erkennen, ihre
Gesichts-Bildung aber saget mir noch weit mehr. Wie! fragte der Graf, mein guter
Vater, ihr verstehet euch auf die Gesichts-Bildung? In meiner Jugend, sprach der
Alte, hab ich mich stark auf die verborgene Wissenschaften der Natur, den
Himmels-Lauff und die Astrologiam judiciariam gelegt, und dabei viel besonders,
was die Veränderung der Reiche und die Begebenheiten der Menschen betrifft,
wahrgenommen. Meine langwierige Erfahrung hat auch in vielen Stücken meine
Anmerkungen bekräftiget; allein, auch dieses mich gelehret, dass ein GOtt sei,
der oft selbst ins Mittel tritt, und sich an die Gesetze der Natur, davon er
selber HErr ist, nicht jederzeit bindet. Man muss aber eine erhabene und
Göttliche Seele haben, wenn man nicht mehr dem Einfluss der Gestirne und dem
Zusammenhang der natürlichen Ursachen will unterworfen sein. Wahre Weisen ziehen
sowohl ihre Kraft zum Guten, als ihre ganze davon abhangende Glückseligkeit, aus
GOtt selbst; doch ist niemand mehr als sie darauf beflissen, die Ordnung, welche
GOtt in die Natur gelegt hat, zu beobachten; weil sie erkennen, dass der
Beherscher der Welt darin am deutlichsten seinen Willen ausgedruckt habe.
    Dergleichen weise Leute, fragte der Graf, werden sich wohl schwerlich an der
Königen Höfen befinden? warum nicht, antwortete der Alte; die äusserliche
Umstände machen dabei nichts; GOtt gebraucht sich dieser Leute in allen Ständen,
und wenn er ein ganzes Reich will glücklich machen, so bedienet er sich öfters
in dieser Absicht nur eines einzigen Weisen.
    Solte aber ein solcher Weiser, fragte der Graf weiter, bei Hofe nicht
lächerrlich werden? Mit nichten, sprach der Alte; die Tugend hat etwas so grosses
und erhabenes, dass sie alle Menschen ehren müssen; sie hat eine geheime Macht
über alle Geschöpfe; ihre Einflüsse sind Göttlich und ihre Wirkungen begleitet
ein gewisses Ansehen, welches auch die Boshaften schrecket; nicht anders wie die
Tiere, die sich vor den Menschen fürchten, und sich unter ihrer Herrschaft
schmiegen. Ich rede aber hier von einer solchen Tugend, die aus einer hohen
Weisheit stammet, die mit Uberlegung handelt, und die sich nicht in solchen
Dingen suchet, welche ihr eigentliches Wesen nicht ausmachen. Die wenigste
Menschen haben einen rechten Begriff von der Tugend; sie nehmen insgemein dafür
einen falschen Schein; dieser Schein ist ein blendendes Gewand, worunter sich
die Heuchelei verhüllet. Man hat der Tugend ein rauhes, unfreundliches und
abgeschmacktes Wesen angedichtet; man hat ihr die Augen Catonis und die
Gebehrden der Stoiker gegeben: dieses ist ein schädlicher Irrtum: nichts hat
uns mehr von der Einfalt im Guten und von der wahren Aufrichtigkeit abgezogen.
    Sie haben, mein Herr, fuhr der Alte fort, indem er dem Grafen scharf unter
die Augen sah, dasjenige Wesen, worinnen sich die Tugend insgemein zu kleiden
pflegt; sie haben etwas munteres und doch auch etwas ernstaftes an sich: und
wenn mich meine Wissenschaft in Beurteilung der Menschen nicht betrügt, so
werden sie auch davon die Regungen in ihrem Gemüte verspühren. Zeit, Anfechtung
und Gelegenheit aber werden solche bei ihnen noch deutlicher entwickeln, und
durch die Erfahrung auf einen sichern Grund setzen. Sie werden sodann auch
erkennen lernen, dass die blosse Gaben der Natur uns weder recht weise, noch
recht glückselig machen können; sondern, dass ein höherer Einfluss solche beleben
und uns die Kraft zur Ausübung des Guten erteilen müsse.
    Der Graf bewunderte die hohe Weisheit dieses Verehrungs-würdigen Greises;
sein Herz wurde ihm gleichsam durch dessen Reden aufgeschlossen. Er begriff nun
deutlich, dass sich die Tugend an alle Örter schicke, dass sie etwas grosses,
erhabenes und göttliches sei, und dass sie folglich allen Dingen in der Welt
müsse vorgezogen werden.
    Der Graf fragte darauf den Alten um die Beschaffenheit dieser Einsidelei;
worauf ihm derselbe berichtete, dass dieses ein Werk von der ehmahligen alten
Königin, des Königs Frau Gross-Mutter, sei. Man sieht hier, fuhr er fort, die
angenehmste Gegend von der Welt; sie werden, wenn es Tag ist, unweit von hier
eine kleine Capelle finden, in welcher so wohl der König, als dessen vornehmste
Bediente, ihre Andacht verrichten, wenn sie sich, wie im Sommer öfters
geschiehet, hier aufhalten. Der Herr von Ridelo, unser Ober-Aufseher, gönnet mir
auch zum öftern die Ehre seines Zuspruchs. Hiernechst an dieser Capelle ist ein
kleines Lust-Schloss, welches längst dem Wald hin auf jeder Seiten sechs kleine
Zelten-Gebäude hat, die auf Chinesische Art sehr artig eingerichtet sind. Hier
hatte ehedessen auch unsere letztverstorbene hochselige Königin ihren
verborgenen Aufentalt, wenn sie von der Unruh des Hofes und der Last der
Geschäffte ermüdet, sich ein wenig zu ergötzen suchte, und gern für sich allein
sein wollte. Ich bin aber derjenige, der zu diesem ganzen Werk durch eine
Wunder-volle Schickung GOttes Anlass gegeben hat. Der Graf bezeigte hierauf ein
Verlangen, diese besondere Umstände zu wissen. Der Alte liess sich darzu willig
finden, und erzehlte dem Grafen seinen Lebens-Lauf, wie folget.
 
                                Das zweite Buch.
                       Die Begebenheiten des Einsiedlers
                                  Pandoresto.
Mein Leben ist sowohl ein Spiegel der grösten Unordnungen, als einer
ausserordentlichen göttlichen Gnade. Ich wurde zu Bessala von vornehmen, aber
ruchlosen Eltern geboren. Weil sie immerdar mit einander haderten und eines dem
andern nur das Leben recht sauer zu machen suchte, so hab ich wohl nicht ihrer
Liebe, sondern dem allerunreinesten viehischen Trieb meinen Ursprung zu danken.
    Man gab mich gleich nach meiner Geburt einer Frauen auf vom Lande zu säugen;
denn meine Mutter wollte sich mit mir keine Mühe machen: vielweniger mir selbst
ihre Brüste reichen, die sie noch zum Dienst ihrer Lüste gewiedmet hatte.
    Ich war ein einziger Sohn, und meine Eltern besassen ein grosses Gut,
welches sie aber sehr übel verwalteten. Man verzärtelte mich überaus, und liess
mir in allen Dingen den Willen; man übergab mich einigen Lehrmeistern, die mir
wohl zuweilen etwas von GOtt und der Tugend vorsagten; durch ihre Lebens-Art und
Beispiele aber, mich überzeugten, dass sie selbst davon nicht viel glaubten.
    Ich war von Natur sehr gelehrt böses zu tun, und ich kann sagen, dass ich
recht viel Verstand hatte, die Laster bis auf einen gewissen Grad zu treiben,
dass man meine Scharfsinnigkeit dabei bewundern musste.
    Es war keine so unordentliche Haushaltung in der Welt, wie die unsrige. Mein
Vater und meine Mutter speisten selten zusammen an einer Tafel; beide hatten
ihre eigene Gesellschaften und ihre besondere Zimmer: sie kamen schier nie
zusammen, als wenn sie sich einander ausschelten und ihre Untugenden sich
vorrücken wollten. Wenn mein Vater betrunken war, welches wenig Tage nicht
geschahe: so schalt und fluchte er alles zusammen. Meine Mutter im Gegenteil
war dem Putz, dem Spiel und der Galanterie ergeben; und weil ich mehr ihr, als
dem Vater schien nachzuschlagen; so wurde ich als ihr Günstling gehalten. Ich
musste bei ihr frühzeitig die Carten helfen mischen und dabei manche unzüchtige
Reden mit anhören, die ihre Aufwärter, ohn alle Scham, ihr als Artigkeiten
vorsagten.
    Ich war noch kaum in einem Alter, da man den Trieb der Begierden empfindet,
als ich schon allen Weibs-Bildern nachlief, und ihnen die unverschämteste Dinge
vorsagte. Meine Mutter hatte nicht das Herz mich darüber zu bestrafen, weil ich
ihr sonsten ihre eigene Freiheiten hätte vorwerfen mögen.
    Ich verfiel darauf in das allerunordentlichste Leben von der Welt: ich tat
alles, was mir gelüstete, und wusste dabei nichts vom sündigen; weil mir die
Pflichten des Christentums und der Tugend unbekannt waren. Ich ging wohl
zuweilen in die Kirchen, aber nur um darinnen die Musiken zu hören und die
schöne Weibsbilder aufzusuchen. Was geprediget wurde, das hielte ich für eine
Unterhaltung gemeiner Leute, darüber ich mein Gespött hatte, und glaubte von
göttlichen Dingen so viel als nichts. In dieser Sicherheit war mir nichts eine
rechte Freude, wann es die Sünde nicht abscheulich machte. Es wäre teils zu
weitläuftig, teils zu unerbaulich, von allen meinen verübten Bosheiten hier
Nachricht zu geben: ich will nur derjenigen erwähnen, die zu den
Haupt-Veränderungen meines Lebens Anlass gegeben haben.
    Es war Winter, man hielte Carneval, die Masken wurden in der ganzen Stadt
erlaubt; vier eben so freche junge Edelleute, wie ich, machten zusammen eine
Bande, um die leichtfertigsten Händel miteinander anzustellen, wir steckten uns,
als der Abend eingebrochen war, in ganz grässliche Teufels-Larven; einen aber
kleideten wir, wie des Königs Beicht-Vater: er sass auf einem Schlitten, ein
anderer hinten drauf; ich vorn auf dem Pferd; zwei andere ritten neben her mit
brennenden Fackeln in der Hand: Wir ranten in diesem Aufzug mit der grösten
Geschwindigkeit durch die vornehmsten Strassen der Stadt, und als wir den
Kirchhof erreichet hatten, löschten wir die Fackeln aus und warfen den Schlitten
in den nah daran stossenden Stadt-Graben. Niemand hatte uns erkannt, noch
gesehen, wo wir hingekommen waren.
    Wir giengen hierauf noch denselbigen Abend mit unsern Teufels Masken hin und
wieder in die Häuser. Wir jagten damit manche Sechswöchnerin vor Schrecken aus
ihrem Bette, nahmen den Leuten ihr Essen und Trinken weg, entführten in der
Geschwindigkeit die junge Mägdgens und machten es allentalben so bunt, dass man
uns endlich die Wache auf den Nacken schickte. Weil wir aber wider die
Faschings-Freiheit heimlich mit Waffen versehen waren, so stiessen wir ein Paar
von der Wache darnieder und schlugen uns also durch. Wir hatten damit diesen
Abend noch nicht ausgeraset; sondern versamleten uns wieder, nachdem wir unsere
Larven abgelegt hatten, in einem Spiel-Haus, tractirten dabei einige Weibsbilder
so übel, dass eine davon den Geist aufgab. Die Wache kam abermahl herbei und
besetzte unten die Türe vom Haus: ich entschloss mich also kurz, und sprang oben
ein ganzes Stockwerk zum Fenster herunter; ich beschädigte mich ein wenig an der
rechten Hand und hatte das Glück auf solche Weise mich zu retten. Meine
Cameraden aber wurden von den Bürgern, die der Wach zu Hülf gekommen waren,
schier todt geprügelt; sie wurden darauf eingezogen und gefangen gesetzt, weil
sie aber Söhne aus den vornehmsten Häusern waren, so kamen sie mit einer starken
Geld-Busse davon.
    Ich empfand hier das erstemahl ein gewisses Grauen über mein bisheriges
Leben. Ich reiste heimlich von Bessala weg, und nahm unter dem König von
Licatien Kriegs-Dienste. Ich hatte mir vorgenommen hinfüro ehrbarer zu leben,
und mich vor Schand und Schaden zu hüten. Allein, weil ich nicht die geringste
Regungen zur GOttesfurcht und zur Tugend bei mir verspürte; so suchte ich nur
äusserlich den Wohlstand zu beobachten, und dadurch mein Glück in der Welt zu
machen. Ich ging mit lauter Practiken um, und weil ich sah, dass es andere auch
so machten, so hielte ich den für den Klügsten, der den andern am besten hinter
das Licht führen konnte. Ich legte mich insonderheit auf das Spielen; und weil
ich alle geheime Vorteile der Cartenmischerei verstunde, so gewann ich viel
Geld: ich kaufte mir eine Compagnie, und tate darauf einen Feldzug mit gegen
die Battaver: ich wurde auf einen Posten commandirt, da ich überaus brav tate,
und mir deswegen vest einbildete, die Obrist-Wachtmeister-Stelle, welche ledig
wurde, zur Vergeltung meiner Dienste davon zu tragen; alleine, weil ich der
jüngste Hauptmann war, so wurde mir darin der älteste vorgezogen. Dieses brachte
mich in eine solche Wut, dass ich ihn zum Zweikampf herausforderte und ihn darin
entleibte. Ich musste darauf flüchtig werden, und begab mich hieher an den
Aquitanischen Hof.
    Ich legte mich allhier auf die Erlernung der Wissenschaften, und brachte es
dadurch in kurzer Zeit so weit, dass ich nicht nur Cammer-Junker bei dem König,
sondern auch Beisitzer im Hof-Gericht wurde. Ich war damals noch nicht gar
dreissig Jahr alt. Ich lernte nebst andern Wissenschaften, den Schlendrian in den
Processen gar bald. Ich sah, dass es dabei mehr auf eine Causenmacherei und
leeres Wortfechten, als auf die Gerechtigkeit einer Sache selbst ankam. Ich
machte mir diese Wissenschaft zu Nutz und liess es also derjenigen Partei
geniessen, die am besten spendiren konnte.
    Ich bildete mir dabei vieles auf meine Klugheit ein: ich konnte plaudern und
den Leuten weiss machen, was ich wollte. Ich hatte die munterste Einfälle von der
Welt, und niemand war sinnreicher als ich, einen Menschen lächerrlich zu machen
und aufzuziehen. Ich sah, dass man solche Leute, wie ich war, an den Höfen
hervor zog, und beförderte; und diejenige im Gegenteil für einfaltig schalt und
sitzen liess, die sich der Unschuld und Aufrichtigkeit beflissen. Ich nahm mich
dahero wohl in Acht, in dergleichen Schwachheiten nicht zu verfallen. Man
gebrauchte mich zu den verwirrtesten Händeln: ich wurde an verschiedene Höfe
versandt; wo ich alles, zum Dienst des meinigen, mit List und Betrug glücklich
ausmachte. Ich bediente mich darzu bald der herrschenden Sultanin, bald eines
geizigen Ministers, bald eines hochmütigen oder abergläubischen Beicht-Vaters,
nachdem nämlich die Geschäfte waren, die ich zu tractiren hatte; und nachdem die
Personen, davon ich rede, mir darinnen behülflich sein könten.
    Ich hatte mich gleich Anfangs, als ich in Diensten kam, ziemlich vorteilhaft
geheiratet; die Gesetze des Ehstands aber banden mich an nichts; ich glaubte,
dass solche nur für den Pöbel wären. Ich half dem ungeacht manchen wacker
strafen, wenn er in diesem Punct ein wenig über die Schnur gehauen hatte; ob er
mir gleich weit grössere Verbrechen vorrücken konnte. Ich dachte noch nicht
daran, dass ein GOtt wär, der das Böse strafte und das Gute belohnte; es ging
mir viel zu wohl, als dass ich die Wirkungen des Bösen bei mir hätte wahrnehmen
sollen.
    Ich wurde bei Hof für einen Edelmann gehalten, der sich zu allen
Ergötzlichkeiten am besten schickte, ich war deswegen von allen Partien, wo es
lustig hergehen sollte, geliebt: Unter den frechsten Damen hatte ich den grösten
Beifall; weil ich sie frei nach ihren Neigungen urteilte und solche durch keine
angenommene Ehrbarkeit in Zwang setzte.
    Meine Frau kam wenig nach Hofe, sie wusste nichts destoweniger alles, was
daran vorgieng; sie hatte von allem, was ich tate, und so gar auch öfters von
meinen Gesprächen genaue Nachricht. Ich fand mich einsmahl auff einer
Maskerade. Eine Dame von überaus schönem Gewächs und einer sehr wohl
ausgesonnenen Kleidung fiel mir dabei ins Gesicht: ich hielte sie für fremd,
weil ich kein Merkmahl hatte, sie unter ihrer Larve zu erkennen: sie hatte einen
schlanken Leib und ihre Gebehrden waren durchaus edel und ungezungen: ihre Maske
gab ihr dabei ein holdes und reitzendes Ansehen. Sie tanzte mit der grösten
Anmut: ich hatte selbst sie zweimahl darzu aufgefordert: ich fand mich von ihr
gerührt: ich sagte ihr die gröste Schmeicheleien: ich schätzte den Menschen über
alles glückselig, der von einer solchen Schönheit geliebt würde: sie druckte
mir dafür die Hand, und gab mir solche Antworten, daraus ich urteilte, dass ihr
meine Reden gefielen. Ich brachte sie endlich unter dem Schein ihr einige
Erfrischungen reichen zu lassen, in ein Neben-Zimmer. Hie nahm sie die Larve vom
Gesicht und zeigte mir meine Frau. Undanckbarer! redete sie mich an, ist dieses
die Aufführung eines verehligten Mannes? ich erschrack; doch erhohlte ich mich
eben so bald. Ich wollte euch Madame, sprach ich, dieselbige Frage tun: es
schicket sich nicht wohl für eine so frome Frau, als ihr sein wollet, auf einem
öffentlichen Ball die Liebkosungen einer fremden Maske anzunehmen: sie sagte,
dass sie mich wohl gekant hätte, und dass sie deswegen sich auf diesen Ball
gewaget, um meine Aufführung selbst mit anzusehen; ich behauptete, dass solches
nicht wohl sein könnte, weil ich mich unter einem Domino versteckt hätte. Sie
bewies mir, wie sie davon die vollkommenste Nachricht gehabt habe: ich setzte
ihr meine Gründe dargegen; der Prozess blieb endlich unentschieden und wir mussten
uns in der Güte vergleichen. Meine Frau bildete sich unterdessen viel darauf
ein, dass sie auf diese Weise mir gezeiget hätte, wie sie noch solche
Annehmlichkeiten besässe, die sie könten beobachten machen; und bildete sich
vest ein, dass ich sie lieben würde, wenn sie meine Frau nicht wäre.
    Dieser Zwang wurde mir in die Länge unerträglich: ich konnte mich durch keine
Gesetze binden, vielweniger mir durch eine Frau, die mir so abgeschmackt als die
meinige schien, Lebens-Regeln vorschreiben lassen. Ich sann also auf Mittel
ihrer bald los zu werden. Sie war sehr zum Zorn geneigt: sie konnte sich über die
kleinste Dinge dermassen ärgern, dass sie öfters sich dabei nicht mehr kante. Ihr
Geblüt wurde darüber entzündet und die Galle in alle Glieder getrieben: da
mussten nun die Aerzte raten. Diese gaben ihr allerhand niederschlagende Pulver
und zerteilende Artzneien, welche sie öfters wieder zurecht brachten, und mir
die Hoffnung benahmen, meiner Frauen bald los zu werden; ich brachte ihr
deswegen bescheiden bei, es wäre bei ihr nichts anders, als Hypochondrie; und
müste sie deswegen etwas wider die Wind und Blähungen gebrauchen; darzu sei
nichts dienlicher als gute abgezogene Luft-Wasser und Magenstärkende Essenzen.
Sie machte sich ohnedem schon eine Verrichtung daraus, dergleichen Wasser selbst
zu brennen, und sie als Arzneien an die Armen zu verschenken: Sie liess sich
meinen Rat gefallen, und nahm, wiewohl heimlich, wenn sie in ihrem Laboratorio
war, ziemlich starke Proben von ihren destillierten Wassern. Als ich dieses
merkte, spielte ich ihr die starkste Chymische Processe in die Hände, darüber
sie erkrankte und durch ihren darauf erfolgten Tod, die Zahl meiner Missetaten
vergrössette.
    Niemand war froher als ich: ein alter Franciscaner, der zu mir gekommen war,
um mich über das Absterben meiner Frauen zu trösten, stöhrte dieses Vergnügen.
Diese Leute haben in der Welt wenig zu verliehren. Die Strengigkeit ihres Ordens
setzen sie gegen die Begierden, reich und vornehm zu werden, in Sicherheit. Sie
haben demnach nicht solche Maass-Regeln zu beobachten, wie andere Geistlichen,
die öfters den Mantel nach dem Wind hängen und durch ihre Gefälligkeiten, damit
sie andern schmeicheln, gute Pfründen und hohe Kirchen-Aemter ertangen. Der
Franciscaner wusste nichts von diesen Dingen: er war gewohnt einem die Wahrheit
trocken unter die Augen zu sagen. Ich sehe, mein Herr, sagte er mir, sie sind
über den Verlust ihrer Gemahlin gar nicht betrübt; da sie solches zu sein doch
so grosse Ursach hätten. Wann werden sie dann einmal in sich selbst gehen, und
anfangen ihre Sünden zu bereuen, damit sie bisher den Hof die Stadt und die
ganze Christenheit geärgert haben? Sie gebrauchen die Gaben ihres Verstandes
denjenigen damit zu entehren, von dem sie solche bekommen haben; Es ist hohe
Zeit, dass sie ihren Sinn ändern; sonst dürfte ihnen der HErr bald zeigen, was er
für eine Macht über solche Geschöpfe habe, die seiner zu spotten vermeinen.
    Diese beherzte Rede hatte etwas, das mich verwirrt machte: ich wusste bei
aller meiner Lebhaftigkeit ihm nichts darauf zu antworten: ich betrachtete
diesen Anachoreten mit Bestürzung: die Augen lagen ihm so tief im Kopf, dass man
solche kaum sehen konnte; seine ganze Gesichts-Bildung bestunde aus blossen
Knochen, die auf der Stirne mit einigen Runzeln bezeichnet waren: ich erschrack
je mehr ich ihn ansah. Diese Leute, dachte ich bei mir selbst, müsten doch wohl
greuliche Narren sein, wenn sie sich das Leben so sauer machten, nur um andere
Menschen zu betrügen, und ihnen eine Religion zu predigen, davon sie selbst
keine Uberzeugung hätten. Ich gedachte also bei mir selbst, dass es noch wohl der
Mühe wert sein möchte, diesen Sachen ein wenig nachzudenken. Ich fragte deswegen
den Pater, was er mir riete vor Bücher zu lesen? er antwortete mir, die Bücher
der Evangelisten und Apostel. Dieses befremdete mich: ich nante ihm verschiedene
geistliche Schriften, die mir ehedessen meine Frau angepriesen hatte und die
damals unter den andächtigen Leuten stark Mode waren; er sagte mir, diese Bücher
waren zwar gut, doch müste der Grund des Glaubens zuvor in der Unterweisung des
Heilands selbst geleget werden.
    Ich las darauf ein wenig in den Büchern des Neuen Testaments; allein ich
blieb darüber zwischen den Meinungen der vielen Ausleger hängen. Diese
versperrten einander durch ihr stets anhaltendes Gezank den Himmel, nachdem sie
sich einander widersprachen. Der gröste Böswicht, der in der Bekanntnis ihrer
Aufsätze starb, der wurde selig gesprochen, und der frömmste Mann im Gegenteil
ging nach ihrem Ausspruch verloren, wann er einer anderen Partei zugetan
war. Dieses verwirrte mich ungemein.
    Ich war bei allem dem noch in meinen besten Jahren und hatte dabei die Welt
sehr lieb: ich gedachte mir dieselbe nach meiner Frauen Tod erstlich recht zu
Nutz zu machen. Ich setzte also mein leichtsinniges Leben weiter fort: ich
spührte aber dabei in meinem Herzen gewisse unruhige Bewegungen, welche sich
nicht wollten abweisen lassen, und die gleich den Wellen, wenn sie auf der See
durch einen Wirbel-Wind in die Höhe gezogen werden, darin einen Sturm nach dem
andern verursachten.
    Es lebte damahls eine sehr tugendhafte Witwe onsern Panopolis auf dem Lande:
die Königin besuchte sie und nahm mich mit zu ihr: ich sah nicht so bald die
Frau von Dusemon, so nante sich diese Dame, als ich mich erinnerte, dass ich sie
ehedessen, als eine der lebhaftesten und grösten Schönheiten, am Hofe gekant
hatte. Ihre Sittsamkeit rührte mich dismahl noch mehr, als ihre reitzende
Gestalt. Ich betrachtete sie mit der grösten Verwunderung. Ein ungewöhnliches
Stillschweigen band mir gleichsam die Zunge: ein tieffes Nachdencken hatte mich
ganz eingenommen.
    Die Königin, welche eine dergleichen Eingezogenheit an mir nicht gewohnet
war, fragte mich, was mir wär. Sehet doch, fügte sie im Scherz hinzu, wie das
eitle Welt-Kind heute sich so ernstaft stellet: ich denke, Pandoresto wird sich
bekehren wollen. Die Frau von Dusemon sah mich darüber an: es wäre wohl zu
wünschen, sagte sie mit einem durchdringenden Auge, dass ein so verständiger
Cavalier auch ein wenig Gottesfurcht haben möchte. Ich erkühnte mich nicht
anders, als mit Ehrerbietung ihr darauf zu antworten.
    Ich fuhr damit wieder mit der Königin zurück: einer von meinen guten
Freunden sagte mir darauf, dass diese Dame sehr gute Meinungen von mir hegte, dass
ich ihr nicht so gottlos vorkäme, als man mich ihr beschrieben, und dass sie an
mir gewisse Merkmahle entdecket hätte, die sie versicherten, dass ich noch ein
gottsfürchtiger Mann werden würde.
    Diese Reden machten mir allerhand Gedanken. Ich empfand für diese Dame eine
mit Liebe und Ehrerbietung vermischte Neigung. So eitel ich auch war, so konnte
ich mir doch nicht einbilden, dass ihr an mir etwas sollte gefallen haben: ich
spürte bei dieser Gelegenheit eine mir ganz unbekannte Demut: ich begriff mich
selbst nicht recht: ich wollte gern tugendhafter sein, wenn ich dadurch dieser
Dame gefallen könnte. Solches wär in der Tat eine schlechte Beweg-Ursach, mich
zu bessern; ich erkannte aber daraus dass die Tugend etwas ungleich
Liebens-würdigeres an sich hatte, als das Laster.
    Ich bekam hierauf die Frau von Dusemon öfters zu sehen: meine Aufführung
gegen sie war so eingezogen, als ehrerbietig: ich war mit mir selbst
missvergnügt, dass ich meinen wilden Geist nicht gleich so bändigen und meine
innerste Regungen nach den Empfindungen einer wahren Tugend einrichten konnte.
Ich wusste noch nicht, dass darzu eine höhere Kraft erfordert wurde.
    Die Frau von Dusemon hatte sich endlich durch die Königin sowohl als durch
meine heftige Liebe bewegen lassen, mich zu ehligen, so bald sie meinen Ernst
sehen würde, hinfort ein rechtschaffenes Christliches Leben zu führen: sie
hoffte auf diese Weise ein Kind des Verderbens aus den Klauen des Satans zu
reissen und also ein gutes Werk zu tun.
    Ich gedachte nun erstlich der glückseligste Mensch auf der Welt zu werden:
ich schmeichelte mir der zeitlichen Güter auf eine erlaubte Art zu geniessen;
allein, der HErr menschlicher Schicksale, dessen Gesetze und Ordnungen ich
bisher auf das abscheulichste übertretten hatte, führte mit mir andere
Absichten. Ein solcher Abschaum menschlicher Bosheit und Laster sollte nicht ohne
wirkliche Empfindung seiner Sünden, und ohne rauhe Busse gerettet werden. Ich
musste zum wenigsten die Strafen des Bösen tragen, zu welchen mich selbst das
Gesetz der Natur verdammte.
    Ohneracht ich bisher, meiner Geliebten zu Gefallen, ein ordentliches und
eingezogenes Leben führte; so hatte ich doch das mir von Jugend auf angewöhnte
Fluchen noch nicht ganz lassen können. Ich war selbst einer von denenjeniden
Leuten gewesen, die darin etwas sinnreiches suchen und die Kunst zu fluchen mit
neuen Erfindungen bereichern.
    Ich war schon wirklich mit der Frau von Dusemon versprochen, und der Tag
unserer Vermählung war bereits auf die nächste Woche festgestellet, als wir uns
Abends bei Hofe, in einer sehr grossen Gesellschaft, befanden. Mein eitles Herz
hatte hier, was es vergnügen konnte: Liebe, Ehre, Hoheit, Pracht, Reichtum,
Lust; alles schien mich mit ausserordentlicher Glückseligkeit anzulachen. Nur
die Carten waren mir zuwider. Ich sass und spielte und verlohr Spiele, die
erstaunlich waren: man sah mir zu und schloss einen Creis um mich herum: man
sagte, es wäre nicht natürlich, dergleichen Spiele zu verliehren. Ich geriet
darüber in einen ungemeinen Eifer: ich vergass mich ganz. Ich hatte bei nah schon
alle meine Adeliche Fluche nach einander ausgestossen; doch hatte ich meinen
gewönlichsten noch ziemlich lang zurück gehalten, welcher war: dass mich GOtt
verdammen sollte.
    Kaum war mir auch dieser vom Munde geflogen, so überfiel mich ein todkalter
Angst-Schweiss: ich erblasste: mir bebeten alle Glieder: das Herz fieng mir an zu
schlagen und zu pochen, als ob es mir die Brust durchstossen wollte: ich wusste
vor Bangigkeit nicht mehr zu bleiben. Ich schmiss die Carten weg, stunde schnell
auf, hielte mein Schnupptuch vor die Nase, durchstrich die Königliche Vor-Zimmer
und lief zu Fuss nach Haus.
    Hier schloss ich mich in mein Zimmer, warf mich bald auf die Knie, bald auf
mein Bette nieder: ich schrie, ich seufzete: ich fand, dass ich ein
abscheulicher Mensch war; ich hatte ein Grausen vor mir selbst: ich bate GOtt,
er möchte sich mir zu erkennen geben, und mich im übrigen strafen, wie es seine
Gerechtigkeit erforderte. Ich hätte in diesem Zustand gern alles tun und leiden
wollen, wenn ich nur die geringste Uberzeugung von GOtt hätte haben können; denn
was mir am unerträglichsten schien, war mein Unglaube.
    Ich sah wohl, dass mich diese Regungen nicht von ungefehr überfielen; ich
urteilte aber zugleich, dass sie auch natürlich sein, und von einer
aufgebrachten Phantasie herrühren könten. Gleichwohl hatten sie keinen Grund in
meiner bisherigen Lebens-Art, noch in der Unterweisung, die man mir von Jugend
auf gegeben hatte: sie kamen auch von keinen Vorurteilen. Denn alle meine
bisherige Anmerkungen von dem Zustand dieser Welt, und über die Sitten der
Menschen, waren vielmehr eitel Vorurteile zum Unglauben. So leicht man auch aus
der Natur und aus einer richtig schliessenden Vernunft GOtt erkennen kann; so war
mir doch damahls auch dieser gerade Weg verschlossen: Ich konnte mir nicht
einbilden, dass ein gütiges und allweises Wesen eine Welt sollte geschaffen haben,
die nur nach meiner damahligen Meinung, von lasterhaften und unglückseligen
Geschöpfen bewohnet würde; denn ich hatte noch so wenig tugendhafte und fromme
Leute gekant, dass ich schier zu zweiflen begunte, ob es auch solche Leute
wirklich gäbe. Ich litte grausam unter diesen Vorstellungen: meine Vernunft nahm
die beste Gründe an, um mich zu verwirren, und mein Herz war voll der heissesten
Begierden einen GOtt zu lieben, der sich mir nicht zu erkennen geben wollte. Ich
verbrachte auf solche Weise die unruhigste Nacht von der Welt. Mit anbrechenden
Tag liess ich den alten Franciscaner kommen, und entdeckte ihm, was mir begegnet
war, und in welchem Zustand ich mich befand.
    Dieser heilige Mann, denn er war solches in der Tat, vergoss darüber
Freuden-Tränen; er pries die Hand des Allmächtigen; die, wie er sagte, mich
gerühret hätte, um an mir ein neues Wunder-Werk seiner Gnade zu zeigen. Sie
erkennen nun, sprach er, auch wider ihren Willen, dass ein GOtt sei, dessen
Gesetze und Ordnungen sie auf die schmählichste Art übertreten haben, und dass
sie deswegen ohne alle Hülfe und Trost müsten verloren gehen, wo er sich ihrer
nicht erbarmen würde; sie ergreiffen deswegen ohne Anstand den Heiland, als das
Sühns-Opfer für ihre Sünde; denn darzu ist Christus in die Welt gekommen, um die
Sünder zu GOtt zu bringen.
    Ach! rief ich hier bekümmert aus, ihr redet mir von Christo, da ich noch
kaum erst anfange einen GOtt zu glauben? Wir haben Christum bald, sagte der
Geistliche, wenn es uns einmal ein rechter Ernst ist GOtt zu lieben und seine
Gebotte zu halten. Es sind hier keine Sachen, die sich einander widersprechen;
GOtt offenbaret sich an unsern Herzen durch Christum, wenn wir dieses Geheimnis
gleich nicht verstehen. Das Reich Christi ist in der ganzen Welt; er nähret, er
erhält und schützet seine Untertanen; und sie wissen und begreiffen nicht, wie
es in dieser göttlichen Haushaltung zugehet; aber dieses können sie leicht
wissen, dass Christus der Heiland sei. Kein Weiser hat uns noch bessere Lehren
und Lebens-Regeln gegeben, welche der Vollkommenheit eines göttlichen Wesens
anständiger und der Glückseligkeit der menschlichen Natur zuträglicher sind.
Hier wird der Mensch nicht allein von der Ausübung der Laster abgehalten,
sondern auch in seiner inwendigen Gestalt gereiniget; und so gar zu den
erhabensten göttlichen Tugenden zubereitet. Dessen Geschichten, wie man solche
aufgeschrieben findet, haben alle Kennzeichen der Wahrheit, und sind durch so
viel Zeugen und Wunderwerk bekräftiget worden, dass man von den alten Geschichten
gar keine glauben müste, wo man diese in Zweifel ziehen wollte. Könte man sich
auch wohl als eine Wahrscheinlichkeit einbilden, dass solche einfältige, ehrliche
Leute, wie die Evangelisten und Apostel waren, es mit einander sollten abgeredet
haben, die Menschen zu betrügen, und mit ihren falschen Legenden die ganze Welt
zu erfüllen? Zu einer Zeit, da der Witz und die Scharfsinnigkeit des
menschlichen Verstandes bei den Römern, Griechen und Juden aufs höchste
getrieben wurde; und da man genau verstunde, was zum Beweis einer Sache gehörte.
Da nun, in dem Verfolg der Zeiten, die Menschen von der Wahrheit des Evangelii
dergestalt überzeuget und eingenommen wurden, dass sie nicht allein alle
Vorteile des Lebens für die Erhaltung derselben willig hingaben; sondern auch
mit ihrem Blute, unter den grausamsten Verfolgungen und Martern besiegelten; so
ist es eben so wenig wahrscheinlich, dass dieses lauter im Kopf verrückte Leute
gewesen wären, als wenig glaublich es ist, dass ein blosser Wahn, der die
menschliche Begierden mit einem so unangenehmen und harten Zwang beleget, sich
durch alle Völcker und Zeiten, bis auf die heutige Welt, beständig sollte
fortgetrieben haben.
    Ja, wenn alle diese Vernunft-Schlüsse nicht zulänglich wären, sie der
Wahrheit unseres Glaubens zu überzeugen, so waren davon allein die unter uns
allentalben zerstreuete Juden die lebendigste Zeugen: sie tragen noch alle die
Mahlzeichen des über sie und ihre Nachkommen ausgestossenen grässlichen Fluchs
auf ihrer Stirne, wenn sie sagten; Sein Blut komme uber uns und uber unsere
Kinder: sie sind die einzige Nation, die von derselben Zeit an, nirgend das
Bürger-Recht haben, sondern allentalben, als ein unglückseliges verhasstes Volk
verjagt, zerstreut, verfolgt und geschmähet werden; da sie doch zuvor, in dem
alten Bund, als das auserwählte Geschlecht, vor andern erhaben, durch die gröste
Wunderwerke von GOtt selbst sind erhalten und geschützet worden; sie sollen auch
vor dem Ende der Zeiten wiederum zu ihrer vorigen Gnade gelangen. Bis dahin aber
müssen sie uns und der ganzen Welt das Evangelium auch wider ihren Willen
predigen. Wir sehen keine Juden, die uns nicht gleichsam zurufen: Christus
lebet: Christus ist auferstanden: Wir tragen den Fluch, um euch solches zu
lehren.
    Diese Nachricht von Christo gab mir einen starken Eindruck. Ach! seufzete
ich, mögt ich doch auch diesen liebreichen Heiland kennen! Er lässt sich sonst
nicht lange suchen, sprach der Geistliche, er ist bald da, wenn man nach ihm
verlanget: ein rechter bussfertiger Sünder ist der wichtigste Vorwurf seiner
Liebe und eine Freude der Heiligen; allein, sie haben noch Berge zu übersteigen,
diese Berge sind die Höhen ihrer Vernunft: kämen sie zum Heiland in der Einfalt,
wie das Weib bei Luca am 8. so würden sie alsobald die Kraft, die aus ihm geht,
an sich gewahr werden, und sollten sie auch nur den Saum seines Rocks berühren.
So aber weiss sich ihre Vernunft noch in diese Einfältigkeit nicht zu schicken,
sie haben bisher ihre Stärke nur gebraucht, um allen Eindrucken und Empfindungen
des Glaubens bei sich zu widersprechen, und ihren Lüsten und Begierden das Wort
zu reden: sie dürfte ihnen deswegen noch wohl etwas leiden machen, ehe sie zur
rechten Glaubens-Einfalt gelangen werden.
    Es geschahe mir, wie mir der Geistliche gesagt hatte, ich fiel in eine tiefe
Melancholie: ich suchte die Einsamkeit und floh den Umgang mit allen Menschen.
Ich mietete mir an einem abgelegenen Ort nah an einem Wald, ein kleines Haus.
Niemand wusste etwas von meinem Aufentalt als mein Franciscaner, der von seinem
Closter zu mir nicht über drei Viertel-Stunde zu gehen hatte. Ich gedachte in
dieser Einsamkeit an nichts mehr, als an meine Bekehrung. Je mehr ich aber GOtt
suchte, je mehr schien er sich von mir zu entfernen. Ich wurde endlich aller
Andacht, aller Hoffnung und alles Trostes beraubet. Meine täglich überhand
nehmende Schwermut quälte mich mit den allergrässlichsten Vorstellungen: alles,
was mich sah drohete mir mit einem abscheulichen Tod: ich zitterte wann ich nur
Menschen sah, der ich sonst unter allen der verwegenste war. Ich floh in die
Einöden und in die dickste Wälder. Ich schrie, ich seufzte, ich wimmerte, wie
ein Mensch, der alle Augenblick verzagen wollte. O welche Abgründe der
Verzweifelung sah ich hier! Ich hatte Tag und Nacht keine Ruh: die greulichste
Larven und Schrecken-Bilder erfüllten auch im Traum meine aufgebrachte
Phantasie. Ich war darüber öfters ganz erstarrt, wann ich aufwachte. Nur das
Herz, als die Quelle des Lebens, bewegte sich noch allein, und trieb, durch die
nahe Angst des Todes, das Leben wieder in die schon erkalte Glieder. Ich fiel
endlich ganz vom Fleisch und wurde so unbesorgt um mein Leben, dass ich solches
vielmehr tausendmahl wünschte aufzugeben, wann ich nur die geringste Empfindung
des Glaubens, als den einzigen Trost, den ich suchte, dadurch hätte erlangen
können.
    Mein Geistlicher, der mich noch immer fleissig besuchte, wünschte mir zu
allen diesen grausamen Anfechtungen und Glaubens-Ubungen Glück. Sie haben, mein
Herr, sprach er, den HErrn der Weisheit und der Liebe so oft und vielmahl von
sich abgewiesen und seiner Allmacht Sohn gesprochen. Er zeigt ihnen nun, dass er
sich kann Recht schaffen; wiewohl diese Ahndung nichts anders ist, als eine
Vorbereitung zu derjenigen Uberzeugung, welche sie suchen. Sie sehen jetzt
deutlich, was der Mensch vor eine elende und jämmerliche Kreatur ist, so bald
GOtt die Hand nur ein wenig von ihm abziehet, und ihn in seinem eigenen unreinen
Grunde wühlen lässet. Sie empfinden jetzo den Schrecken der Natur, wenn der
Geist, der in dem Menschen ist, seinen Ursprung verläugnen und gegen den
Schöpfer sich empören will. Wollen sie noch mehr Uberzeugungen haben? worauf
warten sie noch? wollen sie, dass GOtt die ganze Natur verkehren und ihre
Ordnungs-Kette zerreissen soll, um sie durch neue Wunder-Wercke zu überzeugen?
oder warten sie bis GOtt selbst mit ihnen aus einem feurigen Busche, unter dem
Krachen und Blitzen der Elementen reden, oder ihnen unter der Gestalt eines
alten Manns, oder eines sichtbaren Geistes erscheinen wird? O wie übel würden
sie sich dabei finden: ihre Vernunft würde es für ein Gauckelspiel der
Phantasie halten, oder für eine androhende Verrückung des Gehirns, oder für
einen Betrug der Geistlichen, wie sie dessen öfters beschuldiget werden. Dieses
alles würde sie und ihre grüblende Vernunft noch lange nicht überzeugen.
    Lasst uns deswegen fuhr der Geistliche fort, ein wenig aufrichtiger und
einfältiger mit GOtt handeln. Lasst uns in unser eigen Herz eingehen, und darin
die Wirkungen des Göttlichen Geistes wahrnehmen. Was ist dasjenige, das uns, da
wir von Natur ganz elend und verdorben sind, das Gute wünschen und lieben macht?
woher kommt die Regung, die uns ein Verlangen nach einem unendlichen Gut
einflöset? diesen innern Bewegungen müssen wir Raum lassen, und ihrem Ursprung
nachspüren. Da findet die Seele bald, was sie suchet. Hier sind keine blosse
Phantasien und Hirn-Bilder; die Liebe zu GOtt ist das deutlichste Kennzeichen,
dass er uns liebt; wo er sie nicht liebte, so hätte er sie auch in ihrer vorigen
Sicherheit lassen hingehen; sie würden wenig sich darum bekümmern, ob ein GOtt
wär, der die Welt regierte, oder sonst ein etwas von ungefähr: ob die Tugend
etwas guts, oder das Laster etwas böses sei: Ob sie Vergebung der Sünden hätten,
und glaubig wären, oder nicht: dieses alles würde sie eben so wenig anfechten
als zuvor.
    Ja, unterbrach ich hier mit einer ausserordentlichen Bewegung, ich wollte
herzlich gern in diesem Augenblick sterben, wenn ich nur der Gnade GOttes in
Christo bei mir recht versichert werden könnte. Wohlan, sagte hierauf der fromme
Mönch zum Beschluss, wenn sie dann solches mit einer so lebhaften Begierde
wünschen, so sterben sie mit einmal der Welt ab: dieses ist der Tod, durch
welchen sie dasjenige erlangen werden, was sie so sehnlich suchen. Dieser Tod
wird sie versichern des Todes ihrer Sünden und ihrer Vergebung bei GOtt. So
wenig sonst GOtt von uns verlanget, dass wir um seinetwillen uns der Welt und der
weltlichen Geschäfften und Güter entschlagen sollen, so nötig finde ich solches
für sie.
    Ich meinte, der ehrliche Franciscaner würde mir auflegen, dass ich mich in
einen strengen Orden begeben sollte. Allein, er sagte mir, dass man in den
Clöstern selten diejenige aufrichtige Andacht fände, die man darinnen
anzutreffen vermeinte: es gäben so viel böse Mönche in den Clöstern, als böse
Menschen in der Welt. Der beste Gottesdienst wär, dass ein jeder seines Berufs
wartete und darin GOtt und Menschen treu wäre. Was aber mich anbelangte, so
hielte er dafür, dass, wie ich ein ausserordentlicher und mit den grösten
Verbrechen beladener Sünder wär; so musste auch meine Busse ausserordentlich und
von einer sonderbaren Erweckung sein. Ich würde demnach wohl tun, denjenigen
Menschen, die ich durch meine grausame Missetaten geärgert hätte, an mir ein
Exempel der wahren Bekehrung und Sinnes-Aenderung zu zeigen. Ich sollte mir zu
dem Ende nah bei der Stadt ein kleines Haus erbauen, mich aller Eitelkeiten
entschlagen, und mein übriges Gut den Armen geben.
    Ich folgte diesem Rat. Sie sehen hier, mein Herr, den glückseligen Platz
meiner Ruhe, welchen viel tausend Büss- und Freuden-Tränen mir zu einer andern
Schekina eingeweiht haben, wo ich stets die Gegenwart GOttes, sowohl in seinen
herrlichen Werken, als in meinem armen Herzen finde; und wo ich getrost meine
alte Hütte verfallen sehe; weil ich durch Ablegung derselben, dasjenige von
Angesicht schauen werde, was ich hier nur mit den Augen des blosen Glaubens
erreichen kann.
    Die Königin, sowohl als die Frau von Dusemon wurden durch mein Exempel
gerühret: Jene liess nahe hiebei die schöne Einsidelei erbauen, wo sie die meiste
Zeit sich aufhielte; und wurde aus einer ganz eitlen Dame, eine sehr eifrige
Christin: diese aber, als meine Verlobte, begab sich in die Abtei Gnaden-Tal,
und starb darin vor einigen Jahren in dem Geruch der Heiligkeit.
                                     * * *
    Der fromme Einsiedler hatte auf diese Weise kaum seine sehr nachdenkliche
und erbauliche Erzehlung zu Ende gebracht; als man das Trappeln einiger Pferde
hörte, die vor dem Hause stille hielten. Der Herr von Ridelo trat darauf ins
Zimmer. Ich dachte wohl, redete er den Grafen an, ich würde sie bei unserm
Einsiedler antreffen: sie haben uns unterdessen zu Hause keinen geringen
Schrecken verursacht, da ihre Bedienten bei später Abends-Zeit allein wieder
kamen, und ihren Herrn nicht mit zurück brachten. Der Graf entschuldigte sich
darüber bei seinem höflichen Wirt so gut er konnte: es scheinet aber, fügte er
hinzu, ich habe durch eine besondere Schickung mit diesem ehrwürdigen Greiss
bekant werden sollen; um mich, durch die Befolgung seiner weisen Lehren, ihrer
Freundschaft würdiger, und zum Dienst des Königs desto fähiger zu machen.
    Der Graf gab sich darauf dem alten Pandoresto zu erkennen, und nach einigen
wenigen Reden nahm er von demselben Abschied: er dankte ihm für seine gute
Bewirtung, und versprach ihn hinfort nicht mehr aus Irrtum, sondern mit gutem
Vorsatz zu besuchen. Er setzte sich damit nebst dem Herrn von Ridelo in die
Gutsche: die 6. Pferde, die vorgespannt waren, ranten aus allen Kräfften: es war
Morgens um 3. Uhr, als diese beide Herrn in ihrem Pallast abstiegen: die Frau
von Ridelo war noch auf: sie kam ihnen entgegen, und fragte ihren Gemahl, ob er
das verlohrne Schaf wieder gefunden hätte. Der Graf sprang damit eilends aus der
Gutsche, küsste ihr die Hand, und bat sie, wegen der Unruh, die er in ihrem Hause
verursacht hatte, um Vergebung.
    Man begab sich darauf zu Bette. Dem Grafen wollte die Gestalt des alten
Eremiten nicht aus dem Sinn, er bewunderte sowohl dessen sonderbaren
Lebens-Lauf, als seine ihm gegebene Lehren: er wiederholte solche bei sich
selbst und schlief darüber ein. Als er des Morgens wieder erwachte, fand er sich
in seiner gefassten Entschliessung ungemein stark, sowohl einen redlichen
Hofmann, als guten Christen abzugeben.
 
                                Das dritte Buch.
Der König hatte bereits die drei und zwanzig Jahr zurück geleget: er wollte sich
noch nicht bereden lassen dem Reich eine Königin, und der Krone rechtmässige
Erben zu geben. Er hatte sich bisher von den Lüsten seiner Jugend und einer
trägen Sorglosigkeit dergestalt einnehmen lassen, dass er sich um nichts
bekümmerte, als wie er sich täglich neue Veränderungen und Ergötzlichkeiten
machen möchte. Er verabscheute deswegen alle Verbündnisse einer ordentlichen
Liebe: er bildete sich ein, der Zwang und die Ordnung schickten sich für keinen
König, der wohl andern Gesetze geben könnte, selbst aber solche zu halten nicht
verbunden wäre.
    Gleichwohl erforderte es des Reichs Wohlstand, dass der König sich vermählen
sollte. Er hatte sich um diese Zeit in die Gräfin von Monteras, eine Base des
Hertzogs von Sandilien, und eintzige Tochter seines verstorbenen Bruders,
verliebet, welche sich seit einigen Monaten in dem Pallast ihres Vettern
aufgehalten hatte.
    Diese Neigung war bei dem König von einer solchen Heftigkeit, dass sie
denselben auf einmal von seinem wanckelmütigen Herumschweifen zurück zoge. Die
Gräfin von Monteras war eine von denen lebhaften und glänzenden Schönheiten, die
gleich im ersten Anblick gefallen; und welche sowohl durch ihren ungemeinen
Verstand, als durch die holdseligste Sitte diejenige Eindrücke am längsten
erhalten, die sie so hurtig zu geben wissen. Ihre Gestalt hatte alle Reizungen
der Liebe, und in ihrem Gemüte herrschten die stärkste Empfindungen einer
wahrhaftig hohen und tugendhaften Seele.
    Der König wurde Anfangs bei ihr bloss allein durch die Annehmlichkeiten ihrer
Gestalt gerühret. Diejenige Schönen, welche er zuvor geliebt hatte, waren von
einer solchen eigenschaft, dass sie bei ihm wohl die sinliche Lust rege machten;
das Herz aber selbst unempfindlich liessen. Er wusste noch nicht, dass in dem
Geist des Menschen etwas verborgen war, welches hauptsächlich seinen Einflus in
das Gemüt hatte, und welches eigentlich nur allein den Namen der Liebe
verdienet.
    Hier hätte also der König eine ihm noch unbekannte Neigung gefast; er meinte,
die Base seines ersten Ministers müste es sich gleich andern zur Ehre rechnen,
wann er sich für ihren Liebhaber erklären würde; er suchte Gelegenheit sich ihr
als ein solcher zu erkennen zu geben. Die vornehmste Damen des Hofs hielten eine
um die andere ihre Gesellschaften. Der König fand sich insgemein mit dabei. Die
Gräfin von Monteras konnte sich aus Wohlstand nicht entbrechen bei diesen
ordentlichen Zusammenkünften mit zu erscheinen. Hier suchte der König
Gelegenheit sie zu sprechen, um ihr seine Neigung zu offenbahren. Die Gräfin
aber entzog sich mit der grösten Sorgfalt sowohl seinen Blicken, als seiner
Unterredung.
    Endlich fand er sie einsmahl ganz allein, in ihrem an den Sandilischen
Pallast stossenden Garten; sie hatte ihre Augen auf einer mit allerhand Blumen
und raren Gewächsen besetzten Gallerie nach dem unten vorbeifliessenden Strohm
gerichtet; und war dabei in so tiefen Gedancken, dass sie des Königs nicht eher
gewahr wurde, als bis er ihr die Hand ergriff und solche zum Munde fuhrte: sie
erschrack darüber heftig; doch fasste sie sich bald, und begegnete dem König als
eine Fraulein, die vollkommen wohl zu leben wusste.
    Hier musste sie sich es gefallen lassen, des Königs Liebes-Erklärung
anzuhören; sie antwortete ihm darauf mit untermengter Schamröte, dass sie für
denselben alle schuldige Ehrerbietung hätte; dass sie aber dabei nicht absehen
könnte, worzu demselben ihre Liebe dienen sollte; denn ihre Geburt setzte sie zu
weit unter den Königlichen Tron, und ihr Gemüt zu weit über das Glück seiner
Königlichen Buhlerin.
    Die Gräfin brachte diese Worte mit einem so edlen und grossmütigen Wesen
vor, dass der König so geschwind nicht wusste, was er ihr darauf antworten sollte.
Je mehr er dieselbige betrachtete, je mehr fand er an ihr Reizungen sie zu
lieben, und ernstafte Gebehrden, sie zu ehren. Schönste Gräfin! brach er
endlich heraus, sie würden meine Neigungen nicht verdammen, wenn sie ihre reine
Absichten betrachten wollten; sie schenken mir nur ihr Herz: es wird mich niemand
hindern, ihnen als meiner Gemahlin die Hand zu geben, und als meiner Königin die
Krone aufzusetzen. Die Gräfin, die sich auf einen so wichtigen Antrag von Seiten
des Königs nicht versehen hatte, schlug darüber die Augen schamhaftig nieder,
und suchte mit einer demütigen Bescheidenheit das Anerbieten einer so hohen
Liebe von sich abzulehnen; sie sagte, dass sie darzu viel zu gering wäre; dass sie
der Himmel nicht hätte zu Cron und Scepter lassen geboren werden, und dass sie
ihm notwendig missfallen müste, wann er sehen sollte, dass sie sich durchaus dazu
nicht schicke.
    Der König schmeichelte ihr ganz mit dem Gegenteil: er rühmte ihren
ungemeinen Verstand; er sagte, dass ihre Tugenden und Vollkommenheiten sie schon
allein des Trones würdig machten; und dass er noch keine gebohrne Prinzessin
gesehen hätte, die denselben mehr zieren könnte. Allein diese Reden, so
verbindlich sie auch waren, vermochten die Gräfin nicht zu rühren: eine
vorgefaste Neigung war bei ihr viel stärker, als die Ehrsucht Königin zu werden:
sie hatte über ihr eigen Herz nicht mehr zu befehlen: der König kam zu spät, um
solches in Besitz zu nehmen.
    Der König war nicht gewohnt die Damen an seinem Hofe so kaltsinnig für ihn
zu finden: die Krone hat allzuschimmerende Eigenschaften, als dass sie nicht die
Augen der Schönen verblenden sollte: Er fand sich darüber beleidiget: er konnte
sich aber deswegen nicht entschliessen etwas zum Nachteil seiner Liebe zu tun.
Er suchte den Herzog von Sandilien. Dieser war nicht weit; er fand ihn in seinem
Pallast.
    Mein lieber Herzog! redete er ihn an, ich komme von eurer Base; ich habe ihr
gesagt, dass ich sie liebte; sie hat mir aber kein Gehör geben wollen, ob ich ihr
gleich sagte, dass ich sie zur Königin machen wollte. Ew. Majestät, versetzte
hierauf dieser verschmitzte Hofmann, belieben mit meiner Basen zu schertzen. Es
muss eine Prinzessin aus Königlichem Geblüt, es muss die vollkommenste Fürstin von
der Welt das Ehbett meines Königs und dero Tron besteigen; und es wird ein
Glück für meine Base sein, wann sie derselben als eine Magd wird aufwarten
können.
    Was habt ihr aber dargegen, fragte der König wenn ich eure Base selbst zu
meiner Gemahlin verlange? Allergnadigster König! antwortete der Hertzog, mit
einer ganz demütigen Gebehrdung, ich suche keine andere Hoheit und keine andere
Glückseligkeit, als diejenige von Ew. Majestät. Der Glanz, welcher davon durch
dero mir geschenkte Gnade auf mich und mein Haus abstrahlet, ist mir genug; und
ich werde als ein getreuer Diener von meinem König, nimmer zugeben, dass derselbe
etwas zum Nachteil seiner Krone tun sollte, wann es auch gleich zur grösten
Ehre meines Hauses gereichen würde.
    Auf diese Weise, fuhr der König im Eiffer heraus, bin ich mehr dem Zwang
unterworfen, als der geringste meiner Untertanen. Allzubeklagens-würdiger
Fürst! der nicht einmal die Freiheit hat, sich eine Gemahlin nach seinem
Wohlgefallen zu wählen. meint ihr dann nicht, sagte der König zu dem Hertzog,
dass ich im Stand war, euch und euer Haus zu schützen? Ich habe euch zum Herzogen
gemacht, warum sollte ich eure Base nicht auch zu einer Königin machen können?
Eure Geburt ist edel, und eure Ahnen sind ehedessen durchlauchtig gewesen:
welche grosse Niederträchtigkeit sollte ich demnach begehen, wenn ich mich an
eine Fräulein aus eurem Hause vermählen sollte, deren Tugenden des Trones so
würdig sind? Es ist wahr, fuhr der König fort, ihr seid mein Untertan: alleine,
mehr die Gewohnheit, als ein vernünftiges Gesetz haben bisher die Könige
bewogen, mit auswärtigen Fürstinnen sich zu verloben. Die Folgen davon, wie ihr
mir oft selbst erzählt habt, sind mit nichten allezeit so glücklich gewesen,
besonders in diesem Reich, wo die ausländische Prinzessinnen die
Land-verderblichste Kriege und das gröste Unheil verursacht haben.
    Der Herzog konnte sein Vergnügen nicht genug bergen, da er den König also
reden hörte; er schrieb solches den glücklichen Unterweisungen zu, womit er
bisher sich hatte angelegen sein lassen, dem jungen König einige Begriffe von
den Sachen des Staats beizubrigen. Er suchte sich nichts destoweniger bestens zu
verstellen, und den König zu bereden, dass er sich mit der ältesten Prinzessin des
Königs der Arbaten vermählen und zu dem Ende einige Gesandten an dessen Hof
abschicken sollte.
    Der Herzog hatte nicht so bald von dieser Heirat Meldung getan, so geriet
der König darüber in einen ungemeinen Eiffer. Ich, sprach er, voller Verachtung,
soll eine Prinzessin zur Gemahlin nehmen, deren blose Vorstellung mich mit Eckel
erfüllet, und deren Vater mir als ein Hofmeister vorschreiben würde, wie ich
meine Regierung einrichten sollte? Gedenket nicht mehr daran, Herzog, suchet die
Sache mit diesem Hof auf eine andere Weise zu schlichten, und wann ihr mich
liebt, so beweget eure Base, den Tron so ich ihr anbiete, nicht auszuschlagen.
    Der Herzog war hierinn dem König gehorsamer, als er sich darzu hatte
verbindlich gemacht: Werteste Base, redete er die Gräfin an, als sie aus dem
Garten wieder in den Pallast zurück kame ich hoffe, ihr liebt mich ein wenig:
ihr wisset, dass ich mir aus eurem Glück das gröste Vergnügen mache, und dass ihr
dermaleins, weil ich keine Kinder habe, die einzige Erbin aller meiner Güter
sein werdet. Darf ich mir nicht in einer wichtigen Sache euren Gehorsam
versprechen? die Gräfin erblasste über diesen Vortrag: ihr Herz sagte ihr
sogleich den Inhalt der ganzen Rede, welche ihr Vetter aus einem so rührenden
Ton angefangen hatte. Sie antwortete deswegen nichts, und erwartete von
demselben die Erklärung des Gehorsams, welchen er von ihr forderte.
    Der Himmel, fuhr er fort, hat euch ein tugendhaftes Gemüt, und eure Frau
Mutter eine recht glückliche Erziehung gegeben: eure Aufführung hat euch bisher
die Hochachtung des ganzen Hofs erworben; der König selbst liebt euch. Nun komt
es auf euch an liebste Base, eurem Haus die höchste Ehr und den grösten Glanz
beizulegen. Der König bietet euch seine Krone an: ich habe ihm diese Gedanken
suchen auszureden; alleine, ich hoffe, ihr werdet solche durch euren klugen
Verstand und durch eure liebreizende Gestalt noch nehr zu befestigen wissen:
last mich auf eine angenehme Art gezwungen werden, dergleichen Bündnis dem König
einzugestehen, so sehr ich auch äusserlich ihm solches werde wiederraten
müssen.
    Die Gräfin schien über diesen Vortrag des Herzogs verwundert zu sein; sie
schlug die Augen nieder, und wusste nicht was sie darauf antworten sollte. Ihr
schweiget, liebste Base, sagte er zu ihr, was habt ihr vor einen Anstand euch zu
erklären? rühret euch die Ehre eures Hauses nicht? Macht euch die Liebe eines
jungen und huldreichen Königes nicht empfindlich? Ach, gnädiger Herr, liess sich
endlich die Gräfin vernehmen, was soll ich ihnen antworten? ich bin voll
Verwirrung: ich bin ihnes allen schuldig: ich liebe, ich verehre sie als meinen
Vater; allein, darf ich mich erkühnen denenselben mein Gemüt frei zu entdecken?
ich bin von Natur zu einer stillen und ruhigen Lebens-Art geneigt. Ew. Gnaden
haben mich zu sich genommen und mit unzehligen Wohltaten überschüttet. Sie
haben mir öfters selbst den Verdruss entdecket, welchen ihr Gemüt über die
Unordnungen des Königs empfunden hat. Dessen Ausschweiffungen und Schwelgereien
haben solchen täglich erneuert. Ich habe dadurch mein Gemüt gewöhnet, den König
nicht anders als einen lasterhaften Menschen zu betrachten. Ich habe mich
gefürchtet ihn anzusehen; und wann ich mir seine böse Neigungen zusamt seiner
Hoheit und Gewalt vorstellte, so erzitterte ich in dem innersten meines Herzens.
Ich beklagte die Menschen, die seine Untertanen waren: ich beklagte sie,
liebster Herr Oheim, dass sie das Verhängnis zu dessen ersten Staats-Rat
erhoben; und nun beklag ich uns beide zusammen, dass meine wenige Gestalt die
unglückliche Reizungen gehabt, dem König zu gefallen. Ich möchte gern aus
tiefster Ehrerbietung und Liebe für sie in alle dero Absichten eingehen. Allein,
sie verzeihen mir: ich kann mich nicht verstellen; ich liebe den König nicht; er
würde solches bald merken: er würde bald die Liebe in Hass verwandeln, und unsere
Feinde sollten sodann leicht die Gelegenheit finden uns beide zu stürtzen.
    Der Herzog liess seine Base ganz ruhig ausreden. Seid ihr fertig? mein liebes
Kind, fragte er sie darauf. Ich finde euch sehr klug: ihr habt alles wohl
überlegt; allein, je mehr ihr mich durch eure Vorstellungen von meinen
Anschlägen abzubringen suchte, je mehr befestiget ihr solche: euer Verstand
überzeuget mich, dass ihr euch vollkommen zu einer Königin schicket. Ihr werdet
dem König solche Neigungen einzuflösen wissen, die sowohl mit den Absichten
eurer Tugend, als mit der Aufnahm eures Hauses überein stimmen. Liebt ihr den
König nicht, so habt ihr doch keine Ursach ihn zu hassen. Der Tron, den er euch
anbietet, hätte auch Annehmlichkeiten genug, wenn ihn gleich kein so
Liebenswürdiger Fürst, als unser König ist, begleitete. Dessen bisherige
Ausschweifungen sind nur Kleinigkeiten und allgemeine Fehler der Jugend, vor
welchen euch so sehr nicht eckeln muss. Man verzeihet solche dem jungen Adel,
warum nicht einem noch jungen König, dem niemand zu befehlen hat. Ihr meint ,
die Verstellung würde euch zu viel kosten; besinnet euch doch, setzte er
scherzend hinzu, dass ihr von einem Geschlechte seid, dem die Verstellung so
natürlich ist.
    Dieses Gespräch wurde durch den Hofmeister unterbrochen, der dem Herzog
meldete, wie man bereits zur Tafel gedienet hätte. Dieser gab also der Gräfin
die Hand und führte sie in den Speise-Saal. Bei dem Abend-Essen musste die Gräfin
von dem Hertzog sich noch wegen ihrer Unschuld und Redlichkeit aufziehen lassen;
wozu eine gewisse Dame, welche der Gräfin ihre Gesellschafts-Fräulein besucht
hatte, und sich bei der Tafel befande, das Ihrige mit beitrug, Die Gräfin,
verdross solches heimlich; doch liess sie ihrem Oheim zu Gefallen sich solches
nicht merken.
    Dieses Weib hies Corinna: ob sie gleich ihre Jugend schon vorlängst zurück
gelegt hatte, so wollte sie doch noch gerne gefallen; weil ihr aber ihr bejahrtes
Fell darin zuwider war, so suchte sie dieses Unglück auf eine andere Art zu
ersetzen: sie legte sich auf lauter Practiken und meinte dadurch die Vorteile
ihres Verstandes gelten zu machen: sie hatte einen verschmitzten Kopf, und konnte
mit ihrer schnellen Zunge hundert Leute ineinander verwirren: sie war eine
lebendige Chronik von allem, was sich bei Hofe und in der Stadt zutrug: sie
hatte dabei einen starken Brief-Wechsel, und gab sich dadurch das Ansehen eines
geheimen Staats-Mercurii. Sie lies sich zu allen Händeln gebrauchen und war eine
ungemein schädliche Frau für diejenigen, die ihre Klugheit nicht bewundern, noch
ihren Ratschlägen sich anvertrauen wollten.
    Der Herzog konnte sich nicht wohl ihres Umgangs entschlagen, so eine grosse
Verachtung er auch heimlich für sie hatte. Er musste ihren Bottschaften Gehör
geben, und sie selber öfters als eine Ausspäherin gebrauchen. Solchem
grausamen Zwang sind öfters diejenige unterworfen, die das Glück über andere
Menschen so weit erhoben hat, dass es scheinet, als ob sie mehr ihnen zu
befehlen, als sich vor ihnen zu fürchten hätten.
    Die Gesellschafts-Fräulein, Namens Asmenie, liebte ihre Gräfin aus einer
natürlichen Neigung: sie war bei zehen Jahr älter, als sie, und hatte einen
guten Anteil mit an ihrer Erziehung: sie war von Hertzen vergnügt, dass ihre
Gräfin keinen Gefallen an der Corinna fand; sie nahm deswegen Gelegenheit,
dieselbe vor dergleichen schwatzhaften und gefährlichen Weibs-Bildern zu warnen:
wobei sie zugleich ihr mit anriet, solchen doch jederzeit höflich zu begegnen,
um sich dadurch gegen ihre giftige Zungen-Bisse einigermassen in Sicherheit zu
setzen.
    Von der Corinna kamen sie auf den König zu sprechen. So viel ich bishero
wahrgenommen, sagte Asmenie zu der Gräfin; so haben dieselbe an dem König einen
Liebhaber bekommen; und wenn ich mich nicht betrüge, so ist er bei ihnen in
seiner Neigung nicht gar glücklich. Ich sehe sie, meine liebste Gräfin, seit
einigen Tagen immer in Gedanken; sie seufzen heimlich, sie haben ein verborgenes
Anliegen, welches sie mir verhölen; sie lieben, und schämen sich es mir zu
sagen: ich möchte sie gerne wieder ruhig sehen: ich leide mit ihnen, und weiss
gleichwohl die Ursach ihres Leidens nicht. Die Gräfin errötete über diese
Worte, sie fiel der Asmenien um den Hals, und hielte mit Gewalt die Tränen
zurück, die ihr in den Augen stunden. Liebste Asmenie, rief sie dabei aus, was
soll ich ihnen sagen? etwas, das ich mir noch selbst nicht gestehen mag? doch,
es ist billig, dass ich ihnen entdecke, was in meinem Herzen vorgehet.
    Es sind noch keine vierzehen Tage, da ich in der Gesellschaft bei der
Herzogin von Salona einen Cavallier fand, den ich zuvor an unserm Hofe nie
gesehen hatte: man spielte: ich kam an einen Tisch zu sitzen, der einem mit
Lichtern erhellten Spiegel-Glas gegenüber stund. Der Fremde war an einer andern
Spiel-Tafel und kehrte seitwärts das Gesicht ebenfalls nach diesem Glase: er sah
mich, und ich sah ihn; doch keines von beiden sah sich darinnen selbst: so oft
wir die Augen aufschlugen, so oft traffen auch unsere Blicke auf einander: ich
errötete darüber, und wusste endlich nicht vor Verwirrung, wo ich meine Augen
hinwenden solle. Ich verlohr dabei die gröste Spiele, und diejenige, die mit mir
spielten, beschuldigten mich nicht ohne Wahrscheinlichkeit, dass ich mit meinen
Gedancken abwesend wär. Dieses verursachte, dass ich einem Cavallier mein Spiel
gab und mich zu der Hertzogin verfügte, welche ebenfalls ihr Spiel einer von
ihren Fräulein gegeben hatte. Ich wollte mich bei ihr nach obgedachtem Fremdling
erkundigen; allein sie wusste gleichsam alle meine dahin gehende Fragen mit
Vorsatz abzuleiten, und sprach mir so viel von andern Dingen, dass ich darüber
hätte mögen ungedultig werden. Das Spiel ging damit zu Ende und die
Gesellschaft auseinander. Der Fremde führte die Dame, mit welcher er gespielet
hatte, auf ihren Wagen, und ich sah niemand mehr, bei dem ich mich nach
demselben mit Wohlstand hätte erkundigen können.
    Ich schäme mich, ihnen zu bekennen, liebste Asmenie, dass mir der Anblick
dieses Cavalliers einige Unruh gemacht, und dass ich darüber in meinem Hertzen
eine mir nie zuvor bekannte Regung empfunden. Allein, wenn sie wüsten, wie sehr
ich solche bei mir bestritten, und welche harte Gesetze ich mir darüber
vorgeschrieben hätte, so würde ich dadurch nichts von ihrer Hochachtung
verliehren.
    Wie gros aber war meine Bestürtzung, da ich den andern Tag darauf diesen
Fremdling bei der Frau von Ridelo antraf. Ich konnte ihr kaum, als ich zu ihr
ins Zimmer trat, die gewöhnliche Höflichkeiten sagen; das Blut drang mir mit
einer schnellen Gewalt ins Gesicht, und das Hertze schlug mir in der Brust, dass
ich meinte, man müste es hören können. Die Frau von Ridelo möchte meine
Verwirrung nicht wahrgenommen, oder meine Errötung dem geschwinden Gehen, damit
ich die Treppen aufgestiegen war, zugeschrieben haben. Sie hatte sich nicht
sobald mir in die Arme geworfen, so sagte sie zu mir, indem sie den Fremden bei
der Hand fassete; ich habe die Ehre, der schönsten Gräfin auch den
vollkommensten Cavallier hier vorzustellen: Es ist der Herr Graf von Rivera, der
beste Freund meines Vaters: Der König hat ihn zum Cammerherrn gemacht, und wir
werden das Glück haben ihn an unserm Hofe zu behalten.
    Mittlerweile, dass mir dieses alles die Frau von Ridelo mit ihrer
gewöhnlichen Lebhaftigkeit sagte, und der Graf mich begrüste, hatte ich Zeit
mich wieder zu erhohlen. Ich antwortete ihnen beiden, dass ich schon die Ehre
gehabt hätte, diesen Cavallier gestern in der Gesellschaft bei der Herzogin von
Salona zu sehen, und dass es mir lieb wär an ihm einen Freund des Herrn von
Bellamont kennen zu lernen, von dem ich jederzeit so viel rühmliches gehöret
hätte, dass man von seinen Freunden nichts anders als gute Meinungen haben
könnte.
    Der Graf schien vergnügt zu sein, dass ich mich seiner erinnerte: er sagte
mir mit der verbindlichsten Art von der Welt, dass er sich nimmer so viel
geschmeichelt hätte, von einer Person, wie ich wär, beobachtet zu werden: er
hätte nichts so sehr beklagt, als dass er keine Gelegenheit gehabt, mir seine
Ehrerbietung zu erkennen zu geben. Kurtz, ich sah, oder schmeichelte mir
wenigstens damit, dass ich ihm nicht ganz missfiel. Wir sprachen darauf von
allerhand Dingen. Ich fand, dass der Graf nicht weniger Verstand, als äusserliche
Annehmlichkeiten besass: seine Reden hatten etwas freies und doch bescheidenes:
er widerlegte unsre Meinungen, und sagte uns gleichwohl alles, was wir gern
hörten; die Art, womit er eine Sache vorbrachte, zwang uns zum Beifall, wo wir
solches am wenigsten gedachten. Ich gab ihm deswegen in meinem Hertzen einen
gewissen Rang vor andern Manns-Personen: ich fühlte bei mir ein heimliches
Verlangen, ihm so sehr zu gefallen, als er mir gefiel.
    Ich hatte ihn darauf nur einmal wieder allein gesprochen, als wir vor
einigen Tagen, auf des Königs Geburts-Fest, bei Hofe uns antraffen. Er tantzte
mit mir und zog mich darauf an ein Fenster, um ein wenig Kühlung zu schöpfen: er
hatte mir kaum einige Schmeicheleien vorgesagt, die mir eine Neigung für mich zu
erkennen gaben; als zu meinem Unglück der König zu uns trat. Er hatte schon
vorher, wenn ich mich in Gesellschaft fand, mir etlichmahl scharf unter die
Augen gesehen und mich allein zu sprechen gesucht; dissmahl konnte ich ihm nicht
ausweichen: er betrachtete mich mit der grösten Aufmercksamkeit, und gab mir
sehr deutlich zu verstehen, dass er etwas an mir fand, so ihm gefiel; Er forderte
mich zum Tantz auf: der Graf schien mir darüber betrübt zu sein: er fliehet seit
dem meine Gegenwart, da im Gegenteil der König mit seiner Liebe mich verfolget.
    Ach Asmenie! fuhr die Gräfin seuffzend fort, was macht mir diese
Kaltsinnigkeit des Grafens vor Unruh? ich mag den König nicht ansehen: meine
Augen suchen nur den Grafen, die Seinigen aber verweisen mich an den König.
Diese Aufführung verschmähet mich ungemein: ich wollte ihm bei verschiedener
Gelegenheit wieder um meine Kaltsinnigkeit zeigen, aber er tut nicht einmal,
als ob er solches merckte.
    Ich bin deswegen auf nichts mehr bedacht, als diese Torheiten mir aus dem
Sinn zu schlagen und den hochmütigen Grafen zu vergessen.
    Es wird ihnen dieses, meine liebste Gräfin, antwortete Asmenie, schwerer
fallen, als sie sich solches einbilden: dergleichen Leidenschaften gehen nicht
so hurtig weg, als sie kommen. Der Graf von Rivera hat etwas greiffendes und an
sich ziehendes in seinem Wesen: sie erkennen schon allzuviel, dass er
Liebens-würdig ist: wär der König nicht mit ins Spiel gekommen, so würde ich
ihnen selbst raten, ihrer Neigung für ihn Gehör zu geben: er könnte sie allem
Ansehen nach glücklich machen, und sie könten an unserm Hofe keine Manns-Person
würdiger lieben; allein, der König ist eine wichtige Hindernüs, und wenn er für
sie, meine liebste Gräfin, eine wahre Zuneigung heeget, so können sie ihm nicht
entgegen sein.
    Ich glaube, offenherzig von der Sach zu reden, erklärte sich hierauf die
Gräfin, wenn ich den Grafen von Rivera nicht gesehen hätte, so würde ich
vielleicht so viel Ehrsucht haben, den König zu lieben; nun aber ist mein Hertz
von einer andern Neigung eingenommen: Cron und Scepter scheinen mir nicht so
annehmlich, als die Zuneigung, die der Graf für mich hat spühren lassen.
    Die Gräfin, als sie auf solche Art der Asmenien ihr Geheimnüs gestund, wurde
darauf voller Scham und Verwirrung: sie wollte es nicht gesagt haben, sie bat,
ihr nichts mehr davon zu reden: sie nahm sich gäntzlich vor, den Grafen zu
vergessen; sie umfieng darauf Asmenien und begab sich zur Ruh.
    Der Hertzog von Sandilien war unterdessen mit der Aufführung seiner schönen
Base nicht wohl zufrieden; weil er sie aber sehr liebte, so wollte er auch ihre
Neigung nicht zwingen; er schmeichelte sich vielmehr, der König würde durch die
Kaltsinnigkeit seiner Basen desto mehr Feuer fangen, und sich um so vielmehr
angelegen sein lassen, derselben zu gefallen.
    In der Tat gab der Gräfin ihr ernstaftes Bezeigen dem König einen neuen
Lieb-Reitz: Er wurde durch ihre Sittsamkeit weit heftiger gerühret, als durch
die freche Gefälligkeiten anderer Schönen. Seine Hoheit fand hier noch etwas zu
übersteigen, das ihn niedriger machte. Die grossmütige Tugend der Gräfin bewegte
denjenigen selbst zur Ehrerbietung, den sonst alle Menschen mit der grösten
Ehrfurcht betrachteten. Alle Lustbarkeiten bei Hofe wurden ihr allein zu Ehren
angestellt. Der König richtete sich darin ganz nach ihrer Gemüts-Art: man sah
in den Schauspielen eine gewisse Ehrbarkeit herrschen, die man zuvor darin
nicht wahrgenommen hatte. Der König selbst lebte eingezogener und mässiger. Die
Gräfin merkte bald, dass der König ihr durch diese Aufführung zu gefallen suchte:
sie litte darunter, und wünschte oft selbst etwas für den König zu empfinden,
welches seinen Absichten gleichförmig sein möchte; allein, die Liebe hat ihre
Eigensinnigkeiten: sie herrschet, wo sie einmal sich eingeschlichen, und bindet
sich an nichts.
    Der Herzog quälte die Gräfin täglich mit den wichtigsten Vorstellungen, dass
sie die Liebe des Königs nicht ausschlagen sollte; täglich sah sie sich deswegen
von dem König selbst verfolget: er tat alles in der Welt, um sich ihr gefällig
zu machen; er rührte ihr Mitleiden: dieses war alles: zu mehr konnte er sie nicht
bewegen.
    Ein solcher Zustand war beides für sie als für den König unerträglich: der
Gräfin ihre Gesundheit litt darunter: ihr verborgenes Anliegen beunruhigte sie
noch mehr: sie wurde unpässlich: die Aertzte brauchten ihr gegen allerhand Ubel,
die sie nicht hatte, und ihr neue zuzogen: sie verlangte deswegen zu ihrer Frau
Mutter auf das Land, um aus allen diesen Verwirrungen sich zu retten. Ihr Oheim
vermochte sie nicht länger davon abzuhalten, sie nahm von ihm Abschied und
verreiste.
    Der König empfand ihre Abwesenheit mit vieler Unruh. Das Land-Gut ihrer Frau
Mutter war nur eine Tag-Reise von Panopolis. Der König sandt schier täglich
dahin, sich ihrer Gesundheit halben zu erkundigen: diese hatte sich gebessert,
so bald sie von der Hof-Luft entfernet, und den Aerzten aus den Händen gekommen
war. Weil sie aber besorgte, der König möchte ihren ruhigen Aufentalt auf dem
Lande zu bald wieder stöhren, so hielt sie sich noch immer auf ihrem Schloss sehr
eingezogen.
    Doch, da sie in der Länge ihre Gesundheit vor ihren Leuten nicht konnte
verborgen halten, so hatte der König auch bald davon Nachricht; er machte sich
auf den Weg, bei ihr einen Besuch abzulegen, und sandt einen Edelmann voraus, um
solchen bei ihr anzumelden.
    Er hatte niemand als den Grafen von Rivera bei sich: dieser war in kurtzer
Zeit bei dem König zu solcher Gunst gelanget, dass er ihn immer um sich hatte.
Des Königs Liebe für die Grafin war ihm kein Geheimnüs: der König vertraute ihm
alles, und wollte, dass er ihm auch hierinn raten sollte. So sehr der Graf allhier
von gleicher Neigung eingenommen war, so hielt er doch nicht für geziemend,
seines Königs Mitbuhler zu sein; er gab deswegen seiner Vernunft alle Stärke,
deren sie fähig war, um seine Neigung für die Gräfin zu unterdrucken, und die
Gewogenheit seines Herrn mit äusserster Treu zu erwiedern. Er sah mit einer
vergnügten Bewunderung die glückliche Veränderungen, welche diese Liebe bei dem
König verursachte: er urteilte daraus, dass die Vorsehung hier etwas würken
wollte, die Laster des Königs und seiner Höflinge zu verbessern. Dieses bewog ihn
um so vielmehr, dieser tugendhaften Neigung des Königs beizupflichten, und ihm
selbst die beste Anschläge zu geben, wie er der Gräfin Gunst erlangen möchte.
    Die Gräfin, als sie den König, von dem Grafen von Rivera begleitet, auf sich
zukommen sah, konnte darüber ihre Bestürzung nicht bergen. Diese beide Personen
waren ihrer Ruh bisher allzunachteilig gewesen, als dass sie ihren Anblick ohne
grosse Bewegung hätte vertragen können. Sie empfieng nichts destoweniger den
König mit aller Wohlanständigkeit: Er sagte ihr bei dieser Gelegenheit alles,
was die heftigste Leidenschaft demselben in den Mund legte: die Gräfin suchte im
Gegenteil allen ihren Verstand zu gebrauchen, um dem König diese Neigung
auszureden: sie versicherte denselben der allerehrerbietigsten Hochachtung: sie
sagte, dass sie sich für unglücklich hielt, weil sie nicht diejenige
Eigenschaften besässe, die notwendig darzu erfordert würden, einen so grossen
König zu vergnügen: sie fügte hinzu, dass sie demselben gern ihren äussersten
Gehorsam bezeigen wollte; allein, ihr Hertz litte keine Verstellung, sie könnte
sich nicht überwinden, noch diejenige Furcht sich benehmen, die ihr bei
Annehmung einer Krone, zu welcher sie nicht geboren wär, mit der grösten Gefahr
drohete.
    Der König musste sich mit dieser Erklärung begnügen er konnte mehr nicht aus
ihr bringen. Er erzehlte dem Grafen unterwegs, da sie wieder nach Panopolis
zurück kehrten, seine mit der Gräfin gehabte Unterredung. Der Graf, welcher die
Gräfin, ohneracht aller Gewalt, die er sich antat, noch immer heimlich liebte,
fand ihre Reden mit nichten so hart, als der König sich solche vorstellte. Nur
noch ein wenig anhaltende Beständigkeit, sprach er, so haben Ew. Majestät
gewonnen. Die Gräfin bekennet für dieselbe die gröste Hochachtung: sie ist um
nichts mehr besorgt, als dass sie dieselben nicht vergnügen möchte, wann sie Dero
Gemahlin werden sollte: sie ist darin mehr demütig als kaltsinnig; ja, wo ich
nicht irre, so ist sie mehr in Sorgen, sich die Gunst ihres Königs
beizubehalten, als die ihrige demselben strittig zu machen.
    Man muss selbst lieben und von einer verborgenen Eifersucht eingenommen sein,
so sinnreich, die Antworten einer geliebten Schönen zum Vorteil eines
Mitbuhlers auszulegen. In der Tat waren solches nicht die Meinungen der Gräfin:
sie ehrte den König und gedachte nur durch diese verbindliche Reden sich von
demselben loszuwickeln. Der König merckte es auch wohl; wie man aber leicht zu
bereden ist, etwas zu glauben, was man wünschet, so liess sich auch der König von
dem Grafen mit dieser Hoffnung schmeicheln.
    Bisher war alles für den Grafen von Rivera sehr gut gegangen: er sah sich
nicht allein in des Königs Gnade; sondern wurde auch schier von jederman geehret
und geliebt. Der Neid knirschte darüber heimlich die Zähne, und suchte
Gelegenheit, sich öffentlich gegen ihn heraus zu lassen. Keine Vorsichtigkeit,
keine Unschuld und keine Tugend kann dessen Nachstellungen entgehen. Einem
Menschen, den man will fehlen sehen, kann man leicht eine Sache zum Verbrechen
machen. Hier musste auch so gar die Treue des Grafens dessen Würckung erfahren.
    Die Hertzogin von Salona hatte so gute Augen, als die Gräfin von Monteras:
sie fand an dem Grafen von Rivera alle die Annehmlichkeiten, welche diese Gräfin
an ihm entdecket hatte; sie stund damahls eben gegen über dem Grafen, als er
seine Augen so beständig nach ihrem grossen Spiegel-Glas hinwarf, welches diese
schier auf die Gedancken brachte, dass er, als ein andrer Narciss, in seine eigene
Gestalt verliebt sein müste. Wie sehr aber war sie nicht verwundert, da sie, als
sie sich darauf hinter ihn stellte, nicht ihn, sondern die Gräfin von Monteras
im Spiegel erblickte: sie sah, wie diese Schöne ihre Augen, bald mit einer
Entzündung auf dieses Glas hefftete, bald aber mit einiger Schamröte wieder
niederschlug.
    Die Hertzogin von Salona war in der Tat damahls die beste Partie in
Panopolis: sie besass noch eine frische Schönheit, ohneracht sie bereits die
dreissig Jahr zurück geleget hatte. Sie war noch nicht lang Wittbe, und hatte
kaum noch ihren Trauer-Flor mit einem bunten Aufsatz verwechselt. Ihre
Einkünfte sowohl als die Stelle eines Obristen Feldherrns, die ihr verstorbener
Gemahl begleitet hatte, gaben ihr den ersten Rang bei Hofe. Es fehlte ihr weder
an Feuer noch Verstand; allein, von den Empfindungen, die eine edle Seele
ausmachen, hatte sie wenig. Ihre Art zu dencken war gemein. Wie ihr die Sachen
am ersten vorkamen, so glaubte, so fasste sie solche. Weiter durchdrang sie
nichts. Die Liebe gab ihr noch ein wenig Geist; ihr Stand und ihre Aufführung
aber machte, dass man ihr noch weit mehr, als sie hatte, zuschriebe.
    Sie hatte seit dem den Grafen öffters bei Hof und in den Gesellschaften
gesehen; er schien ihr noch immer Liebens-würdiger zu sein; sie suchte deswegen
alle ihre Reitzungen ins Feld zu stellen, um ihn ins Garn zu locken. Der Kopf
wurde auf die sinnreichste Art geschmücket: Ihre Haar-Locken spielten auf ihrem
blancken Hals, um welchen bald eine Schnur der auserlesensten Perlen, bald ein
köstliches Geschmeide von doppelt-geschliffenen Diamanten, bald aber ein anders
von flammigten Rubinen und Saphyren gläntzete. Die halb entblöste Brust schien
von den geheimen Regungen aufgequollen, damit sie das Hertz ihres Geliebten zu
entzünden suchte: in ihren Augen brannte das stärckste Feuer, wann sie auf den
Gegenstand ihrer Liebe traffen: sie hatten mehr Beredtsamkeit, als ihre Lippen,
welche noch eine gewisse Schamhaftigkeit verschlossen hielte.
    Der Graf erkannte bald die Neigung der Hertzogin; durch dessen demütige
Bescheidenheit aber hielt er sie zurück, sich ihm näher zu erklären. Er sagte
ihr alles, was die Höflichkeit einen artigen Hofmann kann sagen machen. Der
Hertzogin aber schienen alle seine Reden kaltsinnig: sie waren ihr nicht
verbindlich genug: sie beobachtete, dass er dergleichen auch andern Damen sagte:
sie empfand darüber alles, was eine verschmähte Liebe einem hochmütigen Herzen
kann empfindlich machen.
    Corinna wurde endlich in dieser Angelegenheit zu Rat gezogen. Kluge
Corinna, sprach sie zu ihr, wer sollte denken, dass ich die Schwachheit hätte, in
dem Grafen von Rivera einen Undankbaren zu lieben? Ich schmeichelte mir sein
Glück zu machen; allein, weder mein Stand, noch meine Liebe, noch die
ansehnliche Güter, die ich besitze, vermögen ihn zu rühren: meine Augen haben
für ihn keinen Liebreitz: er fliehet meine Blicke, die ihm das Geheimnüs meines
Herzens zu entdecken suchen, und ausser einigen Höflichkeiten, die ihm der
Wohlstand abnötiget, würde ich sagen, dass er mich verachte.
    O gnädige Herzogin, unterbrach hier die mitleidige Corinna; sie sehen mir
eben so aus, als ob man sie verachten könnte. Wie! eine Herzogin, wie Ew. Durchl.
sind, die alle Vollkommenheiten in der Welt besitzet, und welche die gröste
Fürstin um sich könnte seufzen machen, die sollte sich einbilden, dass man sie
verachte? O das geht zu weit.
    Ich hatte mir selber geschmeichelt, fuhr die Herzogin fort, der Graf von
Rivera würde meine Gunst-Bezeugungen für ein Glück halten: allein, ich komme zu
spät; sein Herz ist bereits von einer andern Schönheit eingenommen. Er liebt
die Gräfin von Monteras, und scheuet sich nicht einen Mitbuhler seines Königs
abzugeben.
    Wie, fieng Corinna an, der Graf von Rivera liebt die Gräfin von Monteras? O
was hör ich? sonder Zweiffel wird er auch von ihr geliebt? die Herzogin
erzehlte hierauf der Corinna, was sie ehedessen in der Gesellschaft bei ihr mit
eigenen Augen wahrgenommen hatte. Dieses waren für ein Weib, wie Corinna,
ungemeine Neuigkeiten: sie schienen ihr so wichtig, dass sie dafür hielte, sie
könnte ihren Verstand nicht würdiger beschäftigen, als wenn sie sich mit in
dieses Spiel mengte.
    Die Gräfin von Monteras, liess sich ihre plauderhafte Zunge vernehmen, ist
eben keine Närrin. Der Graf ist ein schöner Herr; er ist artig, und kann
schwätzen, was er will; wenn ich noch jung wär, so gefiel er mir auch. Denn wenn
man es recht betrachtet, was ist doch eine Krone? wie war nicht unsre Hochselige
Königin eine geplagte Frau? musste sie nicht ihr Leben in stetem Zwang, in
tausend Sorgen und Unruh zubringen? dann waren einheimische, dann auswärtige
Händel: bald musste sie mit Geistlichen, bald mit Weltlichen zu Rate geben. Sie
musste sich immer verstellen; Leuten freundlich sein, die sie nicht leiden konnte,
und mit denen, die ihr lieb waren, verbot ihr die Hoheit vertraulich umzugehen.
Sie hatte zwar alles in Uberfluss; aber dieser Uberfluss machte ihr mehr Sorgen
als andern Dürfftigkeit. O, man schencke mir keine Krone! aber ein solcher Graf
wär mir recht. Doch besann sich endlich das schwätzhafte Weib, wo gerat ich
hin? was red ich? ich wollte sagen, die hochmütige Gräfin von Monteras schicke
sich besser für den König. Ew. Durchlaucht aber, welche die Güte und
Freundlichkeit selber sind, besser für den Grafen; und ich muss nicht Corinna
heissen, wenn ich ihn nicht in ihre Hände spiele.
    Mit dieser lebhaften Versicherung nahm die dienstfertige Corinna ihren
Abschied von der Hertzogin, welche sich fest einbildete, sie würde durch die
Geschicklichkeit dieses Weibes in ihrem Wünschen glücklich werden.
    Corinna stund mit dem ersten Cammerdiener des Königs und mit dessen Frau in
naher Bekantschaft. Diese waren gleichfalls von der Art Leute, die ihr Glück
durch lauter Praticken zu machen pflegten. Corinna erzehlte ihnen die
Mutmassungen, welche sie von der Gräfin von Monteras und dem Grafen von Rivera
hatte: man beschloss derowegen, diesen beiden allentalben auf den Dienst zu
lauren. Gefährliche Ausspäher, die allenfalls, wo sie nur einen Schatten fanden,
etwas wesentliches daraus zu machen wussten.
 
                                Das vierte Buch.
Die Frau von Ridelo hatte unterdessen die Neigung des Grafens ausgeforscht: er
konnte ihr solche nicht länger verbergen: das Frauenzimmer hat insgemein in
solchen Sachen besondere scharfe Einsichten. Die Angelegenheiten der Verliebten
sind demselbigen die wichtigsten: es entdecket solche leicht, und menget sich
auch gerne mit hinein; doch hatte der Graf die Vorsichtigkeit, nicht eher der
Frau von Ridelo sich zu vertrauen, als bis er sowohl ihrer Verschwiegenheit als
ihrer Redlichkeit versichert war.
    Diese Dame hatte viele von den guten Eigenschaften ihres Vaters; sie war
vernünftig, liebreich und von einem immer gleich aufgeräumten Wesen; sie brachte
die Annehmlichkeit und die Freude mit sich, wo sie hinkam. Niemand wüste etwas
artiger zu erzählen, und sinnreicher auszudrucken: sie war dabei aufrichtig und
verschwiegen; welche Tugend man nicht immer diesem Geschlecht zuzuschreiben
pflegt.
    Die Freundschaft ihres Vaters für den Grafen von Rivera hatte sich auch
ihrem Gemüte mit eingedruckt: sie liebte ihn als ihren Bruder; und wünschte
nichts mehr, als denselben durch eine Heirat mit der schönen Gräfin von
Monteras glücklich zu sehen. Sie wusste sich zu dem Ende auf eine sehr anständige
Art in die Vertraulichkeit dieser Schönen zu bringen, und den Grafen dermassen
fest in ihre Gunst zu setzen, dass sie demselben ihr ganzes Herze wiedmete;
allein, in diesen schmeichelenden Umständen für den Grafen, äusserte sich die
Liebe des Königs für die Gräfin; der Graf musste demnach einem so mächtigen
Mitbuhler aus dem Weg gehen, als er eben im Begriff war, mit der Gräfin sich
völlig zu erklären.
    Eine heimliche Schwermut hatte denselben eingenommen, seit dem er mit dem
König zu Prato bei der Gräfin von Monteras gewesen war. Er sah, dass nun für ihn
keine Hoffnung mehr übrig wär, weil die Liebe des Königs begunte ernstafter zu
werden. Er fand die Gräfin allzureitzend und seinen Verlust allzuempfindlich. Er
kam in dieser traurigen Verfassung seines Gemüts zu seiner lebhaften Wirtin.
Wie! Herr Graf, redete ihn diese an, wie hängen sie den Kopf? wo ist die
Welt-Weisheit? ich meinte, der Graf von Rivera wär über alle Empfindungen
starker Leidenschaften schon weit hinaus.
    Ach! gnädige Frau, lies sich der Graf vernehmen, wir sind insgemein gute
Welt-Weise, wenn wir keine Versuchungen haben: die gut Lehren und Lebens-Regeln
machen sich im Kopf, bis Leidenschaften aber im Herzen. Ich find mich in den
verwirrtesten Umständen von der Welt der König raubet mir die Gräfin von
Monteras, und macht mich zugleich in dieser Angelegenheit zu seinem Vertrauten:
dieses ist noch nicht genug: Graf, spricht er, ihr habt die Gabe, die Leute zu
bereden, die Gräfin scheinet euch gewogen zu sein, geht, reiset nach Prato und
macht derselben alle ersinnliche Vorstellungen, dass sie meine Liebe annehmen und
meine Gemahlin werden möchte. Ich hatte gut ihm dargegen vorzustellen, dass ich
mich zu einem solchen Geschäfte am allerwenigsten schickte; dass die Gräfin sich
mir darin nicht anvertrauen würde; dass er sich darzu am besten ihres Oheims,
des Herzogs von Sandilien, bedienen würde; der König blieb einmal bei seiner
Meinung, ich sollte nach Prato gehen und das Gemüt seiner Geliebten gegen ihn
auszuforschen suchen.
    Ew. Gnaden, fuhr hierauf der Graf fort, urteilen, wie mir hierbei zu Mut
sein müsse. Die Frau von Ridelo konnte nicht läugnen, dass der Graf sich in
schlüpfrigen Umständen gesetzt fände; sie suchte ihn aber um desto mehr
aufzumuntern. Grosse Gemüter, sprach sie, haben auch grosse Anfechtungen. Man
hat in der Welt nicht, was man will: die stärkste Neigungen sind nicht allezeit
die glücklichsten: sie treten deswegen dem König dasjenige mit guter Art ab, was
sie doch gegen ihn nicht behaupten können: die ganze Welt hat noch Schönen für
sie: ihr Herze ist nicht allein für die Monteras geschaffen. Erinnern sie sich
nur bei ihrer jetzigen Neigung, dass der König ihr Mitbuhler ist, und dass das
geringste, was sie ihm aufzuopfern haben, ihre Liebe sei.
    Der Graf verreisete hierauf nach Prato: so bald aber war derselbe nicht vor
den Toren der Stadt; so hatte sich auch Silon auf den Weg gemacht, und kam
vermittelst seines guten Pferds, und weil er die Fusssteige ritte, noch vor dem
Grafen daselbst an; er hatte sich in einen Forst-Knecht verkleidet und mit
falschen Haaren bedecket, dass ihn also niemand, auch von des Grafens Leuten,
erkannte. Er nahm sogleich bei seiner Ankunft das Schloss in Augenschein und
bemerkte alle dessen Zugänge: er fand hinten an dem Garten, der mit einem
trockenen Hayn-Graben umgeben war, in dem Zaun eine kleine Öffnung, da man mit
leichter Müh durchbrechen, und sich den Fenstern des Schlosses unvermerkt nahern
konnte.
    Es war Winter, der Abend hatte alles mit Dunkelheit überzogen, und auf dem
Schloss herschte eine so tieffe Stille, dass es schien, als ob es unbewohnet war.
Nur von Seiten des Gartens sah man unten zur Erden einige Zimmer erhellet. Die
alte Gräfin war eine Gottsfürchtige Dame, sie unterhielt sich mit ihrer Tochter
und Asmenien in einem erbaulichen Gespräch, als ein Diener ins Zimmer trat und
die Ankunft des Grafens von Rivera meldete. Sowohl die Gräfin als ihre Tochter
waren darüber erschrocken. Asmenie aber stund hurtig auf und suchte das nötige
zu diesem Besuch zu veranstalten.
    Man liess dem Grafen wissen, dass er würde angenehm sein. Asmenie empfieng ihn
und führte ihn in ein Neben-Zimmer, wo sich gleich darauf auch die junge Gräfin
einfand; weil jene sich bald wieder weg begab, so sahen sich der Graf und die
Gräfin allein. Sie waren beide zusammen in ziemlicher Verwirrung, und wusste der
Graf lange nicht, wie er der Gräfin seinen Vortrag tun sollte.
    Welchem Zufall, fieng endlich die Gräfin an, haben wir denn das Glück zu
danken, den Herrn Grafen bei uns in unserer Einsamkeit zu sehen? Ew. Gnaden,
antwortete dieser, können sich nicht wohl einen Ort in der Welt zu ihrem
Aufentalt erwählen, wo sie nicht die Menschen nach sich ziehen werden, und wenn
sie auf solche Weise die Ruhe suchen wollten, so müsten sie zuvor alle die
Annehmlichkeiten ablegen, welche anderen ihre Ruhe stören. Die Gräfin errötete
über diese verbindliche Worte des Grafens: ihre Augen gaben ihm darüber ihr
heimliches Vergnügen zu erkennen; dann sie glaubte nicht anders, als er wollte
hier von sich selbst reden. Ich dachte nicht, Herr Graf, war ihre Antwort, dass
sie so viel nach meinem jetzigen Aufentalt fragen würden: weil ich mich
erinnere, dass sie eine Zeiter sich meiner Gegenwart, gleichsam als mit Fleiss
entzogen haben. Gnädigste Gräfin, versetzte der Graf, wo Könige hinkommen, da
darf sich kein Untertan melden. Was hat aber unterdessen, fragte der Graf,
derjenige von Ew. Gnaden zu hoffen, der dieselbe mit der grösten Beständigkeit
verehret? Ich glaubte, erklärte sich die Gräfin mit einem liebreitzenden Blick,
dass ihnen meine Meinung bekant sein werden. Der König aber, fuhr jener fort, ist
damit nicht zufrieden: er hat gehofft, seine für dieselbe hegende ganz
ausnehmende Liebe verdiene ein wenig mehr Erkänntlichkeit. Darüber, unterbrach
die Gräfin, haben sich ja der Herr Graf von Rivera nicht Ursach zu beklagen. Der
Graf von Rivera, wiederholte dieser, hat nun nichts mehr zu hoffen: es bleibet
ihm nichts übrig, als die tiefste Ehrerbietung für die Geliebte seines Königes;
er vergisset bei dieser grausamen Pflicht alles dasjenige, womit die Hoffnung
eines allzuhohen Glücks bisher seinen Neigungen geschmeichelt hat. Ich komm, und
bitte Ew. Gnaden, meinen König zu lieben.
    Wie, undanckbarer Graf! fuhr hier die bestürtzte Gräfin voller Bewegung
heraus, soll meine ihnen bezeigte Freundschaft darzu dienen, dass sie mich zu
einem mir verhassten Bündnis bereden wollen? Solcher Niederträchtigkeit hätt ich
mich von dem Grafen von Rivera nicht versehen. Die Gräfin wollte damit von ihrem
Stuhl aufstehen und suchte mit einem Tuch die Tränen zu verbergen, die ihr
darüber in die Augen drangen. Der Graf aber warf sich zu ihren Füssen, küste ihr
die Hände und wusste vor empfindlichen Schmertzen nicht, was er ihr sagen sollte.
    Ach! schönste Gräfin; waren endlich seine Worte, hören sie mich doch: ich
bin wenigstens so unschuldig, als unglücklich. Sie erinnern sich, welcher
grausame Wohlstand damahls noch ihre Zunge band, sich völlig für mich zu
erklären, als der König kam, und uns in unserem Gespräch verstöhrte. Die Neigung
des Königs blieb nicht lang verborgen, der ganze Hof merckte solche: mein Hertz
empörte sich dargegen; allein, ich sah bald, dass mein Seufzer vergebens waren,
und dass Könige nur zu gebieten haben. Das Vertrauen, so mir unterdessen in
dieser Sache mein König bezeiget, gibt mir gleichsam einen Anteil mit an dero
würdigsten Erhöhung. Solches geht so weit, dass er mir anbefohlen hat mich
anhero zu verfügen, um dieselbe durch meine aufrichtige Vorstellungen, zur
Annehmung der Krone zu bewegen. Ich will also mich für glückselig achten, wann
ich nur meinen König und meine Gräfin vergnügt sehen werde.
    Die Gräfin hörte alle diese Reden des Grafens mit einer kaltsinnigen
Verachtung an: ich bin nicht so ehrsüchtig, sagte sie mit einer verstellten
Gelassenheit, eine Krone zu verlangen, noch so scharfsinnig, allhier die
Grossmut des Herrn Grafens zu bewundern. Sie würdigte ihn schier darauf keiner
Antwort mehr: und ging etlichmahl nach der Tür des Vorgemachs, um ihre Leute
zu fragen, ob es noch nicht bald Zeit wäre zur Tafel zu gehen, und ob Asmenie
nicht bald wieder kommen würde?
    Diese erschien endlich, und fand ihre Gräfin in einer ganz andern Stellung,
als sie solche verlassen hatte: sie fragte dieselbe, was ihr wäre; die Gräfin
aber schützte eine kleine Unpässlichkeit vor, und nötigte darauf den Grafen, das
Gespräch in Gegenwart der Asmenien zu verändern, bis man ihnen andeutete, dass
die Tafel bereit wär.
    Der andere Tag wurde meist bei der alten Gräfin zugebracht, welcher der Graf
die Absichten des Königes in Ansehung ihrer Gräfin Tochter entdeckte. Sie hatte
Anfangs vieles darwider einzuwenden, welches aber hauptsächlich dahin auslief,
dass ihre Tochter in der Einsamkeit wär erzogen worden, und sich besorglich
deswegen nicht allzuwohl für eine Königin schicken möchte; und hernach, dass der
König nicht ihres Glaubens wär.
    Auf das erste antwortete der Graf, dass ihre Gräfin Tochter alle hohe
erforderliche Eigenschaften besässe, welche den Tron zieren und eine
vollkommene Königin ausmachen könnten. An Ansehung der Religion aber sei der
Unterscheid nicht so gross, als man meine. Der Streit wär nur unter den
Gelehrten, da immer einer es besser als der andere wissen wollte. Die
verschiedene Ceremonien und Kirchen Gebräuche, machten auch keinen wirklichen
Unterscheid in dem Glauben selbst, welcher keinen andern Grund hätte, als die
einfältige Lehren Christi, die von beiden Teilen angenommen würden. Der Hertzog
von Sandilien, nebst vielen andern vornehmen Herren seien ebenfalls ihrer Kirche
zugetan und litten deswegen doch nicht die geringste Beeinträchtigung. Wie
vielmehr, fügte der Graf hinzu, wurde es ihren Glaubens-Genossen zu statten
kommen, wenn sie erstlich eine ihrer Religion zugetane Königin haben sollten.
    Wenn man endlich noch dieses zu hoffen hätte, liess sich die für ihren
Glauben eiffrende alte Gräfin hierüber vernehmen, so wäre die Sache wegen meiner
Tochter noch zu überlegen. Ach gnädige Frau Mutter! unterbrach allhier die junge
Gräfin ganz erschrocken: wäre mir dann dabei nicht auch erlaubet, meine eigne
Neigung mit zu Rat zu ziehen? allerdings, antwortete der Gräfin Frau Mutter,
mit einem liebreichen Wesen; ich bin aber der Meinung, es dürffte euch, meine
Tochter nicht schwer ankommen, den König zu lieben und den Tron zu besteigen.
Die Gräfin errötete über diese Worte, und warf mit einem tiefgehohlten Seufzer
einen durchdringenden Blick auf den Grafen.
    Die Könige, lies sich dieser darauf vernehmen, haben allzuviel
Eigenschaften, die sie können lieben machen, und man wird wenig Exempel finden,
dass eine Schöne ihr Hertz einem Monarchen sollte verweigert haben. Ich weiss
nicht, versetzte die junge Gräfin, ob sich Könige und Fürsten dessen mehr als
andere zu rühmen haben: unser Geschlecht ist ein wenig eitel und liebt
insgemein an hohen Häuptern mehr den äusserlichen Glantz und ihre Erhebung, als
derselben ihre eigene Personen. Ich wollte sagen, gnädige Gräfin, erwiederte der
Graf, beide Stücke wären allhier dergestalt mit einander verbunden, dass man das
eine nicht wohl ohne das andere lieben könnte. Ew. Gnaden, fuhr er deswegen fort,
machen davon die Probe und lassen mich kein unglücklicher Bote eines
liebens-würdigsten Königs sein.
    Man ging darauf zur Tafel: der Gräfin Hof-Prediger speiste mit an
derselben: er war ein sachtsinniger und frommer Mann. Die Gräfin erzehlte
demselben, wie sich der Graf bei ihr so gleichgültig über die Religion erkläret
hätte. Sie begleitete diese Erzehlung mit demjenigen Eiffer, der ihr natürlich
war, wenn sie von Religions-Sachen redete. Der Geistliche, an statt ihre Partie
gegen den Grafen zu nehmen, billigte mit einer demütigen Bescheidenheit dessen
Meinungen: er fügte hinzu, dass nur eine wahre Kirche sei: diese gründete sich
auf einen einfältigen Glauben und auf die Treu, mit welcher man Christo im Leben
und Wandel zugetan wär. Diese Kirche, als die unsichtbare, hätte ihre Glieder
und Bekenner in der ganzen Welt; sie sei weder an das alte noch neue Rom
gebunden. Hieraus aber folge nicht, dass nicht auch eine äusserliche Kirche in
der Christenheit start finden müste: solche wäre zur Unterhaltung guter Zucht
und Ordnung, auch notdürftiger Unterweisung ganz unentbehrlich: er wünschte nur,
fügte er hinzu, dass solche mehr nach Apostolischer Lehr eingerichtet und in eine
reinere und den Absichten GOttes gemasere Verfassung möchte gebracht werden; so
wurde um so viel leichter das anhaltende Gezänck darin gehoben, und die durch
so viele Spaltungen getrennte Gemeinen unter ihrem eintzigen Herrn und Haupt
vereiniget werden können.
    Der Abend wurde hierauf von dieser Gesellschaft teils mit allerhand
Gesprächen, teils auch mit einem kleinen Spiel vergnügt zugebracht. Der Graf
von Rivera unterhielte sich die meiste Zeit mit der jungen Gräfin bei einem
Camin-Feuer allein. Nachdem er derselben wegen des Königs Liebe alle nur
mögliche Vorstellungen getan hatte, und die Gräfin in keinerlei Vorschläge sich
einlassen wollte; so fragte sie endlich der Graf, was dann ihr Befehl wär, dass er
dem König ihrentwegen sagen sollte? Sagen sie ihm, Herr Graf, war ihre Antwort,
dass ich sehr eigensinnig wär? dass ich mich zu nichts weniges als zu einer
Königin schickte, und dass sie deswegen Sr. Majest. rieten, seine hohe Neigungen
auf einen würdigern Gegenstand zu lenken.
    Der Graf hatte sich keiner andern Erklärung von der Gräfin vermutet. Seine
Beredtsamkeit blieb hier ohne Nachdruck, seine Gegenwart selbst half ihre sonst
gewöhnliche Wirkung hintertreiben. Ach! kommen sie doch lange nicht wieder, Herr
Graf! sagte sie zu ihm, wenn sie mir nur immer von der Liebe des Königs reden
wollen. Mein Gemüt ist für solche hohe Dinge viel zu niedrig gestellt; wann
dieses ein Zeichen ihrer Freundschaft sein soll, dass sie mich darzu bereden
wollen, so erlaub ich ihnen, mich ein wenig zu hassen. Wie nun der Graf sah, dass
die Gräfin durchaus auf ihrer Meinung beharrte und sich nichts mehr wollte
einreden lassen; so nahm er, wiewohl nicht ohne lebhafte Empfindung, von
derselben Abschied, und reiste den andern Tag wieder nach Panopolis.
    Man hatte unterdessen dem Grafen bei Hofe die gefährlichste Netze gestellet.
Silon war zu gleicher Zeit mit dem Grafen zu Prato gewesen, und hatte in dem
Schloss-Garten sich an die Fenster des Unter-Saals geschlichen, worinnen der Graf
und die Gräfin sich befanden: er hatte nicht allein ihr ganzes Gespräch mit
angehöret, sondern auch durch eine kleine Oefnung im Vorhang die Gräfin in der
äussersten Bewegung und den Grafen zu ihren Füssen gesehen. Dieses war seinem
Bedünken nach genug, dem Grafen seinen Fall zu bereiten. Er säumte sich nicht
länger, sondern ging nach dem Wirts-Haus, das im Flecken war, zurück, liess
sich eilends sein Pferd sattlen, und ritte damit bei dunkler Nacht wieder nach
Panopolis zurück.
    Er kam des Morgens bei guter Zeit nach Haus; sogleich wurde mit der Corinna
und seiner Frauen Rat gehalten. Silon elzehlte ihr, was er zu Prato gesehen und
gehöret hatte. Die Sache schien der Corinna für den Grafen gefährlich: sie hatte
denselben der Herzogin von Salona versprochen; deswegen war sie allhier darauf
bedacht, wie sie den Grafen aus dieser Schlinge ziehen, und die Sache dahin
vermitteln möchte, dass sie der Hertzogin ihr Wort halten könnte. Silon aber, der
solche Maass-Regeln nicht zu beobachten hatte, und den Grafen zu stürzen suchte,
wollte sich hierinn nichts einreden lassen: er nahm die Treue für seinen König zu
seinem Vorwand, und vergiftete alle Umstände von dieser Begebenheit. Corinna bat
ihn, so sehr sie immer konnte, seinem Eifer gegen den Grafen ein wenig Einhalt zu
tun: sie stellte ihm vor, dass derselbe bei Hofe einen grossen und mächtigen
Anhang hätte, dass er des Königs Liebling wäre, dass man ihm die Sache läugnen
könnte, dass alles, was er gesehen und gehöret hätte, eine ganz unschuldige
Auslegung litte; und endlich, dass, indem er den Grafen um den Kopf bringen
wollte, er den seinigen dabei in Gefahr setzen würde; allein, alle diese
Vorstellungen wollten bei dem falschen Silon nichts verfangen: er hielt den
Grafen für seinen Feind, weil er dem König gute Ratschläge gab, und die
Unordnungen bei Hof abzuschaffen suchte, worinn dieser seinen grösten Nutzen
fand. Er blieb demnach auf seinem wilden Kopf, der König müste alles wissen, es
möchte auch daraus entstehen, was da wollte.
    Es war Nachmittag, als Silon nach Hofe ging: er lauerte die Gelegenheit ab,
dem König bei der Tafel vor das Gesicht zu kommen. Der König sah ihm bald, und
weil er denselben Tag bei ihm nicht die Aufwartung hatte; so fragte er ihn, wo
er herkäme, und warum er so sträubig um den Kopf herum aussähe? Ich bin, gab er
dem König zur Antwort, diese Nacht mit Erlaubnis des Herrn Ober-Cämmerers,
einige Meilen von hier auf dem Lande gewesen, und wann es Ew. Majestät nach der
Tafel allergnädigst erlauben, so werde ich deroselben von meinen Verrichtungen
untertänigsten Bericht abstatten. Der König war nicht so bald von der Tafel
aufgestanden, so ging er mit Silon in sein Cabinet, da dieser ihm alles
erzehlete, was er zu Prato gesehen und gehöret hatte.
    Der König war in diesem Punct, wie alle grosse Herren, mehr als empfindlich:
er geriet darüber in eine Wut, die dem guten Grafen, wenn er wäre zugegen
gewesen, das Leben würde gekostet haben. Zu gutem Glück kam gleich darauf der
Hertzog von Sandilien nach Hofe. Der König fragte ihn voller Eiffer bei dem
Eintritt ins Zimmer, was wohl ein Cavallier verdienet hätte, dem er bisher die
höchste Gunst erwiesen, und der sein ihm bezeigtes Vertrauen mit der grösten
Verräterei belohnte? Der Hertzog war über diese Frage sowohl, als über das
aufgebrachte Wesen des Königs sehr bestürtzt: ich wüste, antwortete derselbe,
keinen solchen in Euer Majestät Diensten, und ich fürchte billig, demjenigen die
gröste Beleidigung anzutun, den ich darüber argwohnen sollte. Es ist der Graf
von Rivera, brach der König mit einem entflammten Zorn heraus. Ich bitte Ew.
Majestät alleruntertänigst, warf der Hertzog dargegen ein, sie wollen sich
nicht übereilen, und dero Eiffer bis zu näherer Untersuchung der Sache mässigen:
der Graf von Rivera wird für den klügsten und aufrichtigsten Cavalier des Hofes
gehalten: man kann Ew. Majestät unrecht berichtet haben. Was, unrecht berichtet?
fuhr der König heraus: Der Untreue, der Verräter! ich habe mich durch seinen
lebhaften und schmeichelenden Verstand einnehmen lassen: ich habe geglaubet,
wie er alle Leute bereden könnte, was er wollte; so würde er auch eure Baase
dahin bringen können, mich zu lieben und meine Gemahlin zu werden. Ich habe
denselben in dieser Absicht nach Prato gesandt; Silon aber, der einige Spuren
entdecket hatte, dass der Graf mit der Gräfin von Monteras ein geheimes
Verständnis haben sollte, suchte in dieser Sache eine nähere Gewissheit zu
erlangen, und reisste zu gleicher Zeit in verstellter Kleidung, dem Grafen nach:
er schlich bei dunckler Nacht sich vor die Fenster eines Saals, worinn sich eure
Baase mit dem Grafen allein befand: Der Graf nötigte sie zwar Anfangs, sich für
mich zu erklären; als ihm aber dieselbige ihr Missfallen mit einigem Eiffer zu
erkennen gab, und ihn einen Undanckbaren schalt, so warf der Graf sich zu ihren
Füssen, küste ihr die Hände und gab ihr alle Merckmahle einer äussersten Liebe.
    Indem der König dieses also dem Hertzog erzehlte, sah er mit einem
ergrimmten Blick nach dem Cammerdiener. Silon, sprach er, Silon, es kostet dir
den Hals, wo du mich hier mit einiger Unwahrheit berichtest. Dieser zitterte vor
dem Hertzog, bekräftigte aber gleichwohl vor demselben dasjenige, was er dem
König gesagt hatte, indem er jenen deswegen zugleich auf das demütigste um
Verzeihung bat.
    Der Hertzog war über diese Nachricht so voller Bestürzung, dass er nicht
gleich wusste, was er sagen sollte. Der Graf von Rivera war einer der angenehmsten
und liebens-würdigsten Cavallier; und seine Base schien ihm eben kein Herze zu
haben, das unempfindlich wär. Er urteilte hieraus, dass die Begebenheit, die man
dem König hinterbracht hätte, wohl wahr sein könnte. Dem Grafen Gewalt anzutun
und die Sache dadurch ruchtbar zu machen, hielt er nicht für ratsam: seine
Base, dacht er, würde auf solche Weise beschimpfet, der Anhang des Grafens wider
ihn aufgebracht und sein Vorhaben um so vielweniger erreichet werden.
    Nach dieser kurzen Uberlegung bat er den König, ihm diese ganze Sache zu
überlassen, mit der Versicherung, dass er darunter seines Königs Ehre schon würde
zu retten wissen. Der König fiel ihm darauf um den Hals, nannt ihn, seiner
Gewohnheit nach, seinen Vater: geht, sprach er, denket, dass man mich
beleidiget, dass ich König bin, und dass ich eure Base liebe. Damit ging der
König wieder in sein Cabinet, und wollte niemand weiter vor sich kommen lassen.
    Als den folgenden Tag darauf der Graf von Rivera wieder von Prato nach
Panopolis kam, so fuhr er alsobald nach Hofe, um dem König noch bei dem
Abend-Essen die Aufwartung zu machen. Er war nicht wenig verwundert, da er alle
Zimmer auf der Burg dunkel und leer von Menschen fand: er fragte den Hauptmann
von der Leib-Wach, was dieses zu bedeuten hätte? dieser berichtete ihm, dass der
König sich nicht wohl auf befänd, und dass er deswegen heute niemand würde zu
sich lassen. Der Graf wollte dem ungeachtet sich dem Schlaf-Gemach des Königs
nähern, als Silon, der nebst einem Cammer-Junker vor der Türe stund, demselben
entgegen kam, und ihm andeutete, dass er diesen Abend den König nicht sprechen
könnte. Den Grafen verdross die hochmütige Art, womit dieser Mann ihm solches
anzeigte; er fragte ihn, ob er ausdrücklichen Befehl vom König hätte, auch ihn
nicht einzulassen? der Cammer-Junker bekräftigte solches: dieses machte dem
Grafen einiges Nachdenken: er begab sich also, ohne ein Wort weiter zu reden,
wieder nach Haus.
    Den andern Morgen meldete sich bei ihm ein Befehlshaber von des Königs
Leib-Regiment, und kündigte ihm an, dass er, ohne fernerer Erlaubnüs, nicht aus
dem Haus gehen sollte. Dem Grafen war dieses ein Rätsel: er war sich nicht des
geringsten Verbrechens bewust: er tröstete sich also mit seiner Unschuld: er
gedachte, dass er keiner bessern Verteidigung als dieser würde vonnöten haben:
er bildete sich ein, dass ein blosses Missverständnüs hierunter verborgen sein
müsse, und dass eine nähere Untersuchung alles klar machen würde.
    Nachmittag kam ein Königl. Geheim-Schreiber und befahl dem Grafen im Namen
des Königes, sich fertig zu machen, um, so bald es Nacht sein würde, von
Panopolis aufzubrechen, und sich, als ein Staats-Gefangener, nach der Vestung
Rozzomonte bringen zu lassen. Ihro Majestät der König, setzte der
Geheim-Schreiber hinzu, wollte nicht gern mit dieser Gefangennehmung des Grafens
ein Aufsehen machen, weil er dessen, was er beschuldiget würde, noch nicht
überführet wär, der König auch solches selbst nicht glaubte; gleichwohl aber
wären die Umstände also beschaffen, dass der König nicht anders könnte, als bis
zu der Sachen näheren Untersuchung, ihn nach besagter Vestung zu schicken:
woselbst er mittlerweile alle die Bequemlichkeiten, wie in seiner eigenen
Behausung, finden würde. Ein Befehlshaber von der Leib-Wache würde mit einigen
Reutern vor dem Tor seiner warten und ihn begleiten.
    Der Graf von Rivera, so verwundert er auch war, sagte zu allem diesem
nichts, als, er würde seines Königes Befehl wissen nachzuleben; und sollten Ihro
Majestät seinetwegen sich nur nicht beunruhigen lassen.
    Die Nacht kam herbei: die Post-Pferde wurden vor des Grafens Reis-Wagen
gespannt, und der Graf nahm von seinem bisherigen lieben Wirt, dem Herrn von
Ridelo, wie auch von dessen Gemahlin und der jungen Marianen Abschied.
    Die Frau von Ridelo konnte, nach ihrer natürlichen Lebhäfftigkeit, ihren
Schmertzen über diesen Unfall des Grafens nicht zurück halten: Die Tränen
flossen ihr aus den Augen: Sie rung die Hände: sie schrie: Ach, mein Vater! wie
wird ihm zu Mute sein, wenn er dieses Unglück vernehmen wird, welches seinen
liebsten Freund betrifft? wie sehr wird er sich betrüben, dass er ihm den Rat
gegeben hat, nach Hofe zu gehen? Ach Hof! Ach unglückseliger Hof! fuhr sie mit
gleicher Bewegung fort, du kanst keine tugendhafte, du kanst keine redliche
Gemüter leiden. Es sind kaum noch zehen Monate verflossen, dass der Graf sich
hier befindet, und derselbe muss bereits die Falschheit deines so wanckelmütigen
Glückes erfahren! O Verhängnüs! wie kanst du so viel Bosheit dulden?
    So lebhaft wusste die würdige Töchter des Herrn von Bellamont denjenigen
Kummer auszudrücken, welchen sie bei dem Unrecht, so der Graf leiden musste,
empfand. Die junge Mariane war bei diesem Abschied gleichfalls sehr bewegt: sie
sagte nichts, sie weinte nur. Der Herr von Ridelo wollte den Grafen begleiten:
dieser aber bat ihn, solches nicht zu tun, weil sie beide die Ursach seiner
Ungnade noch nicht wüsten: er umarmte sie damit alle drei, als ob sie seine
leibliche Geschwister wären, setzte sich damit in seinen Wagen, und hinterliess
sie alle sehr traurig.
    Der Hertzog von Sandilien hatte den Tag zuvor schon einen geschwinden Boten
nach Prato gesandt, mit dem Befehl, dass seine Base sich eilends wieder bei ihm
einfinden möchte, weil ihre Gegenwart in Panopolis unumgänglich erfordert würde.
Der Bote kam eben des Morgens an, als kurtz vorher der Graf von Rivera
aufgebrochen war.
    Sowohl die Gräfin als ihre Frau Mutter, waren über diesen so gemessenen
Befehl erschrocken; es ahndet mir nichts Gutes, sagte die alte Gräfin mit
Seufzen: wollte GOtt! ihr hättet, meine Tochter, den Hof nie gesehen; Diese
stille Triften wären genug gewesen euch zu einem glücklichen Aufentalt eines
unschuldigen und vergnügten Lebens zu dienen. Worzu nutzet doch der Pracht und
die Hoheit des Hofes, als dass er denjenigen, die darin ein Vergnügen suchen,
nur destomehr Sorgen verursacht, und sie zu allerhand Sünden und Torheiten
verleitet? wohl dem, der davon entfernet, bei einem GOtt-gefälligen eingezogenen
Wandel, seine Tage in Ruh und Zufriedenheit hinbringen kann.
    Der jungen Gräfin war diesesmahl eine solche Sitten-Lehre nicht völlig nach
ihrem Geschmack: es sei, dass die Hoffnung ihren geliebten Grafen desto eher
wieder zu sehen, ihr schmeichelte, oder dass die Jugend bei ihr noch ihr Recht
behauptete: als welche ihr die Welt und ihre Eitelkeiten noch nicht so sehr, als
ihrer Frau Mutter, verleitet hatten. Es kam ihr zum wenigsten dismahl leichter
an als zuvor, sich nach dieser Reise nach Panopolis zu entschliessen.
    Es war bei dunckler Abends-Zeit, als sie in der Vorstadt von Panopolis
anlangte. Ihr begegnete allhier gleich vor dem Tor eine mit sechs Post-Pferden
bespannte Gutsche, welche mit Reutern umgeben war: ein Bedienter, der neben her
ritt, und eine brennende Fackel in der Hand hatte, gab ihr des Grafens
Reis-Wagen und einen vornen auf sitzenden Liberei-Diener von demselben zu
erkennen: sie wurde über diesen Anblick nicht wenig bestürtzt. O Himmel! was seh
ich? rief sie hier voller Schrecken aus, dieses ist der Graf von Rivera.
Asmenie, die bei ihr in dem Wagen sass, suchte ihr diese Einbildung auszureden;
allein, sie waren nicht so bald in dem Sandilischen Pallast abgestiegen, so
vernahmen sie davon die Gewissheit.
    Noch mehr aber vermehrte sich der Gräfin ihre Bestürtzung, als ihr der
Hertzog sagte, dass der Graf von Rivera gefangen, und dass sie daran Ursach wär.
Diese Nachricht, setzte ihr Gemüt in solche grausame Bewegung, dass ihr alle
Glieder zitterten. Der Herzog wollte ihr dieses Rätsel erstlich nach der Tafel
erklären; Die Gräfin aber, an statt sich ein wenig umzukleiden, und bei der
Tafel zu erscheinen, legte sich zu Bette, und empfand einen heftigen Anstoss vom
Fieber.
    Der Herzog, als er solches vernahm, begab sich alsobald zu ihr; und weil er
glaubte, die eingezogene Nachricht von des Grafens Gefangenschaft möchte sie zu
sehr aufgebracht haben; so suchte er ihr die Sache viel gelinder beizubringen:
er erzehlte derselben die Begebenheit des Grafens mit den allergleichgültigsten
Umständen: er fügte hinzu, dass es alles nichts zu sagen hätte, und dass die ganze
Sache, bei näherer Untersuchung; bald ein anderes Ansehen gewinnen würde.
    Die Gräfin aber, die leicht mutmassen konnte, das man einen Cavallier, wie
den Grafen von Rivera, nicht ohne die wichtigste Ursachen gefangen führen würde,
geriet darauf in die allerheftigste Bewegungen: welcher Verräter, brach sie
heraus, hat hier den Grafen in dieses Unglück gestürzet? wem solt ich eine so
abscheuliche Bosheit immermehr zutrauen?
    Ach! der Graf, fuhr sie mit gleichem Eifer fort, ist unschuldig. Ich allein,
gnädiger Herr! ich allein, sagte sie voll rührender Zärtlichkeit, und indem sie
sich im Bett aufrichtete, ich bin an allem schuld: ich, nur ich, habe wider den
König gesprochen: der Graf hat mir seinetwegen alle ersinnliche Vorstellungen
getan ... der König hat keinen getreuern Diener als ihn ... er ist allzuredlich
für einen solchen König .... Ach grausamer König ... gehen sie doch, liebster
Herr Oheim, gehen sie doch, und retten dem armen Grafen das Leben. Ich sterbe,
wann er solches meinetwegen verliehret.
    Der Herzog erkannte aus dieser bangen Sprache seiner Basen mehr als zu viel,
welche Leidenschaft ihr solche in den Mund legte. Er furchte, die Hitze möchte
bei ihr überhand nehmen; er suchte ihr deswegen alles dasjenige, was solche
vermehren konnte, aus dem Sinn zu reden, und ihr Gemüt so viel als möglich zu
beruhigen. Allein, es war bereits zu spät, die Krankheit nahm bei ihr überhand,
und der Herzog geriet darüber in den äussersten Schrecken.
 
                               Das fünfte Buch.
Mittlerweile, dass die Gräfin von Monteras zu Panopolis sich so übel befand, war
der Graf von Rivera binnen vier und zwanzig Stunden, vermittelst beständiger
Abwechselung der Post-Pferde, glücklich auf der Vestung Rozzomonte angekommen.
Er sah hier mehr ein irrdisches Paradies, als ein Gefängnüs.
    Die Vestung liegt auf einem ziemlich hohen Felsen, dessen obere Fläche man
in einer halben Stunde kaum umgehen kann: rings umher entdeckte man ein weit
offenes Land, und in der Ferne einen breiten Arm von der Abendländischen See,
welchen ein daran stossendes blaue Gebürge in einen unvergleichlichen Schatten
setzte: ein breiter Strohm, der unten an dem Fuss des Bergs vorbei floss,
zerteilte sich durch das platte Land in viele kleine Gewässer. Man bemerkte
hier die angenehmste Himmels-Gegend: man sah allentalben bebaute Felder, grüne
Weiden, fette Triften, lustige Gehölze und schöne Gärten; das ganze Land war
voller Einwohner: wo ein Flecken sich endigte, da fieng ein andrer an: eine
Hof-Städte, eine Meierei lag hier bei der andern. Kurz, es war gleichsam dieses
die einzige Landschaft von dem ganzen Königreich, welche die allgemeine Not
nicht mit empfand, und deren Einwohner sich dargegen durch ihren Acker-Bau und
durch ihre gute Wirtschaft noch geschützet hatten.
    Auf der Vestung selbst war ein vortrefflicher Garten: er umringte den Hof
und die Gebäude, ihn selbst aber bedeckten die Vestungs-Werke. Auf den kleinen
Wällen sah man die schönste Baum-Alleen.
    Die Gemächer waren meist Königlich ausgezieret, und schien mehr für die
glücklichste Menschen, als für Gefangene zu sein, welche in des Königs Ungnade
gefallen waren. Was noch mehr, so beherrschte diese Vestung ein General, welcher
alle Eigenschaften besass, seinen Gefangenen die Wiederwärtigkeiten ihres Glückes
auf die angenehmste Weise zu versüssen: er war schon alt, er hatte aber einen
desto munteren und aufgeweckten Kopf, je schwächer bei ihm die Füsse waren.
    Er empfieng den Grafen von Rivera, als ob er ihm längst wäre bekant gewesen;
er fiel ihm um den Hals: Ihr Unglück, mein Herr, redete er ihn an, welches sie
sonder Zweifel hieher bringt, ist mir leid: doch, haben sie nur einen guten
Mut: ich werde suchen, ihre Gefangenschaft ihnen nicht beschwerlich zu machen.
    Der Officier, welcher den Grafen begleitet hatte, überreichte hierauf diesem
Obersten Befehlshaber ein Schreiben von dem Hertzog von Sandilien.
    Als der General solches gelesen, umfieng er den Grafen aufs neue, und konnte
ihm seine Freude nicht bergen, die er hatte, ihn kennen zu lernen; zumahl, da er
aus dem Brief des Hertzogs von Sandilien so viel ersehen konnte, dass dessen
Verbrechen von ganz keiner Bedeutung sein müsse.
    Der General stützte darauf seinen baufälligen Cörper auf seinen Stecken, und
führte den Grafen, mit halb-gebrochenen Schritten, durch die vornehmste Gemächer
des Schlosses; unter welchen er denselben bat, die annehmlichsten sich zu seinem
Quartier zu wählen. Der Graf tat solches, und als er darauf etwas von Speisen
zu sich genommen hatte, begab er sich mit einem gelassnen Sinn zur Ruh.
    Die arme Gräfin von Monteras hatte keine so gute Nacht, als der Graf. Man
hatte ihr zur Ader gelassen; dem ungeacht war die Hitze bei ihr dergestalt
gestiegen, dass sie irrte. Der Hertzog schien darüber untröstbar, und Asmenie
konnte nichts als weinen: man schickte eilends nach ihrer Frau Mutter; sechs der
besten Pferde, aus dem Hertzoglichen Stall, wurden ihr mit einem Gutscher und
Reit-Knecht nach Prato gesandt: die Pferde liefen bis dahin in einem Traben, die
alte Gräfin warf sich voller Schrecken, auf die erhaltene Nachricht von dem
Zustand ihrer Tochter, in ihre Gutsche: sie fuhr in einem Rennen und so schnell
die Pferde lauffen konten, nach Panopolis. Auf der Helffte des Wegs wurden sie
mit einem frischen Gespann verwechselt, die eben so hurtig vom Weg trabten als
die vorige.
    Die Gräfin fand ihre Tochter noch abwesend; die Aertzte hatten ihr ein
gewisses Pulver beigebracht, welches die unordentliche Hitze und Wallungen im
Geblüt zu dämpfen pflegte: solches tat seine Wirkung: Sie ruhete darauf einige
Stunden; und da sie die Augen wieder aufschlug, war sie wieder bei sich selbst.
Hier wurde sie mit innigster Freude ihrer Frau Mutter gewahr, die unten bei ihr
auf dem Bette sass: sie ergriff alsobald derselben ihre Hand, führte sie nach dem
Mund, und wollte sich aufrichten; allein ihre Mattigkeit liess solches nicht zu:
ihre Frau Mutter küste sie auf das zärtlichste: woher kommt euch, liebste
Tochter, redete sie dieselbe an, ein so heftiger Zufall? man hat mir gesagt,
eine ausserordentliche Gemüts-Bewegung habe solchen bei euch verursacht? ach!
setzte sie hinzu, Hab ich euch nicht immer ermahnet, euch davor in acht zu
nehmen?
    Aber, liebste Frau Mutter, liess diese sich mit schwacher Stimme vernehmen,
wenn ich daran Ursach ware, dass der unschuldigste Mensch von der Welt um sein
Leben kommen sollte? Lasset, euch mein Kind, diese Furcht aus den Gedancken
reden, antwortete der Gräfin Mutter. Man bringt einen Cavallier, wie der Graf
von Rivera ist, so hurtig nicht ums Lebens: Euer Oheim, der Hertzog, hat ihn
bereits der ersten Wut des Königs entrissen, und denselben in völlige
Sicherheit gebracht: Ach! gnädige Frau Mutter, versetzte darauf die beängstigte
Gräfin, ich kenne die Eifersucht des Königes; ich habe Ursach alles von ihm zu
fürchten.
    Als die Gräfin dieses sagte, trat der Hertzog ins Zimmer; und da er sah, dass
sie sich besser befand, kont er ihr seine Freude darüber nicht genugsam
ausdrucken. Er berichtete ihr, um sie völlig zu beruhigen, dass dem König seine
Ubereilung mit dem Grafen von Rivera leid wäre; dass er ihm bekannt hätte, wie er
sich in dieser Sache zu hurtig habe aufbringen lassen. Noch mehr sei ihm die
Nachricht von ihrer Unpässlichkeit an das Hertze gedrungen. Er hätte deswegen
seinen Leib-Aerzten befohlen, für dieselbe so viel Sorgfalt, als für sein eigen
Leben zu haben. Auch sollte der Graf von Rivera, wo sie es verlangen würde,
wieder auf freien Fuss gesetzt werden: es wär aber, fügte er hinzu, nicht
ratsam, sich dieser Gefälligkeit des Königes, zum Vorteil des gefangenen
Grafens zu bedienen; denn die Ehre und Majestat des Königes litte darunter, wenn
der Graf so bald wieder sollte frei gesprochen, und die Gerechtigkeit des
Monarchens gleichsam dadurch eines Fehltritts beschuldiget werden. Der Hertzog
versicherte dabei seine kranke Base, dass er den Grafen an einen so guten und
sichern Ort hätte bringen lassen, dass er nirgendwo besser sein könnte.
    Diese Nachrichten waren der betrübten Gräfin so angenehm, dass solche ihr
besser, als alle bisherige Arzneien zuschlugen: ihre Augen wurden munterer, ihre
schier erblasste Wangen durchzogen wieder ein wenig Farbe: ihre Lippen rührten
sich zu einer holden Schmeichelei: sie ergriff den Hertzog bei der Hard und
führte solche mit einer zarten Bewegung nach dem Mund. Der Hertzog beantwortete
ihr diese Liebkosung, indem er ihr Haupt mit einem durchdrungenen Gemüt an seine
Brust drückte: Ach! werdet nur wieder gesund, werteste Tochter, sprach er zu
derselben, das übrige soll sich alles geben.
    Die schlaue Corinna war unterdessen, dass die Gräfin ihrer Unpässlichkeit
halber nicht aus dem Zimmer kam, auf allerhand Streiche bedacht, wie sie den
Grafen wiederum in Freiheit setzen, und ihn der Hertzogin von Salona zuspielen
möchte. Sie kam deswegen zu dem Hertzog von Sandilien: sie entdeckte ihm mit
einer listigen Bescheidenheit, wie sie von allen Begebenheiten des Grafens von
Rivera Wissenschaft hätte; und wie sie auf einen Anschlag gekommen wär, den
König mit guter Art von einem so gefährlichen Mitbuhler zu befreien. Der Herzog
wollte sich anfänglich gegen dieses Weib nicht heraus lassen, noch dieselbe
glauben machen, als ob seine Absichten mit seiner Basen bis auf den Tron
giengen: allein, Corinna sah hier dem Herzog tiefer ins Herz, als er solches
meinte: sie erklärte sich deshalben so schmeichelhaft: dass gleichwohl die ganze
Welt die würdige Wahl des Königs billigte, und dass es endlich ihm selbst von dem
König dürfte übel genommen werden, wenn er sich darin seiner Neigung
wiedersetzen wollte. Kurz, der Herzog liess sich mit ihr ein: sie offenbarte ihm
ihre Anschläge, den Grafen der Herzogin von Salona zu freien. Der Herzog fand
solches wohl ausgedacht: er versprach ihr eine reiche Belohnung, wenn sie diese
Heirat zu Stand bringen würde.
    Die verschmitzte Corinna hatte ihm nicht gesagt, dass die Herzogin von Salona
des Handels bereits einig wäre: sie ersann hundert Schwierigkeiten, um die
Verdienste ihres Verstandes desto grösser zu machen, wenn sie die Herzogin darzu
würde bereden können. Der Herzog im Gegenteil zweifelte gar nicht, der Graf
würde ein solches Glück, welches das gröste wär, so er in der Welt machen könnte,
mit beiden Händen ergreiffen; er hoffte dadurch die gröste Hindernüs zu heben,
welche seine Base bishero noch gehindert hätte, ihre Liebe dem König zu wiedmen.
    Corinna kam nach einigen Tagen wieder zu dem Herzogen, und berichtete ihm,
dass die Sache mit der Herzogin von Salona so gut als richtig wär: dieselbe hätte
zwar Anfangs, sagte sie, ihren Vortrag sehr verächtlich angehöret: sie hätte
ihren hohen Rang, den Wohlstand ihres Geschlechts, nebst andern Schwierigkeiten
vorgeschützet; dem ungeachtet aber war sie doch so glücklich gewesen, dieselbe
zu bereden, dass sie sich entschlossen hätte, den Grafen von Rivera zu ihrem
Gemahl anzunehmen: wenn nur der König ihm die Gnade tun würde, demselben eines
von den Ober-Aemtern bei Hof zu geben; weil sie sonst, als eine Dame, die den
Vortritt bei Hofe hätte, sich ohne Verletzung des Wohlstandes an einen blossen
Cammerherrn nicht vermählen könnte; sie zweifelte auch nicht, der König würde
solches, in Betrachtung der ganz besonderen Verdiensten dieses Cavalliers, gar
leicht gewähren; wo anders ihre Durchlaucht, der Herzog von Sandilien, sich
dieser Sache annehmen wollte.
    Wenn wir sonst keine Schwierigkeit werden zu heben finden, als diese,
antwortete hierauf der Herzog, so soll unser Anschlag bald einen guten Fortgang
gewinnen. Er befahl damit der Corinna die Verschwiegenheit, und versicherte sie
nochmahls aller Erkentlichkeit.
    Der Herzog verfügte sich darauf zum König. Dieser war nicht zum besten auf:
seine Leib-Aerzte hatten an seiner Gesundheit angefangen zu künsteln, und bei
den rauhen Winter-Tagen ihm verboten nicht aus seinem Zimmer zu gehen. Dem König
fiel damit die Zeit lang: diese Langeweile machte ihn immer an seine Liebe
denken, und dieses stete Denken, worinnen sich Argwohn, Eifer und Sehnsucht
mischten, verursachte ihm allerhand Beschwerlichkeiten.
    Der Herzog fand den König in einem solchen Zustand, da er ihm seinen
Vorschlag eröfnete: Er hatte aber kaum noch ausgeredet, als der König, voller
Zorn und Unmut, heraus fuhr: wie, Hertzog! solt ich mich noch des Treu-losen
Grafens von Rivera annehmen, und seine Verräterei mit den höchsten Aemtern
meines Hofs vergelten? wo denket ihr hin? würde dieses nicht auch andere hinfort
verleiten, mich ohn alle Scheu und Ehrfurcht zu beleidigen?
    Ich habe alles wohl überlegt, allergnädigster König, antwortete hierauf der
Hertzog. Meine Base hat mir aufrichtig das ganze Gespräch, welches sie mit dem
Grafen zu Prato gehabt, erzählt. Sie ruft den Himmel zum Zeugen an, dass der
Graf nicht allein unschuldig; sondern, dass er auch Ew. Majestät eifrigster und
getreuster Diener wär. Der Herzog berichtete bei dieser Gelegenheit dem König
den eigentlichen Verlauf dieser Sache, worauf der König sich zwar etwas ruhiger
bezeigte; gleichwohl aber daraus auch so viel erkannte, dass, wo der Graf ihn
nicht hintergangen hätte, derselbe wenigstens doch von der Gräfin geliebt
würde. Dieses machte ihn den Vorteil erkennen, den er durch die vorgeschlagene
anderwärtige Vermählung des Grafens mit der Herzogin von Salona erlangen würde:
er gab deswegen dem Herzog von Sandilien freie Macht, dieses Geschäft so bald
als möglich, hinaus zu führen, und dem Grafen nicht nur die vorige Königliche
Gnade, sondern auch die Ober-Falkenirer-Stelle anzubieten; im Fall er sich
entschliessen würde, die Herzogin von Salona zu heiraten.
    Der Herzog, als er wieder in seinen Pallast zurück kam, wusste lange nicht,
wem er sich in diesem Geschäfte anvertrauen, noch durch wen er dem Grafen von
seinen Absichten die Eröfnung sollte tun lassen: er sann hin und her: endlich
fiel er mit seinen Gedancken auf den Herrn von Ridelo. Vielleicht, sprach er bei
sich selbst, ist dieses Herrn seine Freundschaft für den Grafen so gross, dass er,
ihm zu gefallen, sich wohl entschliessen dürfte, diese Reise anzutreten: er fuhr
deswegen zu ihm, nach seinem Pallast. Herr Intendant, redete ihn der Herzog an,
nachdem ihn dieser in sein Cabinet geführet, ich weiss, dass sie ein aufrichtiger
Freund von dem Grafen von Rivera sind. Sie können ihm davon eine neue Probe
geben, wenn sie sich wollten gefallen lassen, zu ihm nach der Vestung Rozzomonte
zu reisen und demselben einen gewissen Vortrag zu tun, den ich sonst niemand
wohl als ihnen anzuvertrauen wüste.
    Ich und mein Haus, erklärte sich hierauf der Herr von Ridelo, sind
dergestalt dem Grafen von Rivera mit Hochachtung und Freundschaft verbunden, dass
ich keine Gelegenheit verabsäumen werde, demselben alle nur möglichste Dienste
zu erweisen, und dieses um so viel mehr, wenn Ew. Durchlaucht selbst darzu mich
auffordern sollten.
    Sie wissen, mein Herr Intendant, fuhr darauf der Hertzog fort, dass unseres
Grafens Ungnade von einem unglücklich gefassten Argwohn des Königs herrühret: und
dass, wo ich ihn nicht noch dem Eifer des Königs zu rechter Zeit entzogen hätte,
es übel mit ihm würde ausgesehen haben. Ich muss gestehen, fuhr er fort, dass ich
etwas an diesem jungen Cavallier gefunden, das mir gleich im ersten Anblick für
denselben eine besondere Hochachtung gab. Ja, wann ich es sagen darf, so hätte
ich niemand lieber, als ihm, meine Base gegönnet, wo nicht, zu meinem Verdruss
der König darzwischen gekommen wär. Indessen wurde mir von sicherer Hand
entdeckt, dass die Hertzogin von Salona ihm nicht ungeneigt wär: ich hab es auch
bei ihr durch eine geheime Unterhandlung so weit gebracht, dass sie sich wirklich
erkläret hat, ihn zu ihrem Gemahl anzunehmen. Der König gibt darzu seine
Einwilligung; und damit er dieser hohen Partie nicht unwürdig scheinen möchte,
so will ihn derselbe zum Ober-Falkenier ernennen, welche Stelle von unsern
Hof-Aemtern den vierten Rang führet. Niemand, als sie, mein Herr, kann dieses
Geschäfte besser zu Stande bringen. Und weil wir den Grafen von Rivera
beiderseits hochschätzen, so wird es ihnen, mein Herr Intendant, auch
hoffentlich nicht misfallen, dass ich in dieser Angelegenheit mich niemand
anders, als ihnen, anvertrauen mag.
    Der Herr von Ridelo bezeigte sich dafür dem Hertzogen verbunden; und ob er
gleich des Grafens Meinung wusste, und in dieser Sache wenig bei ihm auszurichten
hofte; so begab er sich doch dem ungeacht gleich den folgenden Tag darauf nach
Rozzomonte.
    Der Graf von Rivera war auf das angenehmste bestürzt, als er den Herrn von
Ridelo bei sich sah. Er fragte ihn, nachdem sie sich einander zärtlich umarmet
hatten, wo er herkäme, und ob er einen Gefangenen besuchen wollte, deme seine
Gefangenschaft so süsse gemacht würde, dass er schier seiner Freiheit darüber
vergässe; ob man gleich sonst zu sagen pflegte, dass es keine schöne Gefängnisse
gäben. Es mag leicht sein, antwortete ihm der Herr von Ridelo, dass sie allhier
ruhigere Stunden geniessen, als ihre Freunde zu Panopolis, die bisher
ihrentwegen nicht wenig in Sorgen leben. Ich bring ihnen unterdessen viel Gutes,
Herr Graf, sprach er zu demselben; ich furchte nur, sie mögten nicht alles
annehmen: sie sind frei, und wieder in voriger Gnade bei dem König: er erkläret
sie zugleich zum Ober-Falkenier: ja, sie sollen so gar die erste Heirat bei
Hofe tun, und die Hertzogin von Salona zur Gemahlin bekommen. Der Hertzog von
Sandilien, fügte er hinzu, hält dieses letzte vor das eintzige Mittel, die
Eifersucht des Königes zu besänftigen, und das Glück des Herrn Grafens
vollkommen zu machen.
    Der Graf fand sich durch dieses Anerbieten äusserst beehrt: er dankte dem
Herrn von Ridelo, dass er sich die Mühe genommen hätte, deswegen zu ihm zu
reisen; und erklärte sich dahin, dass er noch zur Zeit seiner Ehrsucht wüste
Gränzen zu setzen, und dass es ihm eine grosse Last sein sollte, sich schon zu
verheiraten; ob er gleich gestehen müste, dass solches nicht vorteilhafter
geschehen könnte, als es ihm vorgeschlagen würde. Was aber des Königs Eifersucht
beträffe; so müste er zwar aufrichtig bekennen, dass er sich von der Gräfin von
Monteras habe einnehmen lassen; so bald aber der König gleiche Neigung für sie
hätte blicken lassen, so wär er darin seinem Verhängnüs gewichen und hätte alle
Pflichten der Ehrerbietung, des Wohlstandes und der Aufrichtigkeit gegen seinen
König beobachtet.
    Was wird also, fragte der Herr von Ridelo, bei dieser Sache zu tun sein?
schlagen der Herr Graf diejenige Partie aus, welche man ihnen als das gröste
Glück, so sie an unserm Hof erwarten können, anbietet; so wird dadurch des
Königs auf sie geworfene Eifersucht, dem Schein nach, gerechtfertiget, und auf
das höchste getrieben werden: dessen Ungnade ist ihnen sodann gewiss. Wohlan,
sprach der Graf, er lasse mich auf dieser Vestung, oder verweise mich auf meine
Herrschaft, und verbiete mir auf Lebenslang den Hof: die Strafe wird für mich
süsse und der Gerechtigkeit des Königs gemäss sein. Ach! die Gefahr, liebster
Herr Graf! redete ihm der Herr von Ridelo ein, ist für sie grösser, als sie sich
solche einbilden: der König ist ein junger jäh-zorniger Herr; die Verschmähung
der ausserordentlichen Vorteile, die er ihnen anbieten lässet, wird dessen
Argwohn auf das grausamste vermehren, und ihnen vielleicht gar das Leben kosten.
    Er ist Herr darüber, antwortete der Graf mit Gelassenheit; ich bin sein
Untertan: Könige können tun, was sie wollen, wenn sie keinen GOtt und keine
Gerechtigkeit über sich erkennen. Ach! verfolgte der Herr von Ridelo, sie lassen
sich doch besser raten, und geben den Regungen ihrer feurigen Jugend nicht
allzuviel Gehör: es ist öfters die grossmütigste Standhaftigkeit mit einem
gewissen Eigensinn verschwistert, der zwar unsrer Tugend schmeichelt; aber
alsdann nicht mehr zu entschuldigen ist, wenn er uns bloss deswegen unglücklich
macht, weil wir uns vorgenommen haben, darin nichts nachzugeben: ihr Leben ist
viel zu edel, als dass sie es nicht höher achten sollten: sie sind solches den
Wünschen ihrer Freunden, der Liebe ihrer Angehörigen und der Erwartung eines
ganzen Volkes schuldig.
    Was raten sie mir dann, fragte hierauf der Graf, das ich tun soll? Ich
würde, wann ich an ihrer Stelle wär, die Gnade des Königs annehmen, antwortete
jener, und darin der Schickung des Himmels folgen. Wann die Vermählung mit der
Hertzogin, unterbrach dieser, nicht davon die Bedingung machte, so würde ich es
selbst glauben, und ihrem Rat folgen; alleine, ich halte nicht dafür, dass
dergleichen blose Staats-Heiraten GOtt wohlgefällig sein können.
    Man sagt aber, erwiederte der Herr von Ridelo, dass die Herzogin von Salona
tugendhaft und Liebens-würdig wäre: es kann sein, versetzte jener, ich liebe sie
aber nicht; was kann ich dafür, dass mein Herz so unartig ist? Sie sehen sich vor,
Herr Graf, redete der Herr von Ridelo weiter, dass eine unglückliche Liebe sie
nicht dahin verleite, eine allem Ansehen nach glückliche auszuschlagen. Wo ist
der kluge Welt-Weise? würde meine Frau wieder ausrufen, wann sie hier zugegen
wär, Heist dieses seine Affecten beherrschen und von der Liebe sich nicht
einnehmen lassen?
    Ach! was sagen sie mir? mein wertester Herr Intendant, war hierauf des
Grafens Antwort: heist dieses von der Liebe sich einnehmen lassen, wenn man
dasjenige, was man mit der grösten Zärtlichkeit verehret, der allergrausamsten
Schuldigkeit aufopfert? So bald hatte ich nicht die Liebe des Königes für die
Gräfin von Monteras wahrgenommen; so tat ich meinem Herzen alle nur ersinnliche
Gewalt, die für sie gefaste Neigung noch in ihrer ersten Geburt zu ersticken.
Ich vermiede mit der grösten Sorgfalt alle Gelegenheit sie alleine zu sprechen:
ich sah, dass mir ihre Augen, wann ich sie in Gesellschaft fand, einen
verborgenen Kummer entdeckten: sie schien mir damit meinen Wankelmut
vorzuhalten: sie seufzete, wenn ihr ungefär meine Blicke begegneten: ich
entschuldigte damit gleichsam bei ihr meine Aufführung, indem ich sie auf den
König wiese: sie tat, als ob sie mich verstünde, und als ob sie deswegen
betrübt wäre. Dieses war nicht genug: ich musste zu Vermehrung meiner Pein nicht
allein das Unglück haben, dass der König mein Mitbuhler wurde; sondern er machte
mich auch zum Vertrauten seiner Liebe, was sag ich? gar zu seinem Unterhändler.
Ich habe geglaubt, ich hätte meiner Pflicht damit ein Genügen getan, dass ich
meine eigene Regungen unterdruckte, und die Gräfin dahin zu bewegen suchte, den
König zu lieben. Ach, grausame Pflicht! was hast du meinem Herzen nicht vor
unsagliche Marter gekostet? sollte man mich auch noch verbinden wollen, einer
Person die Hand zu geben, welche ich nicht lieben kann?
    Sie sind, mein wertester Herr Graf, antwortete hierauf der Herr von Ridelo,
bei allen ihren grossen Eigenschaften nicht wenig zu beklagen: sie machen, dass
man sie lieben muss: sie gefallen der vollkommensten Dame an unserm Hofe: ihre
Tugenden haben bei ihr mehr Reizungen, als die Königliche Krone: sie bewegen sie
auch wider ihren Willen, dass sie dem König kein Gehör gibt: der König weiss um
die Ursach dieser Kaltsinnigkeit: er muss denjenigen notwendig hassen, dem die
Gräfin von Monteras in ihrem Herzen einen solchen empfindlichen Vorzug gibt:
Könige sind gewohnt über alles zu herrschen, und wer ihrer Gewalt etwas in den
Weg leget, oder vor ihnen sich einigen Vorzug erwirbet, der ist ihr Feind, und
der hat sich allentalben in acht zu nehmen, dass er nicht das Opfer ihrer
beleidigten Hoheit werde.
    Ich verstehe sie, hochgeschätzter Freund! erklärte sich hierauf der Graf;
ich beklage von Herzen, dass ich meinem König, dem ich sonst mit äusserster Treu
und Liebe zugetan bin, Anlass gegeben habe, auf mich ungnädig zu werden: Bitten
sie doch deswegen den Herzog von Sandilien, dass er, zur Beruhigung des Königes,
mich auf dieser Vestung lasse: sagen sie ihm, dass ich ihm für eine so süsse
Gefangenschaft verbunden wäre, und dass ich, so lang ich lebe, ein aufrichtiger
Diener von ihm und seinem ganzen Hause bleiben werde: oder will man einen
Unschuldigen nicht mit dem Verlust seiner Freiheit strafen, so verbiete man mir
auf allezeit den Hof, und lasse mich davon entfernet, in der Verborgenheit, auf
meinen Gütern leben: ich werde dem König auch abwesend meine Ehrfurcht, meinen
Gehorsam und meine Redlichkeit zeigen.
    Nach dieser Erklärung des Grafens, trat der alte General ins Zimmer, und
bewillkomte den Herrn von Ridelo nach seiner gewöhnlichen Höflichkeit. Meine
Herren, sprach er darauf zu ihnen, es ist bald Mittag; gefällt es ihnen, allein,
oder mit der Gesellschaft zu speisen? Der Herr von Ridelo wollte das erste
wählen; allein, der Graf fiel ihm in die Rede: Nein, wertester Herr Intendant,
sagte er zu ihm, sie müssen sich dismahl nach unserer Weise bequemen und auch
sehen, wie hier die Gefangene leben. Auf dieser Vestung, fuhr er fort, herschet
ein eigner Stern, der lauter muntere und angenehme Einflüsse hat; die
unglückseligste Menschen vergessen hier ihren Kummer: die Strafe der
Gefangenschaft, womit sie die Gerechtigkeit, oder ein widriges Schicksal
beleget, verwandelt hier ihre sonst gewöhnliche Härte in eine ganz vergnügte
Lebens-Art. Sie werden sich gefallen lassen, davon einen Zeugen abzugeben.
    Der General musste von Herzen über des Grafens Einfälle lachen: dieser alte
Soldat hatte denselben binnen den vierzehen Tagen, als er sein Gefangener war,
ungemein lieb gewonnen: es schienen gleichsam seine Kräfte sich zu verjüngen, um
sich nach dessen Jugend einzurichten und ihrer Anmut sich mit teilhaftig zu
machen. Der König hätte keinen sinnreichern Mann finden können, diejenige
aufzumuntern, welche den Verlust ihrer Freiheit beklagten, und öfters fürchten
mussten, um alle Vorteile dieses Lebens zu kommen.
    Der General führte darauf seine beide vornehme Gäste in einen grossen
Speise-Saal, welcher eigentlich eine Art des Gewächs-Hauses war, wohin im Winter
die Pomeranzen-Bäume gebracht wurden. Dieser hatte viel merkwürdiges in sich:
die vier Jahrs-Zeiten waren darin auf eine besondere sinnreiche Art entworffen.
In der Mitten zeigte sich der Winter mit einem grossen Camin, darin, weil noch
die Kälte regierte, ein starkes Feuer brante. Die Aufsätze auf den Gesimsen
bestunden aus verschiedenen kleinen Figuren, welche die kalte Nord-Länder
vorstellten, die teils mit Renntieren auf Schlitten fuhren, teils mit
Schritt-Schuhen schliffen, teils Holz, teils Felle von allerhand Tieren
trugen, in der Umfassung stunden verschiedene Geschirre von feinem Porcellan;
und das darin entaltene Gemähld zeigte auf eine sehr künstliche Art die
vornehmste Beschäftigungen und Kurzweile, die man zu Winters-Zeit vorzunehmen
pfleget.
    Zur Rechten Seiten dieses Saals sah man den Frühling in einem ordentlichen
Winter und Lust-Garten vorgestellt, welcher mit einer zierlichen Balustrade von
dem Saal unterschieden war. Man sah hier das schönste Blumen-Stück mit
untermengten Taxis, Lorbeer, Pomeranzen, und Citronen-Bäumen; welche teils
zwischen kraus-gezogenen Bux, und einem von Muscheln, Sand und Kohlen
bundfärbigten Grund aus der Erden wuchsen; teils in Kasten und Geschirren nach
der Ordnung mit eingeschoben waren, und durch verborgene eiserne Röhren, welche
der Rauch aus gehejetzten Oefen warm hielte, vor der Kälte geschützet wurden. In
der Mitten dieses in vier Ländergen eingeteilten Stuben- und Winter-Gartens,
sah man ein Springwerk, welches mit einem schlorfenden Zischen in die Höh
spielte, und mit einem schallenden Rausch in einen kleinen Behälter
niedersprudelte.
    Der Sommer zeigte sich auf der andern Seiten in einer kleinen Landschaft,
welche eine feine Drat-Arbeit von dem Saal absonderte. Es war hier alles grün:
die Bäume bestunden aus Tannen, Fichten, Taxis und Wachholder-Gesträuchen: in
der Vertiefung sah man ein künstlich erhabenes Gebürge, mit Sand, Steinen und
Mos bedecket, von dessen Höhe ein kleiner Wasser-Fall herunter lief, der hernach
auf einem von Blei verfertigten Canal, als ein klarer Bach, zwischen den
Gesträuchen und einem frisch belegten Wasen-Grund durchfloss. Das Zwitsern und
Singen der hier unter einander fliegenden Vögel belebten diesen durch die Kunst
verfertigten Wald auf eine Art, dass man auch die Schönheit der Natur in der
blosen Abschilderung bewundern musste.
    Der Trink-Tisch, welcher dem Camin gegen über stund, war eine Abbildung des
Herbsts: man sah in der Mitten Bachum mit Epheu und Trauben-Blättern becränzet
und sich auf Silenen stützen: um ihn herum waren die Wald-Götter mit den kleinen
Bachus-Kindern, welche teils Trauben und Trinck-Geschirre trugen, teils auf
Sackpfeifen und Dudelsäcken spielten. Unten zeigte sich ein kleines Grottenwerk
mit einem alabastern Kumpen, worinnen zum Ausspülen der Gläser aus einem Kranen
beständig das Wasser spritzte.
    Mitlerweile der Graf von Rivera alle diese Erfindungs-reiche Seltenheiten
den Herrn von Ridelo hatte beobachten machen; kamen nach und nach auch die
Kostgänger des Commendanten herbei, welche als Gefangene von einem gewissen
Rang, von demselben gewöhnlich mit zur Tafel gezogen wurden.
    Der erste war ein vornehmer Geistlicher: er kam mit abgemessenen Schritten,
und einem steif-zurückgeschlagenen Haupt in den Saal getreten: seine Stirne
zeigte einen stolzen Ernst, und aus seinen Augen leuchtete ein Feuer, welches
allen denjenigen Zorn und Rache drohete, die seinen Meinungen sich widersetzen
wollten. Nachdem er die Anwesende mit einer gezwungenen Demut begrüsset hatte,
fragte der Herr von Ridelo heimlich den Commendanten, wie doch dieser ehrwürdige
Mann auf die Vestung kommen sei. Der Commendant berichtete ihn, dass dieser
Prälat seinen ganzen Sprenkel aufgewiegelt, und die Leute durch seine
Streit-Predigten dergestalt in einander gehetzet hätte, dass darunter die gemeine
Ruh und Sicherheit wäre verletzet worden. Man hätte ihn deswegen hier auf diese
Vestung gebracht, dass er unter Leuten, die vom Krieg ihr Handwerk machten, den
Frieden lernen sollte.
    Der Herr von Ridelo fragte darauf weiter: wer ist dann dieser muntere Alte,
der bei seinem elenden und magern Cörper doch einen so vergnügten Mut bezeiget?
Es ist, antwortete der Commendant, unser berühmter Goldmacher, der die Cammer,
unter dem Vorwand, die gemeine Berg-Erze durch den Mercurium zu lösen, und in
lauter Silber zu verwandeln, um etliche Tonnen Gold gebracht hat: er ist sonst
der ehrlichste Mann von der Welt, und es wird nicht lang anstehen, so wird er
ihnen sein Vergnügen über die Entdeckung eines neu-erfundenen Geheimnisses
offenbaren.
    Indem sie sich noch bei diesem Goldmacher aufhielten, kam ein
Obrist-Wachtmeister von einem Dragoner-Regiment: er hatte ein trotziges und
wildes Ansehen; es schien, als ob er auf die andere nur seine Blicke warf, um
sie vor ihm in Furcht zu setzen: Dieser Tersites hatte sich bei seinem Regiment
nicht Fried-liebender, als der obgemeldte Prälat in seinem Kirchspiel
aufgeführet, und etlichmahl wider das Königliche Duell-Mandat sich
herumgebalget.
    Es kam darauf ein vierter, welcher die Freundlichkeit selbst zu sein schien:
er machte allen Anwesenden zehen Reverenze für einen, fragte, wie sie sich
befänden, wie sie geruhet hätten, was sie neues wüsten, und dergleichen; dem
Herrn von Ridelo aber kont er seine Freude nicht genugsam ausdrücken, dass er die
Ehre hätte, demselben hier seine Aufwartung zu machen. Dieses war der Ritter
Bonadi, der deswegen dem Herrn Commendanten in die Kost war gegeben worden: weil
er sich, zur Schande seines Hauses, welches jetzo mit einem Herzoglichen Titul
pranget, an eine leichtfertige Metze gehängt, und dieselbe geheiratet hatte.
    Ein fünfter unterbrach diesen Ritter, welchen der Herr von Ridelo alsobald
für den Freiherrn von Riesenburg erkannte: er umarmte ihn, als einen Cavallier,
der ehedessen eine Zeitlang bei Hofe gewesen war, und der zuweilen auch in den
Gesellschaften bei seiner Frauen sich mit eingefunden hatte. So lieb es mir ist,
mein Herr Baron, sagte der Herr von Ridelo, sie zu sehen, so wünschte ich doch
nicht, dass ich diese Ehre an einem Ort haben möchte, wo ich sie ihrer Freiheit
beraubet finde. Ich hoffe, antwortete ihm dieser, solche bald wieder zu
erlangen, und ich werde nach Tisch mir die Erlaubnis ausbitten, ihnen meine
ganze Begebenheit umständlich zu erzählen.
    Zuletzt kamen noch einige Officiers von der auf der Vestung liegenden
Besatzung, nebst ihrem Regiments-Caplan. Die Tafel war rund und das Gespräch
allgemein. Der Goldmacher, weil er nebst dem Ritter Bonadi am aufgeräumtesten
war, musste dismahl darzu den Stoff hergeben. Unser Herr von Auertor, so nannte
sich derselbe, wird sonder Zweifel, sagte der Commendant, wieder ein gutes
Experiment gemacht haben; dann er sieht mir heute ungemein vergnügt aus. Ja,
antwortete ihm dieser, ihre Excellenz geben mir wohl Kohlen und Tiegel, aber die
Ducaten, die Ducaten sind ihnen noch zu lieb: aus nichts aber kommt nichts.
Unterdessen sollen doch heute Ew. Excellenz an einem gewissen Prozess von
Wein-Geist ihren Wunder sehen, den ich dermassen geläutert habe, dass er, wenn er
angebrannt wird, nebst den allerglänzendsten Farben, auch gewisse Creuz-Figuren
vorspiegelt, welche man ohne die äusserste Andacht nicht betrachten kann.
    Darf ich mir, fragte ihn hier der Herr von Ridelo, dieses Chymische
Kunst-Stück mit anzusehen, die Erlaubnis ausbitten? ich bin ehedessen auch ein
Liebhaber dieser edlen Kunst gewesen. Wie! gewesen, wiederhohlte hierüber der
Herr von Auertor ganz bestürzt, Ew. Excellentz verzeihen mir, wer einmal sich
mit der geheimen Philosophie als ein Liebhaber eingelassen, der kann, so lang er
lebet, nicht aufhören, ein solcher beständig zu sein. Ich bin es auch noch,
versetzte darauf der Herr von Ridelo, um den schier erzürnten Weisen wieder zu
begütigen. Es ist noch nicht gar lang, fuhr er fort, dass ich selbst ein
Particular erfunden, Venerem in veram lunam vermittelst eines Mercurialischen
Menstrui zu verwandeln: es fehlet mir noch an einem guten Fermento.
    Der Herr von Auertor war ganz entzückt, an dem Intendanten einen solchen
Kenner seiner Wissenschaften anzutreffen: denn man hatte bisher seine geheime
Redens-Arten nicht verstanden; obgleich der General ihm zur Kurzweil, Oefen,
Brennkolben, Tiegel und Kohlen nach Verlangen herbeischaffen liess. Nunmehr aber
winkte er dem Herrn von Ridelo mit einem freundlichen Blick, und versprach ihm
hernach in seinem Laboratorio Dinge zu zeigen, darüber er erstaunen sollte. Unter
andern rühmte er sich auch, dass er eine geschwinde Generation des Salpeters
erfunden, darüber er bereits dem Herrn Commendanten die Eröffnung getan hätte.
Dieser musste bekennen, dass man nicht leicht ein schöneres Gemengsel von
allerhand elementarischen Feuer-Farben sehen könnte, als wenn man dem Herrn von
Auertor ein Paar Ducaten in den Tiegel schmiss: der Rauch allein von diesem
glänzenden und Wunders-würdigen Chaos sei nicht nachzumahlen; und gäbe genugsam
zu erkennen, dass die Natur den Menschen nicht umsonst ihre verborgene
Schönheiten zeigte.
    Uber diesem Gespräch wurde der General geruffen; er beurlaubte sich deswegen
von seinen Gästen, und bat sie, seinetwegen sich nicht zu stöhren. Man war einer
solchen Freiheit auf dieser Festung gewohnt, dass ein jeder tat, was er wollte:
einige blieben noch bei dem Wein an der Tafel; andere aber machten sich vor das
Camin, rauchten eine Pfeiffe Toback und liessen sich dabei mit Caffee und Tee
bedienen. Weil aber der Herr von Ridelo begierig war, die Begebenheit des
Freiherrn von Riesenburg zu vernehmen, so begab er sich mit ihm auf des Grafens
von Rivera Zimmer, da dann jener seine Erzehlung folgendergestalt anfieng.
 
                               Das sechste Buch.
                Die Begebenheiten des Freiherrn von Riesenburg.
Es ist bereits ein halbes Jahr, da ich in gewissen Geschäften meines Vaters,
eine Reise nach Monaco tun musste. Ich hatte mich mit meinem eignen Geschirr bis
auf die nechste Post bringen und meinen Cammerdiener mit dem Gepäck auf der
Landgutsche nachkommen lassen: ich hatte niemand als einen Diener bei mir, und
ritte die Post: es wurde Nacht, ich war in einem Wald und hörte von weitem ein
ängstliches Geschrei. Ich befahl meinem Postillon still zu halten. Ich hörte,
dass es Weibsleute waren, deren kläglicher Ton durch das weite Gehölz erschallte.
Ich hatte ehedessen den Don Quichott gelesen, und dachte hier an den ehrlichen
Mann, wie bereitwillig er sich bei solcher Gelegenheit erzeigte, den
Notleidenden beizuspringen: ich wollte nicht weniger grossmütig sein: ich
ergriff deswegen eine von meinen Pistolen, rannte damit voraus, und ermahnte
meine beide Gefährden mir nachzufolgen: diese zitterten vor Furcht, und ich sah
wohl, dass ich mit ihnen schlechte Helden-Taten verrichten würde.
    Es war dunckel ehe ich michs versah, stiess ich auf Pferde, welche dadurch in
Unordnung gerieten: ich hörte mich mit einem entsetzlichen Fluch, und einem
kräftigen Streich einer klatschenden Peitsche bewillkommen: dass dich dieser und
jener hohl, klungen ungefär die mit einer rauhen Kehle ausgestossene Worte, wer
rennet mir da in die Pferde? ich merkte bald, dass ich hier meine Pistolen nicht
würde nötig haben; ich steckte sie deswegen wiedeer an ihr Ort, und fragte, was
da zu tun wäre? Seht ihr dann nicht, war die Antwort, dass hier eine Gutsche
umgeworfen ist?
    Ich sprang auf diese Nachricht hurtig vom Pferd und ging nach der Gutsche
hin, woraus, so viel ich in der Finsternis erkennen konnte, drei Frauensleute
nach einander oben aus dem Schlag gehoben wurden: ich leistete ihnen in dieser
ängstlichen Bemühung hülfreiche Hand, und empfieng dafür von ihnen die
höflichste Dancksagungen: die Gutsche wurde darauf wieder in die Höh gebracht,
ich ritte an derselben her: wir kamen in einer kleinen Stunde an den Ort, wo die
Post wechselte: das in der Gutschen befindliche Frauenzimmer stieg aus und
fragte nach einem guten Quartier: ich hatte auch nicht Lust die Nacht weiter zu
reisen; sondern liess mir gleichfalls in demselben Hause ein Zimmer einräumen.
Der Wirt fragte mich, ob ich mit dem Frauenzimmer, mit dem ich angekommen wäre,
speisen würde? ich sagte, dass er sie deswegen um Erlaubnis fragen sollte: ich
erhielte solche; wiewohl sich die beide Damen entschuldigten, dass sie in ihren
Nacht-Kleidern wären: das Frauenzimmer pfleget dergleichen Formalien nie zu
vergessen; sie hatten nebst einem Cammermägdgen und einem Diener, auch einen
Missionarium Apostolicum bei sich. Ich fand an der jüngsten eine
ausserordentliche Schönheit, sie nannte die Alte ihre Mutter: ich vernahm, dass
sie die Frei-Frau von Turris war, welche in der Absicht nach Monaco reisete, um
ihre schöne Tochter allda in ein adeliches Jungfrauen-Closter zu bringen: ich
fragte deswegen die Fräulein, indem ich ihr scharf unter die Augen sah, ob sie
denn so grosse Lust zum Closter-Leben hätte? sie errötete darüber, und konnte
einem Seufzer, den sie mit Gewalt zurück halten wollte, nicht verwehren, mir die
wahre Beschaffenheit ihres Herzens zu entdecken: sie warf dabei ihre Augen auf
ihre Frau Mutter, und liess sie für sich antworten.
    Diese berichtete mir hierauf, dass ihr Sohn die Stamm-Güter von dem
Turrischen Geschlecht besässe. Ihre älteste Tochter wäre bereits mit einem
Cavallier verheiratet, dem sie aus den Parapharnal-Gütern, und was sie etwa
eigenes ihrem seligen Herrn zugebracht hätte, einen kleinen Braut-Schatz
zusammen gemacht und mitgegeben hätte; doch sollte dem ungeacht auch diese ihre
ledige Tochter noch eine feine Mitgift ins Closter bekommen, damit sie darinnen
an nichts Mangel haben möchte.
    Die Damen erkundigten sich darauf auch nach mir, ich hatte meine Ursachen,
mich ihnen nicht völlig zu erkennen zu geben: ich sagte, ich wär ein
Austrasischer Edelmann, hiesse Rossan, und wollte nach Monaco reisen.
    Die Frau von Turris sagte, dass sie sich erfreute, an mir einen
Reis-Gefährden zu haben; weil sie ebenfalls ihren Weg dahin nehmen würde. Ich
weiss nicht, was derselben an mir gefiel: sie hatte eine Geheimnis-volle Bildung:
ihre Stirn war voller Strich und Runzeln; die Augen lagen ihr tief im Kopf: ihr
Gesicht bestund aus Haut und Knochen; man sah an ihr nicht den geringsten
Uberbleibsel, dass sie jemahls wäre schön gewesen. Saturnus herrschte in ihrer
ganzen Bildung, der plauderhafte Mercurius aber auf ihren Lippen: wir hatten in
diesem Stück einerlei Planeten: sie sprach gern, und ich blieb nicht leicht eine
Antwort schuldig: meine Gesellschaft war ihr also angenehm. Sie nötigte mich
den andern Morgen einen Platz in ihrer Gutsche zu nehmen, und das Cammermägdgen
musste sich bequemen, mir ihre Stelle einzuräumen, und sich unten im Schlag zu
meinen Füssen zu setzen.
    Ich hatte hier die schöne Fräulein beständig im Gesicht: man wird nie
hurtiger zusammen vertraulich als auf der Reise: eine jede Meile, die wir
zusammen zurück legten, war für uns so viel als ein Jahr Bekantschaft. Die
Fräulein, welche ich auf alle Weise aufzumuntern suchte, wurde immer trauriger:
ihre Augen, die sie öfters mit einer schamhaftigen, aber durchdringenden Art,
auf mich heftete, suchten bei mir ein Mitleiden zu erwecken, welches ich schon
hatte. Die Mutter, so finster sie auch unter der Stirne aussah, war um desto
aufgeräumter: sie hatte die artigste Einfälle und ihre Lebhaftigkeit forderte
gleichsam die meinige heraus.
    Ach hatte meine Hand in der Gutsch an einem Riemen hangen: ich merkte, dass
die Frau von Turris mit ihren Augen dahin sah: ihre Raschetten, Herr von
Rossan, sprach sie, sind recht gut; sie werden ein alter Mann werden: als sie
dieses sagte, reichte ich ihr meine Hand und bat, sie möchte mir etwas gutes
prophezeien: sie besah darauf meine Lineamenten; allein, nachdem sie meinen
montem Solarem und die Satellites mit fürchterlichen Blicken durchgangen,
schüttelte sie den Kopf, und sagte mir, ich möchte mich vor dem Frauenzimmer in
acht nehmen; dann eine gewisse Conjunction des Martis drohete mir in der Liebe
mit Unglück. Wir scherzten darüber: ich besah darauf auch der Fräulein ihre
Hand: ich muss bekennen, dass ich die Tage meines Lebens keine schönere gesehen:
Alle Haupt-Lineamenten zeigten etwas grosses und glückliches. Ich gab mir das
Ansehen eines Erz-Wahrsagers; alle Worte dieser geheimen Wissenschaft waren mir
bekannt, und was noch mehr, ich verstunde mich ein wenig auf die Augen. Ich
prophezeite also der Fräulein ganz das Gegenteil von dem, was mir ihre Mutter
angedeutet hatte. Ihr Mons Veneris, fieng ich an, schönste Fräulein, ist von
einer unvergleichlichen Erhöhung; und ich sterbe, wenn sie die Planeten zu etwas
anders, als zu der vollkommensten Liebe gezeuget haben. Die gute Fräulein wollte
mir solches nicht glauben, sie sagte mit Seufzen, ihr Beruf ging ins Closter,
und die Planeten könnten in den Wegen der Vorsehung nichts ändern.
    Wir kamen damit an den Ort, wo wir das Mittagmahl hielten: man setzte sich
zu Tische. Die zum Closter gewidmete Schöne hatte wahrgenommen, dass ich mich
nicht, wie sie, nach verrichtetem stillen Gebet, mit dem Creuz segnete. Wie sind
sie so wenig andächtig? sprach sie zu mir, mit einem unschuldigen Wesen, sie
schämen sich vielleicht, sich fromm zu stellen; oder sind sie wohl gar ein
Ketzer? Ich lächelte darüber und sagte nichts: sie erkant daraus, dass ich nicht
von ihrer Kirchen war: dieses verursachte bei ihr ein trauriges Nachdenken,
davon sie die Empfindlichkeit nicht bergen konnte. Mir sassen kaum zusammen
wieder in der Gutsche, als ich wieder mit der schönen Fräulein anband. Ich
fragte sie ganz ernstlich, was sie doch gedächte im Closter zu machen? ich
werde, sprach sie mit einer Errötung, darin tun, was einem geistlichen
Ordens-Frauenzimmer geziemet: ich fragte sie weiter, ob sie denn einen solchen
geistlichen Beruf würklich bei sich empfände, und dessen überzeugt wäre? sie sah
darüber aber mahl ihre Frau Mutter an, und überliess ihr darauf zu antworten:
diese schien über meine Fragen böse zu werden, und sagte mir, ich sollte ihre
Tochter ungequält lassen.
    Gnädige Frau, fuhr ich fort, sie verzeihen mir, sie sind eine so kluge Dame,
ich kann mir nicht einbilden, dass sie bei ihrer Fräulein Tochter einen
Closter-Beruf sollten entdecket haben: sie ist viel zu schön geschaffen, als dass
man mit gutem Gewissen sie in einen Schleier verhüllen, und in die vier Mauren
einsperren sollte. Die Natur hat mit ihr dergleichen Absichten nicht gehabt;
unglückliche, hesliche Missgeburten, die derselben in der Zeugung misslungen, und
andern Menschen nur zum Spott, zum Ärgernis und zur Straffe leben, die sollte
man in die Clöster sperren, und solche nicht zur Schande ihres Geschlechtes auf
den Schau-Platz der Welt ausstellen.
    Die Frau von Turris musste, so sehr sie sich auch zwingen wollte, über meine
Einfälle lachen: ihre Fräulein hingegen war noch immer traurig: ich sagte ihr
deswegen, sie sollte nicht ins Closter gehen: sie würde darinnen nur die
Geistlichen in ihrer Andacht stöhren, und dadurch mehr Sünde tun, als wenn sie
in der Welt bleiben wurde: ja, was noch mehr, sie würde alle erlaubte
Ergötzlichkeiten dieses Lebens im Closter verliehren, und dargegen noch alles
Böse, so die Menschen unglücklich macht, darinnen finden.
    Der Missionarius wusste seinen Eifer über diese meine freie Reden nicht länger
zurück zu halten. So, mein Herr, sprach er, indem er einen erzörnten Blick aus
seinem schwarzgelben Gesicht auf mich schiessen liess. Sie wollen nur GOtt, was
gebrechlich und untauglich ist, zu seinem Dienste wiedmen? Wir leben, war meine
Antwort, nicht mehr unter den schweren Satzungen des alten Bundes, der neue hat
uns davon befreit: wir sollen im Glauben ein ehrbares Christliches Leben
führen: einen andern Dienst verlanget GOtt heutiges Tages nicht von uns: was
könten wir arme Geschöpfe einem so vollkommenen Wesen geben, von dem wir alles
haben und erwarten müssen? Er hat uns geschaffen, um uns glückselig zu machen:
wir werden solches, wenn wir seine Gebotte halten, und in seine Absichten
eingehen: alles bestehet bei ihm in der Ordnung: er hat das Weib geschaffen, dass
sie soll eine Gehülfin des Mannes sein; folglich ist das Eh-lose Closter-Leben
ein ungebührliches Joch, welches man jungen Leuten nur zum Schein der Heiligkeit
pflegt aufzubürden.
    Sie lesen, mein Ehr-würdiger Herr Missionarius, fuhr ich ganz gelassen fort,
sie lesen in den Kirchen-Geschichten, wenn und wie die Clöster und die Gelübde
der Keuschheit sind aufgekommen. Es waren Anfangs einige gutschichtende, aber
schwermütige Leute, welche die Einsamkeit liebten, und den Hass der Welt so weit
ausdehnten, dass sie sich des Umgangs mit allen Menschen zu entschlagen suchten:
sie krochen in die dickste Wälder, baueten sich Hütten an einsamen abgelegenen
Oertern, und wurden deswegen für heilige Leute gehalten: Endlich taten sich
einige solche Einsiedler zusammen, baueten sich kleine Capellen, stifteten
besondere Orden, schrieben sich gewisse strenge Regeln vor; und weil der Umgang
mit dem andern Geschlecht ein so gar gefährlich Ding in der Welt ist, so wurde
solches am ersten von der Heiligkeit dieser Ordens-Brüder abgesondert.
    Die Frauensleute, welche nicht weniger Eifer hatten, den Namen der
Heiligkeit zu verdienen, und die Männer an starker Einbildungs-Kraft noch
übertraffen, zeigten den Feinden ihres Geschlechts nicht minder Verachtung: sie
bauten, ihnen und der Natur zum Trotz, ebenfalls solche Zellen in den Einöden,
und verbotten den Mannsleuten darinnen den Fuss zu setzen. Diese hätten
unterdessen die Rechte des Altars sich vorbehalten; womit sie nachgehends auch
die Ohren-Beicht verknüpften. Die andächtige Schwestern mussten sichs also
gefallen lassen, und sich gewisse Ordens-Geistliche wählen, die ihnen Mess lesen,
Beicht abnehmen, und sie absolviren konten. Auf diese Weise gerieten also die
andächtige Brüder zu den andächtigen Schwestern. Der Satan ist nie geschäftiger,
als wenn die Leute auf eine ausserordentliche Weise wollen heilig werden; und
man sagt für gewiss, dass öfters die Vertraulichkeit hier so weit gegangen sei,
dass man die geistliche Liebe ziemlich stark in die Empfindungen des Fleisches
getrieben hätte.
    Diese letzte Worte waren kaum ausgesprochen, so fieng der unwissende
Missionarius an, vor Eifer zu schnaufen, und mich einen Unglaubigen und Ketzer zu
schelten: in der Tat waren ihm die Länder der Kirchen-Geschichten sehr
unbekant. Ich meinte ihn noch weiter auf der Religions-Carte zurecht zu weisen;
allein, die Frau von Turris ersuchte mich in diesem Streit nicht weiter zu
gehen.
    Meine Reden taten indessen eine Wirkung, deren ich mich nicht versehen
hatte: wir kamen Abends spät nach Monaco. Die Fräulein, als ich sie nach ihrer
Frau Mutter aus der Gutsche hub, druckte mir die Hand, und sagte mir heimlich
ins Ohr, dass ich sie in ihrer Religion ganz irre gemacht hätte: ich sollte mich
aber in Monaco in acht nehmen, und nicht so frei von Kirchen-Sachen reden. Ihre
Frau Mutter bedankte sich darauf für meine Gesellschaft, versicherte mich ihrer
Hochachtung, und bat mich bei ihr einzusprechen. Ich sagte auch unserm
geistlichen Reis-Gefährden einige Höflichkeiten, und entschuldigte bei ihm meine
Freiheit im Reden. Er beantwortete solche mit einer gezwungenen Freundlichkeit;
ich entdeckte aber in seinen schwarz-dunkeln Augen etwas, das mir zu erkennen
gab, dass er nicht gut zu beleidigen war.
    Ich nahm mein Quartier unweit den Jesuiten: und ging den andern Tag ein
wenig in der Stadt herum: es war Abend, als ich in dem Gast-Hause zurück kam:
ich hörte in der nah dabei gelegenen Kirche Music: ich ging dahin: die Kirche
war, wegen eines vorgefallenen Festes, mit kostbaren Tapeten ausgeschmücket und
ganz mit Lichtern erhellet: die anmutigste Stimmen erklungen in den Chören und
hinter den Altären: ich fand bei allen diesen Dingen eine würckliche Andacht:
mein Gemüt war beweget: ich spürte einen heimlichen Zug, GOtt auch in dieser
sinnreichen Pracht der Menschen zu loben: ich ging in einen Stuhl, wo sich vor
den Knien ein Bret fand, auf welchem man solche füglich biegen, und ein anders,
worauf man die Hände stützen konnte: ich setzte meinen Leib in eine solche
andächtige Stellung, und schickte meine Seufzer ohne Heuchelei in diesem mir
fremdem Gottesdienst gen Himmel: niemand kante mich hier, und ich fand, dass ein
zierlicher Tempel- und eine wohlklingende Harmonie sich nicht übel zur Andacht
schicken.
    Ein wohlgekleidetes Frauenzimmer, das vom Altar herkam und zur Türe hinaus
gehen wollte, erblickte mich in dieser Stellung: sie stund ein wenig still, und
ging damit auf mich zu; sie warf sich neben mir auf die Knie, tat ein kurzes
Gebet, wand hernach die Augen auf mich und sagte zu mir: wie, Herr von Rossan,
ist es ihr Geist, oder sind sie es selbst? was machen sie hier in unsrer
Kirchen? ich erkannte sie sogleich für die Fräulein von Turris: ich wollte
aufstehen, und ihr meine Ehrerbietung bezeigen; sie aber bat mich in meiner
Stellung zu bleiben: sie sagte: so gefiel ich ihr wohl, und sie wünschte nichts
mehr, als mich hier in Ernst andächtig zu sehen: ich versicherte sie, dass ich
solches wär, und dass ich mich glücklich schätzte, sie dabei zum Zeugen zu haben.
    Ach mögt ich sie doch bekehren! sagte sie zu mir, aus dem besten Herzen von
der Welt, was wolt ich nicht darum geben? dieses ist sehr grossmütig, gnädige
Fräulein, war meine Antwort; allein, würden sie sich auch meines zeitlichen
Wohlseins gleichfalls annehmen? sie erklärte sich darauf, dass es ihr leid wär,
mir in diesem Fall mit nichts anders, als mit ihrem Gebet dienen zu können. So
wollen sie denn doch eine Nonne werden? fragte ich sie weiter. Sie kehrte
hierauf ihre Augen nach mir und seufzete: ich verwies ihr dieses Stillschweigen;
sie fragte, was ich ihr denn riete zu tun? sie hätte ausser mir in der Welt
noch niemand gefunden, der ihr diesen Beruf schwer gemacht hätte.
    Diese Worte rührten mich: ich konnte mich länger nicht zurückhalten, ihr
meine Liebe zu erkennen zu geben. Wohlan, schönste Fräulein, sagt ich ihr, so
bleiben sie denn für mich in der Welt und lieben mich. Diese Erklärung setzte
das gute Kind in eine ungemeine Bewegung: sie reichte mir mit Zittern ihre
rechte Hand, und sagte mir mit dem allerernstlichsten Blick: ich beschwöre sie
bei dem GOtt, den wir beide hier verehren, dass sie meiner Neigung, die ich ihnen
auch wider meinen Willen zeige, nicht missbrauchen. An statt ihr darauf zu
antworten, neigte ich meinen Mund, und küste ihre Hand: sie zog solche mit ihrem
Schnuptuch in die Höh, wischte damit die Tränen ab, welche ihr in die Augen
drangen, und bat, ich sollte mich in acht nehmen, weil man uns beobachten könnte.
    Wir stunden auf: ich hatte mit der Fräulein abgeredt, uns einander hinführo
mehr an diesem Ort anzutreffen. Ich führte sie damit auf ihre Gutsche; ich
besuchte darauf auch ihre Frau Mutter. Mein Cammerdiener war unterdessen mit
meinen Sachen angekommen; ich ging also zu einigen Hofräten, bei welchen ich
das Geschäfte meines Vaters zu treiben hatte: ich versprach ihnen in seinem
Namen eine nachdrückliche Erkenntlichkeit, wenn sie ihm bald würden Recht
wiederfahren lassen: diese Herren lobten meine Höflichkeit, und binnen 14. Tagen
hatte ich meine Ausfertigung.
    So lang ich konnte, hielt ich meinen wahrhaften Namen bei der Frau von
Turris und ihrer Fräulein Tochter verborgen: ich bediente mich keiner Gutsche
und keiner prächtigen Kleidung, ob ich gleich deren welche mit mir genommen
hatte, um bei Hofe zu erscheinen: ich machte mich bei ihnen so klein und so
unvermögend, als es immer der Wohlstand leiden mochte: ich wollte dadurch die
Fräulein und ihre Frau Mutter auf die Probe stellen, ob sie mir auch aufrichtig
wohl wollten.
    Ich hatte das Vergnügen, dass mir die Mutter antrug, mich, wenn ich Lust
hätte, an dem Monackischen, oder auch an dem Licatischen Hofe in Diensten zu
bringen; weil sie, wie sie sagte, wichtige Freunde an diesen beiden Höfen hätte.
Ich küste ihr für diese grossmütige Sorgfalt die Hand: ich sagte ihr aber
zugleich, dass ich wohl wüste, dass man an diesen Höfen keine Kertzer in Diensten
nehme. Ja, antwortete sie halb im Scherz, Monsier Rossan müste sich bekehren.
Bekehren! wiederholte ich, gnädige Frau, mich bekehren von einer Secte zur
andern, was würde dadurch mein Herz gebessert werden? dem ungeacht setzte ich
darzu, wollte ich mich allenfalls so betragen, dass ich niemand keinen Anstoss
geben würde.
    Sie liess mich darauf mit ihrer Tochter allein: ich fragte sie, ob sie den
Rossan noch ein wenig liebte? nur allzuviel für meine Ruh, gab sie mir zur
Antwort: wenn ich denselben aber könnte glücklich machen, so würde ich so
vergnügt sein, als viel ich jetzo leide: wie so, werteste Fräulein, erwiederte
ich, wenn sie mich lieben, so ist mein Glück schon gemacht, denn ich suche bei
ihnen nichts anders. Was wollen wir aber anfangen, fuhr sie seufzend fort? wie
sie sagen, so haben sie kein Vermögen; und obgleich meine Frau Mutter ihnen
bereits gesagt hat, dass ich von ihr, besonders aber von ihrer Schwester, der
Gräfin von Iserlo, noch etwas zu hoffen hätte, so ist doch die Unbarmhertzigkeit
und der Eigennutz meiner beiden Geschwister dermassen gross, dass sie mich
deswegen ins Closter tun wollen, um dermahleinst die Erbschaft unter sich
allein zu teilen. Meine Frau Mutter, fügte sie hinzu, könnte ihnen allenfalls
wohl zu einem Dienst bei Hofe verhelfen; allein, sie sind nicht von unsrer
Religion, und also wird es damit schwer hergehen: wollten sie mir zu Liebe ihren
Glauben ändern, so weiss ich nicht, was mich zurück hält, ihnen solches zu
raten: es scheinet mir dieses für einen verständigen Edelmann, wie sie sind, zu
niederträchtig; zumahl, da sie die Irrtümer von unsrer Kirchen wissen, und mir
zu aufrichtig scheinen sich zu verstellen.
    Das erhabene Gemüt und die reine Vernunft, welche mir meine geliebte
Mariane, so nannte sich die Fräulein, bei dieser Gelegenheit blicken liess,
machten mich zum zärtlichsten Liebhaber von der Welt. Wir waren beiderseits von
der Heftigkeit unserer Leidenschaft dermassen eingenommen, dass wir uns einander
eine immerwährende Treue schwuren, es möchte auch kommen, wie es wollte. Ich konnte
mich nicht entalten, diese Versicherungen mit einigen Liebkosungen zu
begleiten.
    Die Frau von Turris trat eben ins Zimmer, da ich ihre Tochter umarmte. Wie!
sprach sie, meine Tochter, wie! seid ihr mit dem Herrn von Rossan so
vertraulich? sie wollte uns darüber ihre Verachtung zu erkennen geben, als wir
beide uns zu ihren Knien warfen, und sie mit den beweglichsten Gebehrden
ersuchten, unserer unschuldigen Liebe nicht zuwider zu sein.
    Ihr Kinder! fieng sie darauf mit einem besänftigten Wesen an: eure Liebe
verblendet euch: dergleichen Sachen lassen sich so geschwinde nicht tun. Es ist
nicht genug, mein lieber Herr von Rossan, dass sie meine Tochter als ein
tugendhafter Edelmann lieben: wovon wollen sie leben? sie werden schwerlich ihre
Religion verändern wollen, und ohne dieses Mittel sehe ich keine Hoffnung, sie
hier am Hofe unterzubringen.
    
    Die gröste Schwierigkeit ist, fuhr sie fort, dass ich meinem Sohn und meiner
ältesten Tochter das Wort gegeben habe, Marianen allhier ins Closter zu bringen.
Mein Sohn ist insonderheit ein gar wilder und ungestümmer Mensch, der keine
Vernunft und keine Billigkeit verstehet. Mariane im Gegenteil ist das beste
Gemüt von der Welt: man hat von Jugend auf bei ihr eine gewisse Gottesfurcht
und Sittsamkeit gespüret, woraus man geschlossen, dass sie sich für nichts anders
als für das Closter schicke; sie war bei meiner Schwester in der Einsamkeit und
in lauter Andachts-Ubungen erzogen worden: sie kante also die Welt nicht, und
meinte deswegen auch darin nicht viel zu verliehren: ich merkte aber bald, dass
sie ein heimlicher Kummer nagte; und als die Zeit herbei kam, dass ich sie hieher
bringen wollte, um ihr Prob-Jahr anzufangen; so bekannte sie mir, mit Ausstürzung
vieler Tränen, dass sie einen Abscheu vor dem Closter hätte. Meine Mariane
dauerte mich von Herzen: ich konnte mich nicht entschliessen, ihr die geringste
Gewalt anzutun: ich furchte mich nur vor meinem unartigen Sohn.
    Ich brachte sie also hieher, in der Absicht, sie zwar in das Closter zu
führen; unterdessen aber mit meiner Schwester auf Mittel zu sinnen, wie wir sie,
vor ihrer Einkleidung, von einem ihr so verhasten Gelübde noch befreien mögten.
Ich glaubte, der Himmel habe mir solche durch sie, mein lieber Herr von Rossan,
entdecken wollen: sie haben Verstand und Wissenschaften: ich hätte ihnen hier
bei Hofe Freunde und Schutz erwerben wollen; allein, so sind sie nicht von
unserer Religion, dieses verwirret mir alle meine gemachte Anschläge.
    Ich dankte der Frau von Turris auf das verbindlichste für diese so gütige
Erklärung: ich sagte, ihr Herr Sohn würde sich gleichwohl müssen weisen lassen,
wenn man seine Gerechtsame nicht antasten würde. Ach! liebster Herr von Rossan,
sagte Mariane: sie kennen meinen Bruder nicht, er ist ein ganz abscheulicher
Mensch; und sie werden hier kaum sicher sein, wann er erfahren sollte, dass sie
bei uns einen so freien Zutritt hätten.
    Wir nahmen darauf unsere Abrede, dass ich, so bald mein Geschäft bei Hofe zu
Ende sein würde, mich wieder nach Haus begeben, die Fräulein aber zum Schein
einige Wochen ins Closter gehen sollte. Nach Verfliessung einiger Wochen sollte
sich die Fräulein beklagen, dass sie sich nicht wohl befände, und dadurch ihre
Frau Mutter nötigen, sie wieder nach ihrer Schwester, der Gräfin von Iserlo, zu
bringen. Biss dahin sollte ich mich bei meinem Hof um einen guten Dienst bewerben,
und alsdan ihre Tochter bei obgemeldeter Gräfin abholen.
    Also war mein Handel mit dieser Fräulein geschlossen, da ich kaum noch drei
Wochen in Monaco mich aufgehalten hatte. Ich glaubte, dass es nun Zeit sein
würde, mich derselben näher zu entdecken.
    Ich liess zu dem Ende für mich eine prächtige Gutsche mieten, nahm zu meinem
Leibdiener noch einen Lehn-Laquayen, und gab ihm gleiche Liberei mit dem
meinigen, sie war rot mit buntfärbigen und silbernen Schnüren reich besetzt;
ich hatte ein Kleid, welches für eines der schönsten und kostbarsten auch selbst
zu Panopolis gehalten wurde. Eh ich also nach Hof fuhr, liess ich mich des
Morgens bei der Frau von Turris unter meinem rechten Namen melden. Weil mein
Vater Ober-Befehlshaber in Australien ist, so waren wenig Leute vom Stande in
Monaco, die meinen Namen nicht kanten. Die Frau von Turris erschrack demnach,
wie man ihr sagte, der Freiherr von Riesenburg hielte vor ihrer Tür, und wollte
bei ihr seine Aufwartung machen.
    Weder sie, noch ihre Tochter, waren also angekleidet, dass sie sich vor einem
fremden Cavalier wollten sehen lassen; sie schlugen deswegen meinen Besuch ab,
und baten sich die Ehr auf ein ander mahl aus. Ich war aber schon ausgestiegen
und ging der Treppen hinauf: die Bedienten erkannten mich; ich winkte ihnen, sie
sollen nichts sagen: ich trat also in der Frau von Turris ihr Zimmer; sie aber
floh zu der einen und ihre Tochter zu der andern Tür hinaus: beide setzten sich
an ihren Nacht-Tisch, und suchten erstlich vor ihrem Spiegel sich zu beraten,
ob sie vor einem so kühnen Fremdling sich wollten sehen lassen.
    Mariane war noch in dieser Bestürzung, als das Cammermägdgen bei ihr
anklopfte, und sie bat aufzumachen; sie rief mit leiser Stimme: es wär gar ein
schöner Herr da; sie wollte sie hurtig aufsetzen, damit sie sich könnte sehen
lassen: die Fräulein machte ihr in der Ungedult auf, und wollte sie eben darüber
ausschelten, dass sie einen fremden Herrn wider ihren Befehl herauf gelassen
hätte; als ich ihr um den Hals fiel. Erkennet mich, liebste Mariane, redete ich
sie an, ich werde euch ja unter dem Namen von Riesenburg nicht abscheulicher
vorkommen, als unter dem von Rossan. Wie! fragte sie ganz bestürzt, Rosson ist
nicht Rossan mehr? er kann mich betrügen? o unglückselige Mariane.
    Sie setzte sich darauf auf einen Stuhl, legte ihr Haupt in ihre Hand auf den
Tisch und wollte mich nicht ansehen: ich setzte mich neben sie: was wollen sie
sagen? meine werteste Fräulein, sprach ich zu ihr. Ich habe mir eingebildet,
sie liebten mich, und nicht meinen Namen. Ich erzehlte ihr darauf alles, was
meinen Zustand betraff: ich vermeinte sie dadurch in eine angenehme Verwunderung
zu setzen: allein die Tränen kamen ihr in die Augen, sie weinte: ich wusste
nicht, was ich ihr sagen sollte. Ich habe gehofft, mein Herr, fieng sie an, ich
würde ihr Glück machen, und sie dadurch so fest an mich verbinden: dass sie
notwendig dafür mich lieben müsten: Mit dieser süssen Hoffnung hab ich mir nun
vergeblich geschmeichelt: Rossan ist nicht Rossan mehr, er kann sich verstellen:
er kann eine andere Person annehmen: der Freiherr von Riesenburg wird sich nun so
viel Mühe nicht mehr um mich machen.
    Die Tränen rollten ihr noch von ihren schönen Wangen, als ihre Mutter zu
uns kam. Wie, Monsieur Rossan! redete sie mich verwundernd an, was soll dieses
bedeuten? wie so prächtig, und unter welchem Namen erscheinen sie hier? Gnädige
Frau, war meine Antwort, nachdem sie mir die Gnad erwiesen, und mir die
unvergleichliche Mariane versprochen haben; so kann ich nicht wohl geringer
aufziehen: eine kleine Herrschaft Rossan, davon ich mich bisher genennet, wird
ihnen verhoffentlich den einzigen Sohn das Freiherrn von Riesenburg,
Ober-Befehlshaber in Australien, nicht zuwider machen. Ich erklärte ihr darauf
dieses Geheimnis deutlicher, und sie schien mit dieser kleinen Erhöhung ihres
zukünftigen Tochtermanns nicht übel zufrieden zu sein; zumahl, da sie dadurch
der Sorgen entsetzet wurde, mich an einem Hof unterzubringen, und um meine und
ihrer Tochter Lebsucht sich zu bekümmern.
    Ich fuhr darauf nach Hof: man erwies mir daselbst viel Ehre. Die übrige Zeit
verbracht ich meistens bei meiner liebsten Marianen: ich fuhr etlichemahl des
Abends mit ihr spazieren; sonst aber hielten wir unsern Umgang so geheim, als
es möglich war. Nachdem ich also 6. Wochen in Monaco mit gröstem Vergnügen
zugebracht hatte, machte ich Anstalten zu verreisen.
    Ich nahm von Marianen Abschied. Ich erinnere mich dessen nie ohne äusserster
Bewegung: sie blieb ganz erstarret vor mir stehen, sie sprach kein Wort, sie
vergoss keine Tränen: die Säfte waren in ihren Augen wie vertrocknet: ich hätte
sie lieber weinen sehen: ich küste sie, und sie druckte mir die Hand: darin
bestunde ihre ganze Bewegung. Ich schlich mich unvermerkt von ihr weg: die Frau
von Turris war so erweicht, dass sie weinen musste: sie begleitete mich bis an
die Treppe: ich empfahl ihr Marianen und verreiste.
    Das Herz war mir so dick, und ich fühlte in der beklemten Brust eine solche
ungewöhnliche Unruh, dass ich nicht sah, wo ich hinfuhr. Ich kam den andern Tag
glücklich zu meinem Vater, der sich damahls auf seiner Herrschaft, unweit
Auracum, befand. Dieser wollte Anfangs meine Liebe zu der Fräulein von Turris
durchaus nicht guteissen; er hatte mit mir andere Absichten: die beste Gründe
gelten nicht, wo einmal der Verstand mit Vorurteilen eingenommen ist: dem
ungeacht, so bracht ich es endlich durch meine Vorstellungen so weit, dass er auf
gewisse Bedingungen darein willigte.
    Mein darüber empfundenes Vergnügen dauerte nicht lang: ich hatte an die
Fräulein von Turris gleich nach meiner Ankunft geschrieben, und von ihr noch
keine Antwort bekommen. Dieses war unserer gepflogenen Abrede ganz zuwider: ich
sandt deswegen meinen Cammerdiener nach Monaco: dieser kam nach einigen Tagen,
weil er die Post geritten war, wieder zurück, und brachte mir die grausamste
Zeitung von der Welt, dass die Fräulein von Turris von ihrem Bruder wär
entführet worden, und dass niemand, auch sogar ihre Frau Mutter nicht wüste, wo
er sie hingebracht hätte. Diese Dame war darüber in Verzweiffelung, und liess
mich bitten, so bald es mir möglich sein könnte, nach Monaco zurück zu kommen.
    Ich war über diese Nachricht dermassen bestürzt, dass ich alle Müh von der
Welt hatte, einen Entschluss zu fassen, der meinem Mut und meiner Pflicht gemäss
war. Ich befahl meinem Cammerdiener, nichts von allem dem, was er wüste, meinem
Vater zu entdecken: einige Stunden hernach liess ich mir meine beste Pferde
satlen; ich sagte, ich wollte auf die Jagd reiten: mein Cammerdiener, ein Jäger
und ein Reitknecht mit einem Hand-Pferd begleiteten mich, ich nahm meinen Weeg
gerade nach Monaco: ich kam spät in ein Nachtlager: ich fand unten in der
Gast-Stuben einen Bedienten, welcher die Turrische Liberei hatte: ich fragte
ihn, wem er zugehörte? er sagte, dem Freiherrn von Turris: auf mein ferneres
Fragen: wo er hin wollte, gab er mir die Nachricht, dass sein Herr morgen früh da
eintreffen, und seine Reise weiter bis nach Auracum fortsetzen würde. Ich
zweiffelte hierauf nicht, dass mich der Herr von Turris aufsuchen wollte.
    Ich hatte diese Nacht wenig geschlaffen: hundert verwirrte Vorstellungen
beunruhigten meine ganz auseinander gebrachte Fantasie: ich schwur dem Räuber
meiner Schönen bald den Tod, bald dachte ich auf Mittel ihn zu gewinnen. Ich
stund mit anbrechendem Tag von meinem Lager auf, und war von den vielen Träumen
ganz entkräftet.
    Ich machte mich damit auf den Weg: ich war kaum etliche Stunden
fortgeritten, so begegnete mir ein junger Mensch zu Pferd mit einem Jäger: er
hatte ein unglückliches und wildes Ansehen: als ich ihn begrüste, sagte er mir
ganz trotzig: grossen Dank; und rührte dabei kaum den Hut. Ich hatte keiner
weitern Nachricht nötig, dass er der Herr von Turris sei: wie! dacht ich bei
mir selbst, wer sollte diesen Menschen für einen Bruder der allerhuldreichsten
und anmutigsten Schönheit ansehen? seine seltsame Gebährdung, sein
aufgeworfenes Maul, seine grosse Augen, womit er mich anblickte, hatten in der
Tat etwas barbarisches: ich wagte es unterdessen, ihm meinen Diener
nachzuschicken, um ihn zu befragen, ob er der Baron von Turris wär; in welchem
Fall ich mir die Ehre ausbitten wollte, ihn zu sprechen.
    Mein Cammerdiener näherte sich demselben mit der grösten Bescheidenheit: er
hatte ihm aber auf sein Befragen nicht so bald entdecket, wer ich wär; so kam
er, als ein Rasender, mit aufgespanneter Pistole, auf mich zugerant. Da er mich
erreichet, druckte er den Hut tief in den Kopf: Ha! Verräter! war seine Anrede,
find ich dich allhier? hast du meine Schwester können verführen, so zeige nun
auch, ob du eben so leicht dein Leben verteidigen kanst.
    Ich wollte ihm auf diese tolle Anrede mit Vernunft antworten: ich betrachtete
ihn als den Bruder meiner geliebten Marianen: Mein Herr, sagt ich zu ihm, ganz
gelassen, last uns einander nicht schimpfen: ich liebe ihre tugendhafte Fräulein
Schwester, als ein ehrliebender und redlicher Cavalier. Was Ketzer! schrie
dieser voller Wut, sprich mit deiner Pistole, wenn du Herz im Leibe hast;
anders begehr ich nicht mit dir zu reden: indem er dieses sagte, schoss er auf
mich, dass mir die Kugel am Kopf hinsauste: ich machte mich darauf so hurtig
wehrhaft, als ich konnte. Gilt dieses, Bösewicht, fuhr ich im Zorn heraus, und
schenkte ihm eine Kugel, die ihn vom Pferd herunter stürzte.
    Ich rief alsobald meine Leute und seinen eigenen Kerl, bei dieser Handlung
zu zeugen, dass ich zu diesem Zweikampf wäre gezwungen worden. Wir suchten darauf
dem verwundeten Leichnam dieses unglückseligen jungen Edelmanns noch zu Hülfe zu
eilen; allein ich hatte ihn mitten durch die Brust geschossen: er war Knall und
Fall todt.
    Sein Knecht hielte ihm allhier eine kurze Leichen-Rede. Der Inhalt davon war
dieser: Ihr Caplan, sprach er, hätte immer gesagt: GOtt war ein gerechter GOtt,
der das Böse nicht ungestraft liess: sein Herr hätte ein so gar ruchloses böses
Leben geführet, dass schier kein ehrlicher Mensch mehr bei ihm hätte dienen
wollen; er wär selbst noch denselben Tag Willens gewesen, von seinem Herrn
wegzulauffen, nun hätte derselbe seinen verdienten Lohn von meiner Hand
bekommen. GOtt möchte seiner armen Seel genädig sein.
    Ich liess darauf den ertödteten Leichnam nach dem nächsten Dorf bringen, und
reiste wieder zurück nach Haus. Ich empfand über diese traurige Begebenheit in
meinem Gemüte einen so beisenden Schmerzen, dass ich mich nicht zu trösten
wusste. Was wird, sprach ich bei mir selbst, die Frau von Turris sagen, dass ich
ihren Sohn entleibet habe? wie wird meiner armen Marianen darüber zu Mute sein?
wird sie ohne Grausen und Entsetzen an ihren Bruder-Mörder gedenken? wird sie
denselben auch noch lieben können? Und wenn gleich in diesem Fall, wie ich
glaube, auch ihre Regungen für mich die Oberhand behalten sollten, würden ihr
jemahls der Wohlstand und die Gesetzen erlauben, demjenigen die ehliche Hand zu
geben, der die seinige mit dem Blute ihres einzigen Bruders bespritzet hat?
    Mit diesen Kummer-vollen Gedanken kam ich wieder auf meines Vaters Schloss.
Die Sache mit dem Baron von Turris wurde allentalben ruchtbar: der Zweikampf
war noch binnen den Gräntzen dieses Königreichs geschehen. Ich wollte darüber
mich den Wirkungen des väterlichen Zorns nicht aussetzen; mein Vater ist, wie
bekant, ein rauher heftiger Mann. Ich hatte Ursach mich vor ihm zu fürchten. In
meinem Gewissen fund ich mich unschuldig; ich wollte deswegen nicht das
Königreich räumen: ich verliess mich auf GOtt und meine gerechte Sache: ich begab
mich deswegen, als ein freiwilliger Gefangener auf diese Vestung, und verhoffe,
nachdem die Sache nunmehro mit allen gerichtlichen Untersuchungen und Abhörungen
der Zeugen, nach Hofe ist versandt worden, bald wieder zu meiner vorigen
Freiheit zu gelangen; weil es hie ganz offenbar ist, dass ich in den Umständen
einer unumgänglichen Notwehr mich befunden hatte.
    Mein Vater vernahm, so bald ich ohne Abschied von ihm gereiset war, den
ganzen Handel: ich bat ihn deswegen in Briefen mit den demütigsten und
zärtlichsten Ausdrückungen um Verzeihung, und hofte, er würde sich meiner
annehmen; er verwies mir aber nicht allein, die ohne seinen Willen und Rat
unternommene Reise nach Monaco; sondern versagte mir auch sogar allen Schutz und
Beistand. Doch, wie ein Vater allzeit Vater ist, so vernehm ich jetzo, dass er
sich ins Mittel geschlagen hat; und dass also mein Prozess ehestens zu Ende gehen
werde.
 
                               Das siebende Buch.
Nachdem der Herr von Riesenburg hiemit seine Erzehlung zu Ende gebracht hatte,
verfügte sich der Herr von Ridelo mit dem Grafen auf sein Zimmer, und
wiederhohlte demselben alles, was er ihm bereits bei seiner Ankunft eröffnet
hatte, mit beigefügter Bitte, er möchte sich die Nacht wohl darüber beschlafen,
und ihn morgen mit einer guten Antwort abfertigen.
    Der andere Tag erschien, aber nicht zu des Herrn von Ridelo vermeinter
Abreise. Der General hatte sich denselben noch ausgebeten, und diesem Herrn zu
Ehren eine grosse Gesellschaft des benachbarten Adels auf das Schloss bitten
lassen. Man speisete Mittags in einem grossen Saal, dessen Wände mit feinem
Wachstuch bekleidet waren, worauf man die vornehmste Schlachten und
Kriegs-Taten der vorigen Königen, sehr kunstreich abgemahlet sah. Unter
währender Tafel liess sich eine vortrefliche Music hören: die Gesellschaft war
sehr zahlreich: es befanden sich darunter allerhand Menschen, von beiderlei
Geschlecht: man blieb bis in die Nacht beisammen: man belustigte sich, teils
mit Spielen, teils mit Tanzen, teils aber mit allerhand Gesprächen.
    Der Graf von Rivera ging von einem Hauffen zum andern; er vernahm allerhand
Urteile und Meinungen; er sah, dass unter so viel Personen sich wenige fanden,
die von einer Sache sich richtige Begriffe machen konten, und die folglich
vermögend waren, eine Wahrheit gründlich einzusehen. Die Einbildung, die ein
jeglicher von sich selbst und seiner eigenen Vortreflichkeit hatte, war die
Quelle, woraus auch bei dieser Zusammenkunft die meiste Reden flossen: es suchte
immer einer den andern in die Schule zu führen, oder gar lächerrlich zu machen;
und wer am meisten sprach, und durch seine Torheiten andere lachen machte, der
gab sich selbst die Stimme, dass er unstreitig der Klügste von allen sei. O
unglückseliger Verstand! seufzete hier der Graf bei sich selbst, ist dieses der
würdige Gebrauch einer so edlen Gabe, damit uns GOtt von den unvernünftigen
Tieren unterschieden hat?
    Der Herr von Ridelo machte sich, ehe er den Grafen verliess, noch einmal an
denselben: er setzte seinen vorigen Beweg-Gründen, damit er ihn zur Unterwerfung
in des Königs Willen zu bereden suchte, noch andere hinzu; allein, es war
umsonst: der Graf sagte ihm; er wollte sich gern in allen Stücken weisen lassen,
und dem König seinen Gehorsam erzeigen, sein Herz aber litt durchaus keinen
Zwang: er hielt dafür: ein redlicher Mann müste sich nicht anders, als aus
Neigung heiraten: der König hätte über alle seine Handlungen zu befehlen, die
nicht wider die Aufrichtigkeit des Herzens stritten; er hielt die Eh für einen
Stand, worinn nicht nur die genaueste Liebe und Vertraulichkeit herrschen
sollten; sondern wo zugleich auch die notwendigste Pflichten der menschlichen
Gesellschaft zu beobachten vorkämen. Es könnte sein, setzte er hinzu, dass diese
Art zu denken, nach der heutigen Welt, etwas gemeines und niederträchtiges
hätte. Unterdessen aber könnte er um so viel weniger andern Lebens-Regeln folgen,
weil sie ihm noch weit gefährlicher als diese schienen.
    Der Herr von Ridelo beklagte die Unschuld des Grafens so sehr, als er dessen
Tugend bewunderte. Er nahm von ihm Abschied, und als er sich seine beständige
Freundschaft ausgebeten, und ihn auf das zärtlichste umarmet hatte, reiste er
ziemlich missvergnügt, wegen seiner schlechten Verrichtung, wieder nach
Panopolis.
    Gleich nach seiner Ankunft fuhr er zu dem Herzog von Sandilien. Dieser war
übel zu frieden, da er hörte, dass sein Anschlag nicht glücklicher von statten
gehen wollte. Der eigensinnige Graf, stiess er aus Unmut heraus, ist selber
Schuld an seinem Unglück. Ich habe es recht gut mit ihm gemeint: ich weiss nicht,
wie ich die Sache dem König soll vorbringen, dass er darüber nicht von neuem
wider ihn aufgebracht werde; ja ich besorge anjetzo die Ausbrüche seines Zorns
noch mehr als zuvor; weil der Graf dessen gröste Gnaden-Bezeugungen so trotzig
ausschlägt, und dadurch den König destomehr in seinem gegen ihn gefasten Argwohn
stärket. Der Herr von Ridelo suchte alles in der Welt zu des Grafens
Entschuldigung anzuführen: er bat, und beschwur den Herzog, diesen tugendhaften
Cavalier in seinen Schutz zu nehmen, und verliess ihn nicht eher, als bis ihm der
Herzog solches versprach.
    Der König verlangte sehr zu vernehmen, was der Herr von Ridelo bei dem
Grafen von Rivera würde ausgerichtet haben. Der Herzog von Sandilien suchte
demselben die Sache so glimpflich, als es ihm nur möglich war, vorzutragen;
allein der König liebte, er war eifersüchtig, und hatte es Ursach zu sein.
Dieses bedrohete den Grafen mit der äussersten Gefahr.
    Der Herzog wusste nicht, wie er sich diese Begebenheit bei seiner Base zu
Nutz machen sollte: er hatte den Herrn von Ridelo gebeten, die Sache verborgen zu
halten; und weil der sonst plauderhaften Corinna selbst daran gelegen war, dass
davon nichts bekant würde; so suchte er seine Base glauben zu machen, der Graf
würde sich mit der Herzogin von Salona vermählen. Er hofte sie dadurch zu
bewegen, dass sie sich desto leichter für den König erklären sollte. Die Gräfin
von Monteras aber schützte ihre fortdauernde Unpäslichkeit vor, und begab sich
wieder nach Prato zu ihrer Frau Mutter.
    Des Königs Zorn wuchs durch die Kaltsinnigkeit der Gräfin und durch ihre
Abreise. Dessen Eifersucht gegen den Grafen von Rivera ging so weit, dass er auf
Mittel sann, ihn heimlich aus dem Weg zu räumen: das Blut eines Untertanen ist
in den Augen eines Königs etwas geringes, wenn er sich von ihm beleidiget zu
sein glaubt. Nur wusste der König nicht, wem er sich in dieser Sache vertrauen
sollte; zu dessen Ausführung er sich keines andern Menschens, als eines
Verräters bedienen konnte. Silon kam ihm darüber in die Gedanken: er fand ihn zu
solchen Verrichtungen, die durch List und Betrug mussten getrieben werden,
überaus geschickt: er entdeckte ihm sein Anliegen, und fragte ihn, wie er dieses
ihm so verhasten Mitbuhlers am besten los werden könnte. Dieser hatte darzu
sogleich hundert verwegene Anschläge; der König aber, der heimlich noch etwas
von einem guten Grund in sich hatte, konnte sich zu keinem derselben
entschliessen.
    Endlich ereignete sich eine Gelegenheit, wobei der König glaubte, seine
Absichten, in Ansehung des Grafens, am ersten zu erreichen. Es hatte sich
zwischen ihm und dem König von Licatien ein Krieg entsponnen. Dieser war ihm
wegen einer gewissen Grafschaft, darauf er Anspruch machte, mit einem Heer von
25000. Mann ins Land gefallen.
    Man hatte sich dieses feindlichen Einbruchs so bald in Aquitanien nicht
versehen: alles, was man dabei tun konnte, war, dass man die Vestungen mit Volk
besetzte, und ein tüchtiges Kriegs-Heer zusammen zu bringen suchte, solches dem
Feind entgegen zu stellen. Der Schrecken und die Verwirrung war ungemein, es
fehlte an allem; keine Mannschaft war auf den Beinen, kein Geld in der
Schatz-Cammer; die meisten Untertanen waren arm, und die Reichen schützten
meistenteils ihre Freiheiten vor, wenn sie zur gemeinen Sache etwas mit
beitragen sollten.
    Der König erinnerte sich bei diesen Umständen des Grafens von Rivera,
welcher ihm öfters vom Krieg und der Notwendigkeit eine ordentliche und
wohl-geübte Mannschaft beständig auf den Beinen zu halten gesprochen, und dass
ihm darin der General Lesbo stark wiedersprochen hatte. Der König vermeinte
also dem Grafen ein Netz zu stellen, wenn er ihn zu einem Befehlshaber bei
seinem Kriegs-Heer bestellen, und ihm die gefährlichste Posten würde anvertrauen
lassen.
    Als der König dieses Vorhaben dem Herzogen von Sandilien entdeckte, merkte
dieser bald, wohin der König zielte: so ehrsüchtig er auch war, so konnte er doch
nicht grausam sein: er machte dem König deswegen allerhand Einwürfe: er sagte
ihm unter andern: dass der Graf bei dem Krieg nicht wäre hergekommen, dass er in
solchen Sachen keine zulängliche Erfahrung hätte: und dass die alte Officiers
nicht gern unter ihme dienen würden.
    Der König antwortete hierauf dem Herzogen, dass des Grafens Geburt ihn zu den
obersten Kriegs-Aemtern fähig machte: dass er in dem Hesperischen Krieg, als ein
Freiwilliger, einige Feld-Züge mitgetan hätte; dass er die Kriegs-Bau-Kunst aus
dem Grund verstünde; dass also kein Officier sich es dürfte missfallen lassen,
unter ihm zu dienen.
    Der Herzog von Sandilien konnte hierwider nichts einwenden; er sandt demnach
auf des Königs Befehl einen Königlichen Geheim-Schreiber an den Grafen, und liess
demselben nicht nur des Königs Gnade durch ihn ankündigen; sondern auch das
Patent eines General-Wachtmeisters überbringen. Weil es in Aquitanien etwas
gewöhnliches ist, dass der hohe Adel in Kriegs-Läuften mit zu Felde ziehet, und
eigne Regimenter anwirbet; so kam dieser kriegerische Beruf dem Grafen nicht so
gar fremde vor: er bedankte sich für die besondere Gnade, und das darunter ihm
bezeigende Vertrauen des Königs. Er hofte demselben in diesem Krieg gute Dienste
zu tun. Die Natur hatte ihm einen gesunden Leib, ein männliches Ansehen und ein
tapferes Herz gegeben. Er hatte die Wissenschaften, die zum Krieg gehören, von
Jugend auf gelernet, und war stets mit erfahrnen Kriegs-Leuten umgegangen. Der
König hatte ihm, auf Anhalten des Herzogs von Sandilien, zugleich auch die
Erlaubnis gegeben, sich ein eigenes Regiment anzuwerben; welches den Grafen von
den guten Meinungen des Königs völlig zu überzeugen schien.
    Der Graf nahm also von seiner bisherigen Gefängnis-Gesellschaft Abschied.
Der alte Commendant wünschte ihm zu dem bevorstehenden Feldzug tausendfaches
Glück, und beklagte nur, dass ihm seine alte gebrechliche Hütte nicht mehr
gestatten wollte, an seiner Seiten zu fechten: er schloss ihn darauf mit
herzlicher Liebe in seine Arme: der Freiherr von Riesenburg war noch mehr über
den Abschied des Grafens bewegt; er hatte mit ihm die genaueste Freundschaft
aufgerichtet; er versprach ihm, weil er erster Tagen wieder auf freien Fuss
kommen sollte, unfehlbar nach der Armee zu folgen.
    Der Graf ging nicht nach Hof; man hatte ihm solches widerraten: er
verfügte sich geraden Wegs auf seine Herrschaft. Dessen unvermutete Ankunft
verursachte daselbst bei seiner Frau Mutter und beiden Gräfinnen Schwestern, wie
auch bei dem Herrn von Bellamont ein überaus grosses Vergnügen: er hatte ihnen
aber nicht so bald die Ursach davon entdecket, so verschwand solches auf
einmal. Die alte Gräfin hielt ihren einzigen Sohn für verloren; und ihre beide
Töchter warfen mit einer betrübten Empfindung die Schuld alles Ungemachs,
welches ihren Bruder bedrohete, auf den Herrn von Bellamont, weil er allein ihm
geraten hatte nach Hofe zu gehen. Ihm war selbst nicht wohl zu Mut bei der
Sache: er kante die Welt, und konnte leicht mutmassen, dass man bei solchen
Umständen dem Grafen mehr ein Netz zu stellen, als ihn zu erheben suchte. Er gab
diesen Argwohn seinem liebsten Grafen zu erkennen: er bat ihn deswegen sehr, bei
dieser ihm bevorstehenden Gefahr auf seiner Hut zu sein, und ein wenig
mistrauischer zu werden.
    Diese beide Herren waren immer beisammen: das neue Regiment war bald
angeworden: sie fanden allein auf ihren beiden Herrschaften bei zwei hundert
Mann auserlesen Volk. Die übrige Befehlshaber waren auf verschiedene Werb-Plätze
ausgeteilet: der Name des Grafens von Rivera war allentalben beliebt: seine
Vorfahren hatten sich bereits im Krieg sehr hervorgetan, und erfüllten seine
Ahnen-Tafel mit den tapfersten Helden; das Volk lief häufig zu; in Zeit von ein
paar Monaten war das ganze Regiment auf den Beinen und im Stand zu marschiren.
Die Armut auf dem Land war durchgehends so gross, dass sich Soldaten genug
fanden, wo nur Geld war.
    Der Graf hatte in dem Kriegs-Wesen verschiedene Dinge beobachtet, die er bei
seinem Regiment zu ändern und zu verbessern suchte: er hatte insonderheit
wahrgenommen, dass die so nötige Kriegs-Zucht fast durchgängig versäumet wurde;
und dass man dem Soldaten, sowohl auf Zügen, als im Feld, allen Mutwillen und
alle Leichtfertigkeit verstattete; wodurch die Unordnung, die Schwelgerei, die
Trägheit, die Grausamkeit und die Verachtung der wahren Ehre eingeführet, mitin
der Soldat besser abgerichtet wurde, die Menschen zu plagen, als zu beschützen.
Diesem Unheil suchte der Graf auf alle Weise abzuhelfen, und durch die
Einführung einer rechtschaffenen Kriegs-Zucht bei seinem Regiment, andern ein
glückliches Beispiel zur Nachahmung zu geben.
    Bei der Musterung schoss er alle Pursche aus, die nicht wohl gewachsen waren;
oder die ein wildes und viehisches Ansehen hatten. Denen, die zu seiner Fahne
schwuren, liess er durch den Regimentse Richter den Eyd nicht allein vorlesen,
sondern auch auf das deutlichste erklären; er selbst ermahnte sie bei dieser
Gelegenheit, dass sie sich als rechtschaffene redliche Kriegs-Männer aufführen,
und stets bedenken sollten, dass das Leben eines meineidigen und ehrlosen
Menschens viel abscheulicher sei, als der Tod.
    Seine Leutseligkeit und Menschen-Liebe fesselte bald die Herzen seiner
Soldaten: er fragte einen jeden, ob er auch in seinem Dienst vergnügt wär, ob er
seine Besoldungen, seine Kleider, sein Brod und alles, was ihm gehörte, richtig
empfieng? diesem fügte er immer einige Aufmunterungs-Worte mit hinzu, dass man
sich sollte wohl halten und dem König getreu und mit gutem Herzen dienen. Er
sprach auf diese Weise mit allen seinen Soldaten: er besuchte sie, wie ein
Freund den andern: er ging in seinem Lager von Zelt zu Zelt: dieses waren seine
angenehmste Spatzier-Gänge: den Kranken reichte er Arznei und Geld, den Gesunden
aber gab er zuweilen ein kleines Fest und etwas auf seine Gesundheit zu
vertrinken: alle Spiele um Geld waren unter ihm bei ernstlicher Straf verbotten:
hingegen liess er seine Leute im Lauffen, Rennen, Schiessen, Werfen,
Ballschlagen, Kegeln und dergleichen sich üben: weil diese Bewegungen der
Gesundheit zuträglich sind, den Müssiggang unterbrechen, den Geist munter, die
Glieder lenksam, und den ganzen Leib geschickt, hurtig und stark machen. Es
wurden dabei den Soldaten gewisse Stunden des Tags ausgesetzt, darinnen sie ihr
ordentliches Gebet verrichten mussten, und noch andere, da man ihnen etwas aus
den Kriegs-Geschichten vorlas und darüber allerhand Urteile fällte; bei welcher
Gelegenheit ein jeder seine Meinung frei entdecken, oder gewisse Fragen auf die
Bahn bringen konnte. Die Andachts-Ubungen hielte der Feld-Caplan, die anderen
aber, ein jeder, der Lust und Wissenschaft hatte, etwas nützliches zu lesen und
vorzutragen.
    Nebst dem Mangel der Kriegs-Zucht, hatte der Graf unter den Königlichen
Truppen noch andere Fehler bemerket, die er gleichfalls bei seinem Regiment
abzustellen suchte: darunter rechnete er auch das grosse Geschlepp von Dienern,
Weibern, Marketendern, Trossbuben und Pferden, welche den Soldaten insgemein die
nötige Lebens-Mittel vor dem Munde wegzehren, und die Züge noch einmal so
schwer und unordentlich machen. Er wollte deswegen nicht zugeben, dass ein
Unterhauptmann und Fähndrich mehr als ein Pferd, und ein Hauptmann mehr als zwei
bis drei, mit ins Feld nehmen sollte. Wegen des Gepäcks aber wurden von ihm die
Anstalten gemacht, dass man solches meistenteils auf eine gewisse Anzahl Pferd
und Maultiere lud, womit man die Geburge leicht besteigen, und der vielen Wägen
und Vorspann-Fuhren entbehren konnte.
    In dieser Verfassung kam der Graf mit seinem neugeworbenen Regiment in das
Königliche Lager. Der Fürst von Voltera, als Oberster Feldherr, empfieng ihn auf
das freundlichste; der Graf Lesbo aber, der unter diesem Fürsten die Armee
commandiren sollte, machte ihm eine ziemlich spröde Mine. Dieser General war bei
den Waffen grau worden und verstund den Krieg nach der bisherigen verdorbenen
Einrichtung nicht übel, er hatte deswegen bei dem König über die neue Vorschläge
des Grafens von Rivera, welche die Verbesserung des Soldaten-Standes betraffen,
ehedessen das meiste Gespött getrieben: er war sonst ein rauher, boshafter und
listiger Mann. Der König hatte ihm heimlich zu verstehen gegeben, dass er den
Grafen von Rivera ein wenig in die Schule führen und zu gefährlichen
Unternehmungen brauchen sollte. Er hatte genug an diesem Unterricht; er wusste
schon, wie die Carten bei Hofe gemischet waren.
    Die Eifersucht dieses Generals war ungemein, als er das überaus schöne
Regiment des Grafens von Rivera ankommen und in das angewiesene Lager einrücken
sah: Waffen-Rüstung, Mannschaft, Kleidung, alles war leichter, sauberer,
ordentlicher und kriegerischer, als man solches bisher an andern wahrgenommen
hatte.
    Der Fürst von Voltera war falsch und schmeichlerisch: er hatte für niemand
eine wahre Freundschaft, er suchte nichts als seine eigene Hoheit: er war ein
Ur-Enkel des grossen Nicanors, der seinen Gross-Vater mit einer Beischläferin
gezeuget hatte. Weil der König noch unvermählet, und dabei von schwächlicher
Natur war, so richtete er schon von weitem seine Gedancken auf den Tron: er
konnte den Herzog von Sandilien nicht leiden: seine Feindschaft gegen denselben
hatte sich schon bei verschiedenen Gelegenheiten bloss gegeben. Die Ursach dieses
Hasses machte dem Herzog viel Ehr: sie haftete auf dessen Treu gegen den König:
die verstorbene Königin hatte ihm denselben auf ihrem Todtbett anbefohlen, und
ihn zugleich mit Genehmhaltung der Stände, und ihres geheimen Rats, zum Vormund
des Königs bestellet: dem Fürsten aber Lucodun zu seinem Aufentalt angewiesen.
Dieser Fürst sah demnach hier den Grafen von Rivera zum erstenmahl: er
bewunderte dessen vortrefliche Eigenschaften: er urteilte daraus, dass dessen
Glück nicht mittelmässig bleiben würde, und suchte ihn deswegen zu seinem Freud
zu machen.
    Es stund darauf, dass die Licatier weiter in das Königreich einbrechen, und
die Grenz-Vestung Minopel wegnehmen wollten. Die Aquitanier fanden deswegen für
nötig, einige tausend Mann in das Geburge zu legen, und ihnen dadurch den Pass
abzuschneiden.
    Der Graf von Lesbo, auf welchen alles hauptsächlich ankam, gedachte hier dem
Grafen von Rivera die erste Falle zu stellen. Er zog aus allen Regimentern den
zehenden Mann, und trug demselben darüber das Commando auf. Dieser merkte bald,
dass der General für ihn keine günstige Absichten hatte. Er verbarg aber seinen
geschöpften Argwohn und folgte dem Befehl. Doch bat er den Fürsten, ihn
allenfalls mit nötiger Mannschaft zu unterstützen.
    Er postirte sich sehr vorteilhaft: er hatte hinter sich eine Höhe mit einem
dicht-bewachsenen Gehölz, und von vornen steile Abhänge, die bis in ein tiefes
Tal herunter giengen. Der Grund war hart und felsigt: man konnte mit der
Schauffel nicht durchkommen: Der Graf liess deswegen ungesäumt die gröste Steine
zusammen lesen, und damit auf beiden Seiten sich eine kleine Brustwehr machen,
welche er mit einigen Feld-Stücken, die er bei sich hatte, bedeckte.
    Es währte nicht lang, so gab es Lermen: man hörte von weitem das Rufen der
Fuhrleute, und das Glatschen ihrer Peitschen in den hohlen Tälern erschallen.
Die Vorwachen des Grafens gaben zu gleicher Zeit ihre Losung: ein paar hundert
Reuter wurden ausgesandt, um nähere Kundschaft einzuziehen. Der Graf vernahm,
dass es feindliche Pack-Fuhren wären, die nur eine kleine Bedeckung bei sich
hätten; hinter welchen aber über fünftausend Mann im Anzug wären: der Graf
merkte bald die Absicht dieser feindlichen Völker, und dass sie ihn deswegen mit
seinen Leuten in das Gepäcke verwickeln wollten, um ihn hier zu überfallen, und
dessen Lager zu hestürmen: er liess deswegen mit seinen Völkern zwar den Pass
besetzen; jedoch mit dem ausdrücklichen Befehl, dass kein Soldat aus seinem Glied
rücken, sondern nur auf die vorbeifahrende Karren Feuer geben sollte.
    Als darauf die feindliche Hauffen selbst anmarschiret kamen, stund der Graf
in völliger Schlacht-Ordnung, und erwartete den Angriff: die Licatier aber, wie
sie den Grafen in einer so guten Verfassung sahen, wollten solches nicht wagen:
sie suchten dargegen eine gewisse Höhe einzunehmen, von welcher sie die
Aquitanier mit ihren Canonen erreichen konten: der Graf wollte solches
verhindern, damit kam es zum Gefecht: die Begrüssung von beiden Teilen war
feurig, man fochte lang und blutig, die Licatier behaupteten endlich den Posten
und besetzten den unten im Tal zwischen den Bergen durch fliessenden Bach mit
ihren Vorwachten. Der Graf sah bald, dass er hier ohne Entsatz schwerlich
ungeklopft davon kommen würde; er hatte bereits verschiedene Boten deswegen an
den Fürsten abgesandt; allein, es kam keine Hülfe. Seine Leute dauerten ihn,
sein Ruhm war in Gefahr: er schien von dieser ersten Probe, die man von seiner
Tapferkeit erwartete, abzuhängen: Seine Tugend hatte ihn, in Betrachtung der
Ehre, noch nicht unempfindlich gemacht: die Herzhaftigkeit, dachte er bei sich
selbst, wird mir nichts helfen: die Feinde sind mir weit überlegen; man schickt
mir keine Hülfe, ich werde schändlich fliehen, oder mit einem verzweiffelten
Mut mich und meine Leute der Feinde Schwerd aufopfern müssen. Was Rats? wie
soll ich hier meine Pflicht, meine Ehre und meine Leute retten? der einbrechende
Abend schützet mich durch seine dunkle Schatten. Morgen aber werd im mich noch
vor Aufgang der Sonne von dem Feind umringet sehen.
    Dieses waren unter währendem Treffen die traurige Uberlegungen des Grafen;
es wurde finster, man zog sich beiderseits wieder zurück. Der Graf befand sich
nicht so bald in seinem Lager, so befahl er in der Still das meiste Gepäck
aufzuladen und solches voraus nach dem Haupt-Quartier gehen zu lassen. Er
teilte darauf seine Völker in drei Teile: einige versteckte er in das Gehölze:
die andere liess er im Lager: mit den übrigen besetzte er den Pass.
    Es wurde zum Aufbruch geblasen, und alles vorrätige Heu und Stroh in Brand
gesteckt: die Dunkelheit der Nacht wurde dadurch erhellet: die Flammen
umleuchteten als Fackeln die ganze Gegend. Die Licatier liessen sich durch
dieses Feuerwerk aus ihrem Lager locken, sie wollten den Grafen so nicht davon
ziehen lassen: sie dachten ihn auf der Flucht zu erhaschen, und fielen ihm damit
zu gleicher Zeit in den Hinterhalt und in das Lager.
    Der Graf war bei diesem Angriff voller Mut, und zweiffelte nicht, sein
Anschlag würde glücklich von statten gehen: Brüder, sprach er zu seinen
Soldaten: ihr seid von verschiedenen Fahnen, wir dienen aber alle einem König:
lasset uns brav tun, so werden uns andere beneiden, dass man uns ihnen hat
vorgezogen, um dem Feind die erste Schläge anzubringen.
    Die feindliche Reuterei stürmte mit einem starken Feuer auf den Grafen: er
wehrte sich tapfer: gleich darauf aber fielen die im Lager hinterlassene Völker
dem Feind in Rücken, und machten damit dem Grafen Luft. Wie der Feind sah, dass
die Aquitanier ihr Lager vollig verlassen hatten, fiel er darauf los. Die
Soldaten, in Hoffnung, Beute zu machen, wichen aus ihren Gliedern und
zerstreueten sich zwischen den noch zurückgebliebenen Zelten und Wägen. Als die
in dem Gehölz versteckte Aquitanier solches sahen, brachen sie hervor und hieben
alles darnieder. Hier hatte der Graf gewonnen Spiel: der Soldat fochte mit Lust
unter einem Anführer, dessen Beispiel sie zur grösten Tapferkeit anfrischte:
alle Befehlshaber taten ihre Schuldigkeit: man drang den Feind zusammen, und
brachte eine Horte durch die andere in Verwirrung: teils warfen sich in die
Flucht, teils wurden niedergehauen: die wenigsten erreichten ihr Lager: die
darin zurück gebliebene Besatzung, durch die Hauffen der Flüchtigen geschreckt,
tat schlechten Widerstand: der Graf bemächtigte sich derselben ohne Müh: und
nachdem er einen vollkommenen Sieg erfochten hatte, kam er mit seinen Leuten
wieder zurück in das Haupt-Lager.
    Niemand war darauf übler zu sprechen, als der General von Lesbo: er nannte
diesen Sieg ein Versehen des Feindes, und ein ungefähres Glück des Grafens;
welches aber doch keinen Nutzen hätte: weil der Graf seinen Posten nicht
behauptet; sondern gleichsam vor seinem überwundenen Feind geflohen wär.
    Der Graf beklagte sich hingegen bei dem Fürsten von Voltera, dass er ihm die
versprochene Hülfs-Völker nicht gesandt hätte. Der Fürst zuckte darüber die
Achseln und warf die Schuld auf den Grafen von Lesbo, welcher solches deswegen
nicht hätte für gut befunden; weil er dafür gehalten, die Feinde suchten nichts
anders, als sie mit einem Teil ihrer Armee in das Gebürge zu locken, und auf
solche Weise ihre Macht zu trennen; gleichwohl, antwortete der Graf hierauf, mit
einiger Empfindlichkeit, hat man für gut gefunden, mich mit drei tausend
ehrlichen Männern dahin zu senden, welche man zusammen in die Pfanne würde
gehauen haben, wenn ihnen GOtt und ihr Mut nicht durchgeholfen hätte.
    Die Feinde, welche unterdessen den Pass durch die Gebürge offen fanden,
liessen wenig Tage darauf ihr grobes Geschütz darüber setzen; und rückten mit
ihrer ganzen Macht vor Menipol.
    Im Kriegs-Rat wurde gefragt: ob man den Feind, mittlerweil, dass er mit
Eröfnung der Lauf-Gräben beschäftiget wär, angreiffen, und ihm eine Schlacht
liefern sollte? die meisten rieten solches: der Herr Graf von Rivera, fieng
einer der ältesten Obristen an, hat uns einmal die Bahn gebrochen, und den
Licatiern gewiesen, dass sich die Aquitanier nicht vor ihnen fürchten: man muss
ihnen mutig unter die Augen rücken; weil sie die Schläge noch fühlen, und nicht
warten, bis sie selbst kommen, solche an uns zu rächen. So verdriesslich dem
General Lesbo diese Anmerkung in den Ohren schallte, so konnte er doch nichts
dargegen einwenden: schier alle Befehlshaber stimmten damit überein: die ganze
Armee rückte also dem Feind entgegen.
    Es war eine grosse Fläche, auf welcher die beide Heere füglich sich
ausbreiten, und einander nach allen Regeln der Kunst herum treiben konten: beide
zeigten sich in Schlacht-Ordnung; sie stunden einander sich lange im Gesicht,
ohne dass weder der eine, noch der andere Teil die mindeste Bewegung machte.
Endlich sahen die Aquitanier, dass ein Teil des feindlichen linken Flügels sich
nach einem Flecken hinzog; hinter welchem das Licatische Lager stund. Dieser
Flecken wurde für einen Posten gehalten, dem nicht wohl beizukommen war. Ein
breiter Teich mit einem dicht-bewachsenen Hayn umschlung denselben bei nahe
rings herum. Das Erdreich war, wegen der vielen Sümpfen, hin und wieder mit
tiefen Canälen durchschnitten, und schien die Annäherung einiger Truppen
unmöglich zu machen.
    Nichts destoweniger so wurde dem Grafen von Rivera aufgetragen, er sollte den
Feind mit einigen Regimentern von diesem Posten abzutreiben, und solchen zu
behaupten suchen. Schwere Unternehmung, welche auch den erfahrensten
Kriegs-Obristen würde zu schaffen gemacht haben.
    Er hatte dismahl meist alte Truppen und lauter Officiers die ihm zugetan
waren, nebst seinem eignen Regiment, bei sich: er besetzte alsofort, nachdem er
zuvor die Lage von der ganzen Gegend aufgenommen hatte, alle Zugänge nach dem
Flecken, und legte einen Teil seines Fuss-Volks in die Gebüsche. Der Eingang des
Orts war mit spanischen Reutern und mit Karren gesperret. Der Graf wusste solche
hurtig in Brand zu stecken, und darauf mit drei Feld-Stücken den Pass sich völlig
zu öfnen.
    Der Feind, als er hier ein wenig das Feuer ausgehalten, zog sich zurück, und
besetzte einen stark-ummauerten Kirchhof. Das Gefecht wurde hier ernstaft und
blutig: kein Teil wollte dem andern weichen: es blieben beiderseits viel Leute:
Der Graf bejammerte den Verlust einiger seiner besten Officierer. Er selbst
bekam eine leichte Wunde am rechten Backen, und verlohr ein Pferd unter dem
Leibe: Endlich zwang er den Feind, ihm diesen Posten einzuräumen. Kaum aber, dass
er solchen behauptet hatte, so schickte ihm der Fürst von Voltera seinen
Adjutanten, und liess ihm sagen, dass er sich eilends zurückziehen sollte, um den
lincken Flügel zu unterstützen.
    Neue Schwierigkeit, neue Verwirrung für einen so jungen Befehlshaber. Der
Graf seufzete heimlich, dass er einen Posten verlassen sollte, den er mit so
vielem Blut erfochten hatte. Dieser Abzug erforderte so viel Kunst und Klugheit,
als der gefährlichste Angriff. So viel Glieder sich zurück zogen, so viel Feuer
mussten sie aushalten. Der Feind schloss sich immer hinten an; sobald aber hatte
der Graf nicht das freie Feld gewonnen, so liess er seine Reuter dem
nachsetzenden Feind sich entgegen stellen, und seinen Völkern damit den Rücken
bedecken.
    Er stiess damit glücklich wieder zu dem linken Flügel: dieser stund in vollem
Feuer, und wehrte sich tapfer. Des Grafens Soldaten waren ziemlich abgemattet:
viele giengen nur mit verdrosnen Mut wieder an den Feind. Brüder! sagte er
deswegen zu ihnen: wir dürfen heute nicht eher ruhen, als bis wir gesieget
haben; darum müssen wir fechten; aller bisher bezeigter Mut würde vergebens
sein, wo wir das Feld räumen sollten.
    Der Graf liess darauf seine Fuss-Völker sich in viereckigte Haufen schliessen
und die Bajonetter aufstossen, er selbst aber unterstützte mit seiner Reuterei
diejenige Regimenter, welche am meisten Not litten. Die Feinde hielten solches
für einen Entsatz, und suchten sich deshalben in so guter Ordnung, als sie
konten, zurück zu ziehen.
    Der Graf, da er sah, dass der linke Flügel nichts mehr zu befürchten hatte,
kam eben zu dem Fürsten von Voltera, da dieser die Nachricht erhielt, dass der
ganze rechte Flügel geschlagen, und in voller Flucht begriffen wär. Der Graf,
der mehr auf den Sieg erhitzet, als durch die Strapazen ermüdet schien, bat den
Fürsten, ihm einen Teil von seiner Reuterei, welche noch gar nicht gefochten
hatte, zu vertrauen: er wollte damit die Flüchtigen aufhalten, und sie wieder
suchen an den Feind zu bringen. Der Fürst bewilligte solches und gab ihm, nebst
seinem Regiment Dragoner, auch drei Compagnien vom Königlichen Hause.
    Wer nie die Regungen einer grossmütigen Tapferkeit in seinem Busen gefühlet
hat, der kann sich auch keine Vorstellung von dem lebhaften Vergnügen machen,
welches der Graf bei dieser Gelegenheit empfand. Seinem darnieder liegenden
Verfolger zu Hülfe zu kommen, die beste Truppen anzuführen, und damit dem Feind
den schier erfochtenen Sieg wieder aus den Händen zu reissen; dieses waren
solche Umstände, deren Annehmlichkeiten nur allein die Seelen grosser Helden
kennen.
    Das ganze Feld bedeckte bereits eine Menge, teils gewürgter, teils noch
sterbender Cörper: viele, die sich durch die Flucht zu retten suchten, und in
vollem Schrecken den Fusssteigen zueilten, schwammen hier teils durch die Canäle
und Teiche, teils blieben in den Sümpfen und Morästen stecken; die meisten aber
stiessen auf den mit frischen Völkern anrückenden Grafen. Wie, Verzagte! schrie
er ihnen mit männlicher Stimme entgegen, wo wolt ihr hin? seid ihr Soldaten, und
wollt euch lieber durch eine schändliche Flucht retten, als euer Leben für den
König wagen?
    Dieses beherzte Zureden tat eine gewünschte Wirkung: der Graf sammlete
allentalben die zerstreuete Hauffen, und brachte sie wieder unter ihre Fahnen:
sie bekamen alle einen neuen Mut zu fechten: keiner weigerte sich dem Grafen zu
folgen. Er setzte sich an die Spitze und führete sie an den Feind.
    Der General Lesbo hatte sich unterdessen, zu seinem Unglück, mit einigen
vornehmen Befehlshabern, bereits in die Flucht geworfen: er war mit ihnen in
einen schwarzen Sumpf geraten: einige feindliche Husaren, welche hinter ihnen
drein jagten, schossen auf sie: eine Kugel traff den unglücklichen General und
stürzte ihn vom Pferd, welches von der Bürde seines schweren Reuters nicht
sobald sich befreit fand, so suchte es sich durchzuarbeiten, und trat in dieser
ängstlichen Bewegung seinen eignen Herrn in den Sumpf.
    Der feindliche linke Flügel hatte inzwischen durch die Begierde Beute zu
machen, an einigen Orten schon die Glieder gebrochen. Es währte aber nicht lang,
so setzte er sich wieder; und weil er ebenfalls mit frischer Mannschaft
unterstützet wurde, so fiel er mit verdoppeltem Mut auf den Grafen; er fand
aber dismahl einen ganz andern Widerstand. Die Aquitanier hielten das Feuer aus,
als ob sie dessen bereits gewohnet wären. Der Graf hatte unterdessen dem Fürsten
die Nachricht geben lassen, dass es nun Zeit sein würde, mit einigen Regimentern
dem Feind in die Flanken zu gehen, und ihm damit Luft zu machen. Da nun der
Fürst dieses mit gutem Fortgang tat, so brachte man den Feind dadurch in
völlige Unordnung.
    Nur ein Hauffen war noch übrig, der nicht weichen noch wanken wollte. Der
Graf stiess darauf mit einigen freiwilligen Edelleuten, welchen die Ehr-Begierde
Lust zum Fechten gab. Der Anführer dieses feindlichen Truppes schien darüber
ganz kaltsinnig: er sah, dass diese mutige Streiter ihrem Volk, das ihnen
folgte, ziemlich weit vor rannten; er spielte ihnen deswegen einen Streich,
dessen sie sich nicht vermutet hatten. Er liess sie in die Mitte seines Hauffens
sich einstürtzen, und damit hurtig wieder die erste Glieder sich schliessen. Da
sich der Graf in dieser Falle sah, war er äusserst betroffen; er suchte sich mit
dem Degen in der Fast durchzuschlagen; allein seine Gefährden hatten bereits den
Mut verloren; er wollte deswegen nicht als ein Unsinniger fechten; sondern gab
sein Seiten-Gewehr einen von den Befehlshabern, der ihm solches mit der grösten
Bescheidenheit abforderte.
    Der Graf bereuete hier seine Ubereilung, ohne deswegen Mutlos zu werden. Er
richtete die Augen nach seinen anrückenden Völkern, und hoffte, sie würden ihn
durch ihre Tapferkeit befreien, doch ehe noch diese kamen, brach von der Seiten
ein Trupp Reuter ein: dieses geschah mit einem solchen Mut und mit einer so
schnellen Gewalt, dass der ganze Hauffen dadurch erschüttert wurde. Der Graf nahm
hier den kurtzen Zeit-Blick in acht, und riss einem neben ihm haltenden
Unter-Officier, der die Augen furchtsam nach den einbrechenden Reutern
hinschlug, den Degen aus der Faust. Ein Cuirassierer, der dieses wahrnahm, zuckte
deswegen sein Schwerd auf ihn, und würde ihm damit den Kopf gespalten haben, wo
der eindringende Fremdling nicht zum guten Glück ihm entgegen gerannt und mit
seinem Degen den Sreich aufgefangen hätte. Der Graf schlug eben die Augen nach
ihm und meinte ihn zu erkennen, als die Unordnung und die Hitze des Gefechts,
den einen hier, den andern dahin trieb. Die andringende Völker des Grafens
brachen zu gleicher Zeit ein: es ging allentalben an ein grausames Würgen und
Niedermetzeln. Das Pulver war meist verschossen: hier galt nichts als eine
hurtige Faust, und ein beherzter Mut; so bald aber erklärte sich nicht der Sieg
für den Grafen, so rief er seinen Soldaten zu: schonet, o ihr tapfere
Aquitanier! schonet eure überwundene Feinde; und vergiesset nicht unnötig
Menschen-Blut.
    Indem er dieses sagte, sprengte er mit seinem Pferd einem Dragoner entgegen,
und unterbrach einen Streich, den derselbe auf einen feindlichen Befehlshaber
gezogen hatte. Dieser fochte nur, um mit dem Degen in der Faust zu sterben: sein
Pferd war bereits von vielen empfangenen Wunden schon niedergesunken; ein ihm an
der Seiten fechtender junger Officier, schrie deswegen dem Grafen mit
ängstlicher Stimme entgegen: ach! grossmütiger Uberwinder! ach! schützen sie
doch meinen General, und retten ihm das Leben. Der Graf erkannte diesen Herrn
sogleich für denjenigen Anführer, dessen Gelassenheit er vor der Spitze seiner
Truppen bewundert hatte. Mein Herr, rief er ihm zu, sie schonen ihres Lebens,
und gönnen mir die Ehre mein Gefangener zu sein. Alsobald reichte ihm derselbe
seinen Degen, und dieses mit einem so gelassenen Wesen, dass der Graf dadurch in
dem Innersten seines Gemüts gerühret wurde: er befahl diesen Herrn und den ihn
begleitenden jungen Officier seinen Leuten, und verfügte sich mit gleicher
Geschwindigkeit zu den übrigen Hauffen.
    Alles war noch in der jämmerlichen Beschäftigung Blut zu vergiessen. Der
Graf tat solchem aller Orten Einhalt, und liess die Uberwundene zu
Kriegs-Gefangenen machen. Die Feinde bedeckten teils das Feld, teils wurde
ihnen auf der Flucht nachgehauen. Die Nacht brach darüber ein: die Aquitanier
hatten nicht nur den Sieg erfochten, sondern auch viele Beute gemacht. Die
Licatier zogen sich zwar wieder in ihre Linien; allein der Tag war noch kaum
angebrochen; so packten sie auf und suchten ihre Sicherheit in den Gebürgen.
    Nachdem der Graf allentalben bei seinen Völkern die Ordnung hergestellet
sah, verfügte er sich noch denselben Abend zu dem Fürsten von Voltera, und
wünschte ihm Glück zu der gewonnenen Feld-Schlacht. Der Fürst umarmte ihn mit
den liebreichsten Gebehrden, er sagte zu allen umstehenden Herren und
Befehlshabern, dass sie nechst GOtt, dem Grafen von Rivera den Sieg zu danken
hätten. Man bewillkommte sich einander bei dieser Gelegenheit, als ob man lange
Zeit von einander wär abwesend gewesen: der Graf fiel aus einen Armen in die
andere. Seine Freunde, und dieses waren meist alle Befehlshaber, ermüdeten ihn
gleichsam aufs neue durch ihre Umhalsungen. Nie war ein Soldat mehr geliebt
worden, nie war auch einer liebreicher gewesen. Man drang sich um ihn herum; man
gab ihm tausend Lobsprüche. Jeder wollte ihm zeigen, wie viel er auf ihn hielte.
Der Graf von Lesbo hingegen wurde wenig beklagt: er war ein unfreundlicher und
hochmütiger Mann gewesen, der sich nur hatte fürchten, aber nicht lieben
gemacht.
    Der Graf fand unter allen denen, die ihn begrüsten, denjenigen nicht,
welchen er mit der grösten Sehnsucht zu sehen verlangte: er rühmte deshalben
öffentlich den grossmütigen Beistand, den ihm ein Unbekanter erwiesen hätte, und
bat, indem er sich an die Umstehende richtete, derselbe möchte sich ihm zu
erkennen geben. Ein Hauptmann, der eben von ihm kam, sagte, man habe ihn in des
Grafens Gezelt gebracht, weil er stark verwundet wär. Der Graf erblaste über
diese Nachricht, und eilte, nachdem er sich bei dem Fürsten beurlaubet hatte, zu
diesem tapfern Fremdling.
    Er fand ihn auf einem Ruh-Bett, und die Wund-Aerzte um ihn herum: der
Fremdling hatte sich verblutet, und war sehr matt: so bald er den Grafen sah,
reckte er die beide Aerme nach ihm hin, und wollte sich aufrichten. Der Graf
erkannte ihn alsobald für den Freiherrn von Riesenburg, den er in der Hitze des
Gefechts und in seinen kurzen Haaren sogleich nicht erkant hatte. Er warf sich
mit innigster Bewegung um seinen Hals und wusste nicht, ob er mehr der Freude,
einen so werten Freund hier zu finden, oder dem Schmerzen, ihn so hart verwundt
zu sehen, bei sich Raum lassen sollte. Die Wund-Aerzte gaben indessen gute
Hoffnung, weil sich keine Wunde tödtlich fand; sie sagten aber, dass man dem
Verwundeten müste Ruh lassen.
    Der Graf wollte hierauf auch noch seinen grossmütigen Gefangenen sehen; man
berichtete ihm aber, dass nachdem man ihm einige leichte Wunden verbunden hätte,
er vor Mattigkeit eingeschlafen sei. Der Graf war ebenfalls sowohl durch das
viele Wachen, als durch die heftige Strapazen des so lang gedauerten Gefechts
ermüdet; er liess sich deswegen auskleiden, und begab sich, nachdem er etwas
weniges zu seiner Erquickung genossen, zur Ruh.
    Den andern Morgen fand er sein Vorzelt voll der vornehmsten Herren und
Befehlshaber: er entdeckte darunter sogleich seinen Gefangenen: er umarmte ihn
mit der grösten Höflichkeit. Sie fanden beide an einander etwas, welches ihrer
Hoachtung würdig schien.
    Der Ruhm von den Taten des Grafens von Rivera, erfüllte darauf das ganze
Königreich, er erschallte bei Hof, und kam zu den Ohren des Königs. Dieser hörte
ihn allentalben loben und bewundern; er hätte ihn lieber schelten hören: doch
das unglückselige Ende des Grafens von Lesbo verursachte bei ihm einiges
Rachdenken: er meinte durch ihn den Grafen von Rivera aus dem Weg zu räumen; das
Verhängnis aber erhub diesen mit der grösten Ehre, und stürzte jenen mit
äusserster Schande. Der König fand sich durch diesen besondern Zufall gerühret:
er faste bei sich den Entschluss, hinfort keinen Verfolger mehr eines Menschen
abzugeben, für den die Liebe des Volks, und der Schutz des Himmels sich
erklärte. Er befahl deswegen, dass der Graf wieder nach Hof kommen sollte.
    Der Graf trat seine Reise um so viel vergnügter an, weil er seinen liebsten
Freund, den Freiherrn von Riesenburg, so gut als wieder hergestellet sah: er
empfand auch nicht minder eine ganz besondere Annehmlichkeit in dem Umgang mit
dem gefangenen General, dem er das Glück gehabt hatte in der Schlacht das Leben
zu retten, und an welchem er täglich mehr vortreffliche Eigenschaften entdeckte,
die ihn dieses Dienstes ungemein würdig machten. Diese beide Herren baten den
Grafen, sie mit nach Panopolis zu nehmen. Der Graf hätte sich keine angenehmere
Reise-Gefährden wünschen können. Sie beurlaubten sich zusammen bei dem
Commandirenden Fürsten, und kamen in dreien Tagen vermittelst der Post nach
Panopolis.
    Unterwegs hatten sie sich einander ihre Begebenheiten erzehlt; und es war
nachdenklich, dass drei unter ganz verschiedenen Himmels-Gegenden gebohrne Herren
in dem Grund ihres Gemüts so gleiche Neigungen und Absichten führten, so wenig
auch ihre äusserliche Bildung mit einander überein kam.
    Der Graf von Rivera war in einer warmen Welt-Gegend geboren: er hatte einen
schlanken Leib, schwarzbraune Augen, und eine weiss ins braun gemengte Farbe:
seine Gebehrden waren lebhaft und zugleich holdselig; alles, was er tat,
begleitete ein mutiger Eiffer, welchen doch eine gewisse Sittsamkeit und
männliche Anmut zu mildern schien.
    Das Vaterland des Herrn von Riesenburg war hundert und zwanzig Meilen weiter
von dem Mittägigen Sonnen-Strich, und lag mitten zwischen den Nördlichen
Abend-Ländern, wo der Herr von Greenhielm, so nannte sich der gefangene General
zu Hause war. Er hatte ein ganz Jovialisches Temperament: seine Gestalt war
fleischigt: die Farbe rot und weiss untermengt: die Haare Asch-färbig: in seinen
Augen lachte die Freude, die Liebe und ein munterer Ernst: sie waren hell, gross
und Licht-blau: alles regte sich an ihm: er hatte das beste Herz: allein, nur
ein wenig zu leicht, zu hurtig und zu übereilend.
    Der Herr von Greenhielm im Gegenteil war von starken Gliedmassen, blasser
Farbe, mittelmässiger Länge, wohl gewachsen: doch mehr schlank als gesetzt: er
hatte Licht-braune lange Haare, dunkel-graue Augen, und ein ernstliches Ansehen:
er war frei und aufrichtig geboren, und konnte sich weder verstellen noch
schmeicheln. Diese Gemüts-Art hatte ihm verschiedene widrige Zufälle zugezogen.
Was er davon seinen beiden Reise-Gefehrden erzehlete, war folgendes:
 
                                Das achte Buch.
                  Die Begebenheiten des Herrn von Greenhielm.
Mein Geschlecht ist eines der ältesten in Scandinavien: meine Vorfahren haben
seit vielen Jahren in diesem Königreich die ansehnlichste Güter besessen. Ich
kam auf die Welt zu Königsholm: mein Vater war einer der vornehmsten Räte: ich
war noch nicht gar zwei Jahr alt, so verlohr ich meine Mutter. Diese hatte sich
durch ihre Gestalt, noch mehr aber durch ihre seltene Tugenden ein ganz
besonderes Ansehen erworben. Jedermann beklagte darüber meinen Vater, und hielte
dessen Verlust für unersetzlich. Er verheiratete sich deswegen nicht wieder:
mir und meinen Geschwistern ging es desto übler: unserer waren vier Brüder und
eine Schwester. Weil meinem Vater die gröste Last der Geschäften auf dem Halse
lag, so konnte er auf unsere Erziehung nicht diejenige Sorgfalt wenden, die wir
vonnöten gehabt hätten.
    Ich war der jüngste von meinen Brüdern: der älteste kam aus der Welt, ehe er
noch recht angefangen hatte zu leben: er wurde in seinem achtzehenden Jahr in
einem Zweikampf erschossen. Der andere kam nach Hof als Edelknabe, und weil er
keinen Verstand hatte, etwas zu lernen, so machte ihn der König zu seinem
Hof-Junker; da denn seine meiste Verrichtungen darin bestunden, dass er den
Fremden zutrinken musste. Er wurde bei einem so lustigen Leben doch nicht alt,
und starb noch vor unserm Vater. Mein dritter Bruder schien sich auf eine gute
Seite zu legen: man tat uns beide zusammen zu einem Geistlichen auf das Land.
Dieser pflanzte in unsere zarte Gemüter die Liebe zur Tugend, und mit derselben
gewisse Eindrücke einer Gottesfurcht, die bei meinem Bruder sehr weit giengen;
ohneracht aber derselbe viel eingezogener, stiller und andächtiger war, als ich;
so hielte mich doch der Geistliche für aufrichtiger; ich wusste mich in nichts zu
verstellen: ich bekannte meine Fehler, die ich begieng, ganz offenherzig, und
ohne solche viel zu bemänteln; da im Gegenteil mein Bruder nichts wollte auf
sich kommen lassen, wann wir auch gleich einerlei Schuld hatten.
    Wir waren also bei den Empfindungen, die man uns von der Religion gegeben
hatte, von einem verschiedenen Wesen, er floh, und ich suchte die Menschen: er
geriet unter gewisse Leute, die man bei uns ihrer gezwungenen Frömmigkeit und
eigenen Meinungen halber Pietisten nennet: ich bezeigte im Gegenteil eine
grosse Begierde die Welt zu sehen, und darin mein Glück als ein ehrlicher Mann,
und als ein würdiger Sohn meines Vaters zu machen.
    Dieser starb, als ich noch bei dem Geistlichen war: ich hatte noch nicht gar
mein sechszehendes Jahr erreichet. Eine meiner Basen, die meine Schwester
auferzogen hatte, nahm darauf auch meinen Bruder zu sich; mich aber schickte man
auf die nechst-gelegene Universität, wo ich bei einem gelehrten Mann im Hause
war und zü Tische ging.
    Ich habe dieses unter die glückselige Begebenheiten meines Lebens zu setzen,
dass ich von einem frommen Geistlichen in die Schule eines der grösten
Welt-Weisen gekommen war. Dieser bekräftigte nicht allein die Neigungen zum
Guten in meinem Herzen; sondern überzeugte mich auch ihrer Notwendigkeit durch
vernunftige Schlüsse; und wies mir den Zusammenhang der Religion mit dem
zureichenden Grund einer von der Natur in uns gelegten Erkenntnis. So bald fand
ich nicht diese Ubereinstimmung des offenbahrten Gesetzes mit dem Recht der
Natur; so liess ich mich über diese Materie öffentlich auf dem Juristischen
Lehr-Stuhl vernehmen; und verteidigte meine Sätze mit einer gewissen
Freimütigkeit, die weder mein Alter, noch meine Wissenschaften unterstützten.
    Ich kam von dieser hohen Schule nach Königsholm zurück zu meiner Basen;
diese hatte meinen Bruder und meine Schwester bei sich: Ich fand bei ihr eine
seltsame Haushaltung: ich sah schier darin nur gemeine Handwerks-Leute von
verschiedenem Alter und Geschlecht aus- und eingehen. Vom Morgen bis Abend und
öfters bis in die Nacht, wurde darin nichts getan, als disputiret, gelesen,
gesungen und Bet-Stunden gehalten. Alle, die mich sahen, und mit mir redeten,
sagten, dass ich mich auch, wie mein Bruder und meine Base, bekehren sollte: sie
nannten mich einen natürlichen Menschen, der nichts vom Heiland wüste, und
setzten mich ohne alle Höflichkeit unter die Leute, die in das Reich des Satans
gehörten; sie hatten ganz besondere Meinungen von dem Christentum, und
bedienten sich darzu auch ganz besonderer Redens-Arten. Die Vernunft hatte bei
ihnen an allen den herrlichen Vorzügen, deren sie sich rühmten, nicht den
geringsten Anteil; und sie bedeuteten mir deswegen, dass ich weder Erkentniss
noch Gnade bei GOtt zu hoffen hätte, wo ich solche nicht als ein Spiel des
Feindes aller Wahrheit völlig in den Bann tun würde.
    Mir wurde ganz von Herzen bange über diese Reden; es kam mir vor, als ob man
auf diese Art leichter närrisch als bekehrt werden könnte. Ich bat GOtt, mir
meine Vernunft zu erhalten, und die Augen meines Verstandes durch sein Licht
noch täglich mehr zu erleuchten. Ich konnte damit die hohe und in die blose
Einbildungs-Kräfte einschlagende Lehr-Art dieser Leute nicht reimen. Ich
verlangte deswegen sehr meine Schwester alleine zu sprechen: dann es war mir
bedenklich vorkommen, dass man mir nicht auch von ihr sagte, dass sie bekehrt wär;
sondern nur, dass sie noch in der Arbeit stünd; weil ich darzu in dem Hause
meiner Basen nicht wohl gelangen konnte; indem darin die ungeziemende Gewohnheit
herrschte, dass man von einem Zimmer ins andere, ohne einige Vormeldung ging,
man mochte auch gekleidet sein, wie man wollte; so liess ich mir durch meinen
Diener eine Gutsche mieten, und bat meine Schwester mit mir spazieren zu
fahren.
    Diese hatte nicht minder Verlangen, mit mir, als ich mit ihr zu sprechen.
Liebste Schwester! redete ich sie an, da wir alleine waren, was habt ihr vor
seltsame Leute im Hause? seid ihr auch willens, eine von den Heiligen zu werden,
die den ganzen Tag nichts tun, als beten, singen, lesen und die Brüder und
Schwestern besuchen? Wertester Bruder, sagte sie darauf: GOtt ist mein Zeuge,
dass ich gern recht fromm sein wollte; allein, ich fürchte, dass ich noch eher den
Verstand verliehren, als die Lehren dieser Leute fassen werde: ich.kann euch,
fuhr sie fort, nicht aussprechen, was ich nun seit einem Jahr her gelitten habe.
Unsere Base ist voll von den Gaben des Geistes, wie man bei uns zu reden pflegt,
sie ist wiedergebohren, sie ist erleuchtet, sie hat Offenbahrungen, sie ist
heilig, sie sündiget nicht mehr, sie kann die Geister prüfen; dem ungeacht keift
und zankt sie den ganzen Tag, sie sieht die Fehler ihres Nechstens viel besser
als andere Leut, ein grosser Teil von ihrer Andacht bestehet darin, dass sie
darüber seufzet, und sich glückselig preiset, dass sie kein natürlicher Mensch
mehr ist.
    Ich bin insonderheit so unglücklich, dass ich mich weder nach ihrem Sinn
demütig genug kleiden, noch in meinen Reden, wie sie es haben will, deutlich
ausdrücken kann. Unser Bruder macht zwar keinen solchen Lermen, wie sie: er
rühmet sich weder ausserordentlicher Gaben, noch besonderer geistlicher
Einflüsse; aber er ist doch gleichwohl von ihr so eingenommen, dass er alles
glaubt und tut, was sie und ihre geistliche Geschwister ihm sagen.
    Wie ich sehe, war meine Antwort, so ist die Vertraulichkeit dieser
geistlichen Brüder- und Schwesterschaft ziemlich stark unter einander; doch
saget mir, wenn ihr solchergestalt immer ohne Unterscheid mit einander umgehet,
setzt es denn unter Leuten von beiderlei Geschlecht nicht auch zuweilen solche
Geschichten, daraus man schliessen könnte, dass nicht bloss der Geist allein
verliebt wäre?
    Meine unschuldige Schwester errötete über diese Frage: sie schlug die Augen
nieder, und wusste nicht gleich, was sie mir antworten sollte: rettet mich, mein
Bruder, sagte sie mit einem schamhaftigen Eifer, rettet mich, ich bitte euch,
aus dieser Leute Händen. Die Tränen stiessen ihr damit aus den Augen, dass sie
nicht weiter reden konnte.
    Ich wurde dadurch desto begieriger von ihr zu erfahren, was sie allhier vor
ein besonderes Anliegen haben möchte. Ich bat, ich beschwur sie, mir nichts zu
verhölen. Ach, ich schäme mich, mein Bruder, sagte sie, euch solches zu eröfnen.
Die Unordnung dieser Leute, fuhr sie fort, geht allzuweit. Man redet immer von
der Liebe; man betrachtet dabei weder Stand noch Geschlecht: man liebt sich
nicht allein geistlich, sondern man macht auch Heiraten; da heist es: vor GOtt
wären wir alle gleich, der Satan hätt den Hochmut und dieser den Unterscheid
der Stände in die Welt gebracht.
    Vor einigen Wochen heiratete der Bruder Anton, ein feiner, frommer
Schuhmachers-Gesell, der aber nunmehr ein Lehrer ist, die andächtige Frau Doctor
Baldersin, und nun, o Schande! dass ich es euch sagen muss, hab ich einen
Liebhaber an dem jungen Christoph, unseres ehmahligen Pachters, des tauben
Nicolasen Sohn, den auch die Andacht in dieses Haus, getrieben hat.
    Das Blut wallete mir in meinen Adern, als mir meine Schwester diese letzte
Begebenheit entdeckte: Ich bat sie vortzufahren. Ich hatte, redete sie weiter,
diesen Menschen wohl leiden können: er schien mir ehrlich und Gottsfürchtig zu
sein. Er kam immer zu mir, um an meiner Bekehrung zu arbeiten. Er fragte mich um
alles, wie mir zu Mut wär, was ich dächte, und was ich fühlte.
    Ich sagte ihm viel einfältiges Zeug darüber: ich wurde endlich vor lauter
Prast und Unruh krank; und meinte, nun würde mir bald das Pünctgen, wie man bei
uns redet, aufgeschlossen werden.
    Mein Liebhaber kniete vor meinem Bette nieder, bestürmte den Himmel mit den
heissesten Gebetern, und weinte dabei, als ob er verzweiflen wollte. Er ging, so
lang meine Unpäslichkeit dauerte, mit lauter Aechzen und Seufzen im Hause herum:
er wusste öfters nicht, was er tat; und schien einer Leichen ähnlicher, als
einem beseelten Cörper zu sein.
    Ich wurde wieder besser, und hatte keine andere Empfindungen, als zuvor: dem
ungeacht blieb mir mein Liebhaber beständig. Er tat mir unlängst einen kleinen
Dienst, dafür ich ihm Dank sagte, und ihm meine Hand reichte: er küste mir
solche mit einer ungemeinen Bewegung. Ich merkte bei dieser Handlung das
erstemahl, dass die geistliche Liebe aus ihrem Zircul gewichen war. Ich liess es
so hingehen, und sagte nichts. Der gute Christoff wurde dadurch beherzter. Ich
sass einsmahl an meinem Tisch, hielte meinen Kopf in der Hand, und las in einem
Buch: indem sah ich mich, von hinten her, von ihm mit beiden Armen umfangen;
welches mir eine mehr als geistliche Liebkosung zu sein schien. Ach, wie lieb
ich sie! sprach der entzückte Heilige, und war ganz ausser sich. Ich erschrack
über diese Tat zum höchsten, und der Liebhaber kam wieder zu sich selbst.
    Hiebei blieb es nicht, vor einigen Tagen, da ich mich ankleidete und vor
meinem Nacht-Tisch sass, kam er in mein Zimmer, lief mit ausgestreckten Armen auf
mich zu, umhalsete und küssete mich, ehe ich es ihm verwehren konnte; und machte
mir darauf eine völlige Liebes-Erklärung.
    Ich dachte, der Mensch wäre närrisch worden: ich wollte ihm seine
unverschämte Tat verweisen; allein, er sagte mir mit einer lächlenden Mine, es
würde nicht lang mehr währen, so würde ich ganz anders reden: vor GOtt wären wir
alle gleich; und so bald würde ich nicht bekehret sein, so würde zugleich auch
alle meine Standes-Hoheit und irdisch-gesinnte Ehrsucht wegfallen.
    Meine Schwester fügte dieser Erzehlung ihre vorige Bitte mit Tränen hinzu,
ich möchte sie unverzüglich aus dieser Verwirrung bringen; oder sie stünde in
Gefahr ein armseliges Mensch zu werden.
    Ich brachte sie also nicht wieder nach Hause zu unserer Base; sondern führte
sie zu einem bekanten frommen Geistlichen, der eine Tochter von ihrem Alter
hatte. Ich kehrte darauf allein wieder zurück, da meine Base eben mit ihren
sogenannten Kindern GOttes ihre gewöhnliche Abend-Bet-Stunde hielt. Ich trat ins
Zimmer: ein Leineweber tat den Vortrag: alles schlug die Augen nieder: die
Zuhörer schienen in leb-lose Bild-Säulen verwandelt zu sein: die abgezogenste
Stille, die andächtigste Entzuckung unterbrach nur zuweilen ein Seufzer. Man
fasste die Worte dieses ausserordentlichen Lehrers mit einer solchen Begierde von
seinem Munde weg, als ob sie von GOtt selbst ausgesprochen würden. Der Vortrag
währte über eine Stunde lang: er wiederholte zehenmahl eben dasselbige, und
sagte immer einerlei: er tat darauf mit vielen Verzuckungen und Verwendungen
der Augen ein von seiner eignen Heiligkeit zeugendes Gebet. Als er damit fertig
war, trat ich hervor; und bat mir von dieser andächtigen Versammlung gleichfalls
ein kurtzes Gehör aus.
    Ich ermahnte meine Zuhörer, weil ich nicht glaubte, dass sie allesamt
Heuchler wären, noch vielweniger, dass sie sich und andere Leute mit Vorsatz
betrügen wollten, sich zuforderst wohl zu prüfen, warum sie hier zusammen kämen?
und was sie bei ihren Religions-Neuerungen vor Absichten führten: ob sie
meinten, GOtt dadurch einen Dienst zu tun, wann sie dessen Ordnung stöhrten,
ihr Gewerbe fahren liessen, und sich dargegen eines Apostolischen Berufs
anmassten, um die Leute zu bekehren, und ihnen eine neue Lehre vom Glauben zu
predigen, die auf eine leere Einbildung der bewegten Fantasie hinaus lief?
    Ich verwies sie zuletzt, wegen ihres Müssiggangs und unordentlichen faulen
Lebens an das Exempel und an die Ermahnung Pauli; und las ihnen einige Versicul
aus dem 23. Capitel Mattäi; worinn die Heuchelei mit lebendigen Farben
abgeschildert wird.
    Die Bestürzung meiner Zuhörer über einen so unvermuteten Vortrag war
ungemein. Niemand unterstund sich mir zu widersprechen: sie sahen bei mir einen
Ernst, der ihnen, nach ihrer Art, ganz nicht geistlich schien: sie machten sich
einer nach dem andern, wiewohl nicht ohne Seufzen und Urteilen, über einen so
bösen Menschen, zum Haus hinaus.
    Meine Base stürmte darauf mit einem ganz ergrimmten Gesichte auf mich los.
Vetter, sprach sie voller Eifer, wer hat euch so kühn gemacht, meine
Haus-Andacht zu stöhren, und mir Lebens-Regeln vorzuschreiben? Gnädige Frau! gab
ich ihr mit einem gelassenen und demutigen Wesen zur Antwort, ich bitte
dieselbe gehorsambst, weil sie doch eine erleuchtete Christin sein wollen, dero
menschliche Affecten ein wenig beiseit zu setzen, und mich wenigstens anzuhören:
Meine Schwester hat mir alles erzählt, wie es seit einem Jahr in dero Haus
hergegangen sei, und was sie insbesondere dabei erlitten. Ich habe sie deswegen
so lang zu einem frommen Priester ins Haus gebracht, bis ich mit GOttes Hülfe
meiner gnädigen Frau Basen, bessere Meinungen werde beigebracht haben.
    Der andächtigen Leute Zorn ist nichts weniger als sanftmütig: sie machen
alsobald aus ihrer Sache eine Sache GOttes, und in dieser Betrachtung
überschreitet er alle Gränzen. Meine Base, durch gleichen Eifer aufgebracht,
schalt mich ein Kind des Verderbens, und wenn man noch etwas abscheulichers als
die Hölle wüste, so hätte sie, ohn alles Erbarmen, mich dahin verwiesen.
    Ich liess sie ihre Galle völlig ausschütten, und hörte sie ganz ruhig an: sie
warf das hundert ins tausend: sie vermengte ihre Reden mit so vielen wider
einander lauffenden Sätzen, dass es mir schwer fiel, daraus den geringsten
Entwurf ihrer Begriffe zu machen. Endlich hemmte der Eifer die Bewegung ihrer
schnellen Zunge, die Worte erstickten ihr im Munde: sie wurde müd, sie schwieg,
und die Reih zu reden kam an mich.
    Gnädige Frau! fieng ich ganz bescheiden an: ich erkühne mich keineswegs,
dero gute Absichten zu tadeln; ich nehme mir nur allein die Freiheit, ihnen
darzutun, dass sie solche auf bisherige Art nicht erreichen werden. Das wahre
Christentum, welches sie zu befördern trachten, ist seiner Natur nach ganz
einfältig und ungekünstelt. Es beruhet auf wenig ganz deutlichen Lehr-Sätzen.
Geheime Sachen gehören für GOtt; das Gesetz aber ist den Menschen gegeben.
Christus sagt, wir sollen den Willen tun seines Vaters im Himmel; diesen hat er
uns selbst zum deutlichsten erkläret: Tue das, spricht er, so wirst du leben.
Ein einfältiger Bauer, der von dem neuen Prozess der Wiedergeburt, von dem
Buss-Kampf, von der Zeugung, von den Geburts-Wehen, von dem Durchbruch und von
dergleichen besonderen Geheimnissen, die man bisher in ihren Haus-Versammlungen
gelehret, im geringsten nichts weiss, noch je davon etwas hat reden hören, der
ist nichts destoweniger, wenn er GOtt fürchtet und recht tut, dem HErrn
angenehm.
    Ja, erinnerte hier meine Base, wir müssen aber doch gleichwohl wissen, wenn
die neue Geburt in uns vorgegangen ist: wir müssen doch solches in uns empfinden
und gewahr werden. Dieses wissen wir, gab ich zur Antwort, wenn wir die Gnade
haben vor dem HErrn in einem redlichen und aufrichtigen Herzen zu wandeln, und
das Gute, worzu wir von Natur ganz untüchtig sind, im Glauben zu vollbringen:
denn an den Früchten, sagt Christus, soll man die Glaubigen erkennen, und daran
wird es offenbar, ob wir Kinder GOttes, oder Kinder des Teufels sind, wenn wir
recht oder nicht recht tun, wie uns die Schrift solches deutlich lehret.
    Meine Base tat mir hierauf die Frage, ob ich dann wohl noch solche Leute
gesehen hätte, an welchen die Früchte des Glaubens klärer und deutlicher sich zu
erkennen gäben, als an den teuren Seelen, welche täglich in ihrem Hause
zusammen kämen, und sich einander in der Wahrheit, die da ist nach der
Gottseligkeit, zu erbauen suchten?
    Müssiggänger, Tagdiebe und Heuchler sind wohl die meisten, wenn ich etwas
lieblos urteilen dürfte, war hierauf meine Erklärung: ich berief mich hiebei
auf die Worte Pauli, 2. Tess. 3. da er von solchen Leuten spricht, die da
unordentlich wandeln, da sie doch, nämlich die Apostel, nicht umsonst das Brod
von jemand genommen, sondern Tag und Nacht gearbeitet hätten, um niemand
beschwerlich zu sein: ferner, dass eben dieser Apostel befohlen hätte, dass ein
jeder sein eigen Brod essen, und dass der, wer nicht arbeitet, auch nicht essen
sollte.
    Nun, liebe Frau Base, fuhr ich fort, zehlen sie einmal, wie viel andächtige
Kostgänger sie haben? welche alle gute, starke, gesunde Brüder und Schwestern
sind, für welche sich das Arbeiten viel besser schicken sollte, als dass sie so
herum spatziren, das Evangelium predigen, und täglich ihre gute Mägen an fremden
Tafeln zu Gaste bitten. Wie viel Geld hat ihnen dieses herumziehende Volk nicht
schon gekostet, welches sie, ausser Zweifel, besser an arme, elende,
gebrechliche Leute ausgeteilet hätten, deren wir leider in unserer Stadt mehr
haben, als es Christen geziemet.
    Welche Unordnung, welche Verwirrung ist durch das stets anhaltende Besuchen
dieser ausserordentlichen Glaubens-Bekehrer nicht in ihrem ganzen Hausswesen
entstanden? Heist es dann nicht, dass GOtt ein GOtt der Ordnung sei? und dass, wie
er durch dieselbe die ganze Welt regieret; also will er auch, dass eine jede
Obrigkeit den Staat, und ein jeder Hausvater sein Hauswesen regieren soll.
    Wenn wir alle nichts anders tun wollten, als lesen, beten, singen,
herumziehen und Versammlungen halten; was würde daraus vor eine Verwirrung
entstehen? wenn eine solche Lebens-Art die Freiheit der Frommen wär, so würden
sie der Erden ein Fluch und der menschlichen Gesellschaft zum Verderben sein.
    Ein jeder soll also seines Tuns warten, und einen ordentlichen Wandel
führen. Man kann deswegen doch dabei seine Andacht haben, gute Bücher lesen, und
mit seinen Hausgenossen täglich eine Sing- und Bet-Stunde halten. Dieses alles,
sagte ich, wär ganz gut, wenn es ohne Heuchelei und zu rechter Zeit geschähe.
Denn unser ganzes Leben müste in einem steten Zusammenhang der Andacht und der
Ausübung der Christlichen Pflichten bestehen.
    Ich sah, dass die Stirne meiner Basen sich gleichsam wieder aushellte, als
ich von Sing- und Bet-Stunden Meldung tat; denn sie machte sich nicht gern
viele Geschäfte in der Haushaltung; allein, Singen, Beten, Lesen und
Versammlungen halten, das war ihr Leben: sie liebte diese Dinge nicht aus einer
gewissen Wahl oder Absicht; sondern weil sie solche liebte, und wie man sonst
auf etwas fällt: sie gefiel dabei sich selber wohl, und hielt sich für so viel
besser als andere Leute.
    Kurz, meine Base erlaubte mir, nach so vielen Vorstellungen, auf einige Tage
ihren geistlichen Geschwister-Besuch abzuweisen, wenn ich ihr anders meine
Schwester wieder wollte ins Haus bringen und mit ihr des Abends Bet-Stunden
halten. Ich bewilligte beides mit dem grösten Vergnügen. Ich liess den andern Tag
meine Schwester wieder zurück kommen, und meinen Diener stellte ich vor das
Tor, um die gewöhnliche Visiten abzuweisen.
    Nachmittags nahm ich eine Gutsche und fuhr mit meiner Basen und meiner
Schwester in den Schloss-Garten spazieren: Jene machte allerhand Crimassen, den
Anblick der eitlen Welt wieder zu vertragen; sie wusste auch über die
unschuldigste Dinge etwas zu sagen: alle Leute waren in ihren Augen natürliche,
unbekehrte, unwiedergebohrne Menschen; ich brachte sie den Abend zu einer unsrer
Verwandten; da wir nach Hause kamen, speiseten wir ein wenig, und ich hielt
darauf mit ihnen und dem Haus-Gesind die versprochene Abend-Bet-Stunde.
    Ich las ein Capitel aus dem Neuen Testament, ich machte darüber einige
Anmerkungen; was ich nicht verstund, da bekant ich meine Unwissenheit: ich
ermahnte dabei meine Zuhörer zur Treue und Aufrichtigkeit vor GOtt und Menschen,
und dass sie in Glaubens-Sachen bei keinen blossen Meinungen sich aufhalten;
sondern einfältig in der Kraft des Glaubens zu wandeln, sich befleissen sollten:
wir beschlossen darauf diese Andacht mit einem Kirchen-Lied und einem kurzen
Gebet.
    Ich gewann endlich auch in so weit meinen Bruder, dass er der herumvagirenden
Heiligen müssig ging; weil er aber keinen Gefallen an dem Umgang mit der Welt
hatte, so überliess ich ihm unser väterliches Land-Gut, welches ungefehr zehen
Meilen weit von Königsholm an der Baltischen See gelegen ist. Wir drei
Geschwister teilten darauf auch unser übriges väterliches Erb-Gut: ich legte
meine Capitalien teils in die Königliche Bank, teils auf sichere Einsätze.
Mein Bruder aber zog mit meiner Basen und meiner Schwester auf sein Gut.
    Ich ging, meiner Neigung nach, in die weite Welt: meine Begierde allerhand
Menschen und Völker zu sehen, schien mir nicht zu ersättigen. Ich zog von Norden
nach Westen, von Westen nach Süden, und von Süden nach Osten. Ohn ein hitziges
Fieber, welches mich in Pannonien überfiel, als ich mit einem Brittannischen
Bottschafter auf der Reise nach Bisanza, der Haupt-Stadt der Ottomannen,
begriffen war, würde ich vermutlich einen grossen Teil von Asien
durchstrichen, und die übriggebliebene Denkmahle der Arabischen und Egyptischen
Altertümer in Augenschein genommen haben. Ich war bald wieder genesen, mehr
durch Hülfe meiner wirkenden Natur, als durch den Gebrauch der Arzneien.
    Der Krieg fiel darüber in Pannonien ein, ich tat deswegen ein paar
Feld-Züge unter einem gewissen vornehmen General, der mein Landsmann, und mit
mir etwas verwandt war. Ich hatte das Glück dabei, ein wenig Ruhm zu erlangen;
der König liess mir deswegen schreiben, ich sollte zurück kommen, er wollte mich
selbst in seinen Diensten brauchen: ich nahm also meinen Weg nach Haus.
    Es war im strengsten Winter, ich reisete über Schnee und Eis, und als ich
über den Belt setzen wollte, geriet ich in augenscheinliche Lebens-Gefahr: zwei
grosse Eis-Stücker kamen auf das Schiff, worinn ich war, angeflossen: ich
rettete mich zusamt dem Volk, so darauf war, auf den Boot, welchen wir auf das
Eis zogen: wir sahen kurz darauf die beide grosse Eis-Stücker zusammen stossen,
und hörten mit einem entsetzlichen Krachen unser Schiff zu trümmern gehen. Ich
war in einen guten Pelz gewickelt; ich legte mich samt dem geborgten Volk auf
Stroh, damit wir das Boot ausgefüllet hatten, und liessen uns in GOttes Namen
auf dieser schwimmenden Eis-Insul forttreiben. Wir fanden endlich, dass sie sich
nicht mehr bewegte, wir hatten damit Hoffnung an Land zu kommen.
    Es war Nacht: einige Boots-Leute machten sich Fackeln von Stroh, und giengen
bei nah eine gute Viertel-Meile auf dem Eise fort: es war abgeredt, uns ein
gewisses Zeichen zu geben, wenn wir ihnen nachkommen sollten: wir hörten diese
Losung, und machten uns darauf hinter unser Boot, welches wir immer weiter fort
stiessen, bis es Tag wurde: wir hatten uns stets Nord-wärts gehalten. Ein
anhaltendes Schnee-Gestöber hatte Erd und Meer für einander unkentlich gemacht.
Die sich an einander abgeschliffene Eissschollen hatten öfters einen Strich von
einer Höhe formiret, auf welche der Wind den Schnee so hoch zusammen getrieben,
dass man solches für ein Gestade hielt.
    Endlich sahen wir eine Kirch-Spitze und nechst derselben ein kleines Dorf:
wir leerten damit unsern Boot aus, und jeder schleppte, was er gerettet hatte,
auf das Land. Wir fragten die Einwohner, wo wir wären? sie nanten uns den Namen
einer kleinen Insul, von welcher wir, wie sie sagten, in einigen Stunden auf
Schlitten gemächlich über das Eis nach Nicopia kommen könten. Ich säumte mich
nicht, und liess mich mit diesem schnellen Fuhrwerk dahin bringen. Ich kam den
andern Tag nach Königsholm, und fand daselbst meine beide Geschwister wiederum
bei meiner Basen.
    Mein Vergnügen war ungemein, sie, nach so viel ausgestandener Gefahr, wieder
zu sehen: ich fand ihre Lebens-Art sehr geändert: meine Schwester fuhr nach
Hofe, mein Bruder ging mit den verständigsten Leuten um, meine Base empfieng in
ihrem Hause die ansehnlichste Besuche: alle lebten dabei auf eine ehrbare und
Christliche Weise; die meiste Gespräche, die bei den Besuchen vorfielen, waren,
wo nicht erbaulich, doch von unschuldigen Dingen: man hörte weder die Leute
durchlassen, noch über die Religion spotten; sie genossen der zeitlichen Güter
nach der Ordnung GOttes, und betrachteten solche als Gaben, darüber sie ihm
Rechenschaft geben müsten.
    Ich kam nach Hofe und wurde dem König vorgestellt: er liebte die Soldaten;
gelehrte Leute aber waren bei ihm in Verachtung: er hatte in seinen jungen
Jahren greuliche Pedanten zu Lehrmeistern gehabt; daher war ihm die Einbildung
geblieben, dass er meinte, die Gelehrten glichen allen seinen Lehrmeistern. Ich
weiss nicht, was dem König an mir gefiel: er schenkte mir, aus eigner Bewegung,
eine Hauptmanns-Stelle: dieses war etwas ganz ungewöhnliches; denn die gröste
Gnade, die er einem Jungen von Adel zu erzeigen pflegte, war diese, dass er ihm
eine Fahne gab, und musste man noch darzu von unten auf dienen: ich wurde von
allem befreit, meine in Pannonien getane zwei Feld-Züge wurden mir für getane
Dienste angerechnet.
    Ich hatte von Natur eine grosse Neigung zum Krieg: ich tat meine Dienste
mit Freuden, ich gedachte hier gutes zu stiften, und den gemeinen Meinungen,
welche statt der wahren Tapferkeit und Grossmut, die Unbarmherzigkeit, den
Frevel und die Toll-Kühnheit zur Tugend machten, allmählig durch den Sinn zu
fahren: ich furchte mich nur allein vor solchen Händeln, die auf einen Zweikampf
hinaus liefen: ich hielt solchen durchaus nicht für erlaubt: betrachtete ich ihn
von Seiten der Religion, so stund das Anatema darauf: hielt ich ihn gegen die
burgerliche Gesetze, so war er verbotten; urteilte ich davon nach der Vernunft,
so fand ich diese Handlung toll und unsinnig: prüfte ich solchen nach der wahren
Ehre, so bedünkte mich nichts schändlicher zu sein, als etwas zu tun, das wider
die Religion, wider die Gesetze und wider die Vernunft stritte: ich verabscheute
demnach eine Tat, die mir durchaus unchristlich, frevelhaft und närrisch
schien. Ich bat mir deswegen in solchen Fällen, die ich doch mit aller
möglichsten Sorgfalt zu vermeiden suchte, des Königs besondern Schutz aus, und
verursachte damit zugleich, dass die Duell-Verbotte bei uns sehr geschärfet
wurden.
    Nebst meiner Hauptmanns-Stelle, machte mich der König auch zu seinem
Cammer-Junker, dass ich mich also bei Hofe aufhalten musste: ich hatte bereits
meine fünf und zwanzig Jahre zurückgeleget, als meine Base und meine beide
Geschwister mich zu bereden suchten, dass ich mich verheiraten sollte. Ich war
bisher nach meinem freien Wesen, welches mir durch meine Reisen noch natürlicher
worden, mit allerhand Frauenzimmer umgegangen; ich hatte aber keines darunter
gefunden, welches meinem Herzen eine wahrhafte Leidenschaft geben konnte.
    Ich liebte etwas grossmütiges und zärtliches: Unsere blanke Nordische
Gesichter hatten wenig von dieser Gemüts-Art: sie waren wohl schön genug; es
mangelte ihnen aber an Geist. Ich konnte mich dabei nicht lang aufhalten: mein
Herze blieb gar zu ruhig, und ich stund in dem Wahn, wenn ich mich heiraten
sollte, so müste es aus Liebe geschehen. Diese Einbildung kam mir hoch zu stehen.
    Meine Base hatte eine junge Anverwandtin, Namens Philirene: sie war
eigentlich aus einem Cattischen Geschlecht: sie hatte alle Zärtlichkeiten der
Liebe, samt dem geistreichen Feuer einer Aquitanerin. Meine Base riet mir,
diese Schönheit nicht aus Händen zu lassen, um so vielmehr, weil sie bei ihren
vielen reitzenden Eigenschaften auch dermahleins ein grosses Vermögen von ihren
Eltern zu gewarten hatte; allein, es sei, dass ich zu derselben Zeit noch die
Freiheit zu sehr liebte, und also keine Lust hatte, eine Frau zu nehmen: ich
schlug wenigstens darauf keine ernstliche Gedancken; ehe ich michs versah,
hohlte sie ein andrer weg, und ich dachte nicht daran, dass es mir sollte leid
tun.
    Eine gewisse ausländische junge Gräfin kam unterdessen mit ihrem Vater nach
Hofe. Die Neuigkeit rührte mich: sie gefiel mir, sobald ich sie sah: sie war ein
einziges Kind und eine grosse Partie; es fanden sich Freunde, die uns zusammen
bringen wollten; allein ich zauderte auch hier, und wollte meinen Roman nicht da
anfangen, wo andre den ihrigen endigen.
    Philirene hatte ihren Mann noch kein Jahr gehabt, so ging er mit Todt ab;
sie wurde also eine junge zwantzig-jährige Wittbe. Dorante, einer meiner besten
Freunde, hatte sie schon vor ihrer Heirat geliebt; weil er aber gewisser
Geschäften halber nach dem Gedanischen Hof verreisen musste, und sich nicht
einbildete, dass sie sobald sich verheiraten würde, so hatte er derselben
damahls seine Neigung nicht völlig zu erkennen gegeben. Er war unstreitig einer
der artigsten Edelleuten: er sah wohl aus, besass grosse Güter, und hatte, etwas
so einschmeichelndes und verführisches in seinem Wesen, dass er sich bei einer
Dame nur zeigen durfte, wann er ihr gefallen wollte.
    Dieser vernahm nicht so bald, dass Philirene war eine Wittbe worden, so
eröfnete er mir seine Neigung für dieselbe; wir hatten wochentlich Briefe von
einander: er übersandt mir ein Schreiben an sie, darin er ihr sein Beileid über
den frühzeitigen Verlust ihres Gemahls bezeigte. Ich hatte bei derselben einen
freien Zutritt, ich überlieferte ihr den Brief von Dorante, und vergass nicht,
alle dessen gute Eigenschaften aufs beste herauszustreichen. Philirene
antwortete mir darauf jederzeit sehr kaltsinnig; und gab mir zu verstehen, dass
diejenige Hochachtung, die sie für mich hätte, nicht eben sich auch auf meine
Freunde erstreckte. Dieser Vorzug rührte mich: ich sah mich in Gefahr, sowohl
meinem Freund, als meiner Geliebten untreu zu werden. Ich setzte mich zwar einer
solchen Regung mit aller Macht entgegen, und empfand unterdessen die gröste
Marter einer doppelt-gefassten Liebe. Das Verhängnis richtete endlich die Sachen
dahin, dass ich, ohne der einen untreu zu werden, der andern mein Herze schenken
konnte. Der Graf von ** versprach seine Tochter einem der vornehmsten Cimbrischen
Herren; er wusste nichts von unser beider Verständnis: der König selbst hatte die
Heirat gemacht: es währte nicht vierzehen Tage, so wurde sie vollzogen, und die
Gräfin von ihrem jungen Gemahl nach Cimbrien gebracht.
    Die Freundschaft mit Dorante bestritte demnach noch allein meine Liebe für
Philirenen; es setzte damit weit mehr Hindernis. Ich war nicht entschlossen,
etwas zu ihrem Nachteil zu tun: ich suchte auf alle Weise Doranten in den
Augen dieser Schönen schätzbar und annehmlich zu machen; allein, ich richtete
dadurch nichts anders aus, als dass sie mir desto mehr Gunst bezeigte.
    Dorante kam darüber von seiner Reise zurück: ich entdeckte ihm meine
zurückgegangene Heirat mit der Gräfin von ** Er erschrack darüber: ich kenne,
sagte er zu mir, euer Herz, es kann nicht wohl müssig sein: es muss eine
Beschäftigung haben. Lasset mir nur Philirenen. Im übrigen so mögt ihr alle
Schönen in der ganzen Welt lieben. Ich errötete über diese Worte: ich war zu
ehrlich, um mich zu verstellen: ich nahm deswegen ein ernstaftes Wesen an, und
riet meinem Freund, einen andern, als mich, zum Unterhändler seiner Liebe zu
machen.
    O Himmel! rief hier Dorante voller Bestürzung aus: was hör ich? Solte wohl
mein bester Freund, dem ich alles in der Welt anvertrauet habe, an mir zum
Verräter werden? Solte wohl der redlichste Mensch in der Welt mich hintergehen
können? Auf keinerlei Weise, liebster Dorante, erklärte ich mich; ich bin zur
Aufrichtigkeit geboren: es ist wahr, ich finde Philirenen Liebens-würdig;
allein, ich werde deswegen nichts wider unsere Freundschaft tun: ich fügte
hinzu, dass ich, um ihn dessen zu überzeugen, eine Zeitlang auf das Land zu
meinem Bruder gehen wollte.
    Dorante, als er sah, dass ich ihm dieses in Ernst sagte, wollte mir nicht
weniger Grossmut zeigen: er schloss mich in seine Arme: mein wertester
Greenhielm, sprach er, ich kenne euch allzuwohl, ihr würdet Philirenen nicht
lieben, wo sie euch nicht liebte. Bleibet nur: ich sehe mein Unglück, lasset
mich nicht zum Sieges-Zeichen eures Triumphes dienen.
    Es äusserte sich hier ein Streit zweier Freunden, mit welchen man die
Schauspiele auszieren könnte: an statt des Hasses und der Eiffersucht, die in
dergleichen Fällen sich ereignen; so behauptete einer des andern Vorzüge, und
erklärte ihn für würdiger, die Gunst der schönen Philirenen zu erhalten. Wir
beklagten die Vollkommenheit unserer Freundschaf, die sich auch allhier bei uns
in dem zärtlichsten Umstand von der Welt, durch eine unglückliche
Ubereinstimmung der Gemüter offenbahrte: wir waren nicht gesonnen, über die
Liebe unsere Freundschaft zu brechen: wir meiten die gröste Untreu zu begehen,
wenn wir nicht fortführen, gegen einander gleich aufrichtig zu sein. Wir
entschlossen uns also beide zusammen zu Philirenen zu gehen, derselben unsre
Neigungen zu entdecken, und von ihr selbst den Ausspruch unseres Glückes zu
erwarten. Ein jeder von uns beiden, sagten wir, hat es jederzeit für eine grosse
Torheit gehalten, eine Person zu lieben, die uns einen andern vorziehet: lasset
uns also Philirenen unter uns beiden wählen, und ohne Eiffersucht das Glück
unsrer Liebe ihrem Ausspruch unterwerfen.
    Wir liessen uns hierauf bei Philirenen melden; ein jeder hatte sich aufs
prächtigste gekleidet; wir waren beide von unserer Eigen-Liebe aufgebracht: die
Grossmut, und die Freundschaft wurden gleichsam auf eine Zeitlang von uns
beurlaubet. Philirene empfieng uns beide mit gleicher Höflichkeit. Unsere Augen
spielten auf sie, und wollten in den ihrigen die Entscheidung unseres
Verhängnisses lesen. Die Liebe gab uns Geist und Beredsamkeit. Ein jeder mahlte
seine Empfindungen mit fremden Farben ab: man stellte sich selbst unter einer
andern Gestalt vor. Ich erzehlte eine Geschichte, die zweien guten Freunden
begegnet wär, und diese Geschicht war unsere eigene. Philirene verstund alles;
sie erklärte ihre Meinungen; ohne dadurch den Wohlstand ihrer Trauer zu
verletzen: wir verstunden sie gleichfalls: Dorante war darüber misvergnügt:
Philirene, sprach er zu mir im Weggehen, hat ihr Geheimnis stark verraten: die
Freundschaft, die sie ganz offenherzig für euch bekennet, ist nur ein Schleier,
darunter ihre Schamhaftigkeit die gröste Liebe verstecket. Seine Empfindungen,
seine Schmerzen und seine Klagen waren darüber so lebhaft, dass sie mir durchs
Herze schnitten.
    Die Liebe zu Philirenen hatte mich noch nicht so sehr bemeistert, dass ich
nicht mich stark genug gefunden hätte, solche nach meinem Willen zu beherrschen:
das unzertrennliche Band der Ehe machte mir noch immer ein heimliches Grauen:
ich liebte meine Freiheit, und war Doranten mit äusserster Freundschaft
verbunden. Ich konnte mir es nicht verzeihen, dass er um meinetwillen in seiner
Liebe unglücklich sein sollte: kein Mensch auf der Welt schien mir würdiger
geliebt zu werden; und ich schwöre, dass ich, aller Eigenliebe ungeacht, so viel
Demut behalten hatte, ihn mir selbst vorzuziehen. Nichts schien mir gerechter
zu sein, als ihm Philirenen zu überlassen, und mich deswegen auf eine Zeitlang
von Königsholm wegzubegeben.
    Ich machte wirklich Anstalten zu verreisen, als Philirene meine Base
besuchen kam: diese sagte ihr von meinem Vorhaben; mit dem Zusatz, dass niemand
wüste, wo ich hinwolte: dieses war genug, Philirenen aufs äusserste neugierig zu
machen. Sie hatte vermutet, mich bei meiner Basen zu sehen; ich war aber, um
ihre Gegenwart zu meiden, nicht zu ihr gekommen. Diese Kaltsinnigkeit, wie auch
die Nachricht, dass ich verreisen wollte, verursachten bei ihr allerhand Gedanken.
    Einige Tage darauf ging ich zu Philirenen, um von ihr Abschied zu nehmen:
sie fragte mich, wo ich hin wollte? ich machte ihr daraus ein Geheimnis, welches
sie zu erforschen um desto begieriger wurde. Die List scheinet dem weiblichen
Geschlecht natürlich zu sein; sie begunte mir im grösten Vertrauen von ihren
eignen Angelegenheiten Nachricht zu geben; und wusste dabei, mit der
künstlichsten Art, die Reden so zu wenden und zu drehen, dass sie auf ein Fragen,
warum, und wohin ich verreisen wollte, hinaus liefen.
    Ich entschuldigte mich, dass ich ihr darüber nichts gewisses sagen könnte.
Dieses muss ein sonderbahres Geheimnis sein, erwiederte sie: allem Vermuten
nach, wird wohl eine fremde Schönheit die Ursach von dieser Reise sein. Ich
meinte, setzte sie mit einem zärtlichen Auge hinzu, unsere Freundschaft wär so
gross, dass ich mir dieses Geheimnis zu wissen, ausbitten dürfte? Unsere
Freundschaft selbst, unterbrach ich, würde vielmehr darunter leiden. Und wie
sollte das zugehen? forschte sie weiter, weil mir solches, versetzte ich, dero
Ungnade zuziehen würde. O! fuhr sie darauf heraus, wenn es nichts anders ist,
als dieses, so redet, was ihr wollet, ich kann euch, lieber Vetter, nichts übel
nehmen.
    Dieses war so viel, als mein Geheimnis mit einer süssen Gewalt mir vom Munde
reissen. Lasset, werteste Base, lasset einen Undankbaren, sagte ich mit der
grösten Bewegung, der die Schwachheit begangen hat, die unvergleichliche
Philirene für einen andern zu bestimmen; da doch ihre Vollkommenheiten sein
eigen Herz hätten einnehmen sollen. Eure Augen, schönste Base! haben mich dafür
gestrafet, und die meinige werden den Fehler büsen; indem sie euch nicht mehr
sehen sollen.
    Philirene wurde ganz ernstaft auf diese Erklärung: sie wollte sich das
Ansehen geben, als ob sie durch eine so freie Entdeckung meiner Liebe sich
beleidiget fand. Sie sagte, dass die Betrachtung ihrer hohen Trauer mich hätte
zurück halten sollen, ihr von dergleichen Dingen zu reden. Ich entschuldigte
mich mit ihrem Befehl, und dass sie mir versprochen hätte, nichts übel zu nehmen:
sie erinnerte sich dessen, und sagte mir mit Lachen, dass ihr meine Ursach zu
verreisen sehr abenteuerlich vorkäm. Sie versicherte mich, wo ich keine andere
hätte, als diese, dass ich besser tun würde, meine Reise einzustellen. Weil
Dorante sich um sie allezeit vergeblich bemuhen würde.
    Sie stellte sich dabei, als ob sie nicht glauben könnte, dass es mein Ernst
wär, sie zu lieben: die Zeit, sprach sie, würde mich bald wieder anders reden
machen. Dieses Misstrauen war mir genug, was hätte sie mehr sagen sollen? sie war
noch kaum drei Monat eine Wittbe. Nur Dorante dauerte mich: ich hatte für ihn
alles getan, was in meinem Vermögen war; mehr kont ich nicht.
    Nach einigen Tagen ging ich wieder zu Philirenen: ich fand sie gegen das
vorigmahl ziemlich kaltsinnig: sie war beschämt, dass sie sich bei ihrer letzten
Unterredung zu weit gegen mir bloss gegeben hatte: sie wollte deswegen den
Wohlstand wieder retten: sie gebott mir, nichts mehr von der Liebe zu reden: ich
sollte mich mit ihrer Freundschaft begnügen. Ich war mit ihr noch in einem
starken Wort-Wechsel, als man ihr ein Packet brachte, welches sie, ohne es zu
eröfnen, mit einer unachtsamen Mine vor mir auf den Tisch hinlegte.
    Ich warf darauf die Augen, und beobachtete des Dorantens Pittschaft: ich
wurde darüber bestürzt, und wusste nicht, was ich sagen sollte.
    Philirene sah mich an und lächelte. Nicht wahr, mein guter Vetter, sagte
sie, ihr verwundert euch über meinen Brief-Wechsel mit Doranten? Ich bekräftigte
ihre Mutmassung. Sie erzehlte mir, wie dieser vor einigen Tagen sie hätte
bitten lassen, ihr eine gewisse gedruckte Schrift, welche das Geschlecht ihres
vorigen Gemahls beträffe, zu lehnen; sie hätte keinen Vorwand gehabt, ihm diese
Gefälligkeit abzuschlagen: er schickte ihr solche nun wieder, das wär alles.
Dorante, war meine Erinnerung, wird nicht ermangeln, seine Danksagung dafür in
diesem Packet abzustatten, weil er solches gewiss in keiner andern Absicht
verlanget hat, als um dadurch eine Gelegenheit zu bekommen, einen Brief mit
beizuschlagen. Ich will euch, meine Base, fuhr ich fort, nicht verhindern,
denselben durchzulesen, und so lange mich nach eurem Cabinet verfügen. Wenn ihr
diese Meinung habt, sagte sie, so öfnet selbst das Packet, und leset den Brief,
welchen ihr darin vermutet.
    Ich liess mir dieses nicht zum andernmahl sagen: ich riss die Siegel auf, und
fand, nebst der gedruckten Schrift, einen überaus nett und wohl-geschriebenen
Brief; in welchem Dorante seine Liebe auf das geistreichste und beweglichste
vorstellete; zugleich aber auch über meine Untreu sich zum heftigsten
beschwerte. Diese Beschuldigung ging mir nah; ich meinte solche nicht verdient
zu haben: ich war Doranten auf vielfältige Art verbunden; und es schien mir
unerträglich, dass er mich für undankbar halten sollte. Philirene suchte mich
dieser Zärtlichkeit halber zu trösten; indem sie mir zu erkennen gab, dass es
nicht in meiner Macht stünd, ihr Herz, wem ich wollte, zuzuwenden.
    Nachdem sechs Monate, seit dem Absterben ihres Gemahls, verflossen waren,
machte sie sich kein Bedenken mehr, sich mit mir zu versprechen. Sie befahl mir
aber, unser Bündnis vor allen Menschen so lang geheim zu halten, bis die Gesetze
des Wohlstandes uns erlauben würden, solches bekant zu machen. Wir sahen
unterdessen einander fast täglich. Ein Jahr verfloss auf diese Weise.
    Es hatte sich unterdessen in unserer Liebe eine grosse Hindernis ereignet.
Der Vatter von Philirenen wollte das mit seiner Tochter getroffene Bündnis
durchaus nicht gut heissen: er hasste mich so sehr, als mich seine Tochter
liebte. Er war ein rauher und eigensinniger Mann.
    Einsmahl, da Philirene bei ihm war, und mit der äussersten Demut ihn um
seine Einwilligung in unsere Heirat ersuchte, liess er sich von seinem Zorn
dermassen übernehmen, dass er ein Messer bei der Tafel ergriff, und, indem er ihr
solches zeigte, sie bedrohete, ihr lieber den Hals damit abzuschneiden, ehe er
zugeben wollte, dass sie meine Frau werden sollte.
    Sie wurde darüber vor Schrecken krank, und gab mir den folgenden Tag davon
Nachricht: sie druckte mir dabei ihre Schmerzen mit so lebhaften und beweglichen
Worten aus, dass ich mich an ihrem Vater im ersten Eifer würde gerochen haben,
wenn er nicht ihr Vater gewesen wär.
    Sie erfuhr indessen, dass der König mich beständig verlangte bei Hofe zu
haben; und dass er zu dem Ende mit der Tochter eines seiner ersten Stats-Räten,
welche bei der Königin war, mich verehligt sehen wollte. Dieses machte Philirenen
ein grosses Nachdenken: es verdross sie, dass ich ihr solches verschwiegen hatte:
sie wollte alle Umstände davon wissen: ich sagte ihr solche, und sie erklärte
sich darauf, dass sie mich durchaus nicht von einem weit würdigern Glück, als ich
bei ihr zu hoffen hätte, abhalten wollte: sie tat auch von derselben Zeit an
würklich kaltsinniger gegen mir, um mich desto eher zu bewegen, das mir
angebotene Glück nicht auszuschlagen. Wir sprachen darüber mit der grösten
Gelassenheit, und weil der Hof damahls sich abwesend auf einem der Königlichen
Lust-Schlösser befand, so sollte ich dahin reisen.
    Es vergiengen acht, es vergiengen vierzehen Tage, und ich konnte mich darzu
noch nicht entschliessen: endlich ging ich zu ihr, in Meinung von ihr Abschied
zu nehmen. Die Art, mit welcher sie in meine Reise nach Hof willigte, hatte
etwas so gleichgültiges und trockenes, dass ich mich dadurch beleidiget fand: ich
beklagte mich deswegen bei ihr; sie schien mir darüber unbewegt: sie antwortete
mir mit einer solchen Kaltsinnigkeit, die mir den Frost in die Glieder, und die
Wut ins Herze jagte: ich sagte ihr darauf alles, was einem der Zorn, die Rache
und die Verzweiflung in den Mund zu geben pflegt; ich schalt sie eine
Wankelmütige, eine Ungetreue, eine Meineidige: sie hörte mich gelassen an, sie
sagte kein Wort: ich fuhr in meinem tobenden Eifer fort, ihr mein Bildnis, meine
Briefe, und was sie sonst von mir empfangen hatte, abzufordern. Sie langte
darauf ein Kästgen, eröffnete darin verschiedene kleine Behälter, und legte mir
daraus alles vor die Augen auf den Tisch.
    So bald erblickte ich nicht diese zärtliche Unterpfänder unsrer Liebe, so
verliessen mich die Sinnen: meine Augen starrten: mein Mund konnte sich nicht
mehr bewegen, und der Schmerz erstickte mir gleichsam die Brust. Ich fiel auf
einen Sessel und wusste nichts mehr von mir. Philirene war darüber vor Angst und
Schrecken ausser sich: sie nahm mich in ihre Arme: sie schrie, sie weinte, sie
bat, ich solt ihr verzeihen, sie schwur, dass sie mich weit heftiger, als jemahls
liebte, und dass sie ohne mich nicht leben könnte. Ich schlug die Augen wieder
auf; ich weiss nicht, dass ich je geweinet hatte; hier aber stürzte sich auf
einmal ein ganzer Strohm von Tränen aus meinen Augen. Philirene versprach mir
hierauf, Himmel und Erden zu bewegen, um ihres Vaters Einwilligung zu unsrer
Heirat zu erlangen.
    Wir entdeckten unsern Zustand einem von unsern Verwandten, der bei demselben
vieles galt: er ging hin, und tat demselben unsertwegen einige Vorstellungen.
Er fand bei ihm nicht nur Gehör, sondern auch so wenig Widerspruch, dass er uns
Hoffnung machte, wie sich alles nechstens nach unserm Wunsch fügen würde. Wir
waren über eine so gute Bottschaft vor Vergnügen ausser uns. Niemahls hat man
eine so lebhafte Freude empfunden; allein, unsere Glückseligkeit war zu gross, um
lang zu dauern.
    Philirene fuhr einige Tage darauf zu ihrem Vater; sie hofte ihn nun ganz zu
gewinnen: sie hatte bei sich die stärkste Beweg-Gründe abgefasst, allen dessen
Einwürfen zu begegnen: sie meinte nicht, dass ihm noch das geringste im Weg
bleiben sollte; allein, es kam zwischen ihr und ihm zu keiner solchen Erklärung.
Er schmiss alle ihre Vorstellungen mit einem ungestümmen Zorn darnieder. Er
schalt nicht nur auf unsre Liebe; sondern belegte auch solche mit dem
allergräslichsten Fluch. Alles Einreden war vergebens; er hörte sie nicht, als
um seiner Wut desto mehr Raum zu lassen.
    Philirene wurde dadurch erschüttert: sie verlohr auf einmal allen Mut. Die
grauen Haare ihres ergrimmten Vaters machte ihr zartes Herze beben. Siehe,
sprach er zu ihr, indem er ihr solche mit einer mehr vor Eifer, als Alter
zitterenden Hand zeigte, diese wirst du mit Gram unter die Erde bringen, und du
wirst dafür die traurige Schicksale eines Kindes erleben, welches den Tod seines
Vaters verursachet.
    Philirene kam darauf mehr sterbend als lebend wieder nach Haus. So bald sie
sich ein wenig erhohlet, schrieb sie mir einen langen Brief, worinn die
allerstärkste Leidenschaften, die jemahls ein zärtliches Gemüt empfunden hat,
auf das lebhafteste ausgedrücket waren. Ich wusste nicht, wie mir war, als ich
davon die erste Zeilen las: ich konnte vor heftiger Bewegung denselben kaum
auslesen: die äusserste Liebe war darin dem Gehorsam eines Kindes entgegen
gestellet. Pflicht, Gottesfurcht und Entsetzen, zerrissen hier die allerzärteste
Bande des Herzens, und stürzten sich endlich in eine andächtige Verzweiffelung
aus. Sie schloss mit diesen Worten:
    Lebet wohl / mein Geliebter / und wo ihr mir noch das letzte Kennzeichen von
eurer Neigung geben wollet / damit ihr mich über alle Verdienste erhoben; so
bittet GOtt / dass er diejenige bald von dieser Welt nehmen wolle / welche die
unglückseligste von allen Kreaturen ist.
    Ich wusste bei diesem Zufall nicht, ob ich mich über den Himmel, über
Philirenen oder über mich selbst beklagen sollte. Die Abwechselung und der
Widerspruch meiner Affecten riss mein Gemüt in die äusserste Verwirrung: meine
Empfindungen darüber waren so unordentlich und heftig, dass sie alle
Ausdrückungen überstiegen. Ich hielt mich dabei auf eine Art beleidiget, welche
nur allein der grösten Wut bei mir die Oberhand liess. Gerechter Himmel! ach!
verzeihe hier die Ausschweiffungen eines damahls zu sehr aufgebrachten Gemüts.
Ich hätte die ganze Sache mit Glimpf und Bescheidenheit vermitteln können: ich
hätte durch ein zartes Mitleiden die unschuldige Philirene bei den heftigen
Verfolgungen eines grausamen und unerbittlichen Vaters trösten, und ihren ganz
darniedergeschlagenen Mut wieder aufrichten sollen; allein, ich hatte damahls
keine Uberlegung: ich war noch jung, feurig, hochmütig und ein schlechter
Christ.
    Ich setzte mich also voller Zorn und Verachtung nieder, und schrieb an
Philirenen eine Antwort, welche mir nur allein diese beide Affecten in die Feder
gaben: dieses war noch nicht genug: ich sandt ihren ganzen Brief in Abschrift an
ihren wider mich erbosten Vater, und begleitete solchen mit den
allerspöttlichsten Anzüglichkeiten.
    Philirene geriet über diese unwürdige Merkmahle meiner Verachtung in einen
Zustand, dass man nicht anders glaubte, als sie würde darüber des Todes sein.
Meine Base, die sie besuchte, um bei ihr sich zu erkundigen, was uns beide zu
einem so unglücklichen Bruch Anlass gegeben hätte, sagte mir bei ihrer
Zurückkunft: dass Philirene sterben würde, und dass ich daran Ursach wär.
    Philirene wurde nichts destoweniger wieder besser: und ich ging nach Hofe:
ihr Vater starb einige Monate hernach: er wollte seine Tochter vor seinem Ende
noch versorget sehen: er versprach sie deswegen auf seinem Todtbett mit einem
andern; und als er dieses, seiner Meinung nach, erbauliche Werk gestiftet hatte,
verschied er. Philirene hielte sich durch dieses Bündnis zu nichts verpflichtet.
Sie begab sich in die Einsamkeit, auf das Land, und starb einige Jahre darauf in
dem Geruch der reinsten Andacht. Ich vernahm ihren Tod mit äusserster Betrübnis,
und tat ein Gelübde, mich nimmer zu heiraten.
    Ich hatte unterdessen mein Glück bei Hofe verscherzet. Ich tat deswegen
eine Reise an auswärtige Höfe, und erhielt von dem König, dass mir gewisse
Geschäfte daran zu tractiren anvertrauet wurden. Es erhub sich nachgehends auch
ein Krieg mit unsern Nachbarn, den Gedanern: ich wurde zurück gefordert, und
musste einigen Feldzügen mit beiwohnen.
    Weil ich nicht viel schmeicheln, noch mich den Grossen bei Hofe
niederträchtig unterwerfen konnte, so stund ich vielmahl in Gefahr, bei dem König
in Ungnade zu fallen; ich wurde auch etlichmahl bei den Beförderungen der hohen
Kriegs- und Hof-Aemter vorbei gegangen. Dieses sowohl, als der Betrug und die
Falschheit der Menschen, die ich täglich mehr erkennen lernte, machte mich an
meine Ruh denken. Ich war wirklich schon im Begriff, den Hof zu verlassen und
mich auf das Land zu begeben; als der König mir das Commando über diejenige
Völcker auftrug, welche er den Licatiern gegen die Aquitanier zu Hülfe gesandt.
    Ohne einen so grossmütigen Erretter, endigte hier der Herr von Greenhielm
seine Geschicht, indem er seine Worte an den Grafen von Rivera richtete, hätte
ich in diesem Feldzug das Ziel meines Lebens gefunden.
 
                                Das neunte Buch.
Nachdem der Herr von Greenhielm seine Erzehlung geendiget hatte, bewunderte der
Graf die Eigensinnigkeiten der Liebe, und den besondern Character der Philirene.
Der Herr von Riesenburg aber sagte, dass ihm die Liebes-Historie des Bruders
Christophs noch besser gefallen hätte. Dieselbe macht mich, fuhr er fort, an
meinen ehmahlig andächtigen Hofmeister gedencken, der auch vom Schlag dieser
Leute war; ich will meinen Herrn solche erzählen:
    Ich war ungefehr 18. Jahr alt, als ich mit diesem andächtigen Menschen auf
die hohe Schul nach Argentea kam: wir machten eine abenteuerliche Figur mit
einander: er schlug die Augen immer vor sich nieder, redete nie, ohne vorher zu
seufzen, und sah bei seinen demütigen Gebehrden so finster aus, dass man immer
meinte, er würde einschlafen; nun setzen sie mein Bildnis neben dieses, so
werden sie finden, dass wir ein recht artiges Paar müssen ausgemacht haben: mein
natürliches Wesen litt unterdessen einen nicht geringen Zwang unter der
Anführung eines Menschen, dessen Eigenschaften von den meinigen so weit
entfernet waren; ich ehrte nichts destoweniger in ihm die Wahl meines Vaters,
der mir solchen zum Aufseher mit gegeben hatte; und würde mich gern, ihm zu
gefallen, ein wenig verstellet haben, wen ein Gemüt wie das meinige / darzu
geschickt wäre.
    Ich läugne ganz nicht, dass ich mich gerne lustig mache wenn es ohne
Verletzung der Ehrbarkeit geschehen kann. Nach meiner Meinung ist der Mensch mehr
zur Freude und zum Vergnügen, als zur Traurigkeit geboren. Mein Hofmeister
glaubte das Gegenteil, und ein jeder bezeigte sich hierinn nach seinem
Temperament.
    Ich verliebt mich damahlen in eine junge Gräfin: diese Neigung aber hatte
nichts von einer grossen Leidenschaft. Wir gefielen uns nur, und hatten ein
Vergnügen, uns solches einander zu sagen. Dieses schmeichelte ein wenig unsrer
kleinen Eitelkeit. Die Annehmlichkeiten ihrer Person rejetzten mich mohl, ihr
einige Liebkosungen zu machen; allein, die Ehre und ein bissgen Tugend, welche
ich liebte, setzten unsern weitern Begierden ihre Grenzen, und hielten uns von
den unglücklichen Ausschweiffungen der Liebe zurück.
    Diese junge Gräfin hatte eine Hofmeisterin, die auch eine von den
andächtigen Leuten war, welche viel von Verläugnung der Welt, von der
Creutzigung des Fleisches, und von dem pur innern geistlichen Leben zu sprechen
wusste: sie war schon weit über die dreissig hinaus, und nah an den Jahren der
Verzweiflung, ihre noch übrige Begierden durch das Sakrament der Ehe, ohne Sünde
zu vergnügen: sie war in ihrer Meinung dermassen bekehrt, dass sie es nicht für
möglich hielt, in eine kleine Liebes-Schwachheit zu verfallen. Mein Hofmeister,
der auch für nichts anders als einen Wiedergebohrnen wollte angesehen sein,
machte mit ihr Bekantschaft: diese fromme Leute empfanden bald für einander eine
innigste Hochachtung. Die Gleichheit vereiniget die Naturen aller Geschöpfe,
warum nicht auch die Andächtigen? die Herzen unserer beiden Hofmeisterschaft
branten weit heftiger, als diejenige der Welt-Leuten: die geistliche Liebe hatte
solche entzündet: die Arbeit des Cörpers in den Geist ist nicht so starck, als
die Arbeit des Geistes in den Cörper, das macht, weil der Geist durch nichts
anders als die Einbildungs-Kräfte wirken kann: werden nun diese erhitzt und rege
gemacht, so stehet die Materie unter dem Gehorsam.
    Unsern beiden Verliebten war es auch so; der Anfang ihrer Liebe war ganz
geistlich, wann sie alleine waren, so druckten sie sich einander zum Zeichen
ihrer zärtlichen Herzens-Freundschaft an die Brust: der Gräfin Hofmeisterin trug
solche allezeit bedeckt; doch so bedeckt, dass leicht die geringste Bewegung das
Halstuch ein wenig verrücken, und beide über die Entblösung eines kleinen
Fleckgens konnte seufzen machen. Diese Bewegungen kamen oft. Bei dem Umarmen
setzte es auch Küsse; aber Küsse in aller Andacht: keine Schwachheiten: wenn es
ihnen beliebt, wer wollte so böses denken? sie küssten einander nur die beide
Backen. Zuweilen machte es wohl bei ihr eine kleine Schamröte, wenn der Freund,
im Feuer der Liebe, des einen Backens verfehlte, und von ungefehr neben auf den
Mund ausglitschte. Der Weg, wie sie wissen, ist in dieser Gegend etwas unsicher;
man verirrt sich leicht. Wenn dieser Irrtum sich zutrug, so bat er die Schöne
sogleich um Vergebung, und küsste ihr dafür die Hand. Sie wurden dadurch in dem
innersten bewegt: diese Bewegung hemmte ihre Sprach; sie blieben oft ganz stumm
beisammen: ihre Herzen waren geprest, sie mussten stark Atem holen, und dieses
liess natürlich, als ob sie seufzten. Bei diesem anhaltenden Stillschweigen
besprachen sich die Augen: denn diese sind die Sprach der Geister. Was sie sich
einander mögen gesagt haben / ist mir unbekant: sie begriffen es selbst nicht
recht: sie spürten davon nur die Wirkung: die Brust war beklemmt, der Puls ging
schneller, der Mund war trocken, und ein inwendiger Brand drohete sie zu
verzehren. Sie wollten vermutlich keines so grausamen Todes sterben: was aus
heftiger Liebe geschiehet schlossen sie bei sich selbst, das kann nicht böse
sein. Kurz, nach einem halben Jahr hiess es, der Gräfin Hofmeisterin wär
schwanger.
    Man schaffte sie hurtig aus dem Hause: niemand hatte Anfangs den frommen
Menschen, meinen Hofmeister, darüber in Verdacht. Das arme Mägden konnte es gar
nicht begreiffen, wie es wär zugegangen: sie sagte, sie wär bezaubert worden:
sie liess sich solches nicht ausreden; und ich hätte die Wahrheit von dieser
Geschichte nimmer erfahren, wenn nicht diese unglückselige Liebhaberin in ihrem
äussersten Elend zu mir ihre Zuflucht genommen hätte, ihr mit ein wenig Geld an
die Hand zu gehen. Weil mir die junge Gräfin schon etwas von der Vertraulichkeit
meines Hofmeisters mit ihrer Gubernantin entdeckt hatte, und allentalben das
Gespräch ging, dass er dieselbe zum Fall gebracht hätte, so verfügte ich mich
heimlich selbst zu ihr in ein elendes abgelegenes Häusgen, und wollte ihr nicht
eher meinen Beistand zeigen, bis sie alles haarklein mir würde gebeichtet haben.
    Sie wollte lange nicht mit der Sprach heraus, sie sagte immer, der Satan wär
mit im Spiel gewesen; es wär nicht natürlich zugegangen; allein, ich liess mich
damit nicht abweisen. Kurz, die Not machte sie schwätzen; sie nante mir mit
Tränen und Hände-ringen meinen Hofmeister. Wie bestürzt wurde ich nicht
darüber, als ich hörte, dass dieser ehrbare Mensch das Werkzeug dieser
übernatürlichen Zauberei sollte gewesen sein. Ich konnte ihn nicht mehr vor meinen
Augen sehen; nicht deswegen, weil er gesündiget hatte, dieses hätte mich zum
Mitleiden bewogen; sondern, weil er durch seine Scheinheiligkeit GOtt und
Menschen zu betrügen suchet.
    Ohnerachtet aller Beweis auf ihn fiel und ihn völlig überzeugte; so läugnete
er doch beständig: er schalt auf Verläumdung und böse Mäuler, und setzte seine
Heuchelei also noch immer fort. Ich berichtete unterdessen diese Begebenheit
meinem Vater. Wir mussten darüber wieder zurück nach Hause kehren, nachdem ich
nicht viel über zwei Jahr in Argentea gewesen war. Mein Vater verwies meinem
Hofmeister seine Aufführung, und gab ihm hernach seinen Abschied.
    Der Herr von Greenhielm lenkte hierauf das Gespräch auf die Religion: Es ist
leider, sprach derselbe, auch darin eine gewisse Mode: neue Meinungen und
Lehren haben jederzeit die Menschen wie die neue Kleidertrachten zur Nachahmung
verleitet. Dieses kommt vermutlich daher, weil die wenigste wissen, worinn
eigentlich der Grund der Religion bestehet; das unerbauliche Gezänk in der
Kirchen verwirret solche noch immer mehr und mehr. Ein jeder hält sich selbst
für klug: er will andere bekehren und unterweisen, und hat doch nichts als seine
eigene Einbildung, damit er seine vermeinte Gaben kann rechtfertigen.
    Ich habe neulich in einem Buch, sagte der Graf von Rivera, eine artige
Geschicht gelesen, die sich nicht übel hieher schicket: Ein frommer Nazarener,
der die Wahrheit liebte, solche aber in der Aufführung der Christen so wenig als
bei seinen Glaubensgenossen fand, kam einsmahl auf der Reise in ein grosses
Gast-Haus, worinnen Christen von allerhand Secten waren; sie machten sich alle
an ihn, und wollten ihn bekehren. Nur einer sass still und hörte ihnen zu. Der Jud
war verwundert, dass dieser mit den andern nicht gleichen Eifer zeigte, ihn zur
Annehmung seiner Religion zu bereden: er machte sich deswegen von den andern
los, setzte sich zu diesem Menschen, befragte ihn, ob er nicht auch ein Christ
wär, und warum er ihn nicht ebenfalls zu bekehren suchte? dieser antwortete ihm,
dass er noch selbst erstlich dahin trachtete, ein rechter Christ zu werden. Wie,
fragte der Hebräer, seid ihr denn nicht ein gebohrner Christ? Ja, versetzte
jener, ich bin wohl von Eltern geboren, die sich Christen nanten; aber dieses
macht deswegen noch keinen Christen? es gehöret mehr darzu. Ich verstehe euch
nicht, fuhr der Jude fort, von welcher Religion oder Secte seid ihr denn? Ich
suche einzig und allein, erklärte sich dieser, ein rechter Christ zu werden,
ohne mich darum zu bekümmern, zu welcher Secte ich mich schlagen soll; denn die
Zänkereien und Trennungen, die man unter ihnen wahrnimmt, zeigen wohl, welcher
Secte, aber nicht, welcher Religion sie zugetan sind. Nun ist nur eine
Religion, diese lässet sich nicht trennen. Der Jude war ganz verwundert, einen
Christen von dieser Art anzutreffen, und forschte deswegen bei ihm weiter, ob
denn, wenn ein Jude gedächte ein Christ zu werden, er nicht notwendig zu einer
von ihren Secten sich schlagen, und gegen die andre sich erklären müste. Wie man
ehedessen, antwortete darauf jener, hätte ein Christ sein können, ehe noch die
Secten aufgekommen wären, so könnte man auch noch heutiges Tages ein solcher
sein, ohne sich zu einer Secte zu schlagen. Man muss, fuhr er fort, das
Christentum nicht nach dem äusserlichen Rock urteilen, worinn sich eine jede
Secte kleidet: es ist an und für sich selbst ganz einfältig, und bestehet nicht
in solchen besonderen Meinungen, womit man solches beschränken will; sondern
darin, dass man mit aller Aufrichtigkeit des Herzens den Lehren des Evangelii
suchet nachzuleben.
    Ja, das ist wohl gut, erinnerte hiebei der Herr von Greenhielm; aber man muss
doch auch, wegen der Ordnung, Zucht und Unterweisung sich nochwendig zu einer
äusserlichen Kirche mit bekennen; weil sonst die Verwirrung beides im
Geistlichen, als Weltlichen zu sehr überhand nehmen würde. Der Graf gab ihm
darin Beifall: Nur wünschte derselbe, dass man sich bei dem öffentlichen
Gottesdienst mehr nach dem gemeinen Mann, als nach der Spitzfindigkeit der
Gelehrten richten möchte; damit die Tempel wenigstens Schulen der Andacht und der
Tugend sein mögten; wenn man gleich darin die verschiedene Begriffe und
Meinungen nicht zusammen vergleichen könnte.
    Mit diesen und dergleichen Gesprächen unterhielten sich diese drei Herren
auf ihrer Reise: sie wurden ein paar Stunden vor Panopolis von dem Herrn von
Ridelo eingehohlet, in dessen Pallast sie abstiegen: der Graf von Rivera bezog
darin sein voriges Quartier: seine beide Reise-Gefehrden aber mieteten sich
einige Zimmer in der Nachbarschaft. Den andern Morgen war das Vor-Gemach des
Grafens von den vornehmsten Herren und Bedienten des Hofs angefüllet, welche
sich darin versammelt hatten, um ihn zu bewillkommen, und bei demselben ihre
Glückwünsche abzulegen.
    Der Graf verfügte sich darauf nach Hofe: er fand den König krank, die
Medicinische Hof-Facultät stund um ihn herum: ihr ängstliches Beratschlagen,
ihre zweideutige Gesichter, ihre lange Recepten, die sie verschrieben; alles
dieses machte dem König bang: er meinte, dass er nun sterben müste; und diese
Furcht vermehrte seine Krankheit.
    Weil es in der Herbst-Zeit war, und zuweilen ein rauhes Lüftgen wehete, so
liessen ihn seine Leib-Aerzte nicht aus seinem Zimmer kommen, und aller Luft
darin den Eingang verbieten. Die Fenster wurden nicht allein mit Läden
verwahret, sondern auch allentalben mit Vorhängen bezogen. Wer zur Tür herein
trat, dem wurde furchtsam entgegen gewinket, sich nicht lang darunter zu
verweilen, und solche hurtig wieder zuzumachen.
    Der Graf von Rivera, welcher der vollen Luft gewohnet war, suchte aus der
hohlen Brust sich den Otem heraufzuziehen, der ihm in diesem Zimmer schien
kürzer zu werden. Der König tat, als ob er ein wenig ruhete: der Graf setzte
sich deswegen auf einen Stuhl in das Vor-Gemach, wo die Herren Leib- und
Hof-Aerzte ihre Geheimnisse zu Papier gebracht hatten: Er nahm ein Pülvergen und
ein Gläsgen nach dem andern in die Hand, und las die daran geheftete Zettel mit
Schrecken: die Ungedult übernahm ihn: Aber wie, meine Herren, sprach er zu den
Aerzten, wollen sie den König gesund machen, und brauchen ihm alle diese
Arzneien? Er sagte diese Worte mit einen so erhabenen Ton, dass der König fragte,
wer da wäre? der Graf von Rivera, antwortete der Cammerherr, der die Aufwartung
hatte. Der Graf von Rivera? wiederhohlte der König, indem er sich im Bette
aufrichtete, lasst ihn herein kommen. Der Graf kam und küsste dem König die Hand
mit der gröstem Demut, und bezeigte ihm sein tiefes Mitleiden, dass er denselben
unpässlich fänd. Der König winkte dem Cammerherrn, dass man ihn mit dem Grafen
sollte alleine lassen: hier versicherte der König den Grafen seiner Gnade, und
bat ihn, das geschehene zu vergessen.
    Er klagte ihm darauf seine Not, und wie er fürchtete, dass er sterben müste:
der Graf aber redete ihm einen Mut ein; und versprach, ihn mit GOttes Hülf
wieder zurecht zu bringen, wenn er sich seiner Cur anvertrauen wollte. Wie,
sprach der König, wie wolt ihr mich zurecht bringen, ihr seid ja kein Doctor?
Ich kenne nichts destoweniger Ew. Maj. Natur und Temperament besser, als wenn
ich ein Doctor wär, erwiederte der Graf. Ew Majestät erlauben mir, dass ich meine
Gedanken darüber dero zweiten Leib-Medico entdecken möchte.
    Der Graf stund damit auf, ging in ein Neben-Zimmer, und liess den Herrn
Hippon, so nante sich der Leib-Arzt, zu sich kommen. Mein wertster Herr Doctor,
redete er ihn an, ich habe die Ehre, sie als einen sehr vernünftigen und
gelehrten Mann zu kennen; ich kann mir deswegen nicht einbilden, wie sie mit den
andern Herren Leib-Aerzten übereinstimmen sollten, den König auf eine solche Art
zu tractiren, die seiner ganzen Natur entgegen ist, und solche wohl gar
aufreiben dürfte, wenn sie damit fortfahren sollten. Der Herr Hippon zuckte
darüber die Schultern, und bekannte dem Grafen, dass er mit seinen Herren Collegen
nicht einerlei Meinung wäre: er sei aber überstimmet; Der Aelteste unter ihnen
gab sich in seinen Aussprüchen das Ansehen der Unfehlbarkeit; der andere wär
sein Schüler, der durch ihn sein Glück gemacht hätte, und nehm sich deswegen
wohl in acht, ihm nicht zu widersprechen. Also, sprach der Graf, übet ihr Herren
eure Kunst auf des Königs Gefahr, um das Ansehen eurer Wissenschaften zu
erhalten? Was wollen aber der Herr Graf, fragte Hippon, dass man bei der Sache
tun soll? Ich will ihnen, erwiederte der Graf, meine Meinung sagen, und wenn
wir, wie ich vermute, darin übereinstimmen, so lassen sie mich machen.
    Dass sich der König so übel befindet, fuhr der Graf fort, kommt von dreierlei
Ursachen: Erstlich von einem unordentlichen und unmässigen Leben: zweitens, von
verschiedenen heftigen Gemüts-Bewegungen: und drittens von dem stets
anhaltenden Gebrauch vieler Arzneien. Was daraus, mein Herr, wenn diese Dinge
zusammen kommen, in dem menschlichen Cörper vor Unheil entstehet, wissen sie
besser als ich. Wir müssen also, nach meiner einfältigen Philosophie, zuforderst
die Ursachen der Krankheit so viel möglich aus dem Wege zu räumen, und den
schädlichen Einfluss derselben abzuleiten trachten.
    Ich meine, der ehrliche Hippocrates habe gesagt: wer einen kranken Cörper
nähret, der nähret nur die Krankheit: erfüllet ein zähes und dickes Blut die
Adern-Gänge und böse schleimigte Säfte verhindern die Verdauung des Magens, so
lehret uns die Natur, dass eine freie Luft und eine gemässigte Bewegung besser
sei, das Geblüt zu verdünnen, und den Magen seiner Pflicht zu erinnern, als
warme Bette, gehejetzte Stuben, und zugesperrte Zimmer. Ich kenne Leute, die
deswegen keine geschlossene Gemächer, wenn sie voller Menschen sind, vertragen
können, weil bei ihnen eine volle Luft erfordert wird, um der Bewegung in ihrer
Lunge den ersten Andruck zu geben, und vermittelst dieses Trieb-Werks das Blut
durch alle Adern durchzudrängen.
    Ich weiss nicht, ob ich mich hier Medicinisch erkläre, fragte hiebei der Graf
den Leib-Arzt: gar wohl, sprach dieser: der Herr Graf sprechen, als ob sie von
unserm Handwerk wären. Wenn sie mich nur verstehen, fuhr der Graf weiter fort;
meine Meinung wär also diese: Man liess dem König Luft, und hielt ihn zur Diät
und einer mässigen Bewegung: viele Arzneien machen die Natur in ihrer Würksamkeit
nur irre. Man müste dabei sein Gemüt mit allerhand unschuldigen Abwechselungen
und Ergötzlichkeiten unterhalten; alle verdriessliche Sache aber so lang vor ihm
verborgen halten, bis er wiederum eine gewisse Stärke erlanget hätte. Wann sie
dieses, mein Herr Hippon, für gut halten, so will ich alsbald darzu Anstalt
machen, den König morgen nach der Einsiedelei zu bringen.
    Hippon billigte alle des Grafens Anschläge, und versprach ihm darin
behülflich zu sein: sie giengen darauf wieder zu dem König. Ew. Majestät seien
gutes Muts, redete der Graf ihn an, morgen, so GOtt will, werd ich die Gnade
haben, dieselbe nach der Einsiedelei zu begleiten: für das übrige lassen sie
mich sorgen. Der König meinte, der Graf wär nicht wohl bei Sinnen? wie sprach
er, soll ich mich in die Luft wagen? wo soll ich Kräfte hernehmen, eine solche
Reise zu tun? Hippon sagte darauf dem König: er könnte des Grafens Anschlägen
ohne Gefahr sich anvertrauen, es würde schon alles gut gehen: der Graf
beurlaubte sich damit bei dem König.
    Er fand unter andern Bedienten auch den Silon im Vor-Gemach: mein lieber
Silon, redete er ihn an, indem er ihm die Hand reichte: ich weiss, dass er dem
König getreu ist, und dass er deswegen mich hat suchen bei ihm in Ungnad zu
bringen: ich verzeih ihm solches von Herzen, er hat wohl getan, dass er auf
meine Aufführung, die ihm verdächtig schien, ein wachsames Auge gehabt: ich will
mir jetzo seine Freundschaft ausbitten: wir wollen beiderseits unsere Treue für
den König vereinigen: ich werde Gelegenheit haben, ihm allen von mir geschöpften
Argwohn zu benehmen. Silon wusste sogleich dem Grafen hierauf nicht zu antworten,
er hatte sich einer so freundlichen Ansprach von demselben nicht versehen: er
wollte sich wegen des vergangenen bei ihm entschuldigen; der Graf aber druckte
ihm die Hand: und sagte, es wär schon alles vergessen.
    Er machte darauf hurtig Anstalten, den König nach der Einsiedelei zu
bringen. Er fuhr mit anbrechendem Tag, in Gesellschaft seines Wirts, des Herrn
von Ridelo, zu dem alten Einsiedler, der ihn mit Freuden-Tränen empfieng: er
entdeckte ihm sein Vorhaben: der Einsiedler fand solches wohl ausgedacht: der
Herr von Ridelo lies darauf die unter seinem Befehl stehende Aufseher der
Königlichen Lust-Häuser in geschwindester Eil zusammen kommen, und die Gemächer
in der Einsiedelei mit nötigen Tapeten, Bettungen und andern Gerätschaften
versehen.
    Der Graf von Rivera kam gegen Mittag wieder nach Hofe: der König sass auf
einer Ruhbank, und hatte seinen Kopf in ein Küssen gesteckt. Der Graf von Rivera
fragte ihn, wie er sich befänd. Der König antwortete ihm: schlecht; er hätte die
Nacht über nicht geschlafen. Ich hoffe, versetzte der Graf, Ew. Majestät sollen
diese Nacht besser ruhen. Was wolt ihr denn mit mir anfangen? fragte ihn der
König. Ew. Majestät, sagte der Graf, werden sich gnädigst gefallen lassen,
diesen Nachmittag nach der Einsidelei zu verreisen. Ich glaube, Graf, erwiederte
der König, ihr seid nicht klug; wie soll ich denn hinkommen? Ich nehm,
antwortete der Graf, diese kleine Reise von Ew. Majestät auf meine Gefahr, und
ich weiss, dass sie dero Gesundheit zuträglich sein wird. Als nun Hippon darzu mit
einstimmte, so liess sich endlich der König bereden. Die andere beide Leib-Aerzte
wollten mit dieser Unternehmung des Grafens nichts zu tun haben. Dem ungeachtet
so fasste dieser den König unter den linken Arm, mittlerweile, dass derselbe sich
mit dem rechten auf einen Cammerherrn stützte; und brachte ihn solchergestalt in
einem guten Pelz-Mantel eingewickelt in die Gutsche.
    Es war zu gutem Glück einer von den schönen Herbst-Tagen, die der
angenehmsten Sommers-Zeit nichts nachgaben. Der König hatte noch kaum das freie
Feld erreichet, so warf er schon seinen Pelz von sich, und bekam ein wenig
Farbe: man hatte die Gläser an der Gutschen bishero zugehalten: die Sonne
brannte von aussen durch dieselbe, dass der König anfieng warm zu werden. Der
Graf liess deswegen das Fenster auf der Seiten, wo er sass, herunter, und dem
König bekam die Luft nicht übel.
    Die Pferde lieffen unterdessen in einem starken Trab fort: so sanft auch die
Gutsche in Riehmen und in Federn hieng, so machte sie doch einige
Erschütterungen; zuweilen setzte es auch ein wenig unsanfte Stösse. Nicht wahr,
fragte der Graf im Scherz den Herrn Hippon, welcher neben ihm, gegen über dem
König sass, diese Stösse sind gut? man findet eine solche Arznei nicht in allen
Apoteken. Der König musste darüber lachen. Ihr seid mir wahrhaftig ein
possierlicher Doctor, sprach er zu dem Grafen: ich finde mich wirklich ein wenig
leichter; nur ist mir der Kopf etwas schwindelich: das macht, erwiederte der
Graf, weil Ew. Majestät sich bisher der Luft entwöhnet, und lange nicht aus dero
Zimmer kommen sind: doch kann man jetzo ein wenig sachte fahren: Er rief damit
einem an dem Schlag reitenden Edelknaben, und befahl, dass der Gutscher die
Pferde nur einen Schritt sollte gehen lassen.
    Nachdem der König andertalb Stunden gefahren war, liess der Graf ein wenig
halten, und dem König zur Erfrischung einen Trunk von einem roten Wein, welcher
in der Gegend von Bontacko wächset, und für den gesundesten gehalten wird, mit
einem Biscuit reichen. Der König liess sich solches gut schmecken, und wurde
immer munterer.
    Im Fahren beobachtete der König die schöne Gegend, besonders war er sehr
vergnügt, längst dem breiten Strohm, unter einer langen Baum-Allee nach Bellahai
zu fahren. Als sie den Garten dieses prächtigen Schlosses erreichten, fragte der
Graf den König, ob er nicht Lust hätte, ein wenig auszusteigen? der König sagte
ja, wenn es ihm anders der Graf, als sein ausserordentlicher Leib-Doctor,
erlauben würde. Er stieg damit aus der Gutsche, lehnte sich im Gehen auf den
Grafen, und bedankte sich für dessen guten Rat, indem er sich weit besser
befände, als die vorige Tage.
    Man trug eben die rare Gewächse und Pomeranzen-Bäume in ihre
Winter-Behausung: der König freuete sich, darunter einige zu bemerken, die so
voll der schönsten Früchten hiengen, dass ihm solches kaum natürlich schien. Der
Gärtner und seine Leute sahen nicht so bald den König ankommen, so liefen sie
hinzu, und brachten ihm allerhand rare Gewächse und Blumen entgegen. Die Freude
und Entzückung, womit sie solches taten; und die übel-gesetzte, aber
wohlgemeinte Wünsche, die sie für des Königs Gesundheit ausstiessen, gefielen
demselben wohl; er befahl ihnen dafür ein Geschenke zu reichen.
    Der Graf liess unterdessen die Wasser springen: Ein Chor der besten
Waldhornisten, die er voraus gesandt hatte, stiessen nach der Kunst in ihre
Hörner; und wechselten darauf ihre lang sam-gezogene Töne mit dem
hell-durchdringenden Klang der Clarinetten; welche mit dem angenehmen Rauschen
der spielenden Wasser eine süsse Harmonie machten.
    Es war noch eine kleine Stunde von diesem Lust-Schloss bis nach der
Einsiedelei: Die Demmerung begunte einzubrechen, und die Abende waren bereits
kühl. Der Graf erinnerte demnach den König die Reise weiter fortzusetzen: und
seinen Pelz-Mantel wieder um sich zu schlagen.
    Sie kamen damit nach der Einöde, welche aus einem Haupt-Gebäude, einer
Capelle, und zwölf kleinen Häusern bestund: deren jedes nur einen Vor-Saal, ein
Zimmer und ein Cabinet hatte. Das Schloss lag in der Mitte auf einer kleinen
Anhöhe: es war mit einem Wasser-Graben und einer breiten Gallerie umgeben: eine
schier unendlich scheinende Aussicht in eine ganz offene Landschaft schilderten
den Augen die entzückenste Gegend: von hinten war das Königliche Gehege, welches
mit vielen Schneesen bis nach Bellahai durchhauen war. Das Gebäude hatte in der
Mitte ein grosses rundes Dach, durch welches das Licht in einen achteckigten
Saal herunter fiel: auf diesen Saal stiessen vier Zimmer mit eben so viel
Cammern; welche allesammt auf die sinnreichste und anmutigste Art ausgezieret
waren.
    Der König war beides sowohl von dieser unvergleichlichen Aussicht, als von
den gemachten Anstalten des Grafens, angenehm gerühret: er sah den Untergang der
Sonnen und die einbrechende Nacht mit vergnügten Augen an: die anmutige Stille,
so in dieser Gegend herrschte, war ihm eine süsse Abwechselung mit dem unruhigen
Getöse seines Hofes: der Graf bat ihn, sich auf eine Ruhbank zu legen, und seine
Sinnen so lang in einen angenehmen Schlummer zu versenken, bis es Zeit sein
würde zur Tafel; zu gehen: der König liess sich alles von seinem neuen Leib-Arzt
gefallen: er streckte seine Glieder auf dieses gemächliche Gestelle: es brannte
ein kleines Feuer im Camin, einige Wachholder-Stauden krachten darinnen mit
einem blitzenden Funkeln, und durchdrangen mit ihrem lieblichen Geruch die noch
übrige Feuchtigkeiten des Königlichen Schlaf-Gemachs.
    Alles war still, niemand kam in das Zimmer, worinn der König lag: doch stund
die Tür davon offen, wo im Vor-Gemach ein Cammerdiener aufwartete. Der König
war in einen tiefen Schlaf gefallen, und genoss einer so süssen Ruh, als er in
langer Zeit nicht gehabt hatte. Es war noch eine Stunde vor Mitternacht; der
König schlief noch immer. Man fragte den Grafen, ob man ihn nicht zur
Abend-Mahlzeit aufwecken sollte? Mit nichten, sagte dieser, der Schlaf ist dem
König gesunder als das beste Essen. Endlich erwachte derselbe eine Stunde nach
Mitternacht: er fragte sogleich nach dem Grafen: und als dieser kam, rief er ihm
entgegen: er hätte unvergleichlich geschlafen, und fänd sich nun ganz erquickt:
er fügte hinzu, dass er wohl etwas essen möchte. Wenn Ew. Majestät, war darauf des
Grafens Erinnerung, sich für dissmahl mit einer Tasse Schocolad, und einem
Biscuit begnügen wollen, so geschähe mir eine Gnade. Ey! Ey! sprach der König!
was seid ihr vor ein unbarmherziger Doctor. Ich muss euch nun wohl folgen. Der
Graf riet ihm darauf mit einem kleinen Spiel sich so lang zu belustigen, bis
der Schlaf wieder kommen würde. Der König aber bat den Grafen, ihm einige
Umstände von dem letztern Feld-Zug zu erzählen.
    Der Graf war erfreut, dass der König durch diesen Befehl ihm Gelegenheit gab,
seine gute Meinungen und Absichten demselben zu erkennen zu geben. Doch wusste er
seine Reden so geschickt einzurichten, dass sie mehr ein Gespräch, als eine blose
Erzehlung waren; Er sagte dem König das wenigste von sich selbst, und von dem,
was er verrichtet hatte: er zeigte ihm, wo man gefehlet, und wie dergleichen
Fehler hinfüro könten vermieden werden. Dem König mangelte es weder an Verstand
noch Einsicht; die Bescheidenheit des Grafens gefiel ihm wohl: er wusste, wie
sehr er demselben wegen seiner erwiesenen Tapferkeit und Klugheit verbunden war.
    Der König wollte etlichmachl von der Gräfin von Monteras zu sprechen
anfangen; allein, das Andenken davon war ihm noch zu empfindlich: er konnte ohne
äusserste Gemüts-Bewegung sich nicht wohl ihrer erinnern. Der Graf gab ihm
endlich selbst Anlass von ihr zu reden. Ich wär nun, sagte er, wegen Ew. Majestät
Gesundheit ausser Sorgen, wenn ich nur auch hoffen könnte, deroselben Gemüts-Ruh
wieder in guter Verfassung zu sehen.
    Ich versteh euch, Graf, versetzte der König, wo ihr hinzielet: ihr werdet
mir verzeihen, was mich meine heftige Liebe zu der Gräfin von Monteras in
Ansehung eurer, hat tun machen. Wie ich höre, so ist sie auf einem ihrer
Land-Güter, und lebet von der Welt in einer abgezogenen Stille; dergestalt, dass
sie ganz nicht mehr soll zu bewegen sein, einigen Besuch, weder von mir, noch
meinen Cavallieren anzunehmen.
    Dieses sollte mich glauben machen, antwortete darauf der Graf, dass Ew.
Majestät sich desto leichter entschliessen würden, dero Königliche Neigung auf
eine Prinzessin zu wenden, welche mit mehr Erkäntlichkeit, als die Gräfin von
Monteras, die Gunst eines so grossen Königs zu verehren weiss.
    Die Gräfin von Monteras, erwiederte der König mit einem Seufzer, scheinet
mir allzu liebens-würdig, als dass ich sie so leicht sollte vergessen können. Wenn
dieselbe Ew. Majestät auch vergnügt machen könnte, war des Grafens Antwort, so
wolt ich deroselben diese Neigung keineswegs wiederraten; allein, so ist
dieselbe, aller ihrer Vorzügen und guten Eigenschaften ungeacht, doch weder von
einer solchen Geburt, noch von einer solchen Gemüts-Art, dass sie sich auf den
Aquitanischen Tron schicken sollte. Könige und Fürsten pflegen immer hierinn
einen gewissen Wohlstand zu beobachten, welche ihrer Hoheit und denen Umständen
eines Königlichen Hauses gemäss ist.
    Ich versteh euch, Graf von Rivera, unterbrach hier der König mit einiger
Bewegung, ihr wolt sagen, die Gräfin schicke sich besser für euch? Ich sage
dieses nicht, erklärte sich hierauf der Graf, ich denke jetzo nur allein auf das
Vergnügen meines Königes. Ich läugne nicht, dass ich die Gräfin liebe; allein,
ich kenne die Pflicht, womit ich Ew. Majestät verbunden bin; ich werde nichts
tun, was derselben zuwider ist.
    Weil der Graf vermerkte, dass dieses Gespräch des Königs Empfindlichkeit noch
allzuzärtlich rührte, so lenkte er solches auf die Angelegenheiten des Staats.
Ew. Majestät, sagte er, würden wohl tun, wenn sie einen Gesandten an den
Licatischen Hof zu schicken, sich gnädigst wollten gefallen lassen. Es ist
nötig, dem König dieser uns benachbarten Völcker, gewisse, für beide Kronen
vorteilhafte Friedens-Vorschläge zu tun, bevor die Sachen noch in grössere
Weitläuftigkeiten ausbrechen, und die Licatier durch neue Bündnisse zu mächtig
werden mögten. Der Graf, um dem König zu zeigen, dass er nur darauf bedacht sei,
ihm und dem Staat zu dienen, bat denselben, dieses Geschäfte ihm anzuvertrauen.
    Der König liess sich zwar den Vortrag des Grafens gefallen, doch bezeigte er
ihm auch, dass er seiner Gegenwart nicht gerne lang beraubet sein möchte, und dass
er nicht eher ihm erlauben könnte, diese Reise anzutreten, als bis er wieder zu
seiner völligen Gesundheit gelanget sein würde.
    Gegen Morgen empfand der König wieder eine Neigung zum Schlaf; man kleidete
ihn aus, und legte ihn zu Bette: er schlief, wiewohl nicht so gut als auf der
Ruhebank. Nach 10. Uhr stund er wieder auf. Der Graf war bald bei der Hand. Nun
kommen Ew. Majestät allmählig wieder in die Ordnung, sprach er zu dem König. Der
Tee mit einigen frisch-eingemachten Pomeranzen-Schalen war zum Frühstück
bereit. Der König ging dabei im Schlafrock in diesem kleinen Lust-Gebäude
herum: er sah von aussen die anmutigste Gegend, und von innen die sinnreichste
Gemählde, welche mit den nachdrücklichsten Sinnbildern, und Lebens-Regeln
bezeichnet waren. Der Graf machte den König unter andern folgende beobachten:
    Ein springendes Wasser, dessen in die Luft schiessender Strahl eine Krone in
der Höhe erhält: mit dieser Unterschrift; Er erhält. Vermutlich weiset dieses
Sinnbild, sagte der Graf, auf die Göttliche Vorsehung, welche gecrönte Häupter,
durch ihre verborgene Macht, in der Höh erhält, ohne welche sie sonst leicht zu
Boden stürzen.
    Ein von einem Felsen sich herab-stürzender Bach, welcher ein Mühl-Rad
treibet, mit den Worten: Lebendige Wasser treiben. Der Graf erklärte dieses
Sinnbild, dass das Leben und die Gesundheit des Menschen in einer fortdauernden
Bewegung, und in dem steten Zufluss reiner und frischer Säfte bestünde. Stille
Wasser, sprach er, haben insgemein schädliche Dünste; da im Gegenteil
rauschende Bäche, die sich von hohen Felsen in die Täler ergiessen, für die
gesundeste gehalten werden. Immer stille liegen, macht den Menschen dickblütig;
immer rennen und lauffen erschöpfet die Kräfte. In einer ordentlichen Bewegung
aber bestehet das Geheimnis der Gesundheit. Die Gemüts-Ruh müssen wir in uns
selbst suchen, sie können von aussen nicht in uns. Angenehme Zufälle erfreuen;
widerwärtige betrüben; beide aber stöhren nicht leicht unsere Gemüts-Ruh, wenn
einmal das Triebwerck unserer Natur in Ordnung ist.
    Das dritte, worüber der König selbst eine Auslegung verlangte, war ein Feld
voll allerhand Waffen und Rüstungen, in dessen Mitte ein geharnischter Plock
stunde, wobei sich Pallas in den Wolken zeigte: mit der Umschrift: Was nutzen
diese / wo jene abwesend ist?
    Dieses erkläret sich leicht, antwortete der Graf; die Waffen bedeuten Macht
und Stärke; wo aber die Weisheit, welche hier durch die Pallas vorgestellt
wird, abwesend ist; da kann mit allen Waffen und verkehrten Anstalten nichts
ausgerichtet werden. Dieses neben stehende will fast eben dieses sagen: Es ist
ein mit vollen Seegeln durch die Meeres-Wellen streichendes Schiff, welches nur
von einem Steuermann regieret wird: die Worte sind: Einer regieret alles. Dieses
kann unmittelbar von GOtt, mittelbar aber von einem Regenten verstanden werden,
wo das Versehen eines einzigen Menschen oft viele tausend unglücklich macht;
nicht anders, als ein unverständiger Steuermann, der sich mit so viel Menschen
und Gütern, die er auf seinem Schiffe hat, in den Grund seegelt.
    Was bedeutet dann, forschte der König weiter, dieses vortrefliche Geschirr,
da so viel Leute nach einander kommen, und was sie in ihren Gefässen tragen,
hineinschütten; welches aber alles unten wieder durchläuft, und von Kröten,
Eidexen, Schlangen und anderem Ungeziefer aufgelecket wird? Die Unterschrift
lautet: Wir füllen vergebens. Dieses, allergnädigster König, hat wohl eine
nachdenkliche Bedeutung. Der schöne Topf, den Ew. Majestät hier sehen, ist dero
Schatz-Cammer: die Leute, die Most und Oel hinein schütten, sind dero
Untertanen: das Loch, wo unten alles durchlauft, zeigt eine üble Haushaltung;
und die daherum sich einfindende Ungeziefer, sind die viele Schlemmer und
Müssiggänger, die sich an dero Königl. Hofe befinden.
    Genug, Graf, sprach der König, ihr solt mir heut kein Sinnbild mehr
auslegen: ich sehe ihr seid ziemlich aufgeräumt, mir die Wahrheit zu sagen.
Wolte GOtt! versetzte der Graf, mit einer demütigen Gebehrdung, ich könnte Ew.
Majestät nur so viele und wichtige Wahrheiten sagen, dass sie mögten gesünder,
ruhiger und der glückseeligste Monarch in der Welt werden: dieses ist der
einzige Zweck von meinen freien Reden. Der König druckte hierauf den Grafen mit
einer herzlichen Bewegung an seine Brust: redet nur mit mir, sprach er, als mit
eurem Freund: ich sehe wohl, dass ihr aufrichtig seid, und es gut mit mir meint .
    Nachdem der König hierauf mit dem Grafen ein paar Partien auf dem Biliard
gespielet hatte, kam Herr Hippon mit seinen Magen-stärkenden Tropfen, und bat
den König solche einzunehmen.
    Als dieses geschehen, liess der König sich ankleiden, und ging wieder in den
grossen Saal, darin seine bei sich habende Hof-Bedienten, nebst einigen Herren
und Räten sich befanden. Der König aber behielte, weil er Chur-mässig leben
sollte, niemand bei sich zur Tafel, als den Grafen von Rivera, und den
Cammerherrn, der die Aufwartung hatte. Die Tafel war klein, und mit wenig
Speisen besetzt. Fette Suppen, Fricasseen, Pasteten, Torten, Fische,
Mehl-Milch-Back- und Zuckerwerk, zusammt dem Obst, welches der König überaus
liebte; imgleichen dicke, süsse und schwere Weine, die jenseit der Gränze von
Itrurien wachsen, und von keiner leichten volatilischen Natur sind; alles dieses
war hier nicht zu finden.
    Der König, als er diese so mager-besetzte Tafel mit Nachdenken betrachtete,
und seine liebste Speisen nicht mit dabei fand, fragte den Mund-Koch, wer die
Küche so schlecht bestellet hätte? dieser antwortete, der Herr Graf von Rivera
habe ihm den Küchen-Zettul gegeben, und der Herr Doctor Hippon hätte selbst ihm
kochen helfen. Der König musste über diese Nachricht, die der Mund-Koch mit einer
ganz trocknen Art heraus sagte, von Herzen lachen; und als Hippon darauf seine
gewöhnliche Stelle hinter ihm, bei dem Mundschenk einnehmen wollte, befahl ihm
der König, weil er die Küche so Medicinisch besorget hatte, dass er auch mit
essen sollte. Die andere Herren wurden angewiesen in einem von den sogenannten
Pavillons zu speisen.
    Der König ass, ohneracht der wenigen Tractamenten, mit so grossen Appetit,
dass seine beide Gesundheits-Räte ihm darin Einhalt tun mussten. Nach der Tafel
liessen sie, weil es gut Wetter war, des Königs Jagd-Wagen anspannen, und fuhren
mit ihm nach dem Wald, wo der Graf einiges Wild hatte zusamen treiben lassen: im
Holz liessen sich die Jäger mit ihren Jagd-Hörnern hören, und der König schoss
ein paar Rehböck. Den Abend hatte der Graf ein paar vortreffliche Sängerinnen,
nebst einigen Königlichen Virtuosen zu einer Cammer-Music bestellet, wobei der
König sich überaus vergnügt bezeigte.
    Der Graf unterhielt sich bei dieser Gelegenheit eine Weile mit dem alten
Einsidler in seinem Zimmer allein. Er empfieng von ihm die beste Lehren, und
fragte ihn in den wichtigsten Dingen um Rat. Der Einsidler warnete ihn
insonderheit vor der Ehrsucht, als der allergefährlichste Neigung grosser
Geister; sie müssen sich, sprach er zu demselben, als ein Werkzeug in der Hand
der Göttlichen Vorsehung betrachten; ohne sich selbst deswegen im mindesten
etwas von dem guten Fortgang einer Sache zuzuschreiben, noch sich darüber selbst
zu schmeicheln. Dann dieses trennet den Menschen von GOtt; und ausser GOtt ist
der Mensch eine arme und elende Kreatur.
    Der Graf war in diesem Fall nicht wie andere junge Leute, die, wenn sie ein
blindes Glück erhoben, solches ihrer eigenen Vortrefflichkeit zuschreiben, und
in dieser Einbildung so weit gehen, dass sie meinen, sie wüsten bereits alles;
und hätten deswegen nicht nötig, dass man sie noch unterrichte. So grosse
Eigenschaften auch in dem Grafen sich beisammen fanden, so hatte er dennoch an
sich selbst und an seinen Verrichtungen noch vieles auszusetzen: er bekannt
solches dem frommen Einsiedler: Ich habe wohl, sprach er, gute Meinungen und
Absichten; allein, ich bin noch weit vom Ziel: ich bin oft mit mir selbst so
wenig zufrieden, dass ich schier darüber den Mut verliehre.
    Dieses ist wohl, mein liebster Graf, antwortete ihm Pandorest, in gewissen
Absichten gut; allein, sie müssen sich dabei wohl in acht nehmen, dass dieses
Misfallen ihrer selbst nicht zu weit gehe: es steckt öfters ein subtiler
Hochmut darunter verborgen, welcher nur deswegen mit sich selbst nicht
zufrieden ist, weil uns gewisse Gaben und Vollkommenheiten mangeln, damit man
gerne sich gross machen, und sich selbst wohlgefallen möchte. Die währe Weisheit
entdecket uns die Abhänglichkeit von GOtt, und unser eigen Nichts: sind wir
einmal so weit gekommen, so wird es uns wenig Kummer machen, ob wir wenig oder
viel Gaben besitzen: wir sind zufrieden, so lang wir uns einfältig und
aufrichtig an GOtt halten; er mag uns zu etwas grosses, oder auch zu nichts in
dieser Welt gebrauchen: seine Absichten sind die Regeln unseres Lebens; und wie
er uns solche zu erkennen gibt, so müssen wir uns ihnen auch hingeben. Die
Einflüsse von oben, welche alles Gute in uns beleben und hervorbringen, mangeln
niemahls bei einem rechtschaffenen Eifer, der die Redlichkeit unseres Herzens
zum Grunde hat.
    Als diese beide Herren also mit einander redeten, erschallte im grossen Saal
die Music. Der Graf nahm daher Anlass den Einsiedler zu fragen, was er von den
gewöhnlichen Lustbarkeiten des Hofes hielte, und ob er wohl meinte, dass ein
guter Christ, ohne Verletzung seines Gewissens, daran mit Anteil nehmen könnte.
Wenn dergleichen Ergötzlichkeiten an und für sich selbst unschuldig sind:
antwortete dieser, so seh ich nicht, was man dadurch bei GOtt verdienen sollte,
wenn man sich ihrer entäussern wollte. Ein jedes Alter und ein jeder Stand aber
hat seine gewisse Ergötzlichkeiten, die ihm eigen sind; je älter man wird, je
mehr verliehret man davon den Geschmack. Die Sinnen nutzen sich nach und nach
ab, und werden stumpf: das zärtliche Gefühl, die Empfindungen der Lust, die
Stärke der Einbildungs-Kraft verschwinden; und man kann mit dem alten Barsillai
die Stimme der Sänger und Sängerinnen nicht mehr unterscheiden. Unterdessen aber
gönnte dieser doch solche Freude noch gerne seinem Sohn, und liess ihn auch mit
dem König David nach Hofe ziehen.
    Es sind, fuhr Pandoresto fort, verschiedene Arten der Belustigungen: einige
sind ihrer Natur nach unschuldig, und werden, nachdem man sich derselben
bedienet, entweder gut, oder böse. Sie sind gut, wann sie die Gesundheit des
Leibes befördern, den Geist ermuntern, und das Herz mit edlen und grossmütigen
Regungen erfüllen: sie sind böse, wenn sie das Gegenteil wirken, und diejenige
heilige Ordnung stöhren, welche GOtt in allen unsern Handlungen will beobachtet
wissen. Die beste Sachen in der Welt können durch einen verkehrten und
unordentlichen Gebrauch böse werden: die Strafen folgen hier dem Verbrechen auf
dem Fusse nach; GOtt strafet dergleichen Laster und Ausschweifungen nicht: sie
rächen sich selbst, und strafen die Ubertreter der Göttlichen Unordnungen mit
einem ihrem Verbrechen gemässen Leiden: Lasterhafte Leute machen auch die
unschuldigsten Ergötzlichkeiten böse: ihnen ist nichts eine Lust, wo die Sünde
solche nicht schärfet und abscheulich macht. Die Natur eines vernünftigen
Menschen ist ihnen darzu nicht empfindlich genug: sie müssen dabei die
Menschheit ausziehen, die Vernunft verliehren und darüber zu einem Vieh werden.
Es ist gewiss, dass die unschuldige Belustigungen die sündliche mehr verhindern
als verursachen; um aber solche zu kennen, muss man weise und tugendhaft sein,
und die Künste und Wissenschaften lieben.
    Wie kommt es aber, fragte der Graf weiter, dass es so viele fromme Leute
geben, die schier alle Belustigungen für sündlich halten, und solche deswegen
keinem Christen gestatten wollen? Diese Leute, erklärte sich Pandoresto, sind
entweder in der Tat, oder nur zum Schein fromm: Die Erste irren im Begriff, den
sie vom Bösen und vom Guten haben: sie wissen nicht, was GOtt, was der Mensch,
und was die Welt ist. Der Grund ihres Irrtums hat nichts destoweniger etwas
gutes: sie wollen sich an GOtt nicht versündigen: sie fürchten sich deswegen vor
der Gelegenheit: wer wollte diese Leute wegen der Zärtlichkeit ihres Gewissens
tadeln? das sei ferne. Ich halte das Tanzen und Spielen in gewisser Maass für
eine erlaubte Lust: ich wollte aber keinem, der sich daraus ein Gewissen macht
darzu raten. Viele gehen deswegen nicht in die Schau-Spiele; ohneracht diese
Are von Ergötzlichkeit, wenn sie wohl und vernünftig eingerichtet würde, mit
unter die nützlichsten und erbaulichsten könnte gerechnet werden: Ich sehe
daraus, dass die Belustigungen nicht allen Menschen gleich durch erlaubet sind.
Zeit, Alter, Stand, Gefahr; und das Gewissen eines jeden Menschen lehren uns,
wie weit wir darinnen gehen dürfen.
    Was die Schein-Frommen anlangt, die unter der Larve der Heiligkeit die
gröste Heuchler abgeben; so pflegen dieselbe insgemein aus gewissen heimlichen
Absichten sich der äusserlichen Lust und Ergötzlichkeit zu entschlagen: sie
halten sich wegen des Zwangs, den sie sich hier antun, auf eine Art schadlos,
dass sie solchen gegen andere Vorteile reichlich auf Wucher legen. Die heimliche
Lust ist ihnen empfindlicher, als die öffentliche Freude: das Ansehen der
Weisheit und der Frömmigkeit nähret ihren Hochmut; und die Sparsamkeit ihren
Geitz. Sie sind diejenige, welche der Heiland Mückenseiger und
Cameel-Verschlucker nennet, weil sie aus allen Kleinigkeiten grosse Sünden
machen, von aussen rein scheinen; inwendig aber voller Unreinigkeit und böser
Tücke sind. Dieses sind in der Tat die gefährlichste Leute in der Welt; die,
indem sie, wie die Pharisäer sich durch ihre Scheinheiligkeit über alle die
gemeine Schwachheiten erheben, nicht einmal leiden können, dass sichs andre wohl
sein lassen. Sie machen dem Christentum, bei Leuten, die Vernunft haben, nur
ein böses Ansehen; indem sie die Empfindungen der Natur und der Billigkeit
übernhauffen werfen, ohne GOtt und der Religion dadurch die gerinste Ehre zu
erweisen.
    DGer raf verfügte sich darauf in den Saal, und Pandorest blieb Abends, auf
des Königs Befehl, bei der Tafel: er fand solche nicht Königlich, aber gut und
mässig besetzt: eine Suppe, mit ein wenig gestoften Wurzel-Werk, und einigen
Braten von zarten Lämmern und Wildpret, wobei an statt des Backwerks, und der
Neben-Schüsseln, eingemachte Citronen und Pomeranzen mit Biscuiten sich
befanden; dieses war alles. Pandorest nahm deswegen Gelegenheit, allhier eine
Lob-Rede der Mässigkeit zu halten: er unterstützte seine Gründe mit einem
lebendigen Beweis an seiner eignen Person. Ich habe bereits, sagte er 87. Jahr
in dieser Welt gelebet, und ich empfinde noch nicht die gewöhnliche
Schwachheiten eines so hohen Alters. Mein magerer Cörper hat keinen Mangel an
Säften: ich nähre darin keine überflüssige Feuchtigkeiten, und entzünde nicht
das Geblüt durch stark-gewürzte Speisen und hitzige Getränke: die einfältige
Natur bestellet meine Tafel, und die Furcht vor dem Allmächtigen schützet mein
Herz vor unordentlichen Leidenschaften.
    O selige Einfalt, fuhr er fort, warum sind wir so weit von dir abgewichen.
Wir jagen jetzo uns selbst den Tod in alle Glieder; unsere Köche bereiten uns
darzu den süssen Gift, der unsern Geschmack reitzet mehr zu essen, als die Natur
verarbeiten kann: was diese noch verschonen, verdirbt die Unwissenheit der
Aerzte, und das künstliche Gemengsel der Apoteker. Unsere Zärtlichkeit ist so
gross, da sie kaum ein rauhes Lüftgen mehr vertragen kann: es scheinet, als ob das
menschliche Geschlecht mit uns aussterben wollte: die geringste Bemühung ermattet
unsern schwächlichen Leib, und ein wenig Ungemach wirft uns darnieder: wir haben
die wunderlichste Krankheiten, welche den Alten unbekant waren: und wenn wir
alles im Uberfluss besitzen, so naget uns die Trägheit, die lange Weil und die
Schwermut. Die Arbeit ist uns eine Pein; die Zeit eine Last, und das Leben
unerträglich. Unsere prächtige Palläste sind zu Hospitälern, und die weichste
Pflaumen-Federn zu Lägern der Kranken worden. Wir sind zu allen grossen Taten,
durch welche die Helden der vergangenen Zeiten sich vergöttert haben,
untauglich. Wir sinken schon zur Erden, wenn man uns nur die gewohnte
Gemächlichkeit, die weiche Küssen, und die niedliche Speisen entziehet. Unsere
Kräfte sind bereits verschwunden, ehe wir noch in das rechte männliche Alter
kommen; und unsere Gemüts-Bewegungen werden desto stärker, je zärtlicher wir
den Cörper pflegen. Gegen alle diese Feinde unseres Lebens, unserer Ruh und
unserer Glückseligkeit, schützet uns nichts als die Mässigkeit.
    Pandoresto setzte diesen Anmerkungen, welche uns eine traurige Erfahrung
lehret, die Geschichte eines berühmten Adriatischen Edelmanns hinzu: von welchem
er erzehlte, dass er bis in die vierzig Jahre der elendeste und kränklichste
Mensch von der Welt gewesen wär; und der nichts destoweniger, nachdem ihn schon
alle Aerzte verlassen hatten, nechst GOtt, durch das einzige Mittel der
Mässigkeit sein Leben in beständiger Gesundheit, in allem Vergnügen und bei
einem vortreflichen Verstand, über hundert Jahre hingebracht hätte.
    Diese Exempel gefielen dem König wohl, allein die Nachfolge machte ihm Qual;
es kam ihm überaus schwer an sich unter den Zwang einer solchen Tugend zu
setzen, zu deren Ubertrettung ihn alles zu reitzen schien. Dem ungeachtet, so
wusste es der Graf von Rivera durch seine lebhafte Vorstellungen und artige
Manieren bei dem König dahin zu bringen, dass er sich den Regeln der Mässigkeit
unterwarf.
    Der König fand sich in kurzer Zeit dadurch so wohl, als er je zuvor gewesen
war. Der Graf brachte damahls auch seine beide Freunde, den Herrn von Greenhielm
und den Herrn von Riesenburg, welche nebst dem Herrn von Ridelo ihn zu besuchen
gekommen waren, vor den König. Dieser empfieng sie auf das leutseligste, und
befahl, dass man dem Fremden alle ersinnliche Ehre bei seinem Hof erweisen sollte:
Den Herrn von Riesenburg aber erklärte er, wegen seiner im letzten Feldzug
bezeigten Tapferkeit, zu seinem wirklichen Cammerherrn, und gab ihm dabei die
Anwartung auf das nechste Regiment. Er wollte sie damit an die Marschalls-Tafel
verweisen, mit dem Zusatz, dass er sie gerne bei der seinigen behalten wollte, sie
würden aber jene besser bestellet finden; Der Graf von Rivera sagte hierauf,
dass, wo der König diesen Herren sonst die Gnade tun wollte, sie mit sich an
seiner Tafel speisen zu lassen; so würde die mittelmässige Bestellung derselben
sie nicht hindern, dieser Ehre zu geniesen: Der Graf aber hatte dismahl ein paar
Trachten mehr aufsetzen lassen, dieweil sie unverfänglich waren, dem König nicht
übel bekamen; zumahl da er den Nachmittag darauf in Begleitung dieser und
anderer Herren sich mit Jagen belustigte.
    Diese Kennzeichen der wiederherstellten Gesundheit des Königs machten, dass
sich nach etlichen Tagen der Graf bei demselben beurlaubte, und wieder nach
Panopolis sich verfügte; um daselbst mit dem Herzog von Sandilien, wegen seiner
vorhabenden Reise und dem mit dem König von Licatien zu schliessenden Frieden
die nötige Ratschläge zu pflegen.
    Dieser oberste Staats-Minister war dem Grafen von Natur nicht abhold; er war
nur deswegen ihm nicht völlig gewogen, weil er verursachte, dass seine Base nicht
Königin werden wollte. Die Entfernung des Grafens schmeichelte demnach seinen
Absichten besser, als wenn er beständig bei Hofe und bei dem König bleiben
würde. Er lobte deswegen seinen Eifer für den Dienst des Königs und hies alle
dessen Ratschläge gut: Er gab ihm dabei alle Kennzeichen einer wahren
Freundschaft und Hochachtung. Der Graf wusste schon, wie weit er diesen
Versicherungen des Herzogs zu trauen hatte. Doch erinnerte er sich, dass ihm der
Herzog das Leben bei dem König gerettet hatte; er liess ihm deswegen ein so
aufrichtiges und von der lebhatesten Erkänntlichkeit durchdrungenes Gemüte
sehen, dass der Herzog, wenn er auch gewolt hätte, ihn nicht hassen konnte.
    Als der König hierauf, sich wiederum, mit völlig hergestellter Gesundheit,
zu Panopolis eingefunden hatte, trat der Graf seine Reise nach Licatien mit
Vergnügen an. Er empfahl dem König den Freiherrn von Riesenburg, als einen
Cavalier, auf dessen Eifer und Treu er sich verlassen könnte. Den Herrn von
Greenhielm aber, welchen der König seiner Gefangenschaft entlassen und noch
darzu mit einem kostbaren Degen beschenket hatte, nahm er mit sich zu seinem
Reise-Gefährden.
 
                               Das zehende Buch.
Der Graf von Rivera hatte noch nicht viel über vierzehen Meilen zurück geleget,
als er den Tag nach seiner Abreise auf ein Dorf kam, wo die Post wechselte. Es
war allda Kirchweih. Der Graf hatte ein kleines Mittagmahl bestellet, und ging
mittlerweile, dass darzu die Anstalten gemacht wurden, mit seinem Reise-Gefehrden
nach der Wiesen, wo die junge Bauern und Bäuerinnen ihren Reihen tanzeten. Sie
hatten Kränze auf den Häuptern, und hüpften mit so natürlichen Sprüngen und
Bewegungen um den Dudelsack, und ein paar kreischende Feld-Schalmayen herum, dass
der Graf solches mit Vergnügen ansah; ein paar Ducaten, die er einem alten
Greisen in den Hut warf, um dieses Fest damit zu verherrlichen, machten, dass man
ihm den ersten Platz einräumte, und ihn mit Verwunderung betrachtete; denn das
Gold war an dasigem Ort keine gar bekannte Münze.
    Der Graf kam mit dem Herrn von Greenhielm nicht weit von zwei Frauenzimmern
zu stehen. Ihre vortreffliche Gestalt und ungemein nette Kleidung machte, dass er
sie näher betrachtete; sie verbargen aber ihre Gesichter mit ihren Fächern, weil
sie in der Sonne stunden: der Graf warf insonderheit seine Augen auf die
jüngste: er hatte nie einen niedlichem Aufputz gesehen: ein kleiner Hut von
schwarzem Sammet, mit einem weissen Federbusch bedeckte das mit langen
Haarlocken gezierte Haupt: ein von Lichtblauen Sammet, über den Leib
dicht-angeschlossenes Kleid, reichte bis unter die Hüften, worunter ein von
blass-Rosenfarb mit silbernen Zügen und Bendelwerk gestickter Rock sich zeigte,
welcher nicht so gar lang war, dass er nicht zugleich den schönsten Fuss hätte
sehen lassen.
    Alles dieses fiel dem Grafen mit solcher Verwunderung in die Augen, dass er
sich nicht entbrechen konnte, dieser Person sich zu nähern. Sie hatte ihn aber
kaum erblickt, so tat sie einen lauten Schrei, verlohr auf einmal ihre Farbe,
und sank der andern Dame, die neben ihr stund, in die Arme.
    Dieses verursachte unter dem Volk ein schnelles Zusammenlauffen: man trug
sie mehr, als man sie führte; und brachte sie in ein nah-gelegenes Haus. Der
Graf drang mit dem Volk dahin. Ein Jäger stellte sich vor die Tür und wollte
niemand einlassen: der Graf aber, welchen ein verborgener Trieb aufgebracht
hatte, fragte ihn nicht lang: er fasste ihn bei dem Arm und schlenkerte ihn so
hurtig von seinem Posten weg, dass dieser nicht wusste, wie ihm geschah. Er kam
damit in das Zimmer, wo diese Schöne der andern Dame im Schoose lag: wie gross
war nicht dessen Bestürzung, als er hier die Gräfin von Monteras und Asmenien
erkannte. Der Hut war der Gräfin abgefallen: ihre Haare hiengen in einer
natürlichen Unordnung um ihr erblasstes Angesicht: Die Brust war etwas mehr als
sonst entblöset: Niemahls hat man etwas reitzendres, niemahls etwas schöners
gesehen: der Graf war für Entzückung ausser sich: er lag zu ihren Füssen, und
hatte sie an ihre beide Hände gefasset: auf welche sein Mund alle Leidenschaft,
die er empfand, abzudrucken schien. Die Gräfin kam darauf wieder zu sich selber:
ihre halb-gebrochene Augen öffneten sich. Ach, Herr Graf! sagte sie mit einer
schwächlichen Stimme, warum kommen sie an diesen Ort? Ich meinte sie nimmer
wieder zu sehen.
    Gnädige Gräfin, gab der Graf zur Antwort, ein unerforschliches Schicksal,
und nicht einiger Vorsatz, führet mich hieher, um ihnen, vor meiner Abreis aus
diesem Königreich, noch diejenige Ergebenheit zu bezeigen, damit ich dieselbe
unendlich verehre. Wie, Herr Graf! versetzte die Gräfin, voller Verwunderung,
wie schicket sich denn diese Reise für einen Verlobten der Herzogin von Salona?
Ich! antwortete der Graf, ich ein Verlobter der Herzogin von Salona? wer hat Ew.
Gnaden dieses Gedichte vorgesagt? die Gräfin antwortete: Mein Oheim der Herzog
von Sandilien; welcher mich zugleich versichert, der Herr Graf würden nach
geendigtem Feldzug ohnfehlbar mit dieser Herzogin sich vermählen. Der Graf
beteuerte ihr, dass er von keiner Verbindung, weder mit der Herzogin von Salona,
noch mit einer andern, etwas wisse; und dass es ihn wunder nehme, wie die Gräfin
nicht besser von den Neuigkeiten des Hofes unterrichtet wär. Die Herzogin von
Salona sei mit einem Alemannischen Prinzen versprochen: ihn selbst aber
hinderte eine grausame Pflicht, ihr von dem Zustand seines Herzens nähere
Nachricht zu geben.
    Der Graf hatte seine meiste Leute mit dem Gepäck voraus geschicket; sein bei
sich habendes Gefolg bestund nur aus einigen Leib-Dienern: bei diesen erkundigte
sich das neugierige Volk nach ihrem Herrn: der Graf aber hatte ihnen bereits
verbotten, dass sie ihn nicht sollten zu erkennen geben.
    Weil es Mittag war, wollte das Land-Volk gern ihre Gräfin speisen sehen. Jung
und Alt hatten sich darauf gefreuet: man verehrte sie wegen ihrer Leutseligkeit
in der ganzen Gegend, nicht weniger als die Heiden eine ihrer Gotteiten. Der
Graf und die Gräfin hatten sich einander so viel zu erzählen, dass sie nicht so
bald sich wieder trennen wollten; sie giengen deswegen zusammen in dasjenige
Haus, wo man für die Gräfin das Mittagmahl bereitet hatte. Die junge
Bauerndirnen lieffen mit ihren Eltern neben her. Ach, was ein schöner Herr! ach,
was ein schönes Paar! hörte man sie von allen Seiten ausrufen.
    Es war für die beide frembde Herren mit aufgedeckt. Der Herr Caplan und ein
Beamter hatten die Ehre, die Gräfin an der Tafel zu bedienen. Diese sowohl, als
der Graf, konten ihre Neigungen vor so vielen Augen, die auf sie gerichtet
waren, kaum verbergen: sie waren allzuvergnügt beisammen zu sein: ihre Blicke
sagten sich solches einander mit einer ungemeinen Lebhaftigkeit. Der Caplan, der
ein starker wohl ausgemästeter Bruder war, und dem die Wollust aus seinem dicken
roten Kopf mehr als die Geistlichkeit leuchtete, beobachtete diese geheime
Verständnis: er bekümmerte sich deswegen am meisten zu erforschen, wer dieser
vornehme Herr wär. Er erfuhr aber weiter nichts, als dass er ein Befreundter von
der Gräfin sei.
    Die Dorf-Music mit ihrem Dudelsack liess sich darauf vor dem Hause hören: man
stund von der Tafel auf: die vergnügte Bauern-Jugend schloss wieder ihren Reihen,
und sang darunter mit Freuden ihre unschuldige Hirten-Lieder.
    Während dieser Kurzweil bezeigte der Graf ein grosses Verlangen von der
Gräfin zu vernehmen, wie es ihr seit der Zeit ergangen wär, als er sie zum
letztenmahl in Prato gesehen hätte; und was sie bewegte, so einsam in dieser
Gegend auf einem abgelegenen Meyer-Hof ihr Leben zuzubringen. Die Gräfin hatte
gleiche Begierde auch des Grafens Begebenheiten zu wissen: sie erzehlten sich
solche einander; der Graf vergass nicht, einige Umstände mit in seine Erzehlung
zu setzen, daraus die Gräfin die Beständigkeit seiner Liebe urteilen konnte; die
Gräfin aber hielt ihre Schamhaftigkeit zurück, dem Grafen alles dasjenige zu
entdecken, was sie bisher seinetwegen gelitten hatte: Asmenie nahm deswegen hier
das Wort.
    Nachdem meine Gräfin, begunte dieselbe ihre Erzehlung, von ihrer Krankheit
wieder so gut als genesen war, und nur verlangte wieder zu ihrer Frau Mutter
nach Prato zu gehen; so brachte ihr der Herzog von Sandilien die Nachricht, dass
zwischen dem Herrn Grafen und der Herzogin von Salona eine Heirat im Vorschlag
wär, damit dem König die auf sie geworfene Eifersucht aus dem Sinn möchte
gebracht werden.
    Wir hörten kurz darauf von eben demselben, dass diese Heirat so gut als
richtig sei. Meine Gräfin könnte darüber ihre Empfindung nicht bergen: sie liebt
den Herrn Grafen auf eine Art, dass ich solches ihre einzige Schwachheit nennen
müste, wenn dieselbe einer so ausnehmenden Hochachtung weniger würdig wären. Sie
suchte nichts destoweniger in dieser Neigung sich zu überwinden, und den Herrn
Grafen aus ihren Gedanken zu schlagen. Die Liebe des Königs dünkte ihr eine
würdige Rache zu schenken: sie stellte sich solche mit allen denen
Annehmlichkeiten vor Augen, welche sie begleiteten, und die so leicht ein junges
und hochmütiges Herz zu rühren fähig sind.
    Die zarte Regungen, die sonst ihr Gemüt mit Huld und Güte durchdrangen,
verwandelten sich bei ihr in eine stolze Heftigkeit. Sie fand in ihrer
vermeinten Verachtung gegen den Herrn Grafen etwas edelmütiges und grosses.
Wohlan! leichtsinniger Graf, sprach sie, kostet es ihn so wenig, sein Herz einer
andern zu schenken, so soll das meinige nicht niederträchtiger sein. Ich will
dem König Gehör geben, er ist meiner um so viel würdiger, weil er mich liebt.
    In dieser Entschliessung kam sie zu dem Herzogen: sie wollte ihm die hurtige
Veränderung ihres Gemüts entdecken; allein die Liebe lachte über dieses
Vorhaben. Die Gräfin wusste nicht, dass sie nur deswegen so sehr aufgebracht war,
weil sie von einer starken Leidenschaft beherrschet wurde; diese hatte allein
das Feuer in ihrer Brust entzündet: Der Eifer war zu gross für ein Herz, das sich
von der Liebe frei machen wollte.
    Der Herzog vermerkte ihre Unruh: wenn werd ich euch, liebste Base, sagte er
zu ihr, wieder ruhig sehen? wo ist das muntere und vergnügte Wesen, das euch
ehedem belebet hat? Ach! lasset euch doch einreden; vergesset den Grafen von
Rivera; ihr verdienet noch wohl einen beständigen Liebhaber. Ich, gnädiger Herr!
antworte sie ihm, mit einer verächtlichen Mine, ich sollte mich noch um den
Grafen von Rivera bekümmern, nachdem er sich entschlossen hat, die Herzogin von
Salona zu heiraten? Nein, fürwahr. Sie haben auch gar zu geringe Meinungen von
mir. Wohlan! erwiederte der Herzog, so wird es euch also nicht ferner mehr
schwer ankommen, den König zu lieben? Die Gräfin errötete auf diese Worte: ihr
ganzes Vorhaben verschwand mit einmal, da der Herzog eine solche Erklärung von
ihr verlangte: sie war verwirrt und wusste nicht, was sie sagen sollte: allein der
Herzog entwickelte leicht ihr ganzes Geheimnis. Gehet, sagt er, meine Tochter,
ihr habt für den Grafen von Rivera noch keine solche Verachtung, wie ihr euch
einbildet: ihr würdet sonst nicht so sehr den König fürchten, der euch die Ehr
antut euch zu lieben; mittlerweile, dass der Graf so wenig nach euch fraget.
    Diese letzte Worte schnitten meiner Gräfin durchs Herz. Die Schönen in der
Welt sind nicht darzu geboren, dass sie sich können verachtet sehen; und wenn
sie einem alles verzeihen, so übersteiget ihre gröste Gütigkeit doch niemahls
die Beleidigung einer verschmäheten Liebe. Die Augen der holdseligen Gräfin
wurden von einem fremden Feuer entzündet: Die Wangen durchlief ein wallendes
Blut, welches ihr ganzes Gesicht mit Purpur färbte: sie schämte sich vor ihrem
Oheim, dass er ihr so niederträchtige Empfindungen vorhielt: sie wollte lieber aus
Grosmut ehrsüchtig, als aus Liebe schwach scheinen: Sie versicherte deswegen
ihren Oheim mit einem stolzen Eifer, dass wenn sie so leicht den König lieben,
als den Grafen von Rivera vergessen könnte, so würde sie den Absichten, die man
mit ihr hätte, ferner nicht widerstreben.
    Nach diesem Gespräch begab sich die Gräfin in ihr Zimmer: die
zurückgehaltene Bewegung der stärksten Leidenschaften, brach hier auf einmal
aus: das Herze war davon ganz beklemmt, die Augen öfneten also ihre verborgene
Quellen, und stürzten die Schmerzen ihres Gemüts in einen Bach von Tränen aus:
sie weinte heftig. Glückselige Tränen, die den sonst nicht erträglichen Kummer
zerteilen, und der bedrängten Brust Luft und Erleichterung verschaffen.
    Das Gemüt der Gräfin geriet auf die Vergiessung so vieler Zähren in eine
sanfte Stille. Die Traurigkeit wurde bei ihr an statt des vorempfundenen
Leidens, ein mit Ruh und Schwermütigkeit vermengter Zustand: sie suchte die
Einsamkeit: alle Menschen waren ihr zuwider: kaum dass sie mich noch um sich
leiden mochte.
    Asmenie! sagte sie zu mir, ich bin der Welt müde: liebt ihr mich ein wenig,
so redet mir von nichts anders, als wie man sich von ihr absondern, und sie
verachten soll. Wir wollen wieder nach Prato gehen, und daselbst uns dem Umgang
aller Menschen entziehen. Wir wollen uns den Sommer über auf unsern
nah-gelegenen Meyer-Hof begeben, und uns daselbst von den peinlichen Eitelkeiten
des Hofs zu befreien suchen. Wir wollen unser süsses Sayten-Spiel bald in den
Waldern erklingen lassen, bald unsre Stimmen mit dem hellen Laut der singenden
Vögel vermengen. Bald sollen uns die junge Hirtinnen ihre Reihen tanzen, und die
Hirten darzu ihre Flöten spielen: wir wollen zuweilen den grossen Teich, dessen
breiter Canal bis nach Prato leitet, mit einem kleinen Kahn beschiffen, und den
gestrickten Hahmen in den Grund senken, um Fische zu fangen; zuweilen wollen wir
uns auf einen leichten Wagen von zween Rädern setzen, und damit die Wälder und
Auen durchfahren. Vor allen Dingen wollen wir gute Bücher mitnehmen, und uns
bald mit anmutigen Geschichten, bald mit guten Lehren unterhalten; der Welt
ihre Torheiten aber von weitem belachen.
    Ich liess meine Gräfin diese sie vergnügende Fantasien ruhig entwerfen: ich
war froh, dass sie etwas gefunden hatte, damit sie ihr Gemüt ein wenig beruhigen
konnte. Ich setzte selbst noch einige anmutige Bilder mit in den süss-gemachten
Entwurf dieser uns vorgenommenen neuen Lebens-Art; worunter ich auch den Scherz
mit einmengte, dass wir gleichwohl eine gewisse Verfassung machen müsten, wenn
ungefehr ein Cavalier, wie der Graf von Rivera, in unseren einsamen Gefildern
sich verirren möchte, wie wir denselben empfangen wollten; denn, fügte ich hinzu,
da wir das alte Arcadien, bei unserm Land-Leben wieder einführen wollen, so
könnte uns auch leicht der Possen wiederfahren, dass ein getreuer Schäfer bei uns
sich einschleichen, und das zarte Herz meiner schönen Gräfin in neue Gefahr
setzen möchte.
    Sie versicherte mich, dass sie dieses am wenigsten zu fürchten hätte, weil
sie nimmermehr von einer so unglückseligen Neigung, wie die Liebe wär, sich
wieder einnehmen lassen würde. Wie werden wir aber von Panopolis wegkommen,
fragte ich sie weiter? Meine anhaltende Unpässlichkeit, sagte sie, wird mir zu
einem hinlänglichen Vorwand dienen, wieder nach Prato zurückzukehren. Meine Frau
Mutter wird mir sodann leicht vergönnen, mich von da nach unserem Meyer-Hof zu
begeben, um dadurch sowohl den Zuspruch des Königs, als seiner Höflinge zu
vermeiden.
    Die Gräfin eröffnete darauf dieses Vorhaben dem Herzogen: er willigte
ungerne darein, sie wieder von sich zu lassen; denn er liebete sie sehr; sie
wusste ihm aber solche Vorstellungen zu machen, und sich dabei so mutlos zu
gebehrden, dass er sie endlich wegreisen liess. Er hat uns seit dem öfters in
unsrer Einsamkeit besucht, und seiner Basen, da er gesehen, dass ihre Gesundheit
sich hergestellet hatte, des Königs halber sehr angelegen; allein, sie bat ihn
beständig, ihre Ruhe nicht zu stöhren, und stellte ihm dabei vor, dass ihre
Gemüts-Art, sich zu nichts weniger als zu einer Königin schickte. Der Herzog
sah wohl, dass dieses nur blosse Ausflüchte waren; er musste sich aber damit
abweisen lassen. Je hochmütiger sich hierbei ihr Herz gegen den König erklärte;
desto gütiger war solches, wenn sie des Herrn Grafens sich erinnerte. Dieses
geschah so oft, dass ich öfters darüber mit ihr scherzte: sie sprach von nichts
lieber, sie erkundigte sich um alles, was man von ihnen sagte, und was ihnen
begegnete.
    Wir erhielten einsmahl die Nachricht, dass sie bei dem letzten Haupt-Treffen
in grosser Lebens-Gefahr gewesen wären: wir lasen solches in den gedruckten
Zeitungen. Dieses setzte die Zärtlichkeit meiner Gräfin in ungemeine Bewegung.
Ach! seufzete sie, wenn nun der Graf geblieben wär, würde ich mir die Schuld
davon nicht beizumessen haben? er wär nimmermehr solcher Gefahr ausgestellt
worden, wenn des Königs Eifersucht ihn nicht suchte aus dem Weg zu räumen. Ach,
unglücklicher Graf! fügte sie hinzu, hätte ich ihn doch nie geliebt.
    Als sie nun bei ihrer Zurückkunft die Nachricht erhielt, dass sie an die
Herzogin von Salona sich würden trauen lassen, so hatte sie wieder eine andere
Art von Bekümmernis; und allem Ansehen nach wird das Vergnügen, welches sie
jetzo empfindet, den Herrn Grafen noch frei zu wissen, sie doch nicht völlig
beruhigen.
    Die Gräfin und der Herr von Greenhielm gesellten sich darauf wieder zu dem
Grafen: dieser hätte gern die Gräfin bis auf ihren Meyer-Hof begleitet; allein
die Umstände wollten es nicht erlauben. Er ging deswegen mit ihr und Asmenien
nur bis ein Stückwegs vor den Flecken: die Luft war nach der damahligen Zeit
schon ziemlich rauh: diese beide Damen aber waren derselben nicht mehr so
entwöhnet, als das Frauenzimmer in den Städten. Der Graf und die Gräfin konten
sich einander bei dieser Gelegenheit ihre Regungen nicht bergen. O, wie beredt
waren hier ihre Augen! wie schön schmeichelte die Liebe! wie schmerzte der
Abschied! wie grausam schien ihnen der Zwang, damit sie sich verstellen mussten!
der Graf küsste darauf der Gräfin die Hand, und brachte sie auf ihre Gutsche: sie
hatte die Augen voll Tränen, und in dieser mehr als zärtlichen Bewegung
schieden sie von einander.
    Der Graf war unterwegs immer in tiefen Gedanken: der Herr von Greenhielm
scherzte darüber mit ihm. Der Graf bekannte ihm seine Empfindlichkeit: er hielt
dafür, dass wir Menschen über die Regungen unseres Herzens nicht Meister wären:
doch müste die Tugend und die Redlichkeit allen unordentlichen Ausschweiffungen
Maass und Ziel setzen.
    Endlich kamen diese beide Herren nach Toscana, allwo sie unter den
zärtlichsten Versicherungen einer immerwährenden Freundschaft und Hochachtung
von einander Abschied nahmen. Der Herr von Greenhielm verfolgte seine Reise nach
Scandinavien; der Graf aber, nachdem er in Toscana die nötige Pässe erhalten,
begab sich an den Licatischen Hof, nach Mönnisburg.
    Er wurde von dem König auf das leutseligste empfangen, und hatte das Glück,
sich über eine Stunde lang allein mit ihm zu unterreden. Der König verwunderte
sich, dass der Graf in verschiedenen Umständen besser, als er selbst, von den
Angelegenheiten seines Reichs unterrichtet war.
    Ich komme, sagte der Graf zu demselben, Ew. Majestät gleiche Vorteile vor
dero Reiche und Völker anzutragen, als ich für diejenige meines allergnädigsten
Königs zu erlangen suche. Ich weiss, dass die Rechte der Majestäten heilig sind,
und dass der Krieg für das einzige Mittel gehalten wird, ihre Streitigkeiten aus
einander zu setzen; dieses Mittel aber ist immer der grösten Gefahr unterworfen:
man muss endlich doch wieder Friede machen, und diese Notwendigkeit zwinget
sodenn die streitende Machten, dasjenige nach vielem Blutvergiessen einzugehen,
was sie zuvor mit weit geringeren Kosten, und mit Erhaltung der gemeinen Ruh,
hätten tun können.
    Dass die öffentliche Versammlungs-Plätze, wo man die Zwistigkeiten der
Potentaten zu erörtern pflegt, nicht allemahl einen gewünschten Ausgang haben,
solches zeigt die Erfahrung. Es sind insgemein dabei zu vielerleiy Leute, die
darunter ihren Nutzen finden, wenn sie die Tractaten fein weit hinaus spielen:
die Herren Rechts-Gelehrten kommen auch dabei mit in die Anfrage, und wo diese
erst mit einander sich in einen Feder-Krieg verwickeln, da ist der Knote nicht
anders mehr, als durch einen Gordianischen Schwerd-Streich zu lösen. Bei solchen
Tractaten muss man über dem stets neue Berichte von den Höfen einholen: der Rang
und die Vorrechte der hohen Häupter verursachen auch öfters ein unnützliches und
weitläuftiges Gezäncke; wodurch die Gemüter der Regenten mehr zum Krieg, als
zum Frieden gereitzet werden. Es kommen unterdessen auch allerhand
Zwischen-Fälle, welche die Unterhandlungen verwirren, oder doch wenigstens
aufhalten: Zeit und Unkosten gehen darüber verloren, und keiner weiss, woran er
ist.
    Diese und dergleichen Umstände, fuhr der Graf fort, haben meinen
allergnädigsten König bewogen, an Ew. Königl. Majestät, mich in möglichster Eile
abzusenden, und mich dahin zu bevollmächtigen, dass alles, was ich in dero
höchsten Namen mit Ew. Königlichen Majestät schliessen würde, für genehm, und
ausgemacht sollte gehalten werden.
    Der König bezeigte hierauf dem Grafen, dass es ihm lieb wär, dass der
Aquitanische Hof ihm wegen der mit ihm obschwebenden Streitigkeiten einige
Friedens-Vorschläge wollte tun lassen; und war ihm darzu die Person des Herrn
Grafens um so viel angenehmer, weil er bisher viel gutes und rühmliches von ihm
gehöret hätte.
    Als nun der Graf darauf seinen Vortrag getan und dessen Vorstellungen auch
dem König einzuleuchten schienen; so bat er den König, solche näher zu überlegen
und ihm die Gnade zu erweisen, die Sache selbst, nach seiner eignen hohen
Einsicht, mit ihm abzutun; allein, der König wollte sich darauf in keine Wege
mit dem Grafen einlassen; sondern verwies ihn disfalls lediglich an seinen
obersten Staats-Minister, den Fürsten von Kärndtenburg.
    O ihr stolze Beherrscher dieser Erden, dachte hier der Graf bei sich selbst,
seid ihr denn nur deswegen der Völker Herr und Haupt, um eure Tage in Wollust
und Müssiggang zuzubringen? Er bedauerte heimlich diesen Monarchen, dem die Natur
Vernunft und Gaben genug verliehen hatte, seine Staaten selbst zu beherrschen,
und der aus blosser Weichlichkeit, welche von der Gewohnheit und einer üblen
Erziehungs-Art herrührte, sich aller Geschäften entschlug; und nur deswegen
König war, weil auch seine Vorfahren waren Könige gewesen; gleich als ob man mit
der blossen Geburt, zugleich auch die Weisheit bekäm, Völker zu regieren.
    Der Graf von Rivera musste sich also gefallen lassen, mit seinen
Friedens-Vorschlägen zu dem Fürsten von Karndtenburg zu gehen. Dieser hatte zwar
Einsicht und Verstand; allein, noch weit mehr Einbildung und Hochmut: ein
stolzes aufgeblasenes Wesen begleitete alle seine Handlungen: seine Geburt, sein
Glück, sein Gestalt, seine Würde und sein Pracht, gaben ihm das Ansehen einer
ungemeinen Hoheit, welche so wohl der Hof als das Volk verehrte, und die
gewisser massen der König selbst fürchtete. Niemand unterstund sich also ihm
entgegen zu reden: was er wollte, das musste geschehen: Man konnte noch sicherer
den König selbst beleidigen, als ihn.
    Weil der Graf ihn gleichsam war vorbei gegangen, indem er sich mit seinen
Vorschlägen gerad an den König gemacht hatte; so gedachte jetzo der Fürst
demselben die Wichtigkeit seiner Person recht in die Augen zu stellen. Der König
hatte den Grafen mit der grösten Leutseligkeit empfangen; hier aber machte ihm
der Minister eine spreustige Mine: er warf den Kopf, welcher in einer grossen
auf beiden Seiten über den Bauch herunter hängenden Staats-Perrucke eingehüllet
war, aus Hochmut so weit zurück, als die Majestät des Monarchens, aus
Freundlichkeit, vor dem Bevollmächtigten eines grossen benachbarten Königs, sich
geneiget hatte. Der Graf zeigte dem Fürsten hierüber nicht die geringste
Empfindlichkeit: seine Gebehrden waren von Natur frei und ungezwungen: er konnte
so wenig niederträchtig, als lächerrlich-hochmütig sein. Er sah bald, dass er
bei diesem Minister nicht viel ausrichten würde. Der Geist dieses Fürsten kam
ihm um so viel kleiner vor, je grösser und schwülstiger derselbe sich seinen
Augen darstellte: Selten, dass ein so aufgeblasener Cörper die Herberge einer
weisen Seele ist.
    Der Graf durchgieng dem ungeacht mit ihm die Ursachen, die den Krieg
zwischen den beiden Kronen veranlasst hatten, und zeigte ganz natürlich, wie
solche am leichtsten zu heben, und ein dauerhafter Friede möchte geschlossen
werden; allein, der Fürst wollte alles besser wissen, und konnte nicht leiden, dass
sich der Graf anmassete, so viel Verstand zu haben; er verwarf dessen ganzen
Plan, und wollte durchaus in allen Stücken nachgegeben haben.
    Der Graf musste also hier auf andre Mittel sinnen, seinen Zweck zu erreichen:
er sah wohl, dass in solcherlei Geschäften, ganz ohne List nicht wohl
fortzukommen war. Der Endzweck macht öfters eine Sache gut, oder bös. Der Graf
hatte die beste Absichten von der Welt. Er wollte niemand schaden, sondern
vielmehr, wenn es in seiner Macht stünde, aller Menschen Wohlfahrt befördern
helfen.
    Er war nicht der Meinung, seinem König fremde Völker zu unterwerfen; er
suchte es nur dahin zu bringen, dass er seine eigne in Ruh und Friede beherrschen
möchte. Er hielt den Eroberungs-Geist der Monarchen für den grösten Verderber des
menschlichen Geschlechts. O, ihr Könige! pflegte er zu sagen, ist es nicht
genug, dass ihr eure eigene Untertanen durch eine böse Regierungs-Art in das
Verderben stürzet? müsst ihr auch noch andere Menschen suchen, eurer
Tyrannischen Bottmässigkeit zu unterwerfen? gleich als ob die höchste Ehre
gecrönter Häupter darin bestünde: dass sie viele Länder beherrschten, und viele
Völker unglücklich machten.
    Des Grafens Endzweck ging also bloss allein auf die Erhaltung der gemeinen
Ruh: er suchte solche durch unumstössliche Bündnisse mit den benachbahrten
Staaten zu befestigen. Er war zu dem Ende darauf bedacht, ihnen allen Argwohn zu
benehmen, als ob man ihre Gerechtsame verletzen, oder nicht aufrichtig mit ihnen
handeln wollte: er suchte es mit der Zeit dahin zu bringen, dass bei entstehenden
Zwistigkeiten der Nachbarn, der Aquitanische Hof sich ins Mittel schlagen, und
sich dadurch das Ansehen eines Schieds-Richters erwerben könnte. In welchem Fall
nicht allein die Macht seines Königs und die Ruhe seines Reichs gesichert wär,
sondern auch unsägliche Kosten könten erspahret werden, die zu vielerlei
Kriegs-Rüstungen, Gesandtschaften, Bestechungen anderer Höfen, und dergleichen,
aufgewandt würden.
    Der Graf erkundigte sich in diesen Absichten genau um den Zustand des
Licatischen Hofes weil dieses Königreich, nebst Hesperien, das gröste und
wichtigste war, welches an die Aquitanische Gränzen stiess; so kam es vornehmlich
darauf an, die Sicherheit des Königreichs gegen zwei so mächtige Nachbarn zu
bewahren.
    Er machte zu dem Ende mit allen Grossen des Licatischen Hofes Bekanntschaft;
und suchte sie durch allerhand Mittel zum Vorteil seiner Absichten zu stimmen:
er fand überhaupt, dass der König übel bedienet war. Alle dessen Befehlshaber vom
obersten bis zum untersten suchten nichts als ihren eignen Nutzen, auf Unkosten
des Staats; alle misbrauchten schier der Güte ihres allzuviel nachsehenden
Königes: es war kein Hof in der Welt, der so viel vornehme Bedienten ernährte,
welche gleichsam die öffentliche Schmelz-Tiegel der Reichtümer und Schätze des
Landes waren.
    Der Graf hatte einen jungen Edelmann bei sich, der ein Cheruscer von Geburt
war, und die vornehmste Europäische Sprachen verstund: er besass viele
Wissenschaften, und hatte dabei einen aufgeweckten und verschmitzten Kopf:
dieser ging in die vornehmste Caffee- und Spiel-Häuser, und war in allen
Gesellschaften angenehm: er hörte, was die Leute sprachen, und urteilten: er
gab sein Bedenken mit darzu, und machte sie dadurch treuherzig auch gegen ihn
sich desto vertraulicher heraus zu lassen: er brachte auf diese Weise dem Grafen
täglich eine Menge dienlicher Nachrichten nach Haus, welche ihn allesamt
versicherten, dass das Licatische Volk über die bisherige grosse Auflagen
äusserst schwierig, und dergestalt gegen die Regierung aufgebracht wär; dass
solches, wenn es nur noch ein wenig stärker angegriffen würde, allem Vermuten
nach, sich empören, und alle Anschläge des Hofes zu nichte machen dürfte.
    Der Graf schrieb deswegen an seinen König, dass man in ganz Aquitanien neue
Kriegs-Rüstungen machen, frische Völker anwerben, und mit einigen benachbarten
Höfen gewisse Bündnisse schliessen möchte, auf erforderenden Fall eine Anzahl
Hülfs-Völker zu stellen: man folgte seinem Rat: die Drommel wurde durch das
ganze Königreich gerühret: die Flotten wurden ausgerüstet und in See gebracht:
die Gränz-Vestungen mit neuen Werken versehen: die Hetrurier, Cheruscer,
Hermundurer, Battaver und Britannier setzten sich in Waffen: man hörte aller
Orten von nichts als einem abscheulichen Krieg.
    Nur der Graf von Rivera dachte an den Frieden: er war versichert, ihn durch
dergleichen Drohungen und Anstalten am hurtigsten zu erlangen. Er hatte an dem
Licatischen Hof allentalben seine heimliche Agenten, welche die Gemüter des
Volks mit Furcht und Schrecken erfüllten. Der Hof stack in grossen Schulden: die
Haushaltung war in Unordnung: das Kriegs-Heer wurde übel bezahlt; die Soldaten
suchten deswegen bei dem armen Landmann sich zu erholen und griffen zu, wo sie
etwas fanden. Die Befehlshaber waren gezwungen, ihnen durch die Finger zu sehen,
denn es hies: Der Soldat müste leben. Dieses verursachte allentalben ein
jämmerliches Klagen: alle Zeitungen waren voll von den Kriegs-Rüstungen in
Aquitanien: Der Graf selbst liess unter der Hand einige zu seinen Absichten
dienliche Schriften in Toscana drucken, und sie heimlich in Mönnisburg
ausstreuen. Dem Volk wurde darin die bevorstehende Gefahr des Kriegs vor Augen
gemahlet: es begunte dadurch noch immer schwieriger zu werden, und desto
eifriger nach dem Frieden zu schreien.
    Das Misvergnügen mehrte sich allentalben durch den grossen Geld-Mangel.
Nicht, dass nicht Geld genug noch wär im Land gewesen; sondern es war solches
unter lauter solchen Leuten ausgeteilet, die mit gewissen Freiheiten versehen
waren, zum Behuf der gemeinen Not nichts beizuschiessen. Diese waren der Adel
und die Geistlichen: die Regierung wagte es dem ungeacht, von solchen eine
ausserordentliche Beisteuer zu fordern: welche man auf gewisse Summen anschlug:
dieses aber war so viel als in ein Wespen-Nest stöchern. Bisher hatte nur der
gemeine Mann geschrien; wobei der Adel und die Geistlichkeit schwiegen und auf
ihre Vorzüge stolz waren; da man aber auch diese beide Stände mitnehmen wollte,
da hies es allentalben: es litte die Religion, es litte der ganze Staat.
    Der Beicht-Vater des Königs war der erste, welcher seinen andächtigen Eifer
vor den König brachte, und ihn ermahnte, der Kirchen-Güter zu schonen: er sagte:
dass sie von milden Stiftungen herrührten, welche der Macht des weltlichen Arms
mit nichten unterworfen wären: er vermahnte deswegen den König, solche ja nicht
anzutasten; sondern vielmehr, wie er bishero getan, als ein würdiger Beschützer
der Kirchen sich fernerhin zu erzeigen. Er fügte seiner Rede die Drohungen des
Himmels und des Vaticans hinzu; und bedeutete dem König, dass noch alle
Monarchen, die sich unterstanden hätten, dergleichen Eingriffe in die Geistliche
Rechte zu tun, sich den Fluch des Himmels auf den Hals gezogen und weder Glück
noch Seegen bei ihrer Regierung gehabt hätten, davon er ihm hurtig alle
denkwürdige Geschichten, die sich ungefehr hieher schicken mochten, aus den
Geschicht-Büchern anzuführen wusste.
    Auf diesen so strengen Gewissens-Prediger folgte der Land-Marschall mit den
Abgeordneten von der Ritterschaft. Dieser stellete ebenfalls dem König vor, dass
bishero die treugehorsamste Stände alles getan hatten, was in ihrem Vermögen
gewesen wär, um der Königlichen Cammer zu dem verwichenen Feldzug den
benötigten Vorschub zu tun, und die siegreiche Waffen des Königs gegen seine
Feinde zu unterstützen; allein, die bisherige Durchmarsche und stete
Einquartirungen auf ihren Gütern und Dorfschaften, zusammt dem erlittenen
Miswachs der Feld-Früchten, hätten ihre Kräfte dermassen ausgesogen, dass sie
nicht im Stand wären, ein mehrers zu bewilligen, als worzu sie bereits sich
verstanden hätten: Ihro Majestät, der König, möchte solches alles in mildeste
Erwegung ziehen, und dem schon vorhin genug gepresten Adel dero fernerweitigen
allergnädigsten Königlichen Schutz huldreichst angedeihen lassen.
    Der König wollte den Adel, sowohl als die Geistlichkeit, klaglos stellen; der
Fürst von Kärndtenburg aber wusste keine andere Mittel zu ergreiffen, um Geld
aufzubringen, als diese beide Stände mit in die neue Anlage zu setzen. Er hatte
gern auch das gemeine Volk noch mit mehrern Abgaben beschweret, und neue Zölle
und Accisen angelegt; allein Handel und Wandel lag bereits ohnedem schon in
diesen Ländern darnieder; und wenn man den Landmann noch härter angesetzt hätte,
so würde ihm kaum sein Fuhrwerk noch übrig geblieben sein, damit die nötigste
Lebens-Mittel in die Städte zu bringen.
    Wie nun alle Dinge, wenn sie bis zu einem gewissen Grad gestiegen sind,
entweder sich biegen oder brechen; so ging es auch allhier. Der Graf von Rivera
hatte sich wirklich bei dem König beurlaubet: alle dessen Vorstellungen waren
bisher vergeblich gewesen: der König verliess sich auf seinen Staats-Minister,
und dieser wollte durchaus in einer Sache nicht nachgeben, die ihm einmal sein
Eigensinn zur Regel gemacht hatte.
    Die Anstalten zur Abreise des Grafens machten unterdessen sowohl bei Hof,
als bei dem Volk ein grosses Aufsehen: solche war schon auf den andern Tag
festgestellet. Der Graf war gesonnen, an einen nechstgelegenen Alemannischen
Fürsten-Hof sich zu begeben; unterdessen aber seinen Cheruscischen Edelmann zu
Mönnis burg zu lassen; weil er aus den Umständen worin er den Licatischen Hof
sah, leicht urteilen konnte, dass er sich bald näher zum Ziel legen würde.
    Dieser Zeitblick war bereits vor der Tür: eine grosse Menge Volks sammlete
sich gegen den Abend vor dem Pallast des Fürstens von Kärndtenburg. Dem Fürsten
kam solches gleich Anfangs verdächtig vor, und sandt deswegen auf die
Hauptwache: allein, ehe man ihm noch zu Hülfe kommen konnte, so hörte man ein
dunkles und durchdringendes Geschrei: Es lebe der König / und sterben alle böse
Ratgeber. Diese Losung wurde zugleich mit einem Hagel von Steinen begleitet,
welche kein Fenster an dem Pallast des Fürstens auf der Strassen ganz liessen;
und wo man nicht bei guter Zeit die Toren des Pallasts geschlossen hätte; so
wär ohne Zweifel dieser Tumult auf eine völlige Plünderung desselben hinaus
gelauffen; wobei die Person des Fürstens am wenigsten Sicherheit würde gefunden
haben; dann die Erbitterung des gemeinen Volks gegen ihn war überaus gross.
    Der wütende Pöbel wurde zwar darauf von der herannahenden Wache wieder
auseinander getrieben; er sammlete sich aber von neuem auf dem grossen
Burg-Platz, und wiederhohlte daselbst aus voller Kehle, doch mehr mit einem
fürchterlichen Gebrüll, als vernehmlichen Ton, die vorige Losung: Es lebe der
König / und sterben alle böse Ratgeber. Und da er auch hier von der
aufgebotenen Besatzung aus einander gejagt wurde, so hörte man doch die ganze
Nacht durch diese Worte von einzeln kleinen Hauffen noch hin und wieder in den
Strassen erschallen.
    Der Staats-Sekretarius, als er sah, wo die Sachen hinaus wollten, fuhr noch
denselben Abend zu dem Grafen von Rivera. Er bat ihn, morgen noch nicht zu
verreisen: er sagte, dass er in den Aspecten seines Hofs einen guten Planeten
entdeckte, und dass sie würden Friede machen.
    Der andere Tag war kaum erschienen, so wurde der Staats-Sekretarius nebst
den andern Staats-Räten zu dem König gerufen: mittlerweile, dass der Fürst von
Kärndtenburg, um der Wut des Pöbels zu entgehen sich heimlich aus der Stadt
gemacht hatte. Der König befragte den versammleten geheimen Rat, was bei so
gestalten Sachen zu tun wäre: dieser riete zum Frieden; nachdem er zuvor dem
König die allgemeine Not und das Misvergnügen aller Stände des Reichs aufs
beweglichste vorgestellt hatte.
    Der König liess darauf den Grafen von Rivera nach Hofe bitten: man
beratschlagte sich mit ihm aufs neue, wie man die Sache auseinander setzen, und
die noch strittige Puncten vergleichen möchte. Der Graf aber wollte durchaus von
seinem Plan, der auf einen beständigen Frieden zielte, nicht abweichen. Man fand
endlich, dass die Absichten des Grafens Grund hatten, dass sie der Billigkeit
gemäs waren, und dass sie den Wohlstand beider Reiche schützten. Die Articul von
dem Frieden und dem darauf sich gründenden Bündnis wurden demnach zu Papier
gebracht, ausgefertiget und unterzeichnet.
    Die Abreise des Grafens litt also hierdurch noch einigen Aufschub. Der König
fand ein Vergnügen, mit demselben sich in vertrauliche Unterredungen
einzulassen. Er verehrte ihm darauf nebst andern Kostbarkeiten sein Bildnis,
welches reich mit Diamanten besetzt war, und versicherte ihn dabei seiner
besondern Gnade und Hochachtung.
 
                                Das eilfte Buch.
Der Graf von Rivera nahm darauf von Mönnisburg seinen Weg durch den grossen
Hercynischen Wald, nach einem Cheruscischen Fürsten, der zu Argilia eigentlich
seinen Wohn-Sitz hatte; sich damahls aber an seinem neuerbauten Ort
Christianopolis aufhielt.
    Der Fürst, der Ort und die Einwohner hatten etwas so einnehmendes und
ungewöhnliches, dass der Graf durch die Beschreibung, welche ihm sein
Cheruscischer Edelmann davon machte, bewogen wurde, alles selbst in Augenschein
zu nehmen.
    Der Fürst war ein Herr nahe bei die fünfzig Jahren: er hatte einen Prinzen
und zwei Prinzessinnen, davon ins besondere die älteste, von ungefehr achtzehen
Jahren, ein Ausbund aller Schönheit und Tugend war: die Fürstin, ihre Frau
Mutter, hatte derselben sowohl, als ihren andern beiden Kindern, die beste
Erziehung gegeben: sie war selbst ein Muster einer tugendhaften Frauen. Der
Fürst übertraff dieselbe noch in der Stärke des Geistes, in dem Mut und in den
Wissenschaften.
    Er war geboren mit allen Vorzügen des Leibes und des Geistes, welche wir
der Natur zuschreiben; die aber bei ihm nichts anders, als besondere Gaben einer
gütigen Vorsehung waren; denn an statt, dass überhaupt die Menschen mit einer
angeböhrnen Neigung zum Bösen auf die Welt kommen, so machte bei ihm die Neigung
zum Guten seine ganze Gemüts-Art aus. Wer wollte sagen, dass GOtt nicht auch
zuweilen, obgleich sehr selten, dergleichen Menschen lies ans Tages-Licht
kommen, wenn er durch sie besondere Dinge zu wirken vor hat?
    Diese vortrefliche Gemüts-Art wurde bei ihm durch eine nicht weniger
glückliche Auferziehung formiret. Man zeigte ihm, wie er alle seine Gaben bloss
allein zur Verherrlichung seines Schöpfers und zum Dienst anderer Menschen
anzuwenden verpflichtet wär. Man unterwies ihn zu dem Ende in allen solchen
Wissenschaften, welche ihn zur Erkäntnis GOttes, der Welt und der Menschen
führten: zu der ersten brachten ihn die Lehren vom Glauben; zu der andern die
Welt-Weisheit; und zu der dritten die Erfahrrung. Seine getane Reisen an die
meiste Europäische Höfe, sein Umgang mit allerhand Leuten; und endlich, sein
Fleiss in den Wissenschaften und in den Geschäften selbst, vermehrten um ein
grosses, was GOtt durch die Natur in ihn gelegt hatte.
    Es hafteten dem ungeacht in seiner Seel gewisse Zweifel, in Ansehung der so
vielerlei Secten und Meinungen in der Christenheit, welche ihn oftmals sehr
beunruhigten: er wusste lang nicht, was er davon denken und zu welcher er sich
eigentlich halten sollte; er hatte zwar unter allen hier und dar noch gute
aufrichtige Leute gefunden; sie waren aber gegen die Bösen so viel als nichts zu
rechnen. Das Verderben war allgemein, und es schien, als wollte darin keine
Kirche und kein Volk dem andern einige Vorzuge gönnen.
    Als sein Herr Vater starb, hatte er noch kaum das zwei und zwantzigste Jahr
erreichet; er musste sich also der Regierungs-Last unterziehen, in einem Alter,
welches andere Fürsten-Kinder den blossen Lüsten und Ergötzlichkeiten wiedmen.
Er und sein Land waren der protestirenden Kirche zugetan. Er wollte bei dem
Antritt seiner Regierung und bei seinen noch jungen Jahren keine Neuerungen
anfangen; gleichwohl aber schien ihm der Hass, der in seinem Lande gegen andere
Religions-Verwandte herrschte, weder Christlich noch vernünftig. Er konnte nicht
leiden, dass man sich im Christentum über blosse Kirchen-Gebräuche und Meinungen
trennen und deswegen einander alle Christliche Liebe versagen sollte; da sie doch
allesamt einen GOtt, einen Heiland und einerlei Gesetz erkannten. Er hielt
dafür, dass ein Christ ein weit geduldigeres, liebreicheres und einfältigeres
Wesen haben müste, und dass alle diejenige, welche so heftig gegen einander um
die Wahrheit des Evangelii stritten, dieselbe am wenigsten kennen müsten, indem
sie schnurstracks das Gegenteil täten, was uns Christus und seine Apostel
lehreten.
    In diesen Betrachtungen war er lang unschlüssig, wie er in seinem Land ein
solches Kirchen-Wesen, nach dem Sinn des Evangelii, ohne Spaltung und Sectirerei
einführen möchte. Es fanden sich in seinem Lande eine gewisse Art Leute, die sich
für besser und heiliger, als andere hielten, und deswegen mit denen, die da
kirchlich, das ist, dem äusserlichen Gottes-Dienst zugetan waren, keine
Gemeinschaft haben wollten. Diese hoften, der Fürst würde ihren Einbildungen
Glauben beimessen und sich zu ihnen schlagen. Anfangs hatte auch der Fürst sich
wirklich von dem Schein ihrer äusserlichen Frömmigkeit einnehmen lassen; zumahl
weil sie wider alle Sectirereien sich erklärten und blosserdings an die Lehren
des Heilandes sich zu halten vorgaben. Es war aber nicht lang, so erkannte der
Fürst bei näherer Untersuchung, dass diese Leute selbst die gröste Sectirer
waren: und dass sie zugleich solche Unordnungen und Verwirrungen im gemeinen
Wesen stifteten, dass er sich vor ihnen mehr als vor allen andern zu fürchten
begunte.
    Sein wichtigstes Anliegen war also, eine Gemeine von solchen Leuten
aufzurichten, welche nach den pur lautern Lehren Christi, ihr Leben und ihren
Wandel zu führen Vorhabens wären: sie mögten auch von einer Secten sein, wie sie
wollten. Allein, es ereigneten sich gleich Anfangs dabei solche Schwierigkeiten,
dass er alle Hoffnung verlohr, seine Absichten jemahls in dieser Sache zu
erreichen: Es waren insonderheit die Geistlichen ihm darin sehr entgegen; sie
nanten die Einführung einer solchen Eintracht: Syncretisterei und
Gleichgültigkeit der Religion.
    Der Fürst war kein Feind der Geistlichen; er hielt vielmehr ihren Stand vor
andern hoch; doch dieses verdross ihn, dass so viele unter ihnen das Ketzermachen
nicht lassen konten; sondern bei allen und jeden Gelegenheiten mehr auf ihre
blinde Satzungen, als auf die Kraft des Glaubens selbst sahen. So gern er auch
diesem Unheil gesteuert und die Liebe, die Sanftmut und die Verträglichkeit bei
der Evangelischen Kirche in seinem Lande eingeführet hätte, so konnte er es doch,
wegen einiger unruhigen Köpfen, nicht dahin bringen; einen Frieden aber in der
Kirche durch neue Empörungen und Zänkereien zu stiften, hielt er nicht für
ratsam.
    Er brachte seine Klagen darüber vor den HErrn, der allein solches ändern
konnte; er befahl auf eine Zeitlang seine Regierungs-Geschäfte seiner Gemahlin
und seinen Räten; und verfügte sich nach einem in den Hercynischen Wäldern,
vier Stunden von seinem Hof-Sitz gelegenen Jagd-Haus; um in dieser Einsamkeit
auf die so nötige Verbesserung des Kirchen-Wesens desto ruhiger seine Gedanken
zu richten.
    Er hatte bereits vier Wochen in dieser abgezogenen Stille mit dergleichen
Gedanken sich unterhalten, auch schon verschiedene Einwürfe zu Papier gebracht;
als ein paar Vandalische Männer sich bei ihm anmeldeten.
    Gnädigster Fürst, war ihre Anrede, wir haben vernommen, dass Eure Durchleucht
ein weiser und frommer Herr seien. Wir sind nebst einigen unserer Mitbrüder aus
unserm Vaterland, um der Wahrheit willen, die wir nach den Lehren des Evangelii
einfältig bekennen, von andern, die auch Christen sein wollen, vertrieben
worden. Wir suchen bei Ew. Durchleucht Schutz; wir verstehen den Acker-Bau und
die Viehzucht: ein kleiner Raum wird genug sein, um uns zu nähren.
    Was habt ihr dann vor Meinungen in eurem Glauben, fragte der Fürst, weil man
euch aus eurem Vaterland vertrieben hat? Wir sind Christen, antworteten sie, und
wollen mit GOttes Gnade in diesem Glauben auch leben und sterben. Wir halten uns
darin einzig und allein an die uns hinterlassene Offenbarung der göttlichen
Schriften, und lassen uns keine fremde Auslegungen, noch Glaubens-Articul
aufbürden; weil geschrieben stehet, dass man nichts soll darzu noch davon tun.
Ja, unterbrach der Fürst, verstehet ihr dann die Schrift? Was wir nicht
verstehen, gnädigster Fürst, sprachen sie, das lassen wir so lang unerörtert,
bis der Geist GOttes darüber unser Verständnis aufschliesset; denn wir wissen,
dass nicht alle Menschen gleiche Begriffe und Einsichten haben; und dass wir
deswegen verbunden sind, uns einander in Liebe zu tragen. Mittlerweile, dringen
wir allesammt scharf darauf, denen deutlichen Lehren Christi, durch die Kraft
des einfältigen Glaubens, in unserm Leben und Wandel zu folgen. Was bedienet ihr
euch dann, fragte der Fürst weiter, vor einer Ubersetzung der Heil. Schrift? Die
wenige Gelehrten, die wir unter uns haben, war ihre Antwort, bedienen sich der
Grund-Sprache, worinnen die Bücher der H. Schrift anfänglich sind verfasset
worden; auf deren gründliche Wissenschaft sie mit allem Ernst und Fleiss sich
legen; was aber den gemeinen Mann betrift, so begnügen wir uns mit einer sehr
schlechten und unvollkommenen Ubersetzung in unsrer gemeinen Sprache; die aber,
wie unsre Gelehrten sagen, alle die Haupt-Articul des Christlichen Glaubens mit
hinlänglicher und genugsamer Deutlichkeit erkläret.
    Der Fürst war angenehm-bestürzt, diese Leute also reden zu hören; Er
erkundigte sich, wo sie dann eigentlich den Ursprung ihrer Kirchen herrechneten;
und ob sie von andern sich getrennet, oder diese Glaubens-Einfalt von langen
Zeiten her unter sich erhalten hatten?
    Unsere Vorfahren, berichteten die beide Fremdlinge, die sich bis auf die
erste Zeiten der Kirchen hinaus rechnen, haben nie keinen andern Lehren
beigepflichtet, als den einfältigen Lehren des Heilandes: sie haben nie keinen
blossen Menschen-Satzungen, in Glaubens-Sachen, sich unterworfen: sie haben
weder die Heiligen anrufen, noch die Macht eines geistlichen Stattalters GOttes
auf Erden erkennen wollen; und da die Griechische Bischöffe in den ersten
Jahrhunderten anfiengen, sich eine unerlaubte Herrschaft über die Gewissen
anzumassen, und solche unter das Joch fremder Meinungen und Ceremonien zu
zwingen; so verliessen unsere Vorfahren die Hellespontische Ufer, und zogen sich
nach den Dalmatischen und Sclavonischen Gefildern. Als hierauf die Griechische
von der Lateinischen Kirche sich trennte, und eine solche Finsternis den ganzen
Kirchen-Himmel überzog, dass man das Christentum auch nicht mehr unter den
Christen fand; so errichteten unsere Väter unter sich eine geistliche
Brüderschaft, welche die Erhaltung der reinen Apostolischen Wahrheit in der
Einfalt; und die würkliche Ausübung der Lehren Christi zum Grund hatte.
    Als sie aber auch hier von der herrschsüchtigen Clerisei verfolget wurden,
zogen sie sich nach Pannonien, Sarmatien, Hercinien und dasige Gegenden: von
dannen einige noch weiter bis in die Occidentalische Länder drungen; sich aber
meistens in grosser Armut, in Wäldern und rauhen Gebürgen aufhalten, und sich
darin eine Zeitlang mit Wurzeln, Kräutern und Baumfrüchten nähren mussten.
    Da es nun endlich im vierzehenden Jahrhundert in dem Europäischen Welt-Teil
wieder ein wenig Licht zu werden begunte, so kam es auch so weit, dass sie, als
Bekenner des Christlichen Glaubens, an vielen Orten aufgenommen wurden, ein
eigenes Kirchen-Wesen aufrichteten, sich ihre eigene Bischöffe, Aeltesten und
Vorsteher wehleten; und viel andere von dem beschwerlichen Joch des
Occidentalischen Kirchen-Regiments los machten.
    Diese ihre Glückseligkeit aber war von keiner langen Dauer. Der Stuhl zu Rom
tat sie in den Bann; man überzog sie hin und wieder mit starken Kriegs-Heeren:
teils ergriffen die Waffen, sich ihren Feinden zu widersetzen; teils flohen in
einsame Gegenden; noch andere blieben, wo sie waren, und verehrten GOtt im
Verborgen. Die ersten machten ihre Sachen nicht gut; sie wurden überwunden,
gefangen, getödtet und zerstreuet. An den Orten, wo unsre Vorfahren sich
aufgehalten hatten, liess man sie eine Zeitlang in Ruh. Man hat uns keinem
fremden Gottesdienst gezwungen: wir haben uns still für uns gehalten, und uns
dabei als getreue Untertanen, in allem, was nicht die Freiheit unseres
Gewissens verletzet, der weltlichen Obrigkeit und guter Policei unterworfen.
Weil aber durch unsern Wandel, und durch die Bücher der Heil. Schrift, die wir
verborgen bei uns hatten, viele unserer Nachbarn gerühret wurden; dergestalt,
dass sie die Irrtümer ihres vermeinten Gottesdienstes einsahn; folglich davon
sich frei und loszumachen suchten; so wurde dadurch die Geistlichkeit wider uns
aufgebracht. Man zog uns ein; und weil wir die Sache nicht läugnen mochten: so
ergieng endlich an uns das Urteil, dass wir unsere Güter binnen drei Monaten
verkauffen, und hernach das Land räumen sollten; welches wir auch ohne alles
Murren taten, und uns hieher verfüget haben, in der Hoffnung, Ew. Hochfürstl.
Durchleucht werden nicht allein uns, sondern auch unsere Brüder, deren noch
viele im Lande zurück geblieben sind, gnädigst aufzunehmen und einen freien
Gottesdienst uns zu verstatten geruhen.
    Der Fürst von Argilia sagte diesen Leuten, sie sollten sich morgen wieder bei
ihm melden; er wollte die Sache überlegen. Er hatte über dasjenige, was er
vernommen, ein tiefes Nachdenken: er fand, dass diese Leute so dächten und
glaubten, wie er: ihm blieb also kein Zweiffel übrig, eine Gemeine nach Art
dieser Vandalischen Männer aufzurichten. Er entwarf davon den Plan, und als sie
wieder kamen, erklärte er ihnen sein Vorhaben.
    Ihr sollet, meine liebe Freunde, sprach er zu ihnen, nicht allein bei mir
den verlangten Schutz, sondern auch eine solche Gewissens-Freiheit geniessen,
dass ihr einen Tempel eurem GOtt, welcher auch der meinige ist, zu Ehren, hier
auf diesem Platz bauen sollet. Hier habt ihr Holz, so viel ihr wollet; hauet die
Bäume um, verbrennet ihre Wurzeln, bauet euch Häuser, Scheuren, Stallungen,
Gärten und Felder; ziehet euch Wiesen für euer Vieh, grabet euch Brunnen und
leitet das Wasser aus dem nah vorbeifliessenden Bach durch eure Höfe: einige
Stunden von hier werdet ihr auch Kalk, Sand und Steine finden: ich will euch die
Plätze anweisen, wohin ihr bauen sollet: ich will euch selbst alles entwerfen
und angeben; und wann ihr solche Christen seid, als ihr von euch sagt; so will
ich meine Wohnung selbst unter euch aufschlagen, und mit euch denselben GOtt
verehren, der euch zu mir gebracht hat.
    Die Vandalische Männer dankten dem Fürsten; und liessen alles auf den Willen
GOttes, dessen Knechte sie wären, ankommen.
    Die Zahl dieser aus ihrem Land vertriebenen Wanderer belief sich ungefehr
auf zehen bis eilf Haus-Gefäss. Der Fürst hatte vier bis fünfhundert müssige
Soldaten; diese liess er zusammt so vielen Landleuten aufbieten, und durch
dieselbe auf zwei bis drei Meilen den Wald aushauen. Die zum Bau tüchtige Stamme
liess er auf Haufen legen, und dabei allen und jeden von seinen Untertanen, wie
auch Fremden, auf zehen Jahr, Freiheit von allen Abgaben verkündigen, welche
sich an diesem Ort häuslich niederlassen, und der neuen Policei sich mit
unterwerfen wollten. Wobei er ihnen das benötigte Holz, sammt andern in dasiger
Gegend befindlichen Bau-Materialien umsonst abfolgen liess.
    Es meldeten sich darauf so wohl Handwerker als Land-Leute, denen er die
Plätze und die Art, wie sie bauen sollten, anwies. Die erste bekamen zu ihren
Häusern weniger Raum, als die andern, welche wegen ihres Feld-Baues und der
darzu gehörigen Viehzucht auch einen grösseren Platz, als jene, vonnöten haben.
Alle Häuser wurden zwei Stockwerk hoch aufgeführet, und zu zwei Haushaltungen
eingerichtet: zwischen jeder Wohnung wurde nach der Strassen zu, ein Platz zu
einem Hof gelassen; an welcher von hinten ein Garten von einem Viertel- oder
halben Morgen sties.
    Mitten durch die Strassen wurden kleine Wasserleitungen gezogen, die ihren
Abfluss in einen grossen Canal hatten, welcher zu der Haupt-Strasse dieses Orts
bestimmet war: dieser Canal hatte sechszig Werk-Schuh in der Breite: die auf
beiden Seiten herlauffende Strassen waren jede von ebenmässiger Breite, und
längst dem Canal mit gleichstämmigen jungen Linden-Bäumen besetzt: die Häuser,
die dahin gebauet wurden, waren für wohlbegüterte Leute, und für den Adel, an
jedes von diesen Gebäuden konnte man nebst einer völligen Hofraite auch Gärten
von drei bis vier Morgen in die Länge anlegen: dergestalt, dass die Häuser, nach
der Strassen zu, das Ansehen einer schönen Stadt, nach dem Feld zu aber die
Annehmlichkeit der lustigsten Land-Güter hatten.
    Am Ende dieses Canals sah man den Fürstlichen Pallast: er war vordeme nur
ein Jagd-Haus, nun aber zeigte sich solcher mit zwei prächtigen Seiten-Flügeln
vergrössert, und wurde von der ganzen Fürstlichen Familie bewohnet. Ein dickes
Gehölz bedeckte diese Burg zur rechten und zur linken Seiten; von hinten aber
hatte sie über einen grossen wohl angelegten Garten, die schönste Aussicht bis
nach Argilia.
    Der Fürst lies diesen Ort Christianopolis oder Christen-Stadt heissen. Es
waren noch kaum drei Jahre verflossen, so stunden bereits auf diesem zuvor öden
Platz über zweihundert Wohnhäuser, eine Kirche, eine Schule und ein Armen-Haus.
Der Zulauf des Volks von allen Enden und Orten war ungemein. Man sah daselbst
allerhand Menschen und Secten ruhig beisammen wohnen.
    Es war nichts erbaulichers als ihre Versammlungen: ihre Lieder entielten
die deutlichste Begriffe von den Wahrheiten der H. Schrift: ihre öffentliche
Reden waren kurz und nachdrücklich: sie hätten keinen andern Endzweck, als das
Volk in der Einfalt des Glaubens zu unterrichten, und solches zu der genauesten
Beobachtung der Christlichen Pflichten zu ermahnen. Blosse Streit-Fragen und
hohe über die gemeine Begriffe der Menschen hinstreichende Geheimnisse wurden da
nicht erörtert. Die Lehrer selbst waren fromme, sanftmütige und demütige
Leute, die nicht in der Absicht predigten, um ihre zusammenstudierte
Wissenschaften anzubringen; sondern, um zu erbauen, um zu rühren, und um ihre
Zuhörer gleichsam mit einer verborgenen Gewalt des Geistes zu GOtt zu führen.
    Man sah deswegen auch unter den Einwohnern dieses neuen Orts eine solche
brüderliche Eintracht und Liebe, die ganz etwas besonders hatte. Die Unschuld,
die Treu, die Redlichkeit blickte aus allen ihren Handlungen: es herrschte bei
ihnen in allen Dingen eine solche Ordnung, dass man den Zwang davon nicht spürte;
weil sie der Ruh und der Glückseligkeit eines jeden überhaupt gemäss war. Man
beobachtete die Pflichten eines redlichen Burgers, indem man als ein Christ
lebte; und das Christentum fand nirgends eine bessere Aufnahme, als bei solchen
Leuten, die ehrlich und aufrichtig waren: ihre Tugenden waren nicht die
Wirkungen eines strengen Gesetzes; sondern ein Ausflus der reinen Liebe GOttes,
welche die Neigung zu allem Guten den Gemütern einflöset.
    In ihrer äusserlichen Aufführung hatten sie nichts besonders: sie lebten und
kleideten sich wie andere Menschen, ein jeder nach seinem Stand und Vermögen.
Nur waren sie mässiger, bescheidener und demütiger: Sie beobachteten so wohl
die gemeine Gebräuche, als die Höflichkeit in Sitten und Gebehrden: der
Wohlstand war bei ihnen eine Tugend, weil er die Ordnung unterstützte. Sie
hielten dafür, dass die Auszeichnung in solchen nichts bedeutenden Dingen, einen
gewissen Eigensinn und heimlichen Hochmut entdecke, der mit der Einfalt und
Aufrichtigkeit eines guten Herzens nicht übereinkomme.
    Man fand bei ihnen alle Ergötzlichkeiten des menschlichen Lebens; sie
nahmen solche an, wenn sie unschuldig waren; und wenn sie solche haben konten;
sie lidten im Gegenteil alles, was ihnen die Natur leiden machte, mit einer
grossmütigen Standhaftigkeit; und trösteten sich mit der unfehlbaren Hoffnung
einer ewigen Glückseligkeit.
    Ein jeder lebte von seinen eigenen Mitteln, oder von dem Verdienst, welchen
ihm seine Hantierung brachte. Ein jeder blieb in seinem Stand und in seinen
Würden; und wurde darnach von andern geehret und geachtet; doch, da immer einer
dem andern in der Demut und Bescheidenheit suchte zuvor zu kommen, und keiner
sich vor dem andern etwas heraus nahm, so gaben es auch unter ihnen keine
unziemliche Erhebungen und Rang-Streite.
    Sie nahmen niemand unter sich auf, als nach einer genauen Prüfung, deren die
Vornehmen so wohl, als die Geringere sich unterwerfen mussten, wann sie die
Vorteile einer so glückseligen Lebens-Art mit geniessen wollten. Man erforschte
der neu-Ankommenden ihre Gemüts-Art, ihre Absichten und ihre Aufführung auf das
genaueste; und wann sie Fremde waren, so erkundigte man sich darnach durch
Briefe, und durch Einziehung unverdächtiger Nachrichten.
    Ubel berüchtigte, wilde, lasterhafte, müssige, unruhige und zänkische Leute
wurden daselbst weder gelitten, noch aufgenommen. Denn dieser Ort sollte ein
Aufentalt der Unschuld, des Friedens und der Tugend sein.
    In Ansehung des Glaubens verlangte man von denen neu-Ankommenden nichts
weiters, als die einfältige Bekäntnüs zum Christentum, und einen aufrichtigen
Vorsatz, darnach sein Leben und Wandel einzurichten; Darinn bestund alles: der
Nachdruck aber von dieser Verbindung war von einer wichtigen Folge, und lidte
eine solche Ausdehnung, dass sie der ganzen Aufführung eines Menschen, auch in
den geringsten Kleinigkeiten, Maas und Ziel setzte.
    Alle und jede Verbrechen, welche die Obrigkeit strafet, zogen den Verlust
des Bürger-Rechts nach sich; man verkaufte der Verbrecher ihre liegende Haab,
gab ihnen dafür das Geld, und liess sie damit ihren Stab weiter setzen. Eine
unordentliche, üppige und boshafte Aufführung wurde mit nicht weniger Schärfe
geahndet; doch gebrauchte man zuvor gegen diese Art Leute allen Glimpf und alle
Sanftmut: man ermahnte, man warnte, man strafte sie mit Worten so lang und so
viel, bis man sah, dass alles vergeblich und keine Besserung zu hoffen war; da
man ihnen dann, gleich andern Ubeltätern, den Schutz aufkündigte, und sie als
ungesunde Glieder von der Gemeine trennete.
    Die übrige Schwachheiten aber ertrugen sie an einander mit Liebe, Sanftmut
und Gedult; sie bestraften mit vieler Nachsicht und Gelindigkeit die wirkliche
Fehler, wenn man solche bereuete, und mit einer ernstlichen Buse zu verbessern
versprach. Die Laster aber, welche sie gar nicht dulteten, waren die Lügen, der
Betrug, die Falschheit, die Verleumdung, die Heuchelei, die Zanksucht, der Zorn,
die Rachgierde, die Unversöhnlichkeit; kurz, alles, was wider die Liebe GOttes
und des Nächsten lauffet.
    Sie hielten dafür, dass wer ein rechter Christ werden wollte, ohne im Grund
des Herzens aufrichtig zu sein, der würde in die Luft bauen, und keinen Grund
haben; denn es sei nach dem neuen Bund nicht genug, dass man bloss gesetzlich
wäre: die Lehren Christi, sagten sie, giengen auf den innern Menschen, auf die
Verbesserung des Herzens, und auf die Lauterkeit des Willens.
    Alle vorkommende Zwistigkeiten und Streit-Sachen wurden bei ihnen durch
Schieds-Richter, oder durch die Aeltesten und Vorsteher der Gemeinen beigelegt:
es sei dann, dass sich ein schwerer Rechts-Handel von Wichtigkeit ereignete, der
ohne gründliche Wissenschaft der Rechten nicht wohl konnte entschieden werden:
in solchem Fall setzte man die Sache mit allen Umständen zu Pappier, sandte
solche nach dem hohen Tribunal nach Argilia, und liess dieses oberste
Land-Gericht darinnen sprechen. Mit diesem Spruch wurde der ganze Prozess auf
einmal zu Ende gebracht. Glückselige Völcker! welche auf diese Weise keine
Advocaten und Procuratores vonnöten haben.
    Wie nun hierdurch die Ruhe, der Friede und die Eintracht in dem Bürgerlichen
Leben erhalten wird; also herrschen solche auf gleiche Weise auch in der
Religion, welche sonst aller Orten ein Vorwurf des grösten Haders und der
betrübtesten Spaltungen ist. Hier werden die Geistlichen und Schriftgelehrten,
durch den Eifer ihre Meinungen gegen einander zu verteidigen, nicht aufgehetzt.
Hier werden die Läyen nicht durch die Menge der vielen Streit-Fragen und
Glaubens-Artikel verwirret: Ihre Lehrer sind weise fromme Leute, die nicht für
ihre eigene Aufsätze Krieg führen, noch ihre fanatische Grillen zum Glauben
machen. Das Predigen ist bei ihnen kein Handwerk, und die Canzel nicht die
Werkstatt, davon sie sich nähren. Sie leben von ihren eigenen Gütern, oder von
ihrer Hand-Arbeit, die sie gleich andern besorgen: geraten sie aber dabei in
einigen Nahrungs-Mangel, so hilft ihnen die Gemeine und besorget allenfalls ihre
Notdurft: sie halten dafür, dass man nach Aufhebung des Alt-Testamentischen
Gottesdienstes, der ordentlichen Priester und Opfer-Knechten, die sich vom Altar
nähren mussten, nicht mehr vonnöten hätte: ihre ganze Hierarchie bestehet in
nichts anders, als in einer Christlichen Ordnung: da ein Glied dem andern
unterstellet ist, so wohl zur Besorgung des öffentlichen Gottesdienstes, als zur
Erhaltung guter Zucht und Policei.
    Die Gelehrten, die der Schrifft und der Sprachen kundig sind, werden überaus
hochgehalten: wie dann zur Unterweisung der Jugend besondere Schulen angelegt
sind, darinnen sie in allen guten Künsten und Wissenschaften unterwiesen wird.
    Wegen Tauf und Abendmahl, pflegte man es zu halten, wie bei den andern
Protestanten auch: doch so, dass man die unter diesen äusserlichen Ceremonien
verborgen liegende Geheimnisse, dabei nicht erörterte; sondern darüber einem
jeden seine Begriffe, wie er solche fassen oder nicht fassen konnte, frei lies.
    Die übrige Policei zu Christianopolis bestund in der Billigkeit des
Nutur-Rechts, wie solches eine durch die Lehren des Heilandes gereinigte
Vernunft, insonderheit das Hauptgesetz der Liebe, ganz deutlich an die Hand
gibt.
    Die Belustigungen an diesem Ort waren nicht allein unschuldig; sondern auch,
so viel es sein konnte, erbaulich: die Garten-Lust, den Feldbau, die
Spatzier-Gänge und die Music hielten sie vor andern hoch, weil sie so wohl für
das Gemüt ergötzend, als der Gesundheit des Leibes zuträglich waren: Man sah,
besonders zur Abendzeit, eine Menge dieser glückseligen Einwohner von allerhand
Stand und Alter unter den Bäumen, längst dem grossen Canal, oder in dem daran
stossenden fürstlichen Garten, auf- und nieder gehen: man fand um diese Zeit die
meiste Häuser leer, und es waren diese Spazier-Gänge gleichsam eine Art von
einer öffentlichen Versammlung, wo man die annehmlichste und Lehrreicheste
Gespräche hörte.
    Auf gleiche Weise, besonders zur Winters-Zeit, kamen die Einwohner dieses
Orts auch in gewissen darzu eingerichteten Versammlungs-Häusern zusammen; da man
nebst allerhand Gesprächen bald mit der Music, bald mit einem unschuldigen
Spiel, bald auch mit Essen und Trinken, sich ergötzen konnte.
    Die Christianopolitaner waren in allen Dingen, die an und für sich selbst
nichts böses hatten, ganz nicht eigensinnig, noch in ihrer Sitten-Lehre so hoch
geschraubt, dass sie aus der Unterlassung der Ergötzlichkeiten sich eine Religion
machen sollten. Diejenige Leute, sagten sie, die so urteilen, wüsten nicht, was
Religion sei. GOtt hätte die Menschen zur Glückseligkeit geschaffen, und
deswegen in dieser Welt so viel anmutiges und schönes hervorgebracht, damit der
Mensch dessen geniessen, und in diesem Genus den Schöpfer preisen und
verherrlichen sollte: Sie hielten es für eine so grosse Undankbarkeit, die Gaben
der göttlichen Güte, Weisheit und Allmacht gering zu schätzen, und sich davon
nicht rühren zu lassen; als sie es für eine viehische Unart schalten, wenn man
derselben mit Unmässigkeit und Unfläterei genoss; welche Ausschweiffungen deswegen
auch insgemein den Sünder am hurtigsten straften: sie wussten, dass man GOtt nicht
besser und reiner verehren konnte, als wenn man alle Dinge nach derjenigen
Absicht anzuwenden und zu gebrauchen suchte, wozu er solche geschaffen hat.
    Ihr munteres Wesen, ihre Zufriedenheit, ihre Ordnung in allen Dingen, ihr
freundlicher und liebreicher Umgang mit allen Menschen, ihre Gelassenheit in dem
göttlichen Willen, ihre Stärcke des Glaubens und die Zuversicht eines ewig
glückseeligen Lebens; alles dieses machte, dass sie dem Leibe nach gesund, dem
Gemüte nach ruhig, und dem Verstande nach voller Weisheit und göttlicher
Erkäntnüs waren.
    O glückseliger Ort! warum findet man dich nicht auch auf der Land-Carte
desjenigen Welt-Teils, welchen dem Namen nach die eifrigste Christen beiwohnen,
und die sich einbilden, dass sie dadurch ihren Glauben genugsam an Tag legten,
wann sie darüber mit andern ein liebloses Gezäncke führten.
    Der Graf von Rivera war ungemein verwundert, als er hier ein solches Volk
fand, welches sich weniger darum bekümmerte, scharfsinnig von der Religion zu
denken, als einfältig wie Christen zu leben. Er hatte seine Leute zu Argilia
gelassen, und war, um nicht erkannt zu werden, nur in Begleitung seines
Cammerdieners, nach Christianopolis gereifet. Er war daselbst in dem allgemeinen
Gastaus eingekehret: Man gab ihm ein sauberes Zimmer: er speisete Abends mit
einer ziemlich grosen Gesellschaft: bei Tische hatte, nach hergebrachter
Gewohnheit, ein Vorsteher der Gemeine die Aufsicht: dieser sorgte, dass die
Speisen rein und sauber aufgetragen wurden, er legte solche vor, bediente die
Fremden mit aller Höflichkeit, und gab acht, dass keine Unordnung vorgieng.
    Der Graf beobachtete unter andern einen gewissen Fremdling bei Tische,
dessen Ansehen ihn aufmercksam machte: er war überaus wohl gekleidet, hatte
feine Wasche, eine blonde Perruke, und Stiefel an den Füssen. Seine
Gesichts-Bildung hatte etwas vornehmes und weichliches: seine Gebehrden und
Minen zeigten einen überaus grosen Kummer. Diejenige, die neben ihm fassen,
suchten ihm einen Mut einzusprechen: sie sagten ihm vieles von den verborgenen
Führungen GOttes: dass die Unglücks-Fälle, die GOtt über uns Menschen verhängete,
nicht böse wären; sondern nur dahin zielten, unser Gemüt von der allzugrossen
Liebe des Zeitlichen abzuziehen; und solches mit edlern und bessern Neigungen zu
erfüllen: sie hielten in dieser Betrachtung den Verlust der Reichtümer, für
einen Menschen, der solche mit allzugroser Anhänglichkeit besessen, für eine
grose Wohltat GOttes; weil es ihm sonst schwer würde angekommen sein, GOTT für
das einzige wahre Gut zu erkennen. Vielen liess GOtt deswegen die
Beschwerlichkeiten und Unruhe, welche die Verwaltung groser Güter nach sich zög,
mit stetem Verdrus empfinden: andern schenkte er im Gegenteil dabei die Gaben
der Weisheit, dass sie wüsten, wie sie sich und andern damit sollten Gutes tun.
    Das wahre Glük eines Christen bestünd also darin, dass er GOtt alles
heimstellte, und mit seinem Zustand zufrieden lebte.
    Der Graf von Rivera hörte die erbauliche Sitten-Lehren dieser Leute mit
entzücktem Herzen an: er tat ihnen nicht die geringste Frage, um sie desto
ungestöhrter fortreden zu lassen. Besonders aber richtete er seine Augen auf
denjenigen Fremdling, den die andern schienen, in der Unterweisung zu haben.
    Nach geendigter Abend-Mahlzeit begleitete man so wohl den einen als den
andern, in sein angewiesenes Zimmer. Der Graf hatte sich zu Bette gelegt, und
war ruhig eingeschlafen: ihm traumete, dass einige wilde Tiere von einer
grässlichen und ihm ganz unbekanten Gestalt den Fremdling, mit dem er zu Nacht
gespeiset hatte, anfielen, und denselben zu zerreisen droheten. Er spührte
darüber im Schlaf eine so heftige Bewegung, dass er voller Schrecken aufwachte.
Das Herz schlug ihm im Leibe: er fand sich ganz aufgebracht: er hörte ein
klägliches Seufzen und Wimmern in der benachbarten Cammer, welche eine Tür von
der seinigen unterschied; er besann sich, ob er noch träumete, oder wachend wär;
je mehr er aufmerkte, je deutlicher vernahm er die Stimme des neben ihm
einquartirten Fremdlings. Nein, es ist vergebens, hörte er ihn, mit einer
unordentlichen Bewegung sagen: Ach! ich bin verloren ... ich weiss keinen Trost
für mich .... Die Menschen haben mich verraten und betrogen ... GOtt kennet
mich nicht; und ich kenne ihn auch nicht ... ach! wer soll mir helffen?
    Diese Reden, welche eine Gemüts-Beschaffenheit andeuteten, die zur
Verzweiffelung gestellt war, rührten alsobald des Grafens Mitleiden: Er stund
hurtig auf, schlug seinen Schlaf-Rock um sich, rief seinem Cammerdiener, liess
sich ein Licht bringen und klopfte an der Tür des Fremdlings: dieser hatte sich
eingesperrt, und fragte, wer da wäre? Der Graf antwortete ihm: Er möchte die
Gütigkeit haben ihm aufzumachen: Er hätte ihm etwas zu sagen: Der Fremdling
machte damit auf, sah aber dabei so grass und fürchterlich aus den Augen, dass
sich der Graf darüber entsetzte.
    Mein Herr, sprach der Graf zu ihm, sie tun mir den Gefallen und legen sich
zu Bette: ich habe sie lange in ihrem Zimmer hören auf- und niedergehen: sie
finden sich nicht wohl: ich habe Mitleiden mit ihnen: ich versteh ein wenig die
Arznei: sie werden mir erlauben, dass ich einen Wund-Arzt bestelle, um ihnen zur
Ader zu lassen. Der Fremdling, der vollkommen wohl zu leben wusste, bedankte sich
für eine so grossmütige Sorgfalt: er hatte sich von seiner heftigen Bewegung
wieder ein wenig erholet: er bat den Grafen um Verzeihung, dass er denselben in
seiner Ruh gestöret hätte, und bezeigte ihm eine solche Ehrerbietung, als ob er
wüste, wer er wär.
    Der Wund-Arzt, nebst dem Gastalter, waren bald bei der Hand: Der Graf liess
ihn nach der Aderlass ein wenig Tee trinken, und bat ihn, sich ruhig zu halten,
bis an den Morgen, da er ihm etwas den Magen zu reinigen wollte eingeben: Er
hatte wahrgenommen, dass dieser Fremde den Abend zuvor immer in Gedanken stark
drauf gegessen und wenig dabei getrunken hatte.
    Er fand bei ihm eine ganz verzärtelte Natur, welche durch ein unordentliches
Leben und durch heftige Gemüts-Bewegungen sehr aus ihrem Zirkel gekommen war.
Dem ungeacht entdeckte er bei diesem Fremden doch ein gut-artiges Wesen, und
einen nachsinnenden Verstand: seine Melancholie entstund also nur aus einer
starken Empfindung seiner widrigen Zufallen.
    Der Graf hatte in seiner Reis-Apoteke einige gute Arzneien: er gab ihm
gegen Morgen etwas den Magen von der darin sich ergossenen vielen Galle zu
reinigen und den unordentlichen Umlauf des Geblüts wieder herzustellen: es waren
Tropfen: sie bekamen dem Fremden wohl. Er ging darauf den Tag über mit ihm in
diesem neu angelegten Ort herum: sie wurden von demselben Vorsteher der Gemeine,
welcher die Aufsicht im Gast-Hof hatte, allentalben hin begleitet.
    Der Graf beobachtete alle die Anstalten dieses Orts mit vieler Verwunderung:
er machte solche ebenfalls seinem schwermutigen Gefährden, der immer wieder in
seine eigene Gedancken zurück fiel, mit einer lebhaften Aufmunterung
beobachten. Aller Orten, wo der Graf hin kam, machte er die Leute aufmerksam:
seine Bildung, seine Gebehrden und seine Reden zeigten etwas groses, edles und
scharfsinniges. Er hatte seinem Cammerdiner im Gast-Haus befohlen, weil er
zufälliger Weise einen Arzt hätte abgeben müssen, so sollte er auch die Leute,
die ihn dafür hielten, bei dieser Meinung lassen.
    Das Gerücht von diesem fremden Arzt hatte sich unterdessen durch den ganzen
Ort ausgebreitet; man rühmte denselben bei dem Fürsten: man sagte, dass dessen
Weisheit jederman in Verwunderung setzte. Der Fürst befahl deswegen, dass man ihm
alle Ehr erweisen und den Abend nach Hof bringen sollte. Es war bereits über 1.
Uhr Nachmittag: Der Graf wollte nicht mit der Gesellschaft speisen; sondern liess
für sich und seinen Patienten etwas weniges auf das Zimmer bringen. Er öfnete
hernach wieder sein Reis-Apotekgen, gab seinem Gefährden daraus einige Tropfen,
und nachdem sie ein Stündgen geruhet hatten, giengen sie wieder aus.
    Es war ein schöner Abend: eine Menge von Menschen hatte sich längst dem
grosen Canal versammelt. Der Graf bewunderte hier die durchgängig herrschende
Zucht und Ehrbarkeit: Die Manns-Leute hatten ein ernstliches und vergnügtes
Wesen. Die vom andern Geschlecht zeigten etwas holdseliges und liebreiches,
welches so weit von der Frechheit, als einer blöden Schamhaftigkeit entfernet
war: ihre Kleidungen und Gebehrden hatten nichts üppiges und nichts gezwungenes;
sie gefielen, ohne dass es schiene, dass sie gefallen wollten. Die junge Leute
scherzten mit einander in klugen und artigen Reden: Die, so geheiratet und von
einem gewissen Alter waren, sprachen von der Religion, von der Haushaltung, von
der Kinder-Zucht, von neuen Begebenheiten und allerhand Welt-Händeln. Die
Weisheit, die Demut, die Menschen-Liebe und die Gottes-Furcht, leuchtete aus
allen ihren Reden. Kurz, man sah, dass sie vergnügt waren, und dass dieses
Vergnügen von ihrer frommen Unschuld herrührte.
    Es wurde Abend: man sagte dem Grafen, ob er nicht Lust hätte nach Hof zu
gehen? Der Graf verlies damit seinen Gefährden, und befahl ihn der geistlichen
Sorgfalt eines Lehrers und eines Vorstehers, welche ihn nach dem Gast-Hof
begleiteten. Er versprach demselben, vor Schlafens-Zeit, wie der bei ihm zu
sein.
    Als der Graf nach der Burg ging, fand er so wohl die Strafen als den Hof
mit Wind-Lichtern erhellet: Man führte ihn durch einige Zimmer in einen Saal, wo
er die annehmlichste Stimmen mit einer durchdringenden Anmut erklingen hörte.
Es schien, als ob ein ganzes Chor der besten Sänger und Sängerinnen die reinste
Töne nach einer abgezeichneten Singweise mit einander vereinigte: Der Graf
fragte, was dieses zu bedeuten hätte? Man sagte ihm, der Fürst hielt diesen
Abend seine gewöhnliche Andacht, welches die Woche zweimal zu geschehen pflegte:
Der Graf fragte weiter, ob ihm nicht erlaubet wär, derselbigen mit beizuwohnen?
Man berichtete ihm, dass der Fürst insgemein selbst dabei den Vortrag tät, und
deswegen nicht gern Fremde darzu liess.
    Der Graf wurde durch diese Nachricht desto begieriger, dieser Andacht mit
beizuwohnen, und bat deshalben seinen Führer, er möchte ihn mit dahin bringen:
Dieser war darzu leicht zu bereden. Der Graf kam in ein Zimmer, das voller
Menschen war: Der Fürst sass hinter einem kleinen Tisch, worauf die Bibel und ein
Gesang-Buch lag, neben ihm zur Rechten war die Fürstin, seine Gemahlin, mit dem
Prinzen, den beiden Prinzessinnen und einigen Hof-Damen; zur Linken fand sich der
junge Prinz mit seinem Hofmeister und andern Stands-Personen. Die Bedienten,
nebst andern Leuten, sassen auf Stühlen und Bänken; hinter welchen der Graf sich
hinstellte. Man wurde aber seiner so bald nicht ansichtig, so nötigte man ihn
mit aller Höflichkeit, sich vorn hin auf einen von den Stühlen zu setzen, welche
noch leer warm: Er weigerte sich nicht lang, sondern begab sich nach dem
angewiesenen Platz.
    Der Graf meinte nicht, dass ihm noch Aufmerksamkeit für den Vortrag des
Fürstens übrig bleiben würde, so sehr hatten ihn die verschiedene Gestalten, die
ihm hier in die Augen fielen, eingenommen. Er sah unter andern die älteste
Prinzessin mit Verwunderung an: er betrachtete sie mit einer Art, die ihr
ungewöhnlich schien; sie errötete darüber und empfand in ihrem Gemüte etwas,
so ihr selbst unbekant war.
    Die Gesänge, davon man dem Grafen ein Buch gereichet hatte, giengen über
diesen Betrachtungen zu Ende. Der Fürst begunte seine Rede: er tat solches mit
einem überaus natürlichen und ungezwungenen Wesen: er las einige Sprüche aus der
zwölften Epistel Pauli an die Römer, und machte darüber unter andern folgende
Anmerkungen.
    Die Menschen, sagte er, hätten insgemein einen sehr ungleichen und falschen
Begriff von dem Wort: Gottesdienst. GOtt sei ein vollkommenes und sich selbst
genugsames Wesen, dem wir eigentlich durch nichts einen Dienst erweisen könten.
Seine Absichten in Ansehung der Menschen, giengen bloss dahin, sie einer
immerwährenden Glückseligkeit teilhaftig zu machen: In diese Absichten müsten
wir eingehen. GOtt dienen, hiess also nichts anders, als sich ihm darstellen in
einem reinem Gehorsam, seinen Willen zu tun; und ihn, als das höchste Gut, zu
verehren und zu lieben. Durch diese inwendige Neigung des Herzens hielt sich der
Mensch in einem steten Zusammenhang mit GOTT, und zög durch seinen Geist aus ihm
alles Licht, alle Weisheit und alle Tugend, die zu seiner Glückseligkeit
erfordert würde; nicht anders, als wie das natürliche Leben, durch das
beständige Atmen und Ziehen der Luft, sich fortführte.
    GOTT wirke in der ganzen Natur nach einer unwandelbaren Ordnung, darzu alle
geschaffene Dinge, ein jedes nach seiner Art, ihre Bewegungen einrichten müsten:
so lange die Menschen dieser Ordnung gemäss lebten, so lange blieben sie auch in
der Ubereinstimmung mit dem Göttlichen Willen, und wären glückselig; so bald sie
aber durch ihre Unordnungen und Ausschweiffungen sich von ihm abwendeten; so
verfielen sie auch in die Strafen, damit die Natur diejenigen plagte, welche die
Ordnung ihres Schöpfers verkehrten.
    Der wahre Gottesdienst wär also nichts anders, als die Beobachtung unserer
Pflichten gegen GOtt, gegen seine Geschöpfe, und gegen uns selbst: nichts wär
unserer Natur zuträglicher und angenehmer, als in dem Dienst eines solchen Herrn
zu stehen, der uns nur suchte glückselig zu machen.
    So zerstreuet Anfangs die Aufmerksamkeit des Grafens war, so enge zog sie
dieser Vortrag zusammen. Die Art womit der Fürst sich vernehmen liess, schien
mehr einem vertraulichen Gespräch, als einer voraus studirten Rede ähnlich. Das
leutselige, eindringende und aufrichtige Wesen, damit dieser grosmütige und
fromme Herr sein Fürstliches Haus und seinen ganzen Hof-Staat zu erbauen und zu
unterrichten suchte, hatte etwas ganz ungemeines.
    Der Fürst ging darauf in sein Zimmer, nachdem er alle seine Zuhörer mit
einer holden Freundlichkeit begrüsset hatte: Gleich darauf kam ein Cavalier zu
dem Grafen von Rivera, und fragte ihn, in Aquitanischer Sprach, ob er der
Halycidonischer Doctor wär? Ich bin ein Halycidonier, antwortete ihm der Graf:
Ich bin sonst von Adelicher Geburt, dabei aber zufälliger Weise auch ein Arzt
worden. Wolten sie nicht, fragte der Cavalier weiter, meinem Herrn die Ehr
geben, und ein wenig zu ihm kommen? Der Graf wurde über dieses Zumuten ein
wenig verwirrt; er wollte sich nicht gern dem Fürsten bei solchen Umständen zu
erkennen geben: er erwartete den andern Tag seine Leute: er hatte unterdessen
keinen Vorwand, die angebottene Ehre, um den Fürsten zu sprechen, von sich
abzulehnen.
    Der Fürst empfieng ihn mit der grösten Leutseligkeit: Er befragte ihn um ein
und andre Neuigkeiten des Aquitanischen Hofs, wie auch, ob er den in kurtzer
Zeit so berühmt gewordenen Grafen von Rivera nicht kennete? Der Graf errötete
über diese schmeichelhafte Erwähnung seiner Person: Er verwünschte in diesem
Augenblick alle Verstellung. Ich kenne, sprach er, den Grafen von Rivera so
wohl, wie mich selbst: Er wird erster Tagen hier sein: Ich bin voraus gegangen,
um dessen Ankunft Ew. Durchleucht zu melden, und die Erlaubnis bei Deroselben
auszubitten, dass er einem so grosen und weisen Fürsten seine Ehrerbietung
bezeigen möchte. Der Fürst war über diese Nachricht so erfreuet, dass er solche
seiner Gemahlin, welche noch in demselben Zimmer war, zu wissen tat.
    Der Graf wurde darauf mit zur Tafel genötiget: Das Gespräch bei derselben
war teils von ihm selbst, und von dem mit dem König von Licatien geschlossenen
Frieden: teils von dem Kranken, welchen er im Gast-Hause unter seine Chur
genommen hatte. Die älteste Princessin sagte hierauf halb im Schertz: Sie hätte
hier auch eine Milz-Schwester bei sich, sie bat deswegen den Herrn Doctor, sich
ihrer ein wenig anzunehmen: Indem sie dieses sagte, winkte sie mit den Augen
einer Fräulein, die neben dem Grafen sass, und trank ihr mit einem vertraulichen
Lächeln, die Gesundheit zu: Es lebe Riesenburg.
    Diese Fräulein hatte keine gar gute Farbe, ob sie gleich von einer überaus
schönen Bildung war: Sie wurde rot, als die Princessin diesen Namen Riesenburg
aussprach: Der Graf sah darüber die Fräulein an, und zweifelte nicht, dass sie
die Fräulein von Turris sein musste, als von welcher er bereits Nachricht
eingezogen hatte, dass sie sich an diesem Ort finden sollte. Er konnte darüber sein
Vergnügen kaum bergen. Schönste Fräulein, fieng er ganz ernstaft an: Sie haben
ein Anliegen, welches sonst nicht die Aerzte zu curiren pflegen: Ich hoffe
nichts destoweniger, denselben, wenn sie mir folgen wollen, wieder zu ihrer
vorigen Gesundheit zu verhelfen. Der Fürst sah darüber den Grafen an,
schüttelte den Kopf, und wusste nicht, was er von ihm denken sollte: Sie scheinen
mir, sprach er zu ihm, ein ganz ausserordentlicher Medicus zu sein: Gleichwohl
antwortete jener, ist nichts ordentlicher und natürlicher, als die Art, womit
ich meine Patienten zu tractiren pflege: Ich werde, fügte er hinzu, in kurtzer
Zeit die Gnade haben, Ew. Durchleucht davon ganz unverdächtige Proben zu zeigen.
    Der vermeinte Arzt fasste darauf die Fräulein bei der Hand: Ihr Puls geht
sehr schnell, sagt er, sie sind beweget: Ich werd ihnen ein Pulver geben, die
Wallungen in ihrem Geblüt niederzuschlagen: Morgen wird ihnen besser sein. Man
stund damit von der Tafel auf. Ich sehe, sagte der Fürst, zu dem verstelleten
Grafen, dass sie heut mit unserm Frauenzimmer werden zu tun haben. Morgen werd
ich mir auch eine Stunde ausbitten, mit ihnen zu sprechen. Er ging damit nebst
der Fürstin, seiner Gemahlin, und dem jungen Prinzen in sein Zimmer, und liess
den Grafen mit seiner ältesten Prinzess in und der Fräulein in dem Vorgemach.
    Diese beide Damen fanden den vermeinten Arzt freier als die Aerzte sonst in
diesen Ländern zu sein pflegten: Er sah vollkommen wohl aus: Er scherzte mit der
grösten Anständigkeit, und hatte dabei solche Manieren, die ganz vornehm waren.
    Ihr Gnaden, redete er die Fräulein an, werden mir etwas zu gut halten: Die
Medici bei uns sind sehr freie Leute: sie werden mir ein wenig beichten müssen:
Ich sehe, dass Ihro Durchleucht die Prinzessin sie lieb haben: sie wollen, dass
ich ihnen helfen soll: man kann aber kein Ubel aus dem Grunde heben, dessen
Ursprung man zuvor nicht wohl weiss. Indem er dieses sagte, ergriff er wieder der
Fräulein ihre Hand, und besah darin ihre Lineamenten. Ist es nicht wahr, schöne
Fräulein, fuhr er fort, sie lieben einen gewissen Cavalier, und sind in ihrer
Liebe, nicht, wie sie es wünschen, glücklich. Die Fräulein schien über diese
allzu grose Freiheit des fremdem Doctors ungedultig zu werden, und wollte ihre
Hand wieder zurück ziehen; allein, der Graf hielt solche fest: Nein, nicht so,
gnädige Fräulein, sprach er zu derselbigen, mit Ungedult werden sie meiner nicht
los; und weil sie mir nichts bekennen wollen, so will ich ihnen selbst die gute
Wahrheit sagen. Werden sie mir aber solches ungnädig nehmen, so dürften sie
damit mit ihr Geblüt noch mehr erhitzen, und also ihre Cur desto schwerer
machen.
    Die Prinzessin lachte von Herzen über dieses Spiel, und bat den vermeinten
Arzt, darin weiter zu gehen. Der Graf fuhr also fort, und sagte der Fräulein,
sie möchte sich verstellen, wie sie wollte, so säh er doch so viel aus ihren
Lineamenten, dass ihr eigentlicher Beruf gewesen wär, in ein Closter zu gehen;
dass sie aber durch eine darzwischen gekommene Neigung für einen vornehmen
Cavalier darin sei gestöret worden; O das ist nicht natürlich! rief darüber
die Prinzessin aus. Der guten Fräulein zitterten die Hände: sie sah den Grafen
mit ganz erschrockenen Augen an, und fieng an sich vor ihm zu fürchten.
    Der Graf merkte solches: er lachte heimlich darüber: Nur ein wenig Mut
gefasst, gnädige Fräulein, sprach er zu derselben, ich bin so gefährlich nicht,
als sie meinen. Hie Haben sie fuhr er fort, als er ihr wieder in die Hand sah,
einen zwar widerwärtigen Planeten: sie haben ihren Liebsten vermutlich durch
einen Zweikampf verloren; Allein, dem ungeacht, so verspricht ihnen die
Vereinigung des Saturni mit der Venere noch vieles Glück: Ihr Liebster lebet
noch, sie werden ihn auch wieder finden: und wenn sie mir glauben wollen, so
soll er durch meine Kunst erfahren, wo sie sich aufhalten, und sich selbst hier
vor ihren Augen stellen.
    Der guten Fräulein wurde über diesen Reden noch banger: sie konnte kein Wort
sprechen, sie zweifelte gar nicht, dass der vermeinte Doctor ein Zauberer sein
müste. Der Graf versicherte sie dargegen, dass alles ganz natürlich zugieng; und
sollte morgen oder übermorgen der Graf von Rivera selbst für ihn gut sprechen.
    
    Darf ich mich nun auch unterstehen, sagte hierauf der Graf, indem er sich zu
der Prinzessin wand, und Ew. Durchleucht ungemein glückliche Planeten, welche ich
auf dero schönen Stirn erblicke, in dero hohen Hand bewundern? Sie sind, Herr
Doctor, antwortete sie ihm mit einer freundlichen Mine, ziemlich verwegen: sie
zeigte ihm damit, wiewohl nicht ohne einige Schamröte und Verwirrung, ihre
Hand.
    Hier machte der Graf grose Augen, und tat, als ob er lange nicht recht mit
der Sprach heraus wollte: endlich senkte er das eine Knie zur Erden; O grose
Princessin, rief er aus, mit einem Geheimnüs-vollen Ton; Ich sehe hier eine der
grösten Königinnen der Welt vor mir stehen: Ew. Durchleucht erlauben mir,
Deroselben meine tiefste Ehrerbietung zu erkennen zu geben: Sie werden den
machtigsten Tron beherrschen, ihren Gemahl und ihr Volck glückselig machen, und
ihre Durchleuchtigste Nachkommen bis auf die späteste Zeiten fortpflanzen. Dero
Weisheit, Dero Tugend, Dero Gottesfurcht werden auch schon hier in diesem Leben
ihre reiche Belohnung finden; Sie werden die Vollkommenste unter den Königinnen,
wie die Schönste unter den Frauen sein.
    Eine so schmeichelhafte Prophezeiung und die edle Gebehrden, womit der Graf
solche aussprach, verursachten bei der Prinzessin allerhand Nachdenken. Solte
wohl, gedachte sie bei sich selbst, ein vornehmer Herr mir diese Maskerade
spielen? Ja, ja, ganz gewiss ist unter diesem verkappten Arzt eine andere Person
verborgen. Die Princessin hatte deswegen für denselben eine gewisse Ehrerbietung,
die sie sich nicht entbrechen konnte, ihm auch darin zu erkennen zu geben, dass
sie ihm seine allzufreie Aufführung nicht allein nicht verwies; sondern auch im
Scherz ihm diese Antwort gab, dass, wo er ihr die Wahrheit gesagt hätte, so sollte
er ihr erster Hof-Arzt werden.
    Der Graf, nachdem er sich bei der Prinzessin beurlaubet hatte, verfügte sich
nach dem allgemeinen Gast-Haus: von da er durch einen ihm mitgegebenen
Fürstlichen Leib-Diener der Fräulein das versprochene Pulver, aus seiner
Reis-Apoteke zusandt: Sein anderer Patient war noch auf, und las in einem Buch,
welches von der Zufriedenheit, und wie man solche bei GOtt suchen müste,
handelte: Der Graf fand ihn sehr ruhig; Der Fremde sagte, dass ihm so wohl wär,
als er solches in langer Zeit nicht gewesen. Das macht, versetzte der Graf, weil
man sie hier in diesem Ort zu dem rechten Arzt gewiesen hat, welcher so wohl dem
Leib, als dem Gemüt am besten aufhelfen kann; wenn man anders mit einem
aufrichtigen Herzen, zu ihm seine Zuflucht nimmt, und die Mittel zur Genesung
gebrauchet, die er uns vorgeschrieben hat.
    Der Graf so wohl als der Fremde empfand noch keinen Schlaf. Der Graf
ersuchte deswegen seinen Patienten, wenn es ihm anders zur Erleichterung des
Gemüts dienen sollte, und sonst kein Geheimnüs darunter verborgen wär, ihm seine
Begebenheiten zu erzählen. Dieses alles, antwortete der Fremde, würde gar zu
weitläuftig fallen. Der Graf sagte, er würde ihn damit verpflichten, und wann
sie allenfalls darüber schläfrig werden sollten, so könnten sie das übrige morgen
nachholen.
 
                               Das zwölfte Buch.
                  Die Begebenheiten des Herrn von Güldenblech.
Ich bin, begunte der Fremde seine Erzehlung aus Budorgis, und heise Güldenblech.
Meine Vorfahren sind meist angesehene Handels-Leute gewesen; Mein Vatter aber
hatte aus Gefälligkeit für meine Mutter, weil sie von einem adelichen Geschlecht
war, unsern Namen mit dem Beiwort von bereichern lassen. Es ist solches bei uns
nichts neues, dass die Kaufleute sich adeln lassen; weil man den Adel um guten
Preis haben kann, so läst man diese Ehre auch öfters die längst vergrabene
Knochen seiner Vorfahren mit geniessen, und solche noch in der Gruft bis auf
sieben Ahnen mit adeln. Wiewohl der Neid der Land Junkern allhier so gross ist,
dass sie uns nicht für Stift- und Turnier-mässig halten wollen; wenn wir gleich
öfters gegen sie noch so gute Figur machen.
    Ich wurde als ein einziger Sohn von meinen Eltern in aller Weichlichkeit
erzogen; dergestalt, dass mir auch nicht die geringste Bemühung, weder im Lernen
noch auf meines Vatters Schreib-Stube, zugemutet wurde: Wenn meine Lehrmeister
über mich klagten, so wurden sie von meiner zärtlichen Mutter mit dem
sorgfältigen Bescheid abgewiesen: sie sollten das arme Kind nicht zu viel mit dem
Lernen quälen; ich würde doch einmal Brod zu essen haben. Meine
Ausschweiffungen wurden unterdessen für kleine Artigkeiten und Wirkungen eines
muntern Geistes gehalten.
    Nachdem ich solcher Gestalt mein achtzehendes Jahr erreichet hatte, fand man
für gut, mich auf eine benachbarte Universität zu schicken: man gab mir einen
sogenannten Hofmeister mit, der ein sehr dummer und furchtsamer Mensch war.
Meine Mutter hatte ihn deswegen vor andern erwehlet, dass er desto behutsamer auf
mich acht geben sollte.
    Die Lehren, die sie unter andern mir mit auf die Weg gab, waren diese:
Lieber, Sohn, sprach sie, du gehest nun auf Universitäten; ich habe bereits
Sorge getragen, dass du daselbst bei einem Professor an einen der besten Tische
gehen sollst; doch hat man mir gesagt, dass es zuweilen etwas mager bei denen
Herren Professoren in der Kost aussähe; du kanst deswegen an mich schreiben, dass
dein Vater nichts davon weiss; ich will dir schon Geld schicken, dass du auch
nebenher dir einen guten Bissen bei den Gastaltern kanst holen lassen. Hier
hast du eine kleine Börse, da kauf dir etwas, und sage es Papa nicht, dass ich
dir Geld mit auf die Reise gegeben hätte, er wird schon auch für dich sorgen.
Lerne etwas, dass du Ehr davon haben mögest; studir aber auch nicht zu viel, du
mögst mir sonst krank werden, oder dich gar überstudiren. Geh auch fleissig in
die Kirchen, hüte dich aber ja, dass du kein Bet-Bruder wirst, denn ich kann die
Pietisten nicht leiden.
    Mein Vater hielte mir einen etwas ernstlichern Discurs; er sagte mir, ich
sollte keinen Mangel leiden; aber ich müste mich auch der Sparsamkeit befleissen;
die Zeiten wären schlecht, das Geld wäre schwer zu verdienen; ich müste suchen
etwas zu lernen, sonst würde ich in der Welt nicht wohl zurecht kommen.
    Mit diesen Vätter- und Mütterlichen Ermahnungen reiste ich nebst meinem
Hofmeister auf die Universität. Meine Mutter hatte mir selbst eingepackt: ich
fand in einem Coffer nebst etlichen Pfund Caffee und Tee, eine Menge von
Zuckerwerk, und eingemachten Sachen, imgleichen verschiedene Gläser von
Ungarisch Wasser, und Aquavit, nebst einer grossen Schachtel mit allerhand
Arzneien, welche allesamt auf einen verdorbenen Magen gerichtet waren.
    Ich streuete an diesem Ort, zum Saamen künftiger Weisheit, binnen drei
Jahren, über sechs tausend Taler aus. Meine Eltern erhielten währender Zeit von
mir die allerbeste Nachrichten: es hiess, ich machte dem ganzen Güldenblechischen
Hause die gröste Ehre: ich sei der artigste und galanteste Cavalier auf der
Universität, und würde dermahleinst eine Zierde unserer ganzen Stadt abgeben.
    Zu mehrerer Bekräfftigung dieser annehmlichen Berichten, liess mir einer der
vornehmsten Professoren keine Ruh, ich sollte mich öffentlich auf dem Cateder
zeigen, und eine grose Disputation von dreissig Bögen stark zu verteidigen
übernehmen. So eitel ich auch sonst mochte gewesen sein, so hatte ich doch nicht
Hoffahrt genug, mich ohne Müh zu einer dergleichen Probe zu verstehen; dem
Professor aber war es um ein gutes Geschenk zu tun, welches er sich von meinem
Vater vermutete, wenn er unter dem Namen seines Sohnes, dessen gelehrte Arbeit
ihm zuschriebe. Das Mittel, mich zu einem Respondenten zu machen, war von ihm
leicht ausgesonnen; Er hatte schon, wie er mich dessen versicherte, manche
Doctores gemacht, die lange nicht so viel verstanden hätten, wie ich; Dieses gab
mir wirklich einen gewissen Hochmut, dass ich glaubte, es könnte auch wohl
möglich sein, dass ich mehr wüste, als ich mir einbildete.
    Die Disputation wurde überaus prächtig auf meine Unkosten gedruckt, und mit
einem nicht gemeinen Titul meinem Vatter zugeignet. Die Zeit kam herbei, dass ich
den Cateder besteigen sollte; ich hatte die Disputation nicht einmal ganz
durchlesen, und wusste von ihrem Inhalt, und was ich den Opponenten antworten
sollte, kein einziges Wörtgen; allein, ich hatte alles sehr künstlich im Hute
liegen, was ich vorzutragen und zu reden hatte.
    Ich machte die Eröffnung von dem ganzen Gepränge, dann anders war es nichts,
mit einer sehr zierlichen Anrede, welche der Herr Professor aufgesetzet hatte;
ich las solche mit einem grosen Ansehen von dem Cateder herunter. Meine zu
dieser Handlung erbetene Gegner liessen sich darauf gleichfalls mit einem wohl
ausgesonnenen Glückwunsch vernehmen: sie priesen an mir den Wert solcher
Wissenschaften, die ich nicht hatte: und ich verlas ihnen hinwiederum dargegen
solche Höflichkeiten, die sie eben so wenig, als ich die ihrigen, verdienten.
Alle unsere Sätze und Gegen-Sätze, die wir uns einander machten, waren mit
Numern bezeichnet: auf Numero eins, antwortete ich, Numero ein, auf Numero zwei,
mit zwei, und so fort; und wenn ja auch einer eine Numero verfehlet; so blieb
deswegen der andere doch in seiner Ordnung; es mochte auf einander passen oder
nicht; es hatte solches nichts zu sagen; dann wegen des hin und wieder
lauffenden jungen Volks und des Geräusches, welches sie mit ihrem Plaudern und
ihren Reverenzen machten, konnte man kaum das wenigste von diesem gelehrten
Streit-Spiel vernehmen. Als auch dabei ein ausserordentlicher Wiedersacher sich
meldete, so wies der Professor denselben für mich ab.
    Nach diesen abgelegten Proben meiner Gelehrsamkeit, lies ich den Abend
darauf die meiste Professores, den vornehmsten Adel, zunebst meinen Opponenten
und Tisch-Purschen in einen Garten bitten, und tractirte sie daselbst aufs
beste. Ich kann sagen, dass ich dabei noch mehr Ehr einlegte, als auf dem
Cateder; ich hatte mir den besten Wein darzu von Hause kommen lassen; es wurden
eine Menge Speisen aufgetragen; der ganze Garten war mit Lichtern erhellet: wir
hatten Paucken, Trompeten Music und kleine Canonen. Die Professores, weil sie
stark mit dem Kopf zu arbeiten pflegen, konten den Wein nicht so wohl wie die
Studenten vertragen, sie wurden am ersten trunken. Es fand sich darunter ein
Lehrer der Griechischen und Römischen Altertümer, der sich zu Ehren der alten
Weltweisen, deren Gesundheiten man ihm zubrachte ganz viehisch besoff. Andere
trunken vor lauter Vertraulichkeit Brüderschaft mit uns; und dass an diesem
Schmauss ja nichts fehlete, so gab es auch zuletzt Händel; man hatte aber aus
nötiger Vorsicht, die Degen schon bei Seiten geschafft. Da also einer der
jungen Helden seinem vom Wein erhitzen Mut an seinem Wiedersacher nicht kühlen
konnte, so mussten es die Teller und die Gläser entgelten, die er teils auf die
Erden, teils in die Fenster schmiss.
    Ich kam darauf wieder nach Haus, und wurde von den Meinigen als im Triumph
eingeholet; meine Mutter war mit mir ungemein vergnügt, und hatte deswegen mit
meinem Vatter ein hartes Wort-Gefecht, weil er sich kurz darauf bei Tisch
unterstanden hatte, mir zu sagen, ich hätte gleichwohl ein wenig besser
haushalten sollen; dann sechs tausend Taler, die ich in drei Jahren hätte
darauf gehen lassen, wären so geschwinde nicht verdienet, und müsste er manchen
Brief dafür schreiben.
    Es ist doch gleichwol, sagte sie unter andern, nichts groses und
edelmütiges in einer Kaufmännischen Seele; was ist doch verächtlicher und
niederträchtiger, als ein solcher Mensch, der nicht weiss, wie man für sein Geld
sich Ehre machen soll. Fritz hat schon ein höheres Gemüt als sein Papa; er hält
auch mehr auf die Ehre, als auf das Geld; und darin schlägt er seiner Mama nach.
Meine Vorfahren haben nur auf Ehr und Adel gesehen; Es ist wahr, dass sie durch
ihr grossmütiges Wesen sind Güterlos worden. Allein, sie hatten dargegen
allentalben den Ruhm, dass sie zu leben wüsten; und wenn sie hätten voraus sehen
sollen, dass eins von ihren Nachkommen dermaleinst so unglücklich sein würde, wie
ich, und einem Kaufmann heiraten, sie hätten sich darüber halb zu todt
gegrämet.
    So lebhaft wusste sich bei dieser Gelegenheit der adeliche Schmerzen meiner
Mutter auszudrucken:
    Mein Vater, der nur von einer alten guten Stadt-Familie entsprossen war,
unterstund sich nicht, in einer so wichtigen Streit-Sache meiner Mutter zu
wiedersprechen; er war dergleichen Zänkereien bei ihr gewohnet; er trug also
sein Creutz mit Gedult.
    Ich hatte unterdessen auch meine Reisen getan, welche ihm so teuer als
meine Studenten-Jahre zu stehen kamen: Ich war damahls ungefehr vier und
zwantzig Jahr alt, und weil meine Mutter wollte, ich sollte, an statt die Handlung
meines Vaters fortzusetzen, einen Land-Junker abgeben; so liess sie demselben
keine Ruh, biss er einen Teil von seinem Vermögen dahin verwandt, und mir ein
Ritter-Gut kauffte.
    So ein grosses Verlangen auch meine Mutter hatte, wieder eine recht gnädige
Frau zu werden, so erlebte sie solches doch nicht; sie fiel in ein hitziges
Fieber, und starb. Mein Vater lies darüber keinen gar grossen Kummer spüren; er
war zu aufrichtig, dem Wohlstand zu gefallen, sich zu verstellen.
    Das erkauffte Ritter-Gut warf indessen schlechte pro Centen aus; und es
kamen Jahre, da uns der Pachter eine neue Art zu rechnen lernte: bald waren es
Heerzüge, bald Durch-Marsche, bald Hagel-Schlag und Misswachs, bald Unterhalt,
Bau- und Besserungs-Unkosten; bald andere Dinge, welche meinem Vater das null
von null geht auf, in seine Bücher tragen lehrte. Er verwünschte deswegen von
ganzem Herzen den Landadelichen Wind; und beklagte so sehr, als seine
Flegmatische Gelassenheit es zulies, den dadurch verursachten Abgang seiner
bisherigen Handels-Geschäfften. Mein Sohn! sagte er bei dieser Gelegenheit zu
mir, lass dich den Ritter-Wurm nicht betören: überlass dergleichen Wahn-Witz den
stoltzen Land-Junckern; die lieber hochmütig auf ihrem Mist herum traben, und
ihre Hoch-Adeliche Schweine füttern, als mit Demut und Vernunft die Städte
bewohnen, und ihre Capitalien in der Handlung herum lauffen lassen.
    Ich hatte so viel Verstand, oder vielmehr Empfindung, von einem uns alle
Gemächlichkeiten dieses Lebens verschaffenden Reichtum, dass ich meinem Vater
beipflichtete. Hierzu kam auch dieses, dass, wann ich auf unserm Gut mich befand,
selten ein Tag vergieng, dass nicht eine Anzahl ausgehungerter Edelleuten aus der
Nachbarschaft, sich bei mir versamleten; welche, so bald sie nur den Schornstein
von weitem rauchen sahen, wie die Sperlinge bei einer Scheuer, darin
ausgedroschen wird, auf meinen Hof einfielen, und was sie nicht selbst
verzehrten, ihre Knechte und Pferde auffressen liesen: sie soffen das Bier, den
Wein und den Brandewein unter einander, wie den Covent, damit sie sonst ihre
dürre Gurgeln zu befeuchten pflegten; wobei sie den stärksten Toback rauchten,
und mich, der ich sie hatte nötigen sollen, selbst zum mit machen heraus
forderten; meine Natur aber konnte dieses alles nicht vertragen; ich war von
denen zärtlichen Wohllüstlingen, welche die grobe Schwelgereien dieser rauhen
Ritter deswegen verabscheueten, weil sie allerhand Schmerzen verursachten; Ich
suchte mich deswegen von einem so wilden Geschlecht los zu machen; allein diese
rostige Krippen-Reuter wurden meiner Eingezogenheit nicht so bald gewahr, so
begunten dieselbe auf die Stadt-Junkern zu sticheln; und es währte nicht lang,
so sah ich mich bald dahin gebracht, dass ich mich schier mit ihnen allen hätte
herum rauffen, oder mich entschliesen müssen, zu ihrer liederlichen Zunft mich
zu gesellen; zuvor aber mich rein auffressen zu lassen, um mich dieser
Stifts-mäsigen Vorzüge würdig zu machen.
    Ich war demnach froh, als ich wieder in die Stadt in meines Vaters Hause
kam; und dieser war eben so vergnügt, dass ich meine junge Ritter-Hörner so
glücklich auf unserm Gute abgestossen hatte. Meine Belustigungen waren hier von
einer ganz andern Natur: Hier kont ich mir eine Gesellschaft von jungen Leuten
wählen, wie ich selber wollte; Hier kont ich täglich in die Sing- und
Schau-Spiele gehen; Der Umgang mit dem artigsten Frauenzimmer, ihre öffentliche
Zusammenkünfte, der Zutritt in die beste und vornehmste Häuser, alles dieses
stunde mit offen; man ergetzte sich hier auf unzehlige Arten, und nachdem die
Jahrs-Zeiten solches mit sich brachten. Kurz, ich genoss in der Stadt so viele
Annehmlichkeiten, als ich auf dem Lande Verdruss, Langeweil und Ungemächlichkeit
empfunden hatte.
    Ich lag demnach meinem Vater selber an, diesen mir so verhasst gewordenen
Ritter-Sitz wieder zu verkauffen, und das Geld dafür in der Handlung zu
gebrauchen: Mein Vater tat solches, und verlohr darauf etlich tausend Taler:
Zehn bis zwanzig glückliche Unternehmungen ersetzten diesen Verlust mit
verdoppeltem Gewinn.
    Ich verheiratete mich unterdessen an eine der besten Partien unserer
Stadt: Meine Frau hatte ihre Annehmlichkeiten; ich nahm sie aber bloss des Gelds
wegen: Ihr Vater war sonst von einem guten Hause: und hatte nebst einem Sohn,
der am Hofe war, nur diese einzige Tochter: Er trachtete nach Geld und Gut; die
Mittel darzu zu gelangen, galten ihm gleich viel. Die Natur hatte ihn zu einem
Bauern, das Glück zu einem reichen Mann, und der Reichtum zu einem Edelmann
gemacht: Die Natur liess sich dem ungeacht ihr Recht nicht nehmen; sie herrschte
über den Reichtum und über den Adel, sie blickte aus allen seinen Gebehrden; er
dachte, wie der Pöbel, und sprach, wie der Pöbel.
    Seine Frau hatte etwas mehr Ehrgeitz: Sie beobachtete den Wohlstand, wo er
nicht viel kostete, und bat immer viel Zeugen zusammen, wenn sie einen kleinen
Aufwand machte: Sie und ihr Mann haderten stets zusammen. So bald sie sich nur
sahen, so entdeckten sie an einander ihre Fehler, welche eines an dem andern
weder ertragen, noch an sich selbst ablegen wollte.
    So sahen meine Schwieger-Eltern aus: Meine Frau aber war von einer ganz
andern Gemüts-Art: Ihr Bruder hatte sie stolz gemacht: Ihre ganze Aufführung
war gros: sie wusste zu leben: sie hatte gute Manieren: sie spielete das Clavier,
sie sang, sie redete Aquitanisch und Ligurisch, sie kleidete sich wohl. Kurz,
ich hatte eine galante Frau, und wusste nicht, dass ich sie hatte: ich hasste sie
nicht, dann sie war nicht zänckisch; ich liebte sie aber auch nicht, weil sie
meine Frau war: sie hätte können leichtfertig sein, ohne, dass ich viel würde
darnach gefragt haben, dann ich hatte mich einmal mit ihr auf einen solchen Fuss
gesetzt, dass wir uns das Leben nicht wollten einander sauer machen: sie sollte
ihre Gänge und ich die meinige gehen: Wir hielten den schlimsten Frieden auf
diese Art für besser, als den gerechtesten Krieg. Wir lebten bei diesem
Vergleich zusammen ziemlich vergnügt. Die Aufhebung des Zwangs und der
Verstellung gab uns für einander eine gewisse Zuneigung, die unsern Ehstand
glücklich machte.
    Das erste Jahr waren wir noch bei ihren Eltern allein, da ich es bald mit
meinem wunderlichen Schwieger-Vatter, bald mit der Schwieger-Mutter, bald mit
beiden zugleich aufnehmen und mich mit ihnen herumkeiffen musste Ich fieng gleich
darauf meine eigene Haushaltung an, und bezog meines Vaters Haus, der mir
zugleich mit demselben auch seine ganze Handlung übergab, und einige Jahre
hernach mit Tod abgieng.
    Meine Schwieger-Eltern machten es auch nicht lange: der Vatter hatte
beständig das Podagra; und wurde dadurch verhindert, seiner Frauen aus den Augen
zu kommen, und auf seinem Hof, den er bei der Stadt hatte, zu leben. Er sass in
seiner und die Frau in ihrer Stube; doch assen sie mit einander; da denn der
erste bis zum letzten Bissen mit Zank und Disputiren in den Magen gestossen
wurde: Dem Alten kam darüber die Gicht in die Gedärme, dass er starb. Meine
Schwieger-Mutter lebte darauf noch etliche Jahre bei uns im Haus, und ärgerte
sich grausam, da sie sah, wie wir so vornehm Haus hielten.
    Ich war damahls durch den Tod meines Vaters und Schwieger-Vaters ein Mann
von einem überaus grossen Vermögen. Wann ich auch meine Einkünfte jährlich nach
meinen Capitalien nur zu vier vom Hundert anschlug, so hatte ich dennoch bei
zehen tausend Taler einzunehmen.
    Ich dachte demnach nicht, dass meine Ausgaben und kostbare Haushaltung den
Grund eines so grossen Vermögens erschöpfen, noch vielweniger mich gar übern
Haufen werfen sollten. O wie grosse Ursachen haben nicht die Alten uns vor der
Unordnung und Verschwendung zu warnen!
    Ich hatte noch kaum fünf- bis sechszehen Jahre in der Eh gelebet; so stiess
ich auf den Grund, und mein Haus-Wesen ging, gleich einem voll-beladenen
Schiff, zu scheitern.
    Wie dieses zugieng, wusste ich bei den ersten Stösen selber nicht; ich habe
nur, seit dem ich mich flüchtig von Haus, Hof, Güter, Weib und Kinder machen
müssen, die Zeit gehabt, solches zu überlegen und mir die Sache begreiflich
vorzustellen.
    Da ich neun Jahr geheiratet war, hatte ich acht Kinder, einen
Haus-Präceptor, eine Französin, vier Mägde, drei Bedienten auf der
Schreib-Stube, und nebst dem Gutscher noch zwei Diener in Liberei, die Näherin
und andere Beiläuffer nicht zu rechnen; Als hierauf auch der älteste von meinen
Söhnen begunte die zehen Jahre zu erreichen, so kamen darzu die Sprach-Music-
und Exercitien-Meister. Auf meinem Hof hatte ich einen Verwalter mit Weib und
Kindern: Einen Gärtner mit Weib und Kindern: Einen Wingerts-Mann mit Weib und
Kindern, ohne das andere Gesind zu rechnen: Alle diese Leute hatten wieder
andere Leute an sich: alle nährten sich aus meinem Beutel; und verliesen sich
auf ihren guten Herrn. Ich und meine Frau liebten die Gesellschaften und die
Lustbarkeiten: Wir hatten also genug zu sorgen, wie wir uns und die Kinder
kleiden, wie wir tractiren und die Zeit sonst vergnüglich hinbringen wollten. Auf
diese Weise lebten wir beständig fort: Der Zirkel unserer Ausgaben vergröserte
sich mit dem Anwachs unserer Kinder.
    Meine Frau war in allen galanten Wissenschaften erfahren; aber sie verstund
keine Haushaltung: Ihre Eltern keiften ehedessen vom Morgen bis an den Abend mit
ihrem Gesinde, sie niemahls: es war ihr alles recht; sie wollte, dass alles
vergnügt sein sollte, und konnte nicht einmal leiden, dass das Gesind
untereinander zankte; Nun, nun, sagte sie, Kinder, seid nicht so böse, vertragt
euch, ich will euch lieber etwas schenken.
    So viel Weibs-Leute ich im Hause hatte, so viel Liebhaber musste ich auch mit
unterhalten: Die Freiheit, der Müssiggang, der Uberfluss, machte sie allesamt
üppig. Nur die Französin hatte ihr Alter züchtig; aber auch dargegen eigennützig
gemacht: Sie sah die Unordnungen in meinem Hause; schwieg darzu still und
fischte im Trüben: ich musste ihr solches als eine Höflichkeit bezahlen; dann sie
sagte, sie schonte der Ruh der Madame, und möchte ihr nicht alle
Verdrieslichkeiten vorbringen.
    Wir hatten solchergestalt das beste Gesind in der Stadt: man stellte uns
allen Herrschaften zum Exempel vor: Knechte, Mägde und Laqueien errichteten nach
der Art, wie wir es hielten, ihre neue Rechts-Verfassungen und
Gesinds-Ordnungen.
    Meine Bedienten auf der Schreib-Stube taten auch was sie wollten: Mein
Buchhalter schnitt die beste Rohren für sich: er teilte die gute Posten mit
mir, und schrieb mir die bösen allein auf. Der Cassirer war ein Haupt-Vogel: er
brachte mir die schlimste Münz-Sorten in die Einnahm, verwechselte mit Vorteil
die guten, die er empfangen hatte, blieb der Cassa bei jeder Abrechnung etwas
schuldig, und machte sich also ein artiges Capital. Meine andere zwei Bedienten
hiengen an liederlichen Weibs-Leuten, denen sie alles zusteckten, was sie teils
vom Postteils vom Kost-Geld zurück legten. Kurz, mein ganzes Hauswesen war so
beschaffen, dass ich nach einer Matematischen Ausrechnung keine gewissere Mittel
hätte gebrauchen können, um zu verderben.
    Es war um diese Zeit, als ich grosen Verlust durch allerhand Zufälle und
Banckerutten litt, dergestalt, dass ich meine Casse auf einmal erschöpfet sah.
Hier bekam ich die erste Empfindung von einer Furcht: Ich fieng an zu glauben,
dass es nicht unmöglich wär, mit meinem grosen Reichtum zum Fall zu kommen.
Diese Vorstellung machte bei mir keinen geringen Schrecken.
    Ich ging in dieser Bestürzung zu einem alten Vetter, den ich zuvor wegen
seiner geringen Aufführung wenig geachtet hatte, und begehrte von ihm einen
Vorschuss von zehen tausend Talern. Er hatte sich durch seine ordentliche
Haushaltung und glückliche Verrichtungen ein groses Geld gesamlet. Er hätte mir
am besten helfen können; er schlug mir aber meine Bitte ab: ich wurde darüber
verwundert. Wie! fieng ich an, der Herr Vetter will mir nicht einmal zehen
kahle tausend Taler auf einige Monate Sicht, gegen meinen Wechsel-Brief,
creditiren? Der Herr Vetter wird excusiren, war seine Antwort, meine Casse ist
dermahlen mit einer so grosen Summe Geldes nicht versehen. Ey! Herr Vetter,
sagte ich, wie kann das möglich sein? Noch viel möglicher versetzte jener, als
dass des Herrn seine Casse nicht stärker als meine sollte beschossen sein; denn
nach dessen Aufführung muss er weit mehr Geld haben als ich. Ich bin nur ein
schlechter Mann: ich halte weder Gutsch, noch Pferde, noch Laquayen, noch
Hofmeister und Mamesellen, wie der Herr Vetter: ich gehe nur mit gemeinen Leuten
um, und kleide mich weder in Sammet noch Seiden, weder in Gold noch Silber: ich
habe kein Cabinet von Mahlereien, Antiquitäten, Büchern, Kupferstichen,
Medaillen und dergleichen: ich habe keine Palläste und kostbare Gärten: ich
tractire keine grose Herren, wer mit mir essen will, der muss mit bürgerlicher
Hausmanns-Kost vorlieb nehmen. Kurz, Herr Vetter, ich bin gegen ihn zu rechnen
nur ein schlechter Mann, und ich muss es für einen Scherz aufnehmen, dass er Geld
bei mir suchen will.
    Dergleichen Pillen gab mir dieser ehrliche Vetter ganz trocken zu
verschlucken: ich konnte kaum alle einnehmen, noch vielweniger darauf antworten:
sie waren mir gleichsam auf die Luft-Röhre gefallen. Ich setzte mich hurtig
wieder in meinen Wagen, und fuhr nach Haus.
    Meine Frau, die leichtsinnigste aber beste Kreatur von der Welt, sah mich
mit verblasten Angesicht und niedergeschlagenen Augen in mein Cabinet gehen: sie
konnte niemand betrübt sehen; sie folgte mir nach; die Gefälligkeiten, die ich
für sie hatte, und die Zeit, die wir zusammen in vergnügter Ehe gelebt hatten,
gaben ihr für mich eine Art von Freundschaft, die, wenn sie mich leiden sah,
auch etwas zärtliches hatte: was ist dir, Fritz? so nannte sie mich, wie siehest
du so fürchterlich aus? geh, du machst mir angst, was ist dir begegnet? Lotte,
sagte ich zu ihr, wir müssen anders haushalten, oder wir sind verloren. Nichts
als dieses, gab sie mir zur Antwort, ich dachte, es wäre dir sonst ein Unglück
begegnet. Was wilt du denn noch mehr als verderben? fragte ich sie. Wie so,
sprach sie, bist du denn so viel schuldig? Man ist mir zwar noch mehr, als ich
andern schuldig, fuhr ich fort; allein, die Gelder bleiben mir aus, und ich soll
zahlen. Kanst du denn nicht, fragte sie weiter, so lange borgen, bis dir die
Gelder eingehen? Dein Oheim Lipsart, der reiche Geitzhals, fuhr ich ungedultig
heraus, hat mir den Credit rund abgeschlagen, und mich noch darzu mit meiner
Haushaltung weidlich hergenommen.
    O! erwiederte meine Frau, das hätte ich dir wohl voraus sagen wollen: es ist
keine so Jüdische und niederträchtige Seele in der Welt: er hat mich nie leiden
können. Ich weiss dir einen bessern Anschlag: Gestern war der Jud Amschel bei
mir, und hatte unvergleichliche Perlen; unter andern zeigte er mir zwei
Armbänder, die ganz auserlesen, und mit Brillanten nach einer Art, die ich noch
nie gesehen habe, durchzogen waren: er forderte dafür zwei tausend Taler: ich
sagte, das wäre teuer, ich hätte jetzt kein Geld. Au weh! ihr Gnaden! kein
Geld! sprach der Jude; wolt ihr zwanzig tausend und mehr Taler haben? den
Augenblick sollen sie da sein.
    Ich kennte den Juden, und liess ihn den andern Morgen kommen; er brachte
seinen ganzen Cram von Juwelen mit. Amschel! sagte ich zu ihm, ich soll einem
gewissen grosen Herrn zwölf tausend Taler schiessen; ich brauch aber mein Geld
in der Handlung: wisset ihr mir keinen Anschlag? der Jud erklärte sich, wenn der
grosse Herr für ein paar tausend Taler Juwelen annehmen, und ich den
Wechselbrief indosiren wollte, so könnte er die übrige zehen tausend Taler bald
schaffen. Der Handel wurde richtig: ich nahm für zwei tausend Taler Juwelen;
doch mit dem Beding, dass er solche allenfalls mit zwei hundert Taler Verlust
wieder an Zahlung zurück nehmen sollte. Ich ersann den Namen von einem fremden
Grafen, der den Wechselbrief sollte ausgestellet haben, und setzte, als ob ich
solchen erhandelt hätte, meinen Giro drauf. Der Wechsel hatte sechs Monat zu
lauffen: ich hatte indessen einige Capitalien eingezogen: da er also wieder
zurück kam, zahlte ich solchen, und gab dem Juden seine Jubelen wieder.
    Nach diesem gehabten Schrecken nahm ich mir ernstlich vor, mein Hauswesen
anders einzurichten: ich brachte meine Frau dahin, dass sie darein willigte;
Allein, unser Gesind war einmal an die Unordnung, und dass alles in unserm Haus
voll auf ging, gewohnet. Es gedachte, wir wären doch gleichwohl so reiche
Leute, und es schicke sich gar nicht für uns, dass wir auf alle Kleinigkeiten
sollten sehen: es schob also neben her, was es konnte, und wenn man es drüber zur
Red setzte, so gab es lose Worte; es meinte, alle Kisten und Kasten wären bei
uns mit Geld angefüllet; und glaubte wohl gar, man täte GOtt einen Dienst
daran, wenn man solches unter die Leute bringen, und damit unsern Geitz
bestrafen hülfe.
    Meine Frau konnte das Wort Geitzig nicht leiden: man hätte sie lieber sonst
was gescholten. Wenn man geitzig ist, waren öfters meine Gegen-Vorstellungen, so
zehret man nicht immer vom Capital. Wir haben bisher unser Gesind so wohl
gehalten, dass sich unsere Nachbaren über uns beschweret, wir verdürben ihnen das
ihrige, und führten in der Stadt alle Missbräuche ein. Wir erweisen allen Leuten
Höflichkeiten, wir tractiren, wir leben kostbarer als andere; wir schenken hier,
wir schenken dort, und dennoch werden wir für geitzig gescholten: wir müssen
wohl in einem seltsamen Zeichen geboren sein.
    Nichts tut mir leider, beklagte sich hier meine Frau, als dass mein eigener
Beicht-Vatter, der Herr Magister Ulrich, seit einem Jahr mir immer den Geitz
vorwirft. Wann ich ihm sage, wir lebten viel stiller und eingezogener als vor
dem, so spricht der andächtige Mann: was ist aber daran schuld, meine liebe Frau
von Güldenblech, ist es nicht der liebe Geitz? er weiset mich darüber in mein
eigen Herz: er will, ich soll mich darüber prüfen; ich besinne mich: ich
erschrecke: ich denke, weil der fromme Mann es sagte, so könnte es auch wohl
sein, dass ich geitzig wäre, ohne dass ich es wüste. Dieses macht mir eine
abscheuliche Furcht; denn ich möchte nicht gern zu dem reichen Mann kommen,
davon er mir so oft das Evangelium vorhält.
    Ey Lotte, sprach ich, du und dein Seel-Sorger, ihr seid beide nicht klug. Es
schickt sich wohl für ihn, dich des Geitzes halben zu bestrafen, der du die
gröste Verschwenderin bist. Er selbst ist für den grösten Geitzhals in dieser
Stadt ausgeschrien: man sagt, er habe den ganzen Keller voll Wein und ganze
Böden mit Früchten, und wuchere damit trotz allen Wippern und Kippern: er tut
kein Capital unter sechs vom hundert aus, und läst sich die Zinse voraus geben.
Noch neulich hat er einen armen Mann von Haus und Hof getrieben, dass sich die
ganze Christenheit darüber ärgern möchte. Zahlt einer nicht auf Stund und Ziel,
so jagt er die Notarios, die ihm umsonst dienen, hinter ihm drein: da ist keine
Barmherzigkeit: Zahlung oder Execution. Die Richter schämen sich oft selbst über
dessen unchristlichen Rechts-Eifer. O welch ein schädlicher Mann ist ein solcher
Bauch-Priester.
    Dieser Mann, der doch noch immer seinen fetten Beicht-Pfennig von uns bekam,
tat uns viel Schaden; ohne dass ich eine andere Ursach davon zu geben wüste, als
dass wir ihn nicht mehr so fleissig, wie sonst, zur Tafel hohlen liessen; dann er
liebte einen guten Bissen, und trug seinen gesunden Appetit gern zu Gaste. Er
machte uns schier alles Gesinde aufrührisch. Wenn ihm eines davon begegnete,
oder solches zu ihm ins Haus geschickt wurde, so fragte er solches aus, wie es
ihm ging, und brachte demselben die Gedanken bei, wann es solche noch nicht
hatte, dass es bei kargen Leuten diente. Ja, ja, sagte er zu ihnen, Kinder, ich
weiss schon, wie es in eurem Hause aussiehet. Doch habt Gedult und versündiget
euch nicht. Es ist schwer, seufzete er dabei, dass ein Reicher ins Himmelreich
komme; ihr aber seid arm. Armut hat eine grose Verheissung: Armut schändet
nicht; Aber der Geitz, der Geitz ist eine Wurzel alles Ubels.
    Dieses Evangelium war unsern Dienstboten recht: sie taten ohnedem schon was
sie wollten. Wir dienen nicht als Sclaven, sagten sie, man muss uns auch eine
kleine Veränderung gönnen. Was der Mund verzehret, ist nicht gestohlen. Der Herr
Informator und die Frantzösin hatten immer Zuspruch: diese hatte die Schlüssel
zu Küch und Keller, also konnte sie vielen Leuten etwas zu gute tun: Diener,
Mägde, Lackayen, Hof- und Bauers-Leute; alle wünschten ihr tausend Glück und
Seegen, wegen ihrem guttätigen Herzen. Meine Frau aber, und ich wurden mit den
sinnreichesten Lasterungen angestochen, wenn wir uns so viel heraus nahmen, und
uns nach ein- und dem andern zu fragen unterstunden.
    Die Mägde giengen nicht mehr als Mägde, sondern als wohlhabende
Burgers-Töchter gekleidet; sie wollten deswegen auch nicht mehr Mägde heissen.
Ich versah es einmal gröblich, da ich zu einem Diener sagte, er sollte eine Magd
rufen: das Kinder-Mensch hörte solches: die Magd, wiederholte sie spöttisch: ich
heise nicht Magd: sie kam damit ganz murrisch ins Zimmer; meine Frau merkte
bald, dass ihr was fehlte: sie sagte deswegen zu mir, als das Mensch wieder weg
war: heise doch das arme Ding nicht Magd. Wie, fragte ich voll Verwunderung, ist
sie denn keine Magd? Ja, sprach sie, aber es klingt den hochmütigen Dirnen zu
hart: sie können nicht leiden, wenn man sie so nennet: sie sprechen, sie wären
nicht leibeigen. Wie soll man sie dann nennen, fragte ich weiter; bei ihren
Namen, antwortete meine Frau, Dosgen, Fickgen, Louisgen und dergleichen. Ich
konnte mich in diese Sachen nicht mehr schicken. Ich sah, dass meine Leute dabei
sich ihrer gewöhnlichen Arbeit zu schämen begunten; also, dass man ihnen andere
Leute darzu halten musste.
    Ich hatte sowohl in der Stadt, als auf dem Land, kostbare Gebäude geführet;
meine Lust-Gärten kosteten mich viel zu unterhalten, und brachten nichts ein;
ich hatte in meinem Hause täglich mehr als dreissig Menschen, die aus meiner
Küche zehrten; ohne die Gäste, Beiläuffer, Reib-Wasch-Näh- und Sudel-Weiber zu
rechnen.
    Hierzu kamen noch so viel andere Leute, die alle keinen Pfennig ins Haus
brachten, sondern nur immer haben wollten: darunter waren auch diejenige, welche
die Rechte und die Gesundheit der Menschen studiret hatten. Ich war in meinen
Handlungen nicht vorsichtig genug gewesen; ich hatte zu viel Zerstreuungen und
andere Gedanken im Kopf. Ich trauete zu leicht, und wurde oft betrogen: dieses
verdross mich, ich wollte Recht haben, ich klagte darauf; so bald aber gerieten
nicht die Sachen unter die Advocaten, so ging insgemein das Capital verloren,
und ich musste noch jährlich die Zinsen davon, mit samt den Prozess-Kosten, zu
Ehren der eingeführten Gerichts-Ordnungen, nachsetzen.
    Die Aerzte und Apoteker giengen bei mir auch nicht leer aus. Die
unordentliche Lebens-Art, und die Unmässigkeit meiner Leute machten mein Haus zu
einem halben Spital. Ich hatte beständig kranke Kinder und krankes Gesinde; sie
sahen so blass und so mager aus, dass es einen erbarmte. Der Doctor kam schier
alle Tage: er verschrieb die köstlichste Artzneien, und Gold-Tincturen. Die
Wund-Aerzte vergossen des Jahrs über eine Menge Blut in meinem Haus. Die
Apoteker-Zettul wurden zu ganzen Büchern, man schrieb mir zu Ehren alles
teurer auf, als andern Leuten: es hies: der kans bezahlen.
    Bald waren Hochzeiten, bald Leichen, bald Kindtaufen, bald
Gevatterschaften, bald Gastereien, bald andere Ceremonien bei mir. In allen
milden Steuren und Collecten, wurde mein Namen oben an gesetzt. Ich hatte über
alles dieses, von halb Jahr zu halb Jahr, schier an alle Gattungen von Künstlern
und Handwercks-Leuten Rechnungen zu zahlen; sie übersetzten meistens darin ihre
Arbeit, wolt ich ihnen etwas abziehen, so klagten sie, sie wären arme Leut, die
Arbeit würde ihnen sauer, ich wär ein reicher Herr; es hiese wohl, je reicher,
je karger.
    Anfangs ging mir in meiner Haushaltung so vieles nicht drauf, da ich aber
hernach anfieng zu bauen, und viel auf kostbaren Hausrat, auf Jubelen,
Silber-Geschirr, Mahlereien und dergleichen zu verwenden, so schmolzen binnen
sechs Jahren über fünf und zwanzig tausend Taler vom Capital, wobei wenigstens
eine gleiche Summa auch nach und nach in der Handlung verloren ging. Die
Ausgaben wurden immer gröser, die Einnahmen kleiner, und die Zeiten schlechter.
In den folgenden Jehren giengen wieder zwanzig bis dreissig tausend Taler
drauf, und blieben mir wohl eben so viel zweiffelhaffet und böse Schulden
zurück. Das Unglück kam hernach mit den Banco-Briefen, worüber der Krieg
einfiel, und damust ich wieder ein groses Capital mir abschreiben.
    Als ich hierauf anfieng, und wollte meine kostbare Haushaltung ein wenig
einziehen, so hatte ich wohl noch hundert tausend Taler übrig; allein, die
Helft davon stack in Haus und Gütern und allerhand Effecten, die ich nicht
benutzen konnte. Das übrige lief zwar noch in der Handlung herum, ich hatte mich
aber dabei sehr versteckt: fünf und zwanzig tausend stunden noch bei dem Fürsten
von Sardost, und ich hatte kaum das Drittel mehr einzunehmen, als ich ausgeben
musste. Dem ungeacht hätt ich noch eine Zeitlang fortkommen, oder durch eine
gänzlich verbesserte Einrichtung meines Hauswesens mir wieder aufhelfen können;
Allein, so starb zu meinem Unglück der Fürst von Sardost. Der Fürst zahlte sonst
überaus richtig: er hätte mich nimmer fallen lassen; so bald aber war er nicht
todt, so hiess es, der Prinz wär noch minderjährig, und die Cammer könnte nicht
zahlen.
    Die von dem Fürsten ausgestellte Wechsel-Briefe liefen demnach aus Mangel
der Zahlung zurück: andere Briefe wurden dargegen auf mich gezogen, die ich
zahlen musste. Meine Casse wurde damit leer. Ich hatte Credit nötig; ich stellte
deswegen meine eigne Wechsel aus, und liess solche auf den vornehmsten
Handels-Plätzen herum lauffen: Dieses Mittel tat gut; aber nicht lang; nach
Verfliesung eines halben Jahrs kamen meine Briefe wieder auf mich zurück: ich
sollte zahlen: Es war unterdessen kein Geld weiter eingekommen: man gab mir acht,
man gab mir vierzehen Tage Sicht; Die Zahlung mangelte! Die Wechsel wurden
protestirt: die Sache wurde ruchtbar: das Gerücht ging von einer Schreib-Stube
zur andern; es durchstrich die Börse und von da die nechste Handels-Plätze.
Meine Glaubiger trieben zum Concurs: und ich rettete mich auf meinen Hof. Meine
Freunde, die bei mir die meiste Höflichkeiten genossen hatten, konten, teils
wollten mir nicht helffen. Meine Bedienten giengen auseinander: Jeder machte sich
seine Rechnung selbst, und nahm, was er meinte, dass ich ihm schuldig wär. Meine
Frau wollte verzweifeln. Niemand war, der sich ihrer und der Kinder annahm. Man
sagte: es geschähe uns recht: GOtt hätte uns gestraft, weil wir uns unsers
Glückes zu sehr überhoben hätten: ich glaubte es selbst. Man suchte mich
handfest zu machen: ich entfloh, und wusste nicht, wohin. Weib und Kinder
dauerten mich: ich reiste von einem Ort zum andern: ich wusste lange nicht, wo
ich bleiben sollte. Endlich kam ich hieher zu dem Fürsten, und bat ihn um Schutz:
Er nahm mich gnädig auf; er sagte mir, wenn ich mich hier niederlassen und meine
Sachen mit den Kreditoren ausmachen wollte, so sollte ich ihm lieb sein; er
zweifle nicht, dass nach der Vellejanischen Clausul leicht für meine Frau noch so
viel übrig bleiben würde, dass ich mit ihr und meinen Kindern an einem so
wohlfeilen Ort, und wo man der Eitelkeit so sehr nicht als zu Budorgis ergeben
wär, gemächlich leben könnte. Ich würde, fügte er hinzu, deswegen hier keine
Verachtung leiden, weil ich wär unglücklich gewesen. Nur sollte ich zuforderst
dahin trachten, meine Sachen so viel möglich in Ordnung zu bringen, und meine
Schulden zu bezahlen. Er befahl mich darauf einigen Vorstehern der Gemeine, die
mir so wohl im Geistlichen als Weltlichen raten, und mir in meinen weiteren
Absichten behülflich sein sollten.
    Prast, Unruh, Gram und Verzweifelung nagten darauf meinen ganz
niedergeschlagen Mut. Ich war nur der guten Tagen und keiner Widerwärtigkeiten
gewohnt. Die Veränderung meines Zustandes war zu schnell, zu gros, und für ein
verzärteltes Gemüt, wie das meinige, zu abscheulich. Eine schwarze Melancholie
verdunkelte meine Sinnen: ich sah vor mir einen Abgrund unendlicher Qual:
Tausend Larven und Schrecken-Bilder beängstigten meine in Unordnung gebrachte
Lebens-Geister. Alles drohete mir entweder den Tod, oder ein elendes Leben. O
grausame Vorstellung! ich war der unglückseligste Mensch von der Welt: der
Schmerz drang mir durch die Seele; und machte mich verwirrt: ich fand bei mir
weder Rat noch Trost: ich hielt mich verloren.
    In diesem gepressten und Jammer-vollen Zustand hatten mich die Vorsteher
dieser Gemeine, welche sie, mein Herr, gestern Abend mit bei Tische fanden,
bestens aufzurichten gesucht. Dero mir darauf erwiesene Grosmut und Hülffe,
woll ihnen der HErr, als ein reicher Vergelter alles Guten, mit einer
beständigen und unendlichen Glückseligkeit belohnen.
    Hiermit endigte der Herr von Güldenblech seine Erzehlung: Der Graf bemerckte
dabei das allgemeine Verderben der Menschen auch in dem gemeinen Bürgerlichen
Leben. Er entdeckte die betrübte Würckungen einer übeln Auferziehung und die
daraus entstehende unglückliche Folgen in dem ganzen menschlichen Leben. Er
tröstete darauf den Herrn von Güldenblech: Sie haben, mein Herr, sprach er,
ohneracht aller ihrer Widerwärtigkeiten nicht Ursach, den Mut zu verliehren:
Ihr Glück war ausser GOtt: der Zusammenhang verschiedener Zufälle hat sie
erhoben und auch wiederum gestürzet.
    Nun lernen sie auf einen bessern Grund bauen. Der fromme Fürst hat ihnen
solchen angewiesen: sie folgen seinem weisen Rat, sie können nichts bessers
wählen, sie werden leicht von dem Ihrigen noch so viel übrig behalten, um an
diesem Ort ein ruhiges und ehrbares Leben mit ihrer Familie zu führen. Es
gehöret so viel nicht darzu, um vergnügt zu sein, aber man hat alles genug, wenn
man solches ist. Mit diesen kurzen Ermahnungen verliess der Graf den Herrn von
Güldenblech, darauf sie sich einander eine gute Nacht wünschten und sich zur Ruh
begaben.
 
                             Das dreizehende Buch.
Der Graf von Rivera sandt den andern Morgen, mit anbrechendem Tag, einen Botten
nach Argilia, und liess seinen Leuten befehlen, sich sogleich von dannen
aufzumachen, und nach Christianopolis zu kommen. Es war eine Stunde nach Mittag
als sie da anlangten; Der Graf liess sich darauf, als ob er mit ihnen gekommen
war, bei Hofe melden; Der Fürst sandt sogleich einen Cavalier zu ihm, denselben
in seinem Namen zu bewillkommen, und ihm das Quartier bei Hofe anzubieten. Der
Graf, der solches vorher vermutet hatte, war deswegen mit seinem Cheruscischen
Edelmann ausgegangen: Sein Sekretarius aber empfieng die Bottschaft des
Fürstens, und hinterbrachte ihm solche.
    Der Fürst schickte darauf gegen Abend seinen mit sechs Pferden bespannten
Staats-Wagen, nebst noch zwei einspännigen Gutschen mit einigen Cavalieren vor
den Gast-Hof, um den Grafen abzuholen. Dieser kleidete sich aufs beste: seine
Leute giengen in kostbarer Liberei vorher, und er fuhr auf diese Art in einem
ansehnlichen Gepränge nach der Burg. Der junge Prinz empfieng ihn unten im Hof
an der Treppe; und oben erwartete ihn der Fürst. Der Graf wollte ihm den Rock und
darauf die Hand küssen; der Fürst aber liess beides nicht zu, sondern schloss ihn
in seine Arme.
    Die Bestürzung des Fürstens war ungemein, als er in der Person des Grafens
den vermeinten Halycidonischen Arzt erblickte. Er gab ihm solche zu erkennen:
Ew. Durchleucht, entschuldigte sich der Graf, werden mir meine gestrige
Verstellung zur Gnade halten; weil mich ein Zufall so unvermutet zu einem
Doctor gemacht hatte; und ich nicht glaubte die Gnade zu haben, in diesem
Caracter vor Ew. Durchleucht zu erscheinen.
    Der Fürst brachte darauf den Grafen zu seiner Gemahlin und den Prinzessinnen:
diese waren nicht weniger, als der Fürst, verwundert, den gestrigen Doctor so
hurtig in den Grafen von Rivera verwandelt zu sehen. Die Damen sassen in einem
grosen mit Lichtern erhellten Zimmer. Die Cavaliers aber fanden sich meistens
bei dem Fürsten und dem jungen Prinzen im Vorsaal, wo eine schöne Music sich
hören liess. Die älteste Prinzessin errötete, als ihr der Graf seine Ehrerbietung
bezeigte: Sie konnte einem gewissen Eindruck, welchen ihr derselbe bei dem ersten
Anblick gegeben hatte, nicht widerstehen; sie glaubte, dass er nicht ohne
besondere Absichten an ihres Herrn Vaters Hofe gkommen sei: ihr Herz sagte ihr
heimlich, dass sie daran einigen Anteil hatte; doch konnte sie diese Regungen bei
sich selbst nicht entwickeln, noch sich eigentlich vorstellen, was sie
mutmassen sollte. Sie fragte den Grafen, nachdem sie ihn als einen Königlichen
Abgesandten bewillkommet, wer sich nun ihrer armen Marianen annehmen würde, weil
er derselben schwerlich mehr Recepten verschreiben dürfte? Der Doctor, ohne den
Grafen von Rivera, war dessen Antwort, hätte dieser liebenswürdigen Fräulein
wenig zu ihrer Genesung behülflich sein können.
    Der Fürst hatte dem Grafen zu verstehen gegeben, dass er sich an seinem Hof
einer völligen Freiheit bedienen könnte. Ich habe jederzeit, sprach er zu
demselben, den Zwang und ein nichts bedeutendes Ceremoniel gehasst; weil ich
gefunden, dass dabei die Aufrichtigkeit leidet, und die gröste Anmut in der
menschlichen Gesellschaft gehindert wird. Dieses waren auch die Meinungen des
Grafens: Er hatte an dem Licatischen Hof darüber lang genug leiden müssen, um
sich nach dem daselbst eingeführten steifen Gepränge zu richten: Dieser Zwang
war seinem natürlichen Wesen sehr zuwider: Er nahm deswegen die Freiheit, welche
ihm der leutselige Fürst anbot, mit aller Bescheidenheit an; doch hielt er sich
meistenteils aus Wohlstand um dessen Person.
    Nach geendigtem Concert führte der Graf die Fürstin zur Tafel. Sie bestund
aus den Fürstlichen Personen, wobei nur des Prinzen Hofmeister, und die Fräulein
von Turris sich befanden.
    Nach ein und andern Gesprächen bei der Tafel sagte die Fürstin, dass sie
nicht begreiffen könnte, wie der Graf, durch seine verborgene Wissenschaften, die
Begebenheiten der Fräulein von Turris hätte entdecken können. Es ist solches
ganz natürlich zugegangen, erklärte sich dieser hierauf. Ihr Durchleucht, die
Prinzessin, tranken gestern Abend über Tafel, der Fräulein von Turris, mit einem
heimlichen Winken, die Gesundheit zu: Es lebe Riesenburg: Ich wurde solches
gewahr. Der Name Riesenburg machte mich aufmerksam: Wie, dachte ich bei mir
selbst, sollte dieses wohl die Fräulein von Turris sein? Ich betrachtete sie
darauf genauer: ich erkannte an ihr diejenige Züge, wie mir der Freiherr von
Riesenburg solche beschrieben hatte. Dieser Cavalier ist mein bester Freund in
der Welt: Er hat mir mein Leben in der Schlacht bei Philippol gerettet: Ich weiss
um alle seine Geheimnisse: und wie er aus Not wär gezwungen, ihren wilden
Bruder im Zweikampf erschossen hat.
    Nun ist sein gröstes Anliegen, sie in der Welt auszuforschen: Ich selbst
habe mir bisher deswegen alle ersinnliche Müh gegeben: Ich erfuhr in Mönnisburg
von einem Cavalier, der die Ehre hat, ihr verwandt zu sein, dass sie sich hier
aufhalten sollte. Ew. Durchl. urteilen demnach von meinem Vergnügen, da ich
allhier dieselbe so glücklich entdecket habe.
    Die Fräulein von Turris war durch diese Erzehlung auf das heftigste
gerühret: ihr Gesicht umzog auf einmal eine starke Röte, die Tränen rollten
von ihren Wangen; sie getrauete sich ihre Augen kaum empor zu heben.
    Die älteste Prinzessin war über diese angenehme Begebenheit schier so sehr,
als die Fräulein selbst bewegt. Die ganze Gesellschaft wünschte dieser schönen
Fräulein zu einer so frohen Nachricht Glück. Sie warf endlich selbst einen
holden Blick auf den Grafen, der ihm so viel sagen wollte, dass sie, was sie
empfände, nicht auszusprechen wüste. Man redete von nichts, als von der
Geschicht des Freiherrn von Riesenburg und der Fräulein von Turris: Der Graf
und die Fräulein konten über alles, was man sie darüber fragte, nicht gnug
Antwort geben.
    Man stund endlich von der Tafel auf: die Prinzessin und die Fräulein hätten
gern mit dem Grafen wieder allein gesprochen: der Fürst aber verliess ihn nicht,
als bis es Zeit war schlafen zu gehen; ihr Gespräch war von der Beschaffenheit
der vornehmsten Europäischen Höfen: der Graf bewunderte hier die hohe
Staats-Einsichten des Fürstens. Der Hof-Marschall nebst einem Cammer-Juncker und
dem Haus-Hofmeister, begleiteten darauf den Grafen nach den vor ihn zubereiteten
Zimmern, welche sehr prächtig ausgezieret waren.
    Die angenehme Frühlings-Zeit eröfnete sich damals mit sehr lieblichen Tagen.
Des Grafens Zimmer stiessen auf ein kleines Lust-Gehölze, worinnen die
Nachtigallen und andere Vögel sich auf die anmutigste Weise hören liessen. Er
war kaum erwacht, so lockte ihn dieses liebliche Spiel der Natur an das Fenster.
Er begleitete solches mit seinen Gedanken, und ging endlich selbst hinunter in
den Garten.
    Er kam, als er eine Weile darin fortgegangen war, in einen mit jungen Buchen
dicht bewachsenen Hayn; er fand hier verschiedene Gras-Bänke, die einen runden
Behälter umzogen, aus dessen Mitte das Wasser sich beständig in die Höhe trieb:
nechst dabei stund ein erhabenes mit Moos und Gras bedecktes Gemäuer, über
welches ein kleiner Bach mit einem sanften Rauschen, durch verschiedene Abfälle
sich in den Behälter ausstürzte. Man sah darin als in einem klaren Spiegel, die
daherum stehende Gebüsch und Bäume, nach dem Leben abgeschildert. Die Kunst
hatte hier mit Hand angeleget; nicht zwar, wie sie sonsten pfleget, die Natur zu
zwingen, sondern nur ihre Annehmlichkeiten desto mehr ins Auge zu setzen.
    Der Graf betrachtete diese holdselige Einöde mit Entzücken: der Geist der
Dicht-Kunst, welcher in diesen Haynen wohnet, überfiel ihn: alle seine Gedanken
flossen von sich selbst in leichte Reimen: er nahm seine Schreibtafel, und hatte
kaum einige Worte nieder geschrieben, so zeigte sich die Prinzessin vor ihm: sie
war von der Fräulein von Turris begleitet. Der Graf, als er ihrer gewahr wurde,
sprang hurtig von seiner Stelle auf, und bezeigte der Prinzessin seine
Ehrerbietung, indem er aber seine Schreibtafel einstecken wollte, lies er solche
ins Gras fallen. Mariane hub solche auf: Der Graf bot unterdessen der Prinzessin
die Hand. Die Neugierigkeiten ist dem weiblichen Geschlecht natürlich. Mariane
blätterte in der Schreibtafel hin und wieder: sie bedeckte solche vor den Augen
des Grafens mit ihrem Fächer, indem sie hinter ihm her ging, sie ärgerte sich
gewaltig, dass sie darin eine Schreib-Art fand, die sie nicht verstund; es waren
meist Ziefer und fremde Buchstaben: nebst einigen Sinn- und Aufschriften in
Lateinischer und Ligurischer Sprach. Endlich kam sie auf folgende Reimen:
Ich liebe / was mich selbst der Himmel lieben macht /
Wo Geist und Tugend herrscht / wo holde Schönheit lacht;
Doch / ein zu groses Glück muss hier mein Unglück sein /
Was Iris macht zu gros / das macht mich allzuklein.
    Diese Reimen waren anfangs der Marianen ein Rätsel; sie legte solches dahin
aus, dass der Graf eine hohe Person lieben müste, welche er zu erlangen keine
Hoffnung hatte: sie geriet darüber auf die Gedanken, dass solche die Prinzessin
wäre; dann sie hatte so wohl an ihr, als an dem Grafen, eine sonderbare Bewegung
beobachtet, als sie einander zum erstenmahl waren ansichtig worden. Die Menschen
urteilen ins gemein andere nach sich selbst, und wer etwas empfindet, der
bildet sich solches leicht auch von andern ein.
    Die Prinzessin war sonst von einem hohen und ernstaften Wesen: sie wusste
nichts von den Schwachheiten der Liebe; sie hatte zwar ein zärtliches Herze,
aber auch eine gleiche Stärke des Geistes, die allen Anfällen der Liebe
gewachsen war, und wo sie nicht das Mitleiden für andere, und die grosmütige
Neigung sie glücklich zu machen, bewegte, so würde sie von keiner leidenden
Gemüts-Beschaffenheit bisher etwas gewust haben. So sah die Prinzessin aus, wie
der Graf nach Hofe kam: sie empfand etwas für ihn, welches sie nicht zu nennen
wusste, Liebe konnte es nicht sein, denn er erschien als ein Arzt, sie war eine
Prinzessin, sie wusste es: sie empfand noch mehr, da er als ein Graf und als ein
Abgesandter eines grosen Königs sich ihr vor Augen stellte; doch war diese
Empfindung mehr eine Hochachtung, als eine Leidenschaft, sie dachte nicht daran,
dass sie Gefahr hätte, von den Reitzungen der Liebe sich einnehmen zu lassen.
    Sie kam nach einem kleinen Spatziergang mit dem Grafen in die Einöde zurück;
Mariane hatte hier des Grafens Schreibtafel wieder unvermerkt ins Gras geworfen;
die Prinzessin erblickte solche, was seh ich hier, sprach sie, indem sie darnach
sich bücken und solche aufheben wollte. Der Graf aber kam ihr hurtig darin zuwor,
und war nicht wenig bestürzt, an einem solchen Ort seine Schreibtafel zu finden.
    Der Graf bat darauf die Fräulein, ihm von ihren bisherigen Begebenheiten
Nachricht zu erteilen: in Hoffnung, die Prinzessin würde noch so lange mit ihr im
Garten verweilen. Die Prinzessin liess sich solches gefallen, sie setzten sich
zusammen auf eine Gras-Bank, welche von hohen Linden-Bäumen überschattet wurde,
und Mariane begunte ihre Erzehlung folgender Gestallt:
                                     * * *
So bald hatte nicht der Freiherr von Riesenburg in Monaco von mir Abschied
genommen, so fand ich mich in einem Zustand, der durchaus betrübt war. Ich wusste
nichts von mir: man hatte mich zu Bette gebracht, und mir eine Ader geöfnet;
worauf ich wieder zu mir selbst kam. Meine Mutter hatte Mitleiden mit mir; doch
wie sie von einem standhaften Wesen war, so redete sie mir auch ernstlich ein,
dass ich mich nicht also von der Liebe müste verzärtlen lassen. Man hat in dieser
Welt, sprach sie, gar mancherlei Zufälle und Wiederwärtigkeiten auszustehen: ich
müste mich so nicht stellen, dieses wär ein schlechter Anfang vor eine Person,
welche die Welt dem Closter vorziehen wollte, und sich folglich noch gar vieler
Gefahr aussetzen würde. Sie tadelte zwar nicht, dass ich den Herrn von Riesenburg
liebte, sie sagte, er wäre solches wert, sie selbst wäre ihm von Herzen
gewogen; allein, es wäre eine Schwachheit, in dieser Neigung so weit zu gehen,
dass darunter so wohl der Leib, als das Gemüt in Gefahr gesetzet würde; alle gar
zu heftige Leidenschaften taugten nicht, wenn auch ihr Ursprung gleich noch so
rein und unschuldig wär. Kurz, meine Mutter, die mir in einem Augenblick eine
ganze Sitten-Lehre hersagte, überzeugte mich wohl meiner Schwachheit; allein sie
befreiete mich dadurch nicht von meinen Empfindungen.
    Meine aufgebrachte Sinnen wurden endlich nach und nach durch die süse
Vorstellung besänftiget, dass Riesenburg mich liebte, und dass ich mir mit seiner
Beständigkeit schmeichlen konnte. Meine Mutter reichte mir darauf sein Bildnüs,
welches er ihr bei seiner Abreis eingehändiget hatte: dieses gab mir mehr Trost,
als alle Sitten-Lehren. Ich schrieb an ihn, was ich nur zärtliches wusste; und
wartete mit Verlangen auf seine Briefe, allein solche kamen nicht. Es waren
schon drei Wochen verflossen, und ich hatte von Riesenburg noch keine Nachricht.
O wenn sie je geliebt hätten, so wüsten sie: wie einem bei solchen Umständen zu
Mute wär!
    Ich hatte unterdessen unserer Abrede gemäs mich in das Adeliche
Jungfrauen-Stift begeben. Ich fand darin unter den jungen geistlichen
Schwestern ein sehr freies und ungebundenes Leben. Es waren wenige, die nicht
ihre Liebhaber hatten. Eine von den lebhaftesten und schönsten Kindern schenkte
mir gleich, bei dem ersten Eintritt ins Closter, ihre Freundschaft, und
entdeckte mir, dass sie einen gewissen jungen Edelmann liebte; sie bat mich dass
ich ihm erlauben möchte, zuweilen bei mir einzusprechen, und sie auf meinem
Zimmer zu besuchen; weil es mit mir, da ich noch nicht eingekleidet wär, so viel
nicht, als bei ihr, zu sagen hätte. Ich hatte mit allen Verliebten ein
natürliches Mitleiden; und weil mich meine Freundin glauben machte, ihr Umgang
mit besagtem Edelmann sei ganz ehrbar und unschuldig; so verstattete ich ihnen,
ohne groses Bedenken, bei mir die verlangte Zusammenkunft; ich hatte aber bald
Ursach, diese Gefälligkeit zu bereuen.
    Der Liebhaber erschien: er machte meiner Gespielin ein Compliment, das nicht
in den Regeln ihres Ordens war. Er fiel ihr um den Hals und küste sie, ohne dass
sie sich im geringsten dargegen setzte. Diese Freiheit missfiel mir; noch mehr
aber, da der junge Ritter auch an mich kam, und mir gleiche Höflichkeiten
erweisen wollte: was ist dann das für ein Engel? sagte er, indem er mit
ausgespannten Armen auf mich zueilte, und seine Bekanntschaft mit mir auf eine
so vertrauliche Art anfangen wollte. Ich zitterte darüber von Schaam und Zorn,
und stiess ihn verächtlich zurück. Ha, ha, fieng er darüber lachend an, sie ist
noch in ihrem Novitiat, sie wird schon zahmer werden. Hiermit ging er wieder
auf meine Gespielin los, und suchte sich meiner Verachtung halber an ihr zu
rächen; sie machten sich einander die unverschämteste Liebkosungen: weder ihre
Reden, noch ihre Gebehrden schienen mir erträglich zu sein: ich ermahnte sie
deshalben, diejenige Zucht und Ehrerbietung, die sie mir schuldig wären, nicht
aus den Augen zu setzen; oder ich würde mich darüber bei der Priorin beschweren.
    Meine geistliche Schwester fiel mir darauf mit vielen Schmeicheleien um den
Hals, sie bat mich, es nicht übel zu nehmen, noch vielweniger sie zu verraten;
sie wäre, sagte sie, bereits, ehe sie ins Closter gekommen wär, mit diesem
Edelmann versprochen gewesen: man hätte sie gezwungen, geistlich zu werden: sie
könnte aber deswegen ihr Herz so leicht nicht wieder zurück nehmen; nachdem sie
solches einmal diesem Edelmann geschenket hätte: sie wär es nicht allein,
setzte sie hinzu, die in diesem Closter dergleichen Liebes-Verständnüsse noch
unterhielt; und ich würde mir die meiste Schwestern zu Feindinnen machen, wenn
ich davon eine Verräterin abgeben wollte.
    Dieses machte mir einen völligen Abscheu vor dem Closter-Leben; dann ich muss
ihnen mit eben der Sffenherzigkeit, damit ich ihnen meine Schwachheit entdeckte,
auch zugleich bekennen, dass ich von Herzen alles dasjenige hasse, und
verabscheue, was die Ehre und ein gutes Gewissen verletzet.
    Ich erzehlte diese Begebenheit den andern Tag meiner Mutter: ich sagte ihr,
dass der Herr von Riesenburg auf unserer Reise hieher, wohl Recht gehabt hätte,
die Sitten der Ordens-Geistlichen in den Clöstern uns verdächtig vorzumahlen,
und mich deswegen von einem solchen Leben abzuhalten; ich bat sie darum mit
Tränen, mich nicht wieder ins Closter zu schicken; sondern mich so lang wieder
zu sich zu nehmen, bis wir von dem Herrn von Riesenburg würden Nachricht
erhalten haben; da ich hernach zu ihrer Schwester der Gräfin von Iserlo mich
begeben wollte. Meine Mutter bewilligte solches.
    Wir sandten einen Boten nach Austrasien: dieser war kaum abgefertiget, so
kam mein Bruder nach Monaco; er bezeigte sich dismahl, wider seine Gewohnheit,
sowohl gegen mich, als meine Mutter sehr freundlich. Wir sagten ihm dem
ungeachtet nichts von unserm Vorhaben; allein, der Böswicht wusste mehr als wir;
er hatte seine Spionen in Monaco, und lies alle Briefe von dem Herrn von
Riesenburg, die an mich gestellet waren, auffangen, dadurch ihm also unser
ganzes Geheimnüs offenbahr wurde. Er war von Natur eines rauhen und wilden
Ansehens; er durfte sich also nicht verstellen, wenn er etwas Böses im Sinn
hatte.
    Den andern Abend, als er bei uns angekommen war, nötigte er mich, mit ihm
ein seiner Gutschen nach der Kirche, und von da ein wenig spazieren zu fahren.
Ich lies mir solches gefallen. Wir waren kaum eine halbe Stunde von der Stadt,
so wurden durch seinen Vor-Reuter, der unserer wartete, noch vier Pferde
vorgespannt.
    So bald ich seine Absicht merkte, verlohr ich alle Empfindung: ich hatte
weder mein Cammer-Mägdgen, noch einen Diener mitgenommen: ich schien von GOtt
und Menschen verlassen. Mein Bruder war ein Barbar, er wusste nichts von
Mitleiden und Güte.
    Der Zustand, worinn ich war, hätte auch den wildesten Menschen gerühret, er
aber blieb unbeweglich. Ich kam wieder zu mir selbst. Wo wolt ihr mit mir hin,
grausamer Bruder! fragte ich ihn. Er sagte mir, er wollte mich mit auf seine
Herrschaft nehmen, weil er erfahren hätte, dass meine Mutter an statt des mit ihm
geschlossenen Vergleichs, mich mit einem Ketzer verheiraten wollte. Ich mochte
bitten, flehen, weinen, wehklagen und die Hände ringen: es half alles nichts,
ich musste mit ihm fort.
    Wir kamen mit anbrechendem Tag auf ein altes Berg-Schloss, welches ihm
zugehörte: hier nahm er mich aus der Gutsche: Schwester! sagte er zu mir, ich
geb euch hier vierzehen Tage Zeit, euch zu besinnen, ob ihr euer Leben in diesen
verfallenen Gemäuern oder in einem Closter, welches ich euch selbst zu wählen
die Freiheit lasse, hinbringen wollet. Er übergab mich darauf seinem Verwalter,
und sagte, dass sein Leben darauf stünde, mich wohl zu verwahren. Mit diesen
Worten verlies er mich, und reiste weiter nach seinem Wohn-Sitz, welcher nur
eine Stunde Wegs von dannen lag.
    Ich konnte vor abscheulicher Bestürzung kein Wort reden: ich sah mich unter
den Händen eines Mannes und einer Frauen, welche alle Merkmahle zeigten, dass sie
der böse Feind zusammen gebracht hätte, um durch sie, mit vereinigtem Nachdruck,
desto mehr übels zu tun. Sie brachten mich unten zur Erden in ein Zimmer,
welches mehr einem dunkelen Gefängnüs, als einem Schlaf-Gemach ähnlich sah. Es
hatte nur ein kleines Fenster, welches von aussen mit einem eisernen Gegitter,
inwendig aber mit gelb verrauchten Papier, an statt der Glas-Scheiben verwahret
war. Ein Bett, mit einer alten Matrazze, sollte mir darin zum Lager dienen. Ich
fand hier weder Leinwand noch Nacht-Kleider. Alles war unrein und modericht. Man
brachte mir zum Früh-Stück eine Suppe von warmer Milch, mit dicken Brod-Brocken:
ich ase davon, aus Furcht, ich möchte das Ansehen haben, als wollte ich an der
göttlichen Hülfe verzweiflen, und mich selbst ums Leben bringen.
    Wie dachte ich hier bei mir selbst, ist Liebe Sünde? so hab ich noch mehr
verdienet; dann ich habe Riesenburg allzulieb, ich lieb ihn, aber tugendhaft,
und so, wie man mir gesagt, dass es in der Ordnung GOttes wär, einen Menschen zu
lieben. Wie soll ich mich in diesen Umständen trösten? ich bin jung, unschuldig,
einfältig und ohne Erfahrung; und GOtt setzet mich auf eine so grausame Probe?
doch, kommt mir solche von ihm, so muss ich seinen Willen anbeten und leiden. Es
wird ihme ein leichtes sein, mich zu retten. Ich fand mich durch diese
Vorstellung ziemlich beruhiget.
    Ich hatte die vorige Nacht nicht geschlafen: ich war vom Schrecken dermassen
gerühret worden, dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte: ich sank
vor Mattigkeit auf das Bette nieder, meine Lebens-Geister schienen sich zu
trennen: ich wollte schlafen; allein, da ich das Bett betrachtete, sties mich ein
unüberwindlicher Eckel an: ich machte mich so stark ich konnte, und rief der
Verwalterin, ich bat sie, für mich die Barmherzigkeit zu haben, und mir ein
sauberes Bett-Tuch zu geben: sie brachte mir eines, das aber sehr grob war.
Diese erste Hülfe tröstete mich ein wenig: ich hatte unter weges meine Jubelen
aus den Ohren, und von meinem Halse abgetan, und hatte auch zu gutem Glück
etwas weniges von Gelde bei mir. Gehet doch, meine liebe Frau, sagte ich zu dem
abscheulichen Gesicht, und lasset mir auch in dem nahgelegenen Markflecken, eine
neue Kolder kauffen, um mich damit zu decken: hier habt ihr Geld: dieser Dienst
soll euch von meiner Mutter wohl belohnet werden. Behaltet nur euer Geld; fuhr
das verwildete Weib heraus, ich darf euch nichts holen; es sei dann, dass solches
der gnädige Herr erlaubt. Nun, gute Mutter, sagt ich mit einer schier heiligen
Gelassenheit, so geht dann, und bittet ihn deswegen für mich. Sie ging hin,
und kam nach ein paar Stunden wieder, und brachte mir eine saubere Decke; damit
war ich zufrieden: Ich legte meinen Kopf-Putz ab, umschlung meine Haare mit
meinem Schnupftuch, zog meinen Reif-Rock aus, und wickelte mich mit samt meinen
übrigen Kleidern in das leinen Tuch; die Decke aber, weil es noch des Tages über
ziemlich warm war, legte ich über meine Füsse.
    Es moderte alles: ich fühlte solche Unkräften, dass ich mir einbildete, ich
legte mich hier lebendig ins Grab; ich glaubte nicht anders, als GOtt würde mich
hier auflösen, oder mich durch ein Wunder retten; ich suchte mich deswegen nur
recht in eine solche Verfassung des Gemüts zu bringen, damit ich seinem Willen
beides heimstellen möchte. Ich nahm im Geist von meinem geliebten Riesenburg und
von meiner Mutter Abschied. Die Augen fielen mir darüber zu: Ich tat nichts als
beten, und also war ich eingeschlafen.
    Wer sollte denken, dass mein Geist bei solchen Leidenschaften einiger Ruhe
wäre fähig gewesen? Ich hatte nicht nur einen sanften Schlaf, sondern erwachte
auch nicht eher als den andern Tag. Mein Bruder erschien mir gegen Morgen im
Traum: Er bedrohete mich, mir einen Dolch, den er in der Hand hielt, ins Herz zu
stossen; indem aber sah ich ihn mit einem erblassten Angesicht und mit halb
geschlossnen Augen, ganz im Blute vor mir liegen. Ich fuhr über dieses
schreckhafte Traum-Bild dermassen auf, dass ich erwachte. Als ich die Augen
öfnete, stund ein Bedienter von meinem Bruder mit einem Mägdgen vor mir.
    Gnädige Fräulein, redete mich der Diener an: Ich habe hier ein kleines
Fuhrwerk mit einem Pferd gemietet: Ihr Herr Bruder ist verreiset: Ich habe dem
Verwalter und seiner Frauen gesagt, ich hätte Befehl, sie nach den Minoriten zu
bringen. Sie machen sich deshalben hurtig auf, ich wag es dieselbe in Freiheit
zu setzen. Als die Verwalterin hierauf in das Zimmer kam, redete dieser Mensch
hart und etwas unehrerbietig mit mir, damit sie keinen Verdacht auf ihn werfen
möchte.
    Ich hatte ganz keinen Anstand, diesem Menschen mich anzuvertrauen; Er war
mit in Monaco gewesen, und schien mit Verdruss einem so wilden Herrn, wie mein
Bruder war, zu dienen. Ich glaubte, GOtt hätte ihn mir zu meiner Rettung
zugesandt. Ich kleidete mich also an, und setzte mich zu dem Weibs-Bild auf die
Schäse. Wir fuhren in möglichster Geschwindigkeit bis auf die nechste Post: Der
Diener hatte die Vorsichtigkeit gehabt, und solche voraus bestellen lassen. Wir
fanden also die Pferde schon auf uns warten.
    Der Diener und das Mägden erzehlten mir unterwegs das ärgerliche und
gottlose Leben meines Bruders: Sie sagten, dass er mit drei von seinen Leuten
diesen Morgen nach den Gränzen von Austrasien verreiset wär, und vor drei Tagen
schwerlich wiederkommen dürfte: Sie hätten sich deswegen seine Abwesenheit zu
Nutz machen wollen, um sich aus den Händen eines solchen Unmenschen zu retten.
Sie fragten mich darauf, wo ich wollte, dass sie mich hinbringen sollten? Ich
meinte nach Monaco zu meiner Frau Mutter; Der Diener aber widerriet solches;
weil ich daselbst meinem Bruder am ersten wieder in die Hände geraten würde.
Sie müssen sich gnädige Fräulein, sprach derselbe, an einen ganz fremden und
unbekanten Ort begeben; massen ihr Herr Bruder alles in der Welt tun wird, sie
auszuforschen und wieder in seine Gewalt zu bekommen. Das Mägdgen gab mir darauf
folgenden Anschlag.
    Ich habe, fieng sie an, ehedessen bei einer Herrschaft gedienet, wo eine
Magd aus Vandalien war: diese erzehlte mir vieles von einem neu angelegten Ort,
nechst an dem Hercynischen Wald, wo viele ihrer Befreundten sich hätten
niedergelassen, die des Glaubens halber aus ihrem Land wären vertrieben worden.
Dieser Ort hiess Christianopel, und sei eine Zuflucht für alle Fremde, die sich
eines ehrbaren, frommen Lebens beflissen. Ihr sei unterdessen der Dienst bei dem
Freiherrn von Turris als sehr einträglich angetragen worden, sie wär aber noch
keinen Monat als Beschlieserin in diesem gottlosen Hause gewesen, so hätte sie
um alles Gut und Geld darin nicht länger verbleiben mögen. Der gegenwärtige
Bediente hätte sich dabei an sie gemacht, um mit ihr in verbottener Liebe
zuzuhalten: sie hätte ihm aber ins Gewissen geredt, und durch die Vorstellung
des ganz abscheulichen Lebens, das sowohl der Herr als das Gesind in der grösten
Sicherheit führten, ihn so weit gebracht, dass er sie nach Christianopel zu
bringen versprochen hatte, wo sie sich einander heiraten wollten. Weil sie nun
bei diesem Vorfall zugleich mir einen wichtigen Dienst zu leisten hoften, so
hätten sie keinen Anstand gehabt, solches in GOttes Namen zu wagen.
    Ich konnte mich auf diese Reden so gleich nicht entschliessen, was ich tun
sollte. Die Vorstellung, meine liebe Mutter, in der sie meinetwegen betroffenen
grosen Bekümmernüs, zu verlassen, schien mir ganz nicht mit meiner Schuldigkeit
überein zu stimmen; wenn ich aber darbei die grose Gefahr mir vor Augen stellte,
worinn ich sie und mich von neuem stürzen würde, wenn ich wieder nach Monaco
zurück kehren sollte; so fand ich für ratsamer, mich zuvor in Sicherheit zu
bringen, und hernach an dieselbige zu schreiben.
    Ich entschloss mich also meinen Führern zu folgen: sie brachten mich an
diesen mir so sehr gepriesenen Ort: ich fand hieselbst, was ich suchte, und mehr
als ich jemahls hoffen konnte. Ihre Durchleucht, der Fürst und die Fürstin,
empfiengen mich, nachdem ich ihnen meine Begebenheiten erzählt, mit solcher
Leutseligkeit und Liebe, dass ich solches in meinem ganzen Leben mit zulänglicher
Dankbarkeit nicht zu erkennen weiss. Ich hatte darauf das unverdiente Glück, dass
mir meine gnädigste Prinzessin ihre besondere Gewogenheit schenkte, dadurch sie
mein ganzes Herz mit solchen zärtlichen Banden an sich verknüpfet hat, dass ich
nunmehr bei aller meiner zu hoffenden Glückseligkeit doch niemahl recht ruhig
sein werde, wenn ich von ihr entfernet leben muss.
    Die Prinzessin küsste hier die schöne Mariane, zum Zeichen ihrer herzlichen
Liebe; welche ihrer Erzehlung noch dieses hinzu fügte, dass sie sich bishero
vergeblich nach dem Herrn von Riesenburg hätte erkundigen lassen; weil
vermutlich dessen Herr Vater, der ihrer beider Heirat nicht gern sähe, die
Briefe müste unterschlagen haben. Sie wär auch so bald nicht hier angekommen, so
hätte sie ihrer Frau Mutter, wie auch der Gräfin von Iserlo, ihrer Base, von
allem, was ihr begegnet wär, ausführliche Nachricht gegeben; und dargegen von
ihrer Frau Mutter den traurigen Tod ihres Bruders vernommen: sie hätte die arme
Seel dieses unglücklichen Menschen beweinet, zugleich aber auch die
Gerechtigkeit GOttes bei diesem Zufall bewundert: Ihr Schwager sei darauf mit
ihrer Schwester der Mutter ins Haus gefallen, und habe alles darin unter Siegel
legen lassen; dabei sie ihr dermassen übel begegnet wären, dass diese vor Gram
und Prast kurz darauf den Geist aufgegeben hätte. Ihre Schwester habe sich
sogleich in den Besitz aller Güter gesetzt, und sowohl den Hof als die
Geistlichkeit auf ihre Seiten gebracht: weil sie vorgeben, sie sei von ihrer
Religion abgefallen. Wo sich also Ihro Hoch-Fürstlichen Durchleucht, der
Prinzessin Herr Vater, nicht eher annehme, so würde sie wenig von der reichen
Hinterlassenschaft der Ihrigen zu hoffen haben.
    Nach dieser Erzehlung stund die Prinzessin auf, und indem sie dem Grafen die
Hand bot, um nach der Burg sich zurück zu begeben, fragte sie ihn unterwegs, wie
es doch komme, dass man den Herrn von Riesenburg nicht auf der Verzeichnüs des
Aquitanischen Hofs fänd? Es ist noch nicht lang, antwortete der Graf, dass dieser
Herr sich bei Hofe aufhält, an welchem er nicht anders als unter dem Namen eines
Marggrafen von Luccaille bekant ist. Ich habe, versetzte die Fräulein von
Turris, ihm auch unter diesem Namen zugeschrieben, und dem ungeacht, nie keine
Antwort erlangen können. Ich kann meine schöne Fräulein versichern, dass er nicht
die geringste Nachricht von ihnen hat erhalten; und stehet deswegen ganz sicher
zu vermuten, dass sowohl ihre Briefe an ihn, als seine an sie, von dessen Herrn
Vater seien aufgefangen worden: welches er, als Befehlshaber von Austrasien,
durch welche Provinz alle Briefe von hier nach Panopolis lauffen müssen, um so
viel leichter hat tun können.
    Unter diesen Gesprächen kam die Prinzessin bis an ihr Zimmer, wo sich der
Graf von ihr beurlaubte, und sich nach den Seinigen verfügte. Er fand unter
andern vornehmen Herren, die dahin gekommen waren, ihm die Aufwartung zu machen,
auch den Herrn von Güldenblech. Dieser hatte unterdessen, dass sein vermeinter
Arzt sich in einen Grafen verwandelt, zu Argilia die angenehme Nachricht
bekommen, dass nach gemachter. Inventur seiner Habseligkeiten und Abzuge seiner
Schulden, ihm noch wohl dreisig tausend Taler heraus kommen dürften; womit er
und die Seinigen einen stattlichen Grund zu einer neuern und bessern Haushaltung
zu legen Hoffnung hätte: Der Graf wünschte ihm darzu von Herzen Glück: und
empfieng dargegen von demselben die lebhafteste Danksagung für die an ihm
erwiesene glückliche Chur.
    Es war denselben Tag ein groses Fest bei Hofe: alles erschien daran im
besten Aufputz. Die Fürstliche Tafel war mit vier und zwanzig, und die
Marschals-Tafel mit mehr als dreissig Personen besetzt: Man hörte dabei die
schönste Music: Die Speisen, die Geschirre, die Bedienung, alles war prächtig,
schön und wohl ausgesonnen: Man hatte die niedlichste Speisen und die
herrlichste Getränke; allein, man nötigte niemand, davon mehr zu geniesen, als
er selber wollte. Der Graf, welcher die unmässige Art, Tafel zu halten, schon
ehedessen auf seinen Reisen an verschiedenen Höfen beobachtet hatte, vergass
nicht, in dieser Sache die vernünftige Aufführung des Argilischen Hofes zu
preisen. Der Fürst antwortete ihm darauf, dass ihm jederzeit nichts unsinniger
wär vorgekommen, als wenn er hätte sehen mussen, dass die Menschen in solchen
Dingen eine Lust suchten, wo doch die Empfindung der Lust aufhörte; und im
Gegenteil die Empfindung der Schmertzen anfieng: Er hielt solches für einen
ganz unerforschlichen Grund des menschlichen Verderbens, dass sie lieber die
abscheulichste Laster begiengen und dadurch ihr Leben elendig machten, als durch
die Beobachtung der einfältigsten Tugend ihre Glückseligkeit beförderten.
    Was ihn und seine Leute beträffe, fügte er hinzu, so wären sie allesamt
darauf beflissen, als vernünftige Menschen und als Christen zu leben, denen alle
und jede Gattungen von Unmässigkeit verbotten wären; und stünden sie dissfalls
sowohl, als die geringste Einwohner dieses Orts, unter ihrer allgemeinen
Kirchen-Zucht; welche nicht allein die grobe Verbrechen, sondern auch die
Sitten, so der Ehrbarkeit und dem Christentum zuwider wären, zu ahnden pflegte.
Dieses gab dem Grafen Anlass, den Fürsten zu fragen, wie es dann in dieser neuen
Gemeine, in Ansehung des Ehestands, gehalten würde.
    Es darf bei uns, berichtete hierauf der Fürst, nicht ein jedes nach eignem
Gutdünken heiraten: Wir betrachten den Ehestand, als eine Sache, daran dem
gemeinen Besten am meisten gelegen ist: Wir wissen, dass daraus viel Böses
entstehen kann, wenn er nicht nach den Absichten der Göttlichen Einsetzung
geführet wird. Wir halten die damit verknüpfte Haushaltung und Kinder-Zucht für
die sicherste Mittel, vernünftige Menschen, redliche Bürger und gute Christen zu
ziehen. Wer sich also bei uns in den Ehstand begeben will, der wird angesehen
als ein Mensch, der ein Ehren-Ammt verlanget: Man untersucht, ob er auch die
darzu erforderliche Tugenden und Eigenschaften habe: Diese bestehen in einem
gesunden Leib, in einem ehrbaren Christlichen Wandel, in einem zulänglichen
Verstand, ein Hauswesen mit Weib, Kindern und Gesind wohl zu regieren, und in
einer gewissen Hantierung, sie ehrlich zu ernähren.
    Wenn demnach ein Freier seine Neigung auf eine Person geworfen hat, und sie
beide des Handels einig sind; so müssen sie zuvor, ehe sie mit einander
öffentlich getrauet werden, bei den vier zu den Eh-Sachen besonders verordneten
Aeltesten der Gemeine sich melden. Dieses sind weise, und sowohl in Gottes Wort
als gemeinen Rechten, wohl erfahrne Männer, welche diejenige Personen, die
gesonnen sind, sich in den Stand der Eh zu begeben, nach allen Umständen des
Leibes und des Gemüts, als auch ihrer zeitlichen Nahrungs-Geschäften, genau
untersuchen, ob sie auch also für einander sich schicken, dass von ihnen eine
gute, friedliche und erbauliche Ehe zu hoffen sei? Wo nicht, so werden sie mit
ihrem Vorhaben entweder ganz, oder bis auf eine gewisse Zeit, darin sie die an
ihnen gefundene Mängel verbessern können, abgewiesen.
    Wie Wir nun besorget sind, allen bösen Ehen, so viel als wir können, durch
obgemeldte Anstalten, vorzubauen; so sehr sind wir auch darauf bedacht, die
zwischen Eh-Leuten aus Missverstand, oder Gebrechen, eingerissene Zwietracht und
Uneinigkeit zu heben. Hier gibt es nun leider auch unter uns, wegen der allen
Menschen anklebenden Schwachheiten und Mängeln, noch viel zu tun. Allein, die
glückliche Einrichtung und allgemeine nachbarliche Verträglichkeit unserer
Einwohner schlichtet dergleichen Misshellichkeiten, ohne dass man es viel gewahr
wird. Kommt es damit zu öffentlichen Ausbrüchen und Aergernissen, so werden sie
vor das Eh-Gericht, welches aus den vier obigen Aeltesten bestehet, gefordert,
und gestalten Umständen nach, wenn sie nicht in der Güte sich, vergleichen
wollen, zu Tisch und Bett geschieden; In welchem Fall ihnen eine besondere
Ordnung wegen der Teilung ihrer Güter, wegen der Auferziehung ihrer Kinder, und
wegen ihrer ganzen Lebens-Art, zu beobachten vorgeschrieben wird.
    Es ereignen sich auch wohl gewisse Fälle und Umstände, da zwei
beeinträchtigte Eh-Gatten gänzlich, als wären sie nie getraut gewesen, von
einander geschieden werden; Diese Ursachen aber müssen überaus erheblich und
wichtig sein; Wie wir dann von einer solchen Eh-Scheidung ungefähr vor einem
Jahr das erste Exempel hie erlebet haben.
    Wir halten im übrigen scharf auf Zucht und Ordnung; und weil wir grobe
Verbrechen hier gar nicht dulden, so suchen wir solchen durch eine gute
Auferziehung der Jugend, und durch ein vernünftiges friedliches Betragen der
Ehleuten, so viel als möglich ist, vorzubauen. Wir halten dafür, dass es nicht
nur für Ehleute selbst ein groses Unglück sei, wenn sie übel miteinander leben;
sondern dass der Wohlstand des gemeinen Wesens gleichfalls mit darunter leide;
weil derselbe sich auf eine gute Haushaltung der Verehlichten gründet.
    Der Graf bewunderte diese kluge Anstalten, welche der Fürst, wie er sagte,
nur zur Probe einer Möglichkeit entworfen hätte, um damit ein Exempel zu geben,
wie noch viele Sachen in dem gemeinen Wesen, zur Befolgung der Göttlichen
Absichten, und zur Glückseligkeit der Menschen in diesem Leben könten verbessert
werden; wo anders unsere Vorurteile nicht zu stark wären, und sich bei den
Menschen mehr aufrichtiger Eifer zum Guten fände.
    Der Graf antwortete hierauf, dass zur Verbesserung der Zeiten und der
Menschen zuforderst ein allgemeiner Friede in der Christenheit zum Grund müste
geleget werden; in Ansehung, dass es mit der innern Verfassung eines Staats zu
keinem ruhigen Bestand kommen könnte, so lange man noch immer die Waffen in
Händen haben müste, um sich gegen auswärtiger Gewalt zu schützen! Nach der Tafel
unterhielt sich der Fürst ins geheime mit dem Grafen, und verlangte von ihm zu
wissen, wie und auf was Weise er dafür hielt, dass ein allgemeiner Friede in
Europa aufzurichten wär. Der Graf erklärte sich hierauf, dass dieses unter andern
ein Geschäfte sei, welches ihn, nebst der Begierde, einem so grosen und weisen
Fürsten persönlich aufzuwarten, an seinen Hof gezogen hätte. Er für sich hielt
die Sache nicht für ganz unmöglich; wenn nur einige der mächtigsten Fürsten und
Staaten zusammen tretten, und die Sache in reiffe Uberlegung ziehen wollten;
Dann, es wäre gewiss, dass der Krieg den wenigsten noch sei vorteilhaft gewesen,
und stünd daher zu vermuten, dass ihnen allen der Friede lieber sein würde.
    Der Graf überreichte hierauf dem Fürsten seinen hierüber gemachten Plan,
davon der Haupt-Inhalt am Ende dieses Werks wird zu finden sein.
    Der Graf meinte, die Teutonische Fürsten sollten unter sich den Anfang von
einem solchen Bündnüs machen, weil sie bei ereignenden Fällen, wenn ihre
benachbarte Könige zu mächtig werden sollten, am ersten dürften mit untergesteckt
werden. Er riet ihnen deshalben, sich auf das genaueste mit den Licatischen,
Virinischen, Cimbrinischen und Scandinavischen Höfen zu verbinden; in welchem
Fall er gleichfalls die Sachen an dem Aquitanischen Hof dahin zu bringen hofte,
dass sein König, als einer der Mächtigsten, diese Bündnüs mit eingehen und solche
aufs beste unterstüzen sollte; da sie sodann ganz Europa das Gewichte geben und
andere Völker in solche Umstände setzen könten, dass sie froh sein müsten, wenn
man auch sie in dieses Bündnüs mit einschliesen wollte.
    Der Fürst, als er diesen Plan des Grafens mit vielem Nachsinnen durchgangen
hatte, sagte er zu demselben, seine Vorschläge wären gut; allein, es stünden
solchen ganz unüberwindliche Hindernisse im Weg, die er schwerlich würde heben
können: Ich meine, erklärte sich der Fürst, die Menschen selbst. Diese
widerstreben, aus einer unerforschlichen Quelle des Verderbens, ihrem eignen
Wohlsein, und stürzen sich gleichsam vorsetzlich ins Verderben.
    Ich will ihnen aber, Herr Graf, fuhr der Fürst fort, unterdessen zeigen, dass
ich sie liebe und ihre Ratschläge hoch schätze: Der Fürst von Calesia, als das
Haupt unsers Hauses, ist einer der mächtigsten Fürsten des Teutonischen Reiches:
Er kann, im Fall der Not, über sechszehen tausend Mann ins Feld stellen: Er hegt
viele Freundschaft für mich, und lässt sich öfters auch meine gutmeinende
Ratschlage gefallen. Ich will ihn, und unsere andere durchs Blut oder
Erb-Verbrüderung verwandte Fürsten-Häuser, zu einem solchen Bündnüs, als sie
vorschlagen, zu bereden suchen; und dann wird es auf den Herrn Grafen ankommen,
uns den Schutz und die Verbindung ihres Hofes zu wegen zu bringen.
    Es ereignet sich hierzu, atwortete der Graf, eine ganz erwünschte
Gelegenheit. So lange mein König nicht vermahlet und das Königliche Haus nicht
mit rechtmässigen Cron-Erben besetzet ist; lasset sich mit uns kein festes
Bündnüs schliesen: denn wir haben in unserm Reich, wo der König, ohne
Leibes-Erben zu hinterlassen, mit Tod abgehen sollte, nichts als Verwirrung und
innerliche Kriege zu gewarten. Meine Absichten gehen also vornehmlich da hinaus,
um meinem König eine würdige Gemahlin, aus einem alten Fürsten-Haus zu suchen:
Man hat mir vieles von Dero Durchleuchtigsten ältesten Prinzessin-Tochter gesagt;
Ich habe aber noch mehr fürtrefliche Eigenschaften an derselben entdecket, als
der Ruhm von ihr ausgebreitet hatte. Mich dünket, sie sollte sich nicht übel für
unsere Königin schicken. Durch dieses Mittel könten Ew. Durchl. nicht nur Dero
Hohes Haus zusamt den Höfen Dero Durchleuchtigsten Anverwandten mit dem Unsrigen
verbinden; sondern auch dadurch zur Beförderung der allgemeinen Ruh in Europa
nicht wenig mit beitragen.
    Ihr Vortrag, Herr Graf, erklärte sich darauf der Fürst, betrift ein sehr
wichtiges Geschäft: es kommen dabei viele Umstände zu betrachten vor: ich muss
ihnen frei bekennen, ich liebe meine älteste Tochter sehr; ich möchte sie nicht
gern zu einem gewöhnlichen Staats-Opfer machen: Ich würde sie für glücklicher
halten, sie an einen vermögenden Fürsten oder Reichs-Grafen, als an einen so
mächtigen König vermählt zu sehen.
    Ich will aber diese Zärtlichkeit bei Seite setzen, wenn sich eine besondere
Absicht der göttlichen Vorsehung hierinnen äussern sollte; man hat mir sonsten
gesagt, der König liebte eine gewisse Gräfin, die eine nahe Verwandtin des
Obristen Staats-Ministers wär, und dass der König sie zu heiraten gedächte: es
dürfte also mein Kind schwerlich so viele Annehmlichkeiten besitzen, demselben
eine galante Aquitanerin aus dem Sinn zu bringen.
    Es ist wahr, sagte hierauf der Graf, dass der König diese Dame geliebt. Man
hat ihm aber die Vermählung mit derselben wiederraten; sie selbst liebt mehr
die Einsamkeit, als den Hof; sie lebet auf einem ihrer Meierhöfen ganz still und
eingezogen bei ihrer Frau Mutter.
    Sie soll sehr schön sein, sagte hierauf der Fürst, und dürfte also der
zukünftigen Königin ohnfehlbar Eintrag tun, wenn sie wieder nach Hof kommen
sollte. So schön sie auch immer ist, antwortete der Graf, so wird sie doch den
Vorzug Ew. Durchl. Prinzessin-Tochter auf keine Weise strittig machen. Sie
kennen, Herr Graf, warf der Fürst lächeld ein, diese Dame sehr genau. Der Graf
errötete über diese Anmerkung des Fürstens, mein König, sagte er, hat sich seit
einem Jahr her sehr geändert; er ist der gütigste und leutseligste Monarch; er
lebt nun als ein weiser Fürst; er hat die besten Absichten von der Welt. Nur
fehlet es ihm noch an einer tugendhaften Gemahlin, welche dessen gute Neigungen
unterhalten, und sein Herz allein mit ihren Tugenden und Annehmlichkeiten
ausfüllen könnte. Ich suche, gnädigster Fürst, eine solche Gemahlin für meinen
König: ich habe kein grösseres Anliegen in der Welt, als dieses: ich finde darzu
die würdigste Schönheit in der Person Ew. Durchl. ältesten Prinzessin. Ich hoffe
dieses hohe Bündnüs unter göttlichem Beistand möglich zu machen, wo anders Ew.
Durchl. darein willigen, und die Veranstaltungen, die ich zu machen vorhabens
bin, gnädigst guteisen wollen.
    Meine Tochter, erwähnte der Fürst, ist in einer andern Religion erzogen, und
wird sich nimmermehr entschliessen, die bisher erkannte Einfalt des Christlichen
Glaubens, gegen einen fremden Gottesdienst zu verwechseln. Dieses wird auch
nicht nötig sein, antwortete der Graf, denn wir sind an unserm Hof weder zum
Aberglauben, noch zur Religions-Verfolgung geneigt; Viele Grossen bei uns sind
Glaubens-Genossen von Ew. Hochfürstl. Durchl. und geniessen einer vollkommenen
Gewissens-Freiheit.
    Es ist Ew. Hochfürstl. Durchl. nicht unmöglich gewesen, fuhr der Graf fort,
einen solchen Ort aufzurichten, wo die Unschuld, die Tugend und die Frömmigkeit
herrschet: es ist leichter, etwas nachzumachen, als anzugeben. Wir werden uns
also in Aquitanien die Ehre der Nachahmung vorbehalten. Wenn wir nur in einer
jeden Provinz eine solche Gemeine, nach so weisen und vernünftigen Gesetzen
aufrichten könten; so wär kein Zweifel, das ganze Königreich würde dadurch, als
von so viel neuen Lichtern durchstrahlet werden.
    Ihre Gedanken, Herr Graf sind gut, sie reden, wie sie es gerne hätten. Wir
müssen das unsrige tun und unsern Posten wahrnehmen: die Welt mag davon
urteilen, wie sie will; sie ist durchgehends böse, und kann das Gute nicht
vertragen: wir können nicht mehr tun, als GOTT uns Kräfte gibt. Wir sind wie
die Taglöhner, die auf den Befehl des Herrn bald niederreissen, bald bauen, bald
pflanzen, bald ausrotten; ja öfters so leicht etwas verderben, als gut machen.
    Die folgende Tage brachte der Graf mit dem Fürsten in allerhand
Beratschlagungen zu, welche die Vermählung des Königs von Aquitanien mit der
Princessin von Argilia betraffen. Des Grafens Meinung ging dahin; die Fürstin
sollte mit der Prinzessin sich nach den Aquitanischen Bädern verfügen; er wollte so
dann auch seinen König zu bereden suchen, um dieselbe Zeit sich gleichfals da
einzufinden; da sich dann das übrige schon zeigen würde. Der Fürst lies sich
diesen Vorschlag gefallen, doch bat er den Grafen, der Prinzessin von diesem
Vorhaben noch nichts zu sagen.
    Der Graf ging einige Tage darauf wieder in den Garten spazieren; er hatte
vernommen, dass die Prinzessin mit der Fräulein von Turris sich dahin verfüget
hatten. Er suchte sie in der Einöde; als er sie aber daselbst nicht fand, setzte
er seinen Fuss weiter fort, und kam in eine lange Allee, deren Wände von
geschnittenen Buchen nicht anders als ein glatter grüner Stoff anzusehen war;
einige Bedienten von der Prinzessin, die er hier antraf, wiesen ihm dem Ort, wo
sich solche aufhielt: sie war in einem kleinen Portal, welches auf einen breiten
Teich sties, und von hinten mit einem Gebüsch bedecket war. Ein kurz geschorener
Wasen leitete bis dahin, und lief um den ganzen Teich mit zierlichen Abschnitten
und Erhöhungen herum. Man konnte einen auf diesem Gras-Weg im Portal nicht eher
sehen, als bis man wirklich davor stund.
    Der Graf, als er noch ungefehr vier Schritt davon entfernet war, hörte die
Prinzessin diese Worte sagen: Aber, liebste Mariane: er ist kein Reichs-Graf, und
darzu eines andern Glaubens. Die Fräulein von Turris wollte eben darauf
antworten, weil es aber der Graf für etwas unanständiges hielt, sie zu belauern,
so ging er ohn verweilen auf sie zu. Die Prinzessin, die ihn nicht so nah
vermutet hatte, konnte ihre Bestürzung über seine Ankunft nicht bergen; sie
wusste nicht gleich, was sie auf seine Höflichkeiten ihm antworten sollte; sie
giengen darauf mit einander spazieren.
    Ihr Gespräch war von Seiten der Prinzessin ganz furchtsam, sie redete nur
von gleichgültigen Dingen: ihre Augen sahen ihn dabei mit einer gewissen
Schamhaftigkeit an, die ihm so viel zu verstehen gab, als ob sie glaubte, dass er
etwas von ihren Reden im Portal vernommen hätte.
    Die Fräulein von Turris, als sie von dem Grafen Abschied nahm, sagte ihm
heimlich ins Ohr: er möchte morgen vor der Tafel sie besuchen kommen; der Graf
stellte sich um die bestimmte Zeit bei ihr ein. Es ist billig, Herr Graf, sprach
sie zu ihm, dass ich auch etwas von ihren Geheimnüssen wisse, nachdem sie alle
die meinigen erfahren haben. Die genaue Freundschaft zwischen ihnen und meinem
geliebten Riesenburg gibt mir einen Anteil an Dero Vergnügen, und ein Recht,
mich nach Dero Zustand ein wenig zu erkundigen. Die Fräulein fragte ihn hierauf
wegen seines Herkommen, und ob er an dem Aquitanischen Hofe zu bleiben gedächte.
Der Graf unterrichtete sie wegen des ersten; wegen des andern aber, sagte er,
dass es nicht bei ihm stünde, einen König zu verlassen, der ihm die gröste Gnade
und ein ganz besonderes Vertrauen bezeigte.
    Die Fräulein forschte darauf weiter, ob er nie geliebt hätte? Der Graf
lächelte über diese Frage, und wollte mit der Sprache nicht heraus. Sie werden
wohl, fuhr die Fräulein fort, ein Herze haben wie andere Menschen auch, und wo
ich mich nicht irre, so lieben sie, und machen aus dieser Neigung ein Geheimnüs:
es möchte wohl sein, erklärte sich der Graf halb im Scherz: wie gefället ihnen
denn unsere älteste Prinzessin, fragte jene weiter: könten sie solche nicht
lieben? Es müssen sich, für dieselbe, erklärte sich der Graf, alle meine
Neigungen in der tiefsten Ehrerbietung versenken. Sie sind, Herr Graf, nicht
offenherzig mit mir, lies sich hierauf die Fräulein vernehmen. Riesenburg muss
ihnen von mir nicht so viel. Gutes gesagt haben, als es nötig ist, ihnen zu mir
ein Vertrauen zu geben. Ich weiss, dass sie meine Prinzessin lieben, und solches
mir verhehlen; aber ihre Augen und diejenige der Prinzessin haben mir solches
verraten. Meine Prinzessin kann für sie wenigstens ihre Hochachtung nicht bergen:
ihre oftmahlige Errötungen, wenn sie solche scharf ansehen, die Vergnügung,
welche sie hat, mit ihnen umzugehen, und ihr ganzes Wesen gibt mir eine
besondere Gewogenheit für den Herrn Grafen zu erkennen.
    Der Graf war über diese Reden so bestürzt, dass er nicht wusste, was er der
Fräulein von Turris darauf antworten sollte: Ich sehewohl, Herr Graf, fuhr
deswegen die Fräulein fort, was ihnen im Wege stehet:
                       Was Ido macht zu gros / das macht
                               mich all zu klein.
Der Graf erschrack hierüber noch mehr; er erkannte, dass die Fräulein von Turris
seine Schreibtafel müste durchblättert, und obige Reimen darin gelesen haben:
die Fräulein aber liess ihm nicht Zeit, sich darüber mit ihr zu erklären, sondern
fuhr fort: es ist wahr, meine Prinzessin ist aus einem der grösten
Fürsten-Häuser, das macht sie dem Ansehen nach für sie zu gros; allein es ist
bei uns etwas gewöhnliches, dass unsere Fürstinnen an Grafen sich vermählen, wenn
sie aus altem Gräflichem Stamm herkommen.
    Wie nun der Herr Graf von Rivera das Glück einer solchen Geburt haben; so
dürfen sie auch um so viel weniger hierbei den Mut verliehren; weil diese
Standes-Ungleichheit mit so vielen andern grosen Eigenschaften von ihnen
ersetzet wird. Ja, sie dürfen nur ihrem König ein Wort davon sagen, so wird er
sie zu einem Fürsten und Herzogen machen.
    Des Grafens Verwunderung über diesen unvermuteten Vortrag der Fräulein von
Turris vermehrte sich noch mehr, als er hörte, wie sie alle diese Sachen in
ihren Gedanken schon so leicht und möglich gemacht hatte. Er heegte für die
Prinzessin die vollkommenste Hochachtung; Er fand sie würdig, den Königlichen
Tron zu besteigen, und ganz Aquitanien zu beherrschen. Zu dieser Erhöhung
wollte er das Werkzeug abgeben; sein ganzes Herz war mit einem so grossen und
wichtigen Geschäffte eingenommen. Er suchte den König durch die Prinzessin, und
diese wiederum durch jenen glücklich zu machen; in diese Glückseligkeit aber
seine geliebte Gräfin von Monteras mit einzuflechten.
    Bei diesen Absichten sah sich endlich der Graf verbunden, der Fräulein von
Turris sich zu erkennen zu geben: er sagte ihr, dass sie sich irrte, wenn sie
die in seiner Schreibtafel gefundene Reimen auf ihre Prinzessin deuten wollte;
dass er die Prinzessin zwar unendlich verehrte; aber sich dabei auch wohl zu
bescheiden wüste, dass sie sich besser für seinen Herrn und König, als für einen
gebornen Untertanen schickte. Er entdeckte hierauf der Fräulein von Turris
seine Anschläge, und bat sich zugleich darin ihren Beistand aus; er sagte ihr,
dass er dem Fürsten bereits davon Eröfnung getan hätte; dass derselbe aber für
gut fände, solches vor der Prinzessin noch geheim zu halten.
    Die Fräulein von Turris war mit den Absichten des Grafens nur halb
zufrieden. Ach! sprach sie, worzu sollen die Kronen; sie sind schwer zu tragen.
Könige haben keine wahre Freunde, man fürchtet sich vor ihnen, und sie fürchten
sich wieder vor andern: Ihre Hoheit verblendet sie, man schmeichelt ihnen; sie
haben die stärkste Leidenschaften, und indem sie allen genug tun wollen,
vergnügen sie keinen.
    Ich halt dafür, versetzte der Graf, eine Krone hat auch ihre Annehmlichkeit.
Es ist für ein grosmütiges Herz kein geringes Vergnügen, in einer solchen
Erhöhung zu leben, darin man so viel andere Menschen kann glücklich machen. Es
scheinet, die Vorsehung habe unsere vortrefliche Prinzessin zu einer Königin
lassen geboren werden: Es leuchtet aus ihren Augen etwas so Majestätisches und
Groses, hass man darin eine geheime Ubereinstimmung der Natur entworfen sieht.
    Die Fräulein von Turris hatte bei diesem Tausch nichts zu verliehren: Es
schmeichelte nicht wenig ihrer Eitelkeit, ihre Prinzessin Königin von Aquitanien
zu sehen: Sie fand sich dadurch selbst mit erhöhet: Ihre Demut konnte sie nicht
hindern, sich daraus eine Vergnügung zu machen. Sie hielt das ihr anvertraute
Geheimnüs nicht lang verborgen: Wem bin ich näher, dachte sie, in der Welt
verbunden, als meiner Prinzessin? Sie ging zu ihr und offenbarte ihr alles. Die
Prinzessin wurde darüber bestürzt. Ach! seufzete sie, der Himmel macht es nicht,
wie wir wollen: Doch, ich kenne meine Pflicht, und weis, was ich GOtt und meinem
Vater schuldig bin.
    Der Graf von Rivera verreiste darauf nach einigen Tagen von Christianopolis:
Der Fürst versicherte ihn seiner äussersten Hochachtung und Freundschaft: Er
schloss ihn mit vieler Zärtlichkeit in seine Arme. Lebet wohl, mein liebster
Graf, sprach er zu demselben, und erinnert euch oft der guten Nachschlägen, die
wir mit einander gepflogen haben.
    Gegen die Prinzessin lies sich der Graf verlauten, dass er würde den Freiherrn
von Riesenburg bis nach Aquana begleiten, woselbst er hofte die Gnad zu haben,
ihr wieder aufzuwarten. Sie gab dargegen dem Grafen zu verstehen, dass sie seine
Absichten mit ihr wüste, und dass sie deswegen diese Reise nicht ohne besondere
Furcht antretten würde.
 
                             Das vierzehende Buch.
Der Graf kam glücklich wieder nach Panopolis. Er fand den König noch immer in
der besten Neigung für ihn, und wurde von demselben mit einer lebhaften Freude
empfangen. Ach, liebster Graf, sprach er, indem er ihn herzlich umarmte, wie
sehr hat mich verlanget euch wieder zu sehen! Der Graf gab darauf dem König
Nachricht von seinen gehabten Verrichtungen: und rühmte ihm die Schönheit
verschiedener Prinzessinnen, deren Bildnisse er dem König vorzeigte.
    Ohneracht die Mahler ihr bestes getan hatten, die Durchlauchtige
Schönheiten in ihren stärcksten Reitzungen vorzustellen; so wollte doch keine
darunter dem König recht gefallen. Er sagte schier über eine jede: Es ist noch
keine Gräfin von Monteras. Der Graf nahm hierbei Gelegenheit, ihm die
Annehmlichkeiten der Prinzessin von Argilia vor allen andern zu rühmen: Er machte
dadurch den König um so viel begieriger auch das Bildnüs dieser so
hochgepriesenen Schönheit zu sehen; allein, der Graf hatte solches nicht mit
gebracht: Der König war deswegen überaus ungeduldig: Der Graf entschuldigte
sich, dass er solches nicht hätte habhaft werden können, und riet deswegen dem
König das Original selbst in Augenschein zu nehmen, weil er sodann von dem
gewöhnlichen Betrug der Mahler und der Farben, welche insgemein die Gesichter
schöner machten, als sie wären, nichts zu befahren hätte; Er fügte hinzu, dass
diese Prinzessin sich in wenig Wochen mit ihrer Frau Mutter nach den Aquanischen
Bädern begeben würde, wo der König das Vergnügen haben könnte sie zu sehen.
    Der Graf verfügte sich hierauf zu dem Herzog von Sandilien: Er fand ihn auf
einem Ruhbette: die Gräfin von Monteras sass neben ihm, und las ihm etwas aus
einem Buch: Der Anblick dieser beiden Personen rührte den Grafen ungemein: Der
Herzog hatte das Ansehen eines recht krancken Mannes, und die Gräfin schien ihm
schöner als jemahl. Der Herzog empfieng ihn mit einer ganz vertraulichen Art,
und indem er die Arme um seinen Hals schloss, sagte er zu ihm: Ich habe, mein
wertester Graf, Stunden und Tage bis zu ihrer Wiederkunft gezehlet. Ich liebe
sie, als wenn sie mein Sohn wären, und gebe ihnen die Erlaubnüs meine Base zu
umarmen: Der Graf gehorsamte einem so süssen Befehl: Zucht, Scham, Zärtlichkeit
und Ehrerbietung, gaben hier der Liebe ein wunderschönes Ansehen. Die Wangen der
Gräfin färbten sich mit rot, und in ihren Augen brandte ein so starckes Feuer,
dass es einige Tränen, welche sie nicht zurück halten konnte, zu löschen
schienen.
    Der Graf erkundigte sich darauf nach des Herzogen, Zustand und der Ursach
seiner so merklichen Unpäslichkeit. Es sind ungefähr acht Tage, antwortete der
Herzog, dass ich Abends bei dem Fürsten von Voltera, der eine Zeitlang sich hier
aufgehalten, zu Nacht speiste. Ich war kaum nach Haus gekommen, so empfand ich
ein heftiges Bauch-Grimmen, welches dermassen starck überhand nahm, dass ich
eilends den Herrn Hippon zu mir kommen lies; alle Nerven und Adern zuckten in
mir mit einem nie empfundenen Schmerz, alle innere Teile wurden dadurch
zusammen gezogen: Ich krümte mich als ein Wurm, und litt die abscheulichste
Marter. Herr Hippon kam und fragte sogleich was ich gegessen hätte? ich nannte
ihm solches, und da alles unverfänglich war, schüttelte er den Kopf, und sagte,
man müste mir etwas schädliches beigebracht haben: Er gab mir deswegen ein
Gegen-Gift, welches er immer bei sich führte: Ich musste solches mit warmen Oel
einnehmen, worauf ein starckes Erbrechen folgte, und als dadurch mein Blut in
eine kochende Wallung geriet, so wurde mir zur Ader gelassen. Die Schmerzen
liessen damit nach: Ich wurde aber dermassen entkräftet, dass ich seitdem kaum
meine Glieder regen noch vielweniger mich aufmachen kann.
    Der Graf fragte hierauf den Herzogen, was er von diesem Uberfall
mutmassete, und ob er glaubte, dass man ihm Gift beigebracht hätte? Dieses ist
ausser Zweiffel, sagte darauf der Herzog; Wer sollte aber, forschte der Graf
weiter, der Anstifter einer solchen grausamen Bosheit sein? Wann ich meinen
Argwohn hier entdecken soll, erklärte sich der Herzog, so ist solcher der Fürst
von Voltera selbst: Es ist nicht das erstemahl, dass er mich seinem auf mich
geworfenen Groll aufzuopfern und heimlich aus dem Weg zu räumen trachtet, weil
er weis, dass ich seinen herschsüchtigen Anschlägen, die Krone auf sich und sein
Haus zu bringen, nimmer beistimmen werde. Er ist sonst dem Ansehen nach der
gütigste und leutseligste Herr; allein, wenn es die Cron-Folge betrift, so ist
ihm keine Missetat, keine Verräterei und kein Meuchel-Mord abscheulich genug,
zu seinen Absichten zu gelangen.
    O böse Welt! o veräterisches Geschlecht! rief allhier der Graf voller
Bestürzung aus. Ist dann eine Krone, die doch an und für sich selbst so schwer
zu tragen ist, solcher verruchten Streiche wert? Ich hätte mir fürwahr, fuhr
der Graf fort, diesen Herrn nie so boshaftig eingebildet. Doch ich hoffe, es
werde der Königliche Stamm bald in ächtere Zweige sprossen, und der König mit
nechstem eine Gemahlin bekommen.
    Das Gespräch fiel darauf auf die Prinzessin von Argilia, davon der Graf dem
Herzogen bereits durch Briefe die nötige Eröfnung getan hatte. Der Graf
versicherte den Herzogen, dass sie sich vollkommen für den König schicken würde.
Die Gräfin von Monteras hatte dabei den Grafen vieles zu fragen. Allein, der
Herzog erinnerte denselben, dass es Zeit wäre, sich wieder nach Hof zu begeben.
    Der Graf speiste denselben Abend ganz allein mit dem König; Ihr habt mir,
sprach dieser, mit euren Erzehlungen von der Prinzessin von Argilia einiges
Nachdencken erweckt. Ich bin sehr übel mit euch zufrieden, dass ihr mir nicht ihr
Bildnüs habt mit gebracht. Der Graf wiederhohlte seine vorige Entschuldigungen:
er sagte, dass der König nichts dabei verliehren könnte. Ich finde, fuhr er fort,
dass die Mahler wohl hessliche und mittelmässige Gesichter, aber keine vollkommene
Schönheit abbilden können. Es pfleget solche ein gewisser Geist zu beleben, der
über alle Pinsel-Striche ist. Man muss dergleichen Schönheiten sehen; man muss sie
sprechen; man muss ihre Bewegungen, ihre Gebehrden und die Spielung ihrer Augen
wahrnehmen, wenn man von ihren Annehmlichkeiten ein Urteil fällen will. Der
König entschloss sich auf diese Vorstellungen die Reise nach Aquana vorzunehmen,
und überliess dem Grafen von Rivera die Sorgfalt, darzu die nötige Anstalten zu
machen.
    So bald hatte man nicht in Panopolis die Nachricht, dass die Fürstin von
Argilia mit ihrer ältesten Prinzessin zu Aquana angekommen war; so reiste der
König gleichfalls dahin. Er hatte, nebst dem Grafen von Rivera und dem Freiherrn
von Riesenburg, niemand bei sich, als seinen Leib-Arzt, und drei bis vier
Edelleute. Die meiste Bedienten, nebst einem Teil der Leib-Wache, waren voraus
gegangen. Der Zulauf des Volcks, als der König zu Aquana anlangte, war ungemein.
Es fand sich eine Menge des benachbarten Adels daselbst ein. Niemahls hatte man
an diesem Ort mehr gesunde Chur-Gäste gesehen.
    Den Freiherrn von Riesenburg hatte die Ungedult seine liebste Mariane zu
sehen, schon beim Absteigen, in seinen Reise-Kleidern, zu ihr hin getrieben. Er
überfiel sie in Gegenwart der Prinzessin von Argilia: Er warf sich ihr mit der
feurigsten Regung um den Hals, und vermerckte nicht, dass er die Ehrerbietung,
welche er der Gegenwart einer so grossen Prinzessin schuldig war, durch diese
Freiheit verletzete. Die Fräulein von Turris erinnerte ihn daran, und wickelte
sich deswegen aus seinen Armen. Er kam damit aus seiner Entzückung wieder zu
sich selbst: Er nahte sich mit Demut der Prinzessin: Er küste ihr den Rock, und
bat sie, ihm den begangenen Fehler zu verzeihen. Die Prinzessin entschuldigte
solchen leicht: Sie versicherte ihn mit der leutseligsten Art, dass es ihr ein
grosses Vergnügen wär, ihn und ihre liebste Mariane beisammen zu sehen, und dass
sie an dieser längst gewünschten Begebenheit selbst mit Anteil nehme.
    Die sonst muntere Fräulein von Turris musste hier der Stärcke ihrer
Empfindung weichen: sie konnte für grosser Bewegung ihres Gemüts nicht reden:
sie sah ihren Geliebten, den sie nimmer wieder zu sehen geglaubet hatte: sie sah
ihn getreu, beständig, glücklich und in der süssen Hoffnung wieder, ihn nicht
mehr zu verliehren. Diese Betrachtungen erfülleten allzusehr ihr zartes Hertze,
als dass sie dabei auch ihrem Verstand viel Raum hätte lassen sollen, sich
darüber auszudrücken.
    Die Prinzessin unterhielt also das Gespräch, als der Graf von Rivera sich
meldete, um bei ihr und ihrer Frau Mutter die Aufwartung zu machen. Die
Prinzessin veränderte ein wenig die Farbe, da sie denselben auf sich zukommen
sah: sie wusste, wozu er sie bestimmet hatte: ihr Herz empfand darüber eine
heimliche Empörung; allein sie war Meister von dessen Regungen: sie empfieng ihn
viel freundlicher, als sie bei einer andern Gelegenheit nicht würde getan
haben. Diese Freundlichkeit aber wollte in Betrachtung ihres Gemüts weit weniger
sagen, als die schamhaftige Eingezogenheit, womit sie ehedessen an ihres Herrn
Vatern Hofe ihn kaum recht anzusehen getrauete.
    Nach ein und andern Reden, welche der Wohlstand an die Hand gab, verfügte
sich die Prinzessin zu der Fürstin ihrer Frau Mutter, um die Vertraulichkeit
zwischen dem Grafen von Rivera, dem Freiherrn von Riesenburg und der Fräulein
von Turris durch ihre Gegenwart nicht länger in Zwang zu setzen. Der Graf
fragte bei dieser Gelegenheit den Herrn von Riesenburg, wie ihm die Prinzessin
gefiel? Sie ist unvergleichlich, antwortete dieser, und der König müste keine
Empfindung haben, wenn er sie, ohne gerührt zu werden, ansehen könnte: denn,
fügte er hinzu, solchen Wuchs, solche Gebehrden, solche Bildung und solche Augen
hab ich noch nie gesehen.
    Wie, mein lieber Riesenburg, scherzte hierauf der Graf, ist dieses nicht
sehr unbescheiden in Gegenwart einer Geliebten gesprochen, die selbst so viele
Annehmlichkeiten besitzet? O mein wertester Herr Graf, erwiederte Riesenburg,
ich würde der Fräulein von Turris unrecht tun, wenn ich ihre blosse Gestalt
zum Vorwurf meiner Liebe machen wollte: ihr gut Herz ist allein dasjenige, was
mich ihr mit einer unendlichen Neigung verknüpft. Ich werde ihrer Schönheit am
ersten gewohnt werden, und ihrer am wenigsten achten, wenn ihr angenehmer Geist
und ihr vortrefliches Gemüt bei einer näheren Verbindung mir täglich neue
Schätze und Tugenden entdecken werde.
    Der Graf hatte sich unter diesem Gespräch bei der Fürstin melden lassen, und
bekam zur Antwort, dass sein Zuspruch derselben angenehm sein würde. Er fand sie
mit der Prinzessin allein in ihrem Gemach: man sprach von dem König, und wenn es
der Fürstin gelegen sein würde, ihn bei sich zu sehen: die Zeit wurde dazu
gleich auf den folgenden Tag bestimmt. Der Graf begab sich damit wieder zu dem
König; der Herr von Riesenburg aber blieb bei der Fürstin des Abends zur Tafel.
    Der Tag, welcher einen so wichtigen Ausschlag in der Liebe des Königs geben
sollte, erschien. Die Prinzessin von Argilia lies sich dazu aufs beste ankleiden.
Nicht allein ihre Cammer-Frauen waren um sie geschäftig; die Fräulein von
Turris selbst machte sich eine Arbeit mit ihrem Kopf-Putz; sie winkte ihr dabei
hundert vergnügte und aufmunternde Dinge zu, weil sie vor ihren Leuten sich
nicht frei erklären mochte. Die Prinzessin verstund alles; sie musste lachen, und
verlohr darüber eine gewisse Bangigkeit, welche sie bei der Vorstellung, dass sie
heute zur Schau sollte gebracht werden, in ihrem Gemüt empfand: Ihre Augen, die
aus angeregter Ursach die Nacht nicht viel geschlafen hatten, bekamen wieder
ihre Lebhaftigkeit: ihre Farbe wurde frisch, und ihre ganze Gestalt, da sie
angekleidet war, hegte so viel Glanz und Anmut, dass die Natur die Vorzüge der
Kunst würde beneidet haben, wenn sie nicht hier die gröste Ehre vor sich
behalten hätte: denn aller Schmuck, aller Aufputz, alle funckelnde Diamanten
waren bei dieser schönen Fürstin nur wie eine blosse Einfassung um ein schönes
Bild.
    Der König kam: die Prinzessin mit der Fräulein von Turris und den
Argilischen Hof-Damen empfiengen ihn gleich unter der Tür. Eine angenehme
Bestürzung überfiel den König, als er hier in der Person der Prinzessin von
Argilia die gröste Schönheit erblickte. Er begrüste sie mit vieler Ehrerbietung.
Er faste sie darauf bei der Hand und führte sie die Treppen hinauf: er wurde
oben von der Fürstin, die ihm einige Stufen herunter entgegen kam, auf das
freundlichste empfangen. Im Zimmer fanden sich zwei Lehn-Sessel, auf welche sich
der König und die Fürstin niederliessen. Die Prinzessin aber setzte sich auf
einen kleinen Stuhl. Der Graf von Rivera, der den König begleitete, stund ihm
zur Seiten: er lenkte dabei das Gespräch auf solche Sachen, davon er für gut
hielt, dass bei dieser Gelegenheit gesprochen würde, und welche die Prinzessin mit
konten reden machen. Denn ihre Annehmlichkeiten gewannen einen doppelten Glanz,
wenn sie etwas erzehlte. Der König empfand ihre bezaubernde Macht mit allen
Regungen, welche der Graf an ihm zu sehen wünschte: er war davon auf einmal so
eingenommen, dass er sich bei dem Abschied erklärte: der Graf hätte ihm noch
lange nicht so viel von den Vollkommenheiten der Prinzessin gesagt, als ihre
Gegenwart ihm hätte zu erkennen gegeben.
    So bald war der König nicht von der Fürstin zurück gekommen, so fiel er dem
Grafen um den Hals. Liebster Graf, sprach er, die Prinzessin gefällt mir: wie
fangen wir die Sache weiter an? Es wird sich wohl alles fügen, antwortete der
Graf mit einer etwas gleichgültigen Mine. Ja, fragte der König, wie lang aber
wird es noch währen? es gibt immer so viele Umstände und Weitläuftigkeiten bei
dergleichen Geschäften; könnte man damit nicht einen kürzern Weg einschlagen? Der
Graf musste heimlich über diese Ungedult des Königs lachen: er nahm daher
Gelegenheit bei demselben einige nützliche Wahrheiten anzubringen. Es ist gut,
sprach er, dass die mächtigste der Erden zuweilen auch ein wenig spühren, dass
nicht alles bloss von ihrer Gewalt abhänget. Die Art, womit sie eine Sache
verlangen, komt mit ihrer Hoheit überein; es soll alles gleich da sein; sie
wollen nicht warten; sie müssen aber so wohl wie andere Menschen sich den
Gesetzen der Möglichkeit unterwerfen: sie können weder das Verhängnüs noch die
Gemüter zwingen.
    O wie verdrieslich, Graf, fiel ihm hier der König in die Rede, ist mir
diesesmahl eure Sitten-Lehre! Ich frage jetzo nicht, ob ich mich den Gesetzen
der Möglichkeit unterwerffen soll? das weis ich ohne dem. Ich frage nur, wie
bald ihr meint , die Sache mit der Prinzessin zu Stand zu bringen?
    Ew. Majestät, antwortet der Graf, halten mir meine Freiheit zur Gnade.
Dergleichen Geschäfte lassen sich nicht wohl übereilen; weil die Glückseligkeit
eines so grossen Königs und die Wohlfart so vieler Länder damit verknüpfet ist.
Glauben dann Ew. Majestät, fragte der Graf den König, dass sie schon die
Prinzessin liebten, und dass diejenige Empfindung, welche ihre Schönheit in dero
Gemüt verursacht, nicht ein schnell angezündetes Lauf-Feuer sei, welches, wenn
es einmal seine Wirkung getan, mit einmal in die Luft verdämpfet?
    O Graf! erwiederte der König voller Ungedult: ihr seid heute ganz
unerträglich. Ich sage euch, die Prinzessin gefällt mir, und ich liebe sie, weil
sie mir gefällt: ich will sie zu meiner Gemahlin nehmen, ihr selbst habt mir
darzu geraten; was soll ich mich erstlich noch lang untersuchen, ob meine Liebe
für sie ein Lauf-Feuer, oder sonst etwas sei?
    Ich sehe wohl, fuhr der Graf hierauf fort, dass es Ew. Majestät ein Ernst
ist, mit dieser schönen Prinzessin sich zu vermählen; der Himmel gebe seinen
Segen darzu. Man wird also in möglichster Eil eine Gesandschaft an den
Argilischen Hof schicken müssen, um dem Fürsten daselbst die hohe Meinung Ew.
Majestät zu entdecken, und bei ihm um dessen Prinzessin Tochter die gewönliche
Anwerbung zu tun. Hernach muss die Sache dem geheimen Rat von Ew. Majestät
vorgetragen, und dessen Gutdüncken darüber eingeholet werden: wie man in ein und
andern Dingen sich dabei zum Nutzen des Staats zu verhalten, und die Tractaten
in einer so wichtigen Verbindung darnach einzurichten habe.
    O Himmel! unterbrach der König hier abermahl, wie plagt ihr mich doch
anheute! Darf ich dann keine Gemahlin nehmen, ohne meinen geheimen Rat darüber
zu befragen? soll ich mich, oder soll sich der Staat verheiraten?
    Gleichwol, fuhr der Graf in seinem gelassenen Wesen fort, werden sich Ew.
Majestät doch müssen allergnädigst gefallen lassen, jemand an den Argilischen
Hof abzufertigen, um wenigstens die Einwilligung des Fürstens einzuholen:
kürtzer ist doch die Sache unmöglich zu fassen. Hernach müssen auch die nötige
Anstalten zu dero Königlichem Beilager zu Panopolis gemacht werden, welche
Ceremonien von dero höchst glorwürdigsten Vorfahren jederzeit mit einem
Königlichen Pomp und äusserster Pracht sind vollzogen worden.
    Auf diese Art, erwiederte der über diese so vielerlei Vorstellungen des
Grafens ganz misvergnügte König, ist kein Mensch übeler dran, als ich: wer wollte
sich wohl eine Krone wünschen, wenn uns solche unter den harten Zwang so vieler
nichts bedeutenden Dinge setzet? Meine Vorfahren, sprach er, dachten nicht wie
ich; sie hatten eine Freude an dergleichen Weitläuftigkeiten und unnützen
Geprängen, welche öfters zu nichts weiter dienten, als ihre Schatz-Kammer zu
entkräfften, und das Volck zu beschweren: ich glaube, sie hätten Macht gehabt,
solches zu unterlassen, wie ich mich befugt halte, darin nach meiner Weise zu
verfahren.
    Ew. Majestät sind Herr, erklärte sich hierauf der Graf. Wenn sie sich an
eine Untertanin ihres Reichs vermählen wollten, so könten sie darin nach dero
höchsten Gutdüncken verfahren; allein, die Prinzessin von Argilia ist aus einem
der Durchläuchtigsten Häuser in der Welt: Ew. Majestät können hier den Wohlstand
nicht ganz aus den Augen setzen. Doch fügte der Graf hinzu, ich werde trachten
die Sachen zu Ew. Majestät allergnädigsten Wohlgefallen einzurichten, und alles
auf das kürtzeste zu fassen. Er verlies darauf den König und verfügte sich
wieder zu der Fürstin von Argilia.
    Er hat dem König nicht gesagt, wie weit er schon in diesem Geschäfft
gekommen war: der König hätte sonst den Wohlstand und die Ehrerbietung gegen die
Prinzessin zu sehr aus den Augen setzen mögen. Er hinterbrachte der Fürstin, dass
die Prinzessin dem König gefallen hätte, und dass solchem nach seine bisherige
Unterhandlungen ihre Richtigkeit hätten; wo anders, wie er hofte, die Prinzessin
bei sich keinen Wiederwillen gegen den König verspürte. Die Prinzessin veränderte
über diese Frage ein wenig die Farbe, und überlies ihrer Frau Mutter solche zu
beantworten. Meine Tochter, sprach diese, wird sich in dieser Sache den
Ratschlüssen des Himmels, ohne welche sich die Kronen nicht vergeben, und dem
Willen ihres Herrn und Vaters unterwerfen.
    Auf diese Erklärung sandt der Graf alsobald einen hurtigen Boten nach dem
Fürsten von Argilia; und einen andern nach dem Hertzog von Sandilien, um beiden
von dem Fortgang dieser Sache Nachricht zu geben und sie zugleich zu bitten, die
Heirats-Tractaten, wie solche unter ihnen wären verabredet worden,
auszufertigen. Diese Boten kamen den sechsten Tag wieder zurück, und brachten
die Tractaten unterschrieben mit.
    Der König und die Prinzessin sahen sich unterdessen einander täglich: er
hatte ihr seine Neigung gleich den ersten Abend zu erkennen gegeben; und speiste
darauf bei der Fürstin zu Macht. Diese nebst der Prinzessin assen hinwiederum
den andern Tag bei dem König: Abends wurde Spiel und Ball gegeben. Auf diese
Weise ging eine Woche vorüber.
    Der König wurde bald ungedultig; er sah die Prinzessin täglich: ihre
Schönheit rührte seine Sinnen; und ihre Eingezogenheit machte ihn leiden. Er kam
in dieser Empfindung zu dem Grafen: Ihr habt mir lang versprochen, sagte er zu
ihm, mich durch eine würdige Gemahlin glücklich zu machen; und jetzo hat es das
Ansehen, als ob man gar nicht auf meine Vergnügung dächte.
    Der Graf, der die Ungedult des Königs voraus gesehen, hatte zu dem Ende alle
Anstalten zu des Königs Beilager in Zeiten zu machen, angefangen.
    Einige Stunden von Aquana wohnte ein reicher Graf auf einem sehr grossen und
wohlgebauten Schloss: diesen hatte der Graf von Rivera ersucht, solches auf
einige Tage dem König und seinem Gefolge einzuräumen. Der Graf fand sich durch
dieses Zumuten beehrt: es wurden in möglichster Geschwindigkeit die besten
Zimmer für den König und dessen bei sich habende Hof-Staat zurecht gemacht. Der
Graf bat darauf den König, sich nach diesem Schloss zu erheben, weil er daselbst
ein gewisses Fest der Prinzessin von Argilia zu Ehren angestellet hätte. Wobei er
zugleich, wenn es ihm gefiel, sein hohes Beilager halten könnte.
    Mit der Fürstin und der Prinzessin war alles bereits abgeredet: Der König
fuhr einige Stunden voraus, um seine Gäste zu empfangen. Er war zum höchsten
verwundert, wie er alles auf diesem Schloss in ungemeiner Bewegung fand: er sah
viel tausend Lampen und Lichter zu einer Abend-Beleuchtung aufstecken, der ganze
Garten zusamt dem Schloss wurde damit bestellet.
    
    Man arbeitete noch in dem grossen Lust-Haus an einer Tafel, auf welcher in
der Mitte ein mit verguldten Blei beschlagener Bassin mit springendem Wasser
sich zeigte. Rings herum waren die schönsten Blumen-Bette, welche durch zart
ineinander geschlungenen Buchs die artichste Züge machten; und durch weiss, rot
und gelben Muschel-Sand unterschieden waren. Auf diesem kleinem Blumen-Stück
fanden sich allerhand artige Gefäse mit raren Gewächsen und kleinen
Zwerg-Stämmen von Pomeranzen und Citronen, die voller Blüt und Früchte hiengen.
    Alles war hier mit einer solchen Hurtigkeit beschäfftiget, dass es dem König
gleichsam eine halbe Zauberei zu sein schien. Der Graf half selbst alles mit
angreiffen: alles wurde durch seinen Geist belebet, und in einer ordentlichen
Bewegung herum getrieben, nicht anders, als in einer künstlich verfertigten
Maschine, davon er das Triebwerk war.
    Ehe noch der Abend herbei kam, stund vor dem Schloss eine von gemahlten
Säulen aufgerichtete und mit allerhand Grünigkeiten und Sinnbildern
durchschlungene Ehren-Pforte. Auf den Garten stiess ein grosser Teich, an dessen
Ufer sechs kostbar ausgezierte Schiffe hielten, welche man auf einem Canal von
Toscana dahin gebracht hatte: sie waren gelb und blau bemahlet, auf den Kanden,
und dem Schnitz- verguldt, und mit gleichfärbigten Flaggen und Bändern gezieret.
Dasjenige, so darunter für den König und die Fürstliche Personen gewidmet war,
hatte auf Illyrische Art, in der Mitten eine prächtige Himmel-Decke mit
Vorhängen von blauen Damast und goldenen Schnüren und Quasten. Das ganze Boot
war auf diese Art ausgeschlagen: die Boots-Leute zeigten sich in gleichem Stoff
gekleidet: sie hatten gelb-seidene Scherffen um den Leib, und reiche von Gold
durchwürckte Bänder auf den Mützen. Ein grosses Schiff war vor die Music und die
Bedienten ausgerüstet. Es hatte oben eine Gallerie mit kleinen Böllern besetzt.
Auf dem Teiche schwammen eine Menge zahm- und wilde Enten, deren viele mit
roten Federn auf den Kämmen gezeichnet, und zu einer Wasser-Jagd bestimmet
waren.
    So bald lies sich die Fürstin mit der Prinzessin und ihrem Gefolg nicht in
der Nähe sehen, so wurden die kleine Böller auf dem Schiff losgezündet. Der
König empfieng solche an einem nechst an dem Teich aufgeschlagenen Zelte, und
führte dieselbe darauf in das für sie zubereitete Königliche Boot: die übrige
Schiffe wurden von ihrem Gefolge eingenommen. Man sties von Land; die Trompeten
und Paucken liessen sich mit untermengter Music hören: Man fuhr auf dem Teich
herum; und stieg darauf im Garten an das Land.
    Der Abend kam herbei: das ganze Schloss so wohl, als der Garten, wurde mit
Lichtern erhellet: es war bald Zeit an die Tafel zu gehen; Der Graf von Rivera
meldete sich hier: er redete den König an: Ew. Majestät, sprach er, haben mir
gnädigst befohlen, alle Weitläuftigkeiten bei dero hohen Vermählung
abzuschneiden; Ich hab alles was möglich war, getan. Hier sind die Tractaten
von dem Durchläuchtigsten Fürsten von Argilia, wie auch von dero Obersten
Staats-Minister im Nahmen dero ganzen geheimen Rats unterzeichnet; Es fehlet
weiter nichts, als dass Ew. Majestät und Dero Durchlauchtigste Braut Dero
höchsten Namen mit darunter setzen.
    Als dieses der Graf dem König und der Prinzessin vorgebracht hatte, liess er
die Tractaten auf einem kleinen mit roten Sammet bedeckten Tischgen, worauf ein
silbernes Schreibzeug stund, vor den König bringen; dieser ergriff sogleich die
Feder, sprieb seinen Namen darunter, und reichte solche hernach auch der
Prinzessin welche, wiewohl mit zitternder Hand, dergleichen tat.
    Hierauf wurden in dem nechstanstossenden Saal auf einmal die Türen
geöfnet: Die Königliche Capelle mit einem grossen Chor von Sängern und
Sängerinnen liess sich darin mit einer entzückenden Harmonie hören. Ein Bischoff
von dem nechsten Aquitanischen Kirchen-Spiel zeigte sich mit den Königlichen
Hof-Caplanen hinter einer Tafel, auf welcher ein Kruzifix stund. Nach geendigter
Music hielt der Bischoff eine kurtze Rede, und darauf geschah die Trauung. Der
König war über alle diese Anstalten des Grafens mit einem so lebhaften Vergnügen
durchdrungen, dass er demselben darüber nicht genug seinen Wohlgefallen
ausdrucken konnte.
    Den andern Tag brachte der Graf den Freiherrn von Riesenburg und die
Fräulein von Turris vor den König, und bat ihn, gnädigst zu erlauben, dass die
Liebe dieses edlen Braut-Paars, an Dero zweiten Vermählungs-Tag mit glückselig
und denckwürdig möchte gemacht werden. Dem König gefiel dieser Einfall. Gemeldtes
Paar wurde damit von dem anwesenden Bischoff zusammen gegeben, und an der Tafel
nechst dem König und der Königin oben an gesetzt.
    Dieses glückliche Fest wurde mit den lieblichsten Stimmen und nettesten
Liedern besungen. Die Freude, die Anmut und der Uberfluss herrschte auf dem
ganzen Schloss: Es litten darunter weder die Ordnung noch gute Sitten. Man
spürte an nichts keinen Mangel, weil man alles zu rechter Zeit aus der
benachbarten Stadt Toscana herbei geschafft hatte.
    Den dritten Tag wurde auf einer kleinen Schaubühne, welche von Wasen-Bäncken
und Laub-Wercken mit allerhand vergüldeten Schnitz-Werck und andern Zierraten
aufgeführet war, ein musicalisches Schäfer-Spiel vorgestellt. Man konnte dieses
ganz des Grafens sein Werck nennen; weil er nicht nur die Erfindung und die
Auszierung, sondern auch die Worte selbst darzu gegeben hatte. Die Grösse seines
Geistes zeigte sich auch in solchen Kleinigkeiten, womit er die Ernstaftigkeit
der wichtigsten Geschäfte zu verwechseln, und denjenigen heimlichen Kummer zu
erleichtern suchte, welchen ihn seine Liebe für die Gräfin von Monteras
empfinden machte.
    Der vierte Tag wurde zu einer Wasser-Jagd auf dem grossen Teich gewiedmet.
Man bestieg, nach eingenommener Mittags-Mahl-Zeit, die darzu verfertigte Kähne:
Man schoss die darauf schwimmende zahme und wilde Enten. Auf dem grossen Schiff
liessen sich die Music und die kleine Canonen hören, welche in dem daran
stossenden Wald einen überaus angenehmen Wiederschal gaben. Man bracht bei
andertalb Stunde zu, bis man den grossen Teich überschiffete. Man stieg darauf
an Land, und begab sich in eine am Ufer neu angelegte Meierei, welche ein
fremder Edelmann daselbst in einer sehr lustreichen Gegend erbauet hatte.
    Dieser Meyer-Hof, so schlecht er auch anzusehen war, hatte nichts
destoweniger etwas, dass man ihn mit Vergnügen betrachten musste. Es war ein
kleines Gebäude von einem Stockwerck, mit zwei Flügeln, welche einen
viereckigten Hof formirten. Man sah in dessen Mitten ein springendes Wasser, mit
jungen Castanien-Bäumen dicht umstellet: Einige Wasen-Bäncke liefen rings umher:
Die Sonne konnte mit ihren Strahlen hier nicht durchdringen: Von fornen war der
Hof mit einem zierlich von Eisen verfergtigten Stangwerck geschlossen. Und
hinter dem Haus sah man einen durchaus wohl angelegten Garten, an dessen
Schönheit die Ordnung und die Natur mehr Anteil hatten, als die Kunst. Der
lincke Flügel sties auf einen Hof, darinnen allerhand Feder-Vieh aufbehalten
wurde; und der rechte Flügel ging in einen Gras-Garten, wo man nebst den
Lämmern auch verschiedenes zahm gemachte Wild untereinander weiden sah:
    Der Edelmann, so diese anmutige Einöde bewohnte, war ein Herr von
ausserordentlichen Gemüts-Gaben; dem aber die gröste Unglücks-Fälle in der Welt
darzu haben dienen müssen, dass er hier die Annehmlichkeiten eines stillen und
ruhigen Lebens den Eitelkeiten des Hofs hatte vorziehen lernen.
    Der Graf hatte hier längst dem Ufer, welches mit einigen Treppen von Wasen
erhöhet war, ein künstliches Lust-Gebäude von kleinen Latten, mit frischem
Laubwerck durchwunden, verfertigen lassen; welches nach den Regeln der Bau
Kunst, durch ordentliche Gallerien, mit andern dergleichen Sälen auf den Ecken
zusammen hieng, und mit zwei langen Flügeln bis auf den Teich hinreichte.
    In der Mitten war ein groser Saal mit grün verguldten Wachs-Tuch bedecket;
rings umher hiengen Wand-Leuchter von Cristal und Spiegel-Gläser; alles war mit
Blumen-Kräntzen, Festonen, Sinn-Bildern und Verguldungen ausgezieret. Der König
setzte sich allhier zur Tafel; nachdem man sich vorher mit einigen Spielen und
Spatziergängen belustiget hatte.
    Es waren sehr warme Tage: Die Abende selbst wurden noch von einer schwühlen
Luft durchdrungen, und hemmten dadurch in dem Menschen die Munterkeit der
Lebens-Geister. Der Graf hatte deswegen eine besondere Erfindung gebraucht,
allentalben das Wasser durch blecherne Röhren um dieses Lust-Gebäud herum zu
führen, welches an den Wänden hin und wieder spritzte, und gleich dem stärcksten
Regen die angenehmste Kühlung verursachte.
    Nach der Tafel wurde nach der Scheibe geschossen: so oft einer das Schwartze
traff, stieg eine Rakete in die Höh; Der ganze Weg bis dahin war mit Lampen und
Lichtern besetzet, welche sehr artig an die von Gebüsch gemachte Wände, auf Art
einer Schaubühne geheftet waren. Die Scheibe selbst hieng an einem ganz
licht-hellen und nach der Baukunst verfertigten Portal, welches nach vollendetem
Schiessen mit einmal in lichte Flammen geriet, und unter einem anhaltenden
Kunst-Feuer eine weile fortbrandt. Der ganze Teich war dabei rings umher mit
kleinen Holz-Feuern erleuchtet, welches im Perspectiv eine ungemeine Wirkung
tat. Die Music und die abwechselnde Losungen der Paucken, Trompeten und
Canonen, die mit den Böllern und Waldhörnern, auf den Schiffen erschallten,
schienen da herum die ganze Gegend lebendig zu machen.
    Der König war bei allen diesen Lustbarkeiten so munter und so vergnügt, dass
er den Grafen, zum Zeichen seiner Erkentlichkeit, vielmahl umfieng und an seine
Brust druckte. Die neue Königin hatte etwas so huldreiches, gefälliges und
angenehmes in ihrem Wesen, dass sie sich von dem König in der Vertaulichkeit des
Ehstandes noch immer mehr lieben machte.
    Nachdem nun der Graf dem König gezeiget hatte, dass er eben so geschickt sei,
ihm allerhand Veränderungen zu machen, als gute Ratschläge zu erteilen; so gab
er ihm bescheiden zu erkennen, dass es nun Zeit wär, sich wieder in die vorige
Ordnung zu setzen, damit dessen kostbare Gesundheit fernerhin möchte erhalten
werden. Er riet ihm deswegen, auf Gutbefinden des Hern Hippons, noch vierzehen
Tage lang in Aquana zu bleiben, und sich daselbst des Bades mit einer gewissen
Mässigung zu bedienen: Herr Hippon schrieb dabei dem König, unter dem Schein
dieser Cur, gewisse Lebens-Regeln vor, deren Beobachtung insgemein bessere
Wirkung tut, als der Gebrauch der Bäder selbst.
    Der ganze Hof kehrte darauf von dem Schloss des Grafens von Sylva wieder nach
Aquana zurück. Der Graf von Rivera aber blieb noch einen Tag länger bei dem
fremden Edelmann, welchem der lustige Meyer-Hof zugehörte.
    Derselbe hatte sich die ganze Gewogenheit des Grafen von Rivera erworben.
Man bemerckte in seinen Reden und Handlungen alle Züge einer hohen Weisheit und
Tugend: Er hatte eine überaus feine Bildung: Seine Kleidung war nett und sauber;
aber schlecht, ohne Gold und Silber: Er trug seine eigene Haare, welche ihm,
ohne alles künstliche kraussen, in ihren natürlichen Locken um die Schultern
hiengen.
    Der Graf von Rivera hatte das gröste Vergnügen in seiner Gesellschaft:
Gleiche Gemüter kennen sich einander im ersten Anblick. Es ist etwas
verborgenes in der Natur, durch welche widerwärtige Dinge sich scheiden, und
gleichförmige sich vereinigen. Die Verwunderung war von beiden Teil ungemein,
da einer immer so dacht und so redete, wie der andere: Ihrer beider Eigen-Liebe
empfand hier dasjenige schmeichelnde Vergnügen, welches man spüret, wann Leute,
die Verstand haben, unsern Empfindungen und Meinungen beipflichten. Hieraus
entstund von beiden Seiten eine Hochachtung, die nur wenig Tage nötig hatte, zu
einer würcklichen Freundschaft zu werden. Der Graf suchte ihn zu bereden, mit
ihm nach Hof zu gehen. Allein der Fremde erklärte sich darauf, dass er die Welt
allzuviel hätte kennen lernen, um sich wieder in ihre Eitelkeiten einzulassen.
    Der Graf von Rivera bezeigte ein grosses Verlangen, dessen Begebenheiten zu
wissen: Sie setzten sich zu dem Ende bei stiller Abend-Zeit, da der volle Mond
mit seinen Strahlen den ganzen Teich erhellte, an das mit Wasen-Bäncken belegte
Ufer; allwo der Fremde seinen Lebens-Lauf folgender massen erzehlte.
 
                             Das fünfzehende Buch.
                 Die Begebenheiten des Ritters von Castagnetta.
Ich bin von Geburt ein Lampurdaner, aus dem Geschlecht der Marggrafen von Santa
Columba de Queralto. Weil ich der dritte von meinen Brüdern und der jüngste vom
Hause war, so nante man mich den Ritter von Castagnetta. Mein anderer Bruder
wurde wegen seines schwächlichen Leibes, zum Closter gewidmet. Ich war nicht so
bald den Händen des Frauenzimmers entkommen und männlicher Zucht untergeben, so
bezeigte mein Vater eine ganz besondere Sorgfalt für meine Erziehung.
    Als ich mein fünfzehendes Jahr bei nah zurück geleget hatte, nahm er mich
einsmahl vor sich: Lieber Sohn sprach er zu mir, es ist nun Zeit, dass du lernest
deinen Verstand gebrauchen und aus eigner Uberzeugung das Gute wählen. Du wirst
in der Welt meist unglückselige Menschen finden, weil sie in dieser Wahl fehlen,
und durch eitel Schein-Güter sich betrügen lassen. Es ist nur ein Weg zur
Glückseligkeit, dieses ist der Weg der Tugend und der Weisheit, die GOTT
denjenigen mitteilet, die ihn suchen und lieben. Du tust nun, mein Sohn, die
erste Tritt in die Welt; Alles locket und reitzet dich darin zum Bösen. Die
Wohllust wird sich dir auf allen Ecken mit ihren schönen und verführischen
Angesicht zeigen: Die Ruhm-Sucht wird sich bei dir unter dem Schein der wahren
Ehre einschmeicheln: Sie wird den Namen der Tafferkeit, der Grosmut und der
Freigebigkeit entlehnen. Ich aber sage dir: Fliehe die Lüste, meide den
Ehrgeitz, und hüte dich für der Verschwendung, so wirst du finden, dass die
Tugend ihre selbst eigene Belohnung, wie das Laster seine selbst eigene Straffe
mit sich führet.
    Indem mein Vater dieses sagte, schloss er mich mit innigster Zärtlichkeit in
seine Arme. Ich küsste ihm die Hände, die ich mit meinen Tränen benetzte, und
war so bewegt, dass ich nicht reden konnte: Meine Gebehrden aber sprachen für
mich, und versicherten den besten Vater, dass ich ihm dasjenige, was er von mir
verlangte, mehr mit dem Hertzen als mit dem Mund zusagte.
    Er liess darauf auch meinen Hofmeister ins Zimmer kommen, und befahl mich
seiner Treu und Sorgfalt mit sehr andringenden Worten. Dieser war ein stiller
und gelehrter Mensch. Viel Geist hatte er nicht: Ein anhaltender Fleiss und ein
gutes Gedächtnüs brachten ihn nichts destoweniger sehr weit. Wir giengen kurtz
darauf nach Tolosa, wo damahls die berühmteste Leute in allen Wissenschaften
sich befanden.
    Ein so grosser Ort und eine solche Menge von allerhand Menschen hatte für
mich etwas neues: Ich war von Natur sehr eitel: Ich wollte immer in
Gesellschaften und in die Schauspiele gehen. Ich bekam eine Neigung mich nett
und kostbar zu kleiden. Ich bildete mir ein, ich gefiel; Diese Einbildung war
mir nicht zu verdencken: Ich kante die Welt noch nicht: Alle Leute, die mit mir
umgiengen, sagten mir tausend Schmeicheleien: Ich wusste nicht, dass man einem
dergleichen Dinge vorsagte, ohne dass man auch solche glaubte.
    Nach drei Jahren kam ich wieder zurück nach Haus, ich tat hernach in
Begleitung meines Hofmeisters auch meine Reisen, und fand bei meiner Wiederkunft
meinen Bruder verheiratet. Dieser war von einem neidischen und eigennützigen
Gemüt: Er betrachtete mich nur wie den Cadet vom Hause, und konnte nicht wohl
leiden, dass ich mir das Ansehen gab, als ob ich mir auch ein Recht darin
anmaste.
    Mein Vater wusste solches: Er war darüber sehr betrübt. Ich behielt dich,
mein liebster Sohn, sprach er einsmahl zu mir, gern noch eine Weile bei mir: ich
werde baufällig, und darf über einige Jahre zu leben nicht mehr hinaus rechnen.
Wie vergnügt wolt ich sterben, wenn du mir köntest die Augen zudrücken. Allein,
ich sehe mit bekümmertem Hertzen, dass dich dein Bruder nicht liebt. Wir können
doch nicht immer beisammen bleiben. Lasset uns deswegen voneinander scheiden,
ehe der Tod uns trennet. Entziehe dich der Verachtung deines Bruders: folge
einem höheren Beruf: begib dich nach Hof: diene dem König und dem Staat: ich
habe an dem ersten Staats-Minister zu Novarena, dem Herzog von Albamar, noch
einen alten Freund: ich will dich zu ihm schicken: ich zweifle nicht, er werde
sich deiner annehmen.
    Wir schieden kurz darauf nicht ohne grose Bewegung, von einander. Ich kam
nach Novarena. Der Herzog von Albamar empfieng mich mit der grösten
Freundschaft: Er brachte mich vor den König: Dieser war ein kluger Fürst, und
liebte die Künste und Wissenschaften. Ritter, redete er mich an: ihr habt
studiret: ich werde euch gebrauchen können: ich mach euch zum Edelmann von
meiner Cammer. Der Herzog von Albamar kann euch dabei etwas zu tun geben. Ich
bog darauf nach Hesperischer Art die Knie: der König reichte mir die Hand: ich
küste solche, und von derselben Zeit an erschien ich täglich bei Hof.
    Der Herzog von Albamar bediente sich meiner in seiner Geheim-Schreiberei:
ich kam zuweilen ganze Nächte nicht ins Bette; nachdem die Geschäffte eine
schnelle Ausfertigung erforderten. Er sah, dass ich arbeitsam und verschwiegen
war: Dergleichen Leute waren ihm angenehm: er hatte zwei Söhne und eine Tochter:
wir sahen uns einander schier täglich, der älteste von den Söhnen hies Don
Diego, der andere Don Juan, und ihre Schwester Donna Leonora.
    Ich lebte mit Don Juan in der genauesten Freundschaft: unsere beide
Gemüter hatten zusammen eine grosse Ubereinstimmung; der Vater brauchte ihn,
wie mich, in seinen Geschäften: wir halffen einander redlich, und machten uns
hernach zusammen auch wider allerhand Ergötzlichkeiten. Er führte mich in die
beste Gesellschaften, und brachte mich unter andern auch in das Haus des
Fürsten von Alfaresch.
    Dieser war ein rauher, unfreundlicher und hochmütiger Mann: er lachte nie,
als wenn er böses im Sinn hatte: er redete sehr wenig, und wenn er redete, so
waren alle seine Worte abgemessen: nichts war steiffer, langweiliger und
verdriesslicher als sein Umgang. Diesen Mangel aller Leutseligkeit ersetzte seine
noch junge Gemahlin. Der Fürst hatte sie erstlich geheiratet, nachdem er schon
eine lange Zeit war Wittwer gewesen. Er hatte eine einzige Tochter von der
ersten Ehe, Namens Elvira; diese lebte mit ihrer Stief-Mutter in ziemlich gutem
vernehmen: Die Mutter war nicht viel älter als sie, und besass nicht weniger
Geist als Schönheit. Sie war aber dabei von derjenigen Eitelkeit eingenommen,
dass sie glaubte, sie müste sich bessere Kenner, als die Augen ihres abgelebten
Gemahls wählen, um von dem Wert ihrer Annehmlichkeiten zu urteilen. Die
allzustrenge Beobachtung der Ehelichen Treu schien ihr eben kein Sakrament zu
sein: ihr Verstand musste ihr dazu dienen, allen Ausschweiffungen ihres Herzens
das Wort zu reden. Die Vernunft selbst schien ihr Ausflüchte an die Hand zu
geben, wann die Religion sie verbinden wollte, einen Mann zu lieben, der so wenig
liebens würdig war.
    Donna Elvira hiengegen hatte ein ganz unschuldiges Wesen: sie war noch sehr
jung: ihr Geist begunte sich kaum, wie ihre Schönheit, gleich den ersten
Frühlings-Rosen, zu entblättern. Ich wurde von ihr im ersten Augenblick gerührt,
und empfand für sie eine Neigung, welche der Liebe nicht unähnlich sah. Ich
hatte einen Mit-Buhler an Don Ferdinand von Orihuela. Er war ein Sohn des
Herzogen dieses Namens; ansehnlich, reich, und von einem der mächtigsten Häuser
in Hesperin. Ich wusste, dass die Liebe ihre eigene Gesetze hatte; allein, dass man
solchen im Heiraten insgemein am wenigsten zu folgen pflegte. Ich war ein Cadet
von einem Marck-Gräflichen Hause, der mit Don Ferdinand auf keinerlei Weise zu
vergleichen war. Ich konnte nicht närrisch hochmütig sein, noch mir einbilden,
dass man mich, der ich so wenig in der Welt zu bedeuten hatte, dem Don Ferdinand
vorziehen würde.
    Ich ging einsmahl voll trauriger Gedanken nach dem Pallast des obersten
Staats-Ministers. Donna Leonora, die aus der Gutsche stieg, und mich ankommen
sah, bot mir die Hand, sie hinauf zu führen: ich brachte sie auf ihr Zimmer. Sie
kam von der Donna Elvira: sie lebten beide zusammen in grosser Vertraulichkeit.
Wisset ihr, sagte sie zu mir, dass Don Ferdinand Elviren liebt? Dieses ist
richtig, war meine Antwort, ich wusste aber noch nicht, dass Don Juez, ein Sohn
des Herzogs von Sandossa, die Donna Lecnora heiraten werde: wenn ich mit darzu
gehöre, antwortete diese, so ist die Sach noch weit entfernet. Don Juez gibt
sich meinetwegen viel Mühe: er hat bereits bei meinem Vater um mich anhalten
lassen; allein ich habe mich zu nichts erkläret; ich will hören, was sie mir
raten. Wie! fragte ich mit Verwunderung, ich soll ihnen raten? folgen sie dem
Trieb ihres Herzens, fuhr ich fort, wenn sie glücklich sein wollen. So wird
nichts daraus, erwiederte sie mit einem tief geholten Seufzer: ich werde ledig
bleiben müssen: weil ich sehe, dass die Liebe mir nicht günstig ist.
    Sie begleitete diese Worte mit einem Blick, der mir bis in die Seele fuhr:
ich verstund sie. Ich schlug die Augen nieder: ich war verwirret: ich verwies
mir als eine Untreu, dass ich ihr meine Liebe zu der Donna Elvira bisher
verschwiegen hatte: ich wusste, dass Donna Leonora mir wohl wollte, und dass ich ihr
bisher durch die Kennzeichen meiner Hochachtung zugleich die Meinung beigebracht
hatte, als ob ich auch einer zärtlichen Neigung gegen sie fähig wär.
    Ich warf mich deswegen voller Schaam und Verwirrung zu ihren Füssen:
werteste Leonora, sprach ich zu ihr, verzeihet einem undanckbaren; ich bin der
Gunst, welche ihr mir erzeiget, ganz unwürdig. Ich liebe Elviren, und ich habe
euch bisher dieses Geheimnüs verborgen; da ich doch nach unserer genauen
Freundschaft, euch solches zu offenbahren, war verbunden gewesen.
    Ich konnte nach dieser kurtzen Geständnüs nicht weiter reden. Leonora schien
darüber für Bestürtzung ausser sich. Wie! sprach sie, ihr liebt Elviren? und
man hat mir dieses Geheimnüs verborgen? O unglückseelige Freundschaft! wie hast
du mich betrogen? Was aber, fuhr sie mit gleicher Bewegung fort, was hat euch
veranlasst, mir solches zu verschweigen? Ich bat sie deswegen tausendmahl um
Vergebung; und zeigte ihr dabei einen so tiefen Kummer, dass sie mich beklagte.
    Nur nicht den Mut verloren, mein lieber Marggraf, sagte sie mit einem
grossmütigen Wesen, man ist nicht Meister von seinem Herzen. Ihr habt mich
bisher für eure beste Freundin gehalten; ich will euch zeugen, dass ihr euch an
mir nicht betrogen habt. Nur saget mir, wie ihr Elviren liebt, und doch bei ihr
das Wort für den Don Ferdinand, euren Mitbuhler, redet? sie selbst hat mir davon
Eröfnung getan und schien darüber eben so verwundert zu sein, als ich.
    Ich war noch kaum einen Monat an diesem Hof, erklärte ich mich hierauf, so
wurde ich von Elviren eingenommen: sie lies mir, so oft ich sie zu sehen bekam,
eine gewisse Güte sehen, die meiner Eigen-Liebe schmeichelte: sie schenckte mir
auf eine Art ihre Freundschaft, die mir von ihrem Herzen auch etwas zärtliches
zu versprechen schien. Ich wiederstund anfangs dieser Einbildung; allein, ihre
Augen hatten für mich die allerverführischte Beredsamkeit. Ich unterstund mich
dem ungeacht niemahls mich ihr deutlich zu erklären; nur meine Blicke und meine
Gebehrden gaben ihr mein heim iches Leiden zu erkennen; meine Neigungen waren zu
demütig, mir zu liebkosen, und zu starck, solche zu überwinden. Sie hatten
etwas, das Elviren gefiel: und wenn sie sah, dass ich darüber den Mut verlohr,
so zeigte sie mit ein gewisses Mitleiden, das mich auf einmal wieder mit neuer
Hoffnung belebte. Mein seltsames Verhängnüs machte mir auch ihre Stiefmutter
gewögen: ich gewann dadurch zwar einen desto freiern Zutritt in ihrem Haus;
allein, ich geriet dadurch auch zugleich in ein solches Labyrint, daraus ich
mir nicht helffen konnte. Ich musste der Mutter schmeicheln, um die Tochter zu
sehen, und war in steter Gefahr, bald die Freundschaft der einen, oder der
andern zu verliehren.
    Die gröste Verwirrung kam noch darzu, als Don Ferdinand, weil er sah, dass
mir diese beide Damen wohl wollten, mir seine Neigung für Elviren entdeckte, und
sich dabei meine Freundschaft ausbat. Ich kont ihm solche nicht versagen: doch
wolt ich ihm auch nicht bergen, dass ich selbst die Donna Elvira liebte. Er war
über diese meine Erklärung, damit ich mich eben so offenhertzig gegen ihn, als
er sich gegen mich heraus lies, ungemein bestürtzt. Ich beruhigte ihn aber
damit, dass ich ihm sagte: ich liebte ohne Hoffnung, und gönte ihm deswegen
Elviren vor einem andern.
    Ich nahm in der Tat hierauf bei ihr dessen Partie: ich rühmte seine gute
Gestalt, seine ernstafte Tugend, sein redliches Gemüte, seine gründliche
Vernunft, und mehr als alles dieses, seine grosse Reichtümer. Die Mutter war
mir dafür verbunden; die Tochter aber zeigte mir, zu meinem heimlichen Vergnügen
darüber ihre Verachtung.
    Dieses sind, werteste Leonora, endigte ich hier meine Erzehlung, die
Umstände, worinn ihr mich sehet. Ich liebe Elviren: ich liebe sie ohne alle
Hoffnung.
    Donna Leonora wurde durch diese Nachricht sehr gerühret: sie schien mit
vielem Nachdencken dasjennige zu überlegen, was sie von mir gehöret hatte: sie
schlug die Augen vor sich hin: sie seuffzete. Ich bemerckte bei ihr einen
innerlichen Streit. Die Grossmut siegte: O ich törichte, fieng sie an, dass ich
dieses Spiel nicht besser eingesehen! doch, ich habe mich verbunden, euch meine
Aufrichtigkeit zu zeigen; ich will euch Wort halten, und morgen solt ihr wissen,
was ihr bei Elviren zu hoffen habt.
    Die Umstände, worin ich mich fand, waren die wunderlichste von der Welt:
Eine Dame, die mich selber liebte, suchte mich bei ihrer Mitbuhlerin glücklich
zu machen, und ich sprach bei meiner Geliebten für einen Mitbuhler. Hat die
Liebe auch wohl jemahls ihre Neigungen seltsamer verwirret?
    Donna Leonora fuhr den andern Tag zur Donna Elvira: Diese wollte sich anfangs
gegen ihr nicht heraus lassen: Endlich gab sie sich durch ihren Eifer bloss: sie
meinte, wann ich sie liebte, so würde ich nicht für den Don Ferdinand reden.
Donna Leonora sagte mir dieses wieder. Sie schmeichelte mir mit der süsesten
Hoffnung; als gleich darauf ein unglückseliger Zufall mich derselben auf einmal
entsetzte.
    Ich fand mich in einer grossen Gesellschaft bei der Herzogin von Tabosa:
ich stund an einem Fenster, welches in Garten ging, und unterredete mich mit
dem Fürsten von Piscara. Der Graf von Pradez gesellte sich zu uns: Er sprach von
der genauen Freundschaft, die sich einige Zeit her unter mir und Don Ferdinand
geäussert hätte: er nannte mich einen feinen Hofmann, weil ich diesen meinen
Mitbuhler dergestalt an mich gebunden hätte, dass er keinen Schritt ohne mich
tun könnte. Ich bat ihn, nicht so unbescheiden von Don Ferdinand zu reden; der
Fürst von Piscara aber, der ein Vetter des Don Ferdinand war, und der eigentlich
diese Heirat zu machen suchte, knirschte darüber für Eifer die Zahne, und ging
stehenden Fusses zu seinem Vettern, welcher in einem andern Zimmer mit einigen
Damen spielte; er bat ihn, sein Spiel einem andern zu geben, und verfügte sich
mit ihm auf einen Balcon vor dem Saal.
    Der Graf von Pradez hatte sich unterdessen zu seinem Glück weggemacht, es
währte nicht lang, so kam Don Ferdinand wieder in das Zimmer getreten; der Zorn
flammte ihm aus den Augen; Wo ist der plauderhafte Pradez? redete er mich an,
ich will sehen, ob er auch das Herze haben wird, mir dasjenige ins Gesicht zu
sagen, was er sich gegen euch und meinen Vettern hat verlauten lassen. Ich
suchte ihn darauf mit den glimpflichsten Reden zu besänftigen, ich hielt ihn
zurück, als er dem Pradez nachfolgen und ihn aufsuchen wollte; er erhitzte sich
darüber noch mehr. Don Diego, der unsern starcken Wort-Wechsel hörte, nahete
sich zum grösten Unglück zu uns; er wollte die Ursache wissen, warum wir beide so
aufgebracht wären? Don Ferdinand, ohne ihm solche zu entdecken, bediente sich
gegen mich einiger Redens-Arten, die sehr anzüglich waren. Ich tat, als ob ich
solche nicht auf mich zög; dem Don Diego aber, der sehr stolz und jäh-zornig
war, wollte meine Sanftmut nicht einleuchten, er hielt solche für eine
Zaghaftigkeit.
    Ich ging darauf mit ihm und seinem Bruder dem Don Juan nach dem grossen
Garten, wohin wir unsere Leute bestellet hatten. Unter Wegs stichelte Don Diego
beständig auf mich. Er sagte, dass er alle Freundschaft für mich hätte; allein,
dass er nicht läugnen könnte, wie ihm meine allzugrosse Eingezogenheit, damit ich
Don Ferdinand seine Reden beantwortet hätte, schimpflich vorkäm. Ich machte
darüber seinen Bruder zum Richter, und erzehlte ihnen beiden die ganze
Begebenheit. Don Juan gab mir Beifall, und rühmte meine Vorsichtigkeit: dieses
verdross seinen Bruder ungemein: der Zorn übernahm ihn: er schalt uns beide
zaghaft.
    Ich spürte, dass sich das Blut bei mir in allen Adern regte: der Odem wurde
mir kürzer und das Feuer stieg mir wie Strahlen nach dem Haupt. Haltet ein, Don
Diego, sagt ich mit einem erhabenen Ton, haltet ein mit euren Beleidigungen,
oder ihr werdet mich zwingen, euch einen Mut zu zeigen, an welchem ihr
zweifelt. Ich hatte diese Worte kaum ausgesprochen, so stiess mich Don Diego mit
einem ergrimmten Auge auf die Seiten; ich faste aber denselben in gleicher
Bewegung mit dem Elnbogen, und schmiss ihn übern Hauffen. Wir zogen damit beide
von Leder: Don Diego drang als ein Verzweiffelter auf mich ein. Ich war also
gezwungen, mich gegen den Bruder von Don Juan, und von Leonoren zu wehren: in
dieser Betrachtung suchte ich alle seine Stösse zu pariren, und ihn mehr als
mich selbst zu schonen. Meine Meinung war, ihn zu entwafnen; ich gab ihm
deswegen eine Blöse über meinen rechten Arm, und streckte mit steiffer Hand die
Klinge nach ihm hin; mein Gegner aber war von seiner Wut geblendet: er sah
weder seinen Vorteil, noch meinen Degen. Er rannt in meine Klinge, welche ihm
durch die Brust ging, und fiel als todt zur Erden nieder.
    Ich war der erste, der ihm zu Hülf eilte: sein Bruder aber riss mich von ihm
weg, und bat mich um GOttes Willen, auf meine Sicherheit zu gedencken; und als
ich noch nicht mich entschliessen konnte, einen so unglücklichen Platz zu
verlassen, so warf er mich mit Gewalt in einen Lehn-Wagen, und befahl dem
Gutscher, mich auf einen gewissen Hof, der eine Meile von der Stadt lag, zu
bringen.
    Ich war noch keine viertel Stund daselbst, so kam mein Cammer-Diener mir
nachgerannt. Er war für Schrecken ausser sich: alle Glieder zitterten ihm; Ach,
gnädiger Herr, sprach er: was haben sie angefangen? Ich erzehlte ihm mein
Unglück, und bat ihn, mir einen guten Rat zu geben. Sie sind hier, war seine
Antwort, keinen Augenblick sicher. Der Herzog von Albemar, dessen Sohn sie
entleibet haben, denn man zweiffelt an seiner Aufkunft, wird nicht ruhen, an
ihnen die vollkommenste Rache zu nehmen. Don Juan, der an Grosmut seiner
unvergleichlichen Schwester nichts nachgab, und um so viel mehr Mitleiden mit
mir hatte, weil er ein Zeuge meiner Unschuld war; hatte aus Vorsichtigkeit
meinem Cammer-Diener, nebst einigen Reise-Kleidern, auch so viel Geld
mitgegeben, als ich zu einer schnellen Flucht vonnöten hatte.
    Er schrieb mir dabei folgende Zeilen: Mein bis auf den Tod verwundeter
Bruder fordert euer Blut von meinen Händen: Die Gerechtigkeit aber und das Band
unserer Freundschaft wollen / dass ich euch wie mein Leben schütze. Welcher
Regung soll ich folgen: Ich kann euch nicht wieder sehen / ohne euch meine
Feindschaft anzukündigen / und kann nicht einen Bruder rächen / ohne den Himmel
zu beleidigen / fliehes deswegen vor einem Feind / der euch liebt / und vor
einem Freund / der euch hassen soll.
    Ich machte mich also auf die Reise: Ich blieb mit meinem Cammer-Diener auf
keiner Land-Strasse: Wir durchstrichen die dickste Wälder, und schliefen des
Tages unter den Bäumen, um die Nacht desto sicherer über den Weg zu kommen. Nach
dreien Tagen erreichten wir die Aquitanische Grenzen. Wir hielten uns in einem
Flecken auf. Mein Kummer und die Heftigkeit meiner Leidenschaften, schienen mich
alles Trostes unfähig zu machen. Ich litte grausam: Auf einmal alles was Glück
und Liebe, und Freundschaft mich hoffen lies, zu verliehren; und noch über dem
einen Vater zu betrüben, vor dessen Vergnügen ich allein mein Leben würde
aufgeopfert haben; dieses waren für ein Gemüt, wie das meinige, solche
Umstände, die es notwendig niederschlagen mussten.
    So gros mir auch immer die Gefahr schiene, wann ich mich zu meinem Vater
begeben würde, so konnte ich doch unmöglich dem zärtlichen Trieb länger
widerstehen, mich zu dessen Füssen zu werfen, und ihn um Vergebung zu bitten.
Ich wagte es also, und reiste nach Hause.
    Ich war noch kaum unten im Hof vom Pferde gestiegen, so kamen mir einige von
seinen Bedienten mit weinenden Augen entgegen, und sagten mir, dass er diesen
Augenblick verschieden wär. Diese Nachricht erschütterte mich so heftig, dass
ich, ohne ein Wort zu sprechen, meinem Cammer-Diener in die Arme sanck, und als
ein Mensch, den seine Lebens-Geister verlassen hatten, in das nechste Zimmer
gebracht würde. Als ich wieder zu mir selber kam, sah ich einen Bruder vor mir;
der nicht wusste, wie er seine Kaltsinnigkeit und seine Verachtung mir genugsam
verbergen sollte.
    Mein frommer Vater hatte ihm noch auf feinem Todbette vieles zu meinem
besten anbeföhlen; Allein, diese Zärtlichkeit hatte bei meinem Bruder keine
andere Wirkung, als dass er sich gegen mich desto unempfindlicher und härter
bezeigte. Er nahm alles unter seine Schlüssel, und machte mit mir was er wollte:
Er gab mir dabei unter der Hand zu verstehen, dass ich bei ihm nicht sicher wär,
weil man mich bereits bei ihm hätte aufsuchen lassen.
    Ich kante meinen Bruder, und wusste, dass es ihm nicht zu viel wär, mich
selbst zu verraten: Ich verlies also Bruder, Freunde, Güter, Königreich und
alles. Ich ging nach dem nechsten Hafen, und segelte mit dem ersten Schiff nach
Sicilien. So bald war ich nicht zu Palermo angekemmen, so erhielt ich von
Novarena die traurigste Nachrichten: Don Diego, schrieb mir sein Bruder, ist
noch an seiner Wunde kranck, und dürfte schwerlich vollkommen genesen: Der König
wär deswegen auf mich ungnädig: Sein Vater aber beklagte mich mehr, als er mich
hasste: Seine Schwester wär aus Unmut in ein Closter gegangen, und wollte von der
Wett nichts mehr sehen noch hören. Donna Elvira hätte sich Anfangs meinen Zufall
sehr zu Gemüt gezogen, und lies deswegen Don Ferdinand, als die Ursach meines
Unglücks, nicht mehr vor sich kommen. Unterdessen aber so ging das Gespräch,
sie würde den Prinzen von Oviedo heiraten.
    Hierbei bekam ich auch von einem andern Freund aus Novarena die Nachricht,
dass mein unwürdiger Bruder daselbst, um die Belehnung meiner Herrschaft
Castagnetta hätte anhätten lassen, und solche auch durch die Bestechung einiger
Minister wirklich erhalten. In dem erneuerten Duell-Mandat war zwar untern
andern Strafen diese mit entalten, dass die Verbrecher, wann sie Lehen-Männer
wären, auch ihrer Lehen-Güter verlustig sein sollten; allein, es dachte niemand
bei Hofe daran, dass ich durch den mit Don Diego zufälliger Weis gehabten
Zweikampf eine gleiche Strafe sollte verdienet haben. Nichts destoweniger, so
wusste mein Bruder die Sache selbst rege zu machen, und zu seinem Vorteil zur
Ausfertigung zu bringen.
    Dieser heimtückische Streich ging mir um destomehr zu Herzen, weil ich
dadurch, in Ansehung der nötigsten Unterhaltungs-Mittel, von meinem Bruder
allein abhängig gemacht wurde, welcher mir es noch für eine Gnade anschriebe,
dass er mir von einer Herrschaft, die jährlich über vier tausend Taler auswarf,
eintausend zu meiner Leibzucht wiedmete. So teuer kam mir also ein
unglückseliges Gespräch, in welches ich ganz unschuldig mit eingezogen wurde, zu
stehen; und so kann öfters ein einziger unglücklicher Zufall durch einen
fortlauffenden Zusammenhang der Ursachen, da immer ein Ubel aus dem andern
entstehet, gar hurtig die ganze Wohlfahrt eines Menschen zu Boden werffen. Bei
so gestalten Umständen wusste ich keinen bessern Trost, als in den Lehren der
Weisheit zu finden, die noch durch meines Vaters Geist in meinem Hertzen lebten;
allein, weil ich noch in dem stärcksten Feuer meiner Jugend war, so konten sie
mich auch nicht völlig beruhigen.
    Ich fand unterdessen an dem Sicilianischen Hof eine Gelegenheit, mich bekant
zu machen:
    Dieser hatte immer mit den Barbarischen See-Räubern zu tun, welche
beständig auf den Sicilianischen Küsten herum kreuztten, und alles, was sie
antraffen, wegkaperten: Ihr Vorteil bestund in ihren leichten Schiffen, damit
sie, mit einer ungemeinen Behendigkeit, die See durchschnitten.
    Ich hatte mich von Jugend auf mit der Seefahrt und der Schiffbau-Kunst
erlustiget: Man hatte von meines Vaters Schloss nicht über drei kleine Stunden
bis nach dem Hafen Sanrivo, welcher durch nichts als seinen Schiff-Bau berühmt
ist. Hier verbracht ich in meinen jungen Jahren die angenehmste Stunden: Ich
hatte immer einige leichte Jagden, damit ich von meines Vaters Schloss bis nach
dem Hafen auf und nieder segelte, und mich zu einem Spiel der Wind und Wellen
machte; ja ich wagte zuweilen mich damit so weit in die See, dass ich öfters
darüber unsere Küsten aus den Augen verlohr.
    Mein Vater, als er diese starcke Neigung an mir entdeckte, liess mich in
allen Matematischen Wissenschaften auf das gründlichste unterrichten: Man
hatte dergleichen Leute an dem Sicilianischen Hofe nötig: Ich konnte also meine
Wissenschaften hier gelten machen. Der König liess einige Galeren nach meinem
Entwurf verfertigen, solche ausrüsten und in See gehen: Er machte mich darüber
zum Befehlshaber. Ich suchte damit die See-Rauber auf; allein, es war, als ob
sie auf einmal verschwunden wären. Ich kam etlich mahl wieder in die
Sicilianische Häfen zurück, ohne feindliche Schiffe entdeckt zu haben.
    Mein Volck war damit nicht zufrieden. Man hatte ihm gute Beute versprochen;
Es nötigte mich also etlich mahl bis an die Küsten von Algir und Tunis zu
kreuzten.
    Man lauerte uns endlich auf den Dienst. Wir erblickten einsmahlen auf der
hohen See zwei grose Schiff mit Battavischen Flaggen; Wir gaben uns einander den
gewöhnlichen Grus, und strichen weiter fort. Indem wandten sich die beide fremde
Schiffe, steckten Tunesische Flaggen auf, und suchten uns in die Mitte zu
fassen. Wir hatten solche vor Kauffardei-Schiff gehalten, und meinten nicht, dass
sie, ausser den Matrosen, auch Volck an Boord hätten. Wir wollten dem ungeacht
nicht fliehen: Wir liessen sie unserm Schiffe nähern, und gaben dem einen unsere
ganze Lage. Mittlerweile aber, dass wir mit diesem zu tun hatten, suchte das
andere uns zu endtern: Wir sahen ihren Boord auf einmal mit Volck bedeckt; sie
bemeisterten sich bald unseres Schiffes; Meine Soldaten schlug der Schrecken
nieder. Ich suchte sie vergebens durch mein Exempel zum Fechten aufzumuntern,
sie streckten ihr Gewehr von sich, und gaben sich gefangen.
    Wir wurden nach der Barbarei geführet. Der Befehlshaber dieser als
See-Rauber beschrienen Völcker begegnete mir nicht allein höflich; sondern
übertraff auch in der Leutseligkeit noch die meiste Christliche Schifs-Capitäne.
Er sprach vollkommen gut Illorisch, und ich war nicht misvergnügt, in seiner
Gesellschaft nach Tunis zu segeln.
    Wir stiegen daselbst den andern Morgen an Land; man brachte mich für den
Bei. Ich bin dein Gefangener, mächtiger Bei, sprach ich zu ihm: Ich habe das
Vertrauen zu deiner Grösmut, du werdest mich und meine Leute so lange wohl
halten, bis wir aus Sicilien Nachricht haben können, dass wir sollen ausgelöset
werden.
    Man hatte ihm gesagt: wer ich wär: Er empfieng mich deswegen wohl, und
befahl, mir und meinen Leuten in der Stadt ein Quartier anzuweisen, wo wir für
unser Geld bis zu unserer Auslösung zehren könten.
    Ich suchte meinem Gemüt in dieser fremden Welt alle mögliche Veränderungen
zu geben, um solches von den traurigen Betrachtungen meiner bisher so schnell
auf einander gefolgten Unglücks-Fälle abzuziehen: Ich besuchte öfters den
Aquitanischen Consul, der ein sehr redlicher Mann war. Es fanden sich auch in
Tunis einige Misionarien; deren listige Art aber die Christen-Sclaven aszulösen,
mir so wenig, als die Metode, womit sie das Christentum lehrten, gefiel. Die
verwüstete Denckmahle von Cartago, welche ich an diesem Ort beobachtete, hatten
etwas, das meinen Geist besonders rührte: Man entdeckte hier kaum noch die
Spuren dieser ehmahls prächtigen Mitbuhlerin des alten Roms: Die Zeit hatte
schier alles in Staub und Graus verkehret.
    Ich sah mich, dem Namen nach, unter Barbaren, welche gleichwohl sich rühmen
dorften, ehrlicher und aufrichtiger zu sein als die Christen selbst. Ich bin nie
der Meinung gewesen, dass nicht auch andere Völcker die Gründe der Menschheit in
sich haben sollten: Ich halte dafür, dass nur die Religion, die Auferziehung und
die verschiedene Regierungs-Art den Unterschied mache. Die Bosheit und das
Verderben aber unter den Menschen äussert sich allentalben. Ich fand solches in
Tunis, wie in meinem Vaterland. Ich seufzete heimlich darüber, als ich sah, wie
wenig wir vor diesen Barbarischen Völckern voraus hatten.
    Wir entsetzen uns über ihre Grausamkeit, damit sie die Christen-Sclaven
tractiren, und nehmen es gleichwohl vielen unserer Europäischen Fürsten kaum
einmal übel, wenn sie öfters ihren eigenen Untertanen mit gleicher Härte
begegnen. Das Recht, welches die Corsaren über ihre Kriegs-Gefangene gewinnen,
scheinet ihr unbarmhertziges Verfahren gegen dieselbe noch einigermassen zu
entschuldigen: allein ich sehe in dem ganzen Natur-Recht nichts, das unsern
Fürsten zum Vorwand dienen könnte, diejenige zu plagen und zu peinigen, um deren
Sicherheit und Wohlfart zu schützen, sie Fürsten sind.
    Wann auch der Bekehrungs-Eifer bei uns für recht und gut gehalten wird, so
sind darin die Tuneser noch weit frömmer als wir. Sie bekehren die Menschen,
welche sie für unglaubig halten, nicht durch Schärgen, Hencker und Dragoner: sie
locken sie durch Freundlichkeit und Liebe: und geben oft geringen Sclaven, wenn
sie gute Eigenschaften besitzen, die artigste und reicheste Weiber.
    Der Bei vernahm nicht so bald durch den Aquitanischen Consul, dass ich von
vornehmer Geburt sei, und so wohl in der Kriegs-Ban-Kunst, als in andern
Wissenschaften erfahren wär, so liess er mich öffters zu ihm bringen. Er bezeigte
mir eine besondere Hochachtung, welche endlich so lebhaft wurde, dass er mir
versprach, mich zum glücklichsten Menschen von der Welt zu machen, wenn ich bei
ihm bleiben und zu der Mahomedanischen Religion übertreten wollte. Dieses zeigt
uns, wie ein jeder sich einbildet, den besten Glauben zu haben, und wie der
Eifer andere zu bekehren allentalben in der Welt Mode ist.
    Der Bei hatte ein besonderes Vergnügen, mit mir von der Religion zu
sprechen: Er war der Meinung, die Seinige wär die beste. Ich hatte eine leichte
Sache, ihm das Gegenteil zu erweisen. Der Bei hatte Verstand und Einsicht: er
hatte viel gelesen, und wusste was zu einem richtigen Schluss gehörte.
    Ich sagte ihm, seine ganze Religion wär auf das Ansehen eines einzigen
Menschen gegründet, welche man entweder mit oder ohne Vernunft annehmen müste:
wär es das erste, so dürfte man sie untersuchen: dörfte man sie untersuchen, so
würde man bald finden, dass sie die Eigenschaft der Göttlichkeit nicht hätte:
dürfte man sie aber nicht untersuchen, so hätte Numa Pompilus so viel Recht als
Mahomed gehabt, eine Religion nach seinen Absichten zu schmiden.
    Der Bei meinte, dass wir ebenfalls keinen andern Beweis von der Warheit
unserer Religion hätten, als das Ansehen von Mose und Christo; allein ich zeigte
ihm, dass diejenige Religion, welche uns dieselbe lehrten, sich gar nicht auf
menschliches Ansehen, sondern auf die Warheit selbst gründete; und daher auch
alle Untersuchung litte; Sie lehrte uns von GOtt auf eine der Göttlichkeit
gemässe Art dencken; sie schickte sich für unsern Leib, indem sie uns zur
Mässigkeit und zur Gesundheit anwies; sie schikte sich für unsern Geist, indem
sie dessen Begierden nach einer ewigen Weissheit und Glückseligkeit mit Erkäntnüs
und Trost erfüllete; sie schikte sich für den Staat und für die bürgerliche
Gesellschaft, indem sie die Gerechtigkeit und die Ordnung zum Grund setzte.
    Wie aber steht es um eure Geheimnisse, fragte hier auf der Bei? Geheimnisse,
war meine Antwort, haben wir in unserer Religion eigentlich keine; aber in
Ansehung unserer Begriffe, sehr viele. Unser Glaube, fuhr ich fort, macht uns
aus nichts Geheimnisse? er entdecket uns vielmehr die Tiefen der Gotteit, und
die allerverborgenste Weisheit. Wir sind aber gleichsam noch wie die Frucht in
Mutterleibe, die erstlich soll geboren werden; wir leben noch in einem dunckeln
Ort, und sehen nur das Licht von ferne; So bald wir aber anfangen weise zu
werden, so kommen wir von einer Klarheit zur andern, und wachsen unendlich in
aller Erkänntnüs, Wahrheit und Heiligkeit.
    Die Himmlische Cörper, Sonn, Mond und Sterne, scheinen in unsern Augen durch
die unermessene Tiefe nur kleine Lichter; Sie sind uns nicht verborgen als
Geheimnisse; unsere Augen reichen nur nicht so weit; wir sind wegen ihrer
Entfernung nicht fähig ihre Grösse zu messen, und ihre Cörper recht zu erkennen.
Solche Beschaffenheit, sagte ich, hat es auch mit den vermeinten Geheimnüssen
unserer Religion.
    Wie kommt es aber, unterbrach der Cadi, dass ihr in eurer Religion gleichwohl
so viele Glaubens-Artickel habt, die ihr selbst nicht verstehet, und darüber ihr
doch mit solcher Wut und Grausamkeit euch einander hasset und verfolget, ja gar
um Leib und Leben bringt?
    Hier antwortete ich dem Bei mit Schaam und Seufzen; die Christen, sagte ich,
machen es hierin nicht viel besser, als wie die Schüler des Alcorans, deren
einige den Auslegungen des Ali, die andere dem Omar folgen; und hernach wieder
in unzehliche andere Secten sich zerteilen. Dieses ist ein allgemeines Ubel
unter den Menschen. Nachdem sie einmal die wahre Aufrichtigkeit verloren, so
sind sie auf ein unnützes und sinnloses Geschwäz verfallen; sie haben sich in
ihre eigene Weissheit verliebet, und der weltliche Arm hat die Ehre ihrer
Einbildungen unterstützen helffen. Christus hat uns den Glauben ganz anders
gelehret; seine Worte waren Kraft und Leben, es bestund alles bei ihm in der
Liebe, in der Sanftmut, in der Demut, und in dem Frieden. Es wäre zu
weitläuftig alle Gespräche, die ich über dergleichen Materien mit dem Bei
gehabt, hier anzuführen.
    Das Geld, um mich und meine Leute auszulösen, war unterdessen angekommen.
Ich hatte das Glück, dem Bei gewisse Vorteile begreiflich zu machen, wenn die
Tuneser mit den benachbarten Sicilianern in gutem Vernehmen leben würden; Er
brachte solches vor den Divan, und gab mir darauf Befehl mit meinem Hof über ein
und andere Artickel, welche das gute Verständnüs dieser beiden Völcker und ihre
Handelschaft betraffen, zu tractiren. Ich zweiffelte nicht, in diesem
Geschäffte glücklich zu sein; allein, da die Zeit herbei kam, dass ich von Tunis
verreisen sollte, so musste mich der Bei daran erinnern.
    Er hatte eine Tochter mit Namen Roxelane, welche eine der ausbündigsten
Schönheiten war, die ich je gesehen hatte. Ihr Vater liebte sie ungemein; sie
war schier immer bei ihm, wenn er sich mit mir in Gesprächen unterhielt. Ihre
Blicke hatten einen unüberwindlichen Liebreitz: so bald schlug ich nicht meine
Augen in die Höh, so blitzten mir die ihrigen entgegen, und trieben mir die
Röte ins Angesicht: der Bei bekam deswegen öfters von mir solche verkehrte
Antworten, dass er mir die Abwesenheit meiner Gedancken vorwarf; Er merckte bald,
dass die Gegenwart seiner Tochter solches bei mir verursachte: er hatte darüber
ein heimliches Vergnügen: er fragte mich endlich, ob mir seine Tochter gefiel?
ich bekannte ihm solches; er sagte mir, dass es nur auf mich ankäme, alles, was
ich wollte, von ihm zu erlangen.
    Ich erklärte mich, wenn es eine Möglichkeit wär, seine Hochachtung und
Roxelanen zu besitzen, ohne meinen Glauben zu verändern, so würde ich in der
Welt nichts höher schätzen. Seid nicht so eigensinnig, versetzte der Bei
hierauf, wenn euch meine Tochter und meine Freundschaft lieb ist, so könt ihr
euch ja leicht zu unserm Glauben bekennen, weil wir mit euch doch einen GOtt
verehren: wir erkennen dabei euren Christum für einen grossen Propheten. Warum
wolt ihr unserm Mahomed nicht gleiche Ehre erweisen? Christus und Mahomed, war
meine Antwort, sind in ihrer Person und in ihren Lehren allzuweit von einander
entfernet, als dass man sie jemahl gegen einander sollte vergleichen können. Der
Bei seufzete darüber, und schlug die Augen gen Himmel. GOtt, sprach er, geb uns
zu erkennen, wer von uns beiden den rechten Glauben hat.
    Ich fühlte unterdessen bei mir ein ausserordentliches Leiden: bis schöne
Mahomedanerin hatte mir ein allzuchristliches Gesichte; ich meinte, sie sollte
sich deswegen viel besser für meinen Glauben schicken, wo in einer tugendhaften
Ehe eine reine ungeteilte Liebe herrschte. Ich unterhielt mich mit diesen
Gedanken, als ich einsmahls, kurtz vor meiner bestimmten Abreise, da ich, nach
meiner Gewohnheit, längst dem Ufer des Meers spazieren ging, eines Schwartzen
gewahr wurde, der mir auf dem Fuss nachfolgte: er überreichte mir ein Papier: ich
eröffnete solches, und fand darin diese Worte:
 
                            Tugendhafter Fremdling.
    Ihr wollt verreisen und ich liebe euch: ich möchte gern deswegen euch
alleine sprechen. Folget diesem Sclaven / er wird euch sicher zu mir bringen.
                                                                       Roxelane.
    Diese Zeilen machten mich bestürtzt: ich wusste nicht, was ich tun sollte:
Ich sah in dieser Sache nichts als Gefahr vor mir; die Liebe gab indessen den
Ausschlag. Ich folgte dem Schwartzen, er brachte mich in den Garten, worinn ich
öffters Roxelanen mit ihrem Vater gesehen hatte: Er hiess mich hier warten, und
verlies mich.
    Roxelane erschien: eine angenehme Demmerung, welche den Glantz des Mondes
erhellete, gab mir ihre Schönheit vollkommen zu erkennen: sie war auf eine Art
gekleidet, die mir alle Reitzungen davon entdeckte: ein lichter Silber-Flor
hieng von ihrem Haupt herunter: ihre Haare waren künstlich in Locken gelegt, und
mit grossen Orientalischen Perlen durchflochten; ein dreieckigt gebogenes
Silber-Blech mit doppelt geschliffenen Diamanten besetzt, gläntzete auf ihrer
Stirne: ihre Brüste waren nur mit einem dünnen Schleier bedeckt, und zeigten
zugleich den feinsten Wuchs des schönsten Leibes. Kurz, ihr ganzes Wesen hatte
etwas so einnehmendes und entzückendes, dass ich als ein Mensch, der ausser sich
war, vor ihren Füssen niedersanck. Ich küste ihre Hände, ich umfaste ihre Knie:
ich seufzete und konnte kein Wort zum andern bringen.
    Roxelane schien nicht weniger gerührt; Mein Vater, sagte sie mit einer
schwachen Stimme, hat euch zu meinem Bräutigam erwehlet, und mein Herz hat
dessen Wahl gebilliget; eure Augen haben mich beredt, ihr wäret damit zu
frieden; und nun wolt ihr verreisen? dieses verschmähet mich. Ich kann euch meine
Empfindlichkeit darüber nicht bergen; entdecket mir davon die Ursach. Liebet ihr
mich nicht, so will ich euch nicht nötigen hier zu bleiben; es wäre mehr meine
Schuld als eure, wann ich euch nicht gefiel. Liebet ihr mich aber, wie mich
dessen eure Augen und eure Gebehrden so oft beredet haben, warum wolt ihr mich
verlassen?
    Dürfte ich, o himmlische Roxelane, war meine Antwort, keinen andern
Gesetzen, als den Bewegungen meines Herzens folgen; so würde ich mein Leben für
mehr als glücklich schätzen, wann ich es auch nur als ein Sclave in euren süsen
Banden zubringen könnte; allein, ich bekenne mich zu einem Glauben, welchen man
hier verabscheuet. Ich bin ein Christ, und achte es für meine höchste Ehre ein
solcher zu sein; ich würde tausendmahl lieber den schmählichsten Tod leiden, als
eine Wahrheit verleugnen, deren mich der HErr Himmels und der Erden zu
überzeugen gewürdiget hat.
    Euer Eiffer, grossmütiger Christ, sagte Roxelane, gefällt mir wohl: er
schickt sich für eine so edle Seele: ich liebe die Leute, die nach ihrer Art
GOtt mit einer solchen Aufrichtigkeit verehren. Dieses zeigt ein Herz, auf
dessen Treu man sich verlassen kann. Saget mir aber, geliebter Freund, fuhr sie
fort, verbietet euch dann euer Glaube eine Mahomedanerin zu heiraten, die mit
euch einen GOtt verehret, nämlich den Schöpffer der Welt, der uns durch seine
Propheten den Weg der Tugend hat lehren lassen?
    Was mir hierinn, erklärte ich mich, meine Religion erlaubet, verbietet euch
die eurige: Euer Vater, schönste Roxelane, hat mir eine Bedingung vorgeleget:
ich soll meinen Glauben verleugnen, und den seinigen annehmen: dieses hies euch
für einen ehrlichen Mann einen Heuchler geben; der, wenn er an GOtt untreu ist,
sich auch kein Gewissen daraus machen würde, solches gegen euch und euren Vater
zu sein.
    Roxelane beantwortete diese Rede mit einem tiefen Seufzer: Sie schlug ihre
Augen, aus welchen einige Tränen flossen, beweglich gen Himmel. Ach! rief sie
aus, du einiger GOtt! warum trennet dasjenige dein Gesetz, was doch die Liebe
und die Tugend verbindet?
    Sie schwieg hierauf still, und schien demjenigen, was ihr die Liebe für mich
eingab, tief denckend nachzusinnen. Wohlan, mein Freund, brach sie endlich
heraus: Ich will mit euch diese Ufer verlassen, und euch noch mehr als eine
geborne Christin lieben. Das sei ferne, versetzte ich hierauf, dass ich die
Wohltaten des grossen Beis, eures Vaters, mit einer solchen Untreu belohnen,
und ihm das liebste, was er hat, dafür entführen soll? Dieses ist auch nicht
meine Meinung, erwiederte Roxelane: ich hoffe meinen Vater mit gutem darzu zu
bereden; denn ich fühle in meiner Brust eine unwiderstrebliche Regung eine
Christin zu werden: ich habe verschiedene von euren Büchern gelesen: eure
Gespräche mit meinem Vater haben mich darauf völlig überzeuget. Ich habe ihm
solches entdeckt. Er hat mich auch darüber bestraffet; allein, ich hab Ursach zu
glauben, dass ihm solches nicht von Herzen geht, und dass er vielleicht selbst
ein Christ werden würde, wenn er nicht zuviel dabei zu verliehren hätte.
    Indem sie dieses sagte, hörten wir eine Tür im Seraglio aufgehen, und sahen
den Bei auf uns zukommen. O Himmel, sprach er, indem er sich uns näherte, und
zugleich die Hand an seinen Säbel legte, was sehe ich hier? Ach Vater! schrye
ihm Roxelane voller Schrecken entgegen, indem sie sich zu seinen Füssen warf,
mässiget euren Zorn: ist meine Tat gleich ungewöhnlich, so ist sie doch
unschuldig. Wie, vermessener Ausländer, redete er mich darauf an, ist dieses
diejenige Tugend, damit ihr die Vortreflichkeit eures Glaubens beweisen wollet?
Entrüstet euch nicht, geliebter Vater, unterbrach hier abermahl Roxelane, indem
sie ihm noch fest an den Knien lag, höret mich, und wo ihr ein Verbrechen
findet, so wendet allen euren Zorn gegen mich: ich, nur ich allein, bin
schuldig.
    Roxelane erzehlte ihm hierauf, wie sie mich hätte zu ihr in Garten kommen
lassen, und wie grossmütig und tugendhaft ich mich gegen sie erkläret hätte. Der
Bei wurde darüber bewegt: ich schelte euch nicht, meine Tochter, sagte er zu
ihr, mit einem besänftigten Wesen, dass ihr diesen Ausländer liebt: ich selbst
bin ihm gewogen; allein, mein Freund, fuhr er fort, indem er sich zu mir
wendete, ihr wisset meine Meinung: ohne ein Mahomedaner zu werden, könnet ihr
meine Tochter nicht besitzen. Wollet ihr diese Bedingung nicht eingehen, so
verlasset uns, und stürzet uns beide nicht ins Unglück. Er reichte mir darauf
zum Zeichen seiner Freundschaft die Hand, welche ich mit Ehrerbietung küste, und
lies mich wieder durch lange Gallerien aus dem Seraglio bringen.
    Die Liebe zu Roxelanen verursachte bei mir eine recht peinliche
Leidenschaft, sie schien mir eine allzuschöne Seele zu haben, als dass ich zu
ihrer völligen Bekehrung nicht alles wagen sollte: gleichwohl sah ich mich durch
eben die Gesetze des Christentums gebunden, in dieser Sache mich keiner andern
Mittel zu bedienen, als die mit der wahren Aufrichtigkeit übereinkamen. Meine
Liebe zu Roxelanen wurde durch die mindeste Absicht beflecket, die nicht mit der
Reinigkeit des Christentums übereinstimmte.
    Der Bei sand mir den andern Morgen nicht nur das ihm gezahlte Löse-Geld
wieder zurück; sondern begleitete solches auch mit ansehnlichen Geschencken.
Wobei er mir zugleich andeuten lies, dass eine Gallere für mich fertig hielt,
mich samt meinen Leuten nach Sicilien zu begleiten. Dieses war ein Befehl: ich
konnte solchem nicht entgegen handeln. Ich nahm also von dem Bei Abschied, und
zeigte ihm für seine mir erwiesene Grosmut die lebhafteste Danckbarkeit.
    Es wurde mir nicht erlaubt, Roxelanen noch einmal vor meiner Abreise zu
sehen. Ich hielt deswegen einen Brief an dieselbe fertig, in Meinung solchen dem
Schwarzen einzuhändigen, wenn er sich noch einmal bei mir melden würde. Ich
betrog mich nicht in meiner Hoffnung: meine Leute waren bereits an Boord: ich sass
noch auf einem niedrigen Gemäuer an dem Hafen, und hatte meine Augen beständig
nach dem Seraglio hingewandt. Die Segel wurden aufgezogen, die Ancker gelöset,
und man kam mir anzudeuten, dass man bereit wär vom Land zu stossen, und die hohe
See zu gewinnen: Ich stund mit schwerem Herzen von meiner Stelle auf, und ging
mit langsamen Schritten nach dem Boot, welches mich in mein Schiff bringen
sollte. Indem erblickte ich den Schwarzen: er kam und überreichte mir ein
Kästgen. Ich gab ihm dargegen, nebst einem kleinen Geschenck, einen Brief an
Roxelanen, darin ich diese schöne Africanerin meiner ewigen Liebe versicherte,
und sie zugleich ersuchte, mir von ihrem Zustand und den Fortgängen ihres
Christentums Nachricht zu geben.
    Ich ging damit zu Schiff, und verliess das Tunesische Gestade mit weit mehr
Unruh, als ich war dahin gekommen. So bald ich alleine war, öfnete ich das von
Roxelanen mir überschickte Kästgen, und fand darin, nebst einigen Kleinodien,
ihr mit Diamanten eingefastes Bildnüs: ich betrachtete solches mit einer
entzückenden Freude: ich fand dabei ein gefaltenes Papier, und las darin
folgende Zeilen:
                               Geliebter Freund.
    Ich sehe euch verreisen: ich begleite euch mit meinen Tränen. Ihr verlasset
mich / nachdem ihr mein Herz mit der zärtlichsten Liebe für euch / und mit dem
sehnlichsten Verlangen euren Glauben anzunehmen / erfüllet habt. Was soll ich
nun anfangen: werd ich euch jemahls wieder sehen: O vergesset nicht eine
unglaubige / die mit solchem Eifer sucht glaubig zu werden. Schreibt mir durch
den Armenischen Kaufmann Carajutz von Damasco: Seine Frau wird die richtige
Bestellung eurer Briefe besorgen. Verschmähet unterdessen nicht die Abbildung
von einem Weibs-Bild / welches euch eurer Tugend halben liebt. Mein Herze sollte
euch vielleicht besser gefallen /wann ihr solches kennen würdet. Ich bin eure
getreue Roxelane.
                                                                     Lebet wohl.
    In vier und zwantzig Stunden kam ich mit meinem Volck glücklich wieder nach
Sicilien. Der Hof war über meine Verrichtungen, so schlecht sie auch waren, doch
nicht missvergnügt. Ich rühmte die Grosmut des Bei, und hatte das Glück, dass die
Friedens-Tractaten, wie ich solche mit den Tunesern verabredet hatte,
unterschrieben und durch mich ausgefertiget wurden. Ich sandt solche an den Bei,
und bat mir keine geringere Vergeltung dargegen aus, als Roxelanen.
    Ich schrieb zugleich an dieselbe: Ich bat sie, ihren Vater mit guter Art zu
seiner Einwilligung in unsere Heirat zu bereden. Es verflossen bei nah fünf
Monate, ehe der Bei der Liebe seiner Tochter nachsehen wollte. Er wurde endlich
durch das Lesen guter Bücher, und durch die beständige Gespräche des Armeniers
Carajutz, von den Wahrheiten der Christlichen Religion dergestalt überzeuget,
dass er mir seine Tochter bewilligte, und dabei heimlich den Endschluss fasste, mit
der Zeit seine höchste Stelle in der Regierung abzudancken, und sich zu uns nach
Sicilien zu begeben.
    Ich erhielt diese Nachricht mit einer unaussprechlichen Freude. Roxelane
meldete mir dabei, wie, auf was Art und zu welcher Zeit ich sie zu Pessara von
meinen Leuten in Türckischer Kleidung sollte empfangen lassen.
    Ich kam ihren vorsichtigen Erinnerungen in allem nach: Ich hielt bereits
acht Tage mit meiner Gallere in besagtem Hafen. Ich begunte zu fürchten, man
möchte unsern Anschlag entdecket haben, weil ich binnen dieser Zeit nichts von
Roxelanen vernahm. Wenn man liebt, so ist einem das Warten in dergleichen
Fällen die gröste Marter; zumahl, wenn die Furcht darzu kommt, dasjenige, was
man liebt, zu verliehren.
    Endlich liess sich auf der hohen See ein grosses Tunesisches Fahrzeug sehen,
welches einen Boot nach dem Hafen schickte, und sich nach Griechischen
Kauf-Leuten, die nach der Levante segeln sollten, erkundigte. Meine Leute waren
gleich an Boord, es fand sich keiner von denen, die mit mir zu Tunis waren,
darunter. Sie fuhren nach dem Tunesischen Schiff: Roxelane wurde ihnen mit
verdecktem Angesicht von einigen Tunesern, als eine vorgegebene Braut eines
Bassa in der Levante, überliefert. Meine Leute taten darauf, als ob sie nach
Copern segeln wollten; so bald aber hatten sie nicht das Tunesische Schiff aus
dem Gesicht verloren, so kehrten sie nach dem nechsten Hafen von Sicilien
wieder zurück, derselbe lag nur drei Meilen von Pessara: Ich hatte mich mit
einer kleinen Jagd dahin begeben; es war bereits Nacht, als Roxelane da ankam:
Die Freude, die wir empfanden uns wieder zu sehen, litte keine Ausdruckungen.
Ich bin nun ganz die eure, sprach Roxelane, indem sie mich in ihre Arme schloss,
und ich werde nun solche ewig bleiben.
    Sie brachte mir so viel Geld und Jubelen mit, dass ich meine Dienste bei Hof
abdanckte, und mir in der anmutigsten und fruchtbarsten Gegend von Sicilien,
ein schönes Land-Gut kaufte. Ich gedachte hier mein Leben in der süssesten
Vereinigung mit meiner liebenswürdigsten Tuneserin zuzubringen. Aber ach! wie
eitel sind der Menschen Anschläge.
    Ich liebte Roxelanen allzuheftig, als dass ich mich dadurch nicht so sehr an
eine blosse Kreatur sollte gebunden haben; dergleichen innigste Vereinigung
findet man nicht in dieser Welt: Sie war ein Vorschmack des Paradieses, wenn sie
nicht die Furcht der Sterblichkeit beunruhigte. Es vergieng nicht leicht ein
Tag, da wir uns dieses nicht vorstellten, und darüber eine gewisse Traurigkeit
empfanden, die uns bei dem Genuss des grösten Vergnügens seufzen machte. Wir
hatten eine Ahndung, dass wir nicht lang beisammen bleiben würden. Es ist ein
verborgener Zusammenhang in der Natur, und wie eine Säyte, die man an einem Ende
beweget, ihre Rührung zugleich am andern Ende empfinden lässet; so spüret öfters
unser Geist ein ihm unbekantes Gefühl von dem, was uns vorstehet. Meine
Glückseligkeit war zu gros für eine Welt, darin die meiste Menschen nur zum
Leiden scheinen geboren zu sein.
    Es geschah auf Befehl des Bei, dass wir unsern Wohn-Sitz so nah bei der
Barbarei genommen hatten: Seine Absichten giengen dahin, seine Würde
niederzulegen und bei uns verborgen als ein Christ die übrige Lebens-Jahre
zuzubringen. Das Schloss, welches wir bewohnten, lag unweit einem kleinen
Meer-Port; Wir hatten eine treffliche Vieh-Zucht, und nebst der feinsten Seide
auch die reinste Wolle. Die benachbarte Tuneser und Algierer kamen in der Menge
herüber gefahren, um solche aufzukauffen. Wir wurden von ihnen bald
ausgekundschaftet: Der verkehrte Religions-Eifer kann in der Welt nichts anders
als Böses stiften: Ein Tuneser wusste unter andern bei mir und meiner Frauen
ungemein sich einzuschmeicheln. Dieser Böswicht war von den Dervis abgeschickt,
um meine Frau aus der Welt zu schaffen: Ihr Vater hatte um eben diese Zeit ein
gleiches Schicksal gehabt: Die Mahomedaner halten dieses für ein Gesetz, alle
diejenige, die von ihrem Glauben abfallen, aus dem Weg zu räumen.
    Der Verräter stellte sich, als ob er dem Exempel der Roxelanen folgen
wollte, welche gleich nach ihrer Ankunft den Christlichen Glauben mit der grösten
Begierde angenommen hatte. Diese Verstellung machte, dass wir ihn zu uns nahmen
und ihm alles vertrauten. Man behält noch immer eine natürliche Zuneigung zu
solchen Leuten, die mit uns, unter einerlei Himmels-Gegend, in diese Welt
gekommen sind, und so zu sagen, mit uns einerlei Luft und Speise genossen haben.
Roxelane liebte insonderheit ein gewisses kühlendes Getränck, woran sie von
Jugend auf gewohnet war. Ihr treuvermeinter Lands-Mann konnte solches ungemein
nach ihrem Geschmack verfertigen. Er nahm Gelegenheit, ihr damit zu vergeben,
und machte sich darauf heimlich weg; Damit ich aber auch wissen möchte, wo der
Streich herrührte, so hinterlies er folgende Nachricht: Roxelane hat ihren
Glauben verläugnet: Der grosse Prophet hat allentalben seine Abgesandten: Sie
wird dafür den Tod leiden / und ich schätze mich selig / dass ich zu einem
Werkzeug der Göttlichen Rache habe dienen können.
    Das Gift tat zwar langsam seine Wirkung; Roxelane aber spürte bald den Tod
in ihren Gliedern wühlen. Sie verbarg mir, was sie darüber leiden musste: Ich
habe mir, sprach sie, wohl vorgestellt, dass wir nicht lang beisammen bleiben
würden: Unsere Liebe ist zu vollkommen; Etwas vollkommenes aber hat keinen
Bestand in dieser Welt. Wir müssen scheiden, und ich sterbe als eine Christin;
Voll Verlangen und Sehnsucht bei demjenigen Heiland zu sein, der sich mir auf
eine so ausserordentliche Weise hat zu erkennen gegeben. Nur das einzige quälet
mich, dass ich euch verlassen soll: Meine Empfindlichkeit würde darüber mehr als
grausam sein, wenn ich nicht wüste, dass der Tod nur unsern Leib, nicht aber
unsern Geist trennet.
    So starck sie auch ihr Glauben machte, so konnte sie doch allhier ihrer
Zärtlichkeit nicht vermehren, einige Tränen zu vergiessen. Ich war durch diesen
Zufall dermassen gerühret, dass ich einem Sterbenden ähnlicher sah als Roxelane.
Mein Schmertz und meine Empfindung ging so weit, dass ich mit ihr sterben wollte.
Ich konnte in etlichen Tagen nicht die geringsten Speisen zu mir nehmen. Ich
erfüllte das ganze Haus mit einem jämmerlichen Seufzen und Wehklagen. Ich ging
aus einem Zimmer in das andere, und konnte in keinem bleiben. Der Verlust von
Roxelanen schien mir unerträglich.
    Diese, als sie mich in diesem traurigen Zustand sah, suchte alle ersinnliche
Trost-Gründe hervor, um mich ein wenig aufzurichten. Warum wollet ihr doch, mein
lieber Mann, sprach sie, mir den Tod noch schwerer machen? Seid ihr dann nicht
auch ein Christ? Seid ihr nicht das Mittel gewesen, dass ich eine Christin worden
bin? Habt ihr mir nicht selbst gesagt: Jenes Leben sei unaussprechlich besser,
als dieses? Zweiffelt ihr nun daran? Missgönnet ihr mir solches? O nein! Ich
weiss, dass ihr mich liebt, und dass euch deswegen meine Seligkeit erfreuen muss.
    Einige Tage darauf richtete sich meine sterbende Frau in ihrem Bette auf:
Sie hatte den Tod auf ihren Lippen, ihre Augen aber waren voller Glantz: Es
belebte sie gleichsam ein himmlisches Licht: Fahret wohl, mein geliebter Gemahl,
sagte sie zu mir, indem sie mich an ihre Brust mit gröster Bewegung druckte,
fahret wohl, fasset euch, ich werde scheiden. Wir haben uns auf ewig zusammen
verbunden; Der Tod will dieses Band zerreisen; allein seine Macht ist vergebens:
er mag den Leib immer hinnehmen, dasjenige, was euch in mir liebt, ist
unsterblich. Wir haben uns hier auf Erden nur kennen lernen, um in jenen
Wohnungen der seligen Geister auf ewig mit einander zu leben.
    Meine Frau redete diese Worte, als eine Seele, die bereits in einer
Göttlichen Entzückung lag, und deswegen einen höhern Strahl des Lichts genosse;
weil die unordentliche Bewegungen ihres Cörpers aufhörten, und den Geist in der
Beschauung des neuen Lebens, dem sie entgegen rückte, nicht weiter hinderlich
waren. Ich fragte sie deswegen, ob sie dann vollkommen versichert stürbe, dass
unsere Liebe auch in der Ewigkeit noch statt haben würde?
    Mein lieber Mann, erklärte sich die Sterbende: Ich weiss, seitdem ich eine
Christin bin, dass man im Himmel sich nicht freien noch freien lassen wird. Ich
weiss aber auch durch eben den Geist, der uns solches offenbaret hat, dass
diejenigen, die sich hier im Herrn geliebt haben, ihre Liebe auch in jener
seligen Ewigkeit fortsetzen und unzertrennlich mit einander verbunden bleiben
werden. Ja, diese Vereinigung wird sich nicht nur allein auf treue Ehgatten,
sondern auch auf alle diejenige erstrecken, die wir allhier in tugendhafter und
reiner Neigung, so wohl dem Blut als dem Gemüte nach, geliebt haben. Dann
unsere Tugend bleiben nicht in dieser Welt: sie sind weder dem Tod noch der
Verwesung unterworffen: sie folgen uns nach, und vereinigen uns wieder mit GOtt,
als ihrem Ursprung. Die Liebe ist die gröste unter allen; sie ist die Quelle,
woraus alle andere herkommen: sie ist eine Ausfluss des Göttlichen Wesens, und
fliesset auch wieder in das Göttliche Wesen ein. Sie vergöttert unsere Natur;
sie verkläret uns in dasselbige Bild, und macht uns Göttlicher Eigenschaften
teilhaftig.
    Die Liebe zu den Kreaturen und die Liebe zu GOtt wird alsdann nicht mehr
getrennet sein; sondern einerlei Neigung ausmachen; Wir werden alles in GOtt,
und GOtt wieder in allem lieben. Wir werden in seine Absichten eingehen, und
dabei seine Allmacht, seine Weisheit, und seine Liebe bewundern; Das Böse wird
aufhören, und das Gute ewig bleiben. Unsere Liebe wird sich mit ihrem reinen
Ursprung verbinden, und aus dieser unendlichen Quelle, ihre Anmut, ihre Nahrung
und ihre Ewigkeit schöpfen: sie wird noch immer vollkommener, glückseliger und
Göttlicher werden.
    Als sie hierauf ein wenig still geschwiegen, und gleichsam frischen Otem
geschöpfet hatte, endigte sie mit diesen Worten: Ich empfinde nun für euch,
sprach sie, mein Liebster, zum letzten mahl die Schwachheiten einer leidenden
Natur. Es tut mir zärtlich weh, dass ich von euch scheiden muss. Diese Empfindung
wird mit dem Cörper sterben: Unsere Geister aber werden sich nach diesem Leben
auf ewig vereinen. Lebet wohl, mein Gemahl. Liebet mich auch nach dem Tode, wann
es der Zustand von jener Welt und die mir noch unbekannte Ordnung des grossen
Schöpfers leiden wird; so soll euch mein Geist von seinem Zustand, wie er von
dem Leibe abgeschieden lebet, einige Nachricht erteilen.
    Sie reichte mir hierauf die Hand, und verschied ohne die allergeringste
Bewegung: mehr als ein Engel, der verschwindet, als ein Mensch, dessen
Lebens-Bande sich mit Schmertzen trennen.
    Ich war noch kein so starker Christ, diesen allzu herben Riss der Natur mir
Standhaftigkeit zu ertragen; Ich sanck darüber zu Boden; Ich litte alle
Schmertzen des Todes, und musste leben, um solche zu empfinden. Ich fiel darüber
in einen so tieffen Kummer, dass ich wie eine Leiche herum ging, alle Menschen
floh, und mich den ganzen Tag hindurch in einem dunckeln Wald, der hinter
meinem Garten lag, verborgen hielt.
    Ich fand mich in einem Stand der Entblössung, worinn ich die Nichtigkeit
meiner eignen Weisheit und Stärcke musste erkennen lernen: Es war mir alles
entzogen, womit sich sonst die Menschen trösten können: Die Welt und alles war
mir zuwider. Der König, der von meinem Zustand Nachricht eingezogen hatte, sandt
mir seinen Leib-Artzt, nebst einem von meinen guten Freunden. Ich war ganz
Leutscheu worden, und fühlte deswegen einen heimlichen Schauer, da ich dieser
beiden Herrn ansichtig wurde. Diese Bewegung aber verlohr sich bald: sie suchten
mich zu bereden mit ihnen nach Hof zu gehen, sie stellten mir vor, dass nichts
mein Gemut von seinem anhaltenden Leiden hurtiger abziehen würde, als die
Veränderung der Vorwürffe.
    Ich liess mir raten: ich wollte nicht eigensinnig sein: ich wusste, wie
schädlich diese Gemüts-Art war. Die Bewegung der Reise, die Veränderung der
Luft, die gute Gesellschaft; vornehmlich aber der Entschluss, mich ganz und gar
der Göttlichen Schickung zu überlassen, machten, dass ich ziemlich wohl zu
Palermo ankam.
    Der König erzeigte mir viel Gnad: und nötigte mich endlich gar, zum Zeichen
seiner Gunst, eine junge Dame zu heiraten, die aus einem der grösten Häuser von
Sicilien war: Sie war jung, lebhaft und schön. Ich weiss nicht, warum GOtt diese
andere Heirat über mich verhänget hat. Vermutlich sollte mir dadurch alle Welt-
und Kreaturen-Liebe völlig verleidet werden.
    Ich hatte noch kaum einige Wochen in dieser Ehe zugebracht, so entdeckte ich
an meiner Gemahlin eine zu allen Ausschweiffungen geneigte Seele: Ihre Laster
machten mich an die Tugenden der Roxelanen dencken; das Verlohrne schien mir
unschätzbar, das Gegenwärtige unerträglich. Meine Frau hatte eine dermassen üble
Erziehung gehabt, dass sie nicht einmal wusste, was Ehre, was Tugend, und was
Religion war.
    Sie fand sich sehr beleidiget, da ich zum ersten mahl es wagte, ihr einige
Vorstellungen zu tun. Wie! Mein Herr, sagte sie bilden sie sich ein, dass sie
mich hofmeistern wollen? O diesen Lusten lassen sie sich vergehen: sie haben
keine Barbarische Tuneserin mehr vor sich. Ich habe mich deswegen nicht
geheiratet, um unter der Botmässigkeit eines Mannes zu stehen, von dem ich mir
eingebildet, dass er mir zu Gefallen leben würde. Alle meine Ermahnungen waren
also bei ihr vergebens: Sie sagte, dass ihr meine Sitten-Lehren missfielen, und
dass sie nach ihrer Weise leben wollte. Damit war unser Verständnis auf einmal
aufgehoben, da wir kaum noch vier Monate geheiratet waren. Wir begegneten uns
einander ganz fremde, und speiseten selten zusammen an einer Tafel.
    Meine Frau ergab sich allen Unordnungen: Sie war bei allen Lustbarkeiten des
Hofs: Jedermann schmeichelte ihr: dieses war ihre Haupt-Begierde: sie wollte
gefallen, und suchte ihr Vergnügen in der Menge ihrer Anbeter und Liebhaber. Von
den Pflichten eines vernünftigen Weibes wusste sie nichts: Sie hatte nicht
einmal Zeit daran zu dencken: Sie war allzu sehr in ihren Eitelkeiten und
Wollüsten zerstreut.
    Hätte ich mich darüber beklagen wollen, so würde man mich für einen
wunderlichen und eigensinnigen Mann gehalten haben. Man lebte nicht anders in
der grossen Welt. Es war nicht mehr Mode, dass sich die Weiber ehrbar und die
Männer weise stellten. Die Ehe war ein Sakrament für den Pöbel, und ein Stand
der Freiheit für den Adel. Ich hatte davon andere Begriffe: ich liebte die
Tugend: ich sah ihren Fortgang ewig, und das Ende der Laster mit Schrecken. Ich
musste mich unterdessen verstellen: ich wollte mich weder lächerrlich machen, noch
viel weniger über eine Sache einen Rechts-Streit anfangen, wo der Gebrauch die
Gesetze aus der Ubung gebracht hatte. Ich befand mich in diesen Umständen, und
dachte ihnen nicht ohne betrübter Empfindung nach; als ich einmal,s darüber in
einen tiefen Schlaf fiel.
    Mir träumete, ich wär in einem düstern Wald, wo ein braussender Wasserfall
sich von einem wilden Gebürg herunter stürtzte, und zwischen ungeheuren Felsen
und Klippen durchrauschte. Ich empfand hier eine Verachtung gegen alle
Schönheiten dieser Erden. Ich entschloss mich, ein Feind der Menschen und ihrer
Ergötzlichkeiten zu sein. Ich sah allerhand wilde Tiere, die vor mir flohen,
und hörte an statt der lieblichen Töne, die sonst in den Wäldern erschallen,
nichts als ein zischendes Pfeiffen der Uncken und Hammelmäusgen; und das Rufen
der Kautzgen und Nacht-Eulen. Man muss schon zu einem hohen Grad der Träumerei
gelanget sein, wenn einem solche Dinge mehr anmutig als fürchterlich vorkommen:
Ich fühlte bei mir eine Melancolie, welcher ich nachhieng; ich war traurig, und
wollte es sein: mein Kummer war mir angenehm, und mein Leiden ein Vergnügen.
    Auf einmal wurde in diesem Wald alles lichte: nicht anders wie in den
Schauspielen, wenn man den Vorhang aufziehet. Ich fand mich in der schönsten
Gegend: ich beobachtete keinen Strich, der Himmel und Erden schied: ich sah ihre
Tiefen mit Erstaunen: ein unendliches Licht erfüllete den unendlichen Raum: ich
hörte Stimmen, welche die reinste Töne ausstiessen: ich fühlte eine Lufft, die
meine Brust mit der süssesten Empfindung bewegte, und deren Hauch alles mit dem
lieblichsten Geruch durchdrang: ich sah Geschöpffe von ungemeiner Schönheit, die
teils den Menschen, teils den gemahlten Cherubinen glichen; Aus ihren Augen
strahlte die Liebe, die Anmut und die Holdseligkeit. Ich kam darüber in eine
Entzückung, darin ich bald mit Menschen, bald mit Engeln mich vermenget sah;
ich erblikete darunter Roxelanen: ihre Gestallt war in einen hellgläntzenden
Schleier verhüllet, dadurch ich bald ihren ganzen Leib, bald aber nichts als
ein bloses Licht erblickte; dessen Strahlen so scharff und durchdringend waren,
dass ich darüber die Hände vor die Augen halten musste: endlich erschien sie vor
mir in ihrer gewöhnlichen Kleidung: in ihren Augen lachte ein himmlisches Feuer,
sie winckte mir mit der Hand, verbot mir aber, sie (nicht) anzurühren.
    Ich bin selig, sagte sie zu mir: aber diese Seligkeit ist unaussprechlich:
Die Gegenwart GOttes erfüllet alles: die Seelen der Gerechten sind davon
durchdrungen; doch finden sich in diesen Wohnungen unzehlich viele und
verschiedene Gegenden. Die untersten, wo die Seelen, wann sie erst von dem Leibe
scheiden, hinkommen, sind weder finster noch lichte: den meisten tut die
Absonderung von ihrem Cörper leid: sie sehnen sich deswegen, doch eine mehr als
die andere, noch immer nach ihren vorigen Hütten. Die Geitzigen zehlen noch ihr
Geld: die Hochmütigen sinnen noch auf Pracht; und die Wollüstigen seufzen noch
nach ihrer vorigen Lust: ihr Zustand ist noch immer nach denen Neigungen
eingerichtet, welche sie mit aus der Welt bringen. Diejenige Seelen aber, welche
bereits sich durch den Glauben und die Weissheit mit GOtt bekannt gemacht haben,
die dringen hier mit einer ungemeinen Begierde und einer schnellen Erhebung,
durch alle Zwischen-Räume hurtig durch, und gelangen also zu der Gemeinschaft
GOttes, welche die Seligkeit ist; mittlerweile, dass hingegen die noch irrdisch
gesinnte Seelen, so lang und so viel durch ihre böse Neigungen und Torheiten
herumgetrieben werden, biss sie endlich solche selbst erkennen und verfluchen
lernen: da sie dann von einer Läuterung zur andern, und von Grad zu Grad
erhöhet, des Einflusses des göttlichen Lichtes fähig werden. Bis endlich
Christus, als das Haupt aller Glaubigen, sein Reich beginnen; unsere Leiber
wieder mit dem Geist vereinigen und Licht und Recht, nach den Absichten GOttes
in der Schöpfung vollkommen herstellen wird. Sonst wissen eigentlich die Seelen
hier nichts von dem, was sich auf der Erden begibt; Es wird ihnen aber zuweilen
vergönnet, wenn sie die Liebe zu den Hinterlassenen allzuheftig dringet, einen
Blick dahin zu tun: sie versencken sich so dann in den Glanz des höchsten
Lichtes, welches aus GOtt strahlet, und worinn sie als in einem Traum dasjenige
sehen und zu wissen bekommen, was sonst niemand als GOtt allein wissen kann. Mehr
kann kein irrdischer Verstand von diesen Dingen fassen. Trachte unterdessen in
der Welt so zu wandeln, dass dir deine gute Wercke nachfolgen können, und dass ein
aufrichtiges Verlangen nach GOtt, deiner Seele den Weg bahnen möge, durch alle
Wohnungen der irrdischen Geister hurtig durchzu dringen und des göttlichen
Lichtes teilhaftig zu werden. Fliehe unterdessen den Ort, der deiner Tugend
gefährlich ist; rühre nichts unreines an; verlass deine Ehebrecherin; begieb dich
in ein Land, wo dich niemand kennet. Lebe daselbst entfernet von den Torheiten
dieser Welt. Nahe dich immer näher und näher zu GOtt, durch die Weisheit, die
von oben kommt; so werden deine Jahre ruhig verschleissen, und dein Ausgang aus
der Welt wird dein Eingang in den Himmel sein.
    Hierauf verschwand der schöne Geist der Roxelanen, und ich erwachte. Ich
hielt sonst nichts auf Gesichter und Träume. Hier aber schien mir der Traum von
etwas mehr als einer menschlichen Fantasie herzurühren. Ich ging mit mir selbst
zu Rat und fand in mir eine starcke Uberzeugung, dasjenige ins Werck zu
richten, was mir Roxelane im Schlaf angedeutet hatte.
    Ich verlies Sicilien, den Hof, und meine ungetreue Gemahlin: ich nahm weiter
nichts mit mir, als etwas weniges an Gold, nebst den Kleinodien von Roxelanen.
Ich hatte niemand bei mir, als meinen Cammerdiener. Ich reiste damit durch ganz
Illyrien, und kam bis an diesen Ort: ich fand eine Neigung in dieser Einöde zu
bleiben, ich erblickte in der Ferne das Schloss des Grafens von Sylva: ich
meldete mich bei ihm, und fragte ihn, ob ihm nicht ein Stück Landes jenseit des
grossen Teiches feil wäre. Der Graf betrachtete mich mit besonderer
Aufmerksamkeit: er erkundigte sich, wo ich her käm, und ob ich auch Geld hätte,
ein Land-Gut zu kauffen? Ich antwortete ihm auf das erste, dass ich ein
Lampurdaner wär, der wegen eines gehabten Unglücks ausser seinem Vaterland leben
müste: wegen dem andern zeigte ich ihm eine Handvoll Perlen und Juwelen, die ich
nebst dem Bildnüs meiner Roxelanen bei mir führte. Der Graf schien darüber
verwundert, und lies mir nicht undeutlich einen Argwohn blicken, als ob ich
diese Schätze nicht auf eine rechtmässige Art besjetzte: solches beleidigte mich
nicht, ich begnügte mich damit, ihn einfältig zu versichern, dass ich ein
ehrlicher Mann wär; und ersuchte ihn zugleich, meine Kostbarkeiten in Verwahrung
zu behalten. Die Art, womit ich ihm dieses sagte, benahm ihm alles Mistrauen; er
begegnete mir darauf nicht nur höflich, sondern als einer Person seines Standes;
Er überliess mir diese kleine Länderei, welche sie hier von mir angebauet sehen.
 
                             Das sechzehende Buch.
Der Ritter von Castagnetta endigte damit seine Erzehlung. Der Graf von Rivera
danckte ihm dafür auf das verbindlichste. Er freuete sich in einer so durchaus
verdorbenen Welt noch hier und da einige Menschen zu finden, welche die Weisheit
liebten, und ihren Ursprung kenneten. Er wusste aber nicht, was er von dem
nachdencklichen Traum des Ritters und den Offenbarungen der schönen Roxelanen
urteilen sollte. Die Schrift, sprach er, hat uns nichts von dem eigentlichen
Zustand der abgeschiedenen Seelen entdecket; und wenn die unvergleichliche
Roxelane bei ihren Lebzeiten die Bücher der Platonischen Weltweisen gelesen
hätte; so würde ich glauben, sie hätte diese Meinungen von ihnen mit in das
Reich der Geister genommen.
    Der Ritter von Castagnetta merckte bald, wo der Graf mit seiner Erinnerung
hinzielte er versicherte den Grafen, dass er damahls noch nichts von den
Platonischen Schriften gelesen hätte: Es wär ihm aber aus den Büchern der
Offenbahrung dieses als eine beständige Warheit bekannt, dass die Seelen der
Gerechten in GOttes Hand wären, wo sie keine Quaal berühren könnte; da im
Gegenteil die Seelen der Gottlosen in einen Ort der Quaal und der Finsternüs
kämen, wo der Verlust ihrer Seeligkeit und die Verstossung von GOttes Angesicht
ihre gröste Marter ausmachte.
    Es ist gewiss, fuhr der Ritter fort, dass die Ungerechtigkeit so wenig wird
ungestrafft, als die Tugend unbelohnet bleiben. Die Geister, welche in dieser
Welt andere plagen, werden in jener Welt wieder von andern geplaget werden. Es
wird darin die genaueste Gleichförmigkeit der Strafen mit den Verbrechen sich
äussern; und man wird darin die göttliche Gerechtigkeit so sehr, wie seine
Liebe, bewundern: so wenig wir auch in diesem Leben die Art und Weise davon
einsehen und begreiffen können.
    Diese beide Herren schieden darauf, mit den zärtlichsten Versicherungen
einer immer währenden Freundschaft, von einander. Der Graf verfügte sich zu dem
König nach Aquana; er hielt sich aber daselbst nur einige Tage auf, weil der
König wollte, dass er voraus nach Panopolis gehen, und daselbst die Anstalten zu
der Königin Einzug machen sollte. Der König folgte bald nach, und hielt sich mit
der Königin so lang zu Bellahai auf, bis die Zeit zum Einzug herbei nahete.
    Dieser war überaus prächtig: Alle hohe und niedere Bedienten, nebst den
verschiedenen Leib-Wachen des Königs wurden zu dem Ende aufgeboten, diesen Pomp
zu verherrlichen. Der Zug begunte des Morgens und währte bis gegen Abend. Die
Reuter vom Königlichen Hause, in rot mit Silber reich besetzter Kleidung,
machten den Anfang: ihnen folgten über dreihundert Hand-Pferde, welche an
Schönheit die Kostbarkeit ihres Aufputzes noch übertraffen: darauf kamen die
Vornehmste Stall-Jägerei- und Hof-Bedienten: nach diesem die Königliche
Edelleute von der Cammer, nebst den Ober-Hof und Kriegs-Beamten.
    Der König ritt auf einem weissen Zelter: sein Ansehen war Majestätisch, und
das Volck jauchzte vor Freuden, da es seinen Herrn so gesund und leutselig
erblickte. Neben ihm zur Rechten, etwas hinterwärts, sah man den Herzog von
Miran, als Ober-Hofmeister; und zur Lincken den Graf von Rivera, als
Ober-Cämmerer; der Fürst von Alesso aber, als Ober-Stall-meister ritt gleich
hinter ihm, vor dem Wagen der Königin.
    Diese fuhr in einer mit licht-blauen Sanmmet überzogenen und mit Gold und
Edelgesteinen reich besetzten Staats-Gutschen. Ihre lebhafte Schönheit blitzte
noch mehr in die Augen des Volcks, als der herrliche Glanz der vielen Diamanten,
womit sie allentalben umgeben war. Acht Isabell-Farben Pferde mit
Lichtblau-sammeten und reich-vergüldeten Geschirren, schnauften vor dem Wagen
mit stoltzen Tritten, in einer gleichsam abgemessenen Bewegung. Acht Königliche
Bereuter giengen neben her, und hielten sie bei den Zäumen, damit sie nicht zu
wild und unbändig sich gebehrden möchten.
    Nach der Königin folgten die Hof-Damen, nebst dem andern Frauen-Zimmer vom
ersten Rang: hierauf kamen die Abgesandten, welche der Herzog von Sandilien und
der Ober-Ceremonien-Meister aufführte: ferner die Geheime Staatts-Hof- und
Kriegs-Räte, allesamt in Gutschen mit sechs Pferden bespannet, und von einer
Menge bundfärbig gekleideter Edel-knaben und Leibdiener umgeben. Den Schluss
machten die Königliche Kürassirer: ihre Kleidung war lichtblau mit rot-sammeten
Aufschlägen und goldenen Borden: sie trugen das Aquitanische Wappen in Form
eines Kürasses von Silber verguldet auf der Brust, und hatten eine Art von
Sturm-Hauben, mit roten Feder-Püschen auf den Häuptern.
    Die Bürger stunden längst den Strassen mit klingendem Spiel und fliegenden
Fahnen im Gewehr; und die Soldaten, die zu Panopolis in Besatzung lagen, hatten
das Tor und den Burg-Platz besetzt. Der Stadt-Magistrat trug die Himmel-Decke
über den König, und die Trabanten mit ihren Partisanen giengen neben her zu Fuss.
Zwischen jedem Zug liessen sich Paucken und Trompeten hören. Die Häusser waren
allentalben mit kostbaren Teppichen, auch hin und wieder mit schönen Gemählden
und Blumen Geschirren vor den Fenstern ausgezieret. Alle Glocken in der Stadt
wurden geläutet, und alle Canonen auf den Wällen losgezündet. Dieses
untereinander schallende Getöss erfüllte die Luft und bewegte die Gemüter der
Menschen mit einer gleichsam fürchterlichen Freude.
    Die Gräfin von Monteras, welche bisher noch nicht bei Hof erschienen war,
fand sich in einem Haus, unweit der Burg, und vermeinte unter der unzehlichen
Menge der Zuschauer, welche allentalben die Häusser und Strassen erfüllten,
diesen Einzug der Königin unbekannt mit anzusehen. Sie liebte den Grafen von
Rivera viel zu sehr, als dass sie nicht bei einer solchen Gelegenheit suchen
sollte, die Wahl ihres Hertzens gegen alles, was hier Aquitanien grosses und
schönes zeigte, zu rechtfertigen. Was sie sah, schien ihr reich, prächtig und
Königlich: es bewegte sie aber nichts. Ihre Augen hatten sich bereits müde
gesehen; als sie endsich, nach so vielen sinnreichen Erfindungen des
menschlichen Hochmuts, den Grafen von Rivera erblickte: sie erzitterte in dem
innersten ihres Hertzens, da sie ihn an des Königes Seiten beobachtete: sie
konnte zwei Personen, die bisher ihrer Ruh so gefährlich gewesen waren, nicht
ohne Schrecken, so nah bei einander sehen.
    Die Gräfin richtete schon von weitem ihre Augen nach der Königin: sie
wünschte bei derselben eine Schönheit zu entdecken, die ihre eigene übertreffen
möchte: ein Wunsch, den noch wenig Schönen in der Welt getan haben. Der König
stöhrte sie in dieser Betrachtung: er erkannte sie, als er vorbei ihrem Fenster
ritt. Sehet, sprach er, zu dem Grafen von Rivera, in dem er den Zügel seines
Pferdes an sich zog: sehet hier die Gräfin von Monteras. Dem Grafen schlug
darüber das Herz: die Röte stieg ihm ins Angesicht: er warf mit Furcht einen
Blick nach demjenigen Fenster, wo die Gräfin war: der König grüste sie: alle
Herren, die um ihn waren, nahmen darauf die Hüte ab, und bezeigten derselben
ihre Ehrerbietung. Dieses machte ein grosses Aufsehen.
    Die Königin, welche gleich hinten drein fuhr, beobachtete solches; sie
fragte die Oberhofmeisterin, die gegen ihr über sass, wer diese schöne Dame wär?
es ist, antwortete dieselbe, die Gräfin von Monteras: die Königin entfärbte sich
darüber: sie hatte die Augen starck nach ihr hingewandt: eine heimliche
Eifersucht wollte sich darauf in ihrem Gemüt regen, da sie ihre unschuldige
Mitbuhlerin so liebreitzend und so schöne fand; allein der Gräfin ihr demütiges
Neigen und ein Auge voller Unschuld und Güte, welches ihr gleichsam ihre
Freundschaft abforderte, flösete ihr eine ganze andere Empfindung ein.
    Die Gräfin kam den folgenden Tag nach Hof, und machte der Königin ihre
Aufwartung: sie wurden beide mit der grösten Verwunderung eingenommen, da eine
an der andern so viel Anmut, so viel Geist, und so viel Hoheit des Gemüts
entdeckte. Sie billigten beiderseits die Wahl des Königs, und waren eben im
Begriff sich einander die Kennzeichen ihrer Hochachtung zu geben, als der König
in das Zimmer trat, und sie in ihrem Gespräch verstöhrte. Die Gräfin beurlaubte
sich deswegen bald, und ging wieder nach Prato.
    Der Graf von Rivera besuchte sie allda öfters; sie waren mit Bewilligung des
Königs zusammen versprochen; einige wichtige Ursachen aber machten, dass ihre
Vermählung noch auf etliche Monate ausgestellet wurde. Der Graf, welchen der
König an des verstorbenenen Ober-Cämmerers Stelle erhoben hatte, übergab
demselben um diese Zeit einen Plan, der die Verbesserung seines Staats, die
Einrichtung seiner Finanzen, und das allgemeine Wohlsein aller Stände betraf.
Seine Vorschläge hatten nichts hochgekünsteltes; sie waren ganz einfältig und
der Natur gemäss; Sie hatten bloss die Ordnung und die Gerechtigkeit zum Grund.
    Dieser Plan gefiel dem König und dem Herzogen von Sandilien; sie wollten
solchen zur Wircklichkeit gebracht sehen; allein so bald wurde derselbe nicht
den vornehmsten Ministern und Räten mitgeteilet, und darüber ihr Gutachten
begehret, so regte sich allentalben Eifersucht, Missgunst und Verachtung.
    Unter den Staats-Räten fanden sich zwei, die der Graf wegen ihren grossen
Verdiensten besonders hochschätzte. Der eine war der Cammer-President und der
andere der Stats-Sekretarius. Der erste hatte einen durchdringenden Verstand,
und eine ungemeine Staats-Wissenschaft, welche sich auf eine langwierige
Erfahrung gründete. Sein Umgang war angenehm und leutselig; er konnte einem die
Fehler sagen, ohne dass man dadurch beleidiget würde. Er gab einem öfters selbst
die Entschuldigungen an die Hand, und machte dadurch, dass seine Verweise mehr
gütig als beissend waren: Er brachte einen auf solche Art zur Erkänntnüs, und
man blieb ihm dafür verbunden. Er liebte die Künste und Wissenschaften: er war
ein Gelehrter, ein Saats-Kündiger, ein Hofmann, und was am meisten zu bewundern,
ein Cammer-President, ohne Eigen-Nutz.
    Der Staats-Sekretarius war von keinem grossen Herkommen: seine blosse
Verdienste hatten ihn erhoben; diese waren gemeiner als sein Glück. Die Natur
hatte ihm ein edles Ansehen gegeben: seine Gebehrden waren ernstaft und
abgemessen, doch ohne Aufgeblasenheit und Zwang. Man ehrte ihn, wenn man ihn nur
sah. Er besass eine tieffe Einsicht. Seine Begriffe waren deutlich, und seine Art
sich auszudrücken überzeugend. Seine Gründlichkeit machte ihn behutsam, und
seine Behutsamkeit schützte ihn gegen alle Übereilung. Er konnte die Absichten
von andern leicht entdecken; seine eigene aber desto künstlicher verbergen. Der
Hertzog von Sandilien tat nichts wichtiges ohne ihn: Im Cabinet war er sein
Ratgeber, und in der Ausführung seine rechte Hand.
    Der Graf hatte diesen beiden würdigsten Staats-Männern seine Anschläge zu
erst entdeckt: sie schienen ihm gewogen zu sein; allein, sie hatten gegen ihn
noch etwas zurückhaltendes und misstrauisches, welches sie verhinderte, gegen ihn
so offenhertzig sich heraus zu lassen, als er es wünschte. Diese Kaltsinnigkeit
hatte für den Grafen etwas so empfindliches, dass er alle seine Demut auffordern
musste, um sich darüber zu trösten.
    Die Gemüts-Eigenschaft des Grafens hatte hier etwas besonders: Er unterliess
nicht in seiner Hochachtung gegen Leute, die Verdienste hatten, fortzufahren,
wenn sie ihm gleich die Ihrige versagten: Er liess ihre Gering-Schätzung sich
darzu dienen, dass er seine Einbildungen von sich selbst desto genauer
einschränkte, und seinem Verstand nicht zu vieles zutrauete.
    Den König und den Hertzog von Sandilien verdross im Gegenteil die Aufführung
der obbemeldten beiden Staats-Räten destomehr, weil sie dem Grafen gewogen
waren. Sie wollten, dass man dessen Anschlagen folgen sollte: allein, der
Gross-Cantzlar, der sich zu dem Haupt der Missvergnügten machte, hielt den
Fortgang derselben zurück.
    Dieser war ein Mann von dem grösten Ansehen. Er war schlau, listig,
eigennützig und schmeichlerisch; Er suchte die Leute, die seiner Hülffe nötig
hatten, nur mit höflichen Worten herumzuführen, und sich nachgehends zu
beklagen, dass er ihnen nicht dienen könnte. Diejenige aber, die seine verborgene
Absichten wussten, die suchten ihn auf eine Art zu verpflichten, welche zwar
keiner Bestechung ähnlich sah; aber doch gleiche Wirkungen bei ihm
hervorbrachte. Er empfieng die Dienste von andern, als die Einkünfte von seiner
Vortreflichkeit, und wenn er sich dargegen erkenntlich zeigen sollte; so ergriff
er die erste Gelegenheit über einen missvergnügt zu werden; und brachte einen
dahin, dass man noch froh sein musste, wenn er einen entschuldigen wollte.
    Er war freundlich bis zur Niederträchtigkeit, und grausam unter dem Schein
des Glaubens und der Gerechtigkeit. Er konnte weinen, wenn er von unglücklichen
Zufällen, oder von grossen Missetaten reden hörte: Er tröstete aber so wenig
die eine, als er die andern entschuldigte. Die allgemeine Not rührte ihn nicht;
bei den Unordnungen der Menschen hatte er etwas zu gewinnen; und bei ihren
Verbrechen etwas zu straffen. Er betrog alle Menschen durch seine Heuchelei, und
betrog sich selbst, indem er seine Laster nicht kannte; Dieser Fehler war der
eintzige, der seine andere noch in etwas entschuldigte.
    Der Cantzlar bekam bald einen stärckern Anhang, als der Graf: Man liebt
selten an Höfen dergleichen Sitten-Lehrer: Der Graf würde sich dadurch
verächtlich gemacht haben, wo er nicht zugleich durch dessen Artigkeit und
munteres Wesen sich so viel Bewunderung, als durch seine Tugend Ehrerbietung
erworben hätte.
    Der Graf von Rivera meinte es mit allen Menschen gut; Er beleidigte niemand:
Man bemerckte an ihm keinen Hochmut, keinen Eigennutz, keine Missgunst und keine
Falschheit: Er machte nichts aus sich selbst. Er betrachtete sein Glück, als ein
Mittel andere glücklich zu machen. Er hasste alles gezwungene und aufgeblasene
Wesen: Er war gegen alle Menschen Leutselig und aufrichtig. Man priess deswegen
seine Redlichkeit so sehr als seinen Verstand, und schätzte seinen Beifall für
denjenigen der klügsten Leuten. Der Soldat, der Gelehrte, der Künstler, der
Bürger, überhaupt alles erhub den Wert seiner grossen Eigenschaften.
    Nur die Geistlichkeit erklärte sich gegen ihn, weil er dem König eine
Gemahlin von einer andern Religion zugeführet hatte; und eine gewisse Kühnheit
zeigte, ihre Ausssprüche nicht alle für Göttlich zu halten: Er kante ihre Fehler,
und drohete solche zu verbessern: Die Partie des Gross-Cantzlars wurde durch sie
um so viel wichtiger: Es fanden sich darunter schlimme Ratgeber. Dem Grafen
wurde auf verschiedene Art nachgestellet: Die Gräfin von Monteras bekam davon
Nachricht: Sie war seinetwegen in steter Furcht: Sie bat ihn, sich der
Verfolgung seiner Feinde zu entziehen und auf eine Zeitlang von Hofe zu
entfernen.
    Es ereignete sich darzu eine besondere Gelegenheit. Alpina, ein kleiner
Staat, disseits der Aventischen Gebürgen, an dem Fluss Danoro gelegen, war mit
sich selbst uneins geworden. Er sandt deswegen einige Abgeordneten nach
Panopolis: Diese nahmen ihre Zuflucht zu dem Grafen von Rivera, und baten ihn,
sich auf eine kurtze Zeit in Person nach ihrer Stadt zu verfügen: sie hoften, er
würde ihnen Mittel und Ratschläge an Handen geben, dem völligen Untergang ihre
Staats noch vorzubeugen.
    Alpina lag unweit der Herrschaft des Grafens: Er war ohnedem Willens seine
alte Frau Mutter und den Herrn von Bellamont zu besuchen. Er bat deswegen den
König, ihm diese kleine Entfernung auf ein paar Monate zu erlauben: Er hofte,
die Sachen würden sich mittlerweile bei Hofe näher zum Ziel legen, und die
aufgebrachte Gemüter etwas von ihrem Eifer gegen ihn fahren lassen. Die Gräfin
von Monteras betrübte diese abermahlige Scheidung des Grafens nicht wenig: Sie
tröstete sich aber mit derselben Notwendigkeit: Sie wusste, dass die grosse
Eigenschaften ihres Geliebten noch einen höhern Beruf hatten, als nur einen
vollkommenen Liebhaber in dieser Welt abzugeben.
    Der Graf kam glücklich nach Alpina. Er fand hier einen verwirrten Zustand;
man wusste nicht eigentlich, wer in diesem Ort zu befehlen hatte: Bald herrschte
der Rat, bald das Volck, bald beide zugleich: Zwietracht, Misstrauen und
Unordnung aber beständig.
    Die bequeme Lage der Stadt zur Handlung, und die Freiheit so wohl in
Glaubens- als Bürgerlichen Sachen, hatten ehedessen viele Menschen dahin
gezogen: Es fanden sich darunter sehr wohlhabende und begüterte Leute: Es wurden
allerhand Fabricken angelegt, und starcke Handelschaften getrieben: Das gemeine
Volck bekam dadurch Nahrung, und wurde von dem müssigen Leben, dem es zuvor
ergeben war, zur Arbeit gebracht; Allein Hochmut, Neid, Religions-Hass,
Uppigkeit und Unordnung nahmen in kurtzer Zeit daselbst, aus Mangel guter
Policei, dergestalt überhand, dass dadurch der Zustand zu Alpina desto
gefährlicher wurde, je mehr er an Kräften und Menschen zugenommen hatte; nicht
anders, wie die vollblütige Cörper, welchen die Kranckheiten immer tödtlicher zu
sein pflegen, als andern.
    Dieser Ort stund mit den Sequanern im Bündnis, welche von mehr als drei
hundert Jahren her ein freies Volck ausmachten; Die aber, weil sie von demselben
entfernet lagen, ihn nicht sonderlich schützen konten. Er sah sich demnach
öfters gezwungen, seine Zuflucht zu dem König von Aquitanien zu nehmen, und
durch dessen Schutz sich gegen die gewaltsame Einfälle der benachbarten
Sabloneser sich zu halten. Alpina gräntzte zugleich an Aquitanien, und hatte
demnach seine Freiheit mehr der Eifersucht dieser beiden mächtigen Staaten, als
seiner eigenen Verfassung zu dancken.
    Es äusserten sich damahls zu Alpina verschiedene zusammenstossende Ubel: Die
Romaner hatten, auf Anhalten des Königs von Aquitanien, die Freiheit bekommen,
sich in der Stadt Ringmauren einen Tempel zu erbauen. Die Geistlichen wurden
dadurch aufgebracht: ihre Meinung war nicht über ihren Sprengel zu schreiten;
aber eine neue Kirche bauen, sagten sie, das geht uns an; wir sind zu Wächtern
in Israel bestellet; wir können darzu nicht schweigen, dass man diesen Feinden
unseres Glaubens, eine öffentliche Kirche aufführen lasse.
    Allowiss, ein junger ehrgeitziger Ratsherr, wusste, dass die Geistlichkeit den
Pöbel stimmen konnte, wie sie wollte; Er suchte sich durch sie einen Anhang zu
machen, und die oberste Stelle im Rat zu erlangen. Er gab deswegen dem
geistlichen Religions-Eifer Beifall, und liess sich öfters verlauten, dass, wo er
in Alpina etwas mehr zu sagen hätte, die Sache mit den Romanern bald ein anderes
Ansehen gewinnen sollte: Dieser Allowiss war sonst ein Sohn des weisen Humfrids:
Ein Mann, der sich ehedessen durch seine Redlichkeit und kluge Ratschläge um
diese Republick sehr verdient gemacht hatte; Allein, die den Vätern anhangende
Blindheit, ihrer Kinder Fehler zu unterscheiden, mochte auch dem alten Humfrid
eigen gewesen sein. Allowiss war überaus verzärtelt: seine ganze Erziehung war
auf den Ehrgeitz gegründet, welche man ihm als die Eigenschaft grosser Leute
angepriesen hatte; von den Gründen der Tugen wusste er nichts. Er meinte, man
müste ihn, in Ansehung seines Vaters und seiner eignen Einbildung, allen andern
seines gleichen vorsetzen; Er betrachtete die Bürger fast wie seine Untertanen,
und hatte einen kleinen Selbst-Herrscher im Kopf.
    Wie der Pöbel leicht zu bereden ist, so ist solches auch das weibliche
Geschlecht. Wir leben in betrübten Zeiten, sprachen einige der eifrigsten
Seelsorger: Die Romaner nehmen bei uns überhand: sie werden uns bald gar
ausbeissen, und ihren Glaubens-Genossen, den Aquitanern, oder Sablonesern
verraten: Dieser so gefährlich lautende Bericht schlich von Mund zu Mund, von
Ohren zu Ohren: Die Weiber sprachen davon in ihren Gesellschaften, und selten
wurden die Carten ehender ergriffen, bevor der Artickel ausgemacht war, dass man
die Romaner aus der Stadt jagen sollte.
    Eine verborgene Eifersucht hatte vielleicht an diesem harten Ausspruch auch
ein wenig Anteil. Das Romanische Frauenzimmer kleidete sich wohl: Ihre Männer
waren meistenteils Kauf-Leute, die durch einen hurtigen Gewinn auf einmal viel
Geld erworben hatten, und deswegen eilten, sich ihres guten Glücks zu bedienen,
weil es insgemein nicht lange dauerte; da ihm Gegenteil die alte Geschlechter
auf ihre Erhaltung bedacht waren, und deswegen sparsamer zu Marckte giengen.
    Der Pöbel, von der Clerisei aufgehetzt, ging endlich in seiner Wut so
weit, dass er den neu erbaueten Tempel der Romaner stürmte: Türen und Fenster
einschmiss, Stühl und Bäncke in Stücken schlug und das Altar plünderte. Allowiss
sah hier die gewünschte Gelegenheit vor sich, seinen Ehrgeitz zu vergnügen. Der
Pöbel, welcher sich täglich zusammen rottete, verlangte, man sollte den Romanern
durchaus keinen offentlichen Gottesdienst verstatten, ihre Geistlichen aus der
Stadt schaffen, und die Bürger gegen die Fremde schützen.
    Der Rat wollte sich auf diese Weise keine Gesetze vorschreiben lassen: Er
suchte sein Ansehen zu behaupten: Er liess die Soldaten und die Bürgerschaft
aufbieten, die vornehmste Posten in der Stadt besetzen und einige Stücke aus dem
Zeughauss vor das Rathauss pflantzen.
    Die Bürger schlugen sich teils zu den Aufrührern, teils zu der Partie des
Rats: Jene klagten, man wollte sie um ihre Gerechtsame und um ihre Freiheit
bringen: Sie sagten, der Rat war nicht befugt, die Soldaten, die er auf
gemeiner Stadt Kosten unterhielt, gegen die Bürgerschaft zu gebrauchen; Der Rat
hingegen betrachtete sie als Aufwiegler und Störer der gemeinen Ruh. Die Sache
würde also übel für die Bürger abgelauffen sein, wo sich Allowiss nicht zu ihrem
Oberhaupt aufgeworffen hätte.
    Dieser kam mit einigen vornehmen Herrn des Rats und des Adels, die ihm
zugetan waren, auf das Rat-Haus: Er liess, ohne einmal einen Rat-Sitz
abzuwarten, die Stücke wieder abführen und in das Zeughauss bringen. Er tröstete
das daselbst versammlete Volck: Er versprach solches zu schützen und bei seinen
Rechten und Freiheiten zu handhaben. Das Volck rief darüber ein frohes Vivat
aus: Den folgenden Tag wurde er von wenig anwesenden Rats-Herrn, mittlerweil
das Rat-Haus vom Pöbel umgeben war, zum Stadt-Amtmeister erwehlet. Die andere
Rats-Herrn waren, aus Furcht, man möchte sich an ihnen vergreiffen, zu Hause
geblieben. Alle redliche Patrioten sahen, dass man dem gemeinen Wesen übel
vorstund, da man aus einer niederträchtigen Furcht dem Allowiss die erste Stelle
im Senat einräumte: Was wollten sie aber tun? Sie mussten dem Sturm ausweichen
und auf bessere Zeiten hoffen.
    Hier ging es der Alpinern, wie einem der an einem heftigen Fieber kranck
gelegen, und dem ein unerfahrner Artzt solches auf einmal, durch den starcken
Gebrauch der China, vertrieben hatte. Die wütende Anfälle blieben aus; allein,
ein schleichendes Ubel durchwühlte die Glieder, und drohete den ganzen Cörper
mit der Auszehrung.
    Allowiss suchte sich in allen Dingen bei dem gemeinen Volck gefällig zu
machen. Den Romanern wurde der öffentliche Gottesdienst untersagt: Die Soldaten,
welche in der Stadt Sold stunden, wurden abgeschafft, und die Posten der Stadt
mit Bürgern besetzt, die aus blossem Müssiggang Soldaten spielten, ihre Nahrung
darüber fahren liessen, und weder Kriegs-Zucht noch Ordnung beobachteten.
    Eine Menge von allerhand Fremden, welche sich bisher zu Alpina aufgehalten
hatten, um der Freiheit und der Annehmlichkeit dieses Orts mit zu geniessen,
wurden genötiget von dannen weg zu ziehen: weil man ihnen Schuld gab, dass sie
nur Teurung in der Stadt verursachten und die beste Bissen den Bürgern vor dem
Mund wegspeisten. Es hiess: sie trügen keine Lasten, und wären von allen Anlagen
frei. Man dachte nicht, dass Leute, die nichts taten, als dass sie das Ihrige
verzehrten, der Stadt Nahrung brachten, und den Umlauf des Gelds befördern
halffen, welches gleichsam die Seele der gemeinen Wolfahrt ist.
    Viele von dem fremden Adel hatten sich zu Alpina an die reichste Töchter
verheiratet. Diesen kam es nicht sauer an, mit ihren Männern einen Ort zu
verlassen, der auf einmal begunte einsam und traurig zu werden. Man merckte
bald, dass die reiche Einwohner daselbst sehr abnahmen. Man schenckte also, um
diesen Verlust zu ersetzen, vielen nichtswürdigen Leuten das Bürger-Recht, und
vermehrte durch sie und ihre Kinder den Anwachs der Armen-Häuser und Hospitäler.
Nahrung, Geld und Uberfluss ging damit aus der Stadt; Mangel, Not und Elend
aber blieben zurück.
    Die Ergötzlichkeiten verloren sich von sich selbst: man sah weder Sing-
noch Lust-Spiele mehr; Die Schau-Bühne, die durch ihre lebhafte und rührende
Vorstellungen viel Lehrreiches hatte, wurde geschlossen. Die Dichter, die
Redner, die Mahler, die Sängerinnen und Virtuosen, wurden arm, und mussten ihr
Brod an andern Orten suchen. Die Music wurde kaum noch in den Tempeln gehöret.
Die grosse Versammlungen des Adels versperrten nicht mehr die Strassen durch die
Menge ihrer Gutschen. Die Spatzier-Gänge waren leer: alle Freiheit, alle Anmut,
aller Umgang schien aufgehoben zu sein. Die Reisende fanden in Alpina nichts
mehr, das sie bewegen konnte, den Einwohnern etwas von ihrem Geld zu
hinterlassen, und sich bei ihnen länger als einen Tag aufzuhalten.
    Die Ritter-Schule, die nicht allein jährlich eine grosse Anzahl des
benachbarten und fremden Adels, nebst anderer wohlhabender Leute Kinder in die
Stadt zog, wurde, wo nicht aufgehoben, doch so elendig und mit so schlechten
Leuten bestellet, dass sie von sich selber eingieng. Auf der Reit-Bahn sah man
kaum noch ein Paar alte steiffe Pferde, zum Andencken, dass ehedessen allda eine
Schul gewesen sei. Das Tanzen hielt man für sündlich, die Music für zu
weichlich, das Fechten für gefährlich, das Mahlen für eitel; die Sprachen und
schöne Wissenschaften aber für unnötig.
    Indem man also von diesen Dingen urteilte, hatte man nicht ganz unrecht,
die Art und der Endzweck, wie und worzu man eine Sache gebrauchet, macht
dieselbe entweder gut oder böse . Es sind in allen diesen Dingen gewisse Vorteile
vor die Gesundheit, und für die Geschicklichkeit des Leibes; für die
Wohlanständigkeit der Sitten, und für eine vernünftige Gemüts-Ergötzung; die
aber allesamt durch ihren verkehrten Gebrauch böse, ja überaus böse werden
können.
    Man sah also in kurtzer Zeit diesen Ort zwar ganz ortodox: allein zugleich
auch in völliger Abnahme: Handel und Wandel lag darnieder; der Müssiggang und
die Trägheit verdarben vollends die Einwohner. Man besuchte die Kirchen mehr aus
Langerweil, als aus Andacht; Man betrachtete die Geistlichen wie die Spielenden,
welche ihre Rolle auswendig lerneten. Man lobte an dem einem die gute Stimme, an
dem andern das herrliche Gedächtnüs, und an dem dritten die grosse
Gelehrsamkeit: weiter spührte man davon keinen Nutzen in dem gemeinen Leben. Die
Leute wurden weder frommer noch tugendhafter. Was die Obrigkeit nicht strafte,
hielt man für keine Sünde. Unter der Larve einer äusserlichen Ehrbarkeit
versteckte die Heuchelei die gröste Laster. Die Jugend formirte sich nach dem
Beispiel der Alten: und die Auferziehung war eine Wissenschaft, darauf sich
niemand legte: die guten Sitten waren aus der Mode gekommen. Man war ehrsüchtig,
ohne wahre Ehre, und geizig, ohne den Nutzen der zeitlichen Güter zu kennen: man
wusste weder was man mit dem Geld, noch was man mit der Zeit machen sollte. Alle
Ergötzlichkeit der Alpiner bestund nur in Essen und Trincken. Diese Lust wurde
von ihnen so weit getrieben, dass sie darüber teils faul und liederlich, teils
seltsam u. hypochondrisch wurden. Man sah fast nirgend mehr ein gesundes Blut,
einen muntern Geist und ein vergnügtes Herz.
    In den Häussern der Reichen fanden sich kleine Apotecken, magere Cörper und
fette Küchen. Kam man auf die Strassen, so begegneten einem allentalben arme,
elende und gebrechliche Menschen, welche wie die Schatten auf den Gräbern herum
wanderten. Wo sich jemand ein wenig wohl gekleidet sehen lies, da verfolgten ihn
die Bettel-Leute von einer Tür bis wieder zur andern.
    Es waren auch Juden in der Stadt, welche in einer besondern Strasse wohnten,
und sich vom Betrug näherten, weil man ihnen kein ander Handwerck erlaubte. Ihre
Nahrung ging schlecht: sie lebten kümmerlich: sie übertraffen an Unreinigkeit
auch die hesslichste Tiere, und regten sich in ihrem Kot und Unflat, wie das
Ungezieffer in den Morästen; trauriger Anblick von Kreaturen, welche die Natur
wie uns zu Menschen gemacht hat.
    Der Adel verrostete mit dem Glanz seiner Ahnen: er war zu seinem Unglück so
unwissend als hochmütig. Die Armut druckte ihn, wie den gemeinen Burger; sein
Vermögen steckte in Land-Gütern und Häussern. Jene trugen nichts mehr ein, und
diese stunden teils leer, teils gaben nur schlechte Zinnsen. Alpina schien
noch etwas von aussen; inwendig aber glich es einem krancken Baum, der seine
letzte Kräffte noch in die schwancke Aeste trieb. Es war den Einwohnern von der
Glückseligkeit ihrer Freiheit schier nichts übrig, als die Freiheit zu
verderben.
    Die Stadt-Beamte, die Geistlichen, die Reches-Gelehrten und die Aertzte
waren bei nahe die einzige, welche die gemeine Not noch verschonte: die erste
zogen ihre Besoldungen beständig fort, und die andere näherten sich von dem
allgemeinen Elend. Die Trägheit machte die Menschen kranck, und die lange Weile
haderhaftig. Die Processe gehörten mit zu dem wichtigsten Zeit-Vertreib der
Alpiner: ihr Müssiggang machte sie darinnen zu ihrem Verderben subtil, und ihre
Zancksucht veranlaste täglich neue Entdeckungen in der Römischen
Rechts-Gelahrheit.
    Der Rat war unter sich in verschiedene Banden zerteilt, und die
Burgerschaft wusste selbst nicht recht, was sie wollte. Einer hatte diese, ein
anderer jene Anschläge. Man kam zusammen, man sprach von der allgemeinen Not:
ein patriotischer Eifer wollte durchdringen: ein jeder aber hatte dabei etwas zu
erinnern: der Widerspruch erhitzte die Gemüter: man disputirte, man zanckte und
ging im Tumult wieder aus einander. Diejenige, welche auf den Aemtern sassen,
machten sich unterdessen diese Umstände zu Nutz: sie fischten im trüben: sie
nahmen das Geld ungezehlet, und sparten sich dadurch die Müh solches zu
verrechnen. Man verkauffte die Ehren-Stellen wie das Recht; und wer einen guten
Dienst haben wollte, der musste ihn bezahlen: dargegen dorffte er auch wieder
allen Nutzen davon ziehen, welcher möglich war, ohne jemand Rechenschaft
darüber zu geben.
    In diesem Zustand war Alpina, als der Graf von Rivera daselbst ankam. Man
hatte in den Pallast des verstorbenen Allowiss eingeräumt. Der Graf bewunderte
dessen Pracht und sinnreiche Bau-Art: er urteilte daraus, dass ehedessen an
diesem Ort vortreffliche Künstler und Bau-Leute mussten gewesen sein.
    Der sämtliche Rat und die vornehmste Häupter der Bürgerschaft
bewillkommten ihn mit grossen Ceremonien. Man setzte ihm eine Wache von vierzig
Burger vor das Haus. Diese kamen zwar mit ansehnlichen Befehlshabern aufgezogen;
allein die bewafnete Männer selbst sahen so betrübt aus, dass sie den Grafen zum
Mitleiden bewegten: ihm dünckte, dass sie sich besser in die Hospitäler als zur
Parade schickten. Der Graf wollte deswegen ihre Aufwartung doch nicht
verschmähen: er sann vielmehr auf Mittel, wie er sie ein wenig erquicken, und
ihnen etwas zu gute tun möchte.
    Der Rat hatte ihm gewisse Gelder zu seiner Unterhaltung angewiesen. Diese
wurden darzu angewandt, seine täglich abwechselnde vierzig Mann in einem grossen
Saal mit einander zu speisen, und den bedürfftigsten mit heimlichen Allmosen
beizuspringen. Er setzte sich zuweilen zu ihnen, und hörte ihre Klagen an. Er
gab ihnen bei dieser Gelegenheit allerhand gute Lehren, er ermahnte sie zur
Bescheidenheit, zum Fleiss, zur Ordnung und zum Gehorsam gegen ihre vorgesetzte
Obrigkeit.
    An seiner Tafel speissten täglich die ansehnlichsten Leute, so wohl aus der
Burgerschaft, als aus dem Rat. Einige Geistlichen wurden gleichfalls mit darzu
gezogen: Der Graf ehrte und liebte diese Leute ungemein, wenn sie nebst ihren
Wissenschaften und Einsichten in göttlichen Dingen, auch selbst sich zu Exempeln
guter Lehren dem Volck darstellten: er wusste die Wichtigkeit ihres Amts, und dass
sie dadurch die beste Gelegenheit hatten das Gute zu befördern.
    Es fand sich unter den Ratsherrn ein nichtswürdiger Mann: Er wollte gern
reich und vornehm sein. Das Glück und die Geburt hatten ihm solches versagt: er
war von schlechtem Herkommen; er hatte keine Mittel. Dagegen hatte ihm die Natur
einen verschmitzten Kopff und ein verräterisches Hertz gegeben. Er wurde von
niemand hochgehalten, destomehr aber hielt er von sich selbst: er wusste um alle
Geheimnisse des Staats, und mengte sich in alles. Er wollte bei dieser
Gelegenheit Alpina dem König von Aquitanien in die Hände spielen; Er eröffnete
darüber seine Vorschläge dem Grafen von Rivera. Dieser berichtete zwar dessen
treulose Anschläge noch Hofe, um sich in keine Verantwortung zu setzen; er fügte
aber sein redliches Bedencken mit bei: warum er nicht riet, sich dermahlen des
Staats von Alpina zu bemächtigen: Es heist sonst, man liebt die Verräterei und
hasset die Verräter: der Graf aber hasset beide. Er wollte seinen König nicht zu
einem Herrn eines kleinen Staats machen, der in seiner äussersten Not die
Zuflucht zu ihm genommen hatte, und dessen Bemächtigung ihm neue Unruh und neues
Mistrauen von Seiten seiner Nachbarn würde zugezogen haben. Er sann vielmehr auf
Mittel den armen Alpinern seines Königes Schutz und Hülfe auf eine Art, wie sie
solche von ihm wünschten angedeien zu lassen.
    In diesen Absichten setzte er seine Unterhandlungen so wohl mit den
Abgeordneten des Rats, als der Burgerschaft fleissig fort; er konnte aber so
verschiedene wieder einander lauffende Ratschläge, darunter ein jeder nur
seinen eigenen Nutzen suchte, unmöglich mit einander vergleichen, noch alle
insbesondere vergnügen.
    Er liess deswegen die Vornehmste von der Burgerschaft zusampt dem Rat
zusammen auf das Rathauss kommen. O ihr Bürger von Alpina, redete er sie an, ihr
köntet die glücklichste unter den Einwohnern des Erdbodens sein, wenn ihr eure
Glückseligkeit erkennen, und die einfältigste Mittel gebrauchen woltet, sie zu
erhalten. Ich sehe aber, dass meine bisherige Ratschläge lange nicht zulänglich
sind, einen jeden unter euch vollkommen zu vergnügen: ich finde solches
unmöglich. Es ist also hier die Frage, ob ihr die Unterhandlung deswegen
abbrechen, und euch eurem weitern Schicksal, bei euren fortdauernden
Misshelligkeiten überlassen; oder, ob ihr gutem Rat folgen, und eure gemeine
Wohlfart besorgen wollet? Der Graf schwieg hierauf still, um zu vernehmen,
wessen man sich gegen ihn erklären würde. Man stimmte endlich mit einander ein,
dass man alles dessen kluger Einsicht überlassen wollte: Der Graf bat sich darauf
einige Bevollmächtigten aus, mit welchen er die Sache zum Schluss bringen könnte.
    Diese wurden bald gewehlt: der Graf gab keiner Parteilichkeit Gehör: seine
Vernunft durchdrang eine Sache bis auf den Grund: er lies sich kein Blendwerck
vormachen; er suchte Frieden zu stifften: dieser findet sich leicht, wenn man
ihn verlanget.
    Man legte die alte Verfassung, welche den Staat in Aufnahm gebracht hatte,
zum Grund der neuen Einrichtung: die Ordnung der Hausshaltung und der
verrechneten Dienste wurde sicher gestellt: Handel und Wandel von allen
ausserordentlichen Auflagen befreit: dem fremden Adel, wie auch Gelehrten,
Künstlern und andern Leuten, die keine bürgerliche Hantierung trieben, wieder
erlaubet, ohne bürgerliche Lasten zu tragen, sich in der Stadt aufzuhalten: die
Gewissens-Freiheit verstattet: eine gewisse Anzahl regulirter Soldaten zu halten
beschlossen: Kirchen-Policei-Kleider-Gesind und andere gute Ordnungen
einzuführen gebilliget. Damit man aber hinfüro bei allen und jeden sich
ereignenden Missverständnüssen, nicht mehr nötig haben möchte, Rat und Hülffe
bei den Nachbarn zu suchen, und dieselbe von der Schwäche ihrer Stadt zu
unterrichten; So sollten hinfüro beständig vier der redlichsten und klügsten
Männer, von der sämtlichen Bürgerschaft als Schieds-Richter darzu erwehlet
werden.
    Auf diese Weise wurden die unglückselige Zwistigkeiten zu Alpina durch die
Sanftmut und Weissheit des Grafens von Rivera glücklich beigelegt; und dessen
Wohlstand wieder auf einen sichern Grund gesetzt. Die Alpiner betrachteten den
Grafen als ihren Schutz-Gott, und stiffteten ihm ein unsterbliches Andencken in
ihren Geschichts-Registern. Er hatte in seinem Herzen dafür dasjenige Vergnügen
zur Vergeltung, welches grosse Gemüter empfinden, wann sie etwas gutes zu Stand
gebracht haben.
 
                            Das siebenzehende Buch.
Der Graf von Rivera besuchte auf seiner Rückreise von Alpina seine Frau Mutter
und den Herrn von Bellamont; seine älteste Schwester aber nahm er mit sich nach
Panopolis; diese Gräfin war ungefähr dreissig Jahr alt: sie besass dem ungeacht
noch allen Liebreitz der Jugend, und hatte dabei die Klugheit eines reiffen
Alters. Die gezwungene Verstellungen ihres Geschlechts, damit es öffters einen
scheinheiligen Eckel gegen das Heiraten vorschützet, waren nicht die Ursachen
ihres ledigen Standes: sie urteilte davon mit Vernunft, und schätzte sich für
glücklicher ihre Freiheit einem Stand vorzuziehn, welchen die meiste Menschen
mit Verlangen suchen und mit Unzufridenheit beleben.
    Die Gräfin von Monteras empfand ein ungemeines Vergnügen, diese Tugend-volle
Schwester ihres geliebten Grafens bei sich in Prato zu sehen. Sie war seit
dessen Abwesenheit nicht nach Hofe kommen. Nun aber wollte der König, dass ihre
Vermählung mit dem Grafen nicht ferner sollte ausgesetzt bleiben. Der Graf selbst
begunte endlich nach dem glückseligen Augenblick zu seufzen, der ihn mit seiner
Geliebten durch ein unzertrennliches Band auf ewig verknüpffen sollte.
    Es waren unterdessen, dass der Graf zu Alpina sich befand, der
Cammer-President und der Staats-Sekretarius mit dem Hertzogen von Sandilien
dergestalt verfallen, dass sie sich von Hofe entfernen und ihre Aemter in des
Königs Hände zurück geben wollten. Der Graf aber schlug sich ins Mittel: er
wusste, wie nötig diese beide Ministers dem König waren: er suchte sie deshalben
wieder auf gute Meinungen zu bringen: er stellte ihnen vor, wie leid es ihm wär,
dass er zu diesem Missverständnüs Anlas gegeben hätte, und dass er nichts mehr
wünschte, als ihre Weissheit und ihre Erfahrung sich zu Nutz zu machen. Er bat
sie deswegen sich die Mühe zu nehmen, und die von ihm dem König übergebene
Vorschläge von Punct zu Punct mit ihm durchzugehen.
    Die konten ihm wohl dieses nicht abschlagen: sie erklärten ihm ihre
Zweiffel: ihre Schwierigkeiten, und was sie sonst dabei zu bedencken hatten. Der
Graf nahm allhier die Stelle eines Menschen, der nur wollte unterrichtet sein; er
besass aber die Kunst sich zu erklären und richtige Schlüsse zu machen. Es war
bei ihm kein Eifer eines hitzigen Widerspruchs, der die Einbildung derer, die
sich für klüger hielten, beleidigen konnte: er gönte andern diesen Vorzug, wann
nur die Wahrheit und Aufrichtigkeit nicht darunter litte: durch diese
bescheidene Aufführung gewann er endlich den völligen Beifall obberührter
Staats-Minister, ohne welche der Graf nichts mit Nachdruck hinaus zu führen sich
getrauete.
    Mit dem Gross-Cantzler aber wollte der Graf nichts zu tun haben: er wusste,
dass er ein falscher und boshaftiger Mann war; Es war ihm unmöglich sich vor
solchen Leuten zu schmiegen: selbst die Höflichkeit, die ihm sonst natürlich
war, hatte hier etwas zurückhaltendes und fiel ihm schwer: so wenig konnte der
Graf heuchlen, und ein so schlechter Hofmann war derselbe, wann er sich ein
wenig verstellen sollte.
    Den Gross-Cantzler verdross diese Aufführung des Grafens: er war gewohnt, dass
man sich vor ihm demütigte, und alle seine Handlungen mit den grösten
Schmeicheleien erhub. Der Graf war dazu nicht geboren: die Natur hatte ihn zu
einem redlichen Mann gemacht, und die Religion überzeugte ihn, dass man in allen
Umständen des menschlichen Lebens aufrichtig sein müste.
    Der Gross-Cantzlar unterliess dargegen nicht dem Grafen bei aller Gelegenheit
die Wirkungen seines heimlichen Grolls zu erkennen zu geben: Er tadelte alle
seine Unternehmungen, und hatte bald an seiner Aufführung, bald an seinen
Meinungen etwas auszusetzen: Er tat solches mit einer sehr spitzfindigen und
heimtückischen Art: Dem Grafen wär es ein leichtes gewesen, ihn dafür in des
Königs Ungnade zu bringen; allein sein grossmütiges Hertz war so weit entfernet,
die Ursach an eines Menschen Unglück zu sein, dass er vielmehr den König bat,
diesen alten Minister die wenige Zeit, die derselbe noch zu leben hätte, bei
seinen Würden und Einkünften zu lassen; doch riet er dabei, dessen Macht und
Ansehen dergestalt einzuschräncken, dass sie den guten Absichten des Königs nicht
hinderlich sein mögten.
    Mittlerweile, dass diese Sachen bei Hofe vorgiengen, ereignete sich mit der
Gräfin von Monteras ein artiger Zufall. Die Königin hatte sich schon einige
Wochen zu Bellahai aufgehalten, und der König belustigte sich mit der Jagd auf
der Einsiedelei: Sie suchte hier von der vielen Unruh des Hofs ein wenig sich zu
erholen und ihr eigen zu sein: Alle Damen, die von Panopolis sich meldeten, um
ihr die Aufwartung zu machen, wurden zurück gewiesen. Es hiess, die Königin war
unpässlich, und liess niemand vor sich: In der Tat so befand sie sich auch nicht
wohl: Ihr übel Aufbefinden aber war ein Zeichen von etwas Guts: Sie trug die
Hoffnung des ganzen Reichs unter ihrem Hertzen. Die Königinnen haben in
dergleichen Sachen keine Freiheit von der Natur, um weniger als andere Frauen zu
leiden.
    In diesen Umständen da die Königin niemand, als ihre Vertraute, die Frau von
Riesenburg, oder wie man sie nannte, die Marggräfin von Luccaille, um sich
hatte; und diese ihr immer von den liebenswürdigen Eigenschaften der Gräfin von
Monteras so vieles vorsagte; bekam dieselbe eine ungemeine Begierde, die Gräfin
bei sich zu sehen: Die Marggräfin musste demnach ihr schreiben, und sie bitten,
dass sie die Königin möchte besuchen kommen. Mit dem Zusatz, dass dieselbe ganz
alleine zu Bellahai sich befänd, und dass der König von ihrem Zuspruch nichts
erfahren sollte.
    Die Gräfin von Monteras kam: Die Königin empfieng sie mit allen Merckmahlen
einer besonderen Hochachtung: Sie hatte ein Vergnügen, bei ihr den
beschwerlichen Rang der Hoheit abzulegen, und die Freundschaft dieser Schönen
auf die natürlichste und aufrichtigste Art sich auszubitten. Die Gräfin konnte
dargegen ihrem Hertzen den edlen Hochmut nicht verwehren, sich in diesem Stück
ihrer Königin gleich zu stellen, und ihr eine solche Erkenntlichkeit zu zeigen,
die dasjenige schien gleich zu machen, was die Königin voraus hatte, und sie
selber hätte haben können. Je länger sie beisammen waren, je mehr sie sich
einander gefielen. Die Königin hatte ihr und der Marggräfin von Luccaille ein
Bett in ihrem Cabinet eingeraumet; worinn sie sonst in Abwesenheit des Königs,
wegen der lieblichen Aussicht, selbst zu schlafen pflegte.
    Der König belustigte sich unterdessen noch immerfort auf der Einsidelei; als
aber drei bis vier Tag herum waren, da er die Königin nicht gesehen hatte, sagte
derselbe Abends spät zu dem Grafen, dass er mit ihm in aller Stille, ohne dass es
seine Leute gewahr würden, nach Bellahai fahren sollte; weil er ein Verlangen
hätte, die Königin allda im Schlaf zu überfallen. Der Graf liess zu dem Ende die
Pferd vor seinen Wagen spannen, und tat, als ob er allein nach dem Abend-Essen
wegfahren wollte. Der König war von der Tafel aufgestanden: man begleitete ihn
nach seinem Schlaf-Gemach, und ein jeder begab sich zur Ruh; Der König aber, an
statt sich zu Bett zu legen, setzte sich mit dem Grafen in die Gutsche, und fuhr
mit ihm nach Bellahai.
    Der König stieg mit dem Grafen vor dem Schloss-Hof ab: Er ging ganz leise
durch die Vorzimmer der Königin; Einige Trabanten und Cammer-Bedienten, welche
die Wache hatten, und teils auf den Stühlen eingeschlafen waren, liessen den
König ungehindert fortgehen. Der König kam bis ins Cabinet, er vermeinte die
Königin durch einen Kuss aufzuwecken. Indem aber hörte er, mit einer ängstlichen
Stimme, sich entgegen ruffen: Ach! der König, der König! Er fühlte zugleich
einen Arm, der ihn mit der grösten Heftigkeit von sich stiess: Der König zog
damit den Vorhang weg, und erblickte die Gräfin von Monteras: Man urteile von
ihrer beiden Bestürzug.
    Die Marggräfin von Luccaille, die gleich auf den ersten Schrei der Gräfin
munter wurde, richtete sich hurtig auf, und erkannte den König; Sie konnte über
diesen Zufall sich des Lachens nicht entalten. Der König wusste für Verwirrung
nicht, was er sagen sollte; Er konnte sich erst gar nicht einbilden, wie die
Gräfin von Monteras allhier in der Königin Bett gekommen sei. Er wollte wissen,
wie dieses zugieng, und wer ihm dieses Spiel gemacht hätte. Die Marggräfin
versprach ihm alles zu erzählen, nur bat er ihre Schlaf-Gesellin, welche sich
unterdessen ganz unter die Küssen versteckt hatte, nicht ferner durch seine
Gegenwart zu ängstigen. Die Königin wurde durch diesen kleinen Lermen
aufgeweckt. Einige Cammer-Frauen waren gleich bei der Hand, und wiesen den König
zurecht. Die ganz erschrockene Gräfin von Monteras liess sich darauf ein wenig
ankleiden, und mit Zittern in das Gemach der Marggräfin von Luccaille bringen.
    Die Königin vermerckte bei dem König über diesen Zufall eine starck
aufgebrachte Gemüts-Bewegung. Wenn das Hertz einmal gewohnt ist, über gewisse
Sachen gerührt zu werden, so kann es dergleichen Eindrücke auch nur durch die
Länge der Zeit und durch die Macht anderer Vorwürffe verliehren. Der König war
besorgt, die Königin möchte seine Verwirrung wahrgenommen haben, und sich
darüber unangenehme Gedancken machen: Die Königin aber tat, als ob sie sich
deswegen ganz nicht beunruhigte; Sie schertzte vielmehr mit dem König, und
wollte, dass er ihr verbunden sein sollte, weil sie ihm die Gelegenheit gemacht
hätte, bei der schönen Gräfin von Monteras einen unschuldigen Kuss so wohl
anzubringen.
    Der Morgen kam herbei: die Marggräfin von Luccaille, welche die Nacht über
so wenig als die Gräfin von Monteras geschlafen hatte, schickte, so bald sie
beide angekleidet waren, zu dem Grafen von Rivera, und liess ihn bitten, gleich
zu ihr zu kommen. Sie wollte hier den Grafen ein wenig zum besten haben, sie bat
zu dem Ende die Gräfin, sich hinter den Vorhängen des Bettes zu verbergen, und
ihr Gespräch mit dem Grafen anzuhören. So wenig auch der Gräfin ihr Sinn zum
Schertzen gestellet war, so musste sie doch hierinn der Marggräfin zu Willen
sein.
    Als der Graf von Rivera ins Zimmer trat, fragte ihn die Marggräfin, ob er
die Gräfin von Monteras lange nicht gesehen, und was er von ihr für Nachricht
hätte? Dieser antwortete: Er wär vor acht Tagen in Prato bei ihr gewesen, und
wüste auch, dass sie allhier bei der Königin ihre Aufwartung gemacht hätte:
Morgen gedächte er sie wieder zu besuchen. O kaltsinniger Liebhaber! rief hier
die Marggräfin aus. Wenn ich die Gräfin von Monteras wär, ich wollte sie nicht
halb so viel lieben. In acht Tagen sich nicht nach einer Geliebten zu
erkundigen, welche binnen dieser Zeit die gröste Gefahr ausgestanden hat, in
eines andern Hände zu geraten, solches ist in der Tat eine Unachtsamkeit, die
einem so getreuen Liebhaber, wie der Herr Graf sein wollen, kaum für gut zu
halten ist.
    Der Graf veränderte über diese Nachricht die Farbe: Wie, sprach er ganz
bestürtzt, ist meiner Gräfin etwas ungleiches wiederfahren, und wer sollte sich
wohl unsterstanden haben, ihr etwas zu Leid zu tun? Nichts zu Leide, unterbrach
die Marggräfin, sondern etwas zu Liebe; denn es ist so weit gekommen, dass sie
der König schon wirklich in seine Arme gefasst und ihr einen Kuss geraubet hat.
    Wie! fragte hier der mehr als bestürtzte Graf. Wie! der König: Ich bin ja
keinen Augenblick, seit dem von ihm gewesen, als im Schlaf: und eben im Schlaf,
fuhr die Marggräfin fort, hat sich diese Begebenheit mit der Gräfin zugetragen.
Was mögen doch Ew. Gnaden, sagte hierauf der Graf zu der Marggräfin, für Ursach
haben, so unbarmhertzig mit mir zu schertzen? Sie wissen, wie zärtlich ich die
Gräfin liebe: Das ist, erwiederte jene, davon ein schlechtes Kennzeichen, dass
sie nicht einmal wissen, wo dermahlen ihre Geliebte sich befindet, und was ihr
seit dem wiederfahren ist. Ich muss sie noch viel lieber haben; dann ihr Geist
hat sich diese Nacht bei mir gezeiget, und mir alles erzählt. Wenn sie nicht
erschrecken wollen, so will ich ihn citiren.
    Indem sie dieses sagte, und der Graf nicht wusste, ob die Marggräfin nicht
einige Anfälle von einem hitzigen Fieber hätte: zog sie mit einem Stab einen
Krayss: Komm, schöner Geist, sagte sie, ich beschwöre dich im Namen deines
Geliebten zu erscheinen. Diese Worte waren noch nicht aussgesprochen, so kam die
Gräfin von Monteras hervor getretten: O! sprach sie, Marggräfin, ihr Schertz
geht zu weit: Hier ist nicht nur mein Geist, ich selbst bin hier zugegen.
    Der Geist dieser schönen Gräfin hätte dem Grafen nicht so bange gemacht, als
ihre leibliche Gegenwart. Wie find ich sie hier, meine Gräfin? fragte er ganz
furchtsam: was soll dieses Spiel bedeuten? die Marggräfin erzehlte ihm hierauf
die ganze Begebenheit, welche ihm keines wegs so lächerrlich schien; die Gräfin
war darüber in gleicher Furcht und verlangte sehr wieder nach Prato zurück zu
kehren.
    Sie waren noch in dieser Uberlegung, als der König und die Königin zu ihnen
ins Zimmer traten. Ich komme, redete der König die Gräfin an, sie um Vergebung
zu bitten, dass ich sie diese Nacht in ihrer Ruhe gestöret; und damit solches
nicht mehr geschehe, so befehl ich hiermit dem Grafen von Rivera, sich hinführo
besser nach ihrem Schlaf-Gemach zu erkundigen.
    Nachdem sich also der Schrecken bei der Gräfin von Monteras durch ein
vergnügtes Lachen endigte, so wiederhohlte der König seinen Befehl, dass ihr
Beilager ohne fernern Aufschuf vor sich gehen sollte; die Gräfin beurlaubte sich
damit bei dem König und der Königin, und reiste nach Prato; der Hof aber begab
sich wenig Tage darauf wieder nach Panopolis.
    Es ereignete sich um diese Zeit noch eine andere Begebenheit, welche dem
Grafen Gelegenheit gab, sein gutes und grossmütiges Herz zu zeigen: Der
Cheruscische Edelmann, den er bisher bei sich gehabt, und in den wichtigsten
Geschäfften gebrauchet hatte, wurde von den Annehmlichkeiten der jungen Fräulein
von Bellamont, welche ihre Schwester, die Frau von Ridelo, bei sich erzogen
hatte, dermassen gerühret, dass er für sie die allerstärckste Leidenschaft
empfand; Er war mit dem Grafen in einem Haus, wo er sie schier täglich zu sehen
bekam, und sie blickte ihn mit solchen Augen an, dass er daraus schliessen konnte,
er müste ihr nicht gleichgültig sein. Allein Ehrfurcht, Unvermögen und der
geringe Stand, worinn er sich sah, erlaubten ihm keine Hoffnung in dieser Liebe
glücklich zu sein. Der Graf, welchem er diente, hielt die Fräulein von
Bellamont, wie sein eigen Kind: Der Herr von Ridelo, ihr Schwager, ob er gleich
von Geburt nicht besser, als der Cheruscer war, besass eine von den obersten
Stellen bei Hofe, und lebte als ein grosser Herr. Diese Umstände machten den
Cheruscer nicht wenig seufzen.
    Er wurde aus dem lebhaftesten Menschen dermassen tiefdenckend, traurig und
zerstreuet, dass der Graf, welcher ihn sehr liebte, dieser Veränderung an ihm
bald gewahr wurde. Er sah ihn etlichmahl in Gegenwart der Fräulein von Bellamont
dergestalt erblassen, dass es schien, als ob er sich übel befänd. Als nun der
Graf dabei merckte, dass die Fräulein öfters mit halb verstohlenen Blicken nach
ihm hinsah, so hatte er das Geheimnüs weg.
    Der Cheruscer war von gutem Adel, und aus dem Geschlecht derer von Cantwitz,
allein von armen Eltern: Der Graf fand demnach bei dieser Sache nichts, das der
Wohlanständigkeit einer Heirat zwischen diesen jungen Leuten im Weg stehen
sollte. Er entschloss sich demnach sie beide glücklich zu machen. Er schrieb
darüber seine Meinung an seinen alten Freund, den Herrn von Bellamont, welcher
alles seinem Gutdüncken heimstellte; als er aber auch der Frau von Ridelo dieses
Vorhaben eröfnete, so fand sich diese dadurch ganz verschmähet. So wenig können
die tugendhafteste Frauen über den Gipffel ihrer Hoheit, und über das: was
werden die Leute sagen! sich empor setzen. Der Cheruscer war ein Bedienter des
Grafens; es schien ihr also empfindlich zu sein, dass der Graf durch eine solche
Heirat ihre Schwester in die Gleichheit einer solchen Niedrigkeit ziehen wollte.
Diesen Mangel der Ehrerbietung konnte sie ihm kaum verzeihen; der Graf aber wusste
sich dieserwegen artig an ihr zu rächen.
    Ihr könt schweigen, mein lieber Cantwitz, sagte er einsmahls zum Cheruscer:
jetzt aber solt ihr reden, und euch nicht scheuen, mir die Wahrheit frei zu
bekennen. Saget mir, wie gefällt euch die Fräulein von Bellamont? Cantwitz
errötete über dieser Frage: Gnädiger Herr, antwortete er mit einiger
Verwirrung: die Fräulein ist unvergleichlich, wem sollte sie nicht gefallen? es
fehlt mir nur ein höheres Glück, so wolt ich sagen, dass ich sie liebte. Die
Neigung zwar ist frei; allein, die Hoffnung wär verwegen.
    Ihr seid, erwiederte der Graf, von Geburt nicht geringer, als die Fräulein
von Bellamont: das Glück teilt die Würden und die Güter aus: ihr habt diese
Vorteile noch zu gewarten. Ich werde mir daraus die gröste Freude machen, euch
darzu den Weg an unserm Hof zu bahnen. Cantwitz wollte für diese grossmütige
Erklärung dem Grafen die Hände küssen. Der Graf aber schloss ihn in seine Arme:
Mein lieber Herr von Cantwitz, sprach er zu demselben, lasset uns hinführo als
gute Freunde mit einander leben. Es wird sich alles schicken: zuvor aber wird es
nötig sein, dass sie mir noch einige Umstände von ihrem eigentlichen Herkommen,
und dem gegenwärtigen Zustand ihres Hausses erzählen, damit ich allenfalls das
nötige darüber möchte antworten können.
 
                                     * * *
Wenn man, gnädiger Herr, fieng darauf Cantwitz an, in meinen Umständen ist, so
ziemet es sich nicht wohl, eines vornehmen Herkommens sich zu rühmen; ich müste
ihnen sonst sagen, dass der Ursprung meines Geschlechts gräflich sei; allein eine
lange Folge von wiedrigen Zufällen und innerlichen Unruhen hat meine Vorfahren
nach und nach so weit herunter gebracht, dass sie in der Gegend von Toscana, wo
ehemahls die von Cantwitz ein grosses Land beherrschet haben, kaum noch etliche
Edelhöfe und Meiereien besassen. Ein abscheulicher Krieg, der über hundert Jahre
lang schier beständig fortdauerte, und einen grossen Teil von Battavien
verheerte, machte, dass mein Uhr-Grossvatter seine Sicherheit in Britannien
suchte. Er war aber nicht so bald von seinen Gütern entfernet, so trugen ihm
solche nichts mehr ein: dessen wenige Barschaften und Kleinodien, die er mit
sich genommen hatte, waren nicht zulänglich, ihn Standsmässig zu unterhalten: Er
wollte nicht der menschlichen Gesellschaft zur Last leben; noch aus einem
närrischen Hochmut lieber ein Hochadelicher Müssiggänger, als nützlicher Bürger
sein. Er war also der erste, welcher sich entschloss, gleich andern, die mit ihm
ihr Vatterland verlassen hatten, den Rest seines Vermögens auf Handelschaft zu
legen. Er suchte deswegen seine Güter in Battavien zu Gelde zu machen, und sich
in Brittannien fest zu setzen: allein die Wut des fortdauernden Kriegs machte,
dass die Land-Güter nichts galten: er und sein Sohn starben, und die Güter kamen
noch bis auf meinen Vater; der sie endlich, nach dem alle Hoffnung erlosch, dass
jemahls das Land wieder an seine alte Regenten, und zu seiner vorigen Freiheit
gelangen würde, um ein geringes Geld verkauffte.
    Mein Uhr-Grossvater war in der Handlung glücklich: er hatte Schiffe auf der
See gehen, und wurde ein sehr wohlhabender Mann: er hinterliess einen Sohn, der,
weil er mehr Eitelkeit hatte, die Handlung niederlegte, und bei Hof in
ziemlichen Ansehen lebte. Mein Vater wurde in allen Vorzügen des Adels
auferzogen, und man betrachtete ihn als den Erben eines grossen Guts.
    Ich muss hier die Schrancken des Wohlstandes überschreiten, und meinen Vater
Ew. Gnaden als einen vollkommen ehrlichen Mann beschreiben: sein Ansehen war
liebreich und grosmütig: sein Verstand zeigte sich so wohl in seinen
Wissenschaften, als in seiner ganzen Aufführung. Er hatte einen solchen Grund
von Frömmigkeit, dass er sich auch scheute, die geringste Laster zu begehen. Er
verband sich schon in seiner Jugend, es koste, was es wolle, weder von der
Wahrheit, noch Aufrichtigkeit jemahls abzuweichen.
    War mein Vater tugendhaft, so war er auch nicht weniger unglücklich, wann
man anders einen Menschen unglücklich nennen kann, der mit Gelassenheit alle
Widerwärtigkeiten dieses Lebens hat ertragen lernen, und der nach einem ruhigen
Alter als ein Christ gestorben ist.
    Mein Vater war schon in seiner Jugend seiner Güte halben geliebt, bewundert
und betrogen: Er war kein Verschwender: die Laster brachten ihn um nichts;
Mitleiden, Redlichkeit und zu leichtes Trauen schier um alles.
    Er hielt es mit der Partei des Königs Camiris, nicht, weil sie die
glücklichste war; sondern weil sie ihm die redlichste dünckte: weder die
Aufführung der Grossen, welche dem Printzen Frido beipflichteten; noch der Eifer
der Geistlichkeit, mit welcher sie den Hof und die Religion verwirrten, schien
ihm aufrichtig und gerecht zu sein: er redete dargegen nach seiner gewöhnlichen
Freiheit und zog sich dadurch den Hass und die Verfolgung auf den Hals, welche
insgemein dergleichen Offenherzigkeiten verursachen: Frido kam nicht so bald auf
den Tron, welchen Camiris ihm einräumen musste, so fand mein Vater für sich in
Brittannien keine Sicherheit mehr; er begab sich nach Albanien, und brachte ein
stattliches Vermögen mit sich. Der König bediente sich seines Rats in
verschiedenen Geschäfften.
    Es war an diesem Hofe eine üble Haushaltung: die Unordnung herrschte in
allen Ständen. Die Laster hatten das Ansehen der Artigkeit gewonnen, und die
Tugend schien beinahe lächerrlich. Mein Vater, den sein Eifer gegen das Böse, und
die Redlichkeit das Gute zu befördern, allentalben ausbrachte, konnte hier nicht
schweigen. Er schalt auf die ruchlose Sitten: er tadelte die Unmässigkeit und
Ausschweiffungen der Höflingen: er verachtete ihren närrischen Hochmut, er
heuchelte niemand. Er sprach mit dem König auf eine sehr freie Art; er bediente
sich nicht der gewöhnlichen Hof-Schmeichelei, um dessen Laster zu Tugenden zu
machen. Den König befremdete eine solche Freiheit, die ihm öffters ganz
verwegen schien. Mein Vater kehrte sich daran nicht; er war bereit sein ganzes
Glück einer Tugend aufzuopffern, die ihm die würdigste schien, die Eigenschaft
eines ehrlichen Manns auszumachen.
    Der König hatte immer Mangel an Geld: Er hatte Einkünfte genug; allein sie
wurden zehenmahl gezehend, ehe sie in seine Coffer kamen; es waren zu viele
Hände, durch welche solche durchgiengen: es blieb in einer jeden etwas kleben.
Mein Vater hatte dem König vorgeschlagen, eine offene Banck, nach Art derjenigen
in Gross-Brittanien, aufzurichten. Solches geschah. Er schoss darzu eine grosse
Geld-Summe; die Sache schien einen guten Fortgang zu gewinnen: der König hatte
alles unter seinem Siegel und Nahmen ausfertigen lassen, und verbürgte sich
daselbst für die allgemeine Sicherheit. Die Capitalisten, welche in seinem Lande
waren, hatten ein Vergnügen, ihre Gelder sicher unterzubringen, und solche in
die Banck zu legen. Die Handlung, die Seefahrt, und der offentliche Credit
wurden dadurch stattlich befördert. Allein, es waren kaum sechs bis sieben Jahre
verflossen, so ereignete sich ein Krieg: der König brauchte hurtig Geld: er
griff darüber die Banck an: die Zahlungen fehlten; man gab den Leuten papierne
Anweisungen: und als auch diese in kein geprägtes Gold oder Silber sich
verwandeln wollten; so wurden sie mit Verlust verhandelt, und verloren endlich
gar allen Wert. Der König entschuldigte sich mit der Not: und die Banck war
damit aufgehoben: Mein Vater verlohr dabei einen grossen Teil von seinem
Vermögen. Er nahm sich dafür die Freiheit dem König desto nachdrücklicher die
Wahrheit zu sagen.
    Wie der König keine Schulden zahlte, so folgten diesem hohen Beispiel auch
dessen vornehmste Bedienten: Es war nicht nur am Albanischen Hofe keine Schande
mehr, wan man viel Schulden hatte, sondern man trieb die Grossmut daran auch so
weit, dass man sich der Zahlung wegen im geringsten nicht bekümmerte: wer
ordentlich haushielt, und noch ein wenig Geld hatte, der wurde als ein Geitzhals
beschrien; wer aber sich und sein Haus aller Mittel entblöset, und halb vom Raub
und halb vom borgen lebte, dessen edles Gemüt und grosse Freigebigkeit wurden
mit Bewunderung erhoben. Man lebte also mit wenig Sorgfalt auf Unkosten der
gemeinen Not, und vermehrte solche unendlich durch die edle Furcht für der
Kargheit.
    Was also der König meinem Vater noch gelassen hatte, nahmen ihm diese
grossmütige Leute weg. Er fand kein Recht: Man hielt ihn für reich, und machte
sich daraus eine Ehre, seine Schuldner, die liederlich waren, gegen ihn zu
schützen. Es schien, als ob er sich mit seinem Geld nur die Verachtung der
Menschen und den Hass derer, denen er geborget, erkauft hätte.
    Er war an eine junge Dame verheiratet, die Anfangs durch ihre Eitelkeiten
und Verschwendungen den Grund seines Vermögens auch ziemlich mit aufrütteln
half: Sie besass viele Annehmlichkeiten: Sie war lebhaft, munter,
schmeichlerisch, und kleidete sich überaus wohl. Mein Vater, der für sie die
Nachsicht eines Liebhabers und die Gefälligkeiten eines Mannes hatte, der seine
Frau nicht missvergnügt sehen konnte, liess ihr machen, was sie nur wollte. Sie
hatte den Fehler junger Leute, die von armen Eltern sind, und die deswegen nicht
wissen, was Geld ist, noch wie man solches zu verwalten pflegt: Es war ihr
nichts kostbar und nichts schön genug, und wenn es auf das Zahlen ankam, so
sprach sie: Ist es doch nur Geld? Worzu hat man solches, als um sich damit zu
vergnügen?
    Ein Zufall machte unterdessen bei ihr auf einmal eine grosse Veränderung.
Sie war mit einer Dame auf den grossen Platz spatziren gefahren, wo sich
insgemein gegen Abend viel hundert Gutschen versammleten, und die Schönen sich
gleichsam in ihren besten Aufputz zur Schau herum führen liessen: Es war schon
etwas dunckel, wie sie von dieser Dame nach Hause fuhr: Ihr Wagen war in Form
eines Phaetons, rings herum offen, und oben nur mit einem kleinen Baldachin
bedecket. Ihre funckelnde Diamanten, die an ihrem Halse hiengen, hatten sich bei
dieser Gelegenheit einen Liebhaber erworben, welcher, da er ihren spielenden
Reitzungen nicht widerstehen konnte, einen kühnen Anschlag machte, diesen Schatz
zu entführen: Er war dem Wagen nachgefolgt, und als die Diener bei dem Hause
absprangen, um das Tor zu eröffnen, so wagte der Diamanten-Liebhaber einen
frechen Sprung nach ihr, und riss ihr die Jubelen vom Halse; Weil aber solche
sehr vest angemacht waren, so litt sie bei diesem Anfall solche Gewalt, dass sie
der Dieb schier verdrosselt hätte. Man hub sie halb todt aus ihrem Phaeton. Der
Täter aber hatte sich unterdessen mit der Beute fortgemacht. Sie legte sich
darauf zu Bette, und bekam ein hitziges Fieber.
    Da sie besser wurde, bezeigte sie einen überaus grossen Eckel an allen
Eitelkeiten: Sie wollte nur Geistliche um sich haben, und sprach von nichts als
von Busse und Bekehrung. Mein Vater, der jederzeit eine reine Gottesfurcht in
sich hegte, wünschte seiner Frauen zu diesen guten Regungen Glück, und dachte
nicht, dass sie auf einem so guten Weg sich verirren sollte. Sie wurde aber
darüber schwermütig, und liess sich bloss durch ihre aufgebrachte Fantasie
regieren.
    Es sind in Albanien so wie hier und anderer Orten gewisse Leute, welche nur
diejenige allein für Kinder GOttes hatten, die sich aller Annehmlichkeiten
dieses Lebens mit Fleiss entschlagen, und durch eine grausame Art, von Andacht
und Gottesfurcht, den Leib siech, den Geist verwirret und das Hertz voll Kummer
machen: Dieses Creutz, dieses Leiden, diese Verschmähung der Welt bemercken sie
als Kennzeichen ihres wiedergebohrnen und bekehrten Zustandes; und betrachten im
Gegenteil andere, die noch der Güter dieser Welt geniessen, wenn es auch gleich
nach den Absichten des Schöpffers geschiehet, für Unglaubige. Diese Leute
meldeten sich bald bei einer solchen nach ihrem Sinn bekehrten Frauen: Sie
priesen ihren Zustand glückselig; allein, das gute Hertz meines Vaters wurde
dadurch zum äussersten Mitleiden bewegt. Er sah, dass meine Mutter sich unpässlich
fand, und dass ein dickes Geblüt bei ihr der Grund einer verkehrten Andacht war;
Er wünschte desshalben, dass sie genesen, den reinen Eifer aber zur Tugend und zur
Gottesfurcht behalten möchte.
    Er fasste hierauf den Endschluss, sich mit ihr auf das Land zu begeben. Er
hofte, ihre Gesundheit sollte in einer frischen Luft, bei einer täglichen
Bewegung, und durch die verschiedene Abwechselungen des Land-Lebens, die so
annehmlich als unschuldig sind, sich völlig wieder herstellen und ihr Gemüt zur
vorigen Munterkeit gelangen. Er selbst war der Welt und ihrer Falschheit von
Hertzen müde; und glaubte, er könnte nichts bessers tun, als wenn er eine
Lebens-Art erwehlte, wo er GOtt in Ruh verehren und seine Kinder zur Weissheit
und zur Tugend in einer glücklichen Entfernung von bösen Exempeln erziehen
könnte. Sein grosses Vermögen war ihm unterdessen durch oberwähnte Umstände
dergestalt zusammen geschmoltzen, dass er Müh hatte, so viel noch zusammen zu
bringen, als vonnöten war, ein nur mittelmässiges Land-Gut zu erkauffen.
    Er wehlte sich solches unweit dem Hercynischen Wald, sechs Stunden von
Calesia. Das Land, die Einwohner und ihre Lebens-Art schienen ihm nach seinen
Absichten zu sein. Das Schlössgen, so er bewohnte, lag auf einem Berg, und hatte
hinter sich den Wald: Von fornen aber sah man ein grosses offenes Land, welches
den Cheruscischen Fürsten zugehörte. Die Luft daherum war rein und gesund. Meine
Mutter fand sich kaum einige Wochen hier, so war sie als eine verneuete Kreatur:
Mut und Kräfte kamen wieder; Die Aertzte künstelten nicht mehr an ihrer
Gesundheit, und die Köche rejetzten durch ihr seltsames Gemengsel nicht ferner
einen Appetit, der sich mit den naturlichsten und einfach zugerichteten Speisen
begnügte. Wir hatten Fisch und Waydwerck: mein Vater ging selbst und schoss die
Braten im Wald, und meine Mutter machte sich die Muh solche zuzurichten. Sie
lebten bei dieser Einfalt der Natur in süsser Ruh, und verloren alle starcke
Leidenschaften, womit sonst die Eitelkeit, die Ehrsucht, der Geitz und die
unersättliche Begierde zur Lust, die Vornehmste unter den Menschen zu martern
pflegen. So wenig als ehedessen meine Eltern bei Hof das Geld geachtet hatten,
so genau mussten sie nun auf ihrem Gut hausshalten; sie hatten zu leben, aber
weiter nichts. Sie hinterliessen sieben Kinder. Davon ich das letzte bin. Unser
Erbteil war ihr Seegen; und das kleine Land-Gut, welches wir nicht in sieben
Teile teilen konten, liessen wir dem ältesten Bruder.
    Dieses war ungefähr die Nachricht von dem Herkommen und dem
Geschlechts-Zustande des Herrn von Cantwitz.
    Der Graf hatte noch nicht Gelegenheit gehabt diesen tugendhaften Cheruscer
bei dem König bekannt zu machen: Er hatte wohl zu verschiedenen mahlen von ihm
gesprochen und dessen Verdienste gerühmet; allein, der König hatte darauf weiter
keine Gedancken geschlagen: Er suchte deswegen demselben die Geschicklichkeit
dieses Edelmanns näher ins Auge zu stellen. Er beurlaubte sich auf acht Tage, um
nach Prato zu gehen, und erhielt von dem König, dass der Cheruscer ihm dasjenige
vortragen möchte, was in währender Zeit von Geschäften vorfallen dürfte.
    Der Cheruscer tat solches zu seinem grösten Vorteil: Die Natur hatte ihn
zu einem Redner gemacht: Er war wohl gebildet: Die Jugend lachte noch aus seinen
Augen: Seine Gebehrden waren edel und demütig; Er hatte noch kaum das zweite
mahl dem König im Namen des Grafens von Rivera ein und anders Geschäfte
vorgetragen, so war der König von ihm eingenommen: Er bewunderte die anständige
Lebhaftigkeit seiner Reden so sehr, als seine Klugheit: Cantwitz, sprach er zu
ihm: Ich hab ein gnädiges Wohlgefallen an euch, der Graf von Rivera hat mir die
gute Dienste gerühmet, die ihr mir bisher geleistet habt. Ich mache euch zu
meinem Cammer-Juncker, und werde auf eure fernerweitige Beförderung in meinen
Diensten bedacht sein.
    Der Graf von Rivera empfand in dem Grund seines Hertzens eine solche
Zufriedenheit, das Glück dieses jungen Edelmanns zu veranlassen, dass er daraus
sein eignes schätzen lernte: Er achtete seine Verdienst vor nichts, so lang er
nicht sah, dass er auch andern Menschen damit nützlich war. Man kann sagen, dass
darin sein gröster Eigennutz bestund. Er verehrte dem neuen Cammer-Juncker ein
schönes Gespann Pferde, nebst einem sehr netten Geschirr, und mietete zugleich
für ihn eine schöne Wohnung, welche er mit ganz neuen Haussrat auf das
zierlichste versehen liess.
    Die Gräfin von Monteras wurde unterdessen zu ihrem Vermählungs-Fest vier
Tage zuvor eingeholet. Es waren über zwantzig Gutschen mit sechs Pferden
bespannet, welche ihr entgegen fuhren: Sie kehrte in dem Pallast des Hertzogs
von Sandilien ein, und wurde daselbst von den vornehmsten Herrn und Damen
bewillkommet. Den folgenden Tag fuhr sie nach Hof. Der König sagte ihr mit der
verbindlichsten Art von der Welt, dass er nun hofte Gelegenheit zu haben, die
Treu des Grafens von Rivera zu belohnen und sie beide seiner wahren Hochachtung
zu überzeugen.
    Den Abend darauf hatte der Graf von Rivera die Vornehmsten des Hofs, nebst
den fremden Gesandten in des Herrn von Cantwitz Wohnung zusammen auf ein
Musicalisches Sing-Spiel bitten lassen: Der König und die Königin erwiesen ihm
die Ehre mit dabei zu erscheinen. Man fand die Zimmer des Cheruscers überaus
niedlich aufgeputzt. Das ganze Haus war mit Lichtern erhellet: Alles war neu,
zierlich und wohl ausgesucht; Der Herr von Cantwitz erschien dabei als Wirt, in
einer prächtigen Kleidung. Die Frau von Ridelo und ihre Schwester, die Fräulein
von Bellamont, wussten für Bestürtzung nicht, was sie sagen sollten, da er sie
beide empfieng, und deswegen sein Glück für vollkommen priess, weil er die Ehre
hätte ihnen in seiner Behausung aufzuwarten. Sie antworteten ihm, dass der Graf
von Rivera sie in seinem Namen zu sich in diese seine neue Wohnung hätte bitten
lassen, und dass sie also nicht verstünden, wie der Herr von Cantwitz ihren
Zuspruch auf seine Rechnung zu nehmen beliebte: Der Graf war bald bei der Hand,
als sich diese beide Damen zeigten. Er wollte das Vergnügen haben, die Frau von
Ridelo und ihre schöne Schwester in ihrer ersten Verwirrung zu sehen. Ich freue
mich von Hertzen: redete er sie an, dass sie meinem Cheruscer die Ehre gönnen,
die von ihm erbetene hohe Gesellschaft, durch die ihrige noch ansehnlicher zu
machen. Es wird nicht lang währen, so wird er auch die Gnade haben, den König
und die Königin hier bei sich zu sehen.
    Die Frau von Ridelo stutzte über diese Anrede des Grafens noch mehr; doch,
wie sie von einem durchdringenden Verstand war, so merckte sie bald, wo er
hinzielte. Ich seh wohl, sprach sie, man will mir heute zeigen, was der Herr
Graf von Rivera vermag. Die Frau von Ridelo hatte dieses noch kaum ausgeredt, so
warf sich ihr die Gräfin von Monteras in die Arme. Liebste Freundin, sagte sie
zu derselben, gönnet heute meinem Grafen das Vergnugen, dass er euch sein gutes
Hertze zeige; und glaubt, dass alles, was die Aufnahme eures Hauses und euer
Vergnügen betrift, uns beiden hinführo wie unser eignes sein wird.
    Mehr konten sie sich einander nicht sagen. Es fanden sich noch immer mehr
Personen ein: Die vier Zimmer des Herrn von Cantwitz wurden angefüllet: In
einigen wurde gespielet: In dem Saal aber erklung eine vortrefliche Music: Die
besten Virtuosen des Königs liessen sich dabei hören: Es wurden die artigste
Lieder abgesungen. So wohl der König als die Königin fanden sich dabei ein, und
bezeigten, ein hohes Wohlgefallen über die Grossmut des Grafens; weil sie
wussten, dass er alles dem jungen Cheruscer und der Fräulein von Bellamont zu
Ehren angestellet hatte. Sie begnügten sich nicht allein Zuschauer dieses Festes
abzugeben, sondern speisten auch an einer kleinen Tafel, mit einigen wenigen
Damen daselbst zu Nacht, worauf sie dem Ball mit beiwohnten.
    Die Liebe erhielt an diesem glücklichen Abend ganz besondere Vorteile: Der
König warb selbst bei der Frau von Ridelo für den Cheruscer um ihre Schwester
die Fräulein von Bellamont; und als diese Schöne von ihm um ihren Beifall
befragt wurde; so konnte sie kaum dabei die Neigung ihres Hertzens verbergen,
dieser Gehorsam, sprach sie, kostet mich allzuwenig, Ew. Majestät die tiefste
Ehrerbietung meines Hertzens zu erkennen zu geben.
    Der Tag zu dem bestimmten Beilager des Grafens von Rivera mit der Gräfin von
Monteras kam endlich herbei. Die Liebe des Cheruscers mit der Fräulein von
Bellamont wurde zugleich mit glücklich gemacht: Der sinnreiche Pracht, die
artige Lust-Spiele und die vielerlei Feste, die darauf erfolgten, wären zu
weitläuftig hier zu beschreiben. Wann am Ende eines Schau-Spiels die
Haupt-Personen zur Heirat schreiten, so gehen die Zuschauer schon auseinander:
Die schönste Vorstellungen scheinen alsdann überflüssig. Diesen Schluss hat die
Gewohnheit und ein allgemeiner Beifall der Menschen zur Regel gemacht: Wir
wollen auch hier solche beobachten, und den Leser nicht länger aufhalten.
    Wir endigen also mit der Vermählung des Grafens von Rivera: Das Glück dieser
edlen Helden-Liebe war vollkommen. Man sah die Freundschaft, die Tugend, die
Treu und die Verdienste von der Gerechtigkeit des Himmels belohnet. Aquitanien
wurde durch die weise Ratschläge und durch die Aufrichtigkeit des Grafens in
einen blühenden Wohlstand gesetzt. Die Laster, welche bisher den Hof vergiftet
hatten, verloren ihre Macht unter einem Monarchen, der sich selbst zum Muster
der Gerechtigkeit, der Güte und der Ordnung ausstellte. Die Glückseligkeit
seiner Untertanen machte, dass die benachbarte Staaten sich gleiche Vorteile
und gleiche Regenten wünscheten.
    Der Hertzog von Sandilien übergab seinem neuen Vettern, mit des Königs
Bewilligung, das bisher geführte Ruder am Regiment. Er verlangte nichts mehr in
der Welt, als seine Neigungen zwischen dem König, seiner Basen und dem Grafen
von Rivera zu teilen. Er betrachtete sich als ein glücklicher Vater, dem das
Heil seiner wohlgeratenen Kinder die eintzige Freude macht, die er noch in
dieser Welt verlanget. Der Graf überkam mit dessen Herrschaften auch seine
Herzogliche Titel, Wappen und Vorzüge. Diese Erhebung, welche bis zur Krone
reichte, vertilgete nicht bei ihm denjenigen Grund der Demut und der
Abhänglichkeit von GOtt, auf welchen er alles bauete: und von dem er alle
Weissheit, alle Stärcke, und alle Tugend, die er zu der Wichtigkeit seines hohen
Berufs vonnöten hatte, zu erlangen suchte.
 
                                Freie Bedancken
                        Von der Verbesserung des Staats.
                                 Von dem Hofe.
Vor Zeiten hatte der gröste König kaum so viel Leute an seinem Hofe, als heut zu
Tage ein mittelmässiger Fürst an dem seinigen unterhält. Der Adel erschien
daselbst nicht ehender, als bis man Ritter-Spiele hielt, oder wichtige
Ratschläge pflog. Er wurde nicht besoldet, dass er im Müssiggang und in Uppigkeit
lebte, und durch seine Unordnungen den Staat, den Hof, das Land und sich selbst
verdarb.
    Ein Cantzler, einige Räte und ein paar geheime Schreiber waren zu den
Geschäften des Staats genug. Die übrigen Beamten fassen in den Dicasterien; Der
König und das Reich waren ruhiger bei wenig Bedienten. Der Hof hatte zwar seine
Aemter, sie wurden aber nicht unter so viele Ober-Aemter geteilet, dass ein
jedes wieder einen besondern Hof ausmachte. Diese Bedienten mussen abermahl
wieder so viele andere Bediente haben, welche wiederum so viel Aufwärter,
Leibdiener und Gesinde nach sich ziehen, dass die gröste Einkünfte eines Staats
kaum zulänglich sind, so viele müssige Leute zu ernähren.
    Dieses Ubel herrschet auch bei den Armen im Felde: Ein jeder Befehlshaber
führet einen grossen Schweiff von unnötigen Bedienten mit sich. Diese fechten
nicht, sondern verzehren nur was die arme Soldaten entbehren müssen: Sie
beschweren die Züge, bringen den Mangel ins Lager, und schaden dadurch der
gemeinen Sach.
    Wie diese Unordnung nicht auf einmal, sondern nach und nach entstanden ist;
so kann sie auch nicht wohl auf einmal wieder aufgehoben werden. Die Zeit, das
Alter, der Tod geben von sich selbst darzu die Gelegenheit: Man schafft keine
alte Bedienten nicht ab; man nimmt nur keine neue mehr an, und macht keine
unnötige Aemter, um müssige Leute unterzubringen.
    Viele Staats-Diener taugen zu nichts, als dass sie die Macht eines Fürsten
schwächen, den Staat verwirren, allerhand Zwiespalt erregen, ihre Banden und
ihren Anhang auf Unkosten des gemeinen Bestens empor treiben, und öfters selbst
dem Regenten Gesetze vorschreiben. Die Geschichten sind voll davon.
    Wer mehr Bedienten hält, als er vonnöten hat, der macht sich dadurch viel
Geschäfte und Verdruss zugleich. Es ist nichts übler zu regieren und in Ordnung
zu halten, als Leute, die voll auf leben, und nichts zu tun haben. Sie sind
sich und dem Staat zur Last. Ein Fürst muss demnach für seine Leute die Gnade
haben, und ihnen nicht nur Brod, sondern auch Arbeit geben.
    Die Majestät braucht keines erborgten Glantzes: Sie macht sich durch sich
selbst verehren: Der unordentliche Schwarm der vielen geputzten Menschen, welche
den Hof zieren und das Land arm machen, ist keine wahre Grosheit: Man überlasse
diese kleine Ehre Parade zu machen, der Leib-Wache, den Kriegs-Beamten, und dem
jungen Adel; welcher letztere eine Zeitlang den Hof besuchen sollte, um daselbst
die Höflichkeit und gute Sitten zu lernen.
    Durch die Einziehung der vielen unnötigen Bedienten kann ein König des Jahrs
über ein Million ersparen, und dadurch seine Regierung desto ruhiger und
glücklicher machen.
 
                            Von den Gerichts-Höfen.
Ein auszehrendes und jämmerliches Ubel ist heut zu Tage die Unordnung und
Weitläuftigkeit der Processen. Hier dienet die Gerechtigkeit zu einem Handwerck,
ihre Verwalter zu ernahren, und diejenige, die bei ihr Hülffe suchen, zu
verderben. Es würde eine grosse Glückseligkeit für alle Völcker sein, wenn man
die Weitläuftigkeit der Rechts-Handel, so wohl als die abscheuliche
Zungendreschereien der Gewissenslosen Advocaten abstellen könnte.
    Es wär solches nicht unmöglich: Eine ordentlich eingerichtete
Landes-Ordnung, darin alle Haupt-Fälle und Rechts-Fragen auf das
allerdeutlichste in gemeiner Landes-Sprache verfasset würden: Ein Gericht aus
redlichen, vernünftigen und Rechts-kündigen Männern, die keinen weitern Nutzen
von einem Prozess zu gewarten hätten, als dass sie ihn kurtz und gut ausmachten:
und dann die Abschaffung aller Gerichts-Sporteln, Formalien, Fatalien und
dergleichen oftmahls recht kindischen Umständen; die nur darzu ersonnen sind, um
die Gerechtigkeit zu verwirren, und eine Menge unnötiger Gerichts-Diener zu
unterhalten: Diese drei Dinge würden zur Verwaltung der Gerechtigkeit einen viel
leichtern Weg bahnen.
    Ein jeder Kläger könnte auf diese Art entweder seine Sache mündlich oder
schriftlich selbst vortragen, und darüber ein Urteil erwarten: Geschähe solches
gleich nicht allemahl förmlich, und nach einer ausgekünstelten
Rechts-Gelehrteit; so könnte man doch daraus desto besser die Wahrheit erkennen;
ein geschickter Referent, mit weniger Müh, einen kurtzen Verlauf der Sachen
(speciem facti) entwerffen, und ohne weitere Umstände den Spruch heraus bringen.
    Würde dabei nicht jederzeit die Form Rechtens beobachtet, so wär dieses nur
ein kleines Ubel, wenn das Recht nicht selbst darunter leidet; ja sollte auch
dieses zuweilen darunter leiden, so wär doch dieses Ubel nicht so
Grund-verderblich, als die abscheuliche Weitläuftigkeit der Processe.
    O verkehrte Welt! O Jammer der Zeiten! Der Unschuldige leidet, man drückt
ihn, man bringt ihn um einen Teil von seinem Vermögen: Er denckt die Obrigkeit
mag richten: GOtt hat sie darzu eingesetzt: Er klaget, man höret ihn; aber seine
Klage ist nicht förmlich; Er muss einen Advocaten annehmen: Dieser hat auf den
Schlendrian geschworen, und der Schlendrian ist dargegen erkenntlich: Er
schmeltzt ihm seine Suppen: Er macht seinen Schornstein rauchen: Der Client
verlässt sich auf seine gerechte Sache, und der Advocat auf seinen guten
Clienten. Sie gehen mit einander die Formalien durch: Es kommt kein Spruch, der
Client will ungedultig werden: Der Advocat aber tröstet ihn, er spricht, seine
Sache stünd gut: es kommt ein communicetur nach dem andern: dann werden Zeugen
abgehöret, dann Eyde erkannt, dann über jeden Punct neue Erläuterungen und
Beweise gefordert: der andere excipirt, replcirt, duplicirt, triplicirt,
quadruplicirt ... Endlich erscheint ein Dekret: Der Client zahlt mit Freuden dem
Advocaten seine lange Rechnung: Er denckt, mein Prozess ist zu Ende: Ich habe
gewonnen. Der Gegenteil appellirt: da geht der Prozess von neuem an: hier kann
der Advocat allein nicht helffen: hier müssen Agenten und Procuratoren
angenommen werden: hier gilt so viel pro arrha, so viel pro honorario, so viel
für deservit, so viel für Briefe, und dergleichen ... Der Client erschrickt über
alle diese Dinge: Aber wie, spricht er, ist dann kein GOtt, ist dann kein Recht?
Der Prozess wird indessen eifrig fortgesetzt: Der Richter findet immer noch etwas
zu erinnern. Die Sache will nicht fort: Ein Jud, ein altes Weib, oder ein
verdorbener Banckeruttirer kommt zu dem Clienten, und gibt ihm einen Anschlag
seinen Prozess zu gewinnen: Dieser besteht darin, dass er spendiren soll: nicht
dem Referenten, nicht dem Richter, sondern hier und da und dort: Der Client
denckt, der Prozess habe ihm schon so viel gekost, er wolle auch noch dieses dran
wagen: Der Spruch kommt: Der Prozess ist wieder gewonnen: Nun GOtt Lob und Danck,
spricht der ehrliche Mann, dass ich doch endlich wieder zu meinem Geld komme:
Allein, vergebliche Freude! Neues Weh! Die Gegen-Partie sucht restitutionem in
integrum: Sie wird erkannt, und warum nicht? Die Gerichts-Ordnung bringt es ja
so mit sich: Es kommen Revisiones actorum, Leuterationes, dilationes, etc. Der
Client kriegt darüber die Auszehrung: die Kräfte sincken: der Mut schwindet: Er
borget Geld, um seinen Prozess fortzuführen: Er erlebt davon nicht das Ende:
seine so lang geführte Rechts-Klage wird eine traurige Erbschaft für seine
Kinder: darin beruhet ihr ganzes Vermögen: ihre Not, ihr anhaltendes
Uberlauffen zwingen endlich den Richter zur Ungedult und zu einem Spruch. Die
Execution wird erkannt, allein sie reget sich nicht: sie hat steiffe Hände; sie
können sich nicht bewegen: Die Gold-Essentz, damit man sie schmieret, fehlet,
die Clienten haben den Prozess gewonnen, und bleiben arm.
    Wer sich einbildet, man trieb allhier die Sache zu weit, der gehe nur an die
vornehmste Gerichts-Höfe, und lasse sich daselbst eine Verzeichnis der Processen
geben, die über 50. ja gar über hundert Jahr vor Richter und Recht geschwebet;
er wird mit gerührtem Mitleiden, wo nicht mit Graussen und Entsetzen, die
traurige Schicksale solcher unglückseligen Partien hören; und bekennen müssen,
dass sie wären glücklicher gewesen, wenn sie auch gleich bei der ersten Instantz
ihren Prozess verloren hätten.
    Noch eins, sollte man den Schlendrian abschaffen, was würde man hernach mit
den vielen Juristischen Büchern machen? Solten die Buchhändler solche alle ins
Maculatur schlagen? Die meisten dürften vielleicht keiner grössern Ehre würdig
sein; doch finden sich darunter auch viel gute und vortrefliche Schriften, die
man nicht genug in Ehren halten kann: teils sind sie auch nötig. Denn dass ein
Richter ein Rechts-Gelehrter, wie der Geistliche ein frommer Mann, und der Artzt
ein Naturkündiger sein soll, ist wohl keine Frage. Ein Richter muss also die
Gründlichkeit und die Ordnung einer Wissenschaft besitzen, welche ihn fähig
macht, die verwickelste Vorfälle zu entscheiden, und über die verworrenste
Streit-Fragen ein geschicktes Urteil zu fällen. Die wohl ausgearbeitete
Ratschläge berühmter Rechts-Gelehrten dienen hierzu: Sie sind billig, als
Schätze einer so nötigen Wissenschaft aufzusammlen: Auch sind die Römische
Gesetz-Bücher mit nichten hindan zu setzen: die Römer waren kluge Leute, sie
hatten trefliche Einsichten: Sie waren geschickt Gesetze und Ordnungen zu
machen. Wir können uns in gleichen Fällen ihrer Aussprüche noch mit gutem
Vorteil bedienen. Nur darin gehen wir zu weit, wenn wir bei unserer heutigen
Verfassung, die so weit von der Römischen entfernet ist, da wir andere Sitten,
andere Gebräuche und eine andere Religion haben, alles auf Römisch schlichten
und ausmachen wollen.
    Wie nun die gröste Schwierigkeiten bei den Prozessen dadurch gehoben wurden,
wenn ein jeder seine Klagen einfältig, ohne Rechts-Allegationen, und ohne
Einstreuungen der Vorurteilen und Beweg-Ursachen zu decidiren, selbst in
Person, oder schrifftlich, dem Richter vortragen, und darüber sein Urteil
erwarten müste; also sollte auch ferner nicht wenig zur Erleichterung des
Justitz-Wesens mit beitragen, wenn alle Kaufleute, Künstler und Handwercker;
imgleichen alle Kirch-Spiele, Universitäten, Kriegs-Aemter und dergleichen ihre
gewisse Ordnungen und Gesetze unter sich hätten, darüber mit Nachdruck hielten,
und ihre Streitigkeiten, als bei ihrer ersten Instantz, durch ihre Aeltesten und
Vorsteher ausmachen liessen; wobei ihnen auch zu verstatten wär, alle und jede
Unordnung und Verbrechen, welche nicht in die peinliche Rechte liefen, mit
gewissen Geld-Bussen und willkührlichen Straffen zu ahnden.
    Auf diese Weise würden die Richter nicht über alle und jede Kleinigkeiten,
so oft und viel angelauffen werden, und die meiste Sachen, welche bei den
Ober-Dicasterien, wegen der Menge der Klagenden und der weitläufftigen
Prozess-Ordnung öffters gar liegen bleiben, könten zum Besten der streitenden
Parteien weit kürtzer und mit weniger Müh ausgemacht werden.
 
                                Von der Policei.
Die Policei ist das einzige Mittel im bürgerlichen Leben Ruh, Ordnung und gute
Sitten zu unterhalten. Es ist nicht genug, dass man einen Staat gegen auswärtige
Feinde schützet, und darin die Nahrung zu befördern sucht. Ein Volck, das bei
seinem Uberfluss keine Policei hat, ist wie ein wohlgefüttertes Pferd, welches
nicht zu beritten ist; es lässet sich schwer regieren, und geht öffters mit
seinem Reuter durch, wenn es ihn nicht gar herunter wirfft.
    Bei den alten Teutschen galten, nach dem Zeugnüs eines Römischen
Geschicht-Schreibers, die gute Sitten mehr, als die Gesetze. Betrübtes
Andencken! Nun gelten schier weder die eine, noch die andere mehr. Wir leben bei
allem Druck der Gewaltigen, in einer Sorglosen Freiheit. Ein jeder tut was er
will: wir wagen alles, wir setzen alles aufs Spiel. Geräts, so geräts: wer
verdirbt, der verdirbt. Man schilt auf böse Zeiten: man wirfft die Schuld auf
die Regenten; wo nicht gar auf die göttliche Vorsehung. Dieses ist die
allgemeine Philosophie; so urteilt der Pöbel, so denckt der Burger, so vermisst
sich der Adel. Was Wunder, dass die alte Redlichkeit verloschen ist, dass die
Bosheit herrschet, dass die Unordnungen überhand nehmen, und die Laster schier zu
Tugenden geworden sind.
    Billig sollte man die Policei in den Tempeln suchen: Billig sollte die
Religion selbst uns zu ihrer Beobachtung anhalten: billig sollten die Begriffe
von GOtt, der alles durch Weissheit und Ordnung regieret, auch die Menschen
bewegen, all ihr Tun gleichfalls nach dieser Regel einzurichten. Weil aber die
Religion ihre Krafft, und die Tugend ihr Ansehen bei den Menschen verloren hat;
so ist nötig, sie wenigstens durch eine gute Policei von den gröbsten
Ausschweiffungen und Lastern abzuleiten, und, wann es möglich wär, sie auch zum
guten zu zwingen.
    Ihre Haupt-Absicht geht demnach dahin, Ruh und Ordnung, Zucht und
Sicherheit, Nahrung und Billigkeit im gemeinen Wesen zu erhalten. Sie dultet
nicht, dass einer sein Gut verprasse, noch dass er dessen Verlust auf den Umschlag
der Carten und Würffel setze: sie dultet nicht, dass sich die Leute ohne alle
Vernunft heiraten, und nachgehends ihre Ehen mit Zanck und Hader führen: sie
dultet nicht, dass man die Kinder übel erziehe, und im Luder und Mässiggang
aufwachsen lasse: sie dultet nicht, dass einer den Adel und grosse Titul kauffe,
den keine Verdienste darzu würdig machen. Sie setzet dem Hochmut Schrancken,
und machet keinen Hochgebornen, der in der Werckstatt, oder in der Cram-Bude
jung worden ist. Die Policei lässet das Gesinde nicht Herr sein, noch dem Pöbel
die Freiheit, Gesetz und Gebräuche zu machen: sie gestattet nicht, dass sich
Leute in Sammet, in Seiden, in Gold und Silber kleiden, die das Geld dazu
borgen; oder die von solchem Stande sind, dass sie auch Wolle und Leinwand
zierten. Sie vergönnet der wilden Jugend nicht, ihre unordentliche Begierden in
verbottenen Winckeln abzukühlen: sie überliefert den Balger dem Blut-Gericht,
als einen Todschläger, und den Banckeruttirer dem Kercker, als einen Dieb: sie
spannet die liederliche Müssiggänger in Karn, und schliesset das leichtfertige
böse Gesindel in die Zucht-Häusser: sie hält die Strassen von Land-Streichern
und Bettlern rein, und versorget die Armen und Notleidende in den Hospitälern:
sie erfüllet die Magazinen mit Vorrat, und kauffet nicht erst die Früchte auf,
wenn sie schon teuer sind: sie gibt den nötigsten Lebens-Mitteln ihren
gemessenen Preis, und lässet nicht den Fremden von den Gastwirten das Messer an
die Gurgel setzen. Die Krancke werden nicht durch unerfahrne Aertzte nach der
Metode, und durch die Quacksalber, ohne Metode ums Leben gebracht: die
Handwercks-Leute erfrechen sich nicht, wenn sie einem etwas verdorben, für diese
Bemühung noch die Zahlung zu fordern, und dem Kaufmann geht es so leichte nicht
hin, wenn er einem verdorbene Waaren vor gute verkaufft.
    Die Policei hemmt das Gezäncke in den Kirchen, und die Missbrauche in den
Schulen: sie erlaubet nicht einem jeden Gelehrten, alles was ihm einfällt,
drucken zu lassen: sie beschräncket diese allzugrosse Freiheit durch
vernünftige Regeln, und lässet nichts in die Buchläden kommen, als was
nützlich, was gut, was angenehm und was erbaulich ist.
 
                            Von dem Soldaten-Stand.
Der Soldaten-Stand ist ein nötiges Ubel. Wären die Menschen ordentlich, gerecht
und vernünftig, so brauchten sie keine solche gestrenge Beschützer der gemeinen
Sicherheit. In einer so durchaus verdorbenen Welt aber kann man dieser Leute
nicht entbehren. Nur ist es nötig, dass man ihre Verfassung mehr nach derjenigen
Absicht einrichte, warum sie gehalten werden.
    Der Soldat hat in Ansehung der Zucht und Ordnung noch etwas voraus, und
würde deswegen auch leichter als andere zu verbessern sein. Die Ehre, um welche
er dienet, ist allein fähig ihn zur Beobachtung seiner Pflichten anzuhalten: man
muss ihm nur einen rechten Begriff von der Ehre beibringen. Man muss nicht die
Tollkühnheit zur Tapfferkeit, den Frevel zum Heldenmut, die Leichtfertigkeit
zur Freiheit und den Mutwillen zur Artigkeit machen. Der Soldat soll der
menschlichen Gesellschaft nicht zur Quaal und zum Schaden, sondern zum Schutz
und zur Sicherheit leben: dieses ist die eigentliche Ehr seines Berufs, und
darin bestehet seine ganze Würde.
    Allein, so lange man darzu allerhand liederliches und ehrloses Gesindel aus
allen Winckeln der Erden zusammen wirbet: so lange man darzu nur wilde, müssige
und viehische Pursche nimmt, die sonst zu nichts taugen, als dass sie das
Schiess-Gewehr handtiertn, den Ranzen schleppen, und den Land-Mann plagen
können; so lange die Befehlshaber selbst weder den Krieg verstehen, noch die
wahre Ehre kennen; so lange der Soldat überhaupt die verkehrte Einbildung heget,
er dörffte nichts lernen, und hätte mehr Freiheit, als andere Menschen, wieder
alle Gesetze und gute Sitten zu handeln. So lang ist er der Erden ein Fluch, und
die Schande des menschlichen Geschlechts. Denn das blose rauben, plüdern,
sengen, brennen, morden, würgen und Menschen schlachten, ist fürwahr keine
Hantierung, die sich für ehrliche Leute schicket; wo nicht die gemeine
Sicherheit und die Umstände eines gerechten Kriegs ein solches Opfer von
Menschen-Blut erfordern.
    Soll demnach der Soldaten-Stand das wahre Metier d'honneur, oder
Ehren-Handwerck sein; so müssen solches Leute bekleiden, die Vernunft,
Grossmut, Güte und Taferkeit besitzen, und die als Schutz-Engel vor ihre
Mit-Bürger und die gemeine Wohlfahrt wachen.
    Dass bisher zu den Unordnungen des Kriegs-Standes, die im Sold gedungene
Soldaten meistens Ursach gegeben haben, ist wohl eine unter vernünftigen Leuten
ausgemachte Sache: man weiss solches schon lange. Es will aber dem ungeacht
keiner von unsern Potentaten damit den Anfang machen, um solche abzuschaffen;
sie sind vielmehr darauf desto eifriger geworden, dergleichen aus allen Nationen
zusammen gerafftes müssiges Gesindel, zum Verderben ihrer Lånder, in noch
grösserer Anzahl, als je zuvor geschehen ist, beständig auf den Beinen zu
halten. So lange aber Vernunft und Erfahrung gelten, so wird man schwer zu
bereden sein, dass dieses zum besten dess Landes geschehe.
    Wenn man natürlich von der Sache urteilen soll, so wär es wohl besser, man
schaffte die um Sold gedungene Soldaten ab: und errichtete dargegen eine
ordentliche National- und Land-Militz. Dieses könnte auf eine Art
bewerckstelliget werden, dass darunter weder die Cammer noch das Land beschweret;
der Zweck aber, zu welchem die Soldaten dienen sollten, weit vollkommener
erhalten würde.
    Man suche nämlich so wohl in den Städten, als auf dem Lande die gesundeste
und tüchtigste Leute aus, die Lust zu dienen haben, und darzu Mut, Geist und
Geschicklichkeit besitzen. Diese lasse man in allen zum Krieg gehörigen
Wissenschaften wohl unterrichten: man gebe ihnen eine gleichförmige saubere
Kleidung, nebst einem kleinen Gehalt, welchen man nach Notdurfft vermehret,
wenn sie ins Feld rücken; in Friedens-Zeiten aber lasse man einen jeden bei
seinem Handwerck und in seiner Nahrung. Man teile sie nach denen Städten und
Provinzen in Compagnien und Regimenter ein, und lasse sie von Zeit zu Zeit,
nachdem es die Umstände leiden, auf gewisse Plätze zusammen kommen, und sie ihre
Kriegs-Ubungen machen: man gebe ihnen tüchtige und ansehnliche Männer zu
Befehlshabern, und gönne ihnen alle die Ehre, Freiheiten und Vorzüge, die sonst
rechtschaffene Kriegs-Leute zu gemessen haben. Man halte in den Gräntz-Vestungen
eine gewisse Besatzung, welche von halb Jahr zu halb Jahr mit andern könnte
abgewechselt werden; damit wenigstens alle zwei Jahr jeder Soldat ein halbes
Jahr wirklich Dienste tun müsse. Die Vestungs-Plätze könten zugleich die hohe
Schulen für den jungen Adel, für die Cadets und andere Soldaten abgeben; wo sich
beständig ein Kern der ältesten und besten Officiers, nebst andern geschickten
und erfahrnen Leuten aufhalten müsten.
    Durch eine solche Verfassung des Soldaten-Standes könnte ein Fürst, mit weit
weniger Kosten, die besten Truppen beständig auf den Beinen haben, und jederzeit
auf den ersten Winck, wenn es die Not erfordert, ins Feld rücken lassen: sie
würden weder durch ihre Liederlichkeit, noch durch ihren Müssiggang, noch durch
ihre Bubenstück ferner dem Staat zur Last fallen: sie würden so wohl nützliche
Bürger im Frieden, als tapffere Streiter im Krieg abgeben: Sie würden nicht, wie
insgemein der im Sold geworbene Soldat, bei dem ersten Feuer durchgehen; oder
wohl gar zu dem Feind überlauffen: Sie würden die wahre Ehre, den Fürsten, die
Ihrigen lieben: Sie würden ihr Vaterland schützen und ihren Feinden ein
Schrecken sein.
 
                                 Von dem Adel.
Der Adel ist an und vor sich selbst nichts wirckliches: Er hat in der
bürgerlichen Gesellschaft keinen andern Vorteil, als dass er, mit etwas weniger
Narrheit, darf stoltzer und hochmütiger als andere Menschen sein. Alle seine
Titel, Wappen, Stamm-Tafeln und Ahnen-Register, wären sie auch noch so schön und
durchleuchtig, machen ihn weder vernünftiger noch glücklicher. Der Bauer ist so
wohl geboren, wie der Edelmann: Die Natur gibt beiden gleiche Rechte: Nur
alsdann hat der Adel etwas voraus, wenn er Geld und Güter besitzet, wenn er wohl
erzogen ist, und wenn er bessere Sitten hat, als der gemeine Mann.
    Hieraus erhellet, dass der wahre Adel nicht in einer edlen Geburt bestehet;
sondern in einem edlen Leben. Er ist eine Frucht der Tugend, und schreibet sich
aus dem Geschlecht der wahren Ehre. Der ist der beste Edelmann, den Treu und
Mut und Witz zum Ritter schlagen; Alles ubrige, womit der gebohrne Adel sich
brüstet, ist Wind und Wahn und Einbildung: Er schändet die Vortrefflichkeit
seiner Ahnen durch seine Niederträchtigkeit und durch seine Laster.
    Die Beschäftigungen des Adels müssen nichts niederträchtiges, nichts
unreines und nichts pöbelhaftes haben: Die Gewohnheit hat deswegen alle
Mechanische Hantierung dem Adel für unanständig erkläret, und ihm dargegen die
Wissenschaften, den Hof, den Krieg, die Magistrats-Würden, nebst der
Land-Oeconomie zu seiner Beschäftigung angewiesen.
    Die Handlung ins Grosse hat, nach dem Zeugnis der klügsten Völcker, nichts,
das dem Adel zuwider ist. In den ältesten Zeiten sind dergleichen Handels-Leute,
wenn sie grosse Reichtümer besassen, für edel gehalten worden. Es ist auch der
Natur gemässer, dass Leute, die durch ihre grosse Handelschaften, so vielen
Menschen Nahrung geben, und sich dem Adel gleichförmig aufführen, auch dessen
Vorzüge geniessen: doch gönnt ihnen das Herkommen und der Gebrauch in der Welt
nur den untersten Grad des Adels: und erlaubet ihnen nicht sich höher
aufzuschwingen, als bis sie die Handlung niederlegen, und eine von den
Lebens-Arten, davon oben Meldung geschehen ist, ergreiffen.
    Wer Geld und Güter hat, und sich damit weiss auf eine anständige und beliebte
Art heraus zu setzen, der kann den Adel viel besser führen, als ein armer
Juncker, den die Bauern Ihr Genaden heissen, und ihm das Brod borgen müssen.
    Ehedessen galt der Adel viel; nicht, weil er edel geboren war, sondern weil
die Geburt ihn veranlasste sich durch Tugend und Tapfferkeit von dem gemeinen
Mann zu unterscheiden: Er ehrte die Wissenschaften, und die Wissenschaften
ehrten ihn; Er sprach und urteilte anders, als der Pöbel: Er begieng nichts
niederträchtiges: Er lebte nicht wie unsere heutige Dorf-Junckern im Luder und
im Müssiggang: Er bekleidete die ersten Stellen bei Hof: Er half die Städte und
Länder regieren: Er machte sich eine Ehre aus der Gottesfurcht: Seine Andacht
riss ihn zu den Füssen des Altars, und seine Tapfferkeit machte seine Feinde
beben: Der Fürst brauchte keine Soldaten: Wer ein Ritter sein wollte, der setzte
sich mit seinen reissigen Knechten auf, und eilte damit seinem Landes-Herren und
seinem Vatterlande zu Hülffe. So war der Adel, so war die Ritterschaft der alten
Zeiten.
    Wenn man den heutigen Adel beschreiben wollte, so würde es vielleicht ein
Gespötte heissen, man müste ihn lächerrlich abmahlen, und die Wahrheit würde
machen allzu natürlich treffen: Wir wollen lieber schweigen, unsere Schande
bedecken, uns raten lassen und uns bessern.
 
                            Von dem gelehrten Stand.
Der gelehrte Stand ist eigentlich kein besonderer Stand: Es ziemet allen
Menschen etwas zu wissen: Wir sollten alle nach den Absichten des Schöpffers
verständige Kreaturen und Schüler der Weissheit sein. Wir sollten uns ein jeder
nach seinem Stand und nach der Fähigkeit, die er besitzet, in allerhand
nützlichen Künsten und Wissenschaften unterrichten lassen; Denn wo der Weisen
viel sind, da ist des Volckes Heil.
    Allein, was findet man nicht unter den Gelehrten für seltsame Menschen? Man
sollte es in der Tat für keine Glückseligkeit halten, etwas zu wissen, wenn uns
die Erlernung der Wissenschaften in Gefahr setzet, die elendeste unter den
vernünftigen Geschöpffen zu werden. Ehedessen hielt man auf blosse Weissheit, und
man lernte die Wissenschaften in keiner andern Absicht, als um weise zu werden.
Heutiges Tages machen wir daraus ein Handwerck, die Menschen und den Staat damit
zu verwirren. Wir zwingen die Leute Meinungen anzunehmen, die sie nicht fassen
können, und lassen ihnen übrigens alle Torheiten und Aussschweiffungen frei. Die
wenigste Lehrer erfüllen die Pflichten eines Berufs, dessen Wichtigkeit sie
selbst nicht kennen. Die meisten lassen sich darzu aus Not gebrauchen, weil sie
nicht besser unterkommen können. Grosses Unglück! Man sollte darzu die
vortrefliche Männer ausssuchen, und sie deswegen vor andern ehren und wohl
halten.
    In den alten Zeiten hatten die gröste Weltweisen ihre eigene Schulen. Alt
und Jung kamen darin zusammen. Die Redner waren die gröste Leute in der
Republick, und es war einem Helden eben so anständig vor dem Volck zu reden, als
Schlachten zu gewinnen. Diese Zeiten sind nicht mehr. Die Würde eines Lehrers
beflecket nun die Würde des Adels, und die Unwissenheit ist das Kennzeichen
einer vornehmen Geburt.
    Drei Sachen haben zu unsern Zeiten die Gelehrten in der Welt verächtlich
gemacht: Ihre ungesittete Lebens-Art: Ihr närrischer Hochmut, und die viele
Bücher, die sie drucken lassen. Es ist natürlich, dass Leute, die an statt mit
Menschen umzugehen, schier immer zu Hause über ihren Büchern sitzen, und sich da
in ihre eigene Weissheit, und Vortrefflichkeit verlieben; nach und nach unbelebt,
finster und lächerrlich werden. Deswegen ehedessen ein gewisser Fürst, auf
Befragen, warum er keine Hof-Narren hielt, zur Antwort gab, dass er, wenn er
lachen wollte, ein paar von seinen Professoren zu sich auf das Schloss kommen, und
sie wacker zusammen disputiren liess. Man hat also Ursach die Wissenschaften zu
fliehen, wenn sie aus Vernünftigen Unwissenden, albere Gelehrten und seltsame
Menschen machen.
    Ich bin nie der Meinung gewesen, dass die Erfindung der Buchdruckerei der
menschlichen Gesellschaft grossen Nutzen sollte gebracht haben: Unter wenig guten
Büchern, die dadurch den Menschen gemein worden, sind ihnen unzehlich viel
schlechte in die Hände kommen. Wir werden dadurch von den reinen Quellen der
Wissenschaften abgeführet, und die Zeit, die edle Zeit, die wir anwenden könten,
die gründlichste Sachen zu lernen, geht mit Lesung so vieler nichtswürdigen
Dinge verloren. Der Verstand, welcher die schönste Wahrheiten in seiner ersten
Unterweisung am leichtsten fassen könnte, wird dadurch nur verwirrt und
aufgehalten. Vorurteile, unrichtige Schlüsse und das Ansehen der Lehrer, welche
die Bücher schreiben, umnebeln gleichsam seine Beurteilungs-Kraft, und er
findet desto mehr Müh, das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden und seine
Begriffe auszuheitern.
    Wie viel Unordnung, wie viel Zwiespalt, wie viel Blutvergiessen haben nicht
bei uns die Religions-Streitigkeiten schon verursachet? Wir machen einen
abscheulichen Lermen, um die Erhaltung der Wahrheit: Ein jeder behauptet, dass er
solche hätte; man streitet, man disputiret darüber; man schilt, man verdammet,
man verfolget sich einander. Dieses ist noch nicht genug; man schmeisset sich
auch wohl gar, wenn man kann, einander darüber todt. Solte man nicht die
Wissenschaften verwünschen und verbannen, die in dem menschlichen Geschlecht
solche Unordnungen und solchen Jammer verursachen? Solte man nicht vielmehr
diejenige glückselige Unwissenheit und Einhalt preisen, die Treu und Redlichkeit
erhält, und die Menschen zusammen in einer süssen Eintracht verbindet?
    Dieses Ubel würde sich nie so weit ausgebreitet haben, wenn der Missbrauch
einer so edlen Kunst, als die Buchdruckerei ist, nicht darzu noch mehr
Gelegenheit gegeben hätte. Die Zänckereien der Gelehrten würden unter den
Gelehrten geblieben sein, und nicht zugleich auch das Volck in ihre Sectireien
und Banden mit eingeflochten haben: Es würden nicht so viele cursus Teologiæ
und Catechismi durch den Druck heraus gekommen sein; die, indem sie die Stärcke
ihrer Verfasser zeigen sollten, ihre Schwåche und Blöse entdecken. Wie es dann
leicht zu beweisen stünde, dass dergleichen jetzo in einem halben Jahrhundert
mehr, als in der ganzen Zeit von Christi Geburt an zu rechnen, heraus gekommen
sind; daraus man mit wenig Müh, und durch die Kunst der Folgen eines Satzes aus
dem andern, wieder so viele besondere Religionen machen könnte. Der ungeheuren
Menge der Streit-Schriften, welche mit der grösten Wut und Schmähsucht
geschrieben sind, nicht einmal zu gedencken.
    In der Rechts-Gelährteit ist dieser Missbrauch des Bücherdruckens auf einen
gleichen Grad gestiegen, doch mit dem glücklichen Unterscheid, dass darin die
verschiedene Meinungen nicht solche Zerrüttungen und Spaltungen im gemeinen
Wesen, als die Religions-Streitigkeiten, nach sich gezogen haben.
    Ob man in den übrigen Teilen der Gelehrsamkeit, durch die Erfindung der
Druckerei, weiter als die Alten, gekommen sei; lässt sich daraus urteilen, indem
wir meistens nur dasjenige wieder aufwärmen, was jene durch ihre
Scharfsinnigkeit ausgedacht und der Nachwelt hinterlassen haben. Wir bedienen
uns bei allem eingebildeten Fortgang der Wissenschaften, doch noch immer dieser
verjahrten Wegweiser; und wenn es einer unter uns im Bücher schreiben sehr weit
gebracht hat; so erlanget er doch daraus erstlich den grösten Ruhm, wenn man ihm
die Ehre erweiset, dass man seine Schriften mit denjenigen der alten Griechen und
Lateiner vergleichet; welche unstreitig die Geschicklichkeit besassen, mit einer
Zeile mehr zu sagen, als wir öfters mit vielen mühsam auf einander gearbeiteten
Worten, nicht auszudrücken vermögen.
 
                          Von dem bürgerlichen Stand.
Unter dem Wort Bürger werden, im allgemeinen Sinn, alle und jede Glieder eines
gemeinen Wesens verstanden; Hier aber ist nur die Rede von einem Bürger, der
sich entweder mit Kaufmannschaft, oder mit einem Handwerck nähret, und in einer
Stadt wohnet.
    Die Kaufmannschaft ist wegen ihrer Nutzbarkeit und Notwendigkeit besonders
hoch zu schätzen; und deswegen auch in allen ihren Freiheiten und
Bequemlichkeiten mit möglichster Sorgfalt zu erhalten: Sie gibt einem Land
Nahrung: Sie erhält darin den nötigen Umlauf des Geldes, und ist das sicherste
Mittel, solches reich und mächtig zu machen.
    Unter allen Lastern, die in einer Republick im Schwang gehen, hat keines
eine glücklichere Bedeutung, als wenn die Kauf-Leute stoltz werden und prächtig
leben; dieses aber verstund vor einiger Zeit ein sicherer Fürst unrecht. Er
hatte verschiedene zur Handlung wohl gelegene Plätze: Es zogen sich viel
Kauf-Leute dahin: Sie erwarben durch ihre Handelschaft und Schiffart grossen
Reichtum.
    Wo Geld ist, da zeigt sich auch Mut: Die Kauf-Leute wurden hoffärtig, sie
lebten wohl; sie taten sich hervor. Der Adel wurde darüber eifersüchtig. Der
Fürst meinte, er wollte die Eitelkeit dieser Leute einschräncken: Ein wenig
Policei hätte solches tun können; allein der Fürst wollte auch dadurch seine
Einkünfte vermehren: Er drückte die Handlung mit neuen Auflagen, er verdoppelte
die Zölle, und belegte alle fremde Waaren mit einer unerträglichen Accis. Der
Umschlag mit den Ausländern hatte ein Ende: Handel und Wandel gerieten dadurch
in Abnahm. Der Kaufmann wurde demutiger, und das Land arm. Der Vertrieb der
einheimischen Manufacturen war verstopfft, das Geld mangelte. Der Fürst wurd es
am ersten gewahr: Seine Einkünfte, die er verbessern wollte, kamen sparsamer
ein. Das Volck klagte: Die Nahrung war gehemmt: Man wollte die Handlung wieder
einführen; allein vergebens; sie war einmal weg, nicht anders, wie ein Flug
Vögel, welchen ein Jäger mit einem Schuss zerstreuet.
    Man muss also der Handlung Freiheit lassen; nur darin muss man sie
einschräncken, dass Treu und Glauben, Wahrheit und Gerechtigkeit dabei
gehandhabet, und dargegen diejenige Missbräuche, welche schädlich sind,
sorgfältigst aus dem Wege geräumet werden.
    Eines der grösten Ubel in der Handlung ist der ausgelassene Frevel der
Banckeruttirer: Diese sind gleichsam heut zu Tage privilegirte Diebe: Sie
stehlen unter dem Schein eines ehrlichen Mannes: Sie machen Figur mit anderer
Leute Geld: Sie erwerben sich Freunde mit dem ungerechten Mammon. Sie sind die
beste Männer; denn sie schencken alles ihren Weibern, wenn sie hernach nicht
weiter können, so geben sie ihren ehrlichen Namen mit samt der Handlung auf. Sie
zahlen niemand; Es heist, sie wären unglücklich gewesen, sie wären um alles
kommen: und leben hernach von dem Vermögen ihrer Frauen eben so gemächlich, als
zuvor.
    O schädliches Recht! das solchergestalt den Grund aller Gerechtigkeit
durchwühlet, und alle ihre Grund-Sätze umstürtzet! man verdammt denjenigen zum
Galgen, der aus Not stiehlet, und ein Banckeruttirer, der tausend wagt,
darunter öfters kaum zehen sein eigen sind; und der für Ubermut nicht weiss, wie
er genug verprassen soll; dem sollten die Gesetze noch zu Hülffe kommen, und ihm
an statt der wohl verdienten Straffe noch gemächliche Tage verschaffen? O
Zeiten! O Sitten!
    Dieses Ubel in der menschlichen Gesellschaft ist wichtiger, als man sich
solches vorstellet. Die Folgen davon sind abscheulich. Wo die Handlung blühen
soll, da muss der Credit, da muss Treu und Glauben unterhalten werden; sonst wird
die Kaufmannschaft ein Handwerck der sogenannten Chevaliers d'industrie, um es
höflich zu geben, da es darauf ankommt, wer den andern am listigsten betrügen
und um das Seinige bringen kann.
    Die Handwercker haben ihre Zünfte; diese sind nicht ohne Nutzen, wenn sie
dadurch Zucht, Ehrbarkeit und gute Ordnungen unter sich erhalten: Ihre Gebräuche
aber müssen nicht närrisch sein, noch andern Menschen zum Nachteil gereichen.
Von dieser Art ist das verkehrte Recht, dessen sich die Handwercks-Leute in
gewissen Städten anmassen, dass man alles bei ihnen müsse arbeiten lassen, dabei
sie ihre Arbeit über den Wert schätzen, sie mag geraten sein, oder nicht.
Dieses ist wider alle Vernuft und Billigkeit. Der Betrug, der Ubermut, und die
Liederlichkeit der Handwercks-Leute wird dadurch genähret. Sie vernachlässigen
darüber ihre Arbeit, und dencken, man müsse ihnen solche doch bezahlen. Man ist
deswegen übel mit diesen Leuten dran: Sie meinen, sie müsten gleichwohl mehr
verwohnen: Es sei kostbar in den Städten zu leben: Sie müsten solches auf ihre
Arbeit schlagen: Allein, welchen Nutzen hat das gemeine Wesen davon, dass solche
Leute nur in den Städten sich aufhalten? Was verbindet sie für ein Gesetze, dass
sie mehr ausgeben und üppiger leben, als die Leute auf dem Lande? Warum soll man
ihnen ihre Arbeit um so viel teurer bezahlen? meint man, die Städte würden
dadurch in Abnahm kommen? Wie! dass die gröste Städte in Europa Nahrung genug
haben, ohne dass man darin den Handwercks-Leuten einen solchen ganz ungereimten
Vorzug verstattet?
 
                             Von dem Bauern-Stand.
Ehedessen war der Feld- und Garten-Bau eine Beschäftigung grosser Leute: Fursten
waren Hirten und Helden pflantzten Bäume. Heut zu Tage ist der Land-Mann die
armseligste unter allen Kreaturen: Die Bauern sind Sclaven, und ihre Knechte
sind von dem Vieh, das sie hüten, kaum noch zu unterscheiden.
    Man kommt auf Dörffer, wo die Kinder halb nackend lauffen, und die
Durchreisende um ein Allmosen anschreien. Die Eltern haben kaum noch einige
Lumpen auf dem Leib, ihre Blöse zu bedecken. Ein Paar magere Küh müssen ihnen
das Feld bauen und auch Milch geben. Ihre Scheuren sind leer, und ihre Hütten
drohen alle Augenblick über einen Hauffen zu fallen: Sie selbst sehen verkahmt
und elend aus; und man würde noch mehr Mitleiden mit ihnen haben, wann nicht ein
wildes und viehisches Ansehen ein so hartes Schicksal an ihnen zu rechtfertigen
schien. Wehe den Fürsten! die durch ihre grausame Tyrannei und durch ihre üble
Hausshaltung den Jammer so vieler Menschen verursachen.
    Der Bauer wird wie das dumme Vieh in aller Unwissenheit erzogen; Er wird
unaufhörlich mit Frohn-Diensten, Boten-Lauffen, Treib-Jagen, Schantzen, Graben
und dergleichen geängstiget: Er muss von Morgen bis Abend die Aecker durchwühlen;
es mag ihn die Hitze brennen, oder die Kälte starr machen. Des Nachts liegt er
im Felde, und wird schier ein Wild, um das Wild zu scheuen, dass es nicht die
Staat plündere: Was dem Wild-Zahn entrissen wird, nimmt hernach ein rauher
Beamter auf Abtrag der noch rückständigen Schoss- und Steuer-Gelder weg.
    Wann nun hier der nicht minder boshafte als gequälte Bauers-Mann, seinem
Herrn etwas unterschlagen und mit List entweden kann, so tut er solches mit dem
besten Hertzen von der Welt; und bildet sich ein, die Gerechtigkeit sei nur ein
ausgedachter Vorteil der Grossen, damit sie alles sich zueignen könten; wenn
ihm also die Furcht der Straffe nicht bang machte, so würden die zehen Gebotte
ihn schwerlich von den gröbsten Missetaten zurück halten.
    Solche traurige Beschaffenheit hat es heutiges Tages mit demjenigen Stande,
der an und vor sich selbst der allerunschuldigste und nützlichste ist. So sehr
aber darin wider alle natürliche Billigkeit gehandelt wird, da man durch eine
unumschränckte Gewalt den grösten Teil der Menschen ins äusserste Elend
stürtzet, so wenig Vorteil entstehet auch daraus dem Staat. Ein armes Land ist
gleich den magern Feld-Gütern, die kaum die Helft so viel Nutzen ihrem Herren
abgeben, als wenn sie in gehörigem Bau unterhalten werden.
    Ein grosser Fürst, dessen Weissheit ihn noch mehr als seine Krone erhoben
hatte, pflegt ehedessen zu sagen: Er hätte weder Mangel an Geld, noch an
Soldaten, so lange seine Bauern noch silberne Knöpffe auf den Kleidern trügen.
Was kann richtiger sein als dieser Schluss? So lang der Untertan etwas im
Vermögen hat, so lang kann er auch sein Hausswesen ordentlich, bestellen, seiner
Nahrung nachgehen, seine Felder mit Nutzen bauen, und von allem die Gebühr
seinem Landes-Herren desto ordentlicher entrichten.
    Versiehet er etwas gegen die Gesetze, so hat er etwas, dass man ihn dafür
bestraffen kann; ohne dass man ihn deswegen darf von seiner Nahrung wegnehmen und
ins Gefängnis sperren; Bedrohet ein feindlicher Einbruch das Land zu verheeren,
so hat er etwas dabei zu verlieren: Er ergreifft selbst die Waffen, um sein
Vatterland, seinen Herren und sein eigen Gut zu vertaidigen. Braucht der Fürst
Geld, so kann er solches bei seinen eigenen Untertanen aufnehmen, und hat nicht
nötig Land und Leute dafür mit hohen Zinsen und grosser Gefahr an seine
Nachbarn zu versetzen. Endlich, hat der Untertan etwas im Vermögen, so kann er
seinen Kindern auch etwas lernen lassen; Er kann auf diese Weise dem Staat
vernünftige Einwohner, getreue Bürger und gute Hausshälter erziehen.
    Diese wichtige Gründe wollen heut zu Tage wenig Fürsten mehr einsehen: sie
plündern ihr eigen Land; sie folgen jener Königin, welche zu sagen pflegte: Der
Bauer sei reich genug, wenn er eine aus Binsen geflochtene Matrazze zum Lager,
und einen groben leinenen Kittel zur Kleidung hätte; weil er sonst als die
boshaftigste von allen Kreaturen nicht zu bändigen wär; allein was richtete sie
damit aus, als dass ihre Bauern endlich den Pflug verliessen, dem Raub und dem
Plündern nachgiengen, und das ganze Land unsicher machten.
    O unselige Fürsten! die ihr euch Helden, Schutz-Engel und Landes-Väter
nennen lasset; seid ihr nicht vielmehr, wann ihr solchen grausamen Regungen
folget, und eurer Untertanen Schweiss und Blut, eurem Ubermut, eurer Wollust,
und eurer Uppigkeit aufopffert: der Bezüchtigung jenes Räubers unterworffen, der
dem Macedonischen Alexander vorwarff, er sei noch ein weit grösserer Räuber, als
er. Solte nicht, wenn ihr ja noch einen GOtt glaubt, die Vorstellung desjenigen
Gerichts euch erschüttern, da nach dem gerechtesten Maas einem jeden soll
vergolten werden, was er hier in dieser Welt gutes und böses getan habt?
    Die Verbesserung eines Staats ist mit nichten so schwer, als man sich solche
einbildet. Ein kluger Regente darf nur vom Mitleiden gerühret werden, so viele
Menschen unter feiner Bottmässigkeit im Elend zu sehen; so ist diese Empfindung
schon genug, ihm gute Ratschläge an die Hand zu geben.
 
                               Von der Religion.
Die Religion ist eine Erkänntnüs von GOtt und göttlichen Dingen. Sie ist der
Grund von aller Glückseligkeit des Menschen; ohne Religion ist kein ehrlicher
Mann, keine Tugend, keine Weissheit, kein wahres Gut; und gleichwohl sollte man
sagen, stifftet die Religion so viel böses: sie stöhret die Eintracht und den
Frieden; sie trennet die Gemüter, sie erreget Hass und Feindschaft, Krieg und
Blutvergiessen; sie macht die Menschen verwirrt, sie erhitzt ihre Einbildung mit
den seltsamsten Vorstellungen; sie entfernet endlich GOtt von uns, und uns von
GOtt. Es gibt also eine gute und auch eine böse Religion. Bei den Verkehrten
ist sie verkehrt, bei den Gerechten aber gerecht.
    Die wahre Religion hat zum Vorwurff die Liebe GOttes, die Reinigkeit unsers
Hertzens, und die Verbesserung unsers Willens: die falsche aber ist ein Werck
unserer eingebildeten Weissheit, und gründet sich auf leere Begriffe und
Meinungen.
    Die Religion ist für alle Menschen: keiner, der Vernunft hat, kann leugnen,
dass ein GOtt sei. Keiner, der eine Empfindung hat, kann das Gute hassen, und das
Böse lieben; keiner, der ein Gefühl hat, kann bei sich den heimlichen Richter
schweigen machen, der ihn bestraffet, wenn er böses tut: keiner, der ein
Verlangen hat, glückselig zu sein, kann sich zurück halten, solche bei demjenigen
Wesen zu suchen, welches der Ursprung von ihm und allen Dingen ist.
    Diese Bilder, diese Regungen hat die Natur unserer Seelen eingedruckt: sie
kann sie nicht von sich ablegen, sie sind ihr immer gegenwärtig, sie leben, sie
regen sich in ihr. Wer nicht davon die Spuren bei sich entdecket, der ist ein
Unmensch. Sie sind der Saamen, woraus die weitere Begriffe der göttlichen Dinge
keimen: sie sind der Grund, worauf auch die geschriebene und offenbahrte
Warheiten in der Religion sich beziehen. Wir können keine andere Begriffe
annehmen, als die damit übereinstimmen: wir können nicht zu gleich etwas glauben
und nicht glauben.
    Die Erkenntnis GOttes ziehet also ihren Ursprung aus der Natur, wie die
Natur ihren Ursprung ziehet aus GOtt: diese Erkenntnüs GOttes aus der Natur aber
wird kräfftig vermehret, und in ein helleres Licht gesetzt, wenn wir GOtt
lieben, und ihn deswegen näher zu erkennen suchen: Hieraus kommt der Glaube,
welcher darin bestehet, dass wir uns der Regierung GOttes und den Einflüssen
seines Geistes gäntzlich überlassen, unser Vertrauen auf ihn setzen, die
Wahrheit des Evangelii für Wahrheit erkennen, Christum zu unserm Heiland
annehmen, und seinen Lehren nachfolgen.
    Dieser Glaube aber ist eine verborgene Wirkung des Geistes: wir können uns
solchen weder geben, noch nehmen, er kommt von oben: sein Ursprung ist ganz
göttlich. Mit zancken und disputiren wird er nicht erlangt: durch blosse
menschliche Vernunft und durch vieles scharffsinnige Nachdencken auch nicht.
GOTT, zeigt dadurch, dass der Glaube nicht ein Werck unsers Verstandes sei. Wie
sehr muss ihm also unser Gezäncke missfallen; da wir also mit einem schwachen
Lichtgen, wie unser Verstand ist, seine Wercke, seine Absichten und seine ganze
Hausshaltung beleuchten, und das allergröste Wesen nach unsern allerkleinsten
Begriffen abmessen wollen. Der Hochmut aber lässt nicht nach, er ist das Gift,
so wir noch aus dem Paradies gebracht haben: es steckt noch in allen
Adams-Kindern. Der Verstand des Menschen ist etwas göttliches: er unterscheidet
ihn von den Tieren: er will deswegen sich mit dieser Gabe vor allen andern
brüsten: man ist auf nichts eifersichtiger: man will, dass andere Menschen diesen
Vorzug an uns erkennen, bewundern, ja gar, wenn wir etwas zu sagen haben, sich
solchem unterwerffen sollen. O toller Aberwitz! wohin verleiten uns noch die
Einbildungen von unserer eigenen Weissheit?
    Man kann also die Menschen wohl mit Gewalt zu den Pflichten der Religion
zwingen, weil sie dem Gesetz der Natur, der Vernunft und dem Wohlstand eines
bürgerlichen Wesens gemäss sind; aber die Begriffe der Religion müssen wir einem
jeden frei lassen. Dann die Menschen selbst sind davon nicht Meister: sie können
nicht dencken und empfinden, wie sie wollen: sie haben darzu nicht alle eine
gleiche Fähigkeit: der eine hat viel, der andere wenig Verstand: der eine hat
deutliche, der andere verwirrte und der dritte gar keine Begriffe, das Gesetz
der Liebe verbindet uns, mit eines jeden Gebrechen und Schwachheiten Gedult zu
haben: warum nicht auch mit den Mängeln des Verstandes?
    Die äusserliche Religion macht keinen Christen: Es kommt darauf an, wer den
Willen GOttes tut, und im Glauben wandelt. Unsere Spaltungen und Zänckereien in
der Kirche sind noch immer Früchte unsers Unglaubens. Der Glaube wircket
Sanftmut, Liebe, Demut, Geduld. Man hasset, man verfolget sich deswegen nicht
einander: man jaget keinen darüber von Haus und Hof. Man spannet niemand darüber
auf die Galeeren und schmeisset auch niemand darüber todt. Mein Reich ist nicht
von dieser Welt / spricht der Heiland. Er braucht darzu keine Legionen, keine
Ross und Reuter, keine Spiese, Schwerdt und Bogen. Sein Reich ist ein geistlich
Reich.
    Die beste Gemeine ist demnach wohl diese: worinn wenig Glaubens-Artickel,
wenig Ceremonien, wenig Streit-Fragen; und dargegen viel Liebe, viel Einfalt und
viel gute Wercke, als Früchte des Glaubens sich finden.
 
                   Von einem beständigen Frieden in Europa.1
Viele Dinge sind nur deswegen in der Welt unmöglich, weil sie die Menschen nicht
möglich machen wollen. Was wäre leichter, als einen allgemeinen Frieden in
Europa aufzurichten? Alleine der Eroberungs-Geist, die Heldensucht, und der
schier mehrenteils müssige Adel hätte nichts mehr zu tun: man brauchte keine
Soldaten mehr, um Länder zu gewinnen, und Städte zu erobern. Die Kronen wären
auf den Häuptern derer, die sie tragen und auf ihren Nachkommen gesichert. Die
freie Staaten blieben freie Staaten, und ein jedes Volck wurde durch seine
eigene Gesetze regieret.
    Man könnte einen allgemeinen Versamlungs-Ort erwählen, und darin einen
beständigen Friedens-Rat von ungefehr vierzig biss fünffzig Friedens-Richter
unterhalten: diese müsten aus allen denjenigen Völckern, die mit in dem
allgemeinen Bündnüs stünden, durch eine vorhergehende Wahl gezogen werden: sie
müsten die vortrefflichsten Männer ihres Landes sein: und mit einer gründlichen
Vernunft und Einsicht, auch eine gründliche Kenntnüs des Natur- und
Völcker-Rechts verbinden: sie müsten eine genaue Wissenschaft der Europäischen
Staaten und ihrer politischen Verfassung besitzen: sie müsten der vornehmsten
Sprachen kündig, insonderheit aber der Lateinischen vollkommen mächtig sein;
weil in derselben alles müste tractiret und ausgefertiget werden; sie müsten vor
allen Dingen das Lob der Redlichkeit und einer unverletzlichen Treue haben.
    Diesen zur allgemeinen Friedens-Versamlung bestimmten Ort müsten die in
Europa sich zusammen verbundene Staaten durch ihre Gesandten beschicken, und
durch sie die Angelegenheiten ihrer Höfe vortragen lassen. Dis Friedens-Richter
hingegen müsten solche mit aller Unparteilichkeit untersuchen, rechtsmässig
erörtern; oder in Ermanglung zulänglicher Urkunden und Beweisen, durch gütliche
Vergleiche schlichten. Diese Entscheidungen der Friedens-Richter müsten nach den
meisten Stimmen gelten, und dadurch ihre völlige Rechts-Krafft erlangen.
    Der Ort hierzu müste gross, wohl erbauet, gesund, wohlgelegen, und mit allen
nötigen Lebens-Mitteln leicht, sicher und wohlfeil zu versehen sein. Auch müste
derselbe in keinem mächtigen Königreich, sondern in einem freien Staat sich
befinden, und zu einem allgemeinen, niemand in der Welt unterworffenen
Friedens-Platz, von den verbundenen Staaten, besonders darzu erkaufft, und
gleichsam der Hof von ganz Europa werden. Das Regiment und die Policei daselbst
könnte, unter der Aufsicht der Friedens-Richter, ein gemeiner Stadt-Magistrat
versehen.
    Wegen dem Rang der Potentaten und Republicken, und daher rührenden Vortritt
der Gesandten, könnte man sich dahin vergleichen: dass man den ältesten, und in
einer ununterbrochenen Abstammung von Königlichem Geblüt besetzten Tronen, wenn
sie zugleich auch die mächtigsten sind, den Rang vor andern, die entweder nicht
so alt, oder nicht so mächtig sind, gestattete: diejenige, welche wohl eben so
alt, aber nicht so mächtig; oder so mächtig und nicht so alt sind, als jene,
behielten zwar mit ihnen gleiches Ansehen und gleiche Hoheit; ihre Gesandten
aber wichen den Gesandten der ersten aus Höfflichkeit, ohne deswegen der Macht
und Würde ihrer eigenen Kronen etwas zu vergeben: diejenige von der ersten
Gattung müsten im Ceremoniel, wo ein Vortritt sich äussern sollte, mit einander
umwechseln; und wo ja ein Gesandter dem andern zufälliger oder vorsetzlicher
Weise vorgehen sollte; so müste doch dadurch dem einen weder etwas genommen, noch
dem andern etwas vergeben werden. In Betrachtung, dass ein vor allemahl die
Gleichheit unter ihnen reguliret wär.
    Die andere Kronen würden des Rangs halber nach obiger Regel leicht zu
vergnügen sein; dann wo die Macht und das Altertum zusammen stehen, da machen
sie auch einen gewissen Vorzug, welchen die andere, denen entweder das eine,
oder das andere mangelt, sich vernünftig bescheiden würden, an ihnen zu
erkennen. Und dieses um so viel ehender, weil sie dadurch an und vor sich selbst
an ihrer Hoheit nicht das mindeste verlieren; in Erwegung dass das ganze
Ceremoniel-Wesen, nachdem einmal eingerichteten Frieden, nur eine Sache des
blosen Wohlstandes und der Ordnung wär.
    Alle und jede Sachen, wie sie bei dieser allgemeinen Friedens-Versammlung
durch Urteil und Recht von den darzu bestimmten Richtern entschieden, und
abgetan würden; müsten ohne allen Widerspruch, für gültig angenommen und
vollzogen werden; Im Verweigerungs-Fall aber, wär eine gewisse
Executions-Ordnung aufzurichten; vermög welcher die Aussprüche der
Friedens-Richter zur Vollziehung müsten gebracht werden: wobei man diejenige für
allgemeine Feinde u. Friedens-Störer zu achten und anzusehen hätte, die sich
dieser einmal beliebten Ordnung mit Frevel, Empörung und Gewalt wiedersetzen
wollten.
    Alle und jede Erbfolgen und Gräntz-Scheidungen, als woraus die meiste Kriege
entstehen, müsten auf eine sichere und beständig fortdauernde Art, mit und unter
allen Staaten vorhero ausgemacht und reguliret werden; also und dergestalt, dass
man vor einem jeden sich ereignenden Sterb-Fall bereits voraus wissen könnte, auf
welche Person oder Stamm-Linie dieses oder jenes Reich, Fürstentum oder Land
fiel. Wie dann zu dem Ende keine Heirat unter den Durchläuchtigen und
regierenden Häussern könnte und müste geschlossen werden; bevor die Erbfolgen der
Staaten und Länder festgesetzt, und davon der Friedens-Versammlung, als von
einer Sache, welche die Erhaltung der gemeinen Ruhe betrifft, die nötige
Eröffnung geschehen sei.
    Die Handelschaft der Völcker in die entlegene Länder: die freie Seefart,
welche sich einige vor den andern anmassen: die Rechte der Zölle, des Stapels,
des Strandes, der Contrebanden und dergleichen, wären auch noch solche Puncten,
die vorher wüsten ausgemacht, und reguliret werden.
    Die Verbindung einiger mächtigen Häusser in Europa könnte dergleichen
Vorschläge möglich machen, sie könten sich dadurch gesamter Hand gegen fremde
Gewalt einander schützen, ihre eigene Staaten u. Provinzen aber in Ruhe
beherrschen.
    Dass im übrigen diese kurtze Vorschläge, welche die Verbesserung des Staats
betreffen, einer weitläufftigern Ausführung bedürffen, ist man nicht in Abrede:
Man müste aber sodann einen gewissen Staat allein zum Vorwurf haben, und die
Zueignung darauf ins besondere richten; GOtt bessere unterdessen die Menschen
und die Zeiten.
                                     ENDE.
 
                                    Fussnoten
1 Diesen Entwurff soll ehedessen der Abbé de S. Pierre in einem Tractat: Projet
pour rendre la paix eternelle, weitläufftig ausgeführet haben.
 
    