
        
                           Johann Gottfried Schnabel
              Der im Irr-Garten der Liebe herum taumelnde Cavalier
                                      Oder
        Reise und Liebes-Geschichte eines vornehmen Deutschen von Adel,
                                Herrn von St.***
   Welcher nach vielen, sowohl auf Reisen, als auch bei anderen Gelegenheiten
verübten Liebes-Excessen, endlich erfahren müssen, wie der Himmel die Sünden der
                     Jugend im Alter zu bestraffen pflegt.
                                        
                Ehedem zusammen getragen durch den Herrn E.v.H.
                                     Vorrede
                                Geneigter Leser!
Diese Vorrede habe ich nicht der Gewohnheit oder der blossen Mode wegen hierher
gesetzt, indem man selten ein Buch bei heutigen Zeiten zum Vorscheine kommen
sieht, dem es an einer Vorrede fehlet, nein! sondern dem geehrten Leser etwas
zu offenbaren, damit derselbe diese Geschichtsbeschreibung nicht etwa mit
argwöhnischen Augen ansehen möge, denn, versichert, man legt ihm mit diesen
Blättern nicht, so wie es nunmehro leider grand mode zu werden beginnet,
curieuse Gedichte, sondern wahrhafte und dennoch curieuse Geschichte vor.
    Ich vor meine Person habe zwar nicht die Ehre gehabt, den Herrn von St.***
oder den in der Geschichtsbeschreibung so genannten Herrn von Elbenstein von
Person zu kennen, allein er ist mir auch sogar von hohen Personen dergestalt
vorgerühmt worden, dass ich ihn in seiner Jugend vor einen der galantesten und
qualifiziertesten Kavaliere, in seinem Alter aber vor einen erfahrnen, frommen,
jedoch unglücklichen Staatsmann zu halten mich vollkommen persuadiert sehe. Mit
dem Herrn E.v.H. hat er in seiner Jugend in der vertraulichsten Freundschaft
gelebt, auch dieselbe nachhero beständig beibehalten, ob sie schon bei
erwachsenen Jahren einander sehr selten zu sehen bekommen. Als der Herr von
St.*** bereits bei Jahren war, die grösste Würde an einem gewissen deutschen
reichsfürstl. Hofe erlanget und sich solchergestalt in einem ziemlich
glückseligen Zustande befand, gab ihm der Herr E.v.H. einsmals eine Visite und
wurde von diesem alten Freunde mit der zärtlichsten Liebe empfangen, auch ganzer
14 Tage aufs beste traktieret; wann sie aber beide, auch wohl öfters bis in die
Nacht, an den fürstlichen Lustbarkeiten teilgenommen, blieben sie hernach
dennoch in einem Zimmer noch eine Zeitlang beisammen und rauchten bei Tee oder
Koffee eine Pfeife Tobak, aus keiner andern Ursache, als einander ihre Aventuren
zu erzählen. Endlich brachte der Herr von St.*** sein in italiänischer Sprache
geschriebenes Diarium nebst vielen untereinander geworfenen Skripturen herbei
und sagte: »Ich wollte 100 Taler drum geben, wenn ich soviel Zeit abmüssigen
könnte, dieses alles in Forme zu bringen, nicht mir ein Gloire aus meinen Sünden
der Jugend zu machen, sondern andern jungen Leuten, sie mögen Adeliche oder
Unadeliche sein, zum Spiegel und zur Warnung, sich vor den Lüsten des Fleisches
zu hüten; denn der Himmel lässt dieselben doch nicht ungestraft, und welches am
schlimmsten, wo nicht hier zeitlich, doch dort ewig. Mich hat dessen Rute zu
verschiedenen Malen sehr heftig gestäupet, allein es ist noch nicht genung, gebt
nur Achtung, mein werter Freund, ob ich mein Leben in diesem vermeinten Glücks-
und Ehrenstande beschliessen oder vorhero nicht noch in vielen Jammer und Not
geraten werde. Jedoch wie Gott will. Ich habe ja schon seit etlichen Jahren her
täglich selbst recht eifrig dieses gebeten: So fahr hie fort und schone dort
etc.«
    Der Herr E.v.H. tröstete ihn dieserhalb und bat ihn, dass er sich doch
dergleichen Gedanken aus dem Sinne schlagen, hergegen bedenken möchte, dass die
göttliche Barmherzigkeit ebensogross als die Gerechtigkeit, mitin die
bussfertigen Sünder gern zu Gnaden annähme und die Strafe zu lindern pflegte.
»Allein, mein Herzensfreund«, redete der Herr E.v.H. weiter, »woferne Ihr kein
Misstrauen in meine Redlichkeit setzet, so vertrauet mir Euer Diarium benebst
Euren andern italiänischen Skripturen an, ich will, weil ich, nachdem meine
Güter verpachtet sind, ohnedem wenig zu tun habe, als mich an Büchern zu
ergötzen, zusehen, ob ich noch soviel Geschicke habe, alles dieses aus dem
Italiänischen ins Deutsche zu übersetzen und nur vorerst soviel als möglich
aneinander zu heften, damit eine ordentliche Geschichtsbeschreibung daraus wird,
welche hernach noch einmal revidiert, auspoliert, sodann ins reine geschrieben
und endlich zum Druck befördert werden kann.« Der Herr von St.*** war sogleich
willig und bereit darzu, versprach auch, wo sich der Herr von H. diese Mühe
geben wollte, nicht allein alles noch Darzugehörige aufzusuchen, sondern ihm von
Zeit zu Zeit nebst diesen allen seine fernerweitigen Aventuren offenherzig
aufzuschreiben und zu übersenden. Bat anbei, dass der Herr von H. die Hauptstücke
von seinen eigenen Aventuren zugleich mit einfliessen lassen möchte, welches
dieser zu tun versprach und, da er sich von dem Herrn von St.*** beurlaubte,
nicht nur dessen Diarium, sondern auch ein ganz Paquet darzugehöriger
geschriebener Sachen mit sich nach Hause nahm. Der Herr von St.*** hat demselben
nachhero, auch da sich schon, wie er sich selber prophezeiet, sein Glücksrad
abermals umgedrehet und ihn in einen beklagenswürdigen Zustand geworfen, sein
Wort redlich gehalten und ihm bis wenige Monate vor seinem Ende alles, was ihm
nachhero begegnet, zu wissen getan. Der Herr von H. ist auch bei müssigen Stunden
recht eifrig bemühet gewesen, diese Geschichte in behörige Ordnung zu bringen,
allein da er nachhero mit einer beschwerlichen und schmerzhaften Wassersucht
befallen worden, welche ihm auch ins Grab befördert, hat er seinen Zweck nicht
erreichen können.
    Endlich sind alle diese Manuskripta mir, dem Ungenannten, in die Hände
geraten, und weil ich mir flattierte, obgleich nicht bei allen Leuten, doch bei
etlichen einigen Dank zu verdienen, wenn ich mich darübermachte, dieselbe nach
meinem wenigen Vermögen ins feine brächte und zum Drucke beförderte, so habe es
getan und lege es einem jeden zur Schaue und Beurteilung dar.
    Es ist zwar heutiges Tages eine schwere Sache, recht nach dem Geschmacke
dieser oder jener zu schreiben; allein dieser oder jener sollen auch wissen, dass
ich mich nicht gar zuviel um ihren Geschmack bei diesem oder jenem bekümmere,
denn es heisset im gemeinen Sprüchworte: Einem jeden vor sein Geld, was ihm
schmeckt. Ob auch gleich dieses Gerichte manchem wegen Zurücklassung allzu
vielerlei Gewürze und anderer Tändeleien nicht allzu schmackhaft vorkommen
möchte, so bin ich doch versichert, dass es sich geniessen lassen und nach rechter
Kauung keinem im Leibe kneipen wird, weswegen man mich denn auch, ob ich schon
kein perfekter à-la-mode-Mund- und Kohlkoch bin, nicht sogleich
unbarmherzigerweise aus der Garküche der deutschen Mundart und Reimkunst
verstossen wolle: als wormit ich hierdurch dienstfreundlich gebeten haben will.
    Wenn ich mich nicht irre oder mir selber nicht zuviel zutraue, so habe ich
ein und anderes in des Herrn E.v.H. Manuskripte, sowohl in Prosa als Ligata, in
etwas reiner Deutsch gebracht, indem dieser Kavalier anfänglich vom Degen,
hernach von der Ökonomie mehr Fait gemacht als von der Feder, Oratorie und
Poesie, aber! dieserwegen fällt seinem Ruhme nichts ab, weil seine Gedanken
dennoch gut gewesen sind, ob er sie gleich nicht allezeit nach seinem Willen
exprimieren können. Ein und anderes, welches mir etwas gar zu frei und
natürlich, dahero anstössig oder, wie es die Singularisten nennen, ärgerlich
geschienen, habe in etwas verändert oder gar weggelassen, verschiedenes aber,
was noch zu verantworten, ist stehengeblieben.
    Man könnte viele Bücher, die seit wenig Jahren herausgekommen sind,
anführen, in welchen weit natürlicher geschrieben worden als in diesem, allein
es wäre unbesonnen, wenn man gleich selbst vom Leder zöge, besser ist's, man
wartet die Attaque ab und wehret sich hernach desto besser.
    Übrigens, weil der Ungenannte so glücklich gewesen, dass seine schon öfters
in Druck herausgegebene Schriften von sehr vielen wohl auf- und angenommen
worden, als versichert er sich bei diesen zwei Teilen der Elbensteinischen
Reise- und Liebes-Geschicht eines gleichen, wünschet allen Wollüstigen vor dem
vergifteten Lasterkonfekt einen so starken Abscheu als den Vernünftigen und
Tugendhaften eine christliche Compassion mit den Schwachen und Ausschweifenden
zu haben, beharret im übrigen unter dem Versprechen, mit nächsten noch andere
parat liegende curieuse Geschichte vollends auszuarbeiten und zu publizieren
    St. Gottard,
    den 1. Jul. 1738.
                        Des geneigten Lesers
                        Dienstergebener
                        Der Ungenannte
 
                                  Erster Teil
Es hat ein geborner von Adel zwei Hauptwege vor sich, durch welche er zu
besondern hohen Ehren gelangen und sich von andern seines Standes ungemein
distinguieren kann, nehmlich den Weg in den Krieg oder den Weg zur Gelehrsamkeit
zu gelangen. Ob man nun schon nicht in Abrede ist, dass sich viele von Adel auf
andere Arten, nehmlich durch Erlernung der Jägerei, Bereuterkunst und
dergleichen in hohe Posten geschwungen, so ist doch sonnenklar, dass die Zahl
derjenigen, welche einen von den erstgemeldten Wegen erwählet und dadurch sehr
hohe Chargen erreicht, der anderen Zahl bei weiten übertrifft.
    Ein gewisser deutscher Kavalier, den wir Gratianum von Elbenstein nennen
wollen, war zwar keine feige Memme, hatte aber mehr Lust zu den Büchern und zur
Feder als zum Degen und andern Gewehr, erwählete derowegen den Weg, sich durch
Gelehrsamkeit emporzuschwingen. Weiln er nun von seiner zarten Jugend an
beständig fleissig studieret, hatte er es so weit gebracht, dass er sehr
frühzeitig auf Universitäten ziehen konnte. Als er nach einigen Jahren von
dannen zurückkam, bezeugten sich seine vornehmen Eltern ungemein vergnügt,
zumalen da sie von vielen Staats- und gelehrten Leuten die Versicherung
erhielten, dass sie ihr Geld nicht übel angeleget, indem der junge Herr Gratianus
von Elbenstein sich nicht allein in der Jurisprudenz, Philosophie, Matesi und
dergleichen, sondern auch in den Nebendingen, als Tanzen, Reiten, Fechten,
Voultoisieren etc., vor andern, die gleich soviel Zeit und wohl mehr Geld als er
verschwendet, ungemein hervorgetan hätte.
    Demnach war sein Herr Vater gesonnen, ihn vors erste an einem gewissen
fürstl. Hofe als Kammerjunker zu engagieren. Da aber der junge Herr von
Elbenstein seinen Herrn Vater vorstellete, was es vor eine vortreffliche und
höchstnötige Sache sei, dass ein junger Kavalier, ehe er Bedienungen bei Hofe
annähme, sich vorhero auf Reisen begäbe, um die Welt sowohl als die Gemüts- und
Lebensarten derer Menschen von verschiedenen Nations kennenzulernen, er auch
ausserdem noch vielmehr andere Bewegungsgründe hinzusetzte, resolvierte sich der
Herr Vater bald, seinen beiden Söhnen eine standesmässige Equipage verfertigen zu
lassen und jedweden einen wohlgespickten Beutel mitzugeben. Da nun dieses alles
parat, willigte er in beider Brüder einstimmiges Begehren, dass sie nehmlich nach
Italien als dem Lustgarten von Europa reisen möchten. Also nahmen beide junge
Kavaliers ihre Tour über Nürnberg, Regensburg, Augspurg, München, Innspruck,
Trient, Castelfranco, Treviso und Mestre nach Venedig, allwo sie den 11. Febr.
1686 anlangeten und das Karneval daselbst abwarteten. Da nun solches zum Ende,
fuhr Gratianus von Elbenstein mit der ordinären Barque nach Padua, sein Bruder
aber, der von Kindheit an Belieben getragen, vom Degen Profession zu machen,
blieb zurück, um mit dem ersten Transport nach Morea als Fähndrich unter des
Obristen Schönfelds Regiment zu gehen. Von Padua begab sich Elbenstein nach N.,
allwo es ihm ungemein wohlgefiel, zumalen da er wegen seiner guten Aufführung
von jedermann wertgehalten wurde, ja er liess sich auch belieben, die ihm von dem
dasigen Fürsten angebotenen Dienste zu akzeptieren. Wie nun seine Charge also
beschaffen war, dass er mit Leuten von verschiedenen Stande umgehen und zu tun
haben musste, also geschahe es, dass er eines Tages mit der Äbtissin des Klosters
St. Stephano zu sprechen berufen ward. Da aber dieselbe mit einer jählingen
Unpässlichkeit befallen worden, so schickte sie zwei von ihren vornehmsten Nonnen
in das Parlatorium, um Elbensteinen von demjenigen ausführliche Nachricht zu
erteilen, was er des Klosters wegen seinem gnädigsten Fürsten vorzutragen
belieben möchte. Die eine von diesen geistlichen Damen nennete sich Marinalba
und die andere Laura. Diese war blasses Angesichts und hatte nebst blauen Augen
einen wohlgestalten Mund und Nase, war aber dabei etwas korpulent, auch war ihr
Humeur nicht halb so lebhaft als der erstern ihres, welche zwar eine Brünette,
dabei aber mit einer angenehmen und liebenswürdigen Gesichtsbildung und
gleichsam blitzenden Augen von der Natur versehen war.
    Inmassen nun die Erfahrung bezeuget, dass zuweilen Fehler und Mängel mehr
avantageux als schädlich sein, also trug sich's auch dieses Mal zu, denn je
weniger der von Elbenstein noch bis dato der italiänischen Sprache mächtig war,
je mehr Gunstbezeugungen genoss er von der angenehmen Marinalba, welche, von der
reizenden Gestalt dieses Kavaliers gleichsam bezaubert und ganz eingenommen zu
sein, durch Gebärden dasjenige zu verstehen zu geben wusste, was sie ihm durch
Worte nicht erklären konnte. Seine gebrochene, halb französische, halb
italiänische und öfters gar deutsche Wörter benahmen ihm bei dieser geistlichen
Venus nichts von der Vollkommenheit, welche er nach ihrer Meinung im Überfluss
besässe, und weil eine anständige Blödigkeit seine verliebten Stellungen
begleitete, ward dieser Dame verliebte Regung immer mehr und mehr vergrössert.
Solchergestalt brachte sie eine ziemliche Zeit alla Grada oder vor dem Gegatter
zu, weilen Laura unter dem Vorwande einiger nötigen Geschäfte sich zeitlich
retiriert hatte, bis man endlich Ave Maria läutete und das Kloster geschlossen
werden sollte, da beide nach wiederholten Liebesbezeugungen voneinander Abschied
nahmen, jene sich nach ihrer Zelle, dieser aber sich zu seinem Fürsten verfügte,
um demselben von der aufgetragenen Kommission nebst Überreichung des von der
ganzen Sache im Kloster gemachten schriftlichen Aufsatzes Relation zu erstatten.
    Des andern Morgens, als Elbenstein noch im Bette lag, hörete er jemanden
ganz sanfte an seine Stubentür anklopfen, da denn bei Eröffnung derselben ihm,
nebst einem Kompliment von der Donna Marinalba, der Castaldo oder Torwärter
ihres Klosters ein Billett und eine Cestella oder Körbgen, welches mit den
delikatesten Confituren angefüllet war, überreichte.
    Es möchte vielleicht den allerwenigsten Lesern daran gelegen sein, wenn man
den Brief in italiänischer Sprache, worinnen er geschrieben, eindrucken liesse,
weswegen man nur die deutsche Übersetzung desselben anhero setzet:
                                  Mein Engel!
Du bist so liebenswürdig, dass ich mit Fug und Rechte dem Verhängnisse, welches
unserer Liebe im Wege stehet, zum Trotze Dich anbete. Jedoch, mein Leben, die
Liebe ist schon mächtig genug, uns aneinanderzuheften. Ja! Du Trost meiner
Seele! Mein Geist ist einzig und allein mit Deiner vollkommenen Gestalt
beschäftiget, und meine Gedanken gehen beständig nur dahin, ihren geliebten
Gegenstand wiederum zu sehen, und wenn ich glauben dörfte, dass Deine Gunst
aufrichtig gegen mich wäre, so wüsste ich nicht, was ich von dem Glücke mehr
fordern sollte, ich würde mich bei diesem Vergnügen vollkommen glücklich nennen
können. Jedoch es mögen Deine Liebkosungen auch nur erdichtet sein, so will ich
Dich doch auf alle Art mit der reinsten Inbrünstigkeit einer unvergleichlichen
Gewogenheit, die so gar auch keine Gegengunst verlanget, wiederzulieben wissen.
Mein Leben! es ist wohl unmöglich, dass, da Du, wie ich nicht zweifele, von
vielen Damen geliebt wirst, unter ihnen nicht eine Venus sich finden sollte,
die mir meinen geliebten Adonis raubte. Lebe wohl, mein Vergnügen, und erinnere
Dich bisweilen
                        Deiner
                                                                      Marinalba.
Elbenstein, der, wie bereits gemeldet, noch allzu unerfahren in der
italiänischen Sprache war, wollte sich nicht unterstehen, schriftlich zu
antworten, liess sich aber durch den Castaldo, welcher gut Französisch verstehen
und reden konnte, nachdem er demselben ein gutes Mancia oder Trinkgeld gegeben,
der verliebten schönen Nonne gehorsamst empfehlen und vermelden, dass er gegen
Mittags, wenn die letzte Messe würde gehalten werden, in der Kirche ihres
Klosters erscheinen und so lange darinnen verbleiben wollte, bis er Erlaubnis
und Befehl erhalten würde, seine mündliche Danksagung vor das überschickte
Présent abzustatten. Sobald Marinalba dieses vernahm, fiel ihr sogleich eine
List bei, auch in dem heiligen und verschlossenen Orte dennoch eine freie
Liebesunterhaltung zu geniessen. Denn weil sie dieses Jahr Sacristana oder
Küsterin war, so konnte sie in der Sakristei unter dem scheinbaren Vorwande, das
Messgeräte in Ordnung zu bringen und zu verwahren, eine Zeitlang daselbst
verbleiben, dahero sie dem Castaldo, welcher in der Ruffianania oder in der
Kupplerkunst ein Meister war, befahl, unter der Messe dem von Elbenstein zu
sagen, dass unter dem Scheine, seine Andacht in der Kirche noch allein zu haben,
er bei einem gewissen Altar, der der Sakristei gegenüber war, verweilen sollte,
da sich denn Gelegenheit finden würde, mit ihm ein Stündgen alleine zu sprechen.
    Der verschlagene Castaldo kam diesem Befehle ganz fleissig nach; denn als er
unsern deutschen Kavalier bei einem Altare, wo eben dasmal keine Messe gelesen
wurde, antraf (weil dieser der römischen Lehre nicht zugetan war), kniete er
sogleich bei dem Stuhle, worinnen Elbenstein sass, nieder, tat, als ob er in
seinem Breviario läs, und richtete unter der Zeit, da er seine Augen immer auf
das Buch gerichtet hielt, seine Kommission aus, wornach er aufstund und
fortging. Da nun der Gottesdienst zum Ende und alles Volk aus der Kirche
gegangen war, kam der Castaldo zu dem von Elbenstein und hinterbrachte ihm, dass
er an die Grada der Sakristei zu kommen belieben möchte, woselbst die
Riverendissima Donna Marinalba ihn sprechen wolle. Der lüsterne Kavalier
versäumete nicht, sich dahin zu begeben, und traf, nachdem der Vorhang
hinweggezogen, seine geistliche Mätresse daselbst ganz alleine an. Mittlerweile
schloss [der] Castaldo alle Kirchentüren zu und liess die beiden Verliebten
alleine beisammen. Wie nun venerische Personen in ihrer Glut mit blossen
verpflichteten Reden und verliebten Mienen allein sich nicht befriedigen können,
sondern den Gliedern des Leibes von der Wollust der Seelen durch entzückendes
Fühlen auch gerne etwas mitgeniessen lassen wollen, welches Verlangen die Liebe
vermittelst sinnreicher und lüstrender Erfindung einer bequemen Gelegenheit zu
erfüllen geschickt ist, also geschahe es auch dieses Mal; denn da zuvor nur der
Augen feurige Blicke und die verliebten Seufzer sich miteinander begattet, so
musste nunmehro auch denen Lippen ein angenehmer Weg, darauf sie die Liebe unter
unzähligen schmachtenden Bemühungen vermittelst wiederholter inbrünstiger Küsse
einander mitteilen möchten, durch dasjenige Fenster geöffnet werden, wodurch man
den geistlichen Damen sonsten nur heilige Sachen mitzuteilen pflegte. Und weil
die Öffnung so gross, dass man gar füglich mit dem Kopfe hineinkommen konnte, so
blieb es nicht allein bei dergleichen verliebter Handlung, sondern der Marinalba
aufgequollene Brust, welche als ein kleiner Ätna die Flammen einer
unumschränkten Liebe kaum annoch verbergen konnte, mussten allerhand kitzelender
Liebkosungen teilhaftig werden. Marinalbens Gegenvergeltung bestund in solchen
ausschweifenden und vorwitzigen Untersuchungen, welche deutlicher zu beschreiben
die Ehrbarkeit nicht gestatten will.
    Unter solchen verliebten Misshandlungen verstrich die Zeit, während welcher
sich diese beiden solcher Freiheit bedienet, die allerorten, geschweige denn an
einem so heiligen Orte, verboten sind. Die Türen wurden wieder geöffnet, welches
das Zeichen war, dass beide hohe Zeit hatten, sich voneinander zu begeben. Als
Elbenstein wieder in seinem Zimmer angelanget, berichtete ihm sein Staffiere
oder Bedienter, dass der Fürst nach ihm fragen lassen, weswegen er sich alsofort
zu demselben begab und sein Ausbleiben von der Tafel damit entschuldigte, dass er
bei einigen sächsischen Offiziers, so aus der Levante gekommen und ihm Nachricht
von seinem Bruder mitgebracht, sich verweilt hätte. Der Fürst war mit dieser
Entschuldigung zufrieden und erteilete ihm hierauf Befehl, morgen mit dem
frühesten nach Battaglia zu dem Marchese Obizzo zu reisen, ihn, den Fürsten, bei
demselben anzumelden, weil er seine Visite auf etliche Tage bei ihm abstatten
wollte. Elbenstein versprach dieser Ordre gehorsamste Folge zu leisten, und nach
genommener Retirade machte er sich zur Reise parat; selbigen Abend aber kam
[der] Castaldo noch einmal und brachte ihm von seiner geliebten Marinalba
folgende Zeilen:
                              Meine andere Seele!
Ihr seid doch anbetungswürdig! Wollt Ihr mir aber gar nicht schreiben? Ei was?
schreibet mir doch! es mag ja so konfus sein, als es will. Wisset Ihr nicht, dass
ich Euer ganz eigen bin? So glaubt doch zum wenigsten, dass Ihr der angenehme
Gegenstand meiner Gedanken seid. Nichts von Euch kann mir missfallen. Ja, ja!
schreibt mir nur, denn Eure Zeilen werden mir ein schöner Regenbogen sein,
welcher alle Wolken meiner Betrübnis vertreiben wird. Nur dieses erinnert Euch
stets, dass unsere Liebeshändel heimlich traktieret werden müssen. Ich
rekommandiere Euch die Verschwiegenheit, nicht dass ich wegen Eurer Klugheit in
Verhehlung unserer Liebe etwa besorgt wäre oder ein Misstrauen hätte, sondern,
was weiss ich's? ich sage nur so, um Euch zu warnen, dass Ihr behutsam sein möget.
Ich halte viel auf meine Reputation, und ein blosser Schatten deucht mir ein
grosser Riese; denn ich gern wollte, dass man von mir jederzeit so spräche als wie
von einer übermenschlichen Person, welche denen Schwachheiten der Liebe nicht
unterworfen wäre. Und gleichwohl, leider! bin ich diesmal entzündet. Ich bin im
Liebesgarne gefangen! Was ist zu tun! Ich hatte mir zwar vorgesetzt, nicht mehr
zu lieben, aber mein Schicksal zwinget mich, Dich, o mein Engel! zu lieben.
    Hierbei lagen noch diese Zeilen:
Wie gross ist meine Lust? Noch grösser als die Welt,
Die Lust, so sich durch Dich bei mir jetzt eingestellt;
Da meine Seele sich beglücket sieht und findet,
Indem sie bloss von Dir in Liebesglut entzündet.
Die ungemeine Liebe, so Elbenstein zu seiner schönen Nonne trug, liess es nicht
zu, ihren Brief unbeantwortet zu lassen, sondern er schrieb ihr in den
verliebtesten Expressionen, soviel als er mit italiänischen Worten
zusammenbringen konnte. Anbei legte er einige lateinische Verse, welche er nach
einer bekannten Melodei aufgesetzt hatte. Sie sind wert, dass man sie mit
hersetzt:
Cor saxeum probavi hactenus
Ac glacie frigidiorem mentem;
Nunc autem nunc, eheu! non amplius
Persentio amoris vim ardentem
Impugnat me jam formosissima
Angelica.
Nach der deutschen Reim-Art möchte dieses soviel bedeuten:
Mein Herz war sonst den härtsten Felsen gleich,
Auf welchen nichts als Eis und Schnee zu finden.
Jedoch nunmehr wird es nur allzuweich,
Es fühlet nun ein brennendes Entzünden,
Ein Engelsbild, aus dem die Schönheit blitzt,
bekämpft es jetzt.
Angelica! ad quas angustias
Me redigit nunc tua lux augusta?
Ah! retrahe has stellas lucidas,
Iam radiis mens tuis est combusta,
Agnoscite Victricem, anima
Angelica!
Mein Engelkind! In was vor trübe Nacht
Zieht mich dein wunderschönes Licht und Leben.
Halt ein! Die Glut hat mich fast umgebracht.
Ich will dir williglich gewonnen geben,
Du hast gesiegt! Ich will es gern gestehn,
lass mich nur gehn.
Sed fugem cur ardenter appeto?
Ignotum hoc est adhuc pugnae genus,
Non fugio, si succumbuero,
Me vinciet, me vincet Alma Venus,
Et vulnera, quae dat Angelica,
sunt oscula.
Jedoch, mein Herz! was willst du rückwärts gehen?
Du kennst noch nicht die Art von diesem Kriege,
Drum weiche nicht, du wirst entzücket sehn,
Wie du besiegt, vergnügt wirst bei dem Siege.
Hier wird, wenn man sich gleich zum Kriege rüst',
sehr oft geküsst.
Darauffolgenden Morgens trat Elbenstein seine Reise nach Battaglia an, um seinen
durchl. gnädigsten Herrn bei dem Marchese anzumelden. Es war aber um die Zeit
der Weinlese oder, wie es die Italiäner nennen, al tempo dell üve, da es sich
denn fügte, dass, als er ohngefähr acht italiänische Meilen geritten war, er an
ein überaus schönes Schloss kam, bei welchen ein vortrefflicher Weinberg lag,
allwo die reifen Trauben abgelesen wurden. Er bekam Appetit, etwas von solchen
delikaten Früchten zu kosten, weswegen er seinen Diener befahl, abzusteigen und
sich gegen Bezahlung einige derselben von dem Winzer geben zu lassen. Der Diener
berichtete bei seiner Zurückkunft, dass eine junge, schöne und ansehnliche Dame
sich in dem Lustause befunden, welche Elbensteinen durch ein Perspektiv
betrachtet, und sobald sie von ihm, dem Diener, vernommen, dass derjenige, so die
Trauben verlangete, ein Kavalier des Fürsten von N. wäre, hätte sie sich
selber die Mühe gegeben, die besten abzuschneiden und dieselben nebst den
auserlesensten Aprikosen in eine Schüssel zu legen. Unter der Zeit aber, da sie
den Winzer auf die Seite geschafft, hätte sie eine Bleifeder aus der Ficke
gezogen und einige Zeilen auf ein Blättgen Papier geschrieben und ihn, den
Diener, gebeten, solches nebst den Früchten und einem ergebensten Kompliment von
ihrer Person seinem Herrn zu überbringen. Elbenstein war nicht halb so lüstern,
die schönen Früchte zu kosten, als den Inhalt des Billetts zu wissen, fand also
selbiges folgendermassen gesetzt:
    Die Früchte sind glücklicher als ich, weil sie von den süssen Lippen eines
schon längsten in geheim von mir angebeteten Kavaliers sollen berührt werden.
Die andere Woche werde ich nach Ariqua kommen, allwo ich hoffe, das Glück zu
geniessen, mich mit seiner höchst verlangten Gegenwart beseligt zu sehen. Reise
glücklich, Du angenehmer Trost meiner Seelen! Im Gastofe zum Lämmgen, daselbst
wirst Du eine Person antreffen, welche Dir Gelegenheit zeigen kann, mein
verliebtes Verlangen zu stillen.
    Diese verliebte Dame stammete von einem fürstlichen Hause derer von Carrara
her, welcher Vorfahren Fürsten zu Padua gewesen. Nach dem fatalen Ende aber des
Fürsten Andreae Caranensis war diese durchl. Familie dermassen in Verfall dessen
Hoheit, Macht und Güter geraten, dass die zu damaligen, Elbensteins, Zeiten
annoch lebende Nachkommen sich kaum als mittelmässige von Adel aufführen konnten.
Obgedachte Verfasserin des Billetts war an einen tyrolischen Baron von K.
vermählt, welcher seine vorherige hochschwangere Gemahlin bei einer an dem
Inn-Strom vorgenommenen Promenade wegen eines auf sie gelegten Verdachts in den
Strom gestürzt, wo es am tiefsten gewesen, so dass sie, ehe ihr jemand zu Hülfe
kommen können, jämmerlich ertrinken müssen. Um aber nun der Rache seiner
Schwäger und übrigen Anverwandten zu entgehen, hatte sich der Baron von K. nach
Italien unter die Protektion der durchl. Republik Venedig salviert, die schon
zum voraus auf seine tyrolischen Güter erborgten 50000 Reichstaler zu Erkaufung
dieses Schlosses nebst andern darzu gehörigen austräglichen Pertinenzstücken
angelegt und sich nachhero mit dieser Dame von Carrara vermählet. Ohngeacht nun
dass dieses Paar Eheleute einander an Jahren sehr ungleich waren, indem der Baron
schon 50, sie aber kaum 20 zählete, so wusste doch diese schlaue Dame, in
Betrachtung des wenigen zu ihm gebrachten Vermögens, ihn dergestalt zu
karessieren, dass er nicht den geringsten üblen Verdacht auf sie legte, sondern
ihr alles Gutes zutrauete, überhaupt an ihrer Treue gar keinen Zweifel trug. Und
eben dieserwegen vergönnete er ihr weit mehr Freiheit, als sonsten
ordentlicherweise andere italiänische Dames zu geniessen haben. Ja, sein
Vertrauen war dergestalt gross, dass er ihr vergönnete, ohne seine Gesellschaft zu
ihren Anverwandten und guten Freunden über Land zu reisen. Bei so gestalten
Sachen hatte sie die Gelegenheit, als sie ihre Frau Schwester, die von St.
Piedro Campo zu Venedig, besuchte, den von Elbenstein zu sehen, welcher mit
seinem Fürsten um die Jahrszeit, da sich der venetianische Doge mit dem
Adriatischen Meere zu vermählen pflegt, dahin gekommen war. Sie warf
augenblicklich eine ungemeine Liebe auf diesen Kavalier, jedoch ohngeacht sie
oft in Opern und Assembléen einander begegnet, er ihre Leidenschaft nicht
merkte, sie aber ihm selbige zu entdecken keine bequeme Gelegenheit hatte, über
dieses keine Person wusste, der sie ihr Anliegen sicher vertrauen konnte, so
musste die verliebte Dame ohne Erfüllung ihres Verlangens vor diesesmal mit
trockenen Munde nach Hause reisen.
    Jedennoch vermehrete sich bei ihr die Liebe und Sehnsucht nach diesem
Kavalier dergestalt, dass sie endlich auf die List geriet, eine Krankheit
vorzugeben und bei einem berühmten Medico in derselben Stadt, wo Elbensteins
Fürst residierte, sich in die Kur zu begeben, sich auch dieserwegen daselbst ein
besonderes Haus zu mieten. Ehe aber diese Anschläge zu Werke gerichtet wurden,
fügte es sich, wie schon oben gemeldet, dass sie ihren geliebten Kavalier
unverhofft zu sehen bekam und demselben einen Ort anweisen konnte, allwo sie
sich beide vollkommen miteinander zu ergötzen die bequemste Gelegenheit hätten.
    Der über eine neue Amour höchst erfreute Elbenstein säumete sich nicht, sein
Devoir zu observieren, sondern stieg vom Pferde, ging hinter ein kleines
Gepüsche und schrieb ebenfalls mit Bleistift der Dame ein kleines Billettgen
zurück, worinnen er versicherte, dass er mit dem allergrössten Vergnügen ihrer
Ordre parieren und sich um bestimmte Zeit in Ariqua zu ihren Füssen werfen
wollte. Der geschickte Diener war bei Zurückbringung der Schüssel und Abstattung
des gehorsamsten Danks von seinem Herrn so glücklich, der Dame das Billettgen
unvermerkt in die Hand zu stecken. Diese befahl, dass man dem Diener alle seine
Ficken voll Früchte stecken sollte. Weil nun dieser Kerl, etwas lustiges Gemüts
war, liefen alle ihre Bedienten hinter ihm her, mittlerweile bekam die Dame
Zeit, Elbensteins Antwort zu lesen, worüber sie in höchstes Vergnügen gesetzt
wurde. Endlich, da die lustigen Geister wieder zurückkamen, befahl die Dame, dass
sie im Hause bleiben sollten, sie aber ging mit dem Diener etliche Schritt in
einer Galerie fort, riss eine schöne Aprikose ab, tat einen einzigen Biss darein,
wickelte hernach dieselbe in ein reines Papier und sagte: »Da! bringt diese
Eurem Herrn, nebst meinem Herzen, und wo Ihr getreu seid, soll es Euer Schade
nicht sein.« Hiermit drehete sie sich ganz unpassioniert um, der Diener machte
seinen Reverenz und kehrte zu seinem Herrn, beide setzten sich zu Pferde und
ritten ihres Weges.
    Wenn aber Elbensteins Magen gleich bis unter das Kinn angefüllet gewesen
wäre, so hätte er sich doch nicht entbrechen können, diese angebissene Aprikose
annoch zu essen, ja sie schmeckte ihm dermassen delikat, dass er sich nicht
entsinnen konnte, zeitlebens dergleichen Leckerbissen gegessen zu haben. Bei
Vorbeipassierung des Schlosses hatte er das Glück und Vergnügen, seine neue
Amasiam im Fenster gucken zu sehen, der er nebst einer charmanten Miene ein
obligantes Kompliment machte, nachhero aber seinem Pferde die Sporen gab und zu
rechter Zeit in Battaglia angelangete, allwo er sich sogleich durch den
Oberhofmeister bei dem Marchese melden liess, auch bald hernach in einem von vier
Bedienten des Marchese begleiteten Wagen nach Hofe abgeholet und nach abgelegter
Kommission mit zur fürstlichen Tafel gezogen ward.
    Indem nun der Marchese über die Visite des Fürsten in ein besonderes
Vergnügen gesetzt war, so liess er Anstalten machen, demselben auf zwei
italiänische Meilen entgegenzufahren und ihn aufs prächtigste zu bewillkommen.
    Man hält es nicht vor ratsam, die Magnifizenz, Kostbarkeiten, herrliche
Traktamenten und andere Divertissements, als Opern, Bälle und dergleichen, so
bei dieser durchlauchten Versammlung passieren, ausführlich zu beschreiben,
weilen dieses viel zu weitläuftig fallen würde, sondern nur zu melden, dass,
nachdem sich beiderseits Fürsten eine ganze Woche hindurch zu Battaglia ergötzet
hatten, sie von dem Prälaten eines fünf italiänische Meilen davon gelegenen
reichen Benediktiner-Klosters (allwo ein Brunnen war, dessen Wasser wie Milch
schmecken soll) auf etliche Tage eingeladen wurden, um sich mit Jagen und
Fischen zu belustigen. Beide fürstliche Personen begaben sich also, jedoch nur
mit einer kleinen Suite, dahin, um dem geistlichen Herrn nicht allzu viele
Ungelegenheit zu verursachen, wannenhero Elbenstein desto leichter Erlaubnis
erhielt, auf fünf Tage nach Padua zu reisen, indem er vorgab, dass er daselbst
etliche aus Morea gekommene Offiziere besuchen und ihnen, weil sie von daraus
nach Deutschland zu reisen gesonnen, einige Galanteriewaren und italiänische
Raritäten an seine Eltern und gute Freunde zu überbringen, mitgeben wollte.
    Als er aber nur eine halbe Stunde weit von Battaglia hinweg war, wandte er
sich gänzlich von der Strasse, so nach Padua geht, ab und gelangete, da es schon
dämmrich war, zu Ariqua in dem bedeuteten Gastofe zum Lämmgen an. Hieselbst
liess er sich ein eigenes Zimmer geben und bat, die Abendmahlzeit bald fertig zu
machen, da denn mittlerweile, als der Wirt darzu Anstalt machte, eine betagte
Frau in sein Zimmer kam, unter dem Vorwande, das in der Alkove stehende Bette
weiss zu überziehen. Diese Alte fragte ihn alsobald, ob er nicht der Kavalier
wäre, welcher in vergangener Woche bei dem Schloss N.N. vorbeigeritten und sich
am Weinberge mit Trauben und andern Früchten delektiert hätte. »Ja!« sagte
Elbenstein, »der bin ich. Die Früchte delektierten mich ungemein, jedoch lange
nicht so sehr als der Anblick einer wunderschönen Dame, die ich im Vorbeireiten
aus einem Fenster des Schlosses gucken sah.« Hierauf meldete die alte Ruffiana,
dass eben diese wunderschöne Dame schon gestern in Ariqua eingetroffen wäre und
sich in das allernächste Haus bei diesem Gastofe einlogiert hätte. Ihr, der
Alten, als welche ehedem in ihrer Eltern Diensten gewesen, hätte sie seine
Person sehr genau beschrieben und dabei befohlen, ihn bei Nachtszeit zu ihr zu
führen, weil sie verschiedenes mit ihm zu sprechen hätte. Elbenstein machte
allerhand Einwürfe, wie nehmlich dieser Besuch bei nächtlicher Weile eine
gefährliche Sache sei. Was würde nicht der Wirt denken, wenn er als ein Fremder
so späte aus dem Hause ginge? Über dieses wisse er nicht, was ihm als einem
Ausländer, der hier ganz und gar nicht bekannt wäre, etwa vor Gefährlichkeiten
aufstossen könnten. Allein, alle diese Schwürigkeiten und Vorstellungen wurden
gleich gehoben, da ihm die Alte einen Schlüssel zeigte, vermittelst dessen in
den Garten, welcher an sein Zimmer stiess, zu gelangen wäre; nebst diesen zeigte
sie einen andern Schlüssel, mit welchen sie die Hintertür des Hauses eröffnen
könnte, worinnen die Dame wohnete. Hiernächst riet ihm die Alte, dass er sich bei
dem Essen müde stellen sollte, damit sich der Wirt desto eher bei ihm
beurlaubte, da sie sich denn zu gehöriger Zeit einfinden und ihn an denjenigen
Ort führen wollte, wo er den Überfluss alles Vergnügens antreffen würde.
    Wer gern tanzt, dem ist leichte gepfiffen, pflegt man in gemeinem
Sprichworte zu reden. Es war ohnedem Elbensteins Sache nicht, diese schöne
Gelegenheit auszuschlagen, und wenn er sich auch gleich darbei einiger Gefahr
exponieren müssen. Derowegen versprach er der Alten, nebst Darreichung eines
Goldstücks, sich auf ihre Klugheit und weise Führung zu verlassen, worauf sich
denn diese sogleich in die Küche begab und vorstellete, dass der Kavalier, als
ein deutscher hungriger Wolf, bald zu essen und bald hernach zu schlafen
verlangte. Der Wirt verabsäumete nicht, ihn bald zu befriedigen, brachte demnach
erstlich die Speisen, welche Elbenstein, als ein junger 22 jähriger Mensch,
nebst einer guten Bouteille Massiniziererweine sich wohl schmecken liess. Der
Wirt war zwar curieus zu wissen, wes Standes er und was seine Verrichtung etwa
dieses Orts wäre, allein er gab sich bloss vor einen Passagier aus, der, um
Welschland zu sehen, von einem Orte zum andern reisete und sich, wo es ihm
gefiele, zwei, drei oder auch wohl mehr Tage aufhielte; wie er denn seinem
Diener auch schon so gestimmt, um auf einerlei Rede zu bleiben. Hierauf gab der
Wirt zu vernehmen, dass, obgleich dieser Ort nicht allzugross und volkreich,
dennoch selbiger von langen Jahren her berühmt und in der Historie deswegen
bekannt wäre, weil vor alters der berühmte Poet damaliger Zeit, Franciscus
Petrarcha, daselbst gewohnt und unter andern sinnreichen Gedichten und Schriften
auch viele Verse auf seine geliebte Laura gemacht. Das Haus, worinnen er
gewohnet, stünde noch, und die Katze, welche seine Schriften vor den alles
zernagenden Ratten und Mäusen verwahret, wäre noch über der Tür seiner
Studierstube einbalsamiert zu sehen.
    Elbenstein bezeugte demnach dieser und anderer Kuriositäten wegen, welche
ihm von dem Wirte in aller Kürze hererzählet wurden, ein Verlangen, einige Tage
dazubleiben und sich in diesem Städtgen und dessen angenehmen Revier recht
umzusehen; weil er sich aber vor dieses Mal nach eingenommener Mahlzeit ganz
schläfrig anstellete, als liess der Wirt die Speisen abtragen und wünschte ihm
eine geruhige Nacht. Unter währenden Speisen hatte die alte Ruffiana der Dame
die Ankunft ihres geliebten Kavaliers gemeldet, kam also etwa eine Stunde nach
des Wirts Retirade zu ihm hinauf und brachte zur Nachricht, dass die Dame sich
über sein Dasein ungemein erfreute und das Vergnügen zu haben verhoffte, ihn
diese Nacht um zwei Uhr (welches nach unserer gewöhnlichen deutschen Uhr um zehn
ist) bei sich zu sehen. Da nun Elbenstein versicherte, dass es an ihm nicht
ermangeln sollte, ihr seine Aufwartung zu machen, versprach die Alte, ihn zu
bestimmter Zeit abzurufen, mittlerweile sie nur die übrigen Gäste bei
Abwesenheit des Wirts und der Wirtin, als welche beide sich sehr zeitig zu Bette
zu legen pflegten, behörig zu akkommodieren und ebenfalls zu Bette zu schaffen
bemühet sein wollte.
    Ob nun schon Elbenstein von der Reise in etwas ermüdet war, so beschloss er
dennoch, die zwei Stunden, so er ohngefähr noch auf sein Vergnügen zu hoffen
hatte, mit wachenden Augen zuzubringen, um der Dame nicht als ein verschlossener
Düstelkopf entgegenzukommen. Allein da er kaum eine Viertelstunde im
Schlafstuhle gesessen und sich den bevorstehenden Zeitvertreib gar zu angenehm
vorgestellt hatte, fielen ihm die von der scharfen Luft ermüdeten Augen ganz
ohngefähr zu, weswegen ihn denn die alte Ruffiana kurz zuvor, ehe die Glocke
zwei Uhr anzeigte, im sanften Schlafe antraf. »Oh!« sagte sie, »was will daraus
werden, mein Herr, wenn Ihr ein so grosser Liebhaber des Schlafs seid?« »Kehret
Euch an nichts«, sagte Elbenstein, »nun habe ich schon vollkommen ausgeschlafen
und will mit einem jeden, wer es auch sei, drei Tage und drei Nacht um die Wette
wachen.« Die Alte lachte über ihren besten Zahn, ermahnete ihn aber, sich nicht
lange zu säumen, weswegen er seinen Hut und Seitengewehr nahm und sich von ihr,
weil sie eine kleine Blendlaterne in Händen hatte, durch den Garten in das
nächstgelegene Haus führen liess. Die Alte hielt sich, nachdem sie die Tür eines
Zimmers eröffnet, welches durch nicht mehr als zwei auf dem Boden stehende
Wachslichter erleuchtet wurde, nicht lange auf, sondern nahm ihren Rückweg und
schloss die Türe ab. Elbenstein ging etlichemal im Zimmer auf und nieder, da aber
keine lebendige Kreatur zum Vorscheine kommen wollte, wurde er stutzig und blieb
mitten im Zimmer stehen. Endlich öffneten sich die Tapeten, und es kam etwas
Lebendiges herausgetreten, welches er auf den ersten Anblick vor nichts anders
als vor einen Geist hielt, denn ausser der Gestalt eines verhülleten
Menschenkopfs hatte es von oben bis untennaus einerlei Taille, und zwar ganz
weiss bekleidet. Es fehlete nicht viel, dass er nicht ausrief: Alle guten
Geister!, denn sein Erschrecken war ungemein gross, zumalen da dieser Geist auf
ihn zugegangen kam. Er tat etliche Schritte zurücke und griff in der Angst nach
seinem Degen; indem rief dieser eingebildete Geist: »Halt, mein Herr! ich bin
Euch nicht gefährlich, sondern wollte nur Eure Courage probieren.« Unter diesen
Worten fiel der Schleier vom Haupte, und da erkannte Elbenstein erstlich seine
Geliebte Baronne von K., welche sich alsobald näherte und ihn, der fast am
ganzen Leibe zitterte, aufs zärtlichste umarmete. Ohngeacht er nun fühlen
konnte, dass dieser Geist, welcher sich mit den allerzärtesten einfachen
Leinwandskleide überdeckt, Fleisch und Beine hatte, so konnte er seine
Alteration dennoch nicht sogleich verwinden, bis endlich die Baronne einen
langen seidenen Schlafrock überhing und ihn bei der Hand in ein Nebenzimmer
führete, allwo auf zweien Tischen die herrlichsten Weine und Confituren parat
stunden. Es waren keine Bedienten zugegen, derowegen gab sich die Baronne
selber die Mühe, den bestürzten Elbenstein aufs eifrigste zu bedienen, welcher
sich denn auch von seinem gehabten Schrecken gar bald wieder erholete.
    Sobald er einen ziemlichen Pokal auf dero Gesundheit ausgeleeret und sie
ebensoviel Bescheid getan, waren ihre ersten Worte: »Nun habe ich Euch, mein
Engel! noch 1000mal lieber als vorhero, da ich sehe, dass Ihr das Herze habt,
Euren Degen gegen ein Gespenst oder einen Geist zu ziehen, denn ich kann Euch
versichern, dass ich keinen Kavalier ästimiere, der nicht resolut ist, und wenn
er auch ein englisches Gesicht hätte und im Leibe noch so wohl gewachsen wäre.
Zwar weiss ich mich wohl zu bescheiden, dass auch wohl der resoluteste Kavalier
vor einem Gespenste mehr Furcht zu bezeugen pflegt als vor etliche 1000
anrückenden Feinden, allein ich bin, wie gesagt, mit Eurer Aufführung vollkommen
zufrieden.« Bei Endigung dieser Worte setzte sie sich von selbst auf Elbensteins
Schoss und zählete ihm unzählige Küsse zu, welche er nicht unvergolten liess. Ja,
der Schrecken verschwand hierdurch dergestalt bei ihm, dass er sie bat, den ihr
vielleicht selbst unbequemen dicken seidenen Schlafrock abzulegen und sich ihm
viel vieler in der vorigen Gestalt eines anbetungswürdigen Geistes zu zeigen.
Die Baronesse liess sich hierzu sogleich willig finden, und ohngeacht die
Leinwand ohnedem zart und durchsichtig genung war, so war doch dieses Kleid auch
also beschaffen, dass es von allen Seiten mit leichter Mühe voneinander getan
werden konnte. Sie vertrieben demnach einander die Zeit bei dem delikaten Weine
und Konfekt mit den allerfreundlichsten Diskursen über eine gute Stunde lang, um
aber die Hauptsache, warum sie ihn hatte zu sich kommen lassen, auszumachen,
führete sie ihn noch in ein anderes Zimmer, allwo beide bessere Bequemlichkeit
haben konnten, da denn nach vielen Streitigkeiten, pro & contra, endlich ein
süsser Schlaf beiden die Augen zudrückte, worinnen sie jedoch gar bald gestöret
wurden, indem die alte Ruffiana kam und vermeldete, dass der Tag bereits
anbrechen wolle, weswegen Elbenstein nicht verabsäumen möchte, sich in sein
Quartier zu begeben.
    Die Baronesse eröffnete ihm demnach nur noch einmal in aller Kürze ihre
Gedanken, welche er nach seiner bereits erschöpften Überlegungskraft dennoch zu
ihrem Vergnügen beurteilte und, auf ihr inständiges Bitten, folgenden Abend um
eben die Zeit wiederzukommen versprach, um die Hauptsache weiter zu traktieren.
    Elbensteinen waren diese Prozessgrillen dergestalt in den Kopf gestiegen, dass
er, nachdem er in sein Logis gekommen, keinen bessern Rat zu erfinden wusste, als
sich in sein Bette zu legen und noch einige Stunden zu schlafen, welches er denn
so lange tat, bis sein Bedienter drei Stunden nach Aufgang der Sonnen ihn
aufweckte und unter währenden Ankleiden vermeldete, dass in verwichener Nacht
drei Kutschen mit Dames und Kavaliers angekommen wären, welche ihre in der Nähe
daherum liegenden Weinberge wollten lesen lassen. Dieselben hätten gleich mit
anbrechenden Tage einige ihrer Bedienten fortgeschickt, um in denen dabei
befindlichen Lustäusern zum bequemen Aufentalt alles zu veranstalten,
mittlerweile sich die Herrschaften vielleicht noch ein paar Tage und Nächte in
diesem Gastofe aufhalten dürften.
    Es machte sich Elbenstein hierüber keine besondere Gedanken, nachdem er aber
seinen Diener ausgeschickt, ihm ein und anderes, dessen er benötigt war,
einzukaufen, kam die alte Ruffiana und brachte von der Baronne von K. einen mit
verschiedenen gebakkenen Sachen und Confituren angefülleten verdeckten Korb
nebst einer vortrefflichen, annoch sehr warmen Mandelsuppe. Er nahm sich ein
Bedenken, von dieser letztern etwas zu geniessen, weil er sich eines gefährlichen
Betrugs dabei befürchtete. Die alte Ruffiana merkte seine Furcht, schöpfte sich
derowegen einen Teller voll und speisete davon mit grössten Appetite, weswegen
ihm aller Argwohn verging und er also die Supp auf die Gesundheit seiner
geliebten Baronne ganz ausass. Nachdem er nun der Alten im Danksagungskompliment
an dieselbe aufgetragen und befohlen, ihm seine Speisen nicht eher als etwa eine
Stunde über Mittag von dem Wirte bringen zu lassen, spazierete er in den Garten,
um seinen verliebten Gedanken und Erinnerung alles desjenigen, was ihm bishero
passieret war, desto ohngestörter nachzuhängen. Er setzte sich demnach in eine,
wiewohl nicht eben allzugut angelegte Grotte, denn die Natur zeigte zwar allhier
einem Künstler die allerschönste Gelegenheit, ein Meisterstück zu machen, allein
entweder war der Wirt kein besonderer Liebhaber von dergleichen, oder es mochte
ihm vielleicht an Mitteln fehlen, ein kostbares Grottenwerk anlegen zu lassen.
Unterdessen betrachtete Elbenstein erstlich die Wunder der Natur und wie das
allerklärste Wasser bald hier, bald dort aus den Felsenlöchern heraussprützete,
hernach setzte er sich in einen von Moos zugerichteten Schlafstuhl, worinnen
zwei Personen gar kommode nebeneinander sitzen konnten. Er wünschte schon
wieder, seine geliebte Baronne an diesem angenehmen Orte bei sich zu haben, weil
aber dieser Wunsch vergebens, so verfiel er in tiefe Gedanken, aus welchen er
sich erstlich nach Verlauf einer guten Stunde ermunterte und ihm nicht anders
zumute war, als ob er geschlafen und geträumet hätte. Da es ihm aber etwas gar
zu kühle zu werden begonnte, machte er sich wieder aus der Grotte heraus an die
Sonne und ging im Garten auf und ab spazieren, da er denn gewahr wurde, dass die
fremden Kavaliers und Dames über seinen Zimmer logierten, derowegen begab er
sich aus dem Garten heraus, ging nach dem Stalle, wo seine Pferde stunden, im
Rückkehren aber bemerkte er in einem andern Zimmer durch die Fensterscheiben
noch mehrere Dames, konnte jedoch nicht sehen, ob sie schön oder hässlich wären,
weil sie ihre Gesichter mit Florkappen bedeckt hatten; wiewohl er sich auch
hierum wenig bekümmerte, indem ihm das Bildnis der charmanten Baronne von K.
beständig vor Augen schwebte.
    Er begab sich wieder nach seinem Zimmer und brachte die Zeit mit allerhand
Gedanken zu, bis endlich der Wirt nebst der Alten ihm die Mahlzeit auftrugen.
Der erstere erzählete, wie einige Kavaliers und Dames begierig zu wissen gewesen
wären, wer doch der Herr sein möchte, welcher im Garten spazierengegangen, ja
die eine Dame hätte ihn, den Wirt, auf die Seite gezogen und ihm einen Zechin
geboten, wenn er ihr den Namen dieses Kavaliers und den Ort, wo er sich
ordentlich aufzuhalten pflegte, sagen wollte; allein er habe hoch beteuret, dass
er ihre Kuriosität nicht vergnügen könnte, weil sich dieser Kavalier weiter vor
nichts als einen Reisenden ausgäbe, der sich an diesem oder jenem Orte, wo es
ihm gefiele, zuweilen ein oder etliche Tage aufzuhalten pflegte. »Mein Herr!«
sagte hierauf Elbenstein, »Er hat recht geantwortet; damit Er aber nicht Schaden
leide, so verehre ich Ihm hiermit zwei Zechins mit Bitte, dass Er jetzo gleich
nach der Mahlzeit auf ein paar Stündgen mit [mir] spazierengehen möchte, um
[mir] die selbiges Orts befindlichen Merkwürdigkeiten zu zeigen.« Der Wirt
stellete sich nunmehro nach abgelegter schuldigen Danksagung vor das empfangene
Geschenk noch einmal so dienstfertig und versprach, Elbensteins Befehlen in
allen Stücken zu gehorsamen. Dieser liess sich die Mahlzeit wohl schmecken,
ingleichen den trefflichen Wein, den man in selbiger Gegend um billigen Preis
haben konnte, und begab sich nachhero mit dem Wirte auf den Spazierweg. Dieser
führete ihn vor allererst zu des in seinem Leben sehr berühmt gewesenen
Francisci Petrarchae Hause, welches er sehr schlecht und nicht viel besser als
ein gemeines Bauernhaus befand, doch dem berühmten Manne zu Ehren besah er alle
Winkel desselben und setzte sich endlich, um ein wenig auszuruhen, auf der
Stelle nieder, wo der Sage nach Petrarcha vor diesen seine Schlafstätte gehabt
hätte. Er bemerkte über der Tür nicht nur obgemeldte Katze, sondern auch
folgende Buchstaben: Francisc. Petrarcha, Aret. Florent. nat MCCCIV. d. XX. Jul.
denat. Florent. MCCCLXXIV.
    Elbenstein versicherte seinen Wirt, dass er auf Universitäten in Deutschland
zwar viel von diesem Manne gehöret und gelesen, müsse aber gestehen, dass ihm als
einem jungen Menschen das allermeiste wieder aus der Acht gefallen, weswegen der
Wirt, welcher die Geschicht vielleicht von andern Passagiers erzählen hören,
also redete: »Mein Herr! Dieser Petrarcha ist ein sehr gelehrter Jurist,
Philosophus und Poet gewesen, welcher zu Carpentras, Montpellier und Köln
studieret hat. In Rom hat man ihn ohne sein Verlangen zum Poeten gekrönet, wie
er denn auch nachhero das Archidiakonat in Parma erhalten, ja er wäre ohnfehlbar
Kardinal worden, wenn er dem damaligen Papste Clementi VI. seine schöne
Schwester zur Mätresse überlassen wollen. Sonsten sagt man, dass er sich allezeit
mit einem ledernen Schlafrocke zu Bette gelegt habe, und wenn ihm etwas von
besondern gelehrten Dingen beigefallen, er solches sogleich auf diesen ledernen
Rock geschrieben, wannenhero man nachgehends die Vorderteile dieses Rocks und so
weit er sonsten reichen können, ganz mit Versen und andern gelehrten Einfällen
beschrieben gefunden. Man hat diesen Rock lange Zeit als eine besondere Rarität
aufgehoben, endlich aber ist derselbe zur Pestzeit unter andern Sachen mit
verbrannt worden.«
    »So werden vielleicht«, sagte hier Elbenstein, »auf diesem ledernen Rocke
auch viele verliebte Seufzer und vortreffliche Stossgebetgen an seine geliebte
Laura anzutreffen gewesen sein, deren der Herr Wirt gestern gedacht hat?« Wie
nun der Wirt zur Antwort gab, dass er solches nicht eigentlich sagen könne, fuhr
Elbenstein im Reden fort und fragte: »Ei, mein Herr, gibt es denn dem Volke kein
Ärgernis, wenn sich die geistlichen Herrn und sonderlich die Päpste Mätressen
halten, wie er mir denn nur jetzo gesagt hat, dass der Papst Clemens VI. des
Petrarchae schöne Schwester zur Mätresse verlanget habe?«
    »Ei, behüte Gott und alle Heiligen«, versetzte der Wirt, »dass wir von
solchen Sachen nichts mehr reden! Kommen Sie, mein Herr! wir wollen
weitergehen.« Elbenstein wollte dem ehrlichen Manne nicht missfällig werden,
derowegen folgte er demselben und wurde von ihm zu der Statue des Petrarchae,
die von Metall gegossen war, geführet, bei welcher der Wirt erzählete, dass ein
gewisser Edelmann, der durch einen vorsätzlichen und frevelhaften Pistolenschuss
an der Statue ein Auge verderbet, von der durchl. Republik Venedig auf
Lebenszeit bannisiert worden. Nach diesen zeigete ihm der Wirt noch verschiedene
vermeintliche Heiligtümer und Raritäten, welche Elbenstein ihm zu Gefallen zwar
bewunderte, in der Tat aber nichts besonders Wunderbares daran befand, weswegen
er unter dem Vorwande einer grossen Müdigkeit wieder mit ihm zurück in das
Gastaus kehrete.
    Kaum war er in sein Zimmer getreten, als ihm der Bediente einen versiegelten
Brief überreichte, dessen Titul nach der deutschen Übersetzung also lautete:
                           An den allervollkommensten
                           und allervortrefflichsten
                               deutschen Kavalier
                                      N.N.
Wie nun schon der Titul einige Bestürzung bei ihm verursachte, zumalen da der
Diener meldete, dass ein unbekannter Bote denselben überbracht und sich eiligst
wieder fortgemacht hätte, so wurde er nach Lesung des Briefes noch um desto mehr
bestürzt. Der Inhalt des Briefs aber war folgender:
                         Allervollkommenster Kavalier!
Eine der vornehmsten, reichsten und schönsten Damen verlanget Euch zu sprechen,
in dem Hause einer gewissen Gärtnersfrau, die sich Margareta nennet, allwo Ihr
vernehmen werdet, warum man Euch dahin hat rufen lassen. Hütet Euch aber ja,
jemanden, auch nicht einmal Eurem Diener etwas von dieser Sache zu entdecken.
Morgen abends gegen zwölf Uhr könnet Ihr, jedoch ohne Begleitung, vor das
Niedertor und zwischen den Gärten herunter spazieren, da Ihr denn in der Haustür
obgemeldter Margreta eine Weibsperson werdet sitzen sehen, welche Blumenkränze
windet. Gehet etwas zeitiger aus und bemerkt das Haus wohl, kommt aber punktuell
um zwölf Uhr wieder zurück, da man Euch denn im Vorbeigehen schon anrufen wird.
Lebt vergnügt und lasst Euch das Schweigen rekommendiert sein, sonst seid Ihr
verloren.
Elbenstein wusste nicht, worzu er sich entschliessen sollte, indem er sich bald
dieses, bald jenes vorstellete. Er legte sich eine Zeitlang aufs Bette, um
dieser Begebenheit ferner nachzusinnen, und endlich, nach langer Überlegung,
fassete er den Schluss, sich vors allererste des Lebenswandels und anderer
Umstände der Gärtnersfrau so genau, als es nur immer möglich, zu erkundigen. Zu
dem Ende befahl er erstlich seinen Diener, nicht aus dem Logis zu gehen, sondern
seiner Wiederkunft zu erwarten, weil er wegen eines empfindenden Schwindels im
Haupte sich der frischen Abendluft bedienen und auf ein oder ein paar Stunden
vor das Tor spazierengehen wollte. Er spazierte also ganz sachte durch die
Strasse; gleich vor dem Niedertore aber kam ihm ein Knabe von ohngefähr 14 Jahren
entgegen, welcher seiner lahmen Hand wegen ein Almosen von ihm erheischte.
Elbenstein gab ihm eine Lira, welche vier Kaisergroschen beträgt, und weil in
selbiger Gegend auf der Nähe kein Mensch zu hören und zu sehen war, fragte er
erstlich den Knaben, wovon er die lahme Hand bekommen hätte, worauf der Pursche
zur Antwort gab, dass ihm sein nunmehro vor zehn Jahren verstorbener eigener
Vater nicht nur die Armröhren, sondern auch alle Gelenke der Finger zerbrochen
hätte, weiln er als ein Kind seiner Mutter um den Hals gefallen, da sie der
Vater aus einem bösen Verdacht erwürgen wollen. »Gehe mit mir«, sagte
Elbenstein, »und antworte mir auf alles, was ich dich frage, redlich, so sollst
du noch zwei Liren haben.« Der Pursche war willig darzu, und Elbenstein fragte
weiter nichts, als wer in diesem oder jenem Hause wohnete. Weilen nun die Häuser
ziemlich weit voneinander lagen und Elbenstein sehr langsame Schritte tat, so
hatte der Pursche Zeit genug, ihm nicht nur der Bewohner Namen, sondern auch
verschiedenes von ihren Umständen zu melden. Endlich fiel Elbensteinen ein
Häusgen in die Augen, welches sich seiner Nettigkeit wegen vor andern
distinguierte, derowegen sagte er: »Dieses Häusgen wird gewiss vornehmern Leuten
gehören?« »Ach nein!« gab der Knabe zur Antwort, »es gehöret ebenfalls nur einer
Weingärtnerin, welche aber unter allen andern ohnstreitig die vornehmste zu
nennen ist. Aus einer armen Frau ist sie, wie mir meine Mutter gesagt, eine
wohlhabende Frau worden, denn ihr Mann ist zwar erstlich nur ein armer Fagino
oder Taglöhner gewesen, weil aber sie, die vor der Zeit in einem vornehmen Hause
zu Venedig als Köchin gedienet, sich dennoch in ihn verliebt, so wäre ihre
Herrschaft so gnädig gewesen, diesen Leuten, nachdem sie sich miteinander
verheiratet, von Zeit zu Zeit so viel zu schenken, dass sie sich nachgerade
dieses schöne Häusgen, Gärten, Weinberge, Ländereien und dergl. ankaufen und
erbauen können. Diese Frau«, fuhr der Pursche im Reden fort, »heisst man nur die
glückselige Margareta, sie ist aber seit etwa einem Jahre her zur Wittbe
worden, weil ihr Mann, als er von einem gewissen Herrn von Padua aus mit Briefen
weggeschickt, unterweges von einem Banditen dergestalt tödlich verwundet worden,
dass er etliche Tage hernach an den empfangenen Blessuren sterben müssen. Den
Täter hätte man bekommen und ihm sein Recht getan; unterdessen spürete die
Margareta keinen Mangel in ihrer Nahrung, denn es pflegten zur Zeit der
Weinlese sehr viele Dames und Kavaliers bei ihr einzusprechen, weil sie vier
sauber meublierte Zimmer jederzeit bereit hielte, und da sie mit den Kochen wohl
übereinkommen, auch sonsten alles schaffen könnte, was ein jedes verlangete, so
verdiente sie sich sonderlich um diese Zeit ein ungemeines Stücke Geld.«
    Aus diesem Berichte und da er, Elbenstein, nunmehro nur das Haus wusste,
hatte er schon ziemlichermassen genung, derowegen wendete er sich mit seinem
Begleiter in eine Quergasse, so zwischen den Gärten durchging, gab dem Purschen
noch drei Liren und bat, dass er ihn durch einen andern Weg wieder zurück in die
Stadt führen möchte, weilen er wegen zugestossener Müdigkeit seinen vorgesetzten
Spaziergang nicht vollführen könnte. Der Pursche, welcher vielleicht in langer
Zeit nicht so viel Geld beisammen gehabt, wusste vor Freuden nicht, was er sagen
sollte, er küssete dem von Elbenstein wohl 100mal den Rockzipfel und sagte: »Oh!
was sind doch die deutschen Kavaliers vor généreuse Leute gegen unsere
italiänischen? Wenn ich mit einem von den unserigen zehn Meilen (oder zwei
deutsche Meilen) gelaufen bin, bekomme ich kaum nur einen einzigen Lira.«
Elbenstein gab dem armen Knaben zu verstehen, wie er bedaurete, dass er eine
lahme Hand hätte, sonsten er ihm wegen seiner Redlichkeit gern in Dienste nehmen
wolle; als von ohngefähr aber fragte er, ob er nicht wüsste, wie die Kavaliers
und Dames mit Namen hiessen, welche bei der Margareta einzukehren pflegten.
»Nein!« sagte dieser, »das kann ich nicht sagen, aber ein einzigmal habe ich
gesehen, dass Damen dabei sind, die noch schöner sind als die Engel, und die
andern sind auch nicht hässlich, denn sie mögen wohl keine hässliche unter sich
leiden können; aber, im Vertrauen zu reden, mit der Margareta hat es wohl
Mucken, denn viele Leute sagen, sie habe es selber angestiftet, dass ihr
einfältiger Mann, dessen sie überdrüssig gewesen, von einem Banditen ermordet
worden, weil er nicht nur einsmals bei ihr einen Buhler im Bette angetroffen,
von demselben jedoch übel bezahlt worden, sondern auch in der Trunkenheit
einsmals von einer Dame, die doch der Margareta vornehmste Wohltäterin sein
mag, ein und andere Begebenheit erzählet. Über dieses habe ich neulichst, da man
meinte, ich schliefe, gehöret, dass eine andere Gärtnerin zu meiner Mutter
sagte: Die Margareta hat durch ihre Kupplerei gemacht, dass schon mancher
braver, frembder Kavalier ums Leben gekommen ist.«
    Die Haare begunnten Elbensteinen zu Berge zu stehen, als er die letztern
Worte dieses Purschen anhörete, jedoch er stellete sich, als ob er wenig davon
verstanden hätte, und als er die Pforte sah, wodurch er wieder in das Städtgen
gelangen konnte, dankte er demselben nochmals vor seine Mühe und befahl ihm
nunmehro nur, in Gottes Namen nach Hause zu gehen. Sobald dieser etliche Schritt
von ihm, sprach er bei sich selbst: Verflucht sei Margareta und ihre Mordgrube!
Nein! wo solche Sirenen wohnen, da will ich nicht hinkommen, sondern mich,
solange es sein kann, mit meiner schönen Baronne vergnügen, hernach auf und
darvon reisen. Unter dergleichen Gedanken gelangete er wieder in seinem Logis
an, da denn die alte Ruffiana sogleich kam und fragte, wo er gewesen und ob er
etwa andere Courtoisie gesucht hätte. »Meine liebe Mutter!« gab er zur Antwort,
»Ihr scheinet mir, wie alle alten Leute, etwas wunderlich zu sein. Wo wollte ich
denn ein grösseres Vergnügen finden können als bei der Baronne von K., die
ihresgleichen an Annehmlichkeiten auf der ganzen Welt nicht haben kann.« »Nun,
so habt Ihr«, versetzte die Alte, »den rechten Glauben, und ich habe Euch nebst
dem allerfreundlichsten Grusse von derselben zu vermelden, dass Ihr, sobald es
dunkel worden, zu ihr kommen möchtet, damit sie Abschied von Euch nehmen könne,
weilen sie heute einen Expressen von ihrem Gemahl bekommen, mit dem Befehl, dass
sie morgen mit dem allerfrühesten aufbrechen und nach Hause kommen möchte, indem
eine starke Gesellschaft ihrer Befreundten, von Dames und Kavaliers, als morgen
auf ihren Schloss eintreffen und sich mit Jagden, Fischereien, Bällen und
dergleichen ergötzen wollten.«
    Durch diese Nachricht wurde Elbenstein einesteils bestürzt, weil er seine
anmutige Baronne so bald entbehren sollte, andernteils aber auch beruhiget,
weilen er solchergestalt den Fallstricken der Margareta desto geschwinder
entgehen könnte, als vor welchen er sich einigermassen zu fürchten Ursach hatte.
Demnach liess er dem Wirt durch die Alte sagen, dass, weil er diesen Mittag späte
gespeiset, er abends mit kalter Küche vorliebnehmen und sich desto zeitiger zu
Bette legen, die Mahlzeit aber doch vor voll bezahlen wollte. Solchergestalt
blieb er des Wirts Besuchung überhoben, als welcher es vielleicht auch nicht
ungern sehen mochte, weiln er seinen andern Gästen desto besser aufwarten
konnte. Diese hochmütigen Italiäner fragten ihn, warum der Deutsche nicht
Gelegenheit gesucht, mit ihnen in Compagnie zu kommen, allein der Wirt war
dennoch so raisonnable, Elbensteinen zu exkusieren, indem er vorstellete, dass
dieser ein Mensch von sehr stillen Humeur sei und, da er über dieses sehr wenig
italiänische Worte zu Markte bringen könnte, sich allerdings noch scheuete, in
dergleichen vornehme Compagnie zu kommen, weiln er vielleicht befürchtete
ausgelacht zu werden, da er nur erstlich sehr wenige Wochen in Italien gewesen.
    Das Frauenzimmer hielt Elbensteins Partie gegen die Kavaliers, so dass diese
sich gezwungen sahen, ihnen recht zu geben. Sobald aber die starke Compagnie die
Lichter ausgelöscht, kam die Alte zu Elbensteinen und vermeldete, wie es
nunmehro Zeit wäre, sich zur Baronne zu verfügen, weswegen er sich alsobald
zurechte machte und mit ihr, jedoch ohne Laterne, durch den Garten fortschlich,
damit sie nicht etwa von annoch wachsamen Augen belauert werden möchten.
    Beide kamen glücklich an Ort und Stelle, ohne von jemanden bemerkt zu
werden, die Alte retirierte sich sogleich, Elbenstein aber wurde von der
charmanten Baronne dergestalt liebreich empfangen, dass er vor Vergnügen fast
ganz aus sich selbst gesetzt war. Die Traktamenten von den delikatesten Sachen
stunden zwar parat, allein sie hielten sich nicht lange darbei auf, weiln beide
begierig waren, den Prozess ins reine zu bringen, welchen sie in voriger Nacht
ventiliert hatten. Elbenstein, der das Jus auf Universitäten ex fundamento
gelernet, brachte ein; es passierte Satz und Gegensatz; es wurde protestiert,
appelliert, leuteriert, summarum der ganze Schlendrian durchpraktiziert, endlich
aber baten sich beide Teile gegeneinander Spatium deliberandi aus, um vielleicht
einen gütlichen Vergleich zu treffen; allein es kam ganz plötzlich eine Karosse
dergestalt schnell die Gasse heruntergefahren, dass die Fenster in allen Häusern
schütterten. Die Karosse hielt eben vor diesem Hause stille, und es wurde an der
Tür derselben entsetzlich stark angepocht, weswegen die Wirtin vom Hause, welche
eine Befreundte der Baronne von K. war, zum untersten Fenster herausrief: »Wer
da?« »Ich bin es, meine Werteste!« rief eine Stimme aus dem Wagen und fragte
zugleich: »Ist meine Gemahlin noch hier?« »Ja!« sagte die Hauswirtin, »sie ist
hier und liegt schon in guter Ruhe. Warten Sie, mein Herr, ich will gleich Licht
machen lassen.« Unter diesen Wortwechsel sprunge die Baronne von K. aus dem
Bette und schrie mit heiserer Stimme: »Ach, sanct Antonie! das ist mein Mann.«
Elbenstein war ebenso geschwind, raffte seine Kleider zusammen und war so
glücklich, ehe das Haus geöffnet wurde und man den Baron mit dem Lichte zu
seiner Gemahlin bringen konnte, sich durch die Hintertreppe und durch den Hof an
den Garten seines Quartiers zu schleichen. Als er aber die Gartentür probierte,
fand er dieselbe verschlossen. Mittlerweile fand er vors ratsamste, sich
anzukleiden, und da solches völlig geschehen, vermüssete er nichts als seinen
Hut, Degen und Stock, welche drei Stück ihm entsetzliche Sorgen verursachten.
Allein hier half nichts als die liebe Gedult, denn weil er über die hohen Mauren
nicht springen konnte, musste er sich mit der grössten Gelassenheit so lange zu
verbergen suchen, bis er sah, wie es ihm weiter erginge.
    Das alte Murmeltier war allerdings schuld an dieser seiner Verdriesslichkeit,
denn sobald sie ihn zur Dame begleitet hatte, schloss sie die Gartentüre wieder
zu und wartete im Gastofe ihre Geschäfte ab, legte sich hernach unbesorgt zur
Ruhe. Kaum aber hatte der Himmel zu grauen angefangen, als sie schon wieder
munter ward, sich sachte durch den Garten schlich und die Tür ganz leise
eröffnete. Ihre Bestürzung war ungemein gross, als sie Elbensteinen in solchen
Zustande daselbst antraf, und über den zurückgelassenen Hut, Stock und Degen
wollte sie fast verzweifeln, wenn sie sich vorstellete, was darüber vor ein
Unglück würde entstanden sein. Es lief aber die Sache besser ab, als sie sich
eingebildet hatte, indem weil die Baronne ein Nachtlicht gehabt, sie nicht nur
Elbensteins Sachen auf die Seite bringen, sondern auch das Bette in gehörige
Form bringen können, so dass nicht zu bemerken, dass zwei Personen in demselben
geruhet hätten. Die Baronne eilete hierauf ihrem die Treppe heraufkommenden
Gemahl entgegen, empfing denselben mit vielen Küssen und Liebkosungen, und er
erwiderte dieses mit den zärtlichsten Karessen, worbei er meldete, dass, als er
nach seiner Abreise von Treviso Nachricht erhalten, wie etliche ihrer
Befreundten sie auf ihrem Schloss besuchen wollten, er ihr solches erstlich
durch einen Expressen zu wissen getan, nachdem aber der Bote schon fort gewesen,
hätte ihn die herzliche Liebe zu seiner wertesten Gemahlin angespornet, dieselbe
in eigener Person abzuholen, welches denn die Ursache, dass er so spät gekommen
wäre und sie in ihrer Ruhe gestöret hätte. Nun aber diesen Fehler zu verbessern,
bäte er, dass sie sich nur alsobald wieder niederlegen möchte, indem er nur noch
eine einzige Bouteille Muskatenwein austrinken wollte, weil er empfände, dass er
seinen Magen sehr erkältet hätte, hernach sogleich folgen wollte. Dieses wurde
von beiden Seiten ins Werk gestellet, und der Baron führete sich vor dieses Mal
gegen seine schmeichelhafte Gemahlin dergestalt verliebt und geschäftig auf als
der jüngste Kavalier, allein ohne besondern Nachdruck, und weil er des Tages
über auch schon eine ziemliche Portion Wein zu sich genommen haben mochte,
verfiel er in einen solchen tiefen Schlaf, dass die Baronne, sobald sie hörete,
dass die Alte vor der Tür wäre, ganz gemählich aufstehen und ihr den Hut, Stock
und Degen zur Tür herausreichen konnte. Diese drückte den Hut in ihren Handkorb
und verbarg denselben sowohl als die andern Sachen unter ihrer Baotta oder
Regentuche, dergleichen das gemeine Volk zu tragen pfleget, wanderte also über
Hals und Kopf zu dem von Elbenstein, welchem dadurch, dass er nicht allein seine
Sachen wieder sah, sondern auch weiln diese gefährliche Aventure noch so
glücklich abgelaufen, ungemein erfreuet wurde. Er erwog die Gefahr, so ihm
sowohl als der Baronne daraus entstehen können, da leicht geschehen können, dass,
wenn sie beiderseits nach gebüsseter strafbarer Lust von der göttlichen
Strengigkeit in einen tiefen Schlaf versenkt worden, der Baron sowohl seine
untreue Gemahlin [als auch ihn] der unseligen Ewigkeit würde aufgeopfert haben;
welches dieser, als der seine erste Gemahlin aus einem blossen und ungegründeten
Verdachte ins Wasser gestürzt, so dass sie benebst der Leibesfrucht ihr Leben
einbüssen müssen, ohnfehlbar nicht würde unterwegs gelassen haben, zumalen da er
voritzo viel rechtmässigere Ursache gehabt, seine Rache auszuüben. Bei solchen
Gedanken verging ihm nicht allein aller Schlaf, sondern er wurde dergestalt in
seinem Gewüssen gerühret, dass er aufstund, sein Gebetbuch hervorsuchte und Gott
um Vergebung seiner Sünden mit herzlicher Reue und Leid über dieselben
inbrünstig anflehete und zugleich demütigst dankte, dass er ihn nicht in Sünden
dahingerissen. Hierbei nahm er sich den Vorsatz, sobald er mit seinem Fürsten
wieder in N. angelanget, Urlaub, nach Venedig zu reisen, von demselben zu nehmen
und daselbst bei den deutschen Kaufleuten Mons. Hopffern und Bachmeiern
anzusuchen, dass sie ihm Vorschub tun und beförderlich sein möchten, bei ihren
Priester zu beichten und zu kommunizieren. Denn es hatten zu damaligen Zeiten
diese Kaufleute zu Venedig einen in Augspurg ordinierten protestantischen
Priester bei sich, welcher, um nicht erkannt zu werden, in coleurten Kleidern
einherging.
    Jedoch wieder auf Elbensteinen zu kommen, so hatte er sein bellendes
Gewissen durch diesen Vorsatz einigermassen beruhigt, so dass er auch ein paar
Stunden schlafen konnte. Allein was ist doch das Herz eines wollüstigen Menschen
vor ein veränderliches Ding! Denn als er kaum wieder erwacht war, kam die alte
Ruffiana und brachte ihm von der Baronne eine versiegelte Schachtel nebst einem
beweglichen Abschiedskompliment; ja sie konnte nicht genugsam beschreiben, wie
kläglich und jämmerlich sich diese schöne Dame gebärdet, dass sie sich so
plötzlich von ihrem liebsten Kavalier getrennet sehen sollte. Endlich aber habe
sie sich damit getröstet, dass ihr Anschlag, auf eine Zeitlang nach N. zu reisen,
die schönste und beste Gelegenheit zuwege bringen würde, ihren geliebtesten
Kavalier wiederzusehen und seiner Liebe zu geniessen. In dieser Hoffnung wäre sie
mit ihrem Gemahl diesen Morgen abgereiset, nachdem sie ihr mit einer wehmütigen
Miene nochmals zu verstehen gegeben, alles wohl auszurichten.
    Elbenstein gab seiner gewöhnlichen Générosité nach der Alten noch ein
wichtiges Trinkgeld, so dass sie hiermit allein vor ihre gehabte Mühe vollkommen
wohl zufrieden sein konnte, ohngeacht er nicht zweifeln durfte, dass die Dame
dieselbe gleichfalls reichlich genug beschenkt haben würde. Da ihm aber das alte
Rastrum ganz ungewöhnliche und recht lächerliche Danksagungskomplimente machte,
wurde er endlich ganz froh, dass dieselbe ihrer Wege ging. Sobald sie fort,
schloss er die Tür seines Zimmers ab, brach die versiegelte Schachtel auf und
fand zuoberst darinnen einen mit Blut beschriebenen kleinen Zettel, der ihm
folgende Worte zu vernehmen gab:
                               Mein Auserwählter!
In Ermangelung der Dinte steche ich mit einer Nadel so oft in die Finger, bis
ich Euch, wiewohl mit einer elenden Feder, zuschreiben kann, dass Ihr der einzige
seid, den ich auf dieser Welt im allerhöchsten Grade liebe; dieses ist vor
diesmal genung gemeldet. Nehmet dieses wenige als ein Zeichen meiner Treue und
zum geneigten Andenken an, weil ich voritzo auf der Reise mich nicht im Stande
befinde, ein mehreres zu tun, liebt mich auch wenigstens nur halb so sehr, als
Euch liebt
Eure
                                                                        Getreue.
Bei so zärtlichen Ausdrückungen fing sein Herz schon wieder zu schmerzen an, und
da er vollends ihr ganz ungemein akkurat getroffenes, in Wachs poussiertes
Bildnis, welches in einer goldenen mit kostbaren Steinen besetzten Kapsel lag,
fand, hatte er ein so heftiges Vergnügen darüber, dass er die dabeiliegende, mit
lauter Zechinen angefüllte Tabatière sozusagen fast gar nicht in Betrachtung
zog. Er stunde ganz entzückt und würde vielleicht noch in etliche Stunden seine
Augen nicht von diesem Brustbilde gewendet haben, wenn nicht jemand gekommen
wäre und an seine Tür geklopft hätte. Solchergestalt deckte er ein Schnupftuch
über die schönen Raritäten und sah nach, wer vor der Tür wäre. Es war der Wirt,
welcher fragte, ob ihm heute nicht beliebte zu speisen. Man hätte immer auf
seinen Befehl gewartet, nunmehro aber, da es bereits zwei Stunden über Mittag
wäre, bäte er nicht ungnädig zu vermerken, dass er anfragte. Elbenstein dankte
vor die gute Vorsorge und entschuldigte sich damit, dass er über ein bei sich
habendes Buch geraten wäre und sich dergestalt darinnen vertieft hätte, dass er
weder nach der Uhr gehöret noch an das Essen gedacht hätte; nunmehro aber bäte
er, die Speisen aufzutragen. Dieses geschahe, der Wirt aber, so ihm aufwarten
wollte, musste sich auf sein inständiges Verlangen an den Tisch setzen und mit
ihm speisen, weilen Elbensteins Diener adrett genung war, beiden aufzuwarten.
Unter währenden Speisen kamen sie auch auf gut Gewehr zu reden, da denn der Wirt
erzählete, wie vor etlichen Jahren ein Paar ungemein saubere Pistolen bei ihm
versetzt worden, welche er gern wieder verkaufen wollte, wenn er nur seine
Währgeld wieder bekäme, die Zinsen möchten immerhin zurückbleiben. Elbenstein
bat, dass ihm der Wirt diese Pistolen nach Tische in den Garten bringen möchte,
allwo er sie besehen, probieren und nach Befinden einen Kaufmann darzu abgeben
wolle. Nach abgetragener Mahlzeit war der Wirt nicht faul darzu. Elbenstein
befand die Pistolen ungemein sauber und judizierte, dass sie kein Geringer
geführet haben müsse, er bemerkte auch aus ein und andern, dass sie nicht uneben
schiessen müssten, machte demnach die Probe, liess sich von dem Wirte einen Zirkel
mit Kreite auf ein Brett machen und schoss nach dem Mittelpunkte, welcher etwa so
gross als ein Kaisergulden war. Nun meinte zwar der Wirt, Elbenstein ziele nach
dem gemalten Mittelpunkte, dieser schlaue Fuchs aber hatte sich zu seinem Zweck
einen Ast erwählt, welcher mehr als einer Spanne lang von dem Mittelpunkte
entfernet war, traf auch denselben zu seiner innerlichen Freude akkurat.
Jedennoch rief er: »Das war gefehlt, aber einmal ist keinmal, ich muss es mit
jeder noch dreimal probieren.« Er tat solches, traf aber niemals in den Zirkel,
weil er sich allemal ausser demselben ein besonderes Fleckgen merkte, welches er
denn keines Messerrückens breit verfehlte. »Ewig schade!« sagte Elbenstein
demnach, »dass diese saubern Pistolen nicht akkurat schiessen.« Der Wirt, welcher
sich auch ein guter Schütze zu sein bedünken liess, schoss mit jeder Pistole auch
dreimal, kam zwar zweimal in den Zirkel, doch lange nicht nahe genung an den
Punkt, weswegen er sich zwar geschickter zu sein bedünkte als Elbenstein, jedoch
gestehen musste, dass die schönen Pistolen eben nicht gar zu gut schössen. »Nun!«
sagte Elbenstein, »wollen wir einmal sehen, was meine tun, welche nicht des
vierten Teils soviel Ansehen haben.« Dennoch befahl er dem Diener, ihm seine
Pistolen zu langen. Elbenstein ladete sich allezeit selbst und schoss auf
sechsmal das Zentrum dergestalt heraus, dass man ein Ei hindurchstecken konnte.
Der Wirt sperrete Maul und Nase auf, und da Elbenstein ihm erlaubte, auch
sechsmal daraus zu schiessen, traf er das Zentrum zweimal, der weiteste Schuss
unter sechs aber kaum zwei Querfinger breit darvon.
    »Es ist wahr«, sprach der Wirt, »diese sind besser, ohngeacht sie nicht
soviel Ansehen haben.« Nach diesen belustigten sie sich noch weiter mit
Schiessen, denn der Wirt musste Elbenstein ein und andere Äpfel und Aprikosen
zeigen, welche er von den Bäumen heruntergeschossen haben wollte, und jener traf
mit seinen eigenen Pistolen alle dergestalt akkurat, dass mancher Apfel und
Aprikose in viele Stücken zersprunge. Endlich fragte Elbenstein: »Mein Herr, wie
hoch hält Er Seine Pistolen?« »Ach«, antwortete dieser, »wenn ich alles rechnen
wollte, so stünden sie mir wohl vor mehr als zwölf Zechinen, wenn man mir aber
acht Zechinen bar Geld hinzählete, würde ich mich nicht lange besinnen,
dieselben anzunehmen, denn mit Gelde kann ich ehe was erwerben als mit
Pistolen.« Elbenstein tat, als ob er sich eine Weile besönne, endlich zohe er
seine Goldbeurse hervor und sagte: »Ich will einmal einen Hazard wagen, hier
sind die acht Zechinen. Ich weiss einen Meister, der dergleichen Gewehr sonst
ganz gut zurichten kann. Trifft's ein, dass er ihnen helfen kann, so ist's gut,
wo nicht, so muss ich mich damit begnügen lassen, dass sie doch eine gute Parade
im Zimmer an der Wand machen.« Der Wirt mochte wohl höchst erfreut sein, dass er
die Pistolen nur los wurde und bar Geld davor bekam, Elbenstein aber hätte sie
nach der Zeit, da er immer mehr und mehr probiert, auch beständig akkurat
befunden hatte, keinem vor 24 Zechinen hingegeben.
    Vor dieses Mal ging er auf sein Zimmer, allwo ihm die Gedanken einkamen, dass
er diesen Abend in der Margareta Behausung eine Visite abzulegen hätte; allein
es schauderte ihm die Haut darvor, zumalen er nicht wusste, was er vor Personen
darinnen antreffen würde und ob er sich statt eines eingebildeten Vergnügens
nicht in die grösste Gefährlichkeit stürzen könnte. Demnach nahm er das Bildnis
seiner geliebten Baronne abermals vor sich, küssete dasselbe wohl mehr als
100mal aufs allersubtileste und redete als ein verliebter ... nicht anders mit
demselben, als ob die Baronne in Lebensgrösse persönlich zugegen wäre. Endlich
aber besann er sich selber, dass er Torheiten beginge, packte derowegen das
Porträt wieder ein und resolvierte sich, um die verliebten Grillen in etwas zu
vertreiben, vor das Obertor spazierenzugehen. Demnach liess er bei dem Wirt
anfragen, ob er ihm Gesellschaft leisten wollte. Dieser, welcher vermerkte, dass
der Spaziergang vor das Obertor nicht so leer ablaufen würde, zumalen da er den
besten Wein selbst lieber trunk als den schlechtesten, war gleich parat und
führete Elbensteinen, welcher vorgab, dass er die Gegend vor dem Obertore noch
nicht betrachtet, da hinaus.
    Als sie kaum 500 Schritt ausserhalb passieret, zeigte ihm der Wirt in der
Nähe ein Gartenhaus und sagte: »Mein Herr! Sie mögen es glauben oder nicht, in
diesen Hause trifft man den besten Wein an, der in Welschland weit und breit
nicht besser und delikater zu finden ist. Ich weiss aber nicht, wie es zugehet,
dass der Wein nur allein in diesem Hause so vortrefflich schmeckt, denn ich habe
zu verschiedenen Malen den allerbesten ausgekostet, mir etliche Bouteillen davon
abziehen und in mein Haus tragen lassen, allein nachhero hat ein jeder sogleich
schmecken können, dass meine Weine weit besser gewesen als diese. Es ist ein
rechtes Wunder«, fuhr der Wirt fort, »dass auch die schlechtesten Weine in diesem
Hause so ungemein delikat schmecken, sobald sie aber, es sei in Gläsern,
Bouteillen, Fässern oder was es vor Geschirr ist, nur zehn oder 20 Schritt über
die Strasse getragen werden, ist die Delikatesse weg und schmecken dieselben
nicht anders als andere gemeine Weine.« »Vielleicht«, versetzte Elbenstein,
»wird der Wirt dieses Hauses etwa hübsches Frauenzimmer im Hause haben?« »Ach,
nichts weniger als dieses, denn der Wirt und die Wirtin sind ein Paar sehr alte,
aber sehr fromme und religieuse Leute, deren beide Töchter und die Magd, die sie
haben, ungemein hässliche Personen. Allein die beiden frommen Alten haben sich
nicht allein den heil. Antonium von Padua in Lebensgrösse aus Holz geschnitzt in
ihr Haus geschafft, sondern sollen auch würklich eine Reliquie von ihm in ihrer
Gewalt haben, welcher letztern eben das Wunder zugeschrieben wird, dass der Wein,
sobald er aus dem Revier ihres Hauses getragen wird, seine Delikatesse
verlieret.« Elbenstein musste in seinem Herzen über die Reden seines Wirts
lachen, doch liess er sich nichts merken, sondern sagte: »Ei, so bin ich doch
curieux, nicht nur den delikaten Wein zu kosten, sondern auch das Wunder zu
probieren. Kommet, mein Herr! wir wollen auf dieses Haus losgehen und dem heil.
Antonio unserer Ehrerbietung bezeigen.« Der Wirt schiene damit wohl zufrieden zu
sein, sie traten durch das Haus in die Stube hinein und fanden, weil es eben
Sonnabend war, keine Gäste, sondern die drei Frauenzimmer, deren Gestalt er sich
nicht hässlicher einbilden können. Elbensteins Wirt forderte eine Bouteille vom
allerbesten Weine, indem er vorgab, dass er einen recht vornehmen deutschen
Kavalier zu ihnen geführet hätte, mitin gern Ehre einlegen wollte. Die
Bouteille wurde nebst reinen Trinkgläsern gebracht und die eine Tochter gefragt,
wo Vater und Mutter wären, worauf die Antwort fiel, dass sie in einem andern
Zimmer ihre Andacht vor dem heil. Antonio verrichteten. Der Wirt trunk
Elbensteinen zu, dieser tat Bescheid und gab auf jenes Befragen, ob er wohl
delikatern Wein in Italien getrunken hätte, zur Antwort: »Nein! dieses ist der
allerdelikateste, den ich zeit meines Lebens bis auf diese Stunde gekostet.«
»Nun, mein Herr!« versetzte der Wirt, »um Ihnen des Wunders zu überzeugen, so
kommen Sie nur gleich, nehmen Sie selbst die Bouteille in die Hand, damit Sie
versichert bleiben, dass kein Betrug vorgeht. Ich will die Gläser nehmen, wir
wollen nur etliche 20 Schritt über die Grenzen dieses Hauses gehen, hernach
sagen Sie mir Ihres Herzens Meinung.« Elbenstein gehorsamte dem Wirte, nahm die
Bouteille in Arm und ging mit ihm. Sobald sie etliche 20 bis 30 Schritt vom
Hause hinweg waren, nötigte ihn der Wirt, sich auf einen grünen Hügel
niederzulassen, selber ein Glas einzuschenken und dasselbe auszutrinken.
Dieser folgete, kaum aber hatte er das Glas ausgeleeret, als der Wirt recht
begierig fragte: »Nun, wie schmeckt der Wein allhier?« Elbenstein stellete sich
sich ganz bestürzt und tat, als ob er gar nicht zu Worten kommen könnte, endlich
aber sagte er mit einem tiefgeholten Seufzer und gen Himmel gerichteten Augen:
»Oh! Wunder über Wunder! dieses hätte ich nimmermehr geglaubt, wenn ich es nicht
selbst empfunden hätte; denn die Delikatesse des Weins ist bereits über die
Hälfte weg. Was würde nicht werden, wenn man ihn noch weiter trüge?« Der Wirt
trunk auch und sagte: »Ja! es ist wahr, über die Hälfte ist die Delikatesse
schon weg; allein wir wollen jeder nur noch ein Glas zu mehrerer Überzeugung
trinken, sodann wieder ins Haus gehen, denn was sollen wir uns mutwilligerweise
um den guten Geschmack bringen.« Elbenstein liess sich's gefallen, bejahete
nochmals, dass der Wein hier sehr schlecht schmeckte, und sobald der Wirt sein
Glas auch ausgetrunken und eben dasselbe bekräftiget hatte, begaben sie sich
wieder zurück ins Haus.
    Kaum hatten beide in der Stube am Tische Platz genommen, als der Wirt
Elbensteinen aufs neue von eben dieser Bouteille zu trinken nötigte. Dieser tat
es und wurde hernach befragt, wie der Wein nun wieder schmeckte. Elbenstein
stemmete die Ellbogen auf den Tisch und hielt die Hände vor beide Augen,
schüttelte auch öfters den Kopf, um eine sonderbare Verwunderung anzuzeigen,
endlich aber sprach er: »Zeit meines Lebens will ich an dieses Wunder gedenken,
denn nunmehro schmeckt der Wein aus eben dieser Bouteille eben wieder so delikat
als zuallererst, so dass ich gestehen muss, solange ich in Italien bin, noch nicht
dergleichen getrunken zu haben.« Allein vor dieses Mal war Elbenstein wohl ein
rechter Spottvogel, denn er musste zwar bei sich selbst gestehen, dass dieses kein
schlechter, sondern ein solcher Wein war, der die mittelmässigen übertraf, jedoch
hatte er schon binnen der Zeit, als er in Italien sich aufgehalten, Weine von
weit besserer Nummer getrunken. Sein ganzes Werk aber war nur, sich dem Wirte
gefällig zu erzeigen, jedoch denselben heimlich bei der Nase herumzuführen.
    Sie führeten demnach alle beide noch verschiedene Diskurse über dieses
wunderliche Wunder, bis endlich der eisgraue alte Hauswirt nebst seiner
ebenfalls eisgrauen alten Hausehre hereingetreten kam und seine Gäste mit den
allerandächtigsten Worten und Gebärden bewillkommete. Da ging nun der Diskurs
von dem Miracul aufs neue an, welcher, wenn man denselben allhier repetieren
wollte, viel zu langweilig und vedriesslich fallen würde. Weiln aber demnach der
Wein Elbensteinen ganz wohl schmeckte, als trunk er seiner geliebten Baronne
Gesundheit so öfters in Gedanken, dass er endlich einen ziemlichen Schwür[b]el im
Kopfe fühlete. Jedennoch bezeigte er gegen seinen Wirt ein Verlangen, den heil.
Antonium von Padua zu sehen; dieser sein Wirt persuadierte also den alten
Hauswirt bald dahin, sie alle beide in das Appartement zu führen, wo die
hölzerne, doch aber sauber gemalte und verguldete Statue stunde. Es war dieses
Appartement einer kleinen Kapelle nicht unähnlich, indem ein Bet-Altar,
verschiedene Lichter und andere geistliche Zieraten darinnen anzutreffen waren.
Da nun, wie bereits gemeldet, Elbenstein vom Weine etwas begeistert war, tat er
diesem Heiligen mehr Ehre an, als er sonst jemals einem hölzernen Bilde erzeiget
hat, ja er stellete sich gar, als ob er etwas Besonders auf den Herzen hätte und
den heil. Antonium heimlich um Hülfe anrufte. Dieses gefiel dem alten eisgrauen
Manne dergestalt wohl, dass er nach der Zurückkunft in die Trinkstube ein paar
Bouteillen von noch weit bessern Weine herauflangete. Elbensteins subtile Zunge
schmeckte bald, dass dieses aus einem weit bessern Fasse wäre, sagte es derowegen
ganz deutlich heraus, allein der alte Mann beteuerte, dass es eben vom vorigen
Weine wäre, und wenn er ihm ja besser schmeckte, so wäre es ein Merkzeichen, dass
der heil. Antonius sein Gebet erhöret hätte. Elbensteins Wirt bekräftigte
solches, weswegen Elbenstein vor Freuden in die Hände klatschte, sich aber in
dem guten Weine vollends dergestalt begeisterte, dass sein Diener und der Wirt
ihn fast nach Hause und ins Bett tragen mussten. Soviel Verstand hatte er noch,
seinem Diener zu sagen, dass er die Mittagsmahlzeit eine gute Stunde zeitiger als
gewöhnlich bestellen, hernach die Pferde parat halten sollte, weil er gleich
nach Einnehmung der Mahlzeit fortreisen wollte.
    Ein Rausch, den man sich mit Vergnügen trinkt, schadet vieler Leute Meinung
nach nicht halb soviel, als wenn man bei Zank, Streit, Ärgernis und Grillen der
guten Sache zuviel tut. So ging es diesmal Elbensteinen, denn die Sonne
präsentierte sich kaum am Rande des Horizonts, als er sich ermunterte und nichts
weniger als einen Rausch im Kopfe oder sonsten einige Incommodité bei sich
spürete, hergegen befand er sich ganz aufgeräumt und munter. Derowegen stund er
aus dem Bette auf, rief seinem Kerl, damit er ihn ankleiden möchte. Dieser kam
und meldete erstlich, dass sein Pferd aufstützig worden wäre, weswegen er einen
Schmidt gelanget, der ihm die Adern geschlagen und Arzenei eingegeben, anbei
befohlen hätte, es bis gegen Mittag anzusehen, da er denn, wenn es sich binnen
der Zeit nicht gebessert, dem Pferde noch etwas anders brauchen wollte.
»Ausserdem«, sagte der Kerl weiter, »gab mir ein Junge, eben als ich vom Schmiede
kam, diesen Brief und sagte darbei, ich sollte diesen Brief meinem Herrn, sobald
er aufgewacht wäre, selbst in die Hände geben, so lieb mir mein Leben wäre.
Hiermit lief die Teufelskröte darvon.« Elbenstein lachte und sagte zum Diener:
»Gehe also nur hin und besorge das Pferd, damit ich weiss, ob ich heute
fortkommen kann oder nicht, denn mit meinem Ankleiden hat es solchergestalt noch
ein paar Stunden Zeit.« Der Diener hatte kaum die Türe zugemacht, als er den
Brief recht begierig aufbrach und denselben also gesetzt befand:
                             Unbesonnener Kavalier!
Was wegert Ihr Euch, einer der vornehmsten und schönsten Damen aufzuwarten,
gegen welche 100000 und noch mehr Seufzer von 1000 andern Kavaliers ausgestossen
werden, die sie aber im geringsten nicht, sondern nur Eure Person ästimiert?
Saget, was bewegt Euch darzu, ein Glück mit Füssen von Euch zu stossen, welches so
viele fussfällig gesucht und dennoch niemals finden können! Euer Glück ist's dass
Ihr eine gute Vorsprecherin gehabt habt, sonsten wäret Ihr vielleicht schon
nicht mehr in dem Register der Lebendigen befindlich. Allein erkläret Euch, ob
Ihr diesen Abend um die bestimmte Zeit erscheinen wollet oder nicht! Im
Verweigerungsfall wird man nicht eher ruhen, bis Ihr zu Grabe getragen seid,
erscheinet Ihr aber am bestimmten Orte, so stehet Euch der Himmel Eures
Vergnügens offen, auch wird Eure Gefälligkeit aufs reichlichste belohnet werden.
Bedenket Euer Bestes und schicket durch Euren Diener einige Antwortszeilen an
die Statue der Francisci Petrarchae, allwo in der Mittagsstunde ein Knabe, der
einen gelben Rock trägt, dieselben von ihm abfordern wird. Fasset einen frischen
Mut und trauet
                        Eurer
                                                           unbekannten Freundin.
P.S. Eine gute Stunde hernach schicket Euren Diener wieder an denselben Ort, da
werdet Ihr auf Euer Schreiben nochmalige Antwort bekommen.
Elbensteinen brach unter währenden Lesen dieses Briefes der Angstschweiss aus, er
wünschte sich, 100 Meilen von diesem Orte entfernt zu sein. Wollust, Liebe,
Furcht und Todesangst stritten miteinander. Was war aber zu tun? Er hielt vors
ratsamste, in folgenden Terminis zu antworten:
                       Allerwerteste unbekannte Freundin!
Ich bekenne selbst, dass ich gestern einen gewaltigen Fehler begangen habe, indem
ich der mir zugeschickten Ordre nicht nachgelebet. Den ganzen Tag habe ich mit
Schmerzen auf die bestimmte glückselige Stunde gehofft, und endlich liess ich
mich von meinem Wirte persuadieren, zu Vertreibung der melancholischen Gedanken
nur auf ein paar Stündgen mit ihm spazierenzugehen. Ich hielt es selbst vor
ratsam, um etwas aufgeräumter zu werden; derowegen führete er mich vor das
Obertor in den Garten St. Antonii. Nun weiss ich nicht, wie es zugegangen ist,
dass ich mich in ein paar Bouteillen Wein dergestalt vollgetrunken habe, dass ich
von meinen Sinnen nichts gewusst, dieserwegen auch noch bis diesen Augenblick
noch so krank bin als ein Hund. Jedennoch aber erfordert die Pflicht und
Schuldigkeit gegen meinen gnädigsten Fürsten und Herrn, dass ich noch heute von
hier abreisen und Tag und Nacht reiten muss, um demselben von meinen
Verrichtungen eiligsten Rapport abzustatten. Die englische Dame darf ja nur
befehlen, wenn und an welchem Orte ich in Zukunft meine untertänigste Aufwartung
bei ihr machen soll, so werde mich bei gesundern Zustande aufs eifrigste
bestreben, mit grossen Vergnügen Dero untertänigster Knecht zu sein.
Mit diesen Antwortszeilen schickte Elbenstein seinen Diener binnen der Zeit, als
er mit dem Wirte eben in der Mittagsstunde zu Tische sass, nach der Statue des
Petrarchae. Kaum liess sich der Diener daselbst blicken, als der gelbröckigte
Junge auf ihn zukam und mit einer barbarischen Miene einen Brief von ihm
abforderte, auch als ein Kommandeur dem Diener befahl, dass er ja gleich nach
Verlauf einer Stunde wiederkommen und von ihm fernere Nachricht ablangen sollte,
damit er, der Junge, nicht lange auf ihn warten dürfte. Der Diener schüttelte
den Kopf und wusste nicht, was er bei dieser Historie gedenken sollte, klagte es
aber seinem Herrn, welcher, indem er schon vom Tische aufgestanden war und im
Stalle selbst nach den Pferden sah, hierüber (jedoch mit beängstigten Herzen)
lachte und weiter nichts sagte: »Kehre dich doch nichts an die hiesige
liederliche Canaille, gehe in einer Stunde wieder hin und siehe zu, ob er etwa
einen Brief hat oder ob er dir etwas mündlich sagen will, hernach sattle die
Pferde augenblicklich, denn ich will heute noch fort.«
    Hierauf ging Elbenstein wieder nach seinem Zimmer und trunk mit seinem guten
Wirte noch eine starke Anzahl Gläser Wein zum Valete, so dass beide bald anfingen
zu taumeln; ehe er sich's aber versah, kam sein Diener, rufte ihn in die
Schlafkammer und überlieferte ihm ein Billett, welches der gelbröckigte Junge
zurückgebracht hätte, der Inhalt desselben aber war folgender:
                                 Halsstarriger!
Glaubet nur nicht, dass man einige Exquisen von Euch anzunehmen gesonnen ist,
sondern Ihr müsst absolut in Person erscheinen, um Euren begangenen Fehler zu
entschuldigen und denselben zu verbessern suchen, woferne Ihr nicht ein blutiges
Rachopfer einer bereits ziemlich in Harnisch gebrachten Dame werden wollet,
welche Mittel genung weiss, Euch bis an das Ende der Welt verfolgen zu lassen.
Man weiss ohne Euer Bekenntnis alle Eure Tritte und Schritte, die Ihr gestern
nach der Mittagsmahlzeit getan habt, und es ist ein grosses Glück vor Euch, dass
Ihr gestern nirgends anders als im Garten St. Antonii Eure Zeit passieret, wäret
Ihr aber in ein Haus geraten, worinnen schöners Frauenzimmer anzutreffen
gewesen, so hätte man Euch vielleicht das Lebenslicht schon ausgeblasen, denn
dieser Dame, welche in ihrer Liebe sehr beständig, ist nichts empfindlicher als
die Untreue und Verachtung ihrer Person. Man hoffet ferner auf keine
schriftliche Antwort von Euch, sondern versichert sich, dass Ihr diesen Abend um
die bestimmte Stunde selbst kommen werdet.
Nunmehro wollte bei Elbensteinen guter Rat teuer werden, und es war einesteils
gut, dass er schon wieder ein kleines Räuschgen hatte, denn solchergestalt schlug
er die sorgsamen und ängstlichen Gedanken ziemlichermassen aus dem Sinne,
beschloss, auf den Abend der Dame seine Aufwartung zu machen, bei dem Wirt aber,
damit dieser von seinen Aventuren nichts merken möchte, Abschied zu nehmen und
sich zu stellen, als ob er heute noch etliche Meilen zurücklegen wollte. Demnach
ging er aus der Kammer heraus und traf den Wirt noch in seiner Stube an, weil er
aber dessen Forderung bereits vergnügt hatte, rief er seinem Diener, dass
derselbe die Pferde vorziehen sollte, mittlerweile er mit dem Wirte heraus ins
Haus ging und noch etliche Gläser Wein ausleerete und sich hierauf weit
betrunkener anstellete, als er in der Tat war. Der Diener und der Wirt hatten
Mühe genung, bis sie ihn aufs Pferd brachten, sobald er aber nur im Sattel sass,
sagte er: »Nun! da ich nur sitze, hat es keine Not, denn binnen einer halben
Stunde ist alles vorbei.« Derowegen nahm er nochmals Abschied von dem Wirt und
ritt ganz sachte und gemächlich nach dem Untertore zu. Vor diesem Tore hatte er
ehegestern bei seinem Spazierengehen noch eine Hostaria oder Gasterberge
bemerkt, die nicht weit von der Margareta Behausung war. Indem er nun ganz nahe
an diese Hostaria gekommen war, hielt er stille und fragte seinen Diener mit
schwerer Zunge: »Wo bin ich?« »Herr!« sagte dieser, »wir sind kaum zum Tore
heraus.« »Ich kann ohnmöglich weiterreiten«, sprach Elbenstein, »hilf mir vom
Pferde und bringe mich in ein Haus, dass ich nur ein paar Stunden schlafen kann.«
Diese Worte hörete der Wirt, welcher in der Tür der Hostaria stund, kam
derohalben herzugesprungen und half den Betrunkenen ganz gemächlich vom Pferde
heben, führete ihn auch in ein fein meubliertes Zimmer, in welchen ein Bette
stund, auf dieses fiel Elbenstein ganz taumelnd hin und stellete sich, als ob er
augenblicklich einschliefe. Der Wirt und der Diener liessen ihn ohngestört
liegen, wie er lag, und gingen auf die Seite, sattelten die Pferde ab und gaben
ihnen Futter, weil doch allem Ansehen nach heute an kein weiteres Reiten zu
gedenken war. Elbenstein war würklich in einen süssen Schlaf verfallen, doch
schlief er dergestalt mit Sorgen, dass er sich gleich bei Untergang der Sonnen
wieder ermunterte, seinen Diener rief, dass er ihm Schuhe und Strümpfe bringen
und die Stiefeln abziehen sollte, weiln er zwischen den Weinbergen und Gärten
hinaus spazierengehen und seinen Rausch vollends austummeln wollte.
    Er begab sich also aus der Hostaria heraus, ging vor der Margareten Wohnung
vorbei und setzte sich zwischen zweien Gärten hinter ein belaubtes Gepüsche,
allwo er nicht leicht von jemanden gesehen werden, jedoch alles beobachten
konnte, was zu der Margareten Haustüre aus und ein passierte. Er hatte allhier
den allerangenehmsten Prospekt vor sich, sowohl wegen der da herumgelegenen
schönen Weinberge und Gärten als auch der in selbigen erbaueten kostbaren
Paläste. Die Zeit wurde ihm also gar nicht lang, zumalen da eben der Mond
aufging, der mit seinem Glanze die an sich selbst schöne Gegend noch weit
angenehmer machte. Über dieses wurden seine Ohren gleichfalls durch die
angenehmste Instrumental- und Vokalmusik vergnügt, welche in den meisten
Palästen und Lustäusern dasiger Gegend gemacht wurde, weswegen er sich in
dieser seiner Einsamkeit recht vergnügt und von dem kleinen Rausche vollkommen
verlassen befand, mitin unter vorwitzigen Betrachtungen abwartete, was ihm
begegnen würde. Endlich ward er gewahr, dass aus einem gewissen Palais zwei
Personen herausgegangen kamen, an welchen er aber anfänglich nicht erkennen
konnte, ob es Mannspersonen oder Frauensleute wären. Es nahmen dieselben
erstlich einen langen Umschweif und kamen hernach an den Gärten herunter
spaziert, zwischen welchen Elbenstein verdeckt sass. Da erkannte er nun, dass es
zwei propre gekleidete Bäuerinnen waren, die sich hoch aufgeschürzt hatten und
deren jede eine Cistella oder Handkörbgen am Arme trug. Indem sie nun vor dem
versteckten Elbenstein ganz gemächlich vorbeigingen, sagte die eine mit einer
angenehmen und zarten Mundart: »Ich bilde mir bis auf diese Stunde noch nichts
weniger ein, als dass er kommen werde.« »Und ich«, versetzte die andere mit einer
weit gröbern Sprache, »bilde mir bis auf diese Stunde nichts weniger ein, als
dass er aussen bleiben werde.« »Geschicht's«, sagte die erste wieder, »so ist's
sein Glück, denn ich liebe ihn sehr heftig, wollte mich also lieber mit
demselben ergötzen als ihn töten lassen.« Was die andere hierauf antwortete,
konnte Elbenstein nicht mehr vernehmen, weil sie schon zu weit von ihm waren,
als er aber sah, dass die beiden Bäuerinnen gerades Wegs auf der Margareta Haus
los und endlich in dasselbe hineingingen, zweifelte er keinesweges mehr, dass
wenigstens die eine verkleidete Bäuerin eine Standesperson und ohnfehlbar eben
diejenige sei, welche seine Aufwartung verlanget hätte. Die Worte, welche die
erste gesprochen: Ich liebe ihn sehr heftig etc., verschaften ihn einen grossen
Trost, denn es lagen ihm nicht allein die Worte noch in Gedanken, welche der
Junge, so ihn ehegestern abends geführet, in seiner Einfalt ausgesprochen,
sondern er hatte auch sonsten schon gehöret, dass unter den vornehmsten und
schönsten italiänischen Damen solche barbarische, ja teufelische Gemüter
anzutreffen wären, welche ihren Amanten, nachdem sie deren Karessen überdrüssig
worden und ihre Geilheit auf diesmal genug gestillet befunden, endlich mit einer
Giftsuppe oder Stilettade den Lohn zu geben pflegten. Bei solchen Gedanken
zitterte ihm allerdings das Herz im Leibe, wenn er sich aber im Gegenteil
vorstellete, von einer der vornehmsten und schönsten Damen embrassiert zu werden
und was er sonsten vor Vergnügen bei derselben würde zu empfinden haben,
begunnte die Furcht vor der Gefahr allgemach zu verschwinden, und er wartete
nunmehro mit Schmerzen auf den bestimmten Glockenschlag. Dieser liess sich
endlich hören, es war aber nicht anders, als wenn ihm zu gleicher Zeit jemand
ein Messer ins Herz gestochen hätte, er sprang auf, blieb eine Weile stehen und
besann sich, ob er in die Hostaria zurückgehen, seine Pferde satteln lassen und
bei dem hellen Mondenschein fortreuten oder in der Margareta Behausung gehen
wollte. Zuletzt prädominierte doch bei ihm die tollkühne und wollüstige Jugend,
weswegen er mit bedachtsamen Schritten auf der Margareta Wohnung zuging, unter
dem Vorsatze, alles zu wagen, weiln man doch dem gemeinen Sprichworte nach aus
zweien Übeln dasjenige erwählen müsste, welches einem am erträglichsten vorkömmt.
    Sobald er gegen die Tür kam, gab ihm eine darinnen sitzende Weibsperson
durch Winken und Husten zu verstehen, dass er näher kommen möchte. Er gehorsamete
und wurde gefragt, ob er derjenige Kavalier wäre, welcher heute durch einen
gelbröckigten Jungen Briefe zugeschickt bekommen hätte. »Ja!« sagte Elbenstein,
»der bin ich, auch willig und bereit, den darinnen entaltenen Befehlen, soviel
mir mensch- und möglich ist, aufs allergenauste nachzukommen, es mag mir auch
darbei begegnen, was nur immer will.« Hierauf gab die Weibsperson zur Antwort:
»Seid gutes Muts und sorget vor nichts, mein Herr! denn es stehet Euch ein
besonderes Glück und nicht das geringste Unglück vor, wendet aber nur alle Euren
Fleiss und Kräfte an, Euch bei einer der qualifiziertesten und vollkommen schönen
Damen recht beliebt und angenehm zu machen und dieselbe nach ihrem Wunsche zu
vergnügen.« Hiermit führete sie Elbensteinen die Treppe hinauf, eröffnete ein
wohlausgeputztes Zimmer, welches nur von einem einzigen Lichte erleuchtet wurde.
Der mit allerhand Confituren und Weingläsern besetzte Tisch stund der Türe
gleich gegenüber, und an demselben sass eine von den verkleideten Bäuerinnen,
welche er bei sich hatte vorbeigehen sehen. Sobald er ins Zimmer eingetreten und
die Tür hinter ihm zugeschlossen war, stund sie auf und ging ihm etliche
Schritte entgegen. Elbenstein hingegen fiel vor ihr auf das eine Knie nieder und
deprezierte seinen gestern begangenen Fehler mit herzbrechenden Worten. Sie
hörete ihn eine kleine Weile zu, sagte aber kein Wort, weil sie eine grüne
Sammetmasque vor dem Gesichte hatte. Endlich legte sie ihre zarte Hand auf
seinen Mund zum Zeichen, dass er nunmehro hiervon nur schweigen sollte, ihm aber
auch ein Zeichen zu geben, dass sie nicht mehr zornig sei, klopfte sie ihm mit
beiden Händen sanfte auf die Backen, führete seine Hand zu ihren Munde, welche
sie wegen der Masque zwar nicht küssen konnte, doch gab sie mit ihrem Munde
einen klatschenden Laut zum Zeichen, dass dieses so gut als geküsset wäre, nach
diesen griff sie ihm unter die Arme und hub ihn also von dem Fussboden auf,
präsentierte ihm einen Stuhl, sich neben sie zu setzen, schenkte zwei Gläser
Wein ein und gab mit finkelnden Augen und einem charmanten Kompliment, jedoch
ohne [ein] einziges Wort zu reden, zu verstehen, dass sie seine Gesundheit
trinken wollte. Elbenstein war schon froh, denn nunmehro, glaubte er, würde sie
ihr schönes Gesicht entblössen, allein weit gefehlet! Denn ehe er sich's versah,
hatte sie vermittelst eines goldenen Röhrchens in grösster Geschwindigkeit das
ganze Glas ausgeleeret. Das war ihm nun zwar eben nicht gelegen, jedoch liess er
sich nichts merken, sondern trunk den Pokal, welchen sie ihm eingeschenkt hatte,
auf ihre Gesundheit rein aus, hierauf wurde er etwas drüster, küssete ihre mit
kostbaren Perlen und Ringen gezierte Arme und Hände, die an Zärtlichkeit den
Sammet und an Weisse den Alabaster übertrafen, ingleichen die unvergleichliche
halb entblössete Brust vielmalen und bewunderte nicht allein diese, sondern auch
ihre schöne Kehle, den wohlproportionierten Leib und Schenkel, ingleichen die
mit Perlen und edlen Steinen gestickten Schuhen gezierte, artige kleine Füsse.
Alles dieses war mehr als zuviel, Elbensteins geile Triebe vollkommen zu erregen
und die sündlichen Wollustfunken in lichterlohe Flammen zu verwandeln, weswegen
er zu seufzen anfing und sich mit feuervollen Augen nach dem auf der Seite
stehenden Bette umsah, die Dame seufzete gleichfalls, druckte aber ihre Augen
feste zu, weswegen er es wagte, aufzustehen und sie vom Tische hinwegzuführen.
Sie liess mit sich umgehen, als er nur selbst wollte ...
    Um aber den äussersten Zirkel der Ehrbarkeit nicht zu überschreiten, schlägt
man bei dieser Passage etliche Blätter im Manuskript des Autoris zurück und
meldet nur so viel, dass beide Verliebte einen scharfen und öfters wiederholten
Streit miteinander hatten, bis endlich die Dame mit gebrochenen Worten und
ächzender Stimme sagte: »Son stanca mio Bene! un pocho di riposo. Ich bin müde,
mein Leben! lass mich ein wenig ruhen.« Nunmehro wurde Elbenstein erstlich
Überzeugt, dass er mit keiner stummen Amour zu tun hätte, weswegen er ihr sonsten
noch allerhand Schmeicheleien erwiese und sich endlich an den Tisch setzte,
woselbst er erstlich etliche Zimmetmandeln speisete, hernach aber zu Stillung
seines heftigen Dursts etliche Gläser Malvasier auf seiner unbekannten Schönen
Gesundheit austrank. Er war in seinem Herzen und Gedanken vor Vergnügen
dergestalt verwirrt, dass er nicht einmal daran gedachte, ob dieselbe vielleicht
nicht Appetit zum Trinken haben möchte, bis sie selber sagte: »Mein Engel,
reichet mir ein einzig Glas Wein und mein Röhrchen darzu, welches dort in der
Schale liegt.« Er säumete sich nicht, ihr aufzuwarten, mittlerweile richtete sie
sich im Bette auf und zohe den dargereichten Wein durch das Röhrchen in sich, da
er aber sowohl eines als das andere wieder an Ort und Stelle gebracht, reckte
sie ihren aufgestreiften Arm ihm entgegen, weswegen er sich neben sie an das
Bette setzte und Arme, Hände und Brust aufs neue inbrünstig zu küssen anfing.
Sie machte ihm mit Drückung der Hände und dergleichen verschiedene
Gegenkaressen, weswegen er sich die Freiheit nahm, sie auf das allerzärtlichste
zu bitten, dass sie doch die Masque von ihrem englischen Angesichte ablegen
möchte. Sie schwieg erstlich eine gute Weile stille; als aber Elbenstein
nochmals darum anhielt, sagte sie mit einer ernstaften Stimme, worbei sie sich
zugleich in die Höhe richtete: »Mein Kavalier! ich liebe Euch von Herzen, und
zwar dergestalt, als ich noch keinen Menschen auf der Welt geliebt habe, allein
ich bitte Euch, verlanget nicht noch mehrmalen von mir, dass ich mich vor Euch
demasquieren soll, so lieb Euch Euer Leben ist. Unterdessen will ich Euch, ohne
mich selbst zu loben, auf das teuerste versichern, dass unter dieser Masque kein
hässliches, sondern eins von den feinesten Gesichtern in ganz Italien verborgen
ist. Ich mache mir aber aus meinem Gesichte eben keinen Staat, weil ich weiss,
dass mich die gütige Natur mit andern Annehmlichkeiten zur Gnüge besorgt hat, das
aber muss ich gestehen, dass ich sehr eigensinnig bin und niemanden liebe als
denjenigen, an welchen ich etwas Vollkommenes nach meinem Goût finde. Derowegen
verscherzet dieser unnötigen Curiosité wegen, welche bei der Hauptsache wenig
oder nichts zusetzen oder abnehmen kann, meine vollkommene Gunst und Liebe
nicht, forciert mich auch nicht weiter, mich zu demasquieren, bei Verlust Eures
Lebens.«
    Elbenstein vermerkte gleich bei der Dame ernstaften Sprache und Stellung,
dass sie sich über sein Begehren etwas alteriert hatte, weswegen er vor ihren
Bette niederkniete und unter beständigen Küssen ihrer Hände und Füsse dieselbe
wegen seines abermals begangenen Fehlers um Verzeihung bat. Er fügte hinzu, dass
ihm sein Schutzengel dero überirdisches Bildnis dergestalt im Geiste
vorgezeiget, dass nichts fehlete, als dass er in der Malerkunst erfahren wäre,
sonsten wollte er es ohnfehlbar dergestalt abschildern, dass sie, die Dame,
selbst bezeugen sollte, wie er es nach dem Originale, welches er doch nie zu
sehen das Glück gehabt, akkurat getroffen habe. Derowegen müsse er bekennen, dass
er eben hiernach nicht so begierig gewesen, als nur dero unvergleichliche Lippen
zu küssen, deren Purpurpurfarbe er durch die Öffnung der Masque zwar nur in
etwas erblicken können, allein sie hätten gleichsam als ein Magnet seinen Mund
und Herz dergestalt an sich gezogen, dass er gemeinet, er müsse verzweifeln, wenn
er sich nicht ausbäte, diese himmlische Lippen zu küssen.
    »Oh! du kleiner Schmeichler!« sagte die Dame, indem sie sich wieder aufs
Bette streckte, »komm her und lege dich neben mich.« Elbenstein liess sich nicht
zweimal nötigen, sondern gehorsamte gleich, erschrak aber nicht wenig, da in
selbigem Augenblicke eine Maschine von der Decke herunter gefahren kam, welche
das Licht dergestalt bedeckte, dass man im Zimmer keine Hand vor Augen sehen
konnte. Er wusste nicht, was dieses bedeuten sollte, unter der Zeit aber hatte
die Dame die Masque auf die Seite getan und legte ihren blossen Mund auf seinen
Mund, gab ihm auch in einem Atem mehr als 100 Küsse. Endlich im Abziehen sagte
sie: »Nun! da hast du meinen blossen Mund, küsse dich satt, allein, mein Leben!
der Schwur, den ich getan, vor dir mein Angesicht verborgen zu halten, solange
ich an diesem Orte bin, wird von mir nicht gebrochen.« Elbenstein küssete
demnach im Finstern nicht allein den zarten Mund, sondern auch die Augen und
Wangen viele 100mal, bis ihn endlich die Dame erinnerte, vor dasmal von diesem
Spiele abzustehen und das Hauptspiel wieder vorzunehmen. Er machte sich sogleich
fertig darzu, und unter dieser kurzen Zeit sagte die Dame noch: »Du hast doch
recht, meine andere Seele! dass kein Liebesgenuss recht vollkommen zu nennen ist,
wenn das Küssen des Mundes darbei verweigert wird.« Elbenstein küssete sie
demnach noch etlichemal auf den Mund, worauf das sogenannte Hauptspiel wieder
angefangen wurde; nachdem sie aber selbiges ohngefähr fünf- oder sechsmal
wiederholet, zeigte die Glocke die Mitternachtsstunde an, weswegen die Dame
Elbensteinen zu vernehmen gab, dass dieses die Zeit wäre, da sie voneinander
scheiden müssten, doch bäte sie sich aus, dass er folgenden Abends eben um
dieselbe Zeit abermals in diesem Hause erscheinen möchte. Elbenstein versprach,
ihren Befehlen aufs allergenauste nachzuleben, küssete die geliebten Lippen noch
etlichemal und tappte hernach im Finstern nach dem Tische hin, um nicht etwa die
Gläser umzustossen oder sonsten Unglück anzurichten. Sobald aber die Dame nur
ihre Masque wieder vorgetan, fuhr die Maschine, welche das Licht bedeckt hatte,
plötzlich in die Höhe, und es war wiederum helle in der Stube, so dass Elbenstein
alle seine Sachen geschwind finden konnte. Die Dame stieg auf und brachte eine
silberne Schale voll Makronen, die sie aus einem Schranke nahm, hergetragen,
steckte Elbensteinen alle Taschen voll und schütte[the] die übrigen in seinen Hut
mit dem Begehren, dass, ehe er eine davon verschenkte, sie erstlich voneinander
brechen und kosten sollte, weil dieses Konfekt sehr stärkte. Er versprach, keine
davon zu verschenken, sondern auf ihre Gesundheit alle mit grössten Appetite zu
verzehren. Hierauf zog sie einen kostbaren Ring von ihren Finger, steckte ihm
denselben an seinen kleinen Finger, weil er an keinen andern passen wollte, und
sagte: »Diesen behaltet zum Angedenken der heutigen Nacht, künftig ein
mehreres.« Wie sie nun unter diesen letztern Worten an einem Glöcklein zohe,
küssete Elbenstein nochmals ihre schönen Hände, dankte aufs allerverbindlichste
vor das kostbare Geschenk und nahm fast mit weinenden Augen Abschied, bat aber
zum Beschlusse nochmals, ihm seine begangenen Fehler völlig zu vergeben und
alles das, was ihr an ihm nicht gefiele, gnädigst und liebreich zu korrigieren;
worauf sie ihn zärtlich umarmete, an ihre Brust drückte und darbei sagte: »Oh,
bella anima in un angelico corpo! Oh! was vor eine schöne Seele in einem
englischen Leibe!«
    Indem kam Margareta zur Tür hinein, welcher sie befahl, dem Kavalier die
Treppe hinunter zu leuchten, damit er nicht Schaden nähme. Diese gehorsamete, er
machte nochmals ein stummes Kompliment, worgegen die Dame die Strahlen ihrer
pechschwarzen Augen nochmals auf ihn schiessen liess und sich nach gemachten
Gegenkompliment zurückbegab. Als Margareta die Treppe hinunter geleuchtet,
begegnete ihnen im Hause unten die andere verkleidete Bäuerin, an deren
Gliedmassen aber Elbenstein sogleich wahrnahm, dass sie von der gütigen Natur mehr
zur Arbeit als zur Galanterie geschaffen worden, indem ihre Hände, Füsse, ja der
ganze Körper dergestalt vierschrötig beschaffen, dass ein ekeler Buhler sich
wenige Mühe darum zu geben Ursach hatte. Jedoch wegen ihrer Treue mochte sie bei
der unbekannten Dame in besondern Gnaden stehen, und dieserwegen allein machte
ihr Elbenstein ein freundliches Kompliment. Sie ging die Treppe hinauf,
Margareta aber begleitete ihren Gast bis an die Haustüre, allwo er ihr drei
Zechins in die Hand druckte und bat, dass sie ihm erlauben möchte, morgen
nachmittags in ihren Garten zu kommen, weil er nicht allein ein grosser Liebhaber
von frischen Obst wäre, sondern auch sonsten ein und anderes mit ihr zu sprechen
hätte. Margareta dankte zuerst vor das empfangene Geschenk und sagte hernach:
»Mein Herr! in meinen Garten können Sie wohl kommen, und zwar durch die Tür, so
von der Strasse hineingehet, denn im Garten können wir von allen Leuten gesehen
werden, aber! um aller Heiligen willen, nicht in mein Haus, denn die Dame ist
ganz entsetzlich jaloux, und wenn sie erführe, dass Sie, mein Herr! bei mir
allein im Hause gewesen, würde sie gleich auf den Verdacht fallen, dass wir
einander karessierten; denn ich bin auch noch in meinen besten Jahren, und also
könnte es uns allen beiden das Leben kosten, darum ist's am besten, dass wir im
freien Garten, wo uns alle Leute sehen können, miteinander reden.« Elbenstein
versprach, sich darnach zu richten, nahm gute Nacht von Margareten und begab
sich, nach einer seinem Fleische und Blute sehr wohlgefälligen, dem Himmel aber
sehr missfälligen Bemühung, nach seinem Logis und zur Ruhe.
    Was vor verliebte Träume er von dieser unbekannten Schöne gehabt und wie
Morpheus ihm dieselbe im Schlafe ohne Masque als ein recht überirdisches
Wunderbild vorgestellt, auch was die eigene Phantasie ihm bei zugemachten Augen
vor geile Blendwerke vorgegaukelt, ist nicht ratsam anzuführen; als er aber des
andern Vormittags aufgewacht und sich ankleiden lassen, brach er eine von den
Makronen auf und fand einen Zechin darinnen. (Diese Münze lässt der Doge zu
Venedig schlagen, und es galt zu damaligen Zeiten ein Zechin ohngefähr vier
Kaisergroschen mehr als ein ungarischer Dukaten.) Elbenstein brach noch mehrere
voneinander und fand in einer jeden dergleichen Goldstück, nahm sich auch kein
Bedenken, etliche davon zum Frühstücke zu speisen, weil er gedachte, wenn diese
Dinger vergiftet wären, ihn damit ums Leben zu bringen, so würde man doch zum
wenigsten das Gold gesparet haben, denn er zählete akkurat 100 Stück Makronen
und also auch 100 Zechinen. Je mehr er nun hierdurch in der Meinung gestärkt
wurde, dass seine unbekannte Amasia eine sehr vornehme und reiche Dame sein
müsse, desto stärker vermehrete sich seine ambitieuse Liebe, und er brachte die
müssigen Stunden bloss mit eifrigen Nachsinnen zu, wie er künftigen Abend seine
Venus recht à la mode bedienen wollte. Bald nach Tische ging er ungescheut in
der Margareten Garten und divertierte sich in selbigen an allerhand Blumen und
Früchten, bis endlich die Margareta ihn gewahr wurde und zu ihm herauskam, da
er ihr denn aufrichtig erzählte, wie er in dem Konfekt 100 Stück Zechins
gefunden, ihr auch den zehnten Teil davon gab und dieselbe bat, hinfüro noch
weiter seine gute Freundin zu bleiben, vor allen Dingen aber ihm zu melden, was
seine hohe Gebieterin etwa an seiner Aufführung und ganzem Wesen auszusetzen
hätte, damit er sich in Zeiten darnach richten könne, um derselben nicht
missfällig zu werden.
    
    Margareta versicherte ihn mit den teuresten Eidschwüren, dass die Dame mit
seiner Conduite vollkommen wohl zufrieden gewesen und alles dahin eingerichtet
hätte, dass er noch drei Nachtvisiten bei ihr abstatten sollte, binnen der Zeit
sie schon Abrede mit ihm nehmen würde, wo sie einander weiter sprechen könnten.
Unterdessen könne er vergewissert sein, dass seine Mühe sehr wohl belohnet werden
würde, nur aber sollte er sich das Stillschweigen rekommendiert sein lassen,
damit kein Mensch von diesen Liebeshändeln einige Nachricht empfinge, weil die
Dame ungemein capricieux wäre und in diesem Falle seines Lebens nicht schonen
würde, ohngeacht sie ihn auf das allerzärtlichste liebte.
    Elbenstein replizierte, dass, wenn er alle Qualitäten und Tugenden sowohl als
das Stillschweigen besässe, so verhoffe er vor den allervollkommensten Kavalier
zu passieren, worbei er mit Bleistift auf ein im Gartenhause auf dem Tische
liegendes Papier folgende Worte schrieb: Sil tacere potesse rendermi immortale,
non morirei giamais. Wenn Verschwiegenheit mich unsterblich machen könnte, so
glaube ich, dass ich wohl nimmermehr sterben würde. Hierauf begab er sich wieder
in sein Quartier, stellete sich ganz malade und schlief etliche Stunden, um die
bestimmte Zeit aber gabe er dem Wirte zu vernehmen, wie er gestern abends mit
einigen Kavaliers ins Spiel geraten, einige Zechins gewonnen und versprochen
hätte, ihnen diesen Abend Revanche zu geben. Der Wirt, als ein complaisanter
Mann, wünschte ihm Glück zu fernern Gewinste, verwarnete ihn aber dabei, dass er
sich ja behutsam aufführen und vor starken Trinken hüten möchte, denn er müsse
es selbst seiner Nation zur Schande nachsagen, dass die meisten italiänischen
Kavaliers nicht halb so généreux und herzhaft als die Deutschen, im Gegenteil
desto heimtückischer und hinterlistiger wären, und wenn sie im Spiele etwas
Merkliches verloren, sich gemeiniglich aufs Zanken legten und eine malhonette
Rache auszuüben suchten. Elbenstein hergegen versicherte den Wirt, dass
diejenigen Kavaliers, welche ihn gestern zufälligerweise in ihre Compagnie
genötiget, rechte raisonnable Leute und keine Sklaven vom Gelde wären, über
alles dieses ihm die grösste Complaisance erzeigt hätten, weswegen er denn, da er
ohnedem gesonnen, noch etliche Tage hierzubleiben, sich vorgenommen hätte,
dieselben ehesten Tages zu sich in sein Logis zu bitten und sie nach Vermögen zu
divertieren. Der Wirt, welcher seinen Profit hierbei zu ziehen gedachte, liess
sich solches gefallen, sorgte weiter vor Elbensteinen nicht, dieser aber ging,
sobald es dämmrig zu werden begunnte, durch die Gärten spazieren und um die
bestimmte Zeit in der Margareten Haus. Diese kam ihm sogleich entgegen und
berichtete, dass die Dame bereits vor einer guten halben Stunde angekommen wäre
und seiner in eben dem Zimmer, wo sie gestern beisammen gewesen wären, mit
verliebter Ungedult erwartete. Bei so gestalten Sachen hielt Elbenstein nicht
vor ratsam, eine Minute zu versäumen, sondern begab sich eiligst die Treppe
hinauf, ging ohnangemeldet in das Zimmer und traf seine Geliebte in einem
langen, goldenen brokatenen Schlafrocke auf dem Faulbettgen liegend an. Sie lag
auf den Rücken, und er bemerkte dennoch durch die Masque, dass sie die Augen
zugetan hatte, indem das Zimmer nicht wie gestern nur mit einem, sondern mit
zwölf Wachslichtern erleuchtet war, so dass es darinnen so helle als am Tage. Er
wollte sich nicht erkühnen, sie in ihrer Ruhe zu stören, küssete demnach ihre
Hände vielmalen ganz subtil und blieb vor dem Bette auf den Knien sitzen.
Endlich wurde sie durch das viele Händeküssen ermuntert, fuhr in die Höhe und
sagte: »Ach, mein Vergnügen, seid Ihr schon da? Habt doch die Güte und
verriegelt die Tür.« Er war mehr als geschwind, ihrem Befehle zu gehorsamen; als
er aber zurücke kam, traf er seine Venus in einer solchen Positur an, dass er vor
Vergnügen fast ganz entzückt zu sein schiene, denn sie hatte den kostbaren
Schlafrock voneinander getan und präsentierte ihren zarten Körper, wie er
geschaffen war, auch sogar ohne Hembde, jedoch das Gesicht en Masque. Hier
verbietet die Ehrbarkeit abermals, die Entrevue dieser beiden Verliebten und die
Lectiones, so sie einander aufgegeben, zu beschreiben. Demnach schlägt man im
Manuskript viellieber etliche Blätter zurücke und meldet nur so viel, dass
Elbenstein nicht nur diese, sondern auch folgende Nächte niemals morgens vor
vier Uhren deutschen Zeigers von ihr kam, jedoch vor seine Mühe ungemein
reichlich belohnet wurde, wie sie ihm demnach in der letzten Nacht ein von ihren
eigenen Haaren und untersponnenen Goldfaden durchwürktes Armband schenkte,
dessen Schloss mit Diamanten und andern kostbaren Edelsteinen reichlich besetzt
war. Hierbei meldete sie ihm, dass sie zwar folgenden Morgen von hier abzureisen
sich genötiget sah, allein, er sollte nicht verabsäumen, die Woche vor Martini
nach Padua zu kommen und sein Quartier bei der Oreda Todesca zu nehmen, daselbst
würde sich ein ihr getreuer Mensch einfinden, der ihn in geheim und sicher zu
ihr bringen würde. Er versprach unter tausend Küssen und andern Liebkosungen,
den Befehlen seiner schönen Gebieterin aufs genauste nachzukommen, dankte aufs
verbindlichste vor die kostbaren Présente, nahm endlich mit einer wahrhaften
verliebten Betrübnis Abschied von derselben und begab sich nach seinem Logis,
allwo er, weil er sich diese Nacht im Liebeskriege ziemlich abgemattet, bis zehn
Uhr vormittages schlief, nach dem Ankleiden aber Anstalten zu seiner fernern
Reise machte. Jedennoch trieb ihn eine verliebte Sehnsucht an, diesen Ort nicht
eher zu verlassen, bis er noch einmal mit Margareten gesprochen, um von
derselben zu vernehmen, was seine unbekannte Mätresse nach seinem Abschiede etwa
von ihm noch erwähnet, dannenhero begab er sich in ihren Garten, allwo sie
seiner Person bald gewahr wurde, zu ihm herunterkam und vermeldete, dass ihre
Gebieterin vor wenig Stunden abgereiset wäre.
    Margareta nötigte ihn hinauf in das Zimmer, worinnen er sich mit der Dame
divertiert hatte, und meldete ferner, wie dieselbe ihr beim Abschiede nochmals
anbefohlen, ihm entweder schriftlich oder mündlich die Verschwiegenheit nochmals
einzubinden und darbei anzumahnen, dass er, der mit ihr genommenen Abrede nach,
auf die bestimmte Zeit sich zu Padua einfinden und versichert sein sollte, dass,
woferne er diesen beiden Punkten nachkommen würde, er keinen Schaden, sondern
vielmehr einen starken Vorteil davon haben sollte. Dieser versprach beides
unverbrüchlich zu beobachten, als er aber seine Blicke auf das Bette oder,
besser zu sagen, auf die Walstatt seiner ausgeübten sündlichen Lüste warf und
sich erinnerte, was vor verliebte Rencontres darauf vorgegangen, konnte er sich
nicht entalten, dasselbe mit vielen Küssen und sehnsuchtsvollen Seufzern zu
beehren und gleichsam hiermit der Göttin der Liebe zur Dankbarkeit noch ein
Opfer zu bringen. Margareta, welches eine ganz wohlgebildete Frau, nicht viel
über 30 Jahr und den Liebesübungen sonsten eben nicht abgeneigt war, wurde durch
Elbensteins Beginnen inniglich gerühret, sagte derowegen, sie wollte im Namen
des Bettes die schuldige Gegen-Dankbarkeit vor die verliebte Beehrung und
Abschiednehmung erstatten, unter welchen Worten sie dem von Elbenstein mit
entbrannten Augen dergestalt begierig um den Hals fiel und ihm so viele heisse
Küsse versetzte, dass, als sie vollends mit gebrochenen Augen auf das Bette
zurücksank und ihn nach sich zohe, er sich von derselben solchermassen bezaubert
fand, ihr eben denjenigen Liebeszoll abzustatten, den er vorhero der masquierten
Schöne, welche er in seinem Herzen um Verzeihung bat, abgezahlet hatte.
Unterdessen aber musste er hierbei dennoch bekennen, dass die gütige Natur auch
zuweilen Personen von geringen Stande etwas besonderes Reizendes vor vielen
vornehmen Damen angedeihen lassen, ja es wurde durch diese unvermutete
Begebenheit und durch ein und andere besondere Aufführung dieser seiner der
Geburt nach zwar bäuerischen, in der Tat aber sehr zivilisierten Mätresse in
seinem Herzen eine würkliche Liebe gegen dieselbe erweckt. Denn ob sie gleich
nicht so weiss, zart und an der Struktur der Glieder nicht so vollkommen angenehm
gebildet war als die masquierte Dame, so konnte er doch aus ihren schwarzen
feurigen Augen und bräunlichen Angesichte fast mehr Vergnügen lesen als aus
einem Gesichte, welches mit einer Masque bedeckt war und er nicht wissen konnte,
ob es etwa durch die Pocken oder andere Flecken und Male verdorben wäre; demnach
zwischen Hoffnung und Zweifel bleiben müsste, ob es so vollkommen schön, als er
sich selbiges eingebildet, oder ob es hässlich wäre. Zudem so verstunden sich
dieser wohlgebildeten Brunette dennoch weissen und fleischigten Arme und Schenkel
ebensowohl auf die verliebte Ringekunst als jener ihre fast allzuzarten
Gliedmassen. In summa, gleichwie der menschliche Appetit und lüsterne Mund
oftermals ein Gerüchte Kraut oder anderes Zugemüse den delikatesten Braten und
dergleichen niedlichen Speisen vorziehet, also verachtete Elbenstein vor dieses
Mal die bräunliche, gesunde und muntere Gärtnerin auch nicht und befand diese
Veränderung seinem venerischen Gemüte ganz angenehm, wie denn auch die verliebte
Gärtnerin, nachdem ihre Sehnsucht gestillet, ihn mit den allerfreundlichsten
Karessen ersuchte, auf eine schlechte Mittagsmahlzeit bei ihr zu verbleiben. Sie
wusste ihr Kompliment dergestalt artig vorzubringen, dass Elbenstein sich recht
gezwungen sah, in ihr Begehren zu willigen. Demnach holete sie erstlich einen
lebendigen Kapaunen, einen vortrefflichen Fisch, ingleichen ein paar frisch
geschossene Rebhühner, befahl einer alten Frauen und ihrer Magd, dass sie alles
aufs eiligste und beste zurechte machen sollten, sie aber begab sich, nachdem
sie sowohl den Kapaunen als den Fisch selbst abgestochen hatte, mit dem von
Elbenstein wieder hinauf in das Zimmer, allwo der verliebte Zeitvertreib auf der
plaisanten Ruhestätte der masquierten Dame wiederholet wurde; denn obschon die
angenehme Gärtnerin sowohl an Armen als an den Kleidern von den abgeschlachteten
Stücken ziemlichermassen mit Blute besudelt war, so ekelte Elbensteinen dennoch
um soviel weniger vor ihr, weil sich die Röte in ihrem Gesichte, teils durch die
verliebte Erhitzung, teils durch das angezündete Feuer, sehr stark hervorgetan,
mitin wegen der Vermischung auf der bräunlichen Farbe ein nicht unangenehmes
Ansehen verursachte und die lüsternen Regungen und Liebesbegierden um soviel
desto mehr anreizte. Nachdem sie nun in vollen Vergnügen noch von diesem und
jenen einen freundlichen Diskurs geführet, ging Margareta wieder hinunter und
brachte die Speisen herauf, worüber sich Elbenstein nicht wenig verwunderte,
indem er sich fast nicht einbilden konnte, wie es möglich wäre, in solcher
Geschwindigkeit eine vollkommene Mahlzeit zuzubereiten. Allein er fand alles
ungemein appetitlich und wohl zugerichtet, wie denn noch verschiedene
Nebengerichte nach italiänischer Art, welche zur Wollust reizen, ingleichen
verschiedene Sorten von Confituren aufgesetzt wurden; auch fehlete es der
Margareta nicht an etlichen Bouteillen Malvasier und Vino di Monte Alcino,
welches alles vielleicht ein Überbleibsel von der Générosité der unbekannten
Dame herrühren mochte.
    Dieses alles schmeckte Elbensteinen recht vortrefflich wohl und noch besser
als im Gastofe, weswegen er fast zwei Stunden mit seiner angenehmen Gärtnerin
bei Tische zubrachte, nachhero aber derselben nebst einem Gratial von etlichen
Zechinen zu vernehmen gab, wie es nunmehro Zeit sei, dass er sich zu Pferde
setzen und fortreisen müsste, weil er ohndem nicht wüsste, womit er sich bei
seinen Fürsten entschuldigen wollte, dass er so viele Tage über die gesetzte Zeit
aussengeblieben wäre.
    Margareta hätte die Zechinen gern entbehret, wenn dieser feine Herr nur
noch ein paar Tage bei ihr geblieben wäre, denn sie gab solches fast mit
weinenden Augen zu verstehen, allein da derselbe die allerhöchste Notwendigkeit
und dass seine ganze Renommée darauf beruhete, vorschützete, anbei sie beredete,
wie ihm ihre Karessen dergestalt wohlgefallen, dass er in wenig Wochen allhier
wieder durchpassieren und in aller Still etliche Tage und Nächte bei ihr
verbleiben wollte, gab sie sich endlich zufrieden, jedoch mit der Kondition, dass
er ihr nur noch einen einzigen vollkommenen Liebesdienst erweisen mochte. Er,
der sich durch die kräftigen Speisen und köstlichen Wein ganz besonders gestärkt
befand, hätte es vor eine grausame Unbarmherzigkeit gehalten, ihr solches
abzuschlagen, und da sie sich über seine besondere Complaisance ungemein
vergnügt bezeigt, nahm er endlich auf eine recht zärtliche Art, nicht anders,
als ob er eine der vornehmsten Damen vor sich hätte, Abschied von der
Margareta, jedoch ehe er noch aus dem Zimmer schritte, vermahnete ihn dieselbe,
von dieser neuen Historie ja gegen niemanden ein einziges Wort zu melden,
widrigenfalls sie beiderseits ein jämmerliches Rachopfer der masquierten Dame
werden würden. Elbenstein schwur der Margareta hoch und teuer zu, solange als
er in Welschland lebte, nicht von allen dem zu reden, was ihm binnen diesen
wenigen Tagen begegnet wäre, hierbei aber fiel ihm jählings noch ein, ob er,
nachdem er die Margareta ihm so verbindlich gemacht, von derselben in dieser
letzten Stunde nicht erfahren könne, wer denn eigentlich die masquierte Dame
wäre. Er umarmete sie demnach nochmals aufs liebreichste und gab ihr seine
Curiosité zu erkennen. Allein Margareta erblassete recht, als sie dieses
hörete, und sagte: »Mein allerangenehmstes Wesen auf der Welt! ich bitte Euch um
alles dessen willen, was über und unter uns ist, verschonet mich mit diesem
einzigen Punkte, denn ich habe einen gar zu grausamen Eidschwur tun müssen, Euch
ihren Namen nicht zu entdecken. Soviel will ich Euch aber doch aus Liebe sagen,
dass Ihr mit einer Dame zu tun gehabt habt, die am Stande in ganz Welschland sehr
wenig über sich hat. Nun reiset glücklich, mein Leben! Was hülfe es Euch, wenn
Ihr mir ein allzuschwer Gewissen machtet und vielleicht Euch und mich dadurch
ums Leben brächtet.«
    Solchergestalt sah und merkte Elbenstein wohl, dass seine Kuriosität in
diesem Stücke nicht könnte gestillet werden, derowegen nahm er völligen Abschied
von der Margareta, ging zurück ins Logis, bezahlete den Wirt recht raisonnable,
und da seine Pferde schon parat und gesattelt stunden, setzte er sich auf,
erreichte auch, weil er den ausgeruheten Pferden die Sporen ziemlich fühlen
liess, auch selbigen Abend die Stadt Padua. Nachdem er allda in einem bequemen
Logis wenig von Speisen und Getränke, jedoch desto mehr Schlaf und Ruhe
genossen, begab er sich frühmorgens bei guter Zeit auf den fernern Weg nach
Battaglia; indem er aber solchergestalt dem Schloss vorbei passieren musste, wo
seine geliebte Baronne von K. sich aufhielt, als fing er an, sobald er solches
erblickte, ganz sachte zu reuten, war auch so glücklich, dieselbe ganz allein in
einem Fenster, aus welchem sie die Heerstrasse und ganze Gegend übersehen konnte,
zu erblicken. Sie erkannte ihn gleichfalls, und als er seinen Hut abzohe, war
sie so gefällig, ihm nicht allein ein charmantes Kompliment zu machen, sondern
auch die Spitzen ihrer Finger zu küssen und ihm damit anzuzeigen, dass sie ihm
einen Kuss entgegenschickte und herunterwürfe. Elbenstein durfte sich mit nichts
anders als mit einem tiefen Hauptneigen revanchieren, weil er befürchten musste,
dass etwa jemand anders im Schloss durch die Scheiben gucken und seine Mienen
observieren möchte. Weiln nun eben dem Schloss gegenüber das Wirtshaus war,
hielt er vor demselben stille, liess sich ein Stück weiss Brot und ein Glas Wein
aufs Pferd reichen und verzehrete also das Frühstück, mittlerweile er seine
Augen zum öftern nach dem Schloss richtete, in Hoffnung, die Baronne noch
einmal zu Gesichte zu bekommen. Allein es wollte nichts daraus werden, denn
diese war sogleich in ihres Herrn Gemahls Zimmer gegangen und hatte zu demselben
gesagt: »Sehet doch, mein Schatz, dort hält ein Kavalier vor dem Wirtshause,
wenn ich schweren sollte, so hätte ich ihn bei dem Fürsten von N. gesehen,
allein der arme Mensch wird ein schlecht Frühstück bekommen, weiln ich gestern
gehöret habe, dass unser Gastwirt in vielen Jahren nicht so schlechten Wein
gehabt hat als jetzo.«
    Dieses letztere brachte sie mit einer solchen negligenten und lächerlichen
Miene vor, dass der Herr Baron sich fast darüber ärgerte und sagte: »Es ist eine
schlechte Ehre vor unsern Flecken, allwo wir selbst wohnen.« Augenblicklich aber
rief er einen von seinen Laquais und befahl ihm, aufs allereiligste eine
Bouteille von dem allerbesten Marzeminerweine nebst einer Schale voll Konfekt
dem Kavalier, der dorten vor dem Gastofe hielte, hinüberzutragen, darbei zu
melden, wie er, der Baron, demselben seine gehorsamste Empfehlung machen liesse,
anbei besorgte, dass ihm des Wirts Wein vielleicht nicht schmecken würde,
weswegen er ihm hier eine Bouteille von dem seinigen, so gut man dieselbe in der
Geschwindigkeit ergreifen können, überschickte, anbei gehorsamst bäte, wenn
seine Reise nicht allzu pressant, seiner, des Barons, Behausung und ihm die Ehre
zu geben, auf ein schlecht Mittagsmahl vorliebzunehmen, damit er das Glück haben
möchte, ihn, den er vor einen deutschen Landsmann ansähe, von Person und Namen
kennenzulernen. Der Diener war wie der Wind, sowohl den Wein und Konfekt als das
Kompliment anzubringen, hätte es auch nicht besser treffen können, indem er vor
seinen Weg einen Scudo d'argento (ist ohngefähr 30 ggr. deutsches Geldes) zum
Trinkgelde bekam. Elbenstein schickte aber sogleich seinen eigenen Diener zum
Herrn Baron, liess bei Vermeldung seines gehorsamsten Respekts und schuldigster
Danksagung vor das Überschickte wissen, dass er des Fürsten von N. Kammerjunker
und eben jetzo auf der Rückreise begriffen wäre, wegen einer aufgehabten
Kommission Sr. Durchl., die sich noch in Battaglia bei des Marchese Obizzo
Hochgeborner Exzellenz befänden, untertänigsten Rapport abzustatten; gratulierte
sich anbei höchlich, in dieser Gegend an dem Herrn Baron einen hochgeschätzten
deutschen Landsmann angetroffen zu haben, und wollte sich bei anderer bequemerer
Gelegenheit das Glück ausbitten, in dessen nähere Bekanntschaft zu geraten,
voritzo aber wolle er das Überschickte auf des Herrn Barons Gesundheit zu sich
nehmen und sich zu dessen geneigten Andenken bestens rekommendieren.
    Sobald der Baron nur die Wahrheit erfuhr, dass Elbenstein ein deutscher
Kavalier wäre und bei dem Fürsten von N. in Diensten stünde, bat er dessen
Diener, nur noch einen Augenblick zu verziehen, binnen der Zeit er seinen Stock,
Degen und Hut langen liess, sich in Person zu Elbensteinen begab und denselben
aufs allerfreundlichste bat, seine fernere Reise wenigstens nur auf einige
Stunden aufzuschieben und in seinem Hause mit einer Mittagsmahlzeit
vorliebzunehmen. Dieser wegerte sich, ob er gleich vom Pferde gestiegen war,
erstlich lange Zeit, als [aber] der Baron, welcher in vielen Monaten mit
niemanden deutsch sprechen können, allzu inständig anhielt, ihn nur dieses Mal
nicht zu verachten, liess er sich endlich dem Scheine nach forcieren, über Mittag
dazubleiben, da denn die beiden Herren vorausgingen, die Diener aber die Pferde
hinterherführen mussten.
    Kaum hatte der Baron Elbensteinen in ein propres Zimmer geführet und behörig
bewillkommet, als er sogleich seine Gemahlin aus dem Nebenzimmer rief, ihm
dieselbe entgegenführete und zu ihr sagte: »Hier, mein Schatz! sehet Ihr einen
wertgeschätzten Landsmann von mir, dem die deutsche Treue und Redlichkeit aus
den Augen leuchtet, ich bitte Euch, dass Ihr ihm die Zeit passieret, bis ich
wiederkomme.«
    Es war fast ein Glück sowohl vor die Baronne als vor Elbensteinen zu nennen,
dass der gute Herr Baron sich so geschäftig erwies und gleich aus dem Zimmer
ging; den beiden verliebten Seelen stieg das Blut dergestalt ins Gesichte, dass
auch der allereinfältigste Mensch an ihnen besondere Regungen bemerken müssen,
und wenn er auch gleich gewusst hätte, dass sie einander zeitlebens nicht gesehen
oder gesprochen hätten. Sobald aber nur die Baronne gehöret, dass ihr Herr die
Treppe hinuntergetrappelt war, embrassierte sie den von Elbenstein, gab ihm in
der Geschwindigkeit mehr als 100 Küsse und sagte hernach: »O du Glück! wenn
werde ich in den Stand kommen, dir es sattsam zu verdanken, dass du mir das
Vergnügen gönnest, mein Allerliebstes auf der Welt in meinem eigenen Hause zu
küssen?«
    Hierauf machte sie erstlich die Tür des Zimmers auf, da aber nichts
Lebendiges zugegen, ging das Küssen von neuen an, jedoch ganz gemächlich, so dass
allen beiden auch die Röte aus dem Gesichte verschwand, und endlich, da der alte
Herr Baron wieder heraufgestapelt kam, stunden sie an den eröffneten Fenstern
und schwatzten dergestalt ernstaft miteinander, als ob keines von beiden jemals
ein Wasser trübe gemacht hätte. Weiln aber der Baron anfing, sich mit
Elbensteinen in ein Staatsgespräch einzulassen, als machte die Baronne ihr
Kompliment und begab sich wieder zurück in ihr Zimmer. Er, der Baron, gab
Elbensteinen zu vernehmen, dass, weil er von ihm gehöret, dass sich Sr. Durchl.
der Fürst von N. dermalen zu Battaglia bei dem Marchese Obizzo aufhielten,
welcher letztere Herr ein naher Anverwandter von der Baronesse, seiner Gemahlin,
wäre, so wollte er sich die Ehre nehmen, einen Reisegefährten bis dahin
abzugeben, worüber denn Elbenstein sein besonderes Vergnügen, da er nehmlich den
Herrn Baron zum angenehmen Reisegefährten haben sollte, in den höflichsten
Ausdrükkungen zu erkennen gab. Da nun ein Laquais kam und vermeldete, wie die
fremden Dames und Kavaliers sich schon ingesamt bei der gnädigen Frau im
Tafelgemach befänden, nahm der Baron Elbensteinen bei der Hand und führete ihn
auch dahin. Nach allerseits gewechselten Komplimenten setzte man sich zur Tafel,
da sich denn Elbenstein, dem die italiänische Mode schon sehr bekannt worden,
ungemein behutsam aufzuführen wusste und seine Blicke dergestalt indifferent sein
liess, dass niemand einigen Argwohn oder widrige Gedanken von ihm schöpfen konnte,
sondern ihn ein jedes vor einen der qualifiziertesten Kavalier, der eine
besonders lobenswürdige Modestie besässe, deklarierte. Es wollte zwar der Herr
Baron nach dem nicht allzu löblichen Gebrauche der Deutschen zum Trunke
forcieren, allein da Elbenstein solches seinerseits mit einer höflichen Manier
ablehnete und vorwendete, wie er seinem gnädigsten Fürsten den untertänigsten
Rapport nicht gern mit schwerer und stammlender Zunge, auch wankenden Füssen
abstatten wollte, da über dieses selbigen Abend in Battaglia ohnedem noch scharf
genung würde getrunken werden, indem sein gnädiger Herr sowohl als der Herr
Marchese, da sie sich einige Jahre in Wien aufgehalten, die deutsche Lebensart
sich ganz unvergleichlich angewöhnet, auch solche bis dato noch nicht
abandonniert hätten, sondern öfters das Mass der Mässigkeit überschritten; als
fing der Baron an zu lachen, liess aber Elbensteins Remonstration gelten und
einem jeden die Freiheit, nach Belieben zu trinken. Nach aufgehobner Tafel
beurlaubte sich Elbenstein von der sämtlichen Compagnie und ging mit dem Barone
fort, welcher ihn bat, nur noch eine einzige halbe Stunde zu verziehen, weil er
nur noch einen abgeschickten Expressen mit wenig Zeilen zurück zu spedieren
hätte, hernach wollte er sich augenblicklich reisefertig machen, mittlerweile
möchte er sich doch belieben lassen, noch eine Bouteille Wein einzunehmen,
allein Elbenstein deprezierte solches, bat hergegen sich aus, ein wenig hinunter
in die freie Luft zu spazieren, weiln er seit wenig Minuten einige Kopfschmerzen
empfunden. Der Baron liess solches geschehen, bat aber dabei, dass er ihn wegen
der Nichtbegleitung vor diesmal exkusiert halten möchte.
    Als Elbenstein auf den Hof hinunter kam, sah er eine Gartentür offenstehen,
und weil ihm ohnedem der Kopf voller Grillen war, dass er seine geliebte Baronne
so plötzlich wieder verlassen sollte, als ging er auf den Garten los, machte die
Tür hinter sich zu und ging ganz alleine darinnen spazieren herum, verfiel aber
dergestalt in tiefe Gedanken, dass er die Seltenheiten, so in diesem schönen
Garten anzutreffen, nicht einmal observierte. Endlich, da eine gute
Viertelstunde verlaufen, kam der Weingärtner, welcher ihn vor einigen Tagen mit
Trauben und Aprikosen versehen hatte, und bat sich bei Elbensteinen die Gnade
aus, dass er ihn doch auf einige Worte anhören möchte. Wie nun dieser sagte, dass
er nur reden solle, fing der Mann also an: »Gnädiger Herr, ich habe einen
Vetter, welcher in der Residenzstadt unsers gnädigen Fürsten wohnet, dieser arme
Mann hat ein kleines Häusgen und Garten, welches an dem Palaste eines reichen
Kaufmanns anliegt und den Palast, wie der Kaufmann spricht, beschimpfet. Nun hat
mein Vetter nach einem langweiligen Prozesse und auf Zureden anderer guten Leute
endlich resolviert, dem Kaufmanne das ganze Wesen käuflich zu überlassen, nur
aber um einen solchen Preis, wie dergleichen Häuser heutiges Tages wert sind und
wie es von unparteiischen geschwornen Personen taxiert wird. Allein der reiche
Kaufmann, welches einer der grössten Geizhälse in ganz Welschland ist, will ihm
durchaus nicht mehr geben, als so viel meines Vetters Vorfahren, die es in
vorigen schweren Kriegen nun freilich wohl um ein Spottgeld gekauft, darvor
bezahlt haben. Allein das will mein Vetter nicht tun, unterdessen kostet ihm der
Prozess viel Geld, die Richter aber sind doch immer mehr auf des Kaufmanns als
auf meines Vetters Seite, und vor Ihro fürstl. Durchl. kann der arme Mann so
leicht nicht kommen, derowegen wollte Ew. Gnaden untertänigst gebeten haben,
sich meines Vetters, der sich ehesten Tages bei Ihnen melden wird, anzunehmen
und ein Gotteslohn zu verdienen. Die gnädige Baronesse haben mir hier ein
kleines Rekommendations Schreiben an Ew. Gnaden gegeben, lässt aber dabei sehr
bitten, es dem Herrn Barone ja nicht zu zeigen, auch demselben nicht einmal
merken zu lassen, dass sie sich in diese Sache gemischet hätte. In wenig Wochen
würde die Frau Baronne selbst nach N. kommen und daselbst eine Kur brauchen,
welche ihr von den Medicis angeraten worden, auch etliche Monate daselbst
verbleiben, da sie denn Gelegenheit suchen würde, vor solche erwiesene
Gefälligkeit und Bemühung gebührenden Dank abzustatten.«
    Elbenstein gab zur Antwort, dass er, der Weingärtner, seinen Vetter nur zu
wissen tun möchte, dass er sich nächstens bei ihm melden sollte, so wollte er
sich sonderlich wegen des Vorspruchs einer so vornehmen Dame keine Mühe
verdrüssen lassen, seinem Vetter bei Ihro Durchl. Hülfe zu verschaffen. Indem
aber Elbenstein eben im Begriff war, der Dame Brief zu erbrechen, kam sein
Bedienter gelaufen und meldete, wie der Herr Baron in völliger Bereitschaft
wäre, sich zu Pferde zu setzen, weswegen Elbenstein den Brief hurtig in die
Tasche steckte und hervor eilete, da er denn das Vergnügen hatte, die charmante
Baronne, wiewohl nur auf zwei oder drei Augenblicke, zu sehen und nochmaligen
Abschied von ihr zu nehmen. Aus aller beider verliebten Augen stiessen zwei
feuervolle Blicke in einer ganz unbeschreiblichen Geschwindigkeit dergestalt
aufeinander, dass niemand etwas davon merkte als ihrer beider Herzen, welchen
aber nicht anders zumute war, als ob ein glühender Dolch hindurchführe. Hierauf
setzten sich sowohl der Baron als Elbenstein zu Pferde und ritten fort,
jedennoch war er curieux zu bemerken, ob ihnen die Baronne auch wohl aus den
Fenster nachsehen möchte, weswegen er, als ob es von ohngefähr geschähe, einen
Handschuh fallenliess, damit er nur Gelegenheit hatte, sich mit dem Pferde
umzudrehen, mittlerzeit aber, da sein Diener abstieg und den Handschuh aufhob,
hatte er noch die Freude, dieselbe, welche sich fast mit halben Leibe aus dem
Fenster gelegt hatte, zu erblicken, da er denn nochmals ein Kompliment hinauf
machte, sodann seinem Pferde etliche Kurbetten machen liess und den Baron
nacheilete.
    Beide Reisende diskurierten miteinander von lauter besondern Staatssachen,
als sie aber ohngefähr eine halbe Meile geritten waren und durch ein dickes
Gepüsche passierten, hielt Elbenstein stille, stieg ab, gab seinem Diener das
Pferd zu halten und verbarg sich unter dem Scheine, ein opus necessarium zu
verrichten, hinter ein dickes Gesträuche; allein nicht dieses, sondern die
ungemeine Kuriosität trieb ihn an, der Baronne Schreiben, welches ihm der
Weingärtner eingehändiget hatte, zu lesen, welches er denn also gesetzt befand:
                            Ach, Seele meiner Seele!
Mein Herze hat zwar schon seit der Zeit, ich Dich zum ersten Male erblickt, in
Deinen Liebesbanden gelegen, allein heute hast Du durch Deine Klugheit in
vorsichtiger Überlegung unserer innigsten Liebe meine Seele vollends, ja
vollkommen angefesselt. Ich bin von Deinen anbetungswürdigen Qualitäten
dergestalt bezaubert und in Deine anmutige Person verliebt, dass kein Schmerz zu
erdenken ist, den ich nicht empfinde, wenn ich des Glücks beraubt bin, Dich, o
mein Leben! zu sehen. Die Sehnsucht, Dich wiederum im Vertrauen zu umarmen,
martert mich fast zu Tode. Jedoch
Ich fühle, was dem Herzen
Die süsse Hoffnung lehrt:
Sie saget meiner Seelen,
Die Treu nicht zu verscherzen
Und dass bald alles Quälen
Soll sein in Lust verkehrt.
Er las und überlas diesen Brief mehr als zehnmal, ja er wäre vielleicht vor
Vergnügen in ein tiefes Nachsinnen verfallen, wenn sein Hengst nicht von
ohngefähr zu wiehern angefangen hätte; dieses machte, dass er sich besann und den
Barone eiligst nachfolgte, welcher viel zu stark in den Weinbecher geguckt haben
mochte, ganz sachte ritte und ziemlich schläfrig tat; da aber Elbenstein wieder
an seine Seite kam, machte er sich munter; unterdessen schien Elbensteinen
ziemlich fatal vorzukommen, da des Barons erste Frage an ihn diese war: »Aber,
mein wertester Herr Landsmann, haben Sie sich denn in diesem Revier oder in N.
noch keine schöne Mätresse zugelegt?«
    Dieser beantwortete solche Frage ganz kaltsinnig, wie er sich nehmlich ganz
anderer Ursachen wegen auf Reisen begeben, als bei Frauenzimmer Zeitvertreib zu
suchen, drehete diesen Diskurs auch mit guter Manier gar bald ab und verfiel auf
allerhand Geschichte und Antiquitäten, fragte, wer von diesem oder jenem
Schloss, dergleichen viele um sie herum lagen, Eigentumsherr wäre, zu welcher
Zeit es erbauet worden, was sich etwa Merkwürdiges darbei zugetragen und
dergleichen mehr, weswegen ihn der Baron in diesem Stücke vor einen frostigen
und eigensinnigen Menschen zu halten anfing, in welcher Meinung er auch durch
folgende Begebenheit gestärkt wurde: Es hatte des Barons Pferd am Vorderfusse ein
Eisen abgeschlagen, dahero es etwas zu zucken begunnte und der Baron sich
genötiget sah, in dem nächsten Städtgen, da sie durchpassierten, wieder
beschlagen zu lassen. Da nun Elbenstein dem Baron zum Gefallen auch mit abstieg
und beide binnen der Zeit, als der Schmidt gerufen wurde, vor dem Gastofe unter
einem schattigten Baume eine Bouteille Wein kosteten, wurde Elbenstein von einer
dem Gastofe gegenüber wohnenden sogenannten Signora erblickt, welches, auf
deutsch zu sagen, eine solche Person ist, die mit Permission der Obern ihren
Leib zu Büssung der geilen Lüste gewidmet und sich viele Freiheiten, ohn gestraft
zu werden, herausnehmen darf. Diese Signora kam auf Elbensteinen zugegangen,
fiel ihm, ehe er sich's versah, um den Hals und wollte ihn mit aller Gewalt
küssen, er aber entledigte sich ihrer bald und stiess sie mit solcher Heftigkeit
von sich, dass sie rücklings zur Erden fiel und die Beine in die Höhe kehrete.
Hierüber wurde von dem da herum wohnenden gemeinen Pöbel ein solches Lärm
angefangen, dass Elbenstein die Treppe hinauf zu retirieren sich genötiget sah.
Endlich kamen einige Sbirri herzugelaufen, welche, als ihnen der Baron sowohl
als der Wirt die ganze Begebenheit erzählet, vermittelst ihrer Autorität den
zusammengelaufenen Pöbel auseinanderjagten, wovor ihnen Elbenstein einen Ducati
verehrete; sobald aber das Pferd beschlagen war, setzten sie ihre Reise weiter
fort.
    Kaum hatten sie wiederum das freie Feld erreicht, als der Baron also zu
reden anfing: »Mein Herr Landsmann! ich habe mich über Ihre jetzige Aufführung
sehr verwundert. Diese Signora ist doch, mit Wahrheit zu sagen, eine recht
schöne Person, sowohl vom Leibe als Gesichte, und von einem sehr vornehmen
Herrn, der nur vor weniger Zeit gestorben, bis an sein Ende unterhalten oder,
wie es die Italiäner zu nennen pflegen, manteniert worden. Wenn mir«, verfolgte
der Baron seine Rede, »dieser Zufall begegnet wäre, hätte ich, ohngeacht ich
mich mit einer liebenswürdigen Gemahlin beglückseliget sehe, dennoch die
angetanen Karessen nicht auf eine so spröde Art ausschlagen können.« Nunmehro
stellete sich Elbenstein recht vertraut gegen den Baron und sagte: »Mein Herr!
wenn ich Ihrer Verschwiegenheit versichert wäre, so wollte Ihnen wohl ein
Geheimnis eröffnen.« Wie nun der Baron einen teuren Eid schwur, hiervon gegen
niemanden etwas zu gedenken, sagte Elbenstein: »Es ist etwas Seltsames, dass ich
gar nicht wie andere Mannspersonen beschaffen bin, und also empfinde ich auch
weder Liebe noch Begierde zu einem Frauenzimmer bei mir, sie mag auch noch so
schöne sein; absonderlich ist mir auch sogar das Küssen eine ekelhafte Sache,
sonsten aber mag ich ganz gern mit honetten Frauenzimmer umgehen, denn ich habe
befunden, dass viele einen rechten englischen Verstand besitzen; insoferne sie
nun mit mir umgehen wie mit ihresgleichen oder ich mit ihnen umgehen kann, wie
Mannspersonen miteinander umzugehen pflegen, bin ich gern in ihrer Compagnie,
sobald aber Liebesgrillen aufs Tapet kommen, suche ich mich ihrer Gesellschaft
soviel als möglich zu entziehen.«
    Der Baron hielt dieses vor pur lautere Wahrheiten, kontestierte aber dieses
Malheurs wegen ein herzliches Mitleiden gegen diesen seinen Herrn Landsmann,
riet ihm auch, er möchte dieserwegen mit dem berühmten paduanischen Medico Comte
della Torre sprechen, als welcher rechte Wunderkuren getan, mitin vielleicht
auch ihm zu seiner Vollkommenheit verhelfen könnte, denn dieser Medicus wäre bei
seiner grossen Kunst dennoch nicht interessiert, sondern kurierte jährlich viel
100 Menschen umsonst. »Mein Herr!« versetzte Elbenstein hierauf, »ich halte
davor, dass ich viel glückseliger leben kann, wenn ich so bleibe, wie ich jetzo
beschaffen, denn wenn ich bedenke, was die Menschen aus Liebe zum Frauenzimmer
zuweilen vor lachenswürdige Torheiten begehen und wie sie sich öfters eines
eingebildeten Vergnügens wegen in die allergrössten Gefährlichkeiten stürzen,
auch nicht selten ihre Ehre, Glück und Leben dadurch einbüssen, so bin ich recht
herzlich froh, dass mir dergleichen Appetit niemals ankömmt; was aber die
Fortpflanzung unsers Geschlechts anbelanget, darum sorge ich gar nicht, weil ich
Brüder habe, die meinen Fehler schon verbessern werden.«
    Der Baron wunderte sich bald zu Tode über solche Gelassenheit, dergleichen,
wie er sagte, vielleicht auch nicht einmal bei einem würklichen Kastraten zu
finden sein möchte. Unter diesen und dergleichen Diskursen aber erreichten sie
endlich Battaglia und erfuhren von der Wache unter dem Tore, dass die gnädige
Herrschaft noch nicht, sondern erstlich in zweien Tagen wieder zurückkommen
würde. Demohngeacht liessen sie dem Maggiordomo oder dem Oberhofmeister ihre
Ankunft melden, worauf sich der Baron in einen bekannten Gastof, Elbenstein
aber in sein ihm schon vorher assigniertes Quartier begab, welches bei einem
reichen Schneider war.
    Die Wirtin, welche eine wohlgebildete Frau von ohngefähr 22 bis 24 Jahren
war, empfing ihn aufs allerfreundlichste, bat nicht ungütig zu vermerken, dass
ihr Mann seinen Reverenz nicht machte, indem er als ein grosser Liebhaber von der
Jagd diesen Morgen auf die Jagd gegangen und wohl vor morgenden Abends nicht
wieder zu Hause kommen würde. Immittelst begleitete sie ihn selbst bis auf sein
Zimmer, und weil sein Bedienter die Pferde erstlich in den Stall zog, half sie
ihm den Reiserock abtun und sagte binnen der Zeit, wie sie höchst erfreut wäre,
ihn wiederzusehen, weil sie unter der Zeit seines Abwesens keine geruhige Stunde
gehabt hätte.
    Elbenstein bewunderte bei sich selbst eine solche freie Declaration d'amour,
indem er aber an dieser artigen Frau nichts auszusetzen fand, umarmete er
dieselbe erstlich und sagte dabei, wie er nimmermehr glauben könnte, dass diese
ihre Reden aus einem aufrichtigen Munde flössen, woferne sie ihm nicht
vergönnete, eine Probe davon zu nehmen, nach welchen Worten er sie nicht nur
etlichemal auf den Mund, Augen und Wangen, sondern auch auf diejenige Haut
küssete, welche ihm wegen des abfallenden Halstuchs entblösset in die Augen fiel.
    Agata, dies war ihr Taufname, liess dieses alles als eine kraftlose Person
geschehen, war aber hiermit nicht vergnügt, sondern unter dem Vorwande, in der
Kammer zuzusehen, ob auch das Bette gemacht wäre, lockte sie Elbensteinen mit
einer verliebten Miene hinter sich her, und weil das Bette noch ungemacht
befunden ward, machten sie es alle beide ohne besondere Komplimenten mit
zusammengesetzten Kräften. Kaum war diese Arbeit vorbei, da schon der Hoffurier
mit einer Karosse kam, Elbensteinen aufs Schloss zu holen, weswegen sich dieser
gemüssigt sah, augenblicklich andere Kleider überzuwerfen, worbei ihm denn
Agata weit dienstfertiger und geschickter zu Hülfe kam als sein ordentlicher
Bedienter, welcher ohnedem besser mit den Pferden umzugehen wusste. Unter diesen
Ankleiden aber wurde verabredet, dass Elbenstein gleich nach aufgehobener Tafel
eine kleine Unpässlichkeit vorschützen und sich so bald als möglich nach Hause
begeben wollte, da denn Frau Agata gebeten wurde, weil ihr Mann nicht selbst
gegenwärtig wäre, ihm die lange Weile in der Nacht passieren zu helfen. Agata
erzeigte sich nicht widerspenstig, sondern versprach, seinen Befehlen in allen
Stücken zu gehorsamen, und demnach setzte sich Elbenstein in den Wagen und fuhr
auf das Schloss, stellete sich aber, als ob er sehr heftige Kopfschmerzen
empfände, weswegen er auch wenige Speisen zu sich nahm und gleich nach
aufgehobener Tafel in sein Logis zurückeilete, unter dem Vorgeben, dass seine
Kopfschmerzen wohl durch nichts besser als durch den Schlaf kuriert werden
könnten, jedoch da ihm der Baron ein gewisses Pulver von der Apoteke sich holen
zu lassen riet, versprach er hierinnen zu folgen und gab vor diesmal gute Nacht.
    Seine Wirtin, welche bloss aus der Ursache, sich ohne Verdacht sauber und
nette ankleiden zu können, bei einer vornehmen Dame eine Visite abgelegt, trat
fast zu gleicher Zeit mit ihm zur Haustür hinein und zeigte sich weit charmanter
als vorhero; damit aber das Gesinde im Hause ihr heimliches Verständnis nicht
merken möchte, klagte Elbenstein über ganz grausame Kopfschmerzen, auch wie ihm
nicht anders, als ob alle seine Glieder am Leibe zerschlagen wären, bat
derowegen die Frau Wirtin, ihm einen Koffee machen zu lassen, binnen der Zeit er
seinen Dienst nach der Apoteke schicken wollte, um etwas Arzenei, die ihm
rekommendiert worden, zu langen.
    Agata beklagte sein Malheur und sagte, wie sie ihren Heiligen anrufen
wollte, damit er nur in ihrem Hause nicht krank würde, unterdessen bat sie, dass
er doch bis zur Zurückkunft seines Dieners in ihrer, obschon übel aufgeräumten
Stube bleiben möchte, indem der Koffee augenblicklich fertig sein sollte.
Elbenstein setzte sich also in einen Schlafstuhl, und da der Diener wiederkam,
sagte er: »Bringe mich nur augenblicklich zu Bette, denn ich kann vor Schmerzen
nicht bleiben.« Dieses geschahe, und die Wirtin trug selbst nebst dem Diener den
Koffee hinauf in sein Zimmer, allwo sie, nachdem der Diener nur noch etwas zu
holen hinausgegangen, die völlige Abrede nahmen, einander, sobald alles Gesinde
zu Bette, bis zu Anbruch des Tages die Zeit zu passieren. Agata war schon so
klug, die Anstalten darnach zu machen, und stellete sich noch eher bei
Elbensteinen ein, als derselbe gehofft hatte. Von dem übrigen ist nichts zu
gedenken, als dass sie bei Anbruch des Tages zwar vergnügter, jedoch auch weit
ermatteter voneinander schieden, als sie zusammengekommen waren.
    Vormittags um zehn Uhr, da er noch im süssesten Schlafe lag, nahm sich sein
Diener die Freiheit ihn aufzuwecken, weil er wusste, dass längstens gegen elf Uhr
die Karosse vom Schloss kommen und ihn abholen würde, welches denn auch, da er
kaum angekleidet war, eintraf, weiln es aber noch nicht Zeit zur Tafel,
divertierten sich die sämtlichen Kavaliers in dem prächtigen Schlossgarten mit
Spazierengehen, bis um ein Uhr zur Tafel geblasen wurde, bei welcher sie sich
denn bald einfanden. Kaum hatten sie eine halbe Stunde darbei gesessen, als dem
Oberhofmeister ein Paquet Briefe eingehändiget wurde, welches ein Expresser-Bote
von Venedig überbracht hatte. Er eröffnete etliche derselben und fand endlich
einen besondern Zettel, nach dessen Durchlesung er sich ungemein bestürzt
anstellete, nicht anders als ein Mensch, dem eine unverhoffte Unglückspost zu
Ohren kömmt. Der Baron von K. sah ihn an und sprach: »Ich bedaure, mein Herr,
wenn Dieselben etwa betrübte Nachrichten erhalten haben!« »Es geht mich«,
versetzte der Oberhofmeister, »die Sache insoweit nichts an, allein die
Begebenheit ist erstaunlich; der Herr Baron belieben es selbst zu lesen und
hernach den andern Herrn zu kommunizieren.« Also nahm der Baron das Blatt, lase
es durch und schüttelte den Kopf ebensosehr dabei, als der Oberhofmeister getan
hatte, gab es hernach dem von Elbenstein, welcher folgende Relation darauf fand:
    Der englische Lord D., welcher Ew. Gnaden wohlbekannt ist, hat vor einigen
Tagen ein jämmerliches Ende genommen. Ew. Gnaden wissen, dass er ein überaus
wohlgebildeter und ansehnlicher Herr war, darum hat sich schon vor vielen Wochen
eine vornehme und reiche, doch aber vereheligte Dame in denselben verliebt, auch
sich so lange bemühet, bis sie ihn endlich in ihr Liebesgarn bekommen. Indem sie
nun eine von den allerschönsten Damen in dieser ungeheuren Stadt ist, so ist
leicht zu erachten, dass sich der Lord nicht lange werde geweigert haben, einen
geheimen Liebeskontrakt mit derselben zu schliessen, zumalen, da sie ihm
diejenige Mühe, so er sich mit dem allergrössten Vergnügen gemacht, noch darzu
ungemein reichlich belohnet hat. Allein der gute Lord wird bei seinem
vermeintlichen grossen Glücke dergestalt stolz, dass er selbiges nicht bei sich
behalten kann, sondern sich in verschiedenen Compagnien berühmt, was ihm vor
Karessen und starke Präsente von einer gewissen Dame gemacht würden, die er zwar
eben nicht mit Namen nennet, aber dergestalt eigentlich beschreibt, dass ein
jeder leicht erraten kann, wer dieselbe sei. Die Dame erfuhr durch ihre Spions,
welche dem Lord alle Tage auf dem Fusse in alle Compagnien nachfolgeten, alles
sehr frühzeitig wieder, und als er das erstemal wieder zu ihr kam, ermahnete und
bat sie ihn aufs beweglichste, wenn er getrunken hätte, sein Herze doch nicht
auf der Zunge zu haben, mitin sie und zugleich sich selbst unglücklich zu
machen, welches ihr der Lord zwar mit vielen Eidschwüren zusagte, dieselben aber
bald vergass, denn nur wenige Tage hernach erzählete er gegen verschiedene
vermeinte gute Freunde solche Specialia, dass niemand lange raten durfte, wer
seine Geliebte wäre, ja er trieb dieses so lange, und einer erzählete es dem
andern, bis endlich fast in allen vornehmen Compagnien öffentlich darvon
gesprochen wurde. Die Dame wurde also dergestalt zum Zorne gereizt, dass sie
einen grausamen Eidschwur tat, nicht ehe vergnügt zu ruhen, bis dieser ihr
Schimpf an dem Lord durch ihre eigenen Hände gerochen wäre; weiln aber ihr Mann
etliche Wochen beständig zu Hause blieb und sie wenig aus den Augen liess, musste
sie ihre Galle und Rache, die von Tage zu Tage heftiger wurde, so lange
unterdrücken, bis dieser, ihr Mann, auf einige Tage über Land zu reisen sich
gemüssigt sah. Demnach liess sie den Lord durch ihre Vertraute mit den
allersüssesten Worten zu sich locken, karessierte und traktierte denselben aufs
liebreichste, liess sich auch nichts im geringsten merken, dass sie über ihn zu
klagen Ursach hätte, büssete hergegen ihre sündliche Lust zu guter Letzt recht
vollkommen mit ihm; und da dieses geschehen, gab sie ihm, unter dem Vorwand
einer Herzstärkung, einen Schlaftrunk ein. Kaum hatte der Unglückselige durch
einiges Schnarchen zu verstehen gegeben, dass er fest schliefe, als sie ein unter
dem Bette zurechtgelegtes spitziges und scharfes Messer hervorzohe und ihm in
grosser Geschwindigkeit die Kehle damit abschnitt, so dass er nicht den geringsten
Laut von sich geben konnte. Nach diesem stach sie ihm die Augen, wormit er ihr,
seiner Mörderin, so manchen geilen verliebten Blick gegeben, aus dem Kopfe, die
Lippen, womit er ihr so viel 1000 feurige Küsse aufgedrückt, ingleichen die Nase
und Ohren wurden auch abgeschnitten, die Wangen aber durch viele Kreuzschnitte
zerfetzt. Mit allen diesem aber war die Barbarin dennoch nicht zufrieden,
sondern schnitt ihm noch als eine rasende Furie dasjenige ab, womit er ihre
geile Liebe so oft besänftiget; hierauf rief sie ihre Getreuen, nehmlich eine
alte Frau und ihr Kammermägdgen, und zeigete ihnen mit fröhlichen Munde und
Herzen das jämmerlich zerfleischte Opfer ihrer verteufelten Rachbegierde. Das
Kammermägdgen sank vor Schrecken in eine Ohnmacht, weswegen die Frau nach ihrer
Hausapoteke eilete und ihr einen starken Spiritum vor die Nase hielt, wodurch
ihre Lebensgeister wieder in etwas zurückkehreten; die Alte hingegen machte sich
keinen Kummer daraus, sondern ging auf der Frauen Befehl hinunter und brachte
einen im voraus bestellten starken Banditen herauf, welcher den verstümmelten
Körper des unglückseligen Lords in einen ausgepüchten Sack steckte und denselben
in den Canal Grande warf. Des darauffolgenden Morgens wurde der Körper gefunden
und in einem offenen Gewölbe einem jeden zur Beschauung dargelegt. Am dritten
Tage wurde derselbe von dem Hofmeister des unglücklichen Lords an einem
Muttermale sowohl auch an einer Blessur, die er beide am rechten Arme hatte,
erkannt und standesmässig begraben. Der Hofmeister schickte sogleich eine
Stafette nach Engelland und tat den Eltern den kläglichen Verlust ihres einigen
Sohnes im voraus zu wissen; wollte aber mit dessen Bagage nicht so bald
abreisen, weil er vielleicht noch Kundschaft von dessen Ermordung einzuziehen
verhoffte. Sein Hoffen traf auch ein, und zwar folgendergestalt: Das
Kammermägdgen konnte sich den jämmerlichen Tod des Lords, welchen sie zum öftern
Briefe von ihrer Frauen bringen müssen, ganz und gar nicht aus dem Sinne
schlagen, sondern wo sie ging und stund, liefen ihr die Tränen mit untermischten
Seufzern beständig aus den Augen. Die Dame merkte endlich abends beim Auskleiden
ihre allzugrosse Wehmütigkeit und sagte: »Ich glaube, du verfluchte Bestia
beweinest den Lord! Was gilt's, er hat dir auch zuweilen einen Liebesdienst
erwiesen? Den Augenblick lache mich an! oder ich stosse dir eben das Messer in
die Brust, wormit ich meinen unbedachtsamen Galan geschlachtet habe.« Da kostete
es nun Kunst zu lachen; allein die Todesangst formierte dennoch, zu allem
Glücke, eine solche lächerliche Miene in dem Angesichte des armen Mägdgens, dass
diese andere Atropos ihrer annoch schonete, zumalen da das arme Kind zu ihren
Füssen fiel und bekannte, dass sie noch eine reine Jungfer wäre und weder mit dem
Lord, noch mit irgendeiner andern Mannesperson jemals auf der Welt der Liebe
gepflegt hätte, nur aber wäre ihr das Spectacul so grausam vorgekommen, weil sie
eben aus dem ersten Schlafe ermuntert worden; anbei versicherte sie, zeitlebens
keinem Menschen etwas davon zu sagen. Hiermit war die Furie zufrieden und hiess
das arme Ding zu Bette gehen, welches aber die ganze Nacht kein Auge zutun
konnte, hergegen desto mehr Tränen vergoss. Wie sie aber in dieser schlaflosen
Nacht alles genauer überlegte und betrachtete: dass sie bei so gestalten Sachen,
da sie ihre Tränen und Seufzer wegen ihres weichherzigen Gemüts nicht sattsam
verbergen könnte, des Lebens keine Stunde sicher wäre, ergriff sie die
Resolution, nahm ihre besten Sachen in die Schürze, wanderte, sobald die Tür
geöffnet wurde, zum Hause hinaus und begab sich in den Schutz des
Polizeirichters, dem sie, als sie gegen Mittag vor ihn kommen konnte, den ganzen
Handel in geheim offenbarete. Dieser schickte zwar sogleich einige
Gerichtsdiener nach der Dame Wohnung, um dieselbe nebst der alten Frau und
andern Bedienten zu arretieren, allein die Dame ist, sobald sie vernommen, dass
sich das Mägdgen unsichtbar gemacht, wie man sagt, in ein Kloster gesprungen,
die Alte aber hat ohne Folter bereits alles bekennet, was mit der Aussage des
Mägdgens übereintrifft. Der Hofmeister des unglückseligen Lords hält sich noch
hier auf, und man muss abwarten, was in dieser Sache ferner passieren wird etc.
    Nachdem Elbenstein diese Relation gelesen und sie seinem Beisitzer gegeben,
starb ihm, der gemeinen Redensart nach, der Bissen im Munde, ja er sass als ein
Träumender und war herzlich froh, dass dem Oberhofmeister zu Gefallen, welcher
den Expressen, der einige wichtige Briefe zu beantworten mitgebracht, die Tafel
etwas zeitiger als gewöhnlich abgehoben ward. Indem er nun sah, dass sich sowohl
der Baron von K. als die andern Kavaliers zu einem Lustspiele präparierten,
schlich er sich heimlich hinunter in den Schlossgarten, setzte sich in eine
abgelegene Grotte und lase die venetianische Relation, welche er von dem
Oberhofmeister nochmals ausgebeten hatte, zum andern Male mit guten Bedachte
durch. Die Haare stunden ihm zu Berge, da er bei dieser Geschicht an seinen
eigenen Lebenswandel gedachte. »O Gott!« sagte er, »wie gross ist deine Langmut,
dass du mich frechen Sünder nicht schon auch wie diesen Lord mit Leib und Seele
hast verderben lassen! Ach! mein Gott, vergib mir doch alle meine begangenen
Sünden, ich gelobe dir, diese in den zeitlichen und ewigen Tod stürzende
Missetaten nicht mehr zu begehen, sondern hinfüro der Fleischeslust gänzlich
abzusagen, verleihe mir nur deine Kraft zu Widerstehung derselben. Ja, ich will,
ich will dieselbe fliehen als die giftigsten Ottern und Schlangen.« Er verfiel
hierauf in recht ernstliche tiefe Bussgedanken und verharrete ohngestört über
zwei gute Stunden in denselben, nachdem er sich aber wieder ermuntert, fassete
er den ernstlichen Vorsatz, seine begangenen Torheiten beständig zu bereuen,
seinen Lebenswandel aber hinfüro Gott gefälliger einzurichten. Da er nun noch
keine Lust hatte, bei der Gesellschaft so zeitig wieder zu erscheinen, zohe er
seine Schreibetafel aus der Tasche und schrieb folgende Ode hinein:
                                       1
Bedenke doch die Ewigkeit
Und die ganz unumschränkte Zeit,
Da vor der Wollust kurze Freuden
Wir ewig Qual und Schmerzen leiden,
Bedenke dies, mein Herz! und trage Reu und Leid,
Bezwinge dich, die Lust zu meiden.
                                       2
Ach! stelle dir dein Ende für,
Der Tod steht wohl schon vor der Tür.
Dein Wollen zwingt ein hoher Wille,
Drum lebe christlich, keusch und stille,
Betrachte dies, mein Herz! und denke stets bei dir,
Wie bald dein Leib den Sarg erfülle.
                                       3
Denn muss die arme Seele fort
An jenen grossen Urteilsort
Und die Belohnung zu empfangen
Vor das, was sie allhier begangen,
Betrachte dies, mein Herz! du kannst den Himmels-Port
Durch Gottes Gnade noch erlangen.
Er verfiel nach Verfertigung dieser Reime wegen seiner ernstlich vorgesetzten
Busse und Bekehrung abermals in ein tiefes Nachsinnen, aus welchen ihn endlich
der zur Tafel blasende Trompeter verstörete, und Elbenstein verwunderte sich
nicht wenig, dass es schon dunkel zu werden begonnte, demnach quittierte er die
Einsamkeit und begab sich hinauf in das Tafelgemach, allwo die andern Kavaliers
schon versammelt waren, die sich ungemein verwunderten, wo er seit der Zeit
gesteckt hätte, auch dieserwegen verschiedene scherzhafte Fragen an ihn taten;
allein Elbenstein antwortete ihnen allen auf einmal mit folgenden: »Messieurs!
so wunderlich ist mir's fast mein Lebtage nicht gegangen als heute; ich ging,
sobald wir von der Tafel aufgestanden, weil mir der Kopf von den allerlei
Weinen, die ich bishero auf der Reise getrunken, etwas wüste war, hinunter in
den Schlossgarten spazieren, in Meinung, dass, wenn ich etwa eine halbe Stunde in
der freien Luft herumginge, sich der Dummel wohl verlieren würde. Im Hin- und
Hergehen aber traf ich eine schöne, grosse, blaue Blume an, die von der Natur
fast als eine Sturmhaube gebildet war. Da [ich] mich nun nicht erinnern konnte,
in Deutschland dergleichen artiges Gewächse gesehen zu haben, brach ich dieselbe
ab und versuchte ihren Geruch, welcher zwar scharf, aber eben nicht besonders
angenehm war, jedoch roch ich verschiedenemal daran, endlich aber, da ich fast
bis an das Ende des Gartens gelangete, bekam ich auf einmal ganz plötzlich einen
starken Schwindel und heftige Kopfschmerzen, so dass ich vermeinte, ich würde zu
Boden sinken müssen, jedoch erreichte ich mit Kummer und Not eine Grotte, in
welcher ich mich auf eine Rasenbank der Länge nach ausstreckte und ohne mein
Vermuten in einen tiefen Schlaf verfallen bin. Ich glaube auch, dass ich noch
schliefe, wenn mich der Trompeter mit dem Schalle seines Instruments nicht
aufgeweckt hätte. Inmittelst glaube [ich] nicht anders, als dass der Geruch der
Blume daran schuld sein müsse, denn ich bin bis itzo noch ganz dämisch,
ohngeacht ich weder heute noch gestern eine Débauche in Weine gemacht habe.«
»Mein Herr!« versetzte der Oberhofmeister, »ich bedaure Dero Malheur, inzwischen
wird es hoffentlich keine schlimmeren Folgerungen nach sich ziehen, wenn Sie nur
belieben, einen guten Trunk frisches Wasser zu tun. Sie haben allerdings recht,
dass der Geruch der Blume daran schuld ist, welche Blume allhier bei uns Napello
genennet wird, so schön sie aber anzusehen, so giftig ist sie auch, und wenn man
nur ein- oder zweimal daran riecht, bekömmt man gleich Kopfschmerzen oder
Schwindel. Es sind schon verschiedene Fremde dadurch betrogen worden, und wenn
es bei mir stünde, müsste sie wenigstens im Lustgarten ausgerottet werden, allein
mein gnädiger Herr sind ein ungemeiner Liebhaber von der Botanik und würden
keine Kosten sparen, wenn sie nur alle Kräuter und Blumenarten, so in der ganzen
Welt zu finden, in einem Garten beisammen haben könnten.«
    Hierauf setzten sie sich sämtlich zur Tafel, und weilen dieses Mal eben kein
Frauenzimmer zugegen war, verfielen sie nochmals auf die Mordgeschicht des
englischen Lords und auf die Grausamkeit der Damen; endlich fing des Marchese
Stallmeister, welches ein wohlstudierter und qualifizierter Kavalier war,
folgende Geschicht zu erzählen an:
    »Als ich vor etlichen Jahren noch in Padua studierte, trug sich's zu, dass
einer meiner besten Freunde, ein Edelmann, von Lucca gebürtig, in einen
Kaufmannsladen ging, um sich Scharlach zu einem Mantel zu kaufen. Bei dieser
Gelegenheit mochte des Kaufmanns Tochter, die sich eben allein im Laden befand,
den jungen Kavalier etwas allzu genau in die Augen fassen, dannenhero sie
dergestalt in Liebe gegen denselben entzündet ward, dass sie seinen Laquais mit
Darreichung etlicher Zechinen dahin beredete, einen Ruffiano oder Kuppler
abzugeben. Dieser nun rühmete gegen seinen Herrn allezeit die Schönheit der
Kaufmannstochter, und sobald er vermerkte, dass sein Herr gern von dergleichen
Sachen reden hörete, brach [er] endlich los und versicherte denselben, dass diese
Schöne sich sterblich in ihn verliebt hätte und nichts mehr wünschte, als eine
vertraute Zusammenkunft mit ihm zu haben. Signor Balestrieri empfand alsobald
eine brennende Begierde bei sich, mit dieser schönen Kaufmannstochter in nähere
Bekanntschaft zu geraten, befahl derowegen seinem Diener, allen Fleiss
anzuwenden, dass er dazu gelangen könnte, versprach ihm auch, wenn er die Sache
klug spielete und bewerkstelligte, zum Rekompens drei Zechinen. Dieser schlaue
Vogel, als er bemerkte, wie er von beiden Parteien Geld schneiden könne, säumte
sich nicht, Fiorinen, so hiess des Kaufmanns Tochter, seines Herrn verliebte
Sehnsucht mit lebendigen Farben abzumalen, diese aber, ohngeacht sie von ihren
Eltern sehr genau in acht genommen ward, erfand endlich dennoch ein Mittel,
dieselben zu hintergehen, denn sie praktizierte heimlich so viel Seide aus dem
Gewölbe, als zu Verfertigung einer Strickleiter nötig war, gab selbige des
Balestrieri Diener nebst einer Handvoll Geld, um das übrige zu besorgen, denn
die dritte Nacht darnach wollte sie an einem Bindfaden ein weisses Papier
herunterlassen, an welchen Faden denn Balestrieri die Strickleiter anbinden
könnte, die sie alsdenn hinaufziehen und oben befestigen wollte.
    Der Anschlag schien nicht uneben zu sein. Die Strickleiter wurde binnen 24
Stunden fertig, Balestrieri wartete mit Schmerzen auf die bestimmte Stunde der
dritten Nacht, und als dieselbe endlich erschienen, fand er sich unter der
Fiorine Fenster ein, fand auch bereits das Papier an dem Faden heruntergelassen,
weswegen er in aller Eil die Strickleiter daran band und nach einem gegebenen
Zeichen mit Husten bemerkte, wie dieselbe hinaufgezogen, ihm auch bald hernach
ein Gegenzeichen zur frischen Auffahrt gegeben wurde. Ohngeacht es nun ungemein
stark regnete und dabei stockfinster war, so liess sich dieser verliebte Steiger
doch nichts hindern hinaufzuklettern, war auch bereits bis an die andere Etage
gelanget, als ihm leise zugerufen wurde, sich ein wenig aufzuhalten. Er
gehorsamete eine ziemliche Weile, als ihn aber der grausame Regen gar zu heftig
inkommodierte, konnte er es fast nicht mehr ausstehen, weswegen er sich
resolvierte, wieder herunterzusteigen, um vorhero noch eine Weile unter denen
Portichi oder Schwibbögen im Trocknen zu stehen. Allein da er kaum bis an das
erste Stockwerk zurück gelanget, ereignete sich plötzlich ein Zufall, der seinen
Staffiero oder Bedienten nötigte, in geschwinder Eil fortzulaufen. Signor
Balestrieri hielt vors ratsamste zu bleiben, wo er war, und sich nicht zu regen,
ohngeacht es immer heftiger zu regnen anfing. Denn es ist zu wissen, dass zu
damaligen Zeiten in Padua alle Nächte das sogenannte Chivà la geschahe und
mancher dadurch ums Leben gebracht wurde, derowegen waren eben zu der Zeit, als
Balestrieri seine verliebte Visite angetreten, ohngefähr 60 Schritt von
Fiorinens Behausung zwei Partien zusammengeraten, welche hinter den dicken
Pilaren aufeinander Feuer gaben. Solchergestalt war es nun allerdings besser,
dass er sein Verhängnis an der Strickleiter mit Gedult ertrug und zwischen Himmel
und Erden schwebete, als dass er sich in eine noch grössere Lebensgefahr stürzte.
Als er nun über eine Stunde diese Angst ausgestanden, kam endlich die
Scharwache, welche die streitenden Parteien auseinanderjagte und verfolgte,
mittlerweile bekam Balestrieri ein abermaliges Zeichen, sich hinaufzubegeben,
welches er denn tat und glücklich bei Fiorinen anlangete. Diese empfing ihn mit
offenen Armen und vielen Küssen, bat ihn auf eine recht demütige Art um
Verzeihung, dass sie ihn so lange hätte müssen zappeln lassen; allein der arme
Balestrieri, welcher wie eine gebadete Maus aussah, war nicht anders als ein
Mensch, der den stärksten Paroxismum vom kalten Fieber hatte, konnte also ihre
heissen Küsse nicht anders als sehr kaltsinnig vergelten, zumalen da weder das
Kaminfeuer noch der köstliche Wein seinem erfrornen Körper einige Wärme
einflössen wollten. Endlich da Fiorine sah, dass nichts helfen wollte, fing sie
an, ihm hier und dar an den Puls zu greifen, um mit ihren warmen Händen die
zurückgewichenen Geister wieder herbeizubringen, allein es half alles nichts,
Signor Balestrieri blieb bei allen diesen Karessen wider seinen Willen kraftlos,
und die arme Fiorine musste endlich, mit grössten Unwillen und ohne den
vollkommenen Liebesgenuss erhalten zu haben, geschehen lassen, dass ihr kalter und
schwacher Amant die Strickleiter wieder hinunterstieg, welche sie, sobald er auf
der Erden war, recht grimmig und in grösster Geschwindigkeit hinaufzohe.
    Der gute Balestrieri dankte zwar dem Himmel, als er ohne weitere Gefahr
glücklich in seinem Quartiere und warmen Bette angelangt war. Nachdem er aber
vermerkte, dass sich nach einer kurz genossenen Ruhe seine entwichenen Kräfte
wieder eingestellet hatten, chagrinierte er sich ungemein über die ihm
zugestossene Fatalität, zumalen wenn er sich die besondere Schönheit der Fiorine
nebst den ihm angetanen Karessen nunmehro erst recht, jedoch nur in unruhigen
Geiste vorstellete. Gleich morgens früh setzte er sich hin und verfertigte ein
Schreiben an Fiorinen, worinnen er sein gestern gehabtes unglückliches Schicksal
beklagte, sich ihrer fernerweitigen Gewogenheit bestens rekommendierte und
dieselbe zu persuadieren suchte, ihm eine anderweitige Nachtvisite zu vergönnen,
da er denn seinen begangenen Fehler verbessern wollte; allein diese schrieb ihm
einen verzweifelten höhnischen Brief zurück, dessen Hauptinhalt dieser war, dass
sie mit keinem ohnmächtigen Menschen, der noch weit miserabler beschaffen als
ein Kastrat, nichts weiter zu schaffen haben wollte, wie sie sich denn alle
Einbildung von seiner schönen Person und galanten Wesen bereits gänzlich aus dem
Sinne geschlagen. Er aber möchte sich ja nicht unterstehen, von dieser
Begebenheit etwas gegen jemanden zu gedenken, widrigenfalls sie auf die
allergrausamste Rache bedacht sein würde.
    Balestrieri versuchte noch verschiedenemal, sie mit den beweglichsten
Briefen und Versen zur Raison zu bringen, allein diese Schöne blieb nicht allein
unempfindlich, sondern liess ihm noch darzu jederzeit bloss mündlich eine
spöttische Antwort zurücksagen und zuletzt befehlen, er sollte sie nur nicht
mehr mit seinen Briefen inkommodieren, weil sie seine Person ganz und gar nicht
mehr ästimierte. Diesem verdross zwar der Schimpf nicht wenig, und es stiegen zum
öftern die Gedanken bei ihm auf, sich an Fiorinen zu rächen, wenn er aber
bedachte, an was vor einem gefährlichen Orte er sich befände und dass die Wut
einer erzürneten italiänischen Dame ihren Beleidiger zum öftern in weit
abgelegene Städte, ja Länder verfolgte, schlug er sich endlich alle diese
Gedanken, ja Fiorinen selbst aus dem Sinne und choisierte sich eine sehr
wohlgebildete Dame de Fortun, bei welcher er, wenn er Appetit bekam, vor zwei
venetianische Ducati jede Nacht so viel Wein und Konfekt, als er geniessen
mochte, auch sonsten allen übrigen angenehmen Zeitvertreib ohne die geringste
Leib- und Lebensgefahr haben konnte. Dieses trieb er, und zwar ganz moderat, so
lange, bis er seine Studia absolviert hatte und von seinen Eltern nach Hause
berufen wurde. Nunmehro lebt er in seiner Geburtsstadt mit einer qualifizierten,
mit Schönheit und Gütern reichlich begabten Dame in der vergnügtesten Ehe, hat
mir auch neulichst, da ich bei ihm war, als seinem vertrautesten Freunde,
aufrichtig bekennet, dass, ohngeacht er jetzo in seinen besten Jahren wäre und
viele Gelegenheit zu wollüstigen Veränderungen hätte, so sei doch sein Herz
gänzlich davon abgewendet. Seine vorherigen Ausschweifungen hätte er herzlich
bereut und dem Allerhöchsten vor dessen Langmut demütigsten Dank abgestattet,
dass er ihn nicht in seinen Sünden dahingerissen, sondern ihn dargegen nunmehro
so wohl beraten, weswegen er denn auch alle Jahr, auf eben den Tag oder Nacht,
da er auf der Strickleiter geschwebt, denen Armen eine Spende an Brot und Wein
von 50 Dukaten austeilen liesse, jedoch nicht eitlen Ruhms wegen, sondern in
einem Kloster unter verdeckten Namen.«
    »Das ist etwas Vortreffliches«, versetzte Elbenstein hierauf, »wenn ein
Mensch noch beizeiten zur Erkenntnis kömmet und sein Leben bessert, denn bei
vielen heisset es: Cras, cras, semper cras & sic dilabitur aetas, bis sie
endlich mit Leib und Seele zum T ... fahren.«
    Unter solchen und dergleichen Gesprächen ward endlich die Mahlzeit
verbracht, und weiln der Oberhofmeister den Vorschlag tat, ob nicht die
sämtlichen Kavaliers den fürstlichen Personen bis auf ein zwei Meilen von
Battaglia gelegenes und dem Marchese Obizzo gehöriges Lustaus entgegenreiten
und bis zu derselben Ankunft sich die Zeit mit Spielen oder andern
Divertissements passieren wollten, als ward solcher von den sämtlichen
Anwesenden willig angenommen; um desto früher aber aufstehen zu können, begab
sich ein jeder desto zeitiger nach seinem Quartiere.
    Elbenstein, dem die grausame Mordgeschicht des engl. Lords ganz und gar
nicht aus den Gedanken kam und in seinem Gewissen noch immer eine grosse Unruhe
und Bangigkeit empfand, ward höchlich erfreuet, als er bei Anlangung in seinem
Quartiere vernahm, dass der Wirt wieder nach Hause gekommen sei; indem er
solchergestalt von einer abermaligen sündlichen Visite der Agata befreit zu
sein verhoffte. Wie es aber einem geilen Frauenzimmer, wenn sie ihre Brunst
gekühlet wissen will, niemals an listigen Erfindungen mangelt, so war auch
dieses in unersättlicher Liebe gegen Elbensteinen entbrannte Weib hierinnen
nicht die Einfältigste, denn sie hatte ihrem Manne, dem Schneider, um denselben
noch mehr Hörner aufzusetzen, eine gute Quantität vom Opio unter den Wein
gemischt, den er mit seinem guten Freunde, als von der Jagd ermüdete, hellig und
durstige begierig einschluckte. Das Opium würkte gar bald nach der geilen Frauen
Wunsche, denn der arme Cornelius schlief nebst seinem Jagdkameraden plötzlich
ein und wurden mit grosser Mühe zu Bette gebracht. Die listige Agata aber gab
den überbliebenen Wein ihrer Magd, die sich eine Kalteschale darvon machte,
jedoch bald nach deren Genuss durch das öftere Hojähnen und die schläfrigen Augen
die Operation dieses eingelöffelten Tranks offenbarete, weswegen Agata aus
verstelleten Mitleiden zu ihr sagte: »Geh nur zu Bette, du arme Rosine! Du bist,
wie ich sehe, von deiner heutigen Arbeit ganz müde, ich will den fremden
Kavalier die Haustüre schon aufmachen.« Das gute Mensch konnte mit genauer Not
ihre Kammer erreichen, allwo sie ohnausgekleidet aufs Bette hin und in einen
tiefen Schlaf verfiel; Agata aber bewillkommete den von Elbenstein bei seiner
Heimkunft mit freundlichen und vergnügten Gebärden, entschuldigte dabei ihren
Mann, dass er seine schuldige Aufwartung bei ihm diesen Abend nicht machen
könnte, indem er von der Jagd sehr ermüdet nach Hause gekommen und sich bereits
zu Bette begeben hätte.
    Elbenstein, dem die geschwinden und listigen Erfindungen des italiänischen
Frauenzimmers in Büssung ihrer Liebeslüste aus eigener Erfahrung schon bekannt
waren, erriet alsobald das ganze Geheimnis, weil er aber, um sein geängstetes
Gewissen zu beruhigen und einen Anfang in der ihm mit göttlicher Hülfe
vorgenommenen Busse und Bekehrung zu machen, sich ernstlich entschlossen hatte,
als klagte er, wie ihm auf dem Schloss eine jählinge Übligkeit zugestossen wäre,
welches Ursach gewesen, dass er sich zeitig retirieren müssen, womit er ihr eine
gute Nacht wünschte. Agata tat dergleichen, in ihren Gedanken aber machte sie
sich allerhand anmutige Abbildungen von der künftigen Liebesergötzung, die sie
diese Nacht mit ihren angenehmen Kavalier pflegen und genüssen würde, doch musste
sie die hitzigen und inbrünstigen Umarmungen so lange anstehen lassen, bis
Elbensteins Diener vom Zimmer herunter und zur Ruhe ging. Alsdann eilete sie zu
ihren geliebten Kavalier und legte sich, ohne viel Wesens zu machen, zu ihm ins
Bette, suchte auch unter kurzer Erzählung, was sie vor List gebraucht, ihres
Vergnügens vollkommen teilhaftig zu werden, den schläfrigen Elbenstein durch
allerhand unverschämte Griffe zur Wollust zu bewegen. Allein sie wurde nicht
wenig bestürzt, als sich Elbenstein in allen widersetzte und unter folgenden
Worten von ihren geilen Umarmungen losmachte: »Meine Frau!« war seine Rede,
»wird sich verwundern, warum ich Ihr nicht eben mit dergleichen Liebkosungen,
als Sie mir erzeigt, wieder begegne; ich kann aber Derselben nicht bergen, dass
ich durch eine von Venedig eingelaufene traurige und erschreckliche Zeitung in
eine dergestalte Gemütsunruhe und Herzensangst gesetzt worden, dass durch
derselben beständiges und unablässiges Anhalten alles, was eine hitzige Liebe
sonsten erfordert, bei mir nunmehro als gänzlich erstorben liegt. Ob ich Sie nun
gleich gestern nach Antrieb üppiger Begierden auf das heftigste geliebt habe, so
werde ich Sie dennoch hinfüro nicht weiter als nach den Regeln und Gesetzen, die
mir der Himmel und mein eigenes Gewissen vorschreiben, nicht anders als eine
Christin und gute Freundin lieben. Anstatt aber uns in sündliche, wollüstige
Ergötzlichkeit einzulassen, wodurch der allsehende Gott erzürnet, die keuschen
und reinen Engel betrübt, unser Leib, Seele und Gewissen aber abscheulich
befleckt werden, wollen wir viel lieber mit vereinigten Bussseufzern Gott
inbrünstig anflehen, dass er uns nach seinen gerechten und gestrengen Gerichte
wohlverdientermassen nicht strafen wolle. Will Sie dieses nicht mit mir zugleich
tun, meine Freundin! so begebe Sie sich in Ihre Kammer zurück und wende die
schlaflosen Stunden allein zu dergleichen Betrachtungen und Bussübungen an, nebst
dem festen Vorsatze, den barmherzigen und langmütigen Gott nimmermehr auf solche
Art wieder zu beleidigen.«
    Agata wurde über diese Reden ungemein bestürzt und blieb als eine vom
Donner gerührte Person ohne einzige Regung liegen. Elbenstein bemerkte, dass ihr
eine Ohnmacht zustossen wolle, denn soviel er bei dem brennenden Nachtlichte
sehen konnte, waren nicht allein ihre schönen schwarzen Augen halb gebrochen,
sondern auch alle Röte von ihren zarten Wangen und Lippen gewichen. Er stieg
demnach in dem umhabenden Schlafrocke aus dem Bette und langete ein mit
flüchtigen Spiritu angefülletes Glas aus seinem Chatoull, hielt ihr dasselbe vor
die Nase, wodurch die auf der Abreise begriffenen Lebensgeister wieder zum
Rückmarsch beweget wurden. Wie er nun sah, dass sich ihre Augen wieder
eröffneten, auch die Röte auf ihren Lippen wieder zum Vorschein kam, drückte er
einen Kuss, der aber nicht aus geilen, sondern keuschen und freundschaftlichen
Regungen abstammete, auf ihren Mund und sagte: »Werteste Freundin, ich
versichere Ihr bei allem dem, was heilig heisst, dass diese meine Änderung der
Natur nicht etwa aus einem Ekel oder Überdruss gegen Ihre holdselige Person,
sondern von einem höhren Triebe und Aufwachung meines Gewissens herrühret, in
Betrachtung der erschrecklichen Strafgerichte Gottes, so auf dergleichen
Misshandlungen zu folgen pflegen.« Der Agata liefen die Tränen stromweise aus
den Augen heraus, endlich richtete sie sich auf, umarmete Elbensteinen aufs
zärtlichste, benetzte auch seine Hände mit tausend Tränen. Dieser half ihr
vollend in die Höhe, gab ihr noch einige keusche Küsse und liess sie unter von
allen beiden ausgestossenen ängstlichen Seufzern stillschweigend von sich gehen.
    Ob nun Agata durch seine Reden und Aufführung würklich in ihrem Gewissen
gerühret worden oder ob sie sich wegen fehlgeschlagener Hoffnung ihres
Vergnügens dergestalt alteriert, solches kann man nicht sagen. Elbensteinen
hergegen wurde das Herze, nachdem er diesen gefährlichen Kampf so glücklich und
ritterlich überwunden, ganz leichte, wofür er Gott herzlich dankte und denselben
bussfertig anflehete, ihn ferner vor allem Übel und schweren Sünden, absonderlich
aber vor der reizenden Fleischesl[u]st gnädiglich zu bewahren. Weil er nun
keinen Schlaf in seine Augen bekommen konnte, setzte er sich an den Tisch und
brachte folgendes Busslied zu Papiere:
                                       1
Mein Gott! ein Sündenkind
Liegt hier vor deinem Trone.
Ach, richte nicht geschwind!
Nein! Liebster Vater, schone!
Herr, geh nicht ins Gericht,
Vor dir besteh ich nicht.
                                       2
Ach, meine Missetat
Macht dich mir ungewogen;
Der Irrweg, den ich trat,
Hat mich von dir gezogen,
Herr, geh nicht ins Gericht,
Vor dir besteh ich nicht.
                                       3
Die Wunden meiner Schuld
Sind voller Eiterflüsse;
Gott! gib, dass deine Huld
Das Gnaden-Öl drein giesse,
Herr, geh nicht ins Gericht,
Vor dir besteh ich nicht.
                                       4
Ach Gott! erhör mein Flehn,
Ach! lass mich nicht verzagen
Und gänzlich untergehn,
Erhöre doch mein Klagen.
Herr, geh nicht ins Gericht,
Vor dir besteh ich nicht.
Als er dieses Lied nach einer selbst darzu gemachten Melodie etlichemal heimlich
gesungen, legte er sich, nach nochmals verrichteten Abendgebete, mit sehr
beruhigten Herzen wieder zu Bette, da ihm denn im ersten Schlummer der Spruch in
die Gedanken fiel: Ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen etc., welchen
er mit erfreuten Herzen zum öftern wiederholte und endlich in einen süssen Schlaf
verfiel, da ihm denn der Heiland der Welt im Traume erschien und die tröstlichen
Worte zusprach: Sei getrost, mein Sohn! deine Sünden sind dir vergeben, sündige
nur hinfort nicht mehr! Über diese tröstlichen Worte liefen die Freudentränen
häufig aus seinen Augen, so dass, als er aufwachte, dieselben noch auf seinen
Wangen und Hauptküssen zu finden waren. Demnach stund er höchst erfreut von
seinem Lager auf, verrichtete sein Morgengebet, sunge etliche Buss- und
Danklieder, rief hernach seinen Diener, welcher ihn ankleiden musste.
    Unten im Hause, als er eben die Treppe herunter trat, bote ihn Agata mit
betrübten Gesichte, schamroten Wangen und niedergeschlagenen Augen einen guten
Morgen. Er tat mit einem freund- und fröhlichen Gesichte dergleichen, wünschte
ihr alles Vergnügen und fragte, ob der Hausherr noch nicht aufgestanden wäre.
Indem sie nun zur Antwort gab, dass selbiger vor Mittags schwerlich erwachen
würde, sah sie Elbenstein recht beweglich und seufzend an, worbei ihr die
Tränen in den Augen stunden. Dieser küssete nunmehro aus reiner
Freundschaftsliebe die holdseligen benetzten Augen, und zu Bezeugung seiner
gegen sie hegenden aufrichtigen und tugendhaften Freundschaft schenkte er ihr
einen saubern Ring, sich seiner darbei zu erinnern. Agata aber, von so vielen
Gemütsregungen bestürmt, geriet endlich darüber in einen solchen Zustand, dass,
als sie sich mit einem schmachtenden Kusse gegen Elbensteinen bedanken wollte,
ihr, deren Herz von so vielen Leidenschaften ganz beklemmet war, eine starke
Ohnmacht zustiess, so dass sie darnieder sank. Wie Elbensteinen hierbei zumute
geworden, ist leicht zu erachten, doch in dieser Angst besann er sich, dass in
dergleichen Zufällen frisches Wasser oftermals gute Hülfe getan, weswegen er den
im Hause stehenden Wassereimer ergriff und das erbleichte Angesicht seiner
halbtoten Freundin etlichemal mit frischen Wasser benetzte, auch ihr zum
Überfluss eine starke Dosis Schnupftobak in die Nase blies, welche beiden Mittel
endlich soviel würkten, dass sie etlichemal niesete und bald darauf wieder zu
sich selber kam. Er führete sie nach diesen in die nächste Kammer, allwo er sie
auf ein Feldbettgen niederlegte, sich aber, weil er vermerkte, dass es keine
Gefahr mehr hatte, alsobald zurückbegab, weil das über die Agata erregte
Mitleiden eine neue Liebe gebären und die allmählig aufsteigenden hitzigen
Regungen, unter dem Scheine einer erbarmenden Freundschaft, ihn auf die vorigen
Wollüste und sündlichen Ausschweifungen verführen wollten. Demnach spazierte er
nach dem Pferdestalle zu, woselbst er mit Verdruss wahrnahm, dass der Diener mit
Putzen und Abfütterung der Pferde etwas zu nachlässig gewesen, weswegen er ihm
eine Reprimende gab und wieder zurück auf seine Stube zu gehen gesonnen war. Da
ihm aber die schwache Agata wieder in den Sinn kam und er besorgte, es möchte
dieselbe etwa mit einer nochmaligen Ohnmacht sein befallen worden, so schlich er
sich ganz sachte vor ihre Kammertür, guckte durch das Schlüsselloch und
bemerkte, dass sie auf dem Bette sass und den von ihm geschenkt bekommenen Ring
vielfältig küssete, derowegen fand er sich vollkommen beruhiget, begab sich in
aller Stille auf seine Stube, verweilete daselbst noch eine Zeitlang, bis
endlich der Diener meldete, dass die Pferde parat stünden. Er befahl, dieselben
hervorzuführen, indem er aber hinunterging, kam Agata nochmals, wiewohl sehr
blass, aus ihrer Kammer und fragte ihn mit ängstlichen Gebärden, wo er denn so
früh hin und ob er etwa gar nicht wiederkommen wollte. Da er ihr aber zu
vernehmen gab, wie er nebst andern Kavaliers ihrer gnädigsten Herrschaft auf den
halben Weg entgegenreiten und ihrer Ankunft daselbst erwarten wollte, gab sie
sich zufrieden und sagte, dass sie nunmehro zu ihrem Manne gehen und denselben
durch ein gewisses Mittel aus dem Schlafe ermuntern wollte. Unter diesen Reden
brachte der Diener die Pferde, demnach machte Elbenstein der traurigen Agata
noch ein Kompliment, setzte sich alsofort auf und begab sich auf das Schloss, von
dar die sämtlichen Kavaliers nach eingenommenen Frühstücke ihre Kavalkade
verrichteten.
    Es ging der Weg eben durch die Gasse, in welcher Elbensteins Wirt wohnete.
Dieser war mittlerweile durch die vielleicht schon öfters an ihm probierte Kunst
aufgewacht und stund völlig angekleidet vor seiner Haustüre. Elbenstein machte
ihm ein Kompliment, beugte, als der Wirt heraus auf die Strasse trat, aus der
Reihe heraus und hielt etwas stille, um anzuhören, was des Herrn Wirts Verlangen
wäre. Dieser nun bat ihn ganz gehorsamst um Verzeihung, dass er ihm gestern der
Gebühr nach nicht aufgewartet, und exkusierte sich mit einem kleinen Rausche,
den er über alles Vermuten durch etliche jählinge Trünke, welche er auf die
Hitze getan, sich benebst seinem Kameraden zugezogen hätte. Elbenstein versetzte
darauf in aller Kürze, dass er keiner Entschuldigung bedürfe, wünschte anbei, dass
die Jagdlust glücklich abgelaufen sein und der gestrige Trunk ihm wohl bekommen
möchte, worauf er seinen Compagnons im kurzen Galopp nachfolgete.
    Als sie nun unter allerhand guten Gesprächen auf dem beniemten Lustschlössgen
anlangeten, trafen sie daselbst des Marchese Obizzo Leibpagen an, welcher
vorausgeschickt war, vor die gnädigste Herrschaft eine Kollation zu bestellen,
dannenhero sie sich bis zu derselben Ankunft in ein Gemach begaben und mit
Kugelpalestern nach denen, dem Lustause gegenüber, auf einem Berge in grosser
Menge herumlaufenden wilden Kaninchen schossen, wofür dem Schlossverwalter, der
die Palesters und Kugeln herbeigeschaft, eine Diskretion von etlichen Ducati di
Venetia nebst den erschossenen Kaninchen zugestellet ward, als welcher sie
überdem mit delikaten Weine und andern Erfrischungen traktierte. Indem sie nun
noch in vollkommener Lust begriffen waren, kamen die fürstlichen Personen an und
bezeigten ein besonderes Vergnügen, dass ihnen die Kavaliers entgegen gekommen
waren, und weiln, wie schon gedacht, die beiden Fürsten der deutschen Lebensart
wohl gewohnt waren, so wurde bei der Tafel ziemlich stark getrunken, so dass die
Herrschaften benebst den Kavalieren ziemlich berauscht waren, bis auf
Elbensteinen, welcher nicht allein von Natur viel vertragen konnte, sondern sich
auch sonsten sehr in acht genommen hatte. Endlich, da sich der Tag zu neigen
begunnte, geschahe der Aufbruch, da denn, als man in Battaglia anlangete, nachts
um neun Uhr hiesigen Zeigers nochmals Tafel gehalten und die Zeit bis nach
Mitternacht unter allerhand Musik und andern Lustbarkeiten zugebracht wurde. Wie
nun der Aufbruch geschahe, ersuchte Elbenstein den Baron von K. um Erlaubnis,
mit ihm in seinen Gastof zu fahren und daselbst den Rest der Nacht zuzubringen,
unter dem Vorwande, dass er seinen Wirt vor diesmal so späte nicht inkommodieren
wollte. Der Baron machte sich, seiner gewöhnlichen Complaisance nach, ein
besonderes Vergnügen daraus, mit der Versicherung, dass in seinem ordentlichen
Logis ohnedem jederzeit zwei gemachte Betten in seinem Zimmer parat stünden.
    Auf solche Art vermiede Elbenstein, dem seine Bekehrung damals ein rechter
Ernst war, die Gelegenheit, abermals mit der Agata fleischliche Sünden zu
begehen, und obgleich der Baron von K. als ein alter Kavalier, der den Trunk
nicht so wohl als Elbenstein vertragen konnte, sich alsobald zur Ruhe legte und
in einen tiefen Schlaf verfiel, so blieb doch Elbenstein noch eine gute Weile
offen und verrichtete sein andächtiges Gebet. Beiderseits Bedienten hatten sich
auch bereits retiriert, derowegen zündete Elbenstein nur das Nachtlicht an und
begab sich darauf gleichfalls zur Ruhe. Kaum aber war er ein wenig
eingeschlummert, da sich vor dem Zimmer ein starkes Gepolter erregte, welches
immer näher und zuletzt gar in die Stube kam, auch mit einem grässlichen Brausen
zum öftern an der Schlafkammertür geklinket wurde und es das Ansehen hatte, als
ob selbige mit Gewalt eröffnet werden sollte. Elbenstein sprang demnach in
seiner Schlafkleidung aus dem Bette, griff nach seinem Degen und Pistolen,
bemühete sich auch den Baron aufzuwecken, dieser aber hörete und fühlete nichts,
schnarchte hergegen immer schärfer und war, alles Rüttelns und Schüttelns
ohngeacht, durchaus nicht zu erwecken. Mittlerzeit wurde dergestalt stark an der
Tür gearbeitet, dass dieselbe zum öftern einen Platz und Knall von sich gab,
weswegen Elbenstein rufte: »Wer da? Antwort! oder ich gebe Feuer.« Hierauf liess
sich eine grässliche Stimme hören, die soviel zu vernehmen gab: »Auf, auf! mit,
mit!«, und nach diesen fing es an zu möckern als ein Bock. Elbensteinen stunden
bei so gestalten Sachen die Haare zu Berge, er begunnte fast zu merken, dass
dieses nichts Natürliches, sondern vielmehr ein Gaukelspiel des Teufels sei,
hielt derowegen nicht vor ratsam, ein paar Kugeln durch die Tür zu jagen,
sondern hielt sich ganz stille. Da aber das grässliche Lärmen und Toben an der
Tür von neuen anging, rief er: »Herr Jesu! stehe uns bei und nimm uns in deinen
Schutz.« Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als es vor der Tür einen
erschröcklichen Fall tat, so dass das ganze Haus darvon erschütterte, und endlich
war es vor Elbensteins Ohren, als wenn unter einem erschröcklichen Brausen eine
grosse Last von der Tür hinweg und die Treppe hinunter geschleppt würde. Da nun
alles stille war, legte er sich wieder aufs Bette, es wollte aber kein Schlaf in
seine Augen kommen, hergegen schlief der Baron desto stärker; da er nun endlich
morgens erwacht war, erzählete ihm Elbenstein, welcher nach Tagesanbruch kaum
ein paar Stündgen die Augen zugehabt hatte, die ganze Begebenheit und
verwunderte sich höchlich dabei, dass der Herr Baron einen so grausam festen
Schlaf hätte. Dieser beteuerte hoch, dass er gar nicht wisse, wie es mit seinem
Schlafe zugegangen, indem er sonsten wohl noch einmal soviel getrunken hätte und
sich dennoch durch ein geringes Anrühren sogleich ermuntern lassen. »Allein,
mein wertester Herr Landsmann!« sagte der Baron weiter, »die Sache muss eine ganz
andere Bewandtnis haben. Ich kann versichern, dass ich seit vielen Jahren her,
sooft ich allhier Verrichtungen gehabt, nirgend anders als in diesem Hause
logieret habe, es ist mir aber nicht das allergeringste weder vor Augen noch
Ohren gekommen. Meine Gedanken sind diese: Es muss etwa eine Person sein, die auf
Sie eine unbändige Liebe geworfen und, um ihre verliebte Sehnsucht zu stillen,
Sie auf dem Bocke hat wollen abholen lassen. Sie müssen aber einen starken
Schutzengel haben, der Sie von dieser verteufelten und höchst gefährlichen
Postreiterei befreit hat. Ich erinnere mich«, redete der Baron weiter, »dass, da
ich in meinen Jünglingsjahren in Trient studierte, sich mit einem schwedischen
Edelmann fast eben dergleichen begeben. Dieser hatte durch seine artige
Aufführung sich bei einer schönen Nonne dergestalt in Kredit, ja was sag ich, in
ihr Herze gesetzt, dass sie sich eingebildet, sie müsse des Todes sein, wenn sie
seiner Gegenliebe nicht vollkommen teilhaftig würde, denn mit den verliebten
Briefen, Worten und verstohlenen Küssen, die sie sehr öfters im Parlatorio von
ihm empfing, konnte sie ohnmöglich zufrieden sein, derowegen sonne sie auf
Mittel und Wege, wie sie ihren Galan in ihrer Zelle vertraulicher embrassieren
könnte. Dieses ihr verliebtes Anliegen vertrauete sie des Klosterpförtners
Eheweibe, welche eine vortreffliche alte Hexe und Erzruffiana oder Kupplerin
war, wie denn dieselbe das geheime Liebesverständnis zwischen der schönen Nonne
und dem schwedischen Edelmanne bereits vollkommen innehatte. Was geschahe? Die
Pförtnerin war von der Gewinnsucht und Begierde angereizt, ihre[r] Wohltäterin,
von welcher, als einer sehr reichen Dame, sie nebst ihrem Manne und Kindern
ungemeine Guttaten genoss, nach äussersten Vermögen zu dienen, verfügte sich
demnach zu einem gewissen weltlichen Priester, mit dem sie in ihrer Jugend in
starker Vertraulichkeit gelebt haben mochte, darbei aber wusste, dass er in der
schwarzen Kunst ungemein erfahren war, indem sie viele Exempel davon gesehen.
Diesen Priester ersuchte die Alte, ihr mit gutem Rate beizustehen, und derselbe,
weil er ziemlichermassen ins Armut geraten, gedachte einen guten Profit zu
erwerben, versprach ihr seine Hülfe, die Sache so einzurichten, dass der ehrliche
Schwede auf einem gehörnten Postpferde zu der verliebten Nonne sollte geführet
werden. Es gelunge aber dennoch vor dieses Mal dem hochgelahrten Herrn seine
erlernete Kunst nicht, sondern lief fruchtlos ab, denn dieser brave und nach
seiner Religion sehr christliche Edelmann, als er sich abends bis zehn Uhr nach
allerhand mit mir und dem Hauswirte gehabten geistlichen und erbaulichen
Diskursen kaum zu Bette gelegt, bekömmt plötzlich eine ausserordentliche
Bangigkeit und Herzensangst, so dass er wieder aufstehen muss, jedoch sein Gebet-
und Gesangbuch zur Hand nimmt und seine Andacht nochmals mit Singen und Beten
verrichtet. Weil er aber jedennoch vor Angst nicht zu bleiben weiss, will er im
Schlafrocke zu mir, der ich am nächsten an seiner Stube wohnete, gehen und mir
seinen plötzlichen und wunderbaren Zufall klagen. Er hat aber in diesen Gedanken
kaum das Licht in die Hand genommen, als es wider den vor seinem Zimmer nach dem
Garten zu angebaueten Balkon als ein Sturmwind dergestalt heftig stösset, dass die
inwendig wohlverriegelte Tür mitten voneinander springet, da er denn auf dem
Altane erstlich einen schwarzen Bock mit feurigen Augen erblickt; sobald er aber
etlichemal den Namen Jesus! ausruft, verwandelt sich dieses Ungeheuer in einen
Feuerklumpen, als eine Tonne gross. Er springt derowegen unter stetigen Rufen:
Jesu Christe! hilf mir! zurück heraus auf die Galerie und kam in meine Kammer,
allwo er mir alles, was ihm begegnet war, mit Zittern und Beben erzählete und,
nachdem wegen des gewaltigen Getöses der Wirt und die Wirtin herzugelaufen
kamen, die ganze Historie nochmals wiederholte. Die Wirtin, welches eine geborne
Italiänerin war, fing darauf sogleich also zu reden an: Cossi Padron
Illustrissimo! Eh! VSMma ha qualche ragiri amorose, con una religiosa, cospetto!
quest è la seconda volta ch'un tale è accaduto en questa casa. Deutsch: So!
Wohlgeborner Herr! Ei! Ew. Wohlgeb. haben gewiss einen verliebten Umgang mit
einer Nonne. Wahrlich, das ist nun das zweite Mal, dass sich dergleichen in
unsern Hause zugetragen hat. Hierüber entsetzte sich der schwedische Edelmann
dergestalt, dass er über acht Tage lang das Bett hüten und alle Nächte bei sich
wachen lassen musste. Als er nun meistens wieder vollkommen ge[n]esen, machte er
sich auf Einraten des Medici, Hauswirts, Hauswirtin und anderer guter Freunde
unvermutet auf die Reise, ohne von der verliebten Nonne einigen Abschied zu
nehmen.« Demnach (setzte der Baron noch hinzu) glaube der Herr von Elbenstein
nur sicherlich, dass er von einer Person heftig geliebt wird, die ihn auf keine
andere Art als diese bei sich zu sehen hoffen darf.
    Der gute Elbenstein wurde über diese und seine eigene Aventure dergestalt
konsterniert, dass ihm fast in die Gedanken kam, das gefährliche Italien gänzlich
zu quittieren, weiln es ihm aber an sattsamen Barschaften fehlete, resolvierte
er sich, nachdem sich sein Fürst bereits einige Tage in seiner Residenz
befunden, allwo damals alles ganz stille zuging, Urlaub zu bitten, um wegen
eines vermuteten Wechsels und anderer, seinen Bruder betreffenden
Angelegenheiten eine Reise nach Venedig zu tun. Der Fürst gab ihm nicht allein
sogleich Urlaub, sondern sagt noch darzu, wie er auf seine, des Fürsten, Kosten
die Reise tun und ihm daselbst ein aussenstehendes Kapital von 20000 Dukaten
einkassieren und mitbringen sollte. Elbenstein erstaunete über diese Kommission,
und weil ihm sein Herz ein bevorstehendes Unglück prophezeiete, sprach er zu dem
Fürsten: »Ew. Durchl. machen mich ganz verwirrt, da Sie einem ausländischen
armen deutschen Edelmanne ein so starkes Kapital alleine anvertrauen wollen.«
»Wenn ich nicht wüsste«, gabe der Fürst hierauf zur Antwort, »dass die Deutschen
redliche Herzen hätten, würde ich Ihn nicht in meine Dienste genommen haben, und
wenn ich auch um 20000 Dukaten käme, würden mich diese in geringen Schaden, Ihn
aber um seine Ehre bringen.« Dieserwegen küssete Elbenstein dem Fürsten die
Hand, dieser aber ging nach seinem Chatoull, gab ihm die schriftliche
Versicherung nebst einer Charte Biance zur Vollmacht und 50 Dukaten Reisegeld.
Elbenstein liess seine Equipage aufs sauberste zurechte machen und begab sich des
dritten Tages auf die Reise, war aber dennoch nicht recht vergnügt, weil ihm
sein Konzept einigermassen verrickt worden. Indem er nun durch Padua passieren
musste, führete ihn sein Glücks- oder Unglücksstern eben in das Logis, wohin ihn
seine masquierte Amour in Ariqua bestellet und die Woche vor Martini allda
einzutreffen befohlen hatte. Es war ihm noch nicht in die Gedanken kommen, sich
um das Zeichen des Gastofs zu bekümmern, allwo er logierte; als er aber des
Abends abgespeiset hatte und eine Bouteille Limonade nebst einer Pfeife Tobak
gefordert, sagte ein alter hässlicher Hausknecht zu ihm: »Mein Herr! ich weiss
ganz gewiss, Sie sind der Kavalier, welcher von einer Dame anhero bestellet
worden; ist's nicht wahr, dass es in Ariqua geschehen?« Elbenstein schüttelte den
Kopf und sagte, er wisse von nichts. »Leugnen Sie es nicht, mein Herr!«
verfolgete der Kerl seine Rede, »denn ich kenne Sie unter Tausenden, ob Sie
schon nicht wissen, woher. Vertrauen Sie sich mir nur vollkommen, denn ich kann
Ihnen versichern, dass die Dame bereits hier wäre, allein sie ist durch eine
gewisse Begebenheit zurückgehalten worden, unterdessen wird sie ohnfehlbar
binnen zehn oder zwölf Tagen kommen, Sie aber, mein Herr, können auf sie allhier
warten und versichert sein, dass Ihnen niemand einige Zehrungskosten abfordern
wird, weil ich Ordre habe, vor Sie zu bezahlen.« »Mein Freund!« sagte
Elbenstein, »ich bin von einem gewissen Fürsten in besonders wichtigen Affären
voritzo auf der Reise begriffen, hoffe aber auch binnen acht oder zehn Tagen
wieder zurückzukommen, alsdenn wollen wir von dieser Sache weiter sprechen.«
»Wohl gut!« sagte der alte verzweifelte Kuppler, »allein, haben Sie etwa Lust,
mit einem Ihrer Landsleute, welches ein deutscher Kavalier ist, zu sprechen, so
können Sie sich noch ein paar Stunden oder solange es Ihnen beliebt die Zeit
passieren, denn er möchte auch gern mit jemand reden, weil ihm die italiänische
Sprache noch nicht recht geläuftig ist.« Elbenstein befahl dem Kerl, dass er dem
deutschen Kavalier sein Kompliment machen und bei demselben vernehmen sollte, ob
es ihm gelegen wäre, eine Pfeife Tobak mit ihm zu rauchen. Wenige Minuten
hernach erschien der Deutsche, und weil es ein Edelmann war, mit dem Elbenstein
vor diesem auf einem Gymnasio zugleich studieret, umarmeten sie sich recht
herzlich und waren beiderseits hoch erfreut, dass sie einander so unverhofft in
einem frembden Lande antrafen. Sie blieben also beisammen sitzen und erzähleten
einander ihre Begebenheiten bis um die Mitternachtszeit, da sie denn voneinander
Abschied nahmen, jedoch weil der Herr von Talberg, so nennete sich dieser
deutsche Kavalier, Elbensteinen gar zu sehr bat, ihm zu Gefallen, weil er
gestern erstlich angekommen, nur einen einzigen Tag in Padua zu verweilen, als
versprach ihm dieser aus redlicher Freundschaft seinen Willen zu erfüllen, und
hieraus begaben [sie] sich beiderseits zur Ruhe.
    Folgenden Morgens, nachdem sie den Tee miteinander getrunken, spazierten sie
aus und besahen sowohl die innere Stadt als die Burg und deren Fortifikation, da
sich denn der Herr von Talberg nicht wenig über die Grösse dieser Stadt
verwunderte, zumalen, als er vernahm, dass dieselbe noch eher soll erbauet worden
sein als Rom. Hierauf besahen sie den grossen Saal des Palasts, welcher der
schönste, der in Italien zu finden, ingleichen den Dom, welches zwar ein uraltes
Gebäude und eben nicht von besonderer Struktur, jedoch sehenswürdig ist. Nach
Tische gingen sie wieder aus und besahen die Kirchen, sonderlich des heil.
Antonii von Lissabon, welche ungemein und voller herrlicher Sachen, vornehmlich
die heil. Kapelle, worinnen ungemein schöne Bildhauer- und Malerarbeit
anzutreffen. Weil sich aber unter der Zeit der Tag zu neigen begonnte, als
rekommendierte der von Elbenstein dem von Talberg, sich zur andern Zeit in der
schönen Justinenkirche, worinnen viel prächtige Monumenta, ingleichen auch in
den vielen Kunstkammern herumführen zu lassen. Da sie nun abends nach Tische
noch eine Pfeife Tobak miteinander rauchten, beredete Elbenstein den Herrn von
Talberg, dass er mit ihm nach Venedig zu reisen sich gefallen liess, wie sie denn
auch in früher Tageszeit sich auf den Weg begaben und nach kommoden Tagereisen
in dieser weltberühmten Stadt anlangten, allwo sie ihr Logis im Gastofe, Zum
weissen Pferde genannt, nahmen.
    Elbensteins erster Gang war nach den beiden berühmten Kaufleuten, Herr
Hopffer und Bachmeiern, welche ihm nicht allein die Gefälligkeit erwiesen, dass
sie ihm seinen erstlich auf Weihnachten gefälligen Wechsel gegen einen billigen
Rekompens bar bezahleten, sondern auch über dieses ihren Priester, der, wie
schon gemeldet, in weltlichen Kleidern einherging, kommen liessen, bei welchem
Elbenstein gleich des dritten Tages nach seiner Ankunft kommunizierte und sein
Herz ungemein erleichtert befand, auch bei dem ernstlichen Vorsatze beharrete,
sich zeitlebens nicht wieder in verbotene Liebeshändel einzulassen, sondern
hinfüro keusch und züchtig zu leben und abzuwarten, bis ihm der Himmel dereinst
eine liebenswürdige Gemahlin zuführete.
    Da aber die Gelder, welche er vor seinen Fürsten einzukassieren hatte, nicht
sogleich parat waren, sondern ihm angedeutet wurde, wie er sich wenigstens noch
sechs bis acht Tage patientieren müsste, liess er sich auch dieses gefallen,
erstattete aber immittelst seinen Bericht an den Fürsten durch eine Stafette.
Jedoch mittlerweile die Zeit nicht müssig zuzubringen oder im Gastofe allein bei
guten Essen, Trinken und Spielen zu leben, besah er nebst dem Hrn von Talberg
diese weltberühmte und wunderbare Stadt, welche sozusagen nicht recht auf der
Erden, sondern wenigstens andertalb Meile vom festen Lande in Flut und Wellen
liegt, indem die Häuser auf 72 Insuln, woraus sie bestehet, auf lauter Pfähle
von Holze erbauet sind. Sie hätten sich wohl gern einer Karosse bedient, allein
die Strassen sind daselbst sehr enge, weswegen die Karossen nicht zu gebrauchen,
derowegen muss man zu Fusse gehen, welches denn auch wohl möglich, da ohngefähr
460 Brücken über die Kanäle in der Stadt gezählet werden, unter welchen die
vornehmste und schönste der Republik auf 300000 Dukaten zu stehen kommt. Unsere
Kavaliers aber, wenn sie sich durchs Spazierengehen ermüdet, setzten sich in
eine Gondel oder wohl aptiertes Schiffgen, deren man in Venedig allein über
24000 zählen will, und fuhren darauf von einem Orte zum andern, wo sie nehmlich
etwas Betrachtenswürdiges anzutreffen wussten, wiewohl in dieser Stadt fast alles
betrachtenswürdig zu nennen ist. Als nun beide auf der obgedachten kostbaren
Brükke, welche il Ponto Rialto genennet wird, stunden, sagte Talberg zu dem von
Elbenstein: »Es ist schade, dass wir nicht einen guten Freund und Bekannten
allhier haben, der uns die merkwürdigsten Dinge in dieser weltberühmten Stadt
zeigte, denn weil ich sehr curieux bin, dergleichen zu sehen und aufzuschreiben,
liesse ich mir kein Geld dauern.« Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, als sich
ein feiner reputierlicher Mann vor ihren Augen präsentierte, welcher einen
Offiziershabit am Leibe, jedoch nur einen Arm hatte. Dieser redete sie also an:
»Messieurs, ich halte Sie beide vor deutsche Kavaliers und habe mich, da ich
auch ein geborner Deutscher bin, sehr erfreuet, meine Muttersprache so rein von
Ihnen reden zu hören. Ich habe der Republik Venedig verschiedene Jahre zur See
als Offizier gedienet, bin aber endlich so unglücklich gewesen, dass mir ein Arm
abgeschossen worden. Mein Vaterland hätte ich gern wieder besucht, allein weil
ich keine Mittel daselbst zu suchen habe, so bin ich auch daselbst nichts nutze,
sondern danke dem Himmel, dass mir die Republik monatlich so viel Gnadengeld
auszahlen lässet, als zu einem reputierlichen Auskommen vonnöten ist. Mir ist in
dieser, obschon weitläuftigen Stadt alles bekannt, was Frembden zum Plaisir
gereicht, kann ich Ihnen dienen, so belieben Sie zu befehlen, ich tue es ohne
alles Interesse, sondern nur zum Plaisir meiner Herrn Landsleute.« Elbenstein
fragte nach seiner Vaterstadt und erfuhr, dass er von Merseburg gebürtig wäre,
weswegen sie diesen nahen Landsmann, weiln es eben Zeit zur Mittagsmahlzeit war,
mit sich in ihr Quartier nahmen und an seiner Konversation ein besonderes
Vergnügen fanden. Es führete sie derselbe etliche Tage nacheinander in der Stadt
herum, und weiln er bemerkte, dass der von Talberg sich ein und anderes
Merkwürdige in seine Schreibtafel notierte, sagte er eines Abends, da sie in
einem Weinhause beisammen sassen: »Mon Seigneur, wenn Sie so schreibbegierig
sind, so belieben Sie zu schreiben, was ich Ihnen diktieren will.« Als sich nun
der von Talberg bereit darzu fand, diktierte er ihm folgendes in die Feder:
    »Dass diese Stadt Venedig eine der berühmtesten in der Welt, ist eine
ohnstreitige Sache. 72 Insuln sind es, worauf sie erbauet ist, und ihr Umfang
ist ohngefähr acht italiänische Meilen. Il Ponto Rialto ist die grösste Brücke,
welche über den grössten Kanal geht, sie hat, wie Sie gesehen haben, nur einen
einzigen Schwibbogen von Marmor oder, wie es die Italiäner nennen, Pietra
bianca, stehet auf 6328 Pfählen und hat zu beiden Seiten zwei Reihen allerhand
Kaufladen, welche drei Gassen ausmachen; unter derselben aber kann eine Galeere
mit aufgespanneten Segeln durch den Schwibbogen hindurchfahren. Die Stadt
überhaupt wird eingeteilet in sechs Teile oder Sestieri, als nehmlich: Castello,
S. Marco, Carnareio, S. Paolo, S. Croce und Dorsoduro. Die ersten drei Teile
liegen diesseit und die andern drei jenseit der grossen Brükke. Es finden sich in
dieser Stadt 53 grosse und kleine Plätze oder, wie man es anderer Orten nennet,
Märkte, darunter ist der grösste und berühmteste der St.-Marcus-Platz, selbiger
ist 280 Schritte lang und 110 Schritte breit. Auf diesen Platze pflegen bei
guten Wetter die jungen Nobili di Venetia, zuweilen etlich Hundert stark, ihren
Spaziergang zu halten. Ferner zählet man darinnen über 150 prächtige Paläste, 70
Kirchen, 39 Mönnichsklöster, 28 Frauenklöster, 18 Oratoria, 17 Hospitäler, 115
Türme, 58 öffentliche Brunnen, die aber nicht viel taugen, denn das süsse Wasser
muss vom Lande in Tonnen herbeigeholet werden. 164 Statuen von Marmor und 23
Statuen von Erz, an welchen allen man sich über die Kunst nicht genug verwundern
kann. Der herzogliche Palast auf dem St.-Marcus-Platze ist wohl das schönste
Gebäude in der Stadt, er ist viereckigt. Das obere Stockwerk bewohnet der Doge
oder Herzog, bei demselben werden die Staatskollegia gehalten, im untersten aber
wird die Justiz administriert. An der einen Ecke dieses Platzes liegt die Kirche
St. Marco und an der anderen die Kirche St. Geminiano, zu beiden Seiten aber
stehen die Prokurateur-Häuser, die von Marmor aufgeführet sind und unten grosse
Schwibbögen haben. Auf den St.-Marcus-Kirchturm steigt man auf einer Treppe ohne
Stufen, und von dieser Kirche wird man zu dem Schatze geführet, welcher ungemein
kostbar ist. Die Bibliotek, welche sehr stark, ist in dem einen
Prokurateur-Hause, gerade gegen den Palast St. Marco über. Das Kloster St.
Johannis und Pauli ist das schönste, das Kloster St. Georgii aber das reichste.
In eben diesem Kloster, und zwar in dem Tafelgemach, finden sich unter den
Schildereien oder Gemälden die zwei vornehmsten und bewundernswürdigsten Stücke,
welche der Künstler Marco Titiano verfertiget hat, das eine stellet vor die
Hochzeit zu Kana in Galiläa und das andere das Bildnis Petri des Märtyrers.
Unter den Kirchen sind wohl die schönsten die St. Redemptore und Madonna di
Salute. Diese haben ihren Ursprung von einem Gelübde, welches der venetianische
Rat zu Pestzeiten getan. Jedoch die St.-Marcus-Kirche gibt diesen beiden wenig
oder nichts nach. Am Ende der Stadt nahe am Meere liegt das Arsenal, welches
seinesgleichen in Europa nicht haben soll, man findet so viel Gewehr drinnen,
dass auf den Fall in grösster Geschwindigkeit 20000 Mann zu Fusse und 25000 Mann zu
Pferde damit bewaffnet werden können. So liegen auch beständig 2000 Kanonen
parat, die zu Wasser und zu Lande können gebraucht werden, anderer zum Kriege
und Seewesen benötigten Dinge zu geschweigen. Es arbeiten alle Tage 1500 bis
2000 Menschen darinnen, die Unterhaltung dieses Arsenals aber soll der Republik
alljährlich über fünf Tonnen Goldes kosten. Die Schiffe werden allhier im voraus
gebauet und hernach in das salzige Seewasser stückweise versenkt, worinnen sie
desto dauerhafter werden. Man erzählet, dass der grosse Rat einsmals in diesem
Arsenal einen König traktieret habe, da denn in seiner Gegenwart ein ganz neues
Schiff gebauet worden, und zwar so haben die Bauleute den Anfang gemacht, als
der König zur Tafel gesessen, da er aber abgespeiset und aufgestanden, habe das
Schiff schon vor seinen Augen auf dem Meere herumgesegelt. Zu einer andern Zeit
hat man eben dergleichen Kunststück mit einer Kanone praktiziert, indem dieselbe
in grösster Geschwindigkeit gegossen, auch noch abgefeuert worden, ehe der
vornehme Gast von der Tafel aufgestanden. Kurz! dieses Arsenal ist mit Recht ein
Wunderwerk der Welt zu nennen, ringsherum ist es mit hohen Mauern umgeben. Am
Portale dieses Arsenals zeigt sich mit grossen goldenen Buchstaben die
Überschrift:
    Felix est Civitas, quae Tempore Pacis de Bello cogitat. Glückselig ist die
    Stadt, welche zu Friedenszeiten an den Krieg gedenkt.
Eins von den Hauptstücken, welche in diesem Arsenal aufbehalten und verwahrt
werden, ist der Bucentaurus oder dasjenige Schiff, auf welchem der Doge alle
Himmelfahrtstage in das Adriatische Meer segelt und sich mit demselben
vermählet. Es ist von der Grösse einer Galeazza, auswendig vergüldet und inwendig
mit carmoisinroten Sammet beschlagen, auf beiden Seiten sind verguldete Sessel
und auf dem Oberdeck ein Tron, auf welchem der Herzog zwischen den Gesandten
und Senatoren sitzet. Auf dem Unterdeck sind 28 Ruder, jedes mit sechs Mann
besetzt, man sieht aber von diesen Leuten nichts, als dass sich die Ruder
bewegen. Auf dem Vorderteile stehet das Bildnis der Gerechtigkeit, stark
verguldet mit dem Schwert und Waage in den Händen. Wenn der Doge den kostbaren
Ring ins Meer wirft, spricht er: Desponsamus the nobis mare, in signum veri
perpetuique Domini. Meer! wir vermählen uns mit dir, zum Zeichen einer
wahrhaften und immerwährenden Herrschaft über dich.
    Dieser Gebrauch«, sagte hier der einhändige Offizier, »ist mir jederzeit
sehr lächerrlich vorgekommen, ich kann aber nicht eigentlich sagen, woher er
seinen Ursprung hat.« »Das will ich Ihnen sagen, mein Herr!« versetzte
Elbenstein. »Die Herren Venetianer geben vor, es habe sie der Papst Alexander
III. im Jahre 1174 mit der Herrschaft über das Adriatische Meer belehnet, und
dieses ist eben das fatale Jahr, da der Papst den Kaiser Fridericum Barbarossam,
als er ihm die Füsse küssen wollen, auf den Hals getreten und die Davidischen
Worte dabei gesprochen: Auf Löwen und Ottern wirst du gehen etc. Allein ich
glaube, es wird nun wohl nimmermehr wieder geschehen, dass ein Römischer Kaiser
Sr. Päpstl. Heiligkeit die Füsse küsset, geschweige denn sich von deroselben auf
den Hals treten lässt.«
    Indem Elbenstein weiter fortreden wollte, stunde ein alter, jedoch
wohlansehnlicher und ehrwürdiger Mann von seinem Tischgen, worbei er bishero
ganz alleine gesessen und ein Gläsgen Wein getrunken hatte, auf, trat vor den
Tisch, woran die Kavaliers mit dem Offizier sassen und sagte: »Meine Herren
nehmen mir nicht ungütig, dass ich mich in ihren Diskurs meliere, ich bin zwar
ein geborner Savoyard, habe aber nunmehro schon seit etliche 40 Jahren, da ich
mich acht Jahr lang auf deutschen Universitäten aufgehalten, auch fast ganz
Deutschland durchreiset bin, die deutsche Sprache nach meiner Mundart ziemlich
sprechen lernen, bin auch noch itzo imstande, einen deutschen Brief so gut als
einen italiänischen zu schreiben, denn weil die deutsche Nation mir ungemein
angenehm und liebreich vorkommen, habe ich auch ihre Sprache beibehalten und mir
das grösste Vergnügen gemacht, wenn ich hierzulande habe mit deutschen Herren in
Gesellschaft kommen können. Was aber Ihren letztern Diskurs anbelanget, so will
ich Ihnen, so es beliebig, eine gründliche Nachricht erteilen, weil ich Sie in
einigen Stücken irrig befinde, denn ohngeacht ich Sie vor Protestanten halte,
ich aber ein Katolik bin, so bin ich doch hauptsächlich in denen Sachen, welche
in die Historie einschlagen, ganz unparteiisch.«
    Elbenstein und Talberg hatten einen besondern Gefallen an der Visage,
Höflichkeit und Anrede dieses alten Mannes, nötigten ihn demnach zwischen sich
zu setzen, trunken ihn erstlich ein paar Glaser Wein zu, hernach baten sie ihn,
dass er ihnen doch diese Historie aus dem Grunde erzählen möchte. Demnach fing
der Alte also zu reden an:
    »Es ist an dem, die Herren Venetianer geben vor, dass der Papst Alexander
III., weil sie ihm in dem damaligen scharfen Kriege wider den Kaiser Fridericum
Barbarossam beigestanden und des Kaisers Sohn Ottonem auf dem Meere gefangen
bekommen hätten, ihnen zur Vergeltung die Oberherrschaft über das Adriatische
Meer zugestanden und zum Zeichen derselben verordnet habe, dass sich der Herzog
durch Einwerfung eines goldenen Ringes mit diesem Meere vermählen sollen,
welches auch noch bis jetzo am Himmelfahrtstage geschicht. Allein diese Donation
wird freilich von den meisten in Zweifel gezogen, weil es eine pure Fabel ist,
dass des Kaisers Sohn Otto auf dem Meere gefangen worden.
    Papst Julius II. fragte einsmals den venetianischen Gesandten Donati, wo
denn die Republik die Bulle hätte, die Alexander III. gegeben, gab damit zu
verstehen, dass die Sache sehr zweifelhaft sei, allein der listige und
verschlagene Gesandte gab zur Antwort, Ihro Päpstl. Heiligkeit möchten nur das
Diploma Constantini Magni nachschlagen lassen, so würde sich die Bulle Alexandri
III. auf der andern Seite finden. Unterdessen bleibt doch alles, wie es ist, und
es wird sich so leicht wohl niemand finden, der dem Doge die Spazierfahrt
verwehrt; denn auswärtigen Potenzen hilft und schadet sie nichts.
    Was aber nun die Fabel anbelanget, dass der Papst Alexander dem Kaiser
Friederich, da er selbigen die Füsse küssen wollen, auf den Hals solle getreten
und Davids Worte, die meine Herrn vorhin erwähnet, gebraucht haben, und als der
Kaiser geantwortet: Nicht dir, sondern Petro, der Papst noch besser getreten und
gesagt haben soll: Auch mir, auch Petro, ist ein ungegründeter ausgestäupter
alter Schlendrian, von welchen vor diesen verschiedene protestantische
Geschichtschreiber und Geistliche vieles Wesens gemacht, um dadurch denen
Päpsten ihren Hochmut vorzuwerfen und selbige bei ihren einfältigen
Glaubensgenossen verhasst zu machen. Diese Fabel aber ist dieserwegen eine Fabel
und ungegründete Sache: 1. weil kein einziger Geschichtschreiber von allen, die
zur selbigen Zeit gelebt, hiervon Meldung tut, Hergegen 2. melden alle die
glaubhaftesten Geschichtschreiber selbiger Zeiten, dass der Kaiser und der Papst
einander reziproke alle ersinnliche Ehre erwiesen und jener von diesen das
Osculum Pacis oder den Friedenskuss empfangen, ihme die rechte Hand gelassen,
andere Ehren- und Höflichkeitsbezeugungen zu geschweigen. 3. wird diese Legende
zweifelhaftig gemacht durch die von den damaligen Geschichtschreibern so sehr
belobte Demut des Papstes Alexandri sowohl als die gerühmte Grossmütigkeit des
Kaisers Friedrici, welcher nicht einmal das Wort Beneficium dulten können. 4.
Wer sollte wohl glauben, dass da so viele deutsche Reichsfürsten, und zwar von
den allervornehmsten Häusern, bei, um und neben dem Kaiser gewesen, dass sie des
Papsts Hochmut und ihres Kaisers Niederträchtigkeit hätten mit gelassenen Augen
ansehen können. 5. widerstreitet dieser Legende der solenne Einzug zu Venedig
und der vorher gemachte Friede. 6. Was das Gemälde anbelanget, welches noch
gezeiget wird, so kann solches wohl von einem losen Vogel und Feinde des Kaisers
verfertiget worden sein, es gibt aber keinen mehrern und bessern Beweisgrund als
ein anderer satirischer Kupferstich oder Gemälde. 7. ist diese Fabel
ausgepeitscht, weiln selbige bei gescheuten Protestanten selbst keinen Glauben
mehr findet. Hiervon schreibt gar schön Christ. Adam Rupertus, ehemaliger
Professor Historiarum zu Alt[d]orf, in seinem herausgegebenen Commentario ad
synopsin Besoldi, auch andere deutsche Gelehrte mehr.« Hiermit endigte der
unbekannte alte Mann seine Erzählung, stund auf, nahm das Licht von seinem
Tische und bat, die Herrn möchten nicht ungütig nehmen, dass er nach seiner
Schlafkammer eilete, weil er eine ordentliche Lebensart zu führen gewohnt wäre.
Ob er nun gleich sehr gebeten wurde, noch ein Stündgen zu bleiben, so wollte er
sich doch nicht länger aufhalten, tat aber dennoch ein Glas Wein auf geruhige
Nacht Bescheid. Mittlerweile zohe Talberg zwei venetianische Dukaten aus seiner
Ficke, druckte sie dem Alten in die Hand, weil er ihn vor einen Mann ansah, der
vielleicht nicht viel übrig haben möchte; bat anbei, vor diesmal mit diesem
kleinen Geschenk vorliebzunehmen, morgen früh aber so gütig zu sein und in ihrem
Logis, welches er ihm bezeichnete, bei ihnen einzusprechen, damit sie noch ein
mehreres von seinen gelehrten Diskursen profitieren und weiter bekannt
miteinander werden könnten. Der Alte versprach, solches zu tun, wenn es seine
Geschäfte zuliessen, bedankte sich mit einer lächelnden Miene sehr höflich und
freundlich vor das Präsent, wünschte ihnen eine geruhsame Nacht und marschierte
ab. Bald hernach verfügten sich Elbenstein und Talberg auch in ihr ordentliches
Logis und nahmen den einhändigen Offizier mit sich dahin.
    Weil es schon ziemlich spät, legte sich ein jeder in ein besonderes Bette
zur Ruhe, stunden jedoch morgens ganz früh auf und trunken den Tee miteinander,
da denn der curieuse Herr von Talberg den Offizier bat, ihnen noch ein und
anderes von venetianischen Merkwürdigkeiten zu erzählen. Da nun dieser sehr
gesprächig war, so fing er also zu reden an:
    »Die Regierungsform bei dieser Republik ist aristokratisch, denn es hat
niemand Anteil an der Regierung als die sogenannten Nobili di Venetia. Diese
Herrn von Adel werden füglich in sechs Klassen abgeteilet; in der ersten Klasse
sind die sogenannten zwölf Apostel, das sind die alten zwölf Familien, die im
Jahr 709 den ersten Herzog erwählet haben; in der andern Klasse stehen, die im
Jahre 800 die Fundation der Abtei S. Georgii unterschrieben haben; in der
dritten Klasse stehen die Familien, so im Jahre 1296 ihre Namen in das
sogenannte güldene Buch eingeschrieben haben; in der vierten Klasse stehen die
neuen Geschlechter, die der Republik in dem blutigen Kriege mit Genua grosse
Geldsummen vorgeschossen hatten und deswegen im Jahre 1385 in den Adelstand
erhoben worden; in der fünften Klasse stehen die letzten Geschlechter, welche im
Candischen Kriege im Jahre 1646 den Adel vor 100000 venetianische Dukaten
gekauft haben. Es waren 80 Familien, die vorhero Kaufmannschaft, auch wohl gar
nur Handwerke getrieben hatten; in der sechsten Klasse sind endlich alle
auswärtige Standespersonen, welche von der Republik ehrenhalber unter ihren Adel
sind aufgenommen worden. Wer nun aus einer solchen Familie geboren ist und das
25. Jahr seines Alters zurückgelegt hat, der ist allhier ein Ratsherr, er mag
nun was gelernet haben oder nicht. Demnach ist leicht zu erachten, dass die Zahl
der Ratsherren nicht immer einerlei, sondern steigend und fallend ist, wie sie
denn auch niemals alle beisammen sind, sondern es halten sich viele in den
Provinzen als Provisores auf. Wenigstens aber sind ihrer 2000 und etliche
Hundert.«
    »Nun, das passiert vor ein Ratskollegium«, sagte hier Talberg, »denn man
spricht im gemeinem Sprichworte: Aus viel Köpfen ist gut raten. Aus diesen aber
wird ohnfehlbar auch der Herzog oder Doge erwählet werden?«
    »Allerdings!« fuhr der Offizier zu reden fort. »Es geht aber die Wahl eines
Doge allhier also zu: Sobald der letztverstorbene beerdiget ist, so kommen alle
Nobili, die über 30 Jahr alt sind, in dem Palazzo di St. Marco zusammen. Allda
werden erstlich fünf sogenannte Correctores erwählet, welche die Articul
aufsetzen, worüber der künftige Doge schweren muss. Darauf greifen alle anwesende
Nobili in ein silbern Gefäss, welches fast wie eine Urna oder Totenkrug aussiehet
und mit silbernen, auch 30 goldenen Kugeln angefüllet ist. Diejenigen, welche
die güldenen ergreifen, werfen neun davon unter 24 silberne und losen hernach
von neuen. Die nun die neun güldenen Kugeln bekommen, erwählen wieder 40 andere,
die doch insgesamt von unterschiedenen Familien sein müssen, und die zuvor
gedachten neun können sich selbst wieder mit in diese 40 wählen. Dieselben losen
wieder auf die zuvor gedachte Art, dass nur zwölf übrigbleiben. Von diesen zwölf
erwählet der erste ihrer drei und von den übrigen elf ein jeder zwei, dass also
zusammen 25 herauskommen. Diese werden wieder durchs Los bis auf neun
heruntergebracht, welche abermals 45 andere und also ein jedweder fünf ernennet.
Das Los vermindert hernach die Zahl dieser letztern bis auf elf, und diese
wählen endlich 41, welche, nachdem sie vorhero durch den Staatsrat konfirmieret
worden, die eigentliche Electores oder Erwähler des Doge sind und wenigstens mit
25 Stimmen den Doge erwählen. Als Kandidaten werden vornehmlich zwei oder drei
Personen von Distinktion aus der Noblesse und der Zahl der Prokuratoren von St.
Marco, die sich um die Republik sonderlich verdient gemacht, im Vorschlag
gebracht. Wer zum Doge erwählet wird, darf diese Würde bei Konfiskation seiner
Güter und Bannisierung seiner Person nicht ausschlagen. Er bleibt es aber nicht,
wie zu Genua, nur auf zwei Jahr, sondern alle sein Lebtage, hat auch nicht
Macht, diese Würde niederzulegen, jedoch hat die Republik Macht, daferne er sich
nicht wohl aufführet, ihn abzusetzen. Des Doge Einkommen ist schlecht und
beläuft sich jährlich nicht höher als 12000 Ducati d'Argento, welche derselbe
aus der Grundzinse des deutschen Hauses und der den deutschen Kaufleuten
erteilten Privilegien ziehet, weswegen man mehrenteils lauter reiche Herrn zu
dieser Würde erwählet, denen mehr an der Ehre als an den Revenüen gelegen. Des
Doge Kleidung ist à l'ordinair so beschaffen: auf dem Haupte trägt er eine
Maschine, ich weiss nicht, ob ich selbige eine Krone oder eine Mütze nennen soll;
oben ist dieselbe wie ein Horn gebogen und wird dieserwegen il Corno genennet.
Über den Achseln aber trägt er einen Habit oder Ornat von Pelz mit Hermelinen,
fast auf die Art wie der Kurfürstliche in Deutschland. Stirbt ein Doge, so wird
er auf Kosten der Republik prächtig zur Erde bestattet, jedoch nicht eher, als
bis vorhero alle seine Actiones wohl untersucht, vor allen Dingen aber alle
seine Schulden von dessen Erben bezahlet worden. Die Senatores erscheinen bei
dessen Beerdigung in roten Kleidern, um anzuzeigen, dass die Republik unsterblich
sei. Es geschicht gar selten, dass das Interregnum über acht Tage währet, und
binnen selbiger Zeit dependiert das meiste von den Staatsräten, der Senat aber
wie auch die andern Collegia bleiben indessen ausgesetzt. Sonsten ist zu
remarquieren, dass die allgemeinen Gesetze und Verordnungen im Namen des Doge
publiziert, auch die Schreiben auswärtiger Puissancen an ihn adressiert,
ingleichen die Kreditivschreiben in seinem Namen ausgefertiget werden, doch
unterschreibt er sie nicht, sondern ein Staatssekretarius. Er antwortet den
frembden Gesandten im Namen der Republik in terminis generalibus. Es werden
unter seinem Namen alle Münzen geprägt, und führet er den Titel Serenissimo oder
Durchlauchtigster. Alle Beneficia von der St.-Marcus-Kirche hat er zu vergeben,
worunter sich ordentlicherweise 26 Kanonikate befinden und das sogenannte
Primoceriat oder Dekanat. Es erkennet auch diese Kirche keine andere als des
Doge Jurisdiction, daher derselbe gleich nach seiner Wahl von dieser Kirche
Possession nimmet, und zwar mit besondern Solennitäten. Wahrhaftig, des
venetianischen Doge Staat ist königlich und ungemein prächtig, aber bei aller
solcher Pracht ist er nichts anders als ein würklicher Untertan der Republik,
und in vielen Stücken ist er noch übler dran als der geringste Senator. Denn in
Staatssachen darf er aus eigener Macht und Gewalt ohne Vorbewusst des Rats nichts
unternehmen und in den Collegiis, worinnen er präsidiert, hat er nicht mehr als
zwei Vota. Die von auswärtigen Puissancen an ihn geschriebene Briefe darf er
weder erbrechen noch vor sich beantworten, und alle seine Dinge muss er mit der
grössten Behutsamkeit traktieren, woferne er nicht grosse Verantwortung haben
will. Den Augenblick, da er erwählt worden, müssen seine Kinder, Brüder und
Anverwandten alle öffentliche Ämter niederlegen, und solange seine Regierung
währet, dürfen sie sich keine Hoffnung zu einer Charge machen. Er darf ohne
spezielle Erlaubnis des Rats nicht einen Augenblick aus der Stadt reisen, dahero
man im gemeinen Sprichworte zu sagen pflegt: Der venetianische Doge ist bei
Solennitäten ein König, bei Beratschlagungen ein blosser Ratsherr, in seinem
Hause und in der Stadt aber ein Gefangener.«
    »Ei!« sagte hier der Herr von Talberg, »so will ich lieber ein deutscher
Landjunker bleiben, als ein Doge zu Venedig werden.« »Ich selbst halte davor«,
versetzte Elbenstein, »dass man dabei vergnügter lebt. Allein, mein Herr!« sprach
er zum Offizier, »wie ist es denn mit den Ratscollegiis beschaffen?« »Deren
sind«, gab dieser zur Antwort, »vornehmlich fünf. Das erste und vornehmste ist
la Signoria; benebst dem Herzoge oder Doge befinden sich darinnen sechs
Staatsräte, welche alle Jahr abgewechselt werden und jederzeit in roten Röcken
erscheinen müssen. Das zweite ist der grosse Rat oder Il Consiglio grande,
worinnen alle Nobili Sitz und Stimme haben, dahero es zum öftern aus mehr als
1000 Personen bestehet, und eben in diesem Collegio geschicht die Wahl eines
neuen Doge. Das dritte ist Consiglio del pregadi oder der etwas engere Rat,
welcher aus ohngefähr 300 Nobili oder venetianischen Edelleuten bestehet. Diesen
hält man vor die Seele der Republik. Das vierte Kollegium heisset Il Consiglio
proprio, darinnen sitzen die sogenannten Savii Grandi, welche, wenn man die
Signoria ausrechnet, 26 Personen ausmachen, und allhier wird den Gesandten
auswärtiger Puissancen Audienz erteilet. Das fünfte wird genennet Il Collegio
delli Dieci. Dieses bestehet aus zehn Männern, welche das höchste peinliche
Gericht hegen, vor welchen auch der Herzog in Person erscheinen müsste, wenn er
von jemanden verklagt würde. Hier ist vor einen Verbrecher oder schuldig
Befundenen kein Pardon zu gewarten, denn man kann von diesem Collegio an niemand
anders als an unsern Herrn Gott appellieren, weswegen sich der Himmel allein
dessen erbarmen kann, wer dahin zitieret wird. Dieses Zehn-Männer-Gerichte hält
gewaltig viele Spione, erfahren derowegen nicht nur alles, was in der Stadt
passiert, sondern auch was hie und da etwa in Compagnie geredet wird. Sonsten
ist allhier zwar auch ein Inquisitionstribunal, worinnen der päpstl. Nuntius,
der Patriarche von Venedig und der Pater Inquisitor sitzen, allein es ist hier
mit der Inquisition bei weiten nicht so scharf als in Spanien und andern Orten.
Den jetzt gemeldten drei geistlichen Herrn sind noch drei Ratsherrn an die Seite
gesetzt, ohne deren Konsens nichts darf geschlossen werden, wie man sich denn
allhier, den äusserlichen Schein ausgenommen, überhaupt nicht viel aus der
Religion macht. Unterdessen finden sich unter den venetianischen Geistlichen
viel vortreffliche Oratores, und nach geendigten Karneval werden die
geistreichsten und beweglichsten Busspredigten gehalten; nur über das sechste
Gebot wird eben nicht sonderlich geeifert und viel Wunderns wegen dessen
Übertretung gemacht, sondern wenn jemand gegen seinen Beichtvater seine
Übertretung desfalls bekennet, gibt derselbe mehrenteils zur Antwort: Bagatelle!
Bagatelle! Kleinigkeiten! Kleinigkeiten! Was das Karneval anbelanget, so geht
es um selbige Zeit wohl in der ganzen Welt nirgends lustiger zu als hier, und
hat man wohl eher 30000 und mehr Fremde gezählet, welche sich der
Karnevalslustbarkeiten teilhaftig gemacht; denn weil einem jeden erlaubt ist,
sich zu masquieren, so ist er in solchen Habit sozusagen semper frei und darf
von niemanden angetastet werden, hingegen darf eine Masque auch kein tödlich
Gewehr bei sich führen. Wenn ich nun rechne, dass jeder Frembder durch die Bank
vom Vornehmsten bis zum Geringsten zum wenigsten 100 Dukaten verzehret, so macht
solches eine Summa von drei Millionen aus. In dem Palast Ridotto stehen zur
selben Zeit tages und nachts zehn Zimmer offen vor diejenigen, welche Lust
haben, à la Bassette oder andere Spiele zu spielen. Die Opern und Komödien sind
unvergleichlich und lokken viel Personen an sich. Auf dem St.-Marcus-Platze
trifft man zum öftern mehr als 50000 Menschen an, welche den Marktschreiern,
Seiltänzern, Gaukelspielern und Wahrsagern zusehen. Man hat mir einsmals
folgende zwei lächerliche Historien erzählet, an deren Wahrheit ich aber
selber zu zweifeln nicht geringe Ursach habe. Es wäre nehmlich ein solcher
Seiltänzer von dem höchsten Turme auf einem Seile heruntergefahren und zu Fuss
wieder hinaufspaziert. Er wäre bald zurückgekommen und mit einem Schubkarrn
voller Steine auf dem Seile auf und nieder gefahren. Endlich habe er sich zu
Pferde gesetzt, sei auf dem Seile hinauf geritten und im vollem Galopp wieder
herunter gekommen.«
    »Das lasse ich«, sagte hier Elbenstein, nachdem er sich über diese Geschicht
satt gelacht, »vor ein perfektes Kunststück oder vor ein perfektes Märlein
passieren.« »Das ist noch nichts«, sagte der Offizier, »meine Herrn lassen sich
noch eins erzählen: Einsmals hat ein Gaukler auf diesem Platze einen Knauel
Bindfaden oder Segelgarn in die Luft geworfen und ist an dem Faden bis über die
Wolken hinaufgeklettert. Darauf ist eins von seinen Beinen heruntergefallen,
hernach das andere Bein, bald darauf ein Arm und wieder ein Arm, dann der Kopf
und endlich der Rumpf. Diese Stücke haben alle auf dem Platze eine ziemliche
Weite voneinander gelegen; im Augenblicke aber sind sie wieder zusammen
gefahren, der Gaukler ist aufgesprungen und hat sich frisch, fröhlich und gesund
vor aller Zuschauer Augen dargestellet.«
    »Ei, ei!« sagte Talberg mit heftigen Lachen, »das ist zu künstlich, jedoch
kann ich mir die Sache in meinen Gedanken ebensogut vorstellen, als ob ich
darbeigewesen wäre und es alles mit meinen Augen angesehen hätte.« »Gut!« sagte
Elbenstein, der nicht weniger lachte, »diese zweite Geschichte will ich mir
selbst notieren, denn wenn ich wieder zurück in mein Vaterland komme, so kann
ich nur damit allein manchen Deutschen in erstaunende Verwunderung setzen. Nun
aber, mein Herr, wieder auf ernstafte Sachen zu kommen, ich habe bemerkt, dass
einige Nobili di Venetia eine güldene Kette mit einer grossen Medaille auf der
Brust tragen, was soll das anzeigen?« »Mein Herr!« gab der Offizier darauf, »das
sind die Ritter von St. Marco. Ich will Ihnen sagen, wo derselbe Orden herkömmt.
Gewiss kann ich zwar nicht melden, womit es der heilige Teodorus, welches
sonsten der Herrn Venetianer Patron war, bei ihnen versehen hat, dass sie ihn
Anno 828 absetzten und sich in den Schutz des heil. Evangelisten Marci begaben,
dessen Körper eben damals in Egypten war gefunden und nach Venedig gebracht
worden. Unterdessen musste der heil. Teodorus zurücktreten, dem heil. Marco aber
wurde zu Ehren eine neue vortreffliche Kirche gebauet, welche nachgerade immer
kostbarer ausgebauet und ausgezieret worden, bis sie in den Stand geraten,
worinnen man sie jetzo sieht, denn ihre neun Prokuratores, deren jeder jährlich
100000 Dukaten Revenüen vor seine Person hat, geben wohl Achtung darauf, dass
keine Kankergespinste darinnen gefunden werden. Über dieses stifteten die Herrn
Venetianer dem heil. Marco zu Ehren einen neuen Ritterorden. Die Ritter tragen
auf der Brust eine goldene Kette, woran eine grosse Medaille hänget, auf deren
einer Seite stehet ein geflügelter Löwe, der in der rechten Klaue ein blosses
Schwert, in der linken aber ein offenes Buch hält, darinnen die Worte zu lesen:
PAX TIBI MARCE! EVANGELISTA MEVS. Auf der andern Seite ist der Name des
regierenden Doge oder auch manchesmal sein Bildnis, da er kniend eine Fahne aus
der Hand des heil. Marci empfängt. Ich kann nicht unterlassen, bei Gelegenheit
des geflügelten Löwens noch ein Schirlenzgen zu erzählen. Es wurde einsmals ein
Venetianer von einem Deutschen gefragt, wo doch der Löwe die zwei Flügel müsse
herbekommen haben. Der Venetianer gab zur Antwort, der Löwe wäre aus dem Lande
gebürtig, wo die Adler zwei Köpfe hätten. Ein Franzose fragte, warum doch wohl
der Löwe das Buch andern vorhielte und nicht selbst darinnen lase. Dem gab ein
Deutscher zur Antwort, der Löwe begehrte nicht gelehrter zu sein als seine
Prinzipalen. Heutiges Tages beehren die Herren Venetianer nicht allein ihre
Landsleute, sondern auch Fremde und vornehmlich gelehrte Leute mit diesem
Ordenszeichen, und werden die Ritter, welche von dem gesamten Rate geschlagen
werden, höher geachtet als die der Doge vor sich allein kreieret. Sie geniessen
auch eine jährliche Pension. Hierbei aber muss ich bekennen, dass mir ihre
Ordensregeln nicht so gar genau bekannt sind.«
    »So halten doch«, fragte Elbenstein, »die Herrn Venetianer auch was auf die
Gelehrten? Ich habe immer gemeinet, dass sie sich mehr um die Handelschaft als um
die Gelehrten bekümmerten.« »Nein! ich versichere Ihnen«, gab der Offizier
darauf, »dass sie sehr viel Fait von den Gelehrten machen, wovon das Exempel des
Poeten Actii Sanazarii eine Bekräftigung gibt, welcher, da er vor bereits 200
Jahren sechs lateinische Zeilenverse auf die Republik Venedig gemacht, vor jede
Zeile 100, andere wollen gar sagen 1000 spec. Dukaten zum Gratial bekommen.«
    »Ich habe davon gehöret«, sagte Talberg, »allein die Verse sind mir
unbekannt.« »Ich will«, versetzte der Offizier, »sie Ihnen vorbeten:
Viderat Adriacis VENETAM Neptunus in undis,
Stare urbem & toti ponere jura salo.
Nunc mihi Tarpejas quamtum vis, Jupiter, arces,
Objice & illa tui Moenia Martis, ait:
Si Pelago Tiberim praefers, urbem aspice utramvis,
ILLAM Homine dicas, HANC possuisse Deos.
Ein berühmter Poet hat diese in folgende zierliche deutsche Verse gebracht:
NEPTUNUS stund und sah die Stadt VENEDIG an,
Die sich Beherrscherin des Meeres nennen kann;
Da sprach er: JUPITER! warum erhebst du doch
Dein Capitolium am Tiberstrom so hoch?
Man sieht nur Menschenwerk, wenn man dein ROM beschaut,
VENEDIG aber ist von Göttern aufgebaut.
Jedoch was ist's mehr, reiche Leute können ja auch wohl reichliche Geschenke
austeilen, denn ohngeacht die Republik an Landschaften ein merkliches verloren,
ihr auch von andern Nationen in der Handelschaft nach Ostindien sehr viele
Vorteile abgezwackt worden, so rechnet man doch, da sie sonsten mehr als königl.
Einkünfte gehabt, dass sie noch jetzo jährlich mehr als zehn bis 15 Millionen
Dukaten einzunehmen habe. Die Kriegsmacht ist nicht geringe, denn allein zu
Friedenszeiten werden etliche 20000 Mann und ohngefähr 40 Schiffe vom Range
gehalten, ohne die Fregatten und Galeeren. Haben sie aber Krieg, so können sie
in kurzer Zeit so viel Mannschaft auf die Beine und so viel Schiffe in die See
schaffen, als sie nötig erachten, denn solange ihr Arsenal und die Banco in
Venedig im guten Stande bleibt, ist kein Mangel an etwas zu besorgen. Die
Seemacht wird allemal von einem Nobil[e] di Vinetia kommandieret, welcher den
Charakter Capitaneo Grande führet. Das Kriegsvolk zu Lande aber kommandieret
mehrenteils ein Ausländer, der Mareschallo di Campo tituliert wird. Unter allen
andern Nationen nehmen sie gerne Deutsche in ihre Kriegsdienste, bezahlen
dieselben zwar raisonnable, gehen aber mit ihrem Blute nicht gar sparsam um,
sondern wenn dieselben auf die Schlachtbank sind geliefert worden, sprechen die
Herrn Venetianer: Sono pagati. Sind sie doch bezahlt.«
    Unter diesen Reden kam der Wirt in ihr Zimmer, brachte einen Brief, welchem
ihm, seinem Sagen nach, ein Knabe eingehändiget, und fragte zugleich, ob die
Herrn beliebten, mit der Compagnie unten oder hier oben in ihrem Zimmer zu
speisen. Elbenstein besah erstlich den Brief und fand den Titul also gesetzt:
                           An die beiden wohlgebornen
                              deutschen Kavaliers,
                                     welche
                         im Gastofe Zum weissen Pferde
                                   logieren.
Er bekam sorgsame Gedanken wegen einer neuen Liebesintrigue, verwandelte
derowegen die Farbe nicht wenig, jedoch weil der Titul an sie alle beide
lautete, fassete er sich ein Herze, bat den Wirt, einen Augenblick zu verziehen,
Talbergen aber, in die Schlafkammer zu kommen. Hier erbrach er den Brief, liess
Talbergen mit lesen, und fanden denselben also gesetzt:
                              Wohlgeborne Herren!
Dero Générosité, da Sie mich gestern abend mit Golde beschenkt und meinem Herzen
damit ein Merkmal Ihrer deutschen Redlichkeit eingedrückt, hat mich ungemein
vergnügt. Allein ich bin nicht so Geld bedürftig, als Sie davor gehalten haben,
indem mir der Himmel einen heimlichen unerschöpflichen Schatz zugewendet hat. Um
Sie dessen zu überzeugen und zugleich vor Ihre gute Meinung mich erkenntlich und
dankbar zu erweisen, übersende [ich] Ihnen hierbei eine einzige Pille. Diese
können Sie in vier Pfund zerschmolzenes Blei werfen und sodann probieren, ob Sie
nicht das feinste Gold haben, welches an Güte dem ungarischen nichts nachgibt.
Behalten Sie davon zu meinem Angedenken etwas auf, und teilen Sie sich darein
als redliche Landsleute. Ich bedaure, dass mich eine gewisse Begebenheit forciert
hat, diesen Morgen von hier abzureisen, sonsten würde mir das grösste Vergnügen
daraus gemacht haben, wenn ich noch etliche Tage die Ehre geniessen können, mit
Ihnen zu konversieren, nunmehro aber werden Sie mich so leicht nicht
wiedersehen. Jedoch verharre
                        Dero
                                                            aufrichtiger Freund.
Beide Kavaliers gerieten vor Verwirrung fast ausser sich selbst. Elbenstein aber
erholte sich am ersten und fragte den Wirt, ob der Überbringer des Briefes noch
zugegen wäre, weil er ihm ein Trinkgeld geben wollte. Der Wirt sah zu, aber der
Pursche war über alle Berge, weswegen Elbenstein sagte: »Es hat nichts auf sich,
er wird schon wiederkommen und die Antwort abfordern; der Herr Wirt aber tue so
wohl und lasse vor drei Personen Speisen und Wein herauf in unser Zimmer
bringen, weil wir uns so kurz als möglich expedieren wollen, denn ich und mein
Compagnon sind zu einem gewissen Landsmanne invitieret, mit dem wir ein und
anderes zu traktieren haben.«
    Der Wirt säumete nicht, eine köstliche Mahlzeit zuzubereiten, sie aber
machten nicht viel Federlesens, und da der Offizier, welcher mit ihnen gespeiset
hatte, vermerkte, dass beide Kavaliers ganz tiefsinnig waren und vielleicht
wichtige Geschäfte zu besorgen hätten, beurlaubete er sich von ihnen. Beide
Kavaliers bedankten sich vor seine ihnen erzeigte Gefälligkeit und verehrete ihm
jeder drei spec. Dukaten, womit er höchst vergnügt von ihnen Abschied nahm, ihre
Générosité ungemein herausstrich und die Dukaten auf ihre Gesundheit zu
verzehren versprach.
    Sobald sich diese beiden Freunde alleine auf ihrem Zimmer befanden, sahen
sie erstlich einander lange an. Endlich brach Elbenstein das Stillschweigen und
sagte: »Sollten wir wohl so glücklich sein, überzeugt zu werden, dass es würklich
möglich sei, Blei in Gold zu verwandeln, da bei uns in Deutschland viel tausend
Menschen daran zweifeln, und sollten wir wohl dem alten, armselig scheinenden
Manne eine so gute Reuterzehrung zu danken haben?« »Ich weiss nicht, was ich bei
dieser Geschicht denken soll«, sagte Talberg, »jedoch, mein werter Freund, wir
wollen alle beide selbst ausgehen und vier Pfund Blei kaufen, unsere Diener aber
sollen einen oder zwei tüchtige Schmelztiegel einkaufen, denn ich kann doch ein
klein wenig mit dem Laborieren umgehen, aber an das Goldmachen habe ich noch
zeit meines Lebens keinen Pfennig verwendet.« Hiermit zohen sie sich vollends
an, gaben dem einen Diener Befehl, dass er Kohlen in Kamin heraufschaffen sollte,
indem sie auf den Abend Kugeln giessen wollten, der andere aber wurde nach
Schmelztiegeln geschickt mit Befehl, dieselben wohlverdeckt in ihr Zimmer zu
schaffen, damit niemand etwas im Hause davon gewahr würde. Sie beide aber gingen
miteinander fort, kauften im ersten Materialistenladen sechs Pfund Blei, wovon
jeder drei Pfund zu sich steckte, hernach spazierten sie in ein Weinhaus, allwo
sie sich bis gegen Abend die Zeit mit Billardspielen passierten, nachhero in ihr
Logis zurückkehreten.
    Gleich nach der Abendmahlzeit mussten die beiden Diener aus zwei Pfund Blei
Kugeln giessen, nachhero wurden dieselben zu Bette geschickt, beide Kavaliers
aber machten das Kohlfeuer von neuen an, setzten den einen Schmelztiegel mit dem
Bleie drein, warfen, da das Blei zerschmolzen, die Pille hinein, und da es etwa
sechs Minuten hernach drei helle Blitze aus dem Schmelztiegel heraus tat,
hielten sie dieses vor das Zeichen, dass die Transmutation bereits erfolgt sei.
Sie gossen demnach erstlich etliche kleine Klümpchen auf einen reinen Stein,
hernach die wohlumgerührte Massa in eine starke eiserne Pfanne und blieben so
lange offen, bis alles kalt war, endlich zwei Stunden nach Mitternacht legten
sie sich zur Ruhe, konnten aber vor Verlangen, was aus dem Bleie geworden sein
möchte, nicht länger schlafen, als bis der Tag kaum angebrochen war, da sie denn
beim hellen Tagslichte mit erstaunlichen Vergnügen vermerkten, dass das Blei
seine gewöhnliche Farbe verloren und an deren Statt die gelbe angenommen hatte.
Um aber der Sache gewiss zu werden, kleideten sie sich an und gingen, nachdem sie
den Tee getrunken hatten, zu einem Goldschmiede, bei welchem Elbenstein eine
goldene Tabatière, die ihm einsmals bei Stürzung mit dem Pferde schadhaft worden
war, vertauschte, sich dargegen eine neue einhandelte und noch etwas Geld
herausgab. Wie nun Elbenstein sah, dass der Goldschmidt ein feiner Mann war, als
sagte er zu ihm: »A propos, mein Herr! ich habe hier ein Stückgen Metall bei
mir, wollen Sie mir nicht sagen, was es ist, damit ich weiss, ob ich damit
betrogen bin oder nicht.« Der Goldschmidt nahm und probierte es auf mancherlei
Art, sagte endlich: »Mein Herr! wenn Sie es gekauft haben, sind Sie gar nicht
damit betrogen, denn es ist ein feines Gold, und so Sie es nicht darzu bestimmt
haben, etwas daraus machen zu lassen, will ich Ihnen so schwer gemünztes Gold
davor geben, als das Gewicht austrägt, und wenn Sie noch mehr dergleichen
hätten, wollte ich Ihnen alles abhandeln, weiln es in der Arbeit besser zu
gebrauchen als zusammengeschmolzene Zechinen.« Elbenstein sagte, er hätte nicht
mehr als etwa zehn bis zwölf Lot davon, die stünden ihm zu Diensten, denn weil
er eine Reise vor sich hätte, wäre ihm mit gemünzten Golde besser gedienet als
mit ungemünzten, versprach auch, selbiges nach Tische entweder selbst zu
überbringen oder durch seinen Diener zu überschicken. Der Goldschmidt bat, ihm
diese Gefälligkeit zu erweisen, weiln es zwar eben nicht das allerfeinste,
jedoch ein schönes geschmeidiges Gold zum Verarbeiten wäre, über dieses wolle er
ihm ein feines Affektions-Ringelgen in den Kauf geben. Elbenstein versicherte
nochmals, dass er es ihm vor andern gönnen wollte, und hiermit nahmen beide
Kavaliers von dem Goldschmiede Abschied. Wer war froher als diese beiden, da sie
mit ihrem wenigen Golde, das sie dem vermeinten bedürftigen Manne gegeben, eine
so schöne Ritterzehrung erworben hatten. »Oh!« sagte Talberg, »hätte ich das
gewusst, so sollte der Alte eine weit ansehnlichere Summa von mir empfangen
haben, vielleicht hätte er uns sodann auch noch mehr Pillen geschickt.« »Wir
wollen mit diesen zufrieden sein, mein Freund«, antwortete Elbenstein, »ist uns
doch damit unsere Reise nach Venedig und alle Zehrungskosten frei gemacht.«
Unter diesen Gesprächen kamen sie auf den St.-Marcus-Platz, machten daselbst
eine Promenade bis gegen Tischzeit, da sie denn nach ihren Logis gingen und die
Mahlzeit einnahmen. Nach Tische kolligierten sie die zuerst ausgegossenen
kleinen Klümpchen und befanden, dass dieselben 141/2 Lot wogen, wurden eins,
diese kleinen Stückchen dem Goldschmiede zu verkaufen, das grosse Stück aber in
gleiche Teile zu teilen. Dieses letztere geschahe sogleich, indem sie von dem
Wirt ein Hackemesser borgen liessen, das grosse Stück vermittelst eines Hammers
voneinander schlugen und in gleiche Teile teilten. Weiln aber in der Teilung es
noch einige kleine Stückgen gesetzt, schlugen sie dieselben mit dem Hammer
breit, legten sie zu erstgemeldten kleinen Stücken und befanden, dass sie 181/4
Lot zum jetzigen Verkauf hatten, ein jeder aber war schlüssig, sein grosses Stück
bis auf fernern Bescheid zu verwahren. Hierauf gingen sie nach dem Goldschmiede,
welcher sie mit Freuden empfing, alle Stücken probierte, ihnen das bare gemünzte
Gold sogleich erlegte und Elbensteinen einen Ring in den Kauf gab, der ohngefähr
drei bis vier Zechinen wert war, welchen dieser aber hernach Talbergen zum
geneigten Andenken schenkte.
    Ein paar Tage hernach, da Elbenstein seiner Verrichtungen wegen an seinen
Fürsten Briefe zu schreiben und dieselben durch einen Expressen fortzuschicken
sich gemüssigt sah, ging Talberg, um ihn nicht zu verstören, im Schlafrocke
heraus auf eine kleine hölzerne Galerie, von welcher er verschiedene schöne
Hintergebäude und Gärten übersehen konnte. Er war ein ziemlich korpulenter
Kavalier; als er sich nun mit einiger Force auf das Geländer legte, die Zapfen
der Balken aber sehr vermodert sein mochten, brechen diese aus, und Talberg
stürzte samt einem Teile des hölzernen Geländers über zwölf bis 15 Ellen herab
in den Garten. Kein Wunder wäre es gewesen, wenn er gleich auf der Stelle den
Hals gestürzt hätte, allein der Himmel erhielt ihm noch das Leben, doch hatten
ihm die Säulen ein Bein entzweigeschlagen, und über dieses war er mit der Stirn
dergestalt auf einen Stein gefallen, dass er eine fingerslange Wunde bekommen
hatte. Er kann sich vor Schmerzen nicht selbst unter dem Holzwerke hervorhelfen,
sein Schreien, Winseln und Wehklagen hilft nichts, bis endlich die Köchin in den
Garten kömmt, um grüne Kräuter zu holen, welche den Lärm machte und den Wirt wie
auch Elbensteinen rufte, welche diesen elenden Patienten hinauf ins Bette
tragen, auch sogleich einen Medicum und Chirurgum holen liessen.
    Elbensteinen ging das unvermutliche Unglück seines werten Freundes ungemein
zu Herzen, man liess denselben eine Ader springen, gab ihm Medicamenta ein,
verband erstlich die sehr blutende Wunde an der Stirn und hernach das
zerbrochene Bein. Er stellete sich sehr heroisch dabei an, derowegen versprachen
die Ärzte, ihn, soferne er ihrer Vorschrift Folge leisten würde, längstens
binnen sechs bis sieben Wochen vollkommen zu restituieren; welches er denn vor
seine Person zu tun versprach.
    Wie gern nun Elbenstein seines Freundes Genesung abgewartet hätte, indem er
selten von dessen Bette wegkam, als wenn ihm seine aufgetragenen Kommissions
nötigten, dann und wann auszugehen, so fügte es sich doch, dass fünf Tage hernach
er die seinem Fürsten zuständigen Geldsummen in Empfang nehmen, mitin seine
Abreise damit beschleunigen musste. Er nahm also beweglichen Abschied von dem
Herrn von Talberg, wünschte demselben baldige Restitution und bat, dass er ihm
mit nächsten das Vergnügen gönnen möchte, an seines Fürsten Hofe ihm eine Visite
zu geben. Dieser versprach solches zu tun, sobald es seine Gesundheit zuliesse,
dankte 1000mal vor alle erwiesene Freundschaft und empfohl sich zu Elbensteins
beständig geneigten Andenken. Also mussten sich beide guten Freunde sehr
missvergnügt voneinander trennen, da sie vermeint, wenigstens die Retour bis
Padua zugleich anzutreten, allein, Elbenstein musste vor dieses Mal ohne dessen
Gesellschaft zurückreisen und hatte nicht wenig Kummer und Sorge wegen seiner
eingekauften Sachen, vornehmlich aber wegen seines Herrn Gelder, damit ihm nicht
etwa ein Unglück widerführe, jedoch sobald er Padua erreicht, wurde ihm das
Herze ziemlich leichte. Er ging zum Kommandeur und bat sich eine Eskorte von
sechs Reutern bis auf seines Herrn Schloss aus, zahlete auch dem Kommendanten das
Honorarium von allem überhaupt gleich bar auf den Tisch, wormit dieser zufrieden
war und Elbensteinen bat, dass er nur noch einen Tag stille liegen möchte, weiln
er ihm binnen der Zeit die redlichsten und tapfersten Leute wollte aussuchen
lassen.
    Indem sich nun Elbenstein ohnedem etwas merode befand, liess er sich solches
gefallen, und da er sein Logis im Gastofe al Sole genommen, kam er nicht viel
auf der Strasse zum Vorscheine, weiln er meinte, dass ihn sonsten die Spürhunde
der unbekannten masquierten Schöne möchten zu sehen bekommen, als welche sich
seinen Gedanken und allen Umstanden nach ohnfehlbar noch in Padua aufhalten
würde; er aber, als einer, der seine Sündenbürde von sich geworfen, nicht weiter
Lust hatte, sich mit ihr im anderweitigen Sündenschlamme herumzuwälzen.
Frühmorgens mit Aufgang der Sonne war seine Eskorte, die in einem Unteroffizier
und fünf Mann zu Pferde bestund, vor seinem Quartiere, weswegen er sogleich
Ordre gab, die Wagen anzuspannen und in Gesellschaft der Reuter fortzufahren, er
selbst liess sein Pferd vorziehen, trank nur noch etliche Schälchen Tee und
Gläsgen Persico, setzte sich hernach auf und ritt ganz alleine nach, weiln er
seinen Diener beim Wagen zu bleiben befohlen.
    Etwa eine Meile Wegs war Elbenstein geritten, als er sein Fuhrwerk benebst
der Eskorte ohngefähr ein paar 100 Schritt vor sich her passieren sah, weswegen
er ganz sachte, und zwar in tiefen Gedanken wegen des seinen Freund Talbergen
betroffenen Unglücks, hinterdrein ritt. Als er aber einen starken Galopp hinter
sich vernahm, kehrete er sich um und ward gewahr, dass ein einzelner Kerl auf
eben dem Wege hinter ihm hergejagt kam. Wie nun Elbenstein nicht eben wusste, ob
es ihm anginge, er auch schon soviel Courage besass, sich nicht sonderlich von
zwei oder drei, geschweige denn vor einem zu fürchten, als beugete er in etwas
aus dem Wege auf den grünen Rasen und ritt Schritt vor Schritt fort. Bald darauf
kam der Kurier ihm zur Seite, machte ein höfliches und freundliches Kompliment
und fragte, ob er der Herr von Elbenstein hiesse und Kammerjunker bei dem Fürsten
von N. wäre. »Ja! das bin ich«, sagte Elbenstein. »So erfreue ich mich«,
versetzte der Kurier, »Sie so glücklich angetroffen zu haben, hier ist ein
kleines Briefgen an Sie, welches mir Ihnen en Courrier nachzureuten übergeben
worden.« Elbenstein eröffnete den Brief, las denselben und fand ihn also
gesetzt:
                               Mein Auserwählter!
Ich wäre zornig auf Euch worden, dass Ihr mein Bitten bei Eurer Passage durch
Padua nicht besser gelten lassen; allein Ihr seid schon entschuldiget, weil ich
selber begreife, dass ein Kavalier zwar lieben, aber doch dieserwegen seine
Ehre, seines Herrn Interesse und die ihm aufgetragenen Commissiones nicht
zurücksetzen kann. Ich liebe Euch dieserhalb noch weit mehr, erweiset mir nur
den einzigen Gefallen, dass ich heute auf einen oder etliche Augenblicke das
Glück haben möge, Euer Angesicht zu sehen. Ich setze mich jetzo den Augenblick
in den Wagen, nehme aber den Weg nach einem Lustschlosse zu durch den Wald,
damit mich auf der Heerstrasse niemand erkennen soll. Lasset Euch durch
Überbringern dieses an die Strasse führen, so durch den Wald geht, da will ich
Euch auf wenig Worte sprechen und Abrede nehmen, wo binnen etlichen Tagen unsere
erste Zusammenkunft sein soll, weiter verlange ich diesmal nichts von Euch, weil
ich mir auch nicht einmal einen Kuss versprechen kann, da mein Mägdgen bei mir
sitzt. Ich bitte sehr, lasset Euch diesmal nicht verdrüssen, eine kleine halbe
Stunde auf mich zu warten, ich werde die Pferde scharf laufen lassen, um nur
Euch auf ein oder zwei Minuten zu sehen. Erfüllet mein sehnliches Verlangen, da
Ihr zumalen wisset, dass ich Euch vollkommen liebe und Eure mir erwiesene
Gefälligkeit nicht werde unvergolten bleiben lassen. Die ich mit äusserst
verliebten Herzen bin
                        Eure
                                                            vollkommene Getreue.
Elbensteins guter Engel raumete ihm zwar in die Ohren, dass er dieser Lockspeise
nicht trauen sollte; allein, was ist doch der Mensch? Seine Affekten stritten
darwider und sagten: Was? weisst du nicht, wie généreux sie sich gegen dich
erzeiget? Solltest du nicht eine halbe Stunde ihrentwegen zurückbleiben? Es ist
ja heller Tag und keine Gefahr verhanden. Vielleicht wird deine Curiosité
gestillet, dass du ihr Angesicht zu sehn bekömmst. Du kannst zwar Abrede mit ihr
nehmen und den bestimmten Tag zu kommen versprechen und dennoch zurückbleiben.
    Solche Gedanken stiegen ihm in der Geschwindigkeit auf, derowegen fragte er
den Kurier: »Wo sollet Ihr mich hinführen, mein Freund?« Dieser gab zur Antwort:
»An den Fahrweg im Walde, daselbst werden Sie keine halbe Stunde zu warten
haben, hernach will ich Ihnen einen nahen Weg zeigen, vermittelst dessen Sie
Ihre Leute binnen zwei Stunden, ja noch eher einholen sollen.« »So will ich
nur«, sagte Elbenstein, »weil wir doch noch nicht am Walde sind, meinem Diener
nachreuten, ihn zurückrufen und befehlen, dass sie ganz sachte fahren sollen, bis
ich nachkomme.« »Es ist«, widerredete der Kurier, »in Wahrheit nicht nötig, denn
wegen des bevorstehenden übeln Weges müssen sie ohnedem langsam genug fahren,
also können Eure Herrl. sie heute noch zweimal einholen.«
    Elbenstein liess sich bereden, zumalen, da er bemerkt, wie sein Diener ihm
schon in den Augen gehabt und sich mit dem Pferde etlichemal umgedrehet hatte.
Sobald sie demnach den Wald rechter Hand vor sich sahen, folgte er seinem
Wegweiser und ritte getrost hinter ihm her in den Wald hinein. Der Wald wurde
immer dicker und dicker, doch endlich kamen sie auf einen kleinen grünen Platz,
da denn der Kurier schrie: »He! nun werden wir auch bald den Fahrweg zu sehen
bekommen.« Indem sprengten sechs Kerls zu Pferde, die ihre Gesichter geschwärzt
hatten, aus dem Gepüsche heraus! Ihrer zwei hielten Elbensteinen die Pistolen
nach der Brust und fragten, ob er sich gutwillich gefangengeben oder sterben
wollte. Er erwählte bei so gestalten Sachen das erstere, da ihm denn der Degen
und Pistolen hinweggenommen, weiter aber nichts zuleide getan wurde, als dass man
ihn in eine alte verfallene Köhler- oder Holzhauerhütte führete, allwo er von
zwei Kerls mit blossen Degen und Pistolen in der Hand bewacht wurde. Es redete
keiner ein Wort zu ihm, und er sass ebenfalls vor Schrecken und Verwunderung eine
lange Zeit ganz still. Endlich kam er ein klein wenig zu sich selbst und sprach
zu seinen Wächtern: »Meine Herrn! Was habt ihr vor Vergnügen daran, mich von den
höchstwichtigen und eiligen Verrichtungen abzuhalten, die ich meinem Herrn, dem
Fürsten von N., zu leisten verpflichtet bin? Erlaubt mir, meine Strasse zu
reisen, ich will euch gern eine gute Reuterzehrung geben.« »Signor!« gab der
eine zur Antwort, »wir sind keine Strassenräuber, werden auch keinen Soldi von
Euch begehren, sondern wir tun nur, was uns von unserer Herrschaft befohlen
ist.« »Was ist es denn vor eine Herrschaft«, fragte Elbenstein, »die mich
anzuhalten befohlen?« »Wir haben keine Ordre«, bekam er zur Antwort, »uns mit
Euch in ein Gespräch einzulassen.« Jedennoch tat Elbenstein noch verschiedene
Fragen, bald an diesen, bald an jenen, allein es schien nicht anders, als wenn
alle sechs auf einmal verstummet wären, und der siebente, als sein Führer, war
ganz und gar verschwunden. Er blieb demnach in tiefen Gedanken ganz unbeweglich
sitzen und machte allerhand Kalender, bald fing er an zu zweifeln, dass ihm
dieser Possen von der masquierten Dame, sondern vielleicht von jemand anders
gespielet würde, weswegen er hin und her dachte, jedoch, wenn es um und um kam,
sagte ihm sein Herze, dass es niemand anders sein könne als die Masquierte, um
sich wegen seines Ungehorsams und bezeigter Négligence an ihm zu rächen.
Unterdessen war es Mittag worden, weswegen einer von den Räubern ein weiss
Serviet auf eine Bank breitete, weiln kein Tisch in der Hütte, und weiss Brot,
kalten Braten, eine Salvelatwurst, einen gebackenen Fisch und etliche Stück
Gebackenes darauf legte. Er brachte auch zwei Bouteillen Marziminerwein getragen
und nötigte Elbenstein ganz höflich, dass er belieben möchte zu speisen, weil es
bereits über Mittag wäre. Elbensteinen verging nun zwar Essen und Trinken vor
Herzensbangigkeit, jedoch stellete er sich drüster an, als er war, griff zu,
kostete nachgerade von einem jeglichen etwas, fragte auch, ob denn die Herren
nicht gleichfalls mit speisen wollten. »Nein! Signor!« gab der eine ganz höflich
zur Antwort, »diese kalte Küche ist vor Euch allein bestimmt, wir haben unsere
Mittagsmahlzeit schon verzehrt.« Hierauf brachte der Kerl einen silbernen,
inwendig verguldeten Becher, schenkte denselben voll, bat anbei ihm zu vergeben,
dass er ihm solchen auf keinen Teller präsentierte, weil sie dergleichen Geschirr
nicht bei sich führten. Elbenstein wusste nicht, ob man ihn schraubte oder ob es
des Kerls ernstliche Höflichkeit war, jedoch er trank, und zwar allerseits
Gesundheit, weswegen sie tiefe Reverenze machten. Er schenkte den Becher selbst
wieder voll und präsentierte ihn dem nächsten, so bei ihm stund, allein er
dankte mit einer höflichen Verbeugung und sagte, wie diese Portion Wein bloss vor
ihn allein bestimmt sei. Er resolvierte sich aber in der Geschwindigkeit anders
und sagte: »Jedoch, damit Ew. Herrl. nicht etwa auf arge Gedanken geraten, als
ob die Speisen und der Wein vergiftet wären, so will ich aus jeder Bouteille
einen Becher voll Wein trinken, auch von jeder Art Speisen eine Portion zu mir
nehmen, dass Sie es sehen und desto mehr Appetit bekommen, denn wir haben noch
mehr Vorrat bei uns.« Elbensteinen gefiel dieses wohl, und er ass und trank auch
in Wahrheit mehr, als er anfänglich willens gewesen war, so dass er glaubte,
ganzer 24 Stunden ausdauern zu können. Nachdem er also wohl gespeiset, fing er
wieder an zu diskurieren und tat verschiedene Fragen an die Kerls, allein sie
waren aufs neue stumm worden und antworte[the] ihm kein einziger ein Wort. Er
trank derowegen beide Bouteillen Wein fast rein aus, und da der eine sagte:
»Wenn Ew. Herrlichkeiten mehr Wein belieben, dürfen Sie nur kühnlich befehlen«,
gab Elbenstein zur Antwort: »Nein, vor dieses Mal danke ich, denn ich habe nur
der Kälte wegen vor diesmal so viel getrunken, allein auf den Abend will ich mir
noch eine Bouteille ausbitten und davor erkenntlich sein.« Etwa eine gute Stunde
vor Untergang der Sonnen liess sich derjenige wieder sehen, welcher Elbensteinen
den Brief gebracht und ihn bis hieher geführet hatte. »Ei, ei! mein Herr!« sagte
Elbenstein zu ihm, »was hat Er mir vor einen losen Possen gespielet, da Er
ohnfehlbar weiss, dass ich wichtige Verrichtungen habe.« Der verfluchte Kerl
zuckte die Achseln und sagte: »Ich kann nichts darvor, mein Herr! Bediente
müssen aufs klüglichste ausrichten, was ihnen von ihrer Herrschaft befohlen
wird, wenn sie sich anders bei denselben in besondere Gnade setzen wollen.«
»Allein!« fragte Elbenstein, »soll ich den[n] heunte nacht in dieser elenden
Hütte erfrieren?« »Es soll nicht Not haben«, gab er zur Antwort und ging darmit
zur Hütte hinaus.
    Kaum eine Viertelstunde hernach kam einer und bat, Elbenstein möchte sich
belieben lassen, aus der Hütte herauszuspazieren und sich zu Pferde zu setzen.
Er folgte, bekam aber seinen Degen und Pistolen nicht wieder, und über dieses
wurden ihm die Augen fest, die Hände mit zwei seidenen Schnupftüchern an die
Pistolenhalftern gebunden, sein Pferd aber von einem Kerl geführt. Nunmehro
wurde ihm erstlich recht bange, denn er gedachte: Ja, ja! es sind Räuber, nun
werden sie dich in ihre Räuberhöhle führen, dein bissgen Armut zu sich nehmen,
dich selbst aber schlachten und im Walde verscharren. Ach, allerliebste Masque
sprach er ferner bei sich selbst, ach mein Engel! du bist wohl unschuldig,
verzeihe mir, dass ich dich in dem Verdacht gehalten, als ob du Stifterin meines
jetzigen Elendes wärest. Nein! der Brief ist nicht von deiner Hand, es hat ihn
ein Spitzbube geschrieben, er hat zwar einige Konnexion mit unserer
Liebsbegebenheit, aber wenn ich's recht bedenke, sehr wenig oder gar nichts;
denn es ist nur auf den Strauch geschlagen. Ach hätte ich mich doch nicht
übereilt und die Sache erst besser untersucht und überlegt. Ach ja, mein Engel,
du bist unschuldig, und ich glaube, du spendiertest etliche 1000 Dukaten daran,
wenn du mein jetziges Unglück wüsstest und mich daraus erretten könntest. Ach
Himmel, hilf! werden nicht die Spitzbuben und Strassenräuber ausgekundschaft
haben, dass Geld und andere Kostbarkeiten auf dem Wagen befindlich? Werden sie
nicht Anschläge gemacht haben, dieses entweder durch eine stärkere Anzahl
Wagehälse oder durch ein ihnen leicht ausgesonnenes Stratagema an sich zu
bringen. Ach, was wird der Fürst sagen? Wird er nicht denken, ich bin zum
Schelme worden? Ehre verloren, alles verloren, alles verloren! Ich werde
ermordet, das ist gewiss, wer weiss, ob diese Mordtat und dieser Strassenraub
jemals entdeckt wird? Ach Himmel, erbarme dich meiner und übe die Rache wegen
meiner begangenen Sünden und der verübten Fleischeslust nicht auf einmal allzu
strenge aus.
    Unter dergleichen häufigen und verwirrten Jammerklagen, Seufzen und bittern
Tränen ritte er alsofort bis um Mitternacht. Seine Begleiter hatten ihm zwar zu
verschiedenen Malen einen Becher Wein angeboten, allein er hatte sich stets
entschuldiget, dass er keinen Appetit zum Trinken empfände. Endlich vermerkte er
am Rauschen des Wassers, dass sie über eine Brücke ritten, und bald hernach stund
sein Pferd stille, da ihm denn die Hände losgebunden wurden, auch ihrer zwei vom
Pferde halfen. Die Binde von Augen aber wurde ihm nicht abgenommen, sondern man
führete ihn erstlich wohl 40 bis 50 Schritte lang auf einem Steinpflaster fort
und endlich, da man ihm die Augen öffnete, befand er sich in einem
hochgewölbten, jedoch sehr propren Zimmer, dessen Fenster, wodurch das
Tageslicht hineinbrechen konnte, über acht Ellen von dem Boden in der Höhe
waren. Er sah keinen einzigen von seinen bisherigen Begleitern mehr um sich,
sondern nur zwei grau und rot gekleidete Laquais, welche ihm erstlich ein
silbern Waschbecken mit Wasser vorsetzten, hernach weisse Wäsche, einen
Schlafrock, ein paar neue Pantoffeln und, kurz zu sagen, den ganzen Nachtabit,
welcher sehr sauber und propre war, darlegten. Der eine Laquais bedeutete mit
den Händen, ob er sich nicht wolle die Stiefeln und Sporen abziehen lassen,
indem selbige sehr schmutzig waren; allein Elbenstein sagte: »Meine Freunde, es
hat noch ein wenig Zeit, seid aber so gütig und meldet mir, wer hier Herr im
Hause ist und unter wessen Gewalt ich mich befinde.« Hierauf tippten beide
Laquais mit den Fingern auf ihre Mäuler, gaben einen wunderlichen Laut von sich
und damit zu verstehen, dass sie stumm wären. Elbenstein hätte vor Verzweifelung
über sein ängstliches Schicksal mögen rasend werden. Er ging in dem Zimmer auf
und ab und fand hinter einer Spanischen Wand ein kostbares Bette, gegenüber auf
dem Tische erblickte er allerhand Speisen, Erfrischungen wie auch etliche
Bouteillen der allerdelikatesten Weine, wie die darangeklebten Zettels
anzeigeten. Es brannten zwei Wachslichter auf silbernen Leuchtern dabei, mitten
im Gewölbe aber hing eine silberne Leuchterkrone, worauf zwölf Wachslichter
brannten. Nachdem er noch etlichemal auf und ab spazieret, ging er nach dem
Tische hin, nahm ein einziges Stückgen Konfekt und steckte es in den Mund.
Alsobald kam der eine Diener, spülete im Schwenkkessel ein Glas aus und fragte
durch Zeichen, aus welcher Bouteille er ihm einschenken sollte. Elbenstein nahm
sich nicht die Mühe, lange zu wählen, ohngeacht er sehr durstig war, sondern
sagte, dass ihm alles gleich viel wäre, weswegen der Kerl die beste Bouteille
eröffnete und ihm das vollgeschenkte Glas auf einem silbernen Kredenzteller
präsentierte. Er trunk zwei Glaser und fand den Wein ungemein köstlich, setzte
sich hernach auf einen Sessel, liess erstlich die Stiefeln abziehen, hernach die
Kleider, legte sodann den Schlafrock und die Pantoffeln an, offerierte auch
einem jeden Bedienten vor diese ihre erste Bemühung einen spec. Dukaten, allein
die Kerls stelleten sich nicht anders an, als ob er ihnen mit einen glühenden
Eisen unter die Nase hätte rennen wollen, und waren durchaus nicht dahin zu
persuadieren, das Geschenk anzunehmen. Derowegen steckte Elbenstein seine
Dukaten wieder in die Tasche und setzte sich vor das Kaminfeuer, da denn
leichtlich zu erachten, dass er wunderliche Speculationes müsse gehabt haben.
Endlich, da er über eine gute Stunde da gesessen, kam der eine Laquais, zeigte
ihm das Bette und gab mit wunderlichen Gebärden zu vernehmen, dass, wenn er müde
wäre, er sich hineinlegen könne. Wie nun Elbenstein vor ratsam hielt, seinem
ermüdeten Körper einige Ruhe zu gönnen, als folgete er dem Rate und legte sich
samt dem Schlafrocke nieder, ob aber sein Kopf noch so voll Grillen war, so
entschloss er sich doch, dieselben beiseite zu setzen und ein andächtiges Gebet
zu verrichten, in Hoffnung, dass sich der Himmel vielleicht noch einmal seiner
erbarmen und aus diesem Labyrint und von bevorstehenden Unglücksfällen erretten
werde. Er betete demnach sehr andächtig und bussfertig so lange, bis ihm die
Augen darüber zufielen und er in einen süssen Schlaf geriet, auch nicht ehr
erwachte, bis die Sonne durch die hohen Fenster in das Gewölbe hereinleuchtete.
Er verrichtete sein Morgengebet ebenso andächtig und bussfertig als das
Abendgebet, stund hernach auf und fand das Waschwasser sowohl als den Tee
sogleich parat. Unter währenden Teetrinken bemerkte er, dass dieses Zimmer zwei
mit starken eisernen Türen verwahrte Ausgänge hatte, und als er abermals in
tiefe Gedanken verfallen war, öffnete sich plötzlich die eine Tür wodurch ein
etliche 60jähriger Mann, der von ziemlichen Ansehen war, jedoch etwas
Barbarisches im Gesichte hatte, hereintrat und ihm mit einem höflichen
Kompliment einen guten Morgen bot.
    Elbenstein dankte und nötigte ihn, eine Tasse Tee mit ihm zu trinken. Dieser
deprezierte solches, setzte sich aber an den Tisch Elbensteinen gegenüber und
gab den beiden Stummen einen Wink, welche alsofort zur andern Tür hinausgingen.
Als diese hinweg, fing der Alte also zu reden an: »Mein Herr! Sie werden sich
allerdings verwundert haben, dass man Sie, sozusagen, als einen Gefangenen an
diesen Ort gebracht, Sie haben sich aber alles guten Traktaments zu versichern
und nicht die allergeringste Gefahr zu besorgen, sondern sollen gleich morgen
früh Ihre Freiheit bekommen hinzureisen, wo Sie hin wollen, woferne Sie nur auf
ein und andere Fragen, die ich Ihnen vorlesen werde, die aufrichtige Wahrheit
bekennen. Ich schwere Ihnen, mein Herr! sogleich einen leiblichen Eid, dass, wo
Sie dieses tun, Ihnen nicht das geringste Leid allhier geschehen, sondern Sie
gleich morgen Ihre Freiheit wiederhaben sollen. Sind Sie aber halsstarrig und
verstockt, so schreiben Sie es sich selbst zu, wenn man Sie übel traktiert. Mein
wohlmeinender Rat ist also dieser: dass Sie sich gar kein Bedenken nehmen, die
klare Wahrheit zu bekennen (denn man weiss die Sache ohndem so schon gewiss und
will nur Ihr eigenes Geständnis haben), es wird Ihnen sodann allhier nicht die
geringste Gefahr bringen, mir aber sollte von Herzen leid sein, wenn Sie sich
verstockterweise durch Leugnen mutwillig in Unglück stürzten.« Hierauf gab
Elbenstein zur Antwort: »Mein Herr! ich höre, dass Sie etwas von mir verlangen,
ich weiss aber noch nicht eigentlich, was es ist, darum kurz von der Sache zu
kommen, so formieren Sie nur Ihre Quaestiones, ich will mit Bestande der
Wahrheit darauf antworten, denn ich bin ein Kavalier, der sich keines
Verbrechens schuldig weiss.«
    Demnach fing der Alte an, folgende Fragen zu tun, welche wir in ordentlicher
Forme hieher setzen wollen:
Des Alten Fragen:
    1. Ob er, der deutsche Kavalier, Herr von Elbenstein genannt wäre und bei
    dem Fürsten von N. in Diensten stünde?
Elbensteins Antwort:
    1. Ja!
Des Alten Fragen:
    2. Ob er zur Zeit der letztern Weinlese in Ariqua gewesen?
Elbensteins Antwort:
    2. Ja!
Des Alten Fragen:
    3. Wie lange er sich daselbst aufgehalten?
Elbensteins Antwort:
    3. Ohngefähr fünf bis sechs Tage.
Des Alten Fragen:
    4. Was er daselbst zu verrichten gehabt?
Elbensteins Antwort:
    4. Er wäre in Affären seines Fürsten dahin beordert worden.
Des Alten Fragen:
    5. Ob er eine Gärtnersfrau daselbst kennete, Margareta genannt?
Elbensteins Antwort:
    5. Er wäre in verschiedene Gärten gegangen, wenn ihm eben die Lust
    angekommen, Weinbeere oder Obst zu essen, habe sich aber nicht darum
    bekümmert, wie die Eigentumsherrn derselben oder deren Weiber mit Namen
    hiessen.
Des Alten Fragen:
    6. Ob er nicht in der Margareten Behausung einige Nachtvisiten abgelegt?
Elbensteins Antwort:
    6. Er wisse von keiner Margareta, viel weniger von deren Behausung.
Des Alten Fragen:
    7. Wer das Frauenzimmer, die ihn dahin berufen lassen, und wie sie gestaltet
    gewesen?
Elbensteins Antwort:
    7. Er wisse von keiner Berufung, hätte auch mit keinem Frauenzimmer etwas zu
    tun gehabt, auch keins begehret, ohngeacht ihm die Zeit, solange er sich an
    diesen schlechten Orte aufhalten müssen, sehr lang worden.
Des Alten Fragen:
    8. Wie oft er dieses Frauenzimmer ohngefähr bedienet?
Elbensteins Antwort:
    8. Das wäre eine törichte Frage, da er sich in ganz Ariqua um kein
    Frauenzimmer bekümmert, sondern die meiste Zeit mit seinem Wirte passiert
    hätte.
Des Alten Fragen:
    9. Ob ihm das Frauenzimmer nichts zum Andenken geschenkt?
Elbensteins Antwort:
    9. Er wisse von keinen Frauenzimmer, noch weniger vom Angedenken.
Des Alten Fragen:
    10. Ob ihm das Frauenzimmer nicht nach Padua bestellet, um der Liebe ferner
    mit ihm zu pflegen?
Elbensteins Antwort:
    10. Man hörete ja wohl, dass er weder von einem Frauenzimmer noch von
    Pflegung der Liebe mit derselben wisse.
Des Alten Fragen:
    11. Ob er auf seiner Hinreise nach Venedig nicht durch Padua gereiset?
Elbensteins Antwort:
    11. Ja.
Des Alten Fragen:
    12. Ob ihm nicht daselbst ein Mann Nachricht von seiner Amour gegeben und
    von fernerer Zusammenkunft mit derselben gesprochen?
Elbensteins Antwort:
    12. Es wäre ein Kerl in Gestalt eines Hausknechts zu ihm gekommen und hätte
    viel von Liebesaffären mit einer Dame gesprochen, allein er, Elbenstein,
    hätte denselben vor verrückt im Gehirne gehalten, oder es müsse denn sein,
    dass er ihn vor einen andern angesehen hätte.
Des Alten Fragen:
    13. Wo er dazumal in Padua logieret?
Elbensteins Antwort:
    13. In der Oreda Todesca.
Des Alten Fragen:
    14. Was er in Venedig zu verrichten gehabt?
Elbensteins Antwort:
    14. Einige Wechsel-Gelder vor seinen Herrn einzukassieren, welche auch
    gestern mit Wagens vorausgegangen, wo anders dieselben nicht von Räubern
    geplündert worden.
Des Alten Fragen:
    15. Warum er länger in Venedig geblieben, als er dem Hausknechte in der
    Oreda Todesca versprochen?
Elbensteins Antwort:
    15. Er hätte den Kerl vor einen Narren angesehen, wisse auch selbst nicht
    einmal mehr, was er mit ihm geredet oder was er ihm versprochen hätte. Das
    aber müsse er gestehen, dass er viele Tage eher wieder zurückgekommen wäre,
    wenn ihn nicht das Malheur eines Kavaliers, der sein Landsmann, aufgehalten
    hätte, indem derselbe ein Bein zerbrochen und eine grosse Wunde in Kopf, da
    er von einer Galerie heruntergestürzt, bekommen hätte.
Des Alten Fragen:
    16. Warum er jetzo bei seiner Retour von Venedig nicht in der Oreda Todesca,
    sondern im Gastofe al Sole eingekehret?
Elbensteins Antwort:
    16. Es stünde ihm frei einzukehren, wo er wolle, doch jetzo hätte er einmal
    aus gewissen Ursachen seinen Leuten nachgeben und zugleich selbst gute Acht
    und Wacht auf seines Herrn Geld und Sachen halten müssen.
Des Alten Fragen:
    17. Ob er gar nicht nach dem Frauenzimmer in Padua gefragt, mit welchem er
    zu Ariqua in der Margareta Hause etliche Nacht courtoisiert hätte?
Elbensteins Antwort:
    17. Er wisse weder von der Margareta Hause noch von der Courtoisie mit
    einem Frauenzimmer, indem er sich vor gefährlichen Liebeshändeln jederzeit
    sehr gehütet, auch gar nicht disponiert wäre, verbotne Liebesintriguen zu
    spielen, dann wenn er ja so gar verliebt wäre, könne er nur nach Hause
    reisen und sich eine Frau nehmen, weil er gottlob! bemittelt genug, selbe zu
    ernähren.
Diese letzte Antwort brachte Elbenstein mit einer heroischen Ungedult vor, der
Alte sah ihm starr in die Augen, es sei nun, dass ihn Elbensteins Eifer
abschreckte oder dass er nichts weiteres als auf einmal dieses zu befragen hatte,
so sass er erstlich eine gute Weile stille, endlich aber sagte er: »Mein Herr!
Ihre Reden stimmen mit der Wahrheit nicht alle überein, wir wissen ein vieles
schon weit besser. Bedenken Sie sich wohl, ich will Ihnen Zeit geben bis auf den
Abend, reden Sie sodann die Wahrheit auf alle diese Fragen besser aus, so ist's
gut vor Sie, bleiben Sie aber bei der jetzigen Aussage, so muss man es billig vor
eine starke Verstockung halten, und ich werde ohnfehlbar Ordere kriegen, Sie
schärfer anzugreifen.« »Was ich ausgesagt habe«, replizierte Elbenstein, »das
ist die klare Wahrheit, ich werde niemals anders reden, es mag mein Leben kosten
oder nicht.« »Wenn Sie die Wahrheit reden«, sagte der Alte, »könnten Sie Ihr
Leben erretten und mit grösster Honneur in Ihre Freiheit kommen, so aber sieht
es misslich aus. Besinnen Sie sich eines Bessern, unterdessen soll es Ihnen bis
auf fernere Ordre an guter Verpflegung nicht ermangeln, befehlen Sie nur den
Stummen, was sie Ihnen bringen sollen, denn es mangelt hier an nichts, und diese
Kerls, ob sie gleich nicht reden können, so verstehen sie doch alles und sind
sehr geschickt. Ich aber will mich Ihnen empfehlen und meinen Bericht
erstatten.«
    Hiermit nahm der Alte sein kleines Tintenfass, Feder und Papier, worauf er
Elbensteins Aussage geschrieben hatte, pfiff auf einen kleinen Pfeifgen, da denn
beide stummen Laquais wieder ins Gewölbe traten, er, der Alte, aber marschierte
nach einem nochmals gemachten Kompliment zu eben derselben Tür hinaus, wo er
hereingekommen war.
    Elbenstein begab sich hinter die Spanische Wand, warf sich in grösster
Ungedult aufs Bette, die Tränen stiegen ihm in die Augen, und er sagte heimlich
zu sich selbst: Ach! du bist in die Hände deines Schwagers, des Mannes der
masquierten Schöne gefallen! Nichts ist gewisser als dieses! Es ist Verräterei
passiert, wer weiss, wie es dem allerliebsten Bilde geht, vielleicht ist ihre
Ermordung nur so lange aufgeschoben, bis ich alles haarklein auf sie bekannt
habe. Aber, nein! ich will den Himmel noch fernerweit um Vergebung meiner Sünden
bitten und bei meiner Aussage bleiben bis in den Tod. Denn bekenne ich die reine
Wahrheit, so lässt mich der Tyranne, ob er mir gleich dem Scheine nach die
Freiheit gibt, dennoch unterwegs durch bestellte Banditen ermorden, ehe ich
meines Fürsten Residenz erreiche. Bekenne ich nicht, so werde ich allhier in
geheim ums Leben gebracht, damit er aller Sorgen befreit sei, wegen meiner
gewaltsamen Arretierung etwa Rechenschaft und Satisfaktion zu geben.
    Kurz zu sagen, Elbenstein hielt nichts vor ratsamer und wichtiger, als sich
zu einem baldigen seligen Ende zu präparieren, und ob es gleich dem Fleische und
Blute schon im voraus wehe tat, so richtete ihn doch der Geist Gottes wegen
seiner ernstlichen Busse und Bekehrung immer vom neuen dergestalt auf, dass ihm
immer leichter ums Herze ward, wie er denn noch vor der Mittagsmahlzeit in einen
süssen Schlummer verfiel. Er sah im Traume eine verhüllete Person, welche einen
schwarzen Pergamentbogen aus dem Busen zohe, denselben aufrollete und ihm
entgegen hielt, auf diesem Bogen erblickte Elbenstein den mit güldenen
Buchstaben geschriebenen Spruch: Die Güte des Herrn ist's, dass wir nicht gar aus
sind etc. etc. Unterdessen liess die Person ihre Verhüllung fallen, und
Elbenstein erkannte dieselbe vor seinen Freund, den Herrn von Talberg; indem er
aber aufspringen und denselben umarmen wollte, befand er, dass es ein Traum
gewesen. Jedoch als er der Sache weiter nachdachte, bemerkte er, dass dieses kein
schlechter Traum, sondern ein himmlischer Trost wäre, weil Gott sowohl ihn als
seinen Freund aus diesen beiderseitigen Unglücksfällen nochmals aus Gnade und
Barmherzigkeit erretten wolle.
    Binnen der Zeit war alles zur Mittagsmahlzeit veranstaltet worden, und da
die Stummen gehöret, dass er sich gereget, kam einer von ihnen und gab mit
Zeichen zu verstehen, ob ihm zu speisen beliebte. Er sagte: »Ja!«, und weil er
sich im Herzen sehr beruhigt befand, setzte er sich so allein zu Tische, da denn
die allerdelikatesten Speisen und Weine durch eine oben im Gewölbe gemachte
Öffnung vermittelst einer Maschine heruntergelassen wurden, welche ihm die
Stummen vorsetzten. Es waren in Wahrheit recht fürstliche Traktamente, und
Elbenstein speisete mit so guten Appetite, als ob er in seiner völligen Freiheit
gewesen wäre, probierte darbei auch die vortrefflichen Weine von allerhand
Sorten. Jedennoch kam ihm hierbei immer noch die Frage in die Gedanken: Sollte
denn dieses auch wohl etwa deine Henkermahlzeit sein? Nach der Mahlzeit fragte
er den einen Stummen, ob er ihm nicht zum Zeitvertreib ein Buch und dann noch
Feder, Dinte und Papier verschaffen könnte. Der Kerl marschierte wie der Blitz
zur Tür hinaus, selbiges zu holen, weil ihm aber die Tür aus der Hand entfiel,
so, dass sie zu weit aufgesperrt ward, bemerkte Elbenstein, dass zwei Kerls mit
blossen Schwertern ausserhalb der Tür die Wacht hielten. Du bist doch, gedachte er
bei sich selbst, ein rechter vollkommener Staatsgefangener um einer F ...
willen; liess sich aber gar nichts merken, sondern spazierte immer in dem Gewölbe
herum und verwunderte sich über nichts mehr, als dass es so warm darinnen,
ohngeacht nicht mehr als ein einziges Kaminfeuer zu sehen war. Bald hernach kam
der Stumme wieder zurück und brachte nicht allein Dinte, Federn und Papier,
sondern auch einen grossen Folianten unter dem Arme getragen. Elbenstein war
begierig, des Buchs Titul zu sehn, und fand, dass es der Amadís aus Frankreich
etc. etc., und zwar in deutscher Sprache beschrieben war. Von diesem Buche und
von den Amadís-Rittern hatte er in seinen Vaterlande viel reden hören, aber
niemals so glücklich werden können, dieses Buchs habhaft zu werden. Er erfreuete
sich demnach recht sehr darüber, dass er einen solchen guten Zeitvertreib
bekommen, ohngeacht er zwar wusste, dass es eine sogenannte alte Lesecke, so war
ihm doch auch gesagt worden, dass viele Spiegel vor Junge von Adel darinnen
anzutreffen wären. Demnach machte er sich sogleich darüber und las darinnen, bis
ihm die Abendmahlzeit wieder aufgetragen wurde. Er expedierte sich bei derselben
kurz und machte sich wieder an sein grosses Buch, hätte vielleicht auch die ganze
Nacht hindurch darinnen gelesen, wenn nicht ohngefähr um elf Uhr deutschen
Zeigers der Alte nochmals gekommen und ihn verstöret hätte.
    Dessen Anbringen bestund in folgenden Worten: »Mein Herr! Ich habe Ihre
Aussage an gehörigen Ort schriftlich überschickt und par Stafette dieses zur
Antwort zurückerhalten, welches Sie selber lesen können.«
                                Lieber Getreuer!
Euer Verhalten hat Uns wohlgefallen, allein der Herr will mit der Sprache nicht
heraus, denn die Hauptpunkte hat er alle falsch und unrichtig beantwortet.
Schwöret ihm einen körperlichen Eid in Unsere Seele und anstatt Unserer, denn
Wir halten Euch und ihm Unser hohes Wort, dass, woferne er aufrichtig bekennet,
er alle Gnade und seine vollkommene Freiheit von Uns erhalten soll. Wo nicht und
er auf seiner Verstockung beharret, so werden Wir sein Beginnen aufs schärfste
zu rächen wissen, ohngeachtet Wir sonsten eben zur Grausamkeit nicht geneigt
sind. Beilage wird Euch zeigen, wie Ihr ihn befindenden Falls zu traktieren
habt, und Wir erwarten täglichen Rapport von Euch. Hiernach habt Ihr Euch zu
achten und Unserer beständigen Hulde gewärtig zu sein ...
    Das übrige, sonderlich den unterschriebenen Namen, liess der alte Erzvogel
nicht sehen, sondern fragte nur, ob sich der Herr von Elbenstein resolvieren
wollte, die Wahrheit besser zu beichten. Dieser sagte: »Was ich ausgeredet habe,
ist die Wahrheit, ich werde auch dabei verharren, es mag mir heute oder morgen
mein Leben kosten oder nicht. Werde ich gewaltsamerweise um mein Leben gebracht,
so wird der Himmel mein Rächer sein, weil ich aller menschlichen Hülfe beraubt
bin. Ich bitte mir von meinem hochgeehrten Herrn nichts weiter aus als eine
Bibel, sie mag in lateinischer, italiänischer, französischer oder deutscher
Sprache geschrieben sein. Hergegen können Sie die kostbarn Traktamenten
ersparen, denn ich will gern mit Wasser, Salz und Brot bis an mein Ende
vorliebnehmen, weil ich wohl merke, dass dasselbe sehr nahe ist, ohngeacht ich es
nicht verschuldet, dass man also mit mir verfährt. Wer weiss, wer mich blamiert
und in dieses Unglück gestürzt hat; ich wollte lieber noch diese Nacht sterben,
als länger in solchen Kummer schweben. Ich bitte aber nur noch dieses einzige,
meinem Fürsten nach meinem Tode per tertium einige Nachricht von meinem
unglückseligen Ende zu geben, damit nur meine Ehre zusamt dem Körper nicht
massakriert wird, denn da mein Fürst denken könnte, ich wäre zum Schelme
geworden, wäre ich ein Schandfleck meiner Familie. Was aber wäre das nicht vor
eine barbarische, ja mehr als bestialische Aktion, einen Kavalier nicht allein
unschuldigerweise ums Leben, sondern sogar auch um die Ehre zu bringen?«
    »Mein Herr!« sagte der Alte, »ich kann Sie wohl anhören, allein Sie
verzeihen mir, dass ich nach meiner Ordre leben muss. Mit einer Bibel will ich
Ihnen dienen, und weiln ich glaube, dass Ihnen mit einer deutschen am besten
gedienet sein möchte, so will ich Ihnen die wittenbergische, welche Ihr Doct.
Luterus übersetzt hat, gleich morgen früh überschicken. Allein das sage ich,
eine Stunde hernach komme ich selbst und erwarte auf die heutigen Fragen
richtigere Antwort, wo nicht, so sehe ich mich gezwungen, meiner Ordre gemäss mit
Ihnen zu verfahren, derowegen sage ich noch einmal, besinnen Sie sich eines
Bessern und befürchten sich keiner Gefahr, weiln es mir selbst leid sein sollte,
an einem so artigen und wohlgebildeten Kavalier Schärfe zu gebrauchen.«
    »Mein Herr!« sprach Elbenstein mit funkelnden Augen, »was ich einmal
ausgesagt habe, dabei bleibe ich bis an meinen Tod, und das ist der Bescheid,
andere Reden wird Er niemals von mir hören, und wenn Er mich in Öle braten
liesse. Sage Er Seiner Herrschaft, ich glaubte, dass sie etwas von mir torquieren
wollten, wovon ich nichts wüsste, vielleicht dürstete ihnen nach deutschen Blute,
das meinige ist parat, ihren Durst zu stillen, aber der Himmel wird es von ihnen
wiederfordern.«
    Der alte Kerl, welcher vielleicht ein schlechtes Marmorium haben mochte,
schrieb fast alle Worte auf, die Elbenstein redete. Er gab sich die Mühe, ihn
durch allerhand Persuasoria noch zu gewinnen; allein da Elbenstein unbeweglich
und immer auf einerlei Rede blieb, nahm er endlich mit einer sehr verdriesslichen
Miene Abschied von ihm und ging seiner Wege.
    Elbenstein legte sich unter allerhand bekümmerten Gedanken ins Bette,
verrichtete sein Gebet und schlief endlich ein, verharrete auch in seiner
unruhigen Ruhe bis zu Aufgang der Sonne, da er denn nach verrichteten
Morgengebete sich wieder über sein Buch machte und etliche Tassen Tee darbei
trank. Allein er hatte kaum eine Stunde gesessen, als der alte Sadrian schon
wieder kam und ohne besondere Komplimenten fragte: »Nun, mein Herr! haben Sie
sich diese Nacht hindurch eines andern besonnen? Soll ich Ihnen die Fragen noch
einmal vorlesen, und wollen Sie nunmehro aufrichtiger bekennen?« Elbenstein
antwortete: »Mein Herr gebe sich doch ferner keine Mühe, denn ich habe ja schon
ein vor allemal gesagt, dass ich mit Grunde der Wahrheit nichts anders aussagen
kann.« »Nun!« versetzte der Alte, »so haben Sie es sich selber zuzuschreiben,
dass ich meiner Ordre zufolge Sie schärfer angreifen muss, der Himmel ist mein
Zeuge, dass ich keinen Gefallen daran habe.« »Der Himmel«, liess sich Elbenstein
vernehmen, »hat mich in die Hände unbarmherziger und ungerechter Menschen
verfallen lassen, darum muss ich mein Schicksal, es komme, wie es wolle, mit
Geduld ertragen.« Anstatt weiterzureden, zohe der Alte sein elfenbeinernes
Pfeifgen hervor und pfiff dreimal darauf, da denn augenblicklich die zwei
Stummen mit einer abscheulich grossen eisernen Kette herbeigetreten kamen, ihm
dieselbe zweimal um den Hals schlungen, auch Arme und Beine kreuzweise
schlossen, so dass er kaum eine Hand um die andere zum Munde bringen konnte. Er
litte alles mit grösster Gedult, machte auch keine scheele Miene, da man das
Silbergeschirr, Betten und andere Bequemlichkeiten aus dem Zimmer schaffte,
hergegen ein paar Bund Stroh in einen Winkel warf, anstatt, des vorherigen mit
Sammet beschlagenen Sessels ihm einen grossen Klotz hinsetzte, in Summa, alle
kostbaren Meubles wegschafte. Sein einziger Trost war nur, dass man ihm die
Bibel und das Historienbuch liegenliess. Er setzte sich ganz grossmütig auf den
Klotz. Der Alte aber sagte: »Sehen Sie, mein Herr! bis dahin haben Sie es mit
Ihrer Halsstarrigkeit mutwilligerweise gebracht, und wenn Sie sich nicht noch in
Zeiten zum Ziele legen, wird alles noch 1000mal schlimmer werden.« »Es mag
werden, wie es will«, sagte Elbenstein, »wenn auch meine ungerechten Feinde so
gar sehr durstig sind nach meinem unschuldigen Blute, mögen sie ja immer noch
heute Anstalt machen, mir solches abzuzapfen.«
    Der Alte antwortete hierauf nichts, sondern ging stillschweigend wieder
fort, Elbenstein aber stund mit seiner schweren Last auf und langete die Bibel.
Im Aufschlagen fiel ihm zuallererst der 38. Psalm in die Augen, welchen er mit
heissen Tränen und bussfertigen Herzen in grösster Bedachtsamkeit las, hernach noch
mehrere Busspsalmen aufschlug und die Zeit mit Lesung im Psalter so lange
zubrachte, bis ihm die Stummen einen Topf mit Wasser, ein halb verschimmeltes
Brot und eine hölzerne Schale mit Salz zur Mittagsmahlzeit darbrachten.
Elbenstein dankte ihnen mit einer gelassenen, mehr freundlichen als betrübten
Miene vor ihre Mühe, griff hoch begieriger nach dem elenden verschimmelten Brote
als gestern nach den delikaten Gerichten. Weil man ihn auch kein Messer darzu
gebracht, brach er mit grösster Mühe ein Stück ab und ass es dem Scheine nach mit
dem stärksten Appetite, machte auch keine sauere Miene darzu, worüber der eine
Stumme bitterlich zu weinen anfing, welches Elbenstein selbst jammerte, allein
er liess sich nichts merken, sondern ass über alle Macht, soviel er nur
hinterbringen konnte, trunk etlichemal darzu aus dem Topfe, und endlich, da er
merkte, dass er wenigstens auf 24 Stunden genug hatte, sein Leben
natürlicherweise zu erhalten, machte er den Stummen zur Dankbarkeit noch ein
Kompliment mit dem Kopfe und nahm das Historienbuch vor sich, denn als einem
jungen Kavalier war ihm dennoch unmöglich, beständig zu beten, ob er sich gleich
eher auf einen gewaltsamen Tod als auf ein längeres Leben Rechnung machen
konnte.
    Abends brachten ihm, da er sich noch lange nicht müde gelesen, ohngeacht das
Buch nicht aus seinen Händen kommen war, die Stummen eben diejenigen
Traktamenten wieder, welche er mittags gehabt hatte; er nahm etwas weniges
darvon, um nur zu zeigen, dass er sie nicht verschmähete, trunk auch einmal aus
dem Topfe, welchen er neben sich stehenliess, und lase wieder in dem
Historienbuche fort, wurde aber abends um zehn Uhr von dem Alten wieder
gestöret, welcher kam und die oft getanen Fragen repetierte, ob er nehmlich noch
nicht aufrichtigere und wahrhaftere Antwort geben wollte. Elbenstein sagte: »Was
ich dem Herrn einmal geantwortet, dabei hat es sein Bewenden, ich werde niemals
anders reden.« »Sie haben«, sagte der Alte noch, »auch diese Nacht Zeit, sich zu
besinnen, sonsten wird morgen ein Mehreres und Verdrüsslicheres passieren.«
Elbenstein sagte weiter nichts als: »Es komme, wie es wolle, ich bin in Eurer
Gewalt.« Mit dieser Resolution marschierte der Alte abermals ab. Elbenstein las
noch eine gute Stunde in der Bibel, wornach er sich auf das Stroh niederlegte
und mit einer pferdehärnen Decke, die ihm der barmherzige Stumme vielleicht ohne
Ordre, sondern nur aus guten Gemüte brachte, zudeckte. Frühmorgens, da er
aufstund, war weder Tee, Kaffee noch Schokolade zubereitet, hergegen lag
verschimmelter Zwieback auf dem Tische und stund ein Topf mit frischen Wasser
darbei. Er wusch sich und tat zugleich einen guten Trunk Wasser, setzte sich
wieder auf den Klotz und las in der Bibel, bis etwa zwei Stunden nach der Sonnen
Aufgang der Alte kam und fragte, ob er sich besonnen. »Ich habe mich«, gab
Elbenstein, »auf nichts zu besinnen, als wie ich mich als ein rechtschaffener
Christe in mein Verhängnis finden könne, sonsten aber bleibt alles bei meinen
vorigen Reden.«
    Demnach befahl der Alte Elbensteinen, dass er mit ihm gehen, den Stummen
aber, dass sie ihm folgen sollten. Einer sowohl als der andere leistete Parition,
demnach führete ihn der Alte zur Tür hinaus, allwo Elbenstein bemerkte, dass eine
hohe schmale Treppe zwischen den Mauren hinauf in das Obergebäude ging. Allein
er wurde nicht dahinauf, sondern eine andere Treppe von 18 Stufen hinunter in
ein finsteres Gewölbe geführet, allwo nur eine einzige Öllampe brannte. Es war
in einem Winkel eine Bucht gemacht, worinnen etwas Stroh und eine härene Decke
lag, und bei derselben lagen auf einem Brette zwei verschimmelte Brote, auch
stund ein Eimer voller Wasser dabei nebst einem kleinen Töpfgen, womit man
herausschöpfen konnte. Der Alte sagte weiter nichts als dieses: »Hinfüro wird
dieses Euer Logis sein.« »Ich danke«, sagte Elbenstein, »der Himmel gebe, dass
heute oder morgen aus diesem Lager mein Sterbebette wird und dass die Gespenster
so lange in dieser Behausung herumschwärmen müssen, bis es an das Tageslicht
gekommen, wie barbarisch man mit mir Unschuldigen verfahren hat.«
    Der Alte gab keine Antwort hierauf, sondern ging mit den Stummen fort,
schloss die mit verschiedenen Schlössern besetzte eiserne Tür hinter sich zu und
überliess Elbensteinen seinem eigenen verwirrten Gedankenspiele. Was nun dieser
vor Gedanken gehabt haben mag, lässt sich vorgemeldten Umständen nach leichter
erraten als beschreiben. Es würde auch viel zu weitläuftig fallen, dergleichen
ausführlich zu melden. Kurz, er lag fast die meiste Zeit in seiner Strohbucht,
bis ihn der Hunger und Durst plagte, da er denn zuweiln aufstund, ein Stück
verschimmelt Brot abbrach, ein Töpfgen voll Wasser austrunk, ein wenig auf und
ab spazierte und sich endlich wieder ins Stroh einscharrete. Das einzige
Vergnügen, welches er hatte, war dieses, dass er durch drei in Stein gehauene,
etwa drei Querfinger breite Ritzen unterscheiden konnte, ob es Tag oder Nacht
wäre. Also brachte er an diesem Orte drei Tage und drei Nächte zu, da ihm denn
nichts beschwerlicher fiel als die zweimal um den Hals herumgeschlagene Kette.
Vierten Tags etwa um neun Uhr vormittags kam der Alte wieder, um zu sehn, ob er
noch lebte, und zu fragen, ob er nunmehro besser herausbeichten wolle. Ob nun
schon Elbenstein ihm kein gut Wort gab, sondern teuer schwur, dass er niemals
anders reden würde, so befahl ihm doch der Alte von selber, dass er aufstehen
und ihm folgen solle. Er brachte ihm demnach wieder in sein altes Logis, liess
ihn erstlich Tee und Persico geben, mittags aber eine kavaliermässige Mahlzeit
auftragen, auch ein paar Bouteillen Wein, doch eben nicht von besten, bringen.
Elbenstein war nur froh, dass er des Tages Licht wieder sah, liess sich auch
Speise und Trank nicht übel schmecken; was ihn aber am meisten erfreuete, war
dieses, dass er die Bibel und das Historienbuch noch auf dem Tische liegend fand.
Weil er nun Ursache, Gott zu danken, hatte, dass er ihn vor dieses Mal aus dem
finstern Kerker erlöset, so schlug er erstlich etliche Dank- und Trost-Psalmen
auf, welche er mit grosser Andacht betete, hernach aber sein Historienbuch wieder
vor sich nahm und darinnen so lange las, bis ihm die Abendmahlzeit aufgetragen
wurde, die sehr gut und fast noch besser als die Mittagsmahlzeit war. Sobald er
dieselbe eingenommen, nahm er wieder sein Buch vor sich, befürchtete zwar immer,
dass der Alte wiederkommen und ihn mit weitern Fragen quälen würde, allein es kam
derselbe diesen Abend nicht, weswegen Elbenstein bis nach Mitternacht ungestört
fortlesen konnte, nachhero aber seine Ruhe auf dem Stroh suchte.
    Frühmorgens, sobald er aufgestanden, bereiteten ihm die Stummen den Tee,
setzten ihm hernach eine kleine Bouteille mit Persico und einen Trinkglase vor.
Er genoss nach Appetite von beiden, lase hernach den Vormittag in der Bibel, nach
der Mahlzeit aber, die so gut als vorigen Tages war, im Historienbuche bis
abends zehn Uhr, da der Alte wieder kam und ihm vermeldete, wasmassen er neue
Ordre bekommen, daferne der Herr von Elbenstein nicht in Güte die Wahrheit
bekennen wollte, ihn noch schärfer als bishero anzugreifen. »Ich habe mich ja«,
sagte Elbenstein, »bishero deutlich und oft genung erkläret, dass ich keine
andere Wahrheit ausreden kann, als die ich ausgeredet habe, derowegen mögen die
Barbarn doch nur meiner Qual ein Ende machen und mich meines Lebens berauben,
damit ich nur meiner Marter loskomme. Haben sie aber ihr Vergnügen daran, mich
Unschuldigen zu torquieren, vielleicht aus den Ursachen, dass ich ein Luteraner
bin? Wohlan! sie mögen es auch tun, endlich, ja endlich wird doch der Himmel ein
Ende daraus machen und meine Unschuld rächen.«
    »Dieses alles geht mich nichts an«, sagte der alte verzweifelte Inquisitor,
»sondern ich erkenne mich schuldig, den Befehlen meiner Herrschaft ein Genüge zu
leisten und die Verantwortung derselben ihnen zu überlassen; wenn demnach mein
Herr auf Ihrem Eigensinne beharren, so nehmen Sie mir nicht übel, dass ich meiner
Instruktion gemäss Ihnen werde gewaltige Schmerzen an Ihren Gliedmassen
verursachen müssen.«
    »Ist's denn nicht genung«, fragte Elbenstein, »dass ich mein Leben darbiete,
was will man mich denn als einen unschuldigen Kavalier um einer unerwiesenen
Sache auf die Tortur bringen? Jedoch es ergehe mir, wie der Himmel will, weiter
und anders werde ich nimmermehr aussagen, als ich ausgesagt habe.« Hierauf
langete der Alte, welcher einem Halbmeister ähnlicher sah als einem
Krammesvogel, seine Pfeife heraus, pfiff dreimal, da denn die Stummen sogleich
eine Kohlpfanne mit glühenden Kohlen ins Gewölbe hereinbrachten und dieselbe auf
den Tisch setzten. Der Alte zohe sechs Goldstücke, ohngefähr eines französischen
halben Guldens gross, jedoch etwas dicker, aus seiner Ficke und legte dieselben
auf die glühenden Kohlen, befahl darbei den Stummen, dass sie Elbensteinen die
Strümpfe abziehen sollten. Dieser wollte solches durchaus nicht geschehen
lassen, da aber der Alte sagte: »Mein Herr! sperret Euch nicht, denn wenn ich
nur noch einmal pfeife, so kommen den Augenblick noch sechs bewehrte Männer
herein, welche Euch schon zur Raison bringen sollen.« Elbenstein liess es darauf
ankommen und stiess den einen Stummen mit solcher Gewalt von sich, dass er zur
Erden fiel. Im selbigen Augenblicke pfiff der Alte, da denn sogleich sechs Mann
mit blanken Schwertern ins Gewölbe hereingetreten kamen, worüber Elbenstein
einigermassen erschrak und mit sich umgehen liess, wie man wollte, weswegen denn
auch der Alte den sechs Bewaffneten sogleich den Zurückmarsch anbefahl.
    Demnach legte ihm der eine Stumme erstlich auf jeden Fuss ein Goldstück,
welches fast glühend war. Der Schmerz war heftig, jedoch Elbenstein biss die
Zähne zusammen und antwortete auf des Alten Fragen und Vermahnungen kein
einziges Wort. Derowegen liess ihm derselbe noch zwei heisse Goldstücke auf die
dikken Beine über die Knie und endlich noch zwei auf das dicke Fleisch der Arme
legen. Allein je heftiger der Schmerz, je verstockter wurde Elbenstein, gab auf
nichts Antwort, sondern verfluchte nur seine Tyrannen in Abgrund der Höllen.
    Der Alte ging hierauf abermals stillschweigend fort, der barmherzige Stumme
aber beschmierte ein Läppgen mit Salbe, schnitte Stücken daraus und legte ihm
dieselben auf die Brandflecke. Die darauffolgende Nacht war wohl die
schmerzhafteste und kläglichste in Elbensteins bisherigen ganzen Leben, indem
fast nicht der geringste Schlaf in seine Augen kam.
    Acht Tage nacheinander wurde er zwar mit guten Speisen und Wein versorget,
auch von dem Stummen täglich dreimal mit der Salbe verbunden, so dass seine
Brandflecke fast gänzlich geheilet waren, allein am Abend des achten Tages kam
der alte Inquisitor wieder zum Vorscheine und vermeldete ihm, wie dass seine
Herrschaft durch seine, Elbensteins, Verstockung und Hartnäckigkeit (da ihnen
doch die ganze Sache ziemlichermassen bekannt) dergestalt zum Zorne gereizt
worden, dass sie ihm Ordre geschickt, ihn, Elbensteinen, heutige Nacht in der
Mitternachtsstunde mit dem Schwerte vom Leben zum Tode bringen zu lassen, also
hätte er nur noch etwa drei bis vier Stunden Zeit, sich zu seinem Ende zu
bereiten, und wo er etwa einen römisch-katolischen Geistlichen verlangete,
sollte derselbe alsogleich bei ihm erscheinen. Wider dieses letztere
protestierte Elbenstein und versicherte, dass er sich mit göttl. Hülfe gnugsam im
Stande befände, zu seinem Ende zu präparieren, und da er auf seine Religion und
den Glauben, bei welchem er von Jugend an erzogen worden, zu sterben
entschlossen, wäre es nicht ratsam, die übrige wenige Zeit seines Lebens mit
unnötigen Disputieren zuzubringen, unterdessen bäte er weiter nichts, als dass
diejenigen, welche ihm also unschuldigerweise seines Lebens berauben liessen, in
Betracht, dass er ein Kavalier und bei einem vornehmen Fürsten in Diensten
stünde, seinen Körper an einen ehrlichen Ort begraben, auch unter der Hand
seinem Fürsten möchten wissen lassen, wie er eines unglücklichen plötzlichen
Todes gestorben wäre, damit der Fürst nicht etwa glauben möchte, als ob er
heimlich echappiert wäre. »Die Gnade in Gewährung dieser beiden Bitten wird Euch
ohnfehlbar widerfahren«, sagte der Alte, ging hierauf fort. Elbenstein aber, der
sich ganz allein im Gewölbe sah, fiel nieder auf seine Knie und betete mit
heissen Tränen zu Gott um Vergebung seiner Sünden und um ein seliges Ende. Er
sehnete sich herzlich, noch einmal das heil. Abendmahl von einen evangel.
luterischen Priester zu empfangen, weil aber dieser Wunsch vergeblich, wendete
er sich um soviel desto eifriger zum Gebet, bis er endlich von den beiden
Stummen darinnen gestöret wurde, als welche eine köstliche Mahlzeit vor ihn
aufzutragen anfingen. Ohngeacht er ihnen nun sagte, dass sie sich seinetwegen
keine Mühe machen möchten, indem er weder essen noch trinken würde, so kehreten
sie sich doch daran nicht, sondern trugen alles auf und liessen es stehen.
Elbenstein aber rührete weder Speisen noch Wein an, sondern verharrete im Gebet
bis gegen die Mitternachtsstunde, da der Alte wiederkam, der dem einen Stummen
winkte und ihm mit Zeichen etwas zu verstehen gab. Dieser ging sogleich fort,
kam aber bald wieder zurück und brachte einen Hebekorb getragen, worinnen ein
schwarzes Sterbekleid, ein sauberes weisses Hembde, ein paar weisse seidene
Strümpfe und dergleichen Mütze mit einem schwarzen Bande lagen. Hierauf pfiff
der Alte, da denn sogleich sechs Mann mit blossen Schwertern ins Gewölbe traten.
Als Elbenstein diese sah, sprach er ganz entrüstet zu dem Alten: »Will man denn
so gar grausam barbarisch mit mir verfahren und mich in Stücken zerhauen? Ist's
denn nicht genug, wenn mir der Kopf mit einem Streiche abgeschlagen wird?«
»Diese«, gab der Alte zur Antwort, »werden nicht an Euch kommen, woferne Ihr
nicht etwa Miene macht, Euch zur Wehre zu stellen, denn Ihr werdet jetzo
losgeschlossen werden, damit Ihr als ein Kavalier nicht in Ketten und Banden
sterbet, auch vorhero Eure Sterbekleider anlegen könnet.« »Es ist gut«, sagte
Elbenstein, »unterdessen ist es nicht nötig, dass ich andere Sterbekleider
anziehe, denn diese, so ich anhabe, sind mir Sterbekleider genug.« »Es ist mir
aber«, versetzte der Alte, »also befohlen, mitin werdet Ihr Euch nicht weigern
zu gehorsamen.« »Diesen Gefallen«, liess sich Elbenstein vernehmen, »kann ich ja
meinen Tyrannen auch noch wohl erweisen.« Hierauf ging er hinter die Spanische
Wand und zohe alles an, kam hernach hervor, setzte sich auf den Klotz und nahm
die Bibel in die Hand, allein der Alte liess ihn nicht zum Lesen kommen, sondern
tat ihm die ehemaligen Propositiones nochmals, bat ihn ziemlich beweglich, dass
er doch seine Halsstarrigkeit ablegen und auf die bewussten Punkte aufrichtige
Antwort erteilen möchte, womit er nicht allein sein Leben retten, sondern auch
sogleich nach zweien Tagen seine Freiheit nebst einem kostbarn Geschenke
erhalten würde. Allein Elbenstein blieb unbeweglich als ein Fels und bat den
Alten zu guter Letzt nochmals, ihn mit fernern Zureden zu verschonen, weil er
wider die Wahrheit nicht reden, sondern viel lieber sterben wolle; er solle ihm
demnach nur nicht lange quälen, sondern seiner Ordre gemäss verfahren, denn er
wäre versichert, dass der Himmel sein Blut rächen würde.
    Der Alte entschuldigte sich nochmals, dass er seiner Ordre parieren, die
herrschaftlichen Befehle ausrichten und ihnen die Verantwortung überlassen
müsste. Unterdessen aber pfiff er auf seiner Pfeife, wornach sogleich ein dicker
starker Mann mit einem langen, sechs Finger breiten blanken Schwerte
hereingetreten kam. »Dieser«, sagte der Alte, »ist der allergeschickteste
Meister im ganzen Lande, Euch, mein Herr, auch im Dunkeln den Kopf auf einen
Hieb herunterzuhauen, woferne Ihr nur den Hals fein in die Höhe recket; wollet
Ihr aber noch Gnade haben, so folget demjenigen, was ich Euch heute abends noch
zu guter Letzt proponiert habe.« »Ein Kavalier, wie ich bin«, sagte Elbenstein,
»muss bei keinen Barbarn um Gnade bitten, sondern ehe sein Leben hingeben.« »Nun,
so geschehe es denn«, sprach der Alte, winkte inzwischen den Stummen, welche
sogleich herzukamen, ein schwarzes Tuch auf den Boden breiteten und einen Sessel
ohne Lehne darauf setzten, worauf Elbenstein seinen Platz nehmen musste.
    Der Alte präsentierte ihm ein Tuch, sich die Augen darmit verbinden zu
lassen, allein Elbenstein sagte: »Ein rechtschaffener unschuldiger Kavalier kann
sich gewalttätigerweise seinen Kopf ohne Verbindung der Augen abschlagen lassen;
aber«, sagte er weiter zum Scharfrichter, »hier habt Ihr, mein Freund, meine
kleine Goldbeurse, worinnen wenigstens 200 Dukaten befindlich, nehmet Euch wohl
in acht, quälet mich nicht, sondern machet nach Eurer Kunst, dass Ihr mir nur den
Kopf in einem Hiebe herunter bringt. Inzwischen«, sagte Elbenstein noch weiter,
»erlaubt mir nur, dass ich noch eine sehr kurze Zeit mein Gebet zu Gott
verrichte, sobald ich aber zum dritten Male mit dem Fusse auf den Boden stosse, so
hauet zu.«
    Der Scharfrichter nahm das Geschenk an, versicherte ihn, dass er sich auf
seine Kunst verlassen könne, inzwischen wolle er ihm auch seinen letzten Willen
erfüllen, nur bäte er, dass er zwar den Hals, aber keine Hand in die Höhe reckte,
damit sein Körper nicht etwa zerstückt werden möchte. Elbenstein versicherte
ihn, dieserwegen unbesorgt zu sein, griff hierauf nach der Bibel und las den 51.
Psalm bis auf den 14. Vers inklusive. Hierauf tat er den ersten Tritt mit dem
Fusse. Man brachte ihm einen Pokal mit Wein, allein er nahm denselben nicht an,
sondern betete in seinen Gedanken das Lied: Christus, der ist mein Leben,
Sterben ist mein Gewinn etc. etc. Er geriet darüber in tiefe Gedanken, weswegen
ihn der Alte erinnerte, sich nicht länger aufzuhalten, sondern seine Resolution
in der Kürze von sich zu geben, weiln er noch in dieser Stunde Gnade zu hoffen
hätte. Elbenstein aber ermunterte sich sogleich, antwortete zwar dem Alten kein
Wort, stiess jedoch zum zweiten Male mit dem Fusse auf den Boden, betete hernach
noch etliche Sprüche und endlich: Herr Jesu! dir lebe ich, Herr Jesu! dir sterbe
ich etc. etc., unter welchen Worten er zum dritten Male auf die Erde stampfte
und den letzten Streich erwartete. Es waren ihm sozusagen schon fast alle
Gedanken vergangen, und der Scharfrichter war eben im Begriff, den Streich zu
vollführen, als eine Stimme, jedoch nicht des Alten Stimme, rief: »Halt! er soll
auf diesmal Gnade haben.«
    Es wusste Elbenstein, wie gesagt, fast gar nicht, wie ihm geschahe, und die
grausame Alteration brachte ihm eine heftige Ohnmacht zuwege, so dass er
plötzlich vom Stuhle herunterfiel und von seinen Sinnen nicht wusste. Es währete
über zwei gute Stunden, ehe er wieder zu sich selbst kam, und da befand er sich
in einem andern kostbar meublierten Zimmer in einem propren Bette, und zwar im
blossen Hembde liegend. Er schmeckte noch im Munde, dass man ihm Arzenei
eingegossen haben müsse, auch fühlete er, dass ihm am Arme zur Ader gelassen,
ingleichen judizierte er wegen des Geruchs, dass man ihn mit starken Spiritibus
müsse gewaschen haben. Demnach als er bemerkte, dass seine Lebensgeister wieder
zurückgekommen, richtete er sich im Bette auf, da denn sogleich die beiden
Stummen herzutraten, von welchen er ein Glas Wasser forderte, indem ihm der Mund
und Hals ungemein trocken war. Der eine Stumme brachte ihm also ein Glas
Limonade, welches er sehr begierig austrank und noch eins forderte. Wie nun auch
dieses verschluckt war, legte er sich wieder nieder und schlief, jedoch sehr
unruhig, bis die Sonne aufgegangen war, da ihm denn ein kleiner Tisch vors Bette
und der Tee darauf gesetzt wurde. Der eine Stumme brachte ihm ein Glas Tropfen
benebst einem Zettel, worauf geschrieben stunde, wieviel und wie oft er von
dieser herzstärkenden Arzenei einnehmen sollte. Er gebrauchte die Arzenei,
welche sehr stark und wohlschmeckend; endlich, nachdem er fünf bis sechs
Schälichen Tee getrunken, legte er sich wieder zurück ins Bette nieder, konnte
aber nicht wieder einschlafen, sondern lag mit offenen Augen und sah seinem
fernerweitigen Schicksale entgegen, betrachtete auch das bisherige mit
ziemlicher Gemütsruhe. Die Speisen und Wein, so ihm mittags und abends gebracht
wurden, schienen aus einer fürstlichen Küche zu sein, demohngeacht hatte er
diesen und folgenden Tag wenig Appetit, am dritten Tage aber frühmorgens,
nachdem er die vorige Nacht ungemein wohl geschlafen hatte, befand er sich ganz
gesund, munter und frisch, welches er der köstlichen Arzenei zuschrieb, die er
beide Tage nach der Vorschrift fleissig gebraucht hatte. Er fragte demnach die
stummen Bedienten, ob ihm erlaubt wäre aufzustehen und seine Kleider anzuziehen.
Die Stummen winkten mit dem Haupte, brachten auch gleich seine Kleider
herbeigetragen, weswegen er aufstund und sich ankleidete, mittlerweile ihm die
Stummen den Tee auf den Tisch setzten. Sobald er nach Belieben davon wie auch
von der Arzenei zu sich genommen, fragte er die Stummen, ob sie ihm die beiden
Bücher nicht wieder verschaffen könnten, damit er einigen Zeitvertreib hätte.
Augenblicklich lief einer fort und brachte ihm sowohl die Bibel als das
Historienbuch, weswegen er erstlich ein paar Stunden seine Andacht in der Bibel
hatte, hernach in dem Historienbuche lase, bis ihm mittags die köstlichen
Traktamenten auf den Tisch gesetzt wurden. Er speisete mit guten Appetit, trunk
auch etwas mehr Wein als vorige Tage und befand sich im übrigen sehr gestärkt
und wohlauf. Den ganzen Nachmittag brachte er abermals mit Lesen in dem Buche
zu, abends aber, nachdem er gespeiset, kam der Alte, wünschte ihm ganz
freundlich einen guten Abend, gratulierte ihm zu guter Besserung und bat ihn um
Vergebung, dass er seiner Ordre zufolge also mit ihm verfahren müssen. Nunmehro
habe er Ordre, ihn aufs allerbeste zu traktieren, voritzo aber ersuchte er ihn,
in ein ander Zimmer zu folgen. Hiermit gab er den Stummen zu vernehmen, dass sie
zwei silberne Leuchter mit Wachslichtern nehmen sollten. Diese gehorsameten,
Elbenstein wurde von dem Alten genötiget, hinter ihnen herzugehen, er selbst
aber folgte, und also passierten sie erstlich durch einen kleinen Gang, hernach
eine schmale steinerne Treppe in die Höhe, da sie denn auf einen grossen Saal
kamen, allwo der Alte vorausging und ein Zimmer eröffnete, welches inwendig mit
den kostbarsten türkischen Tapeten ausgezieret und überhaupt dergestalt propre
meubliert war, dass sich kein König schämen dürfen, darinnen zu logieren. Es
stund ein mit Wein und Konfekt besetzter Tisch auf der einen Seite, welchen ihm
der Alte zeigte, auch sagte: »Ew. Herrl. werden ohnfehlbar von dem lang
gewachsenen Barte inkommodiert werden. Dieser eine Stumme ist sehr geschickt,
den Bart abzunehmen, derowegen können Sie sich von ihm akkommodieren lassen.« Es
war würklich an dem, dass Elbenstein von dem langen und starken Barte sehr
vexiert wurde, indem ihm der Hals ganz wund gerieben war, derowegen nahm er das
Erbieten mit Vergnügen an. Als ihm nun noch der Alte einen silbernen Ring
zeigte, woran er nur ziehen dürfte, wenn er jemanden oder etwas verlangete,
indem es ihm doch vielleicht ungelegen sein dürfte, wenn die Stummen beständig
bei ihm im Zimmer wären, so wünschte er ihm eine geruhige Nacht und retirierte
sich. Elbenstein liess sich barbieren, sagte hernach zu den Stummen, dass sie ihm
nur die beiden Bücher heraufbringen, hernach sich zur Ruhe begeben möchten, weil
er sich mit allen Bedürfnissen wohl versorgt sähe. Dieses geschahe, und
Elbenstein divertierte sich noch mit Lesen bis um Mitternachtszeit, trunk auch
unterweilen ein Gläsgen Wein darzu. Als aber die im Zimmer hangende Uhr die
Mitternachtsstunde anzeigete, zindete er das Nachtlicht an und war eben im
Begriff, die beiden brennenden Wachslichter auszulöschen. Indem eröffneten sich
auf einer Seite die Tapeten, und es trat eine Person in einen langen
rosenfarbenen Schlafrocke durch dieselben ins Zimmer hinein, sie hatte einen
saubern Hauptschmuck auf u. ihr Gesichte war sehr wohlgebildet.
    Elbenstein erschrak, dass ihm alle Glieder zitterten, und zwar noch weit
ärger als in Ariqua bei der Baronne von K. Das Frauenzimmer bemerkte sein
Erschrecken, machte ihm derowegen mit einer verliebten und angenehmen Miene ein
höfliches Kompliment und sagte: »Erschrecken Sie nicht, mein Herr! ich bin kein
Gespenst, sondern eine Person, die Fleisch und Beine hat, wie Sie sehen und
fühlen können.« Indem sie dieses redete, schlug sie den Schlafrock voneinander
und zeigte ihren ganzen blossen Leib ohne Hembde, welcher sehr zart und weiss
schien, auch mit ein paar wohlproportionierten harten Liebesäpfeln versehen war.
Da aber Elbenstein noch immer als ein steinern Bild stund und weder redete noch
sich bewegte, trat das Frauenzimmer näher, ergriff ihn bei der Hand und sagte:
»Kommen Sie, mein Herr! setzen Sie sich zu mir an diesen Konfekttisch und
trinken mir ein Glas Wein zu.« Elbenstein sah sich also gezwungen
niederzusitzen. Das Frauenzimmer sah ihn beständig mit verliebten Augen und
Gebärden an, entblössete auch, da er noch gar nicht reden wollte, zum öftern
nicht nur die Brust, sondern auch den ganzen Leib, ja sie wollte ihn endlich gar
embrassieren und küssen. Allein er hielt sie davon mit einer höflichen Manier
zurück, öffnete auch endlich seinen Mund und fing dieses an zu reden. »Ich kann
gar nicht begreifen, wie das Schicksal in diesem Hause oder Schloss, was es
sein mag, so wunderbar mit mir spielet. Allein, schöne Dame, ich will Ihnen im
voraus sagen, dass ich zu einer unglückseligen Stunde empfangen und geboren bin,
denn die Natur hat mich schon im Mutterleibe derjenigen Werkzeuge beraubt, mit
welchem andere Mannespersonen dem Frauenzimmer vollkommene Satisfaktion geben
können. Über dieses sollte auch wohl der allerwollüstigste Kavalier, wenn er
sich in meinen jetzigen Umständen befände, hierzu incapable sein. Darum bitte
ich Sie, schönste Dame, mir nicht ungütig zu nehmen, dass ich Ihren Liebesappetit
nicht stillen kann.«
    »Die erstere Entschuldigung«, sagte das Frauenzimmer, »kömmt mir als ein
Märlein vor, weil Ihr mir jederzeit mehr als zu vigoreux vorgekommen, und die
andere wird von sich selbst hinwegfallen, wenn wir erstlich im Bette beieinander
warm geworden sind. Eben dieserwegen bin ich zu Euch gekommen, Euch Eures
bishero ausgestandenen Missvergnügens vergessend zu machen, denn ich glaube
sicherlich, dass auch die köstlichsten Traktamenten nicht vermögend sind, einen
jungen Kavalier zu vergnügen, wenn er keine Liebesarbeit darbei verrichten darf.
Bin ich denn etwa gar so hässlich, dass Ihr mich nicht lieben wollet? Ich
versichre Euch, dass Ihr meinetwegen keine Gefahr zu besorgen habt, denn ich bin
ein lediges Frauenzimmer, die ihren Leib noch niemanden preisgegeben hat, aber
in Euch, mein Herr! habe ich mich sterblich verliebt, sobald ich Euch vor wenig
Monaten zum ersten Male gesehen habe. Fürchtet Ihr Euch etwa vor dem alten
Herrn, der vorhin bei Euch gewesen ist? Das habt Ihr nicht Ursach, ziehet an dem
Glöcklein und lasset ihn durch einen Bedienten heraufrufen. Er wird gleich da
sein und uns die Erlaubnis geben, dass wir beisammen schlafen dürfen, denn er
weiss, dass ich Euch inniglich liebe, und nicht allein dieserwegen, sondern auch,
weil er Befehl hat, auf das ausgestandene Schrecken Euch alles nur ersinnliche
Vergnügen in dieser Eurer Einsamkeit zu machen, so sieht er es von Herzen gern,
wenn ich Euch des Nachts einen vergnügten Zeitvertreib mache. Lasset ihn rufen,
fraget ihn selbst, damit wir uns desto freier und sicherer miteinander ergötzen
können.« Unter diesen letztern Worten schenkte sie ein Glas Wein ein und trunk
es auf Elbensteins Gesundheit aus, und dieser tät dergleichen. Da er ihr aber
auf ihre Reden gar keine Antwort geben wollte, sagte sie: »Wie, mein Engel! habt
Ihr denn ein Herz von Stein und wollet meinen Leib verschmähen? Sehet mich doch
nur erstlich noch einmal recht an, befühlet mich und sagt hernach, was vor einen
Tadel Ihr an mir findet.«
    Es war wohl an dem, dass der alte Adam bei Elbensteinen aufwachte, jedoch er
war so glücklich, denselben zu unterdrücken, entweder weil es ihm ein Ernst, die
Lüste des Fleisches nicht mehr auszuüben oder weil er sich wegen der
ausgestandenen Todesangst noch nicht wollüstig genug befand oder, welches fast
am meisten zu glauben, weil er befürchtete, man möchte ihm eine neue Fallbrücke
zubereitet haben. Derowegen gab er dem Frauenzimmer zur Antwort: »Vortreffliches
Geschöpf! ich glaube schwerlich, dass ein schönerer Körper kann gefunden werden
als der Ihrige, denn Sie sind ein rechtes Meisterstück der Natur, ich Elender
habe aber die grösste Ursache, bei solchen Umständen mich über die Grausamkeit
der Natur zu beschweren, dass sie mir nicht auch dasjenige mitgeteilet, was sie
doch dem allergeringsten Bauernknechte gegeben. Schönster Engel! Ich wollte ja
gern, aber ich kann ja nicht! Derowegen quälen Sie mich doch nicht!« »Ei!« sagte
das Frauenzimmer, nachdem sie noch ein Glas Wein ausgetrunken hatte, »es mag
denn sein, wie es sei, ich liebe doch Eure Person, kommet nur mit mir ins Bette,
damit ich das Vergnügen habe, Euch zu umarmen und zu küssen, wenn mir gleich der
völlige Genuss Eurer Liebe versagt wird.« »Dieses wäre«, versetzte Elbenstein,
»eine vollkommene Tortur vor mich, bedenken Sie es selbst, liebenswürdige Dame!
Bei einem solchen schönen Bilde zu liegen und sich mit demselben nicht
divertieren zu können, würde mir dieses nicht 1000 Seufzer auspressen? Was wäre
Ihnen also mit meiner Qual gedienet? Derowegen sein Sie so gütig, begeben sich
in Ihrem Zimmer zur Ruhe, weil ich sicher glaube, dass tausend qualifiziertere
Kavaliers, als ich bin, sich mein heutiges Glück in diesem Stücke wünschen
möchten, es also Ihnen, werteste Dame! am Liebesvergnügen nicht ermangeln kann,
ich aber muss mein Unglück beklagen.« »Nein!« sagte sie, »ich muss bei Euch im
Bette liegen, kommet nur!« Hiermit fuhr sie vom Stuhle auf, liess ihren
Schlafrock fallen, stund also nackend und bloss vor Elbensteins Augen, welcher
jedoch seinen Arm auf den Tisch stützte und die Hand vor die Augen hielt. »Ach,
Ihr schämet Euch zu sehr, mein Herr!« liess sich die Verführerin vernehmen,
»kommet nur ins Bette und ziehet die Gardinen zu.« Hiermit nahm sie ihren
Schlafrock, legte denselben auf einen Stuhl vors Bette, sie aber stieg ganz
gemächlich hinein und legte sich zurechte in Meinung, dass Elbenstein nachfolgen
würde. Allein dieser, welcher den Streich als eine der stärksten Versuchungen
des Satans ansah, nahm die Bibel zur Hand und schlug darinnen etliche Psalmen
auf, welche sich auf seinen Zustand wohl applizierten. Etwa eine Viertelstunde
hatte das Frauenzimmer gelegen, als sie rufte: »Wollet Ihr noch nicht kommen,
mein Engel! habt Ihr noch nicht ausgebetet? Ihr seid ja doch kein Geistlicher?
und o wieviel 1000 geistliche Herrn sollten ihr Gebet wer weiss wie lange
unterlassen, wenn sie so gute Gelegenheit zu Pflegung der Liebe hätten.«
    »Lassen Sie mich nur immer beten«, replizierte Elbenstein, »schlafen Sie
ruhig und gönnen mir die Ehre, dass ich Sie bewache.« »O Unbarmherziger!« rief
die Dame, »ist's möglich, dass Ihr so grausam sein könnet, mir nicht einmal das
Vergnügen zu gönnen und in meinen Armen zu schlafen?« »Zürnen Sie nicht mit mir,
Schönste«, sagte Elbenstein, »sondern mit der unbarmherzigen Natur, die mich
untüchtig zum Liebeswerke gemacht hat.« Hierzu schwieg das Frauenzimmer stille
und fing an zu schnüben, so dass Elbenstein nicht wusste, ob es ein würklicher
oder verstellter Schlaf bei ihr war. Er aber blieb auf seinen Stuhle sitzen und
lase in der Bibel, bis der Tag anbrach, da denn das Frauenzimmer abermals
nackend aus dem Bette heraussprunge, etlichemal auf und ab spazierete, endlich
vor ihn trat und sagte: »Wollet Ihr mich noch nicht lieben?« »Ich wollte wohl«,
gab Elbenstein darauf, »wenn ich nur könnte.« Sie sprach: »So küsset mich doch
wenigstens nur einmal.« »Ich habe es«, erwiderte Elbenstein, »nicht allein
verredet, zeit meines Lebens kein Frauenzimmer zu küssen, weilen es doch mir und
ihr zu nichts helfen kann, sondern ich will auch in diesem Stücke meine
Keuschheit bewahren.« »O du Keuschheit über alle Keuschheit!« sagte die
Coquette, warf damit ihren Schlafrock über sich, machte ihm ein Kompliment und
retirierte sich durch die hinter den Tapeten befindliche Tür in ein ander
Zimmer.
    Der sehr ermüdete Elbenstein dankte dem Himmel, dass er ihm diese sehr starke
satanische Versuchung so ritterlich überwinden helfen, weiln er aber Bedenken
trug, sich in das Bette einzuscharren, wo diese Geile gelegen hatte, als legte
er sich nur ohnausgezogen im Schlafrocke auf die Oberdecke und schlief einige
Stunden.
    Kurz vor der Mittagsmahlzeit kam der Alte und fragte, wie er sich befände
und ob er etwas Ausserordentliches verlangte. Elbenstein gab zur Antwort: »Nichts
anders möchte ich verlangen und wünschen als meine Freiheit, zu meinem Fürsten
zu reisen, um demselben zu zeigen, dass ich kein ehrvergessener Deserteur sei.«
»Da wird schon bald Rat darzu werden«, sagte der Alte mit sehr freundlichen
Gebärden, »Sie sollen sich nur erstlich wieder ausfüttern und Ihres Kummers
vergessen, damit Sie desto fröhlicher von uns Abschied nehmen können, denn
alles, was geschehen, ist mir selber zum grössten Leidwesen geschehen. Aber, a
propos«, fuhr der Alte im Reden fort, »mein Herr! warum sind Sie denn so grausam
ekel gewesen und haben das artige Frauenzimmer verschmähet, welches ich gestern
abend zu Ihnen kommen lassen? Ich kann Ihnen bei meiner Ehre versichern, dass es
keine gemeine Canaille, sondern ein Kind von vornehmen Eltern ist. Sie hat sich
schon vor einiger Zeit in Sie verliebt gehabt und mir ihre heftige Liebe
anvertrauet, weiln mir nun von meiner Herrschaft anbefohlen worden, Ihnen, mein
Herr, alles erdenkliche Vergnügen in Ihrer Einsamkeit zu machen, so vermeinte
ich, mit einem wohlgebildeten Frauenzimmer meine Sache hauptsächlich wohl
gemacht zu haben, muss aber von ihr vernehmen, dass sie sehr kaltsinnig von Ihnen
traktiert worden. Ei! gebrauchen Sie sich doch der Gelegenheit, solange Sie noch
hier sind, sie soll alle Nacht bei Ihnen bleiben, und haben Sie sich dieserwegen
nicht der geringsten Verantwortung zu besorgen, es wird sich auch niemand
darüber aufhalten, denn es weiss niemand etwas davon als ich ganz allein.«
    »Um Gottes willen, mein Herr!« widerredete Elbenstein, »verschonen Sie mich
mit dergleichen Liebespossen, denn sie sind ganz und gar wider mein Naturell,
ein gutes Buch kann mir die Zeit besser passieren als das schönste Frauenzimmer,
jedoch habe ich allen geziemenden Respekt vor dieses schöne Geschlechte.«
»Erlauben Sie denn, dass dieses artige Kind«, sagte der alte verzweifelte Fuchs,
»diesen Mittag mit Ihnen speisen darf, damit Sie ihr wohlgebildetes Gesichte
recht bei Tage sehen, vielleicht gefällt es Ihnen besser als bei Lichte.«
    »Ich habe hier nichts zu befehlen oder Erlaubnis zu erteilen«, versetzte
Elbenstein, »sondern habe, wie mein Herr selber wissen, mit mir umgehen
lassen, als man nur immer gewollt.« »Ei!« sagte der alte Schalk, »die bösen
Zeiten sind vorbei, nunmehro müssen Sie sich erstlich wieder etwas zugute tun,
ehe Sie von uns reisen. Sorgen Sie vor nichts weiter und schlagen allen Kummer
aus dem Sinne.« Hiermit wünschte ihm der Alte gesegnete Mahlzeit und ging seiner
Wege. Bald hernach wurden die Speisen durch die Stummen aufgetragen, und eben da
sich Elbenstein zu Tische setzen wollte, öffneten sich die Tapeten abermals,
durch welche die gestrige la bella Catarina ins Zimmer getreten kam, einen
Reverenz à la mode machte und ganz freimütig fragte, ob sie sich bei ihm zu
Gaste bitten dürfte. Elbenstein replizierte, wie er sich eine besondere Ehre
daraus machte, mit einem schönen Frauenzimmer zu speisen, präsentierte ihr
derowegen einen Stuhl und setzte sich gegen sie über, legte ihr auch von allen
Gerichten die niedlichsten Bissen vor. Sie charmierte entsetzlich, und
Elbenstein fühlete zu verschiedenen Malen den Pfahl, welcher ihn im Fleische
stak, doch nahm er sich ernstlich vor, seinen Affekten einen Zaum und Gebiss ins
Maul zu legen und sich mit diesem Satansengel im geringsten nicht in Unzucht
einzulassen. Unterdessen, da sie so raffiniert war, nicht das geringste von
Liebessachen, viel weniger von der Passage der verwichenen Nacht zu erwähnen,
sondern nur verschiedene curiöse und lustige Geschichte zu erzählen, so war es
Elbensteinen so gar allzusehr nicht zuwider, dass er doch jemanden hatte, mit dem
er sprechen konnte, denn mit den Stummen konnte er nichts diskurieren, und den
Alten sah er allezeit lieber gehen als kommen.
    Nach der Mahlzeit holte diese Sirene eine Gitarre und spielete sehr
künstlich darauf, sunge auch über zwei Stunden lang viele Arien drein, indem sie
eine rühmenswürdige Stimme hatte. Hierüber empfand Elbenstein einiges Vergnügen,
ja er fing fast an zu wünschen, dass er mit diesem artigen Bilde nicht in einem
Käfig eingeschlossen, sondern an einem etwas freiern Orte sein möchte. Jedoch
wenn er an die Ketten, Brandmale und endlich an das Henkersschwert gedachte,
verging ihm aller Appetit zum Liebesspiele, weswegen er auch nach wenigen
fröhlichen Blicken sogleich wieder in eine Tiefsinnigkeit verfiel.
    Nachdem sich nun endlich das Frauenzimmer müde musiziert, langete sie ein
Brettspiel herbei und nötigte Elbensteinen, die Dame mit ihr zu ziehen. Sie
spielete dieses sinnreiche Spiel sehr wohl, und Elbenstein, der es sonsten auch
gut spielete, hatte viel zu schaffen, ihr dann und wann ein Spiel abzugewinnen.
Sie trunken Koffee darbei und spieleten also, bis die Abendmahlzeit aufgetragen
wurde, da sie denn abermals miteinander speiseten und von lauter indifferenten
Sachen diskutierten, worbei Elbenstein bemerkte, dass sie als ein Frauenzimmer
einen sehr guten natürlichen Verstand hatte. Gleich nach der Mahlzeit machte sie
ihm stillschweigend ein Kompliment und retirierte sich. Elbenstein war sehr
froh, dass sie nur Abschied nahm und nicht wie gestern von Liebespossen zu reden
anfing. Er setzte sich demnach wieder vor sein Buch und war gesonnen, nur noch
etwa das Ende einer gewissen Geschicht darinnen auszulesen, hernach sich
beizeiten zur Ruhe zu legen, allein kaum hatte er die Stummen fortgeschickt, da
der Irrgeist im rosenfarbenen Schlafrocke wieder kam und eben eine solche
Komödie spielete wie die gestrige Nacht. Sie wendete alle Bewegungsmittel an,
ihn zu sich ins Bette zu kriegen, allein er behielt auch in diesem Kampfe den
Sieg, und sie musste ihm bei anbrechenden Tage die Walstatt lassen, weiln er
seine Feinde, die Lüste und Begierde, glücklich aus dem Felde geschlagen.
    Am dritten Tage setzte sie ihm noch schärfer zu als vorhero und sonderlich
des Nachts, bald fiel sie ganz nackend vor ihm auf die Knie, bald weinete sie,
und ihr einziges Bitten war dieses, dass er sich nur eine einzige Viertelstunde
an ihre Seite legen und sie küssen möchte, ob er gleich sonsten nichts
bewerkstelligen könnte. Dieser satanische Hauptsturm währete bis zu Anbruch des
Tages, indem sie bald ins Bette hinein, bald wieder heraus sprang und
Elbensteinen, der zwar die Augen immer auf sein Buch gerichtet hatte, jedoch
nicht wusste, was er lase, beständig pombardierte und quälete. Allein, auch
diesen Hauptsturm schlug er glücklich ab. Die Unverschämte hing demnach ihren
Rock wieder über, sagte weiter nichts als: »Addio, du Barbar! nun komme ich dir
nicht wieder!«, und verschwand hinter den Tapeten.
    Kaum war sie hinweg, als Elbenstein seine Hände gen Himmel aufhub und Gott
inbrünstig anrief, doch nicht zuzugeben, dass dieses lasterhafte Weibsbild noch
einmal wieder vor seine Augen kommen möchte. Er dankte dabei dem Höchsten, dass
er ihm sattsame Kraft und Stärke verliehen, diesen so oft wiederholten
satanischen Versuchungen zu widerstehen, bat um Vergebung wegen der dann und
wann aufgestiegenen wolllüstigen Gedanken und bat um fernern kräftigen Schutz
und Hülfe. Hierauf legte er sich mit ganz getrosten Herzen aufs Bette und
schlief abermals, bis er schon die Sonne im Zimmer sah.
    Folgendes Tages wurde er weder von dem Alten noch von jemand anders
inkommodieret, von den Stummen aber mit allen, was er nur verlangen mögen,
vollkommen wohl bedienet, hierbei nun hatte er gute Musse zu lesen und kam in dem
grossen Historienbuche sehr weit. Abends aber kam der Alte etwa zwei Stunden vor
Mitternacht jählings in sein Zimmer getreten und sagte: »Mein Herr! kommen Sie
doch geschwind mit mir, es will Sie jemand sprechen.« Elbenstein erschrak und
gedachte bei sich selbst: Nun, was wird dieses vor ein neuer Sturm sein?, stund
aber auf und folgte dem Alten, welcher ihn quer über den Saal hinüber bis an die
Tür eines Vorgemachs führete, selbige eröffnete und sagte: »Nun mein Herr! gehen
Sie gerade fort auf die Tür zu, welche Ihnen entgegenstösset, eröffnen Sie
selbige nur ohne Bedenken und treten in das Zimmer hinein.« Elbenstein ging
etliche Schritte fort, blieb sodann eine lange Weile stehen und wusste selbst
nicht, wie wunderlich ihm zumute war, noch was er tun sollte. Jedoch endlich
besann er sich und bedachte, weil er doch einmal in frembder Leute Gewalt wäre,
müsse er Gehorsam leisten, es käme nun, wie es wolle, mehr könnte es ihm doch
nicht kosten als das Leben. Demnach schritt er weiter fort, eröffnete die Tür
ohne Anpochen, trat hinein und zohe dieselbe hinter sich zu, welche denn von
selber abschloss. Aber, o Himmel! wie wurde ihm zumute, als er oben am Tische
ein masquiertes Frauenzimmer sitzen sah, und zwar in eben dem Habit und von
eben der Taille, als zu Ariqua in der Margareten Hause in der zweiten Nacht
erschienen war. Er war ganz ausser sich selbst, stund als ein steinern Bild,
vergass dabei auch sogar, der Dame ein Kompliment zu machen, und blieb im
Zweifel, ob es die würkliche damalige masquierte Dame oder das Frauenzimmer
wäre, welche ihn nunmehro drei Nächte daher so gewaltig vexieret hatte. Endlich,
da die Dame nur die wenigen Worte sprach: »Tretet doch näher her, mein Herr!«,
bemerkte er gleich an der Sprache, dass es nicht die gestrige, sondern die
ariquanische wäre. Er machte demnach, da er zugleich seine Mütze abnahm, einen
tiefen Reverenz, ging näher hinzu, blieb etwa drei Schritte vor der Masque
stehen, machte einen nochmaligen Reverenz und bemerkte nunmehro erst, dass die
Dame einen entblössten Dolch in der Hand hatte.
    Nunmehro, gedachte Elbenstein, wird dir dein letztes Brot gebacken sein. Die
Masque aber fragte: »Kennet Ihr mich?« »Wie ist's möglich, dass ich eine
masquierte Person kennen kann?« war Elbensteins Gegenfrage. »Habt Ihr mich«,
sprach die Masque weiter, »in diesem Habit und in dieser Masque sonst nirgends
als jetzo allhier gesehen?« »Meines Wissens nicht«, gab dieser zur Antwort.
»Auch nicht zu Ariqua in der Margareta Behausung?« so fragte sie weiter.
Elbenstein antwortete mit »Nein!« Hierauf fing sie folgenden Sermon an:
»Verwegener Verräter, es mag endlich gut genug sein, dass du etliche Tage her
ohngeacht aller dir angetanen Marter allhier in diesem Hause nichts bekennen
wollen, allein warum hast du diese Tugend in deiner vollen Freiheit nicht
beobachtet, da dich niemand um unser Liebesgeheimnis befragt hat, du aber
dennoch alles ausgeplaudert und mich dergestalt abgemalet hast, dass mich auch in
der Masque jedermann erkennen können? Ist das der Dank, du Verräter! vor meine
getreue Liebe, von welcher ich dir alle ersinnliche Proben gegeben und dir
zugeschworen, dass ich dergleichen zärtliche Regungen noch niemals gegen eine
Mannesperson empfunden als gegen dich allein. Dieser Dolch soll dir voritzo den
Lohn geben vor deine Verräterei, Falschheit und Bosheit, sage nur selbst, ob du
nicht einen weit schmähligern Tod verdienet hast?«
    Hier hielt sie etwas inne und wollte Elbensteinen erstlich zur Antwort
kommen lassen, welcher sich zu ihren Füssen warf und in grösster Gelassenheit also
redete:
    »Wenn mich Verleumbder und falsche Zungen aus Dero Gunst und Gnade, ja aus
Dero Herzen gerissen, bin ich meines Lebens ohnedem überdrüssig, der Tod kann
mir auch niemals süsser und angenehmer sein, als wenn ich denselben von Dero
schönen Händen empfange, welche ich seitero in Gedanken täglich 1000mal
geküsset. Kann ich aber eines einzigen verräterischen Wortes überführet und
überzeugt werden, dass ich meinen Schwur wegen der Verschwiegenheit nur mit einem
einzigen Worte gebrochen, so schätze ich mich eines solchen süssen Todes unwürdig
und spreche mir auf den Fall mein Urteil selbst, dass mir nehmlich die Zunge aus
dem Halse gerissen, ein Glied nach dem andern mit glühenden Zangen abgeknippen
und mein Körper gevierteilt werden sollte.«
    Die Masque fiel ihm ins Wort und sagte: »Habe eine kleine Gedult, ich will
dir alsobald Zeugen heraufrufen, die dich überführen sollen. Vorhero aber sage
mir noch, wie du so leichtsinnig und unerkenntlich sein können, mein Bitten
nicht stattfinden zu lassen und mich in Padua zu besuchen, da es doch in der
letzten Nacht meine letzte Bitte war und ich dir alle Gelegenheit angewiesen.
Allein die venetianischen Canaillen haben dir im Kopfe gesteckt, die dir
vielleicht besser gefallen als ich, und auch auf den Rückwege hast du in Padua
nicht einmal nach mir gefragt, vielmehr die unbedachsamsten Reden im Gastofe
von einem masquierten Frauenzimmer, worunter du mich gemeinet, geführet.
Verantworte dich, ungetreuer Verräter.«
    Elbenstein gab ganz sanftmütig zur Antwort: »Auf meiner Reise nach Venedig
habe ich mich an dem bestimmten Orte eingefunden, es ist auch ein gewisser
Mensch zu mir gekommen, welcher mir Nachricht gegeben, dass die Dame, welche mich
zu sprechen verlangte, erstlich nach zehn Tagen daselbst eintreffen würde; weiln
ich nun in meines Fürsten nötigen Verrichtungen verschickt, war mir ohnmöglich,
dieselben zu verabsäumen und so viele Tage in Padua stille zu liegen, vielmehr
vermeinte ich binnen der Zeit wieder in Padua zurücke zu sein. Habe ich«, redete
er weiter, »in Venedig ein Frauenzimmer berühret, so nehme der Himmel heute und
nimmermehr meine Seele zu Gnaden an. Auf der Rückreise, da ich wieder nach Padua
gekommen, bin ich die ganze Zeit in den grössten Ängsten gewesen wegen der vielen
Gelder meines Fürsten, die ich unter meiner Aufsicht hatte. Ihnen wird selbst
bewusst sein, wie es in Padua zuzugehen pfleget. Wäre nun nur etwas oder alles
weggekommen, so hätte ich ja zum Schelme werden müssen, so aber bin ich nicht
vom Platze gekommen, habe auch fast die ganze Zeit über kein Auge zugetan. Ach
leider! dass ich vor dieses Mal die Ehre meinem vollkommenen Vergnügen vorziehen
müssen. Was das Geschwätz von der Masque anbelanget, so rief mich ein
paduanischer Kavalier ans Fenster und sagte zu mir: Mein Herr! ich bitte Sie um
aller Heiligen willen! betrachten Sie einmal das schändliche Gesichte, so
daherspaziert kömmt. Ich musste über seine Reden lachen und bekannte selbst, dass
ich fast in meinem ganzen Leben kein Frauenzimmer mit einem hässlichern Gesichte
gesehen hätte, worbei ich aus Scherz sagte: Wenn dieses Frauenzimmer auf das
instehende Karneval nach Venedig reisen will, darf sie nur andere Kleider, aber
keine Masque mitnehmen, denn ihr Gesichte sieht ohnedem einer Masque ähnlicher
als einem ordentlichen Gesichte. Dieses ist es alles«, beschloss Elbenstein seine
Rede, »was ich gesündiget habe.«
    »Es ist noch nicht alles«, erwiderte die Dame. »Steh auf! Ungetreuer! und
setze dich in jenen Stuhl.« Elbenstein sprach: »Da ich sterben soll, bitte ich
mir noch die einzige Gnade aus, dass ich zu Dero Füssen sterben darf.« Sie: »Steh
auf! sage ich, und setze dich in jenen Stuhl.« »Nein, ich bitte«, sagte
Elbenstein, »dass mein Blut zum Angedenken meiner Treue und Liebe an Dero Kleider
spritzen möge.« »Steh auf!« sagte sie zum dritten Male, »und setze dich auf
jenen Stuhl, sonsten wird augenblücklich Mannschaft da sein.« Indem sie nun
dieses mit einer ganz veränderten wunderlichen Stimme vorbrachte, hielt
Elbenstein vors ratsamste, Gehorsam zu leisten, er stund demnach auf und setzte
sich jenseit des Tisches in einen Lehnestuhl. Die Dame stund gleichfalls auf,
liess ihren goldbrokatenen Oberschlafrock fallen und stund da in einem weissen
atlassenen Nachtkleide, behielt aber den Dolch beständig in der Hand, weswegen
Elbenstein nicht anders vermeinte, als dass sie sich's nur deswegen kommode
machte, ihm den letzten Stoss desto nachdrücklicher beizubringen. Er wandte
demnach seine Augen nach dem Boden, faltete die Hände und betete einige
Sterbegebete, die er noch im frischen Gedächtnis hatte. Ehe er sich's aber
versah, warf sich die Dame, welche ihre Masque abgelegt hatte und sich ihm in
blossen Angesichte zeigte, zu seinen Füssen und redete ihn also an: »O teure
allergetreuste Seele, es wird zwar wohl das erstemal in deinem Leben sein, dass
sich eine geborne Prinzessin zu deinen Füssen wirft, allein die Schuldigkeit
befiehlt es, weil mich das Verhängnis nunmehro zu deiner Sklavin gemacht hat.
Nicht du, sondern ich bin des Todes schuldig, nimm hin diesen Dolch und
durchbohre meine tyrannische Brust.« Unter welchen Worten sie Elbenstein den
Dolch über seine gefaltenen Hände legte und ihre ganze Brust entblössete.
Elbenstein aber sass als ein steinern Bild und wusste fast gar nicht, wie ihm
geschahe. »Ich, ich bin die Furie gewesen, die dich teils aus Eifersucht, teils
aus allzu heftigen Liebsbegierden so grausam hat martern lassen. Räche deinen
Hohn an mir, denn ich habe es verdienet, und ob ich gleich seit unserer zweiten
Zusammenkunft in Ariqua mich von dir schwanger befinde, so ist doch mein Leib
nicht einmal würdig, diese Frucht zu tragen, weil ich mit deren Vater so grausam
und unbarmherzig umgegangen bin. Einen einzigen Kuss von deinen Lippen vergönne
mir noch zum Labsal mit ins Reich der Toten zu nehmen, hernach durchstich mein
barbarisches Herze.«
    Elbenstein hatte kaum noch soviel Vernunft, dass er den Dolch auf ein in der
andern Ecke stehendes Faulbette schleuderte und die Dame, welche ihren Mund nach
dem seinigen erhub, umarmete und küssete. Als ihm aber ihre Gesichtsbildung,
welche ein Ausbund aller Schönheiten war, nur auf wenige Blicke in die Augen
gefallen und er das in ihrer allerschönsten Brust verschlossene bange Herze auf
seiner Brust klopfend fühlete, wurde er auf einmal plötzlich dergestalt
weichherzig, dass er Kopf und Arme zurücke sinken liess und in eine würkliche
Ohnmacht verfiel, welche doch von keiner langen Daure war, indem ihm die Dame
zum öftern ein Salvolatile vor die Nase hielt und unablässig küssete, welches
letztere Cordial vor dieses Mal wohl die beste Operation tun mochte. Sie hatte
ihren Arm um seinen Hals geschlagen, bald hielt sie ihm das Sal vor, bald
küssete sie seinen Mund, Wangen und Augen, bis endlich Elbenstein seine Augen
wieder eröffnete, da er denn mit schwacher Stimme sprach: »Nun lassen Sie mich
sterben, meine Göttin! Es geschicht mit Freuden und Vergnügen, weil ich mich
wieder in Dero Gnade aufgenommen sehe; wie könnte es möglich sein, dass ich
jemals einen sanftern und süssern Tod zu gewarten hätte.« »Stirbst du, meine
andere Seele!« sagte die Dame, »so überlebe ich dich keine Minute, sondern stosse
mir doch selbst einen Dolch in die Brust.« Indem sie dieses redete, benetzte sie
Elbensteins Wangen mit ihren heissen Tränen, woraus dieser endlich ihre
vollkommene Liebe und die Bereuung des Vergangenen schloss, weswegen denn in
seinen Herzen alle angetane Marter auf einmal vergeben und sozusagen fast ganz
vergessen war. »Ich lebe«, sagte Elbenstein, indem er sie auf seinen Schoss nahm,
»solange mich meine Göttin leben lässt, und sterbe ohne Murren, sobald sie es
befiehlt.« »Nein, mein Kind«, versetzte sie, »lass uns alle beide leben und uns
vollkommen vergnügen, wir haben gute Zeit darzu, denn mein alter Gemahl, welcher
sich einbildet, dass ich von ihm schwanger sei, hat eine Tour nach Spanien getan,
wird auch binnen Jahr und Tag schwerlich zurückkommen. Bei deinem Fürsten aber
habe ich durch die dritte Hand wegen deiner Renommée alles wohl veranstaltet;
derowegen du vor nichts besorgt sein darfst, denn alle deine Sachen hat er wohl
verwahren lassen und wartet auf deine Wiederkunft, allein er kann immer noch ein
wenig warten; unterdessen soll dir, mein Leben! aller Schade von mir vielfältig
ersetzt werden.« »Ach!« sagte Elbenstein, »Sie sind gar zu gnädig, ich bin mit
dem Vergnügen zufrieden, und wer so glücklich ist als ich, kann immerhin alles
im Stich lassen und sich zum Lande hinaus betteln.« »Ach du kleiner
Schmeichler!« sagte die Dame, indem sie ihm zugleich einen derben Kuss gab, »komm
und folge mir in das Nebenzimmer, dass wir ein Glas Wein und einige andere
Stärkungen zu uns nehmen können.« Elbenstein folgte ihr nach noch vielen
gegebenen Küssen in das Nebenzimmer, das nicht halb so gross als dieses war und
worinnen ein Traisoir mit Wein und Konfekt stund. Es war dasselbe mit so vielen
Wachslichtern erleuchtet, dass es so helle als am Tage darinnen war, weswegen er
desto füglicher die verwunderungswürdige Gesichtsbildung der Dame betrachten
konnte, worbei er in seinen eigenen Herzen bekennen musste, dass er noch niemals
dergleichen Wunderbild in natura, wohl aber als Kunststücke der Maler gesehen.
Er konnte seine Augen fast nicht davon hinwegbringen, denn es wurde nichts
gesprochen, weil beide die Mäuler voll hatten, endlich aber kam die Dame zu ihm,
fiel ihm um den Hals und sagte: »Mein Leben! du bist in Wahrheit noch böse auf
mich, weil du kein Auge von mir verwendest und doch so ernstaft darzu
aussiehest.« »Diese Ernstaftigkeit«, gab Elbenstein zur Antwort, »welche ich
etwa in tiefen Gedanken angenommen, stammet in Wahrheit von keiner Bosheit,
sondern von einer besondern Verwunderung her.« »Worüber verwunderst du dich
denn, mein Liebster?« sagte die Dame; worauf Elbenstein antwortete: »Über nichts
mehr als über Dero unvergleichlich schöne Gesichtsbildung, dergleichen mir
wahrhaftig zeit meines Lebens noch niemals vor die Augen gekommen ist.« »Sage
ich's nicht«, widerredete die Dame, »dass du ein kleiner Schmeichler und
Herzensdieb bist, aber mir hat doch auch zeitlebens kein Gesicht besser gefallen
als das deinige.« Weil sie nun eben nach Aussprechung dieser Worte eine kleine
Makrone in den Mund steckte, bat sich Elbenstein dieselbe aus ihren Munde in
seinen Mund aus, worinnen sie ihm zwar willfahrete, jedoch dieselbe
augenblicklich wieder auf die Art zurückforderte, mit dem Versprechen, ihm
sodann noch mehr zu geben. Es passierte also eine artige Fresserei, und mit dem
Weine ging es eben nicht anders zu, indem immer eins ums andere dem andern ein
Maul voll gab, bis sie sich alle beide fast begeistert hatten.
    Oh! was vor ein törichtes Ding ist es doch um die Liebe!
    Die Dame stund endlich auf und ging etwas spazieren im Zimmer herum,
weswegen Elbenstein aus Complaisance auch aufstund und neben ihr her spazierte,
allein es währete nicht lange, so wurde sie des Spazierens wieder überd[r]üssig
und nötigte ihn, sich bei ihr auf ein Faulbettgen niederzulassen. Er
gehorsamete, und da ging das Herzen und Küssen von frischen an, weiln auch das
weisse atlassene Kleid so frevel war, sich vorne von selber zu eröffnen und das
Brustpositiv bloss zu stellen, als konnte Elbenstein ohnmöglich unterlassen,
selbiges zu bespielen und zu küssen, hernach aber eine tiefere und gründlichere
Untersuchung anzustellen, weswegen die Dame zurücksank und ihm ein kleines
Präludium spielen liess, hernach aber sagte: »Mein Erzengel! ich bitte mir ein
bequemeres Lager und nur ein einziges Hauptkaressgen aus, weiln wegen des
bisherigen Chagrins ein mehreres unserer Gesundheit nicht zuträglich sein
möchte, indem wir alle beide entkräftet sind.« Elbenstein half ihr zu einem
bequemern Lager, allein es blieb bei dem einzigen Hauptkaressgen nicht, sondern
es wurde mit beider Bewilligung ein zwiefaches Dakapo daraus; worauf die Dame
sprach: »Mein Engel! auf dieses Mal bin ich vollkommen vergnügt, auch sehr müde,
morgen mittags wirst du mit mir speisen, nachhero werden wir noch viel
miteinander zu sprechen haben. Voritzo aber, weil es ohnedem bald Tag sein wird,
nimm ein Licht und begib dich wieder nach deinem Zimmer.« Elbenstein war
sogleich bereit zu gehorsamen, allein er musste dennoch vorhero noch etliche 100
Küsse zollen, und endlich wurde auf beiden Seiten geruhige Nacht gewünschet. Sie
blieb auf dem Ruhebette liegen, er aber begab sich des vorigen Weges zurück in
sein Zimmer, ohne einigen Menschen unterwegs zu sehen. Weil er nun daselbst
alles, was er brauchte, parat fand, als hielt er vor unnötig, die Klingel zu
rühren, sondern zohe sich bald aus und begab sich zu Bette.
    Er betete zwar sein Abendgebet, allein sehr verwirrt, denn es fielen ihm
immer die Fragen ein: Hältest du noch fest an deiner Frömmigkeit? Ist das deine
Busse und deine Bekehrung, oder wälzet sich die Sau nach der Schwemme wieder in
den Kot, und frisset der Hund wieder, was er gespeiet hat? Rennest du nicht den
geraden Weg zum Tode und zur Höllen zu? Gehet dir's anders als dem Doktor Faust,
der, als er die Fesseln des Teufels schon fast gänzlich von sich geworfen,
dennoch vermittelst der schönen Helena sich selbige wiederum aufs neue anlegen
liess und endlich vom Teufel geholet wurde? Geschicht's ja nicht, dass der Teufel
deinen Körper holet und zerreisset, so dass die Gedärme auf den Bäumen behangen
bleiben, wird's doch wohl genung sein, wenn er deine Seele bekömmt, denn der
Leib wird sodann sein Logis ohnedem nirgends anders als im höllischen
Schwefelpfuhle bekommen.
    Diese Gedanken waren sehr gut, allein, nachdem er darüber eingeschlafen war,
machte ihm der Satan ganz andere Gaukelspiele vor, die, ob sie gleich im
Manuskript umständlich beschrieben sind, man doch herzusetzen Bedenken trägt.
Kurz zu sagen, Elbensteins Gottesfurcht, Busse und Bekehrung wurde zum blossen
Schattenspiele, alles ausgestandene Unglück wurde nach und nach in gänzliche
Vergesslichkeit gestellet, und es prädominierte nichts bei ihm als die Wollust.
Denn frühmorgens, da er aufstund, verrichtete er zwar ein leichtes Gebet in den
Wind, bekümmerte sich aber bisheriger Art nach gar nicht um die Bibel, sondern
setzte sich nieder und schrieb folgende Arie aufs Papier. Ob er dieselbe selbst
verfertiget oder ob er sie von Olims Zeiten her in Gedanken behalten, kann man
nicht so wohl sagen, als dass er sie zu seinem besondern Troste und Aufrichtung
gebraucht haben mag. Weil aber diese Arie in der wenigsten Leser Händen sein
möchte, findet man vor billig, dieselbe von Wort zu Wort herzusetzen:
                                       1
Mein Herze hat der Freiheit Gold verloren,
Ich muss hinfort der Liebe dienstbar sein.
Kaum da mein Mund die Dienstbarkeit verschworen,
So reisst ein Blick den schwachen Vorsatz ein.
Verhängnis, Glück und Zeit, ihr Meister aller Sachen,
Sagt, was wird endlich noch der Himmel aus mir machen?
                                       2
Ein Fisch, der sich vom Angel losgerissen,
Eilt nicht sofort dem falschen Köder nach.
Ein Schiffmann wird den Strand zu meiden wissen,
Wo ihn zuvor sein Schiff und Mast zerbrach;
Und ich, ich Törichter! bleib an Charybdis hangen,
Da schon mein Liebesschiff der Scyllen war entgangen.
                                       3
Doch, ach! wer kann die Hand zurücke ziehen,
Wenn Venus uns beut ihren Nektar an?
Vor Menschenwitz ist dies ein schwer Bemühen,
Weil niemand hier als Engel leben kann.
Ein Mund mag noch soviel von Zucht und Keuschheit sprechen,
Es wird ein schön Gesicht ihm bald den Vorsatz brechen.
                                       4
Liess Davids Hand nicht Harf und Psalter liegen,
Da Batseba sein Herze setzt in Brand?
Und Simsons Faust verlernete zu siegen,
Als Delila ihn mit der Liebe band.
Selbst Salomonis Witz und Weisheit ging verloren,
Als ihn die Weiberlieb schrieb in die Zahl der Toren.
                                       5
Kann Venus nun so starken Nektar schenken,
Der Helden stürz[t] und Fürsten taumeln lehrt:
Was Wunder denn, wenn sie mit Zaubertränken
Mein Herze hat auf einmal so betört.
Ich wag es noch einmal, und fehl ich denn auch heute,
So ist mein Fehler doch ein Fehler grosser Leute.
O schöne Gedanken! o herrlicher Einfall! Ei vortreffliche Parodie auf die
bishero mit inbrünstiger Andacht gelesenen Buss-, Bet-, Dank- und Lob-Psalmen
Davids. So bellete der Hund in Elbensteins Gewissen, und er war würklich im
Begriff, das Blatt, worauf er diese Arie geschrieben hatte, wieder zu zerreissen,
als eben jemand an die Stubentür pochte. Da er nun dieselbe eröffnete, sah er
die zwei Stummen als seine Bedienten, welche eine ziemlich grosse Küste
hereintrugen und ihm den in einen Brief versiegelten Schlüssel darzu
einlieferten. Die Stummen gingen sogleich wieder zurück, Elbenstein aber erbrach
vor allererst den Brief, worinnen der Schlüssel lag, und fand denselben also
gesetzt:
                                Du der Meinige!
Wenn Du wohl geruhet hast, gereicht es zu meinen ausserordentlichen Vergnügen.
Ich habe unvergleichlich wohl geruhet, weil ich Dich, meine Seele,
wiederbekommen habe, da ich bishero nur ein blosser toter Körper gewesen bin. Ich
bitte sehr, säume Dich nicht, zu mir zu kommen, weil ich einen ausserordentlichen
Appetit empfinde, von Dir geküsset zu werden. Ja ich schmachte recht darnach. In
Ermangelung Deiner Equipage schicke ich Dir inzwischen etwas in beikommenden
Kästgen. Komme nur bald zu der
                                                                       Deinigen.
Leichtlich ist's zu erachten, dass Elbensteins Gemütsbewegungen eine sonderbare
Menuett en quatre in seinem Kopfe und Herzen mögen getanzt haben, allein er hiess
die Musikanten, welche darzu aufspieleten, schweigen, eröffnete die Kiste und
fand folgende Raritäten darinnen: ein rotscharlachen Kleid, stark mit Golde,
ingleichen ein blaues, mit Silber bordiert, zwei Hüte, einer mit einer goldenen,
der andere mit einer silbernen Espagne und kostbaren Agraffen, zwei Dutzent
Handschuh, ein Dutzent seidene Strümpfe von allerhand Co[u]leuren, zwei Dutzent
baumwollene Strümpfe, sonsten auch von weisser Wäsche als Ober- [und]
Unterhembden und allen andern, was ein Kavalier vonnöten hat, zwei Dutzent Stück
oder Paar von jeder Sorte. Über alles dieses lag noch ein Degen darbei mit einem
silbernen, stark verguldeten Gefässe und ein Stock mit einem ganz goldenen
Knopfe, der mit verschiedenen Edelgesteinen besetzt war.
    Solchergestalt sah sich Elbenstein mit grössten Erstaunen vollkommen, und
zwar aufs allerkostbarste, equipiert, weil auch die geringsten Kleinigkeiten, so
man braucht, darbei befindlich waren, als nehmlich Messer, Scheren, Spiegel,
Kämme und dergleichen, und zwar alles aufs sauberste und kostbarste. Elbenstein
verwunderte sich über nichts mehr, als dass ihm nicht allein alle Kleidungsstücke
insgesamt, sondern auch sogar die Schuh, deren ein halb Dutzent darbeilagen, so
akkurat passeten, als ob er sich das Mass darzu nehmen lassen. Nichts fehlete als
Peruquen, allein selbige brauchte er nicht, weiln er ein blondes eigenes Haar
trug, welches sich von Natur in zierliche Locken legte.
    Als er sich nun sattsam über dieses kostbare Présent verwundert hatte, fiel
ihm die erhaltene Ordre ein, weswegen er sich in grösster Geschwindigkeit
ankleidete, und zwar das blaue Kleid anlegte, hierauf mit Hut, Degen und Stock
in dasjenige Zimmer ging, wo er abends vorhero die Dame zum ersten angetroffen.
Es währete kaum drei Minuten, so kam dieselbe in einem kostbaren Putz auch
hineingetreten, sie trug ein hellrotes, mit Golde durchwürktes Kleid, und an dem
Haupt- und Armschmucke blitzete alles dergestalt von dem Glanze der
Edelgesteine, dass einem das Gesichte hätte vergehen mögen. Allein Elbenstein gab
hierauf anfänglich wenig acht, sondern seine Augen hafteten nur auf ihren
unvergleichlichen Angesichte, welches er vorjetzo zum ersten Male beim
Tageslichte sah und in seinem Herzen sich nunmehro völlig überzeugt befand, dass
er zeitlebens kein schöneres und wohlgebildeteres gesehen. Ja Elbenstein wäre in
Wahrheit abermals als ein steinern Bild stehengeblieben, wenn nicht die Dame
selber auf ihn zugekommen wäre, ihn umarmet und geküsset hätte. Ihre ersten
Reden waren diese: »Guten Morgen, mein Leben! Ach, du wirst ohnfehlbar nicht
wohl geruhet haben, weil du so vedriesslich aussiehest.« »Nein, Ihro Durchl.«,
gab Elbenstein zur Antwort, »ich finde mich im geringsten nicht vedriesslich,
sondern in einer erstaunenden Verwirrung über Dero überirdische Schönheit, indem
ich sicherlich glaube, dass dergleichen in der ganzen Welt nicht mehr zu finden.«
»Du schmeichelst, mein Licht!« sagte sie, »ich weiss zwar wohl, dass ich eben
nicht hässlich, doch aber auch nicht die Schönste bin, inzwischen, wenn ich nur
das Glück habe, deinen Augen zu gefallen, bin ich vollkommen vergnügt, zumalen
wenn ich merken werde, dass du mich so herzlich liebest als ich dich. Allein ich
will durchaus nicht, dass du, wenn wir alleine beisammen sind, mich Ihro Durchl.
titulieren sollst, sondern nenne mich: mein Schatz! mein Kind! mein Vergnügen,
oder wie es dir die Liebe sonsten eingibt.«
    Elbenstein küssete ihre Hand zu vielen Malen, sagte hernach: »Meine Göttin,
ich bin erstaunet über das kostbare Geschenk, welches Sie mir durch die Stummen
in einer Küste überschickt, womit ...«
    Indem er weiterreden wollte, drückte sie ihre zarte Hand auf seinen Mund und
sagte: »Hiervon rede mir gar nichts, mein Liebster! sonsten werde ich böse.
Diese Kleinigkeiten haben in Padua schon lange parat gestanden und auf dich
gewartet.« Hiermit gab sie ihm etliche Küsse und fragte hernach, warum er heute
zum ersten Male das rote Kleid nicht angezogen hätte, zum Zeichen, dass er sie
liebte und sich darüber freuete, denn die rote Farbe wäre ja ein Zeichen der
Liebe und der Freude. »Sie sind meine Göttin«, sagte Elbenstein, »und mein
Himmel auf Erden, darum kam mir in die Gedanken, die himmlische Co[u]leur zuerst
zu erwählen.« »Ach, du bist eine allerliebste Seele«, replizierte sie, »ja, du
hast englische Einfälle; aber setze dich, mein Leben! und nimm mich eine kleine
Weile auf deinen Schoss.«
    Elbenstein nahm diese schöne Last mit Vergnügen auf sich, und sie hielten
also unter verschiedenen verliebten Gesprächen und Kurzweilen einander über eine
gute Stunde in Armen, bis in dem Nebenzimmer ein angenehmes Glockenspiel das
Zeichen gab, dass die Speisen aufgetragen wären. Da denn die Dame ihren Kavalier
bei der Hand nahm und ihn zur Tafel führete, welche sich, kurz zu sagen,
fürstlich präsentierte; es waren aber keine andern Bedienten zugegen als eine
einzige alte Matrone, welche jedoch noch ganz fein aussah und wohl gekleidet
war. Diese bediente alle beide, und die Dame scheuete sich nicht, in ihrer
Gegenwart Elbensteinen zu küssen, auch sonsten ihm allerhand Karessen zu machen.
Solange als sie speiseten, ging das Glockenspiel und spielete dasselbe allerhand
angenehme Arien, Menuetten und dergl. Wenn es auch abgelaufen, stellete es die
Matrone von neuen an, dieses war nun nicht allein zur Tafelmusik bestimmt,
sondern Elbenstein erfuhr, dass, solange dieses Spielwerk gehöret würde, sich
keines von ihren andern Bedienten unterstehen dürfte, ohnangemeldet in dieses
Zimmer zu kommen. Die Anmeldung aber geschahe mit einem Hammer, welcher auf eine
über der Tür hangende silberne Schale schlug, die einen gröbern Ton von sich gab
als die Glöcklein im Glockenspiele. Sooft nun diese ertönete, ging die alte
Matrone hinaus und fragte, was anzubringen wäre. Hergegen waren in allen Zimmern
wieder andere Ringel und Drahte, vermittelst derselben die Dame ihre Bedienten
herbeirufen konnte, weil sie die auswärtigen Hämmer zogen, dass sie ebenfalls mit
Glocken schlugen.
    Beide sassen über zwei gute Stunden bei der Tafel, worauf ihn die Dame wieder
zurück in das erstere Zimmer führete, wohin die Alte etliche Bouteillen, teils
mit Wein, teils mit Wasser angefüllet, wie auch ein Brettspiel bringen musste.
Erstlich gingen beide Verliebte eine gute Weile im Zimmer herum spazieren, da
sie aber nachhero ohngefähr sechs oder acht Spiele gespielet, stund die Dame
auf, umarmete und küssete Elbensteinen und sagte mit einer liebreichen Miene:
»Mein Engel! nehmet mir nicht ungütig: diese Kleidung ist mir jetzo etwas zu
schwer und unbequem, ich werde Euch auf eine kurze Zeit verlassen und mir etwas
leichtere Kleider anlegen lassen. Damit Ihr es aber auch wisset, ich habe Euer
Logis verändert, Ihr habt dasselbe nunmehro auf dieser Seite gleich neben mir.«
Hiermit eröffnete sie auf der andern Seite hinter den Tapeten eine Tür und
führete ihn erstlich in sein Zimmer, wo er hinfüro schlafen sollte, mitin war
es so beschaffen, dass ihr und sein Bette nur durch eine Wand voneinander
unterschieden waren. Hernach führete sie ihn durch noch eine Türe in ein propre
aufgeputztes Zimmer, worinnen er seine Bequemlichkeit bei Tage gebrauchen
könnte, und gleich bei diesem war die Kammer, worinnen die Stummen als seine
Aufwärter ihre Bequemlichkeit und Lager haben sollten, von welchen er kühnlich
alles fordern dörfte, was er verlangte, indem wenigstens allezeit einer
gegenwärtig sein müsste.
    Elbenstein wusste in Wahrheit nicht, was er gedenken sollte. Die Freiheit war
ihm von Jugend auf als die alleredelste Sache vorgekommen, jedoch auch in einer
solchen prächtigen und wollüstigen Gefangenschaft zu leben, war seinem
Temperamente nicht ganz und gar zuwider. Endlich sprach er zu sich selbst: Es
sei, wie es sei, einmal vor allemal bist du ein Arrestante, musst durchaus
Gehorsam leisten und abwarten, was es vor ein Ende nehmen wird. Der Himmel wird
sich ja deiner erbarmen, weil er sieht, dass du gezwungen wirst. Unterdessen, da
er befürchtete, dass die Dame sein langes Stillschweigen übel auslegen möchte,
küssete er derselben die Hand und sagte: »Meine Göttin, ich erstaune je länger
je mehr, denn Sie traktieren mich ja über meinen Stand, und wenn ich gleich ...«
»Schweiget mir davon stille«, fiel sie ihm in die Rede, »weiln Ihr mein
Allerliebster auf der Welt seid, so seid Ihr auch meines Standes. Nun aber
bleibet hier, die Stummen werden sogleich bei Euch sein, ich aber will mich
anders ankleiden lassen und Euch nachhero selbst wieder abrufen, wenn ich
erstlich ein wenig Mittagsruhe gehalten habe.« Hierauf umarmete und küssete sie
ihn noch etlichemal und ging sodann zurück in ihr Zimmer.
    Elbenstein fand seine Sachen, auch sonsten alle Bedürfnisse vor sich in
diesem seinen neuen Logis, auch sogar die Bibel und das Historienbuch, jedoch er
hatte noch keinen Appetit zum Lesen, sondern eröffnete ein Fenster und bemerkte,
dass dieses Schloss mit Wällen, doppelten Graben und Mauren umgeben war, sonsten
aber konnte er weder Platz noch andere Gebäude sehen, wohl aber, dass auf dieser
Seite ausserhalb der Mauer ein ziemlich starker Fluss1 vorbeilief, jenseit dessen
aber konnte man nichts anders sehen als Wald und Feld. Er schöpfte
solchergestalt in so vielen Tagen zum ersten Male wieder frische Luft, nach
Verlauf einer guten Viertelstunde aber brachten die Stummen Koffee ne[b]st zwei
Bouteillen Wein, sperreten aber die Augen gewaltig auf, als sie ihn in so
propren Habite sahen, erzeigten sich derowegen weit devoter als jemals, indem
sie sich vielleicht einbilden mochten, dass er ein geborner Prinz wäre. Er
begegnete ihnen sehr freundlich und leutselig und bemerkte, dass sie sich über
sein Wohlergehen freuten, hernach aber durch Zeichen fragten, ob er etwas
Weiteres befehlen wolle. Wie er nun geantwortet hatte, dass ihm vorjetzo nichts
mangelte, zeigten sie ihm den silbernen Draht, vermittelst dessen er sie rufen
könnte, und begaben sich zurück. Er trank etliche Schälchen Koffee, nahm hernach
das Historienbuch vor sich und mochte wohl beinahe zwei Stunden darinnen gelesen
haben, als die Dame seine Tür eröffnete und zu ihm hereingetreten kam. Er stund
sogleich auf, dieselbe zu empfangen, sie aber war ebenso begierig, ihn zu
umarmen, sagte anbei: »Nun habe ich ausgeschlafen. Warum habt Ihr es Euch, mein
Engel, nicht auch kommode gemacht und Mittagsruhe gehalten? Ich machte mir schon
ein besonderes Vergnügen daraus, Euch auf dem Bette liegend anzutreffen.« »Ich
kann nicht sagen«, erwiderte Elbenstein, »dass mir der geringste Appetit zum
Schlafen angekommen wäre, sondern ich habe meine Zeit mit vergnügten Gedanken
zugebracht über meine glückselige Gefangenschaft.« »Nein, mein Engel«, versetzte
sie, »Ihr seid kein Gefangener, sondern ich bin eine Sklavin Eurer Liebe.« Indem
sie nun dieses mit einer besonders zärtlichen Miene vorbrachte, konnte sich
Elbenstein nicht entalten, sie etlichemal auf den Mund zu küssen, welche
Gefälligkeit sie beständig erwiderte, endlich aber bat, dass er nunmehro mit in
ihr Zimmer gehen möchte. Er gehorsamte, und sie setzten sich beide in bequeme
Stühle neben den Konfekttisch, da denn die Dame, nachdem sie ihn gebeten, nach
Belieben Konfekt und Wein zu geniessen, also zu reden anfing:
    »Mein Auserwählter! Ich habe Eure Treue und Redlichkeit über die Gebühr
probiert und dieselbe in grösster Vollkommenheit befunden, nunmehro nehme ich mir
auch kein Bedenken mehr, Euch mein ganzes Herz zu offenbaren, meinen Stand
aufrichtig zu entdecken und meine Lebensgeschicht ausführlich zu erzählen. Ich
bin eine geborne Prinzessin aus dem Hause P. und die jüngste unter meinen
Geschwistern. Auf künftigen Dienstag ist mein Geburtstag, da ich in mein 20stes
Jahr trete. Meine Eltern haben mich zwar als ihr jüngstes Kind jederzeit am
allerzärtlichsten geliebt, jedoch auch in der Erziehung ziemlich scharf gehalten
und wenig müssig gehen lassen, wiewohl sie mir auch darbei alle zulässige
Ergötzlichkeiten erlaubt und mich, weil ich mich in allen Stücken selbst sehr zu
moderieren wusste, nicht so strenge traktiert, wie sonst unsere Landsleute ihre
Weiber und Töchter zu traktieren pflegen. Ich war ohngefähr 14 Jahr alt worden,
als ein kaiserlicher Graf an unsern Hof kam, welcher vielleicht mit meinem Herrn
Vater einige Heimlichkeiten zu überlegen haben mochte. Dieser hatte seinen Sohn
bei sich, welches in Wahrheit ein vollkommener artiger Kavalier, nicht allein
von Person und Gesichte, sondern auch von Sitten war. Ich kann nicht leugnen,
dass seine artige und geschickte Aufführung in meinem Herzen eine solche Regung
erweckte, die ich damals noch nicht zu nennen, viel weniger deren Folgerungen zu
erraten wusste; nunmehro aber weiss ich wohl, dass es das Ding ist, welches man die
Liebe nennet. Kurz zu sagen, der artige junge Graf kam mir gar nicht aus den
Gedanken, vielmehr präsentierte sich sein Bildnis stets vor meinen Augen. Ich
merkte zwar bei allen Gelegenheiten, dass er seine Augen jederzeit mehr auf mich
als auf andere Gesichter gerichtet hatte, wünschte auch, dass ich nur dann und
wann einige Minuten im Vertrauen hätte mit ihm sprechen mögen; allein zu meinem
Unglück hatten sich meine beiden ältern Schwestern auch alle beide in den
schönen jungen Grafen von H. verliebt, welches ich sehr zeitig merkte, also
mich, weil ich sozusagen noch ein Kind war, nicht blossgab, sondern zurückhielt.
Wenn ich sah, dass sie sich zwungen und drungen, um ihn zu sein, ging ich
zurücke, und wenn ich hernach hörete, dass sie sich miteinander zankten, wenn er
einer (ihren Gedanken nach) mehr Höflichkeit erwiesen hatte als der andern, so
hatte ich zwar darüber eine innigliche Freude, seufzete aber auch in geheim und
liess mich gegen keine etwas davon merken, dass ich ebensowohl als wie sie beide
in den jungen Grafen verliebt wäre. Es kam die Zeit, dass mein Herr Vater seinen
Geburtstag zelebrierte, derowegen viele hohe und vornehme Standespersonen zu
Gaste lude und ein herrliches Festin gab, sonderlich aber dem alten Grafen von
H. zu Gefallen. Hier fügte es sich von ohngefähr, dass der junge Graf mich, die
eben die nächste bei ihm war, zum Tanze aufforderte. Ich entschuldigte mich mit
lachenden Munde, jedoch auch mit einer etwas nachdenkenswürdigen Miene damit,
wie es nicht Sitte in diesem Lande wäre, dass man die jüngste den ältern vorzöhe,
wollte derowegen bei meinen Schwestern keine Jalousie erwecken, sondern ihn
erstlich an selbige gewiesen haben, hernach bäte mir die Ehre aus, von seiner
Höflichkeit zu profitieren. Er stund, als ob er durch diese meine Worte vom
Donner gerührt wäre, und es war gut, dass eben ein Wachslicht von ohngefähr vom
Wandleuchter herunter und einer Dame in das hinten aufgesteckte Kleid fiel, auch
dasselbe sogleich anzündete, weswegen auf dem ganzen Tanzplatze ein Lärmen
entstunde. Jedoch der Schrecken war bei allen grösser als der Schade, mein junger
Graf aber war unter der Zeit verschwunden, und da bald nach ihm gefragt wurde,
hörete man, dass er sich wegen einer zugestossenen kleinen Unpässlichkeit hätte in
sein Zimmer bringen lassen. Ich sollte es fast merken, dass dieses eine
verstellte Krankheit wäre, und derowegen prognostizierte ich mir daraus etwas
Guts vor meine Liebe. Jedoch weil mir auch bange wurde, dass er sich meinetwegen
im Ernst möchte alteriert haben und krank worden sein, so verging mir aller
Appetit zum Tanzen, ich klagte demnach meiner Mama, dass mir sehr übel wäre, weil
mich das Mägdgen zu feste geschniert, ging derowegen mit ihrer Erlaubnis zu
Bette, konnte aber fast die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich immer besorgte,
der artige Graf könnte doch wohl würklich krank worden sein. Demnach seufzete
ich fast beständig und warf mich im Bette herum, da aber auch bei Anbruch des
Tages noch kein Schlaf in meine Augen kommen wollte, sagte meine Wächterin (eben
diese Frau, welche uns heute bei Tische bedienet hat und deren Brust ich
gesogen, die auch seit der Zeit beständig sozusagen meine Hofmeistern geblieben
ist): Kind! sagt mir, was fehlt Euch! Ich weiss es selbst nicht, war meine
Antwort. Eröffnet mir, redete sie weiter fort, was Euch ängstiget, vielleicht
kann ich Euch Rat schaffen. Ach! sagte ich, krank bin ich, aber ich kenne meine
Krankheit nicht. Sie lachte über meine Reden und sprach: Den neuen Mond habt Ihr
nunmehro dreimal ritterlich überwunden, und zwar erstlich noch vor wenig Tagen,
allein ich sterbe darauf, Ihr seid verliebt, sagt mir nur, wen Ihr liebt, ich
will Euch Hülfe schaffen. Weil ich nun wusste, dass Olympia (so heisset diese meine
Amme) mich so sehr liebte als ihre Seele, nahm ich mir kein Bedenken, ihr mein
Herze zu offenbaren. Ist das nicht ein Wunder! sagte hierauf Olympia, warum
könnet Ihr doch nur so heimlich sein. Sorget vor nichts, denn wenn Eure beiden
Schwestern alle ihre Schönheit zusammenspielen und noch zehnmal mehr darzu
borgen oder kaufen, so kommen sie der Eurigen doch nicht bei. Lasset mich
sorgen, ich habe längst gemerkt, dass der junge Graf Euch weit höher als sie
beide schätzet, nur Euer allzu stilles Wesen hat ihn abgeschreckt, Euch eine
Liebeserklärung zu tun, zumalen da er auch fast nicht die geringste Gelegenheit
darzu gehabt. Schlaft nur, schlaft ein wenig und lasset mich sorgen.
    Es waren diese Reden sehr tröstlich vor mich, weswegen ich auch würklich
einschlief und etliche Stunden sehr wohl ruhete. Da ich aber gegen Mittag kaum
aufgewacht war, sagte meine Amme: Sehet! nicht allein ich, sondern der Himmel
selbst sorget vor Euer Vergnügen, denn da ich auf der Galerie herum
spazierengehe und Grillen mache, wie ich es klug genug anfangen will, an den
jungen Grafen zu kommen, welcher mir, wie ich nicht leugnen kann, bishero schon
verschiedene vortreffliche Présente gemacht hat, kömmt dessen Bedienter, bringt
mir einen Beutel nebst zwölf Zechinen mit inständigster Bitte, Euch, mein Kind!
im Namen seines Herrn diesen Brief einzuliefern.«
    Unter diesen Reden stund die Dame auf, langete aus ihrem Chatoull einen
Brief und reichte ihn Elbensteinen, welcher denselben also gesetzt befand:
                           Allerschönste Prinzessin.
Ew. Durchl. gestrige Reden haben mein Gemüt auf der Stelle in eine solche
schmerzensvolle Betrübnis gesetzt, dass ich eine andere Unpässlichkeit simulieren
musste, um nur von andern vergnügten Personen hinwegzukommen. Da ich aber noch,
ehe ich mich zur Ruhe gelegt hatte, erfuhr, dass Ew. Durchl. einer plötzlich
zugestossenen Maladie wegen sich in Dero Appartement begeben hätten, wusste ich
mich vollends nicht zu fassen. Die ganze Nacht hindurch ist kein Schlaf in meine
Augen gekommen, sondern ich habe beständig den Himmel um die Wiederherstellung
Dero höchstkostbarn Gesundheit angeflehet. Ach! darf denn Dero Knecht eine
untertänigste Anfrage tun, ob es heute besser mit Ihnen ist, und wollen
Dieselben meiner Freimütigkeit Pardon geben, da ich mich nicht getraue zu sagen,
wo selbige herrühret. Sie sind viel zu leutselig, Durchl. Prinzessin, als dass
Sie mich dieser Kühnheit wegen zum Tode verurteilen sollten, ist aber seiten
meiner dennoch ein Verbrechen vorgegangen, so bittet, dass er kniend Vergebung
suchen darf,
                               Durchl. Prinzessin
                                                              Dero getreuster H.
Als Elbenstein der Dame den Brief mit einem höflichen Kompliment wieder
zurückgegeben, fuhr selbige in Erzählung ihrer Geschichte also fort:
    »Der Inhalt des Briefs war mir, wie ich nicht leugnen kann, sehr angenehm,
allein sobald ich ihn gelesen, schrie ich: Olympia! Ihr wollet mich zu einer
Närrin machen! Nimmermehr hat der junge Graf diesen Brief geschrieben, sondern
Ihr habt denselben durch jemand anders schreiben lassen, um mir eine blaue Dunst
vor die Augen und mich nur wieder gesund zu machen. Da aber Olympia so gar teure
Schwüre tat, dergleichen ich noch niemals von ihr gehöret, gab ich ihr endlich
Glauben, überlas den Brief noch etlichemal, musste aber denselben plötzlich unter
das Bette stecken, weiln meine Frau Mutter mich zu besuchen ankam. Es geriete
mir zum besondern Vergnügen, dass sie sich dieses Mal nicht gar lange bei mir
aufhielt, sondern nur erinnerte, dass ich im Bette bleiben, mich fein warm halten
und fleissig Arzenei gebrauchen sollte, der Olympia aber zu verstehen gab, dass
sie sich auf ihre gute Vorsorge verliesse.
    Meine Frau Mutter war kaum zur Tür hinaus, als Olympia sagte: Ja, mein Kind!
wenn wir nur den rechten Doktor herbitten dürften, allein, wollet Ihr denn dem
schönen Grafen nicht mit ein paar Zeilen antworten? Ich stund lange bei mir an,
ob ich es auf den ersten Brief schriftlich tun wollte oder nicht, doch endlich,
weil mir Olympia gar zu beweglich zuredete, machte ich mich aus dem Bette und
schrieb folgende Zeilen:«
    Dieses Konzept langete sie auch aus dem Chatoull und gab es Elbensteinen zu
lesen. Es lautet also:
                               Werter Herr Graf!
Ich bedaure sehr, dass ich eine Ursächerin Ihrer schmerzlichen Betrübnis und der
daraus entstandenen Unpässlichkeit sein oder wenigstens so heissen soll. Da ich
aber viel zu gewissenhaft, jemanden unruhig zu machen, so bedaure von Herzen,
dass Sie nicht ruhig schlafen können. Vielleicht sind's andere Ursachen, als die
Sie angeführet haben. Inmittelst bin sehr verbunden vor Dero gütiges Mitleid,
welches Sie mit meiner Schwachheit gehabt, wünsche Ihnen baldige vollkommene
Besserung, mit mir ist es jetzo ziemlich leidlich. Dero Zuschrift ist mir nicht
unangenehm gewesen, die letztern Zeilen darinnen aber sind so stilisiert, dass
ich nicht wohl darauf zu antworten weiss. Immittelst werde jederzeit sein,
                               werter Herr Graf,
                        Dero
                                                                  gute Freundin.
»Olympia las dieses Antwortschreiben durch und sagte darauf: Da ist wenig Zucker
drinnen. Ich bin keine Zuckerkrämerin, war meine Antwort, soll es besser sein,
so schreibt es selbst, aber nicht in meinem Namen. Hiermit legte ich mich wieder
ins Bette und schlief, in Wahrheit, noch ganzer drei Stunden hintereinander weg.
Unter der Zeit hatte Olympia dem Bedienten des jungen Grafens meinen Brief
zugestellet, welchen dieser letztere mit ungemeinen Vergnügen empfangen und
unzähligemal geküsset, wie er mir solches nachhero selbst erzählet hat. Er ging
zwei Tage hernach schon wieder aus, ich aber befand mich im Ernste dergestalt
matt, dass ich es noch nicht wagen durfte, mich aus meinem Zimmer zu begeben,
brachte auch die meiste Zeit auf dem Bette zu, und was das schlimmste war, so
kam des Nachts fast gar kein Schlaf in meine Augen. Da ich aber einstens um die
Mitternachtszeit kaum eine Stunde etwas fest geschlafen, hatte mittlerweile
Olympia den Hazard begangen und den jungen Grafen in mein Zimmer praktiziert,
welcher, da ich mich ermunterte, vor meinem Bette niederkniete u. mit
herzbrechenden Worten seiner Kühnheit wegen um Pardon bat, worzu ihn, wie er
vorgab, nichts anders als die heftige Liebe verleitet hätte.
    Ich wäre vor Schrecken des Todes gewesen, wenn nicht Olympia mir zum Füssen
auf dem Bette gesessen hätte. Anfänglich wusste ich nicht, was ich antworten
sollte; da aber der Graf in solcher Positur liegenblieb und mir einmal über das
andere die Hand küssete, welches ich vor Verwirrung fast erstlich nicht gewahr
worden, gab ich ihm eine Reprimende, welche doch weit stärker gewesen wäre, wenn
ich ihn nicht so heftig geliebt hätte. Endlich bat ich ihn aufzustehen und sich
auf den bei meinem Bette stehenden Sessel neben mich niederzulassen. Wir redeten
erstlich von gleichgültigen Dingen, sobald aber der Graf merkte, dass Olympia,
die sich nachhero in einen Schlafstuhl gesetzt, etwas eingeschlummert war,
fassete er sich ein Herze, mit den schmeichelhaftesten Worten mir seine gegen
mich tragende heftige Liebe zu entdecken. Anfänglich wollte ich zwar von dem
Affekt der Liebe weder wissen noch hören, allein er wusste mir denselben
dergestalt annehmlich einzuflössen, dass ich endlich versprach, ihn nicht allein
ewig zu lieben, sondern auch, wenn es mit Bewilligung meiner Eltern geschehen
könnte, mich mit ihm zu vermählen. Hierbei erlaubte ich ihm auch meinen Mund und
Brust zu küssen und kann versichern, dass er, ausser meinen Blutsfreunden, die
erste Mannesperson gewesen, die mich geküsset hat. Wir schwuren also bei dieser
ersten nächtlichen Zusammenkunft einander ewig feste Treue, beredeten uns aber
auch, unser Verbündnis noch eine Zeitlang verborgen zu halten, bis wir sähen,
was die künftigen Zeiten mit sich brächten. Wir haben nachhero manche schöne
Nacht miteinander zugebracht und öfters die schönste Gelegenheit gehabt, uns
vollkommen zu vergnügen, allein es ist bei den blossen Küssen geblieben und
weiter nichts vorgegangen, denn wir liebten einander recht von Herzen,
befürchteten derowegen, wenn wir unsern Affekten den vollen Zügel schiessen
liessen, üble Folgerungen, wollten also lieber warten, bis wir Recht und Macht
darzu hätten.
    Mittlerweile, ob wir gleich täglich miteinander in Gesellschaft waren,
konnte doch niemand leichtlich merken, dass wir einander so stark liebten, und
obgleich der junge Graf mich so wie ich ihn mit aller ersinnlichen Höflichkeit
begegnete, so gedachte doch niemand daran, dass die Liebe darunter verborgen
wäre. Meine älteste Schwester hingegen konnte ihre Flammen ohnmöglich verbergen,
sondern gab sich gewaltig bloss, dass der junge Graf das einzige Ziel ihrer
Begierden wäre. Bald hernach besuchte der alte Graf eines Morgens seinen Sohn in
dessen Zimmer und eröffnet ihm, wie er mit meinem Herrn Vater verabredet habe,
zwischen ihm, dem jungen Grafen, und meiner ältesten Schwester eine Heirat zu
stiften. Der junge Graf erschrickt und wird so blass als eine Leiche, kann auch
kein Wort antworten, weswegen ihm sein Herr Vater freundlich zuredet und um die
Ursache seiner Verwirrung fragt. Dieser fasset sich ein Herze und bekennet
freimütig, dass es die älteste Prinzessin nicht wäre, welche er vollkommen lieben
könnte, mit der jüngsten aber versicherte er sich die allervergnügteste Ehe auf
der Welt zu führen, glaubte auch gewiss, dass ihm dieselbe ihr Herz nicht versagen
würde. Sein Herr Vater redet ihm zu und preiset die starken Vorzüge, welche die
älteste in diesen und jenen Stücken vor den beiden jüngern Schwestern hätte,
allein da der junge Graf auf seinem Sinne blieb und sagte, dass er die jüngste
lieber mit einem schlechten Rittergute als die älteste mit einem ganzen
Fürstentume haben möchte, spricht sein Herr Vater: Es ist gut und mir
gleichviel, ich will sehen, was ich bei dem Fürsten ausrichten kann, ob er Euch
die jüngste vor der ältesten geben will, glaube aber schwerlich, dass er dahin zu
disponieren sein wird, unterdessen aber möchte ich wegen unsers Kaisers
Interesse gar zu gern mit diesem fürstl. Hause nahe verwandt sein.
    Hiermit geht der alte Graf wieder fort und recta zu meinem Herrn Vater,
welchem er die ganze Sache ohnfehlbar vorgetragen haben mag, was sie aber
miteinander gesprochen, weiss icht nicht, sondern bemerkte nur mittags bei der
Tafel, dass mein Herr Vater, Frau Mutter, meine ältesten Schwestern, der alte und
junge Graf insgesamt nicht wohl aufgeräumt waren, absonderlich bekam ich von
meiner ältesten Schwester zum öftern solche Mienen, als ob sie mich zu ermorden
gesonnen sei.
    Meine mittelste Schwester und ich, welche von der ganzen Intrigue ganz und
gar nichts wussten, führeten uns zwar eben nicht allzu stille auf, brauchten aber
doch bei der Freimütigkeit einige Behutsamkeit, um unsern Eltern nicht missfällig
zu werden.
    Nach der Tafel gab mir meine Frau Mutter einen Wink, ihr in ihr Zimmer zu
folgen, da sie mich denn folgendermassen anredete: Ihr wisset, dass Ihr mein
liebstes Kind seid, sonderlich Eurer Aufrichtigkeit wegen, darum wollet Ihr in
diesem Kredite bleiben, so bekennet mir jetzo die Wahrheit frei und offenherzig
und sagt mir: Habt Ihr Euch mit dem jungen Grafen von H. in ein
Liebesverständnis eingelassen? Ich kann nicht leugnen, war meine freimütige
Antwort, dass er mir zu verschiedenen Malen beim Spazierengehen im Garten oder
auch sonsten bei Lustbarkeiten, wenn wir etwa allein an einem Fenster gestanden
oder sonsten von niemanden behorcht werden können, seine Liebe angetragen,
jedoch allezeit auf eine honette und redliche Art. Worauf ich ihm endlich,
nachdem er viele süsse Worte verschwendet, zur Antwort gegeben, dass ich an seiner
Person, Stande und Wesen nichts auszusetzen hätte und wohl wünschen möchte, mit
ihm vermählt zu werden, allein da ich noch unter der Gewalt meiner durchl.
Eltern stünde, müsste ich alles deren Disposition anheimstellen.
    So liebt Ihr doch den jungen Grafen im Ernst? fragte meine Mutter weiter.
Ich kann es nicht leugnen, war meine Antwort, dass ich ihn liebe, denn er ist's
wert, und wenn ich ja heiraten sollte, wollte ich mir diesen erwählen oder gar
keinen. Es ist gut, sagte meine Mutter, geht nur in Euer Zimmer. Sie sah zwar
eben nicht zornig aus, jedoch merkte ich, dass ihr der Kopf nicht recht stund,
weswegen ich mich alsobald in mein Zimmer retirierte, auch abends nicht zur
Tafel kam, doch hatte ich das Vergnügen, dass mir der junge Graf abermals um
Mitternachtszeit von der Olympia zugeführet wurde.
    Wir hielten alle drei geheimbden Rat, bis fast der Tag angebrochen, kamen
aber zu keinem andern Schlusse, als erstlich mit Gelassenheit abzuwarten, was
weiter passieren würde. Hierauf retirierte sich der junge Graf, ich aber legte
mich zur Ruhe, hatte jedoch kaum zwei Stunden geschlafen, als meine Frau Mutter
melden liess, wie mein Herr Vater den beiden Grafen zu Gefallen eine Lustbarkeit
und Fischerei auf dem einen unserer Landgüter angestellet, worbei sowohl sie als
meine Schwestern und ich auch gegenwärtig sein sollten, derowegen möchte ich
mich eiligst ankleiden, damit ich nebst der Olympia in ihren Wagen mitfahren
könnte. Ich zauete mich, sosehr ich konnte, und traf, als ich mich zu meiner
Frau Mutter in den Wagen setzen wollte, die Mannespersonen alle zu Pferde, meine
beiden Schwestern aber mit ihren Kammerfräuleins bereits in einen andern Wagen
sitzend an. Unser Wagen fuhr voraus, da wir aber kaum eine Stunde gekutscht
hatten, stiess meiner Frau Mutter eine kleine Übligkeit zu, welches sie meinem
Herrn Vater melden und darbei um Erlaubnis bitten liess, in das etwa einen
Steinwurf weit von der Strasse gelegene Kloster zu fahren, um sich von der
Äbtissin daselbst, welches unsere gute Freundin war, etwas Arzenei eingeben zu
lassen, sie hoffte darbei die Gesellschaft noch zu rechter Zeit einzuholen.
    Mein Herr Vater kam selbst an den Wagen geritten und bat, keinen Augenblick
zu versäumen, um das Kloster zu erreichen, damit wir, wenn es sich gebessert,
noch vor der Mittagsmahlzeit auf dem Lustschlosse eintreffen könnten. Wir fuhren
also aufs allerschnelleste nach dem Kloster zu, allwo wir von der Äbtissin aufs
allerfreundlichste bewillkommnet wurden, welche auch, da sie vernahmen, dass
meiner Frau Mutter nicht wohl wäre, derselben sogleich Arzenei eingab und
derselben riet, sich wenigstens eine halbe Stunde auf ein Faulbette
niederzulegen, da denn ihre Kammerfrau und eine alte Nonne bei ihr blieben, ich
aber und die Olympia wurden in ein besonderes Zimmer geführet und aufs
herrlichste bewirtet. Der Zufall meiner Mutter verschlimmerte sich ihrem
Vorgeben nach, und als ich nach der Mittagsmahlzeit sie besuchte, sprach
dieselbe zu mir: Mein Kind! ich befinde mich nicht im Stande, den Lustbarkeiten
mit beizuwohnen, wollet Ihr nun mit der Olympia dahin fahren oder lieber bei mir
bleiben? Die kindliche Liebe reizte mich also zu der Erklärung, dass ich
schlechte Lust haben würde, wenn ich sie krank zurückliesse, wollte derowegen
alle Lust gern entbehren und bei ihr verbleiben. Nun, sagte sie, so macht Euch
denn heute ein Vergnügen mit den schönen Nonnen in diesem vortrefflichen
Kloster, es wird ja, ehe es Morgen wird, besser mit mir werden, denn ich merke,
es ist einer von meinen gewöhnlichen Zufällen, welche von keiner langen Dauer
sein. Weiln sich nun meine Frau Mutter etwas schläfrig stellete, wollte ich ihr
nicht hinderlich sein, sonder folgte vielmehr ihrem Rate und begab mich zu den
Nonnen, welche mir allerhand abwechselndes Vergnügen mit Musik, allerlei
Lustspieln und Spazierengehen im Garten machten, so dass mir dieser Tag
ohnvermerkt unter den Händen wegging und ich abends, da ich meine Frau Mutter
noch erstlich besuchen wollte, erfahren musste, dass sie bereits eingeschlafen und
hätte sich den Abend fast vollkommen frisch und gesund befunden.
    Ich legte mich also auch zur Ruhe, frühmorgens aber, da ich erwachte,
reichte mir Olympia ein versiegeltes Billett, welches meine Frau Mutter durch
eine Nonne an mich geschickt, dessen tröstlichen Inhalt ich also gesetzt befand:
                              Mein liebstes Kind!
Ihr habt Euch ein wenig allzufrüh von der Liebe überwunden lassen, welches Ew.
Durchl. Herrn Vater und mich selbst nicht wenig vedriesslich gemacht. Derowegen
haben wir vors ratsamste zu sein erachtet, Euch an diesen verwahrten Ort unter
die Aufsicht unserer werten Freundin, der Äbtissin, zu bringen. Ihr werdet auch
nicht von dannen herauskommen, bis Eure beiden ältern Schwestern verheiratet
sein. Not werdet Ihr nicht leiden, sondern standesmässig traktieret werden, auch
solche angenehme Divertissements zu geniessen haben, worbei Ihr die Liebes- und
Heiratsgedanken vielleicht vergessen könnet. Ich bitte von nun an den Himmel,
dass er Euch andere Gedanken und die Lust einflössen möge, Eure ganze Lebenszeit
in diesem schönen Kloster zuzubringen, weil darinnen weit vortrefflicher
Vergnügen zu finden als ausserhalb desselben in der wollüstigen Welt. Dem
Fleische wird es zwar anfänglich etwas sauer ankommen, nachgerade aber werdet
Ihr den würklichen Vorschmack der himmlischen Ergötzlichkeiten darinnen finden.
Ich bin heute früh mit anbrechenden Tage, gottlob! gesund von hier ab- und nach
Hause gereiset, werde Euch aber mit nächsten wieder besuchen. In sicherer
Hoffnung, dass Ihr Euch als eine gehorsame Tochter dem Willen Eurer Eltern ohne
Murren unterwerfen werdet, beharre
                                      Eure
                                                       jederzeit getreue Mutter.
Ich kann nicht leugnen, dass mich das Verfahren und der listig gespielte Streich
von meiner Frau Mutter dergestalt heftig verdross, dass ich in die Lippen biss und
das Blatt in meinen Händen zu einer Kugel machte. Olympia, welche sowenig als
ich an dergleichen Händel gedacht hatte, erschrak recht über mein Beginnen und
sagte: Behüte Gott, Kind! Was heisst das? Was heisst's? gab ich zur Antwort, wir
sind alle beide Gefangene, meine Schwestern sollen alle beide Männer haben, ich
aber eine Nonne werden, da mir doch nimmermehr sonderlich durch Zwang
Nonnenfleisch wachsen soll. Olympia wurde ebenfalls bestürzt, zumalen da ihr das
Hofleben, ohngeacht sie meine Mutter sein können, dennoch weit anständiger war
als das Klosterleben. Ich gab ihr den Brief zu lesen, worauf sie zu mir sprach:
Wenn man uns so listigerweise hintergehen will, müssen wir auf eine Gegenlist
bedacht sein, lasset mich nur machen, mein Kind, was ich will, und folget in
allen Stücken meinem Rate. Vor allen Dingen müsst Ihr Euch anstellen, als ob
Euch nichts angenehmer auf der Welt wäre als das Klosterleben, damit wir nur
desto mehr Freiheit behalten und in Zukunft erlangen. Mittlerweile will ich
schon Gelegenheit finden, dem jungen Grafen Briefe zuzubringen, und wenn kein
ander Mittel helfen will, so soll er uns alle beide entführen. Was würde, war
meine Gegenrede, dem jungen Grafen mit einer Prinzessin ohne das geringste
Heiratsgut gedienet sein? Vors erste, replizierte Olympia, bin ich versichert,
dass der junge Graf aus allzu heftiger Liebe bloss auf Eure Person sieht, und
vors andere, wenn wir erstlich in Sicherheit gebracht sind, werden sich Eure
Eltern schon zum Ziele legen müssen.
    Auf diese Reden blieb ich etwas in Gedanken vertieft, liess mich aber
ankleiden, und da solches kaum geschehen, liess sich die Äbtissin bei mir melden.
Ich liess zurücksagen, dass mir ihre Visite sehr angenehm sein würde, nahm auch
unterdessen auf Einraten der Olympia eine recht fröhliche Miene an und empfing
die Äbtissin wider ihr Vermuten auf eine recht lustige Art. Sie trunk mit mir
Tee und konnte nicht lange hinter dem Berge halten, sondern fragte bald, was mir
meine Frau Mutter zugeschrieben. Ich gab ihr ganz freimütig zur Antwort: Dieses,
dass sie, meine durchl. Eltern, mich zum Klosterleben bestimmt haben. Hiermit tun
sie mir nicht den geringsten Tort, weil ich von Jugend auf in meinem Herzen weit
stärkeren Appetit zum Klosterleben als zum Heiraten verspüret. Nur dieses ist
mir einigermassen empfindlich gewesen, dass sie mich listigerweise hereingebracht,
jedoch es ist schon vergessen und vergeben, denn es sind meine Eltern. Leugnen
kann ich nicht, dass der junge Graf von H. mein Herz gewaltig bestürmet, ihn zu
lieben, muss auch gestehen, dass ich ihn sehr gewogen bin, jedoch weil meine
durchl. Eltern eine eheliche Verbindung mit ihm nicht vor genehm halten, kann
ich mir seine Person und alle Liebesgedanken ohne besondern Kummer aus dem Sinne
schlagen. Ich glaube, er wird es auch mit leichter Mühe tun, weil wir sehr
wenige und kurze Zeit miteinander umgegangen sind, zumalen wenn er mich nicht
mehr sieht. Die Äbtissin erstaunete über meine Gelassenheit, indem sie sich
vorhero eingebildet, dass sie mich in grösster Verwirrung antreffen würde.
Derowegen lobte sie meinen Vorsatz, in Meinung, dass sie mit der Zeit eine der
vollkommensten Nonnen aus mir ziehen würde. Ich wurde aufs propreste traktiert
und bedient, hatte auch in Wahrheit fast vergnügtern Zeitvertreib als an unserm
Hofe, bei welchem, wenn keine Frembde da waren, alles ganz stille zuginge.
Unterdessen, ob ich meine Affekten gleich ungemein verbergen konnte, merkte ich
dennoch bei mir selbst, dass ich den jungen Grafen, da ich das Glück nicht mehr
hatte, ihn zu sehen, nunmehro erstlich recht vollkommen liebte. Olympia hatte,
ehe fünf oder sechs Tage vergingen, des Klostergärtners Frau vermittelst einiger
kleinen Geschenke schon vollkommen auf ihre Seite gebracht, also beredete sie
mich, dass ich folgenden Brief an den jungen Grafen aufsetzte:
                              Mein liebster Graf!
Das Verhängnis hat nicht gewollt, dass unsere Liebe und geschworne Treue zur
Vollkommenheit gedeihen sollen, derowegen hat es mich als eine Gefangene
zwischen die Klostermauren geführet, ob ich nun gleich eben noch keinen
besondern Appetit zu dieser Lebensart bei mir verspüre, so sehe mich doch
gezwungen, dem Verhängnisse stillezuhalten. Vielleicht gibt mir der Himmel in
Zukunft andere Gedanken ein, dass mir die Einsamkeit etwas süsser vorkömmt. Ihnen
hergegen wünsche ich alles vollkommene Vergnügen und glaube, dass Sie selbiges
bei einer von meinen Schwestern schon finden werden, weil das Glück mir
abgünstig ist, Ihnen zuteil zu werden, da ich mir doch schon im Geiste
vorgebildet, bei Ihnen und Ihrer Gesellschaft ein Himmelreich auf Erden zu
finden. Es stehet Ihnen frei, fernerweit an mich zu gedenken oder mich gänzlich
zu vergessen, ich aber werde dennoch Ihre liebste Person sehr öfters in Gedanken
küssen, mein unglückliches Schicksal in der Stille beklagen und auch in der
Einsamkeit verbleiben,
                              mein liebster Graf,
                                      Dero
                                                               getreue Freundin.
Olympia approbierte dieses Schreiben, hatte aber wider mein Wissen noch eins von
ihrer Hand beigelegt, dessen Inhalt ich nicht ausführlich weiss, es würde auch
nur viel zu weitläuftig fallen, alle Umstände zu erzählen, derowegen will mich
der Kürze befleissigen. Mein Herr Vater bleibt ganzer acht Tage mit seinen Gästen
und meinen Schwestern auf dem Lustschlosse, allwo sie sich bald mit Jagen, bald
mit Fischereien, bald auf andere Art die Zeit passieren. Meine Frau Mutter aber
schickt einen Expressen dahin und lässet melden, dass zwar sie vor ihre Person
von der zugestossenen Maladie wieder genesen, hergegen hätte ich einen desto
gefährlichern Zufall bekommen, so dass sie einen Medicum holen und mich unter der
Aufsicht der Äbtissin im Kloster zurücklassen müssen. Sie aber hätte sich, um in
der Nähe zu sein, wieder auf die gewöhnliche Residenz begeben. Der junge Graf
glaubt dieses und ist meiner Maladie wegen sehr bekümmert, noch selbigen Abends
aber, da er mit den Meinigen in unserem Residenzschlosse eingetroffen, werden
ihm durch die listige Klostergärtnerin meine und Olympiens Briefe
zupraktizieret, welcher er zu warten befehlen lässt und noch selbige Nacht
folgende Antwortszeilen an mich zurücke schreibt:
                          Durchlauchtigste Prinzessin,
                         allerangenehmste Beherrscherin
                                meines Herzens!
Die erste Nachricht, dass Dieselben im Kloster von einer neuen Unpässlichkeit
überfallen worden, hat in meiner Brust eine solche schmerzliche Bangigkeit
erweckt, dass ich fast nicht zu bleiben gewusst, mitin an den angestelleten
Lustbarkeiten den allergeringsten Teil nehmen können. In was vor jämmerliche
Bestürzung ich aber vollends durch Ew. Durchl. an mich abgelassenes Schreiben
gesetzt worden, kann kein Mensch begreifen als ein solcher, der einsmals so
heftig geliebt hat, als ich Sie, meine Göttin, liebe. Nimmermehr ist es ein
himmlisches Geschicke zu nennen, dass Dero allerschönster Körper in den
Klostermauren eingeschlossen sein soll, sondern das ganze Werk ist vom Neide und
Missgunst angesponnen worden. Dero Durchl. Eltern wollen mir von ihren
Prinzessinnen keine andere als die älteste geben, allein ob ich gleich an
derselben Schönheit nichts auszusetzen habe, so bemerke doch, dass ihre
Gemütsbeschaffenheit mit der meinigen nicht übereinstimmet. Demnach wäre keine
gewissere Folgerung zu hoffen als eine unvergnügte Ehe. Sind aber Ew. Durchl.
annoch gesonnen, mir, Dero getreusten Knechte, das getane Versprechen zu halten,
so ist zu unserer Vereinigung kein anderes Mittel mehr übrig, als dass ich
Anstalten mache, Dieselben aus dem Kloster zu entführen. Es wird der Frau
Olympia an guten Einschlägen nicht ermangeln, und meine Veranstaltungen sollen
auch schon so eingerichtet werden, dass an einem glücklichen Ausgange der Sache
nichts fehlet. Sind wir nur einmal auf kaiserlichen Grunde und Boden, so wird
unsere Sache bald gut gemacht werden, weiln mein Herr Vater bei Ihro kaiserl.
Maj. in besondern Gnaden stehet, mitin Dero Durchl. Eltern unsers vermeintlich
begangenen Verbrechens halber gar leichtlich können ausgesöhnet werden. Ew.
Durchl. bitte aus untertänigst-getreuster Liebe, sich die Sache nicht zu schwer
vorzustellen, sondern, wenn Dieselben mein Ihnen einzig und allein gewidmetes
Leben erhalten wollen, diesen Vorschlag einzugehen und mir je ehr je lieber
Zeit, Ort und Gelegenheit zu bestimmen, da ich denn unter dem Vorwande, mit
Erlaubnis meines Herrn Vaters eine Reise nach Vicenza zu tun, nachhero binnen
wenig Tagen dieses Dessein mit Beihülfe des Himmels glücklich auszuführen
verhoffe, Dero überirdische Person in Freiheit und Sicherheit zu bringen, denn
ich sonsten ohne Dieselbe als der allerunglückseligste und allerunvergnügteste
Mensch leben müsste, wenn nicht der barmherzige Himmel mich durch einen baldigen
Tod von der Welt abforderte. Ich wünsche, dass die Liebe bei Ihnen einen
Vorspruch meinetwegen tun möge, und beharre bis ins Grab
                        Ew. Durchlaucht
                        meiner himmlischen Prinzessin
                        ewig getreuer
                                                                              H.
Ich war schwer an diese Sache zu bringen, jedoch weil nicht nur Olympia mir
alles ganz leicht machte, sondern auch die grosse Liebe, die ich gegen den Grafen
trug, mich anreizte, meine Person ihm in die Hände zu spielen, als ward
vermittelst noch fernern Briefwechsels die Sache dergestalt eingerichtet, dass
der junge Graf mit einer zugemachten Chaise und guter Begleitung in einer darzu
bestimmten Nacht ausserhalb der Klostermauren, die gegen Abend stossen, ankommen
und sowohl mich als die Olympia hinwegholen sollte. Der Ausgang war uns sehr
leicht, denn Olympia hatte die Schlüssel zu den grossen eisernen Gartentüren
durch den Gärtner in Wachs abdrücken und also Nachschlüssel verfertigen lassen.
Wir kamen also eine Stunde nach Mitternacht glücklich hinaus, der Gärtner schloss
hinter uns wieder zu, und wir trafen den jungen Grafen mit fünf andern Personen
und einem Wagen an, in welchen er mich nebst Olympien hub und schnell fortfahren
liess, er aber und seine Gefährten begleiteten den Wagen zu Pferde.«
    Bis hier war die schöne Fürstin in ihrer Erzählung gekommen, als in dem
Nebenzimmer das gewöhnliche Zeichen gegeben wurde, dass die Abendtafel
zugerichtet wäre, weswegen sie Elbensteinen umarmete und küssete, ihn hernach
bei der Hand nahm und zur Tafel führete. Die zwei Stunden über, so sie bei
derselben zubrachten, wurde von lauter indifferenten Dingen diskuriert,
nachhero, als die Tafel aufgehoben und sie noch etliche Gläser Wein miteinander
getrunken hatten, sagte die Fürstin: »Ich befinde mich ganz schläfrig, werde
mich also zur Ruhe begeben und Euch, mein Herr, dieselbe auch gönnen; Ihr werdet
demnach in den angewiesenen Zimmern Eure Bequemlichkeit zu gebrauchen belieben,
auch könnet Ihr Euch inwendig verriegeln, damit Ihr von niemanden gestöret
werdet, morgen früh sprechen wir einander weiter, da ich Euch dann die
angefangene Historie vollends auserzählen will.« Hiermit machte sie ein
Kompliment und wünschte ihm eine gute Nacht. Elbenstein küssete ihr, weil
Olympia darbei stund, bloss allein die Hand, wünschte gleichfalls angenehme Ruh
und ging ganz bestürzt zurück, denn er wunderte sich ungemein, dass sie ihn nicht
zu einem nächtlichen Zeitvertreibe eingeladen hatte, endlich aber gedachte er
bei sich selbst: Sie ist entweder im Ernst schläfrig, oder sie will dir, weil du
keine Mittagsruh gehalten, einmal eine ruhige Nacht gönnen, damit du die
folgende desto besser wachen kannst, denn es ist ja unmöglich, dass sie so
plötzlich kann auf dich erzürnt worden sein, da du mit keiner Miene Gelegenheit
darzu gegeben. Jedoch, gedachte er weiter, vielleicht ist sie gesonnen, mir von
selbst eine Nachtvisite zu geben, allein was hatten denn solchergestalt die
Worte zu bedeuten: »Ihr könnet Euch inwendig verriegeln, dass Ihr von niemanden
gestöret werdet.«
    Er sonne demnach in seinem Zimmer noch eine gute Zeit hin und her, endlich
aber trunk er noch einige Gläser Wein, klingelte den Stummen, dass sie ihn
auskleiden hülfen, ging hernach in das Schlafzimmer und legte sich zur Ruhe. Ob
er nun gleich die Tür, so in der Dame Zimmer ging, inwendig seinerseits nicht
verriegelte, so hörete er doch im Niederlegen, dass dieselbe auf der andern Seite
entweder von der Olympia oder von der Fürstin selbst verriegelt, er aber in der
Meinung gestärkt wurde, dass diese letztere würklich Lust hätte, ruhig zu
schlafen; also legte er sich auf die Seite mit dem Gesichte nach der Wand zu,
hinter welcher seiner Schönen Bette stund, und fing allmählig an
einzuschlummern. Allein er hatte kaum eine Viertelstunde gelegen, da es ihm
vorkam, als ob hinter den Tapeten an der Wand etwas schnell hinauf in die Höhe
führe, derowegen fuhr er auch im Bette auf. Indem eröffneten sich die Tapeten,
und er sah mit Verwunderung, wie die Dame aus ihrem Bette in das seinige
getreten kam, sich sogleich an seine Seite legte, ihn in die Arme nahm und
sagte: »Nein, mein Engel! so haben wir nicht gewettet, ich wollte dich nur
probieren und einen kleinen Spass machen, ein paar Stündgen musst du mir noch die
Zeit passieren, hernach kannst du morgen schlafen, so lange als dir beliebet.
Allein ist dieses nicht eine herrliche Invention vor ein paar Verliebte, ich
habe heute den Anfang gemacht, morgende Nacht aber musst du hinüber in mein Bette
kommen, und also wollen wir wechseln, so lange wir beisammen sind, damit keinen
unter uns beiden zuviel geschicht.«
    Elbenstein eröffnete ihr die klare Wahrheit, wie er nehmlich ganz verwirrt
worden, da sie ihn so plötzlich dimittiert, und hätte er besorgt, es wäre eine
Unpässlichkeit daran schuld oder sie hätte vielleicht gar, ohngeacht er sich
nicht entsinnen können, einen wichtigen Fehler begangen zu haben, eine Ungnade
auf ihn geworfen, weswegen ihm recht bange gewesen, so dass er dieserwegen noch
eine gute Zeit offen geblieben wäre und allerhand Grillen gemacht hätte. Die
Dame lachte hierüber, bat ihn um Verzeihung und kontestierte hoch und teuer, dass
ihre Intention bloss allein gewesen wäre, einen Spass zu machen. Nachhero aber
gerieten sie auf ganz andere Gespräche, und diese Konferenz, welche nur ein paar
Stündgen währen sollte, daurete, bis der helle Tag anbrach, da denn dieser
Nachtgeist wieder zurück in ihr Bette ging und die Falltür, welche recht
künstlich in der Wand eingefasset war, wieder herunterliess; Elbenstein aber
verfiel sogleich in einen süssen Schlaf und verharrete darinnen bis gegen Mittag,
da er aufstund und sein rotes Kleid anlegete, sich nach getrunkener Schokolade
recht wohl befand und in seinem Zimmer abwartete, bis ihn die Fürstin zur Tafel
abrufen liess. Sie sah über sein Vermuten sehr frisch und munter aus und hatte
diesen Tag ein himmelblaues Kleid an, welches nicht weniger kostbar war als das,
welches sie den vorigen Tag angehabt hatte, auch bemerkte Elbenstein, dass ihr
Schmuck zwar der Mode nach anders, allein dem Wert nach fast noch schätzbarer
war als der gestrige.
    Sie brachten dieses Mal nicht viel länger als eine Stunde Zeit bei der Tafel
zu, denn weiln sowohl sie als er viel Schokolade getrunken, war der Appetit zum
Essen eben nicht gar stark. Nach der Tafel ging sie ihrer Gewohnheit nach eine
gute Stunde mit ihm im Zimmer spazieren, hierauf aber musste er sich neben sie in
einen Schlafstuhl, der auf zwei Personen verfertigt war, setzen, da sie denn
also zu reden anfing: »Ich muss Euch doch, mein Liebster, meine Begebenheiten
vollends auserzählen!
    Als wir, wie gestern gemeldet, aus dem Kloster glücklich entwischt und
morgens ohngefähr drei Stunden nach Aufgang der Sonnen schon eine ziemliche
Anzahl italiänischer Meilen zurückgelegt hatten, jedoch immer uns von der grossen
Heerstrasse abgeschlagen hatten, wurden meine Begleiter gewahr, dass drei Personen
hinter uns hergeritten kamen, weswegen der junge Graf mit drei der Seinigen
hinter dem Wagen blieb, zwei aber mussten vorausreiten, denn das Herze mochte ihm
schlagen, dass uns etwa möchte nachgesetzt werden; allein die Furcht verschwand,
da er bemerkte, dass dieselben taten, als ob sie gar nicht zusammengehöreten,
indem sie ganz weitläuftig voneinander ritten und sich endlich bei einem
Scheidewege gar teilten, so dass der eine seinen Weg rechter Hand nach dem Walde
zu nahm, der andere linker Hand nach dem Gebürge, der dritte aber auf unserer
Strasse hinter uns herritte. Wir schlugen uns bald hernach ebenfalls linker Hand
nach dem Gebürge zu, allwo der Graf in einem Flecken, der diesseit eines mässigen
Flusses lag, frische Pferde bestellet hatte, die auch, sobald wir den Flecken
erreichten, gleich parat stunden. Unter der Zeit, da ausgespannet wurde, reichte
der Graf mir und der Olympia zwei Stück frisch gebackenen Kuchen und eine
Bouteille Wein in den Wagen, liess aber niemanden sehen, wer drinnen sass. Allein,
o Himmel, da unsere ermüdeten Pferde zurückkehreten, kehreten auch die frischen
zurück. Der Graf fragte, was diese Possen bedeuten sollten, allein es gab ihm
niemand Antwort, hergegen kamen augenblicklich aus einem Hause ohngefähr zwölf
bewehrte Mann herausgesprungen, welche nicht allein den Wagen umringelten,
sondern auch von unsern zu Pferde sitzenden Begleitern verlangten, dass sie sich
gefangengeben sollten. Wie nun der Graf mit den Seinigen sich hierzu nicht
verstehen wollten, sondern nach den Pistolen griffen, kam es zum Feuergeben,
über welche Komödie mir eine Ohnmacht zustiess. Da ich mich aber von derselben
wieder rekolligiert hatte, befand ich mich in einem schlechten Zimmer auf einem
gemeinen Ruhebette liegend. Meine erste Frage an die Olympia war: Ach, was macht
mein Graf, lebt er noch oder ist er erschossen? Olympia gab weinend zur Antwort:
Er lebt zwar noch, allein er hat der Menge und der Gewalt weichen und die Flucht
ergreifen müssen. Ich will, Weitläuftigkeit zu vermeiden, nicht melden, wie ich
mich mit der Olympia überworfen, dass sie mich zu dieser desperaten Reise
beredet, zumalen da ich in verzweifelten Ängsten stund, ob der Graf lebendig
oder tot wäre, jedoch kurz zu melden, wenige Zeit hernach erfuhr ich, dass er
zwei von seinen Angreifern mit eigener Hand erschossen, seine Begleiter hatten
auch drei zu Boden gelegt, hergegen hatten die Angreifer nur einen von seinen
Leuten erschossen und drei blessiert, worunter der Graf selber gewesen, dem
eine Kugel ein Stück Fleisch von der rechten Schulter abgerissen, worauf, da er
gesehen, dass es unmöglich, sich und mich zu retten und zu helfen, er das Reissaus
gegeben und, ob ihm gleich noch etliche Kugeln nachgeschickt worden, dennoch
insoweit glücklich fortgekommen.
    Ich habe an selbigem Orte weder Speise noch Trank zu mir genommen, auch
weiter kein Wort geredet, viel weniger die darauffolgende Nacht ein Auge
zugetan, stund aber sehr früh auf und ging in der Stube herum spazieren. Olympia
redete mir zu, fragte bald dieses, bald jenes, allein ich antwortete kein Wort,
ob man auch gleich verschiedene Delikatessen, so gut sie an diesem kleinen Orte
zu bekommen waren, mir vorsetzte und Olympia mich mit Tränen bat, auch mir mehr
als einen Fussfall tat, so blieb ich doch auf meinem Kopfe und tat, als ob ich
nicht sähe, nicht hörete und nicht reden könnte.
    Endlich, etwa eine Stunde nach Aufgang der Sonnen kam eine alte
reputierliche Frau, welche sich sehr submiss gegen mich erwies und bat, ich
sollte mir doch aus der ganzen Sache nur keinen Kummer machen, die durchl.
Eltern wären schon über die Hälfte ausgesöhnet und würden den kleinen
Liebesfehler bald vergessen, inzwischen wäre der Wagen schon angespannet, ich
sollte nur befehlen, um welche Zeit ich abfahren wollte. Anstatt mit dem Munde
zu antworten, nahm ich meine Masque und Kappe, lief als ein verwirrtes Mensch
zur Tür hinaus und setzte mich in den Wagen, Olympia tat dergleichen, und also
fuhren wir fort, aber nicht so schnell als vorhero, da der Graf kommandierte.
Wir hielten unterwegen zweimal stille und bekamen frische Pferde, da mir denn
Speise und Trank angeboten ward, allein ich nahm nichts, gab auch auf alle Reden
nicht die geringste Antwort. Endlich gelangeten wir, da es schon dunkel worden,
wieder zurück im Kloster an, allwo ich von der Äbtissin mit einer gelassenen
Miene empfangen und ermahnet wurde, gutes Muts zu sein, es würde dieses Vergehen
weiter keine sonderlich verdriesslichen Folgerungen nach sich ziehen. Allein auch
diese konnte kein Wort aus mir bringen, sondern ich sass in einem Schlafstuhle
mit unterstützten Haupte und schloss die Augen feste zu, als ob ich schliefe,
weswegen die Äbtissin, nachdem sie länger als eine halbe Stunde vergeblich auf
ein Wort von mir gewartet, endlich gute Nacht nahm und sich hinweg begab.
Hierauf fing ich an, mich selber auszukleiden, weiln ich aber nicht überall
zurechtekommen konnte, so musste dennoch geschehen lassen, dass mir Olympia zu
Hülfe kam, sobald ich aber die Kleider vom Leibe hatte, legte ich mich
augenblicklich zur Ruhe und bekam noch in selbiger Nacht ein würkliches hitziges
Gallenfieber. Demohngeacht liess ich mich in den ersten drei Tagen durchaus nicht
bewegen, die geringste Arzenei zu gebrauchen, sondern sehnete mich im rechten
Ernste nach dem Tode. Da aber meine Frau Mutter, welche mich zu besuchen
angekommen war, nicht das geringste von meinem begangenen Fehler gedachte,
sondern mich bald mit guten Worten, bald mit Tränen bat, nicht meine eigene
Mörderin zu werden, sondern Arzenei zu gebrauchen, liess ich mich endlich bewegen
zu folgen, brachte aber über sechs Wochen zu, ehe ich wieder ausserhalb des
Bettes dauern konnte.
    Es wunderte mich höchlich, dass weder meine Frau Mutter noch die Äbtissin
auch nach meiner Wiedergenesung nicht das geringste Wort von meiner Flucht
erwähneten, ehe ich es mich aber versah, war meine Olympia fortgeschaft, an
deren Statt ich ein anderes frembdes Mägdgen zur Bedienung bekam, auch erfuhr
ich von einigen vertrauten Nonnen, dass der Gärtner benebst seiner Frau
abgeschafft und in ein Gefängnis gebracht worden. Es ging mir dieses sehr nahe,
allein ich verbiss meinen Verdruss und war über ein halbes Jahr beständig sehr
traurig und missvergnügt, liess mich auch sehr selten bereden, nur auf kurze Zeit
aus meinem Zimmer und an die freie Luft zu kommen. Meine Frau Mutter besuchte
mich zuweiln alle 14 Tage oder drei Wochen, einsmals aber brachte sie ihren
Bruder, den Kardinal, wie auch noch einen andern Befreundten, nehmlich meinen
jetzigen Ehegemahl, mit sich.
    Der Kardinal liess sich in ein besonderes Gespräch mit mir ein und eröffnete
mir endlich mit guter Manier, dass mein Liebster, der junge Graf von H., aus
Desperation ein Malteserritter worden wäre, jedoch hätte er das Unglück gehabt,
in dem ersten Gefechte, welches er mit einem türkischen Seeräuber gehabt,
erschossen zu werden. Ich konnte mich dieserhalb der Tränen nicht entalten,
weswegen der Kardinal alle seine Beredsamkeit anwendete, mich zu trösten,
endlich aber fragte, ob ich lieber wieder auf unser Schloss mit zurückkehren oder
noch eine Zeitlang oder gar auf Lebenszeit in diesem Kloster verbleiben wollte.
Meine Antwort war, dass ich mich eben nicht sonderlich nach den Meinigen sehnete,
indem ich vorhersehen könnte, dass mir meine Schwestern viel Schmach und
Verachtung antun würden. Diese meine Reden machte sich der Kardinal, welcher
mich, wie ich hernach erfahren habe, aus dermassen gern, ich weiss aber nicht aus
was vor Ursachen, in ein Kloster gesteckt haben wollte, sogleich zunutze,
preisete mir das Klosterleben ungemein herrlich an, und ich gab so viel zu
verstehen, dass es mir bei meinen jetzigen Umständen eben so grausam schwer nicht
fallen würde, diese Lebensart zu erwählen, jedoch b[ä]the nur, man möchte mich
nicht übereilen, indem alles gezwungene Wesen meiner Natur höchst zuwider wäre.
Er versprach mir, dass ich noch ein halbes, auch wohl ganzes Jahr zur Bedenkzeit
haben könnte, und weiln ich hierauf grosse Kopfschmerzen vorschützete, liess man
mich alleine.
    Der Kardinal eröffnet meiner Frau Mutter und der Äbtissin mit Freuden, dass
er mich fast gänzlich disponiert, den Nonnenhabit anzunehmen. Diese bezeigen
sich ebenfalls sehr vergnügt darüber, allein der andere Befreundte, mein
jetziger Eheherr, mag mich mit andern Augen angesehen haben, bekömmt derowegen
auch andere Gedanken, lässet sich aber damals gegen niemanden etwas merken,
sondern reiset wieder mit zurück auf unser Schloss. Zwei Wochen hatte er sich
daselbst aufgehalten, und als er von dannen wieder zurück nach seiner Residenz
kehren wollte, sprach er erstlich noch einmal in unserm Kloster ein. Weil er
schon ein Herr von 50 Jahren und darzu ein, wiewohl nicht allzunaher Freund von
mir, war ihm ein leichtes, mit mir in geheim zu reden zu kommen. Als nun eben
niemand zugegen, der unser Gespräch vernehmen konnte, redete er mich ohnverhofft
also an: Meine schönste Muhme! Ich bedaure Euer Unglück, hättet Ihr und der
junge Graf, Euer Liebster, Euch an mich adressiert, so sollet Ihr schon
würkliche Eheleute sein, denn ich hätte zu Eurem Vergnügen alles anwenden und
die Sache wohl ausmachen wollen. Allein was ist nun zu tun: der Graf, den Ihr
geliebt habt und der wegen seiner vortrefflichen Qualitäten kein unwürdiger
Gemahl vor Euch gewesen wäre, ist nunmehro würklich tot, Ihr tut wohl, dass Ihr
seinen Tod beklagt, denn ich zweifele nicht, dass Ihr einander aufrichtig und
getreu geliebt habt. Allein, dass Ihr dieserwegen das Klosterleben erwählen
wolltet, dieses wäre eine grosse Torheit, denn eine solche Liebeswunde, wie sehr
sie auch schmerzt, heilet in wenig Monaten oder Jahren, aber so viele Jahre bis
an sein Ende als eine Nonne zu leben, möchte Euch nachhero tausendmal
schmerzlicher fallen. Darum höret mich an, mein Engel, ich biete Euch mein
Herze, Hand und Ehebette an, ich mag Erben mit Euch zeugen oder nicht, so sollet
Ihr dennoch die Erbin aller meiner Güter und meines ganzen Vermögens sein. Eure
Eltern können und werden mir Eure Person, wenn ich darauf dringe, nicht
versagen, wenn sie nicht haben wollen, dass ich mein Vermögen von ihrem
Geschlechte ab- und einem frembden zuwende, denn es ist bekannt, dass ich mit dem
Meinigen disponieren kann, wie ich will. Dass der Kardinal Euch lieber eine Nonne
als verheiratete Person sehen will, ist gewiss, ich weiss auch seine Ursachen,
allein wenn Ihr mich lieben könnet und mir die eheliche Hand geben wollet, will
ich Euch von dieser elenden Lebensart befreien und Euch alles ersinnliche
Vergnügen zu verursachen bemühet leben.
    Ich befand mich«, fuhr die Dame im Reden fort, »wegen innigster Betrübnis
nicht imstande, auf diesen Antrag eine positive Resolution von mir zu geben, er
aber, als er dieses merkte, sprach: Mein Kind, ich halte davor, dass es Euch
allerdings schwerfällt, eine plötzliche Resolution zu ergreifen, demnach will
ich Euch vier Wochen Bedenkzeit überlassen, überlegt alles wohl, denn es wird
nicht leicht ein ander Mittel zu erfinden sein, Euch aus diesem Kerker zu
erlösen. Nach Verlauf der bestimmten vier Wochen will ich wieder zu Euch anhero
kommen und Eure Entschliessung vernehmen, sodann die Sache mit Euren durchl.
Eltern bald zum Stande bringen, inmittelst auch bedacht sein, dass Eure
Schwestern vorher standesmässige Heiraten treffen.
    Hiermit überliess er mich meinem eigenen fernern Nachsinnen und reisete
wieder fort. Ich muss bekennen, dass mir der Tod des jungen Grafen ungemeine
Herzensschmerzen verursachte, wenn ich aber im Gegenteil auch bedachte, dass es
nunmehro unmöglich, mit ihm auf dieser Welt vereinigt zu werden, über dieses
wohl spürete, dass mir kein Nonnenfleisch gewachsen, auf keine andere Art aber
nicht leicht aus diesem Labyrint herauszukommen wäre, als resolvierte mich, den
Vorschlägen meines Vettern, des Fürsten von C., Gehör zu geben. Dieser kam um
die bestimmte Zeit wieder und brachte seine Werbung noch liebreicher als das
erstemal an. Demnach gab ich endlich so viel zu verstehen, dass ich ihn liebte
und mein Glück, Unglück, Vergnügen oder Missvergnügen bloss allein in seine Hände
stellete. Er war hiermit höchst vergnügt, steckte einen kostbaren Ring an meinen
Finger, und ich ersetzte diesen mit einem andern, so gut ich ihn eben bei mir
hatte, wir wechselten einige Verlöbnisküsse, worauf er ohngesäumt zu meinen
Eltern reisete und ihnen die Sache vortrug. Diese stutzen anfänglich gewaltig
darüber, da sie aber nur in einer Nacht überlegt, dass dieser reiche Vetter gar
leicht auf andere Gedanken geraten und ihrem Hause auf den Sterbefall alles das
Seinige entwenden könnte, schlagen sie zu und versprechen mich an ihn, zumalen
da er vor meine beiden Schwestern ein paar solche Freier vorgeschlagen hatte, an
denen nichts auszusetzen war. Er tat mir diese seine glückselige Verrichtung
sogleich schriftlich ins Kloster zu wissen, zwei Tage aber hernach kam er mit
meiner Frau Mutter selbst dahin und holete mich ab auf unser Schloss, allwo vier
Wochen hernach unser drei Schwestern zugleich auf einmal Beilager hielten.
    Ich muss ihm, meinem Gemahl, nachsagen, dass er mich jederzeit ungemein
karessiert und mir allen Willen gelassen hat, denn er ist der Jalousie nicht so
stark ergeben als wohl andere Italiäner, nur in einem gewissen Stücke, das ich
voritzo nicht ausführlich erzählen will, hat er mir nachhero einen starken Ekel
gegen seine Person verursacht, sonsten wäre ich ihm auch wohl nimmermehr untreu
worden. Es haben sich seit meiner Vermählung unzählige hohe Personen die grösste
Mühe gegeben, sich in meine Gunst zu setzen und ein geheimes Liebesverständnis
mit mir aufzurichten, indem sie leicht erachten konnten, dass ein so bejahrter
Herr, als mein Gemahl ist, einer Dame von meinen Jahren und lebhaften
Temperamente wohl nicht allerdings Satisfaktion zu geben im Stande befindlich.
Allein ich habe mich jederzeit sehr eingezogen und moderat aufgeführt, wodurch
ich denn bei meinem Gemahl ein vollkommenes Vertrauen gegen mich erweckt, so dass
er mir jederzeit die Freiheit gelassen hinzureisen, wohin ich gewollt habe.
    Allein wenn ich die klare Wahrheit sagen soll, so haben ein und andere
Begebenheiten, die mir zu Ohren gebracht worden, einen besondern Ekel in meinen
Herzen gegen alle Mannspersonen meiner Nation erweckt, ohngeacht ich wohl
glaube, dass sonderlich unter den vornehmen Personen sehr viele an denjenigen
Lastern unschuldig sind, welche in diesen Landen im Schwange gehen. Hergegen
aber und da zumalen mein erster Liebhaber ein Deutscher gewesen, habe ich die
Deutschen allen andern vorgezogen, weil sie die Reinlichkeit und Zärtlichkeit
auf eine ungezwungene Art lieben und sozusagen in ihrem gesetzten Wesen und
herrlichen Qualitäten alle andere Nations übertreffen. Demnach kann ich nicht
leugnen, dass ich mir gewünscht, einen appetitlichen Deutschen in geheim zu
meinem Amanten zu haben, zumalen da ich noch und immer mehr und mehr bemerken
lernete, worinnen doch wohl eigentlich das wahrhafte und vollkommene
Liebesvergnügen bestehen müsste. Olympia hatte ich nach meiner Vermählung
sogleich wieder zu mir genommen, und bei derselben haben sich alsobald
verschiedene Standespersonen mit grossen Présenten eingefunden, um sie zu
gewinnen, dass sie mich dahin bewegte, ihnen einen geheimen Zutritt bei mir zu
verschaffen, allein weil ich keinen Appetit darzu bezeigte, nahm sich Olympia
auch wohl in acht, ohngeacht sie zwar alles vorbrachte, mir dennoch nicht darzu
zu raten, indem sie befürchtete, aufs neue meine Gunst zu verscherzen oder
sonsten Gefahr zu laufen. Kurz! Olympia war gar nicht mehr so wie ehemals,
sondern ginge sehr behutsam; hergegen liess sich die ariquische Margareta
dergleichen Sachen besser angelegen sein. Diese kam fast alle Woche drei- oder
viermal zu mir, brachte bald von diesen, bald von jenen Liebhaber Komplimente,
auch wohl gar Liebesbriefe, allein, ich wies sie jederzeit darmit zurücke und
sagte, wenn ich mich ja zu einer Nebenliebe entschliessen wollte, würde ich mir
schon selber jemanden nach meinen Appetite auslesen. Unterdessen befahl ich
ihr, dass, wenn sie etwa einmal einen rechten feinen deutschen Herrn zu sehn
bekäme, mir alsobald Nachricht von ihm zu geben, da ich denn ihre Mühe mit
etlichen Zechinen belohnen wollte. Nachhero hat sie mir zwar zu verschiedenen
Malen Gelegenheit verschafft, einige derselben zu sehen, allein ich fand keinen
darunter, der mir anständig war. Endlich fügte es das Glück, dass mein Gemahl
Lust bekommen, nebst einigen guten Freunden die Weinlese bei Ariqua zu besuchen.
Ich liess mich sehr bitten, Gesellschaft zu leisten, nachhero aber hat es mich
nicht gereuet, denn als wir bei Nachtszeit daselbst angekommen, sah ich gleich
morgens darauf Eure angenehme Person, mein Leben! in dem am Wirtshause gelegenen
Garten ganz tiefsinnig spazierengehen. Es war mir, als ob ich sogleich vom
Donner gerühret würde, denn ich vermeinte nicht anders, als dass Ihr der junge
Graf von H. wäret, weil Ihr demselben so ähnlich sehet als ein Ei dem andern. Es
stiegen die Gedanken bei mir auf, man hätte mir vielleicht dessen Tod fälschlich
vorgebracht, derowegen ich mich von den andern ab und, forschete sogleich bei
dem Wirt und der Wirtin nach Eurem Stande und Wesen. Diese konnten mir keine
andere Nachricht geben, als dass Ihr ein deutscher Kavalier wäret, der nur vor
wenig Wochen dieses Land betreten, auch mit der italiänischen Sprache noch nicht
recht fortkommen könntet, dahero zu blöde wäret, vornehme Gesellschaft zu
suchen. Also fiel nun zwar die Meinung bei mir hinweg, dass Ihr der junge Graf
von H. wäret, denn dieser redete perfekt Italiänisch, unterdessen, da ich Euch
noch eine Zeitlang im Garten, hernach in den Hof und Stall spazieren sah, nahm
die Liebe gegen Eure artige Person auf einmal dergestalt zu, dass ich vermeinte
zu verzweifeln, wenn ich nicht das Vergnügen haben sollte, mit Euch in geheim zu
sprechen. Demnach schickte ich zur Margareta und vertrauete derselben, sobald
sie zu mir kam, mein Geheimnis, wie ich nehmlich einmal eine Person selbst
gefunden, die ich lieben könnte und wollte, gab ihr dabei alle Anschläge, wie
sie es anfangen sollte, Euch dahin zu bringen, um mir in ihrem Hause eine
Nachtvisite zu geben. Die Art und Weise wird Euch, mein Herz! wohl noch im guten
Gedächtnisse sein. Ich gestehe es, dass es mich nicht wenig verdross, als Ihr der
ersten Ordre nicht pariertet, und da ich nachhero vernahm, dass Ihr meine
Gewogenheit gar nicht ästimiertet und aus dem Garne zu gehen gesonnen wäret,
wurde ich durch Chagrin ganz ausser mir selbst gesetzt, ja der Zorn war
dergestalt heftig, dass ich einen hohen Schwur tat, diese Verachtung zu
bestrafen, etliche 100 Zechinen daran zu spendieren und Euch durch etliche
nachzuschickende Banditen das Lebenslicht ausblasen zu lassen. Allein
Margareta, ohngeacht sie Euch nur ein einzigmal gesehen, war damals Euer
Schutzengel, indem sie meine Raserei mit lauter guten Worten und süssen
Vorstellungen zu besänftigen wusste, anbei nicht eher zu ruhen versprach, bis sie
Euch in ihr Haus gelockt hätte. Sie hat auch ihr Wort endlich gehalten, Euch
aber, mein Leben, bin ich noch jetzo unendlich verbunden vor das entzückende
Vergnügen, welches Ihr mir in einigen Nächten zu Ariqua verursacht und wovon ich
das Angedenken voritzo noch unter meinem Herzen trage. Mein Gemahl hatte zeit
unseres Daseins nur zweimal eine schlechte Nachlese in meinem Weinberge der
Liebe gehalten, war aber vor Freuden ganz ausser sich selbst, als ich ihm einige
Tage hernach mit schamroten Wangen offenbarete: wie ich davor hielte, dass Luft
und Wasser in Ariqua weit gesünder und fruchtbarer sein müsste als an unserm
Orte, indem ich eine starke Veränderung bei mir verspürete. Er befahl der
Olympia, ja wohl auf mich acht zu haben und eines guten Gratials gewärtig zu
sein. Da nun diese noch etliche Tage hernach bekräftigte, dass ich mich ganz
sicher und gewiss gesegnetes Leibes befände, schenkte er ihr im grössten Vergnügen
50 Zechinen, mich aber trug er sozusagen fast auf den Händen, stellete ein
Freudenfest an, liess vor allen Dingen meine Eltern darzu einladen, welche einige
Wochen bei uns geblieben sind, und eben diese waren Ursach, dass ich zur
bestimmten Zeit nicht habe in Padua sein können. Endlich, da dieselben wieder
nach Hause gekehret, trat ich mit Erlaubnis meines Gemahls, als welchem ich die
ehelige Beiwohnung ohnedem bis nach meiner Niederkunft aufgekündiget, die Reise
zu einer nahen Befreundtin nach Padua an. Weil ich leicht ermessen konnte, dass
Ihr Eure Rückreise von Venedig nicht leicht anders als durch Padua nehmen
können, so liess mich unter der Hand bei dem Kommendanten darnach erkundigen und
erfuhr, dass Ihr noch nicht zurückgekommen wäret. Demnach liess ich alle Tage
genauere Kundschaft darauf legen, bis ich endlich Eure Ankunft gleich in der
ersten Stunde erfuhr. Ich machte mir die vergnügten Gedanken, dass Ihr Euch
abends ohnfehlbar in der Oreda Todesca melden würdet, allein es geschahe nicht,
derowegen ward ich aufs neue entrüstet, konnte auch in der Nacht vor Eurer
Abreise kein Auge vor Eifersucht und Grimm zutun. Olympien hatte ich wegen einer
ihr zugestossenen Unpässlichkeit zu Hause lassen müssen, derowegen keine andere
vertraute Bediente bei mir als diejenige, welche Ihr zum ersten Male zu Ariqua
als eine Bäurin gekleidet werdet gesehen haben. Diese hatte sich seit etlichen
Tagen viele Mühe gegeben, mir einen gewissen italiänischen Prinzen zuzuführen,
welcher ihr ohnfehlbar einen guten Rekompens versprochen oder vielleicht schon
gegeben hatte, allein sie konnte mich mit allen ihren glatten Worten nicht dahin
bereden, ihm bei Tage, noch viel weniger bei Nachte eine Visite zu verstatten.
    Nunmehro merke ich erst (allein, sie soll ihren Lohn schon empfangen), dass
es ihr gewaltig verdrossen haben mag, in ihrer Kupplerei unglücklich zu sein.
Derowegen passete sie eben die Zeit ab, da ich am heftigsten auf Euch, mein
Engel! fulminierte. Ach! Gnädige Frau, waren ihre Reden ohngefähr, die Deutschen
sind verzweifelte Bösewichte, wenn sie etwas Delikates von Frauenzimmer in
diesen Landen genossen haben, wischen sie nicht allein das Maul und gehen davon,
sondern sie berühmen sich auch dessen in allen Gesellschaften, bloss allein
unsern italiänischen Kavaliers zum Tort, um der Welt weiszumachen, als ob sie,
die Deutschen, delikatere Personen wären als unsere Kavaliers. Hätte der Herr
von Elbenstein ein gut Gewissen gehabt, so würde er in Betrachtung der besondern
Gnade und Liebe, die ihm Ew. Durchl. in Ariqua bezeugt, ohnmöglich vorbeireisen
können, sondern wenigstens auf eine Stunde seine Aufwartung bei Ihnen gemacht
haben. Ach ich weiss noch mehr, allein ich mag nur Ew. Durchl. nicht zu mehrern
Zorne reizen.
    Überlegt selbst, mein allerliebster Elbenstein«, sagte hier die Dame, »ob
ein schwaches Werkzeug der Natur, wie ich bin, durch dergleichen verdammte
Ohrenbläsereien nicht zur Raserei kann verleitet werden? Sage mir alles, was du
weisst, schrie ich die Bestie an, damit ich meine Rache darnach einrichten kann.
Hierauf sagte sie: Weil ich mich denn darzu gezwungen sehe, so muss ich Ew.
Durchl. eröffnen, dass Elbenstein in Venedig in den Hurhäusern das
allerliederlichste Leben geführet hat, wie mir ein redlicher Freund sicher
berichtet hat, auch hat er sich in allen Gesellschaften gerühmet, was er von
Ihnen in Ariqua genossen, auch wohl noch ein weit mehreres darzu gesetzt. Über
dieses hat er sich nicht gescheuet, allhier im Gastofe die leichtfertigsten
Reden auszustossen, womit er niemand anders als Ew. Durchl. hohe Person gemeinet,
und wer weiss, was er nicht denen Kavaliers, so bei ihm im Gastofe gewesen, in
Vertrauen aufgebunden hat, denn der Wirt, wenn Sie ihn selber wollen kommen
lassen, wird gestehen müssen, dass er sehr oft und lange heimlich mit ihnen
geredet. Auch wird der Hausknecht in der Oreda Todesca ein mehreres aussagen
können, wenn Sie sich die Gedult nehmen wollen, ihn anzuhören. Ach, ich mag nur
nichts mehr sagen, Ew. Durchl. möchten sonst meinen, es geschehe aus gehässigen
Affekten gegen den von Elbenstein. Ich erkenne ihn vor einen der galantesten
Kavaliere von der Welt, doch da er Ew. Durchl. Ehre und Renommée dergestalt
gekränkt, wäre er in Wahrheit des Todes schuldig, allein ich bitte selbst um
sein Leben, weiss auch, dass Ew. Durchl. so gnädig sein werden, ihm dasselbe zu
schenken. Vielleicht kömmt er nicht so bald wieder in diese Gegend.
    Nein! er soll sterben, schrie ich, rufe mir geschwind den Tomas her. Dieses
ist einer von meinen getreusten Bedienten, demselben befahl ich, sogleich vier,
fünf oder sechs Banditen zu Pferde zu bestellen, damit sie vor Anbruch des Tages
parat wären, er aber sollte um selbe Zeit wieder Ordre von mir empfangen,
inmittelst zahlete ich ihm 50 Zechinen, selbige den Banditen auf die Hand zu
geben.
    Tomas versprach alles wohl auszurichten, mittlerweile setzte ich mich hin
und schrieb den Brief, welchen Euch Tomas auf der Strasse nachgebracht hat, gab
ihm auch alle Instruktion, wie er sich zu verhalten hätte und wie Euch die
Banditen traktieren sollten; denn es stieg mir doch ein Appetit auf, Euch nur
noch einmal lebendig zu sehen. Sobald ich die Nachricht bekam, dass man Euch auf
diesem meinem Schloss in sichere Verwahrung gebracht, war ich halb befriediget,
wäre auch sogleich anhero aufgebrochen, allein ich musste auf meinen Gemahl
warten, welcher wegen seiner angetretenen weiten Reise erstlich in Padua von mir
Abschied nehmen wollte. Er kam, hielt sich aber nicht länger als zwei Tage und
Nächte daselbst auf, mittlerweile sendete ich meine vermeinte Getreue, aber,
mein Engel! Eure vermaledeiete Verleumderin anhero, um mit dem alten
Schlossverwalter Eure Inquisitionsarticul zu formieren. Ach, die Bestien haben
mich alle beide betrogen und Euch, mein Leben! über meinen Befehl viel zuviel
getan.«
    Hiermit fing die Fürstin bitterlich zu weinen an, so dass Elbenstein bewogen
ward, sie zu umarmen, zu küssen und zu bitten, dass sie von dieser Begebenheit
nur gar nichts mehr gedenken möchte, indem ihm alle seine ausgestandene Marter
mit reichlichen Vergnügen und süsser Lustbarkeit vielfältig ersetzt worden. Sie
aber, nachdem sie eine gute Anzahl Tränen vergossen, welche Elbenstein
mehrenteils mit seinen Lippen aufgefangen, sagte:
    »Nein! ich muss diese verfluchte Begebenheit vollends auserzählen: Das
verteufelte Weibsstücke drunge mit subtilen Worten und listigen Griffen stark
darauf, dass ich Euch nicht mehr sehen, sondern ihr die Ordre zustellen sollte,
Euch den Kopf abschlagen zu lassen. Zu meinem Glücke kam eben die Olympia,
welcher ich den ganzen Prozess erzählete. Diese stellete sich anfänglich ganz
unpassioniert darüber, endlich aber beredete sie mich, dass ich selber auf
dieses mein Schloss fahren und Eure Exekution mit ansehen sollte. Ich folgte ihr,
liess es auch auf ihr Einreden zur Extrémité kommen. Ich und sie bewunderten Eure
Standhaftigkeit, ich aber am meisten Eure Verschwiegenheit und getreue Liebe
gegen mich. Wir beide guckten durch ein verborgenes Loch in das Gewölbe. Da nun
der letzte Streich vollzogen werden sollte, musste Olympia mit ihrer Stimme Halt!
geb[i]eten, da ich Euch aber, mein Leben! gleich darauf in Ohnmacht dahinsinken
sah, entwichen mir alle meine Lebensgeister, und ich bin gleichfalls in eine
Ohnmacht verfallen, auch darinnen, wie mir Olympia gesagt, über drei Stunden
verharret, so dass sie an meinem Wiederaufleben gezweifelt hat.
    Man musste mir, sobald ich mich wieder besonnen, alle Viertelstunden
Nachricht von Eurem Zustande bringen, ich konnte mich aber dennoch nicht eher
zufriedengeben, bis ich vernahm, dass Ihr wiederum ganz munter wäret und eine
lebhaftere Farbe bekommen hättet. Ich gab sogleich Befehl, Euch aufs
allersinnlichste beste zu traktieren, um aber Euer Naturell auszuforschen, liess
ich aus Padua eine Dame de Fortun kommen, welcher ich 50 Zechinen zum voraus
schickte. Dieser gab ich alle Anschläge, wie und welchergestalt sie Euch in
Versuchung führen sollte. Sie spielte auch ihre Person vortrefflich, denn ich
habe dem ganzen Spiele durch ein Loch, welches mit Fleiss in die Tapeten gemacht
ist, jedoch von den wenigsten bemerkt wird, jederzeit vom Anfange bis zum Ende
gesehen, auch ausserdem alles beobachtet, was Ihr in der Einsamkeit vorgenommen.
    Nimmermehr hätte ich mir eingebildet, dass Ihr diese Versuchung überstehen
können, denn diese Person ist in Wahrheit eine der schönsten Kreaturen
weibliches Geschlechts. Ich hatte mir auch vorgenommen, wenn Ihr dieselbe
karessiert, keine andere Rache an Euch auszuüben, als dass Ihr mich nimmermehr
wieder berühren sollen, sondern Ihr hättet mir gleich Tages darauf einen
körperlichen Eid schwören müssen, von allen dem, was Euch begegnet, niemanden
etwas zu offenbaren; hernach würde ich Euch haben bei Nachtszeit in einem
verdeckten Wagen bis auf die nächste Poststation bringen lassen.
    Jedoch solchergestalt erreichte meine Liebe zu Eurer Person den höchsten
Grad, jedennoch reizte mich die mir und, glaube ich, dem ganzen weiblichen
Geschlechte angeborne überflüssige Neugierigkeit, Euch mit meiner eigenen Person
doch noch einen Streich zu spielen. Allein ich muss bekennen, dass mich Eure
Standhaftigkeit in allen Stücken überwunden und mich zu Eurer Gefangenen gemacht
hat. Hierbei bitte ich mir aber dieses aus, dass Ihr zu meinem Vergnügen ohne
Euren Verdruss noch eine Zeitlang allhier bei mir bleibet und meine Niederkunft
abwartet, denn mein Gemahl wird vor der Zeit nicht zurückkommen, sodann, wenn
Ihr erstlich die Frucht unserer Liebe mit Euren Augen gesehen, will ich Euch auf
dieses Mal von mir reisen lassen. Ach! wollte der Himmel, ich wäre frei und
ledig, es sollte mich nichts verhindern, Euch alle ersinnlichste Divertissements
zu machen, so aber, mein Leben! werdet Ihr selbst vors ratsamste erkennen, dass
wir unser Liebeswerk so heimlich treiben, als nur immer möglich ist.
Unterdessen, da wir uns ausserhalb dieses Schlosses nicht wohl eine Veränderung
machen können, will ich doch besorgt sein, Euch im Zimmer, soviel als mir
möglich ist, allen angenehmen Zeitvertreib zu verscharren, auch werde ich nicht
vergessen, Eurer Versäumnis und ausgestandenen Ungemachs wegen eine billige
Vergeltung zu tun, Euren Verleumbdern und Peinigern aber ihren verdienten Lohn
geben lassen.«
    Hiermit beschloss die Dame ihre Erzählung, Elbenstein aber umfassete und
küssete dieselbe, schwur erstlich hoch und teuer, dass er nicht nur allen vorhero
gehabten Verdruss um des vor- und nachhero genossenen Vergnügens willen in ganz
keine Betrachtung mehr zöhe, sondern auch zeitlebens keinem Menschen ein Wort
darvon sagen wollte, vielmehr wünschte er, wenn es die Umstände zuliessen, ihr
ewiger Sklave zu sein, wenn er nur versichert wäre, dass sie ihn beständig liebte
und nicht etwa durch ungleichen Verdacht von neuen auf andere vor ihn
gefährliche Gedanken geriete. »Ich weiss wohl«, fiel ihm die Dame in die Rede,
»wo Ihr hinzielet, mein Leben! Es ist auch mehr als zu gewiss, dass viele Damen
von meiner Nation den Gebrauch haben, ihre Amanten, nachdem sie sich genung mit
denselben divertiert, ins Reich der Toten zu schaffen, jedoch die meisten mögen
es wohl eben nicht aus einem besondern Ekel und Überdruss, sondern vielmehr aus
Vorsicht tun, damit ihnen nicht etwas Ungebührliches nachgeredet werde. Allein
ich, da ich Euch bis auf den letzten Augenblick meines Lebens, auch wo es
möglich ist, noch nach dem Tode lieben werde, indem mir Eure Person und
Aufführung vor allen andern Menschen auf der ganzen Welt am allerbesten gefällt,
ich auch Eurer Treue nunmehro vollkommen versichert bin, so schwere ich Euch bei
allem dem, was heilig heisst, und dass ich auf dieser Welt nicht der geringsten
Wohlfahrt, Freude, Glücks noch Vergnügens, viel weniger des allergeringsten
Teils der ewigen Seligkeit gewürdiget werden, hergegen zeitlich und ewig
verflucht und verdammet sein will, und zwar von Rechts wegen nach meinem eigenen
Willen und Verlangen, woferne ich einigen Rat oder Befehl einwilligen, geben
oder stellen will, der Eurem Glück, Vergnügen und Leben schädlich oder im
allergeringsten nachteilig sein sollte oder könnte, zumalen da ich weiss, dass, ob
Ihr gleich mit der Zeit mich zu lieben überdrüssig werden möchtet, Ihr dennoch
mir nichts zur Schmach und Schande nachreden werdet.« Indem nun die Dame hierbei
einige Tränen fallen liess, Elbenstein aber durch diesen ihren teuren Schwur und
andere zärtliche Reden sich aus allen innerlichen Kummer und Sorgen in das
grösste Vergnügen und Sicherheit gesetzt sah, trocknete er erstlich ihre Augen
mit seinen Lippen und blieb hernach mit seinem Munde eine gute Weile
stillschweigend auf ihren Lippen liegen. Endlich aber fing er so an zu reden:
»Ist's auch möglich, dass ein Mensch in der Welt glücklicher ist als ich? von so
einer himmlischen Schönheit und irdischen Göttin sich so zärtlich geliebt zu
sehen, die ich nicht allein von Grund des Herzens und der Seelen liebe, sondern
in der grössten Ehrfurcht anbete.« Hiermit liess er sich vor ihr nieder, küssete
derselben die Füsse, wagte hernach ihre Knie zu entblössen und dieselben zu
küssen, ja, da er wahrnahm, dass die Dame mit halb gebrochenen Augen in einer
süssen Ohnmacht lag, verirrete sich sein Mund noch weiter hinauf, und in solcher
Positur verharrete er, bis sich die Dame ermunterte und ihn selber vom Boden
aufhub.
    Es würde viel zu weitläuftig, auch undiensam fallen, alle fernerweitigen
Karessen und verliebten Gespräche dieser beiden vergnügten Personen zu
referieren, doch ist dieses noch zu bemerken, dass Elbenstein, da er aus ihren
Reden vernommen, wie sie gesonnen, seine Verleumbderin und seinen Inquisitorem
bestrafen zu lassen, eine Vorbitte vor diese beiden Verbrecher bei der Dame
einlegte; allein diese gab darauf zur Antwort: »Alles bittet von mir, mein
Leben! was Ihr wollet, alles was in meinem Vermögen ist, auch sogar das Blut aus
meinen Adern soll Euch zu Diensten stehen, nur in diesem Stücke lasset mir
meinen Willen und der Gerechtigkeit den Lauf.« Er fuhr im Vorbitten fort, indem
er befahrete, sie möchte diese beiden bösen Personen gar ums Leben bringen
lassen, allein sie gab zur Antwort: »Mein Engel, nur in diesem Stücke lasset mir
meinen Willen, in allen andern aber will ich nicht nur Eure Bitten, sondern auch
Eure Befehle gelten lassen, denn ich bin die Eurige.« Wie nun Elbenstein merkte,
dass sie diese Rede mit einiger Heftigkeit vorbrachte, schwieg er stille, bis sie
endlich sagte, es würde ihm nicht entgegen sein, dass sie heunte gewisser
Ursachen wegen die Abendmahlzeit allein in ihrem und er in seinem Zimmer
einnähmen, aufs längste drei Stunden hernach aber bäte sie sich von ihm eine
Nachtvisite aus seinem in ihr Bette durch die Zugtüre aus.
    Demnach schieden sie auf dieses Mal voneinander, sie in ihr und Elbenstein
in sein angewiesenes Zimmer, allwo er sich die Kleidung abziehen liess und seinen
Schlafhabit anlegte, erstlich eine Zeitlang im Fenster guckte, bis ihm die
Abendmahlzeit gebracht wurde, nach Einnehmung derselben aber sein Historienbuch
vor die Hand nahm und sich die Zeit darmit passierte, bis er vermerkte, dass die
Stunde gekommen, sich im Bette einzufinden. Er hatte die richtige Zeit
getroffen, denn, kaum da er sich niedergelegt, wurde die köstliche Tür
aufgezogen, und die Tapeten öffneten sich, da er denn die Dame im Bette sitzend
erblickte, welche ihren Arm gegen ihn ausstreckte. Er trat also die kurze Reise
an und kam nicht eher wieder zurück, bis der Tag angebrochen war, jedennoch war
beiden die Zeit gar nicht lang worden, sondern unter den Händen verschwunden.
    Elbenstein schlief fast bis gegen Mittag und wurde kaum eine Stunde hernach,
als er sich angekleidet, bei die Dame zur Tafel gerufen, welche sich zwar sehr
freundlich gegen ihn, jedoch darbei auch etwas tiefsinnig aufführete. Nach
aufgehobener Tafel brachte sie ihm einen Becher Wein zu mit den Worten: »Auf
unser beiderseits beständiges Vergnügen.« Wie nun Elbenstein Bescheid getan
hatte, sagte die Dame: »Nun kommet, mein Engel! Ich will Euch etwas zeugen.«
Hiermit nahm sie ihn bei der Hand und führete ihn eine verborgene Treppe
hernieder in eben dasjenige Gewölbe, wo er anfänglich gefangen und geschlossen
gesessen hatte. Es war niemand darinnen befindlich als die beiden Stummen,
welche, als ihnen die Dame einen Wink gab, den Teppich von einem Tische
abnahmen, da denn Elbenstein auf zwei Schüsseln zwei abgehauene Köpfe liegen
sah. Er erkannte beide alsogleich, wie nehmlich der eine Kopf der Person
zugehöret hatte, welche er vor einiger Zeit bei der Dame in Ariqua gesehen, der
andere aber dem Schlossverwalter, welcher sein Inquisitor gewesen war. Seine
Bestürzung war hierbei sehr gross, und als die Dame selbige bemerkte, führete sie
ihn wieder zurück die Treppe hinauf, unterweges aber sagte sie: »Sehet, mein
Leben! So habe ich die an mir und Euch begangene Bosheit und Falschheit rächen
und bestrafen lassen, nun ist mein Herze zufriedengestellet, zu Eurer
Satisfaktion aber müsste mein eigener Kopf von Rechts wegen zwischen diesen
beiden stehen.« Elbenstein fiel abermals zu ihren Füssen und bat, ihn mit
dergleichen herzkränkenden Worten nicht ferner zu quälen, kontestierte anbei
hoch und teuer, wie er es sehr gern gesehen, wenn sie diese beiden Delinquenten
begnadiget und ihnen das Leben geschenkt hätte. »Nein!« versetzte sie, »das
konnte nicht sein, sondern ihr Verbrechen und Eure und meine Liebe erforderten
ein solches Urteil absolute. Kommet aber weiter, wir wollen uns einen andern
Zeitvertreib machen.« Hiermit führete sie ihn wieder in ihr gewöhnliches Zimmer,
da sich denn alsobald in dem Nebenzimmer eine schöne Musik hören liess, sie aber
hielt Elbenstein, der sich neben sie in den Schlafstuhl setzen musste, beständig
in ihren Armen und machte ihm alle ersinnliche Karessen, bis sie wiederum zur
Tafel und denn zu Bette gingen.
    Diese Lebensart, welche man deutlicher zu beschreiben ein Bedenken trägt,
währete also so lange fort, bis endlich der Dame die Geburtsschmerzen ankamen
und dieselbe einen jungen wohlgestalten Sohn zur Welt brachte, über welchen sich
Elbenstein selbst nicht wenig vergnügte. Sie befand sich bei dieser ihrer
Niederkunft frischer und stärker, als man hätte vermeinen sollen. Weiln aber
nicht allein Briefe von ihrem Gemahl eingelaufen waren, worinnen derselbe seine
baldige Zurückkunft ankündigte, über dieses das fernerweitige Liebeskommerzium
sehr gefährlich zu sein schien, war die Dame endlich von selber so généreux,
Elbensteinen seine Dimission zu geben, und diese stellete sie ihm eines Abends
schriftlich in folgenden Zeilen zu:
                              Mein Allerliebster!
Ich bitte nochmals um Verzeihung wegen aller Euch meinetwegen zugefügten Schmach
und Herzeleides. Hierbei aber danke ich Euch zu tausend Malen vor das mir
gemachte unschätzbare Vergnügen. Ich werde Euch lieben, so lange ein Atem in
mir, und die Zeit wohl absehen, Euch, sobald es immer möglich ist, Nachricht zu
erteilen, wo wir einander aufs neue vergnügt umarmen können. Den morgenden Tag
verlange ich noch 1000 Küsse von Euch, die Anstalten aber sind bereits gemacht,
dass Ihr, sobald es dunkel ist, in einem zugemachten Wagen von hier ab und bis
nach M. gebracht werden sollet, von wannen Ihr auf der Post weiter fortkommen
könnet. Einen Reisecoffre habe ich Euch selbst eingepackt, worinnen Ihr 1000
Zechinen finden werdet nebst andern Kleinigkeiten, die Ihr zum Angedenken meiner
Person tragen sollet. Die übrigen Sachen, die Ihr bei Euch habt und worauf man
sich noch besinnen wird, werdet Ihr bei Euch selber einzupacken belieben, es
werden die Stummen hierzu einen andern Coffre bringen. Eurem Fürsten habe ich
durch die dritte Hand Eurentwegen soviel zur Nachricht geben lassen: Ihr hättet
Euch mit einem gewissen vornehmen Frauenzimmer in Liebessachen eingelassen und
derselben die Ehe versprochen, weiln es aber Euch nachhero gereuet haben möchte,
so wären deren Freunde, denen sie es geklagt, auf die Gedanken geraten, Euch
einen Possen zu spielen und listigerweise in genaue Verwahrung bringen zu
lassen, damit sie Eure Erklärung vernehmen möchten. Unterdessen sollten Sr.
Durchl. so gnädig sein und Eure Sachen sowohl als Eure Ehre in Dero Schutz
nehmen, weil Ihr vielleicht mit nächsten wiederum vor ihnen erscheinen würdet.
Diese Szene, mein Leben! könnet Ihr fortspielen und Eurem Fürsten zu verstehen
geben, dass Ihr zwar wieder ledig und frei gestellet worden, jedoch Euch mit
einem körp[er]lichen Eide verpflichten müssen, von allen dem, was Euch begegnet,
niemanden etwas zu melden, viel weniger auf Rache bedacht zu sein. Ich glaube,
dass ich keinen unebenen Rat gegeben habe, unser Liebesgeheimnis verborgen zu
halten, und weil ich mich auf Eure Treue und Redlichkeit völlig verlasse, so
beharre, wenn ich zuvorn morgen noch mündlichen Abschied von Euch genommen habe
                                                              Eure ewig Getreue.
Einesteils war Elbenstein einigermassen betrübt, dass er eine so unvergleichliche
Amour verlassen sollte, andernteils aber war er auch erfreuet, sich in Freiheit
und aus so gefährlichen Umständen kommen zu sehen, zumalen da er sich dergestalt
bereichert sah. Nunmehro, ach leider! dachte er erstlich wieder an das liebe
Gebet und bat den Himmel, dass ihn derselbe doch noch einmal aus diesem Irrsale
heraus und glücklich an Ort und Stelle führen möchte, jedoch ein Gelübde wollte
er nicht tun, weiln er wohl sah, dass sein Fleisch und Blut zu schwach war,
dasselbe zu halten. Er hatte in der darauffolgenden Nacht einen wenigen Schlaf,
indem er sich allerhand Gedanken machte, wie er seine Lebensart hinfüro
anstellen und ob er noch eine Zeitlang in Italien verbleiben wollte oder nicht,
endlich fiel der Schluss dahinaus, dass er je eher je lieber seine Dimission bei
seinem Fürsten suchen und aus diesem gefährlichen Lande hinweg entweder nach
Frankreich oder gar wieder in sein Vaterland reisen wollte, indem er
befürchtete, dass es ihm endlich noch gar leicht einmal der verbotenen
Liebeshändel wegen unglücklich ergehen könne. Des darauffolgenden Morgens stund
er etwas zeitlicher auf als gewöhnlich, und weil ihm die Stummen, nachdem er
sich angekleidet, einen Korb mit Wäsche brachten, die er ihnen etliche Tage
vorher gegeben, um selbige waschen zu lassen, fing er allgemach an, seine Sachen
einzupacken. Bald hernach brachten eben diese Stummen einen grossen schweren
Reisecoffre in sein Zimmer getragen und überreichten ihn den in ein Papier
versiegelten Schlüssel darzu. Er war sehr begierig zu wissen, was sich darinnen
befände, wollte aber doch denselben nicht ehr eröffnen, bis er erstlich mit
Einpacken fertig wäre, kaum aber, da dieses geschehen, liess ihn die Dame durch
die Olympia zu sich in ihr Zimmer rufen, allwo er dieselbe auf dem Bette sitzend
und weinend antraf. Er fiel auf das eine Knie vor ihr nieder und fragte nach der
Ursach ihrer Betrübnis. »Ach!« sprach sie, »mein Leben! soll ich nicht weinen,
da ich Euch von mir lassen muss und nicht weiss, ob ich Euch zeit meines Lebens
wieder zu sehen bekommen werde; denn wie bald könnet Ihr Euch resolvieren,
dieses Land zu verlassen und nach Eurem Vaterlande zu reisen.«
    Es schien, als ob sie seine Gedanken erraten hätte, allein Elbenstein
versicherte, wie er zwar gesonnen, den Abschied von seinem Fürsten zu fordern,
um noch die vornehmsten Städte in Italien zu sehen, hernach aber wolle er sich
in Padua unter dem Vorwande, daselbst noch seine Studia abzuwarten, so lange
aufzuhalten, bis er von ihr Erlaubnis bekäme, einmal eine Reise zu seinen Eltern
zu tun. »Wie lange vermeint Ihr«, fragte sie, »herumzureisen, ehe Ihr nach
Padua kommet?« »Ich vermeinte«, gab er zur Antwort, »etwa um die Neujahrszeit
oder auch wohl etwas früher daselbst einzutreffen.« »Ach tut doch dieses«, sagte
sie, »je ehr je lieber, von mir werdet Ihr alle drei Monat 100 Zechinen Zuschuss
zu Eurem Studieren zu empfangen haben, um Euch vor andern in etwas hervortun zu
können.«
    Elbenstein küssete ihre Hände und gab zu vernehmen, wie er von ihrer
Gütigkeit bereits dergestalt mit Geschenken überhäuft worden, dass er nicht
genugsame Worte vorzubringen wüsste, seine Dankbarkeit an den Tag zu legen. »Ich
will«, versetzte sie hierauf, »dass Ihr mir hiervon durchaus nichts gedenken
sollet, sondern redet mir heut zu guter Letzte noch etwas vor, das ich lieber
höre.« Diesemnach gerieten sie beide auf verliebte Gespräche, nahmen auch
Abrede, wie sie ihre Korrespondenz einrichten wollten, endlich aber wurde das
Zeichen gegeben, zur Tafel zu kommen, da sie denn über zwei Stunden miteinander
speiseten, nachhero eine gute Zeit im Zimmer herum spazierengingen und von ihren
Geheimnissen sich unterredeten; allein sie vertieften sich dergestalt, dass die
Dame endlich sprach: »Mein Engel, es ist heute der 18te Tag nach meiner
Niederkunft, an welchen ich dich von mir lassen muss, weil mein Gemahl, wo nicht
diese, doch längstens die andere Woche zurückkömmt. Ich befinde mich sonsten in
vollkommen gesunden Stande, derowegen kann ich den Abschied nicht so trocken
geschehen lassen. Meine Augen haben die vergangene Nacht und heute früh Tränen
genung fliessen lassen, derowegen ist es billig, dass ich noch etwas zur
Gemütsberuhigung empfange.« Wie aber das übrige Bezeigen einige Schwachheit
anzeigte, indem sie ganz ermüdet auf das Bette darniedersank, war Elbenstein
auch so unbarmherzig nicht, dieselbe trostlos zu verlassen, sondern gab ihr von
dem bei sich führenden, probat befundenen Lebensbalsame, den er nun fast drei
Wochen daher präpariert und aufgesparet, noch etliche Doses ein, welche ihr
dergestalt wohl bekamen, dass sie vor Freuden, jedoch mit schwacher Stimme
ausrief: »Nun ist's genung! Habe Dank, mein Engel! Es hat seine Richtigkeit aufs
neue, oder ich verwette mein Leben.«
    Es ist nicht zu beschreiben, wie zärtlich sie ihn hierauf karessierte, und
Elbenstein wurde hierdurch dergestalt eingenommen, dass er fast selbst nicht
wusste, wie ihm zumute war. Endlich richtete sich die Dame wieder auf, lösete
ihre mit kostbarn Juwelen versetzten Armbänder ab, entblössete Elbensteins Arme
und befestigte sie darum, welcher, wo er sie nicht alterieren wollte, mit sich
machen lassen musste, was ihr beliebte, ja er durfte sich nicht einmal davor
bedanken, sondern musste nur angeloben, dass er sie beständig verdeckt an seinen
Armen tragen und niemals ablegen wollte.
    Unter allen diesen verliebten Unternehmungen rückte endlich der Abend
herbei, weswegen die Dame der Olympia ein Zeichen gab, dass sie keine ordentliche
Abendmahlzeit, sondern nur kalte Küche auf die Serviette verlangete. Wie nun
dieses bereit, hielten beide Verliebte die Abschiedsmahlzeit miteinander, und
zwar sehr kurze Zeit, denn Elbenstein, welcher sich ungemein wehmütig
angestellet, gab zu vernehmen, wie er noch ein und anderes von Kleinigkeiten zu
besorgen hätte. Die Dame fragte ihn, ob er seinen Coffre, den ihn die Stummen
überbracht, eröffnet hätte. Er gab zur Antwort, wie er es willens gewesen, wäre
aber durch die Olympia, welche ihn abgerufen, daran verstöret worden ...
Alsobald fiel ihm die Dame ins Wort und sagte: »Mein Kind, es ist unnötig, dass
Ihr denselben allhier eröffnet, jedoch weil ich mich besinne, dass Ihr Eure
Barschaften neulich wohl meistens von Euch gegeben, will ich Euch solche wieder
vergüten.« Hiermit ging sie über ihr Chatoull und langete einen gestickten
Beutel mit 300 Zechinen heraus, welchen Elbenstein ohne einige Widerrede
annehmen musste, nach diesem erlaubte sie ihm, erstlich nach seinen Sachen zu
sehen und den Stummen zu befehlen, dass sie dieselben alsofort auf den Wagen
bringen sollten, damit er, wenn die Nacht eingetreten, gleich abreisen könnte;
jedoch solle er sich nicht säumen, alsobald wieder bei ihr zu sein.
    Der in seinem Gemüte ziemlich verwirrte Elbenstein packte demnach alles, was
er etwa von Kleinigkeiten noch herumliegen hatte, vollends ein, erteilete den
Stummen die Ordre und schenkte jeden 25 Zechins vor die bisherige Aufwartung,
der Olympia aber, die einen neuen Reiserock und ein Flaschenfutter mit Wein
herbeitragen liess, verehrete er 50 Zechins, welche sich zwar anfänglich sehr
wegerte, dieselben anzunehmen, jedoch endlich erbittlich war und ihm die Hand
davor küssete.
    Endlich rückte die Stunde heran, da es allmählig anfing dunkel zu werden,
derowegen Elbenstein sich nicht säumete, nochmals zu seiner Gebieterin zu gehen
und Abschied von ihr zu nehmen. Er traf sie abermals weinend an, und seine
Tränen vereinbarten sich mit den ihrigen, jedoch er fassete ein Mannsherze,
sprach ihr den kräftigsten Trost zu und malete die Hoffnung eines baldigen
Wiedersehens so lebhaft ab, dass sie endlich ganz munter ward und sagte: »Nun, so
reise glücklich, mein Leben! der Himmel bewahre dich vor allem Unglück.
Verbleibe mir getreu, und vergiss meiner nicht leichtsinnigerweise, weil ich dich
über alles in der Welt liebe. Halt dein Versprechen und komm so bald, als es
möglich ist, nach Padua, so werde ich binnen 24 Stunden Nachricht von deinem
Dasein haben können, wenn du dich bei demjenigen meldest, wo ich dich
hingewiesen.« Elbenstein versicherte, dass er ihren Befehlen in allen Stücken
aufs genauste nachleben wollte, und endlich sagte er: »Noch eine Gnade bitte mir
von Ew. Durchl. aus.« »Worinnen bestehet diese, mein Herz?« fragte sie.
»Dasjenige noch wenigstens ein einzigmal zu küssen, welches Sie das Pfand
unserer Liebe zu nennen belieben.« Augenblicklich ging die Schöne selber hin
und holete den kleinen Prinzen, welchem Elbenstein mehr als 100 Küsse gab.
Dieses affizierte die Dame dergestalt, dass sie der Olympia rief, das Kind wieder
hinwegzutragen, zu Elbensteinen aber sagte sie: »Diese Karesse hat mein Herz am
allerweichsten gemacht, nimm diesen Ring noch zu dessen Angedenken!« Unter
diesen Worten zohe sie noch einen Ring, der mehr als 200 Zechinen wert war, von
ihren Finger ab und steckte ihn an Elbensteins Finger. »Ach reise glücklich und
komm bald zurück, vielleicht kann ich noch diejenige Person sein, die dein Glück
auf dieser Welt macht.« Elbenstein konnte vor innerlichen Jammer fast kein Wort
mehr hervorbringen, derowegen wurden, weil die Nacht schon eingebrochen war, nur
noch etliche hundert Küsse gewechselt, worauf er sozusagen wie die Katze vom
Taubenschlage stillschweigend Abschied nahm und sich (da sie ebenfalls mit
zugedruckten weinenden Augen auf dem Bette als halb ohnmächtig liegenblieb),
sobald nur die Olympia herzukam, von den Stummen bis an den bereits angespannten
Wagen begleiten liess und fort fuhr.
    Es ist, wie die wenigsten leugnen werden, die Liebe überhaupt ein
wunderlicher Affekt, insbesondere aber die heimliche und verbotene, denn diese
letztere ist vermögend, dem Menschen weit mehrere Leidenschaften zu verursachen
als die erlaubte. Wie es der Dame nach Elbensteins Abschiede ergangen, davon
haben wir keine zuverlässige Nachricht; Elbenstein aber sass in dem Wagen als ein
wachender Träumer, indem die ganze Nacht hindurch kein Schlaf in seine Augen
kam, jedoch konnte er sich nicht eher besinnen, bis er des andern Tages gegen
Mittag von dem obgedachten Tomas erinnert wurde, aus dem Wagen zu steigen und
seiner Bequemlichkeit zu gebrauchen. Er ermunterte sich demnach aus seiner
schlaflosen Träumerei, stieg aus dem Wagen und ward gewahr, dass er nicht nur den
Tomas, sondern noch andere sechs Reuter zur Eskorte bei sich hatte, welches ihm
einigermassen bedenklich vorkam, jedoch er liess sich nichts merken, sondern von
dem Wirte in ein besonderes Zimmer führen, allwo er sich einen glühenden Wein
bestellete und sich mittlerweile aufs Bette streckte, um womöglich ein wenig zu
schlafen. Indem aber kam Tomas und überreichte ihm einen versiegelten Brief,
worinnen er folgende Zeilen zu lesen bekam:
                                Liebstes Leben!
Ich habe meinem Tomas befohlen, Dir diesen Brief nicht eher einzuhändigen, als
bis du in M. angelanget bist. Ich wünsche, dass Deine Reise bis dahin glücklich
gewesen und noch fernerweit glücklich sein möge. Gefahr hat es nicht leicht
haben können, weil ich Dir ausser meinem Tomas zur Begleitung sechs Reuter
mitgegeben habe, und auf den Posten wirst Du auch ohnfehlbar sicher sein. Tomas
hat einen gesattelten Neapolitanerhengst nebst allem andern Zubehör an Dich zu
übergeben anstatt Deines Pferdes, welches hier umgefallen ist und sich
ohnfehlbar um seinen Herrn zu Tode gegrämet hat. Antworte mir mit wenigen
Zeilen, damit ich mich nur an den leblosen Buchstaben ergötzen kann, bis ich das
Vergnügen habe, Dich in eigener Person wieder zu umarmen. Ich bin und verbleibe
die
                                                                        Deinige.
Elbenstein liess sich Dinte, Papier und Feder bringen und beantwortete den Brief
folgendergestalt:
                                  Meine Seele!
Ich weiss fast nicht, ob ich noch recht mehr lebe oder nicht, weil von Dir, meine
Seele, ich mich getrennet sehen muss. Oh! wie unbarmherzig bist Du gewesen, mich
zu einem unaussprechlichen Vergnügen, aber nur auf so kurze Zeit führen zu
lassen, und oh! wie unbarmherzig bist Du nicht nachhero gewesen, mir den letzten
Streich zurückhalten zu lassen. Wie längst wäre ich aller meiner Marter los,
nunmehro aber empfinde ich erstlich tägliche, ja, was sage ich! beständige
Todesangst, da ich nicht allein von Dir entfernt leben, sondern auch einem
andern dasjenige überlassen muss, was meine Sehnsucht sich einzig und allein,
aber keinem andern gönnet. Mein Dir allein ergebenes Herz fängt schon an, den
Adern den Dienst zu versagen und den Umlauf des Geblüts zu verhindern, demnach
dürfte mein Ende fast nahe sein, jedoch verbleibe ich nebst gehorsamster
Danksagung vor alle genossene Liebe, Gnade und Wohltaten
                        Dein
                                                            bis in Tod Getreuer.
Kaum hatte er diesen Brief ausgeschrieben, als Tomas den glühenden Wein brachte
und darbei fragte, ob Ihro Gn. nicht belieben wollten, das kostbare Pferd selbst
in Augenschein zu nehmen, welches Ihro Durchl. ihm zu überreichen mitgegeben
hätten. Elbenstein war oder stellete sich wenigstens ganz malade an, ging aber
doch, nachdem er den glühenden Wein getrunken hatte, mit ihm herunter, liess
seine Coffres und Sachen erstlich hinauf in seine Stube schaffen und besah
hernach den neapolitanischen Hengst, welcher ihm sehr wohl anstund, auch dahin
bewog, dass er dem Tomas zwölf, jeden Reuter aber drei Zechinen zur Diskretion
gab, da denn diese ein paar Stunden hernach mit dem Wagen ihre Rückreise
antraten.
    Der Wirt mochte Elbensteinen ohnfehlbar vor einen Prinzen oder andere
Standesperson ansehen, begegnete ihm demnach auf die alleruntertänigste Art, da
dieser aber sich vernehmen liess, dass er erstlich ausschlafen, nicht eher als auf
den Abend speisen, den andern Tag annoch ausruhen, dritten Tages aber mit einer
Extrapost weiterreisen wollte, richtete er sich darnach ein und liess ihm einen
artigen Knaben zur Bedienung, welcher, da sich Elbenstein aufs Bette legte,
sogleich seine sodomitischen Dienstleistungen anbot. Wie aber Elbenstein vor
dergleichen einen recht natürlichen Abscheu hatte und ihm zurückzugehen befahl,
kam ein alter Hausknecht und meldete sich, dass er befehligt wäre, die Wache vor
seiner Tür zu halten, und daferne Ihro Gn. etwas zu befehlen hätten, dürften sie
nur Antonio rufen. Dieses liess sich Elbenstein eher gefallen, schlief aber
alsobald ein und ruhete einige Stunden.
    Als er wieder aufgewacht, befahl er dem Antonio, dass er ihm die
Abendmahlzeit bestellen sollte, welche bald hernach gebracht wurde. Der Wirt
wartete ihm selbst auf und fing nach unterschiedlichen Gesprächen dieses zu
reden an: »Ich sehe, dass Ew. Gn. keinen Bedienten bei sich haben, wenn Ihnen
demnach an einem geschickten deutschen Menschen etwas gelegen wäre, wollte ich
denselben heraufrufen, er ist einige Jahr allhier in Italien bei einem vornehmen
deutschen Kavalier in Diensten gewesen und hat die italiänische Sprache sehr
wohl gefasset.« Elbenstein gab hierauf zur Antwort, dass der Herr Wirt diesen
Menschen nach der Mahlzeit herauf zu ihm senden möchte; welches denn auch
geschahe, indem Elbenstein nicht lange bei Tische sass. Sobald der Deutsche ins
Zimmer getreten und Elbenstein an ihm bemerkte, dass er wohlgekleidet und sehr
reputierlich aussah, fragte er denselben ganz freundlich, wer und woher er
wäre. Dieser gab zur Antwort: »Ihro Gn. gebe gehorsamst zu vernehmen, dass ich
von Frankfurt gebürtig bin und daselbst die Chirurgie erlernet habe. Vor sechs
Jahren aber bin ich mit einem vornehmen deutschen Baron, dem Herrn von L., als
Kammerdiener mit in dieses Land gereiset. Nachdem aber dieser mein Herr vor
etlichen Wochen in N. meuchelmörderischerweise ums Leben gebracht worden, habe
ich seitero Gelegenheit gesucht, bei einem oder andern deutschen Herrn in
Diensten zu kommen, damit ich endlich einmal mein Vaterland wieder zu sehen
bekommen möchte.« »Ich habe«, sagte Elbenstein, »von dem Baron von L. vielmal
reden hören, was hat aber Gelegenheit zu seiner Ermordung gegeben?« »Ach
leider!« gab der Kammerdiener zur Antwort, »nichts anders als die
Ausschweifungen in Liebessachen; allein es möchte Ew. Gn. wohl zu langweilig
fallen, wenn ich Ihnen die Streiche, so er in diesem Lande vorgenommen,
ausführlich erzählen wollte.« »Mein lieber Landsmann«, versetzte Elbenstein, »Er
erzeigte mir hiermit einen besondern Gefallen, denn ich habe nicht allein hier
wohl ausgeschlafen, sondern pflege auch sonsten meinem Schlafe abzubrechen, wenn
mir jemand Geschichte erzählet. Hier ist Wein, trinke Er nach Belieben soviel,
als Er will, und setze sich dabei nieder, damit Ihm das Reden nicht zu sauer
wird, ich werde Ihm, wo ich Ihn nicht in Dienste nehme, dennoch eine Diskretion
geben.«
    Der Mensch gehorsamete Elbensteinen und fing seine Erzählung also an:
»Nachdem mein Herr, der Baron von L., die vornehmsten Städte Italiens besehen
und fast allerwegen der Göttin Venus vielfältige Opfer gebracht, indem er ihre
Nymphen nicht suchen durfte, sondern selbst von ihnen aufgesucht und zur
Liebeslust angereizt wurde, kamen wir endlich nach N., allwo es ihm besser als
an irgendeinem Orte gefiel, weil er daselbst nicht allein den vergnügtesten
Umgang mit schönen Frauenzimmer, sondern auch mit verschiedenen deutschen
Offiziers und Kavaliers haben konnte. Eines Tags trug sich's zu, dass er einen
seiner guten Freunde besuchte, welcher Tags vorhero im Duell einen gefährlichen
Stoss in die Brust bekommen hatte. Es kamen noch verschiedene andere deutsche
Offiziers und Kavaliers dahin, welche dem Patienten die schmerzhafte Zeit
vertreiben wollten. Auch war ein Medicus zugegen, der den Patienten innerliche
Medikamenta gab. Dieser Medicus war ein ziemlich glücklicher und wohlgereiseter
Arzt, indem er viele Sprachen redete, hierbei aber haselierte er gar gewaltig,
so dass die Offiziers und Kavaliers gemeiniglich einen Narren aus ihm machten,
denn er wollte sein Geschlecht von den alten longobardischen Königen herführen,
war aber doch bloss mit dem adelichen Charakter zufrieden, wenn man ihn nehmlich
nur den Herrn von Oegneck nennete. Zur Frau hatte er eine extraordinäre schöne
Dame, doch weil er der Eifersucht im allerhöchsten Grad ergeben, liess er sie
fast vor keinem Menschen sehen, und wenn ihr ja einmal erlaubt war, frische Luft
zu schöpfen, musste solches dennoch durch eine Masque geschehen, um zu verhüten,
dass sich niemand an ihrer Schönheit vergaffte. Über dieses war ihr ein altes
vertracktes und grämliches Weib zur Hofemeisterin vorgesetzt, vor welcher dieses
schöne Bild sich nicht einmal frei umsehen, geschweige denn mit jemand reden
durfte, ohngeacht sie viel Feuer im Leibe hatte. Er, der Herr von Oegneck
selbst, kam ihr selten von der Seite, ausgenommen wenn seine Amtsverrichtungen
oder eine gute Compagnie, bei welcher er kein Geld vertun durfte, ihn von ihrer
Seiten zog, denn er war ungemein gern lustig oder, auf deutsch zu sagen, er
haselierte gern, hierbei aus dermassen geizig, und dennoch spielete er gern.
    Allhier nun waren verschiedene Offiziers zugegen, welche um alles sein Wesen
genaue Wissenschaft hatten, derowegen kam bald ein Gespräch vom Frauenzimmer und
vergnügten Heiraten aufs Tapet, und fast ein jeder brachte eine besondere
Meinung hervor, von was vor Temperament und Beschaffenheit nehmlich er sich
dermaleins eine Frau wünschte. Oegneck hatte nicht gar lange zugehöret, als er
mit beiden Fäusten auf den Tisch schlug und sagte: Um aller Heiligen willen!
meine Herren, reden Sie von andern Dingen als vom Heiraten, denn wenn ich nur
hieran gedenke, wird mir angst und bange. Ei wieso, mein Herr? fragte ein
gewisser Capitain, der sich Reston nennete, wie ich vernommen, so ist ja
Derselbe recht glücklich im Heiraten gewesen, indem Er eine bemittelte,
verständige, tugendsame und ganz besonders schöne Frau haben soll. Ich habe
dieselbe zu sehen zwar niemals die Ehre gehabt, jedoch solches von meiner
eigenen Frauen und andern Dames vernommen, möchte also fast wünschen, woferne es
anders ohne Dessen Incommodité geschehen könnte, die Wahrheit darvon persönlich
zu erforschen. Oegneck antwortete mit einigen Kopfschütteln folgendes: Es ist
wahr, meine Herrn! ich habe eine Frau bekommen, die einen recht englischen
Verstand besitzt, denn sie ist nicht allein in der Schrift, sondern auch in
allen andern curieusen Wissenschaften vortrefflich wohlerfahren. Kann einen
zierlichen Vers machen, nebst der Laute unterschiedene andere musikalische
Instrumente recht charmant spielen, sauber schreiben, perfekt rechnen, künstlich
malen und in Wachs poussieren, die schönste gestickte Arbeit und summa summarum
alles, was ihre Augen sehen, können ihre Hände nachmachen.
    Nackend und bloss, fuhr er fort, ist sie nicht zu mir kommen, sondern hat ein
Heiratsgut von mehr als 1000 Dukaten mitgebracht, welches Kapital ich in Banco
gelegt, der vortrefflichen Meublen zu geschweigen. Ihre Jungfrauschaft ist mir
zu meinem allergrössten Vergnügen unversehrt zuteile worden, und habe ich die
Marquen und Beweistümer hiervon bis dato noch unter meinen kostbarsten Raritäten
verwahrt liegen. Es hat ihr niemals nach einer andern Mannesperson gelüstet als
nach mir allein, auch führet sie beständig ein einsames, stilles und frommes
Leben, woraus ihr tugendhaftes Wesen sattsam erhellet. Was die Schönheit meiner
Frauen anbetrifft, so kann ich dieselbe mit allem Rechte ganz unvergleichlich
nennen, denn ihre Augen sind wie ein paar blaue Crystallen und schicken mir so
vieles Feuer zu, dass ich mich zuweilen mit Gewalt von ihnen entfernen muss, um
durch allzu hitziges Lieben mein Leben nicht vor der Zeit abzukürzen; ihre
Wangen sind wie Milch und Blut, die Haut über den ganzen Leib beschämet das
allerweisseste und glattpolierteste Helfenbein; und die übrigen Leibesteile, an
und in welchen die Verliebten die Quintam Essentiam der Wollust zu suchen
pflegen, sind so beschaffen, dass ...
    Hierauf brach der mit Hasenschrot geschossene Herr v. Oegneck auf einmal in
seiner Rede ab, sagte aber bald hernach: Basta! Meine Herrn, ich muss schweigen,
sonsten möchte einer oder der andere einen unordentlichen Appetit bekommen, mich
zum Hahnrei zu machen. Vivat indessen, rief er, indem er zugleich ein Glas Wein
an den Mund setzte, mein schönstes und liebstes Weibgen! Mittlerweile hatten
alle Anwesende genug zu tun, sich des lauten Lachens zu entalten, gaben aber
einander ihre Gedanken mit den Füssen unter dem Tische zu verstehen.
    Mein Herr aber stund unter der Zeit, da Oegneck seiner Frauen Gesundheit
trank, jählings auf, nachdem er einigen von der Compagnie einen heimlichen Wink
gegeben, ging zur Tür hinaus und lachte sich satt. Oegneck, da er das grosse Glas
ausgeleeret hatte, sagte mit einer lächelnden Miene: Hab ich es nicht gedacht,
dass sich unter dieser Gesellschaft hitzige Venusbrüder befänden? Wenigstens
dieser Kavalier, welchen ich heute zum ersten Male zu sehen die Ehre habe, gibt
sattsam zu verstehen, dass unter meinen Reden Cupido einen Pfeil auf ihn
abgedruckt hat. Hierauf gab der Capitain Reston zur Antwort: Der Herr von
Oegneck irret sich vor diesmal gar gewaltig, denn ich kann denselben versichern,
dass dieser Kavalier ein Erzmelancholicus und Abstemius von allem Frauenzimmer,
demnach chagriniert ihn nichts mehr, als wenn von Frauenzimmer, Heiraten und
verliebten Händeln geredet wird, jedoch dieses wollen wir uns insgesamt nicht
irren lassen, sondern ihm zum Possen dergleichen Gespräche weiter fortführen.
Ei, das ist ein anders, sagte Oegneck, allein wenn es so mit ihm beschaffen ist,
möchte sich der liebe Herr doch nur zu mir in die Kur begeben, denn ich kuriere
Melancholiam ex fundamento, wenn ich nur weiss, dass ich raisonabler Zahlung
versichert bin. Wo sich der Herr von Oegneck, replizierte der Capitain Reston,
verobligieren kann und will, den Kavalier von diesem Malheur zu befreien, will
ich sogleich mit ihm davon sprechen, auch werden mir die Herrn allhier alle
bezeugen, dass er sich sonsten jederzeit sehr généreux aufgeführet. Ach, tun Sie
doch dieses, mein Herr Hauptmann, bat Oegneck, ich werde niemals ermangeln,
Ihnen alle Gegen-Erkenntlichkeit zu erweisen.
    Demnach ging der Capitain Reston hinaus und berichtete meinem Herrn, was man
in seiner Abwesenheit von ihm gesprochen. Dieser, weil er ein extraordinär
verliebter Mensch, darbei einen überaus lustigen, listigen und verschlagenen
Kopf hatte, fragte sogleich: Ist's denn wahr, mein Herr Hauptmann, dass dieses
Haselanten Frau etwas Schönes an sich haben soll? Ich kann Ihnen, gab Reston zur
Antwort, bei meiner Ehre versichern, dass, wie schon gesagt, nicht allein meine
eigene Frau, sondern auch viele andere Offiziersfrauen, welche dieselbe bei
gewissen Angelegenheiten gesehen und gesprochen, ihre ganz besondere Schönheit
und Artigkeit mir nicht sattsam beschreiben können. Hierbei wäre aber nichts zu
beklagen, als dass sie einen solchen Hasenfuss und eifersüchtigen Grillenfänger
zum Manne hätte, welcher sie weit strenger als eine Nonne hielte. Das gute Weib
beweinete ihren unglückseligen Ehestand, welcher sie fast gänzlich von der
Gesellschaft anderer Menschen verbannete, zwar täglich, dürfte dieses dem
törichten Kerl aber im geringsten nicht merken lassen, weiln er sonsten sogleich
Verdacht auf sie legte, als ob sie Lust hätte, Ausschweifungen zu begehen. Im
Gegenteil müsste sie sich zwingen, ihm verliebt und freundlich zu begegnen,
übrigens ihr Unglück mit Gedult ertragen.
    Ich vor meine Person, verfolgte Reston seine Rede, würde mir eine
unbeschreibliche Freude daraus machen, wenn ich erführe, dass jemand so glücklich
gewesen, diesem Narren einen Possen zu reissen, doch ein solches ist fast
unmöglich, denn obgleich das schöne und artige Weibgen wohl leichtlich bewogen
werden könnte, ihrem närrischen ... Hute Hörner aufzusetzen, so liegt doch
beständig ein alter rotäugiger Drache, welcher noch ärger ist als der Teufel,
neben ihr, welcher sie, der Mann sei zu Hause oder nicht, bewachen muss. Herr
Hauptmann, versetzte hierauf mein Herr, Ihre Reden und das, was ich vor einigen
Tagen an einem gewissen Orte von dem närrischen Oegneck und seiner Frau
vernommen, trifft überein, ich traue Ihrer Verschwiegenheit und versichere, dem
Oegneck eine Ochsenkrone aufzusetzen, ob er auch gleich seine Frau beständig bei
sich im Schubsacke herumtrüge; inzwischen bleiben Sie nur dabei, dass ich ein
Melancholicus und Abstemius von Frauenliebe sei. Reston hätte sich über meines
Herrn Vorsatz und ernstaftes Vorbringen mögen scheckig lachen, bestärkte ihn
aber nicht wenig in diesem Vorsatze und versprach, nach Möglichkeit darzu
behülflich zu sein, worauf einer nach dem andern wieder ins Zimmer zur Compagnie
ging.
    Sobald sie sich beiderseits niedergelassen und den Herrn von Oegneck in
tiefen Gedanken sitzend antrafen, rief der Capitain Reston: Allons! Herr von
Oegneck, wie so tiefsinnig? A propos! wir haben vorhin mit Verwunderung gehöret,
was Derselbe vor eine ungemeine glückliche Heirat getroffen, wie aber reimet
sich das mit dem, da Er anfänglich sagte, es würde Ihm angst und bange, wenn Er
nur an das Heiraten gedächte, da doch, meines Erachtens, wohl kein Mensch auf
der Welt mehr Ursach hat, vergnügter davon zu gedenken und zu reden als eben Er.
Meine Herren! gab Oegneck hierauf zur Antwort, vielleicht finden sich einige in
dieser Gesellschaft, welchen die Gespräche vom Ehestande und dergleichen
ekelhaft und vedriesslich vorkommen möchten; jedoch mit Erlaubnis, ich will das
Meinige kurz machen und Ihnen allerseits nur zu erwägen geben, ob diejenigen
Beschwerlichkeiten, womit der Ehestand verknüpft ist, nicht vermögend sind,
einem Angst und Bangigkeit zu verursachen. Ich meinesteils empfinde zwar das
wenigste davon, weil ich mit meiner Frauen ein vergnügtes Leben führe, auch
werde ich von dem Kindergeschrei und andern dabei vorfallenden Ungelegenheiten
nicht geplagt. Warum? Ich breche meiner Wollust ab und menagiere meine Frau, um
selbige desto länger schön, glatt und zart zu behalten, denn es ist nach aller
vernünftiger Medicorum, Physicorum, Philosophorum, Naturaeque expiscatorum
Meinung klar, richtig und wahrhaftig wahr, dass die Weiber von öftern
Kinderzeugen runzlich, unscheinbar und hässlich werden. Am allererschröcklichsten
aber kömmet mir die grosse Gesellschaft der Hahnreier vor. Par Dieu! wenn ich
daran gedenke, möchte ich bersten wie eine Maikröte. Und ob zwar ich in Erwägung
meiner Frauen treuer und ruhmwürdiger Conduite, vornehmlich aber meiner
selbsteigener gemachten Praecaution die Tage meines Lebens über nimmermehr in
diesen Orden zu kommen befürchten darf, so können mir doch die Exempel anderer
unglückseliger Hörnerträger täglich dergestalt viel, teils Mitleiden, teils
Grimm, verursachen, dass ich mich öfters fast nicht zu lassen weiss. Alle diese
Grillen aber, welche ich aus christlicher Liebe gegen andere vereheligte
Mitbrüder zu erdulten mich fast gezwungen sehe, wären wohl unterweges geblieben,
wenn ich nicht selbst verehligt wäre, denn was gingen mich sonsten die
Ehestandsaffären an.
    Nunmehro war es einigen von der Gesellschaft unmöglich, das Lachen länger
aufzuhalten, derowegen fingen sie mit vollem Halse an; Oegneck aber sah so
ernstaft aus als ein anderer Cato. Jedoch, da sich das Gelächter geendigt,
sprach er mit Seufzen: Ja, ja, Ihr lieben Herrn habt alle gut Lachen, allein
fangt nur erstlich an, ein recht christliches Ehestandsleben zu führen, so
werdet Ihr Kreuz, Trübsal und Bekümmernis genung, ja mancher vielleicht mehr als
ich darinnen finden.
    Hierauf sagte ein Major namens Morster: Der Herr von Oegneck hat recht, doch
aber getraue mich, Ihn zu überzeugen, dass Er einen recht unchristlichen und Gott
höchst missfälligen Ehestand führet. Denn ist denn das wohl der rechte Zweck des
Ehestandes, wenn man dasjenige Werk der Liebe, welches Gott zur Fortpflanzung
des menschlichen Geschlechts verordnet und in die Natur gelegt, nur Wollust
halber treibt und den Leibesacker seiner Frauen nur deswegen nicht behörig
pflüget und dünget, dass er fein derb und glatt bleiben soll? Ist's
verantwortlich, dass man um eines kurzen Kindergeschreies und einiger andern
Inkommoditäten wegen verhindert, dass dem Himmel viel 1000 Bet-, Lob- und
Dankopfer, ja etliche Seelen mehr zugeschickt werden? Ja soll man sich selbst um
das Vergnügen bringen an denjenigen Kindern, welche uns in der Jugend die Ohren
vollgeschrien haben, mit der Zeit Ehre, Freude und Ruhm, ja Beistand im hohen
Alter zu erleben? Ich sage nein darzu und halte es vor eine himmelschreiende
Sünde. Dieses war ein Punkt, mein Herr! Bei dem andern aber fragt sich's:
worinnen denn, ausser seiner Frauen ehelicher Treue, die eingebildete
vortreffliche Praecaution bestehe, welche Er sich gegen die Immatrikulierung des
Hahnrei-Ordens gemacht? Ich merke zwar schon, was Er, ohne die Wahrheit zu
beleidigen, sonderlich nach hiesiger Landesart darauf vorstellen kann; allein es
fragt sich auch noch, ob es recht und billig sei, dass man, von einer törichten
Jalousie angereizt, den Ehestand zu einem ängstlichen Kerker des Frauenzimmers
macht und seiner Ehefrau nicht die Freiheit gönnet, welche andere Weiber an den
allermeisten Orten der Welt geniessen, sondern dieselbe in der Einsamkeit die
Strengigkeit ihres Mannes zu beweinen, die Blüte ihrer Jugend aber zu verwelken
zwinget? Heisst das geliebt, wenn man eine Person unschuldigerweise aus blossen
Misstrauen zu ewiger Gefangenschaft verdammet? Oh! hole doch der Henker solche
Liebe. Wie meint der Herr? wenn der Vice-Roi Ihn zu sich kommen liesse und
spräche: Herr von Oegneck, ich habe vernommen, dass Er ein geschickter frommer
Mann ist, der keinen Menschen bestohlen noch betrogen noch sich sonsten jemals
unartig aufgeführet hat, damit Er nun bis an Sein Ende so fein fromm bleiben und
nicht etwa durch böse Gesellschaft oder Seine eigene Lüste zu diesem oder jenem
Laster verführet werden möge, will ich Ihn bis an das Ende Seines Lebens auf ein
Schloss in genaue Verw[a]hrung bringen, jedoch aufs allerbeste traktieren lassen.
    Was gilt's, mein Herr! die Freiheit würde Ihm angenehmer sein als die
herrlichsten Traktamenten, denn es ist dem Menschen nichts Angenehmers, auch
nichts Edlers auf der Welt als die Freiheit. Gott hat im Paradiese gesagt: Ich
will dem Menschen eine Gehülfin (keine Sklavin) schaffen, die um ihn (nicht aber
seine Gefangene) sei etc. Wie da? mein Herr! ist es also nun christlich
gehandelt, wenn man so gröblich und vorsätzlicherweise wider Gottes Ordnung
lebt? Man könnte Demselben noch viel scharfsinnige Fragen vorlegen, allein diese
Sachen gehören mehr vor die Herrn Geistlichen als vor Soldaten. Doch will ich
Ihm noch dieses zur dienstlichen Nachricht sagen, dass Er sich vollkommen
glücklich schätzen kann, wenn Ihm seine Frau vollkommen getreu und nicht
selber zu Ausschweifungen inklinieret, widrigenfalls werden alle superkluge
und vorsichtige Anstalten so vortrefflichen Stich halten wie Butter an der
Sonnen. Hierauf erzählte der Major einige Exempel, auf was vor listige Art
Ehemänner von ihren Weibern in diesem Stück betrogen worden. Die andern
Offiziers und Kavaliers erzähleten auch ein jeder etliche, da denn verzweifelte
Streiche herauskamen, welche zu wiederholen viel zu weitläuftig fallen dürfte.
Kurz, sie bemüheten sich, den Herrn von Oegneck damit zu überführen, dass das
Weiberhüten eine ganz vergebliche und lächerliche Sache wäre und dass auch
zuweiln die allerehrlichste Frau durch vermerktes Misstrauen ihres eifersüchtigen
Ehemannes und allzustrenger Hut zur Rachgier verleitet werde und dasjenige tue,
was sie sonsten wohl unterlassen hätte, wenn sie nicht so scharf gehalten
worden. Ha! meine Herrn! rief Oegneck, alle die Exempel, so Sie erzählet haben,
kommen mir lächerrlich vor. Die guten Leute haben alle die Art und Weise nicht
recht gewusst, sich ihrer Weiber zu versichren, derowegen sind sie nicht zu
beklagen, da sie betrogen worden. Die Sache muss man bei einem ganz andern Zipfel
anfangen; was wollte doch alle ihre Praecaution mit meinen Anstalten vor eine
Gleichheit haben? Nichts, nichts, meine Herrn, ich habe einen zehnfach mehr
verschlagenen und listigern Kopf als alle diejenigen, von welchen Sie mir jetzo
erzählet haben, und derjenige, so mich betrügen sollte, müsste noch erst geboren
werden, denn wo andere nur hindenken, bin ich längstens gewesen, offenbare aber
nicht alle meine Geheimnisse. Nun aber, meine Herrn! mag es vor diesmal genung
sein von dieser Materie, ich will kein Wort mehr davon reden, Punktum!
    Die sämtliche Compagnie war nunmehro sattsam überzeugt, dass in seinem Kopfe
vor 100 Narren nur 99 Stühle befindlich, weswegen der überleie gewaltig
herumschwärmete, einen bequemen Sitz zu finden, also hätten ihrer etliche gern
gesehen, dass man den Hasen noch eine Zeitlang gehetzt, doch der Capitain Reston
brachte gewisser Ursachen wegen ein ernstaftes Gespräch aufs Tapet, weswegen
die lustigen Streiche vor diesmal beiseite gesetzt wurden.
    Mein Herr hatte sich unter der Zeit, da alles dieses gesprochen worden,
abermals vom Tische hinweg und an ein Fenster gemacht, auch getan, als ob er von
allem nichts gehöret hätte, wiewohl er sich verschiedenes, das zu seinem
Vorhaben dienlich, aus diesen Begebenheiten angemerkt. Er wurde zwar genötiget,
wieder zur Compagnie zu kommen, allein er bat um Erlaubnis, auf die Zurückkunft
eines gewissen Kavaliers noch einige Zeit warten zu dürfen. Oegneck, welcher
immer ein Auge auf ihn hatte, machte sich diese Gelegenheit zunutze, stund auf
und drehete sich mit Manier an seine Seite, plauderte von diesem und jenem so
lange, bis er das Gespräch auf die Temperamente derer Menschen brachte und einen
Herrn, der ein vollkommener Sanguineo Cholericus war, mit aller Gewalt das
melancholische Temperament aufzwingen und dringen wollte. Mein Herr strebte
anfänglich lange darwider, endlich da ihm Oegneck allerhand abgeschmackte
medizinische Grillen vorgebracht, gab er sich überwunden und sprach: Mein Herr
von Oegneck, ohngeacht ich bereits unter den Händen vieler Medicorum gewesen, so
kann ich Ihm doch ohngeheuchelt versichern, dass mir noch kein einziger das
Pflöckgen so akkurat getroffen hat als Er, und zwar in so kurzer Zeit, da Er mit
mir noch so wenigen Umgang gehabt. Derowegen bin ich willens, mich Seiner Kur
völlig anzuvertrauen in Hoffnung, bei Ihm die Erfüllung meines Wunsches zu
finden, zumalen wenn ich Ihm noch einige geheime Umstände, so meine selbsteigene
Person betreffen, werde offenbaret haben, als woran vermutlich das meiste
gelegen sein wird. Er wird also so gütig sein und übermorgen früh um sechs Uhr
in mein Logis kommen, um sich mit mir zu unterreden. Doch dieses will ich im
voraus sagen: Ist Er glücklich in Kurierung meines Malheurs und verschwiegen bei
demjenigen Geheimnisse, so ich Ihm anvertrauen werde, soll Er von mir raisonable
kontentieret werden, plaudert Er aber nur das geringste davon aus, so werde ich
mein Haupt nicht eher sanfte legen, bis ich meinen Hohn an Ihm gerochen habe.
    Ha ha! replizierte Oegneck, Schweigen ist die beste Tugend an einem Medico,
und diese klebt mir vor 1000 andern an. Mein Herr belieben sich dieserwegen
nicht die geringste Sorge zu machen, denn bei mir ist Ihr Geheimnis ebenso
verwahrt, als ob Sie es einer leblosen Kreatur anvertrauet hätten. Nun wohlan,
sprach mein Herr, indem er ihm zugleich die Hand drauf gab, es bleibt indessen
bei der genommenen Abrede, worauf sie sich beiderseits wieder zum Tische setzten
und von ihrem Gespräch niemand etwas merken liessen. Wenig Minuten hernach aber
wurde Oegneck abgerufen, weswegen er fast wider Willen von dieser schönen
Compagnie Abschied nehmen musste.
    Diese raisonierten noch eine geraume Zeit über den törichten Hasenkopf, ja
kein einziger war darunter, welcher ihm nicht des Aktäons Hauptschmuck von Grund
des Herzens gegönnet hätte, jedoch mein Herr sagte weiter niemanden, was er sich
vor ein Projekt gemacht, ihm darzu zu verhelfen. Bald hernach ging die Compagnie
auch auseinander, und ein jeder suchte sein Vergnügen da, wo er es am besten zu
finden verhoffte.
    Mein Herr liess sich, sobald er in sein Zimmer gekommen, sogleich auskleiden
und legte sich ins Bette, wohl nicht eben aus Müdigkeit, sondern ohnfehlbar um
nachzusinnen, wie er sein vorhabendes Werk am geschicktesten anfangen möchte.
Indem es nun seinem verschlagenen Kopfe niemals an allerlei geschwinden, klugen
und praktikablen Einfällen zu fehlen pflegte, so wurde der erste Actus dieser
Komödie oder, besser zu sagen, Tragödie gar bald und ehe er noch einschlief
entworfen. Frühmorgens, sobald er erwacht, musste ich mich neben sein Bette
setzen, da er mir denn offenherzig entdeckte, wie er die Sache anfangen wollte.
Ich habe das Vertrauen zu Eurer Geschicklichkeit, so beliebte ihm zu reden, dass
Ihr mir eine besondere Façon von einer Bandage verfertigen werdet, vermittelst
welcher ich ohne gar zu grosse Inkommodität meine Testiculos hinauf zurück in den
Leib hinein binden kann, so dass das Scrotum ledig und schlaff herunterhanget,
denn ich will dem Oegneck weismachen, dass ich kastriert wäre, glaube auch
hierdurch meinen Zweck am allerleichtesten zu erreichen.
    Da nun seine Gemütsart so beschaffen war, dass er sich nicht gern
widersprechen liess, auch in den allerdesperatesten Unternehmungen weder Warnung
noch Abraten stattfinden liess, als sah mich gemüssigt, um ihn nicht vedriesslich
zu machen, seinen Willen zu erfüllen, traf auch das Ding dergestalt wohl, dass er
ein besonderes Vergnügen darüber bezeigte. Des andern Morgens früh, gegen die
Zeit, da Oegneck kommen sollte, musste ich ihm diese Bandage anlegen, alle
Gardinen wurden zugezogen, so dass es ziemlich dunkel im Zimmer war, mein Herr
legte sich aufs Bette, Oegneck liess sich durch den Laquaien melden, weswegen ich
mich ins Cabinet verschliessen musste, um alle Reden mit anzuhören, jener aber
wurde ins Zimmer gelassen und glaubte nicht anders, als ganz allein bei meinem
Herrn zu sein.
    Dieser, nachdem er den Herrn von Oegneck genötiget, sich bei einem
Nachttischgen niederzulassen, redete denselben also an: Mein Herr von Oegneck,
ich muss Ihm, ehe wir zum Zweck kommen, ein Stück von meiner Lebensgeschicht
erzählen, doch muss Er mir erstlich eidlich angeloben, selbiges ohne meinen
Willen niemanden weiter zu offenbaren.
    Da nun Oegneck sich aufs teureste vermessen, reinen Mund zu halten, fuhr
mein Herr in seiner Rede also fort: Ich bin ein Kavalier aus einem der
vornehmsten Geschlechter in Deutschland. Das Liebeswerk habe ich mir, leider!
von Jugend auf mehr angelegen sein lassen, als mir nunmehro lieb ist, da ich ein
Frauenzimmer behörig zu bedienen mich ganz und gar untüchtig befinde, denn alle
beide Testiculi sind verlorengegangen, fühlet her, mein Herr! ich bin, ach
leider! ein beklagenswürdiger Verschnittener, weder Mann noch Weib, weder Weib
noch Mann. Oegneck begriff demnach auf Verlangen das Scrotum und glaubte
würklich, dass dem also sei, gab auch dieserwegen sein Mitleiden mit kläglichen
Gebärden und Worten zu verstehen. Der verschlagene Patient aber stellete sich
dergestalt jämmerlich an, dass es auch schien, als ob ihm die Tränen in den Augen
stünden; endlich redete er weiter: Ich muss Ihm nur, mein Herr, die Sache mit
allen ihren Umständen entdecken, Er höre mir fleissig zu! Ich habe mich vor
einigen Jahren mit einem armen, aber sehr schönen Fräulein fleischlich vermischt
und sie geschwängert, mit dem Versprechen, sie zu heiraten, nach der Zeit aber
habe ich die teuresten Schwüre, so ich diesem Fräulein geleistet,
leichtsinnigerweise aus den Gedanken geschlagen, mich von einer andern Delila
verführen und meine erste Liebste in den jämmerlichsten Zustande sitzenlassen.
Es schrieb dieselbe zwar verschiedene höchst bewegliche Briefe an mich, konnte
aber damit nichts als eine mittelmässige Summa Geldes erlangen, worbei ich ihr
rundheraus meldete, dass sie sich auf meine Person hinfüro nur nicht die
geringste Rechnung oder Hoffnung machen möchte, wie ich ihr denn auch wegen des
starken Hasses, den ich nachhero auf ihre Person gelegt, gänzlich untersagte,
ferner an mich zu schreiben. Doris, so hiess diese meine erste Liebste, war zwar
nicht reich an Mitteln, desto reicher aber an Verstande und andern besondern
Eigenschaften, hiernächst hatte sie einen heroischen Geist, welcher sie dahin
verleitete, dass sie, um sich zu rächen, sowohl mir als meiner neuen Liebste nach
dem Leben trachtete. Demnach verkleidet sie sich in Manneshabit, kömmt heimlich
an den Ort, wo ich mich damals aufhielt, passet, da ich meine Mätresse nachts
aus der Opera führe, vorsichtig auf und stiess dieselbe plötzlich mit einem
Stilett auf der Stelle an meiner Seite darnieder, dass sie augenblicklich den
Geist aufgab. Auf meine Brust tat sie ebenfalls in der Geschwindigkeit zwei
heftige Stösse mit diesem Mordgewehr, allein ihr Arm war zu schwach, oder
vielmehr mein anhabendes ledernes Kollett mochte verhindern, dass sie mir
gleichergestalt das Leben rauben konnte. Sie wurde zwar arretiert und von mir
sogleich vor meine ehemals geliebt Doris erkannt, doch es wachte nicht die
geringste Liebesregung in meiner Brust gegen sie auf, sondern ich war gesonnen,
nach Urteil und Recht mit ihr verfahren zu lassen; allein Doris spielete das
Praevenire und richtete sich selbst im Gefängnisse mit Opio hin, nachdem sie
vorhero einen Brief an mich geschrieben, dessen Inhalt mir noch täglich in
Gedanken sowohl als der Schatten ihres Körpers vor Augen schwebt. Aus wenigen
Worten, mein Herr! die ich Euch aus dem Briefe hersagen will, werdet Ihr leicht
erachten können, wie der ganze bogenlange Brief müsse gelautet haben: Siehe,
Verteufelter, hatte sie geschrieben, durch Deine geile Bru[n]st und Hurenliebe
hast Du solchergestalt zwei der schönsten Fräuleins um Ehre und Leben, ja was
das erschrecklichste, um ihrer Seelen Seligkeit gebracht. Jedoch ich weiss ganz
gewiss und sehe bereits in meiner bittern Todesstunde mit süssen Vergnügen vor
Augen, wie Du noch auf Erden an demjenigen Gliede, womit Du gesündiget hast,
aufs grausamste gepeiniget wirst. Glühende Eisen, scharfe Messer, Scheren und
Zangen werden Dich in Zukunft kitzeln, doch wirst Du statt empfindender Wollust
Ach! Weh! Zeter und Mordio! schreien müssen etc. etc.
    Hier hielt mein Herr etwas mit Reden inne, legte sich mit zugemachten Augen
(wie ich durch ein klein Loch aus dem Cabinet bemerken konnte) zurück aufs Bette
und stiess etliche tiefgeholte Seufzer aus; mir, ohngeacht ich sogleich merkte,
dass er keine wahrhafte Geschichte, sondern ein blosses Gedichte hererzählete,
stunden jedennoch fast die Haare zu Berge, und kann nicht leugnen, dass mir
dergleichen Beginnen sehr frevelhaft vorkam. Bald hernach aber setzte er seine
Erzählung folgendermassen fort:
    Ach mein Herr von Oegneck! wie haben der sterbenden Doris Prophezeiungen
doch so richtig bei mir eingetroffen, ob ich gleich wenige Tage nach ihrem Tode
alles aus dem Sinne schlug und mich um nichts bekümmerte, als wo ich wieder eine
neue wohlqualifizierte Mätresse hernehmen wollte. Unterdessen aber, weil ich
nicht sogleich finden konnte, was meine sehnlichen Augen suchten, hielt ich mich
zu den gemeinen barmherzigen Schwestern und führete ein dermassen garstiges Leben
mit ihnen, dass ich mich nunmehro selbst schäme, ferner daran zu gedenken. Jedoch
die gerechte Strafe des Himmels rückte herbei, ehe es von mir vermutet wurde,
denn als ich einsmals des Abends mit schlummerenden Augen auf meinem Bette lag
und in einer wollüstigen Positur auf eine bestellte Coquette wartete, erschien
mir der Geist der erblasseten Doris, welcher mit einem glühenden Eisen das
Unterteil meines Gemächts berührete und mich dermassen brennete, dass ich vor
Schmerzen helle zu schreien anfing und mich solchergestalt ermunterte.
Anfänglich vermeinte ich zwar, es sei ein blosser Traum, und suchte mir
dergleichen Phantasien aus dem Kopfe zu schaffen, allein es war mir unmöglich,
zudem überfiel mich ein eiskalter Schauder, welcher mit der grössten Hitze zum
öftern abwechselte, auch fing der im Traume gebrannte Fleck an, heftig zu
schmerzen, so dass ich statt der verhofften Wollust diese Nacht über die
allerentsetzlichste Liebes- und Gemütsmarter empfinden musste.
    Mit anbrechenden Tage, verhoffte ich, würde zugleich mein schmerzhafter
Zustand unterbrochen werden, indem sich meine Sinnen ohnmöglich einbilden
konnten, dass mir dergleichen re vera begegnet sei. Aber! aber! ich verspürete
bald mit ermunterten Sinnen und Augen, dass mein Zustand einer der
allergefährlichsten sei, inmassen mein Gemächte seine gewöhnliche Gestalt verlor
und sich in eine unbändig grosse Wasserblase verwandelte. O Himmel! wie wurde mir
zumute? Fast hätte ich mich, um der grausamen Schmerzen auf einmal loszukommen,
resolviert, mir selbst eine Pistolenkugel durchs Herz zu jagen, jedoch mein
guter Engel hielt mich davon zurück. Ich schickte nach den erfahrensten Ärzten,
welche zwar bald genung ankamen und mir die allerkostbarsten innerlichen und
äusserlichen Arzeneien gebrauchten, allein die grausame Höllenpein, welche ich
noch immerfort erlitte, konnte kaum binnen acht Tagen ein wenig gelindert
werden. Endlich, nachdem zwei Wochen verflossen waren, wurden zwar die Schmerzen
etwas erträglicher, im Gegenteil schien es, als ob diese Extremität meines
Leibes gänzlich abfaulen wollte. Ins Scrotum fielen etliche Löcher, beide
Testiculi wurden vom kalten Brande angegriffen befunden, demnach herausgezogen
und zu meinem grössten Leidwesen abgeschnitten. Also half mir mein getanes
Gelübde, welches darinnen bestund, dass ich nach völliger Genesung nimmermehr
kein Frauenzimmer uneheligerweise wieder berühren wollte, vor dieses Mal gar
nichts, sondern es wurde mir vom Schicksale auferlegt, die Fortpflanzung des
menschlichen Geschlechts andern zu überlassen. Doch dieses ist höchst zu
verwundern, dass, sobald ich solchergestalt kastriert war, sich sofort alle
Schmerzen verloren, ja und kurz zu sagen, ich befand mich, ehe vier Wochen
verflossen, vollkommen restituiert und wundere mich nunmehro selbst, dass von dem
entsetzlichen Schaden so wenige Narben zu fühlen sind. Nach der Zeit habe zwar
wenige oder gar keine Incommodité weiter davon empfunden, doch ein berühmter
Operateur hat mir geraten, beständig eine solche Bandage, wie mein Herr um
meinem Leibe herum hier sieht, zu tragen, denn seinem Sagen nach könnte ich gar
leicht einmal durch eine mittelmässige Strapaze einen doppelten Darmbruch
bekommen, weiln sogar das Darmfell in meinem Leibe von dem scharfen Eiter
zernagt befunden worden.
    Es ist dieses, sagte Oegneck hierauf, ein ganz guter Rat. Allein wie haben
sich Ihro Gn. nach der Zeit sowohl in Dero Leibeskonstitution als in den
Gemütsbewegungen befunden? Ach Himmel! gab mein Herr zur Antwort, ich bin seit
der Zeit der vorige Mensch ganz und gar nicht mehr gewesen. An der Courage,
einem Feinde unter Augen zu gehen und mich mit demselben auf Degen und Pistolen
zu schlagen, ist mir zwar nicht das geringste entgangen; Essen und Trinken
schmeckt mir auch ganz wohl, allein die Liebe zum Frauenzimmer ist mir zuwider
wie der Tod, hergegen ist mir nichts angenehmer als die Einsamkeit, doch gibt
mir die Vernunft zu verstehen, dass, wenn sich meine Sinne gar zu sehr darinnen
vertieften, ich vielleicht wohl gar wahnsinnig, toll oder rasend werden möchte;
eben diesem Unglücke aber vorzubeugen, habe ich mich auf Reisen begeben, weiss
aber nicht, ob ich es lange antreiben werde, denn ich möchte wohl nicht besser
verwahrt sein als bei den Meinigen zu Hause. Sonsten habe ich ein so ziemliches
Vergnügen an allerhand spekulativischen Dingen als an Malerei, ingleichen an
einer doucen Musique, beweglichen poetischen Sachen, aber keine verliebten
Gedichte, item allerhand moralische Historien zu lesen und anzuhören, allein es
vergeht mir auch hierzu der Appetit zuweilen ganz plötzlich, und verfalle ich
öfters über Vermuten in eine Tiefsinnigkeit, wenn nicht ein besonders kluger und
geschickter Mann bei mir ist, der mit guter Manier dergleichen Grillen aus
meinem Kopfe jagen kann. Ich habe zwar schon verschiedene gescheute Leute in
meinen Diensten gehabt, weil aber dennoch keiner recht nach meinem Goût
eingeschlagen, so habe immer einen nach dem andern wieder fortgeschaft, auch
von meinen jetzigen Bedienten werde ich keinen lange um mich leiden können.
    Wie ist's aber, fragte Oegneck, wenn sich Ihro Gn. genötiget sehen, mit
Frauenzimmer zu konversieren? Ei was! fuhr mein Herr auf, Er schweige mir ja ums
Himmels willen von diesem Geschlechte stille, denn ich wollte eher zwei wilde
Männer als ein Frauenzimmer um mich leiden. Ihre Konversation ist mir bis in Tod
zuwider, ja ich scheue dieselben als ein verzehrendes Feuer. Sobald ich eine
ansehe, befürchte ich gleich, sie möchte etwa Wissenschaft um meine
Beschaffenheit haben, mich derowegen in ihrem Herzen höhnisch auslachen und mit
meinem Elende einen Spott treiben. Ob ich auch, wenngleich alles noch seine
Richtigkeit bei mir hätte, nimmermehr wieder ein Frauenzimmer bedienen möchte
(inmassen ich es mitten in meinem Schmerzen so teuer verschworen habe), so wollte
doch ehe mein Leben dransetzen, als mich mit meiner Incapacité schrauben lassen.
Wenn man aber, warf Oegneck ein, ein solches Frauenzimmer finden könnte, die
dergleichen tadelhafte und andere sündliche Affekten nicht in ihrer Seele hegte,
sondern eine reine, keusche und redliche Konversation mit Ihnen zu führen bereit
wäre, wollten Ew. Gn. eine solche auch nicht um sich leiden? Ach! hinweg mit dem
Frauenzimmer, es mag schön oder hässlich sein, war meines Herrn Gegenrede, wo
wollte doch immermehr eine solche, wie sie der Herr beschreibt, anzutreffen
sein? es wäre denn ein Kind oder ein altes Weib, von welchen beiden aber eines
so wenig als das andere das Geschicke haben kann, mir einen vergnügten
Zeitvertreib zu verursachen, derowegen nur stille geschwiegen von diesem
verhassten Geschlechte.
    Nun, nun! sagte endlich Oegneck, Ew. Gn. geben sich nur völlig zufrieden,
Ihr Malheur soll aufs längste binnen zwei oder drei Monaten gehoben sein. Was
verlorengegangen, kann zwar ich und kein sterblicher Mensch wieder ersetzen,
allein Ihr melancholisches Humeur hoffe mit der Hülfe des Himmels völlig zu
kurieren, weil mir Rat und Mittel davor überflüssig beiwohnen, ja ich versichre
bei meiner Ehre, dass schon mehr als 100 dergleichen Patienten recht lustig,
fröhlich und vergnügt von mir gegangen sind; doch sage ich Ew. Gn. im voraus,
dass Sie sich nach derjenigen Vorschrift, welche ich Ihnen in Ihrer Diät und
ganzer Lebensart machen werde, aufs allergenauste richten müssen, woferne Sie
anders vollkommen glücklich kuriert sein wollen, ja solchergestalt hoffe ich,
nicht einmal zwei Monat mit Ihnen zuzubringen, wenn Sie nehmlich mir billige
Folge leisten werden.
    Ich bin ja ein Mensch, sagte hierauf meine Herr, der noch ein ziemlich Teil
Verstand hat, derowegen will ich Ihm versprechen und halten, allen demjenigen
fleissig nachzuleben, was mir Seine Kunsterfahrenheit zum Reglement vorschreibt,
nur bitte ich, allen möglichen Fleiss zu baldiger Kur anzuwenden, seiten meiner
soll es auch an richtiger Bezahlung nicht ermangeln, wie ich Ihm denn hiermit
gleich zum voraus zwölf spec. Dukaten gebe. Oegneck hätte vor Freuden gleich aus
der Haut fahren mögen, da ihm mein Herr aus seiner Goldbeurse zwölf schöne
Dukaten langete und dieselbe in seine Hand drückte. Anfänglich stellete er sich
zwar, als ob er nichts voraus haben wollte, doch er liess sich auch nicht zehnmal
nötigen, sondern steckte das Gold mit Freuden in seinen Schubsack. Hierauf
redete er aus einem ganz andern Tone also: Gnädiger Herr! vor allen Dingen wird
nötig sein, dass Sie Dero Logis verändern und an einem solchen Orte wohnen, wo es
etwas lebhafter und nicht so einsam als allhier ist, damit Sie öfters aus den
Fenstern bald auf die volkreichen Strassen, bald in schöne Gärten sehen können
und durch Betrachtung anderer Objektorum von Ihren gewöhnlichen tiefen Gedanken
abgezogen werden. Starke und allzuöftere Compagnie bei sich zu haben, will sich
anfänglich nicht wohl schicken, weil solches die Kur nur verzögern möchte, doch
muss man Sie auch selten alleine lassen, sondern sehen, wo man einen geschickten
Mann findet, der Ihnen mit angenehmen Gesprächen und auch wohl auf andere Art
die Zeit passieret, wenn ich nicht selbst zu Hause sein kann. Ich habe, fuhr
Oegneck fort, ein schönes, wohl und geräumlich erbautes Haus gemietet, bewohne
aber den wenigsten Teil davon, weil ich aber keine starke Familie habe, belieben
Sie etwa, dasselbe in gnädigen Augenschein zu nehmen und, wo es anständig, zu
beziehen, so sollte an Dero schönster Kommodität nicht der geringste Mangel
erscheinen, denn ich könnte solchergestalt desto öfter bei Ihnen sein, an allem
andern, worzu Sie sonsten einen zulässigen Appetit verspüren möchten, würde auch
kein Mangel erfunden werden.
    Mein Herr brachte anfänglich viele Entschuldigungen vor, warum es ihm sehr
beschwerlich fiele, sein Logis zu verändern, endlich aber, nachdem er eine
Zeitlang nachgesonnen, sagte derselbe: Mein Herr von Oegneck, ich habe einmal
versprochen, Ihm in allen, was zu meiner baldigen Kur vorteilhaft erfunden wird,
Gehorsam zu leisten, derowegen soll Er in diesem Stück die erste Probe von mir
sehen. Es geschehe demnach, der Herr lasse mir in seinem Hause zwei oder drei
bequeme Zimmer zurechtemachen, meine Leute sollen sogleich einpacken, damit ich
gegen abend einziehen und morgen mit der Kur der Anfang gemacht werden kann,
denn mir wird nunmehro Zeit und Weile viel zu lang. Oegneck möchte sich
ohnfehlbar innerlich nicht wenig freuen, einen so fetten Kostgänger und
Patienten angetroffen zu haben, von welchen er keine magern Brocken zu geniessen
verhoffte, nahm derowegen mit meinem Herrn nur noch kurze Abrede wegen ein und
anderer Kleinigkeiten, beurlaubte sich nachhero und eilete nach Hause, um alles
wohl einzurichten.
    Kaum mochte er aber wohl zum Hause hinaus sein, als mein Herr vom Bette
aufsprunge, mich rufte, dass ich ihm die Bandage abnehmen sollte, und fragte, was
meine Gedanken wären bei diesen Streichen. Gnädiger Herr! antwortete ich, bald
haben mir über Ihr Gespräch die Haare zu Berge gestanden, bald aber hätte vor
Lachen zerbersten mögen. Ihr müsst mich, versetzte er, voritzo einmal als einen
Komödianten betrachten, der seine Komödien selbst elaboriert. Die erste Szene,
welche ich in verwichener Nacht ausgesonnen, ist, wie mich dünkt, ziemlich gut
abgelaufen, allein Ihr werdet ohnfehlbar noch weit mehr dabei zu lachen kriegen,
denn Oegneck muss mir nolens volens ein vollkommener Arlequin und Hahnrei werden,
vorjetzo aber werden wir keine Zeit zu versäumen haben, sondern unsere Sachen
einpacken müssen, damit wir noch heute an Ort und Stelle kommen.
    Demnach packten wir alles ein, und mein Herr half selber fleissig. Zwei
Stunden nach der Mittagsmahlzeit aber kam Oegneck und meldete, dass die Zimmer zu
meines Herrn Commodité bereits gereiniget und meubliert wären, weswegen sogleich
der Anfang zum Aus- und Einräumen gemacht wurde, gegen abend aber begab sich
mein Herr selbst mit dem Oegneck in das neue Quartier. In selbigem war zum
Willkommen eine köstliche Mahlzeit zubereitet, wiewohl niemand als Oegneck mit
ihm speisete, auch kamen von Domestiquen nicht mehr als ein alter ehrbarer Mann
nebst zwei Knaben von zehn bis zwölf Jahren zum Vorscheine. Jedennoch hatte ich
das Glück, Oegnecks Frau am ersten zu sehen, indem sie die Speisen selbst
zubereitete und dieselben durch eine Schublade, die in der Küchentür war,
herausgab. Ich muss gestehen, dass ihr Gesicht mehr einem Engel als Menschen
ähnlich sah, ihre Arme und Hände aber waren noch weisser als Alabaster, weswegen
ich meinen Herrn nicht halb so sehr verdachte, dass er sich ihrentalber so viele
Mühe gab, ohngeacht er sie noch nicht gesehen. Es wollte sich nicht schicken,
ihm meine glückliche Aventure zu melden. Er aber wusste seine Person
vorgenommenermassen dergestalt künstlich zu spielen, dass Oegneck an nichts
weniger gedachte, als dass man ihn so listigerweise hinter das Licht führen
wollte, hergegen brachte er allerhand feine Historien und scherzhafte Reden vor.
Es schien, als ob mein Herr hierbei ziemlich vergnügt wäre, doch da die Nacht
hereinzubrechen begunnte, stellete er sich dermassen wunderlich an, dass ein
jeder, dem seine Verstellung unbekannt war, hätte vermeinen sollen, er sei ein
würklich delirierender Fanaticus. Ich und die beiden Laquais waren schon sattsam
abgerichtet, schlichen uns deswegen ganz behutsam hinzu und brachten mit guter
Manier Messer, Gabeln, Degen, Pistolen, ja alles schädliche Gewehr auf die Seite
in eine Nebenkammer, derowegen wurde dem Herrn von Oegneck ziemlich bange, ja
ich glaube, dass es ihm fast leid war, sich aus Übereilung eine solche Last auf
den Hals gebürdet zu haben. Bei so gestalten Sachen eilete er, Arzenei
herbeizuholen, auch war ihm vor diesen Patienten ein biblisches Mittel
eingefallen, nehmlich die Musik, durch welche der König Saul, wenn er den Raptum
bekommen, war besänftiget worden. Er kam bald wieder zurück und brachte einen
Julep, welchen mein Herr auf einmal austrinken sollte; dieser aber, welcher den
Kopf mit beiden Armen unterstützt hatte, niemanden ansehen, auch kein Wort
antworten wollte, stiess das Glas zornig von sich, dass es auf dem Boden in
Stücken brach, und blieb in voriger Positur sitzen. Über Vermuten aber liess sich
vor der Stubentür eine Laute hören, worauf erstlich ein angenehmes Präludium
gespielet wurde, endlich aber fiel eine unvergleichliche Diskantstimme drein und
sunge folgende
                                     Aria:
                                        1
Entschlage dich der bangen Grillen,
Beklemmtes Herz! Bedenke doch:
Du kannst damit den Schmerz nicht stillen,
Du schüttelst zwar dein schweres Joch,
Und kannst es doch nicht leicht von deinem Halse kriegen,
Darum besinne dich und suche dein Vergnügen.
                                       2
Du sprichst: Wo soll ich dieses finden?
Da etwas mich zurücke hält,
Da Hülfe, Rat und Trost verschwinden,
Da Scherz und Lust in Abgrund fällt.
Ach! glaube doch, man kann sich alles leichte machen,
Ein kluges Auge muss bei grösster Trübsal lachen.
                                       3
Zuviel sich grämen ist ein Laster,
Man stört damit die Lebensruh.
Gewohnheit streicht das beste Pflaster,
Die Zeit heilt alte Schäden zu;
Drum lerne mit Gedult der Plagen zu gewohnen,
Mit Sturm und Ungedult erwirbt man selten Kronen.
                                       4
Es kann sich endlich doch wohl schicken,
Dass dir ein frohes Stündgen lacht.
Kann dich nicht, was du wilt, erquicken:
Wer weiss, was sonst vor Lust erwacht,
Die deine matte Brust mit süssen Nektar labet
Und mit Ambrosia statt Aloe begabet.
Mein Herr sah sich unter währenden Singen ein paarmal ganz wilde um, da aber
die Musik geendiget war, stellete er sich an als einer, der aus einem tiefen
Traume erwachte, rieb die Augen und hojanete etlichemal. Merken konnte er
leichtlich, dass Oegnecks Frau die Sängerin gewesen, doch gab er seine Gedanken
nicht von sich, sondern warf einen Dukaten auf den Tisch und sagte: Wo ist der
Knabe, der jetzo so schön musizieret hat? Gebt ihm diesen Dukaten und lasset ihn
das Stück noch einmal repetieren, saget auch, dass er öfters kommen solle.
Oegneck nahm den Dukaten und ging darmit zur Tür hinaus, sobald er aber
zurückkam, hörete man die vorige Aria nochmals, und zwar weit manierlicher
singen, auch mit unvergleichlicher Variation spielen. Sobald dieselbe unter
meines Herrn grosser Aufmerksamkeit geendiget war, stellete sich derselbe
wiederum mit völligen Verstande her, umarmete den Herrn von Oegneck und sagte:
Ach, mein allerliebster Freund, wie glücklich schätze ich mich, dass ich in Seine
Kur geraten bin, nun merke ich erstlich, dass Seine besondere Klugheit mir mehr
mit äusserlichen Vorteilen als innerlichen Medikamenten raten und helfen wird.
Habe ich unter währenden Paroxismo etwa eine Faiblesse begangen, so bitte mir
selbige zu vergeben, denn ich bin zur selben Zeit ein miserabler Mensch, der
selbst nicht recht weiss, was er tut. Der charmant musizierende Knabe aber hat
mich mit seiner angenehmen Stimme ungemein vergnügt, nicht anders, als ob ich
von Toten auferweckt worden. Diese Aria werde ich mir zu meinen Leibstückgen
erwählen, denn der ganze Text schickt sich so von ohngefähr vortrefflich auf
meinen Zustand.
    Ich freue mich von Herzen, gab Oegneck hierauf zur Antwort, gleich
anfänglich ein so glückliches Mittel erfunden zu haben, Ew. Gn. zu besänftigen.
Der Knabe soll Ihnen in Zukunft alle Abend, sooft es gefällig, aufwarten, dieses
aber muss zur Nachricht melden, dass er in Gegenwart anderer Leute nichts
Gescheutes spielen oder singen kann, derowegen ist's am besten, man lässet ihn
aussen vor der Tür bleiben. Ach ja, versetzte mein Herr, das muss ohnedem
geschehen, denn ich möchte denselben vielleicht nicht bei mir vertragen können.
Vorjetzo aber wird mir erlaubt sein, mich zur Ruhe zu legen, denn ich befinde
mich ziemlich matt und schläfrig. Sie tun sehr wohl hieran, sagte Oegneck und
begab sich nach Anwünschung einer geruhigen Nacht von dannen.
    Anstatt sich zur Ruhe zu legen, setzte sich mein Herr in sein Cabinet,
rauchte noch ein paar Pfeifen Tobak, liess die Laquais zu Bette gehen, zu mir
aber sagte er mit lachenden Munde: Das war der andere Auftritt in dieser
Komödie, es muss aber noch weit mehr tolles Zeug herauskommen. Ich offenbarete
ihm, wie ich das Glück gehabt, Oegnecks Frau zwar nur auf wenige Augenblicke zu
sehen, müsste aber bekennen, dass sie ein recht englisches Gesichte hätte. Er
erfreuete sich hierüber ungemein und wünschte sich dieses Glück nur vorerst auf
eine einzige Minute. Nachdem er nun wegen der fernerweitigen Fort- und
Ausführung seines Desseins noch verschiedenes mit mir überlegt, begab er sich
endlich zur Ruhe.
    Einige darauffolgende Tage hintereinander plagte ihn Oegneck mit Purgieren
und Schwitzen dergestalt, dass er es fast überdrüssig werden wollte, jedoch auf
mein Zureden, dass ihm dieses nicht undienlich, indem er in langer Zeit nicht
medizinieret, mitin viele Unreinigkeiten aufgesammlet hätte, war er ziemlich
gelassen darbei, befand sich auch sehr wohl darauf, weswegen ihn Oegneck einige
Tage in Ruhe, darbei aber die delikatesten Speisen zubereiten liess.
    Inmittelst begunnte mein Herr ziemlich unmutig zu werden, weiln er durch
alle seine gemachten Machinationes den gewünschten Zweck zu erreichen noch keine
sichere Hoffnung sah. Er stellete sich, als ob die melancholischen Paroxismi
nicht des zehenden Teils mehr so stark wären als bishero, doch gab er allgemach
zu verstehen, wie er sich nach einem oder dem andern Zeitvertreibe sehnete,
weswegen ihm Oegneck ein ganz Paquet Gemälde von Landschaften und andern artigen
Dingen brachte und selbige zur Betrachtung vorlegte. Er bewunderte dieselben und
fragte, ob der Meister davon in N. wäre. Oegneck bejahete solches, doch wäre er
voritzo nur auf ein paar Tage verreiset. Ferner brachte er ihm allerhand in
Wachs poussierte Porträts, ingleichen viele Bogen Verse, welche meistenteils von
Verachtung der Welt, von der eitlen Wollust, von den Torheiten bei der Liebe und
dergleichen handelten. Mein Herr lobete alles weit mehr, als es ihm ums Herze
war, zeichnete sich auch einige Arien aus und bat, dass sie dem musikalischen
Knaben zugeschickt werden möchten, welches denn Oegneck auch besorgte, so dass
wir des darauffolgenden Abends eine unvergleichliche Vokalmusik nebst der Laute
höreten. Wie aber mein Herr fragte, wer denn der Meister von diesen Versen wäre,
gab Oegneck zur Antwort: Die Schildereien, Wachsbilder und Verse sind eines
Menschen Arbeit, doch dieses alles ist nichts gegen die andere unvergleichliche
Geschicklichkeit, so dieser Mensch nebst einem besondern Verstande und artiger
Conduite besitzt. Ach Himmel! versetzte mein Herr, das wäre ein rechter Mensch
vor mich, möchte ich doch denselben zeitlebens bei mir haben können, er sollte
es so gut und noch weit besser haben als ich selbst, denn ich verhoffte von
seiner Konversation ganz was Besonderes zu profitieren. Ich glaube schwerlich,
erwiderte Oegneck, dass er sich resolvieren möchte, zeitlebens bei Ihnen zu
bleiben, denn er hat selber gute Mittel, ist auch bei allen seinen
Geschicklichkeiten und Tugenden dennoch ziemlich eigensinnig, indem er ein ruhig
Leben führen, durch seine Künste sich immer höher schwingen, mitin auch immer
mehr und mehr Reichtümer erwerben kann, doch getraue ich mich ihn dahin zu
persuadieren, dass er, solange sich Ew. Gn. in meiner Wohnung aufhalten, Ihnen
fast täglich einige Stunden die Zeit passieren soll. Mein Herr bat inständig,
ihm mit allernächsten diesen artigen Menschen zuzuführen, und Oegneck versprach
sogleich nach ihm zu schicken, versicherte auch, dass, wenn er wieder
zurück[ge]kommen wäre, derselbe nicht abschlagen würde, ihm eine Visite zu
geben.
    Hiermit ging Oegneck fort und liess meinen Herrn vor diesmal die
Mittagsmahlzeit allein verzehren, welches ihm wegen seines starken Appetits, dem
er bei dessen Gegenwart öfters einigen Abbruch tun musste, sehr gelegen fiel.
    Nach der Mahlzeit liess Oegneck melden, dass Herr Bellian, so wurde der
Pansophus genennet, zurückgekommen wäre und versprochen hätte, sich nach Verlauf
einer Stunde einzufinden. Mein Herr zohe hierauf eines von seinen besten
Kleidern an, ja er machte sich dergestalt galant, als ob er bei dem Vice-Roi
hätte Cour machen wollen.
    Wie ich aber bemerke, gnädiger Herr!« sagte hier der Kammerdiener zu
Elbensteinen, »so beginnet der Tag schon anzubrechen, derowegen befürchte,
Dieselben um die benötigte Ruhe zu bringen, wo mir gnädigst erlaubt ist, will
ich Dero Befehl erwarten, ob ich diese Geschichte Ihnen vollends bis zum Ende
erzählen soll, denn wenn ich die meisten Umstände, die in Wahrheit curieus sind,
nicht zurücklassen will, dürften wohl noch zwei bis drei Stunden darzu erfordert
werden.« Elbensteinen war die Zeit gar nicht lang worden, und er hätte, wo er
nicht wäre erinnert worden, immer noch zwei bis drei Stunden zugehöret, weilen
er aber bedachte, dass ihm die Ruhe so dienlich als dem guten Menschen wäre, gab
er ihm einen Dukaten, auf seine Gesundheit ein Glas Wein darvor zu trinken, und
nachdem sich dieser aufs höflichste davor bedankt, bat er ihn, nach der
Mittagsmahlzeit wieder zu ihm zu kommen, da er denn nicht allein den Rest der
Geschichte vollends aushören, sondern auch weiter mit ihm sprechen wollte.
Hiermit nahm der Kammerdiener Abschied, Elbenstein aber seinen Platz im Bette.
    Weiln er sich vorigen Tages schon ziemlichermassen von seiner Müdigkeit
erholet, als schlief er nur wenige Stunden, besah hernach sein schönes Pferd
und fand dasselbe frisch und wohl besorgt, spazierte sodann in den am Hause
befindlichen Garten und widmete seine Gedanken seiner geliebten Fürstin, bis er
zur Mittagsmahlzeit abgerufen wurde. Nach Einnehmung derselben meldete sich
alsobald der Kammerdiener wieder, welchen er, weil es ein ungemein schöner Tag
war, mit in den Garten zu gehen bat und ein paar Bouteillen Wein, die im Eise
stunden, dahin bringen liess. Es setzte dieser, nachdem ihn Elbenstein zu sitzen
und nach Belieben zu trinken genötiget, seine Geschichtserzählung folgendermassen
fort:
    »Bald hernach, da sich mein Herr vollkommen angekleidet, kam Oegneck, holete
ihn ab und führete ihn in ein anderes wohl ausgeputztes Zimmer, allwo (wie mir
mein Herr nachhero alles von Wort zu Wort wieder erzählet) er den Herrn Bellian
mit einem Buche in der Hand auf und ab spazierend antraf, sein Hut, Stock und
Degen aber lag auf einen kleinen Nebentischgen. Sobald Herr Bellian die beiden
Hineintretenden erblickte, legte er sogleich das Buch aus der Hand, machte einen
zierlichen Reverenz und empfing sie mit besonderer Höflichkeit. Mein Herr tat
ein gleiches und fing also an zu reden: Mein wertester Herr und Freund, ich
gratuliere mir, in dessen galanter Person einen solchen qualifizierten Mann
anzutreffen, der nach Berichten, welche mir der Herr von Oegneck von Demselben
erstattet, seinesgleichen wenig in der Welt hat, weswegen ich denn eben auch
nach Dessen schätzbarer Konversation ein besonderes Verlangen getragen und mir
dieselbe öfters ausgebeten haben will. Gnädiger Herr! versetzte Bellian hierauf,
ich bin kein Mensch von besonderen Komplimenten, sondern mein ganzes Wesen ist
dergestalt aufrichtig beschaffen, dass ich weder simulieren noch dissimulieren
kann, hergegen frei heraus rede, wie es mir ums Herze ist, derowegen bitte, mich
mit grossen Ruhm und Lobeserhebungen gnädig zu verschonen; ist sonsten meine
schlechte Konversation jetzt und in Zukunft vermögend, Ihnen ein Plaisir zu
machen, so bin, sooft es meine nötigsten Geschäfte zulassen, zu Dero Diensten.
Ach wie gern, erwiderte mein Herr, gehe ich doch mit dergleichen allerliebsten
Leuten um, die ihren Gebärden, Worten und ganzer Aufführung keine falsche
Schminke anstreichen. Er setze sich doch mit mir nieder, mein wertester Herr
Bellian! - unter welchen Worten er ihn bei der Hand fassete und dieselbe
ungemein zart und weich befand, sich aber deshalb nichts merken liess, sondern im
Reden fortfuhr - will Derselbe wohl nicht übel deuten, wenn ich frage, von
welcher Sache Er denn hauptsächlich Profession macht? Im geringsten nicht,
antwortete Herr Bellian, muss aber bekennen, dass ich mich von Jugend an auf
nichts Gewisses allein, sondern auf alle diejenigen Wissenschaften gelegt habe,
die mir gefallen oder, deutlicher zu sagen, worzu mich mein curieuses Naturell
angetrieben hat, demnach habe ich etwas studieret von der Geographie, Historie,
Poesie, Musik, Malerei, Wachspoussieren, Helfenbeindrehen und dergleichen
erlernet, teils durch Anweisung anderer geschickter Leute, teils aus Büchern,
teils aus eigenem Antriebe. Viele wollen aus meiner Arbeit etwas Besonderes
machen, allein die Menschen pflegen heutzutage einander zum öftern sehr zu
flattieren. Ich bin ein Feind von Flattieren, widerredete mein Herr, erstaune
aber fast über Dessen Geschicklichkeit, welche in Wahrheit mehr Ruhm verdienet,
als man derselben beilegen kann. Da mir nun nicht unbewusst, dass sich kluge Leute
nicht gern ins Angesicht loben lassen, will ich jetzo davon schweigen und mit
des Herrn Bellians Erlaubnis fragen, was dieses vor ein Buch sei, worinnen Er
sich vor unserer Ankunft divertiert hat. Es hat es, berichtete Herr Bellian, ein
gottseliger Pater gemacht, und schreibt derselbe sehr schön von den
eingebildeten Wollüsten der weltlich gesinneten Menschen, erweiset auch sehr
vernünftig, dass alles unser Vergnügen nur blosse Eitelkeit und einem leeren
Traume vollkommen ähnlich sei. Ich kann Ew. Gnaden versichern, dass mir dieses
Buch bereits viele Dienste getan und noch tut, denn ob ich es gleich schon wohl
50mal durchgelesen, so fange doch allezeit wieder von vorne an und bemühe mich,
dasselbe auswendig zu lernen und meine Lebensart darnach einzurichten. Mein
wertester Freund, versetzte hierauf mein Herr, ich habe zwar dem Herrn Oegneck
angelegen, Ihn zu bitten, dass Er mir die Fundamenta in der Zeichnungs- und
Malerkunst zeigen möchte, allein nunmehro erkennet mein bishero verfinstert
gewesener Verstand, dass ich von Ihm noch eine weit schönere Kunst, nehmlich die
Beruhigung des Gemüts erlernen könne. Demnach ersuche ich Ihn inständig, dieses
Buch mit mir durchzugehen, ich will einen fleissigen Schüler abgeben und dessen
Bemühung nach äussersten Vermögen rekompensieren. Herr Bellian erzeigte sich
hierzu sogleich willig und bereit, machte mit Lesen und Lehren den Anfang,
Oegneck aber beurlaubte sich unter dem Vorwande, einigen wichtigen Verrichtungen
nachzugehen. Mein Herr machte wunderlich Zeug, denn bald stellete er sich, als
ob er sehr andächtig zuhörete, bald aber verfiel er in ein so tiefes Nachsinnen,
dass man meinen sollen, er schliefe mit wachenden Augen, weswegen Herr Bellian
dann und wann einen lustigern Diskurs aufs Tapet bringen musste.
    Etwa drei Stunden waren sie also allein beisammen gewesen, als Oegneck
wieder nach Hause kam, da sie denn noch verschiedene Gespräche führeten, endlich
aber musste Herr Bellian halb gezwungenerweise in meines Herrn Zimmer die
Abendmahlzeit mit einnehmen. Unter derselben fragte mein Herr nach dem
musikalischen Knaben, bekam aber von Oegneck zur Antwort, dass sich derselbe
heute etwas unpass befunden hätte, derowegen vor dieses Mal seine Aufwartung
nicht machen könnte. Mein Herr war dieserwegen sehr besorgt und sagte, wie ihm
der grösste Teil seines Vergnügens entfallen würde, wenn dieser Knabe sterben
sollte. Allein Oegneck versicherte, dass dessen Maladie nicht viel auf sich
hätte, sondern er vielleicht schon morgen sich wiederum würde hören lassen.
    Nach geendigter Mahlzeit wollte sich Herr Bellian nicht länger aufhalten
lassen, weswegen ihn mein Herr mit einem schönen Gedenkringe beschenkte und auf
diesmal von sich liess. Oegneck gab ihm das Geleite, mein Herr aber blieb alleine
in seinem Zimmer, denn ich war kurz vorhero, ehe die Tafel abgehoben wurde, auf
Abenteuer ausgegangen und entdeckte mit besondern Vergnügen, was ich wünschte.
Sobald ich wiederum in meines Herrn Zimmer gekommen, waren meine erste Worte:
Wissen Ew. Gn. etwa bereits, mit wem Sie heute konversiert haben? Ich mutmasse,
gab mein Herr zur Antwort, dass Herr Bellian keine Mannesperson, sondern ein
Frauenzimmer und vielleicht des Oegnecks Frau sei, wenn es wahr, so ist's mir
sehr lieb, denn ihre Person ist in Wahrheit ungemein liebenswürdig. Hierauf
offenbarete ich ihm das ganze Geheimnis folgendergestalt: Ew. Gn. können
sicherlich glauben, dass in Bellians Kleidern niemand anders als Oegnecks Frau
steckt, ich habe an einem geheimen Orte durch einen Ritz gesehen, wie sie sich
mit Hülfe ihres Mannes und eines alten Weibes die Mannskleider aus- und dargegen
ihre Weibskleider wieder angezogen, auch haben meine Ohren alle Worte gehöret,
die sie Ew. Gn. wegen miteinander gewechselt. Erstlich redete Oegneck also zu
ihr: »Ihr werdet Euch, mein Schatz, nunmehro gefallen lassen müssen, diese
Masquerade alle Tage zu spielen.« »Ich wäre«, gab sie zur Antwort, »solcher
Possen von Herzen gern überhoben, indem ich ein Narre sein und andere ohnedem
genug geplagte Leute auch noch zum Narren machen soll.« »Ei! was Narren?«
versetzte Oegneck, »keinen Narren, sondern einen klugen Menschen sollet Ihr
machen helfen, zudem so wird Euch ja Eure wenige Mühe teuer genung bezahlt, weil
Ihr bereits so schöne Dukaten vor die Musik und diesen Abend wieder einen
trefflichen Ring bekommen habt, bedenket doch nur auch, was wir noch vor eine
schöne Zwickmühle an diesem Herrn haben können.« »Ei was!« widerredete die Frau,
»der Himmel hat mir zeitliche Güter nach Notdurft genung bescheret, und bei dem
Gelde, welches Ihr auf eine solche betrügliche Art schneidet, wird wohl wenig
Glück und Segen sein, der Henker kann es zeitig genung holen, zumalen, wenn Ihr
es Eurer Gewohnheit nach auf den Spieltisch traget. Ich beklage nur, dass es dem
unglückseligen Kavalier eben also gehen wird, wie es andern melancholischen
Patienten ergangen ist, die Ihr ebenfalls habt kurieren wollen, wenn nur das
Können nicht ermangelt hätte. Was gilt's? wenn Ihr ihm nur den Beutel sattsam
gefegt, wird er wieder so hinlaufen müssen, als er hergekommen ist, denn Ihr
habt es ja mit dergleichen Leuten mehrenteils schlimmer als besser gemacht; aber
ich fürchte immer, Ihr werdet einmal übel anlaufen.« Oegneck schlug hierüber ein
höhnisches Gelächter auf und sagte: »Solchen Narren muss man die Kolbe lausen,
ich weiss mich schon herauszuschwatzen, und wenn ich einem solchen Hasenkopfe
etliche 1000 Taler abgezwackt hätte. Ich merke aber wohl, mein Schatz, wo Euch
der Schuh drückt, wenn ich Euch nur nicht entdeckt, dass der schöne Kavalier
seine Mannheit verloren hätte, so könntet Ihr Euch vielleicht noch Hoffnung
machen, einen Amanten an ihm zu bekommen, bei so gestalten Sachen aber glaube
ich, dass Euch das Herz im Leibe vor Mitleiden bluten mag. Nicht wahr, ich habe
es erraten? Allein, gebt mir nur ein gut Wort, so soll er ein paarmal mit Euch
zu Bette gehen.« Die Frau erwiderte mit einem bittern Lachen: »Ich mag mir nicht
einmal die Mühe geben, auf Eure schändlichen Reden zu antworten, die Ihr täglich
aus dem eifersüchtigen verfluchten Herzen durch den Lästerrachen auf meine Ehre
speiet, glaubt aber sicherlich, dass ich mich morgen wohl hüten werde, abermals
eine Komödiantin zu sein.« Hierüber entrüstete sich Oegneck ganz ungemein und
sagte: »Das müsste der ... geschrieben haben, wenn Ihr mir nicht gehorsamen und
noch darzu an einem so starken Profite verhinderlich sein wolltet. Saget nur
noch ein einzig Wort, so will ich eine neue Marter vor Euch aussinnen.« »Ach!«
replizierte die Frau, »hierinnen seid Ihr ohnedem berühmter als der beste
Henker. Der Himmel weiss, dass ich, der grausamen Tortur überhoben zu sein,
dergleichen Bosheit mit verüben und diesen ehrlichen Kavalier betrügen helfen
muss; jedoch der Himmel wird mir's nicht zurechnen und mir aus dieser Sklaverei
helfen, sodann fresset Euer mit Betrug erworbenes Brot alleine. Ach Himmel! wie
hast du doch zugeben können, dass ich einen Marktschreier und Leutebetrüger zum
Ehemanne bekommen müssen.«
    Diese Reden reizten den Herrn von Oegneck dergestalt zum Zorne, dass er
aufsprang und ihr eine sehr starke Anzahl Maulschellen und Kopfstösse versetzte,
bis endlich das alte Weib darzwischenkam und Friede stiftete.
    Mein Herr war über meine glückliche Aventure ungemein erfreuet und schenkte
mir vor meine gehabte Mühe ein schönes Kleid, im übrigen aber befahl er mir, nur
weiter fleissig herumzuspekulieren, indem er dem Oegneck schon andere Possen,
auch vor sich selbst und dessen Frau sattsame Revanche nehmen wollte. Des andern
Tages war mein Herr sehr bekümmert, indem er bei so gestalten Sachen nicht
leicht glauben wollte, dass Bellian sein Wort halten und an diesem Tage wieder
kommen würde, jedoch als sich die Singestimme mit der Laute frühmorgens hören
liess, bekam er einige Hoffnung und wurde vollkommen befriediget, da Oegneck bei
der Mittagsmahlzeit sagte, dass Herr Bellian bereits melden lassen, diesen Mittag
ohnfehlbar wieder da zu sein. Es geschahe auch, und Oegneck führete meinen Herrn
selbst hinüber in das Zimmer, wo sie gestern beisammen gewesen waren, er aber
retirierte sich und liess beide alleine.
    Herr Bellian führete sich dieses Mal ganz traurig auf, mein Herr aber trug
anfänglich Bedenken, ihn um die Ursach seines Missvergnügens zu befragen,
sondern, weiln verschiedene Gemälde im Zimmer aufgehenkt waren, bat er sich von
einem und dem andern die Erklärung aus, worinnen ihm Herr Bellian gern
willfahrete. Unter andern kamen sie zu einem Gemälde, worauf die Verwüstung der
Stadt Troja abgeschildert war, und Herr Bellian erzählete viel von diesem
Kriege. Da ich aber mittlerweile das vorhero abgeredete Zeichen gab, dass Oegneck
zum Hause hinaus und die Haustür abgeschlossen wäre, fing mein Herr zu fragen
an: Ei hören Sie doch, mein wertester Herr Bellian, ist nicht dieser Trojanische
Krieg um einer schönen Frauen halber entstanden? Ja, recht! antwortete Bellian,
es hiess dieselbe Helena und wurde ihrem Gemahl, dem Menelao, von einem jungen
Kavalier, der Paris geheissen, entführet, sonsten lieset man von ihr, dass sie die
Schönste im ganzen Griechenland gewesen. Ich glaube aber doch nicht, versetzte
mein Herr, dass diese Helena so wunderschöne gewesen als die Gemahlin des Herrn
von Oegneck, deren zarte Hand zu küssen ich voritzo mir die Freiheit nehme.
Unter diesen Worten küssete und drückte er ihre Hand zu verschiedenen Malen.
Oegnecks Frau, welche ich nur fernerhin Belliana nennen will, wurde über diese
unverhofften Reden und Karessen dergestalt bestürzt, dass sie als ein
geschnjetztes Bild ohne Regung auf dem Stuhle sitzenblieb und wegen starker
Verwirrung kein Wort antworten konnte. Mein Herr nahm diese Gelegenheit in acht,
küssete ihre Hände noch etlichemal, liess sich hernach auf ein Knie vor ihr
nieder und brachte mit äusserst verliebten fre[i]en Gebärden seine
Liebeserklärung folgendermassen vor: Allerschönste Dame, der Ruhm Ihrer
unvergleichlichen Schönheit, die von unzähligen Kavaliers nur von ferne zu
betrachten, so sehnlich gewünschet worden, hat mich, sobald ich Nachricht davon
erhalten, angetrieben, einen selten erhörten Streich zu spielen, um nur Dero
allerangenehmste Person zu sehen. Denn da ich in Erfahrung gebracht, wie Sie von
Ihrem irraisonnablen Manne auf eine ganz unmenschliche Art eingekerkert und
verborgen gehalten würden, so dass fast nicht die geringste Hoffnung vorhanden,
mit Ihnen ins Gespräch zu kommen, als hat mir die Liebe eine List eingegeben, um
Ihnen in Ihrer Sklaverei einige Revanche zu verschaffen und meine verliebte
Sehnsucht zu vergnügen. Sie glauben demnach, Madame, dass die ganze Erzählung,
welche ich Ihrem Manne von meiner Person und Krankheit getan, ein blosses
Gedichte und verstelltes Wesen ist, denn ich bin einer der gesundesten Menschen
von der Welt und von der gütigen Natur mit allem dem, was einer vigoreusen
Mannesperson zukommt, im Überfluss versorgt. Es hat mir in der Seelen wehe getan,
da ich neulichst Ihren Mann in öffentlicher Compagnie so unvernünftig
raisonieren hören musste, indem er sich ein besonders Gloire daraus machte, mit
seiner wunderschönen Frauen so barbarisch zu verfahren. Weilen nun aber das
Glücke mein Unternehmen sekundiert hat, so verabsäumen Sie doch, Madame, keine
Zeit, die Sehnsucht Ihres getreusten Verehrers, des Barons von L., zu stillen,
sich mitten in Ihrer Sklaverei ein süsses Liebesvergnügen zu verschaffen und sich
zugleich an Ihrem eifersüchtigen, unbesonnenen Manne zu revanchieren, indem er
nicht würdig ist, dergleichen überirdische Schönheit allein zu geniessen.
    Belliana blieb noch immer unbeweglich auf dem Stuhle sitzen und sah den vor
ihr knienden höchst verliebten Kavalier mit unverwandten Augen an, endlich da
ihr derselbe die Hände noch vielmal geküsset und aufs allerbeweglichste
zugeredet, zog sie ihn in die Höhe und sagte: Ach stehet auf, schönster
Kavalier, nehmet meinen geborgten Degen und stosset denselben in meine Brust,
denn ich weiss vor Scham, Angst, Furcht und verbotener Liebe nicht zu bleiben.
Was wird die ganze Welt nicht vor Ursach zu lachen und höhnisch von mir zu reden
haben, wenn meine jetzige Verkleidung nebst den begangenen törichten Streichen
ruchtbar wird? Wie grausam wird mein tyrannischer Mann mit mir verfahren, wenn
nur das Geringste von diesem Geheimnisse vor seine Ohren kömmt? Womit will ich
mein Gewissen befriedigen, wenn ich einer verbotenen Liebe Gehör gebe und meine
Keuschheit, die ich auch im Ehestande unbefleckt erhalten, einem lüsternen
Kavalier aufopfere? Tötet mich, fuhr sie fort, oder vergönnet mir wenigstens,
dass ich nimmermehr wieder vor Eure oder frembder Leute Augen komme. Ehe eins von
diesen beiden geschehen soll, versetzte mein Herr, will ich viel lieber mein
Selbstmörder sein, denn ich habe mich, im Fall mir Dero Gegengunst versagt wird,
der Verzweifelung gänzlich ergeben. Unter diesen Worten, weil er sich als ein
schalkhafter Amant auf alles gefasst gemacht, zohe er einen Dolch aus der Tasche,
setzte denselben auf die Brust und machte Miene, als ob er sich selbst erstechen
wollte.
    Belliana mochte sonsten zwar wohl wenig oder gar keine Ausschweifungen
begangen haben, durch meines Herrn bewegliche Reden und desperates Aufführen
oder vielleicht durch seine wohlgebildete Person auf leichtsinnigere Gedanken
geraten sein, derowegen umarmete und küssete sie ihn selbst von freien Stücken,
sagte anbei: Ihr stürmet, schönster Kavalier! zu hart auf mich, ich liebe Euch
von Grund der Seelen und verspreche Euch zeitlebens zu lieben, allein dasjenige,
was Ihr von mir verlanget, ist nicht nur zu gefährlich, sondern gewisser
Ursachen wegen auch ohnmöglich Euch zu gewähren. Unter diesen Reden traten ihr
die hellen Tränen in die Augen, welche mein Herr mit seinen Lippen abtrocknete,
durch unablässiges Liebkosen und schmeichelende Reden aber diese Schöne endlich
dergestalt treuherzig und kirre machte, dass sie ihm alle Liebesfreiheiten
erlaubte, nur aber zum Hauptzwecke war nicht zu gelangen, weil Oegneck seinen
Lustgarten mit dem gewöhnlichen italiänischen Schloss dergestalt fest verwahrt
hatte, dass niemand einsteigen konnte. Mein Herr fulminierte gewaltig über
Oegnecks Tyrannei und Weiberschinderei, insinuierte sich auch dergestalt bei
Bellianen, dass dieselbe sagte: Ach, mein Leben, ich weiss es am besten, was ich
seit fünf Jahren her von diesem Tollkopfe vor Marter, Angst und Not ausgestanden
habe, jedennoch, und ob er gleich selber ganz ohnmächtig zum Liebeswerke ist,
bin ich doch nicht auf die Gedanken geraten, verbotene Früchte zu kosten, Ihr
aber, mein Engel, habt mein ganzes Herze auf einmal umgekehret, ich bin
vollkommen die Eurige, schafft Euch aber zu Eurer völligen Beruhigung nun
selber Rat, ich vor meine Person weiss hierbei weder Rat noch Mittel zu
ersinnen. Mein Herr versicherte, binnen 24 Stunden schon andere Anstalten
gemacht und einen akkuraten Schlüssel in seiner Gewalt zu haben, worauf sie sich
noch eine gute Zeit mit verliebten, auch handgreiflichen Diskursen und andern
Karessen miteinander divertierten, bis ich das Zeichen durch Rufung des Hundes
gab, dass Oegneck vor der Tür anpochte. Beide Verliebte setzten sich demnach in
eine andere ernstafte Verfassung und wurden von Oegneck angetroffen, da sie
über ein Gemälde diskurierten, auf welchem der nach erhaltenen Siege mit seinen
Generalen schwelgende Alexander Magnus abgeschildert war. Oegneck exkusierte
sein langes Wegsein mit verschiedenen Prahlereien, mein Herr aber nahm vor
dieses Mal ganz unmutig Abschied und ging in sein Zimmer. Um nun von Oegneck
nicht inkommodiert zu werden, gab er vor, dass er nur ein einziges Stündgen
schlafen, hernach aber mit demselben in den nahe am Hause liegenden Garten in
der Abendluft ein paar Stunden herumspazieren wollte.
    Demnach retirierte sich Oegneck, es war aber meines Herrn wenigster Ernst zu
schlafen, ob er sich gleich aufs Bette streckte, sondern er dichtete auf eine
List, wie er dem Oegneck den Schlüssel zu dem verdriesslichen Schloss
hinwegpraktizieren könnte. Sobald nun diese ausgesonnen, sprunge er vom Bette
auf, schrieb ein Billett und schickte mich damit zu dem Capitain Reston. Ich
traf denselben in seinem Logis an, und er gab mir, nachdem er das Billett
gelesen, ein ergebenes Kompliment an meinem Herrn zurück mit der Versicherung,
dass er nicht ermangeln würde, dessen Willen nach Verlauf einer Stunde zu
erfüllen. Mein Herr war froh hierüber und befahl mir, ja keinem Menschen im
Hause zu sagen, dass er hätte Gäste zu sich bitten lassen.
    Kaum war eine Stunde vorbei, als der Capitain Reston, welcher lieber zu
Gaste ging als Gäste zu sich bat, indem er sehr genau lebte, mit noch vier
andern Offiziers angestochen kam. Sie stelleten sich etwas betrunken und machten
unten im Hause einen ziemlichen Lärmen, so dass dem Herrn von Oegneck angst und
bange wurde. Sobald er aber vernahm, dass sie nach meinem Herrn fragten und eine
Reuterzehrung von ein paar Dutzent Bouteillen Wein exequieren wollten, gab er
sich zufrieden in Hoffnung, dass vor seinen Schnabel auch etwas passieren würde,
führete auch die Gäste selbst hinauf zu meinem Herrn, welcher dieselben dem
Scheine nach ziemlich kaltsinnig empfing, nach gewechselten Komplimenten aber
mir sogleich Befehl erteilete, von dem gegenüber wohnenden Weinhändeler erstlich
ein paar Dutzent Bouteillen des allerbesten Weins zur Probe herüberlangen zu
lassen. Der Wein wurde, sobald sie ihn gekostet, sehr köstlich befunden und von
allen gelobet. Mein Herr bat den Herrn von Oegneck, die Gäste zum Trinken
anzureizen und exkusierte sich anbei vor seine Person, dass er als ein halber
Patient nicht allezeit Bescheid tun könnte, sondern nur mässig trinken dürfte. Im
Gegenteil stümmete er heimlich wiederum den Capitain Reston, dass er und die
andern Offiziers dem Oegneck brav aufs Leder saufen möchten, damit er satt
bekäme. Demnach ging die Sauferei unter dem Schalle etlicher Waldhörner
dergestalt an, dass nachts ohngefähr um zehn Uhr Oegneck in der Stube umsank,
weswegen ihn unsere Laquaien aufheben und auf ein Bette tragen mussten, allein es
war nicht zu verwundern, denn ausserdem, dass er sehr viel Wein getrunken, hatte
ich ihm auf Befehl meines Herrn auch einen Schlaftrunk beigebracht. Die Herrn
Offiziers hatten sich auch dergestalt begeistert, dass sie nicht mehr gerade
gehen konnten, sondern sich von ihren Bedienten mussten zu Hause führen lassen.
Unsere Laquaien wurden befehligt, zu Bette zu gehen, mein Herr und ich aber
machten uns über den unempfindlichen Oegneck, welcher entsetzlich schnarchte.
Wir durchsuchten seine Schubsäcke und fanden endlich das kleine stählerne
Schlüsselchen in seiner Goldbeurse unter den Dukaten liegen. Es war nicht leicht
zu vermuten, dass ein Irrtum begangen werden könnte, sondern vielmehr sicher zu
glauben, dass es der rechte Schlüssel sein müsste, derowegen musste ich erstlich
noch einmal die Visitier-Ronde unten im Hause halten, befand aber alles richtig,
denn ich hatte nicht allein der alten Frauen, sondern auch dem alten Manne und
den zwei Knaben soviel Wein zu trinken gegeben, als sie nur hinunterbringen
können, über dieses auch einen jeden ein proportionierliches Schlaftrinklein
beigebracht. Nachdem ich nun meinem Herrn teuer versichert, dass er morgen früh
vor sechs bis sieben Uhr sich nicht zu befürchten hätte, dass jemand im Hause
munter werden würde, als nahmen wir dem Herrn von Oegneck den Stuben- und
Kammerschlüssel aus der Rocktasche (denn wir kannten beide Schlüssel wohl, weil
der alte Mann dieselben allezeit zu bringen pflegte, wenn Oegneck abends noch
spät bei meinem Herrn sass), und mein Herr, der eine Blendlaterne in der Hand
hatte, liess sich von mir bis vor Oegnecks Wohnstube führen. Er musste herzlich
lachen, da ich dem alten Weibe, welche in einem Winkel nicht weit von der
Stubentür lag, etliche tüchtige Nasenstüber versetzte, sie aber sich dennoch
nicht im geringsten regte, sondern immerfort schnarchte. Der alte Mann hingegen
und die zwei Knaben waren doch noch so vermögend gewesen, in ihre Bucht zu
kriechen und sich auf die Betten zu werfen, lagen aber ebenso unempfindlich als
das alte Weib. Bei so gestalten Sachen wollte sich mein Herr nicht länger
aufhalten, sondern eröffnete mit frohen Mute erstlich die Stubentür, ich aber
begab mich im Dunkeln zurück die Treppe hinauf und bewachte den Herrn von
Oegneck. Fünf Stunden war mein Herr aussen gewesen, als er wieder auf sein Zimmer
kam, denn der anbrechende Tag mochte ihm die Ordre zum Rückmarsch gegeben haben.
Dieser Streich, fing er zu mir mit erfreuten Gesichte zu sprechen an, ist nach
Wunsche gegangen; ich bin vollkommen vergnügt, ja das Angedenken des genossenen
Vergnügens würde mich ohnfehlbar ganz melancholisch machen, wenn mir die
Hoffnung beraubt würde, dasselbe noch öfter zu geniessen. Hierauf drückte er den
kleinen Schlüssel in Wachs ab, steckte denselben wieder in Oegnecks Goldbeurse,
mit den beiden grossen Schlüsseln musste ich es eben also machen, worauf er mir
befahl, sobald die Leute in der Stadt aufgestanden, zu einem Schlösser zu gehen
und Nachschlüssel machen zu lassen, weiln aber dieses mir einigermassen
bedenklich fiel, als kaufte ich mir eine Feile und andere Schlösserinstrumenta,
war auch so glücklich, einen Schlüssel von dergleichen Calibre zu ergattern, aus
welchen ich einen perfekten Pas[se]partout machte, den kleinen Schlüssel aber
aus einem Stück Silber zu verfertigen, war mir eine ganz leichte Kunst. Mein
Herr war vor Freuden ganz ausser sich selbst, da er diese meine Meisterstücke
sah, schenkte mir eines von seinen besten bordierten Kleidern nebst zwölf spec.
Dukaten. Jedoch wieder auf unsere Schläfer zu kommen, so machte das Hausgesinde
erstlich zwischen acht und neun Uhr einander munter. Oegneck aber besann sich
erstlich gegen zwölf Uhr wieder, dass er noch in der Welt wäre, er stund auf und
fand meinen Herrn noch im verstellten Schlafe liegen, hierauf fühlete er in
seine Taschen, visitierte seine Goldbeurse, und da er alles richtig fand, machte
er eine vergnügte Miene. Als er aber nach der Uhr sah und bemerkte, dass es
schon in der Mittagsstunde wäre, gab er seine Verwunderung durch ein kleines
Gelächter und einiges Kopfschütteln zu verstehen. Ich konnte dieses alles aus
der Nebenkammer, in deren Tür ich ein kleines Loch gebohret hatte, sehen, wie
ich aber wahrnahm, dass er sich sachte darvonschleichen wollte, kam ich mit einem
finstern Gesichte und verwirrten Haaren aus der Kammer herausgetreten, eben als
ob ich den Rausch auch noch nicht ausgeschlafen hätte. Der Herr von Oegneck kam
mir gleich entgegen und sagte nach Anwünschung eines guten Mittags: Ei ei, mein
wertester Herr und Freund, das heisst der guten Sache ein wenig allzuviel getan,
Sie nehmen doch nicht ungütig, dass ich Sie Ihres Bettes beraubt habe. Es hat
nichts zu sagen, mein Herr, gab ich zur Antwort, ich habe in Kleidern auf dem
Feldbette hier in der Kammer sehr wohl geschlafen, denn ich hatte der Sache
ebenfalls zuviel getan und mein Herr ebenfalls, denn in der letzten Stunde hat
er noch so viel Wein zu sich genommen, dass wir ihn, weil er fast von seinen
Sinnen nicht wusste, ins Bette haben tragen müssen. Ich glaube auch nicht, dass er
sich wird umgewendet haben, denn er liegt noch so, wie wir ihn hingelegt. Es ist
ganz gut, sagte Oegneck, vielleicht kontribuiert nunmehro diese kleine Débauche
etwas zu seiner Gesundheit. Wir redeten noch viel miteinander, und ich machte
dem Herrn von Oegneck sonderlich wegen der frembden Offiziers noch so viel Wind
vor, dass sich mein Herr, wie er mir nachhero erzählet, im Bette fast mit lauten
Lachen verraten hätte. Es muss ein ungemein starker Wein sein, sagte Oegneck,
allein ich kann versichern, dass ich ihn in vielen Jahren nicht so delikat
getrunken habe. Und ich, war meine Gegenrede, habe dergleichen mein Lebetage
nicht getrunken, will aber nunmehro, sooft ich mir etwas zugute tun will, darbei
bleiben, nur mit Massen. Ich auch, replizierte Oegneck, allein ich muss nunmehro
gehen und sehen, was meine Frau macht und wie es um die Küche bestellt ist.
    Ich sagte ihm, dass mein Herr, wenn er auch gleich aufwachte, dennoch vor
drei Uhren, und zwar heute nur einmal speisen würde, denn das wäre seine Art,
wenn er getrunken hätte; wormit Oegneck sehr wohl zufrieden war und seiner Wege
ging.
    Sobald derselbe fort war, sprang mein Herr aus dem Bette, und weil er
vollkommen ausgeruhet hatte, liess er sich, weil er den Tee schon sehr früh
getrunken hatte, Wein und stärkende Confituren geben, passierte hernach die Zeit
mit Briefschreiben nach seiner Heimat bis drei Uhr, da er zur Mittagsmahlzeit
abgerufen wurde. Hierbei liess Oegneck fragen, ob es erlaubt wäre, den Herrn
Bellian mit zur Tafel zu bringen, welches meinem Herrn eine ungemeine Freude
war, doch liess er mit einer gelassenen Miene zurückmelden, wie ihm des Herrn
Bellians Gesellschaft sehr angenehm sein würde. Er, mein Herr, liess sich in
grösster Geschwindigkeit aufs propreste ankleiden, ging zu Tische und fand sowohl
den Herrn Bellian als den Herrn von Oegneck bei demselben. Weiln ich par
curiosité meinem Herrn folgte, bemerkte ich, dass Herr Bellian bei dessen
Eintritt blutrot wurde, jedoch er wusste sich unter dem Komplimentieren
dergestalt geschicklich von dem Oegneck abzudrehen und ihm dem Rücken
zuzukehren, dass dieser nichts merkte. Sie setzten sich demnach zu Tische, weil
aber mein Herr sehr wenig Appetit bezeugte, indem er vorschützte, dass er gestern
eine extraordinäre Débauche im Weintrünken gemacht und derowegen nicht allein
starke Hitze im Magen, sondern auch einige Kopfschmerzen empfände, sagte
Oegneck: Ich will schweigen und nicht melden, wie mir zumute ist, aber meine
Frau hat mir das Kapitel recht gelesen, jedoch ich habe stille darzu
geschwiegen, denn dieses Mal hat sie recht, weil ich nicht zu ihr ins Bette
gekommen bin. Unterdessen hat sie doch alles wohl besorgt, so dass wir
ziemlichermassen mit ihr zufrieden sein können.
    Ohngeacht nun Oegneck immer allein fortplauderte und aus seinen Reden soviel
zu merken war, dass er von der Langschläferei seines Gesindes nicht die geringste
Wissenschaft hätte, so tat doch mein Herr, als ob er auf dessen Reden keine Acht
hätte, sondern blieb immer stille vor sich hin, bis endlich Herr Bellian einen
Diskurs von dem gefährlichen Laster der Trunkenheit aufs Tapet brachte, welchen
mein Herr bis zu Ende der Mahlzeit fortführen half.
    Nach abgehobenen Speisen und nachdem sie alle dreie eine gute Weile im
Zimmer herumspaziert waren, beliebte meinem Herrn, mit dem Herrn Bellian eins im
Brette zu spielen, welches Herr Oegneck sehr gern sah, indem er einige
Patienten zu besuchen hatte, sich also von ihnen beurlaubte; allein er mochte
kaum zehn Schritte vom Hause hinweg sein, als diese beiden Verliebten ein ander
Spiel zu spielen angefangen hatten, worbei mein Herr meinen manu propria
gemachten kleinen Schlüssel probieret und denselben zu seinem grössten Vergnügen
akkurat befindet, nachhero aber seinen eigenen Kapital-Schlüssel gebraucht.
    So ging es nun einen Tag und alle Tage zu, und der Herr von Oegneck wurde
bei allen seinen so hochgerühmten Praecautionen sozusagen bei sichtlichen Augen
betrogen. Ja, das Glück war meinem Herrn so günstig, dass Oegneck auf etliche 30
italiänische Meilen von Hause zu einem kranken Fürsten berufen wurde, bei
welchem er drei ganzer Wochen zubrachte; binnen dieser Zeit aber machte mein
Herr die herrlichsten Progressen nicht nur bei Tage mit dem Herrn Bellian,
sondern auch des Nachts mit der Belliana, wenn ich vorhero die Domestiquen mit
Schlaftrünken im süssen Weine eingewieget hatte.
    Endlich war es dahin gekommen, dass Belliana den Ansatz zur zweiten Leber im
Leibe bekommen hatte, worüber sich mein Herr sowohl als sie ungemein erfreueten.
Oegneck kam wieder zu Hause, fand aber meinen Herrn, der sich sehr zu verstellen
wusste, ganz malade, indem er vorgab, dass er Mangel an Arzenei gehabt, jedoch
nach Verlauf einiger Tage befand sich mein Herr viel besser, ging auch dann und
wann in Compagnie, jedoch er blieb niemals bei einerlei Humeur, sondern verfiel,
ehe man sich's versah, wieder in eine wiewohl verstellte Tiefsinnigkeit.
    Mittlerweile entstunden in unserm Hause auf einmal grosse Freudenbezeugungen,
denn die Frau Wirtin hatte dem Herrn Wirte offenherzig gestanden, dass er ihr aus
der frembden Luft Zeug zu einem kleinen Kindergeräte mitgebracht hatte. Oegneck,
sobald er dieses von ihr vernommen, lief er von Hause zu Hause und notifizierte
allen Menschen, die ihm entgegen kamen, die endlich einmal glücklich erlebte
Schwangerschaft seiner liebwertesten Frau Gemahlin; ja die Torheit verleitete
ihn dahin, dass er eines Tages meinem Herrn bei Tische diese vergnügte Zeitung
vorbrachte, und zwar mit unaussprechlicher Freude. Dieser, welcher die Sache
längstens besser wusste als Oegneck selbst, spielete dennoch eine verzweifelte
Masquerade, warf Teller, Löffel, Messer und Gabeln auf den Boden und sagte:
    Mein Herr! ein vor allemal ist Ihm von mir bekannt gemacht, dass mir nichts
Verdrüsslichers anzuhören ist als von Liebessachen, Kinderzeugen und dergleichen;
derowegen sehe gar nicht, was Er vor Ursach hat, mich mit dergleichen Gesprächen
zu beunruhigen. Ei, ei, Ihro Gnaden, versetzte Oegneck, ich bitte um Vergebung,
bin aber der Meinung gewesen, des Herrn Bellians bisherige treffliche
Unterweisung hätte nunmehro in Dero Herzen so viel gewürkt, dass Dieselben alles,
was Ihnen vork[ä]me, ohne einzige verdrüssliche Gemütsbewegung anhören und
ansehen könnten, so aber erfahre ich, leider! das Gegenteil. Ei was, widerredte
mein Herr, der Herr Bellian, mein wertester Freund, kann seine Sachen ganz
anders zu Markte bringen, und ob er gleich in seinen vortrefflichen lehrreichen
Erzählungen dann und wann etwas von Frauenzimmer, Liebesbegebenheiten und
dergleichen einfliessen lassen, so ist solches doch allezeit mit besonderer
Ernstaftigkeit und Tugend gewürzt gewesen, so dass es mir ohnmöglich Unruhe
verursachen können. Gnädiger Herr! sagte Oegneck, es ist an dem, dass ich Ihnen
ein Geheimnis offenbaren und darbei Sie überzeugen muss, dass Ihr ganzes Malheur
von einem allzudicken Geblüte und dann in einer wunderlichen Einbildung
bestanden hat. Das erstere ist durch meine köstliche innerliche und äusserliche
Medikamenta mehrenteils, ja fast gänzlich korrigiert. Was aber die andere Ursach
anbelanget, so ist's an dem, dass Sie sich bishero von ein und anderer Sache eine
unrichtige wunderliche Einbildung gemacht haben. Wenn sich Dieselben nun in
Zukunft bemühen werden, von solchen Dingen, welche Ihnen bishero vedriesslich
gewesen, ein richtiges Konzept zu fassen, so wird die Kur vollbracht und Ihr
ganzes Malheur vollkommen gehoben sein; Ew. Gn. aber zu überführen, will ich
Ihnen das bisherige Geheimnis entdecken, insoferne Sie nicht darüber erschrecken
oder missvergnüget werden wollen. Im geringsten nicht, ich will mich, da ich
vorhero daran erinnert werde, schon zu fassen wissen. Nun dann, liess sich
hierauf Oegneck mit einigen Lächeln vernehmen, so will ich Ihnen sagen, dass Herr
Bellian, dessen Person Sie vor vielen andern gern um sich leiden mögen, keine
Mannesperson, sondern ein Frauenzimmer, und zwar mein eigenes Eheweib ist. Da
sehen nun Ew. Gn., was es vor eine wunderliche Beschaffenheit hat mit der
Einbildung.
    Mein Herr sah nach Anhörung dieser Worte dem Oegneck starr in die Augen und
blieb mit unterstützten Haupte eine ziemliche Zeit in tiefen Gedanken sitzen.
Endlich fuhr er plötzlich auf und fragte: So ist's denn würklich wahr, dass ich
unter der Person des Herrn Bellians mit einem Frauenzimmer konversiert habe? So
wahr ich lebe, gab Oegneck zur Antwort, und daferne es Ihnen gelegen, können Sie
den vermeinten Herrn Bellian alle Stunden in der Person meiner Ehefrauen zu
sehen bekommen. Ich hoffe aber, meine gebrauchte List, die ich bloss Ew. Gn.
Nutzens, Vorteils und Gesundheit halber ersonnen und praktizieret, wird
verhoffentlich Dieselben nicht zum Zorne reizen? Nein, nein! mein wertester Herr
von Oegneck, rief mein Herr aus, nunmehro erkennen meine bishero ganz verwirrt
gewesene Sinnen vollkommen, dass ich bishero einem wahnwitzigen Menschen ähnlich
gewesen, jedoch Seine ungemeine Klugheit hat mich ganz verändert und wird mir
hoffentlich zu dem annoch restituierenden Teilen des Verstandes verhelfen.
Gedenke ich aber an den unvergleichlichen Herrn Bellian, so muss ich über den
ungemeinen Verstand, Geschicklichkeit und Tugend, so in einem einzigen, und zwar
in einem Frauenzimmerkörper beisammen wohnet, recht erstaunen. Nunmehro aber,
ach leider! werde ich dessen angenehme Konversation nebst den heilsamen Lehren
vielleicht seltsam zu geniessen haben oder wohl gar entbehren müssen!
    Nicht gänzlich, tröstete Oegneck, doch weil meine Liebste dennoch auch etwas
eigensinnig ist und bei ihrer jetzigen Schwangerschaft keine Manneskleider mehr
anlegen will, sonsten auch wegen ihrer Schamhaftigkeit und strengen Tugend ohne
mein Beisein mit Ihnen zu konversieren sich durchaus nicht bequemen wird, als
werden sich Ew. Gn. mit etwas sparsamern Visiten genügen zu lassen belieben;
denn solange sie gewusst, dass sie von Ihnen vor eine Mannsperson gehalten worden,
hat sie sich keiner unkeuschen Gedanken bei Ew. Gn. besorgt, nunmehro aber als
ein Frauenzimmer dürfte sie bei Ihnen in mehrerer Furcht schweben. Ach! seufzete
mein Herr und sagte: Mein wertester Herr von Oegneck, eröffnen Sie ihr doch
lieber, dass ich ein Kastrat bin, mitin vor allen unkeuschen Gedanken, Worten
und Werken den grössten Abscheu trage. Ich hoffe, sie wird so tugendhaft und
verschwiegen sein und dieses Geheimnis nicht weiter ausbreiten, inmittelst desto
freier und treuherziger mit mir umgehen können, solchergestalt aber meine
völlige Genesung befördern helfen.
    Wenn Ew. Gn., sprach Oegneck hierauf, mir erlauben wollen, meiner Liebsten
dieses Geheimnis zu offenbaren, so ist gar kein Zweifel, dass sie sich in Zukunft
noch weit offenherziger und freier gegen Dieselben aufführen wird, als sie in
der verkleideten Person des Bellians getan, ja ich gebe hiermit sowohl von
meint - als ihrentwegen Ew. Gn. völlige Erlaubnis, sooft es Ihnen beliebig,
meine Liebste zu sich auf Dero Zimmer kommen zu lassen oder dieselbige in dem
ihrigen zu besuchen und so lange bei ihr zu bleiben, als es Ihnen beiderseits
gefällig. Es ist leicht zu glauben, dass mein Herr über diese Promessen vor
innerlichen Lachen immer hätte zerbersten mögen, jedoch er umarmete den
Hasenkopf und dankte vor dessen gütige Offerte, zahlete ihm auch sogleich 50
Dukaten in Abschlag vor die Kur und Kost, versprach anbei, sobald seine
Wechselbriefe aus Deutschland einliefen, sich noch weit erkenntlicher zu zeigen.
Vorietzo aber bat er ihn, seiner Liebste die abgeredete Sache vorzutragen, seine
Person bestens zu rekommendieren, anbei ihre selbsteigene Einwilligung
einzuholen. Oegneck gab dieses letztere vor etwas Leichtes aus, weil dem
Vorgeben nach seine Liebste ihm in allen billigen Stücken gehorsame Folge
leistete; ging aber sogleich hin und versprach in kurzen vergnügte Resolution
zuruckzubringen.
    Die Curiosité trieb mich in diejenige Kammer, welche akkurat über unserer
Frau Hauswirtin Schlafkammer war, denn ich hatte daselbst ein kleines Loch im
Winkel des Fussbodens ausgearbeitet, wodurch ich, obgleich nicht alles sehen,
doch alles hören konnte, was darinnen passierte. Hier erzählete Oegneck nun
seiner Frauen alles, was er mit meinem Herrn verabredet hatte, und endlich bat
er sie recht beweglich, das Spiel nicht zu verderben, sondern in Erwägung des
schönen Gewinstes dergleichen Beschwerlichkeiten gedultig über sich zu nehmen.
Da er nun mit vielen schmeichelhaften Worten und Karessen eine Resolution von
ihr verlangte, sagte sie endlich: Ich habe zwar immer verhofft, wenn ich nur
erstlich einmal schwanger worden, Eurer unrechtmässigen Eifersucht und anderer
verdriesslichen Traktamenten überh[o]ben zu sein, allein Ihr bürdet mir immer mehr
und mehr Plagen auf den Hals. Bedenket nur selbst, bishero habe ich nicht einmal
mit Frauenzimmer konversieren dürfen, und nunmehro soll ich meine Zeit mit einem
Kastraten vertreiben, ja bedenket nur, was ich solchergestalt allen meinen
Sinnen vor Gewalt tun muss, mich vernünftig und klug genug aufzuführen. Jedoch
was muss ich arme Kreatur nicht tun, bloss mich in Eurer Gunst zu erhalten und ein
Stück Geld verdienen zu helfen. So lasst ihn denn nur kommen, aber nicht eher als
mittags nach drei Uhr, meinetwegen mag er bis in die Nacht da sitzen, ich will
ihm, soviel mir möglich, die Zeit passieren, nur den Vormittag und die übrigen
Stunden bis drei Uhr will ich zu meiner Bequemlichkeit haben; aber das sage ich
voraus, sollte er sich etwa erkühnen, einen geilen Griff zu tun, so stosse ich
ihm einen Dolch in die Brust. Daran, versetzte Oegneck, ist nicht zu gedenken,
mein Schatz, und hierüber habt Ihr Euch keine Sorge zu machen, fahret nur fort,
beständig so mit ihm umzugehen, als wie Ihr unter der Person des Bellians getan
habt. Hierauf dankte er ihr mit etlichen klatschenden Küssen, und da er sich von
nun an ihrer ehelichen Treue und Liebe vollkommen versichert hielt, hörete ich
so viel, dass er ihr auch nunmehro das verdrüssliche Schloss abnahm und versprach,
alles bisherige Misstrauen, Eifersucht und harte Verfahren sinken zu lassen und
ihr ihre volle Freiheit zu gönnen.
    Ich hätte vor heimlichen Gelächter immer platzen mögen, und es ist leicht zu
gedenken, wie sich mein Herr gebärdet hat, da ich ihm alles dieses
wiedererzählete. Damit ich aber mich bei dieser Geschichte nicht über die Gebühr
aufhalte, so will nur noch kürzlich melden, dass unsere Frau Wirtin täglich
geputzt mit zu Tische kam. Bald liess sie mein Herr zu sich auf sein Zimmer
bitten, da sie sich denn sogleich einfand, bald liess er sich bei ihr melden und
blieb gemeiniglich bis zehn Uhr des Nachts bei ihr, denn Oegneck ging fast alle
Tage aus, entweder zu seinen Patienten oder in eine Spielcompagnie.
Solchergestalt verging fast kein Tag, da mein Herr, wie er mir offenherzig
gestund, seine Wollust mit Bellianen nicht in grösster Vollkommenheit und auf
allerlei Art und Weise gepfleget, denn es war diese Frau in Wahrheit ein
wunderschönes Bild, weswegen mein Herr sich auch kein Geld dauern liess und
binnen neun Monaten, denn so lange sind wir in Oegnecks Hause gewesen, beinahe
1000 Reichstaler, meiner Rechnung nach, verschwendet hatte. Oegneck inzwischen
war aus einem der allereifersüchtigsten Italiäner ein ganz anderer Mensch
worden; über alles Vorgemeldte erlaubte er meinem Herrn von freien Stücken, dass
er mit Bellianen spazierengehen und fahren durfte, wohin er wollte, ja ich
glaube, er wäre nicht jaloux worden, wenn er auch gleich beide in einem Bette
beisammen angetroffen hätte.
    Endlich aber, da die Zeit immer näher heranrückte, dass Belliana sich nach
dem Kindbette umzusehen Ursache hatte, begonnte bei meinem Herrn die Liebe gegen
sie zu erkalten, zumalen da ihm eine andere Venus in die Augen gefallen war. Er
gab demnach vor, dass er Briefe aus Deutschland bekommen hätte und seine
Heimreise antreten wollte, nahm derowegen, nachdem er den Herrn von Oegneck und
dessen Liebste wohl kontentiert, jedoch auf zweideutige Art, von beiden Abschied
und reisete würklich mit Sack und Pack fort, jedoch nicht weiter [als] bis nach
C.
    Wollte Gott, er wäre würklich nach Hause gereiset, so lebte er vielleicht
noch, so aber war dieses seine Meinung noch im geringsten nicht. In C. wollte es
ihm auch nicht gefallen, derowegen blieb er nicht länger als einen Monat
daselbst, sondern kehrete wieder nach N. zurück, allwo er die vorigen Compagnien
wieder aufsuchte, um den Herrn von Oegneck und dessen Frau aber sich gar nichts
mehr bekümmerte, an deren Statt aber eine Dame von vornehmen Stande aufs
eifrigste bedienete und sich vielen Gefährlichkeiten exponierte. Allein da wir
noch nicht einmal zwei volle Monate aufs neue in N. gewesen, wurde mein guter
Herr eines Morgens früh auf der freien Strasse mit sechs Dolchstichen ermordet
und aller seiner bei sich habenden Kostbarkeiten beraubt gefunden. Ich selber
glaubte anfänglich nicht anders, als dass ihn die Banditen dieserwegen ermordet,
indem er jederzeit eine starke Goldbeurse, goldene Tabatière, goldene Uhr,
kostbare Ringe und dergleichen bei sich führete; allein wenige Tage hernach
erfuhr ich zu meiner allergrössten Bestürzung, dass Oegneck seine Frau und Kind
mit Gifte hingerichtet, sich mit seinen besten Sachen unsichtbar gemacht und
einen Brief zurückgelassen hätte, worinnen er gemeldet, dass, weil ihn mein Herr
auf eine so verzweifelt listige Art hintergangen und zum Hahnrei gemacht, sich
dessen noch darzu gegen verschiedene Offiziers und Kavaliers berühmt, die ganze
Geschicht von Anfang bis zu Ende erzählet und also ihn, den Oegneck, zum Spott
aller Leute gemacht, als habe er seine Rache dergestalt ausgeübt, dass er meinen
Herrn mit Beihülfe zwei[er] Banditen nachts auf der Strasse ermordet, seiner
Frauen, nachdem er ihr ein starkes Gift beigebracht, eröffnet, dass er sich auf
solcher Art seines Schwagers entlediget und dass sie ihn vor Verlauf einer Stunde
ins Reich der Toten nachfolgen würde. Hierauf habe er auch dem Hurenkinde, wie
er solches in seinem Briefe genennet, etliche Löffel voll mit starken Gifte
vermischte Milch eingeflösset und sich aus dem Staube gemacht. Auf solche Art
mussten diese Unglückseligen ihr Leben jämmerlich einbüssen, mein Herr aber hätte
solches alles verhüten können, wenn er nur nicht die Torheit begangen hätte,
sich mit dieser Geschicht breit zu machen, denn er konnte ja leicht voraussehen,
dass es immer einer dem andern wiedererzählen würde, wusste auch mehr als zu wohl,
was die Welschen sonderlich in diesem Punkte vor rachgierige Leute sind, oder
wenigstens hätte er diese sonderbaren Streiche so lange verschweigen sollen, als
er sich in N. aufzuhalten Lust gehabt.
    Ich meines Orts trauete dem Landfrieden daselbst gar nicht länger, sondern
sobald ein kaiserl. Minister, der sich daselbst aufhält, meines Herrn Mobilien
in seine Verwahrung genommen, ich auch noch ein ziemlich Stück Geld
herausbekommen, reisete ich mit der geschwindesten Post auf und darvon und bin
endlich bis an diesen Ort gekommen. Ich hätte, weil ich in diesen Landen
ziemlich bekannt, bei verschiedenen deutschen Herrn in Dienste gelangen können,
allein ich habe einen rechten Abscheu vor diesem Lande, suche derowegen nur
einen Herrn, der nach Deutschland zurückzugehen gesonnen, da ich auch wenig oder
gar nichts von ihm bekommen sollte, so wäre ich dennoch zufrieden, wenn ich nur
in dessen Suite mit auf den deutschen Boden kommen könnte, allwo ich schon
anderweitige Dienste zu erlangen verhoffe, indem mir jetzt gedachter kaiserl.
Minister ein gutes Attestat unter seiner eigenen Hand gegeben hat.«
    Hiermit endigte der Kammerdiener seine Erzählung, Elbenstein aber sagte:
»Mein Freund, ich bin sehr obligiert vor seine Bemühung in Referierung dessen,
was sich mit seinem ehemaligen Herrn zugetragen. Ich vor meine Person habe zwar
in diesen Landen meinen Staat nicht darnach eingerichtet, einen Kammerdiener zu
halten, sondern mich bishero nur mit einem Bedienten, den ich bei den Pferden
brauchen kann, beholfen. Ich werde auch, sobald es nur immer möglich, dieses
Land verlassen und bin willens, sobald ich den Hof erreicht, wo ich bei dem
Fürsten als Kammerjunker in Diensten stehe, meine Dimission zu fordern und in
mein Vaterland zurückzugehen, denn es gefällt mir selbst nicht mehr in Italien.
Will Er nun solange bei mir bleiben, auf meine Sachen indessen gute Acht mit
haben und hernach einen Reisegefährten abgeben, so will ich Ihm wöchentlich drei
Kaisergulden und die freie Reise geben bis nach Frankfurt am Main, sodann wird
Er schon bessere Dienste zu finden wissen.«
    Der Kammerdiener wurde hierüber höchst erfreuet, küssete Elbenstein die Hand
und versprach, solange demselben annoch in Italien zu bleiben beliebte, auch auf
der Reise nach Deutschland, sich gegen einen solchen généreusen Kavalier
dergsetalt aufwartsam aufzuführen, als man nur von einem rechtschaffenen
Kammerdiener verlangen könnte. Hierauf erteilete ihm Elbenstein den ersten
Befehl, wie er nehmlich eine Extrapost auf morgen mit dem allerfrühesten
bestellen möchte, worauf Elbenstein mit seinen Sachen abfahren wollte, er, der
Kammerdiener aber, sollte auf Elbensteins Pferde beiher reuten.
    Nach diesem, da es Abend zu werden begunnte, begab sich Elbenstein auf sein
Zimmer, speisete die Abendmahlzeit, liess sich bald hernach von dem Kammerdiener,
welcher die Post wohl bestellet hatte, auskleiden und legte sich zur Ruhe,
konnte aber nicht so bald einschlafen, weil ihm die von dem Kammerdiener
erzählte Geschicht immer noch in den Gedanken lag. Dieses ist, sprach er zu sich
selbst, eine neue Bussglocke vor dich! Ach Elbenstein, bekehre dich einmal im
rechten Ernste, verlasse dieses Sodom so bald als möglich und fange ein anderes,
gottgefälliges Leben an, sonsten wird dir's noch ebenso und vielleicht noch
jämmerlicher ergehen als diesem unglückseligen Kavaliere. Er fing nunmehro
wiederum an, andächtig zu beten, schlief darauf etliche Stunden ganz süsse,
setzte hierauf seine Reise mit lauter Extraposten sehr schnell fort und gelangte
endlich glücklich in der Residenzstadt seines Fürsten an.
    Es war schon ziemlich spät, als er vor seinem ordentlichen Logis
stillehalten liess, jedoch wurde ihm sogleich aufgemacht, und sein Bedienter war
augenblicklich zur Stelle, half die Sachen abpacken und in seine Stube tragen,
meldete anbei, dass er alles, was sie vor etlichen Monaten von Venedig
mitgebracht, richtig an den Fürsten überliefert, welcher eins sowohl als das
andere in Verwahrung nehmen lassen, ihm, dem Diener, befohlen, dass er alle Tage
bei Hofe zu Tische kommen, auch wöchentlich ein gewisses Geld zu Extraausgaben
empfangen sollte, welches er denn auch jederzeit richtig erhalten, die im
Quartiere zurückgelassenen Meublen aber hätte der Fürst des Wirts Besorgung
anvertraut und sich darvon eine genaue Spezifikation einhändigen lassen.
    Elbenstein fand in seiner Stube und Kammer noch alles so, wie er es
verlassen hatte, nahm derowegen diesen Abend mit kalter Küche und einer
Bouteille Wein vorlieb, legte sich hierauf alsobald zur Ruhe, stund aber morgens
desto früher auf, ging zu Hofe und liess sich, sobald der Fürst aufgestanden war,
bei demselben melden.
    Sr. Durchl. verwunderten sich ungemein über Elbensteins unvermutete Ankunft,
liessen ihn sogleich vor sich kommen und fragten ihn, jedoch mit einer besonders
gnädigen und lächlenden Miene, wo er solange gesteckt hätte. Dieser nun, weil er
bei dem Fürsten ganz alleine war, erzählete demselben eine wunderseltsame
Historie, so wie er von seiner geliebten Fürstin instruiert war, benebst dem,
was er selber noch darzu erdichtet hatte. Der Fürst musste unter Elbensteins
Erzählung des Lachens wegen zum öftern seinen Bauch halten; endlich aber sagte
derselbe: »Es ist nur gut, dass Er wieder hier ist, ein andermal nehme Er sich im
Courtoisieren besser in acht. In Venedig hat Er meine Angelegenheiten wohl
expediert, ich habe alles richtig empfangen, und das, was ihm zugehöret, ist
uneröffnet geblieben, Er kann es sogleich aus dem roten Gewölbe, allwo es
verwahret ist, in Sein Logis schaffen lassen. Drei Tage will ich Ihm Zeit
lassen, von der Reise auszuruhen, nachhero aber werde ich Ihm etwas zu tun
geben, woran mir viel gelegen ist.« Sobald sich nun der Fürst in sein Cabinet
begeben, liess Elbenstein gleich seine Sachen in Logis tragen, begab sich auch
selbst dahin, und um seines Leibes recht zu pflegen, setzte er sich vor, in drei
Tagen nicht auszugehen. Mittlerweile hörete er nicht nur von seinem Diener,
sondern auch von dem Wirte und der Wirtin, dass in der ganzen Stadt nicht weniger
als bei Hofe über sein langes Aussenbleiben verschiedentlich wäre geurteilet
worden, wie man ihm denn ein und andere Specialia erzählete, allein Elbenstein
lachte darüber und sagte: »Es ist mir lieb, dass sich die Leute auf Konto meines
Namens etwas mit ihren Gedanken und Mäulern zu schaffen gemacht haben. Wenn
derjenige zu mir käme, welcher das Rätsel am nächsten getroffen, wollte ich ihm
ein Fass Wein vor seine Mühe geben.« Allein er bekam bald ein ander
Gedankenspiel, denn des zweiten Abends, da es dämmerich zu werden begunnte,
wurde ihm ein Brief von seiner Kloster-Amour, der Marinalba, eingehändiget,
worinnen sie ihm erstlich zu seiner glücklichen Zurückkunft gratulierte, anbei
aufs wehmütigste und inständigste bat, ihr nur eine einzige Visite zu geben,
widrigenfalls sie aus grosser Liebe zu ihm ohnfehlbar verzweifeln müsste.
Elbenstein entschuldigte sich gegen die Überbringerin des Briefes, dass er nicht
schriftl. antworten, auch des Frauenzimmers Befehle unmöglich nachkommen könnte,
indem er Schaden an der rechten Hand genommen, auch sonsten sich dergestalt
malade befände, dass ihm unmöglich wäre, aus seinem Zimmer zu gehen. Hiermit war
diese abgefertiget, und Elbenstein hatte nichts weniger im willens, als noch
einen Schritt nach ihr zu gehen, sondern hatte sich vielmehr vorgesetzt,
wenigstens solange er in Italien lebte, keine Liebesexzesse mehr zu begehen.
Kaum aber war er des andern Morgens aufgestanden, als ihm abermals durch einen
unbekannten Menschen ein Brief überbracht wurde, den die Baronesse von K.
stilisiert hatte. In diesem wurde ihm nun das Capitul gar gewaltig gelesen, dass
er sie etliche Wochen in der Residenzstadt seines Fürsten vergeblich auf sich
warten lassen, da sie doch beide die schönste Gelegenheit gehabt hätten,
einander zu vergnügen. Sie warf ihm auch vor, dass er vielleicht ihrer
überdrüssig worden und andere Amours werde gesucht haben, jedoch zum Schlusse
des Briefes ermahnete sie ihn, dass, wenn er ein gut Gewissen hätte, sie noch
liebte und sich bei ihr wegen dessen, was sie ihm schuld gegeben, sattsam zu
reinigen gedächte, solle er ehester Tags Urlaub von seinem Fürsten nehmen und
auf einige Tage zu ihr kommen, weil ihr Gemahl verreiset wäre und vor Verlauf
des folgenden Monats schwerlich zurückkommen würde. Hierbei hatte sie ihm auch
ausführlich geschrieben, bei wem er im Flecken einkehren, wie er sich verhalten
sollte und auf was vor Art er bei Nachtszeit heimlich in ihr Schloss und in ihr
Zimmer kommen könnte.
    »Nein!« sprach Elbenstein, »dir komme ich auch nicht wieder, weg mit aller
solchen gefährlichen Buhlerei.« Er fertigte demnach diesen Boten fast ebenso ab
als den gestrigen, nur dass er noch darbei sagen liess, wie er, sobald er sich im
Stande befände, wieder auszugehen und seinen Fürsten zu sprechen, er Sr. Durchl.
der Gn. Baronesse Interzessionsschreiben vorlesen, auch, sobald sein Arm kuriert
und er wieder schreiben könnte, nicht verabsäumen würde, schriftliche Nachricht
zu übersenden oder womöglich dieselbe mündlich zu überbringen.
    Mit diesem Sacke voll Winde packte sich dieser andere Liebeskurier auch
wieder fort; allein Elbenstein begonnten allerhand Grillen in den Kopf zu
steigen, denn er gedachte: Merken diese Damen erstlich, dass du sie bei der Nase
herumführest, so werden sie endlich eine strenge Rache gegen dich ausüben; lässt
du dich aufs neue wieder ins Garn locken, so kann es dir letztlich leicht also
ergehen, wie es andern deinesgleichen und sonderlich dem deutschen Kavalier
ergangen ist, von welchem dir der Kammerdiener erzählet hat. Um aber diesem
Unglücke vorzubauen, sonne er auf ein Mittel, sich mit guter Manier von seinem
Fürsten loszuwickeln und Italien zu verlassen. Endlich fiel ihm dieses ein: Er
liess durch den aufgenommenen Kammerdiener im Namen seines Herrn Vaters einen
Brief schreiben, in welchem ihm befohlen ward, dieweil seine Frau Mutter
gefährlich krank darniederläge und die Medici an ihrer Genesung, an dem ihr
zugestossenen auszehrenden Fieber gänzlich desperierten, sich schleunigst auf die
Rückreise nach seiner Heimat aufzumachen und sich [durch] nichts als Gottes
Gewalt abhalten zu lassen, indem sie sich ungemein sehnete, ihn vor ihrem Ende
nur noch einmal zu sehen. Über dieses so wäre er, der Vater, ebenfalls dermassen
hinfällig, dass er, zumalen wenn die Mutter sterben sollte, es nicht lange machen
würde, demnach würde Elbenstein sowohl aus kindlicher Pflicht gegen seine Eltern
als brüderlicher Liebe gegen seine unmündigen Geschwister, ingleichen seines
eigenen Nutzens wegen nicht verabsäumen, aufs allereiligste nach Hause zu
kommen, wie sie ihm denn zu dem Ende 200 spec. Dukaten Reisegeld par Wechsel
übermacht hätten.
    Folgendes Tages, da Elbenstein die Aufwartung wiederum aufs neue bei seinem
Fürsten machte, befahl dieser sogleich, dass der Wagen vorrücken und Elbenstein
sich allein zu ihm hineinsetzen sollte. Demnach fuhr der Fürst, von wenigen
seiner Bedienten begleitet, mit ihm in [einen in] einer plaisanten Gegend und
nur etwa eine Stunde von der Residenzstadt gelegenem Meierhof. Es war bereits
bestellet, dass der Fürst allda die Mittagsmahlzeit einnehmen wollte, weil es
aber, da sie ankamen, noch zu früh darzu war, so befahl er Elbensteinen
spazieren mit ihm zu gehen. Sie gingen also um den ganzen Meierhof herum, und
Elbenstein bewunderte dessen schöne Lage wegen der dabei befindlichen
trefflichen Felder, Waldung, Quellen, Bäche und Fischhälter. »Ja, mein lieber
Elbenstein«, sagte der Fürst, »es ist wahr, die Lage ist schön, und eben
dieserwegen habe ich mir in meinen Kopf gesetzt, ein feines Lustschloss anhero zu
bauen, um meines Namens Gedächtnis zu stiften, es soll aber nicht auf
italiänische, sondern auf deutsche Art gebaut werden. Weil ich nun weiss, dass Er
in der Architektur und Zeichnungskunst wohl erfahren ist, so will ich bitten,
dass Er mir zwei oder drei Risse zu einem dergleichen Schloss macht, worunter
ich mir einen auslesen will. Ich bin gesonnen, das Geld daran zu wenden, welches
Er mir von Venedig gebracht hat, auch wohl noch etliche 1000 Dukaten darzuzutun,
denn ich möchte es doch wohl etwas propre haben, sähe auch gern, wenn Er den
ganzen Bau dirigieren wollte, indem ich mein ganzes Vertrauen auf Ihn gesetzt,
auch Seine Mühwaltung desfalls wohl belohnen will.«
    Elbenstein stutzte gewaltig über des Fürsten Reden, so dass er die Farbe
verwandelte und demselben in langer Zeit kein Wort antworten konnte, denn er
sah erstlich bei einer honorablen Station einen starken Profit vor Augen, indem
er wusste, dass der Fürst ein sehr généreuser Herr wäre, zum andern hätte er sich
hierdurch dergestalt insinuieren können, zeitlebens das Faktotum an seinem Hofe
zu bleiben, indem er alle Umstände bereits sehr genau eingesehen, auch gleichsam
durch ein Perspektiv fast alles fernerweit einsehen konnte, denn er hatte sich
seiner gewöhnlichen Curiosité nach um alles bekümmert. Da ihn aber seine
gefährlichen Umstände, auch alle besorgliche Verwirrungen in die Gedanken
fielen, blieb er bei dem Propos, seine Dimission zu fordern. Der Fürst ward
seiner Bestürzung gewahr, fragte derowegen: »Wie? mein Elbenstein, will Er mir
nicht diesen Gefallen erweisen?« »Durchlauchtigster Fürst!« gab dieser zur
Antwort, »ich wünsche mir, bei einem so gnädigen und liebreichen Herrn
zeitlebens zu dienen, allein die Verhinderung dessen muss ich dem Schicksale
zuschreiben. Ew. Durchl. geruhen gnädigst, diesen Brief zu lesen, welcher in
meiner Abwesenheit angekommen und mir erst gestern zugestellet ist.« Unter
diesen Worten zohe er den falschen Brief hervor und zeigte selbigen dem Fürsten.
Dieser nahm und las denselben in Spazierengehen, blieb nachhero eine gute Weile
in Gedanken stehen; endlich da Elbenstein, welcher mit Fleiss zurückgeblieben,
etwas näher kam, sagte der Fürst: »So will Er denn schon wieder von mir
wegziehen?« »Gnädigster Herr!« antwortete Elbenstein, »Ew. Durchl. betrachten
selbst, ob mir meine schwachen Eltern und mein armes unmündiges Geschwister
nicht zu Herzen gehen müssen. Wer weiss, ob ich dieselben noch lebendig antreffe.
Die verlangten Risse will [ich] Ew. Durchl. binnen wenig Tagen verfertigen, und
zwar auf drei-, viererlei Art, so gut als es mir nur immer möglich ist. Die
Direktion des Baues aber kann ich ohnmöglich übernehmen, sondern will nachhero
um gnädige Dimission bitten, weil ich entschlossen, so schnell als immer möglich
dem väterlichen Befehle zu gehorsamen und nach Hause zu eilen.« Hierauf
erkundigte sich der Fürst um seiner Eltern Umstände etwas weiter; da aber
Elbenstein von ihren Rittergütern und andern Vermögen aus Not mehr prahlete, als
sich's in der Wahrheit befand, sagte endlich der Fürst: »Bei so gestalten Sachen
kann ich Ihn freilich wohl nicht verdenken, dass Er seine eigenen Angelegenheiten
andern vorziehet, inzwischen sehe ich Ihn nicht gern von mir ziehen, indem ich
mir vorgenommen, hier in Italien vor sein Glück bestmöglichst zu sorgen, weil es
aber solchergestalt keine akzeptable Sache vor Ihm ist, so bitte mir nur aus,
die Risse zu verfertigen, hernach will ich Ihm Seine Dimission und ein billiges
Honorarium geben.«
    Hierauf eröffnete der Fürst wegen Anlegung und Ausbauung des Schlosses noch
in verschiedenen Stücken seine Meinung, damit Elbenstein die Risse desto besser
darnach einrichten könnte, da es aber mittlerweile Zeit zur Mittagsmahlzeit
wurde, begab er sich wieder zurück in den Meierhof, speisete mit Elbensteinen
ganz allein, sass immer in tiefen Gedanken, fuhr auch sogleich nach der Mahlzeit
wieder zurück in seine Residenz und redete unterweges sehr wenig. Als sie
daselbst angelanget, bekam Elbenstein Erlaubnis, nicht ordentlicherweise,
sondern nur nach Belieben nach Hofe zu kommen, damit die Risse desto besser
geraten möchten, er begab sich demnach in sein Logis, befahl sowohl den Wirts-
als seinen Leuten, dass sie ihn gegen diejenigen, welche nichts Besonderes bei
ihm anzubringen hätten, verleugnen sollten, indem er vor den Fürsten etwas
Besonderes auszuarbeiten hätte und darinnen nicht gern verstört werden möchte.
    Binnen sechs Tagen hatte er vier saubere Modelle von Schlössern fertig
gemacht, legte also dieselben dem Fürsten vor, welcher einen besondern Gefallen
darüber bezeigte und Elbensteinen nochmals fragte, ob es denn noch sein
würklicher Ernst wäre, dass er von ihm abreisen wolle. Elbenstein zuckte die
Achseln und versicherte, dass ihm zeitlebens nichts kümmerlicher und
schmerzhafter gefallen, als von einem solchen vortrefflichen und gnädigen
Fürsten abzugehen, doch könne er auch nicht leugnen, dass bei so gestalten Sachen
die Liebe zu seinen Eltern und Geschwistern absolute erforderte, seinem
Verhängnisse unterwürfig zu sein. Demnach erteilete ihm der Fürst seine
Dimission unter gnädigen Expressionen: wie nehmlich Sr. Durchl. ihn ungern aus
Dero Diensten gelassen, sondern lieber auf Lebenszeit darinnen behalten, woferne
es Elbensteins eigene Angelegenheiten in seinem Vaterlande zugelassen hätten
etc. Hiernächst empfing er über seine völlige Besoldung des Fürsten mit
Edelgesteinen besetztes Bildnis und noch 100 spec. Dukaten, auch einen Pass, als
ob er in fürstl. Affären nach Innspruck verschickt würde. Hierauf säumete er
sich nicht lange mehr, sondern nachdem er bei allen, die ihm wohlgewollt,
Abschied genommen, wendete er sich, anstatt seinen Weg durch Tyrol zu nehmen
(wie er gegen jedermann vorgegeben hatte), gerade nach Mailand und dann ferner
durch die Schweiz nach Strassburg. Sein Gewissen und die beständige Furcht, es
würden seine Liebhaberinnen, wenn sie seine jählinge Abreise vernähmen, ihre
Liebe in eine grausame Rache verwandeln und ihn, wiewohl ehemals andern
widerfahren, durch nachgeschickte Banditen auf der Strasse ums Leben bringen
lassen, gaben ihm gleichsam Flügel, dass er den vierten Tag nach seiner Abreise
schon im Mailand war, allwo er sich doch noch nicht sicher genug zu sein
erachtete, weswegen er mit einer Ritorna, welche in einer Sänfte bestund, darauf
ein vornehmer Prälat nach Mailand war gebracht worden, fortreisete und dem
Kammerdiener mit der Bagage, auch seinen andern Bedienten mit den Pferden,
gemählich nachzufolgen Befehl erteilete. Sobald er an letztgemeldten Orte
glücklich angelanget, sah er sich zwar ziemlichermassen ausser Gefahr, jedennoch
war ihm das Herze dergestalt schwer, dass er die paar Tage, als er daselbst auf
seine Equipage warten musste, keine Ruhe haben konnte, sondern nicht anders, als
ob er einen Mord begangen, fast nicht in der Haut zu bleiben wusste.
    Endlich kam sein Bedienter mit der Bagage und den Pferden an, dessen erste
Frage war, ob der Kammerdiener bereits bei Ihro Gn. angekommen wäre.
Elbensteinen schoss das Blut sogleich, sagte aber: »Was sollte der Kammerdiener
bei mir, ich habe ihm ja befohlen, auf dem Wagen bei der Bagage zu bleiben.«
Hierauf gab der Bediente zu vernehmen, dass der Kammerdiener gleich gestern
abends, nachdem sie aus Mailand gereiset und ins Quartier gekommen, die kleine
Chatoulle mit auf seine Kammer genommen, unter dem Vorgeben, dass dieselbe leicht
gestohlen werden könnte, ohngeacht der Wirt zu dem Wagen, welcher nicht
abgepackt werden sollen, drei Mann Wache bestellet und sich teuer verschworen,
dass sie sich keines Schadens oder Verlusts zu besorgen hätten. Es wäre auch in
diesem Logis alles wohl und richtig zugegangen, frühmorgens wäre der
Kammerdiener mit der Chatoulle sehr früh auf dem Platze gewesen, hätte sie im
Wagen an den vorigen Ort und sich drauf gesetzt, wäre auch den ganzen Vormittag
lustig und guter Dinge gewesen, bis gegen mittag, da er über einige Übligkeit
geklagt, jedoch vorgegeben, dass solches vom Fahren herrühren müsse, weil er
lange nicht gefahren, sondern seitero immer geritten wäre. Mittags im Logis
hätte er sehr wenig gegessen und geklagt, dass ihm aufs Essen nunmehro noch
schlimmer wäre, derowegen hätte er, der Knecht, ihm bei der Abfahrt den neuen
neapolitanischen Hengst zu reiten geben müssen, weil er vorgegeben, wie es dem
Pferde ohnedem weit dienlicher sei, wenn es geritten, als wenn es an der Hand
geführet würde. Zwei bis drei Stunden wäre der Kammerdiener immer auf 50 bis 100
Schritte voraus geritten, endlich aber, da sie durch einen Wald passieren
müssen, habe er sich verloren und wäre seitdem nicht wieder zum Vorscheine
gekommen.
    Elbenstein stund anfänglich nicht anders, als ob er vom Schlage gerühret
wäre, rekolligierte sich aber bald wieder und liess vor allen Dingen die
Chatoulle herbeibringen, da er denn bald die Gewissheit dessen erfuhr, was er
gemutmasset, dass nehmlich der Kammerdiener die Chatoulle beraubt und mit dem
Pferde darvongeritten wäre. Es konnte Elbenstein seinen Verlust an Gelde und
andern Pretiosis gar gern auf 5 bis 600 Dukaten schätzen, jedoch war er nur
froh, dass er das Beste in dem einen stark verwahrten Coffre noch unversehrt
antraf, auch an den Briefschaften, die in der Chatoulle gelegen, nicht das
geringste vermissete, im übrigen, da er dafür hielt, dass es viel zu weitläuftig
und endlich doch vergeblich sein würde, dem Schelme nachzuschicken oder ihn
durch Steckbriefe zu verfolgen, so schlug er sich diesen Verlust aus dem Sinne
und dachte einesteils: Wie gewonnen, so zerronnen! Hierauf setzte er seine Reise
mit grösster Gelassenheit und lauter guten christlichen Gedanken mit kurzen
Tagereisen weiter fort und langete, nachdem er den Montecenari wie auch den
St.-Gottards-Berg glücklich passieret, zu Basel frisch und gesund an. Daselbst
verkaufte er seine Pferde und ging zu Wasser nach Breisach und Strassburg, von
dannen aber über Lichtenau und Rastatt nach D., allwo er den Winter über zu
bleiben, auf den Frühling aber nach St. zu gehen beschloss.
    Diesemnach berichtete er seinen Eltern den Ort seines Aufentalts und wessen
er sich entschlossen. Ob er aber gleich noch Barschaft genung hatte, sich länger
als ein paar Jahr damit zu behelfen, so versuchte er doch seine Eltern und bat
dieselben, ihm zu seiner Subsistance 100 Taler zu übermachen. Mittlerweile
erteilete er seinem italiänischen Bedienten, der sich jederzeit getreu und wohl
bei ihm aufgeführet, damals aber der deutschen Luft nicht gewohnt werden konnte,
auf dessen inständiges Bitten seinen Abschied, gab ihm seinen versprochenen und
wohlverdienten Lohn, auch noch etliche Taler zu Zehrungskosten bis nach seiner
Heimat drüber und machte demselben weis, als ob er selber nicht über etliche
Tage noch in D. zu verbleiben gesonnen wäre; allein es war sein Ernst nicht,
gegen den Winter weiter zu reisen, sondern nahm einen ehrlichen Schwaben in
seine Dienste und bezog ein bequemes Logis.
    Sein Herr Vater schickte ihm zwar nach Verlauf dreier Wochen die verlangten
100 Taler, gab ihm aber dabei auch schriftlich eine ziemliche Reprimende wegen
seiner in Italien gepflogenen Löffelei, indem derselbe einigermassen hinter seine
Liebesaventuren gekommen war, und zwar folgendergestalt: Es hatte Elbensteins
geistliche Venus, die Donna Marinalba, nicht sobald seine geschwinde Abreise
vernommen, als sie durch listiges Nachforschen, wer die Kaufleute in Venedig
wären, die bishero Elbensteinen seine Wechsel bezahlt hätten, endlich erfuhr,
dass ein gewisser Banquier namens Giovanni Ferranzoni ihm einen Wechsel von 120
Ducati di Venetia ausgezahlet; von diesem bekam sie hernach fernere Nachricht,
dass die Herrn Hopffer und Bachmeier fernerweit jedesmal die Auszahlung der
Wechsel und Spedierung der Briefe besorgt hätten. Durch dieser Herrn Adresse nun
geriet folgender Brief in seines Herrn Vaters Hände:
    O meine schmerzliche Regungen! die ihr den Freudenmorgen meines Herzens in
eine jammervolle Trauernacht verwandelt, indem Du Fladdergeist mit Deinen
bezauberenden Schmeicheleien meine Seele zu verblenden gesucht hast, damit sie
nochmals Deiner Grausamkeit zu Fusse fallen müsse. Nun, nun! berühme Dich nur
immerhin, dass Du über ein solches Herze triumphieret hast, welches niemals von
den Pfeilen der Liebe verletzt werden können. O ihr ungetreuen Buchstaben! O
treulose Zeichen einer falschen und verlogenen Hand, die ihr mir auf einem
leichten Blatte anstatt einer mit Nektar angefülleten Schale einen Gifttrunk
reichet, wodurch alles mein Vergnügen ertötet wird. Ach mein Elbenstein! so
handelst Du so übel mit meiner aufrichtigen und ungefärbten Treue und Liebe,
welche Du jederzeit rein und unbefleckt an mir erfunden hast. So verbirgest Du,
gleich einer schädlichen Blume, die Natter Deiner arglistigen Aufführung, damit
ich durch die Wut Deiner Falschheit möge getötet werden. Ei nun! reise nur hin,
begib Dich immer hinweg, eile von mir, damit ich Dich nimmermehr wieder sehen
möge, der Du in der Werkstatt Deiner Treulosigkeit das Schwert geschmiedet hast,
womit mein grösstes Vergnügen gefället werden muss. Sage mir doch, was Dich zu
einer so schnellen Abreise bezwungen hat? Erkläre mir doch die Ursache Deiner
Flucht! Hat Dich Dein Herr Vater nach Hause berufen, oder ist vielleicht das
Liebesspiel mit der Baronne von K. zum Ende gekommen? Doch dem sei, wie ihm
wolle, ziehe nur hin, Du Grausamer, und bleibe, wo Du willst, ich will Dich
nicht mehr lieben, und so stark ich Dich bishero geliebt, so stark werde ich
mich inskünftige bemühen, Dich zu hassen.
    Indem nun Elbensteins Herr Vater der italiänischen Sprache nicht kundig,
jedoch viel zu neugierig war, den Inhalt dieses Briefes zu wissen, so machte er
sich dieserwegen einen besondern Weg nach ***, um sich denselben bei einem
Sprachmeister ins Deutsche übersetzen zu lassen, welcher sich gegen einen
Rekompens nicht lange damit säumete. Da sah nun der gute Vater, wie retirée
sich der liebe Sohn in Italien gehalten und aufgeführet hatte, doch war er noch
so treuherzig, dass er ihm den Brief in originali nebst der Übersetzung zum
Schure mitschickte. Elbenstein schluckte die väterlichen Pillen geduldig ein,
weil ein Confortans von 100 Reichstalern dabei war, konnte aber nicht begreifen,
wie die Marinalba hinter das Liebesgeheimnis zwischen der Baronne von K. und ihm
gekommen sein müsse. Endlich fiel aller Verdacht auf die alte Ruffiana zu
Ariqua. Demnach war er herzlich froh und dankte dem Himmel, dass er noch
beizeiten einer augenscheinlichen Todesgefahr entgangen, als worin er ohnfehlbar
geraten sein würde, woferne er sich noch länger in Italien aufgehalten hätte.
    Nachdem er sich nun in dem Antwortsschreiben an seinen Herrn Vater aufs
plausibleste exkusiert, anbei gemeldet, dass er bloss, um den geilen
Liebesnachstellungen und Verfolgungen des italiänischen Frauenzimmers zu
entgehen, seine vortreffliche Station quittieret und sich aus diesem wollüstigen
Sodom hinwegbegeben, nunmehro aber dahin trachten wollte, sich bei einem
deutschen fürstlichen Hofe zu engagieren, worbei er zugleich den von dem
italiänischen Fürsten erhaltenen schriftlichen Abschied und Pass mit nach Hause
schickte, woraus die Eltern sich seiner Aufführung wegen eines Bessern belehren
könnten; als wurden diese seine Eltern völlig zufriedengestellet und vermachten
ihm von Hause aus, solange er in keiner austräglichen Bedienung stünde, alle
Quartal 100 fränkische Gulden, dass er also als ein rechtschaffener Kavalier,
zumal an einem solchen Orte, wo alles um einen billigen Preis zu bekommen war,
recht wohl und vergnügt leben konnte.
                                      ENDE
                                des Ersten Teils
 
                                    Fussnoten
1 Allen Umständen und Vermuten nach ist dieses der Brentafluss gewesen.
 
                             Elbensteins Geschichte
                                  Zweiter Teil
Nachdem, wie im vorigen gemeldet, Elbenstein in D. glücklich angelanget war,
verdunge er sich bei einem gewissen Professore in die Kost, brachte es aber
durch seine gute Aufführung in kurzer Zeit dahin, dass er bei dem Fürsten von B.
die Kammerjunkersstelle erhielt, und weilen er gute Studia hatte, anbei die
italiänische und französische Sprachen wohl redete und schrieb, so wurde er
nicht nur in Verschickungen, sondern auch in andern geheimen Angelegenheiten
sehr öfters gebraucht, indem er sich jedesmal dergestalt konduisierte, dass er
des Fürsten Gunst und Gnade vollkommen erlangete. Ob nun schon sein ernstlicher
Vorsatz war, sich in keine Liebeshändel mehr zu verwickeln, so blieb er doch
nicht lange von denselben befreit.
    Es war der Gebrauch am D. Hofe, dass die Dames und Kavaliers bei denen
vornehmsten Ministern und ihren Gemahlinnen wöchentlich ein- oder wohl mehrmal
die Visiten ablegten, wodurch denn geschahe, dass, als Elbenstein in des
Geheimbden Rats von M. Behausung mit einsprach, er mit einem artigen Fräulein
des Geschlechts von G., welche eine nahe Anverwandtin des Geheimbden Rats war,
in Bekanntschaft geriet, da denn nach einem kurzen Umgange in beider Herzen eine
Liebe erwuchs. Eines Tages, da die gewöhnliche Compagnie wieder zusammengekommen
war, setzten sich die meisten nieder und spieleten zum Teil à la Bassette,
l'Hombre oder andere beliebige Spiele. Elbenstein aber, welcher die
französischen Zeitungen in einem Fenster gefunden, deprezierte das Spielen und
lase dargegen die Zeitungen. Das Fräulein von G., als sie vermerkte, dass
Elbenstein heute nicht Lust zu spielen hätte, drehete sich auch mit guter Manier
vom Spiele ab und knöppelte zur Lust an der Frau Geheimbden Rätin ihrem
Knöppelküssen, bis sie bemerkte, dass Elbenstein mit Lesung der Zeitungen fertig
wäre, da sie denn mit einer angenehmen Freimütigkeit auf ihn zu ging und den
Antrag tat, dass, weil er sowenig als sie heute zum Spielen disponiert wäre,
wollten sie einander die Zeit mit Gesprächen vertreiben, worauf sie ihn
ersuchte, ihr etwas von Italien und von der Einwohner Naturell zu erzählen, auch
weiln sie vernommen, dass dem Frauenzimmer daselbst nicht erlaubt wäre, mit
Frembden zu konversieren, so wäre sie curieux zu wissen, worinnen der Herr von
Elbenstein, als ein galanter Kavalier, einigen vergnügten Zeitvertreib gefunden.
Dieser gab hierauf zur Antwort, wie er den Hauptzweck, warum er in frembde Lande
gereiset, zu beobachten, die Zeit also anwenden und einteilen müssen, dass er
nach der ohnedem höchst gefährlichen Konversation der italiänischen Dames nicht
verlangen können, mit dissoluten und liederlichen aber die Zeit zu verlieren
würde weder appetitlich, ratsam noch nützlich gewesen sein, in Erwägung, dass man
von dergleichen Ergötzungen nur ein nagendes Gewissen, ungesunden Leib und
Verlust seines Geldes zu gewarten hätte. Die Fräulein von G. replizierte, dass
sie sich würde schwerlich überreden lassen, dass der von Elbenstein von allen
verliebten Aventuren sollte befreit geblieben sein, lobete ihn anbei, dass er
mit seinen Liebesergötzungen so geheim wäre, deswegen sie diejenige Dame
glücklich schätzen müsse, welche von einem so diskreten und honetten Kavalier
ästimiert würde. Sie vor ihre Person wollte sich höchlich gratulieren, wenn sie
Elbensteinen nur zu ihren Konfidenten erkiesen dürfte.
    Wie nun er, als ein Sanguineus, so den Liebesanfällen bei einem so
angenehmen Gegenstande nicht lange zu widerstehen vermögend war, ergriff er das
auf der Seite stehende Glas Wein und sagte: »Mein schönes Fräulein, ich halte
Sie bei Ihrem Worte, und zu bezeugen, dass ich es recht aufrichtig und von Herzen
meine, so erlauben Sie mir, dass ich dieses Glas Wein auf glückliche Aufrichtung
einer beständigen und getreuen Konfidentschaft Ihnen zutrinken möge«, worauf er
unter verliebten Mienen das Glas austrank, nachdem er es wieder eingeschenkt,
den Rand desselben küssete und ihr mit einer charmanten Art überreichte, welches
sie auf gleiche Art mit besonders liebreicher Stellung austrank. Hierauf fragte
Elbenstein, wann er nunmehro die süsse Vergnügung haben und den Effekt der
gemachten Confidence geniessen sollte, worauf das Fräulein von G. antwortete, dass
in Gegenwart so vieler Dames und Kavaliers es sich voritzo nicht schickte, wenn
er aber auf ihr Zimmer, allwo ihr Mägdgen nur allein wäre, sich bemühen wollte,
so könnte seinem und ihrem Verlangen eher ein Genügen geschehen. Hierauf ergriff
Elbenstein das artige Fräulein bei der Hand und sagte zu ihr etwas laut:
»Gnädiges Fräulein! wo es nicht beschwerlich, so wollte ich gehorsamst bitten,
mir, als einem Liebhaber der Schildereien, die in den andern Gemächern
befindliche Stücke zu zeigen.« Wie sie sich nun hierzu gefällig erzeigte,
führete er sie nach ihrem Zimmer, allwo sie dem Mägdgen befahl, etwas von Obste
und Confituren herbeizubringen. Mittlerweile, als diese abwesend war und
Elbenstein der Fräulein Porträt ansichtig ward, sagte er: »Mein schönster Engel!
Ich will den Anfang machen, Ihnen etwas in geheim zu vertrauen.« Unter diesen
Worten küssete er der Fräul. Porträt aufs zärtlichste. Sie, welche von
dergleichen artiger Erfindung, einen Liebesantrag zu tun, nicht wenig charmiert
war, sagte darauf: »Ich sehe wohl, dass Sie in Italien die Abgötterei recht
gelernet haben; allein versünd[i]gen Sie sich doch nicht so sehr an leblosen
Kreaturen«, womit sie ihn ganz verliebt ansah und die Hand drückte. Elbenstein
sagte hierauf: »So will ich das Original um Vergebung dieses begangenen
Verbrechens bitten«, unter welchen Worten er das Fräul. zu verschiedenen Malen
auf das verliebteste küssete, welches, als es zum öftern wiederholet ward, das
verliebte Fräulein endlich mit gleichen vergalt. Es wollten sich zwar bei
Elbensteinen noch mehrere lüsterende Kuriositäten regen, allein die Ankunft des
Mägdgens setzte beide Verliebten in eine sittsamere und eingezogenere Positur.
    Die Fräulein präsentierte ihrem neuen Konfidenten etwas von denen
Erfrischungen, und et legte ihr gegenteils unter lauter schmeichelenden Mienen
ein und anderes vor. Ehe er sich's aber versah, fing ihm die Nase heftig zu
bluten an. Demnach befahl das Fräul. ihrem Mägdgen, eine Schale mit kalten
Wasser herbeizubringen und mit einem darein genetzten Tuche Elbensteins Nacken
zu berühren. Dieser aber merkte gar bald, dass des artigen Mägdgens Hülfleistung
aus etwas anders als aus einer blossen Dienstfertigkeit herrührete, indem unter
dieser Beschäftigung ihre Finger an Elbensteins Halse das zu verstehen gaben,
was ihr Mund ihm nicht sagen durfte. Er als ein starker Practicus in der
Löffelei antwortete ihr mit einem verbindlichen Blicke, wie dass er nehmlich ihre
Meinung verstanden hätte, dahero er ihr seiner wandelbaren Gemütsart nach
sogleich einen ziemlichen Teil von der ihrer Fräul. gewidmeten Neigung
zuwendete, und indem er, ihre Mühe mit einem Gulden zu vergelten, sie bei der
Hand fassete, durch eine den Verliebten bekannte und gewöhnliche Art und Weise
ihr seine Gewogenheit zu verstehen gab.
    Also war Fräulein und Dienerin zugleich mit ihm ins Liebesgarn geraten;
weiln aber der Wohlstand erfoderte, dass die Fräulein sich eher als er sich
wieder zur Gesellschaft begäbe, ging sie alleine voran und berichtete auf
beschehene Nachfrage, wo er geblieben und dass ihm die Nase so stark geblutet
hätte. Solchergestalt bekam Elbenstein Gelegenheit, Grisetten, so war des
Kammermägdgens Name, durch etliche hitzige Küsse, welche sowohl auf den Mund als
die wohlbestellte Brust fielen, ihre zu ihm tragende Liebe zu probieren, in
welcher Probe denn sie durch etliche wohl angebrachte geilen Küsse, worbei die
Zunge auch das ihrige beitrug, zu verstehn gab, dass, ob sie gleich kaum das 18te
Jahr zurückgelegt, sie dennoch in der Kunst und Wissenschaft zu lieben kein
unerfahrnes Kind wäre. Die kurze Zeit, so ihnen ohne Verdacht beieinander zu
sein erlaubt war, druckte beiden eine Sehnsucht ein, genauer miteinander bekannt
zu werden, welche zu stillen der folgende Tag früh um neun Uhr in seinem Logis
die beste Gelegenheit an die Hand gab, dieweil es aber Zeit war, sich nach Hofe
zur Abendtafel zu verfügen, auch die Aufwartung eben an Elbensteinen war, so
nahm er nebst einigen Dames und Kavaliers von dem Geheimbden Rate und der
übrigen Compagnie Abschied und begab sich nach Hofe, dahingegen die meisten,
welche sich in ein starkes Spiel engagiert hatten, noch beisammen blieben und
die zubereitete Kollation abwarteten.
    Den folgenden Tag, als Elbenstein noch im Schlafrocke herumging, meldete
sich das angenehme Grisettgen bei ihm an, brachte eine Schüssel mit Obst und
Confituren nebst einem Morgenkompliment von ihrer gnädigen Fräulein. Elbenstein,
dem die in Italien angewöhnte Liebesnäscherei von neuen ankam, auch allhier
nicht solche Lebensgefährlichkeiten wie dort zu befürchten hatte, gab seinem
Diener eine Pistolette mit Befehl, ihm solche zu verwechseln, aber kein anderes
als lauter ganz Geld an lüneburgischen Zweidrittelstücken davor zu bringen,
nennete ihm auch etliche Juden, zu welchen er gehen sollte, und wenn einer nicht
wollte, würden es schon andere tun, wodurch er denn gnugsame Zeit gewann, sich
mit seiner Grisette, deren Augen aus Begierde zum Liebeskampfe gleichsam
brannten, nach Wunsche zu ergötzen, welches denn, da der Diener kaum den Rücken
gewendet, mit beiderseits entzückender Zufriedenheit geschahe.
    Zwar merkte er soviel, dass in diesem Liebesgarten bereits andere die ersten
Früchte gebrochen hatten, weil er aber eben nicht so gar sehr capricieus in
diesem Stücke war, liess er es dem treuherzigen Kinde nicht entgelten, indem er
noch soviel Annehmlichkeiten bei derselben fand, seinen Appetit zu stillen und
zugleich sie sattsam zu vergnügen. Nach gebüsseter Lust wurde die Abrede
genommen, über drei Tage diese Ringekunst weiter zu versuchen und ein und andere
von der Alo ... Sig ... vorgeschriebene Lectiones zu probieren, vor dieses Mal
aber liess er sie mit einem Geschenke vor erzeigte Gefälligkeit und einem
ergebensten Kompliment an ihre Gn. Fräulein repassieren.
    Hierauf kleidete er sich vollends an und begab sich nach Hofe, allwo die
sämtliche Dames und Kavaliers in der Fürstin Vorgemach versammelt waren. Einer
von den Kammerjunkern ersuchte Elbensteinen daselbst, die Gefälligkeit vor die
Fräuleins und ihn zu haben und eine gewisse Arie, die er ihm in einer
italiänischen Opera zeigte, ins Deutsche zu übersetzen, worzu er sich denn
sogleich willig finden liess, begab sich demnach etwas beiseite an ein Fenster
und übersetzte solche in eben dem Metro und Genere, welches der italiänische
Poet gebraucht hatte, folgendergestalt:
                                      Aria
                                       1
Von euch Sonnen kömmt mein Ächzen,
Euer Strahl hat mich fast halb entseelt,
Des Herzens Entzünden
Kann schwerlich verschwinden,
Indem es sein Lechzen
und Quälen verhehlt.
                                       2
Schönster Mund, du bringst mir Schmerzen,
Und mein Herz vergehet fast vor Glut,
Mit Hoffen und Sehnen,
Mit Schweigen und Stöhnen
Empfind ich im Herzen
Des Cypripors Wut.
Solche Übersetzung erwarb ihm bei den sämtlichen Dames und Kavaliers nicht nur
vieles Lob, sondern es verursachte auch bei den erstern gewisse Gemütsregungen,
die sie aber ihrer angewohnten Eigensinnigkeit und Hoffart nach, welche nur
Verehrer haben, aber denselben keine Vergeltung tun, viel weniger ihre Liebe mit
Gegenliebe belohnen will, vertuscheten, indem sie sich nicht entschliessen
konnten, ihre Leidenschaften an den Tag zu geben. Wie aber auch die wildesten
Kreaturen zahm und bändig gemacht werden können, also gewann die Liebe bei
diesen Hochmütigen durch die sittsame und höfliche Aufführung des von
Elbenstein, welche mit einer wohlanständigen Blödigkeit und insinuanten
Schmeichelei untermengt war, endlich die Oberhand, dass, da sie zuvor gewohnt
waren, diejenigen, so sie fast anbeteten, mit lauter spröden Verachtungen zu
quälen, sich nunmehro bequemten, ein gelasseneres Wesen an sich zu nehmen. Aus
diesem entsprunge ein Verlangen, alleine zu sein, und in solcher Einsamkeit
malete ihnen der Liebesgott in Gedanken alle die trefflichen Gemüts- und
Leibesgaben des von Elbenstein auf das allerangenehmste ab, worauf der Wunsch
folgte, von einem solchen artigen Kavalier ästimiert zu werden, und endlich
sagte ihnen ihr eigenes Herze, dass dergleichen Regungen mit keinem andern Namen
als der Liebe belegt werden könnten. Unter diesen grösstenteils veränderten Damen
befand sich eine unverheiratete, so die Baronne von L. genennet ward, welche, je
mehr sie von Elbensteins Qualitäten eingenommen war, je vergnügter sie sich
hergegen schätzen konnte, indem ihre mit einer charmanten Traurigkeit
verknüpften Blicke Elbensteinen dermassen fesselten, dass, je länger er mit dieser
liebenswürdigen Person umging, je heftiger er in sie verliebt ward, und so viel
schöne Leibes- und Gemütseigenschaften diese Fräulein besass, so viel Fesseln und
Ketten waren auch, den fladderhaften und unbeständigen Elbenstein nunmehro feste
zu binden und aus einem flüchtigen und changanten einen getreuen und beständigen
Liebhaber zu machen; denn ausser der angenehmen Gesichtsbildung wie auch
unvergleichlich proportionierter Taille war diese Dame aus einem uralten
berühmten freiherrlichen Geschlechte, aus welchem etliche zu zählen, die im Röm.
Reiche unter dem Titul Kurfürstl. Gn. vor weniger Zeit waren berühmt gewesen. An
Gütern und Mitteln mangelte es auch nicht, denn die halbe Herrschaft H., bei
Landau gelegen, vermöge des väterlichen Testaments ihr als der einzigen Tochter
anderer Ehe, nebst vielen Weinzehenten an der Mosel, eigentümlich zugehöreten,
und obgleich die meisten von diesem vornehmen Geschlechte sich zur röm.
katolischen Religion bekenneten, so war doch dieses Fräulein sowohl als ihre
bereits verstorbenen Eltern der protestantischen oder evangelischen Religion
zugetan, dass also Elbenstein auch ratione religionis nichts Bedenkliches fand.
    Alles dieses, zumalen er durch dergleichen Mariage bei dem D. Hofe höher zu
avancieren sich gute Rechnung machen konnte, bewogen ihm dahin, dass er alle
sonst gewohnte Liebesausschweifungen gänzlich abandonnierte und sich seiner
auserwählten und allerliebsten Fräulein von L. ganz und gar allein ergab. Ob sie
nun gleich anfänglich seinen Verpflichtungen nicht sofort völligen Glauben
beimessen wollte, so ward doch endlich ihr tugendhaftes Herze durch seine
tägliche Schmeicheleien und Contestationes überwunden, indem er dieselben sowohl
schriftlich als mündlich anbrachte, bis sie sich ihm endlich ganz zu eigen
ergab. Es wird nicht unangenehm sein, eine von dessen poetischen
Liebesdeklarationen anhero zu setzen:
Mein Schicksal hat den Schluss nun über mich gefasset,
Ich soll, mein Engel! Dir allein gewidmet sein,
Da ich doch noch nicht weiss, ob mich Dein Auge hasset
Anstatt der Gegengunst und ob Dein Herz ein Stein.
Doch will ich meine Glut Dir nochmals offenbaren,
Die durch Dein schönes Licht sich in mir angeflammt,
Mein frei Bekenntnis will nichts Widriges befahren,
Dieweil Dein Gütigsein vom frommen Himmel stammt.
Die Sanftmut, welche sich in Deinen Augen zeigt,
Weissaget mir noch nicht, dass ich zuviel getan,
Und ob Dein schöner Mund annoch ganz stille schweiget,
Zeigt doch sein Purpurrot kein Ungewitter an.
Erlaube mir demnach, Dich ewig zu verehren,
Und glaube, dass mein Herz Dir bis in Tod getreu,
Du kannst, mein Leben! ja die Treu vorher bewähren,
Lass bei der Prüfung nur vor mich die Hoffnung frei.
Wenn Dir gefallen wird, mich zornig anzublicken,
Bet ich die Strengigkeit in tiefer Ehrfurcht an.
Will mir Dein schöner Mund ein kaltes Nein zuschicken,
So glaube, dass ich auch bei Nein treu lieben kann.
Sprächst Du auch gleich zu mir: Ich soll und muss Dich hassen,
Ja stiesse mich Dein Fuss ganz spröde von sich hin,
Wollt ich doch mit Begier die schönen Hände fassen,
Zu zeigen aller Welt, wie ich beständig bin.
Auch wenn zum Überfluss, die Treue zu probieren,
Du mir verbieten willst, Dich gar nicht anzusehn,
Soll Deinen Schatten doch mein Auge nicht verlieren,
Bis Deine Güte spricht, dass Proben gnug geschehn.
Diesemnach wurde beiderseits Liebe dergestalt heftig, dass eines ohne das andere
fast keine Stunde bleiben konnte. Die erste Probe seiner liebreichen Fräulein
von L. geschwornen Treue legte Elbenstein damit ab, dass, als Grisette kam und
ihn im Namen ihrer Fräulein nötigte, diesen Nachmittag in des Oberjägermeisters
Hause, allwo Assemblée sein würde, zu erscheinen, er seinen Diener nicht
wegschickte, weswegen das arme Ding ungelabt fortgehen musste.
    Weilen aber seine allerliebste Fräul. von L. par renommée nebst andern
Hofdamen und Kavaliers daselbst mit zu erscheinen sich gemüssigt sah, fand er
sich auch allda ein. Die Fräul. von G. suchte zwar Gelegenheit, Elbensteinen mit
guter Manier von der Compagnie abzuziehen, er tat aber, als merkte er es nicht,
sondern liess sich bald mit dieser oder jener Dame oder Kavalier ins Gespräch ein
und leerete dabei mit dem alten Herrn von H., der ein besonderer Liebhaber des
edlen Rebensafts war, manches Gläsgen auf Gesundheit dieses oder jenes guten
Freundes aus. Da die Fräul. von G. nun sah, dass sie solchergestalt ihren Zweck,
mit ihrem Konfidenten sich in einer angenehmen Retirade zu unterhalten, nicht
erreichen konnte, stellete sie es an, weil die Oberjägermeistern ihrer Frau
Mutter Schwester war und der sie vertrauet hatte, dass Elbenstein mit ihr ein
genauer Liebesverbündnis zu schliessen schiene, dass sie die Erlaubnis erlangete,
an den von Elbenstein durch des Oberjägermeisters Diener einen Brief zu
überschicken, unter dem Vorwande, als ob derselbe von der Post gekommen wäre.
Wie nun Elbenstein von der Compagnie hinweg und etwas beiseite ging, um den
Brief desto bedachtsamer zu lesen, ersuchte ihn der Diener, dass Ihro Gn. sich
nur ein wenig vor das Zimmer hinaus bemühen und das Schreiben daselbst lesen
möchten, welches Elbenstein ohne weiteres Nachsinnen tat und sich hinausbegab.
Der Diener, so ihm folgte, zeigte ihm sogleich das gegenüber offenstehende
Zimmer, damit er nicht unter den hin und wider laufenden Aufwärtern stehen und
lesen dürfte, weswegen Elbenstein ohne besonderes Bedenken dahinein trat. Kaum
aber hatte er den Brief zu lesen angefangen, als die Fräul. von G. durch eine
andere Tür zu ihm hineingetreten kam, welche nach gemachten Kompliment ihn
sogleich in einen Erker zohe und unter häufigen Karessen ersuchte, dem
sehnlichen Verlangen, so sie nach ihm als ihrem allerliebsten Konfidenten gehabt
und ohne dessen angenehme Gegenwart sie gar nicht vergnügt leben könnte, es
zuzuschreiben, dass sie ihn von der Gesellschaft auf eine kurze Zeit abgezogen
hätte. Allein wie bestürzt wurde das gute Fräulein, da sie nichts als lauter
Komplimenten statt der bei der ersten Zusammenkunft gebrauchten Liebkosungen von
ihm genosse, weswegen sich diese Entrevue auf seiten der guten Fräulein mit
nicht geringen Chagrin bald endigte. Sie konnte nicht begreifen, woher doch
diese jählinge Gemütsveränderung bei Elbensteinen müsse entstanden sein, endlich
aber fiel sie auf die rechte und wahre Ursache, wie nehmlich etwa eine andere
Schönheit ihr ins Liebesgehege gegangen und ihr ein so liebreiches Wildpret
bestrickt hätte.
    Hierauf untersuchte sie in ihren Gedanken sowohl die sämtliche Hofdamen als
auch der andern in der Stadt sich aufhaltenden Fräulein Gesichter und Mienen,
konnte aber alles angewandten Fleisses ohngeachtet nichts Gewisses erfahren oder
ausmachen, auch nicht mutmassen, denn die kluge Baronne von L. hatte mit ihren
Elbenstein bereits Abrede genommen, ihre Liebe noch zur Zeit geheim zu halten.
Da auch die folgende Woche bei Hofe Assemblée und abends bunte Reihe war und es
sich also fügte, dass Elbenstein bei der Fürstin, die Fräulein von G. bei dem
Fürsten und die Fräul. von L. bei ihrem Vetter, dem Hofrat und Kammerjunker von
W., zu sitzen kam, vermochte jene abermals nicht etwas auszuforschen, worüber
sie denn endlich in eine solche Rage geriet, dass, wo sich nur die geringste
Gelegenheit zeigte, sie nichts eifriger tat, als von Elbensteinen übel zu reden,
worzu ihr denn folgende Begebenheit sattsam Anlass gab. Es hatte der Stadtschulze
den Hofjunker von N., welcher bei ihm eingemietet hatte, nach G. auf sein
daselbst habendes Vorwerk auf eine Mittagsmahlzeit invitiert, darbei gebeten,
noch ein paar andere gute Freunde mitzubringen, welches der von N. sich gefallen
lassen und Elbensteinen nebst dem Jagd- und Hofjunker R. ersuchte, mit
hinauszureuten.
    Weil denn die Fürstin selbiges Morgens auf ihr eine Stunde von D. gelegenes
Lustaus und darbei befindliche Meierei gefahren war, nebst ihrem Gemahl aber
weiter niemand bei sich hatte als die Fräuleins von L. und von H., den
Hofmarschall Freiherrn von L. und den Geheimbden Rat von R., den folgenden Tag
aber allererst retournieren wollte, so begab sich Elbenstein benebst den zwei
andern Kavaliers vormittags gegen zehn Uhr nach gedachten Vorwerke, allwo sich
des Stadtschulzen zwei Töchter und des Bereuters Schwester, nebst noch eines
Ratsherrns Tochter wie auch des Stadtschulzens Sohn, der vor wenig Tagen von der
Universität Tübingen, allwo er nunmehro seine Studia Academica absolviert,
zurückgekommen war, bereits befanden.
    Die Kavaliers wurden unter Trompeten- und Paukenschall empfangen und ihnen,
weil es kurz vor der Mahlzeit war, nur einige Erfrischungen vorgesetzt. Als sie
etwas davon zu sich genommen, sagte der alte Stadtschulze, welches ein Mann von
ganz besonders lustigen Humeur war: »Mit Dero gütigen Erlaubnis, meine Herrn!
ich muss heute das Sprichwort unwahr machen: Vor Essens wird kein Tanz.« Hiermit
nahm er seine alte Mutter bei der Hand und sprunge mit ihr herum als der jüngste
Kerl, worauf die Kavaliers und der Studente dem Alten folgten, ein jeder ein
Frauenzimmer ergriff und sich gleichfalls wacker herumtummelten. Mittlerweile
war in einer gegenüber gelegenen Stube das Essen aufgesetzt worden, weswegen sie
sich ingesamt dahin begaben und es ihnen unter einer angenehmen Musik wohl
schmecken liessen. Jeder hatte seine Tänzerin neben sich sitzen und ginge alles
in lauter Lust und Fröhlichkeit zu. Nach geendigter Mahlzeit ward zwar das
Tanzen wieder angefangen, weil sich aber bald darauf der Himmel mit Wolken
umzoge und mit Regen drohete, machten sich die sämtlichen Gäste zum Aufbruche
fertig. Als nun die Kavaliers sich aufsetzen wollten und die guten Kinder sich
gleichfalls zwar zum Fortgehen schickten, jedoch darbei bekümmert waren, wie sie
ihren Schmuck und gute Kleider, wenn sie unterwegs der Regen überfallen sollte,
vor der schädlichen Nässe salvieren möchten, so tat der Jagdjunker den
Vorschlag, dass sich das Frauenzimmer mit auf ihre und der Diener Pferde setzen
sollte, gesetzt nun, dass es zu regnen anfinge, so wären sie ja mit Mänteln genug
versehen, dass ihnen also der Regen wenig schaden würde. Dieser Vorschlag ward
von allen gebilliget, und die guten Jungfern waren noch darzu ganz froh, dass sie
den Rückweg so bequemlich nehmen konnten.
    Wie sie demnach ihre Kavalkade mit aller Zufriedenheit antraten, befahl der
Stadtschulze der ältern Tochter, sobald sie nach Hause gekommen sein würden, in
des Rats Marstalle Kutsche und Pferde zu bestellen, um ihn, seine Frau und Sohn
nach Hause zu führen. Hierauf ritten die Kavaliers, nachdem sie sich bei dem
Herrn Wirte vor das gute Traktament und genossene Höflichkeit nochmals bedankt
hatten, nach der Stadt zu, waren auch insoweit glücklich, dass es nicht eher zu
regnen anfing, bis sie sich in der Vorstadt vor dem Gastofe zur K. befanden,
allwo das Frauenzimmer abstiege, weil der Wirt in ermeldten Gastofe der einen
Jungfer naher Anverwandter war. Sowohl sie als dieser ersuchten die Kavaliers,
nur so lange, bis der Regen vorbei wäre, mit einzusprechen, worzu sich denn
diese nicht lange nötigen, sondern die Pferde in die Ställe bringen liessen; der
Wirt aber schickte sogleich einen von seinen Leuten in die Stadt, um die Kutsche
zu des Stadtschulzens Abholung zu bestellen. Wenige Zeit hernach fanden sich die
Musikanten, welche ihnen draussen aufgewartet hatten, gleichfalls ein. Sobald nun
die Gesellschaft dieselben ersah, mussten sie zu ihnen in die Oberstube kommen,
allwo man sich denn von neuen wieder lustig machte, so lange, bis die Zeit und
der Wohlstand den Aufbruch erforderte.
    Elbenstein verfügte sich nach seinem Quartiere und legte sich bald zur Ruhe,
um desto früher auf dem Schloss sein zu können. Als er nun des folgenden
Morgens um sieben Uhr dahin zu gehen im Begriff war, ward er von dem Geheimbden
Rat von E. im Vorbeigehen auf eine Tasse Schokolade invitiert. Wie er nun diesem
vornehmen Minister solches nicht wohl abschlagen konnte, als trat er hinein und
wurde sehr höflich empfangen, mit dem Vermelden, dass der Herr von Elbenstein
eine angenehme Compagnie von Frauenzimmer und guten Freunden antreffen würde.
Dieser befand sich zwar in etwas betroffen, als er in das Zimmer hineintrat und
unter andern die Fräul. von G. darinnen erblickte, doch er fassete sich alsbald
wieder, und als er gegen die sämtliche Compagnie seine Komplimenten vertauscht,
sagt der Herr Geheimbde Rat, dass er längstens gewünschet, mit dem Herrn von
Elbenstein genauer bekannt zu werden, denn ob er gleich bereits oftermals auf
dem Schloss zu seinem Wunsche zu gelangen Gelegenheit gesucht, so hätte er
doch, weil er jedesmal an der fürstl. Tafel zu speisen, nachhero mehrenteils mit
der durchl. Herrschaft l'Hombre spielen müssen, bis dato nicht zu der Ehre einer
genauern Bekanntschaft gelangen können, wollte sich demnach das Glück seines
öftern werten Zuspruchs inständig ausgebeten haben, insonderheit da ihm des von
Elbensteins Hauswirt, der Herr Professor M., berichtet hätte, dass er im Studio
nummismatico sonderlich erfahren und zu Padua des berühmten Kavaliers und
Professoris Caroli Patini (welcher sonst an einem gewissen fürstl. Hofe in
Schwaben, weil er aus dem dasigen Münzcabinet einen genuinen Ottonem entführt,
ein schlechtes Lob erworben) Privatinformation in hoc scibili genossen, von
welchen er gleichfalls ein starker Liebhaber wäre. Elbenstein gab, indem er
einem tiefen Reverenz machte, zur Antwort, wie er sich höchst glücklich achten
würde, bei einem so vornehmen Minister seine Aufwartung öfters zu machen und von
dessen gelehrten Diskursen zu profitieren.
    Da es aber nun endlich Zeit war, Abschied zu nehmen, drehete sich das Fräul.
von G. so lange herum, bis sie neben Elbenstein zu stehen kam, da sie ihn denn
mit einem gezwungenen höhnischen Lachen, jedoch eben nicht allzulaut fragte, ob
er bei der gestrigen Konversation mit den Bürgermägdgens vielleicht mehr
Vergnügen gefunden hätte als bei der hiesigen Gesellschaft, weil er so eilfertig
wäre.
    Elbenstein fragte sie hingegen, ob ein treuer Knecht und Konfidente
dergleichen höhnische und pikante Fragen meritiert hätte. Das gute Fräulein
bekannte hierauf durch eine aufsteigende Röte ihre Reue über die ausgestossene
unbedach[t]same Frage und Übereilung, sagte aber, wenn der Herr von Elbenstein
in ihres Herrn Vetters, des Herrn Geheimbden Rats von M. Hause ehestens
einsprechen würde, wollte sie dieserwegen weiter mit ihm zu sprechen sich die
Erlaubnis ausgebeten haben, worauf aber derselbe replizierte, wenn sie von
sonsten nichts anders als hiervon mit ihm zu reden gesonnen wäre, würde es
sowohl zu ihrer als zu seiner Satisfaktion am dienli[ch]sten sein, so lange des
Herrn Geheimbden Rats von M. Wohnung zu meiden, bis dereinst er eines
angenehmern und gütigern Traktaments, auch freundlicher Unterredung würde
versichert werden; setzte aber nach seiner gewöhnlichen schmeichelenden Art und
einer etwas betrübt scheinenden Miene noch hinzu: »Wenn ich, mein
Engelsfräulein, mich heimlich in Dero Zimmer einschleichen könnte, wie
schmerzlich wollte ich dem darinnen stehenden charmanten Porträt, welches mir am
allerersten etliche inbrünstige Küsse erlaubt, klagen, dass das Original, bei dem
ich nichts verschuldet, so hart mit mir umgehet und verfährt.« Die Fräulein
versetzte hierauf: »Das Original soll dem Herrn von Elbenstein, worinnen es ihm
zuviel getan, alles herzlich abbitten.« Elbenstein aber antwortete: »Ich trage
viel zu grossen Respekt vor die schöne Fräul. von G., dass sie sich vor einen
ihrer ergebensten Diener dergestalt erniedrigen sollten. Damit ich nun
dergleichen Ihnen und mir unanständige Handelung nicht erfahren und ansehen
darf, so will ich lieber Dero Privatkonversation hinfüro meiden und hiermit
Adieu! pour tous jours gesagt haben.« Hiermit hatte dieser geheime Diskurs seine
Endschaft erreicht, und Elbenstein beurlaubte sich sowohl bei dem Herrn
Geheimbden Rat von E. als auch der ganzen Compagnie, welche gleichfalls bald
hernach sämtlich Abschied nahm.
    Die Fräul. von G., als sie in ihr Zimmer eingetreten, bliebe eine lange Zeit
in tiefen Gedanken stehen, in welcher Positur sie der Geheimbde Rat von M., ihr
Vetter, beschlich und nach der Ursache ihrer Veränderung sehr sorgsam fragte;
worauf sie vorwandete, es würde nicht viel zu bedeuten haben, die bei dem
Geheimbden Rat von E. getrunkene Schokolade, weil sie mit Milche gekocht
gewesen, als die sie niemals wohl vertragen können, hätte ihr eine kleine
Übelkeit verursacht. Indem trat die Geheimbde Rätin auch ins Zimmer, diese
erzählete ihrem Gemahl als etwas Neues, dass der Herr von Elbenstein nebst den
zwei Jagdjunkern sich gestern zu G. und in dem Wirtshause zu K. recht lustig
gemacht, und zwar mit des Stadtschulzen und andern Bürgerstöchtern, weswegen sie
nicht zweifeln wollte, dass auf diese Ergötzung in drei Vierteljahren Früchte mit
Händen und Füssen zum Vorscheine kommen dürften. »Jedoch«, setzte sie hinzu, »ein
andermal mögen sich Narren wieder mit Edelleuten verwirren, ich kenne die
Jagdjunkers N. und R., sie sind beide keine Kostverächter, was aber Elbenstein
anbetrifft, so glaube ich, dass er in Italien die Kunst zu lieben mehr und besser
als etwas anders gelernet hat. Gewiss, er scheinet mir in diesem Stücke ein
gefährlicher Politicus zu sein. Soviel ich aus seiner neulichen Aufführung, als
er bei uns war, abmerken konnte, hatte er seine Augen, mein liebes Bäsgen, auf
Sie gericht und suchte Sie aufs emsigste zu bedienen, auch immer mit Ihr zu
schwatzen. Allein, hüte Sie sich ja vor ihm, es ist ein Fladdergeist und
frembder Kerl, wer weiss auch einmal, ob er derjenige ist, vor den er sich
ausgibt.« Durch diese Reden wurde das arme Fräulein dergestalt treuherzig
gemacht, dass sie bekannte, wie sich Elbenstein bei der ersten Zusammenkunft
unter vielen verbindlichen Expressionen nicht undeutlich herausgelassen, dass er
sich mit ihr ehelich zu verbinden gesonnen sei, etliche Tage hernach aber wäre
er ganz anders Sinnes und dergestalt kalterzig gegen sie gewesen, als ob er sie
zeitlebens nicht gesehen hätte, viel weniger mit ihr umgegangen wäre, und heute,
als er auch bei dem Geheimbden Rat von E. gewesen und von ihr wegen des
gestrigen Divertissiments nur ein wenig vexiert worden, hätte er ihr die
empfindlichsten und pikantesten Repliken gegeben. Ja, damit wäre er noch nicht
einmal zufrieden gewesen, sondern hätte ihr alle fernerweitige Konversation
aufgesagt. Der Geheimbde Rat von M., welches ein hitziger, jachzorniger Mann
war, ereiferte sich nicht wenig über den guten Elbenstein, denn er die Fräulein
von G. als seiner Schwester Tochter so sehr als sein eigenes Kind liebte. Er
brach demnach in folgende Worte aus: »Harre du Kerl! du sollst ehrlicher Leute
Kinder am längsten bei der Nase herumgeführet haben.« Mit diesen Worten ging er
aus der Fräul. Zimmer, setzte sich in die bereits angespannete Karosse und fuhr
aufs Schloss, allwo geheimer Rat gehalten werden sollte. Elbenstein, als er zu
seiner geliebten Fräul. von L. kam, machte sich auch schon auf Anhörung einer
Reprimende gefasst, allein weil diese mehr Vertrauen auf seine Treue setzte,
sagte sie ihm weiter nichts, als dass die ganze Begebenheit dem Fürsten und der
Fürstin bereits aufs allerodieuseste wäre vorgebracht worden, mit dem Beisatze,
dass, was zu G. wegen der Eltern Gegenwart und Aufsicht nicht geschehen, im
Wirtshause zu K., allwo der Wirt ein Erzkuppler wäre, desto füglicher hätte
vollbracht werden können. Es wäre auch von dem Geheimen Rat M. angeraten worden,
dass zu Verhütung einiges Kindermords oder Abtreibung der Frucht die Menscher
durch geschworne Hebammen und verständige Medicos besichtiget würden.
    Elbenstein, weil er ein gutes Gewissen hatte, erzählete ihr den ganzen
Verlauf nach der reinen Wahrheit, worauf sie ihm den Einschlag gab, bei ihrem
Vetter, dem Baron von W., welcher Hofrat und Kammerjunker war, zu sondieren, was
er ihm bei diesen Händeln etwa raten würde.
    Dieser, welchem der Fürst die lustige Geschichte mit grossem Gelächter (denn
er selbst gar oft auf der Parforcejagd seine Liebesflammen bei einem hübschen
Bauermägdgen zu löschen pflegte) bereits erzählet hatte, kam gleich von
ohngefähr ins Zimmer getreten und sagte nach gemachten kurzen Kompliment:
»Meiner gnädigen Fürstin Melkerei zu K. wird, wie ich höre, bald mit drei
schönen roten Kühn verstärkt werden?« (denn NB. dieses war damals die Strafe,
wenn ein Kavalier wider das sechste Gebot peccierte, dass er der Fürstin eine
rote Kuh zinsen musste). Hierauf erzählete ihm Elbenstein alles haarklein, was
passiert war, und bekam diesen Rat von ihm, dass er nebst den zweien andern
Kavaliern sich bei dem Fürsten wegen der über sie ausgesprengten Kalumnien und
Injurien beschweren und anbei untertänigst bitten sollten, ihnen des
Denunzianten Namen, damit sie ihre Satisfaktion von ihm fordern könnten,
gnädigst zu entdecken. Hiernächst müsse solches dem Stadtschulzen und der andern
Jungfern Eltern zu wissen gemacht werden, damit sie der über ihre Kinder
verhängten Prostitution vorkommen und solche legitimo modo abwenden möchten.
    Hierauf ging man zur Tafel, allwo der Hausmarschall oftgedachte drei
Kavaliers unter andern Gesprächen zu vexieren begonnte. Allein der Jagdjunker
von R. verstunde unrecht und sagte über öffentlicher Tafel ungescheuet und laut,
so dass es die mit daran sitzende Hofmeisterin und Fräuleins auch mit hören
konnten, Salva venia, Huren, Canaillen und Schelmen hätten diese infamen Lügen
ausgebracht, dass nehmlich sie drei mit den ehrlichen Kindern etwas
Ungebührliches vorgehabt hätten, vielleicht wäre diejenige Weibsperson, so diese
Schandlügen am ersten ausgesprenget, eine solche, die den Liebeshandel besser
verstünde als diese ehrlichen frommen Kinder. Kurz zu melden, die Sache geriet
endlich zu einer solchen Weitläuftigkeit, dass, als die drei Kavaliers und die
andern Interessenten des Denunzianten Namen erfahren, sie den Geheimen Rat von
M. durch Notarien und Zeugen beschicken und ihm sagen liessen, die sämtlichen
Interessenten hielten ihn so lange vor einen boshaften Verleumbder und
Ehrenschänder, bis er, was durch ihn von dem Frauenzimmer und ihnen bei Hofe
angegeben und in der Leute Mäuler gebracht worden, verifiziert und erwiesen
hätte, worbei sowohl der Stadtschulze als der andern Jungfern Eltern droheten,
den Geheimbden Rat vor dem Kammergerichte zu Speier zu verklagen, wodurch denn
dieser dergestalt erschreckt wurde, dass er, in Betrachtung der ihm aus solcher
Sache entstehenden Prostitution und Geldversplitterung, die besten Worte und
eine hinlängliche Deklaration den Kavaliers gabe, den Eltern der Jungfern aber
sagen liess, wie er die ganze Sache ex vago rumore hätte und ihm leid, solchen
ungegründeten Erzählungen Glauben beigemessen zu haben; er hielte sie samt und
sonders vor ehrliche, unbescholtene Leute und Jungfrauen; und dieses musste er
schriftlich von sich ausstellen.
    Allein die Verfolgungen und Verbitterungen gegen den von Elbenstein nahmen
von Seiten des Geheimen Rats und dessen Familie vollends überhand, als er kurze
Zeit darauf in Gegenwart der Ober-Hofmeisterin von K., des Geheimbden Rats und
Oberamtmanns zu K.G. und des Hofrats und Kammerjunkers von W. sich mit der
holdseligen Fräulein von L. ordentlicherweise verlobte. Es suchte zwar das
Fräul. von G. ihn auf allerhand Art und Weise zu detournieren und auf ihre Seite
zu bringen, da sie aber ihren Zweck nicht erreichen konnte, legte sie sich aufs
Lamentieren und beklagte sich aufs beweglichste in einem ihm zugeschickten
Briefe, welchen er aber bloss mit folgenden poetischen Zeilen beantwortete:
                                       1
Was willst Du mich doch mit Verfolgung pressen?
Was klagest Du mein Herz als untreu an?
Halt ein damit! mir solches beizumessen,
Ich hab es nicht, mein Schicksal hat's getan.
Wollt ich gleich Dein Getreuer sein,
So saget selbiges doch immer dazu: Nein!
                                       2
Ich bin ein Schiff, das keinen Leitstern sieht,
Mich treibet nur das wankelhafte Glück,
Wohin sein Wink und Wille mich nun ziehet,
Da muss ich hin, bald vor, bald auch zurück.
Es saget mir: In Lieb und Meer
Kömmt man zum Port durch Wallen hin und her.
                                       3
Versuch es denn, desselben Schluss zu zwingen,
Verändre Du die Masse, Zeit und Ziel,
So soll mein Herz von lauter Treue singen,
Ich tue, was Dein Wille haben will,
Der soll alsdenn sein der Magnet,
Nach welchem sich mein Liebesschiffgen dreht.
                                       4
Lass Dir's nur nicht wie einst dem Xerxes gehen,
Der Wellen schlug zu seinem Untergang.
Das Schicksal will sich ungebunden sehen,
Kein Zwang verbannt es auf die Ruderbank.
Wer schliesset es in Kett und Fesseln ein?
Der muss was mehr als nur ein Mensche sein.
 Hiermit hatte die arme Fräulein ihren Bescheid, und weil sie aus allen Umständen
merkte, dass es doch nur eine vergebliche, vor sie aber selbst sehr nachteilige
Sache wäre, wenn sie [sich] um Elbensteins Herze noch fernerweitige Mühe gäbe,
so entschluge sie sich endlich dieser Gedanken und beschloss, mit Gedult die Zeit
abzuwarten, bis ihr der Himmel einen andern, beständigern Liebhaber zuführete.
Elbenstein hingegen, so zärtlich und aufrichtig er bishero seine Liebste, die
Fräul. von L., karessiert, auch dero reiner und vollkommener Gegenliebe
versichert war, um soviel desto strafbarer war diejenige Misshandlung, zu der er
sich durch folgende Begebenheit, teils von Unkeuschheit, teils Ambition, teils
Interesse angetrieben, verleiten liess. Es kam nehmlich im folgenden Jahre zu
Ende des Maimonats die verwittbete Gräfin N.N. nach D., allwo sie 14 Tage
verbliebe. Elbenstein bekam die Aufwartung bei ihr. Ob sie nun gleich schon eine
Dame von ohngefähr 40 Jahren war, so sah sie sich doch noch nicht von
denjenigen Regungen befreit, so sonsten nur die jungen und blutreichen Personen
anzufallen und zu bekämpfen pflegen. Dannenhero geschahe es, dass, sobald sie nur
Elbensteinen anblickte, gleich den Schluss fassete, ihn vor allen andern zu
Befriedigung ihrer lüsternen Begierden anzureizen.
    Wie nun Elbenstein die Propreté im weissen Zeuge ungemein ästimierte und nach
damaliger Mode ein Hembde, um den Halsbund und Schlitz mit den kostbarsten
venetianischen Spitzen besetzt, wie auch Manschetten und Hals von eben
dergleichen Sorten diesen Tag anhatte, so geschahe es, dass, da der Gräfin
Fräulein und die andern Anwesenden, nachdem sie, die Gräfin, gefrühstückt, sich
aus dem Zimmer begeben, sie auf Elbensteinen zuging und erstlich den
Schlossgarten, den man aus ihrem Zimmer übersehen konnte, wegen seiner Schönheit
lobte, nachmals auf die Frage kam, wie lange er bei diesem Hofe in Diensten
stünde und was dergleichen Fragen mehr waren, die er alle in geziemender
Bescheidenheit kurz beantwortete, nach welchem sie mit einer sonderbaren
Freundlichkeit zu ihm im Reden fortfuhr: »Monsieur, Er erlaube mir, die artigen
und saubern Spitzen, so Er trägt, etwas näher zu betrachten«, mit welchen Worten
sie erstlich die Manschetten, Halstuch und endlich die an der Brust und um den
Halsbund stehende Spitzen begriff, ihn ganz feurig verliebt ansah und die
Unterkehle und Wangen etlichemal ganz sanfte drückte, vor welche unverhoffte
Karessen er der Gräfin Hand etlichemal aufs zärtlichste küssete. Hierauf sagte
sie: »Mein Kind! Ich will hoffen, dass ich an Ihm einen diskreten und
verschwiegenen Kavalier werde gefunden haben, Er wird mir demnach aufrichtig
bekennen und die unverfälschte Wahrheit sagen, ob Er sich entschliessen kann,
meine Person zu lieben und meine zu Ihm tragende Liebe und Affektion mit
gleicher Gegenliebe zu vergelten?«
    Elbenstein, den wohl ehemals eine schwarzbraune Bäuerin zu charmieren fähig
gewesen, bedachte sich nicht lange, ihr solches zu versprechen, denn sie, der
Jahre ohngeachtet, eine solche angenehme und wohlgewachsene Person und von einem
recht liebenswürdigen Gesichte war, absonderlich hatte sie ein Paar charmante
muntere Augen und eine unvergleichliche Brust, so dass sie mancher Dame von 24
Jahren an reizenden und adretten Wesen den Vorzug streitig machen konnte. Seiner
gewöhnlichen Kühnheit und Freimütigkeit gemäss, welche er doch jedesmal mit einer
einnehmenden und liebkosenden Art zu umhüllen pflegte, umfassete er seiner neuen
Göttin Schenkel und küssete solche auf eine liebreizende Art zum öftern, über
welche kitzelende Liebkosungen die in der verliebten Gräfin Gesichte
aufsteigende Röte sattsam und klärl. bezeugte, dass ihr Geblüte in eine starke
Aufwallung müsse geraten sein, und das darauf erfolgende inbrünstige Küssen,
welches Elbensteins Lippen empfanden, diente ihm zur evidenten Versicherung, dass
seine freie Aufführung ihr höchst angenehm falle.
    Der künftige Abend ward zu einer fernern verliebten Unterhaltung von beiden
Teilen beliebet, worauf Elbenstein sich aus dem Gemach begab, und die Gräfin,
nachdem sie sich vollends ankleiden lassen, liess sich von ihm zu der Fürstin von
D. führen, da denn unterwegs das verliebte Händedrücken, sehnliches Anblicken
und heimliche Seufzer als der Liebe gewöhnliche und in der ganzen Welt
eingeführte, auch denen barbarischen Nationen wohlbekannte Sprache nicht
unterlassen, sondern damit bis an der Fürstin Vorgemach fortgefahren ward. Nach
der Abendtafel, als sich jede fürstl. und hohe Standesperson in ihr Zimmer
retiriert hatte, drückte ihm die Gräfin, dass es niemand gewahr ward, unter
währenden Führen eine Schreibtafel in die Hand, weil sich's nicht schicken
wollte, ohne ihren Leuten Verdacht zu geben, sich mit ihm in langen Diskurs
einzulassen, dahero Elbenstein, sobald er sie in ihr Gemach gebracht und nachdem
er mit einem tiefen Reverenz angefragt, ob Ihro Hochgräfl. Gn. noch etwas gnädig
zu befehlen hätten, wünschte sie ihm eine gute Nacht, worauf er sich retirierte,
an einem geheimen Orte die Schreibtafel durchsah und folgende Worte drinnen
eingezeichnet fand:
    Mein Wertester, ich finde es nicht vor ratsam, diese Nacht zu unserm
Vergnügen zu erwählen, sondern bis auf eine bequemere Zeit damit anzustehen,
damit man sich den präjudizierlichen Urteilen curieuser und scharfsichtiger
Augen nicht exponieret. Morgen früh beim Frühstück ein mehreres, Er ruhe besser
als ich.
    Elbenstein befand es ebenfalls gefährlich, auf dem Schloss, welches
ordinairement um zehn Uhr gesperret ward, sich finden zu lassen, derowegen ging
er bald in sein Quartier und zu Bette, damit er desto früher aufstehen könnte,
wie er frühmorgens halb acht Uhr schon in der Gräfin Vorgemach war und den Pagen
und Laquais Befehl erteilte, das Frühstück in Zeiten zu holen. Nach Verfliessung
einer halben Viertelstunde kam die Gräfin aus ihrem Gemach und sagte ihm, dass,
sobald er ihre Fräuleins und Kammerjungfern würde ins Vorgemach kommen sehen, er
in ihr Schlafzimmer kommen sollte, zu welchem Ende sie die aussen auf die Galerie
gehende Tür aufgeschlossen hätte. Als nun die Fräuleins im Vorgemach erschienen,
ging Elbenstein, unter dem Vorwande zu sehen, wo die Pagen und Laquais so lange
blieben, heraus auf die Galerie und von dar in das bedeutete Schlafzimmer. Die
Zeit war zu pretieus, sich mit blossen Küssen zu amüsieren, daher passierte hier
bald ein mehreres, und weil der verliebten Gräfin Kleidung ihn in seiner
Liebes-Entreprise vielmehr bequem als verhinderlich war, so geschahe auch die
Attaque auf seiten seiner mit einem solchen Vigueur und Lebhaftigkeit, dass diese
verliebte Aktion sowohl auf seiten des siegenden als besiegten Teils mit
vollkommener Zufriedenheit geendiget wurde. Auf solche Art löscheten sie alle
Morgen ihre Liebesflammen, und je geheimer und verstohlener diese Näscherei
geschahe, je süsser und anmutiger sie ihnen deuchtete.
    Zwei Tage vor der Gräfin Abreise kam ihr Leibkutscher zu Elbensteinen auf
dem Schloss, als er um die gewöhnliche Zeit zur Aufwartung ging, und forschete,
ob es ihm nicht gefällig wäre, nachdem er seine gnädige Gräfin zur fürstl.
Herrschaft gebracht, sich in den Schlossgarten zu bemühen, indem er ilmi von Ihro
Hochgräfl. Gn. etwas in geheim einzuhändigen hätte. Elbenstein versprach ihm,
sich um zehn Uhr ohnfehlbar daselbst einzufinden, mit dem Beifügen, dass, weil
man nicht wissen könnte, was etwa Verhinderliches darzwischenfallen könnte,
einer auf den andern warten sollte. Hierauf begab er sich in der Gräfin
Vorgemach, und sobald er das Frauenzimmer von derselben zurückkommen sah, ging
er auf die Galerie heraus, von da er sich gewöhnlichermassen ins Schlafgemach
verfügte und seine angenehme Gräfin auf die verliebteste Art wieder bedienete.
Als er nun selbige nachhero zu der Fürstin geführet hatte, eilete er nach dem
Schlossgarten, und der Gräfin Leibkutscher, welcher ihn aus der Hofstube
vorbeigehen sehen, eilete ihm auf dem Fusse nach. Sie gingen miteinander auf das
so gemachte Judizierhaus, daselbst übergab er Elbensteinen ein Paquet von 50
spec. Dukaten nebst einem Briefe, worinnen sie ihm ihr Begehren eröffnete, wie
er nehmlich einen flüchtigen Reitklepper kaufen und alle Abend, wann er von Hofe
gekommen, sich nach ihren drei Stunden von D. gelegenen Schloss begeben und in
des Überbringers Hause absteigen sollte, von da er durch einen sichern und
verborgenen Weg zu ihr gelangen würde. Als Elbenstein den Brief gelesen hatte,
sagte der alte Kuppler: »Gnädiger Herr! ich weiss den ganzen Inhalt des Briefes,
und weil Sie sich ohnfehlbar einen guten und schnellen Klepper anschaffen
wollen, so habe ich gestern vor dem Tore in einem Gastofe einen Rittmeister
namens M. angetroffen, welcher zwei treffliche siebenbürgische Pferde verkaufen
will, mit demselben könnten Sie vielleicht einen guten Handel treffen.«
Elbenstein liess sich diesen Vorschlag gefallen und ging sogleich aus dem
Schlossgarten, rief seinen Diener, welcher bei den fürstl. Bedienten in der
Hofstube zu speisen pflegte, zu sich, befahl ihm ein Kompliment an den
Rittmeister und darbei zu vernehmen, ob er sich selbigen Mittages in seinem
Quartiere wollte einheimisch finden lassen, so wollt er ihm auf eine halbe
Stunde zusprechen und ihm, weil er vernommen, dass der Herr Rittmeister einige
von seinen Pferden verkaufen wollte, eines gegen bare Bezahlung abhandeln. Kurz
darauf liess ihm der Rittmeister wieder wissen, dass er des Herrn von Elbenstein
angenehmen Zuspruch nachmittages um drei Uhr erwarten, ihm auch die Wahl unter
zwei guten und daurhaften Pferden lassen und ihm en regard seines gnädigsten
Fürsten eines davon um einen raisonnablen Preis zukommen lassen wollte. Kurz zu
melden, Elbenstein kaufte eines von diesen Pferden mit Sattel und Zeuge,
akkordierte zugleich mit dem Wirte, den er vorhero schon gekannt, dass er das
Pferd mit Futter und Wartung wohl versehen sollte, also dass er selbiges alle
Abend um neun Uhr gefüttert und gesattelt finden könnte.
    Demnach blieb dieses Pferd aussen in der Vorstadt, in welche bis nachts zwölf
Uhr man durch das Pförtgen kommen konnte. Als nun den folgenden Tag Elbenstein
seine geliebte Gräfin wie bishero bedienet hatte, berichtete er ihr unter
gehorsamster Dankabstattung, wie er dero Befehlen schuldigst nachgekommen, bat
sich aber dabei aus, ihm gnädigst zu erlauben, dass er in den Flecken, allwo sie
ihre Residenz hätte, das erste Mal bei Tage kommen dürfte, um des Orts
Gelegenheit desto besser abzusehen, welches sie ihm denn auch sogleich
verwilligte und mit ihm die Abrede nahm, dass er jedesmal nachts um zwölf Uhr bei
ihr sein und bis früh drei Uhr sich mit ihr divertieren sollte. Elbenstein
versprach unter vielen feurigen Küssen, ihren Befehlen und Verlangen aufs
allergenauste nachzuleben. Hierauf schlich er mit aller Behutsamkeit heraus auf
die Galerie und von dar hinunter in die Küche, von dannen, als er veranstaltet
hatte, dass das gewöhnliche Frühstück gleich nachgebracht werden möchte, er sich
wieder ins Vorgemach begab und seiner angenehmen Gräfin Herauskunft erwartete,
welche kurz darauf die Tür eröffnete und ihn hineinzukommen ersuchte, worauf das
Essen aufgesetzt ward, und als sie etwas Weniges davon genossen, begab sie sich,
wie sie täglich zeit ihres Daseins zu tun pflegte, zur andern fürstl.
Herrschaft. Als nun der folgende Tag, welchen sie zur Abreise angesetzt, kaum
angebrochen war, eilete Elbenstein zu seiner liebreichen Gräfin, welche, sobald
sie ihn gehöret im Vorgemache herumgehen, im blossen Schlafrocke heimlich zu ihm
herauskam und ihn unter vielfältigen Küssen andeutete, dass er auf die Galerie
hinausgehen und achtaben sollte, wenn die Tür vom Schlafgemach aufgehen würde,
da er sich denn kühnlich hineinbegeben möchte. Dieses geschahe etliche Minuten
darauf, und das verliebte Letzen wurde mit solchen Handlungen verbracht, dass es
die Venus selbst nicht verliebter hätte erdenken und ausfinden können.
    Er musste ihr hierauf versprechen, noch diese kommende Nacht den Anfang
seiner Liebesvisiten auf ihrem Schloss zu machen, worzu sich eine gute
Gelegenheit präsentierte. Denn weil die andere anwesende frembde fürstl.
Herrschaften dem Fürsten zu D. versprechen müssen, nicht eher als nachmittags
abzureisen, so musste die Gräfin sich dieses gleichfalls gefallen lassen und
ihren Abschied bis dahin aufschieben. Als aber endlich die sämtlichen Frembden
solches nachmittags um zwei Uhr taten, befahl der Fürste dem von Elbenstein, die
Gräfin bis auf die Grenze, welches ein Dorf, eine Meile Wegs von D. gelegen war,
zu begleiten, da er denn Gelegenheit hatte, Sr. Durchl. um gnädige Permission
untertänigst zu ersuchen, dass er diese Nacht aussenbleiben möchte, weil er dem
Herrn von S.A. als seinem guten Freunde einmal zuzusprechen schon vor etlichen
Wochen zugesagt hätte. Als ihm nun solches erlaubt, befahl er seinem Knechte,
dass er ein Billett zu dem Gastwirte vor dem Tore bringen, anbei mündlich sagen
sollte, er möchte ihm doch den siebenbürgischen Klöpper, welchen er, der Wirt,
von dem Rittmeister M. gekauft hätte, mit Sattel und Zeug zuschicken, indem er
ihn nur probieren und morgen zurückschicken wollte. Der Inhalt des Briefes aber
war dieser, dass der Wirt dem Knechte nicht sagen sollte, dass das Pferd
Elbensteinen zu eigen gehörete, sondern vorzugeben, dass er, der Wirt, selbiges
vor sich erhandelt hätte. Als nun Elbenstein dem erteilten gnädigsten Befehle zu
untertänigster Folge die Gräfin bis an den bestimmten Ort begleitet hatte,
beurlaubte er sich mit gebührender Reverenz von derselben, nachdem sie aber mit
ihrer eigenen Suite fortgefahren, setzte er sich auf den Siebenbürger, dem
Knechte aber befahl er, mit dem andern zwei Pferden wieder nach der Stadt
zurückzureuten und morgen seiner Zurückkunft zu erwarten.
    Er nahm seinen Weg seitwärts nach dem Holze zu, wandte sich aber, sobald ihm
nur der Knecht aus dem Gesichte war, auf die nach der Gräfin Schloss gehende
Strasse und folgte ihrer Kutsche immer, jedoch ganz von weiten nach, blieb auch
im Holze so lange halten, bis er selbige nicht mehr sehen konnte, alsdenn ritt
er Schritt vor Schritt nach dem nächsten vor dem Holze liegenden Dorfe, stieg
daselbst in dem Wirtshause ab und verzohe so lange, bis die Sonne untergehen
wollte, alsdenn eilete er vollends an den Ort, wo sein angenehmer Leitstern
befindlich war, und gelangete in der Dämmerung in dem bei dem Schloss liegenden
Flecken an. Weil er aber nicht wusste, wo der gräfl. Leibkutscher seine Wohnung
hatte, so ging er selber, nachdem er sein Pferd in einen Gastof eingestallet,
heraus auf die Gasse, fragte aber weder den Wirt noch dessen Leute, wo selbiger
wohnete, sondern als er etliche Häuser von dem Gastofe hinweg war, erkundigte
er sich bei einer ihm begegnenden Magd und gab derselben ein Trinkgeld, dass sie
ihn zurechte wiese. Es fügte sich eben, dass der Leibkutscher vom Schloss kam,
welcher ihn denn mit grossen Freuden empfing und seine Frau alsobald zur Gräfin
schickte, um derselben Elbensteins Ankunft melden zu lassen. Diese kam nach
Verlauf einer halben Stunde zurück und brachte in einem Korbe etliche Schüsseln
mit den delikatesten Essen, auch eine grosse Bouteille, die mit dem besten
Moseler Weine angefüllet war, mit sich, berichtete anbei, dass die Gräfin des
Herrn von Elbensteins Zuspruch diese Nacht um zwölf Uhr erwartete.
    Weiln es nun ziemlich dunkel zu werden begonnte und der Mond nur ein wenig
schien, so kehrete Elbenstein, ehe er etwas von Speisen zu sich genommen, zurück
nach dem Gastofe, bezahlete daselbst das Pferdefutter und Stallgeld, und unter
dem Vorwande, dass er, weil der Mond aufginge, seine Reise weiter fortsetzen
wollte, setzte er sich auf und ritte seines Weges. Der Wirt wurde über diesen
kurzen Zuspruch ziemlich vedriesslich, indem er sich schon Hoffnung gemacht,
einen Taler oder wenigstens einen Gulden von diesem Passagier zu erobern, da es
aber solchergestalt nur etliche Kreuzer waren, schmiss er die Tür hinter ihm mit
der grössten Ungestümigkeit zu. Elbenstein hingegen verfügte sich zum
Leibkutscher, allwo er nebst ihm und seiner Frau, die auch nicht hässlich war,
die überbrachten Speisen und den Mosler Wein auf Gesundheit der gnädigen Frau
Gräfin vergnügt verzehreten und die bestimmte Zeit erwarteten.
    Wie es nun endlich auf dem Schloss dreiviertel auf zwölf geschlagen, traten
beide, sowohl der Galan als der Kutscher, ihre Nachtreise an, und führete ihn
dieser durch einen Zwinger, worinnen die Gräfin zu ihrer Lust Hasen und
Kaninichen hatte, nach dem sogenannten untern Turme, durch eine von hohen
Rüstern gemachte Allee, dessen Türe er mit einem Kapital-Schlüssel in
möglichster Stille aufschloss und Elbensteinen etliche Stufen hinauf in ein
sauber meubliertes Zimmer brachte, welches auf zweien Seiten Türen hatte.
    In diesem Zimmer stund ein schönes, auf französische Art gemachtes Bette und
nicht weit davon eine kleine Ovaltafel, auf welcher etliche Schalen mit
allerhand Confituren stunden. Auf einem andern Tischgen zeigten sich zwei
Bouteillen, davon die eine mit Alikantenwein und die andere mit Limonade
angefüllet war. Der alte Kutscher fragte, was Ihro Gnaden zu trinken beliebten,
da denn Elbenstein die Limonade erwählete und etwas von gebrannten Mandeln darzu
ass. Mittlerweile hatte die Glocke zwölf geschlagen, derowegen kam bald hernach
die Liebesgöttin in einem grünen, mit goldenen Blumen durchwirkten Schlafhabite
hineingetreten. Der weite Ausschnitt des Kleides liess eine wohlproportionierte
Brust sehen, die so weiss war als ein gefallener Schnee. Der Leibkutscher
retirierte sich alsofort durch die andere Tür aus dem Zimmer, worauf denn unter
diesen beiden Verliebten eine solche voluptueuse Unterhaltung passierte, dass man
Bedenken trägt, selbige zu referieren, um unschuldige Seelen nicht zu ärgern.
    Man meldet demnach nur mit wenigen, dass Elbenstein diese Liebesvisiten,
sooft es das Wetter und seine herrschaftl. Bedienung (indem er der Reihe nach
wöchentlich einen Tag und eine Nacht auf dem Schloss bleiben musste)
verstatteten, fast täglich kontinuieret, und ob er gleich diesen Weg, welcher
beinahe zwei Meilen, mehrenteils in weniger als zwei Stunden mit seinem
flüchtigen Klöpper reuten konnte, zumalen, wenn er den nächsten Weg durch den
Wald nahm, so erwählete er doch lieber, den Hinweg ausserhalb des Holzes auf die
nahe aneinander liegenden Dörfer zu reuten, als sich in der Finsternüs durch den
ungeheuren Wald zu wagen und sich ein oder andern Gefährlichkeiten mutwillig zu
exponieren, zumalen wenn kein Mondenschein war. Den Rückweg hingegen, weil es
alsdenn gegen den Tag ging, pflegte er gemeiniglich durch den Wald zu nehmen.
    Es hatte nun dieses mehr auf Elbensteins als der verliebten Gräfin Seite
untugendhafte Beginnen (indem dieser die seiner getreu beständigen und ihn wie
ihre eigene Seele liebenden Freiin von L. geschworne Treue so freventlich und
gewissenlose violiert und gebrochen) vom 12. Jun. bis 4. Aug. (etliche wenige
Tage wegen eingefallenen Regenwetters und seiner Bedienung wegen ausgenommen)
gewähret, er wurde aber in Erwägung solcher allzustarken Strapazen dergestalt
merode, dass wegen seiner blassen Farbe und Magerkeit die liebe Fräulein von L.
höchst bekümmert ward und zum öftern Tränen dieserwegen vergoss, indem sie sich
einbildete, dass ihrem so herzlich geliebten Elbenstein eine gefährliche
Krankheit anwandelte, allein er wusste sich bald mit diesem bald mit jenem
gehabten Chagrin zu exkusieren und sie zu trösten, dass er vermittelst stiller
Ruhe und dem Gebrauch bewährter Arzeneien bald seine vorige Farbe und Fleisch
wiederbekommen wolle.
    Endlich liess ihm der über seine Ausschweifungen erzürnte Gott eines Morgens
auf seiner frevelhaften und sündlichen Rückreise sehen und hören, indem ihm am
bemeldten 4. Aug. ein entsetzliches Donnerwetter überfiel. Es türmete sich
dieses, als er noch lange nicht die Hälfte des Waldes passiert war, unter
entsetzlichen Blitzen und heftigen Donnerschlägen, auch einem grausamen
Platzregen dergestalt auf, dass, ob er gleich nach aller Möglichkeit eilete, er
dennoch das jenseit des Holzes gelegene Dorf nicht erlangen konnte, sondern
durch und durch nass ward, hiernächst ward er in das äusserste Schrecken gesetzt,
da immer ein Blitz und grausamer Donnerschlag auf den andern erfolgte, ja seine
Bestürzung und Angst vermehrte sich noch weit grösser, da, sooft ein Blitz
geschahe, sein Pferd mit ihm niederfiel und nachmals mit entsetzlichen rasenden
Kapriolen wieder aufsprunge. Hierbei ist nun leichtlich zu ermessen, in was vor
einem elenden Zustande sich Elbenstein damals müsse befunden haben, indem nicht
allein der Leib durch den kalten Regen und seines Pferdes Wildigkeit heftig
inkommodiert war, sondern auch sein aufwachendes Gewissen und die greulichen
Blitze und Donnerschläge seine Seele und Gemüte mit rechter Höllenangst
bestürmeten.
    Als er nun in solcher Angst und Not fast an das Ende des Waldes gelanget
war, auch das nächste Dorf bereits sehen konnte, geschahe ein solcher
entsetzlicher Schlag in eine etwa 50 Schritte vor ihm am Wege stehende grosse
Eiche, dass die Splittern und Äste herumflogen und das von dem schwefeligen
Dampfe und starken Donnerschlage vollends ganz unbändig gewordene Pferd fast
nicht mehr zu erhalten war, sondern weil es weder Zaum noch Gebiss mehr fühlen
wollte, in grösster Rage mit ihm querfeldein lief. In dieser Verwirrung fiel ihm
der Hut vom Kopfe, jedoch endlich gelangete er als ein halb Erstorbener in dem
Dorfe an und dankte dem Himmel, dass das Pferd, als es ins Dorf kam, von seiner
Wildigkeit etwas nachliess und etwas ruhiger wurde. Er stieg demnach vor dem
Wirtshause ganz entkräftet ab, und weilen das Gewitter meistens vorbei war,
indem sich das erschröckliche Donnern nur noch von weiten hören liess, gab er
einem Bauern ein Trinkgeld, welcher den Weg nach dem Walde zu ging und ihm nach
Verlauf einer Stunde seinen Hut wieder zurückbrachte. Die guterzigen Leute
hingen seine Kleider an den Ofen, und der Priester des Orts, als ervernahm, dass
Elbenstein ein Bedienter seines gnädigsten Landesherrn wäre, schickte ihm weisse
Wäsche, Schlafrock und Pantoffeln. Als er sich nun in der Oberstube alleine
befand, fiel er auf seine Knie und dankte Gott unter Vergiessung häufiger
Busstränen, dass er ihn, wie er mit seinem bisherigen ruchlosen Leben wohl
verdient hätte, nicht nach seiner Gerechtigkeit gestraft und wohl gar aus dem
Lande der Lebendigen hinweggerissen. Er tat nachmals ein Gelübde, diese und
dergleichen Missetaten fernerhin nicht weiter zu begehen, wie er denn auch,
nachdem er nach Hause gekommen war, ein paar Tage darauf zur Beichte und heil.
Abendmahle ging.
    Durch diesen Zufall endigte sich auf einmal die strafbare Liebeswallfahrt,
und Elbenstein wurde nicht wenig erfreuet, da ihm einige Tage hernach der Gräfin
Leibkutscher als ein dieserwegen abgeschickter Expresser die Nachricht
erteilete, wie nehmlich den Tag nach seiner letztern Visite sich ein gewisser
Graf bei seiner gnädigen Gräfin als ein Freier melden lassen, worauf die
Ehestiftung sogleich gemacht worden und das Beilager in 14 Tagen vollzogen
werden sollte. Im übrigen überbrachte dieser Liebes-Ambassadeur an Elbensteinen
von der Gräfin einen gnädigen Gruss und zugleich den schriftlichen Abschied des
Inhalts, dass er hinfüro seine Messures anders nehmen und sich ihrentwegen nicht
ferner bemühen möchte. Er hatte zwar seine Reise- und Liebesbemühungen erstlich
durch den siebenbürgischen Klepper, hernach mit einem stark bordierten Kleide,
einer goldenen englischen Uhr, einem kostbaren Ringe, ihrem mit Diamanten
besetzten Porträt, einem silbernen Degen, vortrefflich schöner Wäsche von
holländischer Leinewand und brabandischen Spitzen, sodann auch noch mit einer
Goldbeurse von 200 spec. Dukaten zieml. vergolten bekommen; doch alles dieses
war kein Äquivalent gegen den Schaden, den er sich an seinem Leibe und Gewissen
zugezogen hatte, indem er seine Gesundheit geschwächt und die seiner getreuen L.
geschworene eheliche Treue so liederlich gebrochen hatte. Unterdessen, da sich
diese Liebesintrigue geendiget, machte er Psalter, und unter andern ist auch
folgende Arie, welche er auf seine nächtliche Liebesvisiten und Buhlschaft
eingerichtet, nicht zu vergessen.
                                       1
Komm, stille Nacht, mit deinem holden Schatten,
Verhülle doch der Sonnen Angesicht,
Verweile nicht!
Die Sehnsucht will mein Herze ganz ermatten,
Drum tritt mit dem Flor
Nur bald hervor.
                                       2
Du nur allein bist's, der ich's darf vertrauen,
Warum mein Herz so sehnend seufzt und ächzt,
Warum es lechzt.
Bei Tage darf ich meinen Schatz nicht schauen,
Weil die Behutsamkeit
Es hart verbeut.
                                       3
Lässt meine Glut sich denn nicht anders stillen,
Beim Tageslicht mein englisch Tausendschön
Recht anzusehn?
So will ich mich in deinen Flor verhüllen
Und löschen unerkannt
Den Liebesbrand.
                                       4
Vergnüge mich mit deinen braunen Schatten,
Bei dir allein vertreibt man seine Zeit
In Süssigkeit.
Der Venus Zoll ist leichter abzustatten,
Man darf bei dir nichts scheun
Noch blöde sein.
                                       5
Bei Nachte wird das feuergleiche Funkeln
Vom edlen Stein und hellen Diamant
Weit mehr erkannt;
Es küsset sich viel zärtlicher im Dunkeln,
Die Wollust trifft das Ziel
Durch das Gefühl.
                                       6
Ich bin vergnügt, wenn statt der schönsten Rosen
Nur stets vor mich die Nachtviole blüht,
Und bin bemüht,
Die Venus stets, auch schlafend lieb zu kosen,
So labet meine Brust
Sich stets mit Lust.
Jedoch von nun an schlug sich Elbenstein die unordentlichen Liebesgrillen aus
den Gedanken und wandte nunmehro alle seine Liebe und Treue einzig und allein
der tugendhaften Fräulein von L. zu, brachte auch das, was er bishero gegen sie
missgehandelt, durch unverfälschte Karessen, wenigstens seinen Gedanken nach,
alles wieder ein. Unterdessen, wie sehr sie ihn auch bat, so konnte sie doch von
ihm nicht die eigentliche Ursach seines Malheurs erfahren, indem er täglich
blasser u. magerer wurde, sondern er gab nur dieses vor, dass die derzeitige
ungemein grosse Hitze schuld daran wäre, indem er hierbei nicht den geringsten
Appetit zum Essen empfände, auch sehr wenig schlafen könnte; er hoffe aber,
sobald die grosse Hitze vorbei und die Nächte kühler zu werden beginneten, seine
vollkommene Gesundheit wiederzuerlangen. Mittlerweile rückte der Tag Egidii
herbei, welcher die sämtliche fürstliche Herrschaft veranlassete, sich nach M.
zu verfügen und die Brunftzeit über sich daselbst zu divertieren. Wie nun
Elbenstein nebst der meisten Hofstatt mit dahin zu gehen beordert war, so hatte
er die beste Gelegenheit, mit seiner herzlich geliebten L. im vollkommensten
Vergnügen zu leben, und diese brachte es bei ihrer Fürstin so weit, dass dieselbe
bei ihrem Gemahle vor Elbensteinen die Oberamtmannsstelle zu BW. auswürkte.
Sobald man aber wieder in der Residenz angelanget, sollte ihre Vermählung vor
sich gehen, damit Elbenstein mit seiner Gemahlin das Amt an selbigen Orte
beziehen könnte.
    Es ist nicht zu beschreiben, wie höchst vergnügt damals dieses verliebte
Paar lebte und sich täglich die angenehmsten Ideen von ihrem künftigen Ehestande
und Hauswesen machte. Aber die guten Kinder mussten gar bald erfahren, dass nichts
leichter verschwindet als der Menschen süsse Einbildungen und vermeintliches
Vergnügen, ja es traf wohl recht das italiänische Sprichwort ein: Gli diletti
humani son un sogno. Die menschliche Ergötzlichkeit ist ein Traum.
    Denn es kam zu Ende des Septembr. der Kammerjunker Z., welcher sich in Elsass
etliche Wochen auf seinen Gütern aufgehalten, nachts um zwölf Uhr mit einer
Extrapost an und brachte die unangenehme Zeitung, dass die französische Armee in
voller Bewegung wäre, um noch vor Eintritt des Winters die Festung Philippsburg
zu belagern und zu erobern.
    Dieses war ein harter Donnerschlag, durch welchen sowohl des Fürsten
bisheriger florisanter Zustand als auch Elbensteins süsse Hoffnung, am D.-Hofe
sein vollkommenes Glück zu machen, auf einmal in starken Verfall kam. Man brach,
sobald der Himmel grauete, in grösster Bestürzung und Konfusion von M. auf, und
sobald man zu D. angelanget, wurden nebst dem Silbergeschirre alle Kostbarkeiten
eingepackt und in die Schweiz nach Basel geschafft. Drei Tage hernach wurde
Elbensteinen nebst verschiedenen andern Kavaliers und Bedienten der Abschied bis
auf bessere Zeiten durch den Baron von C. erteilet, welches sowohl dem Fürsten
als den Abgedankten beinahe Tränen auspressete. Das schmerzliche Scheiden
Elbensteins von seiner herzl. geliebten Fräul. von L. war dergestalt jämmerlich,
dass auch die unempfindlichsten Gemüter solches ohne Mitleiden nicht ansehen
konnten. Da nun aber täglich Zeitungen einliefen, dass sich die französische
Armee der importanten Festung Philippsburg immer mehr näherte, so sah sich
Elbenstein endlich genötiget, um der Gefahr und Plünderung zu entgehen, seine
Retirade über den Neckar nach Schorrendorf, einer württembergischen Festung zu
nehmen, weswegen er sich zu seiner Abreise schickte, zuvor aber, ehe er den Ort
verliess, wo seine andere Seele zurückbliebe, händigte er derselben folgende
Reimzeilen ein:
Ein kummervolles Herz, betränte Augenlider,
Ein zwar verliebt, doch auch recht höchst betrübter Sinn,
Ein Körper, der vor Schmerz und Jammer sinkt darnieder,
Fällt jetzt, mein Engelskind, zu deinen Füssen hin.
Mein Schreiben zeigt dir an: Ich soll von hinnen ziehen.
Ach hartes Donnerwort! das mir das Schicksal spricht,
Es soll dem Ansehn nach mein Glück und Wohl verblühen,
Die Hoffnungsstütze fällt. Ich leb und lebe nicht.
Mein banges Herze schwebt in grossen Kummerwellen,
Es soll mein Liebesschiff durchaus zu Grunde gehn,
Das Stürmen ist zu stark; bei diesen Unglücksfällen
Kann nur allein die Treu auf festen Fusse stehn.
Mein sonst vergnügter Geist, die freudenvollen Augen
Sehn dieses sehnend an, was ich bisher geliebt,
Sie baden sich mit Schmerz in bittrer Tränen Laugen,
Kurz! Auge, Seel und Herz sind bis in Tod betrübt.
Dem blassen Munde will es nun an Worten fehlen,
Ein immerwährend Ach! vergräbt sich selbst in sich.
Mein Elend kann ich dir ausführlich nicht erzählen,
Denn alle meine Kraft, ach! die verlässet mich.
Drum schreibt die matte Hand in Ängsten diese Worte:
Zu tausendmal Adieu! mein Trost, mein ander Ich,
Bin ich dem Leibe nach gleich am entfernten Orte,
So denkt mein Herze doch beständig nur an dich.
Nachdem nun der betrübte und verliebte Elbenstein seine Reise angetreten hatte
und zu Pforzheim angelanget war, wurde ihm von guten Leuten geraten, dass, wenn
er folgenden Tages den Wald passieren würde, allwo sich etliche 1000 Bauern
zusammen rottieret, um den daherum streifenden französischen Parteien
aufzupassen, er den rechten Flügel vom Mantel zurückschlagen sollte, weil dieses
das Wahrzeichen oder Losung, dass man Freund wäre. Diesem Rate folgte Elbenstein
zwar, er war aber kaum dieser Gefahr entgangen, so erblickte er, als er zu
Cannstatt über den Neckar zu passieren willens und kaum noch etliche 100
Schritte von der Brücke war, eine gewaltige Menge Soldaten auf derselben. Indem
er sich nun nicht getrauete, weiter fort zu reuten und sich in Gefahr zu
stürzen, nahm er den Weg zur rechten Hand, behielt aber den Neckar beständig im
Gesichte.
    Als er nun über eine gute Stunde also fortgeritten, traf er einen Bauer an,
welchen er sogleich fragte, ob er ihn nicht berichten könnte, was vor Völker in
Cannstatt eingerückt wären, worauf der Bauer zur Antwort gab, dass diesen Morgen
um vier Uhr zwei Regimenter französischer Dragoner sich daselbst einlogiert
hätten und bei den Bürgern auf Diskretion lebten. Hierauf forschete Elbenstein
weiter, wo er wohl den Neckar am sichersten passieren könnte, da denn der Bauer,
weil er ihn vielleicht vor einen fürstl. württembergischen Bedienten hielt, sich
erbot, ihn gegen ein Trinkgeld durch den Neckar und weiter auf den nächsten Weg
nach Schorrendorf zu bringen. Elbenstein gab ihm sogleich einen Gulden, und der
Bauer setzte sich auf das Handpferd, welches Elbensteins Diener führete, brachte
ihn nicht allein glücklich durch den Strom, sondern auch auf einen nach
Schorrendorf gehenden nähern Weg, als die ordinäre Landstrasse war, dass er also
halb vier Uhr nachmittags in dieser Festung glücklich anlangete, von dannen
brach er mit dem frühesten wieder auf, fütterte mittags in Schwäbisch-Gemünd und
gelangete abends späte in Dünckelspiel an. Von dar setzte er seine Reise weiter
fort auf Anspach, allwo ihm von den beiden Prinzen, denen Herren Marggrafen
daselbst, als er einige von dero Prinzessin-Schwester mitgegebene Briefe
überantwortete, die zwei Tage, als er daselbst verharrete, viel Gnade und Ehre
erzeiget ward. Hierauf nahm er seinen Weg nach Bayreut, woselbst er bei der
Frau Marggräfin gleichfalls einige Schreiben überlieferte und auf gnädigsten
Befehl des Herrn Marggrafens Hochfürstl. Durchl. etliche Tage verbliebe, endlich
aber über Nürnberg nach C. und so ferner auf M. ging, allwo er gleichfalls die
von seiner gnädigsten Herrschaft anvertraute Schreiben insinuierte und den
andern Tag auf die in demselben entaltene Rekommendation von der Herzogin zu
ihrem Kammerjunker angenommen ward.
    Je retiréer er sich nun daselbst sowohl bei Hofe als in der Stadt bei dem
Frauenzimmer aufführete, indem ihm seine geliebte L. beständig im Sinne lag, je
mehr fanden sich Leute, die ihn auf eine recht verschmitzte Art folgende
Gedanken in den Kopf setzten: Du suchest zwar (waren seine Grillen) der Fräulein
von L. getreu und beständig zu verbleiben, bist du aber von derselben auch
dergleichen versichert? Deine Charge, die du voritzo bekleidest, ist nicht
suffizient, eine Frau standesmässig zu ernähren; könntest oder wolltest du ihr
also wohl verargen, dass, wenn sich bei solchen hal[b]wege eine avantageuse
Gelegenheit vor sie ereignen sollte, sie anderes Sinnes würde, ihre Zusage
aufhübe und widerrufte? Wer weiss, ob sie noch so getreu und beständig ist, als
du dir einbildest und schmeichelst? Vielleicht hat sie in dieser Minute etwa mit
einem galanten Kavalier ein angenehmes Gespräche, trifft also wohl das
Sprichwort bei ihr ein: Aus den Augen, aus dem Sinne. Solche und dergleichen
Gedanken, welche zugleich von einer Eifersucht begleitet wurden, setzten den
armen Elbenstein in solche heimliche Unruhe und Bekümmernis, dass, wo er auch nur
war, er sein heimliches Anliegen nicht so wohl verbergen konnte, dass man es
nicht einigermassen an ihm hätte merken sollen, dannenhero eines Tages, als er
nebst andern Kavaliers und Dames zur Baronne von D.T. auf eine Abendmahlzeit
invitiert worden, die eine Kammerfräulein von R. ihn auf eine besondere anmutige
Art fragte, was doch immermehr schuld daran wäre, dass er niemals recht
aufgeräumt zu sein schiene, sie wünschte so glücklich zu werden, etwas zu seinem
Contentement beitragen zu können. Hiernächst wollte sie ihm im Vertrauen
eröffnen, wie ihre gnädigste Herzogin schon vor einigen Tagen erwähnet, wie sie
an ihm ein besonderes Anliegen verspürete und darbei gesagt hätte, ihr
Kammerjunker müsse entweder an dem Orte, wo er in Diensten gestanden, etwas
Liebes zurückgelassen oder allhier etwas haben, so ihn charmierte, oder aber mit
der Gage nicht zufrieden sein. Anbei hätten Ihro Durchl. sich noch gnädigst
verlauten lassen, dass seine guten Qualitäten wohl meritierten, dass ihm in den
letztern zwei Punkten geholfen würde.
    Elbenstein fand sich über dieses Gespräch einigermassen betroffen, jedoch
rekolligierte er sich alsobald und gab vor, dass nicht allein sein Temperament
dergleichen douce Aufführung mit sich brächte, sondern er hätte sich auch auf
der letztern beschwerlichen Reise dergestalt strapaziert, dass er sich noch bis
dato nicht vollkommen rekolligieren können. Da man ihn aber in andern Verdacht
ziehen wollte, so könne er das gnädige Fräulein mit gehorsamsten Respekt
versichern, wie er versichert wäre, dass, wenn eines von Ihro Durchl. erwähnten
Stücken an seiner Aufführung schuld sein sollte, sowohl das gnädigste Erbieten
Ihro Hochfürstl. Durchl. als auch der gnädigen Fräulein gütiger Wunsch capable
sein würden, ihn in vollkommene Zufriedenheit zu setzen. Weilen er aber aller
dreier Stücke halber sich unschuldig befände, so wollte er sich befleissigen,
durch Gebrauch dienlicher Mittel sein Temperament zu korrigieren und sich ein
munterer Wesen anzugewöhnen. Mittlerweile wurden die Speisen aufgesetzt, und kam
er zwischen der Baronne von D.T. und ihrer Fräulein Tochter an der Tafel zu
sitzen.
    Diese war eine sonderbare Liebhaberin der deutschen Poesie, liess sich also
mit Elbensteinen dieserhalb in einen Diskurs ein, und da sie bemerkte, dass er
ebenfalls ein starker Liebhaber davon wäre, indem er sehr wohl davon zu
raisonieren wusste, so ersuchte sie ihn, ihr etwas von seinen poetischen Sachen
zu kommunizieren, auch ihr öfters die Ehre seines Zuspruchs zu gönnen. Er machte
dieserwegen ein verbindliches Kompliment und gab zu vernehmen, wie er es vor
eine besondere Glückseligkeit schätzen würde, dero Befehlen ein Genüge zu
leisten und bei solcher kostbaren Gelegenheit von ihrer unvergleichlichen
Wissenschaft in diesem Scibili zu profitieren, anbei überlieferte er ihr einige
Reime, die er selbiges Tages aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt hatte
und also lauten:
                                       1
Erdrücke mich doch nur, du grasses Ungelücke,
Erzürnter Himmel, töte mich,
Zermalme mich nur jämmerlich,
Es ist doch auf der Welt nichts mehr, das mich erquicke.
Die Menge meiner Qual und Pein
Reisst mir Vernunft und Sinnen ein,
Vor mich muss lauter Marter sein.
                                       2
Ich weiss ja gar nichts mehr von Lachen, Lust und Freuden,
Der Gram ergötzt mich nur allein,
Der Kummer ist mein Sonnenschein,
Mein mattes Herze fühlt ein immerwährend Leiden,
Weil alles mich zu fällen tracht.
Ich sehe nichts als lauter Nacht,
Da alles wettert, blitzt und kracht.
                                       3
Es wüten immerzu die ungestümen Wellen
Und werfen mich bald her, bald hin.
Ach Grab! nach dir verlangt mein Sinn,
Du kannst den müden Leib allein zufriedenstellen,
Wenn er in dir so sanfte ruht,
Befreit von aller Unglückswut,
Von Sturme, Wetter, Flut und Glut.
                                       4
Gewiss, ich gleiche recht dem sonst so stillen Meere,
Das dennoch bald ein Sturm bewegt,
Bis dass es grosse Wellen schlägt;
Da es doch vor sich selbst wohl gerne ruhig wäre,
Allein, so wird es aufgeschwellt,
Indem die Last bald steigt, bald fällt
Und lauter Wut vor Augen stellt.
                                       5
Ich mag, wohin ich will, mich kehren oder wenden,
So kann ich keine Rettung sehn,
Mein Schiffgen muss noch untergehn,
Indem kein Hafen da, allwo es könnte länden;
Mein Schiff, das ohne Segel schwebt,
Stets schlenkert, stauchet, zittert, bebt,
Bis es sich in die Flut vergräbt.
                                       6
Drum fliesst nur immer, fliesst, ihr heissen Jammerzähren,
Ihr Augen, zollt die Tränenflut
So lange, bis mein Herz und Mut
Euch weder Saft noch Kraft noch Nahrung kann gewähren;
Das falsche Glück verfolget mich,
Die Hoffnung selbst verlieret sich,
Drum komm, o Tod! ich bitte dich.
Die Baronne, ihre Frau Mutter, welche diese Übersetzung zugleich mit durchlesen
hatte, sagte lächlend: »Ich hätte nicht gemeint, dass sich der Herr von
Elbenstein die Mühe geben können, etwas so Trauriges und Grässliches zu
übersetzen; jedoch da ihm die Version in einer so traurigen Materie dergestalt
wohl geraten, wäre ich curieus, etwas Lustigers oder Verliebtes zu sehn.«
Elbenstein versetzte, dass eben dieser Autor etwas, so von einer verliebten
Sehnsucht handelte, geschrieben, welches er ebenfalls vertiert hätte, und wenn
Ihro Gn. es gütigst erlauben wollten, sollte sein Diener sogleich solches aus
seinem Logis holen. Hierum ersuchten ihn nun nicht allein die Baronne nebst
ihrem Fräulein, sondern auch die ganze Compagnie, indem sie vorgaben, dass der
Inhalt nicht anders als charmant sein könne. Wie nun das Blatt gebracht worden,
bat die Gesellschaft den von Elbenstein, es ohnbeschwert selber abzulesen, der
sich zwar willig darzu finden liess, jedoch vorhero nochmals versicherte, dass er
von diesem Stück nicht der Inventor wäre, sondern das Original in französischer
Sprache in der Liebes- und Lebensgeschicht des spanischen Kardinals Porto-Carero
gefunden, als auf welchen der Autor diese Verse verfertiget hätte. Hierauf lase
er folgendes her:
                                       1
Liebreiche Nacht! anmutge Dunkelheit,
Verzeuch doch nicht, die Schatten herzuführen.
Der Sonnen mir verhasste Helligkeit
Lass unter deinem Flore nicht mehr spüren;
Ein Engel sucht vermittelst deiner Gunst
Die süsse Frucht vor sein und meine Brunst.
                                       2
Mein Herze brennt, wie gross ist seine Pein?
Es stirbet fast, der Angst ist nichts zu gleichen.
Soll denn davor kein Trost zu finden sein?
Ach Tageslicht! willst du nicht einmal weichen,
Ei weich doch nur! du unglückseligs Licht,
Weil mir die Nacht mehr Süssigkeit verspricht.
                                       3
Mein Engelskind! mein holdes Tausendschön!
Was werd ich nicht vor süssen Nektar schmecken,
Wird nicht mein Herz in vollen Freuden stehn,
Wenn es dir darf sein Innerstes entdecken?
Komm, schönes Schwarz, vertreibe Tag und Licht,
Mein schönstes Licht verlier ich dennoch nicht.
Die Fräulein von R. sah ihn hierauf mit einem so charmanten Blicke an, dass er
ihre Regungen leicht erraten konnte, und die Fräulein von D.T. ersuchte ihn mit
einer angenehmen Freiheit, dass er ihr von seinen eigenen Erfindungen doch etwas
möchte sehen lassen, da ihm die Übersetzung anderer so wohl geraten wären.
    Elbenstein, den der delikate Wein und das artige Wesen der sämtlichen Damen
freier zu reden animierete, fragte mit einer schmeichlenden Art, von was vor
einer Materie solche handeln, ob sie verliebt, lustig, traurig oder moralisch
sein sollte. Die Fräul. von D.T. sah ihn mit einer solchen Miene an, daraus er
als ein erfahrener Practicus in Liebeshändeln schon ermessen konnte, wie seine
Verse sollten eingerichtet sein; demnach sagte er etwas heimlich zu ihr: »Mein
englisches Fräulein werden mir demnach erlauben, dass, wenn ich morgen meine
Dichterei vornehmen werde, an Ihre anbetenswürdige Schönheit gedenken und solche
zum Sujet meiner Poesie erkiesen darf. Ich flattiere mir, dass alsdenn die
Einfälle und Penséen nicht anders als tendre und sinnreich sein werden, da das
wunderschöne Sujet voller Esprit und höchst liebenswürdig ist.« »Ach!« gab
hierauf das Fräulein zur Antwort, »der Herr von Elbenstein wird's wohl erfahren,
dass, wenn er seine Gedanken auf die Betrachtung meiner schlechten Qualitäten
wenden wird, wie schlecht und gezwungen seine Verse geraten werden. Jedoch«,
fuhr sie fort, indem sie ihm die Hand sanfte drückte, »will ich es gern
geschehen lassen, auch mich glücklich schätzen, wenn so ein qualifizierter und
galanter Kavalier sich meinetwegen bemühen will, und die dafür schuldige
Reconnaissance soll auf seiten meiner genau beobachtet werden.« Da fing nun die
seiner geliebten Fräulein von L. allein gewidmete Liebe und Treue allmählich an
zu wanken, ja als nach aufgehobener Tafel er mit der Fräul. von D.T. alleine
reden konnte, machte er ihr so viel Karessen, dass das gute Fräul. seinen
verliebten Anfällen nicht lange widerstehen konnte, sondern ihm sein Bitten
gewährete, welches darinnen bestund, dass sie ihm erlauben möchte, ihren schönen
Mund zu küssen; dieserwegen wollte er sich hinaus auf den Saal in den Erker
verfügen und ihrer gütigen Gewährung seines inbrünstigen Wunsches daselbst im
Dunkeln erwarten.
    Es trug sich aber zu, dass ihre Frau Mutter sie zu sich rufte und mit ihr von
ein und andern, so sie veranstalten sollte, über Vermuten etwas lange redete.
Mittlerweile ging die Fräul. von R., um sich etwas abzukühlen, aus dem Gemache
auf den Saal und an den Erker, allwo sich Elbenstein befand. Indem er nun diese
vor das Fräulein von D.T. hielt, so umarmete und küssete er sie etlichemal aufs
zärtlichste, sagte hierauf: »Morgen wird mein schönster Engel erfahren, wie
angenehme Penséen meine Verse in sich halten werden.« Es ward ihm aber hierauf
nicht geantwortet, vielmehr begab sich die Fräulein von R. eiligst von ihm
hinweg, indem sie sich leicht einbilden konnte, dass diese Karessen einer andern
zugedacht wären. Sie war auch kaum wieder bei der andern Gesellschaft
angelanget, als sich die Fräulein von D.T. bei ihm einstellete und Elbensteinen
um Vergebung bat, dass sie ihn so lange hätte warten lassen, zur Satisfaktion
aber wegen des Verzugs wollte sie ihm dasjenige erstlich selbst geben, was sie
sonsten von ihm erwarten wollen. Unter diesen Worten küssete sie ihn auf eine
solche liebreizende Art, dass Elbenstein dadurch in die angenehmste Entzückung
geriet und nach vielen gewechselten Küssen sich noch mehrerer Freiheit
gebrauchen wollte, über welche unzeitige Verwegenheit aber sich das Fräul. von
D.T. dergestalt alterierte, dass sie sich augenblicklich von ihm losriss und mit
geschwinden Schritten eine Treppe hinunterlief. Wiewohl nun Elbenstein, als er
wieder zur Compagnie kam, auch die Fräul. von D.T. bereits bei derselben wieder
antraf, alle Gelegenheit suchte, seiner erzürnten Venus den begangenen Fehler
oder Frevel abzubitten, so wollte sich selbige doch nicht fügen, und die Fräul.
von D.T. führete sich, solange die Compagnie noch beisammen blieb, dergestalt
spröde und kaltsinnig auf, dass er auf einmal alle Hoffnung verlor, seine
Löffelei fortzusetzen. Inmittelst war er desto neugieriger auszukundschaften,
wer diejenige gewesen, so er zuerst vor der Fräulein von D.T. Ankunft geküsset,
und seiner changanten Art nach schlug er sich die spröde und kaltsinnige Fräul.
von D.T. sogleich aus dem Sinne, ergötzte sich hingegen in seinem Herzen über
den angenehmen Irrtum, der ihm begegnet war. Endlich mahnete die Uhr die
sämtliche Gesellschaft an, bei der Wohltäterin unter geziemender Danksagung sich
zu beurlauben, dahero die Hofdames hierinnen den Anfang machten, und Elbenstein,
als er die Fräul. von R. in den Wagen hub und um Vergebung bat, woferne er sich
etwas zu frei aufgeführt hätte, bekam unter einem zärtlichen Händedrücken ganz
leise von derselben zur Antwort: »Ich bitte gleichzeitig um Verzeihung, dass ich
mich etwas zu frei aufgeführet und einer andern vorgefischt habe, jedoch ist es
mir lieb, dass ich nunmehro nur weiss, dass der Herr von Elbenstein nicht so
unempfindlich gegen das Frauenzimmer ist, als er sich bishero angestellet hat.«
    Er ging demnach, weil er nunmehro gewiss wusste, wer ihm den Liebespossen
gespielet, mit vergnügten Gesichte zurück in der Baronne Zimmer, um gleichfalls
seinen Abschiedsreverenz zu machen, sobald auch solches geschehen, begab er sich
nach seinem Quartiere, allwo er sich mit vergnügten Gedanken über die den
vergangenen Tag über gehabten Liebesaventuren innigst ergötzte. Den
darauffolgenden Morgen bekam er von seiner Herzogin Befehl, nach der
Mittagstafel nach H. zu reuten und sie bei der daselbst regierenden Herzogin
anzumelden, dahero, weil er lieber bei guter Zeit als zu späte in H. sein, auch
seine Pferde nicht übernehmen wollte, er in sein Logis zurück ging und seinem
Diener befahl, ihm etwas von Speisen, ob es gleich auch nur kalte Küche wäre,
von dem fürstl. Mundkoche zu langen.
    Der Diener berichtete ihm bei seiner Zurückkunft, dass die Fräulein von D.T.
im Begriff wäre, zu ihrer Frau Muhme, der Frau von B., nach Hh. zu fahren. Weil
nun Elbenstein wusste, dass die Strasse dahin vor seinem Quartiere vorbeiginge, als
setzte er sich mit seinem Essen an das aufgemachte Fenster, da denn kurze Zeit
darauf die Fräulein von D.T. gefahren kam, und als sie den von Elbenstein,
welcher ihr mit verstellten traurigen Gesichte die Reverenz machte, erblickte,
nahm sie das an der Brust steckende und aus weissen Lilien und Jesmin bestehende
Bouquet und schickte solches durch ihren Laquais dem von Elbenstein, nebst dem
Vermelden, dass weil sie gestern von ihm erfahren und gemerkt hätte, wie er ein
besonderer Liebhaber der Blumen, vornehmlich aber der Lilien sei, so wollte sie
ihm hiermit von dergleichen ein Présent machen, wünschte anbei so glücklich zu
sein, ihn zu Hh. zu sehen und nur eine Viertelstunde mit ihm zu sprechen.
Elbenstein liess nebst Vermeldung seines gehorsamsten Respekts der Fräulein
zurücksagen, wie er verhoffte, sie in einer halben Stunde einzuholen und seinen
gehorsamsten Dank vor das höchst angenehme Présent persönlich abzustatten.
    Unterdessen hatte er zwar keine Zeit gehabt, die versprochenen Verse zu
machen, zu allem Glück aber fielen ihm etliche bei, die er schon vor einiger
Zeit verfertiget, so aber niemand sonst bekannt waren. Er hielt davor, dass sie
sich bei der jetzigen Aventure ebenfalls wohl anbringen liessen, schrieb sie
derowegen neu ab, und lauteten dieselben also:
                                       1
Ach, warum ändert doch der Himmel meiner Liebe
Nun auf einmal den heitern Freudenschein?
Ach! welche Wolke macht ihn jetzt so plötzlich trübe?
Was muss doch wohl hieran die Ursach sein?
Ich bin mir nichts Verdammliches bewusst,
Kein Falschheitsgift beflecket meine Brust.
                                       2
Mein Schiffgen ladet ja sonst keine andern Waren,
Als die mir selbst die Liebe hat erlaubt.
Von mir soll nimmermehr ein Sterblicher erfahren,
Dass Geilheits Mumien ich je geraubt;
Gleichwohl straft mich die Liebe solchen gleich,
Die ihren Fuss gesetzt ins Lasterreich.
                                       3
So musst du denn nunmehr, mein armes Herze, stranden
Auf Klippen, die ein kalter Sinn gemacht.
Kein Hoffnungsanker ist vor dieses Mal vorhanden,
Ein Liebessturm hat dich in Not gebracht,
Ist's nicht zu scharf? der Venus strenge Wut
Benimmt mir jetzt Trost, Freude, Lust und Mut.
                                       4
Nun denn mein Geist! bleib nur auf deinen Trauerklippen,
Da deine Lust im wilden Meere schwimmt,
Bis deine Göttin dich mit tröstungsvollen Lippen
Besänftigt und in ihren Schoss aufnimmt,
Denn klage ihr bei wiederholtem Kuss,
Wie Redlichkeit unschuldig leiden muss.
Inzwischen nun, da die Pferde fertig gemacht wurden, kleidete er sich propre an,
sobald er aber vor die Stadt kam und der Fräulein Wagen annoch erblickte, folgte
er demselben in vollen Galopp, welchen er endlich nach Verlauf einer halben
Stunde einholete, weil die Fräulein dem Kutscher unter dem Vorwande, dass sie ein
wenig schlafen wollte, langsam zu fahren befohlen hatte. Der Laquais, welcher
Elbensteinen gleich erkannte, meldete solches der Fräulein alsobald an, worüber
sie in ihrem Herzen eine ungemeine Freude empfand. Als nun Elbenstein nach
abgelegten Kompliment derselben die Verse zum Wagen hineingereicht und sie
solche gelesen hatte, ersuchte sie ihn, dass er belieben möchte, ihr bis nach Hh.
das Geleite zu geben, auch, um die Zeit mit angenehmen Gesprächen zu vertreiben,
sich zu ihr in den Wagen zu setzen. Dieser liess sich nicht zweimal nötigen,
sondern stieg vom Pferde ab, gab solches seinem Diener an die Hand und setzte
sich zur Fräulein in den Wagen, deren erste Worte waren: »Ihre Verse, mein
wertester Herr von Elbenstein, haben völlige Approbation bei mir gefunden; davor
sollen Sie auch die Erlaubnis haben, auf die in Ihrer Ode beschriebene Art mir
Ihre Not zu klagen«, mit welchen Worten sie ihren Arm ganz entzückt um ihn herum
schlug und ihren Kopf an seine Brust legte.
    Die darauf erfolgte verliebte Tändeleien, so sie miteinander vornahmen, sind
unnötig zu beschreiben, sondern man will nur melden, dass Elbenstein der Fräulein
versprechen müssen, diesen Abend noch von H. zurückzukehren und die Nacht über
bei ihrer Frau Muhme und Herrn Vetter zu verbleiben, welches er ihr unter vielen
Tenderküssen versprach, auch um desto eher wieder aufbrechen zu können, vor Hh.
sich wieder zu Pferde setzte und den nächsten Weg nach H. nahm, allwo die dasige
Herzogin an seine Prinzipalin wieder zurückschrieb und selbige ersuchte, ihr
ohnmassgeblich übermorgen auf dem halben Wege zu T. die Ehre ihres höchst
angenehmen Zuspruchs zu gönnen und ihre Reise also zu veranstalten, dass sie im
Mittage daselbst eintreffen könnte. Ebendieses sagte sie Elbensteinen auch,
mahnete ihn zugleich an, dass er den Aufbruch von M. also ordinieren möchte,
damit sie mittags in gemeldten Orte sein könnten, welches denn leichtlich
möglich zu machen, indem beide Örter nur drei Stunden voneinander lagen. Indem
nun Elbenstein solchergestalt seine Abfertigung erhalten, auch seine Pferde
unter der Zeit wohl gefüttert waren, und ihm von den Herren Kavalieren etliche
Gläser Wein waren zugetrunken worden, weiln er allen andern Traktamenten
depreziert hatte, nahm er seine Rückreise wieder nach Hh., schickte aber aus
einem eine Stunde von Hh. gelegenen Dorfe einen sichern Expressen mit der
Herzogin von H. Schreiben an seine Prinzipalin nach M. und berichtete anbei, dass
ihm eine plötzliche Unpässlichkeit unterweges zugestossen, welches Ursach wäre,
dass er das von der Herzogin zu H. Hochfürstl. Durchl. ihm anvertraute Schreiben
nicht selbst gehorsamst überreichen können, sondern unterwegs bleiben müssen;
jedoch weil es nur ein Anstoss von der Colica, hoffe er morgen mittags in M. zu
sein und seine untertänigste Relation mündlich abzustatten. Hiermit befahl er
dem Boten, soviel als möglich zu eilen, damit die Herzogin die Briefe noch zu
lesen bekäme, ehe sie zur Ruhe ginge, er aber eilete, sobald der Bote fort war,
ebenfalls so schnell als möglich nach Hh. zu, allwo er mit Untergang der Sonnen
anlangete und sowohl von dem Herrn B. als dessen Gemahlin sehr höflich empfangen
ward.
    Weiln nun der Obristlieutnant von R. und seine Gemahlin, ingleichen zwei
Fräul. von R. und zwei junge Kavaliers des Geschlechts von K. bereits daselbst
eingesprochen, so hatte Elbenstein mittlerweile, da diese Gäste in dem
daranliegenden Garten die Abendmahlzeit bei der angenehmen Abendluft in einer
wohlangelegten Grotte einnehmen wollten, Gelegenheit, die schöne Fräul. von
D.T., wiewohl auf eine sehr kurze Zeit, in ihrem Gemache zu sprechen, da sie
denn viele Küsse wechselten, worbei das Fräulein immer die zwei letztern Zeilen
aus seiner von ihm empfangenen Ode wiederholete: Da klage ihr bei wiederholten
Kuss, wie Redlichkeit unschuldig leiden muss. Da aber der Wohlstand erforderte,
sich zur Gesellschaft zu begeben, nahmen sie ihren Weg durch eine Scheune, aus
welcher man sogleich in den Garten kommen konnte, und verfügten sich in eine
Mooshütte, welche der Grotte, worinnen gespeiset werden sollte, gerade gegenüber
lag, fingen hieselbst ihre Löffelei von neuen wieder an, dabei sogar auch die
Hände nicht müssig waren, ja die Vertraulichkeit wurde endlich so gross, dass, ob
es gleich die Tugend und Ehrbarkeit verbote, die von des veränderlichen
Elbensteins Schmeicheleien und Karessen gleichsam bezauberte Fräulein ihm
dennoch eine nächtliche Visite in ihrem Zimmer zu verstatten, mitin die Türe
nicht zuzuschliessen, sondern nur anzulehnen versprach. Wie er nun als ein
fürstl. Bedienter ein propres Zimmer, welches sehr nahe an der Fräul. von D.T.
ihrem angelegen, einbekommen hatte, so machten sie sich die süsse Hoffnung, dass
die nächtliche Zusammenkunft ganz fein angehen könnte und würde.
    Nachdem dieses alles verabredet, gingen sie zur andern Compagnie und setzten
sich bald hernach unter selbiger zur Tafel, sobald selbige abgehoben, wendete
Elbenstein wegen getaner Reise grosse Müdigkeit vor, nahm derowegen von der
Compagnie unter dem Vorwande, dass er morgen mit dem allerfrühesten aufbrechen
müsste, sogleich Abschied und begab sich in das ihm angewiesene Zimmer. Die
andern Gäste blieben noch bis Mitternacht in der Grotte, spieleten und trunken
von dem delikaten Weine, welchen der Herr von B. selber im Überflusse im
Keller hatte; die Fräul. von D.T. aber machte sich unter dem Vorwande, dass ihr
die heutige Sonnenhitze starke Kopfschmerzen zugezogen, auch bald aus dem
Staube. Sobald nun Elbenstein merkte, dass im ganzen Hause alles ruhig und stille
war, schlich er sich ganz leise in der Fräulein Zimmer, was sie aber daselbst
miteinander ferner verabredet, ist nicht eigentlich zu melden, man hat auch
nicht gehöret, dass sich auf seiten der Fräul. etwas geäussert, so einen
unglückseligen Verräter dieser nächtlichen Visite abgegeben hätte oder ihr
sonsten einigen Verdruss zuziehen mögen, ausser diesen, dass die Elbensteinen
verstattete Freiheit ihm nachmals einen solchen Ekel vor dieses sonst recht
liebenswürdigen Fräuleins Person verursachte, dass er nach der Zeit auf alle nur
ersinnliche Art und Weise jederzeit die Gelegenheit vermieden, mit ihr zu
konversieren, worüber das gute Kind unter ernstlicher und unaufhörlicher
Bereuung ihrer Leichtsinnigkeit unzähliche Tränen vergossen, welches er aber,
als ein rechter Wetterhahn im Lieben, sich wenig oder gar nicht zu Herzen gehen
liesse, hergegen leichtsinniger- und irraisonnablerweise sich über ihre Einfalt
mokierte, nunmehro aber neugierig war, sein Liebsglück und Verhängnis bei der
Fräul. von R. zu erfahren. Dannenhero er, als er in Hh. ziemlich früh von dem
Herrn von B., weil die andern alle noch schliefen, ordentlichen Abschied
genommen und sich vor alle erwiesene Höflichkeit und Güte hofmässig bedankt, sich
zu Pferde setzte und zu rechter Zeit in M. anlangete.
    Er stattete noch vor der Tafel seinen mündlichen untertänigsten Bericht bei
seiner Herzogin ab, und dieselbe gab in besonders gnädigen Terminis zu
vernehmen, wie sie in allen Stücken mit seiner Aufführung sehr wohl zufrieden
wäre. Allein Elbenstein war ein Schalk, denn da er heraus ins Vorgemach kam und
wohl wusste, dass die beiden Kammerfräuleins von K. und Z. bald durchpassieren
müssten, setzte er sich auf einen am Fenster stehenden Lehnestuhl, legte den Kopf
rückwärts und stellete sich, als ob ihm eine Ohnmacht oder Steckfluss befiele,
spielete auch diesen Streich dergestalt witzig, dass es der allerklügste Medicus
hätte glauben müssen. Die beiden Fräuleins trafen ihn also in diesem Zustande
an, fragten, was ihm fehlete, da er aber die Augen im Kopfe verdrehete und ein
Zeichen gab, dass er nicht antworten könnte, lief die Fräul. von Z. sogleich zur
Herzogin ins Zimmer, um aus dero Apotekgen, welches jederzeit in Bereitschaft
stunde, einen herzstärkenden Spiritum zu langen; da ihm inzwischen die Fräulein
von R. ein mit Schlagbalsam angefülltes Büchselein vor die Nase hielt, seine
Schläfe und Pulse an den Armen mit diesem Balsam salbete und ihm zu allem
Überfluss drei derbe Küsse auf den Mund versetzte. Diese letztere kräftige
Medizin würkte so viel, dass der chicanierende Elbenstein plötzlich die Augen
aufschlug, der Fräul. von R. sanfte die Hand druckte und mit schwacher Stimme
sagte: »Ach mein Engel!« Ihre gleichfalls ganz leise Antwort war: »Ach mein
wertester Elbenstein!«
    Indem brachte die Fräul. von Z. den Spiritum, von welchen die Fräulein von
R. etwas auf ein in ihr Schnupftuch gemachtes Knötgen goss, auch seine Stirne,
Schläfe und Hände damit bestrich, jedoch es schien dennoch, als ob die
Lebensgeister nicht so bald zurückkehren wollten; demnach bezeugte die durchl.
Herzogin in eigener hoher Person das gnädige Mitleiden gegen ihm, dass sie selbst
aus ihrem Gemach heraustrat und ihm eine Schale voll Arzenei brachte, welche er
austrinken musste. Er fand sich oder stellete sich vielmehr hierdurch auf einmal
erquickt, dankte in schuldigster Devotion vor die gnädigste Vorsorge, welche
Ihro Durchl. vor dero untertänigsten Knecht gehabt; worauf die Herzogin befahl,
dass er in ein bequemes Zimmer gebracht und aufs beste verpflegt werden sollte,
trug auch den beiden Fräuleins auf, fleissige Nachfrage nach ihm tun zu lassen.
Der verstellete Patient liess sich des andern Morgens vernehmen, wie er sich
völlig restituiert befände, allein die Herzogin liess ihm sagen, wo er vermerkte,
dass sein Malheur noch nicht völlig vorbei, könne er immer zu Hause bleiben und
seine völlige Gesundheit abwarten; daferne er aber ja im Stande, in ihrer Suite
mit nach H. zu gehen, solle er bis vor die Stadt mit in der Fräulein Kutsche
fahren, um seine Gesundheit desto besser zu menagieren. Elbenstein liess sich
nochmals untertänigst, und zwar durch das Fräul. von R., vor die ihm erzeigte
besondere Gnade bedanken und um Erlaubnis bitten, dass er sich in sein Logis
begeben dürfte, um sich reisefertig zu machen, weil er sicherlich glaubte, dass
sich sein ganzes Malheur durch die empfangenen köstlichen Medicamenta gänzlich
verloren hätte.
    Da aber sein Bedienter und der Fräulein Aufwärterin sich aus dem Zimmer
begeben hatten, stattete er der schönen Fräul. von R. die verbindlichste
Danksagung vor ihre gehabte Mühe und Vorsorge ab und beteuerte dabei, dass eines
solchen englischen Fräuleins gütiges Mitleiden und persönl. geleistete Hülfe ihn
am meisten gestärkt und das Leben erhalten hätte. »Ach! mein wertester
Elbenstein«, antwortete das Fräulein, »könnten Sie nur in mein Herze sehen, so
würden Sie von meiner gegen Sie hegenden aufrichtigen und unverfälschten Neigung
die vollkommenste Versicherung finden.« Nach diesen Worten nahete er sich ihr in
einer Ecke des Erkers, und als er sie auf die verliebteste Art etlichemal
geküsset, welches die Fräulein aus gütiger Erkenntlichkeit auf gleiche Art
wieder vergalt; ja sie liessen ihren Affekten nach in etwas weiter den Zügel
schiessen, bis sie endlich von den ankommenden Bedienten in der Hauptsache
gestöret wurden, worbei keine Partei sagen konnte, dass sie etwas gewonnen oder
verloren hätte.
    Etwa eine Stunde hernach, als das Fräulein von ihm Abschied genommen hatte,
kam ein herzogl. Kutscher und meldete, wie der Wagen bereits angespannet wäre,
um den Herrn von Elbenstein in sein Logis zu führen. Er hielt sich demnach nicht
lange mehr auf, sondern fuhr fort. Sobald er aber in seinem Logis angelanget war
und seine Wirtin die ihm auf dem Schloss zugestossene Unpässlichkeit erfuhr,
schickte sie ihre älteste Tochter hinauf zu ihm in sein Zimmer, allwo ihm
dieselbe im Schlafrocke auf dem Bette liegend antraf. Sie bezeugte sowohl im
Namen ihrer Mutter als vor sich selbst ein herzliches Mitleiden wegen des ihm
zugestossenen Unfalls, und zwar auf eine so bewegliche Art und in obliganten
Terminis, dass Elbenstein gleich urteilen konnte, wie von seiten der Mutter eine
mitleidige Vorsorge, von seiten der Tochter aber die Liebe an dieser Besuchung
teilhabe.
    Weil nun Elbenstein vorwitzig war und probieren wollte, wie weit er es bei
diesem wohlgewachsenen, mit ein paar schönen schwarzen Augen, küssenswerten
Lippen und rot mit weiss vermischten angenehmen Antlitze von der gütigen Natur
begabten Frauenzimmer bringen könne, so ersuchte er sie, nach vorher
abgestatteter Danksagung vor die gütige Vorsorge, sich bei seinem Bette ein
wenig niederzulassen, bis sein Diener das Essen vom Schloss gebracht hätte. Sie
gehorsamete ganz willig und bat, nur zu befehlen, worinnen sie ihm dienen könne.
Elbenstein druckte ihr die Hand und sagte zugleich, dass ein solches charmantes
Frauenzimmer, wie sie wäre, das meiste zu seiner Genesung kontribuieren könne,
dahero er jetzo erfahren wollte, ob sie gütig oder hart mit ihm zu verfahren
gewillet sei, unter welchen Worten er sie zärtlich umarmete und auf den weichen
Rosen ihrer Lippen etliche Küsse anbrachte. Sie sah ihn mit gleichsam
schmachtenden Blicken an, und unter einem oft wiederholten Ach! vergönnete sie
ihm nicht allein viele Liebesfreiheiten, sondern forderte ihn endlich durch
etliche hitzige Küsse, so ihre zarten Lippen mit der schönsten und einer recht
bezauberenden Geschicklichkeit anzubringen wussten, zu noch etwas Ernstaftern
heraus, und Elbenstein, welcher nicht gewohnt war, zu dergleichen verliebten
Bravaden lange stille zu sitzen, machte sich schon fertig, als die zur Treppe
herauf kommende Mutter, welcher ein schwindsüchtiger Husten anstatt des Furiers
vorlief, alles verstörete und dieses vorseiende Duell unterbrach, man konnte
aber aus denen erröteten Wangen, funkelenden Augen und in Unordnung gebrachten
Haaren sattsam urteilen, dass die Keuschheit bei beiden in grösster Gefahr gewesen
wäre. Weil aber die gute Mutter erstlich haussen vor der Stube auf dem Saale
etwas verschnauben und recht aushusten wollte, gewann sowohl die schöne Gratiana
als auch Elbenstein Zeit und Raum, sich zu rekolligieren und alles wieder in
ziemliche Ordnung zu bringen.
    Gratiana nahm ein leeres Glas in die Hand, ging heraus auf den Saal, eilete
aber nach der etwas dunkeln Treppe zu und fragte die mit dem trockenen Husten
sich noch katzbalgende Mutter, wo der Kellerschlüssel wäre, indem der gnädige
Herr einen Trunk von ihrem Hausbiere verlangete, und da sie solches erfahren,
eilete sie vollends die Treppe hinunter in den kühlen Keller, allwo sie die
verdächtige übrige Röte vollends verlor. Elbenstein war über diese mit der
artigen Gratiana so geschwind gemachte Liebeskundschaft dergestalt vergnügt, dass
er die folgende Arie verfertigte:
                                       1
Unvergleichlich schönes Wunder!
Harter Herzen Liebeszunder!
Deiner Anmut Glanz und Schein
Macht die Liebe selbst verliebet;
Der ist härter als ein Stein,
Der sich dir nicht ganz ergibet.
                                       2
Meine Freiheit ging verloren
In dem Kampf mit zweien Mohren.
Seh ich deine Augen an,
So hab ich schon die gefunden,
Die mir Fesseln angetan
Und mich völlig überwunden.
                                       3
Doch ich will gefangen leben
Und der Freiheit mich begeben;
Meine Ketten sind so schön,
Dass sie allen Freiheitsschätzen
Nicht nur an der Seite stehn,
Sondern mich weit mehr ergötzen.
Als nun endlich aber Gratiana mit dem Biere heraufkam und ihr langes
Aussenbleiben damit entschuldigte, dass sie erstlich nicht sogleich den
Kellerschlüssel finden und vors andere auch kein Licht bekommen können, indem
die Magd die Küche zugeschlossen und den Schlüssel zu sich gesteckt hätte, als
sie von der andern Schwester verschickt worden, ging die alte Mutter zugleich
mit in die Stube, und weil der Diener zu gleicher Zeit das Essen vom Schloss
brachte, nahm sich Gratiana die Mühe selbst, solches zu wärmen und aufzutragen.
Elbenstein ersuchte Mutter und Tochter mit zu speisen, welches sie endlich nach
einigen Weigern eingingen, unterdessen liess er bei dem Italiäner etliche
Bouteillen Frontignac langen, welcher bei seinen Gästen den gewünschten Effekt
tat, denn die Mutter, welche nur ein einziges Gläsgen zuviel getrunken hatte,
hielt vors ratsamste, sich in die Unterstube zu begeben, um ein wenig zu ruhen.
Gratiana hingegen, weil sie vollends vom Weine erhitzt war, erlaubte
Elbensteinen alle Freiheiten, deren er sich bei ihr gebrauchte; jedoch dieser
ging sehr behutsam, und zwar aus Furcht, damit er nicht etwa von einem kleinen
Zeugen ihrer Liebespossen dereinsten überführt werden möchte.
    Tages darauf reisete die Herzogin nach T., da unterwegs Elbenstein, weil die
Fräulein von Z. sich zur Herzogin in die Kutsche setzen müssen, mit der
angenehmen Fräulein von R. vertraulich zu sprechen und sich in Küssen zu
ergötzen die schönste Gelegenheit hatte. Mit solchen Beschäftigungen ward die
Zeit auf beiden Seiten höchst vergnügt zugebracht, welches Vergnügen bei
Erblickung der Stadt T. zwar auf kurze Zeit unterbrochen wurde; doch hatten sie
den Trost und Hoffnung, bald wiederum Gelegenheit zu finden, ihr Liebesspiel
ungehindert fortzusetzen, weswegen sie beiderseits ein munteres und lustiges
Wesen an sich nahmen, mitin ausser dem Verdachte blieben, dass sie genauer
miteinander bekannt wären.
    Bei solchen wollüstigen Ausschweifungen gedachte Elbenstein wenig oder gar
nicht an seine getreue und von der Sehnsucht gequälte Fräul. von L., traf also
das Sprichwort: Aus den Augen, aus dem Sinne, bei ihm am ersten und besten ein.
    Allein nunmehro konnte die Gerechtigkeit des Himmels dieses unbeständigen
Wetterhahns strafbare Untreue und Unbeständigkeit nicht länger ungestraft
lassen, dahero schickte sie ihm ein und andere Unglücksfälle zu, worunter auch
dieser mit begriffen war: dass ihm sein bestes Pferd, so 150 Reichstaler
gekostet, jählings umfiel. Dieser und andere dergleichen Unglücksfälle waren
sozusagen nur die Vorläufer weit grösserer und härterer Züchtigungen, die ihm
sein Gewissen als wohlverdiente Strafen nunmehro zu erkennen gab. Die tägliche
Konversation aber mit der charmanten Gratiana und die tendren Karessen, so er
täglich von der liebenswürdigen Fräulein von R. genoss, benebelten gleichsam
seinen Verstand und gesunde Vernunft, so dass er seine Buhlschaftssünden und
Verbrechen nicht eher bereuete und erkannte, bis die Unglückswetter ihn
sozusagen auf allen Seiten bestürmeten. Denn als die Fräulein von R. sich
endlich überzeugt sah, dass ihre auf eine ehrliche Verbindung abzielende Liebe
und Treue bloss mit einer schnöden Löffelei belohnet werden sollte und sie nur
immer von einer Zeit zur andern bei der Nase herumgeführet wurde, auch Wind
bekam, dass Elbenstein mit Gratianen, als seiner Wirtin Tochter, ebenso vertraut,
ja wohl noch vertrauter und verliebter als mit ihr umginge, liess sie sich das
darüber empfundene Betrübnis und Kummer dergestalt einnehmen, dass jedermann und
sonderlich die Herzogin ihre Gemütskrankheit gar leicht wahrnehmen und erkennen
konnte. Weiln nun die Herzogin dieses artige Fräulein wegen ihrer besondern
Qualitäten und trefflichen Verstandes sonderlich wertielt, als melierte sie
sich, nachdem sie das zwischen der Fräul. von R. und Elbensteinen angesponnene
Liebeskommerzium in Erfahrung gebracht, selber in diese Affäre und bemühete
sich, diese beiden Personen durch das Band der Ehe zu vereinigen, dahero sie
eines Tages, als sie sich auf ihrem Leibgedinge zu W. im Garten divertierte,
Elbensteinen in besonders gnädigen Terminis zu verstehen gab, wie es ihr nicht
missfällig sein würde, wenn er sich mit ihrer Kammerfräul. der von R. in ein
ehrliches Verbindnis einliesse, indem sie angemerkt, dass beide einander wohl
leiden möchten; worbei sich die durchl. Herzogin ferner erklärete, alles, was zu
beiderseits Vergnügen und Wohlsein gereichen könnte, gnädig beizutragen, und
wollte sie ihm hiermit nebst der Amtshauptmannsstelle zu S. auch die
Oberhofmeister-Charge versprochen haben, weil ihr bisheriger Oberhofmeister bei
ihrem Herrn Vater Kammerpräsident werden sollte. Sie, die noch jetzige Fräul.
von R., sollte bei ihren Prinzessinnen Hofmeisterin sein und beiderseits ihre
Wohnung auf dem Schloss haben.
    Elbenstein wurde nicht wenig über den freien An-und Vortrag der Fürstin
bestürzt, und weil die seiner getreuen L. geschworne Treue, welche bishero eine
Zeitlang durch eine tadelhafte und strafwürdige Liebe ins Exilium vertrieben
gewesen, bei dieser Begebenheit plötzlich zurückkam, so konnte er seiner
(ausgenommen in Liebeshändeln) beiwohnenden Redlich-und Aufrichtigkeit nach
nicht anders, als der Herzogin offenherzig und aufrichtig bekennen, wie dass er
schon seit zweien Jahren her sein Herz und Treue der Baronne von L. verpflichtet
hätte, dannenhero er herzlich bedauerte, dass er dieses sonderbaren Glücks und
hoher Gnade nicht fähig sein könnte. Hierbei dankte er Ihro Hochfürstl. Durchl.
vor die gnädige Vorsorge ganz untertänigst, bat anbei, dieses sein freies
Bekenntnis nicht in Ungnaden zu vermerken, sondern fernerweit seine gnädige
Herzogin zu verbleiben.
    Die Herzogin wurde durch Elbensteins Antwort, welche ihr so unvermutet kam,
ungemein verbittert, sie sah ihn mit einem ernstaften Blicke an und sagte: »So
sollte man auch ehrlicher Leute Kinder nicht so leichtfertigerweise mit
allerhand Schmeicheleien bei der Nase herumführen und ihnen vergebliche Hoffnung
machen.« Hiermit wendete sich die Herzogin von ihm hinweg, ging in ein
Gartenhaus, worinnen sich die Fräul. von R. befand, und schloss die Tür hinter
sich zu. Bei so gestalten Sachen merkte Elbenstein gar leicht, dass sich sein
Glücksrad bald verdrehen und sein Wohlstand sich zu Grunde neigen würde. Da es
nun heisset:
Nulla calamitas sola,
Kein Unglück kömmt allein,
Es will begleitet sein,
also erfolgte den andern Tag darauf eine neue Widerwärtigkeit. Es hatte nehmlich
der Fräul. von R. älteste Schwester sich mit dem Forstmeister B. ehrlich
versprochen. Dieser nahm teil an der Beschimpfung, so Elbenstein der Schwester
seiner Liebsten erwiesen, suchte derowegen auf alle Art und Weise Gelegenheit,
sich an ihm zu reiben. Er fand dieselbe endlich und schalt Elbensteinen in
Gegenwart des Erbprinzens und der andern Kavaliers vor einen nichtswürdigen
Kerl, welcher Affront Elbensteinen dermassen aus aller Contenance brachte, dass er
des Respekts gegen Ihro Durchl. vergass und in dero Zimmer dem von B. eine solche
derbe Maulschelle gab, dass er sich um und um drehete. Da nun solchergestalt alle
beide sich gewaltig vergangen und zugleich den Burgfrieden violiert hatten, so
wurde einem jeden in seinem Quartiere eine Soldatenwacht gesetzt.
    Elbenstein vertrieb seine Zeit mit Büchern und der Poesie, unter andern
machte er damals folgende
                                     Aria:
                                       1
Ach schmerzliches Lieben und flüchtiges Glücke!
Ihr seid es, die mich jetzt so kirre gemacht.
Im Anfang gabt ihr mir sehr liebliche Blicke,
Nun werd ich von beiden so schnöde veracht.
Ach! Liebe und Glücke, wie steckt ihr voll Tücke?
Ihr habt mich, ach leider! zu Falle gebracht.
                                       2
Ach Stunden! wo seid ihr? ja leider! verschwunden,
Allwo ich in einem recht englischen Schoss
Sehr öfters so süsses Entzücken gefunden,
Indem mich der Himmel der Wollust umschloss,
Da mich der Cupido so lange gebunden,
Bis dass mir vor Anmut die Seele entfloss.
                                       3
Was ganz vor unmöglich sonst wurde betrachtet,
Das ward mir durch Hülfe der Liebe ganz leicht,
Worüber ein Herkules wäre verschmachtet,
Das hab ich durch Hülfe des Glückes erreicht.
Ach! aber nun werd ich von beiden verachtet;
Drum schaut doch! wie Liebe und Glücke betreugt.
Mittlerweile wurden sowohl Elbenstein als B. jeder von seiner Charge auf sechs
Wochen suspendiert. Weil aber B. gleich acht Tage darauf wieder nach Hofe kommen
und seine Funktion verrichten durfte, Elbensteinen hingegen dergleichen nicht
widerfuhr, so entschloss er sich, nachdem er erstlich mit dem von B. als seinem
Kontrapart seine Sache durch ein ordentliches Duell auf der W.-Grenze
ausgemacht, seine Dimission an selbigem Hofe zu fordern, indem er deutlich
spüren konnte, dass sich die durchl. Herzogin ganz kaltsinnig und ernstaft, kurz
zu sagen, ungnädig gegen ihn erzeigte. Es kam ihn bei so gestalten Sachen die
Lust an, mit obgedachten durchl. Erbprinzen, bei welchem er wegen des vor seine
hohe Person nicht beobachteten Respekts untertänigst depreziert und Pardon
erhalten hatte, mit in die Kampagne nach Brabant zu gehen.
    Die ohne einzige Diffikultät darzu erhaltene Einwilligung gab ihm sattsam zu
verstehen, dass man ihn gerne los sein wollte, worüber er sich aber als ein
Fladdergeist wenigen Kummer machte, indem er einen wohlgespickten Beutel und
standesmässige Equipage hatte, über dieses wusste, dass er sich von dem variablen
Gemüte dieser Fürstin niemals weder beständige Gnade noch Dienste versprechen
könnte, da dieselbe mit ihren Bedienten gar zu öfters zu changieren gewohnt war
und diejenigen, denen sie wenig Stunden vorher alle Gnadenzeichen erkennen
lassen, wegen Klatscherei einer geringen Waschmagd oder einer verlogenen
Kammerfrau und anderer dergleichen Postenträger und Beiläufer sogleich auf den
Platz mit dem Abschiede zu regalieren pflegte.
    Ein französischer Refugié, welcher an diesem Hofe in Diensten stund, schrieb
dieses Sentiment an einen seiner guten Freunde in französischer Sprache, welches
man aber nur ins Deutsche vertiert anhero setzen will:
    Übrigens lebt man allhier in kontinuierlicher Unruhe, und wie die Sonne
selber ihre Gebrechen und Flecken hat, also mögen hohe Personen eben nicht
gerühmet werden, als wenn sie eine unvergleichliche Vollkommenheit besässen. Man
gibt der Canaille gar zuviel Gehör und glaubt einer klatschhaften Kammerfrau
oder andern lüderlichen Dirne alles, was sie sagen, welche doch nicht wert sind,
von so hohen Standespersonen angesehen zu werden. Bisweilen ist man gar zu
leichtgläubig und bisweilen gar zu argwöhnisch. Man liebt die Neuerung und
vergisset leichtlich der guten und getreuen Dienste. Der Geistlichkeit lässt man,
ich weiss nicht aus was vor Ursachen, gar zu sehr den Zügel schiessen, welches ein
erschreckliches Unheil verursachet. Schlüsslich will man vor sehr gerecht
gehalten und ästimiert sein, ohne denen, die es bedürfen, Recht widerfahren zu
lassen etc.
    Demnach reisete Elbenstein ganz getrost und vergnügt von diesem Hofe ab,
indem er ein solches Humeur hatte, das sich bald fassen konnte, er liess sich
auch der Fräul. von R. Tränen und kläglich Tun um soviel weniger zu Herzen
gehen, je mehr sie an der von der Herzogin auf ihn geworfenen Ungnade teilhatte,
und zwar durch ihre unbedachtsame Offenherzigkeit und unzeitiges Verlangen,
Elbensteinen in das Garn des Ehestandes zu ziehen. Die angenehme Gratiana aber
verliess er nicht ohne Wehmut und schrieb derselben zu guter Letzt unter tausend
Küssen in ihr Liederbuch folgende
                                     Aria:
                                       1
Vergiss mein nicht! mein holdes Tausendschön,
Dies will ich dir zum Angedenken schenken.
Mein Schicksal heisst mich ferne von dir gehn,
Es ist umsonst, den strengen Schluss zu lenken,
Es muss so sein, drum bitt ich dich, mein Licht,
Vergiss mein nicht.
                                       2
Vergiss mein nicht! mein Tausendschön, mein Licht!
Vergiss mein nicht! Magneten ziehn das Eisen.
Vergiss mein nicht! Ach ja! Vergiss mein nicht,
Vergiss mein nicht! muss ich gleich von dir reisen;
Vergiss mein nicht, mein Tausendschön, mein Licht!
Vergiss mein nicht.
Die artige Gratiana war in ihrer Liebe so bescheiden, klug und heimlich gewesen
und hatte diejenigen freien Handlungen, so zwischen ihr und Elbenstein bei
Nachte vorgegangen, dergestalt geschicklich verborgen, dass zwar jedermann ihrer
Schönheit wegen glauben konnte, dass dieser Kavalier ein Auge auf sie hätte,
durch ihre Modestie aber von allen wollüstigen Ansinnen zurückgehalten wurde,
derowegen bliebe sie bei den allermeisten Leuten in besondern Kredite, als ob
sie zwar höflich und freundlich mit Mannespersonen umgehen könnte, darbei aber
ihre Ehre zu konservieren wüsste. Allein, wie der äusserliche Schein gemeiniglich
zu betrügen pflegt, so war es auch hier mit der Gratiana beschaffen. Unterdessen
setzte ihr Elbenstein noch folgende Reimzeilen zum Angedenken auf:
                                       1
Mein Schicksal, dem ich nicht kann widerstreben,
Heisst mich im Lieben heimlich sein,
Drum geb ich mich geduldig drein,
Gewohnheit lehrt auch Sklaven ruhig leben.
Mein Engel weiss, ob gleich der Mund nicht ächzet,
Dass bloss nach ihm mein brennend Herze lechzet.
                                       2
Verhöhl' ich gleich die rosensüsse Lüste,
Die deine Anmut auf mich streut,
Mit strenger Eingezogenheit,
Und tu ich, als ob ich von dir nichts wüsste,
So muss mein Mund jedoch ganz heimlich sagen:
Wer also liebt, ist würklich zu beklagen.
Der durchl. Prinz nebst dero bei sich habenden Suite, nachdem sie ihren Weg über
Rotenburg an der Fulda, Hilgershausen, Gutensberg, Fritzlar, Wildungen,
Frankenberg, Hatzfeld, Badenbruck, Hilgebach, Ehrensdorf, Römershagen, Ruhmburg,
Cranecht, Köln, Bergen, Jülich, Ma[a]strich[t] und Löwen genommen, gelangete den
10. Jul. gesund und glücklich in Brüssel an und begaben sich, nachdem sie vier
Tage daselbst ausgeruhet, in das nicht weit davon befindliche Campement der
holländischen und anderer Auxiliairtruppen.
    Eines Tages, als Elbenstein alleine in seinem Zelte war und über seine
seitero gehabten wunderlichen Zufälle und Fatalitäten allerhand Grillen gemacht
hatte, zeichnete er endlich diese Verse in seine Schreibtafel:
                                       1
Wenn langt einmal aus denen Unglückswellen
Mein Herz am Port der Freuden an?
Wenn kommt es denn nach vielen Trauerfällen
Ganz sorgenfrei auf die Vergnügungsbahn?
Das Glücke hat mit mir den Ball gespielet,
So dass mein Herz noch dessen Schläge fühlet.
                                       2
Ich walle rum in der verhassten Ferne,
Unglück hat mich zum Pilgerim gemacht.
Ich sehe nicht die Sonne, Mond und Sterne,
Drum seufzt mein Mund, der sonsten nur gelacht.
Mein Zeitvertreib ist bloss ein stilles Klagen,
Mein Körper ist ein Träger aller Plagen.
                                       3
Ich schreibe zwar auf meinen magern Wangen
Mit Tränenflut mein Leiden täglich auf;
Und ist schon oft ein schöner Tag vergangen,
So endet sich doch nicht mein Unglückslauf.
Tag, Zeit und Jahr muss zwar sein Ende finden,
Mein Trauren will jedennoch nicht verschwinden.
                                       4
Jedoch ich will nichts mehr von Trauren sagen,
Mein Wort erstirbt. Ach stürb ich selber mit!
So dürft ich hier nicht ferner ängstlich klagen,
Ich täte gern ins Grab den letzten Schritt,
So stillte sich mein jammervolles Girren,
Ich dürfte nicht in finstern Wäldern irren.
Es ist wahr, Elbenstein befand sich um selbige Zeit sehr niedergeschlagen und
missvergnügt, indem sein Naturell nicht sonderlich zum Soldatenleben inklinierte,
allein er wurde bald anderes und lustigern Sinnes, denn eines Tages, da ein
gewisser Obrister namens S. in seinem Zelte etliche Staats- und Oberoffiziers
traktierte, Elbenstein aber eben von ferne vorbeiging, kam der Obriste S. selbst
aus seinem Zelte heraus auf ihn zugegangen und sagte: »Monsieur! ich habe mir
alleweile sagen lassen, dass ich in Ihrer Person den Herrn von Elbenstein sähe,
welcher sich eine gute Zeit in Italien und andern fürstlichen Höfen aufgehalten.
Wollen Sie mir derowegen die Gefälligkeit erweisen und um fernerer Bekanntschaft
willen meine Compagnie, so ich bei mir habe, verstärken, so wird es mir zum
besondern Plaisir gereichen.« Elbenstein, welchen diesen Obristen schon
kennenlernen, jedoch noch niemals mit ihm gesprochen hatte, machte anfänglich
verschiedene Exquisen, wessentwegen er sich nicht im Stande befände, vor dieses
Mal bei einer solchen vornehmen Compagnie zu erscheinen, allein der Obriste S.,
welches ein redlicher Deutscher war, liess mit Nötigen nicht nach, nahm ihn auch
selbst bei der Hand und führete ihn in sein Zelt. Es befanden sich noch zwei
Obristen, ein Obristlieutnant, zwei Majors drei Capitains und noch andere
Offiziers darinnen, von welchen allen, sowohl hohen als geringern, er aufs
allerhöflichste bewillkommet wurde. Die Weingläser gingen stark herum, und
hierbei war sonsten nichts aufgesetzt als eine Schale voll Biskuit. Elbenstein
zeigte sich dergestalt, dass ein jeder darvor halten konnte, wie er als ein
Kavalier zu leben wüsste, weswegen alle Anwesende einen besondern Estim vor ihn
darlegten. Nach verschiedenen Gesprächen sagte endlich der Obriste S.:
»Monsieur, unser Zeitvertreib bei müssigen Stunden allhier ist dieser, dass, wenn
wir beisammen sind, einander curieuse Geschichte erzählen. Wie ich nun nicht
zweifele, Sie werden in Italien viele dergleichen aufgemerkt haben, als will ich
nicht allein vor mich, sondern im Namen der sämtlichen Compagnie freundlich
gebeten haben, uns mit ein oder anderer Historie zu divertieren, sonderlich von
dem verliebten Frauenzimmer und von der unbändigen Jalousie der Männer,
sonderlich was sich zu Ihrer Zeit in diesen Stücken zugetragen.«
    Elbenstein, der sich auf einmal ganz aufgeweckt befand, tat gar nicht blöde,
sondern versprach, dem Herrn Obristen Gehorsam zu leisten, fing demnach an,
nicht allein seine eigene Begebenheiten (wiewohl unter verdeckten Namen),
sondern auch andere Geschichte, die zu seiner Zeit in Italien passieret waren,
zu erzählen, welche die sämtliche Compagnie mit besondern Vergnügen bis nach
Mitternacht anhörete, ja sie wären ohnfehlbar vor Tages nicht auseinander
gegangen, wenn nicht die meisten mit früher Tageszeit hätten auf dem Platze sein
müssen.
    Mittlerweile hatte sich Elbenstein hierdurch bei allen insgesamt ungemein
rekommendiert. Der Obriste K., welches ein ungemein artiger Mann war, nahm ihn
bei der Hand und sagte: »Mein Herr von Elbenstein, Sie haben mir durch Ihre
Erzählung heute viel Vergnügen verursacht, auf morgen nachmittags ohngefähr drei
Uhr will ich Sie benebst dieser ganzen löbl. Compagnie in mein Zelt auf ein Glas
Wein gebeten haben, da will ich Ihnen gewiss auch eine artige Geschicht erzählen,
die mir in neulichen Zeiten nicht beigefallen ist.« Wie nun die andern sich um
bestimmte Zeit einzustellen versprochen hatten, so versprach auch Elbenstein dem
Herrn Obristen seinen gehorsamen Reverenz zu machen; mitin nahmen alle
voneinander Abschied. Elbenstein begab sich nach seinem Zelte und schlief um ein
gut Teil ruhiger als bishero. Des andern Tages, und zwar nachmittags um drei
Uhr, kleidete er sich proprer an als gestrigen und spazierte gegen vier Uhr auf
des Obristen von K. Zelt zu. Dieser kam ihm sogleich mit der grössten
Complaisance entgegen, führete ihn hinein, da denn, obgleich nicht alle
Personen, so gestern zugegen gewesen, doch fast alle Stühle um die Tafel herum
besetzt waren.
    Nachdem die Gesundheiten herum getrunken, wurde der Obriste K. erinnert,
sein gestriges Versprechen zu halten und die artige Geschicht zu erzählen. Er
war sogleich bereit darzu und fing also an:
    »Vor wenig Jahren hatte ich einen gemeinen Reuter unter meinem Regimente,
dessen Frau sehr wohlgebildet war, so, dass sie meritiert hätte, einen Mann von
höhern Stande zu haben, denn nicht allein ihre Schönheit, sondern auch ihr
Verstand und Geschicklichkeit distinguierten sie vor allen andern, und wenn es
wahr ist, dass sie ihrem Manne allein Farbe gehalten, wie ihr denn jedermann
Zeugnis gab, so ist es gewiss von einer Soldatenfrau etwas Rares. In diese
verliebte ein gewisser Edelmann dasiges Orts namens W., welcher jedoch schon
Frau und Kinder hatte; und unter dem Vorwande, dass er ihr eine scharlachene
Chabraque zu stücken geben wollte, lockte er sie einsmals, da seine Frau
abwesend war, in sein Haus, allwo er mit Darlegung einiger Stück Dukaten sie zu
seinen Willen zu bereden sucht. Da aber weder mit guten Worten noch mit
Geschenken etwas von ihr zu erhalten, will er Gewalt brauchen. Die Frau aber ist
resolut, lauft an ein Fenster des Zimmers, welches auf die Gasse hinaus geht,
drohet um Hülfe zu schreien, ergreift auch ein Messer, ihre Ehre damit zu
defendieren. Derowegen wird der wollüstige Buhler verzagt, spricht sie zu
Frieden, reicht ihr sechs Stück Dukaten und bittet um aller Heiligen willen, dass
sie nur niemanden etwas von dieser Rencontre sagen sollte. Madine, so will ich
die Frau nennen, verspricht zwar dieses Mal zu schweigen, verlangt aber weder
das Gold noch die Chabraque, so er ihr zu stücken mitgeben will, anzunehmen,
sondern geht in grösster Rage von ihm.
    Sobald sie nach Hause kömmt, erzählet sie ihrem Manne den ganzen Handel, der
zwar ihre Treue lobet, ihre Einfalt aber wegen Verschmähung der Dukaten und des
guten Stücks Arbeit sonderlich tadelt. Madine lag mit ihrem Manne in der
Vorstadt, und zwar in einem Weinhause im Quartiere, derowegen kömmt der Herr von
W. wenige Tage darauf hinein und lasset sich eine Kanne Wein geben. Weiln auch
Madinens Mann eben nicht zu Hause ist, nimmt er Gelegenheit, mit ihr zu
sprechen, und bittet inständig, ihm doch die Gefälligkeit zu erweisen und die
Chabraque zu verfertigen, weil er wüsste, dass niemand die Arbeit besser machen
könnte als sie, erbietet sich auch, darvor zu bezahlen, was sie nur verlangen
wollte. Madine erlaubt ihm endlich, ihr die Chabraque durch seinen Diener
zuzuschicken, worauf er ihr sechs Dukaten zu Gold- und Silberfaden gibt und
darbei verspricht, ihre Arbeit à parte zu bezahlen; ferner bittet er sich aus,
dass er öfters zu ihr kommen und ihrer schönen Arbeit zusehen dürfte. Da ihm nun
Madine dieses mit verstellten liebreichen Gebärden erlaubt, wird er etwas
dreuster und fängt an, ihr seine heftige Liebesleidenschaft aufs neue zu
offenbaren. Da sie nun auch dieses ganz gelassen anhöret und sich ein wenig
freundlicher gegen ihn anstellet, fragt er, warum sie denn neulichst so
eigensinnig gegen ihn gewesen und sich seiner sogar mit dem Messer erwehren
wollen. Hierauf gibt sie zur Antwort, sie würde sich ja nimmermehr so dreuste
machen und in einem frembden Hause dergleichen Dinge vornehmen, da so leicht
seine Frau als jemand anders darzukommen können. Allein er versichert, dass sie
sich dieserwegen nichts zu befürchten habe, und bittet um eine nochmalige
Visite, weil aber Madine sich hierzu nicht verstehen will, bittet er, sie möchte
doch selbst einen Ort vorschlagen, der sich zu einem verliebten Rendezvous
schickte. Madine aber bleibt bei der Antwort, es wäre besser, man liesse solche
gefährliche Händel gar unterwegens. Mit solchem Bescheide muss er vor dasmal
zufrieden sein, jedoch weil ihre verstellten verliebten Gebärden und Karessen
ihn betrügen, geht er das erstemal mit der grössten Hoffnung, sie durch gute
Worte und Geschenke mit der Zeit noch zu gewinnen, ganz vergnügt von ihr.
    Folgende Tage, da sie die Chabraque in der Arbeit hat, ist er fast täglich
auf etliche Stunden bei ihr eingesprochen, und weiln ihr Mann dann und wann zu
Hause gewesen, macht er vermittelst einiger Kannen Wein und anderer Delikatessen
mit demselben die vertrauteste Freundschaft. Dieser Reuter, welcher ein
durchtriebener Vogel war, lasset sich dieserwegen die vorgesetzte Rache wegen
des versuchten Hörner-Aufsetzens gar nicht vergehen, wird hergegen desto
erbitterter gegen seinen Herrn Schwager Ungewiss, zumalen da ihm seine Frau des
von W. verliebte Gespräche täglich wiedererzählt und die kostbarn Geschenke
zeigt, welche sie gemeiniglich recht mit Zwange angenommen oder sich zum
wenigsten so zu stellen gewusst.
    Solchergestalt wird der von W. von einem Tage zum andern von ihr bei der
Nase herumgeführet, einmal macht sie ihm verblümterweise Hoffnung zu der
verlangten letzten Gunst, ein andermal aber stellet sie sich wieder gewissenhaft
und rappelköpfisch, dass der von W. teils vor Liebe, teils vor Verdruss hätte
bersten mögen. Die rote Chabraque wird fertig, worauf er ihr nebst raisonnabler
Bezahlung noch verschiedene andere Sachen zu stücken gibt, jedennoch will sich
das eigensinnige Weib noch nicht nach seinem Willen bequemen. Derowegen, als er
bedenkt, dass diese Sirene bereits über 100 spec. Dukaten von ihm gezogen und
vielleicht nur aus blosser Blödigkeit und Scham sich seinem Begehren widersetze,
greift er das Werk anders an, gibt Madinen ihrer Wirtin ein Stück Geld, womit er
sie zur Verschwiegenheit bringt und von ihr verlanget, dass, da sie im Kuppeln
sehr berühmt, ihn bei nächtlicher Weile in Madinens Kammer zu verhelfen, sobald
ihr Mann nebst seinem Kameraden, dem andern Reuter, auf die Wacht oder sonst
auskommandiert wäre. Madine behorcht beide, lässt sich aber gegen ihre Wirtin
ganz im geringsten nichts merken, vertrauet es hergegen ihrem Manne, welcher ihr
befiehlt, dem von W. nur aufs allerfreundlichste zu begegnen, damit er den
Possen nicht merke, inzwischen wollte er schon einen Streich ersinnen, wie er
diesen Vogel ganzbeinigt fangen könne.
    Indem es nun diesem Schalke an lustigen Einfällen nicht ermangelte, als
erfindet und bewerkstelligt er folgenden Fang: Die Kammer, worinnen er und seine
Frau liegen, ist gerade über einer andern grossen Kammer, welche über vier Ellen
hoch mit Häckerling angefüllet ist; aus seiner Kammer aber geht eine Falltüre
herunter in die unterste Kammer, von welcher der lose Vogel die Türbänder
abreisset und die Türe also befestiget, dass sie beim Aufmachen in die unterste
Kammer zurück fällt, jedoch an der Decke behangen bleibt; über diese Türe setzt
er sein Bette ohne Boden, säget auch dessen Füsse ab, dass es fein niedrig stehet,
und füllet es wohl mit kleingehackten Heu aus, hinter dem Bette macht er noch
eine Bucht, worinnen eine Person sehr genau liegen kann, dass es also scheinet,
als ob es ein einziges breites Bette wäre. Hierauf unterrichtete er seine Frau,
wie sie sich in allen Stücken zu verhalten habe, bestellet einen seiner
Kameraden, welcher ihn anstatt des Korporals pro forma, und zwar in Gegenwart
der Wirtin, auf ein drei Meilen von der Stadt gelegenes Dorf kommandieren muss,
um daselbst etliche Tage als Salva guarde stehen zu bleiben.
    Beide im Quartier liegende lose Vögel donnern, blitzen und hageln, dass sie
niemals rechte Ruh haben könnten, setzen sich aber zu Pferde und reiten fort,
jedoch nicht weiter bis in eine andere Vorstadt, da sie ihre Pferde bei guten
Kameraden einstellen, sich mit ihnen lustig machen und mit Verlangen auf die
hereinbrechende Nacht warten.
    Mittlerweile, da beide Reuter kaum vom Hause hinweg sind, läuft die alte
Kupplerin augenblicklich fort, dem Herrn von W. eine fröhliche Zeitung zu
bringen und sich ein gut Trinkgeld zu verdienen. Dieser kömmt selbigen
Nachmittag nicht zu Madinen, da es aber Abend worden, stellet er sich ein und
verlangt, folgende Nacht ihr Beischläfer zu sein. Diese will sich anfänglich
hierzu nicht verstehen, doch da der von W. sagt: Wie aber, wenn ich Sie, mein
schönes Weibgen, einmal heimlich beschleichen könnte?, gibt sie ihm nebst einer
verliebten Miene einen sanften Backenstreich und bittet, er möchte sie doch
verschonen, indem ihr Mann gar zu schlimm wäre, und wenn er das Geringste
hiervon erführe, würde er sie und ihn ohnfehlbar erschiessen. Hierauf geht sie
von ihm zur Tür hinaus, um zu sehen, ob sich ihr Mann abgeredtermassen schon
heimlich hereingeschlichen hätte. Wie nun dieser nebst dreien seiner Kameraden
sich schon an denjenigen Ort versteckt hatte, wo er auf gegebenes Zeichen von
seiner Frauen den Riegel an der Falltüre aufziehen konnte, so begab sich Madine,
als sie dessen vergewissert war, wieder hinein in die Stube, begegnete dem von
W. sehr freundlich, weiln aber sonsten noch verschiedene Weingäste anwesend, gab
sie vor, dass sie unter diesem Schwarme nicht bleiben könne, sondern sich zu
Bette verfügen wolle, nahm derowegen sowohl bei dem von W. als bei der Wirtin
gute Nacht und legte sich, jedoch in Kleidern, ordentlich zu Bette, und zwar in
die vorbesagte, hinter dem Bette gemachte Bucht. Etwa zwei Stunden hernach, da
alle andern Gäste hinweggegangen und der von W. vermeint, Madine solle nunmehro
wohl im besten Schlafe sein, lässet er sich von der Wirtin hinaufleuchten,
öffnet die Tür mit einem Nachschlüssel, den ihm die Wirtin prokurieret hatte,
kleidet sich aus bis aufs Hembde und legt sich mit zitterender Freude zu Madinen
ins Bette. Diese stellete sich, als ob sie jählings erwachte, schrie also:
Holla! Wer ist da? Stille, mein Engel, gab der von W. sachte zur Antwort, ich
gebe Euch vor diese erste Visite zehn Dukaten. Indem er sich ihr nun nähern
wollte, stiess sie mit dem Fusse eine zurechtgelegte etliche Pfund schwere eiserne
Kugel auf den Boden herunter, welche mit ihrem Gepoltere die Losung gab. Im
selbigen Augenblicke wurde der Riegel an der Falltüre aufgezogen, da denn der
Herr von W. in den Häckerling herunterstürzte und bis an die Schultern darinnen
versank. Madine stellete sich erschrocken, rief ihm zu, er solle nur die Arme in
die Höhe recken, sie wolle ihm ein Seil hinunterlassen und alle Kräfte dran
strecken, ihn heraufzuziehen, damit er nicht etwa erstickte, denn er selbst habe
es versehen und den Riegel aufgestossen. Unter der Zeit aber kam ihr Mann mit
seinen Kameraden zur Kammer hineingeschlichen, warf dem guten Hrn. Schwager ein
Seil hinunter, sobald aber die losen Vögel des armen Sünders Hände im
Hinaufziehen erreichen können, schlingen sie einen Strick darum, machen
denselben oben feste und lassen den unglückseligen Venusritter so lange in der
Luft schweben, bis der helle Tag anbricht; doch dieses war noch nicht genung,
sondern diese vier Saufbrüder zechten die ganze Nacht hindurch und liess immer
einer nach dem andern sein Wasser auf des Hrn. von W. Kopf laufen. Dieser bat um
aller heil. Märterer willen, man möchte ihn los und in der Stille nach Hause
gehen lassen, so wolle er 200 sp. Dukaten zahlen. Die Frau und die andern Reuter
baten selbst vor ihn, allein der erzürnte Ehemann liess sich durchaus nicht
erbitten, sondern sobald es helle geworden, ging er hinunter in die
Häckerlingskammer, legte ein Brett über eine Leiter, risse dem in der Luft
verarrestierten Herrn von W. das Hembde vom Leibe und peitschete mehr als 50
Spitzruten an ihm entzwei. Da nun über des von W. Zetergeschrei viele Leute vor
das annoch verschlossene Haus gelaufen kommen, höret er endlich auf, den armen
Herrn Schwager zu peinigen, stösset ihn nackend und bloss zum Hause hinaus und
ruft hinterdrein: Lauft zu, ihr Leute! so muss man die Edelleute striegeln, die
eine ehrliche Frau zur Hure und einen tapfern Reuter zum Hahnrei machen wollen.
    So wurde mir«, sagte hier der Obriste von K., »die ganze Species facti von
dem Reuter und seiner Frau erzählet, worbei sie bekannten, dass sie 50 Stück
spec. Dukaten, etliche Taler Silbergeld, eine englische goldene Uhr, eine
silberne Tabatière, einen goldenen, mit Diamanten besetzten Petschaftring und
andere Kleinigkeiten mehr bei ihm und in seinen Kleidern gefunden. Ich liess auf
Befehl des Herrn Gen. Lieutn. von N. diesen Reuter nebst seiner Frau und den
darbeigewesenen Kameraden alsofort arretieren und die erbeuteten Sachen in mein
Quartier bringen. Es entstunde hierüber ein starker Streit, denn der
Generalauditeur wollte behaupten, man könnte den ohnedem genungsam kastigierten
und prostituierten Venusritter nicht mit gedoppelten Ruten peitschen,
unterstunde sich auch, aus den Rechten darzutun, dass, weiln der Reuter die
Selbstrache ausgeübt, er die eroberten Sachen wieder herausgeben und selbige dem
Eigener zustellen müsse, wann er aber die Selbstrache unterlassen und den
Edelmann ohne Kastigation und Prostitution fortgeschickt, hätte er unter der
Hand alle diese Sachen wohl behalten können.
    Allein ich nahm mich meines Reuters an und schützte vor, es wäre keine
geringe Verwegenheit, einen rechtschaffenen Soldaten suchen zum Hahnrei zu
machen, es könne auch dergleichen Frevel nicht gnugsam bestraft werden. Wenn mir
dergleichen Streich passierte, würde ich mich schwerlich entalten können, einem
solchen ungebetenen Gaste eine Kugel oder den Degen durch den Leib zu jagen. Was
nun Ehestandsaffären anbeträfe, darinnen hätte ein gemeiner Reuter soviel Recht
als ein Ober- oder Stabsoffizier etc., derowegen wollte ich meinen Reuter bei
seiner gemachten Beute so lange schützen, bis sein Kontrapart die Sache höheres
Orts suchte und ausmachte. Allein dieser machte sich bald hernach unsichtbar,
mein Reuter aber wurde wenig Tage darauf seines Arrests entlassen und behielt,
was er hatte.«
    »Meines Erachtens«, sagte hierauf ein gewisser Major, »wäre es unbillig
gewesen, wenn man des Reuters Verfahren nicht in allen Stücken approbiert und
ihm die erbeuteten Sachen nicht vor seinen gehabten Chagrin zur Rekreation
überlassen hätte, in Betrachtung, dass selbige Nation, wo dieser mir schon
bekannte Streich passiert ist, mit unsern Landsleuten weit barbarischer
umzugehen pflegt. Wie ich denn ein grässliches Exempel weiss, das eben im selbigen
Jahre sich zugetragen.«
    Die ganze Compagnie bat den Herrn Major, selbiges zu erzählen, und selbiger
erzeigte sich seiner complaisanten Art nach hierzu gefällig, fing derowegen also
zu reden an: »In N. befand sich eine gewisse vornehme Dame, welche man dem
Liebesappetite nach mit Recht unter die unersättlichen rechnen konnte. Diese
warf ihre Augen auf einen Fähndrich von meiner Compagnie, den ich nur mit dem
Buchstaben F. bezeichnen oder benennen will. Er sah nicht hässlich von Gesichte
und hatte eine vortreffliche grosse und lange Nase, woraus sie als eine
wollüstige Dame vielleicht sonst einen guten Schluss gemacht. Vor seine Person
war dieser F. sonsten ein sehr stiller, mehr melancholischer als lustiger
Mensch, verrichtete seine Dienste akkurat, liebte weder Spiel noch Trunk und dem
Ansehen nach das Frauenzimmer am allerwenigsten.
    Corvenia, so will ich die Dame nennen, hatte diesen Fähndrich kaum in die
Augen gefasset, als sie ihn durch ein altes Weib und eigenhändige vertrauliche
Briefe die auf ihn geworfene Liebe anzeigt und inständig bittet, sich mit ihr in
nähere Vertraulichkeit einzulassen; allein dieser Eigensinnige trägt Bedenken,
sich in einen solchen gefährlichen Handel einzulassen, gibt sich derowegen nicht
einmal die Mühe, diese Dame kennenzulernen, viel weniger, auf ihre Schreiben zu
antworten, ohngeacht sie ihm eine namhafte Geldsumma versprochen, wann er ihr zu
demjenigen verhelfen könnte, worzu ihr Mann sich seit länger als acht Jahren her
incapable befunden hatte.
    Hierauf begab sich's, dass, da er bloss mit seinem Knechte ein kleines Haus
bewohnete, ihm in einer Nacht fast alles, sein Geld, Kleider und die meisten
Meubles gestohlen wurden, so dass er so lange im Bette bleiben muss, bis ihm
andere Offiziers notdürftige Kleidung nebst etwas Gelde vorschiessen; über alles
dieses aber haben die schelmischen Diebe seine im Stalle stehende drei
Reitpferde mit Dolchen erstochen. Demnach sah sich F. in einem sehr miserablen
und bedürftigen Zustande, jedoch, da gleich des andern Tages Corvenia, deren
Haus von hinten zu an das seinige stiess, ihm wegen seines Verlusts ein
Kondolenzschreiben zuschickte, anbei ersuchte, ihr nur eine einzige Visite zu
geben, wofür sie ihm seinen erlittenen Schaden gedoppelt ersetzen wollte, konnte
dieser eigensinnige Kopf dennoch nicht resolvieren, dergleichen Vokation
Gehorsam zu leisten, sondern gab dem abgeschickten Weibe zu Antwort: Ei was! Er
als ein Kavalier könnte doch wohl in kurzen wieder zu Equipage und Gelde kommen
und hätte eben nicht nötig, solches mit verbotener Courtoisie zu erwerben.
Allein was geschicht? Etwa fünf oder sechs Tage hernach wird mein guter
Fähndrich des Nachts, als er im besten Schlafe liegt, von sechs baumstarken
Kerls gebunden und im blossen Hembde mit verbundenen Augen und verstopften Munde
in einen finstern Keller getragen, auf eine Schötte Stroh gelegt, und nachdem
sie ihm die Augen aufgebunden, lassen sie ihn in dem finstern Keller
verschlossen alleine liegen.
    Anfänglich weiss er nicht, ob dieses alles ein Traum ist oder ob es ihm in
der Tat und Wahrheit also widerfähret, doch als ihm wegen des festen Bindens
Arme und Beine geschwollen und er kaum durch die Nase ein wenig Luft holen kann,
auch in dem kalten Keller den grausamsten Frost empfindet, vermerkt er mehr als
zu wohl, dass es kein blosser Traum sei. Nachdem er nun über zwei Stunden lang in
solchen schmerzhaften Zustande da gelegen, erblickt er eine Person in einem
langen Nachtkleide, die durch eine kleine Treppe zu ihm von oben herunterkommt.
Es hat dieselbe einen silbernen Leuchter mit darauf brennenden Wachslichte in
der Hand, tritt gerade gegen ihn über und hält ohngefähr folgenden Sermon:
Verdammter Hund! Welcher Wolf hat dich erzeuget, oder welcher Bärin Brüste hast
du gesogen, dass du so unempfindlich gegen meine heftige Liebe gewesen bist? Doch
nein! du musst nicht einmal von wilden Tieren herstammen, dann diese lassen sich
öfters noch leichter bewegen, die Menschen zu lieben, sondern die höllischen
Furien, als Feinde des menschlichen Geschlechts, müssen dich geboren, erzogen
und in die Welt geschickt haben. Elender Sklav! du hast meine Gewogenheit und
übermässige Liebe verschmähet, deren du nimmermehr würdig bist, ja du hast eine
Dame verächtlich traktieret, vor welcher noch fast täglich einer, der zehenmal
besser ist als du, sich zur Erden wirft und nur um einen günstigen Blick bittet.
Vermaledeieter Molch! vergiftender Basiliske, du hast mich niemals sehen und
dennoch töten wollen, voritzo tue deine schändlichen Augen auf und betrachte
mein Gesichte, ob, ohngeacht ich jetzt voller Zorn und Grimm bin, ein einziger
Zug darinnen zu finden, der wider das Muster der Schönheit ist. Beschaue, du
Nichtswürdiger! meinen ganzen Leib und erwäge, ob es der Natur wohl möglich sei,
ein zärtlicher und zierlicher Frauenzimmer zu bilden? Unter diesen Worten hatte
sie das Licht vor sich niedergesetzt, den Schlafrock aufgeschlagen und ihren
blossen Leib, der auch nicht einmal von einem Hembde bedeckt gewesen,
hergewiesen. Sage an! redet sie ferner, wo siehest du einen Flecken, der dir
einen Ekel erwecken, im Gegenteil nicht das allerunempfindlichste Herz zur
Gegenliebe reizen könnte? Siehst du allhier nicht den kurzen Begriff aller
Annehmlichkeiten? Urteile demnach, ob sich derjenige nicht glücklich zu schätzen
hat, dem ich dieses alles aus Liebe freiwillig in die Arme liefern wollte. Dir
war es bestimmt, du schändliches Krokodil! nunmehro aber hast du anstatt des
Genusses aller dieser Delikatessen und meiner brünstigen Liebe, nebst
reichlicher Belohnung, nichts anders als die grausamste Marter und den
allerschmählichsten Tod zu hoffen. Du hast mich entblösset gesehen, aber zu
deinem Verderben, und sterben musst du nunmehro gewiss, damit niemand auf der Welt
leben möge, der sich rühmen könne, er habe die von C. nackend gesehen. Ich habe
mir vorgenommen, dich in diesem Gewölb verhungern und erfrieren zu lassen,
jedoch wenn du mir die Wahrheit bekennest, warum du einen solchen besondern Ekel
gegen meine Person bezeiget, kannst du vielleicht noch mit einer etwas gelindern
Todesstrafe begnadiget werden.
    Der armselige Fähndrich hätte hierauf antworten sollen, es war ihm aber
unmöglich gewesen zu reden, weilen seine Diebe ihm ein solches Instrument in den
Mund gesteckt, welches ihm den Gebrauch der Zunge und Lippen verhindert. Die
erzürnte Dame vermeint, er wolle ihr aus Trotz nicht antworten, tritt ihn
deswegen mit dem Fusse in die Seite, knirschet mit den Zähnen und sagt:
Höllischer Drache! Bist du noch so verstockt und willst mir nicht einmal
antworten? Warte! ich will dir noch in dieser Nacht mehrere Würkungen meines
Zorns empfinden lassen. Hierauf gibt er mit Brummen und Brausen zu verstehen,
dass ihm etwas im Munde stecke. Demnach nimmt ihm die Frau von C. selbiges
heraus, da ihm denn die Angst ohngefähr folgende Worte in den Mund gibt:
Schönste Göttin! ich gestehe es, ich habe den Tod verdienet, indem ich zwar
nicht aus Ekel und Verachtung, sondern aus blosser Einfalt und knechtischer
furchtsamer Einbildung Dero englische Schönheit anzubeten verabsäumet. Ich
schwere, dass ich Dero unvergleichlich wohlgebildetes Angesicht zu sehen niemals
das Glück gehabt, und wäre es auch geschehen, so würde ich doch, als ein von
Natur sehr blöder Mensch, in meiner Einbildung noch vielmehr gestärkt worden
sein, dass man mit mir als einer schlechten Person ein bloss Possenspiel zum
Zeitvertreibe vornehmen wolle. Erbarmen Sie sich derowegen meiner und lassen
mich auf eine gelinde Art vom Leben zum Tode bringen, denn mein Leben würde mir
ohnedem zur Last gereichen, da ich ein solches Engelsbild gesehen und mich des
würklichen Liebesgenusses bei demselben unachtsamerweise selbst verlustig
gemacht habe.
    Solche und dergleichen herzbrechende Reden bewegen endlich die erzürnte Dame
zum Mitleiden, so dass sie fragt: Liebt Ihr mich denn nunmehro? Der arme
Gefangene kontestiert aus Angst mit noch tausenderlei schmeichelhaften Worten,
dass er nunmehro in diesen wenigen Minuten zum allerersten Male den heftigsten
Liebesaffekt bei sich, und zwar gegen ihre Person empfunden (ohngeacht ihm die
Bande an Händen und Füssen ziemliche Schmerzen verursachten), da er doch sonsten
von Jugend auf ein Abstemius von Frauenzimmer gewesen und von den Leidenschaften
der Liebe befreit geblieben. Einfältiger! sagte die Dame hierauf, damit Ihr
sehet, wie ich, jedoch wider meine gewöhnliche Art, voritzo mit Euch leichter zu
versöhnen als fernerweit zum Zorne zu reizen bin, so soll Euch vor diesmal nebst
Eurem Leben meine Liebe und Gnade geschenkt sein, jedoch mit dem Bedinge, dass
Ihr Euch verpflichtet, sooft ich Euch rufen lasse und Ihr keine erweisliche
höchst wichtige Verhinderungen habt, Eure Visiten bei mir abzulegen
    Der angstvolle Fähndrich F. williget alles ein, was sie ihm vorschreibt,
erkläret sich auch sogar, woferne sie es verlangte, seiner Charge zu
resignieren, damit er an seinen ihr allein gewidmeten Diensten nicht verhindert
werde. Allein sie erlaubt ihm bis auf fernere Verabredung, nur noch eine
Zeitlang seine Charge zu behalten, sich aber nur sonsten ihrem Willen und
Verlangen gemäss zu bezeigen. Hierauf langet sie ein Messer, schneidet ihm die
Stricke an Händen und Füssen entzwei, umarmet und küsset ihn aufs zärtlichste,
führet hernach den halberstarreten Gefangenen in ein propre meubliertes und
warmgemachtes Zimmer, erquicket denselben mit vortrefflichen Herzstärkungen,
bestreicht und bereibt seine geschwollenen Arme und Schenkel mit den kostbarsten
Balsamen und Spiritibus, legt ihn saubere Nachtkleider an und zeigt ihn hernach
ein grosses sauberes Bette, wohinein er sich legen muss.
    Seine nunmehrige Aufführung und verliebtes Bezeigen hatte die Dame
dergestalt kontentiert, dass sie ihn persuadiert, fünf Tage und ebensoviel Nächte
in geheim bei ihr zu bleiben. Weiln er nun aufs propreste von ihr traktiert und
aufs zärtlichste karessiert wird, kömmt ihm diese Lebensart je länger je
angenehmer vor; die Madame von C. aber ist nicht weniger vergnügt, weiln sie
sich in ihren Gedanken nicht geirret, sondern in reicher Masse bei ihm gefunden,
was sie gesucht.
    Inmittelst, weiln des Fähndrichs F. Diener nicht zu sagen wusste, wie es mit
seinem Herrn zuginge und wo derselbe hingekommen wäre, so wusste man beim
Regimente nicht, was man von ihm denken sollte. Viele gerieten, in Betrachtung,
dass er jederzeit sehr zur Melancholie inklinieret habe, auf die Gedanken, ob er
sich wegen Beraubung seines Geldes, Verlust der Pferde und anderer Equipage
nicht etwa aus Desperation ersäuft oder sonsten auf eine andere Art ums Leben
gebracht habe. Man forschete derowegen fleissig nach seiner Person, um dieselbe
entweder lebendig oder tot ausfündig zu machen. Allein es war alle Mühe
vergebens. Endlich am sechsten Tage kam er wieder zum Vorscheine und meldete
sich am allerersten bei mir, weil er wohl wusste, dass ich ihm wohl geneigt war.
Er entschuldigte seine fünftägige Abwesenheit mit einem besondern Zufalle, der
ihm wider seinen Willen begegnet wäre, auf so lange Zeit ein Arrestante zu sein.
Da nun ich dieserhalb einen ausführlichern Bericht von ihm verlangte, bat er
inständig, ihn damit zu verschonen, weiln er, um sein Leben zu retten, einen
schweren Eid ablegen müssen, diese Begebenheit noch zur Zeit niemanden zu
erzählen und noch viel weniger vor sich selbst Rache auszuüben. Ich liess ihn als
einen bekannten Grillenfänger passieren und deprimierte alles, obgleich
verschiedene wunderliche Gespräche über sein Aussenbleiben geführet wurden.
Jedoch er gab durch seine nachherige Aufführung denen, die ihn vorher gekannt
hatten, Materie zu weitern Nachsinnen. Denn von nun an merkte ein jeder gar
leicht, dass das melancholische Wesen den Fähndrich F. ganz und gar verlassen
hatte, gegenteils war aus ihm ein vollkommener Sanguineus worden. Er besuchte
wider seine Gewohnheit die stärksten Compagnien, traktierte zum öftern, tanzte,
spielete, schaffte sich die propresten Kleider, vier der schönsten Pferde, hielt
zwei Kerl, in summa, er tat es allen Subalternen fast zuvor. Dieses alles aber
kam aus der Frauen von C. Beutel hergeflossen, denn da sie ihn das erste Mal von
sich gelassen, hatte sie ihm ein Päckl., worinnen 500 Dukaten, mit auf den Weg
gegeben, anbei versprochen, dass, wo er sich ferner wohl halten und seinem
Versprechen nachkommen würde, dieses nur ein kleiner Anfang ihrer
Erkenntlichkeit sein solle, denn es war ihr nur allzuviel an einem jungen Sohne
gelegen, damit, wenn ihr gebrechlicher Gemahl aus dieser Welt spazierte, sie
alles sein Vermögen fein beisammen behielte.
    Dieser ihr Mann brachte seine meiste Zeit bei den Gesundbrunnens, warmen
Bädern und Doctoribus zu; ausserdem aber, wenn er sich etwas bei Kräften befand,
mehrenteils auf seinen Rittergütern, deren er neun erb- und eigentümlich besass.
Sie, die Gemahlin, hingegen, unter dem Vorwande, dass sie ausser ihrem Palais in
der Stadt keine Nacht recht ruhig schlafen könne, vertreibet mittlerweile die
Zeit mit ihren Galans, worunter, wie schon gemeldet, das Glück oder Unglück auch
unsern Fähndrich F. führet, und weil es zutrifft, dass sie dreiviertel Jahre nach
der mit ihm aufgerichteten nahen Bekanntschaft mit einem jungen Sohne
niederkömmt, hat er, seinem eigenen Geständnisse nach, binnen Jahresfrist über
2000 Reichstaler Wert von ihr geschenkt bekommen.
    Allein man pflegt im gemeinen Sprichworte zu sagen: Der Krug geht so lange
zu Wasser, bis ihm der Henkel abbricht; und dieses war bei beiden Verliebten
auch richtig eingetroffen, denn weil ihr Liebesverständnis so vielen Domestiquen
bekannt wird, die Frau von C. aber zuweilen sehr barbarisch mit ihren Leuten
umzugehen gewohnt ist, als mag eins von denselben endlich auf Revanche bedacht
sein und dem Hausherrn aufrichtig entdecken, was seine Gemahlin vor eine
Lebensart führet.
    Der alte Herr wird ziemlichermassen in Harnisch gejagt, begreift sich aber in
der Bosheit und studiert auf Mittel und Wege, wie er seine Frau nebst ihrem
Galane plötzlich überfallen möchte. Er erreicht endlich seinen gewünschten Zweck
und betrappelt beide in aller Stille, da sie, von allzuheftiger Liebesarbeit
ermüdet, im süssesten Schlafe liegen. Wie er nun vorhero schon alle Anstalten
darzu gemacht, als werden beide an Armen und Beinen gebunden und aus dem Bette
auf den Boden geworfen, so dass sie sich kaum ermuntern und begreifen können, wie
ihnen geschicht. Sechs Kerls stehen mit entblössten Schwertern und aufgespanneten
Pistolen um sie herum, der erzürnte Corniger wendet sich mit einem entblösseten
Dolche zu dem Fähndrich F. und spricht: Bekenne, du Massette! wie lange du mit
dieser vermaledeieten Canaille dieses Spiel getrieben hast, und leugne mir
nicht, sonsten will ich deinen schändlichen Körper, ehe ich ihn des Lebens
beraube, auf eine solche grausame Art zermartern lassen, dergleichen noch von
keinem Barbar erfunden worden. Unter diesen Worten stach er ihm mit dem Dolche
in jedes dicke Bein ein Loch.
    Der Fähndrich F., welcher nichts Gewissers als den allerschmerzhaftesten Tod
sich in seinen Gedanken vorstellen konnte, merkte nunmehro wohl, dass weder
Schmeicheln, Leugnen, Verstellen, Bitten noch Flehen mehr helfen würde, ergriff
die Resolution, die klare Wahrheit zu bekennen, fing derowegen also zu reden an:
Mein Herr! wenn ich aus eigenen Mutwillen oder unzüchtigen Liebesbegierden mich
unterstanden hätte, Eurer Gemahlin genaue Umarmung zu suchen und Euer Ehebette
zu beflecken, so würde mir doch von der ganzen Christenheit keine andere Marter
als der Tod durch das Schwert zuerkannt werden; da ich aber bei Nachtszeit von
sechs bewehrten Leuten mit Gewalt aus meinem Bette, worinnen ich im besten
Schlafe lag, geholet, entsetzlich gemartert und gepeiniget, auch mit der
grausamsten Todesart bedrohet worden, so habe mich, um mein Leben zu fristen,
verleiten lassen, Eurer Gemahlin ihren Willen, sooft sie es verlangen und mir
nur immer möglich sein würde, zu erfüllen. Demnach bedenket selbst, mein Herr,
wie Ihr Euch bei dergleichen Umständen, wenn Ihr an meiner Stelle gewesen wäret,
hättet aufführen wollen. Nunmehro wird es, so fähret der arme F. auf ferneres
Befragen mit seiner Antwort fort, wenig Wochen über ein Jahr sein, dass man mir
also mitgespielet hat, und seit der Zeit habe ich zu verschiedenen Malen, wenn
Ihr nicht einheimisch gewesen, Eure Stelle vertreten müssen, aus Furcht, nicht
etwa wegen Brechung meines Eides heimlicher- und meuchelmördischerweise um mein
Leben gebracht zu werden. Erwäget demnach, dass man mich auf eine grausame Art
gezwungen, dergleichen Torheit zu begehen, und verschonet meiner mit der
gedroheten Marter. Kann aber mein Verbrechen bei Euch durch nichts anders als
durch meinen Tod ausgesöhnet werden, nun! so lasset mich nur eine einzige Stunde
beten, hernach schicket meine Seele in die andere Welt, jedoch nicht auf eine
barbarische Art, denn ob Ihr gleich von mir empfindlich beleidigt worden, so
bedenkt doch, dass Ihr kein Barbar, sondern ein getaufter Christe seid.
    Der ergrimmte Ehemann hatte sich unter Anhörung dieser Relation entsetzlich
ungebärdig gestellet, mit den Füssen auf die Erde gestampft, mit den Zähnen
geknirschet und die Augen grimmigerweise im Kopfe verdrehet, nachhero aber
gefragt, ob er, F., Vater zu dem Kinde sei, welches die von C. letztin geboren
hätte, worauf dieser geantwortet, das könne er nicht sagen, sondern die Dame
müsse es am besten wissen. Demnach wird die Dame von ihrem furieusen Manne
dieserwegen befragt, welche sich ganz rasend anstellet und ihm zur Antwort gibt:
Nein! nicht dieser mein Liebster, sondern du alter verfluchter Drache bist
selbst Vater zu diesem hässlichen Balge, welches nebst der mir verhassten Gestalt
schon alle deine ekelhaften Mienen und Gebärden an sich hat. Rechne die Zeit
nach von deiner Wiederkunft aus dem N. Bade, ob es nicht eintrifft. Inmittelst
bedaure ich nichts mehr, als dass ich diesen schändlichen Wurm nicht im ersten
Bade ersäuft habe; bringe ihn her, ich will ihn sogleich vor deinen Augen
erwürgen, damit du nur kein Andenken von mir haben mögest. Töte mich immerhin,
du verfluchter Tyranne, denn ich verlange ohnedem nicht mehr deine Gemahlin zu
heissen, lass nur den unschuldigen F. leben, denn es ist wahr, und ich bekenne es
selbst, dass ich ihn aus allzu heftiger Liebe zu meinem Willen gezwungen habe.
Halt! du ungetreue Bestia! spricht der erzürnete Mann, ich will dich und deinen
Galan schon zu belohnen wissen. Hiermit gibt er seinen Gewaffneten ein Zeichen,
dass sie den ohnedem schon gebundenen F. festalten müssen, einer von seinen
Bedienten aber, der vielleicht ein Wundarzt gewesen, schneidet demselben in
grösster Geschwindigkeit die Zeugen seiner Mannheit heraus und überliefert
dieselben seinem Herrn. Dieser präsentiert solche seiner Gemahlin auf einem
silbernen Teller mit einem zornigen Lächeln und spricht: Hier Madame! labet Euch
nunmehro recht wohl mit den delikatesten Stücken Eures Amanten. Die Dame gerät
hierüber fast in eine vollkommene Raserei, reisst das Band, womit ihr die Hände
gebunden sind, entzwei, ergreift den Teller und nimmt beide Stücke zu sich, den
blutigen Teller aber wirft sie ihrem Gemahl an den Kopf mit diesen Worten: Siehe
da, du tyrannischer Mordhund! das musst du vor meinem Ende doch noch leiden etc.
    Es ist leicht zu erachten, dass der ohnehin ergrimmte Mann hierdurch vollends
in eine rasende Wut versetzt worden, er tritt sie demnach mit dem Fusse
dergestalt auf den Leib, dass sie in eine starke Ohnmacht verfällt, ja er würde
sie ohnfehlbar mit dem Dolche durchbohret und ermordet haben, wenn nicht einer
von seinen Bedienten, auf den er sehr viel gehalten, ihm in die Arme gefallen
und den Stoss aufgehalten hätte. Hierauf begreift er sich in etwas, geht in ein
anderes Zimmer und befiehlt, den Fähndrich F. bis auf seine fernere Verordnung
in ein wohlverwahrtes Gefängnis zu legen.
    Dessen Wunden sind von einem unbekannten Menschen behörig verbunden und er
binnen 18 Tagen fast völlig kuriert worden, auch hat man ihm mittlerweile ganz
wohl zugerichtete gesunde Speisen und Getränke gereicht, den 19ten Tag aber hat
man ihm bloss Wasser und Brot gebracht, mit der Ankündigung, dass er sich nur
immer zu seinem Ende gefasst machen könne, weil er täglich 50 Hiebe mit einer mit
Draht durchflochtenen Geissel, woran viele Häkgen und kleine Sporn befestiget,
bekommen sollte, bis er krepierte. Derjenige, so ihm dieses sein Urteil
angekündiget, wartet auf keine Antwort, sondern macht sich eilig wieder zurück;
allein etwa eine Stunde hernach kommen zwei starke Kerls, welche seinen Oberleib
entblössen, ihm die Hände zusammenbinden und also mit den Händen an einen Haken
hängen, der oben mitten im Gewölbe eingemauert ist, so, dass der arme F. in der
Luft schwebt. Hierauf gibt ihm ein jeglicher von den zweien Canaillen 25 Hiebe
mit der schon erwähnten Geissel, da denn sein Oberleib dergestalt zugerichtet
wird, dass ganze Stückgen Haut und Fleisch herausgerissen worden; hernachmals
waschen sie ihn mit Essig und Branntewein, binden ihn wieder los und legen ihn
auf sein Lager.
    Wie dem guten F. müsse zumute gewesen sein, ist wohl ganz leicht zu
erachten, ja ich glaube, der Allerherzhafteste sollte wohl bei dergleichen
Todesart erzittern und auf die Gedanken geraten, sich sein Lebensziel selbst
abzukürzen. Allein der Fähndrich F. resolviert sich, mit möglichster
Standfestigkeit die zeitlichen Strafen zu ertragen, welche der Himmel über ihn
verhängt hat. Demnach fügt es der Himmel auch, dass dennoch sein Leben erhalten
wird. Denn gleich darauffolgende Nacht kömmt der Kerkermeister mit einem Lichte
zu ihm hinein und bringt ihm nebst verschiedenen Kleidungsstücken einen Mantel,
erinnert ihn, dass er ohne Zeitverlust dieses alles anlegen und sich mit Hülfe
der Nacht in Sicherheit bringen solle, weilen er sonsten in wenig Tagen des
Todes sein müsse. Sobald er sich nun völlig angekleidet und den Mantel um sich
geschlagen, gibt ihm der Kerkermeister einen versiegelten Brief in die Hände mit
dem Vermelden, dass er denselben wohl verwahren möchte, weil er ihm in seinem
jetzigen elenden Zustande wohl zustatten kommen würde. Dieser hält sich also
nicht lange an diesem unglückseligen Orte auf, sondern eilet so geschwinde, als
es seine Schwachheit zulassen will, nach seinem Quartiere, welches aber
verschlossen und von keinem Menschen bewohnet war.
    Demnach nimmt er in diesen seinen Ängsten seine Zuflucht zu mir, zumalen da
er in meinen Fenstern noch Licht erblickt und von der Schildwache vernimmt, dass
niemand Frembdes bei mir sei. Ich erschrak, den ganz vor verloren geschätzten
Fähndrich F., und zwar in so jämmerlicher Gestalt, vor mir zu sehen, und hörete
nur erstlich die Hauptstücke seiner Aventure, die er mir unter Vergiessung
häufiger Tränen erzählete, mit Erstaunen an. Es erweckte aber sein elender
Zustand bei mir ein ganz besonderes Mitleiden, derowegen sprach ihm soviel als
möglich Trost zu, hielt ihn ganz heimlich in meinem Quartiere auf und liess ihn
aufs beste verpflegen. Ein Feldscher, auf dessen Treue und Verschwiegenheit ich
mich verlassen konnte, musste den elenden Menschen vollends kurieren, sodann
verschafte ich ihm sein im Quartiere zurückgelassenes Geld und Equipage nebst
einem ehrlichen Abschiede vom Regimente. Damit ich aber auch nicht vergesse, was
das Papier zu bedeuten gehabt, welches ihm der Kerkermeister bei seiner
Loslassung so sehr rekommendiert hatte; so war dieses ein Kondolenzschreiben von
der Mad. C., in welchem sie recht herzbrechende Worte gebrauchte und versprach,
seinen und ihren ausgestandenen Schmerz, Verlust, Spott und Hohn mit dem Blute
und Tode ihrer Feinde zu rächen, inmittelst könne er vor beigelegten
Wechselbrief bei dem Kaufmanne N.N. 1000 spec. Taler heben und sich in
möglichster Stille nach R. begeben, allwo sie ihn ehe Jahr und Tag verginge,
anzutreffen verhoffete, da sie denn ihre Treue und Erkenntlichkeit in Erwägung
seines ihrentalber erlittenen schmerzlichen Verlusts ihm reichlicher zeigen
wolle. Ich verschafte also dem armen Fähndrich F. auch diese 1000 spec. Taler,
worvon er mir eine ansehnliche Verehrung offerierte, allein ich nahm nichts an,
sondern erwiese ihm vielmehr noch die Gefälligkeit und liess ihn in einem
verdeckten Wagen unter hinlänglicher Eskorte über die Grenze dieses ihm
unglückseligen Landes bringen.
    Etliche Wochen hernach empfing ich Briefe von ihm, worinnen er aber, wie er
schrieb, mit allem Fleiss den Ort seines Aufentalts nicht melden wollte, indem
dieses sein einziger Wunsch wäre, dass er von allen Menschen, die ihn vorhero
gesehen oder die er gekennet, nicht möchte erkannt oder gesehen werden. Anbei
schickte er mir dennoch zur Erkenntlichkeit 200 spec. Dukaten, welche ich, weil
ich nicht wusste, wohin ich sie respedieren sollte, wider meinen Willen behalten
musste.«
    Die ganze Compagnie bezeigte nach geendigter Erzählung ein wundervolles
Erstaunen und bekräftigte, dass dieser barbarische Hahnrei eine Rache nach
italiänischer Art ausgeübt, ohngeacht er kein Italiäner gewesen, beklagten anbei
den redlichen Fähndrich F., dass er sich nicht besser prospiziert und endlich
wegen allzugrosser Sicherheit dergestalt unglücklich worden.
    »Es fällt mir«, sagte ein gewisser Capitain, der mit in Compagnie sass, »bei
abermaliger Erwähnung der Italiäner eine zum Teil etwas lächerliche Historie
ein, die dem von B., welchen viele von uns kennen werden, vor ohngefähr
andertalb Jahren in Italien passieret ist. Dieser lässet sich durch die
charmanten Blicke, Präsente und Liebesbriefe einer ungemeinen schönen
Kaufmannsfrau anlocken, ihr dann und wann, sooft ihr höchst eifersichtiger Mann
nicht zu Hause ist, eine Visite zu geben und ihr einen beliebigen Zeitvertreib
zu machen. Hiervon aber mag der Mann Wind bekommen, ziehet derowegen einige von
seinem Gesinde mit Geschenken an sich, macht auch sonsten alle behörige
Anstalten, seine Frau mit dem von B. zu belauschen und zu sehen, wie sie
miteinander umgehen. Einsmals gibt er vor, dass er mit der um Mitternacht
abgehenden Post fort müsse, allein der Vogel schleicht sich wieder in sein Haus
zurück und logiert sich neben seiner Frauen Zimmer, allwo er durch ein gemachtes
Loch, so er verdecken kann, alle Actiones seiner Frauen zu betrachten vermögend
ist. Diese lässt den von B. mittags zu sich zu Gaste laden und traktiert ihn aufs
propreste, da denn der delikateste Wein und die trefflichsten Confituren beide
um soviel desto mehr instigieren, einander die zärtlichsten Karessen zu machen,
bis endlich nach aufgehobener Tafel die Hauptursache ihrer Zusammenkunft
vorgenommen werden soll. Beide machen es sich mit Ablegung der Oberkleider und
sonsten recht kommode, indem sie aber im Begriffe sind, den Liebesstreit
anzufangen, eröffnet der abgünstige Mann die Tür, postiert sechs oder acht
Banditen davor, welche ihre entblössten Degen und Mordmesser in Händen halten,
tritt hierauf hinein ins Zimmer und spricht zu dem von B.: Mein werter Herr! es
stehet in meinem Hause alles zu Euren Diensten, ausgenommen meine Frau, die ich,
wenn es möglich wäre, gern vor mich allein behalten wollte; unterdessen, weil
ich vernommen habe, dass Ihr einesteils unschuldig seid, indem sie Euch selber
hat rufen lassen, so will ich mein Hausrecht vor dieses Mal an die Seite setzen
und keine Hand an Euch legen, sondern Euch die Freiheit lassen, ob Ihr Euch
durch diese bewaffnete Kerls zur Tür hinaus schlagen oder zu diesem grossen
Fenster, welches ich hiermit eröffne, hinunter auf die Strasse springen wollet?
Dem von B. mögen allerdings wohl die Haare zu Berge stehen, denn sich durch so
viel desperate, doppelt bewaffnete Banditen durchzuschlagen und lebendig
davonzukommen, scheinet eine ohnmögliche Sache zu sein, und einen solchen Sprung
aus dem zweiten, sehr hohen Stockwerke zu wagen, ohne den Hals auf dem
Steinpflaster zu stürzen, will ihm auch nicht in den Kopf, jedoch da der
vertrackte Kaufmann kurze Resolution fordert, erwählet er das letztere, zumalen
da er etwas im Voltigieren getan, springt herunter auf das Steinpflaster, und
zwar dergestalt glücklich, dass er keinen weitern Schaden nimmt, als das Gelenke
des rechten Fusses ein wenig verdrehet; hierauf eilet er, soviel als möglich sein
will, davon in eine Kirche, mischt sich unter das Volk, trifft einige von seinen
guten Freunden und Landsleuten an, welche ihn an einen sichern Ort bringen.
Allda lässt er sich verbinden, befiehlt seinen Leuten, in grösster Geschwindigkeit
alle seine Sachen einzupacken und eine Extrapost zu bestellen, mit welcher er
noch selbigen Abend in Begleitung einiger guten Freunde zu Pferde auf und darvon
reiset, indem er befürchtet hat, der Kaufmann möchte etwa auf andere Gedanken
geraten und ihm durch bestellte Banditen einmal plötzlich das Lebenslicht
ausblasen lassen. Wie aber der Kaufmann mit seiner wollüstigen Frau umgegangen,
solches hat er niemals in Erfahrung bringen können.«
    Es entstunde unter der ganzen Compagnie über diese wunderliche Begebenheit
ein nicht geringes Gelächter und wurden verschiedene Urteile darüber gefället.
Unter andern mancherlei Gesprächen kam auch aufs Tapet, dass sich durch
verbotenes Courtoisieren sowohl im Militär- als Zivilstande viele geschickte
Mannespersonen glücklich gemacht, auch zu grossen Mitteln und hohen Ehrenstellen
geholfen hätten. Bei dieser Gelegenheit bat ein gewisser Lieutenant, welcher in
eines andern grossen Potentaten Diensten stunde und nur gute Freunde zu besuchen
bei diesem Regimente auf der Vorbeireise eingesprochen war, um Erlaubnis, eine
curieuse und wahrhafte Geschicht zu erzählen. Als er nun von der sämtlichen
Compagnie ersucht wurde, ihnen diese Gefälligkeit zu erweisen, finge er also zu
reden an:
    »Als ich vor acht Jahren als Fähndrich in Z. auf Werbung stund, um
sonderlich vor meines Capitains Compagnie etwa zehn bis zwölf Rekruten
anzuwerben, bekam ich auf listige Art einen schönen und wohlgewachsenen Menschen
von ohngefähr 20 Jahren, welcher seine Studia auf der Schule daselbst
absolvieret hatte und bei seinen Eltern nur auf etliche Taler Geld laurete, um
damit auf Universitäten zu gehen, womit ihm aber dieselben, weil sie wenig im
Vermögen hatten, nicht alsobald helfen konnten. Eben dieses war wohl die meiste
Ursache, dass er zwei Dukaten Handgeld und das Versprechen von mir annahm, dass er
den ersten Furiersplatz, so unter dem Regimente aufginge, haben sollte. Allein,
wie es gemeiniglich zu gehen pflegt, dass dergleichen Versprechen nicht gar zu
genau gehalten werden, so traf es auch bei dem ehrlichen Merillo zu, denn er
musste über Jahr und Tag die Flinte tragen, führete sich aber dabei sehr wohl und
gelassen auf, hielt sich in der Montur allezeit reinlich und überhaupt alle
seine Sachen sehr ordentlich, frequentierte keine lüderlichen Compagnien,
sondern blieb lieber zu Hause, lase in den Büchern, so er geborgt kriegen
konnte, bemühete sich anbei sonderlich, die französische Sprache fertig reden
und schreiben zu lernen, wie er denn auch dieselbe binnen kurzer Zeit fast
vollkommen innen hatte. Nach der Zeit, da er sich durch sein Schreiben einige
Taler Geld erworben, mag ihm auch wohl auch ein Lüstgen ankommen, in Compagnie
zu gehen, derowegen attachiert er sich stets an die Unteroffiziers und andere
reputierliche Leute, welche ihn wegen seiner guten Aufführung und klugen
Diskurse lieben und ehren. Nur ist das schlimmste, dass das Geld nicht immer
zureichen will, denn die Löhnung langete nicht allzuweit, und nach einiger
anderer Soldaten Art, auf Merode oder, besser zu sagen, stehlen zu gehen, war
seiner noblen Ambition zuwider, derowegen musste er sich nolens volens nach der
Decke strecken und manche lustige Compagnie meiden. Bei seiner Wirtin, die eine
stürmische, geizige Wittbe und bereits etliche 40 Jahr alt war, hatte er sich
seit etlichen Wochen vor empfangene Viktualien in ein paar Taler Schulden
gesetzt, durfte sich also, wenn er nicht gemahnet sein wollte, nicht allzuwohl
vor ihr sehen lassen, sondern kroch manchen Nachmittag auf den Heuboden, nahm
ein Buch mit dahin und las so lange darinnen, bis ihn der Mittagsschlaf
überfiel.
    Ich habe vergessen zu melden, dass wir damals schon nach einem zurückgelegten
Marsche von etliche 40 Meilen bei unserm Regiment angekommen waren. Jedoch die
Geschicht fortzusetzen, wie mir dieselbe von dem Merillo umständlich erzählet
worden: so schlummert er eines Tages auf gedachten Heuboden abermals ganz süsse;
seine Frau Wirtin, die etwa ihr Heu besichtigen will, trifft ihn, und zwar in
einer solchen Positur liegend an, die zwar ein junges Mägdgen, keinesweges aber
eine Frau von solchen Jahren zur Liebe reizen sollen. Merillo ermuntert sich
zwar und merkt, dass sie vor ihm stehet und ihn beschauet, jedoch aus Furcht, von
ihr gemahnet und gescholten zu werden, bleibt er ganz stille liegen und fängt an
zu schnarchen als ein Ratz. Die verliebte Alte bleibt eine gute Zeit ganz
entzückt zu seinen Füssen stehen, endlich, da sie vermeint, dass er in dem
allerfestesten Schlafe läge, setzt sie sich ganz sanfte an seine Seite, suchet
dasjenige, was ihr Herze begehrt. Weil aber Merillo sich hierdurch nicht
ermuntern lässt und ihr die Zeit zu lang werden will, legt sich das verliebte
alte Rabenfell auf ihn, liebkoset und bittet ihn so lange, bis er ihr denjenigen
Dienst leistet, den er, wenn er nur einige Taler im Vermögen gehabt, ihr
vielleicht versagt hätte. Sie hat sich hierauf ungemein vergnügt und gütig gegen
ihn erzeigt, ihm die Schuld erlassen und noch darzu etliche harte Taler in seine
Tasche gesteckt, anbei versprochen, ihn täglich aufs beste zu traktieren und
jederzeit mit benötigten Gelde zu versorgen, daferne er sie in Zukunft ferner
vergnügen wolle. Merillo entschliesset sich demnach, in einen sauern Apfel zu
beissen, um delikate Bissgen zu haben und ein gutes Leben zu führen. Er führete
sich weit sauberer in Kleidung und Wäsche auf als sonsten, ging öfters in
Compagnie, spielete auch dann und wann ein Spiel mit, welches vorhero sein Werk
nicht gewesen war, doch bei allem dem war er sehr akkurat in Versehung seiner
Dienste und suchte sich beständig in der Gunst der Höhern zu erhalten, welches
ihm denn erstlich die Korporals- und wenig Monate hernach die Furiersstelle
zuwege brachte. Damals gab er denen andern Unteroffiziers einen vortrefflichen
Schmaus, der ihm mehr als 30 Taler kostete, hatte es auch eben nicht weit von
sich geworfen, als ihm einige railliert, wie nehmlich er gewiss
Frauenzimmer-Stipendia genösse. Niemand aber hätte auf seine unscheinbare Wirtin
gedacht und geglaubt, dass bei derselben die Liebe den Geiz überwunden hätte.
Allein die Alte gab alles her, was er von ihr verlangte, beide aber trieben ihr
geheimes Liebesspiel so lange, bis sie einsmals von der Tochter beschlichen und
in voller Arbeit angetroffen worden. Da sich nun die Tochter unterstehet, der
Mutter wegen ihres unzüchtigen Lebens einen Verweis zu geben, wird das gute
ehrliche Mägdgen von der erzürnten Mutter dergestalt mit Schlägen traktiert, dass
sie in etlichen Tagen nicht aus dem Bette kommen, mitin, ihrer Bedrohung nach,
dem Beichtvater nicht anzeigen kann, was sie mit ihren Augen gesehen. Mutter und
Tochter versöhnen sich zwar wieder, allein in wenig Tagen geht der Streit und
das Drohen der Tochter von neuen an, bald hernach aber wird das Mägdgen
frühmorgens in ihrem Bette tot gefunden und unter dem Vorwande, dass sie an einem
Schlagflusse gestorben, in aller Stille begraben.
    Merillo schöpft hierüber arge Gedanken und mutmasset aus verschiedenen
Umständen, dass die Mutter ihre Tochter vielleicht durch Gift von der Welt
gebracht, um das Liebesspiel desto sicherer zu treiben. Demnach bekömmt er einen
heftigen Ekel und Abscheu vor diesem alten Felle und sinnet auf Gelegenheit,
sich mit guter Manier aus den Fesseln derselben zu reissen. Hierzu ereignete sich
nun dieses angenehme Mittel: Das alte Weib hatte von ihrem zusammengescharreten
Gelde 1200 Stück alte Kremnitzer Dukaten in ihrem Speisegewölbe in die Erde
gesetzt. Merillo kömmt ihr von ohngefähr hinter die Schliche und merkt das
Fleckgen; einige Tage hernach aber nimmt er diesen Schatz heraus und vergräbt
denselben an einen andern, ihm gelegenern und sichern Ort, lässet sich aber
nichts merken, sondern stellet sich, als ob er immer ärmer und Geld bedürftiger
würde, ja er macht sich gar unpässlich, um der Aufwartung bei seiner alten Sara
überhoben zu sein. Diese wartet und pflegt ihn aufs beste, um seine Kräfte
wiederherzustellen, eines Tages aber kömmt sie ohnversehens als eine höllische
Furie mit zerrauften Haaren und grässlichen Zetergeschrei in seine Stube gelaufen
und stellet sich nicht anders an als ein Mensch, das ganz von Sinnen kommen
will. Merillo stellet sich ungemein erschrocken an und fragt, was ihr denn
Leides widerfahren sei, worauf sie ihm mit allen Umständen klaget, dass ihr ihr
grösstes Kapital, an 1200 Stück Dukaten, weggenommen worden, auch hinzufügt, er
und kein anderer müsse es entführet haben, derowegen möchte er es nur bekennen,
weil sie ohnedem gesonnen gewesen, dieses Geld mit ihm zu verzehren. Merillo
versucht anfänglich, ihr diesen Wahn in Güte zu benehmen, ermahnet sie auch,
vorhero recht zu suchen, weil sich das vergrabene Geld oftermalen zu verrücken
pflegte. Da sie aber nicht nachlässet, ihm diesen Raub auf den Kopf schuld zu
geben, fähret er plötzlich mit andern Worten heraus und spricht: Du alte Bestia!
kannst du mir so wohl erweisen, dass ich dich bestohlen habe, als ich dir dartun
will, dass du, um deine Geilheit desto sicherer auszuüben (worzu du mich
sozusagen bei den Haaren gezogen hast), eine Mörderin an deiner einzigen Tochter
worden bist? Warte, warte! spricht er ferner, ich will dich altes Luder bald in
Schindershänden sehen, weil du mich als einen ehrlichen Unteroffizier zum Diebe
machen willst. Hiermit springt er auf, ziehet seine Kleider an und will zum
Hause hinausgehen, allein die Alte, welcher das Gewissen schlägt, fällt zu
seinen Füssen und bittet mit Tränen, ihr kein Unglück über den Hals zu ziehen,
sie wolle gern alles vergessen und, ob sie gleich an dem plötzlichen Tode ihrer
Tochter unschuldig, ihm doch noch 100 spec. Taler schenken, nur dass sie durch
ihn nicht in bösen Verdacht und Nachrede gesetzt würde. Merillo lässt sich nach
langen Weigern endlich besänftigen, nimmt die 100 Taler noch mit und verspricht,
ihr weder Guts noch Böses nachzureden, geht zum Hause hinaus, lässet seine
Sachen durch ein paar Musketiers nachholen und kömmt nachhero nicht wieder zu
ihr, erfähret aber wenig Wochen hernach, dass sie in einem hitzigen Fieber in
grösster Raserei dahingestorben sei.
    Solchergestalt konnte er sich nun seines erworbenen Geldes etwas freier
bedienen, doch fing er seine Sachen recht klug an, indem er vorgab, es wäre in
seiner Heimat ein naher Anverwandter von ihm gestorben, welcher ihm zu seinem
Avancement unter der Miliz ein ziemliches Kapital vermacht hätte. Nebst seiner
guter Aufführung machten die geheimen Spendagen, dass er bald hernach Feldwebel
wurde, da er sich denn so galant als der beste Oberoffizier aufführete. Er
besuchte den Fecht- und Tanzboden fleissig, zeigte viel Courage; seiner guten
Conduite wegen waren ihm aber auch diejenigen gewogen, welche einesteils Ursach
gehabt hätten, ihn zu beneiden und sich feindselig gegen ihn zu erzeigen.
    Wegen seiner propren Aufführung und wohlgebildeten Person nun verliebte sich
ein Kammerfräulein einer gewissen vornehmen Dame, die als Wittbe in der Stadt
lebte, wo wir in Garnison lagen, in unsern Merillo. Ich will die Dame bloss
Livicarda und das Kammerfräulein Rosinde nennen. Diese Rosinde kann nicht ruhen,
bis sie mit Merillo zu sprechen kömmt. Es geschicht endlich dieses durch
Vermittelung einer alten Frau zum ersten Male, als von ohngefähr, in einem
Garten. Beide Personen gefallen einander, werden derowegen ihres verliebten
Krams bald einig, worauf denn Merillo von seiner Geliebten einsmals um
Mitternachtszeit in ihrer Gebieterin, der Livicarden Palast, ja sogar in ihre
Schlafkammer geführet wird, allwo sie im grössten Vergnügen eine Bouteille Wein
und allerlei Sorten von Konfekt miteinander verzehren. Indem sie sich aber
anschicken, die allersüsseste Kost der Liebe zu geniessen, öffnet sich ganz
plötzlich die Tür, welche Rosinde zuzuschliessen vergessen. Livicarda kömmt
selber hineingetreten und spricht: Siehe da! ihr artigen Herzgen, trifft man
euch also hier beisammen an. Beschimpft ihr solchergestalt meinen Palast?
Rosinde! wollet Ihr schon Euren Jungferkranz durch einen Soldaten zerreissen
lassen? Und Ihr! so redet sie den Merillo an, wer seid denn Ihr? Ich bitte um
Vergebung nur derentwegen, dass ich Euch ein standesmässiges Bad kann zubereiten
lassen. Traget Ihr nicht mehr Respekt vor eine solche Dame, wie ich bin, als dass
Ihr Euch unterstehet, eine von ihren Fräuleins zu schänden?
    Merillo will zwar seine Verantwortung und untertänigste Bitte um Gnade vor
Livicarden kniend verrichten, doch dieselbe höret ihn nicht, sondern ergreift
Rosinden beim Arme und schleppt sie fort aus der Stube, verriegelt dieselbe und
spricht, er solle nur Gedult haben, sie wolle ihm etwas anders weisen. Dass dem
guten Merillo nicht allzuwohl bei der Sache gewesen sein müsse, ist leicht zu
glauben; er hatte die Fenster betrachtet, um herunterzuspringen, allein sie sind
zu hoch und darzu mit eisernen Stäben verwahret, auch ist die Tür dergestalt
befestiget, dass er sie nicht aufbrechen kann. Ob nun zwar sein Verbrechen keine
Todsünde war, so wollte ihm doch schon im voraus von einer scharfen Züchtigung
und starken Prostitution träumen, derowegen blieb er über eine Stunde lang in
den allerängstlichsten Sorgen und Bekümmernissen sitzen; nach Verlauf derselben
aber stellet sich die zwar sehr schön, doch darbei sehr zornig aussehende
Livicarda wieder ein und redet ihn mit folgenden Worten an: Wohlan! freveler
Soldat! hieraussen vor meiner Tür stehen vier bewehrte Knechte, getrauet Ihr Euch
mit Euren Degen durchzuschlagen, so waget Euch hinaus, die Türen meines Palasts
sind geöffnet, dass Ihr weiterkommen könnet. Merillo fällt abermals zu ihren
Füssen, bittet um Gnade, stellet vor, es würde ja einer solchen irdischen Göttin,
welcher lauter Güte und Barmherzigkeit nebst andern unaussprechlichen
Annehmlichkeiten aus den Augen leuchteten, eben nicht mit einer Handvoll seines
Bluts gedienet sein, zudem so wäre ja das Verbrechen, worzu ihn die hitzige
Jugend verleiten wollen, noch nicht vollführet worden etc. etc., worauf
Livicarda mit einer etwas gnädigern Miene spricht: Rosinde hat mir bereits
gestanden, wievielmal ihr Unzucht miteinander getrieben habt; werdet Ihr nun
auch in diesem Stücke die reine Wahrheit bekennen, damit ich höre, ob Eure Reden
übereintreffen, so soll Euch dennoch ein Teil meiner Gnade angedeihen.
    Merillo bekräftiget demnach mit teuren Schwüren, dass dieses ihre erste
geheime Zusammenkunft wäre, und setzet noch hinzu, dass er sich zeitlebens noch
mit keinem Frauenzimmer fleischlich vermischt habe. Hierauf erkundigt sie sich
wegen seiner Charge, Herkommens und anderer seine Person betreffenden Umstände,
und da er sie dessen allen mit wohlgesetzten Worten und manierlichen Gebärden
berichtet hat, sagt sie endlich mit lachenden Munde: Ich glaube Euch alles wohl,
nur daran zweifele ich, dass Ihr noch ein reiner Junggeselle seid.
    Dieses nun versichert Merillo nochmals mit den kräftigsten Worten, worauf
Livicarda mit einer verliebten Miene spricht, dergleichen Wildpret wäre etwas
Rares und viel zu delikat vor ein armes Fräulein. Wo mich mein Spiegel nicht
betrügt oder ich mir nicht selbst schmeichele, so hielte ich mich fast um ein
gut Teil wohlgebildeter als meine Rosinde. Wie gefiele Euch demnach der Tausch,
Merillo, wenn Ihr anstatt Rosinden mich karessieren dürftet? Madame! antwortete
Merillo, Sie suchen vielleicht ein Wort von mir herauszulocken, welches mir das
Leben kosten soll; doch muss ich bekennen, dass mir dergleichen übermenschliche
Schönheit, wie die Ihrige ist, zeit meines Lebens noch nicht vor Augen gekommen,
ich aber bin ein Wurm gegen Dero unvergleichliche Person und geniesse mehr als zu
vieles Glück, wenn ich nur den Staub zu Dero Füssen küssen darf. Eurer Gestalt
und Geschicklichkeit nach, versetzte Livicarde, wäret Ihr würdig, ein geborner
Prinz zu sein, demohngeacht aber, wo Ihr vernünftig lieben und schweigen könnet,
so stehet Euch bei mir dasjenige Vergnügen offen, welches Ihr diese Nacht bei
Rosinden zu finden verhofft habt, saget demnach kürzlich Eure Meinung und was
Ihr Euch selber zutrauet.
    Bei so gestalten Sachen hielt Merillo mit der Resolution nicht lange
zurücke, sondern gab die Livicarden wohlgefällige Erklärung mit zitterender
Freude von sich, worauf sie selbst ihm den ersten Kuss gab, ihn nach einigen
verliebten Tändeleien bei der Hand nahm und eine Treppe hinunter in ihr
Schlafzimmer führete, allwo er auf den gehabten Schrecken erstlich einen guten
Trunk von einer köstlichen Herzstärkung tun, hernach sich kommode machen und bei
Livicarden, ihrer Meinung nach, die ersten Proben seiner Tapferkeit im
Venuskriege ablegen musste.
    Er hat mir«, sagte hier der Lieutenant, »teuer zugeschworen, dass ihm damals
1000mal besser um die Leber gewesen als bei seiner alten Wirtin auf dem
Heuboden; allein er hätte solches eben nicht nötig gehabt, denn ich konnte es
ohnedem wohl glauben sowohl als dieses, dass beide keinen Schlaf in ihre Augen
kommen lassen, bis endlich der anbrechende Tag erinnert, dass es Zeit sei,
voneinander zu scheiden, da ihm denn Livicarda die Verschwiegenheit nochmals bei
Verlust seines Lebens eingebunden, diese erste Visite mit einer guten Handvoll
Dukaten, die sie ihm in den Hut gelegt, belohnet, auf folgende Nacht seine
Wiederkunft durch eine kleine Gartentür, die sie ihm bezeichnet, verlanget und
also diesen wohlbestellt befundenen Venusritter fortwandern lässt.
    Solchergestalt hatte sich nun Merillo das gestörte Liebesvergnügen bei
Rosinden gar nicht gereuen lassen, dieses arme Mägdgen aber hat selbige Nacht
ihre heisse Liebesglut in einem kalten Gewölbe abkühlen müssen, folgenden Morgens
aber ist sie in einen zugemachten Wagen gesetzt und 16 Meilen von dannen zu den
Ihrigen geführt worden, weswegen denn Merillo dieselbe nach der Zeit nicht
wieder zu sehen bekommen.
    Livicarda lebte, wie ich bereits gemeldet, als eine Wittbe, indem ihr
Gemahl, mit dem sie kaum zwei Jahr in einer sehr vergnügten Ehe gelebt, an einer
Blutstürzung nur etwa vor einem halben Jahre plötzlich gestorben war. Sie war
sehr schön, ihres Alters ohngefähr 21 bis 22 Jahr, darbei stark bemittelt. Es
hatten sich zwar schon verschiedene Freier bei ihr antragen lassen, allein sie
mochte bei jedweden etwas auszusetzen haben, indem sie sehr eigensinnig war,
jedoch weil sie sehr propre und delikat lebte, konnten die wollüstigen
Liebestriebe wohl ohnmöglich aussen bleiben, derowegen suchte sie sich in geheim
zu vergnügen, vor den Leuten aber wusste sie sich dergestalt zu verstellen, dass
man hätte glauben sollen, es wäre ihr an nichts weniger als an dem Venusspiele
gelegen, wie sie denn auch noch niemals gesegnetes Leibes gewesen war, allein
die öftern Umarmungen des muntern Merillo verursachten, dass sie binnen wenig
Wochen bei sich verspürete, wie sie zwei Lebern im Leibe hätte. Es stiegen ihr
dieserwegen verschiedene Grillen in den Kopf, doch alles dieses gibt der Liebe
zu dem Merillo nicht den geringsten Stoss, welches er daraus abmerken konnte, da
sie ihm immer eine starke Geldsumme über die andere in die Taschen steckte,
welches er denn nicht übel anlegte, sondern vermittelst desselben erstlich die
Fähndrichs- und etwa drei oder vier Monat hernach die Lieutenantsstelle erhielt,
auch einen kavaliermässigen Staat führete.
    Mittlerweile wird ihrer beider Liebe und die nächtlichen Zusammenkünfte
dergestalt geheim praktiziert, dass kein Mensch das geringste davon erfähret, da
aber die Zeit ihrer Niederkunft immer näher herbeikömmt, tritt sie eine Reise in
ein anderes Königreich an. Merillo erlangt zu gleicher Zeit Urlaub, auf etliche
Monate in seine Heimat zu reisen, also kommen sie beide an einem bestimmten Orte
zusammen, allwo Livicarda ihre Bagage und übrigen Bedienten zurücklässet, weiter
aber niemand mit sich nimmt als eine einzige vertraute Frau und ein getreues
Mägdgen, die von Jugend auf bei ihr erzogen worden. Merillo, der sich Wagen und
Pferde, ingleichen zwei fremde Bedienten angeschafft, führet sie also etliche 50
Meilen weit in das fremde Land hinein, so lange bis der junge Merillo sich zu
stark reget und das fernere Reisen verhindert. Indem sich nun beide Verliebte
vor ein Paar Eheleute ausgeben, wird das Kind, nachdem es frisch und gesund zur
Welt gekommen, in einem Dorfe getauft. Livicarda pflegt daselbst drei bis vier
Wochen ihrer Gesundheit, nach diesen lassen sie die alte Frau mit dem Kinde in
besagten Dorfe und begeben sich wieder auf die Rückreise. Merillo begleitet sie
bis nahe an den Ort, wo sie ihre Suite zurückgelassen, sodann geht er
genommener Abrede nach abermals zurück und nimmt das Kind nebst der alten Frauen
und einer tüchtigen Amme mit sich nach Deutschland, bringt es bei gute Leute
zur Auferziehung, mit dem Begehren, dass es als ein adeliches Kind traktiert und
besorgt werden solle; hierzu deponiert er vorerst 500 spec. Taler, indem er von
Livicarden noch einmal soviel empfangen hatte, und verlanget, dass man ihm
wenigstens alle Monat einmal von des Kindes Zustande Rapport abstatten solle.
    Seinen Eltern gibt er bei dieser Gelegenheit auch eine Visite, sagt ihnen
aber von der Vermehrung ihres Geschlechts nicht das geringste. Da aber dieselben
sich über sein jählinges Avancement zum höchsten verwundern, gibt er bei ihnen
vor, er sei einsmals des Nachts von einem Gespenste aufgeweckt worden, welches
ihm anbefohlen, gleich aufzustehen und mitzugehen, weil er in dieser Nacht
denjenigen Schatz heben könne, welcher ihm bescheret sei, widrigenfalls würde
dieser Schatz nach sieben Jahren einem andern zuteil werden. Er als ein Soldat
habe demnach das Herze gefasset und wäre dem Gespenste gefolget, welches ihm den
Schatz frei und sicher heben und hinwegtragen lassen, auch weiter nichts von ihm
verlangt, als dass er jährlich auf diesen Tag zum Gedächtnisse des gehobenen
Schatzes sein Hemde ausziehen und dasselbe einem armen Menschen geben solle.
    Ich weiss nicht mehr zu sagen«, sprach hier der Lieutenant, »was er seinen
Eltern und Befreundten noch mehr vor Wind vorgemacht, denn es fehlete ihm
niemals an geschickten Einfällen. Er lässet aber ein gut Stück Geld zu Hause,
worgegen ihm liegende Güter verschrieben werden, den usum fructum aber schenkt
er seinen Eltern, bis er nach gebüsseter Soldatenlust wieder nach Hause käme.
Nachdem er nun die Sachen in seiner Heimat behörig eingerichtet, verkaufte er
die Kutsche und die Pferde, bis auf drei tüchtige Reitklöpper, gab den
ausländischen Bedienten eine raisonable Belohnung, schenkte ihnen die Liberei,
die sie nur wenig Wochen getragen, mit auf den Weg, nahm sich einen Reitknecht
aus seiner Vaterstadt an, der ihn zugleich als Laquais bedienen konnte, und
reisete, nachdem seine Urlaubszeit beinahe verflossen, wieder zum Regimente.
    Das Liebesspiel mit Livicarden fing er also aufs neue an, jedoch muss er auf
ihr banges Zureden mehr Behutsamkeit als anfänglich gebrauchen, weilen ihr
ohngelegen, dergleichen Fatiguen so bald wieder auszustehen und einen solchen
Hazard zu wagen, der vielleicht nicht so glücklich ausschlagen dürfte als der
erste. Solchergestalt war nun Livicardens Trauerzeit, und zwar noch ein grosser
Teil drüber, auf eine ganz plaisante Art verbracht. Es melden sich zwar, wie
schon gedacht, verschiedene standesmässige Freier, muss aber einer nach dem andern
mit einem Korbe abziehen, weil sie vielleicht von keinem unter allen vermuten
können, dass er so geschickt sei, sie zu vergnügen, als Merillo. Endlich kömmt
ein junger feiner Herr namens Ch. mit seiner Werbung bei Livicarden angestochen,
zu diesem bekömmt dieselbe Appetit, weiln er dem Merillo an Jahren, Gestalt und
galanten Wesen ziemlich zu gleichen geschienen, an Reichtum aber übertraf er
fast die Livicarda selbst; allein sie will dennoch nicht eher zuschlagen, bis
sie vorhero ihrem Trampelgalan mit guter Manier abgeschaffet hat.
    Merillo, welcher zwar vor wie nach seine Aufwartung noch bei Livicarden
machen muss, merket jedoch gar bald, dass er, nur um ihre Brunst zu löschen,
Notknecht sein müsse, indem er nicht des zehenden Teils mehr so zärtlich
traktiert und karessiert wird als vorhero. Derowegen fängt er an, sich
einigermassen über ihre Kaltsinnigkeit zu beklagen und ihr vorzurücken, dass sie
vielleicht seiner überdrüssig sein müsse, indem sie gemeiniglich nach
vollbrachten Liebesspiele einen besondern Ekel gegen seine Person spüren liesse,
worauf Livicarda freimütig bekennet, dass sowohl das Staats- als ihr eigenes
Interesse erforderte, die Anwerbung des Herrn G. von Ch. nicht auszuschlagen,
sondern ihm die ehelige Hand zu geben; derowegen würde er, Merillo, sie nicht
verdenken, wenn sie sich gewöhnen müsste, sich seiner nach und nach zu entalten,
inzwischen würde sie das mit ihm genossene Liebesvergnügen beständig in
geneigten Andenken behalten und allezeit eine gute Freundin von ihm verbleiben.
    Wohl gut, Madame! sagt Merillo mit einer etwas ernstaften Stimme und Miene,
ich muss mir gefallen lassen, meine Glückseligkeit und Vergnügen, zu welchem ich
plötzlich und unverhofft gelanget, auch plötzlich und unverhofft wiederum zu
quittieren, schätze mich auch verbunden, vor Dero Interesse mehr als mein
Vergnügen aufzuopfern, und bin bereit, das letzte Adieu von Ihnen zu nehmen,
doch bitte nur vorhero von Ihnen Ordre aus, ob die Frucht Ihres Leibes zum
bürgerlichen oder adelichen Stande erzogen werden soll. Sie lässet durch
Gebärden nicht undeutlich spüren, dass sie sich über diese Reden alteriert, geht
aber, nachdem sie ihn noch ein wenig warten heissen, in ein Nebenzimmer und kömmt
erstlich nach Verlauf einer halben Stunde wieder zurück, da sie denn mit einer
negligenten Miene zu ihm spricht: Ich bin voritzo nicht imstande, Euch zu
kontentieren. Gehet dieses Mal hin, ich will Euch bei nächster Zusammenkunft in
allen Satisfaktion geben. Er macht sein Kompliment und geht ziemlich trotzig
seiner Wege, ist aber kaum drei oder vier Schritt von der Gartentür hinweg, als
er in der dicken Finsternis, und zwar in einem Tempo, zwei Stiche, einen von
vorne in die rechte Schulter und den andern durch die linke Weiche, bekömmt. Er
tut einen Sprung auf die Seite, ziehet seinen Degen, um bei weiterer Attaque
einen seiner Feinde mit in den Tod zu nehmen, da er aber vermerkt, dass dieselben
davonlaufen, hält er nicht vor ratsam, grössern Lärm zu machen, sondern schleicht
in aller Stille nach seinem Quartiere, lässt einen Feldscher kommen und sich
verbinden. Etliche Tage sah es sehr schlimm mit ihm aus; jedoch weil keine
Hauptteile im Unterleibe verletzt waren, wurde er in wenig Wochen vollkommen
restituiert.
    Inmittelst erfuhr er, dass Livicarda ehester Tages mit dem G. von Ch.
Beilager halten würde, derowegen trieb ihn der heftige Chagrin an, folgende
Zeilen an Livicarden zu schreiben:
        Gehet dieses Mal hin, ich will Euch bei nächster
                   Zusammenkunft in allen Satisfaktion geben.
                                    Madame!
Dieses waren die letzten Worte, so ich neulich von einer vornehmen Dame hören
musste, die mich ehedem sehr öfters kommen, aber niemals weggehen heissen. Doch
Glücke, Glas und die Liebe eines vornehmen Frauenzimmers gegen eine Mannsperson
geringeres Standes zerbricht gar leichtlich, und also bewundere ich nichts, als
dass Dero heftige Brunst von so langer Dauer sein und durch mein unermüdetes
Bemühen nicht eher als itzo gelöschet worden. Jedoch was will ich von löschen
sagen, da vielleicht die Glut dermalen durch den Anblick eines vierschrötigen
Landsmannes noch heftiger angeblasen worden, von welchen etwa präsumiert wird,
dass er seine Rebus besser machen werde als ein politer Deutscher. Demnach
verwundere ich mich auch nicht, dass ich meinen Abschied von Ihnen bekommen, nur
wundert mich, dass, da beschlossen gewesen, mir das Lebenslicht ausblasen zu
lassen, Sie keine geschicktern Meuchelmörder, sondern solche feige Canaillen
choisiert haben, welche die rechten Fleckgen nicht zu treffen gewusst, sondern,
nachdem sie ihre Stösse mit selbsteigener Angst und Zittern angebracht, sich,
sobald sie nur meinen Degen aus der Scheide fahren höreten, auf die Flucht
begaben. War denn etwa dieses, Madame! die versprochene Satisfaktion? Sollte
dieses der Rekompens vor meine oft über die Gebühr angespannete Kräfte sein?
Sollte solchergestalt das kostbare Geheimnis erstickt und keinen Menschen
kundgemacht werden, ob der arme kleine Livicardomarillus vom Himmel gefallen
oder hinter dem Zaune gefunden sei, mitin dieses unschuldige Kind zu einer
vater- und mutterlosen Waisen gemacht werden? Ja, ja! ich besinne mich, die
Staatsraison hat solches absolutement erfordert. Doch nein, Madame! das
Militärleben ist vermögend, einem bürgerlichen Körper ein adeliches Herze
einzupfropfen. Ob es aber zwar gleich keine Heldentat ist, dergleichen
Cameralia, als wir eine Zeit dahero miteinander traktieret, auszuplaudern, so
wird doch hoffentlich die galante Welt, in Betrachtung meiner ausgestandenen
Fatiguen, mich nicht verdenken, wenn ich auf Mittel sinne, meinen Hohn zu
rächen, welches ich wohl unterlassen, wenn man nicht versucht hätte, mich auf
eine so liederliche Art ums Leben zu bringen. Demnach kündige ich Ihnen, Madame!
meine vorgesetzte Rache an, worbei ich meinen Körper tausend Gefährlichkeiten
exponiere, jedoch garantiere, dass, ob auch mein Körper in tausend Stücke
zerteilt würde, dennoch keine menschliche Gewalt vermögend sein soll, die
Publikation des Geheimnisses zu verhindern, welches zur Zeit noch meines Wissens
niemanden als uns beiden bekannt ist; denn es liegt bereits mit allen akkuraten
Umständen der ganzen Welt zur Nachricht aufgeschrieben an einem sichern Orte,
welches ich darum getan habe, weil ich nicht weiss, ob ich vor meinem Ende noch
imstande sein möchte, solches mündlich publik zu machen. Zwar glaube ich nicht,
dass mein vertrauter Umgang mit Ihnen Dero hohen Stande eben so gar sehr
despektierlich sein kann, weil ein braver Soldat ebensowohl von Adam und Even
herstammet als eine Staatsdame hiesiges Landes. Vielleicht ist auch der Herr G.
von Ch. eben so ekel nicht, dass er nach Vernehmung dieser Liebesbegebenheit
Dieselben nicht ebenso feurig, als Sie sich ohnfehlbar schon im Geiste
vorstellen, embrassieren sollte, wo er ja die Probe nicht bereits abgelegt. Dem
sei aber, wie ihm sei, so will doch ich erstlich eine mit Pulver, Blei und Blut
geschriebene Protestation wider das fernere Verfahren einlegen, um wegen meines,
mir meuchelmörderischerweise abgezapften unschuldigen Bluts Revanche zu nehmen.
Solches meldet Ihnen zur dienstlichen Nachricht
                        der beherzte
                                                                       Merillo.«
»Man muss bekennen«, sagte ein darbeisitzender Offizier, »dass dergleichen
Schreiben vermögend ist, entweder ein Frauenzimmer in bange Furcht oder wohl gar
in die ärgste Desperation zu setzen.« »Bei Livicarden«, versetzte der erzählende
Lieutenant, »mag sich ohnfehlbar beides ereignen, jedoch sie bedienet sich der
Verstellung, denn da Merillo eines Tages auf dem grossen Platze vor ihrem Palais
herumspazieret und wegen seiner in Gurt gesteckten Pistolen mutmassen lässet, als
ob er auf dem G. von Ch., der eben damals von Livicarden traktiert wurde,
laurete, schickt sie eine ihrer Getreuen an ihn ab, lässet ihm eine ziemliche
Summa Geldes bieten, wenn er sie ferner ungekränkt lassen und sich gar von
dannen hinweg in andere Dienste begeben wolle; anbei lässt sie versprechen, sich
noch selbigen Abends in einem Schreiben wegen des auf sie gelegten Verdachts,
den Meuchelmord betreffend, zu entschuldigen und ihm bessere als vermeinte
Satisfaktion zu geben. Dieser stellet sich anfänglich ziemlich spröde, weiln
aber dennoch seine Absichten bloss allein auf das Geld gerichtet sind, verspricht
er endlich, die Satisfaktionspunkte in seinem Quartiere zu erwarten, begibt sich
also, nachdem er vor Livicardens Palais ein Pistol in die Luft geschossen, in
sein Quartier.
    Von ohngefähr fügte sich's, dass ich nebst noch einem Offizier durch solche
Strasse passierte, weiln wir nun den Merillo im Fenster gucken sahen und wussten,
dass er öfters lieber ein paar gute Freunde auf der Stube hatte als in starke
Compagnien ging, trafen ihn aber sehr konsterniert und kaltsinnig an. Doch weiln
sich bekannte Offiziers untereinander nicht viel hieran zu kehren pflegen, so
machten wir beide auch diesmal uns keine Sorge daraus, setzten uns nieder,
spieleten ein l'Hombre und rauchten eine Pfeife Tobak darbei. Merillo stellete
sich, da es Abend zu werden begunnte, etwas unpässlich und schläfrig an, allein
mein Kamerad, der etwas lustiges Geistes war, sagte: Herr Bruder! du magst im
Ernste krank oder schläfrig sein, so gehe ich doch vor Mitternachts nicht vom
Flecke. Wie er demnach sah, dass es nicht anders war, stellete er sich etwas
aufgeräumter. Ohngefähr um zehn Uhr des Nachts aber kam sein Bedienter und
meldete, dass zwei Personen da wären, welche etwas an ihn zu überbringen hätten.
Derowegen sprach Merillo zu mir und dem andern Offizier: Messieurs, seid von der
Güte, nehmet ein Licht und geht nur auf einige Minuten in dieses Nebenzimmer,
weil ich nur noch etwas zu negotiieren habe, worvon ich euch nachhero Part geben
will. Wir weigerten uns nicht, dieses zu tun, weil ich aber curieux war zu
sehen, was passierete, guckte ich durch das Schlüsselloch und wurde gewahr, dass
sein Diener zwei Weibspersonen hineinbrachte, von welchen die eine einen schwer
angefülleten Korb truge und von einer sogenannten wohlbewussten Person einen Gruss
wie auch ein Schreiben brachte, anbei den Merillo bat, er möchte von der Güte
sein und seinen Diener bis an die Ecke der Strasse gegen den Markt zu schicken,
weiln zwei Weiber unterwegs wären, die das Beste trügen, sich aber vielleicht
verirren könnten. Dieser schickte also seinen Diener mit der Laterne fort, trat
zum Lichte und erbrach den empfangenen Brief, immittelst half eine der andern
den Korb auf die Erde setzen, welcher, wie wir hernach befanden, mit etlichen
wohlversiegelten Kästlein, worinnen lauter Sand befindlich, unten aber mit
Steinen beschwert war. Da dieses geschehen, zohen sie eine seidene starke
Schlinge hervor, warfen dieselbe dem Merillo mit grösster Geschwindigkeit über
den Kopf um den Hals, rissen ihn zu Boden, so dass er sich kaum regen, viel
weniger um Hülfe rufen konnte.
    Es ist leicht zu erachten, dass mein Kamerad und ich nicht lange werden
gezaudert haben, dem ehrlichen Merillo in seinen Todesnöten beizuspringen. Ich
kam eben noch zu rechter Zeit, demjenigen Stosse Einhalt zu tun, welchen die eine
Verteufelte mit einem Dolche in seine Brust tun wollte. Indem ich nun bemühet
war, dieselbe zu entwaffnen, wollte mein Kamerad dem gurgelenden Merillo die
Schlinge vom Halse machen, bekam aber darüber von der andern Bestia einen
Dolchstich ins Gesässe und hatte also Ursach, dem Himmel zu danken, dass sie
seines hohlen Leibes verfehlet. Ich wurde es sobald als er selbst gewahr, zohe
derowegen alsofort meinen Degen und hieb ihr die Hand, worinnen sie den Dolch
führete, vom Leibe, so dass beides zu ihren Füssen fiel. Die andere fetzte ich
gleichfalls etlichemal über den Kopf ins Gesicht und über die Hände. Da nun
mittlerweile mein Kamerad dem ehrlichen Merillo die Schlinge abgemacht und es
dahin gebracht, dass er wieder Luft schöpfen und die Augen eröffnen konnte,
stiessen wir beide Canaillen zu Boden, bunden ihnen selbst Hände und Füsse so fest
als möglich zusammen, befanden aber, dass das eine zwar eine Weibs-, das andere
aber eine Mannsperson war. Wir liessen die beiden Mordbestien liegen und
strampeln, den ohnmächtigen Merillo aber trugen wir auf sein Feldbette, da ihn
denn mein Kamerad den Hals und das Gesichte mit Franzbrannteweine riebe, dessen
er kaum eine halbe Stunde vorhero eine ganze Bouteille voll holen lassen, ich
aber trat an ein Fenster und rufte dessen ausgeschickten Diener mit lauter
Stimme, allein ich hätte lange rufen mögen, denn derselbe war ebenfalls von
etlichen Strassenräubern überfallen, zu allem Glücke aber von der darzu kommenden
Patrouille noch errettet und in die Corps de Garde gebracht worden. Solches
erfuhren wir von einem die Wacht habenden Soldaten, welchem ich befahl, dass er
augenblicklich einen von seinen Kameraden, den nächsten den liebsten aufsuchen
und ihn sogleich zu uns schicken sollte. Es währete keine drei Minuten, so
stellete sich einer ein, dem wir ein Paar geladene Pistolen gaben, um, daferne
er etwa auf der Strasse von Mördern angegriffen würde, sich damit zu wehren, nur
aber ohne Zeitverlust einen Feldscher herzubringen. Er kam nebst dem Feldscher
eiligst wieder, demnach wurde dem ehrlichen Merillo vor allen andern Dingen eine
Ader geschlagen und etwas Arzenei eingeflösset, worauf er sich wieder besinnen,
auch einige Worte sprechen konnte. Mein Kamerad liess sich auch nach seiner Wunde
sehen, es wurde aber dieselbe, wiewohl etwas tief, aber doch nicht gefährlich
befunden. Die beiden Meuchelmörder wurden gleichfalls verbunden, und unser
Soldat musste sie bewachen, der Feldscher aber und ich bewachten unsere beiden
Patienten, welche wir in das Nebenzimmer zur Ruhe gebracht hatten.
    Frühmorgens befande sich unser Merillo ziemlich besser, da aber der
Feldscher weggegangen war, um einige Medicamenta zu holen, dankte er uns aufs
verbindlichste vor die Rettung seines Lebens, sagte anbei, wir als seine
Schutzengel müssten gewiss durch eine besonders gnädige Fügung des Himmels ihm
zugeschickt worden sein, da er doch nicht leugnen könnte, dass er gestrigen Abend
wegen ein und anderer Grillen lieber allein zu sein gewünschet, wo er aber
alleine gewesen, würde er sich nunmehro ohnfehlbar schon im Reiche der Toten
befinden. Nach diesen, weiln er merkte, dass aus dem gefundenen und mit
Livicardens Namen unterschriebenen Briefe uns ein und anderes von seinen
Liebeshändeln müsse bekannt worden sein (denn ohngeacht dieser Brief, unter
dessen Durchlesung ihm die Kähle bald wäre zugeschnüret worden, war, ohngeacht
er ziemlich mit Blut besudelt, doch noch ziemlich leserlich), so erzählete er
uns Verschiedenes von seinen Aventuren, bat sich aber hierbei noch zur Zeit
unserer Verschwiegenheit aus und versprach dargegen vor redlich geleistete Hülfe
und Lebensrettung, uns eine ansehnliche Diskretion zu verschaffen.«
    »Ei, Herr Lieutenant!« fragte der Obriste Sw., »wie lautet denn der an
Merillo von Livicarden geschriebene Brief ohngefähr?« »Ich habe denselben«,
versetzte der Lieutenant, »gleich in der ersten Nacht abgeschrieben, sowohl als
die andern, welche mir Merillo kommuniziert und darbei erlaubt hat, seine
Aventuren, die er mir nachhero weit umständlicher erzählet, in behöriger Form zu
Papiere zu bringen. Livicardens Brief aber, den ich noch jetzo in meiner
Brieftasche bei mir führe, klinget also:
                                 Mein Merillo!
Ihr glaubt, dass ich Euch geliebt habe, dass ich Euch aber noch liebe, wollet Ihr
nicht glauben; allein ich versichere Euch dessen vollkommen, ja ich rufe den
Himmel zum Zeugen an, dass ich alle Staatsmaximen verdammen und niemand auf der
Welt lieber als Euch zum Ehegemahl haben wollte. Doch wo Ihr vernünftig seid, so
erwäget selbst, dass die rasende Wut meiner Landsleute uns alle beide nicht einen
Monat lang würde leben lassen. Wie könnet Ihr nun verlangen, dass ich meine
zeitliche Glückseligkeit, ja sogar mein Leben in die Schanze schlagen und an
Euren und meinem Tode Ursächerin sein sollte? Zwar wie ich aus Eurem Schreiben
ersehe, so stehet Ihr bereits in den Gedanken, als ob ich die Bosheit begangen
und einen meuchelmörderischen Anschlag auf Euer Leben gemacht; allein mein
Gewissen ist von dieser Sünde frei. Ich glaube wohl, dass Euch jemand bei meinem
Garten mag aufgepasset haben, denn die Bangigkeit meines Herzens und das auf
derselben Stelle gefundene frische Blut, sodann die Nachricht, dass Ihr Euch
unpass befändet, überzeugten mich, dass Euch ein Unglück widerfahren sein müsse.
Ich konnte aber keine genauere Nachricht davon einziehen, weil man mir sagte,
dass Ihr Tag und Nacht gute Freunde um Euch hättet; unterdessen, weil ich an
Eurem Unglück unschuldig, so hat Euer auf mich gelegter Verdacht mir wohl mehr
Tränen als Euch der Mörderstahl Blutstropfen ausgepresset. Hierbei bin ich auf
die Gedanken geraten, ob etwa einer von meinen Freiern eins von meinen Bedienten
mit Gelde bestochen und zur Untreue bewogen, mitin einige Nachricht von unsern
geheimen Zusammenkünften erfahren und Euch also auf den Dienst gelauret. Ihr
sehet also, dass die Gefahr vor uns beiderseits sehr gross ist, derowegen handelt
klug, nehmt von mir 6000 Taler bar Geld, verlasset diesen fatalen Ort, geht auf
eine Zeit in andere Dienste und machet damit vor dieses Mal mich ruhig, Euch
aber glücklich und vergnügt. Ja! mein Merillo, folget mir und entfernet Euch auf
diesmal, was Euch hinfüro mangeln möchte, sollet Ihr jederzeit par Wechsel von
mir zu gewarten haben, denn Livicarda wird Euch nebst ihrem eigenen Fleische und
Blute nimmermehr Not leiden lassen. Nach einigen Jahren ist Euch die Zurückkunft
unverwehrt, ja Ihr könnet sodann Euer Vergnügen vielleicht in reicherer Masse
wieder finden als jetzo, da Ihr es vor verloren schätzet. Folget mir anjetzo,
mein Merillo, denn Euer und mein Glück beruhet darauf, bleibt auch versichert,
dass ohngeachtet ihrer Vermählung mit einem andern Euch dennoch bis in den Tod
beständig lieben wird.
                                                                        L.v.c.A.
Es ist erstaunlich, wenn man das verzweifelte Gemüte einer solchen falschen
Sirene betrachtet, welche zwar Honig im Munde, Strick und Dolch aber in Händen
führet. Wenn ich an des Merillo Stelle gewesen wäre, so hätte mich der Jachzorn
ohn allen Zweifel dahin verleitet, Livicarden auf ihren Zimmer zu erschiessen
oder sie aufs wenigste vor aller Welt zu prostituieren. Doch dieser hatte sich
von der gesunden Vernunft und seinem eigenen Interesse regieren lassen, setzte
demnach folgendes Schreiben an sie auf:
                               Tyrannische Dame!
                        Gestrenge Gebieterin der Henker
                               und Meuchelmörder!
Wisset, dass Euer verteufelter Anschlag, mich von zweien verkleideten Furien
(wovon Ihr ohnfehlbar die dritte seid) mit Strick u. Dolch ums Leben bringen zu
lassen, durch Schickung des Himmels abermals rückgängig worden und nicht nach
Eurem Wunsche abgelaufen ist; denn Merillo lebet noch, ohngeachtet ihm der Hals
bereits zugeschnüret und alle Gedanken vergangen waren. Ja, er lebt noch und
vielleicht zu Eurem Unglück, wenigstens Spotte, Hohne und Verachtung bei der
honetten Welt. Wisset ferner, dass, wo Ihr mir nicht heutiges Tages vor Untergang
der Sonnen 6000 spec. Taler zu meiner Rekreation und zur Auferziehung Eures zur
Welt gebrachten uneheligen Kindes, nächst diesen 1000 spec. Taler vor vier
Personen, welche mir mein Leben errettet und um diese Begebenheit Wissenschaft
haben, in mein Quartier anhero sendet, so will ich die in meiner Gewalt habenden
Meuchelmörder morgen mit dem allerfrühesten in die Hände der Justiz liefern und
nebst Eingebung einer ordentlichen Specie facti der curieusen Welt solche
Geheimnisse vor Augen legen, die sich der tausende Mensch von einer solchen
Person, wie Ihr angesehen sein wollet, wohl schwerlich hätte träumen lassen.
Bekomme ich aber das Verlangte ungesäumt, so soll nicht allein alles, was
geschehen, unterdrückt und verschwiegen bleiben, sondern es sollen auch die zwei
gefangenen Mörder an Euch ausgeliefert werden. Nehmet es als eine besondere
Marque meiner ehemaligen Liebe und noch jetzigen Höflichkeit und Gelassenheit
an, dass ich mich den Jachzorn nicht verleiten lasse, anders zu verfahren.
Überleget Eure Affären aufs beste, inzwischen wird seine Avantage auch zu
überlegen bemühet sein
                                                                        Merillo.
Diese Zeilen lieferte ich auf des Merillo Bitten Livicarden in ihre eigenen
Hände, sie erbrach dieselben und wendete sich damit an ein Fenster. Ohngeacht
ich ihr nun nicht ins Gesichte sehen konnte, so bemerkte ich doch, dass sie unter
dem Lesen recht erzitterte und eine gute Weile als eine Statue auf einer Stelle
stehenblieb, endlich besonne sie sich wieder, wendete sich herum, sah so blass
aus als eine Leiche und sagte zu mir: Monsieur! weil ich nicht zweifele, dass Sie
ein vertrauter Freund von dem Herrn Lieutenant Merillo sind, so bitte ihm von
meinetwegen zu melden, dass es zwar einen starken Schein habe, als ob ich an dem
ihm begegneten Zufalle schuld habe, allein es ist nicht an dem, sondern ich bin
unschuldig und will mich schriftlich deutlicher gegen ihn erklären, auch heute
abend, sobald es dämmrig wird, dasjenige übersenden, was er verlanget hat,
worgegen ich verhoffe, dass er als ein redlicher Offizier seine Parole halten
werde. Wie sie nun Miene machte, sich in ihr Cabinet zu begeben, versprach ich,
dero Befehle wohl auszurichten, machte meinen très humble und brachte dem
Merillo die fröhliche Post zurücke.
    Livicarda hielt ihr Wort redlich, denn sobald es abends dämmerig zu werden
begonnte, meldeten sich zwei Personen, die eine Sänfte mit sich gebracht hatten,
lieferten in sieben Säcken 7000 spec. Taler an Merillo, welcher die Säcke
sogleich aufschnitt, um zu sehen, ob nicht abermals ein Betrug darunter
vorginge, mittlerweile stunden unser vier Personen bei einem Tische, worauf
sechs Paar geladene Pistolen und vier Pallasche lagen. Da aber Merillo merkte,
dass alles richtig sein und die Summa wohl zutreffen würde, liess er die zwei
blessierten Arrestanten verabfolgen, welche in die Sänfte gelegt und
fortgetragen wurden, ohne dass weiter jemand etwas von der Hauptsache gemerkt
hätte, denn Merillo bewohnete sein Quartier ganz alleine mit seinem Bedienten.
Den Brief, welchen er nebst der Geldsumme von Livicarden empfangen, hat er mir
nicht gezeiget, doch merkte ich, dass sich sein Zorn gegen dieselbe ziemlich
gelegt hatte, denn er liess sich verlauten, wie er sich nicht genung verwundern
könne, dass Livicarda ein so grosses Vertrauen auf seine Parole gelegt, und er
schlösse fast aus gewissen Umständen, dass sie an der Meuchelmörderei keinen Teil
habe; derowegen bat er mich und meinen Kameraden höchlich, alles das, was er uns
von seinen Liebesaventuren erzählet, sowohl als alles dasjenige, was in
vergangener Nacht und heute passiert, verschwiegen zu halten, damit weder er
noch Livicarda prostituiert und auf der Leute Zungen herumtanzen müssten. Wir
gelobten ihm demnach nicht nur auf Offiziersparole das Stillschweigen an,
sondern verschwuren uns auch teuer, weder zu seinem noch Livicardens Verdruss
etwas auszuplaudern, und obgleich ich anitzo diese Geschicht erzählet habe, so
wird doch von Ihnen, Messieurs! wohl keiner erraten, was eigentlich vor Personen
unter den fingierten Namen gemeinet sein.
    Jedoch zum Schlusse meiner Erzählung zu kommen, so muss ich bekennen, dass
Merillo so liberal war und uns beiden Offiziers jeden 500 spec. Taler vor unsere
gehabte Bemühung aufzwange. Dem Feldscher gab er 200, dem Musketier aber wie
auch seinem eigenen Bedienten jeden 100 Taler, welche drei letztern in unsern
Beisein einen ordentlichen Eid schwören mussten, von dieser Begebenheit und
alledem, was sie gesehen und gehöret, nichts auszuplaudern. Mein Kamerad und ich
blieben noch einige Tage bei ihm, ausgenommen, wenn mich die Wache traf,
brachten auch auf des Merillo Verlangen verschiedene andere Offiziers mit, die
ihm, weil er würklich vom Schrecken noch etwas unpass war, die Zeit passieren
mussten. Ferner hielt er alle Nacht vier bis sechs Musketiers von der Compagnie,
bei welcher sein Hauptmann damals nicht gegenwärtig war, in der untern Stube
seines Quartiers mit Essen und Trinken frei, welche die Nachtwache mit ihrem
Gewehr bei ihm halten mussten, indem er sich immer noch eines meuchelmörderischen
Überfalls befürchten mochte. Sobald aber sein Capitain wieder zur Compagnie kam,
nahm Merillo abermals Urlaub zu verreisen, liess seine beschwerliche Bagage in
meiner Verwahrung und machte sich mit einer Extrapost aufs eiligste fort. Wenig
Wochen hernach kamen Briefe von ihm, worinnen er bei dem Chef um seinen Abschied
anhielt, welchen er auch bald hernach nebst seinen zurückgelassenen Sachen
bekam. Nach diesen habe ich zwar den ehrlichen Merillo nicht wieder gesprochen
noch gesehen, jedoch vernommen, dass, nachdem er bei einer nordischen Puissance
Dienste genommen und sich in ein paar Kampagnen wohl gehalten, er nunmehro den
Obristlieutenants-Posten erstiegen. Ich aber bin immer noch Lieutenant«, meldete
hier der Historicus mit Lächeln, »das macht, weiln ich kein Geld, mitin nur
einen Sack voll Hoffnung habe, mit der Zeit, wenn es einmal buntüber geht,
höher zu steigen. Unterdessen sieht man doch, wie das Glücke mit dem Menschen
zu spielen pfleget, denn hätte Merillo bei dem Frauenzimmer keine Goldgruben
gefunden, was gilt's? er sollte mir wohl noch bis auf diese Stunde Korporal,
wenn es viel wäre, Furier oder höchstens Sergeant sein.«
    Wie nun der Lieutenant hiermit seine Erzählung beschlossen hatte, sagte ein
gewisser, zwar noch junger, jedoch sehr artiger und geschickter Capitain: »Ich
gebe dem Herrn Lieutenant in seiner letztern Meinung gar gerne Beifall; vor mein
Particulier aber danke ich vor dergleichen Behelfsmittel und wollte lieber
zeitlebens Musketier sein als solchergestalt avancieren. Es ist doch kein Segen
und Gewissensruhe darbei. Wie kann ein Offizier, der sein Herz mehr der Veneri
als dem Marti gewidmet, seine Dienste mit Plaisir verrichten? Wie kann er mit
freien und sichern Herzen in eine Bataille oder Sturm gehen? Gewisslich ein
Soldat, der sein Herz erstlich an das Frauenzimmer henkt, wird feige gemacht,
und wenn er gleich noch soviel Guts an sich hat. Man sage mir, ob dergleichen
Courtoisie reputierlich, im Gegenteil aber nicht vielmehr höchst schädlich und
sündlich sei. Über dieses sieht man sich darbei sehr öfter solchen
Gefährlichkeiten exponiert, die vermögend sind, auch den wackersten Soldaten um
Ehre und Leben, ja was das vornehmste ist, gar um seiner Seelen Seligkeit zu
bringen. Wo wäre Merillo wohl hingefallen, wenn die beiden Meuchelmörder nicht
von dem Herrn Lieutenant und dessen Compagnon wären verhindert worden, ihn mit
der Schlinge und dem Dolche ums Leben zu bringen?«
    »Wenn man dieses bedenkt«, versetzte der Lieutenant, »so sollte einem
freilich wohl der Appetit vergehen, dergleichen gefährliche Glückswege zu
wandeln, die ohnedem einem Menschen nicht zur wahren Glückseligkeit, sondern in
den Irrgarten aller Laster führen und worauf die Strafe, wo nicht in dieser,
doch in jener Welt erfolget. Allein, es ist leider! zu beklagen, dass das
Courtoisieren bei den Soldaten grand mode worden, auch ganz und gar vor keine
Sünde mehr gehalten wird, es sei auch mit ledigen oder vereheligten
Frauenzimmer, denn ein junger Mensch, der gerne gut leben will, mit seiner Gage
nicht auskommen kann und dennoch auch nach höhern Chargen strebt, lässet sich
niemals eine Sünde leichter als diese gelüsten, weil sie mit so vielen
wollüstigen Vergnügen verknüpft ist. Ja, wenn alle hohe und geringere
Martis-Söhne, welche das sechste Gebot übertreten haben, vom Himmel darmit
gestraft werden sollten, dass sie keine Pistole oder Flinte losbrennen könnten,
so würde man gewisslich dann und wann in manchem Treffen sehr miserable Salven
hören.«
    Über diese letztere Expression entstunde bei der ganzen Compagnie ein
starkes Gelächter und wurde über dieses Tema noch eine Zeitlang pro &
contra disputiert, bis endlich die Reveille geschlagen wurde, da sich denn ein
jeder über die Flüchtigkeit der Zeit verwunderte und nach schuldigster
Danksagung vor genossene Gültigkeit an seinen gehörigen Ort eilete.
    Elbensteinen begunnte von nun an das Soldatenleben immer besser und besser
zu gefallen. Es ging aber in diesem Jahre ausser der blutigen Bataille bei F.
nichts Remarquables vor, weswegen hochgemeldter Prinz im Weinmonat aus dem
letztern Campement bei St. Q.L. sich wieder nach N. begaben. Elbenstein aber,
der sich leicht die Rechnung machen konnte, dass er zu N. sein Glück schwerlich
finden würde, blieb bei der Armee und hielt sich die übrige Zeit der Kampagne
wie auch den Winter über als Volontär bei dem Dragoner-Regiment von Bh. auf. Er
spürete klärlich, dass, da er ein Gelübde getan, nun und nimmermehr seiner
geliebten L. wiederum treulos zu werden, der erzürnte Himmel seine gerechte
Strafe und Rache gegen ihm aufgehoben und in lauter Erbarmung und Gütigkeit
verwandelt hatte, auch seine Vorsorge ihm reichlich blicken liess, indem er bei
Eröffnung der folgenden Kampagne eine Lieutenantsstelle unter dem N. Regiment zu
Pferde erhielt, welches auf englischen Fuss stunde. Er hatte solchergestalt
monatlich 70 Taler Einkommens, derowegen fassete er den Schluss, um seine Gelübde
desto besser halten zu können, sich mit seiner verlobten Braut zu vereheligen.
Solches geschahe auch nach geendigter Kampagne, und zwar zu U. in Gegenwart
vieler darzu erbetener vornehmer Personen sowohl männals weibliches Geschlechts.
    Vorhero aber, ehe sich die Kampagne noch geendigt hatte, musste Elbenstein
noch zwei starke Anfechtungen von dem Feinde des menschlichen Geschlechts und
des heil. Ehestandes ausstehen. Die erste bestunde darinnen: Als er eines Abends
bei einem Marketender, der zugleich Wachtmeister unter dem Regiment war,
gespeiset und eine Bouteille Wein getrunken hatte, gab er der Frauen einen
Louisdor mit der Bitte, ihm einzelne Münze darvor zu geben und das Verzehrte zu
dekortieren. Sie bat ihn, ohnbeschwert mit ihr in ihr Nebengezelt zu gehen,
woselbst sie ihm einzelne Münze aufzählen wollte. Da sich nun Elbenstein nichts
Übeles besorgte, folgte er ihr auf dem Fusse nach, sobald er aber in das Zelt
trat, umarmete sie ihn und gab ihm einen derben Kuss auf seinen Mund, sagte
hierauf: »Liebster Herr Lieutenant! nun habe ich mich vor die schlechte
Abendmahlzeit, die Sie bei mir genossen haben, schon bezahlt gemacht; hier haben
Sie Ihre Pistolette zurück, erweisen Sie mir nur die Gefälligkeit und bedienen
Sie sich meines Tisches alle Tage, ich will Sie nach meinem äussersten Vermögen
aufs allerbeste bedingen und sonst nichts darvor verlangen als Dero Gewogenheit
nebst der Erlaubnis, dass ich heunte Nacht auf ein Stündgen in Ihr Zelt kommen
und Sie um eine Gefälligkeit ansprechen darf.«
    Elbenstein übereilete sich aus angeborner Complaisance gegen das weibliche
Geschlecht nicht wenig mit seiner Antwort, indem er sie versicherte, dass ihm
ihre Visiten jederzeit sehr angenehm sein sollten, worauf er sich nach seinem
Zelte begab und bei einer Pfeife Tobak einen französischen Autorem las, den ihm
ein guter Freund kommuniziert hatte; immittelst begunnte es ihm zu gereuen, dass
er der Wachtmeisterin, ohngeachtet sie eine sehr wohlgebildete Frau war,
Erlaubnis erteilet hatte, ihm eine Nachtvisite zu geben, denn er besanne sich
nunmehro erstlich, dass der Satan mit im Spiele sei und ohnfehlbar dahin trachten
würde, ihn zu Brechung seines Gelübdes zu bewegen. Zu allem Glück kam der
Quartiermeister von seiner Compagnie, welcher noch etwas zu rapportieren hatte,
diesen, weil er ein artiger Mensch, über dieses auch von vornehmen Eltern war,
bat Elbenstein, dass er ihm die Gefälligkeit erweisen und noch ein paar Pfeifen
Tobak mit ihm rauchen möchte, offenbarte auch demselben, dass sich ein gewisses
Frauenzimmer bei ihm melden lassen, um etwas Geheimes mit ihm zu sprechen,
weilen ihm aber die Sache, zumalen bei nächtlicher Zeit, verdächtig vorkäme,
indem er kein Liebhaber des Frauenzimmers sei, so möchte er, der
Quartiermeister, sobald das Frauenzimmer angestochen käme, zwar zum Zelte
hinausgehen, als ob er bei der Compagnie etwas zu besorgen hätte, jedoch nur bei
dem Zelte stehenbleiben und, wenn er, Elbenstein, hustete, sogleich wieder
hineinkommen und rapportieren, was ihm eben in die Gedanken käme; denn er wisse
selbst nicht, was das Frauenzimmer von ihm haben wolle. Ohngefähr um elf Uhr
erschien also die Frau Wachtmeisterin mit einem Mantel bedeckt. Der
Quartiermeister retirierte sich alsofort, weswegen sie den Mantel abwarf,
Elbensteinen umarmete und küssete, hernachmals als eine geborne Wallonin in
französischer Sprache sagte: »Mein Herr Lieutenant, ich bemerke, dass es Ihnen an
kleinen Gelde fehlet, hier bringe ich Ihnen zehn Taler Kleingeld in einem
Beutel, freie Zehrung an Speisen und Wein sollen Sie ausserdem alle Tage bei mir
haben, hiervor bitte mir aber nur Dero genauste Freundschaft und Liebe aus, denn
ich kann nicht leugnen, dass mich auf der Welt nach nichts mehr als nach einem
jungen Erben verlanget, welchen ich wegen der heftigen Liebe, so ich auf Sie
geworfen, von niemand eher als von Ihnen zu erhalten verhoffe.«
    Elbenstein war froh, dass er dem Quartiermeister vor seinem Zelte zu warten
befohlen, denn durch dieser wohlgebildeten Frauen spirituellen Liebsantrag und
herzhaften Expressiones, als auch durch die negligente, zur Liebe reizende
Tracht, in welcher sie vor ihm erschien, wurde er dergestalt konsterniert, dass
es, wenn er nicht an die Verabredung mit dem Quartiermeister gedacht, gefährlich
um die Haltung seines Gelübdes gehalten haben würde. Solchergestalt aber sagte
er zu ihr: »Madame! Ich bin niemals gewohnt gewesen, unerkenntlich gegen
diejenigen zu sein, so Freundschaft vor mich hegen, geschweige denn gegen so ein
charmantes Frauenzimmer, als Sie sind. Allein ich bedauere, dass ich mich nicht
im Stande befinde, Ihrem Verlangen ein Genügen zu leisten, denn da ich mich vor
zwei Jahren mit einer gewissen Baronesse verlobt, habe ich ihr, bevor ich in
Kampagne ging, vermittelst der allerteuresten Eidschwüre die Versicherung geben
müssen, in meiner Treue und Liebe nicht wandelbar zu sein. Derowegen müsste ich
die allerschweresten Strafen des Himmels befürchten, wenn ich solche teuren
Schwüre leichtsinnigerweise bräche.«
    
    Die Frau Wachtmeisterin wollte zwar hierwider verschiedene Exceptiones
machen, da sich aber Elbenstein stellete, als ob ihm unter währenden Trinken
etliche Tropfen in die unrechte Kehle gekommen wären und er dieselben wieder
aushusten müsste, kam bald hernach der Quartiermeister, pochte vor dem Zelte, und
da ihn Elbenstein hereintreten hiess, rapportierte [er] folgendes: »Mein Herr
Lieutenant, diesen Augenblick lässt der Korporal von N. Compagnie zur Nachricht
melden, dass zwei von unsern Leuten, welche vergangene Nacht mit auf Partie
gegangen, zurückgeblieben; er wisse aber nicht, ob sie desertiert oder gefangen
wären.« Elbenstein liess den Quartiermeister ins Zelt kommen und hiess ihn warten,
weil er diesfalls noch weiter mit ihm zu sprechen hätte. Die Frau Wachtmeisterin
vermeinte zwar, es würde dieser bald wieder fortgeschickt werden, da es aber
nicht geschahe, wurde sie endlich vedriesslich und sagte: »Nun, mein Herr
Lieutenant, Sie werden, weil Sie heunte mehr zu tun haben, das Geld wohl morgen
früh nachzählen, meines Wissens ist es richtig.«
    »Nein! Madame!« versetzte Elbenstein, »erweisen Sie mir die Gefälligkeit und
nehmen dieses Geld wieder zurücke bis morgen nach der Mittagsmahlzeit, die ich
bei Ihnen einnehmen werde, sodann wird es sich besser als bei Lichte zählen
lassen.« Mit diesem Bescheide musste sich die lüsterne Frau Wachtmeisterin
abfertigen lassen und mit grössten Missvergnügen nach ihrem Marketenderzelte
zurücke kehren in Hoffnung, ihm mit der Zeit den Rummel dennoch zu benehmen und
ihr verliebtes Dessein auszuführen.
    Hingegen dankte Elbenstein, als er sich vollends recht besonne, dass er
dieser Versuchung so glücklich entgangen war. Der Quartiermeister erzählete
hierauf, dass diese Frau, welche ihren Mann, den Wachtmeister, nunmehro erstlich
vier Jahr hätte, sich in den ersten zwei bis drei Jahren sehr retirée gehalten,
so dass man an ihr nicht die geringste Ausschweifungen verspüret, nachdem ihr
aber die Grillen in den Kopf gekommen sein möchten, wie sie einen Mann habe, der
ihr nicht einmal ein Kleines fabrizieren könne, wäre sie auf die Gedanken
geraten, sich nicht allein an ein und andern wohlaussehenden Offizier, sondern
auch sogar an verschiedene gemeine Reuter, und zwar bald an diesen, bald an
jenen zu attachieren, wie man aber sähe, wollte dennoch nichts fruchten. Da nun
Elbenstein und der Quartiermeister noch verschiedenes von dieser Begebenheit
gesprochen hatten, stellete sich endlich der erste schläfrig an, der andere nahm
gute Nacht und begab sich nach seinem Gezelte.
    Ob sich nun Elbenstein auch sogleich zu Bette legte, so wollte doch kein
Schlaf in seine Augen kommen, derowegen verdross ihm, sich vergeblicherweise im
Bette herumzuwälzen, stund also auf, nahm sein Schreibezeug und brachte folgende
Arie zu Papiere:
                                       1
Auf, mein Geist, sei wohlgemut,
Wenn Begierden stürmen,
Lass nicht ab, dein Fleisch und Blut
Tapfer zu beschirmen.
Halte dich
Ritterlich,
Lass nicht ab zu kämpfen,
Du wirst sie noch dämpfen.
                                       2
Lass die Sinnen leblos sein,
Fühle ohne Fühlen,
Schliess die geilen Lippen ein
Vor der Küsse Spielen.
Das Gesicht
Sehe nicht,
Wenn ein schnödes Blicken
Unschuld will bestricken.
                                       3
Lass die Ohren abgekehrt
Vom Sirenensingen,
Weil, sobald man sie gehört,
Sie uns bald verschlingen.
Ihr Getön
Klinget schön,
Doch in einer Stunde
Geht man gleich zu Grunde.
                                       4
Ach! ihr Sinnen, regt euch nicht,
Sonst müsst ich verlieren!
Der Begierden Irrwisch-Licht
Pflegt nur zu verführen,
Und ihr Glanz
Kann mich ganz
Als ein Blitz verblenden
Und in Abgrund senden.
                                       5
Frisch, mein Geist! dein tapfrer Mut
Hat nun doch gesieget,
Schau! wie Lasterlüste Wut
Ganz darniederlieget.
Du hast dich
Ritterlich
Gegen sie verhalten,
Wollust muss erkalten.
Der zweiten Falle, so ihm der Asmodäus oder der Geist der Unzucht und
Hurenteufel gestellet, entging er durch Gottes Gnade folgendermassen: Er hatte
etliche Tage nach der Aventure mit der Marketenderin den Feldprediger auf sein
Ansuchen wegen gewisser Umstände zu seinem Zeltkameraden angenommen und dessen
Feldbette neben das seinige schlagen lassen. Nun trug es sich zu, dass besagter
Feldprediger zu einem andern Regiment, um einen Delinquenten zu einem
christlichen und seligen Ende zu präparieren, voziert wurde, weil der
Feldprediger des andern Regiments krank darniederlag, welches dieser auch gern
und willig über sich nahm und fortginge. Es mochte aber frühmorgens etwa um vier
Uhr sein, als ein sehr artig angekleidetes Weibsbild zu Elbensteinen in das Zelt
trat und bat, ihr etwas von ihren guten und delikaten Liqueurs und Confituren
abzukaufen. Sie erwartete keine Antwort, sondern setzte sich recht frech und
ungescheut zu ihm aufs Bette, präsentierte ihm ein Gläsgen Persico nebst einem
Schälchen voll Konfekt. Elbenstein, um nicht vor einen Schrupper oder kargen
Filz angesehen zu werden, akzeptierte solches und trunk es aus. Mittlerweile
setzte sich das Frauenzimmer zu ihm aufs Bette, reichte ihm noch zwei Gläser und
unterstund sich nachhero, ihm an demjenigen Orte den Puls zu begreifen, wo
derselbe bei Sanguineis am stärksten zu schlagen pflegt, anderer Karessen durch
Küsse und dergl. zu geschweigen. Indem nun dieses eine Person, die nicht schöner
hätte gemalt werden können, weil sie von der Natur nicht nur wohl, sondern noch
mehr als wohl gebildet worden, so wachten bei Elbensteinen, sonderlich wegen des
eingeschluckten Persico, die Lebensgeister oder, besser zu sagen, die
Hurengedanken auf einmal wieder auf, und es war an dem, dass der arme Elbenstein
in die vom Asmodäo neu gelegte Schlinge verfallen sollte, denn diese Lais oder
Sklavin der Unzucht hatte bereits das Körbgen, worinnen sie ihre Waren hatte,
beiseite gesetzt und war eben im Begriff, sich mit entblösseten Unterleibe zu
Elbensteinen ins Bette zu legen, als sich von ferne des zurückkommenden
Feldpredigers Stimme hören liess, welcher aus dem bekannten Liede: Wer weiss, wie
nahe mir mein Ende etc. eben den Vers anstimmete: Herr! lehr mich stets mein End
bedenken etc.
    Hierdurch wurde die unzüchtige und verdammliche Vollziehung des schändlichen
Desseins, worzu schon beider Wille geneigt und bereit war, auf einmal plötzlich
unterbrochen; dahero die geile Canaille ihre Waren eiligst auffassete, jedoch
nicht so hurtig fortwischen konnte, dass sie der Feldprediger nicht hätte aus des
Lieutenants Zelte kommen sehen. Es bot derselbe zwar Elbensteinen einen guten
Morgen, fragte aber auch zugleich mit einem sehr ernstaften Gesichte, was denn
die Erzhure, die Regimentshenkerin, bei ihm im Gezelte gemacht hätte. Elbenstein
erschrak ungemein, als er den Charakter dieser Schönen erfuhr, war aber so
aufrichtig und bekannte dem Feldprediger alles haarklein, worauf der
Feldprediger sagte: »Gott Lob und Dank, dass ich noch zu rechter Zeit die
würkliche Vollbringung solcher Schandtat verhindert habe, allein, dem allen
ohngeacht, mein werter Herr Lieutenant, hat Er doch den langmütigen Gott mit
Seinem unzüchtigen Willen und Begierden vorsätzlicherweise beleidiget und sich
wider seine Gebote schwerlich versündiget. Ach! Er bereue demnach Seine Sünden
herzlich und schmerzlich und danke darnebst der unermesslichen göttlichen
Barmherzigkeit vor die unverdiente Gnade, die Ihm vor dem würklichen Falle so
treulich behütet hat, wofür ich selber dem allmächtigen Gotte, der den Tod des
Sünders nicht begehret, inbrünstigen und demütigsten Dank abstatte, dass er mich,
seinen armen und geringsten Diener, gewürdiget hat, ein Instrument zu sein,
welches diese Schandtat verhindert hat.« Elbensteinen gingen solchergestalt die
Augen über, der Feldprediger aber, nachdem er seine Reue als das erste Stück der
Busse bemerkt, tröstete und stärkte ihn ferner zur ernstlichen Busse und
Bekehrung, prägte ihm den wahren Glauben ein, wodurch er allein die Vergebung
seiner groben Sünden erlangen könnte, hierauf betete er vor ihm ein kräftiges
Gebet aus dem Herzen und legte sich hernach, weil er die ganze Nacht gewacht,
zur Ruhe, indem die Exekution allererst auf den folgenden Tag angesetzt war.
Elbenstein aber stund, sobald sich die Sonne blicken liess, auf und spazierte in
eine hinter dem Lager befindliche dünne, jedoch sehr angenehme Bosquade, allwo
er die bei sich habende Bibel aufschlug und sogleich die Flucht Lots aus Sodom
in die Augen bekam.
    Diese Geschichte und was ihm vor wenig Stunden passiert war, vereinigte er
miteinander und hatte seine Speculationes und Meditationes darüber, endlich
schrieb er folgende Strophen in seine Schreibtafel, welche eine Arie oder Ode
bedeuten sollen. Man hat selbigen bona fide bloss wegen einiger guten Penséen die
Stelle an diesem gehörigen Orte eben nicht streitig machen wollen, ohngeachtet
gar sehr wider die reine Poesie darinnen gestrauchelt ist. Sie lauten aber also:
                                       1
Eile, meine Seele, eil!
Aus dem Sodom schnöder Lüste,
Sonsten findest du kein Heil
Oder Mittel, das dich friste
Vor dem ewig herben Tod,
Den dir Gottes Zorn androht.
                                       2
In Buss, Reu und Glauben lauf!
Schau, was vor ein schröcklichs Wetter
Über dich sich türmet auf;
Eile, hier ist kein Erretter,
Dein Verweiln und Stillestehn
Macht dich sonst zu Grunde gehn.
                                       3
Aber sieh! dass deine Flucht
Sichrer mög als Lots geschehen:
Wer auf Erden Rettung sucht,
Kann dem Falle nicht entgehen,
Und ein geiler Stärkungstrank
Macht die Seele sterbekrank.
                                       4
Ich weiss bessere Sicherheit
Vor dich, o! du arme Seele!
Christus hält vor dich bereit
Seiner heilgen Wunden Höhle.
Da wird dir sein Blut ein Wein,
Der dich ewig stärket fein.
                                       5
Lauf hin mit getrosten Mut,
Meid ein sündliches Umsehen;
Dieser Erden Pracht und Gut
Muss in Dampf und Glut aufgehen:
Wer zu Christi Schutz sich hält
Acht't kein Zoar dieser Welt.
Es ist ohnstreitig, dass die Poesie nicht viel tauget, unterdessen aber sind doch
die Gedanken gut gewesen. Er ging auch in seiner Andacht weiter und genoss des
andern Tages darauf, nach herzlicher und bussfertiger Bereuung seiner vielen und
schweren Sünden, das heil. Abendmahl. Sobald aber die Armee in die
Winterquartiere einrückte, reisete er heraus nach U., liesse sich daselbst, wie
schon gedacht, mit seiner liebsten Baronne von L. ordentlich kopulieren, von dar
führete er sie nach Hause zu seinen Eltern, woselbst er bis Fastnachten mit ihr
verbliebe. Als aber die Zeit zum Marsche herbeikam, nahm er von seiner liebsten,
nunmehro schwangern Gemahlin Abschied, sowohl auch von seinen betagten Eltern,
welcher denn auf allen Seiten traurig und betrübt genung war, jedoch die
Renommée instigierte ihn, sich nicht länger aufzuhalten, zumalen da ihm sein
Obristlieutenant, dessen Compagnie er kommandierte, durch einen Expressen Ordre
zusendete, dass er nicht säumen sollte, sich auf seinem Platze zu finden, weilen
allem Vermuten nach, wie es denn auch geschahe, die Kampagne frühzeitiger als
sonsten würde eröffnet werden, zumalen da Se. Majestät von Grossbritannien
derselben dieses Jahr in eigener hoher Person beiwohnen würden.
    Demnach erfolgte sein Aufbruch unter vielen Tränen, er aber musste Tag und
Nacht par Posto, zuweilen fahrend, zuweilen auch reutend gehen, bis er das
bereits abmarschierte Regiment, worzu er gehörete, endlich einholte und bei
Löwen antraf.
    In dieser Kampagne bekam der Marquis de Cronvall wegen vorgehabten
Meuchelmordes an höchstgedachten Könige von Engelland seinen verdienten Lohn,
indem derselbige nicht weit von Notre Dame de Lambeck bei der spanischen
Artillerie gevierteilt wurde. Nach diesem folgte den 3. Aug. selbiges Jahres das
hitzige Treffen bei Steenkirchen zwischen dem König Wilhelm und dem
französischen Marschall von Luxemburg (den, woran man doch aus christlicher
Liebe zweifelt, der Teufel geholt haben soll). Sichere Nachrichten meldeten
damals, dass auf beiden Seiten 22000 Mann geblieben, der Spion aber, welcher das
Dessein der Alliierten, nehmlich das französische Lager zu attaquieren, dem
General Duc de Luxembourg verraten, ward gleich den Tag nach dieser
unglücklichen Aktion ohne viele Weitläuftigkeiten frühe um fünf Uhr an einen
Baum geknüpft.
    Nach diesen ging die holländische Armee in Flandern, allwo sie so lange
stehenblieb, bis man die Winterquartiere reguliert hatte. Weiln nun das
Regiment, bei welchem Elbenstein Lieutenant war, wiederum an den Rheinstrom
marschieren sollte, auch die Armee bereits zu kantonieren begunnte, so bekam er
Urlaub, voraus und sodann nach seiner Heimat zu reisen, allwo er zu Ende des
Octobris anlangte. Anstatt aber seine herzallerliebste Gemahlin gesund und
vergnügt zu embrassieren, musste er bei seiner Anheimkunft die betrübte und
höchst schmerzliche Nachricht hören, dass schon im verwichenen Augustmonat Mutter
und Kind das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt hätten, und zwar das Kind 14
Tage eher als die Mutter.
    Nunmehro kam Elbensteinen erstlich in den Kopf, dass es seiner Sünden Schuld
wäre, einen so kostbaren Schatz eingebüsst zu haben, derowegen sank er, noch ehe
er seines Herrn Vaters Haus erreichen konnte, in eine Ohnmacht, musste also
hineingetragen werden. Er blieb über zwei Stunden in solchem gefährlichen
Zustande, sobald er sich aber wieder besonne, beklagte er mit bittern Tränen und
ängstlichen Händeringen seinen jämmerlichen und schmerzlichen Verlust, liess sich
auch nachhero den Gram, Kummer und Traurigkeit dergestalt einnehmen, dass an
seiner Wiederaufkunft billig zu zweifeln war.
    Demnach sahen sich seine Eltern gemüssigt, etliche wohlgeübte und
exemplarische Geistliche herbeizurufen, welche dem trostlosen Elbenstein aus
Gottes Wort zusprachen und zugleich vorstelleten, dass durch eine solche
heidnische Traurigkeit der Allmächtige zum höchsten beleidiget würde.
Alldieweiln er nun ein Mensch war, der sowohl in geistlichen als politischen
Schriften wohl erfahren, so geschahe es, dass, da er Wudrians Kreuzschule zu
lesen bekam, er sich allmählich in Gottes unerforschlichen Willen zu schicken
und sich demselben in rechtschaffener Christen geziemender Gedult gänzlich zu
ergeben lernete.
    Er wollte zwar wieder zum Regimente und dem Kriege weiter nachfolgen, allein
seine Eltern und sonderlich der Vater lag ihm sehr an und stellete vor, wie er
diese Krankheit als einen Morbum Chronicum, der Medicorum Urteile nach, nicht
würde überstehen und der Gebrauch aller Medikamenten bloss eine Cura palliativa
wäre; er als der Älteste müsste nach seinem tödlichen Hintritte sich nicht allein
der hinterlassenen Güter, sondern auch der alten schwachen Mutter und des
jüngern Bruders annehmen, und weiln er den mittelsten Sohn als Capitain in
Ungarn eingebüsst, so würde er wenig Segen haben, wenn er wider der Eltern
Willen die Kriegsdiense kontinuieren wollte, und was dergleichen mehr war. Wie
nun einer seiner Vettern, der Obristlieutenant war, mit einstimmete, musste
endlich der unglückliche Elbenstein versprechen, die Kriegsdienste zu
quittieren, doch ward ihm frei gelassen, sich in der Nähe an einem fürstl. Hofe
zu engagieren, da es sich denn einige Wochen hernach fügte, dass ihm sein Vetter,
der Baron von W., schriebe, wasmassen er einige Zeit daher bei der Herzogin von
N.N. als Kammerjunker in Diensten gestanden, nunmehro aber in anderweite
Bestallung als Hofmeister bei dem Herzog zu N. gelangen würde. Weiln er nun
seiner gnädigsten Herzogin versprochen, einen andern Kavalier an seine Stelle zu
schaffen, welchen sie sowohl in Verschickungen als in ihren andern
Angelegenheiten wohl gebrauchen könnte, so hätte er den von Elbenstein
vorgeschlagen, welchen Vorschlag sich auch Ihro Durchl. gnädigst gefallen lassen
und ihm Befehl erteilet hätte, an ihn zu schreiben, dass er sich ehestens zu P.
einfinden und seine Station antreten sollte. In Erwägung nun, dass er nicht so
gar weit von seinen Eltern käme und alle Woche von ihrem Zustande Nachricht
erhalten könnte, akzeptierte er mit deroselben Bewilligung diese Funktion,
schrieb auch sogleich an den Baron von W. wieder zurück, dass er erstlich bei der
ihm anvertrauten Stabscompagnie abdanken, nachhero aber aufs längste in 14 Tagen
oder drei Wochen sich bei Ihro Hochfürstl. Durchl. untertänigst einfinden
wollte. Es trachteten zwar seine andern Freunde, zweifelsohne auf Veranlassung
seiner Eltern, ihn zu einer anderweitigen Heirat zu persuadieren, allein die
Wunde wegen des Verlusts seiner so lieb gewesenen Gemahlin war noch zu frisch,
weswegen sie, da sie sahen, dass sie ihn mit dergleichen Vorträgen nur
chagrinierten, endlich davon stille schwiegen.
    Nachdem er nun seinen Abschied vom Regimente, und zwar zum grossen Verdruss
seines Obristlieutenants, als welcher ihn ungerne verlor, bekommen hatte,
versäumete er keine Zeit, sondern ging par Posto nach P. Er langete daselbst
glücklich an und ward sowohl von der durchl. Herzogin als dero Frau Mutter wegen
seiner ihnen anständigen Gestalt und Conduite sehr gnädig empfangen, zumalen sie
ihm nicht allein ihre Hofhaltung, sondern auch die Korrespondenz mit etlichen
grossen Ministris am kaiserl. Hofe anvertrauen konnte. In währender Zeit, da die
Herzogin fast wöchentlich, ja täglich Visiten von hohen Standespersonen bekam,
konnte es ohnmöglich sein, als dass sich unter so vielen schönen Gesichtern doch
wenigstens eins, wo nicht mehr, befand, welches capable war, Elbensteinen zu
charmieren und seine verliebten Blicke zu rekompensieren. Die erste Intrigue
sponne sich also an: Es wurde die durchl. Herzogin eines Tages von dem OBG.
traktieret, an der Tafel kam Elbenstein neben der Gräfin von W. zu sitzen, bei
welcher er sich durch allerhand insinuante Diskurse dergestalt einzuschmeicheln
wusste, dass, um dieses Mal allen Verdacht zu vermeiden, sie ihn auf den folgenden
Tag in die Karmeliterkirche auf der K.S. beschiede, daselbst nahmen sie die
Abrede, den morgenden Tag in ihrer Fr. Muhmen, der Gräfin von S., Palais, weil
selbige eben in das warme Bad gereiset, zusammenzukommen. Elbenstein war so
unachtsam nicht, dass er die abgeredte Stunde sollte vergessen haben, sondern er
wartete mit grösster Attention darauf, wurde auch von der schönen Gräfin mit
einer anmutigen und liebreizenden Miene empfangen. Sie spielete, als er kam,
eben auf der Laute und hatte ein kleines Arienbuch bei sich liegen, weswegen
Elbensteinen die Curiosité antrieb, selbiges zu perlustrieren. Indem er nun
akkurat 59 Arien, Oden und dergleichen darinnen fand, bat er sich die Erlaubnis
aus, das Schock voll zu machen und eine Arie nach einer bekannten Melodei
hineinzuschreiben. Da nun die Gräfin versicherte, dass ihr dieses zum besondern
Plaisir gereichen würde, zeichnete er folgende Verse ex tempore hinein:
                                       1
Ein hartes Verhängnis hat mich jetzt betroffen,
Es heisset mich lieben und dennoch nicht hoffen;
Unendliches Quälen bleibt, glaub ich, der Lohn,
Den ich vor mein Lieben einst trage darvon.
                                       2
Doch ob auch mein Lieben ganz abgeschmackt scheinet,
So bin ich's zu lassen doch gar nicht gemeinet;
Dieweil mir der Himmel noch diesen Trost gibt:
Sei stille im Lieben, bleib immer betrübt.
                                       3
Mein brennendes Herze, das eilet zum Grabe,
Dieweil ich die Hoffnung zum Troste nicht habe.
Wer kann mir das nachtun, der schreibe sich ein:
Ohn Hoffnung im Lieben beständig zu sein.
Ob nun schon mancher Poete diese daktylischen Reime durchzuhecheln Ursache
gehabt hätte, so war dennoch die Gräfin vollkommen wohl damit zufrieden. Sie
sah ihn, nachdem sie selbige durchlesen, recht liebreizend an, drückte ihm die
Hand und sagte: »Ein solcher Amant, der ohne Hoffnung beständig sein kann, muss
nicht ohne Hoffnung gelassen werden. Sein Sie nur beständig, mein werter
Elbenstein, und hoffen zugleich, so werden Sie nicht fehlen.« Er ergriff der
Gräfin schöne Hand und küssete dieselbe, sprach darbei: »Hierdurch will ich
versuchen, wieviel ich hoffen darf.« Die Gräfin antwortete: »Wer mein Herz zu
eigen hat, kann alles hoffen.« Unter diesen Worten legte sie ihren Kopf ganz,
als ganz unachtsam, an Elbensteins Brust. Dieser küssete erstlich ihre
charmanten blauen Augen und sagte darbei: »Ihr allerschönsten Augen! euch
beschwere ich, mich nicht zu verraten wegen dessen, was ihr sehen werdet.«
Hierauf machte er sich an die korallenroten Lippen und küssete dieselben mehr
als hundertmal. Teresia, so war der verliebten Gräfin Taufname, liess solches
unter einer verstellten Unempfindlichkeit geschehen, endlich aber nahm die Liebe
und Erkenntlichkeit dergestalt überhand, dass sie das Empfangene mehr als
gedoppelt restituierte, weswegen Elbenstein, wegen wichtiger Verrichtungen,
höchst vergnügt von ihr schiede, nachdem sie die Abrede miteinander genommen,
dass, sooft sie miteinander in Compagnie kämen, sich durch ein unvermerktes
Zeichen ihre beständige Liebe zu erkennen geben wollten.
    Dieses Zeichen bestunde darin, dass Teresia ein Bouquet Blumen an ihrer
Brust, Elbenstein aber nach damaliger Bändermode in seinen Ärmeln oder
Manschetten rosenfarbene Bänder tragen wollten. Teresia pflegte demnach
oftermals den Blumenstrauss, als ob sie daran riechen wollte, an den Mund zu
drücken, und Elbenstein im Gegenteil stellete sich zum öftern, als ob ihm die
Manschettenbänder zu lose worden wären, befestigte sie derowegen mit Hülfe des
Mundes und küssete zugleich das Band, welches der Teresia Leibfarbe war.
Solchergestalt führeten beide ihr geheimes Liebesverständnis miteinander fort.
Allein dieses Geheimnis wurde bald entdeckt: denn als sie einsmals in dreien
Tagen miteinander zusammenzukommen keine Gelegenheit finden können, gab die
Gräfin, welche der Herzogin Palais gegenüber wohnete, Elbensteinen ein Zeichen,
zur Vesperzeit in obgedachtes Karmeliterkloster zu kommen. Der Herzogin Fräulein
aber, eine geborne von C., die ebenfalls ein Auge auf Elbensteinen haben mochte,
wurde solches gewahr, wollte demnach gerne wissen, was solches bedeutete und wem
das Winken gegolten; demnach stellet sie sich in der kleinen Prinzessin Zimmer
an ein Fenster, aus welchem sie alle in selbige Kirche gehende Leute observieren
konnte.
    Solchergestalt, da Elbenstein als ein Protestante so gar allzusehr nach der
Karmeliterkirche zu eilete, sie das ganze Geheimnis erriet, indem sie urteilen
konnte, dass keine besondere Andacht, sondern vielmehr der reizende Gehorsam der
vorausgegangenen Gräfin ihn dahin gezogen.
    Es fehlete bei der Abendtafel keineswegs an allerhand Stichelreden, welche
sich aber Elbenstein gar nicht zuzog. Jedoch da die Fräulein von C. ihm einen
Becher Wein auf Gesundheit der Gräfin Teresia zutrank, wurde er im Gesichte
blutrot, und ohngeacht er seine Liebe zu derselben zu verbergen suchte, wurde
nachhero doch alles völlig verraten.
    Demnach mussten sich beide Verliebten etwas genauer in acht nehmen, und weil
sie nicht persönlich zusammenkommen konnten, so wurde ihr Liebeswerk durch
Briefe traktiert. Diese trug hin und her des Generals und Kommendanten zu P.,
Grafens von T. Zuckerbäckerin, womit denn beiderseits einiges Labsal geschafft
wurde. Ob sie aber nicht zuweilen einander dennoch in geheim gesprochen, solches
kann man nicht vor gewiss sagen. Inzwischen daurete dieses Vergnügen nicht länger
als ein Vierteljahr, denn Elbenstein bekam Briefe, aufs schleunigste zu seinem
Herrn Vater zu kommen, derowegen bat er bei der Herzogin auf vier Wochen Urlaub,
welchen er auch erhielte. Da aber mittlerweile hochgedachte, seine durchl.
Herzogin, sich mit dem Fürsten von N. in eine Eheverlöbnis eingelassen und das
Beilager mit nächsten geschehen sollte, hergegen Elbensteins Eltern ihm nicht
gestatten wollten, ferner bei Hofe zu bleiben, aus Beisorge, dass er etwa wegen
der Religion Anstoss haben möchte, so resolvierte er sich, seine Dimission
schriftlich zu suchen, erhielt auch dieselbe nebst seiner rückständigen
Besoldung und einem besondern Gnadengeschenke.
    Die holdselige Gräfin Teresia wechselte zwar noch über ein halbes Jahr
Briefe mit ihm par Adresse des Traiteurs S. zu D., als sie aber sich nicht
entschliessen wollte, ihre Gelder nach N. zu verwenden, im Gegenteil
prätendierte, sein väterlich Gut zu verkaufen und das dafür bekommene Kaufgeld
entweder in B. oder C. wieder anzuwenden, verloschen diese Liebesflammen beiden
auf einmal.
    Nachhero fügte sich's, dass Elbensteins Herr Vater im Herbste des 1693sten
Jahres das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselte, weswegen er sich genötiget
sah, in seinem Vaterlande zu heiraten. Es wurden ihm demnach von seinen
Freunden allerhand Partien vorgeschlagen, unter welchen eine mit besonderer
Schönheit und Klugheit begabte Fräulein des Geschlechts von M. war; allein es
zwangen ihn triftige Raisons, sich bei derselben nicht zu engagieren. Er
vereheligte sich demnach Anno 1694 mit einer Fräulein von D., welche aber nach
elf Monaten im Kindbette starb, und das Kind, welches ihm nachhero, da es
erwachsen war, viel Bekümmernis und Herzeleid verursachte, am Leben bliebe.
    Der arme Elbenstein sah sich nunmehro zum andern Male in dem betrübten
Witberstande, hatte die ganze Last der schweren Haushaltung allein auf dem
Halse, weswegen er sich denn zum dritten Male vermählete, und zwar mit einer
Fräulein des Geschlechts von NB., mit welcher er verschiedene und meistenteils
ganz wohlgeratene Kinder erzeugte. Als er nun in die zehn Jahre auf seinen
Gütern im Privatstande und ohne Herrndienste gelebt, bekam er von einem gewissen
Reichsfürsten Vokation, bei welchem er etliche Jahre in ansehnlichen Hofdiensten
verharrete.
    Wie aber die Sünden der Jugend von dem gerechten Gott nicht ungestraft
bleiben, also musste Elbenstein nunmehro an sich auch erfahren, dass nichts Gutes
unvergolten und nichts Böses ohngestraft bliebe, indem er allmählig durch viele
schwere kostbare Prozesse, Kriegstroublen, sonderlich die schwedische Invasion,
ferner durch etliche Jahr nacheinander fortdauernden Misswachs, Falliment seiner
Debitoren und dergleichen mehr in grosse Schulden und Abfall seines Vermögens
geriet. Der Gram und Kummer, welchen er dieserwegen einnahm, brachte ihn
dergestalt von Kräften, dass er schwachheitshalber seine Funktion nicht mehr
verrichten konnte, sondern sich genötiget sah, seine Charge zu resignieren und
sich auf sein Gut zu begeben in Hoffnung, durch gute Menage sich wiederum empor
und aus den Schulden zu bringen. Allein es war vor ihn weder Glück noch Stern,
sondern alle seine Projekte, sie mochten noch so vernünftig und klug ausgesonnen
sein, gingen den Krebsgang, so dass er fast seinen gänzlichen Ruin vor Augen
sah. Dergleichen Unglücksfälle entkräfteten ihn nun binnen zwölf Jahren
dermassen, dass er sozusagen alt und grau vor der Zeit wurde, indem er öfters mit
einem schlechten Gerichte Kohl oder andern Zugemüse nebst einem leichten Trunk
Kovent vorliebnehmen musste, wenn er sich nur noch einigermassen seinem gehabten
Charakter gemäss aufführen wollte. In solchen trübseligen Zeiten und kümmerlichen
Zustande liess sich eines Abends, da es entsetzlich stark regnete, ein Kavalier
bei ihm melden und ihn wegen der besondern Freundschaft, so sie in der Jugend
miteinander gepflogen, bloss allein um ein Nachtquartier ansprechen, indem er in
dem kleinen Schenkhause, welches bereits mit Fuhr- und andern Leuten angefüllet
wäre, nicht wohl unterkommen könnte, sonsten aber wolle er dem Herrn von
Elbenstein keine Ungelegenheit verursachen. Elbenstein erfreute sich demnach
recht herzlich, einen alten Bekannten anzutreffen, und zwar um soviel desto
mehr, weil ihm seine Zinsleute vor ein paar Tagen etliche Scheffel Hafer und
anderes Getreide eingebracht, auch waren ihm von einem benachbarten Edelmanne,
der seine Klöpperjagd gehalten, drei Hasen und etliche schöne Stück Flügelwerk
zum Geschenke geschickt worden, also kam ihm dieser gute Freund recht à propos,
dieses mit zu geniessen. Demnach fragte er den Bedienten nach seines Herrn
Geschlechtsnamen, allein der Bediente sagte: »Ihro Gnaden werden mir nicht
ungnädig nehmen, wenn ich hierinnen nicht gehorsamen kann, weil mir solches von
meinem Herrn expresse verboten worden, indem er die Lust gern haben will zu
erfahren, ob er von Ihro Gn. wird erkannt werden, da Sie einander in so vielen
Jahren nicht gesehen haben.« Solchergestalt wurde nun Elbenstein noch zehnmal
curieuser zu wissen, wer sein Gast sein würde, als vorhero, fertigte aber den
Bedienten sogleich ab und liess zurücksagen, weil ihm der Zuspruch honetter
Kavaliere jederzeit sehr angenehm, so müsse ihm die gütige Visite eines alten
Freundes um soviel mehr vergnügend sein. Er bäte demnach, sich in dem schlimmen
Wetter nicht länger zu verweilen, sondern nur mit seinen Leuten und Pferden frei
einzusprechen und mit bei jetzigen Umständen möglichsten Accommodement gütigst
vorliebzunehmen.
    Es währete demnach nur noch eine kurze Zeit, da sich der Gast einstellete.
Elbenstein ging demselben bis vor seine Hoftür entgegen, kaum aber war dieser
vom Pferde gestiegen und hatte sein Gesicht blicken lassen, als ihn Elbenstein
im Moment vor den Herrn von A. erkannte. Dieser Herr von A., welcher nur
ohngefähr ein Jahr jünger als Elbenstein, war von der zartesten Kindheit an mit
Elbensteinen zugleich aufgezogen worden, indem des Herrn von A. Herr Vater sehr
frühzeitig gestorben war, der alte Herr von Elbenstein aber als Vormund diesen
jungen Hrn. von A. zu sich genommen hatte und, als ob es sein eigenes Kind wäre,
mit unter den seinigen erziehen liess. Dieser nun und unser Elbenstein hatten
sich wegen Gleichheit der Jahre und des Temperaments jederzeit vor allen andern
am besten miteinander vertragen können und sich fast niemals veruneiniget, auch
immer vor einen Mann gestanden, wenn sie von den andern attaquieret worden.
Demnach war die Freude vorjetzo bei Elbensteinen ungemein gross, da sie in ihrem
15ten oder 16ten Jahre voneinander gekommen und seit der Zeit sich nicht wieder
gesehen, auch wenig Nachricht voneinander erhalten. Beide Herrn umarmeten und
küsseten sich recht brüderlich, worauf der Herr von A. von Elbenstein in sein
bestes Zimmer geführet und hernach etwas allein gelassen wurde, um seiner
Bequemlichkeit zu gebrauchen. Nachhero wurde die Abendmahlzeit aufgetragen, und
ob selbige gleich eben nicht kostbar war, sondern nur aus einer guten Eiersuppe,
ein paar gekochten Hühnern und aus einem rohen Schinken bestund, so erzeigte
sich doch der Gast sehr vergnügt darbei und bat Elbensteinen, der sich wegen
schlechter Bewirtung zum öftern entschuldigen wollte, inständig, hiervon nichts
zu gedenken, indem er bei dem Plaisir, ihn zu sehen und mit ihm zu sprechen, gar
gern mit einem blossen Butterbrot, einem Trunk Bier und Pfeife Tobak
vorliebnehmen wollte. Mit Weine war Elbenstein nicht versehen, doch konnte er
einen herrlichen Trunk Bier in seinem Dorfe haben. Sobald sie demnach die
Abendmahlzeit mit gutem Appetite eingenommen, blieben sie beide ganz alleine
beisammen, da denn Elbenstein dem Herrn von A. die Hauptstücke seines
Lebenslaufs nebst seinen bis hieher gehabten Fatalitäten ziemlich ausführlich
erzählete. Wie aber unter solchem Gespräch die Mitternachtsstunde bereits
verstrichen, wollte Elbenstein seinen Gast nicht länger von der Ruhe abhalten,
nahm derowegen, nachdem derselbe auf inständiges Bitten endlich versprochen,
morgenden Tag noch bei ihm zu bleiben, auf dieses Mal gute Nacht und begab sich
gleichfalls zur Ruhe.
    Folgenden Morgen beim Tee erzählete Elbenstein vollends den Rest seiner
Begebenheiten und machte den Schluss damit, wie er wohl erkennete und sich in
seinem Gewissen überzeugt befände, dass alle seine gehabten Unglücksfälle
gerechte Strafen des Himmels wären, die er mit seiner zuweilen recht unbändigen
Lebensart wohl, ja noch weit mehr verdienet, weswegen er sich auch von Tage zu
Tage besser in seinen jetzigen pauvren Zustand schicken lernete, anbei den
Himmel inbrünstig anflehete, dass er nach den zeitlichen Strafen seiner nur
dorten in der Ewigkeit schonen möchte.
    Nachdem nun der Herr von A. sein herzliches Mitleiden gegen Elbensteinen
bezeuget und gewünscht, dass, da dem Himmel es eine sehr schlechte Sache wäre,
den Reichen arm und den Armen reich zu machen, er auch Elbensteins Zustand bald
in einen vergnügtern und fröhlichern verwandeln möchte. »Allein, mein wertester
Herr Bruder«, fuhr der Herr von A. gegen Elbensteinen fort, »sonsten pflegt man
zu sagen: Solamen miseris socios habuisse malorum. Ich kann Euch versichern, dass
unser beiderseitiger Zustand sehr wenig voneinander unterschieden ist. Mein
einziges Glück ist's, dass ich mit meiner Gemahlin keine Kinder habe, sonsten
würde ich noch weit miserabler leben müssen. Ich habe aber nur vor weniger Zeit
erstlich auch angefangen, Betrachtungen anzustellen, dass dergleichen
Kalamitäten, welche mir seit wenigen Jahren her begegnet, gerechte Züchtigungen
und Strafen des Himmels sein müssen.«
    Elbenstein erseufzete hierüber sehr tief. Weiln sie eben zur Mittagsmahlzeit
abgerufen wurden, versprach der Herr von A., nachhero, weil sie wegen des
starken Regens doch nicht aus dem Zimmer kommen und ein wenig spazierengehen
könnten, Elbensteinen zur Revanche auch die Hauptstücke von seinen Begebenheiten
zu erzählen.
    Solches geschahe nun, denn da sie sich beide allein in das Zimmer begeben,
wohin Elbenstein Bier, Tobak und Licht bringen lassen, fing der Herr von A. also
zu reden an:
    »Sobald Ihr, mein wertester Herr Bruder, nach J. auf die Universität
gebracht, ich aber wegen einer damaligen schweren Krankheit, die beinahe ein
halb Jahr anhielt, in Eures Vaters als meines Vormunde Hofe zurückbleiben musste,
wurde mir Zeit und Weile entsetzlich lang, und weil [ich] aus Ungedult kein Buch
vor den Augen leiden konnte, so geschahe es, dass ich viel von demjenigen, was
ich schon gelernet hatte, verschwjetzte, wie es sich aber in etwas mit mir
gebessert, brachte mich Euer Herr Vater nach M. zu demjenigen Medico ins Haus,
welcher mich bishero in der Kur gehabt hatte und meine Gesundheit ferneweit
besorgen sollte. Hierbei musste ich nun fleissig in die Schule gehen, und der
Medicus hatte ein sehr scharfes wachsames Auge auf mich, nahm mich nicht allein,
wenn er Zeit hatte, sonderlich des Abends, selbst privatissime vor und
repetierte die Lectiones mit mir, sondern er gab auch sehr genau acht auf meine
Diät und übrige Lebensart, woher denn kam, dass ich nach ein paar Jahren Verlauf
gesund, frisch und sattsam tüchtig erfunden wurde, auf die Universität L. zu
gehen. Ich hielt mich etwas über drei Jahre daselbst auf, brachte meine Zeit
nicht eben allzu übel zu, sondern besuchte die Collegia fleissig und profitierte
doch so viel, dass man schon mit mir zufrieden sein konnte, ausserdem aber auch
eben kein Melancholicus, sondern machte mich mit andern Kavaliers und andern
braven Purschen zum öftern lustig, liess mich auch bald mit diesem, bald mit
jenem Frauenzimmer in eine verliebte Vertraulichkeit ein, welches aber niemals
lange Bestand hatte, indem [ich] im öftern Wechseln mein grösstes Vergnügen
suchte, auch nicht selten fand.
    Da ich aber nach der Zeit, und zwar nur wenige Tage vorhero, als ich meinen
Valetschmaus geben und von der Universität nach Hause gehen wollte, einen
unglücklichen Sturz mit dem Pferde getan, dabei den linken Arm sehr stark
angeschellert hatte, weswegen mir derselbe nach etlichen Wochen zu schwinden
anfing und keine gebrauchten Arzeneien anschlagen wollten, riet mir mein
ehemaliger Medicus, mit einem meiner Befreundten in ein warmes Bad zu gehen, als
welcher ebenfalls ein gewisses Malheur an sich hatte. Wir traten demnach die
Reise par Posto an und erreichten in wenig Tagen eines der berühmtesten warmen
Bäder, mieteten uns Logis, und zwar jeder das seine besonders. Anfänglich lebte
ich sehr douce und hielt mich ausser der Zeit, die zur Motion bestimmt war, fast
beständig inne, nachdem ich aber merkte, dass die Kur wohl ausschlüge, und mich
der Medicus versicherte, dass ich vor Monatsverlauf vollkommen kuriert sein,
hernach abreisen könnte, wenn ich wollte, ward ich herzlich froh und begab mich
in ein und andere Gesellschaften; unter andern traf ich eines Tages ein ungemein
schönes Frauenzimmer darunter an, welche das Fräulein L. von P. genennet wurde.
Ich konnte mich nicht erinnern, zeit meines Lebens jemals gegen ein Frauenzimmer
dergleichen heftig verliebte Regungen bei mir empfunden zu haben als jetzo gegen
dieses Fräulein, und zwar gleich bei der ersten Zusammenkunft, ich konnte auch
folgends weder Tag noch Nacht rechte Ruhe haben, wenn ich nicht das Glück hatte,
mit dieser Schönen in Compagnie zu sein. Sie stellete sich jederzeit sehr
freundlich und complaisant gegen mich, und da sie eines Tages einige Kavaliers
und Dames traktierte, liess sie mich in specie mit darzu bitten. Indem sie nun
gewahr ward, dass ich das Schachspiel, welches sie ungemein wohl spielte, auch in
etwas gut spielen konnte, bat sie mich, ihr die Gefälligkeit zu erweisen und
öfter bei ihr einzusprechen, weil sie dieses Spiels nicht leicht überdrüssig
würde, ausser diesem auch, da mein stilles Humeur mit dem ihrigen sehr wohl
übereinstimmete, möchte sie mich vor allen andern gern um sich leiden. Ich
versprach ihr, woferne ich mich ihrer gnädigen Erlaubnis im Ernst versichert
halten könnte, meine Aufwartung, sooft es deroselben gefällig, zu machen. Es
geschahe auch, so dass wir zum öftern vom Mittage an bis zur späten Abendszeit
beisammen sassen und uns mit dem Schachspiele divertierten, wiewohlen, wenn ich
ihre bewundernswürdigen Artigkeiten betrachtete, zum öftern bald dieses, bald
jenes im Spiele versah.
    Mein heimliches Liebesfeuer wurde solchergestalt immer heftiger angeblasen,
so dass ich es fast nicht mehr verbergen konnte, weiln aber Zunge und Mund allzu
blöde waren, solches zu eröffnen, mussten meine Augen nur das ihrige verrichten.
Die v. P. merkte bald, dass mir eine kleine Melancholie am recht bedachtsamen
Spielen hinderlich wäre, derowegen, da ich einsmals in Gedanken etwas tief
seufzete, fragte sie mit einer mitleidigen Stellung: Was liegt Ihnen doch
immermehr auf dem Herzen, Mons. de A., dass Sie von Tage zu Tage tiefsinniger
werden? Ich bitte mich zu Ihrer Vertrauten zu machen, das Geheimnis sei so gross,
als es immer will, durch mich soll nichts verraten werden, vielleicht aber kann
ich etwa mit einem guten Rate dienen, obgleich die Hülfe in meinem Vermögen
nicht stehen möchte. Mir stieg unter diesen ihren Reden die völlige Glut aus dem
Herzen ins Gesichte, ich bliebe auch eine gute Zeitlang ganz bestürzt sitzen und
wusste nicht, was ich antworten sollte, endlich, da mir, ich weiss nicht was vor
ein Geist meine scheltenswürdige Zaghaftigkeit, zumalen bei einem ledigen
Frauenzimmer, welches mir sozusagen die Liebesdeklaration selbst abnötigte,
vorwerfen wollte, fassete ich plötzlich einen Mut, brachte den ganzen verliebten
Plunder auf einmal zu Markte und schloss mit diesen Worten: Ist also,
allerschönstes Fräulein von P., noch kein anderer Kavalier in Dero Herz
eingeschlossen, so bitte fussfälligst, mir, Dero gehorsamsten und getreu
verliebten Knechte dieses himmlische Quartier zu gönnen, widrigenfalls wird mein
äusserst gequältes Herz von den Flammen der Liebe vollends in Asche verwandelt
werden.
    Die von P. hörete meine Reden mit niedergeschlagenen Augen in grösster
Gelassenheit an, da ich aber innehielt, sagte sie mit einem tiefgeholten
Seufzer: Ach, mein werter d'A., mein Herz ist mehr als zu ledig und hat zeit
seines Lebens noch keine verliebten Triebe empfunden, ausgenommen diejenigen
Zärtlichkeiten, welche Ihre Person und sonderbare Aufführung erweckt hat, allein
mein unglückseliges Verhängnis und mein Gewissen lassen es nicht zu, Ihre
Sehnsucht zu vergnügen, wie gern ich es auch wünschen wollte. Ich glaube es, dass
Sie mich als ein honetter Kavalier aufrichtig und getreu lieben würden, und
versichere, dass ich Ihrer Person nicht weniger gewogen bin. Aber wie gesagt,
mein Schicksal gestattet nicht, Sie nach Wunsche zu vergnügen, sondern ich bin
darzu prädestiniert und kondemniert, dass ich vielleicht meine ganze Lebenszeit
ohne Liebe, gegenteils aber im grössten Missvergnügen zubringen soll.
    Was diese«, redete der Herr von A. weiter zu Elbensteinen, »mit einer
besondern kläglichen Art vorgebrachte Antwort in meinem Gemüte vor eine
Zerrüttung anrichtete, ist nicht auszusprechen. Der Fräulein von P. stiegen vor
Jammer die Tränen in die Augen, und bei mir fehlete wenig, dass die einer
Mannsperson übel anständigen Zeugnisse der Kleinmütigkeit nicht über die Backen
heruntergerollet wären. Wir sahen einander mit ängstlichen Blicken an, und es
war nicht anders, als ob ein Schlagfluss die Nerven meiner Zunge gerühret hätte.
Nachdem aber die von P. ihre und meine Augen abgetrocknet, zugleich meine Wangen
mit ihren zarten Händen sehr liebreich gedrückt, erholte [ich] mich in etwas und
sprach: Eröffnen Sie mir doch nur wenigstens, mein allerschönstes Fräulein, die
Ursache, so meinem Glücke und Vergnügen im Wege stehet. Sollen Dero
überirdischen Annehmlichkeiten samt dem allerschönsten Körper etwa in ein
fürchterliches Klostergebäude verbannet werden? Diesem Unglücke wäre ja noch
vorzukommen, mein Vaterland ist die allersicherste Freistatt vor dieselben. Über
dieses verlange ich ausser Dero allerschönsten Person, wie Sie allhier gehen und
stehen, weder Geld, Güter noch andere Kostbarkeiten, indem ich gesonnen bin,
bloss nach meinem Vergnügen zu heiraten, weiln mir meine frühzeitig verstorbene
Eltern als ihrem einzigen hinterlassenen Sohn zugleich auch drei einträgliche
Rittergüter nebst einem guten Vorrate von Barschaft und Meubles hinterlassen.
Ach, mein Herzensfreund, versetzte hierauf die von P., Geld und Gut habe ich zur
Gnüge und wollte mir nur vor dasjenige, was in dieser kleinen Chatoulle verwahrt
liegt, in Eurem Vaterlande vortreffliche Land- und Rittergüter ankaufen; allein
was hilft es mich, meiner Seelen ekelt vor dergleichen Bagatellen und sehnet
sich vielmehr nach solchen Schätzen, die in einem tugendhaften Behältnisse
verwahrt liegen. Aber! ich bin bereits in ein solches Kloster verbannet, aus
welchem mich niemand als der Tod reissen kann.
    Indem sie dieses redete, eröffneten ihre zarten Hände zugleich ein
mittelmässiges Chatoull, in welchem alle Fächer und Schubladen mit lauter
Goldstücken und den allerkostbarsten Juwelen angefüllet waren. Meine Augen
wurden demnach ganz verblendet, die Vernunft aber überredete mich, die von P.
vor eine höhere Standesperson zu halten, als sie sich ausgab. Derowegen gab ich
ihr meine Gedanken ziemlich deutlich zu verstehen und bat mit zitterenden
Lippen, da meine Wenigkeit sich allzuhoch verstiegen hätte, um gnädige Vergebung
meines begangenen Fehlers und Irrtums. Es versicherte mich aber dieselbe,
abermals mit einem tiefgeholten Seufzer, dass sie von Geburt nicht höher als eine
von Adel, doch hätte sie der Himmel mit einem grossen Vermögen, im Gegenteil aber
auch mit desto mehr Kreuz und Elend überschüttet.
    Indem ich nun vermittelst heftiger Klagen eine noch deutlichere Explikation
von ihr herauszulocken vermeinte, liessen sich ein paar Dames bei ihr melden,
weswegen ich mich vor diesmal genötiget sah, zurückzuhalten und meine Retirade
durch ein ander Zimmer und durch das Hintergebäude des Hauses zu nehmen. Dass ich
aber den übrigen Teil des Tages benebst der darauf folgenden Nacht hindurch von
der unbändigen Liebe die grausamsten Folterungen erlitten, kann niemand leichter
glauben, als wer ehemals auch heftig verliebt gewesen. Ohnmöglich können sich
Ödipus und seine Mitgesellen den Kopf über Sphyngis Rätsel so grausam zerbrochen
haben, als ich den meinen zerbrach über die dunklen Sprüche der Fräulein von P.
Bald schmeichelte mir wegen ihrer freundlichen und verliebten Aufführung die
Hoffnung, sie noch mit der Zeit zu gewinnen, bald lachte Fortuna mit einem
höhnischen Gesichte mich mit allen meinen gemachten Anschlägen und Ideen recht
hässlich aus. Morpheus versagte mir seinen Dienst gänzlich, weswegen ich in
dieser einzigen Nacht ganz blass, hager und merode wurde. Der anbrechende Tag
wollte mir zwar einigen Trost versprechen, indem ich mir sicherlich einbildete,
die von P. würde mich beizeiten wieder zu sich rufen lassen. Nachdem ich aber,
bis es dunkele Nacht worden, vergeblich darauf gehoffet hatte, musste sich mein
gequältes Herze mit Gedult darein ergeben, noch eine Nacht wie die vorhergehende
zuzubringen, da denn meine Liebespein mehr vermehrt als vermindert wurde.
    Folgenden Morgens stund ich mit dem allerfrühesten auf und memorierte die in
vergangener Nacht konzipierte Oration, welche in diesen Nachmittag bei der von
P. zu halten mir vorgenommen hatte. Der Vormittag, welcher mir damals länger als
ein Monat sonsten zu währen begonnte, verstrich endlich, da aber eine Stunde
nach der Mahlzeit der von P. ihr Bote sich noch nicht einstellete, nahm ich mir
die Kühnheit, mich in ihrem Logis selbst anmelden zu lassen. Allein, o Himmel!
wie erstaunete ich, da ich vernahm, dass die von P. bereits gestern noch vor
anbrechenden Tage samt allen ihren Sachen aufgebrochen und mit einer Extrapost
fortgereiset wäre. Meine fünf Sinnen spieleten das Versteckspiel im ganzen
Körper herum, keiner aber wollte sich finden lassen, bis endlich der Wirt des
Hauses, nachdem er mich, der ich in der Tür stund und das Gesicht auf die Strasse
heraus gedrehet hatte, lange und oft bei dem Ärmel gezupft hatte, mich wieder zu
mir selbst brachte und sagte: Monsieur! die fortgereisete Dame hat eine
versiegelte Schachtel an Denselben zurückgelassen, hier ist sie. Ich nahm
selbige Schachtel begierig an, eilete damit nach Hause und fand nach Eröffnung
derselben obenauf einen Brief, dessen Inhalt, weil ich ihn wohl mehr als 1000mal
durchlesen, ganz von Wort zu Wort auswendig gelernet habe, also denselben aus
dem Kopfe hersagen kann. Er lautet aber also:
                                Liebster S. d'A.
Der Himmel ist mein Zeuge, dass ich Sie nicht allein wegen Ihrer galanten Person,
sondern der angemerkten Tugend halber mehr liebe und ästimiere als sonsten eine
einzige Mannsperson in der ganzen Welt. Tue ich Sünde hieran, so bitte ich den
Himmel mit Tränen um Vergebung; jedoch da meine Liebe auf keinem lasterhaften
Grunde ruhet, so hoffe, das heiligste Wesen, so über uns wohnet, werde ein
Mitleiden mit meiner Schwachheit haben. Dass ich aber mich Ihren aufrichtig
verliebten Augen ohne vorher genommenen mündlichen Abschied entzogen, und zwar
so plötzlich, solches ist aus keiner andern Ursach geschehen, als weil ich mich
vor mir selber fürchte und besorgt habe, die Schiffe unserer Tugend möchten etwa
auf dem gefährlichen Liebesmeere an eine verborgene Klippe geraten und
unvermutet stranden. Dieses zu verhüten, habe [ich] die Trennung vor das
allersicherste Mittel erfunden. Wüssten Sie meinen völligen Zustand, so wollte
mich persuadiert halten, Ihr tugendhaftes Herze würde mir in allen Beifall
geben. Indessen entschlagen Sie sich der übermässigen Liebe und verwandelen
dieselbe in eine aufrichtige Freundschaft gegen meine Person, weilen unser
beider Sehnsucht zu vergnügen die pur lautere Ohnmöglichkeit im Wege stehet.
Ihre angenehme Person täglich sehen zu können, wäre zwar mein grösstes Vergnügen,
allein weiln es uns beiden nur zur Qual gereichen würde, wünsche ich, dass Sie
mich niemals mögen finden, es sei denn, dass der Himmel selbst eine Änderung
träfe. Wollten aber Mons. d'A. mir eine einzige Gefälligkeit noch erweisen, so
lassen Sie Ihr Porträt bei demjenigen zurück, der Ihnen diese Schachtel
einhändiget, bemühen Sie sich aber nicht, auf den Abforderer zu warten, denn ich
selbst nicht weiss, ob ich es über lang oder kurz kann abholen lassen. Mein
Porträt habe nicht zu Erhaltung seiner Liebe, sondern nur zum geneigten Andenken
beilegen wollen. Mein letzter Wunsch ist dieser, dass der Himmel Ihnen mit der
Zeit bei einer andern anmutigen Liebste so vieles Vergnügen gönnen wolle, als in
ihren jetzigen Stande Unvergnügen geniesst
                        die unglückselige
                                                                        L. de P.
Wie mir nach Verlesung dieser Zeilen zumute gewesen, bin selbst nicht vermögend,
von mir zu sagen, so viel weiss ich mich zu entsinnen, dass ich fast über zwei
Stunden lang als ein steinern Bild auf meinem Stuhle gesessen, den Brief aber
beständig in den Händen gehalten habe. Nach diesen, da ich als aus einem Schlafe
erwacht, durchstrich ich alle Gassen, um zu erkundigen, ob niemand wisse, wo die
von P. hingefahren und wo ihre Heimat sei. Allein niemand konnte mich dessen
berichten, keiner wollte ihr Geschlechte kennen, sondern viele glaubten, es wäre
nur ein erdichteter Name, den sie sich beigelegt, unter ihrer Person aber eine
weit höhere Standesperson versteckt gewesen, damit sie keinen so grossen Staat
führen dürfen. Ich wusste, wie gesagt, nicht, was ich denken sollte, bald glaubte
ich solches auch, ohngeacht sie mich selbst versichert, dass sie bloss von Adel,
bald hielt ich sie vor einen jungen grossen Herrn, der sich zur Lust in ein
Frauenzimmer verkleidet, bald vor eine bereits verheiratete Dame, ja es fielen
mir wohl noch törichtere Gedanken ein, die ich nicht einmal melden will.
Unterdessen, weil Cupido mich als seinen verliebten Hasen recht scharf aufs
rechte Fleckgen getroffen hatte, konnte ich keine Ruhe haben, sondern mein
Reitknecht musste die Pferde satteln, da ich denn zehn bis zwölf Tage mit ihm
herum göckerte, um der von P. Reisekurs oder wohl gar den Ort ihres Aufentalts
zu erfahren, allein die Mühe war vergebens; demnach reisete ich unverrichteter
Sache wieder zurück ins warme Bad, liess mein Porträt verfertigen, legte dasselbe
nebst einem kostbaren Ringe (denn sie hatte mir auch einen Diamantring von
grossen Werte beigelegt) in eine Schachtel, vergass auch nicht, einen lamentablen
Brief darbei zu schreiben, und gab alles dieses wohlversiegelt in des Wirts
Verwahrung, mit dem Bedeuten, alles dieses so lange aufzuheben, bis es die Dame
abfordern liesse, hiernächst versprach ich dem Wirte 50 Taler bar Geld zu zahlen,
wenn er ausforschen und mir Bericht erstatten könnte, wo sich diese Dame
eigentlich aufhielte, wie ich denn dieserhalb nach Verlauf einiger Wochen
wiederum bei ihm wollte Anfrage tun lassen.
    Der Wirt vermass sich hoch und teuer, mir zu Gefallen allen möglichsten Fleiss
anzuwenden, ich aber reisete fort, durchstrich alle umliegenden Provinzen und
erkundigte mich nach dem Geschlechte von P., erfuhr aber an einem Orte sowenig
als am andern. Endlich kam ich von ohngefähr zu einem Vornehmen von Adel,
welcher wegen seiner Gelehrsamkeit in der Politik, Historie, Genealogie,
Heraldik etc. weit und breit berühmt war. Dieser versicherte mich, wie er alle,
auch die neueren adelichen Geschlechter des ganzen Deutschlandes und was darzu
gehörig in etlichen Folianten aufzuweisen hätte, indem er sich dieserwegen viel
Mühe durch Korrespondenzen gegeben, auch sehr viele Kosten daran gewendet,
allein ohngeacht wir alle Folianten mit ihren Registern durchblätterten, so fand
sich zwar endlich ein Geschlecht dieses Namens, welches aber schon vor länger
als 200 Jahren gänzlich und glatt ausgestorben war, welches denn die darbei
angeführten Umstände vollkommen glaubhaft machten. Wäre ich klug gewesen, so
hätte ich mir diese Dame bald aus dem Sinne geschlagen, da es aber hiess: Amare
& sapere vix Diis conceditur, so war ich halb rasend zu nennen, beging auch
solche törichte Streiche, dergleichen man sich nimmermehr von mir einbilden
sollen und worüber ich, nachdem ich wieder zu Verstande kommen bin, mich selbst
verwundern müssen.
    Ich bin zwar mit denenjenigen eben nicht eines Glaubens, welche ein
inevitabile fatun, praedestinationem, absolutum decretum und dergleichen
statuieren, jedennoch weiss ich doch auch nicht, wie es damals mit mir zuging,
denn ob ich gleich mich bereden liess, in der Suite zweier junger Grafen
Frankreich, Engelland, Holland, sodann die nordischen Königreiche mit zu
durchreisen, so konnte ich mich doch binnen dieser Zeit von beinahe von vier
Jahren dennoch nicht überwinden, die von P. aus den Gedanken zu schlagen,
sondern musste ihr [Bild] fast täglich mit grösster Devotion betrachten, hatte ich
auch dann und wann mir gelüsten lassen, eine würkliche Sünde wider das sechste
Gebot zu begehen, so war mir in Wahrheit weit bänger darum, dass ich die von P.
benebst ihrem Porträt, als dass ich meinen Gott dadurch beleidiget hätte, ja ich
war weit hurtiger, vor dem Porträt niederzuknien und dergl. Sünden dem Originale
abzubitten, als ein solches vor meinem allmächtigen Schöpfer zu tun, da doch
weder Original noch Porträt von nichts wussten, Gott aber alles sieht.
    Erwäget meine Torheiten, liebster Bruder!« sagte hier der Herr von A.
besonders zu Elbensteinen. »Nachhero bin ich 1000mal auf die Gedanken geraten,
ich müsse bezaubert und die von P. zur Hauptperson prädestiniert gewesen sein,
mir in dieser Welt Fatalitäten, ja was sage ich, das grösste Unglück zu stiften,
woferne es nicht die göttliche Barmherzigkeit noch etlichermassen remediert
hätte. Ihr werdet erstaunen, mein Bruder! über den Verfolg meiner Geschichte,
vorhero aber muss ich Euch erzählen, auf was vor Art ich nach so langer Zeit die
von P., und zwar von ohngefähr, wieder zu sehen bekommen habe.
    Die Grafen, in deren Suite ich noch immer mitreisete, von ihnen, weil sie
mich gerne um sich leiden mochten, viel Gnade genoss, auch vor andern
ziemlichermassen distinguieret wurde, erfuhren, dass in einem gewissen Reiche eine
starke Veränderung vorgegangen wäre, dermalen aber in der Hauptstadt N. ein
grosser Pracht und Herrlichkeit zu sehen sein würde. Indem sie sich nun
resolvierten, zur See dahin zu reisen, liess ich mich persuadieren, diese Tour
auch noch mit zu tun. Wir kamen eben zu rechter Zeit, da alles in prächtigster
Gala war und niemanden gereuen dürfte, sich dieser Seltenheiten wegen auf die
Reise begeben zu haben und etwas darauf gehen zu lassen. Eines Abends wurde eine
vortreffliche italiänische Opera gespielet, welcher ich mit besondern Vergnügen
zusah, indem eine Passage darinnen vorkam, die eine ziemliche Gleichheit mit
meiner Liebesaventure hatte.
    Aber! o Himmel! in was vor eine Erstaunung geriet ich nicht, da ich unter
dem vornehmsten Frauenzimmer [m]eine andere Seele, nehmlich die schöne von P.
erblickte. Anfänglich wusste ich zwar nicht, ob ich meinen Augen trauen dürfte
oder nicht, nachdem aber dieselben eine gute Zeitlang auf ihren englischen
Angesichte kleben geblieben waren und alle Mienen und Gebärden wohl observiert
hatten, befand ich mich der Wahrheit vollkommen überzeugt, zumalen da ich von
ihr (die mich, wie ich hernach von ihr selbst erfahren habe, eher als ich sie
erblickt) angesehen wurde, zugleich auch durch Neigung des Haupts das Zeichen
eines Grusses von ihr empfing.
    Demnach wusste ich mich vor Freuden und Vergnügen fast nicht zu lassen. Die
von P. mochte meine Gemütsbewegungen merken, gab mir derowegen mit einer andern
besondern Miene zu verstehen, ich sollte mich der Verstellung bedienen und tun,
als ob ich sie nicht kennete. Ich folgte hierinnen, weilen mir aber die Zeit
verzweifelt lang wurde, um zu erfahren, was ich gern wissen wollte, veränderte
ich meine Stelle, begab mich zu einem deutschen Kavalier, mit welchem ich vor
etlichen Tagen bekannt worden war und welcher sich schon eine Zeitlang in diesem
Reiche aufgehalten hatte, liess mich mit ihm in einen besondern Diskurs ein und
fragte nach den Namen der meisten gegenwärtigen Standespersonen, sonderlich aber
des Frauenzimmers. Der Kavalier gab mir mit besonderer Höflichkeit in allen,
soviel er wusste, Bescheid. Endlich kam die Reihe auch an die von P., von welcher
er mir meldete, dass es die Gemahlin eines Staatsministers namens K. wäre. Ich
verbarg mein dieserhalb entstehendes Schrecken und sagte: Man sollte diese Dame,
welche noch sehr jung und schön aussiehet, eher vor ein lediges Fräul. als vor
eine Vereheligte ansehen. Viele glauben auch, versetzte der Kavalier, dass sie
zwar eine Frau dem Namen nach, in der Wahrheit aber noch ihre Jungfrauschaft
habe, indem sie von ihrem Gemahl noch niemals soll sein berühret worden. Sie
ist, fuhr der Kavalier fort, eine geborne Deutsche und durch ein besonderes
Schicksal an diesen Herrn vermählt worden. Ich glaube aber, sie wendeten auf
beiden Seiten ein gut Stück Geld daran, wenn sie so leichte wieder
voneinanderkommen könnten, als sie zusammengekommen sind. Ei! fragte ich, was
hat denn das vor Ursachen? Es wird nicht allein in dieser Stadt, antwortete der
Kavalier, sondern auch weit und breit herumgesprochen, dass ihnen gleich an ihrem
ersten Hochzeittage ein schändlicher Possen gespielet worden, denn wenn er sie
nur an der Hand oder an Backen oder sie ihn berühret, bricht ihm gleich der
Angstschweiss aus und stösset ihm eine Ohnmacht zu. Das wäre ja, replizierte ich,
ein unerhörter und verteufelter Streich. Mein werter Herr Landsmann, gab der
Kavalier hierauf, man hat mir gesagt, dass solches hierzulande ganz und gar
nichts Seltsames sei, sondern man habe sowohl hier in dieser Stadt als in der
Nähe herum, sowohl unter hohen als geringen Eheleuten erstaunlich viele Exempel,
dass selbige teils auf ein oder etliche Jahr, teils auf ihre ganze Lebenszeit
solchergestalt fasziniert oder, auf deutsch, behext gewesen und noch sind. Es
ist erstaunlich, war meine fernere Rede, allein was mögen sie solchergestalt
wohl vor eine Ehe miteinander führen? Diese Ehe, replizierte der Kavalier, kann
wohl schwerlich die beste sein, jedoch man höret doch, dass die fromme,
tugendhafte und kluge Dame sich sonderlich in ihre Fatalitäten zu schicken und
dem stürmischen Manne mit Gedult und Gelassenheit nachzugeben weiss. Es hat mir
jemand gesagt, dass ihr eine hohe Person in geheim antragen lassen, ihre
Ehescheidung zu befördern, allein sie soll grossmütig zur Antwort gegeben haben,
sie verlasse sich bloss allein auf die Fügung des Himmels und verlange niemals
auf andere Art als durch einen natürlichen Tod von ihrem Gemahl getrennet zu
werden.
    Wir hätten vermutlich unser Gespräch noch weiter fortgeführet, weiln aber
die Opera eben zum Ende ging, beurlaubte ich mich von diesem Kavalier und
ersuchte ihn, mir ehester Tages die Ehre seines Zuspruchs in meinem Logis zu
geben. Mittlerweile kam mir die von P., welche ich von nun an Mad. K. nennen
will, aus den Augen, derowegen begab ich mich nach meinem Logis, allwo ich die
darauf folgende Nacht mit tausenderlei verdriesslichen Grillen hinbrachte, da ich
aber endlich nach langen Herumwerfen meiner Vernunft Gehör gab, riet mir
dieselbe, sowohl meiner unglückseligen Liebe als der Stadt N. adieu zu sagen und
weder die Mad. K. selbst noch ihr Porträt wieder anzusehen, hergegen mich auf
meine Güter zu begeben und eine ordentliche Ökonomie anzurichten. Ach aber,
diese Resolution, ohngeachtet sie diese Nacht auf einen Stahl- und Eisengrund
gebauet zu sein schien, wurde durch ein kleines Blättgen Papier über einen
Haufen geworfen, denn sobald ich frühmorgens das Bette verlassen, lieferte mir
einer von der Mad. K. Bedienten ein Billett folgendes Inhalts in meine Hände:
                                   Monsieur!
An Ihrer Person vermerke, dass einem Verliebten alles auszuforschen möglich sei,
und glaube zwar, dass eine übermässige Zärtlichkeit, mich wiederzusehen, Sie
angereizt hat, mir nachzufolgen, gestehe anbei, dass es mir zugleich lieb und
leid ist, dass Sie mich gefunden. Lieb darum, weil ich das Vergnügen habe, Ihre
artige Person gesund zu erblicken, leid aber, weil Ihre Anwesenheit mir höchst
gefährlich werden kann. Unterdessen wo Sie einige Consideration vor meine Person
und mein Bitten haben, so bleiben Sie so lange in Ihrem Logis verborgen, bis ich
Ihnen Nachricht gebe, an welchem Orte Sie mich ohne Gefahr sehen und sprechen
können. Denn ich befürchte, es möchten sonsten untugendhafte Gemüter einen bösen
Verdacht auf unsern zwar verliebten, doch tugendhaften Umgang werfen und meiner
Ehre einen unauslöschlichen Schandfleck anhängen, zumalen da es eine sehr
schwere Sache ist, die verliebten Affekten beständig im Zaume zu halten. Sie
belieben demnach meinem Rate zu folgen und versichert zu leben, dass Ihnen mit
einer beständigen, jedoch Ehre und Tugend unschädlichen getreuen Liebe ergeben
verbleibt
                                                                        L. de P.
Bei so gestalten Sachen änderte sich meine Resolution alsofort und beschloss,
solange in N. zu verbleiben, als es der Mad. K. gefiele, damit ich aber ihrem
Befehle gemäss desto verborgener in meinem Logis sein und mich bei meinen
Reisegefährten nicht etwa in Verdacht setzen möchte, stellete ich mich krank,
kam nicht aus meinem Zimmer, vertrieb indessen meine Zeit mit der Poesie und
andern verliebten Grillenfängereien. Zwei Wochen vergingen, es meldete sich aber
noch keiner von der Mad. K. Bedienten, inzwischen, weiln die Lustbarkeiten zum
Ende und die Vornehmsten schon wieder abgereiset waren, brachen auch meine
jungen Grafen auf und versprachen mir, ganzer vier Wochen in B. auf mich zu
warten, damit ich, wenn ich binnen der Zeit wieder gesund würde, sie daselbst
antreffen und vollends mit ihnen nach Hause reisen könnte. Ich wünschte ihnen
aus guten Herzen viel Glück auf die Reise und war froh, dass ich vor diesmal
ihrer loswurde, mitin mein fernerweitiges Schicksal vor mich allein in der
Stille abwarten könnte. Gleich des darauffolgenden Tages bekam ich den zweiten
Brief von der Mad. K., worinnen sie sich bedankte, dass ich ihrem Begehren Folge
geleistet hätte, anbei ein herzliches Verlangen bezeugte, mit mir zu sprechen,
weiln aber allhier in der Hauptstadt so viele Aufseher wären, hielte sie vors
ratsamste, dass ich ihr auf ein zwei Meilen von der Stadt gelegenes Landgut
folgte, und zwar in Weibskleidern. Hierzu wollte sie mir in folgender Nacht
durch eine getreue Frau und einen Bedienten alles Nötige übersenden, jedoch
sollte ich ihr vorhero berichten, ob mir dergleichen Masquerade nicht etwa
zuwider wäre.
    Nun kann ich zwar nicht leugnen, dass mir dieser Streich anfänglich sehr
unanständig schien, denn es fiel mir dabei diese Frage ein: Werden nicht die, so
es einmal erfahren, sagen: Hercules servivit. Jedoch ich tröstete mich in diesem
Stück folgendergestalt: Hat sich gleich Herkules durch die Liebe verleiten
lassen, seiner geliebten Omphale zu Gefallen Weibskleider anzuziehen und in der
Spinnstube mit dem Rocken unter ihren Mägden zu sitzen, so ist er doch der
starke Herkules geblieben und nach seinem Tode vergöttert worden. Ferner wollte
mir auch diese Masquerade verdächtig und gefährlich vorkommen, allein die Liebe
überwältigte bei mir die gesunde Vernunft sowohl als den Wohlstand, derowegen
versäumete keine Zeit, der Mad. K. zu versichern, wie mein Wille in allen
Stücken ihren Befehlen unterworfen sei. Also stellete sich in darauffolgender
Nacht eine mit zwei Pferden bespannete Karosse ein, worinnen nebst einer etwas
betagten deutschen Frau auch ein einziger deutscher Laquais sass, welcher aber
keine Liberei hatte. Die Frau allein kam in mein Zimmer und bat, ich sollte
durch meinen Diener einen Coffre von dem Wagen nehmen und herauftragen lassen.
Dieses geschahe, nachhero wurden aus dem Coffre vortreffliche
Frauenzimmer-Kleider ausgepackt, ich als ein Frauenzimmer angekleidet und also
reiseten wir, noch ehe der Tag anbrach, fort, nachdem ich meinen getreuen
Diener, welcher in Wahrheit das Leben vor mich gelassen hätte, Instruktion
gegeben, wie er sich zeit meiner Abwesenheit verhalten und wie er mit den
Geldern, so ich ihm zurückliess, disponieren solle.
    In drei Stunden langeten wir ganz gemächlich auf dem Landgute an, ich wurde
von der Mad. K., die schon vorausgereiset war, in einem schön meublierten Zimmer
sehr freundlich empfangen. Die verliebten Komplimenten, so zwischen uns
gewechselt wurden, will [ich] sowenig berühren als den täglich vergnügenden
Zeitvertreib, den wir uns machten, sondern nur so viel sagen, dass ich mich
dieses erste Mal ganzer vier Wochen bei ihr aufhalten musste, im Liebeswerke aber
konnte [ich] bei ihr nicht weiter avancieren, als dass sie mich dann und wann,
jedoch in Wahrheit sehr selten, einen Kuss von ihrem schönen Munde und Händen
rauben liess, weiter konnte ich von ihrer strengen Tugend nichts erlangen, ja
diese kleine erlaubte Freiheit wollte ihr schon mehr als zu lasterhaft
vorkommen, jedoch auf meine unablässige verliebten Vorstellungen gab sie sich
endlich zufrieden. Da aber hierdurch mein Liebesappetit nach den delikatesten,
jedoch verbotenen Früchten immer stärker werden wollte, lockte sie mir einmals
mit artiger Manier einen Schwur aus dem Munde und vinkulierte mich damit so
weit, dass ich versprechen, angeloben und schwören musste, ihr, solange ihr Gemahl
am Leben, niemals etwas zuzumuten, was wider die Hauptregeln der Keuschheit
liefe. Demzufolge habe auch nach der Zeit nicht einmal an etwas Unkeusches
gedenken, geschweige denn davon reden wollen. Ausser diesem aber lebten wir sehr
vertraut miteinander und vertrieben unsere meiste Zeit mit dem Schachspiele oder
verliebten Gesprächen, und zwar in französischer Sprache, damit die alte
deutsche Frau, welche der Mad. K. nicht von der Seite kommen durfte, nicht eben
alles verstehen könne. Binnen dieser Zeit erzählete mir die Mad. K. auch ihre
ganze Lebensgeschicht, die mit demjenigen ziemlich übereinstimmete, was mir der
deutsche Kavalier in der Opera gesagt. Sie ist gewiss sehr merkwürdig, aber auch
sehr weitläuftig, derowegen halte es nicht vor ratsam, mein wertester
Elbenstein, dieselbe voritzo anzufangen, sondern ich will dieselbe bis auf eine
anderweite Zusammenkunft versparen, jedoch in meiner eigenen Geschichte
fortfahren.
    Nachdem vier Wochen verflossen, liess mich die Mad. K. wieder nach der
Hauptstadt in mein Logis bringen, sie folgte ebenfalls dahin, jedoch ich musste
daselbst ihr Palais gänzlich vermeiden und mich anstellen, als ob ich sie gar
nicht kennete. Indessen, weil ich von ihrer Freigebigkeit mit einer starken
Summe Geldes, ausser etlichen Kleinodien von grossen Wert, war beschenkt worden,
so konnte ich in dieser Stadt, wo ohnedem sehr teuer zehren war, dennoch starke
Figur machen und die vornehmsten Compagnien frequentieren; als ich aber nach
Verlauf eines Monats die andere Ordre bekam, folgte ich der Mad. K. abermals
höchst vergnügt auf ihr Landgut und bliebe fast sechs Wochen daselbst in ihrer
Gesellschaft. Wir vertrieben einander die Zeit ebenso wie das vorige Mal, und,
kurz zu sagen, wir wechselten solchergestalt Ort und Zeit unseres Aufentalts
über ein ganzes Jahr hindurch, denn ihr Gemahl, welcher in Affären des Staats
verschickt war, schrieb zwar zum öftern, verschob aber seine Wiederkunft von
einer Zeit zur andern. Mir geschahe hierdurch kein Possen, ohngeachtet ich
manche Nacht sozusagen auf einem glühenden Roste lag und braten musste, dieweiln
ich die Quintessenz der Liebe nicht zur Arzenei erlangen konnte. Jedoch ich
hielt der Mad. K. meinen Schwur, und diese liess sich sehr öfters bewegen,
etliche Wochen länger auf den Gütern die Zeit hinzubringen, als sie sich
anfänglich vorgesetzt gehabt. Wie ich es demnach überrechnete, so haben wir im
ganzen Jahre kaum zwölf Wochen separiert und in der Stadt gelebt.
    Eines Abends, da es bereits dämmerig zu werden begunnte, stunden wir alle
beide an einem eröffneten Fenster und diskurierten miteinander. Indem fing Mad.
K. ohnverhofft zu sagen an: Mein Herz wird mir grausam schwer, mein wertester
d'A. Ich wollte wünschen, dass wir beide in der Stadt, und zwar ein jedes in
seinem Logis befindlich wären. Was schwer, was schwer, mein Engel? versetzte
ich, Euer Gemahl, vor dem wir uns allein zu fürchten haben, kömmt seinen
letztern Briefen gemäss ja wenigstens in sechs Wochen noch nicht.
    Kaum hatte ich diese Worte ausgeredet, da der deutsche Laquais gelaufen kam
und berichtete, wie der Herr von K. mit etlichen andern Vornehmen von Adel auf
den Hof zugeritten käme. Dass Mad. K. und ich nicht weniger bestürzt hierüber
wurden, ist leicht zu erachten, jedoch wir hatten doch noch etwas Zeit, uns zu
rekolligieren, fasseten deswegen die kurze Resolution, uns der Verstellung zu
bedienen und den Ankommenden dreuste unter Augen zu gehen. Hierauf kam der Herr
von K. mit allen seinen Gästen plötzlich ins Zimmer getreten und wurde sowohl
von seiner Gemahlin als mir ganz freimütig und höflich bewillkommet. Der Herr
von K. sah mir starr, jedoch mit einer sehr freundlichen Miene in die Augen,
sobald er aber von seiner Gemahlin vernommen, dass ich eine von ihren
Befreundtinnen aus Deutschland sei, bewillkommete er mich aufs höflichste mit
einem Handkusse. Mein Angesicht und der Bart konnten mich so leicht nicht
verraten, denn ich habe mich bis dato eben noch nicht allzusehr über einen
scharfen Bart zu beschweren, über dieses so kratzte ich damals selbst mit einem
Schermesser alle Morgen die herausdringenden Stoppeln ab, so dass man an mir gar
keinen Bart verspürete.
    Die Angekommenen inkommodierten uns nicht lange, begehrten auch keine
Abendmahlzeit einzunehmen, indem sie vorgaben, dass sie dieselbe kaum vor einer
Stunde bei einem benachbarten Edelmanne eingenommen hätten, hergegen führete sie
der Herr von K. in ein ander Zimmer, allwo sie sich mit Wein, Bier und
Tobakrauchen divertierten. Mittlerweile liess der Herr von K. seiner Gemahlin
sagen, wie er jetzo eben im Begriff wäre, einen Expressen nach der Stadt zu
schicken, um allen Zubehör zu einem herrlichen Schmause vor 16 bis 20 Personen
heraus zu schaffen, woferne sie nun eins oder das andere darbei zu erinnern
hätte, möchte sie es bald tun, damit der Expresse nicht aufgehalten würde,
sondern morgen bei guter Zeit mit allen Requisitis zur Stelle sein könne. Er,
der Herr von K., würde mit seiner Gesellschaft zwar morgen mit dem
allerfrühesten erstlich zu dem Hrn. von W. reiten, jedoch gegen abend um fünf
oder sechs Uhr wieder zugegen sein, derowegen möchte Mad. K. alles so
einrichten, dass sie bald nach ihrer Ankunft speisen könnten.
    Mad. K. liess ihn bitten, weiter vor nichts Sorge zu tragen, indem sie schon
alles bestmöglichst besorgen wollte. Inzwischen war sie meinetwegen in grossen
Ängsten, geriet auch auf die Gedanken, mich noch in dieser Nacht heimlich nach
der Stadt bringen zu lassen, allein sie resolvierte sich bald anders, indem sie
glaubte, hierdurch den Verdacht noch grösser zu machen, demnach bat sie mich, nur
morgen bei Tage wenig zum Vorscheine zu kommen, wenn aber ihr Herr, nachdem ich
mich wegen einer kleinen Unpässlichkeit exkusieren lassen, ja darauf bestünde,
dass ich mit bei der Tafel erscheinen sollte, möchte ich nur Folge leisten und
meine Szene aufs beste spielen. Hierauf begab ich mich von ihr in mein
ordentliches Zimmer, kam auch den andern Tag gar nicht zum Vorscheine, bis Mad.
K. die alte Frau schickte und mir sagen liess, es könnte nicht anders sein, ich
müsste zur Tafel kommen, es wollte keine Entschuldigung helfen, derowegen sollte
ich mich nur ankleiden. Da solches geschehen und ich bei der Compagnie, worunter
sich vier Frauenzimmer ausser der Mad. K. befanden, wurde ich von allen insgesamt
aufs complaisanteste bewillkommet und musste mich an des Herrn von K. Seite
setzen. Es wurde propre traktiert und Tafelmusik darbei gemacht, nach
aufgehobener Tafel aber forderte mich der Herr von K. am allerersten zum Tanze
auf, worüber die Mad. K. sowohl als ich, ohngeacht uns allen beiden nicht
allzuwohl um die Leber war, von Herzen lachen mussten. Ohngeacht ich mich aber
zeitlebens wenig in Frauenzimmerhabit und -art zu tanzen geübt hatte, so konnte
doch meine Dinge noch so ziemlich machen, so dass nicht allein der von K.,
sondern auch seine Gäste meine Geschicklichkeit ungemein rühmeten. Kurz zu
sagen, der Herr von K. verliebte sich in mich und trug mir seine inbrünstige
Liebe gleich diesen ersten Abend an einem bequemen Orte in französischer Sprache
an. Dieses war mir ein gefundenes Fressen, zwar wegerte ich mich anfänglich, ihm
zu antworten, endlich aber, da er fortfuhr, von nichts anders als von verliebten
Zeuge zu schwatzen, sagte ich: Stille, stille, mein Herr! Ich wollte nicht
tausend Dukaten drum nehmen, dass Eure Gemahlin unsern Diskurs erführe. Ha!
erwiderte der Herr von K., meine Gemahlin muss zufrieden sein, wenn ich mich
morgendes Tages von ihr scheiden lasse. Saget nur ein Wort, meine Schöne, ob Ihr
mich vergnügen wollet, so sollet Ihr nicht allein morgendes Tages 1000 Dukaten
zum voraus von mir haben, sondern binnen wenig Wochen meine ehelige Gemahlin
sein. Mein Herr! versetzte ich, nehmet nicht ungnädig, wenn ich glaube, dass
vielleicht mehr der Wein als meine wenige Schönheit Euch diesen Abend in mich
verliebt macht, leugnen kann ich zwar nicht, dass mich Eure galante Person
ungemein charmiert, wünschte auch imstande zu sein, Euch zu vergnügen, allein
Eure Gemahlin ist meine weitläuftige Befreundtin, und diese aus ihrem Ehebette
zu vertreiben wäre nicht redlich gehandelt, eine Nebenbuhlerin aber zu leiden,
würde ihr sowenig gelegen sein als mir, dergleichen Kondition anzunehmen. Mein
Engelskind! sagte hierauf der Herr von K. zu mir, berichtet mich nur kürzlich,
ob Ihr mich lieben könnet oder nicht, denn wenn ich nur dessen versichert bin,
dass Ihr mich liebt, so soll sich in der Kürze schon alles geben. Ich stellete
mich an, als ob ich vor Schamhaftigkeit und Furcht nicht antworten könnte,
führete aber in aller Stille seine Hand zu meinem Munde, küssete und drückte
dieselbe. Er nahm diese Karesse vor ein würkliches Jawort an und passete das
Tempo ab, da seine Gemahlin hinausgegangen war, mich hinter eine Gardine zu
führen und mir etliche derbe Küsse auf den Mund zu versetzen. Wohlan! sprach er
hierauf, lasset meiner Gemahlin nichts merken, morgen sollet Ihr mit derselben
nach der Stadt in unser Palais fahren und von mir 1000 Dukaten zu Eurer
Bedürfnis empfangen, ich muss zwar noch eine Reise tun, komme aber aufs längste
in drei Wochen wieder zurücke, sodann soll zu unser beiderseits Vergnügen
völlige Anstalt gemacht werden. Hierauf verliess er mich und redete diesen Abend
fernerhin sehr wenige Worte mit mir, hergegen machte er sich mit seinen Gästen
bei den Weinbouteillen noch etliche Stunden lustig, folgenden Morgens aber
brachen wir in aller Stille nach der Stadt auf. Mad. K. und ich sassen in einem
Wagen beisammen, da ich denn derselben unterwegs erzählete, was mir gestern
abend passiert war. Sie lächelte zwar darüber, allein das vor mich gewünschte
Vergnügen wollte sich gar nicht zeigen, doch sagte sie: Weiln mein Gemahl heute
wieder fortreisen will, wollen wir doch den Possen vollends fortspielen und
abwarten, was daraus werden wird.
    Nachdem wir im Palais angelanget, begab er sich in sein Appartement, mir
aber liess er durch seinen Kammerdiener in geheim sagen, dass ich mich mittags um
drei Uhr in mein Zimmer begeben sollte, unter dem Vorwande, Mittagsruhe daselbst
zu halten, weil er mir durch ihn, den Kammerdiener, dem gestrigen Versprechen
gemäss etwas zuschicken, sich sodann gleich zu Pferde setzen und fortreisen
wollte. Wie ich nun versprechen lassen, mich darnach zu achten, begab ich mich
sogleich zu der Mad. K., der ich den Antrag erzählete. Sie sagte hierauf, ich
sollte mein Versprechen nur halten. Weiln aber der Herr von K. unter dem
Vorwande, dass er vor seiner Abreise noch notwendige Briefe zu schreiben hätte,
in seinem Appartement allein auf der Serviette zu speisen verlangete, als
speisete ich mit der Mad. K. ganz allein und begab mich hernach in mein Zimmer.
Um die bestimmte Zeit kam der Kammerdiener, brachte mir nebst einem freundlichen
Abschiedskomplimente einen Brief nebst einem Beutel, worinnen 1000 Dukaten
versiegelt, von seinem Herrn und begab sich eiligst wieder zurück. Ich erbrach
den Brief und fand die herrlichsten Liebesverpflichtungen nebst folgender
nachdenklichen Expression darinnen: Bleibet mir nur getreu und sorget vor
nichts, die Ehescheidung zwischen mir und meiner Gemahlin und die Vermählung mit
Euch und mir wird leichter geschehen, als sich vorjetzo jemand einbilden kann.
Nachdem ich der Mad. K. diesen Brief zu lesen gegeben, sagte sie: Mein werter
d'A., nunmehro ist dieses mein bester Rat, nehmet die 1000 Dukaten und retiriert
Euch damit, wohin Ihr wollet, oder getrauet Ihr Euch, in Eurem Kavalierskleidern
noch etliche Wochen hierzubleiben, so stehet es Euch frei. Ich finde vor nötig,
mich auf eine Zeitlang zu verbergen, weilen, wie ich merke, mein Leben in Gefahr
stehet, denn der verfluchte Kammerdiener wird ganz gewiss Ordre haben, mich mit
Gifte hinzurichten.
    Ich erstaunete gewaltig über diese ihre Reden, da sie sich aber sehr
ängstlich gebärdete, musste ich ihren Mutmassungen desto mehr Glauben beimessen,
versprach demnach, ihr zu gehorsamen und mich mit einbrechender Nacht in mein
Logis zu begeben, jedoch noch eine kurze Zeit in dieser Stadt zu bleiben, um
unter der Hand auszuforschen, was nach ihrer heimlichen Abreise weiter passieren
würde. Inmittelst ersonne sie einen artigen Streich, sich des Kammerdieners zu
versichern, führete auch denselben glücklich aus, und zwar folgendergestalt: Sie
liess von ihren getreuen Bedienten sechs handfeste Kerls in ihr Zimmer kommen,
welchen sie vorschwatzete, wasmassen sie ein besonderes Geheimnis entdeckt, dass
nehmlich der Kammerdiener ein Grosses verbrochen, welches in einer Verräterei und
Betrug gegen ihren Gemahl und auch sie bestünde; derowegen sollten sie den
Kammerdiener alsofort gefangennehmen, binden und in einem finstern und tiefen
Gewölbe so lange bewahren, bis ihr Gemahl wieder zurückkäme, dem sie alsofort
einen Expressen nachschicken, auch ihm selbst entgegenreisen wollte. Dieses
wurde nun alsofort bewerkstelliget, und zwar ohne einzigen Rumor, weil dem
Kammerdiener keiner von allen andern Domestiquen gewogen war. Hierauf packte die
Mad. K. alle ihre Kostbarkeiten in etliche Coffres ein und wartete mit Verlangen
auf den hereinbrechenden Abend. Sobald derselbe eingebrochen, nahm sie von mir
beweglichen Abschied und versprach, dass ich im warmen Bade bei ihrem Wirte nach
wenig Wochen Briefe von ihr finden sollte. Hierauf liess sie mich in mein Logis
bringen, sie aber ist ohngefähr eine Stunde hernach abgereiset.
    Ich hielt mich etliche Tage ganz stille in meinem Logis auf und liess durch
meinen Diener aussprengen, als wenn ich nach G. verreiset gewesen wäre, daselbst
aber einige Zeit krank darniedergelegen hätte. Nachhero besuchte ich wieder
diejenigen Örter, wo die vornehmsten Kavaliers anzutreffen waren und wo man alle
neuen Mären, so in und ausserhalb der Stadt passiereten, am allerersten erfahren
konnte, es erwähnete aber kein Mensch etwas von denjenigen Affären, welche ich
gern, ohne meine Person darein meliert zu wissen, anhören mögen. Etwa drei
Wochen hernach, da ich nebst zwei Kavaliers aus der Stadt und drei Deutschen
spazieren geritten war, stiegen wir bei einem Wirtshause ab, das im freien Felde
lag. Kaum hatten wir ein paar Gläser Bier ausgeleeret, da der Herr von K. nebst
drei seiner bei sich habenden Leute von der S. Strasse daher gejagt kam und allen
Ansehen nach auf die Stadt zu eilete, da er aber uns zu sehen bekam, wendete er
ein und stieg ebenfalls bei dem Wirtshause ab.
    Der eine von den Stadtkavaliers, so in meiner Gesellschaft waren, mochte mit
dem von K. bekannt sein, fragte derowegen sogleich, wo er so eiligst herkäme.
Der von K. aber, sobald er mich in die Augen bekam, blieb ganz unbeweglich
stehen und konnte diesem Kavalier, seinem Landsmanne, vor Bestürzung kein Wort
antworten. Es wurde ihm ein Glas Bier zugetrunken, allein er entschuldigte sich
und forderte Branntewein, leerete auch in der Geschwindigkeit fünf bis sechs
ziemliche Gläser aus. Nach diesen rufte er seinen Kammerdiener auf die Seite,
redete eine Weile heimlich mit demselben, worauf er wieder zurückkam und sich
bei uns niedersetzte. Indem nun der Kammerdiener sich stellete, als ob er hinter
das Schenkhaus gehen wollte, rief ihm sein Herr zu, er sollte Schnupftobak
hergeben. Dieser brachte eine frisch gefüllete Dose und sah mir ebenfalls starr
ins Gesichte. Mittlerweile nun der von K. Schnupftobak nahm, fragte er den
Kammerdiener: Ist's der rechte? Ja, gnädiger Herr! antwortete dieser, es ist der
rechte. Hierauf sagte der von K. nochmals: Wenn es nur wahr, dass es der rechte
ist. Da denn der Kammerdiener mit einem Fusse auf die Erde stampfte und mit
ernstafter Stimme sprach: Hol mich 1000 ..., es ist der rechte. Hierauf
präsentierte der von K. einem jeden die Dose, wie er aber an mich kam und ich
eben zugreifen wollte, liess er dieselbe aus der Hand auf die Erde fallen, ich
nahm geschwind ein wenig Schnupftobak von dem Haufen, der auf den steinernen
Tritt gefallen war, hub auch die Dose auf und präsentierte ihm dieselbe als
einem Unbekannten mit einem höflichen Komplimente, sagte anbei, wie es schade
wäre, dass ein so delikater Tobak hätte sollen verschüttet werden. Der von K.
antwortete nichts, nahm aber die Dose und warf dieselbe, ohngeacht es ein
kostbares Stück war, augenblicklich in einen sehr nahe an dem Wirtshause
gelegenen Teich. Alle sahen einander an und wussten nicht, was sie aus diesen
närrischen Beginnen schliessen sollten, ich aber fing nunmehro an zu merken, was
diese Aufführung zu bedeuten hätte, setzte mich derowegen in Positur, rief
meinem Diener und befahl ihm in geheim, frisch Pulver auf die Pfannen unserer
Pistolen zu schütten und die Pferde an den Arm zu nehmen.
    Hierauf redete der von K. seine beiden Landsleute, die mit mir dahin
geritten waren, also an: Meine Herren! Wisset Ihr etwas Neues? Meine bisher
gewesene Frau, die Canaille, ist mir seit kurzen mit einer starken Summa Geldes
und vielen kostbaren Kleinodien echappiert. Einer von diesen beiden antwortete,
wie er zwar in der Stadt an einigen Orten etwas davon murmeln gehöret, wollte
aber nicht hoffen, dass dem in der Tat also sei. Es ist mehr als zu wahr,
versetzte der von K., ich habe es leider mit meinem Schaden erfahren, doch
wollte ich gern noch einmal soviel verlieren, wenn ich nur das Vergnügen haben
könnte, mich an ihrer Person dergestalt zu rächen, wie ich mich an demjenigen
Kujon rächen will, der sie verführet hat. Hierauf stiess er die allergrausamsten
Flüche und Scheltworte auf die deutsche Nation aus, beides männlichen als
weiblichen Geschlechts, sagte auch ausdrücklich, alle Deutschen wären wert, dass
man sie in diesem Lande totschlüge wie die Hunde. Meine drei Landsleute machten
grosse Augen, mir aber überlief die Galle dergestalt, dass ich aufsprunge und
unter den Worten: So raisonieren Massetten meinen Degen zog und dem von K.
ferner zurufte: Ziehe vom Leder, Canaille! und defendiere deine aus einem mit
Brannteweine eingebeizten Rachen ausgestossene schändliche Redensarten. Darnach
zog der von K. auch seinen Sarrass, beiderseits Diener liefen herzu und wollten
auch mit schlachten helfen, allein die beiden Nationalisten stelleten sich
darzwischen und wollten dergleichen irreguläre Rencontre durchaus nicht
statuieren, widrigenfalls die Partie der Deutschen nehmen. Dergleichen
Raisonabilité hatte ich und meine Landsleute mir von ihnen nicht eingebildet.
Unterdessen aber, da mich der von K. aufs schärfste injurierte, einen
Weiberverführer, Hurenschelm und dergleichen schalt, anbei mich zu einem Duell
auf Leib und Leben provozierete, stellete ich mich zwar gegen die andern, als ob
ich gar nicht wüsste, was der rasende Kerl bei mir als einem rechtschaffenen
Kavalier suchen wollte, jedoch weil er mit aller Gewalt Händel an mir suchte,
wollte ich ihm, um der deutschen Ehre zu maintenieren, auf ein paar Pistolen
stehen, indem wir ungleich Seitengewehr hätten. Die Gesellschaft konnte
hierwider fast nichts einwenden, sondern war geneigt, uns beide Mann vor Mann zu
lassen, allein der von K. wollte von keinen Pistolen, sondern nur von einem
Zweikampf mit dem Seitengewehr hören. Dieses war mir um soviel desto lieber,
zumalen da er auch keine Sekundanten leiden wollte. Als wir demnach zusammen
gelassen wurden, erklärete sich mein Gegner, dass absolut einer von uns beiden
auf dem Platze bleiben müsste, er ging auch auf mich los als eine Furie, allein
er kam blind und erhielt von mir kurz nacheinander zwei gefährliche Wunden, und
zwar eine oben in den Arm und die andere in die Brust, weswegen er matt wurde,
seinen Sarrass sinken liess und endlich zu Boden fiel. Ich stellete mich, als ob
ich ihm mit einem Stosse noch die letzte Ölung geben wollte; derowegen, als er
den Tod vor Augen sah, mich recht kläglich um sein Leben bat. Die übrigen von
der Compagnie naheten sich herzu, um mich von diesen barbarischen Verfahren
abzuhalten, ich aber gab ihnen einen Wink und sagte zu meinem Feinde: Siehe,
Canaille! ohngeachtet nicht allein ich, sondern die ganze deutsche Nation von
dir aufs allerschändlichste touchiert worden, so will ich doch an dir etwas tun,
welches du an mir nicht leicht würdest verübt haben, wenn du mich so wohl
überwunden hättest als ich dich. Ich schenke dir demnach dein Leben, jedoch mit
der Kondition, dass du alle ausgestossene Injurien auf deine eigene Person
zurücknehmest, dich selbst als einen boshaften Lügner aufs Maul schlägest und
mir wegen der aufgebürdeten Laster eine Ehrenerklärung tuest. Geschicht dieses
nicht, so stosse ich dir augenblicklich den Degen durch die Brust.
    Die übermässige Furcht vor dem Tode trieb den angstvollen von K. an, mein
Begehren gleich auf der Stelle zu erfüllen, worüber seine Bedienten sowohl als
die Leute die Augen nicht wenig in den Köpfen herum dreheten, allein es movierte
sich niemand, weswegen ich mich mit meinen drei Landsleuten zu Pferde setzte und
zurück nach der Stadt ritte. Tages darauf war diese Begebenheit bereits
stadtkündig, wurde aber von einem auf diese und von dem andern auf jene Art
erzählet, von den meisten aber wurde meine Aufführung gerühmet und ich vor einen
resoluten Kavalier gehalten. Ohngeacht ich nun bei vielen in den heimlichen
Verdacht geriet, als ob ich mit des von K. Gemahlin in heimlicher
Vertraulichkeit gelebt hätte, so wurde doch wenig daraus gemacht, im Gegenteil
wünschete sich mancher, wie ehemals Neptunus getan, bei dieser Venus so
glücklich als Mars bei jener gewesen zu sein und einem mürrischen Vulkano Hörner
aufzusetzen.
    Nach der Zeit wurde mir von verschiedenen guten Freunden angeraten, diese
Stadt zu verlassen, denn des von K. rachgieriges Gemüte wäre jedermann bekannt,
und obgleich ich in der Hauptsache unschuldig, so würde er doch nicht
unterlassen, bloss wegen des vor ihn unglücklich ausgefallenen Duelles an mir, wo
nicht öffentliche, doch heimliche Rache zu suchen. Allein, ich kehrete mich an
nichts, glaube auch, ich hätte dieses Land eher quittiert, wenn ich solches
nicht erfahren hätte. So aber, um nicht vor einen feigen Kerl angesehen zu
werden und die Mad. von K. mit mir zugleich um soviel mehr aus allem Verdachte
zu setzen, beschloss ich, das halbe Jahr vollends auszuwarten, sodann ins warme
Bad zu reisen, um zu sehen, ob die von K. ihr Wort gehalten und Briefe an mich
dahin gesendet hätte.
    Durch diesen Eigensinn aber stürzte ich mich, wiewohl unschuldigerweise, in
das grösste Unglücke, und zwar folgendermassen: Ich besuchte fast täglich die
besten Compagnien, sonderlich wo stark gespielet wurde, indem mir das Glück im
Spielen sonderlich favorisierte, derowegen spazierete zum öftern ganz allein,
und zwar sehr spät in mein Logis, weil ich meinen getreuen Bedienten lieber zur
Sicherheit meiner Habseligkeiten zu Hause liess. Eines Abends aber spielete ich
einmal ganz extraordinär unglücklich, so dass alles bei mir habende Geld
fortging, derowegen, weil es bereits spät war, nahm ich vor dieses Mal von der
Compagnie Abschied, und zwar akkurat, da die Glocke eins schlug. Es höreten alle
die Glocke schlagen und verwunderten sich einigermassen, dass die Zeit so
geschwinde verflossen wäre, demohngeachtet machten die andern noch keinen
Aufbruch, sondern ich alleine ging mit meiner kleinen Taschenlaterne den
nächsten Weg nach meinem Quartiere zu. Als ich nun in die einsame Gegend eines
Klosters kam, hörete ich etliche Personen hinter mir her getreten kommen, wandte
mich derowegen mit der Leuchte um, zu sehen, wer dieselben wären, in selbigem
Augenblick aber bekam ich einen Hieb über diese meine linke Hand, weswegen ich
die Laterne musste zur Erden fallen lassen. Eine Stossklinge ging mir fast zu
gleicher Zeit durch den Rock und Kamisol an der Brust hinweg, schürfte aber nur
die Haut, derowegen tat ich einen Sprung auf die Seite, zohe meinen Degen und
stiess auf den los, der mir am nächsten war, traf ihn auch dergestalt glücklich,
dass er augenblücklich zu Boden fiel und in seiner Sprache das Miserere mei!
ausrief. Demohngeachtet setzten mir die zwei übrigen Mörder, deren Bewegung mich
das wenige Sternenlicht einigermassen observieren liess, desto heftiger zu, da
aber der eine, wie ich merken konnte, drei oder vier empfindliche Stiche von mir
bekommen hatte, verging ihm die Lust, mich ferner zu attaquieren, der dritte
Filou aber wollte gar nicht weiter anbeissen, sprang also zurück, nahm die
Flucht, gab aber ein Zeichen mit einer hellen Pfeife von sich.
    Nun konnte ich mir leicht einbilden, dass er hierdurch noch mehrere seiner
schelmischen Kameraden herbeirufte, derowegen hielt ich nicht vor ratsam, mich
länger auf diesem Platze aufzuhalten, begab mich also mit fliegenden Schritten
nach meinem Logis und kam eben in demselben an, da es ein Viertel auf zwei Uhr
schlug, welches mir der Wirt nebst demjenigen Feldscher, der mich verbunden, und
vielen andern ehrlichen Leuten, die damals noch bei meinem Hauswirte gesessen
haben, bezeugen konnten; denn unter währenden Verbinden, als ich den Feldscher
fragte, ob ich eine lahme Hand bekommen würde, und mir derselbe zur Antwort gab,
er könne vor die Restitution der Gelenke nicht Bürge sein, sagte ich ganz
betrübt: Hilf Gott! kann man nicht so unverhofft in Unglück geraten. Jetzt hat
es nur ein Viertel auf zwei Uhr geschlagen, und da die Glocke eins schlug, wusste
ich hiervon noch nichts.
    Man fragte mich hierauf, mit wem ich Händel gehabt, allein ich fand nicht
ratsam, sogleich die Wahrheit zu sagen, sondern gab vor, es wäre in einer
Rencontre geschehen, meinen Diener aber schickte ich gleich mit anbrechenden
Tage auf den fatalen Kampfplatz, allein er hatte nichts daselbst angetroffen als
meine in Kot getretene Laterne, welche er zum Wahrzeichen mitbrachte, und
etliche Flecken Blut, woraus ich schloss, die Strassenräuber müssten ohnfehlbar
ihren tödlich blessierten Kameraden selbst mit fortgeschleppt haben. Derowegen
machte ich mir gar keine sorgsamen Gedanken, verbot aber meinem Diener, gegen
jemanden etwas von dieser Affäre zu gedenken, wie ich denn auch bei mir
beschloss, kein Wesens davon zu machen.
    Allein, ehe die Mittagsstunde herannahete, wurde ich von der Senatswache in
meinem Logis arretiert und in ein Gefängnis geführet, wo sonsten die
allergrössten Missetäter verwahret wurden. Der Himmel weiss am besten, wie
schändlich und wider alles Recht mit mir prozediert worden, denn es war bekannt,
ich aber erfuhr es nur von ohngefähr, dass der von K. ohnweit von seinem Palaste,
und zwar in eben derselbigen Nacht, war ermordet worden. Dieser Palast aber
liegt in der V. Vorstadt und eine gute halbe Stunde von demjenigen Hause, wo ich
selbigen Abend in Compagnie gewesen bin. Nun bedenke ein jeder vernünftiger
Mensch, ob es wohl möglich sei, in einer Viertelstunde dahin zu laufen, den Mord
zu begehen und auch wieder in meinem Logis zu sein, welches noch weiter
abgelegen war. Aber alles dieses und noch viel anderes mehr, was zu meiner
Entschuldigung und Entdeckung meiner Unschuld dienen können, ist boshafterweise
unterdrückt, hergegen vier falsche Zeugen über mich abgehöret worden, deren
lügenhafte Aussage ich zwar klar und deutlich widerlegte, meine Inquisitores
aber gaben sich nicht einmal die Mühe, dasjenige, was ich zu meiner Defension
vorbrachte, anzuhören, noch viel weniger aber registrieren zu lassen, suchten
hergegen mich durch die Tortur zur Bekenntnis zu bringen.
    Wie ich mich nun von aller Welt verlassen sah, indem man einem jeden, er
mochte auch sein, wer er wollte, den Zutritt bei mir verwehrete, auch mir weder
Feder noch Dinte zuliess, verging mir alle Hoffnung, errettet zu werden, indem
die Gerechtigkeit dasiges Orts kein Quartier hatte. Alle meine Courage verliess
mich, sobald ich den erschröcklichen Torturapparatum ansichtig wurde, derowegen
schien mir der Tod weit erleidlicher zu sein, als mich so schändlich und
jämmerlich martern zu lassen. Um nun meinen Tod zu beschleunigen, indem ich
deutlich spüren konnte, dass kein ander Mittel vorhanden wäre, mich der Ketten
und Bande nebst einer jämmerlichen Marter zu entreissen, bekannte ich, eine
Mordtat verübt zu haben, die mir zeitlebens nicht in den Sinn gekommen war, bat
also um nichts mehr, als mir die Gnade zu erteilen und mich mit dem Schwerte
hinrichten zu lassen. Dieses wurde mir nach etlichen Tagen verwilliget und
zugleich ein paar Geistliche zu mir ins Gefängnis geschickt, welche sich viele
Mühe gaben, mich zu bereden, meine Religion zu changieren und die ihrige
anzunehmen. Allein ihre Mühe war vergebens, indem ich ihnen ein vor allemal
sagte: Ich weiche nicht von meinem Glauben, sondern wollte viel lieber
unschuldigerweise sterben, als mein Leben durch Veränderung meiner Religion oder
Ausstehung der Tortur zu retten suchen, weiln ich mit dem erstern meiner Seele,
mit dem andern aber meinem Leibe einen unauslöschlichen Schandfleck anhinge.
Also blieben diese geistlichen Herren etliche Tage von mir, bis sie endlich mit
demjenigen wieder angestochen kamen, der mir ankündigte, dass ich mich zu meinem
Ende bereiten möchte, weiln mir über den dritten Tag früh um neun Uhr der Kopf
vor die Füsse gelegt werden sollte. Das Urteil wäre zwar anfänglich so gesprochen
worden, mich lebendig zu rädern, jedoch en regard dessen, dass ich von adelichen
Geblüte herstammete, wäre es noch gemildert worden. Ich hörete alles mit grösster
Gelassenheit an, wendete nichts weiters dargegen ein als dieses: Ich danke
Ihnen, mein Herr! vor Ihre Bemühung, mir mein Todesurteil anzukündigen. Vor
Gottes Gerichte am Jüngsten Tage werde ich bessere Justiz antreffen als bei
meinen hiesigen Richtern, derowegen will ich sie dahin zitieren und hier auf
Erden mit mir umgehen lassen, wie sie belieben.
    Der Mann, ich weiss nicht, wer er war, wendete sich ohne fernere Antwort von
mir, hergegen kamen die Herren Geistlichen und bombardierten mich mit ihren
Vermahnungen, allein ich erklärete mich gegen sie rotunde, dass alle ihre
Mühwaltung vergebens wäre, wollten sie aber ein Werk der christlichen Liebe an
mir ausüben, so möchten sie meine ungerechten Richter dahin persuadieren, dass
sie einen Geistlichen von meiner Religion zu mir kommen liessen. Hiermit aber
hatte ich die Hölle vollends angezündet, sie übergaben mich dem Teufel und
gingen in grösster Rage von mir hinweg. Ich dargegen machte mich mit christlicher
Gelassenheit zu meinem Tode gefasst, indem ich an keine Erlösung zu gedenken
hatte. In der Nacht aber vor dem angestelleten Exekutionstage bekam ich einen
starken Anstoss von der Colica, so dass ich mich genötiget fand, meine Wächter zu
bitten, mit mir hinauszugehen. Viere derselben schliefen, die zwei wachenden
aber gingen mit mir heraus, da denn der eine eine Laterne vortrug, der andere
aber mit entblösseten Seitengewehr hinter mir herging. Nachdem ich das Opus
naturae verrichtet, lösete mich der eine Wächter ab, der andere aber blieb bei
mir auf dem Boden an einem grossen Fensterloche stehen, allwo ich frische Luft
schöpfete.
    Er sah sowohl als ich hinunter in einen Hof, allwo, wie ich schon vor
etlichen Tagen angemerkt, sehr viel Mist lag. Indem redete mich der Wächter also
an: Wolltet Ihr wohl wagen, einen Sprung dahinunter zu tun, um den Händen des
Scharfrichters zu entgehen? Nein, gab ich zur Antwort, indem ich mich zugleich
von dem Loche hinweg wendete und nach meinem Gefängnisse zuging, ein solcher Tod
möchte ungleich schmerzhafter sein. Unter diesen Reden aber kamen mir ganz
plötzlich andere Gedanken in den Kopf, derowegen, als wir ganz nahe bei einer
steil herabgehenden Treppe vorbeigingen, gab ich dem Wächter einen solchen
gewaltigen Stoss, dass er mitsamt seiner Laterne die Treppe hinunterstürzte, ehe
aber der andere aus dem heimlichen Gemache herauskam, war ich schon wieder bei
dem Loche, fassete meinen Schlafrock zusammen, befahl mich dem Allmächtigen und
wagte den Sprung von der Höhe herab, fiel auch so glücklich und ziemlich sanft
auf einen lockern Mistaufen, dass ich weiter keinen Schaden nahm, als nur den
linken Arm ein wenig anschellerte, weil ich mit demselben auf eine daliegende
Mistgabel gefallen war. Der Hof war schlecht verwahrt, derowegen fassete ich die
anhabenden Ketten zusammen, dass sie kein Gerassele machten, nahm die Mistgabel
mit, schlich in der dicken Finsternis und im starken Regen hurtig fort und
verkroch mich in ein altes zerfallenes Gebäude, allwo ich mit Hülfe der
Mistgabel mich der Ketten, so an einem Arme und an einem Fusse befestiget waren,
entledigte und dieselben ganz leise in einen Winkel legte. Mein Vorsatz war
zwar, in dem Hause eines gewissen Abgesandten Schutz zu suchen, unterdessen aber
hörete ich, dass auf der Strasse einiger Lärm entstund, weswegen ich mich in einen
Winkel verkroch, kann aber nicht leugnen, dass mir das Herze im Leibe gewaltig
pochte. Es wurde endlich stille auf der Strasse, doch sah ich den Schein einiger
Fackel herzukommen, weswegen mir noch tausendmal ängster wurde, allein meine
Furcht verschwand einigermassen, als ich zwei Laquais mit Fackeln vorausgehen und
zwei Personen mit Regenröcken kommen sah, auch vernahm, dass diese beiden
letztern deutsch, und zwar recht laut, miteinander redeten. Als sie etwas näher
kamen, verstunde ich ganz deutlich, dass der eine sagte: Es sei aber, wie es
wolle, Herr Bruder! so muss doch eine solche ... Wache den Respekt gegen
Offiziers von unserer Nation aufs genauste observieren. Bei dergleichen
Umständen, Herr Bruder! versetzte der andere Offizier hierauf, sind sie in
Wahrheit ebensosehr nicht zu verdenken, Gott gebe nur, dass sich der arme Teufel
d'A. in Sicherheit gebracht hat.
    Diese letztern Worte waren eine vortreffliche Herzstärkung vor mich,
derowegen fassete ich einen Mut, spazierte aus dem alten verfallenen Gebäude
heraus und immer hinter den Offiziers her, bis sie auf einen mir gefällig
scheinenden Platz kamen, da ich denn meine Schritte verdoppelte, den einen beim
Ärmel zupfte und sagte: Messieurs! ich bitte Sie um Gottes und Ihrer eigenen
Ehre willen, nehmen Sie sich eines unschuldigen Delinquenten und unglückseligen
Kavaliers an, denn sonsten muss ich nach wenig Stunden Verlauf meinen Kopf wider
alles Recht und Billigkeit hergeben. Hui! Mons. d'A., sagte dieser Ach freilich,
war meine Antwort, bin ich der unglückselige d'A. Hierauf sagten beide: Stille,
stille, kein Wort mehr gesprochen! Unterdessen aber tat der eine seinen
Regenrock ab und warf ihn über mich, der andere aber setzte mir seine Peruque
und Hut auf, nahm inzwischen dem Diener den Hut und setzte ihn auf seinen
eigenen Kopf, mich aber nahmen beide in die Mitte und führeten mich wohl noch
über 300 Schritte bis in des einen Quartier. Wie ich diese beiden Herren recht
beim Lichte besah, waren es die Capitains B. und C., welche ich ehedem auf der
Universität L. gekannt hatte, jedoch nur kurze Zeit mit ihnen umgegangen war,
indem sie wenig Wochen nach meiner Dahinkunft ihren Valetschmaus gaben.
    Um aber meine Erzählung nicht allzu weitläuftig zu machen, so will ich nur
so viel sagen, dass diese beiden redlichen Kavaliers, welche nunmehro weit höhere
Chargen erlangt haben, alles an mir getan, was nur leibliche Brüder aneinander
tun können. Nachdem ich nun ihnen die ganze Speciem facti und alle Prozeduren
erzählet, brachten sie es dahin, dass ich in höhern Schutz genommen wurde, auch
zu Rettung meiner Ehre meine Defension ordentlicher führen konnte. Kaum aber war
dieserwegen der Anfang gemacht, als meine Unschuld von selber wunderbarer- und
unverhoffterweise zutage kam. Es wurde nehmlich mittlerweile ein berüchtigter
Strassenräuber exekutiert und hatte bereits zwei Stösse mit dem Rade bekommen, als
dieser ruchlose Mensch, der sich vorhero weder bekehren noch von Himmel und
Hölle hören wollen, dem Scharfrichter plötzlich zurufte: Halt inne, ich habe
noch ein Geheimnis auf den Herzen, woran sehr viel gelegen ist, ich will
beichten und das heilige Sakrament empfangen, vielleicht kann ich noch selig
werden.
    Dieserhalb machte der Scharfrichter mit seiner grässlichen Arbeit einen
Stillstand, rief die Richter und Geistlichen, welche, von einer grossen Menge
Volks begleitet, hinzutraten. Auf kurzes Befragen, was nehmlich er, der arme
Sünder, noch auf seinen Herzen hätte, sprach er mit vernehmlicher Stimme: Gott
hat mir mein Herze gerühret, derowegen bekenne ich, dass ich über alle Mordtaten,
so ich bereits gestanden, noch etliche 30 verübt habe. Unter dieser Zahl ist
auch der Herr von K., denn er hatte mich vor 100 Dukaten gedungen, den deutschen
Kavalier d'A. bei Nachtszeit auf der Strasse zu ermorden. Des Herrn von K.
Kammerdiener hatte eines Abends ausgespüret, wo sich der Kavalier in Compagnie
aufhielt, weilen aber sowohl der Herr als der Bediente wussten, dass der Kavalier
ein resoluter Mensch und guter Fechter wäre, getraueten sie sich alle beide
allein nicht an denselben heran, sondern der Kammerdiener kam zu mir und holete
mich ab. Wir laureten also alle drei dem deutschen Kavalier bei dem ... Kloster
auf, weil wir wussten, dass er den Weg nach seinem Logis allda vorbei nehmen
musste. Ich hatte einen Stossdegen, der Herr von K. und sein Kammerdiener aber
Pallasche, wir sahen ihn ankommen und attaquierten ihn, allein der Kavalier
wehrete sich dergestalt desperat, dass der Kammerdiener durch einen tödlichen
Stich sogleich zu Boden gelegt wurde. Dem Herrn von K. wurde durch einen
gewaltigen Stich der rechte Arm gelähmet, weswegen er zu fernerer Attaque
untüchtig war, mitin zurücke ging. Ich aber, weil ich merkte, dass der Deutsche
als ein Löwe fochte und ihm nirgends beizukommen war, sprung endlich auch auf
die Seite und vermeinte, mit meiner Pfeife etliche von meinen Kameraden, die
sich vielleicht um selbige Gegend aufhalten möchten, herbeizulocken. Allein der
Deutsche begab sich aufs Laufen, und der Herr von K. befahl mir, ihn erstlich
nach seinem Palais zu führen, hernach den Körper des entleibten Kammerdieners
auch nachzubringen. Ich gehorsamte, griff ihm unter den Arm und führete ihn ganz
sachte fort. Unterwegs fragte ich, ob Ihro Gn. etwa gefährliche Blessuren an
sich spüreten, worauf er mir antwortete, dass er bloss an einem Stiche, den er in
die Brust bekommen, einige Schmerzen fühlete, die übrigen Wunden aber würden
nicht viel zu bedeuten haben. Inmittelst beklagte er den plötzlichen Tod seines
erblasseten Kammerdieners fast mit Tränen, mir aber warf er mit den
allerempfindlichsten Worten vor, dass ich vor 100 Dukaten meine Courage nicht
besser gezeigt hätte, er selbst wäre tödlich blessiert, der Kammerdiener
erstochen, ich aber hätte nicht einmal einen Blutstropfen dabei vergossen.
Solche und dergleichen empfindliche Redensarten erbitterten mich aufs heftigste.
Weilen mir nun vorhero ein kostbarer Diamantring, den er an seiner linken Hand
trug, in die Augen gefallen war und ich darbei hoffen konnte, eine fette
Goldbeurse und andere Kostbarkeiten bei ihm zu finden, als ergriff die
Resolution und gab ihm, mich seiner pikanten Worte wegen zu revanchieren, mit
einem Dolche in der Geschwindigkeit drei oder vier Stiche in den Rücken zwischen
die Schulterblätter, weswegen er, da er sich ohnedem schon ziemlich verblutet
hatte, ohne einzigen Laut von sich zu geben, zu Boden sank, durch drei Stiche
aber, die ich ihm in die Brust gab, löschete ich ihm das Lebenslicht vollends
aus. Hierauf nahm ich nicht allein den Ring von seinem Finger, sondern leerete
ihm auch alle Schubsäcke aus, lief aber, weil ich hernach Leute kommen hörete,
auf und darvon, und zwar wieder auf den Platz, wo der erstochene Kammerdiener
lag. Diesen scheelete ich ebenfalls aus, fand ein herrliche Beute bei ihm und
warf seinen Körper in den Brunnen bei dem ... Kloster, worinnen derselbe
ohnfehlbar noch zu finden sein wird. Ausser diesem, verfolgte dieser
Strassenräuber seine Rede, kann ich noch versichern, dass der Herr von K. zweien
von meinen Kameraden, welche Franzosen von Geburt sind, einem jeden 100 Duk. in
Abschlag und noch dreimal soviel zu geben versprochen hat, woferne sie seine
Gemahlin antreffen und ums Leben bringen könnten, wenn sie aber ihm dieselbe
lebendig in die Hände zu liefern capable wären, sollten sie gedoppelten Lohn
empfangen. Weiter, sagte er zu den Geistlichen, fället mir voritzo nichts mehr
ein, derowegen sagt mir, ob ich noch die Seligkeit erlangen kann. Die Herren
Geistlichen wollten also sich in ein christliches Gespräch mit ihm einlassen,
mussten aber auf Befehl der Gerichtspersonen zurücktreten, welche diesen armen
Sünder, der bereits dergestalt zugerichtet war, dass ihm die Splitter der Arm-und
Beinknochen aus dem Fleische hervorrageten, auf eine Schleife legen und wieder
zurück ins Gefängnis schleppen liessen, in welchem er, dem Vorgeben nach, weiter
examiniert werden sollte, allein er ist in der darauffolgenden Nacht krepiert.
    Hieran lag mir nun nichts, sondern dessen Aussage vor so vielen umstehenden
Personen liberierte mich von allen meinen aufgebürdeten Verbrechen, weswegen mir
auch auf höhern Befehl meine ungerechten Richter eine hinlängliche Satisfaktion
prästieren mussten, zumalen, da alles wohl zutraf, auch der Körper des entleibten
Kammerdieners im Brunnen gefunden wurde. Ich bekam hierauf eine
Lieutenantsstelle unter einem Regimente Infanterie, reisete zwar erstlich ins
warme Bad, fand auch daselbst ausführliche Nachricht von der Mad. von K.
Aufentalt, versäumete derowegen keine Stunde, sie zu sehen und zu sprechen, als
ich aber dahin kam, musste ich zu meinem allergrössten Schmerzen und Betrübnis
vernehmen, dass dieselbe drei Wochen vorhero plötzlich dieses Zeitliche gesegnet
hätte und standesgemäss wäre begraben worden.
    Man kann leicht erachten, wie mir müsse zumute gewesen sein, zumalen da
alles ihr Vermögen in die Hände ihrer Befreundten gefallen war und ich nicht an
einen Groschen Anspruch machen konnte, sondern abziehen musste wie die Katze vom
Taubenschlage. Ich wurde in Wahrheit recht melancholisch, bekam über dieses ein
hitziges Fieber und musste in B. beinahe ein Vierteljahr stille liegen, bis ich
wieder restituiert war. Nachhero, weil die Kampagne eröffnet werden und ich mich
wieder auf meinem Posten stellen sollte, hatte ich nicht einmal Zeit, nach Hause
zu reisen und mich um meine Güter zu bekümmern, sondern ich musste fort und mit
zu Felde gehen. Ich hielt mich, ohne Ruhm zu melden, jedoch sozusagen fast aus
Desperation, sehr tapfer, bekam als Capitain eine eigene Compagnie, wurde darauf
Major und endlich Obristlieutenant. Als Major habe ich geheiratet, jedoch einen
unglückseligen Ehestand geführet, von welchem ich voritzo nichts erwähnen will,
jedoch betrachte denselben als eine Strafe des Himmels wegen der begangenen
Sünden meiner Jugend.
    Was mich aber am allermeisten geschmerzt und gekränkt hat, war dieses, dass
mir meine Feinde, deren ich gewisser Ursachen wegen sehr viel hatte, aufbürden
wollten, als hätte ich bei einer gewissen Attaque mein Devoir nicht behörig
observiert. Ich kam dieserwegen in Arrest, führete aber meine Sache dergestalt
aus, dass ich von dem höchsten Befehlshaber freigesprochen und in meiner Charge
bestätiget, auch vertröstet wurde, das erste vakant werdende Regiment als
Obrister zu bekommen. Allein es verging mir auf einmal die Lust, ferner in
Kriegsdiensten zu verbleiben, derowegen suchte und erhielt [ich] meine
Dimission, wendete mich auf meine Güter, fand aber dieselben in dem
allermiserabelsten Zustande, denn durch Betrug der Pachter, Brand, Dieberei,
Wetterschaden und andere Unglücksfälle, ohne die Capitalia, so ich vorhero zu
Bestreitung meiner wollüstigen Reisen aufgenommen, ist es dahin gekommen, dass
ich von meinen Rittergütern das elendeste behalten habe, auf welches ich doch
auch noch verschiedene Posten zu bezahlen schuldig bin. Demnach habe ich nicht
mehr als aus der Hand ins Maul, danke aber, wie zuvor gemeldet, dem Himmel nur
davor, dass er mich in meinem unglückseligen Ehestande mit Kindern verschonet
hat. Wenn ich also sterbe, mag erben, wer da will.«
    Hiermit endigte der Herr von A. seine Erzählung, und weil es bereits spät
war, gönnete ihm Elbenstein die Ruhe; nach eingenommenen Frühstück aber schieden
beide guten Freunde folgenden Morgens voneinander, worbei Elbenstein versprach,
den Herrn von A. mit nächsten auf seinem Gute zu besuchen.
    Er, Elbenstein, hatte zwar seines Freundes Fatalitäten sehr aufmerksam
angehöret, allein er wusste sich daraus wenigen Trost vor seinen eigenen
schlechten Zustand zu schöpfen, hergegen zohe er sich diesen immer mehr und mehr
zu Gemüte, wurde auch ganz tiefsinnig darüber. Als er aber dieses an sich
merkte, fing er desto fleissiger an zu beten, im übrigen hielt er vors ratsamste,
sich dann und wann eine Motion zu machen. Demnach reisete er einsmals nach T.,
woselbst ihm in Gastofe viel von einem nur eine kleine Stunde davon gelegenen
wüsten Schloss, auf welchem in vorigen Saeculis unterschiedliche deutsche
Kaiser ihr Hoflager gehabt, erzählet wurde.
    Dieweiln er nun ein besonderer Liebhaber des Studii antiquitatis und der
Historiae medii aevi war, so resolvierte er sich, indem noch die besten Tage zu
Anfange des Augustmonats vorhanden, das alte Schloss in Augenschein zu nehmen.
Also befahl er seinem bei sich habenden Sohne, einem Knaben von zwölf Jahren,
eine Bouteille Bier aufzupacken, und trat mit demselben die Reise an. Sie
gelangeten nach Verlauf einer guten Stunde, wiewohl wegen der grossen Hitze
ziemlich ermüdet, auf dem Gipfel des Berges an, allwo Elbenstein das ganze
Revier observierte, sich aber endlich in ein altes verfallenes Gewölbe des
uralten Schlosses setzte, eine Pfeife Tobak ansteckte, da immittelst sein Sohn
sich die Erlaubnis ausbat, die Haselstauden durchzustreifen und seine Taschen
mit Haselnüssen anzufüllen. Elbenstein fand verschiedene Merkwürdigkeiten, die
er in seine Schreibetafel einzeichnete und darüber in ferneres Nachsinnen
geriet, das gute Kind aber wurde in seiner Lust gestöret, denn es türmete sich
ein entsetzliches Donnerwetter auf, und der zugleich mit einfallende heftige
Platzregen jagte es zu dem Papa ins Gewölbe.
    Beide laureten daselbst auf bessere Witterung, allein es erfolgete immer
Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag, auch fing es immer heftiger an zu regnen,
bis endlich die Nacht hereinbrach, da sich denn das Gewitter zwar verzog, der
Regen aber nicht nachlassen wollte. Demnach mussten sie sich nolentes volentes
resolvieren, in dem düstern Gewölbe zu pernoktieren. Der ermüdete Knabe schlief
bald ein, Elbenstein aber hörete noch die Glocke elf Uhr schlagen, ehe er mit
einem sanften Schlafe überfallen wurde. Er mochte aber kaum recht
eingeschlummert sein, als ihm im Traume (wo es anders ein blosser Traum gewesen)
ein erschröckliches und merkwürdiges Gesichte vorkam. Er sah nehmlich einen
ganz schwarzen, mit sechs Pferden solcher Farbe bespanneten Wagen den Berg
heraufgefahren kommen, aus welchem unterschiedliche Frauenzimmer herausgestiegen
kamen und sich nach und nach vor ihm im Gewölbe präsentierten. Er erschrak ganz
ungemein, als er inneward, dass diese Personen seinen vor vielen Jahren gehabten
Amouren und Mätressen gleichten. Sie gingen in ihren Kleidungen, wie er sie in
Italien und an andern Orten gesehen hatte, vor ihm vorbei und stelleten sich ihm
gegenüber in eine Reihe. Das ganze Gewölbe wurde so helle, als ob lauter Lichter
darinnen angezündet wären. Als er nun dieselben etwas genauer betrachtete, ward
er gewahr, dass aus dieser sonst schönen und angenehmen Personen Augen, Munde,
Nasen und Ohren lauter feurige Schlangen herausgekrochen kamen. Als ihm nun
dieselben eine lange Weile in solcher Stellung erschröckliche Blicke gegeben,
huben sie zugleich ihre Unterkleider auf und zeigten ihm einen solchen Anblick,
dass auch der Beherzteste darüber in Ohnmacht sinken mögen. Lauter Schlangen,
Eidechsen, Kröten und dergleichen giftiges Gewürm bedeckten ihre Beine und
diejenigen Teile des Leibes, mit welchen vor diesen am meisten und
schändlichsten war gesündiget worden, in welcher Positur sie insgesamt mit
grässlicher Stimme »Weh! Weh! Wehe! Zeter und Mordio!« ausriefen und endlich ein
abscheuliches Geheul anstimmeten.
    In solchen Ängsten fiel Elbensteinen das Busslied ein: Wo soll ich fliehen
hin etc., und als er an den Vers kam: Du bist der, der mich tröst etc.,
verschwand dieses erschröckliche Gesichte, es wurde so finster als vorhero im
Gewölbe, Elbenstein besann und ermunterte sich, zitterte aber wie ein Espenlaub
mit allen Gliedern. Er rief seinem Sohne etlichemal, allein der Knabe gab mit
seinem Schnarchen zu verstehen, dass er im allerfestesten Schlafe läge, derowegen
kroch Elbenstein vor bis an die Tür des Gewölbes, blieb auf den Knien sitzen,
sah gen Himmel und verharrete im andächtigen Gebet, bis der Tag anzubrechen
begonnte. Die trüben Wolken hatten sich zerteilt, und die Morgenröte
verkündigte einen heitern Tag; als er demnach noch einige Morgen- und Busslieder
gesungen, weckte er seinen Sohn mit vieler Mühe auf und verliess diesen
grässlichen und fürchterlichen Ort. Der gehabte Schrecken war ihm dergestalt in
die Glieder, sonderlich aber in die Beine geschlagen, dass er den Rückweg mit
sehr langsamen Schritten nehmen musste, endlich aber langete er sehr matt und
kraftlos wieder zu T. im Gastofe an, nahm vor die gehabte grosse Alteration,
weil in der Geschwindigkeit sonsten keine andere Arzenei zu haben war, eine
starke Dosin Hirschhorn und Krebsaugen mit Holundersaft ein und schwitzte
darauf, der Effekt war nach Wunsche, indem er sich folgendes Tages nebst seinem
Sohne wiederum auf den Weg nach Hause machen konnte.
    Nach der Zeit ist Elbensteinen dieses grässliche Gesichte oder Traum, wie es
zu nennen sein mag, nie aus den Gedanken gekommen, er tat dieserwegen unter
herzlicher Bereuung der Sünden seiner Jugend Gott, dem barmherzigen Vater, ein
Gelübde, solange er noch lebte, alle Jahr diesen Tag mit Fasten und Beten
zuzubringen, mit dem ernstlichen Vorsatze, sich nicht nur vor dergleichen,
sondern soviel als mensch- und möglich vor allen andern Sünden zu hüten. Hierbei
dankte er Gott vor die bishero zugeschickten väterlichen Züchtigungen und
Strafen, betete auch täglich sehr öfters ganz getrost die Worte: So fahr hie
fort und schone dort und lass mich hier wohl büssen, unterwarf sich mitin in
christlicher Gedult und Gelassenheit gänzlich der göttlichen Direktion, welche
ihn denn zwar sinken, aber doch nicht gar ertrinken liess.
Soviel ist in den schriftlichen Memoirs von des Herrn von Elbensteins Lebens-
und Liebesgeschicht gefunden worden. Derowegen hat man, weil der Historicus
allhier den Schluss gemacht, Bedenken getragen, ein mehreres hinzuzufügen,
ohngeacht nachhero viele fernerweitige mündliche und schriftliche Nachrichten
eingezogen worden; sonderlich wäre eine vor weniger Zeit unter des Herrn von
Elbensteins nachgelassenen Erben passierte jämmerliche Mordgeschicht wert
gewesen, ausführlich beigebracht zu werden, allein man hat seine besondern
Ursachen gehabt, solches nicht zu tun, sondern es darbei bewenden lassen, dass
alles vorhero Beschriebene unter der Decke fingierter Namen bleiben solle und
möge. Doch wird zum Beschlusse noch die von dem ehrlichen Herrn von Elbenstein
auf die Gedult selbst verfertigte Arie beigefügt.
                                       1
Ich lasse mir den Trost mitnichten rauben,
Den der Gedult der Himmel zugesagt.
Die Bosheit mag auch noch so grimmig schnauben,
So bleibt Gedult jedennoch unverzagt.
Der Zeiten Wechsel lässt sich sehn in allen Dingen,
Er kann nach trüber Nacht mir heitre Tage bringen.
                                       2
Muss gleich mein Herz in bangen Kummer schweben,
Doch wird mein Schiff nicht gleich zu Grunde gehn.
Gedult kann nur das Unglück überleben,
Gedult kann nur in Glut und Wellen stehn.
Nur mit Gedult lässt sich ein steiler Fels ersteigen,
Hergegen Ungedult pflegt uns den Fall zu zeigen.
                                       3
Des Gärtners Fleiss wird durch Gedult bewähret,
Die Aloe kömmt durch Gedult zum Blühn,
Gedult ist's nur, die matte Pflanzen nähret,
Doch Ungedult kann Saft und Kraft entziehn.
Dass Israel solang muss in der Wüsten wallen,
War einzig schuld, dieweil ihm die Gedult entfallen.
                                       4
Des Lästrers Maul zwingt die Gedult zum Schweigen,
Ihr sanfte Tun stümpft den Verleumdungspfeil,
Gedult allein kann solche Mittel zeigen,
Die in der Not uns bringen Trost und Heil.
Wer bei entstandnen Sturm geduldig sich verborgen,
Erblickt nach schwarzer Nacht den angenehmsten Morgen.
                                       5
Den Untergang hilft die Gedult vermeiden,
Wenn man sich nur in Fels und Klüfte schmiegt.
Wer widerstrebt, muss doppelt Schmerzen leiden,
Denn Ungedult macht alles unvergnügt.
Wer nun Verlangen trägt, zur Ehrenburg zu reisen,
Den kann nur die Gedult den sichern Fusspfad weisen.
                                      ENDE
 
    